Sie sind auf Seite 1von 132

BeNeLux € 6,80 Finnland € 8,70 Griechenland € 7,30 Norwegen NOK 92,– Portugal (cont) € 6,90 Slowakei € 7,10 Spanien

2,– Portugal (cont) € 6,90 Slowakei € 7,10 Spanien € 7,10 Tschechien Kc 210,- Printed
Dänemark dkr 64,95 Frankreich € 7,10 Italien € 7,60 Österreich € 6,50 Schweiz sfr 8,50 Slowenien € 6,90 Spanien/Kanaren € 7,30 Ungarn Ft 2990,- in Germany

Wie Porsche

Droht der CDU


KONSERVATIVE

eine Tea Party?


Die neue Chuzpe
der Ostdeutschen
DEBATTENKULTUR

Frauen locken will


PS-PROTZ IN ROSA

Ist die katholische Kirche noch zu retten?


Skandale, Richtungskämpfe, Massenaustritte:
Gottes ignorante Diener
DEUTSCHLAND
Nr. 21 | 22.5.2021
€ 5,80
© SFFP / Jo Molitoris / Ness Whyte / Julian Panetta, 2021

Jetzt verfügbar

Dein neues Zuhause für True Crime


S

HAUSMITTEILUNG

Titel | Seite 8

So viele Deutsche wie nie zuvor verlassen derzeit


die katholische Kirche, und – wichtiger noch – es
sind nun auch die Gläubigen, die Überzeugten, die
Jörg Müller / Agentur FOCUS

lange das Rückgrat der Pfarreien bildeten. Für die


Titelgeschichte dieser Woche ist ein SPIEGEL-Team
den Gründen für den Exodus aus der Kirche nach-
gegangen. Felix Bohr sprach etwa mit Priestern
JETZT
und überlasteten Pfarrern, Alfred Weinzierl mit
MITMACHEN
Privat

katholischen Geistlichen, die homosexuellen Paaren


den Segen geben – vom Papst noch immer verboten. Annette Langer traf Frauen, die –
wiederum gegen den Willen Roms – de facto eine Ausbildung zur Diakonin absolvieren.
BEIM WETTBEWERB 2021!
Der Befund des Teams: Die Kirche agiert weiterhin wie im Mittelalter, absolutistisch
strukturiert, undemokratisch und mit dem Willen, alles so zu lassen, wie es ist. Eine
Umfrage im Auftrag des SPIEGEL zeigt zudem: Eine Mehrheit der Katholiken hält die WORUM GEHT ES?
Kirche nicht mehr für vertrauenswürdig, »eine Folge der Missbrauchsskandale«, sagt Kinder zu haben ist ein Geschenk.
Weinzierl. Eine unabhängige Wahrheitskommission sei notwendig, um diese Fälle Um sie großzuziehen und fit zu
aufzuarbeiten – »nur so kann die Kirche ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen«.
machen fürs Leben, braucht es
Uiguren | Seite 82 Liebe, Aufmerksamkeit, Zeit und
Geld. Gesucht werden deshalb gute
In Chinas Unruheprovinz Xinjiang fiel SPIEGEL-Korrespondent Georg Fahrion nicht Ideen und Projekte, die Familien
zuletzt wegen seines Bartes auf. Dass so etwas in Fahrions Wohnort Peking erlaubt ist, unterstützen. Und stark machen.
konnte ein alter Uigure in der nordwestchinesischen Region gar nicht fassen. Dort
haben sich sogar gläubige Muslime fast allesamt ihren Bart abrasiert, ein einfach zu le- WIE KANN MAN TEILNEHMEN?
sendes Zeichen ihrer Unterdrückung durch den chinesischen Staat. Anderes ist schwie-
riger auszumachen: Die Überwachung ist so technologisch ausgereift wie allgegenwärtig, Mitmachen kann jeder! Die
kaum jemand wagt, offen zu sprechen. Fahrion und der Fotograf Roman Pilipey erfuh- Einreichungsphase für den Social
ren dennoch, dass sich das Regime der Kommunistischen Partei in Xinjiang gewandelt Design Award läuft bis zum
hat. »Im Vergleich zu vergangenen Jahren haben die Sicherheitskräfte ihre Präsenz 31. August 2021. Unterlagen und
deutlich heruntergefahren«, sagt Fahrion. »Das heißt keineswegs, dass die Verfolgung Onlineformular gibt es unter
der Uiguren ein Ende hat, doch sie scheint in eine neue Phase übergegangen zu sein.« spiegel.de/socialdesignaward.
Le Martinet | Seite 52
WIE LÄUFT DER
Die Leserin Marianne Mion hatte nur ein Foto ihres WETTBEWERB AB?
Heimatdorfs eingeschickt, für die SPIEGEL-Rubrik Die Jury wählt die besten Ideen
»Familienalbum«. Am Rande erwähnte sie, dass dieser aus, ab Ende September 2021 kön-
750-Seelen-Ort Le Martinet die einzige Gemeinde nen die Leserinnen und Leser auf
Frankreichs sei, die seit 100 Jahren kommunistisch re-
SPIEGEL.de daraus ihren Favoriten
giert werde. Grund genug für Reporter Alexander
wählen. Die Gewinner geben wir
Marianne Mion

Smoltczyk und Fotograf Maurice Weiss, sich auf den


Weg zu machen. Wieso gibt es dort ein gallisches Dorf am 2. November 2021 in SPIEGEL
der Unentwegten, da doch ringsum die extreme Rechte WISSEN 2/2021 und auf SPIEGEL.de
einer Marine Le Pen immer stärker wird? »Le Martinet bekannt.
ist kein Modelldorf und noch weniger eine Utopie«, sagt Smoltczyk. »Aber es entpuppte
sich als Ort, wo ausgerechnet die Kommunisten ein sehr traditionelles Frankreich WAS GIBT ES ZU GEWINNEN?
bewahrt haben – wenn auch ohne Kirchenglocken.«
Vergeben werden beim Social
Illustration: Chester Holme / DER SPIEGEL

SPIEGEL GESCHICHTE Design Award wieder ein Jurypreis


und ein Publikumspreis. Beide
Antisemitismus gefährdet in Deutschland wieder Menschen, grenzt Preise sind jeweils mit 2500 Euro
aus, schürt Hass. Das zeigen gewaltsame Anschläge, Symbole auf dotiert. Der Rechtsweg ist aus-
»Querdenker«-Veranstaltungen und antijüdische Demonstrationen geschlossen.
im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt. Die neue Ausgabe
von SPIEGEL GESCHICHTE liefert die Hintergründe zur aktuellen
Krise und erklärt, was der in Antike und Mittelalter gewachsene
Judenhass mit modernen Verschwörungsmythen zu tun hat.
SPIEGEL GESCHICHTE »Antisemitismus« erscheint am Dienstag.
In Kooperation mit
Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 3
INHALT TITEL

8 | Religion Skandale, Starrsinn,


Abgehobenheit – der katho-
lischen Kirche laufen die Gläubi-
DER SPIEGEL 75. Jahrgang | Heft 21 | 22. Mai 2021
gen davon. Ist sie zu retten?

DEUTSCHLAND

6 | Leitartikel Der Nahostkon-


flikt ist wieder da – und vergiftet
die Debatte in Deutschland

18 | SPD will Tempolimit auf


Autobahnen / Mehr als 100 baye-
rische Rechtsextremisten unter
Waffen / Linkenabgeordneter
nach Impfung in Russland in der
Kritik / Der gesunde Menschen-
verstand / So gesehen: Bonibock

22 | Union Armin Laschet


droht ein Rechtsruck
in der Bundestagsfraktion

26 | Parteien Die Grünen ringen


um realistische Positionen in

Alberto Pizzoli / AFP


der Außen- und Sicherheitspolitik

29 | Nebeneinkünfte Annalena
Baerbocks Boni-Probleme

30 | Auslandseinsätze Militär-
Von allen guten Geistern verlassen historiker Neitzel über das
Versagen der deutschen Außen-
politik
RELIGION Immer mehr Katholiken in Deutschland kehren ihrer Kirche den Rücken.
Inzwischen treten auch die Engagierten, Überzeugten und Tiefreligiösen aus. 32 | Internet Digitalstaats-
Sie flüchten aus einer Institution, die sie als starrsinnig, verknöchert und zutiefst ministerin Dorothee Bär twittert
viel, schafft sonst aber wenig
unmodern wahrnehmen. »Es ist eine Kernschmelze im Gang«, sagt ein hoch-
rangiger Theologe. Doch der Vatikan und Papst Franziskus tun nichts dagegen. | 8 36 | Antisemitismus Junge
Muslime hetzen in Deutschland
gegen Juden

41 | Strafjustiz Eine Friseurin


und ihr Mann sollen den Verkauf
von Waffen vorgehabt haben

SERIE: REPUBLIK 21

42 | Gerechtigkeit Ostdeutsche
müssen länger arbeiten, ver-
dienen aber weniger als Wessis
Jens Gyarmaty / VISUM

46 | Schule Zwei Schulleiterin-


Daniel Biskup / laif

nen im Ruhrpott fördern Kinder


Markus Hintzen

aus schwierigen Verhältnissen

REPORTER
Dietmar Hopp Dorothee Bär Sebastian Kurz
Der Mitgründer intervenierte Sie ist »always on«, bei allem Vom Wunderwuzzi zum Alpen- 50 | Familienalbum / Warum
bei SAP zugunsten eines dabei. Doch was hat die Digital- Orbán? Österreichs Bundeskanz- tragen Männer die Maske häufig
fragwürdigen Geschäfts. | 68 staatsministerin bewirkt? | 32 ler steht vor einer Anklage. | 81 unter der Nase?

4 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


51 | Eine Meldung und ihre SPORT
Geschichte Ein Sondler, ein
Hügel und ein kostbares Schwert 89 | Titeldebütantinnen
der Grand-Slam-Turniere /
52 | Tradition In einem Antisemitismus im Sport
französischen Dorf regieren seit
100 Jahren die Kommunisten 90 | Vereine Der russische
Investor Mikhail Ponomarev
58 | Kolumne Neuwelt hinterlässt den KFC Uerdingen
im Chaos

Jaafar Ashtiyeh / AFP


WIRTSCHAFT 93 | Fußball Warum Deutsch-
lands beliebtester Schiedsrichter
60 | Mangel an Johnson-&- seine Karriere beendet
Johnson-Impfstoff / Grüne wegen
Ceta-Abkommen unter Druck
WISSEN Der Konflikt, der noch immer da ist
62 | Klimawende Die Welt will
Mit der Gaza-Eskalation richtet sich der Blick auch auf das West-
weg von Öl und Gas – nur der 96 | Ufos beschäftigen die
jordanland und Ostjerusalem. Dort formiert sich eine neue
Gigant ExxonMobil bleibt stur US-Politik / Analyse: Anders
palästinensische Protestbewegung, die Veränderung verlangt. | 76
Bauen nach Corona
64 | Unternehmen Siemens-
Energy-Chef Christian Bruch im 98 | Ökologie Autorin Elizabeth
-Gespräch über das Kolbert im -Gespräch
mangelnde Tempo der deutschen über die gefährlichste Spezies auf
Klimapolitik Erden – den Menschen

67 | Lobbyismus Autoindustrie 102 | Klimakrise Methan lässt


uneins über die CO²-Strategie sich leichter vermeiden als CO² –
und sogar zu Geld machen
68 | Konzerne SAP-Mitgründer
Dietmar Hopp half seinem 104 | Corona Das lange Leiden

Daniela Dirscherl / WaterFrame


Sohn – zum Schaden der Firma? nach der Intensivstation

70 | Finanzen Binance ist


die weltgrößte Börse KULTUR
für Bitcoin und Co. – und
kaum kontrollierbar 108 | Prämierter Podcast
über den viet-deutschen Alltag /
72 | Luxus Porsche sucht Frau Kunst von Anne Imhof Superkorallen, Monsterkarpfen und Gentechkröten
Die US-Autorin Elizabeth Kolbert beschreibt im SPIEGEL-Gespräch
110 | Essay Warum mischen
die verheerenden Eingriffe des Menschen in die Natur –
AUSLAND Ostdeutsche so laut in
und die oft absurden Versuche, sie rückgängig zu machen. | 98
politischen Debatten mit?
74 | Europas gescheiterte
Migrationspolitik / Polizei- 114 | Pop Das späte Debüt
gewalt in Kolumbien von Ata Canani

76 | Israel In sozialen Medien 116 | Fernsehen Die Neuauflage


formiert sich eine neue, der Serie »Friends«
junge Palästinenserbewegung
118 | Gleichberechtigung Auf-
81 | Analyse Der Skandalstadl sichtsrätin Fränzi Kühne
von Österreichs Bundeskanzler über Klischees, denen mächtige
Sebastian Kurz Frauen begegnen
Patrick Runte / DER SPIEGEL

82 | Menschenrechte Eine 120 | Literatur Die Briefe von


Reise durch Xinjiang, wo Rahel Levin Varnhagen machen
das chinesische Regime die die deutsche Romantik lebendig
Unterdrückung auf unheimliche
Weise perfektioniert hat 123 | Filmkritik Vermurkster Zom-
biehorror – »Army of the Dead«
86 | Frankreich -
Gespräch mit der Buchautorin
Wie man Männer an der Ampel demütigt
Camille Kouchner, die SPIEGEL-TV-Programm | 40 Bestseller | 113 Porsche fahren war lange Zeit Herrensache, zumindest in Deutsch-
Impressum, Leserservice | 124
einen Missbrauchsskandal in der Nachrufe | 125 Personalien | 126
land. Neuerdings umwirbt die Luxusmarke auch Frauen. SPIEGEL-
Pariser Elite enthüllt hat Briefe | 128 Hohlspiegel / Rückspiegel | 130 Autorin Michaela Schießl hat ausprobiert, wie sich das anfühlt. | 72

Titel-Illustration: Brian Stauffer für den SPIEGEL Nr. / . . DER SPIEGEL 5


S

Floskeln im Minenfeld
LEITARTIKEL Der Streit um den Nahostkonflikt ist zurück – im Gewand einer neuen Identitätspolitik und des
alten Antisemitismus. Es wird Zeit, dass Deutschland sich für eine langfristige Lösung einsetzt.

So eskaliert die Debatte unaufhaltsam, jeder wird auf


Gesinnung und Moral geprüft. Ganz vorn dabei ist, wie
so oft, die »Bild«-Zeitung. Zu einer Lösung des Konflikts
hat keiner der identitätspolitischen Kontrahenten etwas
beizutragen. All das wäre vielleicht weniger dramatisch,
würde diese aufgeheizte Debatte nicht dazu führen, dass
sich kaum ein Politiker mehr in das Minenfeld der Nah-
ostpolitik wagt – und sagt, was eigentlich selbstverständ-
lich sein sollte: dass es völkerrechtswidrig ist, Raketen auf
Städte abzufeuern, aber genauso problematisch, von Zivi-
listen bewohnte Häuser zu bombardieren. Dass der Sied-
lungsbau aufhören muss, genauso aber die Leugnung des
Existenzrechts Israels. Und dass es Konsequenzen haben
muss, wenn dagegen verstoßen wird – egal von wem.
Zumal über diesen Debatten das Verdikt von Angela
Markus Schreiber / AP Merkel schwebt, die 2008 in der Knesset versprach, dass
die Sicherheit Israels nicht verhandelbar und Teil der
deutschen Staatsräson sei. Was dieser Satz genau bedeu-
ten soll, ist bis heute unklar. Würde Deutschland im
Kriegsfall Soldaten nach Israel schicken – oder liefert es
nur fleißig weiter U-Boote? Soll es sich bedingungs- und
Demonstranten aum dass in Israel die ersten Raketen aus Gaza kritiklos an Israels Seite stellen? Oder ergibt sich daraus
in Berlin: Beim Reden
über Israel geht
es immer auch um
Deutschland
K einschlugen, wurden in Deutschland Floskeln und
Vorurteile wieder abgestaubt. Reflexartig plä-
dierten Politiker von Rang und Namen dafür, nun bitte
eine Verpflichtung, als ehrlicher Makler aufzutreten und
eine Lösung zu suchen, selbst wenn diese der israelischen
Regierung nicht gefällt?
rasch die Zweistaatenlösung umzusetzen. Sofort sicherte Diese unbestimmte, von historischer Schuld, Moral
die »Vogelschiss in der Geschichte«-Partei AfD Israel und einer guten Portion deutscher Selbstgerechtigkeit
bedingungslose Unterstützung zu, weil sie im jüdischen überkomplizierte Beziehung wurde nie entwirrt. Während
Staat neuerdings einen antiislamischen Alliierten sieht. immer mehr Israelis ihre Liebe zu Berlin entdeckten, er-
Gleichzeitig zogen all jene auf die Straßen, die sich über kaltete das Verhältnis zwischen ihren Regierungen. Die
jeden Anlass freuen, israelische Flaggen zu verbrennen, zahllosen gescheiterten Friedensinitiativen taten ein Üb-
Synagogen anzugreifen und »Scheißjuden« zu rufen. riges; seit Beginn der arabischen Aufstände vor zehn Jah-
Was wiederum den Rest der Öffentlichkeit dazu brach- ren erschienen zudem andere Konfliktherde wichtiger.
te, den Judenhass vieler Muslime zum Thema zu machen. Letztlich tat man wenig und hielt es wie Israels Premier
Völlig zu Recht, der Antisemitismus ist unerträglich, es Benjamin Netanyahu, der glaubt, dass dieser Konflikt gar
gibt dafür keine Entschuldigung. Allerdings ist die Kritik nicht gelöst werden muss, sondern gemanagt werden kann.
auch wohlfeil, weil der Antisemitismus ja nicht von mi- Doch dieses Abwarten ist gefährlich. Wenn nichts
grantischen Jugendlichen in Berlin-Neukölln erfunden geschieht, wird es bald Gazakrieg Nummer fünf und sechs
wurde, sondern eine ziemlich deutsche Angelegenheit ist. geben. Die Besetzung des Westjordanlands wird die
Nun ist also wieder Nahostkonflikt – und alle reden israelische Demokratie weiter erodieren lassen und die
mit. Wobei es den meisten dabei nicht wichtig ist, das Spannungen zwischen jüdischer Mehrheit und arabischer
Geschehen in seiner Komplexität zu begreifen, sondern Minderheit anheizen.
es so stark zu vereinfachen, bis es ins eigene moralische Nicht zuletzt ist der Konflikt toxisch für die deutsche
Raster passt. Natürlich ging es beim Reden über Israel Gesellschaft, besonders für die jüdischen Bürgerinnen
Den meisten schon immer auch um Deutschland, doch so identitäts- und Bürger, die sich ständig für die israelische Politik ent-
ist es nicht politisch und innenpolitisch aufgeladen war der Diskurs schuldigen oder sie verteidigen müssen, wenn sie nicht
noch nie. gar um ihr Leben fürchten – und immer häufiger mit dem
wichtig, das Annalena Baerbock hat vor drei Jahren in einem In- Gedanken spielen, Deutschland den Rücken zu kehren.
Geschehen terview sinngemäß gesagt, sie würde keine U-Boote an Für die Bundesregierung gibt es also genug Gründe,
Israel liefern – darf sie dann überhaupt Kanzlerin werden? sich als Vermittler zu engagieren. Und, so komplex und
in seiner Heiko Maas hat »beide Seiten« aufgerufen, zivile Opfer verfahren der Nahostkonflikt ist: Er ist nicht unlösbar.
zu vermeiden – steht der Außenminister nicht zu Israel? Klingt naiv, in einem Moment, in dem die Raketen flie-
Komplexität Fridays for Future teilte einen Aufruf, sich der Boykott- gen? Ja, aber noch naiver ist der Glaube, am Status quo
zu begreifen. kampagne BDS anzuschließen – alles Radikale also? festhalten zu können. Juliane von Mittelstaedt ■

6 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


POWERED BY NATURE
CRAFTED FOR YOU

TI S S OT WATC H E S .CO M
TISSOT, INNOVATORS BY TRADITION
TITEL
Giorgio Onorati / dpa

Papst Franziskus im Petersdom 2016

8 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


TITEL

NICHT

VON

DIESER

W E LT
RELIGION
Skandale zerreißen die katholische Kirche, der Muff von
Jahrhunderten vertreibt mehr Gläubige als je zuvor.
Doch die alten Männer an der Spitze halten fest an dem,
was immer so war. Wie soll das gut gehen?

E
ine Stadt, einst Hort des Katholizis- Das Seminar ist so weitläufig, dass St. Bo-
mus. Eine Immobilie, 10 000 Quadrat- nifatius mit seinen rund 70 Wohneinheiten,
meter groß. Eine Institution, 453 Jahre den zwei Kapellen und dem riesigen Speise-
alt. Doch die Zukunft des Priesterseminars saal hoffnungslos überdimensioniert ist.
St. Bonifatius inmitten der Altstadt des Bi- Schon seit Längerem wohnen dort auch
schofssitzes Mainz ist ungewiss. Studierende der Katholischen Hochschule
Tausende Priester haben hier, hinter der sowie Freiwillige, die ein Jahr lang in Kitas
Barockfassade aus rotem Sandstein, ihren und Pfarrgemeinden aushelfen, quasi zur Un-
akademischen Schliff bekommen. Im Erd- termiete.
geschoss hängen die vergilbten Gruppenfotos Priester ist ein Mangelberuf. Und die Zah-
der Anwärter vergangener Jahrzehnte. Je jün- len werden von Jahr zu Jahr dramatischer.
ger die Bilder, desto kleiner die Grüppchen. 2020 erhielten in den 27 deutschen Bistümern
1965 studierten 139 Seminaristen, aktuell sind 67 Männer die Priesterweihe. Vor 20 Jahren
es 9. Die Zahl der Priesterweihen sank im sel- waren es 154, vor 30 Jahren 295. Noch leisten
ben Zeitraum von 19 auf 2. sich die Bistümer ihre eigenen Nachwuchs-
Alexander Deick, 21, ist im fünften Semes- programme, doch damit wird es bald vorbei
ter dabei. Spricht er außerhalb der Mauern sein. Die Bischofskonferenz will die Aus-
von St. Bonifatius über seinen Berufswunsch, bildung auf drei, vier Orte konzentrieren.
stößt er häufig auf Unverständnis: »Ich habe Und Mainz hofft, eines dieser Reservate zu
schon das Gefühl, mich rechtfertigen zu müs- werden.
sen.« Wenn er dann erkläre, Priester zu wer- Gut 150 Kilometer rheinabwärts, die Tür-
den sei seine »Bestimmung«, lenkten die me des Kölner Doms in Sichtweite, ein ganz
meisten zwar ein. Doch Deick blickt der anderes Bild. Hier geben sich Gläubige in
Realität ins Auge: »Die Kirche hat ein großes einem neobarocken Kuppelbau buchstäblich
Imageproblem.« die Klinke in die Hand: Amtsgericht Köln,

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 9


TITEL

Zimmer 37. In dem Sitzungssaal fin- ren wollen, die auch im 21. Jahrhun-
den sonst Zwangsversteigerungen dert noch an der Struktur einer abso-
statt. lutistischen Monarchie festhält.
Petra, 54, Angestellte einer Bank, Für manchen ist das ein schwerer
ist pünktlich um 10.40 Uhr an der Rei- Schritt. Bevor Heinz-Jürgen, 54, Ter-
he. »Katholisch?«, fragt die Rechts- min um 10 Uhr, das Amtszimmer be-
pflegerin hinter der riesigen Plexiglas- tritt, bekennt er: »Mir geht es nicht
scheibe. »Ja«, antwortet Petra. Einen gut. Ich habe Angst, dass ich in die
Augenblick später brummt der Dru- Hölle komme.« Das sei kein Scherz,
cker, ein Papier fällt in den Ausgabe- schiebt er hinterher und verschwin-
schacht. Eine Unterschrift, ein kurzes det hinter der dunklen Holztür.
»Auf Wiedersehen«. Zu wenig sei passiert, seit 2010 der
30 Euro Gebühr und ein nicht mal Missbrauchsskandal in der katholi-
fünfminütiger Verwaltungsakt been- schen Kirche ruchbar wurde, das sa-
den, was Petra ein Leben lang wichtig gen fast alle. Und Gründe, die Insti-
war: die Mitgliedschaft in der katho- tution für abgehoben oder ignorant
lischen Kirche. zu halten, bietet sie seitdem reichlich:
Sie denkt immer noch gern zurück Etwa wenn, wie in Limburg, ein Bi-
an die alten Zeiten, an die Morgen- schof sich in seine Residenz bronzene
andachten um 5.30 Uhr und das ge- Fensterrahmen für 1,7 Millionen Euro
meinsame Frühstück, bevor es in die einbauen lässt, die Modernisierung
Schule ging. An die Kinderfreizeiten des Baus weit über 30 Millionen Euro
an der Ostsee, die sie als Betreuerin verschlingt. Wenn andererseits, wie
begleitete. An ihr Engagement in der in Hamburg oder Mainz, angesehene
katholischen Hochschulgemeinde katholische Schulen aus wirtschaft-
während des Jurastudiums. lichen Gründen aufgegeben werden.
Doch mit der Kirche in ihrem ak- Wenn, wie aktuell in Speyer, gegen
tuellen Zustand kann sich Petra nicht Ordensschwestern eines Kinder-

Peter Jülich / DER SPIEGEL


mehr identifizieren: »Das System ist heims wegen mutmaßlicher sexueller
überholt.« Auch von Papst Franzis- Vergehen ermittelt wird.
kus ist sie enttäuscht, dem Ruf eines Doch auch abseits solcher Affären,
innovativen Reformers sei er nicht ge- im religiösen Kerngeschäft, so der
recht geworden. »Wahrscheinlich hat Vorwurf, werde auf die Wünsche und
er es nicht leicht mit einem Haufen Erwartungen der Gläubigen nicht ein-
alter Männer um sich herum, die geis- Priesteranwärter den online vergeben, zwei Monate gegangen: die Rolle der Frauen in den
tig im Mittelalter leben.« Deick: »Ich habe das im Voraus, an jedem Ersten ab 0 Uhr. Pfarreien, der Umgang mit gleichge-
Gefühl, mich recht-
Nach der Bankangestellten Petra fertigen zu müssen« Zuletzt, am 1. Mai, war morgens um schlechtlichen Paaren, die überkom-
ist Thomas dran, 57, Wissenschaftler 9.45 Uhr der Juli ausgebucht. mene Sexualmoral.
in einem Forschungsinstitut, auf- Wer an einem beliebigen Freitag- Deshalb ist die Abkehr von der
gewachsen in Bayern, jeden Sonntag vormittag im Amtsgericht die Abtrün- Kirche kein Problem nur des Erzbis-
ging es damals in den Gottesdienst. nigen nach ihren Motiven fragt, be- tums Köln, keine Bewegung gegen
Über die Jahre habe er sich immer kommt einen ganz guten Überblick, den Traditionalisten Woelki. Es ist
weiter von der Kirche entfernt, sagt was faul ist im Reiche Franziskus’. eine Massenflucht, eine Abstimmung
er, oder sie von ihm: »Deren hohe Für Kai, 27, Ingenieur, Termin um mit den Füßen, bundesweit.
Würdenträger spiegeln nicht die 11.40 Uhr, war Woelkis Krisenma- 2019 haben sich in Deutschland
Gesellschaft wider.« Toleranz und nagement nur ein letzter Anlass zum 272 771 Katholiken abgemeldet, so
Menschlichkeit seien die Werte, für Handeln: »Diese Kirche ist seit 100 viele wie nie zuvor. Neuere Zahlen
die er einstehe, sagt Thomas. Deshalb Jahren nicht mehr zeitgemäß; im Va- gibt es noch nicht, aber der Trend
habe ihn die Aufarbeitung des Miss- tikan sitzen Menschen mit viel Macht, scheint sich zu beschleunigen. Für das
brauchsskandals im Erzbistum Köln die sie nicht aufgeben wollen.« erste Quartal 2021 melden auch Bis-
»fassungslos« gemacht. Nele, 32, Psychotherapeutin, Ter- tümer wie Mainz, Speyer und Würz-
Zehn Jahre lang war in dem mit min um 12 Uhr, hat bei ihrer Arbeit burg höhere Austrittszahlen als im
heute 1,9 Millionen Mitgliedern größ- in einer konfessionellen Klinik das Vergleichsquartal des Vorjahres. 22,6
ten Bistum der Republik der alltägli- Leid eines Arztes gesehen, der sich Millionen Katholiken gab es 2019
che Missbrauch kleingeredet, geleug- aus Angst vor Anfeindungen und noch in Deutschland, rund zwei Mil-
net, vertuscht worden. Der Schutz Jobverlust nicht traute, seine Homo- lionen weniger als zehn Jahre zuvor.
der Institution ging über den Schutz sexualität offen zu leben: »Ich möchte »Ich kann den Frust der Ausgetre-
der Opfer. Und als Kardinal Rainer kein System unterstützen, hinter dem tenen zu 100 Prozent nachvollzie-
Maria Woelki eine externe Unter- »ES SI N D ich nicht mehr stehen kann.« hen«, sagt einer, der seit 30 Jahren
suchung aus Datenschutzgründen im DI E Menschen, die von der Fahne ge- in der Kirche aktiv ist – und zwar in
März 2020 nicht öffentlich machte, hen, weil ihnen die Kirche gleichgül- einer so herausgehobenen Position,
brachen in Köln die Dämme.
TREUES- tig ist oder weil sie die Steuer sparen dass er seinen Namen hier nicht lesen
Seitdem weiß sich das für Kirchen- TEN DER wollen, gibt es von jeher. Dieser Tage möchte; nennen wir ihn also den
austritte zuständige Gericht vor An- T R E U E N, aber wenden sich viele ab, gerade Theologen Meier. Er liebt seinen Job
fragen nicht mehr zu retten. Erst DI E weil sie eine enge Bindung zu Gott und würde die Institution gern retten.
stockte es die Zahl der Termine von empfinden, weil sie Nächstenliebe Aber seit ebenjenen 30 Jahren, be-
600 auf 1000 pro Monat auf, im Fe- DAV O N - ohne Schranken schenken wollen, klagt Meier, habe sich »so gut wie
bruar dann auf 1500. Die Slots wer- L AU F E N.« weil sie keiner Organisation angehö- nichts verändert«. Die Austrittswelle

10 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


TITEL

sei »das Ergebnis jahrzehntelang ausgesesse- ßerdem fragte Civey genauso viele ehemalige brauchsskandal zu ziehen und Reformen ein-
ner Strukturreformen«. Katholiken – von ihnen haben 91,5 Prozent zuleiten: den »Synodalen Weg«.
Und diese Welle werde von den Kirchen- wenig oder gar kein Vertrauen mehr in die Nachdem Ende 2018 eine DBK-Studie
oberen unterschätzt: »Es sind nicht mehr nur Kirche, aus der sie ausgetreten sind. zum Missbrauch durch Geistliche 1670 Be-
die Randkatholiken, die davonlaufen«, sagt Ihr Bedeutungsverlust spiegelt sich auch schuldigte und 3677 minderjährige Opfer zwi-
der promovierte Theologe. »Es sind die Treu- in den Antworten auf die Frage wider, welche schen 1946 und 2014 identifiziert hatte, sah
esten der Treuen.« Jene Gläubigen also, die Rolle »die Institution der katholischen Kirche Marx die Notwendigkeit, die Debatte zu öff-
die Kirche am Leben und am Laufen halten, in ihrem Leben« spiele: Für 52 Prozent spielt nen. Im Synodalen Weg tauschen sich die 68
oft unentgeltlich, im Ehrenamt. Meier: »Es sie eine eher kleine oder gar keine Rolle. Bei Bischöfe nun mit normalen Gläubigen aus,
ist eine Kernschmelze in Gang.« den Ex-Katholiken sind das 95,6 Prozent. mit Vereinen, Initiativen oder, wie man im
Die Sprachlosigkeit der Kirchenoberen ist Kirchendeutsch zu sagen pflegt: mit Laien.
Der Befund: Nicht vertrauenswürdig offenbar von vielen Mitgliedern bemerkt Bätzing, der sich selbst als »kirchlich bis
Deutschland ohne die katholische Kirche, das worden. Mehr als die Hälfte beklagt, die Kir- in die Knochen« bezeichnet, sieht sich als
ist nicht nur spirituell schwer vorstellbar, es che sei »ihrer gesellschaftlichen Verant- Vermittler zwischen den Fortschrittlichen und
wäre auch praktisch schwierig. Allein im Erz- wortung während der Coronapandemie« den Konservativen in der Bischofskonferenz.
bistum Köln betreibt sie 664 Kitas und Kin- nicht gerecht geworden. Nur etwa jedes vier- Welchem Lager er zuneigt, bewies er einmal
dergärten, 282 Heime, 366 Büchereien und te Mitglied sieht die Verantwortung wahrge- mehr vor dem Ökumenischen Kirchentag
43 Krankenhäuser. Vieles von dem, was an nommen. vorige Woche. Einwänden aus dem Vatikan
sich zur Daseinsvorsorge des Staates gehört, Bei fast allen Antworten fällt auf, dass das zum Trotz warb er für eine ökumenische
leisten die Kirchen, die katholische wie die Urteil über die Kirche keine Altersfrage ist. Mahlgemeinschaft: »Ich verwehre einem Pro-
evangelische. Zum Teil jahrhundertealte Ver- Kritik üben junge Menschen in beinahe glei- testanten nicht die heilige Kommunion.«
träge garantieren beiden Institutionen Macht, chem Maße wie Katholiken mittleren Alters Auf vier Themen haben sich die Bischöfe
Autonomie – und per annum mehr als eine oder Senioren. Leichte Unterschiede gibt es und die im Zentralkomitee der deutschen Ka-
halbe Milliarde Euro aus der Bundeskasse. hingegen beim Geschlecht: Frauen sind noch tholiken organisierten Laien für den Synoda-
Diakonie und Caritas sind nach dem Staat unzufriedener als Männer. len Weg verständigt: Macht, Sexualmoral, Zö-
die größten Arbeitgeber im Land. Bevor sich libat und, nach langer Debatte, die Frauen-
mancher Bürgermeister mit der Kirche anlegt, Die Reaktion: Grätsche vom Papst frage. Denn Bätzing hält die Mitwirkungs-
überlegt er also erst einmal, welche Verant- Georg Bätzing, 60, der oberste Vertreter der möglichkeiten der Frauen für »entscheidend«.
wortung sie ihm abnimmt, von der Kinder- katholischen Kirche in Deutschland, weiß, Das wiederum sehen die Bewahrer der rei-
krippe bis zum Seniorenstift. dass sich Dinge ändern müssen. »Jeder Kir- nen Lehre ganz anders. Ein Bischof wandte
Andererseits hat die Coronakrise gezeigt, chenaustritt tut weh«, sagte er im Februar. Es gleich in der ersten Versammlung ein, dass
welche Rolle der Klerus im gesellschaftlichen sei eine »Reaktion auf ein skandalöses Bild es doch eigentlich kaum Frauen gebe, die zum
Diskurs aktuell spielt: nahezu keine. Er ist der Kirche, das wir derzeit abgeben«. Deut- Priestertum berufen seien. Ein anderer zog
fast unsichtbar und unbedeutend. Und das licher kann Selbstkritik kaum sein. Seit gut sich aus dem Gesprächskreis zu »Sexualität
im größten Menschheitsdrama seit Ende des 14 Monaten ist der Bischof von Limburg auch und Partnerschaft« zurück, weil die überwie-
Zweiten Weltkriegs. Die Pandemie geriet zur Vorsitzender der Deutschen Bischofskonfe- gend liberale Haltung der Diskutanten nicht
Stunde der Virologen, der Intensivmediziner, renz (DBK). Von seinem Vorgänger Reinhard seiner entspreche. Und der Kölner Kardinal
der Psychologen und Ethiker – nur nicht zur Marx erbte Bätzing ein Gesprächsformat, das Woelki brandmarkte den Synodalen Weg als
Stunde der Geistlichen, des Fachpersonals dabei helfen soll, Lehren aus dem Miss- »quasiprotestantisches Kirchenparlament«.
für Leben, Leiden und den Tod. Reformideen ventilieren und dann außer
Die deutschen Bischöfe mussten sich vor- heißer Luft nichts produzieren – darin hat
werfen lassen, sie hätten Sterbenden in Pfle- Selig, die doch glauben die katholische Kirche viel Erfahrung. Schon
geheimen und Krankenhäusern die Sakra- vor einem halben Jahrhundert, bei der Würz-
mente verwehrt. Begehrten sie auf, als 2020 Anteil der Befragten, die . . . burger Synode, stand alles auf der Agenda,
Gottesdienste ausfallen sollten? Sie nahmen . . . die katholische Kirche für nicht vertrauens- vom Herrschaftssystem des Klerus bis zur
würdig halten, Angaben in Prozent
es hin, als wäre der Kirchgang ein Freizeit- Enthaltsamkeit der Priester. Allein, es blieb
vergnügen wie der Besuch eines Kinos oder Katholiken 57 bei großen Worten. Und wenn einer wie der
Fußballstadions. Im Shutdown war der Kle- ehemalige Katholiken 92 Saarbrücker Theologe Gotthold Hasenhüttl
rus stummer als Friseure oder Hoteliers. tatsächlich neue Fakten schuf und in einem
Man muss ja nicht gleich dem Philosophen . . . die Aufarbeitung der sexuellen Miss- seiner Gottesdienste Protestanten die Hostie
Peter Sloterdijk folgen, für den sich in Coro- brauchsfälle durch die katholische Kirche reichte, wurde er abgestraft. Sein vorgesetzter
nazeiten eine zunehmende Nutz- und Funk- als negativ bewerten Bischof entzog ihm 2006 die Lehrerlaubnis.
tionslosigkeit der Kirche offenbart hat. Es 78 Auch der jüngste Versuch eines Aufbruchs
reicht schon festzustellen, dass kaum ein 91
scheint zum Scheitern verurteilt. Kaum hat-
Oberhirte mit Verve, Charisma oder Autori- ten sich die Gremien des Synodalen Wegs
tät im Wettstreit der Meinungen und Interes- . . . der Aufhebung des Zölibats zustimmen
verabredet, räumte Papst Franziskus zwei der
sen durchdrang. Der Grund scheint simpel: vier Themen de facto schon wieder ab: In sei-
Wer die Restbestände an Glaubwürdigkeit 84 nem Schreiben »Querida Amazonia« gab er
verspielt hat, dem wird nicht mehr geglaubt. 87 zu verstehen, dass Frauen niemals zu Pries-
Dem wird nicht einmal mehr zugehört. terinnen geweiht werden dürften und dass es
Anders lässt sich eine Onlineumfrage von . . . sich mehr Rechte und Ämter für Frauen zum Zölibat keine Alternative gebe.
Civey kaum interpretieren. Im Auftrag des (etwa als Pfarrerin) in der katholischen Kirche Der extreme Priestermangel in weiten
SPIEGEL befragten die Meinungsforscher rund wünschen. Teilen Brasiliens hatte die dortige Kirche zu
1000 Katholiken, für »wie vertrauenswürdig« 77 einem Hilferuf Richtung Rom veranlasst: In
sie ihre Kirche halten. 56,5 Prozent von ihnen 76 manchen Gemeinden am Amazonas könnten
hielten sie für »weniger« oder »gar nicht ver- Gottesdienste nur dreimal im Jahr stattfinden.
trauenswürdig«. Nur 30 Prozent sehen sie als S Quelle: Civey-Umfrage für den SPIEGEL vom 4. bis 8. Mai; Weiheämter für verheiratete Männer und


Befragte: rund 1000; Stichprobenfehler: +/- 5,5 bis


»sehr« oder »eher vertrauenswürdig« an. Au- 5,8 Prozentpunkte Frauen zu öffnen komme trotzdem nicht in-

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 11


TITEL

Austritte aus der katholischen Kirche

1995
168.244 2010
181.193

2014
Sexueller Missbrauch 217.716
am Canisius-Kolleg
in Berlin wird publik.
Himmel hilf! Umstellung beim Kirchensteuereinzug
auf Kapitalerträge und Skandal um 2019
Katholizismus in Deutschland
Tebartz-van Elsts teuren Bischofssitz 272.771
2000
185 Anteil Katholiken an der Gesamtbevölkerung
in Prozent, nach Bistümern, 2019
2020 unter 20
67 20 bis unter 40
40 bis unter 65
Priesterweihen (Neupriester)*
65 bis 90

