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Elena Esposito

Soziales Vergessen
Formen und Medien
des Ge&cbtnisses der Gesellschaft
Aus dem Italienischen
von Alessandra Cord

Mit einem Nachwort


von Jan Assmann

Unsere Gesellschaft hat den traditionellen Sinn von Gedachtnis der anti-
ken und vormodernen Gesellschaften verloren: die Vorstellung, dass das
Gedachtnis - noch grundsätzlicheals zur Aufbewahrung der individuel-
len Erinnerungen -dazu dient, dem Kosmos eine Ordnung zu geben und
Richtlinien fŸ Denken und Handeln zu liefern. Formen und Stärkdieses
Gedachtnisses hangen mit den verfŸgbare Kommunikationsmedien zu-
sammen: von der Schrift bis zu den Massenmedien und den jüngste
elektronischenTechnologien. Diese Medien, die viel mehr zu erinnern und
zu vergessen erlauben, verlangen immer komplexere soziale Strukturen.
Wie zeichnet sich dann aber das Gedachtnis unserer informatisierten
technischen Gesellschaft aus? Wie viel muss es vergessen können um
noch eine Orientierung in einer chaotischen und selbstreferentiellen Welt
behalten, also um noch erinnern zu können

Elena Esposito lehrt Soziologie an der UniversitäModena e Reggio


Emilia. Sie hat U. a. im Suhrkamp Verlag veröffentlichtGLU. Glossar zu
Nikh Luhmanns Theorie sozialer Systeme (stw 1226). Suhrkamp
Inhalt

I . Gedächtniund Reflexivitä.......................... 12
I . Gedachtnis und Semantik ......................... 19
2 . Definition von Gedachtnis ........................ 24
3. Das Gedachtnis der Gesellschaft .................... 32

11. Das divinatorische Gedachtnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44


I . Die nicht-alphabetische Schrift ..................... 44
2. Die raumbezogene Differenzierung ................. 50
3 . Die Unterscheidung Oberfläch- Tiefe ............. 58
4. Die Anwesenheit des Mysteriums ................... 66
5. Das divinatorische Modell ......................... 71
6. Die Strukturen des divinatorischen Gedachtnisses ..... 77
7. Die verräumlichtZeit ............................ 87

111. Das rhetorische Gedächtni.......................... 98


Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nati~nalbiblio~rafie
.
I. Die alphabetische Schrift . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
z Die stratifikatorische Differenzierung . . . . . . . . . . . . . . .
3 . Die Unterscheidung SeidNichtsein . . . . . . . . . . . . . . . . .
101
106
114
bttp//dnb.ddb.de 4. Platon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
5. DASrhetorische Gedachtnismodell .................. 149
suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1557
Erste Auflage 2002
6. Mnemotechnik: die Strukturen des rhetorischen
0 Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2002 Gedachtnisses ................................... 1%
Alle Rechte vorbehalten. insbesondere das der Ãœbersetzung 7. Die Unterscheidung aeternitadtempw . . . . . . . . . . . . . . . 172
des öffentliche Vortrags sowie der Übertragun
durch Rundfunk und Fernsehen. auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form
IV Kultur als Gedachtnis ...............................
(durch Fotografie. Mikrofilm oder andere Verfahren) I. Buchdruck und Massenmedien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert 2. Funktionale Differenzierung .......................
oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet. 3. Die Unterscheidung SubjektIObjekt . . . . . . . . . . . . . . . .
vervielfältigoder verbreitet werden .
Satz: jürgeullrich typosatz. Nördlinge
4. Der Ãœberganzur Moderne .......................
Druck: Nomos Verlagsgesellschaft.Baden-Baden 5. Das Kulturmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Printed in Germany 6. Massenmedien: die Strukturen des modernen
Umschlag nach Entwürfevon Gedächtnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Willy Fleckhaus und Rolf Staudt
ISBN 3-518-29157.2
7. Temporalisierung der Komplexitä..................
V. Das Nerz.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung
I. Computer und Telematik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
2. Das Gedachtnis der Funktionssysteme und der
formalen Organisationen ..........................
3. Autologie ........................................
. Gedachtnis, so scheint es, ist zu einem Modethema !geworden- man
könnt sogar sagen, dass es dabei ist, wieder jene zentrale Position
4. Die Kontrolle fehlender Kontrolle .................. einzunehmen, die es Jahrtausende in Gesellschaft und Semantik in-
5. Das Netzmodell ................................. nehatte und die es füeinigeJahrhunderte verloren hatte - eben weil es
6. Die Strukturen des telematischen Gedachtnisses . . . . . . mit der Mode nicht zu vereinbaren war. Merkwürdigerweishangt die
7. Hat die Zukunft schon begonnen? .................. wachsende Bedeutung des Gedachtnisses mit der Radikalisierung dei
gleichen Tendenzen zusammen, die zu seiner Ausgrenzung gefuhrt
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . hatten.
Es ist wohl bekannt, dass das Gedachtnis in archaischen und antiken
Jan Assmann: Gesellschaften eine grundlegende Bedeutung hatte; und dies nicht
Nachwort .............. etwa deshalb, weil diese Gesellschaften ein obsessives Verhäitnizu
ihrer Vergangenheit pflegten -Vergangenheit war in der uns bekann-
Sachregister ........ ten Form nicht einmal vorstellbar -, sondern weil sie sich in einer von
uns und voneinander gänzlicverschiedenen Weise mit Gegenwart
auseinander setzten. Wie wir noch sehen werden, besteht die wlc-
~ g i + k ~ e s & e & c ~ ~ nini ceiner h t Auseinandersetzung mit der
Vergangenheit,sondern in seinem Vstnis^zy.r.Qegeawart;denn nur
in der Gegenwart kann man sich erinnern oder vergessen.
In der ^lodeniE jedoch verschiebt sich die Gewichtung: Das Ge-
dächtniwird mit Erinnerung gleichgesetzt und die Erinnerung mit der
Vergangenheit. Allerdings werden &JJ.t^~-r&htJa~g~~Jin. der,&-
gange.nhcit+s&. Das Bestreben nach Dauer wird ersetzt durch den
Drang nach Veranderung, die Wiederholung durch Neuheit, die Be-
ständigkeidurch Wandel. Das Gedachtnis erscheint als eine unfrucht-
bare Wiederkehr, es verliert an Anziehungskraft und Bedeutung, vor
allem aber büà es seine Relevanz und Allgegenwart ein. Es schrumpft
zu einer begrenzten und rand~tandi~en Funktion, die nützlicsein
kann, aber keine zentrale Bedeutung mehr einnimmt und auf keinen
Fall das liefert, wonach man fortan sucht: Kreativitäund Innovation.
Man kann sich dem Gedächtninicht mehr zuwenden, u m Zukunft zu
gestalten - Zukunft aber bildet nun den ent ,+T cheidenden Bezugspunkt:
~,
H3tn-<h,Stie,

Heute sieht es allerdings so aus. als setze sie wie erurn eine indire
Haltung durch. Jenseits der oberflächlicheRückkehzu Archaismen
und Traditionen wächsdas Interesse am Gedachtnis auch durch einen
komplexeren Zugang. Nachdem ein paar Jahrhunderte lang die Zu-
kunft verfolgt wurde, scheint diese nun eingeholt: Die Zukunft hat
schon begonnen, aber wir wissen noch nicht, was wir damit anfangen
blieb (es handelte sich eben immer um den Krieg gegen die Perser). IV Kultur als Gedächtni
Diese Haltung wird mindestens bis in das spätMittelaiter hinein
beibehalten, in dem hierarchische Beziehungen weiterhin sozusagen
perspektivischen Beziehungen vorgezogen werden. Was zähltist nicht DA- Überganzur Moderne bildet bekanntlich den wichtigsten An-
die zeitliche Verortung, aus der sich eine einzige Ereignisfolge unter haltspunkt fü alle soziologischenund ideengeschichtlichenTheorien.
einer unterschiedlichen Perspektive zeigte, sondern einzig ihre sich aus Der Zeitraum zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert bleibt im
einer angenommenen göttliche Perspektive ergebende Bedeutung, Positiven und im Negativen, ob man die Diskontinuitäte nun be-
die allen Anwesenden gemeinsam war.262 . sonders ins ~lickfeldrück oder mildern möcht und unabhängi
Wir kehren nun zu unserem Leitthema zurückdem Gedächtnis davon, ob man den Zeitraum ausdehnt oder verkürzt ein Gegenstand
Der Anachronismus der gesamten vormodernen Semantik kann von besonderem Interesse fur die Forschung, zumal sich darin viele der
scheinbar auf eine Art ~mnemonischerAllzeitlichkeit~~~~ zurückge Merkmale abgezeichnet haben, mit denen wir auch in der heutigen
fŸhrwerden, die selbst die Auseinandersetzungmit der Vergangenheit Gesellschaft konfrontiert sind.' Dies gilt auch in Bezug auf unser
geleitet haben soll. Bei dieser Herangehensweise interessierte nicht der Thema. Den Gegenstand dieses Kapitels bilden die radikalen Verän
Unterschied der Zeiten, sondern die Beständigkeider Formen, die derungen der Gedachtnisform, die zu einem Verständnides Begriffes
sich aus dem Sinnzusammenhangergab. Varietäschien einer wesens- geführhaben, der auf eine derart unhinterfragte Art fŸ selbstver-
konstanten Welt beigehgt; Geschichte interessierte lediglich als ein ständlic hingenommen wird, dass es schwierig wird, sich seiner
Reservoir von Beispielen füalle Zeiten264und diente nicht der Auf- Kontingenz überhaupbewusst zu werden. Das Gedachtnis fdlt nicht
deckung kausaler Beziehungen. Zwar wurden die Gleichzeitigkeit des notwendig mit der modernen Vorstellungvon Gedächtnizusammen.
Gleichzeitigen und die Nicht-Gleichzeitigkeit des Nicht-Gleichzeiti- Diese Vorannahme zu akzeptieren ist unbedingt erforderlich, um von
gen nicht erfasst, d a r konnte man sich in der Gleichzeitigkeit des dem Gegenstand
" des Gedachtnisses Abstand nehmen und besser
Nicht-Gleichzeitigen frei bewegen. Zum Beispiel konnten die ver- darübereflektieren zu können
schiedenen Staatsformen miteinander verglichen werden,265so wie Währeneines allmählichenim Spätmittelaltebeginnenden Ver-
man auch die verschiedenen - auch hier im Wesentlichen zeitgenössi änderungsprozessegeht man zu einer Form von Wiederholung über
schen - auctores nebeneinander stellen konnte. Solange die Ausrich- die sich nicht weiter an Objekten (selbst wenn diese lediglich den
tung an den auctores beibehalten worden ist (d. h. durch das gesamte inneren ÈRäumedes Geistes innewohnen sollten), sondern direkt an
Mittelalter hindurch), wurden in der Vergangenheit keine Phasen Kommunikation hältMan könnt auch von einem re-entm von
unterschieden, noch verfügtman übeeinen Begriff von Klassizität Kommunikation in Kommunikation sprechen, das (wie alle re-erztries)
Die auctores besaßeals solche gleichermaßeAutoritäund waren als Ergebnis die Auflösunder Vorannahme einer Welt unmittelbarer
allesamt zeitlos. Die Aufzählungeder auctores umfassten, ohne jeg- Gegenständzeitigt, die von selbstreferentiellen Formen - in diesem
liche chronologische Ordnung, römischAutoren ebenso wie antike, Fall: von Texten - ersetzt wird.2Dabei handelt es sich bei Texten nicht
heidnische und christliche Schriftsteller.Mit der Zeit wuchs lediglich um Gegenständunter anderen, sondern um - sozusagen - konden-
die Anzahl der auctores an.266 sierte Kommunikationen, die eine spezifisch eigene Gegen&andswelt
projizieren. Indem Kommunikation an Texte anschließt kann sie auf
262 Vgi. Le Goff 1977, S. 15-16. der Basis eigener Strukturen koordiniert werden. Und indem man
263 Ein Begriff von Erich Auerbach, zitiert in: Carruthers 1990, S. 193. Man könnt im
gleichen Sinne auch von einer rhetorischen Herangehensweise an die Geschichte I Wie dies besonders durch Bezeichnungen wie post-Moderne* bezeugt ist, die in der
sprechen, die eher dem Wahrscheinlichen als dem Wahren zugekehrt ist: vgl. bei- Negation noch den zentralen Bezug auf die Moderne zusätzlicbestätigen
spielsweise Wilcox 1987, S. 224 E 2 Es handelt sich hierbei um einen Vorschlag, den Luhmann im September 1992 in
264 Luhmann 1995d. Modena mündlicvorgetragen hat. Luhmann 1993a, S. 256, behauptet, dass der Text zu
265 Vgl. Koselleck 1979, S. 137. einem neuen Medium wird, der aus der Gesamtheit der darauf bezogenen Interpreta-
266 Vgl. beispielsweise Curtius 1948, Â 111.5. tionen besteht.
Texte aufbewahrt, bewahrt man nicht Gegenständauf, sondern die deutlich von der auf Interaktion basierenden Kommunikation unter-
Bedingung füdie Erzeugung von Gegenständen scheiden, die in der Konsequenz ihrerseits Modifikationenunterliegen
Dieser Umstand fuhrt, wie wir noch detaillierter sehen werden, eine wird. Und gerade zu dem Zeitpunkt, an dem Büche aufhörenStütze
Unmenge Konsequenzen mit sich, die auf die Formel gebracht werden fi/r das Gedächtnizu sein, verwandeln sie sich paradoxerweise zu
könnendass die Form des Gedächtnisse(ErinnernIVergessen) zu dessen Garanten. Man kann es sich leisten, zu vergessen, weil die
dem Primat von Vergessen übergehtDie Macht des Gedachtnisses ist Inhalte in Bücheraufbewahrt sind. Diese Art der Wiederholung
umso grofler, je mehr Vergessen das Gedachtnis zulässt je mehr es also drückgerade
- den Sinn von Redundanz aus. Erneut haben wir es mit
davon absieht, Gegenständaufzubewahren, ohne dass diese jedoch der einen Seite einer Unterscheidung zu tun. Redundanz gibt es nur,
fŸ immer verloren gingen.3 Die modernen ~Technologiendes Ge- wenn es auch Varietägibt, und die moderne Form der Kultur zeigt,
dächtnissesunterscheiden sich grundlegend von den auf Rhetorik wie sich die zwei Seiten gleichzeitig steigern. Eine Prioritädes Ver-
basierenden vorangegangenen, weil sie nicht mehr direkt der Aufl?e- gessens bedeutet auch den gleichzeitigen Zuwachs von Redundanz
wahrung von Inhalten (der Erinnerung), sondern lediglich der Fest- und Varietä- oder anders ausgedrückt
" Weil mehr Redundanz (ein
legung von Verweiszeichen und Verbindungen zwischen Inhalten enormer Anstieg der Kopien von Büchernvorhanden ist, kann man
dienen, die nun vergessen werden sollen. Füdie Aufbewahrung sich auch mehr Varietä(immer mehr voneinander unterschiedene
von Inhalten gibt es nun Bücher die allerdings weder die Verdoppe- Büchererlauben. Dies gilt ebenso füdie Verarbeitung der Inhalte.
lung des Gedächtnisse(als Verdoppelung des Geistes im rhetorischen Währenorale Kulturen auf Wiederholung gründemussten, gestat-
Gebrauch von Texten) darstellen, noch dessen Veräußerlichun wie ten geschriebene Texte eine weit gröfler Freiheit in Bezug auf einen '
dies die verbreitete Metapher vom Èexterne Gedächtniszu sugge- unterschiedlichen Gebrauch in den verschiedenen Situationen.'
rieren scheint: als Struktur eines Systems kann Gedächtnioffenbar Dies alles werden wir im Detail im restlichen Kapitel sehen. An
nicht äuflerlicsein. Es handelt sich vielmehr um eine Form ~virtuel- dieser Stelle beschränkewir uns auf eine letzte Ausgangsbeobach-
len Gedächtnissesà um einer der Kommunikation zur Verfugung tung. Bisher haben wir nur von Büchergesprochen, aber der Diskurs,
stehenden Potentialitätdie nur aktiviert wird, wenn man davon den wir entwickeln werden, geht übedie blofle Verbreitung des
Gebrauch macht (wenn man eben Büche l i e ~ t )Um
. ~ davon Gebrauch Buchdrucks hinaus. Das Fundament dieses Gedachtnismodells be-
zu machen, bedarf man allerdings Prozeduren, die ihre Aktivierung steht nicht lediglich in einer Verfügbarkeivon Schrift (dies stellte, wie
ermöglichenRiesige, nicht aufsuchbare Bibliotheken, in denen die wir gesehen haben, auch die Vorbedingung der vorangegangenen
Büchenicht auffindbar sind, käme dem reinen Verlust von Ge- Gedachtnisformen dar), sondern radikaler in der Autonomisierung
dächtnigleich (und nicht dem Vergessen als der anderen Seite der einer Kommunikationsform, die die Differenz zur Interaktion vor-
Unterscheidung Erinnernlvergessen).Die Inhalte des modernen Ge- aussetzt und ausschöpftBei dieser Kommunikationsform befinden
dachtnisses betreffen eben diese Prozeduren. sich Sender und ~ m ~ f i n in ~ eeiner
r anderen Zeit und an einem
Der entscheidende Übergan besteht in einer Änderun im Ge- anderen Ort, sie nehmen nicht die gleichen Dinge und auch einander
brauch von Schrift, die, insbesondere auch in Zusammenhang mit der nicht wahr, sie sind füreinandenicht durchsichtig (der Sender kann
Verbreitung des Buchdrucks, ihre untergeordnete Rolle gegenübe sich nicht an den Reaktionen des Empfangers orientieren und Letz-
Oralitäverliert und sich zu einer eigenen Form von Kommunikation terer kann in die Kommunikation nicht mit Fragen, " Kommentaren
entwickelt. Man schreibt, um aus der Ferne zu kommunizieren, und es oder Ergänzungeintervenieren)und in der Regel kennen sie einander
geht nicht mehr um eine Form der Fixierungvon Interaktion, sondern auch nicht. Um eine derartige h d e r u n g in der Struktur der Kom-
eher um eine Alternative zur Interaktion. Die schriftliche Kommuni- munikation zu bewirken, reicht die Technik, einzelne Buchstaben
kation nimmt nun Strukturen, Distinktionen und Inhalte an, die sie abzudrucken, offensichtlich nicht aus, was die Tatsache zeigt, dass
3 Man darf nicht vergessen, dass die Form des Gedächtnissestets ~Erinnern/Vergessenà Buchstaben in China bereits im Z.Jahrhundert eingefŸhr worden
ist und nicht einfach im Vergessen - bzw. im Auslösche- besteht.
4 Vgl. Luhmann 199oa, S. 33. 5 Vgl. Luhmann 19932, S. 249 ff.
waren, ohne dass sich dieselben Veränderungezugetragen hätten. I. Buchdruck und Massenmedien
Unsere Herangehensweiseverlangt in diesem, wie auch in den anderen
Fällennach der Integration der Untersuchung der Kommunikations- Auch in Bezug auf die Kommunikationstechnologien handelt es sich
technologien und der Veränderungein der Gesellschaftsstruktur, die bei dem uns an dieser Stelle interessierenden Übergan um den, der
ihre Verbreitungvorbereiten und stützen Dies werden wir in Kap. IV, 2 zur Unterscheidung einer auf Interaktion basierenden (in der Haupt-
unternehmen. Selbst wenn es sich bei der Erfindung des Buchdrucks sache mündlichenKommunikation und einer nicht auf Interaktion
nicht um eine hinreichende Bedingung gehandelt hat, so muss man basierenden (in erster Linie schriftlichen) Kommunikation führ-
diese füdas Abendland als notwendige Bedingung ansehen. Deren zwei in Struktur und Merkmalen unterschiedlichen Formen, die
zentrale Bedeutung steht damit in Zusammenhang, dass mittels des allmählic unterschiedliche Aufgaben übernehmeund sich dabei
Buchdrucks erstmalig die Konsolidierung einer Form von Kommu- gegenseitig integrieren und entlasten. Der Hinweis auf die Verbreitung
nikation mit eben den Merkmalen von Asymmetrie und Anonymitä des Buchdrucks, um diesen Überganzu markieren,versteht sich nicht
ermöglichworden ist, die in der Folge auch mit sich jeweils ändern auf Anhieb von selbst. Wie wir ausführlicin den vorangegangenen
den, eigenen und charakteristischen Formen durch andere Hilfsmittel Kapiteln gesehen haben, war die Schrift auch vor der EinfŸhrun der
wie das Radio, das Kino und vor allem das Fernsehen verwirklicht Technik des Abdrucks einzelner Buchstaben verbreitet und ihre Ef-
worden ist. Das Ergebnis dieser Entwicklung bildet der komplexe fekte waren derart offensichtlich, dass darübeschon in der Antike
Apparat, den wir Massenmedien nennen und auf dem die Form des ausgedehnte Debatten geführ wurden. Der Buchdruck markiert nicht
Gedachtnissesgegründe ist, mit der wir uns in der Folge beschäftige den Übergan von einer oralen zu einer auf Schriftlichkeit (bzw.
werden. In der Moderne, so die These, nehmen die Massenmedien bei vorwiegend auf Schriftlichkeit) basierenden Kultur, sondern unwei--
der ÃœberwachungErzeugungund beim Gebrauch der Redundanz der gerlich den von einer Schriftkultur zu einer Schriftkultur anderer Art -
Kommunikation den Platz von Rhetorik ein, wobei die Art dieser d. h. zu einer anderen Art des Umgangs mit Schrift.
Ãœberwachunund deren Konsequenzen sich grundlegend von der der Jedoch kann man nicht einmal sagen, dass mit dem 17.Jahrhundert
Rhetorik unterscheiden. Die Massenmedien übernehmeAufgaben, eine ~Buchkulturà beginnt, weil Bücherin Form von Manuskripten,
die von Rhetorik nicht hätte bewältigwerden könnengleichzeitig auch in den vorangegangenen Jahrhunderten verbreitet waren - im
müssesie aber auf andere Aufgaben verzichten, die deren integrie- Spätmittelaltehatten die Kopiertechniken in den scriptoria sogar eine
render Bestandteil ausgemacht hatten - diese Aufgaben werden in der derartige Leistungsfähigkeiund einen solchen Grad an Raffinesse
modernen Gesellschaft entweder gar nicht mehr erfüllt oder aber sie erreicht, dass sie richtige Unternehmensbetriebe darstellten.' In den
werden anderen Mechanismen überlassen die mit Gedachtnis nichts Anfangszeiten des Buchdrucks war die Technik nicht viel leistungs-
gemein haben (und dazu sogar im Gegensatz stehen können) fähigeals ein gut organisiertes scriptorium und die maschinell her-
Auch aufgrund dieser Diskrepanzen haben wir beschlossen, dieses gestellten Texte unterschieden sich kaum von den abgeschriebenen -
Gedachtnismodell mit dem Begriff von >Gedachtnisals Kultur<zu sowohl was die äuße Form anbelangt als auch in der Wahrnehmung
bezeichnen. Aus Gründendie wir noch erläuterwerden, greift die der Mehrheit der Leser, die von den Texten auf eine austauschbare Art
Selb~tbeschreibun~ dieser Form von Semantik auf den typisch moder-
nen Begriff der Kultur zurück der mit seinen Vorzügeund blinden 7 Übe die Wirkung des Buchdrucks in den Anfangszeiten seiner Verbreitung siehe
insbesondere Eisenstein 1979, Giesecke 1991. Es versteht sich von selbst, dass wir uns
Flecken die sie charakterisierende Art der Beobachtung exakt wieder- da, wo wir von einer weiten Verbreitung der Büchesprechen, auf die gehobenen
gibt. Schichten der Gesellschaft beschranken. Von unserer Warte aus besteht der springende
Punkt in der Entstehung eines Publikums von Lesern, der quantitativ extrem schwer
6 Vgl. beispielsweise Palumbo-Liu 1993; McLuhan 1962. Es scheint, dass die Verbreitung bestimmbar ist. Es ist beispielsweise bekannt, dass der Analphabetismus zu Beginn des
und Vermehrung gedruckter Texte auch in China zu Zweifeln, Destabilisierungenund 19.Jahrhunderts noch sehr weit verbreitet war und erst mit der Einführunder all-
Schwierigkeiten bei der Interpretation der Texte hat - ohne dass es dadurch zu gemeinen Schulpflicht allmählicuberwunden worden ist. Übedie Verbreitung des
einem Verständnivon Kommunikation jenseits der Interaktion gekommen wäreMan Lesens und des Analphabetismus vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert siehe zum
muss hierbei den nicht-phonetischen Charakter der chinesischen Schrift bedenken. Beispiel Engelsing 1973.
Gebrauch m a ~ h t e nEinen
.~ Nachweis füdiese fehlende Differenzie- war, da ja in diesem, wie auch in vielen anderen Fällendie mündlich
rung bildet der Sachverhalt,dass im gesamten 15. Jahrhundert Drucker Kommunikation fortgesetzt wird, währen man innehält um zu
und Kopisten wechselseitig ihre Erzeugnisse nachahmten und die reflektieren. Der Drucker hat dagegen die Zeit und die Möglichkeit
Handkopie eines gedruckten Buches durchaus nichts Sonderbares den Text erneut zu lesen und die Fehler zu korrigieren. Dies führ zu
dar~tellte.~ Dennoch gab es einen grundlegenden Unterschied, der einer völlige Umkehrung des Problems der Entstellung von Texten.
im Verlauf der folgenden Jahrzehnte immer offensichtlicher zutage Wahrend es im Mittelalter als unvermeidlich galt, dass die zuneh-
treten sollte. Die Reproduktionsmethode selbst setzte die Unterschei- mende Anzahl an Kopien (aufgrund einer zwangsläufigeAkkumula-
dung von Oralitäund Schriftlichkeit voraus. In den scriptoria wurde tion von Kopierfehlern) tendenziell zu immer entstellteren Texten
auf der Basis eines lauten (und daher mündlichenDiktats kopiert, führewürdeso wie auch die Pest oder Kriege füunvermeidbar
und auch die ~Veröffentlichung bestand aus einem lauten Vorlesen in gehalten wurden,12 beginnt sich mit dem Buchdruck die Einstellung
Gegenwart eines Publikums. Dieser hybride Charakter einer Literatur zu verbreiten, dass die Korrekturmöglichkeiteim Verlauf zu immer
an der Grenze zwischen Oralitäund Schriftlichkeit spiegelte sich besseren Ausgaben führewürde- und zwar nicht nur aufgrund der
selbst in den Texten in Form typisch interaktiver Zügwider, die noch Tatigkeit des Druckers, sondern ebenso aufgrund des Eingreifens der
lange nach der Verbreitung des Buchdrucks nachweisbar sein sollten. Leser. die nun alle denselben Text lesen und daher die Fehler identifi-
Da ist zum Beispiel die fehlende Kohärenin der Perspektive des ))Ich- zieren könnendie darauf in den errata (noch eine Neuigkeit aus jener
Erzählersà der je nach Erfordernis der Erzählunvon der einen zur Zeit) berichtigt werden sollten. Es wird so die Idee des standardisierten
anderen Figur springt, oder die Heterogenitädes Tons und der Textes, der mit jeder Kopie !gleich bleibt, geboren: eine einheitliche
Haltung, oder der Gebrauch grammatikalischer Strukturen zu em- Ausgabe, der die kritische Korrektur der Fahnen vorausgegangen ist.
phatischen Zwecken und nicht in Zusammenhang mit der Sequenz- Dieser neugewonnene Abstand von der Körperlichkeides Origi-
hafiigkeit der Ereignisse.1ÂDer Buchdruck, der anfangs nur als eine nals führaugerdem zu einer zusätzlicheUnterscheidung zwischen
andere Form von Schriftlichkeit betrachtet wurde (aMcialiter scri- dem Buch als dem materiellen Trägeund dem mitgeteilten Text13
bere), bezeichnet gerade im Adjektiv künstlich (artificialis) einen sowie zu einer ganzen Reihe von Konsequenzen, die auf beiden Ebenen
grundlegenden Unterschied. Die Reproduktion wird nun von einer angesiedelt sind. Das gedruckte Buch reproduziert den Text und nicht
Maschine übernommeund die Prozeduren, mit denen die Repro- das Buch und ist damit fü alle möglicheExperimentierweisenoffen.
duktion vorbereitet wird (die Wahl und Anordnung der einzelnen Man verwendet nun verschiedene Lettern in allen mögliche Aus-
Lettern zum Beispiel), haben nun nichts mehr mit einer konkreten
L . prägungen,1man führTitel und Anmerkungen oder auch Register
Kommunikationssituationoder mit Kommunikation im Allgemeinen aller Art (allgemeine Register, Namenregister, Themenregister) ein,
gemeinsam. Bezogen auf den technologischen Aspekt der Reproduk- man verbessert und verbreitet bereits vorhandene, aber selten ge-
tion wird der Diskurs als na kind of thingç, d. h. als eine vollkommen bräuchlichZusätzewie die Nummerierung der Seiten oder Titel-
neue Art der Objektivierung und Distanzierung behandelt. blätterDie im Zeitraum zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert in
Aus dem Blickwinkel des Träger(des Buches als solchem) eröffne Anwendung genommenen Paragraphen und Absätzdienen der Ver-
diese Distanzierung bisher undenkbare Möglichkeite der Korrektur
und Revision der Texte. Interaktion impliziert immer die totale In- 12 Vgl. Eisenstein 1979, s . 295.

