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Nr. 34 | 21.8.

2021
DEUTSCHLAND € 5,80

Der Fall Boateng


Das Model
und der Fußballer
Geschichte
einer toxischen
Beziehung
in Germany
Printed
Tschechien Kc 210,-
Ungarn Ft 2990,-
Spanien/Kanaren € 7,30
Spanien € 7,10
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Portugal (cont) € 6,90
Schweiz sfr 8,50
Norwegen NOK 92,–
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Italien € 7,60

Die Rückkehr der Angst


Frankreich € 7,10
Finnland € 8,70

Der unheimliche Blitzsieg der Taliban


Flucht und Panik – das Drama von Kabul
Dänemark dkr 64,95
BeNeLux € 6,80

Burka, Prügel, Todeslisten: Vom Schicksal der Frauen


Wie Politik und Geheimdienste versagten
S
Das Wissen
HAUSMITTEILUNG
der Besten
Titel | Seiten 8 bis 28

Im Sommer 2002, sechs Monate nach dem Sieg der ame-


rikanischen Truppen über die Taliban, kam SPIEGEL-
Christian Werner / DER SPIEGEL

Reporter Christoph Reuter zum ersten Mal nach Afgha-


nistan. Die US-Luftwaffe hatte gerade eine Hochzeits-
feier bombardiert. Dennoch war die Stimmung im Land
heiter. »Alles schien möglich damals«, so Reuter. Doch
ein gerechter Staat wurde Afghanistan nie. Die Taliban
kehrten zurück, der Krieg begann erneut. 2008 zog Reu-
ter nach Kabul, berichtete als damals einziger deutscher
Korrespondent drei Jahre lang aus dem Land und reiste später immer wieder nach Af-
ghanistan. Mitte Juli erst kam er aus Kabul zurück. »Alle spürten, dass die Welt der
vergangenen 20 Jahre bald untergehen würde«, sagt Reuter. »Dass es so bald geschehen
würde, ahnte niemand.« Am vergangenen Sonntag tauchten die Taliban wie ein Amei-
senheer überall in Kabul auf, die Regierung kapitulierte kampflos.

Wie konnten so viele Nationen, darunter Deutschland, in Afghanistan scheitern? Ein


Dutzend SPIEGEL-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter rekonstruierte, wie es dazu kom-
men konnte, ein Team des Hauptstadtbüros recherchierte anhand von vertraulichen
Regierungsdokumenten, wie einige deutsche Ministerien eine rechtzeitige Evakuierung
der afghanischen Ortskräfte blockierten. »Der Krisenstab reagierte langsam, weil man Jetzt
die Lage falsch einschätzte«, sagt Reporter Matthias Gebauer, der seit 2003 Dutzende neu im
Male nach Afghanistan gereist ist und die Bundeswehr-Mission beobachtet hat. Melanie
Amann und Christoph Schult sprachen mit Außenminister Heiko Maas (SPD) darüber, Handel
was das Afghanistan-Debakel für künftige Auslandseinsätze der Bundeswehr bedeutet.
Maas will, dass die Nato politischer wird und nicht nur die Entscheidungen der Ame-
rikaner umsetzt. Der Minister wirkte ernüchtert. Er erzählte, er sei am Mittwoch zu
Karriere
einer Filmpremiere eingeladen gewesen, habe aber abgesagt, nachdem Merkel für ihren
Frohsinn-Auftritt bei einer Kinopremiere am Montag kritisiert worden war. Ein Blick in die Zukunft,
Trump | Seite 86
die bereits begonnen hat
Bereits im Coronajahr 2020 hatte USA-Korrespondent
Sara Naomi Lewkowicz / DER SPIEGEL

Marc Pitzke für den SPIEGEL mit Mary Trump ge- Weitere Themen:
sprochen, der Nichte von Donald Trump. Damals nur
per Videochat. Während des Interviews drängte sich Innovation
Trumps Papagei Sebastian stolz ins Bild. Diesmal traf
Lassen Sie Maschinen
Pitzke die Psychologin und Bestsellerautorin in ihrer
Wohnung in New York, Sebastian blieb hinter einer für sich denken
verschlossenen Tür. Trump, deren 1981 verstorbener
Vater Fred Trump Jr. der ältere Bruder des späteren
US-Präsidenten war, erzählt von dem anhaltenden Trauma, das ihr Onkel nicht nur ihr
zugefügt hat, sondern den gesamten USA. Sie verlasse bis heute nur ungern das Haus,
Kommunikation
aus Angst, erkannt und angefeindet zu werden. Und die Gefahr, dass Donald Trump Warum Chefs lernen müssen,
noch einmal die Macht erobert, sei keineswegs gebannt, sagt sie. besser zuzuhören
Boateng | Seite 56
Wissensmanagement
Dominik Butzmann / DER SPIEGEL

Am 9. Februar nahm sich in Berlin eine junge Frau


das Leben. Ihr Name: Kasia Lenhardt. Das Model, Was tun, wenn der
25, war mit dem Fußballer Jérôme Boateng liiert beste Mitarbeiter geht?
gewesen. In einem »Bild«-Interview hatte dieser
angebliche Gründe für die Trennung öffentlich
gemacht und unter anderem behauptet, Lenhardt
habe ihn erpresst. Das Interview entfachte im Inter-
net einen Shitstorm gegen Lenhardt. Die Redak- manager-
teurinnen Antje Windmann (M.) und Nora Gantenbrink (r.) recherchierten im Umfeld Nachrichten
der beiden, sprachen auch mit der Mutter Adrianna Lenhardt, um die Hintergründe Jetzt App
des Todes ihrer Tochter besser zu verstehen. downloaden

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 3


harvardbusinessmanager.de
INHALT TITEL

6 | Leitartikel Der afghanische


Zusammenbruch ist
eine Schande für den Westen
DER SPIEGEL 75. Jahrgang | Heft 34 | 21. August 2021

8 | Afghanistan Wer sind die


neuen Herrscher von
Kabul – und warum scheiterte
der Westen dort so kläglich?

16 | Krisenpolitik Rekonstruk-
tion des deutschen
Versagens gegen die Taliban

20 | Essay Unser Autor reist


seit über 30 Jahren nach
Afghanistan – vier Lektionen
aus dem Land

24 | Menschenrechte Wie
sich drei Frauen vor den Taliban
in Kabul verstecken

26 | Parteien Die Bilder aus


Kabul verändern den Wahlkampf

28 | Außenpolitik SPIEGEL-
Gespräch mit Minister
Heiko Maas über das Afghanistan-
debakel der Regierung

epa-EFE
Die unheimliche Macht
DEUTSCHLAND

32 | Bund tut zu wenig gegen


Geldwäsche / Bundesländer
TITELDie letzten westlichen Soldaten hatten Afghanistan noch nicht verlassen, wollen drei Millionen Impfdosen
da überrollten die Taliban bereits das Land. Nun herrschen sie in Kabul, loswerden / Die Gegendarstel-
Tausende Menschen versuchen verzweifelt zu fliehen. In Berlin hat unterdessen lung / So gesehen: Heute schlau

die Suche nach Verantwortlichen für das Desaster begonnen: Warum warnten 36 | Wahlkampf Die Union
die Geheimdienste nicht? | 8 bis 28 fürchtet die FDP als neue Gefahr

40 | Koalitionen Im SPIEGEL-
Streitgespräch treffen sich Kevin
Kühnert (SPD), Volker Wissing
(FDP) und Britta Haßelmann
(Grüne) zum »Ampelgipfel«

45 | Abgeordnete Die engen


Verbindungen eines CDU-
Mannes zu den Hohenzollern
Sara Naomi Lewkowicz / DER SPIEGEL

46 | Skandale Die Kranken-


schwester, die mutmaßlich Impf-
spritzen mit Kochsalzlösung auf-
Andrew Eccles / AUGUST

Andreas Weihs / IMAGO

gezogen hat, soll Verschwörungs-


mythen verbreitet haben

48 | Kriminalität Dem Kinder-


mörder »Maskenmann«
wird eine vierte Tat vorgeworfen
Mary Trump Britney Spears Helge Schneider
Die Nichte des Ex-Präsidenten Ein Weltstar als Gefangene Sein erstes Interview nach dem 50 | Sicherheit Warum ließen
fürchtet Schlimmes, falls ihr On- des eigenen Vaters – oder ist die Eklat um den Abbruch zwei Polizistinnen ihre Kollegen
kel wieder die Macht erlangt. | 86 Wahrheit komplizierter? | 112 seines Strandkorbkonzerts. | 120 bei einer Schießerei allein?

4 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


52 | Städtebau Klima schützen 86 | USA SPIEGEL-Gespräch
oder Wohnraum schaffen – mit Mary Trump über die Frage,
vielerorts drohen Konflikte welchen Schaden ihr Onkel
Donald noch anrichten kann

REPORTER 89 | Niederlande Hätte die


Polizei den Mord an Peter
54 | Familienalbum / Warum de Vries verhindern können?
machen uns Alpakas glücklich?
90 | Schweiz Report aus
55 | Eine Meldung und ihre einem der familienfeindlichsten

Rainer Unkel / IMAGO


Geschichte Ein Paar aus Sachsen Staaten Europas
feiert Weihnachten – im Juli

56 | Macht Was trieb SPORT Lindner, Laschet


Jérôme Boatengs Ex-Freundin
Kasia Lenhardt in den Tod? 93 | Was Frauen und Männer Schwarz gegen Gelb
im Reitsport unterscheidet /
Angesichts miserabler Umfragewerte wächst in der Union
64 | Der Psychotherapeut Tobias Warum werden Bundesligatrainer
die Angst vor einer Ampelkoalition. Führende Christdemokraten
Teismann über neue Erkenntnisse so oft gefeuert?
stürzen sich deshalb auf den einstigen Partner – die FDP. | 36
aus der Suizidforschung
94 | Vermarktung Die schwache
65 | Homestory Was man Fußballbundesliga
beim Segeln lernt

WISSEN
WIRTSCHAFT
100 | Bei Depressionen hilft
66 | Lufthansa macht Lounges Bewegung / Analyse: Gefahr
dicht / Douglas hat Ärger wegen durch reverse Zoonosen
Filialschließungen
102 | Katastrophenforschung
68 | Chipkrise Was bringen Warum Deutschland
Fördermilliarden der schlecht vorbereitet ist

instagram / ddp media


EU im Kampf gegen den
Halbleitermangel? 105 | Flugzeuge Konkurrenz
aus China
72 | Sanktionen Wie westliche
Firmen dem Regime 106 | Umwelt Die Miniwälder
in Belarus zu Diensten sind kommen Eine tödliche Liebe
Ex-»GNTM«-Kandidatin Kasia Lenhardt und Fußballstar Jérôme
74 | Immobilien Der Häuser- 108 | Ernährung Das Geheimnis
Boateng waren ein Paar. Sieben Tage nachdem Boateng in einem Inter-
markt floriert, doch die Makler der Mongolen-Diät
view über seine Trennung von ihr sprach, brachte sie sich um. | 56
leiden

78 | Neues Deutschland (VI) KULTUR


Mit einer Börse für Altplastik
will Gründer Christian 110 | Nina Hagen über falschen
Schiller die Vermüllung der Telegram-Account / Hitlers »Gott-
Meere stoppen begnadete« / Rapperin Nura

112 | Idole Wahrheit und


AUSLAND Dichtung im Fall Britney Spears
Bernd Thissen / picture alliance / dpa

80 | Polens Alleingang / 118 | Filme Die finstere Komödie


Italienische Rechte bedrohen »Promising Young Woman«
einen Journalisten
120 | Musiker SPIEGEL-
82 | Russland Ein Jahr nach Gespräch mit Helge Schneider
dem Giftanschlag auf Alexej über seinen Coronafrust
Spieler des
Nawalny ist dessen Bewegung FC Bayern München
zersplittert und verängstigt 123 | Filmkritik »Martin Eden«

85 | China Wie ein Onlinemob Zweitklassige Bundesliga


einen Mediziner jagt, der SPIEGEL-TV-Programm | 76 Bestseller | 117 Internationale Fußballstars machen einen Bogen um Deutschland,
Impressum, Leserservice | 124
zaghafte Kritik an der Pandemie- Nachrufe | 125 Personalien | 126
das ganz große Geld lässt sich besonders in England verdienen. Ist
politik Pekings äußerte Briefe | 128 Hohlspiegel / Rückspiegel | 130 der Fall in die Bedeutungslosigkeit noch aufzuhalten? | 94

Titelfoto: Juan Carlos Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 5


S

Der große Selbstbetrug


LEITARTIKEL Der Westen hat in Afghanistan alles Vertrauen verspielt. Dennoch können militärische
Interventionen richtig sein. Sofern Staaten wie Deutschland dabei ihre Werte nicht verraten.

war richtig, die militärischen Ziele der Amerikaner wur-


den erreicht – die Terroristen wurden gefasst oder ver-
trieben, ihr Rückzugsgebiet wurde ihnen genommen.
Das milliardenteure Folgeprojekt aber, im Land eine
westliche Demokratie zu etablieren, war ein Ausdruck
von Hybris. Der Versuch krankte daran, dass in Kabul
eine hochkorrupte Clique herrschte – und die afghanische
Armee vor allem auf dem Papier bestand. So kehrten die
Taliban zurück, unterstützt vom Nachbarland Pakistan.
Seit gut zehn Jahren war schon klar, dass die Islamisten
nur auf Zeit zu spielen brauchten. Das Scheitern des west-
lichen Militäreinsatzes war langfristig unvermeidlich.
Fast schlimmer noch als die Vergeblichkeit des Unter-
fangens ist nun unsere Unfähigkeit, jene zu beschützen,
die auf den Westen vertraut, die an ihn geglaubt und für
Muslim Shirzad / Twitter ihn gearbeitet haben. Die Bilder der Verzweifelten, die
sich vor den Toren des Kabuler Flughafens sammeln, weil
sie auf eine Evakuierung hoffen und nicht zu den Flug-
zeugen durchdringen, sind eine Schande. Sie beschädigen
die Strahlkraft des Westens weit mehr als die militärische
Niederlage. Wer soll sich künftig noch mit uns verbünden,
Flüchtende Afghanen
um eine startende
US-Maschine auf dem
Flughafen in Kabul
A m Ende dieser 20 Jahre, die mit dem Einsturz
der Türme in New York begannen und nun mit
dem Fall Kabuls enden, stehen Bilder, die sich
auf schreckliche Weise gleichen: Sie zeigen Menschen,
wenn auf uns kein Verlass ist?
Der Durchmarsch der Taliban binnen wenigen Tagen
hat die Regierenden in Washington und Berlin fassungslos
gemacht – und er lässt den Abzug der internationalen
die vom Himmel stürzen. Damals waren es Verzweifelte, Truppen überstürzt und unüberlegt erscheinen. Zumin-
die aus Angst vor dem Feuer im World Trade Center dest hätte sich die westliche Allianz rechtzeitig um ihre
in die Tiefe sprangen. Nun sind es Verzweifelte, die sich Verbündeten kümmern müssen, die nun den Taliban aus-
aus Angst vor den Taliban an einer startenden US-Mili- geliefert sind. Es ist ein unverzeihlicher Fehler, dass die
tärmaschine festklammern und aus mehreren Hundert Bundesregierung nicht früher damit begann, Ortskräfte
Metern Höhe fallen. in Sicherheit zu bringen. Sie können sich zu Recht ver-
Diese unheimliche Wiederholung ist Zufall, doch sie raten fühlen. So wie viele andere, die auf die Freiheiten
verstärkt den Eindruck, dass eine Epoche zu Ende geht: vertrauten, die der Militäreinsatz garantierte: Journalis-
Die Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September ten, Frauenrechtlerinnen, Politikerinnen.
2001 waren eine Zeit, in der Amerika sich von einer nie Der Westen wollte seine Werte nach Afghanistan
da gewesenen Verletzung in seinem Inneren erholen woll- bringen, nun wird er ihnen nicht einmal selbst gerecht:
te, in der es Kriege führte, den Terrorismus bekämpfen Wenn deutsche Ortskräfte, wie im Fall der Entwicklungs-
und vielleicht sogar eine freiere Welt schaffen wollte – hilfeorganisation GIZ, den offiziellen Bescheid erhalten,
dieses neokolonialistische Projekt endete in Enttäuschung, dass sie nur »unverheiratete Töchter« mitnehmen dürfen,
im Rückzug auf sich selbst. aber keine 18-jährigen Söhne, dann ist etwas gehörig ver-
Der Krieg in Afghanistan war der erste dieser Kriege, rutscht. Die Angst der Regierung, vor der Bundestags-
er ist nun als letzter zu Ende gegangen – mit einer demü- wahl zu viele Flüchtende aufzunehmen oder davor, dass
tigenden Niederlage, nicht nur für Amerika, sondern für sich »2015 wiederholt«, ist so groß, dass sie alles über-
den ganzen Westen. Auch für die Deutschen. schattet. Sie verstellt den Blick aufs Wesentliche: Es geht
Bedeutet das Scheitern in Afghanistan, dass militärische um eine überschaubare Zahl von Menschen, die ernsthaft
Die Angst Interventionen grundsätzlich falsch sind und nie etwas gefährdet sind.
bringen? Nein, natürlich nicht. Es gab und gibt westliche Wenn überhaupt etwas bleiben soll vom deutschen
der Regierung, Interventionen, die unausweichlich und sinnvoll sind. Der Kampf für westliche Werte in fernen Landen, dann muss
dass sich Nato-Einsatz zum Stopp des Völkermords in Ex-Jugosla- die Bundesrepublik jetzt denjenigen Schutz bieten, für
wien war zwingend – und erfolgreich. Der amerikanische die sie durch ihren Einsatz vor Ort die Verantwortung
»2015 wieder- Krieg im Irak 2003 gründete dagegen auf Lügen, er war trägt. Und sie muss, so bitter das ist, mit den Taliban
ein Fehler, der die ganze Region auf Jahre destabilisierte. darüber verhandeln, dass diese Menschen das Land
holt«, über- Und Afghanistan? Der Kampfeinsatz gegen al-Qaida und verlassen dürfen – und dafür notfalls einen Preis ent-
schattet alles. die Taliban nach den Anschlägen vom 11. September 2001 richten. Mathieu von Rohr I

6 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


TITEL

Die
Unbezwingbaren

Talibankämpfer in Kabul

8 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


TITEL

AFGHANISTAN Wie eine


Geisterarmee rollten die
Taliban über das Land
hinweg und übernahmen
binnen wenigen Wochen
die Kontrolle. Der Westen
schaute konsterniert zu.
Wie konnte es nur zu einem
solchen Durchmarsch
kommen – und was wollen
die neuen Herrscher?
Von Christoph Reuter

A
nfang Juli, als der große Sturm
noch nicht begonnen hatte, war
Kabul bereits umzingelt von den
Taliban, fast unbemerkt. Nirgend-
wo anders kamen die Kämpfer
der afghanischen Hauptstadt so nahe wie am
Qargha-See, einem Ausflugsgebiet der Kabu-
ler am westlichen Stadtrand. In den Dörfern
hinter der nächsten Hügelkette stünden die
Taliban bereits, hieß es. Die letzte Frontlinie
sei der Luna-Park am Ufer des Sees.
Tagsüber gingen Familien mit Kindern
noch zu den Karussells und Ausflugslokalen,
schipperten mit Tretbooten in Schwanenform
übers Wasser. Sogar ein sechsköpfiger Trupp
der Spezialeinheiten picknickte in einem der
Holzpavillons am Wasser. Ein Mann musste
Wache halten am Geschützturm des gepan-
zerten Humvee, die anderen rauchten Was-
serpfeife und tranken bunte Limonade.
Am nächsten Mittag traf ich einen der füh-
renden Militärkommandeure der Taliban für
Kabul, der mich mitten in der Stadt in einem
unauffälligen Bürogebäude empfing. Auf die
Frage, wie weit die Taliban noch laufen müss-
ten bis zum Ufer des Sees, antwortete er:
»Überhaupt nicht weit.« Er wirkte seelen-
ruhig, ein glatt rasierter Emissär der Angst.
»Sie sind nämlich längst da. Es sind die Wach-
leute der Restaurants, die Karussellbetreiber,
die Putzleute. Zu gegebener Zeit wird es dort
voll sein von Taliban.«
Sechs Wochen nach unserem Treffen, Mit-
te August, fuhr derselbe Mann mit zehn Leib-
wächtern sowie dem obersten Kommandeur
für die Eroberung Kabuls zum Präsidenten-
palast. Er hatte nicht gelogen, als er behaup-
tete, dass sich seine Männer bereits unter
den Ausflüglern am See befänden. Was er
verschwiegen hatte: Sie waren auch mitten
in der Stadt.
Mehrere Zeugen in verschiedenen Vierteln
schildern nach dem Fall Kabuls ähnliche Be-
obachtungen: »Es fing im April an«, sagt ein
alter Bekannter aus dem Westen der Stadt.
»Immer mehr Auswärtige kamen plötzlich ins
Rahmat Gul / AP

Viertel. Bärtig, nicht bärtig, gut angezogen,


abgerissen, völlig unterschiedlich. So wären
sie gar nicht aufgefallen, aber von den An-

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 9


TITEL

schine klammern. Wenig später: wie


sich aus mehreren Hundert Metern
Höhe kleine Punkte vom Flugzeug
lösen, Menschen in den Tod stürzen.
Und dann die triumphalen Gesten
der bärtigen Sieger, die mit Kalaschni-
kows auf Pick-ups durch Kabul fuh-
ren. Die in den Präsidentenpalast
schlenderten und vor Kameras posier-
ten, als gehörte das Gebäude immer
schon ihnen. Die den Afghaninnen
und Afghanen zuriefen: Keine Angst,
Marcus Yam / Los Angeles Times / Getty Images

geht zur Arbeit, geht eurem Leben


nach, wir tun euch nichts. Ihr müsst
euch nur an unsere Regeln halten.
Wer trägt die Schuld an diesem
Desaster – US-Präsident Joe Biden,
wie sein Vorgänger Donald Trump es
umgehend in die Welt dröhnte? Das
Debakel werde »als eine der größten
Niederlagen in die amerikanische Ge-
schichte eingehen«, sagte Trump –
verschwieg dabei aber, dass er es war,
wohnern merkte jeder: Die sind nicht Anti-Taliban- Es scheint, als hätten alle Bemü- der das Abkommen mit den Taliban
von hier.« Wie ein Ameisenvolk si- Protest in Kabul am hungen der vergangenen zwei Jahr- im Februar 2020 geschlossen hatte,
Donnerstag: Wie
ckerten sie nach Kabul ein. Auch im eine Lawine stürzte zehnte, all die Straßen, Schulen, welches den US-Abzug besiegelte.
Norden und Osten der Stadt tauchten die Staatsmacht Brunnen, Häuser, die gebaut wurden, Andere sahen den Fall Kabuls als
Auswärtige auf, die auf Nachfrage in sich zusammen die mehr als 1000 Milliarden Dollar, »Ergebnis einer großen, organisierten
erzählten, sie seien wegen Geschäf- die in das Land geflossen waren, und feigen Verschwörung«, wie der
ten, eines neuen Jobs nach Kabul nicht vermocht, Afghanistans Mehr- Warlord und frühere Gouverneur in
gekommen. heit entschlossen auf die Seite der Masar-i-Scharif, Atta Mohammed
Dann, am vergangenen Sonntag- Geldgeber zu ziehen. Noor, nach seiner überstürzten
morgen, »kamen sie aus den Häu- Gleich einer Lawine, die zunächst Flucht im Hubschrauber wirr auf
sern, mit weißer Taliban-Fahne und im Norden mit dem Verlust mehrerer Facebook wütete. Ashraf Ghani, nun-
manchmal mit Pistole bewaffnet«, Bezirke begonnen hatte, stürzte in- mehr Ex-Präsident von Afghanistan,
sagt ein Bewohner aus dem Osten der nerhalb von Wochen die afghanische klagte bereits im Mai im SPIEGEL-
Stadt. Es ist der ultimative Sieg über Staatsmacht in sich zusammen. Erst Gespräch über ein von Pakistan
Amerikas Hightech-Streitkräfte, de- fielen Bezirke, deren Namen im Wes- »organisiertes System der Unterstüt-
ren Luftüberwachung machtlos bleibt ten kaum jemand je gehört hatte; zung«, welches das Land destabilisie-
gegen diese Armee aus Fußgängern dann kippten ganze Provinzen, erga- re. »Die Taliban erhalten dort Logis-
und Motorradfahrern, die in den ben sich Tag um Tag die Metropolen: tik«, zählte Ghani auf, »dort sind die
kommenden Stunden aus der Stadt Kunduz, Herat, Masar-i-Scharif, Kan- Finanzen, dort wird rekrutiert.«
heraus und von außen Kabul über- dahar. Je dramatischer der Sturz, des- Die Liste des anklagenden Chors
rennen. Später am Tag werden sie in to leiser, widerstandsloser wurde er – ließe sich fortsetzen. Doch die Ursa-
erbeuteten Polizeiautos durch die bis Kabul, die Hauptstadt, still vor chen dieses Scheiterns reichen bis zu
Straßen kurven, aus der Luft ein per- Furcht innerhalb von Stunden ein- den Anfängen des Einmarsches, die
fektes Bild der Verwirrung. fach aufgab. Ankläger von heute waren selbst da-
Wie konnte das passieren? Wie ran beteiligt an diesem bislang teu-
konnte man Afghanistan wieder an Dem Schock folgte die Panik. Zu ersten Selbstbetrug des 21. Jahrhun-
genau jene verlieren, die 2001 nach Zehntausenden rannten Menschen ge- derts. Nur wer begreift, wie es zu die-
nur zwei Monaten besiegt, ja zer- gen die Mauern des Kabuler Flug- sem Desaster kam, kann auch verste-
schlagen worden waren? hafens an, dem letzten Nadelöhr, um hen, wie es nun weitergehen könnte.
20 Jahre lang waren die USA, aber Afghanistan die Stadt, das Land noch zu verlassen. Es gibt keinen Plural von Selbst-
auch Deutschland, Großbritannien, Die meisten Landgrenzen zu den betrug, aber den brauchte es im Fall
Kanada und andere Staaten mit all werde Nachbarstaaten, über die Flüchtende von Afghanistan. Seit Beginn der In-
ihrer militärischen Überlegenheit und als »eine hätten entkommen können, hatten die tervention, als Washington dachte,
zeitweilig mit mehr als 130 000 Sol- Taliban längst abgeriegelt. Bald gaben Militärs allein könnten das Land be-
daten dort im Einsatz. Die afghani- der größten die Metallzäune des Flughafens nach, frieden, bis zu Beteuerungen aus Ber-
sche Armee, die Polizei wurden über Nieder- verschwanden die Wächter, drängten lin, man müsse nur noch ein wenig
die Dauer einer ganzen Generation die Massen ins Terminal, aufs Rollfeld. länger bleiben, um die Lage zu dre-
wieder und wieder trainiert und aus- lagen in Wenn später einmal Bilder bleiben hen, reichen die Irrtümer auf west-
gerüstet – um am Ende vor einem die US- werden, die sich ins kollektive Ge- licher Seite. Inklusive der Annahme,
Vormarsch von Fußgängern fast gänz- dächtnis der Welt gebrannt haben mit genügend Geld und Training lie-
lich kampflos zu kapitulieren. Denn Geschichte vom Fall Kabuls, dann diese: Männer, ße sich eine Nation schaffen und ein
das geschah in den Morgenstunden eingehen«, die neben einem riesigen, langsam Staat beschützen. Auch auf afghani-
des vergangenen Sonntags, als die beschleunigenden C-17-Militärflug- scher Seite haben sich die Regierun-
Taliban wie eine Geisterarmee in Ka-
sagte zeug herlaufen und sich verzweifelt gen und weite Teile der Bevölkerung
bul auftauchten. Trump. an die Radkästen der rollenden Ma- zwei Jahrzehnte lang in jenem Selbst-

10 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


Krieg und Frieden Bilanz des Konflikts in Afghanistan
Die Herrschaft der Taliban und der Einsatz Einsatzkräfte
westlicher Truppen in Afghanistan
aus Afghanistan den USA anderen Ländern

300.000
Macht der Taliban
2001 bis 2014: 2015 bis 2021:
Einfluss der Taliban in den afghanischen Provinzen … US-geführte Anti- US-geführte Operation
Terroroperation »Freedom‘s Sentinel« und
unter großer 150.000 »Enduring Freedom« Nato-Ausbildungsmission
Kontrolle Einfluss moderat gering kein Einfluss und Nato-Mission »Resolute Support«
»Isaf«
… und in den Provinzhauptstädten
unter Kontrolle von den Taliban bedroht kein Einfluss
2001 2010 2020

Stand »Resolute Support«: Februar 2021


2000 Vor den Terroranschlägen
am 11. September 2001
Die Taliban kontrollieren die Todesopfer
meisten Provinzen. Der Nord-
osten ist in der Hand der afghanische Sicherheitskräfte Zivilisten Soldaten der westlichen
Nordallianz, eines militäri- Allianz
schen Zweckbündnisses aus 12.000
verschiedenen Volksgruppen.

6000

2002 US-Truppen und deren


Verbündete marschieren ein 2001 2010 2020
Die Taliban bieten eine be-
dingungslose Kapitulation an, Daten für getötete afghanische Sicherheitskräfte seit 2007, für getötete Zivilisten seit 2009
die von den USA abgelehnt
wird. Wenige Monate später
haben die Taliban die Kontrolle Registrierte afghanische Flüchtlinge
über alle Provinzhauptstädte
verloren. im Inland im Ausland
5,5 Mio.
5,0 Mio.

2009 Taliban erlangen wieder insgesamt 5,0 Mio.


militärische Stärke
2,5 Mio.
Die Taliban gewinnen besonders
in den südlichen Provinzen
wieder an Einfluss. Die USA
erhöhen daraufhin im Jahr
2010 ihre Truppenstärke auf
fast 100.000 Soldaten. 2001 2010 2020

2012 Taliban lassen


sich nicht besiegen
Masar-i- Kunduz 200 km
Westliche Truppen kontrollieren Scharif
wieder weite Teile des Landes, Pandschir-
Tal
doch auch die Verluste aufseiten
der Allianz steigen. 2014 kündigt
US-Präsident Barack Obama den
Rückzug der Truppen an.
Herat Kabul

20. Juni Während des Abzugs der Rückkehr der Taliban


2021 Nato- und US-Truppen Talibankämpfer erobern
US-Präsident Joe Biden setzt am 15. August die Haupt-
den vollständigen Abzug bis zum Kandahar stadt Kabul. Bis auf das
11. September an. In einer groß Pandschir-Tal steht nun
angelegten Offensive rücken zentraler Teil des das ganze Land unter
die Taliban in fast alle Gebiete Straßennetzwerks ihrer Kontrolle.
des Landes vor. »Ring Road«

S Quellen: The Brookings Institution; FDD’s Long War Journal; icasualties.org; The Military Balance; Nato; Unama; UNHCR

TITEL

betrug eingerichtet, dass die USA nie wieder des 11. September 2001. Während die Trüm- ge Qaida-Führung gefangen zu nehmen und
abziehen würden. mer der eingestürzten Zwillingstürme in New auszuliefern. Die Taliban sagten Nein. Ob sie
Manche Lügen dienten der Vertuschung, York noch rauchten, wurde der Drahtzieher auch nein meinten oder willens gewesen wä-
andere geschahen aus Ignoranz, wieder an- des größten Terroranschlags der jüngeren Ge- ren, Osama und die Oberen gesichtswahrend
dere wurden ernsthaft geglaubt. Ein fatales schichte in Afghanistan ausgemacht. Qaida- einsammeln zu lassen, wie es einige aus der
kollektives Missverständnis, das eine sechs- Führer Osama Bin Laden hatte mit seinen Führung später behaupteten, bleibt ungeklärt.
stellige Zahl von Afghanen und mehr als Anhängern einen Staat im Staate im »Emirat« Die Nato rief den Bündnisfall aus. Der Uno-
3500 ausländische Soldaten das Leben ge- der Taliban aufgebaut. Washington ging es Sicherheitsrat verabschiedete einstimmig die
kostet hat. Das Afghanistan ungewollt auf zunächst um Vergeltung, Gerechtigkeit, nicht Resolution 1368, legitimierte den kommenden
eine 20-jährige Umlaufbahn geschickt hat, um Staatsaufbau. Bundeskanzler Gerhard Angriff als Akt der Selbstverteidigung.
von einer Taliban-Herrschaft in die nächste. Schröder versprach den USA die »uneinge- Am 7. Oktober 2001 begannen die Angrif-
Währenddessen wurde eine ganze Genera- schränkte Solidarität« Deutschlands. fe mit Marschflugkörpern, Kampfflugzeugen
tion in den Städten in der Annahme groß, und B-2-Langstreckenbombern auf Kandahar
ihre von den ausländischen Mächten garan- Es war eine andere Zeit, geprägt von den Er- und andere Ziele in Afghanistan. Die afgha-
tierte Freiheit sei die Zukunft, kein Dasein folgen und Schrecken des zu Ende gegange- nischen Verbündeten der Nordallianz kamen
auf Abruf. nen Jahrtausends. Die Nachwehen der Eu- mit Kalaschnikows und Reitertruppen. Am
Ich schreibe dies aus der Erfahrung, in den phorie von 1989, als der Ostblock dem eiser- 13. November fiel Kabul, kampflos, am 7. De-
vergangenen 19 Jahren immer wieder durch nen Griff Moskaus entkam und die Tschecho- zember die Taliban-Gründungsstadt Kanda-
Afghanistan gereist zu sein und drei Jahre slowakei, Polen, Ungarn zurückkehrten zur har. Zwei Monate, um zu siegen.
lang als Korrespondent in Kabul gelebt zu Demokratie. Andererseits hatten die Gräuel Damals, im Winter des Furors, fragten we-
haben. Und aus der tristen Erkenntnis, das von Ruanda, das Niedermetzeln von mindes- der die Öffentlichkeit noch die Regierungs-
absehbare Misslingen dieses Projekts schon tens 800 000 Menschen unter den Augen der apparate nach Plänen und der Zukunft des
2009 beschrieben zu haben. »Rafft man Uno die Überzeugungen des »Nie wieder« Einsatzes. Auf dem Petersberg bei Bonn fand
den Verlauf der vergangenen acht Jahre in gestärkt. Der Nato-Einsatz in Jugoslawien, im Dezember 2001 die erste Afghanistan-
Afghanistan zusammen, ergibt sich folgende umstritten in Deutschland, hatte die serbi- Konferenz statt, eine Versammlung der Sie-
Gleichung: Je länger das internationale En- schen Sicherheitskräfte im Kosovo immerhin ger, die teils von der Rückkehr des 1973 ab-
gagement dort andauert, desto schlechter gestoppt. Die islamistische Taliban-Bewe- gesetzten Königs Zahir Schah träumten. Wer
wurde die Lage«, war mein Fazit damals, gung, nach jahrelangem Bürgerkrieg Herr- auf dem Petersberg fehlte und bei allen wei-
»egal wie viele Tausend Kilometer Straße, scher über den Großteil Afghanistans, war teren Runden fehlen würde, waren die Tali-
wie viele Schulen gebaut und Brunnen ge- nur eine Randnotiz des Schreckens gewesen. ban. Niemand wollte sie dabeihaben.
bohrt wurden.« Das war die Lage, als Washington nach Ich kam im glutheißen Sommer 2002 nach
Niemand hatte den Plan gehabt, in diese dem Grauen des 11. September die Taliban Afghanistan. Die US-Luftwaffe hatte eine
Lage zu geraten. Auslöser war der Schock ultimativ aufforderte, Bin Laden und die übri- Hochzeitsfeier auf dem Lande bombardiert.

Wakil Kohsar / AFP

Flüchtende belagern eine Maschine der afghanischen Fluglinie Kam Air: Ins kollektive Gedächtnis der Welt gebrannt

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Sagten die Überlebenden. Die US- Bis dahin hatten Deutschland und
Militärsprecher hielten dagegen, die USA schon so viel Kapital inves-
Bordschützen hätten aus Notwehr tiert, finanziell wie politisch, dass sie
gefeuert, seien vom Boden aus be- zu Geiseln ihres Projekts geworden
schossen worden. waren. Mangels anderer Erfolge ver-
Das klang so abstrus, dass wir hin- kaufte die internationale Hilfsgemein-
fuhren, unbehelligt, mitten durch die schaft es 2009 schon als großen
Provinzen Kandahar, Helmand, Uruz- Erfolg, dass überhaupt Wahlen in
gan. Das alte Herzland der Taliban. Afghanistan stattfanden. Doch als
Nur dass die nicht mehr da waren. immer mehr Beweise auftauchten,
»Ach«, sagte am Abend ein Afghane wie Karzais Entourage Wahlbetrug
am Feuer eines Rasthauses in der Step- orchestriert hatte, steckte sie in der
pe, »ja, bei den Taliban war ich auch! Klemme: Erkannte sie einen gefälsch-

Wakil Kohsar / AFP


Ja, jetzt ist es vorbei mit denen«, la- ten Wahlsieg an, würde sie fortan
konisch, nicht unfroh, denn seither eine Regierung ohne Legitimität un-
konnte er wieder Mohn anbauen. Das terstützen. Erkannte sie ihn nicht an,
hatten die Taliban im letzten Jahr ih- müsste sie eigentlich jene Regierung
rer Herrschaft noch rigoros verboten. Milliardensummen für Bauprojek- US-Soldat beim zum Rücktritt drängen, die sie bisher
In dem bombardierten Dorf in te, Straßen, Kraftwerke verdampften Freiräumen mit Abermilliarden gepäppelt hatte.
des Rollfelds in
Uruzgan stellte sich rasch heraus, über die Jahre. Gerichtsurteile waren Kabul: Dem Schock
Um einen Mittelweg zu finden,
dass die Geschichte ganz anders ver- käuflich, die Korruption zerfraß den folgte die Panik drückte Washington gegen den Wi-
laufen war: US-Truppen hatten nicht Staat. Die Bauern, zumal in den derstand Karzais einen zweiten Wahl-
nur aus der Luft angegriffen, sondern paschtunischen Provinzen, blieben gang durch. Der sollte von Uno-Wahl-
waren auch mit einem Konvoi schwer arm und wurden kujoniert von den beobachtern kontrolliert werden.
bewaffneter Infanteristen eingerollt. Milizionären der neuen Herrscher, Was dann geschah, gehört zu den düs-
Es war keine Notwehr gewesen, son- die einfielen, um Taliban zu jagen, tersten Momenten des Opportunis-
dern ein geplanter Angriff. Eine Stam- aber dann die Mandelbäume abhack- mus der US-Regierung und der Uno.
mesfraktion in Kandahar hatte aus- ten und die Dörfer plünderten. Im Morgengrauen des 28. Okto-
gerechnet Verbündete von Präsident Amerikanische wie deutsche Poli- ber überfielen drei Attentäter das
Karzai bei den Amerikanern als Tali- tiker haben die ewige Fortsetzung des Uno-Gästehaus in Kabul, erschossen
ban angeschwärzt. Militäreinsatzes gern damit begrün- die Wächter, drangen in den Hof ein
Man konnte die US-Militärs nicht det, die Taliban seien »noch da«, und gingen daran, die knapp 30 Uno-
besiegen, aber benutzen. Ein Muster, müssten weiter niedergerungen wer- Mitarbeiter zu ermorden. Bis sie
das sich fortwährend wiederholen den. Aber das stimmt nicht. Sie sind unerwartet auf Gegenwehr stießen.
und zum kläglichen Misserfolg der erst nach Jahren langsam wiederauf- Louis Maxwell, ein amerikanischer
Intervention beitragen würde. Die erstanden, erst im Süden, dann im Ex-Militär und Sicherheitsbeamter,
große Ratsversammlung im Juni Norden. Seit 2007 rekonstruierte ich schaffte es anderthalb Stunden lang,
2002 in Kabul »war der Moment, in monatelang mit einem ehemaligen die Angreifer von einem der Dächer
dem es scheiterte«, erinnerte sich der Mullah ihre langsame Rückkehr in aus in Schach zu halten. Hilfe der af-
damalige deutsche Uno-Offizielle seinem Heimatbezirk Andar, südlich ghanischen Polizei, der Armee kam
Thomas Ruttig, der später das Afgha- von Kabul: »Der Groll gegen alles nicht – mitten in Kabul. Als die drei
nistan Analysts Network mitbegrün- Fremde, gegen Amerikaner, Tadschi- Angreifer ihre Selbstmordgürtel ge-
dete: »Der Moment, als der US-Son- ken, Polizisten ist untrennbar genährt sprengt hatten, wankte Maxwell ins
dergesandte Zalmay Khalilzad die worden von echtem Unrecht, maß- Freie, telefonierten vier weitere Uno-
Warlords zurückbrachte.« Jene Män- losen Übertreibungen und Erfunde- Mitarbeiter noch, dass sie jetzt he-
ner, die zuvor im Bürgerkrieg das nem«, schrieben wir damals. rauskämen.
Land ruiniert, aber der Regierung Minuten später waren alle tot, die
von George W. Bush im Kampf gegen Im Norden schwärmten die Bundes- vier direkt von vorn erschossen, Max-
die Taliban geholfen hatten. wehrsoldaten damals noch von »Bad well, während er zwischen afghani-
Khalilzad und andere zwangen Kunduz« und der Ruhe in ihren Pro- schen Soldaten auf der Straße stand.
die Ratsversammlung, neben den ge- vinzen. Als dann ein neuer Polizei- Niemand von diesen zuckte, schaute
wählten Entsandten 50 weitere Män- chef ernannt wurde und sein Schre- auf, als ein einzelner Schuss Maxwell
ner aufzunehmen – Milizführer, die ckensregime in Kunduz errichtete, niederstreckte. Seine Leiche schleiften
vor den Taliban durch Angst und Bauern und ihre Marktstände nieder- sie in den Hof. Erst ein zufällig von
Schrecken geherrscht hatten. Männer prügeln ließ, wenn sie nicht genug einem deutschen Sicherheitsmann
wie der Tadschike Mohammed Fa- Schmiergeld abgaben, schauten die von einem Dach mehrere Häuser wei-
him, dem Massaker und Entführun- Soldaten tatenlos von ihrem Hügel ter aufgenommenes Video von Max-
gen vorgeworfen wurden, oder Usbe- über der Stadt aus zu. Sie seien ja nur Minuten wells Ermordung brachte die internen
kenführer Raschid Dostum, der viele als »Assistance Force« der afghani- Uno-Ermittler Monate später auf die
Hundert gefangene Taliban ermor- schen Regierung hier. So kamen die später Spur. Doch alles sollte geheim bleiben.
den und später seine Gegner mit Fla- Taliban auch in Kunduz wieder, über- waren alle Im Sommer 2010 bat mich ein FBI-
schen vergewaltigen ließ, wurden nahmen Dorf um Dorf. Bis die Deut- Ermittler um ein Treffen in Kabul.
später Vizepräsidenten. Die neuen schen nicht einmal mehr sechs Kilo-
tot. Max- Auf die Frage, was nun geschehe,
Machthaber wichen nicht wieder. Als meter weit ausrücken mochten und wells Leiche schüttelte er den Kopf: Es werde kei-
Erstes gingen sie daran, sich ausgiebig im September 2009 von der US-Luft- schleiften ne weiteren Ermittlungen geben. Wa-
an ihren einstigen Feinden zu rächen waffe 91 Menschen zu Tode bomben shington wolle Karzai nicht desavou-
und die neue Regierung als Beutegut ließen. Der deutsche Befehlshaber sie in den ieren. Nach dem Anschlag wurde die
zu plündern. hatte sie für Aufständische gehalten. Hof. Hälfte des Uno-Personals abgezogen

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und der zweite Wahlgang abgesagt. geopolitische Verschwörungen, was »Jeder Das Geld lockte die Gierigen in
Hamid Karzai bekam seinen Sieg. auch immer. So ließ sich gegen die Regierung und Armee, schuf eine Eli-
Sowohl die Amerikaner als auch amerikanischen Besatzer hetzen und versucht, te, die sich immer hartnäckiger ab-
die anderen Nato-Partner ließen Kar- zugleich jede Rechnung nach Wa- noch in schottete gegen Versuche, die Korrup-
zai, seine korrupte Familie und sei- shington schicken. tion zu stoppen. Selbst in den letzten
nen Geheimdienst stets davonkom- Diese angebliche Unmündigkeit, letzter Wochen vor dem Untergang »wurde
men. Die Briten mochten sich der Be- kombiniert mit großer patriotischer Minute es noch schlimmer, nicht besser«, er-
kämpfung des Drogenrohstoffanbaus Geste, wurde gehegt und gepflegt in zählte kurz vor seinem Abschied im
widmen. Als dann britische SAS-Eli- Kabul. Selbst als Donald Trump An- Kasse zu Juli Yama Torabi, der Gründer von
tesoldaten zufällig auf ein riesiges fang 2020 seinen Abzugsdeal mit der machen«, Integrity Watch Afghanistan und pro-
Opiumlager in einem Gehöft bei Kan- Taliban-Führung verkündete, reagier- minentester Korruptionsbekämpfer
dahar stießen, das dem Halbbruder ten viele mit Unglauben. Als Joe Bi-
sagt der des Landes: »Jeder versucht, noch in
des Präsidenten gehörte, wurde allen den im April dieses Jahres konkrete Korrup- letzter Minute Kasse zu machen.«
britischen Diplomaten ein Maulkorb Abzugsdaten nannte, wollten viele
verpasst. Als 2011 zwei deutsche es immer noch nicht glauben. Selbst
tions- Bis Anfang Juli verließen die US-
Wanderer am Salang-Pass nördlich als Ende Juni Ashraf Ghani nach Wa- bekämpfer. Truppen ihre riesigen Luftwaffen-
von Kabul ermordet worden waren shington flog, hofften viele im Präsi- basen erst in Kandahar, dann in Ba-
und die Spuren zu einem Auftragskil- dentenpalast und in den Ministerien, gram nördlich von Kabul heimlich
ler des Geheimdienstes NDS führten, dass Biden in letzter Sekunde sagen über Nacht. Sie gaben nicht einmal
wurde auch dies still begraben. würde: Ach, wir bleiben doch! ihren afghanischen Wachmannschaf-
Währenddessen schuf die giganti- ten Bescheid. Die absolute Priorität
Es war die Zeit von US-Präsident sche Präsenz der ausländischen Trup- der Amerikaner lag auf »force pro-
Barack Obama – und seinem damali- pen jenseits ihrer Ziele fatale Abhän- tection«, dem Schutz der eigenen
gen Vize Joe Biden, der acht Jahre gigkeiten. So schickte sie für mehr als Leute. Die Verbitterung über die eins-
lang das sich hinschleppende Desas- ein Jahrzehnt die afghanische Wirt- tigen Verbündeten wuchs. Beim Ab-
ter miterlebte. Biden hatte bereits zu- schaft in eine Sackgasse. Die Provin- zug aus einer Basis der Spezialeinhei-
vor ein Dinner mit Karzai wutbe- cial Reconstruction Teams, PRTs, wie ten zerstörten US-Soldaten zuvor
bend und abrupt verlassen, nachdem die Hauptquartiere der jeweiligen noch fast alle gepanzerten Gelände-
er ihn auf die Korruption, die krimi- Nato-Truppe genannt wurden, woll- wagen. »Die landen sonst eh nur auf
nellen Machenschaften der Regie- ten sich den Frieden in ihrer Provinz dem Schwarzmarkt«, so der Kom-
rungsspitze angesprochen hatte und kaufen. Bauprojekte wurden verge- mandeur. Ihm überließen sie das letz-
Karzai nur zurückgab, die USA seien ben, lokale Medien und Sicherheits- te intakte Fahrzeug.
schließlich für alles verantwortlich, firmen gesponsert. Nach und nach Der dramatische Abgang war si-
was in Afghanistan schieflaufe. wuchsen die PRTs fast überall zum cher nicht die Intention Washingtons.
Bidens heutiges Beharren, sein un- größten Arbeitgeber. In Faizabad im Aber er löste den inneren Zusammen-
bedingtes Festhalten am vollständigen Nordosten bekam ein Warlord von bruch der Regierung, der Armee, des
und raschen Abzug mag auch dem der Bundeswehr einen fünfstelligen ganzen Staates aus. »Wir haben doch
Wissen und der Wut aus jenen Jahren Betrag im Monat für die Bewachung nie an etwas wirklich geglaubt«, sagt
geschuldet sein. Er hat gewusst, dass des Armeelagers, damit er es nicht der alte Milizenführer Hadschi
die Lage fatal ist. Nur war sie am Ende beschießen ließ. Dschamschid im Norden, der schon
noch viel fataler als erwartet. Die mit den Milliardenzahlungen vor 25 Jahren gegen die Taliban ge-
Obama hatte mit immer mehr genährte Korruption habe »dem Auf- kämpft hatte. »Sie kämpfen für die fal-
Truppen versucht, die Lage unter bau der Regierung, der wir doch hel- sche Sache. Aber verdammt, sie sind
Kontrolle zu bringen. 2011 standen fen wollten, eher geschadet«, resü- bereit zu sterben dafür. Wir nicht.«
mehr als 100 000 US-Soldaten in Af- mierte im März John Sopko, seit Schon im Juli gab in den west-
ghanistan. Sie konnten fast an jedem knapp einem Jahrzehnt amerikani- lichen Geheimdiensten und Militär-
Punkt des Landes siegen, aber nicht scher Special Inspector General for Af- Ex-Präsident apparaten kaum noch jemand viel
Karzai (3. v. l.) mit
überall zur selben Zeit. Und vor al- ghanistan Reconstruction, dessen Be- Taliban-Delegation:
auf die afghanischen Sicherheitskräf-
lem: Ihre sprunghaft gestiegenen An- richte seit Langem die haarsträubende Der Selbstbetrug te. Immerhin, Kabul würde sich hal-
griffe, die Opfer unter der Zivilbevöl- Gemengelage minutiös belegen. wurde zum Mantra ten lassen, sagten die stetig nach un-
kerung, ihre Überlegenheit waren pu- ten korrigierten Prognosen. Noch für
rer Treibstoff für den machtvollsten sechs Monate, hieß es im Juni aus Wa-
Mythos ihrer Gegner – dass die Ame- shington. Noch für 90 Tage, erwarte-
rikaner ungläubige Besatzer seien, te der BND kurz vor dem Fall. Noch
die es zu vertreiben gelte. für 17 Tage, schätzte am vergangenen
Dieser Mythos von der ausländi- Samstag ein hoher Sicherheitsverant-
schen Besatzung war so nützlich, wortlicher einer internationalen Or-
dass sowohl die Taliban als auch die ganisation in Kabul. Die minutiöse
afghanische Regierung ihn pflegten, Luftraumüberwachung der Amerika-
nur aus entgegengesetzten Gründen. ner mit Drohnen und B-52-Bombern,
Abdullah Abdullah / Facebook / REUTERS

Den Aufständischen half es bei der die fortwährend über der Hauptstadt
Mobilisierung. Für die Herrschenden kreisen, werde die Taliban zumindest
war es bequem. Vor allem der dama- bis zum endgültigen Abzug der US-
lige Präsident Hamid Karzai machte Truppen von einem Angriff auf Ka-
den Selbstbetrug zum Mantra: Nie- bul abhalten.
mals würden die USA abziehen. Viel Doch dann kam es anders. Schon
zu groß seien ihre Interessen in Af- seit dem Frühjahr konnten die Tali-
ghanistan, sagenhafte Bodenschätze, ban offenbar ungestört von afghani-

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schen Sicherheitskräften Tausende Kämpfer


in die Hauptstadt schleusen. Beim Treffen im
Juli in Kabul hatte mir der Taliban-Militär-
kommandeur akkurat geschildert, dass im
Frontgebiet am Ausflugssee die Kämpfer
längst in Wartestellung seien. Am Tag des
Sturms sind manche in Videos zu sehen, wie
sie dort Autoscooter fahren und begeistert
auf einem Trampolin hüpfen.
So stimmig seine Lagebeschreibung vom
Luna-Park war, so unklar bleibt, was die
neuen Herrscher mit ihrer jäh gewonnenen
Macht genau anfangen wollen. Der Kom-
mandeur hatte davon gesprochen, dass die
Führung offen für eine gemeinsame Über-
gangsregierung sei. Dass die alte Macht so
gänzlich implodierte und Präsident Ashraf

Akhter Gulfam / EPA


Ghani noch am Sonntag aus der Stadt floh
und in den Vereinigten Arabischen Emiraten
Unterschlupf fand, hatten wohl nicht einmal
die Taliban-Obersten erwartet. Die Einnah-
me Kabuls sei »unerwartet« geschehen, sag- Gestrandete an der afghanisch-pakistanischen Grenze: Wie können die Taliban überhaupt herrschen?
te ihr bekanntestes Gesicht in einer Video-
ansprache, Mullah Abdul Ghani Baradar, an abermals Hinterland für Terrorgruppen Schon beschrieb die TV-Moderatorin
der 53-jährige Verhandlungsführer ihres wird, schlicht noch keine Antwort. Was die Shabnam Dawran, eine der bekanntesten
Politbüros. Taliban auf jeden Fall wollen, ist: die Macht Journalistinnen des Landes, in einem Video
Wen aus dem gegenwärtigen Führungs- über Afghanistan. Da sind sie Nationalisten. ihre Erfahrung mit den neuen Herrschern:
quartett wird dieser Sieg an die Spitze tragen? Terror im Ausland dagegen, das haben sie »Ich habe meinen Mut zusammengenommen
Nicht einmal das ist klar. Mullah Baradar, der 2001 bitter lernen müssen, kann in kürzester und bin zur Arbeit gegangen. Dann haben
umgehend aus Katar nach Afghanistan geflo- Zeit zu ihrem Sturz führen. Was dazu beige- die Taliban mich nicht reingelassen.« Sie solle
gen wurde, hatte einst mit dem legendären tragen haben dürfte, sie zu einer Organisation nach Hause gehen, gab man ihr zu verstehen,
Mullah Omar die Taliban mitbegründet und zu formen, die kontrollbesessen ist, anders die Regeln hätten sich geändert. »Mein Leben
ist heute Senior im Führungsquartett. Bara- als während ihrer ersten Herrschaft vor der ist in Gefahr«, sagte Dawran und bat die Welt
dar hat maßgeblich unter Ausschluss der af- US-geführten Invasion. um Hilfe.
ghanischen Regierung jenes Abkommen mit Doch allein entscheiden, das gesamte Ernsthafter Widerstand gegen die Tali-
Washington verhandelt, das Anfang 2020 Land beherrschen können sie nicht. Seit Mo- ban-Herrschaft ist vorerst nicht zu erwarten.
den Grundstein für den Machtwechsel legte. naten ist der pakistanische Geheimdienst eif- Zwar ist der bisherige Vizepräsident Amrul-
Der eigentliche oberste »Emir« ist bislang rig dabei, sowohl im Norden als auch im Os- lah Saleh, anders als Ex-Präsident Ashraf
nicht einmal in Erscheinung getreten. Mullah ten Afghanistans Dschihadistengruppen auf- Ghani, nicht außer Landes geflohen, son-
Haibatullah Akhundzada, der 2016 den Pos- zurüsten, die eine Terrorgefahr für den Rest dern hat sich in seine Heimat, das Pandschir-
ten von seinem bei einem US-Drohnenschlag der Welt darstellen: den »Islamischen Staat«, Tal, zurückgezogen – den letzten Flecken
umgekommenen Vorgänger übernahm, soll die »Armee Mohammeds« und andere. Pa- Afghanistans, der nicht von den Taliban kon-
sich im pakistanischen Quetta aufhalten, wo kistans Führung, seit Jahrzehnten besessen trolliert wird. Aber viel wird Saleh dort nicht
weite Teile der Führung residieren. vom Konflikt mit Indien, will sich Afghanis- ausrichten können. Das Tal ist legendär, da
Von den anderen beiden Stellvertretern tan als abhängiges Hinterland erhalten, will hier Ahmed Schah Massud jahrelang sowohl
dürfte vor allem einer an Prestige gewonnen weiter Druck aufbauen auf seine bisherigen den sowjetischen Streitkräften als auch den
haben: Der etwa 30-jährige Militärchef Mul- Günstlinge, die Taliban. Taliban Widerstand leisten konnte. Damals
lah Mohammad Yakub, dessen Militärstrate- hatte es noch Nachschubverbindungen ins
gie aus gezielten Angriffen, langfristiger Be- Mit Haqqani haben die Pakistaner wohl Ausland gegeben. Heute ist das Tal von den
stechung und kluger Unterwanderung in den einen Vasallen in der Führung. Doch mit Mul- Taliban vollständig abgeriegelt und hat auch
vergangenen Wochen vollkommen aufging. lah Baradar, der acht Jahre lang in einem keinen Flughafen.
Der Sohn des Taliban-Gründers Mullah pakistanischen Gefängnis saß, misshandelt Am drängendsten könnte sehr rasch die
Omar galt bislang als zu jung, unerfahren und wurde, weil er unerlaubt Kontakte zur Kar- Frage werden, wie die Taliban überhaupt
ichbezogen, um einen Anspruch auf die Nach- zai-Regierung aufgenommen hatte, dürften herrschen können. Bereits jetzt sind mehrere
folge seines Vaters erheben zu können. sie einen erbitterten Gegner haben. Erst 2018 Millionen Afghaninnen und Afghanen
Bleibt die dritte Gestalt unter den »Vize- war er freigekommen, weil Washington hoff- auf Nahrungshilfe des Welternährungspro-
Emiren«: Sirajuddudin Haqqani, Befehls- te, mit ihm als Unterhändler zu einer Eini- gramms angewiesen. Westafghanistan leidet
haber des Terrornetzwerks der Haqqanis, der gung zu kommen. Was auch funktionierte. derzeit unter der schwersten Dürre seit einem
enge Beziehungen sowohl zur Qaida-Füh- Diese Woche gaben sich die siegreichen Jahrzehnt. Die Kassen sind leer, die Bestände
rung wie zum pakistanischen Geheimdienst Radikalen in Statements und in ihrer ersten der Zentralbank lagern zum größten Teil un-
ISI unterhalten soll. In Washington ist er gut Pressekonferenz sehr konziliant: Natürlich zugänglich im Ausland. Ob der Westen das
bekannt. Das FBI führt ihn auf seiner Liste könnten Mädchen weiterhin zur Schule ge- will oder nicht: Wenn die Hilfslieferungen,
der meistgesuchten Terroristen der Welt, die hen und Frauen arbeiten. Das heißt wenig, die Unterstützung für das Gesundheitswesen
CIA unterstützte vor rund 40 Jahren seinen denn zu Richtungswechseln sind die Taliban ausbleiben, werden viele Menschen sterben.
Vater im Kampf gegen die sowjetischen Be- fähig. Sobald die letzten US-Truppen endgül- Was der Westen 20 Jahre lang aus politi-
satzer Afghanistans. tig den Flughafen von Kabul verlassen und schen Gründen nicht wollte, dürfte er bald
In dieser Gemengelage gibt es auf die die Taliban ihre Macht konsolidiert haben, aus humanitären Gründen tun: eine Taliban-
Kernfrage des Westens, ob Afghanistan fort- könnte es mit der Milde vorbei sein. Herrschaft unterstützen. I

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zerstören die IT. Schönen Sonntag noch,


Ende.«
Der Abschiedsgruß des stellvertretenden
Botschafters wirkt zynisch. Kein Wunder,
schließlich hatte niemand in der Bundes-

»Wir machen regierung die plötzliche Übernahme Kabuls


durch die Taliban am vergangenen Wochen-
ende vorhergesehen. Ob Entwicklungshelfe-

uns abmarschbereit« rinnen, Militärs oder Diplomaten – alle wur-


den von den Ereignissen überrumpelt. Ob-
wohl die Deutschen 20 Jahre lang so viel
Geld, Energie und Expertise in das Land am
Hindukusch investierten, fehlte ihnen im ent-
KRISENPOLITIK Die Bundesregierung hat die Lage in Afghanistan völlig
scheidenden Moment das Gespür für die
falsch eingeschätzt. Interne E-Mails und Dokumente belegen, dass Dynamik der Entwicklung.
Ministerien und Kanzleramt warnende Hinweise lange ignoriert und Nicht einmal auf den Bundesnachrichten-
damit die Helfer der Deutschen in Lebensgefahr gebracht haben. dienst (BND) war am Ende Verlass. Zwar
warnten die Experten des Dienstes seit Jahren
vor einem möglichen Zusammenbruch Afgha-