2000
Hamburg
261

2020 Berlin
Osna- Hildes-
70 brück heim
neu aufgenommene Priesterkandidaten*
Görlitz
Münster Pader- Magdeburg
2000
born
1304 Essen
Dresden-
Fulda Erfurt Meißen
2020 Aachen Köln
411
Lim-
burg
Priesterkandidaten insgesamt* Würzburg
* jeweils mit Ordenspriestern Trier Bam-
Mainz
berg
2000 2000
232.920 13.214 Speyer
2019 Eich- Regens-
2019
stätt burg
159.043 9936 Rottenburg- Pas-
Stuttgart sau
Augs-
Pfarreien und burg
All Mauritius Images

sonstige Seel- Freiburg München-


Taufen sorgestellen Freising

S Quellen: Zentrum für Berufungspastoral, Deutsche Bischofskonferenz


12 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


TITEL

frage, postulierte Franziskus. Damit In der Tat sind auch bei den The-
ist gewiss: Selbst wenn es Bätzing ge- men Zölibat und Frauenfragen die Er-
länge, die Hardliner unter seinen Kol- gebnisse der SPIEGEL-Umfrage ein-
legen auf eine gemeinsame Linie ein- deutig: 77 Prozent der befragten Ka-
zuschwören, folgte das Veto aus Rom. tholiken und Katholikinnen sprechen
Es bleibe also die alte Masche, ana- sich für Frauen in Weiheämtern wie
lysierte Michael Seewald, Professor dem des Priesters aus. Noch klarer
für katholische Dogmatik und Dog- ist das Votum bei der Frage nach Ehe-
mengeschichte an der Uni Münster, losigkeit und sexueller Enthaltsam-
die Papst-Grätsche: »Man versucht, keit für Geistliche. Fünf von sechs Be-
die Menschen tatkräftig an Zukunfts- fragten plädieren für die Abschaffung
visionen mitarbeiten zu lassen, damit des Pflichtzölibats; selbst jene über
sie das Gefühl bekommen, etwas be- 65 Jahre.
wirken zu können.« Bis die Gläubigen Die Zahlen decken sich frappie-
merkten, dass sie einer Illusion aufsit- rend genau mit dem, was der Bremer
zen, so Seewald, seien schon wieder Banker Carl Kau an der Basis ermit-
ein paar Jahre ins Land gegangen. telt hat. Kau, der sich selbst als »Kern-
Auch Bätzing hat erlebt, wie es ist, katholiken« bezeichnet, hat dieses
gegen römische Gummiwände zu ren- Jahr mit anderen die Initiative »Ka-
nen. Im vorigen Herbst wollte er zu- tholischer Klartext« gegründet. 8000
sammen mit führenden Laienvertre- Menschen haben auf der Onlineplatt-
tern – also Kirchenprofis wie Theo- form bislang ihre Meinung zu Fragen
logen, Pastoralreferentinnen oder priesterlicher Lebensform, Mitbe-
Diakonen – im Vatikan über deren stimmung und Gleichberechtigung
Mitwirkung an der Leitung von Pfar- geäußert. Im Herbst will Kau die
reien reden. Der Heilige Stuhl lehnte Resultate der Bischofskonferenz über-
den Besuch ab. geben, sein Ziel: »Den Ewiggestrigen
Top-down, also von oben nach un- zeigen, dass sie mit ihren überholten
ten, ist keine Veränderung zu erwar- Haltungen alleine sind.«
ten. Papst Franziskus, dem anfangs Der Widerstand sammelt sich al-

Arne Dedert / dpa


zugetraut wurde, die Verhältnisse im lerorten – und schafft alternative
Vatikan aufzumischen, mag noch so Räume, in denen das kirchliche Pa-
oft die Gläubigen zum Mitdenken triarchat quasi untergraben wird.
und Mitmachen einladen. In Wahr- Kerstin Völker-Stenzel, 58, war lan-
heit hat er sich genauso verbarrika- weniger als den Zugang zu allen Äm- Mitglieder der ge ehrenamtlich in einer Gemeinde
diert wie seine Vorgänger. tern, das Ende von Klerikalismus und Bischofskonferenz in bei Bonn tätig: »Ich habe es gerne
Fulda 2020: Rennen
»Irgendwann ist dieses Spiel von Pflichtzölibat. gegen römische getan, es gibt nichts Schöneres, als
Ankündigung, Hoffnung, Enttäu- Maria Mesrian, 46, zählt zu den Gummiwände Christin zu sein.« Drei Jahre lang
schung und neuer Ankündigung aber Frontfrauen von »Maria 2.0«, die habe sie mit sich gerungen, Briefe an
ausgespielt«, glaubt der Münsteraner Kölnerin ist immer noch Kirchenmit- ihren Erzbischof Woelki geschrieben,
Professor Seewald. Und zwar jetzt: glied, »weil es unsere Kritiker mehr ihre Kritik öffentlich gemacht. An-
Die Zahl der Ungehorsamen wächst. ärgert, wenn ich drinbleibe«. Ge- fang des Jahres ist sie ausgetreten.
schätzt 10 000 Frauen, sagt die Theo- »Die Kirche bewegt sich kein Stück
Die Rebellion: Frauen an login, seien für das Bündnis tätig oder vom Fleck, und wer versucht, etwas
die Macht mit ihm assoziiert. Mit dem »Catholic Neues anzustoßen, wird sofort abge-
An Opposition herrscht längst kein Women’s Council« sei gerade ein watscht.«
Mangel mehr. Gruppen, die sich nicht Netzwerk entstanden, das Frauen- Völker-Stenzel erlebt nun, wie
mehr ducken wollen, sondern offen rechte in der Kirche weltweit durch- man seinen Glauben auch außerhalb
gegen Rom agitieren, gibt es viele: boxen solle. Aktivistinnen aus Italien, der Kirche praktizieren kann: »Ich
das Netzwerk katholischer Lesben Spanien oder Irland seien dabei, aus bin jetzt bei den Alt-Katholiken, die
etwa, die »Aktion Lila Stola« aus der Indien, Afrika und Südamerika: »Wir auch Frauen im Priestertum haben.«
Reformbewegung »Wir sind Kirche« argumentieren feministisch und poli- Die Bonner Alt-Katholiken feiern
oder das »Projekt: schwul und katho- tischer als früher, wir brauchen die Hausgottesdienste am Rhein, im
lisch«, das seit Jahrzehnten einmal Zustimmung der Bischöfe nicht.« Wald oder auf Friedhöfen, ohne
im Monat Gottesdienst feiert, mit Mesrian hofft, dass die Revolte von »DI E Priester. Es sind Treffen mit Diskus-
wechselnden Pfarrern. »Maria 2.0« auf die Männer in der Kir- KI RCH E sionen und Liturgie, bisweilen zwei-
Ende 2019 ist ein Bündnis katholi- che überspringt: »Viele unterstützen einhalb Stunden lang. »Wir reden
scher Frauen hinzugekommen, das unsere Anliegen, manch einer erhofft B E W E GT über unser Gottesbild«, sagt Kerstin
besonders laut und öffentlichkeits- sich Rückenwind im Kampf für einen SICH KEIN Völker-Stenzel, »ganz frei und ohne
wirksam Gleichberechtigung, mehr freiwilligen Zölibat.« Natürlich sei die STÜCK – erhobenen Zeigefinger.«
Demokratie und ein Ende der Diskri- Angst unter den Seelsorgern groß, ei- Solch einen Akt der Selbstermäch-
minierung von Frauen, Homosexuel- nige würden von ihren Bistumsleitun- WER tigung beobachten konservative
len und Geschiedenen fordert. »Ma- gen genau beobachtet. Sie hofft indes, NEUES Geistliche mit großem Argwohn.
ria 2.0« heißt es und sorgte jüngst dass die Männer dem Druck standhal- V E R S U C H T, Wenn die Liturgie, die Sakramente
bundesweit mit einem Thesen- ten. Auch wenn die kirchlichen Ent- WI RD betroffen sind, kennt die katholische
anschlag an Kirchentüren im Stile Lu- scheider über Macht und Geld verfüg- Kirche kein Pardon. Deshalb nennt
thers für Furore. Auf großen Blättern ten, sieht Mesrian das Momentum: ABGE- das »Netzwerk Diakonat der Frau«
verlangte die Protestbewegung nicht »Wir haben die Öffentlichkeit!« WAT S C H T.« seine dreijährige Fortbildung auch

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 13


TITEL

nur »diakonische Leitungsdienste« ger Geistlicher von #Liebegewinnt.


für Frauen in der Kirche. Er läuft über den Hof seiner Pfarrei
Denn im rheinischen Waldbreit- in Seligenstadt bei Frankfurt am
bach bereiten sich derzeit 16 Frauen Main. Sein Hemd ziert ein Anstecker,
auf ein Amt vor, das sie laut Kirchen- ein regenbogenfarbenes Kreuz, »das
recht gar nicht ausüben dürfen: Der ist das Bekenntniskreuz für schwule
Beruf des Diakons ist Männersache. Katholiken«, sagt der Priester. Ein
Frauen aus zehn Bistümern besuchen Generalvikar habe ihm vor Jahren
die Kurse, sie kommen aus allen ge- auferlegt, das Regenbogenkreuz
sellschaftlichen Bereichen, Ärztinnen nicht mehr zu tragen. »Ich habe das
sind darunter, Sozialarbeiterinnen. zur Kenntnis genommen«, sagt All-
»Die Fortbildung bewegt sich im menroeder lächelnd.
Rahmen des Kirchenrechts«, betont Er hat seine Homosexualität nie
Jutta Mader vom Katholischen Deut- verheimlicht, schon im Theologiestu-
schen Frauenbund in Trier, »die Bischö- dium in Bonn, so sagt er, hätten alle
fe sind in Kenntnis gesetzt.« Um das Bescheid gewusst. Ende der Neunzi-
Recht nicht zu brechen, arbeiten die gerjahre habe ihm der damalige Köl-
verkappten Diakoninnen anschließend ner Kardinal Meisner mitgeteilt, dass
ausschließlich ehrenamtlich – sie helfen er in seinem Erzbistum nicht er-
Flüchtlingen, unterstützen Alleinerzie- wünscht sei. Allmenroeder bewarb
hende, betreuen Hausaufgaben, stehen sich in anderen Diözesen, das Bistum
Kranken zur Seite. Viel Arbeit also für Mainz nahm ihn schließlich. Anfang
wenig kirchliche Anerkennung und 2014 bekannte er sich öffentlich,
ohne Lohn. »Sie tun es, weil sie eine schwul zu sein.
Berufung spüren, Menschen vom Rand Er wollte ein »Zeichen setzen«, an-
in die Mitte zu holen«, erklärt Mader. deren Mut machen. Einen Verstoß ge-
Ihre Diskriminierung wirkt wie gen die Leitlinien aus Rom sieht er da-
aus der Zeit gefallen. Kümmert das rin nicht. »Als Priester lebe ich zöliba-
die Bischofskonferenz? Oder den Va- tär, ich heirate also nicht. Das habe ich

Adelaide Di Nunzio / KNA


tikan? »Wir verstehen nicht, warum mit meiner Weihe versprochen. Alles
die Hälfte der Welt ausgeblendet andere ist eine innere Angelegenheit.«
wird«, sagt Jutta Mader, »Gott hat Allmenroeders Glück ist, dass sein Vor-
doch Mann und Frau geschaffen.« Ei- gesetzter Peter Kohlgraf zu den libe-
nige Vertreterinnen der Protestbewe- ralsten Bischöfen Deutschlands zählt.
gung »Maria 2.0« wollen deshalb die »Maria 2.0«- Die Aufmüpfigen: »Der Fisch Er schätze ihn als engagierten Pfarrer,
katholischen Weiheämter generell ab- Aktivistin Mesrian: stinkt vom Kopf« sagt Kohlgraf: »Es gibt für mich keinen
Zugang für Frauen zu
schaffen. Mader ist sich sicher: »Auch allen Kirchenämtern Für den Vatikan ist die Sache ganz ein- Grund, Fragen nach sexueller Orien-
an der Frauenfrage wird sich die Zu- fach: Homosexualität ist nicht normal, tierung mit ihm zu problematisieren.«
kunft der Kirche entscheiden.« sie gehört gezügelt oder unterdrückt, So gut der Priester aus Seligen-
Das sieht im weiteren Sinne auch homosexuell aktive Paare leben in Sün- stadt mit seinem Bischof klarkommt,
Mirjam Gräve so. Die 44-jährige Re- de. Am Sonntag und Montag der ver- so schlecht ist sein Verhältnis zu den
ligionslehrerin engagiert sich seit gangenen Woche traten dennoch 100 Verfechtern der reinen Lehre in Rom:
zehn Jahren im »Netzwerk katholi- Gemeinden, verstreut über das ganze »Dort wird bevorzugt zu Themen der
scher Lesben«, in dem rund 60 Frau- Bundesgebiet, den Beweis an, dass sich Sexualmoral die Vorgestrigkeit gepre-
en einander unterstützen, ihren Glau- längst nicht mehr alle Priester sklavisch digt.« Dazu die schleppende Auf-
ben zu leben. »Es sind Frauen darun- nach der Lehrmeinung aus Rom rich- arbeitung des Missbrauchsskandals,
ter«, sagt Gräve, »die als Gemeinde- ten. Im Rahmen von Gottesdiensten das starre klerikale System und ein
referentinnen tätig waren und wegen taten sie, was Papst Franziskus streng Priestertum, das nicht auf Augenhö-
ihrer Sexualität den Job aufgeben untersagt hat: Sie gaben homosexuel- he mit den Menschen agiere. Allmen-
mussten.« Manche von ihnen beka- len Paaren den kirchlichen Segen. roeder kann sich ziemlich in Rage re-
men sogar Mahnbriefe aus Rom. Die Aktion #Liebegewinnt schaff- den: »Der Fisch stinkt vom Kopf.«
Homosexuelle Kirchenangestellte te es in die »Tagesschau«, in die Kom- Reformen seien aus Rom nicht zu
leben wegen des rigiden katholischen mentarspalten deutscher Zeitungen, erwarten: »In Deutschland müssen
Arbeitsrechts stets mit dem Risiko, sogar die »New York Times« berich- die Bischöfe schauen, wie sie das
ihre Stelle zu verlieren. Es ist eine tete. »Wenn sich zwei Menschen lie- Ding geschaukelt kriegen.«
Art römisches Roulette: Es kann pas- »W E N N ben, kann das nicht gegen Gottes Wil-
sieren, muss aber nicht. len sein«, rechtfertigte der Kölner Das Dogma: Nur ein Fake
Als Religionslehrerin, sagt Gräve, SICH ZWEI Pfarrvikar Ulrich Hinzen die konzer- Wer sich hierzulande in Pfarreien um-
»benötige ich die Missio, also die M EN- tierte Befehlsverweigerung. Dass die hört, bekommt rasch einen Eindruck,
Lehrerlaubnis der Kirche«. Und da SCH EN Segnung gleichgeschlechtlicher Paare wie groß die Kluft zwischen Dogma
sie die Berechtigung, Kinder zu un- die Grundfesten katholischer Über- und Realität ist: dass der Zölibat häu-
terrichten, jederzeit verlieren könne, L I E B E N, zeugungen erschüttert, bemerkte fig nur ein Fake ist. Sexuelle Enthalt-
hat die Rheinländerin vorgesorgt und K A N N DA S Hinzen schon in der Nacht vor dem samkeit ist ein Problem unter katho-
neben Religion und Geschichte mit NICHT GE- Gottesdienst. Da setzten Unbekannte lischen Geistlichen. Viele leben in Be-
Pädagogik ein drittes Fach studiert: G E N G O T- die vor der Kirche aufgehängten Re- ziehungen – und nicht nur, wie in der
»Ich wollte mich auf keinen Fall in die genbogenfahnen in Brand. guten alten Zeit, mit ihren Haushäl-
Abhängigkeit der katholischen Sexu- TES WI L- Auch Holger Allmenroeder, 58, terinnen. Es gibt Pfarrer mit Kindern;
almoral begeben.« L E N S E I N.« zählte zur Hundertschaft aufmüpfi- es gibt schwule Priester mit Freund

14 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


TITEL

und sogar welche, die einen Deal mit Lesben Egal ob geweihte Priester oder Pastoralre- nig, sagt der Kölner Pfarrvikar Hinzen: »Rom
eingegangen sind, um Kinder zu bekommen. ferentinnen: Offene Stellen gibt es zuhauf, in hat Angst vor der Kirchenspaltung.«
Papst Franziskus, so sehen es manche Kir- allen Bistümern. In Trier hat man deshalb be-
chenhistoriker, könnte sagen: »Na und?« Und schlossen, die 887 bestehenden Pfarreien in Die Aussichten: »Auch cool sein«
mit einem Federstrich Verlogenheit und Dop- 172 Großpfarreien zu verwandeln – mit je- Der Spielraum für Georg Bätzing ist also
pelmoral beenden. Denn ein so ehernes Gesetz weils einem Priester als Leiter. In Mainz, wo klein. Vorigen Samstag, beim Ökumenischen
ist der Zölibat gar nicht. Vor zwei Jahren stellte in den vergangenen Jahrzehnten bereits Kirchentag, den viele Hardliner als Teufels-
der Münsteraner Professor für Kirchengeschich- mächtig fusioniert wurde, sollen aus 134 Seel- zeug betrachten, war der Vorsitzende der Bi-
te Hubert Wolf in einem Buch 16 Thesen auf, sorgeeinheiten 50 Großpfarreien werden. Bi- schofskonferenz dabei, als katholische und
in denen er die Unabdingbarkeit dieser Vor- schof Kohlgraf setzt dabei verstärkt auf Laien evangelische Gläubige gemeinsam die heilige
schrift widerlegt. »Es gibt weder einen Auftrag in der Betreuung der Gläubigen. Kommunion empfingen. Bätzing ist Refor-
Christi noch ein göttliches Gebot noch eine Gern hätten manche Bistümer ihren Pas- mer und Realist gleichermaßen: »Wir merken,
apostolische Anordnung, die den Zölibat für toralreferenten auch die Leitung einer Pfarrei dass die alten Bilder von Seelsorge in der Kir-
Priester verbindlich vorschreibt«, sagt Wolf, übergeben. Kaum war die Idee ausgespro- che nicht mehr tragen, aber wir haben noch
der 1985 selbst die Priesterweihe empfing. chen, kam aus Rom das Nein. keine neuen Bilder.« Nur noch etwas über
Selbst das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis Noch leichter fiele die Stellenbesetzung, die Hälfte der Bundesbürger ist Mitglied in
1965) erachte die Enthaltsamkeit als »angemes- wenn weibliche Diakone zugelassen würden. einer der beiden großen Kirchen. »Wir befin-
sen«, aber nicht als wesentlich für den Dienst. Aber auch diese Lösung steht nicht im Raum. den uns in einem epochalen Umbruch von
Wolf weist nach, dass es keine einzige ein- Wegen Papst Franziskus. Kirche und Christsein«, weiß Bätzing.
heitliche, über die Jahrhunderte geltende Be- Aus mitteleuropäischer Sicht ist dieser Er hat dafür gesorgt, dass im Juli erstmals
gründung für den Zölibat gibt. Argumentiert Starrsinn schwer nachzuvollziehen. Im Vati- eine Frau und erstmals eine Nichtgeistliche
wurde nach Mode oder Opportunität, nicht kan jedoch hat man das große Ganze im Blick, das Generalsekretariat der Bischofskonferenz
selten regional unterschiedlich. So wurde im mithin die Befindlichkeit und den tiefen Glau- übernimmt: Die Theologin Beate Gilles, 51,
Münsterland im 17. und 18. Jahrhundert das ben von Abermillionen Katholiken in ande- war zuletzt Dezernentin für Kinder, Jugend
Priesteramt vom Vater auf den Sohn über- ren Erdteilen. Würde man sie zwangsläufig und Familie in Bätzings Limburger Bistum.
tragen. In den sogenannten Ostkirchen – also verlieren, wenn man zu große Zugeständnisse Er hat sich vorgenommen, die kirchliche
den Kirchen im östlichen Christentum – sind an die Reformer etwa in Deutschland mach- Strafprozessordnung zu ändern und die Ver-
verheiratete Priester die Regel. te? Wäre ihnen die Segnung gleichgeschlecht- waltungsgerichtsbarkeit zu reformieren – da-
Andererseits: Was gewänne die katholi- licher Partnerschaften zu vermitteln? mit die Bischöfe de facto nicht länger Gesetz-
sche Kirche, schüfe sie den Pflichtzölibat ab, Der Mainzer Priesteranwärter Deick be- geber, Kläger und Richter in Personalunion
ließe den Frauendiakonat zu und erlaubte die richtet von Gaststudenten in seinem Seminar, sind. Er weiß zudem, dass es viel Aufmerk-
Segnung gleichgeschlechtlicher Ehen – und etwa aus Nigeria, denen die Debatten um Mo- samkeit braucht in der Frage, wer für den
was riskierte sie? Hilft es, wenn Katholiken dernität völlig fremd seien. »Katholikentags- Priesterberuf geeignet ist.
immer protestantischer werden? Selbst libe- diskussionen«, meint Erzbischof Marx, »kennt Die DBK hat die Auswahlverfahren deut-
rale Kräfte sehen die Gefahr, den Markenkern man in anderen Ländern so nicht.« lich verschärft. »Die Auslese ist ziemlich
der katholischen Kirche damit aufzuweichen. Fraglos sind die Erdteile gesellschaftspoli- streng geworden«, sagt Tonke Dennebaum,
Die evangelische Kirche ist da kein gutes tisch in verschiedenen Geschwindigkeiten un- Regens am Mainzer Priesterseminar. »Wir
Vorbild. In einer Zeit, in der die großen Fra- terwegs. Doch Rom versucht nicht einmal, nehmen bei Weitem nicht alle.« Externe Gut-
gen des Daseins auch von Coaches, Thera- diese Unterschiedlichkeit auszutarieren und achter befragen die Bewerber und schätzen
peuten oder anderen Lebensoptimierern be- das Dilemma aufzulösen. Über eine Reform deren psychosexuellen Reifegrad ein. Sollte
antwortet werden, ist die Selbstsäkularisie- nur zu reden gilt im Vatikan schon als Verrat retardierende Adoleszenz festgestellt werden,
rung des Protestantismus so weit fortgeschrit- an von Gott gewollten Gesetzen. also Unreife, scheidet der Kandidat aus.
ten, dass dieser von vielen für irrelevant und So hat den Heiligen Stuhl eine tiefe Furcht So weit die Theorie. In der Praxis scheinen
entbehrlich gehalten wird. Anders sind die ergriffen: dass es die Einheit der Weltkirche aber nicht alle Bistümer die gleichen Kriterien
ähnlich hohen Austrittszahlen aus der evan- zerreißt. Progressive Geistliche seien sich ei- anzuwenden. Anders ist das Schicksal des
gelischen Kirche kaum zu erklären.
Wichtiger scheint deshalb der Aspekt der
Personalgewinnung. Denn schneller noch als
Gläubige gehen der katholischen Kirche die
Geistlichen aus. Vielerorts müssen Pfarreien
zu XXL-Seelsorgeeinheiten zusammengelegt
werden.
Ulrich Hund, 57, Pfarrer aus Markdorf am
Bodensee, ist dafür ein gutes Beispiel. Er ist
inzwischen für sechs Gemeinden mit mehr
als 10 000 Katholiken zuständig. »Die kann
ich natürlich nicht mehr alle persönlich ken-
nen«, bedauert Hund. Sein Alltag ist von Eile
geprägt, läuft es normal, bekommen ihn die
Gläubigen im Gottesdienst alle zwei Wochen
zu sehen. Ohne sein Team, sagt Hund, könne
er die Arbeit nicht bewältigen: ein Vikar, eine
Peter Jülich / DER SPIEGEL

Pastoral- und eine Gemeindereferentin und


ein Diakon, im Hauptberuf Zahnarzt, der Pre-
digten und Beerdigungen übernimmt. »Die
Zusammenlegung von Pfarreien zu Groß-
gemeinden kann die Mängel nur kaschieren,
nicht beseitigen«, klagt Hund. Schwuler Priester Allmenroeder: »Ich heirate nicht, alles andere ist eine innere Angelegenheit«

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 15


TITEL

geben. »Die Fürsorge der Kirche gilt dem Op-


fer.« Acht Jahre später, als das Ausmaß der
Pädokriminalität im Namen des Herrn sicht-
barer wurde, stellte sich heraus, wie wenig
diese Leitlinien beachtet worden waren.
Zu Beginn dieses Jahres veröffentlichte
das Erzbistum Berlin ein Gutachten zu Miss-
brauchsfällen in der Zeit von 1946 bis 2020.
Oder genauer: Es veröffentlichte 226 Seiten.
Weitere 443 Seiten blieben geheim. Das
Erzbistum habe keine personenbezogenen
Daten veröffentlichen und nicht mit Tatschil-
derungen Voyeurismus Vorschub leisten wol-
len, hieß es. Die 121 Betroffenen sollten auch
nicht retraumatisiert werden. Also blieben
die 61 Beschuldigten ungenannt.
Geht so Wahrheitsfindung?
Matthias Katsch, 58, ist ein Betroffener.

Andreas Schoelzel
2010 machte er publik, von Jesuitenpatern
1977 sexuell misshandelt worden zu sein. Er
gründete die Betroffeneninitiative »Eckiger
Tisch«. »Die perfide Argumentation des Nicht-
Kardinäle mit Politikern im Berliner Olympiastadion*: »Rom hat Angst vor der Kirchenspaltung«
veröffentlichens«, sagt Katsch, zeige doch,
Priesteranwärters Henry Frömmichen kaum das anders an: Frömmichen propagiere Ho- dass man die Aufarbeitung nicht der Täter-
zu interpretieren. mosexualität und sei daher nicht tragbar für organisation überlassen dürfe.
Seit seiner Erstkommunion, sagt der 21- die Diözese, so der Vorwurf. Frömmichen Das Problem: Alles, was vor 1990 war, ist
Jährige aus Allmendingen, sei er fasziniert vermutet eher, seine dreijährige Beziehung fast immer verjährt. Und damit dem Zugriff
gewesen von »der Atmosphäre, der Liturgie, zu einem Mann habe die entscheidende Rolle einer Staatsanwaltschaft entzogen.
dem ganzen Drum und Dran in der Kirche«. gespielt. Weder der Leiter des Priestersemi- »Ist es akzeptabel für einen Rechtsstaat,
Er wurde Messdiener, die Kirche zu seiner nars noch das Erzbistum München und Frei- dass ein systemisches Versagen einer Institu-
Heimat. Nach seinem Coming-out als Homo- sing wollten sich auf Anfrage dazu äußern. tion nicht aufgearbeitet wird?«, fragt Katsch
sexueller 2015 befürchtete er vor allem eins: Es ist die Bigotterie der Kirche, die Fröm- und gibt die Antwort gleich selbst: »Es geht
dass er kein Priester mehr werden könne. michen wütend macht. Wer sich offen homo- ja nicht um eine endlose Kette von Einzel-
Erst zehn Jahre zuvor hatte Papst Bene- sexuell zeigt, werde bestraft, während die Se- fällen, sondern um das Zusammenwirken bi-
dikt XVI. verfügt, dass Priesteramtskandida- minare bedenkenlos Schwule aufnähmen, die schöflicher Verwaltungen mit staatlichen Stel-
ten mit »tiefsitzenden homosexuellen Ten- ihre Identität versteckten und heimlich aus- len, um Dinge unter der Decke zu halten.«
denzen« oder Unterstützer einer »sogenann- lebten. »Es kann auch unter Seminaristen Spätestens jetzt, da ihre Glaubwür-
ten homosexuellen Kultur« nicht geweiht Männerbesuche, Sex und Beziehungen ge- digkeitskrise die Kirche jedes Jahr Hundert-
werden dürften. Sie seien nicht in der Lage, ben, all das ist ja nur menschlich.« Das mache tausende Gläubige kostet, brauche es, so
»korrekte Beziehungen zu Männern und Frau- sie nicht zu schlechteren Seelsorgern. Katsch, eine unabhängige Instanz, die Zugriff
en aufzubauen«. Frömmichen denkt nicht daran, aus der auf alle kirchlichen Personalakten erhält:
Frömmichen wollte es trotzdem versu- Kirche auszutreten. Er will für eine Kirche eine vom Parlament eingesetzte Wahrheits-
chen. Nach einer Ausbildung zum Bestatter kämpfen, »in der sich niemand verstecken kommission. Nach dem Vorbild der Royal
bewarb er sich am Münchner Priesterseminar und verstellen muss«. Er fände es schade, Commission, die in Australien, Kanada und
St. Johannes der Täufer. Im folgenden Ge- »wenn nur aufgrund des blinden und arrogan- Großbritannien die dortigen Verfehlungen
spräch fragte ihn der örtliche Regens nach ten Handelns der Institution die Botschaft von Geistlichen untersucht habe. Dazu seien
Liebesbeziehungen. »Ich habe Erfahrungen verloren ginge«, sagt er. politischer Wille nötig und eine gesetzliche
bejaht, aber mich nicht als schwul geoutet«, Die Kirche stehe nicht vor einem Schisma, Grundlage, ähnlich der Aufarbeitung der Sta-
so Frömmichen. »Aber denen war sowieso »sie ist längst gespalten«, meint Frömmichen. si-Machenschaften von 1991 an. »Der Staat
klar, dass ich homosexuell bin.« Nördlich der Alpen könne kaum jemand die ist den Opfern schuldig zu klären, was war«,
Das Seminar nahm ihn im September Verbote des Vatikans nachvollziehen. »Die sagt Katsch.
2020 zum Propädeutikum auf. Er möge prü- Kirche, wie sie heute ist, hat verdient zu ster- Doch ist die Politik dazu bereit? Bischof
fen, ob das Priesteramt für ihn das Richtige ben. Ich wünsche ihr, dass sie ihren alten Leib Bätzing hat signalisiert, dass man sich eine
sei. Zunächst sei er gelobt worden für sein wie Jesus abstreift und ein neuer entsteht.« solche Kommission vorstellen könne. In Kir-
Engagement, sein Orgelspiel, seine fröhliche chenkreisen wird die Chance gesehen, mit
Art, sagt Frömmichen. Doch nachdem er ein Die Forderung: Raus mit der Wahrheit der Arbeit einer neutralen Instanz verlorenes
Foto von sich und dem schwulen Protagonis- »Die katholische Kirche ist weder Museum Vertrauen zurückzugewinnen. »Es ist der ein-
ten der TV-Dating-Show »Prince Charming« noch Weltkulturerbe.« Ein schöner, wahrer zige Weg«, sagt Pfarrvikar Hinzen.
auf Instagram gepostet hatte, kam das Aus: Satz. Bischof Reinhard Marx hat ihn gesagt. Fraglich bleibt, ob der Papst diesen Weg
Am 30. November teilte die Seminarleitung Doch weil die Kirche von einem Papst regiert mitgeht. Viele Personalakten liegen im Ge-
mit, Frömmichens Umgang mit sozialen Me- wird, dem seit 1870 in Lehrentscheidungen heimarchiv des Vatikans. Mehr als einmal hat
dien lasse erkennen, dass er derzeit nicht für ex cathedra Unfehlbarkeit unterstellt wird, Franziskus deutschen Bischöfen gesagt: »Die
eine Ausbildung zum Priester geeignet sei. bleiben Gewissheiten gewiss, unantastbar. Welt schaut auf euch!«
Frömmichen erklärt, er habe den TV-Pro- Die Bischofskonferenz hat sich 2002 erste Ob das eine Ermutigung oder eine Dro-
mi zufällig getroffen: »Ich wollte meinen Fol- »Leitlinien« im Umgang mit Missbrauch ge- hung war, das weiß man nicht. Wie so oft bei
lowern zeigen, dass ich ein fortschrittlicher diesem Pontifex.
Mensch bin und dass angehende Priester * Bei der Messe mit Papst Benedikt XVI. am 22. Septem- Felix Bohr, Annette Langer, Christian Parth,
auch cool sein können.« In der Kirche kam ber 2011. Alfred Weinzierl ■

16 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


Vogel checkt: Liefern die auch das beste Klimapaket?
„Post und DHL setzen nicht nur auf eine umweltfreundliche Flotte – mit 15.000 E-Transportern und 16.000 E-Bikes
çàÖ%ÌäÛÝ×åÖÛ×Ùänjàåæ×Ö×äºäÓàÕÚ×¼Û×è×äå×àÖ×àÓçÕÚå×Ûæ`_ÂÓÚä×àçàå×ä×âäÛèÓæ×àÈÓÝ×æ×ÝáßâÞ×ææ»Ç %à×çæäÓÞ
ÍàÖÖçäÕÚÖÛ×ÔÓÞÖnjÔ×ä`a___ÈÓÕÝåæÓæÛáà×àÝNjàà×àéÛäÓÞÞ×ÖÓÔ×ÛÚ×ÞØ×à»Ç ìçåâÓä×à"

LÄUFT.
Selber checken auf: VogelCheckt.de
DEUTSCHLAND

Josef Hildenbrand / dpa


Zwischen den Bäumen des Kurparks von Bad Wörishofen schweben, aufgefädelt an dünnen Schnüren, illuminierte Regenschirme
in der Dämmerung. Mit der Installation des Künstlers Thomas Mogendorf feiert die bayerische Stadt den heilkundigen Pfarrer
Sebastian Kneipp, der einst hier wirkte und am 17. Mai 200 Jahre alt geworden wäre. Kneipps nasskalte Anwendungen, vom eisigen
Tauchbad bis zum »Schenkelguss«, erfreuen sich bis heute vielerorts großer Beliebtheit.

SPD für Tempo 130 auf Autobahnen


VERKEHR Eilig soll beim Klimaschutz nachgebessert werden – durch Geschwindigkeitsbegrenzungen.

D ie SPD will in den Verhandlungen


mit der Union um das neue Klima-
schutzgesetz ein Tempolimit von
130 Kilometern pro Stunde auf Autobahnen
den Unterhändlern der Union: »Wir brau-
chen einen massiven Zubau von erneuer-
baren Energien. Da kann kein neu gebautes
Dach ohne eine Fotovoltaikanlage bleiben.«
Autobahnen. Die Union hat sich bislang
einem Tempolimit verweigert. Allerdings
deutete CSU-Chef Markus Söder bereits
im vergangenen Jahr Flexibilität in dieser
einführen. Derzeit diskutieren die Groß- Dazu schlägt er die umstrittene Begrenzung Frage an: Er sei »kein ideologischer Gegner«
koalitionäre, welche Instrumente noch in der Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen des Tempolimits, befürworte es aber auch
dieser Legislaturperiode beschlossen wer- vor. »Das Tempolimit ist eine jener Maß- nicht »wie die Grünen«, hatte Söder im ver-
den können, um die schärferen Klima- nahmen, die schnell, ohne soziale Ungerech- gangenen Jahr erklärt. Das Klimaschutz-
schutzziele zu erreichen. Die Union will die tigkeiten und mit wenig Aufwand einge- gesetz soll in den letzten beiden Sitzungswo-
CO²-Abgabe auf Kraftstoffe sowie Heizöl führt werden könnten«, sagt Miersch. Das chen im Juni durch den Bundestag. Die Bun-
und Erdgas schon ab kommendem Jahr auf Einsparpotenzial beträgt laut einer Studie desregierung hatte sich vergangene Woche
45 Euro pro Tonne erhöhen, was die Sozial- des Umweltbundesamts etwa zwei Millio- darauf verständigt, dafür ein Sofortprogramm
demokraten ablehnen. Stattdessen fordert nen Tonnen CO² jährlich. Das entspricht aufzulegen, für das Fördergeld in Höhe von
SPD-Fraktionsvize Matthias Miersch von etwa 4,5 Prozent der Pkw-Emissionen auf acht Milliarden Euro bereitsteht. GT

18 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


Impftourismus aus deutschen Steuerzahlers tut,
stellt es auch eine Zweckent- DER GESUNDE MENSCHENVERSTAND
Steuermitteln? fremdung öffentlicher Mittel
DIENSTREISEN Der Linken- dar.« Dokumente belegen, dass Frau Giffeys
abgeordnete Diether Dehm sich Dehm zum Zeitpunkt
gerät wegen seiner öffentlich-
keitswirksamen Impfung in
der Impfung mit Sputnik V auf
einer Fraktionsreise befand,
Jodeldiplom
Russland in die Kritik. Die russi- also auf Staatskosten reiste. Von Markus Feldenkirchen
sche Kampagne für den Impf- Rund 3500 Euro kostete der
stoff Sputnik V ziele auf eine fünftägige Trip für Dehm und Nachdem sich angedeutet hat- um die Fußnoten anderer
»Schwächung europäischer einen Dolmetscher laut Reise- te, dass die Freie Universi- Leute mit der Lupe abzusu-
Institutionen und demokrati- antrag. Darin wurde die Reise tät Berlin ihr den Doktortitel chen. Gewiss geschieht all das
scher Gesellschaften«, sagt der unter anderem mit der Teilnah- bald aberkennen könnte, nur, um einer Verwässerung
innenpolitische Sprecher der me an der Feier zum 76. Jah- ist Franziska Giffey in dieser wissenschaftlicher Standards
FDP-Bundestagsfraktion, Kon- restag des Sieges der Sowjet- Woche als Bundesfamilien- im Lande vorzubeugen. Aber
stantin Kuhle. Es sei bedauer- union über Nazideutschland be- ministerin zurückgetreten. irgendwie werde ich den Ver-
lich, wenn Dehm der russischen gründet. Eine Impfung wurde Nun steht die Frage im Raum, dacht nicht los: Wer das
Propaganda auf den Leim gehe. nicht erwähnt. Auf Anfrage woll- ob sie Spitzenkandidatin der macht, ruft auch die Polizei,
»Wenn er dies auf Kosten des te sich Dehm nicht äußern. TIL SPD für die Wahl in Berlin wenn eine Minute nach
bleiben kann. CSU-General- Beginn der Nachtruhe noch
sekretär Markus Blume, in ein Hammergeräusch aus der
Straßburger zweifache Vater Dennis Radtke: moralischen Fragen stets eine Nachbarwohnung kommt.
»Soll ich mich nach der Rück- Instanz, hält den Rücktritt als Diese Hauswartmentalität ist
Quarantänechaos kehr in meinem Zimmer ein- Ministerin für ebenso »zwin- mindestens so verstörend
EU-PARLAMENT Der Plan von schließen?« Auch Linken-Co- gend wie konsequent«. »We- wie die Schludrigkeit mancher
EU-Parlamentspräsident David Fraktionschef Martin Schirde- niger konsequent ist dagegen, Doktoranden.
Sassoli, im Juni nach monate- wan hält es für »totalen Unsinn, dass sie an ihrer Spitzenkan-
langer Coronapause wieder erst die Mitarbeiter nach Straß- didatur für die Abgeordneten-
eine Plenarsitzung in Straßburg burg zu bringen und sich dann hauswahlen in Berlin festhält.«
Die Hauswartmenta-
abzuhalten, stößt bei Abgeord- in Brüssel die Arbeitsfähigkeit Dass Blumes Parteifreund lität ist genauso
neten auf Unverständnis. Ihnen zu nehmen«. Zudem sei es Andreas Scheuer seinen Dok- verstörend wie die
und ihren Mitarbeitern droht verfrüht, »mitten in einer noch tortitel (erworben an der
bei der Rückkehr nach Brüssel anhaltenden Gesundheitskrise« Prager Karls-Universität) vor Schludrigkeit man-
eine Quarantänepflicht, da sie eine solche Reise zu veranstal- Jahren wegen verschärfter cher Doktoranden.
sich mehr als 48 Stunden in ten. Wegen der Pandemie hat Abkupferei nicht mehr führt
einer französischen Stadt auf- das EU-Parlament seit März und trotzdem seit Jahren das Ob Franziska Giffey nun
halten müssten. »Das ist völlig 2020 nur einmal in Straßburg Bundesverkehrministerium, einen Doktortitel oder ein
abstrus«, sagt der Grünen- eine Sitzung begonnen, was die nun ja, leitet, erwähnte Blume Jodeldiplom besitzt, ist für
abgeordnete Daniel Freund. Debatte über den Sinn mehrerer übrigens nicht. Auch nicht, mich als Bürger und (Berliner)
»Die Mitarbeiterinnen und Mit- Standorte neu entfacht hat. Die was die »Welt« über Scheuers Wähler nicht entscheidend.
arbeiter könnten sieben Tage 705 Abgeordneten und mehrere Arbeit schrieb: »Ein Sammel- Ich habe andere Probleme mit
danach ihre Kinder nicht mehr Tausend Mitarbeiter reisen surium aus stets wiederkeh- Giffey. Als Familienministerin
zur Schule bringen und müssten zwölfmal im Jahr von Brüssel render Parteipropaganda, um- hätte sie sich in der Pandemie
sich sogar von ihren Familien ins Elsass und verursachen ständlich formulierten Bana- viel stärker um die Probleme
isolieren.« Ähnlich äußerte sich dabei Kosten in Höhe von rund litäten, abseitigen Besinnungs- von Kindern und Familien
der CDU-Abgeordnete und 110 Millionen Euro. MBE aufsätzen und orthografischer kümmern sollen. Auch ihre
Originalität – kurzum: ein Pläne für die Hauptstadt fin-
wissenschaftlicher Witz.« de ich seltsam. Wer allen
Jeder, der sich jetzt zum Ernstes eine weitere Auto-
moralischen Scharfrichter auf- bahn mitten durch die Stadt
Nachgezählt plustert, könnte das Pfingst- planieren will, hat von Klima-
Unfälle an Übergängen der Deutschen Bahn wochenende vielleicht nut- schutz und menschenfreund-
zen, um die verstaubte Kiste lichen Innenstädten noch nicht
mit der eigenen Magister- viel gehört. Eine Kandidatin,
33 Prozent der 13.600 Bahnüber-
gänge sind weder beschrankt
oder Doktorarbeit zu su- die sich mit Law-and-Order-
noch sonstwie technisch gesichert. chen – und mit seiner eigenen Pose um den Otto-Schily-
Zitiertechnik in Klausur Gedächtnispreis bewirbt und

153
Unfälle ereigneten sich 2005
gehen. Dann lässt sich danach
noch schärfer richten. Oder
kein Interesse an einem modi-
fizierten Mietendeckel zeigt,
auch nicht. finde ich ebenfalls wenig
an solchen Bahnübergängen.
Ich bin mir auch nicht attraktiv. Ob seltsame Positio-
sicher, was Menschen nen mit oder ohne Doktor-
51
Unfälle waren es 2020,
antreibt, die Wochen oder
Monate ihrer Freizeit opfern,
titel vertreten werden, ist mir
ziemlich schnuppe.
infolge verbesserter Sicherheit.
Insgesamt starben von An dieser Stelle schreiben Markus Feldenkirchen
2005 bis 2020 236 Menschen und Alexander Neubacher im Wechsel.
S Quelle: Bundesregierung, Ende April bei diesen Unfällen.


Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 19


CHAPPAT TES WELT
Diskriminierung
bleibt folgenlos
ISRAELBOYKOTT Der Bundes-
regierung gelingt es noch immer
nicht, die Benachteiligung is-
raelischer Flugreisender durch
Kuwait Airways zu verhindern.
Das geht aus einer Antwort des
Bundesverkehrsministeriums
auf eine schriftliche Frage des
Grünenabgeordneten Konstan-
tin von Notz hervor. Kuwait
Airways stornierte wiederholt
die Tickets von Israelis und
berief sich dabei auf das in Ku-
wait geltende sogenannte Ein-
heitsgesetz zum Israelboykott.
»Die Bundesregierung hat
innerhalb des geltenden Rechts-
rahmens keine Möglichkeit, den
Flugbetrieb von Kuwait Airways
in Deutschland einzuschrän-
ken«, heißt es in der Regierungs-
antwort auf Notz’ Frage. Um
Druck auszuüben, habe das
Ministerium wiederholt Anfra-
gen der kuwaitischen Regierung
abgelehnt, über erweiterte Ver-
kehrsrechte in Deutschland zu
verhandeln. Zudem sollen
Grüne gegen auch der seit Januar für Bau Das zeigen die Analysen des Ansprüche etwa auf Entschädi-
und Betrieb zuständigen staatli- Bundesrechnungshofs immer gung nach dem Antidiskrimi-
Privatisierung chen Autobahn GmbH unter- wieder sehr deutlich«, so Kind- nierungsgesetz leichter durch-
AUTOBAHNEN Die Grünen wol- sagt, Partnerschaften mit priva- ler. Dabei bezieht er sich auf setzbar werden. Notz reicht das
len den gemeinschaftlichen Bau ten Autobahnbetreibern einzu- eine Antwort des Bundesver- nicht. »Die Bekämpfung von
und Betrieb von Autobahnen gehen. Der grüne Haushalts- kehrsministeriums. Die Aus- Antisemitismus ist deutsche
durch den Bund und private Fir- experte Sven-Christian Kindler sagen zur Wirtschaftlichkeit der Staatsraison und muss täglich
men verbieten. Einen Entwurf bemängelt, dass seit der ÖPP- Projekte im Gesamtwert von mit Leben gefüllt werden«, sagt
für ein Gesetz, das die soge- Einführung 2005 zwar 13 Pro- knapp über drei Milliarden er. Es sei mehr als bedauerns-
nannten Öffentlich-Privaten jekte zum Autobahnbau mit Euro wurden darin als geheim wert, »dass es der Bundesregie-
Partnerschaften (ÖPP) unter- einer Länge von 711 Kilometern eingestuft. Bei zwei Projekten, rung bis heute nicht gelungen
sagt, will die Fraktion noch vor realisiert worden seien. »ÖPP- so räumte das Ministerium ist, effektiv gegen die pauschale
der Sommerpause ins Parla- Projekte im Straßenbau sind für ein, sei es zu »negativen Teil- Vorverurteilung durch Kuwait
ment einbringen. Damit würde den Bund nicht wirtschaftlich. ergebnissen« gekommen. GT Airways vorzugehen«. MXW

Mit einer als Missgeschick Parteivorsitzende Annalena profitieren.« Allzu lange seien
Bonibock getarnten PR-Aktion haben Baerbock in den vergangenen die Grünen als wirtschafts-
sich die Grünen auf ihrem Jahren Weihnachtsgelder und feindliche Moralapostel ver-
SO GESEHEN Das Weg ins Kanzleramt wohl end- Bonuszahlungen in erheblicher schrien gewesen, vor der Wahl
neue finanzfreundliche gültig unaufhaltsam gemacht. Höhe von der Partei erhalten müsse sich das ändern: »Wenn
»Die Maßnahme mag zunächst und diese angeblich versehent- wir nun nicht nur signalisieren,
Image der Grünen nicht sehr grün wirken, aber lich erst verspätet als Neben- dass es bei den Grünen fette
gerade deshalb versprechen einkünfte an die Bundestags- Boni zu holen gibt, sondern
wir uns davon durchschlagen- verwaltung gemeldet habe. Was dass wir es dazu mit den Re-
den Erfolg«, heißt es in einem nicht in den Berichten steht: geln nicht allzu genau nehmen,
vorab angeblich diskutierten All das war kein Versehen, son- können wir ganz neue Mit-
Strategiepapier des Parteivor- dern Absicht. glieder- und Wählerpotenziale
stands: »Das Wichtigste an Das Geheimpapier enthüllt erschließen: die finanzaffinen
Operation ›Big Money‹: Sie angeblich den Sinn dieser Hedonisten.« Gezielt werde
muss wie ein Unfall aussehen.« Inszenierung: »Einen kurzfris- vor allem auf bisherige An-
Gab es diesen Plan wirklich, tigen Ansehensverlust nehmen hänger der FDP, aber die Bot-
scheint er aufgegangen zu wir bewusst in Kauf, um im schaft richte sich »an alle«:
sein. Mehrere Medien berich- Nachgang von der veränderten »Die Grünen können Geld.«
teten diese Woche, dass die Wahrnehmung der Partei zu Stefan Kuzmany

20 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021

DIGAS_B2B-Divibib-sp2121
Vorjahr trafen diese Kriterien
Rechte unter Waffen nur auf 89 Personen zu. In der
INNERE SICHERHEIT Mehr sogenannten Reichsbürgerszene
als hundert Rechtsextremisten sind 19 Personen im Besitz
in Bayern dürfen legal Waffen einer Waffenerlaubnis. Darüber
besitzen. Das ergab eine Anfra- hinaus wurden in Bayern meh-
ge der grünen Fraktionschefin rere illegale Waffendepots ent-
im bayerischen Landtag, Katha- deckt und Waffenhändlerringe
rina Schulze, an das Münchner enttarnt. Dennoch gab das CSU-
Innenministerium. Demnach geführte Innenministerium
zählten die Sicherheitsbehörden an, für 2020 keine Erkenntnisse

Peter Schinzler / DER SPIEGEL


im vergangenen Jahr 120 Perso- zu sichergestellten illegalen
nen, die der rechtsextremen Waffen bei Rechtsextremisten
Szene zugerechnet werden und zu haben. Schulze fordert,
die gleichzeitig eine behördliche »die rechtsextreme Szene kon-
Waffenerlaubnis besitzen. Im sequent zu entwaffnen«. ACL

Pflichtberatung bei von Mutter und Kind erleich-


tern«. Bei einem positiven Test-
»Traum von der Herde«
Downsyndrom ergebnis soll eine weitere Bera-
ETHIK Eine fraktionsübergrei- tung folgen. Zu der Gruppe um DER AUGENZEUGE Michael Völker, 55, Gründer
fende Gruppe von Bundestags- Ex-Bundestagsvizepräsidentin und Geschäftsführer des Dinosaurier
abgeordneten will eine gesetzli- Ulla Schmidt und CDU-Gesund- Museums Altmühltal, restauriert das Skelett
che Beratungspflicht für Schwan- heitspolitiker Rudolf Henke eines Tyrannosaurus Rex.
gere einführen, die ihren Fötus gehören auch Politiker von CSU,
mit einem Bluttest auf das Grünen, Linkspartei und FDP. »Im März kamen bei uns in werden? Soll der T. rex aus-
Downsyndrom untersuchen las- Die gesetzlichen Krankenkassen Bayern drei große Kisten an, sehen, als ob er jagt? Steht?
sen wollen. Die Initiative will sollen Risikoschwangeren künf- sie enthielten Knochen eines Lauert?
dazu noch vor Ende der Legisla- tig einen nicht invasiven Präna- ausgewachsenen Tyranno- Ich habe nicht so chirur-
turperiode das Gendiagnostik- taltest auf Trisomien 13, 18 oder saurus Rex. Ein sehr wohlha- gische Hände wie meine Mit-
gesetz ergänzen. Demnach soll 21 bezahlen. Offen ist, wie die bender US-Amerikaner hat arbeiter. Die Millionen Jahre
ein Arzt »über die Vornahme betroffenen Frauen informiert uns beauftragt, den Dinosau- alten Knochen sind porös, das
oder Nicht-Vornahme« einer sol- werden. »Die Frage ist so wich- rier für ihn zu rekonstruieren. Risiko, dass sie zerbrechen,
chen Untersuchung beraten und tig, dass sie mit einem Gesetz ge- Das fertige Tier wird mehr ist hoch. Das ist mir einmal
eine sachverständige Person für regelt werden muss«, sagt SPD- als 4 Meter hoch sein und zwi- passiert, als wir einen anderen
»psychosoziale Fragen« hinzu- Politikerin Schmidt, die auch schen 12 und 13 Metern lang, Dinosaurier innerhalb des
ziehen, wie es in einem Arbeits- Vorsitzende der Lebenshilfe ist. je nachdem, wie die Körper- Museums umgestellt haben.
entwurf der Gruppe heißt. Da- »Wir müssen dafür sorgen, haltung arrangiert wird. Da hatte ich anstatt eines Wir-
bei soll es um praktische Hilfen dass Menschen mit Trisomien Der Besitzer will im Hin- bels zwei Teile in den Händen.
gehen, »die die Fortsetzung der nicht aussortiert werden«, sagt tergrund bleiben. Wir muss- Es dauert wahrscheinlich
Schwangerschaft und die Lage CDU-Politiker Henke. COS ten unterschreiben, dass wir bis August, bis der T. rex fer-
seinen Namen nicht preisge- tig ist. Die Rekonstruktion
ben. Der Mann will den T. rex wird den Besitzer einen sechs-
haben, der laut Ermittlungen aber nicht in seine Eingangs- stelligen Betrag kosten. Das
Shopping der Spione als Einkäufer für den russischen halle stellen, sondern hat an- hilft uns in der Coronapan-
JUSTIZ Russlands Geheimdiens- Geheimdienst FSB fungiert. gekündigt, ihn einem Museum demie, unser Personal zu
te kaufen verstärkt Hightech- Schon im März war der Chef zur Verfügung zu stellen. Es bezahlen. Seit einem halben
maschinen in Deutschland für einer Augsburger Firma wegen ist sehr teuer, kompliziert und Jahr hatten wir keine Ein-
das Raketenprogramm des Lan- Verstößen gegen das EU-Waf- langwierig, ein Dinosaurier- nahmen aus dem klassischen
des ein. Am Dienstag hat der fenlieferembargo an Russland skelett zu kaufen. Museumsbetrieb.
Generalbundesanwalt in Leip- verurteilt worden. Laut Ausfuhr- An der Rekonstruktion des Ich habe BWL studiert und
zig einen Unternehmer festneh- papieren sollten seine Werk- T. rex sind hier rund ein Dut- 20 Jahre lang in einem Kon-
men lassen. Er soll Beziehungen zeugmaschinen in der Öl- und zend Menschen beteiligt: Erst zern gearbeitet. Vor neun Jah-
zu dem Russen Sergej K. gehabt Gasindustrie eingesetzt werden. einmal müssen Wissenschaft- ren habe ich gekündigt, um
Wahrer Nutzer war das Staats- ler analysieren, welcher Kno- mein eigenes Museum zu
unternehmen OKB Novator, chen wohin gehört. Von die- gründen. Dinosaurier sind
das unter anderem nukleartaug- sem Exemplar sind rund ein einfach beeindruckende
liche Marschflugkörper herstellt. Viertel der Originalknochen Gestalten. Mein Lieblingsaus-
Auch in diesem Fall soll Sergej erhalten, der Rest muss nach- stellungsstück ist der jugend-
K. die Lieferungen über eine gebildet werden. Schließlich liche T. rex »Rocky«. Mein
Vitaly Timkiv / picture alliance / dpa

Tarnfirma eingefädelt haben. montieren die Mitarbeiter Traum wäre, eine ganze Herde
Hintermann soll ein russischer die einzelnen Teile an einem dieser Gattung zeigen zu
Geheimdienstoffizier gewesen Metallgerüst. können – aber das ist so gut
sein, der in abgehörten Gesprä- Ich überlege mit, wenn es wie ausgeschlossen, weil
chen »Lui« genannt wurde. darum geht: In welcher Posi- die Skelette so selten sind.«
Russisches Raketensystem Der Augsburger Firmenchef hat tion soll das Skelett aufgebaut Aufgezeichnet von Birte Bredow
Revision eingelegt. FIS, WOW

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 21


DEUTSCHLAND

Feindliche Übernahme
UNION In der CDU kommt etwas ins Rutschen. Vielerorts werden liberale Christdemokraten
von der Basis abgestraft und durch konservative Nobodys ersetzt. In der Partei geht jetzt die Angst
vor einer deutschen Tea-Party-Bewegung um.

Nikita Teryoshin

Ex-Verfassungsschutz-
präsident Maaßen

22 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


DEUTSCHLAND

uf Heribert Hirte konnte die gung großen Einfluss auf die Republi- desverfassung aufgenommen werden
A Kanzlerin sich immer verlas-
sen. Seit 2013 sitzt der Rechts-
professor aus Köln im Bundestag, in
kaner.
Über die CDU sagt Zimmer, es
würden nun »Leute nach vorne ge-
solle.
Fischer hat selbst schon eine Nie-
derlage gegen die AfD einstecken

Hans Christian Plambeck / LAIF


dieser Zeit stützte er Angela Merkels spült, die für eine vermeintliche müssen, bei der Landtagswahl 2019
Flüchtlingspolitik, stimmte für die Rückbesinnung auf bessere Zeiten verlor er seinen Wahlkreis. Dabei hat-
Ehe für alle und versuchte, der CDU stehen, für programmatische Ein- te er bereits damals Hans-Georg Maa-
einen grüneren Anstrich zu verpas- deutigkeit und für Widerstand gegen ßen als Gastredner eingeladen.
sen. Hirte steht für die CDU, wie sie das Establishment. Das hat einen Diesmal soll es klappen. Wenn die
unter Merkel geworden ist: liberaler, populistischen Anstrich, nach dem CDU sich gegen die AfD behaupten
offener. Motto: Wir sind die wahre CDU, alles Heribert Hirte wolle, müsse sie ein klar konservati-
Bald ist Hirte weg. Seine politische andere sind korrumpierte Politiker. Der Rechtsexperte aus ves Profil haben, so sieht es Fischer.
Karriere ist vorbei. Wir erleben eine totalitäre Versu- Köln stand für Merkels Er sagt: »Es geht jetzt um die Zukunft
Anfang Mai entschied die CDU in chung in der Union«. Kurs – bald ist seine unserer Heimat.«
Karriere vorbei.
Hirtes bisherigem Wahlkreis Köln II Erläge die Partei ihr, warnt Zim- Die Gründung der AfD ist für die
über die Direktkandidatur, er verlor mer, wäre das »ein Abschied von der CDU das nie verarbeitete Trauma
gegen die Unternehmerin Sandra von CDU, wie wir sie kennen«. aus der Merkel-Zeit. Eine wirklich
Möller: marktliberal, konservativ. Sie Kommt es so weit? Wird die CDU schlüssige Form, mit der Konkurrenz
steht für die CDU, wie sie früher war. unterwandert? Wird sie am Ende eine von rechts umzugehen, hat die Union
Und vielleicht wieder wird. andere Partei sein, so wie die Repu- nie gefunden.
Das sei »mehr als nur ein Rich- blikaner in den USA? Und was heißt Sie hat versucht, die AfD zu igno-
tungswechsel«, sagt Hirte. Er habe das für die Zeit nach der Wahl, für rieren, zum Phänomen zu erklären,
Rückmeldungen aus ganz Deutsch- mögliche Koalitionen? das sich von selbst erledigen werde.

Kölner Express
land bekommen, das Ganze werde Meißen in Sachsen, Dienstag- Sie hat auch mal versucht, die AfD
»als riesiges Alarmsignal« gesehen. abend, Sebastian Fischer, 39, spaziert zu übertönen, sie rechts zu überho-
Im September endet die Ära Mer- am Ufer der Elbe entlang und gibt len. Markus Söder ist mit dieser Me-
kel, schon jetzt geht es darum, was Einblicke in seine politische Gedan- Sandra von Möller thode im bayerischen Landtagswahl-
Die Unternehmerin
von ihr bleiben wird. Ob die Partei kenwelt. besiegte Hirte und will
kampf gescheitert, bevor er das Ex-
den Kurs behält, den Merkel einge- »Der Rechtsstaat muss auch mal den »Staub« der letz- periment abbrach. Seither gibt er den
schlagen hat. Derzeit spricht einiges Zähne zeigen«, sagt Fischer, wenn es ten Jahre beseitigen. Verteidiger der bürgerlichen Mitte.
dagegen. Hirte ist nicht der einzige um die Kriminalität von Flüchtlingen Und es gab den zynischen, rein
Fall. gehe. »2015 war ein Fehler«, sagt er – machtstrategischen Blick auf die AfD:
Das fällt auf den ersten Blick kaum und meint damit Merkels Entschei- Solange die Rechtsausleger auch der
auf, weil die Partei Armin Laschet dung, die Grenzen offen zu halten, SPD Wähler wegnähmen, müsse man
zum Vorsitzenden gewählt, zum die Arme auszubreiten. sich keine allzu großen Sorgen ma-
Kanzlerkandidaten gemacht hat, er Nächstes Thema: die Ehe für alle. chen. So wurde eine Zeit lang tatsäch-
gilt als Fortsetzung Merkels mit an- Damit, sagt Fischer, könne er ja noch lich gedacht, im Kanzleramt, in der
deren Mitteln. Doch unterhalb der leben – wenn die traditionelle Fa- Parteizentrale. Auch wenn das nie-
Spitzenebene wird gerade darüber milie weiterhin in den Mittelpunkt mand laut sagen mochte.
entschieden, wie die nächste Bundes- der Politik gerückt werde. Und den Die AfD ist immer noch da. Wenn
tagsfraktion aussehen wird. Und da Mindestlohn? Den habe er immer sich in der CDU zunehmend konser-
Geisler-Fotopress / picture alliance

verschiebt sich einiges. für falsch gehalten. Fischer spaziert vative Kandidaten durchsetzen, ist
In Thüringen tritt Hans-Georg weiter. das auch eine Reaktion auf die ge-
Maaßen für den Bundestag an, ehe- Vor einer Kirche bleibt er stehen scheiterte Suche nach einer Strategie,
maliger Verfassungsschutzchef und und zeigt auf das Dach. »Das da oben einer Idee. An Maaßens Nominie-
neue Galionsfigur des rechten Partei- ist ein Kreuz, das ist landschaftsprä- rung knüpft sich auch die Hoffnung,
flügels. Und in mehreren Wahlkrei- gend für uns in Deutschland«, sagt dass er den Kandidaten der AfD be-
sen wurden zuletzt liberale Abgeord- Fischer. »Ich achte jede Religion, aber siegen kann.
nete von konservativen Herausfor- ich erwarte auch, dass mein christ- Matthias Zimmer Ein Rundblick in die Partei: Im
derern verdrängt, zum Beispiel der licher Glaube akzeptiert wird.« Der Sozialpolitiker Herbst wurde Landwirt Kees de
Sozialpolitiker Matthias Zimmer, 60, Fischer, gelernter Koch, steht stell- verlor in Frankfurt und Vries, liberaler Bundestagsabgeord-
Mitglied des Bundestags seit 2009. vertretend für das, was in der CDU warnt die CDU vor neter aus Sachsen-Anhalt, von einem
einer rechten Welle.
Als er sich im Februar in Frankfurt gerade passiert. Im Wahlkreis 155 34-jährigen Nobody überrascht. Im
am Main wieder um die Direktkan- folgt er als Kandidat auf Thomas de Brandenburger Wahlkreis Märkisch-
didatur bewarb, verlor er gegen den Maizière. Der frühere Bundesminis- Oderland-Barnim II verlor der Agrar-
Wirtschaftspolitiker Axel Kaufmann, ter, einer der wichtigsten Akteure der politiker Hans-Georg von der Mar-
bislang Ortsvorsteher. Der warb in Ära Merkel, hat hier dreimal das Di- witz gegen eine 36-jährige Tierärztin.
der »Frankfurter Allgemeinen« so rektmandat geholt – 2017 allerdings In Bielefeld wurde statt Michael We-
für sich: Nach 16 Jahren Angela Mer- nur noch mit knapp sechs Prozent- ber vom Arbeitnehmerflügel eine Un-
kel sei »ein Punkt erreicht, an dem punkten Vorsprung vor dem AfD- ternehmerin aufgestellt – alle konser-
neue Schwerpunkte gesetzt werden Kandidaten. Bei den Zweitstimmen vative, wirtschaftsnahe Kandidaten.
müssen«. deklassierte die AfD in Meißen die Und in Berlin-Mitte kandidiert
Anders gesagt: Zimmer war sei- CDU, mit 33 zu 26 Prozent. Ottilie Klein, der eine Nähe zur
CDU

nen Gegnern zu weich, zu liberal, zu Die Folge daraus ist nun Fischers WerteUnion nachgesagt wird – jener
links. Nun warnt er: »Die Tea-Party- Kandidatur. Er hat mal auf einem Axel Kaufmann Gruppe, die sich einst gründete, um
Der Volkswirtschaftler
Bewegung schwappt in die CDU. Das Landesparteitag per Kampfabstim- gewann gegen Zimmer innerparteilich Widerstand gegen
macht mir große Sorge.« In den USA mung die Forderung durchgesetzt, und will nun »neue Merkel und ihre Politik zu leisten.
hat diese rechtskonservative Bewe- dass eine Sachsenhymne in die Lan- Schwerpunkte« setzen. Kleins Konkurrent, der schwarze Mu-

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 23


DEUTSCHLAND

sikmanager Joe Chialo, musste in den Anfang des Jahres traten seine Geg- tion könnte ihm das Leben schwer
Wahlkreis Spandau-Charlottenburg ner aus der Anonymität. In internen machen. Vor allem in der Klimapoli-
Nord ausweichen. Mailinglisten riefen sie offen zu Hirtes tik, dem zentralen Thema der kom-
Viele dieser Fälle spielen in Groß- Abwahl auf. Im Stadtverband sei »die menden Jahre, könnte es zermürben-
städten: Frankfurt am Main, Köln, Wut groß«, schrieb einer seiner Geg- de Auseinandersetzungen geben.
Berlin. Hier hat die CDU es immer ner an die Mitglieder: »Die Kölner Schon jetzt wenden sich die wert-
schwerer, deshalb ist sie von innen CDU wird regiert, wie Erdoğan die konservativen Kandidaten dagegen,

Andreas Pein / LAIF


leichter anzugreifen und auszuhebeln. Türkei.« Ein anderer bezeichnete Hir- Klimaschutz über Wirtschaftsinteres-
Und die Parteistrukturen sind meist te in einer Mail als »unangenehmen sen zu stellen. Mit CSU-Chef Söder,
nicht so gefestigt wie auf dem Land. Hinterbänkler«. Was solle Köln mit der immer grüner daherkommt, kön-
Bewegungen wie die Tea Party Thomas de Maizière einem Abgeordneten, »der bei keinem nen sie nicht viel anfangen. Auch das
brauchen immer eine Erzählung, aus Der Ex-Minister vertrat der existenziellen Probleme, die die ist eine Parallele zur Tea Party: Die
der sie sich speisen, einen Missstand, seit 2009 Meißen im Bürger bewegen, eine Rolle spielt?« bezog einen Teil ihrer Wucht daraus,
gegen den sie anrennen können. Bei Bundestag und gilt als Die Botschaft: Der Professor muss den Klimawandel sogar grundsätzlich
Merkel-Vertrauter.
den Republikanern in den USA war weg, wir holen uns unsere Partei zu- infrage zu stellen.
es die Ostküstenelite, die vermeint- rück. Bei der Entscheidung über die Noch mehr fiele der Trend zurück
lich entrückt sei und die Anliegen der Kandidatur im Mai kam Hirte dann zum Konservatismus ins Gewicht,
sogenannten einfachen Leute nicht nicht einmal mehr in die Stichwahl. sollte die CDU in der Opposition lan-
mehr wahrnehme. In der CDU ist es War es ein Komplott der Werte- den. Die Bundestagsfraktion wäre
die Erzählung von der konturlosen Union, wie Hirte vermutet? Es mag dann das eigentliche Machtzentrum –
Sven Döring / DER SPIEGEL
Partei. Auf die Frage, was genau der Anhaltspunkte dafür geben, aber und es könnte dort der Flügel um
CDU denn unter Merkel verloren ge- manches spricht auch dagegen. Friedrich Merz, Maaßen und etliche
gangen sei, kommen aber noch im- Offiziell gibt es die WerteUnion in andere neue Abgeordnete den Ton
mer Antworten wie: die Wehrpflicht. Köln gar nicht mehr, sie hat sich mitt- angeben, die sich ihre Partei wieder
Der Schutz von Ehe und Familie. lerweile angeblich aufgelöst. Und ob- wertkonservativ und marktliberal
Atomkraftwerke. wohl ihre Anhänger dort noch aktiv wünschen. Spätestens dann wäre
Die Wahrheit ist: So ganz genau Sebastian Fischer sind, ist fraglich, ob sie allein im Stan- Merkels Kurs wohl Geschichte.
Der 39-Jährige erbte
wissen selbst viele der Konservativen den Wahlkreis von de
de sind, einen Wahlkreis zu drehen. Bislang hat Laschet offenbar keine
offenbar nicht, wohin sie die Partei Maizière und will die Außerdem passt Sandra von Möller, Strategie im Umgang mit den Konser-
führen möchten. Hauptsache zurück CDU kantiger machen. die Siegerin, programmatisch nur be- vativen. Dabei hätte gerade er sie nö-
in der Zeitleiste. dingt zu den Erzkonservativen. tig. Im Rennen um den Parteivorsitz
Es geht jetzt um die Balance der Von Möller hat vor vielen Jahren war er der Kandidat des Establish-
Partei, um die Macht, darum, wie einen Verein gegründet, der sich um ments, während Merz die von Merkel
weit die Verschiebung geht, wie tief sozial benachteiligte Kinder küm- enttäuschten Mitglieder hinter sich
sie reicht. Die Frage ist deshalb, ob mert, setzt auf Digitalisierung und sammelte und sich als Kandidat einer
es eine Verbindung zwischen den Fäl- »Chancengerechtigkeit«, weniger auf Basisbewegung inszenierte.
len gibt, ob sich da etwas organisiert. Asylpolitik oder innere Sicherheit. Merz hat sich nun eingereiht, er
Das Muster jedenfalls ist überall das »Die Wirtschaftspolitik haben wir stützt Laschet, doch die enttäuschten
gleiche. Es trifft die Merkel-Leute, sie viele Jahre der FDP überlassen«, sagt Mitglieder sind noch da. Laschet
werden von konservativeren Rivalin- sie. »Das will ich ändern. Zu versu- müsste ihnen signalisieren, dass auch
nen und Rivalen beiseitegeschoben. chen, mich deswegen in die rechte für sie Platz in der Volkspartei CDU
Folgt man Heribert Hirte, dem Ecke zu stellen, ist absurd.« Sie wolle ist. Stattdessen setzte er kürzlich auf
gescheiterten Kandidaten aus Köln, die Partei jünger machen, weiblicher. Konfrontation, zumindest mit dem
war in seinem Fall alles ein abgekar- »Wir können nicht nur auf die älteren besonders lauten Teil der Enttäusch-
Sven Darmer / DAVIDS

tetes Spiel, eine Operation, die über Wähler setzen.« Das klingt wie eine ten, der WerteUnion.
Jahre vorbereitet wurde. Zuletzt, sagt ganz normale Kandidatin aus der Mit- Bei der Bundestagung des Evan-
er, habe ein ganzes Netzwerk gegen te der Partei, die Erfolg hatte, weil gelischen Arbeitskreises der Union
ihn gearbeitet, eine Seilschaft aus wü- die Basis sich mal einen Wechsel sagte Laschet dessen Mitgliedern, sie
tenden Mitgliedern der Kölner CDU Joe Chialo wünschte. Was stimmt nun? seien »die einzige und eigentliche
und Anhängern der konservativen Der Manager wollte in Wahrscheinlich von beidem etwas. Werteunion«. Hier werde nach dem
WerteUnion. Berlin-Mitte antreten, In der CDU passiert gerade schlicht christlichen Menschenbild gehandelt.
Schon 2018, erzählt Hirte, habe musste aber nach das, was in Parteien, in Demokratien »Suspekt«, sagte der CDU-Chef, sei-
Spandau ausweichen.
der Druck auf ihn zugenommen. Par- immer wieder geschieht, wenn eine en ihm hingegen Leute, die sich selbst
teifreunde warnten ihn demnach be- Ära endet. Es brechen sich Tenden- so nennen würden.
reits damals, er müsse konservativer zen Bahn, die vorher keine Chance Bei der WerteUnion haben sie den
auftreten, wenn er sich halten wolle. hatten. Auf den liberalen Barack Oba- Angriff registriert – und sich darüber
Dann habe sich die Lage rasch zuge- ma folgte der Reaktionär Donald gefreut, schließlich wertete Laschet
spitzt. Hirte bekam Drohbriefe, die Trump. Und auf Merkels Regierungs- die vergleichsweise kleine Gruppe
Reifen seines Autos wurden aufge- zeit folgt nun ein Rollback. »Wir müs- damit auf. Die Parteirechten wollen
Sven Darmer / DAVIDS

schlitzt. Bis heute sind diese Attacken sen den Staub der letzten Jahre ab- Ende des Monats eine neue Führung
nicht aufgeklärt. schütteln«, sagt von Möller. wählen. Einer hat bereits seine Kan-
Und es ging weiter. In der Kölner Für Laschet kann die Verschie- didatur angemeldet: der Ökonom
CDU wurden Untreuevorwürfe ge- bung zum Problem werden. Sollte es Max Otte. In einem Bewerbungs-
gen Hirte gestreut, es kursierten nach der Wahl für ein Bündnis mit video sprach er von »diktaturähn-
Hotelbuchungen auf seinem Namen, Ottilie Klein den Grünen reichen, müsste er in lichen Zuständen« in Deutschland.
Die 37-Jährige ver-
gegen die er sich juristisch zur Wehr drängte Chialo, in Koalitionsverhandlungen wohl viele So klingt normalerweise die AfD.
setzen musste. Die Handynummern Berlins CDU gilt sie Zugeständnisse machen. Ein starker Christoph Hickmann, Timo Lehmann,
seiner Kinder wurden veröffentlicht. als sehr konservativ. rechter Flügel in der Bundestagsfrak- Veit Medick ■

24 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


FORD KUGA PLUG-IN HYBRID
AB € 199,- NETTO* (€ 236,81 BRUTTO)
MONATLICHE BUSINESS LEASINGRATE.

Kraftstoff verbrauch (in l/100 km nach § 2 Nrn. 5, 6, 6 a Pkw-EnVKV in der jeweils geltenden Fassung):
1,2 (kombiniert), innerorts: entfällt, außerorts: entfällt; CO2-Emissionen 26 g/km (kombiniert); Stromverbrauch:
15,8 kWh/100 km (kombiniert).
Beispielfoto eines Fahrzeuges der Baureihe. Die Ausstattungsmerkmale des abgebildeten Fahrzeuges sind nicht Bestandteil des Angebotes. * Ein Leasingangebot der Ford
Bank GmbH, Josef-Lammerting-Allee 24–34, 50933 Köln, für Gewerbekunden (ausgeschlossen sind Großkunden mit Ford Rahmenabkommen sowie gewerbliche
Sonderabnehmer wie z. B. Taxi, Fahrschulen, Behörden). Zum Beispiel Ford Kuga Cool & Connect, 2,5-l-Duratec Plug-in-Hybrid-Motor mit Systemleistung gesamt 165 kW
(225 PS), CVT-Automatikgetriebe, auf Basis einer unverbindlichen Preisempfehlung der Ford-Werke GmbH von € 33.403,36 netto (€ 39.750,- brutto), zzgl.
Überführungs- und Zulassungskosten, Leasing mit km-Abrechnung, Laufzeit 48 Monate, Gesamtlaufleistung 40.000 km, Leasing-Sonderzahlung € 4.500,- netto
(€ 5.355,- brutto), 48 monatliche Leasingraten je € 199,- netto (€ 236,81 brutto). Details bei allen teilnehmenden Ford Partnern. Ist der Leasingnehmer Verbraucher, besteht
nach Vertragsschluss ein Widerrufsrecht.
DEUTSCHLAND

OLiver Ziebe / WDR


Kanzlerkandidatin Baerbock, -kandidaten Laschet, Scholz in »TV-Triell« am Donnerstag

doppeltes Handicap. Kann eine junge Poli-


tikerin ohne Erfahrung auf der Weltbühne
gegenüber den Autokraten dieser Erde beste-
hen? Und können die Grünen überhaupt
Clash mit der Realität Außenpolitik? Die Friedenspartei, die einst
die Nato verdammte und Auslandseinsätze
der Bundeswehr bis heute skeptisch sieht?
Die Bürgerinnen und Bürger trauen der
PARTEIEN Mit Annalena Baerbock als Regierungschefin wollen die
Ökopartei inzwischen vieles zu, im direkten
Grünen in Zukunft Deutschlands Außenpolitik bestimmen. Vergleich wünschen sich mehr Deutsche Anna-
Doch die Spannungen und Widersprüche in der einstigen Friedenspartei lena Baerbock im Kanzleramt als Laschet oder
sind enorm. Nun steht sie vor dem Wirklichkeitstest. Scholz. Doch obwohl die Grünen unter Josch-
ka Fischer schon einmal sieben Jahre lang
das Auswärtige Amt führten, rangieren sie in
nnalena Baerbock braucht mehrere tenzrecht Israels, die Schwäche der EU, die Umfragen bei der außenpolitischen Kompe-
A Anläufe, bis sie schließlich eine Ant-
wort gibt. Am Donnerstagnachmittag
sitzt die grüne Kanzlerkandidatin mit Olaf
Rolle der USA. Nach etwa drei Minuten hakt
die Moderatorin nach, nun spricht Baerbock
über die Geschichte der U-Boot-Exporte
tenz weit abgeschlagen hinter Union oder
SPD, sogar hinter der AfD.
Die Grünen müssen also zeigen, dass
Scholz auf einem Podium in Berlin. Armin nach Israel, schließlich stellt die Moderatorin Deutschland mit ihnen kein Risiko eingeht.
Laschet ist aus Düsseldorf zugeschaltet, es ist ihre Frage zum dritten Mal, und irgendwann »Die Grünen stehen für Verlässlichkeit in den
das erste Mal, dass die drei Bewerber um das nach einer gefühlten Ewigkeit ist Baerbocks außenpolitischen Grundlinien – EU, Nato,
Kanzleramt aufeinandertreffen. Antwort da. Sie lautet: Das kommt drauf an. transatlantische Beziehungen, Israel. Sie wer-
Beim Europaforum des WDR geht es um Es ist ein Muster, das sich in den außenpoli- fen nicht die Grundkoordinaten der deut-
die große Weltbühne, die internationale Poli- tischen Interviews der grünen Kanzlerkandi- schen Außenpolitik um«, versichert der Grü-
tik. Die Moderatorin stellt Baerbock unange- datin wiederholt. Immer wieder fällt es ihr ne Ralf Fücks vom Zentrum Liberale Moder-
nehme Fragen, immer wieder konfrontiert schwer, das Parteiprogramm mit der Wirklich- ne. Für eine Partei, deren DNA es eigentlich
sie die Grüne mit dem Wahlprogramm der keit in Einklang zu bringen. Nirgendwo klaffen entspricht, alles anders zu machen, ist das
Partei. Sie fragt zum Beispiel, wie Baerbock Wunsch und Realität so weit auseinander wie ziemlich viel Kontinuität.
es denn mit Waffenlieferungen an Israel halte. in der Außenpolitik. Zugleich ist sie die Schick- Genau das aber ist in der Partei umstritten.
Im Programm stehe doch, dass sich der Ex- salsfrage für die Grünen. Wenn Baerbock Fischers Diktum – »Es gibt keine grüne
port von Waffen und Rüstungsgütern in Kanzlerin werden will, muss sie beweisen, dass Außenpolitik, sondern nur deutsche Außen-
Kriegsgebiete verbiete. sie und ihre Partei außenpolitikfähig sind. politik« – war bei den eigenen Leuten nie
Baerbock nimmt sich Zeit für ihre Ant- Die Außen- und Sicherheitspolitik ist die besonders beliebt. Wenn es zu pragmatisch
wort, sie schweift ab, spricht über das Exis- Achillesferse der Grünen, hier haben sie ein zugeht, wittern Basis und Parteilinke Verrat