anspruchnahme durch Kommunikation und dies setzte auch voraus, 13 Es handelt sich um ein neues Bewusstsein übedie Unterscheidung zwischen Wörter
und Gegenständeauch in Bezug aufdas Ding-Buch. Bis in das 17.Jahrhundert hinein
dass der Kopist vom Zuhöre und Kopieren vollkommen beansprucht musste ein Erkunder von Gegenständeebenso ein Textexperte sein. Selbst wenn er
sich der Beobachtung der Natur widmete, konnte er es nicht vermeiden, mit Namen
8 Die Haltung der Sammler, die sich darin versteiften, nur handg-eschriebeneTexte zu und Wörter zu tun zu haben: die Klassifikation von Flora und Fauna bedeutete
erwerben, wurde alsbald als persönlich&genart betrachtet. beispielsweiseebenso die Klassifikation verftigbarer Dokumente: vgl. Eisenstein 1979,
9 Der Standardhinweis ist in diesem Zusammenhang Reeve 1983. S. 696 ff.
10 Vgl. McLuhan 1962. 14 Ãœbedas KonkurrenzverhLltnis von Antiqua (runde, kursive Buchstaben) und goti-
11 Ong 1961, S. 165. scher Schrift in der ersten Hälftdes 16.Jahrhunderts vgl. Steinberg 1955.
anschaulichung der ununterbrochenen Kontinuitädes Diskurses bei der Bebilderung naturwissenschaftlicher Texte geschieht, die der
sowie dazu, diesem eine visuelle Ordnung als Ersatz füdie argumen- Ergänzunder sprachlichen Erläuterunder Phänomenmit direkten
tative Ordnung der gesprochenen Rede a ~ f z u p r à ¤ ~ Auch
e n . ' erfähr Bildern aus der Natur dient. Dagegen wurde bis in das 15.Jahrhundert
der Gebrauch von Bildern eine radikale Änderung da diese nun nicht seih in naturwissenschaftlichen Bücherkein Unterschied zwischen
mehr als Gedächtnisstütfingieren. In den Manuskripten hatten phantastischen und realen Bildern gemacht, da beide der Bebilderung
Bilder, wie wir weiter oben bereits gesehen haben,16 in erster Linie des Textes und nicht der Bebilderung der Natur dienten. Obwohl die
einen dekorativen Wert, der dem hauptsächlicheZweck diente, die Maler und Miniaturmaler jener ~eitbereitsin der Lage waren, Kunst-
Erinnerung zu erleichtern - darin wirkten picturae und litterae zu- werke auf hohem Niveau zu produzieren, wurden die Herbarien zum
sammen und bildeten direkten Anteil an der Bedeutung des Textes. Beispiel lediglich mit groben und konventionellen Holzschnitten
Währendie Erfiillung dieser Aufgabe allmählicin den Hintergrund bebildert, die durch deren ständigKopien noch zusätzlicbeschädig
tritt, werden auf der einen Seite ~Ramistische~ Bücheerzeugt, die.auf waren, ohne dass darin irgendein Problem gesehen wurde.I8 Eine
Bilder gänzlic verzichten, und auf der anderen Seite werden neue ähnlichEntwicklung hat in dem gleichen Zeitraum zu der Trennung
Formen des Zusammenspiels von Wörter und Bildern eingefiihrt, von Buchstaben und Zahlen gefiihrt und in der Folge zur Übernahm
die unser Verständnivon Bebilderung vorbereiten. In einem gedruck- der arabischen Zählungderen Verbreitung gegen Ende des 16.Jahr-
ten Buch dient das Bild der Ergänzunder charakteristischen Begren- hunderts stattgefunden hat. Der großVorteil besteht dabei in der
zungen sprachlicher Kommunikation, die notwendig auf einer drasti- Möglichkeitdas Prinzip der Positionierung einzufiihren, das füalle
schen Selektion basiert. Sie vermittelt ausschließlic die wenigen modernen ~echentechnikenvon Bedeutung ist. Der
Inhalte, die sie behandelt, dabei tut sie dies auf sequenzielle Art (die Wert einer Zahl hängvon der Position ab, die sie gegenübeden
Ereignisse werden eines nach dem anderen erzählt)ohne dass dabei anderen Symbolen einnimmt, denen sie beigestellt Gtrso dass die
die formalen Zügdes behandelten Gegenstandes eingehalten würde Zahl 2 in den drei Sequenzen 342, 725, 269 eine je unterschiedliche
(die wohlbekannte Willküder Sprache). In einer neueren Termino- Bedeutung (2, 20, 200) erlangt.19Auch in diesem Fall sind offenbar
logie könnt man sagen, dass sprachliche Kommunikation eine erste von einer mündliche Entsprechung unabhängig Techniken der
Form der Digitalisierung von Information verwirklicht. Dagegen schriftlichen Manipulation im Spiel.
prozessieren Bilder, selbst wenn sie kommunikativen Zwecken dienen, Die Unterscheidung von Buch und Text führauch zu der Abschaf-
auf analoge Weise und reproduzieren in irgendeiner Form die Konfi- fung jener Formen, wie etwa der komplexe Apparat von Erläuterunge
guration der behandelten GegenständeSie gestatten so, indem sie und Kommentaren, die als schriftliche Reproduktion der Offenheit
gleichzeitig eine größe Anzahl von Daten kommunizieren, eine viel mündlicheKommunikation fungierten, bei der die Vorstellung eines
kompaktere und sozusagen polyvalente CJbertragung von Informa- abgeschlossenen Textkörper noch fehlte und jeder Leser sich frei
tion, obwohl dies auf eine noch wenig" ausgefeilte
" und auf der Ebene fiihlte, eigene Anmerkungen und Kommentare hinzuzufügenohne
von Kommunikation wenig explizite Weise geschieht (es ist nicht sich um deren saubere Scheidung von dem eigentlichen Text zu
immer klar, was ein Bild bedeuten^ soll bzw. welche Aspekte eines kümmernDiese noch an eine vorausgesetzte
" Bilateralitäder Kom-
Bildes effektiv etwas aussagen sollen1'). munikation gekoppelten Formen werden in Anbetracht der neuen
Einmal eingefŸhrt könne die Differenzen zwischen Bild und offensichtlichen Asymmetrisierunf der gedruckten Kommunikation
Schriftlichkeit auf eine positive Art genutzt werden, wie dies etwa vollends inadäquatDabei verstehen wir unter Asymmetrisierung eine
I rein technische Bedingung der Kommunikation, die aber alle Regulie-
15 Vgl. Chartier 1992. rungen und Kontrollmechanismen, die in einer auf Interaktion basie-
16 Kap. 111, 6. renden Kommunikation ausgebildet werden, außeKraft setzt." Jedes
17 Es handelt sich hierbei um eine auch fiir die spezifische Kommunikationsform der
Kunst grundlegendeAmbivalenz, die in unserem Verständnierst autonom wird, wenn 18 Vgl. Eisenstein 1979, S. 265; Carruthers 1990, S. n4ff.
sie sich von der schriftlichen Kommunikation unterscheidet- eben nach der Erfindung I9 Vgl. Dantzig 1954, S. 30 und S. 33.
des Buchdrucks: vgl. Luhmann 19950. 20 Vgl. Luhmann 1994; 19955, S. 10 f.; 1997a, S. 1103,
Mal nämlichwenn Kommunikation maschinell erzeugt wird, wird dies den Überganzur Beobachtung zweiter Ordnung markiert, die zu
Interaktion unterbrochen." Der rekursive Zirkel - Beobachtung des dem grundlegenden Kennzeichen der gesamten massenmedialen Se-
Gesprächspartners Antwort, Antizipation der Reaktion und Reaktion mantik werden sollte. Der Sender richtet seine Kommunikation an
auf diese Antizipation -, der alles, was explizit gesagt wird, kontinu- einemOeigenenEmpfinger-Modell aus, das er konstruiert hat, indem
ierlich begleitet und moduliert, funktioniert hier nicht mehr. Der er sich die eigene Beobachtung der eigenen Kommunikation vorge-
Sender ist füden Empfängeunzugänglicund umgekehrt. Wie auch stellt, indem er sich im Laufe dieses Prozesses also selbst beobachtet
schon Platon beobachtet hatte, bleibt das Geschriebene gegenübe hat.25 Seinerseits beginnt sich der Leser, gerade in Anbetracht eines
Klärungsbedarstumm oder wiederholt allemal immer wieder das anonymen Schreibers, zu fragen, wem er die Kommunikation zu-
Glei~he,~'so dass der Leser den Sinn der Kommunikation mit anderen schreiben soll und wie diese zu verstehen ist. Bei der ganzen Problema-
Mitteln erfassen muss. Auch wer schreibt, muss aber auf andere Art tik von Autorschaft und von allen mit der Interpretation von Texten in
ersetzen, was ihm an Information abhanden kommt, die er zuvor aus Zusammenhang stehenden Fragen handelt es sich bekanntlich um
dem Verhalten der Zuhörehatte gewinnen können eine moderne K o n s t r u k t i ~ n . ~ ~
Dieses Kennzeichen von Schriftlichkeit,das aber erst, wie wir bereits Es versteht sich von selbst, dass dies alles nicht von einem Augen-
gesehen haben, mit der durch den Buchdruck erreichten Autono- blick auf den anderen vor sich gegangen ist, sondern eine obergangs-
misierung von Oralitäexplizit wird, bedingt einerseits eine neue Zeit von einigen Jahrhunderten erfordert hat, in der die neuen In-
Standardisierung der Kommunikation, die gerade, weil der Leser strumente von Kommunikation in erster Linie füdie Reproduktion
unbekannt ist, füalle gleich werden muss. Eine asymmetrischeKom- und Intensivierung der vorangegangenen Semantikformen verwendet
munikation ist in diesem Sinne notwendig anonym23- was offen- worden sind (wie dies auch schon mit Schrift geschehen war). Dies
sichtlich nicht heißtdass sie an alle gerichtet ist (man denke nur an das werden wir irn Detail unter Abschnitt IV, 4 behandeln. Jedenfalls kann
spezialisiertePublikum wissenschaftlicher oder technischer Literatur), man festhalten, dass die Massenmedien, zuerst mit dem Buchdruck,
sondern nur, dass sie sich, selbst wenn der Leser sie nicht versteht, nicht dann aber mit allen anderen asymmetrischen Kommunikationsfor-
je nach Leser verändertAndererseits verlangt gerade diese Anonymitä men in einem gewissen Sinne die Angewöhnun der Beobachtung
von beiden Seiten der Kommunikation nach einer neuartigen Auf- zweiter Ordnung erzwungen haben, die, einmal vertraut geworden,
merksamkeit füden Adressaten von Kommunikation, die man davor auch auf andere kommunikative Bereiche übertragewerden sollte.27
nicht eigens beachten musste, weil sie sich sozusagen von selbst auf- Wir werden die Gelegenheit haben, auch hierauf noch ausführlic
erlegte. Die Kohären der Kommunikation, die davor durch den zurückzukommenAn dieser Stelle müssewir zuerst noch einen
Kontext unter Garantie gestellt war, muss sich nun in der Kommu- Aspekt von Asymmetrisierung behandeln. Der Leser kann nun, da
nikation selbst einstellen und erfordert so eine viel grögerAufmerk- er von dem sozialen und temporalen Druck der Interaktion befreit ist
samkeit zur Vermeidung von Widersprücheund füdie Erlangung und eine neuartige Distanz gegenübeKommunikation erlangt hat,
der Verständlichkeiund der Verkettung der Argumente.24Gerade in mit einer unerhörte Freiheit der Gestaltung von Kommunikation
Anbetracht eines unbekannten und unzugänglicheEmpfängermuss experimentieren. Nur die anonyme (unpersönlicheKommunikation
man sich fragen, mit wem man kommuniziert und wie dieser die kann vom Empfanger auf autonome Weise personalisiert werden und
Kommunikation verstehen könnt - genau dies wird nun zum Pro- wird in der Konsequenz füjeden Leser zu einer einzigartigen Kom-
blem. Es wird also erforderlich, den Beobachter zu beobachten, wobei munikation - auf eine unter der Bedingung von Oralitäundenkbare
Weise. Was vor einer Menschengruppe gesagt wird, verfüg übeeinen
21 Mit der interessanten Ausnahme des Telefons.
22 Vgl. supra Kap. 3.4. 25 Vgl. Luhmann 1993a, S. 340. Diese Bedingung wird, wenn auch in vereinfachter Form,
23 Briefe gehöre nicht eigentlich zu dieser Art von Kommunikation; dies bestätigtdass in den Theorien behandelt, die sich im Anschluss an Iser 1972 an die Vorstellung vom
es nicht um die Unterscheidung von Oralitäund Schrifrlichkeit, sondern um die 'impliziten Leser* halten.
Einführundes Buchdrucks geht. 26 Dieses Thema ist in Esposito 19966 und 19996 detaillierter behandelt worden.
24 Es sei daran erinnert, dass die Kohärenzpriifunfüuns ein Gedächtnisproble ist. 27 Vgl. Luhmann 1995a, S. 152 und S.201,
eigenen Rhythmus und eine eigene Sequenz, die von den Reaktionen z. Funktionale Differenzierung
des Publikums berührtaber nicht mehr modifiziert werden können.2
Dagegen kann der Leser langsam oder schnell lesen, das Tempo Aus einem gesellschaftstheoretischen Blickwinkel steht der Ãœbergan
beschleunigen oder verlangsamen, einige Passagen überspringeoder zur Moderne mit einer Umstellung der primäre Differenzierungs-
das Buch vom Ende her anfangen, einen eigenen Weg verfolgen und form der Gesellschaft in Zusammenhang: von der stratifikatorischen
auf schon Gelesenes wieder zurückkommenEr kann auch verschie- zu der so genannten funktionalen Differenzierung. Das Kennzeichen
denen Passagen vom gleichen Text oder verschiedene Texte mitein- dieser Struktur besteht darin, dass die Teilsysteme der Gesellschaft sich
ander vergleichen und dabei Hinweise erarbeiten oder Widersprüche von ihrer Umwelt durch die Ausrichtung an eine je spezifische Funk-
Inkongruenzen oder Redundanzen aufdecken.29Es resultiert unter tion unterscheiden (und so eine eigene Autonomie erlangen), die sie
anderem eine vollkommen unterschiedliche Art des Lesens, die die füdie Gesamtgesellschaft ausübenund nicht mehr durch räumlich
Grundlagen des traditionellen mnemonischen Verständnissesprengt. Aufteilung (wie im Fall der Differenzierung nach Zentrum und
Das intensive Lesen derselben Texte wird allmählicdurch eine ex- Peripherie) oder durch Rangunterschiede (wie im Fall von Stratifika-
tensive Form des Lesens ersetzt, bei der man auf der Suche nach t i ~ n )Und
. ~ ~da diese Funktionen nur im Inneren des in Frage ste-
unterschiedlichen und eben nicht nach wiederholten Informationen henden Systems ausgeübwerden und füjedes System verschieden
. ~ ~Verlauf des 16. Jahrhunderts geht
immer neue Texte u n t e r ~ u c h t Im sind (füdie Politik, die Wirtschaft, die Wissenschaft, das Recht, die
man von einem allegorischen Lesen, das weiterhin einen mimetischen Erziehung, die Familie, die Kunst, die Religion, die Massenmedien),
Akt vorstellt, dessen Zweck in der Reproduktion eines ursprüngliche und da es die Funktion ist, welche die Unterscheidungvon System und
Sinns lag, zu dem über was Cave31die ~Erfindungdes LesersÃnennt Umwelt begründethei§ dies, dass diese Differenz fŸ jedes System
und das zu einer neuartigen Zusammensetzung, Selektion und Inter- verschieden ist. Mit anderen Worten: Die ökonomischFunktion wird
pretation der Materialien führtDer Leser beginnt, eine immer akti- nur durch das Wirts~haftss~stem erfüllund alles ökonomischist Teil
vere Rolle zu übernehmen bei der das Lesen zu einer Art rewritingwird dieses Systems. Alles andere (Politik, Wissenschaft, Recht usw. einge-
und nicht weiter eine systematische Erläuterunoder eine mimetische schlossen) gehörzur Umwelt - zu einer Umwelt, die sich von der
Wiederholung vorstellt. Diese Änderun der Einstellung wird in den Umwelt des politischen Systems, des Wissenschaftssystems, des
Essais von Montaigne sehr deutlich dargestellt, der auf explizite Weise Rechtssystems usw. unterscheidet, und zu der aus dem Blickwinkel
die Autonomie des Lesers einfordert: eine Meynung ist so wenig der anderen Systeme, in die die Gesellschaft sich ausdifferenziert hat,
Platons, als meine Meynung: weil sie einer von uns beyden, so wohl als auch das Wirtschaftssystem gehörtJedes System beansprucht füsich
der andere versteht und e i n s i e h t . Von
~ ~ ~hier ist es nur noch ein Schritt, die alleinige Kompetenz in der Ausübunder eigenen Funktion und
um zu der vollendeten selbstreferentiellen Entkoppelung von Pascal zu findet die dafüerforderlichen Kriterien nur in sich selbst. Jedes
gelangen: nicht bei Montaigne, sondern in mir selbst finde ich alles, System operiert demnach unter der Bedingung der Geschlossenheit,
was ich dort in dem Sinne, dass füdas politische System nur die Politik, füdas
Kunstsystem nur die Kunst, fur das Wirtschaftssystem nur der Profit,
füdie Wissenschaft nur die Erlangung von Wissen usw. zählund die
anderen Funktionsbereiche lediglich als Umwelt gewertet werden -als
äuße Faktoren, die störe oder günstigGelegenheiten bieten kön
28 Dies ist Gegenstand in Esposito 1995b.
29 Vgl. Luhmann 199oa, S. 198ff.; Eisenstein 1979, S. 71 ff.
30 Vgl. Luhmann 1997a, S. 294.
31 vgl. cave 1984. 34 Genauer: funktionale Differenzierung besagt, dass der Gesichtspunkt der Einheit,
32 ))Cen'est plus selon Platon que sdon moy, puis que luy er moy l'entendons et voyons de unter dem eine Dtfferenzvon System und Umwelt ausdifferenziert ist, die Funktion ist,
mesme*: I, XXV (Michel de Montaigne, Essais 1996). die das ausdifferenzierte System (also nicht: dessen Umwelt) füdas Gesamtsystem
33 Pensees, Nr. 689 (Blaise Pascal, 1997). Luhmann 1997a, S. 745 f.
erfülltÃ
nen, aber nicht direkt in das Geschehen der Operationen eingreifen Jedenfalls kann vom Spätmittelaltean die Tendenz zur Ausrichtung
können.3 an das Funktionale unter Umgehung hierarchischer Kriterien beob-
Es handelt sich hierbei um eine höchsunwahrscheinlicheAnord- achtet werden. Es handelt sichim wesentlichen um Kornmunikatio-
nung, die einen sehr hohen gesellschaftlichen Komplexitätsgra- im nenrwelche die Differenz zwischen Adeligen und gemeinen Leuten
Sinne der Anzahl und Vielfältigkeider Kommunikationen - erfordert nicht mehr (oder jedenfalls nicht mehr primäreinhalten. Zum Bei-
(und ermöglicht)Auf welche Weise und aus welchen Gründesich spiel setzt sich eine Vorstellung von Staat (und Staatsraison) durch, die
diese Anordnung am Ende des Mittelalters in Europa durchgesetzthat, sich gegen eine dynastische Ausrichtung kehren kann und so den
kann man nicht aus einer oder aus wenigen Ursachen ableiten: wie Anfang einer Legitimationsproblematik markiert, die dann eigene
immer, wenn es um gesellschaftliche Strukturen geht, muss man eine Ge~etzrndi~keiten ausbildet, die eher in Richtung politischer Opposi-
Vielheit von größtentei voneinander unabhängige Faktoren be- tion gehen als in Richtung von Rivalitätezwischen Familien.37Selbst
rücksichtigen die an irgendeinem Punkt dazu kommen, sich gegen- die Familien (die neuen Kleinfamilien) gründe auf vollkommen
seitig zu stützenbis eine an sich kontingente Entwicklung sich zu einer anderen Kriterien als den traditionellen und kommen eher auf der
Art Notwendigkeit a posteriori verfestigt. Unter anderem spielen dabei Basis persönlicheZuneigung und einer neuen Vorstellung von Liebe
einige besondere Bedingungen von Stratifikation eine Rolle, die den als einer Passion zustande als auf der Basis von Bündnissezwischen
Überganzu anderen Strukturen sozusagen begünstigen wie etwa die F a ~ n i l i e nIn
. ~der
~ Wissenschaft setzt sich, wie wir weiter unten sehen
Konzentration von Ressourcen in der Oberschicht oder die geringe werden, ein neues Verständnivon Evidenz durch, die eher auf das
Neigung zur Clanbildung, die man an verwandtschaftlichen Bezie- Experiment als auf die fixen Strukturen der Rhetorik und auf die
hungen in Europa ausmachen kann. Mit all dem könne wir uns an ontologische Unbewegtheit einer gegebenen Welt verweisG9 (so wie
dieser Stelle nicht beschäftigenso dass wir uns darauf beschränken auch die hierarchische Organisation der Gesellschaft unveränderlic
auf die hierauf bezogenen Untersuchungen von Luhmann zu verwei- und gegeben war). In der Wirtschaft tritt immer mehr zutage, dass das
~ e n Zweifellos
. ~ ~ spielt auch die Verbreitung des Buchdrucks eine Geld eigenen, von Stratifikation unabhängigeGesetzen folgt. Auch
Rolle, in deren Verlauf eine Form von Kommunikation durchgesetzt der Adelige muss zahlen und er kann übeZahlungsmittel nur ver-
wird, die im Verhaltenskodex stratifizierter Gesellschaften nicht vor- fiigen, sofern es sich bei seiner Zahlung um eine lohnende Investition
gesehen war. Sie war, wie wir gesehen haben, um eine auf den Bezug zu handelt, und dies wiederum hängvon der Lage des Marktes und von
der Person, mit der man kommunizierte, basierende Reglementierung den Preisen ab und eben nicht von hierarchischen Kriterien (auch nicht
der Interaktion zentriert. Hier sprach man auf eine sich je nach Ge- von der den Produkten ~inhärenten Qualität)Hier muss man den
sprächspartneänderndWeise - es versteht sich von selbst, dass diese berühmteÜbergander Gütein Marktwaren verorten, der zudem
Bedingung, sobald der Empfanger anonym und unbekannt wird, nicht nur dazu führt dass die Gütealle in Bezup" auf ihren Marktwert
nicht mehr eingehalten werden kann. miteinander vergleichbar werden, sondern auch dazu, dass es nun viel
mehr Waren !gibt,die man kaufen kann.40Übermä§i Geld kann nun
3'; Die Bedingung dafüist offensichtlich, dass im Vorfeld eine Vorselektion durch das nicht mehr zu rein repräsentativeAusgaben, wie im Mittelalter etwa
Gesellschaftssystemstattgefundenhat, bei der alle Funktion~s~steme als Teilsysteme in zu der Erbauung von Türmeund Palästenverwendet werden - und
die Gesellschaft eingehen. Die restliche Gesellschaft wird so füjedes Teilsystem zu wenn man dies tut, kann man nicht umhin, sich zu vergegenwärtigen
einer #internenUmwelt*, die ebenfalls aus Kommunikationen besteht. Die Vorselek-
tion kann man daran ersehen, dass Wirtschaft, Politik, Wissenschaft usw. gleicher-
dass man auf die Art auf Gewinn und Erwerb verzichtet.
maßeauf der Basis einer Sprache, einer Semantik, eines Mediums und anderer
Strukturen (wie etwa die Formen von Interaktion und Organisation) operieren, die 37 Vgl. Luhmann 1989f.
nicht vom System selbst ausgebildet werden, sondern sozusagen vorausgesetzt sind. 38 Vgl. Luhmann 198za.
Das heißjedoch nicht, dass nur die Wissenschaft die Kompetenz besitzt, zu bestim- 39 Vgl. Luhmann 199oa.
men, was als wissenschaftliche Wahrheit zu gelten hat und in diesem Sinne als 40 Anfangs nimmt der Gebrauch des Geldes derart zu, dass man viel mehr Sachen damit
geschlossenes System operiert - dies gilt ebenso füdie anderen Funktionssysteme. erwirtschaften konnte, als dies heute der Fall ist: beispielsweise konnte man sich damit
36 Beispielsweise Luhmann 19971, S. 790K das Seelenheil erkaufen oder Staatsämteerwerben: vgl. Luhmann 1997a, S. 723.
Dies alles bezeichnet den zunehmenden Verlust der Zentralinstanz systems) zusammen. Die Differenzierungsform der Gesellschaft ist
von Stratifikation, der auch durch die gro§e reformatorischen Be- davon nicht weiter beeinfl~ssbar.~~
wegungen des 16.Jahrhunderts, die Reformation und den politischen Die Schwierigkeiten der Legitimation sozialer Ungleichheit lassen
Humanismus, bestätigwird, die von der Bourgeoisie und nicht von ein weiteres besonderes Merkmal funktionaler Differenzierung und
den Adeligen angeführworden sind.41Gegen Ende des 18. Jahrhun- deren Beziehung zu den vorangegangenen Differenzierungsformen
derts tritt die Umstellung von Stratifikation auf das funktionale Primat zutage treten. Währendie Semantik segmentäreGesellschaften, wie
in allen Bereichen offensichtlich zutage und drück sich im Bereich des wir weiter oben gesehen haben, mit den Formen räumlicheDifferen-
Rechts etwa in Form der Anerkennung der allgemeinen Rechtsfhig- zierung zu vereinbaren war und die entsprechenden Semantiken sich
keit aus, im Erziehungssystem etwa durch die Errichtung öffentliche die konkreteren Formen divinatorischer Gesellschaften einverleibt
Schulen füalle oder in der Durchsetzung des allgemeinen Bürger haben, zeichnet sich funktionale Differenzierung durch die Inkompa-
Status. Das alles bedeutet nicht, dass Stratifikation ausgelöschwäre tibilitämit einer ganzen Reihe Aspekte ältereGesellschaften aus.
Im Gegenteil kann in diesem, wie in allen anderen Fällenbeobachtet Segmentierung und Stratifikation könne in der internen Differenzie-
werden, dass eine neue Differenzierungsform die vorangegangene rung der Teilsysteme (wie etwa die segmentär Differenzierung der
Form verstärktanstatt sie außeKraft zu setzen. So werden in einer Wissenschaft in die einzelnen Disziplinen, der Wirtschaft in die ver-
funktional differenzierten Gesellschaft mehr und größe Differenzen schiedenen Märkt oder der Politik in die verschiedenen National-
zwischen Arm und Reich und zwischen Mächtige und Ohnmächti staaten) oder der Organisationen (die in ihrem Inneren hierarchisch
gen erzeugt, als dies in allen vorangegangenen Gesellschaften der Fall strukturiert sind und ihrerseits ihr Bezugssystem segmentädifferen-
war - nur, dass diese Differenzen füdie Kommunikation der Gesell- zieren) reproduziert werden. Auf der Ebene der Gesamtgesellschaft
schaft nicht mehr die primärStruktur d a r ~ t e l l e nDies
. ~ ~ kann man wird aber jeglicher Versuch, die Kommunikation ausgehend von ver-
daran ersehen, dass diese Ungleichheiten, die bislang derart alternativ- wandtschaftlichen Strukturen oder, allgemeiner, von persönliche
los waren, dass sie nicht einmal als Ungleichheiten wahrgenommen Beziehungen zu definieren, negativ als Vetternwirtschaft oder als Kor-
wurden, in der modernen Gesellschaft vor dem neuen Postulat der ruption abgestempelt (währenbeide Erscheinungen in vormodernen
Gleichheit aller Menschen legitimiert werden müssenBeispielsweise Gesellschaften, in denen es wesentlich darauf ankam, die richtigen
legitimiert der Sohn des Unternehmers seine Position an der Spitze des Menschen, deren Geschmack, deren Verwandte und gegenseitige Ver-
Unternehmens mittels seiner Befhigung und nicht durch den Verweis hältnisszu kennen, völli normal waren45). Die Strukturen vormo-
auf die verwandtschaftliche Beziehung. Analoge (mehr oder weniger derner Gesellschaften scheinen mit den funktionalen Orientierungen
plausible) Legitimationen gelten nun in allen anderen Bereichen. Es in Konkurrenzzu treten. Diese Inkompatibilitäkann man am Beispiel
handelt sich dabei immer um Argumente, die auf die Funktion der Semantik besonders einsichtig ersehen. Wie wir in Kap. IV, 4 sehen
bezogen sind, wobei die Einflüssvon Stratifikation als zu neutralisie- werden, entwickelt sich von der Renaissance an eine zunehmende
rende Reste behandelt werden.43 Dass die Karrieren der Individuen Abneigung gegen die an die Rhetorik und an die Divination gekop-
weiterhin vorwiegend durch ihre Herkunft vorbestimmt werden, pelten Formen, die aus den grundlegenden Richtlinien der Funktions-
bildet eine unleugbare Tatsache; dies hängaber mit Erfordernissen Systeme allmählic ausgegrenzt werden. Währen das rhetorische
einzelner Organisationen oder mit der Operationsweise einzelner Gedächtnials eine Ergänzunund Weiterentwicklung des divinato-
Systeme (in erster Linie des Erziehungssystems und des Wirtschafts- rischen Gedachtnisses angesehen werden konnte, wird durch Moder-
nitäeine Zäsumarkiert, die auch mit einem vollkommen anderen
Verhältnimit Vergangenheit und Tradition in Zusammenhang steht.
41 Vgl. Luhmann 1997a, S. 732.
42 Vg!. Luhmann 19973, S. 772 ff. Vgl. Luhmann 1997a, S. 774 ff.
43 Diese Problematik tritt im Bereich der Erziehung besonders offen zutage und drück 45 Die negativen Effekte eines Persistierens solcher Verhältnissin der modernen Gesell-
sich hier durch merkwürdigParadoxien aus, wie die von der Vorzüglichkei aller: vgl. schaft sind in Luhmann 1995f in Bezug auf die Verhältnissin Süditdieerlautert
Corsi 1992; 1997, Kap. 11. worden.
Einer der Gründfüdie Ablehnung besteht sicherlich im Streben muss die funktional differenzierte Gesellschaft darauf verzichten, den
der Funktionssysteme nach Autonomie, das sich dem Import über Beziehungen zwischen den Teilsystemen ein übergeordneteSchema
greifender, füalle Bereiche güitigeKriterien, widersetzt. Die hier- aufeuzwingen, die so ohne zentrale Regulierungsinstanz und ohne
archischen Asyrnmetrien stratifizierter Gesellschaften werden durch einheitliche Perspektive auskommen müssenDie Einheitlichkeit der
neue Rollenasymmetrien ersetzt, die in den jeweiligen Systemen hierarchischen Ordnung explodiert in die Pluralitäeiner ~heterarchi-
konstruiert werden und nur in ihrem Inneren Gültigkeibesitzen Ordnung: einer Ordnung, die eine Vielheit von gleichzeitig
wie etwa die Asymmetrien HerrschendeJBeherrschte, Produzenten1 bestehenden, gleichwertigen Hierarchien einschließt
Konsumenten, LehrerlSchülerSenderlPublikum. Diese Asymme- Das Interessante besteht darin, dass die Heterarchie nicht einfach
trien könne nicht exportiert werden (der Ministerpräsidenist selbst den Umstand von Unordnung anzeigt, zumal aus der Perspektive jedes
ein Konsument und in der Schule sind seine Kinder Schüler und statt Systems die Beziehungen mit den anderen Systemen einer Ordnung
eine gemeinsame Struktur zu konstituieren, stellen sie vielmehr ein folgen und dem Primat der eigenen Funktion unterliegen. In der
Faktor der Hebung gesamtgesellschaftlicher Komplexitädar. Statt Politik zählnur die Regierungsbildung, und Wirtschaft oder Recht
einer einzigen Differenz (wie im Fall der Unterscheidung Zentrum1 werden (mit ihren Kriterien) nur in Bezug auf diesen Zweck als
Peripherie) oder eines einzigen Schemas zur Regelung der Differenz Hürdeoder in ihrer Zweckmäßigke wahrgenommen - dasselbe
der Differenzen (wie bei Stratifikation) bildet die moderne Gesell- gilt auch füdie anderen Systeme. Das Problem besteht eher in einem
schaft eine Vielheit voneinander unterschiedener Differenzen aus, 'Überma an OrdnungçEs existiert nicht eine einzige Ordnung,
deren gegenseitige Beziehungen je nachdem, an welche Differenz sondern eine Vielheit unterschiedlicher Ordnungen, währen deren
appelliert wird, unter anderem Licht erscheinen. gegenseitige Beziehungen keiner Ordnung unterliegen (d.h. ohne
Dieselbe Komplexitäund Unbestimmbarkeit kennzeichnet auch Reg~lierun~sinstanz bleiben: Wer sollte füdie Regulierung auch
die Beziehungen zwischen den Funktionssystemen im Allgemeinen, zuständisein?).Die gegenseitige Unabhängigkeiin der Ausrichtung
die gleich und ungleich zugleich sind; ungleich, weil jedes Funktions- an eine Funktion bedeutet ja nicht, dass die Interdependenzen zwi-
System übeeine eigene Perspektive verfugt, die sich von der der schen den Systemen ausfallen. Wie schon P a r s ~ n sbemerkt
~~ hat,
anderen Funktionssysteme unterscheidet und nicht auf ein gemein- beinhaltet der Zuwachs an Autonomie immer gleichzeitig auch ein
sames Schema zurückgefüh werden kann (wie dies noch bei Strati- Zuwachs an Interdependenz zwischen den Variablen. Bezogen auf die
fikation der Fall war); gleich, weil kein Funktionssystem wichtiger als Funkti~nss~steme bedeutet dies, dass sich die Wissenschaft nur mit
ein anderes ist und seine Perspektive als konkurrenzlose Position W~ssenschafi,das Recht nur mit Recht, die Wirtschaft nur mit Wirt-
durchsetzen kann, mittels der die einzig gültigBeschreibung von schaft beschäfiige kann, weil die anderen Funktionen an anderer
Welt und Gesellschaft ausgebildet werden könnte.4Gerade das Feh- Stelle erfüll
werden. Ohne die vom Recht garantierte Schlichtung von
len einer solchen Position bildet den entscheidenden Unterschied Konflikten würdbeispielsweise die Aktivitäaller anderen Systeme
zwischen funktionaler Differenzierung und den vorangegangenen verunmöglich- gerade auch, weil es sich bei den Kriterien fŸ diese
Formen, die auf eine einheitliche Semantik zähle konnten, selbst Aktivitäum keine Rechtskriterien handelt. In einer sptemtheoreti-
wenn diese von Mal zu Mal von einer je unterschiedlichen Perspektive sehen Terminologie würdman in diesem Fall von Redundanzuer-
angegangen wurde. Die Welt war dem Adeligen eine andere als seinem zieh^ sprechen und damit den Sachverhalt anzeigen, dass kein Funk-
Bauern, in beiden Fäilehandelte es sich aber um die gleiche Welt tionssystem die Funktion eines anderen Systems übernehmekann.
(auch, weil sich dem Bauer wahrscheinlich nicht einmal das Problem Man verzichtet so auf die Mehrfachabsicherung, die in den vorange-
stellte) -es handelt sich hierbei um die ~unsaubereà Lage, bei der eine gangenen Gesellschaften durch Einrichtungen wie der Familie sicher-
Beobachtung erster Ordnung auf Beobachter als Gegenständege-
richtet wird, die wir in Kap. 111 bereits angesprochen haben. Dagegen 47 Ein Begriff, der ursprünglicvon Warren McCulloch verwendet worden ist, um die
innere Organisation des Gehirns zu beschreiben: vgl. McCulloch 1945.
48 Parsons 1937.
46 Vgl. Luhmann 1997a, S. 613 und S. 746. 49 Vgl. beispielsweise Luhmann 1997a, S. 753 und S. 761.
gestellt war, die gleichzeitig von ökonomischerpolitischer und er- Dieser unterschiedliche Umgang mit Redundanz wird offensicht-
zieherischer Wichtigkeit war, oder wie der Überlagerunpolitischer, lich Konsequenzen auch auf die Organisation des Gedächtnisse
religiöseund ökonomischeMacht in der Figur des FürstenKeine haben, das in unserem Verständnigenau mit dem Verhältnivon
gesellschaftlicheInstanz kann nunmehr die Bürdder Schwierigkeiten Redundanz und Varietäbehaftet ist. Hierauf kommen wir unter
eines aufler sich befindlichen Funktionssystems auf sich nehmen. Abschnitt IV 6 zurück An dieser Stelle müssewir noch bei einem
Zwar kann die Wirtschaft die wissenschaftliche Forschung übeein 0
anderen Aspekt des Fehlens einer einheitlichen Ordnung in der funk-
bestimmtes Thema finanzieren,aber riesige Finanzierungen (wie etwa tional differenzierten Gesellschaft verweilen: bei dem riesigen Kon-
die Finanzierung der Krebsforschung) könne weder unmittelbar tingenzzuwachs, der sich daraus ergibt. Die Unterbrechung der Inter-
noch direkt in wissenschaftliche Entdeckungen (etwa in eine thera- dependenz der Systeme ermöglichjedem von ihnen die Ausbildung
peutische Behandlung) überfüh werden. Die Politik kann den Ver- einer eigenen Dynamik und eigener Formen, ohne die Bindungen
such unternehmen, die Wirtschaft zu unterstützen aber keine Regle- einzuhalten, die sich aus einer gesamtgesellschaftlichen Koordination
mentierung kann sich der autonomen Logik des Marktes aufdrücken ergeben würden. Man kann auf die Art beispielsweise ausgeprägt
Wenn man mehr Geld druckt, erzeugt man nicht mehr Reichtum, Asymmetrien (des Reichtums, der Macht oder der Autoritätprodu-
sondern lediglich Inflation. Das Er~iehun~ssystem kann versuchen, zieren, im Wissen, dass damit nicht automatisch entsprechende Asyrn-
auf die Professionen hin auszubilden, die von den Unternehmen metrien in den anderen Bereichen erzeugt würden Der Direktor eines
... werden, nur der Arbeitsmarkt kann aber nach und nach
benotigt Unternehmens verfugt nicht deshalb schon übebessere Möglichkei
entscheiden, welche Kompetenzen jeweils erforderlich sind. Die In- ten, geliebt zu werden, oder übe mehr Kompetenzen in den Bereichen
terdependenz drück sich eher auf negative Weise aus. Ein System kann Kunst oder Wissenschaft. Besonders aber die Auflösun der (not-
die Aktivitäeines anderen Systems behindern (ohne Finanzierung wendigen) ontologischen Anlage, die die hierarchische Ordnung
kann die Forschung im Bereich der ökologischeLandwirtschaft nicht stützte ermögliches jedem einzelnen Funktionssystem, eigene, kon-
fortgesetzt werden), ohne allerdings direkt in dessen Funktionsweise tingente (nicht notwendige) Formen auszubilden, die sich auch so
durch die Erzeugung interner Operationen eingreifen zu könne - präsentiereund also nur füeine bestimmte Zeit und kraft einer
auch hierbei handelt es sich um eine Konsequenz der Autopoiesisan- Entscheidung Geltung haben und dennoch solange gültisind, bis sie
nahme, die sich an der Basis der Theoriekonstruktion befindet.50 geänderwerden. Das offensichtlichste Beispiel bildet in diesem Zu-
sammenhang das positive Recht, das seine Gültigkei gerade auf seine
50 Wie aber kann unter solchen Umständenbei denen die Kompatibilitäder Systeme
nicht durch Einheit, sondern durch Differenz garantiert wird, ein ausreichender
Variabilitägründet.5 Analoge Konstrukte setzen sich in allen Berei-
Koordinationsgrad zur Aufrechterhaltung des Funktionierens der Gesamtgesellschaft chen durch; man denke nur an den hypothetischen Charakter aller
erreicht werden? Wie kann das Wirtschaftssystem ein politisches System, ein Rechts- wissenschaftlichen Entdeckungen (die unter dem stillen Vorbehalt
System oder ein Wissenschaftssystemin Rechnung setzen, von denen sie weißdass sie vorgestellt werden, dass sie durch das Fortschreiten der Forschung
mit anderen Kriterien als den eigenen operieren (und dasselbe gilt füalle anderen
Systeme)?Wie kann das, was in soziologischer Terminologie gesellschaftlicheIntegra-
überwundewerden und gerade dies ihren Wert und die Möglichkei
tion genannt wird, hergestellt werden? Luhmann führdie Integration einfach auf die begründet dass sie angenommen werden) oder an die Vertragsfreiheit
gegenseitige Begrenzung der Systeme zurückwobei dem am schlechtesten funktio- (die es jedem gestattet, eigene Verträgabzuschlieflen, wobei aber der
nierenden System der Vorzug gewährwird, weil die fehlende ErfŸllun einer be- Staat als der Garant fur deren Einhaltung fŸngiert oder an die
stimmten Funktion von keiner anderen Seite aufgewogen werden kann und die
Funktionsweise aller anderen Systeme beeinträchtig (Luhmann i997a, S.759,
Möglichkeiteine Familie auf der unbestimmbaren und idiosykrati-
S. 769). Es handelt sich hierbei also um ein funktionales Primat im Negativen, der sehen Basis der Liebe zu gründe(die nur glaubwürdiist, sofern sie
den Sachverhalt voraussetzt, dass jedes System alle anderen Systeme hinsichtlich ihrer nicht aus einem Zwang resultiert und von äußer Erwägungenwie
Leistungen füdie eigenen Operationen beobachtet: so beobachtet das Wirtschafts- etwa Reichtum oder Macht des Geliebten, absieht). In all diesen Fälle
System beispielsweise das Erzieh~n~ssystem hinsichtlich der Ausbildung der neuen
Generationen, das Wissenschaftssystem in Hinblick auf den mögliche profitbrin-
genden Gebrauch der erzielten Forschungsergebnisse, das Recht aus dem Blickwinkel 51 vgl. Luhmann 1997a, S. 768, S. 740.
der Reglementierungen der eigenen Aktivitäusw. 52 Vgl. Luhmann 19932, S. 38 ff.
stellt die Kontingenz (die Möglichkeitanders zu sein) keine HürdfŸ tische Entscheidungen andere juristischen Entscheidungen, die ihrer-
die Gültigkeider Form dar, sondern vielmehr die Bedingung füdie seits das Recht beobachtet haben. Die ganze Anlage der Kunstkom-
Annahme der Form - in einem begrenzten Bereich und im Wissen, munikation verändersich in dem Moment, in dem man sich klar
dass in anderen Bereichen alles anders bestellt ist und andere, ebenso macht, dass das Werk nicht einfach als Gegenstand beobachtet wird,
kontingente Kriterien herrschen. Die Kontingenz legt sich selbst durch sondern als Konvergenzstelle einer Vielheit von Beobachterperspek-
die Vermehrung der Kontingenz fest: Die nunmehr unmöglic zu tiven, einschließlicdie der Kritiker und die des Künstlersder es
erreichende materiale Kohären(als Abwesenheit von Widersprüchen erzeugt. In einer Gesellschaft ohne Autoritäund ohne Hierarchie setzt
wird mit temporalen Inkohärenzeaufgewogen, d. h. mit der Mög sich die Beobachtung zweiter Ordnung als ngenereller Modus an-
lichkeit der Änderung Das Positive besteht bei allen diesen Formen in spruchsvoller gesellschaftlicher Realität~ver~ewisserun~ç durch -
erster Linie in einer Form des Vergessens, die mit einer anderen, viel mit tief greifenden Konsequenzen füdie gesamte Semantik.
komplexeren Erinnerungsfähigkeiverbunden ist.53 All diesen Formen der Beobachtung zweiter Ordnung (des Marktes,
Worauf gründeaber die Gültigkeidieser Formen,-wenn nicht auf der öffentliche Meinung, der Veröffentlichungenist ein interessan-
den Verweis auf eine vermeintlich letzte Ordnung der Dinge? Unter tes Merkmal gemeinsam.~s handelt sich dabei immer u m Kommu-
welchen Bedingungen kann etwas, das auch anders sein könntund in nikationen, die von Interaktion absehen.56 Sobald der Markt zum
der Zukunft umgeänderwerden kann, als Bezugspunkt fingieren? An entscheidenden Bezugspunkt wird, zähle in den wirtschaftlichen
dieser Stelle kommt der Übergan zur Beobachtung zweiter Ordnung, Kommunikationen nicht mehr so sehr die Ehrlichkeit des Händlers
d. h. zu der Beobachtung der Beobachter und ihrer Beobachtungen ins der den richtigen Preis festlegt, und auch nicht die Qualitäder Ware,
Soiel. Die Garantie füdie Gültigkei
" der Bezüg
" wird nicht weiter in sondern vielmehr die allgemeineren Kriterien der Konkurrenz, die
einer von den Beobachtungen unabhangigen Ordnung gesucht (die in nicht mehr von der Begegnung zwischen Kaufer und Verkäufeund
der Bruchstückhaftiekei
" einer heterarchischen Gesellschaft ohnehin auch nicht (zumindest nicht primärvon den Personen des Kaufers
nicht mehr aufgefunden werden kann), sondern vielmehr in der und Verkäufer abhängenDas Recht überwindead hoc und ad
Beobachtung der Beobachtung der anderen: in einer realen Gegeben- hominem Argumentationen in Richtung eines Verständnisse von
heit, die, trotz ihrer ontologischen Unbestimmtheit, den Realitätsbe Rechtsprechung, das die gleiche Entscheidung gleicher Fäll und
zug fŸ die Beobachtungen liefert. Demnach besteht die Realitäder die unterschiedliche Entscheidung unterschiedlicher Fäll gebie-
funktional differenzierten Gesellschaft in Beobachtung und die Welt t e Gleichermaße
~ ~ ~ verhäles sich auch in der Politik. D i e Regeln,
ist davon die Konsequenz. Dies gilt fŸ alle T e i l ~ ~ s t e mDer
e . ~ Reali-
~ welche die Interaktion zwischen Fürsund Ministern oder der Fürste
tätsbezu des Wirtschaftssystems ist der Markt, auf dem sich die untereinander regulieren, reichen füdie Entscheidungsfindung nicht
Beobachter gegenseitig auf der Basis der Preise (und nicht auf der mehr aus, sobald man angehalten ist, auch die Interessenvertretung
Basis des intrinsischen Wertes der Güterbeobachten. Die wissen- und die Vertretung der politischen Opposition zu berücksichtigen
schaftliche Forschung beobachtet sich auf der Basis der Veröffentli Oder auch in der Wissenschaft. Hier geht es nun um die Erweiterung
chungen und der Art, in der diese rezensiert und besprochen (d. h. des Wissens und nicht mehr um die Verehrung des Wissenschaftlers
beobachtet) werden. Der merkwürdigBegriff der öffentliche Mei- oder um die Fähigkeider Überredunder ZuhörerDer Überganzur
nung gewinnt an Plausibilitätwenn man ihn als eine gemeinsame funktionalen Differenzierung zieht eine Veränderun nach sich, die
Ebene betrachtet, auf der es möglic wird, die Beobachtungen des zahlreiche Konsequenzen in Bezug auf das Verhältnivon Interaktion
Publikums (abgesehen von den effektiven Meinungen der einzelnen und Gesamtgesellschaf? zeitigt, die sich auch mit den Effekten des
Individuen) zubeobachten. In dieser ~nter~retationbeobachten juris- Buchdrucks verflechtet. Es wird zunehmend deutlicher, dass die Inter-
aktion und die damit verknüpfteRituale der Komplexitäder Kom-
53 Vgl. Luhmann 19933, S. 279 und S. 47. Diese größe Fähigkeizu vergessen, reagiert
gerade auf die Verbreitung der Schrift, die die strukturelle Amnesie* (GoodyIWatt 55 Luhmann 1997a, S. 768.
1972) oraler Kulturen erschwert. 56 Vgl. Luhmann 19872.
54 Vgl. beispielsweise Luhrnann 19972, S. 766ff. 57 Vgl. Luhmann 1993a, S. 262 ff.
I

munikation nicht mehr gewachsen ist und dass die Gesellschaft nicht der Gesellschaft lenkten und Konsequenzen hinsichtlich ihres Fort-

I
I
I
als Gesamtheit der Interaktionen gedacht werden kann, noch auf
Formen reduzierbar ist, die auf Interaktion zurückgefüh
können
werden
gangs zeitigten - notwendig unter den Bedingungen von Interaktion -
oder noch besser: in der Interaktion der Oberschichten, denen die
Vertretung der Gesamtgesellschaft oblag6' Gerade deshalb war eine
Als Ergebnis setzt sich die Differenz zwischen Interaktion und einer solche Interaktion formell mittels strenger Regeln der Etikette und
nicht auf Interaktion basierenden Kommunikation durch, die nun als mittels Prozeduren der Markierung von Rangunterschieden geregelt,
zwei mit verschiedenen Merkmalen und Möglichkeite ausgestattete die von einer Berücksichtigun der individuellen Perspektive der
Alternativen zur Verfiigung stehen.58Auf diese Weise vertieft sich die beteiligten Personen vollkommen absahen. Wie wir gesehen haben,
Differenz zwischen Gesellschaft und Interaktion - aber nicht im Sinne passt auch die Rhetorik noch in dieses Bild. In der vormodernen
einer Opposition (entweder Interaktion oder Gesellschaft), sondern Interaktion wurde übedie Ausrichtung von Politik, Recht, Religion
im Sinne einer sich fübeide ergebenden größerMoglichkeit, auf und Familie entschieden und es gab weder Raum noch MöglichkeifŸ
eigene Art eine eigene Komplexitäauszubilden. DieInteraktionen die Förderun der Selbstverwirklichung der Beteiligten. Was z&lt,
gehöre selbstverständlic weiterhin der Gesellschaft an, aber die waren einzig die Wirksamkeit und die Fähigkeit folgenreich zu
Gesellschaft kann nun abstrakte Formen ausbilden, die unter den handeln. Dieser Umstand ändersich im Verlauf des 17. u n d 18.Jahr-
begrenzten Bedingungen einer Face-to-face-Kommunikation nicht hunderts, bis man zu unseren heutigen Verhältnissegelangt, in denen
möglic gewesen wäre und vollzieht so den Übergan zu einer all- die Kommunikationen unter anwesenden Personen im Vergleich zu
gemeinen Ausrichtung an die Beobachtung zweiter Ordnung. Ihrer- der Menge " an nicht auf Interaktion basierenden Kommunikationen
seits kann die Interaktion, die nun von dem Druck befreit ist, die (quantitativ und qualitativ) zu einer Minderheit schrumpfen. Man
i Gesarntgesellschaft reproduzieren zu müssenspezifische Formen der liest, man schreibt, man sieht fern oder hörRadio und diese wesent-
i: gesellschaftlichen Reflexivitäund der Intimitäverwirklichen, die nur
fur den Bereich gelten, in dem sie ausgebildet werden. Natürlicsetzt
lich anonymen Tatigkeiten nehmen den Großteiunserer Zeit und
unserer Aufmerksamkeit in Anspruch. In der Moderne verliert die
sie weiterhin die Gesellschaft voraus und der Abstraktionsgrad der Interaktion der Oberschichten, wie wir gesehen haben, ihre Kontroll-
Semantik schlägsich auch auf die Interaktion nieder, die nun auch Funktion zugunsten verschiedener Ausrichtungen (in Wirtschaft, Po-
dazu übergehtin dem besonderen Kontext der Beziehungen zwischen litik, Wissenschaft), die gegenübeden Kommunikationsteilnehmern
anwesenden Personen mit der Beobachtung zweiter Ordnung zu immer unabhangiger werden. Die Interaktion ist nun von den Funk-
experimentieren: in Form einer reflexiven Gegenüberstellunidiosyn- tionen füdie Gesamtgesellschaft befreit und entwickelt sich zu der
kratischer Perspektiven - eine Art der Beobachtung, die nicht verwirk- neuen Form der Konversation, die als reine Geselligkeit kultiviert
l wird. Die Konversation bezieht sich auf ihre Umwelt durch die Aus-
f licht werden konnte, solange Interaktion der einzige Ort war, an dem
! Kommunikation zustande kommen konnte. wahl der Themen und nicht mehr durch eventuell erzielte wirkungen,
l So verstanden, erscheint die Differenz von Interaktion und Gesell- die zu kontrollieren sie nun aufgegeben hat. Die Verfolgung von

1
l
schaft, die sich zuerst auf eine rudimentare Form selbst voraussetzt, um
sich dann zunehmend zu steigern und zu festigen, als ein evolutionäre
E r z e ~ g n i s .Wir
~ ~ haben dies an den ersten Gebrauchsweisen von
Schrift gesehen, die einer vorwiegend mündlicheForm von Kom-
Zwecken steht sogar in ausgesprochenem Widerspruch zu den neuen
Regeln der Geselligkeit, die nur sich selbst genügemuss. Die rang-
abhangigen Asymmetrien (die füdie Ge~amt~esellschaft Gültigkei
besitzen) werden durch eine neue Konstellation von Symmetrien und
munikation untergeordnet waren. In allen Gesellschaften ohne Mas- Asymmetrien ersetzt. Da gibt es auf der einen Seite die funktions-
senmedien ereigneten sich die füdie Gesellschaft grundlegenden systemspezifischen Asymmetrien (zwischen Konsumenten und Pro-
Kommunikationen - die Kommunikationen, welche die Entwicklung duzenten, Lehrern und SchülernHerrschenden und Beherrschten,
1 Eltern und Kindern), die nur fübegrenzte, von den Funktionssystc-
58 Vgl. Luhmann 1997a, S 288; 1987.
59 Vg!. Luhmann 19973, S. 819, 1984, S. 576 60 Vgl. Luhmann 1 9 8 0 S.
~ 76.