E s gibt diesen einen Satz aus dem Früh-


sommer, der Außenminister Heiko
Maas (SPD), der die ganze Bundes-
regierung jetzt einholt. Es ist der 9. Juni, als
von Ashraf Ghani ist mehr oder minder
schutzlos.
Um 13.34 Uhr an diesem Tag setzt die
deutsche Vertretung eine Warnmail nach Ber-
nistans. Sie wiesen darauf hin, dass weder die
Streitkräfte noch der politische Apparat stabil
seien. Allerdings sei man damit weder im Aus-
wärtigen Amt noch im Verteidigungs- oder
Maas auf kritische Anwürfe der Opposition lin ab, dass sich die Sicherheitslage durch den Entwicklungshilfeministerium auf offene Oh-
zur Lage am Hindukusch antwortet: »All Rückzug der US-Kräfte weiter verschlechtert ren gestoßen, heißt es aus Sicherheitskreisen.
diese Fragen haben ja zur Grundlage, dass habe. Die Deutsche Botschaft sei auf den Mehrere über die Jahre mit den Vorgängen
in wenigen Wochen die Taliban das Zepter Schutz des äußeren Rings um die Green Zone vertraute Personen berichteten dem SPIEGEL
in Afghanistan in der Hand haben werden. angewiesen. Deswegen prüfe man, sich eben- von »teilweise frustrierenden Momenten«.
Das ist nicht die Grundlage meiner An- falls am militärischen Teil des Flughafens in Ein düsteres Bild zeichneten die Analysten
nahmen.« Sicherheit zu bringen. des BND im Dezember vergangenen Jahres,
Es ist eine fatale Fehleinschätzung des Mi- Tags darauf kabelt der stellvertretende also acht Monate vor dem Fall Kabuls: Sie
nisters, am Ende geht es nicht um Monate deutsche Botschafter, Jan Hendrik van Thiel, prophezeiten die Machtergreifung der Taliban
und Wochen, sondern um Tage und Stunden. nach Berlin, die USA hätten die anderen west- in Afghanistan und ein »Emirat 2.0«. Ihre
Ein SPIEGEL-Team hat die Versäumnisse lichen Diplomaten »zur sofortigen Verle- Warnung blieb folgenlos.
und Fehler rekonstruiert, die zu den drama- gung« an den Kabuler Flughafen aufgefordert. Bei der Beurteilung, wie schnell die Tali-
tischen Ereignissen der vergangenen Tage ge- Da sich niemand mehr auf den Straßen dahin ban das Land erobern würden, aber irrten
führt haben. Es sprach mit Ministerinnen und durchschlagen könne, empfiehlt die US-Bot- sich auch die Mitarbeiter des deutschen Aus-
Ministern, Beamten und Diplomaten, sichtete schaft den anderen Diplomaten, sich umge- landsnachrichtendienstes.
vertrauliche Sitzungsprotokolle, E-Mails und hend zum alten Nato-Hauptquartier in der Am vergangenen Freitag, also zwei Tage
Lageberichte. Die Recherchen zeigen, wie Green Zone zu begeben. vor der Flucht der verbliebenen deutschen
falsch viele Verantwortliche in Berlin die Um 10.34 Uhr schreibt van Thiel: »Wir Diplomaten an den Flughafen Kabul, trägt
Situation bewerteten – und wie lange sie war- machen uns abmarschbereit! HABEN WIR ein BND-Vertreter im Berliner Krisenstab
nende Hinweise ignorierten. Es ist das Proto- GRÜNES LICHT?!« laut Protokoll noch vor, die Taliban-Führung
koll eines politischen Versagens. Um 10.36 Uhr: »Wir sind dann erst mal habe nach Erkenntnissen des Dienstes »kein
Eher zufällig bekommen die Diplomaten nur noch per Telefon zu erreichen. Wir Interesse an einer militärischen Einnahme
der Deutschen Botschaft in Kabul die drama- Kabuls«. Der BND geht davon aus, dass die
tischen Veränderungen in ihrer Stadt mit. Es Taliban keine kriegerische Auseinanderset-
ist der 14. August, ein Samstag, als ihnen bei zung anstrebten, weil die Amerikaner und
einer Fahrt durch die Green Zone, das gesi- Türken Kabul noch schützten.
cherte Regierungs- und Diplomatenviertel in Vielmehr erwartet der Dienst, dass die
Kabul, auffällt, dass die Amerikaner ihre Talibankämpfer den Ring, den sie um die
Schutzkräfte still und leise zurückgezogen Hauptstadt gezogen haben, so lange aufrecht-
haben, es waren Hunderte. erhalten, bis die Regierung aufgibt.
Auch die sonst schwer bewachten Zugänge Die Aussagen versieht der Geheimdienst-
zum politischen Zentrum der Stadt sind nicht mann jedoch mit mehreren Einschränkungen.
mehr mit US-Soldaten besetzt, ihre gepan- So sei der Einfluss der Taliban-Führung – da-
zerten Fahrzeuge sind verschwunden. Selbst mit ist der politische Arm der Islamisten in
die Straße zum Flughafen schützen die Ame- der katarischen Hauptstadt Doha gemeint –
rikaner nicht mehr. auf die Kämpfer »nicht uneingeschränkt ge-
Erst nach hektischen Telefonaten bringt geben«. Zudem könnten andere Faktoren den
die Botschaft in Erfahrung, dass die USA alle Fall von Kabul beschleunigen, zum Beispiel
Kräfte auf das eigene Botschaftsareal zurück- ein schnellerer Rückzug der internationalen
gezogen haben, von dort bringen Hubschrau- Soldaten aus der Green Zone oder Absetz-
Jürgen Ritter / IMAGO

ber bereits amerikanische Diplomaten zum bewegungen innerhalb der afghanischen Elite.
militärischen Teil des Flughafens. Damit steht Das Ende seines Vortrags zeugt davon,
fest: Die USA haben mit der Evakuierung der dass auch der Dienst angespannt ist, denn
Botschaft begonnen. Auch der ebenfalls in vor den versammelten Beamten bittet der
der Green Zone gelegene Präsidentenpalast BND-Zentrale in Berlin BND-Mann dringlich um die Aufnahme mög-

16 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


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Marc Tessensohn / dpa


Bundeswehrsoldaten, Evakuierte aus Kabul nach der Landung in Taschkent: »Haben wir grünes Licht?!«

lichst aller afghanischen Mitarbeiter des deut- Amerikaner trügen für alle Konsequenzen Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ),
schen Auslandsgeheimdienstes in das Schutz- die Verantwortung, warnten die Islamisten. steht früh auf der Bremse. Es dürfe bei dem
programm für Ortskräfte, damit sie schnell Bei der Besprechung in Berlin kommen gesamten Prozess in Afghanistan »keine Ver-
aus Afghanistan rauskommen. laut Protokoll die entscheidenden Probleme unsicherung« entstehen, argumentierten die
So überraschend die Flucht des afghani- zur Sprache. Der Vertreter des Verteidigungs- Vertreter seines Hauses, »da sonst bei den
schen Präsidenten Ashraf Ghani und die Auf- ministeriums sagt, man müsse in den kom- BMZ OK sowie im internationalen Kontext
gabe der Green Zone durch die Amerikaner menden zwei Monaten mit Aufnahmeanträ- eine Kettenreaktion ausgelöst werden könn-
auch gekommen sein mag, stützen die Doku- gen von 1500 Ortskräften, im Beamtenjargon te«. Mit anderen Worten: Das Ministerium
mente, die der SPIEGEL einsehen konnte, »OK«, rechnen. Ein Großteil von ihnen habe fürchtet, viele der Helfer könnten fliehen. Es
einen zentralen Vorwurf: Die Regierung hat aber keine afghanischen Pässe oder sonstige will die Entwicklungszusammenarbeit in Af-
ihre Fürsorgepflicht gegenüber Tausenden Identitätsdokumente. Ohne diese könnten ghanistan aber unbedingt fortführen, und das
Afghanen und deren Familien, die in den ver- sie aber nicht mit Linienflügen fliehen, erklärt gehe nicht ohne Ortskräfte.
gangenen 20 Jahren als Fahrer, Köche, Über- das Auswärtige Amt. Das Auswärtige Amt schlägt vor, die Op-
setzer und Experten für die Deutschen ge- Dann melden sich die Bedenkenträger zu tion »visa on arrival« in Erwägung zu ziehen,
arbeitet haben, fahrlässig vernachlässigt. Wort. Ihre Argumente werden in den kom- also die Aufenthaltsgenehmigungen nicht in
Dabei ist den beteiligten Ressorts seit Lan- menden Monaten verhindern, dass möglichst einem langwierigen Verfahren vor der Aus-
gem bekannt, dass die afghanischen Helfer viele Ortskräfte schnell und sicher nach reise, sondern erst nach Landung in Deutsch-
der Deutschen in Lebensgefahr schweben. Deutschland ausreisen können. land auszustellen. Das wiederum lehnt das
Am 29. April kommen Vertreter von Bundes- Besonders CSU-Mann Gerd Müller, Chef Bundesinnenministerium laut Protokoll ab,
innenministerium, Verteidigungsministerium, des Bundesministeriums für wirtschaftliche es dürfe »keine Pauschallösung ohne indivi-
Entwicklungshilfeministerium und des Aus- duelle Gefährdungsprüfung« geben. Ein ob-
wärtigen Amts zu einer Besprechung über ligatorischer Sicherheitscheck müsse zudem
das »Ortskräfteverfahren« zusammen. »vor Einreise abgeschlossen« sein.
Zwei Wochen zuvor hat US-Präsident Joe Auch die Idee, die Ortskräfte mit Charter-
Biden den Abzug der amerikanischen Trup-
Auch die Idee, die Orts- flügen außer Landes zu bringen, wird ver-
pen bis zum 11. September bekannt gegeben. kräfte mit Charterflügen worfen. Das sende ein »falsches Signal«, sagt
Da Bidens Vorgänger Donald Trump ein frü- der Vertreter des Verteidigungsministeriums.
heres Datum versprochen hatte, drohten die
außer Landes zu Wenige Tage später starten die Taliban
Taliban jetzt mit »Gegenmaßnahmen«. Die bringen, wird verworfen. ihre Militäroffensive. Anfang Juni wird be-

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reits in 26 von 34 Provinzen ge- anderen. Am 22. Juni haben sie laut fügbare Linienflüge noch keine Not-
kämpft. Es ist jene Zeit, in der Heiko dem Uno-Sondergesandten bereits wendigkeit für Chartermaßnahmen«,
Maas im Bundestag die Annahme 50 von rund 400 Distrikten einge- heißt es im Protokoll. Sowohl das Ver-
zurückweist, die Taliban würden in nommen. Am 2. Juli ziehen sich die teidigungsministerium als auch das
wenigen Wochen »das Zepter in Af- US-Truppen heimlich aus der Ba- Innen- und das Entwicklungshilfe-
ghanistan in der Hand haben«. gram Air Base nahe Kabul zurück. ministerium »halten mit Blick auf die

krohnfoto.de
Mitte Juni bittet Verteidigungs- Der Stützpunkt ist ihr militärisches im jeweiligen Bereich derzeit noch
ministerin Annegret Kramp-Karren- Hauptquartier in Afghanistan. Das eher geringe Zahl der aktuell ausreise-
bauer (CDU) die Kanzlerin um Hilfe. Auswärtige Amt schreibt in einem willigen und unterstützungsbedürf-
Sie will erreichen, dass nicht nur Orts- Innenminister Lagebericht: Die Taliban versuchten, tigen Familien eine Buchung auf
kräfte, die in den vergangenen zwei Seehofer: ihren Einfluss »zu konsolidieren und Linienflügen für pragmatisch«.
»Immer bedrohlicher«
Jahren mit der Bundeswehr zusam- auszuweiten«. Wie sich die militäri- Trotz der inzwischen dramati-
mengearbeitet haben, auf eigenen sche Lage nach Abzug der internatio- schen Geländegewinne der Taliban
Wunsch nach Deutschland ausreisen nalen Truppen weiterentwickle, »ist schreibt Innenminister Seehofer noch
dürfen. Die Regelung soll nach ihrem derzeit schwer einzuschätzen«. am 5. August zusammen mit fünf wei-
Willen für alle Ortskräfte ab 2013 Am 13. Juli schreiben die men- teren europäischen Ministern einen
gelten. schenrechtspolitischen Sprecher der Brief nach Brüssel und drängt darauf,
Kramp-Karrenbauer wirft dem Fraktionen von Union, SPD, Grünen prinzipiell weiter abgelehnte Asyl-
Auswärtigen Amt, dem Innenminis- und FDP einen gemeinsamen Brief an bewerber in das Land abschieben zu
terium und vor allem dem Entwick- die Kanzlerin: »Wir wenden uns in können. Vor allem Straftäter – auch
Twitter
lungshilfeministerium vor, sich gegen einem dringenden Appell und deshalb als Signal, damit sich nicht zu viele
diese Ausweitung zu wehren. Ent- Vizebotschafter öffentlich an Sie, weil die Zeit erheb- Migrantinnen und Migranten auf den
wicklungsminister Müller hat der van Thiel: lich drängt und Deutschland seine Ver- Weg nach Europa machen.
»lieben Annegret« bereits einen Brief »Sofortige Verlegung« pflichtungen gegenüber den Ortskräf- Am 6. August fällt die erste Pro-
geschrieben, in dem er die Idee als ten in Afghanistan zu verraten droht.« vinzhauptstadt an die Taliban, zwei
»höchst problematisch« ablehnt. Es Eine Woche später, am 21. Juli, Tage später erobern sie Kunduz im
gehe in der Entwicklungszusammen- kommt in Berlin das Bundeskabinett Norden. Hier hatte die Bundeswehr
arbeit um »voraussichtlich mehr als zusammen. Die Taliban kontrollieren bis zum Jahr 2013 ihr Feldlager.
50 000 Menschen«, schreibt Müller. bereits die Hälfte aller Distrikte. Er- In der sogenannten ND-Lage,
Eine solche Entscheidung könne eine neut nimmt die Kanzlerin die beteilig- dem Briefing der Nachrichtendienste
»enorme Sogwirkung« entfalten und ten Minister ins Gebet. Merkel bittet im Kanzleramt, gibt der BND am
Parwez / BILD

die »Bearbeitungsstrukturen vor Ort« Michelle Müntefering, Staatsministe- Vormittag des 10. August keine Pro-
überlasten. rin im Auswärtigen Amt, die Option gnose ab, wann mit dem Fall von
Müller hält es offenbar trotz des zu prüfen, auf Regierungskosten Char- Kabul zu rechnen ist. Im Dienst geht
Taliban-Vorstoßes für möglich, die Entwicklungshilfe- terflugzeuge zu mieten, um die Orts- man allerdings davon aus, dass die
Entwicklungszusammenarbeit fort- minister Müller: kräfte rauszuholen. Einen ersten An- Stadt noch drei Monate halten wird.
zusetzen. Man müsse »dafür Sorge »Höchst problematisch« lauf hatte es bereits gegeben. Ende In der Deutschen Botschaft in Ka-
tragen, das in den letzten 20 Jahren Juni wollte Verteidigungsministerin bul hingegen sorgt einige Stunden
Erreichte für die afghanische Bevöl- Kramp-Karrenbauer zwei Flugzeuge später – vor Ort ist es bereits früher
kerung zu sichern«. einer spanischen Airline nach Masar- Abend – eine Nachricht aus den USA
Am Rande der Kabinettssitzung i-Scharif schicken. Doch die Maschi- für große Aufregung. Die »Washing-
am 16. Juni nimmt die Kanzlerin die nen wurden kurzfristig storniert. ton Post« berichtet, dass die US-Ge-
Britta Pedersen / dpa

beteiligten Minister beiseite und »Ich möchte, dass wir denen, die heimdienste ihre Einschätzung über
drängt sie zu einer schnellen Eini- uns sehr stark geholfen haben, einen den Vormarsch der Taliban radikal
gung. Auch von anderer Stelle Ausweg geben«, sagt Merkel bei ihrer verändert hätten. Schon in 30 bis
kommt Druck. Sommerpressekonferenz in Berlin, 90 Tagen, so laute die neueste Ein-
Bei der Innenministerkonferenz einen Tag nach der Kabinettssitzung. schätzung, könne die Hauptstadt
vom 16. bis 18. Juni fordern einige Verteidigungs-
ministerin Kramp- »Ich setze mich sehr dafür ein, dass Kabul fallen – und damit auch die
Länderinnenminister, vor allem Boris Karrenbauer: wir pragmatische Lösungen finden, Regierung von Präsident Ghani.
Pistorius (SPD) aus Niedersachsen, »Falsches Signal« und das heißt eben auch, dass der Der stellvertretende Botschafter
Bundesinnenminister Horst Seehofer Flug nicht daran scheitern darf, dass van Thiel setzt sich in Kabul an seinen
zu einem beherzteren Handeln auf. man das Geld nicht hat.« Dienstrechner. An die Zentrale in Ber-
Der CSU-Mann hat die Debatte an- Aber nach den Worten verstreicht lin schreibt er, die neue Einschätzung
ders in Erinnerung. Er bestreitet, dass wieder kostbare Zeit. sorge in Kabul für eine regelrechte
er sich gegen eine großzügige Rege- Am 30. Juli treffen sich die betei- Panik innerhalb der Regierung. Nicht
lung gesperrt habe. Das Auswärtige ligten Ministerialen erneut zu einer nur Präsident Ghani, sondern auch
Amt und das BMZ hätten ein frühe- Ressortbesprechung. Nach Auskunft die Sicherheitskräfte interpretierten
res Ausfliegen von Ortskräften abge- Deutschland der Vereinten Nationen wurden in- die Einschätzung als letzten Beleg
lehnt, heißt es aus seinem Ministe- nerhalb der beiden Vormonate 2400 dafür, dass die USA Afghanistan end-
rium, um die afghanische Regierung drohe seine afghanische Zivilisten getötet oder gültig aufgeben und auch bei einem
nicht zu destabilisieren und kein fal- Verpflich- verletzt, die höchste Opferzahl seit Einmarsch in die Hauptstadt nicht
sches Signal Richtung Taliban zu sen- Beginn der Erfassung im Jahr 2009. mehr eingreifen würden.
den. Eines allerdings tragen Seeho-
tungen zu Trotzdem setzen die Beamtinnen Deswegen, so fordert van Thiel ein-
fers Leute zu diesem Zeitpunkt noch verraten, und Beamten weiterhin darauf, dass dringlich, müsse das Personal der
wie ein Mantra vor: Die Ortskräfte warnten Ortskräfte sich selbst Tickets für Li- Deutschen Botschaft sofort auf das
sollten ihre Flüge selbst bezahlen. nienflüge besorgen. absolute Minimum reduziert werden.
Unterdessen überrollen die Tali- Experten im »Derzeit besteht nach Einschät- Zudem müsse die Evakuierung afgha-
ban eine afghanische Region nach der Juli. zung der Ressorts mit Blick auf ver- nischer Ortskräfte maximal forciert

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werden. Van Thiels Mail ist eindeutig. Der Di-


plomat warnt vor einer rapiden Verschlech-
terung der Sicherheitslage. Am folgenden Tag,
dem 11. August, verfügt Horst Seehofer einen
vorläufigen Abschiebestopp.
Am 13. August fallen vier weitere Provinz-
Angriff auf
hauptstädte an die Taliban, darunter Kanda-
har und Herat.
Nun drängt auch Seehofer auf rasches Han-
deln: »Die Situation in Afghanistan wird
die Freiheit
immer bedrohlicher. Ob Charterflüge oder
Visaerteilung nach Ankunft in Deutschland: 9/11, Utøya, Breitscheidplatz –
Ich unterstütze alle Maßnahmen, die eine
schnelle Ausreise unserer Ortskräfte und ihrer Terror erschüttert zutiefst.
Familien ermöglichen«, lässt er am selben
Tag in einer Pressemitteilung verkünden. Über seine neue Dimension
Im Auswärtigen Amt kommt der Krisenstab
zusammen, um über die Lage in Afghanistan
zu beraten. Aus Kabul zugeschaltet, trägt Vize-
im 21. Jahrhundert.
botschafter van Thiel vor. Erste Nationen wie
Japan und Kanada räumten bereits ihre Bot-
schaften nahe der deutschen Vertretung am
Jetzt
Rand der Green Zone, berichtet er. Auch die
Amerikaner würden ihr Personal bis Ende des
im Handel
Monats auf ein Minimum reduzieren, könnten
aber bis dahin in Krisenfällen noch mit den bei
ihnen stationierten Soldaten die Sicherheit des
gesamten Diplomatenviertels gewährleisten.
Nach van Thiel äußert sich der Vertreter
des BND: Die »Übernahme Kabuls« durch
die Taliban sei »vor dem 11.9. eher unwahr-
scheinlich«. Die Beamten können sich nicht
vorstellen, dass die USA 20 Jahre nach den
Terroranschlägen von 9/11 zulassen würden,
dass die Flagge der Taliban über dem Präsi-
dentenpalast weht.
48 Stunden später kontrollieren die Tali-
ban die afghanische Hauptstadt. Es ist Sonn-
tag, der 15. August 2021.
Außenminister Heiko Maas, der im Juni
die kritischen Fragen im Bundestag noch
zurückgewiesen hatte, gibt inzwischen die
massive Fehleinschätzung der vergangenen
Wochen öffentlich zu. »Es gibt nichts zu
beschönigen: Wir alle – die Bundesregierung,
die Nachrichtendienste, die internationale
Gemeinschaft – wir haben die Lage falsch
eingeschätzt«, sagt der SPD-Politiker am
Montag. »Es gebietet die Ehrlichkeit, das in
aller Form so einzugestehen.«
Auch BND-Chef Bruno Kahl gibt sich zer-
knirscht, als er Mitte der Woche Parlamenta-
riern im Bundestag hinter verschlossener Tür
Rede und Antwort steht. Eines treibt den
Mann an der Spitze des Nachrichtendienstes
offenbar besonders um: Obwohl der BND in
Afghanistan umfangreich Telefone abhört
und E-Mails überwacht, wurde er von den
Entwicklungen überrumpelt. Er bekam nichts
von den Vorbereitungen der Taliban mit. Und
er ahnte nicht, dass der afghanische Präsident
sich absetzen würde. Der einzige Trost für
die Deutschen: Die anderen westlichen Staa-
ten tappten genauso im Dunkeln.
Maik Baumgärtner, Matthias Gebauer,
Konstantin von Hammerstein, Ralf Neukirch,
Fidelius Schmid, Christoph Schult,
Wolf Wiedmann-Schmidt I

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Beim Löwen des Pandschir-Tals


ESSAY Warum scheiterten so viele Nationen in Afghanistan? Unser Autor reist seit mehr als 30 Jahren
in das Land – vier Lektionen aus der Vergangenheit. Von Christian Neef

E s war Sonntag, der 14. Mai


1988, als der letzte Ober-
befehlshaber der sowjetischen
Truppen in Afghanistan, General-
Afghanen gekommen. Sie würden
ihnen nun mehr als 180 Militärstütz-
punkte mitsamt der Infrastruktur
hinterlassen, dazu neu erbaute
der von Moskau installierte Vorsit-
zende der Demokratischen Volks-
partei und kommende Präsident
von Afghanistan. Im Saal des ehe-
leutnant Boris Gromow, in Kabul Wohnhäuser, Bäckereien und Poli- maligen Kabuler Königspalastes
Vertreter ausländischer Medien kliniken. Von den Tausenden Dör- saßen Vertreter der Volkspartei
zu einer Pressekonferenz lud. Als fern, die russische Bomber zerstört neben bürgerlichen Politikern aus
Ort hatte er das Intercontinental hatten, war keine Rede. Es war die der Zeit des Schahs, Mullahs neben
gewählt, jenes feine Hotel, das der gleiche Art von Selbstbetrug, wie Flüchtlingen und Gegner der Kom-
letzte König von Afghanistan einst sie US-Außenminister Antony Blin- munisten neben einstigen Führern
eingeweiht hatte. Das Interconti ken dieser Tage vorgeführt hat, als von Mudschahidin-Milizen.
liegt auf einem Hügel im Norden, er von der amerikanischen Präsenz Nadschibullahs Plan war, ihnen
man hat von dort einen herrlichen in Afghanistan sprach: »Unsere eine »nationale Einigung« schmack-
Blick hinunter auf Kabul. Mission war, etwas gegen Leute zu haft zu machen. Die bärtigen Pasch-
Für mich war Gromows Orts- unternehmen, die uns am 11. Sep- tunen und Tadschiken, die Hazara,
wahl sehr bequem, denn ich hatte tember angegriffen haben. Mit Usbeken und Turkmenen mit ihren
ein Zimmer im Interconti. Am dieser Mission hatten wir Erfolg.« wettergegerbten Gesichtern und die
nächsten Tag sollte der Truppen- Einen Tag nach Gromows Presse- sorgsam gekleideten Staatsbeamten
abzug der Russen aus Afghanistan konferenz flogen wir nach Jalala- hatten genickt, ob zustimmend oder
beginnen, und Gromow musste bad, dem früheren Wintersitz der lediglich als Zeichen, dass sie die
der Weltpresse den Rückzug seiner afghanischen Könige an der Straße Botschaft vernommen hätten – man
Armee aus dem »befreundeten nach Pakistan. Die dortige Garni- wusste es nicht.
Afghanistan« erklären. son der Russen wurde als erste in Es war auch schon zu spät. Kaum
Ich ahnte damals nicht, dass ich Marsch gesetzt. Wie ein Lindwurm hatten die Sowjets im Sommer 1988
gut 13 Jahre später wieder an wand sich die Kolonne der 1200 die ersten Einheiten aus Afghanis-
diesem Ort sein würde, im Winter Mann mit ihren 300 Panzern und tan herausgebracht, fielen Kunduz
2001/02. Und dass es dann in die- Schützenpanzerwagen die Tang-i- und die Provinzen Paktia und Ba-
sem Haus mit seinen gepflegten Gharu-Schlucht zum Lataband-Pass mian in die Hände der Mudschahi-
Restaurants keine Heizung mehr hinauf, hinter dem sich die Hoch- din. Der in Panik geratende Na-
geben würde, Strom nur noch stun- ebene von Kabul öffnet. An der dschibullah bot nun sogar eine
denweise und dass wir das Wasser in Hauptstadt vorbei zog der Treck Koalitionsregierung und damit eine
Eimern bei den zurückgebliebenen weitere 500 Kilometer nach Nord- Machtteilung an, die Mudschahidin
Hotelbediensteten bestellen würden. westen, ins sowjetische Usbekistan. sollten ihre Waffen behalten dürfen
Gromows Pressekonferenz war Verglichen mit dem überstürzten und Gouverneursposten überneh-
überfüllt, denn nun stand fest: Mos- Abzug der Amerikaner jetzt verlief men. Aber da hatten die längst eine
kaus Krieg gegen die islamische der russische Rückzug fast geordnet, Gegenregierung gebildet. Erstaun-
Guerilla, die Mudschahidin, würde auch wenn das Vorrücken ihrer licherweise hielt sich Nadschibullah
knapp zehn Jahre nach dem Ein- Feinde deutlich zu hören war. noch drei Jahre, bevor die Mudscha-
marsch der sowjetischen Armee zu 16 Monate zuvor war ich das hidin Kabul einnahmen.
Ende gehen. 115 000 Soldaten erste Mal nach Afghanistan gekom- Für mich war das die afghanische
hatte die Sowjetunion nach eigenen men, im Januar 1987. Die Zeichen Lektion Nummer eins: Abmachun-
Angaben am Hindukusch stationiert, standen schon schlecht, man bekam gen zur Machtteilung zwischen einer
15 000 von ihnen waren in den Jah- es bei der Landung zu spüren. Kaum hatten nur vom Ausland gestützten Regie-
ren der Besatzung gefallen, mindes- Kampfhubschrauber stiegen auf, die Russen rung und der Opposition sind in
tens jeder achte also. Der damalige um den Flugzeugen auf den letzten 1988 mit dem Afghanistan keinen Pfifferling wert.
Kremlchef Michail Gorbatschow hat- Kilometern Geleitschutz zu geben. Die zweite Lektion war die, dass
te das als sinnlose Belastung seines Und dann ging es in einer steilen Abzug aus Loyalität in dem Land eine flüchtige
Landes empfunden – so wie drei Spirale hinab in den Talkessel des dem Land Ware ist. Das hatte ich bereits 1993,
Jahrzehnte später die Amerikaner Hindukusch, während unsere Ma- kurz nach dem Sturz Nadschibul-
ihren Aufenthalt in Afghanistan. schine mit einem Feuerregen aus
begonnen, lahs, begriffen, als ich im Norden
Gromow malte an diesem Tag Magnesiumkugeln die Raketen der fielen erste Afghanistans den Führer der usbe-
natürlich ein ganz anderes Bild. Die Guerilla abzulenken versuchte. Provinzen an kischen Minderheit kennenlernte,
sowjetischen Soldaten hätten ihre Damals wollte Mohammed Na- General Raschid Dostum. Kabul
»internationalistische Pflicht« er- dschibullah eine Versöhnung mit die Mudscha- war inzwischen zum Zankapfel der
füllt, denn sie seien auf Wunsch der der Opposition zustande bringen, hidin. verschiedenen Mudschahidin-Grup-

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pen geworden, die mit ihren Rake- Im Spätherbst 2001 jedenfalls


ten aus der Hauptstadt eine Ruinen- rückte die früher von Massud ge-
landschaft machten. Der Rest des führte Nordallianz in Kabul ein. Ich
Landes war in einen Flickenteppich nahm wieder Quartier im Hotel In-
aus Herrschaftsbereichen ethnischer tercontinental, das nun sehr herun-
Gruppen zerfallen. tergekommen war. Der Präsidenten-
Der in der Sowjetunion ausgebil- palast im Zentrum war leer, die Tore
dete Dostum stand mit seiner Pri- des Pul-e-Charkhi-Gefängnisses an
vatarmee einem Parallelreich vor, in der Chaussee nach Jalalabad stan-
dem es sogar Auslandsvertretungen den offen. Nur auf dem Basar an der
anderer Länder gab. Von einer großen Moschee begann wieder das
Zentralregierung in Kabul halte er Leben. Es dauerte wenige Wochen,
nichts, die sei »handlungsunfähig«, da fuhren die Frauen wieder vorn im
während bei ihm Ordnung und Bus, und auf dem Dach des Post-

DeAgostini / Getty Images


Frieden herrschten, erzählte er mir gebäudes vor dem Spinzar-Hotel
damals. Er wechselte noch mehr- montierten Arbeiter eine riesige Sa-
mals die Fronten, verriet diesen und tellitenschüssel – Afghanistan wurde
jenen und stieg später zu einer Art mit dem Rest der Welt vernetzt.
Königsmacher in Kabul auf. In den Monaten und Jahren
1996 übernahmen die Taliban 1838 bis 1919: die Briten Jahrzehntelang kämpfte das Empire mit
darauf fuhren wir kreuz und quer
die Macht, bei meinen späteren dem Russischen Reich um die Vormachtstellung am Hindu- durch Afghanistan, das viel attrak-
Reisen kam ich selten weiter als bis kusch – letztlich erfolglos. 1919 wurde Afghanistan unabhängig. tiver und aufregender ist, als es die
ins Pandschir-Tal nördlich von Fernsehbilder in Europa zeigen.
Kabul. Von dort leitete der legen- Wir sprachen mit den Bewohnern
däre Ahmed Schah Massud nun des über 2000 Jahre alten Herat, in
den Widerstand gegen die religiö- dem noch die wohl unter Alexander
sen Fanatiker – ein Mann, der dem Großen erbaute Zitadelle steht,
im Kampf gegen die Sowjets zum mit der vorwiegend schiitischen
Volkshelden aufgestiegen war. Minderheit der Hazara im Bamian-
Es war sehr schwierig, ihn zu tref- Tal, die unter dem Bürgerkrieg und
fen. Ich schloss mich damals dem den Taliban besonders gelitten hat-
deutschen Botschafter eines Nach- te, und mit den Bergleuten in einer
barlands an, der für Afghanistan der weltgrößten Kupferminen in
eigentlich nicht zuständig war, Mas- Aynak in der Provinz Logar, die
sud aber aus purer Neugier aufsu- gerade von Chinesen gekauft wor-
chen wollte – was ihm im Auswärti- den war. Weil die alte Ringstraße
gen Amt einigen Unwillen eintrug. noch nicht saniert und an vielen
Stellen unsicher war, mussten wir

W
Vitaly Armand / AFP

ir warteten tagelang auf oft das Flugzeug nehmen. Für die


Massud, bis er uns emp- 200 Kilometer von Kabul nach Jala-
fing. »Worum wird eigent- labad brauchte man anfangs an die
lich noch gekämpft in Afghani- 15 Stunden, die Fahrt führte über
stan?«, fragten wir ihn, es war der 1979 bis 1989: die Sowjets Weil der Widerstand gegen die pro-
eine Trasse tiefster Schlaglöcher,
Sommer des Jahres 2000. Massud sowjetische Regierung in Kabul wuchs, schickte Moskau Besat- die kleine Jungs mit Schaufeln alle
sprach nicht von seinen Gegnern, zungstruppen. Das Ergebnis: 15 000 tote sowjetische Soldaten. paar Minuten für 100 Afghani
den Taliban, sondern sagte nur: Wegezoll zuzuschippen versuchten.
»Gegen das Eingreifen des Auslands Nach der Vertreibung von al-
in unsere Angelegenheiten«. Und Qaida hatten sich die Amerikaner
wählte damit die einzige Formel, zusammen mit der Nato ans »nation
auf die sich alle afghanischen Streit- building« gemacht, um das Land in
parteien immer wieder einigen eine Neuzeit zu befördern, wie sie
konnten und die der Westen seit ihren Vorstellungen entsprach. Mich
fast 200 Jahren, seit dem ersten interessierte, ob sich die Afghanen
Eingreifen der Engländer, noch im- damit identifizierten, wie es wirk-
mer nicht begriffen hat. lich um die Loyalität zu ihrer Füh-
Ein gutes Jahr später war der rung bestellt war und was sie sich
Mann, den die Afghanen den von Kabul erhofften. Das Ergebnis
»Löwen des Pandschir-Tals« nann- war fast überall das gleiche.
ten, tot, ermordet von zwei Selbst- In der Nähe von Herat etwa, der
mordattentätern von al-Qaida. Heu- Metropole des westlichen Afghani-
te, im Jahr 2021, wird das Pandschir- stan, traf ich 2010 den Chefinge-
Tal wieder zur Trutzburg. Der nieur der dortigen Eisenbahnver-
Rahmat Gul / AP

Nochvizepräsident Amrullah Saleh waltung, Said Nayeb. Er baute an


hat sich dorthin abgesetzt, wo Afghanistans erster Eisenbahn, von
Volksheld Massud einst seine Offen- der das Land, das unter seiner geo-
sive gegen die Taliban begann. Mas- 2001 bis 2021: die Amerikaner Nach den Terroranschlägen von grafischen Abgeschiedenheit leidet,
suds Sohn Ahmad ist Saleh gefolgt. 9/11 versuchte sich eine Koalition unter US-Führung am »nation seit mehr als 100 Jahren träumt. Die
Tritt er das Erbe seines Vaters an? building« – allein die USA kostete der Einsatz zwei Billionen Dollar. erste Strecke sollte Herat aus Rich-

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tung Iran erreichen, die Dämme »Der Westen ger« beschreibt, waren seit fast gegeben hat, die ernsthaft gegen die
waren schon geschüttet, die Brücken einem Jahrzehnt nicht mehr an der Taliban kämpfte: der bunte Haufen
gebaut. Das geplante Netz sollte ist gekom- Macht und angeblich außer Landes. der Mudschahidin. Honoriert wur-
einen Südkorridor von Herat über men, um In Wirklichkeit waren sie nie weg. den sie dafür aus ihrer Sicht nie,
Kandahar nach Kabul umfassen, da- sich selbst Das wurde meine Afghanistan-Lek- obwohl Mudschahidin wie Dostum
zu eine Strecke von Mazar über den tion Nummer drei. Denn die Fron- und Khan mit ihren Volksgruppen
Salang-Pass bis hinunter nach Jala- zu helfen. ten in Afghanistan verlaufen anders immerhin 36 Prozent der afghani-
labad, Hunderte Kilometer Schie- Er gibt uns als in der Vorstellung vieler Westler. schen Bevölkerung repräsentieren.
nen. 2009 sollte Nayebs Strecke fer- Ich fragte die Männer im Dorf, ob Ismail Khan, der »Emir von Herat«,
tig sein, aber er war nicht einmal bis
das Geld die Taliban auch ihre Gegner seien. der unter den Taliban drei Jahre
zum Gleisverlegen gekommen. nicht wegen »Die Taliban sind die Feinde des im Gefängnis saß, beschwerte sich
Die von Kabul versprochenen unserer Westens, nicht unsere, es gab sie hier jedes Mal, wenn ich ihn traf, dass
60 Millionen Dollar für den letzten immer«, antwortete die Runde.« die internationale Koalition »uns
Streckenabschnitt waren nie ge- Armut, Es waren Koranschüler, die den unsere Geschütze und Panzer weg-
flossen, genauso wenig die zwei Mil- sondern Imamen halfen, jeder hatte vor ihnen genommen und Schrott daraus
lionen Dollar, mit denen Bauern für aus Angst Respekt. Jetzt werden sie pauschal gemacht hat«. Minister in Kabul sei
ihr Land entschädigt werden sollten. zu Terroristen gestempelt.« Dafür er »nicht freiwillig« geworden, die
Der Damm zerbröselte schon wie- vor Terro- habe der Westen sich die Mudschahi- Amerikaner und das damalige
der, er wurde von den Bauern als risten.« din, die üblen Warlords aus der Staatsoberhaupt Karzai hätten ihn
Autotrasse nach Herat missbraucht. Zeit des Bürgerkriegs, zu Verbünde- in Herat gestürzt und zu sich nach
Dabei bekam Afghanistan zu ten gemacht. Die Mudschahidin Kabul geholt, um ihn dort zu kon-
jener Zeit rund fünf Milliarden Dol- seien die Schlimmeren gewesen. trollieren.
lar Entwicklungshilfe im Jahr. Erst Kaum anders erging es dem als
zehn Jahre später wurde der Bau
ein Stückchen fortgesetzt, mit kasa-
chischer Hilfe.
Kaum anders war es in Dobila,
E twa zur selben Zeit kam ich
nach Kandahar, Afghanistans
zweitgrößter Stadt. Auch hier
waren die Taliban längst wieder in
Außenminister eingesetzten Ab-
dullah Abdullah, den Karzai bald
wieder aus der Regierung entfernte,
oder General Abdul Raschid Dos-
einem Dorf nicht weit von Jalala- der Nähe. Die Amerikaner saßen tum, den er mit dem bedeutungs-
bad. Dort hatten die Westler deut- mit 28 000 Mann auf dem 30 Kilo- losen Posten eines Armeestabschefs
lichere Spuren hinterlassen. Nicht meter entfernten Flughafen und ruhigzustellen versuchte.
nur die Transitstraße nach Pakistan führten von dort ihre Luftschläge Jetzt, da die Taliban wieder
hatten sie asphaltiert, sondern auch aus. In der quirligen, schmutzigen obenauf sind, müsste die Stunde
die alte Schotterpiste, die am linken Stadt gab es kaum Strom, nur zwei, der alten Mudschahidin schlagen.
Ufer des Kabul-Flusses in die Regio- drei Stunden pro Tag gingen die Zur Gegenwehr sind sie im Moment
nen der Paschtunen-Stämme führt. Lichter in den Geschäften an. aber nicht in der Lage, sie haben
Die Einwohner von Dobila bauten In Kandahar lernte ich Lailoma die meisten ihrer Waffen verloren.
Reis, Weizen und Gemüse an. Japa- Popal kennen, Direktorin des Mäd- Wären die Taliban im Gegensatz zu
ner hatten für sie eine Wasserlei- chengymnasiums Zarghona Ana. ihrer ersten Herrschaftszeit wirk-
tung gelegt, die 34 000 Dollar dafür Ich traf sie in der 12 A, wo ein weiß- lich willens, in Kabul eine Koali-
kamen von der Weltbank. bärtiger Ingenieur gerade ein gutes tionsregierung aufzustellen und den
Und doch klagten die Männer Dutzend paschtunische Töchter in Afghanen mehr Freiheiten zu las-
vom Dorfrat abends beim Fisch- die Welt der Sinuskurven einwies. sen, hätten die Mudschahidin wohl
essen, dass die Westler nicht wirk- 1700 Schülerinnen gingen in diese kaum eine Chance. Ob sie sich
lich begreifen würden, wie das Neef, 69, arbeitete Schule, ihre 60 Lehrer mussten in von den Taliban nach Kabul in eine
Land funktioniere: »Der Westen ist von 1991 bis 2017 drei Schichten unterrichten. Die Regierung locken lassen?
für den SPIEGEL,
gekommen, um sich selbst zu hel- unter anderem als Direktorin erzählte mir, dass die Kabul hat in seiner Geschichte
fen. Er gibt uns das Geld nicht Korrespondent in Computer, die die Schule besaß, zahlreiche Neuanfänge erlebt, fast
wegen unserer Armut, sondern aus Moskau – hier mit wieder abgeholt worden seien. Sie in jedem Stadtviertel gibt es einen
Angst vor den Terroristen.« dem Mudschahi- selbst gehe ohne Burka nicht mehr Beleg dafür. Hoch oben auf einem
din-Führer Ahmed
Auch um die Taliban ging es an Schah Massud aus dem Haus, weil sie sich damit Hügel über der Maiwandstraße
diesem Abend. Die Islamisten, die im Pandschir-Tal sicherer fühle. Von den 400 Schu- thront das inzwischen fast zerstörte
der Westen so gern als »Gotteskrie- im Jahr 2000. len in der Region waren zu der Zeit Mausoleum von König Nadir Schah,
172 schon wieder geschlossen, we- der Afghanistan dem Fortschritt öff-
gen der heiklen Sicherheitslage. nen wollte und 1933 ermordet wur-
Nur drei Jahre später erklärte mir de. In Darulaman, wo sein Vorgän-
Ismail Khan, einstiger Machthaber ger Amanullah das neue Kabul zu
von Herat und nunmehr Minister in errichten begann, steht die Ruine
der Kabuler Regierung: »Die Tali- jenes Palastes, in dem die Sowjets
ban sind in ihre Dörfer in den afgha- 1979 den Putschpräsidenten Amin
nischen Provinzen zurückgekehrt. ermordeten, bevor sie Afghanistan
Sie wollen die gesamte Macht, unse- besetzten. Und am Platz gegenüber
re Armee wird sie nicht aufhalten beim Ariana-Hotel ist noch immer
können.« Aus der vom Westen hoch- jener Verkehrsturm zu besichtigen,
gepäppelten Truppe sei jeder dritte an dem die Taliban 1996 Ex-Präsi-
Soldat desertiert, 63 000 Mann. Das dent Nadschibullah aufhängten.
Pawel Kassin

sagte er 2013, vor acht Jahren. Was für einen Neuanfang Kabul
Meine Lektion Nummer vier ist im Sommer 2021 erlebt, das steht
die, dass es stets nur eine Gruppe noch in den Sternen. I

22 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


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TITEL

davon aus, dass die Extremisten Social-Me-


dia-Profile nach potenziellen Gegnerinnen
und Gegnern scannen, dass sie sich umhören
in der Stadt.

»Die Welt hat uns


Amina sagt: »Mir wurde vor Jahren eine
schwarze Liste der Taliban gezeigt, auf der
mein Name steht. Weil ich mich für Frauen-

alleingelassen«
rechte starkgemacht habe. Damals hatte ich
keine Sorge. Ich habe so sehr auf die Welt
vertraut und dass sie uns Afghaninnen
schützt. Aber jetzt weiß ich: Da ist niemand,
der mich schützt. Alle haben uns alleingelas-
MENSCHENRECHTE Was bedeutet die neue Taliban-Herrschaft für die sen. Die Welt hat uns alleingelassen.«
Frauen in Afghanistan? Viele fürchten massive Repressionen. Drei Sie sagt: »Jedes Mal, wenn bei uns jemand
von ihnen berichten von ihrer Verzweiflung – eine rechnet mit dem Tod. an die Tür klopft, setzt mein Herzschlag aus.
Ich denke: Diesmal sind es die Taliban. Mei-
ne Kinder sehen in meinen Augen nur noch

S ie kommt sich in ihrer Angst vor wie


ein kleines Kind, das die Hand vor
seine Augen hält, als würde das Be-
drohliche weggehen, wenn man es nur nicht
rück in die Stadt kamen. Viele Frauen, die
sich wie sie für eine freiere afghanische Ge-
sellschaft eingesetzt haben, versuchen in die-
sen Tagen, rauszukommen aus dem Land, das
blanke Angst. Mein Sohn sagt jetzt manch-
mal: Ach Mami, mach dir keine Sorgen, ich
bin ja da, ich bin ein Mann.«
In einer anderen Wohnung in Kabul, im
mehr sieht. inzwischen beinahe völlig in der Hand der Hintergrund sind die Stimmen von Angehö-
Amina, 38 Jahre alt, Mutter eines sieben- Extremisten ist. Sie fürchten um ihr Leben. rigen zu hören, sitzt Zarifa Ghafari. Sie ist
jährigen Sohnes und einer dreijährigen Toch- Aminas Mann lebt gerade nicht in Afgha- mit ihren 29 Jahren bis vor Kurzem die einzi-
ter, hatte, um irgendwie klarzukommen, alle nistan, sie ist mit ihren Kindern allein in der ge Bürgermeisterin Afghanistans gewesen, in
Fenster ihrer Wohnung in Kabul mit Tüchern Stadt. Sie gehört zur ethnischen Gruppe der Maidan Shar in der Provinz Wardak. Dann
verhängt, als die Taliban kamen und die Stadt Hazara, einer der von den Taliban am meis- übernahmen die Taliban die Macht in der
in nur ein paar Stunden einnahmen. Ganz so, ten verfolgten Minderheiten im Land. Wenn Kleinstadt.
als könnte sie die Gefahr ausblenden. sie jetzt vor die Tür geht, um Lebensmittel Ghafari wurde schon immer von Taliban-
Es gibt nur einen kleinen Spalt zwischen einzukaufen, leiht sie sich die Burka einer Befürwortern bedroht, weil sie gegen Korrup-
den Tüchern. Durch diesen schauen Amina Nachbarin. Sie sagt, sie habe vorher nie Bur- tion und den Einfluss der Islamisten kämpfte.
und ihr Sohn abwechselnd alle paar Stunden ka getragen. Sie habe gar keine. Sie konnte nie in dem Ort leben, in dem sie
nach draußen. Sie können auf die Hauptstra- »Keine der Frauen im Haus besitzt eine die Geschäfte führte. Musste von Sicherheits-
ße ihres Kabuler Viertels blicken. Die Straße Burka. Wir leihen sie alle. Wenn wir zurück personal eskortiert werden auf ihrem tägli-
ist leer. Keine Männer, keine Kinder, vor al- nach Hause kommen, geben wir sie wieder chen Weg zur Arbeitsstätte und zurück nach
lem keine Frauen auf dem Gehsteig. ab. Damit die nächste Frau nach draußen ge- Kabul, bis in ihre Wohnung. Dort sitzt sie am
Amina sagt am Telefon: Vor Kurzem noch hen kann.« vergangenen Montag, als wir sie erreichen.
seien da unten die jungen Bräute langgegan- Ein Stück Stoff wie eine Eintrittskarte in Der SPIEGEL führte schon mehrere Inter-
gen. Sie hätten sich in den Beautysalons rings- die neue Welt da draußen. views mit Ghafari, sie hat dabei immer mit
um die Haare oder die Nägel richten lassen. Amina sagt: »Die Taliban halten noch still. einer festen Stimme gesprochen. Wenn sie
In den Boutiquen Hochzeitskleider anpro- Sie sagen: Ihr müsst keine Burka tragen! etwa über Aktionen gegen den Plastikmüll
biert. Es sei immer sehr viel Leben auf der Schickt eure Mädchen zur Schule! Aber wir in ihrer Stadt redete oder ein Radioprojekt,
Straße vor ihrem Haus gewesen. Jetzt würden kennen diese Männer. Wir warten nur darauf, mit dem sie junge Frauen förderte. Oder
Plakate mit Frauengesichtern mit weißer oder dass sie anfangen mit der Gewalt. Wir wissen, wenn sie sagte, dass sie sich noch an die Tali-
schwarzer Farbe überstrichen, den Farben es wird nicht still bleiben.« ban-Herrschaft erinnere, unter der sie ein
der Flagge der Taliban. Jetzt sei das Einzige, Seit Tagen gibt es Berichte, wonach Tali- kleines Mädchen war. Wie sie seinerzeit ein-
was die Straßen fülle, eine angstvolle Stille. ban von Tür zu Tür gehen und bei Leuten mal, mit fünf Jahren, aus dem Haus ging ohne
Amina – der Name ist zu ihrem Schutz ge- klingeln, die sich in den vergangenen Jahren Kopftuch. Und wie ihre Großmutter voll
ändert – hat als Aktivistin für viele interna- in der Gesellschaft engagiert haben, in der Schrecken sagte: So willst du außer Haus ge-
tionale Organisationen gearbeitet. Nun fürch- Politik, im Sport, in der Bildung. Viele gehen hen? Der Talib dort drüben wird dich schla-
tet sie, dass das, was sie vor dem Fenster sieht, gen, vielleicht einsperren, wenn du so auf die
ein Blick in die Vergangenheit wie in die Zu- Straße trittst.
kunft ist. Ein Leben unter den Taliban, in Jetzt ist ihre Stimme fast nicht zu hören.
dem Frauen nicht mehr ohne Begleitung Zarifa Ghafari sagt, dass sie in Kabul sitze
eines Mannes vor die Tür treten dürfen, mit und auf den Tod warte. »Die Taliban haben
einer Burka verhüllt sein müssen, einem vor neun Monaten meinen Vater getötet. Sie
Tuch, das den Körper der Frau verdeckt vom hassen meine Familie. Wenn sie eine schwar-
Scheitel bis zu den Knöcheln, auch die Augen ze Liste haben, stehe ich ganz oben.«
mit einem Stoffgitter. Sie sagt: »Ich sitze hier mit meinem Ver-
Ein Leben, in dem Mädchen und Frauen lobten, mit meinen Geschwistern, meiner
Schulbildung untersagt ist. In einem Land, in Mutter. Sie ist schon alt. Ich kann nicht so ein-
dem Frauen geschlagen und gesteinigt wer- fach gehen. Ich werde sie nicht zurücklassen.«
den. Ein Leben fern von Freiheit. Sie würde gern ihre ganze Familie außer
Andrea Bruce / NOOR

Um diese Furcht soll es in dieser Geschichte Landes bringen. Aber sie sagt, sie werde nicht
gehen. Es erzählen eine Politikerin, die Akti- auf Knien die internationale Gemeinschaft
vistin Amina sowie eine Lehrerin. Sie unter- anbetteln. »Sie scheren sich einen Dreck um
richtete Mädchen in einer Schule, die seit dem mich. Um uns. Natürlich will niemand in die-
Tag geschlossen hat, an dem die Taliban zu- Bürgermeisterin Ghafari 2019 ser Hölle bleiben. Aber bevor ich die USA

24 DER SPIEGEL Nr. 34/ 21. 8. 2021


TITEL

Wakil Kohsar / AFP


noch einmal um Hilfe frage, sterbe ich schickte am Sonntag, als die Taliban Talibankämpfer vor noch den Unterrichtsstoff beibringen
lieber in Würde.« vor den Toren der Stadt standen, alle Beautysalon in kann. Vielleicht wäre Homeschooling
Kabul: Jetzt sei das
Dann weint Zarifa Ghafari. Was Jungen und Mädchen zurück zu ihren Einzige, was die ja eine Möglichkeit, denkt sie.
Afghanistan für ein wunderschönes Eltern. Zur Sicherheit. Straßen fülle, eine Keiner kann im Moment mit Ge-
Land sei, sagt sie. Was für wunder- Ayla erzählt über Textnachrichten, angstvolle Stille wissheit sagen, was die Taliban pla-
volle Frauen hier lebten. Was für gro- wie es ihr geht. Die Nachrichten er- nen, wie die Zukunft aussehen wird
ße Träume sie gehabt habe, was für reichen den SPIEGEL über eine Ver- für Frauen in Afghanistan. Doch
Pläne für ihr Land. mittlerin, Ayla hat zu viel Angst, di- Zarifa, Ayla, Amina, diesen drei Frau-
Sie sagt dann: »Sag deinen Leuten, rekt zu kommunizieren. Sie ging Mit- en zuzuhören ist, als könnte man da-
ich schäme mich für euch. Ihr tut mir te der Nullerjahre einmal selbst in der bei zusehen, wie in ihren Köpfen
leid. Ihr seid feige. Einfach zu ver- Einrichtung zur Schule. Sie sagt, es schon eine Schranke nach der ande-
schwinden, alles zerbrochen zurück- sei ihr als Lehrerin immer darum ge- ren zugeht.
zulassen. Was für Gründe habt ihr, gangen, aus den Mädchen und Jun- Amina, die Aktivistin, denkt jetzt
meine Träume, unsere Leben einfach gen gefestigte Frauen und Männer zu darüber nach, ihre Postings in den so-
zu brechen?« machen. Eine Gesellschaft, sagt sie, zialen Medien zu löschen. Sie hat dort
Es gibt ein paar vereinzelte Frauen, verändere sich nur durch die Ideen viel über die Freiheit der Frau ge-
die in den vergangenen Tagen auf die und Gedanken der Kinder. schrieben. Die Posts zu löschen würde
Straßen gingen, um mit Plakaten zu Als die Schule am Sonntag schloss, sie schmerzen, denn sie sind so etwas
demonstrieren. Die Taliban geben ging Ayla zwei Stunden zu Fuß nach wie ihr Tagebuch, Zeugnisse ihrer Ar-
sich bisher in ihren Worten moderat, Hause. Sie sagt, sie habe nichts ande- beit in den vergangenen Jahren, ihrer
aber was heißt das schon? Ein Spre-
cher der Taliban sagte, man wolle in
res mehr tun können, als einfach einen
Fuß vor den anderen zu setzen. Auf »Vor neun Erfolge. Das, wofür sie steht.
Viele ihrer Freundinnen und weib-
Zukunft die Rechte von Frauen »in- den Straßen, sagt sie, sei da schon Monaten lichen Vorbilder hätten ihre Accounts
nerhalb des islamischen Rechts« res-
pektieren. Was das genau heißt, sagte
kaum noch eine Frau zu sehen gewe-
sen. Alles sei bisher ruhig. Keine Ge-
haben sie aufgegeben, ihre Einträge könne man
schon jetzt nicht mehr einsehen, sie
er nicht. Er ermutigte Frauen, weiter walt. Aber niemand glaube, dass es so meinen seien verstummt.
arbeiten zu gehen, Mädchen zur bleibt. Ayla hat von Nachbarn gehört, Vater getö- Wenn Amina jetzt Facebook öff-
Schule zu schicken.
Doch in der Schule von Ayla ist
es gebe Aufforderungen, dass Frauen
und Männer auf den Straßen nicht
tet. Wenn es net, sei der Feed noch immer dersel-
be wie vor ungefähr einer Woche.
niemand mehr. Ayla, auch ihr richti- mehr so viel Zeit miteinander verbrin- eine schwar- Dann kamen die Taliban. Seitdem
ger Name kann hier nicht stehen, ist gen sollen. Dass Frauen ermahnt wor- ze Liste gibt, sind keine neuen Einträge dazuge-
Lehrerin an einer Schule in Kabul, in
der Mädchen und Jungen zusammen
den seien, ihre Kopftücher zu tragen.
Ayla macht sich jetzt Gedanken, stehe ich kommen. Seitdem herrsche auch im
Internet nur noch angstvolle Stille.
unterrichtet werden. Die Schule wie sie ihren Schulmädchen in Zukunft ganz oben.« Maria Stöhr I

Nr. 34/ 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 25


TITEL

»Alles bei einem Minister abzuladen wird


nicht funktionieren«, warnt ein einflussrei-
cher SPD-Mann, der nicht genannt werden
möchte. Denn wer sei für den Bundesnach-
richtendienst und dessen Fehleinschätzungen

Wegducken verantwortlich? Die Kanzlerin. Und wer tra-


ge seit 16 Jahren die Gesamtzuständigkeit für
den Afghanistaneinsatz? Auch die Kanzlerin.

in Berlin Von der Verantwortung der Unionsminister


Horst Seehofer (Innen), Gerd Müller (Ent-
wicklung) und AKK ganz zu schweigen. »Da
macht am Ende keiner Geländegewinne«,
sagt der SPD-Mann.
PARTEIEN Die Bilder aus Kabul geben dem deutschen Wahlkampf
Mal abgesehen davon sei das Thema im
eine dramatische Wende. Wer ist schuld an dem Desaster, Wahlkampf noch gar nicht richtig angekom-
wer sollte zurücktreten? Vor einem Thema aber schrecken fast alle men. Die Leute reagierten aufgewühlt und
zurück – der Debatte über steigende Flüchtlingszahlen. betroffen auf die Bilder aus Kabul, das ja.
Aber noch werde das Debakel gar nicht so
sehr mit der Regierung in Verbindung ge-

B erlin wirkt sehr weit weg, wenn man


in St. Peter-Ording ist, an der nord-
friesischen Nordseeküste. Düsseldorf
noch weiter, und Kabul scheint hier so fern
mit dem neuen US-Präsidenten Joe Biden
scheint auch vorbei zu sein, bevor er richtig
angefangen hat. In Berlin fühlen sich viele
von den Amerikanern im Stich gelassen.
bracht. Doch dafür wird schon noch gesorgt.
Als Annalena Baerbock am Mittwoch in
Passau auf die Bühne kommt, kann man fast
eine halbe Stunde lang vergessen, dass in
zu sein, dass es ferner kaum geht. Doch nicht Nun drängt auch noch mit Macht ein The- Afghanistan Geschichte geschrieben wird.
an diesem verregneten Dienstag. Da rückt ma auf die Tagesordnung, das politisch kaum Die grüne Kanzlerkandidatin spricht über So-
Afghanistan plötzlich ganz nah. heikler sein könnte. Wie soll Deutschland rea- ziales, über Klimaschutz, über Industriepoli-
Armin Laschet hat seinen Wahlkampfauf- gieren, wenn die Flüchtlingszahlen aus Af- tik. Erst ganz zum Schluss schwenkt sie um.
tritt an der Seebrücke gerade beendet, als ghanistan steigen? Politik ist ein zynisches »All denjenigen, die gesagt haben, es wuss-
eine junge Frau auf den Kanzlerkandidaten Geschäft, vor allem in Wahlkampfzeiten. te ja niemand, was in Afghanistan passiert in
der Union zukommt. Ihre Eltern sind aus Eri- Und so wird in den Parteizentralen diskutiert, den letzten Wochen, muss ich sagen: Das
trea nach Deutschland geflüchtet, sie ist 17, wem das Afghanistandesaster am Ende nut- stimmt einfach nicht. Man hat bewusst die
und jetzt will sie von Laschet wissen, ob er zen wird – und wem am meisten schaden. Augen verschlossen.«
als Kanzler die Flüchtlingspolitik von Angela Der SPD hat es bereits ihren offiziellen So ist gerade die grüne Strategie im Um-
Merkel fortführen würde. Wahlkampfauftakt verhagelt. Es lief so gut gang mit der Krise: In der Parteispitze glaubt
Um den Kandidaten hat sich eine Men- in den vergangenen Wochen, langsam schob man, dass der Konflikt den Wahlkampf bis
schentraube gebildet, Laschet presst die Lip- sich die SPD in den Umfragen an den Grünen zum Schluss beeinflussen wird. Aber er soll
pen zusammen, runzelt die Stirn, dann gibt vorbei auf Platz zwei. Bei der Frage nach die Partei auch nicht von ihrem bisherigen
er eine komplizierte Antwort. Er gehöre ja zu dem beliebtesten Kanzlerkandidaten konnte Weg abbringen.
denen, die 2015 die Kanzlerin unterstützt hät- SPD-Mann Olaf Scholz seinen Vorsprung Am Ende könnten die Grünen zu den Kri-
ten, sagt er. Und doch habe es Fehler gegeben. gegenüber Laschet und der Grünen Annalena sengewinnern zählen. Was für eine schöne
»Wir wollen jetzt in Afghanistan erst mal Baerbock solide ausbauen. Gelegenheit, die Regierung vorzuführen. Die
eine sichere Aufnahme rund um Afgha- Und jetzt? Dreht sich alles um einen an- Kanzlerin, die Verteidigungsministerin, den
nistan«, sagt er. Es helfe nichts, »wenn die deren Sozialdemokraten, um Heiko Maas, CSU-Innenminister und eben Heiko Maas.
jetzt alle in großen Mengen nach Deutschland den Außenminister. Er ist das Gesicht des Und selbst Scholz kann man als Vizekanzler
kommen«. Wobei – wer Deutschland gehol- deutschen Versagens in Afghanistan. Die in Mithaftung nehmen.
fen habe, dem müsse nun auch geholfen FDP fordert seinen Kopf, Verteidigungsminis- Sich selbst können die Grünen hier als
werden. Und den Frauenrechtsaktivistinnen terin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) schuldlos darstellen, haben sie doch über
natürlich auch. nutzt jede Gelegenheit, dem Landsmann aus Jahre immer wieder gefordert, die afghani-
Die junge Frau ist noch nicht fertig. »Wür- dem Saarland die Hauptschuld an dem De- schen Helfer unbürokratisch nach Deutsch-
den Sie sagen, dass Deutschland in Afgha- bakel zuzuschieben. land zu holen. »Eine Politik, die in solchen
nistan versagt hat?«, fragt sie, und Laschet ant- Momenten keine Haltung zeigt, ist keine
wortet: »Ja.« Eine größere Niederlage habe Politik, die Verantwortung für die Zukunft
die Nato in ihrer Geschichte noch nicht erlebt. Flucht vor dem Krieg übernehmen kann«, sagt Baerbock. Die Re-
Dann zieht er zum nächsten Passanten. gierung habe keine aktive Außenpolitik be-
Er weiß wohl, dass ihn das Thema nicht Asylanträge von Afghanen in Deutschland trieben, so wie sie fast alles auf sich habe
loslassen wird. Vor sechs Wochen war es die Frauen Männer zukommen lassen.
Flutkatastrophe, die dem eingeschlafenen insg.
Allerdings kommen auch von den Grünen
Wahlkampf eine dramatische Wende gab. 127.012 kaum Vorschläge, was jetzt zu tun ist. Wie
Jetzt sind es die herzzerreißenden Bilder vom 100 Tsd. bekommt man die Flüchtlinge aus Afgha-
Flughafen in Kabul. insg. nistan hierher, wo sollen sie hin? Wie viel Ko-
31.382 operation mit den Taliban wäre in Ordnung,
In Berlin schieben sich Union und SPD
gegenseitig die Verantwortung zu, weil nicht insg. um humanitäre Helfer im Land zu halten?
schnell genug gefährdete Menschen aus Af- 7587 Wie sollte Hilfe für die Flüchtlinge in den
ghanistan evakuiert wurden. Die Opposition Nachbarländern aussehen, wenn man dem
will Rücktritte sehen und fordert Aufklärung. repressiven Iran oder dem Taliban-freund-
0
Warum hat die Regierung die Lage am Hin- lichen Pakistan kein Geld zuschieben will?
dukusch so katastrophal falsch eingeschätzt? 2015 2017 2019 2021 In der Union spürt man, wie unangenehm
Und der kurze transatlantische Honeymoon S Quelle: BAMF; Stand: 30. Juni vielen das Thema ist. Am Montag rang die

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TITEL

der AfD, so glauben sie, würden da-


von profitieren.
Am Dienstag steht AfD-Chef Tino
Chrupalla im thüringischen Neustadt
an der Orla beim »Klartextforum«.
Etwa 100 Zuhörer sind gekommen, es
geht viel um Angst, vor Veränderung,
dem demografischen Wandel, dem
Verschwinden von Schulen und Kran-
kenhäusern, vor Windrädern, Brüssel,
der Gendersprache – und vor Flücht-
lingen.
Das Asylrecht müsse ausgesetzt
und das Grundgesetz angepasst wer-
den, fordert Chrupalla, natürlich müs-
se der Grenzschutz verstärkt werden.
»Ich denke schon, dass die Stimmung
uns helfen könnte wegen unserer
Positionen«, sagt er später. In Sach-
sen arbeite man schon an neuen Pla-
katen zu Afghanistan.
Doch der Parteichef hat ein Pro-
blem. Selbst bei diesem Thema ist die
AfD zerstritten. Sein Co-Chef Jörg
Meuthen und der Ehrenvorsitzende