26 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


DEUTSCHLAND

an den eigenen Grundsätzen. »Es Doch je stärker die Grünen wer- gegen Autokratien nicht auf Panzer,
gibt eine Angst, dass die Grünen zu den, desto mehr wächst die Rechtfer- Grüne sondern auf Wirtschaft als Waffe und
Kieselsteinen geschliffen, dass sie un- tigungsnot gegenüber der Basis, des- Schwäche nennen das Geoökonomie. Deutsch-
unterscheidbar werden«, sagt Ellen to weniger können sie ihre Anhänger land und die EU, so die Idee, müssten
Ueberschär, Leiterin der grünen- damit trösten, dass man sich eben in »Welche Partei ihre Wirtschaftsmacht nutzen, um
nahen Heinrich-Böll-Stiftung, Nach- den Koalitionsverhandlungen nicht hat Ihrer Meinung anderswo auf der Welt Demokratie
nach die größte
folgerin von Fücks in dieser Position. durchsetzen konnte. »Solange wir bei Kompetenz in der und Menschenrechte zu fördern. Bei-
Einig ist man sich, dass Klima- 8 Prozent lagen, war das kein Pro- Außenpolitik?«, spielsweise in Russland und China.
schutz und Menschenrechte künftig blem«, sagt ein grüner Abgeordneter, Angaben in Prozent Dafür müssten die Deutschen be-
auch in der Außenpolitik eine viel »bei 20 geht das nicht mehr.« reit sein, Wohlstandseinbußen hinzu-
CDU/CSU
größere Rolle spielen sollen. Aber Einen ersten Wirklichkeitstest nehmen. »Wer so tut, als hätte eine
43
wie lässt sich eine stärker moralisch brachte die Eskalation des Nahost- Menschenrechtspolitik gegenüber
begründete Politik umsetzen? Wel- konflikts. Am Montag, nachdem die SPD China keinen Preis, ist nicht ehrlich«,
chen Preis ist man dafür bereit zu zah- Hamas Tausende Raketen auf Israel 15 sagt Franziska Brantner, europapoli-
len? »Eine grüne Außenpolitik kann gefeuert und Israel Häuser in Gaza tische Sprecherin der Grünen. »Na-
AfD
sich nicht auf Maximalpositionen in Schutt und Asche gelegt hat, be- türlich können wir uns wirtschaftlich
8
stützen«, warnt Ueberschär. Ein an- tont Baerbock auf einer Pressekonfe- von China nicht vollständig abkop-
derer Grüner sagt: »Wir werden da renz Israels Recht auf Selbstverteidi- FDP peln«, schränkt Baerbock ein, »dazu
einen Clash mit der Realität erleben.« gung und fordert zu einer diplomati- 8 ist es viel zu wichtig.« Aber auch sie
Fast 16 Jahre auf der Oppositions- schen Initiative auf. »Das langfristige Grüne plädiert für eine »härtere Gangart«.
bank haben es den Grünen leicht Ziel«, beginnt einer ihrer Sätze, und 7
Nicht nur, wenn es um den eige-
gemacht, harten außenpolitischen man rechnet damit, sie werde jetzt nen Wohlstand geht, ist Europas größ-
Entscheidungen auszuweichen. Von über die Zweistaatenlösung sprechen Linke te Exportnation von China abhängig.
dort ließ sich gut mehr Moral fordern. oder eine andere Vision für eine Be- 3 Auch das wichtigste Ziel grüner Poli-
»Aus der Opposition in die Regierung friedung dieses Konflikts. Doch statt- tik, der Klimaschutz, ist ohne die
heißt ein Prozess der Re-Realpoli- dessen sagt sie: »Das langfristige Ziel S Quelle: Civey-Umfrage Volksrepublik zum Scheitern verur-


für den SPIEGEL vom
tisierung«, sagt der grüne Außenpoli- des Ausgleichs, des Dialogs und des 18. Februar bis 19. Mai; teilt. Einige Grüne hoffen, dass China
tiker Jürgen Trittin. Friedens dürfen wir auch weiterhin Befragte: 5000; Stichproben- selbst ein Interesse an Klimaschutz
Denn wer das Kanzleramt bean- vor dieser schwierigen Situation nicht fehler: +/- 2,5 Prozentpunkte;
an 100 Prozent fehlende: hat, sich also beides vereinen ließe:
sprucht, wird Antworten auf diese aus den Augen verlieren.« »eine andere Partei«, »weiß Partnerschaft beim Klima und Druck
Fragen geben müssen: Unter welchen Eine diplomatische Floskel, mit nicht« bei den Menschenrechten. »Klima-
Bedingungen soll sich Deutschland der sich Baerbock unangreifbar und Umweltschutz schützt Men-
an Auslandseinsätzen beteiligen? macht, aber sie sagt nichts. Reicht das schenrechte«, steht im Entwurf für
Können unter grüner Führung die für eine Partei, die Menschenrechte das Wahlprogramm. Aber das könnte
Verteidigungsausgaben steigen, wie ins Zentrum ihrer Außenpolitik zu eher ein frommer Wunsch sein.
es die Zielvorgaben der Nato ver- stellen verspricht? Noch schwieriger könnte es für die
langen? Hält man an gemeinsamen Die Grünen sehen die Welt in ei- Ökopartei in der Sicherheitspolitik
europäischen Rüstungsprojekten fest, nem Wettbewerb der Systeme zwi- werden. Grüne Verteidigungsexper-
auch wenn dann am Ende Kampf- schen liberalen Demokratien und Au- ten sehen vor allem drei problemati-
flugzeuge nach Saudi-Arabien expor- tokratien, einer Schlacht zwischen sche Themen: die Anschaffung be-
tiert werden? Wie passt das Bekennt- Gut und Böse. Manche haben sie des- waffneter Drohnen für die Bundes-
nis zur Nato zu dem Wunsch, aus halb schon mit den amerikanischen wehr, die in Deutschland stationierten
der atomaren Abschreckung auszu- Neokonservativen verglichen, die un- US-Atomwaffen und den Wehretat,
steigen? Und was ist gegenüber Chi- ter George W. Bush die Außenpolitik »das anachronistische Zweiprozent-
na wichtiger: die Uiguren oder das bestimmten. Damals zogen die USA ziel«, wie Trittin es nennt; Deutsch-
Klima? in den Krieg gegen den Irak, um den land hat versprochen, bis 2024 eine
»Wir stellen uns den außenpoliti- Diktator Saddam Hussein zu stürzen. Steigerung seiner Verteidigungsaus-
schen Dilemmata intensiv«, sagt Par- Den Vergleich mit den Neokonser- gaben auf zwei Prozent des Brutto-
teichefin Baerbock. Das Problem ist, vativen würden die Grünen natürlich inlandsprodukts anzustreben.
dass sie oft nicht gelöst werden. Der von sich weisen. Sie setzen im Kampf Einigkeit herrscht bei den Grünen,
Programmentwurf spiegelt die Span- dass die Europäer und damit Deutsch-
nungen in der Partei wider, auf viele land in Zukunft mehr Verantwortung
Fragen gibt es am Ende keine Ant- für die Sicherheit des eigenen Konti-
worten, man verschiebt sie in die Zu- nents übernehmen sollen. Und den
kunft. Man müsse das klären, aber Pragmatikern in der Partei ist klar,
nicht jetzt, heißt es. dass das nicht ohne einen höheren
»In der Außenpolitik enthält das Wehretat möglich sein wird. Gleich-
Programm der Grünen viele Wider- zeitig hat man Angst vor dem Vor-
sprüche«, meint Claudia Major von wurf, die Partei, die einst auch aus
der Stiftung Wissenschaft und Poli- der Friedensbewegung gegen den
tik. Andere sprechen von Hintertür- Nato-Doppelbeschluss hervorging,
chen oder Gummi. Und für den Fall, sei zur Aufrüstungspartei geworden.
dass ein Interviewer versucht, sie Was tun? Baerbock hat sich auf
festzulegen, hat Kanzlerkandidatin einen etwas sophistischen Trick ver-
Baerbock einen forschen Vielsprech legt: Sie lehnt den Indikator von zwei
entwickelt, mit dem sie den Ge- Prozent ab, lässt aber im Unklaren,
DPA

sprächspartner an die Wand redet, ob die Grünen die Verteidigungsaus-


die Antwort aber schuldig bleibt. Minister Fischer 2001: »Es gibt keine grüne Außenpolitik« gaben nicht trotzdem steigern wür-

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 27


DEUTSCHLAND

den. »Auch wenn der Indikator zwei Und das ist ein Problem. Denn dass Brugger, Trittin und Özdemir. Aber
Prozent Unsinn ist, ist die dahinter- unter dem Druck der Regierungsver- wollen das die Grünen überhaupt?
stehende Debatte über eine faire Las- antwortung plötzlich strikte Fraktions- Sollte Baerbock das Kanzleramt er-
tenteilung im Bündnis nachvollzieh- disziplin ausbrechen wird, ist höchst obern, würden sie von dort aus die
bar«, sagt der grüne Verteidigungs- unwahrscheinlich. Deshalb halten die Außenpolitik bestimmen. Und wenn
experte Tobias Lindner. Pragmatiker ein Prinzip hoch: Die nicht? Dann würden sie sich womög-
Er rechnet damit, dass eine von Mehrheit muss so groß sein, dass man lich ganz auf die Ökologie und das
Baerbock geführte Bundesregierung sich Ausfälle leisten kann. So funktio- Innere konzentrieren.
mehr für Verteidigung ausgeben wür- nierte es auch während der rot-grünen Baerbock muss aber auf jeden Fall
de: »Allein schon durch Inflation und Koalition. 2001 stimmten vier Grüne zeigen, dass sie genug von Außen-
jährliche Tarifrunden wird der Wehr- gegen den Afghanistaneinsatz, unter politik versteht, um für das Kanzler-
etat steigen, ob wir das wollen oder ihnen Bayrams Vorgänger Ströbele. amt infrage zu kommen. Ihr Credo:
nicht.« Die Bundeswehr müsse ver- Ein Bündnis mit SPD und Linken »Die Debatten und das Ringen inner-
nünftig ausgerüstet werden. »Ersatz- könnten die Grünen dann aber nicht halb der Grünen spiegeln das starke
teile für den Schützenpanzer ›Puma‹ eingehen. Denn auch in der Linken- Bewusstsein innerhalb der Gesell-
zu kaufen ist keine Aufrüstung.« fraktion würde es Abweichler geben. schaft um unsere Geschichte und um
Früher hat die Frage nach Krieg Trotz aller Widersprüche haben die globale Verantwortung wider.«
und Frieden die Grünen an den Rand die Grünen in der Außenpolitik ein Um diesem Anspruch gerecht zu
der Spaltung getrieben. Auch Lind- beachtliches Selbstbewusstsein ent- werden, müssten die Grünen sich al-
ner war kurz davor, aus der Partei wickelt. Neben Kanzlerkandidatin lerdings trauen, Debatten auch in der
auszutreten, als Joschka Fischer sei- Baerbock, die sich mit Europapolitik Öffentlichkeit auszutragen. Tatsäch-
ner Partei die Zustimmung zum Ein- befasst und einen Master in Völker- lich aber haben sie Angst vor offenem
satz in Afghanistan abrang. Heute hat recht hat, gibt es eine Reihe profilier- Streit. Das bekam zuletzt Anfang des
sich der große Teil der Ökopartei mit ter Außenpolitikerinnen und Außen- Jahres Ueberschär von der Böll-Stif-
Militäreinsätzen abgefunden. Der politiker von beiden Parteiflügeln: tung zu spüren. Sie hatte ein »Trans-
Marsch der Grünen in die außenpoli- Agnieszka Brugger und Jürgen Trit- atlantisches Manifest« mitverfasst,
tische Mitte fand maßgeblich über die tin vom linken Flügel, Omid Nouri- das sich für einen Neubeginn der
Akzeptanz von Auslandseinsätzen pour, Cem Özdemir, Tobias Lindner Beziehungen zu den USA nach Joe
der Bundeswehr statt. Aber Vorbe- und die Europapolitikerin Franziska Bidens Wahlsieg ausspricht. Der Auf-
Bundeswehrsoldat in
halte gibt es noch immer. Die Frage, Mali, Grünenpolitiker
Brantner bei den Realos. ruf enthält ein klares Bekenntnis zur
welcher Einsatz gerechtfertigt ist und Trittin: »Prozess der Als Kandidaten für das Auswärti- nuklearen Teilhabe, Deutschlands
welcher nicht, könnte deshalb in der Re-Realpolitisierung« ge Amt sehen sich aus diesem Kreis Beitrag zur atomaren Abschreckung.
Regierung heikel werden. Hier steht eine Entscheidung über die
In der Opposition war das leichter, Nachfolge der »Tornado«-Kampfflug-
da leisteten sich die Grünen weitge- zeuge an, die im Ernstfall US-Atom-
hende Gewissensfreiheit. Wenn im bomben transportieren würden – ein
Bundestag Auslandseinsätze zur weiteres heikles Thema für die Grü-
Abstimmung standen, kam aus der nen, die eigentlich wollen, dass die
Grünenfraktion regelmäßig eine Bundesrepublik dem Kernwaffenver-
Kakofonie: Zustimmung, Ablehnung, botsvertrag beitritt.
Enthaltung, alles ist möglich. Als es »Böll für Bombe«, dichtete die
zuletzt um die Verlängerung des Bun- »taz« mit Blick auf Ueberschär. Trit-
Michael Kappeler / PICTURE ALLIANCE / DPA

deswehreinsatzes »Atalanta« vor der tin wetterte: »Wer von einer Neube-
Küste Somalias ging, stimmten 7 Grü- stimmung des transatlantischen Ver-
ne dafür, 6 dagegen, und 40 enthiel- hältnisses redet, sollte mehr liefern
ten sich. Bei der Verlängerung des als Rezepte der Achtzigerjahre.« Es
Afghanistaneinsatzes im März sah klang, als schlüge er auf Ueberschär
das Ergebnis so aus: 14-mal ja, 32-mal ein, weil er die eigene Parteiführung
nein und 14 Enthaltungen. nicht angreifen darf. Ueberschär ru-
Eine Neinstimme kommt fast im- dert inzwischen zurück. »Nicht alles,
mer von Canan Bayram, manchmal ist was in dem Papier steht, wird von
sie die einzige. Bayram, 55, hat bei allen Unterzeichnerinnen geteilt«,
der vergangenen Bundestagswahl das sagt sie. »In der Frage der nuklearen
Direktmandat in Berlin geholt, das vor Teilhabe denke ich anders.« Doch die
ihr Hans-Christian Ströbele gewann. Schärfe der Reaktion empfanden
Sie steht am linken Rand der Fraktion. manche Grüne als erschreckend, von
»Ich muss mich zuerst vor meinem Ge- »Debattenkontrolle« und einem »kol-
wissen und dann vor meinen Wähle- lektiven Strafgericht« ist die Rede.
rinnen und Wählern in Friedrichshain- Als Joschka Fischer die Grünen in
Kreuzberg verantworten«, sagt sie. Auslandseinsätze der Bundeswehr
»Ich kann und werde niemals ein Man- führte, wurde leidenschaftlich gestrit-
Andreas Chudowski / DER SPIEGEL

dat mittragen, das ich für falsch halte.« ten, die Schmerzen, die der Clash mit
Bayram ist so etwas wie der letzte der Realität der Partei bereitete, wur-
Glutkern der einst pazifistischen Par- den für alle sichtbar. Ihr Ringen strahl-
tei. In einer Fraktion, die sich nach te tatsächlich weit in die Gesellschaft.
aktuellen Umfragen nach der Wahl Heute dagegen herrscht vor allem
verdreifachen könnte, dürfte sie aller- Parteidisziplin.
dings Unterstützung bekommen. Christiane Hoffmann, Jonas Schaible ■

28 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


NEBENEINKÜNF TE
verdienende Grünenchefs Weihnachts-
gelder in Höhe von 6789, 7636 und
Wahrheit in Häppchen 9296 Euro?
Es ging schließlich auch mal anders.
Grünenchefin Annalena Baerbock hat dem Bundestag Einnahmen »Die sogenannten Sonderzahlungen als
verspätet gemeldet. Das kann im Wahlkampf schaden. ›Weihnachtsgeld‹ gab es nur zwei Mal in
der Amtszeit von Claudia Roth«, teilt
deren Büro mit; Roth war mehr als ein
Eigentlich finden die Grünen Transpa- Jahrzehnt lang Grünenchefin. Erst seit
renz ungemein wichtig. Mehr als 30-mal 2011 wird Weihnachtsgeld gezahlt – und
gibt es Hinweise darauf im Entwurf für besonders viel, wenn der Wahlkampf
das Wahlprogramm. Zum Beispiel sollen erfolgreich war, weil gute Wahlergebnisse
Einnahmen von Abgeordneten aus die Parteikasse füllen. So war es zumin-
Nebentätigkeiten künftig auf Euro und dest 2019. Zunächst war sogar von Son-
Cent angegeben werden. derzahlungen »in Jahren erfolgreicher
Doch ausgerechnet die Parteichefin Wahlkämpfe« die Rede gewesen.
Annalena Baerbock nahm es mit der In den anderen Bundestagsparteien
Transparenz nicht so genau, als es um stößt diese Art Bonussystem auf Befrem-
ihre eigenen Einkünfte ging. den. »Ich höre zum ersten Mal, dass
Für die Kanzlerkandidatin Baerbock eine Partei Boni für Wahlerfolge an politi-
und die Grünen könnte das zur Belastung sche Führungskräfte bezahlt«, sagt Volker
im Wahlkampf werden. Denn das Bild, Wissing, Generalsekretär der FDP.
das die Partei in diesen Tagen abgibt, Das heißt allerdings nicht unbedingt,
steht in offensichtlichem Widerspruch zu dass sich andere Parteivorsitzende stärker

Kay Nietfeld / DPA


den eigenen politischen Forderungen. beschieden. Während Baerbock kein
Mehrere Jahre lang hatte Baerbock ver- Gehalt von den Grünen bezieht, weil sie
säumt, dem Bundestag Einkünfte aus Abgeordnete Baerbock Abgeordnete ist, lässt sich die SPD-Vorsit-
ihrer Parteiarbeit zu melden. Dabei war zende Saskia Esken doppelt bezahlen.
sie dazu verpflichtet. Am 30. März reich- Zusätzlich zu ihren Diäten bezieht sie wie
te sie Angaben für drei Jahre nach, ohne renzportal Abgeordnetenwatch: »Es gibt Co-Chef Norbert Walter-Borjans monat-
das anderweitig öffentlich zu machen, Regeln, aber die sind wertlos, weil mit lich 9000 Euro von der Partei.
ohne eine Mitteilung, ohne Erklärung. ihnen keine Konsequenzen verbunden FDP-Chef Christian Lindner, ebenfalls
Auf Baerbocks eigener Website stand sind.« Schützenhilfe bekommt Baerbock Abgeordneter, bekommt von der Partei
noch bis in den Mai hinein nichts von den von den Antikorruptionsorganisationen kein Geld, nimmt aber regelmäßig Hono-
Zahlungen, dafür dieser Satz: »Meinen Transparency International und Lobby- rare für Vorträge. Baerbock tue das nicht,
Anzeigepflichten gegenüber dem Präsi- control: Man müsse berücksichtigen, dass heißt es aus ihrem Umfeld. Mehrere Ver-
denten des Deutschen Bundestages ent- es keinen Interessenkonflikt gegeben anstalter bestätigen das auf Anfrage.
sprechend den Verhaltensregeln für die habe, weil Baerbock nur Geld von der Gleichwohl könnte etwas hängen blei-
Mitglieder des Deutschen Bundestages eigenen Partei bekommen habe. Deren ben. Wenn sich gut versorgte Politiker
bin ich vollumfänglich nachgekommen.« Interessen vertritt sie sowieso. Rechtlich zusätzliche Einnahmen gönnen, kommt
Als der Vorgang dann doch bekannt ist Baerbock, wie es aussieht, aus dem das bei vielen Wählerinnen und Wählern
wurde, nannte die Partei zunächst nur die Schneider. nicht gut an. Dieser Schatten liegt nun
Größenordnung. Erst später am gleichen Trotzdem bleiben Fragen, die nur die über Baerbocks Wahlkampf. Zumal auch
Tag gab sie die genaue Summe heraus: Kandidatin beantworten kann, weil sie noch bekannt wurde, dass Cem Özdemir
25 220 Euro waren über drei Jahre von nicht rechtlicher Natur sind, sondern poli- ebenfalls Zahlungen aus seiner Zeit als
der Parteikasse auf Baerbocks Konto tischer. Parteichef nachmelden musste.
geflossen. Zusätzlich zu den mehr als Vor allem die Union macht Baerbock
100 000 Euro, die sie pro Jahr als Abge- Etwa zur Corona-Sonderzahlung von scharfe Vorwürfe. Aus der grünen Partei
ordnete verdient. 1500 Euro im vergangenen Jahr. Die regt sich dagegen wieder einmal bemer-
Spätestens da gab es Fragen, doch ging an alle Mitarbeiterinnen und Mitar- kenswert wenig Kritik. Einige Grüne se-
Baerbock beließ es zunächst dabei, ande- beiter der Grünengeschäftsstelle und hen gar kein Problem. Andere verweisen
re für sich sprechen zu lassen. Die Kom- den Bundesvorstand. Nur anteilig an auf die doch weitaus größeren Vergehen
munikation übernahm die Parteizentrale. jene, »die nicht das ganze Jahr über in einiger Unionspolitiker in der Masken-
Die Kanzlerkandidatin blieb stumm. Wie- der Parteizentrale beschäftigt waren«, in affäre. Manche ärgern sich zwar, wollen
der änderte sich das dann sehr plötzlich. voller Höhe dagegen an die Vorsitzende. aber den Wahlkampf nicht gefährden.
Baerbock teilte knapp mit: »Das war ein Ist das angemessen? Hätte sie es besser »Ich habe mich darüber gewundert«,
blödes Versäumnis. Und klar, ich habe gespendet? Und wofür brauchen gut sagt Hans-Christian Ströbele, der selbst
mich darüber selbst wahrscheinlich am Vorsitzender war. Er sei davon ausge-
meisten geärgert. Als es mir bewusst wur- gangen, dass Parteivorsitzende nur Gel-
de, habe ich es sofort nachgemeldet.« der von der Partei erhielten, wenn sie
Die Partei sagt, Baerbock habe versteu- kein Mandat innehaben. Er kenne zwar
ert, was zu versteuern war. Weitere Ein-
»Es gibt Regeln, aber die die genauen Modalitäten nicht, sagt
künfte habe sie nicht gehabt. sind wertlos, weil mit aber: »Natürlich brauchen wir da volle
Sanktionen des Bundestages drohen Transparenz.«
wohl nicht. Alles andere wäre überra-
ihnen keine Konsequen- Okan Bellikli, Kevin Hagen, Annabelle Körbel,
schend, sagt Léa Briand vom Transpa- zen verbunden sind.« Timo Lehmann, Jonas Schaible ■

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 29


DEUTSCHLAND

ein Argument gewesen, auch in Syrien ein-


zugreifen. Der Fehler passierte erst danach,
als sich die Koalition der Willigen nicht mehr
engagierte und zuließ, dass Libyen in den

»Berlin moralisiert gern« Bürgerkrieg abrutschte.


SPIEGEL: Der Westen und damit auch
Deutschland hätten in Syrien also militärisch
eingreifen sollen?
Neitzel: Es gibt keine Standardlösung. Ich
AUSL ANDSEINSÄTZE Der Potsdamer Historiker Sönke Neitzel hat die sage nicht, dass man den Bürgerkrieg hätte
deutsche Außenpolitik analysiert – ein Desaster, findet er. verhindern können. Das war eine hochkom-
Die Regierung halte sich lieber raus, wo andere eingreifen, und mache plexe Lage, und westliche Interventionen im
dadurch vieles schlimmer. Nahen und Mittleren Osten zeigen in histo-
rischer Analyse eine mehr als zweifelhafte
Bilanz. Aber in der deutschen Außen- und
Neitzel, 52, lehrt Militärgeschichte. Für die SPIEGEL: Warum? Damals hat sich die rot- Sicherheitspolitik gibt es doch nur eine ein-
Bestseller »Abgehört« und »Soldaten« wertete grüne Bundesregierung an den Luftschlägen zige Logik: Wir halten uns möglichst raus,
er Abhörprotokolle der Briten und Amerika- der Nato gegen die Armee des serbischen Prä- wenn es um militärische Mittel geht. Das ist
ner im Zweiten Weltkrieg aus, die ihre deut- sidenten Slobodan Milošević beteiligt. eine legitime Position, wenn man Alternati-
schen Gefangenen belauscht hatten. Zuletzt Neitzel: Aber nur, weil die USA drohten, ven anbieten kann, Entwicklungshilfe zum
erschien »Deutsche Krieger – eine Militär- Deutschlands Rolle in der Allianz würde Beispiel. Jetzt stellen wir aber fest, dass drei
geschichte seit dem Kaiserreich«. Schaden nehmen. Bis zum Massaker von Sre- Viertel der deutschen Entwicklungshilfe erst
brenica hatte der Krieg bereits 100 000 Tote nach 2015 flossen …
SPIEGEL: Professor Neitzel, 400 000 Tote und noch mehr Flüchtlinge gefordert. Es war SPIEGEL: … als die Flüchtlinge schon längst
und mehr als zwölf Millionen Flüchtlinge – ein Krieg mitten in Europa, und doch griffen nach Deutschland unterwegs waren.
welche Verantwortung trägt die Bundesregie- die Europäer erst dann wirklich ein, als Neitzel: Da war der Drops gelutscht. Dass
rung für diese Bilanz von zehn Jahren Bür- Washington die Führung übernahm. Aber Sie Flüchtlinge aus Syrien nach Europa kommen
gerkrieg in Syrien? haben recht. Im Vergleich zur deutschen würden, war vorhersehbar. Die Deutschen
Neitzel: Deutschland ist nicht schuld am Sy- Syrienpolitik war die Beteiligung der Bundes- kamen zu spät, obwohl sie so stolz auf ihre
rienkrieg oder an der Flüchtlingskrise. Die wehr am Jugoslawienkrieg geradezu substan- Zivilmacht sind. Die deutsche Außenpolitik
Bundesregierung hatte nicht die Macht, diese ziell. Dabei gab es in Syrien viel mehr Tote. reagiert nur, auch in der Entwicklungszusam-
Katastrophe zu verhindern, auch wenn sie SPIEGEL: Die deutsche Zurückhaltung in menarbeit.
sich anders verhalten hätte. Syrien hängt auch mit der westlichen Militär- SPIEGEL: Dabei sehen sich die Deutschen gern
SPIEGEL: Die Kanzlerin und ihr Kabinett ha- operation in Libyen zusammen, die 2012 zum als Friedensmacht. Warum stimmen Selbst-
ben mit diesen schlimmen Zahlen also nichts Sturz des Diktators Muammar al-Gaddafi und Fremdwahrnehmung so wenig überein?
zu tun? führte. Sie schreiben in Ihrem Buch, dass »aus Neitzel: Berlin moralisiert gern von der
Neitzel: Das wäre ein unzulässiger Umkehr- heutiger Sicht, wenn nicht die Intervention Außenlinie. Man macht im Bündnis schon
schluss. Berlin trägt eine Mitverantwortung an sich, so doch die Art und Weise ihrer irgendwie mit – aber nur das absolute Mini-
für die humanitäre Katastrophe. Durchführung ein Fehler waren«. War es mum. Ich bin manchmal fassungslos. Wir kön-
SPIEGEL: In Ihrem Buch werfen Sie und Ihr dann nicht klug, dass sich Deutschland da- nen doch nicht Staaten wie Russland das Feld
Co-Autor Bastian Matteo Scianna Deutsch- mals im Sicherheitsrat der Stimme enthielt? überlassen, für die Menschenrechte keine Rol-
land eine »blutige Enthaltung« im Syrien- Neitzel: Wir dürfen nicht ahistorisch argu- le spielen. Die deutsche Außenpolitik mysti-
krieg vor und schreiben, die deutsche Außen- mentieren. Die Militäroperation in Libyen fiziert den KSZE-Prozess und vergisst dabei,
politik sei geprägt durch ein »vorauseilendes galt kurz danach in Diplomatenkreisen als dass der Kalte Krieg nicht nur durch Diplo-
Räumen von Handlungsoptionen« und »das vorbildliche Intervention. Eigentlich wäre das matie, sondern auch durch Abschreckung
Niederreißen von Drohkulissen«*. Was mei- gewonnen wurde. Merkel setzt auf den Uno-
nen Sie damit? Sicherheitsrat, obwohl sie weiß, dass es dort
Neitzel: Dieses Muster zieht sich durch die keine Mehrheit geben wird. »Wenn die Rus-
gesamte deutsche Syrienpolitik. Das geht sen uns blockieren, hätten wir es wenigstens
schon los mit der Uno-Beobachtermission, versucht«, soll sie zu Obama gesagt haben.
die im April 2012 nach Syrien geschickt wur- SPIEGEL: Als Oppositionschefin kritisierte
de. Der damalige Außenminister Guido Wes- Merkel Gerhard Schröders Nein zum Irak-
terwelle nannte eine solche Mission inner- krieg noch als antiamerikanisch, dabei war
halb weniger Tage zuerst »sinnvoll« – um dieser Kriegseinsatz moralisch viel angreif-
dann eine deutsche Beteiligung auszuschlie- barer als die Intervention in Libyen oder eine
ßen. Als der Sicherheitsrat ein Mandat für mögliche Operation gegen Assad.
bis zu 300 Beobachter verabschiedete, ver- Neitzel: Sie hat wie bei vielen Positionen ge-
sprach Berlin, sich mit 10 Deutschen zu be- merkt, was populär ist und was nicht. Wenn
teiligen. ich mich militärisch engagiere, kostet es mich
SPIEGEL: Wie viele wurden es tatsächlich? innenpolitisch Sympathien. Das ist ihr Kalkül.
Neitzel: Ein einziger Stabsoffizier. Sich Ich kann bei Merkel im Fall von Syrien keinen
moralisch zu empören und dann wegzu- Gestaltungswillen erkennen, obwohl es da
ducken – das kennen wir schon aus dem um ein zentrales Problem geht, um das wir
Jugoslawienkrieg. Europäer uns kümmern müssten.
Andreas Chudowski

SPIEGEL: Im April 2018 gab es nach Ihren


* Sönke Neitzel, Bastian Matteo Scianna: »Blutige Ent-
Recherchen ja offenbar einen Moment, an
haltung – Deutschlands Rolle im Syrienkrieg«. Herder, Wissenschaftler Neitzel dem sich das kurz änderte. Als das Assad-Re-
160 Seiten, 18 Euro. gime wieder einmal Giftgas eingesetzt hatte.

30 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


DEUTSCHLAND

Christian Werner
Russische Soldaten in Aleppo: »Menschenrechte spielen keine Rolle«

Da war selbst die Kanzlerin nicht mehr abge- liegt an der Versäulung der Sicherheitspolitik. SPIEGEL: Aber die grundsätzliche Entschei-
neigt, militärisch zu reagieren. Da konkurrieren Minister von drei Parteien, dung, Waffen und Soldaten in den Irak zu
Neitzel: Anders als noch 2017 wollten die die sich alle profilieren wollen, und das Kanz- schicken, müsste doch in Ihrem Sinne sein?
Amerikaner damals die Verbündeten beteili- leramt lässt es geschehen. Einen Bundes- Neitzel: Ja, die Waffenlieferungen waren
gen. Und so wurde auch Berlin gefragt. Mer- sicherheitsrat, der den Namen verdient, haben wichtig. Dennoch: Unser militärisches Engage-
kel versammelte daraufhin die Inspekteure bisher alle Kanzler abgelehnt, weil ein solches ment fällt sogar hinter kleine Länder wie
der Teilstreitkräfte und ließ sich berichten, Gremium sie zu sehr binden würde. Und dann Dänemark und die Niederlande zurück. Die
welche Möglichkeiten die Bundeswehr habe. gibt es ein grundsätzliches Problem. Holländer haben sich mit F-16-Kampfjets an
Bei der Marine war eine Korvette vor der SPIEGEL: Und zwar? Luftschlägen beteiligt, während wir unsere
libanesischen Küste im Einsatz, die vier Neitzel: Eine Politik, die vorausschaut, zahlt Tornados geschickt haben, die aber keine
schwere Flugkörper an Bord hatte. sich politisch nicht aus. Politiker verweisen Kampfeinsätze geflogen sind.
SPIEGEL: Aber? gern auf die aktuellen Schlagzeilen. Das ist SPIEGEL: Sie haben für Ihr Buch mit Soldaten
Neitzel: Die Marine war sich nicht sicher, wo meine Realität, sagen sie. Und nicht irgend- der US-Marines gesprochen. Wie sahen die
diese Raketen wirklich landen würden. Man eine Krise, die uns womöglich in zwei, drei auf die Deutschen?
hatte sie noch nie so richtig ausprobiert. Die Jahren treffen könnte. Neitzel: Positiv. Keiner habe im Feldlager so
Luftwaffe wiederum hätte den Marschflug- SPIEGEL: Im Dezember 2015 beschloss der gute Würstchen gegrillt wie die Deutschen.
körper »Taurus« einsetzen können, aber der Bundestag den Einsatz deutscher Soldaten Aber im Ernst – natürlich werden deutsche
ist mit seinen 1,4 Tonnen so wuchtig, dass die gegen den »Islamischen Staat«. Zum ersten Soldaten in Krisengebiete geschickt. Doch im
Kanzlerin lieber verzichtete. Mal abgesehen Mal lieferte Deutschland Waffen und Ausbil- Dreck liegen meist andere. Das ist die strate-
davon, dass die Eurofighter in ihrer Rolle als der in ein Kriegsgebiet, an die kurdischen gische Kultur in unserem Land.
Jagdbomber noch nicht einsatzbereit waren. Peschmerga. In Ihrem Buch kritisieren Sie SPIEGEL: Ist es inzwischen zu spät, in Syrien
SPIEGEL: Wie reagierte die Kanzlerin? auch das als halbherzig. Ihnen kann man es noch einzugreifen?
Neitzel: Sie erklärte öffentlich, Deutschland wohl gar nicht recht machen. Neitzel: Ja, das hätte man machen müssen,
werde »sich an eventuellen – es gibt ja noch Neitzel: Jaja, der großartige Anti-IS-Einsatz. bevor die Russen Assad zu Hilfe kamen. Da
keine Entscheidung, ich will das noch mal »Wir« haben den IS besiegt – ich habe Anne- hätte man vielleicht eine Flugverbotszone
deutlich machen – militärischen Aktionen gret Kramp-Karrenbauer noch im Ohr. In einrichten können. Assad wäre es schwerer
nicht beteiligen«. Am Ende machten nur Wahrheit haben wir 100 bis 150 Ausbilder gefallen, die eigene Bevölkerung zu bombar-
Frankreich und Großbritannien mit. in den Norden des Irak geschickt. Das dieren. Diese Chance wurde verpasst. Nein,
SPIEGEL: Warum wird Berlin in der Außen-, war wenig sinnvoll, sagen mir Offiziere, nach zehn Jahren Syrienkrieg bleibt nur ein
Sicherheits- und Entwicklungspolitik dem die dort waren. 150 Mann, um eine irakisch- einziger Schluss: Wir Deutschen sind hilflose
eigenen Anspruch so wenig gerecht? nationale Armee aufzubauen. Die Italiener Zuschauer, während andere Länder gerade
Neitzel: Vor Ort funktioniert dieser vernetzte haben 1000 Soldaten geschickt, dazu noch die Machtachsen auf Dauer verschieben.
Ansatz ja manchmal durchaus, in Afghanistan vier Transport- und vier Kampfhubschrauber Interview: Konstantin von Hammerstein,
oder im Irak. Aber eben nicht zu Hause. Das und außerdem Spezialkräfte. Christoph Schult ■

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 31


DEUTSCHLAND

Jens Gyarmaty / VISUM


losen Minister für Verkehr und digitale
Infrastruktur: Anlass war die Informa-
tion, 99 Prozent der Haushalte hätten
nun LTE-Mobilfunkempfang.
Die Bundes-Influencerin Was beeindruckend klingt, ist eine
eher peinliche Bilanz. Der erste LTE-
Sendemast wurde vor elf Jahren in
Betrieb genommen, eigentlich wollte
INTERNE T Deutschlands erste Digitalstaatsministerin Dorothee Bär
die Bundesregierung das Land zum
ist das fröhliche Gesicht der digitalen Misere des Landes. »Leitmarkt« für die nächste Mobil-
Die Bilanz der CSU-Politikerin ist dürftig. Trotzdem hätte sie in einer funkgeneration 5G machen. Davon
neuen Unionsregierung beste Chancen auf ein Ministeramt. ist nicht viel zu sehen. Derweil genie-
ßen die Schweden seit Jahren selbst
im Ruderboot auf einem einsamen
ürzlich twitterte Dorothee Bär, rothee Bär, die Einzige im Regie- Waldsee problemlosen Empfang.
K Staatsministerin für Digitales
im Kanzleramt, eine scheinbar
gute Nachricht: Die Deutschen trauen
rungsteam, die sich ausschließlich mit
Digitalisierung befasst.
Dass die CSU-Politikerin dennoch
Man muss sich Dorothee Bär als
das fröhliche Gesicht der digitalen Mi-
sere in Deutschland vorstellen. Diese
CDU und CSU von allen Parteien die den einzigen halbwegs positiven As- wurde in der Coronapandemie scho-
höchste Digitalkompetenz zu, so die pekt der Studie in die Welt posaunt, nungslos offengelegt. Mit Gesundheits-
Überschrift einer Meldung. mag verwegen anmuten, hat aber Me- ämtern, die mühsam mit dem Fax han-
Wer sich die Mühe machte, auf thode. tierten. Mit Schulkindern, für die
den dazugehörigen Artikel zu kli- In der Welt von Dorothee Bär gibt Homeschooling oft darin bestand, sich
cken, der erfuhr, dass gerade mal ein es keine schlechten Nachrichten, nur Arbeitsblätter auszudrucken. Mit ei-
Viertel der Befragten das wirklich solche, die schlecht verkauft sind. Jede ner Impfkampagne, die ohne intelli-
glaubt. Die eigentliche Botschaft der Botschaft, und sei sie noch so desaströs, gentes digitales Management auskom-
Umfrage war: Mehr als 70 Prozent lässt sich mit dem richtigen Spin und men muss. Und mit einer Corona-App,
der Deutschen sind unzufrieden mit einer Portion guter Laune ins rechte die bis heute keine lückenlose Kontakt-
der Digitalpolitik der Regierung. Und Licht setzen. Der ungünstige Teil der verfolgung ermöglicht, sowie mit ei-
nur drei bis fünf Prozent finden, dass Wahrheit wird quasi weggeklickt. nem digitalen Impfpass, der frühestens
es gut läuft bei der digitalen Verwal- Anfang des Monats stieß Bär auf kommt, wenn bereits viele Millionen
Staatsministerin Bär
tung und Bildung oder mit dem Twitter einen »special Shoutout« aus, im Kanzleramt:
Deutsche zweimal geimpft sind.
schnellen Internet im Land. Katastro- einen besonderen Dank an ihren CSU- »Kärrnerarbeit für die Uneingelöst bleiben die Dauerver-
phale Werte also, besonders für Do- Kollegen Andreas Scheuer, den glück- Digitalisierung« sprechen der Digitalisierung, vom flä-

