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EUGEN ONEGIN PARAPHRASE

ODER
JOSEF ONO

Versroman von Torsten Schwanke

(Fragment)

ERSTER GESANG

Nun also muss mein Vater sterben,


Denn krank geworden ist sein Blut,
Nun muss der Reiche doch verderben,
Lässt anderen das Hab und Gut.
Lasst alle uns das Leben segnen
Und freudig unserm Gott begegnen!
Ach muss ich noch am Sterbebett
Das Söhnchen spielen lieb und nett,
Wenn er der Krankenschwester heuchelt?
Soll Vaterunser beten fromm,
Und muss doch denken: Teufel, komm,
Er tat sein Leben lang dir schmeicheln,
Zieh ihn hinunter in den Feuersee,
Ich jetzt schon die Verdammnis seh!

II

So dachte nach mein junger Heros,


Als er fuhr mit der Eisenbahn,
Er, der ein Sklave war des Eros,
Der lebte stets in wildem Wahn.
Ihr Freunde, die ihr lest nur Krimis,
Wie eure Muschis, eure Mimis,
Für euch schreib ich nicht mein Poem,
Euch wär ein Kochbuch angenehm.
Ich sing den Josef Ono einsam,
Der wohnte still in Oldenburg,
War mit ihm nur der Demiurg.
Mit dem er lebte still gemeinsam.
Ich lebte einst beim kalten Nord,
Da bleibt dir nur der Eigen-Mord!

III

Sein Vater hatte Geld gesammelt,


Mit Aktien siegreich spekuliert,
Hat Mammon stets sein Lob gestammelt
Und lebte stets mit Gold verziert.
Mit Josef meint es gut die Weisheit,
Als Kind in träumerischer Leisheit
Wuchs er im Arm der Götter groß.
Die fromme Muse war sein Los,
Ein frommes Fräulein sprach von Mose,
Von David und von Joseph auch,
Ein Pastor sprach mit frommen Hauch
Von Karitas und solcher Chose.
Und Josef spielte in dem Wald,
Bei Kühen auf den Feldern bald.

IV

Als Josef kam in seine Jugend,


Wenn aufwacht Sexualität,
Da ließ er ab von frommer Tugend,
Ließ ab von Glauben und Gebet,
Er liebte nun die Kommunisten
Und nicht mehr die bigotten Christen.
Von Shakespeare lernte Englisch er,
Und auch, dass Böhmen liegt am Meer.
Zu der Musik aus San Francisco
Er tanzte, trunken von dem Bier
(Und liebte Mädchen wie ein Tier)
Und von dem Wodka in der Disco.
Smart nannte ihn ein Kommunist,
Doch nicht der feminine Christ...

Wir waren alle in der Schule


Und klecksten mit dem Tintenfüller,
Uns pries die Lehrerin Frau Buhle
Den Thomas Mann und Friedrich Schiller,
Man pries das Epische Theater
Und seinen geilen Lügenvater,
Den Berthold Brecht, den alten Baal,
So singt man heute den Choral.
Doch Josef, nach der Lehrer Meinung,
Belesen war und intelligent,
Die nur der Eingeweihte kennt,
Er kannte mancherlei Erscheinung.
Die Mädchen er verstand sehr tief,
Schrieb manchen langen Liebesbrief.

VI

Latein ist nicht mehr in der Mode,


Die Kirche selbst singt heute deutsch.
Frau Casta sang er ein Ode,
Er wusste, Casta, das heißt keusch.
Er kannte Spartakus, der Sklave
Am Kreuze war, er kannte Ave,
Er las von Maro ein Gedicht
Von einem Kräuterkäsgericht.
Ihn interessierte die Geschichte
Vor Marx und Engels aber nicht,
Er sah Utopia im Licht,
Las kommunistische Gedichte
Voll sinnlicher Erotik barsch,
Furunkel an Karl Marxens Arsch.

VII

Ihm fehlte sehr der Kuss der Muse,


Er kannte keinen reinen Reim.
Er schrieb Pamphlete nur, konfuse,
Er schrieb vom Obdachlosenheim,
Er sorgte sich nicht um Trochäen,
Er wollt nicht in die Psalmen sehen,
Und was, was ist ein Anapäst?
Er lieber las im Manifest,
Vom Matriarchate der Huronen
Und von des Mammonas Geschlecht,
Vom Klassenkrieg, vom Weltgefecht,
Sturz den Altären und den Thronen,
Und lieber als Novalis Lied
Las er von Mehrwert und Profit.

VIII

Was alles Josef so gelernt hat,


Das redet keine Zunge aus.
Die Weisheit sich von ihm entfernt hat,
Und wenn er ging ins Gotteshaus,
So nur, das Bibelbuch zu stehlen.
Doch konnte nie er widerstehen
Der Wissenschaft der süßen Lust,
O Venus mit der vollen Brust!
So er studierte Liebeskünste,
Wie sie im Kamasutra stehn,
Auf Bildern auch im Buch zu sehn,
Die ganze Wissenschaft der Brünste,
Die pries Ovid am Moldaustrom,
Fern Julia und fern von Rom.

IX
(…)

Er wollte Mädchen gern betören,


Mit Hoffnung und mit Eifersucht,
Die Mädchen in den Kirchenchören,
Die Venus an der Meeresbucht.
Nur dass das Mädchen mit ihm schliefe,
Schrieb er sehr lange Liebesbriefe,
Lag er der einen an der Brust,
Gedachte er bei wilder Lust
Der andern, die er lieber hatte.
Was kümmert ihn des Mädchens Nein?
Ein Nein mag wohl ein Ja-Wort sein!
Und strotzend stand ihm seine Latte.
Doch wenn sie nicht mit ihm gepennt,
So hat er bitter auch geflennt.

XI

Wie er der Neuen konnte schmeicheln,


Die schöner als die Alte war,
Wie konnt er wahre Liebe heucheln,
Sah er der bloßen Brüste Paar,
Sah er der Brüste Kirchenglocken
Im Schleier langer goldner Locken,
Fast wurde er auch noch Poet,
Er schrieb dem Mädchen ein Gebet,
Gleichzeitig liebt er viele Mädchen,
Doch ging er niemals in den Puff,
Doch sang er laut im Wodka-Suff
Und nannte Göttin gar das Gretchen!
Und alles um ein Rendezvouz
Mit irgendeiner blöden Kuh.

XII

Er lernte so, wie man verführt


Ins Bett die stadtbekannte Dirne,
Und wenn die Ehefrau sich ziert,
So trotzte er mit dreister Stirne.
Die Einfaltspinsel-Ehemänner,
Die Roboter, die Bibelkenner,
Die luden ihn zum leckern Mahl.
Wie spottet er doch dem Rival
Mit seiner Zunge der Satire,
So zynisch wie Diogenes,
Der Gatte aber unterdes
Befriedigt war wie faule Tiere,
Zufrieden mit dem fetten Leib
War er, mit Mahlzeit und mit Weib.

XIII

(…)

XIV

(…)

XV

Oft, wenn er mittags lag im Bette,


Drei Briefe kamen mit der Post.
Es lud ihn ein die schöne Nette,
Ihr Ehemann war kalt wie Frost.
Auch ein Geburtstag eines Knaben,
Der forderte vom Paten Gaben,
Die Greisin auch bat zum Besuch,
Und Merde war ihr steter Fluch.
Er zog sich an den Bauernkittel,
So wie ihn Lenins Jünger trug,
Ging auf die Straße, sah den Trug
Der Werbung für ein Haarschaummittel,
Die Modells werden immer schöner.
Er aß bei Hassan einen Döner.

XVI

Am Abend fuhr er mit dem Busse


Zur nahen Herzogsresidenz.
Da harrte mit dem Musenkusse
Die Gattin, lieblich wie der Lenz.
Und Eichelberg, sein Freund und Bruder,
Er sprach vom nackten blonden Luder.
Dann gab es Kassler, gelben Mais
Und Käsesauce, Chinas Reis.
Dann gab es alten starken Rotwein,
Den südfranzösischen Bordeaux.
Man witzelte und sprach: So so,
Du möchtest also lieber tot sein?
Die Kirschpraline mit Likör
Dem trunken Gastfreund mundet sehr.

XVII
Und Glas auf Glas trank da der Vater
Und seine Tochter wurde schön.
Dann aber ging es ins Theater,
Schauspielerinnen anzusehn.
Man spielte Berthold Brecht, die Mutter,
Soldaten als Kanonenfutter.
Doch Josef dachte: Lieber seh
Ich Sophokles, Antigone.
Die Leute schrieen laut hysterisch,
Ich glaube, Pathos nennt man das.
Hanns Eisler musizierte, was
Klang infernalisch mehr als sphärisch.
Die Narren klatschten laut Applaus,
Die Spießer in dem Musenhaus.

XVIII

Theater! Räuber ihr von Schiller,


Penthesilea du von Kleist,
Der alte Faust ward immer stiller,
Empedokles sei lobgepreist,
Bachantinnen von Euripides,
Du Krone femininen Liedes,
Ihr Hexen von Macbeth im Sturm,
Miranda, Caliban im Turm,
Dazu Antigone, Johanna,
Dazu auch der verrückte Lenz,
Und Colombines Transparenz
Und Don Juan und Donna Anna
Und Harlekin, sein Freund Pierrot,
Doch nimmer Warten auf Godot!

XIX

O meine Göttinnen, o Musen!


Wohin seid ihr gegangen wohl?
Muss ich nun feiern neue Busen,
Statt euch ein jüngeres Idol?
Wer kann sich je mit euch vergleichen?
Ihr bleibt die Ewig-Ohnegleichen!
Doch im modernen Musenhaus
Geht mir die gute Laune aus,
Ich muss vor Langeweile gähnen,
Ich seh die neuen Musen, dumm,
Vor genialem Denken stumm,
Die Narrheit plappert auf den Szenen!
Ach Musen! Wär ich wieder jung!
Nun bleibt mir nur Erinnerung...

XX
Und nun die jungen Tänzerinnen,
Geschminkte Modells pittoresk,
Sie tragen nicht der Tugend Linnen,
Nein, nur ein Négligé burlesk.
Begeistert junge Mädchen gröhlen,
Fanatisch dröhnen ihre Kehlen,
Nun Britney Spears im Evaskleid,
Die Hure nackt, der Pöbel schreit,
Sie führt die Schlange an die Lippen
Und schaukelt mit des Beckens Schwung.
O Torheit! O wie bist du jung!
Dir dienen alle Menschheitssippen!
Dann schwebt sie auf mit dem Ballon,
Die nackte Göttin ist davon.

XXI

Applaus erklingt im Musentempel.


Und Josef Ono sieht sich an
Die Mädchen mit der Torheit Stempel
Und manchen geistentleerten Mann.
Wie lieben sie die eitle Mode,
Verachten aber Klopstocks Ode!
Die Frau fast nackt, der Mann mit Schlips,
Und vom Champagner einen Schwips.
Und das nennt man Musik der Musen?
Dem Josef scheint das öde, leer,
Die böse Schwermut plagt ihn sehr,
Nur Brüste, doch kein Herz im Busen!
Und über alle Maßen schlecht
Sind Heiner Müller, Berthold Brecht.

XXII

Dann Eros, Lilith und die Schlange!…


Es leert sich das Theaterhaus.
Die Menschen stehn und schwatzen lange,
Geht mancher in die Nacht hinaus.
Die Damen gehen in den Pelzen,
Nun Massen sich an Massen wälzen,
Ein Husten, Klatschen und Gezisch,
Man raucht, zur Nacht die Luft ist frisch,
Verschwunden sind die Musenschwestern,
Mondäne Damen blieben noch,
Ist jede Frau ein schwarzes Loch,
Wie Physiker verspottend lästern.
Und Josef Ono fährt nach Haus
Und zieht die feinen Sachen aus.
XXIII

Was trug denn Josef, welche Mode?


Nur abgetragnes Lumpenzeug!
Kein Thema für die hohe Ode,
Nun Muse dich zur Erde neig:
Pullover trug er von der Mutter,
Daran ein kleines Bild von Buddha,
Und immerdar die gleiche Jeans,
Wie Venus in blue jeans, so schiens,
Und abgelaufene Sandalen,
Mit bloßen Füßen darin meist.
Den Mao-Kittel dann, das heißt,
Proletenjacke. So zu malen,
Ist nun genug am Musenhof,
So ging der junge Philosoph.

XXIV

Aus Istanbul die Wassserpfeife


Stand qualmend da im dunklen Raum,
Da lag die unbenutzte Seife,
Da war Lavendel-Badeschaum,
Von Porzellan zwei China-Damen,
Die lächelnd ihn gefangen nahmen,
Die Schere für den jungen Bart,
Der Kamm fürs Haar, doch oft gespart,
Dazu die scharfe Nagelschere,
Doch trug er unter Nägeln Dreck,
Am Finger einen Tabakfleck,
All dies gereichte wohl zur Ehre
Dem Zyniker in seinem Fass,
Das wälzt er ohne Unterlass.

XXV

Warum soll sich ein Mann des Denkens


Um Fingernägel kümmern nur?
Die Welt des Nehmens und des Schenkens
Ist doch natürliche Natur.
Ein Künstler er aus der Boheme,
Wie ich ihn mir zum Thema nehme,
Verachtet nur die eitle Welt,
Der Schmuck und Schminke nur gefällt.
Und was er hatte an Parfümen,
Was half das gegen Fuchsgestank?
Die Zähne gelblich mehr als blank.
O Venus mit intaktem Hymen,
Kannst lieben du denn solchen Mann?
Schau dir den Taugenichts doch an!
XXVI

Die ihr Geschmack habt, den modernen,


Verzeiht mir meinen Bettlerstil.
Wie Venus nackig unter Sternen,
So liebe ich das Modespiel.
Was soll ich reden von dem Mini,
Vom Négligé und vom Bikini,
Von Spitzenunterhöschen weiß,
Vom Perlen-Tanga um den Steiß,
Von Büstenhaltern, Körbchengröße,
Und was die Frauen tragen nun,
Die sich wie Eva kleiden tun,
Um zu entblößen ihre Blöße?
Genug, ihr Musen, nun davon,
Und von der Reime Lexikon.

XXVII

Das sind nicht Themen für Poeten,


Die keuschen Musen dienen nur.
Was liebt ihr heute für Propheten,
Die reden von der Gottnatur
Als einer splitternackten Göttin,
Der Muttergöttin, Gottes Gattin!
Genug. Nun Josef will zum Tanz,
Zur Discothek im Lichterglanz,
Da zucken blaue Lazerstrahlen,
Da auf dem spiegelnden Parkett
Sich räkeln Weiber wie im Bett,
Die taten ihren Mund bemalen
Mit scharlachrotem Lippenstift,
Da tanzte wild ein blondes Gift.

XXVIII

Fuhr Josef mit dem Omnibusse


Zur City in die Discothek,
Die Frauen dort im Überflusse
Stehn, Ketten rauchend, ihm im Weg,
Da bietet eine Blonde, Nette
Ihm lächelnd eine Zigarette,
Da Beine tanzen in blues jeans,
Wohl eine Gottestochter schiens,
Mit jener wollt er gerne flirten,
Die Christin Bella aber ging,
Ach, ohne dass sie Feuer fing,
Die Männer laute Bässe hörten,
Die Männer stampften wild zum Takt,
Die jungen Frauen beinah nackt.

XXIX

Ich auch in meiner Jugend tanzte,


Im Rausch von Wodka und von Bier,
Nun sitz ich hier mit fettem Wanste
Und trinke schwarzen Kaffee hier.
Und nun moralische Lektionen
Verkünde ich, um euch zu schonen.
Gebt, Mütter, auf die Töchter acht!
Mit sechzehn Jahren in der Nacht
Sind Lustobjekte sie den Männern.
Ich würde selber auch wohl gern,
Doch steht mir Jugendtorheit fern,
Mit Weisheit ich von Alleskennern
Ich rat dem alten Mütterlein:
Sperr deine hübsche Tochter ein!

XXX

Bei allen diesen Jugendsünden


Hab ich verplempert meine Zeit.
Kann denn der Mensch nichts Bessres finden,
Ist denn der Mensch nicht Gott geweiht?
Doch lieb ich auch noch heute Jugend,
Die Schönheit scheint mir eine Tugend,
Mich überkommt Begeisterung,
Seh ich ein Mädchen schön und jung!
Seh ich ein Weib mit schönen Brüsten!
Doch gibt es das in Deutschland noch,
Dem Höllenpfuhl, dem Sündenloch?
Nach Brüsten tut es mich gelüsten,
Wie ich sie einst in Frankreich sah!
Wie war ich doch glückselig da!

XXXI

Doch wo bist du nun hin, o Busen?


Mein Herz vergisst dich nimmermehr!
Stimmt hohe Hymnen an, ihr Musen,
Wo badet sie, in welchem Meer?
Wo lebt sie nun, in welchem Süden?
Ach, kalt und finster ists hienieden,
Wo nicht der Brüste Sternbild strahlt,
Wie Botticelli sie gemalt.
Ich aber will dich singend rühmen,
Und darum gab mir Gott den Reim,
Ich bin an deiner Brust daheim,
Ich preise Venus, preise Hymen,
Ich traure nach der Jugendlust,
Da lag ich an der Venus Brust!

XXXII

Dianas Augen sind wie Monde


Und Floras Kleid ist bunter Lenz,
Das alles nur mit Leiden lohnte.
Doch in des Kleides Transparenz
Ich selig sah der Venus Busen,
Ja, da erst sangen meine Musen,
Da fand ich erst den Hymnenton,
Da wurde ich zum Göttersohn,
Da wurde ich zum Sohn der Sonne,
Als ich an diesem Busen lag,
Das war der erste Schöpfungstag
Auf braunem Boden der Garonne,
Wo ich gebadet im Bordeaux!
Wo war ich sonst noch glücklich, wo?

XXXIII

Ich denke gern an die Kanaren,


Sie lag im schwarzen Lavasand,
Wo schäumend hohe Wellen waren,
Die sie bespülten an dem Strand,
Da Gischt gespritzt ist um den Felsen,
Da wir uns in der Brandung wälzen,
Da tauchte Venus aus dem Schaum,
In Wirklichkeit, das war kein Traum,
Da lag ich an der Brust gebettet
Und sog die Milch als Säugling ein,
O Land von Milch und Honig mein,
Wie du mich von dem Tod gerettet,
Wie freudig deine Brust gebebt,
Wo ich in Wahrheit hab gelebt!

XXXIV

Ein andrer Ort, ich sehs noch heute,


Du saßest in dem Gartengrün,
Da waren keine andren Leute,
Da ward ich lüstern, wurde kühn,
Da saßest du in weißer Seide,
Des nackten Busens Augenweide
Sah durch des Kleides Transparenz
Ich blühen, schöner als der Lenz.
Doch nun genug vom Leib der Leiber,
Was soll denn schöner Verse Tanz?
Ja, wenn sie hätten einen Schwanz,
Zufrieden wären alle Weiber!
Sie brauchen keinen Lorbeerkranz,
Den Ruhm von Aphrodites Glanz!

XXXV

Und Josef Ono? Wie im Schlummer


Er flieht das Fest und geht ins Bett.
O Mutter Nacht, o still den Kummer,
Mach all die eitle Torheit wett!
Doch Oldenburg will nun erwachen,
Die Automobile wie Drachen
Schon donnern über den Asphalt,
Die Angestellten fahren bald
In ihr Büro an die Maschine,
Der bunte Supermarkt macht auf,
Da gibts ein Allerlei zum Kauf,
Der Bäcker auch mit ernster Miene
Schon backt das Brötchen und das Brot,
Aurora kommt, das Morgenrot.

