Sie sind auf Seite 1von 6

Fachprüfung II

für Tarifbeschäftigte 2020

3. Aufgabe

Sicherheits- und Ordnungswidrigkeitenrecht, Allgemeines Verwaltungs- und Verwal-


tungskostenrecht

(Bearbeitungszeit: 4 Stunden)

Hinweis:
Die Aufgabe umfasst einschließlich dieses Deckblattes 6 Seiten.

Rechtsstand:

Maßgeblicher Rechtsstand der zugelassenen Hilfsmittel für die Fachprüfung II 2020 ist die

 179. Ergänzungslieferung
der Vorschriftensammlung für die Verwaltung in Bayern - VSV – Grundwerk.

Hilfsmittel:
Der Beschluss des Prüfungsausschusses vom 11. April 2003 über die Hilfsmittel für die Fach-
prüfung II ist zu beachten.
F II 2020 – 3. Aufgabe Sicherheits- und Ordnungswidrigkeitenrecht, Allgemeines Verwaltungs- und Verwaltungskosten-
recht

Angesichts der Klimaschutzdebatten in den Medien und der immensen Feinstaubbelastung

durch das Abbrennen von Feuerwerkskörpern an Silvester wurde in der oberbayerischen

kreisangehörigen Stadt Hofburg (ca. 7.000 Einwohner) im Herbst 2019 über ein Böllerverbot

im gesamten Stadtgebiet in mehreren Bürgerversammlungen diskutiert. Darüber hinaus liegt

der Stadt Hofburg das Schreiben der Bürgerin Rosa Rot aus dem zur Stadt Hofburg gehören-

den Ortsteil Acker vor. Als „überzeugte Klimaaktivistin“ protestiere sie dagegen, dass „nur

über den Schutz des Klimas geredet, aber nicht gehandelt wird“. Auch für ihren Hund „Franzl“

sei die Böllerei jedes Jahr eine Zumutung. Und außerdem seien auch erhebliche Brandgefah-

ren mit dem Abschießen und Abbrennen von Feuerwerkskörpern verbunden. Immer wieder

lese man, dass durch abgeschossene Feuerwerkskörper Brände entstünden. Zuletzt habe der

Brand im Krefelder Zoo gezeigt, wie gefährlich offenes Feuer sei. Völlig unschuldige Tiere

seien den Flammen zum Opfer gefallen, verursacht durch offenes Feuer aus einer sog. Him-

melslaterne. Frau Rot verlangt deshalb von der Stadt Hofburg die Anordnung eines Verbots

von Feuerwerkskörpern und Böllern, damit sich derlei nicht wiederhole.

Erster Bürgermeister Bernd Burger beauftragte die Geschäftsleiterin Verwaltungsfachwirtin

Andrea Mann, die Sache zu prüfen. Gerade für den in der dichtbesiedelten Altstadt von Hof-

burg liegenden Burgberg mit seinen vielen alten – teilweise noch mit Holzschindeln einge-

deckten – Häusern seien Feuerwerkskörper und die damit verbundenen Brandgefahren sehr

gefährlich. Außerdem stünden dort – wie jedes Jahr – bis in die erste Januar-Woche hinein,

die Holzbuden vom überregional bekannten Christkindlmarkt. Die auf dem Burgberg befind-

liche Martinskirche und auch das Altenheim St. Andreas rechtfertigen das Verbot ebenfalls.

Bereits in den vergangenen Jahren sei die Altstadt rund um den Burgberg von vielen Feiern-

den aufgesucht worden, so dass auch diese beengte Situation das Abschießen von Feuer-

werkskörpern mit Knallwirkung nicht zulasse. Darüber hinaus war Bürgermeister Bernd Burger

der Meinung, dass es nicht mehr zeitgemäß sei, dass an Silvester durch abgeschossene Feu-

erwerkskörper ein vielfaches der normalen Feinstaubbelastung erzeugt werde. Nach Abwä-

gung aller für und gegen ein Verbot sprechenden Argumente beauftragte er deshalb die Ge-

schäftsleiterin, ein Verbot des Abbrennens von Feuerwerkskörpern für das Stadtgebiet von

Hofburg zu entwerfen und ihm zur Unterschrift vorzulegen.

-2-
F II 2020 – 3. Aufgabe Sicherheits- und Ordnungswidrigkeitenrecht, Allgemeines Verwaltungs- und Verwaltungskosten-
recht

Nach ordnungsgemäßer Ausfertigung durch den ersten Bürgermeister Bernd Burger wurde

die nachfolgende Anordnung am 19.12.2019 im Amtlichen Teil des Hofburger Tagblatts ver-

öffentlicht:

„Die Stadt Hofburg erlässt folgende Anordnung:

§1
Vorbemerkung
Zum Schutz des Klimas, zur Reduzierung der Feinstaubbelastung und zur Abwehr von Gefah-
ren für die Öffentliche Sicherheit und Ordnung erlässt die Stadt Hofburg aufgrund von § 24
Abs. 2 der 1. Sprengstoff-Verordnung und Art. 7 Abs. 2 Nr. 3 LStVG diese Anordnung.