206
men selbst bestimmte Bereiche gelten. Sie werden, statt die Face-to- Umstand, dass man nicht nicht-kommunizieren kann, weil die feh-
face-Begegnungen zwischen Menschen zu regulieren, aus den neuen lende Kommunikation (kommunikativ) als Kommunikationsweige-
Regeln der Interaktion ausgegrenzt. Bei einem Abendessen unter rung interpretiert werden wi.irde,(j4 oder das Phanomen der ~self-
Freunden spielt es keine Rolle, aufwelcher Seite solcher Asymmetrien defeating~<-Kommunikation,65 bei der die Leugnung einer bestimm-
man sich befindet. In der Konversation gilt nun ein strenges Sym- ten Absicht das Vorhandensein eben der Absicht bestätigoder zu-
metriegebot. Die Formen der Höflichkeiund des Taktgefühlsehen mindest einen Verdacht bezüglicder Motivationen desjenigen erregt,
ausdrücklicvon der hierarchischen Stellung der Interaktionspartner der die Erklärunabgibt (die Schwierigkeit, die eigene Ehrlichkeit zu
und von deren verschiedenen Rollen in anderen gesellschaftlichen kommunizieren). Die Metaregeln des interaktiven Verhaltens, welche
Bereichen ab. Die Rolle des Angestellten und die Rolle eines Vaters die Vorgaben der Etikette ersetzen, weisen allesamt auf die Symmetrie
sind deutlich voneinander geschieden. Wenn aber ein Mann wahrend der Kommunikation und auf die Probleme der sozialen Reflexivitä
eines Spaziergangsmit seinem Sohn seinen Vorgesetzten trifft, geht die hin. Man darf die Kontingenz der Gesprächspartnenicht allzu sehr
BegrÜGunund die gegenseitige Vorstellung auf eine Weise vor sich, einschränkenMan darf also nicht zu viel reden und die Konversation
die weder dem Sohn noch dem Vorgesetzten merkwŸrdi vorkom- monopolisieren (weil man damit auf unrechtmäßi Art übedie Zeit
men.(jl der anderen verfügtedie auch reden wollen könnten)man muss es
Eingefügin einer nun auf der Beobachtung zweiter Ordnung vermeiden, sich der Ansicht der anderen allzu deutlich zu widersetzen
basierenden Gesellschaft, experimentiert die Interaktion mit dieser oder Ansichten zu vertreten, die die anderen störekönnte (deshalb
Beobachtungsform auf eine eigene Weise, auf einer bis dahin unge- vermeidet man lieber politische, religiösoder moralische Themen,
kannten Ebene von Reflexivitäund sozialer Zirkularitäund zunächs die keine Toleranz füunterschiedliche Positionen zulassen). Wenn
mit allen Bürdedes Informellen behaftet, das übekeine festgelegten man Komplimente macht, darf man dabei keine Schmeichelabsicht
Regeln verfugt, und muss so die eigenen Ausrichtungen jedes Mal neu durchscheinen lassen (weil man damit eine der beabsichtigten gegen-
verhandeln. Das grundlegende Prinzip der Interaktion kann unter die teilige Wirkung erzielte). Im Allgemeinen muss man sein Verhalten
Regel ~takingthe role of the other~von Mead subsumiert werden. Man zur (offenkundig) paradoxen Form einer ~carefull~ carelessÃstilisieren
muss das eigene Verhalten von dem Blickwinkel der Beobachtung des unter der Vorgabe, dabei natürliczu wirken - sich in der Interaktion
anderen aus unter der schwierigen Bedingung berechnen, dass der (in der man nicht nicht-kommunizieren kann) also so zu verhalten, als
andere unzugänglic und undurchsichtig bleibt. Man muss mit an- wär man allein (und kommunizierte nicht). Die Formalitäwird
dem Worten die Beobachtung des Partners im Wissen beobachten, durch die hohe Reflexivitädes Taktgefühlersetzt, das ontologisch
dass dieser in erster Linie die Art und Weise beobachtet, in der er begründetMysterium durch die reflexive Inkommunikabilitäder
beobachtet wird.'j2Alle (äußer relevanten) Schwierigkeiten im Um- Grundlagen der Kommunikation (in erster Linie der Motive),(j6die
gang mit Interaktion, auf die sich Goffman insbesondere konzentriert Verfolgung von Zielen durch die zur Schau gestellte Zwecklosigkeit
könne als eine der Folgen der neuen Bedingungen von Sym- der sich selbst genügsameSozialitätdie in der Folge zum Bezugs-
metrie zwischen den Beteiligten angesehen werden, die eine ganze punkt der Ansprüchauf individuelles Glücwird (das man nicht in
Reihe paradoxaler Aspekte aufweisen - beispielsweise den bekannten Büchern sondern in der gegenseitigen Undurchdringlichkeit in der
'Begegnung mit den anderenÃsucht).
61 Das Beispiel stammt aus Goffman 1963.
62 In der Luhmann'schen Terminologie stellt die Interaktion die Form dar, die der
Gegen jede historische wie theoretische Plausibilitäist diese sich
Bedingungder doppelten Kontingenz am nächstekommt und als das Grundproblem selbst genügsamSozialitätdie die strenge Strukturierung einer aus
des Sozialen zu werten ist: die gegenseitigeAusrichtung zweier Interaktionspartner auf größtentei nicht auf Interaktion basierenden Kommunikationen
das Verhalten des anderen, wobei das Verhalten beider kontingent ist und beide Partner
wissen, dass sie vom anderen beobachtet werden - der tote Punkt des #ich tue, was du 64 Dies ist der Ausgangspunktder Reflexionen der Schulevon Paio Alto: vgl. Watzlawick/
willst, wenn du tust, was ich willçvgl. Luhmann 1984, S. 1846 BeavinIJackson 1967.
63 Vgl. beispielsweise Goffman 1969 und 1988. Zur Soziologie der Interaktion siehe auch 65 Vgl. Luhmann 1987.
Kieserling 1999. 66 Vgl. beispielsweise Luhmann 1984, S. 578 U.S. 825.
bestehenden Gesellschaft voraussetzt, in der Folge zum Modell der Interaktionen werden fübestimmte Funktionen in bestimmten Si-
Kommunikation toutcourt und seiner ursprünglicheForm, die Face- tuationen, etwa bei Anhörunge vor Gericht, in Unternehmen, bei
to-face-Kommunikation, stilisiert worden, währensie erst existiert, wissenschaftlichen Auseinandersetzungen, im Schulunterricht, bei
seitdem die wichtigsten Kommunikationen auf andere Weise zustande Parlamentsdebatten usw., erneut reguliert.69In diesen Fäile taucht
kommen. Auch heute noch fälles schwer, Lesen, Fernsehen und alle nicht nur eine asymmetrischeStruktur wieder auf (es sind der Lehrer,
anderen Formen in absentiu als Kommunikation anzusehen. Derselbe der Richter, der Vorsitzende der Abgeordnetenkammer, die darübe
Fehler in der Perspektive, der zu der Hypostasierung der Öffentlichkei entscheiden, wer und zu welcher Zeit er sprechen darf und oft sogar
als Bezug füRationalitägeführhat, fiihrt auch dazu, die Kommu- darüber worübe rgesprochen werden darf und was zu tun ist), sondern
nikation in pruesentia als einzig wirkliche Kommunikation, als ur- das Verhalten der Beteiligten untersteht auch einer ganzen Reihe von
sprünglicheModell, auf das die Gesamtgesellschafi zurückgefüh Geboten: Der Angestellte oder der Student könne es sich nicht
wird, zu mythisieren und sie dahingehend zu interpretieren, als wär erlauben, aus Unlust eine Antwort zu verweigern oder zu späzu
sie auf Konsens und auf das Verständnides anderen ausgerichtet- dies kommen oder nach Bedarf zu sprechen oder gar zu erklärenübeein
im Rahmen einer Herangehensweise, die damit fortfthrt, die Merk- anderes Thema sprechen zu wollen. Alle diese vorausgesetzten und
male der Beobachtung zweiter Ordnung zu ignorieren. Vor diesem unvermeidbaren Neigungen sind das Vorrecht von Personen, währen
Hintergrund verwundert es nicht, dass in Bezug auf Kommunikation, man an Organisationen als Rolle teilnimmt, fiir die die meisten
die immer weniger verständlicscheint, Ratlosigkeit und Desorien- individuellen Charakterzügirrelevant sind.
tierung weit verbreitet sind. Die traditionellen Techniken (in erster Die Organisationen sind deshalb in der Lage, das Verhalten von
Linie die Rhetorik) reichen dafünicht aus, eine Kommunikation zu Personen auf eine derart strikte Weise zu reglementieren, weil sie auf
beschreiben, die nunmehr eine Prioritänicht-interaktiver Formen der Basis einer unterschiedlichen Struktur operieren, die augerhalb
und die Beobachtung von Beobachtern (auch und gerade bei den erzeugte Gebote durch selbst hergestellte ersetzt. Die externe Bedin-
neuen Modalitätesymmetrischer Interaktion) voraussetzt - die des- gung der Anwesenheit ersetzen sie nämlicdurch die Z ~ ~ e h o r i ~ k e i t , ' ~
halb ja auch abgelehnt werden. Indem man aber diese Prioritänicht übedie nach internen Regeln bestimmt wird. Es ist die Organisation,
anerkennt, büÂman auch die Fähigkeiein, das zu erkennen, was zur die auf der Basis einer Selbstselektion (man fragt bei der Organisation
Form der Selbstbeschreibung der modernen Gesellschaft schlechthin an) und Fremdselektion (man wird genommen) von Personen darübe
geworden ist (die wir in den folgenden Abschnitten behandeln wer- entscheidet, wer dazugehörund wer nicht: nicht alle sind fŸ immer
den): was wir übeunsere Gesellschaft, ja übedie Welt, in der wir Angestellte eines Unternehmens oder Mitglieder einer Partei oder an
leben, wissen, wissen wir durch die Massenrnedien.dj7 einer Universitäeingeschrieben. Wer aber Mitglied ist und dies auch
Nicht alle Interaktionen sind bar jeder Regulierung. Auch in der bleiben will, muss sich den Erwartungen entsprechend verhalten. Dies
modernen Gesellschaft gibt es Bereiche, in denen das Verhalten der funktioniert gerade deshalb, weil die Zugehörigkeikontingent ist und
Individuen halbwegs vorhersehbar und die Idiosynkrasie neutralisiert kontingent bleibt. Man kann immer gekündigoder ausgeschlossen
ist. Es handelt sich dabei, was kaum verwunderlich ist, um dieselben werden und man kann selbst kündigenEs handelt sich dabei um eine
Bereiche, in denen Kommunikation eine asymmetrische Form zu- Kontingenz, die das Band erträglicmacht, zumal es in der Regel auch
rückerobertJeder kann sich verhalten, wie er will, und dabei die Anreize gibt, welche die Zugehörigkeizur Organisation attraktiv
Erwartungen anderer erfülleoder enttäuschener kann dies aber machen (das Gehalt, das Diplom und andere Vorteile). Es ist also
nicht als Mitglied einer Organisation (eines Unternehmens, einer Sache der Organisationen, Anreize h r das unwahrscheinliche Verhal-
Schule, einer politischen Partei, einer Kirche usw.) tun. Hier muss ten zu schaffen, das sie von ihren Mitgliedern erfordern. Diese ihrer-
das Verhalten der Individuen erwartbar sein.68 Die entregulierten seits ertragen auch deshalb die Begrenzung ihrer Freiheit, weil dies

67 Vgl. Luhmann q y a , S. 9; 19973, S. 286. 69 Vgl. beispielsweise Luhrnann 1987a.


68 VgL Luhmann iggya, S. 829. 70 Vd. Luhmann 19756; 2000, Kap. 3.
nicht die Integritäder Person, sondern nur den Anteil des Verhaltens 3. Die Unterscheidung SubjektIObjekt
einbezieht, der die Ausübunder Rolle betrifft -jeder übauch eine
Vielfalt anderer Rollen aus, die untereinander nicht koordiniert sind Die strukturellen Veränderungendie mit der Umstellung auf Kom-
und um die sich die in Frage stehende Organisation nicht zu kümmer munikation unter Abwesenden und mit funktionaler Differenzierung
hat (falls dies doch geschieht, wird dies als Korruption angesehen). Die in Zusammenhang stehen, zeitigen auch Konsequenzen in Hinsicht
viel beklagten Rollenkonflikte und die daher bedingte Spaltung des auf die Semantik und folglich auf die be~bachtun~sleitenden Unter-
modernen Menschen sind unter diesem Blickwinkel ebenfalls die scheidungen. Diese Konsequenzen betreffen zunächsdie ontologi-
Bedingung füseine Befreiung aus der unerträglichevöllige Inklu- sche Anlage, wie wir sie in Kap. I I i , 3 beschrieben haben: die Über
sion in eine einzige Organisation. Das Modell totaler Institutionen lagerung der Fragen nach der Wahrheit und nach dem Sein, die den
zeigt, wie wenig dieser Umstand mit den Annahmen der modernen Beobachtungsmodus des vormodernen Abendlandes bestimmt haben
Semantik zu vereinbaren ist.71Die Konversation wird als symmetri- und mit den neuen Kommunikationsbedingungen - . zusehends unver-
sche Interaktion, die deshalb frei von Geboten ist. weil sie außerhal einbarer wird. Die Vorstellung einer einzigen angemessenen Beschrei-
jeder Organisation steht, zu dem einzigen Ort, an dem der Einzelne bung der Welt, die Autoritäbegründeund hierarchische Strukturen
mit der Integritäder eigenen Person zu experimentieren verlangt. stützt ist mit der ~ r a ~ m e n t i e r ufunktionaler
n~ Differenzierung nicht
Tatsächlicschliegt die moderne Konversation die Einbeziehung der kompatibel, bei der, wie wir gesehen habe, eine Pluralitäunterschied-
Rollen der Beteiligten aus. licher, gleichwertiger und gleichermden relativer Beschreibungen
Die völligInklusion war im übrigedie normale und unproble- vorgesehen sind. Aber nicht nur dies: Auch die alte Verbindung von
matische Bedingung von Gefugen wie KlösternUniversitäte und ~ a h r h e i t ,Sein und Fremdreferenz erscheint nunmehr inadiquat.
Korporationen vormoderner Gesellschaften, die nicht mit einer in- Man kann sowohl in Bezug auf Fremdreferenz als auch auf Selbst-
dividuellen, selbstreflexiv hergestellten Identitäzu rechnen hatten. referenz, sowohl in bezug auf Dinge als auch auf Diskurse Wahres oder
Vielmehr wurde die Identitädurch die Zugehörigkeizur Institution Unwahres sagen, wobei dies nicht heigt, dass es sich bei Diskursen um
hergestellt und war somit weder kontingent noch bezog sie nur einen Dinge handelt.73Die Zurechnung von Wahrheit genügnicht mehr,
Teil der Persönlichkeiein. Jeder war Mitglied nur einer Institution um anzuzeigen, dass man gerade übedie Realitäspricht. Man
und übediese Zugehörigkeiwurde er zum Mitglied der Gesellschaft benötig" nun andere Kriterien der Unterscheidung " von Wahrheit
als dem GesellschafiskörperDieser Unterschied zeigt an, dass es sich und Realitäsowie zur Unterscheidung der verschiedenen Arten
bei diesen Institutionen um ganz andere Gefiige handelte als bei den von RealitätDas Problem des Verhältnissevon Realitäund Erschei-
Organisationen, die (ebenso wie die Stilisierung der Interaktion in die nung und der Realitävon Fiktion verschärfsich und behälfŸ die
Form der Konversation) ein typisch modernes Phanomen sind,72das ganze Periode des Ãœbergangzur Moderne seine Virulenz. Die ge-
ebenfalls mit der gesamtgesellschaftlich schwierigen Gestaltung der samte Anlage der Ontologie wird durch den Ãœberganzur Beobach-
Beobachtung zweiter Ordnung in Zusammenhang steht. In diesem tung zweiter Ordnung aus den Angeln gehoben und es entsteht der
Fall wird diese Beobachtungsform durch institutionell vorhersehbares Bedarf nach beobachtungsleitenden Unterscheidungen, die eine hö
Verhalten außeKraft gesetzt. here Kontingenztoleranz aufweisen als die Form SeinINichtsein. Mit
anderen orten entsteht der Bedarf nach einem neuen Modus von
Realitätsverdoppelung
Die Änderun der die Semantik leitenden Unterscheidung verlangt
in erster Linie wiederum nach einer Hebung des Abstraktionsniveaus.
Wie wir weiter oben gesehen haben, hat bereits die Rhetorik eine Welt
73 Ein Problem, das auch schon Platon bewusst war, das nun aber nicht mehr übeden
71 Im Sinne von Goffman 1962. Verweis auf die übergeordnetWahrheit der Ideen gelöswerden kann: vgl. Platon,
72 Vgl. Luhmann i997a, S. 835; 2000. Sophistes.
der Dinge von einer Welt der Ideen unterschieden, nur hat sie beide Entstehung einer spezifischen Form von Reflexion zur Rekonstruktion
lediglich an verschiedenen ~Ortenà der einzigen Bezugsrealitä- der der externen Perspektive Gottes erforderlich macht. Die Theologie
Welt als universitas rerum - positioniert. Im Grunde waren die Ideen entsteht als Versuch, im Inneren der Welt die transzendente Beobach-
(oder die Beobachter) lediglich Dinge spezieller Art - bei der Ver- tung, die Gott auf die Welt richtet, zu be~bachten.~'
doppelung der Welt handelte es sich um deren interne Aufieilung in Im religiöse Bereich korreliert die Unterscheidung immanent/
zwei (oder mehr) Bereiche. Nur in der Moderne wird eine Unter- transzendent mit einem ontologischen Modell, das mit der Beobach-
scheidung mit zwei miteinander unvereinbaren Seiten eingefihrt, die tungzweiter Ordnung kompatibel ist. Sie unterscheidet nämlicnicht
auf dem Modell der Differenz von Immanenz und Transzendenz primäverschiedene Kategorien von Gegenständensondern Modi
aufbaut, wobei die Verdoppelung nach außeprojiziert wird. Es der Beobachtung von - allen - GegenständenDiese Unterscheidung
handelt sich nicht um unterschiedliche Dinge, sondern um andere findet, ausgehend von diesem Bereich, zusehends auch in allen an-
Perspektiven auf die Dinge - die sich gerade deshalb voneinander deren gesellschaftlichen Teilbereichen Verb~eitung,~~ indem sie sich in
unterscheiden, weil die Dinge dieselben bleiben. Bei Luhmann hei§ die cartesianische Unterscheidung SubjektIObjekt übersetztEs gibt
es: #Immanent ist danach alles, was die Welt, wie sie ist, füinner- bonajde-Objekte, auf die die neuen Prozeduren der experimentellen
weltliche Betrachtung bietet (. . .). Transzendenz ist dasselbe - anders empirischen Wissenschaft mittels eigener Methoden und Kriterien
gesehen.ç7Immanent ist die Welt von innen gesehen und trans- bezogen sind, die von Verweisen auf Transzendenz absehen - wir
zendent ist dieselbe Welt, gesehen aus einer externen Perspektive: in werden darauf in Kürznoch zurückkommen Dann gibt es Subjekte,
erster Linie aus der Perspektive Gottes. die an der empirischen Welt nicht im eigentlichen Sinne teilnehmen,
In seiner religiöseVersion führdie Orientierungsänderunauch aber in der Lage sind, diese - gerade weil sie nicht dazugehöre- zu
zu einer tiefen Veränderunder Bedeutung des Sakralen. Auch in der beobachten. Das Subjekt beh'dt gegenübeder Gegenstandswelt, mit
vorangegangenen Semantik gab es heilige Orte, die als solche fŸ die der es sich auseinander setzt, eine Außenperspektivund unterscheidet
Menschen unzugänglicwaren (und geheim bleiben mussten), aber sich deshalb von den Gegenständenweil es in der Lage ist, übesich
diese Orte hatten irgendwo im Himmel oder auf der Erde ihren Platz. selbst zu reflektieren und sich selbstreferentiell herzustellen. Dabei
Auch Gott war irgendwie Teil der Welt und konnte eben deshalb zu handelt es sich um die viel diskutierte Zirkularitädes cogito ergo sum.'O
den Menschen reden.75Dagegen entfernt sich im modernen Verständ Es erkennt außerde weitere Subjekte, füdie das Gleiche gilt - im
nis das Heilige von der Welt.76Es bezieht sich nicht mehr auf Gegen- Rahmen des sehr problematischen Verständnisseeiner transzenden-
ständoder Orte, sondern eher auf D i ~ k u r s eDie
. ~ ~Unterscheidung talen Subjektivitätd. h. im Rahmen der Vorstellung einer generali-
sakrallprofan verschiebt sich auf die Kommunikation und bezieht sich sierbaren Selb~treferenz.'~Das Subjekt reflektiert übesich selbst,
nun auf eine bestimmte Weise, die Gegenständder Welt zur Kenntnis nicht jedoch übedie eigene Reflexion und genau dies ermöglich
zu nehmen: ein spezifischer Be~bachtun~smodus; der in der letzten es ihm, die deutliche Trennung zwischen Subjekten (die reflektieren)
Instanz auf die (transzendente) Perspektive Gottes auf die Welt ver- und Objekten (die dies nicht tun) beizubehalten, es gestattet ihm also,
weist. Doch die Gottheit bildet nun keinen Anteil der Welt mehr, die die empirische Welt zu beobachten, ohne dabei die Frage nach dem
sie beobachtet, und nimmt diese deshalb von außezur Kenntnis. Sie empirischen Status der Subjekte, d. h. ohne die Frage nach ihrer
spricht daher auch nicht mehr direkt zu den Menschen, was die Einwirkung auf die Welt und nach der Relativitäder Referenzen
74 Luhmann 19890, S. 313. (und der Perspektiven) zu stellen.
75 Siehe diesbezüglicLuhmann 19850; 19973, S. 285.
76 Im 16. Jahrhundert wird der Himmel aus den Landkarten gestrichen ~ a being
s of too 78 Luhmann 19890, S. 337. Mit der damit in Verbindung stehenden Frage nach einer
uncenain a iocationçvgi. Eisenstein 1979, S. 78. Ausbildung von Kritik werden wir uns in Kap. IV, 5 beschaftigen.
77 Hieraus erklärsich auch die Ablehnung des Mysteriums, die wir weiter oben ange- 79 Vgl. Luhmann 199zf,  111.
sprochen haben. In der immanenten Weltgihtes nichts, was dem Menschen prinzipiell 80 Siehe, unter vielen, eine der ersten diesbezüglicheexpliziten Besprechungen der
unzugänglicwäreDas Mysterium verschiebt sich zu der unzugänglichePerspektive Zirkularitädieser Figur in Morin 1977.
des Beobachters. 81 Vgl. Luhmann 1997a, S. 301.
Die moderne Form von Realitätsverdoppelungründe letztlich auf und zugleich, eine ~naiveÃSicht der eigenen Beobachtung aufrecht-
der Unterscheidung " von Obiekten und Beobachtern, wobei die Be- zuerhalten. Er stellt nicht die Frage nach der Einheit der Differenz von
obachter nicht eigentlich als Objekte angesehen werden können Subjekt und Objekt und vermeidet es so, die Reflexion in das Innere
sondern eher als Perspektiven auf die Obiekte und deshalb nach der Welt zu verorten. In einer formalen Terminologie könnt man
spezifisch zirkuläreKriterien und Prozeduren verlangen. Von unserer sagen, dass der Übergan zur Beobachtung zweiter Ordnung die
Warte aus handelt es sich dabei um eine erste Anerkennung0 der Anlage der zweiwertigen Logik beibehälund deshalb nicht übe
Beobachtung zweiter Ordnung, der die deutliche Trennung von den nötige logischen Reichtum vertugt, Zirkularitäangemessen
Fremdreferenz und Selbstreferenz, von der Sphare des Objektiven zu thematisieren (fü die Bezeichnungder Reflexion fehlt ein logischer
und der Sphärdes Subjektiven entspricht. Es beginnt die direkte, Wert). Die Trennung von Subjekt und Objekt wird in eine Unter-
von den heiligen Texten unabhangige Beobachtung der natürliche scheidung von Ebenen übersetzt ohne dass dabei die Frage nach dem
Tatsachen; man ist auf der Suche nach einer von der Offenbarung gegenseitigen Verhältnider Ebenen gestellt würdeDiese Struktur
unabhängigeWahrheit übedie Natur, die man nicht in Wörter wird bis in die jüngstZeit beibehalten und sie lässsich auch an der
sucht, sondern in der SchöpfunGottes (die ursprünglicauf zwei- hartnäckigeTendenz nachweisen, das Verhältnivon Wörter und
deutige Weise als codex naturae bezeichnet wurde, dessen Seiten man Gegenständein die Begriffe der Unterscheidung von Objektsprache
dadurch umblättertdass man sich auf die Reise begibt).82 " ,
In der und Metasprache zu fassen -bei der die Frage nicht vorgesehen ist, in
Terminologie Foucaults könnt man sagen, dass man mit dem An- welcher Metasprache die Unterscheidung selbst formuliert ist.84
bruch der Moderne mit der Trennung von Dingen und Wörter Diese Dialektik von Entdeckung und Redimensionierung der Be-
experimentiert und damit die feste gegenseitigeVerbindung von Welt obachtung zweiter Ordnung charakterisiert die gesamte Semantik der
und Sprache auflöst der Diskurs wird zwar zur Aufgabe " haben zu Moderne. Es handelt sich dabei offenbar um eine drastische Zäsuim
sagen, was ist, aber er wird nichts anderes mehr sein, als was er Vergleich zur Welt erster Ordnung der Rhetorik, die, wie wir im
die Sprache wird sich von nun an darauf beschränkendie Dinge zu nächsteAbschnitt ausführliche sehen werden, allmählica n Autori-
repräsentierensie wird ihnen aber nicht mehr ähnlic sein, noch täund Wirksamkeit einbüß Die Rhetorikstellte aber die Instanz fŸ
Hinweise übedie Ordnuneder " Welt liefern müssen Daher kann (und die Selbstreflexion der Kommunikation dar. Sie lenkte und organi-
muss) man mit einer empirischen Untersuchung der Dinge beginnen, sierte sowohl die Bezugnahme auf die Welt als auch die Bezugnahme
die auf das Experiment und nicht mehr auf die Interpretation gründet auf die Subjekte, die an dieser Welt Anteil hatten. Die Ablehnung der
Darum erlangt die Interpretation als Versuch, einen Zugang zu den Rhetorik hinterlässdeshalb eine Lücke Es mangelt nun an Kriterien
unzugängliche subjektiven Perspektiven zu verschaffen, eine neu- füdie Leitung der Beobachtung zweiter Ordnung sowohl in Hinblick
artige Bedeutung und wirft eine neue Problematik auf. Die Herme- aufdie Welt (die keine Subjektemehr einschließt als auch hinsichtlich
neutik als Erkundung der ))kleinen Bücheder Menschen~entsteht des neuen autonomen Bereichs der Beobachter (die ihre eigenen
bekanntlich mit der Moderne. Welten konstruieren). Eine bivalente Herangehensweise sucht sie in
In dem Moment, in dem die Beobachtung zweiter Ordnung aner- beiden Fälle durch den Verweis auf eine externe Perspektive auf:
kannt wird, erf&rt sie auch eine ~ e g r e n z u n ~
Die
. (religiöbegrün
dete) Vorstellung, dass die Realitätsgarantiauf einen unreflektierten
Außenbezubasiert, wird beibehalten. Der Beobachter befindet sich
außerhalbEr beobachtet die Beobachtung, nicht jedoch die Beob- 84 Es handelt sich hierbei im Grunde um das Modell der sehr einflussreichen Typen-
theorie, welche die Unterscheidung verschiedener logischer Typen benutzt, ohne
achtung der Beobachtung und dies ermögliches ihm, die Einzig- dieselben zu hinterfragen. Nur Gödehat diese Unterscheidung mittels einer Opera-
artigkeit der Subjekte und ihrer Perspektive auf die Welt zu erkennen tion behandelt, die dem Versuch entspticht, das transzendentale Subjekt zu beob-
achten. Das interessanteste Ergebnis besteht dabei nicht darin, dass damit eine
Paradoxie erzeugt wird (denn dies versteht sich von selbst), noch darin, dass die
82 Vgl. beispielsweise Eisenstein 1979, S. 453 ff.
Paradoxie nicht getilgtwerden kann, sondern in dem Sachverhalt, dass dieser Umstand,
83 Fouault, 1996, S. 76.
die Konstruktion der Typentheorie auflösund damit deren logische Armut aufdeckt.

2.17
4 durch den Ausschluss des Beobachters, der zum Garanten und Be- gefragt, weshalb die Angelegenheiten von einer einzelnen Figur von
i
zugspunkt füdie Adäquatheider Konstruktion wird. Interesse sein sollten, die nur sie selbst etwas angehen. Was uns heute
Dies gilt einerseits in Bezug auf die neuartige Autonomie der wie Stereotypisierungen und wie fehlende psychologische Tiefe vor-
Imagination, die eigene, von eigenen Kriterien beherrschte Welten kommt, stellte die Vorteile und nicht etwa die Fehler dieser Art von
erzeugt. Erstmalig verfügman übedie deutliche Unterscheidung von Figuren dar.87Selbst der Gang des Geschehens basierte wesentlich auf
Fiktion und LügeIn Literatur und bildender Kunst handelt es sich bei einer fixen Sequenz von Allgemeinplätzendie mit einem MindestmaÃ
der Fiktion um die Schoofune " einer Realitätdie nicht existiert und die
L
an Variation miteinander kombiniert werden sollten. Das Geschehen
I gerade, weil sie nicht vorgibt, irgendeine Verbindung mit der ))realen wurde deshalb akzeptiert, weil diese Modelle wiedererkannt wurden
Realität aufrechtzuerhalten, sich an einem eigenen
" Koordinaten- und und nicht aufgrund
" einer ihm inhärente Plausibilitätdie i m Verlauf
Bezugssystem in einer vollkommen neuen Form von ~Realitä der der Erzählun konstruiert wurde - wie bei der modernen Form der
FiktionÃorientieren kann. Bis in das 17.Tahrhundert hinein verfügt
! 2 " Handlung, die sich selbst auf der Basis des bereits Erzählte
das reinefictional noch übekeine eigene Legitimitäund wärallen- Mit dem Roman setzt sich eine erzählerischZwangsläufigkeidurch,
falls als schlichte Lügangesehen worden.85Von unserem Standpunkt die in der Erzählun selbst liegt und die äuße Zwangsläufigkei
aus scheinen sich die antiken Erzählunge in einem unbestimmten ersetzt, von der die Ontologie in allen ihren Ausdrucksformen be-
Bereich befunden zu haben, bei dem es sich weder eindeutig um herrscht war und von der die Erzählunabhing.89 Dafümüssealle
Fiktion noch eindeutig um Realitägehandelt hat. Tatsächlic war epischen Elemente und ))rhetorischenUnreinheitenÃabgeschafft wer-
die Erzählunim Allgemeinen gleichgültigegenübeder Frage nach den, die noch bei Autoren wie Boccaccio auffindbar sind, und das
der FiktionalitätGenau hierin besteht der Unterschied zwischen Verhäitnizum Leser muss auf andere Art angelegt werden.
romance und novel, aus der die Form des modernen Romans abgeleitet Der LeserlHÖre vormoderner Erzählunge wusste natürlicge-
ist.86 Die Gleichgültigkeirhetorischen Einschlags gegenübeder nau, dass das Geschehen nicht ))wirklich<vorgefallen war; dies spielte
Unterscheidung verschiedener Ebenen von Realitäweicht einer neu aber keine Rolle, weil es primädarum ging, ihn unmittelbar in die
erwachten Sensibilitägegenübeder Differenz zwischen dem Beob- Erzählun zu verwickeln und bei ihm Identifikation und nicht Di-
achter und der beobachteten Welt. Die Differenz besteht in erster stanzierung zu b e ~ i r k e n . ~Durch
' das gesamte Mittealter hindurch
Linie in den Erwartungen des Publikums. Im Falle des romance wurde wurde die Verteidigung der ~FabelnÃder Dichter mit deren Moral
die Vertrautheit mit dem Ritterroman und allgemein mit epischen
87 Forster 1927 spricht in diesem Zusammenhang von einem Ãœbergan von *flachem
Strukturen vorausgesetzt, währen sich der Roman eher an ein Pu- Figuren (die um eine einzige Eigenschaft herum konstruiert waren) zu *runden*
blikum von Zeitungslesern wendet. Von einem noch auf Oralitä Gestalten, die füden Leser von Interesse sind, weil sie durch ihren inneren Reichtum
basierenden Modell geht man zu einer Form von schriftlicher Kom- überrascheund nicht, weil sie ihn mit ihren Taten beeindrucken: vgl. auch Luhmann
munikation über 19860 und Hampton 1990.
88 Vgl. Ong 1967.
Der romance wird noch von Strukturen vom rhetorischen Typ 89 Übedie erzählerischNotwendigkeit siehe Eco 1990, Kap. 3.5.
beherrscht. Bei den Figuren handelt es sich um exemplarische Ge- 90 Füdie Antike siehe Lukian, Storia uera, dessen Werk den Leser zu faszinieren
stalten, die als handlungsleitende Modelle füdie Leser fungieren beabsichtigt, indem es ihm nach den Anstrengungen des Lernens einen relax anbietet.
sollen. Sie sind aufgrund ihrer Generalisierbarkeit und nicht aufgrund Lukian verweist auf das Werk von Philosophen, Historikern und Dichter, f à ¼die - wie
er behauptet - die Lügin der Erzählun phantastischer Begebenheiten zu einem
ihrer Idiosynkrasie von Interesse, weil sie eine allgemeine Sichtweise normalen Sachverhalt geworden sei. Er schilt sie nur deshalb nicht, weil sie dies nicht
zum Ausdruck bringen und nicht aus einem individuellen Gesichts- öffentlic erklärhättenEr verwendet die Lügselbst, allerdings *eine Art Lügeviel
punkt. Bis in das 17.Jahrhundert hinein hättman sich verwundert ehrlicher als die der anderen. Denn wenigstens darin wird er ehrlich sein, dass er sagt,
dass er lügtEr schriebe also übeSachen, die er weder gesehen, noch erfahren noch von
85 Vgl. Davis 1983, S. 30. Anderen gelernt habe, und augerdem übeSachen, die nicht existieren u n d absolut
86 Ein viel diskutierter Gegenstand. Siehe 2. B. die Klassiker Watt 1957 und Forster 197.7, nicht existieren können Seine Leser müssealso gar nicht daran !glauben.* (1.4.)
aber auch Celati 1975 und Davis 1983, auf die ich mich im Folgenden weitgehend Lukian stand im übrigeder sophistischen Tradition nahe und die Storia vera enthäl
beziehen werde. eine eindeutig parodistische Absicht - die bereits dem Titel entnommen werden kann.
gerechtfertigt und nicht mit deren Verhältnizur RealitätEs handelte Defoe auf der absoluten Wahrhaftigkeit seiner Bücheund verwies
sich dabei um Parabeln oder, allgemeiner, um Allegorien, wobei die dabei auf vermeintlich authentische Dokumente, währen Richard-
Allegorie die einzige verfügbarForm fŸ eine zugleich wahre und son, um dem Romangeschehen Glaubwürdigkeizu vermitteln, auf
unwahre Erzählundarstellte. Es war gut, die Fabeln zu lesen, weil sie, die Form der Briefsammlung zurückgriffSie beanspruchten damit
richtig verstanden, eine philosophische und ethische Doktrin vermit- aber sicherlich nicht, den Leser zu überzeuge- der Leser, der an die
telten, die der Leser sich eben zu eigen machen musste. Die Moral oder Wahrhaftigkeit geglaubt hatte, wärkein guter Romanleser gewesen.
das der Moral entnommene Beispiel waren es, die der Wahrheit Bei diesen Beteuerungen handelte es sich vielmehr um eine Form, die
entsprachen, und nicht die Beschreibung des Geschehens als solche. durch die Akzentuierung des Problems der (offensichtlich fehlenden)
Die Geschichte, so dachte man, handelt nur von spezifischen (kon- Entsprechung mit der Realitäden Leser gleich zu Beginn mit in die
tingenten) Ereignissen, wogegen die Dichtung von allgemeinen (oder werdächtigePosition des Beobachters zweiter Ordnung versetzte und
notwendigen) Wahrheiten handelt; deshalb konnte noch Sir' Philip so dem Autor die Entwicklung einer eigenen, autonomen, narrativen
Sidney behaupten, dass ~virtualtruth is often less veracious than moral Realitägestattete. Beim Roman handelt es sich um eine ~factual
t r u t h ~ In
. ~ diesem
~ von der Moral beherrschten Rahmen zielten alle f i c t i o n ~weil
, ~ ~er auf den Verweis auf das Imaginäroder Phantastische
Formen von Fiktion bis hin zum romance auf die romanhafte Identi- verzichtet (der dazu erforderlich war, die ~ n t f e r n u von
n ~ der unmittel-
fikation, auf die Auflösun der Distanzierung zwischen Beobachter- baren Realitäanzuzeigen) und bildet eine vollkommene reale Art der
i perspektive und der Perspektive der erzählte Figuren: irgendwie auf Beschreibung - einer Welt, die nicht real ist und nur im Imaginäre
das, was uns wie eine Verwirrung von Realitäund Fiktion vorkommen existiert. Dagegen sind die novels realistische Erzählungen die von
muss. dem völliglaubwürdigeLeben irgendwelcher Personen in der jüngs
Diese Unterscheidung drängsich im eigentlichen Sinne nur dann ten Zeit handeln (daraus erwerben sie die Qualitäals ~novelç unter
auf, wenn mit dem Roman eine Fiktion ausdifferenziert wird, die mit der Voraussetzung, dass auf den Verweis auf die unmittelbare Realitä
Realitänichts mehr gemein hat und nach Lesern verlangt, die sich verzichtet worden ist. Sie beschreiben die Realitäder Fiktion und
dessen bewusst sind. Die nouel wendet sich gleich zu Beginn an ein nicht die Realitäder Welt.93 Die Zeichen verfugen übeeindeutige
Publikum von Lesern, das in der Lage ist, eine kritische Distanz zum und kohärent Referenten, die sich aber nicht in der realen Welt
Erzähltezu wahren und die reale Realitävon der Realitäder Fiktion befinden. Obwohl Sherlock Holmes nie existiert hat, verfüg " er übe
zu unterscheiden. Sie wendet sich also einem Publikum von Beob- einen Geburtsort, eine Biographie, eine Physiognomie, eine Adresse,
achtern zweiter Ordnung zu, das im Leseakt in erster Linie die Be- aufgrund derer es vollkommen verkehrt wärezu behaupten, er sei
? obachtung der Figuren und nicht unmittelbar die Welt beobachtet. Franzose oder hätteinen Oberlippenbart.94
Nur so kann man die merkwürdigZusammensetzung der ersten Bei dem Publikum der Romanleser, das in der Lage ist, die unter-
modernen Romane und ihres scheinbar widersprüchliche Verhält schiedlichen Realitätsebene auseinander zu halten und die Grenze
nisses zur RealitäerklärenWähren die romances keine Schwierig- zwischen Realitäund Fiktion in beide Richtungen zu übertreten
keiten damit hatten, zuzugeben, dass die Geschichte erfunden war, ohne sie dabei zu verwischen, handelt es sich um ein Publikum von
jedoch auf die tatsächlichExistenz der Protagonisten beharrten (man
denke an die unglaubwürdigeAbenteuer der Ritterromane, die auf 92 Aus dem Titel von Davis 1983.
93 Der Roman verlangt von dem Leser zuerst den Glauben ab, dass der Roman selbst real
die Ritter zu den Zeiten der KreuzzügBezug nahmen), handelten die ist, und darauf die Einsicht, dass seine Realitäerfunden worden ist: Davis 1983, S. 23.
nouels von (erfundenen) unbekannten Gestalten, aber sie beharrten 94 In der Trennung der literarischen von der wirklichen Welt besteht nach Paul De Man
darauf, dass die Ereignisse wirklich stattgefunden hatten. Einer der die wesentliche Voraussetzung der literarischen Arbeit: vgl. De Man 1971. Hierin liegt
charakteristischsten Kennzeichen des Romans besteht in seinem viel auch die Nähder Frage nach der fiction und dem logischen Problembezug begründe
i s t der Sau: >der gegenwärtigKöni von Frankreich ist kahle wahr oder unwahr?),
diskutierten ~Realismusç In seinen berühmteEinleitungen beharrte von Frege 1892, Russell1905und Strawson 1950, bis hin zu den möglicheWelten. Eine
Wiederaufnahme der Thematik gerade in Bezug auf die literarische Fiktion findet sich

