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Berliner Schloss vor Eröffnung: Bitte


entfernen!
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH

6-7 minutes

In der kommenden Woche wollten sie in Berlin eigentlich groß feiern: Der Nachbau
des Stadtschlosses ist fertig. Erste Begehungen fanden statt. Und? Die historische
Fassade sieht sehr historisch aus, aber diejenigen, die sich darauf freuten, drinnen
durch üppig dekorierte Barocksäle zu spazieren, werden vielleicht ein bisschen
überrascht sein vom kalten Funktionalismus, der ihnen hier entgegenschlägt: Das
Innere, Franco Stellas neongrell erleuchtete Rasterarchitektur, erinnert an große
Shopping-Center, an Flughafenbürobauten mit langen Rolltreppen, die anschließende
Querung ähnelt dem Innenhof eines Motel One. Freunde des alten Berlins sollten sich
das Schloss besser nur von außen anschauen.

Die Anhänger des Schlosses sind trotzdem begeistert: Für sie ist das Humboldt
Forum ein humanistischer Ort, an dem Deutschland sich von seiner besten Seite
zeigt; der Neubau selbst sei ein Wunderwerk rekonstruktiven Handwerks, die mit
dem Schloss vollendete Entfernung aller Spuren von Krieg und Sozialismus aus
Berlins Stadtzentrum ein großer Segen.

Für die Kritiker, die es sehr zum Unbill seines Ko-Architekten Thomas Albrecht
immer noch gibt, ist der Neubau auf vielen Ebenen ein Desaster. Sie finden den
Wiederaufbau als Botschaft rückwärtsgewandt, das Ergebnis ideologisch reaktionär
und unästhetisch: Das Schloss sehe aus wie eine schwerverdauliche Sahnetorte; schon
Berlins architektonischer Säulenheiliger Schinkel habe das alte Schloss grauenhaft
gefunden, das neue spalte, zumal mit seinem goldenen Kreuz, die Bevölkerung in
Schlossfreunde und Schlosshasser und sei schon deswegen kein „Symbol für das
Zusammenwachsen“, im Gegenteil.

Und der Inhalt? Das Humboldt-Forum, gefüllt mit unter anderem in der Kolonialzeit
zusammengetragenen Exponaten, ist schwer vom Glatteis des Kolonial- und
Restitutionsdiskurses herunterzubekommen und wird vom Glanz des Namensgebers
nicht mehr geschützt. Dass auf der Website des Humboldt–Forums nun aktuell eine
Erklärung zur „Weltoffenheit“ veröffentlicht wird, zeigt, wie verzweifelt man versucht,
durch diverse Kritikpunkte hindurchzumanövrieren: Angesichts der deutschen
Geschichte bedürfe es „eines Engagements für die Vielfalt jüdischer Positionen“ sowie
auch „für andere, aus der nichteuropäischen Welt vorgetragene Visionen“, wobei es
insbesondere „für eine demokratische Öffentlichkeit abträglich“ sei, wenn
„internationale Stimmen aus dem kritischen Dialog ausgegrenzt werden sollen, wie
im Falle der Debatte um Achille Mbembe zu beobachten war.“

Das klingt, so eierig formuliert, auf den ersten Blick alles richtig, vermeidet aber
tunlichst jede Positionierung zur viel interessanteren Frage, wie man sich denn nun
zu Mbembes umstrittenen Äußerungen über Israel konkret stellt. Immerhin: Auch
das Schloss soll ein Ort werden für eine „weltoffene Gesellschaft“, die „Dissens
zulässt“. Damit tut sich aber vor allem Thomas Albrecht vom Büro Hilmer & Sattler
und Albrecht, das am Wiederaufbau des Schlosses beteiligt war, eher schwer.
Albrecht ist so erbost, dass die Medien es immer noch wagen, Kritik an seinem
Superschloss zu äußern, dass er jüngst Briefe an Zeitungschefs aufsetzte, in denen
diese aufgefordert werden, schlosskritische Journalisten endlich aus der Redaktion zu
„entfernen“.

Die Logik im Kopf des Schlossbauers

„Entfernen“ ist ein großes Wort. Man entfernt Unkraut. Man hat in Deutschland auch
schon Journalisten entfernt – damals, als das alte Schloss noch stand, und auch, als
der Palast der Republik ihn gerade ersetzt hatte. In einer Demokratie müssen die
Gegner des Schlosses es aushalten, dass es nach parlamentarischem
Mehrheitsbeschluss gebaut wurde, und seine Freunde müssen Kritik, Spott ertragen
und dürfen öffentlich zurückschimpfen. Aber hinter geschlossenen Türen zu fordern,
Kritiker mundtot zu machen, zeigt, wie tief eine nicht so lupenrein demokratische,
eliminatorische Logik im Kopf mancher Schlossbauer sitzt.

Die Kommunisten haben das Schloss gesprengt, jetzt entfernen wir den Palast der
Republik – und die verdammten Kritiker gleich mit: Mit solchen Architekten ist es
nicht so einfach, das Schloss als Ort eines demokratisch offenen Diskurses zu
verkaufen. Jedenfalls darf man sich, wenn man so an die Sache herangeht, auch nicht
aufregen, wenn Schlosskritiker wie Oliver Gehrs mit seiner Initiative „Schloss
sprengen 2025“ jetzt dazu aufrufen, auch das neue Schloss alsbald wieder in die Luft
zu jagen und die Trümmer in Schleswig-Holstein aufschütten zu lassen, als heiteres
Monument für die gescheiterte Symbolpolitik Deutschlands nach 1989.