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72 MARCEL MAUSS

Es gibt keine andere Moral, keine andere Wirtschaft, keine andere gesellschaftli- Zur Soziologie des primitiven Tauschs*
che Praxis als diese. Die bretonischen Chroniques d'Arthur 9 erzählen, wie König Ar-
thur mit Hilfe eines Zimmermanns aus Cornouailles das Wunderwerk seines Hofs Marshall D. Sah/ins
erfand, die Tafelrunde, an der die Ritter sich nicht mehr schlugen. Früher hatten
»aufgrund schäbigen Neids« und törichter Scharmützel Duelle und Morde die
schönsten Feste mit Blut besudelt. Der Zimmermann sagt zu Arthur:
»Ich werde dir einen wunderschönen Tisch machen, an dem sechzehnhundert Männer und mehr
sitzen können und von dem niemand ausgeschlossen zu werden braucht.... Und kein Ritter kann
sich hier zum Kampf erheben, denn der am höchsten Sitzende wird auf gleicher Stufe mit dem
Niedrigsten sein.« Die Bezeichnung »vorläufige Verallgemeinerung« ist in einer Diskussion, die anthro-
pologische Ansprüche erhebt, zweifellos redundant, doch verlangt der vorliegende
Es gibt kein »Kopfende« und folglich keinen Streit mehr. Wo immer Arthur seinen
Versuch eine äußerst vorsichtige Einführung. 1 Denn die Verallgemeinerungen wur-
Tisch hintrug, blieb seine adlige Gesellschaft fröhlich und unbesiegbar. Und so tun
den in Auseinandersetzung mit ethnographischem Material entwickelt - wovon viel
es auch heute die starken, glücklichen und guten Nationen. Völker, Klassen, Fami-
in der Tylorschen Form als »Illustrationsmaterial« beigefügt ist2 - ohne dass es
lien, Individuen können reich werden, doch nur dann glücklich sein, wenn sie es
strengen Tests unterworfen worden wäre. Die hieraus abgeleiteten Schlüsse stellen
lernen, sich wie die Ritter rund um ihren gemeinsamen Reichtum zu scharen. Man
eher ein Diskussionsangebot an die Ethnographie dar als einen Beitrag zur Theorie,
braucht nicht weit zu suchen, um das Gute und das Glück zu finden. Es liegt im
falls hier überhaupt ein Unterschied besteht. Auf alle Fälle folgen nun einige Anre-
erzwungenen Frieden, im Rhythmus gemeinsamer und privater Arbeit, im ange-
gungen zur Wechselwirkung zwischen Formen, materiellen Bedingungen und
häuften und wieder verteilten Reichtum, in gegenseitiger Achtung und Großzügig-
sozialen Beziehungen des Tauschs in primitiven Gesellschaften.
keit, die durch Erziehung lernbar sind.
Man sieht, auf welche Weise sich in bestimmten Fällen das totale menschliche
V erhalten, das gesamte gesellschaftliche Leben untersuchen lässt und wie diese kon-
krete Untersuchung nicht nur zu einer Wissenschaft der Sitten, zu einer partiellen
Gesellschaftswissenschaft führt, sondern sogar zu moralischen Schlussfolgerungen Güterströme und soziale Beziehungen
- »zivilen«, »staatsbürgerlichen«, wie man heute sagt. Durch Untersuchungen dieser
Art können wir die verschiedenen ästhetischen, moralischen, religiösen und wirt- Was nach bisherigen Erkenntnissen als »nicht-ökonomische« oder »exogene« Be-
schaftlichen Triebfedern aufspüren und abschätzen, die materiellen und demogra- dingungen angesehen wurde, bezeichnet in der Wirklichkeit primitiver Gesellschaf-
phischen Faktoren, deren Gesamtheit die Basis der Gesellschaft ist und das Ge- ten die zentrale Organisationsweise der Wirtschaft. 3 Die Transaktion materieller
meinschaftsleben konstituiert und deren bewusste Lenkung die höchste Kunst dar-
stellt, Politik im sokratischen Sinn des Wortes. * Aus: Berliner Journal für Soziologie 1999, Vol. 9 (2), 149-178, hier: 149-160. Übertragung ins
Deutsche von O.F. Raum. [Original: Marshall D. Sahlins (1965): The Sociofogy of Primitive Ex-
change, in: Michael Banton (Hg.): The Relevance of Models for Social Anthropology. A.S.A.
Monographs 1. London: Tavistock, 139-236]. Redaktionelle Bearbeitung durch die Heraus-
geber.
1 Ich danke Eric Wolf für viele Anregungen zu diesem Aufsatz und dem Social Science Research
Council (Washington, D.C.), das damit das Resultat eines großzügigen Forschungsstipendiums
erhält.
2 Dieses Material erscheint als Anhang zu diesem Aufsatz. [Dieser wurde weggelassen, da er den
Rahmen gesprengt hätte. Aus dem selben Grund wurden einige der rein illustrativen Zitate
nicht übernommen. Anm. d. Übers.J
3 Für das gegenwärtige Ziel wird »Wirtschaft« (economy) als der Prozess angesehen, der die
Gesellschaft (oder das soziokulturelle System) »versorgt«. Keine soziale Beziehung, Institution
oder Gruppe von Institutionen ist an sich »wirtschaftlich«. Jede Institution, sei es Familie oder
19 Layamon's Brut, Vers 2736 ff., 9994 ff.
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Güter ist in der Regel nur eine kurze Episode innerhalb einer dauerhaften sozialen
Lineage-Ordnung, kann in einen wirtschaftlichen Zusammenhang gestellt und als Teil des Beziehung, die insoweit Herrschaft ausübt, als der Strom der Güter durch das be-
ökonomischen Prozesses betrachtet werden, sofern sie materielle Folgen für die Versorgung
der Gesellschaft hat. Dieselbe Institution kann ebenso in den politischen Prozess eingebunden
stehende Statussystem eingeschränkt wird, wenn er nicht gar ein Teil desselben ist.
sein und doch auch im politischen Zusammenhang betrachtet werden. Diese Methode, Wirt- »Man kann die wirtschaftlichen Beziehungen der Nuer nicht als solche behandeln,
schaft und Politik - oder auch Religion, Erziehung und jeden anderen kulturellen Vorgang - denn sie bilden immer einen Teil von unmittelbaren sozialen Beziehungen allgemei-
zu betrachten, wird durch die Natur der primitiven Kultur vorgegeben. Hier finden wir keine ner Art«, schreibt Evans-Pritchard (1940: 90f.), »es besteht zwischen ihnen immer
soziale gesonderte »Wirtschaft« oder »Regierung«, sondern nur soziale Gruppen und Bezie-
eine allgemeine soziale Beziehung der einen oder anderen Art, und ihre wirtschaftli-
hungen mit mehreren Funktionen, die wir als wirtschaftliche, politische usw. Funktionen un-
terscheiden. chen Beziehungen, falls sie so genannt werden dürfen, müssen sich an diese allge-
Dass die Wirtschaft sich somit als ein Aspekt der Dinge darstellt, ist wahrscheinlich allgemein meine Form des Verhaltens anpassen.« Dieser Anspruch besitzt allgemeine Gültig-
akzeptierbar. Dass die Betonung auf der Versorgung der Gesellschaft liegt, mag sich nicht als so keit (vgl. White 1959: 242ff.).
akzeptierbar erweisen. Denn wir sind nicht daran interessiert, wie Individuen an ihre Ge-
Die Verbindung zwischen Güterströmen und sozialen Beziehungen ist reziprok.
schäfte herangehen: Die Wirtschaft wurde nicht als die Verwendung von knappen Mitteln für
alternative Zwecke (seien es materielle oder andere) definiert. Die Mittel-zum-Zweck-Wirt- Eine spezifische soziale Beziehung mag eine vorgegebene Bewegung der Güter be-
schaft wird als eine Komponente der Kultur und nicht als eine Art menschlicher Handlung aufgefasst, schränken, aber eine spezifische Transaktion weist - nach demselben Grundsatz -
als materieller Lebensprozess der Gesellschaft und nicht als rationaler Vorgang des individuel- ebenso auf eine besondere soziale Beziehung hin. Wenn Freunde Geschenke ma-
len Verhaltens, der Bedürfnisse stillt. Unsere Absicht ist es nicht, Unternehmer zu analysieren,
chen, so machen auch Geschenke Freunde. Ein großer Teil des primitiven Tauschs,
sondern Kulturen zu vergleichen. Im Sinn der kontroversen Positionen, die im Ametican
Anthropologist entwickelt wurden, gleicht mein Standpunkt mehr dem Daltons (1961; vgl. Sah- viel mehr als dies in unserem eigenen Handel der Fall ist, ist entscheidend durch
lins 1962) als dem Burlings (1962) oder LeClairs (1962). Ebenso erkläre ich meine Solidarität diese letztere, instrumentelle Funktion bestimmt: Die Bewegung der Güter bestätigt
mit Hausfrauen in der ganzen Welt und mit Malinowski. Firth beklagt Malinowskis Ungenau- die sozialen Beziehungen oder bringt sie erst in Bewegung. Auf diese Weise über-