l 91 An Apologyfir Poetry, 1583, zitiert in: Davis 1983, S. 68. Vgl. auch Minnis 1988. in Pavel1986.
Zeitungslesern, das in der Beobachtung zweiter Ordnung und der Don Quijote ausmachen konnte, verschwinden nun. Ohne die Ver-
kritischen Distanz gegenübedem geschriebenen Wort bereits geüb drängun des Autors müsstdie Eindeutigkeit der Unterscheidung
und bewandert ist. Je realer die Welt ist, desto realistischer (d. h. zwischen Realitäund Fiktion verloren gehen, die auch die Grundlage
vorgetäuschterwird die Fiktion. Oder anders ausgedrücktWas sich fŸ die Möglichkeides Übergang von der einen zur anderen Seite
in der modernen Epoche ausdifferenziert, ist nicht die Fiktion als bietet - wie zum Beispiel in den Romanen, die Verweise auf historische
solche, sondern die Differenz von Realitäund Fiktion (von Objekten Fakten einschliegen (von Fielding an), oder sogar in den Rornanbio-
und Beobachtern), begleitet von einer entsprechenden Autonomie graphien historischer Persönlichkeiten Die Verwirrung der Ebenen
beider Seiten. Davis spricht von einer uidifferenzierten Matrix wird nicht dadurch erzeugt, dass man die Grenze zwischen Realitä
news/novel, die mit der Verbreitung des Buchdrucks einhergeht und und Fiktion überschreite(durch das re-enty der Realitäi n die Fik-
aus der einerseits die Formen des Romans und auf der anderen Seite tion), sondern indem die Grenze beobachtet wird (durch das re-entry
die des modernen Journalismus erzeugt werden.95Die Rechtfertigung der Differenz von Realitäund Fiktion), d. h. indem man d e n Beob-
fur die erzählerisch Willkübesteht in der Beobachtung zweiter achter beobachtet, der die Grenze setzt - es ist dies ein Sachverhalt, der
Ordnung. Der Leser beobachtet nicht die Welt, sondern die Beob- nicht eindeutig auf der einen oder der anderen Seite der Unterschei-
achtung des Autors - da, wo diese Unterscheidung nicht deutlich ist, dung positioniert werden kann.
verfällman in die ~niedereà Literatur oder in die Literatur fŸ Kinder, Ein analoger Abstraktionsprozess kann füdie Renaissance im Be-
die nicht an das privilegierte Publikum der kritischen Öffentlichkei reich der bildenden Künstinsbesondere in Verbindung mit der
gerichtet sind. Daran kann man im übrigedie extreme Konventio- vollendeten Formalisierung der Zentralperspektive beobachtet wer-
nditat des narrativen Realismus ersehen, der nach einem Publikum den. Man verfügdamit übeeine Reihe von Regeln, die die Kon-
verlangt, das darin geübund erzogen ist, die Konventionen zu er- struktion eines ~mathematischenà Bildraumes mit eigenen Koordina-
kennen und damit u m z u"~ e h e n . ~ ~ ten und Verweisen ermöglichender von einem der Repräsentatio
Dieser Mechanismus funktioniert aber nur unter der Vorausset- fremden Raum unabhängiist. Das Ergebnis sind vollkommen Èrea
zung, dass man ihn nicht beobachtet, d. h. unter der Bedingung, dass listische~Bilder, so dass das Bild, um die berühmtMetapher von Leon
der Autor aus dem Text verschwindet und daraus jede Spur seiner Battista Alberti zu verwenden, wie ein offenes Fenster ist, durch das
Aktivitätilgt.97 Wie Foucault anhand seiner Analyse des Gemäide man auf das sieht, was gemalt worden ist." Auch in diesem Fall stütz
Las Meninas von V e l A ~ ~ u egezeigt
z ~ ~ hat, setzt der moderne ~Realis-
musÃden Ausschluss des Autors aus dem Werk, d. h. die Autonomie 99 Alberti 1435-6, S. 70. In Bezug auf das albertinische Fenster vgl. auch Iacono 1997. Die
¥Entdeckungder Zentralperspektive in der ersten Hälftdes 15. Jahrhunderts scheint
der Fiktion als RealitätsebenfŸ sich voraus. Der Autor, und mit ihm gegenübeder auf die Erfindung des Buchdrucks hin erfolgten Durchsetzung der
der Leser, müssedie Position des allwissenden augenstehenden Be- Beobachtung zweiter Ordnung nfrühzeitigstattgefunden zu haben. Wir sind in dieser
obachters einnehmen, der die Beobachtung der Figuren, nicht aber die Arbeit aber von einem Verhältnigegenseitiger Verstärkunund Beeinflussung zwi-
eigene Beobachtung beobachtet. Alle Formen von Ambivalenz und schen semantischen Umstellungen und Fortschritten bei den Technologien der Kom-
munikation ausgegangen. Dieses Verhältnischließähnlicgelagerte Fällnicht a w -
alle Spiele paradoxder Verweise von der Perspektive der Figuren zu der man bedenke übrigenauch die relative Unabhängigkei der Perspektive von der
Perspektive der Leser und umgekehrt, die man beispielsweise noch im schriftlichen Reproduktion. Damish 1987 erkläraußerdemdass die Perspektive im
15.Jahrhundert eine andere Rolle gespielt hat als die, die sich vom 16.Jahrhundert an
95 Vgl. Davis 1983, Kap. 111. Auf das Merkmal der Neuheit, das eine der wesentlichen durchsetzen sollte. Die ars, auf die sie gegründewar, stellte keine willkürlich
Charakteristiken massenmedialer Kommunikation darstellt, kehren wir unter Ab- Schöpfun eines von dem natürlicheunterschiedenen Raumes dar, sondern (noch
schnitt I V 6 zurück in der rhetorischen Bedeutung einer Technik) ein Werkzeug, das mit den natürliche
96 Nach Cave 1984 unterscheidet sich die moderne Literatur dadurch von den bonae Prozessen in Einklang stand und dazu verhalf, diese besser kennen zu lernen. Deswegen
litterae der Humanisten, dass es sich dabei um eine Illusion handelt, in der jegliches konnte Filarete noch 1464 die Perspektive der Lügnerebezichtigen, weil sie Dinge
Merkmal, das den illusorischen Charakter aufdecken könnteverdeckt wird. darstellte, die es nicht gab. Auch nach Klein 1970 war die Perspektive am Anfang des
97 Hieraus entspringt nach Both 1961 die Differenz von showing und telling, die füden 15.Jahrhunderts noch der Rhetorik verhaftet. Im Jahre 1504 versuchte Pomponio
modernen Roman typisch ist. Gaurico immer noch, bei Quintilian Anleitungen zu finden, die man hättauf die
98 Vgl. Foucault 1996, Kap. I. malerische Erzählun übertragekönnen
sich der Realismus auf einen komplexen Apparat von Konventionen, perspektivischen Linien, von dem die Wahrscheinlichkeit der Bilder
die eine perspectiva artificialis der Maler von der perspectiva naturalis abhängtDie Positionierung des Beobachters augerhalb der Darstel-
der gespiegelten Bilder unterscheidet. Tatsächlic ist die zentralper- lung ist die Bedingung füden Realismus derselben.
spektivische Interpretation eines Bildes viel abstrakter und voraus- Gerade in der Annahme eines einzigen Blickwinkels, von dem die
setzungsreicher als die Interpretation einer Darstellung in zwei Ebenen Repräsentatioabhängtmarkiert die Differenz von Zentralperspek-
oder mittels gröbere perspektivischer Elemente. Nicht zufälli ist tive und den vorangegangenen Repräsentationenden Übergan von
Alberti auch einer der ersten gewesen, die den Unterschied zwischen einer Vielheit heterogener Räumzu einem einzigen, systematischen
perspektivischem Bild und Spiegelbild aufgezeigt haben.''' Das ge- Raum.lo4Der perspektivische Raum wird abstrakt von einem Regel-
malte Bild verhäisich nicht entsprechend den Gesetzen der Reflexion System definiert und konstruiert einen autonomen, von den darin
und erscheint nur dem Betrachter realistisch, der es zu interpretieren (sukzessive) verortbaren Gegenstände unabhängige Bereich: einen
wei§ indem er es nicht in der realen Welt, sondern in einer imagi- gefälschte Raum, der eindeutig wird, gleichzeitig aber eine rasche
närender unmittelbaren alternativen Wirklichkeit verortet. In Rich- Vermehrung alternativer geaschter Riume ermöglichtDagegen war
tung dieser Realitäschaut das perspektivische Fenster. bei den vorangegangenen Repräsentatione die Konstruktion des
Das wesentliche Merkmal der Zentralperspektive besteht darin, Raumes nachträgliczu der Komposition der Figuren und es mangelte
dass sie von einem bestimmten Blickwinkel abhängi ist: eben von ihr an eigenen Koordinaten. Der Raum war lediglich eine Funktion
dem perspektivischen Zentrum, von dem die Linien ihren Ausgang der narrativen Struktur, daher beinhaltete das Bild auch verschiedene
nehmen, die den (gefalschten) Raum der Repräsentatiokonstruieren, Räum unterschiedlicher Ausrichtung: die Koexistenz zahlreicher
die durch das wechselseitige Durchkreuzen des Blicks und der Ober- spaciowpkzces ohne Anspruch auf deren gegenseitige Koordination.
flächdes Bildes zustande kommen. Nur von diesem Punkt aus ist das Die Konstruktion der Repräsentatio war noch von rhetorischen
Bild realistisch und es genügtdass man sich nur ein wenig davon Regeln beherrscht und hatte mit der Vermischung mehrerer Perspek-
entfernt, damit das Bild schief erscheint, da die perspektivischen tiven in erster Linie eine mnemonische Funktion.lo5 Das Ziel bestand
Linien dann, anders als beim Spiegelbild, nicht mehr den Sichtlinien n h l i c h nicht darin, den Betrachter durch die Trennung seines realen
des Beobachters entsprechen.'O1 In der Regel bemerkt der Betrachter Raumes von dem gefdschten Raum des Gemäldeauf Abstand zu
diese Verschiebung jedoch gar nicht, so dass die Bilder (die Werbe- halten, sondern eher in der Intensivierung und Ver~ielfälti~un der
plakate auf der Stra§ etwa) ihre Wahrscheinlichkeit von verschiede- Übergangvon der dreidimensionalen Region des Beobachters zu dem
nen Blickwinkeln aus behalten. Offensichtlich kommt hier ein Kom- imaginäreRaum der Reprisentation, d. h. in der mimetischen Ein-
pensationsmechanismus ins Spiel, der durch die lange praktische Beziehung, die füdie rhetorische Mnemotechnik charakteristisch war.
Erfahrung im Umgang mit perspektivischen Bildern zustande kommt Zu diesem Zweck eignet sich der ~unrealistischeÃRaum der Reprä
und dazu fuhrt, dass der Betrachter selbst in Schieflagen aktiv eine sentationen ohne Zentralperspektive besser, weil sie weniger unter
korrekte Sicht ~iederherstellt.'~~ Man könntsagen, dass die Perspek- dem auf das Bild gerichteten Blick des Beobachters leiden. Beispiels-
tive den Beobachter sichtbar werden lässtund zwar !gerade an der weise fehlte der Art zu zeichnen der alten Ägypte jeglicher perspekti-
Stelle, an der er fŸ sich selbst unsichtbar istto3:am Fluchtpunkt der vische Zug. Die Details der Szenerie wurden einzeln, einer nach dem
anderen, unabhangig ihrer Anordnung im Raum, auf die Flächdes
100 vgi. sdvemini 1990, S. 80.
IOI Wir sehen an dieser Stelle von den weiteren Komplikationen, etwa von dem Fehlen
Gemäldeaufgetragen, indem man zum Beispiel einen Kopf im Profil
eines stereoskopischen Bildes oder von dem Verhältnizu den Grenzen des Bildes (der mit einem frontal dargestellten Auge kombinierte.'06 Wie im Fall der
vom Rahmen zugleich markiert und versteckt wird) ab. Piktogramme wurde die Interpretation des Gemäldeund die Anord-
102 Vgl. Pirenne 1970, insbesondere S. 96ff-, der auch eine interessante Analyse der
nung der einzelnen Komponenten zu einem einzigen Bild dem Be-
trompe-l'oeil und der entsprechenden Perspektiven mitliefen. Auch Gombrich
1960,Teil 3, unterstreicht den aktiven Anteil des Betrachters - in diesem Fall währen 104 G e m a der Ausdrucksweise von Panofski 1927.
des Ansehens von Kunstwerken. 105 Dies ist überzeugenvon Antoine 1996 dargelegt worden.
103 Vgl. Luhmann 19950, S. 140, 106 Vgl. Pirenne 1970.
obachter überlassenDieser konnte allerdings auf einer konkreten rungsprozesses im Sinne H u s ~ e r l wird
s ~ ~ die
~ Ordnung in der Physik
Ebene verbleiben und musste nicht eigens seine unmittelbare Per- gesucht.110
spektive von der abstrakten Perspektive der Fiktion unterscheiden In den Untersuchungen übeWissenschaftsgeschichte und Rheto-
könnenAuch gegenübeden Figuren des Bildes boten die Koordi- rik tendiert man dazu, das Werk von Petrus Ramus mit dem Moment
naten seiner unmittelbaren Position die Bezugskoordinaten, so dass zusammenfallen zu lassen, in dem sich die antike Verbindung von
seine Welt einheitlich blieb. Man könnt sagen, dass die mnreaiisti- Rhetorik und Dialektik endgültiauflöstWahrend die Rhetorik auf
sehe(( Repräsentatiodes vormodernen Zeitalters einen heterogenen das eingeschränkwird, was einst die eLocutio gewesen und zum bloße
Raum erzeugte, dabei jedoch eine einstimmige Herangehensweise an Studium des Stils und der Ornamentik der Sprache wird, entwickeln
die Realitäbeibehielt. Dagegen stellte die ))realistische((Repräsenta sich die deduktiven Prozeduren der Dialektik zur Grundlage der
tion der Zentralperspektive einen einheitlichen Raum vor und hypo- modernen wissenschaftlichen Methode.111 Der im antiken Sinne
stasierte so eine privilegierte Beobachterperspektive, die aber die auf Wörte und dem Studium der Etymologien112zentrierte Enzy-
Unterscheidung der realen Reaiitävon einer Vielheit fiktionaler klopädismuweicht einer neuen Art von En~~klopädismus der einzig
Realitätevoraussetzte. Die Repräsentatiowird einheitlich, währen auf Objekte gründetZu diesem Zeitpunkt entsteht das Methoden-
die Einheit des Reden verloren geht. Und erneut handelt es sich um problem: eine Zusammensetzungvon Prozeduren, die auf der Evidenz
ein Bild, das nur demjenigen vollkommen realistisch vorkommt, der und der Praxis des Experiments gründen,11 eine geordnete Prozedur,
erkennt, dass es aufobjektive Weise eine Welt reproduziert, die es nicht die eine Reihe von Schritten bezeichnet, die man bei der Erkundung
gibt. der Welt auf eine vom Diskurs unabhängigArt vornehmen muss.
Der Autonomie der gefälschteRealitäentspricht gleichermaße Schließlicwird die Verifizierung des Wissens durch das wiederhol-
eine gegensätzlichAutonomie der realen RealitätDer Dialog wird bare und intersubjektive wissenschaftliche Experiment konstituiert.
aus der Welt ausgeschIossen, die zu einer Ansammlung von Gegen- Das Experiment bietet die einzige Möglichkeifiir die Welt, in Bezug
ständewird, die nicht mehr sprechen. In der Terminologie von Ong auf dieA&aquatheitdes Wissens Stellung zu nehmen - allerdings bloÃ
geht man von einer Person worki zu einer object worki, von einem in der extrem mediatisierten Sprache der Physik und Mathematik. AUS
discours knowLedge zu einem observation knowLedge überMan bezieht dem Blickwinkel der Suche nach Ordnung wird die Methode von
'
sich auf eine Welt, in der auch Personen wie Gegenständbehandelt Ramus an zum modernen Surrogat des rhetorischen Gedächtnisses.l1
werden - ))thatis, say nothing back(<.lo7Das Universum wird stumm Auch die Methode dient der Verfugbarmach~n~ von Kenntnissen in
und die Reden werden in einem anderen Bereich verortet, der nun dem Moment, in dem diese gebraucht werden. Der Unterschied ist,
auf das Bewusstsein der Subjekte Bezug nimmt und mit der Ord- dass das GeJachtnis nun nicht darin besteht, ein enzyklopädische
nung der Natur nichts zu tun hat. In der Konsequenz ermangelt es Wissen im Geiste festzuhaken, sondern eher in einer Hilfe bei der
der Natur aber an einer Ordnung. In dem vorangegangenen Fehlen
109 Vgl. Husse11 1936.
der Differenzierung zwischen Wörter und Gegenständewurde die 110 Vgl. Luhmann 1989c, S. 331.
Ordnung der Welt durch die Ordnung des Diskurses unter Garan- III Vgl. beispielsweise Perelman 1981; Yates 1966, Kap. X Rossi 1960, S. 140.
tie gestellt. Hieraus erkkart sich auch die zentrale Stellung der 112 Etwa im Sinne der Etymolqim von Isidor von Sevilla.

Rhetorik fiir das gesamte Reich des Kontingenten. Nun muss die 113 Vgl. z. B. Luhmann 1997a, S. 731.
114 Vgl. Ong 1958, S, 194tT; Yates 1966, Kap,XVII. Die neue Haltung, die spätezur
Welt aber auf sich selbst aufbauen und das Ordnungsproblem wird Entwicklung der Experimentalwissenschaften hhren wird, wird anfangs nicht in
zur Obsession des 16.Jahrhunderts.lo8 Im Rahmen eines Technisie- W~derspruchzu Magie und Astrologie gesetzt. In beiden Fallen ging es darum, die
Natur nach ihren eigenen Prinzipien zu begreifen (iuxtupropriuprinapiu), u n d nicht
um den Versuch, sie mit äußerKraken zu erkkaren: vgl. Cassirer 1976, S. 126. Diese
; 107 Ong 1958, S. 287 und S. 151. Spontan fälleinem die Parallele zu der platonischen Herangehensweise wird in der Naturphilosophie der Renaissance beibehalten, jedoch

1
Kritik der Schriften auc die nicht in der Lage sind, Fragen zu beantwomen (oder wird sie nach der Trennung der astrologischen Kausalitävon einem physisch-ma-
immer die gleiche Antwort geben). thematischen Kausalitätsverständni d. h. nach der Ausdifferenzierung der Wissen-
108 V d . Rossi 1960, S. 162; Bolzoni 1995, S. 37 E schaft, vollkommen aufgelöst

226
Erkundung der Welt auf der Suche nach neuem Wissen. Wissen wird die Außenpositiodes Beobachters beizubehalten, muss das Verbot
nämlicnicht mehr gespeichert, sondern muss mittels der Vernunft aufgestellt werden, sich übeden subjektiven oder objektiven Cha-
kausal abgeleitet werden.''' Gerade die zentrale Stellung der Kausa- rakter der Unterscheidung von Subjekt und Objekt zu befragen - die
Iität~beziehun~e bildet die großNeuheit der modernen wissen- wissenschafdiche Methode ist die Operationalisierung dieses Verbotes.
schafilichen Methode und ebenso das Merkmal, das die wissenschaft-
liche Ausrichtung nach einer Suche nach neuem Wissen ermöglicht
Auf paradoxe Weise richtet sich das Ged'achtnis in seiner modernen 4. Der Ãœbergan zur Moderne
Version auf die Erzeugung von Neuheit.
Das moderne wissenschaftliche Verständnivon Kausalitäbein- Tief greifende Veränderungewie die, welche zu der modernen Struk-
haltet das, was Burkhard die totale Eklypse des Ubersinnli~hen'~~ tur von Ged'achtnis geführhaben, könne sicher nicht von einem Tag
genannt hat. Die Garantie füdie Angemessenheit der wissemchafi- auf den anderen und nicht, ohne Zweifel und Widerständzu er-
Iichen Erkenntnis besteht in ihrem intersubiektiven Charakter, d. h. in zeugen, vor sich gehen. Im Ãœberganvon der rhetorischen Organisa-
der Beobachtung zweiter Ordnung (gerade wenn man die Welt und tion der Semantik zu einer massenmedial gesteuerten Semantik bilden
nicht die Beobachter beobachtet). Von Bacon an muss wissenschafi- das 16. und zum großeTeil auch das 17. die Jahrhunderte der Zwei-
liche Erkenntnis öffentliczugänglicund auf wiederholbare Expe- deutigkeit und Ambivalenz. Es handelt sich um einen Zeitraum, in
rimente gegründe sein. Sie müssedemnach den Beobachter, auf den dem die Veränderunge der Formen von Kommunikation und Be-
die Erkenntnisse zugerechnet werden, der Beobachtung aussetzen und obachtung bereits offensichtlich zutage treten und nicht ignoriert
erhalten nur so ihre ValiditätSie sind objektiv in der neuartigen werden könnenobgleich man noch übekeine angemessenen Krite-
Bedeutung von nicht-subjektiv, d. h. im Rahmen der Unterscheidung rien verfügtsie in Rechnung zu stellen. Wie in solchen Fdlen immer,
SubjektlObjekt. Die Negation von Subjektivitäwird nun in dem greift man auf verfügbarFormen zurücund betont diese noch, bis
Sinne als Unabhängigkeivom Beobachter verstanden, als ein anderer diese unter der Überbelastun zu leiden beginnen, die sich daraus
Beobachter unter den gleichen Umständezu den gleichen Ergebnis- ergibt, und gerade darin schließlicihre Unad'aquatheit offen zutage
sen kommen würdeHieraus erklärsich auch das Erfordernis der legen. Genau dies ist mit der Rhetorik und mit der arx mevzoriae
Öffentlichkei wissenschaftlicher Wahrheiten. W1e bei der Zentral- geschehen, die in diesen Jahrhunderten erneut aufblühe und eine
perspektive setzt sich der Beobachter an der Stelle der Beobachtung ganze Reihe von Änderunge und Versuchen der Anpassung erfahren
aus, an der er sich aus der beobachteten Welt ausklinkt. Die antike -um am Ende des 18. Jahrhunderts endgültiin Misskredit zu geraten.
Bedeutungvom Geheimnis des Wissens im Sinne eines ))nichtfüalle(( Im 16.Jahrhundert wurde die Trennung von Selbstreferenz und
gedachten Wissens beinhaltete zwischen beiden Seiten der Unter- Fremdreferenz, von Diskursen und Gegenstände jedenfalls noch
icheidung SubjektIObjekt etwas IntermediäresIn einer systemischen als ein Problem der Doppelung wahrgenommen, das zu einer pro-
Terminologie beinhaltete es seine unvollständigTechnisierung. Die blematischen Verwirrung der Wahrheitskriterien und der Ordnung
füdie moderne W~ssenschaftcharakteristischeAblehnung bzw. )>Un- L, des Denkens führekonnte. Daraus resultierten zunächsweitere
sichtbarmachung((der Paradoxienll' ist dagegen nichts anderes ais das Antinomien wie die zwischen Einheit und Duplizitä(Don Quijote),
Korrelat zu dem Erfordernis, aus der Welt alle unsichtbaren Mächt zwischen Ehrlichkeit und Tiuschung (Torquato Accetto), zwischen
auszuschließen sogar um den Preis der Unsichtbarmachung selbst der Innerlichkeit und Ausdruck (Montaigne), zwischen Weisheit und
I
Beobachterperspektive und der Verhinderung jeglicher Vermischung Wahnsinn (Erasmus), zwischen Fiktion und Realitä(Rabelais), zwi-
1 zwischen Beobachtung erster und Beobachtung zweiter Ordnung. Um schen Träumeund Wachen (Calderh de la Bacca) - bis man zu dem
I
115 Vgl. Descartes, ,Cogitationes privatae<<(1619-I~ZI), in: Euvws, ed. Adam und Tan- von den englischen Moralisten aufgemachten Kontrast zwischen Mo-
ners, X, S. 230. tiven und Ergebnissen von Handlungen gelangt. Man kann dies im
116 Zitiert in: Cassirer 1976. übrigeauch anhand der Bede~tun~sänderun sehen, die der Begriff
117 Vgl. beispielsweise Luhmann ~ p o a S.
, 414 U. S . 538. der ))Kopie<(erfihren hat, der in der ursprünglichelateinischen
Bedeutung füÜberflussReichtum und Vielfalt der Ressourcen ein- druck angelastet, der praktisch von dem Augenblick seiner Verbrei-
stand: die copia dicendi als Ziel der Rhetorik. Vom Spätmittelaltean tung an - natürlicin gedruckten Werken - kritisiert wird.123Der
erlangt die Kopie die Bedeutung eines Duplikats (der von dem Buchdruck erzeugt die Halluzination, kann diese aber noch nicht
Kopisten verwirkiicht wird), währen es in der Rede immer schwie- durch den Ausschluss des Beobachters löse- er zerstördie geordnete
riger wird, zwischen copia (Beredsamkeit) und der geringfügige Welt der Rhetorik, ohne schon eine neue Ordnung einzuführenDie
garrulitas zu ~nterscheiden.~"Die Kriterien füdie Regelung der Kritik des Buchdrucks verfügdeshalb nicht übedie Einstimmigkeit
kiassischen Realitätsverdoppelun funktionieren nicht mehr, aber es der Polemik gegen die Massenmedien. In diesem ist D o n Quijote
gibt dafünoch keinen Ersatz. Es findet nun ein re-entry der Unter- exemplarisch, bei dem das Spiel der Doppel und Masken nicht dazu
scheidung von Realitäund Fiktion in die Seite der Fiktion statt, der führtwie es bei der modernen Literatur geschehen wird, eine ein-
die Fiktion ins unendliche multipliziert - bei Calder6n de la Barca stimmige Realitäzu eröffnenHinter den Masken befinden sich bloÃ
besteht die Asymmetrie nunmehr im Traum: ntoda la vida es suefio, y noch weitere Masken im Rahmen einer Zweideutigkeit, die die Anti-
los suefios suefios s o n ~ .Es
' ~wird
~ dann erforderlich, die Pluralitävon nomie von Schein und Wirklichkeit nicht auflöstsondern d e m Leser
Reden des 16. und 17.Jahrhunderts zu erzeugen, die alle Disjunktionen vielmehr seine Selbsttäuschun a u 6 ~ e i ~ t Es. I ~bleibt
~ eine ndunkie
in ihrem Inneren bewahren: ein Überma an Lektürenohne Be- Seite~,die allen Unterscheidungen vorgelagert ist und diese verwirrt.
grenzungskriterien.120Deshalb verwendet Cave, wenn er übeTexte Der ))Wahnsinn<< von Don Quijote ist dadurch bedingt, dass er Büche
aus dem 16.Jahrhundert spricht, die Metapher des Füllhornsdie liest, die Tatsache aber, dass seine Abenteuer in einem Buch erzähl
unerschöpflich Werke anzeigen soll, die der Tendenz nach alle Po- werden, macht ihn berühmund modifiziert die Art, i n der die
tenzialitäte füdie Schöpfüvon Bedeutungen aufbewahren. Hier- Menschen ihn behandeln - schließlicerscheint sein Wahnsinn im
aus erkiärsich wahrscheinlich die nparadoxia epidemica((,121die die übrigewie eine tiefere Form von Weisheit. Die Halluzination ergibt
Literatur jener Zeit befälltDas Kennzeichen der Paradoxie besteht sich aus der >)Magie((der S ~ h r i f i , diese
l ~ ~ Distanz wird aber nicht
bekanntlich in der Unmöglichkeiteine Aiternative auszuschIießen eingehalten und es entsteht eine ständigVerwirrung zwischen Autor,
wobei dies zu dem ewigen Oszillieren von der einen zu der anderen Leser und Figuren126- darin besteht der vormoderne Charakter des
Seite einer Unterscheidung zwingt. Daher kommt auch die Faszina- Don Quijote (und gleichzeitig seine postmoderne Faszination).
tion des 16.Jahrhunderts füalle Spiele mit Wörter und Bildern: fü Eine ähnlichZweideutigkeit findet sich, wenn man auf die Rolle
Bilderrätseund verschlüsseltSprachen, aber auch fübebilderte der Rhetorik in der Semantik des 16. und 17.Jahrhunderts schaut.
Gedichte oder füdie Suche nach einer Universalsprache. Bei allen Einerseits kann man ein Wiederaufblüheder Rhetorik beobachten,
diesen Fälle sucht man erneut nach einer Ordnung im kiassischen die gerade in der Renaissance eine Primärrollim Inneren des Triviums
Sinne, die vor dem Abstieg in das Willkürlichretten unddie Assozia- erhälund damit den Platz der Logik einnimmt12' - auch u n d gerade,
tions- und Kompositionsfreiheit auf ein wiedererkennbares Maà zu- weil die laufenden Veränderunge der Struktur der Kommunikation
rückführ soll- wie dies die klassische Kunst des GeJachtnisses tat.122 auf dringlichere Weise den Bedarf nach einer systematischen Ordnung
Die Schuld füdiesen Zustand der Verwirrung wird dem Buch- verspürelassen. Bis in das 18.Jahrhundert hinein bildet die Bered-

118 Siehe diesbezüglicinsbesondere Cave 1979, s . 157ff. 123 Schon irn Jahre 1492formuliert Johannes Trithemius in einem (gedruckten) Heft seine
119 La uidu essuefio,Akt 11,1200. Siehe auch Francescode Quevedo, I l m o n h duldidentro, Kritik des Buchdrucks, die den ironischen T~telDe hude smiptorium trägtzitiert in:
1627, in: Macchia, 1989, S. 210-239. Nur im Traum findet man Erleichterung von O'Donnell 1996, S. 43.
Täuschun und Selbsttäuschung ~qVgl. Celati 1975, S. 115 ff.
17.0 Wie Celati 1975, S. 137, richtig bemerkt, erinnert das Fehlen von Kriterien, die eine 125 ich versichere dir, Sancho~,versetzte Don Quijote, >>irgend ein gelahrter Zauberer
Asymrnetrisierung der Unterscheidungen (und damit das Vornehmen von Selektio- muss der Verfasser unsrer Geschichte sein; denn solchen ist nichts von den Dingen
nen) ermögliche könntenan das Fehlen von Kriterien der sophistischen a e t o r i k verborgen, worübesie schreiben wollen<<.Cervantes 1999, S. 563.
und die Kritik des Buchdrucks an die platonische Kritik der Schrift. 126 >~Cervantessituates himself in w o places simoultaneously - within t h e nouel and
121 G e m a dem behnnten Ausdruck von Colie 1966. outside itc Davis 1983, S. 17.
122 Vgl. Bolzoni 1995, S. 88 E 127 Vgl. Colie 1966.
samkeit die Grundlage bei der Erziehung der Adeligen und es besteht Weisen (durch die Paradoxie, die Parodie, einen gewollt unpräzise
die verbreitete Ãœberzeugunfort, dass die wichtigsten Kommunika- Umgang mit Zitaten oder der Akxntuierung der individuellen Per-
tionen mündlicvorgetragen werden müssen.12 Der Buchdruck, der spektive) zielen alle auf eine Neubearbeitung der antiken Modelle -
zuerst zu der Unabhängigkeiund dann zur Prioritäder schrifilichen auf ein Neuschreiben der Texte, das zugleich unvermeidbar und
Kommunikation fiihren wird, bewirkt im 16. und 17. Jahrhundert eine unmöglicist.'32Die mehr oder weniger expliziteAuseinandersetzung
Explosion von Texten übeRhetorik. Das neue Werkzeug ermöglich mit den Autoren der Vergangenheit stellte nämlic(noch in der Anlage
nämlicdie enorme Steigerung der Tendenz zur Kodifizierung und der Rhetorik) die einzig " denkbare Form der Produktion von Texten
Ansammlung der Allgemeinplätzund der e x m p h und verwirklicht dar, gleichzeitigstrebte man schon danach, die eigene Individualitätz
so eine Akkumulation von Wissen, die dem Ideal der vormodernen behaupten. Währen man noch auf den Geschichtsverweis zurück
Semantik entspricht: ein potentiell unbegrenzter mnemonischer Spei- greift, reflektiert man schon die Zerbrechlichkeit der Lenkung, die die
cher. Geschichte bietet.
Es ist aber gerade das Fehlen von Grenzen, das die Möglichkeite Die Ceativitäliegt nicht mehr in der Rhetorik, die von Ramus an
des menschlichen Geistes immer bei weitem übersteigt das zusehends ohnehin nunmehr das einbezieht. was ehedem die eLocutio und die
zur Distanzierung von der Erinnerung hin zu einer neuen Art des pronunciatio (eben Angelegenheiten des Stils und der Ornamentik)
Gebrauchs der Materialien führtMan beginnt, nach einer ))neuen gewesen waren; die inventio geht zusammen mit der dispositio in die
Rhetorik((zu suchen,129die durch die zunehmende Distanzierung des Dialektik ein, die auf abstrakten logischen Prozeduren (auf das, was
Beobachters gekennzeichnet ist. Bei der Topik stellten beispielsweise spätedie Methode werden sollte) aufbaut. Der Dialog und die
die analytischen Orte der klassischen Tradition nicht einfach An- Konversation, die einst die Hauptbezügder Rhetorik darstellten,
sammlungen von Materialien dar, sondern sie entsprachen, wie wir verkommen in der Renaissance zu blof3en Störelemente - zu kon-
bereits gesehen haben, logischen Operationen, die es gestatteten, die tingenten Bestandteilen, die keinen Platz in dem neuen irnperialisti-
Dinge nach kodifizierten Prozeduren zu analysieren; dagegen waren schen Anspruch der Logik haben, die sich der Tendenz nach von dem
die topoi im 17.Jahrhundert zu bIof3en ~~kumulativen(~ Orten herab- antiken Bündnimit der Rhetorik löstDie perfekte Rhetorik besteht
gekommen. Es handelt sich lediglich um Ideenreserven, die in ver- von da an (und heute noch) darin, nicht auf Rhetorikzurückzugreifen
schiedener Zusammenstellung Anwendung finden konnen und mit weil ein gutes Argument - wie man behauptet - der Rhetorik nicht
der ))Erfindung((der Argumente von einst nichts mehr gemein ha- bedarf und man darauf nur zurückgreift wenn man etwas vortäusche
ben.130 Bei den Orten handelt es sich nunmehr um Plätz(vorwiegend will.133Auch die Konversation tendiert nun dazu, sich von der Rhe-
um Bücher)die Inhalte enthalten, währen man in der vorange- torik und von deren kodierten Prozeduren zu lösendie in ihrer
gangenen Tradition direkt an die Reden dachte, die nichts enthalten, Bucherau~führun als pedantisch etikettiert werden und auf die
dagegen aber etwas ) , a ~ s s a ~ e n ~Man
. ' ~ 'verwendet sie daher auf eine man mit der Auhertung der reinen Kontingenz von Orditätmit
andere Weise: nicht mehr fiir die Mimesis und die Wiederholung, der Form der brillanten Konversation und der sorgfäitigeAuswahI
sondern eher, um die Diskontinuitäund die Trennung des Lesers geistreicher Bemerkungen und Aphorismen reagiert.134
auhuzeigen. Man kann dies an Rabelais, Montaigne, Shakespeare, Die Abwertung der Rhetorik geht auch mit einer Kältgegenübe
Erasmus oder an Machiavelli sehen, die sich zwar noch auf den der ars memoriae einher, die bei Erasmus in Form einer expliziten
Apparat der Topik beziehen, sich aber zugleich von dem klassischen Kritik des Systems der loci und Figuren übersetzwird, die das
Modell der Nachahmung der auctores entfernen. Auf unterschiedliche natürlichGeJachtnis k ~ r r u m p i e r e n 'und
~ ~ bei Montaigne durch