EMRAH GUREL / AP
Alexander Gauland fordern, die af-
ghanischen Ortskräfte zu retten und
nach Deutschland zu bringen. Viele
andere Funktionäre dagegen wollen
Parteispitze im Präsidium um die Afghanische lerin um die Zuwanderung geliefert sie auf keinen Fall aufnehmen.
Frage, wie sie sich in der Flüchtlings- Flüchtlinge in der hatte. Damals hatte der Streit der bei- Die innerparteiliche Kakofonie,
Türkei: Rhetorisch
frage positionieren soll. Teilnehmer bereits die Grenzen den Schwesterparteien die Union fast die nun ein eilig gefundener Kompro-
der Sitzung berichten, der Außen- geschlossen? zerrissen – und die AfD nach oben miss beruhigen soll, sorgt mit dafür,
politiker Norbert Röttgen habe für katapultiert. Eine Neuauflage dieses dass es der AfD bisher nicht gelungen
möglichst große Hilfsbereitschaft Streits ist das Letzte, was CDU und ist, die Afghanistandebatte für sich
geworben. CSU brauchen, das scheint nun auch zu nutzen. Auch weil andere Parteien
Doch Fraktionschef Ralph Brink- Seehofer zu wissen. lauter sind.
haus und Gesundheitsminister Jens Seine Position ist klar: keine Kon- FDP-Politiker wie Verteidigungs-
Spahn hätten vor den Risiken einer tingente für Afghanistanflüchtlinge, expertin Agnes Strack-Zimmermann
solchen Strategie im Wahlkampf ge- wie sie etwa Kanada angekündigt hat oder Parteivize Wolfgang Kubicki for-
warnt, heißt es. Ja, man solle helfen, und wie sie am Wochenende Anna- dern seit Tagen den Rücktritt von
aber gleichzeitig dürfe man die Fehler lena Baerbock gefordert hat. Statt- Maas und Kramp-Karrenbauer. »Die
von 2015 nicht wiederholen. So ar- dessen sollen die Flüchtlinge in den Menschen haben das Gefühl, das
gumentiert auch Laschet. Nachbarländern versorgt und unter- Unvermögen der Regierung fällt
Um aber nicht den Eindruck ent- stützt werden. Wie aber eine solche ihnen langsam auf die Füße«, sagt
stehen zu lassen, die Union mache Unterstützung etwa in Iran konkret Kubicki. »Die Coronakrise nicht be-
rhetorisch bereits die Grenzen zu, aussehen könnte, kann auch Seehofer wältigt, die Hochwasserkatastrophe
kündigte der Kanzlerkandidat an, nicht erklären. Aber es ist zumindest ebenso, und jetzt kommt noch das
dass allein Nordrhein-Westfalen 1800 eine Position, mit der man es bis zum Chaos rund um Afghanistan hinzu.
Ortskräfte und andere bedrohte Af- Wahltag schaffen könnte. Das ist ziemlich viel Staatsversagen
ghanen aufnehmen wolle. Außerdem Die Union ist in der Flüchtlings- auf einmal.«
werde er nach einem Wahlsieg versu- frage geeinter als vor sechs Jahren. Man habe eine moralische Ver-
chen, alle Ortskräfte, die dann noch Die Willkommenskultur hat in CDU pflichtung, die Menschen aufzuneh-
in Afghanistan seien, nach Deutsch- und CSU deutlich weniger Anhänger men, die für die Bundeswehr und
land zu holen. als damals. Das Grunddilemma aber deutsche Hilfsorganisationen gearbei-
Störfeuer aus der Schwesterpartei ist geblieben. Eine zu konservative tet hätten. »Auf größere Flüchtlings-
ist dieses Mal nicht zu erwarten. Am Position würde den christlichen Flü- bewegungen sind wir hingegen kom-
Mittwoch meldete sich in der Kabi- gel verprellen. Eine liberale Flücht- plett unvorbereitet«, sagt Kubicki.
nettssitzung Horst Seehofer (CSU) zu lingspolitik stieße im konservativen Einen Plan, wie seine eigene Partei
Wort: »Der Innenminister hat kein
»Der Innen- Teil auf Widerstand und würde der mit dem heiklen Thema umgehen
Interesse an einer Flüchtlingsdiskus- minister AfD Wähler zutreiben. Es ist ein The- will, gibt es allerdings auch nicht. Da-
sion«, sagte er. »Und ich gehe davon hat kein ma, bei dem es aus Seehofers Sicht rüber, sagt Kubicki, rede man gerade
aus, dass wir in dieser Positionierung für die Union nichts zu gewinnen gibt. in der FDP.
übereinstimmen.« Nicken in der Run- Interesse In der AfD hoffen viele, dass sich
Florian Gathmann, Konstantin
de, kein Widerspruch. an einer möglichst viele Afghanen auf den von Hammerstein, Timo Lehmann,
Ausgerechnet Seehofer. Der Mann, Flüchtlings- Weg nach Deutschland machen, auch Veit Medick, Ann-Katrin Müller,
der sich 2015 als CSU-Vorsitzender wenn sie in der Öffentlichkeit das Ge- Ralf Neukirch, Jonas Schaible,
einen erbitterten Kampf mit der Kanz- diskussion.« genteil beteuern. Die Umfragewerte Nele Spandick, Severin Weiland I

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 27


TITEL

»Afghanistan darf sich


nicht wiederholen«
SPIEGEL-GESPR ÄCH Bundesaußenminister Heiko Maas, 54, über Rücktrittsforderungen, die gefährliche
Rettung der afghanischen Ortskräfte und die militärische Abhängigkeit von den USA

SPIEGEL: Herr Maas, haben Sie in den ver- gen: Wie wollen wir in Zukunft internationale werden die Entscheidungen der Nato faktisch
gangenen Tagen an Rücktritt gedacht? Verantwortung übernehmen? Eines steht für in Washington getroffen, und die Nato in
Maas: Ob Sie es glauben oder nicht: In den mich fest: Das Ergebnis dieses Prozesses darf Brüssel hat kaum die Möglichkeit mitzuspre-
vergangenen Tagen habe ich nur an eines nicht sein, dass wir international keine Ver- chen, sondern operationalisiert sie nur noch.
gedacht, nämlich aus den Fehlern, die wir alle antwortung mehr übernehmen. Die Frage ist, Wir müssen viel politischer diskutieren, ehe
gemacht haben, die Konsequenz zu ziehen wie wir es tun wollen. Es wird sich die Frage wir unsere Soldaten irgendwo hinschicken.
und dafür zu sorgen, so viele Leute aus stellen, ob die Nato ein reines Verteidigungs- Sonst besteht die Gefahr, dass wir immer nur
Afghanistan rauszuholen wie möglich. Das bündnis ist oder ob diese Organisation auch die Entscheidungen Washingtons nachvoll-
ist die verdammte Pflicht von jedem, der geeignet ist, Einsätze dieser Art zu führen. ziehen, egal, wer dort Präsident ist.
an der Entwicklung der letzten Tage und SPIEGEL: Welche Art Einsätze meinen Sie? SPIEGEL: Ist die drängendere Frage nicht, wie
Wochen beteiligt war. Maas: Einsätze, die außerhalb des eigent- Deutschland und Europa sich endlich aus
SPIEGEL: Sie haben eingestanden, die Lage lichen Auftrags der Nato liegen. Der Grund der militärischen Abhängigkeit von den USA
falsch eingeschätzt zu haben. Die Folge dieses für den Afghanistaneinsatz waren die Anschlä- lösen?
deutschen Irrtums sind Chaos und Verzweif- ge vom 11. September 2001. Die Nato-Mis- Maas: Wir werden uns innerhalb Europas
lung in Afghanistan. Es haben schon Bundes- sion sollte sicherstellen, dass von afghani- Gedanken darüber machen müssen, den euro-
minister aus geringeren Gründen ihre Ämter schem Boden aus keine terroristischen An- päischen Pfeiler in der Nato zu stärken. Denn
aufgegeben. schläge mehr verübt werden. Als dies erreicht die Realität ist die, dass die Amerikaner vieles
Maas: Niemand kann ernsthaft abstreiten, war, ging der Einsatz aber trotzdem weiter. entscheiden und wir folgen, weil wir über-
dass es Fehleinschätzungen gegeben hat. Wir Plötzlich ging es um die Zukunft von Afgha- haupt nicht in der Lage sind, ohne die USA
müssen das alles aufbereiten. Von den kon- nistan: Ist es unsere Aufgabe, für Frieden zu schwierige internationale Missionen durch-
kreten Abläufen in den letzten Tagen und sorgen? Für die Einhaltung der Menschenrech- zuführen. Das Scheitern in Afghanistan darf
Wochen bis hin zu politischen Fragen, die te? Gehört es auch dazu, unsere Staatsform nicht dazu führen, dass wir uns außen- und
sich für uns in Deutschland, aber auch für die zu exportieren? Das ist in Afghanistan auf je- sicherheitspolitisch komplett der Verantwor-
internationale Staatengemeinschaft stellen. den Fall gescheitert. Trotzdem bleibt die Fra- tung auf der Welt verweigern. Aber Afgha-
Menschen aus Afghanistan, die sich jetzt an ge, ob solche Missionen nicht auch in Zukunft nistan darf sich auch nicht noch einmal wie-
uns und mich wenden, wollen vor allem eines: unter Nato-Führung möglich sein müssen. derholen.
Hilfe, jetzt. SPIEGEL: Die Nato soll politischer werden? SPIEGEL: Ex-US-Präsident Donald Trump
SPIEGEL: Glauben Sie, Sie können Ihre Feh- Maas: Ohne Zweifel, ja. Diese Debatte füh- hat mit den Taliban verhandelt, ohne die Re-
ler durch die Evakuierungsoperation heilen? ren wir ja seit einiger Zeit auch. Zuweilen gierung in Kabul einzubeziehen. Sein Nach-
Maas: Ich weiß nicht, ob man das überhaupt folger Joe Biden hat dann die US-Truppen
heilen kann. Aber die Menschen, die am Flug- abgezogen, ohne ein Abkommen zwischen
hafen von Kabul stehen, erwarten zu Recht, Desaster für Deutschland der afghanischen Regierung und den Taliban
dass wir uns um sie kümmern und sie da raus- abzuwarten. Welcher Fehler wiegt schwerer?
holen. Ich will dazu beitragen, dass nach »Hat die Afghanistan-Politik Deutschlands Maas: Die Trump-Regierung hat ja nicht nur
versagt?«, in Prozent
unseren Fehlern nicht auch noch verzweifelte die afghanische Regierung von den Gesprä-
Menschen im Stich gelassen werden. chen mit den Taliban ausgeschlossen, son-
SPIEGEL: Jetzt läuft eine lebensgefährliche Ja 78 dern auch die internationalen Bündnispart-
Evakuierungsoperation – werden Sie auch ner. Das Ergebnis war eine Vereinbarung,
im Amt bleiben, wenn Retter oder Ortskräfte Nein 15 dass die USA und damit auch alle anderen
verletzt oder getötet werden? ausländischen Truppen Afghanistan Anfang
Maas: Ich habe großen Respekt vor den Sol- Mai dieses Jahres verlassen sollten. Nach dem
»Wäre Deutschland Ihrer Meinung nach
datinnen und Soldaten sowie den anderen ausreichend vorbereitet, wenn der Krieg in Wechsel im Weißen Haus haben wir mit
Deutschen, den Polizisten, Diplomaten und Afghanistan zu einer deutlichen Erhöhung der Großbritannien, Frankreich und anderen
allen anderen. Das ist ein sehr gefährlicher Asylanträge führen würde?«, in Prozent Nato-Verbündeten die Regierung von Joe
Einsatz. Aber wir haben alles dafür getan, Biden gefragt, was aus dieser Entscheidung
dass die Evakuierung verantwortbar bleibt – Ja 19 wird. Und alle Partner waren dafür, dass wir
wie andere Nationen auch. den Abzug nicht an einen Zeitplan, sondern
SPIEGEL: Welche Konsequenzen ziehen Sie Nein 79 an Bedingungen knüpfen.
aus dem Afghanistandesaster? SPIEGEL: Daran hat sich die Regierung Biden
Maas: Neben den konkreten Fragen nach S Quelle: Civey-Umfragen für den SPIEGEL aber letztlich nicht gehalten.
den Abläufen in den letzten Tagen, Wochen vom 13. bis 18. August; mehr als 5000 Befragte; Maas: Nein. Sie hat einen zeitlich definierten
Stichprobenfehler: +/- 2,5 Prozentpunkte;
und Monaten stellen sich große politische Fra- an 100 fehlende Prozent: »Unentschieden« Abzug vorgezogen, auch mit der Begrün-

28 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


TITEL

Maas: Auch da hätte man sicherlich vieles


besser machen können. Man hätte zum Bei-
spiel von Anfang an, so wie von unserem
Haus und dem Verteidigungsministerium
vorgeschlagen, die Visa erst bei Ankunft in
Deutschland ausstellen können. Darauf konn-
ten wir uns aber innerhalb der Bundesregie-
rung erst in den letzten Tagen einigen.
SPIEGEL: Aber auch Ihr Amt ist der Argu-
mentation der afghanischen Regierung ge-
folgt, die vor einem Zusammenbruch gewarnt
hat, wenn viele Ortskräfte frühzeitig aus-
geflogen werden.
Maas: Die afghanische Regierung hatte die
ganze Zeit über kein Interesse daran, dass
Ortskräfte das Land verlassen. Sie hat sich
geweigert, beschleunigt Reisepässe für diese
Gruppe auszustellen. Die Regierung Ghani
befürchtete infolge der Bilder einen Massen-
exodus und einen Zusammenbruch der staat-
lichen Strukturen und der Streitkräfte. Wenn
die Regierung eines Landes uns mit derarti-
gen Prognosen konfrontiert, können wir das
nicht einfach ignorieren.
SPIEGEL: Nachdem der Präsident außer Lan-
des geflüchtet ist und sich die Streitkräfte vie-
lerorts kampflos ergeben haben – was denken
Sie im Nachhinein über diese Warnungen der
afghanischen Regierung vor einem Exodus
der Ortskräfte?
Maas: Das Verhalten der afghanischen Re-
gierung und der Streitkräfte ist wirklich kaum
zu fassen. Die wahren Gründe dafür zu ana-
lysieren ist wichtig für jedes zukünftige En-
gagement.
SPIEGEL: Jetzt wollen die Taliban die afgha-
nischen Ortskräfte nicht aus dem Land lassen.
Ihr Botschafter Markus Potzel verhandelt
darüber mit der Taliban-Führung in Doha.
Welchen Preis ist die Bundesregierung bereit,
zur Rettung dieser Menschen zu zahlen?
Maas: Wir führen die Gespräche mit den
Taliban, weil es keine Alternative dazu gibt.
Es wird darum gehen, eine Regelung zu fin-
Peter Rigaud / DER SPIEGEL

den, auf deren Basis Ortskräfte jetzt sicher


zum Flughafen kommen und von der Bundes-
wehr ausgeflogen werden können. Es wird
aber auch um zivile Charterflüge für wei-
tere Menschengruppen in den kommenden
SPD-Politiker Maas: »Ich weiß nicht, ob man das überhaupt heilen kannn«
Wochen gehen. Es wäre unverantwortlich,
darüber nicht auch mit den Taliban zu spre-
dung, dass es zu einem Krieg mit den Taliban gegenseitig und haben falsche Einschätzun- chen.
kommen könnte, wenn die ausländischen gen voneinander übernommen. Das muss SPIEGEL: Das heißt, es könnte Geld fließen?
Truppen über den Mai hinaus in Afghanistan sich ändern. In Zukunft sollte man die Er- Maas: Es geht nicht darum, Lösegeld zu zah-
bleiben. Wir hätten uns den Abzug der US- kenntnisse anderer Dienste noch einmal sehr len. Wir müssen schnell eine Lösung finden,
Truppen anders vorgestellt. Aber die Schuld intensiv überprüfen. Die Entscheidungen, die aber wir sind nicht bereit, jeden Preis zu
für die Entwicklung liegt schon bei Bidens aufgrund dieser fehlerhaften Berichte getrof- bezahlen.
Vorgänger. fen wurden, sind nach bestem Wissen und SPIEGEL: Wie werden Sie reagieren, wenn
SPIEGEL: Der Bundesnachrichtendienst hat Gewissen gefallen. Aber sie waren im Ergeb- die Taliban fordern, dass Deutschland wei-
die Eskalation der Lage nicht vorhergesehen. nis falsch, mit katastrophalen Folgen. Das terhin Entwicklungsprojekte finanziert?
Haben die Dienste versagt? kann nicht ohne Konsequenzen für die Ar- Maas: Wir wollen allen Ortskräften, auch der
Maas: Ich halte nichts von der Debatte, wer beitsweise unserer Dienste bleiben. Gesellschaft für Internationale Zusammen-
am meisten Schuld auf sich geladen hat. Aber SPIEGEL: Nach unseren Recherchen haben arbeit und der Entwicklungshilfe, eine Eva-
die Fehler müssen analysiert werden. sich Ihr Haus sowie die Ministerien für Inne- kuierung ermöglichen. Also wird es in Kürze
SPIEGEL: Hat der BND Fehler gemacht? res, Verteidigung und Entwicklung über die zunächst einmal keine Menschen mehr geben,
Maas: Der BND hat offensichtlich eine fal- Rückholung der Ortskräfte in bürokratischen die Entwicklungsprojekte durchführen kön-
sche Lageeinschätzung vorgenommen, so wie Streitereien verheddert. Ist die Bundesregie- nen. Im Moment hat für uns Priorität, erst
andere Dienste auch. Die informieren sich ja rung im Krisenfall nicht handlungsfähig? mal die humanitäre Hilfe weiterzuorganisie-

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 29


TITEL

Wand fahren. Schauen Sie sich an, wie gut


Deutschland im internationalen Vergleich
durch die Coronakrise gekommen ist. Oder
dass sich Bund und Länder nach der Flut-
katastrophe innerhalb kürzester Zeit darauf
geeinigt haben, 30 Milliarden Euro zur Ver-
fügung zu stellen. Wir sind weit davon ent-
fernt, alles richtig zu machen. Aber im inter-
nationalen Vergleich – und den bekomme ich
oft zu hören – gilt Deutschland nicht gerade
als failed state.
SPIEGEL: 59 deutsche Soldaten sind im Af-

Florian Gaertner / photothek / Getty Images


ghanistankrieg getötet worden, viele weitere
wurden teils schwer verletzt. Waren diese
Opfer letztlich umsonst?
Maas: Diejenigen, die in den 20 Jahren in
Afghanistan gewesen sind, haben dazu bei-
getragen, dass die Lebenserwartung in die-
sem Land höher geworden ist und die Kin-
dersterblichkeit gesunken ist. Dass Mädchen
in die Schule gehen, Frauen studieren konn-
Kabul-Besucher Maas im April: »Das Verhalten der afghanischen Regierung ist kaum zu fassen«
ten. Dass Menschenrechte geachtet wurden.
Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass
ren, und zwar so, dass sie bei denen an- Maas: Im Innenministerium rechnet man mit diese Errungenschaften nicht völlig verloren
kommt, die sie brauchen. Zahlen zwischen 500 000 und fünf Millionen. gehen. Aber die Soldatinnen und Soldaten,
SPIEGEL: Verteidigungsministerin Annegret Wie viele es sein werden, kann niemand die dort im Einsatz waren, haben ganz kon-
Kramp-Karrenbauer hat den Vorschlag ge- im Moment seriös prognostizieren. Aber kret dafür gesorgt, dass Menschenleben ge-
macht, die Ortskräfte zurück bis 2013 zu eva- es wird mehr Flüchtlinge geben, so viel ist rettet und bewahrt worden sind. Das kann
kuieren, der Entwicklungsminister hat sich sicher. ihnen niemand nehmen.
gegen diese Idee gestellt. Wo standen Sie in SPIEGEL: Nach dem verstolperten Impfstart SPIEGEL: Viele Afghanistanveteranen bekla-
diesem Konflikt? und dem mangelnden Katastrophenschutz gen die mangelnde gesellschaftliche Anerken-
Maas: Es ist nicht meine Aufgabe, Ihnen diese bei der Flut ist es nun das dritte Mal, dass nung. Wird die Bundesregierung nach der
Diskussionen im Einzelnen aufzublättern. Im den Deutschen vorgeführt wird, wie ihr Staat Katastrophe der letzten Tage den Afgha-
Zweifel wissen Sie es ja ohnehin. Es wurde je- an einer akuten Krise scheitert. Kann dieses nistaneinsatz noch feierlich würdigen?
denfalls über diese Frage gesprochen. Die etwa Vertrauen wiederhergestellt werden? Maas: Das ist das Mindeste. Wir müssen aber
2500 Ortskräfte der Bundeswehr hatten Prio- Maas: Die Bilder, die wir in den letzten Ta- auch eine gesellschaftliche Debatte darüber
rität, weil sie am meisten gefährdet sind. Wenn gen aus Afghanistan gesehen haben, sind so führen, dass den Soldatinnen und Soldaten
man die Ortskräfte der Entwicklungshilfe so- schrecklich und verstörend, dass es nieman- im Einsatz die notwendige Anerkennung zu-
wie Menschenrechtsverteidiger hinzunimmt, den unberührt lässt. Aber bei aller Dramatik kommt. Das war in der Vergangenheit nicht
sprechen wir insgesamt über 10 000 Personen. gehört zur Wahrheit dazu, dass wir mittler- immer der Fall. Bewaffnete Soldaten waren
SPIEGEL: Ihren Koalitionspartner, die Union, weile mehr als 1000 Menschen ausgeflogen die Grundlage dafür, dass in Afghanistan Stra-
treibt erklärtermaßen die Angst um, dass die haben. Ob daraus die Allgemeinheit den ßen, Krankenhäuser und Schulen gebaut wer-
Flüchtlingskrise von 2015 sich wiederholen Schluss zieht, dass der deutsche Staat nicht den konnten.
könnte. Sehen Sie das auch so? mehr handlungsfähig ist? Ich glaube das nicht. SPIEGEL: Wird das Thema Afghanistan den
Maas: Die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 SPIEGEL: Warum sollten die Deutschen da- Wahlkampf dominieren?
wird sich nicht wiederholen, dazu sind die rauf vertrauen, dass es beim nächsten Mal Maas: Davon kann man ausgehen. Afgha-
Bedingungen heute zu unterschiedlich. Aber besser läuft? nistan wird uns bis Ende September und da-
wir müssen damit rechnen, dass es in Afgha- Maas: Wer das Risiko, Fehler zu machen, aus- rüber hinaus beschäftigen. Einige versuchen
nistan in den kommenden Tagen, Wochen, schließen will, endet im Nichtstun. Das kann ja bereits, daraus Funken zu schlagen. Dass
Monaten viele Flüchtlinge geben wird. Und auch keine Alternative sein. Wichtig ist, dass Armin Laschet die Aufnahme aller Ortskräfte
aufgrund der genannten Fehler und Versäum- wir als Politiker zeigen, dass wir daraus die mit seiner Kanzlerschaft verbindet, finde ich
nisse der letzten Wochen sehe ich uns auch richtigen Konsequenzen ziehen. Ich stimme befremdlich. Das hat eher was mit Verant-
in der Verantwortung, einer Flüchtlingsbewe- Ihnen auch nicht zu, dass wir als Bundes- wortung zu tun als mit der Frage, wer Kanzler
gung nicht tatenlos zuzusehen. regierung die Dinge permanent gegen die wird. Wer dann nachschiebt, die Flüchtlings-
SPIEGEL: Wären Sie bereit, Flüchtlingskon- krise von 2015 dürfe sich nicht wiederholen,
tingente über die Ortskräfte hinaus in ist bei dem Thema doch eher ambivalent.
Deutschland aufzunehmen? SPIEGEL: Wollen Sie nach der Wahl Außen-
Maas: Wir sprechen darüber mit unseren minister bleiben? CSU-Chef Markus Söder
europäischen Verbündeten. Zunächst einmal hat gesagt, die Union werde darauf drängen,
sollten wir dafür sorgen, dass wir die Nach- dass Sie nicht mehr dem Kabinett angehören.
barstaaten Afghanistans dabei unterstützen, Maas: Ich würde erst mal abwarten, welche
Peter Rigaud / DER SPIEGEL

mit den Flüchtlingen gut umzugehen, sobald Partei der nächsten Bundesregierung über-
sie kommen. haupt angehört. Das ist ja offener, als viele
SPIEGEL: Mit wie vielen Flüchtlingen rech- dachten. Und wie meine berufliche Zukunft
nen Sie? aussieht, ist wirklich das Letzte, woran ich
im Moment einen Gedanken verschwende.
* Mit Redakteur Christoph Schult und Redakteurin Mela- SPIEGEL: Herr Maas, wir danken Ihnen für
nie Amann im Auswärtigen Amt in Berlin. Maas beim SPIEGEL-Gespräch*: »Hilfe, jetzt« dieses Gespräch.

30 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


Kinostart am
26. August

lädt ins Kino ein!


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DER SPIEGEL – das deutsche Nachrichten-Magazin

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Mit »Reminiscence: Die Erinnerung stirbt nie« legt Autorin, Regisseurin und Produzentin www.spiegel.de/kartenverlosung
Lisa Joy einen packenden Actionthriller vor. Die Hauptrollen übernehmen Hugh Jackman,
Rebecca Ferguson und Thandiwe Newton. Teilnahmeschluss ist der 25.08.2021,
12 Uhr. Die Gewinner erhalten die
Kinokarten per Post, hierfür sind Ihr
Nick Bannister (Jackman) lebt an der durch den steigenden Meeresspiegel überfluteten Küste Name und Ihre Adresse notwendig.
von Miami. Das Spezialgebiet des Privatdetektivs ist der menschliche Verstand: Seinen Auf- Die Freikarten sind in allen Kinos
traggebern hilft er dabei, in die dunkelsten Winkel ihres eigenen Geistes vorzudringen und einlösbar, in denen der Film in
Deutschland gezeigt wird. Informieren
dort Zugang zu verschütteten Erinnerungen zu finden. Bannisters Leben verändert sich radikal, Sie sich bitte vorab bei Ihrem Kino,
als mit Mae (Ferguson) eine neue Klientin auftaucht. Aus einem einfachen ob und welche Einschränkungen
Auftrag entwickelt sich eine gefährliche Besessenheit. Während er versucht, aufgrund der Coronapandemie ggf.
zu berücksichtigen sind. Es gelten die
die Wahrheit über Maes Verschwinden herauszufinden, deckt Bannister eine aktuellen Datenschutzbestimmungen,
brutale Verschwörung auf. Am Ende muss er sich die Frage stellen: Wie weit insbesondere werden die Adressen der
kann man gehen, um die Menschen, die man liebt, zu halten? Gewinnspielteilnehmer nicht an Dritte
weitergegeben. Der Rechtsweg ist
QR-Code scannen ausgeschlossen. Missbrauch wird zur
/WarnerBrosDE www.warnerbros.de/de-de/filme/reminiscence und online registrieren. Anzeige gebracht.
DEUTSCHLAND

Sven Koerner / dpa


Die Seiffener Volkskunst im sächsischen Erzgebirge legt in diesem Jahr eine ganz besondere Reihe ihrer Räuchermännchen und -frauchen
auf. In der Manufaktur wird seit 1958 die Holzwerkkunst ganz traditionell betrieben und das Sortiment regelmäßig erweitert. Nun sollen
mehrere Prominente als Räucherfiguren entstehen. Ein überraschender Verkaufsschlager ist in diesem Jahr die aus dem Amt scheidende
Bundeskanzlerin Angela Merkel, inklusive der berühmten »Merkel-Raute«.

Länder geben Millionen Impfdosen zurück


CORONA Weil die Vakzine von AstraZeneca zum Ladenhüter geworden ist, werden überschüssige Dosen an den
Bund zurückgeschickt. Was haltbar ist, wird an bedürftige Länder verschenkt.

D ie Bundesländer wollen fast drei Mil-


lionen überschüssige Impfdosen
loswerden. Nach einer Übersicht des
Bundesgesundheitsministeriums haben die
gerer Zahl. Das Bundesgesundheitsministe-
rium sammelt diese überflüssigen Impfstof-
fe, um sie an Drittstaaten zu verschenken.
Voraussetzung ist, dass die Vakzinen noch
weiter, um sie Entwicklungsländern unent-
geltlich zur Verfügung zu stellen. Bis Jahres-
ende will Deutschland insgesamt mindes-
tens 30 Millionen Dosen an andere Staaten
Länder bis Donnerstag insgesamt 2,76 Mil- mindestens zwei Monate lang haltbar verschenken. Schlimmstenfalls zu verfallen
lionen Dosen zur Rückführung an den sind. Um welche Nationen es sich konkret drohen dagegen bis zu 3,2 Millionen über-
Bund angemeldet. Beim Großteil (2,6 Mil- handelt, steht noch nicht abschließend schüssige Impfdosen in den Praxen nieder-
lionen Dosen) handelt es sich um die Vak- fest. Die Verträge würden derzeit verhan- gelassener Haus- und Fachärzte. Das geht
zine des Herstellers AstraZeneca, die in den delt, heißt es im Ministerium. Ein Papier aus einer Übersicht der Kassenärzte hervor,
Impfzentren der Länder zum Ladenhüter für das Bundeskabinett, das bereits im Juli die dem SPIEGEL vorliegt. Diese Vakzinen
geworden ist. Spitzenreiter ist Nordrhein- beraten wurde, nennt als potenzielle dürfen wegen einer Vorschrift des Arznei-
Westfalen, das 922 400 Dosen AstraZeneca Empfänger »Staaten des Westbalkans, der mittelrechts und aus haftungsrechtlichen
abstoßen will. Danach folgt Bayern mit östlichen Partnerschaft und Namibia«. Gründen nicht direkt an den Bund zurück-
685 100 Dosen der Vakzine. Auch der Impf- Alle neu eintreffenden Lieferungen von gegeben werden. Ärztevertreter sind darü-
stoff von Johnson & Johnson wird von den AstraZeneca reicht der Bund inzwischen ber empört. Sie fürchten, dass die überzähli-
Ländern zurückgegeben, allerdings in gerin- direkt an die internationale Initiative Covax gen Dosen entsorgt werden müssen. COS

32 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


Unterbezahlte brutto mehr pro Monat. Nach
DIE GEGENDARSTELLUNG
SPIEGEL-Berichterstattung
Beraterinnen über die Forderungen hatte sich
FRAUEN Die Beraterinnen des im Oktober die damalige Fami- Hilfe, Inflation
Hilfetelefons »Gewalt gegen lienministerin Franziska Giffey
Frauen« haben allesamt Studien- (SPD) eingeschaltet und zuge- Von Alexander Neubacher
abschlüsse, eine hohe psychi- sichert, an der Seite der Mitar-
sche Belastung durch den Job – beiterinnen zu stehen. Doch Haben Sie das Gefühl, dass in Ihrem Alter waren, wäh-
und fordern deshalb mehr in einem Brief an die Leitung alles teurer wird? Sie irren rend Sie nur einen Gebrauch-
Gehalt. Seit einem Jahr führen des Hilfetelefons von Mitte Juni sich nicht. Die Preise steigen. ten fahren? Die Antwort:
die Mitarbeiterinnen Gespräche beschweren sich diese, die Ver- Obst, Gemüse, Benzin, 1974 kostete der erste
mit dem Bundesfamilienminis- handlungen in den Arbeitsgrup- Bekleidung, Mieten, Möbel, VW Golf mit Basisausstat-
terium und dem Bundesamt für pen des Bundesamts würden Reisen, Restaurantbesuche: tung umgerechnet etwa
Familie und zivilgesellschaftli- torpediert. Auch ein Gespräch Im Juli lag die Inflation bei 4 100 Euro. Laut offizieller
che Aufgaben, dem sie zugeord- in der vergangenen Woche mit 3,8 Prozent. Bundesbank- Inflation, rund 200 Prozent
net sind. Sie haben für ihr Anlie- der Amtsleitung brachte keinen Chef Jens Weidmann rechnet seit 1974, wären das in-
gen gestreikt. Fortschritt, wie ein von Teil- bald sogar mit bis zu fünf zwischen gut 12 000 Euro.
Die etwa 100 Mitarbeiterin- nehmerinnen angefertigtes Pro- Prozent. Vergleichbares gab Für diesen Betrag bekom-
nen verdienen im gesamten Refe- tokoll zeigt. Das Ministerium es zuletzt vor 28 Jahren. Für men Sie heutzutage aber
rat am wenigsten und verlangen, spricht auf Anfrage von einem Menschen mit einem gerin- keinen Golf mehr, sondern
im Tarifsystem hochgestuft zu »konsensualen Prozess«, zu gen oder mittleren Einkom- nur einen Dacia Duster
werden. Eine Vollzeitkraft dem man keine Stellung nehme, men wird es knapp. Wer aus Rumänien. Ein neuer
bekäme dann 400 bis 500 Euro da er noch laufe. AKM 2020 noch gerade so mit sei- Golf kostete Sie mindestens
nem Geld auskam, ist statis- 20 000 Euro, fast 400 Pro-
tisch jetzt immer schon einen zent mehr als 1974.
Hubschrauber zur Bergung von Menschen aus- Tag vor Monatsende pleite. 400 statt 200 Prozent –
gestattet – alle drei seien in Ich wundere mich über die Statistiker erklären die-
blieben am Boden Bayern stationiert. Zudem sei die Wurstigkeit, mit der Ver- sen Unterschied zwischen
KATASTROPHENSCHUTZ Als die übliche Crew aus Pilot, Not- antwortliche das Thema echter Preissteigerung und
Folge aus der Flutkatastrophe arzt und Rettungssanitäter, abtun. Bundeswirtschaftsmi- offizieller Inflation damit,
fordert der Grünen-Gesund- die sonst etwa bei Autounfällen nister Peter Altmaier hält es
heitsexperte und Bundestagsab- zur Luftrettung ausrückt, nicht für ein vorübergehendes Phä- Ihre Eltern hatten
geordnete Janosch Dahmen bei Nachtflügen einsetzbar. Das nomen. Christine Lagarde,
eine Modernisierung der soge- BBK habe den betroffenen Län- Chefin der Europäischen einen Golf, Sie fah-
nannten Zivilschutz-Hubschrau- dern während der Flutkatastro- Zentralbank, kümmert sich ren nur Dacia – und
ber. Hintergrund ist, dass die phe daher andere Hubschrau- mehr ums Weltklima als
18 orangefarbenen Hubschrau- ber vermittelt, etwa die der um stabile Preise in Deutsch-
der Trend geht zum
ber, die der Bund deutsch- Bundespolizei oder des Medizi- land. In Europa gelten wir Transportfahrrad.
landweit an zwölf Standorten nischen Katastrophen-Hilfs- sowieso als Neurotiker, die
vorhält, Mitte Juli bei der Über- werks, einem Zusammenschluss sich »endlich mal ein biss- dass ein neuer VW Golf mit
schwemmung in Rheinland- privater Rettungsdienstunter- chen entspannen« sollten, einem alten nicht so einfach
Pfalz und Nordrhein-Westfalen nehmen. Dahmen verlangt vom wie der britische Historiker zu vergleichen ist, er sei
nicht zum Einsatz kamen. Laut Bund als Konsequenz »die Frederick Taylor kürzlich im größer, schneller, moderner,
Bundesamt für Bevölkerungs- Beschaffung neuer, besser geeig- SPIEGEL erklärte. neuerdings sogar mit Digital-
schutz und Katastrophenhilfe neter Hubschraubermodelle, Es stimmt, ein Teil der anzeige. Deshalb rechnen
(BBK) sind nur drei der Flug- um deutschlandweit in Krisenla- Inflation geht auf Sonder- sie die bessere Ausstattung
geräte mit einer Rettungswinde gen tätig sein zu können«. WOW effekte zurück, etwa auf die aus der Inflation heraus.
Mehrwertsteuer, die wegen Man nennt diesen Trick
Corona vorübergehend ge- »hedonische Methode«:
senkt worden war. Es stimmt Schon wird der Golf infla-
Nachgezählt aber auch, dass die echte tionsbereinigt zum Dacia.

49 %
Inflation längst höher ist als Womöglich reicht es bald
Anteil deutscher Herstellermarken an in der Statistik ausgewiesen. nur noch zum Transportfahr-
der Gesamtmenge der verkauften E-Autos
im ersten Halbjahr 2021 Selbst genutzte Häuser rad mit Hilfsmotor.
von 759.000 Plug-in- und Wohnungen etwa fallen Hohe Inflationsraten sind
Hybriden weltweit bei der Teuerungsrate der gefährlich. Sie fressen Kauf-
EZB unter den Tisch. Dabei kraft und Ersparnisse auf,

15 %
sind die Preise für Immobi- führen zu Altersarmut, ver-
lien in den letzten Jahren giften die Wirtschaft. Man
teils dramatisch gestiegen. muss nicht in Panik verfallen,
von 1,7 Millionen reinen Haben Sie sich auch schon doch ich wünschte mir, das
E-Autos weltweit mal gefragt, wie sich Ihre Thema würde in der Politik
Eltern einen nagelneuen VW ernster genommen, als es
Golf leisten konnten, als sie derzeit der Fall ist.

An dieser Stelle schreiben Markus Feldenkirchen und Alexander Neubacher


im Wechsel.
S Quelle: PwC


Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 33


CHAPPAT TES WELT Gegen Maaßen,
für Lauterbach
KAMPAGNEN Die Nichtregie-
rungsorganisation (NGO) Cam-
pact will dem SPD-Gesundheits-
politiker Karl Lauterbach und
der Ex-Linkenchefin Katja Kip-
ping helfen, ihre Wahlkreise zu
gewinnen. Ebenso sollen Kam-
pagnen gegen vier Unionskandi-
daten gestartet werden. Verhin-
dern möchte der Verein etwa,
dass Ex-Verfassungsschutzchef
Hans-Georg Maaßen ein Direkt-
mandat erringt. Ebenso wollen
die Aktivisten Stimmung gegen
den Parlamentarischen Staats-
sekretär im Wirtschaftsministe-
riums, Thomas Bareiß, machen.
Dem CDU-Politiker wurden
fragwürdige Kontakte nach
Aserbaidschan vorgeworfen.
»Ob einzelne Abgeordnete im
Parlament vertreten sind oder
nicht, kann enorme Auswirkun-
gen auf die Politik haben«, sagt
Campact-Vorstandsmitglied
Felix Kolb. Sie könnten etwa
Grüne wollen Mafia eines in kriminellen Kreisen (GTAZ) orientieren, in dem die die Klimapolitik blockieren,
beliebten Anbieters von ver- Sicherheitsbehörden der Län- andere dagegen seien ein Mehr-
bekämpfen meintlich abhörsicheren Kryp- der und des Bundes Erkenntnis- wert. Lauterbach etwa habe kei-
KRIMINALITÄT Die Grünen tohandys. Um die Szene nach- se über islamistische Terror- nen sicheren Listenplatz, deswe-
wollen die Sicherheitsbehörden haltiger zu bekämpfen, sollen verdächtige austauschen. Ana- gen sei die Erststimme bei ihm
im Kampf gegen Organisierte Justiz, Polizei und Zoll mit log zum GTAZ soll das OK- wichtig. Teil der Kampagne sol-
Kriminalität (OK) stärken. Das mehr Personal ausgestattet wer- Board »regelmäßig Entwicklun- len Aktionen in den sozialen
geht aus einem Strategiepapier den. Auch soll Externen der gen erörtern, Fälle besprechen Netzwerken sein, geplant sind
der drei Innenexpertinnen Quereinstieg in die Kripo ohne und Aufgaben verbindlich Diskussionsveranstaltungen
Irene Mihalic, Sina Imhof und reguläre Polizeiausbildung festlegen«. Zudem fordert die und das Verteilen von Infomate-
Katharina Schulze hervor. erleichtert werden. Kernforde- Partei für die Ermittlungen rial an Haustüren. Anders als in
Organisiertes Verbrechen sei rung der Grünen ist die Schaf- gegen mafiöse Banden mehr den USA ist es in Deutschland
eine »unterschätzte Gefahr«. fung eines OK-Boards. Das Gre- internationale Kooperation. So unüblich, dass NGOs Kampa-
Verdeutlicht habe dies etwa die mium soll sich nach den Plänen soll etwa Europol zu einem gnen für Parlamentskandidaten
Auswertung gehackter Nach- der Grünen am Gemeinsamen europäischen Kriminalamt aus- starten. Der Verein finanziert
richten der Firma Encrochat – Terrorismusabwehrzentrum gebaut werden. JDL, ROL sich durch Spenden. TIL

Heute schlau Was in Afghanistan passiert,


mag erschreckend sein, hat
präsentieren können. In der
Coronapandemie konnten
schübe bei Fußball und Corona
mit der Dauerpräsenz dieser
jedoch auch einen positiven Forscherinnen und Forscher beiden Themen erklärt werden
SO GESEHEN Plötzlich Effekt: Die plötzliche Macht- jüngst beobachten, wie vorher können, rätselt man heute.
wissen alle alles übernahme der Taliban offen- medizinisch ungebildeten Woher kommt die fundierte
bart einen Kompetenzschub Menschen spontan detaillierte Afghanistanexpertise weiter
über Afghanistan. in der deutschen Bevölkerung. Kenntnisse über die Gefähr- Teile der Bevölkerung, die sich
Bildungsexperten kennen lichkeit des Virus, die Effekti- bisher kaum oder gar nicht für
dieses Phänomen bereits. Seit vität von Gegenmaßnahmen die dortigen Verhältnisse inte-
Jahrzehnten beobachten sie und die Nebenwirkungen von ressiert haben? Die Forschung
nach jedem Spiel der Fußball- Impfstoffen zuwuchsen. dauert an, eine hoffnungsvolle
nationalmannschaft einen hefti- Ähnliches geschieht nun Prognose gibt es aber schon.
gen Anstieg der allgemeinen dieser Tage in Sachen Afgha- Spätestens nachdem die Folgen
Fußballkompetenz. Umfragen nistan: Praktisch alle Befragten des Klimawandels unwider-
belegen regelmäßig, wie wissen genauestens, was wann ruflich eingetreten sind, werden
präzise zufällig ausgewählte wie am Hindukusch längst sehr viele genau wissen, was
Personen eine potenziell hätte geschehen sollen, um das zu dessen Verhinderung
erfolgreichere Aufstellung als aktuelle Desaster zu verhin- hätte getan werden müssen.
der Bundestrainer hätten dern. Während die Kompetenz- Stefan Kuzmany

34 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


»Er hat keinen Rückhalt mehr«
FLUTK ATASTROPHE Der CDU-Geschäftsführer
im Kreis Ahrweiler, Michael Schneider, über das
Versagen des Landrats Jürgen Pföhler

SPIEGEL: Herr Schneider, vor ehrenamtlichen Feuerwehrver-


fünf Wochen starben im Ahrtal antwortlichen delegieren.
133 Menschen. Wegen womög- SPIEGEL: Einige Bürgermeister

Bernd Hartung / DER SPIEGEL


lich verspäteter Warnungen sagen, sie hätten den Landrat
ermittelt die Staatsanwaltschaft schon nachmittags aufgefordert,
gegen Ihren Parteikollegen, Katastrophenalarm auszulösen,
Landrat Jürgen Pföhler. Nun hat er tat das erst nach 23 Uhr.
ihn auch die CDU zum Rückzug Schneider: Man hätte, nach
aufgefordert – warum erst jetzt? allem, was wir wissen, viel
Schneider: Wir sind alle ehren- früher warnen und großräumig
amtliche Kommunalpolitiker,
zuerst ging es um die akute Not-
evakuieren müssen. Die Men-
schen an der mittleren und
»Brücke zum Leben«
hilfe. Eine so schwerwiegende unteren Ahr wurden vollkom-
Entscheidung, sich gegen den men überrascht davon, dass DIE AUGENZEUGIN Kathrin Thiemann, 60,
eigenen Landrat zu positio- das Wasser bis über den ersten aus Marburg begleitet als Trauer-Clown Menschen,
nieren, der viele positive Ent- Stock stieg, dabei saßen die einen Angehörigen verloren haben.
wicklungen im Landkreis viele an der Oberahr ja bereits
gestaltet hat, bricht man auch auf den Dächern. »Angefangen habe ich 2010 Meine Clown-Figur heißt
nicht übers Knie. SPIEGEL: Was erwartet die als normaler Clown. Da bin Rita Remember. Remember
SPIEGEL: Warum ist er für Sie CDU jetzt vom Landrat? Er hat ich eher zufällig reingepur- ist das englische Wort für er-
nicht mehr tragbar? sich krankgemeldet, will aber zelt. Seit sechs Jahren besu- innern. Und genau das soll
Schneider: Bei so einer existen- offenbar nicht zurücktreten. che ich nun Alten- und Pflege- mein Schauspiel erreichen.
ziellen Krise muss der Kapitän Schneider: Der Kreistag hat ihn heime, um die Stille dort auf- Es ist kein Schenkelklopfer-
auf der Brücke sein. Das war einstimmig aufgefordert, den zumischen und Leben in die Spaß, den ich transportieren
der Landrat aber weitestgehend Weg für einen Neuanfang frei- Bude zu bringen. Dann habe möchte, sondern ganz feine,
nicht, er war danach auch zumachen. Jetzt hat er noch ich noch eine Fortbildung zum fast schon poetische Freude.
nicht vor Ort bei den Menschen, Optionen, etwa in den einstwei- Trauer-Clown gemacht. Weil Mithilfe meiner Pantomime
um sich zu kümmern. ligen Ruhestand zu gehen. Tut er ich hauptberuflich als Physio- will ich eine Brücke vom Tod
SPIEGEL: Er hat den Krisenstab das nicht, droht ein langwieriges therapeutin auf einer Palliativ- zum Leben bauen. Sprache
offenkundig alleingelassen. Abwahlverfahren. Wir bitten station arbeite, beschäftige ich kann manchmal eine Mauer
Schneider: Es ist für mich ihn, uns allen das zu ersparen. mich ohnehin seit Jahren mit sein, weil man nicht die rich-
nicht akzeptabel. Ein Landrat Er hat mit dem Kreistagsbe- dem Thema Tod. tigen Worte findet. Ich gebe
hat die politische Gesamtver- schluss keinen politischen Rück- Bei der Arbeit als Trauer- den Trauernden etwas, an dem
antwortung und kann sie in der halt mehr und auch nicht das Clown geht es nicht darum, sie sich festhalten können –
Katastrophe nicht an einen Vertrauen der Menschen. AGR simple Scherze zu machen. jenseits von Worten.
Mein Ziel ist es, für die Hinter- Für mich ist das ein Ge-
bliebenen bestimmte Lebens- schenk, wenn ich in ein tief-
cher Straftaten »eine riesige abschnitte des Verstorbenen trauriges Gesicht blicke, des-
Zu wenig Einsatz Baustelle« gebe. Die FIU pantomimisch darzustellen. sen Augen sich für einen kur-
gegen Geldwäsche bekommt überwiegend von Wenn die Person zum Beispiel zen Moment aufhellen. Oder
STRAFVERFOLGUNG Die nieder- Banken Bescheid, wenn es im Posaunenchor aktiv war, wenn die Gesichtszüge des
sächsische Justizministerin Bar- einen Verdacht auf Geldwäsche spiele ich Luftposaune. Dafür Trauernden ein bisschen weich
bara Havliza (CDU) wirft dem gibt. Die Zahl dieser Meldun- führe ich vorher lange Gesprä- werden. Ich erkenne allerdings
Bund schwere Versäumnisse gen stieg von 2019 bis 2020 che mit den Angehörigen. auch, wenn Angehörige etwas
beim Kampf gegen Geldwäsche stark an, von 115 000 auf In anderen Momenten ver- nicht gut finden. Dann halte ich
vor. Die Spezialtruppe des Zolls 140 000. Dennoch übergab die suche ich, die Trauer der Le- Abstand, um ihren Schmerz
FIU habe »ihren Anteil daran«, FIU etwa in Niedersachsen benden abzubilden. In meinem nicht schlimmer zu machen.
dass es bei der Aufklärung sol- immer weniger Fälle an die Poli- Requisitenkoffer, der für die Wenn ich Menschen von
zei. Die Zahl sank von 2048 letzte Reise des Verstorbenen meiner Arbeit erzähle, reagie-
im Jahr 2019 auf 1146 im Jahr steht, habe ich etwa eine ver- ren sie häufig überrascht. Viele
2020. Das zeigen neue Daten welkte Rose und Stofftaschen- sind skeptisch. Bislang bin ich
aus Havlizas Ministerium. Die tücher dabei. Damit trockne nur auf Feiern einer Traue-
FIU soll Meldungen bundesweit ich dann meine Tränen oder rrednerin aufgetreten, bei der
filtern, um Strafverfolger zu gebe dem Trauernden die Mög- Menschen gemeinsam ihrer
entlasten. Havliza kritisiert, die lichkeit, dasselbe zu tun. Wäh- Verstorbenen gedacht haben.
Behörde konzentriere sich »vor rend meines Spiels läuft im- Gerne würde ich bald aber
Silas Stein / dpa

allem auf das Datensammeln« mer Musik im Hintergrund, auch auf Beerdigungen spielen.
und versäume es, wichtige am liebsten lasse ich mich von Aufgezeichnet
Informationen »rechtzeitig und einer Orgel begleiten. von Jonas Schulze Pals
Beschlagnahmte Banknoten vollständig« zu schicken. SMS

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 35


DEUTSCHLAND

Gordon Welters / DER SPIEGEL


Christdemokrat Laschet: »Endlich aufgewacht«

Ende einer Freundschaft


WAHLK AMPF In der Union bricht Panik aus, die Umfragewerte sinken, der Kanzlerkandidat schwächelt.
Die Parteispitze hat nun einen neuen Gegner ausgemacht – den einstigen Traumpartner FDP.

I m Bundesvorstand der CDU ist die Welt


meist erstaunlich übersichtlich und klar
sortiert. Man weiß hier ziemlich gut, wer
Freund ist und wer Feind, wo der politische
prophezeit Ziemiak, »Baerbock und Scholz
ins Kabinett hieven«. Der Generalsekretär
wird für seine Verhältnisse ziemlich energisch,
die ersten Teilnehmer horchen auf.
Fünf Wochen bleiben bis zur Wahl, und
die Kanzlerpartei steht so wackelig da, wie
es sich vor der Sommerpause vermutlich
nicht einmal die pessimistischsten Schwarz-
Gegner steht – und der steht, auch nach fast Und Ziemiak bleibt nicht allein. Auch maler im Konrad-Adenauer-Haus hätten vor-
zwei Jahrzehnten unter Angela Merkel, noch Christian Baldauf aus Rheinland-Pfalz meldet stellen können. Der Vorsprung in den Um-
immer links, in den Reihen der SPD, der Grü- sich, dort regiert die SPD gemeinsam mit fragen ist deutlich geschrumpft, die Werte
nen und, natürlich, der Linkspartei. FDP und Grünen in einem Ampelbündnis. von Kanzlerkandidat Armin Laschet sind
An diesem Montag allerdings klingt alles Baldauf knöpft sich Volker Wissing vor, den nicht mehr bescheiden, sondern unterirdisch.
etwas anders. FDP-Generalsekretär, auch der stammt aus Mittlerweile ist nicht einmal mehr ausge-
Generalsekretär Paul Ziemiak, so schil- Rheinland-Pfalz, die beiden kennen sich gut. schlossen, dass die Union noch von der SPD
dern es Teilnehmer, macht in der Sitzung den Und mögen sich offenbar nicht allzu sehr. überholt wird, dem vermeintlichen Auslauf-
Anfang. Es sei ja schön, dass die FDP gerade »Wissing hasst Teile der CDU!«, ruft Baldauf modell der jüngeren Parteiengeschichte.
pausenlos erzähle, wie unwahrscheinlich eine laut Schilderungen in die Runde. Dem Wahlkampfteam in der Parteizentra-
Ampelkoalition nach der Wahl sei, ruft er in Hass? FDP? Spätestens jetzt dürfte den le ist bewusst, dass es jetzt um jede Stimme
den Raum – aber niemand solle sich etwas meisten bewusst werden, dass hier etwas an- geht, dass die CDU es sich in dieser Verfas-
vormachen: Im Zweifel werde die FDP selbst- ders läuft als sonst. Diese Töne sind neu. Und sung auf keinen Fall leisten kann, noch Wäh-
verständlich die Ampel machen. Sie werde, ein Zeichen dafür, wie es um die CDU steht. ler an die FDP zu verlieren. Seit einiger Zeit

36 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


DEUTSCHLAND

schon nehmen die Unionsstrategen wahr, wie sicher sein will, dass aus dem Kanzleramt
die Liberalen sich um die einstige Stamm- Auf Kollisionskurs heraus eine Politik mit Maß und Mitte gestal-
klientel der Union bemühen: wirtschaftslibe- tet wird, muss mit beiden Stimmen die Union
»Wen würden Sie wählen, wenn am Sonntag
rale Konservative, Mittelständler im länd- Bundestagswahl wäre?«, Angaben in Prozent wählen.«
lichen Raum, sogar Landwirte. In der Pande- CDU-Vize Julia Klöckner unterstellt den
mie gab die FDP den Anwalt vieler, denen CDU/CSU FDP Liberalen eine perfide Taktik. »Die Strategie
Angela Merkels harte Linie in der Bekämp- 40
von Christian Lindner und der FDP ist klar«,
fung des Virus zu weit ging. Die Liberalen sagt sie. »Sie wollen unsere Wähler einlullen,
widerstanden dabei meist der Versuchung, 30 indem sie allen erzählen, Armin Laschet habe
populistisch allzu sehr zu überziehen, sie blie- das Kanzleramt schon sicher. Dabei liegt es
20 24
ben, anders als früher, größtenteils seriös. doch auf der Hand: Wer Grün-Rot nicht will,
Vor allem aber fürchtet man an der CDU- 10
12
darf nicht die FDP wählen, sondern muss
Spitze für den Wahlabend ein Szenario, das Schwarz stärken.« Klöckner kommt wie Bal-
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immer wahrscheinlicher wird: ein Ergebnis dauf aus Rheinland-Pfalz, wo die FDP schon
ohne klaren Sieger, mit mehreren möglichen Januar April Juli mehrmals mit der SPD koaliert hat.
Koalitionen – und einer FDP, die am Ende In München hört man all das gern. Dort
S Quelle: Civey-Umfrage für den SPIEGEL; Befragungszeit-
nicht Laschet zum Kanzler wählt, sondern räume: je sieben Tage, jüngste Befragung vom 12. bis 19. war man bislang entsetzt vom schläfrigen
Olaf Scholz. Wenn es einen Sozialdemokra- August 2021; mindestens 10.000 Befragte; Stichprobenfehler: Wahlkampf der Schwesterpartei, CSU-Chef
+/- 2,5 Prozentpunkte; an 100 fehlende Prozent: andere
ten gibt, mit dem auch Liberale können, dann Parteien Markus Söder schlug zuletzt fast im Wochen-
ist es der Finanzminister. Das macht die Sache takt Alarm. Nun lobt sein Generalsekretär
so gefährlich. Und Annalena Baerbock ist ja gelte, während der Bundespräsident den Be- Markus Blume, dass die CDU-Spitze immer-
auch noch da. troffenen sein Mitgefühl aussprach. In der hin erkannt habe, wie bedrohlich die FDP
Für die Union geht es jetzt darum, die CDU-Zentrale sehen einige die Szene als Wen- sei. »Es freut uns, dass die CDU endlich auf-
Kernwählerschaft zusammenzuhalten, das depunkt. Das Bild, so lautet ihre Diagnose, gewacht ist«, sagt er. »Wir haben schon lange
Schlimmste zu verhindern. Die Attacken vom habe sich festgesetzt. auf diese Gefahr hingewiesen.«
Montag dürften nur der Auftakt zu einer klei- Und nun geht sogar die Angst um, nach Auch in der FDP nimmt man die neuen
nen Kampagne in den nächsten Wochen sein: 16 Jahren das Kanzleramt zu verlieren. Töne wahr. »In der Union herrscht offenbar
Wer Christian Lindner wählt, so lautet offen- »Ich warne eindringlich davor, die Mög- Panik oder politische Orientierungslosigkeit«,
bar die Botschaft, könnte am Ende Saskia Es- lichkeit einer Ampel zu unterschätzen«, sagt sagt Marco Buschmann, Parlamentarischer
ken und Kevin Kühnert bekommen. Und Jür- der rheinland-pfälzische CDU-Fraktionschef Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion.
gen Trittin noch obendrauf. Baldauf. »Für die CDU wäre das die ungüns- »Wir wollen weniger Steuern, weniger Büro-
Die Frage ist, ob das verfängt. Oder ob es tigste Regierungskoalition.« kratie und solide Finanzen. Wenn die Union
nicht, im Gegenteil, den Liberalen sogar in Gegen Rot-Grün ließ sich gut opponieren – glaubt, uns dafür kein besseres Angebot ma-
die Hände spielt. doch wie sollte die Union überzeugend eine chen zu können als die SPD, dann muss es
Mannheim, ein Dienstagvormittag, es reg- Regierung angreifen, in der als Stimme der mit der Sozialdemokratisierung der Union
net in Strömen, dafür haben sich erstaunlich wirtschaftlichen Vernunft die FDP sitzt? Für noch schlimmer sein als gedacht.«
viele Menschen mit Regenschirmen vor der viele Konservative ist die Ampel im Bund da- Dabei sind sie in der FDP eigentlich gar
Bühne versammelt, auf der Christian Lindner her eine Horrorvorstellung. Bei den Alten nicht begeistert von der Aussicht auf eine Am-
gerade seine Rede begonnen hat. Er braucht werden Erinnerungen an 1969 wach, als die pel. Den meisten an der Spitze ist klar, dass
eine knappe halbe Stunde, um zur Frage zu Liberalen der SPD das Kanzleramt bescher- die Differenzen etwa in der Steuer- und Fi-
kommen, wer der nächste Kanzler wird. Die ten und dann halfen, es bis 1982 zu halten. nanzpolitik mit der SPD viel größer wären
Antwort steht für ihn fest. Generalsekretär Paul Ziemiak wird des- als mit der Union (siehe SPIEGEL-Streit-
»Ich gehe fest davon aus, dass der Regie- halb noch deutlicher. »Die FDP ist bei dieser gespräch auf Seite 40).
rungsbildungsauftrag bei Armin Laschet lie- Wahl keine Garantie für eine Regierung Auch unter den Wählern und Anhängern
gen wird!«, ruft Lindner. Man solle ihn da der bürgerlichen Mitte«, sagt er. »Wer also der FDP ist die Ampel unbeliebt. Es ist vor
nicht falsch verstehen, das sei keine Wahl- allem die Schwäche der Union, die das Bünd-
empfehlung, aber: »Die stärkste Kraft wird nis gerade wieder zur Option macht. Sollte
die CDU/CSU!« es rechnerisch möglich sein, wäre der Druck
Weder Olaf Scholz noch Annalena Baer- auf die Liberalen immens. Parteichef Lindner
bock würden ins Kanzleramt einziehen, es kann es sich kaum leisten, noch einmal eine
gehe nur noch darum, ob Laschet mit den Regierungsbeteiligung auszuschlagen, so wie
Grünen allein regieren oder die FDP sich als vor vier Jahren, als er die Jamaikasondierun-
Korrektiv einbringen könne. Lindner weicht gen platzen ließ.
keinen Millimeter von der Union ab. Alles Schwarz-Gelb, das war mal mehr als eine
bestens also, aus Sicht der CDU? politische Zweckgemeinschaft. Als Union und
Das Problem: Die Szene liegt mehr als FDP 2009 endlich wieder zusammen regie-
einen Monat zurück und stammt damit aus ren konnten, nach Jahren unter Rot-Grün
einem anderen Zeitalter. Mitte Juli klangen und Angela Merkels erster Großer Koalition,
Lindners Sätze logisch, aber jetzt? Der Wahl- da wirkte es zunächst so, als hätte zusammen-
kampf in diesem Jahr ist offen wie seit vielen gefunden, was zusammengehört. Es dauerte
Jahren nicht, schon in einer Woche kann sich allerdings nicht lange, bis Begriffe wie »Wild-
vieles verschieben. sau« und »Gurkentruppe« durch den Raum
Mittlerweile dürfte Lindner froh sein, dass schwirrten. Diesmal beginnt die Entfremdung
Andreas Chudowski

er die Ampel nicht schon völlig ausgeschlos- schon im Wahlkampf. Bevor überhaupt klar
sen hat, im Überschwang, in den Wochen, als ist, für welche Koalition es reichen wird.
Laschet wie der sichere Sieger aussah. Bevor Seit Jahren beobachtet man in der Union
die Flut kam. Bevor Laschet gefilmt wurde, argwöhnisch, wie die FDP sich an konserva-
wie er sich im Hintergrund vor Lachen krin- FDP-Chef Lindner tive Wählergruppen heranrobbt. Besonders

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 37


DEUTSCHLAND

Eindruck der Diskussion ein Plädoyer für die


heimische Agrarwirtschaft.
»Wir wollen, dass ein bäuerlicher Betrieb
nicht mit immer mehr Auflagen erstickt wird
und am Ende aufgibt!«, rief er. Natürlich
müssten die Klimaschutzziele erreicht wer-
den. »Aber dem Weltklima ist doch nicht da-
mit gedient, dass anderswo in der Welt Nah-
rungsmittel hergestellt werden, zu schlechte-
ren sozialen, ökologischen und schlechteren
Tierschutzbedingungen!« Zustimmung, Ap-
plaus. Besser hätte das auch die FDP nicht
sagen können.
Laschet hat eigentlich gute Erfahrungen
mit der FDP, seit 2017 regiert er mit den
Liberalen in Düsseldorf, ohne große Streite-
reien. Die Bilanz nach vier Jahren ist zwar
allenfalls durchwachsen, doch im geräuschlo-
sen Umgang miteinander setzte das Bündnis
Maßstäbe. Schon die Sondierungen nach der
Landtagswahl dauerten gerade mal vier Stun-

Markus Hintzen / DER SPIEGEL


den. Seither, heißt es in Düsseldorf, gebe es
regelmäßig Koalitionsausschüsse, von denen
die Öffentlichkeit gar nichts mitbekomme,
Differenzen würden im Geheimen abge-
räumt. Es ist alles etwas anders als in Berlin.
Laschet wirkt in diesen Tagen bisweilen
Liberale Bäuerin Konrad: Angriff in der Kerngruppe der Union
so, als sehnte er sich nach Düsseldorf, nach
seinem eher zahmen Koalitionspartner, nach
plagt das CDU und CSU dort, wo sie seit Be- zumal die Liberalen in ihrem Wahlprogramm der ruhigeren Gangart, nach den Tagen, in
stehen der Republik kaum Konkurrenz zu sogar Zumutungen für die Landwirte vorge- denen er sich nicht sofort und möglichst
fürchten hatten, etwa bei den Landwirten. sehen haben, also keine reine Lobbypolitik ohne Patzer zu jedem Weltenbrand äußern
Viele Jahrzehnte lang hatte sich die Union anbieten. So will die FDP die Landwirtschaft und gleichzeitig noch weiterregieren musste.
als verlängerter Arm des Bauernverbands »unabhängig von Agrarzahlungen« machen, Die Flut, Afghanistan, die Delta-Variante,
begriffen, das Bundeslandwirtschaftsministe- wie es in ihrem Programm heißt. Markus Söder, es ist alles etwas viel. Am
rium war insgesamt mehr als 50 Jahre lang »Gerade jüngere Landwirte fühlen sich Mittwoch war es den Nachrichtenagenturen
in ihrer Hand. Als zentrales Entscheidungs- vom Bauernverband und der CDU nicht eine Meldung wert, dass Laschet es ablehne,
kriterium galt dort die Frage, ob der Bauern- mehr vertreten««, sagt Carina Konrad, 38, die Kanzlerkandidatur doch noch Söder zu
verband den Vorhaben des Ministers zu- aus Rheinland-Pfalz. Sie bewirtschaftet mit überlassen.
stimmte oder nicht, angeblich gab es dafür ihrem Mann einen eigenen Hof und trat 2015 Laschet weiß, was es heißt, wenn wenige
auf Vorlagen sogar eine eigene Kategorie in die FDP ein, auch aus Frust über den Bau- Wochen vor einer Wahl ein Trend entsteht,
(»Bauernverband stimmt zu«). Für die Union ernverband. Seit 2017 vertritt sie die Libera- eine Dynamik, die zum Sog werden kann.
waren die Landwirte das, was einst die Fach- len im Bundestag. Er selbst hat 2017 von einem solchen
arbeiter für die SPD waren: Kerngruppe der Die Bauern fühlen sich durch immer neue Trend profitiert, damals lief er gegen Hanne-
Kerngruppe der Kerngruppe. Auflagen aus dem CDU-geführten Agrar- lore Kraft, die Ministerpräsidentin von der
Doch auch diese Welt verändert sich, die ministerium gegängelt, die FDP nimmt die SPD, die schließlich abgewählt wurde.
Landwirtschaft befindet sich im Struktur- Landwirtinnen und Landwirte in Schutz, Momentan läuft der Trend gegen Laschet,
wandel, den Bauernverband hat das ge- wenn es etwa um Pestizide oder Gülle auf den gegen seine Partei. Das kann sich noch mal
schwächt. Technischer Fortschritt, Genera- Feldern geht. »Landwirte sind Unternehmer drehen, aber ihm dürfte bewusst sein: Es wird
tionenwechsel auf den Höfen und der Kli- und wollen als solche wahrgenommen und von Tag zu Tag schwerer.
mawandel haben die Monopolstellung des behandelt werden«, sagt FDP-Generalsekre- Das ist derzeit überall in der Partei zu spü-
Verbands untergraben – und damit auch die tär Volker Wissing. Bis zum Frühjahr war er ren, der Unmut über Laschet und die all-
der Union. in Rheinland-Pfalz als Minister für Wirtschaft, gemeine Lage wächst. In einer WhatsApp-
Viele Landwirtinnen und Landwirte sind Landwirtschaft und Weinbau zuständig. Gruppe von Mitarbeiterinnen und Mitarbei-
wütend, sie fühlen sich im Stich gelassen, die Auch Armin Laschet nimmt die Bewegung tern der Parteizentrale, Bundestagsabgeord-
FDP hat sich das zunutze gemacht. Als sich wahr, am Mittwoch hörte er sich in Nieder- neten und Mitgliedern vor Ort beklagte sich
die Bauern im November 2019 zur großen sachsen die Sorgen und Nöte von Landwir- diese Woche ein Wahlkämpfer über die
Trecker-Demo in Berlin trafen, um gegen die tinnen und Landwirten an. Beim anschließen- Situation. »Wir wussten nicht, wo wir die La-
Agrar- und Umweltpolitik der Regierung an- den Auftritt in Oldenburg hielt er unter dem schet-Plakate hinhängen sollen, sodass wir
zuhupen, trat FDP-Chef Christian Lindner den wenigsten Schaden machen«, schrieb er.
dort auf. Er bekam Applaus, CDU-Agrar- »Am Ende hängt man sie dort auf, wo uns im
ministerin Klöckner wurde ausgebuht. Zweifel eh nur wenige Leute wählen.«
Bei einer Umfrage, wer die Interessen der Die Gruppe der parteiinternen Kritiker
Landwirte am besten vertrete, erhielt die
»Wir wussten hat dem Vernehmen nach rund 200 Mitlieder.
FDP jüngst 30 Prozent, die Union kam mit nicht, wo wir die Es soll nicht die einzige sein.
22 Prozent nur noch auf Platz zwei. Die
Erhebung war zwar nicht repräsentativ, für
Laschet-Plakate Lukas Eberle, Florian Gathmann, Kevin Hagen,
Christoph Hickmann, Timo Lehmann,
die Union ist sie dennoch ein Alarmzeichen – hinhängen sollen.« Veit Medick, Jonas Schaible, Christoph Schult I

38 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


Leseprobe

Warum ein Kilogramm Schuppen 1000 Dollar kostet So viel Geld – nur für den Inhalt eines einzelnen Containers! Pro
Auf den ersten Blick sind Schuppentiere braun und ... na ja ... Jahr werden bis zu 23 Milliarden Dollar mit dem illegalen Handel
schuppig. Auf den zweiten Blick sind sie nicht nur niedlich, sondern geschützter Arten umgesetzt. Eine Milliarde sind 1000 Millionen.
auch irre interessant. Was toll ist an ihnen: Schuppentiere Solche Zahlen sind natürlich nur geschätzt – gut möglich, dass es
können sich, um sich vor Feinden zu schützen, zu einer Kugel tatsächlich noch viele Millionen mehr sind.
zusammenrollen. Ihre Schuppen wachsen immer wieder Hier noch eine Schätzung: Experten vermuten, dass jedes Jahr
nach, so wie beim Menschen Fuß- und Fingernägel. Bei Neu- etliche Millionen Tiere und Pflanzen unerlaubt verkauft oder ge-
geborenen sind die Schuppen ganz weich und härten dann inner- tauscht werden. Manche im Ganzen und lebend, weil jemand eine
halb einiger Tage aus. superseltene Echse als Haustier oder besondere Kakteen im
Schuppentiere sind zugleich die Wildtiere, die weltweit am häu- Wohnzimmer haben möchte. Andere in Teilen wie häufig das
figsten illegal gehandelt werden. Und das, obwohl sie streng ge- Schuppentier, dessen Fleisch besonders lecker sein soll und des-
schützt sind. Genau wie der Handel mit Drogen, Waffen und Men- sen Schuppen pro Kilogramm 1000 Dollar kosten können. Diese
schen ist der illegale Handel mit geschützten Arten ein riesen- Schuppen werden zu Medikamenten verarbeitet, dabei bestehen
großes Geschäft. »Man kann damit sehr viel Geld verdienen«, sagt sie nur aus Keratin. Wer ein solches Schuppenpulver einnimmt,
Franz Böhmer vom Bundesamt für Naturschutz. Zum Beispiel mit könnte genauso gut ein Pulver aus Oma Bertas Fußnägeln essen!
Elfenbein, also Stoßzähnen von Elefanten. »Auch wenn der Markt Neben der Zerstörung ihrer Lebensräume und der Klimakrise
etwas ruhiger geworden ist: Vor ein paar Jahren wurde in Asien ist der illegale Handel eine der größten Bedrohungen für Tiere. For-
für das Kilogramm Roh-Elfenbein ein vierstelliger Betrag gezahlt.« schende haben herausgefunden, dass 8775 Arten bedroht sind,
Damals entdeckte man Container mit bis zu fünf Tonnen Elfenbein. weil mit ihnen Geschäfte gemacht werden.
Jetzt kann man einfach rechnen: 5000 Kilo mal 1000 Euro ... na?* * Für alle, die nicht rechnen wollen: 5000 × 1000 = 5 000 000

Neues aus der SPIEGEL-Welt: Wie seltene Tiere und Pflanzen geschmuggelt werden und
was jeder tun kann, um Arten zu schützen, erfahren Kinder im aktuellen »Dein SPIEGEL«.