igkeit in Bezug auf eine Angelegenheit der Wirtschaftsanthropologie mit der Bemerkung: winden primitive Völker das Hobbessche Chaos. Denn eine der charakteristischen
»Dies ist nicht die Terminologie der Wirtschaftswissenschaft, es ist beinahe die Sprache der
Bedingungen primitiver Gesellschaft stellt die Abwesenheit öffentlicher und souve-
Hausfrau« (Firth 19 57: 220). Die Terminologie der vorliegenden Arbeit weicht in gleicher W ei-
se von der der ökonomischen Orthodoxie ab. Dies kann als eine Notwendigkeit angesehen räner Macht dar: Personen und (insbesondere) Gruppen stehen einander nicht nur
werden, die durch Unwissenheit hervorgerufen wird, aber manches kann auch für die Ange- mit bestimmten Interessen gegenüber, sondern mit der potentiellen Neigung und
messenheit der Hausfrauenperspektive in einer Untersuchung über die verwandtschaftliche dem Recht, diese Interessen mit Gewalt zu verfolgen. Die Gewalt ist dezentralisiert,
Wirtschaft gesagt werden.
sie wird auf legitime Weise gesondert beansprucht; der soziale Vertrag muss erst
Wirtschaft wurde als der Vorgang der (materiellen) Versorgung der Gesellschaft definiert, und
diese Definition wurde derjenigen gegenübergestellt, die Wirtschaft als menschliche Handlung aufgestellt werden, der Staat besteht noch nicht. So ist es kein sporadisches Ereignis
zur Befriedigung von Bedürfnissen ansieht. Das große Wechselspiel des instrumentalen Tau- zwischen Gesellschaften, Frieden zu schließen, sondern ein andauernder Vorgang
sches in primitiven Gesellschaften unterstreicht den Nutzen der ersten Definition. Zuweilen innerhalb der Gesellschaft selbst. Gruppen müssen »die Bedingungen für eine Eini-
ist der Frieden stiftende Aspekt so grundlegend, dass genau dieselben Arten und Mengen von
gung aushandeln« und dies beinhaltet vor allem einen materiellen Tausch, der bei-
Gütern den Besitzer wechseln: auf diese Weise wird der Verzicht auf entgegen gesetzte Inte-
ressen symbolisiert. Von einer streng formalen Sicht ist diese Transaktion eine Zeit- und
de Seiten befriedigt.
Kraftverschwendung. Man könnte sagen, dass die Leute den Wert, den sozialen Wert ma- Selbst in rein praktischer Hinsicht spielt der Tausch in primitiven Gesellschaften
ximieren, aber damit verfehlen wir den Bestimmungsfaktor der Transaktion und versäumen es, nicht dieselbe Rolle wie die des Güterverkehrs in modernen Industriegesellschaften.
die Umstände zu spezifizieren, die verschiedene materielle Ergebnisse in verschiedenen his- In einer vollständigen (umfassenden) Ökonomie nehmen Transaktionen einen be-
torischen Beispielen hervorgerufen haben; wir halten an der ökonomisierenden Prämisse des
sonderen Platz ein: Unter primitiven Bedingungen ist der Tausch von der Produk-
Marktes durch das unwahre Zuschreiben von pekuniären an soziale Qualitäten fest, womit wir
uns auf dem schnellsten Weg zur Tautologie befinden. Das Interesse an diesen Transaktionen tion weitgehend abgelöst, er ist weitaus weniger organisch mit der Produktion ver-
liegt genau darin, dass durch sie die Menschen nicht materiell versorgt werden und sie nicht
auf der Befriedigung menschlicher materieller Bedürfnisse basieren. Sie versorgen jedoch in
Der Leser, der mit den aktuellen Diskussionen über primitive Verteilung vertraut ist, bemerkt,
entscheidender Weise die Gesellschaft: Sie unterstützen soziale Beziehungen, die Struktur der
dass ich Polanyi (1944, 1959) und Polanyi et al. (1957) in diesem Punkt riefen Dank schulde,
Gesellschaft, selbst wenn sie nicht im geringsten den Vorrat an Verbrauchsgütern fördern.
und dass ich ebenfalls von Polanyis Terminologie und seinem Dreifach-Schema der Integrati-
Ohne weitere Voraussetzungen sind sie in der vorgeschlagenen Bedeutung des Begriffs »wirt-
schaftlich«. onsprinzipien abweiche. Es ist mir auch eine Freude Firth zu bestätigen, dass »jeder, der die
primitive Wirtschaft erforscht, eigentlich auf den Grundlagen, die Malinowski gelegt hat, auf-
baut« (Firth 1959: 174).
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bunden. Typischerweise ist er auch in geringerem Maße als der moderne Tausch in Hierbei handelt es sich um Prozesse des Zusammenlegens (Pooling) und der Um-
den Erwerb von Produktionsmitteln und stärker in die Neuverteilung der fertigen verteilung (Redistribution). Von einem noch allgemeineren Standpunkt aus gesehen
Güter innerhalb der Gemeinschaft involviert. Das Schwergewicht liegt auf einer gehen diese zwei Typen ineinander über. Denn das Pooling bezeichnet die Organi-
Wirtschaftsweise, in der der Nahrungsversorgung eine beherrschende Rolle zu- sation von Reziprozitäten bzw. ein System von Reziprozitäten - eine Tatsache von
kommt, und in der der tägliche Ertrag weder von einem umfassenden technologi- zentraler Bedeutung für die Entstehung von umfassenden Umverteilungen unter
schen Komplex noch von einer komplizierten Arbeitsteilung abhängig ist. Zudem der Ägide von Häuptlingen. Doch legt dieses allgemeine Verständnis lediglich nahe,
liegt das Schwergewicht auf der häuslichen Produktionsweise: Die Produktionsein- sich in einem ersten Schritt auf die Reziprozität zu konzentrieren, und es bleibt den
heit ist der Haushalt, in dem die Arbeitsteilung nach Geschlecht und Alter domi- analytischen Fähigkeiten überlassen, diese beiden Vorgänge auseinander zu halten.
niert, die Produktion zielt auf die Familienbedürfnisse und auf einen direkten Zu- Sie unterscheiden sich grundsätzlich hinsichtlich ihrer sozialen Organisations-
gang der häuslichen Gruppen zu den strategischen Ressourcen ab. Ein weiterer formen. Gewiss können Pooling und Reziprozität in denselben sozialen Zusam-
Schwerpunkt liegt auf einer sozialen Ordnung, in der das Recht, die Erträge zu menhängen vorkommen - dieselben nahen Verwandten legen zum Beispiel ihre
kontrollieren, mit dem Recht, die Ressourcen der Produktion zu nutzen, einhergeht, Mittel in einer Haushaltsgemeinschaft zusammen; auch teilen Individuen Gegen-
und in der es nur beschränkte Rechtsansprüche oder Vorrechte auf das Einkommen stände miteinander, doch die sozialen Beziehungen bei Pooling und Reziprozität
aus den Ressourcen gibt. Schließlich liegt das Schwergewicht auf Gesellschaften, die sind nicht dieselben. Die materielle Transaktion beim Pooling ist sozial gesehen eine
primär durch Verwandtschaftsbeziehungen strukturiert sind. Die hier nur sehr all- Innenbeziehung, die kollektive Handlung einer Gruppe. Reziprozität dagegen ist
gemein gekennzeichneten Charakteristika primitiver Wirtschaftsordnungen müssen eine Außenbeziehung: Sie besteht aus Handlungen und Reaktionen zwischen zwei
natürlich von Fall zu Fall spezifiziett wetden. Sie sollen lediglich als eine Orientie- Parteien. Pooling ist daher die Ergänzung der sozialen Einheitlichkeit und, in Polan-
rungshilfe für die später folgende, detaillierte Analyse von Verteilungsprozessen die- yis Terminologie, der »Zentralität«, während Reziprozität eine soziale Dualität und
nen. Auch ist es ratsam, nochmals darauf hinzuweisen, dass sich die Bezeichnung Symmetrie darstellt. Beim Pooling besteht ein sozialer Mittelpunkt, wo Güter sich
»primitiv« auf Kulturen bezieht, denen es an einer politischen Organisation im Sin- treffen und von wo aus sie sich nach außen bewegen, und zugleich eine soziale
ne eines Staatsaufbaus fehlt, und sie ist insofern nur anwendbat, als Wirtschaft und Grenze, innerhalb welcher Personen (oder Untergruppen) kooperativ miteinander
soziale Beziehungen nicht durch die historische Einführung von Staaten verändert in Beziehung stehen. Reziprozität aber setzt zwei Seiten voraus, zwei unterschiedli-
wurden. che sozioökonomische Interessen. Reziprozität kann zwar solidarische Beziehungen