128 Vgl. Luhmann 1997a, S. 288. 132 vgl. cave 1979, S. 322 E,und 1984; Hampton 1990.
129 In Bezug auf den Fall der venezianischen Akademie siehe - mit zahlreichen Fail- 133 Siehe zum Beispiel, wie sich Erasmus in D ~Lob
J der 5rheit übedie Rhetorik lustig
beispielen - Bolmni 1995. macht, Â
130 Vgl. beispielsweise Beaujour 1980, S. 174 f6 134 vgl. Luhmann 19972, S. 736.
131 vgl. o n g 19~8,S. 121. 135 Vgl. Rossi 1960, S. 3; Yates 1966, Kap. V
die Ablehnung eines mnemonischen Lernens zugunsten einer ))leben- nis von Rationalitäsind solche Heran~ehensweisen
" dazu verurteilt,
digen((Kultur136ausgedrück wird. Mit Ramus und Descartes geht das auf den Bereich des Irrationalen verbannt zu werden, auf den sie auch
Gedächtnischließlicin die Methode ein13' und die klassische tatsächlicvon der Aufklärunan festgelegt werden. N e esoterischen
Mnemotechnik büà jegliches Interesse ein. Andererseits erfährdie Doktrinen lehnen den Dualismus ab und betrachten Körpeund Seeie
arl memoriae zur selben 2eit ein erneutes Aufblüheim Rahmen eines als zwei verschiedene Ausdrucksformen desselben Wesens; sie ziehen
vollkommen anderen Kontextes als der Entstehungskontext der ex- eher ein duales System vor, das Widersprüchverstärkund füBe-
perimentellen Wissenschaft: nämlicim Rahmen des neu entstande- wegung einsteht; sie ziehen einen apophantischen Zugang und negati~
nen Bereichs der Esoterik und des Okkultismus, der im italienischen gefasste Ausdrucksformen (etwa die Unaussprechbarkeit Gottes),
15. Jahrhundert mit Marsilio Ficino und Pico della Mirandola beginnt AnalogieschIüssdeduktiven Überlegunge vor; sie lehnen die Tren-
und in der Folge zu einer parallelen Strömungerinnt, die die gesamte nung von Wort und göttlicheSchöpfung14sowie alle Formen von
Entwicklunp " der Moderne bedeiten
" sollte.138Das neue Verständni Wiilküund Zufail ab (das Universum sollte von einem handeinden
von Esoterik setzt eine Bedeutungsänderun im Vergleich ZU der Intellekt beherrscht sein, der auf magische Weise operiert); sie be-
klassischen Begriffsbestimmung, die man bekanntlich bereits in der haupten, dass die wahre Weisheit nur mündlicvermittelt werden
klassischen Antike vorfindet und bei Aristoteles zum Beispiel die Lehre kann und entwickeln daher komplexe rituelle Prozeduren und Initia-
im Rahmen des begrenzten Kreises der Schüle von der (exoterischen) tionsrituale. Unserer Ansicht nach führealle diese Merkmalsausprä
Belehrung eines ausgedehnteren Publikums unterscheidet. Das ge- gungen zu einer Semantik divinatorischen Typs zurückund also auf
heime Element beschränktsich in dem Fall, wie übrigenbei allen eine Form von Gedächtnisdie noch keine Trennung zwischen einer
antiken Mysterien, auf die Inkommunikabilitäder Interaktion, die Welt von Gegenstände und einer Welt von Ideen kennt. Nicht
immer mehr einschließt als denjenigen in Wörter mitgeteilt werden zufälliführesich alle diese Strömungeselbst auf eine ursprünglich
kann, die nicht anwesend waren. In der Renaissance zeigt der Begriff Weisheit zurück auf eine paradoxe ))Anfangstradition((,
die sie Hermes
dagegen eine ZusammensteIlung von Doktrinen an (zu denen Aichi- Trismegistus, einem imaginäreägyptischeGott zuschreiben, der in
mie, Astrologie, Magie, Arithmosophie, christliche Kabbala, neoalex- die göttlicheMysterien eingeweiht gewesen sein soll - Mysterien, die
andrinischer Hermetismus, philosophia perennis, die Naturphiloso- mit den Namen in Zusammenhang stehen sollen, die Adam allen
phie des Paracelsus und dann die der Romantiker und noch zusätzlich Dingen verliehen hat.14' Hieraus entspringt auch das großInteresse
mystische und theosophische Anteile zu d e n sind), die nur fü f i r die Hieroglyphen, weil sie die künstlichTrennung von Zeichen
wenige Eingeweihte vorgesehen sind und miteinander eine Reihe und Bezeichnetem noch nicht kennen.142
von Merkmalen teilen, die in unserer Terminologie allesamt die Ab- Jedenfalls kann man im 16.Jahrhundert gerade in diesem Bereich
lehnung der modernen Form von Realitätsverdoppelunausdrü okkulter Doktrinen ein neu erwachtes Interesse füdie Gedächtnis
~ k e n .In
' ~einer
~ gewissen Hinsicht stellt Esoterik die dunkie (okkulte) kunst beobachten, allerdings zu vollkommen anderen Zwecken als die
Seite der zweigleisigen Unterscheidung von Immanenz und Transzen- der Rhetorik. In einem Zeitalter. in dem der Buchdruck bereits weit
denz vor, die sich zum selben Zeitpunkt ausdifferenziert,in dem sich verbreitet war, war die Mnemotechnik nicht als Erinnerungsstützevo
die deutliche Unterscheidun~ " von Selbstreferenz und Fremdreferenz Interesse. Giordano Bruno stempelt die klassischen Prozeduren als
durchsetzt. Gegen die strenge Zweiwertigkeit im modernen Verständ
140 Die Natur ist ein Schreiber, der das Wort Gottes kopicrt: vgl. Corsetti 1992, Kap. Ii!
141 Im Jahre 1614weist Isaac Casaubon nach, dass es sich beim Coqw~Hemeticw um eine
136 Essais, I, 9 und 25; 11, 10; 111, 9. Fälschunhandelt, die in WirMichkeit im nachchristlichen Zeitaiter v e r h s t worden
137 *Wenn einer die Ursache erfasst, könne alle verschwundenen Bilder leicht vom ist.
Gehirn dank des Eindrucks der Ursache wieder gefunden werden. Das ist die echte 142 Das Interesse fur die Hieroglyphen wurde übrigenauch von den Humanisten (bei-
Gedächtniskunsund das ist gerade das Gegenteil ihrer [derars memoriae] nebelhaften spielsweise von Erasmus) geteilt, die sich vorstellten, sie könnte eine allen verständ
Fbtschläge.<< Descartes, Cogitationespriuatae (1619-I~ZI),in: E u u z s , X, 230. liche visuelle Sprache bieten - hier drücksich die Suche nach einer gemeinsamen
138 Vgl. Yates 1976 und 1982; Rossi 1976 Shumaker 1976. Basis in Anbetracht eines explosionsartigen Anwachsens unterschiedlicher Meinun-
139 Zu den Merkmden der Esoterik siehe Corsetti 1992; Faivre 1992; Introvigne 1992. gen aus.
pedantisch und papageienhaft ab. Wonach man im 16. und 17.Jahr- Nähder oralen Semantik der klassischen Rhetorik. Sowohl die Suche
hundert suchte, war dagegen eine ~Chiffreç eine Interpretationsme- nach der Methode als auch die Esoteriksind nämlicin der Epoche des
thode, die es gestattete, die letzten Mysterien der Realitäaufzudecken: Buchdrucks angelegt und stehen unter dem Einfluss des Abstraktions-
ein ~clavisuniversalis~,~~' der es gestattete, das Wesen der Dinge Sprungs, der diese Epoche charakterisiert: die Suche nach der Metho-
jenseits ihrer Erscheinung zu erfassen. Man suchte nach einer Mög de, weil sie den Sprung akzeptiert und radikalisiert, die Esoterik, weil
lichkeit, die Verwirrung von Realitäund Fiktion, das Spiel der sie den Sprung ablehnt. Die Entwertung des Gedächtnisseals sterile
Illusionen (die schatten der Ideen~von Giordano Bruno) zu über Wiederholung (die bis heute fortbesteht) und seine esoterische Inter-
winden, von denen diese Ãœbergangszeigeplagt war; man dachte, eine pretation als Zugang zu den Geheimnissen des Kosmos setzen beide
solche Möglichkeiin einer neuen Interpretation der Disziplin finden eine gewisse Distanz voraus und die Fähigkeitübedie Bedingungen
zu könnendie im klassischen Verständnidie gesamte Ordnung des füden Bezug zur Welt zu reflektieren.14' Sie setzen demnach (im
Kosmos unter Garantie stellte: der Rhetorik unddabei insbesonderein positiven oder im negativen) eine vollendete Realitätsverdoppelun
der wacht er in all ihrer - eben dem Gedachtnis. Man hat voraus. Der Beweis dafŸ zeigt sich, wie wir in Kürzsehen werden, an
daher den Versuch einer Neubegründunder Rhetorik als ~retorica dem Ged'achtnismodell, das man aus dem berühmte~Gedachtnis-
c e l e s t e ~unternommen,
~~~ bei der die Strukturen der menschlichen theater~von Giulio Camillo beziehen kann und dessen Verwirkli-
Rede die Strukturen des Kosmos und damit die kreative Entfaltung der chung- dem Augenschein entgegen - die deutliche Ablösunvon der
göttliche Ideen wiederaufnehmen sollten - es sollte sich um ein Semantik der Oralitäund vom Speichermodell signalisiert.
magisch-mechanisches G e d a c h t n i ~ lhandeln,
~~ mit dessen Hilfe
man mit den höchsteMysterien in Kontakt treten könnteVor allem
musste man dabei aber die letzten Reste von Willküaus der klassi- 5. Das Kulturrnodell
schen Prozedur der loci und der imagines tilgen. Diese wurden nach
Lust und Laune ausgewählund modifiziert, wobei die individuellen Ob er nun die tradierten Prozeduren der ars mem~riaeakze~tierte oder
und ~hinfdligenOrteà durch ))ewigeOrteà ersetzt wurden, die die ablehnte, füden Menschen der Renaissance blieb die Frage nach dem
konstanten und notwendigen Beziehungen zwischen den Dingen . Gedächtnivon grundlegender Bedeutung. Selbst füPetrus Ramus,
ausdrückesollten. Dies war das Projekt von Giulio Camillo und der als entscheidend fŸ den Wendepunkt der Überwindun der
Giordano Bruno, die durch die Koppelung der klassischen rhetori- Prioritäder Rhetorik angesehen wird, fielen Wissen und Erinnerung
schen Tradition an den Lullismus und an kabbalistische Einflüss weiterhin in eins - nur fing das Gedächtniunmerklich an, eine neue
versucht haben, das gesamte Universum auf ein den Menschen zu- Bedeutung einzunehmen. Erinnern bedeutete bei Ramus nicht spei-
gänglicheFormat zu reduzieren, um daraufhin zu seiner Interpreta- chern, sondern begreifen. Dieselbe Methode wurde als ein lokales
tion einer Maschinerie zu gelangen.147 G e d a c h t n i ~ s ~ s t e begriffen.
m ~ ~ ~ ~ Bei diesem Gedachtnis handelte es
Die Wiederaufnahme der ars memoriae in der Renaissance birgt sich nicht weiter um das rhetorische Gedachtnis, das aufgrund seiner
tatsächliceine grundlegendeÄnderun der Vorannahmen und Inten- vermeintlichen Willküim Namen einer Ordnung abgelehnt wurde,
tionen. Trotz des Rückgriffauf die Strukturen der antiken Mnemo- die deshalb notwendig war, weil sie an den Dingen selbst durch das
technik sind die Projekte von Camillo und Bruno eher in der Nähder direkte Studium der Natur nachgewiesen werden konnte. In dieser
zeitgenössische Ablehnung der Erinnerung angesiedelt als in der Hinsicht unterschied sich die Herangehensweise von Rarnus nicht so
sehr von der von Giulio Camillo, der in der ersten Hälftdes 16.Jahr-
14.3 Der Ausdruck stammt von ROSS^ 1966. hunderts als einer der berühmtesteRepräsentanteder Strömun
144 A d Herennium, 111, 28.
145 Vgl. Francesco Patrizi 1562, zitiert in: Bolzoni 1975, S. 51. 148 Mit Esoterik ist gemeint, dass man mehr in das Innere geht; dieses internere Innere
146 Yates 1966, in Bezug auf Giordano Bruno Kap. IX. wird vor dem Hintergrund gedacht, dass man sich im Außebefindet. Im Mittelalter
147 Vgl., ausgehend von Yates 1966, Bolzoni 1991 und 1995; Keller 1991, S. 201; Bologna gibt es dieses internere Innere nicht, weil man immer >drinnen<ist: Faivre 1992.
1992. 149 Vgl. Ong 1958, S. 194 und S. 280.
gefeiert wurde, die auf die Wiederbelebung des Pythagoreismus, des gessens. Von der Rhetorik bleibt die Vorstellung einer nicht-kontin-
Platonismus und der ägyptische Philosophien gründeteAuch fü genten Beziehung der Gegenständübrigdie aber durch die Entäu
Camillo bestand das Hauptanliegen in der Konstruktion eines Sys- §erun des GeLachtnisses auf beschriebene Blätterdie Distanz und
tems, das die Willküüberwindeund eine notwendige Ordnung Konfrontation fordern, widerlegt wird. Hieraus erkLart sich der Ana-
reflektieren sollte - allerdings suchte er diese Ordnung in einer ver- chronismus der Konstruktion von Camillo, der eine feste Ordnung
meintlichen ewigen Wahrheit, die nicht in der Trennung, sondern in mit Hilfe eines Instrumentariums bekräftigewill, das Distanzierung
der Kontinuitävon Wörter und Gegenstände ihren Ausdruck und Variation begünstigt.15
fand. Man könntsagen, dass der Unterschied in der Annahme oder Tatsächlichat sich das Ged'achtnismodell unbemerkt bereits ver-
Ablehnung der Trennung von Selbstreferenz und Fremdreferenz be- ändertes entspricht nicht mehr dem antiken Modell eines Speichers,
stand - wobei dies offenbar zu voneinander vollkommen unterschied- sondern ist zu einer Art Archiv geworden: zu einer Sammlung also, bei
lichen Strategien führt-, allerdings vor dem Hintergrund eines der das Bemerkenswerte nicht einfach in einer Ansammlung von
gemeinsamen Anliegens: der Besessenheit nach Ordnung, die fü Materialien besteht, sondern in der Verfügbarkeieines Katalogs
die Anfange der Moderne charakteristisch ist. bzw. einer Organisation, die deren Handhabung und Koordination
Camillo führsich selbst explizit auf die Tradition der ars memoriae ermöglichtEntgegen der Absicht, die klassischen, auf Oralitäbasie-
zurück die er von den kontingenten Elementen reinigen und auf eine renden Techniken wiederzubeleben, ist die Anlage faktisch bereits
kosmische Ordnung gründelassen möchteDiese bezieht er aus schriftlicher Art und bevorzugt das Vergessen vor dem Erinnern.
kabbalistischen und neoplatonischen Einflüssen aus den essentiellen Wie wir schon in Bezug auf das athenische Metroö gesehen haben,
Maßstäbe die die Beziehungen zwischen den Dingen und die Tei- verfügtder Speicher nicht eigentlich übeeine Ordnung und diente
lung des Universums in die drei Welten regelte: der Welt der sephirotb daher nicht der Entlastung des Gedächtnisse(und in der Tat inter-
(die überhimmlischWelt), der Welt der Gestirne (die mittelhimmli- essierte man sich auch nicht füdie Wiederverwendung von Texten).
sehe Welt) und der Welt der Elemente (die unterhimmlische Welt).150 Die dort angesammelten Materialien waren nur zugänglichsofern
Er bezieht hieraus eine ausgefeilte und mit komplizierten Symbolis- ihre Topographie in einer entsprechenden geistigen Ordnung repro-
men beladene Konstruktion, die er in seinem berühmteGedacht- duziert war, die durch die Befolgung eines bestimmten Weges im
nistheater übersetztdessen Zweck allerdings darin bestehen sollte Inneren des Metroön reaktiviert werden konnte - in diesem Fall
(und hier zeigt sich die Kontinuitäder Rhetorik), diejenigen, die entsprach die Landkarte dem Territorium. Dagegen ist der archivari-
sich damit auseinander setzten, in die Lage zu versetzen, übejeden sehe Katalog Ergebnis einer Selektion. Um Zugang zu den in den
Gegenstand mit der gleichen Beredsamkeit der gro§e klassischen Schriften gesammelten Materialien zu erhalten, genüg es, wenn man
Redner zu diskutieren. Das Neue bestand gerade darin, dass diese wei§wie man zu den Materialien kommt - auf diese Art wird man
höchstSpitze der ars memoriae erstiegen werden konnte, ohne dabei auch eine Cicero würdigBeredsamkeit erlangen. Der Wendepunkt ist
persönlic die Inhalte der Rede, die man halten sollte, zu erinnern. entgegen der ursprünglicheAbsicht derselbe wie bei Ramus, der die
Lediglich das Betreten einer Art Amphitheater, das nach einem System Büche wie Schachteln behandelt, die bei der Analyse geöffnewerden
von Bildern angeordnet war, die übejeweilige )>Schubladen(( verfüg - die Büche enthalten nun die Ideen, die nicht mehr Ègesagt wer-
ten und ihrerseits Papiere enthielten, auf die geschriebene Reden den.15'
reproduziert waren, reichte aus. Bei dem Theater des Gedächtnisse In der Folge könne Ideen in Bücher))hinterlegt(< werden - sie
handelte es sich inzwischen um einen Karteikasten, der das Gedachtnis könne den Bücheranvertraut werden, weil man darauf zähltdass
gerade durch das Anzeigen einer Abwendung von dem direkten Er- sie auch dann nicht verloren gehen, wenn man sie nicht die ganze Zeit
innern aufrechterhielt. Man beginnt mit der Aufwertung des Ver- bei sich behältGleichzeitig verbreitet sich die Vorstellung einer Art

150 Vgl, Yates 1966, Kap. VI. Hierin besteht die Substitution der vergängliche mit den 151 Vgl. Bolzoni 1991.
ewigen Orten. 152 Vgl. Ong 1958, S. 121.
begrifflichen Kapitals der Menschheit (das nicht aus überirdische vor allem den Sinn, die Partizipation zu bekraftigen, und daher war es
Ideen besteht) und nicht mit dem Geist eines einzelnen Menschen überhaup kein Problem, wenn bereits Bekanntes erzählwurde. Da-
übereinstimmtsondern nur aus der Totalitäallen Geschriebenen gegen verlangt man von einem geschriebenen Text, dass er informativ
gewonnen werden kann - es ist dies eine Vorstellung, die spätein die sei, und das hei§t dass er eben überraschensein muss und nicht
eines einheitlichen kollektiven Gedachtnisses einmündewird.153Es einfach Redundanzen reproduzieren darf. Mit dem Buchdruck änder
resultiert eine Umstellung der Struktur des Gedachtnisses, die etwas sich das Verhältnivon Redundanz und Varietädahingehend, dass
abwegig als seine ~ E n t à ¤ u  § e rbeschrieben
ung~~ wird. Ein Buch ist beide gesteigert werden. Die schriftliche Kommunikation erzeugt
aber (als äuf3erlichStützenoch keine Erinnerung (und auch nicht neue künstlichRedundanzen, die es gestatten, nach den interessie-
Kommunikation). Es kann die Erinnerung nur dann aktivieren,wenn renden Informationen zu suchen. Es handelt sich dabei eben um die
es gelesen wird. Was sich ändertist vielmehr die Lokalisation der Katal~~isierun~ssysteme, die den Unterschied zwischen Speicher und
Selektion,die in einer schriftlosenGesellschaft praktisch mit Semantik Archiv markieren. Diese neuen Redundanzen erzeugen offenbar auch
selbst übereinstimmtwähren sie in Anbetracht von Texten kom- eine viel breitere Varietätindem sie, infolge der (füdas Modell des
munikative Operationen passieren muss, die dem Lesen bestimmter Speichers irrelevanten) Möglichkeider Wiederverwendung der Ma-
Texte vor dem Lesen anderer Texte den Vorzug geben und so einige terialien zu einem anderen Zeitpunkt - und auf eine eventuell unter-
Potentialitätedes Gedächtnissevor dem Hintergrund anderer Po- schiedliche Art -I6O die Kombinationsm~~lichkeiten erheblich erhö
tentialitäte aktivieren, die nicht genutzt werden.155Das Diskrimi- hen. Wie wir im Verlauf noch sehen werden,l6I bildet die Bedingung
nieren von Erinnern und Vergessen
" wird zur Sache von Entscheidun- hierfüdie neue Autonomie der zeitlichen Dimension, die als Raum
gen.156Man kann in unserer Terminologie auch sagen, dass sich das füVariation genutzt werden kann. Die neue ~Textualitätà die den
Verhältnivon Redundanz und Varietäändert Überganvon einer ~mnemonischenà zu einer ~dokumentarischen~
Ein Hinweis in diesem Sinne kommt im Laufe der Renaissance Semantik162anzeigt, entspricht den Bedürfnisseeiner modernen
durch eine Bedeutungsänderunder Distinktion von natürlicheund Gesellschaft, die auf Stabilitäte angewiesen ist, die auf der Ebene
künstliche Gedachtnis zustande.15' In der klassischen griechischen der Beobachtung zweiter Ordnung angesiedelt sind. Sie sind deshalb
und lateinischen Bedeutung war das künstlichGedachtnis lediglich nicht mit fixen Daten gleichbedeutend, sondern mit Prozeduren, die
eine Art durch Übunund Disziplin bedingte Verstärkundes natür die Erzeugung von Daten ermöglichen
lichen, im menschlichen Geist inkorporierten Gedachtnisses; seit dem Diese Prozeduren (die Systeme der Katalogisierung und Inventa-
16.Jahrhundert geht man dazu übermit künstlicheGedachtnis ein risierung der Materialien aus der Renaissance) sind der mnernonischen
'sekundares GedachtnisÃzu bezeichnen, das sich der Büche(und Tradition der rhetorischen Semantik vollkommen fremd. Selbstver-
anfänglic- im Rahmen einer der von Camillo analogen Konstruk- ständlicverfügtauch diese übeeine Ordnung. Sie war allerdings,
tion - nur der Allgemeinplätzebedient. Erstmalig erhäldas künst nach dem Modell der Fahrt, topographischer Natur. Es handelte sich
liche Gedachtnis die Funktion der Erleichterung des Bewusstseins dabei um einen festgelegten Weg, bei dem man von einem Ort zum
durch die Befreiung der Gegenwart,I5' d. h. der Erleichterung des nächstegelangte und dabei Bilder ~ 0 r f a n d . Dagegen
I~~ basiert das
Vergessens. Daher könne Büchenun Überraschun produzieren Modell des Archivs auf abstrakten Kriterien, welche die konkreten
(und sie müssedies sogar).159Die mündlichKommunikation hatte Methoden der Erinnerung (die noch die Klassifikation auf der Grund-

q Im Sinne von Halbwachs 1952 und 1968


154 Vgl. beispielsweise Leroi-Gourhan 1965. 160 Apostolidis 1993, S. 129,spricht deshalb von einer ~Akkumulationdes Imaginärenin
155 Vgl. Luhmann 199oa, S. 31 ff. der Gleichzeitigkeit anstatt in der Aufeinanderfolge, bei der man sich zeitunabhängi
156 Vgl. Luhmann 1997a. S. 271. Zugang zu den Bildern verschaffen kann.
157 Vgl. Lechner 1962, S. 170 ff. 161 Kap. IV, 7.
158 Vgl. Beaujour 1980, S. 120. 162 Im Sinne Carmchers' 1990, S. 8.
159 Vgl. Luhmann 1997a, S. 259 ff. 163 Vgl. Damisch 1987.
lage des incipitl^ oder moralischer Prinzipien leiteten) nicht weiter hundert) zu biblioth2ques - gemeint als Ansammlungen von Auszüge
spiegeln. Die alphabetische Ordnung erschien beispielsweise anfang- oder als Kataloge von Katalogen168.Die vollkommene Erschöpfbar
lieh vollkommen willkürlichMan musste dafüeine fixe Sequenz von keit wird nicht weiter in der Sammlung aller Büchegesucht, sondern
durch Laute und Symbole repräsentiert Buchstaben auswendig ler- in der Verfügbarmachunalles Geschriebenen - im Rahmen eines
nen, die keinerlei Bedeutung hatten,"j5 aber das relevante Kennzeichen Ãœberganges der den Unterschied zwischen der Vorstellung einer
aufwiesen, füalle gleich zu sein. Die idiosynkratische Ordnung der konkreten, vollständige Sammlung (deren Unrealisierbarkeit nun
vorangegangenen Katalogisierungsmethoden (die die individuelle offenkundig wird) und der Vorstellung eines Inventars (das idealer-
Konstruktion eines Panoramas mnemonischer Orte reflektierte) wird weise erschöpfen ist). Darin zeigt sich aber, wie die Ausrichtung an
in der Renaissance durch das Bedürfninach einer einheitlichen und den Speicher sich unmerklich zum modernen Archivmodell umwan-
geteilten Ordnung ersetzt - es handelt sich um dasselbe Bedürfnisdas delt.
auf widerspruchsvolle Weise in der Konstruktion der ewigen Orte im Ein analoge Umwandlung kann auch anhand der Semantik vom
Theater von Giulio Camillo ausgedrückist. Der öffentlich Charak- Spiegel verfolgt werden, die im Mittelalter (als specdum) noch eine
ter von Ordnung wird in der Folge direkt auf die Basis der Beobach- enzyklopädischAnsammlung von Kenntnissen bezeichnete, bei der
tung zweiter Ordnung gestellt. der Einzelne allerdings die idealen Figuren auffinden konnte, mit
Die Schwierigkeit des Archivmodells und der damit in Zusammen- denen Identifikation möglic war - in denen er sich also spiegeln
hang stehenden Unterscheidung von Daten und Informationen häng konnte, indem er die eigene Identitäreflektierte.169Dagegen hat die
wesentlich von dem Sachverhalt ab, dass dieses Modell eine undefi- Explosion der Anspielungen an den Spiegel in der Renaissance eine
nierte Offenheit, eine Anerkennung der Kontingenz der mögliche andere, auf das Problem der Doppelung und der Erscheinung bezo-
Kommunikationen und der mögliche Interpretationen der Texte gene Bedeutung. Im Spiegel beschränksich der Einzelne darauf, sich
(und der Semantik) voraussetzt. Zunächs reagiert man auf diese selbst aus einer anderen Perspektive zu sehen, als beobachtete er sich
Offenheit mit dem sozusagen kompromittierten Modell des Enzy- von au§e - es handelt sich hierbei um eine Identitätskonstruktion
klopädismusdas gerade im 16.Jahrhundert besonders verbreitet war - die bereits auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung ange-
und das, wie die anderen Formen der Übergangssemanti der frühe siedelt ist.
Moderne, im Verlauf des 17.Jahrhunderts eine besondere Blüter- Doch sehen wir uns nun im Detail an, wie dieser Übergan zu
~ ~ zu Beginn des 18.Jahrhunderts vollkommen zu ver-
f i h ~ t , 'um einem anderen Modell von Redundanz funktioniert. Der Verzicht auf
schwinden. Der Enzyklopädismu bezeichnet den letzten Versuch Redundanz bedeutet, dass die Ordnung nicht mehr auf d e m Sach-
der Ordnung aller Wissenschaften und Kenntnisse, der dem Ideal verhalt basiert, dass an anderen Orten dasselbe geschieht, sondern dass
einer Universalbibliothek entspricht, die alle geschriebenen und noch dort unterschiedliche Dinge geschehen. Dieses Modell entspricht der
1 zu schreibenden Bücheenthalten soll: die Bibliothek von Babel von unterschiedlichen Anlage der Realitätsverdoppelun der Moderne.
Borges, die selbst die Geschichte der Zukunft in allen Details umfassen

i
Worauf man verzichtet, ist die interne Verdoppelung der Welt (nach
sollte.167Währenman im 16.Jahrhundert noch an konkrete Bücher der man an unterschiedlichen Orten und unter verschiedenen For-
Sammlungen dachte, wird die Unmöglichkei der Realisierung des men, etwa als Gegenstand und als Idee desselben Gegenstandes,
Projekts schnell offenkundig und man geht in den folgenden Jahr- dasselbe vorfinden kann) zugunsten einer Verdoppelung mittels ver-

i hunderten auch diesbezügliczu Modellen zweiter Ordnung überzu


Anleitungen füdie Konstruktion von Bibliotheken oder (im 18.Jahr-

164 Vgl. steinbe& 1955.


165 Vgl. Eisenstein 1979, S.88 ff.
schiedener Perspektiven (etwa immanentttranszendent) auf d i e einzige
Welt (oder, falls man es vorzieht, im konstruktivistischen Sinne auch
auf unterschiedliche Welten) -mit der Konsequenz, dass es i m Inneren
der Welt nunmehr keine Verdoppelung mehr gibt. Die Dinge sind ein
166 Ich denke hierbei natürlican das Projekt der Encyclopddie, deren Bändin den Jahren
1751 bis 1766 erscheinen. 168 Vgl. Charrier 1992, S. 75 ff.
167 V& Weinrich 1997, S. 261; Kittler 1991. 169 Vgl. Beaujour 1983, S.30; Wenzel 1991, S.64.
einziges Mal gegeben, selbst wenn sie mehrere Male und auf sehr Tatsachen der Welt einfach statt. Von der Moderne an wird die
unterschiedliche Art und Weise beobachtet werden könnenGerade Aufgabe der Reflexion der Selbstbeschreibung von einem neuen Be-
hierin besteht die Umstellung der Organisation des Gedachtnisses. Es griff von Kultur übernommender eben im 18. Jahrhundert entwickelt
genügnicht, Objekte und Ideen wie Gegenständ(in einem Speicher) wirdl7I und dieselbe Funktion auf der Ebene der Beobachtung zweiter
zu sammeln und aufzubewahren, weil auf diese Weise die Möglich Ordnung erfülltindem er füKontingenz Raum lässt
keiten ihrer Handhabung nicht ausgeschöpfwerden. Man könnt Die be~bachtun~sleitenden Unterscheidungen der modernen Ge-
dies in einer Formel synthetisieren. Man geht von der Wiederholung sellschaft (und dies haben wir füden Fall von immanentltranszendent
zum Vergleich überl' und damit von der Prioritäder Rhetorik zu bereits gesehen) verwirklichen in dem Sinne eine Form von Verdop-
einem an Kultur orientierten Modell. pelung, als sie zwei verschiedene Arten der Beobachtung der (einzigen)
Das Problem besteht immer darin, Kriterien und Kontrollmöglich Welt ermöglichenKultur wird zu der Instanz, die diese Möglichkeite
keiten füdie Formen der Redundanz zu finden, wenn man zudem der Verdoppelung versammelt, weil sie selbst als ein Doppel konsttu-
bedenkt, dass man sich nun nicht mehr auf Grundlagen beziehen iert ist, das alles Existierende verdoppelt und es somit mögliche
kann, die auf dem Wesen der Dinge basieren. Die Unmittelbarkeit, die Vergleichen aussetzt.172Alles, was man tut und sagt, kann zweimal
I noch das Verständnider Tradition kennzeichnete. da die Aufmerk- beobachtet werden: als einfache Operation (auf der Ebene erster
samkeit von dem Anliegen in Anspruch genommen war, Inhalte zu Ordnung) und als kulturelles Phänome (auf der Ebene zweiter
I ubermitteln und sie so dem Vergessen zu entziehen, verliert sich mit Ordnung) - und wird damit unweigerlich kontingent. Im Konzept
der neuartigen Reflexivitäder modernen Gesellschaft. Währen es der Kultur ist eine selbstreflexive Komponente inbegriffen. Indem
davor genüghatte, die richtige A n der Übermittlunvon Inhalten zu man etwas als Kultur beobachtet, beobachtet man zugleich den Be-
finden (wobei die Rhetorik hierfürwie wir gesehen haben, die ent- obachter, der dieses etwas derart beschreibt - ansonsten würdman
sprechende Technik bereitstellte) und das Problem derart vordergrün sich darauf beschränkendas zu beobachten, was geschieht. Es handelt
dig war, dass kein Raum füdie Frage übriblieb, was nun eigentlich sich hierbei nie um einen naiven Begriff. Dieses Kennzeichen begrün
ubermittelt werden sollte, entwickelt sich zwischen dem 16. und dem det seine unbegrenzte Ausdehnung. Wie den Anthropologen bekannt
18. Jahrhundert die füdie Beobachtung von Beobachtern charak- sein dürftekann alles als Kultur beobachtet werden (unabhängi
teristische Distanz. Die Beschreibung der Gesellschaft wird nun davon, ob es von denjenigen, die es praktizieren als Kultur gemeint
zum Problem (weil selbst diese auch anders ausfallen konnte). Anders ist oder nicht) und wird unter dieser Vorgabe mit dem Vertrauten
ausgedrücktDie Rhetorik stellte füdie gesamte vormoderne Welt die vergleichbar. Der Begriff der Kultur ist ausreichend unterdeterminiert,
Instanz dar, die mit der Selbstbeschreibung der Kommunikation bzw. um auf voneinander vollkommen unterschiedliche Realitäte (von
der Gesellschaft befasst war, wobei sie diese Aufgabe auf die statische den tribalen Riten bis hin zu formalen Organisationen, von den
Weise der topologisch und ontologisch auf Orte und Bilder gegrün Regeln der Etikette bis hin zum Inzestverbot) Anwendung finden
deten Organisation ausübteVon dieser Warte aus bedurfte man nicht zu könnengleichzeitig ist der Begriff in einem genügendeM d e
einmal einer expliziten Begrifflichkeit füdie Reflexion, wie etwa des wiedererkennbar, um eine einheitliche Perspektive zu liefern, die es
Kulturbegriffs, weil diese Form der Selbstbeschreibung nicht darauf gestattet, Vergleiche anzustellen.
angewiesen war, sich selbst zu beobachten. Sie fand so wie die ubrigen Die Ausrichtung an der Kultur dient genau dazu, Vergleiche anzu-
stellen: zwischen der eigenen Kultur und anderen Kulturen, wie fern
170 Eine Tendenz, die der Verbreitung des Buchdrucks und der damit in Zusammenhang und andersartig sie sich zu der eigenen auch immer verhalten mögen
stehenden Modalitädes Umgangs mit Texten offenbar nicht fremd ist. Währen und auch (in historischer Perspektive) Vergleiche der eigenen Kultur
davor die intensive Lekture der gleichen Texte (d. h. die wiederholte Lektüreprakti- mit sich selbst. Auch in dieser Hinsicht impliziert der Begriff einen
ziert wurde, geht man mit der Verfügbarkei übeeine größe Anzahl an Bücherzu
einer Art extensiver Lekture überbei der man sich durch unterschiedliche Texte
hindurchbewegt auf der Suche nach immer neuen Informationen (d. h. man stellt 171 Vgl. Luhmann 1 9 9 ~iggya,
; S. 880 ff.
Vergleiche an). Vgl. Luhmann 1997a, S. 294. 172 vgl. Luhmann 19971, S. 588; 2000, S.118.
historischen und gesellschaftlichen Relativismus, denn anfänglicwar angezeigt wird. Die Änderun besteht in erster Linie darin, dass
er an eine ethnozentristische Vorgabe und damit auch an eine Art Geschichte erstmalig empirische Besonderheiten und einzigartige Er-
Hierarchie geknüpftAlle Kulturen mussten, wie sehr sie sich unter- eignisse referiert, die nicht in der Lage sind exempla zu konstituieren,
einander auch unterscheiden mochten, früheoder spätein die Kultur sondern nur tradiert werden, weil sie erzähle erden."^ In Überein
einfließendie emphatisch als Zivilisation bezeichnet werden konnte. stimmung zu den Merkmalen von Kultur verwirklicht auch Ge-
Diese Vorgabe sollte sich allerdings gerade aufgrund der füden Begriff schichte eine Verdoppelung, die den Schwerpunkt auf die Ebene
kennzeichnenden Reflexivitäauflösendie die autologische Wende der Kommunikation, also auf die Beobachtung der Ereignisse verla-
praktisch erzwingt. Wenn alles als kulturelles ~ h à ¤ n o mbeobachtet
e gert. Der Begriff bezeichnet nämlic die Ereignisse selbst u n d deren
werden kann, gilt dies unweigerlich auch füdie Beobachtung der Bericht, wobei die zwei Ebenen dazu tendieren, ineinander iiberzu-
Kultur selbst, die in dieser Hinsicht keine privilegierte Position bean- gehen.177In dieser sozusagen ontologischen (oder die Ontologie auf-
spruchen kann. Doch handelt es sich bei dieser zirkuläreWendung lösenden Rolle der Beobachtung drücksich die Änderun des Ver-
um einen nachfolgenden
" Schritt, der das Ged'achtnismodell. das wir h'altnisses von Rhetorik, Geschichte und Moral aus. Die Ereignisse
gerade untersuchen, nicht betrifft. Von Interesse ist an dieser Stelle die verlieren ihren beispielhaften Charakter und sind daher nicht weiter in
neue ungebräuchlich Möglichkei des Vergleichs und die daraus der Lage, etwas lehren zu könnenLehren kann höchstender Bericht
resultierende semantische Organisation - das Archivmodell, das wir der Ereignisse. Die Identitäte werden mit anderen Worten nicht aus
weiter oben angedeutet haben. der Vergangenheit (mittels Identifikation - und damit mittels Wie-
Im Vergleich zu dem Universum der Rhetorik führdie neue derholung und Nachahmung) bezogen, sondern sie werden im Ver-
Orientierung tief geifende Veränderunge mit sich. Beispielsweise lauf der Beobachtung erst konstituiert - durch Distanzierung und
wird der Sinn füHistorie geboren.173 Trotz der verbalen Identitä ~Desidentifikationç~~ - d. h. durch Differenzen hindurch. Und diese
erfhrt der Sinn des historischen Rückgriffeine tief greifende Verän Differenzen (in der Zeit oder gegenübeanderen) werden eben durch
derung gegenübedem rhetorischen topos der ~HistoriaMagistra die Kultur bereitgestellt, durch die MöglichkeitVergleiche anzustel-
l ~in~ erster Linie, weil die Historie nichts mehr zu lehren
V i t a e ~- len.
hat. Die Wurzel füdie Vorstellung, nach der die Vergangenheit einen Man kann auch in einer anderen, dem Verlassen einer stratifizierten
erzieherischen Wen hat, war an eine Auffassung von Historie als einer Struktur der Gesellschaft nähereFormulierung sagen, dass die Orien-
Ansammlung von Beispielen gekoppelt, aus denen ein füimmer tierung sich von der Kontinuitäab- und der Neuheit zuwendet. Auf
gültigeWissen bezogen werden konnte: hoch geachtete Beispiele, paradoxe Weise sucht man nach einer Stabilitätsgarantigerade in dem
die Gegenstand der Nachahmung waren, im Rahmen eines Modells, Sachverhalt, dass Änderunge durchgesetzt werden. In dieser Hinsicht