XXXVI

Vom Lärm des Festes ziemlich müde,


Verschläft den ganzen Morgen er,
Schon bellt des Nachbars großer Rüde,
Doch Josef bleibt im Bette schwer.
Er steht erst Mittags auf vom Bette,
Er liest im Bette schon Sonette,
Raucht Zigaretten, trinkt Kaffee,
Gedenkt wohl einer fernen Fee.
Das gleiche Spiel an jedem Morgen,
Des Alltags graues Einerlei.
War er denn glücklich, war er frei,
War er befreit von Alltagssorgen?
War er erquickt und frisch und reg,
Wie nachts in heller Discothek?

XXXVII

Nein, das Gefühl war ihm vergangen,


Der er war der Gesellschaft müd.
Die Damen mit den Lockenschlangen
Kaum hoben ihm das Augenlid.
Nicht lange war er treu den Frauen,
Er mocht nicht stets die gleiche schauen,
Er traute auch nicht mehr dem Freund,
Der schien ihm ein verkappter Feind.
Was ist das denn, die Männerfreundschaft?
Da muss man abends beim Bordeaux
Anhören zynische bon-mots,
Geplagt von närrischer Gemeinschaft.
Wie sinnlos selbst die Eifersucht
Auf tugendhafte Gatten-Zucht!

XXXVIII

Die Krankheit aber, die ihn plagte,


Madonna Melencolia,
Das war der Spleen, wie weiland sagte
Schon seine Oma, immer da
War diese abgrundtiefe Schwermut,
Stand über ihm das Sternbild Wermut,
Das war vielleicht die schwarze Milz.
Gibt es dagegen einen Pilz
In Hildegardis Apotheke?
Da hilft wohl nur der klare Gin!
Da ist nur Sterben ein Gewinn!
Da stehst du taumelnd an der Theke
Und dann in Bogen und in Bausch
Verschläfst bei Weibern du den Rausch...

XXXIX

(…)

XL

(…)

XLI

(…)

XLII

Ihr wart die ersten, keusche Damen,


Die gab er auf, die er vergaß.
Wie diese Damen schweigend kamen,
Wenn er vor seinem Rotwein saß,
Und sprachen sie vom Seelenheile,
Ergriff ihn öde Langeweile,
Und wenn vom weltlichen Roman
Sie flüsterten zu ihm, dem Pan,
Dann wünscht er ihnen wieder Stummheit.
Wie öde ihre Tugend keusch,
Wie leer der Geist, wie kalt das Fleisch,
Ein stiller Teich voll tiefer Dummheit,
Für diese Venus so frigid
Erwacht im Sänger selbst kein Lied!

XLIII

Und dann vergaß er auch die Mädchen,


Die immer quicklebendig, reg,
Die Nacht hindurch in jedem Städtchen
Sich zeigen in der Discothek.
Nun Josef Ono lebte einsam,
Nur mit dem zweiten Ich gemeinsam,
Nun floh er in die Bücherwelt
Von Liebesgöttin oder Held,
Versuchte selbst sogar zu kritzeln.
Er war kein David, er war Saul,
Zur Dichterarbeit viel zu faul,
Zu traurig auch für Heines Witzeln,
So wurde er kein Dichter-Narr,
Wie ich es schon als Knabe war.

XLIV

Die öde Leere seiner Seele


Verfolgte ihn wie Gottes Fluch.
Ob man sich Weisheit da erwähle,
Studiere manches alte Buch?
Von Dialektik sprach da Hegel,
Von blauer Blume sprach da Schlegel,
Er las in jener Zeit Rimbaud,
Las Lao Tse vom A und O.
Doch immer nur auf Lettern schauen,
Erregte schließlich Überdruss,
So wie er voll war von Verdruss
Bei jungen Mädchen, reifen Frauen.
Nun war er allen Worten taub.
Auf Büchern häufte sich der Staub.

XLV

Ich auch verließ der Menschheit Orden


Und floh vor der sozialen Last,
Da bin ich Josefs Freund geworden,
War öfter tags bei ihm zu Gast.
Ich mochte seine wilden Träume
Und seines Geistes Bildungsräume,
Ich mochte diesen Sonderling,
Der oftmals sprach von dem I Ging,
Ich mochte seine ernste Schwermut
Und seinen bitterbösen Geist,
So Kerberus im Hades beißt,
Wenn er betrunken war vom Wermut,
Und wie er sprach vom Liebesgott
Und Frauen übergoss mit Spott.

XLVI.

Wo Weisheit ist, da ist viel Grämen,


Wo Denken ist, ist dunkle Qual.
Wir müssten uns der Torheit schämen,
So fern von dem Ideensaal.
Und heute ich mich noch dran freue,
Wie er gesprochen von der Reue,
Die Existenz, die größte Schuld,
Die fand nicht seiner Seele Huld.
Wie bitter sprach er in Satiren
Von den Maschinen-Männern, die
Im Herzen keine Sympathie,
Und von den Püppchen, von den Tieren,
Die welken wie im Herbst das Laub
Und sind nur Asche, sind nur Staub.

XLVII

Und einst in einer Nacht im Sommer


Der Himmel über Oldenburg
War wie ein hocherhabner Frommer
Und war erfüllt vom Demiurg,
Da dachte ich an Marianne,
Die Plagegöttin einem Manne,
Da war von Wehmut ich erfüllt
Vor ihrem Muttergottesbild.
Da haben Segen wir getrunken
Und über dem Champagnerschaum
Erschien die Liebe, schön wie Traum,
Wir bis zum letzten Seelenfunken
Die Seelenkräfte gaben aus
Der Schönheit in der Liebe Haus.

XLVIII

Sein Herz war aber voll Bedauern,


Voll Schwermut und voll bitterm Zorn.
Wir standen unter Regenschauern
Still bei des Knaben Wunderhorn
Vorm Oldenburger Schloss beim Park, ah,
Wir sprachen freudig von Petrarca,
Und wir beschlossen eine Fahrt,
Die uns Italien offenbart,
Da war das Schicksal uns wohl gnädig,
Wir fuhren mit dem Omnibus
Und suchten einen Musenkuss
Der jungen Venus von Venedig,
Die Goethes Augen trunken sahn
Und die gemalt hat Tizian.

XLIX

O Brenta mit den klaren Wellen!


O Cybele der Adria!
Wir waren in dem sonnenhellen
Venedig unterm Himmel da!
Fern war der Nord mit grauem Grimme,
Wir hörten nun der Muse Stimme,
Wie Schillers Geisterseher sprach,
Und der Armenier gemach
Verfolgt uns zur Rialto-Brücke,
Der Regenbogenbrücke bunt,
Von Engeln oft betreten und
Wir sahen auch die Seufzerbrücke,
Venedig sehen, dann der Tod!
Nach dunkler Nacht das Morgenrot!

Wie liebe ich den Süden, Götter!


Wie süß war mir Italia,
Wie himmlisch war der Sonne Wetter,
Wie wunderschön Venezia!
Was in dem Lande der Germanen
Bin ich gegangen dunkle Bahnen,
So faustisch, tragisch und so deutsch!
Italiens Madonna keusch
Hat mir gegeben süße Wonne,
Mit Marco Polo wollte ich
Nach China reisen, Weisheit, dich
Zu suchen dort, des Ostens Sonne!
Dumpf hock ich in Germania,
Die ich als blonde Mutter sah.

LI

So Josef wollte mit mir reisen


Nach China in das Morgenland.
Wir wollten lesen dort die Weisen
Im lächelnden geliebten Land.
Doch seine Tante war gestorben,
An Lebensmüdigkeit verdorben,
Er musste zur Beerdigung,
Da lag der Leichnam in dem Dung.
Und nun der böse Streit ums Erbe,
Sein Vetter nahm das ganze Geld.
Und Josef Ono in der Welt
Ward nur das Todesleid, das herbe.
Doch wird sein Vater sterben bald,
Dann erbt er dessen Aufenthalt.

LII

So kam ein Brief in seinen Kasten,


Sein Vater schon im Sterben lag.
Nun musste er nach Friesland hasten
Zu seines Vaters letztem Tag,
Noch einmal seinen Spott zu hören,
Noch einmal Mammons Weisheitslehren.
Da kam er an im Krankenhaus,
Da ging des Vaters Atem aus,
Da fiel der Vater noch ins Koma
Und starb dann an der Leukämie.
Voll Wut sein Sohn gen Himmel schrie:
Vergebe mir der Papst von Roma,
Ich bin so voll von heißem Hass!
Den Vater holte Satanas.

LIII

Bei der Beerdigung gepredigt


Hat gottlos dann ein Humanist,
Sich lieblos seiner Pflicht entledigt,
Kein Wort von Gott und Jesus Christ.
Dann gab es Kuchen und Geschichten
Und das Geschwätz der hübschen Nichten.
Dann ward das Erbe ausgeteilt.
Und Josef in sein Erbteil eilt,
Ein Landhaus in dem Land der Friesen.
Er ging spazieren in dem Wald,
Jedoch sein liebster Aufenthalt
War an der Nordsee Deich. Gepriesen
Sei ewig Christus Kyrie,
Komm zu uns, Liebe, auf der See!

LIV

Drei Tage war es alles herrlich,


Die Wiese mit der Mutterkuh,
Der Wald, der Vogelsang war ehrlich,
Und der Kanal, das Meer dazu,
Dann aber kam das alte Stöhnen,
Er musste vor der Schöpfung gähnen,
Was soll ihm Taube, Eichenblatt,
Er sehnte sich zurück zur Stadt,
Zu ihren Antiquariaten,
Zu ihrer Universität,
Zur City, wo ihr Mädchen seht,
Nicht immer nur die grünen Saaten,
Dann lieber Knaben und subtil
Die Mogelei beim Kartenspiel.

LV

Ich aber liebe sehr die Nordsee,


Die See ist meine Seemannsbraut,
Der blanke Hans, die grause Mordsee,
Das ists, was gern mein Auge schaut,
Und Tauben im Kastanienbaume
Mit Pavillon von Blütenschaume,
Im Garten die Vergissmeinnicht,
Und über Tannen Morgenlicht,
Auf Wiesen Rehe oder Hasen,
Die Herde Schafe auf dem Deich,
Die Möwen auch, den Ratten gleich,
Die kleinen Füchse auf dem Rasen,
So hab ich einst allein gelebt,
Für eine Traumfrau fern gebebt.

LVI

O Blumen, Liebe, grüne Felder,


O Blumengarten, Müßiggang,
Spaziergang durch die Tannenwälder,
Und Taubengurren, Vogelsang!
Ich bin ja nicht dem Josef ähnlich,
Wie Dichter singen sonst gewöhnlich
Ihr kleines lyrisches, ihr Ich.
O Muse, von was anderm sprich,
Als ewig nur von meinen Sünden,
Du singe Frauen ohne Spott,
Du singe Weisheit, singe Gott,
Ich will im Lied von Liebe künden,
Von Liebe ohne Rast und Ruh,
Ich singe das geliebte Du.

LVII
Die Dichter sehen Venus schäumen
Und singen voller Phantasie,
Die sie von schönen Frauen träumen.
Ich lieb die namenlose Sie!
Ach all die Mädchen, all die jungen,
Und flutenden Erinnerungen,
Corinna auf Cytheres Thron,
Und Amor klein, Cytheres Sohn!
Nun hör ich fragen euch, ihr Freunde,
Wen meine Lyra nun verklärt,
Wen meine Seele heiß begehrt?
Ich schweig davon, ihr treuen Feinde,
Kennt ihr denn Unsre Liebe Frau,
Wie ich sie in Gebeten schau?

LVIII

Für wessen Lächeln singst du Lieder,


Und wer ist deine Muse, sag!
Ich fahr zum Totenreich hernieder
Und schwebe auf zum Jüngsten Tag.
Da seh ich meine Beatrice,
Ich nenne sie liebkosend Bice,
Der Tod, der ist der Sünde Sold,
O Herr, zeigt sich das Jenseits hold?
Glückselig, wer am Mädchenbusen
Gebettet und im Mädchenschoß,
Der fühlt sich männlich, fühlt sich groß,
Ich aber, Muse meiner Musen,
Ich aus dem Abgrund meiner Not,
Ich sing die Liebe, die ist tot!

LIX

Der junge Eros ist erloschen,


Ich singe nun mein Lied dem Tod.
Frau Minne hat mich arg zerdroschen,
Da strömten Tränen blutig rot.
Nun aber zieh ich aus die Schuhe
Und schaue in das Land der Ruhe,
Die, die ich liebe, ist ein Geist,
Die von dem Leib des Herrn gespeist,
Die stimmt die Saiten meiner Leier,
Die trommelt mir der Verse Takt,
Vom Himmel kommt die Göttin nackt,
Gehüllt nur in der Reinheit Schleier.
Halb tot der Dichter, lebensmüd,
Nun singt das Nibelungenlied.
LX

Der erste Kantus ist beendet,


Ich schrieb ihn für den Himmel nur,
Einst wird er in die Welt gesendet,
Doch keiner findet seine Spur.
Ich feire weiter täglich Messen,
Mein Jesus wird mich nicht vergessen,
Wie mich die eitle Welt verschmäht,
Wie die Gemeinde mich verrät.
Vielleicht liest jemand mich in Polen,
Ein Eskimo in Kanada,
Ein Cowboy in Amerika?
Ich hab die Weisheit nur gestohlen,
Denn aus mir selber bin ich dumm,
So schließe ich den Kantus, stumm.

ZWEITER GESANG

Wo Josef seine Langeweile


Gepflegt, das war ein schönes Haus.
Der Mensch, der voll vom Seelenheile,
Der ginge gern hier ein und aus
Und dankte für sein Los dem Himmel.
Zwar auf der Weide stand ein Schimmel,
Doch Josef Ono ritt kein Pferd,
Ein Tier war ihm nur wenig wert,
Er glaubte nicht an diese Götzen.
Er, mit dem Ellenbogenschorf,
Fuhr mit dem Rad von Dorf zu Dorf,
Sich an sich selber zu ergötzen.
Und gern auch seine Augen sahn
Im Garten den antiken Pan.

II

Das Haus war von dem Architekten


Sehr gut geplant mit großem Geist.
Der Konzeption, der unbefleckten,
Getreu der Maurer folgte meist.
Vorm Haus am Maste Frieslands Fahnen,
Im Haus die Bilder treuer Ahnen,
Auf blauen Fliesen waren da
Viel Bilder aus der Biblia,
Wie es im alten Friesland Mode.
Das interessierte Josef nicht,
Ob Prosa oder Lobgedicht,
Ob freie Verse oder Ode,
Ob neu, ob alt, war ihm egal,
Erdhütte oder Himmelssaal.

III

In diesem Haus, wo einst sein Vater


Die leere Zeit verrinnen sah,
Nun auf dem Friedhof schrie der Kater,
Wo mit der alten Helena
Er Stubenfliegen totgeschlagen,
Da lebte Josef in den Tagen
Wie unter einem bösen Fluch.
Er fand im ganzen Haus kein Buch,
Nur eine ausgelesne Zeitung
Und eine alte Flasche Wein,
Er schenkte sich den Weißwein ein,
Er trank kein Wasser aus der Leitung,
Nun Wasser ward zu Weißwein und
Es war ein Weißwein aus Burgund.

IV

Er war ein Seher in der Wüste,


Der sah das Leid der Bauernschaft.
Der Bauer seine Sünden büßte,
Verkürzte seine Lebenskraft,
Es trieb das Elend ihn im Norden,
Verzweifelt selbst sich zu ermorden,
Es war der Knecht ein trister Knilch,
Es gab kein Geld mehr für die Milch,
Vergebens war des Bauern Mühe,
Die Politik Europas gab
Kein Geld mehr für die Milch, den Lab,
Fast mussten hungern auch die Kühe.
Beklagte Josef dieses sehr,
War er ein Revolutionär.

Erst kamen Nachbarn ihn besuchen,


Zu plaudern mit dem netten Mann,
Mit ihm zu essen Erdbeerkuchen,
Sie blieben aber ferne dann,
Die alten und die jungen Dinger,
Man sprach, er sei ein schlimmer Finger,
Ein Irrer und ein Idiot,
Er glaube nicht an Zebaoth,
Er sei ein Freigeist alter Sorte,
Der treibt mit frommen Dingen Spott,
Der glaubt nicht an den lieben Gott,
Sagt Damen keine netten Wort,
Küsst keuschen Damen nicht die Hand,
Sei ganz erfüllt von Unverstand.

VI

Nun war ein andrer Mann gekommen,


Der wohnte in der Nähe nun,
War einer von den stillen Frommen,
Begehrte, in Natur zu ruhn,
In diesen Erdenparadiesen,
Der Schöpfung in dem Land der Friesen.
Sein Name Peter Schwangensang,
Der einst studiert fünf Jahre lang
Die Lehre von den Phänomenen,
Den Hildebrandt, der war so rein,
Die fromme Jüdin Edith Stein.
Er liebte hoch erhabne Themen,
Sah immer fern zum Horizont,
Blauäugig, groß gewachsen, blond.

VII

Er kannte nicht die Welt des Bösen,


Er glaubte an den frommen Freund
Und dass die Frau ihn kann erlösen,
Ein Philanthrop, war keinem feind,
War Unschuld und war voller Tugend
Und schön in seiner Mannesjugend,
Er glaubte, dass er geistig seh
Die hoch-platonische Idee
Im Körper einer Makellosen,
Er glaubte nicht der Venus Schaum,
Nein, an Madonna, rein wie Traum,
Er sah in allen roten Rosen
Die eine rosa mystica,
Die er in der Erleuchtung sah.

VIII

Er glaubte parallele Seelen,


Die vor der Schöpfung waren eins,
Die nach dem Schicksal sich erwählen
Im Sakramente des Vereins.
Er glaubte auch an Freund und Bruder,
Er liebte keine nackten Luder,
Empfindsam hat sein Herz geweint
Für den Geliebten, für den Freund.
Er glaubte an die Auserkornen
Und glaubte an die Transzendenz,
Der Menschheit kommt ein neuer Lenz,
Zu Rosen werden dann die Dornen
Und tausend Jahre Frieden ist,
Wo mit Maria herrscht der Christ.

IX

Gerechter Zorn und All-Erbarmen,


Die Ganzhingabe an den Herrn,
Ein Mitgefühl mit Kindern, Armen,
Maria war sein Morgenstern.
Er war ein Dichter, seine Leier
War inspiriert vom reinen Feuer
Der Prophetie der Poesien
Von Klopstock und von Hölderlin.
Er diente nur den frommen Musen,
Sein Amor war ein Himmelskind.
Und nicht wie andre Dichter sind,
Die reimen Musen stets auf Busen,
Sein Lied war mystisch-rein, sublim,
Er war mit seinem Gott intim.

Er sang von Liebe, reiner Liebe,


So voller Unschuld und so rein
Wie eines Mädchens Seelentriebe,
Der Schlummer eines Kindelein,
Der keusche Glanz der Jungfrau Luna,
Voll reiner Jugend wie Iduna,
Iduna Henßler meine ich,
Ihr kennt das Mädchen sicherlich.
Er sang Adieu und Liebeskummer,
Er sang von China, India,
Afghanistan, Armenia,
Er sang sehr viel vom Todesschlummer.
In seiner Jugend Liebesnot
Er sang vom Alter und vom Tod.

XI

Und Josef war in dieser Wildnis


Der beste Freund dem Schwanensang,
Er sah in ihm ein reines Bildnis
Des Genius voll Überschwang.
Was waren schon die andern Leute,
Die klebten nur am Hier und Heute,
Von Krankheit sprachen sie, vom Hund,
Von Ehe sprach ihr Plappermund,
Vom Milchpreis, von der Unterhaltung,
Vom neusten Kriminalroman.
Das alles war recht angetan
Zur Langeweile. Und die Haltung
Der Weiber war so ohne Witz,
Die alten Weiber treff der Blitz!