§2
Verbot
Es ist im gesamten Stadtgebiet von Hofburg verboten, an Silvester 2019/Neujahr 2020 Feu-
erwerkskörper der Kategorie F2 (klassisches Silvesterfeuerwerk) abzubrennen bzw. abzuschie-
ßen.

§3
Zuwiderhandlungen und Sofortvollzug
Für den Fall der Zuwiderhandlung gegen das Verbot aus § 2 werden Bußgelder und Zwangs-
gelder in Höhe von 1.000 € angedroht und fällig.

§4
In-Kraft-Treten
Diese Anordnung tritt am Tag nach ihrer Bekanntmachung in Kraft. Eine Begründung ist für
diese Anordnung entbehrlich.

Hofburg, 18.12.2019

Unterschrift
Erster Bürgermeister Burger“

Am selben Tag wurde die Anordnung nebst einer ordnungsgemäßen Rechtsbehelfsbelehrung

im Rathaus zur Einsichtnahme niedergelegt.

Die im Ortsteil Acker wohnende Studentin der Rechtswissenschaften Franziska Gartner erfuhr

am 27.12.2019 durch einen Artikel im Hofburger Tagblatt vom Böllerverbot in Hofburg und

verfasste noch am selben Tag schriftlich Klage gegen die Anordnung der Stadt Hofburg. Das

Schreiben vom 27.12.2019 ging am 30.12.2019 beim Bayerischen Verwaltungsgericht Mün-

chen ein. Gartner beantragte die Aufhebung der Anordnung der Stadt Hofburg vom

18.12.2019, ersatzweise die Feststellung der Rechtswidrigkeit der betreffenden Anordnung.

Sie vertritt die Auffassung, dass eine solche Sache, wie ein Feuerwerksverbot an Silvester,

-3-
F II 2020 – 3. Aufgabe Sicherheits- und Ordnungswidrigkeitenrecht, Allgemeines Verwaltungs- und Verwaltungskosten-
recht

nicht vom Bürgermeister alleine entschieden werden könne. Es ginge hier schließlich um die

grundsätzliche Lebensgestaltung der Bürgerinnen und Bürger von Hofburg an Silvester. Ihr

und allen Bürgerinnen und Bürgern, nicht nur von Hofburg, stehe es frei, Feuerwerkskörper

zuhause oder auch auf dem Burgberg abzufeuern. Das gebiete bereits die grundgesetzlich

gewährleistete Allgemeine Handlungsfreiheit. Die Rechtswidrigkeit des Feuerwerksverbots sei

schon alleine daran zu erkennen, dass für Kirchen und Altenheime bereits gem. § 23 Abs. 1

der 1. Sprengstoffverordnung ein bundesweites Verbot über das Abbrennen von Feuerwerks-

körpern bestehe. Eine Regelung speziell für die Stadt Hofburg sei deshalb schon unzulässig.

Die sicherheitsbehördliche Generalklausel komme daneben gar nicht zur Anwendung, weil

vorrangig jedenfalls das Sprengstoffrecht, aber auch Art. 23 LStVG gelte. Darüber hinaus fehle

es an einer nachvollziehbaren Begründung und einer unbedingt erforderlichen Anhörung.

An Silvester 2019 feierte Franziska Gartner zuhause mit einigen Freunden und Bekannten –

wie die Jahre vorher auch – mit Feuerwerkskörpern und Böllern den Beginn des neuen Jahres.

Durch einen Anruf der in derselben Straße in Acker wohnenden Rosa Rot wurde die örtliche

Polizeiinspektion darauf aufmerksam und stellte die Personalien von Franziska Gartner fest.

Gartner gab an, das Verbot der Stadt freilich zu kennen, allerdings habe dieses aufgrund der

Rechtswidrigkeit keinerlei Wirkung und Geltung. Der Stadt Hofburg wurde die entsprechende

Ordnungswidrigkeitenanzeige zugeleitet. Darüber hinaus konnte man feststellen, dass sich

die Bevölkerung von Hofburg weitgehend an das Böllerverbot hielt. Bürgermeister Burger

wertete dies als großen Erfolg und verlautbarte bereits in seiner Neujahrsansprache, dass eine

solche Verfügung auch für Silvester 2020 geplant sei.

Am 10.01.2020 wurde die Stadt Hofburg vom Bayer. Verwaltungsgericht München darüber

informiert, dass eine Klage gegen die Anordnung vom 18.12.2019 anhängig sei. Die Stadt

Hofburg wurde gebeten zur Klage von Franziska Gartner Stellung zu nehmen. Erster Bürger-

meister Burger vertrat die Auffassung, dass sich die Sache bereits erledigt habe, weil Silvester

schließlich lange vorbei sei.