das das des Metroön erneut aufbietet. Die Dokumente wurden auf- ist das Verhältni zur Neuheit kennzeichnend, das im Laufe des
grund ihres moralischen Wertes und ihres Wertes als Zeugnis aufbe- 18. Jahrhunderts eine tief geifende Änderun erfahrt und aus einem
wahrt, und nicht um in der Folge auffindbar zu sein. Von dieser Element der Störun und Devianz allmählic als Dynamik und
Konzeption von Historie (die jeglichen historischen Sinnes nach Fortschritt positive Wertungen erfahrt.179Auch hier spielt das Ver-
unserem Verständnientbehrt, denn bei den exempla handelt es sich hältnizum Gedachtnis offenbar eine Rolle. Man kann dies beispiels-
um außerzeitlichIdentitätengeht man um die Mitte des 18. Jahr-
hunderts zu einer anderen ~ u f f a s s u nüber
~ wie dies im Deutschen 176 Ein Gesichtspunkt, der von Celati 1975, S. 38 E,in Zusammenhang mit dem Ãœher
gang von der Fabel zur Fabulation behandelt wird.
durch den Gebrauch des neuartigen Begriffs der ~Geschichteç'~ 177 Koselleck 1979, S. 48, gibt die Formelvon Droysen wieder, fŸden >Geschichtenur das
Wissen ihrer selbst sei-.
173 Auf das Phanomen der Historisierung kommen wir detaillierter in Kap. IV 7 zurück 178 Vgl. Luhmann 199zh.
174 Ursprünglic steht hierfüCicero ein, füden der Redner in der Lage ist, die 179 Vgl. Luhmann 1995d; 1989b, S. 201 f.; Le Goff 1977, S. 137 ff.; Esposito 19990. Solange
Geschichte unsterblich zu machen, die das Leben lehrt. Ãœbeden Gegenstand der Wissen und Erinnerung (als Wiederholung) in eins fielen, konnte es sich bei Neuheit
Historia Magistra Vitae vgl. Koselleck 1979, S. 38-66. um nichts anderes als um Vergessen handeln: vgl, beispielsweise Francis Bacon, Essays,
175 Vgl. Koselleck 1979. LVIII: ~Salomonsaith. There is no new thing upon the earth. So thar Plato had an
weise an den Kunstwerken sehen, von denen man zuvor verlang hatte, von ihnen. Hieraus erkläre sich die Tendenz, sie miteinander zu
Staunen auszulösenum eben erinnerbar zu sein, währenman in der vergleichen, und die typisch moderne Konstruktion der Kritik."'
Folge nach OriginalitätVerschiedenheit und Besonderheit Ausschau Die Behauptung, dass es sich bei Subjektivitäum eine typisch
hältKunst muss in erster Linie neu sein - und man erinnert sie moderne Konstruktion handelt, bedeutet selbstverständlic nicht,
deswegen (bis zur nächste Neuheit). Die bindenden Zügwerden dass man in den vorangegangenen Zeiträume keine Singularitä
nun durch Instabilitäersetzt, die die Aufgabe
" erhältdie Unsicherheit gekannt hätteAuch in den ältesteGesellschaften unterschied man
zu absorbieren - so wie diese in den vorangegangenen Gesellschaften natürlicden eigenen Körpeund die eigene Perspektive (die eigene
von der Verfügbarkeigeteilter und nach stabilen Formen tradierter Geschichte und die eigene gesellschaftlichePositionierung) von denen
Repräsentationeabsorbiert wurde. Im Bereich der Gedachtnisfor- der anderen - obwohl man vermutlich keinen Unterschied machte
schune ., spricht man in einem diesem nahe stehenden Verständnivon
L
zwischen dem, was man fü sich und dem, was man fü die anderen war
der Opposition zwischen einem repräsentative Modell, d& darauf und daran auch kein Interesse hatte.lg4 Die Singularitägründet
zielt, ein vergangenes Ereignis zurückzubringen^und einem per- demnach nicht auf der Beobachtung zweiter Ordnung. Die Singulari-
formativen Modell, das sich vielmehr zur Aufgabe macht, dasselbe täeines Denkers wurde als Kraft und Feinheit seines Geistes zweifellos
Ereignis in einer ständineuen Gegenwart zu vkonstituieren~.~'~ Wie anerkannt und in den goßeGestalten der klassischen Autoren bis hin
auch die neueste Archivkunde tendenziell zugibt, ist das Modell des zu Thomas von Aquin und Petrarca geachtet. Sie wurden aber nicht
Archivs inhären~zukunftszentriert~.~'~ Die Bindung an die Vergan- dem undurchschaubaren Phänomeder Inspiration oder der gleicher-
genheit ist der Orientierung an der Zukunft untergeordnet, die maßeobskuren individuellen Imagination zugesprochen, sondern
Kontinuitä dem Bruch in Anbetracht eines Werdens, das sich vielmehr einer besonders ausgeprägteund ausgefeilten Fähigkeizur
von dem unterscheiden wird, was man schon kennt. Die auf dem Nachahmung. Wie wir bereits gesehen haben,lg5war die Nachahmung
Raum basierende Topo-Logik des divinatorischen und des rhetori- in der rhetorischen Konzeption weit davon entfernt, lediglich die
schen Gedachtnisses wird durch die auf Narration (bzw. auf Beob- sterile Reproduktion eines Modells zu sein, sondern sie war auf die
achtung) basierende Chrono-Logik des modernen Gedächtnisse besondere Struktur des entsprechenden Gedächtnisseangewiesen: als
ersetzt.18* eines reichen und ausgefeilten Repertoires an Ideen und Inhalten, aus
Das durch Kultur realisierte Gedächtnigündesomit auf der dem der einzelne Denker auf besonders einleuchtende und differen-
Beobachtung von Beobachtern und verdankt diesem Umstand die zierte Art und Weise schöpfe konnte.Ig6In diesem Sinne war In-
Mehrzahl seiner Eigenschaften - darunter zwei füdie moderne dividualitäimmer schon gegeben und auf die Natur rückführb - in
typische ))Syndrome((,die gewissermaßemiteinander korrelieren der ursprünglicheBedeutung von Individuum als etwas Unteilbarem
und beide aus der Auflösun des rhetorischen Modells der Nachah- und daher Einheitlichem. Die Bewertung der Verschiedenheit und der
mung resultieren (ohne dass schon die Zirkularitäder Autologie Einmaligkeit waren der positiven Bewertung der Moderne diametral
eingeführ worden wäre)Man beobachtet den Beobachter und ent- entgegengesetzt.lS7Das Individuum war nur insoweit interessant, als
deckt dabei seine Singularitäund Einzigartigkeit. Hieraus entsprin- es als Beispiel fungieren konnte, als möglicheObjekt der Nachah-
gen die Geburt des Individualismus und die viel diskutierte Konstruk- mung und des Kommentars - und eben nicht aufgrund seiner ein-
tion des Subjekts. Durch die Beobachtung der Pluralitä der zigartigen und unwiederholbaren Züge Auch die Bezugnahme auf die
Beobachter entdeckt man aber auch die Kontingenz jedes einzelnen
183 Individualismus und kritisches Bewusstsein konkurrieren im übrigemiteinander
Imagination, that all knowledge was but rernembrance, so Solomon giveth his bei der Begründundes modernen Begriffs der ÖfKntlicbkeitin dem sie zusammen-
sentence, that all novelty is but oblivion.~Auf die Frage nach der Neuheit kehren laufen.
wir ausführlicim nächsteAbschnitt zuruck. 184 Vgl. Luhmann 1984, S. 567. Siehe auch Luhrnann 198913.
180 Vgl. Wägenbau1998, S. 4 mit zusatzlichen bibliographischen Hinweisen. 185 Vgl. supra Kap, 3.6.
181 Vgl. Pomian 1992, S. 225. 186 Vgl. Carrurhers 1990; Eisenstein 1979, S. 121 ff.
182 Die Unterscheidung ist Beaujour 1980, S. 34, entnommen. 187 Vgl. Luhmann 1989b, S. 183.
Autoren diente letztlich der Anordnung der Inhalte (und erneut der des Subjekts postuliert und gleichzeitig beansprucht, diese zum Krite-
Erinnerung) und war nicht an sich von Interesse. Bei der Lektür rium der Kompensation der unweigerlich verloren gegangenen, ab-
klassischer Texte ging es nicht um die Erkundung der Gedanken des solut gültigeKriterien zu erheben. Die einzige Regel, die sich gegen
Autors, sondern nur um die Erkundung der wahren Erkenntnis, die sie das Subjekt (beachte, dass dabei alle Subjekte gemeint sind) durch-
enthielten - deshalb konnte ein Autor (in der rhetorischen Konzeotion setzen kann, besteht darin, dass es einzigartig und originell sein soll bis
als auctor) weder irren noch sich widersprechen, noch uneinig mit hin zu der Forderung nach einer individuellen Selbstverwirklichung.
einem anderen Autor sein.188Man könnt auch sagen, dass es sich Schlie§lic gelangt man zu dem typisch modernen Syndrom der
beim Autor um einen Text und nicht um eine Person handelte; massenhaften Verbreitung von Modellen von Einzigartigkeit, bei
entsprechend stimmte die intmtio auctoris tautologisch mit den Wör der die Massenmedien offenbar eine grundlegende Rolle spielen.
tern im Text überein.IsDie Schwierigkeiten der Interpretation be- Die Massenmedien machen eine anonyme Kommunikation möglich
zogen sich nur auf die Unverständlichkeides Textes und implizierten die füalle &ich ist, aus der sich füjeden die Möglichkeiableitet, sie
keinesfalls den Versuch, die Gedanken desjenigen zu rekonstruieren, auf einzigartige und persönlich Weise zu gestalten. Personalisierung
der den Text geschrieben hatte - analog gilt dies füKommunikation und Anonvmitäsind die zwei Seiten der gleichen
" Unterscheidung, ., die
insgesamt. Selbst der Begriff ~originalis~war von Einzigartigkeit und in erster Linie deswegen modern ist, weil sie notwendig auf der Ebene
Neuheit vollkommen abgekoppelt und bezog sich vielmehr auf den der Beobachtung zweiter Ordnung angesiedelt ist.
Ursprung als einer Primärquelleaus der die Kenntnisse entspringen. Der Übergan zur zweiten Ordnung ist wesentlich auch füdas
Originalitähatte nur insoweit eine positive Konnotation, als damit oben angedeutete zweite ~Syndromç der Entdeckung und Aufwer-
das Fehlen der auf Fehler in der Vermittlung und in der Ãœbertragun tung des kritischen Geistes. Im Universum der Rhetorik war Kritik
rückfŸhrbarKorruption bezeichnet wurde. nicht erforderlich. Es genügtder Kommentar - der Texte sowie aller
Ganz anders verhäles sich in Bezug auf die Auffassung der Mo- Phänomenedie nicht unmittelbar verständlic erschienen. Die Se-
derne, die die äugersmerkwürdigFigur der einzigartigen und un- mantik des K o r n m e n t a r ~gründet
~ ~ ~ auf der Vorannahme unerkkar-
wiederholbaren Individualitäkonstruiert, die aber gleichzeitig allen licher Mysterien, die geheim bleiben sollten. Dies schaffte auch die
Subjekten gemeinsam sein soll.190Die Bedingung füdiese Konstruk- Akzeptanz füobskure Texte (wobei es sich hauptsächlic u m heilige
tion ist die Beobachtung zweiter Ordnung, weil ein Individuum nur Texte handelte), die auf eine präzis und getreue Art u n d Weise
einem Beobachter als solches vorkommen kann.l9l Nur durch die vorgetragen, nicht jedoch begriffen werden sollten. Ihre Unverständ
Beobachtung von Beobachtern entdeckt man, wie wir bereits gesehen lichkeit war im übrigehauptsächlicdarin begründetdass sie einem
haben, die Besonderheit ihrer Perspektive; und diese Entdeckung Kanonisierungsprozess ausgesetzt wurden, der in einer unveränderli
basiert auf dem Vergleich und nicht aufWiederholung. Man entdeckt, chen Form fixierte, die von den konkreten Praktiken des tägliche
dass der Beobachter sich selbst anders wahrnimmt als der Beobachter, Lebens immer weiter entfernt war - der sie somit der Èmouvance
der ihn beobachtet - und wenn der Beobachter dann sich selbst entzog,193und der in schriftlosen Gesellschaften die beständigAk-
zuwendet, entdeckt er seine eigene Einzigartigkeit und kann diese tualisierung der Texte durch ihre permanente Neueinschreibung unter
nur reflexiv begründenHierin besteht die viel diskutierte selbstrefe- Garantie stellte. Diese Texte wurden aber nicht kritisiert, sie wurden
renzielle Operation des kartesischen cogito. Das den Aporien der nicht einmal in einem modernen Sinne interpretiert, sondern sie
Subjektivitäzugrunde liegende Problem besteht in der mangelnden waren Gegenstand von Kommentaren, die ihr Geheimnis bewahrten
Radikalitädieser Konstruktion, die die selbstreferenzielleFundierung und respektierten - unter diesen Bedingungen stellten Text und
Kommentar sogar einen zirkuläreProzess dar, der sich selbst begrün
188 Vgl. Minnis 1988, S. 36. Vgl. auch Bmhes 1970, Kap.A.6. i. dete. Nur bei einem Text, zu dem es auch Kommentare gab, handelte
189 Vgl. Carruthers 1990, S. 190. In Bezug auf die ~fonctionauteurà siehe natürlic
Foucauk 1969.
190 Vgl. Luhmann igpya, Kap. 5.XIII. 192 Dies wird von Foucadt 1996 und insbesondere von Assmann 1995a bestätigt
191 Vgl. Luhmann 1985a, S. 423; 1992h. 193 Ein Begriff von Zumthor 1983.
es sich um einen Text im eigentlichen Sinne. Mit dem Buchdruck Entwertung der Gegenwart,19' die als Ãœbergangszeiangesehen wird,
dehnt sich das Verbot der mouvanceauf alle Schriften aus (bei denen es als Etappe, die zu einer besseren Zukunft führesollte. Diese utopi-
sich nun grundsätzlicimmer um Texte handelt), ohne die damit stische Projektion auf die Zukunft - die sich in der naivsten Art in dem
einhergehende Ausdehnung des ihr zugrunde liegenden Mysteriums, Vertrauen auf den Fortschritt ausdrücktauf eine subtilere Weise
das vielmehr entmachtet wird. Daraus resultiert eine Hypertrophie des jedoch in der kritischen Orientierung allgemein gegenwärti ist -
Kommentars, die sich in der Kritik ausdrücktdie allerdings des enthülldie ontologischen Residuen an der Basis dieser Anlage. So-
heiligen Fundaments (und das heißtder Notwendigkeit) der klassi- lange nicht eine autologische Wende stattfindet, wird Kritik an sich
schen kanonischen Texte entbehrt. tendenziell als etwas Gutes gewertet - wie sich dies gerade irn Bereich
Es fehlen deshalb Kriterien füdie Lenkung der Auseinanderset- der Soziologie durch die Verbreitung und anhaltende Attraktivitävon
zung mit den Texten - und allgemein mit den Kommunikationen -, Herangehensweisen zeigt, die sich als kritische Theorie der Gesell-
die man mit der negativen Ausrichtung der modernen Kritik ersetzt. schaft ausgeben.198Kritik ist aber nur insoweit überzeugendals man
Bei Kritik handelt es sich nämlic keineswegs um einen neutralen annehmen kann, dass derjenige, der kritisiert, oes besser weißund sich
Begriff, wie dies der Kommentar einfach sein kann, der sich im nicht darauf beschränktzu beobachten, was andere Beobachter sehen
Positiven oder Negativen darauf beschränktdie Merkmale einer oder nicht sehen (was an sich völli neutral wäre)sondern die
Kommunikation zu diskutieren. Der Vorstellung der Kritik ist eine Bedingungen beobachtet (die kapitalistische Gesellschaft, das Unbe-
negative Komponente implizit, und es ist gerade diese, die - merk- wusste), die es ihnen verunmöglichendie vermeintlich richtige Be-
würdigerweis- ihre Attraktivitäund Überzeugungskrafbegründet schreibung zu sehen. An der Wurzel steckt im Grunde immer noch die
Die negative Kritik verschafft sich eine Selbstrechtfertigung,indem sie Selbstre~htferti~ung des Neuen, die auf eine in der Regel unreflektierte
.selbst kritikabel bleibt194und daher der Kritik ausgesetzt werden kann Weise zu der Behauptung führtdass die Alternative an sich schon
(und dies sogar müsste)Diese merkwürdigKonstellation (von der besser ist als das, was man schon hat.
man nicht genau versteht, weshalb sie Kritik annehmbar machen
sollte) entspricht einer füdie moderne Semantik charakteristischen
Zweideutigkeit, die vor allem dazu tendiert, sich selbst zu negieren195 6. Massenmedien: die Strukturen des
und dafü(in Konformitämit der chrono-logischenAusrichtung der modernen Gedächtnisse
in Kultur ausgedrückteSemantik) auf die zeitliche Dimension zu-
rückgreiftDaraus resultiert ihre charakteristische Aufwertung von Wie wir bereits in Kap. IIi,6 gesehen haben, werden von der Rhetorik,
Neuheit und der Suche nach ihr. In der modernen Gesellschaft wird und dabei insbesondere von der ars memoriae, Strukturen bereitge-
das Neue als solches in Form einer ~semantische(n)Hypertrophie der stellt, die das Gedachtnis der vormodernen Gesellschaften in Gang
V a r i a t i o n ~gesucht,
l~~ die der Hypertrophie der Kritik entspricht und setzten: die Technik des Umgangs mit Redundanz, die in erster Linie
zu den paradoxen Phänomene der Suche nach dem Neuen um des auf die Steigerungder Fähigkeitzu erinnern, ausgerichtetwar. Welche
Neuen willen führt wie dies etwa - auf besonders einsichtigeWeise - Instanz erfüll diese Aufgabe füdas Kulturmodell? Es kann sich dabei
bei der Ausrichtung an der Mode geschieht. Nur eine neue Neuheit nicht um eine Technik handeln, im klassischen Sinne definiert als
kann das Neue, gerade weil es sich ändertrechtfertigen. etwas, das man lehren kann, weil sie nicht mehr an Individuen
Das Kennzeichen der Moderne besteht damit in der ständige gerichtet ist, sondern auf die Ebene der anonymen und unpersönli

197 Zum Beispiel verliert die Beschreibungder Gegenwart an Glaubwürdigkeiund wird


194 Vgl. Luhmann 19800, S. 222. Im Grunde handelt es sich um dieselbe Konfiguration, aufeine etwas verächtlichWeise den Journalisten überlassen
Die ~wahreÃGeschichte
die der ~Positivierung~
der Bezügin den verschiedenen Funktion~s~stemenzugrunde kann nur nach Ablauf einer gewissen Zeit bestimmt werden, wenn man genügen
liegt. Distanz gewonnen hat und damit eine kritische Haltung einnehmen kann: vgl.
195 V&. beispielsweise Le Goff 1977, S. 161. Koselleck 1979, S . 335.
196 Luhmann 1997a, S. 472. 198 Vgl. Luhmann 19973, S. 1115 ff.
chen Kommunikation angesiedelt werden muss - bei der es, streng befasst ist, ist gemä der Theorie von Luhmann das System der
besehen, nichts mehr zu lehren gibt (wem auch?). Es muss sich deshalb Massenmedien: das System, das Kommunikationen einschliegt und
um etwas radikal anderes handeln, das im übrigenda es an dem reproduziert, die eine Unterbrechung der Interaktion unter Anwesen-
Modell des Archivs orientiert ist, in erster Linie dem wirkungsvollen den unter der Bedingung von Anonymitävoraussetzen - d. h. die
Vergessen und nicht der Erinnerung dienen muss. gedruckten Texte, das Radio, das Kino, das Fernsehen. In Bezug auf die
Ü begreiflich zu machen, inwiefern es sich dabei trotz allem noch Aufgabe der Lenkung und Kontrolle der Weltkonstruktionen, die eine
um Gedächtnihandelt, kehren wir auf einen der Aspekte unserer Orientierung der Kommunikation ermöglichenkönne die Massen-
Definition zurück bei der wir behauptet haben, dass das Gedächtni medien als Ersatz füdie Rhetorik angesehen werden. Darin besteht
einer Kohärenzprüfu der Operationen eines Systems (füdie Ope- eben ihre F u n k t i ~ n : in
~ ~der
' Schaffung einer nzweitenÃRealitäim
rationen des Systems selbst) dient.199Falls die Kohärenzprüfu er- Sinne eines Hintergrundwissens, das als selbstverständlicgegeben
folgreich verläufterzeugt sie eine Realität.20Dabei wird Realitäin vorausgesetztwerden kann und von allen geteilt wird, die (aktuell oder
einem konstruktivistischen Sinne als Korrelat der Ooerationen be- potentiell) an Kommunikation partizipieren. Man kann sich auf die
griffen, das sich dann ereignet, wenn die Inkohärenzeabgeschafft Tagesnachrichten, auf Fernsehsendungen, auf Roman- oder Filmfi-
sind und ein Apparat von Unterscheidungen erzeugt wird, die sich guren oder einfach auf Modetendenzen beziehen und davon ausgehen,
untereinander koordinieren und gegenseitig bestätigenwie etwa die dass die anderen verstehen, worübeman spricht - und deshalb
Raumdimension als Bereich, der das Fehlen von Widersprüche Antworten geben und die Kommunikation fortgesetzt wird. Die
garantiert. Was sich an einem Ort befindet, kann nicht zugleich auch Funktion der Massenmedien besteht mit anderen Worten darin.
an einem anderen Ort sein. Die Konstruktion der Realitäkann mehr Bedingungen füdie Fortsetzung von Kommunikation zu schaffen,
oder weniger abstrakt ausfallen, zunächsje nach Varietätserfordernis die ihrerseits nicht jedes Mal von neuem kommuniziert werden
Sen, die von einem System nach und nach mit der Steigerung - -
der müsse(indem man immer wieder von neuem beginnt), sondern,
eigenen Komplexitäausgedrück werden, bis man zu der modernen wie der Apparat der loci bei der Rhetorik, als füalle gemeinsame Basis
Verdoppelung der Realitäin eine reale und in eine fiktive Realitä diesem Sinne stellen die Massenmedien die Inhalte bereit,
kommt, die, wie wir gesehen haben, der füKultur charakteristischen aus denen sich das Gedächtnider Gesellschaft speist, allerdings tun sie
Verdoppelung entspricht. Es resultiert eine intern extrem ausgefeilte dies auf eine Weise, die fiir Kontingenz und Beobachtung zweiter
Beschreibung der Welt, die im Vergleich zu der einzigen, konkur- Ordnung Raum lässtDarum handelt es sich um eine zweite Realitä
renzlosen Welt der rhetorischen RepräsentationfüKontingenz und und darum bedarf man einer Kohärenzpr~fun~ die derart abstrakt
individuelle Verschiedenheit, die sie in jedem Fall zu Kohärenzmo gehalten ist, dass sie in ihrem Inneren eine gedoppelte Realitäer-
dellen koordinieren kann, viel mehr Raum lässtIm Inneren der zeugen kann. Bei der von den Massenmedien bereitgestellten Realität
fiktiven Welt oder der Transzendenz hat nicht alles eine Gültigkeit die im übrigein einer Gesellschaft, bei--der auch die Unmittelbarkeit
sondern es herrschen äußer restriktive Regeln, mit deren Hilfe die eine Konstrtktionjst, die einzig verfiigbare Realitädarstellt, handelt ,
inkompatiblen Möglichkeitejedes Mal neu ausgeschlossen werden es sich um eine nicht-konsenspflichtige Realitätdie sich auf die Mei-
könne - obwohl dabei auch höchsunwahrscheinliche Konstruk- nungen der Beteiligten nicht verbindlich auswirkt und diese deshalb
tionen zugelassen werden, wie etwa die Experimente der Kunst oder daraus auch nicht ableitbar sind. Dass eine größe Anzahl an Personen
die Hypothesen der Wissenschaft. Der Preis ist natürlicder Verzicht darübeBescheid weig, was in den Massenmedien gesagt wird, be-
auf das Erfordernis eines Kohärenzkriteriums das auf dem Fehlen von deutet durchaus nicht, dass sie auch dasselbe denken - es verhälsich
Widersprüchebasiert. sogar derart, wie wir bereits gesehen haben, dass die Anonymitäder
Die Instanz, die mit dieser extrem abstrakten Form von Kohären Konstruktion einen Anreiz fŸ Distanzierung und fiir die Konstruk-
tion einer originellen Haltung bietet (die allerdings nur unter der
199 Vgl. supra Kap. I. 3.
200 Vgl. Luhrnann 1995a, S. 21 ff. 201 Vgl. Luhrnann 1995a, insbesondere S. 120 ff. und 164ff.
Vorgabe der Konformitäder Ausrichtung an die Medien als Devianz von persönlic bekannten Personen, unter denen die Kommunikation
gilt). Um abzuweichen, muss man die Bezugsrealitäkennen und in im übrigeselten übedie Medien läuft)Es geht darum, die Ver-
diesem Sinne entkommt man der von den Massenmedien aufgebo- einzelung jedes Einzelnen in einer isolierten Welt zu vermeiden und
tenen Realitätskonstruktionicht. die Beziehung zur Welt der anderen zu ermögliche(wie anders und
Jedenfalls macht die Asymmetrie der nicht-interaktiven Kommu- unzugänglicdiese auch immer ist). Die Rhetorik, die das Problem der
nikation eine Realitätskonstruktiomöglichbzw. erzwingt sie auch, Anonymitänicht kannte, verwirklichte eine Form von Generalisie-
die nicht von dem abhängtwas die einzelnen (und unerreichbaren) rung, die an Identitä ausgerichtet war. Die Helden, Werte und
Personen denken und glauben, sondern nur von dem, was sie wissen. Kriterien der rhetorischen Geographie galten als allgemeine MaßstÃ
Es handelt sich um eine unvollständigForm der Beobachtung zweiter be, weil sie fur alle gleich waren - sie waren in dem Sinne generalisiert,
Ordnung, bei der man, indem man die Massenmedien beobachtet, als sie generell galten. Das Modell bestand offenbar in einer hypo-
zugleich beobachtet, was die anderen beobachten, allerdings nicht, wie thetisch auf alle ausdehnbare Interaktion. Dagegen muss die anonyme
sie dies beobachten - es ist dies dennoch eine Form von Beobachtung, Welt der Massenmedien mit Differenzen rechnen, die nicht akziden-
die nicht begriffen werden kann, solange man sich auf der Ebene der tell, sondern konstitutiv sind und sie besteht daher nicht aus Identi-
Beobachtung erster Ordnung befindet. Im Falle der Massenmedien tätensondern aus Distinktionenzo4- also nicht aus vollständige
impliziert die kommunikative Kompetenz die Angewohnheit, alles, Formen, sondern aus Diskontinuitätendie die Aufmerksamkeit auf
was gesagt wird, auf die Mitteilung von jemandem, wie anonym und sich ziehen und fesseln, obwohl sie formal leer sind. Zwei Beobachter,
unzugänglicauch immer, zu beziehen.''' Deshalb misstraut man die dieselbe Unterscheidung beobachten, beobachten damit nicht das
auch den Nachrichten, weil sie nicht objektiv genug sind; deshalb häl Gleiche, sondern lediglich die gleiche Beobachtung Was die Betei-
man die Ereignisse der Romane (wie realistisch auch immer) nicht fŸ ligten an massenmedialer Kommunikation miteinander teilen und
reale Geschehnisse; und schließlicfunktioniert deshalb die Werbung. beobachten, sind nur Unterscheidungen - und die Beobachtung einer
Der Sinn der Werbung besteht gerade darin, dass man weißdass sie Unterscheidung positioniert sich sogleich auf der Ebene der Beob-
auch von anderen angesehen wird. Sowohl der Manipulationsverdacht achtung zweiter Ordnung. Daher bedeutet die Partizipation an der
als auch das sichere Bewusstsein von der Fiktion setzen wie insgesamt Kommunikation der Massenmedien unweigerlich die Beobachtung
die von den Massenmedien konstruierte Realitädie Beobachtung von Beobachtungen.
zweiter Ordnung voraus.203 Die leitenden Unterscheidungen massenmedialer Kommunikation
Diese Offenheit fŸ Kontingenz wird durch die besonderen Struk- sind in der sozialen Dimension die Konflikte (mit der dazugehörige
turen der Massenmedien ermöglich(womit wir auf die Strukturen des Unterscheidung dafürldagegen die es gestattet, eine Information ZU
modernen Gedächtnissezu sprechen kommen), die die Konstruktion kommunizieren, ohne sich füdie eine oder andere Seite entscheiden
einer Welt zulassen, die den Beteiligten zugleich gemeinsam und nicht zu müssen)in der materiellen Dimension die Quantitäte (mit der
gemeinsam ist. Es handelt sich um eine paradoxe, geteilte Kontingenz dazugehörige Unterscheidung mehrtweniger, die beinahe auf alles
- die gerade, weil sie auch anders sein kann, die Teilung von Inhalten angewendet werden kann und es fast immer gestattet, ein Ereignis
untersagt. Die Schwierigkeit besteht offenbar darin, einen gemein- ausschlie§lic auf der Basis von Diskontinuitäzu konstruieren: etwa
samen semantischen Horizont unter der Bedingung aufrechtzuerhal- Börsendate oder Ergebnisse des Sports), insbesondere aber die Neu-
ten, dass die in Frage kommenden kommunikativen Partner keinen heiten der zeitlichen Dimension (mit der dazugehörige Unterschei-
Kontakt miteinander haben und genau wissen, dass sie einen solchen dung vorherlnachher). An der Wurzel aller Diskontinuitäte steht
auch nie haben werden (ausgenommen sind die winzigen Sektoren nämlicder Zwang zur Neuheit, der alle Bereiche der Massenmedien
~infiziertÃund die Grundlage ihrer Funkti~nsfihi~keit bildet. Die
202 Hinsichtlich der Anonymitäder Quellen (der Agenturen) und der graduellen Auf-
lösunder Zuschreibung von persönlicheVerantwortung füdie Nachrichten siehe übermittelteOrientierungen gelten trotz des ~Gesetzesà der Kontin-
zum Beispiel Pool 1983, S. 93 f.; Wolf 1985, S. 232 ff.
203 Luhmann 1995s' S. 15zff. 204 Vgl. Luhmann 199oh; 1997a, S. 1099 f.; Weaver 1976.
genz, weil man weißdass sie sich änderwerden, und weil sie sich so lichkeit, zu einem Zeitpunkt, da das Bewusstsein füdie Wahrheit der
präsentierenals wäresie anders als die vorangegangenen. Im Grunde Fiktion noch nicht verbreitet war, anzuzeigen, dass seine Arbeit wahr
muss man hier auch die Wurzel der ~Chrono-LogikÃder Kultur und unwahr zugleich war. Dieselbe relative Gleichgültigkeigegen-
suchen: in der Operationalisierung der Zwangsläufigkeider Kontin- übedem Wahren und Falschen findet sich auch im Journalismus: ein
genz. Das Anliegen des Gedachtnisses als eines Archivs besteht, wie wir Ereignis erhäldie Qualifikation als Nachricht nicht in erster Linie,
gesehen haben, in erster Linie darin, möglichswirkungsvoll und weil es wahr ist (eine Unzahl wahrer Umständverdienen es nicht, in
schnell zu vergessen - mit einem entsprechenden Zuwachs der Fä den Zeitungen erwähnzu werden, währen eine Unwahrheit - ein
higkeit zu erinnern. Dieses anspruchsvolle Vergessen wird durch die Dementi, ein Irrtum - oft Nachricht machen kann), sondern haupt-
Orientierung an Neuheit realisiert, die gerade den Aspekt darstellt, der sächlichweil es neu ist - wie dies durch den Begriff der nnewsÃschon
fŸ die Akzeptanz der Ausdifferenzierung der ))zweiten(<Realitäder angezeigt ist. Darin besteht auch das anfangs am schwersten zu
Massenmedien gesorgt hat, die gerade dabei war, eine eigene Auto- akzeptierende Merkmal. Vor der Verbreitung einer vollends autono-
nomie zu gewinnen. men Presse (die so genannten npenny papersçdie sich durch Ver-
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bestand das Problem nämlic kaufszahlen und Werbung selbst finanzierten) schien es unmoralisch,
darin, dass die neuen spezifischen Kommunikationsformen des Buch- Nachrichten nur deshalb zu suchen und zu veröffentlichenweil sie
drucks voneinander unterschieden und zugleich gerechtfertigtwerden neu waren. Doch es ist gerade diese ausschließliczeitliche Orientie-
mussten. Man musste es schaffen, den ausdrücklicfiktiven modernen rung207(man denke nur an Namen wie Times, DieZeit oder Ähnliche)
Roman von den vorangegangenen Formen des Epos und der romance die dem Journalismus die Autonomie von Vorgaben anderer - poli-
zu unterscheiden, und man musste fü einen Journalismus eine Recht- tischer, religiöseoder moralischer -Art ermöglichtNeuheit gedeiht
fertigung finden, der die nicht sonderlich erinnerung~fähi~en insbe- zum Wert und zum Kriterium der Produktion von Nachrichten. Man
sondere aber nicht notwendig wiederholbaren Ereignisse des Tages erwartet, dass man sich deshalb fŸ die Nachrichten interessiert (und
referierte.205
Weshalb sollte man sich füerfundene Geschichten inter- diese darum auch kauft), weil sie neu sind, und sie werden aus der
essieren, ohne sie einfach als Lügeabzutun, weshalb sollte man sich Masse der Ereignisse eben aufgrund ihres Charakters der Neuheit
auch insbesondere füsingulärEreignisse ohne exemplarischen Wert ausgewahlt. Die zentrale Position im komplexen Apparat, die eine
noch moralischer Bewertung interessieren?Davor wurden beide Be- Orientierung bei der Produktion von Nachrichten bietet,208wird von
reiche durch eine einzige Form abgedeckt: der Form der epischen der Vorgabe eingenommen, dass die Nachrichten neu sein müssen
ErzählungenUnd in beiden Fälle scheint gerade das Element der Die Zeitung vom Vortag interessiert eben nicht mehr. Dieser an sich
Neuheit von entscheidender Bedeutung gewesen zu sein, das sich höchsunwahrscheinlicheZwang zur Veränderunist einer der grund-
anfangs in der undifferenzierten Form der ~Matrixnews/novelçzo legenden Kriterien fŸ journalistische Kommunikation. Es gestattet
dargeboten hat. In England, wo die Form des Romans entstanden beispielsweise, dort Nachrichten zu sichten, wo davor niemand etwas
ist, wurde es mit dem Begriff der ~novelÃbezeichnet: mit einem Besonderes gesehen hättedas heißin tägliche Ereignissen, die
Begriff, der gerade den Sachverhalt unterstreicht, dass dabei, anders deshalb in einem anderen Licht erscheinen - als alltäglichaber darum
als bei den romances, kürzlicgeschehene Ereignisse behandelt wurden noch nicht als vertraut, wie die Figuren des modernen ~realistischenÃ
- ebenso wie bei dem entstehenden Journalismus. Die Näh der Romans. Es ermöglichauch die Erzeugung spezieller, füden Journa-
beiden Genres kann man an der exemplarischen Figur von Daniel
Defoe ersehen, der als Journalist gearbeitet hat und seine ersten 207 Weaver 1976sprichtvon ~rwo-foldcontemporaneityÃals Ècurren (present) account of
phantastischen Erzählungeals Berichterstattungen realer und prak- current (present)eventsçDebray 1992, S. 296, gemäwar es eben der Buchdruck, der
tisch zeitgleicher Geschehnisse vorgestellt hat. Es war dies eine Mög die ~BizarrerieÃder Aktualitäerfunden hat.
208 Die nebenbei auch andere Faktoren berücksichtigen etwa die Adäquatheiin Bezug
auf das Format der Sendung oder der Zeitung, die Verfügbarkeiübeeffektvolle
205 Vgl. Schudson 1978. Bilder, die Beteiligung von sichtbaren Personen, geographische und kulturelle Näh
206 Vgl. Davis 1983. usw.: vgl. beispielsweise Wolf 1985, S. 200 ff.
lismus charakteristischer npseudo-eventsçNachrichten, die einfach füInformation als einer fixen Entitämit einer eigenen Identitäund
dem Sachverhalt entspringen, dass es (noch) keine Nachrichten (es ist einem eigenen Wert, die von System zu System übertragewerden und
keine Erklarung abgegeben worden; die Zahl 19 ist im Lotto noch füalle dieselbe Gültigkeihaben kann, aus. Information wird im
nicht erschienen), Interviews oder Ähnliche 0 ribt. Gegenteil zu einem eng an ein System gebundener Begriff, dem sie,
Damit haben wir aber noch nicht gezeigt, wie es die Massenmedien ausgehend von einem mehr oder weniger indeterminierten Repertoire ='
schaffen, einen Schaltkreis unendlicher Produktion von Neuheit zu- an Möglichkeitenbestimmte Selektionen vorzunehmen gestattet.211
stande zu bringen, noch, weshalb Neuheit an sich zu einem Motiv von Bei der Information handelt es sich bereits, wie Luhmann im An-
Interesse werden sollte. An dieser Stelle kommt der Begriff der Infor- schluss an eine Definition von Bateson behauptet, um na differente
mation ins Spiel, der in der modernen Semantik eine derart zentrale which makes a differenceç.21d. h. um eine Unterscheidung, die in
Bedeutung eingenommen hat, dass er als charakteristisches Element einem System Eingang findet und in seinem Inneren eine Kaskade
unserer Gesellschaft angesehen wird. Der Erfolg von Wendungen wie weiterer Unterscheidungen produziert, die der Anpassung und Regu-
die der ~Informationsgesellschaft~liefern hierfüden Beweis. Den lierung dienen. Daher kann die Information auch nur ein einziges Mal
Ausgangspunkt dieses Interesses füInformation bildet wiederum die funktionieren. Wenn sie wiederholt wird, erfordert sie keinerlei An-
zunehmende Distanzierung von der Interaktion. Die Entfernung von Passungen, außediejenige, die dem Motiv ihrer Wiederholung (d. h.
dem unmittelbaren Kontext und die wachsende Distanz von Kom- einer anderen Information) gelten. Darum gilt sie auch immer nur fü
munikation erhöhedie relative Bedeutung der Informationskompo- ein bestimmtes System und füseine Operationen, die diese aufneh-