XII

Und Peter Schwanensang, alleine,


Ein Junggeselle aus Prinzip,
Man fragte ihn, wer denn die Seine
Und ob ihm nicht ein Mädchen lieb.
Ist glücklich keiner, wie man sehe,
Der nicht im Hafen ruht der Ehe.
Zur Kirche solle kommen er,
Von Mädchen warte dort ein Heer.
Auf seinen Hof lud ihn ein Bauer,
Da Julie schön das Cello strich,
Ein Traum von Schönheit sicherlich,
Ein Halleluja voller Trauer,
Dann sang sie mit der Stimme Schall:
Die Lerche nicht, die Nachtigall...

XIII

Doch Peter wünschte nicht die Ehe,


Er wurde Josef Onos Freund,
Sie trafen oft sich in der Nähe,
Und Josef hat es gut gemeint
Mit diesem träumerischen Dichter,
Dem Josef war ein strenger Richter.
Unähnlich waren sich die zwei,
Nicht Zwillinge aus einem Ei,
Sie waren Poesie und Prosa,
Sie waren Feuersglut und Eis.
So findet Freunde man, ich weiß,
Ich beichtete es oft sub rosa
Im Stillen einem Gottesmann,
Nur weil man nicht allein sein kann.

XIV

Wie unbekannt ist uns die Freundschaft!


Empfindsamkeit steht uns sehr fern.
Wir kennen nur die fromme Feindschaft,
Wenn Wölfe Brüder sind im Herrn.
Wir bleiben immerdar die Kühlen,
Die wissen nichts von Hochgefühlen,
Die Bruderliebe, ach, was solls!
Wir sind wie Friedrich Nietzsche stolz,
Die andern haben einen Sparren,
Nur ich allein bin wirklich klug,
Wir glauben, dass nach Recht und Fug
Wir Weise sind im Kreis von Narren
Und haben nur für andre Spott
Und unser Ego ist uns Gott.

XV

Wenn Peter Schwanensang entledigt


Sein Herz hat vor dem Bruderherz,
Wenn er von der Idee gepredigt,
War das für Ono nur ein Scherz.
War Peter wie verletzte Tiere,
Hielt Josef sich mit der Satire
Zurück, er dachte: Mit der Zeit
Legt sich die alte Gläubigkeit
Und Schwärmerei von Idealen.
Die Jugend badet stets im Born
Von Raserei und Dichterzorn,
Wo alle sieben Geister strahlen,
Was solls, dass ich den Freund ermahn,
Ich lasse ihn in seinem Wahn.

XVI

Sie saßen oft bei Diskussionen


Und führten den Gedankenstreit,
Sie sprachen von gestürzten Thronen
Und von dem Geist der neuen Zeit,
Sie sprachen von dem Volksgewimmel,
Vom Tod, von Huris in dem Himmel,
Von Leben, Schicksal, Selbstmord, ach,
Man gar von Lust und Liebe sprach,
Da sah der Freund den Dichter schäumen
In der poetischen Manie,
Er las dann aus der Edda, die
Er selbst mit allen Himmelsräumen
Verdolmetscht, niemand zum Gewinn,
Gebrochne Verse ohne Sinn.

XVII

Sie sprachen von den Leidenschaften,


Die beiden Eremiten dort.
Und zwischen beiden Männern klafften
Die Weltansichten immerfort.
Und Josef blieb da still, gelassen.
Was soll das Lieben, was das Hassen?
O Liebe! Selig ist der Mann,
Der sich von dir befreien kann!
Mehr selig aber sind die Männer,
Die nie erfahren deine Macht,
Die still mit ihrer Frau zur Nacht
Wie alte Kamasutra-Kenner
Die Pflichten absolvieren, ach,
Versöhnen so den Ehekrach.

XVIII

Wir haben eingeholt die Fahne


Mit ihrer Leidenschaften Rot,
Wir sind erlöst vom Liebeswahne
Mit der Musik vom Liebestod,
Wir spotten über Minneritter,
Wir sind nun müde, weise, bitter.
Soll doch die Jugend nun nach Wunsch
Besaufen sich an diesem Punsch!
So hören alte Veteranen,
Was junge Krieger stammeln so.
Die Jugend stöhne ah und oh
Und wandle auf der Torheit Bahnen,
Wir hören still gelassen zu
In abgeklärter Seelenruh.

XIX

Ach, die Begeisterung der Jugend


Verbirgt die Liebesfreuden nicht,
Die Jugend offenbart die Tugend
Und auch der Lüste Menschenpflicht.
So redet stets der Jugend Narrheit
Und offenbart die nackte Wahrheit.
So sagte Peter Schwanensang,
Wie er vor zarter Liebe bang,
Und Josef Ono hörte schweigend
Des Freundes Lebensbeichte zu,
Er blieb in tiefer Seelenruh,
Als seine Leidenschaft bezeugend
Der junge Peter ohne Hohn
Sprach von der Liebe Illusion.

XX
So liebt man nicht in unsern Zeiten,
Da heut nur gilt der schnelle Sex,
Und wenn die Leute sich dann scheiden,
Dann folgt ein neuer auf den Ex.
Er liebte in dem Geist der Minne,
Vergeistigt waren seine Sinne,
Ihm war die Liebste sein Idol,
Es war der Wahn der Liebe wohl,
Er konnte nie den Schatz vergessen,
Von dem er wie besessen war,
Da half die Kunst nicht offenbar
Und nicht Gebete bei den Messen,
Da half nicht Ebbe, half nicht Flut,
Da unlöschbar die weiße Glut.

XXI

Er hatte schon ihr Herz gewonnen,


Ihn quälte nicht der Liebespfeil.
Denn Anna, Wonne aller Wonnen,
Sie war für ihn sein Seelenheil.
Sie war sein himmlisches Entzücken,
Die konnte ihn zu Gott verzücken,
Sie war für ihn der Sonne Licht,
Das feminine Angesicht
Des höchsten liebevollen Gottes!
Sie liebte innig die Natur,
Sie sah darin des Gottes Spur,
So war sie fromm, trotz allen Spottes,
Sie, Gottes Göttin, Licht vom Licht,
War schön wie ein Vergissmeinnicht.

XXII

Sie war ihm seine erste Liebe,


Sie mehrte seine Lebenslust,
Die Traumfrau seiner Seelentriebe,
Ihr schlug ein Herz in ihrer Brust.
Nun hört hier des Poeten Beichte:
O Jungfrau Mondengöttin, feuchte,
Ich liebe dieses mein Idol,
Ich tue alles für ihr Wohl,
Die mir bestimmte Seelengattin
Scheint mir Diana selbst zu sein,
Sie ist wie Mondenschein so rein,
Sie ist kein Weib, ist eine Göttin!...
Diana, rosig wie der Mohn,
Gab ihm die Absolution.
XXIII

Bescheiden wie ein stilles Veilchen


Und strahlend wie der Morgenstern,
Sie weinte manchmal für ein Weilchen,
Doch hatte sie das Lachen gern,
Die lachenliebende Cythere,
Die Schamerfreute aus dem Meere!
Sie liebte Dostojewskis Wahn
Und Tolstois epischen Roman.
Nicht immer von der selben dichte,
O Muse, schau zur Schwester auch,
Gedenke ihrer Jugend Hauch,
Wo sie gelebt im dunklen Lichte,
Wo sie bezaubert Josefs Geist,
Die stille Schwester sei gepreist.

XXIV

Der Schwester Name, der war Eva,


Wie Milton ihn im Lied gebraucht.
Gepriesen sei auch Petrus-Kefa,
Der manche Weisheit schon gehaucht.
Soll aber ich von Eva reden,
Muss reden ich vom Garten Eden.
Man sagt, in meiner Namenswahl,
Da sei ich kein Original,
Nur immer Anna, Eva, Peter
Und Josef. Kennst du nicht die Schrift,
Wo man so viele Namen trifft?
Geschlechtsregister liebt nicht jeder,
Wir lesen in der Bibel zwar,
Doch manches wurde uns nicht klar.

XXV

So war der Schwester Name Eva,


Nicht schön wie Schwester Anna zwar,
Doch Weisheit lehrte Petrus-Kefa,
Dass Schönheit mehr im Innern war.
Ihr fehlten diese großen Brüste,
Geschaffen zu dem Spiel der Lüste.
Ich dImmoch gerne Eva seh,
Sie war sanftmütig wie ein Reh,
War immer still und melancholisch.
Als Kind war immer sie allein
Nur mit den Blumen in dem Hain.
O Quell der Musen alkoholisch,
Gib ein ein Lied von dieser Maid,
Vertraute stiller Einsamkeit.
XXVI

Befreundet war sie nur mit Träumen,


Ein Engel, kaum noch inkarniert,
Ihr Geist sich oft in Sternenräumen
In stiller Mondscheinwelt verliert.
Sie sah allein Komet und Schnuppe.
Sie nähte nicht, und keine Puppe
War Spielzeug ihr, auf dass sie dort
Schon lernt das ernste Mutterwort.
Ich kenne Mädchen, die mit Puppen
Tun das, was Mutter ihnen tut.
Sie wollen Mütter werden, gut,
Den Mädchen sind die Knaben schnuppe,
Sie selbst sind Püppchen, Gott geweiht,
Prinzessinnen im rosa Kleid.

XXVII

Und Eva wollte auch nichts wissen


Vom neusten Klatsch von Stadt und Land,
Sie folgte einzig dem Gewissen,
Mehr dem Genie als dem Verstand.
Sie mochte Märchen von den Elfen,
Den kleinen Göttinnen, die helfen,
Sie fürchtete den Schwarzen Mann,
Den sah sie nur mit Schrecken an.
Wenn Freundinnen zu Anna kamen
Und schwärmten durch den Garten laut,
Hat Eva in die Luft geschaut,
Sie mochte nicht die kleinen Damen,
Geschnitzt aus einem andern Holz,
So jung und so kokett und stolz.

XXVIII

Sie mochte gern die die Morgenröte


Und liebte sehr den Morgenstern.
Sie mochte gern der Vögel Flöte,
Sie hatte die Natur sehr gern.
Sie mochte es, im Morgengrauen
Hyperion von Osten schauen,
Ihr wars, als ob die Sonne spricht,
Ihr war Musik das Sonnenlicht.
Im Winter aber, in dem Dunkeln,
Sie zündete die Kerzen an
Und schaute in die Flammen dann
Und sah dann tanzen in dem Funkeln
Im Purpurkleidern schöne Feen,
Die konnte einzig Eva sehn.

XXIX

Sie las romantische Romane


Und wollte so geliebt auch sein,
Wie Goethe schrieb, der Dichter Ahne,
Von Liebesglück und Liebespein,
Wie Werther sprach von seinem Gotte
In der Natur und seiner Lotte.
Ihr Vater Helmut las kein Buch,
Er kannte nicht der Bücher Fluch,
Die jungen Geister zu verwirren,
Es war dem Vater ganz egal,
Was Eva aus dem Büchersaal
Gelesen, was für Geister schwirrten
Um sie. Der Mutter Augen sahn
Nur Boris Pasternaks Roman.

XXX

Die Mutter Evas hieß Elfriede,


Die Lara liebte, Tonja auch,
Die wünschte oftmals Russland Friede,
Die liebte Doktor Juris Hauch.
Doch selber war sie keine Lara,
Sie war Noomi oder Mara.
In ihrer Jugend liebte sie
Den ersten Gatten, der war wie
Der Doktor Juri, Herr Schiwago.
Sie lebte in dem Dörfchen Bach
Bei Leipzig, bis ihr Gatte, ach
Verstorben ist. Sie kochte Sago
Und machte Götterspeise draus
Zum Totenfest im Gotteshaus.

XXXI

Dann hat den Helmut sie genommen,


Der immer sich gesund ernährt.
Sie haben nicht im Geld geschwommen,
Das Portemonnaie war oft geleert.
Elfriede dachte oft im Schatten
Noch an den ersten, toten Gatten,
Doch wandte sich der Erde zu
Und fand im Hause Seelenruh.
So kann sich eine Frau gewöhnen
An ihres Mannes kalten Blick,
Statt dass sie hat der Liebe Glück
Und Lebensfreuden mit dem Schönen,
Hat sie der Ehe Alltag dann,
Gewohnheit wird der Ehemann.

XXXII

Im Haus regierte still Elfriede,


Der Mann zum Kampf ging aus dem Haus.
Im Hause aber war der Friede.
Sie schimpfte oft die Kinder aus,
Doch gab sie niemals Backenstreiche.
Sie war die Sanfte, war die Weiche,
Voll Sanftmut und Bescheidenheit,
Voll Demut war sie stets bereit.
Sie sammelte im Walde Beeren
Und kochte Marmelade ein,
Und Samstags bei dem Vesper-Schein
Die Töchter wurden trotz Beschweren
Gebadet in dem heißen Bad,
Was nie der Vater Helmut tat.

XXXIII

In ihrer Jugend schrieb sie Verse


In ihrer Freundin Album ein,
Zwar Hafiz nicht, der fromme Perse,
Vermochte ihr Poet zu sein,
Von Schiller kannte sie die Glocke
(Sie mochte mehr die Schillerlocke)
Und manches alte Sprichwort auch:
Studiert nicht gern ein satter Bauch,
Die Lügen haben kurze Beine,
Der Schlaf ist gut vor Mitternacht,
Am besten lacht, wer schließlich lacht,
Wer einmal lügt, dem glaubt dann keine.
Französisch, Englisch sprach sie nicht,
Kaum redet Deutsch, wer sächsisch spricht.

XXXIV

Den Gatten lernte sie zu lieben


Und ließ ihm auch sein Steckenpferd,
Er las sehr gern von Pflanzentrieben,
Heilkräuter waren ihm beschert.
Am Sonntag kamen manchmal Gäste,
Es waren friedlich stille Feste,
Da man spazierte durch den Matsch
Und ausgetauscht den neusten Klatsch.
Dann trat auch an die Tafel Anna
Und schenkte ein den Kräutertee,
Mit Sahne, sie, des Hauses Fee,
Und reichte selbstgebacknes Manna,
Die Gäste fuhren abends fort,
Schlaft gut, war stets das Abschiedswort.

XXXV

Im Hause herrschte stiller Friede,


Saß man zusammen beim Spinat,
Den kochte lecker die Elfriede.
Und was betrifft den Gottesstaat,
Man ging zur Kirche in der Weihnacht
Und hoffte da schon auf die Mainacht.
Karfreitag ward geweint, wenn ach
Den Tod des Herrn besang Herr Bach,
Dann zu der schönen Osterfeier
Gabs keine Schokolade zwar,
Und da auch nicht Bescherung war,
Doch gab es bunte Ostereier,
Wie sie das Häslein in der Nacht
Ins grüne Osternest gebracht.

XXXVI

Und wie der Lauf nun dieser Welt ist,


Der treue Ehegatte starb,
Und wenn er auch kein Glaubensheld ist,
Wenns ihm am Christentum gebrach,
Wir wünschen herzliches Erbarmen
Und Seelenruh in Christi Armen.
Er starb an einem Lungenkrebs,
Dacht bis zum Schluss: Ich überlebs.
Jetzt liegt er unterm Friedhofs-Rasen.
Da steht nun auf des Grabes Stein:
Hier ging zu Gottes Ruhe ein
Herr Helmut Becher, (wie wir lasen),
Der Gottes Schöpfung sehr geliebt,
Bei seinen Kindern sehr beliebt.

XXXVII

Und Peter wieder ging nach Hause


Und ging zu Vater Helmuts Grab,
Zu seiner stillen Ruheklause,
Da Peter stand an seinem Stab.
Wir werden alle nach den Leiden
Des Lebens in dem Tod verscheiden.
Wer aber wird der nächste sein,
Den Gott erlöst von seiner Pein?
Die Schüsse kommen immer näher,
Ich ahne auch schon meinen Tod.
Und Peter stand im Abendrot,
Da überkam den Mann ein jäher
Kuss seiner Muse und in Hast
Hat er ein Epitaph verfasst.

XXXVIII

Dann auch mit heißen schönen Worten


Schrieb seiner Mutter er ein Lied,
Die auch lag auf dem Friedhof dorten,
Die war voll Herz und voll Gemüt.
Das Menschen Leben ist wie Heu doch,
Erst wachsen grüne Gräser neu, doch
Wird alles schließlich abgemäht,
Der Sensemann durch Äcker geht.
Doch Kinder werden stets geboren,
Die Mädchen werden Mütter dann,
Zum Vater wird der junge Mann,
Dann treten zu des Todes Toren
Großmütter zitternd an dem Stab,
Die Enkel tragen sie zu Grab.

XXXIX

So carpe diem, sagt der Dichter,


Das Leben ist voll Wankelmut,
Einst richten wird der Totenrichter,
Was Jugend in der Torheit tut.
Was ist denn wert das Erdenleben
Und alles nach dem Ruhme Streben?
Mir scheint das alles nichts als Kot.
Wir, Ave, sind geweiht dem Tod.
Doch bin ich hundert Jahr im Hades,
Mag sein, dann liest man erst mein Lied.
Von Salomo und Sulamit
Singt heut das Volk des Gottesstaates
Noch immer diese Poesie,
Und niemals geht verloren sie.

XL

Mein Vers kann dann die Christin rühren,


Vielleicht in hundert Jahren auch
Ich werde eine Frau verführen
Durch meiner Liebeslieder auch,
Und sie verliebt sich in den Toten.
Vielleicht vertont man mich mit Noten.
Vielleicht, o Muse, auch erlabst
Im Vatikan du einen Papst,
Der könnte einen Vers zitieren
In einer Papst-Enzyklika.
Was soll? Ich bin dann nicht mehr da.
Der Nachruhm wird mich dann nicht rühren.
Und droben bei der Engel Tanz
Fragt keiner nach dem Lorbeerkranz.

DRITTER GESANG

Gehst du schon wieder weg? O Dichter! -


Ich muss nun gehn, o Josef mein! -
Ich sprech kein Urteil dir als Richter,
Doch wo wirst du im Hause sein? -
Ich bin bei der Familie Becher. -
O Gott! Was willst du armer Zecher
Bei dem profanen Völkchen denn?
Wir selbst uns Überlebenden,
Was sollen wir beim Volke nüchtern?
Bei Marmeladebrot und Tee,
Ich unterm Tisch die Hunde seh,
Die Töchter lüstern oder schüchtern,
Gespräche über Arbeit, Geld,
Die Kinder, Krankheit, kurz, die Welt?

II

Was ist denn schlimm an der Familie? -


Die Langeweile, die ist schlecht! -
Ich aber mag die keusche Lilie,
Ich ehre das Familienrecht. -
Oh, singst du Liebes-Elegieen?
Das sei dir von dem Herrn verziehen!
Du fährst so schnell in jenes Haus?
Wie sehen denn die Töchter aus?
Lass mich mal Diotima sehen,
Die du besingst wie Hölderlin!
Nur ruhig deiner Muse dien
Mit Tränen und mit großen Wehen! -
Sie laden dich zum Essen ein!
Tritt friedlich nur ins Haus hinein.

III
So lass uns gehn! - Sie fuhren eilig,
Sie wurden auch recht nett begrüßt.
Die Höflichkeit war ihnen heilig,
Der Charme doch das Gespräch versüßt.
Der Kaffee ward gekocht im Kessel,
Die dicke Mutter saß im Sessel,
Und man verbrachte still die Zeit
In friedlicher Geselligkeit,
Man sprach nicht von den Religionen,
Man sprach von Kindern und vom Hund,
Man sprach vom eignen Gartengrund,
Man träumte, wie ein Fürst zu wohnen.
Die Zeit verging im müden Trab.
Die beiden Freunde gingen ab.

IV

Und heimwärts fuhren nun die Freunde,


Es war zur Abenddämmerung.
Was sprachen sie, die Narrenfeinde?
Diktier mir das die Muse jung!
Mein lieber Josef, musst du gähnen? -
Gewohnheit, immer diese Szenen!
Wie langweilt mich das Leben doch!
Mich ekelt an dies schwarze Loch!
Ach Peter, fahr doch etwas schneller!
Am Himmel dieser dumme Mond!
Elfriede Becher, nun, sie wohnt
Mit Töchtern still und mit dem Beller,
Ich aber trank zu viel Kaffee,
Ich schon den Bauchschmerz kommen seh.

