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Humboldt-Universität zu Berlin

Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät


Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien / Institut für Asien- und Afrikawissenschaften
Seminar: „Talk Dirty To Me“: Heteroglossie, kreative Sprachpraktiken und queere Sounds in translokalen
Musikkulturen (Wintersemester 2018/19)
Leitung: M.A. Alexa Altmann

Musik als transkulturelle Sprache


Systemische Untersuchungen offener Jamsessions

Simon Manuel Cabrera Kernfach: Musikwissenschaft


Kurfürstenstr. 37 Zweitfach: Gender Studies
10785 Berlin Matrikelnummer: 586577
+49 170 8284370
cabreras@hu-berlin.de 5. Fachsemester

Inhaltsverzeichnis

Einleitung ................................................................................................................................ 2
Hauptteil ................................................................................................................................. 4
Methodik 4
Dokumentarfilm 6
Forschungsergebnis 7
Fazit 10
Kritik und Ausblick .............................................................................................................11
Auszüge der Interviews...................................................................................................... 12
Collier, Jacob 12
Doherty, Trinidad 12
Luoto, Unto 12
Mogueiro, Déborah 12
Quattlebaum, Michael 12
Stech Rodas, Lukas 13
Tadmor, Daran 13
Theumer, Marian 14
Vierheller, Kalle 14
Verzeichnisse ........................................................................................................................ 15
Literatur 15
Medien 16
Abbildungen 16

Anhang: Fragenkatalog & zu erhebende Daten

Forschungsposter

Eigenständigkeitserklärung


Prüfungsprotokoll

Musik als transkulturelle Sprache Cabrera, S.M. (2019)

Einleitung
Eine noch bis heute beliebte These ist die der Musik als „universeller“ Sprache –

Ph.D. Kathleen M. Higgins (Professorin für Philosophie an der University of Texas at

Austin, USA) untersucht diese in „The Music Between Us. Is Music a Universal

Language?“ bis zu ihren Ursprüngen, sammelt Forschungsergebnisse verschiedener

Disziplinen (einige der Studien habe ich selbst bereits im Rahmen von Seminaren und

Hausarbeiten unterschiedlicher Module meines Kernfachs Musikwissenschaft behan-

delt) und argumentiert, Musik sein ein signifikantes Mittel transkultureller Kommuni-

kation 1. Laut Ph.D. Sandra E. Trehub (Professorin für Psychologie an der University of

Toronto, Kanada) et al.2 ist Musik im Unterschied zu Sprache einerseits zwar weniger

spezifisch, kann aber andererseits sozial, emotional und spirituell sowohl stärker als

auch über weitere Distanzen und auf größere Menschenmassen wirken.


Mit meinem Kollegen Sebastian Schulz und unter Leitung von M.A. Alexa Altmann

führte ich im Rahmen des Seminars „‚Talk Dirty To Me‘: Heteroglossie, kreative Sprach-

praktiken und queere Sounds in translokalen Musikkulturen“ ein transdisziplinäres

Forschungsprojekt mit dem Titel „Die soziolinguistische Dimension improvisierter Musik.

Transkulturelle Kommunikation und Performanz bei offenen Jamsessions“ für den „Mother

Language Day“ 2019 am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-

Universität zu Berlin, worauf die vorliegende Arbeit aufbaut.

Kern meiner Arbeit liegt darin, das Wirkverhältnis von Musik und Sprache genauer

auf funktionale Ähnlichkeiten und Unterschiede, auf soziale Potentiale und Risiken

zu untersuchen. In meiner eigenen Erfahrung als professioneller Musiker, aber auch in

zahlreicher Literatur wird in Musik, speziell in frei improvisierter Musik – sogenan-

nten „jam sessions“3 – das größte soziale Potential gesehen, transkulturelle Kom-

munikation zu ermöglichen oder zu begünstigen und Brücken zwischen Menschen

und ganzen Gemeinschaften zu schlagen, die sich vorher fremd waren oder fühlten –