32 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


DEUTSCHLAND

chendeckenden Breitbandausbau bis zum di- ßes Budget. Es galt nicht, ein wichtiges Amt sie hätte mit den digitalen Zuständen im Land
gitalen Bürgeramt. an die Frau zu bringen, sondern umgekehrt nichts zu tun. Als hätte sie nicht schon in der
Doch wer mit Dorothee Bär spricht, ihre eine Frau ins Amt, in irgendeines. Die CSU vorherigen Legislatur als Parlamentarische
öffentlichen Auftritte verfolgt, gewinnt den hatte ihre drei Ministerposten allesamt männ- Staatssekretärin den schleppenden Ausbau
Eindruck, sie blicke aus ihrem Büro im sechs- lich besetzt, das schien selbst Horst Seehofer der digitalen Infrastruktur mitverantwortet.
ten Stock des Bundeskanzleramts auf ein damals nicht mehr vermittelbar. Bär sagt nun tatsächlich, die Bürgerinnen
ganz anderes Deutschland: digitalisiert, mo- Auch Bärs Kritiker räumen ein, dass sie es und Bürger hätten in der Pandemie »ganz in-
dern, unkompliziert, fröhlich. Die Bundes- in ihrem Amt nicht leicht hat. Alle 14 Bun- tensiv erlebt, was in Deutschland funktio-
Influencerin scheint sich in eine virtuelle Rea- desministerien machen irgendwas mit Digi- niert«. Und: »Ich finde es ganz wichtig, im-
lität zu träumen, während die Deutschen in talisierung, nicht mal im Kanzleramt ist Bär mer rauszustellen, wo es wirklich gut läuft«,
ihren Funklöchern weiterwurschteln. unangefochten. Hier trat Helge Braun als denn es laufe »ganz, ganz viel gut«.
Dabei ist Bär eine erfahrene Digitalpoliti- Chefdigitalisierer an, was er früh deutlich Alle sollten bei dem Update mitmachen.
kerin. Seit 19 Jahren sitzt sie im Bundestag, machte: »Wenn’s schwierig wird, bin ich da.« Nur bitte nicht die »Besitzstandswahrer, Be-
seit rund sieben Jahren hat sie Regierungs- Eva Christiansen, Angela Merkels Vertraute, denkenträger und Nörgler«.
ämter inne, seit gut drei Jahren ist sie Beauf- führt die neue Digitalabteilung im Kanzleramt. Auch das gehört zur Methode Bär. Wer kri-
tragte für Digitalisierung. Die 43-Jährige ist Damit ist klar: Diese beiden haben die Ge- tisch nachfragt, steht schnell als Nörgler da.
Vizechefin ihrer Partei, wird als CSU-Spit- staltungsmacht und im Zweifel Merkels Ohr. Als eine ihrer ersten Amtshandlungen
zenkandidatin für die Bundestagswahl gehan- Um die Corona-Warn-App etwa hat Braun 2018 berief die CSU-Frau einen »Innovation
delt. Sollte die Union weiter regieren, wäre sich gekümmert, mit Gesundheitsminister Council« ein, mit ihr und Frank Thelen an
ihr ein Ministeramt sicher, heißt es. Wie passt Jens Spahn; die offizielle Vorstellung im Juni der Spitze, dem Start-up-Unternehmer und
all das zusammen? durfte Bär immerhin moderieren, im Stehen, Investor, bekannt aus der TV-Show »Die
Bärs Wirken lässt sich auf Twitter, Insta- während vier Kabinettsmitglieder und die Höhle der Löwen«. Seither hörte man davon
gram oder Facebook lückenlos verfolgen: Bär Entwickler auf dem Podium saßen. Als die nicht mehr viel.
auf der Regierungsbank, im Talk mit Schülern Kanzlerin diese Woche mit Peter Altmaier Das gilt auch für die »Bundeszentrale für
über digitale Bildung, im Studio für ihren Pod- die Ergebnisse ihres 15. Digitalgipfels präsen- digitale Aufklärung«, die Bär im Juli 2020
cast »Bär on Air«. Hier beim digitalen Emp- tierte, fehlte die Digitalstaatsministerin. Im- ankündigte. Ihr dürftiger Eintrag im Internet-
fang für CSU-Neumitglieder, dort mit ihrem merhin durfte sie an den Beratungen zu ihrem auftritt der Regierung ist ganz verschwunden,
Liebsten auf der neuen Gartenbank. Thema teilnehmen. parlamentarische Anfragen von FDP und Lin-
Doch diese unermüdlichen Aktivitäten, all Wenn ein Landesdigitalminister wie An- ken ergaben: Das Projekt, dessen Name an
die Podien, Fachgespräche, Grundsatzreden dreas Pinkwart (FDP) aus NRW nach Berlin die Bundeszentrale für politische Bildung er-
hinterlassen keine messbar gute oder nachhal- komme, um über seine Projekte zu 5G, zur innert, hat weder ein eigenes Budget noch
tige Bilanz. Bärs politische Existenz hat etwas digitalen Bildung oder zur Digitalisierung Personal, noch nennenswerte Aktivitäten vor-
Rätselhaftes: Was macht diese Frau den ganzen der Verwaltung zu reden, müsse er drei ver- zuweisen.
Tag über, was kann sie wirklich, wer ist sie? schiedene Ministerien kontaktieren, sagt Markus Beckedahl ist einer der wichtigs-
Wer es so weit nach oben schafft in der Pinkwart – die Digitalbeauftragte aber nicht. ten netzpolitischen Aktivisten und Mitgrün-
männerdominierten CSU, noch dazu als Was bleibt Bär? Ihre »besondere Aufgabe« der des Blogs Netzpolitik.org. In den vergan-
Mutter von drei Kindern, kann keine Quoten- sei die Kommunikation über Digitalisierung, genen Jahren, sagt Beckedahl, habe er durch-
frau sein, muss mehr draufhaben als die Kunst hieß es mal in einer Antwort der Bundesregie- aus Fortschritte bei Digitalthemen im Kanz-
der Inszenierung, muss beharrlich und stra- rung auf eine Anfrage der Grünen. Und nie- leramt beobachtet. »Ich glaube aber, dass die
tegisch sein. Man wüsste gern mehr über mand kann bestreiten, dass Bär diese Aufgabe Rolle von Bär dabei weit überschätzt wird.«
@DoroBaer, würde gern hinter diese Insta- erfüllt. Hier ein »Hackathon«, dort ein »Match- Er nehme sie vor allem über »simple Hal-
gram-Fassade blicken, mit ihr ein langes Ge- athon« oder ein »Barcamp« zur digitalen Bil- tungen« wahr, wie »Der Datenschutz ist
spräch führen, ohne Unterbrechung durch dung. Die Mode-Anglizismen der Techbran- schuld«. An wichtigen Debatten etwa über
Presseleute oder Twitter-Updates. che sprudeln nur so aus der Fränkin heraus. die Regulierung der sozialen Netzwerke zeige
Leider hat die Staatsministerin wenig Zeit. Ende Februar steht die Digitalstaatsminis- sie weniger Interesse, findet Beckedahl, der
Sie länger zu begleiten und zu beobachten terin in schwarzem Blazer an einem Stehpult Deutschlands größte Digitalkonferenz mitge-
für ein großes Porträt, das ließ ihr Kalender vor der Videolinse. Sie versucht, Aufbruch- gründet hat, die re:publica.
schon vor Jahren nicht zu, als noch kein Virus stimmung für ein neues Innovationspro- Digitalstaatsministerin Bär trat dort im
persönliche Begegnungen schwierig machte. gramm unter Schirmherrschaft des Kanzler- neuen Amt 2019 nicht auf, und wer nach den
Aber ein Telefonat über Digitalpolitik war amts zu erzeugen. »Update Deutschland« Gründen sucht, stößt auf einen Twitter-Dia-
nun möglich, 30 Minuten, die Themen wur- heißt die Initiative diverser Organisationen log von Beckedahl und einer nicht so netten
den angemeldet, die Zitate nachher autori- und Stiftungen. Sie werben für einen Moder- Dorothee Bär. Sie sei nicht eingeladen wor-
siert. Dann bleiben solche Sätze: nisierungsschub, aus der Mitte der Gesell- den, klagt die CSU-Frau da. Aber: »Ich laufe
Um mehr als nur Anstöße für die
schaft. Dem Staat trauen sie die Schubkraft niemandem hinterher.« Und überhaupt: »Die
Digitalisierung geben zu können, müsste
allein offenbar nicht mehr zu. besten von der re:publica treffe ich danach
mein Amt bei Kompetenzen, Personal
Wie so oft setzt sich Bär an die Spitze einer in Berlin.« Da half der Hinweis von Becke-
und Budget ganz anders ausgestattet sein.
Bewegung. Wer ihr zuhört, könnte denken, dahl wenig, dass er bis auf den Bundespräsi-
Momentan ist all das dezentral auf
denten niemanden offiziell eingeladen habe.
die federführenden Ministerien verteilt.
Für die aktuelle virtuelle Ausgabe der Konfe-
renz in dieser Woche war Bär in einem Panel
Die Position von Dorothee Gisela Renate Ma- zur Bildung angekündigt, immerhin.
ria Bär als Beauftragte der Bundesregierung In der Bilanz der Digitalbeauftragten fin-
für Digitalisierung wurde 2018 neu geschaffen. det sich letztlich nichts, was Deutschland we-
In den Jamaikakoalitionsverhandlungen hatte Methode Bär: sentlich weitergebracht hätte im Versuch, das
die FDP noch ein Digitalministerium durch- Wer kritisch nachfragt, Papier- und Faxzeitalter zu verlassen. »Die
setzen wollen, in der Großen Koalition blieb Position hat einfach zu wenig bewirkt«, kriti-
letztlich die Position der Staatsministerin im
steht schnell siert die grüne Digitalexpertin Anna Christ-
Kanzleramt, ohne großen Apparat oder gro- als Nörgler da. mann. Doro Bär habe eher als Botschafterin

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 33


DEUTSCHLAND

agiert, hier und da »kleine Leuchtfeu- Videos zum Girls’ Day, den Inter-
er« gezündet. Das reiche nicht aus. views über Politik in High Heels oder
Als ich im Bundestag angefangen
dem Auftritt im freizügigen Latex-
habe, hieß es noch Netzpolitik
kleid beim Computerspielpreis. Die-
und war für viele in der Politik noch
ser Feminismus erfreut auch die CSU,
so ein spinnertes Zeug im Unter-
er nervt nicht, er ist gut fürs Image.
ausschuss für Neue Medien. Meine In Deutschland ist eine positive
Überzeugungsarbeit für die Grundeinstellung per se gleich ver-
Digitalisierung war Pionier- und dächtig – und für manche sogar
Kärrnerarbeit: Es hat mich viel schon ein freundlicher Gesichtaus-
Mühe gekostet, bis das Thema druck auf einem Foto. Als wenn
endlich den Stellenwert erhalten schlechte Laune irgendetwas besser
hat, den es verdient. machen würde.
Die Tochter, Enkelin und Urenkelin Dorothee Bär plädiert auch für die
einer Dynastie von Bürgermeistern Quote, für mehr Chancen für Mütter
im fränkischen Ebelsbach hat eine in der Politik. Sie prangert Sexismus
konservative Musterkarriere hinge- an, ermahnt ihre CSU und verlässt
legt. Mit 14 trat Bär in die Junge mit einem Knall die Ludwig-Erhard-

Fotos: Instagram
Union ein, mit 16 in die CSU. Sie en- Stiftung, weil deren damaliger Vor-
gagierte sich im Studierendenver- sitzender sexistische Angriffe auf eine
band RCDS, wurde dessen Landes- SPD-Politikerin in seinem Magazin
chefin – und zog mit diesem Amt ins zuließ.
Machtzentrum der CSU ein, in den CSU-Vize Bär auf Milliardär längst kritischen Fragen im Die CSU-Politikerin Bär tritt gern
Parteivorstand, wo Männer wie Ed- Instagram: US-Kongress stellen. demonstrativ weiblich auf, auch wenn
»Spinnertes Zeug im
mund Stoiber oder Günther Beck- Unterausschuss« Neulich wechselte Bärs Büroleite- sie fordert, dass das Geschlecht für
stein das Regiment führten. rin zu Facebook, als Zuständige für die Karrierechancen kein Thema
Bär beobachtete, knüpfte Kontak- Regierungskontakte in Zentraleuropa. mehr sein sollte. Damit hat sie die
te und kam mit 24 Jahren erstmals Die Wege sind kurz. Männerpartei CSU entwaffnet, jeden-
in den Bundestag – damals waren Als die App Clubhouse zu Jahres- falls was ihr Fortkommen angeht.
Facebook oder Twitter noch gar beginn einen Hype erlebte, tummelte Jede Zurückweisung oder Nichtnomi-
nicht gegründet. Sie begann mit der Bär sich dort oft. Clubhouse ist ein eli- nierung wäre eine Zurückweisung
Familienpolitik, entdeckte dann die tärer Zirkel. Beitreten konnten damals der Frau und Mutter Dorothee Bär.
Netzpolitik, ein Nischenthema für nur Nutzer mit iPhone und nur auf Gefühlt meldet sie sich zur Gleich-
die CSU, das aber gesellschaftliche Einladung. Wer andere dazu bitten berechtigung fast so viel zu Wort wie
Streitfragen berührte: Datenschutz, will, soll seine Kontakte teilen. Als zur Digitalisierung. Es könnte auch
Jugendschutz, Meinungsfreiheit. Bär auf Clubhouse die Datenstrategie daran liegen, dass sie langsam ihre
Vor einer Dekade gründete Bär der Regierung präsentieren wollte, ha- Alleinstellung in der Union verliert.
»CSUnet« mit, einen Arbeitskreis für gelte es Kritik auf Twitter. Bär spöt- Andere holen auf, überholen sogar.
Digitalpolitik. Der Zirkel vertrat pro- telte über die Entrüstung. Es gebe So war es nicht Bär, sondern die
gressive Positionen, die oft konträr zur doch zuvor eine Pressekonferenz: Vizechefin der Unionsfraktion, Na-
Parteilinie und deren Altvorderen ver- »Live. In Farbe. Und bunt.« dine Schön, die das Buch »Neustaat«
liefen. So wandte sich CSUnet gegen »Digital first. Bedenken second« – mitherausbrachte, ein Kompendium
die Vorratsdatenspeicherung. Als Vor- niemand in der Union lebt das alte voller Vorschläge für ein Staats-
sitzende von CSUnet kritisierte Bär FDP-Motto so unbeschwert wie sie. Update, mitsamt einem »ganz neu
auch das Acta-Digitalabkommen der Es gibt aber ein hässliches Thema gedachten Digitalministerium«. 64
EU, gegen das in Deutschland Zehn- der Netzwelt, zu dem Bär immer klar Abgeordnete, Expertinnen und Ex-
tausende auf die Straßen gingen. und hart Position bezieht: Hass- perten kommen darin zu Wort – aber
Aber mit den Jahren haben sich die attacken vor allem auf Frauen seien nicht die Digitalstaatsministerin.
Dinge verschoben. Früher passte Bärs »ein Riesenproblem, das ich auf das Viel spricht dafür, dass dieses Amt
digitalaffine Art oft nicht zu ihrer Par- Schärfste bekämpfe«. in keiner neuen Regierung weiter-
tei. Jetzt passt die Unbeschwertheit, Als ihre Regierung diese häss- leben wird. Für Bär muss das nichts
mit der sie durch die Netzwelt lichen Seite von Social Media in den Schlechtes bedeuten. Ihre Loyalität
schwebt, nicht mehr zu den Zuständen Griff kriegen wollte, stand Bär al- zu Parteichef Markus Söder und
dort. Zu Hacks und Leaks persön- lerdings im Lager der Skeptiker. dessen »übermenschlicher« Leistung
licher Daten, zu Desinformation und Deutschland führte 2017 das Netz- hat sie oft genug bewiesen. Und
politischen Manipulationsversuchen, werkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) die Methode Bär reüssiert in jedem
zur ungezügelten Wirtschaftsmacht ein, das Social-Media-Riesen zwingt, Ressort.
der Internetkonzerne – zu all dem ist strenger gegen Hassrede vorzugehen. Vielleicht läuft aber alles auch ganz
von Bär auffallend wenig zu hören. Viel spricht Dieses Regelwerk verstoße gegen die anders. Wenn die Union nicht mehr
Sie nutzt ihre Strahlkraft eher in dafür, dass Verfassung, verkündete sie damals. regiert, will auch Bär nicht mehr Poli-
die andere Richtung. Als Mark Zu- Heute sagt Bär, sie habe bloß einzel- tik machen, sagte sie 2014 der »taz«:
ckerberg vor zwei Jahren in Berlin
dieses Amt in ne Teile des Gesetzes kritisiert und »Da würde ich sagen: ›No Way!‹«
vorbeischaute, postete die Digitalbe- keiner neuen nur davor gewarnt, dass Facebook & In der Opposition arbeite man
auftragte ein Foto vom gemeinsamen Regierung Co. voreilig zu viele Inhalte löschen sehr viel für den Papierkorb. »Dann
Dinner auf Instagram, mit den Stich- könnten. ist Politik nur noch Arbeit ohne Er-
worten #Vertrauen und #Gegenseiti- überleben Ansonsten hat ihr Feminismus vor gebnis. Das will ich nicht.«
gesVerständnis. Da musste sich der wird. allem eine fröhliche Seite, die mit den Melanie Amann, Marcel Rosenbach ■

34 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


SPIEGEL EDITION Leseprobe

Inszenierung der Macht Geschichte. Erst in jüngerer Zeit richtet sich der Blick stärker auf
Wer erfolgreich herrschen will, braucht Status und Kompetenz – Elizabeths Strategien der Macht und der Inszenierung – und auf
und muss seine Rolle geschickt darstellen. Das gilt für Frauen, die die Schattenseiten ihrer Regierung. An Faszination verliert die
sich stets mehr für die Ausübung von Macht rechtfertigen muss- Königin dabei nicht, im Gegenteil: Erst durch den Mythos hindurch
ten, noch weitaus stärker als für Männer. Die englische Königin zeigt sich die wahre Staatskunst Elizabeths.
Elizabeth I. (1533 bis 1603) war eine Meisterin dieser Inszenierung. Vor ihrer ersten großen Aufgabe steht sie, seit sie lebt: Sie muss
Öffentliche Selbstdarstellung gehört zu den Kernkompetenzen beweisen, dass sie eine rechtmäßige Königin ist – weil sie eine Frau
eines Herrschers schon in der frühen Neuzeit. Zwar glauben alle, ist. Zwar gilt in England nicht wie auf dem Kontinent das salische
dass Gott bei der Wahl eines Monarchen seinen Willen walten Recht, das Frauen von der Erbfolge ausschließt. Doch eine Thron-
lässt, doch er muss sich vor den Untertanen auch bewähren; Kö- erbin ist nicht erwünscht – Elizabeths Vater, König Heinrich VIII.,
nigsherrschaft ist keine Diktatur, sondern auf Konsens zwischen tut alles, um einen Sohn zu bekommen. Frauen gelten als das
Herrscher und Beherrschten ausgerichtet; für Gesetze braucht der schwache Geschlecht, sie sollen sich dem Mann unterordnen und
englische König das Parlament. Rebellionen, so sieht es die politi- nicht regieren. Weiberherrschaft verstößt gegen das Naturrecht
sche Philosophie der Tudor-Zeit, gründen daher weniger im Unge- und damit gegen die göttliche Ordnung, so sehen es die meisten.
horsam der Untertanen als in königlicher Torheit: Der Monarch Elizabeth selbst zweifelt offenbar nicht an ihrer Regierungstaug-
ist selbst schuld, wenn sein Volk sich erhebt. Es gilt deshalb, den lichkeit. Durch ihre hervorragende Ausbildung – sie spricht Franzö-
Verstand und die Herzen der Menschen zu gewinnen. sisch, Italienisch und Spanisch fließend und hat die Schriften
Elizabeth, gekrönt mit 25 Jahren am 15. Januar 1559, perfektio- wichtiger lateinischer und griechischer Autoren und Philosophen
niert die royale PR. Die 45 Jahre ihrer Herrschaft galten auch im Original gelesen – und durch ihre strategische Klugheit kann sie
unter Historikern lange als das »Goldene Zeitalter« der englischen ihren Beratern und Höflingen locker das Wasser reichen.

Die aktuelle Ausgabe von SPIEGEL EDITION widmet sich großen Frauen der Weltgeschichte

• Antike: Kleopatra, Königin von Ägypten, war die Die Magazinreihe SPIEGEL EDITION erscheint zweimal
wohl mächtigste Herrscherin ihrer Zeit im Jahr und fasst die besten Texte aus der SPIEGEL-
• Medizin: Florence Nightingale begründete im Redaktion zu einem wichtigen historischen oder gesell-
19. Jahrhundert die moderne Krankenpflege schaftlichen Thema zusammen.
• Werdegang: Madeleine Albright, einst US-Außenminis-
terin, über ihr Leben und die politische Prägung durch ERHÄLTLICH IM ZEITSCHRIFTENHANDEL, AUF AMAZON.DE/SPIEGEL
ihre Familie UND IN DER SPIEGEL-KIOSK-APP. 154 SEITEN; 12,90 EURO.
DEUTSCHLAND

M. Golejewski / Adora Press


Propalästinensische Demonstration in Berlin: 80 Menschen waren angemeldet, 3500 kamen

Zielscheibe auf dem Hinterkopf


ANTISEMITISMUS Der Konflikt im Nahen Osten strahlt nach Europa aus. Seit Tagen hetzen auch arabisch-
und türkischstämmige Männer und Frauen offen gegen Juden. Wie soll Deutschland damit umgehen?

M unzer Al-Awad sitzt auf dem Boden


seiner kleinen Wohnung im Berli-
ner Westen und raucht Kette. Er
denkt über seine Schulzeit nach und schüttelt
aller Muslime, vereint im Kampf gegen Israel,
bestimmte lange Zeit sein Denken.
Dann brach der Bürgerkrieg in Syrien aus.
Al-Awad war anfänglich bei den Protesten
lierte am vergangenen Wochenende die Lage.
Statt der angemeldeten 80 Menschen waren
3500 gekommen. Immer wieder hallten anti-
israelische und antisemitische Slogans durch
den Kopf. »Wenn wir als Kinder zum Bei- gegen das Regime dabei, filmte die Unruhen, die Straßen: »Mohammeds Armee wird zu-
spiel ein Bild mit einem Himmel malten, schickte das Material an regimekritische rückkehren.« Oder: »Beschießt Tel Aviv.«
mussten wir aufpassen«, sagt Al-Awad. Auf Medien. Dann hätten ihn die Häscher Assads Viele trugen Kufiya-Tücher, auch Männer in
keinen Fall durften die Sterne wie Davidster- erwischt, erzählt er. Wochenlang habe er in Tarnkleidung oder Salafisten-Pluderhosen
ne aussehen. »Das war verboten. Der Jude einem Folterknast gelitten. Als er freikam, waren unterwegs. Andere schwenkten türki-
war der Teufel.« flüchtete er. Jetzt lebt er in Berlin. sche Flaggen und machten das Handzeichen
Der 38-jährige Syrer wuchs in Dubai auf »Ich habe am eigenen Leib erfahren, was der rechtsextremen »Grauen Wölfe«. Dazwi-
und besuchte dort eine öffentliche Schule. Muslime anderen Muslimen antun«, sagt er. schen marschierte ein Trupp linker Extremis-
Der Kampf um Palästina war allgegenwärtig. Ihn könne das Bild einer großen und welt- ten unter roten Fahnen mit gelbem Hammer-
»Die Lehrer sammelten dafür Spenden von weiten muslimischen Gemeinschaft nicht und-Sichel-Emblem.
uns ein«, erzählt er. Auf den Landkarten in mehr überzeugen. Seine Haltung heute: »Na- Auch in den sozialen Netzwerken tobt
den Schulbüchern sei Israel nicht verzeichnet türlich muss es ein Palästina geben. Die Ver- der Mob. Ein jüdischer Berliner musste auf
gewesen. Jerusalem werde irgendwann be- treibungen der Araber müssen aufhören. Instagram den Kommentar lesen: »Ich ver-
freit und alle Juden geköpft, hätten ihm seine Aber genauso die Raketen der Hamas.« misse Hitler. Er sollte zurückkommen für eine
Lehrer eingetrichtert. So habe es der Prophet Doch nicht alle, die zuletzt auf propaläs- schnelle Auslöschung.« Der Eintrag war auf
vorhergesagt. Al-Awad war nie ein religiöser tinensischen Demonstrationen waren, den- Englisch verfasst. Beispiele dieser Art gibt es
Mensch. Doch das Bild von der Gemeinschaft ken wie Al-Awad. In Berlin-Neukölln eska- viele.

36 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


DEUTSCHLAND

Es ist bei Weitem nicht die erste als schlecht angesehen und beleidigt debüro angerufen und gedroht, die
Welle aggressiven Antisemitismus, wird, weil er Jude ist.
»Euch hat Synagoge anzuzünden.
die sich in der Bundesrepublik über Die Monitoringstelle Rias orien- Hitler Seitdem sorgt sich die Vorsitzende
Juden ergießt. Zuletzt hatte die Co- tiert sich auch an den »drei Ds«, um zu wenig mehr als sonst. »Nach dem Anschlag
ronapandemie antisemitische Ver- Judenhass von Israelkritik abzugren- von Halle wurden uns vom Kultus-
schwörungstheorien angeheizt. Die zen. Antisemitisch ist es dann, wenn gefickt« – ministerium extra Gelder für Sicher-
Zahl antisemitischer Straftaten ist Israel dämonisiert wird, es delegiti- Nachricht heitsmaßnahmen zugesagt.« Nun sol-
laut Kriminalstatistik seit 2015 Jahr miert wird, indem ihm das Existenz- le es dafür aber keine zusätzlichen
für Jahr gestiegen – von damals 1366 recht abgesprochen wird, und dop- an einen Mittel geben.
Fällen auf heute 2351, ein Anstieg um pelte Standards angelegt werden: Ge- jüdischen Gemeindemitglieder würden am
mehr als zwei Drittel. Fast 95 Prozent walt der Palästinenser wird als legitim Arbeitsplatz, in der Schule, auf der
rechnet die Polizei Rechtsextremisten dargestellt, von Israel aber nicht. Berliner auf Straße beschimpft, sagt Seidler. »Was
zu – was auch daran liegt, dass Vor- Levi Israel Ufferfilge, 32, leitet Instagram ihr in Gaza macht, ist genauso
fälle mit unbekannten Tätern in der eine jüdische Grundschule in Berlin, schlimm wie das, was die Nazis mit
Erfassung oft dem Rechtsextremis- vor den propalästinensischen De- den Juden gemacht haben.« Oder:
mus zugeschlagen werden. monstrationen vergangenes Wochen- »Wenn es Israel nicht gäbe, hätten wir
Eine Befragung für den Experten- ende flüchtete er für einige Tage aufs Frieden auf der Welt.«
kreis Antisemitismus des Bundestags Land. »Ich wollte nicht zu Hause sit- »Wir sind jüdische Deutsche, aber
vor fünf Jahren machte deutlich, dass zen und Angst haben, auf die Straße werden zu Stellvertretern Israels ge-
Juden in größerem Ausmaß Muslime zu gehen.« Er habe 2014 nicht ver- macht«, so Seidler, die als Unterneh-
für Übergriffe verantwortlich ma- gessen, als sieben Wochen lang ein mensberaterin arbeitet. »Ich finde
chen, als es die amtliche Statistik Krieg zwischen Israel und der Hamas Kritik an Israel zulässig, aber das hier
offenbart. Rias, die bundesweite tobte. Drei Palästinenser verübten da- ist purer Antisemitismus.« Sie nennt
Antisemitismus-Meldestelle, spricht mals einen Brandanschlag auf eine es »erschreckend«, aus wie vielen Be-
von einer »deutlich schnelleren Dy- Synagoge in Wuppertal. Jetzt fühlt völkerungsgruppen inzwischen Hass
namik« antisemitischer Vorfälle seit sich der Pädagoge wieder bedroht. gegen Juden komme. Seit einiger Zeit
dem neuerlichen Ausbruch des Nah- Zum Schulbeginn am Mittwoch setz- falle ihr bei Protesten auf, »wie viele
ostkonflikts mit Raketenangriffen te er vorsichtshalber einen Hut über türkische Fahnen da auch geschwun-
der radikalislamischen Hamas und die Kippa, wie er erzählt. »Ich will gen werden«. Seidler: »Der Antise-
Gegenschlägen des israelischen Mi- niemanden zur Schule locken, ich mitismus ist offenbar ein Verbin-
litärs. muss an die Sicherheit der Schüler dungstück, auf das man sich leicht
Deutlich wird nun jedenfalls, wie denken.« verständigen kann.«
tief der Antisemitismus auch in man- Sonst zeigt er seine Kippa selbst- Mehr als 3000 Kilometer Luftlinie
chen muslimischen Milieus verwur- bewusst als stärksten »Teil meiner entfernt liegt die Jerusalemer Aksa-
zelt ist. Und zwar nicht nur unter den Identität«, obwohl er weiß, dass sie Moschee, in deren Nähe der Konflikt
neu Zugewanderten, sondern – und ihn auch in Gefahr bringt. Er hat aufflammte. Er belastet in diesen Ta-
das ist besonders erschreckend – teil- schon viel Antisemitismus erlebt und gen nicht nur Juden in Deutschland,
weise auch unter jenen, die schon lan- gerade ein Buch darüber geschrieben. sondern auch Palästinenser. Seit dem
ge hier leben. »Nicht ohne meine Kippa!«, heißt es Ausbruch der Kämpfe gab es mehr
und erzählt davon, »was es bedeutet, als 1000 Verletzte und Hunderte
Deutschland sieht sich wegen des mit einer Zielscheibe auf dem Hinter- Tote, die meisten von ihnen auf pa-
Holocaust in einer besonderen Ver- kopf zu leben«. lästinensischer Seite.
antwortung gegenüber Israel. Bun- Überall sei er schon beschimpft wor- Manchmal blieb Nidal Bulbul die
deskanzlerin Angela Merkel definier- den, meist als »Scheißjude«, im Super- ganze Nacht am Telefon in Kontakt
te die Sicherheit des jüdischen Staates markt, in der Bahn, an der Haltestelle. mit seiner Familie in Gaza. Er wan-
als Teil der deutschen Staatsräson. Arabischstämmige Jugendliche hätten derte dann rastlos durch seine Woh-
Die Nationalsozialisten ermordeten ihn verfolgt und Glasflaschen nach ihm nung in Berlin-Schöneberg, vom
sechs Millionen Menschen jüdischen geworfen, als er vom Kino nach Hause Wohnzimmer ins Schlafzimmer und
Glaubens. Antisemitische Proteste ging. Fast noch mehr irritiert habe ihn wieder zurück. Er hörte, wie die
werde »unsere Demokratie nicht dul- die Polizei, die ihn später fragte, ob er Bomben in den Nachbarvierteln ein-
den«, ließ Kanzlerin Angela Merkel »den Jungs Anlass gegeben« habe, ihn schlugen, sagt Bulbul, die Schreie der
(CDU) verlauten. zu attackieren, sagt er. Kinder in seinem Elternhaus. Mutter,
Wo aber fängt Antisemitismus an? Doch es sind keineswegs nur Mus- Vater, Schwestern, Brüder, Neffen,
Wann ist es nicht mehr legitime Kritik liminnen und Muslime, die ihn anti- Nichte: 15 Personen hätten die Luft-
an Israels Regierung? Manch einer ist semitisch beleidigten, auch Deutsche angriffe in einem Raum verbracht,
verunsichert. Dabei gibt es eine klare in Lederhosen oder Lodenjacken sei- die Fenster seien durch die Druckwel-
Grenze: Wenn deutsche Juden ver- en darunter. Ufferfilge hat die vergan- len der Bomben zerstört worden.
dammt werden für israelische Mili- genen Jahre in München gelebt, da- »Ich habe meiner Mutter gesagt,
tärschläge in Gaza, wenn überhaupt vor in Nordrhein-Westfalen. sie sollen sich verteilen, nicht alle in
»die Juden« angeblich schuld sind. Rebecca Seidler, 40, ist Vorsitzen- einen Raum«, sagt Bulbul. »Aber sie
Wenn sie mit Nazis gleichgesetzt wer- de der liberalen Jüdischen Gemeinde sagte: ›Wenn wir sterben, dann alle
Mehr zum Thema
den oder ihnen gleich ein neuer Ho- in Hannover. Sie bekam unmittelbar lesen Sie in der aktu-
zusammen.‹«
locaust gewünscht wird. Wenn nicht zu spüren, wie sich die Wut auf Israel ellen Ausgabe von Seit elf Jahren lebt der 37-Jährige
die israelische Politik verantwortlich derzeit in Hass auf Juden in Deutsch- SPIEGEL GESCHICHTE: in Deutschland. Er betreibt ein be-
gemacht wird, sondern ein vermeint- land entlädt. Drei Tage nach Beginn Antisemitismus liebtes Café in Kreuzberg. Bulbul
Erhältlich am Kiosk, im
lich grundböses jüdisches Kollektiv, der gewaltsamen Auseinandersetzun- Buchhandel oder im
trägt eine Beinprothese, er weiß, wie
dann ist das Antisemitismus. Der Ju- gen im Nahen Osten habe ein Mann SPIEGEL SHOP unter sich Krieg anfühlt. Im Jahr 2007 ar-
denhass beginnt dort, wo ein Mensch mit arabischem Akzent im Gemein- spiegel.de/shop beitete er als Videojournalist für die

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 37


DEUTSCHLAND

Nachrichtenagentur Reuters in Gaza.


Bei der Arbeit sei er durch eine Ex-
plosion mit seinem weißen Range Ro-
ver verunglückt. Bulbul geht davon
aus, dass es ein Angriff der Israelis
war. In der Folge musste ihm das Bein
amputiert werden. Der Wagen sei
auch der Armee bekannt gewesen,
sagt Bulbul.
Am vergangenen Samstag nahm
er an den propalästinensischen De-
mos in Neukölln teil. »Ich demons-
triere nicht gegen Juden. Ich habe
hier in Berlin jüdische Freunde«, sagt
er. »Ich kämpfe gegen den permanen-
ten Bruch des Völkerrechts, nicht nur
im Gazastreifen. Stück für Stück ver-
schwindet immer mehr von meinem

Milos Djuric / DER SPIEGEL


Heimatland.«
Die Deutschen könnten sich nicht
vorstellen, wie es sei, unter der Be-
satzung zu leben, so Bulbul. Dass die
Menschen dort gefangen seien, mit
katastrophaler Versorgung, ohne jede
Aussicht auf Besserung. Nichts recht-
fertige Gewalt gegen die Zivilbevöl-
kerung Israels. Aber dass viele in
Gaza für Vernunft nicht mehr zu er-
reichen seien, könne man doch ver-
stehen, meint er.
Es ist ein emotionales Thema für
Bulbul. Auf dem Tisch liegt eine Reso-
lution des Uno-Sicherheitsrats, die
den Siedlungsbau Israels als rechts-
widrig verurteilt. »Dass die israeli-
sche Armee das Medienhochhaus in
Gaza bombardiert hat, ist ein Kriegs-
verbrechen. Aber nie wird Israel für

Andreas Chudowski
irgendetwas zur Rechenschaft gezo-
gen. Es geht immer nur um die Rake-
ten der Hamas«, sagt Bulbul.
twitter

Er zeigt eine alte Reportage des


TV-Senders Al Jazeera aus Gaza, für
die er Teile gedreht hat. In dem Film
steht eine Gruppe Reporter mit Ka-
meras auf einem Hügel, das Wort
»Press« in Großbuchstaben auf einer
schusssicheren Weste. Verängstigt du-
cken sich die Journalisten hinter ein
Auto, israelische Soldaten feuern of-
fenbar auf sie. Einige Szenen später
stirbt der 24-jährige Kameramann Fa-
del Shanaa, der aus der Ferne gerade
einen israelischen Panzer filmt. Der
Panzer schießt in seine Richtung, das
Bild wird schwarz. Fadel Shanaa war
Ahmet Bolat / picture alliance / Anadolu Agency

Bulbuls Freund.
Jene, die die Geschichten von Bul-
bul hören, können vermutlich besser
nachvollziehen, warum er auf die
Straße geht.
Unter den Demonstranten waren
aber nicht nur Palästinenser, die um
das Leben ihrer Familien in Gaza
fürchten. Einige derer, die ihrem Hass
auf Israel freien Lauf lassen, leben be-
reits in der zweiten oder dritten Ge- Berliner Cafébetreiber Bulbul, Fußballstar Özil, Antisemitismusbeauftragter Klein, Diyanet-Chef Erbaş:
neration in Deutschland und haben Wann ist es nicht mehr legitime Kritik an Israel?

38 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


DEUTSCHLAND

keinerlei Verbindung nach Palästina. Was Problem, denn was Erdoğan tut und sagt,
läuft schief, wenn diese jungen Menschen sich strahlt auch auf seine Anhänger hierzulande
so wenig mit deutschen Werten identifizieren, ab. Wie hoch deren Zahl ist, lässt sich nicht
dass sie in den sozialen Netzwerken Sätze genau sagen, die Gruppe der Türkeistämmi-
posten wie: »Ihr Hurensöhne, ihr Schmocks, gen ist sehr heterogen. Sicher ist nur: Bei der
Das Wissen
euch hat Hitler zu wenig gefickt!« letzten Präsidentschaftswahl in der Türkei
Der Pädagoge Derviş Hızarcı, 37, war als gab rund die Hälfte der 1,4 Millionen Wahl-
Beobachter auf der Demonstration in Neu- berechtigten in Deutschland ihre Stimme ab,
der Besten
kölln, auf der judenfeindliche Parolen gerufen davon stimmten 65 Prozent für Erdoğan.
wurden. Ein Ohr auf der Straße zu haben ge- Integrationsexpertinnen- und experten
hört zu seinem Job. Der Berliner war viele bemängeln die Abhängigkeit der Moscheen-
Jahre lang Lehrer an Kreuzberger Schulen. organisation Ditib von der türkischen Regie-
Heute arbeitet er für eine Stiftung, die sich rung. Die meisten Imame, die in den rund
unter anderem gegen Verschwörungsideolo- 900 Ditib-Moscheen in Deutschland predi-
gien engagiert, und leitet außerdem die Kiga, gen, wurden von der staatlichen Religions-
die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitis- behörde Diyanet in der Türkei ausgebildet.
mus. Es ist die wichtigste migrantische Initia- Von dort bekommen sie auch ihr Gehalt.
tive gegen den Judenhass in Deutschland. Hı- Zwar rief etwa der Landesgeschäftsführer
zarcı sah bei den Ausschreitungen viele Jungs der hessischen Ditib dazu auf, »sich von hass-
wie die, mit denen er in seinen Workshops erfüllten Menschenansammlungen fernzuhal-
zu tun hat – Jungs mit wenig Perspektiven, ten«. Doch wenig später meldete sich auch
aber vermeintlich großem Selbstbewusstsein. Ali Erbaş, der Chef der Diyanet, in Ankara
»Es waren mehr als in den vergangenen Jah- zu Wort: »Die Tyrannei von Israel, dem Baby-
ren bei ähnlichen Gelegenheiten, und die Wut mörder, der Gotteshäuser gnadenlos zerstört
war größer«, sagt Hızarcı. und vernichtet, muss so schnell wie möglich
Auch Burak Yilmaz, 33, ist Pädagoge. Er gestoppt werden.« Wenige Tage zuvor war
arbeitet seit Jahren mit Jugendlichen in Duis- er mit einem Schwert in der Hand zur Predigt
burg und Umgebung in Workshops zu The- in der Hagia Sophia erschienen. Jetzt
men wie Antisemitismus, Männlichkeit und Es überrascht deshalb kaum, dass die Di-
Ehre. Bei jenen, die auf der Straße ausfällig tib-Gemeinde aus dem baden-württember- neu im
würden, spiele häufig auch Islamismus eine gischen Aalen in einem Facebook-Post
Rolle, sagt er. »Da geht es um den Gedanken schreibt: »Befreie Jerusalem von der Belage- Handel
einer muslimischen Weltgemeinschaft: Brü- rung der Tyrannen, mein Allah!« Besonders
der und Schwestern werden beschossen, und in Rage postete sich die Ditib im oberschwä-
wir müssen zusammenhalten.« Zudem kur- bischen Biberach: Die Ummah, also die Ge-
sierten Verschwörungserzählungen im Netz. meinschaft, von »Kommandant Muham- Kooperation
»Gerade fundamentale Prediger haben in den med« werde sich niemals unterwerfen. Oder: Wie Rivalen zu Partnern werden –
sozialen Medien viele Follower und rufen »Allah möge Unheil über die Ungläubigen
dort zu Hass auf. Es gibt Imame, deren In- bringen!« Im bayerischen Unterschleißheim und dabei alle gewinnen
halte tausendfach geteilt werden.« In man- veröffentlichte die Ditib auf Facebook Bilder
chen türkischen Serien sei immer der Jude vom Felsendom und der Aksa-Moschee, die
der Feind. »Das sind Dinge, die prägen.« Kinder gemalt haben, daneben jeweils die
türkische und die palästinensische Flagge. Weitere Themen:
Viele Männer mit türkischen Wurzeln sind Ein Junge hat auf sein Werk in krakeliger
Fußballfans, verfolgen gespannt die Spiele in Schrift das Wort »Freiheit« auf Türkisch ge- Exklusive Studie
der Süper Lig. Vor ein paar Tagen wärmte schrieben.
sich das Team von Fenerbahçe in T-Shirts mit Selbst wenn sich die Lage im Nahen Osten Wie deutsche Manager
dem Schriftzug »Özgür Filistin« auf, das heißt beruhigt, kann Deutschland das Problem digital verhandeln
»Freies Palästina«. Unter ihnen Mesut Özil, nicht länger ausblenden. Die judenfeindli-
ehemaliger deutscher Nationalspieler, gebo- chen Parolen mögen vielleicht von den Stra-
ren in Gelsenkirchen, Erdoğan-Anhänger. Un- ßen verschwinden – in den Köpfen bleiben Karriere
ter jungen Migranten in Deutschland hat er sie. Wie soll es jetzt weitergehen?
viele Fans. Mit ihm identifizieren sie sich – Der jüdische Lehrer und Buchautor Levi Die feine Kunst
und nicht mit Armin Laschet (CDU) oder Ufferfilge fordert eine bessere Aufklärung des Prahlens
Annalena Baerbock (Grüne). und Angebote auch in Migrantenmilieus. »Da
Dass ein Fußballstar den deutschen Politi- sind Leute, die in schlechten Vierteln wohnen,
kern die Show stehlen kann, verwundert die nicht am großen Tisch unserer Gesell-
nicht. Bitterer ist, dass es auch ein ausländi- schaft sitzen, nur in ihrem arabischen oder Teamführung
scher Autokrat wie Recep Tayyip Erdoğan türkischen Kontext leben, nur diese Medien Was tun, wenn
tut, der gerade erst die österreichische Regie- wahrnehmen und sehr leicht für Antisemitis- Mitarbeiter weinen?
rung »verflucht« hat, weil sie israelische Flag- mus empfänglich werden.« Es gebe aber auch
gen als Zeichen der Solidarität auf Regie- viele junge Menschen, die sensibler gegen-
rungsgebäuden hisste. »Sie sind Mörder, sie über Antisemitismus seien, das mache ihm
töten Kinder, die fünf oder sechs Jahre alt Hoffnung.
sind. Sie sind erst zufrieden, wenn sie ihr Blut Auch Experten, die vor Ort mit Jugendli- manager-
aussaugen«, hetzte Erdoğan gegen Israel. chen arbeiten, resignieren nicht. Derviş Hı- Nachrichten
Der blanke Judenhass in der türkischen zarcı von der Berliner Kiga sagt: »Mit der Jetzt App
Regierung ist für Deutschland ein gewaltiges richtigen Ansprache lässt sich ihr Antisemi- downloaden

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 39


harvardbusinessmanager.de
DEUTSCHLAND

tismus zwar nicht aus der Welt schaffen –


aber doch fast immer einfangen.« Vor allem
Schulen wenden sich an Hızarcı und seine
Leute, wenn sie Hilfe oder Beratung brau-
chen. Die Strategie: Die Jugendlichen ernst
nehmen, in ein Gespräch mit ihnen kommen
und sie nach und nach in ihre Widersprüche
verwickeln.

