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nutzlos?
LUCA-APP
DEEPMIND

die Medizin
Das Berliner
Zahlenchaos

Teuer, nervig,
IMPFKAMPAGNE

Google revolutioniert

Papa
alleine!
wenn die Mütter sie lassen
Was moderne Väter alles hinkriegen –
kann das schon
DEUTSCHLAND
Nr. 33 | 14.8.2021
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D GmbH, Nedderfeld 95, 22529 Hamburg, für Gewerbekunden (ausgeschlossen sind Großkunden mit Ford Rahmenabkommen sowie gewerbliche Sonderabnehmer wie z. B. Taxi, Fahrschulen,
Behörden). Das Ford Lease Full-Service-Paket ist optional für € 11,09 netto (€ 13,20 brutto) monatlich erhältlich und in der Ford Lease Full-Service-Rate berücksichtigt. Eingeschlossen sind
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S Fur alle Kinder,
die lieber
HAUSMITTEILUNG mitmischen als
Väter | Seiten 40, 46 zugucken wollen!
Werden die Deutschen gefragt, was ihnen
am wichtigsten sei, steht regelmäßig die
Familie weit oben auf ihrer Werteliste. Und
Lena Giovanazzi / DER SPIEGEL
genau dort ist einiges in Bewegung geraten.
Angetrieben vom Feminismus, haben viele
Männer bei der Familienarbeit inzwischen
aufgeholt und versuchen, als moderne Väter
eine größere Rolle im Alltag ihrer Kinder
zu spielen. Doch die progressiven Papas
stoßen dabei zuweilen auf unerwarteten
Widerstand: die Dominanz der Mütter, denen es nicht immer leichtfällt, bei der Sorge
um den Nachwuchs auch tatsächlich loszulassen. Ein SPIEGEL-Team um Redakteur
Markus Deggerich, bestehend aus zwei Müttern und zwei Vätern mit insgesamt zehn
Kindern, hat in Familien reingehorcht, sprach mit Mamas, Papas, Großeltern, Kindern,
Wissenschaftlerinnen, Pädagogen, Coaches und dem Berliner Väterlotsen Selcuk Saydam.
Der begleitet und berät als Pionier in diesem neuen Berufsfeld gezielt Väter und kommt
dabei zu der Erkenntnis: Wer wirklich neue Väter will, braucht auch neue Mütter.

Flutkatastrophe | Seite 34

Carolin Weitzel, 41, ist Bürgermeisterin von Erftstadt, einem


Ort bei Köln, der schwer vom Hochwasser getroffen und Marcus Simaitis / DER SPIEGEL

durch ein gigantisches Erdloch weltweit bekannt wurde. Als


Redakteur Lukas Eberle die CDU-Politikerin fragte, ob er
sie beim Management der Katastrophe begleiten dürfe, sag-
te Weitzel sofort zu. Eberle saß mit ihr in Besprechungen,
sie besuchten Flutopfer. Als sie im Stadtteil Blessem den Zur
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zwölf Meter tiefen Krater besichtigten, in dem mehrere ISBN 978-3-522-30592-1
Häuser verschwunden waren, mussten beide schlucken. »In tagswahl
Krisenzeiten müssen Kommunalpolitikerinnen und -politiker Entscheidungen treffen, 2021
bei denen es um Leben und Tod geht«, sagt Eberle, »das war in der Pandemie so, das
ist beim Hochwasser so. Die Verantwortung, die Lokalpolitiker tragen, wächst. Trotz-
dem ist der Respekt, der ihnen entgegengebracht wird, gering.«
Was würden Kinder tun, wenn sie
Zypern | Seite 52 Kanzler oder Kanzlerin wären? Vielleicht
höhere Steuern für Millionäre fordern
Vor acht Jahren lernte Redakteur Timofey Neshitov in Den Haag eine Unternehmerin
kennen, die sich ihm als »Flüchtling« vorstellte, als »Mädchen aus Famagusta«. Tasoula und sich für den Tierschutz einsetzen? In
Hadjitofi war nach dem Einmarsch der türkischen Armee im Sommer 1974 aus Zypern diesem Buch erfahren Kinder, wie Politik
geflohen. In den Niederlanden hatte sie eine Firma gegründet, eine Villa gekauft, sie genau funktioniert: Wieso Wahlen ge-
dinierte mit der Königin. Nur nach Hause konnte sie nicht. Ihr Elternhaus an der Ost-
küste Zyperns stand in einem Militärgebiet. In diesem Sommer, 47 Jahre nach der In- heim sind, wer dafür sorgt, dass sich alle
vasion, durfte sie zurückkehren nach Famagusta, mittlerweile eine Geisterstadt. Ne- an die Gesetze halten, und warum die
shitov begleitete sie auf dieser Reise. Er erlebte eine 62-Jährige, die mit der Verbitterung Europäische Union keine Hauptstadt hat.
von Jahrzehnten anreiste und am Ende etwas tat, womit sie nicht gerechnet hatte: Sie
umarmte einen türkischen Polizisten. »Frieden hat sie trotzdem nicht gefunden«, sagt
Neshitov, »sie will sich nicht versöhnen, sie will ihre heile Welt von 1974 zurück.«
Mit spannenden Antworten
SPIEGEL EDITION »Terror«, »Dein SPIEGEL«
auf echte Schulerfragen
Vor 20 Jahren steuerten islamistische Selbstmordatten-
täter zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade
Center in New York. Wie 9/11 nachwirkt und das Le-
ben auch in Deutschland bis heute prägt, beschreibt die
neue Ausgabe von SPIEGEL EDITION. Um das ille-
gale Geschäft mit seltenen Tierarten geht es in der
Titelgeschichte von »Dein SPIEGEL«, dem Magazin
für Kinder. Beide Hefte erscheinen am Dienstag.

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 3


INHALT TITEL

40 | Familie Gegängelte Väter

DER SPIEGEL 75. Jahrgang | Heft 33 | 14. August 2021


46 | SPIEGEL-Gespräch mit Vätern
aus drei Generationen

DEUTSCHLAND

6 | Leitartikel Normalität Extremwetter

8 | Zu hohe Veteranenzahlen /
Flutschäden behindern Wahl /
Der gesunde Menschenverstand /
So gesehen: G wie gefährlich

12 | Pandemie Stimmt die Impfquote?

15 | Vorsorge Nachteil Rentner

16 | SPDSPIEGEL-Gespräch mit
Kanzlerkandidat Olaf Scholz

19 | Krisen Die Not der afghanischen


Bundeswehr-Helfer

Oliver Rossi / Getty Images


22 | Asylpolitik Afghaninnen in Angst

24 | Europa Das düpierte


Verfassungsgericht

27 | Analyse Die Bahn im Streik

Der gebremste Mann 28 | Parteien Linke verliert im Osten

30 | Behörden Kritik an der Luca-App


FAMILIE Nach wie vor ist die Erziehungsarbeit in deutschen Haushalten
ungleich verteilt. Ausgerechnet jene Väter aber, die sich für ihre Familien 32 | Corona Warum Luftreinigungs-
geräte in Schulen fehlen
stark engagieren, stoßen häufig auf ein unterschätztes Hindernis:
Mütter, die nicht loslassen wollen. Neue Väter, sagen Experten, kann es nur 34 | Hochwasser Mit einer Bürger-
geben, wenn auch die Frauen ihre Rolle in der Familie verändern. | 40, 46 meisterin am Krater in ihrer Stadt

37 | Mein Fall Ein Staatsanwalt klärt


nach 19 Jahren einen Mord auf

38 | Polizei Rechte Spezialeinheit

REPORTER

50 | Familienalbum / Wie fälscht


man Fingerabdrücke?
Andreas Chudowski / DER SPIEGEL

51 | Eine Meldung und ihre


Marco Riebler / DER SPIEGEL

Peter Rigaud / DER SPIEGEL

Geschichte First Lady gesucht

52 | Rückkehr Zyperns Geisterstadt

57 | Kolumne Leitkultur

Olaf Scholz Altenberger, Minichmayr Thomas Müller WIRTSCHAFT


Hat er doch Chancen? Die Schauspielerinnen über Der Fußballprofi verrät, wie
Der SPD-Kanzlerkandidat ihre Rolle der Buhlschaft und es mit dem FC Bayern und 60 | Milliardenhilfe für Flutopfer /
gibt sich optimistisch. | 16 sexistische Zuschauer | 110 der Nationalelf weitergeht. | 88 Lufthansa lässt Kunden warten

4 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021 Titelillustration: Mona Eing und Michael Meissner für den SPIEGEL
62 | Mode Früher Dior, jetzt s.Oliver 94 | WM 2006 Das DFB-Geheimnis
um das Sommermärchen
66 | Neues Deutschland (V) Firmen
setzen auf den Kollegen Roboter
WISSEN
68 | Rohstoffe Heiß begehrte Kohle
98 | Irrweg Öko-Landbau? / Analyse
70 | Gerechtigkeit Die Sozialforscher
Carolin und Christoph Butterwegge im 100 | Biotechnologie Revolution
SPIEGEL-Gespräch über Kinderarmut durch künstliche Intelligenz

Mohammad Asif Khan / AP


73 | Pandemie Testen lohnt nicht mehr 103 | Tiere Katzengene und Menschen

104 | Ökologie Garten ohne Gießen


AUSLAND
106 | Klima Ist das die Zukunft?
74 | Litauens China-Provokation / Deutsches Debakel am Hindukusch
Flucht aus Kunduz vor den Taliban Kaum ziehen die westlichen Truppen ab, überrennen die
KULTUR Taliban Afghanistan. Das Drama wird nun zum Streitthema
76 | Polen Machthaber Jarosław im Bundestagswahlkampf. | 19
Kaczyński schafft den Rechtsstaat ab 108 | »Solar Power« von Lorde /
»Bock« von Katja Lewina
80 | Zeitgeschichte Deutschland und
der Mord an Tunesiens Volksheld 110 | Theater SPIEGEL-Gespräch mit
Birgit Minichmayr und Verena Alten-
82 | Klimapolitik Harvard-Forscher berger über die Salzburger Festspiele
Stephen Walt über Kriege gegen
Umweltsünder 114 | Denkmäler Streit um die
East Side Gallery in Berlin
84 | Migration Wie Diktator Luka-
schenko Flüchtlinge in die EU schleust 116 | Literatur Hervé Le Telliers Über-
raschungsbestseller »Die Anomalie«

SPORT 118 | Museen Ludwig Mies van der


Rohe und die Nazis
87 | Messi und Paris Saint-Germain /

Marian Lenhard
Warum werden Pferde nach einem 120 | Musik Santiano, ahoi!
Bänderriss eingeschläfert?
123 | Sachbuchkritik Herfried Münk-
88 | Fußball SPIEGEL-Gespräch mit ler über Marx, Wagner und Nietzsche
Nationalspieler Thomas Müller
Paris, New York, Rottendorf
SPIEGEL-TV-Programm | 107 Bestseller | 117 Claus-Dietrich Lahrs soll die fränkische Modefirma s.Oliver
Impressum, Leserservice | 124
92 | Boxen Ist die Verbandsspitze Nachrufe | 125 Personalien | 126 zum Glänzen bringen. Ist der Mann, der globale Luxus-
sportfeindlich? Briefe | 128 Hohlspiegel / Rückspiegel | 130 marken wie Louis Vuitton leitete, dafür der Richtige? | 62

„Schokolade von ALDI? Warum ALDI


Die ist doch niemals fair Schokolade nicht nur
Meinungsfreiheit
gehandelt bei den Preisen!“ ist unbezahlbar. lecker, sondern auch
fair und nachhaltig
Qualität nicht.
ist, erfährst du auf
Seite 49.

Tom
S

Das neue Normal


LEITARTIKEL Nach dem aktuellen Bericht der Klimaforscher ist klar: Um die Erwärmung aufzuhalten, bleibt
kaum noch Zeit. Der nächste Kanzler wird entweder zum Helden – oder er wird das Scheitern besiegeln.

2030er-Jahre erreicht sein und damit früher als gedacht.


Der Mensch kennt die Lage. Seine Zeit, sich aus ihr zu
befreien, schwindet.
Die neuen Daten sind das Ergebnis gestiegener Leis-
tung von Supercomputern, die genauere Prognosen lie-
fern. Je präziser der Mensch seine Zukunft voraussagen
kann, desto düsterer wird sie also.
Das heißt auch: Was die Flüchtenden auf Euböa er-
leben, sind nur erste zaghafte Reaktionen des Planeten
auf gut 150 Jahre Verbrennung fossiler Rohstoffe. Bei der
jetzigen, vergleichsweise moderaten Klimaänderung von
plus 1,2 Grad gegenüber vorindustrieller Zeit wird es
nicht bleiben. Wir stecken nicht mitten in der Klimakrise,
sondern stehen erst am Anfang.

Nicolas Economou / REUTERS


Kohlendioxid ist ein tückischer Feind: Das langlebige
Gas entfaltet, einmal in die Atmosphäre freigesetzt, erst
nach rund zehn Jahren seine volle destruktive Kraft – für
Jahrhunderte. Heute spürt der Mensch die Auswirkungen
seiner Emissionen bis 2011. In den acht Jahren danach
hat die Menschheit zusätzliche 280 Milliarden Tonnen
CO in der Atmosphäre verklappt. Deshalb wird es noch
²
er Himmel Südeuropas ist in Orange getaucht, heißer werden, noch trockener. Mehr Brände, mehr Ex-
Per Fähre flüchtende
Bewohner
der griechischen
Insel Euböa
D über Westdeutschland ergießt sich Ocker, im
Pazifik weicht ein Farbenmeer mattem Weiß. Der
Klimawandel verändert das Antlitz des Planeten: Die
tremregen, mehr starke Hurrikane sind die Folge. Das
lässt sich schon jetzt nicht mehr ändern.
Wie weit werden wir es noch kommen lassen? Der
Brände in den USA, in Griechenland und der Türkei ver- Wahlkampf lässt nur eine Antwort zu: offenbar sehr weit.
nichten Wälder, Hochwasser in Deutschland zerstört Dör- Auch nach den schweren Überschwemmungen spielt
fer, die Korallenriffe an Australiens Ostküste erbleichen. Klimaschutz weiterhin eine Nebenrolle, in einer Umfrage
Die Menschheit weiß, dass in einer immer wärmeren wünschen sich weniger Leute einen Politik- und Regie-
Welt nicht nur die Farben wechseln, sondern auch Le- rungswechsel als noch im April, und selbst die Grünen
bensräume schwinden. Doch bis heute gelingt es einem schalten bei ihrem Kernthema nicht wirklich auf Angriff.
Großteil, dieses Wissen zu verdrängen, wie der Bundes- Deutschland müsste die CO -Emissionen bis 2030 um
²
tagswahlkampf zeigt. Das Märchen vom Klimavorreiter 88 Prozent im Vergleich zu 1990 senken, um einen fairen
Deutschland macht wieder die Runde, die Erzählung, Anteil zum Erreichen des 1,5-Grad-Limits zu leisten. Das
dass wir auf einem guten Wege seien, aber eben nicht die sagen nicht Aktivisten, das sagt ein Mitglied des Sach-
ganze Welt allein retten könnten. Dabei liegen die CO - verständigenrats für Umweltfragen, der die Bundesregie-
²
Emissionen der Deutschen pro Kopf über denen Chinas, rung berät. Im Wahlkampf spielt diese Zahl keine Rolle,
historisch ist die Bundesrepublik ein Topverschmutzer. das aktuelle Ziel der Großen Koalition lautet 65 Prozent.
Dieses Aussitzen bringt mittlerweile beängstigende Deshalb steht schon heute fest: Armin Laschet, sofern
Bilder hervor. Menschen drängen auf eine Fähre, sie flie- er denn gewinnt, wird ein Klimakanzler sein, ob er will
hen von der brennenden Insel Euböa – das Video ging oder nicht. Er wird als derjenige in die Geschichtsbücher
um die Welt. Es zeigt, wie verletzlich unsere Spezies ist, eingehen, der die letzte Chance genutzt hat, das Land
Was früher wenn sie mit den Konsequenzen ihres Handelns konfron- auf Kurs zu bringen – oder als der Kanzler, der das Ver-
tiert wird. Was früher vielleicht Jahrhundertereignisse fehlen der Parisziele für Deutschland unumkehrbar ge-
Jahrhundert- waren, spielt sich heute im Abstand weniger Jahre ab. macht hat. Dessen Versagen irreversibel ist.
ereignisse Der Klimawandel ist real, und er ist hier. Der renommier- Laschets Kurs läuft auf Letzteres hinaus. Wo er Gestal-
te Klimawissenschaftler Michael E. Mann hat es vor ein tungsanspruch beim Klimaschutz erkennen lassen müsste,
waren, spielt paar Tagen so ausgedrückt: »An diesem Punkt geht es tritt er lieber als Bedenkenträger auf, statt das Volk auf
sich heute darum, wie schlimm wir es werden lassen.« große Veränderungen einzuschwören, verspricht er fahr-
Am Montag hat der Weltklimarat den ersten Teil seines lässig Normalität. Diese Normalität aber, nach der sich
im Abstand Sechsten Sachstandsberichts vorgelegt. Ein Dokument, wohl viele zurücksehnen, hat uns die Bilder von Euböa
das so deutlich wie selten zuvor das Bild eines Katastro- beschert. Es ist keine Normalität, die Stabilität verspricht,
weniger phenszenarios zeichnet. Die kritische Schwelle der Erd- sondern eine, die zu katastrophalen Veränderungen führt.
Jahre ab. erwärmung von 1,5 Grad könnte schon Anfang der Kurt Stukenberg ■

6 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


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DEUTSCHLAND

Christophe Gateau / dpa


Die Startbahn als gigantisches Werbebanner: Beim »Berlin Freedom Dinner« auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel kamen
mehr als 3000 Menschen zusammen – als Dank an Bürgerinnen und Bürger für ihre Solidarität in der Pandemie. Um die kostenlosen
Tickets hatten sich mehr als 100 000 Leute beworben. Für alle Teilnehmer gab es eine Box mit Kaltschale, Stulle, Käsekuchen und Mini-
Macarons. Zu der Sause eingeladen hatten die Landesregierung, die Messe Berlin und die Marketingagentur der Stadt.

Übertriebene Veteranenzahlen
AFGHANISTAN Mehr als 150 000 Bundeswehrangehörige waren am Hindukusch, sagt Verteidigungsministerin
Annegret Kramp-Karrenbauer. Dabei war die Zahl viel niedriger.

D ie von Verteidigungsministerin Anne-


gret Kramp-Karrenbauer (CDU)
mehrfach genannte Zahl der deut-
schen Bundeswehrkräfte in Afghanistan ist
Afghanistankämpfer erhalten hat, und deckt
sich mit Forschungen der Potsdamer Sozio-
login Anja Seiffert. Eine präzise Zahl liegt
angeblich nicht vor. Es sei »strukturbedingt
geschlampt hat und jetzt den Aufwand
scheut, die genaue Zahl nachträglich zu er-
mitteln. Kramp-Karrenbauer will am
31. August das Ende des Afghanistaneinsat-
deutlich zu hoch. Die Politikerin behauptet, technisch nicht leistbar«, diese zu ermitteln, zes mit einem Großen Zapfenstreich und
»über 150 000 Männer und Frauen« der behauptet ein Sprecher der Bundeswehr. einem Appell würdigen, an dem auch Bun-
Bundeswehr hätten am Hindukusch gedient. Kramp-Karrenbauer orientiert sich wohl despräsident Frank-Walter Steinmeier
Tatsächlich aber gehen Experten der Bun- an den 163 980 sogenannten Einsatzteilnah- teilnehmen soll. Auf dem Höhepunkt des
deswehr intern von rund 93 000 Soldaten men. Diese enthalten aber Mehrfacheinsätze deutschen Engagements 2010 waren gut
und Soldatinnen aus, die seit 2001 nach Af- und sagen daher nichts darüber aus, wie 5000 Angehörige der Bundeswehr in Afgha-
ghanistan geschickt wurden. Diese Schät- viele Afghanistanveteranen es gibt. Fachleu- nistan. Deutschland stellte damit nach Ame-
zung beruht insbesondere auf der Zahl der te vermuten, dass die Bundeswehr in den rikanern und Briten die meisten Truppen.
verliehenen Einsatzmedaillen, die fast jeder ersten Einsatzjahren bei der Datenerfassung Ab 2011 wurde ihre Zahl verringert. KLW

8 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


warnen die IT-Experten. Das
Polizei warnt baden-württembergische Innen- DER GESUNDE MENSCHENVERSTAND
vor Spähsoftware ministerium teilte auf Anfrage
»Pegasus« mit, die Meldung habe der Sen- Deutschlands
sibilisierung der Polizistinnen
SICHERHEIT Die baden-würt-
tembergische Polizei warnt ihre
und Polizisten gedient. Erkennt-
nisse über eine versuchte oder
Kraftriegel
Beamten vor Ausspähungsver- erfolgte Infizierung gebe es Von Markus Feldenkirchen
suchen. Auch die von der Landes- keine. In einer gemeinsamen Re-
polizei eingesetzten Mobiltele- cherche hatten internationale Selbstverständlich muss sich von VW saß, als man dort noch
fone (»PoliPhone«) könnten Medien enthüllt, dass die Späh- Gerhard Schröder als Alt- kernige Autos baute, will sol-
Ziel einer Überwachung durch software des israelischen Unter- kanzler nicht mehr mit jedem chen Verweichlichungstenden-
die Spionagesoftware »Pegasus« nehmens NSO Group offenbar Detail der Alltagspolitik aus- zen Einhalt gebieten. »Curry-
werden, heißt es in einer inter- weit häufiger als bekannt von einandersetzen. Er fokussiert wurst mit Pommes ist einer
nen Nachricht der Behörde an autoritären Staaten eingesetzt sich zu Recht auf die großen der Kraftriegel der Facharbei-
die Mitarbeiter. Die von »Pega- wurde, um Journalisten, Oppo- Linien. Wenn es wirklich terin und des Facharbeiters
sus« verwendete Sicherheits- sitionelle und ausländische Poli- wichtig wird, nutzt der Alt- in der Produktion«, schrieb er
lücke lasse sich nicht schließen. tiker zu überwachen. Die Firma kanzler dann seine Gravitas diese Woche auf dem Ernäh-
Wer eine verdächtige Lock-SMS hat den Vorwürfen widerspro- und erhebt die Stimme, da rungsportal LinkedIn. »Das
erhalte, solle keinesfalls auf chen, eine Untersuchung durch kann man die Rolex nach stel- soll so bleiben.« Schröders
darin enthaltene Links klicken, Israels Regierung läuft. SVE, WOW len. Gern äußert er sich auf Hashtag: #rettetdieCurrywurst.
der bekannten Altkanzler- Dass der Ausdruck »Kraft-
plattform LinkedIn, auf der riegel« in Kombination mit
nigten Königreichs. Seinen rus- auch Unterabteilungsleiter Currywurst und Pommes er-
Alles in bar sischen Agentenführern soll er neue Aufgaben suchen. nährungswissenschaftlich
GEHEIMDIENSTE Der mutmaß- ab spätestens November 2020 Dass Schröder nach wie durchaus umstritten ist, soll
liche russische Spion David S. Informationen weitergegeben vor ein Gespür für Relevanz nur am Rande erwähnt wer-
ging deutschen Ermittlern offen- haben. Intern heißt es, es habe hat, zeigt sich schon daran, den. Dann könnte man Ziga-
bar auch wegen seines auffäl- sich dabei um Material der briti- dass seine raren Wortmeldun- retten »lebensverlängernde
ligen Finanzgebarens ins Netz. schen Botschaft gehandelt, wie gen bevorzugt den Themen- Schönheitsstängel« nennen.
Nach SPIEGEL-Informationen etwa Besucherlisten. In mindes- bereichen Gasversorgung,
soll S. über einen längeren Zeit- tens einem Fall soll es auch um Russland, Balkonpflanzen Wer den Altkanzler
raum weder Geld von seinem Informationen zu Angehörigen und Hannover 96 gelten.
Konto abgehoben noch mit Kar- des Auswärtigen Amts gegan- In dieser Woche hat er sein als alte weiße
te bezahlt haben. Die Fahnder gen sein. S. ist der vierte mut- Spektrum nun um den dro- Wurst verhöhnt,
des Bundeskriminalamts und maßliche russische Spionagefall henden Niedergang zweier
der Bundesanwaltschaft schlos- auf deutschem Territorium deutscher Kulturgüter erwei-
übersieht, dass auch
sen daraus, dass S. seine alltäg- innerhalb weniger Monate. Ver- tert: VW und Currywurst. er mit der Zeit geht.
lichen Ausgaben offenbar mit fassungsschutzchef Thomas Volkswagen ist mittlerweile
Bargeld beglich – das er von Haldenwang hatte zuletzt vor eine Art Annalena Baerbock Bemerkenswert ist etwas
einem russischen Nachrichten- Aktivitäten russischer Geheim- unter den Autobauern (nein, anderes. Während Schröder
dienst bekommen haben soll. dienste hierzulande gewarnt. nicht wegen der Schummel- von der Armada der Richtig-
S. ist britischer Staatsbürger und Den Ermittlungen gegen S. ging software, sondern wegen der denker gleich wieder als alte
arbeitete bis zu seiner Festnah- eine gemeinsame Operation Klimaziele). Die Konzernspit- weiße Wurst verhöhnt wur-
me diese Woche als Ortskraft an deutscher und britischer Sicher- ze will tatsächlich dem guten de, wurden zwei Dinge über-
der Berliner Botschaft des Verei- heitsbehörden voraus. FIS alten Verbrennungsmotor an gangen, die klar beweisen,
den Kragen. Und jetzt auch dass auch der Altkanzler mit
noch der Wurst. Bislang hat der Zeit geht. Zum einen sei-
VW in der hauseigenen Flei- ne vorsichtige Annäherung
scherei jährlich sieben Millio- an fleischloses Essen: »Vege-
Nachgezählt nen Currywürste hergestellt, tarische Ernährung ist gut,
ähnlich viele wie Pkw. ich selbst mache das phasen-
Gespendete Beatmungsgeräte 2020 Nun hat der Konzern ange- weise auch«, schrieb er.
kündigt, zumindest in einer Man muss es als Einsteiger
1435
Geräte hat Deutschland aufgrund
1058 der vielen Kantinen auf dem
Wolfsburger Konzerngelände
künftig kein Fleisch mehr
ja nicht gleich übertreiben.
Und dann wurde völlig
übersehen, dass Schröder
der Coronapandemie gespendet.*
zu servieren. Viele Mitarbei- inzwischen gendert. Die
ter hätten sich Alternativen Currywurst sei der Kraftrie-
Life-Support einfache und Notfall- gewünscht, so die Begründung. gel »der Facharbeiterin und
Intensivbeatmungs- beatmungsgeräte, davon die Zudem helfe weniger Fleisch- des Facharbeiters«. Mehr
geräte, davon die 298 meisten für die Deutsche verzehr der Umwelt. Modernität kann man vom
meisten für den Gesellschaft für Internationale Schröder, der als Minister- Kraftriegel der Sozialdemo-
Kosovo: 60 Zusammenarbeit: 225
präsident selbst im Aufsichtsrat kratie nicht verlangen.

* an Mitgliedstaaten der EU, 79 High-End-Intensiv- An dieser Stelle schreiben Markus Feldenkirchen und
Drittstaaten und internationale
Organisationen Beatmungsgeräte, davon Alexander Neubacher im Wechsel.
S Quelle: Bundesregierung die meisten für Spanien: 60


Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 9


CHAPPAT TES WELT Truppe mit
Nebenjob
BUNDESWEHR Immer mehr
Soldatinnen und Soldaten der
Bundeswehr sind durch ihren
Dienst offenbar nicht voll ausge-
lastet oder müssen sich durch
Nebenjobs etwas zum regulären
Sold dazuverdienen. Das geht
aus einer internen Statistik der
Bundeswehr hervor, die der
FDP-Verteidigungspolitiker
Marcus Faber angefordert hat.
Demnach hat sich seit dem Jahr
2006 die Anzahl genehmigter
Nebentätigkeiten bei den rund
180 000 Bundeswehrsoldaten
von 6845 auf heute 11 156 er-
höht – eine Steigerung um mehr
als 60 Prozent. Die Bundes-
wehr hat laut dem Schreiben
von Verteidigungsstaatssekretär
Thomas Silberhorn keine
Erkenntnisse, warum die Zahl
so stark gestiegen ist. Grund-
sätzlich seien Nebenjobs »gänz-
lich dem privaten Bereich zuzu-
ordnen«, schreibt Silberhorn,
wenn sie keine dienstlichen
zerstört, die als Wahllokale die- Interessen verletzten oder
Wählen im Zelt nen sollten. Die betroffenen Sicherheitserwägungen zu einer
FLUT Die Zerstörung vieler Kommunen wollen Zelte, Busse Verweigerung führten. FDP-
Häuser durch die Hochwasser- oder Container als Ersatz Politiker Faber ist der Ansicht,
katastrophe erschwert den ord- bereitstellen. Da viele Men- prinzipiell seien die Nebenjobs
nungsgemäßen Ablauf der Bun- schen ihr Auto verloren haben, auch bei Bundeswehrsoldaten
destagswahl. Aktuell können werden etwa im Kreis Ahrwei- nichts Schlechtes. »Bei über
die Landeswahlleiter in Nord- ler in den zwei Wochen vor der 11 000 Nebentätigkeiten stellt
rhein-Westfalen und Rheinland- Wahl mobile Briefwahlstationen sich trotzdem die Frage, ob die
Pfalz nicht beziffern, wie vielen an unterschiedlichen Orten halt- Bundeswehr ihren Soldaten
Thomas Frey / dpa

Bürgerinnen und Bürgern machen. Die Kommunen pla- nicht anbieten sollte, Mehr-
wegen der Verwüstungen keine nen zudem, in der Presse, in so- arbeit bei der Truppe wieder
Wahlbenachrichtigungen zuge- zialen Medien und auf Plakaten einfacher und unbürokrati-
stellt werden können. An eini- auf die Bundestagswahl auf- scher zu bezahlen«, sagt der
gen Orten sind auch Gebäude Aufräumarbeiten im Ahrtal merksam zu machen. NSP, JDA Abgeordnete. MGB

Die Klügeren wissen es längst, »3 G« die Rede ist, wenn es Und warum spricht heute
G wie aber langsam sollte es auch all darum geht, wer künftig trotz niemand mehr von »4 G«,
jenen dämmern, die sich bis- Corona Kinos und Restaurants obwohl die meisten Mobiltele-
gefährlich her kritiklos jeder Coronamaß- besuchen darf? Gemeint sind fone noch mit diesem Stan-
nahme unterworfen haben: Die damit Menschen, die entweder dard betrieben werden? Ganz
SO GESEHEN Die da oben wollen uns für dumm »geimpft oder genesen« (2 G) klar: »4 G« kann für nichts
geheimen Corona- verkaufen. Immer dreister dis- oder »geimpft, genesen oder anderes stehen als »geimpft,
kutieren sie in aller Öffentlich- getestet« (3 G) sind. genesen, getestet und gechipt«.
Codes der Mächtigen keit neue Ideen, das Volk zu Wer hier nicht den Zusam- Denken Sie einmal darüber
unterdrücken. Doch wer genau menhang mit dem Mobilfunk- nach.
hinhört, kann die geheimen standard »5 G« erkennt, hat Richtig gefährlich wird es
Corona-Codes der Mächtigen wohl immer noch kein Tele- aber, wenn die Mächtigen
entschlüsseln. Achten Sie auf gram auf seinem Smartphone um Drosten und Merkel und
den Buchstaben »G« – und installiert. Informierte wissen, Gates den Countdown herun-
seien Sie besonders wachsam, dass wir die verdammte Pan- tergezählt haben. Ihr hinter-
wenn er einer Zahl folgt! demie nur 5 G zu verdanken hältiges Ziel: Wir sollen alle
Ist es etwa nicht bemerkens- haben. Per Handymast sind »1 G« werden, also »gesund«.
wert, dass in letzter Zeit bei wir alle verstrahlt und krank Wie perfide ist das denn?
Politikern so oft von »2 G« und gemacht worden. Stefan Kuzmany

10 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


Zum Vorwurf der Anklage
Weidel-Verband nahm Opitz auf Anfrage inhalt-
bezahlte lich keine Stellung; auch zu
etwaigen Geschäftsbeziehungen
umstrittenen Berater zur AfD oder zu Weidel äußerte
AFD Der Kreisverband von er sich nicht. Als »Kontraste«
AfD-Spitzenkandidatin Alice die Politikerin 2020 zu Opitz
Weidel hat Geld an einen befragte, gab sich Weidel
umstrittenen Politikberater ahnungslos. Sie bestritt, dass
überwiesen. Das geht aus Konto- der Berater jemals für sie tätig
unterlagen hervor, die dem gewesen sei. Konfrontiert mit

Andreas Burmann / DER SPIEGEL


Recherchezentrum Correctiv, der Überweisung der 1900 Euro
dem ARD-Politikmagazin räumte Weidel nun ein, dass
»Kontraste« und dem SPIEGEL sich Opitz »damals um einen
vorliegen. Demnach flossen von Mietwagen gekümmert« habe,
einem AfD-Wahlkampfkonto, den sie »für die Absolvierung
auf dem auch illegale Spenden meiner Wahlkampfauftritte und
aus der Schweiz eingingen, im Medientermine« benötigt habe.
Oktober 2017 rund 1900 Euro Opitz habe den Betrag vorge-
an den Berliner Geschäftsmann
Friedel Opitz. Opitz tritt unter
streckt, die Partei habe ihn »re-
tourniert«. Zur Frage, wie der »Ich war richtig sauer«
anderem als Experte für »Kri- Geschäftsmann zu den Bundes-
senmanagement« auf und ver- tagsvisitenkarten kam, erklärte DIE AUGENZEUGIN Ilona Zeigner, 49, wurde im
fügte über Bundestagsvisiten- Weidel, ein »ursprünglich Impfzentrum Friesland möglicherweise
karten, die ihn als »Strategi- geplantes Beratungsverhältnis« Kochsalzlösung statt Impfstoff gespritzt.
schen Berater« Weidels auswie- mit ihm sei »nicht zustande«
sen. Wiederholt war er im gekommen. Allerdings habe »Mein Mann, meine Schwäge- ge aber kein neues Angebot,
Visier der Justiz: Im Februar Opitz »von meinem Büro rin und ich hatten am 15. April weil unser Termin formal um
klagte ihn die Staatsanwalt- bereits im Vorfeld Visitenkarten einen Termin zur Erstimpfung 10 Uhr war, die kritische Uhr-
schaft Bielefeld wegen des Ver- erhalten«. Ob es weitere Kos- im Impfzentrum. Meine Mut- zeit hingegen beginnt um 11.30
dachts auf gemeinschaftlichen tenerstattungen an den Berater ter ist im Februar überraschend Uhr. An den damaligen Zeit-
Betrug an, es geht um fragwür- gegeben habe, müsste noch gestorben, seitdem kümmere verzug wegen der technischen
dige Fahrzeugfinanzierungen. abgeklärt werden. SRÖ ich mich um meinen pflegebe- Probleme hat offenbar nie-
dürftigen Vater. Er hatte mich mand gedacht. De facto wur-
als Kontaktperson angegeben. den wir ja viel später geimpft.
Unser Termin war morgens um Die Mitarbeiter der Hotline
zehn Uhr, aber draußen war eine waren völlig überfordert. Da-
lange Schlange, weil es techni- für, dass es ein Infotelefon sein
sche Probleme gab. Die Imp- soll, bekommt man ziemlich
fung fand dann wesentlich spä- wenig Infos. Eine Helferin hat
ter statt, vielleicht um kurz vor mich von ihrem Privathandy
zwölf. Ich weiß das noch, weil zurückgerufen, weil das Call-
ich meinen Sohn um halb eins center keine Rückrufe macht.
aus der Schule abholen musste. Die wollen das nun klären, und
Natürlich habe ich vor eini- ich muss wieder anrufen.
gen Wochen von dem Fall der Als ich von dem Fall gelesen
Nicolas Armer / dpa

Krankenschwester gehört, das habe, war ich richtig sauer.


ging durch die Medien. Es hieß, Man verlässt sich auf den Impf-
Helferin, Flüchtlinge in München 2015 sie habe eine Ampulle mit schutz, fühlt sich sicherer. Wir
Impfstoff fallen gelassen und waren gerade einige Tage im
dann mehr Kochsalzlösung auf- Urlaub und haben Disneyland
Studie sieht keinen in den Herkunftsländern, um gezogen. Das konnte ich noch besucht. Da wäre ich ohne die
die Beweggründe der Flüchtlinge nachvollziehen. Diese Woche Sicherheit einer vollständigen
Beleg für Pull-Effekt zu erfassen. Demnach sorgte habe ich gelesen, dass deutlich Impfung niemals hingegangen.
MIGRATION Die Flüchtlings- die deutsche Migrationspolitik mehr Impfungen betroffen sein Gerade wegen der Delta-Vari-
politik im September 2015 hat nicht für einen Pull-Effekt, son- könnten, auch wenn die Frau ante sind beide Impfungen
nicht dazu geführt, dass mehr dern hatte kaum Einfluss auf das bestreitet. Ist es vorstellbar, doch besonders wichtig.
Menschen nach Deutschland die Entscheidung, in die Bundes- dass eine Einzelne so viele fal- Glücklicherweise haben wir
fliehen wollten. Zu diesem republik zu gehen. Der Krieg in sche Spritzen aufzieht? Das hier niedrige Inzidenzen. Aber
Ergebnis kommen die Migra- Syrien oder die wirtschaftliche darf nicht passieren. natürlich bin ich jetzt wieder
tionsforscher Jasper Tjaden Not in den Erstaufnahmelän- Der Landkreis hat eine Lis- ein Stück weit vorsichtiger. Mei-
und Tobias Heidland in einer dern waren für die Menschen te mit Tagen und Uhrzeiten ge- nen Papa sehe ich jeden Tag, er
neuen Studie für das Kieler viel bedeutender. Bereits zwi- postet, an denen die Frau wohl wäre sonst ganz alleine – aber
Institut für Weltwirtschaft. Die schen 2011 und 2014 fassten der gearbeitet hat. Da ist unser Tag in den Arm nehmen werde ich
Wissenschaftler analysierten Studie zufolge immer mehr dabei. Also habe ich die Hot- ihn erst mal nicht.«
die tatsächlichen Migrationszah- Menschen den Entschluss, sich line angerufen, um einen neuen Aufgezeichnet von
len zwischen 2000 und 2020, auf den Weg nach Deutschland Termin zu bekommen. Ich krie- Philipp Kollenbroich
Google-Suchen sowie Umfragen zu machen. JDA, NSP

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DEUTSCHLAND

Politik im Ungefähren
PANDEMIE Daten entscheiden in der Coronakrise darüber, wie massiv das Leben der Deutschen eingeschränkt
wird. Doch jetzt zeigt sich: Viele Zahlen sind ungenau oder falsch. Und während sich offenbar
die vierte Infektionswelle aufbaut, streiten Bund und Länder darüber, auf welche Werte sie setzen wollen.

m sächsischen Landkreis Bautzen leben nisterpräsidenten und die Kanzlerin zwar ei- Und das, obwohl mindestens jeder Zweite be-
I scheinbar besonders viele Impfgegner.
Nur 39 Prozent der Einwohner waren
hier nach der offiziellen Statistik am Don-
nig und voller Tatendrang. Schließlich hatten
sie Maßnahmen beschlossen, die den Druck
auf Ungeimpfte deutlich erhöhen sollen: eine
reits durch eine Impfung geschützt ist. Das
deute klar auf die Aggressivität der Delta-
Variante hin, heißt es. Umso wichtiger wären
nerstag vollständig geschützt. Eine Zahl, die Testpflicht für Besuche in Restaurants, Fit- jetzt Maßnahmen, die einen neuerlichen Mas-
weit unter dem Bundesschnitt liegt und weit nessstudios, Kinos. Sie beschlossen auch, dass senausbruch verhindern. Dafür brauchte man
unter der Impfquote des benachbarten Land- Ungeimpfte diese Tests ab 11. Oktober selbst Zahlen, die das derzeitige Infektionsgesche-
kreises Görlitz. Da waren am selben Tag an- zahlen müssen, wenn die Impfung für sie hen und die Impfdichte authentisch abbilden.
geblich schon 55 Prozent der Bürgerinnen empfohlen wird. Schon im Frühjahr wussten Bund und Län-
und Bürger doppelt geimpft. Doch auf wichtige Fragen fanden sie keine der oft nicht, wie viele der besonders gefähr-
Der Landrat muss also ein großes Problem klaren gemeinsamen Antworten. Etwa: Wie deten alten Menschen schon geimpft waren
haben, könnte man annehmen, und der Land- sollen welche Werte künftig über schärfere oder wo gerade wie viele Impfdosen lagerten.
kreis Bautzen hätte dringend eine massive oder laschere Maßnahmen entscheiden? Die Diese Woche nun erklärte das Robert Koch-
Impfkampagne nötig. Allein: Die offiziellen Inzidenz etwa, die Krankenhauseinweisun- Institut (RKI), dass viel mehr Menschen in
Zahlen weichen von der Wirklichkeit ab. gen oder noch weitere? Deutschland geimpft sein könnten als offiziell
Schaut man genauer hin, stellt sich heraus, Die Debatte, ob Getestete auf Dauer die vermeldet. Das RKI macht regelmäßig Um-
dass für viele Menschen in der Bautzener gleichen Freiheiten genießen dürfen wie fragen und stellte dabei fest, dass bis Mitte
Region das Impfzentrum im benachbarten Geimpfte oder Genesene, führte die Runde Juli bereits 79 Prozent der 18- bis 59-jährigen
Görlitzer Landkreis einfacher zu erreichen nur kurz, auch dem wahlkämpfenden Kanz- Deutschen mindestens einmal geimpft gewe-
ist. Also ließen sich viele wohl dort impfen, lerkandidaten und nordrhein-westfälischen sen sein sollten. Offiziell waren es aber nur
wo sie auch in die kreisweite Impfquote ein- Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) 59 Prozent – auch nach RKI-Zahlen.
flossen. Und so entstand mit der Zeit ein zuliebe, der Ungeimpfte wohl nicht allzu sehr Nun sind Umfragen solcher Art naturge-
statistisches Zerrbild zweier Landkreise, in vergrätzen will. »Der entscheidenden Frage, mäß nicht sehr genau, die landesweit erho-
denen das Verhältnis zwischen Geimpften welche Infektionszahlen in den nächsten benen Impfdaten aber wohl auch nicht. Na-
und Ungeimpften anders ist als offiziell be- Wochen politisch vertretbar sind und welche heliegend sei, erklärte das RKI, dass die auf
hauptet. Wie anders, das weiß niemand. nicht, sind alle aus dem Weg gegangen«, sagt Grundlage der Umfrage berechneten Impf-
Das kleine Beispiel aus dem Osten der ein Teilnehmer. »Wir fahren erst mal auf Sicht quoten »eher eine Überschätzung darstellen«,
Republik deutet auf ein großes Defizit der weiter«, stellte der grüne Ministerpräsident während die offiziellen Impfzahlen die Impf-
Coronapolitik von Bund und Ländern hin: Winfried Kretschmann laut Teilnehmern quoten vermutlich unterschätzten. Die wirk-
Sie bewegt sich oftmals im Ungefähren. nach knapp vier Stunden fest, als sich die liche Quote »liegt voraussichtlich zwischen
Seit mehr als einem Jahr ist Deutschland Runde dem Ende zuneigte. Klarer hätte der diesen Werten«. Aber wo? Gute Frage.
ein zahlengetriebenes Land. Ansteckungs- politische Offenbarungseid im 19. Monat der Es ist erstaunlich, dass in einem Land, in
raten, Inzidenzen, Impfquoten sollen den Pandemie kaum klingen können. dem Statistiken bis auf die Stelle hinter dem
Puls der Pandemie messen und der Politik Dass dem Land eine neue Infektionswelle Komma aus fast allen Lebensbereichen erho-
den Weg weisen, was wann zu tun ist. Seit bevorsteht, bezweifelt kaum einer. Die Bun- ben werden, von der Anzahl der Haustiere
einem Jahr werden diese Werte veröffentlicht, desregierung ist alarmiert, weil die Inzidenz- bis zum Umsatz von Maultaschen im Kühl-
bewertet, kommentiert, sie liefern die Recht- zahl bereits dreimal so hoch ist wie zum regal, ausgerechnet in einer so entscheiden-
fertigung der Politik für Freiheitsbeschrän- gleichen Zeitpunkt im vergangenen Sommer. den Frage aufs Ungefähre verwiesen wird. In
kungen im Alltag der Deutschen – oder für der Bundesregierung heißt es, man wisse
Lockerungen dieser Maßnahmen. schon länger von der Unschärfe dieser Zahl,
Seit mehr als einem Jahr allerdings han- Zahlenchaos beim RKI was aber für die Beurteilung der Pandemie-
tiert die Politik oft mit Daten und Zahlen, die lage nicht entscheidend sei. Auch SPD-Ge-
im besten Fall ungenau, intransparent oder Erfassung der Impfquoten durch das RKI im sundheitsexperte Karl Lauterbach warnt da-
falsch verstanden, schlimmstenfalls aber un- Juni/Juli; mindestens einmal geimpfte vor, die Impfquote als Wert zu überhöhen.
18- bis 59-Jährige in Deutschland, in Prozent
vollständig oder schlicht falsch sind. Die Delta-Variante habe da einiges verändert.
Bekannt ist das schon lange, geändert hat RKI-Befragung Bisher habe die Regel gegolten, dass Her-
sich wenig. 79 denimmunität dann einsetzt, wenn 85 Pro-
Nicht nur bei den Daten gibt es Durch- zent der Gesamtbevölkerung geimpft seien,
RKI Digitales Impfquotenmonitoring*
einander, uneinig sind sich die Politikerinnen sagt Lauterbach. Die Pandemie könne dann
59
und Politiker auch, welche dieser Daten über- zu einem Ende kommen. Das gelte aber nur,
haupt entscheidend sind für die Pandemie- * enthält Daten von Impfzentren, Krankenhäusern, mobilen wenn der Impfstoff zu 100 Prozent wirke.
bekämpfung. Nach ihrer jüngsten Konferenz Impfteams, Betriebsmedizinern und niedergelassenen Ärzten Bei der Delta-Variante allerdings sinke der
S Quelle: RKI; Umfrage vom 28. Juni bis 13. Juli,
zeigten sich die Ministerpräsidentinnen, Mi- Impfschutz nach einigen Monaten. »Herden-


Befragte: 1005 Erwachsene; Impfquote vom 13. Juli

12 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


DEUTSCHLAND

Michael Kappeler / DDP IMAGES / DPA


Gesundheitsminister Spahn, Kanzlerin Merkel, RKI-Chef Lothar Wieler im Institutsmuseum: Statistisches Zerrbild bei der Impfquote

immunität ist realistischerweise nicht erreich- das chaotische Meldesystem verantwortlich. Von der KBV erhält das RKI deswegen nur
bar, an den Gedanken müssen wir uns gewöh- Impfzentren etwa übermitteln für jede Person einen Datensatz, in dem die Zahl der Geimpf-
nen«, sagt der Epidemiologe. Die Frage, wie detaillierte Angaben, unter anderem zu Alter, ten bereits aufsummiert wurde, grob in drei
schnell geimpft werde, bleibe aber relevant Geschlecht, verabreichtem Impfstoff und ob Altersgruppen. Details werden zwar erhoben,
dafür, wie vielen Menschen Komplikationen es sich um die Erst- oder Zweitimpfung han- aber nur quartalsweise weitergereicht. Für
bei der Erkrankung erspart bleiben können. delt. Über ein Onlinetool speichern sie die Analysen zum Impfstatus der Deutschen in ei-
Aber: Es ist die Bundesregierung, die das Daten pseudonymisiert in einer Datenbank. ner dynamischen Pandemie ist das viel zu spät.
Ziel von 85 Prozent Impfquote predigt – und Das RKI holt sie dort ab und bereitet sie auf. Innerhalb der Bundesregierung erinnert
mit der vor sich hin dümpelnden Realquote zu- Die Kassenärzte hingegen nutzen ein ei- man daran, dass es der ausdrückliche Wunsch
nehmenden Druck auf die Ungeimpften recht- genes Instrument der Kassenärztlichen Bun- der Ärzte war, möglichst unbürokratisch imp-
fertigt. »Wir sind im europäischen Vergleich desvereinigung (KBV). Ursprünglich sollten fen zu können. Der Preis seien nun teilweise
nicht mehr Spitze«, mahnte Bundeskanzlerin auch die Praxen tagesaktuell umfangreiche rudimentäre Daten und statistische Abwei-
Angela Merkel auf der Pressekonferenz am Impfdaten melden, etwa das genaue Alter chungen. Die KBV weist das zurück. »Die
Dienstag und verwies auf die »55,1 Prozent« oder die Postleitzahl. niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte mel-
an Doppelgeimpften. Wie glaubwürdig sind die Die dafür vom RKI bereitgestellte Soft- den korrekt. Die im RKI-Bericht benannten
Appelle der Regierungschefin, wenn man weiß, ware wurde von einem Ärztefunktionär aber Abweichungen sehen wir nicht durch die Pra-
dass ihre Zahlen nicht stimmen? schnell als »Impfhindernis« verteufelt, die xen ausgelöst.« Lukas Fuhrmann, Sprecher
Die bisweilen miserable Datenlage ent- Praxen verwiesen auf den hohen bürokrati- der Bremer Gesundheitsbehörde, ist sich da
steht vor allem durch mangelhafte Organisa- schen Aufwand, schließlich einigte man sich nicht sicher: »Die Impfungen sind ein großer
tion. Eineinhalb Jahre nach Beginn der Co- auf die reduzierte Meldepflicht. organisatorischer Aufwand für die Arztpra-
ronakrise werden viele Daten noch immer xen. Die Meldung der Daten ist der letzte
zerstückelt und eingeschränkt eingesammelt. Schritt am Abend, da kann man nicht aus-
Manche erreichen zentrale Stellen wie das schließen, dass mal einige Impfungen durch
RKI über digitale Systeme der Länder, andere die Lappen gehen.«
über die Krankenkassen, manches wird per
»Da kann man nicht Statistische Probleme macht insbesondere
Excel-Datei verschickt, hier und da mit Stift, ausschließen, dass mal der Impfstoff von Johnson & Johnson. Er ent-
Papier und Faxgerät nachgebessert. faltet seine vollständige Schutzwirkung schon
Für die Diskrepanz zwischen abgefragter
einige Impfungen nach einer Dosis, wird also auch nur einmal
und offizieller Impfquote ist daher teilweise durch die Lappen gehen.« verabreicht. In den KBV-Datenpaketen er-

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 13


DEUTSCHLAND

scheinen diese Impfungen daher nur als Die Politik streitet nicht nur über falsche
Zweitdosis. Der Anteil der mindestens einmal Nichts gelernt? Daten, sondern auch darüber, welche dieser
Geimpften in den Altersgruppen berücksich- Daten überhaupt noch relevant für die Pan-
tigt dagegen nur Impfungen mit den Vakzi- Neu gemeldete Sars-CoV-2-Fälle in sieben Tagen demiebekämpfung sind. Soll der Inzidenz-
je 100.000 Einwohner in Deutschland (Inzidenz)
nen von Biontech, Moderna und AstraZene- wert weiterhin die entscheidende Zahl blei-
ca. Die Folge: Die Quote der Erstgeimpften 2020 2021 ben? Oder muss die Bewertung der Infek-
wird systematisch unterschätzt, um etwa drei tionslage angesichts vieler Geimpfter nicht
Prozentpunkte. 150 ganz anders aufgestellt werden?
Die Fehler in den Statistiken dürften er- Gesundheitsminister Jens Spahn hatte das
12. Aug. 2021: 27,6
heblich zugenommen haben, als im Juni auch 100 12. Aug. 2020: 7,0 RKI bereits vor Wochen gebeten, gemeinsam
die Betriebsärzte in die nationale Impfkam- mit den Ländern ein Papier zu erarbeiten.
pagne mit einbezogen wurden. Sie sollten Auf sechs Seiten hatten die Experten Ende
50
die Impfungen über dasselbe Onlinetool mel- Juli drei Warnstufen von Gelb bis Knallrot
den wie die Impfzentren, nutzen zum Teil (»diffuses Geschehen, Ausbrüche in zahlrei-
aber auch den Meldeweg von Arztpraxen. 0 chen Settings oder flächenhaft«) vorgeschla-
Das RKI schreibt nun aber, dass tatsächlich 1. Jan. 1. Apr. 1. Aug. 1. Dez. gen. Als »Seismograf« soll dabei weiterhin
bislang nur etwa die Hälfte der registrierten die Sieben-Tage-Inzidenz dienen. Allerdings
Betriebsärzte Impfungen über diese Online- Bestätigte Coronatote in Deutschland, sollten zwei weitere Werte relevant werden:
Sieben-Tage-Durchschnitt
anwendung meldet. Gehe man davon aus, Die Zahl der Krankenhauseinweisungen und
dass alle an die Betriebsärzte ausgelieferten 2020 2021 die Zahl der Covid-Erkrankten unter den In-
Dosen verabreicht wurden, würde sich die tensivfällen.
Impfquote der Erstgeimpften unter den 18- 800
Doch in der Runde der Länderchefs mit
bis 59-Jährigen um weitere vier Prozent- der Kanzlerin gab es Streit über den richtigen
punkte erhöhen. 600 Weg. Auch Manuela Schwesig, Mecklenburg-
Die Regierung müht sich nun, das Problem 12. Aug. 2021: 15 Vorpommerns Ministerpräsidentin, warb für
so klein wie möglich zu reden. Das digitale 400 12. Aug. 2020: 6 neue Kriterien und ein bundesweites Ampel-
Impfquotenmonitoring sei »zuverlässig«, system, sie sagt: »Die Bürger akzeptieren
heißt es im Bundesgesundheitsministerium 200 nicht mehr, dass es nur noch nach der Inzi-
(BMG). Eventuell müssten die Zahlen »leicht denz gehen soll.« Aber Schwesig scheiterte
höher« angesetzt werden. Wie hoch? Da ver- 0 vor allem am Widerstand der Kanzlerin.
weist das BMG aufs RKI. 1. Jan. 1. Apr. 1. Aug. 1. Dez. Der Inzidenzwert sei nach wie vor die bes-
Sicher ist nur, dass das Ressort über An- te Zahl, um die Entwicklung der Pandemie
S Quelle: RKI, Stand: 12. August, Berichtsdatum;
passungen nachdenkt. Vor allem bei den Be- zu beobachten, heißt es aus Merkels Umfeld.


eigene Berechnung
triebsärzten will es nachsteuern. Das RKI wie- Die Grenzwerte 35 und 50 seien nach wie
derum will seine Umfragemethode über- welche sozioökonomischen Faktoren die vor relevant, um die Kontaktnachverfolgung
arbeiten. Im frühen Herbst sollen etwa Impfquote und die Impfbereitschaft be- der Gesundheitsämter zu gewährleisten. Zu-
3000 Menschen zu ihrer Impfbereitschaft einflussen. Über das Digitale Impfquoten- gleich müsse man die Zahl der Krankenhaus-
und Akzeptanz befragt werden. Künftig soll monitoring würden »keine sozioökonomi- einweisungen beobachten, um eine Überlas-
es die telefonische Befragung auch in den schen Faktoren an das Robert Koch-Institut tung des Gesundheitswesens zu verhindern.
»häufigsten Fremdsprachen« geben, etwa Tür- übermittelt«, lautete die Antwort des Bun- Selbst aus der Linken kommt dafür Zu-
kisch oder Arabisch. desgesundheitsministeriums. Das RKI würde stimmung: »Bei aller berechtigter Kritik sind
Die möglicherweise ungenauen Daten bei aber eine Umfrage durchführen. »Ich weiß der Inzidenz- und der R-Wert weiterhin die
der Impfquote seien nur eine der Schwierig- sogar, in welcher Straße FDP-Wählerinnen sinnvolleren Indikatoren für das Infektions-
keiten, sagt dagegen Janosch Dahmen, Arzt und Wähler wohnen, aber die Bundesregie- geschehen«, sagt die Parteivorsitzende Janine
und gesundheitspolitischer Sprecher der Bun- rung kann nicht genau sagen, wer und wie Wissler. »Wer die ›Hospitalisierung‹ zum
destagsfraktion der Grünen. »Wir haben seit viele Menschen bereits gegen Corona geimpft Maßstab macht, ignoriert das Leid derer, die
eineinhalb Jahren an vielen Stellen Probleme sind?«, beklagt sich der Liberale. »Es kann keinen schweren Verlauf haben, aber unter
mit systematischen, nationalen Daten und doch nicht sein, dass die Digitalisierung noch Langzeitfolgen leiden.«
Kennzahlen, anhand derer wir über das Vor- immer sträflich vernachlässigt wird.« In Mecklenburg-Vorpommern hat Schwe-
gehen in der Pandemie entscheiden.« Sollte die Impfquote tatsächlich höher sein sig allerdings längst ein Corona-Ampelsystem
So würde bisher bei PCR-Tests nicht ver- als bislang angenommen, könnten viele Frei- mit weiteren Parametern wie den Corona-
pflichtend abgefragt, ob die Betroffenen ge- heitseinschränkungen wieder zurückgenom- fällen im Krankenhaus installiert. Dadurch
nesen oder geimpft sind. »Dadurch ist es sehr men werden, fordert Ullmann. Das Beispiel kann etwa die Testpflicht für Innenräume wie
schwierig zu erfassen, wie hoch die Durch- Großbritannien zeige, dass die Delta-Variante Restaurants und Schwimmbäder, die laut Be-
bruchquote bei Geimpften tatsächlich ist. Wir die Krankenhäuser weniger belaste als be- schluss der Ministerpräsidentenkonferenz bei
wissen also bisher auch nur sehr ungenau, fürchtet. »Die Menschen dort tragen weiter einer Inzidenz von 35 greift, in Mecklenburg-
wer überhaupt Booster-Impfungen braucht freiwillig Masken. Man kann also auf die Ver- Vorpommern unter Umständen erst bei einer
und wann«, sagt Dahmen. nunft und Eigenverantwortung der Bevölke- Inzidenz von 50 gelten.
Die Regierung weiß auch so gut wie nichts rung zählen«, sagt der FDP-Politiker. Es droht für den Corona-Herbst also mal
darüber, wie viele noch ungeimpfte Men- wieder, was die Deutschen seit Beginn der
schen sich eventuell von einer Impfung noch Pandemie begleitet: ein Flickenteppich und
überzeugen lassen könnten, wie viele wirk- ein Regelchaos – in dem im Zweifel nicht mal
lich harte Gegner sind – und wie viele sich die Zahlen stimmen.
etwa wegen Vorerkrankungen oder Schwan-
»Die Bürger akzeptieren
gerschaft gar nicht impfen können. nicht mehr, dass es nur Holger Dambeck, Sophie Garbe,
Florian Gathmann, Annette Großbongardt,
Der FDP-Bundestagsabgeordnete Andrew
Ullmann, Professor für Infektiologie in Würz-
noch nach der Inzidenz Claus Hecking, Martin Knobbe, Timo Lehmann,
Marcel Pauly, Cornelia Schmergal,
burg, wollte von der Bundesregierung wissen, gehen soll.« Christoph Schult, Thomas Schulz ■

14 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


DEUTSCHLAND

pen ähnlich aus. Beamtinnen leben alter keine pauschale Lösung für alle
im Schnitt drei Jahre länger als Ar- geben kann.
beiterinnen. »Die Ungleichheit in der Bereits heute ist festgelegt, dass
Lebenserwartung ist groß«, schreiben diese Marke bis 2030 auf 67 Jahre
die DIW-Forscher. steigen wird. Umstritten ist, ob das

Weniger Rente, Was klingt wie der Beleg eines


leicht abgehangenen Vorurteils, ist
eine sozialpolitische Herausforde-
reicht. Wenn die Menschen länger
leben, könne ein Teil der gewonnenen
Jahre in eine längere Lebensarbeits-

weniger Zeit rung: Wenn ein Arbeitsleben in der


wohltemperierten Amtsstube weni-
ger Zumutungen und ein längeres
zeit gesteckt werden, fordert der Wis-
senschaftliche Beirat beim Bundes-
wirtschaftsministerium. So soll das
Leben verspricht als ein Knochenjob Sozialsystem etwas entlastet werden.
VORSORGE Im Alter zeigt sich die am Pflegebett oder auf der Baustelle, Allerdings tut sich eine neue sozia-
hat das für die Rentenpolitik Folgen. le Frage auf, wenn nicht alle gleicher-
ganze Ungerechtigkeit des Lebens: Wer hart
Schon zuvor waren Studien zu maßen an Lebensjahren gewinnen.
schuftet, hat später meist weniger dem Ergebnis gekommen, dass Men- Denn: Wer vor dem gesetzlichen Ein-
Geld zur Verfügung und stirbt früher. Beamte schen mit hohem Einkommen oder trittsalter in Rente gehen muss, weil
dagegen profitieren doppelt. höherer Bildung eine längere Lebens- die Last des Arbeitslebens ihren Preis
erwartung haben – unter ihnen dürf- fordert, muss mit empfindlichen Kür-
ten viele Beamte sein. zungen rechnen. In jedem Monat, der
eden Tag ausschlafen. Einen Die DIW-Wissenschaftler haben ihm noch bleibt.
J Hund kaufen. Um die Welt rei-
sen. Endlich Zeit für die Enkel
haben. Es gibt viele Träume, die sich
für ihre Analyse nun die Haushalts-
befragung des Sozio-Oekonomischen
Panels (SOEP) genutzt und mit amt-
Was also tun? Das DIW nennt die
etwas komplizierte Möglichkeit, »das
Renteneintrittsalter für unterschied-
mit dem Ruhestand verbinden – je- lichen Sterbetafeln abgeglichen. liche Berufe zu definieren« – oder
nem Lebensabschnitt, den man nach Der Befund, dass die Unterschiede eine echte Mindestrente einzuführen,
langen Arbeitsjahren »wohlverdient« bei der Lebenserwartung nicht zufäl- um Menschen mit geringem Einkom-
nennt. Was aber, wenn diese Zeit nur lig sind, sondern auch mit der sozia- men und geringerer Lebenserwar-
begrenzt ist? Begrenzter jedenfalls, len Stellung zu tun haben, deutet auf tung abzusichern.
als angehende Rentnerinnen und ein grundlegendes Problem des Ren- Auch die Auftraggeberin der Stu-
Rentner hoffen? tensystems hin: Die Ungleichheit bei die, VdK-Präsidentin Verena Bentele,
In Deutschland steigt die Lebens- den Lebenseinkommen wird durch lehnt »eine generelle Erhöhung der
erwartung seit Jahrzehnten an, so Beamte eine ungleiche Lebenserwartung Regelaltersgrenze strikt ab«. Schon
viel ist bekannt. Wann immer Politi- leben länger noch verstärkt. jetzt schaffe es nur eine Minderheit,
ker und Ökonominnen über die ge- Wer zuvor schon gut verdiente, er- bis zum Alter von 65 Jahren Vollzeit
setzliche Rente debattieren, geht es Durchschnittlich ver- hält nicht nur eine vergleichsweise zu arbeiten, »geschweige denn bis
daher um die Frage, wie sich das bleibende Lebenszeit gute Rente oder die ohnehin üppigere 67«. Viele Menschen mit körperlich
ab 65*, in Jahren
Sozialsystem noch finanzieren lässt, Beamtenpension. Da Gutverdiener oder psychisch belastenden Berufen
wenn die Menschen immer älter wer- 22,2 und Beamte länger leben, profitieren müssten aus gesundheitlichen Grün-
den – und damit auch immer länger sie noch dazu länger von ihrer höhe- den früher aufhören oder ihre Ar-
18,1
von ihrer Altersversorgung profitie- ren Altersversorgung. Wissenschaft- beitszeit reduzieren.
ren können. ler nennen das »regressive Vertei- Selbst liberale Ökonomen haben
Weniger bekannt ist, dass das Plus lungswirkung«. über Jahre gefordert, jene Betrof-
an gewonnener Lebenszeit höchst Es ist kein Zufall, dass der Sozial- fenen besser abzusichern, die eine
unterschiedlich verteilt ist. Wie viele verband VdK diese Studie wenige Krankheit frühzeitig aus dem Berufs-
Lebensjahre Männer und Frauen noch Wochen vor der Bundestagswahl vor- leben drängt. Die Erwerbsgeminder-
erwarten dürfen, wenn sie aus dem Arbeiter Beamte
stellen will. ten tragen das größte Armutsrisiko
Arbeitsleben scheiden, hat viel damit Die nächste Regierung könnte aus unter allen Rentnern, rund 200 000
* geschlechterübergreifend
zu tun, welchen Beruf sie zuvor aus- der Analyse einiges ableiten – vor al- von ihnen sind auf zusätzliche Stütze
S Quelle: DIW-Studie
geübt haben. Beamte, gleich welchen lem, dass es beim gesetzlichen Renten- vom Amt angewiesen. Anfang 2019


für den VdK


Geschlechts, leben im Schnitt mehr trat zwar eine Reform in Kraft, die
als vier Jahre länger als Arbeiter, wie ihnen etwas mehr Rente zugesteht.
eine noch unveröffentlichte Studie Allerdings gilt die Neuregelung nur
des Deutschen Instituts für Wirt- für Betroffene, die nach diesem Stich-
schaftsforschung (DIW) im Auftrag tag in den Ruhestand gingen. Lang-
des Sozialverbands VdK jetzt zeigt. jährige Invaliden haben davon bisher
Vor allem bei den Männern sind nichts. Bentele nennt das »eine große
die Unterschiede groß. 65-jährige Be- Ungerechtigkeit«.
amte beispielsweise können damit Gut möglich, dass eine neue Regie-
rechnen, noch 21,5 Jahre zu leben. rung bald nachbessert. Die etwas
Gleichaltrige Angestellte und Selbst- populistischere Forderung, künftig
ständige dürfen im Schnitt auf 19 wei- auch Beamte in die gesetzliche Renten-
Philipp Schmidt / DER SPIEGEL

tere Jahre hoffen, bei Arbeitern sind kasse einzahlen zu lassen, erheben vor
es lediglich 15,9. Die Differenz zu den allem Grüne, SPD und Linkspartei.
Staatsdienern: mehr als fünf Jahre Mit höheren Renten für die Erwerbs-
Lebenszeit. geminderten können sich dagegen so
Bei den Frauen fallen die Unter- gut wie alle Parteien anfreunden.
schiede zwischen diesen Berufsgrup- Cornelia Schmergal ■

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 15


DEUTSCHLAND

»Im Moment läuft es ganz gut für uns«


SPIEGEL-GESPR ÄCH SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz, 63, im Glück – die Wettbewerber straucheln, seine
persönlichen Umfragewerte sind ordentlich, selbst die schwächelnde Partei scheint sich zu stabilisieren.
»Ich will den Job von Frau Merkel«, sagt Scholz und wirbt für ein Dreierbündnis mit Grünen und FDP.