1 Vgl. Higgins 2012, 2.

2 Vgl. Trehub et al. 2015, 6.

3 Vgl. Sawyer 2005, 47.

2
Musik als transkulturelle Sprache Cabrera, S.M. (2019)

so z. B. in „The Fierce Urgency of Now. Improvisation, Rights, and the Ethics of Cocre-

ation“ (Fischlin et al.), wo in innovativen Jamsessions wie „New Communities of

Sound: Improvising across Borders“ 4 das Potential gesehen wird neue, sozial res-

ponsive Formen der Gemeinschaftsbildung jenseits nationaler, kultureller und künst-

lerischer Grenzziehungen zu begünstigen5, oder in „Improvisation within a Scene of

Constraint. An lnterview with Judith Butler“ (McMullen), wo Butler in improvisierter

Musik eine soziale Dimension sieht, in der „what you can be together actually has to

be found out“ 6, oder auch in „Musically Negotiating Difference. Cross-Cultural Sounds of

Empathy in Contemporary Germany“ (Präger), wo es heißt:

„[…] music-making and listening might allow migrants and hosts to access
conversations about migration from a different entry point; one that focuses on
[…] community building and cultural self-understanding rather than mainly on
the more common migration themes of loss and victimhood.“7

Meine Absicht ist es, die grundlegenden Faktoren für das Erreichen dieses Ideals einer

„optimalen“ Jamsession mit Anspruch auf Transkulturalität herauszuarbeiten. Was

macht diese positiven gemeinschaftlichen Erfahrungen frei improvisierter Musik aus?

Welche Wünsche und Ängste haben Akteur*innen und sonstige Beteiligte solcher

Zusammenkünfte? Welche Stimmen werden dabei vielleicht nicht beachtet oder ge-

hört? Hinsichtlich der Rahmenbedingungen sehe ich diese Arbeit als ersten Versuch,

mit (diskriminierungs-)kritischem Blick Grundlagen für weitere Untersuchungen zu

schaffen, die ich auch selbst beabsichtige in meiner Bachelorarbeit fortzuführen.

Meine Hoffnung ist, dass solche Untersuchungen wegführen von utopischen Idealen

hin zu realitätsnahen Theorien, die ganz nach Higgins Vorbild dabei helfen können

„to make us more humane.“8


4 Von „Improvisation, Community, and Social Practice (ICASP) research project“ und „Guelph Jazz
Festival“ im September 2009 veranstalteter Workshop, vgl. Fischlin et al. 2013, 193f.

5 Vgl. ebd., 191.

6 Judith Butler, zit. nach McMullen 2016, 19f.

7 Vgl. Präger 2018, 73.

8 Vgl. Higgins 2012, 2.

3
Musik als transkulturelle Sprache Cabrera, S.M. (2019)

Hauptteil
Musik und Sprache weisen auf den ersten Blick viele Ähnlichkeiten (z. B. folgen beide

sich laufend neu definierenden Regeln wie Grammatik, Schrift oder Syntax und beide

besitzen Melodie und Rhythmus), aber auch erhebliche Unterschiede auf (so ist

Sprache inhaltlich spezifisch, Musik eher assoziativ). Dennoch bleibt „Musik als

Sprache“ ein beliebtes Motiv – wobei Higgins im Lichte neuerer Forschung eher für

„Sprache als Musik“ plädiert, da Säuglinge schon früher auf Musik als auf Worte

reagieren und sie Sprache auch zuerst über Melodie und Rhythmus erlernen9 . Higgins

warnt außerdem: „the two are not exact parallels and […] pushing the comparison

results in an imbalanced and overly narrow understanding.“10

Ich plädiere mit dieser Arbeit gegen „Musik als universelle Sprache“ (basierend auf

einem zwanghaften Vergleich der beiden mit latenter Präferenz für letztere) und für

„Musik als transkulturelle Sprache“ (die funktionalen Stärken und Schwächen der

beiden zu gemeinschaftsbildendem Zweck erforschend und nutzend). In diesem Zuge

präsentiere ich zusammen mit dem vorliegenden Text meinen Dokumentarfilm

„Musik als transkulturelle Sprache. Systemische Untersuchungen offener Jamsessions“,

welcher aus meinem Forschungsprojekt mit Schulz entstand.