»Würdest du wollen, dass so über dich gere-


det wird? Was hat die Situation in Palästina
mit dir zu tun?« Jeder Lehrer und jede Leh-
rerin könne das, sagt Hızarcı, und viele mach-
ten das auch. Mitarbeiter der Kiga haben in
den vergangenen Jahren Hunderte Work-
shops gegeben – und fast immer hätten sie
Früchte getragen. Die Kreuzberger Refik-Ve-
seli-Schule etwa trägt nun den Namen eines
muslimischen »Gerechten unter den Völ-
kern«, der im Zweiten Weltkrieg Juden rette-
te. Das sei auch ein Wunsch der Schülerinnen

© Cineflix
und Schüler gewesen. Aber diese Arbeit ist
mühsam und hört nie auf. Und sie setzt vo-
Gelände einer Kupfermine in Kasachstan
raus, den Antisemitismus unter Muslimen
klar zu benennen und ihn trotzdem nicht für
SPIEGEL GESCHICHTE SPIEGEL TV WISSEN unausweichlich zu halten – und die Jugendli-
SONNTAG, 23. 5., 17.45 – 18.30 UHR, SKY DIENSTAG, 25. 5., 21.45 – 22.40 UHR, SKY chen nicht von Anfang an in eine bestimmte
und bei allen führenden Kabelnetzbetreibern Ecke zu drängen.
Englands Goldenes Zeitalter Felix Klein, der Antisemitismusbeauftrag-
in Farbe High-Tech-Mega-Minen te der Bundesregierung, warnt davor, »jetzt
Großbritannien unter Edward VII. ist ge- Ob Laptops, Handys oder E-Autos – auf die Muslime zu zeigen, um vom Anti-
prägt von Frieden und Wohlstand. Die ohne Kupfer kommen sie nicht aus. Das semitismus der Mehrheitsgesellschaft abzu-
Industrialisierung hat die Lebensweisen Buntmetall wird in gigantischen Berg- lenken«. Es gehe auch nicht um »importier-
der Menschen verändert. Reformen ver- werken abgebaut. Zwei der weltweit ten Antisemitismus«. Die, die da jetzt gegen
schaffen den Arbeitern Rechte und Frei- größten Kupferminen liegen in Kasach- Juden hetzten, seien vielfach deutsche Staats-
zeit und verschieben die Rolle der Frau – stan. Tausende Bergleute und Ingenieure bürger. Klein hat aber selbst feststellen müs-
bis der Erste Weltkrieg alles verändert. arbeiten hier. sen, wie schwer es ist, den richtigen Ton in
Seltenes Filmmaterial, erstmals restau- der Debatte zu treffen. Als er in einem Inter-
riert und koloriert, gibt einen intimen view forderte, »Jugendlichen mit Migrations-
Einblick in das Leben der Edwardianer. SPIEGEL TV REPORTAGE hintergrund« müsse klargemacht werden,
DIENSTAG, 25. 5., 23.10 – 0.10 UHR, SAT.1 dass Antisemitismus in Deutschland nicht ak-
zeptiert werde, warf ihm der jüdische Pianist
DIENSTAG, 25. 5., 20.15 – 22.15 UHR, SAT.1 Feuerwache Berlin-Neukölln – Igor Levit vor, er stelle Jugendliche mit
Die Hauptstadtretter, Folge 1 Migrationshintergrund »unter Generalver-
112 Notruf Deutschland – Feuerwehrmann im Problembezirk dacht«. Das habe er nicht beabsichtigt, sagt
HeldInnen im Einsatz Berlin-Neukölln – das ist kein Job für Klein auf Nachfrage, es müsse »jede Form
Die Notfallsanitäter Christoph Grüne und schwache Nerven. Die Einsätze sind ge- von Antisemitismus benannt werden: Juden-
Markus Seiler retten eine verunglückte nauso vielfältig wie Berlins heißester hass kommt von links, von rechts, von Mus-
Rollerfahrerin, einen abgestürzten Roll- Kiez. Nur eines ist immer gleich: Lang- limen und geht auch von der Mitte der Ge-
treppenbenutzer und andere Frankfurter weilig wird es nie. Beate Schwarz hat die sellschaft aus«.
und Frankfurterinnen, die aus dem Tritt Feuerwehrleute Tag und Nacht begleitet. Bundeskanzlerin Merkel soll Teilnehmern
gekommen sind. In der Uniklinik Essen Start einer dreiteiligen Serie über die All- zufolge in einer Sitzung der CDU/CSU-Bun-
kommt es zu dramatischen Fällen im tagshelden von Neukölln. destagsfraktion angekündigt haben, man wer-
Schockraum. Die Oberärztinnen Yvonne de keinerlei Toleranz zeigen, wenn jemand
Böger und Pouneh Engelmeyer haben israelische Fahnen verbrenne und Synagogen
alle Hände voll zu tun. angreife. Das klingt entschlossen, aber welche
Konsequenzen sollen daraus erwachsen?
Der bayerische Innenminister Joachim
Herrmann (CSU) schlug vor, man müsse prü-
fen, ob jemand, »der so intolerant ist«, des
Landes verwiesen werden könne. Das klingt
noch entschlossener. Doch eines weiß auch
Herrmann: Deutsche Staatsbürger kann man
nicht abschieben – und auch nicht das Anti-
semitismusproblem.
SPIEGEL TV
SPIEGEL TV

Katrin Elger, Annette Großbongardt,


Roman Lehberger, Tobias Rapp, Hannes
Schockraum der Uniklinik Essen Feuerwehrleute in Berlin-Neukölln Schrader, Wolf Wiedmann-Schmidt ■

40 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


DEUTSCHLAND

Und daran dürfte sich in den nächs-


ten Jahren aller Voraussicht nach
nichts ändern.
Die Ermittler sind überzeugt, dass
Winfried W. mit zwei Komplizen die

Guns ’n’ spanische Drogenmafia mit Waffen


versorgte. Einer von ihnen betrieb
demnach eine Art »Nazi-Museum«

Rente mit Uniformen, Hitler-Büsten und


ähnlichem NS-Tand. Auf Eveline W.s
Handy wurden ebenfalls ein Haken-
kreuzbild und ein Hitler-Smiley ent-
STR AFJUSTIZ Viele Senioren
deckt. Bei Facebook soll die frühere
Friseurin regelmäßig die Seiten »Pa-
bessern ihre Rente mit Jobs trioten für Deutschland«, »Kein Islam
auf. Eine Friseurmeisterin in Deutschland« und die der AfD be-
und ihr Mann stehen sucht haben.
Auf der frei zugänglichen Platt-
im Verdacht, das mit dem form E-Gun, dem »Marktplatz für
Verkauf von Waffen im Sinn Jäger, Schützen und Angler«, sollen
gehabt zu haben. Jetzt die Eheleute legale Waffenteile und
soll die Frau ins Gefängnis. Zubehör gekauft haben. Vieles davon
fanden die Ermittler in der Laube in
Barsinghausen. An Kisten hingen Zet-

D ie Fenster der Hütte waren mit


Stahlplatten gesichert. Und
das aus gutem Grund. Hinter
einer Backsteinmauer neben einem
tel mit der Aufschrift: »Hier ist alles
erlaubnisfrei«. Es klang wie eine Bot-
schaft an die Polizei für den Fall einer
Durchsuchung.
Dixi-Klo lagerten unter einer in den Das Landgericht Hannover verur-
Boden eingelassenen Betonplatte teilte Eveline W. nun wegen illegalen
zwei blaue Fässer aus Kunststoff. Besitzes von Waffen zu einer Frei-
Eveline, 61, und Winfried W., 70, heitsstrafe von zwei Jahren. Sie habe
aus dem niedersächsischen Barsing- genau gewusst, welch verbotene

dpa
hausen hatten darin 55 Pistolen und Ware sich in den Plastiktonnen be-
Revolver, 9 halbautomatische Geweh- Beschlagnahmtes sich spanischen Ermittlern zufolge in fand, sagte Patrick Gerberding, Vor-
re, eine Granate, explosionsfähiges Arsenal in Spanien: Andalusien eine Werkstatt ein, in der sitzender der 18. Strafkammer. Die
Schnellfeuergewehre,
Material, Teile einer Maschinenpis- Maschinenpistolen, er funktionsunfähige Schnellfeuer- Laube in Barsinghausen sei ein Lager
tole, einen Schalldämpfer und mehr fast 10 000 Schuss gewehre aus Ex-Jugoslawien wieder gewesen, so Gerberding.
als 1500 Schuss Munition versteckt. Munition schussbereit gemacht und sie auf dem Warum aber hatte das Paar das
Alles fein säuberlich in Plastikfolien Schwarzmarkt zum Verkauf angebo- Versteck nicht längst aufgelöst, die
verpackt. Mit dem Verkauf der Waf- ten habe. Ein lukratives Geschäft für Waffen verkauft, vergraben oder ent-
fen wollte das Ehepaar offenbar seine zweifelhafte Kundschaft. sorgt?
Rente aufbessern. Warum aber behielten die Aus- Eveline W. schwieg im Prozess. Sa-
Denn nachdem Eveline W. einen wanderer das Versteck in Barsinghau- scha Gramm, ihr Verteidiger, plä-
Schlaganfall erlitten hatte, war sie mit sen? Warum horteten sie dort illegale dierte auf Freispruch. Seine Mandan-
ihrem Mann vor acht Jahren nach An- Waffen in zwei einbetonierten Regen- tin habe von dem Inhalt der Fässer
dalusien ausgewandert, an die Costa tonnen? Das sollte sich als verhäng- keine Ahnung gehabt. Die Staatsan-
del Sol, eine der sonnigsten Regionen nisvoller Fehler erweisen. waltschaft forderte eine Freiheitsstra-
Spaniens. Dort verwirklichten die Ermittler kamen Winfried W. auf fe von dreieinhalb Jahren wegen ille-
Eheleute ihren Traum eines leichte- die Spur, als er im Internet erlaubnis- galen Waffenhandels.
ren Lebens, als sie es lange Zeit in pflichtige Sprengkapseln kaufen woll- Dass die Rentnerin mit Waffen ge-
Deutschland geführt hatten; er als ge- te. Fahnder durchsuchten daraufhin handelt habe, sah die Kammer je-
lernter Maschinenbautechniker, sie drei Tage lang das Grundstück des doch als nicht erwiesen an. Ihre Vor-
als Friseurmeisterin. Paares und stießen auf die Plastikfäs- geschichte allerdings spreche gegen
Schon Ende der Neunzigerjahre ser. Von da an wurden die Eheleute eine Bewährungsstrafe, so Richter
hatte die Polizei in Erddepots in Bar- W. mit Haftbefehl gesucht. Gerberding. Eine »positive Sozial-
singhausen und in Eveline W.s Fri- Als Eveline W. im September ver- prognose« sehe das Gericht nicht.
seursalon Waffen gefunden, die das gangenen Jahres am Hamburger Flug- Vielmehr sei zu befürchten, dass Eve-
Paar nicht besitzen durfte. 2004 wur- hafen landete, nahmen Beamte sie line W. mit ihrem Mann »so weiter-
de es wegen illegalen Waffenbesitzes fest. Spanische und deutsche Ermitt- machen« würde wie bisher. Ihr An-
Manuel Behrens / HAZ

und Waffenverkaufs verurteilt. Win- ler durchsuchten ihr Haus in Andalu- walt will nun prüfen, ob Eveline W.
fried W. kam für dreieinhalb Jahre in sien und beschlagnahmten weitere Revision einlegt.
Haft, seine Frau erhielt wegen Beihil- 121 Pistolen, 22 Schnellfeuergewehre, Auf ihrem Handy hatte die Rent-
fe eine Bewährungsstrafe. 8 Maschinenpistolen, fast 10 000 nerin auch einen Leitfaden des Bun-
In Freiheit muss die Sehnsucht Schuss Munition, eine Granate mit deskriminalamts gespeichert. Thema:
Angeklagte W.:
nach einem Lebensabend am Meer Hakenkreuzbild
anderthalb Kilo Sprengstoff, 8 Schall- wie sich legale von illegalen Waffen
und einer profitablen Einnahmequel- und Hitler-Smiley dämpfer und 273 Magazine. Seither unterscheiden lassen.
le gereift sein. Winfried W. richtete auf dem Handy sitzt auch Winfried W. im Gefängnis. Julia Jüttner ■

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 41


SERIE

Republik 21 (3) Klimawandel, Pandemiefolgen, ge- Serie aus, wie das Deutschland der Zukunft aussehen
sellschaftliche Spaltung – die Bundestagswahl im könnte. Die Leitfragen lauten: Wie wollen wir miteinander
September wird so entscheidend sein wie kaum eine reden? Sind wir noch zu retten? Wie wird Deutschland
zuvor. Der SPIEGEL lotet deshalb in einer vierteiligen gerechter? Und wie viel Staat brauchen wir?

»Super Big Bang« im Osten


GERECHTIGKEIT Viele Ostdeutsche hadern mit der Ignoranz, die ihnen noch immer entgegengebracht wird.
Mehr als 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung müssen sie länger arbeiten, verdienen weniger und
steigen seltener auf. Das hat Folgen für die Demokratie.

M an kann sich Ola Källenius


als glücklichen Menschen
vorstellen. 5,8 Milliarden
Euro operativen Gewinn verkündete
Landschaft, aber unsichtbar trennt »Das hat uns unheimlich zurückgewor-
sie die Bundesrepublik noch immer. fen«, erinnert sich der Autobauer. Kei-
Die Ostdeutschen arbeiten länger, ne 20 Kilometer sind es von Mercedes
verdienen weniger, kommen seltener Ludwigsfelde nach Berlin-Marienfel-
der Daimler-Chef für das erste Quar- in Führungspositionen, müssen noch de, wo auch ein Daimler-Werk steht.
tal des Jahres. Mitten in der Corona- immer um ihre Betriebsrenten aus Dort gelten Westverträge. Rackwitz
krise. Die Aktienkurse steigen, frei DDR-Zeiten streiten, werden margi- ist sauer: »Die hätten das längst aus-
nach dem alten Slogan der Marke: nalisiert in der eigenen Region. räumen müssen. Derartige Unterschie-
»Zu allen Zeiten seiner Zeit voraus.« Weil im Osten die entscheidenden de darf es nicht mehr geben.«
Källenius feiert das neue Zutrauen Posten von Westdeutschen besetzt Auch weil im Osten längst effektiv
der Anleger selbstgefällig: Für die In- seien, so ist es im Armuts- und Reich- produziert wird. Der Vorstand in
vestoren seien Themen wie »soziales tumsbericht der Bundesregierung Stuttgart habe das den Ludwigsfel-
Verhalten und faire Unternehmens- nachzulesen, hätten sich feste Struk- dern immer wieder bescheinigt, sagt
führung grundlegend«. turen etabliert, »die Ostdeutsche an Rackwitz. Künftig wird sogar der
Thomas Rackwitz vermisst Letz- den Schaltstellen in ihren eigenen eSprinter in Brandenburg gebaut.
teres im Konzern nun schon seit fast Heimatregionen ausgrenzen«. Sie Neueste Technologie – bei altem Ost-
20 Jahren. Rackwitz ist stellvertre- sind systematisch benachteiligt im ei- lohn, der wegen der längeren Arbeits-
tender Betriebsratschef von Merce- genen Land. zeit um 8,56 Prozent geringer aus-
des-Benz im brandenburgischen Lud- Der IG-Metaller Rackwitz kennt fällt.
wigsfelde. Einer, der sich vom Band die Kämpfe um Gerechtigkeit seit Jah- Im Kommissionsbericht zur Ein-
nach oben gekämpft hat. Und der sei- ren. Schon 2003 rangen sie im Osten heit wird festgestellt, dass westdeut-
nen Leuten gerade wieder aufs Neue um die 35-Stunden-Woche, vier Wo- sche Beschäftigte über alle Branchen
erklären muss, warum hohe Gewinne chen lang wurde gestreikt. Dann muss- hinweg im Jahr 2018 im Durchschnitt
nicht zwangsläufig zu mehr Gerech- te die Gewerkschaft den historischen 1295 Stunden gearbeitet haben – Ost-
tigkeit führen. Kampf für gescheitert erklären, die Un- deutsche dagegen 1351 Stunden. Sie-
Bei Källenius im Westen arbeiten ternehmerseite hatte sich durchgesetzt. ben volle Arbeitstage mehr im Jahr.
die Mercedes-Leute 35 Stunden die Einen kleinen Lichtblick gab es
Woche, bei Rackwitz im Osten 38 dieser Tage. VW in Sachsen, die Zu-
Stunden. Bei gleichem Gehalt. Rack- Lohngrenze lieferer ZF in Brandenburg und SAS
witz hat das durchgerechnet: Einen Schleswig- wollen die Arbeitszeiten endlich an-
Durchschnittliche Holstein
Monat im Jahr malochten die Ostdeut- Mecklenburg- passen. »Die Mauer bröckelt«, jubel-
Bruttostunden- Vorpommern
schen im Konzern mehr, in einem Ar- verdienste 2019 te der Vorstand der IG Metall. Bis
beitsleben seien das über zwei Jahre. Hamburg Berlin 2027 sollen die Arbeitsbedingungen
Mercedes ist im Osten überall. 23 € und mehr Bremen in Ost und West angeglichen werden.
Nieder-
Eine von der Bundesregierung einge- 20 bis unter 23 € sachsen Brandenburg Aber ob andere Unternehmen nach-
setzte Expertenkommission zur deut- unter 20 € Sachsen- ziehen, ist völlig offen. Die IG Metall
schen Einheit kam Ende vergangenen Nordrhein- Anhalt in Berlin, Brandenburg und Sachsen
Bundes- Westfalen
Jahres zu dem Ergebnis, dass die durchschnitt Sachsen kündigt schon mal einen »Häuser-
Bruttolöhne dort noch immer bei 22,60 € Thüringen kampf« an.
etwa 85 Prozent des westdeutschen Hessen Gerechtigkeit, so steht es im
Durchschnitts liegen. Auf die Frage Rheinland- Brockhaus von 1884, sei »diejenige
Pfalz
nach dem Warum mussten die Wis- Tugend, welche das Recht eines jeden
senschaftler passen. Die Ursache sei Saarland achtet oder jedem das Seine ge-
Bayern
»nicht gänzlich klar«. Gemeint war währt«. Man könne sie auch eine »ge-
wohl: nicht mehr erklärbar. mäßigte oder temperierte Menschen-
Baden-
Im 31. Jahr der deutschen Einheit Württemberg liebe« nennen. In neueren Ausgaben
ist es um die Gerechtigkeit im Land steht davon nichts mehr. Gerechtig-
noch immer schlecht bestellt. Zwar keit ist dort ein »nicht abschließend
steht die Mauer nicht mehr in der S Quelle: Statistisches Bundesamt definierter Grundbegriff«.

42 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


SERIE

JAN-PETER BOENING / ZENIT / LAIF


Einheitsjubel in Dresden 1989: Es könnten sich »Verbitterung, Wut und Trotz Bahn brechen«

Aber die Menschen haben meist ein un- blem endlich in den Koalitionsvertrag auf- schädigung »verhindert die soziale Wieder-
trügliches Gespür dafür, was gerecht ist. Gibt genommen. Im Gespräch war früher ein »Ge- vereinigung Deutschlands«. Der Kampf wird
es Zweifel an einer gerechten Behandlung, rechtigkeitsfonds«. auch nach mehr als 30 Jahren weitergehen.
dann kann dies rasch zum Gefühl von Ent- Das Wort war Polster wichtig. Kurz vor Immer weiter.
wertung führen. Mögliche Folgen davon be- Ende der Legislaturperiode in Berlin wurde Die wahlkämpfende Linke in Sachsen-An-
schreibt die 30-Jahre-Einheit-Kommission nun der Entwurf eines »Härtefallfonds« vor- halt hat das Problem der mangelnden Wert-
der Regierung so: Es könnten sich »Verbitte- gelegt. Die Gerechtigkeit fiel mal wieder un- schätzung ostdeutscher Biografien treffsicher
rung, Wut und Trotz Bahn brechen«. ter den Tisch. erkannt. Denn nicht nur soziale Ungerechtig-
Es gibt eine Gruppe von Menschen, die Es ist ein kleiner Wurf. Es geht um 250 Mil- keiten wie Rentenrecht und Lohngefälle
sich buchstäblich seit 30 Jahren mit dem Ge- lionen bis 300 Millionen Euro. Leistungssport- beschweren die ostdeutsche Seele, auch die
fühl der Entwertung herumschlägt. Der 70- ler, bildende Künstler und die sogenannte mangelnden Aufstiegschancen sorgen für Un-
jährige Dietmar Polster ist einer von ihnen. Technische Intelligenz sind draußen. Dafür mut. »Nehmt den Wessis das Kommando«
Polster ist Sprecher eines runden Tisches, der werden auch Spätaussiedler und Zuwanderer steht auf einem umstrittenen Plakat, das die
Rentenlücken für einstige DDR-Bürger schlie- aus der ehemaligen Sowjetunion bedacht. Es Partei gerade entworfen hat. Und sie meint
ßen will. Es geht um ehemalige Reichsbahner gibt so viele Hürden bei der Beantragung, dass es durchaus ernst.
wie ihn, um Bergleute, Leistungssportler, Polster von »einem Affront für die Betroffe- Mit einem Thesenpapier haben die Mag-
Künstler, Balletttänzerinnen, Krankenschwes- nen« spricht, von einem Minimalprogramm. deburger Fraktionsvorsitzende Eva von An-
tern und in der DDR geschiedene Frauen. So können nur jene Ostdeutschen auf Geld gern und Sachsen-Anhalts Parteichef Stefan
Nach eigenen Angaben vertritt die Gruppe hoffen, die mit einer Rente »in der Nähe der Gebhardt in der Debatte nachgelegt. Über-
500 000 Betroffene. Sie eint, dass sie zu Ho- Grundsicherung« auskommen müssen. Für schrift: »Der Wessi ist immer der Chef«. Be-
neckers Zeiten in Zusatzrenten eingezahlt ha- Polster ein Unding. »Wir wollen ja nicht mehr, klagt wird eine »organisierte Verantwortungs-
ben, die dann nicht in bundesdeutsches Recht als uns zusteht.« Konkret sei das eine durch- losigkeit« der Regierenden, »das Fortbeste-
übernommen wurden. Polster spricht von schnittliche Abfindung in Höhe von 20 000 hen ungleichwertiger Lebensverhältnisse ist
vier Milliarden Euro an Betriebsrenten, um Euro. Unabhängig von Bedürftigkeit. kein Betriebsunfall der Deutschen Einheit,
die er mit seinen Helfern kämpft. Die Koalitionsfraktionen wussten genau, sondern politisch gewollt«.
Es ist ein Kampf, in dem die Gegenseite was auf dem Spiel steht. Im Entwurf ist zu In die gesamtdeutsche Elite haben es die
seit Jahrzehnten auf Zeit spielt. »Die Hälfte lesen, die versäumte Übernahme von Teilen Ostdeutschen tatsächlich kaum geschafft. Die
der Betroffenen lebt inzwischen nicht mehr«, des DDR-Rentenrechts werde von den Be- Einheitskommission schätzt, dass drei bis
sagt Polster. Von 250 000 Reichsbahnern sei- troffenen »als nicht hinreichende Anerken- acht Prozent der Führungspositionen in
en noch 98 000 übrig. Letztendlich gehe es nung ihrer Lebensleistung und dauerhafte Be- Verwaltung, Justiz, Medien, Wirtschaft und
um die Anerkennung von Lebensleistung. Im- nachteiligung wahrgenommen«. In einer Stel- Wissenschaft mit Ostdeutschen besetzt sind –
mer wieder wird mit dem Bund verhandelt, lungnahme des runden Tisches heißt es nun, bei einem Bevölkerungsanteil von etwa
die aktuelle Bundesregierung hatte das Pro- die Verweigerung einer angemessenen Ent- 17 Prozent. Im Osten selbst ist es ein Viertel,

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 43


SERIE

ministerium) und knapp 19 Prozent


(Bundesinnenministerium).
Doch darüber hinausgehende Zah-
len gibt es kaum, sie werden schlicht
nicht gesammelt. Die »landsmann-
schaftliche Herkunft der Beschäftig-
ten des öffentlichen Dienstes gehört
nicht zu den Erhebungsmerkmalen
des Finanz- und Personalstatistikge-
setzes«, teilte das Innenministerium
der Linkspartei auf eine Kleine An-
frage schon 1999 lapidar mit. Das ist
ein allgemeines Problem. Selbst im
SPIEGEL-Verlag ist es nahezu unmög-
lich, eine Ostquote zu ermitteln. Das
Merkmal »aus Ostdeutschland« wird
in den meisten Firmen nicht systema-
tisch erhoben.

STEFAN BONESS / IPON


Ein Problem ist heute schon die
Definition, wer eigentlich Ostdeut-
scher ist. Selbst die Wissenschaft
schlägt sich damit herum. Ist Ostdeut-
scher der, der die DDR noch erlebt
obwohl hier 85 Prozent Einheimische Demonstrierende für kommt in dieser Liste niemand, und hat? Oder sind es auch jene, die 1989
leben. Das Fazit der Kommission ist gleiche Löhne: Ost- die Leute haben das satt.« geboren und 30 Jahre Aufbau durch-
deutsche arbeiten im
verheerend: Es sei insgesamt fest- Schnitt jedes Jahr Nach einer Studie von 2016 waren litten haben? Was ist mit den West-
zustellen, dass sich die Ostdeutschen sieben volle Arbeits- nur etwa 13 Prozent der Richterinnen deutschen, die seit Jahrzehnten im
innerhalb der Bundesrepublik »in tage mehr als West- und Richter an den obersten Gerich- Osten wohnen? Die Regierungskom-
keinem einschlägigen Bereich ent- deutsche ten der neuen Länder (ohne Berlin) mission hat sich entschieden, alle
sprechend ihrer Bevölkerungsstärke Ostdeutsche, unter denen mit Lei- Menschen dazu zu zählen, die die
repräsentiert finden«. Einzige Aus- tungsfunktion sogar nur 6 Prozent. DDR erlebten oder »bis zum Jahr
nahme sei die Politik. Und von 336 Bundesrichtern stamm- 2000 in ostdeutschen Familien und
Als die Mauer fiel, kamen Heer- ten nur 3 aus Ostdeutschland – weni- Lebenswelten aufwuchsen«.
scharen von Westdeutschen, um das ger als ein Prozent. Zumindest könnten die ostdeut-
Land mitaufzubauen und auch um Im Bundesverfassungsgericht ur- schen Länder den Anspruch auf
das persönliche Fortkommen zu be- teilt erst seit Kurzem eine Richterin paritätische Berücksichtigung ihrer
schleunigen. Der Würzburger Staats- mit ostdeutscher Biografie – eine von Landeskinder vor dem Bundesverfas-
rechtler Horst Dreier hielt schon gut 16. Der »Gesamtbefund«, so der Pots- sungsgericht einklagen. Die Frage
zehn Jahre nach der Wiedervereini- damer Verfassungsjurist Hartmut wäre, ob Berlin mit der geringen Ost-
gung fest, dass sich hier »ein sehr viel Bauer, »legt die Forderung nach einer quote in der Bundesverwaltung das
stärkerer Elitenaustausch als nach Ostquote, zumindest aber nach einer Grundgesetz verletzt. Doch keiner der
1945« vollzog. Es war eine »Radikal- besonderen Berücksichtigung von Ost- fünf Ministerpräsidenten mochte die-
Transformation«, die der hanno- deutschen bei der Personalentwick- sen letzten Schritt bisher gehen. Der
versche Staatsrechtler Hermann But- lung für Führungsaufgaben nahe«. Potsdamer Emeritus Bauer plädierte
zer als »Super Big Bang« bezeich- Dabei gibt es schon jetzt eine Ver- schon 2019 dafür, die »innere Einheit«
net – und deren Folgen bis heute zu fassungsvorschrift, die faktisch eine Deutschlands ausdrücklich als Staats-
spüren sind. Art Ostquote in obersten Bundesbe- ziel in das Grundgesetz aufzunehmen.
Denn wer sich nicht ausreichend hörden festlegt – wenn sie denn be- Bisher waren Rechtsstreitigkeiten
vertreten fühlt, analysiert die Regie- achtet würde. In Artikel 36 Grundge- zum heiklen Thema Ost-West we-
rungskommission, der könne sich setz steht: »Bei den obersten Bundes- nig aussichtsreich für die Neubür-
rasch abgehängt und vernachlässigt behörden sind Beamte aus allen Län- ger. Vor dem Landesarbeitsgericht
fühlen. Skepsis gegenüber demokra- dern in angemessenem Verhältnis zu Hessen sah sich vor einigen Jahren
tischen Institutionen und Werten sei verwenden.« Das gilt auch für obere eine Frau gemobbt, unter anderem
die Folge. Bundesbehörden wie Bundeskrimi- »wegen ihrer ethnischen Herkunft
Das ist ein tatsächliches Problem nalamt, Bundesamt für Migration aus Ostdeutschland«. Sie sei immer
im Osten. Matthias Höhn, Ostbeauf- und Flüchtlinge oder Verfassungs- wieder als »Ossi« beschimpft wor-
tragter der Linksfraktion, hat das mal schutz. Auf diese Art sollte das regio- den. Eine Diskriminierung wegen
am Beispiel Leipzigs eindrücklich be- Nur 3 von nale Vertrauen zur Bundesverwal- der ethnischen Herkunft ist gesetz-
schrieben: »Der Oberbürgermeister tung gestärkt werden. lich verboten. Allerdings, befanden
ist in Siegen geboren. Die Rektorin 336 Bundes- Trotzdem gab es in den Bundes- die Richter, sei »bereits streitig, ob
der Uni kommt aus Kassel, der Spar- richtern ministerien Ende 2018 lediglich 3 von eine ostdeutsche Herkunft als Ethnie
kassendirektor aus Wuppertal. Die 120 Abteilungsleitern aus Ostdeutsch- anzusehen ist«.
Chefin der Staatsanwaltschaft ist ge-
stammten land (ohne West-Berlin), im März Sie lehnten die Klage ab.
bürtig aus Lindlar. Der Präsident des aus Ost- dieses Jahres lediglich 4 von 123. Auf Dietmar Hipp, Steffen Winter ■
Landgerichts kommt aus Dillenburg, deutschland – Ebene der Referatsleiter waren es
der Präsident des Amtsgerichts aus Ende 2019 in den Bundesministerien
Osnabrück. Nur aus Leipzig oder weniger als und im Bundeskanzleramt immerhin
Lesen Sie auch ‣ Warum mischen
ostdeutsche Promis so laut
einer anderen ostdeutschen Stadt ein Prozent. zwischen 7 Prozent (Landwirtschafts- bei aktuellen Debatten mit? | 110

44 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


Unter Leistungsfähigkeit verstehen wir,
gemeinsam mit unseren Kunden aus Heraus-
forderungen Verbesserungen zu machen.
Was zunächst wie ein Verlust erscheint, ist manchmal der Anfang von etwas
Neuem. Das japanische Handwerk Kintsugi beweist das eindrucksvoll. Es ver-
körpert den Glauben, dass erst die kunstvolle Reparatur ein Objekt vollendet.
Auch für uns von der DZ BANK bedeuten Umbrüche Chancen. Denn wenn
wir Herausforderungen heute partnerschaftlich begegnen, gehen wir mit noch
besseren Lösungen in die Zukunft. Erfahren Sie mehr über unsere Haltung
unter: dzbank.de/haltung
DEUTSCHLAND

die Erstklässler, über das Leben ihres


unsichtbaren Mitbewohners zu mut-
maßen.
Dann beginnt der Unterricht.
»Guten Morgen, Fledermausklasse!«,

»Frau Schäfer, schickst du sagen Kinder und Lehrerin gemein-


sam. Danach zählen sich die Kinder
gegenseitig, auf Deutsch und Eng-

morgen wieder die Polizei?« lisch. Insgesamt gibt es 19 Fledermäu-


se, heute sind aber nur 8 in der Schu-
le – wegen des Wechselunterrichts.
Nacheinander erzählen sie vom Wo-
SCHULE Sie sorgen für ein Stück mehr Gerechtigkeit im Bildungssystem: Zwei chenende: Abdullah vom Spielen mit
Rektorinnen im Ruhrgebiet zeigen, wie Unterricht besser werden kann. der Schwester, Tina von ihren Wa-
ckelzähnen, Tim vom Besuch beim
Vater. Immer wieder lobt Schäfer die

U m kurz nach sieben Uhr mor-


gens ist der Pausenhof der
Grundschule Herten-Mitte
noch leer. Trotzdem ist schon lautes
tert: Schäfer, 51, und Lehmann, 53,
wurden Anfang Mai in der Kategorie
»Gute Schulleitung« ausgezeichnet.
An diesem Morgen trudeln Glück-
Kinder, sagt, wie toll sie einander zu-
hören.
Weil Dario von einem Foul beim
Fußballspiel erzählt und eine ziem-
Lachen zu hören – aus dem Büro der wünsche aus Düsseldorf ein. »Die lich verschrammte Nase hat, schreibt
Schulleitung. Susanne Schäfer sitzt Frau Gebauer hat geschrieben«, sagt sie einen Satz als gemeinsames Wo-
hier wie jeden Morgen seit halb sechs Lehmann und hält einen Brief hoch: Wie wird chenziel an die Tafel: »Ich spiele fair.«
und arbeitet E-Mails ab. »Um diese ein Schreiben der nordrhein-west- Deutschland Ein kurzes Gespräch darüber, was
Zeit ist es noch ruhig in der Schule«, fälischen Schulministerin Yvonne gerechter? Fairness bedeutet, dann nehmen sich
sagt sie, »später komme ich nicht Gebauer (FDP). die Kinder die Aufgaben vor, die sie
mehr dazu.« Konrektorin Stephanie Einerseits freut sich Lehmann sich für heute ausgesucht haben: Le-
Lehmann hat gerade Kaffee geholt. über diese Anerkennung, anderer- sen, Mathe, Schreibübungen – jedes
Ob sie auch immer schon so früh da seits vermisst sie die Unterstützung, Kind entscheidet selbst.
ist? Lehmann tippt sich an die Stirn, um Kinder aus problembelasteten Individuelles Lernen heißt das,
lacht. Susanne Schäfer grinst. Familien angemessen zu fördern. An »und anders geht es auch gar nicht.
Dann telefoniert Stephanie Leh- Bildungsgerechtigkeit hapert es in Das Gras wächst ja nicht schneller,
mann einem Kind hinterher, das seit Deutschland seit Jahrzehnten, die wenn man dran zieht«, sagt Schäfer.
mehr als einer Woche krankgemeldet Pandemie hat dieses Problem ver- Jedes Kind brauche am Ende der
ist. »Guten Morgen, ich wollte mal schärft. Die Grundschule Herten- Grundschulzeit eine Basis, mit der es
hören, wie es dem Timo* geht … Mitte zeigt, wie viel sich für sozial im weiteren Leben gut zurechtkom-
Bauchschmerzen, ach so … da benachteiligte Kinder auch andern- me. »Und wie diese Basis aussehen
bräuchte ich dann aber ein Attest orts erreichen ließe. Das Geheimnis kann, ist bei jedem Jungen und jedem
vom Kinderarzt … Doch, das ist sogar ihres Erfolges scheint in zwei Fak- Mädchen verschieden.«
in ›normalen Zeiten‹ so.« Lehmann toren zu liegen: Wertschätzung und Was aus Schäfers Sicht auf jeden
legt auf, seufzt, schüttelt den Kopf. Struktur. Das Ergebnis: mehr Bil- Fall dazugehört: Struktur. Im Laufe
»Jetzt hat sie mir einen schönen Tag dungsgerechtigkeit, zumindest in des Vormittags, bei Spiel- und Lern-
gewünscht und direkt aufgelegt.« Herten. phasen, beim Kopfrechnen und bei
Schäfer sagt: »Da stimmt doch etwas Sprachübungen, halten die Fleder-
nicht. Da müssen wir noch mal nach- 7.50 Uhr, Fledermausklasse mäuse den Lernplan für den Tag fast
haken.« »Wie schön, dass du da bist, Ali!« minutengenau ein.
Für die Schulleiterinnen ist selbst- »Guten Morgen, Mira, herzlich Ein Kind sagt: »Frau Schäfer ist
verständlich, dass sie keines der rund willkommen!« strenglieb.« Andere stimmen zu.
320 Kinder an ihrer Schule aus dem »Hallo Leonie, ist alles in Ordnung
Blick verlieren – egal, wie schwierig bei dir? Ich freue mich, dich zu se- 9.40 Uhr, Schulhof
die es zu Hause oder generell im Le- hen!« Gut 50 Jahre alt ist das Gebäude, frü-
ben haben. Im Einzugsgebiet der Die Fledermausklasse hat ihren her war hier eine Hauptschule unter-
Grundschule liegen Mietskasernen, Raum im ersten Stock. Ab zehn vor gebracht, berichtet Schäfer. Dann
Flüchtlingsunterkünfte, das Frauen- acht ist er geöffnet, der Unterricht wurde mehrere Jahre lang für die
haus und ein Kinderheim, in dem fängt erst 20 Minuten später an – Zeit Grundschulkinder renoviert. Das sei
auch Jungen und Mädchen mit
schwersten Gewalterfahrungen leben.
»Hier bei uns wird auch schon mal
zum Ankommen, Spielen, Frühstü-
cken. Für jeden und jede hat Schäfer
eine Begrüßung auf den Lippen.
21,3 % ähnlich nervenaufreibend gewesen
wie der Bau eines Eigenheims, erzäh-
len Schäfer und Lehmann. Mal wur-
heftig geweint«, sagt Lehmann. Und Ein paar Kinder hocken vor der de der Aufzug, unerlässlich in einer
umso lauter werde gelacht. »Für uns Wandtafel. Ganz unten, über der der Kinder inklusiven Schule, fälschlicherweise
soll Schule ein Ort sein, an dem sich Fußleiste, befindet sich die klitzeklei- und Jugend- so eingebaut, dass sich die Türen zum
alle, die hierherkommen, wohlfüh- ne Wohnungstür eines Trolls – und Innenhof geöffnet hätten statt zum
len«, sagt Schäfer. obwohl die Kinder den noch nie ge-
lichen in Flur vor den Klassenzimmern; mal
Das Kollegium hat die beiden für sehen haben, verändert sich im Vor- Deutschland gab es Räume, in denen Lichtschalter
den Deutschen Lehrerpreis vorge- garten der Trollwohnung ständig et- sind von Ar- fehlten oder Steckdosen keinen
schlagen. Auch die Jury war begeis- was. Heute hängt frisch gewaschene Strom hatten. »Wir hatten zeitweise
Wäsche auf der Leine, ein Schaukel- mut bedroht. fast ein Baustellenverbot, weil wir im-
* Namen der Kinder geändert. stuhl steht herum. Genug Anlass für Bertelsmann-Studie mer wieder auf Sachen hingewiesen