SPIEGEL: Herr Scholz, die Entschuldigung stehen Sie noch ganz anders im Blickpunkt als hundert Jahren anschieben. Die Union ist
beim Wähler – das scheint in diesem Wahl- der Öffentlichkeit. da ein Totalausfall. Um es klar zu sagen: Eine
kampf das große Thema zu sein. Annalena SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, dass der weitere Regierung unter Führung von CDU
Baerbock hat sich schon mehrfach entschul- Wahlkampf bisher vor allem von Nebensäch- und CSU würde Deutschland Wohlstand und
digt, Armin Laschet musste sich entschuldi- lichkeiten dominiert wird? Die großen Fragen Arbeitsplätze kosten.
gen, wann sind Sie an der Reihe? wie Klimawandel, Rente oder soziale Gerech- SPIEGEL: Das klingt so, als hätten die Sozial-
Scholz: Wofür sollte ich das Ihrer Meinung tigkeit scheinen kaum eine Rolle zu spielen. demokraten in den vergangenen vier Jahren
nach tun? Scholz: Ist das wirklich so? Ich nehme für nicht zusammen mit der Union regiert.
SPIEGEL: Sie könnten sich zum Beispiel für mich in Anspruch, dass ich die wichtigen Din- Scholz: Den Ausbau der erneuerbaren Ener-
den Spot Ihrer Partei entschuldigen, in dem ge, die die Zukunft unseres Landes betreffen, gien, den Ausstieg aus der Nutzung von Atom
der nordrhein-westfälische Staatskanzleichef schon seit mehr als einem Jahr immer wieder und Kohle und das Klimaschutzgesetz hat die
Nathanael Liminski als »erzkatholischer La- anspreche. SPD vorangetrieben. Leider haben sich CDU
schet-Vertrauter« bezeichnet und insinuiert SPIEGEL: Zum Beispiel? und CSU beharrlich geweigert, die Ausbau-
wird, dass für die Laschet-CDU Sex vor der Scholz: Die Frage, wie wir das Miteinander ziele für die Stromerzeugung anzuheben. Sie
Ehe tabu sei. in der Gesellschaft verbessern können. Ich haben sogar behauptet, wir brauchten gar kei-
Scholz: Für mich gelten klare Grundsätze: spreche über Respekt und darüber, dass wir ne höheren Ausbauziele. In der Sommerpause
Wir treten für eine liberale und offene Ge- eine Gesellschaft brauchen, in der wir einan- hat der zuständige Minister dann plötzlich
sellschaft ein. Jeder und jede muss in diesem der auf Augenhöhe begegnen. Wir müssen eingestanden, dass seine bisherige Planung
Land nach seinen Vorstellungen leben kön- für bessere Löhne sorgen, für die Lebensmit- vorne und hinten nicht hinhaut. Allein die
nen. Zu unserem Land gehören natürlich telverkäuferin, den Paketboten, die Alten- Chemieindustrie braucht um das Jahr 2050
auch die christlichen Werte, an denen sich pflegerin und den Krankenpfleger. Das alles herum so viel Strom, wie Deutschland insge-
viele orientieren, ich auch. Der Spot wird ist wichtig, auch wenn wir den Populismus samt heute nutzt, weil wichtige Prozesse auf
nicht mehr genutzt. zurückdrängen wollen. Aber das ist längst Strom umgestellt werden müssen. Und schon
SPIEGEL: Haben Sie das Video vorher noch nicht alles. 2030 brauchen wir viel mehr Strom als bis-
gesehen? SPIEGEL: Damit hatten wir auch nicht lang unterstellt. Jahrelang ist aber die Pla-
Scholz: Der Spot ist im Willy-Brandt-Haus gerechnet. nung neuer Windkraft- und Solaranlagen ver-
entwickelt und einmal gezeigt worden. Scholz: Es geht um die Antwort auf die Frage, zögert worden, weil es hieß, man brauche sie
SPIEGEL: Bei der Präsentation Ihrer Wahl- wie wir unsere wirtschaftliche Zukunft in den nicht. Ein Offenbarungseid, wenn Sie mich
kampagne. Haben Sie ihn abgesegnet? nächsten drei Jahrzehnten sichern. Seit 250 fragen.
Scholz: Wenn ich für solche Freigaben die Jahren basiert unser Wohlstand auf der Nut- SPIEGEL: Und doch spielen diese Themen in
Zeit hätte, würde ich etwas falsch machen. zung von Kohle, Öl und Gas. Nun wollen wir der öffentlichen Auseinandersetzung kaum
Das macht unser Kampagnenmanager, und in nicht mal 25 Jahren komplett klimaneutral eine Rolle. Warum?
er macht das sehr gut. wirtschaften. Schon im ersten Jahr der nächs- Scholz: Ich setze darauf, dass diese Themen
SPIEGEL: Ist es fair, dass die Fehler Ihrer Wett- ten Regierung müssen wir das größte Moder- in der heißen Phase des Wahlkampfs relevant
bewerber Baerbock und Laschet im Wahl- nisierungsprojekt unserer Industrie seit mehr werden. Die wachsenden Zustimmungswerte
kampf eine so große Rolle spielen? zu mir als Person und auch zu meiner Partei
Scholz: Die Frage könnte ich Ihnen zurück- zeigen doch, dass die Bürgerinnen und Bür-
geben. Ich jedenfalls fand manches ein we- Mann im Mittelfeld ger sehen, dass wir klare Vorstellungen für
nig übertrieben, was da öffentlich diskutiert die Zukunft unseres Landes haben.
wurde. Zufriedenheit mit der politischen Arbeit der SPIEGEL: Es stimmt, dass Sie als Kandidat
SPD-Spitzenkandidaten vor den Wahlen
SPIEGEL: Aber? im Vergleich zu Ihren Wettbewerbern in den
Scholz: Da hilft kein Lamentieren. Wer die Schröder, 1998 50 Umfragen vorne liegen. Aber auf die SPD
nächste Bundesregierung führen und die Ver- scheint Ihre Beliebtheit nicht so richtig abzu-
antwortung für das größte Land der Europäi- Schröder, 2002 65 färben.
schen Union übernehmen will, wird auf Herz Schröder, 2005 49 Scholz: Ich bin nicht sicher, ob Ihre Beobach-
und Nieren geprüft, ob er oder sie das Zeug tung stimmt. Schauen Sie ruhig mal auf die
dazu hat. Von den Bürgerinnen und Bürgern, Steinmeier, 2009 71 aktuellen Umfragen. Viele Bürgerinnen und
aber natürlich auch von den Medien. Das ist Steinbrück, 2013 44 Bürger können sich offenbar vorstellen, dass
auch richtig so, denn der Druck im Wahl- ich die nächste Regierung führe. Dieses Ver-
kampf ist doch nur ein Vorspiel zu den He- Schulz, 2017 46 trauen berührt mich sehr, das gebe ich gerne
rausforderungen, denen man im Amt begeg- Scholz, 2021
zu. Wer Scholz will, wählt SPD. Wir spüren
48
net. Da hat man es dann plötzlich mit Flut- ein Momentum, und da geht noch mehr.
katastrophen oder einer Pandemie zu tun, S Quelle: Infratest dimap für den ARD-Deutschlandtrend;
2. bis 4. August, 1312 Befragte, frühere Jahre jeweils letzte
SPIEGEL: Ihr Optimismus in allen Ehren – in
die in keinem Wahlprogramm standen. Dann Erhebung vor der Bundestagswahl Wahrheit liegt die SPD selbst nach leichten

16 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


DEUTSCHLAND

Scholz: Schön ist doch, dass die


Mehrheit mich bei einer Direktwahl
vorne sieht, das finde ich viel ent-
scheidender.
SPIEGEL: Auch wenn die meisten
Befragten auf die Frage nach dem
Kandidaten antworten: »keiner der
drei«? Damit spielt dann doch die
Parteipräferenz wieder die größte
Rolle. Und da haben Sie das Pech, für
die unbeliebte SPD anzutreten.
Scholz: Entschuldigung, es ist für
mich eine große Ehre, für die Sozial-
demokraten anzutreten. Ich bin
schon mit 17 SPD-Mitglied geworden.
Die Partei hat nach dem Zweiten
Weltkrieg mit Willy Brandt und Hel-
mut Schmidt zwei großartige Kanzler
gestellt und 1998 mit Gerhard Schrö-
der erneut das Kanzleramt erobert
und unser Land nach vorne gebracht.
Aber die Zeiten haben sich geändert.
Bei dieser Wahl wird selbst die erfolg-
reichste Partei wohl nur etwas mehr
als 20 Prozent erringen. Ich glaube,
dass wir diese Partei sein könnten.
SPIEGEL: Leiden Sie eigentlich am
Helmut-Schmidt-Syndrom? Über
den hieß es auch: guter Kandidat, fal-
sche Partei.
Scholz: Helmut Schmidt hat mehrere
Wahlen für die SPD gewonnen.
SPIEGEL: Sie wissen, worauf wir hi-
nauswollen. Die SPD-Mitglieder ha-
ben Sie Ende 2019 als Parteivorsit-
zenden durchfallen lassen. Und jetzt
wollen Sie die Menschen davon über-
zeugen, dass ausgerechnet Scholz die
SPD ist und die SPD Scholz?
Scholz: Wir hatten nach der Bundes-
tagswahl 2017 eine schwierige Lage,
weil die FDP vor der Regierungsver-
antwortung davongelaufen ist. Die
Andreas Chudowski / DER SPIEGEL

SPD ist dann unter großen Mühen


noch einmal in die Große Koalition
gegangen. Das war damals nicht ein-
fach. Heute sind die Sozialdemokra-
ten froh darüber und viele andere
auch. In der Pandemie haben wir fi-
nanziell stark gegengehalten, um die
Gesundheit zu schützen, Unterneh-
Zugewinnen nur bei 18 Prozent. Das mehr. Nur 11 Prozent glauben zum Sozialdemokrat men zu stützen und Arbeitsplätze zu
wird nicht reichen, um die nächste Beispiel, dass Sie eine langfristige Scholz: »Selbst auf sichern. Die Kurzarbeit hat mehr als
Platz zwei kann
Regierung zu führen. Vision hätten. man Kanzler werden« zwei Millionen Jobs gerettet. Das
Scholz: Sechs Wochen sind es noch Scholz: Insgesamt kann ich mich wäre ohne Regierungsbeteiligung der
bis zur Bundestagswahl und ein nicht beschweren, was Umfragewerte SPD nicht gelungen. Auch die ge-
paar Prozente mehr, und es reicht. angeht. Meine wichtigsten Umfragen meinsame europäische Antwort, das
So wie es für die Sozialdemokraten sind im Übrigen meine täglichen Ge- EU-Wiederaufbauprogramm, hätte
in Dänemark, Schweden und Finn- spräche mit den Bürgerinnen und es ohne uns nicht gegeben.
land gereicht hat. Es ist durchaus rea- Bürgern. Und da gibt es sehr viele, SPIEGEL: Aber noch einmal: Der
listisch, dass die SPD die Wahl ge- sehr positive Rückmeldungen, weit Mann, den die Partei als Vorsitzen-
winnt. über die SPD hinaus. Da bekomme den nicht haben wollte, soll nun für
SPIEGEL: Eine Civey-Umfrage zu ich ein gutes Gefühl dafür, wie die sie ins Kanzleramt einziehen. Diesen
Ihrem Politikstil trägt die Überschrift Dinge laufen, und im Moment läuft Widerspruch müssen Sie erklären.
»Mr. Fachkenntnisse, sonst nicht es ganz gut für uns. Scholz: Das ist kein Widerspruch. Ich
viel«. Warum? Weil 38 Prozent der SPIEGEL: Nur ein Drittel der Wähler bin froh, dass ich 2019 angetreten bin.
Befragten Ihnen zwar Fachkenntnisse glaubt, dass Sie Kanzler werden Schon die Regionalkonferenzen im
bescheinigen, aber sonst nicht viel könnten. ganzen Land zeigten damals: Wir

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 17


DEUTSCHLAND

gehören zusammen. Die Zusammen- »Offenbar oder die Journalisten in der Haupt- maikakoalition mit Union und Grü-
arbeit mit den Vorsitzenden, dem stadt. Es ist gefährlich, wenn der nen festgelegt. Und er verteilt auch
Fraktionschef und dem Generalsekre- ist es Mode Eindruck entsteht, es handle sich hier schon die Ressorts.
tär ist topp. Selbst wer mich seiner- geworden, im um ein Spiel. Und weil Sie die FDP Scholz: Schön, dass Sie es anspre-
zeit nicht unterstützte, ist sich jetzt ansprechen: Deren Entscheidung ge- chen. Das wollte ich nämlich mal los-
sicher, dass ich der richtige Kanzler
Tagesrhyth- gen Jamaika 2017 war ja nicht nur ein werden: Offenbar ist es Mode gewor-
wäre. Das haben die einstimmigen mus neue Problem der FDP und ihres Vorsit- den, im Tagesrhythmus neue Minis-
Entscheidungen über den Vorschlag Ministerien zenden. terien zu erfinden, statt zu sagen, wo-
der Parteichefs in den Gremien und SPIEGEL: Sondern? rum es inhaltlich eigentlich gehen soll.
das nahezu einstimmige Votum des zu erfinden.« Scholz: Nach meinem Eindruck ha- Und dann gibt es auch schon die Ers-
Parteitags gezeigt. ben Union und Grüne damals zu ten, die sagen, welche Jobs sie dann
SPIEGEL: Saskia Esken und Norbert zweit verhandelt und gedacht, die haben wollen.
Walter-Borjans haben damals die Mit- FDP brauche nur noch zu unterschrei- SPIEGEL: Lindner zum Beispiel will
gliederbefragung gegen Sie gewon- ben. Das war nicht klug und kein Aus- Sie als Finanzminister beerben.
nen. Wie ist Ihr Verhältnis zu den bei- weis besonderer Regierungskunst. Scholz: Und ich will den Job von
den Parteivorsitzenden? SPIEGEL: Wo sehen Sie eine Schnitt- Frau Merkel. Passt also. Aber mal im
Scholz: Eng und vertrauensvoll. Wir menge mit der FDP? Ernst – ich finde, da sollte manch ei-
sprechen uns sehr intensiv ab. Die Scholz: Es gibt eine lange soziallibe- ner mehr Demut zeigen. Die Bürge-
SPD hat auch in schwierigen Zeiten rale Tradition in Deutschland. Meine rinnen und Bürger entscheiden am
gezeigt, dass das geht. Denken Sie an Jugend war geprägt von der Kanzler- 26. September.
die legendäre Zusammenarbeit von schaft Brandts und Schmidts von SPIEGEL: Wie ist Ihr Verhältnis zu
Willy Brandt, Herbert Wehner und 1969 bis 1982. Beide haben mit der Christian Lindner?
Helmut Schmidt. Die waren sich nun FDP regiert, und diese Zeit hat dem Scholz: Gut. Wir brauchten als
wirklich nicht immer einig, wussten Land gutgetan. Als Regierungschef Regierungskoalition mit einer knap-
aber immer, was ihre Aufgabe ist. müssen Sie politische Kompromisse pen Mehrheit häufig die Zustim-
SPIEGEL: Saskia Esken hat angekün- organisieren, die plausibel, erklärbar mung der Oppositionsparteien,
digt, im Dezember erneut für den und gut für unser Land sind. wenn wir die Verfassung ändern
Parteivorsitz zu kandidieren. Hat Sie SPIEGEL: Fragt sich, wie Sie zum Bei- wollten. Ich habe mehrere solcher
Ihre Unterstützung? spiel beim Thema Steuern einen Änderungen mit Grünen, Linken
Scholz: Absolut. Die Zusammen- Kompromiss mit den Liberalen hin- und der FDP, also auch mit ihm, be-
arbeit ist sehr gut. bekommen könnten. Sie wollen Steu- sprochen. Und das zeigt: Es kommt
SPIEGEL: Ist Frau Esken ministrabel? ern für Großverdiener erhöhen, die immer auf den politischen Gestal-
Scholz: In der SPD sind viele minis- FDP will Steuern grundsätzlich sen- tungswillen an.
trabel, die Führungsaufgaben in der ken. Wie soll das gehen? SPIEGEL: Zu den Grünen ist die alte
Fraktion oder der Partei wahrneh- Scholz: Zerbrechen Sie sich mal Liebe abgekühlt. Annalena Baer-
men, die Vorsitzenden selbstver- nicht meinen Kopf. Wir stehen längst bock und Robert Habeck setzen
ständlich auch. noch nicht in Koalitionsverhandlun- eher auf ein Bündnis mit der Union.
SPIEGEL: Welche Voraussetzungen gen. Aber die Position der SPD ist Aber für eine Dreierkoalition wären
müssen da sein, damit Sie Kanzler klar. Ende 2022 wird der deutsche Sie zwingend auf die Grünen ange-
werden können? Staat wohl mehr als 400 Milliarden wiesen.
Scholz: Ein starkes Votum für die Euro zusätzliche Kredite aufgenom- Scholz: Das sehe ich ganz entspannt.
SPD. Und natürlich eine Koalition. men haben. Die müssen in den nächs- Zum 30. Jubiläum der Grünen habe
Das wird aller Voraussicht nach ein ten 20 Jahren zurückgezahlt werden. ich seinerzeit eine Rede gehalten und
Dreierbündnis sein. Da wäre es unverantwortlich, die zu dieser Frage etwas gesagt, was ich
SPIEGEL: Der Auftrag für eine Regie- Steuern für Leute zu senken, die so hier gerne wiederhole: »Die Grünen
rungsbildung würde zuerst an die viel verdienen wie ich oder sogar sind nicht Fleisch vom Fleische der
stärkste Partei gehen. Und das dürfte noch mehr. Es wäre auch nicht finan- SPD. Und wenn wir mit schlechtem
kaum die SPD sein. zierbar. Gewissen mit der Union koalieren
Scholz: Lassen Sie doch erst einmal Scholz, SPIEGEL- SPIEGEL: FDP-Chef Christian Lind- können, können die Grünen das
die Wählerinnen und Wähler ent- Redakteure* ner hat sich weitgehend auf eine Ja- auch.« Ich glaube, diese Sätze waren
scheiden. Selbst auf Platz zwei kann wichtig und sind dort auch gut ange-
man Kanzler werden. Das hat es in kommen.
der Geschichte der Bundesrepublik SPIEGEL: Das klingt so, als rechneten
schon häufiger gegeben. Sie selbst mit Schwarz-Grün.
SPIEGEL: Um Kanzler zu werden, Scholz: Keineswegs. Im Gegenteil,
brauchen Sie vermutlich die FDP. Wa- ich habe mich immer für Rot-Grün
rum sollten die Liberalen mit Ihnen eingesetzt. In Hamburg habe ich mit
koalieren? den Grünen regiert, auf Bundes -
Scholz: Solche Spekulationen vor ebene war ich Generalsekretär zu
einer Wahl irritieren die meisten Bür- Zeiten von Rot-Grün. Die Grünen
gerinnen und Bürger. Weil sie das Ge- sind eine eigenständige Partei mit
Andreas Chudowski / DER SPIEGEL

fühl bekommen, nicht sie würden eigenen politischen Vorstellungen


über die neue Regierung entscheiden, und kein Ableger der SPD. Das zu
sondern die Funktionäre der Parteien sagen, gebietet der Respekt, den ich
auch in dieser Hinsicht für eine Tu-
* Christian Teevs und Konstantin von Hammer-
gend halte.
stein in Scholz’ Büro im Berliner Finanzminis- SPIEGEL: Herr Scholz, wir danken
terium. Ihnen für dieses Gespräch.

18 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


DEUTSCHLAND

fen. »Bis jetzt dachte ich, Deutsch-


land wäre ein gerechtes Land, in dem
Moral eine Rolle spielt«, sagt Popal.
Er hat nun Angst um sein Leben.
Als die Bundeswehr Ende Juni die
letzten Soldaten aus Afghanistan aus-
flog, war in Berlin vom Schlusspunkt
einer Ära die Rede, vom Ende der
verlustreichsten Auslandsmission, in
die sich Deutschland nach den Ter-
roranschlägen am 11. September
2001 an der Seite der USA gestürzt
hatte.
Nun aber entwickelt sich die Lage
dramatisch schnell. Ohne sichtbaren
Widerstand der afghanischen Armee
überrennen die Islamisten das Land.
Die US-Geheimdienste befürchten
schon im Spätherbst die Eroberung
der Hauptstadt Kabul.
Für die Bundesregierung stellen
sich nun brisante Fragen: Wie viel
Verantwortung hat Berlin nach fast
20 Jahren Militäreinsatz am Hindu-
kusch für das Land und seine Men-
schen? Muss sich die Politik bereits
auf eine Taliban-Regierung einstel-

Christian Werner / DER SPIEGEL


len? Und: Droht Deutschland eine
neue Flüchtlingswelle, ähnlich wie es
wegen des Bürgerkriegs in Syrien der
Fall war? Afghanistan kann zu einem
wichtigen Thema in der heißen Phase
des Wahlkampfs werden.
Am Mittwoch unterrichtete Ver-
teidigungsstaatssekretär Thomas Sil-
berhorn (CSU) trotz Sommerpause
in einer Videokonferenz einige Ab-
Den Taliban ausgeliefert geordnete über die Situation. Seine
Lageeinschätzung klang düster.
Selbst wenn die USA wieder ver-
stärkt Luftangriffe auf die vorrücken-
KRISEN Die Islamisten überrennen Afghanistan, Berlin bleibt nicht mehr viel den Taliban fliegen sollten, so der
Zeit, die Helfer der Bundeswehr vor ihnen in Sicherheit zu bringen. Vertraute von Ministerin Annegret
Und eine neue Flüchtlingswelle kann zum großen Wahlkampfthema werden. Kramp-Karrenbauer (CDU), könne
dies den Vormarsch der Islamisten
höchstens bremsen. Aufzuhalten sei-
as Telefongespräch, auf das Popals Euphorie aber dauerte nur en sie nicht mehr.
D Kabir Popal monatelang ge-
wartet hatte, dauerte eine Mi-
nute und 57 Sekunden. Es war Mittag
wenige Tage. Dann schickte ihm die
Bundeswehr eine E-Mail: »Der Anruf
wurde leider aus Versehen gemacht.
Nach Silberhorn schaltete sich Jas-
per Wieck, der neue Afghanistan-Be-
auftragte von Außenminister Heiko
in der afghanischen Hauptstadt Ka- Sie sind doch nicht berechtigt für das Maas (SPD), in die Runde ein. Wieck
bul, als eine deutsche Nummer auf Aufnahmeverfahren.« Offenbar hatte war erst kürzlich nach Doha, die
seinem Handydisplay erschien. Der es ein Missverständnis zwischen dem Hauptstadt von Katar, gereist und
Anrufer, ein Mitarbeiter der Bundes- Auswärtigen Amt und der Bundes- hatte dort die Spitzen des politischen
wehr, sagte zu Popal, er dürfe jetzt wehr gegeben. Die zwei Sätze zer- Arms der Taliban getroffen.
als ehemaliger Helfer der Truppe mit störten Popals Hoffnung. Von neuen Verhandlungen über
einem Visum nach Deutschland aus- »Für mich ist das das Ende des Le- ein Abkommen zwischen den Tali-
reisen. bens«, sagt der 32-jährige Afghane: ban und der afghanischen Regierung
Für Popal war der Anruf erlösend, 14 Jahre lang hat er im deutschen aber konnte Wieck den Abgeordne-
er hofft auf seine Rettung vor den Ta- Camp in Masar-i-Scharif gearbeitet. ten wenig berichten: Der Prozess
liban, die seit dem Abzug der inter- In einem Laden verkaufte er Militär- steht seit Längerem still. Stattdessen
nationalen Truppen viel schneller als kleidung, Holster und T-Shirts an die hatten die Vertreter der Islamisten
von den westlichen Militärs erwartet deutschen Soldaten. Er war nicht bei den Deutschen gefragt, ob Berlin
Bezirk um Bezirk unter ihre Kontrol- der Bundeswehr, sondern bei einem bereit sei, auch bei einer Regierungs-
le bringen. »Ich war so aufgeregt«, er- privaten Unternehmen angestellt. beteiligung der Taliban weiter Ent-
Protestierende Orts-
zählt Popal, »es war Essenszeit, aber Und deshalb erfüllt er nicht die Kri- kräfte in Masar-i-
wicklungshilfe zu leisten.
ich konnte nichts runterbekommen terien, als Ortskraft der Bundeswehr Scharif: »Warum läuft Für Außenminister Maas steht be-
vor Freude.« nach Deutschland kommen zu dür- das nicht?« reits fest: Sollten die Islamisten wie-

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 19


DEUTSCHLAND

der die Macht an sich reißen und ein lige EU-Angestellte heute »noch im-
Kalifat errichten, fließe »kein Cent mer nach einem sicheren Ort für sich
mehr nach Afghanistan«. und ihre Familien suchen«, heißt es
Der rasante Eroberungszug der in einem Schreiben der früheren
Taliban erhöht nun auch den Druck Eupol-Personalchefin Andrea Thies.
auf die Bundesregierung, Hunderte »Die EU-Mitgliedstaaten dürfen
Ortskräfte der Bundeswehr und ihre ihre afghanischen Helfer nicht wegen
Familien sicher nach Deutschland zu Zuständigkeitsfragen im Stich las-
bringen. »Wir haben nur noch ein sen«, sagt der grüne Europaabgeord-
kleines Zeitfenster, um die Menschen nete Sven Giegold. Und es scheint,
aus der lebensgefährlichen Situation dass sich diese Einschätzung allmäh-
zu holen«, sagt die Linken-Flücht- lich auch in Brüssel durchsetzt. Ver-
lingsexpertin Clara Bünger. gangene Woche suchten die zustän-
Dass dabei ausschließlich festan- digen Stellen hektisch nach einer Lö-
gestellte Mitarbeiter der Bundeswehr sung, und Leute aus dem Umfeld des
aufgenommen werden sollen und EU-Außenbeauftragten Josep Borrell
nicht Menschen wie Kabir Popal, fin- gaben sich zuversichtlich, dass eine
den nicht nur Oppositionspolitiker gefunden werde.
schäbig. »Für die Taliban sind das Ob sie allerdings rechtzeitig
alles Kollaborateure und Verräter«, kommt, bevor die Taliban den Men-
sagt der niedersächsische Innenmi- schen nach dem Leben trachten, ist
nister Boris Pistorius (SPD). Er for- eine offene Frage.
dert, dass die Bundesregierung nun Während die Rettung der afghani-
»schnell und unbürokratisch« handelt schen Helfer teilweise nur schleppend
und Chartermaschinen nach Afgha- vorangeht, machen sich manche Poli-
nistan schickt, um die Ortskräfte aus- tiker in Berlin bereits Sorgen, dass

Peter Rigaud
zufliegen – auch Subunternehmer aus Afghanistan eine neue Flücht-
und ihre Angestellten. lingswelle nach Europa schwappen
»Es war uns eigentlich seit Jahren könnte. Bisher spüren vor allem die
klar, dass es so kommen wird«, sagt Innenminister gewesen sein, mit welcher Vehemenz Nachbarländer Afghanistans die Aus-
Thorsten L., ein Hauptmann der Luft- Seehofer: »Ein der Kanzlerkandidat und CDU-Chef wirkungen. Doch ob das noch lange
Flüchtlingsstrom,
waffe. »Umso mehr haben wir jetzt der uns großen Armin Laschet am Montag im Präsi- so bleibt?
die Verpflichtung, den Leuten, die für Kummer macht« dium seiner Partei beim Thema Orts- Bundesinnenminister Horst See-
uns gearbeitet haben, zu helfen.« kräfte auftrat. hofer (CSU) wollte daher abgelehnte
Der Soldat hat die Sache deshalb Man dürfe diese Menschen jetzt Asylbewerber, vor allem Straftäter,
selbst in die Hand genommen. An ei- nicht im Stich lassen, empörte sich weiter nach Afghanistan abschieben,
nem Samstagnachmittag steht er am Laschet laut Teilnehmern der digita- auch als Zeichen der Abschreckung.
Frankfurter Flughafen und nimmt len Runde – sonst würde künftig nie- Am Mittwoch aber musste er einse-
Hanif S. und seine Familie in Emp- mand mehr deutschen Soldaten im hen, dass seine strenge Linie nicht
fang. Der Afghane hatte für Thorsten Ausland helfen. mehr zu halten ist. Er verfügte kur-
L. als Vorarbeiter in einem Bautrupp Laschet wandte sich an Helge zerhand einen Abschiebestopp – der
der Bundeswehr gearbeitet und des- Braun, den zugeschalteten Kanzler- allerdings nur vorläufig gelten soll.
halb ein Visum für Deutschland be- amtschef. »Warum läuft das nicht?«, Man müsse mit den Afghanen weiter
kommen. fragte er seinen dem Vernehmen nach über das Thema Abschiebungen re-
Um die Reise musste er sich aller-
dings selbst kümmern, Hauptmann
L. hat ihm und weiteren Familien da-
360 verdutzten Parteifreund – und verlang-
te sinngemäß: Bitte kümmert euch.
Braun, so wird berichtet, nickte.
den, sagt Seehofer: »Andernfalls wer-
den wir mit einem Flüchtlingsstrom
zu tun haben, der uns noch großen
bei geholfen. Die 800 Euro für einen Auch die Europäische Union hatte Kummer macht.«
angemieteten Kleinbus, Hotels und ehemalige während des westlichen Engage- CDU-Fraktionsvize Thorsten Frei
Bahntickets hat der Soldat erst mal Ortskräfte mit ments viele Afghanen angestellt, an warnt davor, dieselben Fehler wie im
aus der eigenen Tasche bezahlt. 1458 Familien- ihrer Botschaft in Kabul, vor allem Fall Syriens zu machen. »2014 waren
Was den Schutz der Ortskräfte an- aber bei der europäischen Polizeimis- die Flüchtlingscamps in der Region
belangt, agieren selbst die USA in- angehörigen sion Eupol, die den Aufbau der af- dramatisch unterfinanziert, weshalb
zwischen großzügiger als Deutsch- sind bisher in ghanischen Sicherheitskräfte viele sich Hunderttausende auf den Weg
land: Sie haben auch afghanischen Deutschland Jahre unterstützte. Als das Projekt nach Europa machten«, sagt Frei.
Mitarbeitern von amerikanischen vor fünf Jahren endete, wandten sich »Sollten die Taliban die Kontrolle
Hilfsorganisationen und US-Medien eingetroffen. die Verantwortlichen an ihre Vorge- über das Land gewinnen, müssen wir
Visa in Aussicht gestellt. »Die Bun- Insgesamt ha- setzten in Brüssel, um ihre gut 120 alles dafür tun, dass die Nachbarlän-
desregierung hat offensichtlich nicht ben 1300 Orts- Ortskräfte im Fall des Falles vor den der und die internationalen Hilfs-
verstanden, dass durch so einen Aus- Taliban in Sicherheit zu bringen – mit organisationen in die Lage versetzt
landseinsatz auch Verantwortung ent- kräfte seit mäßigem Erfolg. werden, sich um die afghanischen
steht«, kritisiert die flüchtlingspoliti- 2013 in Afgha- Die Kommission befand, das Aus- Flüchtlinge zu kümmern.«
sche Sprecherin der Grünen, Luise nistan für die stellen von Visa sei Sache der Mit- Die Lage in Afghanistan sei »ver-
Amtsberg. gliedstaaten. Die wiederum erklärten heerend«, sagt der CDU-Außenpoli-
In der Union ist vielen bewusst, Bundeswehr sich für unzuständig, weil es sich um tiker Norbert Röttgen: »Es kann pas-
dass die Lage in Afghanistan noch gearbeitet. eine EU-Mission gehandelt habe. sieren, dass sich Millionen auf den
dramatischer werden kann. Aber Quelle: BMVg, Das Problem wurde hin- und her- Weg machen – und zwar beginnend
mancher dürfte dann doch überrascht Stand: 11. August geschoben, sodass Dutzende ehema- in den nächsten Wochen.«

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In internen Papieren über einen EU-Ak-


tionsplan für Afghanistan drängt Deutschland
darauf, Nachbarländer wie Pakistan und Iran
zu unterstützen – beides keine unproblema-
tischen Staaten. Diese hätten mit dem »Lö-
Die Macht der
wenanteil« der Flüchtlinge aus Afghanistan
zu tun. Doch auch auf die Türkei werde der
»Migrationsdruck« wahrscheinlich steigen,
warnt die Bundesregierung.
Neugier
Die Dokumente offenbaren auch, dass
Frankreich fordert, Weiterreisen Richtung
Europa zu verhindern und noch massiver ge-
Jede Epoche erzählt Geschichten von
gen Schlepper vorzugehen. Österreich schlägt
vor, den EU-Türkei-Deal auf afghanische
Aufbruch und Abenteuer – nicht nur
Flüchtlinge auszuweiten – was vermutlich
auch bedeuten würde, dem despotischen Prä- in Europa. Über Menschen und ihre
sidenten Recep Tayyip Erdoğan weitere Mil-
liarden zuzuleiten, damit er die Flüchtlinge spektakulären Reisen.
von Europa fernhält.
Der Migrationsexperte Gerald Knaus hält
die Debatte für zu angstgetrieben. »Die Si-
tuation ist mit 2015 überhaupt nicht zu ver-
gleichen«, sagt er. Die Zahl der Flüchtlinge
Jetzt
aus Afghanistan, die es in die EU schafften, im Handel
sei nach wie vor klein. Daran werde sich so
schnell auch nichts ändern.
Knaus regt an, eher eine Analogie zum
Jahr 1979 zu ziehen: Damals flohen Hundert-
tausende Bootsflüchtlinge aus Vietnam. Auch
weil die Nachbarländer sich weigerten, sie
aufzunehmen, holten die Bundesrepublik
und andere westliche Staaten viele der Men-
schen zu sich.
Knaus plädiert für ein ähnliches Aufnah-
meprogramm wie damals, mit festen Kontin-
genten, organisiert von einer Koalition von
Staaten und den Vereinten Nationen. »Viele
Deutsche dürften sich den Feinden der Tali-
ban verbunden fühlen – wie damals den Boat-
people aus Vietnam«, sagt der Experte.
In der Bundesregierung plant man derzeit
einige symbolträchtige Veranstaltungen zum
Thema Afghanistan. Am 26. August will Ver-
teidigungsministerin Annegret Kramp-Kar-
renbauer (CDU) in einer Konferenz darüber
debattieren, was bei der deutschen Auslands-
mission funktioniert hat und was nicht. Schon
vor dem Abzug der Truppen versprach sie,
die Debatte werde schonungslos geführt.
Eine Woche später will sich die Regierung
bei den in Afghanistan eingesetzten Soldaten
auf großer Bühne bedanken. Zuerst soll es
einen Appell am Bendlerblock geben, Bun-
despräsident Frank-Walter Steinmeier ist als
Redner eingeplant. Danach geht es am Reichs-
tagsgebäude weiter, wo die Afghanistan-
mission mit einem Großen Zapfenstreich
feierlich beendet wird.
Angesichts der Lage schwant den Planern
im Wehrressort, dass beide Termine heikel
werden können. Ein Offizier fragt sich: »Wie
sollen wir das Ende unseres Einsatzes würdi-
gen, wenn die Taliban vor den Toren Kabuls
stehen?«
Okan Bellikli, Sophie Garbe, Florian Gathmann,
Matthias Gebauer, Hubert Gude, Steffen Lüdke,
Veit Medick, Michael Sauga, Fidelius Schmid,
Laurenz Schreiner, Wolf Wiedmann-Schmidt ■

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 21


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anchmal macht Mariam einen


M Spaziergang im Wald, um Ruhe zu
finden. »Früher hat mir das immer
geholfen«, sagt die 37-Jährige. »Irgendwann
war mein Kopf wieder frei, und ich habe
mich besser gefühlt. Aber es funktioniert

Stille Heldinnen nicht mehr.« Der Puls rase weiter, die Ge-
danken drehten sich im Kreis. Ihre Ärztin
habe gesagt, dass sie auf sich aufpassen müs-
se, sie sehe Anzeichen einer Depression.
ASYLPOLITIK Die Flucht aus Afghanistan nach Deutschland Mariam sitzt auf dem Sofa in ihrer Woh-
gelingt vor allem Männern. Die Frauen, die es nung am Stadtrand Hannovers, in einem
alleine schaffen, müssen auch hierzulande kämpfen. ruhigen Viertel mit hohen Birken. Um den
Kopf hat die Muslimin locker ein braun-
weiß gemustertes Tuch gebunden. Sie lebt
allein.
Im Moment denke sie ununterbrochen
an ihre jüngere Schwester, die noch in Af-
ghanistan sei und Medizin in Masar-i-Scha-
rif studiere, sagt Mariam. »Ich konnte sie
tagelang nicht erreichen, war total in Panik.«
Seitdem die Nato ihre Truppen abgezogen
hat, nehmen die Taliban einen Bezirk nach
dem anderen ein. Mariam befürchtet, dass
die Radikalislamisten bald auch Masar-i-
Scharif, die Großstadt im Norden, in ihre
Gewalt bringen. Und dass ihre Schwester
in Lebensgefahr ist, da deren Mann als
Ingenieur an Projekten der afghanischen
Regierung arbeite.
Auch die Geschichten, die sie im Job hört,
bedrücken Mariam. Sie arbeitet bei einer
Flüchtlingsorganisation. Heute Morgen habe
sie mit einer Afghanin telefoniert, die mit
ihrer Tochter nach Rumänien abgeschoben
werden soll, wo sie nach der Flucht zum ers-
ten Mal in Europa registriert worden war.
»Ich weiß, dass sie dort missbraucht wurde«,
sagt Mariam. »Aber ich kann nichts tun, um
ihr zu helfen.«
Sie sage den anderen Frauen zwar immer:
»Du schaffst das, bleib stark.« Sie zögert eine
Sekunde, bevor sie weiterspricht: »Aber
manchmal, wenn ich allein bin, dann denke
ich, ich kann selbst nicht mehr stark sein.
Wie lange soll ich denn noch kämpfen?«
Seit vier Jahren lebt Mariam in Deutsch-
land. Das Bundesamt für Migration und
Flüchtlinge (Bamf) hat ihren Asylantrag 2017
abgelehnt, sie hat dagegen geklagt. Seitdem
wartet sie auf einen Gerichtstermin. Solange
das Verfahren läuft, darf sie zwar arbeiten,
aber nicht ins Ausland reisen, etwa um ihre
Eltern zu besuchen, die als Flüchtlinge in
Iran leben. »Ich habe nie erfahren, wie sich
»Ich habe nie echte Freiheit anfühlt«, sagt Mariam, »auch
in Deutschland nicht.«
erfahren, Dabei hatte die Afghanin noch großes
wie sich Glück, sie schaffte es bis nach Europa. Die
echte Freiheit Flucht aus dem Land, das wie kaum ein an-
deres für die Unterdrückung der Frau steht,
anfühlt.«
Joanna Nottebrock / DER SPIEGEL

gelingt sonst vor allem Männern.


Mariam Laut Statistischem Bundesamt ist die
Zahl der Afghanen in Deutschland zwischen
2013 und 2020 von rund 67 000 Menschen
auf mehr als 270 000 angewachsen. Knapp
64 Prozent von ihnen sind Männer, in der
Altersgruppe 20 bis 25 sind es sogar 84 Pro-

22 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


DEUTSCHLAND

zent. Besondere Kontingente für geflüchtete in jeder Situation bewusst war, dass ich viel-
Mädchen und Frauen oder eine Lockerung leicht wegrennen muss, ständig habe ich Aus-
beim Familiennachzug gibt es nicht. schau nach Fluchtwegen gehalten«, erzählt
Bis zu einer Entscheidung für ein sicheres sie. »Diesen Stress hält man irgendwann
Bleiberecht kann es Jahre dauern. Angesichts kaum noch aus.« Noch belastender sei aber
der schlechten Sicherheitslage hat das Bun- gewesen, dass irgendwann zu viele Leute ihr
desinnenministerium am Mittwoch zwar ent- Gesicht gekannt hätten. »Das wurde für die
schieden, die Abschiebungen nach Afgha- gesamte Familie zum Problem.«
nistan zunächst zu stoppen. Migranten und Samiras Asylantrag wurde abgelehnt,
Migrantinnen, die nur eine Duldung zuge- mehr als drei Jahre lang kämpfte sie für ihr
sprochen bekommen, müssen aber mit der Bleiberecht in Deutschland. Inzwischen hat
ständigen Unsicherheit leben, dass sich die sie politisches Asyl bekommen. Wie auch
Behörden irgendwann anders entscheiden Mariam will sie anonym bleiben, weil ihre
könnten. »Das ist ein schlimmes Gefühl«, Angehörigen noch in Afghanistan leben.
sagt Mariam. »Es macht die Menschen Samira kommt aus einer konservativen
krank.« Familie. Als 19-Jährige verließ sie ihr Dorf

Mohammad Asif Khan / AP


Für die Afghanin ist eine Rückkehr nach gegen den Willen ihrer Eltern, um bei ihrer
Masar-i Scharif undenkbar. Dort hat sie Wirt- älteren Schwester in Kabul zu leben und dort
schaft und Management studiert und zeit- zu studieren. Damals trug sie ein Kopftuch,
weise in Projekten der Weltbank und der aber nicht aus religiöser Überzeugung, son-
Deutschen Gesellschaft für Internationale dern aus Zwang. In Deutschland hat sie es
Zusammenarbeit (GIZ) gearbeitet. »Anfangs Taliban im afghanischen Farah abgelegt. Ihre langen braunen Haare fallen
war es noch möglich, für den Job zu reisen. locker über die Schultern.
Im Laufe der Zeit wurde es für mich als Frau nistan, davon zwei ausschließlich für Mäd- Jahrelang hätten ihre Eltern nicht mehr
aber immer schwieriger. Ich habe mich nir- chen. Sie lässt Brunnen bohren, unterhält mit ihr gesprochen. »Jetzt hat sich alles wie-
gends mehr sicher gefühlt.« drei Gesundheitszentren oder vergibt Stu- der eingerenkt, darüber bin ich erleichtert«,
Eine alleinstehende Frau, die ohne Fami- dienstipendien. sagt Samira. Sie mache ihnen keine Vorwür-
lie im Westen gelebt hat, sei in den Augen »Gerade im Moment ist unsere Arbeit fe. Der soziale Druck in Afghanistan, vor al-
der Taliban eine ehrlose Verräterin, sagt sie. unglaublich wichtig«, sagt Nashir Karim. Seit lem auf dem Land, sei einfach extrem groß.
Deshalb möchte sie ihren Nachnamen nicht dem Truppenabzug seien knapp eine Vier- »Es sind immer die Männer, die das Sagen
veröffentlicht sehen. »Man weiß nie, wer so telmillion Menschen in Afghanistan neu auf haben. Ehemänner, Väter, Brüder, Cousins.
etwas liest«, sagt sie. »Und meine Schwester der Flucht und brauchten dringend Nothilfe. Sie alle dürfen dir Befehle geben: Mach dies
ist ja noch dort.« Man sei neutral und unabhängig. »Das, und oder das. Zieh das an oder jenes. Sie kom-
Die Chancen, dass die Schwester es mit die Unterstützung der Bevölkerung, schützt men nicht damit klar, wenn eine Frau für sich
ihrem Mann und den beiden Kindern nach uns vor Angriffen.« selbst entscheidet.«
Deutschland schaffen könnte, sind ver- Trotzdem verübten Unbekannte vor zwei
schwindend gering. In vielen Regionen gibt Jahren einen Brandanschlag auf eine der Manche Afghanen nehmen diese Haltung
es Gefechte zwischen den Regierungssolda- Mädchenschulen des Vereins. Verletzt wurde mit nach Deutschland. Vor wenigen Tagen
ten und den Taliban. Für eine Medizinstu- niemand, aber das Feuer zerstörte die Klas- machte der Mord an einer 34-jährigen Afgha-
dentin und einen Ingenieur könnte es eine senräume und das Dach. Dem »Global Peace nin aus Berlin Schlagzeilen. Mutmaßlich ihre
naheliegende Idee sein, ein Arbeits- oder Stu- Index« zufolge ist Afghanistan das am we- Brüder haben die Tat begangen, weil sie sich
dentenvisum für Deutschland zu beantragen. nigsten friedliche Land der Welt – und das gekränkt fühlten, da das Leben ihrer Schwes-
Doch das geht nur an den deutschen Aus- schon das zweite Jahr in Folge. Im Mai star- ter nicht ihren Moralvorstellungen entsprach.
landsvertretungen im pakistanischen Islama- ben bei einem Anschlag auf eine Schule im In ihrer Anfangszeit in Deutschland habe
bad oder im indischen Neu-Delhi, die Abtei- Westen Kabuls Dutzende Menschen, die sie noch weiter als Journalistin arbeiten wol-
lung in Kabul ist schon lange geschlossen. meisten der Opfer waren Mädchen. Allein len, sagt Samira. Ihre Referenzen sind gut,
2017 wurde die Botschaft bei einem Anschlag im Mai und Juni wurden nach einem Bericht sie machte ein Praktikum. »Ich konnte es
beschädigt. Die pakistanische Regierung ist der Vereinten Nationen fast 2400 Zivilistin- aber nicht mehr ertragen, mich auch beruf-
aber kurz davor, den neuen Zaun entlang nen und Zivilisten verwundet oder getötet, lich ständig mit Afghanistan beschäftigen zu
der 2600 Kilometer langen Grenze zu schlie- darunter viele Kinder. müssen«, sagt sie. »Ich mache mir die ganze
ßen, das Militär lässt in der Regel niemanden Die afghanischen Lehrerinnen und Ärz- Zeit Sorgen. Um meine Familie, meine Freun-
ohne Visum durch. »Es ist hoffnungslos«, tinnen vom Frauenverein machen weiter. de, die Frauen in Afghanistan. Wir alle spü-
sagt Mariam. »Sie sind unfassbar mutig«, sagt Nashir Ka- ren den gleichen Schmerz.«
rim. »Ich nenne sie die stillen Heldinnen. In Samira studiert nun Finanzwissenschaft
Die Verzweiflung der Frau kann Nadia Afghanistan sind sie unsere Hoffnung.« und ist kurz davor, ihren Bachelor zu ma-
Nashir Karim gut nachvollziehen. »Es ist Samira, 33, aus einer Provinz im Osten chen. Nebenbei arbeitet sie für eine private
furchtbar, wenn zu all der Sorge um die Hei- Afghanistans, hatte nicht mehr genug Kraft, Krankenversicherung. »Es ist nicht das, was
mat noch der Kampf mit den Behörden um mutig zu sein. Sie arbeitete als Journalis- ich mir für mein Leben gewünscht habe«,
kommt«, sagt die 65-Jährige. Sie wuchs in tin in Kabul, berichtete auch für internatio- sagt sie. »Aber die Arbeit mit Zahlen beru-
Kunduz auf und kam als 20-Jährige fürs Stu- nale Medien über die schwierige politische higt mich.« Seit ein paar Monaten hat sie
dium nach Deutschland. Anfang der Neunzi- Lage und das Leid der Menschen. 2014 be- einen deutschen Freund.
gerjahre gründete sie gemeinsam mit anderen suchte sie Deutschland und stellte einen Asyl- Die Afghanin meidet die sozialen Netz-
den Afghanischen Frauenverein. antrag. Sie fragt: »Mir war damals schon klar, werke, im Internet verliert sich ihre Spur
Das Büro liegt im Hamburger Schanzen- dass es nach dem Truppenabzug schlimm schon vor Jahren. Sie vermutet, dass viele
viertel, von dort aus koordinieren sie ihre werden würde – wie hätte ich da als Journa- Leute in ihrer Heimat denken könnten, sie
Projekte in drei afghanischen Provinzen. Die listin weitermachen sollen?« Für ihre Recher- sei bei der Arbeit oder auf der Flucht ums
Hilfsorganisation betreibt mit 190 lokalen chen sei sie viel unterwegs gewesen. »Ich Leben gekommen. Samira kann mit diesem
Kräften inzwischen vier Schulen in Afgha- hatte immer bequeme Schuhe an, weil mir Gedanken gut leben. Katrin Elger ■

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DEUTSCHLAND

Uli Deck / PICTURE ALLIANCE / DPA


Verfassungsrichter in Karlsruhe: Die ultimative Eskalation

Verschleppen statt lösen


EUROPA Wer hat im Streit über große Fragen der Politik das letzte Wort: das höchste
EU-Gericht oder das deutsche Verfassungsgericht? Die beiden sind
aneinandergeraten, und die Regierung versucht verzweifelt, den Konflikt wegzureden.

W ie beseitigt man ein Problem, das


man nicht lösen kann? Die Bundes-
regierung hat sich für einen pragma-
tischen Weg entschieden: Sie leugnet, dass
ter hatten entschieden, dass die Europäische
Zentralbank (EZB) ihr Anleihekaufprogramm
PSPP nicht ausreichend auf seine Verhältnis-
mäßigkeit hin überprüft habe.
Treffender hätte man es aus Brüsseler
Sicht nicht formulieren können. Das Karls-
ruher Urteil stelle einen »ernst zu nehmenden
Präzedenzfall« dar, heißt es dort. »Das letzte
das Problem existiert. Schlimmer noch, die Deutschen bescheinig- Wort zu EU-Recht wird immer in Luxemburg
Die Regierung hat, so wurde in dieser Wo- ten dem Europäischen Gerichtshof (EuGH), gesprochen, nirgendwo sonst«, sagte Kom-
che bekannt, eine »Mitteilung der Bundesre- der das anders sah, die EZB nicht streng missionspräsidentin Ursula von der Leyen
publik Deutschland an die Europäische Kom- genug zu kontrollieren. Die Luxemburger unmittelbar nach der Entscheidung. Die
mission« in Brüssel gesandt. Es ist die Ant- Kollegen hätten zudem »ultra vires« gehan- Kommission leitete das Vertragsverletzungs-
wort auf ein Vertragsverletzungsverfahren, delt, also ihre Kompetenzen überschritten. verfahren gegen Deutschland ein.
das die EU-Kommission gegen Deutschland Ihr Urteil sei »schlechterdings nicht mehr Das war ein heikler Schritt. Was sollte die
angestrengt hat, weil ihr ein Urteil des Bun- nachvollziehbar« und damit »objektiv will- Bundesregierung tun? Das Bundesverfassungs-
desverfassungsgerichts missfiel. kürlich«, hieß es in der Karlsruher Urteils- gericht in die Schranken weisen und die rich-
Vordergründig geht es bei dem Verfahren begründung. terliche Unabhängigkeit infrage stellen?
darum, wer das letzte Wort hat, wenn es um Das Urteil war die ultimative Eskalation In Berlin entschied man sich, die Auseinan-
europäisches Recht geht, der Europäische Ge- in einem schon lange währenden Streit. Das dersetzung zu lösen, indem man sie für gegen-
richtshof oder das Bundesverfassungsgericht. Bundesverfassungsgericht erklärte erstmals standslos erklärt. In dem Schreiben wird der
Hinter dem juristischen Konflikt verbirgt sich eine Entscheidung des EuGH für nicht bin- grundlegende Konflikt zwischen deutschem
eine weit größere Frage. Wie weit soll die eu- dend. Manche Kommentatoren sahen nicht und europäischem Rechtsverständnis nicht er-
ropäische Integration gehen, und wer ent- nur den Vorrang des EU-Rechts vor nationa- wähnt. Die Rechtsprechung des Bundesverfas-
scheidet darüber? lem Recht bedroht, sondern gleich die ganze sungsgerichts wird ausführlich, aber zugleich
Anlass des EU-Verfahrens war ein Urteil Europäische Union. Das deutsche Verfas- sehr lückenhaft erläutert. So entsteht der Ein-
des Bundesverfassungsgerichts vom Mai ver- sungsgericht »ist ein Staatsgefährder«, wet- druck, Karlsruhe läge mit den Vorstellungen
gangenen Jahres. Die Richterinnen und Rich- terte die »Süddeutsche Zeitung«. Brüssels und des EuGH auf einer Linie.

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DEUTSCHLAND

Das Gericht habe die Autonomie rang des Unionsrechts eingeräumt Es geht Kommission kann sich so viel Zeit
des EU-Rechts anerkannt und sehe habe. Eine solche Versicherung wür- lassen, wie sie will«, sagt Thiele.
sich an den »Grundsatz der Europa- de die polnische Regierung wohl im Kern um Egal wie die Kommission sich ent-
rechtsfreundlichkeit« gebunden, heißt nicht abgeben. Warschau könnte fort- die Frage, scheidet, der Lösung des eigentlichen
es. Es erkenne zudem an, dass die Ur- an schwerlich auf das Karlsruher Ur- wer über die Problems wird man dadurch keinen
teile des EuGH grundsätzlich als teil verweisen, um seine Justizpolitik Schritt näherkommen. Das liegt in der
verbindliche Auslegung des Unions- zu rechtfertigen. Zukunft der Natur des Konflikts selbst. Er lässt sich
rechts zu beachten seien. Dass der Ein Ende des Verfahrens wäre für europäischen auf juristischem Wege nicht lösen.
Vorrang des Europarechts aus Karls- die Kommission ein halbwegs ge- Der Europäische Gerichtshof ar-
ruher Sicht keineswegs unbeschränkt sichtswahrender Ausweg aus einer
Integration gumentiert, dass er allein darüber ur-
ist, übergeht das Schreiben. Situation, in die sie sich selbst ma- entscheiden teilen kann, wie EU-Verträge ausge-
Stattdessen beteuert die Bundes- növriert hat. Denn wenn Brüssel darf. legt und angewendet werden. Das
regierung, sie werde all ihre Mittel die deutsche Erklärung nicht aus- Unionsrecht müsse Vorrang vor na-
nutzen, um die »vollständige Beach- reicht, müsste es Deutschland förm- tionalem Recht haben, damit in allen
tung der Grundsätze der Autonomie, lich auffordern, zur Achtung des Mitgliedstaaten das gleiche Recht gel-
des Anwendungsvorrangs sowie der EU-Rechts zurückzukehren. Falls te. Das sei nur auf diese Weise sicher-
Wirksamkeit und der einheitlichen die Lage sich nicht ändert – und wie zustellen.
Anwendung des Unionsrechts sicher- sollte sie? –, kann die Kommission Das Bundesverfassungsgericht er-
zustellen«. den Fall vor den Europäischen Ge- kennt im Grundsatz den Vorrang des
Der Brief spiegelt die Haltung der richtshof bringen. Europarechts an. Aber es prüft, wel-
Bundesregierung wider, die sich Das Luxemburger Gericht würde che Kompetenzen die Bundesrepu-
schon oft über Entscheidungen der dann in eigener Sache urteilen. Das blik tatsächlich an die EU übertragen
Verfassungsrichter zum Europarecht verstoße gegen eherne Rechtsgrund- hat und ob die Verfassungsidentität
geärgert hat. In Karlsruhe ist man sätze und wäre für die Rechtsstaat- der Bundesrepublik berührt wird. Ei-
über den Brief nicht amüsiert. Er lässt lichkeit verheerend, warnt der Ber- nen Verstoß gegen das Grundgesetz
sich als Düpierung des höchsten Ge- liner Völkerrechtler Christian To- kann nur ein deutsches Verfassungs-
richts lesen. muschat in einem Beitrag für die gericht feststellen.
Er ist allerdings vor allem als Frie- juristische Website »Verfassungsblog«. Beide Haltungen sind schlüssig,
densangebot an die Kommission ge- Daran ist auch in Brüssel niemandem aber komplett inkompatibel. Was wie
dacht. Die muss nun entscheiden, wie gelegen. juristische Erbsenzählerei erscheint,
Kommissionschefin
es weitergeht. Der »ernst zu nehmen- Falls die Kommission die Sache von der Leyen*:
hat einen hochpolitischen Hinter-
de Präzedenzfall« ist durch die Erklä- nicht für erledigt erklären will, kann Auf kaltem Weg in den grund. Es geht im Kern um die Frage,
rung nicht aus der Welt geschafft. Wie sie das Verfahren verschleppen. »Die Bundesstaat wer über die Zukunft der europäi-
denn auch? Die Bundesregierung schen Integration entscheiden darf.
kann Urteile des Bundesverfassungs- Karlsruhe fürchtet, dass immer
gerichts nicht beeinflussen oder für mehr Macht von den Nationalstaa-
unwirksam erklären. ten nach Europa wandert, ohne dass
Das wusste man in Brüssel schon es dafür eine ausreichende demokra-
vor diesem Verfahren. Es sollte vor tische Legitimation gibt. Besonders
allem ein Signal an andere Länder drastisch hat das der frühere Präsi-
sein. Die Kommission hat die Sorge, dent des Verfassungsgerichts, An-
dass die Entscheidung des Bundesver- dreas Voßkuhle, ausgedrückt. Die
fassungsgerichts Staaten wie Polen als Kommission wolle »auf kaltem We-
Vorwand dient, Urteile des EuGH zu ge« in Europa »den Bundesstaat«
ignorieren und den Rechtsstaat weiter einführen, klagte er auf einer Ver-
abzubauen. Der polnische Regierungs- anstaltung.
chef Mateusz Morawiecki nannte das Das klang ein wenig nach Ver-
Urteil aus Karlsruhe denn auch »eines schwörungstheorie. Aber Voßkuhles
der wichtigsten Urteile in der Ge- Vorwürfe haben einen realen Kern.
schichte der Europäischen Union«. Der Kommission ist daran gelegen,
Überzeugend ist das Brüsseler möglichst viele Dinge europäisch zu
Vorgehen nicht. Das Vertragsverlet- regeln. Die EU dehne »die übertra-
zungsverfahren gegen Deutschland genen Kompetenzen oft extrem weit
sei »nicht ohne Ironie«, findet der aus, sodass der Zuständigkeitsbereich
Göttinger Europarechtler Alexander der Mitgliedstaaten und damit auch
Thiele. »Die Kommission geht gegen das Anwendungsfeld der nationalen
die polnische Regierung vor, um die Verfassung und der nationalen De-
Unabhängigkeit von Polens Justiz zu mokratie ausgehöhlt wird«, sagt der
schützen, und verklagt nun die Bun- frühere Verfassungsrichter Dieter
desregierung mit dem Ziel, auf die Grimm. Dem Europäischen Gerichts-
Justiz einzuwirken.« hof werfen die Kollegen aus Deutsch-
Wie Brüssel reagieren wird, ist of- land vor, er lasse dieses Verhalten
BABIRADPICTURE / ANDYKNOTH

fen. Man gebe keine Auskunft über durchgehen, statt die EU-Organe zu
laufende Verfahren, sagte ein Spre- kontrollieren.
cher. Es spricht dennoch einiges dafür, Das Karlsruher PSPP-Urteil ist
dass das Verfahren eingestellt wird. von vielen Verfassungs- und Europa-
Die Kommission könnte darauf
verweisen, dass Deutschland den Vor- * Bei den Salzburger Festspielen im Juli.