Unter einem allgemeinen Gesichtspunkt lässt sich die Menge wirtschaftlicher herstellen, wenn die Güterbewegung Hilfe oder gegenseitigen Nutzen verspricht,
Transaktionen im ethnographischen Bereich nach zwei Typen gliedern. Erstens ge- aber der soziale Tatbestand der zwei Parteien ist unausweichlich.
genseitige (vice versa) Bewegungen zwischen zwei Parteien, die im Allgemeinen als Berücksichtigt man die anerkannten Beiträge von Malinowski und Firth, Gluck-
Reziprozität bekannt sind (ABB). Zweitens zentralisierte Bewegungen: das Sam- man, Richards und Polanyi zu diesem Thema, so kann ohne Übertreibung gesagt
meln von Gütern der Mitglieder einer Gruppe in einer Hand und deren Neuver- werden, dass wir die materiellen und sozialen Umstände des Pooling ziemlich gut
teilung innerhalb dieser Gruppe (siehe Abb.1). kennen. Zu dem Wissen darüber passt das Argument, dass Pooling die materielle
Seite von »Kollektivität« und »Zentralität« darstellt. Kooperative Nahrungsproduk-
tion, Rangordnung und Häuptlingstum, kollektives politisches und rituelles Handeln
Abbildung 1 sind einige der normalen Umstände des Zusammenlegens in primitiven Gemein-
schaften. Um es kurz zusammenzufassen: Die alltägliche, gewöhnliche Art der Um-
A A verteilung ist das Pooling der Nahrung in der Familie. Das ihm zugrunde liegende
Prinzip beruht darauf, dass die Produkte kollektiver Anstrengung für die Versor-
gung zusammengelegt werden, besonders, wenn die Kooperation Arbeitsteilung
erforderlich macht. So ausgedrückt gilt diese Regel nicht nur für den Haushalt, son-
C C dern auch für eine Kooperation auf höherer Ebene, d.h. für eine Kooperation von
Gruppen, die größer sind als Haushalte und sich zur Lösung bestimmter Aufgaben
bei der Beschaffung der Nahrung bilden, z.B. um Bisons in den nördlichen Plains
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zu umzingeln oder um Fische in einer polynesischen Lagune zu fangen. Mit Ein- Damit haben wir zumindest den Umriss einer funktionalen Theorie der Umvertei-
schränkungen (wie z.B. wenn bestimmte Anteile mit bestimmten Verteilungen für lung. Die zentralen Probleme liegen nun wahrscheinlich in ihrer Ausarbeitung, in
den Aufwand der Gruppe einhergehen) bleibt das Prinzip auf der höheren Ebene der Spezifizierung ausgewählter Umstände durch Vergleich oder phylogenetische
dasselbe wie auf der niederen, der Haushaltsebene: »Güter, die auf kollektive Weise Untersuchung. Die wirtschaftliche Anthropologie der Reziprozität ist jedoch nicht
beschafft werden, werden durch das Kollektiv verteilt.« auf der gleichen Stufe angesiedelt. Ein Grund dafür ist vielleicht die populäre Nei-
Ansprüche auf die Produkte der untergeordneten Bevölkerung ebenso wie V er- gung, Reziprozität als ein Gleichgewicht anzusehen, als bedingungslosen Tausch zu
pflichtungen zur Großzügigkeit ihr gegenüber sind allerorts mit dem Häuptlingstum gleichen Teilen. In Bezug auf den Transfer von Gütern trifft dies jedoch auf die
verbunden. Die organisierte Ausübung dieser Rechte und Verpflichtungen ist die Reziprozität oft ganz und gar nicht zu. In der Tat erkennt man durch die Untersu-
Umverteilung: chung der Abweichungen vom ausgeglichenen Tausch das Wechselspiel zwischen
»Ich glaube, dass wir auf der ganzen Welt feststellen würden, dass die Beziehungen zwischen Wirt-
Reziprozität, sozialen Beziehungen und materiellen Umständen.
schaft und Politik die gleichen sind. Überall handelt der Häuptling als Stammesbankier, der Nah- Reziprozität umfasst eine ganze Klasse von Tauschhandlungen, ein Kontinuum
rungsmittel sammelt, sie lagert und schützt und sie dann zum Nutzen der Gemeinschaft verwen- von Formen. Dies trifft besonders auf den engen Kontext materieller Transaktio-
det. Seine Aufgaben sind der Prototyp des heutigen öffentlichen Finanzsystems und der staatlichen nen zu - als Gegenstück zum sozialen Prinzip oder der sittlichen Norm des Gebens
Schatzämter. Wenn man dem Häuptling seine Privilegien und finanziellen Vorteile entzieht, dann
und Nehmens. Am einen Ende des Spektrums steht die freiwillig gegebene Hilfe,
leidet am meisten der ganze Stamm.« (Malinowski 1937: 232 f.)
die die alltäglichen Verwandtschafts-, Freundschafts- und Nachbarschaftsbeziehun-
Dieses Brauchtum »für den Nutzen der ganzen Gemeinschaft« nimmt verschiedene gen kennzeichnet, das »reine Geschenk«, wie Malinowski es nannte, wobei die of-
Formen an: die Unterstützung einer religiösen Feier, von Festspielen oder Krieg; die fene Forderung auf eine Rückgabe undenkbar und unsozial sein würde. Am anderen
Förderung von Gewerbe und Handel, der Aufbau einer technischen Apparatur und Ende steht eine eigennützige Besitzergreifung, Aneignung durch Schikane oder
die Errichtung von öffentlichen und religiösen Bauten; die Umverteilung verschie- Gewalt, die lediglich durch eine gleiche, und entgegen gerichtete Anstrengung auf
dener lokaler Erzeugnisse, Gastfreundschaft und Beistand für die Gemeinschaft dem Prinzip der !ex talionis abgegolten wird, die »negative Reziprozität« wie Gould-
(für den Einzelnen oder die Allgemeinheit) während einer Zeit der Knappheit. ner sie nennt. Die Extreme sind positiv und negativ im moralischen Sinn. Die Ab-
Noch allgemeiner gesagt: Die Umverteilung durch die Führenden dient zwei Zwe- stände zwischen ihnen sind nicht einfach Abstufungen des materiellen Gleichge-
cken, von denen jeder im gegebenen Fall dominierend sein kann. Die praktische, wichts im Tausch, es handelt sich vielmehr um Intervalle der Soziabilität. Die Ent-
logistische Funktion, die Umverteilung, versorgt die Gemeinschaft oder die Leis- fernung zwischen den Polen der Reziprozität impliziert zugleich soziale Distanz:
tung der Gemeinschaft im materiellen Sinn. Gleichzeitig oder als Alternative hat die
»Gewinn auf Kosten anderer Gemeinschaften, insbesondere entfernter Gemeinschaft und vor
Umverteilung eine instrumentelle Funktion: Als Ritual der Gemeinschaft und Un- allem solcher, die man als fremd betrachtet, ist nach dem Standard der heimischen Gebräuche und
terordnung unter die zentrale Autorität unterstützt sie die Struktur der Gemein- Gewohnheiten nicht anstößig.« (Veblen 1915: 46)
schaft an sich, d.h. in einem sozialen Sinn. Die praktischen Vorteile mögen proble-
matisch sein, aber wie auch immer: Pooling erzeugt vor allem den Geist der Einheit
und der Zentralität, kodifiziert die Struktur und setzt die zentralisierte Organisation
sozialer Ordnung und sozialen Handelns voraus: Eine Typologie von Reziprozitätsformen
»Jede Person, die an der ana (ein vom Häuptling auf Tikopia organisiertes Fest) teilnimmt, wird
gezwungen, sich an Formen der Kooperation zu beteiligen, welche zeitweilig sowohl über s~e Eine rein formale Typologie der Reziprozitäten ist möglich, die ausschließlich auf
persönlichen Interessen und die seiner Familie hinausgehen als auch die Grenzen der Gemem- der Unmittelbarkeit der Rückgabe, der Gleichwertigkeit dieser Rückgabe und dem
schaft erreichen. Ein solches Fest bringt Häuptlinge und ihre Clanangehörigen zusammen, die zu
gleichen materiellen und mechanischen Umfang des Tauschs beruht. Auf der
anderen Zeiten Rivalen sind, bereit, einander zu kritisieren und zu verleumden, sich aber nun mit
dem äußeren Anschein der Harmonie versammeln. (...) Außerdem dient eine solche zweckorien- Grundlage dieser Klassifikation, kann man dazu übergehen, Subtypen der Rezipro-
tierte Tätigkeit bestimmten weiteren sozialen Zielen, die ihre Gemeinsamkeit darin haben, dass zität mit verschiedenen »Variablen«, wie etwa der verwandtschaftlichen Entfernung
jede (oder beinahe jede) Person sie bewusst oder unbewusst fördert. Zum Beispiel trägt die Teil- der Parteien hinsichtlich der Transaktion zu korrelieren. Der Wert dieser Darstel-