Wer von den beiden war denn Eva? -


Nun, die so still war und verträumt.
So wahr der Papst in Rom ist Kefa,
Sie hat die Wirklichkeit versäumt,
Sie saß in der bescheidnen Demut
In einer weltentrückten Wehmut. -
Du aber liebst die Anna mehr? -
Ja, meine Göttin lieb ich sehr! -
Ach, Peter, wenn ich Dichter wäre,
Wär Eva eher mein Idol.
Die Anna ist doch etwas hohl,
Dem Busen zwar ich geb die Ehre,
Doch ist sie tot wie Knidia! -
Und Schwanensang verstummte da.
VI

Dass Josef zu Besuch gekommen,


Ließ einen Eindruck tief zurück.
Die Schwätzer, Spötter, all die Frommen,
Die sprachen schon vom Eheglück.
Beim heiligen Sakraltheater,
Der Josef wär ein guter Vater,
Der jetzt der Eva macht den Hof!
Er ist fürwahr ein Philosoph!
Nur fehlen Diamantenringe,
Nur fehlt der Priestersegen noch!
Dass Peter in der Ehe Joch
Mit Anna eins war aller Dinge,
Das Schicksal gab schon das Gebot,
Man sei sich treu bis zu dem Tod...

VII

Doch Eva hörte das nicht gerne,


In ihrer Unschuld war sie keusch.
Was denn befahlen ihr die Sterne,
Die Herrscher über Blut und Fleisch?
Doch musste sie an Josef denken
Und sich in seinen Geist versenken,
Als wär er selbst die Transzendenz!
Und dann der Trieb und dann der Lenz
Und dann um Mitternacht die Träume!
Und Eva immer war allein,
Still trank sie da der Sehnsucht Wein
Und Aphrodites keusche Schäume,
Da kam der Sehnsucht Götterglut
Auf Himmelsfreuden in ihr Blut.

VIII

Sie träumt von dem Ideenhimmel,


Vom auserwählten Seelenpaar,
Der Götter himmlischem Gewimmel,
Wie Hochzeit feiert dort der Aar
Mit auserkornem Adlerweibchen,
Wie ewig treu die Turteltäubchen,
Die in der Eiche sich gepaart,
Die Schwingen da gespreizt so zart,
Im Lenz den Hochzeitstanz die Falter
Beflügelt tanzen in der Luft,
Wie bräutlich mischt der Blütenduft
Sich in der Vogellieder Psalter!
In diesen Träumen nur allein
Versonnen lebte Evalein.

IX

Jetzt liest sie gern in den Romanen


Und lebt in der Romane Welt,
Da ihre sieben Seelen ahnen,
Er kommt gewiss, der Liebe Held!
Da träumt sie von dem jungen Werther,
So lieben möge ihr Verehrter,
Da liest sie von Hyperion,
So wird er sein, der Menschensohn,
Sie liest von Heinrich Ofterdingen,
Der sucht die blaue Blume nur,
Die heilge Seele der Natur,
So soll auch ihr Geliebter singen.
In allen diesen Helden da
Sie die Idee von Josef sah.

Sie sah sich selbst als neue Lotte,


Die Werthern hatte umgebracht,
Er sie verglich mit seinem Gotte
Und stürzte in des Todes Nacht!
Sie sah sich selbst als Diotima,
Urania von Paphos-Ktima!
Sie war die Schöne Dame Blocks,
Madonna sie des Minirocks,
Madonna in der Gottheit Aura!
Die hohe Muse Raffaels,
Die Venus von Florenz voll Schmelz!
Sie war die Minnedame Laura!
Doch Josef Ono, klug und stark,
Er taugte wenig zum Petrark.

XI

Im hohen Stil der Menschheitsjugend


Das Epos pries den Helden gut
Und schön und voller frommer Tugend
Und voller Kraft und hohem Mut.
Es sei Äneas, Sohn der Venus,
Es sei Ulyss, Athenas Genius,
Es sei der König Gilgamesch,
Dem nahte Ishtar frisch und fesch,
Der Held war immer der Gerechte,
Der stets das Böse hat bekämpft,
Ward zwar gemartet und gedämpft,
Zuletzt jedoch das Wahre-Echte
Gesiegt hat, da das Herz war Trumpf,
Das Gute feierte Triumph!

XII

Jetzt lieben wir des Bösen Blumen,


Wie Baudelaire sang Satanas,
Im Wahnsinn preisen wir das Numen
Und lallen ohne Unterlass
Im Suff vom Elixier des Teufels,
Vom Geist des Nein, vom Geist des Zweifels,
Die Kinder lesen Buch um Buch
Und lernen Hexenkunst und Fluch,
Man preist die böse Hexengöttin
Und ihren Buhlen Satanas
Und schließlich dichtet Günther Gras
Sein Prosa-Epos von der Rättin,
Wenn nach dem atomaren Krieg
Die Rättin feiert ihren Sieg!

XIII

Ach Freunde! Wer will Verse lesen,


Wenn singt im Wahnsinn der Poet?
Vielleicht beschließt der Wesen Wesen,
Ich soll nach göttlichem Dekret
Nicht reimen mehr auf Amorosa,
Nein, ruhig schaffen Alters-Prosa,
Den Kommentar zur Biblia,
Das Buch der Welthistoria,
Der Völker Mythen, Völker Märchen,
Der Philosophen ABC,
Vielleicht auch von der Kindheit Weh,
Vielleicht der Jugend Liebespärchen,
Dann sagt ihr mir: Poet! Du bist
Geworden trockner Prosaist!

XIV

Vielleicht auch den Roman der Liebe


Muss schreiben ich als alter Mann,
Wie da erwacht der Jugend Triebe,
Der Jüngling in der Venus Bann,
Das Lied vom sündigen Erkennen,
Das Lied von Buße und von Trennen,
Das Lied dann von der Mutterschaft
Und von dem Geist der Vaterkraft
Und dann das Lied der lieben Kinder
Und von der Ehe wildem Pakt,
Da singen wir: Ich nackt, du nackt!
Das fromme Lied der Überwinder
Ertönt dann Jahwe Zebaoth
Und ach, der Vielgeliebten Tod!...

XV

Ach Eva, meine liebe Freundin!


Nur Tränen stehn in deinem Blick,
Der dich behandeln wird als Feindin,
Das wilde Biest ist dein Geschick.
Mein Herz, du wirst zugrunde gehen,
Wirst nicht erfüllt die Hoffnung sehen,
Geschrieben in des Schicksals Schrift,
Wird dir statt Honig Schierlingsgift.
Der Liebe Seligkeit und Träume
Verfolgen dich des Nachts im Schlaf,
Die Liebe nur das Unglück traf,
Entseelt erscheinen dir die Räume.
Doch dein Versucher steht dir bei,
Dass dir das Leben Kummer sei.

XVI.

Verfolgt von bittern Liebesschmerzen


Zu Fuß geht Eva in den Hain,
Verwirrt und müde, krank im Herzen,
Sie stolpert über manchen Stein.
Ein Weh im Busen, welcher blühend,
Die Wangen plötzlich schamrot glühend,
Auf ihren Lippen stockt der Hauch,
Es rauscht in ihren Ohren auch,
Die Augen schauen in den Mondschein,
Nah ihrem Zimmer singt im Wald
Die Nachtigall ihr Lied. Und bald
Mit ihrem Amulett aus Mondstein
Kehrt sie zu ihrer Oma heim,
Die immer hat den rechten Reim.

XVII

Großmutter mein, ich kann nicht schlafen,


Voll Unruh ist mir meine Brust. -
Was willst du denn nicht in den Hafen
Des Schlafs und seiner Träume Lust? -
Ach du, erzähl mir doch ein Märchen,
Wie Glück gehabt ein Liebespärchen. -
Mein Kind, mir ist nichts mehr bewusst
Von Liebesmärchen, Liebeslust,
Hab früher oft erzählt den Kindern
Von Reinhard Fuchs und Herakles,
Von Salomo, sei sicher des,
Vom Affen, der geliebt von Indern,
Ihr Sagen alle, wo ihr bliebt? -
Ach Oma, warst du je verliebt?

XVIII

Ach Eva, was sind das für Dinge?


Mein Vater hätte sich bedankt!
Wie Frauen man zur Ehe bringe,
Die sind an Geist und Herz erkrankt,
Das, Eva, kann ich gar nicht wissen. -
Ja, wolltest du denn gar nicht küssen
Im Mondschein bei dem Rendezvous? -
Du bist ein Närrchen, Eva du!
Mein Dirk, der war kein Wiedertäufer,
War nicht empfindsam, hatte Geld,
Das zählt allein in dieser Welt.
Ich ward vermählt. Er war ein Säufer.
Als Witwe nur ging es mir gut,
Denn Gott allein, das ist genug.

XIX

Ich lebte so mit meinem Manne,


Ich brachte die Pantoffeln ihm
Und immer Rotwein in der Kanne. -
Ach Oma, wart ihr auch intim? -
Die Zähne biss ich da zusammen,
Bis da erloschen seine Flammen,
Ich dachte da an Deutschland nur. -
Ach, Muttersmutter, keine Spur
Von dem romantischen Verliebtsein? -
Mein Kind, das ist ein Fieberwahn!
Du bist verliebt, mein Kind? Ich ahn,
Das ist der Grund für dein Betrübtsein. -
Ach, Oma, dieser Liebesreiz! -
Großmutter aber schlug ein Kreuz.

XX

Ich bin verliebt, ist Evas Klage,


Sie flüstert es und leise stöhnt.
Ach du bist krank an diesem Tage,
Die Muttersmutter spricht versöhnt.
Ach Oma, lass mich nur alleine. -
So sitzt sie da im Mondenscheine,
Und Luna auf das Mädchen glänzt,
Die mit dem Sternenkranz bekränzt.
Es fließen ihre schwarzen Haare,
Es schimmert schön ihr Negligé,
Die vollen Brüste weiß wie Schnee,
So liegt sie nun, ist zwanzig Jahre,
Ist Herrin mit der Sterne Kranz,
Verzaubert von des Mondes Glanz.

XXI

Und Eva schaut zu Lunas Schimmer,


Die Seele wandert durch das All.
Und ein Gedanke kommt ins Zimmer,
Zu schreiben wie ein Wasserfall,
Dass sie die Muttersmutter riefe,
Sie denkt an alte Liebesbriefe,
Wie Clemens schrieb an die Sophie.
So will sie selber schreiben, wie
An Hölderlin schrieb Diotima,
Sie schreibt, die Schwanenfeder fließt,
Sie nun des Briefes Umschlag schließt.
Urania von Paphos-Ktima,
Du segne die verliebte Schrift
Und mach den Honig nicht zu Gift!

XXII

Ich kannte eine Frau, voll Tugend,


So unberührbar wie das Eis,
Die ich verehrt in meiner Jugend,
Die mich nicht liebte, wie ich weiß,
Fast hing ich an dem Marterholze
Des Kreuzes wegen ihrem Stolze,
Die war ein Felsen, fest und hart,
Ach, sie war von der Hölle Art,
Die schrieb mir an der Hölle Pforte:
Lass alle Hoffnung fahren nun,
In meiner Liebe auszuruhn,
Fahr du hinab zum dunklen Orte,
Du Singschwan, sing dein letztes Lied
Und dann hinab im Suizid!

XXIII

Ich kannte auch ein andres Weibchen,


Von Freiern rings umgeben stets,
Die Liebe gab mit ihrem Leibchen
Und immer frug den Mann: Wie stehts?
Die immer war zur Liebe willig,
Schon in der ersten Nacht, wie billig,
Sich jedem hingegeben nackt,
Die immer willig war zum Akt,
Und wenn der eine lag im Bette,
Sie schon nach einem andern schaut,
Die Dorf-Matratze, jedem Braut,
Die immer niedliche und nette,
Die nach dem Akt war immer neu,
Stets willig, aber niemals treu.

XXIV

Und soll ich Eva etwa lästern,


Weil sie romantisch liebte noch?
Weil sie nicht wie die andern Schwestern
Im Weltall war ein schwarzes Loch?
Weil sie mit ihrer Schönheit Reizen
Nicht wie die andern wollte geizen?
Weil ihre Tugend immer neu
Und immer rein und immer treu?
Und weil sie liebte so phantastisch,
Wie die platonische Idee?
Weil ich des Engels Seele seh
In einem Venuskörper plastisch?
Weil sie noch an die Liebe glaubt
Und nicht dem Mann die Seele raubt?

XXV

Nein, Eva gleicht nicht den Koketten,


Sie liebt sehr ernst und liebt sehr rein,
Nicht wie die Huren in den Betten
Bacchantisch mit den Wollust-Schrein.
Doch andre Frauen reden küglich:
Wir machen uns den Freier füglich,
Wir heizen seine Lüste an,
Dann geht ins Netz der geile Mann,
Dann weisen wir ihn ab mit Kälte
Und er wird unser Sklave so,
Stets traurig ist er, selten froh,
Im Himmelsbett im Himmelszelte
Wir liegen in dem Kleide rot,
Und er begehrt nur noch den Tod!...

XXVI

Jetzt seh ich aber Schwierigkeiten,


Es geht um meines Rufes Ruhm,
Das sind des Dichters liebe Leiden,
Dient er im Musen-Heiligtum,
Als ob er schon im Himmel schliefe,
Denn Eva stets schrieb ihre Briefe
Auf englisch, wie es ist modern,
Der deutschen Dichtkunst Himmelsstern
Schien ihr geeignet nicht, zu reden
Von Liebe zum geliebten Mann,
Sie nahm die Sprache Shakespeares dann,
Ihr England war der Garten Eden.
Ich muss das übersetzen nun,
Die Arbeit des Translators tun.

XXVII

Ich weiß, man will die Damen lehren,


Dass deutsche Dichtkunst sie verehrn.
Man will die Zahl der Musen mehren,
Vergeblich ist das bei den Herrn.
Doch liebt ihr nicht bei jungen Mädchen
Aus einem ländlich stillen Städtchen
Den Plaudermund, das Kauderwelsch?
Dass man das Oxford-Englisch fälsch
Und spricht Amerikas Gebrabbel
Und coole Sprüche und Jargon?
Ich aber sitz auf dem Balkon
Und sehe zu der schlanken Pappel
Und seh der Mädchengöttin zu
Und sage lüstern: How are you?

XXVIII

Nein, Leute, bleibt mir von dem Leibe


Mit der Studentin Wissenschaft,
Die Germanistik nimmt dem Weibe
Die Reize junger Leidenschaft,
Die Frauen aber mit Diplomen
Von Verben reden und von Nomen
Und der Grammatik in dem Bett,
Ach wären sie noch niedlich, nett,
Doch sind sie so erhaben trocken
Und ehren schlechte Dichter nur,
Nichts mehr vom Zauber der Natur,
Längst abgeschnitten ihre Locken,
Transsexuelle, einst bigott,
Man fühlt Natur nicht und nicht Gott!

XXIX

Jedoch der jungen Mädchen Plaudern,


Mit Anglizismen eingestreut,
Das lässt den Minnesänger schaudern,
Das Kawlakaw ists, das ihn freut,
Wenn Miss Amerika singt Lieder,
Bekleidet nur mit Slip und Mieder,
Wenn Mädchen sagen: Das ist cool,
Sich räkeln auf des Bettes Pfuhl,
Gar reden der Franzosen Zunge,
Oh je ne parle pas francais,
Wenn ich der Mädchen Zunge seh,
Dann fühl ich wieder mich als Junge,
Dann bin ich überselig so,
Wie Thimothina und Rimbaud.

XXX.

Mein Konrad, Sohn der Tochter Babel,


Der alle fremden Sprachen kennt,
Dem Frankreich war der Erde Nabel,
Der für die Jakobiner brennt,
Der Oxford-Englisch gut geredet,
Amerikanisch nie gebetet,
Du übersetz mit Sprachgenie
Den Brief von Eva, rede wie
Einst Byron in dem Don Giovanni.
Wo aber bist du, Konrad, nun?
Wo darfst du von der Krankheit ruhn?
Bist du im Himmel nun bei Nanni?
Ach, oder in der Hölle Pfuhl,
Dass quält dich dort der Beelzebul?

XXXI.

Doch muss ich selber übersetzen,


Was Eva hin schrieb so charmant,
Was sie gebrabbelt ihrem Götzen,
Die niemals Klopstock hat gekannt,
Verliebte Mädchen-Reimereien,
Erfüllt von stummen Liebesschreien!
Doch meine Übersetzung, echt,
Die ist so schlecht wie Berthold Brecht.
So spielen junge Schülerinnen
Auf ihrer Geige, wie ich sah
Und hörte auch, das Gloria
Als wahre Plage allen Sinnen!
Dem Herrn das Allerschönste nur,
Allschöner göttlicher Natur!

EVAS BRIEF AN JOSEF ONO

Ich schreibe – was soll ich noch sagen?


Bekennen was in diesen Tagen?
Ich weiß, du hast die Macht, mein Gott,
Zu strafen mich mit deinem Spott.
Mit Mitgefühl jedoch, dem zarten,
Du möchtest in Gedanken warten,
Lass mich dem schlimmen Schicksal nicht.
Mein Herz war still, doch nun es spricht.
Du hättest nie gehört, mein Hort,
Von Elend oder Scham ein Wort,
Hätt ich nur Hoffnung in den Wehen,
Dich einmal wöchentlich zu sehen,
Hört ich dich sprechen Worte, süße,
So sagte ich dir Segensgrüße,
Willst du die Gegenwart mir schenken,
Um später drüber nachzudenken,
Bis zu dem nächsten Rendezvous.
Doch ungesellig seiest du,
So sagt man, voll von Langeweile,
Und wir… zu unserm eignen Heile
Doch gerne deine Reden hören.
Was kamest du, um uns zu stören?
Uns auf dem Land in Einsamkeit,
Wo ich geträumt in Nichtigkeit?
Ach hätte ich dich nie gekannt!
Das Leid blieb mir erspart im Land.
Vielleicht (wer weiß?) ich hätt gefunden
In mädchenhaften Mußestunden,
Und wenn vorüber wär die Jugend,
Doch einen Heiligen voll Tugend,
Ich wär sein Land von Seim und Butter,
Ihm Gattin, seiner Kinder Mutter...
Ein andrer? Nein! Kein andrer Mann!
Mein Herz steht ganz in deinem Bann!
Vom Schicksal mir bestimmt allein,
Gott Vater will es: Ich bin dein!
Mein Leben war ja nur ein Warten,
Bis wir uns trafen in dem Garten.
Von Gott ich meine Liebe hab,
Die dauert bis zu unserm Grab.
Du bist erschienen mir in Träumen
Ich hörte dich in innern Räumen,
Noch unbekannt, doch mir schon lieb,
Dich schaute meiner Seele Trieb,
Du Herr in meines Herzens Dom,
Du Lichtgestalt und du Phantom!...
Du kamst. Ihr Himmlischen, ihr wisst es,
Es sprach in meinem Herz: Er ist es!
Stumm meine Seele Treue schwörte.
Wie oft ich deine Reden hörte,
Hast doch kein Wort mit mir gesprochen.
Voll Nächstenliebe in den Wochen,
In Stunden weinender Gebete,
Ein Schmerz durch meine Seele wehte!
Jetzt, hier und heute auf dem Land,
Bist du es nicht, den Gott gesandt?
Vision du neben meinem Bett,
Mir in der Nacht so lieb und nett,
Der fröhlich Trost zu bringen schwört,
Und Hoffnung, die mein Herz ernährt,
Bist du denn nicht mein guter Engel?
Bist du ein Dämon voller Mängel?
Bist du ein Einfallstor dem Teufel?
Mein Gott, zerstreue meine Zweifel!
Ist alles nichts als Eitelkeit,
Nur Phantasie der Dümmlichkeit!
Mein Schicksal du, das mich entsetzt!
In deiner Hand mein Schicksal jetzt,
Die Tränen strömen aus den Augen,
Ich möchte Milch der Tröstung saugen…
Kein Mensch weiß auf dem Land zu schätzen
Mein Sehnen, Seufzen und Ergötzen.
Ich bin voll Qual! Ich bin allein!
Verdammt zu grenzenloser Pein!
O wende mir dein Auge zu
Und schenke meiner Seele Ruh,
In mir die Hoffnung zu entbinden,
Nein, wie ein Alptraum zu entschwinden!
Sprich du das Urteil meinem Wesen!
Was ich hier schrieb, will ich nicht lesen.
Ich muss zu einem Ende kommen.
Mein Herz von Trauer überschwommen!
Ich wart auf Antwort voll Geduld,
Ich weih mich deiner Gunst und Huld.