Neues
Weitere aus derinSPIEGEL-Welt:
Themen dieser Ausgabe Horum prohibent
»Dein aut ipsiistindas
SPIEGEL« eorum finibus Nachrichten-
monatliche
omnium fortissimi sunt
• Vor der Bundestagswahl: Belgae,
Das erklärt die
große Politik-Abc • Magazin
Thema 2:fürProhibent aut ipsi in8eorum
Kinder zwischen und 14finibus
Jahren.
neue Ausgabe
• In den von14,
Fluten: Elias, SPIEGEL EDITION.
ist Rettungsschwimmer DIE AKTUELLEaut
prohibent AUSGABE
ipsi inIST JETZT ERHÄLTLICH
eorum finibus IM ZEITSCHRIFTEN-
Weitere
• Streit imThemen der zoffen
Netz: Musiker aktuellen Ausgabe
sich mit Spotify • HANDEL,
Thema AUSSERDEM
3: GarumnaUNTER AMAZON.DE/SPIEGEL
et flumine Oceano UND
»Schlagwort«:
• Schule der magischen Tiere: Kinder befragen • MEINEZEITSCHRIFT.DE.
Thema 4: Garumna68 SEITEN;Oceano
flumine 4,50 EURO;
• Thema 1: ProhibentMargit
Bestseller-Autorin aut ipsiAuer
in eorum finibus AUSGEWÄHLTE TEXTE AUF SPIEGEL.DE/DEINSPIEGEL.
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Andreas Chudowski / DER SPIEGEL

Politiker Kühnert, Wissing, Haßelmann: »Ich suche im Diskurs mit Ihnen nach einem Kompromiss«

40 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


DEUTSCHLAND

»Sie bauen gern so einen Popanz auf«


SPIEGEL-STREITGESPR ÄCH Ist eine Koalition aus SPD, Grünen und FDP nach der
Bundestagswahl realistisch? Bei einem Ampel-Testlauf mit Kevin Kühnert (SPD), Volker Wissing (FDP)
und Britta Haßelmann (Grüne) zeigt sich, dass es ordentlich knallen würde.

Kevin Kühnert, 32, war als Juso-Chef Haßelmann: Klimaschutz muss höchs- seine Deutung, wofür die FDP klima-
Anführer des Protests gegen die Große te Priorität haben, darauf muss es politisch stehe: »F.D.P.: Fick den Pla-
Koalition. Als SPD-Vize kann er sich bei aller Unterschiedlichkeit in jeder neten«. Ist das die Sicht Ihrer Partei?
ein Bündnis mit der FDP vorstellen – Koalition eine Verständigung geben. Haßelmann: Das ist schon mal gar
auch wenn ihm die Linke wohl lieber Kühnert: Ich bin nicht als Cheer- nicht meine Art zu sprechen, und
wäre. leader einer »Ampel« der Einladung Jürgen Trittin hat klargemacht, dass
Volker Wissing, 51, ist seit vergange- zu diesem Gespräch gefolgt. Wir spre- es sich um ein Zitat aus einer Satire-
nem Herbst Generalsekretär der FDP. chen heute darüber, weil es eine dis- sendung handelte. Das Problem ist
2016 formte er in Rheinland-Pfalz kutierte Option ist und weil die Wäh- aber: Die FDP hat gerade mal drei
mit SPD und Grünen eine Ampel- ler Vor- und Nachteile kennen sollten. Seiten Klimaschutz in ihrem Pro-
koalition, in der er selbst Wirtschafts- Der offensichtlichste Vorteil ist: Es gramm. Das ist angesichts der Dra-
minister war. wäre eine Regierung ohne CDU und matik der Situation etwas dürftig. Die
Britta Haßelmann, 59, ist Erste Par- CSU. Das ist eine notwendige, aber Klimakrise ist die Existenzfrage un-
lamentarische Geschäftsführerin der längst keine hinreichende Bedingung serer Zeit.
Grünen-Bundestagsfraktion, Mitglied für besseres Regieren. Wissing: Kein Widerspruch. Aber
im Parteirat und kandidiert auf Platz SPIEGEL: Was wäre hinreichend? wie lösen wir diese Existenzfrage?
eins der Landesliste Nordrhein-West- Kühnert: Es gibt zwei Mindestbedin- Die Dekarbonisierung der Wirtschaft
falen. gungen: Man sollte eine ähnliche kann nicht der Staat leisten, das kann
Vorstellung davon haben, worin eine nur die Wirtschaft selbst. Wenn Sie,
SPIEGEL: Frau Haßelmann, Herr gute Zukunft bestehen könnte. Und Frau Haßelmann, sagen, wir erhöhen
Kühnert, Herr Wissing, CSU-Chef es braucht persönliches Vertrauen die Steuern, damit der Staat mehr
Markus Söder hat große Angst, dass zwischen einigen der handelnden Geld hat, und nur so wird die Wirt-
Ihre drei Parteien ab dem Herbst ge- Personen. schaft dekarbonisiert, dann entbehrt
meinsam regieren könnten. Die Um- SPIEGEL: Wo sehen Sie gemeinsame das für mich jeder Logik.
fragen geben das zurzeit tatsächlich Anliegen? Haßelmann: Es braucht klare Rah-
her. Ist Söders Sorge berechtigt? Haßelmann: Inhaltliche Übereinstim- menbedingungen und Planungssicher-
Wissing: Herr Söder sagt einerseits: mungen zwischen der FDP und uns Mögliche heit für die Wirtschaft. Der Markt
Es darf keine Regierung mit SPD, Grünen gibt es bei den Bürger- und Mehrheiten mag vieles regeln. Aber sicher nicht
Grünen und FDP geben. Anderer- Freiheitsrechten. Das hat sich auch in die Bekämpfung der Klimakrise. Ge-
seits ist die Union selbst jederzeit be- den letzten vier Jahren im Deutschen Diskutierte nau das ist aber Ihr Credo.
reit, mit SPD, Grünen und FDP zu Bundestag gezeigt. FDP und Grüne ha- Koalitionen und ihr Wissing: Nein, das ist nicht mein
Stimmenanteil im
regieren. Das ist etwas widersprüch- ben gemeinsam viele Bürgerrechtsfra- Bundestag, auf Basis Credo.
lich. Aber wir wissen ja, dass die in- gen auf den Weg gebracht. Wir haben der aktuellen Haßelmann: Doch. Sie bauen gern
haltlichen Positionen bei Herrn Söder Untersuchungsausschüsse eingesetzt. Sonntagsfrage so einen Popanz auf nach dem Motto:
recht variabel sind. Haben das Wahlrecht für Menschen Wir müssen alles der Wirtschaft über-
Union Grüne
SPIEGEL: Ihre FDP, Herr Wissing, ist mit Behinderungen durchgesetzt. Wir lassen! Alles andere sei viel zu re-
SPD FDP
seit Jahren Teil einer Ampelkoalition haben auch parlamentarische Initia- gulativ.
in Rheinland-Pfalz. Unter welchen tiven für das Selbstbestimmungsrecht Keniakoalition 68% Wissing: Ich weiß nicht, wo Sie gele-
Bedingungen kann ein solches Bünd- von Frauen und für die Rechte der sen haben, dass die FDP den Klima-
nis gut und produktiv sein? LGBTIQ-Community gestartet. Jamaikakoalition schutz allein den freien Kräften des
Wissing: Wir haben uns auf ein SPIEGEL: Der Grünenfraktionsvize 60% Marktes überlassen will. Unser Vor-
gutes, ausgewogenes Regierungs- Konstantin von Notz sagt: »FDP und schlag ist ein strikter CO²-Deckel, mit
programm verständigt und die Pro- Grüne könnten zusammen für kon- dem die zulässige CO²-Emissionsmen-
bleme im Vertrauen miteinander be- sequenten Klimaschutz, moderne Schwarz-Rot-Gelb ge von Jahr zu Jahr verbindlich sinkt.
59%
wältigt. In Rheinland-Pfalz haben Verwaltung, ein neues und zeitgemä- Wir setzen nicht auf Steuererhöhun-
wir gezeigt, dass auch ungewöhn- ßes Verständnis von Regierung, Par- gen, sondern auf Steuerentlastung und
liche Bündnisse möglich sind. Im lament und Digitalisierung stehen.« Ampel 55% steuerpolitische Anreize, damit Fir-
Bund ist die Situation aber eine ganz Hat er recht? men in die Entwicklung von neuen,
andere. Wissing: Wir haben ein Wahlpro- klimafreundlichen Technologien in-
SPIEGEL: Was könnte das Progressi- gramm vorgelegt, das genau dafür S Civey-Umfrage für den
SPIEGEL vom 11. bis 18.
vestieren können. Den Klimawandel
ve an einer Ampelkoalition sein? steht. Inwieweit die Grünen das tei- August 2021; Befragte: können wir sicherlich nicht mit der
10.117; Stichprobenfehler:
len, weiß ich nicht. +/- 2,5 Prozentpunkte; sozialistischen Staatswirtschaft be-
Das Streitgespräch führte der Redakteur Markus SPIEGEL: Frau Haßelmann, Ihr Partei- Vereinfachung unter
Berücksichtigung der
kämpfen. Aber mir ist schon klar, dass
Feldenkirchen im SPIEGEL-Hauptstadtbüro. freund Jürgen Trittin twitterte neulich 5-Prozenthürde auch die Grünen die nicht wollen.
Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 41
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es müssen nicht unbedingt nur E-Autos sein. die SPD aber nicht. Warum nicht, Herr
Das kann auch mit synthetischen Kraftstoffen Kühnert?
gelingen oder mit Wasserstoffantrieb. Kühnert: Einspruch: Grüne und FDP wollen,
Kühnert: In welcher Parallelwelt erleben Sie, dass der Preis schneller als versprochen steigt.
bitte schön, dass das unter großen Autobau- Die Menschen wechseln aber nur etwa alle sie-
ern gerade noch eine große Kontroverse ist? ben Jahre ihr Auto. Bei rasant ansteigenden
Wissing: Niemand kennt die Technologien Benzinpreisen stehen Bürgerinnen und Bürger,
der Zukunft. Sie nicht, ich auch nicht. die sich vor zwei Jahren ihren neuen Verbren-
Haßelmann: Die Automobilindustrie ist da ner gekauft haben, vor der Frage: Behalte ich

Andreas Chudowski / DER SPIEGEL


wirklich weiter als die FDP. meinen Wagen trotz galoppierender Benzin-
Wissing: Die Lkw-Hersteller setzen im Fern- preise? Oder müsste ich außer der Reihe ein
verkehr eher auf Fahrzeuge, die mit Wasser- derzeit sehr teures E-Auto kaufen? Finanziell
stoff-Direktverbrennung angetrieben werden. ist beides für Normalverdiener ein Schlag ins
Haßelmann: Die Automobilindustrie setzt Kontor. Genau solche Fragen tangieren die Ak-
beim Pkw auf Elektromobilität. Sie weiß, an- zeptanz und somit die Demokratiefestigkeit
ders als Sie, dass die Zeit des Verbrennungs- von Klimaschutz. Wir müssen klüger handeln.
motors vorbei ist. Haßelmann: Ich habe schon lange nicht mehr
Wissing: Des Verbrennungsmotors mit fos- so was Populistisches gesehen wie die Ben-
»Ich bin nicht als silen Kraftstoffen, ja. Aber doch nicht des zinkampagne und Olaf Scholz.
Cheerleader einer ›Ampel‹ Verbrennungsmotors als solchem! Lkw-Fern- Kühnert: Was meinen Sie?
verkehr wird es auch in Zukunft nicht ohne Haßelmann: Als meine Kanzlerkandidatin
der Einladung zu Verbrennungsmotor geben. Ich finde es scha- Annalena Baerbock danach gefragt wurde,
diesem Gespräch gefolgt.« de, wenn wir in Deutschland durch politische wie der Benzinpreis bei höherem CO²-Preis
Kevin Kühnert
Vorgaben diese Technologien aus unserem steigt, und darauf mit »16 Cent pro Liter«
Land vertreiben, um später vielleicht moder- eine ehrliche Antwort gab – was übrigens
ne Verbrennungsmotoren, die CO²-neutral Union und SPD beschlossen haben –, hat Olaf
Haßelmann: Da bin ich ja beruhigt. fahren, zu importieren. Scholz kurz darauf eine populistische Ben-
Wissing: Und ich bin beruhigt, weil Sie in Kühnert: VW setzt im Güterfernverkehr auf zinwutkampagne gestartet nach dem Motto
Wahrheit natürlich verstanden haben, dass Elektroantrieb, und selbst Daimler hat mit- »Das werden wir verhindern«. Klimaschutz
die FDP nicht alles dem Markt überlassen will. geteilt, 2030 wenigstens die Hälfte der Pkw- wird uns alle fordern, aber er darf niemanden
Haßelmann: Das Problem ist: Wir haben Verkäufe im E-Segment machen zu wollen. überfordern. Darüber müssen wir reden, aber
schlicht keine Zeit mehr. Wissing: Das muss Daimler sagen, weil der doch ohne diese Polemik. Für uns ist entschei-
Wissing: Deswegen soll es ja schneller gehen, Ordnungsrahmen so vorgegeben ist. Aber ist dend, dass ein höherer CO²-Preis mit einem
und zwar durch die Marktwirtschaft. das der richtige Ordnungsrahmen? Klare Ant- starken sozialen Ausgleich einhergeht.
Haßelmann: Die Unternehmen brauchen wort: nein! Weil er nicht technologieoffen ist. SPIEGEL: Auf wie vielen innerdeutschen
verlässliche Investitionsbedingungen. Wir ha- Sie sagen: Wir zwingen die Unternehmen in Strecken soll man in fünf Jahren noch fliegen
ben keine Zeit für Ihr Herumprobieren. die Elektromobilität. Daraufhin sagen die dürfen?
Kühnert: Das ist mir jetzt zu viel Theoriege- Autobauer: Okay, dann machen wir eben Kühnert: Dort, wo man nicht in angemesse-
plänkel zwischen Markt auf der einen und Elektromobilität. Und dann sagen Sie wieder: ner Zeitspanne mit dem ICE fahren kann.
Staat auf der anderen Seite. In Deutschland Seht her, alle setzen auf Elektromobilität. Das SPIEGEL: Das ist wunderbar vage. Was sagen
muss man ja versuchen, alles über das Auto ist schon eine merkwürdige Logik. Sie, Frau Haßelmann?
herzuleiten. SPIEGEL: Grüne wie Liberale wollen den Haßelmann: Unser Ziel muss es sein, die ICE-
SPIEGEL: Probieren Sie es mal. CO²-Preis auf Benzin merklich anheben, Verbindungen so schnell auszubauen, dass
Kühnert: Wenn wir über die Transformation Inlandsflüge überflüssig werden.
der Automobilindustrie hin zur E-Mobilität Wissing: Tut mir leid, dass ich schon wieder
sprechen, dann wird schon anhand der Lade- störe, aber das Thema ist etwas komplexer.
infrastruktur klar, wie wenig trennbar das Inlandsflüge dienen auch als Zubringer zu
Handeln von Markt und Staat ist. Nicht Un- Fernflügen. Wer von Nürnberg über Frank-
ternehmen entscheiden, ob in unseren Städ- furt nach New York fliegen will, kann das
ten engmaschig Ladesäulen eingerichtet Gepäck leider nicht in Nürnberg am Bahnhof
werden. Das macht der Staat. Mit solchen einchecken. Deshalb nehmen die Fluggesell-
Investitionen verbinden sich wiederum lang- schaften defizitäre Inlandsflüge in Kauf. Wir
fristige industriepolitische Richtungsent- müssten aufhören, dieses Thema zu ideolo-
Andreas Chudowski / DER SPIEGEL

scheidungen, die Planungssicherheit geben. gisieren. Es geht um ganz praktische Fragen.


Wer nachhaltig wirtschaften will, sollte den SPIEGEL: Praktische Frage: Sollte es weniger
Weg in die E-Mobilität aktiv gestalten, statt Currywürste in deutschen Kantinen geben?
nach Wasserstoffautos Ausschau zu halten, Wissing: In einer freien und offenen Gesell-
die dann wohl samt Tankstellennetz und schaft sollten Politiker auf keinen Fall die
Unmengen an Wasserstoff vom Himmel fal- Speisepläne machen.
len sollen. Haßelmann: Ich mache auch keine Speise-
SPIEGEL: Herr Wissing, wann genau soll der pläne für irgendwen, wir sollten uns sicher
letzte Verbrennungsmotor in Deutschland »In Rheinland-Pfalz haben bewusst sein, wie Tiere gehalten werden und
produziert werden? wie viel Fleisch wir essen. Ich esse übrigens
Wissing: Ich sehe überhaupt keinen Grund, wir gezeigt, dass auch auch Currywurst.
dass wir von politischer Seite bestimmte ungewöhnliche Bündnisse Kühnert: Das regelt der Geschmacksmarkt.
Motorarten vorgeben. Jeder, der will, soll mit Wissing: Ich glaube, dass wir drei uns beim
seinem eigenen Auto fahren können. Natürlich möglich sind.« Thema Tierwohl sehr nahe sind. Mich treibt
soll das künftig CO²-neutral passieren, aber Volker Wissing das um, ich habe mich als Agrarminister im-

42 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


DEUTSCHLAND

mer dafür eingesetzt. Auch die Lebensmittel- Kühnert: So, wie sie im Raum stehen: nein! Mehrausgaben in Milliardenhöhe. Das zeigt:
verschwendung ist ein großes Problem. Wir Aber das ist eine Kopfschmerzaufgabe, die Das Geld ist da, nur wollen unsere Mit-
haben sehr viele CO²-Emissionen, die sinnlos vor allem die FDP nach der Wahl lösen bewerber es ausgeben, anstatt die Steuern
verursacht werden, weil mehr Lebensmittel muss. zu senken.
gekauft als konsumiert werden. SPIEGEL: Oder SPD und Grüne. SPIEGEL: Ihre Grünen, Frau Haßelmann, be-
Haßelmann: Ja, da bin ich ganz bei Ihnen. Kühnert: Seriöse Ökonomen sagen: Es ist nötigen zusätzliche Einnahmen, um ihre So-
SPIEGEL: Würden Sie eine Ampelkoalition uns kaum möglich, das Steuerkonzept der zialpolitik und Klimapolitik zu finanzieren.
an der Forderung nach einem einheitlichen FDP einem Praxischeck zu unterziehen, weil Mit der FDP als Partner könnten Sie Ihr Pro-
Tempolimit auf allen deutschen Autobahnen irgendwie alles nach Voodoo klingt. Ich glau- gramm gleich in die Tonne treten, oder?
scheitern lassen, Herr Wissing? be, da müssen Sie noch mal nachrechnen, Haßelmann: Wir wollen für die Topverdie-
Wissing: Ich halte ein Tempolimit nicht für Herr Wissing. ner den Steuersatz erhöhen, dafür aber den
erforderlich und lehne das ab. Ich glaube aber Wissing: Das ist nicht erforderlich. Wir ha- Grundfreibetrag so verändern, dass mittlere
nicht, dass andere Parteien wegen unserer ben eine Schuldenbremse, die muss eingehal- und untere Einkommen entlastet werden. Au-
Ablehnung eines Tempolimits eine Koalition ten werden. Wir haben nach wie vor eine ßerdem müssen wir als Staat viel mehr inves-
scheitern lassen würden. europäische Staatsverschuldungskrise, die tieren: für Bildung, Klimaschutz, Verkehr und
SPIEGEL: Was halten Sie von der Grünen- hohe Risiken birgt. Wir können nicht immer andere Bereiche der Daseinsvorsorge.
Idee eines Klimaministeriums mit einem neue Schulden machen, nur weil die Zinsen Wissing: Ich kenne niemanden, der es für
Vetorecht gegen alle Gesetzesvorhaben? gerade so niedrig sind. Die sind nämlich nur klug erachtet, der mittelständischen Wirt-
Kühnert: Das verbuche ich unter Nervosität so niedrig, weil die Schulden so hoch sind. schaft jetzt die Unternehmensteuern zu er-
im Wahlkampf. Es widerspricht dem, was die Kühnert: Wer steht im Jahr 2021 ökonomisch höhen. Sie hat gerade in Deutschland unter
Grünen sonst richtigerweise zum Klima- noch an der Seite der FDP, frage ich mich. dieser Pandemie massiv gelitten.

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schutz sagen: dass es nicht darum gehe, was Haßelmann: Ich kenne kein einziges Institut! Haßelmann: Das ist doch klar, das weiß ich
nicht geht, sondern dass man sagen müsse, Wissing: Ich kenne viele Ökonomen, die sa- doch! Deswegen wollen wir die Unterneh-
was geht. Jetzt ein neues Ministerium mit gen, Steuererhöhungen sind der falsche Weg. men ja auch gezielt unterstützen.
einem Vetorecht auszustatten ist ja der Inbe- SPIEGEL: Etwas anderes ist es, dann auch Wissing: Trotzdem sagen Sie, dem Mittel-
griff von »Sagen, was nicht geht«. noch Steuersenkungen zu versprechen. stand muss man die Unternehmensteuern
Wissing: Ich habe selten einen unsinnigeren Wissing: 2009 in den Koalitionsverhandlun- erhöhen. Das wird es mit uns nicht geben.
Vorschlag gehört. In Rheinland-Pfalz wollten gen auf Bundesebene hat man uns vorge- Kühnert: Dann möchte ich Ihren Blick gerne
die Grünen übrigens auch ein Klimaministe- rechnet, dass Steuerentlastungen wegen des auf diejenigen Unternehmen richten, die ihre
rium mit Vetorecht. Die Idee wurde dann als mangelnden Finanzspielraums unmöglich Beschäftigten im letzten Jahr massenhaft in
eine der ersten abgeräumt. seien. Diese Berechnungen waren falsch und die Kurzarbeit schicken mussten, finanziert
Haßelmann: Mit einem Klimaministerium verloren schnell ihre Gültigkeit bei Wunsch- aus den Mitteln der Arbeitslosenversicherung,
verleihen wir dem Klimaschutz endlich jenen projekten der Union. 2017 haben wir Jamai- während gleichzeitig Millionendividenden an
zentralen Stellenwert, den er verdient. Und die kaverhandlungen geführt. Auch hier hat die Anteilseigner ausgeschüttet worden sind.
Vetooption würde Gesetze darauf prüfen, ob der Finanzminister uns vorgerechnet, dass So war es bei BMW und anderen.
sie mit den Pariser Klimazielen vereinbar sind. Steuerentlastungen nicht gingen. Die Zahlen Wissing: Was hat denn der mittelständische
SPIEGEL: Grüne und SPD wollen den Spitzen- waren wieder falsch, und das vorhandene Familienunternehmer mit den Dividenden
steuersatz erhöhen und die Vermögensteuer Geld wurde anderweitig ausgegeben. Wir von BMW zu tun?
wieder einführen. Die FDP will das nicht, statt- haben jetzt erneut Berechnungen, wonach Kühnert: Ich suche im Diskurs mit Ihnen nach
dessen den Solidaritätszuschlag selbst für die Steuerentlastungen nicht drin seien. Unsere einem Kompromiss. Ich möchte Sie gerne fra-
oberen zehn Prozent abschaffen. Herr Küh- politischen Mitbewerber werden nicht müde, gen, wie Sie dieser Ungerechtigkeit begegnen
nert, haben Sie eine Idee, wie man diese An- steuerliche Entlastungen für nicht finanzier- wollen. Wenn wir uns zum Beispiel auf eine
sätze miteinander versöhnen könnte? bar zu erklären, fordern aber gleichzeitig gut ausgestaltete Vermögensbesteuerung in

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 43


DEUTSCHLAND

Deutschland einigen können, wie es sie noch Haßelmann: Noch mal: Grundsätzlich soll-
bis in die Neunzigerjahre unter Schwarz-Gelb ten alle demokratischen Parteien miteinander
gab, dann könnten wir ja jetzt darüber disku- gesprächsfähig sein.
tieren. Aber vielleicht sehen Sie die Vermö- SPIEGEL: Herr Kühnert, was nehmen Sie mit
gensungleichheit gar nicht als Problem. aus unserer Unterredung?
Wissing: Ich sehe keinerlei Grund, dem deut- Kühnert: Ich nehme vor allem mit, dass die
schen Mittelstand die Steuern zu erhöhen. nächste Bundesregierung einen rot-grünen
Und was BMW betrifft: Sie wollen ja nicht Kern braucht.
die Körperschaftsteuer erhöhen, sondern die SPIEGEL: Sehen Sie das auch so, Frau Haßel-

Andreas Chudowski / DER SPIEGEL


Einkommensteuer. Das ist die Unternehmen- mann, dass Sie mehr Gemeinsamkeiten mit
steuer des Mittelstands. der SPD als mit der Union haben und deshalb
Kühnert: Ich versuche, Ihnen Korridore auf- eine Ampel besser wäre als ein Jamaikabünd-
zumachen, aber Sie wollen ja durch keinen nis aus Schwarz, Grün und Gelb?
einzigen gehen. Haßelmann: Inhaltlich gibt es weit mehr
Wissing: Also bitte, Herr Kühnert! Sie legen Schnittmengen mit der SPD als mit der Union.
ein Sammelsurium an Belastungen für den SPIEGEL: Herr Wissing, es ist klar geworden,
Mittelstand auf den Tisch und sagen, ich solle dass Ihre Präferenz eine Koalition mit der
mir etwas davon aussuchen. Als Liberaler
denke ich nicht daran.
»Die Automobilindustrie Union ist, nicht mit SPD und Grünen. Den-
noch könnten Sie ja am Ende vor der Frage
Kühnert: Mit der Mehrwertsteuersenkung ist weiter als die FDP.« stehen: Koalieren wir mit SPD und Grünen
im letzten Jahr haben wir viele entlastet. Wir Britta Haßelmann – oder regieren wir gar nicht? Würden Sie ein
wissen, wie Steuersenkung geht. Und wir wol- Ampelbündnis nur in Erwägung ziehen,
len weitere Entlastungen für große Teile der wenn die SPD die stärkste Kraft wäre und
Bevölkerung. Anders als Sie fragen wir aber Wissing: Ich glaube, dass das ein wesent- der Bundeskanzler Olaf Scholz hieße?
auch nach der Gegenfinanzierung. licher Erfolg der Agenda 2010 war: neben Wissing: Wir werben nicht für Koalitionen,
Haßelmann: Ich glaube, wir könnten uns auf dem Fördern auch das Fordern. sondern präsentieren den Wählerinnen und
die Digitalkonzernsteuer einigen. SPIEGEL: Man könnte auch sagen: bestrafen. Wählern ein eigenständiges, attraktives An-
SPIEGEL: Die Besteuerung internationaler Di- Wissing: Ich bleibe bei fordern. Wenn man gebot. Am Ende wird das Gewicht der ein-
gitalplattformen ist zunächst wohl tatsächlich etwas einfordert und die Gegenleistung wird zelnen Parteien, wenn sie zu Verhandlungen
die einzige Gemeinsamkeit zwischen Ihnen nicht erbracht, muss das natürlich eine Kon- zusammenkommen, eine fundamentale Rolle
bei der Steuerpolitik. Mehr Gemeinsames gibt sequenz haben. spielen. Eine Ampel unter grüner Führung
es bei der Außenpolitik. Frage an alle: Soll die Kühnert: Ihr Versuch, einen Sozi mit Hartz kann ich mir beim besten Willen nicht vor-
Gaspipeline Nord Stream 2 vollendet werden? IV nervös zu machen, funktioniert nicht stellen. Auch nach dieser Diskussion nicht.
Haßelmann: Nein, die muss gestoppt wer- mehr. Weil wir uns als SPD auf etwas Neues SPIEGEL: Hat Olaf Scholz das Format, Bun-
den. Aus klima- wie geopolitischen Gründen. verständigt haben. Es geht uns um den deskanzler zu sein?
Kühnert: Nord Stream 2, das übrigens auch Schutz der Lebensleistung, zwölf Euro Min- Wissing: Es ist abwegig, jemandem wie Olaf
Wasserstoff transportieren kann, wird fertig- destlohn, den Rechtsanspruch auf Weiterbil- Scholz, der Erster Bürgermeister von Ham-
gestellt. Ein Freifahrtschein für den tatsäch- dung und darum, Kinder und Jugendliche burg war und jetzt das Bundesfinanzministe-
lichen Gastransit ist das übrigens nicht. aus dem System zu nehmen. Das sind ja kei- rium führt, politische Kompetenz abzuspre-
Wissing: Wir haben in Menschenrechtsfra- ne kleinen Erwerbslosen, sondern eigenstän- chen. Er hat andere inhaltliche Vorstellungen
gen eine sehr klare Position und fordern des- dige Menschen mit eigenständigem Recht. als die FDP, aber deshalb stelle ich nicht seine
halb ein Moratorium für den Weiterbau. Man Wenn Jugendliche zum Beispiel mit Ferien- politische Führungsfähigkeit infrage. Gleiches
kann nicht einfach so weitermachen und sa- jobs Geld verdienen, darf das nicht mehr mit gilt für Armin Laschet. Auch er hat gezeigt, dass
gen: Wirtschaftliche Interessen gehen vor. Die den Leistungen der Eltern verrechnet wer- er sehr verantwortungsvoll und erfolgreich re-
Glaubwürdigkeit der Europäischen Union als den. Das ist ungerecht. gieren kann. Die Frage ist letztlich, ob und mit
Wertegemeinschaft steht hier auf dem Spiel. Wissing: In diesem Punkt bin ich bei Ihnen. wem man sich auf ein gemeinsames Regierungs-
SPIEGEL: Offenbar auch ein schwieriges SPIEGEL: Nach über einer Stunde Diskussion programm verständigen kann, von dessen Rich-
Thema. Nächster Versuch: Sie alle wollten – wie lautet Ihr Fazit, Herr Wissing? Ginge tigkeit alle überzeugt sind. SPD und Grüne ha-
Hartz IV abschaffen, haben aber unterschied- das zwischenmenschlich und inhaltlich mit ben betont, dass sie sehr nahe aneinanderliegen.
liche Alternativen: »Garantiesicherung« Ihren beiden Diskussionspartnern hier? Das ist nichts Neues. Mir fehlt allerdings die
(Grüne), »Soziales Bürgergeld« (SPD) oder Wissing: Ich glaube, die Unterschiede sind Vorstellung, mit welchem inhaltlichen Angebot
»Liberales Bürgergeld« (FDP). Lässt sich das deutlich geworden. Wenn wir nicht umsteu- sie die Freien Demokraten überzeugen wollen.
semantisch und praktisch kombinieren? ern in Richtung Marktwirtschaft, werden wir SPIEGEL: Eine Frage noch an Sie, Herr Küh-
Kühnert: Semantisch wahrscheinlich leichter. Wohlstandsverluste hinnehmen müssen, die nert: Sollte die SPD am Ende knapp hinter
Haßelmann: Zu unserer Garantiesicherung am Ende auch den Sozialstaat schwächen. An den Grünen landen, wären Sie trotzdem of-
gehört, dass es höhere Regelsätze geben muss einer solchen Politik wird die FDP sich sicher fen für ein Ampelbündnis? Schon allein, um
und dass niemandem mehr die Unterstützung nicht beteiligen. die Union von der Macht zu drängen?
gekürzt werden darf – die Sanktionen gegen SPIEGEL: Welchen Eindruck nehmen Sie mit, Kühnert: Ich biete Ihnen eine Wette an, und
Leistungsempfänger müssen weg. Frau Haßelmann? Sie können den Einsatz bestimmen: Die SPD
Wissing: Wir sollten die positiven Erfahrun- Haßelmann: Natürlich unterscheiden wir uns wird am Ende vor den Grünen liegen.
gen nutzen, die wir mit der Agenda 2010 ge- inhaltlich und werben für unsere jeweiligen SPIEGEL: Ich wette nicht im beruflichen Kon-
macht haben, und in diesem Geiste das Land Positionen, wir sind ja auch völlig unter- text. Wollen Sie, Frau Haßelmann?
erneut reformieren. Wir brauchen ein ausge- schiedliche Parteien. Nach der Wahl werden Haßelmann: Ich wette grundsätzlich nicht,
wogenes Verhältnis zwischen Leistungsanreiz wir mit allen demokratischen Parteien reden und am Ende entscheiden die Wählerinnen
und sozialer Sicherheit. Grüne und SPD hal- und schauen, mit wem wir unsere Inhalte am und Wähler.
ten offenbar wenig vom Leistungsanreiz. besten umsetzen können. SPIEGEL: Frau Haßelmann, Herr Kühnert,
SPIEGEL: Sie würden Sanktionen gegen Leis- SPIEGEL: Würden Sie mit Herrn Wissings Par- Herr Wissing, wir danken Ihnen für dieses
tungsempfänger beibehalten? tei genauso gern reden wie mit der Linken? Gespräch. I

44 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


DEUTSCHLAND

die dort ein Restaurant betreibt und raus«. Und die Sache mit der Prin-
Heidschnucken hält, firmiert Matt- zeninsel sei banal: »Da ist die Web-
feldt neben Georg Friedrich Prinz seite dem Handelsregister, wo ich
von Preußen als Geschäftsführer. Ei- noch nicht eingetragen bin, voraus.«
ne Tätigkeit, die er – anders als sein Er wolle nicht ausschließen, dort ein-

Prinz und Pils Unternehmertum im Brauereigewer-


be – der Bundestagsverwaltung offen-
bar nicht gemeldet hat.
Über die Gründe für das Versäum-
mal Gesellschafter zu werden. »Aber
ein Gehalt oder Ähnliches entneh-
men wir dort ebenso wenig wie bei
unserer Brauerei.«
ABGEORDNE TE Die Hohenzollern streiten mit
nis wird im politischen Berlin boshaft Doch auch außerhalb der Ge-
spekuliert. Schließlich streitet der Ho- schäftswelt hat der CDU-MdB im-
dem Staat um sehr viel Geld – enge henzollern-Chef mit dem Bund sowie mer wieder Nähe und Verbunden-
Verbindungen zu einem geschäftstüchtigen den Ländern Berlin und Branden- heit zum Preußenspross dokumen-
CDU-Politiker könnten da hilfreich sein. burg um einige Tausend Kunstwerke tiert. Ob auf Facebook-Fotos vom
(Gemälde, Möbel, Skulpturen, Bü- gemeinsamen Skiurlaub. Oder in
cher), die einst der kaiserlichen Fa- der dubiosen Weltliga für Freiheit

D er CDU-Abgeordnete Andreas
Mattfeldt sitzt an einer ent-
scheidenden Stelle: dort, wo
das Geld verteilt wird, im Haushalts-
milie gehörten und sich heute in öf-
fentlichen Einrichtungen befinden.
Zudem verlangt Prinz von Preußen
eine Entschädigung für Immobilien,
und Demokratie (WLFD), als deren
Deutschlandvize Mattfeldt agiert.
Die nämlich zeichnete »Freund
Georg Friedrich von Preußen und

Mohssen Assanimoghaddam
ausschuss des Parlaments. die nach 1945 von den Sowjets in der seine Frau« 2017 mit dem Freiheits-
Dort ist der gelernte Industrie- späteren DDR enteignet wurden. Der und Demokratiepreis aus, wie Matt-
kaufmann aus dem Wahlkreis Oster- Gesamtwert der Forderungen liegt im feldt stolz auf seiner Homepage
holz-Verden Berichterstatter für das wohl dreistelligen Millionenbereich. meldete.
Bundeswirtschaftsministerium. Auch Manches werden voraussichtlich Rich- Eine zweifelhafte Ehre. Denn die
im Petitionsausschuss mischt der ter klären, anderes möglicherweise Truppe mit dem wohlklingenden Na-
ehemalige Bürgermeister des Fle- Parlamentarier die Parteien unter sich. men hieß vor dem Zusammenbruch
ckens Langwedel mit, als Obmann Mattfeldt Absehbar ist, dass es keine Eini- des Sowjetimperiums »Antikommu-
für die CDU/CSU-Fraktion. Darüber gung ohne Zustimmung der Parla- nistische Weltliga« und hatte mit De-
hinaus sitzt der Niedersachse in mente in Bund und Ländern geben mokratie und Menschenrechten we-
einem Unterausschuss der Haus- wird. Da kann es für Prinz von Preu- nig im Sinn. Stattdessen bot sie unter
haltspolitiker zu Fragen der Euro- ßen nützlich sein, einen Verbündeten der Flagge des Antikommunismus
päischen Union und als stellvertre- im Haushaltsausschuss des Bundes- auch Diktatoren wie dem paraguayi-
tendes Mitglied im Ausschuss für tags zu wissen. Wenn der aber allzu schen Präsidenten Alfredo Stroess-
Wirtschaft und Energie. sichtbar mit den Hohenzollern ver- ner oder dem 2010 wegen Mord und
Schwer vorstellbar, dass so einer bandelt ist, könnte das der Sache Folter zu lebenslanger Haft verur-
noch Zeit für Hobbys findet. Doch eher schaden. teilten argentinischen General Jorge
Mattfeldt, verheiratet und Vater zwei- Mattfeldt weist solcherlei Speku- Videla eine politische Plattform.
er erwachsener Töchter, hat allem An- lationen jedenfalls von sich: »Das In Deutschland geriet die WLFD
schein nach noch Kapazitäten frei. ist Unsinn. Georg kommt aus mei- im März in den Blick, weil die Staats-
Seit 2016 braut er Bier – ohne finan- nem Landkreis, und wir kennen anwaltschaft München gegen deren
zielle Interessen, wie er betont. Aber Familiensprecher uns schon aus Zeiten, als ich noch Präsidenten, den CDU-Abgeordne-
Prinz von Preußen
wohl doch mit so viel Erfolg, dass er in Potsdam:
gar nicht im Bundestag war.« Auch ten Axel Fischer, ermittelt. Der Bun-
2019 auf dem Sommerfest des Parla- Böse Spekulationen halte er sich »aus der sogenannten destag hob Fischers Immunität auf,
mentskreises Mittelstand mit »Preu- in Berlin Entschädigungsforderung vollständig der Parlamentarier steht im Verdacht,
ßens Pils« als Sponsor auftreten konn- von der Regierung Aserbaidschans
te. Sechs Hektoliter gingen damals Geld für politische Gefälligkeiten er-
über den Tresen. halten zu haben. Fischer bestreitet
Bundeswirtschaftsminister Peter die Vorwürfe und nennt die Anschul-
Altmaier (CDU) übernahm in Anwe- digungen »haltlos«.
senheit der Kanzlerin den Anstich Mattfeldt und seinem Hohenzol-
des ersten Fasses. Geadelt wurde das lern-Freund haben allem Anschein
Hobby-Bier allerdings nicht durch die nach weder der Diktatorentouch der
Hand des Ministers, sondern durch Weltliga noch ihre ziemlich beste
Mattfeldts Partner in der »Königlich Geschäftsfreundschaft geschadet.
Preußischen Biermanufactur«: Georg Am Mittwoch trat Wirtschafts-
Friedrich Prinz von Preußen, Spre- minister Altmaier auf Anfrage Matt-
cher des Hauses Hohenzollern. feldts mit dem Chef des Hauses Ho-
Der spielt in Mattfeldts Berufs- henzollern in Berlin auf. Der Merkel-
leben offenbar eine Art Prinzenrolle. Vertraute sprach – als Privatmann,
So ist der Abgeordnete dem Urur- wie er betont – ein Grußwort zur Vor-
enkel des letzten deutschen Kaisers stellung eines Buches, das vom Ur-
in vielfältiger Weise verbunden. Etwa großvater Prinz von Preußens han-
als Geschäftspartner auf der in den delt und vom Urenkel gesponsert
Gordon Welters / laif

Plöner See hineinragenden Prinzen- wurde.


insel, die zum Privatbesitz der Ho- Das PR-Event fand im Berliner
henzollern gehört. Laut Internetsei- Kronprinzenpalais statt. Wo sonst?
te der Prinzeninsel Betriebs GmbH, Gunther Latsch, Klaus Wiegrefe I

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 45


DEUTSCHLAND

Weiß sagt, sie habe nicht dabei geholfen, eine


Impfung vorzutäuschen.
Antje T. bestreitet den Vorwurf. Ihr An-
walt Christoph Klatt sagt, seine Mandantin

Spritzen aus habe ihm mitgeteilt, sie sei tatsächlich gegen


Corona geimpft worden. Den mutmaßlichen
Zwischenfall oder eine Urkundenfälschung

der »Hexenküche« habe es nie gegeben.


Zunächst wusste niemand von der Sache
mit der Impfung. T. arbeitete unauffällig wei-
ter im Labor des Impfzentrums, das die Mit-
arbeiter »Hexenküche« nannten.
SK ANDALE Der Fall einer Krankenschwester, die statt Impfstoffen
Mit Verschwörungsgeschichten befasste
Kochsalzlösung verabreicht haben soll, machte international sie sich da schon länger. Im April vergan-
Schlagzeilen. Jetzt sagt eine Zeugin, die Frau habe einige der wirrsten genen Jahres postete sie auf Facebook das
Verschwörungsgeschichten verbreitet. Fragment eines Slogans des antisemitischen
QAnon-Verschwörungsglaubens. Danach
driftete sie offenbar zunehmend in eine wirre

E s gibt Verschwörungsfantasien, die klin-


gen wie Wahnvorstellungen. Die Ge-
schichte von Corona-Impfstoffen, die
in geheimen Biolaboren des US-Militärs pro-
am 1. Februar ihren Job in der DRK-Einrich-
tung angetreten haben. Anfangs wurden nur
wenige Vakzinen geliefert, die Mitarbeiterin-
nen hatten Zeit, sich näher kennenzulernen.
Querdenker-Ecke ab. Eines der Internetforen,
in denen sie aktiv war, heißt »Globale Vergif-
tung«. Dort sind Verschwörungsmythen rund
um das Coronavirus zu finden.
duziert würden, ist so eine. Jede Spritze sei Schnell kamen Antje T. und Weiß ins Gespräch. Dann kam der 16. April. Da soll Antje T.
tödlich, heißt es in dem Text, der unter Impf- Mit den Impfungen der DRK-Mitarbeiter ihre Freundin Gesine Weiß in ihre bizarren
gegnern kursiert. Das »Merkel-Regime« wol- in Schortens fühlten sich beide offenbar nicht Gedanken eingeweiht haben. Demnach be-
le mit den Vakzinen »einen Großteil der Be- ganz wohl. »Ich erzählte von einer Polioimp- stehe »Glitzer« in den Ampullen von Bion-
völkerung dezimieren«. fung und den heftigen Reaktionen, derentwe- tech und Pfizer aus Mikrochips, die den Men-
Ausgerechnet eine Mitarbeiterin des Impf- gen ich im Krankenhaus behandelt werden schen implantiert würden. Die Weltbevölke-
zentrums im friesischen Schortens verbreitete musste«, so Weiß. Sie habe sich dann aber rung solle durch Corona »selektiert« werden.
diesen Unsinn. Bis zu ihrem Rauswurf im doch für die Spritzen entschieden. Antje T. In Wahrheit sei Bundeskanzlerin Angela Mer-
April arbeitete sie dort, wo das vermeintliche sei davon nicht begeistert gewesen, so Weiß. kel ermordet und durch ein Double ersetzt
Teufelszeug impfwilligen Bürgerinnen und Am 13. April, so habe sie es auch der Poli- worden. Und Impfspritzen seien tödlich.
Bürgern verabreicht wurde. zei geschildert, sei Antje T. zu ihr in die Impf- »Sie hat mich mit Verschwörungsunsinn
Inzwischen ermittelt die Staatsanwalt- kabine gekommen. T. habe eine Spritze dabei regelrecht zugeballert«, sagt Weiß. Das ganze
schaft gegen die Krankenschwester Antje T., gehabt, die nur mit Kochsalzlösung aufgezo- Wochenende lang habe sie über die Aussagen
38, wegen des Verdachts der gefährlichen gen gewesen sei. »Ich weigerte mich, ihr die der Kollegin nachgedacht. Als Belege habe
Körperverletzung. Die mutmaßliche Impf- Spritze in den Oberarm zu geben.« ihr Antje T. WhatsApp-Nachrichten mit irren
gegnerin soll mindestens sechs Spritzen mit Einen Impfnachweis bekam sie wohl trotz- Videos, Posts und Texten von fanatischen
wirkungsloser Kochsalzlösung aufgezogen dem. Die Staatsanwaltschaft ermittelt auch Impfgegnern geschickt. Aus dem Mund der
haben. Möglicherweise waren es auch we- wegen Urkundenfälschung gegen Antje T. Mitarbeiterin eines Impfzentrums klangen
sentlich mehr. Der Landkreis lud inzwischen solche Gedanken gefährlich, fand Weiß.
Tausende Menschen zu einer zusätzlichen Am Montagmorgen, es war der 19. April,
Impfung ein. Sie alle hatten ihren Piks erhal- berichtete sie ihrer Teamleiterin von den abs-
ten, als Antje T. Dienst tat. Wie viele mög- trusen Verschwörungsgeschichten der mut-
licherweise wirkungslose Substanzen beka- maßlichen Impfgegnerin. Die Vorgesetzte in-
men, wird sich kaum noch feststellen lassen. formierte DRK-Kreisgeschäftsführer Carl-
Der Coronaskandal von Schortens er- Martin Köhler. Köhler fuhr daraufhin am
schwert die ins Stocken geratene Impfkampa- nächsten Tag nach Schortens und traf die
gne in Deutschland zusätzlich. Selbst interna- Teamleiterin. Mehr unternahm er offenbar
tionale Medien wie die »New York Times« nicht. Niemand, so der Vorwurf der Zeugin
und der britische »Guardian« berichteten Weiß, sei dem Verdacht nachgegangen oder
darüber. habe die Posts, Videos und Texte sehen wol-
Nach SPIEGEL-Recherchen könnte sich len. Sie habe mehrfach nachgefragt. Die
die Affäre sogar noch auswachsen. So belastet Chats liegen dem SPIEGEL vor.
eine wichtige Zeugin nicht nur die mutmaß- Sollte der Fall totgeschwiegen werden?
liche Impfgegnerin, sondern auch das Deut- Das DRK bestreitet das. Zwar sei man da-
sche Rote Kreuz (DRK). Die Verantwort- mals über »merkwürdige Chats« informiert
lichen sollen Warnungen vor der Kranken- worden. Dass sich die Beschuldigte als Impf-
schwester ignoriert haben. gegnerin und Anhängerin von Verschwörungs-
Gesine Weiß ist jene Zeugin der Polizei, fantasien gegenüber Weiß offenbart habe, sei
die den Skandal aufgedeckt hat. In einer Wil- dem DRK aber nicht mitgeteilt worden. Die
helmshavener Rechtsanwaltskanzlei berich- Teamleiterin, so Köhler in einer Stellungnah-
IMAGO

tet sie davon, wie der DRK-Kreisverband me, sei gebeten worden, mögliche Beweise
Jeverland ihre Hinweise übergangen habe. einzufordern. Das passierte offenbar nicht.
Sie möchte anonym bleiben, ihr Name wurde »Das Rote Kreuz hätte Am Donnerstag – drei Tage nach der War-
daher geändert. nung – arbeitete Weiß erneut mit Antje T. zu-
Die Geschichte begann demnach mit einer diese Frau früher aus dem sammen. Gleich am Morgen, so habe sie es
Freundschaft unter Kolleginnen. Antje T. soll Verkehr ziehen müssen.« auch der Polizei berichtet, habe Antje T. sie

46 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


DEUTSCHLAND

zur Seite genommen. Sie habe Menschen vor


einer Todesspritze bewahrt, sagte sie laut
Weiß. Ihr sei eine Biontech-Ampulle herun-
tergefallen. Statt des Impfstoffs habe sie Koch-
salzlösung in die Spritzen gefüllt.
Gesine Weiß sagt, sie sei schockiert gewe-
Die mächtigste
sen, aber nicht gleich zur Teamleitung gegan-
gen. Stattdessen leitete sie die Posts und Film-
chen mit den Verschwörungsinhalten an das
Frau der Welt
Diensthandy der Teamleitung weiter.
DRK-Geschäftsführer Köhler bestätigt den
Eingang der WhatsApp-Nachrichten. Es sei
Aufgewachsen in der DDR, groß geworden
aber nicht erkennbar gewesen, dass sie von
der beschuldigten Mitarbeiterin stammten.
auf der politischen Bühne – nach 16 Jahren
Ein Anruf bei Weiß hätte genügt. Aber
wieder geschah nichts. Erst am Samstag, dem beendet Angela Merkel ihre Kanzlerschaft.
24. April – fünf Tage nach dem ersten Hin-
weis –, wandte sich Weiß erneut an ihre Zeit für eine Bilanz.
Teamleiterin. Sie berichtete von der Aussage
der Kollegin und kündigte an, selbst die Poli-
zei einzuschalten.
Nun ging alles ganz schnell. Der alarmierte
Impfzentrumsleiter Uwe Nitsche konfrontier-
Jetzt
te Antje T. vor mehreren Zeugen mit den Vor- im Handel
würfen. Nach anfänglichem Zögern soll die
Krankenschwester eingeräumt haben: Ja, die
Darstellung sei richtig, sie habe sechs Spritzen
mit Kochsalzlösung aufgezogen. Angeblich
um zu vertuschen, dass ihr eine Ampulle he-
runtergefallen war.
»Das Rote Kreuz hätte diese Frau früher
aus dem Verkehr ziehen müssen«, sagt
Rechtsanwalt Ingo Dykstra, der Gesine Weiß
vertritt. »Viele Nachimpfungen wären unnö-
tig gewesen.«
Für den Landkreis Friesland und die Er-
mittler ist der Fall ein Debakel. Landrat und
Polizei mussten ihre erste Presseerklärung
korrigieren. Denn anders als zunächst veröf-
fentlicht, sagte Antje T. ihnen nicht, sie habe
nur Kochsalzlösung in die Spritzen aufgezo-
gen. In ihrer Vernehmung sprach sie davon,
auch Reste aus zwei Ampullen verwendet zu
haben. Die verabreichten Impfungen waren
wohl trotzdem nutzlos.
Rechtsanwalt Klatt erklärte im Namen sei-
ner Mandantin Antje T., es habe nur diesen
einen Vorfall gegeben. Sie habe versucht, mit
den Resten den Verlust des Impfstoffs auszu-
gleichen. Sie habe nicht aus einer politischen
Motivation heraus gehandelt.
Der Landkreis ging jedoch auf Nummer
sicher und bat immer mehr Menschen zur
Nachimpfung. Erst war von 200 möglicher-
weise Betroffenen die Rede, dann plötzlich
von 8500. Inzwischen sind es mehr als
10 000 Menschen, die erneut nach Schortens
ins Impfzentrum kommen sollen. Der Hin-
tergrund: Ein weiterer Zeuge hat der Polizei
geschildert, dass Antje T. sich im Labor auf-
fällig verhalten haben soll.
Für Gesine Weiß war die Geschichte von
der mutmaßlichen Impfgegnerin an jenem
Samstag im April erledigt. Ihren Job im Impf-
zentrum von Schortens hat sie inzwischen
gekündigt.
Maik Baumgärtner, Hubert Gude,
Roman Höfner I

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 47


DEUTSCHLAND

In einem Brief an den SPIEGEL weist Ney


alle Vorwürfe von sich. So wird einiges davon
abhängen, wie glaubwürdig der Zeuge aus
Deutschland ist.
Der »Maskenmann« war lange ein Phan-

Der ideale Verdächtige tom geblieben. Fast zwei Jahrzehnte hatten


die Ermittler ihn gejagt. Er hatte die arglosen
Kinder nachts dort aufgesucht, wo auch ihre
Eltern sie sicher wähnten: zu Hause in ihren
KRIMINALITÄT Es war eine der grausamsten Verbrechensserien
Betten, in Internatsschlafräumen, in Sommer-
zeltlagern. Schon früh gab es eine Zeugin, die
der deutschen Kriminalgeschichte, drei Kinder hat der die Gestalt des Täters beschreiben konnte,
»Maskenmann« umgebracht, etwa 40 Minderjährige missbraucht. nicht aber sein Gesicht: einen großen Mann
Jetzt wird ihm in Frankreich ein weiterer Mord vorgeworfen. mit einer schwarzen Sturmhaube.
Ins Netz ging der »Maskenmann« den
Fahndern der Soko Dennis, benannt nach

A m 20. Januar verließ ein gepanzertes


Fahrzeug die Justizvollzugsanstalt Cel-
le. Ziel des Transports war das Gefäng-
nis im etwa 600 Kilometer südlich gelegenen
Ney, heute 50 Jahre alt, scheint mit seiner
Vorgeschichte nicht nur für die Staatsan-
waltschaft, sondern auch die französische
Öffentlichkeit der ideale Verdächtige zu sein.
dem dritten Mordopfer, im Frühjahr 2011
eher zufällig. Nach einem Fahndungsaufruf
meldete sich ein Zeuge, der als Kind nachts
in seinem Schlafzimmer von einem Eindring-
Offenburg. Ganz in der Nähe, im Grenzort Der Mord an Jonathan C. erschüttert die ling missbraucht worden war. Er erinnerte
Kehl, übergibt die deutsche Justiz Beschul- Menschen bis heute. In dem hochemotio- sich, dass ihn zuvor ein Betreuer bei einer
digte an die französischen Behörden, wenn nalen Fall würde mancher wohl gern we- Jugendfreizeit nach dem Grundriss des elter-
sie in das Nachbarland ausgeliefert werden. sentliche Grundsätze infrage stellen: Gilt lichen Hauses ausgefragt hatte. Auch der Vor-
Der Häftling, der von dort zwei Tage spä- auch für einen verurteilten Serienmörder name dieses Mannes fiel ihm ein: Martin.
ter unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen die Unschuldsvermutung? Kann ein Mann, So kamen die Fahnder auf Ney. Die Indi-
in ein Gefängnis der Stadt Nantes verlegt wur- der monströse Verbrechen an Minderjäh- zien genügten dem Amtsgericht Stade damals
de, ist ein Schwerverbrecher. Als »Masken- rigen begangen hat, ein faires Verfahren nur für einen Durchsuchungsbeschluss. Ney
mann« hatte er die Menschen in Deutschland erwarten? hätte eine Vernehmung verweigern können,
jahrelang in Angst und Schrecken versetzt. dennoch kam er mit zwei Beamten auf die
Sein Name: Martin Ney. Polizeistation Verden. Der eine war Soko-Lei-
Im Februar 2012 verurteilte ihn das Land- ter Martin Erftenbeck, Erster Kriminalhaupt-
gericht Stade zu einer lebenslangen Freiheits- kommissar, ein erfahrener Polizist. Der an-
strafe, die er in Celle verbüßte, und stellte dere war Alexander Horn, ein junger, ehrgei-
die besondere Schwere der Schuld fest. Der ziger Profiler im Polizeipräsidium München,
frühere Mitarbeiter pädagogischer Einrich- der als Fallanalytiker das Team verstärkte.
tungen hatte gestanden, zwischen 1992 und Horn gelang es, Ney über seine grausamen
2001 drei minderjährige Jungen in seine Geheimnisse zum Reden zu bringen. Am
Gewalt gebracht und ermordet zu haben. zweiten Tag, nach elf Stunden Vernehmung,
Zudem gab er zu, in fast zwei Jahrzehnten als Erftenbeck gerade den Raum verlassen
etwa 40 Minderjährige sexuell missbraucht hatte, soll Horn gesagt haben: »Ich reiche Ih-
zu haben. Viele dieser Fälle waren verjährt. nen meine Hand hier ein letztes Mal.« Ney
Nun verdächtigt die französische Justiz habe Horns Hand ergriffen und zu weinen
den Serienmörder eines weiteren brutalen begonnen. Auf Horns Frage »Sind Sie der
Verbrechens, das seit mehr als 17 Jahren un- schwarze Mann?« habe Ney geantwortet:
aufgeklärt ist. Ney soll in der Nacht auf den »Ja.« Danach gab Ney zu, in den Jahren 1992,
7. April 2004 den damals zehn Jahre alten 1995 sowie 2001 drei Kinder in Norddeutsch-
Jonathan C. aus dem Schlafsaal eines Ferien- land verschleppt und ermordet zu haben.
lagers in Saint-Brevin-les-Pins am Atlantik Die Beamten der Soko rechneten ihm
entführt und später ermordet haben. schon damals ein weiteres Verbrechen zu –
Die Leiche des Jungen, unbekleidet, gefes- die Entführung und Ermordung von Jona-
selt und mit einem etwa 20 Kilogramm wie- than C. in Frankreich. Sie erkannten viele
genden Stein beschwert, war sechs Wochen Ähnlichkeiten: eine Jugendherberge als Tat-
nach der Entführung in einem Teich entdeckt ort; einen vorpubertären Jungen als Opfer;
worden. So steht es in dem Europäischen die nächtliche Entführung; die Art der Ermor-
Haftbefehl, der dem SPIEGEL vorliegt und dung und der Beseitigung der Leiche.
mit dem die Staatsanwaltschaft Nantes seit Tatsächlich hatten sich französische Straf-
Oktober 2019 die Auslieferung Neys nach verfolger bereits wenige Tage nach dem Ver-
Frankreich betrieben hat. schwinden von Jonathan C. bei der Soko ge-
Die Beweislage der französischen Strafver- meldet. Die deutschen Ermittler waren umge-
folger erscheint noch dünn. Es gibt keine ob- hend an den Atlantik gereist und hatten ihren
jektiv belastbaren Spuren wie eine DNA-Ana- Kollegen die Parallelen vorgetragen. Doch
lyse oder Aufnahmen von Überwachungs- nachdem die Leiche des Kindes in dem Weiher
kameras. Die Vorwürfe beruhen auch auf den entdeckt worden war, hielt die Staatsanwalt-
Polizei / dapd