Zur Vorbereitung der Klageerwiderung bittet er die Geschäftsleiterin, sich der Sache anzu-

nehmen, die Argumente von Franziska Gartner zu würdigen und ihm folgende Fragen zu

beantworten:

1. Hat die Klage der Franziska Gartner gegen das Böllerverbot Aussicht auf Erfolg?

2. Gehen Sie hier umfassend auf die Rechtmäßigkeit der §§ 1 und 2 der Anordnung

der Stadt Hofburg vom 18.12.2019 ein.

-4-
F II 2020 – 3. Aufgabe Sicherheits- und Ordnungswidrigkeitenrecht, Allgemeines Verwaltungs- und Verwaltungskosten-
recht

2.1 Hat Franziska Gartner am 31.12.2019 eine Ordnungswidrigkeit begangen? Auf

die Rechtswidrigkeit und die Vorwerfbarkeit ist nicht einzugehen.

2.2 Wer wäre sachlich zuständig, die von Franziska Gartner ggf. begangene

Ordnungswidrigkeit mit einem Bußgeldbescheid zu ahnden?

Bearbeitungshinweise:

1. Auszüge aus den sprengstoffrechtlichen Vorschriften:

a) § 41 Abs. 1 Nr. 16 des Gesetzes über explosionsgefährliche Stoffe – Sprengstoff-


gesetz (SprengG) lautet:
Ordnungswidrig handelt, wer vorsätzlich oder fahrlässig einer Rechtsverordnung nach
§ 6 Abs. 1, § 16 Abs. 3, § 25 oder § 29 Nr. 1 Buchstabe b, Nummer 2 oder 3 zuwider-
handelt, soweit sie für einen bestimmten Tatbestand auf diese Bußgeldvorschrift ver-
weist.

b) Die Erste Verordnung zum Sprengstoffgesetz (1. SprengV) ist eine Rechtsverord-
nung i. S. von Hinweis a) und lautet in

§ 23:
(1) Das Abbrennen pyrotechnischer Gegenstände in unmittelbarer Nähe von Kirchen,
Krankenhäusern, Kinder- und Altersheimen sowie besonders brandempfindlichen Ge-
bäuden oder Anlagen ist verboten.

§ 24:
(2) Die zuständige Behörde kann allgemein oder im Einzelfall anordnen, dass pyro-
technische Gegenstände
1. der Kategorie F2 in der Nähe von Gebäuden oder Anlagen, die besonders brand-
empfindlich sind, und
2. der Kategorie F2 mit ausschließlicher Knallwirkung in bestimmten dichtbesiedelten
Gemeinden oder Teilen von Gemeinden zu bestimmten Zeiten
auch am 31. Dezember und am 1. Januar nicht abgebrannt werden dürfen. Eine all-
gemeine Anordnung ist öffentlich bekanntzugeben.

§ 46 Nr. 9:
Ordnungswidrig im Sinne des § 41 Abs. 1 Nr. 16 des Sprengstoffgesetzes handelt, wer
vorsätzlich oder fahrlässig entgegen einer Anordnung nach § 24 Abs. 2 pyrotechni-
sche Gegenstände abbrennt.

2. Feuerwerkskörper der Kategorie F2 sind solche, die üblicherweise an Silvester als


Leuchtraketen oder Böller verwendet werden. Das Abbrennen dieser ist allgemein – aus-
genommen 31.12. und 01.01. – ganzjährig verboten

3. Gehen Sie davon aus, dass


- zuständige Behörde i. S. § 24 der 1. SprengV die Gemeinde ist,

-5-
F II 2020 – 3. Aufgabe Sicherheits- und Ordnungswidrigkeitenrecht, Allgemeines Verwaltungs- und Verwaltungskosten-
recht

- das Stadtgebiet von Hofburg – abgesehen von der Altstadt um den Burgberg – nicht
dichtbesiedelt und ländlich geprägt ist,
- Franziska Gartner nicht in der Nähe von Kirchen, Krankenhäusern, Kinder- und Alters-
heimen sowie besonders brandempfindlichen Gebäuden oder Anlangen wohnt,
- vorrangige Bestimmungen des Straßenverkehrsrechts keine Anwendung finden und
- im Sachverhalt angegebene Tatsachendarstellungen zutreffend sind.

4. § 36 der Geschäftsordnung der Stadt Hofburg lautet:


(1) Satzungen und Verordnungen werden dadurch amtlich bekannt gemacht, dass sie in
der Verwaltung der Stadt zur Einsicht niedergelegt werden und die Niederlegung durch
Mitteilung in dem für amtliche Bekanntmachungen bestimmten Teil des „Hofburger Tag-
blatts“ veröffentlicht wird.

5. Es genügt, nur auf das im Sachverhalt ausdrücklich erwähnte Grundrecht einzugehen.


Eine detaillierte Grundrechtsprüfung ist allerdings entbehrlich.

Die Fragen sind – soweit möglich – unter Angabe der einschlägigen Rechtsvorschriften
zu bearbeiten.

-6-