nahme an der ana und der von ihnen erbrachte wirtschaftliche Beitrag dazu bei, das Autoritätssys- lung liegt darin, dass es wissenschaftlich ist oder zumindest so erscheint. Einer der
tem der Tikopia zu unterstützen.« (Firth 1950: 230f.)
Mängel liegt darin, dass sie ein Konstrukt ist, eigentlich nichts weiter als eine Meta-
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pher der Darstellung, keine wahre Wiedergabe dieses Phänomens. Es sollte von gabe (oder weniger elegant eine »Schlagseite« des Tauschs). Hierfür gibt es objektive
vornherein klar sein, dass die Unterscheidung eines Reziprozitätstyps von einem an- Kriterien wie die Tolerierung eines materiellen Ungleichgewichts und einen zeit-
deren mehr als nur formaler Natur ist. Die Art, wie die Rückgabe erwartet wird, sagt lichen Spielraum, der Verzögerungen zulässt: Die anfängliche Bewegung der Güter
etwas über den Geist aus, der den Tausch bestimmt, über Berechnung und von Hand zu Hand wird mehr oder weniger materiell abgegolten und auch hier gibt
Nichtberechnung, die Unpersönlichkeit, das ihn begleitende Mitleid. Jede anschei- es diesen zeitlichen Spielraum, der für die Rückgabe zugestanden wird (vgl. wie-
nend formale Klassifikation beinhaltet diese Bedeutungen: Sie ist sowohl sittlicher derum Firth 1957: 220f.). Anders gesagt: Die Form des Austauschs pendelt von
wie mechanischer Natur. selbstloser Rücksichtnahme auf andere durch Gegenseitigkeit bis hin zum Eigen-
In jeder primitiven Gesellschaft, ganz zu schweigen von der primitiven Welt nutz. So aufgefasst kann die Einschätzung der »Schlagseite« durch ethnographische
insgesamt, bestehen viele Arten der Reziprozität. »Gegenläufige« (vice-versa) Bewe- Beobachtu11g gestützt werden - zusätzlich zu jener der Unmittelbarkeit u11d mate-
gungen umfassen das Teilen und das erwidernde Teilen nicht zubereiteter Nah- riellen Gleichwertigkeit. Die anfängliche Übergabe kann freiwillig, unfreiwillig, vor-
rungsmittel, informelle Gastfreundschaft, zeremonielle Leistungen unter Verwand- geschrieben oder vertraglich geregelt sein, die Rückgabe freigegeben, erzwungen
ten, Leihen und Zurückgeben, die Kompensation für spezialisierte und zeremonielle oder gefordert sein, der Austausch gefeilscht oder nicht gefeilscht, Gegenstand der
Dienste, die Geschenke, die einen Friedensschluss besiegeln, das unpersönliche Abrechnung sein oder nicht, usw.
Feilschen und so weiter. Wir besitzen verschiedene ethnographische Versuche, die Das Spektrum der Reziprozitäten, das zum allgemeinen Gebrauch vorgelegt
empirische Vielfalt typologisch zu bewältigen, vor allem Douglas Olivers Darstel- witd, ist durch seine Extreme und seine J\1itte bestimmt.
lung der Transaktionsarten bei den Siuai (1955: 229ff.; vgl. u.a. Price 1962: 34f.;
Spencer 1959: 194f.; Marshall 1961). In Crime and Custom schrieb Malinowski ziem-
lich allgemein und vorbehaltlos über Reziprozität, doch in den Argonauten entwi- 1. Generalisierte Reziprozität.
ckelte er eine Klassifikation des Tauschs bei den Trobriandern unter Berücksichti-
gung der mannigfaltigen Variationen hinsichtlich Gleichgewicht und Gleichwertig- Das Extrem der Solidarbeziehung
keit (Malinowski 1922: 176ff.). Von diesem Standpunkt aus und in Hinsicht auf die
Unmittelbarkeit der Rückgabe wurde das Kontinuum, das Reziprozität ja ist, aufge-
deckt: (A ◄ ................................ B)
»Ich habe absichtlich von Formen des Tauschs, der Geschenke und Gegengeschenke und nicht
von Tauschhandel oder Handel gesprochen, weil es, obgleich es Formen des reinen, einfachen
»Generalisierte Reziprozität« bezieht sich auf Transaktionen, die vermeintlich altru-
Tauschhandels gibt, so viele Übergänge und Grade zwischen ihm und dem einfachen Geschenk istisch sind und umfasst Transaktionen auf der Linie des gegebenen und, falls mög-
gibt, dass es unmöglich ist, eine bestimmte Grenzlinie zwischen Handel auf der einen Seite und lich und nötig, des erwiderten Beistands. Der ideale Typ dieser Beziehung ist Mali-
Gabenaustausch auf der anderen zu ziehen (...). Um diese Tatsachen korrekt zu behandeln, ist es nowskis »reines Geschenk«. Andere bezeichnende ethnographische Formeln hierfür
nötig, eine vollständige Übersicht aller Formen der Bezahlung oder des Geschenks zu geben. In
sind »Teilern<, »Gastfreundschaft«, »freies Geschenk«, »Hilfe« und »Großzügigkeit«.
dieser Übersicht werden an einem Ende die extremen Fälle reiner Geschenke stehen, das heißt
Gaben für die nichts zurückgegeben wird (vgl. jedoch Firth 1957: 221f.). Über manche konventio- Weniger sozial aber zum selben Pol neigend sind »verwandtschafrJiche Verpflich-
nelle Formen der Gaben oder Bezahlung, die teilweise oder unter Vorbehalt zurückgegeben wer- tungen«, »Abgaben an den Häuptling« und »noblesse obhge<<. Price (1962) bezeichnet
den und die ineinander übergehen, kommen wir zu Formen des Tauschs, bei denen mehr oder diesen Typus wegen der Unbestimmtheit der Verpflichtung zur Abgeltung als
weniger eine strikte Gleichwertigkeit beobachtet wird, bis man den echten Tauschhandel erreicht.«
»schwache Reziprozität«.
(Malinowski 1922: 17 6)
Am Extrem des freiwilligen Essenteilens unter nahen Verwandten - oder man
Malinowskis Überblick kann über den Fall der Trobriander hinaus verallgemeinert könnte auch wegen seines logischen Wertes in diesem Zusammenhang an das Stil-
und auf reziproken Tausch in primitiven Gesellschaften angewandt werden. Es len von Kindern denken ist es ungehörig, eine direkte materielle Rückgabe zu
erscheint möglich, auf abstrakte Weise ein Kontinuum von Reziprozitäten aufzu- erwarten. Diese Erwartung ist höchstens implizit vorhanden. Dabei wird die mate-
stellen, das auf der »gegenseitigen« Natur des Austausches beruht, und entlang die- rielle Seite der Transaktion durch die soziale unterdrückt: Das offene Einfordern
sem die empirischen Beispiele, die in bestimmten ethnographischen Fällen vorkom- von Schulden wird typischerweise alLßer Betracht gelassen. Das heißt nicht, dass das
men, einzuordnen. Der kritische Punkt wäre die Bedingung der materiellen Rück- Übergeben von Geschenken in dieser Form selbst an »geliebte Menschen« keine
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Gegenverpflichtung verlangt, aber die Rückgabe wird nicht nach Zeit, Menge oder Abrechnung, da die gegebenen Dinge innerhalb kurzer Zeit erstattet werden müs-
Wert festgesetzt: Die Erwartung der Reziprozität ist unbestimmt. Gewöhnlich hän- sen. So wird die Unfähigkeit, nur von einer Seite ausgehende Bewegungen zu ge-
gen Zeit und Wert der Rückgabe nicht nur davon ab, was der Geber gegeben hat, statten, zum praktischen Test der ausgeglichenen Reziprozität. Die Beziehungen
sondern auch davon, was er braucht und wann dies der Fall ist, ebenso wie davon, zwischen den Menschen werden durch ein Versagen der Rückgabe innerhalb eines
was der Empfänger aufbringen kann und zu welchem Zeitpunkt dies möglich ist. bestimmten Zeitraums und Gegenwerts zerrissen. Es ist bei den meisten Arten der
Der Empfang von Gütern beinhaltet die unbestimmte Verpflichtung, die Gabe zu- generalisierten Reziprozität bemerkenswert, dass die Bewegung der Güter durch die
rückzuerstatten, wenn der Geber sie benötigt und/ oder dies dem Empfänger mög- herrschenden sozialen Beziehungen getragen werden, während bei den meisten
lich ist. Die Abgeltung kann daher sehr bald oder auch niemals erfolgen. Es gibt Arten der ausgeglichenen Reziprozität die sozialen Beziehungen vom Fluss der Gü-
Menschen, die selbst zu gegebener Zeit unfähig sind, sich selbst oder anderen zu ter abhängen.
helfen. Ein praktischer Indikator für generalisierte Reziprozität ist ein dauernder
einseitiger Fluss der Gaben. Bleibt die Rückgabe aus, so veranlasst dies den Geber
nicht, mit dem Geben aufzuhören, die Güter bewegen sich für sehr lange Zeit in 3. Negative Reziprozität.
Richtung zugunsten des Habenichts.