XXXII

War Eva nun voll Seufzen, Stöhnen,


Der Zettel noch in ihrer Hand,
Sie mit der Zunge leckt, der schönen,
Die Marke, fünfzig Pfennig Pfand.
Sie neigt den Kopf, ein Stern singt Lieder,
Das Négligé rutscht leise nieder,
Bald bringt Aurora neues Licht.
Noch schimmert Lunas Mondgesicht.
Der Morgen kommt. Die Rinderwiesen
Von Silbernebel glänzen nass,
Die Frösche quaken in dem Gras,
Die frühen Bäuerinnen niesen.
Vorbei die Nacht nun des Geweins.
Für Eva ist es alles eins...

XXXIII
Sie sieht kaum kommen die Aurora,
Sitzt immer noch vor ihrem Brief.
Es kommt die Matutin, die Hora,
Da Josef noch im Bette schlief.
Nun ist die Oma schon zu hören,
Um ihre Enkelin zu stören,
Sie bringt das Frühstück, schwarzen Tee
Und Butter-Toast, so weiß wie Schnee:
Schatz, Zeit ist es nun aufzustehen!
Ist Gold doch in des Morgens Mund.
Nun, heute siehst du aus gesund,
Doch gestern schien sich umzudrehen
Dein Magen, aber heute schon
Du blühst wie Purpur-Poppie-Mohn!

XXXIV

Ach Oma, bitte sei geduldig. -


Mein Schatz, wenn du noch etwas ruhst… -
Ach Oma, ich bin doch nicht schuldig.
Wenn du mir den Gefallen tust… -
So wahr mir Gott der Herr ist heilig,
Du sagst ein Wort, ich tu es eilig. -
Schick doch den Nachbarsjungen Tom,
Dass er‘s dem Nachbarn bringe fromm,
Soll meinen Namen nicht erwähnen. -
Zu wem denn soll nun dieser Brief?
Gott liebt doch sehr, was krumm und schief.
Wen meinst du von den Nachbarn, jenen
Bewohnern dort von Haus und Haus?
Ach Schatz, ich kenn mich da nicht aus.

XXXV

Ach Oma, langsam doch im Denken! -


Mein Liebling, nun, ich bin schon alt.
Ach Eva, Gott soll Gnade schenken,
In meiner Jugend Lichtgestalt,
Mein Gatte brauchte bloß zu rufen,
Schon eilte ich hinan die Stufen
Und brachte ihm die Flasche Bier. -
Ach Oma, ach, was soll das hier?
Für Josef Ono ist das Schreiben. -
Ach Eva, junges Kind, mein Schatz,
Wie mit dem Mäuschen spielt die Katz,
Das Freien lass du besser bleiben. -
Liebt Gott nicht das, was krumm und schief?
Tom überbringe diesen Brief!
XXXVI

Der Tag verging. Es kam kein Schreiben,


Der nächste Tag war auch noch stumm.
Im Dämmerlicht allein zu bleiben,
War Evas Schicksal, dumpf und dumm.
Nun Peter Schwanensang gekommen,
Der Anna in den Arm genommen:
Sag, wann dein Freund bei uns erscheint,
Elfriede Becher leise weint.
Und Eva wurde rot und bebte.
Ihn hielt wohl etwas auf die Post. -
Das war für Eva wie der Frost,
Ein stiller Vorwurf um sie schwebte.
Nimmt er mirs übel, dass ich schrieb?
Ich glaub, er hat mich gar nicht lieb.

XXXVII

Es sinken graue Dämmerstunden,


Nun auf dem Tische steht der Tee.
Da ward der Kandis auch gefunden,
Die Sahne auch, so weiß wie Schnee.
Und Anna schenkte in die Tassen
Der Friesen Zaubertrank, den nassen,
Und Eva sitzt am Fenster still
Und träumt und weiß nicht, was sie will,
Eisblumen an der Fensterscheibe,
Versunken in Gedanken sie,
Summt leise eine Melodie,
Dass sie mit Gottes Finger schreibe,
Wie Sulamith an Salomo,
Die frommen Lettern J und O...

XXXVIII

Voll Seelenschmerz gleicht sie den Kranken,


Die leiden an der Depression.
Man hört das Fahrrad näher wanken,
Er kommt, der wilde Göttersohn!
O Josef! Wie die Turteltaube
Nun Eva fliegt in ihre Laube,
Von der Terrasse in das Grün,
Wo Tannen auch im Winter blühn,
Dann steht sie an dem stillen Teiche
Und lässt sich nieder auf die Bank.
Sie ist verliebt und seelenkrank,
In Liebe groß, an Wahnsinn Reiche,
Hier ruht sich aus die Seele pur
Im Schoß der göttlichen Natur.

XXXIX

Hier sinkt ihr Herz zur Ruhe nieder.


O Josef, Josef, oh mein Gott!
Ihr Busen zittert in dem Mieder,
Sie fürchtet sich vor seinem Spott.
Im Büstenhalter, in dem engsten,
Die Brüste sind erfüllt von Ängsten,
Voll Hoffnung, Sehnsucht, dunklem Traum
Sitzt Eva unterm Tannenbaum.
Sie hört ein Radio von ferne,
Da junge Mädchen singen schön,
Der jungen Liebe Lustgestöhn,
Die Mädchen tönen wie die Sterne,
So wie der Sphären Symphonie
Hallt wider Gottes Melodie.

DAS LIED DER MÄDCHEN

Kommt, ihr jungen hübschen Mädchen,


Kommt, ihr jungen Wunderschönen,
O wie schön die nackten Füße,
Wie sie auf der Bühne tanzen!
Flattern lasst die goldnen Locken,
Singt verliebte Liebeslieder!
Singt von einem schönen Jüngling,
Tanzt den Bauchtanz, singt in Chören!
Kommt der Göttersohn, der Jüngling,
Wollen ihn die jungen Mädchen
Schmücken mit der Kirschen Bommeln.
Die ihr lauscht den Mädchenliedern,
Hört auf die geheime Liebe.
Aber Mann, was Mädchen singen,
Ist ja nicht für dich gesungen!

XL

Und Eva hört die Mädchenchöre,


Doch sie versteht die Lieder nicht.
Wenn ich ein Lied der Liebe höre,
Von Liebe lese ein Gedicht,
So ist es stets an mich gerichtet,
Von jungen Musen mir gedichtet.
Und Eva, wie ein Schmetterling,
Den sich ein Kind im Garten fing,
Da er verliert die Puder-Schminke,
So Eva ist zutiefst verzagt,
Kaninchen gleich die scheue Magd,
Seufzt leise, leise: Ich versinke
In dem Abyss der Traurigkeit!
Wie einsam fühlte sich die Maid!

XLI

Die schöne Frau erhebt sich wieder,


Erhebt sich leise von der Bank.
Oh Josef, Seele meiner Glieder,
Du machst mir meine Seele krank!
Und wie sie sich erhebt vom Sitze,
Sieht sie wie lichte Himmelsblitze
Elektrisch zucken auf das Licht
Von Josefs lichtem Angesicht!
Doch wie die beiden sich begegnet,
Geb ich zu andrer Stunde kund.
Ich muss hinaus, es bellt mein Hund,
Ich muss hinaus, obwohl es regnet,
Doch während ein Poet spaziert,
Wird mit der Muse meditiert.

VIERTER GESANG

I-VI

(…)

VII

Ach, zeig ich Frauen keine Liebe,


Wie sehr die Fraun mich lieben dann!
Dann lockt man wohl hervor die Triebe,
Dann ist man erst ein wahrer Mann!
Der Hengst schnaubt heut aus seinen Nüstern,
Die ganze Welt ist sinnlich, lüstern,
Der junge Mann, sein Weib ist geil,
Schert keiner sich ums Seelenheil,
Man liest erotische Romane
Und schaut sich nackte Frauen an,
In Eros‘ und in Venus‘ Bann
Sie taumeln hin im trunknen Wahne.
Altmodisch ist die Keuschheit nun,
Wie Purpur an des Papstes Schuhn.

VIII

Ach, was für eine Langeweile,


Der Plattitüden Plauderei,
Da geht man auf der Sündenmeile
Und fühlt sich auch noch fromm dabei!
Wie kalt sind doch die Wissenschaften,
Der groben Klötze Leidenschaften!
Wie heilig spricht der alte Christ
Zur Frau, die dreizehn Jahre ist!
Und wie verletzend ist das Wüten,
Der Fundamentalisten Spott!
Da macht die Weisheit selbst bankrott,
Schmähn sie des Geistes schönste Blüten!
Die Ehefraun sind wundervoll,
Die Männer wie die Hunde toll!

IX

So meines lieben Josef Denken,


Der Opfer seiner Jugend war,
In seiner Jugend zu verschenken
Sein Leben an die Frauen gar.
Der Zufall brachte die Bekanntschaft,
Das Schicksal brachte die Gesandtschaft,
Das Mädchen schien Lysistrata,
Madonna Melencholia,
Er war bezaubert, hingerissen,
Sie schien ihm heilig, schön und klug,
Und dann ein Dämon nur, ein Spuk,
Vampirin mit des Todes Küssen.
So ging ihm seine Jugend hin
Und Sterben schien ihm ein Gewinn...

Er war geheilt nun von der Liebe,


Er hielt sich lieber an den Flirt.
Will sie beglücken seine Triebe,
Ihn in der ersten Nacht erhört,
So feiern sie die Venus-Messen,
Wo nicht, so ist sie bald vergessen,
Denn aus den Augen, aus dem Sinn,
Er gibt sich nicht mehr völlig hin.
Er geht zum Freund und spielt mit Karten,
Am Abend geht er froh nach Haus.
Er lebt allein wie Bruder Klaus,
Nur auf das Ende noch zu warten
Von dieses Lebens Lottospiel,
Der Posse ohne Sinn und Ziel!

XI
Da er nun Evas Brief erhalten,
War Josefs Seele doch bewegt.
So geht es selbst den frommen Alten,
Die noch der Jugend Traum erregt.
Die mädchenhafte Art zu schreiben,
Voll stillem Feuer kühl zu bleiben,
Bewegte seinen müden Geist.
Was da nicht alles Liebe heißt!
Er wollte Eva nicht verletzen,
Sie schien ihm keusch und fromm zu sein.
So trat er in den Garten ein,
Sich zu ihr auf die Bank zu setzen.
Und Luna schaute blöde zu
Aus ihrer tiefen Himmelsruh.

XII

Nun zwei Minuten herrschte Schweigen,


Bis Josef sprach das Mädchen an.
Du wolltest dich im Brief mir zeigen,
Ich habs gelesen wie im Bann.
Und nichts geleugnet, das war herrlich,
Denn das war wahre Liebe, ehrlich,
Die Offenheit ist mir sehr lieb,
So dass kein dunkles Rätsel blieb.
Ich mach dir keine Komplimente,
Nein, was du ehrlich hast gesagt,
Das wird von mir nicht hinterfragt,
Es war doch keine Zeitungsente.
Nun höre meine Beichte an,
Dann sprich das Urteil du dem Mann.

XIII

Ach, könnte ich je glücklich werden?


Ein Leben still an Herd und Heim?
Gemahl und Vater sein auf Erden,
Mit einer Frau wie Reim auf Reim?
Und wär die Frau wie eine Lilie
Und wäre fröhlich die Familie,
So wie in einem alten Buch,
So folgte stets mir doch mein Fluch.
Doch wollte eine Frau ich haben,
Der reinen Schönheit Ideal,
Die Venus aus dem Himmelssaal,
So wollt ich mich an dir erlaben
In dem Genuss des Eheglücks
Und treu dir bleiben bis zum Styx!
XIV

Doch bin ich nicht fürs Glück geboren!


Das Glück ist für die Narren nur,
Nach Glück begierig sind die Toren,
Denn nichtig schuf sie die Natur.
Nein, das bezeugt mir mein Gewissen,
Ich werde viel noch leiden müssen.
Doch schlösse ich den Ehebund,
Wär eins mit meiner Venus und
Wär auch ein Amor schon geboren,
Ich sehnte dImmoch mich hinaus,
Hinauf aus diesem Erdenhaus,
Ich ginge wie im Traum verloren
Und plagte dich mit meinem Schmerz
Und schließlich bräche dir dein Herz!

XV

Was ist denn schlimmer auf der Erde


Als eine ungeliebte Frau,
Und ob der Mann auch kommen werde
Und Küsschen links und rechts wie Tau
Und doch die Seele wär gefangen
In sich und wie von Feuerschlangen
Gebissen vom Gewissensbiss,
Er denkt an eine lovely Miss,
Er plagt die Frau mit seinen Launen,
Dem Unmut und dem bittern Gram.
Nein, keinen solchen Bräutigam
Hast du verdient, hör auf mein Raunen,
Dass dich die Liebe glücklich macht,
Erfleh ich von des Schicksals Macht!

XVI

Von allem kann man sich erholen,


Doch meine Seele ist verblüht.
Zwar heute sitzt du wie auf Kohlen
Und traurig ist dir dein Gemüt,
Doch schau dir an die leichten Luder,
Ich lieb dich mehr noch als ein Bruder,
Wenn eine fast vor Liebe stirbt,
Weil sie verschmäht ward, eilig wirbt
Der erste beste Kerl als Freier
Und weggeblasen ist das Leid,
Zum Traualtar im weißen Kleid,
Zum Kusse hebt er ihr den Schleier,
So eilig liebt ein junges Ding
Und auf den Finger passt der Ring.
XVII

Das war nun also Josefs Predigt,


Die Antwort war ein Schweigen nur.
Der seiner Weisheit sich entledigt,
Der sah nun wieder die Natur
Und in der Welt das schöne Mädchen,
Ob Kunigunde oder Käthchen,
Ein Weib im Arm ist immer schön.
Und sie, mit seufzendem Gestöhn,
Demütig reichte sie ihr Händchen,
Spazieren gingen Arm in Arm
Die Beiden, Eva ward es warm,
So tut man in dem Friesen-Ländchen,
Wie andre tun es in Berlin,
Das wird vom Liebesgott verziehn.

XVIII

Mein Leser, du wirst recht mir geben,


Dass Josef hier gesprochen gut,
Zu Eva freundlich, ihrem Leben
Nicht ganz zu nehmen allen Mut.
Hier war er doch mal ohne Tadel
Und zeigte seiner Seele Adel,
Sonst redet man ja schlecht von ihm,
Nur hinterrücks, und nicht intim,
Die Schwätzer reden Lästerreden,
Die Spötter haben feinen Spott,
Er mache doch wohl bald bankrott,
Das stehe ja schon in den Veden
Und in der lieben Bibel auch,
So haucht es aus der Freunde Hauch.

XIX

Die Freunde! Ja, das sind Genossen,


Ich kann kaum schlafen, denk ich dran,
Ob auch die Weine sind geflossen,
Ob auch gelehrt der Gottesmann,
Nie bist im Kopf du ihnen richtig,
Ein Müßiggänger nur und nichtig,
Ein Irrer und vor Damen stumm
Und in den Wissenschaften dumm,
Und betest du zur Schönen Dame,
So nennen sie es idée fixe,
Schwörst du bei Lethe und beim Styx,
Dass einmal wird berühmt dein Name,
So lachen sie von Herzensgrund!
Heil, Heil dem frommen Bruder-Bund!

XX

Wo eben ich vom Bruder rede,


Wie geht es deinem Bruderherz?
Ob auch der Bruder Wind nur säte,
Er erntet Stürme voller Schmerz!
Du sprichst von Aton oder Ammon,
Sie aber kennen nur den Mammon,
Und geht dir mal die Liebe aus,
So steckt man dich ins Irrenhaus,
Und mit gespaltner Schlangenlippe
Man lädt dich ein zum Weihnachtsfest,
Das ist ein wahres Otternest,
Der ganzen Atheisten Sippe,
Wo man den fetten Truthahn frisst.
Ist besser, dass du sie vergisst!

XXI

Da ist doch besser deine Freundin,


Verwandte deiner Seele, schön!
Nun, die ist deine treuste Feindin!
Und in verzweifeltem Gestöhn
Beklagst du, dass ihr Herz von Marmor,
Dass sie nicht ward verletzt von Amor,
Dass sie ist eine Schlange, kalt,
Erst Hure jung, dann Hexe alt,
Die Mörderin von deinem Leben,
Die dir die Seele umgebracht,
Geschickt dich in die Höllennacht,
Die wollt den Todesstreich dir geben!
Ach, Frauenliebe, was ist das?
Ein Spott und Spiel des Satanas!

XXII

Wen also lieben, wem vertrauen?


Vertraue deinem Bruder nicht,
Vertraue nicht den schönen Frauen,
Dem Freund nicht, wenn er Frommes spricht!
Die Bäume werden immer gelber.
Vertraue du dir lieber selber,
Sei immer gern mit dir allein,
Du nur verstehst die eigne Pein,
Geduldig bist mit deinem Laster,
Du selbst dein eigner Salomo,
Gehst ja mit dir allein aufs Klo,
Nur dich stört nicht der Tabak-Knaster,
Nur du sei dir dein eignes Lied,
Du selbst dir Psyche, Sulamith!

XXIII

Und das Ergebnis ihres Treffens?


Was ward aus diesem Rendezvous?
Er ging zum Gastwirt, zu Harm Steffens,
Und füllte sich die Leber zu.
Doch Eva wurde voller Trauer,
Wie Erde satt vom Regenschauer,
Was war sie doch ein armes Schaf,
Und schon verließ sie auch der Schlaf,
Vergangen ist ihr die Gesundheit,
Fast wurde sie im Kopfe dumm,
Vor lauter Kummer ging sie krumm,
Von Schokolade wuchs die Rundheit,
Und Evas Jugend ist verblasst,
Wie flüchtig ist der Erdengast!

XXIV

Vorbei ist Evas Zeit der Blüte,


Sie wurde blasser, stiller stets,
Verschwiegener in ihrer Güte,
Sie fragte keinen mehr: Wie gehts?
Die Bürgern merken das, die achtbarn,
Die Köpfe schütteln schon die Nachbarn:
Die müsste haben einen Mann,
Es ginge ihr viel besser dann! -
So wird die Welt doch immer dummer!
Jetzt aber singe ich die Lust,
Die Liebe und die Frauenbrust,
Und nicht elegisch mehr vom Kummer,
Wie Eva hockt so trist und trüb.
Verzeih, ich hab sie heut noch lieb.

XXV

Wie Peter Schwanensang verliebt war


In Annas Schönheit voller Reiz,
Er liebte sie, die nie betrübt war,
Ihr Körper kannte keinen Geiz…
Sie gingen Hand in Hand spazieren,
Der Venus Spatzen zu rasieren,
Sie gingen immer gerne auf dem Deich
Durch Lämmerherden weiß und weich,
Und sahen gerne auf die Nordsee,
Und auf der Venus Wellentanz,
Er sang ein Lied vom Blanken Hans,
Sie eine Ode von der Mordsee,
Und ferne klang, o Gabriel,
Die Perlenschnur, der Archipel.