Methodik
Um in einem ersten Schritt zentrale Fragestellungen zu konkretisieren, sammelte ich

über einige Wochen Forschungserkenntnisse in den Bereichen „Musik und Sprache“,

„Improvisation und Transkulturalität“ und „Musik/Improvisation und Gender“ aus

dem Literaturbestand des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums und der Zweigbib-

liotheken der Musikwissenschaft, der Gender Studies und der Fremdsprachlichen

Philologien. Die erarbeiteten Thesen galt es dann im Kontext des Seminarprojekts

einzubetten, weshalb zwei thematische Schwerpunkte bei „(Mehr-)Sprachlichkeit und

Sprachlosigkeit (in) der Musik“ und „gemeinschaftsbildendes Potential offener

9 Vgl. Higgins 2012, 87–91.

10 Vgl. ebd., 11.

4
Musik als transkulturelle Sprache Cabrera, S.M. (2019)

Jamsessions“ gesetzt wurden, zu denen Schulz und ich

bekannte (Mit-)Musiker-*innen interviewten.

Prof. Dr. Eckhard Weymann (Professor für Impro-

visation und Musiktherapie an der HfMT Hamburg)

beschreibt in „Zwischentöne. Psychologische Untersu-

chungen zur musikalischen Improvisation“ sehr aus-

führlich wichtige Forschungsgrundzüge (s. Abb. 1)


Abb. 1: Grundzüge traditioneller und
qualitativer Forschung. und deren Anwendung auf seine Studie. So sollen in

Interviews qualitativer Forschung „Vorerfahrungen, erkenntnisleitende Interessen etc.

[…] gezielt und ausdrücklich einbezogen“11 werden, um „Selbstverständlichkeiten

auf[zulösen], Verdichtungen zu entfalten“ und „komplett[e] Erlebnisbeschreibungen“

zu erfragen12 . Als Faustregel zitiert er Freichels: „Keiner ‚Meinung’ trauen, an der

nicht mindestens einmal ‚gedreht’ worden ist.“13 Systemische Forschung nach Arnold

geht über bloßes Erkenntnisinteresse hinaus und setzt als oberstes Gütekriterium

nicht Objektivität oder (Inter-)Subjektivität, sondern Viabilität, also den effektiven

Nutzen für ein „Besser-Zurechtkommen“ in der Welt14.

Darauf aufbauend entschloss ich mich für eine offene, semi-strukturierte

Interviewmethode – offen, weil keine Antworten vorgegeben sind und Befragte offen

antworten können, und semi-strukturiert, weil die

Fragen einer Struktur folgen, diese aber flexibel und

responsiv gestaltet wird. Unter diesen Vorgaben ent-

wickelte ich erst die zu erhebenden, für die zentralen

Thesen essenziellen Daten (s. Abb. 2), und rekonstru-

ierte daraus den Fragenkatalog (s. Abb. 3), wobei für

den gesamten Prozess galt: a) möglichst nicht-


Abb. 2: Zu erhebende Daten.

11 Vgl. Weymann 2004, 56.

12 Vgl. ebd., 64.

13 Hans-Jürgen Freichels, zit. nach ebd.

14 Vgl. Arnold 2012, 23f.

5
Musik als transkulturelle Sprache Cabrera, S.M. (2019)

suggestive Fragen zu stellen, b) positive und negative Erfahrungen zu erfragen und c)

rassistische/sexistische/homo-/xenophobe

Faktoren zu beachten.

Die Interviews wurden von Schulz und mir

nach diesem Muster und unabhängig voneinan-

der geführt und aufgezeichnet. Zu Beginn soll-

ten Befragte sich vorzustellen und zum Begriff

„Transkulturalität“ frei etwas sagen. So bot sich Abb. 3: Fragenkatalog für Interviews.

meist eine natürliche Überleitung mittels Nachfragen. Wenn gegen Ende wichtige

Daten fehlten, war dies leicht zu sehen und nachzuholen. Das letzte Wort überließ ich

immer den Befragten für eventuelle Ergänzungen oder Gegenfragen.