Aussagen eines früheren Mitgefangenen. Ney schaft Nantes andere Spuren wohl für wich-
soll sich ihm im Gefängnis anvertraut und tiger. So erzählte es Profiler Horn in einer im
fünf weitere Morde gestanden haben – da- vorigen Jahr für den RTL-Streamingdienst
runter eine Tat in Frankreich. »Maskenmann«-Phantombild TVNow produzierten Dokumentation. »Für

48 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


DEUTSCHLAND

mich war das hochgradig frustrierend«, anwaltschaft Nantes die Bevölkerung scheinen mir diese Ermittlungen aber
sagte Horn im Rückblick, »ich konnte um Mithilfe und rief zur Suche nach ins vollkommen Absurde abzugleiten.«
das auch nicht nachvollziehen.« der Tasche auf. Ohne Ergebnis. Grö- Wie viel Gehör darf man einem
Der Fokus der französischen Jus- ßere Hoffnungen richteten die Straf- dreifachen Kindsmörder geben? Wie
tiz richtete sich erst später auf Ney. verfolger auf den Augenzeugen mit viel darf man ihm glauben?
In den ersten Monaten des Jahres Hund, der Ney laut Mario T. gesehen Ney nahm seit 2013 an einem Ge-
2017 berichtete Mario T., ein zu lang- haben soll. sprächskreis mit Inhaftierten in Celle
jähriger Freiheitsstrafe verurteilter Denn 2008, vier Jahre nach dem teil, den Julius H. Kriszan gegründet
Mitgefangener, Ney habe ihm gegen- Mord an Jonathan C., hatte sich ein hat, ein früherer Grünen-Bundestags-

Privat
über im Gefängnis Celle fünf weitere Landwirt bei der Gendarmerie gemel- abgeordneter. Als klar war, dass er
unaufgeklärte Morde an Minderjäh- det: Er habe »im Lauf des Aprils nach Frankreich überstellt würde,
rigen gestanden: in Hamburg, in Bel- 2004 abends einen großen Mann am schickte Ney einen Brief an Kriszan:
gien, in den Niederlanden, in Süd- Steuer eines in Deutschland zugelas- Die Anwürfe Mario T.s seien »Lügen-

F. Dubray / picture alliance / dpa


amerika – und in Frankreich. senen BMW gesehen«. So steht es in geschichten eines nachweislichen Spin-
Bis Mai 2017 wurde T. mehrmals den Akten der französischen Justiz. ners«. Auch aus Frankreich meldete
als Zeuge vernommen. Zudem über- Das Fahrzeug habe sich nahe einem er sich bei Kriszan. Der Ermittlungs-
gab er Beamten Tagebucheinträge entlegenen Teich befunden, der Kof- richter sei »wohl fest von meiner
und ließ ihnen per Fax Niederschrif- ferraum habe offen gestanden. Für Schuld überzeugt, auch wenn er kei-
ten seiner Erinnerungen zukommen. den Landwirt habe es so ausgesehen, nen vernünftigen Beweis« dafür finde,
In seinen Vernehmungen blieb Ma- als sei der Fremde »gestört worden schrieb Ney.
rio T. bei den anderen vier Fällen bei dem, was er tat«. Auf seinem Pädophiler Ney um Nach Informationen des SPIEGEL
2011, Fahndungs-
eher vage, für die Polizei ergaben sich Traktor sitzend habe der Zeuge den aufruf mit Foto des kam es an einem späten Abend im
keine Ermittlungsansätze. Konkreter Unbekannten gezwungen, »den Ort möglichen weiteren April auch zu einer Gegenüberstel-
wurde er bei der französischen Spur. zu verlassen«. Mordopfers C. 2004 lung Neys mit dem Landwirt, der sich
Demnach soll Ney ihm geschildert In seiner Vernehmung 2008 bei der Gendarmerie gemeldet hatte.
haben, dass er bei der Tat in Frank- sprach dieser Zeuge laut den Doku- Die Szene soll dort nachgestellt wor-
reich zweimal aufgeschreckt sei. In menten davon, einen Hund bei sich den sein, wo der Mann im April 2004
der einen Situation habe Ney dort, gehabt zu haben. Zehn Jahre später, einen Unbekannten mit knielangem
wo er das Kind getötet habe, beim nach Kenntnis des angeblichen Mantel und breitkrempigem Hut vor
Weglaufen eine Tasche verloren, in Geständnisses von Ney gegenüber einem BMW gesehen haben will. Der
der er »persönliche Dinge« mit sich Mario T., bat die Staatsanwaltschaft Zeuge habe angegeben, Ney nicht wie-
getragen habe, die Rückschlüsse auf Nantes den Landwirt zu einer er- derzuerkennen.
ihn ermöglichten. Ney habe sich neuten Aussage. Nun präzisierte der Es ist das Perfide an sogenannten
»noch umgedreht, aber nicht mehr Mann, dass sein Hund »ein Deut- Cold Cases, seit Jahren unaufgeklär-
die Zeit gehabt, die Tasche aufzuhe- scher Schäferhund« gewesen sei. ten schweren Verbrechen: Je länger
ben und zu holen«. Die Tasche aus Diesem Detail schenken die fran- die Taten zurückliegen, desto wider-
braunem Leder, etwa 50 Zentimeter zösischen Ermittler offenbar beson- sprüchlicher werden Zeugenaussa-
breit, 30 Zentimeter hoch und mit ei- dere Beachtung. In der Begründung gen, desto schwieriger ist es für die
ner Plastikschnalle am Trageriemen, des Staatsanwalts zu Neys Ausliefe- Ermittler, belastbare Beweise zusam-
sei ein Produkt der Firma Adidas. rung heißt es, die ersten Aussagen des menzutragen.
In der anderen Situation habe Ney Landwirts im Jahr 2008 seien »zu kei- Die Staatsanwaltschaft Nantes äu-
flüchten müssen, weil »ein älterer nem Zeitpunkt« öffentlich zugänglich ßerte sich zu den Recherchen und
Mann mit einem Hund« ihn gestört gewesen. Wenn Mario T. also behaup- Nachfragen des SPIEGEL zum Ermitt-
habe. Dieser Mann sei »wie ein Stein te, Ney sei bei seinem Verbrechen an lungsverfahren gegen Martin Ney
gestanden« und habe Ney angestarrt. einem Kind in Frankreich »diesem nicht. Mario T. ging auf eine Bitte um
Zudem habe das Tier, »ein Deutscher ›alten Mann mit Hund‹« begegnet, Stellungnahme zu seinen belastenden
Hund«, gebellt, was Ney »auch sehr habe ihm nur Ney selbst davon be- Aussagen gegen Martin Ney nicht ein,
unter Druck gesetzt« habe. richten können. die der SPIEGEL ihm ins Gefängnis
Laut den Vernehmungsprotokol- Allerdings ist Mario T. ein schwie- geschickt hatte.
len soll Ney sich Mario T. gegenüber riger Zeuge, der in den vergangenen Noch steht nicht fest, ob die Staats-
verwundert gezeigt haben, dass die- Jahren auch andere Mithäftlinge an- anwaltschaft Nantes Anklage gegen
ser zufällige Zeuge keine Aussage ge- gezeigt hat. Er warf ihnen versuchte Ney erheben wird. Seine Ausliefe-
macht habe. Zudem habe er »immer Erpressung, versuchte gefährliche Kör- rung ist auf acht Monate befristet,
noch Angst«, dass die Ledertasche perverletzung oder Vergewaltigung Stichtag ist der 22. September. Sollte
auftauche. Mario T. erzählte den Poli- vor. Die Vorwürfe erwiesen sich als die Entscheidung über einen Prozess
zisten, dass Ney sich in seiner Gegen- haltlos, nach Recherchen des SPIEGEL erst danach fallen, würde Ney erneut
wart »immer scheckig gelacht« habe, wurden die Verfahren eingestellt oder ausgeliefert. Seine Aussichten, jemals
weil ihm der Mord an dem Kind in endeten mit einem Freispruch. wieder freizukommen, würden bei
Frankreich »nicht nachgewiesen wer- In einem Brief an den SPIEGEL be- einer Verurteilung in Frankreich er-
den konnte«. Dies sei, so Mario T., schreibt Martin Ney Mario T. als trau- Der Ermitt- heblich sinken.
»wie eine Art Triumph« für Ney. matisierten Menschen und stellt die lungsrichter Beim Bundesgerichtshof hatte Ney
Auch wenn T. weder den Namen Frage, ob dessen »gesamtes Aussage- noch erfolgreich Revision gegen die
des ermordeten Kindes noch den ge- verhalten völlig pathologisch« sei. Er
sei »wohl Sicherungsverwahrung eingelegt, die
nauen Tatort oder den Zeitraum des habe »ein gewisses Verständnis dafür, fest von mei- das Landgericht Stade zusätzlich zu
Verbrechens benennen konnte, nah- dass man aufgrund zweifelsfrei vorhan- ner Schuld der verhängten lebenslangen Frei-
men die französischen Ermittler die dener Ähnlichkeiten in der Tatbege- heitsstrafe angeordnet hatte.
Aussage ernst. Das zeigte sich im hung« ihn als »Verdächtigen in die Er- überzeugt«, Rafael Buschmann, Petra
April 2018. Damals bat die Staats- mittlungen« einbeziehe: »Momentan schrieb Ney. Truckendanner, Michael Wulzinger I

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DEUTSCHLAND

berg. Vor ihnen ist ein 5er BMW mit auswär-


tigem Kennzeichen unterwegs. Das Fahrzeug
kommt ihnen verdächtig vor. Die Polizisten
halten den Fahrer an, die Videokamera im
Streifenwagen zeichnet die Kontrolle auf.
Kurzes Gespräch, der Mann zittert und
schwitzt, muss aussteigen, für einen Drogen-
test am Straßenrand in einen Becher pinkeln.
Die Beamten überprüfen seine Personalien.
Vitalij K. ist ein polizeibekannter Dealer
und Junkie, geboren in Kasachstan, deutscher
Pass, kein Führerschein, zuletzt ohne festen
Wohnsitz, in dieser Nacht völlig zugekokst.
Im Auto hat er außerdem 51 Gramm Heroin.
K. hört, wie die Zentrale den Beamten sagt,
dass K. per Haftbefehl gesucht werde. Um
23.47 Uhr fahren die beiden Polizistinnen
vorbei. 28 Sekunden später, so lässt sich an-
hand der Videobilder aus dem Streifenwagen

Alex Talash
rekonstruieren, fällt der erste Schuss. Die Si-
tuation eskaliert.
Beamtinnen B. (l.) und A. (r.) am Tatort in Gevelsberg: »ich dachte erst, sie seien betrunken«
Der Mann, das zeigen die Aufnahmen,
geht zunächst langsam zu seinem Auto zu-
rück. Plötzlich schüttet er einem Beamten
den Urin ins Gesicht, rennt los, reißt die Fah-

»Es war wie im Krieg«


rertür auf, zieht eine geladene Walther P99
unter dem Beifahrersitz hervor. Die beiden
Polizisten stürzen sich auf ihn, sprühen Pfef-
ferspray durch die geöffnete Fahrertür ins
Auto, Handgemenge. K. kann trotzdem schie-
SICHERHEIT Zwei nordrhein-westfälische Polizistinnen ßen, dreimal drückt er ab. Ein Beamter geht
fliehen vor einer Schießerei und lassen ihre Kollegen im Kugelhagel zu Boden, das Projektil bohrt sich tief in
zurück. Jetzt müssen die Frauen vor Gericht – wegen Feigheit. die schusssichere Weste, auf Höhe der Milz,
im Liegen und ohne Deckung erwidert er
das Feuer. Das Fahrerfenster zerbirst.

E s ist der 5. Mai 2020, kurz vor Mitter-


nacht. Im nordrhein-westfälischen Ge-
velsberg lenken zwei Beamtinnen ihren
Streifenwagen durch die Nacht. Plötzlich se-
wöhnliches Anklagekonstrukt. Dass Beamte
in einer Gefahrensituation ihre Kollegen im
Stich lassen und einfach türmen, so etwas
gibt es in der bundesdeutschen Polizei-
Der Polizist rollt sich zur Seite, kämpft
sich zurück auf die Beine und läuft weg. Sein
Kollege sucht Schutz hinter dem Streifen-
wagen und schießt ebenfalls. 21 Patronen-
hen sie zwei Kollegen am Straßenrand. Die geschichte nur selten – wenn überhaupt. hülsen werden später sichergestellt. Keine da-
beiden haben ein Auto angehalten, Verkehrs- Für Polizisten besteht eine besondere von, so ergeben die Ermittlungen, stammt
kontrolle. Einer der Beamten hebt die Hand. Rechtspflicht zu handeln. Die Frauen hätten aus den Waffen der Polizistinnen. Denn die
Als Bitte um Unterstützung, wie sich später aus ihrer Deckung heraus eingreifen und zu- sind längst weg. Ihren Wagen haben sie un-
herausstellen sollte. Zum Gruß, wie die Poli- rückschießen müssen, heißt es in der Ankla- verschlossen zurückgelassen, darin auch ge-
zistinnen nach eigener Aussage zunächst an- ge. Die Gefahr für ihr Leben sei beherrsch- ladene Maschinenpistolen.
nehmen. Sie fahren weiter. bar gewesen. Mit ihrer Flucht aber hätten Einen vergleichbaren Fall habe er noch
Erst beim Blick in den Rückspiegel wollen sie billigend in Kauf genommen, dass die nicht auf dem Tisch gehabt, sagt Eckhard
sie bemerkt haben, dass da etwas nicht Kollegen noch stärker verletzt werden. Man Wölke, der Patricia B. verteidigt. Der Kölner
stimmt. Sie stellen ihren Mercedes Vito ab kann es auch drastischer ausdrücken: Die Anwalt war selbst viele Jahre lang Polizist, in
und steigen aus. Plötzlich fallen Schüsse, die Staatsanwaltschaft wirft den Beamtinnen 95 Prozent der Fälle vertrete er Beamtinnen
Polizistinnen suchen hinter der Motorhaube Feigheit vor. und Beamte. Das Ganze wirke auf den ersten
Deckung. Ein Beamter geht getroffen zu Schon jetzt wurden sie in den Innendienst Blick unschön, sagt er. »Aber wenn Sie in
Boden. »Lauf! Lauf!«, ruft eine Beamtin der versetzt. Im Fall einer Verurteilung drohen stockfinsterer Nacht plötzlich im Kugelhagel
anderen zu. Dann ergreifen die Frauen die den beiden weitreichende Konsequenzen. stehen, nicht wissen, woher die Schüsse kom-
Flucht, rennen etwa 100 Meter weit, halten Sollten sie mehr als ein Jahr Freiheitsstrafe men, mit wem und wie vielen sie es zu tun
ein Auto an und brausen mit einer verdutzten bekommen, würden sie aus dem Polizeidienst haben, sieht die Sache anders aus.« Schieße-
Altenpflegerin davon. Ihre Kollegen lassen entlassen und verlören ihren Beamtenstatus. reien seien in Gevelsberg glücklicherweise
sie im Kugelhagel zurück. Doch bereits jetzt hat die Sache Folgen. In nicht an der Tagesordnung. Seine Mandantin
Der dramatische Einsatz hat nicht nur einem Beruf, in dem es auf den Zusammen- sei einfach überfordert gewesen.
in Sicherheitskreisen für Befremden gesorgt. halt ankommen kann, dürfte es kaum ver- Dieser Fall zeige eindrücklich, wie schnell
Das Verhalten der beiden Polizistinnen ziehen werden, Kollegen im Stich zu lassen. aus einer alltäglichen eine lebensbedrohliche
rief auch die Staatsanwaltschaft auf den Plan. Andererseits stellt sich die Frage: Wie mutig Situation werden könne, sagt Michael Mer-
Nadine A. und Patricia B. von der Kreispoli- müssen Polizistinnen und Polizisten eigent- tens von der Gewerkschaft der Polizei. Jeder
zeibehörde Ennepe-Ruhr, 32 und 37 Jahre alt, lich sein? Hilfe hätten ihre Kollegen jedenfalls Mensch reagiere in einer solchen Lage anders.
sollen sich von November an vor dem Amts- dringend gebrauchen können. Nur mit Glück »Grundsätzlich aber gilt: Polizistinnen und
gericht Schwelm wegen gemeinschaftlicher kamen sie lebend davon. Polizisten müssen sich aufeinander verlassen
versuchter gefährlicher Körperverletzung Die Beamten, damals 23 und 29 Jahre alt, können«, so Mertens. »Der Streifenwagen ist
durch Unterlassen verantworten. Ein unge- fahren an diesem Abend Streife in Gevels- eine besondere Gefahrengemeinschaft. Jeder

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ist des anderen Lebensversicherung.« Gerade


deshalb sei es wichtig, solche Situationen so Flexibel bleiben.
oft wie möglich zu üben.
In NRW sind in den vergangenen Jahren
mehrere moderne Polizei-Trainingszentren
Lesen Sie den SPIEGEL,
entstanden, weitere befinden sich im Bau.
Beamtinnen und Beamte müssen sich regel- solange Sie möchten.
mäßig auf Gefahren vorbereiten. Jedes Jahr
hätten sie eine »landeseinheitliche Prüfung Frei Haus.
in Treff- und Handhabungssicherheit mit der Der SPIEGEL jede Woche direkt nach Hause
Dienstpistole« abzulegen, heißt es aus der
Polizei. Hier lernten sie zu entscheiden, ob Rund 9 % sparen.
sie zum Schutz von Menschenleben schießen Für nur € 5,30 pro Ausgabe statt € 5,80 im Einzelkauf
müssten oder nicht. Ohne Risiko.
Allerdings, das wissen auch Ausbilder, hat
Polizistenmut Grenzen. So gebe es emotional, Jederzeit kündbar, Urlaubsservice möglich
psychisch und ethisch herausfordernde Situa- Vergünstigte Tickets.
tionen, in denen »individuelle Belastbarkeit Für ausgewählte SPIEGEL-Veranstaltungen
und Professionalität besonders gefordert auf www.spiegel-live.de
sind«. Extreme Lebensgefahr könne Polizis-
ten »in den Grenzbereich ihrer Handlungs-
fähigkeit führen«, heißt es.
Die angeklagte Polizistin Patricia B. sagte
vor Gericht laut »Westfalenpost«, sie habe
große Angst gehabt. »Es war wie im Krieg.«
Die Lage sei unübersichtlich gewesen. Sie hät-
ten Schüsse gehört, aber nicht gewusst, woher
Einfach jetzt anfordern:
sie gekommen seien. Dann seien sie wegge-
laufen, so die Beamtin im Verfahren gegen abo.spiegel.de/flexibel
Vitalij K. Er wird schließlich unter anderem
wegen gefährlicher Körperverletzung zu sie- oder telefonisch unter 040 3007-2700
beneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. (Bitte Aktionsnummer angeben: SP-FLEX)
Bemerkenswert ist, dass das fragwürdige
Verhalten der Polizistinnen erst im Prozess Keine
gegen K. zum Thema wurde, obwohl bereits
im Oktober 2020 Anklage gegen die Frauen Mindest-
erhoben worden war. Zum Erstaunen des
Gerichts, der Staatsanwaltschaft und der Ver- laufzeit
teidigung fand sich in der Akte gegen K. kein
Wort der Beamtinnen zu ihrer Flucht. Auch
in der polizeiinternen Aufarbeitung blieb der
Vorfall zunächst unerwähnt.
Erst die Aussage der 25-jährigen Altenpfle-
gerin, die den beiden Polizistinnen mit ihrem
Auto zur Flucht verhelfen musste, brachte
das Gericht auf die Spur. Sie wurde als Zeugin
geladen. »Die sind so wirr gelaufen, ich dach-
te erst, sie seien betrunken«, so die Frau laut
»Westfalenpost«. Patricia B. sei vorn einge-
stiegen, Nadine A. hinten. Dann habe sie ein-
fach nur noch Anweisungen befolgt: losfah-
ren, geradeaus, bei Rot über die Kreuzung,
rechts abbiegen, Straße bis zum Ende, links
und noch mal links in die Sackgasse bis zum
Wendehammer. An der Hecke stehen bleiben,
Motor ausmachen, abwarten.
Auf ihrer Flucht fordern Nadine A. und
Patricia B. von ihrer Fahrerin das Handy. A.
ruft die Leitstelle an. Von dort kommt die An-
weisung: zurück zum Tatort! Die Pflegerin
chauffiert die beiden zurück. Doch dort gibt
es nicht mehr viel zu tun. Auch Vitalij K. ist
geflüchtet. Vier Stunden später überwältigt
ihn ein Spezialeinsatzkommando.
Nadine A. und Patricia B. melden sich
schließlich am Tatort bei ihrem Vorgesetzten.
Der weist ihnen eine neue Aufgabe zu. Sie
sollen die Straße absperren. Christian Parth I

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ist. Die Mieten steigen seit Jahren, den soge-


nannten Mietendeckel kippte kürzlich das
Bundesverfassungsgericht. Um das Leben in
Berlin bezahlbar zu halten, braucht es Woh-
nungen. 30 000 Stück wollte die Stadt des-
halb bis Ende 2021 bauen – mithilfe der loka-
Pankow statt Nordpol len Wohnungsbaugesellschaften. Doch dafür
braucht sie auch Grünflächen.
Der Fall in Pankow könnte daher zu einem
Präzedenzfall werden. Es geht hier um eine
STÄDTEBAU In vielen Orten fehlt es an Wohnraum – doch Frage, die Städte in ganz Deutschland be-
in Berlin wurde ein Projekt gestoppt, um das Klima zu schützen. schäftigen wird. Was ist wichtiger: Wohnung
Der Konflikt wird auch auf andere zukommen. oder Wiese?
»Ich habe mich noch nie für irgendwas
Größeres eingesetzt«, sagt Krehl. »Ich dachte

B ritta Krehl hatte nie die Absicht, Akti-


vistin zu werden. Krehl ist eine ruhige
Frau, Fotografin, in Berlin geboren.
Vor vier Jahren zog sie in eine ehemalige
jekt gegründet hat. Die Mitglieder sammeln
Unterschriften und reichen Anträge bei der
Bezirksverordnetenversammlung ein.
In anderen Zeiten wäre Krehls Initiative
immer, wir leben ja in einem ordentlichen
Land.« Bis im März 2019 ein Brief in ihrem
Briefkasten landete. »Sehr geehrte Damen
und Herren«, begann das Schreiben. »Hier-
DDR-Siedlung mit einem grünen Hinterhof bloß ein weiterer Protest von Anwohnern, mit laden wir Sie zu einer Partizipations-
im Norden der Stadt. Der Klee steht hier im die wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. veranstaltung ein.«
Frühjahr knöchelhoch, Amseln jagen durch Doch in Zeiten der Klimakrise steht ihr Pro- Gesobau stellte ein großes, weißes Zelt im
die Luft, Spatzen schimpfen, und eine Hum- test auch noch für etwas Größeres. Hof auf, postierte Wachleute, um den Einlass
mel pendelt zwischen Grashalmen umher. Die Initiative bekommt Unterstützung aus zu regeln, wie Krehl sagt. »Und dann wurde
Krehl sitzt im Schatten einer haushohen der Politik. So blockiert der Bezirk Pankow uns dort das Bauprojekt vorgestellt.«
Kastanie und erzählt von dem Fall, der nun das Bauprojekt inzwischen und führt als In den beiden Höfen der Siedlung sollten
ihrer ist. Wenn es nach der Berliner Woh- Grund den »Klimanotstand« an. Berlin wird neue Wohnungen entstehen. Die Anwohnen-
nungsbaugesellschaft Gesobau geht, sollen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten den mussten nun über das Aussehen der Neu-
an diesem Ort bald nicht nur Hummeln brum- die Folgen des Klimawandels zu spüren be- bauten entscheiden. »Es gab eine L-Form,
men, sondern auch die Motoren von Baggern kommen. Er wird die Stadt im Sommer hei- eine H-Form und eine I-Form«, sagt Krehl.
und Kränen. Ein Teil der 170 Eichen, Buchen ßer machen, im Winter wird es mehr regnen. Per Knopfdruck sollten sie abstimmen. »Wir
und Kastanien wird dann gefällt, der Spiel- Dafür muss Berlin sich rüsten. Man braucht waren sehr aufgebracht. Hier soll doch gar
platz im Hof nebenan plattgemacht. Etwa Wiesen, in denen Wasser versickert, und Bäu- nicht gebaut werden.« Ein Verantwortlicher
100 Wohnungen sollen hier entstehen. »Nach- me, die Schatten spenden. der Gesobau habe gesagt, so Krehl, sie könn-
verdichtung« nennt das die Stadt. Doch die Stadt hat noch ein anderes Pro- ten machen, was sie wollen, es werde auf
Krehl will das verhindern. Sie ist die Spre- blem. So hat auch der Zuzug aus Deutschland, jeden Fall gebaut.
cherin der Bürgerinitiative »Grüner Kiez Europa und aller Welt dazu geführt, dass in Krehl und andere Betroffene wandten sich
Pankow«, die sich aus Protest gegen das Pro- Berlin der Wohnraum sehr knapp geworden an einen Abgeordneten der Bezirksverord-

Martin Steger / DER SPIEGEL

Bürgerinitiative »Grüner Kiez Pankow« in Berlin: Präzedenzfall für ganz Deutschland?

52 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


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netenversammlung, der dort einen durchsetzt, hätte er ein Riesenpro-


Antrag auf mehr Mitbestimmung ein- blem.« Im Mai reichte die Gesobau
reichte. Die Gesobau hätte die An- Klage ein, um die Erteilung der Bau-
wohnerinnen und Anwohner stärker genehmigung zu erzwingen. Der Bau-
in die Planung einbeziehen müssen. senator unterstützte das. »Man kann
Der Antrag hatte Erfolg – die Geso- erwarten, dass das Bezirksamt sich
bau musste das Partizipationsverfah- an die gesetzlichen Vorgaben hält«,
ren neu starten. Doch damit kamen so Scheel. »Die Not der Wohnungs-
die Menschen ihrem Ziel, den Bau suchenden gegen die Klimanotlage
ganz zu verhindern, nicht näher. Sie auszuspielen ist in meinen Augen
mussten einen anderen Hebel finden der falsche Weg.« Scheel sagte, es
und entdeckten das Klima. habe natürlich Umweltgutachten ge-
Fragt man Krehl, ob es ihnen um geben, er sprach von Ersatzflächen,
den Hof oder um die Welt gehe, sagt begrünten Fassaden. Doch dem Be-
sie: »Letztlich hat doch jeder eine zirk reichte das nicht.
egoistische Motivation. Die Gesobau »Wir werden diese Konflikte in Zu-
will Wohnungen bauen, wir wollen kunft öfter erleben«, prognostiziert

Martin Steger / DER SPIEGEL


unseren Hof erhalten. Aber nur weil Umweltjurist Moritz Reese. Er
wir davon profitieren würden, ist es forscht am Helmholtz-Zentrum für
ja nicht falsch, ihn zu erhalten.« Man Umweltforschung zu nachhaltiger
tritt Britta Krehl und ihren Mitstrei- Stadtentwicklung. »Da gibt es einen
tenden nicht zu nahe, wenn man sagt: Clash zwischen städtebaulichen Para-
Sie sind auch aus Eigensinn zu Klima- digmen«, sagt er. Dabei sei längst klar,
aktivistinnen geworden. der DDR mitgegründet hat und Baustadtrat Kuhn: dass immer weiter verdichtete Städte
Die Pankower Initiative organi- seit Jahrzehnten Politik in Berlin Was ist wichtiger – auf Dauer nicht lebenswert seien.
Wohnung oder Wiese?
siert nun regelmäßig Feste im Hof, macht. Wenn man mit ihm telefo- »Wenn man eine grüne und nachhal-
die sie »Klimakonzerte« nennt. Sie niert, hat man nicht das Gefühl, mit tige Stadt haben will, kann man nicht
hat Patenschaften für Bäume verge- einem Fanatiker zu sprechen. Fragt nur nach innen wachsen.« Der Fall
ben. Eine ging an den linken Politiker man ihn nach der Initiative, sagt in Pankow sollte allen Städten eine
Gregor Gysi, der sagte: »Es ist ein er: »Die sind sehr professionell, sie Warnung sein, sagt Reese. »Um die-
wunderschöner Hof. Ich finde, er haben gekämpft, Unterschriften ge- sen Konflikt zu managen, brauche ich
muss erhalten bleiben.« sammelt.« eine übergreifende Planung. Es reicht
Im August 2019 rufen die Abge- Auch Kuhn hat seine Position nicht, mit kleinteiligen Bebauungs-
ordneten der von Linken, Grünen geändert. »Jahrelang hieß es, wir plänen zu agieren.«
und SPD dominierten Bezirksverord- müssen bauen und nachverdichten.« Die Klimakrise entscheidet sich
netenversammlung den »Klimanot- Doch in den vergangenen Jahren sei nicht im Hinterhof von Britta Krehl.
stand« aus. »Alle Entscheidungen des etwas passiert. »Es hat ein Umden- Und doch scheint sich hier etwas zu
Bezirksamtes«, beschließt das Gremi- ken stattgefunden«, so Kuhn. Würde verschieben. Vor Jahren war die Kli-
um, »sind auf ihre Auswirkungen auf Gesobau bauen, »würden wir die makrise etwas, das auf Gipfeltreffen
das Klima zu prüfen und unter die Innenhöfe zerstören, der Spielplatz verhandelt wurde. Es war große Poli-
Prämisse einer bestmöglichen Klima- müsste weg«, Bäume auch. »Das ist tik und weit weg. Aber jetzt geht es
verträglichkeit zu stellen.« Pankow angesichts des Klimanotstands nicht nicht mehr nur um den Nordpol, son-
war damit der erste Berliner Bezirk, mehr machbar.« Er sei weiterhin für dern auch um Berlin-Pankow.
der so weit ging. Klimaschutz, so sa- Nachverdichtung, allerdings müssten »Die Insekten müssen doch auch
gen es SPD-Abgeordnete, solle »zum Grünflächen erhalten bleiben. irgendwo wohnen«, sagt Britta Krehl
Primat der eigenen Politik« werden. Für den Berliner Bausenator im Schatten der Kastanie. Krehl und
Ein Jahr später zeigt sich in Pan- Sebastian Scheel ist das ein Problem. ihre Mitstreitenden haben sich in-
kow, was das bedeutet: Die Grünen Scheel ist, genau wie Baumpate zwischen mit anderen Bürgerinitia-
beantragen, das Bezirksamt einen Gregor Gysi, Mitglied der Linkspar- tiven vernetzt. Eine setzt sich dafür
Bebauungsplan für das Quartier er- tei. Er nennt den Bebauungsplan ei- ein, ein Stadion zu sanieren, statt es
stellen zu lassen, in dem auch der nen »Verhinderungsbebauungsplan« neu zu errichten. Andere sind wie
Wohnblock von Britta Krehl liegt. In und hält das Klimaargument für vor- Krehl gegen Nachverdichtung in
einem solchen Plan kann der Bezirk geschoben. »Da wird Wahlkampf ihren Höfen.
auch Flächen ausweisen, auf denen gemacht«, sagt er. In einigen Wochen Es gehe auch um die Frage, ob
nicht gebaut werden darf. wird in Berlin das Abgeordnetenhaus man noch in der Lage sei, Kompro-
Die Firma Gesobau reagiert, in- neu gewählt. »Nachverdichtung«, sagt misse zu finden, sagte Bausenator
dem sie kurz darauf einen Bauantrag Scheel, »ist essenziell für die Stadt.« Scheel vor Wochen. Inzwischen gibt
einreicht. Denn bis der Bebauungs- Wenn auf bestehenden Flächen nach- es etwas Hoffnung. Es laufen Gesprä-
plan existiert, dauert es. Und sobald verdichtet wird, sind die Wohnungen che zwischen Senat und Bezirk. »Wir
die Baugenehmigung erteilt ist, darf automatisch gut angebunden – es »Die Insekten versuchen«, so Bezirksbaustadtrat
Gesobau bauen. Doch das Bezirks- müssen keine neue S-Bahn-Station, müssen Kuhn, »gemeinsam einen Weg zu
amt weigert sich, die Genehmigung keine Straßen und Bürgersteige ge- finden.«
auszustellen. Im April 2021 stoppt sie baut werden.
doch auch Vielleicht liegt es am Wahlkampf?
das Bauprojekt. Erst soll der Bebau- Der Widerstand des Bezirks sei ge- irgendwo Überall in Berlin hängen gerade Pla-
ungsplan entstehen. fährlich für Scheel, sagt Kuhn. »Der wohnen«, kate. Auf einem prangt der Slogan
Mitentschieden hat das Bezirks- Bausenator möchte hier wohl einen »Ein Grundrecht auf Wohnen. Nicht
baustadtrat Vollrad Kuhn. Er ist ein Präzedenzfall verhindern. Wenn sich sagt die auf Profite«. Das Poster stammt von
ruhiger Mann, der die Grünen in die Position ›Nicht in meinem Hof‹ Aktivistin. den Grünen. Hannes Schrader I

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 53


THER APIEN
REPORTER
»Warum machen uns
Alpakas glücklich,
Herr Wenzlaff?«
SPIEGEL: Neben der Therapie
mit Pferden und Hunden gibt es
auch die Alpaka-Therapie. Wie
funktioniert die?
Wenzlaff: Wir zeigen Patienten
mit Handicaps, wie man eine
Beziehung zu den Tieren auf-
baut. Alpakas strahlen Ruhe
aus, sind aber Fluchttiere und
haben scharfe Instinkte. Ich
muss mich ihnen unterordnen.
Sobald ich hektisch werde,
gehen sie weg. Mit diesem
Biofeedback arbeiten wir. Erst
wenn das Kind ruhiger ist und
sich eingelassen hat, die Bedürf-
nisse des Tieres zu akzeptieren,
gehen wir hin und streicheln es.
SPIEGEL: Wie hilft das dem
Menschen?
Wenzlaff: Die Interaktion mit
dem Tier schüttet Bindungs- und
Glückshormone aus. Das baut
Selbstvertrauen auf. Gerade psy-
chisch kranken Patienten hilft
das. Und: Wenn wir auf der Wei-
de die Tiere streicheln, fühlt sich
das nicht wie Therapie an, selbst
wenn es Therapie ist. Es ist erst

Olympisches Feuer, 1936 mal nur ein tolles Erlebnis.


SPIEGEL: Bis man angespuckt
wird.
Wenzlaff: Das passiert, ja. Wäh-
FAMILIENALBUM SPIEGEL-Reporter Alexander Smoltczyk, 62, über seinen Großvater rend wir uns streiten, spucken
sich Alpakas ins Gesicht. Sie

L ange war ich überzeugt, dass mein Opa an


den Olympischen Sommerspielen 1936 teil-
genommen hat. So wie ich es als Kind immer
erzählt habe. Er war der einzige Sportbegeisterte
Meine Großeltern hatten sich bei den »Wander-
vögeln« kennengelernt, den Hippies der Zwan-
zigerjahre. Meine Oma war promovierte Chemi-
kerin. Ihre Mutter war eine geborene Itzig, eine
nehmen den Kopf nach oben,
würgen Vorverdautes aus dem
Magen hoch, und dann fliegt
halt mal das Müsli rum.
in der Familie und hatte deshalb auch früh schon jüdische Familie. »Ich glaube nicht, dass deine SPIEGEL: Geht es in der Thera-
einen Fernseher, groß wie eine Waschmaschine, Braut auch die Fehler ihrer Rasse haben wird, pie auch um Konfliktlösung?
auf dem ich die Mondlandung sehen durfte. Vor aber ...«, das hatte man meinem Opa zur Ver- Wenzlaff: Das ist bei Alpakas
einiger Zeit fand ich dieses Foto, bei den Spielen in lobung warnend mitgegeben. Es gab einen SA- faszinierend. Wenn die Hengste
Tokio kam es mir wieder in den Sinn. Es zeigt Mann in der Verwandtschaft, der meine Mutter kämpfen, setzt bei denen nach
Staffelläufer, die das olympische Feuer durch Ber- und ihre Schwestern »Judenbälger« nannte. ein paar Minuten eine
lin tragen. Merkwürdigerweise ist einer der Läufer, Nach der Kapitulation im Mai 1945 erhäng- Maulsperre ein. Kiefer
der ganz rechts auf dem Bild, auffällig dunkelhäu- ten sich Nazis auf den Dachböden, und mein und Unterlippe hängen
tig. Unter den Augen der Nazis läuft er durch die Opa musste sie abschneiden. Einen begrub er dann runter, bis sie sich
Reichshauptstadt, an Hakenkreuzflaggen vorbei, im Garten. Er war der einzig verbliebene wieder beruhigt haben.
und eskortiert die Olympiafackel. Mann in der Straße. Hans Fincke wurde dann Wäre bei den Menschen
Der Mann ist nicht Jesse Owens, auch wenn er Patentanwalt. Er bastelte ständig in seiner auch nicht so schlecht. MKU
auf dem Foto ein wenig so aussieht. Der Mann Werkstatt herum, zusammen mit seinem
heißt Hans Fincke und ist mein Opa. Er hatte sich Vetter Rüdiger erfand er einen rosafarbenen Marco Wenzlaff, 40,
damals das rechte Fußgelenk verletzt und trug eine Klebstoff, »Rücollin«, der sich aber gegen Ergotherapeut, kam
Matthias Clamer / Getty Images

weiße Binde. Kein Wettkämpfer, aber immerhin Uhu nicht durchgesetzt hat; er ist heute durch den »Verein zur
war er dabei. Die Fackel durfte er nicht tragen. Er spurlos vergessen, selbst im Netz nicht Förderung der Alpaka-
war kein Parteimitglied und außerdem zu dunkel, mehr zu finden. Anders als das Foto vom Therapie« zur Arbeit
um als Arier durchzugehen. Uns Kindern wurde Fackellauf. mit den Tieren. Er hat
erklärt, dass Opa einfach sehr schnell braun würde, ‣ Sie haben auch ein Bild, zu dem Sie uns drei Praxen im Raum
weil er aus Luckenwalde südlich von Berlin stamm- Ihre Geschichte erzählen möchten? Schreiben Rostock mit insgesamt
te, wo die Leute so sind. Das leuchtete ein. Sie an: familienalbum@spiegel.de 25 Alpakas.

54 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


Sack voller Geschenke, damit ließ er
den Mann auf den Hof fahren. Wäh-
rend Sawatzke das erzählt, sagt seine
Ihr Kinderlein kommet Frau immer wieder »wunderbar«.
»Die Augen der Kinder«, sagt er, »das
müssen Sie mal beobachten. Das ist
EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Warum ein sächsisches Ehepaar das Schönste.«
im Juli Weihnachten feierte Ein paar Jahre lang organisierten
die Sawatzkes einen Weihnachts-
markt. Auf ihrem Hof drehte sich ein

A m fünften Tag nach Heilig-


abend sitzen die Sawatzkes
auf ihrer Terrasse im sächsi-
schen Schkeuditz und trinken Kaffee.
Woher ihre Liebe für das Fest
kommt und wann sie begann, können
die Sawatzkes nicht genau sagen. Sie
sind evangelisch, aber nicht sehr reli-
Karussell, es gab Glühwein, Bratwurst,
das Lokalfernsehen kam und filmte.
In den Neunzigerjahren fing Mar-
tina Sawatzke an, Weihnachtsmän-
Es sind 27 Grad, die Sonne scheint, giös. Es geht ihnen auch nicht um ner zu sammeln. »Ach ja«, sagt ihr
im Garten stehen ihre Ponys »Spirit« Geschenke. Beide sagen, Weihnach- Mann und lehnt sich zurück. Sie
und »Sky«. Dietmar Sawatzke nimmt ten sei einfach schon immer etwas erzählt dann von ihren Weihnachts-
einen Zug von seiner Zigarette und Besonderes gewesen. männern, und neben ihr lacht
stößt ein Rauchwölkchen aus. Marti- Sie erinnern sich an die Kindheit. ihr Mann, als hörte er davon zum ers-
na Sawatzke hat den Lippenstift auf- Damals schaute Dietmar Sawatzke ten Mal. Die Weihnachtsmänner kön-
getragen, den sie zu Weihnachten be- durchs Schlüsselloch: die Mutter, die ne sie am besten im Weihnachtszim-
kommen hat, in ihrer Lieblingsfarbe Geschenke unter den Baum legte und mer demonstrieren, sagt Martina
Orange. zur Bescherung ein Glöckchen läute- Sawatzke, »kommen Sie«.
Wobei die Sache mit Heiligabend te, der Onkel, verkleidet als Weih- Die Sawatzkes führen in ihre riesi-
erklärungsbedürftig ist. Die Sawatz- nachtsmann. Martina Sawatzke er- ge Scheune, dort steht ein Schlitten
kes haben das Fest in diesem Jahr innert sich an die selbst gebastelte mit lebensgroßem Rentier und Weih-
nämlich nachgefeiert, im Hochsom- Puppenstube, die ihre Eltern ihr nachtsmann, Martina Sawatzke hat
mer. Am 24. Dezember 2020 hatte schenkten, an das verschlossene Wohn- ihn in einem Großmarkt für Deko-
die Sieben-Tage-Inzidenz in Sachsen zimmer, das Kribbeln. artikel entdeckt. Über einen aus einer
bei 426 gelegen, es kamen deshalb Dietmar und Martina Sawatzke Hebebühne gebauten Fahrstuhl geht
nur zwei Söhne und ein Enkel vorbei, lernten sich in der siebten Klasse ken- es in den ersten Stock der Scheune,
sie wohnen im selben Haus. An Sil- nen, seitdem sind sie ein Paar. Er wur- wo sich das Weihnachtszimmer befin-
vester waren die Sawatzkes sogar de Werber, sie Bürokauffrau, später det. Dietmar Sawatzke knipst das
ganz allein. Sobald Masken nicht machten sie sich mit einem Reinigungs- Licht an.
mehr nötig sind und die Kontaktbe- unternehmen selbstständig. 1972 kam Alles sieht noch aus wie bei der
schränkungen fallen, beschlossen sie, der erste Sohn zur Welt. Feier vor ein paar Tagen. Von der
wollten sie Weihnachten nachfeiern. Als die Kinder klein waren, ließen Decke hängen 15 Leuchtsterne, auf
Also luden sie an einem Sonntag sich die Sawatzkes für die Festtage dem Tisch liegt rotes Tuch, es gibt
Mitte Juli elf Gäste ein und machten einiges einfallen. Einmal engagierten Kerzen und einen geschmückten
alles so wie immer. Das Fleisch kam sie an Heiligabend einen Fremden, sie Weihnachtsbaum – aus Plastik, damit
von Kaufland, Barbarie-Entenbrust, hatten die Annonce in der Zeitung er länger hält. Überall stehen Weih-
»eine besondere Ente aus Frankreich«, entdeckt. Der Mann kam, als Weih- nachtsmänner. Teure, billige, dicke,
Weihnachtsfan
sagt Martina Sawatzke. Den Rotkohl nachtsmann verkleidet, auf einem Sawatzke, Screenshot
dünne, Figuren aus Holz und Porzel-
hatte sie vorgekocht, abgeschmeckt roten Motorrad ins Dorf, Dietmar von der Website lan, aus der Karibik und aus Sankt
mit einem Glas Sauerkirschsaft, etwas Sawatzke gab ihm 50 Mark und einen Bz-berlin.de Petersburg. Knapp 300 sind es, schätzt
Apfel und Nelken. Zu halb sieben Martina Sawatzke stolz.
waren die Gäste geladen, um Punkt Dietmar Sawatzke macht Musik
18.30 Uhr gab Martina Sawatzke die an, »O du fröhliche«, er lächelt und
Klöße ins Wasser, angestoßen wurde fasst sich an die Brust, sein Herz klop-
mit Rotkäppchen-Sekt. Das Fest ging fe bei Weihnachtsmusik immer etwas
bis nach Mitternacht. schneller.
Unter den Gästen war auch eine Rituale gibt es im Leben eines je-
Bekannte, die für die Deutsche Pres- den Menschen, sie rufen Erinnerungen
se-Agentur dpa arbeitet; bald darauf wach und geben Sicherheit. Worauf
berichtete die »Bild«-Zeitung. Eigent- es ankommt, ist ihr fester Ablauf: Erst
lich wollten sie ihr Fest nicht an die die verlässliche Wiederkehr macht
große Glocke hängen, sagt Dietmar die Handlung zum Ritual.
Sawatzke. Sie hätten es für sich Aber in diesem Jahr wollen die
Waltraud Grubitzsch / dpa

gemacht. beiden den Raum so lassen, wie er


Die Weihnachtstage sind für die ist. Anders als sonst wird Dietmar
Sawatzkes nicht irgendein Fest. Hei- Sawatzke den Baum nicht abschmü-
ligabend, sagen sie, sei ihnen wichti- cken, er wird auch die Leuchtsterne
ger als jeder Geburtstag. Dietmar nicht aus der Steckdose ziehen. Mar-
Sawatzke schätzt, er denke alle zwei tina Sawatzke wird die Weihnachts-
Wochen einmal an Weihnachten. männer an ihrem Platz lassen und die
Und wenn er davon erzähle, sagt er, Kerzen nicht vom Tisch räumen – in
bekomme er Gänsehaut, »jetzt rie- vier Monaten ist es schließlich schon
selt’s mir den Rücken herunter«. wieder so weit. Yannick Ramsel I

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 55


REPORTER

»Eine moderne
Hexenjagd«

Kerem Bakir

56 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


REPORTER

MACHT Der Fußballstar JérÔme Boateng und das Model Kasia Lenhardt führen eine
toxische Beziehung. Bis er sie öffentlich beendet und in einem »Bild«-Interview sagt, sie
habe ihn erpresst. Sieben Tage später ist sie tot. Seitdem sucht ihre Mutter Schuldige.

Mächtigeren ihre Macht missbraucht. Gegen Ein Dienstag im Frühling dieses Jahres. Es
Du weißt, wenn ich dich angucke, du eine Frau, die sich allein und der Öffentlich- ist das erste Treffen mit Adrianna Lenhardt.
weißt, dass ich dich liebe. Dass ich keit ausgeliefert fühlte. Sie wurde Opfer eines Seit drei Wochen habe sie ihr Beruhigungs-
mich verliebt hab. Es tut mir leid, wirk- Systems, das beschrieben werden muss, weil mittel abgesetzt, sagt sie. Sie spielt mit den
lich. Ey, ich mach alles kaputt. Ja, über- es sich wiederholen kann. Anhängern an ihrer Goldkette, es sind die
all wo ich hinkomme ich mache alle Es ist ein Fall, der Fragen aufwirft, auf die Anfangsbuchstaben ihrer Kinder. Lenhardt
kaputt. Alle Leute leiden wegen mir. auch Adrianna Lenhardt bis heute keine Ant- ist 45 Jahre alt, Kasia war ihr erstes Kind.
Auszug einer Sprachnachricht von Jérôme worten findet. Die Mutter hat ein gerahmtes Foto ihrer
Boateng an Kasia Lenhardt, Februar 2019 Warum hat sich Boateng für diesen Schritt Tochter neben sich auf dem Tisch aufgestellt.

E
entschieden? Warum verbindet sich ein der- Sie spricht das erste Mal öffentlich über
in Friedhof in Berlin. Die Juni- art prominenter Mann mit dem auflagen- den Tod ihrer Tochter. Sie sagt, sie wolle,
sonne scheint durchs Blätterdach. stärksten Boulevardblatt des Landes und dass er nicht mehr losgelöst vom Geschehen
Eine zierliche Frau, ganz in Schwarz greift seine Ex-Freundin öffentlich an? Und der Monate, Wochen, vor allem der Tage zu-
gekleidet, geht auf schmalen Pfa- was führte dazu, dass Kasia Lenhardt sich vor betrachtet wird. Die letzten Tage ihrer
den zu einem Grab. Sie könnte das Leben nahm, am sechsten Geburtstag ih- Tochter bezeichnet sie als »eine moderne
auch den Hauptweg laufen, aber das möchte res Sohnes? Hexenjagd«.
sie nicht. Er erinnere sie zu sehr an den Tag, Im Zuge der Recherchen hat der SPIEGEL »Ich konnte meine Tochter nicht vor dem
sagt Adrianna Lenhardt, an dem sie die Urne wiederholt Gesprächsanfragen an Boateng Tod beschützen«, sagt sie. Aber Kasia solle
trug, darin die Asche ihrer Tochter. übermittelt. Um seine Seite der Geschichte zumindest Gerechtigkeit erfahren, sie wolle
Neben einem Rhododendronbusch bleibt zu erfahren. Um seine Sichtweise mit der von es als Mutter nicht weiter mitansehen, dass
sie stehen, geht in die Knie und sagt leise et- Adrianna Lenhardt und anderen Menschen von der Tochter öffentlich das Bild einer
was, es klingt wie eine Begrüßung. Sie richtet abzugleichen. Am Ende haben die Anwälte »ruhmsüchtigen Schlampe« gezeichnet werde.
ein Bild, das am Tag zuvor ihr sechsjähriger Boatengs jedes Gespräch abgelehnt, auf einen Sie will erzählen, von den Nachrichten auf
Enkel auf das Grab seiner Mutter gelegt hat. langen Fragenkatalog antwortete seine An- dem Handy ihrer Tochter, zitieren aus ihrem
Zwischen Rosen ist eine Laterne aufgestellt, wältin mit einer kurzen Einlassung. Tagebuch, vorlesen aus einem Krankenhaus-
darin ihr Porträtfoto. Dem SPIEGEL liegen viele Dutzend bericht, reden über die Obduktionsergebnis-
Katarzyna Lenhardt, kurz »Kasia«, war Sprach- und Chatnachrichten vor, Bilder und se. Die Dokumente sind das Erbe, das, was
25 Jahre alt, als sie sich am 9. Februar 2021 Videos. Verträge. Klinische Befunde. Noti- ihr von ihrer Tochter geblieben ist. Für Adria-
das Leben nahm; in einem Apartment an der zen von Kasia Lenhardt. Verwoben mit na Lenhardt scheinen sie wie eine Akte zu
Spree, das Jérôme Boateng für sie beide ge- Anwaltsbriefen und weiteren Dokumenten, sein, die sie nach Hinweisen durchsucht, um
mietet hatte. ergeben sie ein anderes Bild als jenes, das zu ermitteln, warum ihr Kind gehen wollte.
Sieben Tage zuvor war ein Interview Jérôme Boateng in seinem Interview gezeich- Und warum bis heute keiner verantwortlich
des Profifußballers in der »Bild«-Zeitung er- net hat. Mehr noch: Sie lassen starke Zweifel sein will für das, was geschehen ist.
schienen. an der Darstellung von Boateng aufkommen, Mehr als sechs Stunden lang wird Len-
In einem Gespräch mit der Überschrift der für Millionen junger Menschen ein Vor- hardt an diesem Tag reden. In den Händen
»Meine Ex wollte mich zerstören« attestierte bild ist. hält sie ihr Smartphone. Darauf hat sie Vi-
Boateng, 32, Kasia Lenhardt massive Alko- deos, Fotos und unzählige Chatverläufe ge-
holprobleme und sagte, dass sie ihn erpresst speichert. Zwischen sich und ihrer Tochter.
und zu einer Beziehung gezwungen habe. Sie Zwischen sich und Jérôme Boateng. Zwi-
ihm gedroht habe, seine »Karriere zu ruinie- schen Kasia Lenhardt und Jérôme Boateng.
ren« und dafür zu sorgen, dass er seine Kin- Zwischen Kasia Lenhardt und den anderen
der verliere. Frauen in Boatengs Leben.
Adrianna Lenhardt hat Hassnachrichten, Einige der Chats hatte ihre Tochter Adri-
die in den Tagen nach dem Interview ihre Toch- anna Lenhardt selbst zugeschickt. Andere
ter erreichten, auf ihrem Handy gespeichert: habe sie in ihren letzten Handys einsehen
»Ich habe mich wirklich lange nicht mehr können, mit den Zugangsdaten, die ihre Toch-
vor einem Menschen geekelt.« ter in ihrem Kalender notiert haben soll.
»Wie dumm und hässlich bist du eigentlich?« Die digitalen Puzzleteile blättern eine to-
»Duu Hureee!! Schlampe, stirb« xische Beziehung auf, zwischen einem Profi-
Über den Suizid von Kasia Lenhardt, die fußballer und einem Model, die viel früher
vor neun Jahren durch Heidi Klums Casting- begann und wohl anders endete als berichtet.
show »Germany’s Next Topmodel« (»GNTM«) Adrianna Lenhardt wird von zwei Menschen
bekannt wurde, berichteten Medien weltweit. erzählen, die sich liebten und sich ineinander
Er löste eine Diskussion über Cybermobbing verhedderten, in Lügen und Intrigen.
Instagram / ddp images

aus, über das Vorgehen der Boulevardpresse Eine Beziehung, in der sie als Mutter mal
und die Hetze auf Social Media. Vermittlerin war, mal Kummerkasten. Eine
Der SPIEGEL berichtet nur nach sorgfälti- Beziehung, die Millionen verfolgten, wie
ger Abwägung über Suizide. In dem Fall von immer, wenn deutsche Nationalhelden die
Kasia Lenhardt, so stellt es sich jedenfalls Frauen an ihrer Seite der Öffentlichkeit
nach monatelanger Recherche dar, haben die Sportler Boateng präsentieren.