nente im Verhaltnis zur Mitteilungskomponente der Kommunika- men und dazu verwenden, sich selbst zu modifizieren. Bei der Infor-
tionZo9- auch dies bildet, außeim Vergleich zu den Strukturen der mation handelt es sich mit anderen Worten nie um eine von auße
Schichtung, auch im Vergleich zur Rhetorik einen Unterschied. Die vorgegebene Modifikation (die füalle gleich ausfallen könnte)son-
persuasive Komponente (wie man spricht und in welchem Maßman dem eher um eine ))Bestimmungzur S e l b s t b e ~ t i m m u n ~um
à §eine
,~~
den Gesprächspartnezu involvieren in der Lage ist) und die an Unterscheidung, die den Anreiz füdie Produktion weiterer Unter-
Stratifikation gekoppelten Komponente (wer spricht und welche scheidungen gibt, allerdings auf der Basis bereits vorhandener Struk-
Autoritäbesitzt er?) zähle immer weniger, währen sich die Auf- turen, deren Anlage respektiert werden muss. In dieser Hinsicht ist die
merksamkeit immer stärkedarauf richtet, was man zu sagen hat: das Information fŸ jedes System, das sie als solche wahrnimmt, zumin-
muss nun interessant und damit in erster Linie informativ sein. dest teilweise verschieden.
Was aber ist Information wirklich? Dem Begriffist einMoment von Die Behauptung, dass die Information eine Ãœberraschun darstellt,
Ãœberraschun implizit. Eine Kommunikation ist dann informativ, entspricht der Behauptung, dass sie eine Neuheit ist,2I4genauso ent-
wenn sie überraschenwirkt, daher hat eine wiederholte Nachricht spricht die Behauptung, dass ein System mit der Verarbeitung von
auch keinen informativen Wert. Diese Komponente ist auch der Informationen befasst ist, der Behauptung, dass es an eine beständig
Definition von Information der Kybernetik implizit, die sie in einer Produktion und Transformation von Neuheit gebunden ist. Dies ist
negativen Terminologie quantifiziert.210Die Information ist umso im Wesentlichen das, was das System der Massenmedien Luhrnann
größe je mehr Alternativen sie ausschließ- wobei sie diesen Effekt g e m a auch tut und was auch die zentrale Rolle von Neuheit in der
nur ein einziges Mal haben kann. Außerde kann sie nur auf ein entsprechenden Semantik erklärtDer Code der Massenmedien ist
bestimmtes System diesen Effekt ausüben da nicht gesagt ist, dass das,
was füein System informativ ist, auch füein anderes interessant sein
211 Vgi. Luhmann 1984, S. 103, S. 195 ff.; 19973, S. 1088ff. Von Foerster 1972: ~ T h e
muss, das die in Frage stehende Nachricht unter Umstände bereits Information associated with a description depends on an observer's ability to draw
kannte. Dies schließ jede Möglichkeieines ))objektiven((Maßstabe inferences from this description.<.
212 Bateson 1972. S. 315.
213 Vgl. Luhmann 1984, S. 103.
209 Vgl. Luhmann 1997a, S. 1091. 214 Es versteht sich von selbst, dass nicht jede Neuheit gleicherrnaRen informativ ist,
210 Vgl. beispielsweise Bateson 1972, S. 3 1 ~ . gerade deshalb bedarf man aber eines MaRsrabes füInformativirät
eben die Unterscheidung von Information und Nichtinformation. Massenmedien die immense Redundanz sicher, die füden Fortgang
Der Code dient in einem Kommunikationssystem dazu, die eigene von Kommunikation unter vorwiegend nicht-interaktiven Bedingun-
Einheit festzulegen und zu bewahren. Vorausgesetzt, dass es sich bei gen notwendig ist: eine Kommunikation, die nicht auf Ãœberzeugun
I der Gesellschaft um das System handelt, das alle Kommunikationen gen (den antiken Meinungen der Rhetorik) gündet sondern lediglich
umfasst (und dessen Code man deshalb mit der Unterscheidung von auf der Annahme, dass man informiert sei216(auf dem neuen Sinn fŸ
Information und Mitteilung zusammenfallen lassen könnte)könne Öffentlichkeit)Was geteilt wird, sind also lediglich Informationen,
sich in seinem Inneren weitere soziale Systeme ausdifferenzieren, die die insofern das Gedächtni konstituieren, als sie erinnert werden
übeeine eigene Identitäverfügensofern sie in der Lage sind, eine müssenweil sie dazu erforderlich sind, neue Informationen zu ver-
Grenze aufrechtzuerhalten, die darübebestimmt, was zum System stehen. Da es aber zur Natur der Information gehörtsich unmittelbar
gehör und was nicht, um dadurch eine rekursive Produktion von in Nichtinformation zu verwandeln, ergibt sich daraus der Zwang, die
Kommunikationen, ausgehend von weiteren, im Inneren desselben 'verfallenenà Informationen beständidurch neue Informationen zu
Systems befindlichen Kommunikationen, in Gang zu setzen. Dafü ersetzen und daher zu einem ständigeVergessen (das die Bedingung
benötigman einen Code: eine spezifische Unterscheidung, die die füdas Funktionieren des Gedächtnissedarstellt). In dem Moment
Operationen eines - und nur dieses - Systems leitet und sie so er- nämlichin dem eine Information mitgeteilt wird, verliert sie (weil sie
kenntlich macht. Sie ermögliches, dieselben Operationen zu einem nicht wiederholt werden kann) ihren informativen Charakter, selbst
rekursiven Netz von Unterscheidungen zuverbinden, die auf der Basis wenn sie ihren Sinn behältWenn sie als Wert des Codes verwendet
vorangegangener unterScheidungen operieren und ihrerseits weitere wird, der Instanz also, auf die die Reproduktion der Operationen des
Unterscheidungen derselben Art erzeugen. Dies gilt fŸ die Mehrzahl Systems basiert, bedeutet dies auch, dass füdie Fortsetzung der
der Funktionssysteme der modernen Gesellschaft: füdie Wissen- Operationen die unmittelbare Erzeugung neuer Informationen er-
schaff (mit dem Code wahrtunwahr), fŸ die monetär Wirtschaft forderlich ist. Deswegen hat der Code auch zwei Seiten. Die Infor-
(mit dem Code Zahlenlnicht Zahlen), füdas Recht (mit dem Code mation wird nicht nur (und nicht hauptsächlich deswegen ständi
Rechttunrecht), füdie Politik (mit dem Code RegierungIOpposi- von Nichtinformation begleitet, weil die Bezeichnung von etwas als
tion), füdas Gesundheitssystem (mit dem Code GesundheittKrank- informativ die ~ufmerksakkeitvon allem anderen abzieht (was der
heit) und so fort. Alle diese Codes könne tatsächlic auch als reinen Selektion entsprächund daher sicher nicht massenmedien-
Erzeugung und Verarbeitung von Information angesehen werden spezifisch wäre)sondern radikaler, weil die Reproduktion der Ope-
(der Begriff ist ja auch Bestandteil der Definition von Kommunika- rationen Information ständi in Nichtinformation - Erinnern in
tion). Die Besonderheit des Systems der Massenmedien (und des Vergessen - umwandelt. Dies geschieht erst, seit es die Massenmedien
dazugehörige Codes) besteht darin, dass nur hier diese Unterschei- gibt. Das Gedächtnider Massenmedien !gründe auf einer konstitu-
dung reflektiert und dazu verwendet wird, zu erkennen, welche In- tiven Instabilitä- die nur durch das Wissen kompensiert wird, dass es
formationen zum System gehöreund welche nicht. Nur hier dient die am folgenden Tag eine neue Zeitung und neue Sendungen geben wird:
Unterscheidung Information/Nichtinformation explizit als Code. daher auch die Wichtigkeit von Kontinuitäund Serienmä§igkei die
Dieser Umstand und der auf spezifische Weise radikale Charakter den Eindruck erwecken, die Welt auf kontinuierliche und regelmagige
des Codes des Systems der Massenmedien haben offenbar mit seiner und daher zuverlässigWeise kommentieren zu können.21
spezifischen Funktion als Gedachtnis der Gesellschaft insgesamt zu Die Behauptung, dass ein System selbst darübebestimmt, was es
tun. Die Massenmedien sind es, die jeden Abend und jeden Morgen als Information handelt, bedeutet sicher nicht, dass dies auf willkür
beschließenwas gewesen ist und was man sich füdie Zukunft zu liche Art geschieht. Im Gegenteil sind Kriterien zur Eingrenzung eines
erwarten hat,'15 was vergessen wird und was erinnert werden soll. potentiell informativen Bereichs und füden Ausschluss von Möglich
Gerade durch die Verbreitung geteilter Informationen stellen die
216 Vgl. Luhmann 1997a, S. 1102.
W Vgl. Luhmann 19972, S. 1097. 217 Vgl. Davis 1983, Kap. IV Wir werden darauf in Kap. IV, 7 noch zurückkommen
keiten erforderlich. Ein strukturiertes und insbesondere ein übeein man die Kommunikation der Massenmedien empirisch beobachtet,
Gedachtnis verfügendeSystem muss in der Lage sein, zu bestimmen: fdlt die Unterscheidung der drei Bereiche deutlich auf und sie ist
Dies ist fümich nicht informativ und deswegen beschäftigich mich derart explizit, dass es füden geübteZuschauer schwierig sein
auch nicht damit. Bei der Schaffung von Redundanz handelt es sich dürfte einen Spielfilm füeine Reportage oder füreale Geschehnisse
wohl um die Bedingung füdie Steigerung von Varietätgleichzeitig zu halten, oder eine Werbesendung mit einer Varietkvorstellung zu
handelt es sich dabei aber auch um eine Eingrenzung von Möglich verwechseln.220Verwirrung kann es nur füeinige Augenblicke nach
keiten, die den mögliche Erwartungshorizont einschränktDie In- dem Einschalten des Fernsehers oder nach dem Springen auf einen
formation schließMöglichkeitenauch die zukünftigen aus. Offen- anderen Kanal geben, bald setzen aber Elemente ein, die klarstellen,
heit füÜberraschunbedeutet nicht, dass in Zukunft alles Möglich um welchen Bereich es sich handelt. Die leitenden Kriterien der
vorkommen kann, sondern im Gegenteil, dass es Erwartungen gibt, Selektion, Konfiguration und Präsentatioder Information unter-
denen gegenübesich ein Ereignis als deviant profiliert. Eine Über scheiden sich je nach Bereich deutlich voneinander und sind in jedem
raschung kann sich nur vor dem Hintergrund einer bereits vorstruk- Bereich stark ausgeprägtIn zwei dieser Bereiche scheint die Angele-
turierten Zukunft abzeichnen. genheit recht klar zu sein. Die Unterscheidung zwischen Nachrichten
Auch in diesem Fall haben wir es offenbar mit einer Paradoxie zu und Unterhaltung war bereits der nundifferenzierten Matrix newd
tun. Die Überraschunexistiert nur fü denjenigen, der sie zu erwarten noveU implizit, aus der sich ursprünglicdas System der Massen-
wei - oder anders: Die Neuheit existiert nur, wenn Strukturen medien ausdifferenziert hat und die der füdie Modeme charak-
vorhanden sind, die sie als solche erfassen könne (d. h. nur, wenn teristischen Realitätsverdoppelun entspricht. Wie wir unter Ab-
sie nicht mehr neu ist). Oder, in der Terminologie Niklas Luhmanns schnitt iY3 bereits gesehen haben, werden die ontologischen
ausgedrückt Auch bei der Information, dass etwas nicht informativ Kategorien der klassischen Tradition durch die Unterscheidung zwi-
ist, handelt es sich noch um eine I n f ~ r m a t i o n Wie
. ~ ~ ~dies füalle schen realer und fiktiver Realitä(die den Konstruktionen eines Be-
Paradoxien gilt, besteht die Lösun dieser Paradoxie nicht darin, sie obachters zugeschrieben wird) ersetzt, die im Grunde dem Übergan
offen anzugehen (was bekanntlich nur zu einer unaufhaltbaren Pro- zu einer Beobachtungsart zweiter Ordnung entspricht. Die Trennung
duktion zusätzlicheParadoxien fŸhre würde) , . sondern darin. eine der Bereiche Nachrichten und Unterhaltung reflektiert diese Unter-
andere Unterscheidung einzuschalten, die sich mit der Unterschei- scheidung und transponiert sie auf die zirkulärProduktion von In-
dung kreuzt, welche sie erzeugt hat, und damit ihre Operationalisie- formation, die füdie Massenmedien kennzeichnend ist - mit dem
rung ermöglichtKonkreter: Die Paradoxie von der Informativitäder Unterschied, dass man von als Nachricht bezeichneten Informationen
Nichtinformation wird durch den Code der Massenmedien erzeum. 0'
weiß dass sie vorgeben, sich auf die reale Realitäzu beziehen, währen
dies stellt aber kein Problem dar, weil eine Gesamtheit von (internen) die Informationen aus dem Programm der Unterhaltung auf den
Regeln vorhanden ist, die es gestatten, jedes Mal von neuem zu Bereich der Fiktion bezogen sind. Mit anderen Worten könnt man
entscheiden,was als Information gehandelt werden soll und was nicht. sagen, dass der Beobachter zweiter Ordnung in dem einen Fall die
Es handelt sich dabei um Programme, die ihrerseits wiederum in drei Fremdreferenz und in dem anderen die Selbstreferenz der Beobach-
Bereiche unterteilt sind: Nachrichten, Unterhaltung und Werbung.219 tung beobachtet, die er beobachtet. Die Nachrichten dienen dazu, die
Hier stoßewir endlich auf die Kriterien, die das Modell vom Ge- Welt auf die ~misstrauischeà Art des Beobachters zweiter Ordnung zu
dachtnis als Kultur beherrschen und übedas bestimmen, was erinnert kennen: eine Realitäalso, die auch den anderen Beobachtern bekannt
und was vergessen wird, und auf welche Weise dies geschieht. ist und beständi dem Manipulationsverdacht ausgesetzt ist. Die
Weshalb aber diese drei voneinander geschiedenen Bereiche?Wenn Unterhaltungsprogramme verfolgen das Ziel, den Zuschauer )>abzu-
lenken((,der sich einer von anderen konstruierten Welt überläs und
218 Vgl. Luhmann 19950, S. 37.
219 In diesem Fall überschneidesich die technische Definition von Programmen aus der 220 Eine gemischte Formulierung wie ~infotainmentÃsetzt die Unterscheidung der
Systemtheorie (vgl. beispielsweise Luhmann 1990a, S. 401ff.) mit dem allgemein Bereiche Nachrichten und Unterhaltung voraus, deren Vermischung sie darauf asi-
gebräuchlicheVerständnidavon, etwa in Bezug auf die Fernsehprogramme. zeigt.
davon tragen läss- man könnt sagen, dass sie dem Zuschauer die offene Aversion des Publikums auszuhalten. Man weißdass sich
Möglichkeibieten, sich der Beobachtung anderer zu überlassen niemand Werbung anschauen mag, dennoch wird sie !gesendet und
indem sie diese auch als solche erkennen (da es sich ja um Fiktion hat, wie es scheint, eine Wirkung.222
handelt). Dies beinhaltet natürliceine immer ausgefeiltere
- Beobach- Die Werbung als der Bereich, in dem sich die Paradoxien des
tung von Beobachtern (wenngleich nicht notwendigerweise auch eine Systems der Massenmedien verdichten, ist ebenso der Bereich, an
anspruchsvollere, wie man dies an den Variet&vorstellungenersehen dem eine Näh zur Tradition der Rhetorik fortzubestehen scheint:
kann, die nach und nach immer ungeschliffener
" werden, währensie nämlicim expliziten Verweis auf die Frage der Überredunund in der
gleichzeitigimmer komplexere Strukturen in dem Sinne aufweisen, als Rückkehzu Techniken der Wiederholung gegen den Varietätszwan
die Vorstellungen von vor zehn Jahren auf keinen Fall mehr ~durch- des modernen GedächtnissesDoch gerade in der scheinbaren Ähn
gehen* würden)Dies schließ selbstverständlicauch Selbstbeobach- lichkeit markiert die Werbung, insbesondere was die Frage nach der
tung ein - eine Angelegenheit, die, wie wir bereits gesehen haben, vom Motivation anbelang, die grundlegende Differenz der beiden Ge-
Anfang der Romanlektüran diskutiert worden ist. Man könntauch d'achtnisarten.
sagen, dass die Unterhaltung dazu dient, die Beobachter auf eine Wie wir gesehen haben, ersetzen die Massenmedien die Rhetorik in
ebenso ~misstrauischeà Art zi beobachten wie die Kenntnis der Welt, der Aufgabe, eine Selbstbe~chreibun~ der Welt und der Gesellschaft
die man aus den Nachrichten bezieht. bereitzustellen. Darin besteht die (mnemonische) Funktion, die sie fiir
Es scheint, dass sowohl den Nachrichten als auch der Unterhaltung die Gesellschaft ausübenebenso wie die Leistung, dia~siefüandere
eine Art ~Erbsünde anhaftet, die fiir alle Formen der Beobachtung Systeme erbringen, die in der Folge in der Lage sein werden und in der
zweiter Ordnung charakteristisch und unvermeidbar ist, die auf die Lage sein müssen sich ein eigenes, spezifisches Gedächtnismit einer
ontologischeRealitäverzichten, ohne darum den Verweis auf die reale eigenen Orientierung und einer eigenen Struktur zu konstruieren. Sie
Realitäaufzugeben: den Manipulationsverdacht im Fall der Nach- setzen die Massenmedien aber dennoch voraus, zumindest was die
richten und die Angst vor einem Realitätsverlusim Fall der Unter- allgemeine semantische Bewegung in Richtung der Beobachtung
haltung. Der dritte Programmbereich, die Werbung, nimmt diesen zweiter Ordnung anbelangt. Aufgrund der Massenmedien hebt sich
Verdacht explizit auf sich und macht ihn sich zunutze und kann daher die herrschende Beoba~htun~sform auf die Ebene der Beobachtung
als unvermeidbares ))parasitäresKomplement des Systems der Mas- zweiter Ordnung - dies trifft auch auf diejenigen zu, die nicht fern-
senmedien angesehen werden. Die Autonomie der Massenmedien ist sehen. Dies haben wir bereits in Bezug auf die Ausdehnung der
historisch der Werbune" zu verdanken, die es (weit mehr als die durch Kontingenz auf alle gesellschaftlichen Teilbereiche gesehen.223Außer
den Verkauf erzielten Gewinne) den Zeitungen ermöglichhat, sich dem mobilisieren die Massenmedien durch ihre beständigProduk-
selbst zu finanzieren und heutzutage das enorme Dunkel der privaten tion von Neuheit die Semantik der anderen Systeme, die sich nun an
Sender unterhältDie Werbung gibt ihre Manipulationsintentio- immer schnellere Veränderungeanpassen und so auf jegliche Stabili-
nenZ2' (es geht darum, zum Kauf zu motivieren) und selbst ihre täverzichten müssenAnders als im Fall der Rhetorik ist die Selbst-
mnemonische Funktion offen zu. Der erste Erfolg der Werbung beschreibung der modernen Gesellschaft nicht in der Lage, sich selbst
besteht darin, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und erinnert zu reflektieren. Wenn sie dies tut, stöÃsie, wie wir bereits gesehen
zu werden und kann sich nur auf diesem indirekten Weg erhoffen, das haben, unmittelbar auf den Manipulationsverdacht, mit dem ihre
eigene Ziel zu erreichen. Deswegen und aufgrund ihrer parasitäre Strukturen nicht umgehen können
Position kann sich die Werbung erlauben, was in anderen Programm-
bereichen untersagt ist, nämlicoft wiederholt zu werden (indem sie 222 Die Funktion, die Luhmann der Werbung zuweist, nämlic >Leuteohne Geschmack
den massenmedialen Zwang zur Neuheit ad negativum fiir sich nutzt mit Geschmack zu versorgen* (19953, S. 89), bestätigebenfalls ihre N à ¤ hzur Para-
und auf diesem Wege erhoffen kann, erinnert zu werden) und die doxie, allerdings von der Seite psychischer Systeme. Sie stellt eine Koordinierung mit
den anderen in dem Bereich sicher, in dem jeder meint, seine Autonomie am meisten
zu verwirklichen.
221 Vgl. Luhmann 19950, S.85ff. 223 Vd. Kap. IV, 2.
Die Kultur verwirklicht eine sozusagen unvollständige Form der ren.225Die Rede eines Redners konnte mit anderen Worten deshalb
Beobachtung zweiter Ordnung, die es nicht vermag, den beobach- überredenweil man sie füeine Beschreibung der Welt hielt.226
tenden Beobachter in ihrem Inneren einzuschließe- dieser muss Überredun und Generalisierung funktionierten mit Hilfe der glei-
deshalb nach außein die privilegierte Position des Subjekts oder des chen ~ o r m e n .
Autors versetzt werden. Eine Form von Reflexivitäist jedenfalls dem Auf der Ebene zweiter Ordnung ist dies offensichtlich nicht mehr
Begriff der Kultur selbst implizit und basiert auf dem Vergleich und möglichJede Beschreibung der Welt wird einem Beobachter zuge-
damit auf Kontingenz. Sie vermag es jedoch nicht, Ÿbe die Projektion schrieben und wirft die Frage nach seinen Motiven auf. Die Massen-
der Kultur zu reflektieren - diesem Mangel entspricht die externe medien schaffen es dennoch, eine gemeinsame Beschreibung der Welt
Positionierung des Beobachters. Die Unfähigkeider Massenmedien, zu liefern, die allerdings unweigerlich dazu verurteilt ist, ~nicht-kon-
mit den eigenen Wirkungen (mit dem Manipulationsverdacht) umzu- senspflichtigÃzu sein - aus diesem Grund sind sie auch nicht in der
gehen, ist hiervon eine weitere Konsequenz. Doch waren andere Lage, übesich selbst, außein der paradoxen Form des Manipula-
Modelle der Selbstbeschreibung hierzu in der Lage? Weshalb hatte tionsverdachts, zu reflektieren. Dies beinhaltet aber auch, dass die
die Rhetorik diesbezüglickeine Schwierigkeiten? Formen von Generalisierung, die sie erzeugen, keinesfalls auch der
Entscheidend ist wiederum, auf welcher Ebene der Beobachtung Überredun dienen könne - das Gegenteil ist der Fall. Die Korn-
man sich befindet. Die Rhetorik bewegte sich auf der Ebene der munikation der Massenmedien lädeher zur Devianz denn zur Kon-
Beobachtung erster Ordnung und konnte so übeKommunikation formitäein (auch wenn diese Suche nach Anorqalitäin der Folge
reflektieren, ohne auf das Problem der Kontingenz zu stoßen Wörte völli normal wird). Daher wird die Werbung auch, aufgrund ihrer
und Gegenständblieben innerhalb eines naturalen, bruchlosen Kon- dezidierten Überred~n~sabsicht abgelehnt - abgesehen davon, dass
tinuums eingeschlossen.224Darum konnte sie auch spielerisch mit sie ihre Absichten auf verqueren und indirekten Wegen erreicht (oder
Paradoxien umgehen, zu dem einzigen Zweck, einen Überraschungs nicht erreicht: die Frage nach der Wirksamkeit der Werbung ist völli
effekt zu zeitigen - der in Erstaunen übersetzwurde und Erinner- ungeklärund voller zirkuläreAspekte), die sich gerade das Bewusst-
barkeit, nicht aber Unentscheidbarkeit (und auch nicht Neuheit) sein übedas Bewusstsein der Intention zunutze machen. Man greift
erzeugte. Gerade aufgrund dieses ontologischen Fundaments konnte dann auf schön Bilder zurückauf einladende Musik, auf lustige
die Rhetorik mit demselben Instrument (mit derselben Technik) zwei Slogans und heutzutage auch immer öfteauf brutale, irritierende oder
vollkommen unterschiedlicheZwecke erreichen. Das explizite Ziel der überraschendKommunikationen. Sie dienen in erster Linie dazu,
Rhetorik bestand bekanntermaßedarin, einen Überred~n~seffek zu Aufmerksamkeitzu erregen,währendie Aufforderung zum Produkt-
bewirken, den Gesprächspartnezu umgarnen und dahin zu bringen, kauf implizit gehalten wird, ist sie auch allen bekannt (die sich den
die Thesen des Redners zu akzeptieren. Nicht aufgrund einer kriti- Sinn der Werbekommunikation, die im übrige als solche auch
schen Reflexion, sondern weil er in die Lage versetzt wurde, die gekennzeichnet werden muss, ansonsten auch nicht erkläre könn
Alternativen nicht zu sehen. Um dies zu bewirken, hat die Rhetorik ten). Auch hierin präsentiersich Werbung als parasitärePhänomen
eigene Techniken entwickelt, die das Resultat einer Reflexion der das das durch die Massenmedien erzeugte " reflexive Bewusstsein fü
Kommunikation übesich selbst sind. Sie setzten daher zugleich die sich ausnutzt, um es mit sich selbst kurzzuschließen
Selbstbeschreibung der Kommunikation und der Welt voraus. Die Obwohl die Massenmedien nicht in der Lage sind, sich selbst
Strukturen der Rhetorik, etwa der Apparat der loci und die Prozedu- reflexiv zu begründenschaffen sie es dennoch, eine eigene Selbst-
ren, die es ermöglichtensich darin zurechtzufinden, dienten ohne
Kontinuitätsunterbrechun sowohl dazu, den Gesprächspartnezu 225 Beaujour1980 behauptet, indem er die Formen des Selbstportraitsbehandelt, dass sich
überreden als auch dazu, Überlegungeübedie Welt zu konstruie- Rdexivitat bis in die Anfängder Moderne der Formen der antiken Rhetorik
bedienen und diese dabei einem abweichenden Ziel als dem der Uberredung des
Gesprächspartnerzuführemusste (siehe insbesondere S. n ff.).
226 Die Beziehungen zwischen Rhetorik und Logik und zwischen scheinbarer und wahrer
224 Vgl. Luhmann 1g97a, S. 995. Beschreibung haben wir in Kap. 111,~behandelt.
Beschreibung der Kommunikation bereitzustellen. Die andere (im bleiben müssenauch wenn man beständiversucht, sie miteinander
obrigen auch offizielle und erklärteFunktion der Rhetorik, die zu koordinieren. Derjenige, der zahlt, und derjenige, der die Bezah-
der Überredungwird dadurch überhaupnicht gedeckt. Generalisie- lung entgegennimmt, derjenige, der einen Befehl erteilt, und derje-
rung und Konsensmotivierung driften auf drastische Weise ausein- nige, der den Befehl empFangt, denken nicht auf die gleiche Weise und
ander und man muss sich fragen, ob es nun eine andere gesellschaft- es ist auch nicht erforderlich, dass sie dies tun. Es ist lediglich nötig
liche Instanz gibt, und welche diese ist, die die Rhetorik in der dass die Selektion~leistun~ des einen mit der (davon verschiedenen)
spezifischen Aufgabe ersetzt, die Bereitschaft füdie Annahme von des anderen koordiniert wird, und dass dies schließliczur Annahme
Kommunikation zu erzeugen. Die Theorie von Luhmann stellt diesbe- führtWähren die Rhetorik darauf abzielte, Einheit herzustellen,
zügliceine Antwort bereit, die auf den äußer technischen und viel setzen die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien Diffe-
diskutierten Begriff der symbolisch generalisierten Kommunikationsme- renzen voraus und weiten diese noch aus - um schließlicdasselbe
dien zurückgreif- die kürzlichin direkter Anspielung auf ihre Ergebnis zu erzielen: eine Annahme. Sie erreichen dieses Ziel, weil sie
Uberred~n~sfunktion, auch mit dem Begriff der ))E$oIgsmea'ien~be- die Selektion~leistun~ der Angebotsseite von Kommunikation unter
zeichnet worden sind.227Wir könne an dieser Stelle auf diesen Bedingungen stellen, die es zu einem Motivationsfaktor werden las-
komplexen und wichtigen Abschnitt aus der Systemtheorie nicht sen:228zum Beispiel, weil, wer einen Gegenstand besitzen möchte
vertieft eingehen und beschränke uns auf den knappen Hinweis, zahlt, um diesen zu erwerben, oder weil man weißdass, wer einen
dass es sich dabei um verschiedene und voneinander scheinbar voll- Befehl erteilt, auch die Macht besitzt, dass dem Befehl Folge geleistet
kommen unabhängigMedien wie Geld, Liebe, wissenschaftliche wird (und dies nicht füjeden gleichermaßegilt). Anders als die
Wahrheit oder Kunst handelt, deren Gemeinsamkeit auf ihre Funk- Rhetorik !greifen diese Medien nicht auf die Instrumente der Rede
tion gründet die Annahme der Selektion wahrscheinlicher zu machen zurückindem sie diese verstärke und wirkungsvoller gestalten (die
bzw. die Wahrscheinlichkeit einer Ablehnung in die Wahrscheinlich- Einheit von Ãœberredun und Reflexion der Kommunikation), son-
keit einer Annahme umzuwandeln. Man stimmt darin ein, ein eigenes dem sie setzen diesen andere Instrumente entgegen (die Symbole, die
Gut abzutreten, weil Geld dafüangeboten wird (das in der Folge die besonderen Selektion~bedingun~en zum Ausdruck bringen) und
anderweitigverwendet werden kann), man nimmt die Ausübuneiner operieren auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung.
unangenehmen Aufgabe an, weil derjenige, der dies verlangt, Inhaber Die ~Erfol~smedienà sind an entsprechende Funktionssysteme ge-
von Macht ist (und als solcher auch von anderen anerkannt ist, die sich koppelt: das Geld an das Wirtschaft~s~stem, die Macht an das poli-
ihrerseits ebenso verhalten würden) man akzeptiert eine unglaubwür tische System (das heutzutage juristisch codiert ist), die Liebe an
dige Behauptung, weil diese als wissenschaftliche Wahrheit vorgestellt Familien, die Wahrheit an das Wissenschaftssystem, die Kunst an
wird usw. In der modernen Gesellschaft, in der mit dem Zuwachs an das System der Kunst. Füdie Massenmedien besteht der Erfolg
Wissen die Annahmebereitschaft sinkt, stellen diese Instrumente in allerdings nicht darin, füdie eigene Selektion eine Annahme zu
stark eingegrenzten Bereichen und unter in hohem Maßtechnisierten erzielen (au§eals sekundärerzufdliger und kaum planbarer Effekt),
Bedingungen eine ausreichende Annahmequote sicher, um die Kon- sondern darin, gesehen, gelesen oder gehörzu werden - darin also, die
struktion komplexer Strukturen zu gewährleisten Themen annehmbar zu machen.229Der Erfolg besteht also lediglich
An dieser Stelle interessiert uns die zugrunde liegende Beobach- darin, dass man fernsieht oder Zeitung liest, und die Annahme der
tungsstruktur. Anders als die Rhetorik, die eine Identitäzwischen der Kommunikation ist auf einer gegenübeden übrigeFunktionsbe-
Selektion des Sprechers und der des Hörervorausgesetzt hatte, gehen
die symbolisch generalisiertenKommunikationsmedien von der Fest- 228 Vgl. Luhmann 19971, S. 321.
stellung aus, dass man es auf den zwei Seiten der Kommunikation mit 229 Diese Position ist von der aus den Theorien von der ~agenda-settingç
ausgehend von
unterschiedlichen Selektionsleistungen zu tun hat, die verschieden McCombs und Shaw 1971, nicht weit entfernt. Bereits in den 4oer Jahren waren
übrigenLazarsfeld und seine Mitarbeiter zu der Schlussfolgerung gelangt, dass die
Medien die Meinungen weder erzeugen noch ändernsondern, wenn überhauptdie
227 Vd. Luhmann 1997a, S. 202 ff., S. 316 ff. schon bestehenden verstarken: vgl. Lazarsfeld, Berelson und Gaudet 1944.
reichen vorangestellten Ebene angesiedelt. Sie betrifft nicht die In- 7. Temporalisierung der Komplexitä
halte, sondern lediglich den Sachverhalt der Kommunikation selbst.
Das System der Massenmedien verfügdeshalb nicht übeein Wir haben bereits unter den verschiedensten Aspekten feststellen
eigenes symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium, weil es könnendass die Charakteristik der Moderne in einem versch&en
eines solchen tatsächlic auch nicht bedarf. Seine Funktion, eine Bewusstsein füdie zeitliche Dimension liegt (das selbst in dem Begriff
zweite nicht-konsenspflichtige Realitäbereitzustellen, erfordert den der ~NeuzeitÃeingeht, mit dem sie sich selbst beschreibt). Dieses
Konsens des Publikums nicht. Es ist nicht nötigdass man mit einem Ja Bewusstsein ist umso charakteristischer, als es zuvor nicht existierte.
antwortet. Die zu reduzierendeUnwahrscheinlichkeitbetrifft eher den So. wie sich die rhetorische Semantik von der divinatorischen durch
Sachverhalt des kommunikativen Angebots: den Sachverhalt, dass das neue Bewusstsein von der Autonomie der sozialen Dimension
man auch dann fernsieht, wenn die behandelten Themen der eigenen unters~heidet,2~~ kann man sagen, dass in der Moderne durch die
Erfahrung völlifern stehen oder wenn Werbung läuftdass man sich Autonomisierung der zeitlichen Dimension eine analoge Distinktion
füDinge interessiert, die von keinem Interesse sind. Ein eventuelles verwirklicht wird. Dies ist auch mit der Formulierung von der ~Tem-
Medium der Massenmedien würddirekt die Autopoiesisdes Systems, poralisierung der K ~ m ~ l e x i tgemeint.
ät~~~
d. h. die Fortsetzung seiner Kommunikationen selbst betreffen. Auf Irgendeine Form der Ausrichtung an der Zeit hat es selbstverständ
der Ebene der Autopoiesis gibt es aber nichts, was einer Kontrolle lich immer schon gegeben und sie hat sich im alten Griechenland auch
unterstellt werden müssteDas System existiert oder es existiert eben bereits von der Orientierung an die räumlichDimension getrennt.
nicht. Jeder Versuch der Intervention würdaufdieser Ebene zu einem Der Unterschied der Zeiten wurde dabei aber im Wesentlichen auf
Kurzschließeder Beobachtungsebenen fahren. Er würddazu fuh- eine Ansammlung von Beispielen zurückgeführ deren Vielfalt den
ren, dass die füdas System konstitutive Illusion zerstörwürde Unterschied der Perspektiven auf die Welt reproduzierte und eben
Beobachtungen erster Ordnung bereitz~stellen,2~~ und zu dem nicht einen inharenten Sinn füVeränderungLetztlich blieb die Welt
Zwang, die Beobachter zu beobachten. Das Resultat wärdas Auf- strukturell immer gleich234und was sich ändertewar lediglich die Art,
kommen des Manipulationsverdachts, das aus diesem System nicht sie zu sehen. Mit anderen Worten blieb die Varietäan die soziale
mehr getilgt werden könnte Dimension gebunden - also an die Dimension, die die rhetorische
Mit all dem soll nicht gesagt werden, dass die Massenmedien nicht Semantik lenkte. Fü ? ~ ~sich diese schwächder zeitlichen
M e i e ~ zeigt
zur Meinungsbildung beitragen würdensie könne diese aber nicht DimensionÃan dem Sachverhalt,dass die Erwartungen die Erfahrung
unter Kontrolle halten. Die Massenmedien könne zwar manipulie- nicht antizipierten. Man setzte sich nichts als Ziel, das sich von dem
ren, nicht aber überreden sie könneUniformitätnicht aber Konsens Bekannten unterschieden hättund in Zukunft verwirklicht werden
erzeugen. Ihre Wirksamkeit geräin die Nähvon der, die Jullien als sollte, sondern sozusagen das Komplement und die Vervollkomm-
chinesische Wendung einer anti-rhetorischen Manipulation be- nung der Gegenwart. Mit anderen Worten könntman sagen, dass die
schreibg3' und die nur unter der Vorgabe funktioniert, dass sie den Abstraktionsffiigkeit der Griechen nicht bis zu einer Distanzierung
Neigungen desjenigen angepasst wird, der beeinflusst werden soll - so von der Gegenwart ging, die die Projektion in eine unbekannte
wie auch die Fernsehsender mit den Orientierungen der audience Zukunft ermöglichhättesondern nur eine Varietäzuließdie auf
konform gehen. Dann wird es in der Tat schwierig, festzustellen, eine Art politischer hätt zurückgefüh werden können
wer nun die Kontrolle ausübt nämlicdie Verschiedenheit der Handlungen der Einzelnen und deren
ZusammenhängeDie Varietäwar auf die menschliche Dimension

232 Vgl. Kap. 111,~.


233 Vgl. Luhrnann 1980c; Koselleck 1979
234 Vgl. Koselleck 1979, S. 300-348.
230 In diesem Bezug siehe Luhmann 19930; Fsposito zoooa, zooob. 235 Vgl. Meier 1980, S. 489ff.
231 Vgl. Jullien 1996, Kap. X. 236 Meier 1980, S. 413 ff.

7-72
des tempus angesiedelt. Veränderun verdankte sich menschlichem ihre neugewonnene Autonomie.239Wie alle Unterscheidungen von
Handeln und nicht der Zeit selbst - und hatte damit keine ontologi- der Form der Realitätsverdoppelungdie wir in Kap. IV, 3 behandelt
sche Reichweite. haben, entsprechen den zwei Seiten nicht Teile der Realitä(die in der
Dies ändersich im 17.Jahrhundert, um in der zweiten Häiftdes Vergangenheit und in der Zukunft befindlichen Dinge, das Vorher
18. Jahrhunderts offen zutage zu treten. Die Zeit entkoppelt sich von und das Nachher), sondern lediglich Horizonte, Differenzen zwischen
den Inhalten (von der materiellen Dimension) und von den Perspek- Vorher und Nachher. Die Reflexivitäbesteht in dem Sachverhalt, dass
tiven (von der sozialen Dimension), um selbst zu einer Dimension der die Unterscheidung VergangenheitIZukunftsowohl in der Vergangen-
Welt zu werden. Die historische Wahrheit ändersich mit der Zeit - es heit als auch in der Zukunft vorkommt. Die Totalitäder Zeit wird in