Die so von Schulz und mir gesammelten und ausgewerteten Daten bereitete ich

dann für den „Mother Language Day“ 2019 auf zu einem Forschungsposter (s. Abb. 4)

und einem 15-minütigen Zusammenschnitt der Interviews, der jedoch keinen Aus-

schnitt des Dokumentarfilms darstellt (vgl. folgender Abschnitt).

Abb. 4: Forschungsposter: Die soziolinguistische Dimension improvisierter Musik.

Dokumentarfilm
Der Film (im Kontrast zum unkommentierten, unbearbeiteten Zusammenschnitt für

den „Mother Language Day“ 2019) startet mit einer kurzen thematischen Einführung.

Danach stelle ich mich selbst, meine zentralen Thesen, Fragen und Intentionen vor

und führe dann als Kommentator durch die Interviews in vier Abschnitten:

6
Musik als transkulturelle Sprache Cabrera, S.M. (2019)

1. Transkulturalität

2. Sprache

3. Jamsessions

4. Risiken/Probleme

Am Ende schließe ich aus alldem ein Fazit mit Ausblick. Der Film ähnelt somit in

seiner Struktur dem vorliegenden Text, weicht aber in einigen Punkten ab: So sind

Bezüge zur aktuellen Forschung auf ein Minimum reduziert und der Fokus wird eher

auf die Interviews und ergänzendes Bild- und Tonmaterial gelegt. Der Film soll so ein

breiteres Publikum ansprechen; mittels Quellen und diesem Text zur Erläuterung soll

aber auch die Möglichkeit für genauere Recherche geboten werden.

Die Hintergrundmusik des Films besteht aus Live-Mitschnitten verschiedener

„total feine musik“-Jamsessions in meinem Studio „ohmniphonic“ in Berlin.

In meinem aktuellen Praktikum bei Rosa von Praunheim Filmproduktion gab mir

von Praunheim zudem nützliche Tipps und Faustregeln zum Thema Dokumentarfilm,

so z. B. zu sinnvollen Datenmanagement-Strategien für Interviews und Videoclips

oder zur Maximallänge einzelner Kameraeinstellungen im Film hinsichtlich der

Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen.

Deshalb drehte ich dann bewusst Füllmaterial (wie z. B. Kameraschwenke durch

das Studio, Einstellungen mit Unikulisse oder auch szenische Shots einzelner

Befragter) und achtete beim Schnitt des Films darauf, einerseits das Interesse mittels

dieser Füller aufrechtzuerhalten und andererseits inhaltlich kohärent zu bleiben und

keine zusammenhangslose oder hektische Bebilderungen vorzunehmen.

Forschungsergebnis
Man sieht anhand der Interviews (vgl. S. 12–14) auch hier, dass das Motiv „Musik als

(universelle) Sprache“ sehr beliebt ist. Sprache wird aber oft als Barriere erlebt, die

Kommunikation erschwert (sowohl in musikalischem als auch in alltäglichem Kon-

text) – Musik hingegen wird oft als Hilfsmittel oder Ausweg empfunden:

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Musik als transkulturelle Sprache Cabrera, S.M. (2019)

„Yo creo que… [wechselt zu Deutsch] es liegt total an die Sprache, dass man die
Sprache nicht kann, ne? [wechselt wieder zu Spanisch] Por ejemplo yo, cuando
llegué aquí […] no me podia comunicar bien. […] Me sentí como limitado y es
frustrante.“ (Stech Rodas)

„I may have, like some band rehearsal, something with German people, that
[…] the first 20 minutes I really try to concentrate […] but quite soon I get quite
exhausted and I’m just too tired to concentrate enough any more.“ (Luoto)

„[…] versucht mir meinen Akzent abzugewöhnen, weil […] ziemlich oft, ehm,
nach den ersten Worten so: ‚Ah, hier – du bist doch bestimmt Sachse oder so, du
kommst doch bestimmt aus – oder Thüringen oder so in die Richtung?‘ Jedes
Mal. Ehm, ja… das nervt mich immer ein bisschen.“ (Theumer)