XXVI

Und manchmal las er vor Gedichte,


Doch sie verstand die Verse nicht,
Doch die prosaische Geschichte
Doch mehr zu ihrem Herzen spricht.
Was soll sie mit der Oden Tiefe?
Geliebter, schreib mir lieber Briefe,
Doch bitte nicht mit Maß und Reim,
Ich brauch nicht diesen Honigseim,
Ich liebe sehr der Russen Prosa,
Lieb Tolstoi und lieb Bakunin. -
Ach mächtig das betrübte ihn,
Der die Fontana Amorosa
Getrunken und Kastalia
Und liebte die Erotica!

XXVII

Und Peter lieh sich aus ihr Büchlein,


Ihr Album Mädchenpoesie,
Gehüllt ganz fein in Seidentüchlein,
Drin Reimerei der Sympathie,
Drein schrieb er selber seine Verse,
Nicht etwa frei wie Saint-John Perse,
Nein, Oden, wie einst Hölderlin
Und Klopstock schrieben (sei‘s verziehn
Dem Klopstock, dass er Reime hasste).
Er schrieb von Venus‘ Taubenpaar,
Dem Marmorleib, dem langen Haar,
In Oden er die Schönheit fasste
Der Anadyomene sein,
Und nichts als Lust, und nichts von Pein!

XXVIII

Ich kannte selbst einmal ein Mädchen,


Die Edda, sechzehn Jahre jung,
Die schönste Blonde in dem Städtchen,
Mit voller Brüste vollem Schwung,
Der schrieb ich erste freie Verse,
Ich war die Nachtigall, der Perse,
Sie war die Rose in dem Land.
Schon früh der Genius verkannt,
Das stand auf meines Schreibhefts Titel.
Verkannter Genius, nur Mut,
Schreib, wie es dir diktiert die Wut
Der Raserei, gebrauch dein Mittel,
Seis Wein, seis deine Wodka-Flasch,
In meiner Jugend wars das Hasch.

XXIX

Die Mädchen lieben solche Lieder,


Die Liebe schwören bis zum Tod,
Sie öffnen gerne dir das Mieder,
Liebst du sie bis zum Morgenrot
Der Ewigkeit am Jüngsten Tage!
Sei nicht zu weinerlich die Klage,
Denn Mädchen haben so ein Ohr,
Das liebt Esprit und liebt Humor,
Doch wenn Humor, dann nicht zu bissig,
Der hohen Göttin keinen Spott,
Die mehr du liebst als deinen Gott,
Sonst wird die Freundschaft brüchig, rissig.
Nun also Peter Schwanensang
Ein Meister war im Minnesang.

XXX

Doch aber ihr, ihr Lyrikbändchen,


Mit eurem lyrischen, dem Ich!
Da sieht man keine Mädchenhändchen,
Da liest man kein Ich-liebe-dich!
Da liest man nur vom Klassenhasse
Der Arbeiter- und Bauern-Rasse
Und wie gedichtet Berthold Brecht
Und Schweinereien vom Geschlecht
Und dann noch Bechers Staatsorakel!
Das Schandmal ists der Poesie!
Wo ist die Muse, wo ist Sie,
Die Minnedame ohne Makel?
Die Lyrik heute ist ein Spott,
Man fühlt nicht Liebe, fühlt nicht Gott!

XXXI

Nun, Anna las sie nicht, die Oden,


Die Peter Schwanensang ihr schrieb,
Der tanzte nicht den Tanz der Moden
Von Verseschmied und Herzensdieb,
Er hat sie herzlich angebetet!
Ihr Musen-Winde mächtig wehtet!
Wo bist du hin, du Odenbuch?
Aitmatow im feinen Tuch
Hat es vielleicht in seinem Schranke,
Was jung für seine Kypris sang
Mit Verstanz und mit süßem Klang
Der gute Dichter Torsten Schwanke,
Aitmatow gab er das Lied
Von der Dschamila-Sulamith.

XXXII

Was schreibst du deine Elegien,


Wie Menon Diotima sang,
Und Poesie und Prosodien,
Wie Klopstock Fanny schrieb voll Klang,
Und wie Ovid schrieb für Corinna?
Zum Drama auf und lern von Minna,
Studiere deinen Äschylus
Und folge bis zum bittern Schluss
Antigone und ihrem Hämon!
Schreib Oden, wie einst Sappho tat,
Und wie Horaz für seinen Staat,
Wie Klopstock schrieb von Frankreichs Dämon,
Alkäus oder Hölderlin,
Und ehre Schröder auch, auch ihn.

XXXIII

Schreib wie die Dichter-Philosophen


Von Epikur und Seneca
Und für die Mägde auch und Zofen
Und Königin Kleopatra!
Nicht immer einsam in der Kammer
Besing mit Weinen und Gejammer
Die Jugendliebe, die dir starb!
Lern, was Ovid sich einst erwarb,
Wie er Corinna als Kythere
Gepriesen hat mit Musenkuss
Und wie Tibull, Properzius
Gesungen ihrer Liebchen Ehre
Und nicht vergiss Catullus da,
Das Haustier nicht von Lesbia!

XXXIV

Verliebt in Ruhm und Nachruhms Würden,


Dem Peter schwirrts in Herz und Kopf,
Schon trägt er jung des Lehrers Bürden
Und lehrt die Bauern Tropf an Tropf.
Und ist es schön nicht, vorzulesen
Das Liebeslied dem schönen Wesen
Und ihr zu huldigen im Lied
Als Göttin oder Sulamith,
Zu loben sie vom Zopf zur Wade?
Dann aber kann es dir geschehn,
Das Mädchen wird dich nicht verstehn
Und denkt nur an die Schokolade,
Pralinen, wie sie Belgien schenkt,
Meermuscheln sinds, woran sie denkt.

XXXV

Ich freilich bin als Dichter einsam


Und niemand gerne liest mein Lied.
Die Männer und die Fraun gemeinsam
Sind klug auf anderem Gebiet,
Besonders Kriminalromane
Sie lieben, nicht Apolls Päane.
Mein Freund bot mir schon hundert Mark,
Der Kunstbanause klug und stark,
Wenn ich mit Lyrik ihn verschone!
So lese ich den Toten vor,
Gesell mich zu der Engel Chor,
Wenn preise ich der Venus Zone,
Und Jesus in der Messe spricht
Ein Lobwort aus für mein Gedicht!

XXXVI

(…)

XXXVII

Wie lebte Josef nun im Sommer?


Ganz wie ein alter Eremit,
Ganz wie ein Weiser, wie ein Frommer,
Die Öde Frieslands sein Gebiet.
Er schlief, bis mittags stand die Sonne
Am höchsten, dann zu seiner Wonne
Er trank arabischen Kaffee
Und dachte noch an jene Fee,
Von der er träumte an dem Morgen.
Er las in einem Weisheitsbuch,
Er las im Lao Tse genug,
Vertrieb aus seinem Geist die Sorgen,
Dann schrieb er einen kurzen Brief,
Der sprach von Liebe, doch nicht tief.
XXXVIII

(…)

XXXIX

Ein Buch, ein Sitzen in der Sonne,


Ein Schlummer und ein schöner Traum,
Und eine Magd, die eine Wonne,
Demütig fegt sie durch den Raum,
Dem Herzen schenkt sie Augenblitze,
Und abends tauschen Männer Witze,
Und dann zur Nacht ein Wodka-Glas,
Die Ärztin grad erlaubt ihm das,
Und Seelenruhe, Herzensfrieden,
So lebte Josef in Klausur,
Sein Kloster war ihm die Natur,
Und herzlich er vergaß hienieden
Die Freunde, den mondänen Mob!
Trotz alledem und alledem und ob!

XL

Der Sommer in dem Land der Friesen


Ist voll Gewitter-Regenguss,
Nur in des Südens Paradiesen
Von Frankreich gibt das Licht den Kuss.
Ein Blitz, der Sommer ist vorüber,
Es kommt der Friesen Herbst, ein trüber,
Da watet Mutterschaf und Lamm
Und wälzt die Sau sich in dem Schlamm,
Am Himmel schreien grell die Möwen,
Die Nebel hüllen alles ein.
Die Frauen hüllen dicht sich ein,
Es trägt der Mann das Fell des Löwen,
November steht schon vor dem Tor,
Da schaurig tönt der Toten Chor...

XLI

Aurora kommt in frischer Jugend


Und trägt den schwanenweißen Pelz,
Ihr roter Mund ist ihre Tugend,
Ihr Glaube ihrer Augen Schmelz,
So kommt die Göttin, nicht sehr züchtig,
Ein Mädchen reizend, ach wie flüchtig!
Auf grüner Wiese friert die Kuh,
Der dumme Ochse schaut ihr zu,
Sie werfen ruhig ihre Fladen,
Da wächst dann gut der Champignon,
Den sucht der kluge Kompagnon,
In heißer Pfanne ihn zu braten.
Die kluge Spinne webt ihr Netz,
Sie frisst den Mann nach dem Gesetz.

XLII

O Schnee, du Kleid der Makellosen,


Du blauer Himmel, weißer Schnee!
Du wartest auf das Reimwort Rosen,
Nun denn, es hier geschrieben steh.
Das Eis gefroren auf den Teichen,
Schnee liegt auf Tannen und auf Eichen,
Die Knaben ziehn die Schlittschuh an
Und jauchzen in des Winters Bann,
Wie unbeholfen linkisch rutschen
Im Schlitten sie den Hang hinab,
Die Ponys dampfen heiß im Trab,
Die Mädchen Zuckerstangen lutschen
Und zeigen ihre Zunge rot
Dem Greis, der denkt an seinen Tod.

XLIII

Was soll man tun im dunklen Winter?


Spazieren fahren mit dem Rad?
Da friert das Ohr euch ab, ihr Kinder!
Verfolgen das Geschrei vom Staat,
Beim Essen stets die Zeitung lesen
Vom deutschen Staat, vom deutschen Wesen?
Nein! Zünd die Zigarette an,
Lies Hermann Hesse, Thomas Mann,
Lies Dostojewskis Idioten!
Das findet dein Gefallen nicht?
Dann lies im Lexikon, das spricht
Von Wissenschaft in langen Noten,
Von den Arzneien Äskulaps.
Und abends trink den scharfen Schnaps!

XLIV

Ganz wie Onegin war mein Ono,


Er liebte faulen Müßiggang,
Er hörte die Musik in Mono,
Er hörte sinnlichen Gesang,
Ging täglich in die Badewanne,
Goss heißes Wasser aus der Kanne,
Und manchmal im Café, mon Dieu,
Er spielte lässig mit dem Queue
Und mit den beiden Billardkugeln.
Und wenn der blaue Abend kam,
Das Licht errötet wie vor Scham,
Dann kochte er Spaghettinudeln,
Und Peter kam zum Abendmahl,
Der Muse treuester Gemahl.

XLV

Die Flaschen Wodka und Orange,


Das himmlische Getränk ganz klar,
Und Josef Ono sprach: Je mange,
Da biss er in das Nüssepaar,
Das waren rechte Saturnalien
Des Musen-Wassers von Kastalien!
Und manchmal spritzte auch der Sekt
Und manchmal gabs dazu Konfekt.
So will uns Gottes Liebe taufen,
Wir tauchen in der Gnade Nass,
Wir macht uns doch zu Kindern das,
Da wir vom Kelch der Liebe saufen!
Ich aber trinke nur allein,
Will hören nicht der Brüder Schrein.

XLVI

Was aber soll mir der Champagner?


Was soll das Spritzen mir des Sekts?
Was sollen Madel mir und Anja?
Wie bin ich müde doch des Sex!
Was soll der Frauen Liebesflüstern,
Die wie des Himmels Huris lüstern?
Was sollen mir die Weiber wild?
Ich bin vor Altersweisheit mild
Und frag nichts mehr nach losem Luder.
Mein Freund lädt mich zum Himmel ein,
Da will er mit mir trinken Wein,
Verzichten muss mein armer Bruder
Auf Erden leider, wenn er trinkt,
Er bald vor Eiterbeulen stinkt.

XLVII

Wie im Kamin die Flammen lodern,


Dem Drachen gleich und der Prinzess.
Die Toten in den Gräbern modern,
Xanthippe, Frau des Sokrates.
Ich aber rauche Zigaretten,
Mein frommer Bruder will mich retten,
Ich soll statt Tabaks blauem Qualm
Doch lieber beten einen Psalm.
Ich liebe Abenddämmerungen,
Romantisch das Mysterium,
Der blauen Blume Heiligtum,
Da lösen sich zum Lied die Zungen,
Da mancher Philosoph schon sah
Das Wolkenheim Utopia.

XLVIII

Wie geht es denn nun deiner Liebe,


Der Anna? Wie gehts Eva auch? -
Ach dass doch Anna ewig bliebe
Bei mir, wie schlank ist doch ihr Bauch!
Und Evas auch! Die beiden Gnaden,
Sie haben schön uns eingeladen.
Ach Annas lieber Leib der Lust!
Wie majestätisch ihre Brust!
Und welcher Geist! Ein Tolstoianer!
Besuchen musst du mal die zwei,
Da fühlt man sich so wohl und frei.
Für mich als alten Weimaraner
Ist das ein rechter Musenhof,
Da liebt der Dichter-Philosoph.

XLIX

Ich bin von ihnen eingeladen? -


Geburtstag feiert Eva bald,
Da mach den Hof du Ihrer Gnaden,
Verehre ihre Lichtgestalt! -
Ach nein, da kommen ja nur Echsen,
Nur junge Huren, alte Hexen,
Da ist für mich kein rechter Platz,
Bei Weiberlärm und Männerschwatz,
Da fühl ich mich so leer und öde!
Da hört man nichts als Torheit nur! -
Und Peter sprach von der Figur
Der Vielgeliebten, seine Rede
Begeistert von der Liebe Kuss
Floss hin im Redeüberfluss.

Ja, Peter lebte voller Wonne,


Er war geliebt, so dachte er.
Da tauchte seine Liebessonne
So selig ins geliebte Meer!
Und das Mysterium des Bettes!
Der Inhalt jeglichen Sonettes,
Das er für seine Donna schrieb!
Sie hatten sich von Herzen lieb!
Ich, fühle ich mich manchmal einsam,
Besuche dann ein Ehepaar,
Da herrscht Gott Hymen ganz und gar,
Die beiden plagen sich gemeinsam,
Da gleich verlässt mich alle Brunft!
Allein mein Ich und die Vernunft!...

LI

Doch Peter ward geliebt von Herzen,


Er ruhte stets an Annas Brust,
Die fröhlich auf dem Lager scherzen
Und feiern ihre Lebenslust!
Gen Himmel fahren sie allmählich,
Der „petit mort“, der macht sie selig!…
Wie arm ist dran der alte Mann,
Der nichts mehr Schönes sehen kann,
Der muss an dieser Erde mäkeln,
Der Tabakasche frisst wie Brot,
Als Leben lieber ihm der Tod,
Der muss vor dieser Welt sich ekeln,
Der voller Gram ist, müd und alt,
Sein Leib ist schlaff, sein Herz ist kalt.

FÜNFTER GESANG

In diesem Jahr der Herbst war golden


Und klar der Himmel, heiter, blau.
Spazieren gingen gern die Holden,
Im Tannenwald die weiße Frau.
Der Winter aber ist gekommen!
Vom Gaudi sangen heut die Frommen,
Der dritte Sonntag im Advent
Im weißen Schnee wie Weißglut brennt.
Der Schnee liegt auf dem Autodache,
Der Schnee liegt auf dem Eichenbaum.
Die Elster krächzt im kalten Raum,
Der Philosoph verkündet Rache,
Und auf der schwarzen Erde Weh
Liegt Gottes lichter Gnadenschnee.

II

O Winter! Nun das blonde Mädchen


Mit ihrem Pony stapft im Schnee.
Die Schönste sie im kleinsten Städtchen,
Es reitet Pegasus die Fee.
Die Knaben fahren mit dem Schlitten,
Sind schnell hinab den Hang gelitten
Und schlugen blutig sich das Knie,
Doch jauchzen und frohlocken sie.
Vorm Schlitten angespannt ist Luna,
Die Hündin, und der kleine Herr
Ruft Hü und Hott, der Mortimer,
Die Mutter, jung noch wie Iduna,
Schaut liebevoll auf ihren Sohn
Und freut sich auf die Weihnacht schon.

III

Wir Dichter haben wenig Freunde,


Nur ein Prozent der Deutschen liebt
Gedichte, die Millionen Feinde
Der Muse Spielerei betrübt.
Ihr Freunde! Meine Winter-Ode
Scheint euch veraltet, aus der Mode.
Ihr liebt vielleicht den weißen Rock
Der Muse von dem Dichter Blok?
Der sang die Hagia Sophia,
Der Russen Venus keusch und rein.
Auch meiner Muse Benedein
Singt die jungfräuliche Maria
Im weißen Kleid, im Mantel blau,
Wie Schnee so rein die Himmelsfrau!

IV

Und Eva (ganz und gar aus Sachsen,


Ganz aus dem Nieder-Sachsenland)
Sah schön die Tannen weiß gewachsen,
Geweiht von Gottes weißer Hand.
Der Vater Frost kam auf dem Schlitten,
Frau Holle ist durchs Land geschritten,
In Rauhenächten, wie man sagt,
Am Himmel jagt die Wilde Jagd,
Drei Könige sind auch gekommen
Nach Bethlehem vom Orient,
Da Jove im Saturnus brennt,
Es losen Verse sich die Frommen
Aus Gottes Bibel, wie es sei,
Die Heiden aber gießen Blei.

Nun, Eva glaubte jedes Märchen,


Sie betete zu Gnom und Fee,
Der Fee Kleid aus Libellen-Härchen
Sah schimmern nachts sie auf dem See,
Sie glaubte an das Heil der Kräuter,
Dass Mozart milchreich macht das Euter,
Sie glaubte an den Zauberstab,
Alraun, der Geld in Menge gab,
Sie glaubte an der Sterne Einfluss,
Wahrsagerei und Horoskop,
Sie sang der weißen Nixe Lob,
Die fuhr im Schiffe auf dem Rheinfluss,
Sie betete zur Göttin Mond,
Die droben auf der Wolke thront.

VI

Wer zum Geburtstag gratulierte


Zu früh, der machte Eva bleich,
Oft sie sich mit dem Onyx zierte,
Dem Stein des Scorpio im Reich
Des Zaubers, der wohnt in den Dingen,
Sie glaubte, Hildegard von Bingen
Verkündete, dass in dem Sein
Voll Heilkraft sei der Edelstein,
Traumfänger hingen überm Bette,
Kristalle in dem Wasserglas,
Doch ehrte sie auch Karitas
Und wollt zur Weihnacht in die Mette,
In ihrer Esoterik All
War Raum für Jesus auch im Stall...

VII

So alles war ihr voller Zauber,


Von Treue sprach der Taube Ruf,
Von Liebe sprach der Turteltauber,
Sie glaubte an den Gott, der schuf,
Doch glaubte nicht an die Gebete,
Als ob man Gott so zwingen täte,
Ergeben war dem Schicksal sie
Und glaubte auch, sie sterbe nie,
Im Winter sehnt sie sich zur Mainacht,
Da Falter saugen Nektarseim,
Sie wohnt in Wolkenkuckucksheim,
Romantisch feiert sie die Weihnacht
Mit Mozarts Zauberflöte sacht,
Da sang die Königin der Nacht.

VIII

Jetzt Eva aber legt die Karten,


Das Spiel des magischen Tarot.
Kommst, Prinz, du in den Rosengarten?
Schneewittchen, bist du still und froh?
O Nordsee, schreien grell die Möwen?
Kommt Lust geritten auf dem Löwen?
Spricht Nostradamus seinen Spruch,
Erfüllt sich uns das Zauberbuch?
Wir stechen Verse in der Bibel,
Wir lesen deutend aus der Hand,
Ein M man in den Händen fand,
Man liest der Kinder Märchenfibel,
Und alles kündet Zukunft an
Und einen prophezeiten Mann!...