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 25


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HAMSTERFAHRTEN, rechtlern kritisiert worden. Die Kritik mag


juristisch berechtigt sein. Doch Urteile des
NISSENHÜTTEN UND JAZZ – Verfassungsgerichts über EU-Politik sind sel-
ten allein juristisch motiviert. Die Karlsruher

WIE 1945
Richterinnen und Richter haben die Folgen
ihrer Entscheidungen genau im Blick. Und
politisch ergibt das PSPP-Urteil Sinn.
Das Gericht hat im Juni 2016 das so-

DER FRIEDEN genannte OMT-Programm der Europäischen


Zentralbank gebilligt. Es sah vor, dass die
EZB in der Eurokrise unbegrenzt Staatsan-

BEGANN
leihen aufkaufen kann. EZB-Chef Mario
Draghi hatte damals angekündigt, die Bank
werde alles tun, was nötig sei (»whatever it
takes«), um den Euro zu retten. Allein diese
Worte und ein EZB-Beschluss reichten, um
die Finanzmärkte zu beruhigen, das Pro-
gramm wurde nicht umgesetzt.
Es spricht einiges dafür, dass der Zweite
Senat in Karlsruhe schon damals der Mei-
nung war, Draghi habe die Kompetenzen der
EZB überdehnt. Aber hätte das Gericht so
entschieden, dann hätte das unübersehbare
Folgen gehabt. Nicht nur der Euro, die ge-
samte EU wäre gefährdet gewesen. Also er-
klärte man das Programm trotz »gewichtiger
Bedenken« für rechtens.
Die EU nähert sich nach Auffassung der
Verfassungsrichter immer weiter dem Punkt,
an dem solche Nachsicht nicht mehr möglich
ist. Nämlich dann, wenn der Corona-Ret-
tungsschirm, der offiziell nur die wirtschaft-
lichen Folgen der Pandemie bekämpfen soll,
ohne Änderung der EU-Verträge zu einem
dauerhaften Umverteilungsinstrument wür-
de. Das Urteil ist eine Warnung an die Politik,
es nicht so weit kommen zu lassen.
Dass der Konflikt zwischen dem Bundes-
verfassungsgericht und der EU beim Thema
Euro eskaliert, ist kein Zufall. Die Europäi-
sche Währungsunion hat sich als Fehlkon-
struktion erwiesen. Von Anfang an war klar,
dass es problematisch sein würde, die Wäh-
rungspolitik auf die europäische Ebene zu
7IMXIRQMX%FFKIFYRHIRẠverlagern, die Finanz- und Wirtschaftspolitik
Auch als E-Book erhältlich aber bei den Nationalstaaten zu belassen. In
der Eurokrise wurde die Schwäche des Kon-
strukts deutlich.
Der 9. Mai 1945 war der erste Friedenstag in Deutschland – Es gibt genug Vorschläge, wie der Euro
und der Beginn einer Zeit des Aufbruchs, der Trauer und vor neuen Krisen geschützt werden könnte.
Dazu müssten die Mitgliedstaaten allerdings
der Lebensgier. Aus bewegenden Dokumenten und Erinnerungen die europäischen Verträge ändern und wich-
bekannter und unbekannter Zeitzeugen zeichnen Hauke Goos tige Teile ihrer Finanz- und Wirtschaftspoli-
und Alexander Smoltczyk ein Bild dieses Sommers. tik an die EU übertragen. »Was die deutschen
Richter den europäischen Staats- und Regie-
In ihrem Buch machen sie die ersten Wochen nach Kriegsende rungschefs sagen … ist, dass sie Entscheidun-
noch einmal hautnah erlebbar und zeigen, wie prägend gen, für die sie die Verantwortung überneh-
men sollten, nicht an ein nicht gewähltes
diese Zeit war für all das, was später kam. Gremium delegieren sollten«, schrieb der
französische Ökonom Jean Pisani-Ferry.
Doch zu wirklichen Reformen fehlt den
Aufwändig gestaltet und vierfarbig bebildert. Regierungen der Wille und der Mut.
Solange das so bleibt, sind alle Vorschläge
zur Lösung des Problems müßig. Es ist nur
eine Frage der Zeit, bis der Konflikt wieder
aufbricht.
Markus Becker, Sophie Garbe,
Ralf Neukirch, Christian Reiermann ■

www.dva.de 26 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


DEUTSCHLAND

zen? Vom zuständigen Ressortchef,


unter dem das System aufgeflogen ist,
hat man sich getrennt, andere Betei-
ligte sitzen bis heute im Vorstand.
Die Summen mögen im Vergleich

Raus aus dem Lokdown zum großen Ganzen überschaubar


sein. Doch die Affäre ist ein Symp-
tom dafür, wie wenig der Bund als
hundertprozentiger Eigentümer den
ANALYSE Der Bund hätte die Deutsche Bahn und deren Management längst Konzern im Griff hat.
reformieren müssen – dann wäre auch der Streik der GDL ins Leere gelaufen. Die Regierung hätte längst Schluss
machen müssen mit dem Traum von
der Bahn als internationalem Logis-
laus Weselsky ist ein Meister tikunternehmen. Die Idee stammt
C darin, sich als selbstloser Kämp-
fer für die entrechteten Eisen-
bahner zu inszenieren. Seine Leute,
noch aus der Zeit, als die Bahn priva-
tisiert und an die Börse gebracht wer-
den sollte. Für diesen Plan wurde die
sagt der Chef der Lokomotivführer- Infrastruktur – Schienen, Technik
gewerkschaft GDL, seien »wütend« und Bahnhöfe – derart kaputtgespart,
auf ihren Arbeitgeber. Der verordne dass mittlerweile ein Investitions-
den Angestellten »Minusrunden« bedarf von mehr als 50 Milliarden
und fülle »sich und seinen Füh- Euro besteht. Nicht für neue Stre-
rungskräften ungerührt die Taschen cken, sondern für bestehende.
mit Boni«. Der Ballast aus Beteiligungen und
Genauso kündigte er am Dienstag Tochterfirmen hätte längst abgesto-
jenen Streik an, der Zehntausende ßen werden müssen, egal ob sie Ver-
Pendler und Reisende stranden ließ – luste einbringt wie im Falle von Arri-
natürlich im Dienste einer guten va, oder Milliardengewinne wie im

Michael Gstettenbauer / imago images


Sache. Steuergelder, ließ Weselsky Falle des Logistikkonzerns DB Schen-
wissen, würden »sinnlos verbrannt«, ker. Nur ein verschlanktes Unterneh-
statt »in die Zukunft des Eisenbahn- men mit einer verkleinerten Führung
systems, in die Klimaziele und in die kann sich auf das Kerngeschäft kon-
Eisenbahnerinnen und Eisenbahner zentrieren.
investiert zu werden«. Das besteht darin, Personen schnell
Das ist natürlich Heuchelei. Dem und komfortabel sowie Waren zu-
Arbeiterführer geht es vor allem um verlässig zu transportieren. Ein leis-
persönliche Macht und das Über- Mindestens so wichtig wäre es gewe- Anzeigetafel tungsfähiger Bahnkonzern brauchte
leben seiner Spartengewerkschaft. sen, die Bahn strukturell zu reformie- in Düsseldorf noch nicht einmal zerschlagen zu wer-
Andererseits macht es der Bahn-Vor- ren und das Management auszutau- den, so wie es die radikaleren Pläne
stand Weselsky und seiner Propagan- schen. Damit wollte sich Scheuer al- der Grünen oder der FDP vorsehen.
da auf fahrlässige Weise einfach. lerdings nicht herumplagen. Die Oppositionsparteien wollen ei-
Denn wahr ist: Eine Vielzahl der Und so hat Weselsky leider recht: ne bundeseigene Infrastrukturgesell-
Vorwürfe treffen zu. Die Deutsche Die DB verbrennt in einem immer schaft gründen.
Bahn (DB) ist ein hoch verschuldeter stärkeren Maße Geld. Mehr als Bundesverkehrsminister Scheuer
Konzern mit einer teuren, ineffizien- 30 Milliarden Euro beträgt der ak- hat es versäumt, eine starke Bahn zu
ten Führung. Sie ist verantwortlich tuelle Schuldenstand, und das kann hinterlassen. Das muss jetzt die Nach-
für ein Schienennetz, das einen die Führung nicht allein auf die Fol- folgerin oder der Nachfolger des
pünktlichen Betrieb nicht sicher- gen der Coronakrise schieben. Die Christsozialen anpacken. Wertvolle
stellen kann. Und in dieser maroden Gütersparte steckt tief im Minus, Jahre sind vergangen. Dabei ist Zeit
Verfassung ist der Konzern nicht mal teure Abschreibungen stehen an. Die genau das, was der Staat und seine
ansatzweise in der Lage, seine zen- Auslandsbeteiligung Arriva, die Bus- Bürger nicht haben. Investitionen in
trale Rolle bei der Rettung des Klimas se in Slowenien und Züge in England neue Strecken und mehr Kapazität
auszufüllen. betreibt, entpuppt sich als Milliar- dauern mitunter mehr als ein Jahr-
Zumindest nicht in den kommen- dengrab. zehnt – man denke an die Pläne für den
den Jahren. Die Opfer des Streiks lie- Zu verantworten hat das ein Vor- neuen Hauptbahnhof in Frankfurt.
gen also ganz richtig, wenn sich ihr stand, der in der komfortablen Situa- Andere Länder sind da deutlich
Zorn nicht nur auf Weselsky und die tion ist, sich vom Steuerzahler direkt weiter. Die Schweiz hat längst einen
GDL richtet, sondern auch auf die Geld zu besorgen oder mit dem Staat hocheffizienten Schienenkonzern ge-
Bahn-Führung und Bundesverkehrs- als Bürgen am Kapitalmarkt. Das un- formt, der Züge und Gleise managt.
minister Andreas Scheuer (CSU), der durchsichtige Dickicht aus Tochter- Die Auslands- Frankreich kann viele Inlandsflüge
den Bund als Eigentümer vertritt. firmen mit gut dotierten Führungs- abschaffen, weil ein Hochgeschwindig-
Scheuer lässt keine Gelegenheit posten ist schuld daran, dass viel beteiligung keitsnetz diese umweltschädliche Art
aus, sich als Zugfan zu bekennen. Er Staatsgeld versickert. Arriva des Reisens unnötig macht.
brüstet sich damit, Milliarden in die Nur in einem solchen System ist In Deutschland werden noch viele
Digitalisierung investiert zu haben. es möglich, dass viele Millionen für entpuppt Jahre verstreichen, bis die Bahn ihrer
»Starke Schiene«, heißt sein Slogan, Berater, darunter Ex-Vorstände und neuen Rolle gerecht wird – wenn
der dem Volk suggerieren soll, dass Politiker, am Aufsichtsrat vorbei ge-
sich als überhaupt. Zeit, die uns die Klima-
der Zug in Richtung Zukunft rollt. zahlt werden konnten. Konsequen- Milliardengrab. krise nicht lässt. Gerald Traufetter ■

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 27


DEUTSCHLAND

nossen zählt 71 Jahre oder mehr. In Schwerin,


erinnert sich Böttger, habe die Linke 1990
etwa 6000 Mitglieder gehabt, heute seien es
300. Viele Unterstützer seien über die Jahre
»einfach verstorben«.
Bundesweit verzeichnet die Linke gut
60 000 Mitglieder, knapp 1000 mehr als vor
fünf Jahren. Doch der Zuwachs ist den west-
deutschen Verbänden zu verdanken. Mit
Ausnahme Berlins sind in allen ostdeutschen
Ländern die Mitgliederzahlen deutlich ge-
schrumpft. Allein in Mecklenburg-Vorpom-
mern sank die Zahl von 4034 im Jahr 2015 auf
heute 3180 Mitglieder. Zugelegt hat in den ver-
gangenen Jahren dagegen die AfD. Die Rech-
ten haben der Linken in Ostdeutschland den
Rang als stärkste Protestpartei abgelaufen.
Davon kann Ingo Paeschke in der Nieder-
lausitz erzählen. Er empfängt in einem ehe-
maligen Nähladen im Stadtzentrum von
Forst. Der 59-Jährige und seine Mitstreiter

Andreas Chudowski / DER SPIEGEL


residieren hier noch nicht lange, fast alle Re-
gale sind leer. Im Schaufenster hängt ein
Schild, »Unabhängig Links« steht darauf, so
nennt sich die einstige Linksfraktion jetzt.
Fraktionschef Paeschke, der ein T-Shirt mit
dem Aufdruck »Beach Party« trägt, sitzt an
Parteichefin Hennig-Wellsow
diesem heißen Sommertag an einem langen
Tisch und verschränkt die Arme, wenn er
über seine Partei spricht.
Der pensionierte Soldat warb im Mai 2020
als Fraktionschef der Linken auf einer Presse-

Establishment Ost konferenz für den Neubau eines Jugendhau-


ses – an der Seite eines Kommunalpolitikers
der AfD. Die Spitze der Linken in Branden-
burg setzte daraufhin ein Ausschlussverfah-
PARTEIEN Die Linke verliert massiv in ihren Stammländern, weil sie nicht ren gegen Paeschke in Gang. »Ich wurde aus-
genug für ihre Klientel erreicht. Viele wandern ab zur AfD. getreten«, sagt er. Das Problem sei ein grund-
sätzliches. Die Linke als ostdeutsche Küm-
merer- und Protestpartei gebe es so nicht
enn Gerd Böttger mit seinem Pudel Einst war der Osten für die Linke die Le- mehr, er spricht von einer Spaltung: »Man
W Max unterwegs ist, wird es politisch.
Die Leute im Großen Dreesch, ei-
nem Plattenbauviertel im Süden von Schwe-
bensversicherung. Hier überstand die PDS
die Neunzigerjahre und erhielt einen Teil des
SED-Apparats am Leben. Hier übernahm sie
hat zwar eine Basis im Westen auf die Beine
gestellt – aber nie verstanden, dass die ganz
anders tickt als im Osten.«
rin, würden ihm »die Meinung geigen«, sagt 1994 erstmals politische Verantwortung, als Bei den Landtagswahlen in Brandenburg
er. Wo die Linke denn sei, beim Thema Ren- sie in Sachsen-Anhalt eine Minderheitsregie- und Sachsen vor zwei Jahren verlor die Linke
ten- und Lohnangleichung im Osten? rung tolerierte. Doch die Zeiten, als die Linke massiv an Zuspruch – und einen Teil ihrer
In den Neunzigern, so Böttger, habe die wie selbstverständlich einen Großteil der Anhängerschaft an den rechten Rand: In
Linke viel vom Status als Ostpartei profitiert. Wählerschaft im Osten für sich gewinnen Brandenburg wechselten 11 000 einstige Wäh-
»Wir haben die klassischen Ostthemen be- konnte, sind vorbei. Bis auf Thüringen haben lerinnen und Wähler zur AfD, in Sachsen gin-
setzt, die Biografien der ehemaligen DDR- alle Landesverbände mit Stimmenverlust zu gen 26 000 Stimmen an die Rechten.
Bürger in den Mittelpunkt gerückt.« Heute kämpfen. Die letzte Niederlage erlitt die Par- Die Paderborner Soziologin Bettina Kohl-
sei das anders. Böttger ist ein Linken-Urge- tei im Juni in Sachsen-Anhalt, wo sie nur rausch hat die Motivation von Anhängerin-
stein in Mecklenburg-Vorpommern. Früher noch elf Prozent holte. nen und Anhängern der AfD für die Bundes-
SED, dann PDS, schließlich Die Linke. Seit Im Bund nähert sich die Linke in den Um- tagswahl 2017 untersucht. Menschen mit
Beginn der Neunzigerjahre führt er, mit einer fragen gefährlich der Fünfprozenthürde. Ein Abstiegsängsten, ob begründet oder nicht,
kurzen Unterbrechung, die Linkenfraktion starkes Ergebnis bei der Bundestagswahl wählten eher rechts. »AfD-Sympathisanten
im Schweriner Stadtrat. Ab 1994 saß er acht kann ihr wohl nur gelingen, wenn sie in ihrer haben oft das Gefühl, nicht gesehen zu wer-
Jahre lang im Landtag, gewann beide Male alten Bastion wieder aufholt. Nur dann hätte den, nicht mitgestalten zu können«, sagt
das Direktmandat mit mehr als 35 Prozent sie die Chance, regieren zu können, in einem Kohlrausch. Eine Partei wie die Linke, »die
der Stimmen. rot-rot-grünen Bündnis. ja selbst längst Teil des politischen Establish-
Von so starken Ergebnissen träumen in- Geprägt wird das Bild der Linken in vielen ments ist, wird da offenbar mit in die Haftung
zwischen viele der Linken im Osten. Böttger Ecken des Ostens heute von Menschen wie genommen«. Ähnlich sieht das der Historiker
ist 72 Jahre alt und steht auch in diesem Wahl- Gerd Böttger. Der Altersschnitt der Mitglie- Thorsten Holzhauser von der Stiftung Bun-
kampf für die Landtagswahl Ende September der liegt im Bund bei 53 Jahren, in den Ost- despräsident-Theodor-Heuss-Haus, der den
wieder an den Infoständen. In den Umfragen ländern etwa zehn Jahre höher. Mecklenburg- Weg der PDS in der Nachwendezeit erforscht
liegt die Linke hier bei 13 Prozent, früher lan- Vorpommern ist der älteste Landesverband, hat. »Die Linke war es gewohnt, die Rolle
dete sie bei mehr als 20. mehr als die Hälfte der Genossinnen und Ge- der Protestpartei zu spielen, unzufriedene

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DEUTSCHLAND

Wähler anzuziehen und ein Stück ostdeut- Kurs Richtung Rot-Rot-Grün auch im Bund
sche Kultur abzubilden.« Das falle nun immer Aufbau West und kombiniert dies im Bundestagswahl-
schwerer. kampf mit einer Wiederbelebung des alten
In der Partei sagen einige, die Bundesspitze Mitgliederzahl der Partei Die Linke Images der Ostpartei. »Der Osten spielt im
müsste sich wieder verstärkt Ostdeutschland Westdeutschland Wahlkampf der demokratischen Parteien
widmen. Die im Frühjahr abgetretenen Par- Ostdeutschland inkl. Berlin
praktisch keine Rolle. Mich wundert das nicht
teivorsitzenden Katja Kipping und Bernd Rie- wirklich, wenn ich mir etwa den Zuschnitt
xinger hätten das Thema vernachlässigt. Vor 40.000 der Spitzenkandidaten von SPD, Grünen und
allem Riexinger habe den Osten »mit spitzen 35.000 der Union angucke«, sagt sie. »Wir brauchen
Fingern« angefasst und sich desinteressiert 30.394 einen neuen Aufbruch Ost.«
30.000
gezeigt, was eine toxische Wirkung auf Ost- Doch ist die Linke überhaupt regierungs-
29.881
deutsche gehabt haben könnte, analysiert ein 25.000 fähig? Auch das scheint ein Ost-West-Pro-
führender Genosse. 20.000 blem zu sein. Viele der Verbände in den alten
»Nehmt den Wessis das Kommando«, hieß Bundesländern sind chaotisch, tief zerstritten
15.000
es auf einem Plakat der Linken in Sachsen- und unberechenbar, weshalb viele Grüne und
Anhalt im Wahlkampf vor einigen Monaten. Sozialdemokraten einem Bündnis im Bund
2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021
Geholfen hat es nicht. skeptisch gegenüberstehen. Selbst wenn es
Besuch bei Klaus Lederer, dem Kultur- S Quelle: Parteivorstand der Linken; Stand: 1. Quartal 2021 zuletzt in Umfragen eine Mehrheit gab und
senator der Hauptstadt und Linken-Spitzen- SPD und Grüne die Option nicht ausschlie-
kandidaten für die Abgeordnetenhauswahl Lederer sieht vor allem einen Grund für ßen, halten sie Distanz.
im September. Er schlägt die Beine über- verlorenes Vertrauen im Osten: die Re- Zuletzt sorgten vor allem Sahra Wagen-
einander und lehnt sich zurück. Im wieder- gierungsfrage. »Du wählst eine Partei immer knecht in Nordrhein-Westfalen und Ehemann
vereinigten Berlin lässt sich die Entwicklung wieder in den Bundestag, und die Löhne Oskar Lafontaine im Saarland durch Kritik
der Linken im Kleinen beobachten. Lederer, werden dennoch nicht angeglichen. Irgend- an der eigenen Partei für so erbitterten Streit
47, kommt aus Frankfurt (Oder) und trat An- wann fragen sich die Leute: Warum soll ich in der Partei, dass die Regierungsoption völlig
fang der Neunzigerjahre der PDS in Berlin die noch wählen?« Er glaubt deshalb, dass unrealistisch erschien. Hennig-Wellsow will
bei, war Landesvorsitzender. »Früher gab es die Linke im Bund unbedingt mitregieren dieses Problem lösen und beide einbinden.
die Kritik aus den kleinen West-Bezirksver- müsse. Ende August soll das Ehepaar in ihrem thü-
bänden, sie würden von den Ostdeutschen Auch die neue Bundesvorsitzende Susan- ringischen Wahlkreis in Weimar auftreten.
untergebuttert«, erinnert er sich. Das sei vor- ne Hennig-Wellsow aus Thüringen sieht das Eine Geste der Versöhnung. Hennig-Wellsow
bei. »Auf beiden Seiten hat sich die Mitglie- so. In Thüringen hat es die Linke geschafft, will ihren Wahlkreis direkt gewinnen, als Ost-
derzahl nivelliert.« Auch im alten Ost-Berlin sich dem Abwärtstrend zu widersetzen. Die deutsche mit Unterstützung aus dem Westen.
hat die Wählerschaft abgenommen. Parteichefin wirbt deshalb für einen klaren Timo Lehmann, Peter Maxwill, Marc Röhlig ■

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Jens Oellermann
Luca-Team Michi Beck, Marcus Trojan, Patrick Hennig, Smudo

21,3 Millionen Euro, und die vierte


Coronawelle baut sich auf. Die QR-
Codes für die Luca-App finden sich
deutschlandweit in Restaurants, Ho-
Kosten statt Nutzen tels, vor Sporthallen oder auch vor
Besprechungsräumen in Rathäusern.
Obwohl mehrere andere Apps ähn-
liche Funktionen bieten, konnte sich
BEHÖRDEN Millionen Menschen haben die Luca-App auf ihrem Handy,
Luca weitgehend durchsetzen.
der Staat hat viel Geld dafür ausgegeben. Doch zahlreiche Für Restaurantgäste ist die App
Gesundheitsämter kritisieren, dass sie im Kampf gegen Corona praktisch: Statt Zettel auszufüllen,
kaum weiterhilft – und verwenden die Daten nicht. checken sie sich per Handy ein und
hinterlegen so digital ihre Kontakt-
daten. Sollte am Nachbartisch ein
arina Kühl kümmert sich im Ge- Das Start-up Nexenio hat die App infizierter Mensch gesessen haben,
F sundheitsamt Berlin-Neukölln
darum, die Coronapandemie im
Südosten der Hauptstadt einzudäm-
entwickelt, der Rapper Smudo hat sie
bekannt gemacht. Farina Kühl hörte
seine großen Versprechen im Fern-
kann das Gesundheitsamt später die
Liste aller Restaurantgäste für jenen
Zeitraum anfragen. So weit jedenfalls
men. Mit knapp 150 Mitarbeiterinnen sehen: Die App soll dem Staat helfen, die Theorie. Doch funktioniert Luca
und Mitarbeitern hat sie sich abzu- Infektionsketten zu verfolgen und zu in der Praxis? Wie sehr hilft die App
stimmen, eine Menge Arbeit. Diens- durchbrechen. Eine zentrale Aufgabe, den Ämtern wirklich?
tags zwischen 14 und 15 Uhr muss sich gerade wenn jetzt die Inzidenzen Der SPIEGEL hat mehr als 200
die Leiterin der Falladministration im wieder steigen und zugleich Geschäf- der knapp 400 Gesundheitsämter in
Pandemiestab allerdings mit einem te und Gaststätten geöffnet bleiben Deutschland kontaktiert und nach
Problem herumschlagen, das sie zu- sollen. ihren Erfahrungen mit Luca befragt.
nehmend nervt: der Technik. »Luca ist eine massive Entlastung Das Ergebnis: In zahlreichen von ih-
Da findet die wöchentliche Video- der Gesundheitsämter«, sagte der nen sind die Experten unzufrieden,
konferenz zur Luca-App statt. Der Rapper Anfang März, als die dritte nur wenige beschreiben die App als
Hersteller möchte erklären, wie sie Coronawelle bevorstand – und noch Arbeitserleichterung.
den Ämtern bei der Pandemiebe- bevor das erste Bundesland das Luca- Von 114 Ämtern mit Luca-An-
kämpfung helfen kann, und steht für System überhaupt eingeführt hatte. schluss hat die Hälfte noch nie Daten
Fragen zur Verfügung. Mehrfach Smudo, mit bürgerlichem Namen abgefragt. 86 Ämter antworteten mit
habe sie vergebens versucht, an der Michael Bernd Schmidt, ist das detaillierteren Angaben, wie oft sie
Konferenz teilzunehmen, sagt Kühl. Sprachrohr von Luca, »die Pressela- Luca-Daten seit Inbetriebnahme ge-
Ihre Mitarbeiter hätten inzwischen bertante«, wie er sagt. Hat die Laber- »Ich habe mir nutzt haben. In insgesamt rund 130
Zugänge zum System. Aber das ma- tante das Produkt überverkauft? von Luca Fällen haben sie Luca-Daten von Res-
che es nicht unbedingt besser: »Für Heute, ein knappes halbes Jahr taurants, Friseuren oder ähnlichen
uns ist es nicht ersichtlich, was der später, haben 13 Bundesländer die mehr Entlas- Stellen angefordert, rund 60-mal hät-
Einsatz der App bringen würde.« Luca-App erworben, für insgesamt tung erhofft.« ten die Daten geholfen, Infektions-

30 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


DEUTSCHLAND

ketten zu verfolgen. Zur Einordnung: Im sel- Viel zu schnell seien die Gelder für die die Luca zurückweist. »Wir sehen, dass ge-
ben Zeitraum zählten die entsprechenden App freigegeben worden, ohne dass sich je- rade in den letzten drei Wochen immer mehr
Landkreise ungefähr 130 000 Neuinfektio- mand darum gekümmert habe, ob die Ämter Infektionen mit Luca-Daten nachverfolgt
nen; teilweise waren Restaurants und Cafés damit überhaupt gut arbeiten könnten. Be- wurden«, sagt Hennig. Allein in den ver-
noch geschlossen. sonders vom Support der Luca-Betreiber sind gangenen zwei Wochen hätten Gesundheits-
Nur an wenigen Orten wird Luca wohl in- sie in Neukölln enttäuscht. Anrufe seien ins ämter im Zusammenhang mit 474 Infektions-
tensiv genutzt. Die Hamburger Gesundheits- Leere gelaufen, E-Mails nicht beantwortet fällen eine Freigabe der Kontaktdaten von
behörde berichtet, in den vergangenen vier worden. »Von einer App, die viele Millionen 1202 Locations angefragt. So seien 26 680-
Wochen für 109 positiv getestete Luca-Nut- Euro bekommen hat, hätten wir uns ge- mal Luca-Nutzerinnen und -Nutzer gewarnt
zerinnen und -Nutzer abgefragt zu haben, wünscht, dass Luca aktiver und unterstützen- worden.
wo sie sich eingecheckt hatten. 304 Men- der auf uns zugegangen wäre«, sagt Kühl. Jens Pfitzner ist Arzt im Gesundheitsamt
schen seien daraufhin in Hamburg in Qua- Solche Kritik weisen die Luca-Betreiber der nordrhein-westfälischen Stadt Remscheid.
rantäne geschickt worden. zurück. »Dass die Gesundheitsämter nieman- Bisher habe kein einziger Infizierter gegen-
Solche Zahlen könnten demnächst noch den bei uns erreichen, kann man uns wirklich über seinem Amt angegeben, die Luca-App
einmal wichtig werden. Nach einem Jahr nicht vorwerfen«, sagt Nexenio-Chef Hennig. benutzt zu haben. »Wir fragen alle Personen«,
Laufzeit enden im Frühjahr 2022 die Verträge Am Anfang, im März und April, habe man sagt Pfitzner. »Die normale Corona-Warn-
der Bundesländer mit Luca. »Wir haben ein überschaubares Team gehabt. Aber heute App ist immer mal wieder dabei, andere
kein postpandemisches Geschäftsmodell für seien vier bis sechs Techniker unter einer spe- Apps so gut wie nie«, sagt Pfitzner. Er kann
Luca«, sagt Patrick Hennig, Chef der Betrei- ziellen Rufnummer für Rückfragen der Ämter das verschmerzen, denn Luca würde die Ar-
berfirma Nexenio. Ob die Länder weitere erreichbar. Außerhalb der Geschäftszeiten beit aus seiner Sicht nicht erleichtern – im
Luca-Lizenzen kaufen werden, ist noch nicht würden die Anrufe direkt auf sein Handy Gegenteil. »Nimmt man einfach mal an, dass
klar. durchgestellt. Momentan erreichten sein Un- wir nach einem Festival mit 20 000 Besu-
In Mecklenburg-Vorpommern, das als ers- ternehmen täglich drei bis fünf Support-An- chern alle eingebuchten Besucher abarbeiten
tes Bundesland eine Luca-Lizenz kaufte, be- fragen aus Ämtern, so Hennig. müssten, wäre das ein Ding der Unmachbar-
schäftigt sich nach Beschwerden eines Kon- Längst ist der Streit zwischen Luca und keit«, sagt Pfitzner.
kurrenten das Oberlandesgericht inzwischen dem Neuköllner Gesundheitsamt eskaliert. Auch andere Gesundheitsämter berichten
mit der Frage, ob die Vergabe ohne Ausschrei- Savaskan hat seine Kritik auch öffentlich ge- von dem Problem, dass Luca Kontaktdaten
bung rechtens war. In Hessen treibt das In- äußert. Hennig kontert, dass sein Unterneh- von Personen liefere, die den Infizierten in-
nenministerium das Problem der Datensicher- men intensiv geprüft habe, »was verbessert nerhalb einer Luca-Location womöglich nie
heit von Luca um. Es hat vom Bundesamt für werden könnte«, aber »aus unserer Sicht ver- nahe gekommen sind. Das kann beispielswei-
Sicherheit in der Informationstechnik eine folgen die Neuköllner wohl auch eine eigene se passieren, wenn eine Diskothek nur einen
tiefgreifende Prüfung des Systems angefor- Agenda«. einzelnen Luca-Code am Eingang aufhänge.
dert. Immer wieder hatte es Berichte über Er verweist lieber darauf, dass sich 27 Mil- Den scannen dann Hunderte Besucherinnen
Schwachstellen in der App gegeben, die Be- lionen Menschen bei Luca registriert hätten. und Besucher – die sich aber möglicherweise
treiber mussten nachbessern. Wie viele von ihnen die App tatsächlich nut- den ganzen Abend auf unterschiedlichen
Die Erfahrungen der Gesundheitsämter zen, lässt sich nicht sagen. IT-Experten hatten Tanzflächen bewegen.
dürften in die Bewertung einfließen – und nur eine Zahl zwischen 2,2 und 4,5 Millionen Restaurants werden angehalten, an jedem
sind laut der SPIEGEL-Umfrage gemischt. Nutzenden geschätzt, eine Hochrechnung, Tisch einen anderen QR-Code zum Scannen
Einige Behörden berichten von technischen auszuweisen, damit nur die Menschen zusam-
Problemen, während der Betrieb bei einem men erfasst werden, die auch zusammenge-
größeren Teil einwandfrei läuft. Warum die Steuergeld für Luca sessen haben. In der Praxis klappt das aller-
Daten nicht häufiger genutzt werden? Einige dings längst nicht immer, viele Betreiber be-
nennen als Grund das eher niedrige Infek- Ausgaben der Bundesländer* für das Luca- gnügen sich offenbar mit einem Code für alle.
System, in Millionen Euro
tionsgeschehen in ihrer Region, andere ver- Luca führt deshalb gerade mehrere neue
weisen darauf, dass die Daten immer wieder Bayern 4,52 Funktionen ein: Klubbetreiber sollen in der
unbrauchbar seien. Aus dem Main-Taunus- Baden- App Raumgröße und Durchlüftungsart ange-
Kreis heißt es, der Nutzen stehe »in keinem 3,70 ben können und es so den Ämtern erleichtern,
Württemberg
Verhältnis zum Aufwand für Einführung und Niedersachsen 3,00 das Risiko zu ermitteln. Außerdem sollen die
Betrieb der App«. Ämter die Möglichkeit bekommen, nach
In Neukölln scheint die Enttäuschung be- Hessen 2,10 einem Infektionsfall allen Besuchern über die
sonders groß zu sein. »Ich habe mir von Luca Rheinland- App einen passgenaueren Warnhinweis an-
1,70
mehr Entlastung erhofft«, sagt Farina Kühl. Pfalz zuzeigen.
Einen entscheidenden Vorteil im Vergleich Berlin 1,39 Die Funktion erinnert an die Corona-
zur Nachverfolgung mit Stift und Zettel kann Warn-App des Robert Koch-Instituts. Sie gibt
sie nicht erkennen. Sie selbst begann noch Brandenburg 1,18 eine Warnung an alle Smartphones aus, die
während der ersten Welle mit einer Informa- Schleswig- sich in der Nähe des Handys einer infizierten
1,05
tikerin, eine eigene Datenbank für ihr Amt Holstein Person befunden haben, die bereit ist, ihren
zu entwickeln, um Fälle schneller und besser Sachsen- Befund anonym zu teilen. Der Remscheider
1,00
Anhalt
digital zu bearbeiten. Amtsarzt Pfitzner sieht hier einen großen
Ihr Chef, Nicolai Savaskan, zieht eine ne- Hamburg 0,66 Vorteil: Die App messe den Abstand sowie
gative Bilanz: »Bisher hat uns Luca bei der Mecklenburg-
0,44
die Dauer des Kontakts. »Bei Luca geht es
Nachverfolgung von Infektionsketten über- Vorpommern nur um den Ort«, sagt Pfitzner. »Unter Um-
haupt nichts gebracht«, sagt der Leiter des Saarland 0,37 ständen würden wir Leute abtelefonieren, die
Bezirksgesundheitsamts. »Wir sind mitten in sich gar nicht in der Nähe eines Virusträgers
der vierten Welle, es ist für uns als Gesund- Bremen 0,22 aufgehalten haben.« Sein Fazit: »An uns ist
heitsamt misslich, dass wir kein benutzbares * Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Thüringen bei dem System wenig gedacht worden.«
haben keine Lizenz für die Luca-App erworben.
datenschutzkonformes digitales System zur S Quelle: SPIEGEL-Umfrage bei den Gesundheits- Patrick Beuth, Katrin Elger, Max Hoppenstedt,
Nachverfolgung haben.«


ministerien der Bundesländer Martin U. Müller, Marcel Pauly ■

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 31


DEUTSCHLAND

würden vielleicht noch nachgemeldet, »aber


für uns ist schon klar, dass die neue Förderung
nur für einen Bruchteil unserer Kita- und
Klassenzimmer überhaupt infrage kommen
wird«, stellt Stefan Görnert fest.
Diese Geräte werde man natürlich auch
anschaffen, sagt der Beigeordnete. Und was
ist mit den restlichen Räumen? »Wir sind
keine Aerosol-Experten«, sagt Görnert, »wir
müssen uns auf die Angaben der Fachleute
verlassen.« Maßgeblich sei für ihn die Bewer-
tung des Umweltbundesamts (UBA). Die be-
sage unverändert, dass mobile Luftreinigungs-
geräte allenfalls unterstützend zum regel-
mäßigen Lüften sinnvoll eingesetzt werden
könnten. Das habe bisher zur Zurückhaltung
beim Kauf geführt.
Die Debatte über die Luftreiniger in den
Schulen steht beispielhaft für die Zögerlich-
keit der Bildungspolitik und der Kultusminis-
terkonferenz in der Coronakrise. Viele Eltern
und Lehrkräfte haben das Gefühl, dass andert-
halb Jahre lang nur auf aktuelle Erfordernisse

Andreas Arnold / dpa


reagiert wurde: Wechsel- oder Distanz-
unterricht nach Infektionslage, moderate An-
passungen bei den Prüfungen, regelmäßiges
Lüften gegen die Virenlast in der Klassenluft.
Schulraum mit Luftfilter in Mainz: Wann kommen die Luftreiniger für jedes Klassenzimmer?
Aber keine Luftreiniger in allen oder auch
nur vielen Klassenzimmern. Was sie bringen
könnten, ist seit Beginn der Pandemie um-
stritten.
Die Geräte seien »nicht das Ei des Kolum-
bus«, sagte etwa Baden-Württembergs Minis-
Zittern bis Weihnachten terpräsident Winfried Kretschmann (Grüne)
noch Ende Juni. Mobile Reiniger seien zu
laut, große Umbaumaßnahmen keine Lösung.
NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP)
CORONA In diesen Wochen starten die Bundesländer ins neue
warnte, die Kisten würden »Unsummen ver-
Schuljahr – ähnlich unvorbereitet wie ins letzte. Noch immer sind schlingen«, eine Ausstattung aller Klassen-
kaum Klassenräume mit Luftreinigungsgeräten gegen die Viren räume sei nicht machbar. Und das Kultus-
ausgerüstet, auch weil Bund und Länder zu lange gewartet haben. ministerium in Thüringen befand: »Die Emp-
fehlungen des Umweltbundesamts lassen sich
zugespitzt folgendermaßen zusammenfas-
inen Satz sagt Stefan Görnert in dem Er rechnet vor: Rund 130 Klassenzimmer sen: Der beste Luftreiniger ist das geöffnete
E Gespräch gleich mehrmals, der Satz lau-
tet: »Die Gesundheit der Schülerinnen
und Schüler und der Lehrkräfte ist das Aller-
gibt es in Wermelskirchen, jedes Gerät kostet
mehrere Tausend Euro. Auch wenn es Förder-
mittel gibt, müsste die Stadt einen Eigenanteil
Fenster.«
Tatsächlich hatte das Umweltbundesamt
konstatiert, mobile Luftreiniger seien »nur
wichtigste.« Wobei ihm wichtig sei: »Das von einem Fünftel leisten, was sich auf min- als Ergänzung zum Lüften sinnvoll«. Unter
scheitert auch nicht am Geld.« destens 91 000 Euro summiere – ein erheb- dem Druck der anhaltenden politischen De-
Görnert ist Erster Beigeordneter und Ver- licher Posten für eine Stadt, die seit 2011 in batte relativierte das Amt seine Position: »Na-
waltungsvorstand der Stadt Wermelskirchen der Haushaltssicherung steckt und zu Spar- türlich helfen mobile Luftfilter gegen Viren –
im Bergischen Land. Rund 35 000 Einwoh- samkeit verpflichtet ist. wenn es sich um geprüfte Geräte handelt und
nerinnen und Einwohner, dazu fünf Grund- Allerdings sehe das Förderprogramm für sie richtig im Klassenraum aufgestellt sind«,
schulen, eine Sekundarschule und ein Gym- mobile Luftreiniger, das der Bund Mitte Juli sagte Heinz-Jörn Moriske, Geschäftsführer
nasium. Und eine Frage, die Eltern immer verabschiedet hat, gar keine flächendeckende der Innenraumlufthygiene-Kommission des
wieder stellen. Wann kommen die Luftreini- Finanzierung solcher Geräte vor, wie er vom UBA, im Juli dem »Handelsblatt«.
gungsgeräte für jedes Klassenzimmer, damit Land Nordrhein-Westfalen erfahren habe. Fi- Kurz darauf erschien eine neue Empfeh-
sich die Kinder nicht mit Corona infizieren? nanziert werden nur Luftreiniger für Klassen- lung der UBA-Fachleute, in der sie den Ein-
Görnerts Antwort ist kurz: erst einmal gar zimmer der sogenannten Kategorie II, etwa satz mobiler Geräte unter bestimmten Bedin-
nicht. Und dafür gibt es viele Gründe. Räume, in denen sich Fenster nur auf Kipp gungen nunmehr als »sinnvoll« bezeichnen.
Da ist dann eben doch die Frage der Kos- öffnen lassen – was fürs kräftige Lüften nicht Das Bundeskabinett nutzte diese Vorlage, um
ten. Kein Grund, an dem eine flächendecken- reicht – und die über keine eingebaute Lüftungs- das 200-Millionen-Euro-Förderprogramm für
de Ausstattung aller Klassenzimmer mit mo- anlage verfügen. Und das auch nur, wenn dort die Schulen zu beschließen. Verteilt werden
bilen Luftreinigern scheitern müsste – aber Kinder unter zwölf Jahren sitzen; die Älteren soll das Geld über die Länder.
auch keine Petitesse. »Schließlich geht es um könnten sich schließlich impfen lassen. Das allerdings kann dauern. Denn zu-
Steuergelder, deren Einsatz von manchen El- Förderungswürdige Klassenzimmer gibt nächst muss der Bund mit allen 16 Bundes-
tern und auch manchen Politikerinnen und es in Wermelskirchen deshalb gerade mal ländern eine Verwaltungsvereinbarung un-
Politikern gefordert wird«, sagt Görnert. zwei, dazu sechs Räume in Kitas. Ein paar terzeichnen, damit sichergestellt ist, dass die

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DEUTSCHLAND

Länder den Finanztopf noch mit eigenen Mit-


teln auffüllen. Das könnte, wenn es schnell
geht, bald erledigt sein. Dann müssen die Län-
der die Förderbedingungen definieren.
Stefan Görnert als Vertreter des Schul-
trägers kann dann trotzdem nicht einfach auf
Einkaufstour gehen. »Bei den Summen, um
die es bei diesen Geräten geht, müssen wir
eine ordentliche Ausschreibung machen«,
sagt der Verwaltungsfachmann. Die könne
bis zu einem Vierteljahr in Anspruch neh-
men. Und dann, sagt Görnert, müssten die
Geräte auch noch lieferbar sein – was schwie-
rig werden könnte, wenn bundesweit alle
Schulträger zur gleichen Zeit ihre Bestellun-
gen aufgeben. »Mit Glück könnten die Luft-
filter dann vielleicht unterm Weihnachts-
baum liegen« – bis dahin müssten die Kinder
weiter mit Mütze und Schal zur Schule
kommen.
Mit anderen Worten: Bund und Länder
haben durch ihre Untätigkeit schon vor Mo-
naten die Chance verspielt, die mobilen Luft-
reiniger pünktlich zum Schuljahresbeginn
bundesweit einsetzen zu können.
Wie es besser geht, zeigt das kleinste Bun-
desland – und eines der ärmsten. Schon im
Sommer 2020 ließ die Schulbehörde in Bre-
men in den Klassenräumen Plexiglaswände
als Schutz einbauen. CO2-Ampeln wurden
verteilt, um das richtige Lüften zu üben. In
den Eingangsbereichen der Schulen stehen
Spender mit Desinfektionsmitteln.
Die Bremer Behörde schaffte im vergan-
genen Schuljahr außerdem mehr als 2500
mobile Luftreiniger an. In rund drei viertel
aller Oberstufen-Klassenräume steht ein Ge-
rät. An Grundschulen sind rund 55 Prozent
der Räume ausgestattet, an Oberschulen und
Förderzentren knapp zwei Drittel. In den
kommenden Wochen sollen weitere statio-
näre Geräte hinzukommen. Bremer Schulen
können die Geräte über ein Onlinebestell-
system ordern. »Die Auslieferung erfolgt von
den Unternehmen direkt«, heißt es aus der
Behörde.
Insgesamt 48,6 Millionen Euro hat der
Bremer Senat für »pandemiebedingte Arti-
kel« eingeplant, angesichts der klammen Fi-
nanzlage an der Weser eine ordentliche
Summe. »Jede noch so kleine Summe, die
wir irgendwie entbehren konnten, haben wir
zusammengekratzt, um die Schulen sicherer
zu machen«, sagte die inzwischen zurück-
getretene Bildungssenatorin Claudia Bogedan
(SPD) in einem SPIEGEL-Interview vor eini-
gen Wochen. »Unser Ziel war, die Schulen so
sicher wie möglich zu machen, um so viel
Präsenzunterricht wie möglich anbieten zu
können.«
Fast jedes dritte Kind in Bremen wachse in
Armut auf. »Diese Kinder brauchen die Schule
als einen Ort, an dem sie sich aufhalten kön-
nen, wo sie eine warme Mahlzeit bekommen –
und an dem sie sicher sind«, sagte Bogedan.
Der Preis, den sie für die Luftreiniger zahlen
musste, sei dafür nicht zu hoch gewesen.
Armin Himmelrath, Miriam Olbrisch ■

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 33


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lege ich mich für zehn Minuten auf


eine Matratze neben meinem Schreib-
tisch, dann geht’s weiter.«
Weitzel war gerade in der Sitzung
des Krisenstabs. Es ging um die Kata-
Die Trümmerfrau strophentouristen, die am Wochenen-
de mit dem Fahrrad zum Krater fah-
ren. Und um die Müllcontainer, die
für den Bauschutt aufgestellt werden.
HOCHWASSER Und plötzlich schaut die Welt auf Erftstadt: Weitzel möchte, dass sie eingezäunt
unterwegs mit der Bürgermeisterin Carolin Weitzel, in deren Stadt und Tag und Nacht von Sicherheits-
sich die Erde auftat. Von Lukas Eberle leuten bewacht werden. Inzwischen
würden auch Leute aus den Nachbar-
regionen ihren Müll nach Erftstadt
m 15. Juli, einen Tag bevor Tei- links und rechts des Ufers aus. Erft- bringen, erzählt sie. Die Notlage ihrer
A le von Erftstadt im Boden ver- stadt ist zu einem Symbol der Kata-
sanken, brach Carolin Weitzel strophe geworden. Im Stadtteil Bles-
ihren Urlaub an der Côte d’Azur ab. sem stürzten mehrere Häuser ein.
NORDRHEIN-
WESTFALEN
Stadt werde jetzt auch noch ausge-
nutzt. »Unfassbar«, sagt Weitzel.
Das Land schaut in diesen Tagen
Köln
Im Flugzeug nach Köln habe sie da- Erdmassen rutschen ab, es entstand mit einer Mischung aus Mitleid und
rüber nachgedacht, welche Art von ein Krater, zwölf Meter tief. Bewunderung auf Kommunalpoliti-
Krisenmanagerin sie sein wolle, sagt Die Einsatzkräfte mussten mehre- Erftstadt kerinnen wie Weitzel. Die große Poli-
sie. Der Krisenstab hatte ihr die ers- re Ortsteile der Stadt evakuieren. tik schickt Geld und warme Worte in
ten Berichte geschickt, Weitzel las sie Menschen flüchteten auf Hausdächer, die Provinz, doch es sind Menschen
und stellte fest, dass es ihr nichts konnten nur mit Hubschraubern oder wie sie, die das Durcheinander ver-
bringt, Zahlen und Fakten auswendig Booten vom Wasser aus gerettet wer- walten müssen. Täglich laufen im Rat-
zu lernen. In einer Katastrophe än- den. Pflegeheime mussten geräumt haus Hunderte Probleme auf: Kann
dern sie sich sowieso fast stündlich. werden. Die Flutwelle spülte Autos nach den Sommerferien in den über-
Sie habe an Angela Merkel ge- wie Spielzeuge von der Bundesstraße schwemmten Schulen der Unterricht
dacht, welche Ruhe die Kanzlerin in 265, Lastwagen versanken. Es waren beginnen? Dürfen Kinder die Spiel-
Krisen ausstrahle, so erzählt Weitzel apokalyptische Szenen, die »New plätze betreten, oder sind die Böden
es heute. Ihr sei ein Satz eingefallen, York Times« druckte ein Foto davon nach der Flut mit Fäkalien und Öl
den sie im Zusammenhang mit der auf ihrer Titelseite. kontaminiert?
Kanzlerin gehört habe: »Im Inneren Seitdem kämpft Weitzel gegen die Die Bürgermeisterin muss den
des Orkans herrscht Windstille.« Folgen des Hochwassers. Sie pendelt Wiederaufbau organisieren, einen
Weitzel gefiel die Vorstellung, als zwischen dem Rathaus und Treffen Ort in Trümmern wieder lebenswert
Chefin gelassen zu bleiben, während mit Flutopfern. Sie empfängt Politi- machen. Sie ist zum Optimismus ge-
um sie herum alles auseinanderfällt. kerinnen und Politiker aus Düssel- zwungen. Wenn sie durch ihre kaput-
»An dieses Bild«, sagt sie, »habe ich dorf und Berlin, organisiert Info- te Stadt läuft, sagt sie: »Das kann hier
in den vergangenen Tagen oft ge- veranstaltungen für Betroffene und wieder schön werden.« Ihren Bür-
dacht. Das hat mir geholfen.« kümmert sich darum, dass Bar- gern möchte sie das so aber noch
Carolin Weitzel, 41, CDU, ist Bür- schecks und Soforthilfen ankommen. nicht sagen, zu hohe Erwartungen
germeisterin von Erftstadt, einem Ort Wenn noch Zeit bleibt, besorgt sie könnten kontraproduktiv sein. Weit-
südwestlich von Köln mit rund Wasserpumpen und Bauhandschuhe zel muss behutsam vorgehen, muss
50 000 Einwohnern. Erftstadt war be- für ihre Eltern, auch deren Keller ist den Menschen die Angst vor der
kannt für seine Schlösser, für Burgen vollgelaufen. nächsten Flut nehmen. Und Antwor-
und Karnevalsvereine, jetzt kennt die An einem Montag Anfang August ten liefern auf die Frage, wie alles so
Stadt fast jeder wegen eines großen kommt Weitzel in ihr Büro im dritten weit kommen konnte.
Lochs, des Kraters im Stadtteil Bles- Stock des Rathauses. Dort stehen Weitzel ist in Erftstadt aufgewach-
sem. Weitzel ist frisch im Amt, erst ein Schreibtisch, ein Konferenztisch, sen. In ihrem früheren Job war sie
seit November. Es war ein knapper zwei Zimmerpflanzen und eine Kom- bei der Bundesagentur für Arbeit an-
Sieg für sie, mit 52,6 Prozent der mode mit Ordnern, »Hochwasser gestellt, als Arbeitsvermittlerin im
Stimmen gewann sie die Stichwahl. 2021«. Nirgendwo liegt ein Papier, Jobcenter. Später wurde sie Berufs-
Seit der Flut wird sie ständig gefragt, alle Stifte sind zur Seite geräumt. Sie beraterin für Abiturienten. Es liege
ob sie nicht lieber verloren hätte. habe es gern ordentlich, sagt Weitzel. ihr, sagt sie, für Menschen in kompli-
Im Wahlkampf hatte Weitzel da- »Wenn draußen das Chaos herrscht, zierten Lebenslagen Lösungen zu fin-
rüber gesprochen, was ihr in Erftstadt brauche ich es nicht auch noch hier den. Sie glaubt, dass ihr das jetzt hilft.
fehlt: Baugrundstücke, Radwege und drinnen.« Sie will der Notlage mit Am Tag ihrer Rückkehr aus dem
E-Ladesäulen. Heute könnte man sa- Disziplin begegnen. Sie ist stolz Urlaub sei sie ins Rathaus gefahren,
gen, dass das Luxusprobleme sind Weitzel trägt eine blaue Bluse und sagt Weitzel, nachts um zwei Uhr
verglichen mit den Herausforderun- Perlenohrringe, vor ihr ein Wasser- darauf, dass dann in die Leitstelle der Feuerwehr
gen, vor denen sie steht, seitdem das glas und ihre zwei Smartphones. Zur- es in Erftstadt gegangen. Dort kamen immer mehr
Hochwasser ihre Stadt zerstört hat. zeit sitzt sie manchmal bis weit nach Anrufe aus Blessem an, Menschen in
Der Starkregen, sagt Weitzel, habe Mitternacht im Rathaus. Wenn man
keinen Todes- Todesangst, die flehten, aus ihren
ihrer Heimat »ein Inferno« bereitet. sie fragt, wie es ihr nach vier Wochen fall gab, was Häusern geholt zu werden. Die An-
Die Erft ist ein Nebenfluss des Krise gehe, sagt sie: »Ich habe mich tatsächlich rufe, sagt Weitzel, gingen ihr nicht
Rheins. Vor vier Wochen schwoll sie immer als Kämpferin gesehen, men- mehr aus dem Kopf, genauso wenig
zu einem gewaltigen Strom an, das tal bin ich stabil. Ich kann inzwischen einem Wun- wie die Martinshörner und der Hub-
Wasser dehnte sich gut 100 Meter auf Kommando schlafen, manchmal der gleicht. schrauberlärm.

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DEUTSCHLAND

Marcus Simaitis / DER SPIEGEL


Politikerin Weitzel am Krater in Erftstadt-Blessem: »Ich habe mich immer als Kämpferin gesehen, mental bin ich stabil«

In der Flutnacht forderte Weitzel Verstär- tern an wesentlich weniger, andere wachsen sie in ihren Betten durchs Wasser, dann ins
kung an, beim THW, bei der Bundeswehr. Und daran, was jedoch alle gemeinsam haben: Sie Freie.
sie habe gebetet, sagt sie. Am Ende konnten müssen mit Hilflosigkeit, Verzweiflung und Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
die Einsatzkräfte in Blessem rund 150 Men- Trauer zurechtkommen. des Krankenhauses helfen beim Aufräumen,
schen aus dem Hochwassergebiet retten. Dut- Als der Kreis Heinsberg im Februar 2020 sie schippen Schlamm. »Wie geht’s?«, fragt
zende wurden zunächst als vermisst gemeldet, zum ersten Corona-Hotspot in Deutschland Weitzel. »Allet jut«, sagt jemand. »Ach, hörn
man suchte sie mit Tauchern und Robotern, wurde, stieg der Landrat Stephan Pusch zu Se upp!«, sagen andere. Eine Ärztin, die eine
mit Sonargeräten, Drohnen und Hunden. einer Art Innenminister auf. Er schloss als Tapete von der Wand kratzt, erzählt, dass in
Weitzel entschied, dass die Menschen aus Erster Schulen und Kitas, nahm regelmäßig der Flutnacht ihr Auto abgeschleppt worden
Blessem vorerst nicht in ihre Häuser zurück- eine Videokolumne auf, legte sich mit Minis- sei, jetzt habe sie eine Rechnung dafür erhal-
kehren dürfen. Geologen waren zu dem terien und dem Robert Koch-Institut an. ten. Ob die Bürgermeisterin da was machen
Schluss gekommen, dass das zu riskant sei, Pusch nutzte seine große Klappe. »Jeder könne?
womöglich gebe es weitere Einstürze. Weitzel Landwirt hätte besser verhandelt«, sagte er Weitzel unterhält sich mit Krankenhaus-
musste den Bürgern, die fast alles verloren über die Impfstoffbeschaffung der EU. angestellten, die Pause machen. Sie hört zu,
hatten, verbieten, ihr letztes Hab und Gut zu Wenn Weitzel Fernsehinterviews oder irgendwann sagt sie: »Wir im Rathaus sind
retten. Es sei die richtige Entscheidung gewe- Statements gibt, spricht sie langsam und kon- auch rund um die Uhr im Einsatz.« Ihr ist es
sen, sagt sie heute. Sie ist stolz darauf, dass trolliert. »Ich will mich in der Krise nicht ver- wichtig, das zu betonen. Weitzel kennt die
es in Erftstadt keinen Todesfall gab, was tat- lieren«, sagt sie, »ich versuche, immer klare Vorbehalte, sie hat zuletzt oft Sätze gehört
sächlich einem Wunder gleicht. Gedanken zu fassen.« Im Vergleich zu Pusch wie: »Was wissen Sie schon? Sie sitzen doch
In normalen Zeiten gehört es zur Job- ist sie eine leise Krisenmanagerin, was ihr im warmen Büro!« Weitzel glaubt, dass zu
beschreibung von Lokalpolitikern, die Ver- den Raum gibt zuzuhören. viele Entscheidungen der Politik im Verbor-
waltung zu digitalisieren oder Start-ups an- Nächster Termin, diesmal im Marien-Hos- genen bleiben. Seit der Flut hat die Stadt
zulocken. Manchmal bringen sie Ehepaaren pital in Erftstadt. Carolin Weitzel geht mit einen Medienberater engagiert, der die Fol-
einen Blumenstrauß zur Diamanthochzeit. dem Verwaltungsdirektor durch zerstörte gen der Katastrophe dokumentiert und Weit-
Doch in den Krisen der vergangenen Monate OP-Säle, Kabel hängen aus der Decke, in zel regelmäßig mit der Kamera begleitet.
mussten einige von ihnen Entscheidungen der Gastroenterologie bildet sich Schimmel »Denken Sie dran, auch mal auszuschla-
von enormer Tragweite treffen, Maßnahmen, an den Wänden. Die Flut hat das Erdge- fen«, sagt Weitzel zum Abschied zu den Kran-
die Grundrechte berühren, bei denen es um schoss des Krankenhauses überschwemmt, kenhausmitarbeitern. »Sie aber auch«, sagt je-
Leben und Tod geht. Manche Politiker schei- 60 Patienten wurden evakuiert, man schob mand zu Weitzel. Gelächter in der Runde. Spä-

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DEUTSCHLAND

ter, als Weitzel mit dem Auto ins Rathaus


zurückfährt, spricht sie die Szene an. Man
»Ich will mich in der Krise Hälfte, es wirkt, als hätten die Naturgewalten
sie abgeschnitten wie ein Stück Kuchen. Von
habe da kurz gelacht, sagt sie, hoffentlich nicht verlieren, ich der Straße aus kann Weitzel in offene Wohn-
habe das niemand falsch verstanden.
Jeder Auftritt von Politikern im Flutgebiet
versuche, immer klare zimmer und Küchen blicken.
»Surreal«, sagt Weitzel. Sie schweigt einen
ist inzwischen ein Risiko. Es ist kompliziert Gedanken zu fassen.« Moment. Das Erdloch soll bald aufgeschüttet
geworden, die Balance zwischen Ernsthaftig- werden. Weitzel möchte hier eine Art Denk-
keit und Bürgernähe zu finden, was wiederum mal errichten, es soll ein Ort werden, an dem
auch an Armin Laschet liegt. Als der Kanz- die Menschen die Katastrophe verarbeiten
lerkandidat im Juli die Feuerwehr in Erftstadt können. Den acht Hausbesitzern wolle sie
besuchte, lachte er mit anderen CDU-Politi- sie daran erinnern zu können. Die Besuche Baugrundstücke woanders in Erftstadt anbie-
kern über einen Witz, während Bundespräsi- bedeuteten Aufmerksamkeit, sagt sie, und da- ten, sagt sie.
dent Frank-Walter Steinmeier vor TV-Kame- mit Spenden. Für Erftstadt sind mehr als fünf Auf dem Rückweg vom Krater spricht Tho-
ras ein Statement gab. Eine Szene, die Laschet Millionen Euro zusammengekommen. mas Dunkel die Bürgermeisterin an. Er steht
noch lange verfolgen wird, mindestens bis zur Doch auch Weitzel muss inzwischen auf- vor dem Haus seiner Eltern. Die beiden seien
Bundestagswahl im September. passen, wann sie wo auftritt. Nach Blessem in letzter Sekunde von einem Unimog der
Auch Weitzel stand damals vor der Feuer- möchte sie nicht allzu oft gehen, es macht kei- Bundeswehr gerettet worden, erzählt er. Sei-
wache, sie führte Laschet und Steinmeier an nen Spaß, ständig Blitzableiterin sein zu müs- ne Mutter könne sich nicht vorstellen, wieder
diesem Tag durch ihre Stadt. Zu dem Geläch- sen. Die Menschen dürfen zwar wieder in an diesem Ort zu leben. »Sie hat zu viel
ter möchte sie nichts sagen. Nur so viel: La- ihre Häuser, trotzdem bleibt die Stimmung Angst«, sagt Dunkel. Weitzel nickt.
schet habe sich entschuldigt, der Fall sei erle- miserabel. Der Krater ist der neuralgische Dann zeigt Dunkel mit dem Finger nach
digt. Hat sie gehört, worüber er sich amüsiert Punkt in Erftstadt, der Ort der größten Zer- rechts, zu einem Kieswerk, das wenige Hun-
hat? »Nein, ich stand abseits. Ich habe mich störung und damit auch der größten Wut. dert Meter entfernt liegt. Die Kiesgrube lief
konzentriert, so wie immer«, sagt Weitzel. Es regnet, als Weitzel an einem August- in der Flutnacht voll, die Wassermassen un-
Sie empfing zuletzt auch Annegret Kramp- abend kurz nach 19 Uhr über die Radmacher- terspülten vermutlich das Gelände. Entstand
Karrenbauer, die Verteidigungsministerin, au- straße in Blessem läuft. Viele Häuser hier sind so der Krater? Die Staatsanwaltschaft in Köln
ßerdem fast das halbe NRW-Kabinett. Es unbewohnbar. An den Hauswänden sieht ermittelt gegen unbekannt, wegen des Ver-
wird darüber diskutiert, was es bringt, wenn man rote Kreuze und Kreise, die Einsatzkräf- dachts der Baugefährdung.
Spitzenpolitiker in die Hochwassergebiete te haben sie aufgesprüht, um jene Gebäude Dunkel reicht das nicht, er hat eine Peti-
kommen. Bei den Flutopfern ist die Willkom- zu markieren, in denen sich keine Menschen tion ins Leben gerufen, die sich an Weitzel
menskultur für Politiker längst nicht mehr so mehr befinden und die auf ihre Standsicher- richtet. Er fordert Aufklärung in Sachen Kies-
ausgeprägt wie noch zu Beginn der Katastro- heit geprüft werden sollen. werk, eine gerechte Verteilung der Spenden
phe, das hat auch schon Laschet zu spüren Weitzel tritt an den Krater, vor ihr das und ein Katastrophen-Frühwarnsystem.
bekommen. Loch, darin Schutt, Spielzeug und Teile von »Das will ich ja alles auch«, sagt Weitzel
Weitzel sagt, jeder Besuch aus Düsseldorf Dächern. Ein Auto hängt mit den Vorder- nach dem Gang durch Blessem. Sie denkt
und Berlin habe sich ausgezahlt. Sie hat viele rädern über der Abbruchkante. Acht Häuser über Sirenen nach, über regelmäßige Kata-
Zusagen und Versprechen bekommen und wurden bei der Erosion weggerissen oder zer- strophenübungen, über Schaukästen und
von allen Politikern die Telefonnummer, um stört. Manche Gebäude stehen nur noch zur Aushänge, um die Bürger zu informieren,
wenn Handynetze, Laptops und Fernseh-
geräte ausgefallen sind. Sie nehme die Kritik
an, sagt sie, aber nicht alles sei fair.
Jemand schrieb ihr, es sei »ekelhaft und
pervers«, wie sie in den Tagesthemen »mit
einem Dauerlächeln« über die Katastrophe
berichtet habe. Jemand, der die Auszahlung
der Hilfen verpasst hatte, schrieb per E-Mail:
»Vielen Dank für nix, Frau Weitzel.«
Hat sie in den vergangenen Tagen auch
mal die Fassung verloren? »Nein«, sagt Weit-
zel. Sie überlegt, dann sagt sie: »Allerdings
hatte ich ab und zu das Gefühl, unterschätzt
zu werden.« Das habe sie »vorsichtiger wer-
den lassen« bei der Frage, wem sie vertraue
und wem nicht. Es hört sich an, als würde
ihre Selbstbeherrschung mitunter auf eine
harte Probe gestellt, von Leuten, die ein Pro-
blem damit haben, dass eine Frau die Krise
managt. Eine junge Frau, nach den Maßstä-
ben der Politik.
Kürzlich haben ihre Mitarbeiter grob hoch-
gerechnet, welche Schäden das Hochwasser
hinterlassen hat, an Sportplätzen, Kindergär-
Sebastien Bozon / AFP

ten, Abwasseranlagen, Straßen und Brücken.