Andersherum wird sowohl das Fehlen als auch Nicht-Verstehen von Sprache in Musik

oft als angenehm empfunden oder sogar gewünscht:

„Ich höre auch gern Sachen, die ich gar nicht verstehe.“ (Theumer)

„For instance: a lot of the songs you played were German and I actually have
a huge German playlist now […] that I don’t understand a single word of […]
but, uhm, it’s the music, you know?“ (Mogueiro)

„Because I think that words can sometimes… be too much, they express too
much. Sometimes you can express the same emotions without the words and I
think that this goes back also to the concept of opera often being in a different
language than what the majority of the people who watch it understand. […] I
think that this allows […] the music also to speak to them.“ (Quattlebaum)

Am wichtigsten für eine „gute“ oder „optimale“ Jamsession sei es, sich selbst nicht zu

ernst zu nehmen, aktiv dabei zu sein, keine Richtung, Stilistik o. ä. vorher festzulegen,

einander zuzuhören, dabei offen zu bleiben für Veränderungen und allen Mitmu-

siker*innen ihren kreativen Freiraum zu geben:

„The most important thing for anyone to do in a jam session is to listen, […] to
know how to contribute in a meaningful way.“ (Tadmor)

„La música es un lenguaje universal en el que no hace falta mucho idioma […]
para hacer música con una persona.“ – [was eine gute Jamsession ausmacht:] „…
que no haya competencia de egos.“ (Stech Rodas)

„Wenn man sich so abspricht beim Musikmachen […] man muss sich ja nicht
immer mit Worten absprechen“ – „’ne gute Jamsession ist, […] wenn möglichst
viele Leute einfach aktiv dabei sind, ja auch aktiv zuhören.“ (Theumer)

8
Musik als transkulturelle Sprache Cabrera, S.M. (2019)

„I have to say that the [jam] sessions that you have are always really
incredible for me because of the element of freedom.“ – „[…] sometimes it’s not
going to sound nice – nothing in life is always nice. But that’s what I love about
music as well: It really is a true reflection, I think, of life, for me.“ (Quattlebaum)

„[…] and that could open a lot, when you hear something you have never
heard before, the language, the style, the culture.“ (Doherty)

„Ich habe auch schon mit Leuten Musik gemacht und habe erst hinterher
festgestellt, dass wir nicht die gleiche Sprache sprechen – aber musikalisch haben
wir die gleiche Sprache gesprochen.“ (Vierheller)

„[…] if music is a language, then a jamsession is a conversation – and any


rules or forced direction isn’t going to help.“ – „I think the most important thing
is to be present, […] to listen and to give others the chance to be heard.“ (Collier)

Probleme wie Diskriminierung und Exklusion sehen die Befragten vor allem hin-

sichtlich Geschlecht, aber auch Herkunft und sozialem Stand:

„[…] in jam sessions, it’s generally very male-dominated.“ (Quattlebaum)

„Jam sessions tend to be in bars, places that serve alcohol and unfortunately in
much of our culture, bars and stuff can be […] uncomfortable for women,
because of drunk creepy men, and what not.“ (Tadmor)

„But in other places, yes, as a woman, […] it was just like: hm, this is not my
vibe. […] but it's just the way it works with some kind of men.“ (Doherty)

„I’ve never been a victim of, uhm, physical […] misogyny or racism […] that’s
never happened to me but other things have and […] I still don’t feel safe in a lot
of places – I don’t feel safe going around at night, […] I don’t feel safe around big
groups of men, I don’t feel safe wearing short skirts even when it’s 40° outside
[…]. I know people will not listen to me cause I have a woman’s voice, and that’s
a thing! And, I don’t know, it sucks but, like, what can you do? I guess all you
can do is, like, raise awareness.“ (Mogueiro)

„A las mujeres les cuesta mucho mas a hacer una carrera. […] una mujer […]
puede tocar un instrumento igual o mejor que un hombre, […] yo creo que la
raíz del problema es la sociedad machista, donde la mujer pasa a ser una cosa o
un objeto.“ – „La clase social es en muchos países muy importante […] yo creo
que también llega a ser un problema en la hora de comunicarte y de hacer
música con gente.“ (Stech Rodas)