46 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


DEUTSCHLAND

haben, die nicht in Ordnung waren«, erzäh-


len die Schulleiterinnen.
2016 zog die Grundschule ein – in ein bun-
tes, kindgerechtes Haus. Hellblau und gelb
leuchten die Wände, der Fußboden auf jeder
Etage hat, zur schnellen Orientierung, jeweils
eine andere Farbe. Es gibt eine kleine Büche-
rei und ein großes Musikstudio mit Instru-
menten, einen Snoozle-Raum mit Matratzen
und Lichterketten zur Entspannung sowie ein
Zimmer, das mit Material aus der Montessori-
Pädagogik eingerichtet ist. Eine Etage höher
hat ein Sportlehrer ein Zimmer für moto-
pädische Arbeit ausgestattet, um mit Bewe-
gungsübungen Verhaltensauffälligkeiten ent-
gegenzuwirken.
Die Kinder der Fledermausklasse haben
für all das gerade keinen Blick. Sie toben über
den Schulhof, erobern das Klettergerüst, ja-
gen zwischen den Fußballtoren hin und her.
Erstklässler im Klassenzimmer 10 Uhr, Projektraum
»Hallo, es wäre schön, wenn Sie mich zurück-
rufen. Ayla hat am Mittwoch Schule, und die
war ja schon so lange nicht mehr da.« Anne
Kuhn, 60, und ihr Kollege Björn Montino,
33, Sozialpädagoge, sitzen in ihrem Büro und
telefonieren Familien ab, deren Kinder un-
entschuldigt fehlen. Bei Aylas Eltern erreicht
Kuhn nur den Anrufbeantworter. »Einige
Familien tauchen ab«, sagt sie.
»Ein Junge war seit Oktober nur einen Tag
in der Schule«, sagt Montino. »Er hat sich an
dem Tag sehr gefreut, aber seine Eltern halten
die Maskenpflicht für Kindeswohlgefährdung.
Deshalb haben sie ihn wieder zu Hause ge-
lassen.« Gespräche hätten zu nichts geführt,
sagt Montino. Er werde deshalb Jugendamt
und Familiengericht verständigen. »Einem
Kind die Schule vorzuenthalten, das halte ich
tatsächlich für Kindeswohlgefährdung.«
Schon vor Corona hätten sie Familien da-
von überzeugen müssen, dass der Schulbe-
such nicht freiwillig ist und dass Bildung für
Grundschule Herten-Mitte Kinder wichtig ist und sie ein Recht darauf
haben, sagt Kuhn. Durch die monatelangen
Schulschließungen und das Hin und Her zwi-
schen Wechsel- und Distanzunterricht habe
der Staat diese Verbindlichkeit seinerseits auf-
gekündigt. »Jetzt müssen wir hier und da wie-
der von vorne mit der Überzeugungsarbeit
anfangen.«

10.15 Uhr, Affenklasse


»Du machst mich fertig«, witzelt Stephanie
Lehmann und verdreht aus Spaß die Augen.
Erlan steht vor ihr mit einem Stapel Übungs-
heften, die er zu Hause abgearbeitet hat. Der
Drittklässler braucht so viel »Futter«, dass
die Lehrerin kaum mit dem Material nach-
kommt. Nur einige Aufgaben sind anders ge-
löst als besprochen. »Meine Mama hat gesagt,
dass ich das so machen soll«, sagt Erlan. »Ist
deine Mama der Chef in der Schule oder
ich?«, fragt Lehmann. »Du.«
Dann setzt sich die Lehrerin neben Ayla.
Utensilien in der Fledermausklasse »Was hast du von deinem Wochenplan ge-
macht?« Ayla guckt. »Wochenplan?« Die

Fotos: Dominik Asbach / DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 47
DEUTSCHLAND

30-köpfige Kollegium noch zurück-


gehalten, in der zweiten greifen die
meisten zu. Zucker! Eine Lehrerin
fällt in ihren Stuhl. »Boah, Mara hat
mich heute wirklich geschafft.«
Hier dürfen die Kollegen so etwas
sagen. »Es kann den Kindern ja nur
gut gehen, wenn es dem Team gut
geht«, sagt Susanne Schäfer. Im Som-
mer stünden für die Kollegen und
Kolleginnen Liegen im Innenhof be-
reit, zum Sonnen. Trotzdem ließen
sich manche versetzen, weil sie sich
an der Schule eben nicht wohlfühlten.
Die Schulleitung verlangt dem Team
viel ab: eine sehr individuelle Förde-
rung der Kinder ohne Standardlehr-
werke, intensive Elternarbeit, ständi-
ges Arbeiten an Konzepten.
Neues Personal zu finden ist an-
gesichts des allgemeinen Lehrerman-
gels in Herten vielleicht noch schwie-
riger als anderswo. Die Stelle der
Sonderpädagogin beispielsweise war
Neunjährige hat in den vergangenen ständig, sei es mit Schildern an Mag- Pädagoginnen einige Jahre lang unbesetzt.
Tagen gar nicht für die Schule gelernt. nettafeln, auf denen der Tagesablauf Schäfer, Lehmann:
»Ist deine Mama
Sie ist kein Einzelfall. Einige El- nachlesbar ist, oder beim »Wortarten- der Chef in der 12.30 Drachenhöhle
tern kümmern sich nicht darum, wie Treff«. Die Kinder versammeln sich Schule oder ich?« Drei Kuscheldrachen lümmeln sich
ihre Kinder lernen, teils schon des- dazu in einem Kreis aus Holzbänken. auf einem Regal, in dem Kisten mit
halb, weil sie mangels Deutschkennt- In der Mitte: fünf Kuscheltiere und Lego, Autos und Playmobil stehen.
nissen kaum helfen können. So sind fünf Schachteln, die unterschiedlich Die Drachenhöhle ist ein riesiges Kin-
die Lernunterschiede zwischen den beschriftet sind. Addi Adjektiv, Vera derzimmer, inklusive Küche. Miro,
Drittklässlern immens. Lehmann ak- Verben, Nobbi Nomen. Ayla nimmt Alex und Justin sitzen hier nach dem
zeptiert das. Sie geht darauf mit sich das Kuscheltier namens Addi. Unterricht mit der Betreuerin Kerstin
Übungsheften in verschiedenen Ni- »Ich mag Adjektive und fresse das Tulowietzki bei belegten Brötchen.
veaustufen ein – und lobt jedes Kind Wort ›leicht‹«, sagt sie. »Ok«, sagt »In der Pause wollten wir Fußball
für seine Leistung. Lara, »wie schreibst du das?« Ayla spielen, aber wir durften nicht, weil
So bearbeitet Tim in Mathematik buchstabiert: »l – e – i – c – h«. »Fehlt es so nass war«, sagt Miro. »Dann ha-
schon Aufgaben für das sechste Schul- da nicht was?« – »Ach, das t«, sagt ben wir uns Stöcke gesucht und Ho-
jahr und ist stolz darauf. Eric dagegen Ayla. Lara schreibt das Wort auf ei- ckey gespielt.«
kämpft sich durchs Einmaleins und nen Zettel, legt ihn auf Addis Schach- »Und das durftet ihr?«, fragt Tulo-
ist stolz, weil er den halben Aufga- tel und nimmt Thilo mit Nobbi dran. wietzki.
benzettel geschafft hat. Er kann sich »Langsam langweile ich mich«, be- »Da hat uns keiner gesehen.«
nur für begrenzte Zeit konzentrieren. schwert sich Lehmann, »ihr macht ja Die Drachenhöhle ist eins der
Liya steht beim Einmaleins noch alles alleine!« Ist natürlich nur ein Ganztagsangebote der Grundschule,
am Anfang. Sie spricht nur wenig Witz. Sie ist sehr zufrieden. »Wenn die staatliche Strukturen ergänzen.
Deutsch, hat bis vor Kurzem in einer die Kinder selbstständig lernen und In Nordrhein-Westfalen übernehmen
anderen Stadt gewohnt und ist dort Spaß daran haben, ist ein wichtiges ab Mittag oft freie Träger die Betreu-
selten zur Schule gegangen. Ziel erreicht. Leise und diszipliniert ung. In Herten-Mitte ist es die Arbei-
So lernen alle individuell, aber geht es auch noch zu. »Das war an- terwohlfahrt, die den Angaben zufol-
trotzdem gemeinsam. Lehmann holt fangs natürlich nicht so«, sagt Leh- ge ab Mittag rund 110 Kinder betreut.
die Kinder regelmäßig zusammen, mann, »aber ich habe mit den Kin- Alle Schülerinnen und Schüler er-
etwa zum »Rechtschreibfrühstück« dern oft besprochen, dass es mir und reicht das Angebot also nicht, zudem
zu Beginn des Unterrichts. »Damit anderen Kindern nicht gut geht, profitieren überwiegend Kinder be-
fangen wir an, weil der Kopf dann wenn sie laut und wild sind. Da wa- rufstätiger Eltern. Mit den jahrelan-
weiß, dass jetzt Lernen dran ist«, er- ren sie ganz erschrocken, das wollten gen politischen Versprechungen von
klärt Eric. Lehmann diktiert »In die- sie ja nun auch nicht.« mehr Bildungsgerechtigkeit durch
ser Woche regnet es sehr oft« und Die Wertschätzung, die sie den
lässt den Satz analysieren. Aljoscha Kindern entgegenbringt, fordert Leh-
erklärt, warum ein k bei »regnet« mann auch untereinander und für
39 % Ganztagsschulen hat das nur noch
wenig zu tun.
Manchen Eltern sei das System mit
falsch wäre. »Das kann man ableiten sich selbst ein. der Kinder in verbindlichen Anmeldungen für meh-
von ›Regen‹.« »Die Kinder lernen, rere Tage zudem zu starr, sagt Schäfer.
dass Rechtschreibung viel mit Logik 11.30 Uhr, Lehrerzimmer
Deutschland Sie hätten deshalb einen Verein ge-
zu tun hat«, sagt Lehmann dazu. Ein langer Tisch mit Stühlen drum he- haben einen gründet, der eine flexiblere Betreuung
Strukturen sichtbar machen, das rum, in der Mitte haufenweise Süß- Migrations- in der Drachenhöhle anbietet. Für
Leben und Lernen in eine Ordnung kram, darunter Schokoriegel, auf zwölf Euro im Monat, jeweils an ei-
gießen – darum geht es bei den Affen denen »Nervennahrung« steht. In hintergrund. nem festen Tag pro Woche. Schäfer
genau wie bei den Fledermäusen der ersten Pause hat sich das rund Bertelsmann-Studie weiß: Die große Ganztagsoffensive

48 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


DEUTSCHLAND

Einfach
für Bildungsgerechtigkeit ist dieses Bezahlan-
gebot nicht. »Aber wir nehmen in jedem Jahr-
gang ein Kind als ›Stipendiat‹ auf, also gratis.«

14 Uhr, Innenstadt Herten

mehr wissen
Ein-Euro-Läden, Handyshops, dazwischen
immer wieder abgeklebte Schaufensterschei-
ben: Die Fußgängerzone in der Hertener In-
nenstadt wirkt trist, der Niedergang des Berg-
baus hat in der einst stolzen Zechenstadt Spu-
ren hinterlassen, viele Menschen haben nur
wenig. Corona sei da nur noch eine weitere
Herausforderung, sagt Stephanie Lehmann
in der Mittagspause.
Zusammen mit Susanne Schäfer zeigt sie
dem SPIEGEL bei einem Spaziergang das Um-
feld der Schule. Und erzählt. Von Wohnun-
gen mit Schimmel an den Wänden, die sie se-
hen. Von Vätern und manchmal Müttern, die
ihre Familie verlassen. Von Kindern, die vom
Ordnungsamt zum Unterricht vorgeführt wer-
den, weil die Eltern sie nicht zur Schule schi-
cken – und die dann sagen: »Frau Schäfer,
schickst du morgen wieder die Polizei? Damit
ich wieder in die Schule gehen darf?«
Mehr Unterstützung durch Stadt und an-
dere staatliche Stellen, sagen Lehmann und
Schäfer, würde da schon guttun. Wie die aus-
sehen könnte?
Zum Beispiel so, dass Anträge auf sonder-
pädagogische Hilfe für Kinder nicht voreilig
abgeschmettert würden – diesen Eindruck
hätten sie zumindest manchmal. Oder so,
dass farbige Tafelkreide nicht abgelehnt wür-
Jetzt
de, wenn die Schulleitung sie schriftlich be- am
antragen müsse, wie weitere Büroausgaben
vom Klebestreifen bis zum Tonpapier.
Kiosk
Schäfer und Lehmann ist dieser »Bürokra-
tiewahnsinn« oft zu nervig. Weil der Staat zu
wenig in die Förderung von Bildungsgerech-
tigkeit investiere, zahlen sie Kleber, Kreide,
aber auch fast all das, was die Schule optisch
zu einem »Wohlfühlort« macht, oft aus eige-
ner Tasche: Wandschmuck, Möbel und na-
türlich Kuscheltiere wie Addi oder das Troll-
haus. Sogar um das WLAN hätten sie sich
selbst gekümmert und bezahlten es privat,
sagen die Schulleiterinnen.

16.05 Uhr, Schulleitungsbüro


Bleibt die Frage, wann eine Grundschule er-
folgreich für Bildungsgerechtigkeit eintritt.
Wie geht man eigentlich
»Ich müsste ja messen, wie gut ein Mensch
später im Leben zurechtkommt«, sagt Susan-
ne Schäfer. Klar, es gebe zum Beispiel die
mit Geld um?
Übergangszahlen zum Gymnasium am Ende
Diese und andere spannende Fragen zum Thema Finanzwissen
der vierten Klasse. Die seien bei ihnen »auch
gar nicht schlecht, aber das sagt doch nicht klärt »Dein SPIEGEL« in einer dreiteiligen Serie.
wirklich etwas aus«.
Dann zeigen die Schulleiterinnen auf eine
Pinnwand am Kopfende ihres Büros, vollge-
hängt mit Briefen.
Gerti schreibt: »Danke das ir so eine tolle
Schulleitung seit. Ich mag euch.«
Tamira schreibt: »ich wollte mich bei euch Mehr erfahren:
Endschuldigen. ihr seit Die Besten.« Daneben
hat sie zwei Herzen gemalt. www.deinspiegel.de
Silke Fokken, Armin Himmelrath ■

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 49


REPORTER

bei der Anruferin um Juliane Weber handel-


Masse und te, die legendäre Büroleiterin von Helmut
Kohl. Beim Rückruf war Frau Weber sofort

Macht, 1992 am Apparat. Sie teilte mir freundlich mit,


dass Helmut Kohl heute ja nach Hamburg
komme und sie ihm mein Schreiben in die
linke Jackentasche stecken würde. Ich sollte
FAMILIENALBUM Peter Schmidt, einfach auf ihn zugehen und ihn ansprechen.
75, aus Hamburg Der Empfang war im Börsensaal der Han-
delskammer. Der Kanzler, hieß es, habe
s habe eine Frau mit rheinischem schon nach Peter Schmidt gefragt. Als ich
E Tonfall angerufen, sagten sie mir im
Büro, am Freitagabend, kurz vor
Feierabend. Ich war Hamburger Bürger-
mich durch die Menge ans weiträumig ab-
gesperrte Podium vorarbeitete, signalisierte
mir der neue Landesvorsitzende per Hand-
schaftsabgeordneter für die CDU und zeichen, dass ich nach dessen Rede nach
Sprecher der Fraktion für Internationale oben auf die Bühne kommen sollte. Das
Beziehungen. Eine mir bekannte Linguis- geschah, und so stand ich nun allein mit
tin aus Schweden saß damals an einem dem Kanzler, abgeschirmt von den Gästen.
Buch über das »Du«, sie wollte in einer Kohl: »Schmidt, kennen Sie die Dame?«
Fußnote anmerken, wie es zum Du Ich beschrieb ihm kurz die schwedische
zwischen Helmut Kohl und Michail Wissenschaftlerin und ihr Buchprojekt.
Gorbatschow gekommen sei. Kohl sagte, er könne sich kaum noch er-
Das gestaltete sich als nicht ganz ein- innern, wie es zum Du mit Gorbatschow
fach. Meine Bitte an den Landesgeschäfts- gekommen sei. Aber dann, schon im Weg-
führer lief ins Leere. Man könne den Bun- gehen, schien es ihm wieder einzufallen,
deskanzler mit einer solchen Frage nicht denn er rief: »Schmidt, kommen Sie noch
behelligen. Also schrieb ich ans Kanzler- mal zurück! Es war in einer lauen Sommer-
amt. Kohl sollte demnächst für einen nacht. Wir landeten in einem Lokal, und
Abschiedsempfang nach Hamburg kom- plötzlich duzten wir uns. Ob Michail oder
men, es ging um unseren ehemaligen ich den Vorschlag machte, weiß ich nicht
Landesvorsitzenden, den Kohl selbst zum mehr. Es war auf einen Schlag normal. Sind
Verzicht auf das Amt gedrängt hatte. Sie nun zufrieden?«
Die Anruferin mit dem rheinischen Ton- Das war ich in der Tat. Nach einem Jahr
fall meldete sich am Montag erneut. Weil erhielt ich dieses Foto. Ich schaute darauf
ich auf einer Dienstreise war, verwies man zu unterwürfig drein, meinte meine Frau.
sie auf den Folgetag. Am Dienstag, pünkt- Ich konnte ihr nur entgegenhalten, dass sie
lich zum Bürobeginn um neun Uhr, ver- selbst nie so unmittelbar vor einem so
langte die Dame erneut nach mir. Sie hin- ‣ Sie haben auch ein Bild, zu dem Sie uns Ihre großen und massigen Menschen wie Helmut
terließ eine Telefonnummer in Bonn. Erst Geschichte erzählen möchten? Schreiben Sie an: Kohl gestanden habe.
da merkten meine Mitarbeiter, dass es sich familienalbum@spiegel.de Aufgezeichnet von Alexander Smoltczyk

CORONA-E TIKE T TE vileg. Die Maske symbolisiert standen haben, dass Masken anderen wahrzunehmen und
Einschränkung. Manche Männer schützen. in das eigene Verhaltens-
»Warum tragen haben daher wohl das Gefühl, Hark: Da dominiert oft die repertoire einzubeziehen. Über-
Männer die Maske sie werden entmännlicht, wenn Selbstvorstellung, dass Männer spitzt gesagt: Es gehört nicht
sie eine Maske korrekt tragen. unverletzlich sind. Viele denken zum Konzept Männlichkeit, im
häufig unter der SPIEGEL: Studien, in verschie- nach wie vor: Mir kann nichts Sozialverhalten Rücksicht auf
Nase, Frau Hark?« denen Ländern durchgeführt, passieren, weil ich die Situation andere zu nehmen.
zeigen, dass Frauen sich häu- beherrschen kann. SPIEGEL: Was also tun?
SPIEGEL: Es fällt auf, dass Män- figer an die Vorschriften zur SPIEGEL: Und was ist mit Rück- Hark: Ich habe eine Weile OP-
ner nachlässiger sind, wenn Pandemiebekämpfung halten. sichtnahme? Masken dabeigehabt und an-
es darum geht, sich und andere Hark: Die befragten Männer Hark: Nicht nur an mich denken, geboten. Es fällt schwerer, das
gegen das Virus zu schützen. empfanden Masken als Zei- sondern auch an die Gefähr- abzulehnen, weil es ein Ge-
Warum ist das so? chen von Schwäche. Für man- dung der anderen, das scheint schenk ist. FIE
Hark: Es gehört zur Sozialisa- che sind Masken eine Form eine komplexe Anforderung
tion von Männlichkeit, dass von Angriff und eine Bedro- zu sein, die aus Sozialisations- Sabine Hark, 58, ist Soziologin
Männer sich ungehindert in der hung ihres Sozialstatus. gründen Frauen leichter fällt. mit dem Schwerpunkt
Öffentlichkeit bewegen können. SPIEGEL: Trotzdem sollte Frauen werden stärker dazu Geschlechterforschung an der
Das ist ein rein männliches Pri- doch inzwischen jeder ver- erzogen, die Bedürfnisse von TU Berlin.

50 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


»Schrott« vergangener Sondelgänge.
Metallringe eines Pferdegeschirrs, ein

Das Glück des Sondlers paar verrostete Glieder einer Eisen-


kette, ein Teil eines Beils, alte, ros-
tige Werkzeuge. »Früher gab es ja
keine Müllabfuhr, da landete alles
EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Warum ein Mann in Schleswig-Holstein Mögliche auf dem Misthaufen und
jahrelang denselben Hügel bestieg der Mist dann irgendwann auf dem
Acker.«
Aber der Hügel sah einfach zu per-
Es war eine
E r liegt nördlich von Bohnert,
zwischen Schlei und Ornumer
Noor, unbebaut, nur schwere,
nackte Erde, von der Straße kaum zu
Die Erde bewahrt Vergangenheit.
Jedes Stück, das gefunden wird, ist
ein Unikat, nichts davon wächst nach,
wenn es geraubt und auf Ebay ver-
gute Lage,
sehr passend
fekt nach einem Grab aus der Bronze-
zeit aus, um nach dem ersten Versuch
schon aufzugeben. Es gab auch einen
Hinweis in den lokalen Archiven,
sehen; Wallhecken, die hier in Schles- scherbelt wird mit der Lüge: stammt für eine re- deswegen bestieg Struckmeyer den
wig-Holstein »Knicks« heißen, ver- aus einer Altsammlung. Hügel erneut. Und wieder. Und
sperren den Blick. Aber Christian Für jemanden wie Struckmeyer präsentative wieder.
Struckmeyer wusste, dass der Hügel muss ein guter Grund her, um im Ruhestätte Sechs Jahre lang kehrte er regel-
dort war. Er ist auf seinen Karten ver- Boden herumzubuddeln. Wissen- mäßig zum Hügel zurück, meist nach
zeichnet – und er sah vielverspre- schaftliches Wissen zu vergrößern
damals. der Ernte. Und fand: nichts. An an-
chend aus. Eine gute Lage, eine gute ist ein guter Grund. Struckmeyers deren Orten hatte er mehr Glück, er
Höhe. Sehr passend für ein herr- Spezialgebiet ist die Bronzezeit, als ersondelte, unter anderem, eine Mün-
schaftliches Grab mit weitem Blick die Menschen im späteren Deutsch- ze aus der römischen Kaiserzeit, ein
über das Land, für eine repräsenta- land nicht den christlichen Gott ver- Kugelzonengewicht, einen Spinnwir-
tive letzte Ruhestätte, damals, in der ehrten, sondern wohl die Sonne, als tel aus dem Frühmittelalter, mehrere
Bronzezeit, vor rund 3000 Jahren. sie Emmer und Windenknöterich Nadeln, ebenfalls aus der Bronzezeit.
Struckmeyer ist Wirtschaftsinge- aßen und einander gelegentlich mit
nieur, er arbeitet für eine Versiche- Steinäxten erschlugen. Im November des vergangenen Jah-
rung, so verdient er sein Geld. Seine Was immer Struckmeyer findet, res, an einem sonnigen Sonntag ge-
Leidenschaft aber gilt der Archäo- geht ans Archäologische Landesamt gen 14 Uhr, ging Struckmeyer erneut
logie, seit Langem schon. Als Kind Schleswig-Holstein, »denn die Funde über den Hügel, der wie in den Jah-
begeisterte er sich für Historienroma- gehören nicht dem Finder, sondern ren zuvor gepflügt worden war. Die-
ne, später las er dann auch Fachlite- der Allgemeinheit«. ses Mal hatte der Pflug wohl tiefer in
ratur, arbeitete sich ein in Methoden, Struckmeyer genügt als Lohn das die Erde gegriffen, hatte ein Stück
Regularien. Vor 13 Jahren war der gute Gefühl, etwas Sinnvolles in weit emporgeschoben, was seit mehr
Zeitpunkt erreicht, wo er nicht mehr seiner Freizeit zu tun, und das auch als drei Jahrtausenden in der Erde
nur lesen, sondern selbst Dinge fin- noch an der frischen Luft. ruhte. Der Detektor schlug an, ein
den wollte, alte Dinge. Struckmeyer helles, klares Signal.
wurde Sondler. Den Hügel an der Schlei ist Struck- Struckmeyer nahm einen Spaten
Sondler sondeln, so sagen sie es meyer das erste Mal vor sechs Jahren zur Hand, schob ihn in die Erde, in-
selbst. Sie suchen mit Metalldetekto- mit seiner Sonde abgegangen, nach spizierte den Aushub und das Loch
ren nach Wertvollem im Boden, man der Maisernte. Gefunden hat er da- Struckmeyer mit mit dem Detektor und fand nach kur-
Sohn Mads und
kann sie grob in drei Gruppen eintei- mals nichts. Zumindest nichts von Detektor, Ausriss
zer Suche den reich verzierten Knauf
len: Da sind die Schatzsucher, sie tau- Wert. Im Kofferraum seines Bullis hat von der Website eines Schwertes aus der Bronzezeit,
chen an Badestränden auf, oft mittel- er einen großen Plastikeimer mit dem Kn-online.de eine kostbare Grabbeigabe für einen
alte Männer mit einem Gerät in der Toten auf seiner Reise ins Jenseits.
Hand, das vage an einen Rasen- Struckmeyer jubelte. Er war sich
kantenschneider erinnert, und Kopf- sicher: Wo ein gut erhaltener Schwert-
hörern auf den Ohren. Langsam gehen knauf zu finden war, lag noch mehr.
sie den Strand ab, der Detektor Im Laufe der folgenden Wochen such-
pendelt von links nach rechts, und sie te er erneut, fand drei weitere Teile
warten, dass es piept, dass Geld oder des Schwertes, alles ging ordnungs-
Ringe oder irgendetwas anderes von gemäß ans Archäologische Landes-
der Sonde gefunden wird. amt, wo man sehr glücklich war über
Die Mitglieder von Gruppe zwei den Fund, ihn im März in der Regio-
interessieren sich nicht für Verlore- nalpresse feierte, ihn »eine Selten-
nes, sie suchen nach wertvollen Arte- heit« und »wichtig« nannte, denn
fakten, nach Münzen, Messern, altem viel ist nicht erhalten aus der Zeit vor
Schmuck, den sie dann verkaufen, drei Jahrtausenden.
illegalerweise. Raubgräber nennt Struckmeyer wurde nun ein we-
Struckmeyer diese Leute, und er ver- nig berühmt, posierte mit Basecap,
achtet sie. Sohn, Detektor und Spaten für die
Er selbst zählt sich zu Gruppe »Kieler Nachrichten«. Und hat vor,
Rainer Krüger

Nummer drei, einer Minderheit, der den Hügel im Herbst wieder zu be-
es nicht ums schnelle Geld geht. gehen. Die Spitze des Schwertes fehlt
Struckmeyer fühlt sich zu Höherem noch. Struckmeyer will sie finden. Er
berufen, der Boden ist für ihn nicht ist erst 46 Jahre alt. Er hat noch Zeit.
einfach Boden, er ist ein Denkmal. Uwe Buse ■

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 51


REPORTER

VÖ L K E R,
HÖ RT
D I E
S I GNAL E

Michel Bulcourt,
Partei- und Gewerkschaftssekretär

52 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


REPORTER

TRADITION D e m o k r a t i e l e b t v o m W e c h s e l . W a s a b e r, w e n n d i e
Wähler gar keinen Wechsel wollen? Besuch in der französischen Gemeinde
Le Martinet, wo seit 100 Jahren die Kommunisten regieren –
w e i l d a s i m m e r s c h o n s o w a r. Von Alexander Smoltczyk und Maurice Weiss (Fotos)

ür gut 1420 Meter ändert die Departe- Ergebnis gewesen wären. In Le Martinet hat ihm die Reden, zitiert aus der Parteizeitung
F mentstraße 59 ihren Namen und heißt
»Rue de l’Humanité«, Menschheitsstra-
ße. Das mag etwas hoch gegriffen sein, selbst
die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) und ist zuständig für den korrekten Ablauf
das Rathaus nie verloren, seit es Wahlen gibt. der Feierlichkeiten zum 100. Jubiläum.
Hat sie hier die Formel für ewigen Wahlerfolg Gemeindeverwaltung und Politik, sagt
wenn gerade die Bürgersteige erneuert wur- gefunden? Mercier, seien eins. »Man sagt, dass es in ei-
den. Aber ganz falsch ist es auch nicht, und Le Martinet ist ein Lehrstück, für Frank- nem Dorf keine Politik gebe. Wir denken das
irgendjemand muss die Fahne ja hochhalten. reich, für andere Länder, sogar für die kom- Gegenteil.« Er erzählt, wie der Gemeinderat
»Wir sind in Frankreich die Einzigen«, sagt mende Bundestagswahl. Demokratie ist Herr- auf Sondersitzungen immer zur Weltpolitik
Michel Mercier, der Bürgermeister von Le schaft auf Zeit. Sie lebt vom Wechsel. Davon, Stellung genommen hat. Für Nelson Mandela,
Martinet, einer 778-Einwohner-Gemeinde im dass es Alternativen gibt; davon, dass die den südafrikanischen Freiheitshelden; gegen
Süden Frankreichs. Das Rathaus ist die Num- Menschen Alternativen wollen. Was aber, den Schuman-Plan, der die Zusammenlegung
mer 737 in der Rue de l’Humanité, bei den wenn die Wähler und Wählerinnen möchten, der deutschen und der französischen Kohle-
letzten Wahlen zum Gemeinderat hat eine dass alles einfach immer so weitergeht? und Stahlproduktion vorsah. Und natürlich
Liste der Kommunisten hier 92,13 Prozent Als sich im Oktober 1921 der Parti Com- gegen die Verurteilung des Ehepaars Rosen-
der Stimmen bekommen. muniste Français für gegründet erklärte, hielt berg in den USA, dem Rüstungsspionage für
92,13 Prozent. in der gerade eben gebildeten Gemeinde die Sowjetunion vorgeworfen wurde. Das
»Wir sind die Letzten«, das sagt, in der Le Martinet der Rat seine erste Sitzung ab: war 1953. Im selben Jahr erging aus Le Mar-
Hausnummer 936, die pensionierte Kunstleh- 16 klassenbewusste Gewerkschaftler, Berg- tinet auch eine Grußbotschaft an »das Sow-
rerin Thérèse Roualet. Sie malt jetzt selbst. leute allesamt, die wussten, wo ihr politischer jetvolk«, zum Tode Stalins, in Schönschrift.
»Das ist doch hier eine Folkloreveranstal- Platz war. So kam es, dass Le Martinet die Thérèse Roualet, die pensionierte Lehrerin,
tung.« Es klingt, als bedauerte sie, dass aus- Geschichte betrat als die erste frei gewählte sitzt in dem Zimmer, wo sie vor 70 Jahren ge-
gerechnet in Le Martinet die Kommunisten kommunistische Gemeinde Frankreichs. Ein boren wurde, als Tochter des damaligen Dorf-
so stark geblieben sind. Bei den letzten Par- Dorf, in dem noch heute auch zu Weihnach- lehrers. Sie gehört zu denen, die nach einem
lamentswahlen kamen sie in ganz Frankreich ten keine Kirchenglocke läutet und wo im Leben im Norden zurückgekehrt sind. Die
auf gerade mal 2,7 Prozent. Rathaus kein Porträt des Staatspräsidenten Roualets haben sich das Familienhaus zu einer
Roualet zeichnet eine Landkarte vor sich zu finden ist. Kunstkammer ausgebaut, einer Schatulle, in
auf den Tisch, in die Krümel zwischen Wild- »Hat hier noch nie gehangen«, sagt Michel der jede Fliese, jeder Winkel eine Bedeutung
schweinwurst und Ziegenkäse: »Da ist der Mercier, der Bürgermeister. Er ist ein wenig hat. Es ist das schönste Haus im Dorf.
Pont du Gard. Hier am Käse beginnen die nervös, mit der Auslandspresse in seinem Sie erzählt, wie eine Kollegin, damals in
Cevennen. Und das ist die Chauvet-Grotte. Büro, erzählt von universellen Werten und Paris, bei der zufälligen Erwähnung von Le
Alles als Unesco-Kulturerbe geschützt.« dem Haushaltsposten III.B.1, »Ausbau des Martinet bleich geworden sei. »Als Schul-
Dann tippt sie in die Mitte des Dreiecks. Festsaals«. inspektorin hat man sie hier einmal einge-
»Und wir sind hier. Le Martinet. Die einzige Woran sich im Stadtbild erkennen lasse, mauert. Die Eltern wollten so die Schließung
Gemeinde mit makellosem Parteistamm- dass Le Martinet diese ruhmreiche Geschich- der Mittelstufe verhindern.« Ihre Kollegin sei
baum.« Kleine Pause. »Die Unesco sollte uns te hat? »Da stellen Sie mir aber eine Frage.« bis zuletzt überzeugt gewesen, dass auch die
vielleicht auch …« Mercier überlegt eine Weile. Natürlich gebe damalige Schulleiterin mitgemauert habe.
Frankreich 2021: Der eine redet vom Über- es keine Arbeiterfresken wie in Russland. Nur Das Collège mit den höheren Klassen gibt es
leben, die andere von Überlebtem. Beide mö- diesen Stern vielleicht, am Stadion. heute noch in Le Martinet.
gen einander nicht besonders. Aber beide le- Aber die Volkserziehung, der Zugang zur Als Bürgermeister Mercier von dieser Ge-
ben im selben Dorf, einer Form des Sozialen, Kultur – all das habe die Partei immer betrie- schichte hört, reagiert er wie ein stolzer Vater:
wo man voneinander mehr weiß, als manch- ben, weswegen es auch eine Bibliothek gebe »Sehen Sie? Und was meinen Sie, wie wir
mal gut ist, und auch weiß, wann es besser und viele Arbeiterkinder keine Arbeiter ge- unsere Postfiliale behalten haben? Wir haben
ist zu schweigen. worden seien – »ich zum Beispiel«. die Leiterin der Postfiliale einen Tag lang ein-
Ihr Dorf Le Martinet hat keine Dichterin Mercier ist Architekt. Seine Schwester gesperrt. Das ist Teil der lutte, des Kampfs.«
hervorgebracht, keinen Trash-TV-Star und Line, eine hagere Apothekerin, gilt als die Der Kommunismus kam mit der Kohle ins
als Fußballer nur Robert Siatka, genannt »das Chefideologin der Kommune, sie schreibt Dorf. Die lag so offen zutage, dass die Bauern
Pferd«, seines Laufstils wegen. Der stand mit sie im 19. Jahrhundert mit dem Spaten aus-
Reims 1956 im Finale der Landesmeister und gruben, um ihre Steuern damit zu bezahlen.
verlor. Die Gemeinde, eine von Frankreichs Denn Geld gab es wenig in den Cevennen,
34 965 Communes, liegt in einer Mulde des die meisten lebten nahezu autark. Um die
Cevennen-Gebirges, in Südfrankreich, weit Jahrhundertwende wurden überall Schächte
ab von Lavendel und Instagram-tauglichen Paris und Stollen in die Hügel getrieben und die
Stadtkernen. FRANKREICH Kastanienwälder für die Streben abgeholzt.
Der Ort wäre kaum jemandem der Rede Die Kohlefirmen warben Bergleute an aus
wert, wenn nicht im übrigen Departement Le Martinet dem Norden, aus Polen, Italien und aus den
die extreme Rechte von Marine Le Pen stark nordafrikanischen Kolonien.
an Zulauf gewinnen würde. Und wenn nicht Es gab nur zwei Orte, wo Herkunft nichts
92,13 Prozent in Le Martinet das erwartete Marseille S zählte. Zwei streng hierarchische Organisa-

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 53


REPORTER

tionen, die den Blick auf ein besseres Ein contrat social, der das Nachkriegs-
Morgen richteten: die Kirche und die frankreich zusammengehalten hat,
Kommunistische Partei. Als Le Mar- weil ihn Kommunisten und Gaullis-
tinet im September 1921 zum ersten ten gleichermaßen unterschreiben
Mal seinen Gemeinderat wählte, war konnten.
es nicht der Pfarrer, auf den man ge- Dann machte die Mine zu, Le Mar-
hört hatte. tinet verlor zwei Drittel seiner Ein-
Die Zeche hat die Gebäude geformt wohner, aber Bombarde hatte sein
wie ihre Bewohner. Ein Lokschuppen, Häuschen und seine Rente, und den
der Übungsraum der Bergwerkskapel- Parteiausweis behielt er auch – »ob-
le »Harmonie«, die Häuser der Inge- wohl jetzt schon lange keiner mehr
nieure und die der Kumpel, alles so ge- gekommen ist, um zu kassieren«.
mauert, dass es überdauern konnte. Aus dem Container hat er eine Tri-
Der Putz am Altenheim ist schwarz kolore geholt. Die sei, sagt er, noch
angelaufen, aber die Bänke stehen, von 1944, von der Befreiung. Es habe
unbeschmiert, in Sichtweite des Ska- zwei Widerstandsgruppen gegeben.
teparks. Alles ist ein wenig schäbig, In den Bergen oberhalb des Friedhofs
wie es eben wird, wenn das Budget kämpften die Gaullisten, gegenüber
überschaubar ist. Nicht immer schön, die Kommunisten. »Die Unsrigen
aber es versieht seinen Zweck. erschossen die Nazi-Kollaborateure
Einer der drei übrig gebliebenen gleich oder warfen sie in den Schacht.
Bergleute ist der 87-jährige François Die Gaullisten machten es genauso,
Czernecki, genannt Bombarde. Nach aber ließen vorher noch den Priester
der bretonischen Tröte, dabei stammt kommen.«
seine Familie aus Kattowitz. Mit 14 Später seien Deutsche zur Zwangs-
Jahren ist er zum ersten Mal einge- arbeit in der Mine gekommen, und
fahren. Sitzt jetzt unter einem Kasta- manche seien auch geblieben. Einer
nienbaum und erklärt einem Enkel hat den Sturm auf die Bastille gemalt,
die Grundlagen des Nutzgärtnerns: »In Le Martinet wird man drüben im Rathaus, und ein Fresko
»Ein Glas Diesel auf einen Liter Was- im Café, um dort seine Schulden zu
ser und dann rauf auf die Karotten. Kommunist durch Geburt.« bezahlen.
Das vertreibt die Schnecken.« Michel Mercier, Bürgermeister, All das erzählt Bombarde mit har-
Der Container neben ihm dient als Rue de l’Humanité Nr. 737 tem Südfrankreich-Akzent und ohne
Altentreff. Die Halbstarken, drüben Pausen zwischen den Sätzen, und ein-
auf den Treppenstufen, sagen: place mal seien sie für eine Woche nach
des râleurs, Platz der Meckerer. Deutschland gefahren mit der Kapel-
Froh, endlich einmal wieder da- le »Harmonie«, hätten Bier getrun-
nach gefragt zu werden, erzählt Bom- ken, und die jungen Deutschen moch-
barde, nebenbei nach Fotos kramend, ten die Franzosen nicht. »Das sind
von der Zeit, als Le Martinet noch die Erinnerungen«, sagt Bombarde,
nicht von vorgestern war: »Man das sei das Leben.
machte zwei Schichten, je vier Mann, »Die Neuen«, er zeigt auf die Grup-
die Compagnie zahlte uns nach Lo- pe Jungs am Ende der Straße, die auf
ren. Oder nach Metern.« den Autos ihrer Eltern hocken, die sei-
Sie hätten gemeinsam Lämmer ge- en anders. »Keine Ahnung, wovon die
grillt. Fast alle hatten die Karten der leben. Gehen ins Rathaus mit irgend-
linken Gewerkschaft CGT und der welchen Papieren. Dabei sind die be-
Partei. Entlang der Rue de l’Huma- stimmt nicht in der Partei. Und wir
nité standen einmal 20 Bars, ein öf- mit unserer Arbeit müssen immer für
fentliches Badehaus, zwei Tanzcafés, alles bezahlen. Jedes Medikament.«
ein Bordell (etwas abseits) und zwei Man merkt, wie groß die Angst vor
Filmtheater. Und eine Brauerei. In Veränderung ist. Die Sehnsucht nach
den Hinterstuben wurde Karten ge- dem Vertrauten. Und man spürt, dass
spielt, weil es zu Hause eng war und es jetzt nur noch ein kleiner Schritt
die Kinder quengelten. Es gab ein wäre ans andere Ende des Spektrums.
Volkshaus, in das aber nur die Män- Dass Le Martinet und Marine Le Pen
ner gingen. nicht nur einige Buchstaben gemein
Czernecki erzählt von dem großen haben.
Streik 1963 und davon, wie die So- Bürgermeister Michel Mercier hat-
zialisten mit ihrem Mitterrand dann te erzählt, wie sie während der
alles verraten hätten. 1985 wurde der Flüchtlingskrise eine Wohnung her-
letzte Schacht gesprengt. gerichtet hätten, für eine syrische Fa-
»Ich habe meine 30 Jahre gemacht. milie. Die ist dann aber nicht gekom-
Dafür bekam ich ein Haus und meine »Das ist hier eine men. »Man hätte bei der Unterprä-
Rente.« Das war der Vertrag mit der fektur nachhaken können. Aber das
Kohlegesellschaft und letztlich mit Folkloreveranstaltung.« ist nicht passiert. Wir haben auch un-
der Republik: Die Leute arbeiteten Bertrand und Thérèse Roualet, Lehrer im Ruhestand, sere Schwächen. Darf man sich nichts
und hatten dafür ein Auskommen. Rue de l’Humanité Nr. 936 vormachen.«