Das antisoziale Extrem

2. Ausgeglichene Reziprozität.

(A ........................................ B)
Die Mitte der Skala

»Negative Reziprozität« ist der Versuch, etwas umsonst und ungestraft zu bekom-

(A4=======~ B) men. Sie umfasst die verschiedenen Formen der Aneignung oder Transaktionen, die
der reinen Nutzenmaximierung wegen begonnen und durchgeführt werden. Be-
zeichnende ethnographische Begriffe umfassen etwa »Feilschen« oder »Tauschhan-
»Ausgeglichene Reziprozität« bezieht sich auf den direkten Tausch. Bei vollständi-
del«, »Glücksspiele«, »Schikane«, »Diebstahl« und andere Arten der Inbesitznahme.
gem Gleichgewicht wird der gebräuchliche Gegenwert des empfangenen Gegen-
Negative Reziprozität ist die unpersönlichste Art des Tauschs. In der Form des
stands getauscht und erfolgt ohne Verzögerung. Vollkommen ausgeglichene Re-
»Tauschhandels« ist sie von unserem Standpunkt aus die »ökonomischste« Art. Die
ziprozität, der gleichzeitige Tausch derselben Art von Gütern in der gleichen Menge
Teilnehmer begegnen einander mit entgegen gesetzten Interessen und sind darauf
ist nicht nur denkbar, sondern ethnographisch durch bestimmte eheliche Transakti-
bedacht, ihren Nutzen auf Kosten der anderen zu maximieren. Indem sie sich der
onen (z.B. Reay 1959: 59 f.), freundschaftliche Übereinkünfte (Seligman 1910: 70)
Transaktion ausschließlich in der Absicht nähern, den größten Vorteil daraus zu zie-
und Friedensverträge (Hogbin 1939: 79; Loeb 1926: 204; Williamson 1912: 183)
hen, ist das Ziel der die Initiative ergreifenden Partei oder beider Parteien der un-
belegt. »Ausgeglichene Reziprozität« kann einfacher auf Transaktionen bezogen
verdiente Zuwachs des Gewinns. Eine der soziabelsten Formen, die sich dem
werden, die eine Rückgabe eines entsprechenden Wertes oder Nutzens innerhalb ei-
Gleichgewicht nähert, ist das Feilschen, das im Geist des »was der Handel hergibt«
nes begrenzten und engen Zeitraums bedingen. Vieles an »Gabentausch«, an »Zah-
geführt wird. Von dieser Form reicht negative Reziprozität über verschiedene
lungen<<, von dem, was unter der ethnographischen Rubrik »Handel« verstanden
Grade der List, des Betrugs, der Heimlichkeit und Gewalt bis hin zur Finesse eines
wird, und eine Menge dessen, was Kauf und Verkauf genannt wird und »primitives
gut geführten Raubzugs zu Pferde. Die »Reziprozität« ist natürlich eingeschränkt,
Geld« einbezieht, gehört zum Typus »Ausgeglichener Reziprozität«.
eine Angelegenheit der Verteidigung eigener Interessen. So kann die Bewegung der
Ausgeglichene Reziprozität ist weniger durch persönliche Beziehungen geprägt
Güter wiederum einseitig sein, das heißt, die Rückgabe ist abhängig vom erzeugten
als generalisierte Reziprozität, ihr Wesen ist von unserem Standpunkt aus »stärker
Gegendruck oder ebensolcher A1:glist.
ökonomisch«. Die Parteien treten einander mit unterschiedlichen wirtschaftlichen
Es ist ein weiter Weg vom Säugling zum indianischen Pferderaub. Zu weit, mag
und sozialen Interessen entgegen. Die materielle Seite der Transaktion ist wenig-
argumentiert werden, die Klassifikation sei zu weit gespannt. Dennoch gehen in den
stens ebenso entscheidend wie die soziale: Es gibt eine mehr oder weniger genaue
84 MARSHALL D. SAHLINS ZUR SOZIOLOGIE DES PRIMITIVEN TAUSCHS 85