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Musik als transkulturelle Sprache Cabrera, S.M. (2019)

Fazit
Angesichts der Tendenzen zu Diskriminierung und Exklusion ist es wichtig, Räume

zu schaffen, in denen sich alle sicher fühlen und gehört werden. Jamsessions haben

sich bereits etabliert als Räume der Experimentation und des Wandels, die absolute

Gleichberechtigung untereinander anstreben – das erfordert von allen Beteiligten

Offenheit, Empathie und auch (Selbst-)Sicherheit.

Wie meine Untersuchungen zeigen, könnten Jamsessions ihrem Ideal der Inklusion

näher kommen, wenn einerseits die Stärken und Schwächen von Musik und Sprache

als Kommunikationsmittel gezielt eingesetzt werden und andererseits aktiv nach

ungehörten oder unterrepräsentierten Stimmen gefragt wird, wobei Wünsche und

Ängste beachtet und ernst genommen werden.

Abb. 5: total feine musik #21 (50 Jahre ZODIAC).

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Musik als transkulturelle Sprache Cabrera, S.M. (2019)

Kritik und Ausblick


Durch die geringe Anzahl Interviewter (und deren willkürliche Auswahl) entstehen

Probleme der Homogenität bzw. Repräsentanz. Zudem erwiesen sich sehr offene

Fragen als schwierig, da die Befragten oft nicht so recht wussten, was eigentlich

gemeint war, und sich teilweise wünschten, sie hätten die Fragen schon davor er-

halten, damit sie sich angemessener hätten vorbereiten können. Auch gab es weniger

konkrete Erfahrungsberichte erlebter Jamsessions als erhofft.

Für weitere Untersuchungen wäre wichtig:

1. gezielt Expert*innen für Interviews zu gewinnen (z. B. Veranstalter*innen ande-

rer Jamsessions) oder auch in transkulturell engagierte Vereinigungen zu gehen

(z. B. Open Music School Berlin) und sich um Kooperation zu bemühen,

2. spezifischere, etwas weniger offene Fragen zu stellen und diese (zumindest

auszugsweise) im Voraus schon an Interviewkandidat*innen zu übermitteln,

3. im Interview deutlich auf die Aussagen der Befragten zu reagieren und

persönlich Stellung zu beziehen.

Trotz erwähnter Kritikpunkte bin ich mit dem Ergebnis der Arbeit sehr zufrieden

und zuversichtlich, eine gute Grundlage für weitere systemische Untersuchungen ge-

schaffen zu haben. Ich möchte mit folgendem Zitat schließen:

„What would it take to question and stretch the boundaries of our most
precious, experimental, adventurous containers, make them even better? If the
room we love most already seems inclusive, it takes courage to ask who isn't
here who could bring another stretch to this space, extend the improvising
community even further. Who would the ‚we‘ be then, and what could ‚we‘ do
together that we don't do now?“15


15 Vgl. Tucker 2016, 197f.

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Musik als transkulturelle Sprache Cabrera, S.M. (2019)

Auszüge der Interviews


Collier, Jacob

„[…] if music is a language, then a jamsession is a conversation – and any


rules or forced direction isn’t going to help.“

„I think the most important thing is to be present, in the moment, to listen and
to give others the chance to be heard.“

Doherty, Trinidad

„I am always interested in getting to know music that is […] very different


from what I know and that could open a lot, when you hear something you have
never heard before, the language, the style, the culture.“

„But in other places, yes, as a woman, […] it was just like: hm, this is not my
vibe. […] but it's just the way it works with some kind of men.“

Luoto, Unto

„I may have, like some band rehearsal, something with German people, that
[…] the first 20 minutes I really try to concentrate […] but quite soon I get quite
exhausted and I’m just too tired to concentrate enough any more.“

Mogueiro, Déborah

„For instance: a lot of the songs you played were German and I actually have
a huge German playlist now […] that I don’t understand a single word of […]
but, uhm, it’s the music, you know?“

