Sie sind auf Seite 1von 3

Seite: 1 1. 2.

Februar 1997
Bills Monopoly mit Bildern
Microsoft-Chef Gates weltweite Jagd nach Photos und Gemälden wird zunehmend mit Miss-
trauen beäugt
Am Abend des 7. November 1917 ahnte niemand in und diese mittels eines kostspieligen Verfahrens zu
St Petersburg, dass es der letzte Abend vor der Revo- digitalisieren, das heißt,- in einen Computer einzu-
lution sein sollte. „Das Leben auf den Straßen war so speisen. Der Vorteil besteht darin, dass digitale Bilder
wie immer“, erinnert sich der Augenzeuge John Reed in Sekunden via Internet um die Welt geschickt wer-
in seinem Klassiker Zehn Tage, die die Welt erschüt- den können: in jedes Wohnzimmer, in jede Redaktion.
terten. Ein wenig abseits des Trubels schlichen sich Ein Service, der Geld kostet, sich jedoch zunehmen-
unterdessen eine Handvoll Rotgardisten über die Hin- der Nachfrage erfreut. Zwar verfügt der Urheber oder
tertreppe in das zaristische Winterpalais, überwältig- dessen Vertreter nach wie vor über alle Bildrechte,
ten die Wachen und proklamierten den Umsturz. Die doch Corbis auch. Und das Unternehmen hat nicht nur
russische Revolution begann von den Massen relativ den Bestand der Eremitage, sondern dutzender Mu-
unbemerkt. seen elektronisch archiviert und aufgrund der domi-
Knapp achtzig Jahre später ist das Winterpalais erneut nanten Marktposition, der Mutterfirma das dafür er-
Schauplatz eines einschneidenden Wandels. Wieder forderliche Computerprogramm auch weltweit durch-
kaum bemerkt. Wieder ein Handstreich. Doch dies- gesetzt.
mal durch den Haupteingang und unter dem Banner Bereits heute, so schätzt das amerikanische Magazin
des Kapitalismus. In den Novembertagen des Jahres Inter@ctive Age kontrolliert Bill Gates drei Viertel
1995 treffen sich in dem Palais zwei Männer und des Welthandels mit digitalen Bildrechten. Ein Markt,
schließen einen Pakt, den die New York Times wenig dem das US-Marktforschungsinstitut IDC schon für
später als symbolischen Schritt in ein neues Zeitalter“ das Jahr 2000 ein Volumen von 25 bis 30 Milliarden
vermelden wird. Der eine, Mikhail Pitrovsky, ist Di- Mark prognostiziert. Kein Wunder, dass die Konkur-
rektor der Eremitage, einer der weltweit größten renz schwitzt und zahlreiche Kartellrechtler Beden-
Kunstsammlungen. Der andere, Doug Rowan, ist ken hegen. Allzugut haben sie im Gedächtnis, wie der
Vorstand der amerikanischen Firma Corbis, gegrün- ehemalige Studienabbrecher der Harvard-Universität
det und finanziert von Bill Gates, dem Inhaber des schon einmal einen Markt an sich riss und in den acht-
Software-Imperiums Microsoft ziger Jahren zusammen mit seinem Kumpel Paul
Für eine unbekannte Summe kaufte sich Corbis die Allan die noch junge Computerbranche aus einer Ga-
digitalen Verwertungsrechte an insgesamt mehr als rage heraus aufmischte. Durch die jüngst gefallene
drei Millionen Bildern und Skulpturen der Eremitage. Äußerung des Corbis-Chefs Doug Rowen, seine
Darunter Schätze des französischen Impressionismus, Firma wolle die gesamten Errungenschaften der
der italienischen Renaissance und eine Sammlung an- Menschheit einfangen“, sehen sich Gates-Kritiker in
tiker Kunst Auf der anschließenden Pressekonferenz ihren Warnungen vor dem Aufbau eines Informati-
rechtfertigte Mikhail Pitrovsky den Handschlag mit onsmonopols bestätigt Schon heute kontrolliert Bill
seiner Sorge um die Zukunft der Eremitage: „Wir Gates ein kaum mehr zu durchschauendes Firmen-
kommen an neuen Technologien nicht vorbei, wenn Netzwerk. Es gibt nahezu keinen Bereich mehr, an
wir unsere Sammlung für spätere Generationen be- dem er nicht mitverdient. Bill Gates Software-Pro-