ist dies ein Übergangder den radikalen Bruch mit der Doktrin von jeder Gegenwart erneut reflektiert, die übeeigene Horizonte von
den Beständigkeider Formen und selbst mit den Vorannahmen der Vergangenheit und Zukunft verfŸg und sie ausgehend von der eige-
Ontologie markiert. Die Ereignisse büß ihren fixen historischen nen Perspektive wiederherstellt. Die Vergangenheit und die Zukunft
Charakter ein. Im Verlauf der Zeit werden sie anders gesehen und von heute sind von denen jedes vergangenen Augenblicks verschieden,
eingeschätztohne dass dies einen Irrtum beinhaltete,sondern als kommen allerdings in ihrem Inneren erneut vor. Mit anderen Worten
Konsequenz einer abstrakteren Wahrheit, die von dem Lauf der Ge- verfügdie gegenwärtigGegenwart übeeine eigene Zukunft und
schichte selbst abhängtDie Ereignisse werden zu etwas anderem. übeeine eigene Vergangenheit, in die sich zusätzlichGegenwarten
Diese Haltungänderun impliziert eine ganze Reihe von Konse- mit den dazugehörige
- Horizonten von Vergangenheit und Zukunft
quenzen, die wir uns noch im Detail an~ehe~müssen Zunächsmuss projizieren lassen. Die vergangene Gegenwart ist daher von jeder
aber die Frage geklärwerden, wie es überhaupdazu kommt. Worin gegenwärtigeVergangenheit verschieden und verfügauch übeein
bestehen die Vorannahmen und Implikationen einer Vorstellung von diesbezüglicheBewusstsein, so dass sie auch wissen kann, dass ein
Zeit, die nicht mehr als eine einfache Menge bzw. als eine Akkumula- Ereignis, das heute zur Vergangenheit gehörtzu der Zukunft einer
tion von Ereignissen angesehen wird, sondern als selbstreferentielle dieser vergangenen ~ e ~ e n w a r t egehörte
n Man kann sich an die
Form eines sich selbst determinierenden Prozesses (die Selektion eines eigenen Hoffnungen und an die eigenen Projekte erinnern und sie
Ereignisses trägzu der Modifikation der verfügbareMöglichkeite mit dem vergleichen, zu dem sie gefiihrt haben. Insbesondere aber
füdie weiteren Ereignisse und daher zu der Determination ihrer verfüg die gegenwärtigGegenwart übeeine eigene Zukunft, in die
Selektionen beiz3')? Oder, unter Berücksichtigununserer Frage nach sie zusätzlichzukünftigGegenwarten projiziert und dabei weiß dass
dem GedächtnisWorauf gündeeine Vorstellung von Zeit, die ihre sie von der zukünftigeGegenwart verschieden sein werden (die
Prioritävon der Erinnerung (als der Akkumulation von Ereignissen) ihrerseits zur Vergangenheit wird). Die Einheit der Zeit ist dann nicht
abwendet und sich dem Vergessen zuwendet (einer Kombination von mehr durch die Identitäeiner fixen Perspektive (der Ewigkeit) gege-
Selektionen, bei der jedes Ereignis sich vor dem Hintergrund all ben, sondern durch die Differenz einer Vielheit von Perspektiven, die
dessen, was nicht geschehen ist, abzeichnet)? die Totalitäder Zeit jedes Mal auf andere Weise neu rekonstruieren,
Bei einer so verstandenen Zeit handelt es sich in erster Linie um eine sich dabei gegenseitigverbinden und beeinflussen (die aktuelle Gegen-
reflexiv gewordene Zeit, die sich selbst ausgehend ausschließlicvon wart hängunter anderem mit den vergangenen Perspektiven auf die
einer internen Perspektive beobachtet und deter~niniert.'~'Davor war Zukunft zusammen, selbst wenn sie mit diesen nie zusammenfdlt).
es die Ewigkeit, die externe Perspektive Gottes, die es gestattete, die
Einheit der Zeit in der Form der Gleichzeitigkeit zu beobachten. Von 239 Die im übrigenbeispielsweise in der Wirtschaft, zum Teil extreme Konsequenzen
der Moderne an reflektiert sich Zeit in die Zeit selbst auf der Basis der nach sich zieht. Im Mittelaiter wurde die Aktivitäder Händleverurteilt, weil ihre
Unterscheidung VergangenheitIZukunft- daher unter anderem auch Verdienste darauf basierten, aus der Zeit Profit zu ziehen: auf der Schaffung von
Reserven, auf dem Kauf und Verkauf zu dem günstigsteZeitpunkt, bis hin zum
Wucher. Die Zeit konnte aber, weil sie nur Gort gehörtenicht Gegenstand der
237 Vgl. Luhmann 19800, S. 249. Gewinnsucht sein. Vgl. Le Goff 1977. Mit der autonomen Zeit der Moderne kann
238 Vgl. L ~ h m a n n19800, S. 289 ff.; 1984, S. 426ff.; 1991, S. 48 ff. offenbar mit einer viel größerFreiheit numgegangenÃwerden.
Die der Zeit innewohnende Varietäwird enorm erhöhtgleichzeitig zur Zukunft, die zusehends zu dem vorherrschenden zeitlichen Ho-
wächsaber auch die Redundanz, weil jeder Augenblick auf andere rizont wird (wie dies auch die Besessenheit füdas Neue beweist, auf
Weise in jeder der unzähhgeGegenwarten, die ihn zum Ausdruck die wir bereits mehrfach gestoßesind). Hieraus erkkart sich auch die
bringen, erneut vorgestellt wird. Wir sehen wieder, dass die Anzahl neue Form der Zukunft oder besser: Die Geburt der Zukunft, wie wir
und Varietäder verfugbaren Erinnerungen erhöhwird - allerdings sie heute kennen,241ist eine spezifisch moderne Konstruktion. Im
auf der Basis eines entsprechenden Autonomiezuwachses der Vergan- Rahmen einer reflexiven Zeit ist die Zukunft nicht nur deswegen
genheit, d. h. auf der Basis der Fähigkeitzu vergessen. unbekannt, weil sie fern ist und im Dunkeln liegt, sondern, in einem
Die Perspektive, von der aus die Zeit beobachtet wird, ist nun die viel radikaleren Sinn, weil sie (noch) nicht existiert und daher nicht
(zeitliche) Perspektive der Gegenwart - eine spezifische Perspektive bekannt sein kann - weil die Möglichkeite mit der Zeit konstruiert
also, die die Ausdifferenzierung der zeitlichen Dimension anzeigt. Die werden und auch die Beständigkeitsofern sie vorkommt, im Grunde
Gegenwart ändersich aber beständiund drückdarin die Kontinui- eine Neuheit darstellt. Die Zukunft geräzu einer offenen Zukunft,
täder Veränderunaus, welche, wie wir gesehen haben, die paradoxe die als eine gegenwärtigZukunft definiert werden kann, die füviele
Grundlage der modernen Identitäte bildet. In der Tat gründedie zukünftigGegenwarten Raum lässtdie sich gegenseitig ausschlie-
Transformation der zeitlichen Semantik von einer Orientierung an - und die als solche niemals beginnen kann. In dem Moment, in
Stabilitäzu der Aktualitävon Veränderunauf der Rekonzeptuali- dem sie existieren wird, wird sie keine Zukunft mehr sein. Was man
sierung der Gegenwart.240Die rhetorische Semantik bezog sich auf erwartet und in die Zukunft projiziert, stimmt, selbst wenn es sich
eine ausgedehnte Gegenwart, in der alle auctores Zeitgenossen waren dabei um eine Neuheit handeln sollte, mit der Realitäder Zukunft
und zu einem einzigen Diskurs verbunden werden konnten. Die nicht übereindie sich gerade durch ihre Komponenten der Über
Gegenwart war der Zeitpunkt, an dem sich die Ewigkeit in der Zeit raschung und Unerwartbarkeit charakterisieren lässtDie erwartete
präsentiertund an dem Stabilitäund Sicherheit begründewurden. Neuheit ist nicht wirklich neu, so wie auch die zukünftigGegenwart
Mit der Moderne schrumpft dagegen die Gegenwart zu einem ein- mit der gegenwärtigeZukunft nicht übereinstimmekann - auße
zigen Ereignis zusammen, das im selben Augenblick verschwindet, in durch den Verlust der Temporalitäder Zeit.
dem es sich ereignet und zu einer bloßeSchaltung zwischen Vergan- Eine so verstandene Zeit büà ihre Einstimmigkeit und Stabilitä
genheit und Zukunft gerinnt: zu der Scheidewandohne Zeitdauer, die ein. Sie verändersich nun mit der Zeit und je nach Beobachter.
das, was noch ist, zu dem verwandelt, was nicht mehr ist. Die Gegen- Ausgerechnet diese in sich selbst fragmentierte und immer wieder neu
wart, in der die gesamte zeitliche Dimension generiert wird, ist zu- rekonstruierte Zeit wird nun mittels einer einzigen, abstrakten und
gleich ein der Zeit äußerlich Moment, der ausgeschlossene Dritte, universalen Chronologie gemessen, die alle Bewegungen u n d Ereig-
der die Zeugung der Unterscheidung von Gegenwart und Zukunft nisse mit einschließ und die einen mit den anderen unabhängiihrer
ermöglichtselber aber nicht in diese Unterscheidung einbezogen ist - eigenen Bedeutung miteinander in Beziehung setzt.243Das Datie-
ebenso wie die moderne Semantik den Beobachter ausschließt von rungssystem V.Chr./n. Chr. ist in der ersten Hälftdes 17.Jahrhunderts
dem gleichzeitig alles Gegebene abhängtDie Gegenwart gerinnt zu eingeführ worden, zeitgleich mit dem, was in der Folge Newton'sche
einer Erfahrung von Instabilitäund Unsicherheit. Zeit244genannt worden ist: eine objektive, kontinuierliche, absolute
Die Realitävon Zeit als Prozess besteht also nicht in dem Umstand
der Kontinuitäder Daten, sondern lediglich in den Verknüpfungen 241 nIm Vorgriff auf Unvollkommenheit~:Koselleck 1976, S. 140.
2.42 Vgl. Luhmann 1976, S. 140.
mittels derer man von einer Gegenwart zu einer anderen Gegenwart 243 Vgl. Wilcox 1987; Luhmann 19906 1997a,S. 272. Bei unserem Archivmodell, d. h. bei
übergehekann. Die Realitätsgarantiwird wie in den Massenmedien der entsprechenden Form von Gedächtnisentspricht der abstrakten Chronologie das
durch die Aktualitäder VeränderungewährleistetHieraus erklart Kriterium der Ka.talogisierung, das seinerseits abstrakt ist, eine allgemeine Gültigkei
sich auch die Verlagerung des Schwerpunkts von der Vergangenheit hat und von den Bedeutungen unabhängi ist, das es aber in seiner Leere möglic
macht, jedem Ding einen Platz zuzuweisen und es mit den anderen Dingen in
Verbindung zu setzen.
244 V$ beispielsweise Jammer 1991.
und alles umfassende Zeit. Diese Zeit wird mittels einer Chronologie miges Kohärenzmodelunter Garantie. Was in der Zeit geschehen ist,
gemessen, die man sich als abstrakte Sequenz von Daten denken muss, existiert in der Welt und kann nicht mehr geänderwerden. Die
die sich nach vorwärtund rückwärt ausgehend von einem willkür Schuld kann durch Sühnnicht abgetragen werden. Die Vergangen-
lichen Ausgangspunkt (die Geburt Christi), der weder einen Ursprung heit ist unwandelbar. Was sich ändertist lediglich ihre Bedeutung, die
noch einen Anfang darstellt, bis ins Unendliche ausdehnen lässtDie Interpretation der Ereignisse. Diese Zeit wird nicht durch )>natural
Datierung schließebenso alle vorangegangenen und zukünftige temporal markersÃgemessen, sondern durch abstrakte Zeichen, etwa
Zeitpunkte mit ein, sie umfasst sogar alle mögliche Ereignisse, die durch Kalenderdaten.246Sie manifestiert sich nicht mehr lediglich bei
bekannten und die noch unbekannten, die zur eigenen Geschichte besonderen Anlässewie bei Feiern oder Naturkatastrophen, sondern
oder zu fremden (eventuell noch zu entdeckenden) Kulturen gehören sie wird zu einer Dimension des Alltäglichendie alle Ereignisse des
Die dunkle Vergangenheit und die undurchdringliche Zukunft blei- Lebens betrifftz4' Diese allem und allen gemeinsame Zeit, bei der
ben gänzlic unbekannt, doch nun verfügesie übeein Datum. niemand in der Vergangenheit zurückbleibeoder den anderen in der
Erstmalig steht eine völliabstrakte zeitliche Orientierung zur Verfü Zukunft vorauseilen kann, Fasst in ihrem Inneren jedoch eine Pluralitä
gung, die weder von der Besonderheit der Ereignisse noch von irgend- historischer Sequenzen und unterschiedlicher zeitlicher Perspektiven
einem Hinweis aufihre Bedeutung - dies stellt eine radikale zu. Die in jeder Gegenwart verwirklichten Rekonstruktionen der Zeit,
Änderun im Vergleich zu allen vorangegangenen Datierungssyste- die unterschiedlichen Gegenwarts- und Zukunftshorizonte, die Be-
men dar. Wie wir in Kap. 111, 7 bereits gesehen haben, wurden die schleunigungen der Zeiträumein denen nichts geschieht, die Verlang-
zeitlichen Schemata bei Herodot und Thukydides durch die behan- samungen bei Zusammenballungen von Ereignissen, die Eile und die
delten Ereignisse generiert und blieben diesen auch verhaftet. Damals Langeweile finden alle eine einheitliche Verortung in derselben Se-
verwendete man eine Vielheit von relativen Datierungssystemen, die quenz von Daten. Gerade weil sich die moderne Zeit von der Bedeu-
weder füsich beanspruchten, alle mögliche Ereignisse zu erfassen, tung der Ereignisse entkoppelt, lässsie Raum füdie unendliche
noch auf eine vollendete Weise linear waren. Diskontinuitäte und Vielheit der Bedeutungen.
Lücken Wiederholungen und Überlappungewurden einfach hinge- Der Preis, den man hierfüzu entrichten hat, besteht in dem
nommen, und es war nicht erforderlich, sie einem abstrakten Modell endgültigeVerlust der Bedeutung von kairbs. Die Zeit hangt nicht
von Kohärenanzupassen. Die Kohärenwurde durch die Bedeutung mehr von der Bedeutung der Ereignisse ab, hat aber gleichzeitig übe
der Ereignisse (durch Aufstieg und Niedergang eines Reiches, durch diese Bedeutung nichts mehr zu sagen - weder übedie Dinge noch
Kriegsereignisse) sichergestellt, und nicht durch ein einheitlichesSche- übedie Beobachter. Die Vorstellung des richtigen Augenblicks, jen-
ma. Außerhalder Geschichtegab es keine zeitlichen Verortungen und seits seiner unmittelbaren Plausibilitäthat in der modernen Semantik
alles verlor sich im Dunkel einer mythischen Zeit. Man bedurfte keiner keinen Platz mehr. Der Kalender gibt keinerlei Hinweis darauf, was zu
unendlichen Chronologie, weil selbst die Zeit nicht unendlich war, sagen oder was zu tun sei, und liefert keinerlei Anhaltspunkte übeden
sondern einen Anfang hatte und auch ein Ende finden würd(bei- Zustand der Welt. Obgleich uns dieser Ansatz heutzutage selbstver-
spielsweise beim JüngsteGericht). Noch Machiavelli und Guicciar- ständlicerscheinen mag, war seine Durchsetzung gegen eine Tradi-
dini verwendeten zwei verschiedene Chronologien, einmal fur das tion nicht leicht, welche die Chronologie dazu verwendete,das Datum
antike Zeitalter (ausgehend von der GründunRoms) und dann fü des JüngsteGerichts festzulegen oder die Genauigkeit der biblischen
das moderne Zeitalter (ausgehend von der Geburt Christi) und ver- Voraussagen nachzuweisen. Die vollendete Trennung der drei Dimen-
spürtekeinen Bedarf nach deren Integration. sionen von Sinn lösauch den Zusammenhang auf. den die Rhetorik
Dagegen ist die chronologische Zeit einzigartig, unendlich und zwischen der zeitlichen und der sozialen Dimension aufrechterhalten
einförmigUnter der Form der Irreversibilitästellt sie ein einstim- hatte. Obgleich nunmehr ohne ontologische Reichweite, diente der

Außeim Rahmen einer historizistischen Sichtweise: wir werden daraufin K ~ r z noch


L+<^ e 246 Vgi. Goody 1991, S. 92.
zurückkommen 2.47 Vgl. Le Goff 1977, S. 33
Rückgrif auf die Umständdazu, sich in der Kommunikation und in Chronologie besteht unter den Bedingungen fehlender Synchronisa-
der menschlichen Dimension von t e m p zu orientieren. Obgleich die tion also darin, dennoch die Möglichkeider Synchronisation allen
Orientierung an den Umständekeine Hinweise mehr hinsichtlich Geschehens (wie unbekannt und inaktuell dieses auch immer sein
der letzten Ordnung der Welt lieferte, diente sie dazu, den eigenen mag) sicherzustellen.Jedes Ereignis verfügnun übeein Datum und
Diskurs zu konstruieren, d. h. die anderen Beobachter zu berück damit wird es möglichfestzulegen, welche Ereignisse zeitgleich sind
sichtigen (das dialektische kairds von Platon). Kairbs war auf die oder dies sein werden.250Anders ausgedrück könntman auch sagen,
Rhetorik verbannt worden und b d t in dem Moment. in dem Rhe- dass der Sinn von Chronologie in der Entfaltung und Operationalisie-
torik in eine marginale Position gerätselbst jegliche Bedeutung ein. rung der Paradoxie der Zeit als der Gleichzeitigkeit des Nicht-Gleich-
Die Zeit trägsich nunmehr selbst. zeitigen besteht. Alles was geschieht, geschieht simultan, aber nicht
Gerade aus diesem Grund bedarf man nun der Chronologie. Die notwendigerweise zur gleichen Zeit - die Chronologie koordiniert
Autonomie der Zeit veränderden Sinn seiner Messung. Die ersten dies alles und deshalb braucht man Uhren und Kalender und bildet die
Spuren dieser Veränderun kann man an den stundentafeln der sekundare Tugend der Pünktlichkeiaus.
benediktinischen Klöstesehen, die den Hinweis auf das Konzept Die abstrakte Ordnung der Chronologie ermöglichdie Selbst-
der ))richtigen stunde^ aufrechterhielten, diesem aber die Bedeutung organisation der Zeit in den zwei komplementäreFormen der His-
einer Garantie übedie ))zeitlicheSymmetrieÃder Aktivitäte der torisierung und der Planung. Das ~Dogmaà des Historizismus, das in
Mönch verliehen. Alle Gemein~chaftsmit~lieder mussten zur glei- der zweiten Hälftdes 18. Jahrhunderts entsteht, besteht offenbar in
chen Zeit dasselbe tun. Die Messung der Zeit diente der Ãœberwindun der zeitlichen Version der Beobachterabhaqigkeit, die in diesem Fall
der nir Interaktion typischen Unterscheidung von Anwesenheit und in die Behauptung übersetz wird, dass jede Gegebenheit entgegen der
Abwe~enheit.'~~ Einmal eingeführt wird die Zeiteinteilung bald dazu traditionellen Annahme von der Beständigkeiund Fortdauer der
verwendet, ein komplementäre Phänome zu ermöglichen die Formen, von dem historischen Kontext und von einer Bezugsgegen-
gleichzeitige Ausführunverschiedener Tatigkeiten, ohne dabei die wart und ihren Horizonten abhängtMerhrdigerweise fŸhr dies
Möglichkei der gegenseitigen Koordination einzubden. Jeder jedoch nicht dazu, dass man sich nicht mehr füdie Vergangenheit
Möncverfigt übeeinen eigenen Zeitplan, der von dem der anderen interessiert. Die ))Entdeckung* der Geschichte, die, wie wir in
verschieden ist. obwohl das Leben des Klosters weiterhin ninktioniert. Kap. iV, 5 gesehen haben, dazu dient, sich der Vergangenheit zu
Darin besteht die moderne Aufgabe des Kalenders: zwar enthäler entledigen, erzeugt zugleich ein neues Interesse füdieselbe. Man
keine Aussage darüber was zu welchem Zeitpunkt gemacht werden wendet sich nun der Vergangenheit nicht als etwas Gleichem, sondern
soll, aber er ermöglichdie Organisation und Koordination der zu als etwas Verschiedenem zu, um eine (nun historische und nicht mehr
verrichtenden Dinge (die an anderer Stelle, etwa in den Programmen ontologische) Erkkarung füdie Gegenwart zu finden. Die Gegenwart
der Wirtschaft oder des Rechts oder in den Organisationen beschlos- ist nicht mehr die Fortsetzung der Vergangenheit, kann aber als deren
sen werden). Der Kalender stellt nicht Redundanz unter Garantie, Ergebnis betrachtet werden. Die Historie ersetzt nun die Natur und
ermöglichaber Varietäter legt keine Identitätefest, ermöglichaber wird zur Erklärunder Welt und ihrer Erscheinungen herangezogen.
dafüden Vergleich. Im Grunde scheint die letzte möglichBegrenzung der Kontingenz in
Der Kalender dient der Zeiteinteilung "
- und dabei handelt es sich der Unwandelbarkeit der Vergangenheit zu liegen. Dieser Ansatz ist
um ein neues Erfordernis, das zu dem Zeitpunkt entstanden ist, da die übrigennur plausibel, sofern er von einem einheitlichen Schema
Welt aufgehörhat, vollkommen synchronisiert zu sein und unter- gestütz wird, das die Koordination der Gegenwart mit der Vergangen-
schiedliche Rhythmen und Dringlichkeiten zulässt.24Der Sinn von heit und den vergangenen Gegenwarten scheinbar aufrechterhäl- es
248 Vgl. Zerubavel 1981; Luhmann 199of.
handelt sich hierbei um dieselbe Voraussetzung, die die Vorstellung
249 Aus einer gesellschafistheoretischenPerspektive handelt es sich dabei zunächsum die von der Möglichkeiund Nützlichkei einer Zukunfi~~lanung stützt
unterschiedlichen Zeiten der verschiedenen Funktionssysteme, die nicht aufeinander
abgestimmt werden könnten 2;o Vgl. von Foerscer 1 9 8 ~ 6S., 142; Luhmann ~ y y o t S.
, 117
Man geht dabei von einer analogen Koordination von gegenwärtige Bereichen bereitzustellen, die zu jener Zeit unsicher geworden wa-
Zukunft und zukünftigeGegenwarten aus.251 ren.256
Die Zukunft ist immer schon unbekannt gewesen, doch die klassi- Die Grundlage hierfüist die Wahrscheinlichkeitstheorie, die in
sche Welt ist ihr mit prudentia begegnet, die traditionell als eine Art dem Jahrzehnt von 1660 mit dem explizit erklärtenwenn auch
'Divination definiert worden ist, mit der man Zugang zu zukünftige kontradiktorischen Ziel entwickelt worden ist, Regeln füden Um-
Dingen oder Ereignissen erlangen konnte, noch bevor sie sich be- gang mit dem Unsicheren bereitzustellen, die auf dessen Quantifizie-
wahrheiten würden.25 Die Undurchdringlichkeit der Zukunft wurde rung und anschliegend auf die Ausarbeitung eines logischen Kalkül
mit Prophetie angegangen. In dem Moment, in dem Zukunft zu zur Handhabung dieser Quantitäte hinauslaufen sollten.257 Der
einem offenen Horizont wird, der nicht aus Gegebenheiten, sondern Vorgabe ontologischer Stabilitäentsprechen in diesem Fall das ))Prin-
aus Möglichkeitebesteht, istprudentia auch nicht weiter in der Lage, zip vom guten, aber nicht zwingenden GrundÃund das ~Prinzipvon
sie zu beherrschen und gerinnt zu einem angsterzeugenden, bedroh- der GleichgŸltigkeitÃder irn Wesentlichen der Annahme gleichzu-
lichen Bereich unerforschbarer Gefahren. Prudentia wird dann durch setzen ist, dass die in Frage stehenden Ereignisse gleich wahrscheinlich
Planung ersetzt, durch den Versuch, die Offenheit der Zukunft mittels sind. Auf dieser Basis kann man die Wahrscheinlichkeit eines Ereig-
einer rationalen Prognose unter Kontrolle zu bringen.253Von den nisses als Verhältnizwischen den günstigeund den mögliche
Beispielen geht man zu den Regeln übeund versucht übediesen Bedingungen berechnen. Die Wahrscheinlichkeit ist so in den Be-
Weg Orientierungen zur Reduzierung der Willküder Zukunft zu griffen gleich wahrscheinlicher Ereignisse auf eine offenbar zirkulär
entwickeln, mit deren Hilfe man sich auf die Zukunft vorbereiten Weise definiert. Die Ungewissheit entspricht bei diesem Ansatz der
kann - es geht mit anderen Worten darum, die Offenheit der Zukunft Unkenntnis, einer unvollständigeInformation; füeine wesentliche
zu reduzieren, indem man sie gleichzeitig anerkennt. Hierin besteht Ungewissheit wird kein Raum gelassen, wobei das Kalkü eine Orien-
die Analogie zum Historizismus. In diesem Fall geht man von dem tierung auch unter der Bedingung ermöglichtdass nicht alle Infor-
Unterschied zwischen gegenwärtigeZukunft und den zukünftige mationen bekannt sind - eben weil man davon ausgeht, dass die Welt
Gegenwarten aus, die eben das ))Zukünftige( der Zukunft ausmachen, an sich übeeine Ordnung verfügt.25
gleichzeitig setzt man aber irgendeine Form von Kontinuitävoraus, Jedenfalls gründedie Prognose auf der Diagnose des gegenwärti
mittels derer man sie miteinander koordinieren kann. Luhmann Gegebenen, sie führalso die Gegenwart (die zur Vergangenheit ge-
spricht in diesem Zusammenhang von ~techniquesof defuturiza- worden ist) in die Zukunft ein, mit der man sich auseinander setzen
tionç25in Form wertender Projektionen auf den ))richtigen((Lauf muss - und nimmt ihr dadurch den Charakter einer Zukunft. Es
der Geschichte (das Warten auf die Revolution, aber auch ausgefeiltere handelt sich dabei um ädersfunktionale Techniken. insofern sie die
Positionen.Auf die kritische Haltung sind wir bereits eingegangen255),
insbesondere aber in der sehr einflussreichen Form der Konstruktion 256 Vgl. Luhmann 1997a, S. 552; Spencer Brown 1957.
von Kausalbeziehungen, bei der gegenwärtigUrsachen mit vermeint- 257 Eine Darstellung der Wahrscheinlichkeitstheorie und ihrer Entwicklung i n Bezug auf
die Konzeptualisierung des Unsicheren kann man in Smithson 1989 unter Kap. 3
lichen zukünftigeWirkungen in Verbindung gesetzt werden. Darin finden.
kann man die Statistik zu Hilfe nehmen, ebenfalls eine Erfindung des 258 Von Zadeh 1965 an kritisieren die Ansätzdes f u q diese Herangehensweise, aus-
17.Jahrhunderts, die die Aufgabe hat, Formen der Gewissheit in den gehend von der Trennung zwischen den Begriffen der Möglichkei (die füeinen
umfassenderen Begriff gehalten wird) und denen der Wahrscheinlichkeit, und be-
251 Auch Nora 1992, 111, S. 1009 bemerkt, dass Historizismus und Planung wie zwei rücksichtigedemgegenübeebenfalls die Begriffe zweiter Ordnung wie die Unge-
zeitgleiche Bewegungen zusammen erzeugt werden. wissheit der Ungewissheit oder die Wahrscheinlichkeit der Wahrscheinlichkeit: vgl.
252 Den klassischen Verweis bildet hierfiir Cicero, De inventione, II,53,160. Zeugnissefü Smithson 1989, S. 147ff. Die Konstruktion ist aber weiterhin nicht zirkulärd. h. sie
das Fortdauern dieser Vorstellung bis in das 17.Jahrhundert sind in Luhmann 19800, verfügübekein r e - e n q der Unterscheidung SubjektIObjekt. Jedenfalls wird die
S. 280, zusammengetragen. /Üzzines der Begriffe und der Quantifizierer auf die Subjektivitäoder auf d i e Vielheit
253 Vgl. Koselleck 1979, S. 29 ff. der Beobachter zurückgeführ wobei die Möglichkeieines Konsenses offen gelassen
254 Luhmann 1976, S. 141. wird, sofern man eine gemeinsame Perspektive einnimmt. Die Ungewissheit wird also
255 Vgl. Kap. IV, 5 nicht auf den Sachverhalt der Beobachtung selbst zurückgeführ
Möglichkeieröffnen die Orientierung an der Zukunft dazu zu Auf etwas konkretere Art zeigt sich dies auch an der spezifischen
verwenden, in der Gegenwart Informationen zu produzieren (darin Zeitlichkeit der Massenmedien in den verschiedenen Programmbe-
besteht der Sinn von Planung), dabei aber paradox erscheinen, da die reichen. Die Unterhaltung, die sich, wie wir gesehen haben, in der
Offenheit oder eben die Ungewissheit der Zukunft beibehalten wird. typisch modernen Form derjction ausdifferenziert hat, hat in erster
Der Unterschied zwischen Prognose und Prophetie besteht darin, dass Linie nach der Unterscheidung zwischen der im Roman erzahlten
die Prognose die Geschichte veränder- wobei es keine Garantie dafü Geschichte und dem Lauf der Dinge in der Welt verlangt, nach der
gibt, dass die Veränderunihren Intentionen entspricht. Die Ursache Unterscheidung von Èhistory und >sto - die nur möglic war,
erzeugt gewiss Wirkungen, wahrscheinlich jedoch nicht die von den sofern man beider Bindung mit der Çhistoria im klassischen Sinn
Planern vorgesehenen. Selbst die utopischen Projektionen auf den auflösteder Aufbewahrung und dem Wiedervorbringen der exempla.
Lauf der Geschichte wärenwenn sie sich als richtig erweisen sollten, Die Kommunikationsform der modernen novel funktioniert nur,
paradox, da der Agens dazu aufgerufen wäreeine Geschichte zu wenn sie es schafft, eine eigene Zeitlichkeit festzulegen, die nicht
verwirklichen, die sich ohnehin von selbst verwirklicht hätte aus Handlungen zusammengesetzt ist, sondern aus der Beobachtung
Die zeitliche Semantik gründet wie auch alle anderen Aspekte des der Handlungen; dafur ist das Verlassen aller epischen Elemente er-
Kulturmodells, auf der Annahme eines außenstehendeBeobachters - forderlich, die noch den Zusammenhang beider Elemente aufrecht-
die sich besonders in diesem Fall bis zu dem Punkt durchgesetzt hat, erhalten. Die Zeit des Romans konstituiert sich im Roman selbst, der
dass es schwierig geworden ist, andere Modelle auch nur vorzustellen. eine eigene innere Spannung erzeugt, indem er eine eigens romanhafte
Die Gewissheit und Eindeutigkeit der Chronologie erfordern die Zwangsläufigkei generiert. Man weiß dass die eingeführteElemente
Existenz nur eines, fixen und undiskutierbaren (unbeobachtbaren) nie grundlos sind und im Verlauf der Erzählungdie ihre eigene
Beobachters - als Garant fü die Vielheit der beobachteten Beobachter. Vergangenheit wieder einholt und dafüeine Erklärunliefert, nähe
Der Ausschiuss des Beobachters bildet in diesem wie in den anderen erläuterwerden.260Die Form des Kriminalromans bietet fŸ dieses
Fälledie Bedingung dafürdass die Beobachter beobachtet werden Modell die ausdrücklichstVerwirklichung. Diese ZwangsVauflekeit
und damit eben die Bedingung füdie Pluralitäder in dem einzigen bezieht sich aber nicht auf die Welt. sondern auf das Werk des Autors.
Lauf der Geschichte koordinierten Zeiten und Rhythmen. Die vor- der gerade deshalb in seinem Text nicht vorkommen muss und, indem
angegangenen Ansätzedie mehrere unterschiedliche, entsprechenden er sich im Außehältdie analoge Externalitädes Lesers unter
Interessen und Bedeutungen zugeteilte zeitliche Sequenzen zuließen Garantie stellt. Trorz der offensichtlichen Unterschiede geschieht
waren immer an einen bestimmten Beobachter gekoppelt, der fü etwas Ähnliche auch mit der Zeitlichkeit der Nachrichten. Die Ge-
deren Einheit einstand und in ihrem Inneren eingeschlossen war - und schlossenheit und die Autonomie des Systems der Massenmedien
konnten ihn gerade deshalb nicht beobachten. Die abstrakte Chrono- verwirklichen sich in diesem Bereich, indem die Zeitungen beginnen,
logie gestattet die Distanzierungvon jeder spezifischen Perspektive, die regelm&ig - nicht nur, wenn etwas, d. h. ein außergewöhnlich oder
als Möglichkei zugelassen wird und mit anderen Möglichkeite merkwürdigeEreignis geschieht, sondern jeden Morgen - z u erschei-
verglichen werden kann - allerdings nur unter der Bedingung, dass nen. Dieser völlikünstlichCharakter von Periodizitäund Pünkt
die Geschichte selbst, d. h. die Beobachterperspektive der Zeit als lichkeit bildet eines der Unterscheidungsmerkmale der ersten Tages-
solcher augerhalb der Ereignisse verortet wird. Die Chronologie zeitungen. Die Times, die im Jahre 1804zum ersten Mal erschienen ist,
existiert vor jedem geschichtlichen Ereignis (und auch vor der Er- verwendete als Markenzeichen eine Uhr, die zwischen dem offenen
findung der Chronologie, die auf ein bestimmtes Datum zurück Buch der Gegenwart und dem verschlossenen Buch der Zukunft
gefuhrt werden kann) und setzt sich in der Zukunft auf unbestimmte positioniert war und auf der die Zeit des Erscheinen5 der Zeitung
Zeit fort. Die punktuelle Gegenwart kann auferund ihrer fehlenden angezeigt war: 6 Uhr morgens. Daraus ist offenbar auch der Name der
Dauer die Zeit konstituieren, ohne selbst der Zeit anzugehörenund
259 Vgl. Celati 1975, S. 21 ff.
entspricht so der Art Beobachter zweiter Ordnung, der auf die Welt S. 104 ff. Hinsichtlich der spezifischenZeitlichkeit des Romans
.-
260 Vel. Luhmann 1995a,
blickt, ohne an ihr teilzuhaben. siehe auch Bender und Wellbery 1991 und esse 1996
Zeitung abgeleitet. Die Zeit der news wird offenbar durch die auto- V Das Netz
nome Produktion der Nachrichten festgelegt und verrŸg übeeine
Einförmigkeiund Regelmäßigkei die in der episodischen und zu-
fdligen Zeit der Ereignisse der Welt keinerlei Entsprechung haben. Die These - oder vielleicht auch nur der Eindruck - die dieses Kapitel
Wie der Verlauf der Dinge auch immer sein mag, die Zeitung hat jeden leitet, ist, dass wir heute einer Organisation von Wiederholung und
Tag dieselbe Seitenzahl und die Tagesschau dieselbe Zeitda~er.'~~ Wie Redundanz gegenüberstehen die wiederum anders ist als die, die wir
wir bereits gesehen haben, kompensiert diese Stabilitädie Kontingenz unter dem Titel der Kultur vorgefunden haben, und dass wir es daher
der Realitäder Massenmedien. Die Orientierung- geht zu dem über auch mit einer anderen Form von Gedächtnizu tun haben. Da wir
was neu und unbekannt ist, dafüaber wenigstens zuverlässijeden bisher ein fü die Moderne charakteristisches Modell behandelt haben,
Morgen produziert wird. Die Serienmäßigke und die Kontinuitä liegt nahe, nun von einer Untersuchung im Bereich der Postmoderne
werden zu den grundlegenden Merkmalen der Zeitlichkeit der Nach- oder auch von einem postmodernen Gedächtnizu sprechen. Diese
richten, die auf regelmägigWeise die Welt kommentieren und damit Etikettierung ist um so bezeichnender, als sie mehr als in allen anderen
einen spezifisch journalistischen Sinn füZeit entwickeln. Die Neu- ~ -~ Fälle die füden Begriff - der Postmoderne charakteristische Zwei-
heit jeder Ausgabe löschdie der vorangegangenen aus - selbst wenn deutigkeit zutage treten lässund gerade durch seine Konnotationen
das behandelte Geschehen fortbesteht. Daher stellen ohne Diskonti- von Nachfolge, von Oberwindung letztlich von Neuheit seine Zuge-
nuitäte fortdauernde Ereignisse wie etwa eine Hungersnot oder ein hörigkeizum begrifflichen Apparat der Moderne aufdeckt (die ja von
Krieg keine Nachrichten mehr dar. Sie sind keine news im journalisti- Neuheit und Verinderung geradezu besessen ist). Die Rede von der
schen Sinn mehr und müssedaher durch ))neuereÃNachrichten Postmoderne verbleibt also im Inneren der Moderne und beschränk
ersetzt werden. Auch hier hnktioniert der Mechanismus nur., wenn-- sich darauf, ihr lediglich neuen Ausdruck zu verleihen. Dies trifft in
man darunter nicht das Dispositiv erahnt, das diese erzeugt, sofern also Bezug auf das Gedächtniin besonderem Maßzu. Alles, was an den
der Beobachter augen verbleibt. Der Leser muss den Eindruck be- sich abzeichnenden Phänomenepostmodern erscheint, ist i n der Tat
halten, übedie Welt und nicht übedie Realitäder Massenmedien lediglich die radikale Verwirklichung der Tendenzen der Moderne,
informiert zu werden. ihre Vollendung und nicht ihre ÃœberwindungWas an dieser Stelle von
grögere Interesse sein dürfte ist jedoch etwas anderes: der Eindruck,
dass sich jenseits und neben dieser Radikalisier~n~ Formen einer
anderen Art abzuzeichnen beginnen, die mit den zur Verfügun
stehenden Formen nicht erfasst werden könne und !gerade deshalb
besonders schwierig und flüchtierscheinen. Dies sind die Formen,
welche die Gedächtnisfor konstituieren, die wir untersuchen wol-
len.
-~ -

Wie in den vorangegangenen Kapiteln wird sich unsere Analyse


auch in diesem Kapitel auf dem doppelten Gleis der Kommunika-
tionstechnolopien" und der Gesellschaftsstrukturenbewegen. ., In dieser
Perspektive werden wird uns mit dem Aufkommen der auf Informatik
basierenden so genannten Ène mediaà beschäftigenin erster Linie
mit der ~elemaiikund der mit ihr in Zusammenhang stehenden
Ausweitung des Internets und des world wide web, aber auch mit
der Digitalisierung des Fernsehens, mit den onhne-Tageszeitungen
261 Ausgenommen die Spezialausgaben, deren Name sie schon als typische Abweichun- und ganz allgemein mit all jenen Phänomenendie in die Vorstellung
gen auszeichnet, die die Regel besfatigen. der ~Konvergenzà der traditionellen Medien (einschließlicTelephon
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