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REPORTER

DER SPIELER Auf Instagram gibt sie Tipps für die richtigen zeigt auf das Display ihres Telefons. Zu sehen
Als Kasia Lenhardt Jérôme Boateng traf, war falschen Wimpern, geht ins Fitnessstudio und ist ein glückliches Paar: Boateng kuschelnd
er Innenverteidiger beim FC Bayern Mün- macht ihren Fans Übungen vor, zeigt ihnen, mit Lenhardt im Bett. Mit seinen Kindern und
chen. Er trug die Rückennummer 17, hatte wie sie das richtige Müsli mischen. Die Be- ihrem Sohn auf der Couch. Im Tattoostudio,
seit der Weltmeisterschaft von 2014 den Sta- ziehung mit Boateng pusht Lenhardts Follo- wie er sich unter der linken Brust den Namen
tus eines Nationalhelden. Nach der Behaup- wer-Zahl. Katarzyna in die Haut stechen lässt. Lenhardt
tung des AfD-Politikers Alexander Gauland, War das der Grund, warum sie mit Boa- trug an der gleichen Stelle seinen Namen.
so einen wie Boateng wolle man nicht als teng zusammenkam? Es gibt Aufnahmen, die belegen, wie Boa-
Nachbarn haben, sicherte er sich auch einen Adrianna Lenhardt sagt: Nein, der Fußbal- teng mit den Lenhardts wenige Wochen vor
Platz in den Herzen vieler, die sich nicht so ler sei genau Kasias Typ gewesen. Sie habe ihrem Tod noch Weihnachten feiert, mit ihnen
für Fußball interessierten. gemocht, dass er sich wie sie für Mode inte- picknickt, wie er mit ihrem jüngeren Bruder
Angela Merkel lud ihn als Ehrengast ins ressierte, Kinder hatte, sich als liebevoll und Badminton im Garten der Lenhardts spielt.
Kanzleramt. Der SPIEGEL druckte ein Por- fürsorglich präsentierte. Aufnahmen von gemeinsamen Urlauben und
trät über ihn mit der Zeile »Der Musterdeut- Menschen, die Kasia Lenhardt seit Jahren Überraschungspartys.
sche«. Es gab Brillen, die seinen Namen tru- kannten, sagen, sie habe schon vorher mit be- »Er hat mich immer ganz herzlich Mama
gen. Auf Instagram folgen ihm mehr als sie- rühmten Männern zu tun gehabt. Das Leben genannt«, sagt Adrianna Lenhardt und zeigt
ben Millionen Menschen. an Boatengs Seite war zwar noch mal ein Auf- wieder Nachrichten, die das belegen. Die
Boateng, aufgewachsen in Berlin-Char- stieg, aber die Welt der Reichen kannte sie. Bilder sind ihre Auswahl, mit der sie beweisen
lottenburg, Sohn einer deutschen Flugbeglei- Kasia Lenhardt ist fünfeinhalb, als sie mit will, dass es auch schöne Momente gab in
terin und eines Discjockeys aus Ghana, hat ihrer Mutter aus Polen nach Berlin zieht. In dieser Beziehung, von der der Profifußballer
mit 32 Jahren geschafft, wovon Tausende Berlin arbeitet Adrianna Lenhardt als Phy- in seinem »Bild«-Interview sagte, er sei zu
Jungs in Deutschland träumen. Ein Multi- siotherapeutin, trifft ihren zweiten Mann, ihr »erpresst« worden.
millionär, eine Person der Zeitgeschichte, einen Juristen. Die Lenhardts bewohnen eine
dessen Konterfei eine Hauswand im Berliner Villa im teuren Westen der Stadt, mit Swim- DIE SPIELERFRAUEN
Wedding ziert, mit den Worten: »Gewachsen mingpool, Gemälden und Marmorfliesen. Ka- Sherin Senler war die erste Frau, die an Boa-
auf Beton«. sia Lenhardt wächst in einer Welt auf, die den tengs Seite bekannt wurde, seine Jugendliebe.
meisten Menschen verschlossen bleibt. Es ist Viele Jahre waren sie ein Paar, bekamen zwei
DAS MODEL eine Welt der privaten Eliteschulen, der klas- Töchter, Zwillinge, heute zehn Jahre alt. 2014
Es gibt unterschiedliche Schilderungen darü- sischen Musikinstrumente, des Geldes und verlobte sich Boateng mit Senler, zu einer
ber, wie die Beziehung zwischen Jérôme Boa- der vielversprechenden Karrieren. Hochzeit kam es nicht. Immer wieder waren
teng und Kasia Lenhardt begann. Eine lautet, Adrianna Lenhardt schaut auf das Bild ih- sie getrennt, er soll sie betrogen haben, heißt
dass Boateng sie auf einem Partyfoto entdeck- rer Tochter. »Kasia mochte das Modeln«, sagt es aus seinem engsten Umfeld.
te und sich bei einer gemeinsamen Bekannten sie. »Aber es sollte nie ihr Hauptjob werden. 2016 wurde Boateng erneut Vater eines
ihre Telefonnummer besorgte. Die behaup- Wir haben immer versucht, unsere Kinder zu Jungen. Gegen Berichterstattung, die Fragen
tete später, es sei umgekehrt gewesen, Len- einer verlässlichen Ausbildung zu bewegen.« nach der Mutter des Kindes aufwirft, soll er
hardt habe sie bedrängt, Boatengs Nummer Kasia studierte Wirtschaftswissenschaften, juristisch vorgehen.
zu bekommen. wechselte später zu Psychologie, modelte wei- Mit Senler stritt sich Boateng vor dem
Dubai, Dezember 2019. Mit einem Foto terhin nebenbei und wurde Influencerin. Amtsgericht München um das Aufenthalts-
auf Instagram wird die Beziehung zwischen Mit 19 wurde Kasia Mutter. 2017, als ihr bestimmungsrecht. Die Mutter verlor den
Jérôme Boateng und Kasia Lenhardt öffent- Sohn zwei Jahre alt war, trennte sie sich von Prozess. Seit fast drei Jahren läuft ein Verfah-
lich. Sie verschicken Neujahrsgrüße, auf dem dem Vater, ihrem langjährigen Freund. ren wegen Körperverletzung gegen Boateng,
Bild steht Kasia Lenhardt hinter Boateng, hat Schaut man sich Kasia Lenhardts Lebens- Senler hat ihn angezeigt, sie körperlich atta-
ihren Arm um seinen Oberkörper gelegt, lä- lauf an, wirkt es, als wäre sie auf der Suche ckiert zu haben. Für den SPIEGEL war Senler
chelt in die Kamera: »Happy New Year from gewesen. Langjährige Freunde beschreiben für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
us«. Das Bild hat Kasia Lenhardt gepostet. sie als warmherzig, aber aufbrausend. Als Es gab eine Zeit, da verlor der junge Boa-
Boateng, der später im »Bild«-Interview eine junge Frau, die sich selbst manchmal als teng auf dem Platz die Kontrolle über sich.
behaupten wird, Lenhardt habe ihn gezwun- »schwarzes Schaf« in ihrer eigenen Familie Kassierte Rote Karten und schlechte Schlag-
gen, die Beziehung öffentlich zu machen, gra- bezeichnete und eine unsichere Seite hatte. zeilen. Ein DFB-Psychologe soll ihm zu be-
tuliert ihr im April 2020 auf Facebook und In den letzten Jahren lässt Kasia Lenhardt ruhigenden Selbstgesprächen geraten haben.
Instagram zum 25. Geburtstag. In seinem sich ihre Brüste operieren, die Lippen aufsprit- Offenbar mit Erfolg. Seit 2016 etwa galt er
Post nennt er Lenhardt bei ihrem Kosenamen, zen und das Gesicht modellieren. Die natürli- auf dem Platz als einer, der Ruhe ins Spiel
den er ihr gegeben hat, »Bebu«: »Alles gute che junge Frau, die durch die Castingshow und in die Mannschaft brachte. Dessen Er-
zum Geburtstag. Wünsche Dir nur das beste von Heidi Klum bekannt wurde, verwandelt fahrung ihn gelassen machte.
Bebu, bleib so wie du bist.« sich immer mehr zu einem dieser verwechsel- Sein Privatleben schien er nicht in den
Als Jérôme Boateng Kasia Lenhardt ken- baren Instagram-Stars. Adrianna Lenhardt Griff zu bekommen. Seine Beziehungen, so
nenlernt, ist sie Model und Studentin in Berlin. schien es, folgten oft einem Muster, und kaum
Sie ist 23 Jahre alt, geboren in Leszno, Polen. eine endete friedlich.
Ein Mädchen aus gutem Hause, das nach Auf- Im Sommer 2018, wenige Monate nach-
merksamkeit strebt. Mit 16 wird sie bei »Ger- »Egal, wie sauer dem sich Lenhardt und Boateng kennenlern-
many’s next Topmodel« Vierte, später tritt sie ten, erfuhr sie aus den Medien, dass Sherin
in einer Sat-1-Kochshow auf und in dem RTL- du bist. Ich liebe Senler bei einem Bayern-Spiel in Moskau war.
II-Format »Models im Babyglück«. Die große dich.« Sie fragt ihn: Boateng habe Lenhardt gegenüber behauptet,
Karriere bleibt aus. Sie jobbt in Klamottenlä- sein Verein habe den Besuch organisiert.
den auf dem Ku’damm, verdient als Model »Wir schaffen Kasia Lenhardt brach den Kontakt zu ihm
und Influencerin ihren Lebensunterhalt. das, oder?« Er ab, begann eine Affäre mit einem bekannten
Nach dem Instagram-Post aus Dubai ist deutschen Sänger und traf Boateng dann wie-
Kasia Lenhardt die Frau an Boatengs Seite. antwortet: »Wir der; in Berlin, in München. Im Januar 2019,
Ihr Bekanntheitsgrad erreicht ein neues Level. schaffen das.« so erinnert es ihre Mutter, reiste Lenhardt zu

58 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


REPORTER

ihm nach Katar, ins Trainingslager Wie alles begann anna Lenhardt. Es gibt eine Sprach-
des FC Bayern München. In der Zeit nachricht von Kasia Lenhardt an ihre
hielten sie ihre Beziehung geheim, Mutter: »Er sagt an dich auch noch
fast ein Jahr vergeht noch bis zu dem mal ein riesiges Dankeschön und er
Instagram-Post aus Dubai. hat gefragt, wo ich heiraten möchte!
Einer Frau aber entging schon Ahhhhh!«
damals nicht, dass Kasia Lenhardt an Die Saison 2018/19 war sportlich
Boatengs Seite ist: Rebecca Silvera. schwierig für Boateng. Beim FC Bay-
Ein jamaikanisches Starlet, Mitte drei- ern saß er oft auf der Bank. Im Früh-
ßig. Sie bezeichnet sich auf Instagram jahr hatte ihn der Bundestrainer nach
als »Mutter, göttlich, weiblich, Kind acht Jahren aus dem Kader geworfen.
Gottes, spirituell, nicht religiös«. Sie In dieser Zeit habe Kasia Lenhardt
zeigt sich ihren 230 000 Abonnenten ihm die Ernährung umgestellt, ihn
im Bikini und postet angebliche motiviert, sich nicht hängen zu lassen,
Buddha-Zitate. Es heißt, sie habe erinnert sich die Mutter. Monate spä-
Boateng schon getroffen, als er noch ter gratulierte sie ihm öffentlich: »Ich
mit Sherin Senler liiert war. habe miterlebt, wenn sich jemand aus

Siewert / DAVIDS
Nach SPIEGEL-Informationen habe eigener Kraft dorthin zurückkämpft,
Rebecca Silvera Lenhardt im Februar wo er mal war. Wie viel Hass und
2019 kontaktiert und sie aufgefordert, Zweifel von außen kommen und wie
nicht ihre Familie zu zerstören. Sie unfassbar stark man mental sein
sei die Lebensgefährtin von Boateng. muss.«
Auf dem Oktoberfest 2019 traf Ka-
DIE RIVALINNEN sia Lenhardt die nächste Frau, die
Adrianna Lenhardt erinnert sich an behauptet haben soll, etwas mit Boa-
diesen Tag, ihre Tochter sei völlig auf- teng zu haben. In jener Nacht, die
gelöst gewesen, sie habe ihrer Mutter sich unter anderem aus Chatauszü-
gesagt, dass sie fest davon ausgegangen gen rekonstruieren lässt, nimmt Kasia
sei, dass Boateng zum Zeitpunkt ihres Lenhardt aus einem Hotelzimmer
Kennenlernens Single gewesen sei. Kontakt zu Sherin Senler auf: »Die
Boateng soll Lenhardt geraten Kinder dürfen nicht bei ihm bleiben.
haben, so heißt es aus ihrem Umfeld, Ich helfe dir.« Und weiter: »Lauter
Instagram

Silvera einfach zu ignorieren. Er sei es Blutergüsse. Überall.« Als angebli-


gewohnt, dass weibliche Fans versuch- chen Beweis schickte Lenhardt ihr ein
ten, sein privates Glück zu zerstören. »GNTM«-Kandidatin Bild von ihrem Unterarm mit einem
Am 12. Februar 2019 schickte Boa- Lenhardt (2. v. l.) mit Heidi blauen Fleck.
teng Kasia Lenhardt jene Sprachnach- Klum (M.) 2012, Neujahrs- Am Morgen nach dieser Oktober-
grüße aus Dubai, Screen-
richt, in der er sagt, dass er alles ka- shot von Videotelefonat
nacht soll es zwischen Boateng und
putt mache, überall, wo er hinkomme, mit Boateng, Lenhardt mit Lenhardt im Hotel zu Handgreiflich-
und ankündigt, sich Hilfe zu suchen. Boateng im Tattoostudio keiten gekommen sein. Kasia Len-
Er weint, wirkt verzweifelt. hardt erstattete deshalb im Dezem-
Im Juni 2019 habe Silvera Adrian- ber Anzeige gegen Boateng – ent-
na Lenhardt angeschrieben. Sie solle schied sich dann aber laut der Staats-
auf ihre Tochter einwirken, Boateng anwaltschaft München, »keine belas-
sei ihr, Silveras, Mann. Sie habe Boa- tenden Angaben mehr zu machen«.
teng damit konfrontiert, sagt Len- Lenhardt habe auch Silvera an-
hardt, der habe ihr dann gestanden, geschrieben in dieser Nacht und ihr
nicht ganz ehrlich gewesen zu sein. gesagt, dass sie jetzt an die Untreue
Er kenne Silvera doch. Sie sei eine Boatengs glaube. Lenhardt und Silvera
Art Nanny. Er brauche sie in dem Ge- scheinen sich mal verbündet, dann
richtsverfahren mit seiner Ex, um zu wieder ineinanderverkeilt zu haben.
bezeugen, dass die Kinder in einer Am 24. Juli 2020 fordern Len-
stabilen Umgebung aufwüchsen. hardts Anwälte Rebecca Silvera auf,
Später habe er gestanden, sogar sie nicht mehr zu diffamieren. Zu
mal was mit Silvera gehabt zu haben. einem Foto, das Kasia Lenhardt von
Mehr noch: Sie erpresse ihn, habe er sich ins Netz stellte, auf dem sie die
behauptet. Wenn er sie verlasse, wür- Zunge rausstreckte, schrieb Silvera,
de sie vor Gericht Falschaussagen ma- das gelte ihr. Sie nannte Lenhardt
chen und er seine Kinder verlieren. »Hulk« und eine »Schlange«.
Es ist quasi derselbe Vorwurf, den Auch Adrianna Lenhardt kontak-
Boateng später in seinem Interview tierte Silvera, bat sie, »den Klein-
mit der »Bild«-Zeitung Kasia Len- krieg« gegen ihre Tochter zu been-
hardt machen wird. den, schrieb ihr in einer E-Mail, dass
Dass Silvera ihn erpresse, habe es Gesetze gebe gegen Cybermobbing.
Boateng den Lenhardts in Anwesen- Silvera hatte der Mutter auf Insta-
heit seiner Mutter und Geschwister Verschwiegenheitserklärung zwischen Boateng und gram geschrieben: »Du hast eine
erzählt. »Da eröffnete er Kasia auch, Lenhardt, Januar 2021 Hure großgezogen.« Silvera antwor-
dass er sie heiraten wolle«, sagt Adri- tete auf Lenhardts E-Mail, nicht sie

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 59


REPORTER

verfolge Kasia, sondern Kasia sei be- Boatengs Beziehungen Lenhardt und Jérôme Boateng verlief
sessen von ihr. Ständig werde sie von weiterhin gleich: Sie streiten, vertra-
Kasia über Fake-Accounts beleidigt. gen sich, streiten.
Hat Lenhardt Silvera gestalkt? In In einem Video liegen beide zu-
ihren Instagram-Storys betont Silvera sammen im Bett. Kasia sagt: »Wir ha-
mehrfach, sie könne das beweisen. ben uns gerade gestritten, weil wieder
Der SPIEGEL hat Rebecca Silvera irgendeine Kacke war. Aber wie
kontaktiert, um ihre Sichtweise zu lieben uns.« Jérôme lächelt in die
erfahren. Silvera zeigte sich zunächst Kamera und sagt: »Ja, erinnere dich
kooperativ. Am Ende antwortete daran, Schatz. Egal, wie sauer du bist.
aber auch hier eine Anwältin. Es gebe Ich liebe dich.« Sie fragt ihn: »Wir
wohl »Personen, die gezielt Informa- schaffen das, oder?« Er antwortet:
tionen an die Medien streuen, um »Wir schaffen das.«
eigene Ziele zu erreichen«. Teilweise
seien über ihre Mandantin »sogar ge- DER UNFALL

Action Pictures / IMAGO


zielt Falschbehauptungen gestreut« Ich will dir nichts Mehr geben Jérôme.
worden, »um ihr zu schaden oder sie Mach dein Ding alleine ich bin kein
zu verletzen«. Belege liefert Silvera bastard oder dein Entertainment dass
dem SPIEGEL nicht. du dir mich herholst wann du lust und
Kurz vor Weihnachten 2020 ver- Laune hast ! Ich hab kein Bock auf
öffentlichte Rebecca Silvera auf Ins- deine leeren Versprechen und deine
tagram zwei Bildergalerien, die sie Spielchen mit mir weil du nicht weißt
mit »Wahrheit 1« und »Wahrheit 2« was du willst. Du musst es auch nicht
benennt. Darin beschreibt sie Kasia wissen aber lass mich einfach mal in
Lenhardt unter anderem als psy- Frieden.
chisch kranke Frau, die ihr seit Lan- Undatierte Textnachricht von Lenhardt an
gem das Leben zur Hölle mache. Sil- Boateng
vera rechtfertigt sich: Nur wenn Ka-
sia einsehe, was für ein schlechter Am 4. Januar 2021 schickt Lenhardt
Mensch sie sei, könne sie sich ändern. Boateng ein Bild. Es zeigt ein Hand-
Es ist einer der vielen Momente, gelenk voller Blut. Darunter stehen
Instagram

in denen man sich fragt: Wo war Jé- die Zeilen: »Ich bin durch ich kann
rôme Boateng? Warum ließ er es zu, nicht mehr. Ich liebe dich ich hab dich
dass sich die Frauen in seinem Leben immer geliebt, es tut mir leid aber ich

Aleksander Ziarnecki
derart bekriegen? Boateng mit Senler und halte das nicht mehr aus!«
»Boateng-Ex startet Liebes- einer der Zwillingstöchter Boateng antwortet: »Bitte geh
2011, Rivalin Silvera
Schlammschlacht« heißt es einen Tag 2019, Lenhardt beim Foto- ran.« 15.37 Uhr. »Bitte mach auf.«
vor Heiligabend 2020 auf Bild.de. shooting 2020 (r.) 15.57. »Kasia!!!!!« 16.10 Uhr.
Boateng wird darin noch mit den Wollte sich Lenhardt damals schon
Worten zitiert: »Zu privaten Dingen das Leben nehmen?
äußere ich mich nicht und so was ge- Nein, glaubt ihre Schulfreundin
hört auch nicht in die Öffentlichkeit.« Marta. Sie ist eine der wenigen Freun-
Adrianna Lenhardt erinnert sich, dinnen von Lenhardt, die bereit sind
wie Boateng ihr unter dem Weih- zu sprechen. Sie sagt: »Ich habe es
nachtsbaum versprochen habe, dass eher als Schrei nach seiner Aufmerk-
er Kasias Namen öffentlich reinwa- samkeit gedeutet.« Weil Boateng im-
Instagram

schen würde. Er tat es nicht. Stattdes- mer seltener nach Berlin gekommen
sen habe Boateng kurz darauf Kasia sei. Ihre Mutter interpretiert es ähn-
aufgefordert, sich bei Silvera öffent- lich und sagt: »Es war eher ein kleiner
lich zu entschuldigen. Kratzer am Arm entlang.«
Adrianna Lenhardt schrieb ihrer Nur einen Tag später, gegen fünf
Tochter per WhatsApp: »Bist Du jetzt Uhr morgens in Berlin-Mitte, fährt
völlig verrückt geworden? Du wirst Kasia Lenhardt den Mini Cooper von
Dich für nichts entschuldigen! Warum Boateng gegen einen Lichtmast. Sie hat
auch?« Ihre Tochter antwortete: »Ich 0,1 Promille Alkohol im Blut. Lenhardt
mache das jetzt und dann gehe ich.« wird mit leichten Verletzungen ins
Sie entschuldigte sich bei Silvera, Krankenhaus gebracht und kurzzeitig
verließ Boateng jedoch nicht. Sie stationär aufgenommen. Jérôme Boa-
verbrachten gemeinsam Silvester. Als teng soll in München geblieben sein.
Lenhardt nach Berlin zurückkehrte, Drei Tage später habe Boateng Adri-
sagte sie ihrer Mutter, dass Boateng anna Lenhardt verständigt, dass Kasia
Aleksander Ziarnecki

ihr vorgeschlagen habe, zu ihm nach Tabletten und Drogen genommen und
München zu ziehen. er einen Krankenwagen für sie organi-
Zu diesem Zeitpunkt teilten sich siert habe. Er habe sich wieder besorgt
Boateng, Lenhardt und ihr Sohn gezeigt, sei aber wieder nicht nach Ber-
bereits das Apartment an der Spree. Auszug von Lenhardts Instagram-Antwort auf Boatengs öf- lin gekommen.
Drei Zimmer, 95 Quadratmeter, knapp fentliches Statement zum Beziehungsende, Model Lenhardt Zu einem späteren Treffen bringt
1900 Euro. Doch der Alltag von Kasia Adrianna Lenhardt den dreiseitigen

60 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


REPORTER

Krankenhausbericht ihrer Tochter mit. Sie die man dafür bezahlt: Assistenten. Anwälte. verhalte betreffen, die sich belegbar gänzlich
wolle nichts verheimlichen, sagt sie. »Mein Oder auch von ominösen Agenturen. anders zugetragen haben«.
Kind hatte auch Fehler wie jeder Mensch.« Am Morgen nachdem Kasia Lenhardt die
Der Bericht hält fest, dass Lenhardt angibt, Verschwiegenheitserklärung unterschrieben DAS INTERVIEW
eine Flasche Wein getrunken und eine Pa- habe, sagt ihre Mutter, sei sie mit einem ein- »Wie aus den Medien bekannt ist, habe ich
ckung des Wirkstoffs Nitrazepam, ein Schlaf- gerissenen Ohrläppchen zu Hause aufge- die Beziehung mit Kasia Lenhardt beendet.«
mittel, 16 Tabletten, eingenommen zu haben. taucht. Am 2. Februar, einen Tag nachdem Len-
»Sie leide seit 3 Wochen unter großem psy- Nur wenige Tage danach kam es zum fi- hardt Boateng schrieb, dass sie nicht als Fein-
chischem Stress. Ihr Leben würde aktuell we- nalen Bruch zwischen Jérôme Boateng und de auseinandergehen sollten, verkündete
gen (Cyber-)Mobbing, Morddrohungen und Kasia Lenhardt. Wer sich von wem getrennt Boateng das Beziehungsende auf Instagram.
Beleidigungen ruiniert werden.« Sie fürchte hat, ist unklar. Um 11.06 Uhr war bereits ein kurzer »Bild«-
um ihren »Ruf und Zerriss in der Klatsch- Am 1. Februar schrieb Lenhardt Boateng Artikel erschienen, in dem er das Aus bestä-
presse«. Sie beschreibe sich »als impulsiv«, eine lange WhatsApp-Nachricht. »Wir sind tigt hatte.
gelegentlich kurze Suizidgedanken »in Not- seit ein paar Tagen ohne Kontakt ... obwohl Kasia Lenhardt antwortete mit diesem Post:
situationen ohne Umsetzungsintention, Ge- du mir oft fehlst und ich dich vermisse, bin »Die Beziehung habe ich beendet, aufgrund
fühl innerer Leere«, heißt es im Bericht. ich jetzt fest davon überzeugt, dass ich es all deiner Lügen und dauernden Untreue aber
Einen Blut- und Urintest verweigert Kasia dabei lassen werde. Ich hoffe trotzdem wie das past ja wieder ins Bild. Alles Gute!«
Lenhardt. Sie erzählt später in einer Sprach- gehen nicht als Feinde auseinander. Ich danke Am Abend ging zunächst auf Bild.de sein
nachricht, sie habe Ketamin, ein Narkosemit- für alles und ich wünsche dir nur das beste.« Interview mit der Zeile: »Boateng rechnet mit
tel, genommen. Aber auch diese Nachricht gibt es von Len- seiner Ex ab« online. Am nächsten Morgen
Die Ärzte bezweifeln, dass Lenhardt tat- hardt aus dieser Zeit: »Lass mich in Ruhe. Für erschienen 1,2 Millionen Exemplare der ge-
sächlich so viele Tabletten und Alkohol ein- immer. Du tust mir nicht gut. Du machst mich druckten Zeitung mit dem Interview.
genommen habe, wie sie angab, da sich »kei- nur traurig. Du hast mein Ohr zerrissen letzten Dem SPIEGEL liegen mehrere Sprachnach-
nerlei Beeinträchtigungen« feststellen ließen, Monat mein Knie. Lass mich mein Leben auf- richten vor, die Lenhardt nach der Veröffent-
und halten fest: »Am ehesten hatten die Schil- bauen ohne dich. Lass MICH IN RUHE.« lichung weinend an ihre Mutter und Freun-
derungen einen appellativen Charakter.« Personen aus Boatengs Umfeld beschrei- dinnen schickte: »Wie kann man so sein? Er
Ist es ein Hilferuf? Ein nächster Versuch, ben ihn als Machtmenschen, der keinen Wider- trennt sich öffentlich von mir vor der ganzen
Boateng nach Berlin zu locken? spruch duldet. Der es hasse, wenn Dinge nicht Welt und im gleichen Atemzug entschuldigt
so laufen, wie er es wolle, der ein Problem er sich bei ihr (Silvera) und den Kindern?«
DAS SCHWEIGEN mit der Wahrheit habe und manchmal meh- Kasia Lenhardt schreibt auf Instagram:
Am 25. Januar dieses Jahres sei Boateng wie- rere Versionen von ein und derselben Ge- »Der Teufel gibt sein bestes.« Später löscht
der in die Wohnung in Berlin gekommen. An schichte erzähle. Um Menschen gegeneinan- sie den Post wieder. Sie sei verzweifelt gewe-
diesem Tag unterzeichnete Kasia Lenhardt der auszuspielen. sen, sagt ihre Mutter. Erst eine Woche zuvor
eine Verschwiegenheitsvereinbarung. Darin Adrianna Lenhardt erinnert sich, dass ihre hatte Lenhardt sich Boateng gegenüber zum
verpflichtet sie sich, nie über die Beziehung Tochter ihr erzählt habe, dass Boateng ihre Schweigen verpflichtet.
mit ihm zu reden, alles zu vernichten. Videos. Handys kaputt gemacht, sie ins Klo oder in Mit seinem öffentlichen Post und dem In-
Fotos. Nachrichten. Als hätte es ihre Bezie- den Pool geworfen habe. terview hat Boateng selbst den Schutzzaun,
hung nie gegeben. Boateng selbst verpflichtet Kurz darauf sagt Lenhardt Vertrauten, den das Gesetz um seine Privatsphäre gezo-
sich im Gegenzug zu nichts – nur dazu, den dass es häufiger zu Gewalt zwischen ihr und gen hat, niedergerissen.
Inhalt des Vertrags vertraulich zu behandeln. Jérôme gekommen sei. Dass das eingerissene Die »Bild«-Zeitung bietet ihm eine bun-
Laut der Anwältin von Boateng »war es der Ohrläppchen nicht, wie zunächst behauptet, desweite Bühne für seine Anschuldigungen.
autonome (und vor Zeugen geäußerte) Wunsch von einem Ohrring stammte, der beim Aus- Darunter jene, dass Lenhardt ihn erpresst
von Kasia Lenhardt, eine Verschwiegenheits- ziehen in ihrer Kleidung hängen geblieben habe: »Kasia sagte, sie würde dies tun, indem
vereinbarung zu unterzeichnen«. war. Sie bekommt den Rat, zur Polizei zu ge- sie mich beschuldigt, sie geschlagen zu haben.
Schweigeabkommen wie diese sind nicht hen. Doch Kasia Lenhardt habe nicht gewollt. Sie wusste genau, dass die Mutter meiner Kin-
unüblich in der Welt der Prominenten. Mit Boatengs Anwältin teilt mit, dass dieser Wert der mich der gleichen Sache beschuldigt und
derartigen Verträgen verpflichten sie in der auf die Feststellung lege, »dass er Kasia Len- wir deswegen ein Gerichtsverfahren haben.«
Regel Angestellte, um ihre Privatsphäre zu hardt zu keinem Zeitpunkt körperlich angegrif- Die Journalisten fragen Boateng nicht, ob
schützen. Manchmal müssen auch Lebens- fen hat. Der SPIEGEL lasse sich zum ›Spielball‹ er es getan hat. Sie fragen auch nicht, ob die
und Ehepartner derartige Dokumente unter- verschiedener (und wechselnder) ›Allianzen‹ geposteten Bilder und Geburtstagswünsche
schreiben. Sie sind aber auch ein Instrument machen«. Zudem weist sie in dem Schreiben seinerseits tatsächlich nur erzwungen ge-
mächtiger Männer, sich nicht erpressbar zu darauf hin, dass alle »Fragen ausnahmslos die wesen seien. Sie halten ihm nicht vor, dass er
machen. Man kennt sie aus den Skandalen geschützte Privatsphäre, wenn nicht gar Intim- Kasia Lenhardt sogar öffentlich bei ihrem
um Jeffrey Epstein, Harvey Weinstein oder sphäre von Jérôme Boateng und vielfach Sach- Kosenamen nannte. Sie lassen ihn alles un-
Cristiano Ronaldo. Die Mächtigen knebeln widersprochen behaupten.
damit mitunter Frauen, die sie schlecht be- Aus dem Springer-Verlag ist zu hören, dass
handelt haben, verschleiern damit außer- Boatengs Seite auf »Bild« zugegangen sei.
eheliche Affären und ungewollte Kinder. Sie Das Gespräch sei kurz vor der Veröffentli-
schaffen sich damit ihre eigenen Gesetze, fern- chung geführt worden. Boateng soll darauf
ab derer, die für den Rest der Welt gelten.
Die Welt von Jérôme Boateng ist seit »Ich bin im Arsch«, gedrängt haben, dass es zügig veröffentlicht
wird. Am 2. Februar um kurz vor 2o Uhr stellt
seinem 17. Lebensjahr eine Welt voller Druck »Vor meiner die Redaktion das Interview online. Es endet
und Applaus. Eine Welt, in der 18-Jährige Au-
tos im Wert eines Einfamilienhauses fahren Tür stehen Papa- mit dem Satz: »Kasia Lenhardt wollte sich
auf ›Bild‹-Anfrage nicht äußern.«
und Männer Steaks mit Blattgold bestellen. razzis«, »Ich Lenhardt soll mit den Aussagen Boatengs
In der nur zählt, dass der Athlet performt,
dass Tore fallen. Gibt es Probleme abseits des
kann nicht mehr vor dem Erscheinen konfrontiert worden sein.
Doch die habe darauf nicht reagiert. Aus ihrem
Platzes, werden sie beseitigt. Von Menschen, wirklich«. Umfeld habe es geheißen, sie werde sich viel-

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 61


REPORTER

leicht später noch äußern. Auch zu ihrer Agen- DER RÜCKZUG menbekommt für ihre Anklage, aber nicht
tur habe man Kontakt aufgenommen. Ein Mit- Am 3. Februar schreibt Kasia Lenhardt auf aufhören will, einen Fall aufzuklären, der für
arbeiter der »Bild«-Zeitung, der nicht zitiert Instagram ihr letztes Posting: »Now is where den Rest der Welt abgeschlossen scheint.
werden möchte, sagt, in der Redaktion hätten you draw the line. Enough.« Jetzt musst du Auf Screenshots sind Nachrichten zu sehen,
Einzelne gewusst, dass Kasia Lenhardt mentale die Grenze ziehen. Es reicht. die ein Hacker ihrer Tochter geschickt haben
Probleme gehabt habe. Andere bestreiten das. Der Post hat inzwischen 350 000 Likes. soll. Er schreibt, dass in dem Unfallwagen Dro-
Auf SPIEGEL-Anfrage erklärt ein Sprecher Sie habe nicht mehr gegessen, nicht mehr gen gefunden worden seien, er mit der Infor-
des Springer-Verlages, dass Boulevardmedien geschlafen, sagt Adrianna Lenhardt, »sie hat mation an die Presse gehen würde, sie eine
Themen »grundsätzlich anders, pointierter nur noch auf ihr Handy gestarrt. Tag und Summe nennen könnte, um das zu verhindern.
und emotionaler« aufbereiten. Dass Kasia Nacht«. Kasia Lenhardt erstattet drei Tage vor
Lenhardt bereits vor dem Erscheinen des Boa- Eines Nachts, berichtet Lenhardt, habe sie ihrem Tod noch Strafanzeige bei der Berliner
teng-Interviews über soziale Netzwerke den sich zu ihrer Tochter ins Bett gelegt. Kopf an Polizei wegen Erpressung.
Weg in die Öffentlichkeit gesucht habe. Dass Rücken. »Ihr Herz hat so heftig geschlagen, Laut der Berliner Generalstaatsanwalt-
man ihr mehrmals angeboten habe, sich auch dass ich Angst hatte, es bleibt stehen.« schaft »gab es keine Hinweise auf Drogen-
in »Bild« zu äußern, doch sie sich nicht zu Per Einschreiben, datiert auf den 3. Feb- funde in dem Fahrzeug«.
einer Stellungnahme habe entschließen kön- ruar, den Erscheinungstag des »Bild«-Inter- Am selben Tag geht Lenhardt mit ihren
nen. Und weiter: »Aber so tragisch und be- views, fordert einer von Boatengs Anwäl- Eltern zu ihrem Medienanwalt Markus Hen-
dauerlich der konkrete Fall auch ist, uns ist ten Lenhardt auf, die Berliner Wohnung in- nig. Er sagt ihr, dass die Verschwiegenheits-
wichtig: Wer prominent ist und auf Plattfor- nerhalb weniger Tage zu räumen. Danach vereinbarung rechtlich nicht wirksam sei, weil
men wie Instagram private Dinge öffentlich habe sie ein »umfassendes Hausverbot«. Das- sittenwidrig.
macht, muss natürlich damit rechnen, dass selbe gelte für Boatengs Haus in München. Adrianna Lenhardt sagt, ihre Tochter habe
Aussagen auch von Medien wie ›Bild‹ aufge- Sie solle den Haustürschlüssel »unverzüglich« danach ruhiger auf sie gewirkt. Abends saßen
griffen werden.« abgeben. Ihr Eigentum dort sei bereits »fach- sie alle zusammen. Instagram sei nicht die
gerecht in Umzugskartons« verpackt worden wirkliche Welt, habe sie ihrer Tochter gesagt.
DIE HETZJAGD und stünde zum Abtransport bereit. Wir sind das. Deine Familie. Sie habe ihr ge-
Promiflash. RTL. Vip.de. Alle greifen das Lenhardt sagt, sie habe ihrer Tochter ein antwortet: Ja, Mama.
Interview auf. Die Schlagzeilen lauten: »Ist Zimmer mit Bad bei sich eingerichtet. Doch Anfang August erscheint Lenhardts Mut-
das schon jetzt DER Rosenkrieg 2021?« oder Kasia Lenhardt übernachtet bei einer Freun- ter zu einem Treffen mit einer blauen Kladde
»Erpressung, Lügen Alkohol – Jérôme Boa- din. In einer Sprachnachricht sagt sie: »Alle und Notizbüchern ihrer Tochter in einer Ber-
teng rechnet knallhart mit seiner Ex Kasia melden sich bei meinem Vater, seine Man- liner Hotellobby. Sie hat sie in den Umzugs-
ab« oder »Liebes-Drama bei Jérôme Boa- danten, seine Familie. Alle sagen, es ist pein- kartons gefunden. Die Kisten ihrer Tochter
teng – Sie wollte meine Karriere zerstören«. lich und langsam merke ich, dass ich deren stehen in einer Ecke im Keller der Lenhardts.
Viele Artikel übernehmen unkritisch Boa- Support auf jeden Fall los bin. Die ›Bild‹ pos- Sie zeigt den Entwurf eines Statements,
tengs Darstellungen. Er ist das Opfer. Len- tet weiter Sachen über mich, wie ich mich das Kasia Lenhardt als Reaktion auf Boatengs
hardt die Familienzerstörerin. Zugleich be- verändert habe vom Aussehen und alles Mög- Interview veröffentlichen wollte.
ginnt der Shitstorm auf sie im Netz, es fol- liche. Die sind sauer auf mich. Wie ich mich Mein Statement ist eine Reaktion auf das,
gen Beleidigungen, Beschimpfungen, Dro- gebe. Sagen, ich soll aufhören mit Instagram.« was von der anderen Partei kommt. Ich will
hungen. Ihre Mutter sagt, sie habe ihr nur geraten, die Vergangenheit in der Vergangenheit las-
Zu vielen Treffen mit dem SPIEGEL wird einen Künstlernamen anzunehmen. sen, das Ganze ist kein Spiel ... Die letzten Mo-
Adrianna Lenhardt von einem großen, täto- Im Juli, wenige Wochen nach dem ersten nate haben mich in so einem derartigen fal-
wierten Mann begleitet. Der Mann heißt Cars- Treffen mit Adrianna Lenhardt, hat sie zu sich schen Licht darstellen (lassen).
ten Stahl und setzt sich seit Jahren gegen Mob- nach Hause eingeladen. Das Wohnzimmer Einer Freundin soll sie noch zwei Tage vor
bing ein. Stahl hat Adrianna Lenhardt auf Ins- gleicht einem Saal. Seit Kasias Tod sei es still ihrem Tod gesagt haben, wenn jetzt langsam
tagram angeschrieben, war als Security auf hier geworden, sagt Adrianna Lenhardt. Ruhe einkehre, dann könne sie es schaffen,
der Beerdigung von Kasia Lenhardt, seitdem Dann spielt Lenhardt wieder die Stimme wieder auf die Beine zu kommen.
unterstützt er ihre Mutter. Er möchte, dass ihrer Tochter ab. Kasia, kurz vor ihrem Tod: Am frühen Abend des 7. Februar strahlt
das Sterben junger Menschen durch Mobbing »Mein Leben ist gelaufen«, hallt ihre Stimme RTL ein Interview aus. Darin äußert sich die
in Deutschland ein Ende findet, und der »Fall durch den Raum, sie spricht die Worte lang- Frau, die Lenhardt und Boateng miteinander
Kasia«, sagt Stahl, »ist leider ein prominentes sam, klingt erschöpft: »Alle sind gegen mich. bekannt gemacht hat, negativ über Kasia Len-
Beispiel dafür, was passiert, wenn Menschen Alle hassen mich.« Sie erzählt auch, dass man hardt und nimmt Boateng in Schutz.
nicht mehr darüber nachdenken, dass da auf versuche, ihr Drogen unterzujubeln.
der anderen Seite auch ein Mensch steht. Der Adrianna Lenhardt zeigt wieder ihr Dis- DER LETZTE TAG
all diese Nachrichten liest«. play. In diesen Momenten wirkt sie nicht Der 9. Februar 2021 ist der Geburtstag von
Kasia Lenhardt ist in einer Zeit aufgewach- mehr nur wie eine trauernde Mutter, sondern Kasia Lenhardts Sohn, er wird sechs Jahre
sen, in der es wichtig ist, wie viele Abonnen- wie eine Ermittlerin, die nicht genug zusam- alt. Es hat über Nacht geschneit. Sie sagt ihrer
ten man auf Instagram hat. In der junge Men- Mutter, sie wolle in der Wohnung mit dem
schen das Berufsziel »Influencer« verfolgen, Packen beginnen und habe für die Mittagszeit
weil man damit schnell bekannt und reich ein Fotoshooting angenommen. Später wol-
werden kann. Die Plattform, auf der Len- Die letzte Nach- len sie in der Villa gemeinsam Kerzen aus-
hardt in den letzten Jahren groß geworden pusten. Am Vormittag habe sie noch mit Ka-
ist, auf der sie viele Stunden ihres Tages ver- richt von Kasia sia telefoniert, sagt Adrianna Lenhardt. Sie
brachte, wütet nun gegen sie. Sie ist jetzt nicht Lenhardt an ihre habe ganz ruhig gewirkt.
mehr die schöne Frau an Boatengs Seite, sie Am Nachmittag habe Lenhardts Sohn im-
ist jetzt eine »Erpresserin«. Mutter lautete: mer wieder gefragt, wann sie die Kerzen auf
Sie schreibt in ihren Nachrichten folgende »Tut mir leid, dass seiner Torte anzünden können, Adrianna
Sätze: »Ich bin im Arsch«, »Vor meiner Tür Lenhardt habe immer nur geantwortet: »Wir
stehen Paparazzis«, »Ich kann nicht mehr ich euch so warten noch auf deine Mama.« Irgendwann
wirklich«. enttäuscht habe.« hätten sie die Torte ohne Kasia angeschnitten,

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REPORTER

die Geschenke ausgepackt. Mehrfach Das Ende gesetzt. Die Familie bedeckt ihr Grab
versuchte sie, ihre Tochter telefonisch mit weißen Rosen und Lilien und hörte
zu erreichen. Vergebens. »Ave Maria«, erzählt Adrianna Len-
Sie erinnert sich, wie sie am frühen hardt. Boateng war nicht eingeladen.
Abend mit ihrem Mann zu der Woh- »Ich will ihn nicht beschuldigen«,
nung fuhr. Licht brannte. Sie klingel- sagt Adrianna Lenhardt. Aber das
te. Niemand öffnete. Sie habe Kasias ihm in dem ganzen Unglück ihrer
Namen gerufen. Ein Nachbar ließ sie Tochter eine zentrale Rolle zukomme,
aufs Gelände. Über einen Seitenein- diese Verantwortung müsse er tragen.
gang gelangen sie auf die Terrasse vor Am Tag der Beisetzung schrieb er
dem Apartment. Alle Zimmer waren ihr eine Nachricht: »Ich war die letz-
leer. Vor einem Fenster waren die Ja- ten 2,5 Jahre die meiste Zeit mit dei-
lousien halb runtergelassen. Ihr ner Tochter und habe Sie geliebt und
Mann habe noch versucht, sie abzu- werde es immer tun habe alles für Sie
halten, sagt Adrianna Lenhardt. Doch getan!« Er wisse, dass sie viele Fragen
sie ließ sich nicht aufhalten, beugte habe, warum was passiert ist. »Aus
sich hinab und sah ihr Kind, leblos. Respekt zu ihr und zu eurer Familie
Die Nacht verbrachten ihre Eltern bin ich ruhig trotz aller Lügen und
auf einem Matratzenlager. In ihrer Anschuldigungen.«
Mitte ihr Enkel. Am nächsten Morgen Am 26. März um 16.32 Uhr ver-
sagten sie ihm, seine Mutter sei kurz- suchte er erneut, auf Adrianna Len-
fristig verreist. Dann holte ihn sein hardt einzuwirken, die Menschen zu
Vater ab. Erst eine Woche später hät- Ausriss aus »Bild«-Zeitung, stoppen, die nun ihn im Netz verfolg-
ten sie die Kraft gehabt, ihm zu sagen, Apartment an der Spree ten. »Ich weiß das Kasia das niemals
dass seine Mutter tot sei. in Berlin, Lenhardt-Foto bei gewollt hätte was ihr alle grade macht.«
deren Mutter zu Hause
Kasia Lenhardt, sagen viele, habe Dann ging Boateng noch einen Schritt
ihren Sohn über alles geliebt. Seit ih- weiter: »Du solltest am ehesten wissen
rem Tod lebt er bei seinem Vater. Ver- nach diesen Jahren das ich so viele
gangene Woche wurde er eingeschult. Nachrichten habe von deiner Tochter
Manchmal, so erzählt es Adrianna an mich über jeden einzelnen von
Lenhardt, setze er ihre Mütze auf, zie- euch.« Und weiter: »Diese Nachrich-
he den Mantel an, »weil die so nach ten würden euch sehr schlecht ausse-

Dominik Butzmann / DER SPIEGEL


Mami riechen«. hen lassen und schaden.« Er werde
Frank Mueller / SplashNews

Als Adrianna Lenhardt ihre Toch- nicht mehr lange ruhig sein, denn er
ter zum letzten Mal sah, trug diese müsse seine Familie beschützen.
ein weißes Kleid und ein Diadem aus Die letzten dem SPIEGEL vorlie-
Perlen im Haar. Sie lag in einem Sarg, genden Nachrichten, die Boateng an
die Mutter küsste und streichelte sie. Adrianna Lenhardt schickte, sind auf
Und sie sang ihr ein polnisches Lied den 30. März und 1. April datiert. Da-
vor, das ihre Tochter als Kind so gern rin schreibt er, dass er bereit sei, ihr
mochte. Es heißt »Lato Pachnące »die ganze Wahrheit« zu berichten.
Miętą« und handelt von einem Som- Er deutet darin auch an, wie er
mer, duftend nach Minze. sich womöglich rechtfertigen würde.
Die letzte Nachricht von Kasia Len- Dass Kasia ein Alkohol- und Drogen-
hardt an ihre Mutter lautete: »Tut mir problem gehabt und ihn erpresst
leid, dass ich euch so enttäuscht habe.« habe. Dass nicht er sie, sondern sie
ihn betrogen habe.
DANACH Er wisse mehr als sie alle, könne al-
Der Tod von Kasia Lenhardt löste les belegen. Aber er werde das nicht am
eine breite Debatte über den Umgang Telefon und nicht per WhatsApp tun.
der Boulevardpresse und des Inter- Adrianna Lenhardt sagt dazu nur,
nets mit der Privatsphäre und den sie schaffe es nicht, Boateng zu treffen.
Persönlichkeitsrechten von Men- Der Obduktionsbericht von Kasia
schen aus. Medienrechtler stuften das Lenhardt vermerkt einen chronisch
Interview von Boateng als rechtswid- erhöhten Alkoholkonsum, einen sel-
rig ein, sprachen von Verleumdung. tenen oder längere Zeit zurückliegen-
Die ehemalige Bundesministerin den Kokainkonsum sowie eine gele-
Renate Künast kommentierte auf gentliche bis regelmäßige Einnahme
Twitter so: »Öffentliche Demütigung von Nitrazepam. Es gibt Menschen
Dominik Butzmann / DER SPIEGEL

von Frauen. Kann tragisch enden. Ka- aus ihrem Umfeld, die bestätigen,
sia Lenhardt ist tot: Geschäft mit der dass Lenhardt in letzter Zeit abends
Demütigung hat Tradition.« häufiger getrunken hat, weil es ihr so
Frankfurt gegen Bayern. Zwölf Tage schlecht ging.
nach Lenhardts Tod läuft Boateng erst- Zum Todeszeitpunkt, so der Bericht,
mals wieder bei einem Spiel auf. An sei Lenhardt jedoch nicht alkoholisiert
seinem linken Oberarm trägt er eine gewesen. Die Mediziner fanden nur
schwarze Trauerbinde. Am Morgen Mutter Lenhardt am Grab ihrer Tochter in Berlin das Schmerzmittel Ibuprofen in ihrem
des 9. März wird Kasia Lenhardt bei- Blut. Das Dokument ist einer der ver-

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 63


REPORTER

lässlichen Pfeiler in dieser Geschichte, in der


PSYCHOLOGIE
jeder seine Version der Wahrheit zu haben

»Es ist maximal schwer« scheint. Und in der man sich dem, was gewe-
sen ist, am Ende immer nur annähern kann.
Rebecca Silvera, bei der sich Jérôme Boa-
Kasia Lenhardt schied am Geburtstag ihres Kindes aus dem Leben. teng in seinem »Bild«-Zeitungsinterview ent-
Ein Experte über Erkenntnisse aus der Suizidforschung. schuldigte, postete vier Tage nach der Beiset-
zung von Lenhardt auf Instagram: »Ich schätze,
In Deutschland SPIEGEL: Erklärt das, warum Angehörige der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Die Fa-
sterben jedes Jahr rund und Freunde die akute Gefahr oft nicht milie versucht, eine falsche Erzählung zu kre-
9000 Männer und erkennen? ieren und mir und anderen die Schuld zu geben
Frauen durch Suizid. Teismann: Richtig. Auf diesen Fall bezo- und Kasia in einem guten Licht darzustellen.«
Tobias Teismann, 45, gen, kann es also sehr gut sein, dass Kasia Boatengs Vertrag beim FC Bayern ist in
leitet an der Ruhr- Lenhardt selbst am Abend zuvor oder diesem Sommer nach zehn Jahren ausgelau-
Universität in Bochum möglicherweise sogar am Morgen dieses fen. Seitdem ist er vereinslos. Der erfahrene
das Zentrum für Psycho- Tages noch gar nicht definitiv wusste, Innenverteidiger könnte noch das ein oder
therapie. Er forscht seit dass sie sich das Leben nehmen würde. andere Jahr auf hohem Niveau spielen. Ob-
2009 zu der Frage, was Menschen dazu SPIEGEL: Wie erforschen Sie solche wohl er ablösefrei zu bekommen ist, scheinen
bewegt, sich das Leben zu nehmen. Gefühlslagen? sich die Klubs nicht um ihn zu reißen. Auf
Teismann: Diese Erkenntnisse stammen Instagram zeigt sich Boateng derzeit trainie-
SPIEGEL: Herr Teismann, Kasia Lenhardt aus weltweiten Interviews mit Menschen, rend auf Mykonos, reisend im Privatjet oder
hat sich am sechsten Geburtstag ihres die schwerwiegende Suizidversuche beim Fitnesstraining mit Franck Ribéry auf
Sohnes umgebracht. Viele Menschen dis- überlebt haben, bei denen wir davon aus- dessen Anwesen.
kutierten danach, wie eine Mutter ihrem gehen können, dass es eine hohe Ähn- Am 9. September muss sich Boateng wegen
Kind das antun kann. Wie sehen Sie das? lichkeit zu tatsächlichen Suizidenten gibt. Körperverletzung vor dem Amtsgericht Mün-
Teismann: Sie deshalb womöglich als SPIEGEL: Im Fall von Lenhardt sagt ihre chen verantworten. Es geht um den Vorwurf
Rabenmutter anzusehen, da möchte ich Mutter, dass sie kurz vor ihrem Tod in von Senler, der Mutter seiner Zwillinge. Die
ganz hart dagegenhalten und für mehr einem Telefonat sehr ruhig gewirkt habe. Anwaltskanzlei, die Boateng vertritt, teilte da-
Empathie für diese junge Frau werben. Teismann: Auch das ist nicht ungewöhn- mals mit, es handle sich um einen »privaten
Wir müssen uns einen Suizid wie einen lich. Die Abwägungsphase erleben Sachverhalt, der im Wesentlichen auf unbe-
Zusammenbruch des Denkvermögens die Betroffenen als hochgradig quälend, wiesenen Behauptungen Dritter beruhe«.
vorstellen. Da ist nur noch Verzweiflung, weil sie nicht wissen, was sie tun Die Staatsanwaltschaft München bestätigte
Schmerz und Einsamkeit. Hätte sie sollen. Sie können nicht mehr schlafen, dem SPIEGEL, am 10. Februar auch ein weite-
an ihren Sohn denken können, hätte sie haben Albträume, sind ständig an- res Verfahren wiederaufgenommen zu haben.
es wahrscheinlich nicht geschafft, sich gespannt, haben vielleicht auch Panik- Es ist das, bei dem Kasia Lenhardt Jérôme Boa-
das Leben zu nehmen. Außer, sie hat es attacken. Ist die Entscheidung gefällt, tritt teng nach der Hotelnacht wegen vorsätzlicher
aus Liebe getan. eine große Ruhe ein. Körperverletzung angezeigt hatte. Nach ihrem
SPIEGEL: Das müssen Sie erklären. SPIEGEL: Wann ist etwas für einen Men- Tod hätte es neue Erkenntnisse gegeben.
Teismann: Viele suizidale Menschen schen zu viel, sodass er sich entscheidet, Auf dem Friedhof in Berlin steht gegen-
haben den Eindruck, dass sie eine nicht mehr leben zu wollen? über von Kasia Lenhardts Grab eine Bank.
Last sind für andere. Vielleicht dachte Teismann: Es gibt keine Formel dafür, Ihre Mutter setzt sich. Fast jeden Morgen
Kasia Lenhardt auch, dass es für ihr wie viel ein Mensch ertragen kann. komme sie mit einem Kaffee her, sagt sie, un-
Kind besser sei, wenn es sie nicht mehr In dem vorliegenden Fall lässt sich auch terhalte sich mit ihrer Tochter. So wie sie es
gebe. Nach dem Motto: Ich bin ein nur vermuten, dass die junge Frau zu Lebzeiten oft gemacht hätten, in ihrer
Wrack. Und welches Kind soll mit einem die Situation als ausweglos erlebt hat, als Küche. Kein Tag vergehe, sagt sie, an dem sie
Wrack groß werden? Ein prominentes massiv demütigend, ohne eine Mög- sich nicht fragt, ob der Tod ihrer Tochter hätte
Beispiel dafür ist Kurt Cobain, der lichkeit zu sehen, sich wirklich zu wehren. verhindert werden können. Ob es irgendet-
Nirvana-Sänger. Sein Abschiedsbrief SPIEGEL: Wie blicken Sie auf den Fall was gibt, was sie noch nicht weiß. Sie fragt
endete mit einer Botschaft an seine Lenhardt? sich, ob Kasia noch leben würde, wenn ir-
damals knapp zweijährige Tochter Teismann: Es ist tragisch. Denn als Außen- gendetwas in den letzten Monaten vor ihrem
Frances: Your life will be so much hap- stehender denkt man: Hätte sie einfach Tod eine andere Wendung genommen hätte.
pier without me. I love you. ein halbes Jahr durchgehalten, dann wäre Auf der Bank erzählt Adrianna Lenhardt
SPIEGEL: Ist ein Suizid eine kalkulierte das Thema durch gewesen. Das war keine vom letzten großen Traum ihrer Tochter. Einer
oder spontane Entscheidung? Situation, die sich nicht hätte wieder Reise nach Bali, mit ihrem Sohn, einen Monat
Teismann: Die meisten Menschen durch- klären können. Aber sie konnte vermut- lang. Auf Bali, so erinnert sich Adrianna Len-
laufen vorher eine längere Phase, die lich nicht mehr sehen, dass es viele Alter- hardt, wollte Kasia ein Experiment wagen und
Tage, Wochen oder auch Monate dauern nativen gegeben hätte. Viele Leute hätten ganz ohne Handy leben. »Mal sehen«, habe
kann, in der sie immer wieder abwägen, ihr wahrscheinlich gern geholfen. sie gesagt, »ob ich das schaffe, Mama.«
was für das Totsein und was fürs Weiter- SPIEGEL: Gibt es Suizide aus Rache? Nora Gantenbrink, Isabell Hülsen, Antje Wind-
leben spricht. In dieser Zeit äußern Teismann: Rache als alleiniges Motiv mann. Übersetzungen: Agnieszka Debska I
viele auch Suizidgedanken. Ist die Ent- halte ich für unwahrscheinlich. Es wirkt
scheidung dann final getroffen, dauert im Film immer so einfach, in Wahrheit Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das
es wohl nur zwischen fünf Minuten und ist es maximal schwer, sich das Leben zu Leben zu nehmen? ‣ Sprechen Sie mit
mehreren Stunden, bis sie diesen um- nehmen. Der menschliche Selbsterhal- anderen Menschen darüber. Sofortige Hilfe
erhalten Sie rund um die Uhr bei der Telefon-
setzen. Was dann häufig so erscheint, als tungstrieb ist sehr stark, man braucht schon seelsorge unter den kostenlosen Rufnum-
wäre der Suizid aus dem Moment heraus ziemlich viel Wucht, um das überhaupt mern 0800 1110111 und 0800 1110222.
vollzogen. zu können. Interview: Antje Windmann I Eine Übersicht weiterer Hilfsangebote gibt es
auf der Website Suizidprophylaxe.de.

64 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


REPORTER

vorrätig hatte. Den Plan, nach Rügen


zu fahren, gaben wir auf.
Den nächsten Tag verbrachten wir
im Hafen auf unserer sanft im Wind
schaukelnden Zehn-Meter-Jacht. Mit

Ganz schön hart am Wind Bootslängen ist es wie mit dem Kör-
pergewicht. Ich fühle mich mit 59 Ki-
logramm mal zu dick, mal zu dünn,
und an wenigen Tagen genau richtig.
HOMESTORY Wer den Zusammenhalt seiner Familie testen will, sollte segeln Bei Strandwetter im Hafen liegend,
gehen. Mit pubertierenden Mädchen. Und einem seekranken Hund. ist eine Jacht mit zwei Kabinen für
vier Leute groß genug. Bei schlech-
tem Wetter und mit zwei Pubertieren-

I n den Sommerferien sind wir


wieder mit unseren Kindern,
zwölf Jahre alten Zwillingsmäd-
chen, und dem Hund, einem zweijäh-
den sind zehn Meter winzig.
»Ich habe hier keine Privatsphäre«,
maulte die eine, knallte die Tür und
schloss sich in der Eigner-Kabine im
rigen wasserscheuen Elo, zum Segeln Bug ein. »Ich will auch meine Ruhe«,
an die Ostsee gefahren. Einerseits meinte die andere und schloss sich in
wegen Corona, andererseits weil wir der anderen Kabine ein. Wenn sie
es besser machen wollten als im ver- sich trafen, stritten sie sich.
gangenen Jahr. Weil wir aus unseren Der Seglerfreund meines Mannes
Fehlern lernen wollten. sagt, ein Segelschiff sei ein »Sozial-
Wir haben gelernt: Wenn man die reaktor«. Er hat recht: Bei uns an
Fehler des Vorjahres vermeidet, dann Bord spielten sich ähnliche Szenen
ist das nur ein eingeschränkter Erfolg. ab wie im Robbenforschungszentrum

Illustration: Thilo Rothacker / DER SPIEGEL


Denn man macht viele neue. im Jachthafen Hohe Düne, das wir
Mein Mann hat vor einigen Jahren besuchten. Zwei Seelöwen-Brüder
mit dem Segeln angefangen, ich habe schubsten sich dort, laut bellend, wie-
2020 meinen Sportbootführerschein der und wieder von den Pontons.
See gemacht. Gleich danach fuhren An Tag drei lernte ich: Fast immer
wir in den Familiensegelurlaub nach ist das Wetter anders als vorherge-
Dänemark. Da ging leider so einiges sagt, meistens schlechter. Wir blieben
schief, angefangen damit, dass eine also einfach im Hafen Hohe Düne.
12,5-Meter-Jacht mit 2,10 Meter Tief- In Kühlungsborn an Tag vier er-
gang unvereinbar ist mit den engen fuhren wir: Der »Sozialreaktor« Se-
Boxen vieler dänischer Häfen. Das sund nach Warnemünde gebraucht, gelboot eignet sich auch, um die Part-
Anlegen war jedes Mal eine Heraus- bei starkem Westwind. nerwahl zu überprüfen. Das hat uns
forderung, die für uns, nun ja, eine 15 Stunden. Mit einem Hund, der ein Segler erzählt, der uns beim
Nummer zu groß war. in dieser Zeit dreimal mit dem Anlegen geholfen hatte. Es gebe zwei
Dieses Mal hatte mein Mann da- Schlauchboot zum Gassigang an Möglichkeiten festzustellen, ob ein
her ein kleineres Boot gechartert: Land gebracht werden muss – unter Paar zusammenpasse: beim Tanzen
knapp 10 Meter lang, 1,58 Meter Tief- 18 Stunden wäre das nicht zu schaf- (»Lässt sie sich führen?«) und beim
gang. Wir starteten in Warnemünde, fen. Mein Mann erwiderte, dass es Segeln (»Kann sie steuern?«).
auch weil das Anlegen in den breiten doch super sei, wenn man 18 Stunden Tag elf, Erkenntnis über das Wet-
Boxen der modernen Häfen Mecklen- segeln könnte. Schließlich würden ter: Dass die Vorhersage für die kom-
burg-Vorpommerns einfacher ist. wir ja einen Segelurlaub machen. menden 24 Stunden irgendeine Ver-
»Wo soll es denn hingehen?«, fragte Am nächsten Morgen fuhren wir bindlichkeit hat, ist ein Mythos.
die Frau, die uns den Schlüssel des bei Windstärke fünf raus. Ich sah Am schönsten ist das Segeln, wenn
Bootes gab. »Nach Rügen«, sagte ich. Wellen, deren Kamm mir höher der Wind schräg von hinten kommt.
»Und warum haben Sie dann nicht schien als ich, das Boot schaukelte Man spürt ihn kaum und ist trotzdem
in Breege ein Boot genommen?«, von links nach rechts, von rechts nach schnell, auch die Welle von hinten
wollte sie wissen. Das habe ich mei- links, und der Hund rettete sich nach schiebt das Boot voran. Wir waren
nen Mann anschließend auch gefragt, unten in eine Kabine, wo er von einer so schnell, dass wir sogar eine Art
Breege ist schließlich ein Hafen auf Bettseite auf die andere rutschte. Wettrennen mit einem Zweimaster
Rügen. »Dann wären wir ja gleich Wir hatten nicht mal die Segel aus- gefahren sind.
da«, antwortete er, »ich dachte, es gerollt, da hatte ich mich schon über- Es gibt zwei Neben all den Sachen übers Se-
wäre schöner, wenn wir hinsegeln.« geben müssen, einer unserer Töchter geln habe ich auch eine Sache über
Das ist ungefähr so, als würde man war ebenfalls speiübel. »Sollen wir Möglichkeiten mich gelernt: Ich kann auch etwas
nach Spanien fliegen und von dort zurückfahren?«, fragte mein Mann genießen, das ich nicht besonders gut
aus mit dem Mietwagen nach Italien besorgt, aber ich antwortete, nein, ich
festzustellen, beherrsche.
fahren, weil es so langweilig ist, gleich würde das schon schaffen. Wir sind ob ein Paar Wir haben in den 14 Tagen insge-
da zu sein. dann doch umgedreht. Den Rest des samt nur 90 Seemeilen zurückgelegt,
Am Abend, bevor es losging, be- Tages war ich damit beschäftigt, mir
zusammen- ein Witz. Das ist nicht mal so viel wie
suchte uns ein Segelfreund meines von einer Notärztin ein Pflaster ge- passt: beim von Warnemünde nach Rügen hin
Mannes, ziemlich erschöpft sah er gen Seekrankheit verschreiben zu las- und zurück. Nächstes Jahr versuchen
aus. 15 Stunden habe er für die 55 sen, das man sich hinters Ohr klebt,
Tanzen. Und wir es einfach in Breege.
Seemeilen lange Strecke von Stral- und eine Apotheke zu finden, die es beim Segeln. Marianne Wellershoff I

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 65


WIRTSCHAFT

Carsten Koall / Getty Images


GDL-Chef Weselsky mit Streikenden

DGB-Chef kritisiert Lokführer


DEUTSCHE BAHN Reiner Hoffmann fordert die GDL auf, im Tarifstreit wieder zu verhandeln.
Der Streik spalte die Belegschaft – und diene nicht ihren Interessen.

D er Vorsitzende des Deutschen


Gewerkschaftsbundes (DGB), Reiner
Hoffmann, zweifelt an der Legitimi-
tät des Bahnstreiks und fordert die Gewerk-
Beschäftigten, sondern die Überlebensfähig-
keit der GDL, so Hoffmann. In den meisten
Bereichen der Bahn habe die Lokführer-
gewerkschaft keine oder kaum Mitglieder,
Mitgliedsgewerkschaft des DGB ist uner-
träglich«, so Hoffmann. »Die EVG ist mit
Abstand die größte Eisenbahnergewerk-
schaft, das weiß auch Herr Silberbach.«
schaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hier habe Weselsky »kein Mandat und da- Hoffmann wirft Weselsky vor, die Beleg-
zum Einlenken auf. »Lösungen werden am mit keine Legitimation« für einen Arbeits- schaft zu spalten. In einer Urabstimmung
Verhandlungstisch erstritten, an den sollte kampf. Scharfe Kritik übt der DGB-Boss hatten sich die Anhänger der GDL vergan-
GDL-Chef Claus Weselsky Anfang nächster auch am Chef des Deutschen Beamtenbunds, gene Woche für einen Streik entschieden
Woche zurückkehren«, sagte der oberste der sich in dieser Woche mit der GDL und zwei Tage lang Güter- wie Personen-
deutsche Gewerkschaftsvertreter dem solidarisiert und die größere Eisenbahner- verkehr lahmgelegt. Sie fordern 3,2 Prozent
SPIEGEL. Im Zentrum der Auseinanderset- gewerkschaft EVG angegriffen hatte. »Die mehr Lohn über eine Laufzeit von 28 Mo-
zung stünden nicht die Interessen der Bahn- Polemik von Ulrich Silberbach gegen eine naten, die Bahn bietet 40 Monate an. GT

Teure Folgen teure Folgen für den Fiskus. Der stellungen eine niedrigere Ver- des BMF gut 30 Milliarden Euro
Grund: Der Zinssatz für Pen- zinsung zu erzwingen. Firmen verloren. Um das Minus für
des Zinsurteils sionsrückstellungen von Unter- dürften dann größere Beträge die öffentlichen Kassen verkraft-
HAUSHALT Nach dem Urteil nehmen ist für deren Steuer- steuerlich geltend machen, das bar zu machen, schlagen die
des Bundesverfassungsgerichts, bilanz ebenfalls mit sechs Prozent würde die Unternehmensgewinne BMF-Experten vor, eine Neure-
wonach die von den Finanz- vorgeschrieben. Die Fachleute schmälern und zu geringeren gelung über zehn Jahre zu stre-
ämtern verlangten Strafzinsen von Finanzminister Olaf Scholz Steuereinnahmen für Bund und cken. Schon seit einiger Zeit liegt
für Steuernachforderungen mit (SPD) befürchten, dass Unter- Länder führen. Würde die unter- in Karlsruhe ein Ersuchen des
sechs Prozent deutlich zu hoch nehmen schon bald vor dem stellte Verzinsung beispielsweise Finanzgerichts Köln vor, die Rück-
angesetzt sind, erwartet das Karlsruher Gericht klagen könn- auf 3,5 Prozent gesenkt, gingen stellungszinsen auf ihre Ver-
Bundesfinanzministerium (BMF) ten, um auch für Pensionsrück- dem Staat nach Berechnungen fassungsmäßigkeit zu prüfen. REI

66 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


Das Angebot auf dem Berli-
Mietendeckel ner Wohnungsmarkt schrumpfte
führt zu weniger während der Geltungsdauer
Wohnraumangebot des Gesetzes deutlich. Wie aus
der Analyse hervorgeht, nahm
IMMOBILIEN Der Berliner die Zahl der Mietwohnungs-
Mietendeckel hat das Angebot inserate auf Wohnungsportalen
an Wohnraum in der Haupt- um fast 52 Prozent ab. Aller-
stadt verringert und vor allem dings dürften einige Vermieter
kleine Vermieter belastet. ihre Wohnung auf anderen
Zu diesem Ergebnis kommt eine Kanälen angeboten haben. Nutz-
Untersuchung des arbeitgeber- nießer des vorübergehenden
nahen Instituts der deutschen Experiments waren nach Über-
Wirtschaft (IW). Die Analyse zeugung von Studienautor
beruht auf einer Umfrage unter Michael Voigtländer ausgerech-
283 privaten Eigentümern net jene, die der Mietendeckel

Paul Langrock
von Mietwohnungen und -häu- eigentlich treffen sollte: große
sern. Danach hat die inzwi- Immobilienfirmen. Während
schen vom Bundesverfassungs- kleinere Vermieter die Kredite
gericht gekippte Regelung die Wohnhäuser in Berlin nicht bedienen konnten, ihre
Mieten im Schnitt um gut zehn Objekte unter Wert verkaufen
Prozent gesenkt. Für mehr meterpauschalen festgesetzt in der Lage, die monatlichen mussten, seien die Konzerne
als die Hälfte der befragten Ver- hatte. 15 Prozent der Befragten Kreditraten zu bezahlen. so liquide, dass sie die Unter-
mieter bedeutete der Deckel mussten starke Einschränkun- 45 Prozent der Eigentümer finanzierung aushalten konnten.
erhebliche Einbußen, weil der gen auf sich nehmen, um den gaben an, schon kleinere Sie hätten angesichts der star-
rot-rot-grüne Senat für ihre mehr Schuldendienst für ihre Immobi- Investitionen aufzuschieben. ken Nachfrage »auf erhebliche
als 100 Jahre alten Wohnungen lien zu stemmen. Vier Prozent Bei größeren Maßnahmen Wertsteigerungen ihrer Immobi-
besonders niedrige Quadrat- der Befragten waren nicht mehr waren es sogar knapp 60 Prozent. lien spekulieren« können. MIK

Lufthansa spart um bei Bedarf auf sich ver- Ärger um


ändernde Marktgegebenheiten
bei Lounges eingehen zu können«, heißt es Filialschließungen
LUFTFAHRT Für Vielflieger der im Konzern. In den derzeit bei Douglas
Lufthansa wird das Reisen künf- geöffneten Lounges ist der Ser-
tig weniger komfortabel. Wohl vice reduziert, Reisende be- HANDEL Die Parfümeriekette
auch wegen der angespannten klagen teilweise überfüllte War- Douglas sieht sich neuer Kritik
wirtschaftlichen Lage hat der tesäle und ein überschaubares an ihrem Sparprogramm aus-
Frankfurter Konzern entschieden, gastronomisches Angebot. Am gesetzt. Anlass ist die Entschei-
nach der Coronakrise die Luft- 1. September will Lufthansa dung des Dufthändlers, drei
hansa-Lounges an den Flug- ihre 1800 Quadratmeter große Filialen in Düsseldorf zu schlie-
häfen in Bremen, Dresden, Köln/ Luxus-Lounge »First-Class- ßen, darunter das Traditions-
Bonn, Leipzig, Nürnberg Terminal« am Flughafen Frank- haus an der Königsallee. Ende
sowie im indischen Neu-Delhi furt wiederöffnen. Dafür soll Januar ist dort Schluss, 32 Ar-
nicht wieder zu öffnen. Das Aus eine First-Lounge im Terminal 1 beitsplätze fallen weg. Dabei soll

Melina Mörsdorf / laif


weiterer Standorte schließt vorübergehend geschlossen nur wenige Wochen später
Lufthansa nicht aus. Man schaue werden. Ein Parallelbetrieb sei und wenige Meter entfernt ein
sich das »Lounge-Portfolio wirtschaftlich nicht möglich, neuer Standort entstehen. Auf
grundsätzlich kontinuierlich an, so Lufthansa. MUM 1000 Quadratmetern plant
die Kette einen »Luxus-Store«. Müller
Allerdings sollen die Mitarbei-
ter der Schließungsfiliale offen- Filialschließungen angewandt
bar nicht dorthin wechseln. werden könnte. Schon im
Stattdessen gliedert Douglas vergangenen Sommer hatte
das Luxuskonzept in eine eigene Douglas mit einem ähnlichen
Gesellschaft aus. Auf dort Konstrukt für Ärger gesorgt, als
geschaffene Positionen könnten in München eine prominente
sich dann alle Angestellten aus Filiale zugemacht wurde. Kurz
Düsseldorfer Schließungsfilia- darauf wurde ein paar Häuser
len bewerben, so Deutschland- weiter ein neuer »Megastore«
chefin Nicole Nitschke. Sie sieht als eigene GmbH eröffnet. Da-
in dem Konzept ein »Leucht- mals waren kaum Angestellte
turmprojekt«, das den »Weg in übernommen worden. Douglas-
Florian Generotzky

die Zukunft der Filialen« weise. Chefin Tina Müller, die das
Arbeitnehmervertreter hal- Unternehmen auf einen Börsen-
ten das Vorgehen indes für eine gang vorbereitet, hatte verspro-
Umgehung des Kündigungs- chen, so etwas werde es mit ihr
First-Class-Lounge der Lufthansa am Flughafen München schutzes, das auch bei künftigen nicht noch einmal geben. SBO

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 67


WIRTSCHAFT

Elementare Teilchen
CHIPKRISE Der Halbleitermangel trifft Europas Industrie hart, allen voran die Autokonzerne.
Viel zu spät will die EU nun mit Milliardensubventionen gegensteuern und den Bau
modernster Fertigungsanlagen fördern. Doch sie setzt die falschen Prioritäten – und ist zu langsam.