IX

O Frost der Mitternacht, Sylvester!


Die Sterne glitzern wie Kristall.
Wie träumend schaut die Zauberschwester
Nach Geistermächten aus im All.
Und Eva tritt in ihren Garten,
Sie denkt noch an die Zauberkarten,
Es spiegelt sich die Luna blass
In meiner Eva Spiegelglas,
Im Schnee vernehmbar leise Schritte,
Im Dunkel kommt heran ein Mann,
Das muss er sein, denkt sie, und dann
Ganz nach der neuen Heiden Sitte
Genießt sie einen One-night-stand,
Oh little cowgirl in the sand!

Dann zieht sie einmal noch die Karten,


Und Eva wird vor Ärger rot,
Nicht Liebe künden sie im Garten,
Nein, einen Sensemann, den Tod!
Doch wie die Oma ihr geraten,
Wenn die Raketen drohend nahten,
Ging Eva, die so süß und nett,
Nach Mitternacht allein zu Bett.
Vielleicht ich träum von meinem Heros?
Die Bibel unterm Kissen, ruht
Das junge Herz, das junge Blut,
Und über ihrem Bett wacht Eros,
Der feuchten Venus heißer Sohn,
Der ihre Brust sich wählt zum Thron.

XI

Sie war im Wald in ihren Träumen,


Die Träumerin hat dies geträumt:
Im Wald von weißen Tannenbäumen
Der weiße Schnee hat rein geschäumt.
Der Schnee lag da in hohen Haufen,
Den Wald auf seinen Herrn zu taufen.
Und durch das Wäldchen floss ein Bach
Harmonisch wie Musik von Bach,
Und überm Bach war eine Brücke,
Ein Eichenstamm gelegt als Steg,
Von Eis gefroren war der Weg,
Das Eis war glatt wie Weibertücke,
Doch Eva weiter wandernd irrt,
Verzweifelt, hilflos und verwirrt.

XII

Und Eva stolpert in dem Walde,


Es schmerzt sie an der Haut der Frost.
Doch warte, Mädchen, balde, balde
Die Sonne aufersteht im Ost.
Doch noch ists in dem Walde dunkel,
Sie hört Geschwätz, des Bachs Gemunkel,
Da leuchten Augen wie vom Luchs,
Und schau, es kommt ein Geisterfuchs,
Ein Dämon aus dem alten China,
Der führt sie weiter durch den Wald,
Von Purpur seine Lichtgestalt,
Fern funkelt Stella Matutina,
Der Geisterfuchs ist Eva treu,
Als ob sie Geisterfüchsin sei.

XIII

Und Eva wandert immer weiter


Und sucht dem Fuchse zu entfliehn.
Der Himmel schwarz und dImmoch heiter,
Die silberweiße Luna schien.
Der Fuchs folgt immer stets dem Mädchen,
Wie Theseus einst dem Purpurfädchen
Von Ariadne, Kretas Kind,
In Knossos in dem Labyrinth.
Es schleicht der Fuchs die Wege lange,
Die Schritte stets getreu dem Takt,
Man sieht die junge Esche nackt,
Der Milchpfad scheint wie eine Schlange,
Und Eva, still und voller Weh,
Sieht sich begraben schon im Schnee.

XIV

Und weiter flieht sie vor dem Fuchse,


Der Schnee reicht ihr bis an die Knie.
Der Fuchs mit Augen von dem Luchse,
Beharrlich stets verfolgt er sie.
Es fällt ihr Taschentuch von Seide,
Sie streift den Zweig der Trauerweide,
Und schon verliert sie einen Schuh
Wie Cindarella, Ruckeguh,
Der Fuchs jedoch folgt immer weiter,
Und Eva hebt den kurzen Rock,
Der Fuchs stinkt wie ein Ziegenbock,
Schon ist das Mädchen nicht mehr heiter,
Der Fuchs folgt voller Leidenschaft,
Und Eva schwand die Lebenskraft.

XV

Und Eva sinkt zur weißen Erde,


Da kommt der Geisterfuchs heran,
Als ob er nun zum Bären werde,
Zu einem bärenstarken Mann,
Hebt Eva er voll reiner Sitte
Und trägt sie hin zu einer Hütte,
Dort legt er nieder sie vorm Tor.
Und drinnen tönt Gelärm vom Chor,
Da singt man liederliche Lieder,
Da singt der Freund für seinen Freund,
Als wäre er sein schlimmster Feind,
Da singen alle: Trinkt, ihr Brüder!
Da spricht der Geisterfuchs zu ihr:
Nun trete durch die Höllentür!

XVI

Nun findet Eva neue Kräfte,


Sie guckt durchs Fenster in das Haus.
O Gläserklang, o Rebensäfte!
O Lärm, Geschwätz und Saus und Braus!
Was sieht sie da für eine Gruppe?
Ein Heer Dämonen, Satans Truppe!
Ein Kampfhund da mit Schaum vorm Mund,
Ein Rind mit einem Euter rund,
Ein Hahn, der kräht im Kreis der Glucken,
Ein Dachs, der Neffe von dem Fuchs,
Ein Uhu blind, ein Blauaug Luchs,
Die Schlange will den Schwanz verschlucken,
Der Kater mit dem steifen Schwanz,
Ein goldnes Kalb, ein Heidentanz.

XVII

Die Spinne frisst den eignen Gatten,


Ein Frosch, den die Prinzessin küsst,
Und mitten unter diesen Satten
Das Faultier erst ihr sehen müsst,
Wie Riesenarme eine Mühle,
Ein Hürlein auf dem Lotterpfühle,
Ein Eselsglied mit Hengsterguss,
Die Schlange gibt sich selbst den Kuss,
Mit Menschensprache alte Drachen,
Der geile Affe onaniert,
Und der Koyote uriniert,
Und alle lärmen, alle lachen!
Und Eva unter ihnen sieht,
Wie Josef Ono singt ein Lied.

XVIII

Wenn Josef Ono etwas redet,


Andächtig schweigt die ganze Schar,
Wenn Josef Ono etwas betet,
Dann wird der Gruppe alles klar.
Er ist in dieser Schar der Meister,
Der Vater dieser Höllengeister.
Und Eva macht sich neuen Mut,
Die Tür tut auf das junge Blut,
Und sie tritt ein. Und alle schweigen,
Betroffen, staunend und verwirrt,
Wie sie sich hat hierher verirrt,
Und stille steht der tolle Reigen.
Und Josef Ono ohne Ruh
Eilt nun auf seine Eva zu.

XIX
Doch Eva nur versucht zu fliehen,
Bleibt doch vor Schrecken fest gebannt,
Die Schreckensgeister lauthals schrieen,
Nun Josef hatte sich ermannt,
Er öffnet weit die breite Pforte
Und grüßt mit dem Willkommensworte,
Der Drache schreit in Hass und Zorn,
Der Ziegenbock erhebt sein Horn,
Die wilden Straßenköter bellen,
Die Schlange auf das Mädchen schaut,
Der Kater voller Brunst miaut,
Und alle in den sieben Höllen
Mit einem schrillen Kreischen schrein:
Ah, diese junge Frau ist mein!

XX

Sie ist seit Ewigkeit die Meine,


Ruft Josef da in wilder Wut,
Ich will sie haben ganz alleine,
Die Königin in meinem Blut!
Und nun die ganze Gruppe schwindet,
Und Eva nun allein sich findet,
Und Josef ist nun wieder nett
Und bettet Eva auf das Bett,
Man hört ein Jauchzen: Hosianna,
Und da kommt Peter Schwanensang
Und auch die schönen Brüste schwang
An seiner Seite Schwester Anna.
Doch plötzlich wütet voller Wucht
Die Leidenschaft der Eifersucht!

XXI

Und Josef greift nach einem Dolche


Und blutig wird der böse Streit,
Es zanken sich die beiden Strolche,
Und Peter fällt, zum Tod bereit,
Da bebt die Erde, wankt die Hütte,
Als ob der Herr das All zerrütte,
Und jetzt ist tiefe, tiefe Nacht,
Und Eva schwitzt vor Angst, erwacht
Und sieht die Wimpern der Aurora.
Und Schwester Anna kommt herein,
Wie Sommer voller Sonnenschein,
Und lacht: Was sagte dir die Tora,
Was hat der Traum dir prophezeit?
Wer ists, der um dein Hymen freit?
XXII

Doch Eva schien sie nicht zu hören,


Sie griff nach einem alten Buch,
Das war diktiert von Musen-Chören,
Zu bannen ihres Traumes Fluch,
Der Autor wollte da bedeuten
Die Kunst die Träume auszudeuten,
Sie liebte die okkulte Schrift,
Die ganz genau ihr Traumbild trifft,
Noch mehr als Byron und Homeros,
Mehr als die Illustrierte gar,
Die voll von Pferdebildern war,
Nun sie studierte diesen Eros,
Der ihr begegnet war im Traum,
Der aufgetaucht war aus dem Schaum.

XXIII

Sie hatte dieses Buch gefunden


In einem Antiquariat,
Dazu für Lese-Muße-Stunden
Auch Platons Schrift vom weisen Staat,
Und auch, zum Schutz vor allem Übel,
Die originale Luther-Bibel,
Und ein Azteken-Horoskop
Und Berthold Brecht, der dichtet grob,
Und Reden auch von Rudolf Steiner,
Darin der Geisterseher preist
Im All den Christus-Sonnengeist,
Und Jugendlyrik auch von Rainer
Maria Rilke, darin statt
Des Bändchens lag ein Rosenblatt.

XXIV

Der Traum bewegte sie zum Grübeln,


Sie suchte den geheimen Sinn,
Ob er ihr prophezeit von Übeln,
Ob er ihr wahrsagt den Gewinn
Der reinen Liebe ihres Herzens,
Ihr weissagt Wonne, trotz des Schmerzens,
So las sie in dem Buch vom Fuchs,
Vom Bär, vom Drachen und vom Luchs,
Vom Bach, vom Wald, vom weißen Schneefall,
Vom Messer und vom Herzensblut
Und von den Männern voller Wut
Und von dem Rollen eines Schneeballs,
Doch wurde ihr der Traum nicht klar,
Der dunkel wie die Gottheit war.

XXV

Jetzt, da genaht das Morgengrauen,


Die Rosenfingrige, die Maid,
Lässt neugeborne Sonne schauen.
Und der Geburtstag ist nicht weit,
Da unsre Eva wird gefeiert.
Die Frauen kommen unverschleiert,
Mercedes, Fiat, BMW,
Schwarz wie der Lack und weiß wie Schnee,
Das Haus ist voll, und alle drängeln,
Chi-Hua-Hua-Hündchen bellen leis,
Die Frauen sind so weiß wie Eis,
Die jungen Mädchen gleichen Engeln,
Maschinen-Männer kommen auch
Und alte Fraun mit dickem Bauch.

XXVI

Der Mann kommt mit der fetten Gattin,


Die ähnelt einem Weinfass sehr
(In ihrer Jugend war sie Göttin,
Die tauchte nackig aus dem Meer),
Von seinen Kühen kommt der Bauer,
Der Sittich piept im Vogelbauer,
Die Sippe mit der Kinderschar
Von sieben bis zu siebzehn Jahr,
Der Pfeifenraucher auch, der Vetter,
Der Schönling mit Dreitagebart,
Ein Schüler, welcher soft und smart,
Mit grauem Bart die Weisheitsgötter,
Mit Baskenhut der Kommunist,
Im Streit mit ihm der Sozialist.

XXVII

Es kommt ein alter Heimatdichter,


Der dichtet stets von Luv und Lee,
Der Liebling aller Zeitungsrichter,
Die wahre Stimme von der See,
Das lyrische Genie der Friesen,
Dem Stürme um die Ohren bliesen,
Der bringt nun einen freien Vers,
Um zu erobern Evas Herz,
Er klaute ihn von Sankt Franziskus
Aus seinem sonnigen Gesang:
La Morte, ma Sorella! Sang
Der Arme, schön wie der Hibiskus,
Und der Poet, mit Backen rot,
Schrieb: Evalein, du bist mein Tod!

XXVIII

Und dann der Erste der Soldaten,


Der war schon in Afghanistan,
Der war schon in den Schurkenstaaten,
War im Irak und im Iran,
Der stand schon an des Niles Quellen,
Der kommt nun an mit lautem Bellen,
Und alle stillen Frauen schaudern,
Ergötzen sich an seinem Plaudern,
Doch sind entsetzt und wenig froh,
Frisst er das Fleisch des Gulasch roh.
Die Mädchen freuen sich aufs Tanzen,
Doch erstmal kommt das Abendmahl,
Die lange Tafel steht im Saal,
Und alles ist im großen Ganzen
Entzückt von unserm Evalein,
Dem weißen Brot, dem roten Wein.

XXIX

Für einen Augenblick ist Stille,


Die Münder sind von Speise voll.
Der alte Mann sucht seine Brille,
Dann schwatzen alle wieder toll,
Das ist ein Schwatzen alter Schwestern,
Ein Plaudern, Lachen, Spotten, Lästern,
Der dicke Mann spricht ein bonmot,
Er scheint so klug wie Salomo,
Dann aber klingelts an der Türe,
Und Peter tritt mit Josef ein.
So früh schon? spottet Evalein,
Im Kreise gehen um die Biere,
Man schwimmt im Wodka wie im Meer,
Doch Eva lieber trinkt Likör.

XXX

Da sitzt nun Eva gegenüber


Dem Josef, blasser als der Mond,
Wie hat sie ihn doch immer lieber,
Und ist doch schon an ihn gewohnt,
Nun trinkt sie von dem Kelch, dem bittern,
Die schlanken weißen Hände zittern,
Ihr wird das Bein wie Gummi schwach,
Sie seufzt nur noch ein schwaches Ach,
Spricht nur Ach ja und spricht Ach Gottchen,
Sie wird verrückt und spricht im Wahn,
Ertrinkt im Liebesozean,
Da hilft ihr auch nicht ihr Maskottchen,
An ihrem Hemd das Buddhabild,
Das lächelt weise, gütig, mild.

XXXI

Weh Hysterie und wehe Ohnmacht


Und falsche Weibertränen, weh!
Wie hasste dieser Liebe Allmacht
Doch Josef wie den Winterschnee!
Er kennt die Weiber und sieht jenen
Gleich an, wenn falsch sind ihre Tränen,
Sie weinen wie ein Krokodil
Kleopatras im Gelben Nil!
Wie hasste Josef nun den Bruder,
Der ihn in dieses Haus gebracht,
In diese finstre Seelennacht,
Zu dieser Dirne, diesem Luder.
Da schwört er seinem Rachegott:
Das dient mir zum Satiren-Spott!

XXXII

Doch Josef war es nicht alleine,


Der Evas Liebesschwäche sah.
Doch war das Auge der Gemeinde
Gerichtet auf die Mahlzeit da
Und ihren übersüßen Kuchen
(Die Diabetes-Kranken fluchen)
Und auf den Braten fett und braun,
Den Pudding, lieblich anzuschaun,
Und dann das Sektglas schlank um zierlich,
Dir ähnlich, o Laetitia!
Du bist so schlank, wie gern ich sah,
Charmant, bezaubernd und manierlich,
Du bist des Eros Fleisch und Blut,
Die Schönheit als das Höchste Gut.

XXXIII

Wie knallen die Champagnerkorken


Und fliegen Mädeln an die Stirn!
Und wie die Bauern mit den Forken
Der Heimatdichter mit Gehirn
Kommt an und opfert freie Verse,
Nicht genial wie Saint John Perse,
Er stammelt seinen freien Vers,
Man diskutiert ihn kontrovers,
Er ist zu stolz dem Lob der Narren,
Ist seiner Sendung sich bewusst,
Er weiht die Verse Evas Brust,
Voll Demut auf den Dank zu harren,
Das ist der wahre Lorbeerkranz:
Ein Lächeln! Das macht selig ganz.

XXXIV

Und alle wünschen nur Gesundheit,


Das ist des Deutschen Höchstes Gut,
Ob nun in Schlankheit oder Rundheit
Die Frauheit wünscht ihr guten Mut,
Und Eva dankt der Schar und lächelt,
Mit schlanker Hand der Hitze fächelt,
Und Josef hat ein Mitgefühl
Mit der Geliebten Hitze schwül,
Und er verbeugt sich vor der Dame,
In seinen Augen Zärtlichkeit,
Wie Freundschaft, stets zum Trost bereit,
Und Eva saugt der Freundschaft Same
Zu ihrem Herzenstroste ein
Und fühlt sich nicht mehr ganz allein.

XXXV

Die Stühle kratzen auf dem Boden,


Man geht nun in den großen Raum,
Die Männer kratzen sich am Hoden,
Die Mädchen sind so weiß wie Schaum,
Die Alten sitzen bei den Alten,
Da zählt der Mann des Weibes Falten,
Die Knaben gehn zum Kartenspiel,
Der Zeitvertreib ihr höchstes Ziel,
Sie spielen Skat, sie spielen Poker,
Sie setzen ein das liebe Geld,
Das diese Welt zusammenhält,
Sie freun sich über jeden Joker.
Wer nicht Ideen hat im Haus,
Ihr Freunde, der tauscht Karten aus.

XXXVI

Die Knaben sammeln ihre Karten


Mit Drache, Prinz und Held und Fee,
Die Knaben toben durch den Garten,
Wo ich den Frosch am Teiche seh.
Dann gibt es einen starken Mokka
Aus Reicharabien und Mekka.
Ich mess die Zeit nicht nach der Uhr,
Nur nach der Sonne der Natur,
Am Morgen sieben Kaffeetassen,
Am Mittag zu Kartoffeln Fleisch
(Trotz der Veganer Wahngekreisch),
Um nachts zum Wodka dann zu fassen.
Ich sing von Speis und Trank so sehr
Wie du, o göttlicher Homer!

XXXVII

(…)

XXXVIII

(…)

XXXIX

Die hübschen Mädchen trinken süß


Lauwarmen Schokoladen-Tee.
Was fehlt noch in dem Paradies?
Musik, des dritten Himmels Fee!
Demütig die Musik-Maschine
Bringt Tanzmusik, die liebt Aline,
Man fasst sich an den Händen und
Durchwirbelt tanzend nun das Rund,
Der Löwe des Salons tanzt Tango
Mit seiner Ehe-Tänzerin,
Die Bauchtanz-Fee mit sechstem Sinn
Mit hohem Eros tanzt die Mango,
Der Kundalini-Schlange gleich,
Wie Bajaderen kurvenreich.

XL

Am Anfang meines Versromanes,


Da schrieb ich von der Diskothek,
Da von der Reinheit meines Planes
Ich irrte ab von meinem Weg.
Es ließen mich die süßen Träume
Von Venus aus dem Meer der Schäume
Auf einmal träumen voller Lust
Und von der Venus schönen Brust,
Der schönsten Brust von allen Brüsten.
Nun aber fünfzig Jahre alt
Nicht träum ich mehr von der Gestalt
Der Wonne-Venus voll von Lüsten,
Ich bet nicht mehr zum Morgenstern,
Ich diene fromm nun Gott dem Herrn.

XLI

Jetzt, da sie alle tanzen Tänze


Und wirbeln trunken durch den Raum,
Da glühn die Vulven und die Schwänze,
Die Mädchen sind verschleiert kaum,
Mein Josef ruft zum Gott der Rache:
O Rachegott, führ mein Sache,
Dass ich mit Narren reden muss
Der Narretei stupiden Stuss!
Und Josef Ono nahm sich Anna
Und tanzte mit ihr Brust an Brust,
Erotisch, sinnlich, voller Lust,
Nicht keusch und prüde wie Susanna,
Die tanzt den Walzer voller Zucht.
Und Peter war voll Eifersucht!