wahren und zugänglich machen wollen.“ Bill Gates gramme sind weltweit führend: MS-DOS, Excel,
hatte einen weiteren Schritt in Richtung digitaler Word, Windows und Windows 95. Im Unterhaltungs-
Weltbeherrschung getan. sektor investieren die Gates-Unternehmen in Spiel-
filme und Computerspiele. Gates steckt Geld in die
Wieder einmal früher als alle anderen hat der große Gen- und Biotechnologieforschung. Seine Firma Te-
Kommunikator die Konsequenzen neuer Entwicklun- ledesic plant mit einem Budget von 15 Milliarden
gen erkannt: Was in einer Informationsgesellschaft Mark bald den ersten von 840 Satelliten in den Orbit
zählt, ist Information und deren schnellstmöglicher zu katapultieren. Zudem kooperiert Gates mit nahezu
Transport Letzteres verkörpern bereits die den Markt allen großen Telefongesellschaften (AT&T, British
dominierenden Computerprogramme von Microsoft Telekom, Nippon Telephone, Deutsche Telekom),
An eigenen Informationen mangelte es Bill Gates bis- mit Kreditkartenunternehmen und Computer-herstel-
lang. Um diesen Nachteil wettzumachen, investiert lern.
Gates nun in das Mediengeschäft: Zusammen mit Ste-
ven Spielberg und Jeffrey Katzenberg gründete er die Corbis ist lediglich ein Teil des Gatesschen Konglo-
Firma Soundworks. Bereits 1989 hatte Bill Gates Cor- merats aus Beteiligungen und Kooperationen, doch
bis gegründet. das Unternehmensziel symbolisiert nach Meinung
zahlreicher Experten beispielhaft die Ab-sichten des
Die Konkurrenz schwitzt gesamten Firmen-Imperiums. Microsoft und seine 18
Corbis’ Aufgabe ist es, die nichtexklusiven Rechte so 000 Angestellten arbeiten an der Umwandlung der
vieler Bilder wie nur möglich weltweit aufzukaufen Gesellschaft zur Informationsgesellschaft Ziel ist ein

https://www.sueddeutsche.de/
Seite: 2 1. 2. Februar 1997
Alltag, dessen Vielfalt, ausschließlich über den Com- digitalen Bild eine Gebühr. Der Damm war gebro-
puter vermittelt wird: Ob Arbeit oder Freizeitgestal- chen. Schon 1991 schloss das Seattle Art Museum als
tung, Microsoft soll das Programm dazu liefern. Ge- erstes einen Vertrag mit Corbis. Wenig später kam die
genwärtig vergeht keine Woche, in der nicht eines der Gates-Firma mit der berühmten Barnes Collection in
führenden amerikanischen Nachrichtenmagazine Philadelphia ins Geschäft, mit der Londoner National
seine Leser ausführlich über Bill Gates und seine Zu- Gallery, dem Kimbell Museum in Texas und der Ere-
kunftspläne unterrichtet. Fast immer ist der Tonfall mitage in St Petersburg.
dabei voller Bewunderung. Selbst in der Universitäts- Fast immer produziert Corbis eine CD- ROM mit den
bibliothek von Harvard ist den Verantwortlichen Beständen des jeweiligen Museums, auf der die
seine kürzlich publizierte Halbzeit-Biografie Der Weg kunsthistorische Abteilung von Corbis dem Käufer
nach vorn so viel wert, dass sie das Buch in den soge- zusätzlich Hintergründe erläutert und weitere Infor-
nannten „Käfig“ sperren, einen eigenen Raum für mationen über den Künstler und seine Zeit liefert Ob-
Wertvolles und Pikantes: Erstausgaben und Softpor- wohl die 1995 veröffentlichte CD-ROM über die
nos. Sammlung des Industriellen Albert Barnes zahlreiche
Während deshalb einerseits führende amerikanische Auszeichnungen einheimste und als eines der weni-
Politiker den Anschluss ans Internet so emphatisch gen Produkte der Firma auch einen Gewinn erzielte,
fordern, als ginge es um das letzte Ticket für die Fahrt musste Corbis-Geschäftsführer Doug Rowan einräu-
ins Glück, erlebt andererseits die kulturpessimistische men, „die nächsten Jahre wohl noch Millionenver-
Jeremiade ein Comeback. Im Trend liegende Schrift- luste zu machen“.