ethnographischen Berichten »vice-versa-Bewegungen« der gesamten Spanne inein- Arzt-Patient, Polizist-Bürger, Arbeitgeber-Arbeitnehmer, Klassenkameraden, Nach-
ander über. Es wäre gut, trotzdem zu berücksichtigen, dass die empirischen Tausch- barn, Berufskollegen. Aber für die Primitiven bedeutet der Nichtverwandte vor
handlungen häufig irgendwo in dieser Reihe vorkommen und nicht direkt in den allem die Verneinung der Gemeinschaft (oder des Stammeswesens), und er ist oft
hier beschriebenen Extremen oder der Mitte liegen. Es ergibt sich die Frage, ob ein Synonym für »Feind« oder »Fremder«. Genauso tendieren dann die wirtschaft-
man soziale oder wirtschaftliche Umstände spezifizieren kann, die die Reziprozität lichen Beziehungen einfach dazu, eine einfache Verneinung der verwandtschaft-
zu der einen oder anderen festgelegten Position drängen, d.h. zur generalisierten, lichen Reziprozitäten zu sein, sodass andere institutionelle Normen nicht ins Spiel
ausgeglichenen oder zur negativen Reziprozität. Ich glaube, dies ist möglich. kommen.
Verwandtschaftliche Distanz kann auf verschiedene Arten organisiert sein: was
»nah« in einer Hinsicht ist, muss es nicht in einer anderen sein. Tausch kann von
genealogischer Distanz abhängen (wie sie der lokalen Distanz zugeschrieben wird),
Reziprozität und verwandtschaftliche Distanz das heißt vom interpersonellen Verwandtschaftsstatus. Oder er hängt von der seg-
mentären Distanz ab, vorn Status der Abstammungsgruppe. Um ein allgemeines
Die zwischen tauschenden Personen bestehende soziale Distanz bedingt die Art Modell entwickeln zu können, sollte auch die Macht der Gemeinschaft berück-
und Weise des Tauschs. Wie schon angedeutet, ist verwandtschaftliche Distanz sichtig werden, Distanz zu definieren. Denn Verwandtschaft organisiert nicht nur
besonders für die Form der Reziprozität relevant. Diese neigt bei naher Verwandt- Gemeinschaften, sondern die Gemeinschaft auch die Verwandtschaft, sodass ein
schaft zum generalisierten Pol und entsprechend der verwandtschaftlichen Distanz räumlicher, das Zusammenwohnen betreffender Faktor die verwandtschaftliche
zum negativen Extrem. Distanz und somit auch den Tauschmodus beeinflusst.
Der Gedankengang ist nahezu syllogistisch. Die verschiedenen Reziprozitäten »Brüder, die zusammen lebten, oder ein väterlicher Onkel, der mit seinen Neffen im gleichen Haus
vom frei gegebenen Geschenk bis zur Schikane verlaufen entlang eines Spektrums wohnte, standen, soweit ich es beobachten konnte, in einem viel engerem Verhältnis zueinander
der Soziabilität, vom Opfer zugunsten eines anderen bis zum eigennützigen Gewinn als Verwandte gleichen Grades, die getrennt wohnten. Dies war leicht zu erkennen, wenn es sich
auf Kosten eines anderen. Man nehme als untergeordnete Prämisse Tylors Diktum, um das Borgen von Gegenständen, um Beistand, oder die Übernahme von Verpflichtungen oder
Verantwortung füreinander handelte.« (Malinowski 1915: 532)
dass Verwandtschaft (kindred) mit Güte (kindness) einhergeht, »zwei Wörter, deren
gemeinsame Ableitung auf glückliche Weise einen der Hauptgrundsätze des sozialen »Die Menschheit besteht (für die Siuai) aus Verwandten und Fremden. Verwandte sind gewöhnlich
durch Blut und eheliche Bande miteinander verbunden; die meisten leben in der Nähe, und Perso-
Lebens zum Ausdruck bringt«. Daraus folgt, dass nahe Verwandte dazu neigen zu
nen, die benachbart wohnen, sind alle ve1wandt. (...) Transaktionen unter ihnen sollten in einem
teilen, in generalisierte Tauschhandlungen zu treten, entfernte Verwandte und Geist durchgeführt werden, der frei von Gewinnstreben ist und vorzugsweise aus Teilen (d.h.
Nichtverwandte hingegen dazu, mit Gleichwertigem zu handeln oder sich zu über- Pooling im Sinn der vorliegenden Diskussion, M.S.), aus nicht-reziprokem Geben und Vererben
vorteilen. Gleichwertigkeit ist entsprechend der verwandtschaftlichen Distanz obli- unter engsten Verwandten oder aus Leihgeschäften unter weiter entfernten Verwandten besteht.
(...) Davon ausgenommen sind einige sehr entfernt verwandte Clan-Mitglieder und Personen, die
gatorisch, damit Beziehungen nicht völlig abbrechen, denn mit der Distanz vermin-
weit weg wohnen, die keine Verwandten sind und deswegen nur Feinde sein können. Die meisten
dert sich die Toleranz in Bezug auf Gewinn und Verlust ebenso wie die Neigung, Bräuche dieser Leute sind für die Siuai unnötig, aber einige ihrer Güter und V erfahren sind reiz-
sich »ins Zeug zu legen«. Nichtverwandten »anderen Leuten«, vielleicht nicht ein- voll. Man verkehrt nur mit ihnen, um zu kaufen und zu verkaufen - wobei man hart verhandelt
mal »Menschen« - braucht nichts geschenkt zu werden. Die offensichtliche Nei- und betrügt, um den größtmöglichen Gewinn aus solchen Transaktionen zu schlagen.« (Oliver
gung ist sogar: »Den letzten beißen die Hunde!« 1955: 454f.)

All dies scheint auf unsere eigene Gesellschaft anwendbar, aber für die primitive Dies ist ein mögliches Modell zur Analyse von Reziprozität: Ein Stammesaufbau
Gesellschaft ist es charakteristischer, denn dort spielt Verwandtschaft eine größere kann als eine Reihe konzentrischer, immer umfassenderer Verwandtschafts- und
Rolle. Sie ist zum einen das organisierende Prinzip oder Idiom der meisten Grup- Wohnorts-Sektoren angesehen werden, wobei die Reziprozität gemäß ihrer Stellung
pen und fast aller sozialen Beziehungen. Selbst die Kategorie der »Nichtverwand- in den Sektoren zu variieren scheint. Die nahen Verwandten, die Beistand leisten,
ten« wird normalerweise durch sie definiert, d.h. - als ihr negativer Aspekt das lo- sind besonders nahe Verwandte im räumlichen Sinn: Es wird von Menschen des ge-
gische Extrem der Klasse des Nichtseins als ein Zustand des Seins. In dieser An- meinsamen Haushalts, Lagers, Weilers oder Dorfes Anteilnahme verlangt, da Inter-
sicht steckt etwas von der Wirklichkeit; sie ist keine logische Spitzfindigkeit. Bei uns aktion intensiv und friedliche Solidarität wesentlich ist. Aber diese Qualität der An-
bedeuten »Nichtverwandte« spezialisierte Statusbeziehungen von positiver Qualität: teilnahme kann in den peripheren Sektoren aufgrund der verwandtschaftlichen Dis-
86 MARSHALL D. SAHLINS ZUR SOZIOLOGIE DES PRIMITIVEN TAUSCHS 87

tanz nicht gewährleistet werden. Sie wird im Tauschverhalten mit i'vfitgliedern eines Dieser Aufbau beruht nicht nur auf den zwei Faktoren der Sektorenunterteilung
anderen Dorfes deshalb unwahrscheinlicher als unter den Bewohnern eines Dorfes und der Formen der Reziprozität. Es sollte etwas zu dem darin ebenfalls enthalte-
und noch unwahrscheinlicher im Sektor zwischen Stämmen. nen dritten Faktor, der Moral, gesagt werden. »Viel mehr als wir gewöhnlich an-
Aus dieser Sicht umfassen verwandtschaftlich-residentielle Gruppierungen sich nehmen«, schrieb Firth (1951: 144), »ruhen wirtschaftliche Beziehungen auf morali-
immer weiter ausdehnende Mitgliederkreise: den Haushalt, die örtliche Abstam- schen Grundlagen«. Sicher ist das die Sichtweise dieser Menschen.
mung, vielleicht das Dorf, den Unterstamm, den Stamm, andere Stämme - wobei »Obgleich die Siuai verschiedene Wörter für >Großzügigkeit<, >Hilfsbereitschaft<, >Zusammenarbeit<,
natürlich der einzelne Aufbau variiert. Die Struktur ist eine Hierarchie von Integra- ,Moralität< (d.h. das Festhalten an Regeln) und ,Milde< haben, glaube ich, dass sie sie alle als eng
tionsebenen, aber von innen gesehen handelt es sich um eine Reihe konzentrischer miteinander verbundene Aspekte desselben Attributs von Tugend auffassen.« (Oliver 1955: 78)
Kreise. Die sozialen Beziehungen eines jeden Kreises haben eine spezielle Qualität
Ein anderer Gegensatz zu uns ergibt sich aus der Tendenz, dass die Moralität, wie
- Haushaltsbeziehungen, Beziehungen aufgrund von Abstammung usw. -, und au-
auch die Reziprozität, in primitiven Gesellschaften nach Sektoren organisiert ist.
ßer bei Überschneidung von Sektoren durch andere Organisationen der verwandt-
Die Normen sind typischerweise eher relativ und situationsabhängig als absolut und
schaftlichen Solidarität, wie zum Beispiel durch nicht am Ort lebende Clans oder
universal. Das heißt, eine gegebene Handlung ist nicht so sehr an sich gut oder
persönliche Angehörige, sind Beziehungen innerhalb eines Kreises solidarischer als
schlecht, es hängt vielmehr davon ab, wer »Alter« ist. Die Aneignung der Güter
die Beziehungen im nächsten, umfassenderen Sektor. Reziprozität tendiert ent-
eines anderen oder dessen Frau ist innerhalb der eigenen Gemeinschaft eine Sünde
sprechend proportional der sektoralen Distanz entweder zu Gleichgewicht oder
◊>Diebstahl«, »Ehebruch«). Dieselbe Handlung wird dagegen nicht nur entschuldigt,
Schikane. In jedem Sektor sind bestimmte Modi der Reziprozität charakteristisch
sondern positiv mit der Bewunderung der Genossen belohnt, wenn sie an einem
oder vorherrschend: Generalisierte Reziprozität dominiert in den inneren Kreisen
Außenstehenden verübt wird. Der Gegensatz zum absoluten Maßstab der jüdisch-
und verflüchtigt sich in den äußeren. Ausgeglichene Reziprozität ist charakteristisch
christlichen Tradition ist wahrscheinlich überzeichnet: Kein moralisches System ist
für die Zwischensektoren, Schikanen für die Außensektoren. Kurz, ein allgemeines
ausschließlich absolut (besonders in Kriegszeiten) und wahrscheinlich ist auch kei-
Modell der Reziprozität kann entwickelt werden, indem man den Sektorenaufbau
nes gänzlich relativ und vom Zusammenhang abhängig. Aber situationsabhängige
einer Gesellschaft auf das Kontinuum der Reziprozität überträgt (siehe Abbildung
Maßstäbe, die oft durch die Sektorenzugehörigkeit bedingt sind, scheinen in primi-
2).
tiven Gemeinschaften vorzuherrschen, und dies steht in ausreichendem Kontrast zu
den unsrigen, weshalb es von Ethnologen wiederholt festgestellt wurde:
»Die Moralität der Navaho ist eher kontextuell als absolut. (...) Das Lügen ist nicht immer und
Abbildung 2
überall verkehrt. Die Regeln ändern sich mit der Situation. Der Betrug im Handel mit fremden
Stämmen ist eine moralisch annehmbare Handlung: Handlungen sind nicht an sich gut oder
Haus
schlecht. Inzest (seiner Natur nach eine kontextuelle Sünde) ist vielleicht das einzige Vergehen, das
Abstammungssektor ohne Einschränkungen verurteilt wird. Es ist ganz korrekt, Zauberpraktiken im Handel mit Mit-
Negative gliedern anderer Stämme anzuwenden. (...) Es besteht ein beinahe vollständiger Mangel an ab-
Reziprozität Dorf strakten Idealen. (...) In einer großen, komplexen Gesellschaft wie dem modernen Amerika, wo
Menschen kommen und gehen und Geschäfte und andere Verfahren von Leuten durchgeführt
Stammessektor
werden müssen, die einander niemals sehen, ist es funktional notwendig, abstrakte Standards zu
Interstammessektor haben, welche über die unmittelbare konkrete Situation hinausgehen, in der zwei oder mehr Per-
sonen miteinander zusammenwirken.« (Kluckhohn 1959: 434)

Das Schema, mit dem wir uns befassen, umfasst drei Dimensionen: die soziale, die
moralische und die wirtschaftliche. Reziprozität und Moralität sind nach Sektoren
strukturiert - die Struktur ist durch Verwandtschaft und Stammesgruppierungen
definiert.
Aber dieses Schema ist eine gänzlich hypothetische Angelegenheit. Man kann
sich Umstände vorstellen, die die sozialen und moralischen reziproken Beziehun-
gen, die es erfordert, ändern würden. Behauptungen über die externen Sektoren
88 MARSHALL D. SAHLlNS ZUR SOZIOLOGJE DES PR!MlTIVEN TAUSCHS 89

sind besonders anfechtbar. (Für »externen Sektor« kann man im Allgemeinen »In- ne engere Sphäre gemeinsamer Mitgliedschaft, der Tausch selbst ist gerecht und
terstammessektor« sagen, die ethnische Peripherie primitiver Gesellschaften; in der friedlich. Die Reziprozität ist fast im Gleichgewicht.
Praxis kann man ihn dort einsetzen, wo die positive Moral schwindet oder wo die Was immer der Wert dieser Anmerkungen als Darstellung der Beziehung zwi-
Feindschaft zwischen Gruppen als das Normale innerhalb der eigenen Gruppe schen Reziprozität und verwandtschaftlicher Distanz ist, sie müssen dem Leser
erwartet wird.) In dieser Sphäre können Transaktionen in der Tat mit Gewalt oder auch gewisse Grenzen der vorliegenden Perspektive andeuten. Nur zu zeigen, dass
Arglist durchgeführt werden, durch wabuwabu, um den fast onomatopoetischen der Charakter der Reziprozität von der sozialen Distanz abhängig ist - selbst wenn
Ausdruck der Bobuaner für »unsaubere Handlungsweise« zu verwenden. Doch dies auf unbezweifelbare Weise gezeigt werden könnte - heißt weder, sich in letzten
scheint es, dass die gewaltsame Aneignung ein aus der Not geborenes Mittel dar- Erklärungen zu ergehen, noch zu bestimmen, wann Tauschhandlungen tatsächlich
stellt, bei dem dringende Bedürfnisse nur oder am leichtesten durch militärisches stattfinden. Eine systematische Beziehung zwischen Reziprozität und Soziabilität an
Vorgehen befriedigt werden können. Friedliche Symbiose ist schließlich auch eine sich sagt noch nicht, wann oder bis zu welchem Grad die Beziehung ins Spiel
gebräuchliche Alternative. kommt. Es wird hier nur angenommen, dass die beschränkenden Kräfte außerhalb
Bei diesen nicht gewalttätigen Konfrontationen besteht zweifellos weiterhin die der Beziehung selbst liegen. Die Bedingungen einer endgültigen Analyse liegen in
Neigung zu wabuwabu- es ist sozusagen in die Sektorenstruktur eingebaut. Wenn es der umfassenderen kulturellen Struktur und ihrer adaptiven Reaktion auf die Umge-
daher sozial tolerierbar ist - wenn ausgleichende, Frieden erzwingende Bedingungen bung. Von diesem umfassenderen Gesichtspunkt aus ist man in der Lage, die be-
stark genug sind - wird hartes Feilschen zur institutionalisierten externen Bezie- deutsamen Sektorenlinien und Verwandtschaftskategorien des vorliegenden Falles
hung. Wir stoßen dann auf gimwali, die Mentalität des Marktplatzes, den unpersönli- und ebenso die Verteilung der Reziprozität in den verschiedenen Sektoren zu
chen Tausch (ohne Partnerschaft) von Trobriandern verschiedener Dörfer oder von bestimmen. Wenn man zum Beispiel annimmt, dass enge Verwandte Nahrung
Trobriandern mit andern Stämmen. Doch setztgimwafi besondere Bedingungen vo- teilen würden, braucht daraus nicht zu folgen, dass solche Transaktionen tatsächlich
raus, eine Art soziale Isolation, die verhindert, dass wirtschaftliche Reibungspunkte geschehen. Der gesamte (kulturell-adaptive) Zusammenhang kann intensives Teilen
einen gefährlichen Streit entfachen. Im Allgemeinen wird Feilschen unterdrückt, dysfunktional machen und auf subtile Weise den Untergang einer Gesellschaft
besonders dann, wenn das Überschreiten der Grenze für beide Seiten kritisch ist, bewirken, die sich diesen Luxus erlaubt.
wo zum Beispiel verschiedene strategische Taktiken aufeinander stoßen. Trotz der Was das Vorkommen der Reziprozität im Speziellen betrifft, muss noch etwas
Distanz der Sektoren ist dann der Tausch gerecht, utu, d.h. ausgeglichen: Das freie berücksichtigt werden - Menschen können geizig sein. Bisher ist weder etwas über
Spiel von wabuwabu und gimwa!i wird im Interesse der Symbiose eingeschränkt. Sanktionen in Bezug auf Tauschbeziehungen gesagt worden, noch, was wichtiger
Die Einschränkung wird durch spezielle und sensible institutionelle Mittel er- ist, über Kräfte, die ihnen entgegenwirken. Es gibt Widersprüche in primitiven
möglicht. Diese Mittel sehen manchmal so absurd aus, dass sie von Ethnologen als Wirtschaftssystemen: Die Neigung zum Eigennutz, die mit dem hohen Grad der
eine Art »Spiel« der Eingeborenen angesehen werden, aber ihr Zweck ist es offen- Soziabilität, den die Sitte erfordert, unvereinbar ist, wird auch dort freigesetzt. Mali-
bar, eine wichtige gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit gegen eine grundle- nowski beobachtete dies schon früh, und Firth (1926) brachte in seiner Arbeit über
gende soziale Spaltung zu immunisieren (vgl. Besprechung von ku!a bei White 1959 die Sprichwörter der Maori den Konflikt, das subtile Wechselspiel zwischen dem
und Fortune 1932). Der stumme Handel ist ein berühmtes Beispiel dafür - gute moralischen Diktat des Teilens und den hedonistischen persönlichen Interessen
Beziehungen werden aufrechterhalten, indem man jedwede Beziehung ausschaltet. geschickt ans Licht. Die weit verbreitete Familienproduktion, so kann man sagen,
Am üblichsten sind »Handelspartnerschaften« und »Handelsfreundschaften«. Der wirkt bremsend auf den Ertrag auf vergleichbar niedriger Ebene, obwohl die wirt-
springende Punkt bei allen Arten dieser Transaktionen ist die soziale Unterdrü- schaftlichen Bestrebungen nach innen, auf den Haushalt, gerichtet werden. Die
ckung der negativen Reziprozität. Friede ist in die Beziehung eingebaut, Feilschen Produktionsweise ist demnach nicht ohne weiteres für die allgemeine wirtschaftliche
verboten und der Tausch, der als eine Übertragung von gleichwertigen Gegenstän- Solidarität geeignet. Wird Teilen moralisch gefordert, z.B. durch die bittere Not ei-
den durchgeführt wird, unterstützt wiederum den Frieden. nes Verwandten, so mögen doch alle Gründe, die Teilen gut und recht machen, ei-
Die Symbiose zwischen den Stämmen verändert die Parameter des hypotheti- nen wohlhabenden Mann keineswegs dazu bringen, es auch zu tun. Und da durch
schen Modells. Der periphere Sektor wird durch deutlich sozialere Beziehungen, als den Beistand für andere wenig zu gewinnen ist, gibt es keine festen Garantien bei
in dieser Zone normal sind, durchbrochen. Den Kontext des Tauschs bildet nun ei- solch sozialen Übereinkünften wie der Verwandtschaft. Die traditionellen sozial-
moralischen Verpflichtungen schreiben einen wirtschaftlichen Kurs vor, und die
90 MARSHALL D. SAHLINS ZUR SOZIOLOGIE DES PRIMITIVEN TAUSCHS 91

Öffentlichkeit des primitiven Lebens bringt die Leute dazu, diesen Kurs zu halten, Holmberg, Allan R. (1950): Nomads of the Long Bow. Smithson. Instn. Institute of Social Anthropol-
indem sie das Risiko vergrößert, Eifersucht, Feindschaft und zukünftige wirtschaft- ogy, Public. No. 10.
Kluckhohn, Clyde (1959): The Philosophy of the Navaho Indians, in: Morton H. Fried (Hg.):
liche Nachteile auszulösen. Aber zu beobachten, dass ein Volk ein System der Mo-
Readings in Anthropology, Vol II. New York: Crowell.
ralität und der Verbote hat, ist kein Beweis dafür, dass jeder sich ihm auch fügt. LeClair, Edward E. (1962): Economic Theory and Economic Anthropology, in: American Anthro-
Wie jeder weiß, verwandeln die Siriono Feindschaft und verborgenen Geiz in pologist, Vol. 64, No. 5, 1179-1203.
eine Lebenshaltung. Es ist interessant, dass bei ihnen trotzdem die üblichen Nor- Loeb, Edwin M. (1926): Porno Folkways, in: American Archaeology and Ethnology, Vol. 19, No. 2,
149-409.
men des primitiven Wirtschaftsverkehrs deutlich werden. So etwa durch die Norm,
Malinowski, Bronislaw (1915): The Natives of Mailu, in: Transactions of the Royal Society of South
dass der Jäger das von ihm erlegte Wild nicht essen sollte. Aber der Sektor, in dem Australia, Vol. 39, 494-706.
de facto geteilt wird, ist nicht nur sehr schma~ »geteilt wird auch selten ohne einen Malinowski, Bronislaw (1922): Argonauts of the Western Paciftc. London: Routledge & Kegan Paul (3'd
gewissen Grad von gegenseitigem l'vfisstrauen und Missverständnis; jede Person hat imp. 1950).
das Gefühl ausgenutzt zu werden«, darum gilt: »Je größer der Fang, desto mürri- Marshall, Lorna (1961): Sharing, Talking, and Giving: Relief of Social Tensions Among !Kung
Bushmen, in: A.ftica, Vol. 31, No. 3, 231-249.
scher der Jäger« (Holmberg 1950: 50, 62). Die Siriono unterscheiden sich deshalb
Oliver, Douglas (1955): A Solomon Is!ands Society. Cambridge, Mass.: Harvard University Press.
nicht von anderen primitiven Gemeinschaften. Sie erkennen lediglich sehr deutlich Polanyi, Karl (1944): The Great Tran-!fimnation. New York: Rinehart.
die Möglichkeit, die anderswo seltener gesehen wird: jene nämlich, dass strukturelle Polanyi, Karl (1959): Anthropology and Economic Theory, in: Morton H. Fried (Hg.): Readings in
Zwänge zur Großzügigkeit einem Härtetest nicht gewachsen sind. Aber die Siriono Anthropology, Vol. II. New York: Crowell.
sind eine Schar vertriebener Personen, die ihre Kultur verloren haben. Ihr gesamtes Polanyi, Karl/Conrad Arensberg/Harry W. Pearson (Hg.) (1957): Trade and Market in the Early
Empires. Glencoe, Ill.: The Free Press.
kulturelles Gerüst, von den Tauschregeln bis zur Institution der Häuptlingschaft Price, John Andrew (1962): Washo Economy, in: Nevada State Musmm Anthropologica! Papers, No. 6,
und der Verwandtschaftsterminologie der Crow, spotten ihres heutigen elenden Zu- Carson City: State Printing Office.
stands. Reay, Marie (1959): The Kuma. Melbourne: University Press.
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»Theorie und Gesellschaft« Frank Adloff, Steffen Mau (Hg.)
Herausgegeben von
Axel Honneth, Hans Joas, Claus Offe und Peter Wagner
Band 55
Vom Geben und N
Zur Soziologie der Reziprozität

Frank Adleff, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Assistent am Institut für Soziologie
in Göttingen. Steffen Mau, Dr. rer. pol., ist Juniorprofessor für Sozialpolitik an Campus Verlag
der Universität Bremen. Frankfurt/New York
Inhalt

I. Einführung
Zur Theorie der Gabe und Reziprozität ........................................................................... 9
Frank Adlojf und Steffen Mau

Klassiker der Ethnologie und Anthropologie


Die Gabe ............................................................................................................................. 61
Marcel Mauss

Zur Soziologie des primitiven Tauschs ...................................................... 73


Marshall D. S ahlins

III. Soziologische Theorieansätze

Exkurs über Treue und Dankbarkeit ........................................................ 95


Georg Simmel

Etwas gegen nichts. Reziprozität und Asymmetrie ................................ 109


Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Alvin W. Gouldner
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbat.
ISBN 3-593-37757-8 Sozialer Austausch ................................................................................... 125
Peter M. Blau
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne
Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,
Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Ökonomie der symbolischen Güter ................................................. 139
Copyright © 2005 Campus Verlag GmbH, Frankfurt/Main Pierre Bourdieu
Umschlaggestaltung: Guido Klütsch, Köln
Druck und Bindung: KM-Druck, Groß-Umstadt
Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier.
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Die doppelte Unbegreiflichkeit der reinen Gabe ..................................... 157
Alain Caille

IV. Anwendungsfelder

Reziprozität in familialen Generationenbeziehungen .............................. 187


Betina Hollstein

Die gift economy moderner Gesellschaften ................................................. 211


Zur Soziologie der Philanthropie
Frank Adlojf und Steffen Sigmund I
Reziprozität und Anerkennung in Arbeitsbeziehungen ........................... 237
Stephan Voswinkel Einführung
Reziprozität und Wohlfahrtsstaat ............................................................ 257
Stephan Lessenich und Steffen Mau

Die Gabe der Entwicklung ....................................................................... 277


Nathalie Karagiannis

Autorenverzeichnis .................................................................................. 297

Sachregister ....................................................................................................................... 301

Personenregister ............................................................................................................... 305

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