Arno Burgi / dpa

Chipfertigung in Dresden: »Die Welt wartet nicht auf Europa«

68 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


WIRTSCHAFT

D ie große Hoffnung der Auto-


industrie verbirgt sich in einer
35 Meter hohen Halle mit ei-
ner Hülle aus Aluminium. Ein Freitag
den, weil der Nachschub an Halblei-
tern stockt. Bänder stehen still, Tau-
sende Mitarbeiter müssen wochen-
weise in Kurzarbeit.
Deutscher
Zwerg
Die aktuelle Krise ist daher auch
ein letzter Weckruf. Denn die kleinen
Hardware-Teilchen sind eine strate-
gische Ressource – für das Internet
Anfang August, der Neubau auf dem Das neue Infineon-Werk ist da im- Die größten der Dinge, Anwendungen der künst-
Halbleiter-Campus von Infineon am merhin ein kleiner Hoffnungsschim- Mikrochiphersteller lichen Intelligenz, das autonome Fah-
nach Umsatz 2020,
Rande von Villach in Kärnten glänzt mer – so wie die erst im Juni eröffnete in Mrd. Dollar
ren und kommende neue Mobilfunk-
in der Sommersonne. Auch Thomas neue Chipfabrik von Bosch in Dres- standards. Geheimdienste haben sie
1. Intel, USA
Reisinger strahlt, vor Stolz. den. Hoffnung, dass sich Deutschland zu einer Angelegenheit der nationa-
73,9
Der Produktionsvorstand der öster- und Europa womöglich irgendwann len Sicherheit erklärt: Sie fürchten,
reichischen Infineon-Tochter streift aus der gefährlichen Abhängigkeit 2. Samsung, Südkorea dass Chips aus der Ferne zu Spiona-
sich einen weißen Ganzkörperanzug asiatischer Konzerne, vor allem des 60,5 ge- oder gar Sabotagezwecken miss-
samt Kopfhaube über. Ein Gebläse fegt taiwanischen Chipgiganten TSMC, braucht werden könnten.
3. TSMC, Taiwan
letzte Staubkörner von seinem Overall. befreien können. Denn der Stillstand Und so bläst die EU-Kommission
45,4
Reisinger kann nun ins Allerheiligste bei Autoherstellern und Zulieferern erneut zur Aufholjagd. Wirtschafts-
seiner neuen »Fab«, seiner Fabrik, tre- kostet Wachstum. 4. SK Hynix, Südkorea kommissar Thierry Breton hat das
ten: den Reinraum, das Herzstück des Im Januar sandte Wirtschafts- 26,5 Ziel ausgegeben, dass Europa bis 2030
Werks. minister Peter Altmaier (CDU) einen möglichst 20 Prozent der benötigten
5. Micron, USA
Unter der Decke befördern Behäl- Bettelbrief an Taiwans Regierung, die Chips innerhalb der eigenen Grenzen
21,7
ter in der Größe von Bierkästen deutschen Autobauer doch bitte nicht produziert. Angela Merkel bezeichne-
hauchdünne Siliziumscheiben von zu vergessen und bevorzugt zu belie- 6. Qualcomm, USA te es in ihrer letzten Sommer-Presse-
einer Werkstation zur nächsten. In fern. Das sei »von herausragender in- 19,4 konferenz im Juli als »eine der zentra-
bis zu 1200 Arbeitsschritten werden dustriepolitischer Bedeutung«, nicht len Aufgaben«, in Sachen Chips »welt-
7. Broadcom, USA
hier vollautomatisch jene Schaltkreise bloß für den deutschen Standort. Ge- führend« zu werden.
erzeugt, die den Halbleitern ihre er- holfen hat es nicht. Die Chipgiganten 17,1 Die Aufgabe dürfte indes schwierig

...
staunlichen Fähigkeiten verleihen. werden von allen Seiten bestürmt. bis unmöglich sein. Längst hat ein Mil-
Fast drei Jahre ist es her, dass der Das Bittstellerschreiben kommt 10. Infineon, Deutschland liardenwettstreit der Supermächte be-
Dax-Konzern mit dem Aufbau seiner einer industriepolitischen Bankrott- 11,1 gonnen. US-Präsident Joe Biden will
Chipproduktion in Österreich be- erklärung gleich. Schon seit Jahrzehn- S Quelle: IC Insights
 die heimische Chipproduktion mit
gann. Vor wenigen Tagen konnte Rei- ten versucht die Bundesregierung mit 52 Milliarden Dollar ankurbeln. Im
singer nun intern das Startsignal ge- Subventionen und Steuererleichte- Juni ging sein »Chips for America Act«
ben: »We are ready for production.« rungen, die heimische Chipindustrie durch den Senat. Chinas KP hat eben-
Es kann losgehen. anzukurbeln. Von einem »Airbus of falls ein Megainvestitionsprogramm
»Es ist phänomenal, das neue Chips« träumte auch die EU-Kom- aufgelegt. Insgesamt 1,4 Billionen Dol-
Werk in dieser Situation und drei Mo- mission 2012 und gab als Ziel aus, lar hat die Regierung für Technologie-
nate früher als geplant hochfahren Europa müsse bis 2020 etwa 20 Pro- förderung ausgelobt, um mit Taiwan
und damit schneller liefern zu kön- zent zur weltweiten Chipproduktion und den USA gleichzuziehen.
nen«, sagt der Infineon-Mann. beisteuern. Brüssel erklärte die Halb- Dieser Koste-es-was-es-wolle-Men-
Diese Situation, das ist die gro- leiterfertigung zum »wichtigen Pro- talität hat Europa bisher wenig ent-
ße Chipkrise. Seit Monaten durch- jekt im gemeinsamen europäischen gegenzusetzen. Wie viel Geld die EU
kreuzt der Mangel an Halbleitern Interesse« (Ipcei). bereit ist auszugeben, steht nicht fest.
die Geschäftspläne europäischer Un- Passiert ist seither wenig. Asiati- Dabei drängt die Zeit, gleich mehrere
ternehmen, wirft den Absatz ganzer sche Anbieter haben ihren Vorsprung Global Player schauen sich derzeit
Branchen zurück. Die Lieferanten, ausgebaut. Der EU-Anteil am Welt- nach Produktionsstandorten um.
vornehmlich in Asien angesiedelt, markt liegt noch immer unter zehn Intel-Chef Pat Gelsinger etwa hat
können die boomende Nachfrage Prozent, Tendenz zuletzt eher sin- während einer Europatour im Kanz-
nicht mehr bedienen. Die Minibau- kend. Unter den Top Ten der Chip- leramt vorgefühlt, was neue Werke
Infineon-Chef Ploss:
teile braucht es überall: in Mobil- hersteller fand sich voriges Jahr mit »Neue Kapazitäten
der Bundesregierung wert wären.
telefonen, Haushaltsgeräten, Spiel- Infineon genau ein europäisches Un- aufzubauen dauert Der Amerikaner hatte eine verlo-
konsolen, Tablets und Notebooks, in ternehmen – auf Platz zehn. lange« ckend klingende Offerte im Gepäck.
der Medizintechnik genauso wie in Intel will gleich zwei »Mega-Fabs« er-
Anlagen für erneuerbare Energien. richten, für jeweils rund zehn Milliar-
Und, natürlich, in Autos. Scheiben- den Euro, sechs weitere sollen später
wischer, Fensterheber, Klimaanlagen folgen. Der Haken: Vier Milliarden
und Parkassistenten – ohne Chips Euro pro Werk soll der Staat zuschie-
läuft in modernen Fahrzeugen gar ßen, als Willkommensgeschenk. Tat-
nichts. sächlich sind Zuschüsse und Beihilfen
Die Folgen der Knappheit sind von 20 bis 40 Prozent in den USA
überall zu spüren. Die Auslieferung und China inzwischen üblich.
von Apples jüngstem iPhone ver- Die Aussicht auf Fördermilliarden
zögerte sich, viele Spielkonsolen sind hat auch den weltgrößten Auftrags-
Axel Griesch / Finanzen Verlag / laif

seit Monaten nur schwer zu bekom- fertiger TSMC hellhörig gemacht.


men, auch Kameras wurden knapp. Man erwäge, erstmalig ein Werk in
Die Autohersteller trifft es besonders Europa zu errichten, sagte dessen
hart. Egal ob bei BMW in Dingolfing, Chef unlängst. Deutschland werde als
bei Daimler in Sindelfingen oder bei Standort »ernsthaft geprüft«.
VW in Wolfsburg: Immer wieder Hierzulande konzentriert sich die
muss die Produktion gedrosselt wer- Branche hauptsächlich auf Dresden,

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 69


WIRTSCHAFT

das sich zum führenden europäischen Chip- hält Kleinhans ebenfalls für falsch. Wichtiger
standort entwickelt hat. Neben dem neuen sei der vorgelagerte Produktionsschritt, das
Bosch-Werk und einer Infineon-Niederlas- Chipdesign. Dort sei Europa fast blank. »Im
sung betreibt der Konzern Globalfoundries Chipdesign werden die Technologien der Zu-
in Sachsen Europas bislang größtes Halblei- kunft gestaltet, hier steckt das größte Wert-
terwerk mit 3000 Mitarbeitern. schöpfungspotenzial«, sagt Kleinhans. In den
Vorige Woche schaute Armin Laschet dort Brüsseler »Megafab«-Plänen sehe er hin-
auf seiner Wahlkampftour vorbei. »Wir brau- gegen »ein großes Risiko, dass Steuergelder
chen Chipautonomie«, erklärte der Kanzler- ohne echten Mehrwert verpulvert werden«.
kandidat der Union. Es könne die »industriel- Es wäre nicht das erste Mal.
le Substanz Deutschlands gefährden, wenn Reinhard Ploss weiß, wie teuer der Ver-
wir nicht selbst autark werden«. such enden kann, im Chipgeschäft ganz vorn
Seine Gastgeber versprachen weitere In- mitzuspielen. Ploss ist Vorstandschef von In-
vestitionen in den Ausbau des Standorts. Eine fineon, er sitzt in einem Konferenzsaal der
neue Fabrik wird das Unternehmen aber erst Firmenzentrale in Neubiberg bei München.
mal nicht in Sachsen, sondern in Singapur er- Künstlich angelegte Kanäle durchziehen das
richten. Intel will in den nächsten Monaten Areal, der »Campeon« des Chipherstellers

Alberto Bernasconi / laif


über Standorte entscheiden. wirkt darin wie eine Insel.
Wirklich viel zu bieten haben die Europäer Ploss hat den Neubau im österreichischen
nicht. Noch immer laufen die Planungen für Villach in Auftrag gegeben. Die Örtlichkeiten
die lang angekündigte zweite EU-Chip- kennt er gut. Der heute 65-Jährige war dort
Förderwelle (Ipcei 2). Zwei Brüsseler Gene- VW-Produktion des iD.3 in Zwickau
einst Technologieleiter – Anfang der Neun-
raldirektionen sind für das Programm ver- zigerjahre, als Infineon noch keine eigenstän-
antwortlich, sie müssen sich dazu mit den sie in den Werken von Bosch und Infineon dige Aktiengesellschaft war, sondern eine Sie-
22 Mitgliedstaaten koordinieren, die teilneh- hergestellt werden. mens-Tochter.
men wollen. Das scheint schwierig zu sein. EU-Kommissar Thierry Breton will mittel- Schon damals hat die Politik versucht, mo-
Bereits im März hatte der Branchenver- fristig jedoch auch bei den Hochleistungs- derne Fertigungsanlagen ins jeweilige Land
band Silicon Saxony einen offenen Brief an chips aufschließen. Der Franzose träumt von zu holen, und mit Subventionen gelockt. Sie-
die deutsche Politik verfasst: »Die Welt war- einer hochmodernen Zwei-Nanometer-Ferti- mens entschied sich 1995, ein Chipwerk in
tet nicht auf Europa«, hieß es darin. Seither gung in der EU, die eine zweistellige Milliar- Nordengland zu bauen, für 1,7 Milliarden
habe sich die Situation »leider weiter ver- densumme verschlingen würde. Mark. Die Gegend war vom Niedergang des
schärft«, sagt Geschäftsführer Frank Bösen- Jan-Peter Kleinhans, Leiter Technologie Fischfangs gebeutelt. Die britische Regierung
berg. »Die Lücke zwischen Ankündigungen und Geopolitik bei der Berliner Stiftung Neue feierte sich für die hoch subventionierte Neu-
und Umsetzung ist zu groß, wir brauchen auf Verantwortung, hält ein solches Vorhaben ansiedlung und 1200 neue Arbeitsplätze. Die
EU-Ebene dringend mehr Tempo und Ver- für »aussichtslos«. Es gehe zudem »völlig Queen kam zur Eröffnung, wie sich der da-
lässlichkeit.« Ansonsten drohe man sehr am realen Bedarf des europäischen Marktes malige Siemens-Chef Heinrich von Pierer in
schnell noch weiter zurückzufallen. »Ent- vorbei«. seinen Memoiren erinnert. In seiner Rede
scheidungsfristen von einem Jahr kann man Es gebe in Europa derzeit kein einziges pries er »Europas Wettbewerbsfähigkeit in
sich im aktuellen Wettbewerb schlicht nicht Unternehmen, das auf solche Chips angewie- der Mikroelektronik«.
leisten.« sen sei, sagt Kleinhans. Stattdessen herrsche Ein Jahr später bereits suchte Siemens für
Fehlende Geschwindigkeit ist nicht Euro- ein Riesenbedarf bei Größen zwischen 10 und das Werk dringend einen Käufer. Die welt-
pas einziges Problem. Einmal mehr könnte 28 Nanometern. weiten Überkapazitäten hatten den Preis für
die Brüsseler Industriepolitik an der Frage Die Träume von einer »Chip-Autonomie« die in Großbritannien gefertigten Teilchen
scheitern, ob sie die richtigen Prioritäten hält der Experte für illusorisch, dafür sei die ins Bodenlose stürzen lassen. Die Mikroelek-
setzt – oder besser: auf die richtigen Chips. Fertigung viel zu arbeitsteilig. Auch in den tronik riss ein Loch von 1,2 Milliarden Mark
Denn Mikrochips sind nicht gleich Mikro- nächsten zehn Jahren sei eine solche Autono- in die Siemens-Bilanz. Wenig später gliederte
chips. Bei den Hochleistungschips geht es vor mie für kein Land der Welt erreichbar. »Wer der Konzern die Katastrophensparte aus und
allem um Miniaturisierung: Je kleiner die das zum politischen Ziel erklärt, hat weder die brachte sie unter dem Kunstnamen Infineon
Transistoren, desto mehr von ihnen passen Wertschöpfungskette noch die Bedürfnisse der an die Börse.
darauf. Die modernsten Fabriken können sie- eigenen Industrie verstanden.« Die Abspaltung von Siemens sei der rich-
ben und fünf Nanometer kleine Transistoren Dass sich die Politik fast ausschließlich auf tige Schritt gewesen, sagt Ploss. Es hat den
fertigen. Ein Nanometer entspricht einem neue Werke für die Fertigung konzentriere, Konzern befreit. Infineon ist heute gut 44 Mil-
Millionstel Millimeter. Aktuell sind nur liarden Euro wert, der Börsenkurs hat sich seit
TSMC und Samsung in der Lage, größere März 2020 verdreifacht. Nach einigen Höhen
Stückzahlen dieser Chips herzustellen. Als Abgeschlagene Europäer und Tiefen gehört die Firma zusammen mit
Nächstes sind drei und zwei Nanometer an- Bosch, NXP und ST Microelectronics zu den
gepeilt – damit könnten bald 50 Milliarden Weltweiter Umsatz mit Mikrochips, verbliebenen Hoffnungsträgern der europäi-
Prognose für 2025, Anteile in Prozent
Transistoren auf einen Chip der Größe eines schen Chipindustrie.
Fingernagels passen. China Asien/Pazifik Für die kommenden Jahre erwartet Ploss
Der Vorsprung der Asiaten gegenüber 34 % 28 % ein durchschnittliches Umsatzwachstum von
Europa beträgt nach Ansicht von Experten neun Prozent. Die Chipnachfrage bleibe
zwischen 15 und 20 Jahren. Gebraucht wer- insgesamt auf absehbare Zeit stabil, auch dank Wachs-
den die schnellen und energieeffizienten Japan
602 tumstreibern wie der Energiewende und der
Mrd. Dollar
Chipboliden vor allem für Smartphones und 8% Elektromobilität.
Computer. Von der Idee, eine Branchengröße wie In-
Bei anderen Halbleiterbauelementen steht Europa Amerika tel mit Milliardenhilfen nach Deutschland
Europa besser da: bei Sensoren etwa oder 9% 21% zu locken, hält der Infineon-Chef »nur dann
Microcontrollern für die Autoindustrie, wie S Quelle: ZVEI, Trendanalyse Juni 2021 etwas, wenn dort Chips entstünden, die eu-


70 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


WIRTSCHAFT

ropäische Industrien wirklich weiterbräch- auch direkt mit asiatischen Herstellern in


ten«. So schnell, wie derzeit mancher hoffe,
»Wir brauchen auf Kontakt. Mehrere Millionen Chips beschaffte
lasse sich der Engpass nicht beheben, mahnt EU-Ebene dringend sich der Konzern zudem über sogenannte
Ploss. »Abbremsen und herunterfahren kön- Broker, also Zwischenhändler.
nen wir in unserer Branche zügig, neue Ka-
mehr Tempo VW-intern gibt es gar Überlegungen, eine
pazitäten aufbauen dauert lange.« Das Werk und Verlässlichkeit.« eigene Chipentwicklung aufzubauen, ähnlich
in Villach wird gerade hochgefahren. Vom wie beim US-Rivalen Tesla, der wichtige
ersten Arbeitsschritt bis zum fertigen Chip Halbleiter selbst designt. Noch fehlt Volks-
kann es auch hier mehrere Monate dauern. wagen das nötige Know-how. Um Hoch-
Für die Autoindustrie sind das schlechte leistungschips zu entwickeln, beispielsweise
Nachrichten. Hersteller und Zulieferer haben Center Automotive Research. Allein in die- fürs autonome Fahren, brauchte der Konzern
die Lage gleich mehrfach falsch eingeschätzt. sem Jahr rechnet er mit weltweiten Umsatz- einen Partner aus der Halbleiterbranche.
Als im Frühjahr 2020 infolge der Coronakri- verlusten von rund 115 Milliarden Euro. VW Und selbst das würde die aktuellen Engpässe
se die Nachfrage einbrach, fuhren viele ihre und Co. würden Vorsteuergewinne von rund nicht beheben. Eine eigene Produktion, de-
Chipbestellungen zurück oder verließen sich 5,7 Milliarden Euro entgehen. ren Aufbau Jahre dauern und Milliarden ver-
auf Zulieferer wie Bosch oder Continental, In den Werken der großen Hersteller schlingen würde, hat VW nicht geplant.
die aber ebenfalls weniger orderten. herrscht daher gedämpfte Stimmung. »Wir Der Druck, schnelle Lösungen zu finden,
Derweil stieg in der IT-Branche der Chip- fahren nicht auf Sicht, sondern im Nebel«, ist enorm. Denn auch hierzulande zieht die
hunger sprunghaft. Die Menschen rüsteten sagt ein VW-Beschäftigter. Mitarbeiter er- Autokonjunktur nach monatelanger Pande-
sich für Homeoffice und Homeschooling mit führen teils erst wenige Tage vorher, ob ihre miepause wieder an. Volkswagen meldet
neuen Tablets und Notebooks. Als der Auto- nächste Schicht stattfindet oder nicht. VW eine rekordverdächtige Auftragslage, Audi-
markt in China wieder ansprang, waren die begründet den jüngsten Engpass mit den Verkäufer berichten von Lieferzeiten bei
Kapazitäten längst anderweitig vergeben. Lockdowns in Taiwan und Malaysia. neuen Modellen von bis zu einem Jahr.
Seither haben sich die Machtverhältnisse Seit Ende 2020 versucht eine 40-köpfige In Villach steht Mitte September nun erst
verschoben. »Bis vor Kurzem betrachteten Taskforce bei Volkswagen, die Produktion am mal die offizielle Eröffnung an. Der gewach-
Autobosse Chips als Schüttgut aus Asien und Laufen zu halten. Dabei greift sie zu unkon- sene Stellenwert der Branche lässt sich an
feilschten um jeden Cent«, sagt ein Branchen- ventionellen Mitteln: Die VW-Tochter Por- der Gästeliste ablesen: Mehrere österrei-
insider. Nun lernen sie, dass sie ohne die Chip- sche etwa baut Autos mit »Chip-Dummys«, chische Kabinettsmitglieder und Kanzler
hersteller nicht können, die aber sehr wohl reinen Attrappen, die ausgetauscht werden, Sebastian Kurz haben sich angekündigt.
ohne die Autoindustrie. sobald wieder Halbleiter verfügbar sind. Es wird in den Grußworten, so viel ist
Die Folgen der Halbleiterkrise werden die Statt Chips wie bisher ausschließlich über sicher, um Europas Visionen für die Chip-
Autobosse noch bis 2023 spüren, prognosti- Zulieferer wie Bosch oder Continental zu be- branche gehen. Wieder einmal.
ziert Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des sorgen, treten die VW-Einkäufer mittlerweile Simon Hage, Martin Hesse, Marcel Rosenbach I

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WIRTSCHAFT

nien gegründeten Hilfsfonds für be-


larussische Oppositionelle 2000 Ru-
bel bekommen hatte – kleine Beträge,
wie gut 3000 andere Menschen
auch?
Nach mehreren Nachfragen mel-
dete sich die Bank schließlich. Im
Januar teilte sie ihm mit, eine An-
weisung eines Investigativkomitees
erhalten zu haben, offenbar eine
Art staatsanwaltschaftliche Polizei-
behörde, die Oppositionellen hinter-
herspitzelt. Deren Vorwurf: Der
britische Fonds habe zusammen mit
der Oppositionsführerin Swetlana
Tichanowskaja Geld gesammelt, um
Protestaktionen in Belarus zu unter-
stützen. Eine Mitarbeiterin des Fonds
schätzt, dass allein bei der Priorbank
mindestens 100 Kunden von der Be-
schlagnahmung ihres Geldes betrof-
fen sind.
Die Raiffeisen-Tochter wäre ein
geeignetes Ziel von EU-Sanktionen

Lisi Niesner / REUTERS


gewesen – eine Bank, die Lukaschen-
ko zu Diensten war: Noch im Juni
2020 arrangierte sie eine Staats-
anleihe über 1,4 Milliarden Dollar für
Belarus, obwohl damals schon zwei
Kandidaten für die anstehende Prä-
sidentschaftswahl in Haft saßen.
Doch die Priorbank landete eben-
so wenig auf der Liste der sanktio-

Im Dienste des Diktators nierten Unternehmen wie der Mobil-


funkanbieter A1 Belarus, Tochter der
Telekom Austria. Der kappte seinen
Kunden vergangenes Jahr auf Geheiß
der Behörden bei Demonstrationen
SANKTIONEN Die EU empört sich über den belarussischen Machthaber
den mobilen Internetzugang. Öster-
Alexander Lukaschenko, doch die Strafen gegen sein Regime reich, wirtschaftlich eng mit Belarus
fallen erstaunlich milde aus. Einzelne Firmen aus Österreich helfen verbunden und das letzte EU-Land,
der Regierung sogar, Oppositionelle abzustrafen. das Lukaschenko 2019 noch empfing,
gelang es offenbar, etliche heimische
Unternehmen vor den EU-Sanktio-

E s war ein Tag im Spätsommer,


als Olga Poljakow* dachte, sie
würde ihre Kinder nicht mehr
wiedersehen. Bis zu diesem 13. Sep-
den umgebracht.« Ihrem Mann Ser-
gej erging es nicht viel besser. Auch
der IT-Spezialist wurde verhaftet, an
dem Sonntag bereits zum zweiten
nen zu schützen.
Die allerdings erweisen sich ohne-
hin als halbherzig.
Nachdem Lukaschenkos Schergen
tember vergangenen Jahres hatte sie Mal. Eine Woche später waren beide im Mai einen Passagierjet auf dem
mit Tausenden Menschen dem bela- zwar wieder frei. Da ihnen aber eine Weg nach Litauen zur Landung in
russischen Diktator Alexander Luka- Anklage wegen Massenunruhen und Minsk gezwungen hatten, um den
schenko die Stirn geboten. Grodno, Gefängnis drohte, flohen sie mit den Oppositionellen Roman Protasse-
ihre Heimatstadt im Westen des Lan- drei Kindern in die Ukraine. witsch zu verhaften, war die Empö-
des an der Grenze zu Polen und Li- Auch dort stellte ihnen das Regime rung in der EU groß. Kommissions-
tauen, galt neben Minsk als Zentrum nach. Anfang November konnte präsidentin Ursula von der Leyen
der Opposition. Dort entschuldigte Sergej Poljakow auf einmal kein Geld kündigte an, Brüssel wolle »ein Wirt-
sich sogar der Polizeichef für das bru- mehr von seinem Konto bei der Prior- schaftsprogramm im Wert von drei
tale Vorgehen gegen Demonstranten. bank abheben. Statt eines Guthabens Milliarden Euro so lange zurückhal-
Doch an diesem Septembersonn- von 400 Rubel wies der Kontostand ten, bis Belarus sich an demokrati-
tag schlug das Regime zurück. plötzlich 1000 Rubel Schulden aus, sche Normen hält«. Wenig später
Poljakow berichtet, wie sie wäh- umgerechnet gut 300 Euro. Poljakow wurde klar, dass sich von der Leyens
Staatsgast
rend der Demonstration in einen Wa- rätselte. Die Priorbank, seit 2003 Lukaschenko,
Drohung auf ein noch nicht einmal
gen der Polizei verfrachtet wurde und eine Tochter der österreichischen Österreichs Präsi- beschlossenes Projekt bezog.
sich auf dem Revier vor laufenden Raiffeisenbank, ist die einzige west- dent Alexander Nicht viel wirksamer scheinen die
Überwachungskameras nackt auszie- liche Bank in Belarus, sein Geld wähn- Van der Bellen in konkreten EU-Sanktionen zu sein,
Wien 2019: Halb-
hen musste. »Sie sagten uns, wir wür- te Poljakow dort eigentlich sicher. herzige Sanktionen
die am 24. Juni verkündet wurden.
Lag die Sperrung daran, dass er und Appeasement- Abgesehen von Einreiseverboten für
* Name geändert. kurz zuvor von einem in Großbritan- Legenden 166 Personen aus dem Führungs-

72 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


WIRTSCHAFT

zirkel um Lukaschenko betreffen die einlagen der belarussischen Jung- EU-Parlamentarier den deutschen
Maßnahmen vor allem Handelsbe- familie oder die Rente des belarussi- Rohstoff- Konzern zum Rückzug aus Belarus
schränkungen für Mineralölerzeug- schen Pensionisten sind weiterhin ge- getrieben aufgefordert hatten, wollen die Deut-
nisse und Kalisalze, die etwa in Dün- sichert.« Was die Bank später offen- schen an der Lieferung von Turbinen
gemitteln verwendet werden. bar nicht davon abhielt, Konten von Wichtige belarus- für Gaskraftwerke im Norden des
Die für das Land wichtigen Kali- Oppositionellen zu sperren. sische Güterexporte Landes festhalten. Die jüngsten Er-
in die EU 2020,
ausfuhren – 2020 exportierte das Auch Telekom Austria gibt sich in Mio. Dollar eignisse, so Siemens Energy, seien
Staatsunternehmen Belaruskali fast als Kümmerer. In Belarus diene man besorgniserregend und könnten »kei-
zwölf Millionen Tonnen – seien aller- den 4,9 Millionen Kunden als »alter- Erdölprodukte nesfalls akzeptiert werden«. Die Lie-
dings oft gar nicht betroffen, sagt nativer Telekom-Betreiber«. Solche 1126 ferung der Turbinen diene aber der
Alexander vom Antikrisen-Team der Investments »helfen in erster Linie Holzprodukte Energieinfrastruktur des Landes und
Opposition in Warschau. Seinen dem Regime«, sagt dagegen Sank- 1016 komme allen Bürgern zugute.
Nachnamen möchte er aus Vorsicht tionsexperte Alexander von der Das stimme so nicht, kontert Sank-
nicht veröffentlicht sehen. »Kali- Opposition. Mit über 400 Millionen Kali tionsspezialist Alexander. Die neue
verträge laufen meist ein oder zwei Euro Umsatz und einem Vorsteuer- 196 Energieinfrastruktur, zu der die Gas-
Jahre. Die Sanktionen gelten erst für gewinn von 173 Millionen Euro sei Chemieprodukte kraftwerke gehören, sei vielmehr
neue Verträge nach dem 24. Juni und A1 Belarus 2020 einer der größten 51 stark auf erhoffte Stromexporte zu-
auch nur für einen kleinen Teil da- Steuerzahler in Minsk gewesen. geschnitten.
von.« Über zwischengeschaltete Han- Dass sich der Konzern nach eige- Insgesamt 19 Prozent der Schon gibt es Proteste gegen aus-
belarussischen Exporte
delsfirmen, schätzt die Oppositions- nen Angaben für die Redefreiheit ein- gehen an die EU. ländische Investments, vor allem in
plattform Charter 97, kassiere der Lu- setze, sei ja schön, »nur wir merken S Quelle: Belstat der Holzindustrie. Im belarussischen


kaschenko-Clan rund 150 Dollar pro davon nicht so viel«. Vielmehr habe Smorgon etwa sprachen sich An-
Tonne Exportkali. A1 dem Regime geholfen, Kunden wohner gegen die Erweiterung eines
Schmerzhafter für Lukaschenko auszuspionieren und Internetseiten Spanplattenwerks von Kronospan
wäre es, die europäischen Häfen, vor zu blockieren. A1 verweist darauf, aus, eines österreichischen Familien-
allem die in Litauen, für die belarus- staatlich verordneten Einschränkun- konzerns. Und das nicht nur, weil die
sischen Exporte zu sperren, sodass gen im Netzbetrieb nachkommen zu Rodung der Wälder einen Kahlschlag
Belaruskali den kostspieligen Umweg müssen und dies »für unsere Kunden in der Region bedeutet.
über Russland nehmen müsste. Das transparent gemacht« zu haben. Holz sei das »neue Erdöl«, so
ist bisher nicht geschehen. Auf die Frage, ob A1 Verhaftungen Alexander: Die weltweiten Exporte
Stattdessen scheinen sich europäi- ermöglicht habe, indem man auf aus Belarus stiegen 2020 auf rund
sche Regierungen wie Unternehmen Geheiß des Geheimdienstes Handy- 1,6 Milliarden Dollar. Kronospan
mit Appeasement-Legenden zu be- daten von Nutzern übermittelte, äu- wollte sich nicht äußern. Dem öster-
ruhigen. Man habe keinen »Entschei- ßert sich Telekom Austria nicht di- reichischen Eigner Peter Kaindl be-
dungsspielraum« gehabt und müsse rekt. Wie in allen europäischen Staa- scheinigte Lukaschenko bei einem
die Vorgaben der Behörden umset- ten seien Telekomunternehmen ver- gemeinsamen Werksbesuch 2017,
zen, heißt es etwa bei Raiffeisen. pflichtet, »Sicherheitsorganen Über- »gewissenhaft und ehrlich« zu ar-
Keine Wahl, diktatorischen Erlas- wachungsmaßnahmen zu ermög- beiten, wie die regimetreue Agentur
sen zu folgen? Keine Wahl, durch lichen«. Ansonsten halte man sich Belta berichtete.
Kontosperrungen in Eigentumsrechte »strikt an die jeweiligen gesetzlichen Auch ein zweites österreichisches
einzugreifen? Vorgaben«. Unternehmen, HS Timber, plant,
So einfach könnten es sich Unter- Beruhigend klingt das nicht. Zu- ein Werk in Belarus zu bauen. Beide
nehmen nicht machen, sagt Markus mal die Gesetze dem Wohlwollen Lu- Firmen waren Anfang des Jahres in
Krajewski, Professor für Öffentliches kaschenkos unterliegen. Im vergan- Rumänien zu Millionenstrafen we-
Recht und Völkerrecht an der Univer- genen September ließ der Staatschef gen Wettbewerbsverstößen verur-
sität Erlangen-Nürnberg. Von Firmen wissen, in diesen Zeiten könnten be- teilt worden.
wie Raiffeisen oder Austria Telekom, stehende Regeln nicht unbedingt ein- Logo der Priorbank Den Grundstein für das neue Werk
in Minsk:
die klaren Einfluss auf ihr belarussi- gehalten werden. Kontosperrungen
legte HS Timber im vergangenen
sches Geschäft haben, verlangten die Ähnlich wie die Österreicher rea- auf Anweisung der Dezember. Es war die Zeit, als Olga
Uno-Leitprinzipien, auf Menschen- giert auch Siemens Energy. Obwohl Behörden und Sergej Poljakow bereits über ei-
rechtsverletzungen zu reagieren. nen Umzug nach Polen nachdachten,
»Und reagieren heißt nicht, eine Mail die Ukraine schien nicht mehr sicher.
des Bedauerns an die Kunden zu Ein Foto von Olga war bereits auf
schreiben, sondern bei der Regierung einer Fahndungsliste der Polizei in
vorstellig zu werden und gegebenen- Grodno zu sehen.
falls vom Investment zurückzutre- Was sein gesperrtes Konto angeht,
ten.« Nationale Bestimmungen und hat die Raiffeisenbank Sergej Polja-
internationales Recht einzuhalten wi- kow den Tipp gegeben, Rechtsmittel
derspreche sich in solchen Fällen: einzulegen. Der Raiffeisen-Konzern
Andrey Rudakov / Bloomberg / Getty Images

»Hier gibt es nur entweder – oder.« hat derweil sicherheitshalber Rück-


Im Fall Belarus greifen westliche stellungen über 30 Millionen Euro
Firmen und Politiker indes lieber auf für belarussische Kunden gebildet,
das in der Zusammenarbeit mit deren Konten, ähnlich wie bei Polja-
Schurkenstaaten beliebte Narrativ zu- kow, gesperrt wurden. Gleichwohl ist
rück, nur zum Wohl der Bevölkerung man sich bei der Bank sicher, einen
zu handeln. Das österreichische Au- »signifikanten« Beitrag zur wirtschaft-
ßenministerium etwa ließ mit Blick lichen Liberalisierung des Landes ge-
auf die Priorbank wissen: »Die Spar- leistet zu haben. Nils Klawitter I

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 73


WIRTSCHAFT

ab, die Fixkosten fürs Auto, für Ben-


zin, Parkplatz und die Auslagen für
ihren Steuerberater. Da bleibt nicht
mehr viel zum Leben übrig. »Meine
Existenz ist bedroht«, klagt sie.
Maklerinnen und Makler sind vie-
les gewohnt – Geldsorgen gehören
eher nicht dazu. Der Beruf stand
jahrelang für anstrengungsloses Ab-
kassieren. Der Boom am Häuser- und
Wohnungsmarkt füllte ihnen zuver-
lässig die Taschen. Schneller als die
Provisionen wuchs allenfalls der
Groll der Käuferinnen und Mieter,
die sich oft fragten, wofür genau sie
eigentlich diese absurd hohen Beträ-
ge bezahlen.
Ist damit jetzt Schluss? Ist das gol-
dene Jahrzehnt der Makler vorbei?
In der notorisch optimistischen Bran-
che redet man nur ungern über Pro-
bleme; aber vielen ergeht es derzeit
wie Rodriguez. Sie leiden unter
erheblichen Umsatzeinbußen. Nur
wenige sind bereit, Einblick in ihre
Geschäftszahlen zu geben – und
wenn, dann anonym.
Es genügt ein Blick in die Schau-
fenster der Maklershops in München,
Berlin oder Hamburg, um zu erken-
nen, wie dürftig das Angebot ist. Der
Großteil der Werbetafeln zeigt Immo-
bilien, die sich entweder auf dem

Lucas Wahl / Agentur FOCUS


Land oder im Ausland befinden und
als »reserviert« oder »verkauft« mar-
kiert sind. »Die Maklerketten füllen
derzeit ihre Schaufenster mit solchen
Objekten auf, damit sie nicht ganz
so leer aussehen«, sagt Rodriguez.
Die Kundschaft soll nicht merken,
wie dünn das Sortiment ist.

»Total kaputter Markt« Auch auf den großen Onlineplatt-


formen ist die Zahl der Offerten über-
schaubar. Wer etwa auf der Website
von McMakler nach einer Eigentums-
wohnung in Hamburg sucht, be-
IMMOBILIEN Makler waren in den letzten Jahren so erfolgreich wie unbeliebt. kommt ganze neun Inserate ange-
Inzwischen bangen die ersten um ihre Existenz. Denn es kommen zeigt, viele davon in Randlagen. In
kaum noch Objekte auf den Markt, etliche Verkäufer wollen sich die Provision Städten wie Köln, München und
sparen. Mancher verzweifelte Vermittler greift schon zu miesen Tricks. Frankfurt sieht es kaum besser aus.
Zwar sind die Preise für Immobi-
lien in der Coronakrise weiter gestie-

B is zuletzt lief es ziemlich gut


für Carmen Rodriguez*. Die
Maklerin verkauft in Mün-
chen hochpreisige Wohnungen, für
Der Münchner Immobilienmarkt
ist seit Anfang des Jahres wie leer
gefegt; es kommen kaum noch neue
Objekte auf den Markt. Vor allem das
gen, weil die Nachfrage nach Wohn-
raum ungebrochen hoch ist, aber es
kommen einfach zu wenige Häuser
und Wohnungen auf den Markt. »Ich
eine große deutsche Immobilienfir- Luxussegment, das zuverlässig hohe werde von Kaufinteressenten über-
ma. Zu ihren Kunden zählen reiche Provisionsumsätze lieferte, liegt da- rannt und kann ihnen nichts anbieten,
Geschäftsleute, viele davon aus dem nieder. Rodriguez hat seit Anfang des weil die Immobilien fehlen«, sagt
Ausland, die in München nach Anlage- Jahres gerade mal ein Objekt vermit- eine Hamburger Maklerin.
objekten suchen. Rodriguez erwirt- telt und damit eine Courtage von Eine Auswertung des Immobilien-
schaftete im Schnitt 350 000 Euro 47 000 Euro erzielt – ein Bruchteil maklers Homeday für den SPIEGEL
Provision jährlich. »Das war eine tol- von dem, was sie in Normalzeiten belegt den bundesweiten Rückgang:
le Zeit«, sagt die 63-Jährige. Sie sitzt schafft. Gut 38 Prozent davon, also Im ersten Halbjahr 2021 standen in
auf einem Golfplatz in der Nähe eines rund 18 000 Euro, darf sie behalten, Maklerfürst Völkers: Deutschland rund 277 000 Objekte
Schneller als
bayerischen Sees, denn sie hat Zeit. der Rest geht an die Maklerfirma für die Provisionen wuchs
neu zum Verkauf, gut 41 000 weniger
die sie als Selbstständige arbeitet. nur der Groll der als im Vorjahreszeitraum. Das Portal
* Name geändert. Von ihrem Anteil gehen noch Steuern Käuferinnen und Mieter hat für die Auswertung Daten aus

74 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


WIRTSCHAFT

mehr als 400 Quellen genutzt. In Bayern ist nicht auf das Einzelgeschäft. In der Regel lie- Engel & Völkers ist mit seinem Geschäfts-
das Angebot geradezu eingebrochen: Die ge der Courtageanteil der Immobilienberater modell durchaus attraktiv: für Investoren.
Zahl der neu inserierten Objekte hat sich dort zwischen 30 und 40 Prozent. Vergangene Woche übernahm der Finanz-
im ersten Halbjahr 2021 gegenüber dem Vor- Die ehemalige E & V-Maklerin berichtet investor Permira 60 Prozent der Anteile. Die
jahr mehr als halbiert. In Hamburg lag der von enormem Verkaufsdruck in den Shops. Beteiligungsgesellschaft will das Unter-
Rückgang bei knapp 30 Prozent. Als Beweis zeigt sie das Foto einer internen nehmen digitalisieren und die internationale
Das schrumpfende Angebot hängt auch da- Präsentation. Neben Porträts der Mitarbeiter Expansion vorantreiben. Mitgründer Chris-
mit zusammen, dass die Zinsen weiter auf sind mit rotem Filzstift die Umsätze vermerkt. tian Völkers dürfte an dem Deal gut verdient
Rekordtief verharren. »Für viele Eigentümer Die Spitzenreiterin des Rankings erzielt haben, er besaß zuletzt rund 45 Prozent
kommt ein Verkauf nicht infrage, weil sie gar 123 722,50 Euro, die Sechstplatzierte schafft der Anteile. Der 65-Jährige gilt als Poster-
nicht wissen, wohin sie dann mit dem Geld gerade mal 14 850 Euro. »Es wird mit Absicht boy der Zunft. Er spielt Polo und besitzt
sollen«, sagt Reiner Braun, Vorstandschef des eine Wettkampfatmosphäre geschaffen.« Die auf Mallorca das Anwesen Son Coll sowie
Berliner Forschungsinstituts Empirica. Die Grundregel laute: »Jeder kämpft für sich.« 15 Hektar Land.
Anlagealternativen fehlten. Selbst in der Coro- Das Unternehmen beschreibt das Firmen- Sandra Schnellbacher* war bei einem klei-
nakrise habe es kaum Panik- und Notverkäufe klima ganz anders. Man lege Wert auf eine neren Wettbewerber von Engel & Völkers an-
gegeben. Verschärfend kommt hinzu: Wenn »respektvolle Unternehmenskultur« und gestellt, auch sie fühlte sich ausgepresst. »Ich
jemand ein Haus verkaufen will, nimmt er im- Teamarbeit, so Vorstand Kai Enders. Jeder wollte nicht mehr länger den Großteil meiner
mer seltener die Dienste einer Maklerin oder Immobilienberater habe ein eigenes Gebiet, Einnahmen abgeben, nur um eine Visiten-
eines Maklers in Anspruch. Grund dafür ist das er exklusiv bearbeite. »Hierdurch wird karte zu erhalten«, sagt sie.
ein neues Gesetz, das die Branche in Aufruhr unfaires Konkurrenzdenken verhindert.« Die 41-Jährige arbeitet inzwischen auf
versetzt hat. Seit Ende Dezember 2020 müs- eigene Rechnung. Seit Jahresbeginn habe sie
sen Verkäufer mindestens die Hälfte der Mak- nur zwei Objekte vermittelt und einen Brutto-
lerprovision tragen. Bisher zahlten oft die Verknapptes Angebot umsatz von 35 000 Euro erzielt. Normaler-
Käufer die komplette Summe. weise schaffe sie mindestens das Doppelte.
Die Courtage ist häufig der größte Teil der Neue Immobilienofferten im 1. Halbjahr 2021, Kürzlich habe sie sich zu einem Trick hin-
gegenüber Vorjahreszeitraum in Prozent
Nebenkosten. In manchen Bundesländern reißen lassen, der in der Branche neuerdings
beträgt sie bis zu 7,14 Prozent der Kaufsum- – 45 – 30 – 15 0 weit verbreitet sei. Sie schlug den vom neuen
me. Kaum irgendwo sonst in Europa ist der bundesweit –13% Gesetz vorgeschriebenen Provisionsanteil
Preis für die pure Vermittlung so hoch. Die des Verkäufers auf den ursprünglich verlang-
Bundesregierung wollte mit dem Gesetz die ten Verkaufspreis drauf. Das Objekt wurde
Käufer entlasten, Bundesjustizministerin Hamburg für den Käufer dadurch um mehrere Zehn-
Christine Lambrecht (SPD) zufolge sollten – 28 % Berlin tausend Euro teurer. »Illegal ist das nicht,
die Nebenkosten spürbar sinken. +6% aber ich habe damit meinen eigenen Kunden
»Viele Eigentümer kümmern sich jetzt verarscht«, sagt sie. Zum Glück habe der im
selbst um den Verkauf«, sagt Braun. Das kos- Internet nicht das ursprüngliche Inserat mit
tet die Makler Hunderte Millionen. dem günstigeren Preis entdeckt. »Es war die
Die Großen wollen von einer Krise trotz- einzige Möglichkeit, überhaupt an die Immo-
dem nichts wissen. Engel & Völkers, deutscher bilie heranzukommen.« Die meisten Verkäu-
Marktführer im Luxussegment, teilte jüngst fer sähen es einfach nicht ein, sich an der
mit, die ersten sechs Monate des Geschäfts- Maklerprovision zu beteiligen.
jahres 2021 »äußerst erfolgreich« abgeschlos- »Die eigentliche Idee des Gesetzes, Käufer
sen zu haben. Vorstandsvorsitzender Sven Bayern zu entlasten, wird dadurch ausgehebelt, denn
– 56 %
Odia beobachtete in einigen Märkten »ein die Preise steigen immer weiter«, sagt Nils
Umsatzwachstum in einem noch nie da gewe- Baden- Kohle, Chef des Immobilien-Start-ups
Württem-
senen Ausmaß«. berg OWNR. Er kauft und renoviert Wohnungen
Wie viel Erlös wirklich bei Engel & Völkers + 5 % und verleast sie an Menschen, die sich einen
landet, lässt sich allerdings nicht nachvoll- Kauf nicht leisten können. Nach anderthalb
ziehen. Ähnlich wie McDonald’s verkauft das S Quelle: Homeday bis vier Jahren Probewohnen können sie ent-


Unternehmen Lizenzen, mit denen Franchise- scheiden, ob sie ausziehen, zur Miete wohnen
nehmer unter dem Markenlogo Shops betrei- bleiben oder die Immobilie erwerben.
ben dürfen – im Gegenzug zahlen sie eine Anteil der über Makler angebotenen Kohle hält den Immobilienmarkt für »total
Eigentumswohnungen in Großstädten,
Gebühr. Gegenüber dem SPIEGEL wollte in Prozent kaputt« und fordert, dass der Gesetzgeber
Engel & Völkers weder aufschlüsseln, wie viel endlich das Bestellerprinzip einführt, das
Umsatz auf die eigenen Shops und die der 1. Halbjahr 2021 1. Halbjahr 2020 bereits auf dem Mietmarkt gilt. Danach zahlt
Lizenzpartner entfällt noch wie hoch die Ein- 0 25 50% 75 100 derjenige für die Vermittlung, der dem Mak-
nahmen aus dem Lizenzgeschäft 2021 im Ver- Dortmund ler den Auftrag erteilt, also in aller Regel der
gleich zu den Vorjahren waren. Frankfurt a. M. Eigentümer. Die Regelung hatte auf dem
Der Marktführer hat nur geringe Personal- Hamburg
Mietmarkt durchweg positive Folgen. Provi-
kosten. Die Makler, die Wohnimmobilien ver- sionen und angebotene Dienstleistungen wur-
Leipzig
mitteln, sind meist nicht angestellt, sondern den besser, weil Makler gezwungen waren,
selbstständig. Statt eines festen Gehalts be- Köln in einen echten Wettbewerb zu treten. Mie-
kommen sie einen gestaffelten Anteil an der Stuttgart terinnen und Mieter wurden entlastet.
erzielten Maklercourtage. Eine ehemalige An- München Einige schwarze Schafe gehen sogar noch
gestellte berichtet von einer Quote zwischen Düsseldorf weiter als Schnellbacher, wie mehrere Bran-
15 Prozent bei einem Provisionsumsatz bis Essen cheninsider erzählen. Nach Abschluss der
65 000 Euro und 25 Prozent ab 250 000 Euro. Berlin
Transaktion überweisen trickreiche Makler
Engel & Völkers teilt auf Anfrage mit, die dem Verkäufer die gezahlten Gebühren zu-
Staffelung beziehe sich auf den Jahresumsatz, S Quelle: Sprengnetter rück. Sie verzichten also auf die Hälfte der


Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 75


WIRTSCHAFT

Provision, um überhaupt noch Geschäfte zu


machen. »Das verstößt gegen das neue Mak-
lerrecht«, sagt Kai-Peter Breiholdt, Fach-
anwalt für Immobilienrecht in Berlin. Erstatte
der Makler dem Verkäufer die Provision,
müsse er auch dem Käufer das Geld zurück-
zahlen. Mit dem Wettbewerbsrecht sei das
nicht vereinbar, sagt Breiholdt.
Christian Evers, 48, war mal Marketing-
vorstand bei Engel & Völkers. Jetzt will er mit
seinem Start-up Evernest den Markt aufrol-
len. Derzeit arbeiten für ihn 60 Makler in
Hamburg und 20 in Berlin. »Wir erwarten,
dass wir in den nächsten drei Jahren in jeder
deutschen Großstadt Marktführer sind.« Da-
nach sollen weitere deutsche Städte und
Europas Metropolen folgen: Barcelona, Paris,
Rom. Im Unterschied zu seinem alten Arbeit-
geber verzichtet Evers auf zwischengeschal-
tete Franchisepartner. Seinen Maklern könne

SPIEGEL TV
er deshalb bessere Konditionen anbieten.
Evers steht auf, geht durchs Großraum-
büro und zeigt auf eine mehrere Quadrat-
Afghanische Ortskraft mit Familie in Kabul
meter große Stadtkarte Hamburgs: Jede der
200 Mikrolagen ist einem Makler zugeteilt.
SPIEGEL GESCHICHTE SPIEGEL TV Dort sollen sie langjährige Beziehungen auf-
DONNERSTAG, 26. 8., 21.45 – 0.10 UHR, SKY MONTAG, 23. 8., 23.25 – 0.00 UHR, RTL bauen, Eigentümer auch mal über den Gar-
und bei allen führenden Kabelnetzbetreibern tenzaun ansprechen. »So kommen wir lang-
Nach uns die Taliban- fristig an Immobilien, die noch gar nicht auf
Entscheidung im Atlantik – Flut dem Markt sind.«
Der U-Boot-Krieg 1939–45 Wie Deutschland mit seinen Evers’ Idee hat Wagniskapitalfonds ange-
Nach anfänglichen Problemen mit afghanischen Ortskräften umgeht lockt. Jüngst investierte der Berliner Investor
Torpedos begann 1940 die Zeit des deut- Project A, der schon bei Deutschlands größ-
schen U-Boot-Kriegs. Aus den Kom- Aufstand gegen die tem Fintech Trade Republic engagiert ist, ge-
mandanten wurden Propagandahelden. Klimakrise meinsam mit anderen rund sechs Millionen
An den besetzten französischen und Aktivisten von Extinction Rebellion Euro in die junge Firma.
norwegischen Küsten entstanden gewal- besetzen Berlin. »Niemand hat auf eine weitere Heerschar
tige U-Boot-Bunker für die Schlacht von schlecht ausgebildeten Maklern gewar-
im Atlantik. Hunderte feindliche Han- tet«, lästert ein Konkurrent. Schon heute
delsschiffe wurden in kurzer Zeit SPIEGEL TV WISSEN schlügen sich viel zu viele Makler um eine
versenkt. Der Nachschub für Großbritan- MITTWOCH, 25. 8., 23.30 – 0.15 UHR, SKY viel zu geringe Zahl von Objekten.
nien drohte zum Erliegen zu kommen. und bei allen führenden Kabelnetzbetreibern Tatsächlich ist das Angebot von Evers und
Eine Reihe von deutschen U-Booten seinen Leuten bisher eher karg: Wer auf der
gelangte mit der »Operation Pauken- Der Feind im Kopf Website des Start-ups nach Immobilien in
schlag« sogar vor die amerikanische Etwa 60 Millionen Menschen in Europa Hamburg sucht, findet gerade mal 15 Objekte.
Küste. Doch dann gelang es den Briten, leiden unter Panik- und Angst- Evers sagt, man liege mit dieser Anzahl voll
die deutsche Funkverschlüsselung attacken. Auslöser sind oft Schicksals- im Plan und wachse stark. Es dauere eben
»Enigma« zu knacken. Aus den Jägern schläge, manchmal treten die ein bisschen, um sich in einen Markt zu gra-
wurden Gejagte – und die Verluste Probleme aber auch unerwartet auf, ben. Erst kürzlich habe er selbst innerhalb
wuchsen von Monat zu Monat. In sechs weil Anzeichen im Vorfeld nicht weniger Tage zwei Immobilien in Berlin für
Jahren Krieg, an deren Ende von den erkannt werden. Besserung oder gar jeweils über zwei Millionen Euro verkauft.
863 im Einsatz befindlichen deutschen Heilung ist dann ohne professionelle Die Münchner Maklerin Rodriguez jeden-
U-Booten 784 untergingen oder auf- Hilfe kaum vorstellbar. SPIEGEL TV falls hat erst mal Corona-Neustarthilfe be-
gebracht wurden, kamen etwa hat Menschen mit unterschiedlichen antragt. 7000 Euro hat sie erhalten. »Das
30 000 deutsche Besatzungsmitglieder Ängsten getroffen und sie in ihrem reicht nicht, um meine Fixkosten zu decken«,
ums Leben. Alltag begleitet. sagt sie. Der Golfklub sei teuer, aber die Mit-
gliedschaft helfe, Zugang zu einem exklusiven
Kundenkreis zu bekommen.
Rodriguez spielt nun mit dem Gedanken,
das Makeln aufzugeben und sich als Verkäu-
ferin in einer Münchner Modeboutique zu
bewerben. Das passe gut, schließlich habe sie
gelernt, wie man mit den Schönen und Rei-
chen umgeht. Doch auch in dieser Branche
läuft es mies, seit durch die Pandemie wohl-
SPIEGEL TV

SPIEGEL TV

habende Touristen aus dem Ausland weg-


bleiben. »Da wird keiner auf mich warten.«
Soldaten auf deutschem U-Boot 1940 Patientin bei Behandlung von Angstzuständen Henning Jauernig I

76 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


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WIRTSCHAFT

Neues Deutschland (VI) Seit mehr als einem Jahr hält die Coronakrise das Land Verantwortlich dafür ist zum einen
im Griff, doch allmählich gerät die Zukunft in den Blick: Wie schaffen wir es, die Politik. So schreibt die EU in ihrer
dass es besser weitergeht? Der SPIEGEL geht dieser Frage in einer Sommerserie nach Plastik-Richtlinie von 2019 vor, dass
und beschreibt Personen und Projekte, die zeigen, welche Innovationskraft PET-Flaschen von 2025 an mindes-
in der Wirtschaft steckt – und dass es Lust machen kann, an morgen zu denken. tens 25 Prozent recycelten Kunststoff
enthalten müssen, ab 2030 müssen
alle Kunststoffflaschen zu 30 Prozent
aus wiederverwerteter Ware beste-
hen. Das sorgt für einen Nachfrage-
schub. Das deutsche Verpackungs-
gesetz treibt zugleich das Angebot

Der Müll-Broker
hoch. Es schreibt ab Anfang kommen-
den Jahres vor, dass Kunststoffabfälle
aus Verpackungen zu mindestens
63 Prozent recycelt werden müssen.
Schiller beobachtet zum anderen
ROHSTOFFE Auf einem Segeltörn in der Karibik geriet der Start-up- »richtig Druck vom Markt«. Nam-
Unternehmer Christian Schiller in einen Plastikstrudel. Aus dem hafte Markenhersteller werben mit
Schockerlebnis wurde eine Geschäftsidee: eine Börse für Altkunststoff. dem Einsatz von Recyclingplastik um
Kundschaft.
Der Brausegigant Coca-Cola wirbt

E in Hai, dachte Christian Schil- werden weltweit hergestellt – pro Mi-


ler im ersten Moment. Der da- nute. Laut Weltbank fallen pro Jahr
mals 33-Jährige war im Januar mehr als 240 Millionen Tonnen Plas-
2018 auf einem Segeltörn in der Ka- tikabfälle an: Verpackungen, Folien,
damit, dass seine in Deutschland ver-
kauften Flaschen zu rund 70 Prozent
aus Recyclingplastik (rPET) bestehen.
In Schweden, den Niederlanden so-
ribik unterwegs. Seine Beine baumel- Einweggeschirr. Recycelt werden da- wie einigen US-Bundesstaaten hat
ten vom Heck ins Wasser, als sie von bisher nur etwa 14 bis 18 Prozent. Coca-Cola nach eigenen Angaben
plötzlich an eine harte Masse stießen. Rund zehn Millionen Tonnen Kunst- schon auf 100 Prozent rPET umge-
Schiller blickte entsetzt nach unten. stoff gelangen am Ende in die Meere. stellt. Lidl hat für sein Mineralwasser
Um seine Beine hatte sich ein dichter »Das ist eine Lkw-Ladung Plastikmüll Saskia einen kompletten Wertstoff-
Müllteppich aus Plastikresten und pro Minute«, sagt Schiller. kreislauf mit eigenen Recyclingfabri-
Algen geschlungen, Hunderte Meter Auch Deutschland, Europas größ- ken aufgesetzt: Die Flaschen beste-
lang und breit. ter Kunststoffproduzent, hat trotz hen im Schnitt zu mehr als der Hälfte,
Das Ruder der Jacht verfing sich Grünem Punkt und Gelbem Sack zum Teil sogar ganz aus Gebraucht-
in dem stinkenden Gemisch, der Skip- keine Kreislaufwirtschaft. Ein großer plastik.
per musste hinabtauchen und es be- Teil des Mülls aus der Gelben Tonne Der weltgrößte Nahrungsmittel-
freien. Schillers Reise von Kolumbien endet in Verbrennungsanlagen oder konzern Nestlé hat sich verpflichtet,
nach Panama war danach nicht mehr wird ins Ausland exportiert. Laut bis 2025 den Einsatz von Neuplastik
unbeschwert. Die Begegnung mit Plastikatlas der Umweltschutzorgani- für Lebensmittelverpackungen um
dem Plastikmüllteppich brachte den sation BUND von 2019 dümpelt die ein Drittel zu kürzen – und knapp
Jungunternehmer ins Grübeln – und Recyclingquote bei 15,6 Prozent. Rund zehn 1,8 Milliarden Euro in die Umstellung
auf eine neue Geschäftsidee. Dabei lassen sich viele Kunststoffe
»Ich habe mich gefragt, wie es sein exzellent wiederverwerten, allen
Millionen auf Recyclingmaterial zu investieren.
»Die Zahlungsbereitschaft ist zur-
kann, dass wir Billionen ausgeben, voran PET, das häufig für Getränke- Tonnen zeit sehr hoch«, sagt Schiller. »Man-
um Erdöl aus dem Boden zu holen – flaschen verwendet wird. Und: Die Kunststoff che sind bereit, für hochwertige Re-
und am Ende landet vieles davon als recycelte Ware bringt den Verkäufern zyklate bis zum doppelten Preis von
Plastikverpackung im Ozean?«, sagt mehr Geld ein als sogenanntes Virgin gelangen Neuware zu bezahlen.« Besonders
Schiller. Bei Metall passiere das nicht. Plastic, also neu produzierter Kunst- begehrt sind etwa durchsichtige PET-
»Das wirft kaum jemand weg. Weil stoff. Denn das Altmaterial ist gefragt
jedes Jahr in Flaschen. Aus ihnen lassen sich nach
die Wiederverwertung Geld bringt.« wie nie. die Meere. dem Zerhäckseln und Einschmelzen
Warum also nicht aus dem Re- wieder durchsichtige PET-Flaschen
cycling gebrauchter Kunststoffe ein gewinnen.
Geschäft machen? Und so gründete Noch tun sich viele Einkäufer
Schiller, 36, Dreitagebart und Maya- schwer, Gebrauchtkunststoff in ver-
Tattoo am Fußgelenk, im Frühling lässlichen Mengen zu beschaffen.
2019 Cirplus, die erste globale Inter- »Der Markt ist völlig intransparent
netbörse für Altplastik. Der Name und kleinteilig«, sagt Schiller. Allein
setzt sich zusammen aus »circular« in Europa gebe es mehr als 1000 Un-
(kreisförmig) und »surplus« (Mehr- ternehmen, die Rezyklate anbieten –
wert). Sein Geschäftspartner Volkan und Zehntausende, die sie benötigen.
Bilici, ein Spezialist für Softwareent- Ideale Voraussetzung für eine Han-
wicklung, hat zwei Jahre in der Kunst- delsplattform.
Cover Images / action press

stoffindustrie gearbeitet. Zusammen Angebot und Nachfrage zusam-


wollen die beiden laut Schiller »eine menbringen, damit kennt sich Schil-
Art Amazon für recycelte Kunststoffe ler aus. 2013 heuerte ihn das franzö-
und Kunststoffabfälle werden«. sische Start-up BlaBlaCar an, eine
Der Bedarf ist jedenfalls groß: Abfallfang im Pazifik Online-Mitfahrzentrale. Schiller soll-
Rund eine Million Getränkeflaschen te das Deutschlandgeschäft aufbauen.