steller wie Douglas Coupiand sehen bei Microsoft gar Damit dies, nicht der Fall sein wird, richtete Corbis
einen neuen Menschentyp entstehen, eine Art „Arche- schon zwei Monate später ein Hauptaugenmerk nicht
typ der Informationsrevolution“ (Spiegel), und eine mehr auf die Sammlungen schöngeistiger Musentem-
Karikatur des Magazins US News and World Report pel, sondem kaufte für schätzungsweise zehn Millio-
brachte kürzlich alle Sorgen auf den Punkt: Bill Gates, nen Mark das Bettmann-Archiv, die mit knapp 15
sitzend auf einem Haufen Geld, mit Teufelshörnern Millionen Aufnahmen größte Fotosammlung der Welt
und Schlitzaugen. Seitdem besitzt Gates die Verwertungsrechte berühm-
Corbis ist dabei der Inbegriff aller neuen Entwicklun- ter Bilder wie: Marilyn Monroe auf dem Lüftungs-
gen. Nicht zufällig hat sich deshalb das Fachblatt Mu- schacht, Einstein mit herausgestreckter Zunge, das
seum News erst kürzlich ungewohnter Polemik be- explodierende Luftschiff „Hindenburg“ oder den ster-
dient: Unter der Überschrift „Microsoft“ zeigte das benden Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg. Al-
Titelblatt einen Gorilla, der sich mit Gewalt seiner les Bettmann, alles Corbis, alles Gates; „Ich stelle mir
Umgebung bemächtigt. Dieses Szenario beschreibt die Firma als eine Art digitales Alexandria vor“, sagt
recht treffend die Situation Anfang der neunziger Charles Mauzy, leitender Angestellter bei Corbis, in
Jahre, als eine Bande enthemmter Computerfreaks die Anspielung auf die einst legendäre. Bibliothek im Nil-
noblen Kunsttempel der amerikanischen Ostküste Delta. Für Fotographen und Archive ist die Zusam-
stürmte und von den erschrockenen Museumsdirekto- menarbeit mit Corbis jedoch nicht nur aufgrund der
ren den Kauf digitaler Lizenzen forderte. Die Museen Verkaufsprovision reizvoll. Als die Erben des Natur-
blockten ab, und erst als Bill Gates erkannte, mit die- Fotographen Ansel Adams die digitalen Verwertungs-
sem Hauruck-Verfahren seine gewünschten Ge- rechte an den Bildern ihres 1984 verstorbenen Ver-
schäftspartner zu verschrecken, änderte er die Strate- wandten an Corbis verkauften, taten sie dies mit dem
gie. Argument, sein Werk würde somit nicht in Verges-
1990 verpflichtete das Unternehmen den Kunstpro- senheit geraten.