Das Ergebnis: 115 Millionen Euro.
Weitzels Tochter ist zurzeit in den Reiter-
ferien, sie schickt ihrer Mutter ab und zu
Videos von den Ponys. Die guckt Weitzel
Abbruchkante in Erftstadt-Blessem am 16. Juli: Der Ort der größten Zerstörung, der größten Wut gern, weil sie das runterbringt. ■

36 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


DEUTSCHLAND

che Indizien haben die Ermittler?


Wie sind sie auf mich gekommen?
Hauburger war angespannt. Rick
J. gab zu, Johanna entführt zu haben.
Er beteuerte aber, sie nicht miss-

Am helllichten Tag braucht und nicht vorsätzlich getötet


zu haben. Die Ermittler hakten nach,
ließen nicht locker. Dann sagte J. den
entscheidenden Satz: »Ich bin für
MEIN FALL Der brutale Mord an einem Mädchen blieb 19 Jahre lang ungeklärt. ihren Tod verantwortlich.«
Dann überführte ein Staatsanwalt gemeinsam mit der Polizei den Täter. Bei der Durchsuchung von J.s
Wohnung wurden Kinderkleidung,
selbst gedrehte Videos, insgesamt sie-
uf den Gängen des Landge- ben Terabyte Daten, sichergestellt.
A richts Gießen herrschte Hektik.
Reporter umringten Johannas
Mutter. »Was sagen Sie zum Urteil
Die Soko arbeitete unter Hochdruck.
War Johanna das einzige Opfer? Die
Polizisten und Hauburger stellten die
gegen den Mörder Ihrer Tochter?« Tat nach, holten medizinische Gut-
»Wie wichtig ist dieser Moment für Sie achten ein.
nach den Jahren der Ungewissheit?« Hauburger schlug sich die Wo-
Thomas Hauburger stand wäh- chenenden um die Ohren. Im Febru-
renddessen allein im Schwurgerichts- ar 2018 legte er die Anklageschrift
saal, hier war es still. Er packte seine vor, im April 2018 begann der Pro-
schwarze Robe in seine lederne Ak- zess. Rick J. räumte erneut ein, Jo-
tentasche und spürte, wie die Anspan- hanna zufällig getroffen und in den
nung von ihm abfiel. Eine Anspan- Kofferraum gesperrt zu haben. Er
nung, die seit vier Jahren auf ihm habe ihren Tod verursacht, aber nicht

Polizei / picture alliance / dpa


gelastet hatte. Bis zu jenem Tag, gewollt; er sei kein Mörder. Das Ge-
dem 19. November 2018, an dem die richt musste entscheiden, ob es ihm
5. Große Strafkammer des Land- glaubt – oder Hauburger, der auf
gerichts Gießen Rick J. wegen Mordes Mord plädierte.
an Johanna Bohnacker verurteilte. Es folgte Hauburger. Johanna sei
Die Achtjährige war am 2. Septem- zum Opfer eines Mannes geworden,
ber 1999 im hessischen Ranstadt ent- der ein Mädchen suchte, an dem er
führt, betäubt, womöglich miss- alle Verfahren gegen den damals 41- Fahndungsaufruf seine sexuelle Abnormität ausleben
braucht und jedenfalls getötet wor- Jährigen aus, auch um herauszufin- 2009: Jahre wollte. Rick J. habe einen Mord be-
der Ungewissheit
den. Es war ein Verbrechen, das den, wie er sich in Vernehmungen gangen: zur Befriedigung seines
Urängste schürt: Ein Kind verschwin- verhält. Sie wussten, J. schweigt, Geschlechtstriebs oder in Verde-
det am helllichten Tag, bei schönstem wenn man ihn aufs Revier bringt. ckungsabsicht, so die Richterin. Das
Sonnenschein, an einem belebten Aber sie wussten auch: Der intelli- Gericht verurteilte J. wegen Mordes
Ort. Johannas Leiche wurde sieben gente Mann ist neugierig. Einer, der und versuchter sexueller Nötigung
Monate später in einem Wald gefun- wissen will, was man gegen ihn in der sowie wegen des Besitzes kinder-
den. Der Entführer hatte ihren Kopf Hand hat. und jugendpornografischer Schriften
mit Klebeband umwickelt, 29-mal. Die Ermittler mieteten eine Woh- zu einer lebenslangen Freiheitsstra-
Ihre Augen, ihre Nase, ihren Mund. nung in J.s direkter Nachbarschaft, fe. Zudem stellte es die besondere
2014 meldete sich ein Polizist aus erstellten ein Bewegungsprofil des Schwere der Schuld fest. J. wird nicht
Friedberg bei Hauburger. Der war da- Mannes und legten sich auf die Lauer, nach 15 Jahren auf Bewährung ent-
mals erst seit drei Jahren Staatsan- bis sie ihn am 25. Oktober 2017 fest- lassen werden.
walt, hatte mehrere Mordfälle bear- nahmen. 18 Jahre, einen Monat und Nach dem Urteil stand Hauburger
beitet, aber noch keinen Cold Case. 23 Tage nach Johannas Tod. im Saal 207 und versuchte, sich zu
Entschlossen holte er sich die Akten. Es war ein Tag, den Hauburger nie sammeln. Er wusste, auch ihn wür-
Schnell gab es eine erste heiße vergessen wird. Erstmals begegnete den die Journalisten auf den Gängen
Spur; zwei Festnahmen, aber keine er Johannas Mutter, Polizeibeamte gleich fragen, wie er das Urteil bewer-
Beweise. Frust. Dann ein neuer Fall hatten auch sie zum Präsidium in Gie- te, sagt er heute. Er wusste, er musste
im August 2016: In einem Maisfeld ßen gefahren. Hauburger und der noch einmal die Kraft aufbringen und
kam es zu sexuellen Handlungen zwi- Soko-Leiter wollten sie einweihen. Er zwei, drei Sätze sagen, die Sinn erga-
schen einem Mann und einem Mäd- traf auf eine Frau, die gemeinsam mit ben. »Es war erleichternd«, sagt Hau-
Peter Jülich

chen, Klebeband spielte eine Rolle. Johannas Vater Plakate aufgehängt, burger. »Aber es fühlte sich auch
Der Mann, Rick J., stand bereits im Handzettel verteilt, im Fernsehen um schwer an.«
Fall Bohnacker im Fokus der Ermitt- Hilfe gebeten, dem unbekannten Tä- Thomas Hauburger, Der Fall Johanna Bohnacker habe
ler. Eine Sonderkommission mit rund ter einen offenen Brief geschrieben 40, ist Staatsanwalt ihn gelehrt, dass es sich lohnt, alte
für Kapitalverbrechen.
30 Beamten wurde gegründet. hatte. Eine Frau, die nie aufgehört Er hat sich auf soge- Fälle neu anzupacken. In fast jeder
Monatelang observierten sie Rick hatte, das Verbrechen an ihrer Toch- nannte Cold Cases Akte gebe es Ansätze, aus denen sich
J., einen ehemaligen Studenten. Er ter aufklären zu wollen, auch nicht, spezialisiert und ist neue Hypothesen bilden ließen, sagt
hatte mit Drogen experimentiert, als der Vater 2016 starb. Lehrbeauftragter an er. Wer einen anderen Menschen töte,
der Hochschule für
Sexspielzeug und Kinderpornografie Rick J. hielt sich zum selben Zeit- Polizei und Verwal- begehe das schwerste Verbrechen.
gehortet, war mehrmals strafrechtlich punkt im Gebäude auf und muss sich tung Gießen und beim »Wir sind dazu verpflichtet, es aufzu-
aufgefallen. Die Fahnder werteten gefragt haben: Welche Beweise, wel- Bundeskriminalamt. klären.« Julia Jüttner ■

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selbst unter Rechtsextremismus-Verdacht.


Der Held aus den »NSU 2.0«-Ermittlungen
war jetzt Beschuldigter.
Der Fall des SEK ist nur eine von vielen
Skandalmeldungen aus der hessischen Polizei.
Im Herbst 2018 stießen Ermittler im 1. Frank-
furter Revier auf eine WhatsApp-Gruppe, in
der Beamte sich unter anderem rechtsextre-
me Inhalte geschickt hatten.
Bis Ende Mai gerieten insgesamt 94 hessi-
sche Polizeiangehörige in den Verdacht einer
rechtsextremen Gesinnung, wenngleich sich
der Vorwurf in bisher mindestens 20 Fällen
zumindest nach strafrechtlichen Maßstäben
nicht bestätigen ließ. Im mittelhessischen Kir-

Boris Roessler / picture alliance / dpa


torf stießen Staatsschützer bei einem Polizis-
ten-Brüderpaar allerdings nicht nur auf ein-
schlägige Chats, sondern auch auf eine Samm-
lung von Waffen, Munition, Hakenkreuzen,
SS-Uniformen (SPIEGEL 32/2020).
Und dann auch noch das SEK? Die ver-
CDU-Politiker Beuth, SEK-Polizisten 2017 schworene Einheit umweht der Nimbus einer
bestens ausgebildeten, hoch trainierten, ab-
geschotteten Elitetruppe aus Scharfschützen,
Nahkämpfern und Sprengstoffexperten. In
Frankfurt sollen ihr zuletzt etwa 65 Beamte
»Der Schwarze ist angehört haben, Frauen sind nicht darunter.
Die Spezialkräfte müssen regelmäßig ihr
Leben riskieren: Geiselnahmen, Erstürmung

im Knast« von Wohnungen, Bekämpfung von Amok-


läufern. Doch der hessische Innenminister
gönnte den Männern keinen Bonus für Hel-
denmut. Noch am Tag der Durchsuchungen
POLIZEI Weil Elitebeamte in Chats rechtsextreme Inhalte geteilt im Juni legte Beuth sich fest: »Für mich steht
haben sollen, zerschlug Hessens Innenminister eine schon jetzt – unabhängig vom Ausgang der
Spezialeinheit. Doch jetzt verteidigt sich die Truppe – mit guten Gründen. strafrechtlichen Ermittlungen – fest, dass kei-
ne dieser beschuldigten Personen mehr für
eine hessische Spezialeinheit tätig werden
he der Sturm über sie hereinbrach, rech- anderes auf. Das Profilbild des fraglichen »PI wird.« Schon am Tag darauf entschied Beuth,
E neten die Frankfurter Elitepolizisten News«-Kommentators, eine Figur aus der
noch mit einer Belobigung. Sie glaub- »Muppet Show«, war identisch mit dem Pro-
ten, eine Ehrung müsse der Grund sein, wes- filbild, das jemand auf einer Schachplattform
die Truppe aufzulösen.
Seitdem rumort es heftig in der Polizei.
Was für die einen konsequentes Durchgreifen
halb sie kurzfristig zu einer internen Ver- im Internet nutzte. So konnte der Berliner gegen Rechte ist, sehen andere als haltlose
sammlung einbestellt worden waren. Alexander M., 53, schließlich enttarnt wer- Überreaktion des Ministers, der um sein
Im Präsidium war durchgesickert, dass den. Anfang Mai stürmten Polizisten seine politisches Überleben kämpft. Inzwischen
einer von ihnen womöglich gerade dem hes- Wohnung. Der SEK-Mann sei ganz vorn mit wird immer deutlicher, dass die Vorwürfe ge-
sischen Innenminister den Job gerettet hatte. dabei gewesen, sagen Ermittler. gen viele Polizisten überzogen sind.
Der Beamte, Angehöriger des Spezialeinsatz- Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) Die geschassten Beamten wehren sich em-
kommandos (SEK) und abgeordnet ins Wies- feierte die Festnahme hinterher als »ganz he- pört dagegen, dass ihnen eine rechtsextreme
badener Landeskriminalamt, hatte demnach rausragenden Ermittlungserfolg«. Für den oder rassistische Gesinnung unterstellt wird.
einen seit Langem gesuchten Verfasser rechts- Politiker war es einer der wichtigsten Einsät- Einige SEK-Männer, so heißt es, seien selbst
extremer Drohbriefe enttarnt. Es ging um ze seiner Amtszeit. Die Opposition im Land- türkischer oder afrikanischer Abstammung.
einen Mann, der mutmaßlich seit August tag hatte zuletzt immer drängender seinen Manche hätten Kleider und Geld für syrische
2018 unter dem Pseudonym »NSU 2.0« unter Rücktritt gefordert – und auch der grüne Ko- Migranten gesammelt, einige sich in ihrer Frei-
anderem eine Rechtsanwältin, eine Kabaret- alitionspartner ging auf Distanz. Da kam der zeit um Flüchtlingskinder gekümmert. Und als
tistin und mehrere Politikerinnen mit dem Coup gerade zur richtigen Zeit. am Himmelfahrtstag der Verdacht eines An-
Tode bedroht und die Polizei mehr als zwei Doch statt des erwarteten Lobs in der Per- schlags auf eine Moschee im Rhein-Main-Ge-
Jahre lang zum Narren gehalten hatte. sonalversammlung gab es am Morgen des biet aufkam, seien sofort fast 50 SEK-Beamte
Fast alle Spuren des Drohbriefschreibers 9. Juni eine böse Überraschung für das SEK. an ihrem freien Tag in den Dienst gekommen,
endeten nämlich bei einem russischen Inter- Die Staatsanwaltschaft ließ bei sechs Beamten um das muslimische Gotteshaus zu schützen.
net-Dienstleister – und damit im Nirgendwo. Wohnungen durchsuchen und Handys be- Was die Staatsanwaltschaft als Belege für
Immerhin zeigte ein Sprachgutachten frap- schlagnahmen. Kurz darauf verkündete die eine rechtsextreme Haltung vorlegt, wiegt je-
pierende Ähnlichkeiten der Mails zu Einträ- Justiz, dass sie gegen 19 aktive und einen ehe- doch teilweise schwer. Es gibt eine Bilddatei
gen auf rechtsextremen Internetseiten wie maligen Polizisten Ermittlungen führe, 18 da- mit einem Comic-Hitler, der auf den Resten
»PI News«. Aber der Verfasser dieser Posts von gehörten dem SEK an. Die Vorwürfe einer zerbombten Moschee tanzt, wie es in
war nicht zu identifizieren. lauteten: Verwendung von Kennzeichen ver- einem Papier heißt. Ein Bild zeige Weih-
Dem SEK-Beamten, einem leidenschaft- fassungswidriger Organisationen und Volks- nachtsschmuck mit Hakenkreuzen, dazu den
lichen Schachspieler, fiel jedoch noch etwas verhetzung. Die Elitetruppe stand plötzlich Text: »Zum Glück alles HEIL.«

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DEUTSCHLAND

In anderen Nachrichten würden sagt Hofferbert. Nicht jede Ge- Einem men, so wie wir alle an anderer Stelle
Ausländer sowie »linksgrüne« Politi- schmacklosigkeit dort sei jedoch auch.« Weder die Staatsanwaltschaft
kerinnen als »Dreckaugenschweine« auch ein Gesetzesverstoß, wie das Beamten wird noch das Innenministerium wollen
beschimpft. Nach gewalttätigen De- Verfassungsgericht bereits mehrfach Rassismus dazu Stellung nehmen. Die Auswer-
monstrationen wie dem G-20-Gipfel festgestellt habe. gegen Dunkel- tungen liefen noch, heißt es.
in Hamburg seien »mehr Präzisions- Viele der Beamten, gegen die jetzt Für die beschuldigten Beamten
schützen« empfohlen worden. Es ermittelt wird, sehen es ähnlich. Sie häutige vorge- sind die Konsequenzen jedoch schon
gebe verstörende Kommentare zu fühlten sich unfair behandelt, sagen worfen – nur jetzt spürbar. Diejenigen, gegen die
rassistischen und sexualisierten Wit- Vertrauensleute. Einem Kollegen strafrechtliche Ermittlungen laufen,
zen über Muslime und Schwarze. werde beispielsweise vorgeworfen,
sei er selbst sind seit Juni ihrer Dienstgeschäfte
Entdeckt wurden die Nachrichten dass er einen Bericht über Afghanen, ghanaischer enthoben. Andere wurden versetzt.
zufällig – als Beifang von Ermittlun- die Polizisten mit Messern angegrif- Abstammung. Ein SEK-Mann in Führungsfunktion,
gen wegen Kinderpornografie gegen fen hatten, mit den Worten »ver- seit 25 Jahren im Dienst, sei zur Was-
einen Frankfurter SEK-Polizisten. dammtes Pack« bezeichnet habe. serschutzpolizei versetzt worden, ob-
Auf seinen Telefonen stießen die Das sei aber nicht volksverhetzend wohl er an den strafrechtlich relevan-
Fahnder auch auf sieben WhatsApp- gemeint, sagen Kollegen, die den ten Chats gar nicht teilgenommen
Gruppen unterschiedlicher Größe. SEK-Mann gut kennen. »Der hätte habe, so Insider. Der Vorwurf: Er
Sie hatten Namen wie »Dienststellen- das auch geschrieben, wenn Mitglie- habe Dienstpläne in eine WhatsApp-
nachrichten«, später in »Dienststel- der einer Studentenverbindung auf Gruppe gestellt, um den Tausch von
lensatire« geändert, oder »SEG 2 - Polizisten losgegangen wären.« Schichten organisieren zu können.
Chat«, nach dem Namen einer Dann das abwertende Wort »Na- Außerdem soll er vor einem Einsatz
Einsatzgruppe. Teilnehmer waren fri«, das in verschiedenen Versionen Bilder von Zielpersonen in eine klei-
50 hessische Polizisten, darunter und Bildern in den Chats auftaucht ne Gruppe gepostet haben. Beides
36 Mitglieder des Frankfurter SEK. und als Beleg für eine rassistische Ge- Verstöße gegen Vorschriften, tatsäch-
Nicht alle haben allerdings in die- sinnung herhalten muss. Der Begriff lich aber eine Notlösung, sagen ande-
sen Gruppen geteilt und kommen- sei 2016 in Polizeikreisen eine übliche re Beamte. Mit den veralteten Syste-
tiert. Minister Beuth stellte klar, dass Abkürzung für Intensivtäter aus men der Polizei funktioniere so etwas
manche Beamte sich in den Chats »er- Nordafrika gewesen, verteidigen sich auf die Schnelle kaum.
kennbar von diskriminierenden In- SEK-Männer. Tatsächlich benutzte Drei SEK-Führungskräften warf
halten distanziert« hätten. Einige hät- die Kölner Polizei ihn nach den Aus- die Staatsanwaltschaft »Strafvereite-
ten die Gruppen verlassen. schreitungen der Silvesternacht 2015 lung im Amt« vor. Sie hätten sich
Das Landeskriminalamt geht da- für einige Zeit in ihrer öffentlichen zwar nicht aktiv an den Chats betei-
von aus, dass die Chats »nicht vor- Kommunikation. Auch der damalige ligt, aber davon gewusst und nichts
nehmlich radikal geprägt waren«. Es Bundesminister Alexander Dobrindt dagegen unternommen. In zwei Fäl-
seien größtenteils Foren gewesen, in (CSU) verwendete den Begriff noch len sind die Verfahren inzwischen
denen sich Beamte nach Dienst- 2017 in einem Interview. wieder eingestellt worden.
schluss über Privates und Halbdienst- Einem weiteren SEK-Beamten wird Musste den Polizisten klar sein,
liches ausgetauscht hätten, sagt ein vorgeworfen, rassistische Witze über dass sie Straftaten begehen können,
Ermittler. Klatsch und Tratsch, dazwi- Dunkelhäutige gemacht und das N- wenn sie solchen Chatgruppen ange-
schen scherzhaft gemeinte Bilder, Wort verwendet zu haben. Mitte 2017 hören? Die Lage ist nicht so eindeutig,
nicht immer geschmackssicher, teil- soll er eine Bilddatei mit weißen wie es die markigen Worte des Mi-
weise abstoßend. Strichmännchen verschickt haben, in nisters vermuten lassen. Im Fall eines
In der aktivsten der sieben Whats- der es hieß: »Findest du den Schwar- der Polizisten-Brüder aus Kirtorf fäll-
App-Gruppen seien fast 10 000 Nach- zen im Bild?« Die Antwort lautete: te das Amtsgericht Ende Juni ein Ur-
richten verschickt worden. Drei die- »Der ist natürlich im Knast.« teil, das Fragen aufwirft. Der Beamte,
ser Nachrichten seien vielleicht straf- Was den Rassismus-Vorwurf indes Kunstaktion der auch Hitlerbilder und Nazisym-
rechtlich relevant, so das LKA. In erschwert: Der Beamte sei ghanai- zum Fall »NSU 2.0« bole an Kollegen verschickt hatte,
am Frankfurter
einem anderen Chat mit 9000 Bei- scher Abstammung und habe selbst Polizeipräsidium:
wurde vom Vorwurf des Verbreitens
trägen habe die Staatsanwaltschaft schwarze Haut, sagen seine Kollegen. Der Held wurde strafbarer Inhalte freigesprochen.
24 als problematisch eingestuft. »Er hat sich auf die Schippe genom- zum Beschuldigten »Die Chatgruppen dienten offensicht-
Reicht das, um allen chattenden lich dem Zweck des privaten Aus-
SEK-Beamten pauschal eine rechts- tauschs«, heißt es im Urteil. In diesem
extreme Gesinnung zu unterstellen Rahmen sei das Schutzgut des öffent-
und ihre Einheit zu zerschlagen? Der lichen Friedens nicht gestört.
Frankfurter Anwalt und Beamten- Es ist nur die Auffassung eines
rechtsexperte David Hofferbert hat Amtsrichters, aber die Polizisten fra-
erhebliche Zweifel. Es müssten die gen sich nun, ob sie um eine mögliche
Gesamtumstände jeder Nachricht be- Strafbarkeit ihres Tuns hätten wissen
rücksichtigt werden, sagt er. Ist sie müssen, wenn selbst Gerichte diese
verschickt worden, um eine rechts- nicht immer sehen.
Boris Roessler / picture alliance / dpa

extreme Haltung zu demonstrieren? Innenminister Beuth jedenfalls


Oder sollten die Bilder und Texte werde bei seiner harten Haltung blei-
genau diese Haltung parodieren ben, heißt es aus seinem Umfeld. Egal
und karikieren? »Solche WhatsApp- wie die strafrechtliche Bewertung am
Gruppen sind geradezu darauf Ende aussehe. »Solche Leute«, sagt
ausgelegt, in einem gegenseitigen ein Vertrauter, wolle der Minister im
Überbietungswettbewerb Lacher SEK nicht mehr sehen.
und Provokationen zu erzeugen«, Matthias Bartsch ■

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 39


TITEL

Papa von
Mamas Gnaden
FAMILIE Viele Väter wollen inzwischen besser sein als
ihr Ruf. Doch ausgebremst werden sie oft ausgerechnet
in den eigenen vier Wänden – von Müttern, die nicht
loslassen. Wie können moderne Eltern all die Barrieren
überwinden, die ihnen das Leben schwer machen?

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die Mutter steigt aus, steckt den Kopf ziehungswissenschaftlerin Margrit


durch die Tür, inspiziert das Terrain Stamm. Neue Väter aber, so ihre zen-
und stellt ein paar betont freundliche trale Forschungserkenntnis, brauch-
Fragen zum inhaltlichen Angebot. ten eben auch neue Mütter.
Und erst danach, wenn sie ihr Jonas Koziorowski, 28, und seine
Okay gegeben hat, dürfen Vater und Freundin Anika, 32, diskutieren ihre
Kind das Neuland betreten. So etwas Republik 21 Vor Rollenaufteilung regelmäßig und fra-
signalisiere ihm, sagt Schulte, dass der Bundestagswahl gen sich, ob dieses Mütter-Väter-Ding
bei allem Wandel im Rollenverständ- im September noch seine Gültigkeit hat. Sind Papas
widmet sich der SPIEGEL
nis die Kernbotschaft seiner Arbeit den großen Fragen wirklich so unbeholfen? Wissen es die
immer noch durchdringen müsse: unserer Zeit. Hier: In Mütter am Ende nicht doch besser?
»Männer, geht mehr in die Väterrol- welcher Gesellschaft Ein Wochenende im Sommer war

W
le!« Und, genauso wichtig: »Mütter, wollen wir leben? mal wieder ein guter Moment für so
lasst los!« einen Test: Anika musste für ein paar
Viele Männer haben in den ver- Tage nach Hamburg, Jonas blieb mit
gangenen Jahrzehnten aufgeholt in Tochter Thea daheim in Mülheim an
der Familienarbeit. Sie stehen mit im der Ruhr. Zum ersten Mal hatten sie
Kreißsaal, sie bilden sich in Väterkur- ein Papa-Tochter-Wochenende ganz
sen fort, sie kochen und waschen und für sich allein.
wickeln, sie nehmen Elternzeit oder Seine Mutter habe dem Vater frü-
streiten beim Chef für Teilzeit, sie her immer das ganze Wochenende
verbringen mehr Zeit mit ihren Kin- vorbereitet, wenn sie mal wegmusste,
dern als mit den Kumpels. Sie sam- sagt Jonas. Essen für drei Tage einge-
Wenn man auf der Suche nach dem meln lieber Statuspunkte als Daddy kocht, Hosen und Pullis für das Kind
Idealtypus des neuen Papas ist, gibt Cool statt Bonusmeilen. rausgelegt, Wohnung geputzt. All das,
es vermutlich kaum eine bessere und Zugleich erfahren einige, wie ihre was als Mental Load bezeichnet wird:
zugleich klischeehaftere Gegend als Leistung häufig bagatellisiert, igno- die Belastung, die durch die Verant-
Spielplätze im Prenzlauer Berg in riert oder ironisiert wird, nach dem wortung für das Organisieren von All-
Berlin. Jede Menge Daddys, in Eltern- Motto: Ist es nicht süß, wie er sich be- tagsaufgaben entsteht, die gemeinhin
zeit oder mit flexiblen Jobs gesegnet, müht, unser Superdaddy? In gesell- als nicht der Rede wert erachtet wer-
bevölkern in dem Viertel mit ihrem schaftlichen Diskussionen gelten sie den; den Kühlschrank füllen, an Fa-
Nachwuchs die Klettergerüste, Pekip- als diejenigen, die sich ändern, die miliengeburtstage denken, regelmä-
Kurse und Parks. Sie tragen ihre Ver- ihre neue Rolle finden müssen. Und ßig zum Kinderarzt gehen.
antwortung wie eine Trophäe im Baby- zu Hause? Da erleben sie mal subtil, Jonas glaubt, dass es oft Kleinig-
tragegurt oder auf der Schulter, sind mal sehr direkt Bevormundung, Bes- keiten sind, die bei Paaren für Pro-
bestens ausgestattet und abgesichert serwisserei, Benotung. So macht sich bleme sorgen: »Viele haben immer
als Prototypen des progressiven Pa- unter diesen Vätern das ungute Ge- so einen Das-muss-aber-so-Plan und
triarchats: fröhlich, frech und – dann, fühl breit, sie wären gar nicht will- sind dann nicht in der Lage, andere
ja, dann klingelt das Telefon: »Hey, kommen – sie bleiben der Elternteil Wege zuzulassen.«
nee, wir sind spielen, ja sicher, alles zweiter Klasse. Es sei zum Beispiel okay, wenn
gut, ja, mache ich noch, doch, natür- Denn die eigentlich geforderte Anika die Gläser im Geschirrspüler
lich habe ich ihn eingecremt!« Ausweitung der Väterzone stößt an lieber links einsortiere, er aber rechts
Fast täglich erlebt Marc Schulte ein schwer zu überwindendes Hin- – »am Ende sind sie ja genauso sau-
solche Situationen oder bekommt sie dernis: die Macht des Matriarchats ber«. Anika nickt, und schiebt dann
erzählt. Es könnte so entspannt sein in der institutionellen Kinderbetreu- nach: »Manchmal räume ich heimlich
im Vaterland. Aber: Big Mother is ung und in den eigenen vier Wänden. trotzdem noch mal um.« Dann guckt
watching you. Die Normen setzt in ihrer Wahrneh- sie Richtung Geschirrspüler: »Der ist
Die mütterliche Macht, erzählt mung die Mutter. Sie entscheidet, ob übrigens fertig.«
Schulte und muss lächeln, reiche bis ein Vater »gut« oder »schlecht« ist,
in sein Väterzentrum. Der Laden im wie viel und welcher Spielraum ihm Anika ist noch bis Ende des Jahres in
Prenzlauer Berg ist so was wie eine mit den Kindern gelassen wird: Diese Elternzeit. Sie wollte zwei ganze Jah-
Keimzelle der neuen Papas. Seit Männer, so empfinden viele es, sind re für ihre Tochter daheimbleiben, Jo-
2007 betreibt Sozialpädagoge Schul- nur Papa von Mamas Gnaden. nas begnügte sich mit zwei Monaten
te, 54, drei Kinder, hier seine Oase Wie Familien sich organisieren, ist Elternzeit zu Beginn. Er wollte mehr,
für Väter, wo sie sich unter ihres- eine Frage, die in Deutschland Ein- aber sie wollte nicht abgeben – zu-
gleichen austauschen, entspannen, fluss auf das Leben von 10,7 Millio- Pädagogen- dem stand eine Beförderung für ihn
sich fortbilden und professionellen nen Kindern unter 14 Jahren und de- Papa bevor. Anika arbeitet in der Ganz-
Rat finden. Was als Pilotprojekt be- ren Eltern hat. Eigentlich ist es banal: tagsbetreuung einer Grundschule,
gonnen hatte, ist inzwischen eine Säu- Familien sind Systeme – verändert Jonas leitet seit März einen Kinder-
le der Berliner Familienbildungsar- sich einer, verändert sich alles. Auf Nicht nur von garten, zuvor war er sechs Jahre lang
beit mit dem Fokus auf Väter. den berechtigten Ruf nach neuen Vä- Beruf Erzieher: Erzieher.
Doch egal, wie etabliert und er- tern, schwant nun den Frauen, kann Kitaleiter Gerade deshalb weiß er, wie wert-
Victoria Jung / DER SPIEGEL

folgreich die Arbeit für moderne Vä- die Antwort der Mütter nicht sein: Koziorowski voll die ersten Jahre mit dem Kind
ter inzwischen ist, eines hat sich Ich will so bleiben, wie ich bin. »Frau- sind. »Ich hätte gerne mehr Elternzeit
kaum geändert: Es komme immer en leben leider immer noch nach verzichtet für Thea genommen«, sagt er, »am
noch vor, erzählt Schulte, dass drau- der Ideologie von der guten Mutter für seine Frau Ende mussten wir einen Kompromiss
ßen vor der Tür ein Auto halte. Vater und übertragen diese auf den Vater«, auf Elternzeit. schließen.« Der sieht so aus: Anika
und Kind bleiben im Wagen sitzen, sagt die renommierte Schweizer Er- bekam die zwei Jahre, er steckte frei-

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willig zurück. Beim zweiten Kind will ein Umdenken schon in der Sprache.
er länger mit daheimbleiben, ein »Wenn wir von Ärzten reden, sollen
Sabbatical nehmen, dafür sparen sie Ärztinnen mitgemeint sein, und wenn
nun Geld an. Klar hätte er mehr wir von Eltern reden, sollen Mütter
einfordern können, sagt Jonas. Aber und Väter gemeint sein.«
was sei er für ein Vater, wenn er der Es sind Sätze, mit denen feminis-
Mutter die Zeit mit dem Kind ab- tische Bewegungen seit Jahrzehnten
schwatzen will? Wirklich ein besse- argumentieren – unter umgekehrten
rer – oder nur ein egoistischerer? »Es Vorzeichen: »Männer fühlen sich oft
ist wichtig, dass wir als Paar glücklich etwas verloren unter Müttern, bei
sind und alles offen ansprechen kön- Krabbel- und Babygruppen starren
nen«, sagt Jonas. sie Löcher in die Luft, weil sich
Gespräche allzu oft um Themen wie
Die Elternzeitmonate nach der Ge- Brustentzündung nach dem Stillen
burt sind seit ihrer Einführung 2007 drehen.« Dass Frauen diesen Raum
so etwas wie der Leitindex für die brauchen, sei unbestritten – dass er
Bewertung von Vätern geworden. den Männern oft fehle, ein Problem.
Inzwischen sind 25 Prozent der El- Der Papa, der anpacken will und
terngeldbeziehenden Männer, die kann, bleibe laut Tunç so »eine unge-
wenigsten beantragen mehr als zwei nutzte Ressource«. Väter müssten
Monate. Die sind gemeinhin als »Vä- sich mehr engagieren, und die Politik
termonate« bekannt, was eine irre- müsse helfen, dass sie wahrgenom-

Lena Giovanazzi / DER SPIEGEL


führende Bezeichnung ist. Es klingt, men werden, sichtbar sind.
als müsste die Mutter zwingend Gut sichtbar ist Selcuk Saydam,
mehr Elternzeit nehmen als der Va- 49, auf jeden Fall. Mit dem orange-
ter. Der Gesetzgeber macht Eltern farben leuchtenden T-Shirt und sei-
de facto ein anderes Angebot: Das ner schwarzen Weste sieht er ein
Paar kann nach der Geburt eines wenig aus wie ein ehrenamtlicher
Kindes insgesamt 14 Monate Basis- Verkehrslotse. Und »Lotse« lautet
Elterngeld beziehen – vorausgesetzt, rowski, es wird erwartet, dass sich Papa-Profi auch sein Titel. Erst seit Januar ist er
beide Elternteile beantragen die Fa- Männer in Führungspositionen mehr als erster Väterlotse auf Berlins Stra-
milienleistung, einer von ihnen für familiär engagieren, dass nicht mehr ßen unterwegs – ganz väterlich-vor-
mindestens zwei Monate. nur Kanzlerkandidatinnen zur Frage Als Berater bildlich in Teilzeit beim Jugendamt.
Es hat sich allerdings eine Art Kon- nach Vereinbarkeit von Job und Kind auf Berlins Das Vorbild auch hier: Mütter. In
sens eingeschlichen, dass der Mann Stellung beziehen müssen. Straßen hilft Berlin gibt es schon lange sogenannte
derjenige ist, der die nötigen zwei Zugleich wendet sich die Kinder- Stadtteilmütter. Das sind Familienhel-
Monate nimmt, um das Maximum an profi-Welt weiterhin fast ausschließ-
Saydam ferinnen, die Mütter unterstützen, sei
Monaten rauszuschlagen, die Mütter lich an Mütter. Dass Väter als Eltern- Vätern, ihre es durch Zuhören, beim Weg durch
nehmen überwiegend fast das ganze teil nicht für voll genommen werden, Rolle zu finden. Ämter oder indem sie ihnen zeigen,
erste Jahr. Vielleicht auch, weil in erleben sie oft: Die institutionelle welche Hilfen und Angebote es für
Paarhaushalten ohne Kinder unter 14 Kinderversorgung bleibt weiblich sie gibt.
Jahren die Männer im Durchschnitt geprägt. Als Väterlotse soll Saydam nun
elf Prozent mehr verdienen. Ein kla- Immer noch würden vor allem Papas beraten und bestärken. Dafür
rer Fall von Ungerechtigkeit, von Mütter pikiert reagieren, wenn ein streift er über Spielplätze, besucht
Gender-Pay-Gap und in der Folge männlicher Erzieher eingestellt wird, Familienzentren, Stadtteilfeste und
auch Care-Gap? erzählt Jonas Koziorowski. »Erst Sportplätze. Saydam versucht, den
Die Frage, die unter einigen Paa- findet es jeder toll, aber sobald es Männern Türen zu öffnen, ins eigene
ren zu wenig diskutiert wird: Würde ans Kuscheln, Trösten oder Windeln- Ich und in ihre Familien.
die Mama dem Papa überhaupt zu- wechseln geht, soll bitte lieber eine Er hat einen Fragebogen ent-
gestehen, die Hälfte der Zeit zu neh- Frau ran.« wickelt, um mit ihnen überhaupt ins
men – ihm, so scheinen es manche Krippen, Kitas, Schulen, Arztpra- Gespräch zu kommen. Denn manche
Mütter zu sehen, etwas von »ihrer« xen, Vereine – erscheinen Mama und begegnen ihm erst mal mit Misstrau-
Zeit abzugeben –, und sie dann um- Papa gemeinsam zum Termin, wer- en, wenn er sie anspricht. Und Män-
gekehrt den Großteil des Lebens- den überwiegend die Mütter ange- ner, die gern über sich reden, sollen
unterhalts erwirtschaften? Manche sprochen. Der Vater? »Schön, dass ja ohnehin rar gesät sein.
Mutter bleibt selbst dann noch zu Sie auch da sind!« Wieso »auch«? Viele kommen dann doch ins Er-
Hause, wenn der Vater nach einem »Es fehlt in der Gesellschaft an zählen, wenn er sich zu ihnen setzt:
Jahr in Elternzeit geht, statt die Unterstützung und Anerkennung ak- weil es Fragen sind, die ihnen kaum
Einkommenslücke zu stopfen. tiver, fürsorglicher Väter«, sagt Micha- ein anderer stellt, weder zu Hause
Diese Mütter stehen nicht in der el Tunç. Er lehrt an der HAW Ham- noch im Job; vielleicht nicht mal sie
Arbeitswelt ihre Frau, sondern neben burg zu Gender- und Männlichkeits- sich selbst. Zum Beispiel: »Was be-
dem Wickeltisch, kritisieren und kon- forschung. Auf Infobroschüren des Fa- deutet für dich Vatersein?« Oder:
trollieren den Vater, was im Sinne milienministeriums würden deutlich »Hast du ein väterliches Vorbild?«
von Arbeitsteilung nicht nur ineffek- mehr Frauen auftauchen. Längst wür- »Hast du ein Oder: »Wenn du ein gutes Angebot
tiv ist, sondern auch demütigend. Es den sich mehr Väter einbringen wol- väterliches für Väter mit Kindern erfinden soll-
erscheint so absurd. In der Gesell- len, nach Teilzeitmodellen fragen – test, was für ein Angebot wäre das?«
schaft erwünscht sind sichtbarere aber die gesellschaftliche Entwicklung Vorbild?« Viele Väter litten unter der Domi-
Väter, also Papas wie Jonas Kozio- käme nicht mit. Tunç fordert daher Selcuk Saydam nanz ihrer Partnerin, sagt Saydam.

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Unter dem abwertenden Blick. Nicht jeder, In all den Jahren mischte sich in den Alltag
der arbeiten geht, mache das für eine Karrie- Väter von heute immer wieder das Gefühl, »allein auf weiter
re; vielleicht geht er nur arbeiten, um Geld Flur« zu sein, allein unter Müttern, die ein-
zu verdienen für seine Familie. Weil er muss. Bezugsdauer von Elterngeld* fach das taten, was für sie selbstverständlich
in Deutschland, 2020, in Monaten
Wer gibt das schon gern zu, wer geht in den war: Zeit mit ihren Kindern zu verbringen –
Konflikt? Väter fühlen sich zu wenig ge- in großen Teilen ohne den Mann. »Für mich
schätzt für das, was sie für die Familie leis- und meine Frau war dagegen von Anfang an
ten. Mütterliche Sorgearbeit sei dagegen oft klar: Die Kindererziehung teilen wir uns«,
positiv besetzt. 15 sagt Meyer, und zwar fifty-fifty. »Wie sollte
Abends tippt Saydam am Schreibtisch die es sonst gehen?«
Ergebnisse seiner Umfrage in eine Excel- 4 Drei Söhne hat er, mit seiner Frau lebt er
Tabelle. Die Antworten auf Frage Nummer inzwischen in Trennung, doch ein Elternteam
vier überrascht selbst ihn: Mehr als 50 Pro- Mütter Väter sind sie noch immer. Meyer wohnt im angren-
zent der von ihm interviewten Männer * Durchschnitt, Basiselterngeld und Elterngeld Plus
zenden Stadtteil und ist an drei Nachmittagen
bezweifeln demnach, dass für Kinder unter (bis zu 28 Monate), Prognose pro Woche bei den Kindern im Haus der Fa-
drei Jahren die Mutter »wichtiger« sei als S Quelle: Destatis milie, am Wochenende sehen sie sich im

der Vater. Nur spiegelt sich das überhaupt Wechsel. Er bringt seine Söhne zu den Pfad-
nicht in ihrem Leben. Vollzeiterwerbstätige* findern, zum Schauspielunterricht oder spielt
mit Kindern unter 6 Jahren in Deutschland,
2019, in Prozent mit den Jungs American Football im Park.
Gerade die frühkindliche Bindung ist ent- Ein Papa, der seine Vaterschaft nicht erst bei
scheidend und prägend – auch für das Vater- der Trennung entdeckt hat.
Kind-Verhältnis. Saydam rät den Männern: Leicht war Meyers Weg nicht. Sein fester
Sei schon während der Schwangerschaft Papa, Wille, in Teilzeit zu arbeiten, führte zu einer
nimm Kontakt auf zum Kind. Wenn die Män- 93 Odyssee auf dem Arbeitsmarkt, sagt er. Er
ner ihn dann mit zweifelnden Blicken an-
schauen, erzählt er, wie er es selbst gemacht
27 sei schließlich in Jobs gelandet, die ihn un-
terforderten.
hat: »Ich habe dem Baby im Bauch vorgesun- »Ich war zeitweise nah an der Verbitte-
gen, mit ihm gesprochen.« Natürlich wisse er Mütter Väter rung«, sagt Meyer. Er kann nicht verstehen,
nicht, ob das dem Ungeborenen gefallen * zwischen 20 und 49 Jahren
dass die Wirtschaft bestens qualifizierte
habe: »Aber mir hat es etwas bedeutet.« S Quelle: Destatis Arbeitnehmer verprelle, nur weil sie nicht

Papa sein von Anfang an also. »An der 40 Stunden pro Woche arbeiten wollten. Gut
Art, wie Männer ihre Vaterschaft leben, lässt Erwartungen an Väter verbinden lassen sich für ihn Familie und Job
sich sehr viel über Geschlechterverhältnisse dieser Generation und eigentlich erst, seit er sich als IT-Berater
zeigen«, sagt der auf Familien spezialisierte einer Generation zuvor in Deutschland, selbstständig gemacht hat. »Heute verdiene
Soziologe Simon Bohn. Was haben Frauen in Prozent ich dreimal so viel wie früher – und wenn ich
zu leisten und was die Männer, unter welchen mich gerade um die Kinder kümmere, dann
Erwartungen ächzen sie jeweils? Im Prinzip So viel Zeit wie möglich mit interessiert das keinen, ich sag einfach, ich
den Kindern verbringen
seien es immer noch die über Dekaden ver- kann nicht.«
festigten Mutterschaftsideale, die darüber ent- 84 Sind also die Regeln der Arbeitswelt das
scheiden, was in Familien heutzutage geht – 30 Hindernis für Männer, oder sind sie eine will-
und was nicht. kommene Ausrede – für Mutter und Vater?
»Es gibt eingeschliffene Praktiken und Er- Um das Baby kümmern, »Den Kampf um die Teilzeitstellen müssen
z.B. Windeln wechseln
wartungen, die an Mütter gestellt werden und tatsächlich die Väter in die Unternehmen
denen sie irgendwie entsprechen müssen, um 75 tragen«, fordert der Berliner Berater Schul-
als gute Mutter gesellschaftliche Anerken- 14 te. Denn solange Frauen und Männer un-
nung erfahren zu können«, sagt Bohn, 35, terschiedlich bezahlt werden, einigen sich
der als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Um die Kinder kümmern, wenn sie krank Paare meistens darauf, am höheren Einkom-
sind, z.B. mit ihnen zum Arzt gehen
Friedrich-Schiller-Universität Jena empiri- men festzuhalten. Noch immer arbeiteten
sche Sozialforschung lehrt. Man denke nur 72 nur 6,4 Prozent der erwerbstätigen Väter
an die sehr verbreitete Vorstellung, dass ge- 20 mit minderjährigen Kindern 2019 in Teilzeit,
sundes Heranwachsen von Babys durch müt- bei den Frauen waren es 66,2 Prozent – gut
terliche Nähe und durch Stillen ermöglicht Im Beruf kürzer treten, um mehr Zeit zehnmal so viele.
für die Kinder zu haben
wird, sagt Bohn. »Schon für diese erste frühe Und wie es so ist mit der Mehrheitsdyna-
Phase gibt es also Räume, die primär von 38 mik: Mütter rühmen sich großer Weisheit,
Müttern besetzt sind.« 6 wenn es um ihre Domäne geht. Sie halten es
Bohn erforscht Erfahrungen, wie sie Mi- nicht aus, wenn der Vater dem Kleinkind den
chael Meyer machte, vor 18 Jahren, als sein Alle wichtigen Entscheidungen gestreiften Pulli zur karierten Hose anzieht.
für die Familie treffen
erster Sohn geboren wurde. Beim Baby- Sie runzeln die Stirn, wenn er vom Einkaufen
schwimmen kam er sich fehl am Platz vor. 21 eine andere Windelmarke mitbringt als sie.
»Die Mütter waren nicht unfreundlich«, sagt 69 Stellen Väter ihren Kindern Fragen, antwor-
Meyer. »Aber sie haben sich für mich nicht ten gern stellvertretend die Mütter.
interessiert.« Keine, die mal gefragt hätte: Für den Unterhalt der Familie sorgen Die Mutterliebe? Für Väter eine fürsorg-
Wie machst du das mit deinem Kind? Die ge- 67 liche Belagerung, eine Festung. Im Vaterland
sagt hätte: Cool, endlich mal ein Vater! Das sprechen alle die Muttersprache. »Maternal
87
blieb auch später so, beim Eltern-Kind-Tur- Gatekeeping« heißt das Stichwort, das viele
nen, auf dem Spielplatz, beim Abholen aus S Quelle: IfD-Allensbach-Umfrage unter Frauen als Kampfbegriff empfinden. Sie be-

1198 Personen ab 16 Jahren zwischen dem


der Kita, erzählt der 51-jährige Software- 7. und 21. März 2019 gegnen der neuen Väterlichkeit auch des-
entwickler aus Hamburg. halb mit Misstrauen, weil sie über Jahrhun-

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derte die Erfahrung gemacht haben, Vater. In dieser Konstellation ent- Aber kaum eine Arbeit, auch das
dass im Zweifelsfall doch wieder vie- scheiden sich die meisten Männer gehört zur Wahrheit, gibt einem so
les an ihnen hängen bleibt. Warum wahrscheinlich nicht für eine Redu- viel Anerkennung und Bedeutsam-
also, fragen sie sich, wollen Männer zierung – irgendwer muss ja die keit wie die bedingungslose Liebe
jetzt eigentlich gefeiert werden für Lauflernschuhe, das Playmobil, den eines Kindes.
etwas, was Mütter schon immer ge- Hauskredit bezahlen. »Mütter nehmen diese kindliche
tan haben? Es gibt Mütter, die haben sich Hingabe viel intensiver für sich in
gut eingerichtet in ihrer Hafermilch- Anspruch als Väter«, hat der Vater-
Nicht wenige Männer leben ihr Dad- Cappuccino- und Vierkorn-Milchbrei- coach Carsten Vonnoh, 39, aus
dy-Heldentum gern auf öffentlicher Bubble. Manchmal haben Väter das Weimar beobachtet. Daran müsste
Bühne aus, schwingen sich wie Tar- Gefühl, Mütter nutzten das Kind als sich etwas ändern, damit Väter eine
zan über Spielplätze und hoffen auf Schutzschild, um eine lieb gewonne- neue Rolle finden können, sagt
Bewunderung, melden sich eifrig als ne Zone nicht wieder verlassen zu Vonnoh, und er ist überzeugt, dass
Erster beim Elternabend und beein- müssen – auch dann, wenn der Nach- alle davon profitieren, insbesondere
drucken beim Abgeben in der Kita wuchs schon älter ist und längst allein das Kind: »Es wird sich meist besser
gern die Praktikantin mit übertriebe- nachmittags zum Musikunterricht entwickeln, weil nicht ein Mensch
nen Liebesbeweisen fürs Kind. Am fahren könnte. ihm allein alles geben kann. Wenn
Abend, ohne Publikum, sind sie dann Sie sehe da aber kein Massenphä- es verschiedene enge Bezugsperso-
vom neuen Vatersein so erschöpft, nomen, sagt Claudia Zerle-Elsäßer, nen hat, lernt es, dass es verschie-
dass die Wäsche von der Mutter ge- Soziologin am Deutschen Jugend- dene Möglichkeiten gibt, Situatio-
waschen werden muss. Fulltime- institut in München. Es gebe ja auch nen zu regeln und Probleme zu
Denn es stimmt ja, die Kerle ka- Job-Vater kaum Veranlassung, mehr Engage- lösen.«
men nicht von allein aus dem Knick, ment oder gar eine Arbeitsstunden- In Norwegen beispielsweise kön-
erst der Feminismus hat ihnen Beine reduktion des Mannes abzulehnen – nen Männer zwei Wochen Sonder-
gemacht. Mütter forderten zu Recht Unternehmer erst recht nicht langfristig betrachtet. urlaub für die Zeit direkt nach der
andere Väter. Wenn die sich nun Iwersen sieht Was soll gut sein an ökonomischer Geburt beantragen, zusätzlich zur
wirklich bewegen – auf die Mütter sich trotz Ar- Abhängigkeit, an nicht erfüllten Be- Möglichkeit einer elterngeldfinanzier-
zubewegen, in deren einstige, viel- beitsbelastung rufswünschen gut ausgebildeter Frau- ten Väterzeit. Das Kalkül: Wenn sie
leicht letzte Domäne –, dann wird es im Büro als en? Zerle-Elsäßer nimmt zugleich sofort eingebunden sind in die Ver-
plötzlich eng. die Männer in die Pflicht: »Väter antwortung fürs Kind, wird sich das
Verteilung ist das Stichwort: Alle Vater in der müssen gegenhalten, wenn sich die aufs ganze Leben auswirken – und
haben das Gefühl, zu kurz zu kom- Großfamilie Frau der gleichberechtigten Sorge- langfristig Gleichberechtigung be-
men, obwohl vielleicht alle längst verankert. arbeit versperrt.« günstigen. Obwohl die deutschen El-
sehr viel leisten. Mama und Papa su- terngeldregelungen vergleichsweise
chen Wertschätzung. Warum geben gute Möglichkeiten bieten, hat der
sie sich die nicht gegenseitig? Männer, Vaterschaftsurlaub laut Soziologe
so die Beobachtungen der Expertin- Bohn einen Vorteil: »Das Format ist
nen und Experten, sind zu still und vielleicht niedrigschwelliger als eine
zu wenig wehrhaft. Frauen seien zu längere Elternzeit.« In einer Online-
wertend. Es ist dabei kein Trost für petition fordern vor der Bundestags-
Papas, dass Mütter im Urteil über an- wahl verschiedene Initiativen eine Va-
dere Mütter noch giftiger sein können terschaftsfreistellung mit Lohnfort-
als bei der Bewertung des eigenen zahlung im Umfang von zehn Tagen
Partners. zur Geburt, vergleichbar dem gesetz-
Zeit, Geld und Anerkennung sind lichen Mutterschutz.
die großen Ressourcen, die Mütter Klischees und Zuschreibungen für
und Väter erst mal organisieren müs- Geschlechter sind hartnäckig, weil sie
sen. Wenn es um Zeit und Geld geht, permanent wiederholt werden, in
müssten Männer nur vermehrt ihren Schlagzeilen, als Stoff für Kabarettis-
im Arbeitsrecht verbrieften An- ten, genauso wie in Gesprächen an
spruch auf Teilzeit wahrnehmen – Familientischen: Männer können
und schon sind alle Vereinbarkeits- nicht Wäsche waschen, Frauen nicht
probleme gelöst? einparken? Darüber kichern auch
So einfach ist es nicht. Denn zum dann noch viele, wenn es längst um-
einen ist die Bereitschaft längst nicht gekehrt sein sollte. Rechtsprechung
bei allen Männern da, ihre Anerken- und Gesetzgebung betonieren eben-
nung im Job und einen Teil ihres Ge- falls die Rollenverteilung in »gute
halts, ihrer Macht abzugeben. Zum Mütter« und »Ernährer-Papas«.
anderen gibt es Wechselwirkungen Doch über die Qualität von Vater-
zwischen den Elternteilen. Untersu- schaft, sagt Väterberater Schulte, ent-
chungen legen nahe, dass Mütter für scheidet eben nicht nur die Zahl der
aktive Vaterschaft sorgen können, in- Elternmonate oder der zu Hause
Victoria Jung / DER SPIEGEL

dem sie selbst mit einer hohen Stun- verbrachten Stunden durch Teilzeit.
denzahl in den Beruf zurückkehren. »Elternschaft ist ein Langzeitprojekt
Anders gesagt: Eine Mutter, die nach mit vielen verschiedenen Phasen,
ihrer Elternzeit lediglich 15 Wochen- wichtig für Kinder sind die Verläss-
stunden arbeiten will, schafft schlech- lichkeit und die Qualität der Verbin-
te Voraussetzungen für einen aktiven dung«, sagt Schulte. Keine Mutter

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käme auf die Idee, sich nicht mehr


als Mutter zu fühlen, weil sie gerade
im Büro sitze.
Legte man die üblichen Maßstäbe
wie Karriereverzicht, Zeit für die Kin-
der oder Elternzeitmonate bei Sven
Iwersen an, er würde wohl kaum zum
Papa des Jahres gewählt. Dennoch
sagt der erfolgreiche Unternehmer
mit 50-Stunden-Woche und vier
Töchtern: »Ich bin ein moderner Va-
ter.« Hat er recht?
Iwersen verlässt morgens das
Haus und kommt erst abends wieder.
Bei der Zeit mit seinen Kindern zählt
für ihn nicht Quantität, sondern Qua-
lität – »so, dass sich die Kinder viel-
leicht einmal dran erinnern werden«,
wie Iwersen sagt.
An die Sonntage etwa während
des Lockdowns, an denen er mit sei-
ner Neunjährigen zu sich in die Firma
fuhr, um dort mit ihr zu fechten. »Die

Kathrin Spirk / DER SPIEGEL


Flure sind da so schön breit, und sonst
war alles zu.« Iwersen, der selbst
Fechter ist, und seine Tochter zogen
sich in seinem Büro um und schnapp-
ten sich die Florette. Zwischen Dru-
ckern und Kopierern übten sie Finten,
Paraden, Konter-Riposten. Teilzeit- glücklich gefühlt, der Beruf hätte ihr wessen und ob das offen kommuni-
Iwersen sagt, er sei da für seine gefehlt. Deshalb stieg sie, als vor fünf ziert und fair verhandelt wird inner-
Töchter, er höre ihnen zu, spiele Pionier Jahren das vierte Kind kam, gleich halb des Familien- und Gesellschafts-
mit ihnen Monopoly, feuere sie an nach dem Mutterschutz wieder mit systems.
beim Volleyballspiel, beim Fechtwett- 15 Stunden pro Woche ein. Es sei erschreckend, wie wenig
kampf und beim Hockeyturnier. Er
Basketball Heute berät sie Unternehmen, Paare vor einer Familiengründung
nimmt sich Zeit dafür, samstags, mit Sohn wie sie verhindern können, dass Mit- über die Erwartungen und Aufgaben-
sonntags, ja, da eigentlich immer. Moritz – die arbeiterinnen nach der ersten Ge- verteilung sprächen, sagt der Berliner
Und unter der Woche? »Schwierig.« Zeit dafür burt abtauchen und danach beruflich Väterberater Schulte. Die Anschaf-
hat Vater Meyer eher vor sich hin dümpeln. Ihr wich- fung eines Autos wird manchmal
Iwersen ist Vorstand und Miteigen- tigster Rat: so schnell wie möglich mehr diskutiert als die Veränderun-
tümer eines Bochumer Energieunter-
sich erkämpft. wieder einsteigen, und sei es mit we- gen durch ein Baby. Mehr als 600 Be-
nehmens. »Ein Fulltime-Job im Mit- nigen Stunden. »Längere Elternzeit ratungsgespräche jährlich führen der
telstand bedeutet viel Präsenz, viel bremst Frauen in ihrer Karriere ex- Experte Schulte und sein Team im
Arbeit, viel Zeit im Büro«, sagt der trem aus, weil sie sich teilweise jah- Väterzentrum im Prenzlauer Berg
50-Jährige. Seiner Frau Karoline, 39, relang zurückziehen und mit ande- inzwischen.
ist er schon durch den Altersunter- ren Müttern und ihren Kindern wie Er spürt sie, die Verunsicherung
schied in der Karriere voraus – ein in einer Blase leben«, sagt sie. »Fir- der Frauen durch die Männer, die
typisches Muster, das oft die traditio- men können von der betriebseige- neue Väter sein wollen, und wünsch-
nellen Rollen zementiert. nen Kita bis zur flexiblen Arbeitszeit te, sie würden das nicht als Kon-
Er wolle ihr auf keinen Fall im anbieten, was sie wollen, dagegen frontation begreifen, sondern als
Weg stehen, wenn sie im Job noch kommen sie nicht an.« Angebot, vielleicht ja sogar Entlas-
mal durchstarten wolle, sagt Iwersen. Damit sie alles auf die Reihe be- tung. Im Veranstaltungsprogramm
Kurzfristig plane er zwar nicht, Ar- kommen, nutzen die Iwersens einen des Väterzentrums bieten die Bera-
beitszeit zu reduzieren. Aber in eini- digitalen Familienplaner – und lagern ter nun einen Kurs, der sich nur an
gen Jahren könne er sich vorstellen, einen Teil der Familienarbeit aus: Sie Frauen wendet. Sein Titel: Die Vä-
vor- oder nachmittags mal nicht ins haben eine Haushaltshilfe, die bügelt, terversteher.
Büro zu gehen. Schließlich wollten kocht, für Ordnung sorgt und die Wenn Schulte abends am Väter-
sie beide den Kindern mitgeben, Mädchen vom Sport abholt, wenn zentrum das Rollo runterlässt, wird
»dass Arbeit nicht alles, dass Fami- die Eltern keine Zeit haben. Es ist draußen der Begriff Vater in vielen
lienleben wichtig ist«. eine private Lösung für ein gesell- verschiedenen Sprachen sichtbar. Sei-
Karoline Iwersen bekam ihre ers- schaftliches Problem – und eine, die ne Tochter aber war es, die sich ein
ten beiden Kinder im Studium, mach- »Ich war sich nur eine Elite leisten kann. anderes Wort wünschte, ihm einen
te trotzdem ihren Abschluss und Die meisten Mütter und Väter anderen Begriff diktierte, der dort
nahm mit dem dritten Kind zwei Jah- zeitweise müssen die Probleme mit den Res- ebenso groß und lesbar stehen sollte.
re Elternzeit, weil – so sagt sie – der nah an der sourcen Zeit, Geld und Anerkennung Nicht Mama. Nicht Papa. Sondern:
soziale Druck so hoch gewesen sei, anders lösen. Denn Familienarbeit MAMPA.
sich ganz ihrem Baby zu widmen. Sie
Verbitterung.« geht immer auf Kosten von irgend- Markus Deggerich, Heike Klovert,
habe sich damals ausgegrenzt und un- Michael Meyer jemandem. Die Frage ist nur, auf Marc Röhlig, Julia Stanek ■

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 45


TITEL

Nora Klein / DER SPIEGEL


Papas Panse, Seehausen, Funkel

»Ich habe meine Vaterrolle erst


angenommen, als es zu spät war«
SPIEGEL-GESPR ÄCH Drei Männer, drei Generationen: ein Austausch über ihr Vatersein, verpasste Chancen,
gluckende Partnerinnen und Pokerabende, die sie für ihre Kinder sausen lassen

Harald Seehausen, 76, absolvierte eine Franz Funkel, 28, hat drei Kinder und ar- keit und Disziplin. Und er machte mit uns
Ausbildung zum Industriekaufmann, studier- beitet auf einer Teilzeitstelle bei einem Bil- Kindern Sport und verteilte kleine Aufgaben:
te dann Wirtschaftspädagogik, Sport und dungsträger. Als sein erstes Kind zur Welt kam, Wir mussten die Mitgliedsbeiträge des Fuß-
Deutsch sowie Kinderpädagogik und Er - hatte er gerade mit seinem Studium in Public ballvereins einsammeln, die Lederbälle säu-
wachsenenbildung. Er war Grundschullehrer Management begonnen. Damit seine Frau bern und wachsen. Das empfand ich als eine
und 25 Jahre lang Sozialwissenschaftler beim ihre Ausbildung beenden konnte, blieb er ein andere Form der freundlichen Begegnung.
Deutschen Jugendinstitut. Heute leitet er die Jahr lang zu Hause. Beim dritten Kind tat er Panse: Mein Vater war Mathematiklehrer,
private Frankfurter Agentur für Innovation das bewusst noch einmal. Er bloggt unter meine Mutter Deutschlehrerin. Beide waren
und Forschung. Er hat zwei erwachsene @pappa_franz auf Instagram über sein Vater- voll berufstätig, und meine Großeltern unter-
Kinder. sein und lebt mit seiner Familie in einer Klein- stützten sie mit der Betreuung meiner älteren
Michael Panse, 55, war lange als CDU- stadt in Thüringen. Geschwister. Als mein Zwillingsbruder und
Landtagsabgeordneter in Erfurt für Sozial- ich zur Welt kamen, gab meine Mutter ihren
und Familienpolitik zuständig. Von 2010 bis Beruf als Lehrerin auf und stieg erst Jahre
2015 war er Beauftragter der Landesregierung SPIEGEL: Herr Seehausen, Herr Panse, Herr später wieder als Horterzieherin ein. Mein
für das Zusammenleben der Generationen. Er Funkel, wie waren Ihre eigenen Väter? Vater absolvierte damals ein berufsbegleiten-
hat drei Söhne im Alter von 31, 19 und 13 Jah- Seehausen: Für die emotionale Wärme war des Studium, ich erlebte ihn auch später oft
ren, alle drei haben unterschiedliche Mütter. meine Mutter zuständig. Von meinem Vater
Die Trennung erfolgte jedes Mal, als die Kin- erfuhr ich wenig Zärtlichkeit, aber er vermit- Das Gespräch führte die SPIEGEL-Redakteurin Heike Klovert
der drei bis vier Jahre alt waren. telte mir preußische Tugenden wie Pünktlich- in Erfurt. Eine Langfassung finden Sie auf SPIEGEL.de.