78 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


WIRTSCHAFT

Bertold Fabricius / Pressebild.de


Pionier Schiller: Recyceltes Plastik bringt derzeit mehr Geld ein als neu hergestelltes

Vier Jahre später hatte BlaBlaCar hierzulan- Feinunze Silber oder das Pfund Zucker haben Fälschungen wird das allerdings nicht ver-
de sechs Millionen Mitglieder. die immer gleiche Beschaffenheit, die immer hindern. »Auf dem Markt kommt es immer
Und Schiller? Stieg aus, reiste um die Welt, gleichen Ausmaße, entsprechend schnell und wieder zu Betrugsfällen«, sagt Philipp Som-
bis er dem Müllteppich begegnete. 15 Monate unkompliziert ist der Handel. mer, Experte für Kreislaufwirtschaft bei der
danach startete der Handel auf Cirplus. Rund Bei Kunststoffrezyklaten ist das anders. Deutschen Umwelthilfe. Weil Recyclingplas-
900 Unternehmen sind laut Schiller mittler- »Die Kunden kaufen keine gebrauchte Ware, tik gerade mehr Geld bringt als Neuware,
weile auf der Plattform, 1,2 Millionen Tonnen solange sie sich nicht sicher sind, dass die etikettieren unseriöse Anbieter Virgin Plastic
Plastik werden dort angeboten und gesucht. Qualität stimmt«, sagt Schiller. So könnten als Altware um. Plattformen wie Cirplus
Das entspricht gut einem Fünftel der Menge, Fremdstoffe, beispielsweise Motoröl in einer müssen also sicherstellen, dass Herkunft und
die Europas Recycler im Jahr verarbeiten Plastikflasche, eine ganze Charge verderben. Qualität stimmen.
können. Daher lassen sich Cirplus-Käufer vor dem Cirplus will seinen Kunden daher anbieten,
Noch verlangt Cirplus keine Gebühren für Abschluss oft erst einmal Warenproben vom Material von unabhängigen Experten, etwa
jede erfolgreiche Vermittlung. Das Unterneh- Verkäufer schicken. Das verzögert nicht nur dem Kunststoff-Institut Lüdenscheid, prüfen
men lebt von den Einlagen britischer, schwe- die Transaktion. Es birgt die Gefahr, dass bei- und zertifizieren zu lassen. Tests, Zahlungs-
discher und deutscher Risikokapitalgeber so- de Parteien am Ende die Börse umgehen, um abwicklung und Versand will die Plattform
wie von staatlichen Fördergeldern. Gebühren zu sparen, die Cirplus in Zukunft übernehmen und damit Geld verdienen.
Die Cirplus-App erinnert an ein Flug- erheben will. »Ich bin überzeugt davon, dass Kunst-
oder Hotelbuchungsportal. Links in der Such- »Wir brauchen Standardisierung«, sagt stoffprodukte in einigen Jahren zu einem
maske geben Nutzer an, was sie benötigen: Schiller. Daher haben die beiden Gründer zu- großen Teil aus Rezyklaten bestehen werden.
Kunststoffart, Farbe, das Herkunftsland oder sammen mit dem Deutschen Institut für Nor- Das ist auch ökonomisch sinnvoll«, sagt
einen bestimmten Materialzustand. Rechts pop- mung eine neue DIN-Vorgabe für Kunststoff- Schiller.
pen die passenden Offerten auf: von millime- abfälle initiiert. Sie legt fest, wie Gebraucht- Dann gebe es keinen Grund mehr, Plastik-
terkleinen Plastikgranulat-Linsen bis zu me- plastik künftig klassifiziert wird, etwa nach müll ins Meer zu kippen. Was Schiller einen
terhohen Ballen aus zerquetschten Flaschen. Herkunft, Qualität oder anderen Kriterien. entspannteren Törn ermöglichen würde.
Die Vielfalt ist zugleich das größte Pro- Führende Branchenplayer, vom Dualen Sys- Claus Hecking I
blem von Cirplus, denn sie macht das Ge- tem Deutschland über Remondis Recycling
schäft kompliziert. Auf Rohstoffbörsen wer- bis hin zum Anlagenbauer KraussMaffei, ha- ‣ Lesen Sie in der nächsten Folge
den üblicherweise standardisierte Einheits- ben an der Norm mitgewirkt. Ende 2021 soll Kapitalismus mal anders – die IT-Firma Arineo
produkte gehandelt. Das Fass Brent-Öl, die sie fertiggestellt und angewendet werden. begibt sich in die Hände ihrer Mitarbeiter.

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 79


AUSLAND

JFK / AFP
Eine Lawine aus Schlamm und Geröll hat in der österreichischen Gemeinde Wald im Pinzgau einen Zug verschüttet.
Sie war ausgelöst worden durch starke Unwetter, die am Wochenende und am Montag im Bundesland Salzburg Häuser zerstört
und Straßen überflutet hatten. Mehrere Ortschaften mussten evakuiert werden, getötet wurde niemand.

Europas Egoisten züglich stillgelegt. Die EU-Kommission prüft nun das Schreiben
Polens, ehe sie über mögliche Sanktionen entscheidet.
Es ist nicht so, dass die Nationalkonservativen unter Kaczyński
ANALYSE Die PiS-Regierung bewegt sich Feinde der EU sind. Sie wollen keinen Polexit, haben aber ein
im Rechtsstaatsstreit nur halbherzig negatives Bild von der Union. Die Subventionen aus Brüssel
betrachten sie nicht als Nachbarschaftshilfe in einer solidarischen
auf die EU zu. Das Land verfestigt seinen Ruf Gemeinschaft. In ihren Augen schuldet Europa Polen dieses
als Außenseiter in Europa. Geld, weil das Land ein großer Markt ist für Westkonzerne und
weil es im Zweiten Weltkrieg unter den Deutschen gelitten hat.
Wenige Stunden bevor das Ultimatum ablief, hat die national- Die EU-Kommission sehen sie als Herrschaftsinstrument Berlins,
konservative polnische Regierung doch noch geantwortet. zur Durchsetzung der deutschen Hegemonie in Europa. Die
Erst am Montagabend habe er eine Nachricht aus Warschau anderen Institutionen – so die PiS-Lesart – würden von einer
bekommen, twitterte EU-Justizkommissar Didier Reynders. überbezahlten Funktionärselite dominiert. Der Europäische
Schon dieses Timing ist eine Botschaft: Nur widerwillig nimmt Gerichtshof etwa sei nicht neutral, sondern mit liberalen Juris-
die Regierung unter PiS-Chef Jarosław Kaczyński Stellung ten besetzt, um frech werdende Mitgliedstaaten wie das tapfere
zu Urteilen des Europäischen Gerichtshofs (EuGH). Einlenken Polen zu disziplinieren. Kurzum: In den Augen der National-
will sie schon gar nicht. konservativen muss Polen bei der EU seine Ansprüche geltend
Die umstrittene Disziplinarkammer, die Richterinnen und machen – und sich die Union ansonsten vom Leib halten.
Richter in Polen sanktionieren kann, soll nach dem Willen der Der Rechtsstaatsstreit zeigt, wie weit sich Polen von Europa
PiS erst mal weiterarbeiten und dann in »ihrer jetzigen Form« entfernt hat. Die PiS, so fürchten viele Bürgerinnen und
abgeschafft werden. Dabei hatte der EuGH eindeutig festgestellt: Bürger, verfestige Polens Ruf als egoistisches und engstirniges
Das Gremium ist abhängig von der Politik und gehört unver- EU-Mitglied. Jan Puhl

80 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


Kampf um fragen sehen eine knappe Ent-
Kalifornien scheidung voraus. Deshalb
rief Biden die Parteibasis dazu
USA Im Bundesstaat Kalifor- auf, Newsom im Amt zu be-
nien könnte sich ein Debakel für stätigen. Bei den Demokraten
Präsident Joe Biden und wird befürchtet, dass viele
seine Demokraten anbahnen. Kalifornier die Abstimmung
Am 14. September muss sich nutzen könnten, um ihren Ärger
der demokratische Gouverneur über die Pandemie bei der
Gavin Newsom einem Ver- Regierungspartei abzuladen.
trauensvotum der Bevölkerung Newsom sorgte selbst für

Andrea Ronchini / IMAGO


stellen. Schlagzeilen, weil er entgegen
Die Abstimmung, der soge- den von ihm verhängten Coro-
nannte »Recall«, war von naregeln mit Freunden beim
rechtsgerichteten Bürgerinitiati- Abendessen gesehen wurde. Ultrarechte Demonstranten in Rom
ven per Unterschriftensamm- Sollte Newsom abberufen wer-
lung durchgesetzt worden. Um- den, können die Wählerinnen
und Wähler zugleich aussuchen,
wer ihn ersetzen sollte. Es ste- »Wie in einem mentalen Käfig«
hen 46 Kandidatinnen und Kan-
Genaro Molina / Polaris / laif

didaten zur Auswahl, darunter ITALIEN Der Journalist Paolo Berizzi steht wegen
der konservative Radiomodera-
tor Larry Elder, der frühere seiner Recherchen über Rechtsextreme
Bürgermeister von San Diego, unter Polizeischutz – und macht trotzdem weiter.
Kevin Faulconer, sowie TV-Star
Caitlyn Jenner aus dem Karda- »Drohungen, Polizeischutz zu leben ist ein
Newsom shian-Clan. RON auch Todes- Drama für den Beschützten und
Roberto Serra / Getty Images

drohungen, die Beschützer, denen ich


erhalte ich seit natürlich sehr dankbar bin. Sie
Die Benzinkrise Eigentlich ist die Streichung
der Subventionen unausweich-
Jahren fast
jeden Tag. Neo-
ermöglichen mir ein Leben
in Sicherheit. Trotzdem fühle
LIBANON Der Zentralbankchef lich, doch das Land war zu faschisten und ich mich, als lebte ich in einem
hat angekündigt, Subventionen keinem Zeitpunkt schlechter Rechtsextreme mentalen Käfig. Ich finde es
für Treibstoffimporte aufzu- darauf vorbereitet als jetzt. haben mich ins Visier genom- paradox, dass ich Freiheiten
heben – wodurch Benzin immer Die Wirtschaftskrise hat die men, weil ich über sie und ihre verliere, während jene, die
knapper wird. Weil tagelang Währungsreserven der Zentral- Propaganda berichte. Das ver- mich bedrohen, sich frei bewe-
keine Klarheit über die neuen bank dahinschmelzen lassen. zeihen sie mir nicht. gen können.
Preise herrschte, horten Händ- Zugleich haben die Subventio- Einmal haben sie mein Auto Leider spielen dabei auch
ler Sprit. Krankenhäuser warn- nen den lukrativeren Verkauf mit dem Hakenkreuz und SS- Rechtspopulisten wie Matteo
ten, bald müssten lebenserhal- von Benzin auf dem Schwarz- Symbolen beschmiert. Sogar in Salvini oder Giorgia Meloni
tende Maschinen abgeschaltet markt und den Schmuggel nach meinen Hausflur sind sie ein- eine Rolle. Wenn sie etwas über
werden, weil Treibstoff für Ge- Syrien begünstigt, wobei sogar gedrungen und haben Mussoli- mich in sozialen Medien posten,
neratoren fehle. Der Libanon Mitglieder der politischen Eli- nis Titel »Dux« an die Wände folgen kurz darauf Drohungen.
steckt in einer tiefen Wirtschafts- ten selbst an dem Geschäft geschrieben. Als ich in Padua Indem der Staat bedrohte Indi-
krise. Strom vom Staat kommt beteiligt sind. Bald dürfte Ben- mein Buch »NazItalia« vorstell- viduen unter Polizeischutz
nur noch während weniger zin zum Luxusgut werden. Laut te, baute sich ein Trupp von stellt, geht er in die Defensive.
Stunden am Tag – wenn über- Schätzungen könnten sich die Neonazis bedrohlich in der Buch- Er muss mich beschützen,
haupt. Am Sonntag war in der Preise vervierfachen. Während- handlung auf. Hinzu kommen weil sich diverse Regierungen
Region Akkar zudem ein Tank dessen wird in der Hauptstadt die Anfeindungen in sozialen nicht darum gekümmert haben,
explodiert, ausgelöst wohl durch weiter um die Bildung einer Medien. den Rechtsextremismus zurück-
eine Schießerei, mindestens neuen Regierung gefeilscht, seit Ich lebe deshalb seit zwei- zudrängen.
28 Personen wurden getötet. mehr als einem Jahr. BOL einhalb Jahren unter Polizei- Die Geschichte lehrt, dass
schutz – wie inzwischen schon in fragilen Zeiten rassistische,
24 Kolleginnen und Kollegen. autoritäre Reflexe zurück-
Aber alle anderen recher- kehren. Es ist gefährlich, solche
chieren im Mafiamilieu. Ich Phänomene zu banalisieren,
bin der Einzige, der von der wie es in Italien geschieht.
rechten Szene bedroht wird. Nicht mehr über die Neofa-
Wenn ich ins Restaurant schisten zu schreiben kommt
oder an den Strand will, muss für mich nicht infrage. Das wäre
ich es mit großem Vorlauf eine Niederlage. Ich habe keine
anmelden, damit es organisiert Angst vor ihnen, ich habe Angst
werden kann. vor der Stille im Land. Wenn
Fathi al-Masri / AFP

Meine Leibwächter raten mir, niemand über Rechtsextremis-


keine Personen aus der rechten mus spricht, können dessen
Szene zu treffen. Mein Gesicht Anhänger ihre Botschaft unge-
ist jetzt bekannt, und die Per- stört verbreiten.«
Brand nach Explosion eines Treibstofftanks in der Region Akkar sonenschützer fallen auf. Unter Aufgezeichnet von Frank Hornig

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 81


AUSLAND

Jagd auf die Geächteten


RUSSL AND Vor der Parlamentswahl im September setzt der Kreml auf Härte. Kritiker
werden eingeschüchtert. Vor allem aber lässt Machthaber Wladimir Putin die
Organisationen seines berühmten Gegners Alexej Nawalny zerschlagen. Von Christina Hebel

Olga Maltseva / AFP

Nawalny-Wandbild in Sankt Petersburg: »Er lässt sich nicht unterkriegen«

82 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


AUSLAND

A ndrej Fatejew läuft die Trep-


pen hoch zum Hügel, dorthin,
wo man den besten Blick auf
seine Heimatstadt Tomsk hat. Auf-
aber bekam er nicht, weshalb er wo-
chenlang hungerte, mehr als 22 Kilo-
gramm verlor.
Nawalny dürfte ahnen, dass er die
erstehungsberg nennen die Anwoh- Strafkolonie wohl kaum nach zwei-
ner die Anhöhe. Es ist der Ort, an einhalb Jahren Haft verlassen wird,
dem Fatejew seinen Ex-Chef Alexej zu denen er verurteilt wurde. Der
Nawalny das letzte Mal getroffen hat. Kreml hat bereits eine neue Anklage
Ein Jahr ist das her. Damals, im gegen ihn erhoben. Mit der Grün-
August 2020, arbeitete Fatejew im dung seiner Antikorruptionsstiftung

Sergei Bobylev / TASS / IMAGO


örtlichen Büro des Kremlkritikers, 2011 habe Nawalny die Bürger angeb-
kandidierte mit einer Kollegin für den lich zu gesetzeswidrigem Handeln an-
Stadtrat. Nawalny unterstützte die gestachelt. Gemeint ist die Teilnahme
beiden im Wahlkampf. Ein Bild zeigt an nicht genehmigten Protesten. Drei
die drei zusammen, lächelnd auf dem weitere Jahre Haft drohen Putins här-
Hügel über der Universitätsstadt in testem Widersacher.
Westsibirien. Es ist eine Aufnahme Es sei furchtbar, überhaupt noch
wie aus einem anderen Russland. streiter abgehört, überwacht, fest- Machthaber Putin: Nachrichten in diesen Tagen zu lesen,
Kurz danach brach Nawalny auf genommen haben, erzählt Fatejew Der Beginn sagt Fatejew in Tomsk. »Bedrückend«
einer Abrechnung
dem Rückflug nach Moskau zusam- oben auf dem Hügel über Tomsk. nennt er die Lage im Land.
men. Er war, wie sich später heraus- Doch dieses Mal sei es anders – »ex- Nawalnys Sprecherin Kira Jar-
stellte, mit dem Nervenkampfstoff tremistisch« ist ein Label, das gefähr- mysch wurde gerade zu anderthalb
Nowitschok vergiftet worden, aller lich sei, das ihn und all die anderen Jahren Freiheitsbeschränkung verur-
Wahrscheinlichkeit nach von Agen- Anhänger Nawalnys zu Geächteten teilt. Sie darf unter anderem nachts
ten des Inlandsgeheimdienstes FSB. mache, zu Kriminellen. nicht mehr aus dem Haus gehen, das
Heute sitzt Nawalny in einer Straf- Fatejew will sich damit nicht ab- Moskauer Gebiet nicht verlassen. An-
kolonie östlich von Moskau. Weil er finden. Natürlich habe er Angst, aber geblich soll Jarmysch gegen die Hy-
sich nach seiner Genesung in Deutsch- aufgeben, sein Abgeordnetenmandat gienevorschriften während der Coro-
land nicht mit der Rolle eines stum- niederlegen, das Land verlassen, das napandemie verstoßen haben.
men Exilanten begnügen wollte, ließ komme für ihn nicht infrage. »Nawal- Die Seuche instrumentalisiert die
ihn das Regime von Präsident Wladi- ny lässt sich nicht unterkriegen. Ich Regierung gern, um politische Geg-
mir Putin gleich bei seiner Rückkehr tue es auch nicht«, sagt er. Offiziell ner zu verfolgen. Dabei gingen die
nach Russland im Januar festnehmen. nennt Fatejew sich nun unabhängiger Sicherheitsbehörden sogar so weit,
Es war der Beginn einer Abrech- Abgeordneter. die ehemalige Leiterin des Nawalny-
nung, die seither nicht nur Nawalny »Wir sind kein Name, kein Stück Stabs im nordrussischen Murmansk
selbst trifft, sondern alle, die irgend- Papier, kein Büro«, schrieb Nawalny zwangsweise auf eine Coronastation
wann mit ihm zu tun gehabt haben – im Juni auf seinem Instagram-Ac- einzuliefern, und das obwohl sie
und viele weitere Regimegegner. count, kurz nachdem ein Moskauer einen negativen Test vorweisen konn-
Am 19. September stehen die Wah- Gericht seine Organisationen als »ex- te. Die Frau sollte abgehalten werden,
len zur Staatsduma an, in vielen Re- tremistisch« eingestuft hatte. »Wir ihre Kandidatur für die Stadtratswahl
gionen werden zudem lokale Parla- sind eine Gruppe von Menschen, die im September einzureichen.
mente neu gewählt. Der Präsident die russischen Bürger, die gegen Kor- Es trifft nicht nur diejenigen, die
selbst hat sich zwar per Verfassungs- ruption, für faire Gerichte und die für Nawalny gearbeitet haben. Auch
änderung zwei weitere Amtszeiten ge- Gleichheit aller vor dem Gesetz sind, seine Sympathisanten werden zur
sichert, doch die Kremlpartei Einiges vereinen und organisieren.« Es klang Zielscheibe von Putins Schergen. In
Russland verliert in Umfragen. Umso nach einer Durchhalteparole. Moskau stand die Polizei bei Dutzen-
stärker geht das Regime gegen all jene Instagram ist das Medium, mit den Bürgerinnen und Bürgern vor
vor, die es infrage stellen – vor allem dem sich Nawalny aus dem Gefäng- der Tür, die sich auf Nawalnys Wahl-
gegen Nawalnys Organisationen. nis an seine Anhänger wendet. Da er seite registriert oder für seine Orga-
Fatejew ist heute zwar Abgeord- weder Handy noch Rechner hat, lässt nisationen gespendet hatten.
neter seiner Stadt, den Nawalny-Stab er Vertraute die Posts veröffentlichen. Von Nawalnys Mannschaft ist
in Tomsk aber gibt es nicht mehr. Die Regelmäßig berichtet er über den All- nicht mehr viel übrig. Mehrere ehe-
Stäbe, wichtige Anlaufpunkte An- tag in der Strafkolonie. Etwa darüber, malige Mitarbeiter sind ins Ausland
dersdenkender im Land, mussten wie wie er sich vor und nach jedem Be- geflohen, gegen viele andere im Land
die Antikorruptionsstiftung des Op- such seiner Anwälte vollständig aus- laufen Strafverfahren. Von den ehe-
positionellen geschlossen werden. ziehen muss, gefilmt wird, und das, maligen Leitern der 37 Nawalny-Stä-
Ein Gericht hatte sie als »extremis- obwohl er die Juristen nur durch eine be sei nur noch etwa jeder dritte wei-
tisch« eingestuft. Glasscheibe sprechen darf. ter politisch aktiv, berichtete zuletzt
»Es ist ihnen nicht gelungen, Na- Wie es Nawalny heute, ein Jahr das Wirtschaftsmedium RBK.
walny zu beseitigen, also haben sie nach der Vergiftung, in der Kolonie Einer von ihnen ist Sergej Uchow,
seine Organisationen vernichtet«, wirklich geht, lässt sich schwer sagen. »Das ist 36 Jahre alt, aus Perm. »Das ist ein
sagt Fatejew. Der Mann, 33 Jahre alt, Seine Anwältin beantwortet keine Krieg, der Versuch, jede freie Mei-
erinnert mit einer Brille eher an einen Fragen mehr, ehemalige Mitstreiter
ein Krieg, nung zu beseitigen«, sagt Uchow.
Studenten im höheren Semester als halten sich ebenfalls bedeckt. der Versuch, Er hatte in den vergangenen zwei
an einen Politiker. Er spricht ruhig Noch im Frühjahr hatte Nawalny jede freie Jahren den Nawalny-Stab in der Ural-
und bedächtig. über starke Rückenschmerzen ge- stadt Perm geleitet. Längst gehe es
Jahrelang habe er erleben müssen, klagt, eine Behandlung durch unab- Meinung zu nicht mehr nur um Nawalny, so
wie die Behörden ihn und seine Mit- hängige Mediziner gefordert. Die beseitigen.« Uchow. Das Regime habe »den Ra-

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 83


AUSLAND

dius der Angst« in den vergangenen Er habe alle Verbindungen zu Na-


Monaten ständig ausgeweitet. Prak- walnys Leuten gekappt, sagt Uchow,
tisch jeder, der sich kritisch öffentlich Vater zweier Kinder. »Ich bin hier als
äußert, wird nun Ziel von Repressio- Bürger.« Keiner wisse mehr, wo die
nen: oppositionelle Politiker, unab- Grenzen im heutigen Russland verlie-
hängige Journalisten, Aktivisten, An- fen, was man dürfe und was nicht. Im
wälte, sogar Komiker. Die Liste wird Wahlbüro der Kandidatenkoalition
immer länger. im Zentrum von Perm zeigt Uchow
Nawalnys Vergiftung und Rück- sich aber lieber nicht.
kehr ins Land hätten den Wandel Es ist die Ungewissheit, die an

Natalia Bochkova / DER SPIEGEL


Russlands in ein »superrepressives einem zehrt. Doch ständig darüber
Regime« beschleunigt, sagt der Poli- zu grübeln, was passiere könnte, brin-
tologe Andrej Kolesnikow vom Mos- ge nichts, sagt Sergej Uchow.
kauer Carnegie Center. Niemand sol- Der ehemalige Nawalny-Mann Fa-
le sich länger der Kontrolle des Kreml tejew in Tomsk ist da vorsichtiger. Er
entziehen. Das Putin-Regime habe will lieber nicht öffentlich darüber re-
die Gesellschaft in zwei Lager gespal- den, wen er bei der Wahl im Septem-
ten: die aus seiner Sicht genehmen ber unterstützt.
Bürger, die sich loyal oder still ver- Er arbeitet für einen der unabhän-
hielten; und die Unbürger, die weiter- gigen Kandidaten als Berater. Im
hin wagten, sich frei zu äußern, und Stadtrat kümmert er sich mit um das
deshalb jederzeit mit Härte rechnen überschaubare Budget von Tomsk
müssten. und die alten Straßenbahnen, die
Katya Rezvaya / DER SPIEGEL

Timur Abasov / DER SPIEGEL


Das radikale Vorgehen lässt sich über die Schienen rumpeln. Viele Ein-
nicht nur mit den anstehenden Wah- flussmöglichkeiten hat er nicht. Die
len erklären. Es gehe Wladimir Putin lokalen Behörden haben im Fall des
um den Erhalt seines Machtsystems, Giftanschlags auf Nawalny bis heute
glaubt Kolesnikow. nicht ermittelt. Der Aufkleber mit
Aktivist Uchow läuft an einem Au- dem Schriftzug »Freiheit für Nawal-
gustabend in einem Permer Wohnvier- Nawalny- Kreml, Putin. Jeder sollte selbst ent- ny« auf Fatejews Handy ist inzwi-
tel zwischen mehrstöckigen Blöcken Unterstützer scheiden können, dafür seien Wahlen schen abgewetzt.
Fatejew,
mit bunten Fassaden und Plattenbau- Lawizki, Uchow: ja da, entgegnet Uchow. Doch die Vielleicht sei er ein unverbesser-
ten in Schmutziggrün hin und her. Um »Alle meine Frau winkt ab. licher Optimist, aber er glaube, dass
den Hals des schlaksigen Mannes bau- Freunde sind nun Uchow drückt dem nächsten Pas- sich in Russland etwas verändern
melt ein Anhänger, »Freiwilliger Ser- ›Extremisten‹« santen einen Flyer in die Hand. Der könne, sagt Fatejew. Nicht heute, viel-
gej« steht dort geschrieben. junge Mann erkennt ihn. »Sie sind leicht auch nicht morgen, aber irgend-
Uchow verteilt Wahlflyer an Pas- doch der Nawalny-Mann von You- wann in den nächsten Jahren. Gerade
santen. »Gehen Sie wählen, stimmen Tube«, sagt er. »Ja, das war ich«, sagt die jüngere Generation habe sich von
Sie gegen Einiges Russland«, sagt er. Uchow. Putin und seinem Regime abgewandt.
In vier Wochen wird in Perm ein neu- Er erklärt geduldig, dass Nawalnys Maxim Lawizki, 20, gehört zu die-
er Stadtrat gewählt. Organisationen als »extremistisch« ser Generation. »Alle meine Freunde
Das, was Andrej Fatejew in Tomsk eingestuft worden seien, man seit sind nun ›Extremisten‹«, sagt er mit
geschafft hat, will Uchow auch in sei- Längerem die Koalition unabhängi- einem spöttischen Unterton.
ner Stadt erreichen. Er will möglichst ger Kandidaten »Plus eins« gegrün- Lawizki hat im Stab von Nawalny
vielen Vertretern der Kremlpartei die det habe. Wählen aber will der 28- in Samara als Videoredakteur gear-
Mandate abjagen. Jährige trotzdem nicht: »Bringt eh beitet. Wenn er davon erzählt, leuch-
Die Chancen stünden gut, glaubt nichts, jeder weiß, wer gewinnt.« ten seine Augen. Seine Heimatstadt
Uchow. Die Zustimmungswerte für Als Uchow das hört, schüttelt er hat er vor zwei Monaten verlassen.
Einiges Russland lagen mit 27 Pro- kurz den Kopf, geht auf die nächsten »Abtauchen« nennt er das. Er hat lan-
zent zuletzt auf einem Tiefstand. Spaziergänger zu. Unermüdlich läuft ge überlegt, was er macht: Geht er
Mancher Kandidat in Perm hat das er von einem zum anderen, stunden- ins Exil? Bleibt er? Er ist schließlich
Logo der Kremlpartei auf seinen Wer- lang, viele zerknüllen die Zettel so- nach Sankt Petersburg gezogen, ne-
bematerialien lieber verborgen. fort. Ein Foto darauf zeigt nicht ihn, ben Moskau die zweite große liberale
Uchow erinnert sich, wie einige sondern seine Frau Alexandra Sem- Metropole des Landes. Hier hat La-
Leute zurückschreckten, als er ihnen jonowa. wizki Arbeit in einer Bar unweit des
entgegentrat und sagte: »Stimmen Uchow darf als ehemaliger Na- Zentrums gefunden. Sein Chef weiß
Sie gegen Einiges Russland.« Ob er walny-Mitarbeiter nicht selbst bei der nicht, was er vorher gemacht hat.
das so laut sagen dürfe, wollten sie Wahl antreten. Ein entsprechendes Lange Zeit sei er bereit gewesen,
wissen. Es gehe doch um die Partei Gesetz hatte Putin noch am 4. Juni, die Risiken zu tragen und den Kampf
der Macht. Mit der könne man sich Lange Zeit Nawalnys Geburtstag, unterzeichnet. gegen das Regime fortzuführen. Jetzt
doch nicht anlegen. sei er bereit Es schließt Politiker, die mit »extre- aber könne er das nicht mehr. Viel-
Inzwischen sei es besser, aber mistischen und terroristischen« Orga- leicht seien andere stärker als er, sagt
auch an diesem Augustabend schlägt
gewesen, die nisationen zusammengearbeitet ha- er, könnten sich den Angriffen der
Uchow Misstrauen entgegen: »Das Risiken zu ben, als Kandidaten bei Wahlen aus. Behörden irgendwie entziehen. Das
ist doch Politik. Lasst die das besser tragen. Jetzt Also macht Uchow nun Wahl- Regime habe Menschen vergiftet, zu
entscheiden«, ruft eine schwangere kampf für seine Frau. Ob das nicht »Extremisten« erklärt. »Es wird da-
Frau im blauen Kleid mit Sohn im könne er das zum Risiko für ihre Kampagne wer- mit nicht aufhören.«
Arm. Die – das sind die da oben, der nicht mehr. den könnte? Mitarbeit: Alexander Chernyshev I

84 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


AUSLAND

Zur nationalen Berühmtheit wur- lerweile 3,9 Millionen Menschen,


de er im Januar 2020, als er im Fern- selbst in China eine beachtliche Zahl.
sehen verkündete: Er werde sämtli- Zhang wurde populär, weil er un-
che ihm unterstellten Ärztinnen und angepasst ist – und seine Popularität
Ärzte, die an vorderster Front gegen verschaffte ihm den Raum, unortho-

Wie unter Mao das Virus kämpften, gegen Kranken- doxe Meinungen zu äußern. Von Pe-
hauspersonal mit Parteimitglied- kings knallharter Null-Covid-Strate-
schaft austauschen. In seinen Worten gie hat er sich mehrfach vorsichtig
schwang mit: Jene Kollegen hätten distanziert. Es sei zu hoffen, dass die
sich bisher auf ihre Privilegien zu- Coronamaßnahmen das öffentliche
CHINA Ein Arzt wird von einem Onlinemob
rückgezogen, anstatt sich reinzuhän- Leben nicht allzu sehr abwürgten,
attackiert, weil er Zweifel an der Pandemiepolitik gen. Die Parteimitglieder könnten schrieb er Anfang des Jahres. Am
äußerte. Der Fall zeigt, wie aggressiv das nun zeigen, aus welchem Holz sie ge- weitesten aber wagte er sich vor,
chinesische Netz mit Abweichlern umgeht. schnitzt seien, sagte Zhang. nachdem Mitte Juli die Delta-Varian-
Das traf die Stimmung in der Be- te in China angekommen war und
völkerung, die zu Beginn der Pande- Infektionscluster in mehreren Pro-

D ie Karikatur, die vor wenigen


Tagen im Internet auftauchte,
hatte eine unverkennbare Äs-
thetik. Eine mächtige, rot gefärbte
mie alles andere als zufrieden mit der vinzen auftraten. Selbst flächende-
Partei war. Die Menschen vertrauten ckende Impfungen könnten Covid-19
dem Arzt mit den Augenringen, der nicht ausrotten, gab Zhang auf Weibo
offen sagte, was falsch lief, und sich zu bedenken. »Die Welt muss lernen,
Hand packt ein Männchen am Arzt- damit von der Mehrheit der chinesi- mit dem Virus zu koexistieren.«
kittel, hilflos strampelt es in der Luft. schen Autoritäten unterschied. Viele Unter Wissenschaftlern gilt diese
Darunter steht in schwarzen Schrift- Parteikader treten steif und borniert Ansicht als Binsenweisheit, in China
zeichen: »Nieder mit dem reaktionä- auf, Zhang dagegen nannte sich löste Zhang damit einen Aufschrei
ren Akademiker Zhang Wenhong!« selbstironisch ein »Landei« (er aus. Dort ist die Vermeidung jeglicher
In China versteht jeder diese An- stammt aus einer kleinen Gemeinde Infektion Staatsräson – auch wenn
spielung. Der Ton und die Bildspra- in Südostchina). Einige seiner Sprü- sich diese Politik nur um den Preis ab-
che sind der Zeit der Kulturrevolu- che wurden zu geflügelten Worten: geriegelter Grenzen aufrechterhalten
tion entlehnt, jener chaotischen De- »Eine Grippe ist keine Erkältung, so lässt. Dennoch ist die Partei nicht be-
kade zwischen 1966 und 1976, in der wie ein Tiger kein Kätzchen ist.« reit, eine offene Debatte zuzulassen.
sich das Land selbst zerfleischte. Ge- Satirezeichnung mit Oder: »Halten Sie sich von Feuer, Den ersten Angriff machte der frü-
Konterfei des
trieben von Fanatismus und Paranoia, Mediziners Zhang:
Dieben und Ihren Kollegen fern.« here Gesundheitsminister Gao Qiang
überboten sich Chinesinnen und Chi- »Nieder mit dem reaktio- Auf Weibo klärt Zhang über Covid- auf einem Portal der parteieigenen
nesen in ihren Treuebekundungen nären Akademiker!« 19 auf, seinem Account folgen mitt- »Volkszeitung«: Die »leichtsinnige«
zum Führer Mao Zedong. Wer von Forderung »mancher Experten« nach
Maos Linie abwich, wurde als Konter- einer »Koexistenz mit dem Virus« sei
revolutionär denunziert. Es war ein Unsinn, schrieb Gao. Damit war
Jahrzehnt des Terrors. Zhang als Abweichler markiert.
Die Karikatur stammt aus der Fe- Das chinesische Internet stürzte
der des satirischen Zeichners Da Shi sich auf den Arzt. Dort ist, flankiert
Xiong, eines kritischen Beobachters von bezahlten Trollen, eine Szene
der chinesischen Gegenwart. Das selbst ernannter »Patrioten« heran-
Männchen im Arztkittel ist Zhang gewachsen, die extrem nationalisti-
Wenhong, ein bekannter Mediziner, sche Töne anschlägt und Kritik an der
der wegen Skepsis gegenüber der Parteilinie als Landesverrat versteht.
Pandemiepolitik der Pekinger Füh- »Defätismus« war einer der höfli-
rung einer Hetzkampagne ausgesetzt cheren Anwürfe. »Zhang Wenhong
ist, wie man sie immer häufiger sieht. ist ein Hund, den die Amerikaner auf-
Der Umgang mit Zhang erinnert gezogen haben«, lautete ein anderer.
tatsächlich an die düsteren Zeiten der Andere Nutzer wollen Plagiate in sei-
Kulturrevolution. Zwar war schon ner Doktorarbeit aus dem Jahr 2000
vor der Pandemie die Stimmung im gefunden haben. Zhangs Alma Mater
chinesischen Internet toxisch, inzwi- hat eine Untersuchung angekündigt,
schen hat sich der Ton aber noch ein- er schweigt zu den Vorwürfen.
mal erheblich verschärft. Zwar haben sich viele Chinesen
Zhang ist 52, Mitglied der Kom- mit ihm solidarisiert, aber sie sind lei-
munistischen Partei und ein beliebter ser. »Wer soll sich in Zukunft noch
Mann. Er leitet die Abteilung für In- trauen, auf Grundlage seiner profes-
fektionskrankheiten am Shanghaier sionellen Einschätzungen zu sprechen
Huashan-Krankenhaus, lehrt an der und zu handeln?«, fragt ein Literatur-
Eliteuniversität Fudan und beriet die dozent von Zhangs Universität.
Stadtregierung während der Pande- Der Karikaturist Da Shi Xiong
mie. Auch seinem Einsatz ist es zu kann an solchen Debatten nur über
verdanken, dass Shanghai die Coro- Umwege teilnehmen. Ab und zu findet
nakrise besser gemeistert hat als an- eine neue Zeichnung von ihm den Weg
dere Städte. Doch nicht nur das in die Öffentlichkeit. Seine Social-
brachte ihm die Zuneigung seiner Media-Kanäle schalteten die Behör-
Landsleute ein. den bereits 2016 ab. Georg Fahrion I

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AUSLAND

Zahl der Leute, die für ihn gestimmt


haben, war einfach erschütternd.
74 Millionen haben ihm ihre Stimme
gegeben! Sicher, Joe Biden hat am
Ende gewonnen. Aber im Großen
und Ganzen haben die Demokraten

»Donald ist ein Faschist, nicht genügend zugelegt. Es hätte


eine totale Ablehnung von Donald
und seiner Partei geben müssen, und

und die Republikaner die haben wir nicht bekommen.


SPIEGEL: Sie glauben, dass er immer
noch eine Gefahr darstellt?

versuchen, unsere Trump: Wir sind noch nicht über den


Berg. Gleich nach der Wahl wurde
klar, dass er alles tun würde, was in

Demokratie zu zerstören« seiner Macht steht, um die Legitimi-


tät des Ergebnisses zu unterminieren,
und dass die Republikaner das zulas-
sen würden. Für ihn ist eine Nieder-
SPIEGEL-GESPR ÄCH Mary Trump, Nichte des früheren US-Präsidenten, über lage nicht akzeptabel. Er weiß, dass
ihren gefährlichen Onkel, seine Macht und den zunehmenden Hass in Amerika er nicht gewonnen hat, aber ich glau-
be, er weiß nicht, dass er verloren hat.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Trump: Er hat zwei Jahre lang ver-
M ary Trump hat gerade einen
Talkshowauftritt hinter sich,
per Videoschalte, nun sitzt
sie in der Bibliothek ihres Apartment-
benen Senators John McCain, den
Donald Trump bis ins Grab verun-
glimpft hatte. McCain ist bekannt für
konservative Tiraden, nach der Sen-
sucht, diese Wahl zu stehlen. Bis jetzt
begreift er offenbar nicht, dass das
nicht funktioniert hat – trotz all der
Trump, 56, ist pro-
movierte Psycholo-
hauses, 24 Etagen über Manhattan. dung schrieb sie auf Twitter: »Für Hebel, die er und die Republikani-
gin und kennt den Hinter ihr stehen kuratierte Fotobän- mich gibt es keine ›guten‹ Mitglieder sche Partei dafür in Bewegung gesetzt
Ex-Präsidenten seit de in einer Bücherwand, unten, in der Trump-Familie.« haben. Also versucht er weiter, diese
ihrer Kindheit: Ihr den Straßen von Manhattan, rollt Das ist Mary Trumps Bürde: ihr Wahl zu stehlen.
Vater Fred Trump Jr.,
zäher Verkehr. Trump wirkt genervt. Nachname. Für immer wird sie mit SPIEGEL: Sehen Sie den 6. Januar, als
Donald Trumps
älterer Bruder, starb Eben debattierte sie in der Talkshow ihrem Onkel verbunden sein, mit sei- ein Mob seiner Anhänger das Kapitol
1981. Ihr erstes »The View« über Politik, die Pande- nen Lügen, seiner Selbstherrlichkeit, stürmte, auch als einen solchen Ver-
Buch »Zu viel und mie und Rassismus. Während des Ge- seiner Inkompetenz und den autokra- such?
nie genug« über
sprächs ließ sich eine der Co-Mode- tischen Anwandlungen – und mit den Trump: Er ist sehr gut darin, Leute
ihren Onkel wurde
2020 zum Best- ratorinnen demonstrativ ausblenden: Folgeschäden seiner Amtszeit. zu finden, die schwächer sind als er,
seller in den USA. Meghan McCain, Tochter des verstor- Voriges Jahr enthüllte die pro- was schockierend ist, weil er der
movierte Psychologin in ihren Me- schwächste Mensch ist, den ich kenne.
moiren »Zu viel und nie genug« die Aber es gibt sie wohl in großer Zahl.
horrende Familiengeschichte der Und dann gibt es Leute, die viel
Trumps. Das Buch machte sie zur schlauer und mächtiger sind als er
Zielscheibe von Trump-Fanatikern, und wissen, wie sie ihn benutzen kön-
die den Präsidenten noch immer ver- nen. Das ist eine sehr gefährliche
ehren. Monatelang verließ sie ihr Kombination. Wussten Leute in sei-
Haus kaum, auch aus Sorge, angefein- nem Umfeld, dass es möglicherweise
det zu werden. zu diesem Moment kommen könnte?
Nun hat sie ein zweites Buch Auf jeden Fall. War er bereit und in
geschrieben. »Das amerikanische der Lage, die Situation zu seinem Vor-
Trauma« handelt von den düstersten teil auszunutzen und zu verschlim-
Phasen der US-Geschichte, von Ras- mern? Auf jeden Fall.
sismus – und natürlich wieder von SPIEGEL: Glauben Sie, dass er die Er-
ihrem Onkel*. eignisse vom 6. Januar begrüßt hat?
Trump: Oh, mein Gott, ja. Es war ver-
SPIEGEL: Ms Trump, vorigen Som- mutlich einer der besten Tage seines
mer bezeichneten Sie Ihren Onkel als Lebens. Je schlimmer es wurde, desto
den gefährlichsten Mann der Welt. glücklicher war er. Als er dem Mob
Sehen Sie das jetzt immer noch so, sagte, dass Vizepräsident Mike Pence
obwohl er nicht mehr im Amt ist? schuld sei, wenn ihm der Sieg nicht
Trump: Nach der Wahl war ich für gegönnt werde, war das kein Zufall.
Sara Naomi Lewkowicz / DER SPIEGEL

ungefähr eine Minute happy. Natür- Sollten wir also überrascht sein, dass
lich war ich sehr erleichtert, aber die manche seiner Anhänger an diesem
Tag mit Galgenstricken rumliefen,
* Mary L. Trump: »Das amerikanische Trauma: um Pence aufzuknüpfen? Das wäre
Die gespaltene Nation – und wie sie Heilung für ihn völlig in Ordnung gewesen.
finden kann«. Heyne; 256 Seiten. Erscheint am
23. August.
Das Einzige, was er wahrscheinlich
Das Gespräch führte der Redakteur Marc Pitzke bedauert, ist, dass es nicht zu mehr
in New York. Gewalt kam.

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SPIEGEL: Was ging Ihnen an jenem Tag durch


den Kopf?
Trump: Ich hatte mir seine Rede vorher nicht
angehört, denn ich versuche immer, ihm mög-
lichst nicht zuzuhören oder ihn anzusehen,
weil es mich nicht interessiert, was er zu sagen
hat. Am Anfang war es für mich, wie für alle
anderen auch, sehr schwer zu verstehen, was
da genau vor sich ging. Es sah einfach nur
wie ein wildes Durcheinander aus. Aber dann
wurde mir klar, dass es viel schlimmer war.
Das ist unser Kapitol! Das ist das Herz der,
nun ja, ich möchte nicht sagen, der amerika-
nischen Demokratie, denn ich glaube nicht,
dass Amerika jemals eine vollständige Demo-
kratie war, so wie wir sie anstreben.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass Ihr Onkel 2024
wieder kandidieren wird?
Trump: Ich weiß es nicht. Aber weil er dazu
ermuntert wird, sieht er eine Chance. Er spürt
die Macht. Er weiß außerdem, dass er sich
nur dann vor juristischen Problemen schüt-
zen kann, wenn er wieder ins Amt kommt.
SPIEGEL: Belastet es Sie, mit seiner Welt so
persönlich verbunden zu sein? In Ihrem Buch
schreiben Sie, dass Sie sich 2017, ein paar Mo-
nate nach der Amtseinführung Ihres Onkels,
wegen posttraumatischer Belastungsstörun-
gen in therapeutische Behandlung begeben
haben. Wie kam es dazu?
Trump: Ich erinnere mich nur daran, dass ich
mich außer Kontrolle fühlte. Ich drehte durch
und wusste nicht, wie ich das stoppen konnte.
Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich
wegen einer Wahl Freunde verloren. Mir war
klar, dass ich etwas unternehmen musste.
Aber obwohl ich Psychologin bin, wusste ich
nicht, dass es dafür Behandlungsprogramme
gibt. Ich kannte nur Programme für Sucht-

CNP / ZUMA PRESS / action press


und Alkoholkranke.
SPIEGEL: Ihr Onkel hat die halbe Nation trau-
matisiert.
Trump: Hin und wieder wird mir bewusst,
dass dieses Land für immer mit dem besudelt
sein wird, was er angerichtet hat. Das ist wirk-
lich schwer zu verkraften. Davon erholen wir Präsident Trump 2020: »Er ist der schwächste Mensch, den ich kenne«
uns nie. Vielleicht in 200 Jahren, aber nicht
mehr zu meinen Lebzeiten. sem Land gern eine Art Apartheid einrichten mokraten bei den Midterm-Wahlen 2022 das
SPIEGEL: Glauben Sie nicht, dass sein Bann würde. Sie versuchen, unsere Demokratie zu Repräsentantenhaus und/oder den Senat ver-
gebrochen ist? Bidens Politik ist ziemlich zerstören. Sollten sie 2022 das Repräsentan- lieren, ist es vorbei. Es ist vorbei.
populär beim Volk, und Trumps »Big Lie«, tenhaus zurückgewinnen, wäre das für das SPIEGEL: Aber ist die US-Demokratie nicht
seine große Lüge von der gewonnenen Wahl, amerikanische Experiment fatal. Es würde widerstandsfähiger, als viele denken?
führte bisher zu nichts. mich nicht überraschen, wenn sie Donald Trump: Die Art und Weise, wie dieses Land
Trump: Die Demokraten verstehen nicht, dann, zwei Jahre vor der Präsidentschafts- strukturiert ist, ist von Natur aus antidemo-
wie ernst die Bedrohung ist. Sie spielen nach wahl, zum Vorsitzenden des Repräsentanten- kratisch.
einem Regelwerk, das die Republikaner aber hauses machen. Und dann wird es niemals SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
ignorieren. Es gibt für diese Partei keine wieder einen Demokraten geben, der eine Trump: Die US-Verfassung ist kein demokra-
Regeln mehr. Die Demokraten müssen an- Wahl gewinnt. tisches Dokument. Im Senat herrscht zurzeit
fangen zu kämpfen, als ob ihr Leben davon SPIEGEL: Glauben Sie das wirklich? eine 50:50-Sitzverteilung, aber per Verfas-
abhinge. Aber dazu haben sie einfach nicht Trump: Wir sehen das doch jetzt schon. Vo- sung vertreten die 50 Senatoren der Republi-
den Willen. Auch mangelt es ihnen – und riges Jahr wurden bei der Präsidentschafts- kaner 40 Millionen Menschen weniger als
den US-Medien – an der Bereitschaft, eine wahl 155 Millionen Stimmen abgegeben. Es die 50 Senatoren der Demokraten – weil je-
Sprache zu sprechen, die den Leuten ver- gab vielleicht 36 nachgewiesene Fälle von der Bundesstaat zwei Senatssitze bekommt,
ständlich macht, wie ernst die Bedrohung ist. Wahlbetrug, eine verschwindend geringe egal wie bevölkerungsreich er ist.
SPIEGEL: Wie ernst ist sie? Zahl. Trotzdem haben die Republikaner be- SPIEGEL: In Ihrem Buch schreiben Sie: »Die
Trump: Donald ist ein Faschist, und die Re- reits Dutzende Gesetze zur Unterdrückung hässliche Geschichte unseres Landes ist
publikaner sind eine autokratische, antide- von Wählerstimmen verabschiedet und trei- durchzogen von verkommenen, barbarischen
mokratische Antimehrheitspartei, die in die- ben Hunderte weitere voran. Wenn die De- und unmenschlichen Handlungen, die von

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AUSLAND

sisten und »white supremacists« auf, und Mil-


lionen stimmen für sie, weil sie deren Mei-
nung entweder teilen oder kein Problem da-
mit haben, weil ihnen niedrigere Steuern
wichtiger sind. Wir befinden uns in einer
wirklich gefährlichen Lage.
SPIEGEL: Geben Sie ihm auch die Schuld für
die desaströse Coronasituation hier im ver-
gangenen Jahr?
Trump: Das war eines der schlimmsten Dinge
für mich. Zu wissen, dass der eigene Onkel
Verantwortung trägt für den Tod von Hun-
derttausenden Menschen, ist kein gutes Ge-
fühl. Dass viele unter genau den gleichen Um-
ständen starben wie mein Vater, allein im

Shay Horse / NurPhoto / Getty Images


Krankenhaus, weil Donald lieber im Kino
war. Das war wirklich sehr, sehr schwer. We-
gen seiner Inkompetenz und seiner Grausam-
keit haben wir heute noch damit zu kämpfen.
Weil er die Impfgegner ermutigt und nicht
als gutes Vorbild vorausgeht.
SPIEGEL: War er nicht einer der Ersten, die
Trump-Unterstützer am 6. Januar in Washington: »Vermutlich einer der besten Tage seines Lebens«
sich impfen ließen?
Trump: Heimlich! Alle in der Familie ließen
ganz ›normalen‹ Bürgern verübt und von deutet. Es bedeutet, dass sie voll und ganz sich impfen. Sie sind alle geimpft. Stellen Sie
Amtsträgern auf allerhöchster Regierungs- damit einverstanden sind, dass die Weißen sich vor, wie die Menschen reagieren werden,
ebene unterstützt oder zumindest stillschwei- Schwarze besitzen. wenn sie herausfinden, dass sie betrogen wur-
gend gebilligt wurden.« Das ist ein vernich- SPIEGEL: Sind die USA heute noch ein ras- den und dass die Leute, denen sie ihr Ver-
tendes Urteil – wie kommen Sie dazu? sistisches Land? trauen schenkten, sie aus politischer Oppor-
Trump: Wenn es etwas gibt, das die Ameri- Trump: Als weißer Amerikaner ist es fast un- tunität belogen haben.
kaner sehr gut können, dann ist es die Wei- möglich, nicht rassistisch zu sein. Das liegt SPIEGEL: Wie bringt man solche Menschen
terverbreitung und Aufrechterhaltung von an dem Medienumfeld, in dem wir aufwach- psychologisch dazu zuzugeben, dass ihr Le-
Mythen über sich selbst. sen, an unseren Familien oder an den Famili- ben so lange eine Lüge war?
SPIEGEL: Zum Beispiel? en unserer Freunde, an den Einflüssen unse- Trump: Das ist schwer. Ich habe keine Hoff-
Trump: Eine der größten Anmaßungen, die rer Erziehung. Aber wenn man erwachsen nung für die meisten dieser Leute, wirklich
sich die USA erlaubt haben, war es, sich wäh- wird, muss man die Verantwortung dafür nicht.
rend des Zweiten Weltkriegs als Leuchtturm übernehmen. Wenn wir diese Geschichte SPIEGEL: Sie vermitteln einen pessimisti-
der Demokratie darzustellen, während eine nicht anerkennen, wird es sich nie ändern. schen Eindruck.
ganze US-Bevölkerungsgruppe in einem ge- Aber das ist sehr schwer. Trump: Ich bin seltsamerweise ein recht
schlossenen faschistischen Staat feststeckte, SPIEGEL: Welche Verantwortung trägt Ihr optimistischer Mensch. Vielleicht hat das in
dem amerikanischen Süden. Schwarze Ame- Onkel dabei? den vergangenen Jahren einen Dämpfer be-
rikaner, die ihrem Land an der Front gedient Trump: Ich gebe ihm die Schuld dafür, dass kommen. Aber ich habe die Hoffnung noch
hatten, kamen nach Hause – nur um gelyncht es immer akzeptabler wird, offen rassistisch nicht aufgegeben.
zu werden, weil sie die Dreistigkeit besaßen, zu sein. Donald hat bewiesen, dass Rassismus SPIEGEL: Allerdings steht schon die nächste
eine Uniform zu tragen. Und auch der Norden ein erfolgreiches Programm ist, wenn man in Trump-Generation in den Startlöchern. Er-
war nicht nur »die gute Seite«. Viele Nord- diesem Land für ein politisches Amt kandi- warten Sie, dass Ihr Cousin Donald Jr. oder
staatler waren rassistisch. Sie waren zwar froh, diert. Leute wie er treten ganz offen als Ras- ihre Cousine Ivanka für politische Ämter kan-
dass die Schwarzen befreit waren, wollten didieren?
ihnen aber keinen politischen Einfluss gewäh- Trump: Nein.
ren. Sie machten lieber mit den ehemaligen Hässliche Vergangenheit SPIEGEL: Warum nicht?
Konföderierten gemeinsame Sache als mit Trump: Mein Onkel ist ein Clown, aber er
den befreiten Männern und Frauen. Befragte, die finden, dass es gut für die hat Charisma. Wenn man ihn persönlich trifft,
SPIEGEL: Aber die Sicht auf die US-Geschich- amerikanische Gesellschaft wäre, wenn sieht man das in den ersten zehn Sekunden.
Rassismus und Aufarbeitung der Sklaverei
te verändert sich doch gerade rasant, oder? mehr öffentliche Aufmerksamkeit bekämen. Viele Leute sind sehr empfänglich für seine
Trump: Die Rechte tut alles, damit die Ame- Art Charisma. Donald Jr. und Ivanka haben
rikaner weiterhin ahnungslos über ihre eigene nach Ethnien: so etwas nicht. Ohne ihn würden sie politisch
(Auswahl)
Geschichte bleiben. Stellen Sie sich vor, nicht überleben. Ohne ihn würden sie auch
Deutschland hätte nach dem Zweiten Welt- Weiße 46 % im Geschäftsleben nicht überleben. Nein,
krieg nichts unternommen, um seine Vergan- das sehe ich nicht. Hoffentlich landen sie alle
Schwarze 75 %
genheit aufzuarbeiten. im Knast.
SPIEGEL: Davon waren damals auch nicht SPIEGEL: Was steht als Nächstes für Sie an?
nach
alle Deutschen begeistert. Parteipräferenz: Trump: Mein nächstes Buch wird nicht von
Trump: Das ist ein guter Punkt. Es braucht meinem Onkel handeln. Ich mache eine Pau-
den politischen Willen. Wir nehmen die Leu- Republikaner 25 % se. Man sollte kein Buch über Traumata
te aus der Verantwortung, wenn sie die Flagge Demokraten 78 % schreiben, solange man selbst noch aktiv trau-
der Konföderierten hissen, weil sie behaup- matisiert wird.
ten, es gehe ihnen nur um ihre Südstaaten- S Quelle: Umfrage von Pew Research unter US-amerikanischen SPIEGEL: Ms Trump, wir danken Ihnen für
geschichte. Aber sie wissen genau, was es be- Erwachsenen vom 8. bis 18. Juli 2021; an 100 Prozent fehlende:
»weder noch«/»wäre schlecht« dieses Gespräch. I

88 DER SPIEGEL Nr. 34 / 21. 8. 2021


AUSLAND

rage. Er habe sich wohl für »untouchable« ge- er im Fernsehen auftrat, kündigte ihn der Si-
halten, unberührbar, sagt der Mann. Dann cherheitsdienst des Senders in der Garage an.
schießen ihm Tränen in die Augen. De Vries soll auch der einzige Kunde gewesen
Peter R. de Vries war in den Niederlanden sein, der seinen Schlüssel nicht abgeben muss-

Mann im
ein Star, so bekannt wie Günther Jauch oder te, sondern seinen grauen BMW direkt in die
Thomas Gottschalk in Deutschland. Seit der Garage fahren durfte.
Hinrichtung im Herzen Amsterdams fragen Wie es heißt, beobachtete etwa eine Woche

Spiegel
sich seine Landsleute, warum er nicht zu vor der Tat, am 28. Juni, ein Mitarbeiter der
schützen war. Denn dass er gefährlich lebte, Garage durch sein Bürofenster einen Mann
war allen klar. Er hatte sich entschieden, über auf der Straße – gerade als der Reporter mal
seine Rolle als Journalist hinauszugehen. Im wieder vom Studio kam. Das Büro liegt ge-
größten Strafprozess des Landes – gegen eine genüber der Halle, in der das Auto stand. Di-
NIEDERL ANDE Hat die Polizei Kokaingang der »Mocro-Mafia«, der ma- rekt vor dem Fenster habe der Unbekannte
im Fall des ermordeten rokkanisch geprägten Schwerkriminalität – eine Zigarette geraucht, mit dem Rücken zu
beriet er den Kronzeugen der Staatsanwalt- de Vries und Blick in die Scheibe. In der Spie-
Kriminalreporters de Vries schaft in PR-Fragen. gelung habe er de Vries offenbar beobachtet.
versagt? Eine Woche De Vries hatte immer schon Mut und harte Dann habe er die Zigarette in einen Gully ge-
vor dem Anschlag wurde sie Kante gezeigt: dass man als Kriminalreporter schnippt und sei verschwunden.
offenbar konkret gewarnt. keine Angst haben dürfe, sonst solle man bes- Die aufmerksamen Parkwächter riefen
ser für »Libelle« arbeiten, die Frauenzeit- damals sofort die Sicherheitsleute von RTL
schrift. In diesem Fall war Angst aber nur zu an, die wiederum meldeten den Vorfall der

A msterdam, einen Monat danach: Auf


der Lange Leidsedwarsstraat, wo ein
Killer dem bekanntesten Kriminal-
reporter des Landes, Peter R. de Vries, in den
berechtigt. Schon den Bruder und den ersten
Anwalt des Kronzeugen hatten mutmaßliche
Auftragskiller erschossen. Mehrfach sprach
de Vries deshalb mit den Behörden über seine
Polizei, was dort inoffiziell bestätigt wird.
Doch de Vries reagierte angeblich stoisch;
er wolle nicht auf Schritt und Tritt bewacht
werden.
Kopf schoss, steht ein Mann mit einem Gefährdung. Zwar lehnte er Bodyguards ab, Acht Tage später parkte de Vries wieder
Schlauch in der Hand und spritzt das Pflaster auch den Umzug in ein Safe House, in dem in der Garage. Gegen 19.30 Uhr, nach dem
ab. Seinen Namen will er nicht nennen, aber etwa einer der neuen Anwälte des Kronzeu- Fernsehauftritt, kam er zurück. Nun über-
er arbeitet für die Parkgarage, in der de Vries gen lebt. Aber hätte die Polizei nicht seine schlugen sich die Ereignisse. Mitarbeiter der
sein Auto am Abend des Mordes abstellte. Wege besser überwachen müssen? Gerade Garage wollen einen Mann gesehen haben,
Während der SPIEGEL mit ihm redet, nimmt an Tagen, an denen klar war, wann de Vries der auf einer Treppe herumlungerte. Angeb-
der Mann Schlüssel von Kunden entgegen. wohin gehen würde? So wie am Abend der lich griff ein Parkwächter zum Telefon, um
Was er sagt, rückt den Fall, der die Nie- Tat, nach der Livesendung »RTL Boulevard«, die Polizei zu alarmieren; noch während er
derlande noch immer aufwühlt, in ein neues vom Studio zum Auto rund 250 Schritte die den Hörer in der Hand hielt, hörte er dem-
Licht. Vor allem die Rolle der Polizei. Es hätte Lange Leidsedwarsstraat herunter. nach Schüsse und sah, wie de Vries zusam-
nicht passieren müssen, sagt der Mann. Sie, Offiziell äußert sich die Polizei nicht dazu. menbrach.
die Leute vom Parkhaus, hätten doch ge- Was dem SPIEGEL und dem niederländischen Der Mann auf der Treppe könnte der mut-
warnt. Eine Woche vor dem Mord hätten sie »NRC Handelsblad« nun aber aus Polizei- maßliche Schütze Delano G. gewesen sein,
einen Unbekannten gesehen, der sich ver- kreisen bestätigt wird, wirft die Frage nach der mit dem Polen Kamil E. kurze Zeit später
dächtig benahm. Das hätten sie auch sofort einem Versagen der Sicherheitskräfte auf. festgenommen wurde. Bei Delano G. handelt
gemeldet. Es war offenbar »der Pole«, der De Vries parkte schon seit Jahren jedes es sich Berichten zufolge um den Cousin eines
mutmaßliche Fluchtfahrer, dessen Gesicht Mal in der Garage, wenn er bei RTL zu tun verurteilten Verbrechers. Der wiederum soll
später durch die Nachrichten ging. hatte. Und er galt wegen seiner Gefährdung enge Kontakte zu jener Kokainbande gehabt
Trotzdem spazierte de Vries auch am als Mann, auf den die Parkwächter ein be- haben, gegen die der Kronzeuge aussagt.
6. Juli wieder allein vom TV-Studio zur Ga- sonderes Auge hatten. An Tagen, an denen Von den Verteidigern der Tatverdächtigen
war keine Stellungnahme zu erhalten.
Die Anwälte des Kronzeugen wiederum
werfen den Behörden nun vor, zu wenig für
de Vries getan zu haben. Die Behörden hätten
sich geweigert, ihm eine offizielle Rolle im
Prozess zuzugestehen. Deshalb sei er – an-
ders als die Anwälte – nicht ins nationale
Schutzprogramm gekommen, obwohl glaub-
würdige Hinweise vorgelegen hätten, dass
auch er auf einer Todesliste gestanden habe.
Bruno Press / Patrick van Emst / ABACAPRESS / ddp images

Nur weil er Leibwächter ablehnte, habe er


noch lange nicht jeden Schutz verweigert.
Am Ende wurde de Vries aber auch ein
Blechschaden zum Verhängnis. Früher fuhr
er direkt zum Studio und gab den Schlüssel
beim Sicherheitsdienst ab. Der brachte das
Auto in die Garage und später wieder zurück
zum Sender. Dann aber setzte ein RTL-
Fahrer den Wagen an einen Poller. Der Jour-
nalist war über die Beule so sauer, dass er
danach selbst wieder einparkte. Das wusste
auch sein Mörder.
Sarg des ermordeten Journalisten de Vries: Vor dem Parkhaus aufgelauert Jürgen Dahlkamp, Roman Lehberger I

Nr. 34 / 21. 8. 2021 DER SPIEGEL 89


AUSLAND

Arnd Wiegmann / REUTERS


Almabtrieb in Appenzell

teln und gründete Interessenverbände für


Kinderbetreuung. Heute sitzt sie in einem
schmucklosen Büro im Turm des Bundes-

Teurer Nachwuchs
amtes für Sozialversicherungen (BSV) in
Bern. Von hier aus leitet Hoch die Geschäfte
der Eidgenössischen Kommission für Fami-
lienfragen der Schweizer Regierung. Die
Kommission hat keine Macht, kann aber
SCHWEIZ Die Eidgenossenschaft ist eines der familienfeindlichsten Sachwissen in Debatten einbringen.
Länder Europas: Kitaplätze kosten ein Vermögen, ausreichend Elternzeit Hoch kämpft für eine bessere, gerechtere
gibt es nicht. Warum ändert sich daran so wenig? Kinderbetreuung, und wie es aussieht,
kommt derzeit etwas Bewegung in ihr Thema.
Seit den Wahlen im Jahr 2019 ist der Natio-

A ls Nadine Hoch schwanger wurde, kün- rung habe ihr gefehlt, sagt sie. In ihrem Freun-
digte sie ihre Stelle zum Geburtstermin. deskreis hätten das viele nicht verstanden.
»Das war ganz normal«, sagt sie. Es war »Du willst deine Kinder nicht einmal aufwach-
1993, Hoch arbeitete im Marketing des Kon- sen sehen«, habe ihr eine Freundin vorgewor-
nalrat etwas jünger, weiblicher und linker ge-
worden. Vor allem Grüne und Grünliberale
wurden gestärkt und bringen nun Initiativen
im Bund und in den Kantonen ein.
sumgüterkonzerns Henkel. Mutterschafts- fen. Nach acht Monaten rief Hochs früherer Dazu hat der Nationalrat gerade einer
urlaub gab es seinerzeit in der Schweiz noch Arbeitgeber an und bot