54 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


REPORTER

Politik ist manchmal von Haltung Der Mann der Bibliothekarin,


geprägt, von rechts und links, von Jean-Claude, hat sich eine Hebebüh-
Überzeugungen. Sehr viel häufiger ne in ihr Cevennen-Haus oben im
allerdings von Tradition. Davon, was Wald montieren lassen. Dort schraubt
die Eltern gewählt haben und die er an einem seiner fünf Ford Mus-
Großeltern. Die Kommunistische Par- tangs herum. So einen 1967er-Motor
tei in Le Martinet hat damit bis heute zu zerlegen, sagt er, sich in die Fein-
Erfolg, auch Angela Merkels Wahl- heiten der Mechanik einzuarbeiten,
kämpfe zielten darauf ab: »Sie ken- das mache er aus Geschichtsbewusst-
nen mich.« sein: »Da haben sich Menschen ein-
Oder wie es, ohne einen Hauch mal viel Mühe gegeben, das zu ent-
Ironie, der Bürgermeister sagt: »In wickeln. Sich damit zu beschäftigen
Le Martinet wird man Kommunist ist eine Sache des Respekts.«
durch Geburt.« Auch V8-Motoren haben etwas
Bis in die Sechziger noch wusste gemeinsam mit der Kommunistischen
jeder in Frankreich, wer mit »die Partei.
Partei« gemeint war. Mit nationalen Das Tal ist eng, die Sonne kommt
Wahlergebnissen von bis zu 28 Pro- spät über die Kuppen. Wer heute
zent war der PCF lange eine der wich- nach Le Martinet zieht, tut das nicht
tigsten kommunistischen Parteien in wegen der Arbeit oder der Wahl-
Westeuropa. Die Machtübernahme ergebnisse. Es sind meist Ruheständ-
schien nur eine Frage der Zeit. Pi- ler oder Eigenbrötler. Oben im Wald
casso, Sartre, Aragon, Yves Montand lebt eine Familie seit Jahren in einer
waren selbstverständlich in der Partei mongolischen Jurte.
oder standen auf ihrer Seite. Noch Vor allem aber sind es Familien mit
bis in die Achtzigerjahre war Paris vielen Kindern und unsicheren Finan-
von einem »roten Gürtel« kommu- zen, die hierherziehen, weil sie sich
nistischer Vorstädte umzingelt, und die Großstadt nicht mehr leisten
ohne Unterstützung der Partei wäre »Ich bin Kommunist, weil das hier können und ihr Leben mit Minimal-
ein François Mitterrand 1981 nicht einkommen lieber dort fristen, wo es
Präsident geworden. mein Land ist. Europa sagt mir nichts.« nicht auch noch ständig regnet.
In ihrer eigenen Mythologie ist die- Thierry Bouschet, Postangestellter, Vielleicht haben sie Klassenbe-
se Partei die legitime Erbin der Sans- Rue de l’Humanité Nr. 434 wusstsein, ganz sicher wissen sie, dass
culotten von 1789, die Nachfolgerin Schulklassen in Le Martinet mehr für
der Résistance gegen die Nazis und Hefte und Bücher dazugegeben wird
natürlich der glorreichen Pariser als anderswo. Dass es ein kommuna-
Commune von 1871, des Vorbilds der les Freibad gibt und den Skatepark
Räterepublik schlechthin. In der Dorf- und man sich damit teure Sommer-
bibliothek, Haus Nr. 717, wird diese ferien sparen kann. Das Defilee am
Geschichte bewahrt. Dort findet sich 1. Mai nehmen sie dafür gern in Kauf.
eine »Große Geschichte der Com- Der 67-jährige Parteisekretär Mi-
mune«, eine der »Résistance« – die chel Bulcourt ist mit 14 Jahren in die
Bände dienen als Tischbein für eine Partei eingetreten. Aus Treue zu sei-
Auslage von Schmökern. nem Vater. Der sei schwer krank aus
»Die Leute haben andere Vorlie- dem Krieg zurückgekommen. »Er
ben«, sagt die Bibliothekarin. »Sie war in Deutschland.« Wo genau? »In
wollen Fiktion.« Dany Périchaud, Mauthausen. Ja, dem Lager.«
ehemalige Stewardess, arbeitet hier Die Partei hat im Dorf jetzt noch
ehrenamtlich. So wie sie auch die 34 mehr oder weniger regelmäßig zah-
Country-Dance-Gruppe animiert, lende Mitglieder. Ihre real existieren-
den Handarbeitszirkel und eine Frau- de Aufgabe bestehe darin, Folklore zu
en-Fitness-Assoziation. »Ich bin ei- liefern, außerdem erlaube sie »zwei,
gentlich eher rechts. Aber hier wähle drei Familien, ein wenig Nomenklatu-
ich links, weil ich meine Sachen dann ra zu spielen«. So sieht das Jean-Louis
besser durchbekomme.« Roques. Er, seine Tochter und deren
Es gibt gut 20 Vereine und Grup- Lebensgefährtin betreiben den Le-
pen in Le Martinet, personell eng ver- bensmittelladen des Ortes (Nummer
knäult, und über nichts scheint mehr 692) und die einzige Gaststätte.
geredet zu werden als darüber, wer Wer Roques zuhört, kann sich vor-
wie viel von wem bekommen hat. stellen, wie das war bei den französi-
Denn wie in allen kleinen Gemein- schen Revolutionen. Er hätte den
schaften entscheiden auch in Le Mar- Kopf des Tyrannen am lautesten ge-
tinet letztlich die Alteingesessenen, fordert, hätte erst die Aristokraten an
diejenigen mit dem richtigen Famili- »Ich wähle links, weil ich meine die Laternen gehängt und dann ihre
ennamen. Nur dass man hier mit dem Weinkeller geleert. Roques ist je-
Familiennamen auch das kommunis- Sachen dann durchbekomme.« mand, der in jedem Kompromiss ei-
tische Parteibuch in die Wiege gelegt Dany Périchaud, mit einem Ford Mustang, nen Verrat am peuple, am Volk, an
bekommt. Rue de l’Humanité Nr. 717 den Elenden und Entrechteten wit-

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 55


REPORTER

tert. Dreimal hat Jean-Louis Roques seinen fe. Kleiderständer stehen an der Straße, Alt- »Er wird es besser machen«, sagt Aurélie
Parteiausweis zerrissen und »denen« vor die möbel, Kartons mit Plastikspielzeug, alles an- Cusset. Und beiläufig, dass ihr leiblicher Sohn
Füße geworfen, den Weichgespülten, Oppor- gestoßen, unansehnlich, gebraucht, aber zu jetzt genauso alt sein müsste, wäre er nicht
tunisten, Pöstchengeilen. schade, um nutzlos herumzustehen. Wie sich beim Krabbeln aus dem Fenster gestürzt. Sie
Dreimal ist er wieder eingetreten. auch Aurélie Cusset gesagt hat, dass sie ge- wolle, sagt sie, aufrecht leben. Mehr nicht. Sie
Er war Busfahrer in der Pariser Banlieue, braucht wird. »Die Leute sind dankbar da- nennt es »Glücksbärchi-Welt«, aber das Haus
gründete eine autonome Gewerkschaft, weil für«, sagt Cusset. Sie ist 38 Jahre alt und Nummer 455 ist das, was einem Urkommu-
ihm die CGT zu weich war, und ging mit 50 schiebt in dem Einkaufswagen vor sich ein nismus in Le Martinet am nächsten kommt.
Jahren wutentbrannt in Rente. Baby – »meine Enkelin«. Vielleicht ist das die Lehre von Le Martinet:
Jetzt ist er wie ein alter Lachs in seinen Mithilfe von Rathaus und Jean-Louis Ro- Menschen brauchen Brauchtum, auch wenn
Geburtsort zurückgekommen. »Kommunist ques’ Dorfladen verteilt die Volkshilfe Le- es als Kommunismus daherkommt. Sie brau-
sein heißt, anderen etwas zu geben. Das ma- bensmittelpakete, organisiert Trödelsamm- chen Bäcker, Laden, Kneipe und Räume für
che ich. Ich habe diesen Laden vor acht Jah- lungen. »Keiner von uns wird bezahlt. Ich be- kuriose Selbstorganisation, von Country-
ren aufgemacht und das Restaurant. Jetzt ge- komme Arbeitslosengeld. Was ich tue, tue Dance bis Häkelkreis. Ohne das ist alles nichts.
schlossen wegen Covid, okay. Sind sowieso ich für andere. Damit wir keine Nummern Für den 46-jährigen Thierry Bouschet vom
beide nicht rentabel. Mir egal.« sind.« Von den Feierlichkeiten zu 100 Jahren geretteten Dorfpostamt ist Kommunismus
Da hilft es, eine Erbtante zu haben, die in Kommunismus im Dorf hat sie gehört, meint Heimat. Er sagt: »Ich bin Kommunist, weil
Paris, gleich gegenüber vom späteren Centre aber: »Kommunismus …? Alle Parteien wol- das hier mein Land ist. Die Wurzeln, die Bäu-
Pompidou, eine Schanklizenz erwischt hatte len nur Macht. Wissen Sie, wovon ich träume? me, die Erde. Europa sagt mir nichts.«
und nach kurzer Zeit sehr reich und sehr Von einer Welt ohne Grenzen, wo sich die Leu- Es ist etwas Anrührendes, weil Trauriges
reaktionär wurde. Ihr Neffe verwendet die te helfen, ohne Geld und Macht. So wie frü- an diesem Dorf. Denn irgendwann wird man
Erbschaft jetzt im Sinne des Volkes und ver- her im Fernsehen, die ›Bisounours‹.« »Glücks- sich auch in Le Martinet wundern, dass Jahr
schenkt Tantchens Flaschen an die Durstigen bärchis« hieß die Serie in Deutschland. für Jahr am 1. Mai eine rote Fahne die Rue
und Beladenen. Für sie ist dieses Dorf auch ein Abkling- de l’Humanité entlanggetragen wird. Irgend-
»Mein Vater«, sagt Roques, »ist für die Par- becken, nach dem Leben in den Vorstädten. wann wird es nicht mehr reichen, Funktio-
tei ins Gefängnis gegangen. Er war dusselig »Mein Adoptivsohn kam zu Besuch und ist näre einzusperren, um Post und Schule zu
genug, sich mit Flugblättern erwischen zu las- geblieben. In der Pariser Region war er bei behalten. Und dann droht etwas, was der
sen. Ich wollte in der Linie bleiben. Aber glau- den falschen Leuten.« Der Gemeinte steht Schriftsteller Michel Houellebecq für weite
ben Sie nicht, dass mich jemand im Rathaus breitbeinig neben ihr. »Zu viele schlechte Er- Teile der französischen Provinz beschrieben
grüßt. Obwohl ich Teil ihrer Liste bin.« innerungen«, meint er nur, zieht den Kopf hat: »Die einheimischen Bewohner der länd-
Trotz ist ein wichtiges Motiv, Tradition. tief zwischen die Schultern beim Anzünden lichen Gebiete waren fast alle verschwunden.
Und Treue: zu einer Überzeugung, zu einer der selbst gedrehten Zigarette. Dann schultert Neuankömmlinge aus der Stadt mit ausge-
Utopie. Seit 100 Jahren ist dieses Cevennen- er einen Nähmaschinenschrank und trägt ihn prägtem Unternehmungsgeist und bisweilen
dorf ein Praxistest für den kommunistischen jemandem nach Hause. auch gemäßigten ökologischen Überzeugun-
Traum. Bis heute hält es die Erinnerung daran gen, die sich mitunter vermarkten ließen, hat-
wach, was die Menschen in Europa einmal ten sie abgelöst.«
unter Gerechtigkeit verstanden haben. Es ist Bertrand, der Mann von Thérèse
Das gilt selbst dann, wenn in der Umset- Roualet, der Künstlerin, dem schließlich ein
zung aus Internationalismus, Gerechtigkeit, Bild einfällt für dieses Dorf: »Der Kommu-
Gleichheit am Ende ein Häuschen mit Garten nismus in Le Martinet ist wie ein altes Schiff,
geworden ist, erschwinglich für jeden Kumpel, das von allein weitertreibt«, sagt er. »Eines
und auch für den mit einem polnischen Nach- Tages wird es stehen bleiben. Aber dann wird
namen. es nichts anderes mehr geben.« Es ist wie in
Zugleich hat auch in Le Martinet der Kom- den »Bugs Bunny«-Filmen: Jemand rast über
munismus seine eigene Grundlage zerstört. eine Klippe ins Leere, rennt und rennt – und
Denn die Kinder der Arbeiter wurden keine stürzt erst in dem Moment, als er unter sich
Arbeiter, sie studierten Architektur wie Mi- schaut, in den Abgrund.
chel Mercier, der Bürgermeister, und tragen Für die 100-Jahr-Feierlichkeiten im August
die Proletarierfahne nur noch aus Respekt hat das Komitee im Rathaus Vorbereitungen
durchs Dorf. Aus einer Sozialutopie ist getroffen, unter der Leitung von Line Mercier,
Brauchtum geworden. der Schwester des Bürgermeisters. Es wird
Hier wählt man die Liste der Kommunisten alte Filme geben und ein Feuerwerk. Eine
nicht, um etwas zu verändern, sondern damit Parade von Ford Mustangs und Motorrädern
alles so bleibt, wie es ist. Selbst die Jugend- und eine Vorstellung der Country-Tanzgruppe.
lichen am Bouleplatz antworten, gefragt, wes- »Persönlichkeiten aus dem politischen Le-
halb sie geblieben seien, seniorenhaft mit: ben« werden erwartet, womit der Parteichef
»Wegen der Ruhe«. Fabien Roussel gemeint ist. Am Sonntag das
Wie auch immer, ob durch Erbtanten oder Defilee mit der alten Fahne und der Interna-
Einsperrung von Führungskräften – ausge- tionale. Der Weg am Sportplatz wird umge-
rechnet diese rote Kommune hat es geschafft, tauft zu Ehren von Robert Siatka, den sie
das alte Frankreich, la douce France, etwas »das Pferd« nannten, es wird Graffiti geben
länger am Leben zu erhalten und ein funk-
»Ich habe meine und die Einweihung eines Kunstwerks, das
tionierendes Dorf zu bleiben. Mit Boulange- 30 Jahre gemacht. sich der ersten Gemeinderatssitzung von 1921
rie, Café, Post, Festsaal und Schule. Notfalls Keine Ahnung, wovon annimmt. Vielleicht auch ein Dîner des Cito-
auch ohne Priester. yens, ein Bürgermahl für alle. Aber alles ent-
An Werktagen ist der belebteste Ort an die Neuen leben.« lang dieser ziemlich genau 1420 Meter
der Rue de l’Humanité die Hausnummer 455, François Czernecki, Humanité, was Menschheit bedeutet, und
Quartier des Secours Populaire, der Volkshil- Bergarbeiter und Kommunist auch Menschlichkeit. ■

56 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


REPORTER

barkeit und Euphorie. Es laserte


eine Lasershow, es regnete Konfetti,
die Menschen raveten, als wäre
es 2019 – oder 2022. Mit der Nähe
schienen sie keine Probleme zu

Lektion eins: Händeschütteln haben, im Gegenteil: Sie schwam-


men in ihr, tauchten darin unter, als
wäre sie nie weg gewesen. Abge-
NEUWELT Die Inzidenzen sinken, die Hoffnung kehrt zurück – aber wie gewöhnt sehen von Inzidenzen unter 50 und
man sich jetzt wieder an das Leben? Impfpflastern auf den Armen mei-
ner Mitbürger, habe ich lange nichts
Schöneres gesehen: ein Ausblick.
eil ich den Versuchungen Mit der Hoffnung war es ja leider
W des Virtuellen gegenüber
manchmal schwach bin,
klickte ich neulich während der Ar-
zuletzt immer so: War sie da, war
sie auch schon wieder weg. Gingen
die Zahlen runter, gingen sie danach
beit auf ein Facebookvideo. Es wieder rauf. Durften Kitas, Restau-
versetzte mich sofort in eine Art rants und Läden öffnen, machten
positiven Schockzustand: Ich muss- sie bald gefühlt umso länger wieder
te immer wieder klicken. Vermutlich zu. Irgendwann, so mein Eindruck,
hatte es denselben Effekt auf mich hatten viele das mit dem Hoffen
wie auf andere ein Katzenvideo. erst mal aufgegeben wie eine unge-
Bei Katzenvideos, das hat eine sunde Angewohnheit, wie Industrie-
US-amerikanische Universität mal zucker oder Rauchen.
untersucht, haben die Abgelenkten Plötzlich aber höre ich häufiger
ein schlechtes Gewissen, weil sie wieder Dinge wie »Licht am Ende

Illustration: Cynthia Kittler / Der Spiegel


prokrastinieren, statt zu arbeiten. des Tunnels«. Als ich neulich ins
Die positiven Effekte aber überwie- Taxi stieg, erzählte mir der Fahrer
gen: Die Probanden fühlten sich zur Begrüßung, er habe einen Impf-
energiegeladener, negative Emotio- termin ergattert. Dann sagte er:
nen fielen ab. So ging es mir auch, »Bald ist es vorbei.« Es scheint sich
nur war es keine Katze, der ich etwas zu drehen. Vielleicht, weil alle
tranceartig zusah, sondern eine Hor- wieder Frisuren haben und die Coro-
de junger Leute in Liverpool. naticker mit der Zahl der Geimpften
Sie verhielten sich faszinierend, beginnen statt mit der Zahl der In-
wie Überlebende einer Apokalypse, zert. 7500 schwitzende, hüpfende fizierten. Vielleicht auch, weil selbst
die zum ersten Mal wieder in die Körper quetschten sich in einen Karl Lauterbach sagte, wir könnten
Sonne traten. Sie hingen einander in geschlossenen Raum, aus heutiger Mitte Juni unter 50 liegen.
den Armen, kreischten ohne Maske, Sicht unvorstellbar. Als Intro zeigte Von Großveranstaltungen sind
tanzten dicht an dicht – taten alles, die Band einen Film, in dem der wir wohl noch weit entfernt, einige
was aus pandemischer Sicht als Schauspieler Lars Eidinger, nackt Sommerfestivals wurden bereits
Körperverletzung einzuordnen wäre. und an den Füßen aufgehängt, in abgesagt. Aber wenn wir jetzt nicht
Auf einer gigantischen Party ohne einen Topf blauer Farbe getunkt und schwächeln auf den letzten Metern,
Abstand, und das im Mai 2021. Es dann Yves-Klein-mäßig über eine um in der Marathonmetapher
war surreal und auf eine verbotene 170 Quadratmeter große Leinwand des Gesundheitsministers zu blei-
Art: optimistisch. »Wir sind den gezogen wurde. Vor einiger Zeit las ben, wer weiß: Vielleicht werden
Tränen nahe«, rief einer; ein ande- ich in einem Kunstmagazin, dass wir wieder zusammen tanzen, bald,
rer sagte: »Wir sind wieder da.« das Gemälde verkauft würde, um im nächsten Jahr.
Nicht falsch verstehen: Ich emp- mit dem Erlös die unbeschäftigte Vergangene Woche habe ich zu-
fehle niemandem, wieder Corona- Crew der Band zu retten. Das hatte fällig selbst an einem Versuch teil-
partys in der Neuköllner Hasen- so was Endgültiges. Party vorbei. genommen. Ich war in einer schles-
heide zu feiern, auf keinen Fall. Die Die Frage ist ja auch: Falls es wig-holsteinischen Modellregion,
Leute in dem Video waren Teilneh- wieder losgehen sollte, werden wir so was wie Liverpool für Anfänger.
mer eines wissenschaftlichen Mo- das überhaupt noch können, dieses Ich fuhr in einen Coronatest-Drive-
dellversuchs, der ersten »No social »No social distance«? Nach all dem in und bekam dafür einen digitalen
distance«-Großveranstaltung Groß- Straßenseiten-Gewechsel? Oder Tagespass, der aussah wie ein Schü-
britanniens. Wie verdächtig sich das werden wir zu sozialen Krüppeln Wer weiß: lerferienticket. Ich durfte damit
anhört – »No social distance« – wie geschrumpft sein und müssen erst Modell-Kaffee-trinken gehen und
Falschparken oder Ladendiebstahl. mal Kurse im Nähe-Aushalten Vielleicht ein Modellmenü beim Italiener
Ob menschliche Nähe je wieder wie absolvieren? Lektion eins: Hände- essen. Da waren auf einmal wieder
etwas Gutes klingen wird? schütteln, Lektion zwei: Umar-
werden wir Urlauber aus ganz Deutschland in
Ich lebe unweit eines Ausgehvier- mung. Und irgendwann für Fort- wieder Funktionsjacken unterwegs. Die
tels, in dem seit Langem niemand geschrittene: Deichkind-Konzert. Sitznachbarn im Restaurant, zwei
mehr ausgeht. Vermutlich hat mich Das Publikum in Liverpool beru-
zusammen ältere Herren, beugten sich über
der Modell-Tanz-Versuch auch des- higte mich da ein wenig. Die Leute tanzen, das Plexiglas zu uns herüber und
halb so berührt. Mein letztes Kon- kamen getestet, Experten stellten sagten: »Ist das nicht eine Freude?«
zert besuchte ich im Februar vergan- Kohlendioxid-Monitore auf, aber
bald, im Es fühlte sich postapokalyptisch an.
genen Jahres, ein Deichkind-Kon- sonst herrschte einfach pure Dank- nächsten Jahr. Nach Hoffnung. Dialika Neufeld ■

58 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


Ein Kind
sorgt für
Glücksmomente, Stolz.
Und kostet 126.000 Euro.
Zeit, Geld
neu zu
bewerten.

126.000 Euro – das ist die Summe, die wir laut Studie „Konsumausgaben von
Familien für Kinder“ des Statistischen Bundesamts 2018 bis zum 18. Lebensjahr
für unsere Kinder ausgeben. Und dann? Dann braucht Ihr Nachwuchs noch
Geld, um auf eigenen Beinen stehen zu können. Für den Führerschein, die erste
Wohnung, das Studium. Aber wie gelingt diese finanzielle Fürsorge?

Moderne Geldanlage mit Fidelity.


Mehr erfahren Sie hier.

Risikohinweise: Die Vermögensanlage in Kapitalmärkte ist mit Risiken verbunden. Der Wert Ihrer Vermögensanlage kann fallen oder steigen. Es kann zum Verlust
des eingesetzten Vermögens kommen. Bitte beachten Sie hierzu die Risikohinweise auf unserer Website unter www.fidelity.de/risikohinweise. Herausgeber:
FIL Fondsbank GmbH, Kastanienhöhe 1, 61476 Kronberg im Taunus, Telefon: 06173 509-1923. Stand: April 2021. MK12267
WIRTSCHAFT

Jerry Jackson / Baltimore Sun / TNS / ddp / Sipa USA


Mitarbeiter in einer Produktionsstätte von Emergent Bio-Solutions in Baltimore

Johnson & Johnson-Panne bremst Impfkampagne


PHARMA Die Lieferungen des Einmalimpfstoffs nach Europa bleiben bislang hinter den erwarteten Mengen
zurück. Grund sind Probleme in einem US-Werk, die noch immer untersucht werden.

D eutschland und die EU-Nationen


müssen möglicherweise weitere Lie-
ferverzögerungen beim Corona-
impfstoff von Johnson & Johnson befürch-
ministerium dem SPIEGEL mit. »Dort darf
derzeit nicht produziert werden.« Johnson
& Johnson habe sein Lieferversprechen von
10,1 Millionen Dosen für Deutschland bis
und Juli sind sie noch unklar.« Allein bis
Ende Mai sollte der Konzern drei Millionen
Dosen nach Deutschland liefern, angekom-
men sind laut offiziellen Statistiken bislang
ten. Grund hierfür ist die Stilllegung einer zum Quartalsende zwar bisher nicht korri- erst 473 400 Dosen. US-Inspektoren hatten
Fabrik in den USA auf Betreiben der dorti- giert. Ob es weitere Verzögerungen gebe, die Fabrik des Zulieferers Emergent Bio-
gen Behörden. »Nach hiesigen Informatio- hänge aber maßgeblich von den Entwick- Solutions geschlossen, nachdem sie Mängel
nen untersucht die FDA weiterhin eine am lungen in den USA ab. Aus dem niederlän- entdeckt hatten. Johnson & Johnson will
Produktionsprozess des Impfstoffs beteilig- dischen Gesundheitsministerium hieß es: einzelne Lieferungen nicht kommentieren.
te Herstellungsstätte der Firma Emergent in »Aufgrund von Produktionsproblemen sind Man erwarte, dass die Liefermengen Schritt
Baltimore«, teilte das Bundesgesundheits- die Lieferungen im Mai zu gering. Für Juni für Schritt zunehmen werden. CLH, COS

350 Insider im Anfrage der FDP-Fraktion im wissen. Im nächsten Schritt sol- Skandalkonzerns Wirecard
Bundestag hervor. Das Ministe- len auch Beschäftigte, die nur gehandelt hatten. Nun müssen
Finanzministerium rium gibt vor, dass Beschäftigte punktuell sensible Informatio- auch Ministeriumsmitarbeiter
AKTIENGESCHÄFTE Das Bun- »mit besonderer Vertrauens- nen erhalten, neuen Regeln Börsengeschäfte melden. Da dies
desfinanzministerium (BMF) stellung und Zugang zu besonde- unterworfen werden. Das BMF nicht rückwirkend gilt, ist unbe-
will künftig seine Mitarbeiterin- ren Informationen« nicht privat hat ein neues Compliance- kannt, ob und welche Finanz-
nen und Mitarbeiter genauer mit Aktien und Derivaten System eingeführt, nachdem geschäfte im BMF getätigt wur-
kontrollieren, wenn sie Börsen- bestimmter Firmen handeln dür- bekannt geworden war, dass den. In allen anderen Minis-
geschäfte machen. Das geht fen. Zunächst gilt die Regel für Beschäftigte der Finanzaufsicht terien fehlen bislang jegliche
aus der Antwort auf eine Kleine gut 350 Mitarbeiter mit Insider- Bafin mit Wertpapieren des Regeln zu Insidergeschäften. MHS

60 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


gebe es in der Gemeinschaft Grüne sollen Ceta
Mit noch mehr »Grund für einen zusätzlichen
Schulden kurzfristigen Fiskalimpuls«, ablehnen
aus der Krise heißt es in der Studie, um das WELTHANDEL Der Druck der
Vorkrisenniveau »rascher wie- Basis auf die Grünenspitze
FINANZEN Die EU sollte zusätz- der zu erreichen«. Darüber wächst: In einer ganzseitigen
liche Schulden aufnehmen, um hinaus plädieren die Forscher Anzeige, die am Wochenende
die Konjunktur anzukurbeln für ein Programm zum klima- in der Tageszeitung »taz«
und den klimagerechten Umbau gerechten Umbau der europäi- erscheint, fordern 48 Unter-
der Industrie voranzutreiben. schen Wirtschaft. Schon im zeichnende den Bundesvor-
Das fordert die Brüsseler Denk- vergangenen Jahrzehnt lagen stand auf, das europäisch-kana-
fabrik Bruegel in einer Studie die staatlichen Investitionen in dische Freihandelsabkommen
für den Rat der Europäischen der EU deutlich unter dem Ceta abzulehnen. Die Organisa-
Finanzminister. Trotz des 750 Niveau der Vergleichsländer tionen, darunter der BUND,

Fabian Bimmer / Reuters


Milliarden Euro schweren Wie- (siehe Grafik). MSA Greenpeace, Foodwatch und
deraufbaufonds fällt der kredit- der Nabu vermissen ein solches
finanzierte staatliche Ausgaben- Staatliche Nettoinvestitionen Bekenntnis im Grünen-Wahl-
schub während der Coronakrise in Prozent des BIP programm: »Im bisherigen Ent-
weit geringer aus als in den wurf rücken Sie vom klaren
2 Verbraucherschutzaktivistin
USA, ermittelten die Forscher. Groß- Nein zu Ceta deutlich ab, indem
Während dort das Haushalts- USA britannien Sie Ceta zwar nicht ratifizieren braucherschutz gesenkt werden,
defizit ohne Zinszahlungen in wollen, aber offensichtlich auch fürchten die Aktivisten. »Um
den Jahren 2020/21 zwölf Pro- 1 nicht ablehnen. Stattdessen wol- sich vor der Wahl als regierungs-
zent der Wirtschaftsleistung EU len Sie es ›bei der Anwendung fähig zu präsentieren und nicht
beträgt, beläuft es sich in der der derzeit geltenden Teile bei der CDU anzuecken, kni-
EU auf lediglich etwa sechs Pro- belassen‹.« Weite Teile des cken die Grünen in Sachen Ceta
zent. Zugleich liegt das Wirt- 0 Abkommens blieben so in Kraft, ein«, sagt Foodwatch-Gründer
Prognose
schaftswachstum in den Ver- unter Ausschluss der Öffentlich- Thilo Bode. »Aber nicht offen
einigten Staaten fast doppelt so 1995 2005 2015 22 keit könnten Standards im und ehrlich, sondern indem sie
hoch wie in Europa. Deshalb S Quelle: Bruegel Umwelt-, Gesundheits- und Ver- ihre Anhänger täuschen.« MSC

kräften. An den 20 Tischen soll- Wirecard: Jaffé will


»Ich musste mir einige te jeweils eine Frau sitzen. Aber
es gab einfach nicht genug. Dividenden zurück
homophobe Witze anhören« SPIEGEL: Wurden Sie als
Führungskraft akzeptiert,
SKANDALE Wirecard-Insolvenz-
verwalter Michael Jaffé kündigt
obwohl Sie nicht das klassische in einem Zwischenbericht an,
LUF TFAHRT Der frühere Lufthansa-Strategiechef Familienmodell leben? gegen Vorstände, Aufsichtsräte,
Sadiq Gillani, 42, über Diskriminierung Gillani: Viele Leute haben sich den Wirtschaftsprüfer EY und
doch etwas schwergetan und andere an dem Skandal Beteilig-
Der gebürtige Brite leitete SPIEGEL: In deutschen Konzer- konnten das einfach nicht ver- te Ansprüche geltend zu
fünf Jahre lang die Strategie- nen sind noch immer vor allem stehen. Ich musste mir einige machen. Laut dem Bericht war
abteilung der Lufthansa. Männer an der Spitze, die sexistische und homophobe das Drittpartnergeschäft des
Heute arbeitet er bei der arabi- nach dem klassischen Familien- Witze anhören. Am Anfang Konzerns nicht existent und
schen Fluglinie Emirates und modell leben. Er macht wurden sogar Wetten abge- Wirecard deshalb womöglich
hält Vorlesungen an der Univer- Karriere, die Frau kümmert schlossen, wie viele Monate ich bereits 2017 insolvenzreif. Des-
sität Stanford. sich daheim um die Kinder. es bei der Lufthansa aushalte. halb lässt Jaffé gerichtlich prü-
Gillani: Ich erinnere mich noch SPIEGEL: Es wurden sieben Jah- fen, ob die Jahresabschlüsse
SPIEGEL: Herr Gillani, Sie gut an meine letzte Weihnachts- re, die letzten beiden verbrach- 2017 und 2018 nichtig sind. Der
waren 32 Jahre alt, als Sie 2011 feier 2017 mit 200 Führungs- ten Sie beim Low-Cost-Ableger Insolvenzverwalter will versu-
zur Lufthansa kamen, als homo- Eurowings. Was würden Sie chen, sich von Ex-Aktionären
sexueller Mann mit Migrations- Spohr raten, wenn Sie noch rund 47 Millionen Euro an Divi-
hintergrund, und Sie sprachen immer Strategiechef wären? denden zurückzuholen. Auch
kein Deutsch. Wie kam das bei Gillani: Die Lufthansa muss sich aus Aktienrückkäufen über
Ihren Kollegen an? mehr als andere Fluggesellschaf- 140 Millionen Euro könnten
Gillani: Einige haben das sicher ten an die dauerhafte Reduzie- sich Ansprüche ergeben. Den
als Provokation empfunden. Ich rung der Geschäftsreisen anpas- Ex-Vorstand um Markus Braun
erinnere mich noch an das erste sen. Sie könnte ihr kostspieliges sowie den Aufsichtsrat will Jaffé
Treffen der obersten Führungs- System aus mehreren Verkehrs- dafür haftbar machen, dass sie
kräfte, an dem ich teilgenom- drehscheiben überdenken, die noch Auszahlungen genehmigt
men habe. Von 50 Managern First Class abschaffen und ihr hätten, als Wirecard insolvenz-
Bert Bostemann / Bildfolio

waren 45 weiß, männlich und Kundenbindungsprogramm reif war. Gläubiger haben beim
über 50 Jahre alt. Meinetwegen Miles & More neu erfinden – Insolvenzverwalter mehr als
musste es erstmals auf Englisch indem sie nicht nur fürs Fliegen 40 000 Forderungen angemel-
abgehalten werden. Manche Prämienpunkte gutschreibt, son- det, die Jaffé teils bestreitet. Die
taten sich schwer damit, andere dern auch für andere Formen Klärung der Ansprüche werde
lästerten über mich. Gillani des Konsums. DID, MUM Jahre dauern. BAZ, DAB, MHS

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 61


WIRTSCHAFT

Das letzte Fossil


KLIMAWENDE ExxonMobil war einst das wertvollste Unternehmen der Welt. Doch eine starrsinnige Führungs-
riege, die unbeirrt auf Öl und Gas setzt, hat den Konzern heruntergewirtschaftet. Einer kleinen Fondsfirma
könnte nun gelingen, was bislang keiner geschafft hat: den Klimasünder – etwas – grüner zu machen.

Klimakiller
Gesamt-CO2-Emissionen von Ölkonzernen
2019, in Mio. Tonnen CO2-Äquivalente

ExxonMobil 730

Shell 694

Total 416

Chevron 413

BP 357

ENI 255
S Quelle: Bloomberg


Barry Lewis / InPictures / Getty Images

ExxonMobil-Raffinerie in Baton Rouge, Louisiana

62 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


WIRTSCHAFT

ar-Lon Chang erinnert sich Konzern, man habe bei Bohrungen mente auf seiner Seite, sondern auch
D genau an den Moment, in dem
er beschloss, sein altes Leben
aufzugeben. Er kündigte seinen Inge-
vor Guyana ein neues Ölfeld entdeckt
– mit Potenzial für bis zu zehn Bohr-
plattformen.
Erodierendes
Geschäft
prominente Unterstützer, darunter
große amerikanische Pensionskassen
und Vermögensverwalter.
nieursjob, verkaufte das Haus in Su- Aber braucht die Welt wirklich Marktkapitalisierung Ein Interview lehnt Engine No.1
gar Land vor den Toren von Houston, immer mehr Öl? Experten der Inter- von ExxonMobil, ab. Der Fonds verweist auf seine we-
in Mrd. Dollar*
Texas, und ließ alles hinter sich. Gut nationalen Energieagentur (IEA) for- nig schmeichelhafte Analyse: Exxon
zwei Jahre ist das her. dern inzwischen einen sofortigen 512 habe »dramatisch schlechter abge-
Seine Tochter war an jenem Tag Ausbaustopp der Förderung, um den schnitten« als andere Rivalen. Die Te-
völlig aufgelöst aus der Schule gekom- Klimawandel wenigstens abzubrem- 19. Mai xaner hätten versäumt, ihre langfris-
250
men. »Sie sagte, dass ihre Lehrerin sen. Die Produkte, die Exxon aus den 400 tige Strategie anzupassen. Auf der
ihr etwas über den Klimawandel bei- Tiefen der Erde holt, leisten zur Erd- Suche nach kurzfristigem Wachstum
bringen wollte«, erinnert sich Chang. erwärmung einen größeren Beitrag habe Exxon »eine Dekade der Wert-
»Aber die Schule hat es verboten.« als manche Staaten. Wenn man die vernichtung« hinter sich – und dabei
Das ist üblich in Texas. Wie das Ver- Verbrennung der verkauften Ware einen Schuldenberg angehäuft.
200
feuern des Öls, das sie dort seit 1901 einrechnet, ging im Jahr 2019 das Exxon weist das zurück: Man
aus dem Boden holen, die Atmosphä- Äquivalent von 730 Millionen CO2 habe in den vergangenen Jahren an
re des Planeten aufheizt, wird in den auf das Konto des Konzerns. Das ist die Aktionäre sogar mehr Geld aus-
Lehrplänen bis heute nur am Rande fast so viel, wie ganz Deutschland in geschüttet als die Konkurrenz. Man
behandelt. Zu mächtig ist die Erzäh- einem Jahr verursacht hat. 0 habe den Abwärtszyklus am Ölmarkt
lung vom schwarzen Gold, das Wohl- Exxon sei »eines der am wenigs- 2007 2021 ausgenutzt, um neue Projekte aus-
stand schafft. ten gut vorbereiteten Unternehmen« Verschuldung, zubauen – »für das langfristige Wohl
Auch Chang lebte vom Öl. Der für das Geschäft mit erneuerbaren in Mrd. Dollar unserer Aktionäre«. Zudem seien
Ingenieur hatte fast seine gesamte Energien, urteilt die Denkfabrik 68 sich Experten einig, dass Öl und Gas
Karriere beim Energiekonzern Exxon- Carbon Tracker. Peter Krull, Chef der auch in den kommenden Jahrzehnten
Mobil verbracht. Er arbeitete dort an auf Nachhaltigkeitsthemen speziali- eine essenzielle Rolle beim Energie-
einem System, das er ein »GPS für sierten Investmentberatung Earth mix spielten.
Bohrer« nennt. Die Technik hätte Equity Advisors, wird gegenüber der 10 Die Argumente sind ausgetauscht,
man ebenso für erneuerbare Ener- »New York Times« noch deutlicher: nun folgt der Showdown. Auf der
2007 2020
gien einsetzen können, etwa für Geo- »Woods und Exxon Mobil leben wei- Hauptversammlung am kommenden
* jeweils 31. Dez.
thermieprojekte, sagt Chang. Doch ter in einer Märchenwelt des Nichts- S Quelle:
Mittwoch will Engine No.1 vier neue
sein Arbeitgeber habe kein Interesse tuns, während Kalifornien brennt Manager in den Verwaltungsrat von

Refinitiv Datastream
gezeigt. »Stattdessen wollte man und Texas friert.« Exxon wählen lassen. Gewinnen
die Öl- und Gasförderung ausbauen, Der Konzern weist die Kritik zu- James und seine Mitstreiter die Ab-
solange es noch geht.« rück: Wind und Solarkraft allein könn- stimmung, könnte es für Exxon-Chef
Das hatte für Chang keinen Reiz ten den Energiebedarf von Schlüssel- Woods eng werden.
mehr. Er wollte seiner Tochter bewei- sektoren niemals decken. »Es braucht Zugeständnisse hat er bereits ge-
sen, dass ein Leben ohne fossile Ener- neue Technologien, und das ist unser macht. Die Texaner haben den Ver-
gie möglich ist. Er gab seinen Job auf Schwerpunkt«, verteidigt sich Exxon. waltungsrat umgebaut und wollen bis
und zog mit Frau und Kind in eine Dabei setze man auf Carbon Capture 2025 drei Milliarden Dollar in die
klimaneutrale Siedlung nach Colora- and Storage, eine Technik, bei der Carbon-Capture-Technik investieren.
do. »Man muss selbst der Wandel Kohlenstoff mit technischen Mitteln Verglichen mit den Kosten für Er-
sein, den man in der Welt sehen will.« aufgefangen wird, bevor er in die schließung neuer Öl- und Gasfelder
Die Hoffnung, dass sich Exxon refor- Atmosphäre gelangt. Der Konzern be- sind das Peanuts. Zumal die Wirksam-
mieren kann, hat er fast aufgegeben. stätigt, dass Dar-Lon Chang bei Exxon keit der Technologie umstritten ist.
Noch vor acht Jahren war Exxon- gearbeitet hat, im Öl- und Gasbereich. Finanzmanagerin Aeisha Mastagni
Mobil das wertvollste Unternehmen An klimafreundlichen Technologien hat sich auf die Seite von Engine No.1
auf dem Globus. Seit die Welt den werde vor allem in anderen Abteilun- geschlagen. Mastagni arbeitet für den
Klimakillern Öl und Gas den Kampf gen geforscht. kalifornischen Lehrerpensionsfonds
angesagt hat, geht es indes bergab. Doch nicht nur Ingenieur Chang CalSTRS. Der Fonds verwaltet fast
Die Führungsriege leugnete den Kli- hat den Glauben an einen Sinneswan- 300 Milliarden Dollar, die den Lehre-
mawandel jahrelang und hält immer del bei Exxon verloren. