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Presse und Sprache | April 2021 Im Fokus: Kinder und Jugendliche in der Pandemie 3

Kinder und Jugendliche besonders belastet


JUGEND Die Pandemie schlägt jungen Menschen aufs Gemüt. Kinder- und Jugendpsychiatrie
mit Audiodatei und Übungsmaterial der Universitätsklinik in Hamm,
und ergänzt: „Wer ohnehin zur
**mittel | B2 – C1 Depression neigt, fällt tiefer hi-
1 WEIL DER Lockdown immer nein.“ Gar einen „sprunghaften
länger dauert, wächst die Sor- Anstieg“ gebe es bei Essstörun-
ge um Kinder und Jugendliche. gen. Die Behandlungsplätze da-
Diese trügen „die größte Last für seien in Hamm vollständig
dieser Pandemie“, sagte Bun- belegt, und auch die ambulanten
desfamilienministerin Franzis- Angebote würden überrannt.
ka Giffey (SPD) der F.A.S. „Wir Betroffen seien vor allem sehr
sehen zunehmend körperliche ehrgeizige Mädchen. Wenn die-
und seelische Belastungen und se ihre Leistungen nicht in der
Ängste.“ Man könne nicht davon Schule, im Sport oder im Musik-
ausgehen, dass junge Menschen unterricht bestätigt sähen, dann
das alles einfach so wegsteckten. sähen sie keine andere Möglich-
Und man dürfe auch nicht erwar- keit, „als ihren Selbstwert über
ten, dass sie nach Corona einfach die Ernährung zu heben“. Auch
wieder „funktionieren“, als wäre Beate Großegger vom Institut
nichts gewesen. „Im vergange- für Jugendkulturforschung sieht
nen Jahr sind nicht nur Bildungs- dieses Problem. Für Jugendliche
lücken entstanden, sondern auch sei es extrem wichtig, sich wahr-
Bindungslücken“, sagte Giffey. Je genommen zu fühlen; nicht aus
länger die Pandemie dauere, des- Freunde digital treffen – Kinder und Jugendliche haben ein anderes Zeitempfinden, auch dadurch Eitelkeit, sondern weil sie sich
to schwerer sei sie für junge Men- nehmen sie die Einsamkeit im Lockdown häufig anders wahr als Erwachsene. | Foto: Getty Images so entwickelten und verorteten.
schen auszuhalten; diese hätten Dass die Jugendlichen nun mehr
ein anderes Zeitempfinden als ders als in früheren Generationen für ausgemacht. „Die gut Posi- Kind gemeistert hat, stärkt des- in sozialen Netzwerken aktiv sei-
Erwachsene. Auch dadurch emp- sei ein großer Teil der Jugendli- tionierten kommen irgendwie sen Persönlichkeit“, sagt er. Be- en, beschreibt sie als Ausweich-
fänden sie Einsamkeit viel stärker chen und jungen Erwachsenen durch. Wer schon vorher schlecht sonders die Heranwachsenden strategie. Großegger stimmt mit
als die Bevölkerung insgesamt. von heute krisenerprobt und po- dastand und auch vom Eltern- seien „extrem anpassungsfähig“. den anderen Wissenschaftlern
2 Wissenschaftler haben 68 litisch sensibel. Sie sähen den Kli- haus nicht gut unterstützt wurde, Heike Friedewald von der Stif- darin überein, dass nur ein klei-
Studien aus 19 Ländern aus- mawandel als große Katastrophe. gerät jetzt in richtige Schwierig- tung Deutsche Depressionshilfe ner Teil der Kinder und Jugend-
gewertet, die eine psychische Die Corona-Krise erlebten sie vor keiten.“ weist darauf hin, dass in der öf- lichen behandlungsbedürftige
Belastung durch die Pandemie diesem Hintergrund. „Sie haben 4 Auch Michael Kölch, Präsi- fentlichen Debatte über die psy- Probleme habe, ein Großteil aber
bestätigen. Demnach sind jun- das intellektuelle Rüstzeug, um dent der Deutschen Gesellschaft chischen Folgen der Pandemie erschöpft sei.
ge Menschen derzeit besonders die aktuelle Krise zu überstehen.“ für Kinder- und Jugendpsychia- der falsche Eindruck entstanden 6 Familienministerin Giffey be-
gefährdet, Ängste und Depressi- Mit Blick auf entsprechende Um- trie, Psychosomatik und Psycho- sei, dass psychische Belastungen tonte, die stufenweise Öffnung
onen zu entwickeln. Diese kön- fragen hält der Jugendforscher therapie, warnt vor pauschalen und psychische Erkrankungen von Kitas und Schulen sei „jetzt
nen entstehen, weil der Kontakt diese Gruppe für die größte. Er Prognosen. Er sieht keine Hin- dasselbe seien. „Nicht alle, die vorrangig vor anderen Lockerun-
zu Gleichaltrigen stark einge- schätzt ihren Anteil auf etwa weise darauf, dass die Kontakt- unter Belastung stehen, reagie- gen“.
schränkt ist. Aber auch Schwie- vierzig Prozent. Für eine zwei- beschränkungen der psychischen ren mit einer Depression.“ (…) Maja Brankovic, Friederike Haupt,
rigkeiten beim Lernen und beim te Gruppe folge jetzt eine große Entwicklung der Kinder und Ju- 5 All die positiven Stimuli wie Michael Wittershagen und
Unterricht auf Distanz drücken Phase der Unsicherheit, weil gendlichen generell und dauer- Schule, Freunde und Sport fehl- Niklas Zimmermann
Frankfurter Allgemeine
bei vielen die Stimmung. (…) unklar sei, ob sie zum Beispiel haft schadeten. Es gebe andere ten momentan, sagt Martin Holt-
Sonntagszeitung
3 Auch Jugendforscher und ihren gewünschten Studienplatz Effekte: „Die Erfahrung, die ein mann, Ärztlicher Direktor der 7.2.2021
Fachärzte sehen Kinder und Ju- erhalte oder der Einstieg ins Be-
gendliche in einer sehr belasten- rufsleben problemlos gelinge, so 0 – 1 e Pandemie,n Krankheit, die sich weltweit aus- sultat – meistern schaffen; gut hinter sich bringen –
den Situation, warnen aber da- Hurrelmann. Das sei Zittern auf breitet – aufs Gemüt schlagen unglücklich machen – r Heranwachsende,n Kind od. Jugendlicher – anpas-
vor, die Folgen zu dramatisieren. hohem Niveau. Die größten Sor- r Lockdown,s Zeit, in der vieles geschlossen bleibt u. die sungsfähig so, dass jmd. sich schnell an neue Situa-
„Eine ganze Generation Corona gen macht sich der Forscher um Menschen sich nicht treffen sollen – e Last tragen hier: tionen gewöhnt; flexibel – e Debatte,n Diskussion –
wird es nicht geben“, sagt etwa eine dritte Gruppe von Jugendli- etw. Unangenehmes ertragen/aushalten/erleben – zu- r Eindruck,¨e Bild; Meinung
nehmend immer mehr – e Belastung,en Anstrengung; 5 – 6 r Stimulus,i Reiz; etw., das jmd. erlebt – ohne-
Klaus Hurrelmann von der Hertie chen, die schon vor der Krise zu
School in Berlin, der die Jugend den Benachteiligten zählte. Dass Schwierigkeit – wegstecken ugs. mit etw. zurechtkom- hin sowieso; unabhängig davon – neigen zu eine Ten-
men; akzeptieren – e Bildungslücke,n Teil, der im Wissen denz zu etw. haben – sprunghaft plötzlich u. stark –
seit vielen Jahren erforscht. An- die Ungleichheit steigt, hält er von jmdm. fehlt – e Bindung,en emotionale Verbindung r Anstieg,e Wachstum; Steigerung – e Essstörung,en
zwischen Menschen – aushalten etw. Unangenehmes er- Krankheit, bei der jmd. Probleme mit dem regelmäßi-
tragen; durchhalten/akzeptieren gen Essen hat – r Behandlungsplatz,¨e Kapazität/Mög-
2 – 3 auswerten analysieren; prüfen – derzeit im Mo- lichkeit einer Klinik, einen Patienten aufzunehmen u.