fessor Hai Opperman und den Direktor der renom- Adornos Alptraum scheint sich dank Corbis zu Ver-
mierten Washingtoner National Gallery, J. Carter wirklichen. Die Kunst verliert ihr entrücktes Wesen,
Brown, als Berater. Sie schlugen den scheuen Direk- verlässt das Museum und wird Teil des Alltags: nach
toren nun einen verlockenden Handel vor: Das Mu- Kategorien geordnet und mittels Suchbegriff jederzeit
seum verkauft die nichtexklusiven Rechte an Corbis bei Bill Gates zu finden. Durch die unendliche Multi-
und kann selbst weiter am Postkartenverkauf verdie- plizierbarkeit eines Bildes wird das philosophische
nen. Außerdem kassiert das Museum mit jedem von Phänomen des Simulakrums zur Realität: Die Kopie
Corbis verkauften digitalen Bild eine Gebühr. Der eines Originals, das es nicht gibt. Bill Gates hingegen
Damm war gebrochen. Schon Kunstprofessor Hal Op- ist der erste, der damit richtig Geld verdient: mit dem
perman und den Direktor der renommierten Washing- japanischen Hochglanzmagazin, das sich für etwa
toner National Gallery, J. Carter Brown, als Berater. zweihundert Mark innerhalb von Minuten ein Tizian-
Sie schlugen den scheuen Direktoren nun einen verlo- Motiv in sein Computer-System lädt, ebenso wie mit
ckenden Handel vor: Das Museum verkauft die nicht- dem Gymnasiasten aus Augsburg, der für sein Referat
exklusiven Rechte an Corbis und kann selbst weiter über den Kalten Krieg für etwa ein Zehntel des Preises
am Postkartenverkauf verdienen. Außerdem kassiert noch ein paar Bilder von Stalin und Eisenhower aus
das Museum mit jedem von Corbis verkauften dem Computerarchiv wühlt

https://www.sueddeutsche.de/
Seite: 3 1. 2. Februar 1997
(https://www.gettyimages.de/). Sie alle haben Micro- Kunst zum Spottpreis
soft, Microsoft hat Corbis, und Corbis hat die Rechte. Auch bei den meisten europäischen Museen war Bill
Der große Vorsitzende selbst schweigt zu alledem. Gates Gesandten bislang wenig Erfolg besçhieden.
Bei öffentlichen Auftritten umschifft Gates das Dem Deutschen Museum München bot Corbis für die
Stigma des Tycoons, verkauft sich als bescheidenes Kopierrechte an den Photos von Ausstellungsgegen-
Genie und als Wohltäter. Und doch ist er in erster Li- ständen einen Spottpreis von umgerechnet 15 Mark
nie ein gerissener Geschäftsmann. In seiner Biografie pro Stück; Direktor Walter Rathjen lehnte ab. In
Der Weg nach vorn versicherte Gates, dass Reproduk- Frankreich standen Corbis und die den Louvre sowie
tionen niemals einem Original gleichkämen. „Aber das Musée d'Orsay bedienende Agentur Réunion des
sie werden das Interesse am Original steigern.“ Die Musées Nationaux, bereits vor Vertragsabschluss, als
Realität gibt ihm recht Die Cézanne-Ausstellung in die französische Regierung intervenierte. „Das war
Philadelphia erlebte ebenso wie die Barnes Collection purer Protektionismus“, meint der damalige Corbis-
unerwartete Besucherrekorde; auch Kate Smith vom Berater Hai Opperman.
Kunstmuseum in Seattle bestätigt „dass wir dank Cor- Das Metropolitan Museum hat die Mittel, die Franzo-
bis kleine, aber stets willkommene Gewinne erzie- sen haben ihre Regierung - doch was ist mit all den
len“. anderen Museen und Fotographen? David Ross, Di-
Ein paar Museen haben sich jedoch geweigert, Teil rektor des Whitney Museums of American Art in New
dieses Kausalzusammenhangs zu werden. Das be- York sieht keinen Grund für einen Künstler oder ein
kannteste unter ihnen ist das Metropolitan Museum of Museum, sich dem neuen Trend zu verweigern.
Art in New York, dessen Direktor Philippe de Monte- „Lasst uns diese Technologie nicht dämonisieren“,
bello erklärt, momentan mit niemandem eine Verbin- appellierte Ross unlängst im amerikanischen Magazin
dung eingehen zu wollen „Nicht mit Corbis und mit ÀRTnews „Ich habe enormen Respekt vor den Corbis-
keinem anderen.“ Immerhin gibt es neben Corbis Leuten und ihrer hohen Sensibilität bezüglich der
noch drei weitere digitale Bildagenturen (www.west- ethischen Standards eines Museums.“ Geht es nach
stock.com, www.photodisc.com oder www.publish- Ross, dann sollten die Museen „froh sein, dass Bill
ersdepot.com). Im Gegensatz zur Ere-mitage ist das Gates sie in seine Geschäftsstrategie miteinbezogen
Metropolitan aufgrund seiner Finanzkraft schlicht hat“. Das Whitney Museum kooperiert nicht mit Cor-
nicht auf Corbis angewiesen. bis.

https://www.sueddeutsche.de/