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TITEL

am Schreibtisch sitzend, wie er Klassenarbei- meine Vaterrolle erst angenommen, als es für bleibt liegen, Harald!« Ich stand jahrelang
ten korrigierte. Im Urlaub war er für uns da, die Beziehungen zu spät war. jeden Morgen um fünf Uhr auf, um meine
aber er hätte keine Suppe kochen können. Zu SPIEGEL: Herr Funkel, Sie haben ebenfalls Aufgaben im Haushalt zu erledigen und die
Hause führte meine Mutter das Kommando. drei Kinder, für die Sie insgesamt mehr als Kinder zu versorgen. Das fand ich körperlich
SPIEGEL: Herr Funkel, Sie sind etwa so alt zwei Jahre Elternzeit genommen haben. Wie belastend. Doch am Ende hatten wir 36 glück-
wie Herrn Panses ältester Sohn. Wie sind Sie kam das? liche Ehejahre miteinander, bis sie an Krebs
aufgewachsen? Funkel: 2012 wurde meine Freundin unge- verstarb.
Funkel: Mein Vater ging kurz nach der Wen- plant schwanger, ich war damals 20 Jahre alt, SPIEGEL: Herr Funkel, wie war Ihr erstes Jahr
de nach Frankreich, um dort sein Lehramts- sie war in der Ausbildung und ich im Studium. als Vollzeitvater?
studium zu beenden. Ich bin 1992 geboren, Wir beschlossen, dass ich ein Jahr lang zu Funkel: Es war schwierig, weil ich versuchte,
also sozusagen ein Mitbringsel von dort. Ich Hause bleibe, weil wir es für die sinnvollste verschiedene Rollen gleichzeitig einzuneh-
glaube, für meine Eltern war das eine Zeit, Entscheidung hielten. Doch wir bekamen von men. Ich wollte Vater und zugleich ein Mann
in der sie sich mehr verwirklichen konnten allen Seiten Widerstand, von Teilen meiner sein, der am Wochenende seine Kumpels
als vorher in der DDR. Wir wohnten dann Familie, meinen Kommilitonen, von Freun- trifft. Doch dabei verliert man sich ganz
mit meinen Großeltern auf einem Hof, meine den, von der Kinderärztin. Alle sagten: »Das schnell. Ich habe es dann aufgegeben, mit
Mutter arbeitete in Halle und war von früh- geht doch nicht.« Es ging dann doch. meinen Freunden an die Ostsee zu fahren
morgens bis abends weg. Deswegen wurden SPIEGEL: Welche Vorbehalte sind Ihnen be- oder regelmäßig abends mit ihnen Poker zu
wir eigentlich von unseren Großeltern er- gegnet? spielen. Viele ließen durchblicken, dass sie
zogen. Funkel: Bei der Kinderärztin wollte mir die Mitleid mit mir hatten, weil ich zu Hause fest-
Seehausen: Mutter und Vater hatten bei uns Sprechstundenhilfe erklären, wie ich mein gehalten werde. Doch ich selbst fand das
eine starre Rollenaufteilung. Mir ist erst viel Kind auszuziehen habe. Auf Familientreffen nicht schlimm, die Saufgelage fehlten mir
später bewusst geworden, dass dieses klar de- liefen die Omas zu meiner Freundin, wenn nicht. Mein Freundeskreis sortierte sich um.
finierte Zusammenleben für meine eigene unser Sohn die Windel voll hatte. Und ich Als meine Freundin mit unserem zweiten
Identitätsentwicklung sehr positiv war. Es hat saß untätig mit anderen Männern auf dem Kind in Elternzeit ging, genoss ich es aller-
mir Sicherheit gegeben. Sofa herum und fragte mich: Woher kommt dings auch sehr, arbeiten zu können, zum
Funkel: Das habe ich ähnlich erlebt. Die Rol- das nur? Feierabend nicht ständig auf die Uhr schauen
len der Oma und des Opas waren bei uns Seehausen: Immerhin ist es heute möglich, zu müssen und abends auch mal länger weg-
sehr eindeutig. Sie gingen liebevoll miteinan- dass Väter so lange aus ihrem Beruf ausstei- zubleiben.
der um, aber mein Opa hätte niemals für alle gen, vor 20 Jahren wäre das undenkbar ge- Seehausen: Ich habe selbst einige Vätergrup-
Nudeln gekocht, er hat uns stattdessen mit wesen. Vor der Wiedervereinigung gab es in pen gegründet, und dort habe ich es oft erlebt,
in die Werkstatt genommen. Sie hatten ihre DDR und BRD das Recht auf höchstens einen dass Männer damit überfordert waren, sich
Identität gefunden. Ich glaube, meine Eltern Hausarbeitstag pro Monat, und den konnten auf ihre kleinen Kinder einzulassen, mit ih-
hingegen wissen bis heute nicht so richtig, in der Regel nur Frauen nehmen, ebenso wie nen Rollenspiele zu spielen oder so. Das muss
wer sie sind und was von außen von ihnen Babyjahr und Erziehungsurlaub in Ost und man lernen, und dafür braucht es mehr An-
erwartet wurde. West. Die Einführung der Elternzeit im Jahr gebote für Väter.
SPIEGEL: Das klingt so, als wären moderne 2001 war ein ungeheurer Reformschritt. Funkel: Auch mir fällt das bis heute nicht
Väter zu bemitleiden? SPIEGEL: Wären Sie früher auch gern zu Hau- leicht, obwohl ich so viel Zeit mit meinen Kin-
Panse: Was das mit Vätern macht, hängt sehr se geblieben, Herr Seehausen? dern verbringe. Deshalb habe ich zwei Tage
davon ab, ob sie ihre neue Rolle annehmen Seehausen: Ich habe immer Vollzeit gearbei- lang das Seminar eines Coachs besucht. Dort
oder sich dagegen wehren. Ich habe sie über tet, aber ich bekam von meinen Kindern haben wir darüber gesprochen, wie man ein
viele Jahre abgelehnt, und das bedaure ich trotzdem viel mit, weil ich mir als Sozialwis- guter und authentischer Vater sein kann.
sehr. Ich sehe heute den Unterschied bei mei- senschaftler meine Zeiten recht flexibel ein- SPIEGEL: Hätte Ihnen so etwas damals auch
nem Sohn: Meine Enkeltochter ist vier Jahre teilen und oft Homeoffice machen konnte. geholfen, Herr Panse?
alt, für sie ist Papa schon lange eine gleich wich- Ich hatte zu ihnen ein ganz anderes Verhältnis Panse: Ich wäre nicht zugänglich gewesen
tige Bezugsperson. Wenn sie hinfällt und sich als mein Vater zu mir, wir waren und sind für Ratschläge und Seminare. Als sozialpoli-
wehtut, geht sie gleichermaßen zu Papa oder uns viel näher. Bis zu diesem gleichberech- tischer Sprecher der CDU-Fraktion hielt ich
zu Mama, um sich Trost abzuholen. Das wäre tigteren Miteinander, auch mit meiner Frau, schlaue Reden über Familienpolitik, stritt um
bei meinen Söhnen unvorstellbar gewesen. war es allerdings ein langer und harter Aus- Vätermonate und hospitierte zwei Wochen
SPIEGEL: Was hat Sie daran gehindert, als handlungsprozess. lang in einer Kita. Das änderte trotzdem
Vater präsenter zu sein? SPIEGEL: Wie sah der aus? nichts bei mir. Alle Kollegen wussten: Zu Hau-
Panse: Ich stieg in den Neunzigerjahren in die Seehausen: Wir studierten in den Sechziger- se lebt er das, was er predigt, selbst nicht. Ich
Politik ein, saß bald für die CDU im thüringi- jahren in Frankfurt, da ging es hoch her, mei- redete mich heraus, dass mir die Zeit fehle,
schen Landtag. Das war alles neu und span- ne Frau war in der Emanzipationsbewegung dass ich in der Rolle des Ernährers sei. Tat-
nend, ich wollte mich selbst verwirklichen. sehr aktiv. Wenn ich als angehender Wissen- sächlich fehlte mir die Willensstärke, mich
Und meine damalige Frau war Kindergärtne- schaftler am Wochenende auf Bildungsver- von diesem beruflichen Höher-schneller-wei-
rin, sie blieb zunächst gern zu Hause. Doch anstaltungen herumgetanzt war, sagte sie: ter zu verabschieden. Aber jetzt ist es für vie-
als unser Sohn etwa zwei Jahre alt war, wollte »Du machst trotzdem die Wäsche, oder sie les zu spät. Die Phase, in der meine Kinder
sie wieder regelmäßig Sport machen. Und ich aufwachsen, habe ich verpasst, und sie
sagte ihr: »Nein, das geht nicht, ich bin an fünf kommt nicht wieder.
Abenden in der Woche nicht da.« Ich war auf SPIEGEL: Was machen Väter anders?
wichtigen und pseudowichtigen Veranstaltun- Funkel: Mein Stiefvater ist Naturforscher und
gen, um als Politiker präsent zu sein. Wir trenn- »Mütter sollten Ver- klettert mit unserem Sechsjährigen an Steil-
ten uns, ich fand eine neue Partnerin und hängen herum und übernachtet in Höhlen.
machte denselben Fehler noch einmal. Heute antwortung abgeben und Wenn wir ein paar Tage später die Fotos zu-
habe ich drei Söhne von drei Müttern, und den Vater nicht nur geschickt bekommen, möchte meine Freun-
keine war damit einverstanden, dass sich mit din am liebsten sagen: »So etwas bitte nicht
der Geburt des Kindes für sie ganz viel verän- pseudomäßig einbinden.« mehr, da könnte ja so viel passieren.« Darü-
derte und für mich praktisch nichts. Ich habe Franz Funkel ber streiten wir jedes Mal.

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TITEL

Seehausen: Wir haben beim Deut- Viele Mütter machen den Vätern Vor- gescheitert dastehen könnte. Und wir,
schen Jugendinstitut männliche Erzie- schriften und reden ihnen rein. Das Generationen die wir hier am Tisch sitzen, müssten
her über einen längeren Zeitraum führt bei den Vätern oft zu Angst, sie im Konflikt uns darum eigentlich viel weniger Ge-
beobachtet, und dabei zeigte sich: Sie wollen keinen Fehler machen. danken machen als Väter, die wirt-
waren durchweg eher bereit als Erzie- SPIEGEL: Was sind die größten Hür- schaftlich nicht so gut gestellt sind.
herinnen, Risiken einzugehen, um den für moderne Familien? Panse mit Funkel: Diese Angst teile ich nicht,
Kindern zu ermöglichen, sich mit Ge- Seehausen: Drohende Arbeitslosig- meine Freundin steuert mehr Geld
fahren auseinanderzusetzen. keit … Zwillingsbruder bei als ich. Das war aber eine bewuss-
SPIEGEL: Woran liegt das, an den Ge- Panse: … und der hohe Erwartungs- und Vater Karl te Entscheidung: Ich habe meine Kar-
nen oder an der eigenen Erziehung? druck. Mindestens die eigenen Eltern 1967, Seehausen riere erst mal hintangestellt und mir
Funkel: Ich erinnere mich an den erwarten noch, dass sich die Väter mit Sohn und eine Tätigkeit gesucht, die mir Spaß
fünften Geburtstag meines Sohnes, um die wirtschaftliche Absicherung Enkelkindern macht, die aber eben auch familien-
die Jungs kletterten auf dem Hoch- der Familie kümmern. Dieses Rollen- freundlich ist. Geld interessiert mich
bett herum, ein Mädchen stand mit muster ist nicht so leicht wegzukrie- 2011, Funkel wirklich null.
glasigen Augen am Rand und sagte: gen. Ich spüre bis heute die Angst, mit Familie im SPIEGEL: Hat die Coronakrise Män-
»Ich kann da nicht hochklettern, Mäd- dass ich als Ernährer der Familie als Frühjahr ner und Frauen in klassische Rollen
chen sind nicht mutig.« Kindern wird zurückgedrängt, oder hat sie den
oft unterschwellig vermittelt, was sie Wandel beschleunigt?
sich trauen dürfen. Seehausen: Ich erlebe beides. Vieles
Seehausen: Aber die Väter gebären wurde auf dem Rücken der Frauen
die Kinder nicht! Das tun die Frauen. ausgetragen, aber nicht alles. Eine
Und dadurch entsteht ein tiefgreifen- ganze Reihe von Vätern war im
des Schutzbedürfnis gegenüber dem Homeoffice oder in Kurzarbeit und
Kind. Ich wollte lange nicht akzeptie- hatte deshalb mehr Zeit, die Familie
ren, dass es diesen biologischen Zu- zu entlasten. Und ich beobachte, dass
sammenhang gibt, ich dachte, alles eine große Gruppe von Vätern damit
ist anerzogen. Natürlich spielt die So- beginnt, ihren Beruf zu überdenken.
zialisation eine große Rolle. Aber: Ich SPIEGEL: Haben es Väter heute leich-
habe kein Kind geboren. ter als früher?
Panse: Ich war bei der Geburt mei- Seehausen: Mein Vater hatte eine
ner Kinder dabei. 48-Stunden-Woche. Wir haben die
Seehausen: Ich auch, und es war in 35-Stunden-Woche mit der IG Metall

privat
den Siebzigerjahren gar nicht leicht, erkämpft, und jetzt propagiert die
eine Klinik zu finden, die das erlaub- Linke sogar eine Vier-Tage-Woche.
te. Aber Sie und ich, wir haben nur Diese Veränderungen haben die Spiel-
Händchen gehalten. Wir haben nicht räume von Vätern sehr erweitert. Au-
geboren. Das ist ein Unterschied. ßerdem gehe ich davon aus, dass die
SPIEGEL: Wie müssen sich Mütter moderne Arbeitswelt für viele immer
ändern, damit sich Väter stärker en- uninteressanter und technologischer
gagieren? wird, und mehr Männer andere Orte
Seehausen: Sie müssen mit ihren suchen, um etwas Sinnstiftendes zu
Männern aushandeln, wer für was zu- tun. Dazu gehört Väterlichkeit.
ständig ist, und das konsequent ein- Funkel: Bei mir führt das Vatersein
halten. Dazu gehört auch, dass man zwangsläufig dazu, dass ich bestimm-
sich zofft. Meine Frau und ich, wir te Dinge nicht mache, etwa ein Eh-
haben uns zweimal so gestritten, dass renamt bei der Feuerwehr, weil die
meine Frau meine Koffer vor die Tür Familie mir so wichtig ist. Ich ertappe
gestellt hat. Doch dann habe ich mich mich dabei, dass ich ein schlechtes
entschuldigt, und wir haben es noch Gewissen deswegen habe. Was pas-
privat

mal versucht. siert, wenn sich alle nur noch auf


SPIEGEL: An so etwas würden andere ihren kleinen eigenen Kosmos kon-
Ehen zerbrechen. zentrieren?
Panse: Spätestens wenn ein Kind auf Panse: Wenn die Reduzierung der
die Welt kommt, müssen Paare neue Arbeitszeit tatsächlich zu mehr Qua-
Spielregeln vereinbaren. Wenn mei- lität in der Familie führt, ist das ja
ne erste Frau von Anfang an gesagt richtig. Wenn sie zu mehr Selbstver-
hätte: »Ich akzeptiere nicht, dass du wirklichung und zu aufwendigeren
fünf Abende die Woche weg bist«, Hobbys führt, hat die Familie nichts
hätte ich mich wohl zunächst ge- davon. Ich habe nicht die Absicht,
sträubt, aber ich hätte mich vielleicht nach meiner Pensionierung untätig
am Ende gefügt. Wenn sich etwas herumzusitzen, ich werde meine Zeit
aber drei oder vier Jahre lang ein- mit Familie füllen. Im Idealfall sollten
geschliffen hat, und dann will einer Männer das schon in der aktiven
die Spielregeln ändern, ist das viel Vaterrolle tun und nicht erst in der
schwerer. aktiven Großvaterrolle.
Funkel: Mütter sollten auf jeden Fall SPIEGEL: Herr Panse, Herr Funkel,
Verantwortung abgeben und den Va- Herr Seehausen, wir danken Ihnen
privat

ter nicht nur pseudomäßig einbinden. für dieses Gespräch. ■

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Fair & lecker: Mit dem CHOCEUR CHOCO CHANGER
hat man den Wandel in der Hand! ED T C
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Gerade beim Thema ALDI

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Schokolade gibt es viele L
verschiedene Meinungen.
Fakt ist aber, dass 98 %*
unserer kakaohaltigen Ei-
genmarkenprodukte zertifiziert nachhalti-
gen Kakao enthalten – zum Beispiel auch
unser CHOCEUR CHOCO CHANGER.

Doch um über Zertifizierungen hinauszu-


gehen, hat ALDI sich einer einzigartigen
Initiative angeschlossen: Tony’s Open So arbeitet ALDI daran,
Chain. Diese basiert auf fünf Beschaf- Armut, illegale Kinder-
fungsprinzipien und setzt in Bezug auf arbeit und Entwaldung
Transparenz, gesichertes Einkommen und zu beenden. Genau des-
verbesserte Lebensbedingungen neue halb sind die drei köstlichen
Maßstäbe für die Bäuerinnen und Bauern Geschmacksrichtungen Hazelnut, Salted
entlang der Kakaolieferketten. Caramel und 70 % Dark Chocolate Fair-
AZE
trade-zertifiziert und alle Zutaten, die in
H

Fairtrade-Qualität zur Verfügung stehen,


LN U

T werden von Fairtrade-Produzenten be-


zogen. Durch den Verkauf ihres angebau-
ten Kakaos, Zuckers und ihrer Vanille zu
Fairtrade-Bedingungen sind die Bäuer-
innen und Bauern in der Lage, fairere
Handelsbedingungen zu erhalten, einen
sozialen Wandel anzustoßen und einen
umweltschonenden Anbau umzusetzen.

Zudem setzen wir auf langfristige Kooperationen mit unseren Partnern, um diesen Planungs-
und Einkommenssicherheit gewährleisten zu können. Und unser CHOCEUR CHOCO
CHANGER ist weit mehr: Durch die Kooperation mit Tony’s Open Chain weiß ALDI genau,
wo und unter welchen Bedingungen die Kakaobohnen angebaut werden, und zahlt dafür
höhere Abnahmepreise zusätzlich zur Fairtrade-Prämie. Die ermöglichen wiederum ein exis-
tenzsicherndes Einkommen der Bäuerinnen und Bauern. Zudem helfen ihnen verschiedene
Schulungsmaßnahmen dabei, ihre Erträge zu steigern und professioneller zusammenzu-
arbeiten. Denn noch mehr als
außergewöhnlicher Geschmack
zählen die Menschen und
Ressourcen, die hinter unserem
CHOCEUR CHOCO CHAN-
GER stecken – weil wir es nur
gemeinsam erreichen, eine neue
Norm für die Kakaoindustrie zu
schaffen.

Mehr Infos auf: aldi-sued.de/schokolade und aldi-nord.de/meinungsfreiheit Jeden Tag besonders – einfach ALDI.

* Zertifiziert nach den Programmen Rainforest Alliance, UTZ, Fairtrade und Fairtrade Sourced Ingredient cocoa.
BIOME TRIE
REPORTER
»Wie fälscht man
Fingerabdrücke,
Herr Jung?«
SPIEGEL: Seit Anfang August
muss man seine Fingerabdrücke
abgeben, wenn man einen Per-
sonalausweis beantragt. Ist das
eine gute Idee?
Jung: Das hilft, Fälschungen
vorzubeugen. Andererseits
kann man auch Fingerabdrücke
fälschen.
SPIEGEL: Einfach so, zu Hause?
Jung: Dazu braucht man kein
Labor. Silikon, Holzleim und
Lasur sind beliebt, es reicht ein
Laserdrucker, eine Folie, ein
bisschen Bildbearbeitung ...
SPIEGEL: ... also ich nehme
Leim – und dann?
Jung: Ich möchte hier keine
Anleitung geben, wie Sie einen
Fingerabdruck fälschen. Es gibt
alle möglichen Methoden. Man-
che Kriminelle feilen sich die
Papillen ab, Polizisten haben
mir von Hauttransplantationen
auf den Fingerkuppen erzählt.
SPIEGEL: Kann man Fälschun-
gen unmöglich machen?
Jung: Unser Institut arbeitet im
Auftrag des Bundes an einem
3-D-Scanner für Fingerabdrü-
Aufwachen, 1968 cke. Wir erfassen nicht nur die
Linien, wir gucken mit einem
Lichtwellen-Scanner zwei Milli-
FAMILIENALBUM Jens Schröder, 77, aus Hamburg meter tief in die Haut und bilden
das Gewebe ab.
s war ein langer Abend, mit Wein und Bir- len einem Protestzug hinterher. Ich verbrachte an SPIEGEL: Ist das sicher?
E nenschnaps. Die slowakischen Kollegen fuh-
ren mich zurück. Ich schlief im Auto ein.
Ich wohnte in einem Gästezimmer in der Baufir-
dem Tag mehrere Stunden in der Altstadt, ver-
steckte meine Kamera, eine einfache Voigtländer,
in einer Brötchentüte. Wenn geschossen wurde,
Jung: Erst mal ja. Aber nicht
günstig, unser Forschungsscan-
ner kostet aktuell noch mehr als
ma, in der ich mein Praktikum machte, im Nor- warf ich mich mit Hunderten anderen auf den 90 000 Euro. Deswegen wird es
den von Bratislava. Ein milder Sommer, August Boden. Auf den Stufen vor der Universität lagen weiterhin 2-D-Abdrücke geben.
1968, ich fiel aufs Bett. Die Tschechoslowakei ge- schon Blumen, dort war Danka Kosanova erschos- SPIEGEL: Wozu überhaupt noch
fiel mir mehr, als ich erwartet hatte. Ich war da- sen worden, eine Schülerin, 15 Jahre alt. Fingerabdrücke, es gibt doch
mals 24 Jahre alt, studierte in Hamburg Betriebs- Ich höre heute noch, wie Pflastersteine an bereits Gesichtserken-
wirtschaft und hatte mich für ein Praktikum in diesen Panzern abprallten, klick, klick, klick. nung und die Iris-
Amerika beworben. Keine Chance, nun war ich Einen Panzer bewarfen sie mit Benzinflaschen, Scans?
seit acht Wochen in Bratislava. Meine Kollegen er brannte eine Weile. Rechtzeitig vor der Jung: Die Verfah-
sprachen ordentlich Deutsch, sie zeigten mir Bau- Sperrstunde kehrte ich in mein Gästezimmer ren ergänzen
stellen, ich setzte für sie Briefe an Westfirmen auf. zurück. Mein Praktikum war vorbei. Ich blieb sich, es gibt
Ich ging viel spazieren an der Donau und plante noch eine Woche in Bratislava und machte nicht das eine
schon meinen Urlaub in den Karpaten. Fotos. In den Tagen hätte ich gern meine Familie sichere biometri-
Am Morgen des 21. August weckten mich mei- in Hamburg angerufen, aber die Leitungen sche Merkmal.
ne Kollegen mit den Worten: »Sie sind wieder da, waren tot. Ich schrieb ihnen eine Karte und drück- Solange das Land,
es ist aus!« Ich fragte: »Wer?« Mein Kopf brumm- te sie in der Stadt dem Fahrer eines Opel Kadetts das diese Daten erhebt, ein
te. Sie sagten: »Die Russen!« Wir hatten nie über in die Hand, er hatte ein Lüneburger Kenn- demokratischer Rechtsstaat ist,
Peter Dazeley / Getty Images

Politik gesprochen, meist über Mädchen und zeichen. Er warf sie für mich in Österreich ein. mache ich mir da auch keine
Beton. Ich musste erst mal wach werden, am frü- Aufgezeichnet von Timofey Neshitov Sorgen. NES
hen Nachmittag ging auch ich in die Stadt. Dieses
Foto machte ich an der alten Donaubrücke, es ist ‣ Sie haben auch ein Bild, zu dem Sie uns Ihre Norbert Jung, 61, leitet das Institut
meine persönliche Erinnerung an den Prager Früh- Geschichte erzählen möchten? Schreiben Sie an: für Sicherheitsforschung an
ling: Sowjetische T-55-Panzer heulen auf und rol- familienalbum@spiegel.de der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

50 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


und rechts und links davon würden
die Lärmschutzwände höher, und er
sehe nur noch das Ziel, aber er errei-
Geliebte Arbeit che es nie.
Er habe nach der Maibaumsache
nicht erwartet, überhaupt Zuschriften
EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Warum ein Dorf am Bodensee zu bekommen, erzählt Jörg Agthe.
eine First Lady für den Bürgermeister sucht Es meldeten sich dann nach der
Maibaumaktion von einigen Mitglie-
dern der freiwilligen Feuerwehr des
örg Agthe sagt, als er am Morgen samkeit zu schenken. Er ist, so sagt Ortes nicht nur Frauen bei ihm, son-
J des 1. Mai 2021 auf dem Fahrrad
die Kurve in Richtung Rathaus
nahm, da habe er den Braten bereits
er es selbst, sehr gewissenhaft, manch-
mal eben mit einem gewissen Hang
zum Perfektionismus.
dern Zeitungen aus dem ganzen
Land, sie wollten von Jörg Agthe wis-
sen: »Welchen Typ Frau finden Sie
gerochen. Der 1. Mai war ein Sams- Einmal, als Kind, habe er die Haus- attraktiv?«
tag, aber Jörg Agthe arbeitet sieben aufgaben nicht gemacht. Und deshalb Agthe antwortet: »Für mich ist
Tage die Woche, er ist Bürgermeister einen »Einlauf« von seinen Eltern Schönheit wichtiger als Attraktivität.
einer Allgäuer Gemeinde, die nur bekommen: »So, junger Mann, in Schönheit, das ist menschliche Wär-
ein paar Kilometer entfernt vom Bo- Zukunft erst die Pflicht, dann das Ver- me und Ehrlichkeit. Vertrauen.«
densee liegt: Sigmarszell, 2967 Ein- gnügen.« Das habe sich ihm ins Ge- Sie fragten: »Und was bieten Sie
wohner. hirn gebrannt. einer Frau?«
Schon von Weitem sah Agthe ihn, Auf seine Eltern und ihren Rat Agthe antwortet: »Man kann
noch rückseitig, aufgepflockt direkt würde er nichts kommen lassen. natürlich nie wissen, ob eine Bezie-
vor seinem Bürofenster: den Mai- Nur habe jeder Mensch ein gewisses hung ein Leben lang hält, aber es ist
baum. Hoch oben in der Luft hing Energiepensum, seines sei zwar groß, mein Ziel. Wenn ich mich für eine
ein rotes Herz unter grünem Tannen- aber wenn er es überschreite, dann Frau entscheide, dann mit aller Kon-
wipfel, darauf gepinselt in weißer laufe auch er Gefahr, eine »Tiefen- sequenz. Ich bin wirklich definitiv
Farbe: entladung« zu erfahren. Wie bei einer, der keiner anderen Frau hinter-
»Bürgermeister einem Akku, der sich komplett ent- herschaut.«
sucht lädt und nie wieder auf 100 Prozent 214 Frauen haben Jörg Agthe
Frau« kommt. schon geschrieben, so berichtet er es,
Links daneben die Telefonnum- Agthe, der schnell ins Philosophie- darunter zwei Österreicherinnen,
mer seines Vorzimmers. ren kommt, sagt: »Das sind die Geset- eine Waliserin und eine Schwedin,
»Wann bekommen wir eine First ze des Kosmos. Die Sterne, die am drei Zuschriften erreichten ihn von
Lady?«, das hätten die Menschen aus hellsten leuchten am Himmel, sind Frauen aus dem Ort.
Sigmarszell ihn bei jedem Dorffest die, die besonders schnell ausge- Manche schickten Bilder von sich
gefragt, sagt Agthe, deshalb wusste brannt sind. So ist es auch auf der und Zeilen in geschwungener Hand-
er gleich, dass das nicht bloß Spaß Erde. Die Menschen, die Vollgas schrift auf Briefpapier, andere schrie-
war. Man sorgt sich um ihn, er arbei- gegeben haben, die immer auf der ben Jörg Agthe Dinge wie »vielleicht
tet zu viel. Überholspur waren auf der Auto- bist du mein Prinz, mit dem ich auf
Tatsächlich sei eine Frau mög- bahn, das sind die ersten, die wieder den Horizont zureiten kann«, oder
licherweise das Letzte, was ihn noch draußen stehen, weil der Tank alle »es mag dir vielleicht seltsam vorkom-
Bürgermeister Agthe,
vor sich selbst und seinem kranken ist.« Screenshot von
men, aber ich habe letzte Nacht von
Pflichtbewusstsein retten könne, da Es sei, als führe er immer auf die- der Website dir geträumt«.
habe das Dorf schon recht, sagt Ag- ser Autobahn, schneller und schneller, Sueddeutsche.de Ein paar Frauen kommen nicht
the. »Was die Welt antreibt, ist die infrage, beispielsweise, wenn sie zu
Liebe. Das ist die stärkste Kraft.« Viel- alt sind, um eine Familie zu gründen.
leicht könne sie also auch ihn erlösen. Doch insgesamt sieben Briefeschrei-
40 Jahre ist Agthe alt, und seit berinnen hat Jörg Agthe getroffen,
2014 ist er hier Bürgermeister. Es sei für eine fuhr er sogar bis nach Mün-
sein Lebenstraum, eine Familie zu chen.
gründen. Aber er habe bisher einfach Gute Gespräche seien das gewe-
keine Zeit dafür gehabt. sen allesamt, aber bei den zentralen
Karl-Josef Hildenbrand / picture alliance / dpa

All das erzählt Jörg Agthe, wäh- Fragen des Lebens, sei er mit allen
rend er sich an sein Stehpult im Bür- uneins gewesen. Was bedeutet Glück,
germeisterbüro lehnt, um ihn herum was bedeutet Liebe, wann sind wir
türmen sich Aktenstapel, unter dem zufrieden, was ist der größte Wunsch,
Schreibtisch stehen Hausschuhe den man im eigenen Leben hat? Wenn
bereit, aber keine Sorge, scherzt Ag- man bei diesen Fragen von Beginn an
the, es befinde sich kein Klappbett Kompromisse machen müsse, sei das
im Schrank. kein gutes Zeichen, sagt Jörg Agthe.
Wenn Agthe spricht, hält er Blick- Der Funke sei einfach nie überge-
kontakt mit seinen hellen, blauen sprungen.
Augen, er redet langsam und bedacht, Gelesen habe er mittlerweile alle
beugt dabei seinen Oberkörper vor, Briefe, mit einigen Frauen sei er noch
als wollte er sagen: Ich gehöre ganz in Kontakt, sagt Jörg Agthe. Doch bei
Ihnen. Er wirkt ruhig, er scheint all den meisten schafft er es einfach nicht
seinen Tätigkeiten Zeit und Aufmerk- zu antworten. Jana Luck ■

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 51


REPORTER

Der Geist von Famagusta


RÜCKKEHR Mit 15 Jahren musste Tasoula Hadjitofi aus ihrem Haus auf Zypern
fliehen. 47 Jahre nach dem Krieg hat die Türkei ihr nun erlaubt, auf das
Gelände zurückzukehren. Kann sie ihre Heimat wiederfinden? Von Timofey Neshitov

A n einem Tag Mitte Juli passiert eine


Frau in braunem Sommerkleid zwei
Checkpoints und erreicht Famagusta,
eine Stadt an der Ostküste Zyperns. Sie steigt
aus ihrem Mietwagen und bleibt an einem
Gitter stehen, dem dritten und letzten Check-
point. Die Polizisten trinken türkischen Kaf-
fee und mustern das goldene Kreuz, das die
Frau um den Hals trägt. Die Frau blickt auf
die leere Straße hinter ihnen.
Sie sieht Häuserfassaden, die im Meeres-
wind ihre Farben verloren haben. Fenster,
durch die Bäume gewachsen sind.
Es ist lange her, dass sie das letzte Mal in
Famagusta war, 47 Jahre. Sie ist hier aufge-
wachsen, im Viertel Varosha. Bis vor wenigen
Monaten war Varosha militärisches Sperr-
gebiet, überwacht von türkischen Soldaten.
Es ist eine Geisterstadt.
»Ich bin kein Geist«, sagt die Frau am
Zaun. »Ich will endlich nach Hause.«
Tasoula Georgiou Hadjitofi ist 62 Jahre
alt. Sie erinnert sich an den Schuhkarton, den
sie als Schulmädchen in Famagusta unter
ihrem Bett aufbewahrte, ihre Seidenraupen.
Sie habe viel lieber die Raupen gefüttert, als
in die Kirche zu gehen. Die Raupen aßen Maul-
beerblätter, aus der Seide wurden Bettlaken
und Tischtücher, ihre Mitgift. Sie wohnten in
einem kleinen Haus unweit vom Meer, Espe-
ridon-Straße 41. Tasoulas Mutter nähte Klei-
der, ihr Vater fuhr Lastwagen, sie wollten, dass
Tasoula glücklich heiratet. Tasoula wollte im
Ausland studieren und um die Welt reisen.
Die Welt kam damals gern nach Famagus-
ta. Brigitte Bardot ging hier baden an einem
der längsten Strände Europas. Elizabeth Tay-
lor und Richard Burton stiegen im Hotel
Argolis an der Kennedy-Avenue ab. Paul
Newman drehte in Famagusta den »Exodus«.
Den besten Kaffee gab es im Boccaccio, die
heißeste Tanzmusik im Perroquet. Man nann-
te diesen Ort das Las Vegas des Mittelmeers.
Tasoula Hadjitofi lernte griechische Volks-
tänze im Kunstzentrum hinter dem Café Edel-
weiss, lieh sich Bücher in der Stadtbibliothek
an der Nikolai-Kirche. Auf Ausflügen zog sie
risarka aus der Erde, ein hohes, raues Kraut,
ihre Mutter färbte damit Ostereier.
Der 20. Juli 1974 war ein Samstag.
Tasoula Hadjitofi erinnert sich an die Si-
renen im Morgengrauen und an das Gesicht
des türkischen Piloten im Cockpit, so tief sei
der über ihrem Haus geflogen. Er habe ihr

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REPORTER

noch gewinkt, dann sei er zurückgeflogen, net haben. Was sie mit diesem Landstreifen Sie wird sich, auf ihre Art, vorbereiten auf
Richtung Meer. Am nächsten Morgen fielen vorhaben, haben die Türken nicht gesagt. den Besuch des türkischen Präsidenten Recep
Napalmbomben auf Famagusta. Tasoula Hadjitofi lebt in Den Haag mit Tayyip Erdoğan. Er soll drei Tage nach ihrer
Ihre Mutter habe Tasoula und ihre Schwes- ihrem Mann, einem Shell-Manager, auf ei- Ankunft nach Famagusta kommen.
tern im Keller versteckt, habe eine Steckdose nem 3500 Quadratmeter großen Grundstück Vor allem aber wird sie versuchen, zum
aufgeschraubt und gezeigt, wie man einen neben dem Königspalast. Sie wird vier Tage Haus ihrer Familie zu gelangen. Drei Zimmer
Kurzschluss verursacht. Kein türkischer Soldat in Famagusta verbringen. In dieser Zeit wird waren es nur, unverputzte Wände, Hühner
sollte sie lebendig anfassen. Tasoula war 15. sie kaum schlafen und viel reden mit Men- im Hof. An jenem Morgen vor 47 Jahren, am
An diesem Morgen im Juli 2021 zögert sie schen wie sie, die nach Hause zurückgekehrt 14. August, als die türkische Armee weitere
eine Weile vor dem Drehkreuz am Check- sind. Sie wird imaginäre Gespräche führen Einheiten auf die Insel schickte, ließen sie
point. Funkgeräte knistern, es ist neun Uhr mit denen, die sie verantwortlich macht für ihre Tassen auf dem Küchentisch stehen und
morgens, 38 Grad im Schatten. Sie ist gekom- den ungelösten Zypernkonflikt: mit Politi- stiegen in den Lkw ihres Vaters.
men, weil die Türken Varosha wieder geöff- kern in Ankara, Athen, Nikosia, Washington.
TAG 1
Vertriebene Hadjitofi in Famagusta Tasoula Hadjitofi läuft nur wenige Meter, die
Straße, auf der sie steht, ist frisch asphaltiert,
hinter dem Checkpoint ist ein Kiosk. Es gibt
Kaffee und Chips, man kann sich Mountain-
bikes ausleihen. Sie guckt diesen Kiosk an,
als wäre er ein Meteorit. Ihre Beine zittern.
Ein Bus kommt aus der Richtung, in der
sie als Kind lebte, er hält vor dem Kiosk und
lässt Menschen heraus, Frauen mit Kopftuch,
Kinder mit Schwimmringen. Der Fahrer trägt
Mundschutz am Kinn, er fahre gleich wieder
los, sagt er, zehn türkische Lira.
Er fährt zu schnell für sie. Sie dreht ihren
Kopf von links nach rechts, macht den Mund
auf und zu. Palmen, Akazien, Bougainvilleen
ziehen an ihr vorbei, sie verdecken Laden-
und Straßennamen. Es riecht nach Lorbeer
und Oleander. Als der Bus am Kreisverkehr
nach rechts abbiegt, klatscht sie in die Hände.
Sie erkennt neun rote Buchstaben: Edelweiss.
Der Bus biegt in die Apostel-Andreas-Stra-
ße ab, beschleunigt auf der Kennedy-Avenue,
umfährt eine türkische Kaserne. Vor einem
Kiosk mit Meerblick kommt er zum Stehen.
Endstation, Plastikstühle, türkischer Kaffee,
ein Polizist mit Sonnenbrille.
»Wo sind die Straßen?«, fragt Hadjitofi. Es
ist nicht klar, wen sie das fragt. Von der Ken-
nedy-Avenue, Famagustas Flaniermeile, führ-
ten früher Straßen ab. Tasoula Hadjitofi sieht
nur Bäume und Absperrseile.
Hinter dem Plastikstuhl, auf dem der Poli-
zist sitzt, beginnt ein Weg, er ist zugewuchert,
aber begehbar. »Welche Höhe sind wir?«,
fragt sie den Polizisten. »Mein Haus ist in der
Esperidon-Straße.«
Der Polizist zuckt mit den Achseln.
»Bitte«, sagt sie, »ich muss hier runter, nur
100 Meter, dann rechts rein.«
Der Polizist zeigt auf das rote Warnschild
im Hibiskusbusch: »Achtung, es ist gefährlich,
markierte Wege zu verlassen.«
Das Viertel ist zwar offiziell offen, in Wahr-
heit ist der größte Teil weiterhin Militärgebiet.
Der Polizist erzählt ihr von Schlangen, von
Dächern, die einstürzen könnten.
»Hinter Ihnen war eine Eisdiele«, sagt sie.
»Gehen Sie zum Strand«, sagt er.
Julian Busch / DER SPIEGEL

Sie dreht sich weg, blickt aufs Meer. Sie


behält den Polizisten im Blick. Irgendwann
steht er auf, geht hinter den Kiosk, er will
sich die Beine vertreten.
Famagusta, altgriechisch Ammochostos,
bedeutet »versteckt im Sand«. Im 7. Jahrhun-

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REPORTER

dert versteckten sich hier griechische len, 14 Theater, zehn Kinos, 14 Kir- schen Welt. Seien Sie doch dankbar,
Fischer vor arabischen Räubern. Im chen, 380 Baustellen. dass man Sie hier reingelassen hat.«
16. Jahrhundert landete hier das Das Zuhause von ehemals 36 000 Nikosia Tasoula Hadjitofi geht zurück zum
osmanische Heer. Türkische Siedler Menschen lag nun direkt an der Uno- Famagusta Kiosk, vor dem Polizisten steht ein
verdrängten die Griechen aus Fama- Pufferzone. Mann in grünen Shorts, er zeigt auf
ZYPERN
gusta, wiesen ihnen einen Land- Varosha wurde zum Spielball in seine Beine.
streifen südlich der Stadtmauern zu, einem größeren Wettlauf: Die Türkei Türkische Republik
Nordzypern (nur von
»Sehen Sie, Gänsehaut?«
sie nannten ihn Varosha. Vorstadt, plante einen eigenen Staat in Nord- der Türkei anerkannt) »Ich darf trotzdem nicht«, sagt der
Getto. zypern; hätten die Weltmächte die- Polizist.
Über Jahrhunderte entwickelte sen Staat anerkannt, wäre die Türkei »Nur 30 Meter von hier, Efesou-
sich Varosha zum lebendigsten Vier- offenbar bereit, Varosha an seine Ein- Straße 18 a, bitte, gleich hinter dem
tel von Famagusta. Hier wuchsen die wohner zurückzugeben. Baum.«
meisten Obstbäume, lebten die bes- Tasoula Hadjitofi erinnert sich an »Ich werde meinen Job verlieren.«
ten Töpfer, die reichsten Kaufleute. die Gerüchte von damals, spätestens »Nur ein Foto, bitte. Mein Groß-
Als Tasoula Hadjitofi hier ge- nach einem Jahr würde man zurück- vater durfte nicht hin, er ist tot. Mein
boren wurde, am 23. Februar 1959, kehren können, vielleicht nach zwei Vater durfte nicht, er ist tot. Ich bin
stand Zypern kurz vor einem Bürger- Jahren. Sie wohnten in einer Unter- 55.«
krieg. Es war eine britische Kolo- kunft in Limassol, einer Stadt an der Der Polizist sieht zu Boden. Ta-
nie, in der griechische und türkische Südküste. soula Hadjitofi und der Mann tau-
Milizen zunehmend das Sagen hat- Der Uno-Sicherheitsrat befasste schen Nummern aus. Er heißt Dimi-
ten. sich mit Zypern. Auf Resolution 353 tris und arbeitet als Bürokraft auf
Vier Tage vor Hadjitofis Geburt folgte Resolution 354, dann Resolu- einer britischen Militärbasis auf Zy-
wurde in London ein Abkommen tionen 355, 357, 358, 359, 360, 361, pern. Er hat sich eine Wohnung im
unterzeichnet, mit dem die Briten 364, 365, 367, 370, 383, 391, 401, 410, Nachbarort gekauft, damit er von
Zypern in die Unabhängigkeit ent- 414, 422, 430, 440, 443, 451, 458, seinem Balkon aus Famagusta sehen
ließen. »Ein schreckliches Abkom- 472, 482, 486, 495, 510, 526, 534. Im kann.
men«, sagt Tasoula Hadjitofi: 30 Pro- November 1983, Tasoula Hadjitofis Das Kreuz, das Hadjitofi um den
zent der Sitze im Parlament fielen Haus in Famagusta stand seit fast Hals trägt, gehörte ihrem Vater. Als
damals den Türken zu, Türken mach- zehn Jahren leer, riefen die Türken sie Zypern verließ, gab er ihr am Flug-
ten aber keine 19 Prozent der Bevöl- die Türkische Republik Nordzypern hafen einen Fünf-Shilling-Schein, da-
kerung aus. aus. Kein Staat außer der Türkei er- rauf stand: »Gute Reise, mein Wild-
Zyperngriechische Nationalisten kannte sie an. Der Stacheldraht um fang – 14. November 1976 – Tue
wollten die Insel an Griechenland an- Varosha blieb. nichts, wofür sich deine Familie schä-
schließen, 1975 stürzten sie ihren Vor dem Kiosk fahren Limousinen men muss.«
eigenen Präsidenten. Die Türkei vor, Männer mit Krawatten steigen Vor acht Jahren trauten sie sich
schickte ihre Armee. In wenigen Wo- aus, gehen zum Strand. nach Famagusta zu reisen, ihr Vater
chen nahm sie fast 40 Prozent der In- »Kommen Sie aus der Türkei?«, wollte die Stadt noch einmal sehen.
sel ein. An dem Tag, an dem Tasoula fragt Hadjitofi. Den Checkpoint mit dem Dreh-
Hadjitofis Familie vor dieser Armee »Nein«, sagt einer der Männer und kreuz gab es noch nicht, man konnte
floh, tötete eine griechische Miliz 126 steckt sich eine Zigarette an, »wir sich aber am Wasser nähern. Sie lie-
Türken in den Dörfern um Famagus- sind eine Delegation aus Aserbai- fen über den Strand auf der türki-
ta. Das jüngste Opfer war 16 Tage alt, dschan.« schen Seite, kamen zum Zaun mit
das älteste 95 Jahre. »Ich komme aus Famagusta. Fünf dem Wachposten. Sie ging ins Wasser,
Hadjitofi entfernt sich keine zehn Minuten von hier.« bauchtief, bis sie Rufe türkischer Sol-
Meter vom Kiosk an der Kennedy- »Gut, gut.« daten hörte.
Avenue, der Polizist ruft sie zurück. »Nichts ist gut. Ich darf mein Haus Im Juli 2021 läuft sie allein über
»Bitte«, sagt er, »bald öffnen wir hier nicht sehen.« diesen Strand und sagt: »Ich habe
Urlauberin
alles. Ich komme dann zu dir nach »Es ist jetzt unser aller Land«, sagt Bardot 1965: einen Flüchtling begraben.« Ihr Vater
Hause, wir trinken Kaffee, okay?« der Mann. »Das ist auch mein Zu- Die Welt kam gern starb vor vier Jahren.
Sie sagt: »Komm jetzt mit.« hause, wir sind Teil der großen türki- nach Famagusta Vor dem Zaun spricht sie zwei
Er zeigt auf das Dach des Hotels Männer in nassen Badehosen an. Sie
La Paloma. »Kameras, überall.« seien Bauarbeiter, sagen sie, aus Ost-
Am Strand baden türkische Teen- anatolien. »Und was machen Sie
ager. Präsident Erdoğan, das hat Ha- hier?«, fragt einer zurück, »Urlaub?«
djitofi in der Zeitung gelesen, hat vor »Sozusagen«, sagt sie.
seinem Besuch in Famagusta »gute Die Arbeiter empfehlen ihr einen
Nachrichten« angekündigt. Strand weiter nördlich, da sei der
Was kann eine gute Nachricht sein Sand noch feiner.
für Famagusta? Auf der Terrasse des Devran-
Nach 1974 brachte die Türkei Beach-Restaurants sitzt ein Mann mit
Zehntausende Siedler aus Anatolien dichten Augenbrauen und isst Fisch.
Sam Levin / CAMERA PRESS / laif

nach Zypern, sie bekamen Grundstü- »Stavros?«, ruft Tasoula Hadjitofi,


cke und Häuser im Norden. Varosha, den Mann kennt man auf der Insel.
den feinsten Flecken auf der Insel, Er war Minister in Nikosia, kandi-
umzäunten die Türken mit Stachel- dierte bei der jüngsten Präsident-
draht. schaftswahl im griechischen Süden,
Sechs Quadratkilometer, 105 Ho- bekam 44 Prozent der Stimmen.
tels, 4649 Wohnhäuser, 21 Bankfilia- »Stavros, Erdoğan kommt, wie

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REPORTER

kannst du hier bei den Türken sitzen und


Fisch essen?«
»Was ist daran unpatriotisch, Tasoula?«

TAG 2
In den Neunzigerjahren war Tasoula Hadji-
tofi öfter in der Zeitung. Zyperns Präsident
stand Pate bei der Taufe ihres Sohnes in Rot-
terdam, der Erzbischof taufte ihre Tochter.
Sie war das Mädchen aus Famagusta, das
nach Europa ging, Computerwissenschaften
studierte und zum richtigen Zeitpunkt das

Fedeli / Hecht Photo Features / CAMERA PRESS / laif


richtige Unternehmen gründete: Sie schulte
Mitarbeiter internationaler Konzerne im Um-
gang mit Computern. Ihr erster Kunde war
Royal Dutch Shell, ihre erste Million verdien-
te sie mit 29. Bald dinierte sie mit Königin
Beatrix, trug Designerkleider. Aber sie vergaß
ihre Insel nicht.
Nach 1974 waren im Norden Zyperns Hun-
derte Kirchen geplündert worden. Tasoula
Hadjitofi beschloss, Ikonen und Mosaiken
auf dem Schwarzmarkt aufzuspüren und sie Schauspielerehepaar Joanne Woodward, Newman auf Zypern 1960: Las Vegas des Mittelmeers
nach Zypern zurückzubringen. Sie verhan-
delte mit Kunstdieben in den Niederlanden, »Aus Mersin, Südküste der Türkei.« Hadjitofi hält ihren Kleidersaum mit beiden
briefte Polizisten in Deutschland, bezahlte »Wann sind Sie gekommen?« Fäusten, geht durch die Räume im ersten Stock.
Anwälte in Japan. Sie hat ein Buch darüber »1975. Unser ganzes Dorf ist gekommen.« Parkettreste, Kinderschuhe, ein Waschbecken
geschrieben, »The Icon Hunter«, »Die Iko- »Aber warum sind Sie gekommen?« ohne Hahn. Keine Möbel, keine Fernseher.
nenjägerin«. Ihre NGO nannte sie Walk of »Was weiß ich, ich war acht.« Sie steigt auf die Dachterrasse. Und lächelt.
Truth, Weg der Wahrheit. Der Wachmann erzählt ihr von seiner Ar- Von hier sieht man den Turm von Heilig
Höchstens ein Prozent der geraubten beit: Seine Schicht dauere 24 Stunden, sein Kreuz. Es ist ihre Kirche, sie steht am Beginn
Schätze seien nach Zypern zurückgekehrt, Essen bringe er mit, nachts dürfe er nicht schla- der Esperidon-Straße.
sagt sie, das allerdings, interessiere nieman- fen. Seit 19 Jahren sitze er an dieser Kreuzung. Die Tür ist zugenagelt. Tasoula Hadjitofi
den außer die Zyperngriechen, der türkische »Haben Sie keine Angst vor Geistern?«, steckt ihren Kopf durch das Loch, wo früher
Staat werde nie für den größten Kulturraub fragt sie ihn. eine Fensterscheibe war. Sie sieht die Bank,
in der Geschichte der Insel belangt werden. »Bis vor zehn Jahren hatten wir keinen auf der sie als Kind saß, die Ikonostase, vor
Die Türkei stellt die zweitgrößte Nato-Armee. Strom, nur Kerzen. Vor sieben Jahren ver- der sie betete. Der Ikonostase fehlen die Iko-
EU und Uno fördern auf Zypern ein Kul- schwand ein Kollege, wir fanden ihn drei nen. Tasoula Hadjitofi rüttelt an der Tür.
turerbe-Komitee, in dem Griechen und Tür- Tage später. Er war abgestürzt im Haus am Dann erstarrt sie.
ken zusammenarbeiten, sie sanieren Kirchen, Freilichtkino.« Sie hört den Motor eines herannahenden
Moscheen, Aquädukte, seit Jahren auch das Tasoula und Dimitris laufen in Richtung Autos, der Fahrer schaltet einen Gang höher.
Apostel-Andreas-Kloster im Nordosten. Der Meer und erinnern sich an Stimmen von 1974: Sie wirft sich auf die Steinplatten vor der Kir-
Heilige Andreas ist für Tasoula Hadjitofi sehr an den Maisverkäufer vor dem Kino Hadji- che und bleibt liegen, Gesicht in den Händen.
wichtig, ihr Bruder heißt Andreas, ihr Sohn hambi, an den Kastanienverkäufer im Schul- Das Auto hinterlässt eine Staubwolke.
heißt Andreas, ihre Mutter sagte 1974, Apos- park, an die Fußballfans von Anorthosis Fa- Tasoula Hadjitofi glättet ihr Kleid und geht
tel Andreas habe sie vor den türkischen Bom- magusta. Sie erzählt ihm, wie sie Schnecken nach Hause, Esperidon 41. Sie zählt die Häu-
ben beschützt. gesammelt habe im Schilf am Straßenrand. ser: Nummer 13, Nummer 15, 17. Bei Num-
Heute sagt Hadjitofi: »Wozu restaurieren Im Hotel Golden Mariana knallt der Wind mer 27 hört sie wieder ein Auto. Sie versteckt
sie das Andreas-Kloster, wenn ich dort ohne ein Fenster zu, es geht wieder auf. In der sich nicht mehr.
deren Erlaubnis nicht beten darf?« Miaouli-Straße, sie verläuft parallel zu Espe- Der Fahrer ist ein junger Soldat in ver-
Ein anderes griechisch-türkisches Komitee ridon, blickt sich Tasoula Hadjitofi nach der schwitztem Khaki.
auf Zypern öffnet Massengräber aus der Zeit türkischen Kaserne um, dann hebt sie ihr »Ich musste pinkeln«, sagt ihm Tasoula
des Bürgerkriegs. Seit 2006 wurden 722 Grie- Kleid und steigt über das Absperrseil. Hadjitofi. »Wieso habt ihr auf der Kennedy
chen und 284 Türken identifiziert. 788 Grie- Sie duckt sich und beginnt zu rennen. Ihre keine Toiletten?«
chen und 208 Türken werden noch vermisst. Sandalen verheddern sich im Gras, sie steigt Der Soldat wird rot. Er ruft seinen Kom-
Tasoula Hadjitofi sagt: »Alle Türken, die über Äste, Steine, Zaunreste, weicht einer mandeur an.
nach 1974 kamen, sind illegale Einwanderer.« Eidechse aus, springt zur Seite, als eine Eule
An diesem Tag, ihrem zweiten in der Geis- aus dem Gestrüpp schießt. Sie läuft an zwei TAG 3
terstadt, zieht sie ein weißes Seidenkleid mit Pfeilschildern vorbei, die aus entgegengesetz- Kurz vor Hadjitofis Geburt geriet ihr Vater
Blumenmuster an. Gegenüber der Parfüme- ten Richtungen das Steakhaus Angus anzei- in eine Kneipenprügelei in Famagusta. Ihm
rie Élysée trifft sie sich mit Dimitris, dem gen. Dort, wo sie ihr Haus vermutet, wächst kam ein Granatapfelbauer zu Hilfe. Er wur-
Mann aus der Efesou-Straße 18 a. Sie wollen eine Wand aus Schilf. de ihr Patenonkel. Der Mann lebt in einem
es noch einmal versuchen, vielleicht steht an Sie stellt sich auf die Zehenspitzen, Tränen griechischen Nachbarort von Famagusta, er
ihrer Kreuzung heute ein anderer Polizist. in den Augen, im Gebüsch hinter ihr ist eine betet für Tasoula Hadjitofi seit 62 Jahren.
Vor der Barclays Bank in der Demokratie- Tür. Ein dreistöckiges Haus. An diesem Tag kommt seine ganze Familie
Straße sitzt ein türkischer Wachmann in einer Im Treppenhaus haben sich türkische Sol- zusammen.
Holzhütte. Tasoula Hadjitofi spricht ihn an: daten verewigt. Cengiz aus Lüleburgaz, April Erdoğan ist auf der Insel gelandet. Der tür-
»Wo kommen Sie her?« 1975, Ejder aus Burdur, Januar 1980. Tasoula kische Präsident, der das Mittelmeer einen

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REPORTER

»türkischen Binnensee« nennt, der im vergan- Sie sucht lange nach den richtigen Worten ist ein rotes Band gespannt, daneben wartet
genen Herbst den Strand von Famagusta öff- für Präsident Erdoğan. Er soll verstehen, was ein Mann in Sakko, er hält eine Schere in der
nen ließ und gleich mit eigenem Beispiel vo- sie will. Hand. Tasoula Hadjitofi sieht Limousinen,
ranging, mit einem Picknick vor dem Argo- Im Juli 1989 reichte eine Vertriebene aus sie fahren die Demokratie-Straße hoch. Sie
lis-Hotel. Heute will er verraten, was er mit Nordzypern eine Klage am Europäischen Ge- läuft ihnen hinterher. Hinter der Nikolai-Kir-
Famagusta vorhat. richtshof für Menschenrechte ein. Sie forderte che sieht sie noch mehr türkische Fahnen.
Tasoula Hadjitofi bringt an diesem Nach- von der Türkei eine Entschädigung für ihr Haus. Im Innenhof hinter einer Ruinenmauer
mittag zwei Kameramänner zu ihrem Paten- Sieben Jahre später sprachen ihr die Straßbur- wird eine kleine Moschee eingeweiht. Tasou-
onkel mit, sie drehen eine Doku über sie. Sie ger Richter fast eine Million US-Dollar zu. Der la Hadjitofi geht zu einem Polizisten und
setzt sich auf die Couch vor dem Fernseher. Fall löste eine Klagewelle aus, der Gerichtshof fragt: »Ist Erdoğan da?«
Das zyperngriechische Staatsfernsehen verfügte, alle weiteren Beschwerden sollen Der Beamte schnalzt mit der Zunge, nein.
zeigt eine Wiederholung der Talkshow »Hap- vor Ort geklärt werden, in Nordzypern. Sie blickt auf die Schuhe vor dem Mo-
py Hour«. Das türkische Fernsehen zeigt, wie Hadjitofi hat nie geklagt. »Es ist«, sagt sie, schee-Eingang, hört die türkische National-
man ein Rind zerlegt. Morgen ist Opferfest, »als würde man eine Vergewaltigte zum Ver- hymne, dreht sich um und geht.
dieses Jahr fällt es zusammen mit dem Jah- gewaltiger schicken.« Vor der Nikolai-Kirche bleibt sie stehen,
restag der Invasion von 1974. In der Türkei Zu den Kunden ihres Unternehmens zäh- neben einer Dienstlimousine. Sie holt ihre
heißt der Tag der Invasion »Fest des Friedens len Europol, Eurojust, die Europäische Welt- Andreas-Ikone heraus. Aus dem Lautspre-
und der Freiheit«. raumorganisation, der mittlerweile aufgelöste cher ertönen Glückwünsche zum Opferfest,
Hadjitofi erzählt ihrem Patenonkel vom Internationale Strafgerichtshof für das ehe- Tasoula Hadjitofi kniet und umklammert ihre
jungen Soldaten, der sie in der Esperidon- malige Jugoslawien. »Warum soll ich«, sagt Ikone mit beiden Händen. Sie betet, fünf Mi-
Straße festnahm. Er habe sie zum Check- sie, »ausgerechnet in einem Staat klagen, den nuten lang.
point gefahren und zum Abschied gesagt, er sonst keiner anerkennt?« Dann geht sie zum Checkpoint. Der Poli-
habe nur noch ein halbes Jahr auf der Insel. Auch in Straßburg hat sie nicht geklagt. zist, der sie vor Dummheiten gewarnt hat,
Der türkische Polizist, der ihre Tasche durch- Sie sagt, sie wolle kein Geld für ihr Haus, son- hält sich sein Handy vors Gesicht. Er hört
suchte, habe sie gewarnt, nichts Dummes dern auf dem Friedhof hinter ihrer Kirche be- Erdoğan zu.
mehr zu machen. Dann habe er gesagt, es graben werden, ohne dass ihre Kinder einen Erdoğan ist in Nikosia, 60 Kilometer von
tue ihm leid für sie, er verstehe sie, auch er Beerdigungsschein auf Türkisch erhalten. Famagusta entfernt, seine Rede wird live
sei ein Vertriebener, fünfmal sei er bereits Sie öffnet ihr Buch und signiert es für den übertragen. Der Präsident rezitiert ein Ge-
nach Limassol gefahren, er habe es nicht »lieben Herrn Erdoğan«: dicht: »Wo früher das türkische Volk in Ket-
lassen können, immer wieder die Brache se- Ich werde für Sie beten, damit Sie die rich- ten geschlagen, wo das türkische Volk abge-
hen, auf der 1974 sein Elternhaus stand. tige Entscheidung treffen und aufhören, uns schlachtet wurde, wehen heute türkische Flag-
Es riecht nach Harz und Olivenblättern wehzutun. Versuchen Sie, Ihre Seele zu retten, gen, wir sind frei.«
an diesem Nachmittag, Hadjitofis Patenonkel denn die Geister Famagustas werden Sie ver- Dann sagt Erdoğan, man werde Varosha
schenkt ihr eine Ikone. Der Heilige Andreas. folgen. Unsere Tränen passen in keine Mo- nun ganz öffnen. »Wir wollen niemandem
Sie stellt sie vor die Schüssel mit dem Weih- schee. Keine Moschee wird groß genug sein, sein Eigentum nehmen«, sagt er, man werde
rauch. um Ihre Seele zu retten. Schenken Sie mir eine dafür sorgen, dass Menschen die Stadt betre-
Sie will nicht mehr auf Erdoğan im Fern- Stunde Ihrer Zeit, egal wo auf diesem Plane- ten können, ohne sich zu gefährden. Erst mal
sehen warten, sie will Katie Famagusta zei- ten. Lassen Sie uns über Wahrheit, Frieden werde man eine Fläche von drei Prozent frei-
gen. Katie ist die Tochter ihres Patenonkels, und Versöhnung sprechen. Herzlich, Tasoula räumen, auf Dauer werde Varosha zu einem
sie war acht Jahre alt, als die Familie floh. Ka- Hadjitofi, ein Geist aus Famagusta. »Symbol für Frieden und Wohlstand«.
tie packt ein gelb kariertes Kinderkleid mit Sie klappt das Buch wieder zu, im Garten Erdoğan sagt nicht, wer hier in Zukunft
Brustknöpfen ein. Das Kleid, das sie auf der vor ihr plätschert ein Wasserbrunnen, vor leben soll. Wer die Stadt regieren soll. Um
Flucht anhatte. zwei Tagen war er noch nicht da. Am Eingang welche drei Prozent Fläche es geht.
Der Polizist am Checkpoint lächelt und
TAG 4 sagt, »alles wird gut, Tasoula«. Sie umarmt
Zwischen Checkpoint 2 und 3 sieht Tasoula ihn, dann gibt sie ihm das Buch, das sie für
Hadjitofi Trauben von Polizisten. Am Vortag Erdoğan signiert hat. »Kannst du dafür sor-
hat Erdoğan vor dem türkischen Parlament gen, dass es ihn erreicht?«
in Nikosia gesprochen, aber er hat kein Wort
über Famagusta gesagt. Offenbar hat er seine Auf einem Hügel im Norden von Limassol,
Botschaft für heute aufgehoben, für den Jah- anderthalb Autostunden von Famagusta ent-
restag der Invasion. fernt, sitzt Tasoula Hadjitofis Mutter in einem
Sie will Erdoğan nach seinem Auftritt in Sessel mit Beinstütze und starrt in einen
Famagusta ansprechen, ihn fragen, ob er mit Swimmingpool. Sie ist 92. Eine philippinische
ihr in ihrer Kirche beten würde. Sollte das Pflegerin reicht ihr einen Teller mit zwei ge-
nicht möglich sein, will sie ihm eine schrift- schälten Mangos.
liche Nachricht zukommen lassen. »Hast du unser Haus gesehen?«
Der Säulenportikus ihrer ehemaligen »Nein, Mama, aber ich war mit dem Heili-
Kunstschule ist mit türkischen Fahnen ver- gen Andreas in unserer Straße.«
hängt. Tasoula Hadjitofi setzt sich auf einen »Ich werde zu ihm beten, er möge uns end-
Stein und legt sich ein Exemplar ihres Buchs lich von den Türken erlösen.«
Julian Busch / DER SPIEGEL

»Die Ikonenjägerin« auf die Knie. Auf dem Tasoula Hadjitofis Anwalt in Athen prüft,
Cover ist ein schwarz-weißes Foto von ihr ab- ob eine Klage gegen Erdoğan persönlich
gebildet, aufgenommen bei einem Poesiewett- Chancen hat.
bewerb in dieser Schule. Sie sei etwa zwölf Für den Herbst plant Hadjitofi einen
Jahre alt auf dem Bild, es ist das einzige Kind- Marsch auf Famagusta. Hunderte Vertriebe-
heitsfoto, das sie hat, alle anderen blieben im ne sollen sich als Geister verkleiden und in
Haus in der Esperidon-Straße zurück. Protestierende Hadjitofi vor Moschee ihre Häuser gehen. ■

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REPORTER

gern zugenickt. Unter meiner Maske


all meine Emotionen: Wir lassen dich
nicht hängen, dich, deine Insel und
auch nicht deinen Onkel Toni. Jeder
zweite in der Gegend schien ein Ver-

Die elfte Plage wandter des Sandplatzkönigs zu sein.