„I’ve never been a victim of, uhm, physical […] misogyny or racism or
whatever […] that’s never happened to me but other things have and […] I still
don’t feel safe in a lot of places – I don’t feel safe going around at night, […] I
don’t feel safe around big groups of men, I don’t feel safe wearing short skirts
even when it’s 40° outside […] I know people will not listen to me cause I have a
woman’s voice, and that’s a thing! And, I don’t know, it sucks but, like, what can
you do? I guess all you can do is, like, raise awareness.“

Quattlebaum, Michael

„Because I think that words can sometimes… be too much, they express too
much. Sometimes you can express the same emotions without the words and I
think that this goes back also to the concept of opera often being in a different

12
Musik als transkulturelle Sprache Cabrera, S.M. (2019)

language than what the majority of the people who watch it understand. […] I
think that this allows […] their own imagination to fill in the gaps, […] [it allows]
the music also to speak to them.“

„I have to say that the [jam] sessions that you have are always really incredible
for me because of the element of freedom. […] it is always just going to […]
wherever you feel you need to go.“

„And for me a jam session doesn’t have to sound nice. I love experimentation,
I love seeing where we can go with it and sometimes it’s not going to sound nice
– nothing in life is always nice. But that’s what I love about music as well: It
really is a true reflection, I think, of life, for me.“

„[…] in jam sessions, it’s generally very male-dominated.“

Stech Rodas, Lukas

[Erfahrung mit „voicelessness“:] „Yo creo que… [wechselt zu Deutsch] es liegt


total an die Sprache, dass man die Sprache nicht kann, ne? [wechselt wieder zu
Spanisch] Por ejemplo yo, cuando llegué aquí […] no me podia comunicar bien.
[…] Me sentí como limitado y es frustrante.“

„La música es un lenguaje universal en el que no hace falta mucho idioma


para entenderte musicalmente con una persona, para hacer música con una
persona.“

[was eine gute Jamsession ausmacht:] „… que no haya competencia de egos.“

„La clase social es en muchos países muy importante […] y yo creo que
también llega a ser un problema en a la hora de comunicarte y de hacer música
con gente.“

„A las mujeres les cuesta mucho mas a hacer una carrera. […] una mujer […]
puede tocar un instrumento igual o mejor que un hombre, […] yo creo que la
raíz del problema es la sociedad machista, donde la mujer pasa a ser una cosa o
un objeto.“

Tadmor, Daran

„The most important thing for anyone to do in a jam session is to listen, first
and foremost, and to know […] how to contribute in a meaningful way.“

„Jam sessions tend to be in bars, places that serve alcohol and unfortunately in
much of our culture, bars and stuff can be […] uncomfortable for women,
because of drunk creepy men, and what not.“

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Musik als transkulturelle Sprache Cabrera, S.M. (2019)

Theumer, Marian

„Was ich mir […] – also, oder zumindest habe ich versucht mir meinen Akzent
abzugewöhnen, […] weil ich den immer nicht so geil finde. [lacht] Auch wenn
ich ziemlich oft, ziemlich oft, ehm, nach den ersten Worten so: ‚Ah, hier – du bist
doch bestimmt Sachse oder so, du kommst doch bestimmt aus – oder Thüringen
oder so in die Richtung?‘ Jedes Mal. Ehm, ja… das nervt mich immer ein
bisschen.“

„Ich höre auch gern Sachen, die ich gar nicht verstehe.“

[bzgl. total feine musik #13] „Also, das war schon auch ziemlich geil, […] weil
dann immer einfach auch alle im Raum irgendwie mit beteiligt waren an dem
Ding, was dann da passiert ist. […] Es waren einfach auch viele da, die Bock
hatten […], und irgendwie hatten wir dann, eh, so ’n ganz komisches Medley
[…] alle zusammen gesungen – in jeder Ecke war’s irgendwie was anderes – und
es war irgendwie so abgefahren. […] Das war einfach so ’n […] ‚das Leben ist
schön‘-Moment.“

Abb. 6 & 7: total feine musik #13.