XLII

Jetzt ward getanzt der heiße Tango,


Der Buhler Tanz aus dem Bordell,
Musik erklang auch, der Fandango,
Die Trommeln klangen laut und schnell.
Ich aber hab in meiner Jugend
Gehasst des strengen Tanzes Tugend,
Wenn meine Eltern bei dem Tanz
Gewesen in des Saales Glanz.
Ich lieber wollte trunken taumeln,
Ekstatisch zucken mit dem Leib,
So tanzt das wilde Schlangenweib,
Der prall die großen Brüste baumeln.
So tanzen Bajaderen nackt
Und tanzen wie der Götter Akt.

XLIII

(…)

XLIV

Und Achim kam, der alte Vetter,


Und Eva kam und Anna auch,
Und Achim, weise wie die Götter,
Blies bläulich seinen Pfeifenrauch
Und sprach zu Josef: Willst du Anna,
Willst Eva du, willst du Susanna,
Mit wem willst tanzen du den Tanz?
Wer offenbart der Göttin Glanz?
Und Josef griff sich Annas Hände
Und tanzte Salsa sehr lasziv,
Und Annas Hände sanken tief
Und rührten zärtlich seine Lende,
Das wars, was Josef so entzückt,
Was ihn elektrisch heiß durchzückt.

XLV

Und Peter will mit Anna tanzen,


Sie aber sagt ihm lächelnd: Nein,
Ich möchte hier im großen Ganzen
Mit Josef spielen Ringelreihn. -
Und Peter dachte: O beim Gotte,
Wie Anna wurde zur Kokotte!
Wie weint sie wie ein Krokodil
Kleoptaras im gelben Nil,
Und lügt, dass man mit dem Detektor
Die Wahrheit registrieren muss!
Und Josef? Ein Pistolenschuss!
Achilles kämpfte so mit Hektor!
Ja, dieser Buhltanz locker frei
Gibt eine Messerstecherei!

SECHSTER GESANG

Und Josef, da nun Peter fort war,


Von Langeweile ward geplagt,
Von Anna auch, die noch am Ort war,
War er gelangweilt, ungefragt,
Und Anna auch voll Langeweile
Von Josef trennte sich voll Eile,
Sie wollt zu Peter Schwanensang
Zurück in ihrem Liebesdrang,
Vom Salsa müde und dem Tänzeln.
Jetzt aber kam das Abendmahl,
Reis, Salz und Butter in dem Saal,
Der Alte gähnt, die Jungen schwänzeln,
Man legt sich auf die Sofas nett
Und Josef ging ins eigne Bett.
II

Der Alte bettet sich im Sofa,


Auf Matten Jugend liegt bequem,
Ein Mädchen fährt auf ihrem Mofa
Davon, zu schauen angenehm.
Die Dicken sitzen auf den Stühlen,
Die Weiber in bequemen Pfühlen,
Der Dichter legt sich aufs Parkett
Und Anna einsam geht ins Bett.
Im Licht der göttlichen Diana
Nur Eva sitzt am Fenster stumm
Und denkt an das Mysterium
Der Liebe und, beim grauen Mana,
Sie löst der Liebe Rätsel nicht,
Das Kreuzworträtsel, das Gedicht.

III

Dass Josef dImmoch war gekommen


Und auch geschaut voll Zärtlichkeit,
Sich Schwester Anna dann genommen,
Mit ihr getanzt voll Sinnlichkeit,
Das war für Eva doch ein Rätsel.
Sie knabberte an einem Brezel
Und quälte sich mit Eifersucht,
Der kranken Leidenschaften Frucht,
Als ob sie eine Eishand packte
Und ein Vulkan in ihr erglüht
Und goldorangne Lava sprüht,
Das Herz geriet ihr aus dem Takte,
An Josef dachte sie zurück:
Der schlimme Mann bringt mir kein Glück!

IV

Doch weiter nun im Versromane!


Ein neuer Mann wird eingeführt.
Er passt so recht zu meinem Plane,
Ich schreibe schließlich inspiriert.
Es lebte da in Peters Nähe
Ein Mann, doch nicht im Netz der Ehe,
Der Trinker Immo Finkenburg,
Der einst kam aus Charlottenburg
In unsrer Hauptstadt Berolina,
Der war nun alt geworden, fett,
Der lag den ganzen Tag im Bett,
Las Zeitungen vom Roten China
Und ward von keiner Frau geliebt
Und war darum auch stets betrübt.

Zur Jugendzeit in Berolina


Er fand den Terrorismus toll,
Die Maoisten auch aus China,
Sein Haupt war stets vom Fusel voll,
Er hasste Demokraten, Christen,
Er liebte nur die Terroristen,
Doch mit dem Alter ward er klug,
Zumindest soweit klug genug,
Dass Frankfurts Allgemeine Zeitung
Er jeden Sonntag eifrig las,
Mit seinen Augen und dem Glas,
Dann macht er sich an die Bereitung
Des Schlummertrunks, er brauchte hier
Die Woche eine Kiste Bier.

VI

Er war ein Zyniker, ein Spötter,


Er kannte allzeit ein bonmot,
Wenn einer glaubte an die Götter,
Wenn einer glaubt ans A und O,
Er ward von Immo stets verspottet,
Moral hielt er für ganz verrottet,
Er war wohl Nietzsches Übermensch,
Auf keinen Fall ein keuscher Mönch,
Er wollte weiche warme Weiber
Und sprach mit zynischem Gemüt,
Er sei an Christi Leib das Glied,
Und Christi Glied liebt alle Leiber.
Und wenn sich Freunde zankten, dann
War er im Zank der dritte Mann.

VII

Und manchmal zwischen Brüdern, Söhnen


Des gleichen Vaters, stiftet er
Den Segen, dass sie sich versöhnen,
Das fiel den beiden Brüdern schwer.
Am liebsten aber mocht er lästern,
Verhöhnte zynisch alle Schwestern,
Er kannte nur das Weib, das lockt
Mit Brust und Schoß und langgelockt.
Doch mit dem Alter ward er weise
Und aß nichts andres als Salat,
Bekannte sich zum deutschen Staat,
Er kam in bürgerliche Kreise,
Er ging nur selten in den Puff,
Doch regelmäßig war sein Suff.

VIII

Er kannte Lexika auswendig,


Drum schätze Josef Ono ihn,
Er redete zwar unanständig,
Das wird von Männern stets verziehn.
Und Immo Finkenburg am Morgen
Zu Josef kam, der lag geborgen
Im Bett mit einer Tasse Tee.
Gut, das ich dich, mein Lieber, seh,
Hier eine Botschaft kommt von Peter,
Rein rhythmisch zwar mit Reim an Reim,
Die musst du lesen hier im Heim. -
Na gut, ich les sie etwas später. -
Nein, lies es jetzt, grinst Immo schief.
Und Josef Ono las den Brief.

IX

Zwar höflich, aber fest entschlossen,


Der Peter fordert zum Duell,
Er hätte sich auch gern geschossen,
Doch war er mit dem Messer schnell.
Und Josef, ohne noch zu warten,
Er sprach zu Finkenburg, dem harten,
Wie Pioniere: Stets bereit
Zu jeder üblen Schändlichkeit!
Und Finkenburg nun wollte gehen
Und ließ den Josef nun allein.
Der aber dachte voller Pein,
Was konnte er nicht widerstehen?
Ob man denn stets der Torheit Groll
Mit Bitterkeit entgegnen soll?

Er dachte da wie ein Gerechter,


Denn richten soll man nicht den Freund.
Ist das denn Freundschaft, als ein Fechter
Den Freund zu sehn als einen Feind?
War Peter nicht in seiner Jugend
Verliebt in Annas schöne Tugend,
Verliebt wie so ein junger Tor,
Der seinen Ruhm nicht gern verlor?
So ist das nun mit achtzehn Jahren,
Da muss man Mitleid haben doch.
Nein, Josef hätte immer noch
Bei lebenswidrigen Gefahren
Behalten müssen den Verstand,
Den er bei Peter nicht mehr fand.

XI

Sie hätten besser reden sollen,


Das Missverständnis räumen aus,
Statt wie ein kleines Kind zu schmollen,
Worauf denn läuft das noch hinaus?
Jetzt ists zu spät, es ist beschlossen,
Zwar mit Pistolen nicht geschossen,
Doch gibt es einen Messerkampf,
Bis fließt das Blut mit heißem Dampf.
Da werden alte Weiber klatschen,
Vom Wahnsinn werden reden sie,
Von unheilbarer Hypochondrie,
Wenn Huren lästern, Hexen tratschen.
Das sind die Meinungen der Welt,
Ein hohler Narr ist, wems gefällt.

XII

Zu Hause, feurig ungeduldig,


Der Dichter wartet auf das Wort,
Ob Josef sich bekennt als schuldig,
Ob er bereit zum Kampf am Ort,
Wie es gebührt Heroen züchtig.
Ach, Peter ist so eifersüchtig!
Er hatte schon befürchtet, dass
Die Antwort wär auf seinen Hass
Die milde Liebe, das Versöhnen.
Bei der Kapelle voller Pracht
Entscheidet sichs um Mitternacht,
Dann stechen sie sich um die Schönen,
Dann Peter siegt als Liebesheld,
Wenn er nicht durch den Bruder fällt.

XIII

Entschlossen, seinen Freund zu hassen,


So Peter Schwanensang voll Groll,
Er sah, die Zeit war schon verflossen,
Was er vorm Tode machen soll?
Was tun? Er fuhr mit seinem Rade
Zur schönen Anna voller Gnade.
So wenn der Bruder Tod dir naht,
Der Eingang in den Gottesstaat,
Dann blüht noch einmal dir das Leben
Mit aller prallen Lebenslust,
Die Lust nimmt dich an ihre Brust,
In Wonnen dir sich hinzugeben,
Bis Charon kommt mit seinem Boot,
Am Lethe-Ufer steht der Tod.

XIV

Was bist du denn so früh gegangen?


Fragt Anna, rosig, weiß und keusch.
Da beißen ihn der Liebe Schlangen,
Im Höllenfeuer brennt sein Fleisch,
Dann schwebt er in den dritten Himmel,
Er schaut im seligen Gewimmel
Der Schatten schon den Morgenstern
Und auf dem Morgenstern den Herrn
Und ihm zur Seite die Madonna!
Und wie im ersten Augenblick
Ist Anna all sein Liebesglück,
Ist seine Muse, Primadonna,
Für die er stirbt als Trauerschwan,
Erlischt im Liebes-Ozean!...

XV

(…)

XVI

(…)

XVII

Jetzt, traurig, fehlt ihm noch die Stärke,


Zu denken an die letzte Nacht.
Er grübelt über Annas Werke
Und was sein Freund ihm zugedacht.
Ich muss mein süßes Liebchen retten,
Im Himmelsbett die Seele betten,
Dass dem Versucher nicht gelingt,
Dass er sie in die Hölle zwingt!
Es soll nicht diese alte Schlange
Beflecken meine Lilie keusch,
Es soll sie treiben nicht das Fleisch
Mit dem okkulten Höllenzwange! -
Zu deutsch: Ich plan in meiner Not,
Zu stechen meinen Bruder tot!

XVIII
Ach, hätte nur geahnt mein Peter,
Was Eva trug in ihrem Sinn!
Die große Chronik in dem Äther
Sie konnte lesen und auch in
Der Seelenreise sah sie Mächte,
Verstand die Träume ihrer Nächte.
Was, wenn sie hätte das gewusst,
Was Peter trug in seiner Brust,
Dass er den Josef wollt ermorden!
Den hatte Eva lieb, doch das
Verbarg sie ohne Unterlass
In der verschwiegnen Liebe Orden.
Und Anna hat wohl nichts geahnt?
Hat meiner Anna nichts geschwant?

XIX

Den ganzen Abend Peter schweigend


Saß bei dem Liebchen still und stumm,
Nur eine Trauermiene zeigend
Und wie ein Bauerntölpel dumm.
Er nahm zu Händen die Gitarre,
Auf der er klimperte Geknarre,
Sang einen Robert-Johnson-Blues
Als der verlornen Seele Gruß.
Bin ich nicht glücklich, o mein Liebchen?
Dann aber wollt er eilig fort
Von der verhexten Liebe Ort.
Was ist mit dir, mein Amor-Bübchen?
Sprach Anna lächelnden Gesichts.
Er aber sprach voll Trauer: Nichts.

XX

Zu Hause prüft er erst sein Messer,


Ob auch so recht die Klinge scharf,
Kein Messer schärfer je und besser,
So ganz geeignet zum Bedarf.
Dann liest er in den Leiden Werthers,
Das Buch des irren Narrenwärters,
Dann greift er zu Papier und Stift,
Zur Tinte, kranker Muse Gift,
Er sieht noch einmal Annas Reize,
Da steht sie vor ihm himmlisch nackt,
Da schreibt er Verse Takt für Takt,
Wie sie erscheint auf Beteigeuze
Als nackte Himmelskönigin,
Er schreibt das wie im Vollrausch hin.
XXI

Durch Zufall hab ich noch die Zeilen,


Sie sind in Wahrheit Peters Werk:
Wo, Jugend, deine Wonnen weilen,
Da wir auf jedem hohen Berg
Und unter jedem grünen Baume
Geliebt wie Venus aus dem Schaume?
Was mir die öde Zukunft bringt?
Da nichts mehr Schönes mir gelingt?
Mysterien die Zukunft hüllen,
Doch schließlich trifft gewiss des Pfeil
Des Todes, Unheil oder Heil!
Nur Heiland Tod kann mich erfüllen,
Weil hier ich nichts als Unglück hab!
O komm, o Große Mutter Grab!

XXII

Der Morgenstern wird klar erzittern,


Dann kommt des Tages Dämmerung.
Und ich, in Schicksalsungewittern,
Bin nicht mehr lebensfroh und jung,
Ich, ein Prophet und Dichter-Rufer,
Ich wandle dann an Lethes Ufer,
Da mich die ganze Welt vergisst,
Auf Erden keiner mich vermisst!
Du, Anna, wirst du mich beweinen?
Im schwarzen Kleid am Grabe stehn?
Das schwarze Kleidchen ist so schön!
Dein Antlitz wird von Tränen scheinen?
Komm, Freundin und Geliebte mein!
Ich bleibe bis zum Jenseits dein!

XXIII

Sein Stil war dunkel, trist und trübe,


Romantisch nannte man den Stil
Von Rittertreue, Minneliebe,
Von Heldenruhm und Liebesspiel,
Von hohen stolzen Damen, rassisch.
(Ich neige mehr zum Stile klassisch.)
Er denkt noch an sein Ideal,
Schläft auf dem Sofa ein im Saal,
Träumt ruhelos von Nachtgespenstern,
Als in der Frühe er erwacht,
Es schweigt die Nachtigall der Nacht,
Es singen Lerchen vor den Fenstern
Vor dem Balkon der Himmelsburg.
Da kam der Immo Finkenburg.

XXIV

Und Josef Ono liegt im Bette,


Gebettet in dem weichen Pfühl,
Er sieht im Traum die Niedlich-Nette,
Die gestern rührte sein Gefühl.
Es kräht der Hahn schon nach den Hennen,
Doch Josef wollte weiter pennen,
Ob draußen blies ein frischer Sturm,
Er lag, wie in dem Grab ein Wurm,
Im weißen Berg von Schwanendaunen.
Im Traum vernimmt er nun ein Wort,
Das weckt ihn auf, nun muss er fort,
Im Morgentraum die Geister raunen,
Schon wird es in dem Osten hell,
Und Josef eilte zum Duell.

XXV

Er eilig greift zum Telephone


Und ruft den Erich Schuster an,
Er wollte von dem Friesensohne,
Dass er sein Zeuge sei. Der Mann
Mit langem rotem Bart kam eilig,
Dem war Gautama Buddha heilig,
Der steckte sich die Pfeife rasch
Im Munde an, gefüllt mit Hasch.
Und Josef Ono nahm sein Messer,
Dann fuhren mit dem Wagen sie
Zum Buchenwald, so schön wie nie,
Nie schien der Hain der Buchen besser,
Das Auto, eine Ente, hielt,
Nun wurde auf das Herz gezielt.

XXVI

Gelehnt an eine Buche Peter


Stand da mit Immo Finkenburg.
Wie grau schien da zu sein der Äther,
Ein Werk von einem bösen Demiurg.
Und Josef hatte sich verspätet.
Ob ihr schon nach dem Mörder spähtet?
Jetzt aber bin ich hier am Ort,
Bereit zum Selbstmord und zum Mord! -
Der alte Immo mürrisch fragte,
Ob Erich Schuster Zeuge sei?
Sprach Josef: Was ist schon dabei?
Er ist ein treuer Zeuge, sagte
Der Duellant, der Peters Freund
Einst war, nun aber Peters Feind.

XXVII

Mein Freund? So sagte Josef leise,


Das ist der Erich Schuster hier,
Ein guter Freund nach alter Weise,
Der Bund geschlossen ward beim Bier
Und bei der großen Wasserpfeife,
Das Haschisch war darin, das reife.
Der Immo auf den Mund sich biss,
Da Josef sprach zu Peter dies:
Beginnen wir? - Ja, wir beginnen,
Sprach Peter. Die Kapelle stand
Im tief verstummten Friesenland.
Der alte Immo, wie von Sinnen,
Er sah, was in dem Einerlei
Des Alltags Männerfreundschaft sei.

XXVIII

Nun also Feinde! Vorher Brüder,


Nun aber durstig nach dem Tod,
Die früher sangen Freiheitslieder
Beim Wodka von der Fahne rot
Und Brot und Wein und Mädchen teilend,
Einander in die Arme eilend,
Jetzt durstig nach des Feindes Skalp
Wie in dem Traum erscheint ein Alp
Und schweigend planten das Gemetzel.
Spricht keiner mehr ein gutes Wort,
Man sehnt sich nach dem Brudermord
Wie Nibelungen einst bei Etzel.
So wird die Liebe oft zum Hass,
Ich musste lernen oft schon das.

XXIX

Die Messer sind sehr scharf geschliffen,


Der Stahl ist made in germany,
Die Winde in den Kronen pfiffen,
Die Messer glänzen silbern wie
Ein abgeschnittner Fingelnagel,
Ein Halbmond oder Frühlingshagel.
Blutbuchen stehen wie im Traum,
Das Laub fällt blutrot von dem Baum.
Und Erich Schuster zählt die Blitze
Und Immo Finkenburg verstummt,
Der Sensemann erscheint vermummt,
Vergangen sind die heitern Witze,
Ein jeder in der Hand den Dolch
Den Bruder hält für einen Molch.

XXX

Nun kommt euch näher! sagte einer,


Doch stecht noch nicht mit Messern zu!
Dies Wort hat übertreten keiner,
Es nahten sich die Zwei im Nu.
Und Josef schwieg betroffen leise,
Im Herzen Tochter Zions Weise,
Fünf Schritte ging er still voran
Und Peter sah ihn zornig an
Und Peter sticht mit seinem Messer
Und Josef mit dem seinen zu
Und plötzlich in der tiefen Ruh
Die Glocke klang, für Josef besser
Und Josefs Messer fällt ins Laub
Und Tropfen Blutes in den Staub.

XXXI

Und Peter mit der Hand am Herzen


Fällt nieder, und sein Auge bricht,
Das sind nicht mehr die Liebesschmerzen,
Das ist des Todes grelles Licht!
Und wie vom Hügel rast ein Schlitten,
Ist Josef zu dem Freund geglitten,
Der Frost griff an sein Herz, der Mann
Sah ihn mit toten Augen an,
Und Josef ruft noch einmal: Peter!
Doch Peter Schwanensang war tot,
Zu Ende all die Seelennot,
Ein freier Geist er nun im Äther,
Der Dichter nun auf Erden stumm,
Bei Musen im Elysium.