r Ruben: Ich glaube nicht, dass sie in fast leeren U-Bahn-Wag- ment – r Gleichaltrige,n jmd., der im gleichen Alter ist zu behandeln – ambulant nicht stationär; hier: für eine
wir diese Zeit nachholen können. gons saßen und auf den letzten – einschränken limitieren; begrenzen – drücken schlech- bestimmte Zeit am Tag, aber ohne Übernachtung – über-
ter machen – r Forscher,- jmd., der etw. wissenschaftlich rannt mit mehr Nachfrage/Interesse, als angeboten wird
Jedes Jahr hat seine eigenen Frei- Heimwegmetern den Streifen- untersucht – dramatisieren etw. schlimmer darstellen, – betroffen sein in einer bestimmten/schwierigen Situa-
heiten. Wenn du mit 25 sagst, ich wagen davongerannt sind, weil als es ist – e Generation,en Menschen in ungefähr glei- tion sein – e Leistung,en Arbeit; Mühe – r Selbstwert,e
mache jetzt eine Weltreise, dann Punkt neun in Bayern ja die Aus- chem Alter – erforschen wissenschaftlich untersuchen – Selbstsicherheit; Achtung/Respekt für die eigene Person
fragt dich jeder: Und was ist mit gangssperre beginnt. (…) krisenerprobt so, dass jmd. schwierige Situationen kennt – heben verbessern – wahrnehmen beachten; sehen –
deiner Ausbildung oder deinem u. schon oft erlebt hat – r Klimawandel Veränderung des e Eitelkeit,en (neg.) Eigenliebe; Gefühl, selbst sehr wich-
Studium? Mit 18 und 19 wäre die- Louise: Stellt euch mal vor, es Klimas/Wetters – vor einem Hintergrund mit einer be- tig zu sein – sich verorten für sich einen festen Platz fin-
stimmten Erfahrung – s Rüstzeug hier: Mittel; Möglich- den; sich einordnen/identifizieren – s soziale Netzwerk
se Reise voll normal, dann ist sie machte der erste Club wieder auf keit – überstehen durch etw. hindurchgehen; schaffen – Onlinedienst, mit dem Menschen sich informieren u.
gesellschaftlich akzeptiert. ... e Umfrage,n Befragung/Interviews mit vielen Menschen kommunizieren – e Ausweichstrategie,n Alternative;
zu einem bestimmten Thema – schätzen annehmen; Versuch, etw. nicht zu machen od. zu erleben – überein-
7 Das schulfreie Leben er- Ruben: Den reißen wir so ab … vermuten – e Phase,n Zeit; Periode – zittern hier: un- stimmen die gleiche Meinung haben – behandlungsbe-
scheint Ruben, Martha und Jan- ruhig/unsicher sein – auf hohem Niveau mit Privilegi- dürftig so, dass ärztliche Hilfe nötig ist – erschöpft müde
nik wie ein gebrochenes Verspre- Jannik: ... der steht keine Nacht. en; mit vielen Vorteilen – zählen zu Teil von etw. sein – – betonen hervorheben; mit Nachdruck sagen – stufen-
r Benachteiligte,n jmd., der keine guten Konditionen im weise in mehreren Schritten – e Kita,s Kindertagesstätte;
chen. Die Welt steht ihnen nicht Leben hat – halten für meinen; von etw. ausgehen – aus- Institution, in der Kinder während des Tages betreut wer-
offen. Außer Atem kommen sie Lisa Frieda Cossham gemacht sicher den – vorrangig wichtiger – e Lockerung,en Aktion, bei
an manchen Abenden um kurz Die Zeit 4 pauschal allgemein; generell – e Beschränkung,en der Regeln zurückgenommen werden
nach neun nach Hause, nachdem 4.2.2021 Begrenzung; Limitierung – r Effekt,e Wirkung; Re-