„Wenn man sich so abspricht beim Musikmachen […] man muss sich ja nicht
immer mit Worten absprechen, […] manchmal läuft es auch gut wenn man
einfach zuhört […] und dann einfach, halt reagieren mal auf was so passiert und
wenn’s halt ‚weird‘ wird, kann man auch mal […] einfach bleiben, bis man halt,
ehm, doch irgendwann mal wieder so, eh, mehr zusammen harmoniert.“

„’ne gute Jamsession ist, wenn alle Spaß haben dabei, […] alle so ’n bisschen
auf so ’nem gleichen Level sind […] lautstärketechnisch […], wenn möglichst
viele Leute einfach aktiv dabei sind, ja auch aktiv zuhören, […] offen bleiben für
Veränderungen […], einfach mal sich drauf einlassen, […] Humor haben […].“

Vierheller, Kalle

„Ich habe auch schon mit Leuten Musik gemacht und habe erst hinterher
festgestellt, dass wir nicht die gleiche Sprache sprechen – aber musikalisch haben
wir die gleiche Sprache gesprochen.“


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Musik als transkulturelle Sprache Cabrera, S.M. (2019)

Verzeichnisse
Literatur
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University of Chicago Press, 2/11/87–91.
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Musik als transkulturelle Sprache Cabrera, S.M. (2019)

Sawyer, R.K. (2005): Music and Conversation. In: Miell, D. et al. (Hg.): Musical
Communication. Oxford: Oxford University Press, 47.
Stam, R. (1989): Subversive Pleasures. Bakhtin, Cultural Criticism, and Film. Baltimore:
Johns Hopkins University Press, 26–84.
Systemische Gesellschaft/DGSF (2019): Was ist systemische Forschung? Verfügbar
unter: systemisch-forschen.de/systemisch-forschen
Tucker, S. (2016): Stretched Boundaries. Improvising across Abilities. In: Siddall, G./
Waterman, E. (Hg.): Negotiated Moments. Improvisation, Sound, and Subjectivity.
London: Duke University Press, 197f.
Trehub, S.E. et al. (2015): Cross-cultural perspectives on music and musicality. In:
Philosophical Transactions of the Royal Society B 370, 6.
Weymann, E. (2004): Zwischentöne. Psychologische Untersuchungen zur musikalischen
Improvisation. Gießen: Psychosozial, 56–64.

Medien
Cabrera, S.M. (2019): Musik als transkulturelle Sprache. Systemische Untersuchungen
offener Jamsessions. Dokumentarfilm/Portfolioarbeit, Zentrum für trans-
disziplinäre Geschlechterstudien, Humboldt-Universität zu Berlin.
Cabrera, S.M./Schulz, S. (2019): Die soziolinguistische Dimension improvisierter Musik.
Transkulturelle Kommunikation und Performanz bei offenen Jamsessions.
Videopräsentation am „Mother Language Day“ 2019, Institut für Asien- und
Afrikawissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin.
Cabrera, S.M. (2018): total feine musik [jamsessions]. Playlist mit Live-Mitschnitten,
hochgeladen von ohmniphonic. Verfügbar unter: soundcloud.com/
ohmniphonic/sets/tfm

Abbildungen
Abb. 1: Weymann, 57: „Grundzüge traditioneller und qualitativer Forschung“.
Abb. 2: Cabrera: „Zu erhebende Daten“, Foto der ausgefüllten Vordrucke, vgl.
unausgefüllter Vordruck, Anhang.
Abb. 3: Cabrera: „Fragenkatalog für Interviews“, Screenshot, vgl. Anhang.
Abb. 4: Cabrera: „Forschungsposter: Die soziolinguistische Dimension impro-
visierter Musik“, Screenshot, vgl. Anhang.
Abb. 5: Cabrera: „total feine musik #21 (50 Jahre ZODIAC)“, Original 1969 links
und Hommage 2019 rechts, Werbegrafik der Jamsession im April 2019.
Abb. 6 & 7: Cabrera: „total feine musik #13“, Fotos der Jamsession Mai 2018.

Hinweis: Die Links aller Internetquellen wurden zuletzt überprüft am: 8.4.2019

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