Alle hießen Nadal. Der Bäcker, der
Apotheker, der Postmann. Dann sah
ich im Internet, dass Rafael Nadal
LEITKULTUR Alexander Osang fragt sich, ob er jemals inzwischen in Nordamerika spielt. Wa-
wieder ohne Schuldgefühle verreisen kann. shington, Kanada, Ohio. Er bereitet
sich auf die US Open in New York vor,
während ich im roten Sand stehe. Zu-
ch war gerade zehn Tage im rückgelassen auf der Insel der Sünden.
I Urlaub. Wenn mich jemand frag-
te, wo es hinging, habe ich weit
ausgeholt. Ich hatte das Gefühl, das
In der dritten Nacht bissen uns
Bettwanzen. Ich bin katholisch er-
zogen worden und narzisstisch ver-
Reiseziel einordnen zu müssen, in anlagt. Ich bezahlte für meine Sünden.
größere, vernünftige Zusammen- Die Wanzen waren natürlich eine
hänge. biblische Plage, die elfte. Neben Frö-
Ich war doppelt geimpft, meine schen, Stechfliegen, Hagel, der Vieh-
Frau war doppelt geimpft. Unsere pest und den Schwarzen Blattern.
Kinder und unsere Mütter waren Keine Ahnung, ob Gott die Bettwan-
ebenfalls doppelt geimpft und kamen ze etwas zu profan scheinen würde,
gar nicht mit. Ich hatte mich im Inter- aber ich kann sagen: Sie kann mit-

Alexander Osang / Der Spiegel


net durch komplizierte Einreiseformu- halten. Das Hotelpersonal allerdings
lare gequält. Ich lud meinen Impfnach- lächelte nur. Sie stellten uns eine Lam-
weis hoch, wohin auch immer. Wir pe unters Bett, die mich an den Licht-
bezahlten Priority Boarding, um uns kasten erinnerte, mit dem ein NVA-
am Flughafen nicht so drängen zu Arzt einst meine Rückenschmerzen
müssen. Es war unsere erste Flugreise behandeln wollte. Als das nichts half,
nach mehr als anderthalb Jahren. All die Priorisierungen, Inziden- Autor Osang brachten sie einen Eiskübel mit spa-
Man hätte unser Urlaubsziel na- zen und Warnungen, die Talkshows, im Rafael-Nadal- nischem Sekt. Sie lächelten weiter.
Tenniscenter
türlich auch mit fünf Buchstaben be- Brennpunkte, Virologen und Minister- in Manacor Wir saßen im Hotel California.
schreiben können. Malle. präsidentenrunden, am Ende blieb You can check out any time you like.
Ich habe mich vor einer Urlaubs- ein Mann mit einem Schild auf dem But you can never leave.
reise selten so schuldig gefühlt. Im Kurt stand. In den Nachrichten brannte Grie-
Flugzeug hoffte ich, vor allem deswe- Wir verhielten uns weiterhin vor- chenland ab, ein türkisches Kohle-
gen nicht abzustürzen, weil mir dann bildlich. Wir trugen in unserem ab- kraftwerk fing Feuer, Sardinien ging
der Kontext fehlen würde. Man wür- gelegenen, wunderschönen Hotel häu- in Flammen auf. Alles, was wir dem
de nicht mehr erkennen können, dass figer eine Maske als zu Hause. Wir entgegenzusetzen hatten, waren
ich meine Maske vorbildlich trug und mieden die belebten Urlaubsregio- unsere Masken, unsere Faustgrüße,
nicht unter der Nase wie der Dicke nen. Nur einmal schnorchelten wir die keimfreien Yogamatten und das
vor mir. Ich stellte mir vor, wie Men- im offenen Meer, an einer verlasse- Priority Boarding. Niemand am BER
schen die Passagierliste der Unglücks- nen Küste, die man nur über steile wollte bei unserer Rückkehr irgend-
maschine studierten und dachten: Klippen erreichen konnte. Wir des- einen Nachweis sehen. Jede biblische
BER-Palma? Selbst schuld. infizierten unsere Tauchflossen. Ich Plage schien willkommen in Branden-
Es gab niemanden, dem ich mei- saß mit Sicherheitsabstand am Pool, burg. Heuschrecken? Hereinspaziert!
nen guten Willen vorführen konnte. abends sah ich im Fernsehen die Welt Am Gepäckband las ich noch Emp-
Weder in Deutschland noch in Spa- brennen. Wie Annalena Baerbock fehlungen zum Thema Wanzen: nach
nien. Keiner wollte meine Handy- wollte ich, dass alle Inlandsflüge über- der Ankunft sofort die Koffer in der
Brieftasche sehen, in der mein Impf- flüssig werden. Ich sprühte meine Badewanne ausschütten, anschließend
nachweis und das vorbildlich aus- Yogamatte mit Desinfektionsmitteln helfen extreme Hitze oder Kälte.
gefüllte Einreisedokument griffbereit ab, bevor ich mich darauflegte. Ich Zu Hause verpackte meine Frau
lagen. Sie wollten nicht mal meinen buchte Timeslots für die Dampfsauna, unsere Sachen in Plastiktüten und tat
Personalausweis sehen. Alle winkten um nicht anderen Urlaubern zu be- sie ins Tiefkühlfach, zum Wodka.
uns durch. Am Schluss hoffte ich, gegnen. Wir trafen uns mit deutschen Wir des- Heute Morgen zog ich eiskalte Jeans
wenigstens die Mietwagenfirma da- Freunden und Bekannten, die eben- an. Ich fühlte mich kurz wie im Levi’s-
von überzeugen zu können, dass ich falls auf der Insel waren, einige von infizierten Werbespot aus den Achtzigern. Dann
nicht leichtfertig die spanische Volks- ihnen Ärztinnen. Wir begrüßten uns unsere spürte ich meine nagelneuen, teuren,
gesundheit auf Spiel setzte. Aber da mit der Faust. kabellosen Kopfhörer in der Hosen-
stand nur ein Mann mit einem gelben Wir spielten Tennis auf der Anlage Tauchflossen. tasche. Die weiße Box war kalt wie
Schild im Parkhaus des Flughafens. in Manacor, die der Profi Rafael Nadal Ich saß mit ein Eiswürfel, die Kopfhörer schwie-
Auf dem Schild stand »Kurt«. Der in seinem Geburtsort errichten ließ. gen im Kälteschock. Aber in meinem
Mann sagte, dass wir das Auto am Wir nahmen die Maske erst auf dem Sicherheits- Kopf sangen die Eagles immer weiter
Ende einfach wieder hier zurücklas- Platz ab. Ein Bekannter, der eine Finca »Hotel California«.
sen sollten. Tank halb voll, Schlüssel in der Nähe besitzt, sagte mir, Nadal
abstand am Du kannst jederzeit auschecken.
im Kofferraum. trainiere hier selbst. Ich hätte Rafa Pool. Aber weg kommst du nicht. ■

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 57


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WIRTSCHAFT

Sepp Spiegl / action press


Zerstörte Hotelbar in Bad Neuenahr

Milliarden für den Wiederaufbau


FLUTK ATASTROPHE Unternehmen bekommen sechs Monate lang 80 Prozent ihrer Gewinneinbußen ersetzt,
Hausbesitzer 80 Prozent ihrer Schäden. Allein für 2021 stehen 16 Milliarden Euro bereit.

D ie Bundesregierung hat sich auf wichti-


ge Details für die Regulierung der Flut-
schäden verständigt. Noch in diesem
Jahr stehen 16 Milliarden der insgesamt 30
stellung ihrer zerstörten Gebäude notwendig
wären. In Härtefällen sollen auch 100 Pro-
zent entschädigt werden. Bei mobilem Eigen-
tum, etwa Autos oder der Inneneinrichtung
lohns vom Staat weiterbezahlt. Am Mitt-
woch hatten rund 40 Bürgermeister und
Ortsvorsteher aus dem Ahrtal in einer Tele-
fonschaltkonferenz mit dem Kanzleramt
Milliarden Euro aus dem Hilfsfonds zur Ver- von Häusern, wird der Zeitwert erstattet. eine Sonderwirtschaftszone für das Einzugs-
fügung. Aufbauhilfe für Privathaushalte und Bei ihren Hilfen orientieren sich Bund gebiet der Ahr gefordert. Kanzleramtsminis-
Unternehmen werde geleistet, »soweit die und Länder an einer Elementarversiche- ter Helge Braun (CDU) lehnte das Ansinnen
Schäden nicht durch Versicherungen oder rung. Wer von den Betroffenen eine solche mit Verweis auf die umfangreichen Hilfen
sonstige Dritte abgedeckt sind«, heißt es in schon abgeschlossen hat, bekommt aus dem von Bund und Ländern als nicht notwendig
dem Gesetzentwurf. Eine Staatssekretärsrun- staatlichen Fluthilfefonds die Differenz ab. Die Gemeindechefs berichteten von
de aus beteiligten Bundesressorts einigte sich bis zur vollständigen Erstattung der Schäden 8800 zerstörten Häusern im Ahrtal. Von
am Donnerstag darauf, dass durch die Flut ge- ausgezahlt. Umstritten ist noch, ob zerstörte 68 Weinbaubetrieben und Kellereien seien
schädigte Unternehmen ein halbes Jahr lang Häuser auch an gefährdeten Stellen wieder 58 zerstört oder nicht mehr erreichbar.
80 Prozent ihrer Gewinneinbußen ersetzt be- errichtet werden dürfen. Angestellte geschä- Rheinland-Pfalz will in den Hochwasserge-
kommen. Hausbesitzer erhalten 80 Prozent digter Unternehmen können in Kurzarbeit bieten ein Traumazentrum errichten, an dem
der Kosten erstattet, die für die Wiederher- gehen und bekommen 67 Prozent des Netto- sich der Bund möglicherweise beteiligt. GT, REI

60 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


Facebook drohte die Arbeit daher abgebrochen.
Ende Juli hatte Facebook auch
kritischer NGO US-Wissenschaftler von der
SOCIAL MEDIA Facebook hat Plattform verbannt, die zum
ein Forschungsprojekt der deut- Netzwerk forschten. »Facebook
schen NGO AlgorithmWatch geht weiter aggressiv gegen
beanstandet – und damit für jeden Versuch vor, für mehr
dessen Ende gesorgt. Die Berli- Transparenz auf den eigenen
ner Organisation wollte mehr Plattformen zu sorgen«, so
über den Algorithmus der Spielkamp. Beim Konzern heißt

Arne Dedert / dpa


Facebook-Tochter Instagram es: »Wir begrüßen Studien über
herausfinden und bot dazu eine unsere Plattform, solange die
Browser-Erweiterung an, die Privatsphäre unserer Nutzerin- Terminal am Flughafen Frankfurt
1500 Nutzer und Nutzerinnen nen und Nutzer durch diese
herunterluden. Erste Analysen nicht beeinträchtigt wird.«
der so eingehenden Daten AlgorithmWatch will EU-Par- Lufthansa lässt lichen Wartezeiten zuletzt auf
zeigten, dass Politiker-Posts auf lamentarier nun auffordern, im Vorkrisenniveau gebracht,
Instagram besonders gut ohne »Digital Services Act« den Zu- warten heißt es dazu beim Unterneh-
Text funktionierten. Zudem gang für unabhängige Forschung LUFTFAHRT Kunden von Luft- men. Zudem berichten Luft-
schien der Algorithmus Bilder sicherzustellen. PBE, ROM hansa klagen derzeit über extre- hansa-Gäste von Problemen
von spärlich bekleideten Men- me Wartezeiten, wenn sie mit beim Upload von Test- und
schen zu bevorzugen; Facebook dem Lufthansa-Servicecenter Impfnachweisen. Trotz vollstän-
bestritt die Ergebnisse und lud telefonieren wollen. Mitunter dig hochgeladener Zertifikate
zum Gespräch. Dabei habe man schmoren Anrufer länger als eine würden Fehlermeldungen ange-
ihnen vorgeworfen, gegen die Stunde in der Leitung. Deutsch- zeigt, sodass sich teilweise keine
Nutzungsbedingungen zu ver- lands größte Airline bestätigt Bordkarte ausstellen lasse.
stoßen, und »kaum verhohlen die Probleme. Man verzeichne Lufthansa sagt, man arbeite
Elijah Nouvelage / REUTERS

juristische Schritte angedroht«, eine »außerordentlich hohe »mit Hochdruck« an einer auto-
so Matthias Spielkamp von Anzahl an Kundenkontakten«, matisierten Verifizierung, zu-
AlgorithmWatch. Auf einen auch seien Buchungsanfragen dem trete das Problem zwischen-
Rechtsstreit mit dem Milliarden- derzeit komplex. Offenbar zeitlich seltener auf. Auch an
konzern habe man es nicht reichen dafür die vorhandenen den Flughäfen kommt es aktuell
ankommen lassen wollen und Kapazitäten nicht aus. Selbst oft zu langen Wartezeiten.
Vielfliegern mit Senator-Status Das Personal ist derzeit knapp,
erging es nicht besser. Aller- zudem nimmt die Prüfung
Mieter und zeigt eine ZEW-Modellrech- dings habe man für diese Kun- von Test- und Impfunterlagen
nung, müsste der CO2-Preis auf dengruppe die durchschnitt- viel Zeit in Anspruch. MUM
Autofahrer sollen Diesel oder Heizöl im nächsten
entlastet werden Jahrzehnt auf über 300 Euro
pro Tonne steigen. Dabei wäre Entschädigung für
ENERGIE Um die Kosten der es viel billiger, den Kohlen-
Klimawende zu verringern, dioxid-Ausstoß in der gewerb- ausbleibende Gäste?
plädiert das ZEW Leibniz- lichen Wirtschaft zu reduzieren, GASTRONOMIE Der Chef der
Zentrum für Europäische Wirt- argumentiert das Institut. Wür- Gastrokette L’Osteria, Mirko
schaftsforschung dafür, Autofah- de das erlaubte CO2-Budget Silz, fürchtet angesichts der
rer und Mieter weniger stark zu dort auf 25 Prozent des Gesamt- jüngsten Coronabeschlüsse
belasten als geplant. Nach den ausstoßes reduziert, stiege der anhaltend weniger Gäste und
derzeitigen Minderungszielen Kohlendioxidpreis im Verkehrs- fordert mehr staatliche Unter-
der EU dürfen 2030 lediglich 61 und Gebäudesektor auf ledig- stützung. »Sollten wir durch die
Prozent des CO2-Ausstoßes aus lich 100 bis 150 Euro pro Tonne. neuen Maßnahmen zum wieder-
dem Verkehrs- und Gebäude- Für Industrie und Stromwirt- holten Mal starke Umsatzein-
sektor kommen, der Rest ent- schaft betrüge er dann der ZEW- bußen erleiden, muss der Staat
Florian Deventer

fiele auf Industrie und Energie- Kalkulation zufolge 70 bis 90 auch wieder hierfür aufkom-
wirtschaft. Bliebe es dabei, so Euro je Tonne. Volkswirtschaft- men«, so der Systemgastronom,
lich würden sich die Kosten der dessen Restaurantmarke an
Klimawende damit von 2,6 Pro- 130 Standorten in acht Ländern Silz
zent des Bruttoinlandsprodukts vertreten ist. Dies könne durch
auf 1,5 Prozent vermindern – eine Verlängerung bestehender lich arbeiten können«, sagt Silz.
eine Ersparnis von mehr als 35 oder mittels neuer Hilfspro- Gäste seien es gerade wieder
Julian Stratenschulte / Picture-Alliance / dpa

Milliarden Euro pro Jahr. Die gramme geschehen. Sein Unter- gewohnt, ohne großen Aufwand
nächste Bundesregierung solle nehmen behalte sich zudem ein Restaurant besuchen zu
sich deshalb dafür einsetzen, vor, Coronaverordnungen der können. Wenn die erste Eupho-
die Gewichte bei der Klima- einzelnen Bundesländer juris- rie über die Wiederöffnung
wende zu verschieben, heißt es tisch prüfen zu lassen. »Natür- verflogen sei und Tests für Un-
in einem ZEW-Papier mit lich steht für uns die Gesundheit geimpfte von Mitte Oktober
»Empfehlungen zur Wirtschafts- unserer Gäste und Mitarbeiter an kostenpflichtig würden, rech-
politik« in der kommenden stets im Fokus, aber wir wol- ne er mit weiteren leichten Um-
Legislaturperiode. MSA len und müssen auch wirtschaft- satzrückgängen. MMQ

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 61


WIRTSCHAFT

Dr. Claus und


Mister Dietrich
MODE Claus-Dietrich Lahrs hat für Luxuslabels wie Dior und Louis Vuitton
gearbeitet und Hugo Boss in ungeahnte Dimensionen katapultiert.
Nun soll er die fränkische Marke s.Oliver zu neuen Höhen führen – mit einem
machtbewussten Inhaber im Hintergrund. Kann das gut gehen?

ei s.Oliver kursiert ein Witz. nur Menschen vermögen, die viel


B Er handelt von Claus-Dietrich
Lahrs, dem CEO der Mode-
firma, und seinen beiden Vornamen.
über ihre Wirkung nachdenken.
Der 58-Jährige ist einer der weni-
gen deutschen Modemanager mit in-
Die trage er, so wird intern gefrotzelt, ternationaler Laufbahn. Er arbeitete
weil er zwei Persönlichkeiten habe. in New York und Paris, für Cartier,
Eine nette und eine Furcht einflößen- Louis Vuitton und Dior, nach fast acht
de, wie Dr. Jekyll und Mister Hyde. Jahren als Boss bei Hugo Boss leitete
Vor einem Meeting wisse man nie, er zuletzt das Mailänder Luxuslabel
mit welchem von beiden man es gleich Bottega Veneta.
zu tun haben werde, sagen Mitarbei- Umso größer war die Überraschung,
ter. Mit dem zuvorkommenden, nah- als Lahrs im November 2019 in der
baren, charmanten Claus. Oder dem fränkischen Walachei aufschlug, bei
kalten Dietrich, der Leute bloßstelle. dem bodenständigen s.Oliver in Rot-
Spricht man ihn auf seinen Ruf tendorf. Einer Marke, die für ihn
an, reagiert Lahrs keineswegs über- eigentlich zu unbedeutend ist. Doch
rascht, sondern verweist auf sein der Vertrag soll üppig dotiert sein, mit
Sternzeichen Zwilling: »Wir sind da- jährlich mehreren Millionen Euro,
für bekannt, zwei Gesichter zu ha- was Lahrs nicht kommentiert. Die
ben.« Seinen Führungsstil beschreibt Platz sieben Aufgabe ist ebenfalls enorm.
er als »relativ fordernd«. Er sage deut- Sie besteht darin, ein Unterneh-
lich, was er »für richtig halte«. Die größten deut- men aufzupäppeln, dem es schon mal
schen Modemarken
Der Lahrs, der Ende April einen nach Umsatz 2019, besser ging. Lahrs trat an mit dem
Reporter und eine Fotografin vom in Mrd. Euro Ziel, den Umsatz bis zu seinem Ver-
SPIEGEL durch die s.Oliver-Zentrale Adidas-Gruppe
tragsende 2024 zu verdoppeln, auf
führt, muss Claus sein. Er lächelt 23,6
rund 2,5 Milliarden Euro, und agierte
Angestellte an, plaudert und scherzt als harter Sanierer. In der Coronazeit
mit ihnen. Puma trennte er sich von 500 Angestellten.
»Super«, sagt Lahrs, als zwei Mit- 5,5 Die Pandemie machte Lahrs zum
arbeiterinnen ihm die Kollektion prä- Hugo Boss Krisenmanager. Und dann war da
sentieren, die im August ausgeliefert 2,9 noch eine andere Naturgewalt, die
werden soll, angefangen bei den Ta- es in Schach zu halten galt: Bernd
schen. »Der Griff: super. Der kleine C&A Deutschland Freier, 74. verschliss er drei CEOs, einer davon
Anhänger: super genäht.« Er preist 2,2 Der Eigentümer von s.Oliver ist hielt sich nur zehn Monate, zwischen-
T-Shirts mit aufgedrucktem Smiley Kik einer der kauzigsten deutschen Un- durch führte Freier wieder die Ge-
für ihre Fröhlichkeit und fasst eine 2,1 ternehmer. Ein fränkischer Dickschä- schäfte.
Jacke aus Kunstleder an: »Wie But- del und Choleriker, gelernter Karos- Lahrs ist Versuch Nummer vier. Er
ter!« Was die Damen in den vergan- New Yorker seriebauer und Selfmademan. 1969 hat es geschafft, dass Freier sich aus
genen Monaten geschafft hätten, sei 1,9 gründete er die Marke, die er nach dem Tagesgeschäft heraushält und al-
enorm: »Egal in welches Teil man s.Oliver-Gruppe* Oliver Twist benannte, das »s« steht lenfalls noch im Hintergrund herum-
reingreift – es fühlt sich gut an.« 1,3 für Sir. geistert. Wird es diesmal gut gehen?
Er selbst trägt Hemd und Anzug. Freier gibt kaum Interviews und Ende Januar, Lahrs sitzt in seinem
Lahrs, schlanke Taille, graues Haar, Esprit lässt sich selten fotografieren. Intern Büro in Rottendorf, das Gespräch
durchdringender Blick, verströmt die 1,1 war er dafür umso präsenter. Rund findet per Video statt, es sind die Mo-
Eleganz eines französischen Aristo- Takko 50 Jahre lang leitete er das Unterneh- nate, in denen persönliche Treffen
kraten. Der Fotografin liefert er auf 1,1 men, war rund um die Uhr im Ein- möglichst zu vermeiden sind.
dem Rundgang beste Bilder, indem satz, dasselbe verlangte er von Füh- Durch den zweiten Shutdown ist
* u. a. s.Oliver, Comma,
er sich automatisch so lässig vor Re- Liebeskind Berlin rungskräften. Beim Versuch, sich von s.Oliver nicht nur das Weihnachts-
gale und Kleiderstangen stellt, wie es S Quelle: Textilwirtschaft der Firmenspitze zurückzuziehen, geschäft entgangen, sondern auch je-

62 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


WIRTSCHAFT

Sonja Och / DER SPIEGEL


Manager Lahrs in Rottendorf

nes zwischen den Jahren, wo Leute sich sonst attraktiv schienen, »in Detroiter Verhältnisse Jahr um 20 Prozent geringer aus als in dem
schicke Sachen kaufen für Silvester. Der abrutschen«. Eine Stadt, gezeichnet von Leer- davor, für 2021 rechnet Lahrs noch mal mit
Onlinehandel fange 30 Prozent des entfalle- stand. einem Minus von zehn Prozent.
nen Geschäfts von s.Oliver auf, sagt Lahrs. Der Shutdown zieht sich. Er selbst hingegen dürfte von der Shut-
Die Frage sei, welche Januar- oder Februar- Im April startet s.Oliver eine Werbekam- down-Zeit profitiert haben. Lahrs avancierte
mode man noch im März anbieten könne. pagne. Der neue Claim heißt »Looks, die dein im vergangenen Jahr zu einer Art Branchen-
Nur 20 Prozent der Ware ist zeitlos: blaue Leben schreibt«. Lahrs lässt auch den s.Oli- sprecher. Seine Rhetorik ist geschliffen, seine
Jeans, weiße T-Shirts, schwarze Socken. ver-Schriftzug verändern, der hat jetzt weni- Stimme so sonor, dass er Humphrey Bogart
Lahrs ist zu der Zeit noch zuversichtlich, ger Schnörkel. synchronisieren könnte. In Zeitungs- und
dass es im März wieder losgeht. Wie werden Bis die Geschäfte tatsächlich wieder öffnen Radiointerviews appellierte er an die Regie-
die Kunden reagieren, wenn der Shutdown dürfen, ist es Mai. Um Kunden anzulocken, rung, Hersteller und Händler nicht zu ver-
vorüber ist? »Es wird viel davon abhängen, organisiert s.Oliver kleine Events, die im gessen.
wer alles dabei ist. Falls die Läden aufhaben, Internet übertragen werden, darunter ein Und Corona könnte ihm noch auf andere
aber die Gastronomie geschlossen bleibt, strö- Schaufensterkonzert mit Tim Bendzko in der Weise helfen. Die Pandemie hat ihm Zeit ver-
men die Leute nicht in die City. Innenstädte Stuttgarter Filiale. schafft. Selbst der ungeduldige Patriarch Frei-
funktionieren nur als Ganzes.« Er sehe die Corona hat s.Oliver einen harten Dämpfer er ist in diesen Monaten nachsichtig. Wie es
Gefahr, dass auch Zentren, die bislang noch versetzt. Der Umsatz fiel im vergangenen der Marke wirklich geht, wird sich erst zeigen,

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 63


WIRTSCHAFT

wenn sich die Welt einigermaßen nor- unter 200 Tage, die Kollektion hat er als zu teuer, die Nachfrage der Kun-
malisiert hat. von zwölf auf zehn jährlich reduziert. den wiederum als zu gering.
Schon vor Corona hatten es deut- Zwei andere Maßnahmen hingegen Profitiert haben vor allem zwei
sche Modemarken schwer. Der On- werden skeptisch beäugt, intern wie Akteure. Der damalige Großaktionär,
linehandel setzte ihnen zu, ebenso extern. die Beteiligungsgesellschaft Permira,
Billiglabels wie Primark. Escada, Die erste: Lahrs hat die Preise an- die Lahrs geholt hatte, satten Gewinn
Esprit und Tom Tailor kämpften um gehoben, um bis zu 20 Prozent. »Ris- einstrich und rechtzeitig wieder aus-
die Existenz, Strenesse stellte seinen kant« nennt ein s.Oliver-Manager stieg. Sowie Lahrs selbst, dank einer
Betrieb im vergangenen Jahr ein. Bei das. Die Kunden in den 360 eigenen indirekten Beteiligung.
s.Oliver hatte sich der Gewinn zwi- Filialen würden das vielleicht mit- 2016 schied er im Streit mit dem
schen 2017 und 2019 halbiert, auf machen, in Modehäusern indes griffen Aufsichtsrat. Danach rauschte das Ge-
44 Millionen Euro. sie vermutlich eher zu günstigeren schäft von Hugo Boss ab. Lahrs sagt,
Umso entschiedener tritt Lahrs Textilien, von Tom Tailor oder Esprit. er halte seine damalige Strategie noch
nun auf. Die beiden Entlassungswel- Lahrs sagt, die Preiserhöhung sei immer für richtig, »man hätte sie nur
len im vergangenen Jahr ließ er sich nötig, auch weil Rohstoff- und Trans- konsequent fortsetzen müssen«.
50 Millionen Euro kosten. Bereits portkosten gestiegen seien. In der Modewelt ist sein Image
unter Freier hatte es Pläne für Kün- Die zweite Maßnahme: Er will die seither angekratzt. Trotzdem mel-
digungen gegeben, allerdings war das Zahl der s.Oliver-Filialen erhöhen, dete sich wenig später Branchen-
Herz des Patriarchen zu weich, sie um zehn pro Jahr, in besten Lagen, Urviech Freier, um ihn zu s.Oliver zu
umzusetzen. Denn auch Freier hat beginnend noch 2021. München, lotsen. Freier gilt als Trophäensamm-
zwei Gesichter. Kaufingerstraße; Hamburg, Jungfern- ler, der gern teure Manager einkauft.
Er ist beides: Menschenschinder – stieg; Köln, Hohe Straße. Allein schon, um zu zeigen, dass er
und Menschenfänger. BF, wie er in- Den Preis hochschrauben, Läden sie sich leisten kann.
tern heißt, hielt den Laden auf Trab. in exklusiver Umgebung eröffnen. Es Weil Freier noch nicht bereit war,
Verschickte frühmorgens schon SMS, sind die gleichen Rezepte, die Lahrs sich aus dem Operativen zurückzu-
störte Angestellte im Urlaub und rief seinerzeit bei Hugo Boss anwandte, ziehen, ging Lahrs lieber zu Bottega
auch mal nachts an, wenn er dienst- nicht nur zum Besten der Marke. Veneta. 2018, als Freier abermals
lich in Hongkong war und die Zeit- Zwar explodierte mit jedem neuen ohne CEO dastand, verhandelten die
verschiebung vergessen hatte. Seine Laden der Umsatz, der Aktienkurs beiden erneut. Nach monatelangem
Lunte ist kurz, seine Wortwahl nicht stieg in ungeahnte Dimensionen. Ringen gab der alte Herr klein bei.
Selfmademan
immer fein. Freier 2000: Doch der vermeintliche Erfolg ent- Er verließ den Beirat. Und sein Büro
Freier soll Führungskräfte ange- »Schauen, glotzen, puppte sich als hochgejazzte Börsen- im Hauptgebäude.
herrscht haben, er schlage ihnen die schlaumachen« story. Viele Standorte erwiesen sich Wie schwierig es sein muss, mit
Vorderzähne raus. Dann wieder küm- Bernd Freier zu verhandeln, lässt sich
merte er sich rührend, wenn eine von erahnen, wenn es bloß darum geht,
ihnen erkrankt war. Bei Weihnachts- ein Interview mit ihm zu verabreden.
feiern beschwor er in seinen Reden Ein für Anfang Mai anberaumter
so eindringlich den Zusammenhalt, Termin wird kurzfristig verschoben,
dass die Belegschaft sich erhob und weil jemand aus seiner Familie er-
ihm minutenlang applaudierte. krankt ist.
Freier sei wie ein Bergführer, der Auch in den folgenden Monaten
einen auf dem Weg nach oben derart kommt ihm immer wieder etwas da-
drangsaliere, dass man ihm an die zwischen. Eine Reise nach Slowenien
Gurgel gehen möchte, sagt ein Ex- und Italien. Der Versuch, eine Firma
Mitarbeiter. Auf dem Gipfel danke zu kaufen. Ein Impftermin. Freiers
man es ihm. »Bernd ist ein positiv neun Enkel, für die er seinen Pool
Verrückter, deshalb ist er so weit wärmen muss. Irgendwas mit seinem
gekommen«, sagt Armin Fichtel, Testament. Freunde von ihm erkran-
der s.Oliver zweieinhalb Jahre lang ken schwer. Einer stirbt. Freiers Haus
leitete. am Tegernsee ist von Hochwasser be-
Unter Lahrs hingegen sei die Stim- droht. Schließlich kommt es doch zu
mung nicht sonderlich gut, heißt es einem Treffen.
aus dem Unternehmen. Er dulde Rottendorf, Mitte Juli. Ein Büro-
wenig Widerspruch. L’état c’est moi. gebäude am anderen Ende des s.Oli-
Manche Mitarbeiter resignieren, an- ver-Geländes, 500 Meter entfernt
dere flüchten. »Es gab mal eine herz- von Lahrs’ Büro.
liche Kultur. Jetzt ist sich jeder selbst Freier betritt den Konferenzraum,
der Nächste«, sagt einer. Das liege groß, stämmig, weißes Haar, er hat
daran, dass Lahrs langjährige Füh- kurze Hosen an und stellt einem eine
rungskräfte entlassen und dafür Ver- Flasche Öl hin, angefertigt aus Oliven
bündete von Hugo Boss geholt habe, von seiner Finca auf Mallorca. Ohne
die den Altgedienten als »Jasager« Begrüßung fängt er an, über seine
Van Eick / picture alliance / dpa

gelten. Firma zu reden.


Was sie ihm zugutehalten: Er hat Unterm Arm trägt er eine Klar-
das Unternehmen dynamischer ge- sichthülle mit Zeitungsausrissen.
macht. Lahrs hat den Zeitraum von »Hier, das könnte Sie interessieren«,
der Idee bis zum fertigen Produkt ver- sagt er und schiebt einen Artikel aus
kürzt, von durchschnittlich 330 auf der »Frankfurter Allgemeinen Sonn-

64 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


WIRTSCHAFT

Eva Schroeder Oertwig / picture alliance

Jacopo Raule / Getty Images


Wolfram Scheible
1 2 3

tagszeitung« herüber, in dem es um gegen Lahrs ein. Dass der Ergebnisse Mann der Marken sich zugeschnitten hat. Und aus bio-
einen 89 Jahre alten Hedgefonds- liefern müsse. Dass der sich auch et- 1 | Lahrs als Chef von logischen Gründen.
Manager geht. was einfallen lassen müsse zum The- Louis Vuitton bei einer Je älter Freier wird, desto schwie-
Jeden Morgen reißt er irgendwas ma Nachhaltigkeit, was Freier im fort- Eröffnung in Berlin 2000 riger würde es für ihn, im Notfall wie-
2 | als Vorstandsvorsit-
aus der Tagespresse heraus; Freier geschrittenen Alter zunehmend am zender von Hugo Boss der selbst die Firma zu leiten. Zumal
steht meist um vier Uhr auf. Die Ar- Herzen liegt. Nicht nur nebenbei er- in Metzingen 2011 von seinen alten Getreuen, die ihn
tikel verteilt er tagsüber in der Firma, wähnt er, dass er ein besseres Golf- 3 | als CEO von Bottega unterstützen könnten, nach zwei Ent-
manche fotografiert er und verschickt Handicap habe als Lahrs. Veneta auf der Mailän- lassungswellen kaum noch welche
der Fashion Week 2017
sie als SMS, auch Lahrs wird regel- Weggefährten sagen, Freier leide übrig sind.
mäßig bedacht. Alle paar Wochen bis heute unter einem Minderwertig- Wie man sein Lebenswerk ruinie-
mailt Freier ihm einen kleinen Report keitskomplex. Sein Vermögen wird ren kann, hat er an seinem Freund
mit Anregungen, mal geht es um zwar auf mehr als zwei Milliarden Gerd »Gerry« Weber gesehen. Der
Strickmode, mal um Marketing- Euro geschätzt, auf der »manager ma- zog sich zu spät aus seinem Mode-
ideen zur Fußballeuropameister- gazin«-Liste der reichsten Deutschen unternehmen zurück, übergab an
schaft. Dass Lahrs nicht die Zeit hat, belegt seine Familie Platz 113, doch seinen Sohn, der glücklos agierte. Am
das alles zu lesen, ist ihm durchaus die Armut seiner Kindheit und seine Ende geriet die Firma in die Insol-
bewusst. fehlende Bildung hat Freier bis heute venz und arbeitet seither mit tief-
Freier spricht mit starkem fränki- nicht vergessen. roten Zahlen weiter. Weber, zuletzt
schen Idiom. Er denkt schneller, als »Ich bin in einem Bunker ohne geistig nicht mehr auf der Höhe, ver-
er reden kann. Manchmal wechselt Fenster aufgewachsen, zehn Perso- starb voriges Jahr.
er mitten im Satz das Thema. Ver- nen, eine Toilette, keine Badewanne. Freiers drei Töchter zeigen wenig
glichen mit Freier hat eine Hummel 1952 hatten wir die erste richtige Interesse an s.Oliver, Sohn Christian
buddhistische Züge. Wohnung. Da ist das größte Bestre- sitzt zwar im Beirat der Firma, auf
Er sagt, es solle in diesem Gespräch ben, dass du aus dieser Kacke raus- den Chefposten scheint es ihn nicht
nicht so sehr um ihn gehen. Dann geht kommst. Als ich sechs war, wurden zu drängen.
es doch sehr um ihn. Um seine Reisen meine älteste Schwester und ich Inzwischen überlegt Freier sogar,
nach Asien, wo s.Oliver 400 Mitar- nachts um drei geweckt und haben sich ganz von s.Oliver zu trennen.
beiter hat, um die »Hunderten Fabri- Zeitungen ausgetragen.« »Ich denke darüber nach, was meinen
ken«, die er in Indien besucht habe. Freier hat nie Englisch gelernt und Kindern und Enkeln mehr nutzen
Wie er Gerhard Schröder schrieb, er nicht studiert. Er hat nichts Welt- würde. Eine Firma, die sie verwalten
solle Anzüge von s.Oliver tragen, läufiges, anders als Lahrs. Dessen müssten. Oder ein Vermögen, resul-
nicht nur Brioni, und daraufhin ins Vater war Vorstand bei Thyssenkrupp, tierend aus einem Verkauf. Denkbar
Kanzleramt eingeladen worden sei. Lahrs studierte internationales Ma- wäre auch eine strategische Partner-
Und dass er Tag und Nacht im Inter- nagement und erwarb einen Ab- schaft. Oder ein Börsengang. Das
net sei, »schauen, glotzen, schlauma- schluss an einer französischen Elite- werden wir in den kommenden Jah-
chen«, vielleicht 150 000 Bilder von schule. Aus Freiers Sicht der Richtige, ren entscheiden.«
Klamotten habe er auf dem Handy. um seinen alten Traum umzusetzen, Ginge es darum, das Unterneh-
Aber natürlich halte er sich operativ s.Oliver in eine internationale Marke men für einen Verkauf aufzuhüb-
raus. Notgedrungen. umzuwandeln. schen, könnte Lahrs die Idealbeset-
Dass er 2019 seinen Rückzug be- Bislang macht das Unternehmen zung sein. Bis dahin kann Freier seine
siegeln musste, habe er empfunden, nur 15 Prozent seines Umsatzes au- Meinung jedoch noch häufig ändern.
als unterschriebe er das eigene Todes- ßerhalb Deutschlands, Österreichs Seine Wege sind unergründlich.
urteil, heißt es in Freiers Umfeld. Er und der Schweiz. Lahrs peilt das Nach dem Gespräch bietet er an,
winkt ab: Das klingt ihm zu drastisch. Doppelte an, will etwa in Slowenien, einen nach Würzburg zum Bahnhof
»Es war eher wie ein Hurrikan.« Am Tschechien, Polen und Russland an- zu fahren, der liege ja mehr oder
Ende sei ihm das Aufhören gar nicht greifen. Im vergangenen Jahr fing er weniger auf seinem Heimweg. An der
so schwergefallen, sagt er. Wobei in an, Englisch als Konzernsprache ein- Ampel müsste Freier sich in einer der
ihm »noch Saft drin« sei. Die Zusam- zuführen, etwa bei den Townhall- Freier ist beiden Linksabbiegerspuren einord-
menarbeit mit Lahrs sei für beide Meetings. Ob das hilft? Milliardär, nen. Weil ihm die Schlangen zu lang
zunächst nicht einfach gewesen, in- In der Branche wird kolportiert, sind, überholt er rechts und fädelt
zwischen habe man »einen guten Freier müsse, falls er sich ins Tages-
aber er sich kurz vor der Ampel links ein.
Weg gefunden«. geschäft einmische, Lahrs einen zwei- hat nichts »So ist mein Charakter«, sagt er. Sei-
Mehrmals sagt er, Lahrs sei »der stelligen Millionenbetrag bezahlen. Weltläufiges. ne Einfälle seien nicht immer ange-
Beste«. Ein »ganz anderes Kaliber« Lahrs dementiert die Zahl. Doch Frei- nehm für die Leute. Aber manchmal
als seine Vorgänger. »Absolut klar im er ist seinem CEO ohnehin ausgelie- Anders müsse man eben improvisieren.
Kopf.« Zugleich streut er Spitzen fert. Weil Lahrs die Firma ganz auf als Lahrs. Alexander Kühn ■

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 65


WIRTSCHAFT

Neues Deutschland (V) Seit mehr als einem Jahr hält die Coronakrise das Land neuen Maschinen. Roboter schwei-
im Griff, doch allmählich gerät die Zukunft in den Blick: Wie schaffen wir es, ßen Stahlgerüste, schneiden Holz,
dass es besser weitergeht? Der SPIEGEL geht dieser Frage in einer Sommerserie nach Metall oder Kunststoffe zu und helfen
und beschreibt Personen und Projekte, die zeigen, welche Innovationskraft bei der Ernte. Im italienischen Berga-
in der Wirtschaft steckt – und dass es Lust machen kann, an morgen zu denken. mo hat ein Automat gar die Aufgabe
des Gelatiere übernommen. Er formt
perfekte Eiskugeln und drapiert sie
in Waffeln. Zur Freude der staunen-
den Kundschaft.
Julia Arlinghaus, 38, Leiterin des
Fraunhofer-Instituts für Fabrikbe-

Die Mensch-Maschinen trieb und Fabrikautomatisierung,


sieht den Mittelstand an einem
»Wendepunkt«. Fachkräftemangel
und steigende Konkurrenz aus dem
Ausland machten vielen Familien-
INNOVATIONEN In Deutschlands Unternehmen werden mehr Roboter
betrieben zu schaffen. Wollten sie in
eingesetzt als in jedem anderen Land Europas. Die Automaten fünf Jahren noch in Deutschland pro-
helfen in Industrie und Handwerk, bei der Ernte und auf dem Bau. duzieren, bleibe ihnen gar nichts
Werden sie bald zum selbstverständlichen Kollegen? anderes übrig, als zu automatisieren.
In fünf bis zehn Jahren, schätzt sie,
dürften sich Automaten in der Fläche
rgendetwas stimmt heute nicht Cousland, studierte Wirtschaftsjuris- durchgesetzt haben.
I mit »Robi«, wie sie ihn beinahe
liebevoll nennen. Eine Sirene
kreischt durch die Halle, bereits zum
tin, die Produktionshalle einer aufge-
gebenen Möbelfabrik an, stellte ein
paar Tischler ein – und kaufte sich
»Bislang waren die Roboter sehr
teuer, sehr komplex, sehr unflexibel.
Familienbetriebe waren damit häufig
zweiten Mal in dieser Stunde, die einen Roboter. überfordert.« Das ändere sich gerade.
Ampel an seinem Käfig, groß wie Heute arbeiten 150 Mitarbeiter Sensoren etwa würden immer güns-
zwei Seecontainer, springt auf Rot, auf 12000 Quadratmetern, zudem ein tiger und besser. Zudem mache die
das Sägeblatt verstummt. Hektisch halbes Dutzend Roboter, die riesige künstliche Intelligenz enorme Fort-
beginnen die umstehenden Men- Spanplatten heben, fahren, schneiden, schritte, etwa bei der Bilderkennung.
schen mit der Fehlersuche. Tablets bohren, polieren und fräsen. Auch Auch die Programmierung der Ma-
werden hervorgekramt, Analysepro- das Lager ist inzwischen automati- schinen, bislang eine Sache für stu-
gramme gestartet. Was hat Kollege siert. Cousland plant gerade »Ausbau- dierte Informatiker, werde einfacher.
Roboter? Nach einer halben Stunde stufe zwei«. 16 Roboter sollen künftig Thomas Laxhuber, 48, stellt im
ist klar: ein Fehler in der Datenbank. rund um die Uhr laufen, ein jeder niederbayerischen Massing Trock-
Könnte länger dauern. Gut, dass es kostet etwa eine viertel Million Euro. nungsanlagen für die Landwirtschaft
noch zwei Sägestationen gibt, die von 60 bis 80 Prozent der Fertigung ge- Moderne und die Industrie her. Sein Betrieb
Hand bedient werden. Sonst stünde schehen dann automatisch. Helfer hat 200 Mitarbeiter, erwirtschaftet
die Produktion jetzt still. Ohne Roboter brauchte Cousland 40 Millionen Euro Jahresumsatz und
»Ich dachte, dass es vor allem am doppelt so viel Personal – und sie hat Länder mit der ist schon seit einigen Jahren auf Auto-
Anfang Probleme geben könnte, bei schon heute Mühe, offene Stellen zu größten Roboterdichte matisierungskurs. Eigentlich betreibe
im produzierenden
der Einarbeitung des Roboters, und besetzen. Stumpfe, schwere Jobs wie Gewerbe* 2019 er klassisches Handwerk. Es gehe um
dass nach drei Monaten alle Kinder- das Heben und Tragen der 2,80 mal Präzision und Perfektion, gerade
krankheiten raus wären«, sagt Gisela 2,20 Meter großen Rohschrankwän- 1. Singapur beim Schweißen komplizierter Bau-
Cousland, 37, Gründerin und Chefin de wolle keiner mehr machen, sagt 918 teile. Das Problem: »Einfache Hilfs-
von DeinSchrank.de in Rheinbach die Unternehmerin. Selbst für an- kräfte zu finden ist relativ leicht.
2. Südkorea
bei Bonn. Leider sei das ein Irrtum spruchsvolle Tätigkeiten finde sie Aber erfahrene, gut ausgebildete Leu-
868
gewesen. »Robi« brauche laufend kaum qualifizierte Leute. 20 Positio- te, wie wir sie brauchen, die sind sehr
Weiterentwicklung und Pflege. »Wie nen seien derzeit vakant. »Wir muss- 3. Japan schwer zu finden.«
menschliche Mitarbeiter auch.« ten automatisieren, um zu wachsen.« 364 Laxhubers jüngster Roboter kos-
Missen möchte Cousland ihn den- Lange waren Roboter und Auto- 4. Deutschland
tete 200 000 Euro; dazu kamen ein
noch nicht mehr. Seit über sechs Jah- maten nur etwas für die Großindus- Vierteljahr Installation, Tests und im-
346
ren verlässt sie sich auf automatische trie, vor allem für Autohersteller. mer wieder Umprogrammierung, bis
Fertigung. Anders wäre ihr Geschäfts- Deutschland ist das am stärksten au- 5. Schweden alles passte. »Da braucht man fach-
modell gar nicht darstellbar. Sie ver- tomatisierte Land der Europäischen 274 kundige Leute – und Durchhaltever-
kauft maßgefertigte Möbel. Die Kun- Union, zählt weltweit zu den Spitzen- mögen«, sagt der Unternehmer. Ge-
...

den geben die gewünschten Parame- abnehmern der Technik. Mehr als lohnt habe es sich trotzdem. »Wenn
9. USA
ter auf der Website ein, wählen Holz- 220 000 Roboter verrichten hierzu- Sie vor der Wahl stehen, so ein Bau-
228
art, Furnier, Schrägen, Böden, Türen lande ihren Dienst. Auf 10 000 Indus- teil gar nicht zu produzieren oder mit
und Griffe – und schicken den Auf- trieangestellte kommen rund 350 Au- einem teuren Roboter, dann rechnet
...

trag ab, zumeist ohne je einen Schrei- tomaten. Nur in Japan, Singapur und 15. China sich das immer.« All jene, die ihn an-
ner gesehen zu haben. Südkorea sind es mehr. 187 fangs für »völlig verrückt« erklärt hät-
Anfangs vermittelte Cousland die Mittlerweile sind es immer öfter ten, seien inzwischen verstummt.
Daten weiter an eine befreundete mittelständische Unternehmen, die * Roboter je 10.000 Mitarbei-
Keine Probleme also? Doch, gibt
Möbeltischlerei. Doch die wurde sich für Robotik begeistern. In vielen tende in 21 untersuchten Laxhuber zu. Unter den Mitarbeitern
schon bald mit der steigenden Nach- bislang familiär dominierten Bran- Ländern
S International Federation of
habe es Ängste gegeben, ersetzt zu
frage nicht mehr fertig. 2015 mietete chen gibt es erste Versuche mit den Robotics werden, Skepsis gegenüber einer Ma-

66 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


WIRTSCHAFT

neigten dazu, neue Technologien abzulehnen.


»Trotzdem wird uns am Ende gar nichts an-
deres übrig bleiben, als mit Robotern zu ar-
beiten.« Nicht mehr lange, und die Maschi-
nen seien in der Lage zu erfassen, was der
Mensch von ihnen wolle, könnten sich quasi
selbst programmieren. »Für viele mag das
eine beängstigende Vorstellung sein. Für mich
ist es der Durchbruch.«
Beim schwedischen Baukonzern Skanska
würden sie das unterschreiben: selbstler-
nende Maschinen, womöglich mobil, tragbar
und bereit, gemeinsam mit Menschen zu
arbeiten. »Das wäre der nächste Schritt«,
sagt Manager Joakim Jeppsson. Bislang seien
das aber alles Wunschträume. Seit sieben
Jahren versucht das Unternehmen, sein Ge-
werk zu automatisieren. Ausgegebenes Ziel:
»Zeit, Geld und Arbeiter sparen. Alles also,
was knapp ist am Bau«, sagt Jeppsson.
Mit Ikea hat er schon ein Fertighaus ent-
wickelt, das weitgehend in einer Robofabrik
gebaut wird. Ein Leuchtturmprojekt. Ins-
gesamt, seufzt Jeppsson, sei die Automa-
tisierung der Baubranche ein mühsames
Unterfangen. An dem Vorhaben, die Ge-
rüste für den Stahlbeton auf der Baustelle
von Robotern zusammenschweißen zu las-
sen, verzweifeln sie bis heute. Jede Bau-
stelle sei anders. Auch für den Einsatz bei
Wind und Wetter oder Staub müsse man die
Roboter erst anpassen. »Das kostet«, sagt
Jeppsson.
Die Baubranche arbeitet traditionell viel
mit kleineren Subunternehmen, hierzulande
haben etwa 90 Prozent der Firmen weniger
als 20 Angestellte. Für die lohnt sich die An-
schaffung eines Roboters nie. »Auf absehbare
Zeit wird unsere Branche Handarbeit bleiben
und allenfalls hier und da von Robotern un-
Selina Pfrüner / DER SPIEGEL

terstützt«, sagt Jeppsson.


Wie mühsam der Wandel ist, lernte ABB-
Managerin Zhang vor ein paar Wochen. Da
unternahm sie mit YuMi einen Ausflug ins
Firmengründerin Cousland nahe Gilching, um den kleinen Roboter den
örtlichen Kaufleuten vorzustellen. Die meis-
schine, die ihnen das Handwerk aus der Hand sie nicht mehr abgesperrt in Käfigen ihr Tag- ten, sagt Zhang, seien anfangs »reserviert«
nehme. Man müsse solche Projekte gemein- und Nachtwerk verrichten, sondern Hand in gewesen. Am Ende hätten dann alle einfache
sam mit den Angestellten angehen, alle be- Hand mit Menschen arbeiten sollen. erste Anwendungen ausprobiert.
teiligen, etwa bei der Frage, welcher Typ Ro- YuMi heißt ABBs Einstiegsmodell. Ein Dass die Robotik bei Optikern oder Lotto-
boter angeschafft werde. Kunstwort für »you and me«. Die Form des läden demnächst Einzug hält, ist indes eher
Oder bei der Frage, ob es überhaupt eine Roboters erinnert an einen menschlichen unwahrscheinlich. Zu teuer ist ihre Anschaf-
neue Maschine brauche. Vor drei Jahren woll- Oberkörper. YuMi steht auf einem Rollwagen fung im Vergleich zum Nutzen. Zwar spricht
te Laxhuber einen Abkantautomaten kaufen, und hat zwei Arme, je sieben Gelenke, eine ABB von einer stark gestiegenen Nachfrage,
war wochenlang mit seinen Leuten in Europa Kamera und einen Sauggreifer, mit dem sich in manchen Branchen um bis zu 30 Prozent.
unterwegs, schaute sich Modelle an, wägte fingernagelkleine Punkte präzise ansteuern Wachstumspotenzial aber sehen Experten
Preise, Funktionen, Einsatzgebiete ab. »Am lassen. Ein »echter Kollege«, sagt Zhang, vor allem in der Pflege, im klassischen Hand-
Ende haben wir uns entschieden, dass das »weil er nicht nur aussieht wie ein Mensch, werk und in der Landwirtschaft.
nicht passt, dass wir keine Maschine finden, sondern auch am Fließband zwischen zwei Schon heute, schwärmt Ingenieurin Zhang,
die uns wirklich Arbeit abnimmt. Da haben Menschen eingesetzt werden kann«. könne YuMi Spargel stechen, Äpfel pflücken
wir’s gelassen.« So etwas schafft Vertrauen. All das ist vor allem ein Trick, um Ängste oder auch Erdbeeren. Es gibt nur ein Pro-
Gut 100 Kilometer entfernt, in einem Ge- zu vertreiben. Hält das Fahrzeug wirklich an, blem: Die Maschine erkennt nicht, ob die
werbegebiet bei München, arbeitet der Ro- wenn ich ihm zu nahe komme? Gibt der Ro- Erdbeere reif ist. Noch nicht.
boterbauer ABB daran, das Verhältnis von boterarm tatsächlich nach, wenn ich ihn an- Simon Book ■
Mensch und Maschine zu entspannen. Ein stupse? Und wer garantiert, dass der Automat
kleines Team um die Ingenieurin Andie nicht eines Tages außer Kontrolle gerät? ‣ Lesen Sie in der nächsten Folge
Zhang testet dort »kollaborative Roboter«, »Der Faktor Mensch ist extrem wichtig«, Wie ein Segler auf die Idee kam,
die als das nächste große Ding gelten, weil sagt Forscherin Arlinghaus. Viele Menschen eine Börse für Plastikmüll zu gründen

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 67


WIRTSCHAFT

vinz Shanxi und anderen Regionen.


In der hoch industrialisierten Provinz
Guangdong wurde Elektrizität da-
raufhin wochenlang rationiert, Unter-
nehmen mussten ihre Produktion
aussetzen. Im Sommer trieb eine
Hitzewelle in mehreren chinesischen
Regionen den Strombedarf auf nie
gekannte Werte, weil Millionen Men-
schen ihre Klimaanlagen durchgängig
laufen ließen.
Die Regierung verschärft das Pro-
blem. Peking boykottiert die Kohle
des neben Indonesien weltgrößten
Exporteurs Australien, weil die Re-

Kemal Jufri / Panos Pictures / VISUM


gierung in Canberra eine unabhängi-
ge Untersuchung zum Ursprung des
Coronavirus fordert.
Und so kaufen die Asiaten jetzt
die verbleibenden Steinkohlemärkte
leer. »Chinesische Kraftwerksbetrei-
Kohlentransport auf dem Mahakam, Indonesien ber versuchen, sich alles zu sichern,
was sie kriegen können«, sagt Dmitry
Und trotzdem explodieren die Popov vom Londoner Analysehaus
Preise. Binnen eines Jahres hat sich CRU. »Und sie sind bereit, hohe
der richtungweisende Preis für austra- Preise zu zahlen.« Schließlich koste
lische Standardsteinkohle rund ver- die heimische Kohle pro Tonne etwa

Teure Kohle dreifacht, auf 160 Dollar je Tonne. So


viel mussten Käufer seit 2008 nicht
mehr bezahlen.
20 Dollar mehr als Importkohle.
Der Hype zeigt, wie abhängig die
Weltwirtschaft noch immer von dem
»Es gibt zurzeit nicht genug Ange- emissionsintensiven Brennstoff ist.
ROHSTOFFE Der schmutzige Brennstoff ist bot, um die steigende Nachfrage zu Und er offenbart, wie schwer es vie-
derzeit so gefragt und so teuer wie decken«, sagt Matt Preston, Chef- len Ländern fällt, auf weniger CO²-
lange nicht. Trotz und wegen des Klimawandels. Kohlestratege des Beratungshauses lastige Energieträger umzustellen:
Wood Mackenzie. Um 4,5 Prozent Selbst in Deutschland, das sich als
soll der globale Kohleverbrauch nach Vorreiter der Energiewende wähnt,
ls die Regenfälle in der chine- Prognosen der Internationalen Ener- stieg der Kohlekonsum zuletzt wie-
A sischen Provinz Henan Ende
Juli endlich stoppten und die
Pegel in den überfluteten Städten san-
gieagentur in diesem Jahr steigen.
Der Rückgang von 4 Prozent im Pan-
demiejahr 2020 wäre mehr als wett-
der. Weil im ersten Halbjahr wenig
Wind wehte und die Außentempera-
turen niedrig waren, wurden für die
ken, beorderten Chinas Machthaber gemacht. Strom- und Wärmeerzeugung 31 Pro-
das Lebensnotwendigste in die Kata- Dass die schwarzen Brocken der- zent mehr Steinkohle verfeuert als
strophenregion: massenhaft Kohle. zeit so begehrt sind, liegt am Come- im gleichen Zeitraum 2020.
60 Züge, randvoll mit Steinkohle back der energiehungrigen Weltwirt- Den Gruben- und Minenbetrei-
befördert die Staatseisenbahn laut Schwarzes schaft. Und, ausgerechnet, an einer bern beschert die Preisrallye noch
der Staatszeitung »Global Times« Gold Reihe von Extremwetterereignissen – einmal gewaltige Profite. Dennoch
seither nach Henan – jeden Tag. Auf die vermutlich durch den Klimawan- erwarten Experten kein nachhaltiges
dass die Kohlekraftwerke vor Ort Preis für Kraftwerks- del begünstigt wurden. Comeback der Kohleindustrie. »Die
kohle, in US-Dollar
laufen und die Stromausfälle enden. je Tonne (ICE New- Am größten ist die Nachfrage in hohen Preise werden die multinatio-
Dafür wird der Brennstoff woanders castle Coal Futures) China. Die Volkswirtschaft wuchs im nalen Unternehmen nicht zum Um-
in der Volksrepublik fehlen, was die ersten Halbjahr dieses Jahres um gut denken bringen, die strategischen
ohnehin hohen Preise an den inter- 160 zwölf Prozent, das Land verfeuert Entscheidungen sind längst getrof-
nationalen Kohlebörsen weiter nach mehr Steinkohle als alle übrigen Staa- fen«, sagt Myles Allsop, Bergbauana-
169,40
oben treiben dürfte. 11. Aug.
ten der Welt zusammen. Im Frühjahr lyst der Schweizer Großbank UBS.
Kohle ist derzeit weltweit so 120 ließ eine Dürre in mehreren Regionen Mit dem Hochlauf der Erneuer-
knapp und so kostbar wie lange nicht. des Landes die Pegel großer Staudäm- baren werde die Nachfrage sinken,
Trotz des Klimawandels. Und: wegen me so tief sinken, dass die Wasserkraft- Allsop erwartet, dass der Brennstoff
des Klimawandels. 80 werke ihre Produktion drosseln muss- in den kommenden drei Jahren im
Staaten gelobten zuletzt reihen- ten. Die Kapazität der Kohlemeiler Schnitt rund 75 Dollar je Tonne kos-
weise, bis zur Jahrhundertmitte treib- wurde entsprechend hochgefahren. tet, halb so viel wie derzeit.
hausgasneutral zu werden. Viele, Doch der Brennstoff wurde bald Einen Preisrutsch könnte es schon
40
auch Deutschland, peilen mittelfristig rar, weil in Indonesien, Chinas wich- bald geben. Im September sinken in
das Ende der Kohleverstromung an. tigstem Kohlelieferanten, schwere weiten Teilen Chinas die Tempera-
Globale Rohstoffmultis wie Rio Tinto, Regenfälle die Minen zeitweise über- turen üblicherweise, dann werden
0
BHP oder Anglo American haben un- fluteten. Hinzu kamen Lieferunter- die Klimaanlagen ausgeschaltet, der
ter dem Druck von Finanzinvestoren 2019 2020 2021 brechungen in China selbst: Über- Strombedarf nimmt ab. Es sei denn,
den kompletten oder teilweisen Aus- S Quelle: Refinitiv, schwemmungen behinderten den das Wetter spielt erneut verrückt.


stieg aus der Förderung beschlossen. jeweils Wochenmitte Transport zwischen der Kohlepro- Claus Hecking ■

68 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


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WIRTSCHAFT

mein. Die anderen nicht. Lohnab-


hängige haben ein gemeinsames In-
teresse.
SPIEGEL: Haben wir das richtig ver-
standen: Ein Universitätsprofessor
gehört Ihrer Meinung nach derselben

»Die heile Welt, in der wir Klasse an wie ein Paketbote?


Christoph Butterwegge: Hochschul-
lehrer müssen ebenfalls arbeiten, um

leben, ist ein Trugbild« leben zu können. Sie gehören der


Mittelschicht an, bewegen sich zwi-
schen den Klassen und häufen in aller
Regel etwas Vermögen an; Paket-
SPIEGEL-GESPR ÄCH Die Sozialforscher Carolin und Christoph Butterwegge boten, Getränkelieferanten und Fahr-
über die Ursachen von Kinderarmut, die Spaltung der radkuriere nicht.
SPIEGEL: Sie halten die Vermögens-
Gesellschaft und ihre eigenen Privilegien als Mittelschichtsfamilie
ungleichheit für die entscheidende
Komponente, nicht die Einkommens-
Ein Neubau in Köln-Sülz, im Garten schicht ganz schön privilegiert sind. ungleichheit.
des Hauses ein Trampolin. Auf drei Trotzdem sollte man sich mit den Christoph Butterwegge: Reichtum
Stockwerken leben hier Carolin und Armen solidarisieren, anstatt den Rei- lässt sich nur am Vermögen festma-
Christoph Butterwegge mit ihren chen nachzueifern. chen, nicht jedoch am Einkommen.
Kindern Miko und Sina, 5 und 13. SPIEGEL: Aus Altruismus oder aus ei- Dessen Quelle kann über Nacht ver-
Die Sozialwissenschaftlerin Carolin genem Klasseninteresse? siegen, wie die Pandemie ja gezeigt
Butterwegge, 47, forscht zu Bildungs- Christoph Butterwegge: Herrje, das hat. Ein nennenswertes Vermögen
ungleichheit, sie sitzt im Landes- Klasseninteresse. Zu unterscheiden Republik 21 Vor der verschwindet nicht. Der Multimilliar-
vorstand der nordrhein-westfälischen ist zwischen Angehörigen der Mittel- Bundestagswahl där Friedrich Karl Flick wurde von
im September widmet
Linkspartei. Ihr Mann Christoph schicht, die abstiegsgefährdet sind, sich der SPIEGEL einem Interviewer gefragt, ob er
Butterwegge, 70, ist seit einigen und jenen, die diese Befürchtung den großen Fragen Angst habe, arm werden zu können.
Jahren emeritiert, gilt aber noch nicht haben müssen; zwischen der unserer Zeit. Hier: Ein Lachen war die Antwort.
immer als bekanntester Armutsfor- gehobenen Mittelschicht mit Kapital- In welcher SPIEGEL: Wie viel Kontakt haben Sie
Gesellschaft wollen
scher des Landes. Nun haben die bei- eigentum und der unteren Mittel- wir leben? persönlich mit den Menschen, über
den gemeinsam ein Buch geschrie- schicht aus Soloselbstständigen und die Sie forschen und schreiben?
ben: »Kinder der Ungleichheit«*. abhängig Beschäftigten. Zu den Letz- Carolin Butterwegge: Immer mal
teren zähle ich auch Beamtinnen und wieder, aber insgesamt wenig. Ich fin-
SPIEGEL: Frau Butterwegge, Herr Beamte. Nur wer sehr hohe Kapital- de das erschreckend und beängsti-
Butterwegge, in Ihrem neuen Buch einkünfte hat, macht sich zu Recht gend. Die heile Welt, in der wir leben,
unterscheiden Sie Kinder erster und mit den Klattens und Quandts ge- ist ein Trugbild, das durch die soziale
Kinder zweiter Klasse. Zählen Sina Spaltung der Gesellschaft entsteht.
und Miko zur »ersten Klasse«? Die Lebenswelten separieren sich
Christoph Butterwegge: Wir besit- immer stärker voneinander. Mir ist
zen kein Privatflugzeug, aber unsere klar, dass Köln sozial heterogener ist
Familie gehört sicher zur gehobenen als das hiesige Univiertel. Dies ver-
Mittelschicht. suche ich auch unseren Kindern zu
Carolin Butterwegge: Es gibt mehr vermitteln.
Platz, als ihn manch andere Familie SPIEGEL: Wie?
hat, und einen kleinen Garten. Carolin Butterwegge: Indem ich so-
Christoph Butterwegge: Außerdem ziale Probleme und Polarisierungs-
einen Internetanschluss, digitale End- tendenzen anspreche. Das gehört
geräte und einen Drucker. Unterpri- zur politischen Bildung, die schon
vilegierte Familien verfügen darüber im Kita- und Schulalter stattfinden
häufig nicht, deshalb sind deren Kin- kann.
der in der Pandemie völlig abgehängt Christoph Butterwegge: Mir ist wich-
worden. In früheren Büchern habe tig, dass sich unsere Kinder nicht als
ich die Kapitaleinkünfte von Hyper- etwas Besseres fühlen. Zumal ich be-
reichen wie den BMW-Erben Susan- obachte, dass sie enorme Ansprüche
ne Klatten und Stefan Quandt gern haben. Ich finde ein hohes Konsum-
mit dem Hungerlohn kontrastiert, niveau auch ökologisch problema-
den Paketboten und andere prekär tisch. Aber ihnen das klarzumachen,
Beschäftigte erhalten. Die Covid-19- ist schwer.
Pandemie hat mir bewusst gemacht, SPIEGEL: Begegnen Ihre Kinder in ih-
dass auch wir als Teil der Mittel- rem Alltag überhaupt benachteiligten
Kindern?
Julia Unkel / DER SPIEGEL

* Carolin Butterwegge, Christoph Butterwegge: Carolin Butterwegge: Kaum. Früher


»Kinder der Ungleichheit. Wie sich die Gesell- haben wir in einem Stadtteil gewohnt,
schaft ihrer Zukunft beraubt«. Campus; 303 Sei-
ten; 22,95 Euro. Erscheint am 18. August.
der als »sozialer Brennpunkt« gilt.
Das Gespräch führten die Redakteure Tobias Autorenpaar Butterwegge Dort war das eher der Fall. Schon
Becker und Florian Diekmann in Köln. über die Kita hatten wir mehr Kon-

70 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


WIRTSCHAFT

takte zu Familien mit internationaler


Geschichte. Das ist hier sehr viel
schwieriger, denn wir leben im Mit-
telschichtsmilieu.
Christoph Butterwegge: Einem ge-
hobenen Mittelschichtsmilieu. Unser
Sohn besucht eine katholische Kita
und erlebt dort eine wunderbare hei-
le Welt. Ich habe mal auf einer Fach-
konferenz der Caritas gesagt, dass die
erste Muslimin um 17 Uhr in Einrich-
tungen dieses Wohlfahrtsverbands
komme, und zwar als Putzhilfe. Da
haben alle entsetzt geguckt.
SPIEGEL: Wie ist es in der Schule Ih-
rer Tochter?
Carolin Butterwegge: Die geht aufs

Hans Christian Plambeck


Gymnasium, achte Klasse. Haupt-
schulen gibt es in unserem Stadtbe-
zirk keine. Und auch erst seit Kurzem
eine Gesamtschule. 73 Prozent der
Schüler sind Gymnasiasten. Spielende Kinder in Berlin
SPIEGEL: Selbst zwei Armutsforscher
schaffen es nicht, ihren Kindern ein SPIEGEL: Hat die Pandemie die sozia- dalen auf dem Schulhof steht und
diverses Umfeld zu ermöglichen? len Blasen für Kinder noch verstärkt? ausgelacht wird, leidet es darunter ver-
Christoph Butterwegge: Verantwort- Carolin Butterwegge: Natürlich, die mutlich mehr als unter der Kälte. Ne-
lich dafür ist eine Stadtentwicklungs- Kinder wurden auf ihre häuslichen Ver- gativ aufzufallen, nicht mithalten zu
politik, die man in deutschen Metro- hältnisse zurückgeworfen. Selbst die können, in der Clique ausgegrenzt zu
polen den Großinvestoren und Kapi- Spielplätze waren ja anfangs gesperrt. werden – das macht armen Kindern
talanlegern überlässt. SPIEGEL: Wann ist ein Kind arm? in einem reichen Land zu schaffen.
Carolin Butterwegge: Ich rede mit Carolin Butterwegge: Kinder sind SPIEGEL: Sie beide haben sich das
den Kindern natürlich über Armut arm, wenn ihre Eltern arm sind. Ar- erste Mal vor über 20 Jahren wissen-
und Obdachlosigkeit, wenn wir Be- mutsgefährdet sind die laut EU- schaftlich mit Kinderarmut beschäf-
troffenen in der Stadt begegnen. Kriterien, wenn ihnen weniger als tigt. Was hat sich seither verbessert?
SPIEGEL: Droht da nicht die Gefahr, 60 Prozent des Medianeinkommens Carolin Butterwegge: Nichts, im Ge-
dass privilegierte Kinder heute weni- ihres Landes zur Verfügung stehen. genteil. Es gibt mehr private Bildungs-
ger Verständnis für benachteiligte Manche Forscher bezeichnen auch alle einrichtungen und immer mehr öf-
Kinder entwickeln, weniger Empa- Kinder als arm, die in einem Hartz-IV- fentliche Schulen, an denen sich arme
thie, weniger Solidarität? Haushalt aufwachsen. Beide Defini- Schüler konzentrieren, mit enormen
Carolin Butterwegge: Durchaus. Des- tionen haben den Nachteil, dass sie Herausforderungen, aber zu wenigen
halb dürfen die Städte nicht weiter aus- nichts darüber aussagen, wie sich die Ressourcen.
einanderdriften – hier Armutsquartie- Armut der Familie auf das Kinder- Christoph Butterwegge: Teilweise
re, dort Reichenviertel. Wir brauchen leben auswirkt: auf die Lebenslage, ist das Problem der Kinderungleich-
durchmischte Stadtteile, in denen sich also im materiellen Bereich Ernäh- heit durch Regierungsbeschlüsse so-
benachteiligte und bessergestellte Kin- Jung und arm rung, Kleidung und Wohnung, sowie gar verschärft worden. Dies ist einer
der begegnen. Das geht nur, wenn die auf Bildung, Gesundheit und die Zahl der Gründe, wegen denen ich aus der
öffentliche Hand selbst mehr Wohnun- Kinder unter 18 Jah- und Qualität sozialer Kontakte. SPD ausgetreten bin. Mit Hartz IV
ren in Hartz-IV-
gen baut, die sich auch Menschen mit Haushalten SPIEGEL: Na ja, das dürfte wenig wurde die Arbeitslosenhilfe abge-
wenig Einkommen leisten können. überraschend sein. schafft, eine den Lebensstandard
Christoph Butterwegge: Die Einkom- Anteil an Carolin Butterwegge: Es gibt durch- der Familien annähernd sichernde
allen
mens- und Vermögensungleichheit Kindern aus Kinder, die in Einkommensarmut Lohnersatzleistung. Das Arbeitslo-
führt automatisch zu Wohnungleich- 13,8 % leben und trotzdem unbeschadet auf- sengeld II hätte man ehrlicherweise
heit. Menschen leben in Meschenich 2 Mio.
wachsen. Armut bedeutet nicht auto- Sozialhilfe II nennen sollen.
am Kölnberg im 27. Stock, weil es matisch, unterversorgt zu sein. Aber SPIEGEL: In den vergangenen Jahren
dort am billigsten ist, nicht weil die sie erhöht das Risiko. ist der Anteil der Kinder im Hartz-
Aussicht schön ist. Das übersetzt sich 1,5 Mio. SPIEGEL: Wofür genau? IV-Bezug gesunken.
in gesundheitliche Ungleichheit. Die Carolin Butterwegge: Arme Kinder Christoph Butterwegge: Ja, leicht.
Ärmeren wohnen häufiger an den sind häufiger körperlich und psy- SPIEGEL: In absoluten Zahlen sind es
Schnellstraßen und Einflugschneisen, 1 Mio. chisch krank, schlechter ernährt, ha- immerhin 350 000 Kinder weniger.
die Wohlhabenden eher im Grünen. ben weniger Sozialkontakte. Und grö- Ist das kein Fortschritt?
Und in Bildungsungleichheit: Wer gut ßere Risiken, einen niedrigen Schul- Christoph Butterwegge: Angesichts
wohnt, bietet seinen Kindern ein 500 Tsd. abschluss zu machen. eines zehn Jahre währenden Wirt-
besseres Lernumfeld. Da hat das Kind SPIEGEL: Schämen sich Kinder mehr schaftsaufschwungs ist der Rückgang
sein eigenes Zimmer, einen Rechner, für ihre Armut als Erwachsene? erschreckend gering. Die Arbeitslosig-
WLAN, zur Not auch mal Nachhilfe- Christoph Butterwegge: Ja, denn sie keit ist von 2010 bis 2019 stark gesun-
stunden. Letztlich ist das Geld ent- 2005 2020 wollen auch haben, was andere haben. ken, die Kinderarmut nur minimal.
scheidend. Das ist eine der Kern- S Quellen: Bundesagentur
Wenn ein Kind hierzulande im tiefsten SPIEGEL: Liegt das an der Flucht-
botschaften unseres Buches. Winter in leichter Kleidung und San- migration in diesem Zeitraum? In


für Arbeit, Stat. Bundesamt

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 71


WIRTSCHAFT

Deutschland leben rund 500 000 minder- Christoph Butterwegge: Wir sollten nicht
jährige Schutzsuchende. Eine Stadt, zwei Welten Kinder ungleich behandeln, sondern ihre
Christoph Butterwegge: Von der Armuts- Eltern bei der Steuer. Das gilt selbstver-
statistik erfasst wird nur, wer in einem Haus- Anteil der Kinder unter 15 Jahren, die in Köln ständlich auch für wohlhabende Mittel-
Hartz IV beziehen*, nach Stadtteilen
halt lebt. Sammellager und Gemeinschafts- schichtler wie die Butterwegges, also nicht
10 % 20 30 40 %
unterkünfte, in denen viele Flüchtlinge leben, nur für Hyperreiche. Ich bin mir sicher, dass
gehören nicht dazu. Aber mit diesem Argu- eine Mehrheit der Betroffenen höhere Steu-
ment, das eine Halbwahrheit darstellt, wird ern akzeptieren würde, wenn es dafür eine
versucht, von dem Armutsproblem abzulen- bessere Infrastruktur gäbe. Warum müssen
ken. Dabei betreibt die Bundesregierung Kinder heute ein U-Bahn-Ticket lösen, wenn
eine Steuerpolitik, die manche Familien arm sie zum Schwimmunterricht fahren? Ein ti-
und andere unvorstellbar reich macht. Es gibt cketloser öffentlicher Nahverkehr würde die
Unternehmerfamilien, deren Kinder noch zu Höhenberg Teilhabemöglichkeiten für arme Kinder
Lebzeiten ihrer Väter mehrere Hundert Mil- enorm verbessern.
lionen Euro übertragen bekommen, ohne SPIEGEL: Die Armutsquote würde sich trotz
nur einen Cent Erbschaft- oder Schenkung- solcher Maßnahmen nicht reduzieren.
steuer zahlen zu müssen. Das Wort »Kinder- Christoph Butterwegge: Sie sprechen da
armut« steht 3-mal im Koalitionsvertrag von einen wunden Punkt an: Eigentlich müsste
CDU, CSU und SPD, das Modewort »digital« die Qualität der örtlichen Infrastruktur bei
beziehungsweise»Digitalisierung« kommt Sülz der Armutsmessung berücksichtigt werden.
hingegen 290-mal vor. Das ist nur statistisch kaum machbar.
SPIEGEL: Selbst das gewerkschaftsnahe For- SPIEGEL: In Ihrem Buch fordern Sie primär
schungsinstitut WSI hat festgestellt, dass ein Meschenich finanzielle Umverteilung. Fehlt es in armen
Teil der aktuellen Armutsquote durch die Familien nicht vor allem an kulturellem
Fluchtmigration zu erklären ist. * Anteil der Leistungsberechtigten an allen Einwohnern Kapital?
unter 15 Jahren, Stand: 2019
Christoph Butterwegge: Ich halte nichts da- Christoph Butterwegge: Folgt man dem
S Quellen: Statistisches Jahrbuch Köln 2020,


von, jetzt mit Statistiken Pingpong zu spielen. Bundesagentur für Arbeit französischen Soziologen Pierre Bourdieu,
Und auch nichts von Dramatisierungen. Aber resultiert das kulturelle aus dem ökonomi-
2019 war die Armutsrisikoquote in Deutsch- SPIEGEL: Wie lässt sich das ändern? schen Kapital, nicht umgekehrt. Letztlich
land mit 15,9 Prozent so hoch wie nie seit der Carolin Butterwegge: Es müsste viel mehr folgt dem Portemonnaie alles: Wohnlage
Jahrtausendwende. Präziser gesagt: 13,2 Mil- öffentliche Angebote für Kinder und Jugend- und Ausstattung der Wohnung, Gesundheits-
lionen Menschen waren einkommensarm, da- liche geben, eine viel bessere soziale Bil- zustand und Bildungsgrad.
runter 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche dungs- und Betreuungsinfrastruktur, kosten- Carolin Butterwegge: Natürlich spielt auch
unter 18 Jahren. Einen Grund zur Beruhigung los für alle. das kulturelle Kapital der Eltern eine Rolle.
kann ich da nicht erkennen. SPIEGEL: Woran denken Sie? Deshalb brauchen wir ein sozial gerechte-
SPIEGEL: Die Große Koalition hat in den ver- Carolin Butterwegge: An fantasievoll ge- res Schulsystem, das es schafft, unterschied-
gangenen Jahren den Kinderzuschlag refor- staltete Spielplätze und gut ausgebaute Ju- liche familiäre Bedingungen auszugleichen:
miert und dadurch Familien aus Hartz IV gendzentren, am besten mit kostenlosem gute Ganztagsschulen für alle, mit vielen
geholt, zudem das Wohngeld, den Unter- WLAN. Vor allem müsste Bildung von der tollen Zusatzangeboten. Zurzeit werden
haltsvorschuss sowie den Kita-Zugang für Kita an vollständig kostenfrei sein, ohne Bei- benachteiligte Kinder viel zu schnell aus-
Bedürftige verbessert. Sehen Sie wirklich kei- träge fürs Mittagessen und ohne Kopiergeld. gesiebt.
nen relevanten Fortschritt? SPIEGEL: Und das alles auch für die Kinder Christoph Butterwegge: Trotzdem wird man
Christoph Butterwegge: Durch den verbes- reicher Eltern? kein Millionär, nur weil man Abitur macht
serten Kinderzuschlag hat eine alleinerzie- Carolin Butterwegge: Berechtigungsscheine und studiert. Mehr als jeder zehnte Akade-
hende Mutter mit ihrem Kind zusammen hätten einen Stigmatisierungseffekt. miker landet im Niedriglohnsektor.
ein paar Euro mehr als früher und fällt aus SPIEGEL: Ihr Buch vermittelt über weite
Hartz IV heraus. Arm ist sie nach EU-Krite- Strecken den Eindruck, außer einer Re-
rien immer noch. Man hat die Statistik be- volution helfe nichts. Im letzten Kapitel
reinigt, und die Kinderarmut scheinbar er- schlagen Sie dann aber eine Reihe prag-
folgreich bekämpft, in Wahrheit jedoch nur matischer, mitunter sehr kleinteiliger Lösun-
wenig gegen sie getan. gen vor.
SPIEGEL: Während der Pandemie hat die Ge- Christoph Butterwegge: Das ist die Dialek-
sellschaft so viel über benachteiligte Kinder tik von Reform und Revolution. Eine Sozial-
diskutiert wie selten zuvor. Kann das einen reform kann den Boden für tiefgreifende
positiven Effekt haben? Veränderungen des Gesellschaftssystems be-
Christoph Butterwegge: In der Finanzkrise reiten, indem sie bewusstseinsverändernd
war auch allen klar: Die Banken müssen wirkt. Warum ist die Körperschaftsteuer für
stärker reguliert werden. Das geriet dann Konzerne heute niedriger als unter Helmut
schnell wieder in Vergessenheit, was kein gu- Kohl? Wieso wurde die Kapitalertragsteuer
tes Omen ist. für Spitzenverdiener gesenkt? Warum wird
Carolin Butterwegge: Einiges wurde immer- die Vermögensteuer nicht mehr erhoben,
hin auf den Weg gebracht, Summerschools obwohl sie im Grundgesetz steht? Wenn das
zum Beispiel, um die Bildungsschere zu mehr Menschen auf die Palme brächte, hätten
schließen. Ob das Erfolg hat? Aus anderen wir bald einen »sozialeren« Kapitalismus und
Insa Hagemann / laif

Ländern weiß man, dass solche Förderange- am Ende womöglich gar einen demokrati-
bote in den Ferien vor allem von denen in schen Sozialismus.
Anspruch genommen werden, die aus besse- Schulkind
SPIEGEL: Frau Butterwegge, Herr Butterweg-
ren Verhältnissen stammen. ge, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. ■

72 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


WIRTSCHAFT

Viel bleibe da nicht übrig, sagt auch Simon


Heckscher, Geschäftsführer von 21Dx, mit
1000 Mitarbeitern einer der größten Betrei-
ber. »6,45 Euro pro Test nach Abzug von
Mehrwertsteuer und Verwaltungsgebühr«
könne er verbuchen, zusätzlich darf er den
Einkaufspreis für das Testset abrechnen. In
den vergangenen Wochen sei die Nachfrage
in seinen neun Testzentren, die vor allem in
Bayern und Berlin liegen, stark zurückgegan-
gen. Heckscher macht die steigenden Impf-
quoten, die niedrigeren Inzidenzen sowie die
weggefallenen Auflagen für die geringe Nach-
frage verantwortlich.
Ab Mitte Oktober werden zwar die Inzi-
denzen wieder gestiegen sein – aber wie viele
Ungeimpfte dann bereit sind, sich für einen

Sven Simon / ullstein bild


Kino- oder Theaterbesuch auf eigene Kosten
testen zu lassen? Swen Schiffer fürchtet, dass
er jede zweite seiner Filialen schließen muss.
Entscheidend wird der Preis sein, der künf-
Schnellteststation in München tig für einen Test fällig wird. In anderen euro-
päischen Ländern hat der Staat eine Ober-
grenze festgelegt, die Spanne ist indes enorm,
sie reicht von umgerechnet weniger als 8 Euro
in Tschechien bis zu 120 Euro (PCR) in Bel-
Ende eines Booms gien. Schiffer rechnet damit, dass sich das
Bundesgesundheitsministerium eher an den
18 Euro orientieren wird, die es in der ersten
Phase der kostenlosen Bürgertests bei der
PANDEMIE Wenn im Oktober die Corona-Abstriche selbst Abrechnung veranschlagt hatte. Falls kein
bezahlt werden müssen, bedeutet dies das Aus staatlicher Festpreis komme, werde der Markt
für viele Testzentren. Die Marktbereinigung hat aber Angebot und Nachfrage austarieren: »Dann
auch etwas Gutes: Die Qualität könnte steigen. kommt es zum Preiskampf, jede Teststelle
wird ums eigene Überleben kämpfen.«
Vor einem solchen Unterbietungswett-
in trüber Dienstagvormittag im Ham- Messehallen geschlossen. In Duisburg wur- bewerb graut es Johann Nowak, dem Gesell-
E burger Schanzenviertel, die Schlange den gerade sechs der sieben kommunalen
vor dem Schnelltestzentrum stockt, es Schnellteststationen abgebaut.
gab gerade einen positiven Test. Nun müssen Auch in München sei die Nachfrage seit
schafter eines Berliner Betreibers. Dumping
will er nicht mitmachen. Er setzt stattdessen
auf gut ausgebildetes Personal und hochwer-
erst mal alle Flächen, Testkabinen und Müll- drei Wochen sehr schwach, sagt Maximilian tige Testräume. Im vergangenen Winter, als
eimer desinfiziert, das Gesundheitsamt und Ashkar. Von seinen fünf Teststationen seien es noch keine kostenlosen »Bürgertests« gab,
die gerade Getesteten angerufen werden. drei übrig geblieben, erzählt der 34-Jährige. mussten die Bürger fast 50 Euro pro Test zah-
Lukas Fischer, 20, übt sich in Geduld. Er Selbst dort deckten die Einnahmen gerade len – und das Geschäft boomte: »Unser ein-
jobbt in der Gastro und muss sich trotz vol- so die Kosten. »Wer lässt sich denn überhaupt ziges Problem war die Schlangenbildung.«
lem Impfschutz an jedem Arbeitstag testen noch testen außer denen, die reisen?« Ganz Patrick Hofmann, Geschäftsführer der Fir-
lassen. Erst kürzlich wurde ein Kollege posi- aufgeben will er erst mal nicht: »Wir lassen ma DNA4Good, die Testsysteme für Unter-
tiv getestet, er war doppelt geimpft, dennoch uns überraschen und machen so lange weiter, nehmen vertreibt, geht davon aus, dass zu-
brach das Virus durch. bis wir Geld verlieren.« künftig direkt dort getestet wird, wo die Er-
Luisa, 27, müsste sich nicht testen lassen, Mehr als drei Milliarden Euro hat der gebnisse benötigt werden. »Restaurants wer-
sie ist doppelt geimpft, doch ein Freund wur- Bund bisher für Coronavirustests ausgegeben. den solche Zertifikate ausstellen, genauso wie
de positiv getestet. Jetzt graut es ihr vor dem Was kurzzeitig einer Lizenz zum Gelddru- Unternehmen für ihre Mitarbeiter.« Auch ein
eigenen Ergebnis. 15 Minuten später kann sie cken gleichkam, entwickelt sich nun vieler- anderes Verfahren könnte Auftrieb bekom-
aufatmen: negativ. orts zum wirtschaftlichen Problem. Die KBV men: der Selbsttest unter Beobachtung aus
Vor ein paar Monaten noch konnte man geht davon aus, dass die Zahl der Testzentren der Ferne, beaufsichtigt per Handykamera,
sich vor Corona-Testzentren kaum retten; ob weiter abnehmen wird, wenn die Tests vom schon heute ist das möglich.
unter Pavillons, in leer stehenden Kneipen, 11. Oktober an nur noch in Ausnahmefällen Walter Popp, Vizechef der Deutschen Ge-
in Bussen, Containern, Wohnwagen hinter kostenlos sind. sellschaft für Krankenhaushygiene, sieht die
Bauzäunen oder unter Heizpilzen – überall Schon jetzt unterscheidet sich die Auslas- Marktbereinigung positiv. »Läuft man durch
stand ein Mensch mit Mundschutz und Visier, tung vieler privater Anbieter stark – je nach die Straßen, staunt man schon, was für Figu-
der bereit war, einem das Wattestäbchen in Bundesland und den dort gültigen Corona- ren in den Testzentren arbeiten. Vielerorts
die Nase zu schieben und 20 Minuten später regeln. Swen Schiffer, 42, betreibt acht Zen- geht es drunter und drüber«, sagt er. Den Be-
das Ergebnis mitzuteilen. tren in und um Düsseldorf. Er sagt: »Die Hälfte hörden sei die Aufsicht »vielerorts entglitten«.
Rund 15 000 Schnelltestzentren zählte die unserer Teststellen rechnet sich kaum mehr Tests würden nicht richtig gelagert, nicht im-
Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) – obwohl wir die Öffnungszeiten gekürzt und mer stimmten die Umgebungstemperaturen
noch im April bundesweit. Doch seit Wochen beim Personal gespart haben.« Seit dem in den Zelten. »Wenn es weniger Testzentren
werden es weniger. In Freiburg hat der Mal- 1. Juli darf er pro Abstrich nur noch acht statt gibt, können sie kontrolliert werden.«
teser Hilfsdienst sein Testzentrum an den zwölf Euro abrechnen. Benjamin Ansari, Martin U. Müller ■

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 73


AUSLAND

Sirachai Arunrugstichai / Getty Images


Gegen Demonstranten in Bangkok setzte die Polizei diese Woche Tränengas und Gummigeschosse ein. Seit gut einem Jahr gehen
Menschen in Thailand immer wieder auf die Straße und verlangen den Rücktritt der Regierung. Neben demokratischen Reformen
fordert die Protestbewegung auch eine offene Debatte über die Rolle der Monarchie. Dazu kommt der Widerstand gegen die Corona-
politik. Ministerpräsident Prayut Chan-o-cha, ein ehemaliger Armeechef, kam vor sieben Jahren nach einem Militärputsch ins Amt.

kleine Länder den großen nicht auf die Füße treten sollen, sieht
Fahnenträger der Moral man in Vilnius anders. Litauen hat zwar kaum drei Millionen Ein-
wohner, aber ein großes Selbstbewusstsein. Es versteht sich seit
der Unabhängigkeit von der Sowjetunion als Fahnenträger im
ANALYSE Der baltische Staat Litauen fordert
Kampf gegen Kommunismus und Unfreiheit. Erst kommen Werte,
China heraus – das ist tapfer, kann aber kaum als dann Interessen, wiederholt der junge konservative Außenminis-
Vorbild für die EU dienen. ter des Landes auf Schritt und Tritt. Mut in der Außenpolitik ist zu
begrüßen, und kleine Staaten dürfen auf ihre Würde pochen.
Ein »verrücktes, winziges Land«, das »alberne Sachen anstellt« – In Litauen reagiert man zu Recht allergisch auf die herablas-
so sieht Litauen derzeit aus Pekings Perspektive aus, wenn man sende Behandlung durch China. Aber Litauens Schritt wirft Fra-
dem Propagandablatt »Global Times« glaubt. Den Zorn der gen auf, die ganz Europa angehen – denn der Aufstieg der chine-
chinesischen Führung haben sich die Balten dadurch zugezogen, sischen Diktatur droht Europa kleiner zu machen. Ist es nun
dass sie der Eröffnung eines »Taiwanischen Repräsentationsbü- mutig oder albern, wenn Litauen sich mit dem mächtigen China
ros« in Vilnius zugestimmt haben. In der Namensgebung liegt anlegt und in einer heiklen diplomatischen Frage weiter geht
der Affront: Die Volksrepublik China will jede diplomatische als die EU und sogar die USA? Es ist leicht, als kleine Nation
Aufwertung des Inselstaats verhindern, es sieht ihn als abtrünni- Werte zu bekunden, wenn man sich im Schutz größerer Verbün-
ge Provinz und duldet keine Gegenmeinung. Die inoffiziellen deter bewegt und nicht von China abhängig ist. Moralisch han-
Büros, die Taiwan in EU-Staaten unterhält, heißen deshalb allen- delt, wer die Folgen seines Handelns selbst trägt. Chinas Auf-
falls »Taipeh Vertretung«. stieg wird Europa auch künftig vor schwierige moralische Fragen
Wie kommt es, fragt man sich im großen China, dass ausgerech- stellen – aber sie lassen sich nicht mit jener vermeintlichen Ein-
net eines der kleinsten Länder Europas uns herausfordert? Dass deutigkeit beantworten, die Litauen vorführt. Christian Esch

74 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


Ausgebeutet und experten wie Alexandre Rayma-
kers von der Risikoberatungs-
vernachlässigt firma Verisk Maplecroft warnen
MOSAMBIK Seit einigen Jahren nun, die Islamisten könnten sich
haben sich Islamisten in der nach dem Verlust ihrer Opera-
Provinz Cabo Delgado im Nor- tionsbasis auf einen Guerilla-
den des Landes festgesetzt. Nun krieg verlegen. Auch in den
gelang der Regierung zwar ein Nachbarländern könnten sie
Sieg über die Rebellen, doch Unterschlupf suchen. Der gegen
könnte ein Rückschlag drohen. sie gerichtete Einsatz müsse
Vergangene Woche hatten darum in der Region mitgetra-

Paula Bronstein / Getty Images


mosambikanische Truppen gen werden. Die SADC hat die
gemeinsam mit Soldaten aus Entsendung von 3000 Soldaten
Ruanda die strategisch wichtige vorgeschlagen, eingetroffen ist
Stadt Mocímboa da Praia einge- aber bisher nur ein Vorauskom-
nommen. Das Einsatzkomman- mando. Vertreter von Nichtre- Geflüchtete Kinder in Kabul
do von rund 1000 Ruandern gierungsorganisationen sind
hatte wohl die Unterstützung zudem der Meinung, der Kon-
Frankreichs und des Ölkon-
zerns Total, der in der Region
flikt lasse sich nicht nur militä-
risch lösen. Denn der Aufstand
»Die haben uns klar in
am Bau eines gigantischen Gas-
förderterminals beteiligt ist.
der Islamisten in der an Boden-
schätzen reichen Region sei aus-
der Schusslinie«
Ruanda will sich seit Längerem gebrochen, weil die Hauptstadt
schon als Ordnungsmacht auf die Gegend zugleich ausgebeu- PROTOKOLL Der Journalist Shahbaz Saberi war bis
dem Kontinent profilieren – tet und vernachlässigt habe. zur Eroberung von Kunduz durch die Taliban
und Mosambik gingen die Ver- Helle Døssing von Brot für die Chefredakteur beim dortigen Lokalsender Khawar
handlungen über einen Einsatz Welt sagt, viele der bis zu 3000
mit der eigentlich zuständigen Kämpfer seien weniger über- TV. Mithilfe des »Afghan Journalists Safety
regionalen Staatengemeinschaft zeugte Fanatiker als vielmehr Committee« gelang ihm die Flucht nach Kabul, wo
SADC zu langsam. Sicherheits- verzweifelte Jugendliche. JPU er mit 20 Kollegen und Familien vorläufig Schutz
gefunden hat.
Der Fall des Rudy G. Werbeclip diese Woche auf der »Wir hatten schon vor drei arbeiten, ist unislamisch.
Plattform, wenn er »Glück in Monaten berichtet, dass die Wenn ihr nicht aufhört, schi-
USA Die Liste der einstigen Ver- den Tag von jemandem bringen Taliban kurz vorm Sturm auf cken wir Selbstmordattentä-
bündeten von Donald Trump, kann«. Nach der Präsident- Kunduz stünden, damals ter zu euch!
die mit dem Ex-Präsidenten tief schaftswahl war er monatelang haben uns viele Panikmache Wir haben die Polizei alar-
gefallen sind, ist lang – aber kei- für Trump durchs Land gezogen vorgeworfen. Leider haben miert, aber die konnte sich
ne Figur stürzte derart ins Bo- und hatte behauptet, die Demo- wir recht behalten. Die Tali- ja nicht einmal selbst schüt-
denlose wie Rudy Giuliani. Sei- kraten hätten im November ban hatten seit Jahren die zen, als nun die Taliban aus
ne Karriere begann als Staatsan- die Wahl gestohlen – Trump Stadt unterwandert, hatten allen Himmelsrichtungen
walt in New York, später führte sei der wahre Sieger. Ende Juni Sympathisanten, die sie ver- angriffen.
er als Bürgermeister die Stadt entzog ihm ein New Yorker Ich bin zwei Wochen zuvor
durch das Trauma von 9/11 und Gericht die Anwaltslizenz mit einem Armeehubschrau-
ging als Trumps Privatanwalt wegen seiner Falschaussagen.
»Insgeheim kontrol- ber nach Faizabad evakuiert
im Weißen Haus ein und aus. Giuliani stelle eine »unmittelba- lierten die Taliban worden, kurz bevor die Stadt
Inzwischen gilt Giuliani selbst re Bedrohung« für die Öffent- die Stadt Kunduz auch fiel, von dort mit dem
unter manchen Republikanern lichkeit dar, heißt es in dem Flugzeug nach Kabul, in letz-
als Witzfigur. Gegen ihn laufen Gerichtsbeschluss, außerdem schon seit Langem.« ter Minute. Einige Kollegen
verschiedene Gerichtsverfahren, habe er die Spannungen »direkt sind mit ihren Familien im
er braucht Geld – und hofft nun angeheizt«, die zu dem Sturm steckten, rein- und raus- Auto aufgebrochen, haben
auf Einnahmen bei der Promi- auf das US-Kapitol am 6. Janu- schmuggelten – insgeheim sich alte Kleidung angezogen,
nentenplattform Cameo. Ab ar führten. Nebenbei ist er in kontrollierten sie Kunduz seit ihr Telefon, ihre Ausweise
199 Dollar verschickt Giuliani ein weiteres Gerichtsverfahren Langem. zurückgelassen.
personalisierte Videogruß- verwickelt: Dominion Voting Wir haben immer wieder Unser Büro wurde in der
botschaften an Privatleute. Er Systems ließ eine Verleum- über deren Morde an Zivilis- Nacht, bevor die Taliban
freue sich, sagte er in einem dungsklage aufgrund von ten berichtet, über Gewalt kamen, von Unbekannten
Giulianis »Desinformations- gegen Frauen. Die haben uns geplündert. Anschließend
kampagne« gegen die Wahlma- klar in der Schusslinie. Ein lachten uns die Taliban aus
schinen des Unternehmens Trupp von denen kam sogar und sagten uns am Telefon:
anstrengen. Die Schadensersatz- zum Haus meiner Familie im Was wollt ihr in Kabul?
forderung an den Juristen: Dorf, suchte nach uns, zum Dahin kommen wir doch
1,3 Milliarden Dollar. Giulianis Glück zu spät. auch in ein paar Monaten.
größte Hoffnung dürfte sein, Uns hatte einer ihrer Kom- Wir haben nichts mehr und
dass Trump im Jahr 2024 mandeure immer wieder wissen nicht, wohin. Ich wür-
cameo.com

erneut als Präsident gewählt bedroht: Ihr seid Spione, und de gern weiterhin als Journa-
wird – und der Anwalt die Ver- dass bei euch auch Frauen list arbeiten. Nur wie?« CRE
Cameo-Profil von Giuliani fahren abschütteln kann. CX

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 75


AUSLAND

Jenseits des Rechts


POLEN Machthaber Jarosław Kaczyński ist drauf und dran, sein Land in eine Autokratie zu verwandeln.
Im Weg stehen ihm vor allem einige Richter, die sich noch trauen, für den Rechtsstaat zu kämpfen – und die
verzweifelt auf Unterstützung aus Brüssel warten.

eszek Szymanski / epa-EFE

PiS-Chef Kaczyński im Parlament

76 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


AUSLAND

gor Tuleya dient dem polnischen Warschau und wurde später ans Be-
I Staat seit einem Vierteljahrhun-
dert. Er hat als Richter in War-
schau Mörder verurteilt, Mafiapaten,
zirksgericht befördert, eine der wich-
tigsten Institutionen des Landes. Er
arbeitete zu viel, wie er sagt, und ver-
Drogenschmuggler. Inzwischen aber diente bestenfalls durchschnittlich.
ist er vor allem damit beschäftigt, sich Doch er war glücklich. Er hatte das
selbst zu verteidigen. Gefühl, Sinnvolles zu tun. Das änder-
Die nationalkonservative Regie- te sich, als Kaczyński 2005 zum ers-
rung unter Jarosław Kaczyński, dem ten Mal die Parlamentswahl gewann.
Chef der Partei PiS, hat Tuleya als Jarosław Kaczyński war zu Sowjet-
Staatsfeind ausgemacht. Die Staats- zeiten in der Opposition aktiv, als

Anna Liminowicz / DER SPIEGEL


anwaltschaft hat sieben Disziplinar- ein Vertrauter des Solidarnosc-Vor-
verfahren gegen ihn eröffnet. Sie ließ sitzenden Lech Wałęsa hatte er ge-
zudem Tuleyas Immunität als Rich- holfen, die Diktatur zu Fall zu brin-
ter aufheben, um ihn strafrechtlich gen. Nach der Wende baute er ge-
verfolgen zu können. meinsam mit seinem Zwillingsbruder
Justizminister Zbigniew Ziobro die PiS als rechtskonservative Volks-
behauptet, Tuleya habe seine Kom- partei auf.
petenzen überschritten, als er 2017 Doch wie der Machtkampf aus- Richter Tuleya vor PiS steht für »Recht und Ge-
bei einem Verfahren gegen PiS im geht, ist vollkommen offen. Erst diese Oberstem Gericht rechtigkeit«. Tatsächlich aber ist
in Warschau:
Saal Journalistinnen und Journalisten Woche verabschiedete PiS ein um- Wer nicht vor der Kaczyński bereit, das Recht zu beu-
zuließ. In Wahrheit ist der Richter strittenes Gesetz, das die Freiheit von Regierung gen, wann immer es ihm politisch
den Herrschenden in Warschau wohl Medienunternehmen erheblich ein- kuscht, wird bestraft nutzt. Nach seinem Wahlerfolg 2005
schlicht unbequem geworden – denn schränken könnte. installierte er Zbigniew Ziobro als
er hatte mehrfach gegen die Regie- Für die EU ist der Streit mit der Justizminister. Der Vorsitzende der
rungspartei geurteilt. polnischen Regierung deutlich gefähr- rechtsextremen Partei Solidarna
Seit PiS 2015 zum zweiten Mal licher als der Brexit. Denn Kaczyński Polska wird von seinen Anhängern
nach 2005 an die Macht kam, hat sie ist drauf und dran, mitten in Europa »Sheriff« genannt.
die Justiz systematisch unterjocht. Sie eine Autokratie zu etablieren. Es dauerte nicht lange, bis Tuleya
hat die Staatsanwaltschaft unter Kon- Sollte er Erfolg haben, wäre die mit der Kaczyński-Regierung anei-
trolle gebracht, hat das Verfassungs- EU als Union des Rechts Geschichte. nandergeriet. 2007 ließ Ziobro den
tribunal gleichgeschaltet und ein Sie könnte dann zu einem Klub aus kurz zuvor entlassenen Innenminis-
System geschaffen, das ihr erlaubt, Demokratien, Halbdemokratien und ter Janusz Kaczmarek festnehmen,
unliebsame Richter wie Tuleya zu Diktaturen werden. Für Regierungs- angeblich wegen Justizbehinderung.
bestrafen. kritiker wie Tuleya wäre im EU-Staat Tatsächlich ging es Ziobro wohl da-
Gegen mehrere Dutzend polni- Polen kein Platz mehr. rum, einen parteiinternen Widersa-
sche Justizangehörige laufen mittler- An einem Augustvormittag sitzt cher aus dem Weg zu räumen. Tuleya
weile Disziplinarverfahren. Mitunter Tuleya im Büro einer Warschauer urteilte, dass die Verhaftung Kaczma-
genügt es, ein Urteil zu fällen, das NGO. Er ist ein schmächtiger Mann reks widerrechtlich war. Spätestens
Kaczyński oder Ziobro missfällt, um in Jeans und Turnschuhen, 51 Jahre in diesem Moment, glaubt er, habe
als Richter degradiert, zwangsver- alt. Während er mit leiser Stimme ihn PiS ins Visier genommen.
setzt oder vom Dienst suspendiert zu von seiner Auseinandersetzung mit Tuleya kam zugute, dass die
werden. der Regierung erzählt, schüttelt er im- Kaczyński-Regierung bald darauf zer-
Es ist eine Krise, wie es sie so in mer wieder den Kopf, hält inne, lä- brach und durch die liberale Bürger-
der EU noch nie gab, nicht in Bulga- chelt ungläubig, als könnte er selbst plattform des späteren EU-Ratspräsi-
rien und auch nicht in Ungarn, wo nicht fassen, was ihm in den vergan- denten Donald Tusk abgelöst wurde.
Gerichte ebenfalls unter Druck ste- genen Monaten widerfahren ist. Unter Tusk erfuhr Polen gesellschaft-
hen. Tuleya ist zu einer Symbolfigur des liche und proeuropäische Reformen,
Mit ihrem Angriff auf den Rechts- Widerstands gegen die Kaczyński-Re- jedoch auch eine wirtschaftspoliti-
staat fordert PiS die Staaten und gierung geworden. Er wirbt im Fern- sche Liberalisierung, die die Kluft
Institutionen der EU offen heraus. sehen und auf Kundgebungen für die zwischen Arm und Reich größer wer-
Der EuGH hat im Juli entschieden, Unabhängigkeit der Justiz. »Ich hab den ließ.
dass das polnische Disziplinarregime mir diese Rolle nicht ausgesucht«, PiS prangerte den Abbau des So-
gegen europäisches Recht verstößt. sagt er. »Ich wollte nicht in der Öf- zialstaats ebenso an wie die EU-
Die EU-Kommission hat mehrere fentlichkeit stehen. Doch ich habe kei- Flüchtlingspolitik und gelangte so im
Vertragsverletzungsverfahren gegen ne andere Wahl.« Herbst 2015 zurück an die Macht.
Polen angestrengt. Tuleya ist in Łodź geboren, einer Der Kaczyński von 2015 war ein
Wenn Warschau Teile der Justiz- Arbeiterstadt in Zentralpolen. Er war anderer als der von 2007. Zum einen
reform nicht bis zum 16. August zu- gerade mit der Schule fertig, als die hatte er seinen Zwillingsbruder Lech
rücknimmt oder Korrekturen einlei- Sowjetunion zusammenbrach. Seine Kaczyński ist 2010 bei einem Flugzeugabsturz ver-
tet, kann Brüssel Sanktionen gegen Freunde drängte es in die Wirtschaft, bereit, das loren, was ihn noch misstrauischer
Polen auf den Weg bringen. Auch zu Banken und Großkanzleien. Sie Recht zu beu- und kompromissloser werden ließ.
die Überweisung der Gelder aus wollten Geld verdienen. Tuleya aber Zum anderen hatte er aus den Feh-
dem Corona-Wiederaufbaufonds wollte dabei helfen, den Staat neu gen, wann lern der ersten Legislaturperiode ge-
hält die Kommission vorerst zurück. aufzubauen. Als Richter, so glaubte immer es lernt. Diesmal würde er nichts dem
Kaczyński hat angedeutet, der EU er, könnte er dafür sorgen, dass sich Zufall überlassen.
ein Stück weit entgegenkommen zu das Recht durchsetzt. Tuleya begann
ihm politisch Kaczyński verzichtete zunächst
wollen. seine Karriere am Amtsgericht in nutzt. auf ein Regierungsamt, stattdessen

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 77


AUSLAND

liste: Tuleya hatte die Staatsanwalt-


schaft angewiesen, wegen einer mög-
licherweise manipulierten Haushalts-
abstimmung im Parlament gegen PiS-
Mitglieder zu ermitteln. Ziobro ließ
daraufhin ein Disziplinarverfahren
gegen ihn einleiten, vordergründig
nicht wegen des Urteils selbst, son-
dern weil er Medien zu dem Verfah-
ren zugelassen hatte.
Vergangenen Herbst hob die Dis-
ziplinarkammer Tuleyas Immunität
auf. Er ist vom Dienst suspendiert,

Attila Husejnow / SOPA / LightRocket / Getty Images


sein Büro im Gericht wurde leer
geräumt. Tuleya hat sich bislang ge-
weigert, den Vorladungen der Staats-
anwaltschaft zu folgen, weil er das
Verfahren für illegal hält. Sollte er
wegen Amtsanmaßung verurteilt
werden, drohen ihm bis zu zwei Jah-
re Haft.
Sein Kollege Waldemar Żurek,
Richter in Krakau und ehemaliger
Sprecher des Nationalen Justizrats,
steuerte er als PiS-Chef die Geschicke Als Kwiatkowska noch immer Polizisten im Einsatz ist insgesamt elf Disziplinarverfahren
des Landes aus dem Hintergrund. Un- keine Ruhe gab und in einem Inter- gegen regierungs- ausgesetzt. Er hatte in den vergange-
kritische Demons-
mittelbar nach der Vereidigung der view mit der Zeitung »Gazeta trantin in Warschau: nen Jahren immer wieder die Politi-
Regierung machten er und Justizmi- Wyborcza« den Abbau des Rechts- Angriff auf den Rechts- sierung der Justiz öffentlich ange-
nister Ziobro sich daran, die Justiz staats anprangerte, verklagte sie ihr staat prangert. Die Regierung ließ darauf-
umzubauen. Vorgesetzter, der stellvertretende hin Antikorruptionsermittler auf ihn
Ziobro ernannte sich 2016 zum Generalstaatsanwalt, wegen ver- los. Die Fahnder durchforsteten
Generalstaatsanwalt. Er kann seither meintlicher Verleumdung auf umge- sämtliche Finanzunterlagen Żureks,
sämtliche Staatsanwälte im Land rechnet 55 000 Euro. »Ziobro miss- ohne einen Anhaltspunkt für ein Ver-
ohne Angabe von Gründen degradie- braucht die Justiz für seinen persön- gehen zu finden.
ren. Hunderte Beamtinnen und Be- lichen Rachefeldzug«, sagt sie. Begleitet werden die Ermittlungen
amte verloren ihre Posten. Kaczyński und Ziobro haben die oft von Verleumdungskampagnen in
Eine von ihnen ist Katarzyna Kwi- Staatsanwaltschaft durch Personalro- den Medien. Im Fall Żurek berichteten
atkowska, 53 Jahre alt, damals Staats- chaden und Sanktionen eingeschüch- PiS-nahe Fernsehsender und Zeitun-
anwältin am Berufungsgericht in War- tert. Doch um die Justiz wirklich kon- gen ausführlich über dessen Schei-
schau. trollieren zu können, mussten sie di- dung, behaupteten fälschlicherweise,
Kwiatkowska erzählt ihre Ge- rekt an die Gerichte ran. der Richter weigere sich, Unterhalt für
schichte an einem Augustnachmittag Die beiden veränderten zunächst seinen Sohn zu zahlen. Internetseiten
in einem Café in der Warschauer In- das Verfahren, mit dem die Angehö- beschimpften ihn als eine »Schande
nenstadt. Sie ist eine Frau mit kurzen rigen des Nationalen Justizrats be- für Polen«.
blondierten Haaren, ihre Worte stimmt werden, ein mächtiges Gre- Über Tuleya hieß es, er sei ein
wählt sie mit Bedacht, und doch sagt mium aus Richtern, das über Ein- und Kommunist und Landesverräter.
sie, dass Polen unter Kaczyński und Abberufung sämtlicher Richterinnen Zum Teil wurden vertrauliche Infor-
Ziobro bestenfalls noch eine halbe und Richter im Land befindet. Statt mationen über Richter direkt aus
Demokratie sei. der Richterschaft entscheidet nun PiS dem Justizministerium an PiS-nahe
Kwiatkowska war 2007 Berichter- mit ihrer Parlamentsmehrheit darü- Medien weitergereicht.
statterin in dem Verfahren, das Zio- ber, wer in den Nationalen Justizrat Die Hetze hat dazu geführt, dass
bro gegen Ex-Innenminister Kaczma- aufgenommen wird. manche Polinnen und Polen inzwi-
rek bemühte. Später sagte sie gegen Darüber hinaus installierten sie schen Richter tatsächlich als Feinde
PiS in einem Untersuchungsaus- am Obersten Gericht eine sogenann- des Volks betrachten. Tuleya berich-
schuss im Parlament zu dem Fall aus. te Disziplinarkammer, deren Mitglie- tet, er bekomme regelmäßig Hass-E-
Kwiatkowska ist sich sicher, dass der auf Geheiß der Regierung Justiz- Mails und Morddrohungen. Zwei-
sie wegen dieses Auftritts von Ziobro angehörige sanktionieren können. mal schickten Unbekannte Briefe
an ein Warschauer Amtsgericht Mit dem Disziplinarregime haben sie Die Hetze mit weißem Pulver in sein Büro, wo-
zwangsversetzt wurde. Anders als ein mächtiges Werkzeug an der Hand, raufhin jeweils das gesamte Gericht
viele Kolleginnen und Kollegen Gegner zu verfolgen. hat dazu ge- evakuiert werden musste. Bei Żurek
nahm sie ihre Degradierung nicht hin. Wie bereitwillig Ziobro bei der führt, dass wurden wiederholt die Reifen seines
Kwiatkowska trat der »Lex Super Gängelung von Kritikern auf Diszip- Autos zerstochen, einmal sogar die
Omnia« (»Das Gesetz über allem«) linarverfahren zurückgreift, bekam
manche Polen Bremsen manipuliert. »Die Regie-
bei, einer Vereinigung, die sich gegen auch Igor Tuleya zu spüren. Richter rung hat uns zum Abschuss freigege-
die Säuberungen in der Justiz wehrt. Nachdem der Richter PiS bereits als Feinde des ben«, sagt er.
Die Staatsanwaltschaft schob sie da- durch frühere Urteile gegen sich auf- Kaczyński würde die Gewalten-
raufhin im Januar an ein Provinzge- gebracht hatte, landete er 2017 offen- Volks teilung wohl am liebsten aufheben,
richt in Zentralpolen ab. bar endgültig auf Ziobros Abschuss- betrachten. ihm schwebt ein System vor, in dem

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er mit einer parlamentarischen weile ist sie fast nur noch für Wolne Jahren einen rasanten wirtschaftli-
Mehrheit durchregieren kann, ohne Sądy im Einsatz. chen Aufschwung erfuhr.
auf Minderheiten Rücksicht zu Gregorczyk-Abram und ihre Mit- Zugleich ist unter Polen das Ge-
nehmen. streiter haben prominente Schauspie- fühl weitverbreitet, von der EU nicht
Er und Ziobro, so warnen Oppo- lerinnen und Musiker für Rechts- ganz ernst genommen zu werden.
sitionelle, könnten künftig versuchen, staatskampagnen gewonnen. Im Win- Vorgaben aus Brüssel, etwa in der
Andersdenkende – Frauenrechtlerin- ter versammelten sie in Warschau Migrationspolitik, werden oft als
nen oder LGBTIQ-Aktivistinnen Tausende Menschen zu einer De- Bevormundung wahrgenommen.
etwa – mit den Mitteln der Justiz zu monstration gegen die Justizreform Kaczyński und Ziobro haben die
drangsalieren. Sie könnten die der PiS. Wahl nur knapp gewonnen. Diese
Rechtsreform aber auch nutzen, um Die offene Auseinandersetzung Woche haben sie sich nach längerem
sich selbst vor Ermittlungen zu schüt- mit der EU habe viele Bürger in den Streit von ihrem Koalitionspartner
zen. Das zeigt der Fall des österrei- vergangenen Wochen zusätzlich auf- getrennt. Nun sind sie darauf an-
chischen Immobilienunternehmers geschreckt, sagt Gregorczyk-Abram. gewiesen, im Parlament wechselnde
Gerald Birgfellner. Manche fürchten sogar einen schlei- Mehrheiten aus Abgeordneten ver-
Birgfellner gibt an, von Kaczyński chenden »Polexit«. schiedener Fraktionen zu organi-
2017 beauftragt worden zu sein, für Das Verhältnis der Polen zu sieren.
PiS in Warschau einen Zwillingswol- Staatsanwältin Europa ist zwiespältig: Die breite Es ist unklar, wie weit sie im Streit
kenkratzer zu bauen, mit dem der Kwiatkowska, Akti- Mehrheit betrachtete den EU-Beitritt mit der EU bereit sind zu gehen. Wäh-
vistin Gregorczyk-
Politiker unter anderem an seinen Abram: Der Unmut 2004 als Fortschritt. Milliardenhilfen rend Ziobro vergangene Woche be-
Bruder Lech erinnern wollte. Ein gu- über Kaczyńskis aus Brüssel haben dazu beigetragen, tonte, dass man sich nicht von Brüssel
tes Jahr später habe sich Kaczyński Regierungsstil wächst dass das Land in den vergangenen erpressen lasse und notfalls aus
aus dem Projekt zurückgezogen, an- der EU austreten würde, kündigte
geblich ohne Birgfellner Honorar aus- Kaczyński an, die Disziplinarkam-
zubezahlen, was der PiS-Chef bestrei- mer in ihrer »jetzigen Form« abzu-
tet. Es geht um umgerechnet 1,3 Mil- schaffen. Ob sie durch ein neues Gre-
lionen Euro. Zwischen den beiden mium ersetzt wird, sagte er jedoch
hatte es nie einen formalen Vertrag nicht, und auch nicht, ob sich seine
gegeben. Regierung künftig an EuGH-Urteile
Birgfellner heuerte als Anwalt halten werde.
Roman Giertych an – einst Vizepre- Die PiS-Regierung hatte in den
mier unter Kaczyński und mittlerwei- vergangenen Jahren gegenüber Brüs-
le PiS-Kritiker. Giertych forderte, die sel immer wieder Kompromissbe-

Anna Liminowicz / DER SPIEGEL


Staatsanwaltschaft müsse Kaczyński reitschaft signalisiert, nur um den
in dem Fall verhören. Doch das ist Rechtsstaat dann umso stärker zu
bis heute nicht geschehen. Stattdes- schleifen. EuGH-Präsident Koen Le-
sen wurde Birgfellner mehrfach ver- naerts beanstandete in dem Urteil
nommen. zur polnischen Justizreform im Juli
Vergangenen Herbst nahmen Be- einen »strukturellen Bruch« im
amte des Antikorruptionsgeheim- Rechtsstaat. Eine Kommission des
dienstes Giertych selbst fest, angeb- Europarats verglich die polnische Jus-
lich wegen Verdacht auf Geldwäsche. tiz bereits 2017 mit jener der ehema-
Ermittler durchsuchten das Haus und ligen Sowjetunion.
die Kanzlei des Juristen, der darauf- Experten wie der Deutsche Gerald
hin kollabierte und ins Krankenhaus Knaus, Vorsitzender der Denkfabrik
eingeliefert wurde. Europäische Stabilitätsinitiative, war-
Einen Tag später verfügte ein Pose- nen die EU-Kommission deshalb da-
ner Gericht seine Freilassung, die vor, sich auf einen vorschnellen Kom-
Staatsanwaltschaft habe nicht genü- promiss mit Warschau einzulassen.
gend Beweise geliefert, die eine Fest- Er rät zu jährlichen Sanktionen in der
nahme gerechtfertigt hätten. Höhe von einem Prozent des Brutto-
Der Angriff auf die Unabhängig- inlandsprodukts, sollten Mitgliedstaa-
keit der Justiz hat PiS politisch lange ten EuGH-Urteile zu Rechtsstaatlich-
kaum geschadet. Vielen Polen er- keit ignorieren, im Fall Polens wären
schien der Niedergang des Rechts- das rund fünf Milliarden Euro.
staat als eher abstraktes Problem. Nur so lasse sich ein weiteres Ab-
Sie freuten sich, dass die PiS die Ren- driften Polens in den Autoritarismus
ten erhöht und ein Kindergeld ein- verhindern.
geführt hat. Auch Wolne-Sądy-Initiatorin Gre-
Langsam aber wachse in der Zi- gorczyk-Abram fordert die EU auf,
vilgesellschaft der Unmut über gegenüber PiS hart zu bleiben. Letzt-
Kaczyńskis Regierungsstil, glaubt lich könne nur Druck aus Brüssel
Anna Liminowicz / DER SPIEGEL

Sylwia Gregorczyk-Abram, eine Kaczyński dauerhaft zum Einlenken


der Gründerinnen der Initiative bringen.
»Wolne Sądy« (»Freie Gerichte«). »Wir Polen verstehen uns als Teil
Gregorczyk-Abram hat als Juristin Europas. Wir wollen nicht in einem
für die internationale Großkanzlei Staat wie Russland leben.«
Clifford Chance gearbeitet. Mittler- Maximilian Popp, Jan Puhl ■

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 79


AUSLAND

über die Attentäter wusste als bislang be-


kannt – ihr Wissen jedoch bis heute für sich
behielt.
Salah Ben Youssef war 1961 eher zufällig
in Deutschland. Er hatte Tunesien wenige Jah-
Mord in Frankfurt re zuvor nach dem Streit mit Bourguiba ver-
lassen und sich zunächst in Kairo niederge-
lassen, wo er engen Kontakt zum damaligen
Präsidenten Gamal Abdel Nasser unterhielt.
ZEITGESCHICHTE Vor 60 Jahren wurde der tunesische Volksheld Salah Nun ließ er sich in einer Klinik in Wiesbaden
Ben Youssef in einem deutschen Hotel erschossen. Der Fall wegen eines Ekzems am Fuß behandeln.
hat Folgen bis heute. Doch die Bundesregierung blockiert die Aufklärung. Im Frühjahr 1961 unternahmen die Anhän-
ger Bourguibas und Ben Youssefs einen letz-
ten erfolglosen Versuch, die beiden Männer,

E r ist aus Kalifornien nach Tunesien ge-


reist. Am Vorabend hat er noch einmal
Akten gewälzt, hat überlegt, was er
dem Richter sagen würde. Nun steht Lotfi
sogenannte Wahrheitskommission unter Füh-
rung der Menschenrechtsaktivistin Sihem
Bensedrine ein. Sie soll unter anderem poli-
tische Verbrechen seit 1955 untersuchen, da-
die einst als Unabhängigkeitskämpfer meh-
rere Jahre im selben Gefängnis in Marseille
saßen, bei einem Treffen in Zürich zu ver-
söhnen. Unmittelbar danach habe Bour-
Ben Youssef, 70 Jahre alt, Arzt, Sohn des tu- runter insbesondere das Attentat auf Salah guiba das Attentat auf Ben Youssef in Auf-
nesischen Politikers und Volkshelden Salah Ben Youssef. trag gegeben, heißt es im Bericht der Wahr-
Ben Youssef, an einem Montag im Juni am Der Mord an Ben Youssef ist weit mehr heitskommission.
Rednerpult im Justizpalast in Tunis. Durch als ein Kriminalfall aus Zeiten des Kalten Vier Männer sollen nach Ansicht der
das Fenster fallen ein paar Lichtstrahlen. Jour- Kriegs. Er ist ein Lehrstück über das moderne Ermittler den Kern des Mordkommandos
nalisten und Menschenrechtsbeobachterin- Tunesien, über seine Traumata und Wider- gebildet haben: Béchir Zarg El Ayoun, der
nen drängen sich auf den Besucherbänken. sprüche. Büroleiter Bourguibas, Hmaida Bintarbout,
Lotfi Ben Youssef wischt sich den Schweiß Ende Juli setzte Präsident Kais Saied die ein Neffe Zarg El Ayouns, der in Deutsch-
von der Stirn. Er setzt zu seinem Plädoyer demokratisch gewählte Regierung ab. Es ist land lebte, sowie zwei Agenten, Abdallah
an. Doch der Richter kommt ihm zuvor. Das unklar, wie es in dem Land nun weitergeht, bin Mabrouk und Mohamed bin Khalifa
Gericht warte noch auf Akten aus dem ob Saied die gesamte Staatsmacht an sich Mahrez.
Außenministerium, sagt er. Das Verfahren reißt oder ob die Tunesierinnen und Tunesier Unter dem Vorwand, ihn mit tunesischen
im Mordfall Salah Ben Youssef werde auf ihre junge Demokratie verteidigen. Saieds Oppositionellen bekannt machen zu wollen,
November vertagt. Lotfi Ben Youssef sackt Manöver offenbart, wie fragil Tunesiens In- bestellte offenbar Bintarbout Ben Youssef
in sich zusammen. stitutionen auch zehn Jahre nach der Revo- am 12. August in das Hotel Royal, nahe dem
»Sie wollen diesen Prozess nicht zu einem lution noch immer sind und wie tief die Spal- Frankfurter Hauptbahnhof. Obwohl Ben
Ende bringen. Sie wollen nicht, dass die tung der Gesellschaft ist. Die Wurzeln der Youssef noch am selben Tag ins Ausland
Wahrheit ans Licht kommt«, sagt er, als er Spaltung reichen bis in die Anfangstage der fliegen wollte, stimmte er dem Treffen zu.
kurze Zeit später durch die Innenstadt von Republik, bis zum Konflikt zwischen Habib Gegen 16.30 Uhr betrat er mit seiner Frau
Tunis läuft. Bourguiba und Salah Ben Youssef. Soufia das Hotel, in dem er von Ben Mabrouk
Seit Jahren kämpft Lotfi Ben Youssef dafür, Der SPIEGEL hat mit Zeitzeugen gespro- und Mahrez empfangen wurde.
dass der Mord an seinem Vater Salah aufge- chen und interne Dokumente der Wahr- Ben Youssef folgte den beiden Agenten in
klärt wird. Doch immer wieder, klagt er, wer- heitskommission in Tunis sowie aus dem ein Zimmer im Obergeschoss, seine Frau bat
de er von der Justiz vertröstet, hingehalten, Auswärtigen Amt in Berlin, der Staatsanwalt- er, in einem Café auf ihn zu warten. Als ihr
getäuscht. schaft in Frankfurt und dem Schweizer Mann am frühen Abend noch immer nicht
Salah Ben Youssef ist für viele Tunesierin- Bundesarchiv ausgewertet. Die Recherchen von dem Treffen zurück war, kehrte Soufia
nen und Tunesier bis heute eine Ikone. Ge- offenbaren, dass die Bundesregierung mehr Ben Youssef in das Hotel zurück. Dort fand
meinsam mit Habib Bourguiba, dem späteren sie ihren Mann blutüberströmt in einem Zim-
Präsidenten, erkämpfte er in den Fünfziger- mer. Salah Ben Youssef starb noch am selben
jahren die Unabhängigkeit des Landes von Abend an seinen Verletzungen.
Frankreich. Kurz vor der Republikgründung Seine mutmaßlichen Mörder setzten sich
zerstritten sich die beiden. Bourguiba tole- rasch ab. Sie waren laut Akten nach Zürich
rierte, dass Frankreich auch in einem freien geflogen, von wo aus sie am nächsten Morgen
Tunesien Soldaten stationieren darf. Ben gemeinsam mit ihren Mitverschwörern Zarg
Youssef warf dem Präsidenten vor, sich den El Ayoun und Bintarbout zurück nach Tunis
Kolonialisten anzubiedern, anstatt Länder reisten.
wie Algerien in ihren Unabhängigkeitsbestre- In Tunesien sorgte Ben Youssefs Tod für
bungen zu unterstützen. Am 12. August 1961 Entsetzen. Präsident Bourguiba verhinderte
wurde Ben Youssef in einem Hotel in Frank- allerdings die Aufklärung. Er verwies darauf,
furt am Main erschossen, höchstwahrschein- dass Ben Youssef seinerseits ein Attentat auf
lich im Auftrag Bourguibas. ihn geplant habe.
Der Mord an Salah Ben Youssef beschäf- Bourguiba hatte bei seinem Feldzug gegen
tigt Tunesien bis heute. In dem Land finden die Youssefisten die ehemalige Kolonialmacht
Nicolas Fauqué / DER SPIEGEL

sich sowohl Anhänger Ben Youssefs, soge- Frankreich hinter sich. In Dokumenten aus
nannte Youssefisten, als auch Loyalisten dem französischen Außenministerium, die
Bourguibas. Die näheren Umstände der Tat der SPIEGEL einsehen konnte, berichtete
wären wohl im Verborgenen geblieben, wäre der damalige französische Hochkommissar
Bourguibas Nachfolger Zine el-Abidine Ben in Tunesien, Roger Seydoux, er habe Bour-
Ali nicht 2011 von seinem eigenen Volk ge- guiba bei einem Abendessen vor die Wahl
stürzt worden. Das Parlament setzte eine Ben-Youssef-Sohn Lotfi gestellt: Entweder er nehme die Geschicke

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eindeutig. Sie hat Zeugen vernom-


men, Akten ausgewertet, unter ande-
rem jene der Staatsanwaltschaft in
Hessen, und ist sich sicher, dass
Präsident Bourguiba den Mord an
Salah Ben Youssef in Auftrag gege-
ben hat.
Die Wahrheitskommission hat
Tausende Verbrechen der Diktaturen
Bourguiba und Ben Ali dokumentiert
und an die Justiz übergeben. Doch
bislang ist in keinem einzigen Fall ein
Urteil gesprochen. Wie Lotfi Ben
Youssef ist auch Bensedrine über-
zeugt, dass der Staat die Aufklärung
blockiert. Noch immer sind die Eliten
aus den Zeiten der Diktatur im tune-
sischen Staatsapparat stark vertreten.
Und auch die muslimisch-konser-
vative Partei Ennahda hat es in den
zehn Jahren ihrer Regierungsbetei-
ligung versäumt, die Justiz zu refor-
mieren.
Bensedrine setzte bei der Aufar-
beitung des Mordfalls Ben Youssef
lange Zeit auf Deutschland, schließ-
lich wurde der Politiker auf deut-
schem Boden erschossen. Außerdem

privat
unterstützt die Bundesregierung die
des Landes selbst in die Hand oder der bis heute andauert. Tunesien galt, Unabhängigkeits- Wahrheitskommission finanziell. Ein
Frankreich lasse ihn fallen. zumindest bis zu dem Staatsstreich kämpfer Ben Youssef offizielles Gesuch Bensedrines an
(im Wagen l.)
Auch die Bundesregierung hatte im Juli, als Musterbeispiel der Revo- um 1955: Sein Tod die deutschen Behörden, ihrer Kom-
wenig Interesse, den Mord an Tune- lution, weil hier, anders als in den sorgte in Tunesien mission die Ermittlungsakten zur Ver-
siens wichtigstem Oppositionellen Nachbarstaaten, auf den Despoten für Entsetzen fügung zu stellen, blieb jedoch unbe-
aufzuarbeiten. »Abrate dringend von Ben Ali eine demokratisch gewählte antwortet.
Erlass Haftbefehls gegen El Ayoun. Regierung folgte. Deutschland hat bis heute auch
Haftbefehl würde deutsch-tunesi- Die Tunesierinnen und Tunesier keinen Haftbefehl gegen den noch
sche Beziehungen für die Dauer ver- begannen, Fragen an die Herrschen- lebenden mutmaßlichen Attentäter
giften … Weitere Nachforschungen den zu stellen, Hierarchien herauszu- ausgestellt. Die Staatsanwaltschaft
in dieser Angelegenheit kaum mög- fordern. Und auch Lotfi Ben Youssef Frankfurt teilt auf Nachfrage mit,
lich, ohne Aufsehen zu erregen«, teil- setzte sich zunehmend mit der Ge- man könne die Ermittlungen nicht ab-
te die deutsche Botschaft in Tunis der schichte seiner Familie auseinander, schließen, da der Aufenthaltsort der
Zentrale in Bonn mit. In einer damals die verwoben ist mit der Geschichte Verdächtigen nicht bekannt sei. Eine
als geheim eingestuften Aktennotiz Tunesiens. seltsame Antwort, da Bintarbout
des Auswärtigen Amts heißt es: »Der An einem Sommernachmittag, we- noch im Februar vor Gericht in Tunis
Wunsch, den geistigen Urheber die- nige Wochen vor dem Sturz der Re- auftrat.
ses politischen Verbrechens zu ent- gierung, läuft er durch die Altstadt Inzwischen hat der Berliner Men-
larven, führt in bedenkliche Nähe von Tunis. In den Gassen staut sich schenrechtsanwalt Wolfgang Kaleck
einer Anklage gegen ein fremdes die Hitze, die Märkte sind wegen der den Fall übernommen und im Auf-
Staatsoberhaupt.« Pandemie verwaist. Lotfi Ben Yous- trag der Familie Ben Youssef Einsicht
Soufia Ben Youssef zog nach dem sef bleibt vor einer Moschee stehen. in die Akten der Frankfurter Staats-
Mord an ihrem Ehemann gemeinsam »Hier hielt mein Vater eine Grund- anwaltschaft beantragt. »Deutsch-
mit ihren beiden Söhnen zurück nach satzrede, in der er zum Widerstand land würde der jungen tunesischen
Kairo. Lotfi Ben Youssef war damals gegen die französischen Besatzer auf- Demokratie ein fatales Signal sen-
zehn Jahre alt. Er blendete die Ge- rief«, erzählt er. Kurz darauf zeigt den, wenn dieser politische Mord auf
schichte seiner Familie aus. Später er auf einen mehrstöckigen Beton- »Deutschland deutschem Boden selbst heute nicht
ging er zum Medizinstudium nach bau: »Hier wurden die Anhänger würde der aufgeklärt und sanktioniert wird«,
Frankreich, danach ließ er sich als meines Vaters vom Bourguiba-Re- tunesischen sagt er.
Arzt in den USA nieder. Jahrzehnte- gime gefoltert.« Im Moment ist es vor allem Salah
lang war Tunesien weit weg von sei- Lotfi Ben Youssef lebt mittlerweile Demokratie Ben Youssefs Sohn Lotfi, der weiter
nem Alltag. Und wahrscheinlich, sagt teils in den USA, teils in Tunesien. Er ein fatales um Aufklärung kämpft. Der Fall, sagt
er, wäre das ohne die Aufstände von will, dass sich der Staat für den Mord er, habe nicht nur Relevanz für seine
2011 auch so geblieben. entschuldigt und dass Hmaida Bintar-
Signal sen- Familie, sondern für ganz Tunesien:
Der Arabische Frühling veränder- bout, der einzige der mutmaßlichen den, wenn »Wir können nur dann eine echte
te die Region wie kaum ein Ereignis Attentäter, der noch am Leben ist, dieser Mord Demokratie werden, wenn wir uns
zuvor. In Tunesien, Ägypten, Libyen verurteilt wird. ehrlich mit unserer Geschichte aus-
fegte er die Diktaturen hinweg. In Die Menschenrechtlerin Sihem nicht auf- einandersetzen.«
Syrien löste er einen Bürgerkrieg aus, Bensedrine sagt, die Faktenlage sei geklärt wird.« Sarah Mersch, Maximilian Popp ■

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schaden. Das Dilemma ist: Unter den


Ländern, die für die schlimmsten
Schäden verantwortlich sind, sind die
mächtigsten Staaten der Welt, die sich
am wenigsten von Drohungen beein-
»Einige Städte werden wir drucken lassen. Sie können zwar der
Kommunistischen Partei von China
oder der US-Regierung gegenüber
aufgeben müssen« Sanktionen ankündigen, werden da-
mit aber wohl nicht viel ausrichten.
Geschickter könnte es sein, Ländern
wie Brasilien Unterstützung beim
KLIMAPOLITIK Der Harvard-Politologe Stephen Walt über den zähen Kampf Aufbau der Wirtschaft zuzusichern,
der internationalen Gemeinschaft gegen den Klimawandel, Kriege wenn sie den Regenwald schützen.
gegen Umweltsünder und das überraschende Comeback der Atomenergie Vor allem für ärmere Nationen könn-
te das ein Anreiz sein, schonungs-
voller mit Ressourcen umzugehen.
SPIEGEL: Herr Professor Walt, in die- ßerst schwierig, Menschen von etwas SPIEGEL: Sollte Entwicklungshilfe an
ser Woche warnte der UN-Weltklima- zu überzeugen, das erst in 30 oder die Einhaltung von Klimazielen ge-
rat IPPC in drastischen Worten, dass 50 Jahren spürbar wird. Und drittens koppelt sein?
die Durchschnittstemperatur seit stehen wir vor dem Problem der un- Walt: Ja, das kann dort sinnvoll sein,
1970 rasanter gestiegen ist als in den terschiedlichen Entwicklung von Län- wo eine bessere Umweltpolitik zu
2000 Jahren zuvor. Die Forscher dern. Wenn Deutschland zu China einem geringeren Wirtschaftswachs-
befürchten, dass die globale Mittel- oder Indien sagt, ihr müsst jetzt aber tum führt und Regierungen geneigt
temperatur auch viel schneller um wirklich aufhören, Kohle zu verbren- sind, Ressourcen für kurzfristige Ge-
privat

1,5 Grad ansteigt als bislang vermutet. nen und die Umwelt zu verschmut- winne auszubeuten.
Walt, 66, forschte Nehmen wir das Problem so ernst, zen, entgegnen diese nicht ganz zu SPIEGEL: Aber verleiten wirtschaftli-
in Princeton und wie wir sollten? Unrecht: Ihr habt das doch 200 Jahre che Anreize nicht dazu, dass manche
Chicago, seit 2015 Walt: Nein, die weltweite Antwort lang gemacht und seid reich gewor- Länder sagen: Gebt uns Geld, oder
lehrt er an der Har-
vard-Universität auf den menschengemachten Klima- den. All diese Barrieren zu überwin- wir bauen weiter Kohlekraftwerke
Außen- und Sicher- wandel war bislang ungenügend. Die den wird nicht einfach. und brennen Wälder nieder?
heitspolitik. In sei- Ziele, die sich die Staaten gesetzt SPIEGEL: Sie haben vor zwei Jahren Walt: Solche Erpressungsversuche
nem Buch »The Hell haben, sind zu unambitioniert gewe- angesichts brennender Urwälder muss man verhindern, aber da gibt
of Good Intentions«
(2018) beschreibt sen, und selbst diese Ziele haben wir in Brasilien im Magazin »Foreign es Erfahrung in der Entwicklungs-
er die Fehler der oft verfehlt. Dazu kommt, dass es in Policy« die Frage gestellt: Hätte die hilfe. Wenn Sie in der Geschichte
US-Außenpolitik als den Vereinigten Staaten und anders- internationale Gemeinschaft nicht so- zurückblicken, finden Sie etliche Fäl-
wichtigen Faktor wo prominente Politiker gab, die das gar die Pflicht, in jenen Ländern mi- le, in denen sich Staaten zur Lösung
hinter dem Aufstieg
Donald Trumps. Problem geleugnet und sogar Versu- litärisch zu intervenieren, die mutwil- kollektiver Probleme zusammenge-
che unternommen haben, Lösungsan- lig den gesamten Planeten schädigen? schlossen haben – etwa nach dem
sätze zu sabotieren. Inzwischen hat sich die Lage vieler- Krieg im Nahen Osten im Jahr 1973,
SPIEGEL: 2017 verkündete der dama- orts noch verschlimmert. Soll man als der Suezkanal mit Seeminen und
lige US-Präsident Donald Trump, aus Krieg führen gegen Klimasünder? anderen Hindernissen unpassierbar
dem Pariser Klimaabkommen auszu- Walt: Das Gedankenspiel sollte das gemacht worden war. Ägypten selbst
steigen. Trump ist weg – warum rea- Spannungsverhältnis zwischen Natio- hatte nicht die Mittel, die Minen zu
giert die Welt immer noch so langsam nalstaaten verdeutlichen, die einer- beseitigen, also halfen die USA und
auf diese Katastrophe? seits souverän und unabhängig sind, andere Länder. Es war im Interesse
Walt: Na ja, Trumps Vorgänger ha- und andererseits in einer Welt agie- aller, dass wieder Schiffe durch den
ben ebenfalls zu wenig getan, außer- ren, in der Ressourcen wie der Regen- Kanal fahren können.
dem gibt es auch in anderen Ländern wald ungleich verteilt sind. Um es SPIEGEL: Warum fällt es den großen
Politiker, die ähnlich denken. Das klar zu sagen: Militärische Gewalt Staaten dann ausgerechnet in der
Problem ist, dass der Klimawandel soll das absolut letztmögliche Mittel Umwelt- und Klimapolitik so schwer,
die komplexeste Herausforderung für in einem Konflikt bleiben. Jeder Staat schnell zu handeln?
kollektives Handeln ist, der sich die wird sich mit allen Kräften gegen Walt: Auch hier gibt es Gegenbeispie-
Menschheit bislang stellen musste. Gewaltandrohungen von außen weh- le. Denken Sie an die Debatte um die
SPIEGEL: Was meinen Sie damit? ren – außerdem wäre es absurd, einen Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe, die
Walt: Erstens gibt es ein gigantisches Krieg im Amazonas zu führen, um die Ozonschicht schädigen. Inzwi-
Problem der Kollektivität: Wenn die den Amazonas zu retten. Es gibt ver- schen sind FCKW in vielen Ländern
USA alles tun, um den Kohlendioxid- mutlich bessere Strategien. verboten, die Ozonschicht erholt sich
ausstoß zu verringern, aber China, In- SPIEGEL: Welche? allmählich. Und auch der Welthandel
dien, Japan und Deutschland untätig Walt: Hin und wieder ringt sich der unterliegt Regeln, denen sich souve-
Republik 21 Vor der
bleiben, wird sich die Krise nicht be- UN-Sicherheitsrat zu Sanktionen räne Staaten unterworfen haben. Das
Bundestagswahl wältigen lassen. Die entscheidenden durch – etwa gegen das Nuklearpro- Problem beim Klimawandel ist, dass
im September widmet Mächte müssen mitmachen, das er- gramm von Iran oder in anderen Fra- es eine ungleich höhere Anstrengung
sich der SPIEGEL fordert ein hohes Maß an Koordina- gen regionaler Sicherheit. Ähnliche erfordert, besonders bei reicheren
den großen gesell- tionsfähigkeit und Vertrauen. Beides Strafmaßnahmen wären gegen Regie- Ländern. Meine Sorge ist, dass wir
schaftlichen Fragen
unserer Zeit. Hier: ist nicht ausreichend vorhanden. rungen denkbar, die aktiv die Umwelt uns etwas vormachen, wenn jetzt
Sind wir noch Zweitens gibt es ein Problem der Ge- zerstören und damit nicht nur sich hier und da behauptet wird, dass sich
zu retten? nerationengerechtigkeit: Es ist äu- selbst, sondern auch anderen Ländern mit etwas Technik die Katastrophe

82 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


AUSLAND

abwenden lässt. Die Wahrheit ist, Walt: Ich verstehe das Unbehagen, »China wird Walt: Die globalen Emissionen wer-
dass es kostspieliger Anpassungen be- und wir müssen versuchen, diese den sicher nicht von allen 192 UN-Mit-
darf – sei es, dass wir weniger fliegen Branche sicherer zu machen. Aber dramatisch gliedstaaten gleichermaßen verursacht,
oder dass unsere Autos langsamer trotzdem ist es wichtig, eine rationale unter dem sondern von den 10, 15 größten Emit-
fahren. Wir müssen ehrlich mit uns Kosten-Nutzen-Analyse anzustellen. tenten. Wenn sich nur 5 von denen auf
sein: Ohne Verzicht und eine gewal- Ja, die Atomkraft birgt Risiken. Aber
Klimawandel ambitionierte Ziele einigen könnten,
tige Anstrengung geht es nicht. inzwischen sehen wir, dass es auch leiden – unter wäre das ein bedeutender Fortschritt.
SPIEGEL: Sind manche Staaten in die- Risiken mit sich bringt, nicht auf die Wasserman- Die G7 wären vielleicht ein passende-
ser Hinsicht weiter als andere? Atomkraft zurückgreifen zu können. res Forum. Das Problem an giganti-
Walt: Die USA haben weltweit pro SPIEGEL: China baut 18 neue Kern-
gel, Hitze, schen Konferenzen wie Glasgow ist,
Kopf den höchsten Ausstoß von kraftwerke, dazu verkündete Präsi- steigenden dass sie oft Lösungen des kleinsten ge-
Treibhausgasen, zugleich sträubte dent Xi Jinping im vergangenen Jahr, Meeres- meinsamen Nenners hervorbringen.
sich das politische System lange ge- dass spätestens 2030 die C0 -Emis- SPIEGEL: Sollte man Metropolen wie
² spiegeln.«
gen Umweltschutz. Wir haben weder sionen sinken werden. Bis 2060 soll London oder Teilstaaten wie Kalifor-
das Kyoto-Protokoll von 1997 unter- das Land klimaneutral sein. Wird Chi- nien nicht stärker in den Klimaschutz
zeichnet, noch haben wir uns beson- na zum globalen Vorreiter im Klima- einbinden, weil sie sich ehrgeizigere
ders beim Kopenhagener Klimagipfel schutz? Ziele setzen als viele Regierungen?
2009 engagiert. Erst 2015 beim Kli- Walt: So weit würde ich nicht gehen, Walt: Das hängt vom politischen Sys-
maabkommen von Paris war die Re- vor allem weil die Emissionen in den tem ab. Kalifornien kann unabhängig
gierung von Barack Obama entschlos- nächsten zehn Jahren ja noch steigen. von der Regierung in Washington
sener. In Peking erkennt die Führung China ist in absoluten Zahlen inzwi- strengere Kraftstoff- und Verschmut-
zumindest in öffentlichen Äußerun- schen der größte Emittent von Treib- zungsstandards festlegen – das funk-
gen das Problem an – selbst wenn hausgasen. Dennoch: Es ist wertvoll, tioniert nicht in jedem Land. Aber es
China weiter viel Kohle verbrennt. wenn Xi Jinping das Problem aner- ist richtig, dass einige Regionen mehr,
Europa steht gut da in der Klimapoli- kennt, denn der Klimawandel wird andere weniger vom Klimawandel be-
tik, wenn auch nicht perfekt. Eines das Land dramatisch treffen. Manche troffen sein werden. Eine wichtige Fra-
besorgt mich: die Aversion gegen- Regionen leiden schon jetzt unter ge ist, wie wir uns den Folgen anpas-
über Atomkraft, auch in Ländern wie Wassermangel, die Küstenstädte wer- sen, denn der IPCC-Bericht sagt ja
Deutschland. Das wird bei der Strom- den von steigenden Meeresspiegeln deutlich: Egal was wir heute tun, die
erzeugung schaden, denn zusätzliche betroffen sein. Es gibt Modelle, nach globale Mitteltemperatur wird spätes-
Kapazitäten lassen sich nicht über denen Teile des Landes aufgrund von tens bis 2050 um 1,5 Grad gestiegen
Nacht schaffen. Die Überreaktion ge- steigender Hitze und Luftfeuchtigkeit sein. New York muss wohl Deiche ge-
gen Nuklearenergie macht die Lö- unbewohnbar werden könnten. gen das Hochwasser errichten, für
sung der Klimafrage noch schwieriger, SPIEGEL: Sind aufwendige Großkon- Boston, wo ich lebe, gilt dasselbe. An-
als sie ohnehin schon ist. ferenzen wie der UN-Klimagipfel dere Regionen müssen den Brand-
Eisbären auf
SPIEGEL: Aber schaden Atomkata- Ende Oktober in Glasgow mit Tau- schutz ausbauen oder stärkere Strom-
Mülldeponie
strophen wie 2011 in Fukushima dem senden Teilnehmern sinnvoll im in russischer leitungen gegen heftigere Stürme er-
Planeten nicht auch jahrzehntelang? Kampf gegen den Klimawandel? Arktis 2018 richten. Niemand weiß, wie teuer das
wird, weltweit müssen Küstenstädte
mit ähnlichen Problemen zurecht-
kommen. In extremen Fällen müssen
wir einige dieser Städte aufgeben.
SPIEGEL: Hat die Diplomatie beim
Klimaschutz versagt?
Walt: Zum Teil, aber das größere Pro-
blem liegt in den einzelnen Ländern,
bei Politikern und auch vielen Bür-
gern, die die Realität einfach nicht
anerkennen wollen. Es herrschte jahr-
zehntelang das Wunschdenken vor,
dass es schon nicht so schlimm wer-
den wird. Bei der Pandemie ist es ähn-
lich, noch immer lehnen erstaunlich
viele Menschen eine Impfung ab,
trotz des erwiesenen Nutzens.
SPIEGEL: Einigt sich die internatio-
nale Gemeinschaft bald auf eine ehr-
geizigere Strategie zum Klimaschutz?
Walt: Ich bin Optimist, weil ich weiß,
dass Menschen anpassungsfähig sind.
Bei der Klimafrage befürchte ich aber,
dass die Hindernisse weiter bestehen
werden, die den Fortschritt in den ver-
gangenen 20, 30 Jahren gebremst ha-
Alexander Grir / AFP

ben. Wir werden zweifellos handeln,


meine Sorge ist nur, dass das nicht ge-
nügen wird.
Interview: Christoph Scheuermann ■

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 83


AUSLAND

Severina Venckute / DER SPIEGEL


Migranten in Lager südlich von Vilnius

hierhergekommen sind, sind wir


keine schlechte Menschen.« Er hätte
jede Möglichkeit genutzt, um aus
dem Irak in ein sicheres EU-Land zu
Zwischen den Fronten gelangen, sagt er. Der belarussische
Machthaber Alexander Lukaschenko
habe sie ihm geboten.
Seit Monaten lässt Lukaschenko
MIGR ATION Der belarussische Diktator Alexander Lukaschenko schleust Migranten mit einem Touristenvisum
Schutzsuchende gezielt in die EU. Litauen hat schon den nach Minsk einfliegen und weiter in
Notstand ausgerufen, viele Menschen sitzen im Niemandsland fest. Richtung Westen schleusen. Es ist
seine Antwort auf die Sanktionen,
die die Europäische Union gegen sein

A ls Sleman über den Zaun an


der belarussisch-litauischen
Grenze kletterte, glaubte er,
es geschafft zu haben. Jetzt, vier Wo-
dem Irak, einige auch aus Afghani-
stan, Iran, Syrien und Kamerun. Sie
alle sind über Belarus nach Litauen
gekommen.
Regime verhängt hat. Er bringt damit
vor allem das Nachbarland Litauen
in Bedrängnis.
Mehr als 4100 Flüchtlinge haben
chen später, ist er sich nicht mehr so Die Stimmung im Zeltlager ist an- die Grenzschützer bereits in diesem
sicher. gespannt. Der Regen sickert durch Jahr aufgegriffen. Es sind vergleichs-
Sleman, ein Flüchtling aus dem Die den Stoff der Zelte, viele, auch Sle- weise wenige, doch das kleine EU-
Irak, 27 Jahre alt, wischt sich Wasser- man, haben kaum Kleidung zum Land mit etwa 2,8 Millionen Einwoh-
tropfen aus dem Gesicht. Es regnet Erpressung Wechseln, seine Jacke ist durch- nern ist mit der Situation überfordert.
wieder einmal, wie so oft in den letz- Aufgegriffene weicht. Das Essen, oft aus Konserven- Im vergangenen Jahr hatte Vilnius
ten Tagen im Wald bei Rūdninkai, Flüchtlinge in Litauen dosen, machen sie auf offenen Feuern gerade einmal 81 Migrantinnen und
38 Kilometer südlich der litauischen aus Belarus warm. Und es kommen immer neue Migranten verzeichnet.
Hauptstadt Vilnius. Dicht an dicht 4115 Schutzsuchende in Bussen an. Litauen hat inzwischen den Not-
stehen Zelte im Matsch auf dem Keiner spreche mit ihnen, klagen stand ausgerufen, auch Beamte der
ehemaligen Truppenübungsplatz. Ge- die Männer in dem Lager, aufgeregt europäischen Grenzschutzagentur
fängnis nennt Sleman diesen Ort. Das reden sie durcheinander. »Wir brau- Frontex und Soldaten sind an der
Gelände ist von einem Metallzaun chen Hilfe!«, ruft einer. »Wir sind kei- Grenze im Einsatz. Sie haben Ab-
umgeben, Sicherheitsbeamte halten 104 46 81 ne Waffen, wollen niemandem scha- schnitte mit Drahtzäunen verstärkt,
Wache. 2018 2019 2020 2021 den«, sagt ein anderer Flüchtling. bewachen Flüchtlingscamps.
Hunderte Geflüchtete sind hier S Quelle: Grenzschutzbehörde
Sleman, der etwas abseits steht, »Hybride Kriegsführung« nennt
untergebracht, vor allem Männer aus Litauen; Stand: 11. August sagt leise: »Nur weil wir über Belarus Außenminister Gabrielius Landsber-

84 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


AUSLAND

gis das Manöver Lukaschenkos. Er missbrau- EU-Staaten dad und Istanbul einfliegen ließ. Sollte sich
che Geflüchtete als »politische Waffe«. die Lage an der Grenze zu Litauen nicht be-
LETTLAND RUSSLAND
Dass es Litauen trifft, ist kein Zufall. Die ruhigen, werde er harte Gegenmaßnahmen
Ostsee
Regierung in Vilnius forderte als eine der ers- einleiten, sagte er.
ten härtere Strafen gegen Belarus, nachdem LITAUEN Die EU-Innenminister wollen am kom-
Lukaschenko Ende Mai eine Ryanair-Maschi- menden Mittwoch über die Krise an der Ost-
Vilnius
ne zur Landung gezwungen hatte. Hunderte grenze der Union beraten. Litauen drängt da-
Lukaschenko-Gegner haben in Litauen Zu- Minsk rauf, dass die Flüge gestoppt werden, betont,
flucht gefunden. Die belarussische Präsident- POLEN dass viele der Menschen eigentlich weiter
schaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja BELARUS Richtung Finnland, Deutschland, Österreich
hat ihren Stab in Vilnius, sie spricht von einer wollten. Zumindest Iraqi Airways hat vorüber-
Warschau
»Rache an Litauen«. gehend den Verkehr nach Belarus eingestellt.
In Vilnius schaute man wochenlang zu, Doch für wie lange? Und was ist mit den Flü-
UKRAINE
wie die Zahl der Geflüchteten weiter anstieg: gen aus der Türkei?
Mal waren es 131 Menschen täglich, mal 144, 200 km Menschenrechtler sagen, Lukaschenko
dann 171 Migranten, die Beamte an der Gren- habe sich ein Beispiel am türkischen Staats-
ze stoppten. Als die Behörden Anfang August S Karte: OpenStreetMap chef Recep Tayyip Erdoğan genommen, der
294 Geflüchtete an einem einzigen Tag mel- im Frühjahr 2020 die Grenze zu Griechen-
deten, entschloss sich die Regierung zu han- land vorübergehend für Flüchtlinge geöffnet
deln. Sie weist die Flüchtlinge nun konse- sind, frieren. Sie zünden Kleidungsstücke an, hatte, um die EU unter Druck zu setzen. Die
quent zurück. um sich zu wärmen. Frage ist, wie weit der belarussische Macht-
An der Grenze stehen sich seitdem Beam- Drei Tage harren die Iraker im Niemands- haber gehen wird.
te eines demokratischen und eines repressi- land aus, erzählt Hamza, einer der Männer, Lukaschenko selbst stellt es gern so dar,
ven Staats gegenüber, die Mittel sind ähnlich: später am Telefon. Dann müssen sie zurück als lasse er die Geflüchteten nur passieren. In
Die litauischen Kräfte haben Hunde und nach Belarus, werden dort von einer belarus- Wahrheit hat sein Regime systematisch dafür
Schlagstöcke zur Abschreckung, die Belarus- sischen Einheit geschlagen und gezwungen gesorgt, dass die Zahl der Flüchtlinge nahe
sen Helme, Schilde und Schlagstöcke. Mit- durch Wälder zu marschieren, angeblich Rich- der Ostgrenze der EU gestiegen ist.
tendrin im Niemandsland: die Flüchtlinge. tung Lettland. Irgendwann erreichen sie ein Dokumente der Londoner Chodorkowski-
»Was ist mit den Menschen?«, fragte der Dorf, können per Telefon einen Kontakt- Organisation »Dossier Center«, die dem
Menschenrechtsbeauftragte des litauischen mann um Hilfe bitten. Mittlerweile sind sie SPIEGEL vorliegen, belegen, dass das staat-
Parlaments, Vytautas Valentinavičius, der wieder im Irak. liche belarussische Unternehmen Zentrkurot
selbst vor Ort war und sah, wie belarussische Die Flüchtlinge im Zeltlager bei Rūdninkai im Mai dafür sorgte, dass Dutzende Visa an
Beamte Warnschüsse in die Luft abgaben, um haben die Videos der fünf Männer gesehen. Irakerinnen und Iraker vergeben wurden.
eine Gruppe Flüchtlinge zurückzudrängen. Viele haben nun Angst, abgeschoben zu wer- Zentrkurot untersteht der Präsidialverwal-
»Lukaschenko hat die Menschen mit Tou- den. 280 Geflüchtete wollte die irakische Re- tung Lukaschenkos. Man arbeite nicht mit
ristenvisa eingeladen, dann soll er sich auch gierung noch diese Woche aus Minsk zurück Besuchern aus dem Irak, Syrien, Libyen und
um die Menschen kümmern. Es ist seine Ver- nach Bagdad holen. Afghanistan, behauptet das Unternehmen auf
antwortung«, sagt hingegen der litauische Aber was ist mit den vielen anderen, die Anfrage.
Vizeinnenminister Arnoldas Abramavičius. noch unterwegs sind? Die litauischen Behör- Eine Frau, die bis Mai für Zentrkurot
»Unsere Grenzschützer waren lange so etwas den schätzen, dass es bis zu 5000 Geflüchtete arbeitete und deren Namen in den Papieren
wie eine Hotelrezeption für die Migranten, sein könnten. erwähnt wird, bestätigt jedoch die Echtheit
das muss aufhören.« Es mehren sich die Anzeichen, dass Luka- der Dokumente. Sie sagt, es seien sogar Hun-
Die litauischen Grenzschützer betonen, schenko sie an andere EU-Grenzen schicken derte Touristenvisa gewesen, die Zentrkurot
dass die Flüchtlinge noch vor Betreten Litau- könnte. Gruppen mit Migranten, darunter für Iraker ausstellen ließ. Die Frau organisier-
ens abgewiesen und Ausnahmen für Kranke Kinder, sind weiter westlich an der polnischen te die Visa-Einladungen für die Menschen,
und Kinder gemacht würden. »Wir wenden und nördlich an der lettischen Grenze an- die mit Direktflügen von Iraqi Airways und
keine Gewalt an«, sagt der Sprecher des li- gekommen. Auch in Deutschland griff die Fly Bagdad in Minsk am Flughafen ankamen.
tauischen Grenzschutzes Rokas Pukinskas. Polizei schon vereinzelt Menschen auf. Dort warteten Fahrer eines Transportunter-
Nachprüfen lässt sich das kaum. Fünf ira- Lukaschenko scheint nicht gewillt zu sein, nehmens, das Zentrkurot beauftragt hatte,
kische Flüchtlinge erzählten Mitarbeitern der die Menschen aufzunehmen, die er aus Bag- brachten die Iraker in Hotels im Zentrum von
Hilfsinitiative »Alarm Phone«, dass sie abge- Minsk. »Dass das keine touristischen Reisen
wiesen wurden, obwohl sie in Litauen explizit waren, war mir schnell klar«, sagt sie. »Ich
um Asyl gebeten hätten. habe verstanden, dass das alles illegal ist, und
Ihre Notlage an der Grenze filmten sie habe noch im Mai gekündigt.«
selbst. »Bitte, mein Freund, bitte«, fleht einer In den Dokumenten des »Dossier Center«
der Männer in einem der Videoclips. Er steht taucht ein weiterer Name auf: Es ist jener
im hohen Gras vor vier litauischen Beamten der Firma Oscartur in Minsk. Deren Direktor
in Tarnuniform und Sturmhauben, sie haben wird als Ansprechpartner zusammen mit der
einen Hund bei sich. Einer der Grenzschützer damaligen Mitarbeiterin von Zentrkurot in
hat einen Schlagstock in der Hand, sagt: den Visalisten der Iraker angegeben. Vieles
»Geh zurück nach Belarus. Verstehst du das? deutet darauf hin, dass das Unternehmen da-
Geh zurück.« Der Mann ruft: »Ich will nicht für sorgen sollte, dass mehr Menschen aus
zurück.« Auf der anderen Seite haben bela- dem Irak nach Belarus kommen. In den E-
Andrei Stasevich / AP

russische Sicherheitskräfte Stellung bezogen. Mails ist ein Entwurf eines Kooperationsver-
Die Flüchtlinge kommen nicht vor und nicht trags mit dem Staatsunternehmen Zentrku-
zurück. Stundenlang geht das so, die Männer rot enthalten. Darin geht es um die »Entwick-
sagen, sie hätten kein Wasser und Essen. Bil- lung des internationalen Tourismus mit Län-
der zeigen, wie sie vom Regen durchnässt Despot Lukaschenko dern der arabischen Welt und der Republik

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 85


AUSLAND

von Belarus«. Als der SPIEGEL den Direktor


von Oscartur am Telefon mit den Recherchen
konfrontierte, legte dieser den Hörer auf.
Litauische Sicherheitsbeamte glauben,
dass Zentrkurot eine Schlüsselrolle dabei
spielte, Belarus als Sprungbrett in die EU
unter Flüchtlingen bekannt zu machen. Vor
allem in den sozialen Medien tauchten immer
wieder Posts mit Werbeanzeigen für Reisen
nach Belarus auf. Das bestätigen auch iraki-
sche Flüchtlinge im Zeltlager von Rūdninkai.
Sleman sagt, er habe Anzeigen auf Facebook
gesehen. 1000 Dollar habe er für den Flug,
ein Touristenvisum und das Dreisternehotel
Planeta in Minsk an eine Reiseagentur in Bag-
dad bezahlt.
Bislang gelangen Flüchtlinge aus dem Na-
hen Osten vor allem über die Türkei und die
Ägäis nach Europa. Immer wieder ertrinken
Schutzsuchende auf dem Weg. Lukaschenkos
neu geschaffene Fluchtroute in die EU ist
sicherer. Sie führt von Minsk an die grüne
Grenze. Oft stehen dort nur die zwei Grenz-
pfähle von Belarus und Litauen. Und selbst
wenn es Zäune auf beiden Seiten und Kame-
ras gibt, wie nahe der litauischen Grenzsta-
tion Medininkai, verhinderten auch diese die
Migration nur bedingt.
Vieles spricht dafür, dass sich die Men-
schen ihren Weg über die Grenze nicht selbst
gesucht haben, dass Schmuggler und auch
der belarussische Grenzschutz beteiligt sind.
In einem Land wie Belarus passiere nichts
ohne die Behörden, schon gar nicht, wenn es
um die Belange von Ausländern gehe, sagt
ein ehemaliger Beamter des Regimes.
Das litauische Innenministerium veröffent-
lichte ein Video, aufgenommen aus einem
Frontex-Hubschrauber. Darin ist zu sehen,
wie ein Geländewagen eine Gruppe Geflüch-
teter an der Grenze zu Litauen begleitet.
Nach Angaben des Ministeriums benutzt der
belarussische Grenzschutz solche Autos.
Mit belarussischen Beamten oder Schmugg-
lern will im Zeltlager bei Rūdninkai keiner
etwas zu tun gehabt haben. »Wir sind allein
gekommen«, behaupten die Männer. Ihre Päs-
se haben die wenigsten noch. Sleman sagt,
seine Papiere hätte die Reiseagentur in Minsk
einbehalten, andere wollen die Dokumente
auf der Flucht verloren haben.
Der Iraker hofft nun bald, Asyl beantragen
zu können. Doch das werde wohl noch Wo-
chen dauern, sagt er. Einige wenige Männer
durften das Camp verlassen. Es sind Flücht-
linge aus Belarus, für die eine Hilfsorganisa-
tion gebürgt hat.
Sleman versteht das nicht, spricht von Un-
gleichheit. »Wir sind doch auch Menschen,
brauchen Schutz.« Er werde auf keinen Fall
zurück nach Bagdad gehen, wo er bedroht
werde. Er fürchtet, dass er und die anderen
Flüchtlinge noch Monate in dem Zeltlager im
Wald von Rūdninkai ausharren müssen. Der
Herbst wird bald kommen, es werde kälter.
»Was dann?«, fragt er.
Christina Hebel, Christoph Reuter
Mitarbeit: Alexander Chernyshev ■

86 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


SPORT

Ein Argentinier in Paris


Messi bei seiner offiziellen Vorstellung

60 Mio. € Grundgehalt bezog Lionel Messi beim FC Barcelona


pro Jahr. Wir zeigen die Gesamtsumme der Spielergehälter der zehn
teuersten europäischen Mannschaften in der Saison 2020/21 in Mio. €.
in Paris am 11. August

Jahresgehalt des jeweils


teuersten Spielers

277 FC Barcelona Messi 60


255 Real Madrid Eden Hazard 25
235 Paris Saint-Germain Neymar 52
219 Manchester United David de Gea 21

Pierre Perussebeau / Bestimage / Action Press


215 Juventus Turin Cristiano Ronaldo 60
205 Bayern München Robert Lewandowski 21
190 FC Chelsea N’Golo Kanté 18
171 Manchester City Kevin De Bruyne 14
162 FC Liverpool Mohamed Salah 12
145 Atlético Madrid Luis Suárez 17
S Quelle: Salary Sport

Der Wechsel von Lionel Messi vom FC Barcelona zu Paris Saint-Germain katapultiert den französischen Fußballklub an die Spitze
der europäischen Gehaltstabelle. In der neuen Saison tragen auch Zugänge von Topstars wie Sergio Ramos (von Real Madrid),
Gianluigi Donnarumma (vom AC Mailand), Achraf Hakimi (von Inter Mailand) und Georginio Wijnaldum (vom FC Liverpool) dazu bei,
dass Paris die mit Abstand teuerste Mannschaft Europas stellt.

GUT ZU WISSEN sich aber auch ausruhen kön-


nen. »Denn auch Pferde
Warum werden Pferde nach einem möchten nicht immer im Ste-
hen schlafen«, sagt Geburek.
Bänderriss eingeschläfert? Sechs bis zwölf Monate
dauere die Heilung bei Seh-
nen- und Bandschäden,
Bei den Olympischen Spielen de, ein verletztes Pferd einzu- gehindert werden, sich zu le- im Einzelfall schon mal bis zu
in Tokio wurde »Jet Set«, schläfern. gen, da die Aufstehbewegung 18 Monate. In den ersten
das Pferd des Schweizer Viel- Grundsätzlich können Bän- den Heilungsprozess gefähr- Wochen gilt Boxenruhe. Im
seitigkeitsreiters Robin Godel, der überdehnt sein, aber auch den kann. Das könne durch Anschluss werden die Pferde
eingeschläfert. Der Wallach vollständig reißen, erklärt sogenannte Tierbergenetze dosiert bewegt. Über Monate
erlitt während des Gelände- Florian Geburek, Professor für erfolgen, in denen sie stehen, müsse der Bewegungsdrang
ritts einen Bänderriss am rech- Pferdechirurgie an der Stiftung des Fluchttieres Pferd kontrol-
ten Vorderbein. Untersuchun- Tierärztliche Hochschule Han- liert werden.
gen hätten ergeben, so die nover. Bänderrisse am Sprung- Nicht alle Erkrankungen
Schweizer Teamchefin, dass gelenk, die beim Menschen des Bewegungsapparats seien
das Tier kein schmerzfreies relativ häufig auftreten, kämen heilbar. Wenn die zu erwar-
Leben mehr hätte führen kön- beim Pferd eher selten vor. tenden Schmerzen oder Schä-
STEFAN LAFRENTZ / Imago Images

nen. Die Entscheidung hatte »Die Herausforderung ist, dass den so ausgeprägt seien,
eine große Diskussion in den das Pferd darauf angewiesen dass sie ethisch nicht vertret-
sozialen Medien ausgelöst. ist, seine Gliedmaßen vom bar seien, werde das Tier ein-
Ob »Jet Set« hätte geret- Therapiebeginn an durch sein geschläfert, sagt Geburek:
tet werden können, ist aus Körpergewicht zu belasten«, »Es geht immer darum, das
der Ferne nicht zu beurteilen. sagt Geburek. Leiden des Tieres möglichst
In schweren Fällen gibt es Schwer verletzte Tiere gering und von möglichst
aus tierärztlicher Sicht Grün- müssten manchmal daran »Jet Set« beim Geländeritt in Tokio kurzer Dauer zu halten.« NGO

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 87


SPORT

Peter Rigaud / DER SPIEGEL

88 DER SPIEGEL Nr. 33 / 14. 8. 2021


SPORT

»Mit Flick kommt ein Trainer, dessen


Philosophie mit meiner übereinstimmt«
SPIEGEL-GESPR ÄCH Fußballprofi Thomas Müller über die Umbrüche beim FC Bayern und im DFB-Team und
die Angst, international abgehängt zu werden

Als Müller, 31, auf dem Computer


zum Interview erscheint, trägt der
Nationalspieler vom FC Bayern Mün-
reflektierte und ehrliche Analyse for-
muliert. Die Nationalmannschaft hat-
te in den Monaten davor viele Ge-
10-mal SPIEGEL: Wie hat Sie Flick zurück
auf Ihr Leistungsniveau geführt?
Müller: Er hat mich auf ein noch hö-
chen eine Maske. Das Gespräch muss gentore kassiert, genau deswegen heres Level gebracht. Man sagt ja im-
digital stattfinden, zu groß ist die hat der Bundestrainer auch diese
wurde Müller mer, ich sei ein guter Pressing-Aus-
Angst vor Corona in der Bundesliga, defensive Marschroute gewählt. Das deutscher löser. Weil ich umtriebig bin und den
die mit der Partie Mönchengladbach haben wir in der gesamten Vorberei- Meister, Willen habe, den Gegner schon sehr
gegen Bayern in die neue Saison star- tung trainiert, und es haben alle voll früh in seinem Spielfeld zu bearbei-
tet. Müller fragt seine Gesprächspart- mitgezogen. Wenn du dann trotzdem 6-mal DFB- ten. Eine Schwäche von mir ist, dass
ner auf dem Bildschirm: »Sind Sie sieben Treffer in vier Spielen be- Pokal-Sieger, ich manchmal zu früh ins Pressing
geimpft? – Ah, dann kann ich die Mas- kommst, ging diese Strategie eben 2-mal Cham- gehe, dass ich ungeduldig werde,
ke jetzt ja abnehmen.« nicht auf. Eine Kritik an Jogi Löw war wenn ich zu lange dem Ball hinter-
das nicht. pions-League- herlaufen muss. Bei Hansis Spielsys-
SPIEGEL: Herr Müller, denken Sie SPIEGEL: Nun soll beim DFB eine Gewinner. tem wurde aus dieser Schwäche eine
noch oft an Ihren Fehlschuss gegen neue Zeitrechnung beginnen. Löws Stärke, um nur ein Beispiel zu nen-
England bei der EM? Kurz vor Ende Nachfolger Hansi Flick stellte sich am nen. Er wollte genau diesen extre-
der Partie liefen Sie allein auf das Dienstag vor und hat gesagt, dass Al- men, schnellen Druck aufbauen, die-
Tor zu, hätten den 1:1-Ausgleich er- ter für ihn keine Rolle spiele. Stehen se Ungeduld nutzen. Er ließ mir zu-
zielen können. Vielleicht wäre das Sie weiter zur Verfügung? dem offensiv viele Freiheiten. Ich war
Achtelfinal-Aus so abzuwenden ge- Müller: Ja. Hansi Flick ist der Trainer, nie ein Zentrumsspieler, der als
wesen. der mich beim FC Bayern gefördert Standfußballer nur innerhalb seiner
Müller: Mittlerweile nicht mehr. In hat, der mir die Chance gegeben hat, fünf Quadratmeter agiert. Hansi gab
den Tagen nach unserem Ausschei- wieder in einer zentralen Rolle auf mir die Möglichkeiten, und ich konn-
den hat es mich enorm gewurmt, und dem Platz zu stehen und Leistung zu te sie nutzen.
ich wurde noch oft darauf angespro- bringen. Über die Nationalelf haben SPIEGEL: Ist das System Flick vom
chen. Inzwischen aber kaum noch. wir bereits gesprochen. Ich habe mei- FC Bayern auf die Nationalmann-
Ich fand, es war trotz der Niederlage ne Bereitschaft signalisiert, weiter mit schaft übertragbar?
ein 50:50-Spiel. Mit dieser Chance dabei zu sein. Müller: Die Art und Weise, Fußball
hätte ich dazu beitragen können, das SPIEGEL: Toni Kroos, der wie Sie zu spielen, auf jeden Fall. Auch wenn
Ruder noch mal herumzureißen. Lei- 31 Jahre alt ist, beendete nach der wir in der Nationalmannschaft kei-
der kam es anders, das war schon ein EM seine DFB-Karriere. Haben Sie nen Robert Lewandowski haben, der
bitterer Moment. Aber jetzt starten ebenfalls mit dem Gedanken gespielt, 40 Saisontore schießt und mehr. Aber
wir in die neue Bundesligasaison, da das Kapitel Nationalmannschaft kom- allein die Winner-Mentalität, die
ist dieser Fehlschuss für mich weit plett zu schließen? Hansi fordert und fördert. Gegner
weg. Mein Blick ist ganz klar nach Müller: Nein. Durch diese zwei Jahre wie eine Herde von Bullen zu über-
vorne, auf die kommenden Aufgaben Pause, die ich ab Frühjahr 2019 un- rumpeln oder nach Rückständen wie-
gerichtet. Die Schnelllebigkeit des freiwillig eingelegt habe, ist dieses Ge- der zurückzukommen. Davon wer-
Fußballs hilft da. fühl einer Müdigkeit oder Übersätti- Bundestrainer Flick:
den alle Beteiligten profitieren.
SPIEGEL: Nach dem Aus sorgten Sie gung, was die Nationalmannschaft be- »Davon werden alle SPIEGEL: Beim FC Bayern ist Julian
in Ihrem Newsletter für Wirbel, Sie trifft, überhaupt nicht vorhanden. Beteiligten profitieren« Nagelsmann bereits Ihr achter Chef-
schrieben: »Mit unserer Bestrebung, Der Fußball macht mir gerade mehr coach. Joshua Kimmich sagte, er
durch eine eher abwartende, kom- Spaß als je zuvor. Ich habe das Ge- wünsche sich mehr Beständigkeit.
pakte Defensivstrategie ohne Gegen- fühl, der Ball gehorcht mir noch Empfinden Sie das auch so?
tor zu bleiben, sind wir de facto ge- besser als zu der Zeit, als ich in mei- Müller: Beständigkeit ist nicht auto-
M. Donato / FC Bayern / Getty Images

scheitert.« Das wurde als offene Kri- nen frühen Zwanzigern war. Damals matisch eine Garantie auf Erfolg.
tik an Joachim Löw gelesen. Sollte es habe ich auch schon Tore geschossen Ich habe die Erfahrung gemacht,
das sein? und tolle Spiele geliefert, heute spüre dass Veränderungen für eine Entwick-
Müller: Das wurde sehr auflagenför- ich in meinem Spiel mehr Konstanz. lung oft förderlich sein können. Da-
dernd interpretiert. Ich habe eine Und mit Hansi Flick kommt ein Trai- mit meine ich jetzt gar nicht un-
ner, bei dem ich weiß, dass seine bedingt personelle Veränderungen:
Das Gespräch führten der Redakteur Jörn Meyn Spielphilosophie mit meiner überein- Wer auf Topniveau bleiben will, muss
und der SPIEGEL-Mitarbeiter Florian Kinast. stimmt. jeden Tag nachjustieren und sich

Nr. 33 / 14. 8. 2021 DER SPIEGEL 89


SPORT

fragen, wie er besser werden kann. will, wo es eigentlich super ist. Beim
Das gilt für uns Spieler wie für Trai- FC Bayern haben wir herausragende
ner. Und für die ist der Job besonders Bedingungen, spielen immer um den
schwierig. nationalen und um internationale
SPIEGEL: Warum? Titel mit. Da muss man erst einmal
Müller: Wenn du als Spieler einen etwas finden, das besser ist. Und Lan-
freien Tag hast, hast du wirklich frei geweile hatte ich hier nie: In einem
und bist daheim bei Frau und Kind, solchen Topklub muss ich mich ja
bei Hund und Katz. Ein Trainer da- jeden Tag neu beweisen.
gegen hat nie frei. Er ist 365 Tage SPIEGEL: Haben Sie nie überlegt, den
24 Stunden im Einsatz, er muss sich Verein zu verlassen?
mit Problemen in der Mannschaft Müller: Doch, zweimal. Zuletzt im
herumschlagen, mit der Verletzten- Herbst 2019. Damals habe ich nicht
liste, mit den Medien, mit dem gan- von Beginn an gespielt. Und es hätte

Lorenz Baader
zen Umfeld. Als Trainer wirst du im sein können, dass die Mannschaft
Lauf der Jahre ganz automatisch auch ohne mich erfolgreich ist. Es
abgeschliffen. braucht ja nicht jedes Team einen
SPIEGEL: Nagelsmanns Vertrag läuft Trainer Nagelsmann: Ära Hoeneß/Rummenigge ist beendet. Thomas Müller, um zu gewinnen.
bis 2026. Ein so langer Kontrakt ist »Ich finde die Wie verändert das den Verein? Wäre es so gekommen, dann hätte
Konstellation höchst
für Bayern-Trainer außergewöhnlich. interessant« Müller: Für die Mitarbeiter, die Ab- ich mich verändern wollen.
Von ihm wird erwartet, Titel zu ho- teilungen und alles, was den Verein SPIEGEL: Und das zweite Mal?
len, eine neue Ära zu prägen. Kann rund um diese Fußballmannschaft Müller: Das war 2015, als Manches-
er das erfüllen? ausmacht, waren jahrzehntelang ter United mich verpflichten wollte.
Müller: Ich finde die Konstellation Hoeneß und Rummenigge prägend. Das hätte ich vielleicht gemacht.
höchst interessant. Zum einen haben Oliver Kahn wird seinen eigenen Aber mein Vertrag galt noch ein paar
wir vor kurzer Zeit mit sechs Titeln Stil entwickeln. Und was die Trans- Jahre, und der FC Bayern hat mir klar
die erfolgreichste Saison der Vereins- fers angeht, kann ich im Moment signalisiert: Wir lassen dich nicht ge-
geschichte erleben dürfen. Zum an- nicht feststellen, dass Uli Hoeneß und hen, nicht einmal für die verrückte
deren kommt jetzt ein Trainer, der Karl-Heinz Rummenigge grundsätz- Summe von 120 Millionen, die da auf-
sehr jung ist und bei seinen bisherigen lich die besseren Spieler geholt hätten gerufen wurde. Dann war die Tür zu,
Stationen in Hoffenheim und Leipzig als Oliver Kahn und Hasan Saliha- und für mich war das okay. Denn wer
die Erwartungen immer übertraf. Ich midžić. hört nicht gern von seinem Klub, dass
habe mit einigen seiner früheren Spie- SPIEGEL: Kahn hat kürzlich gesagt: er voll auf einen setzt? Zumal du hier
ler gesprochen und nur Gutes gehört. »Wir haben einen exzellenten Kader.« etwas aufgibst, das du vielleicht nie
Reizvoll für mich ist, wie detailliert Hat er recht? wieder findest.
Julian Nagelsmann sich mit dem Fuß- Müller: Ja. Wir haben einen sehr gu- SPIEGEL: Ihr Vertrag läuft noch bis
ball auseinandersetzt und was daraus ten Kader. zum Jahr 2023. Haben Sie sich schon
entstehen kann. SPIEGEL: Paris hat Lionel Messi ge- Gedanken gemacht, was nach dem
SPIEGEL: Kann er jemandem wie Ih- holt, den besten Spieler der Welt, Ende Ihrer Karriere kommen soll?
nen noch etwas beibringen? Chelsea hat Romelu Lukaku ver- Müller: Es ist nicht ausgeschlossen,
Müller: Mit Sicherheit, ich bin sehr pflichtet, Manchester United hat Ja- dass ich Trainer oder Funktionär wer-
neugierig darauf. Vielleicht kann ich don Sancho für 85 Millionen Euro de. Was ich hingegen ausschließe:
noch eine Schippe drauflegen und gekauft und Manchester City Jack einen direkten Übergang. Mir fehlt
noch effizienter werden. Vielleicht Grealish für 118 Millionen Euro. Be- ja die Ausbildung dazu. Ich war
kann ich in dem einen oder anderen reitet Ihnen das keine Sorgen? 20 Jahre lang nur Spieler. Natürlich
Detail, das ich seit Jahren falsch ma- Müller: Das ist ein bisschen verrückt habe ich Talente. Aber es wäre
che, nochmals nachkorrigieren. Wo- gerade. Man hätte eigentlich gedacht, eine Illusion zu glauben, dass ich
möglich gilt das auch für meine Mit- dass sich der Markt durch Corona schnell den Trainerschein mache
spieler. etwas beruhigt. Das scheint nicht der und dann Trainer beim FC Bayern
SPIEGEL: Macht es einen Unter- Fall zu sein, und wir müssen sehen, werde. Das Gleiche gilt für das
schied, ob ein Trainer, wie Jupp Heyn- was das für uns bedeutet. Wir in Management.
ckes, über siebzig ist oder Mitte drei- Deutschland haben uns für die 50+1- SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen,
ßig, wie Nagelsmann? Regelung entschieden. Und das hat aus dem Fußball ganz auszusteigen?
Müller: Wenn es allein darum geht: ja auch sein Gutes für die Mitbestim- Müller: Ich möchte den Fußball ei-
Wie spricht ein Mensch mit einer
Gruppe, dann könnte sich Heynckes
vielleicht ein paar mehr Fehler erlau-
106
Länderspiele
mung der Fans, für die Vereinskultur
im Land. Aber dann muss man eben
damit leben, dass nicht unendlich viel
gentlich nicht verlieren. Dafür bedeu-
tet er mir zu viel. Wenn meine Kar-
riere endet, wird das wie ein Entzug.
ben als Nagelsmann. In der Anspra- Geld in die Klubs gepumpt wird, mit Das Adrenalin, das du auf dem Spiel-
che an die Spieler wohlgemerkt, nicht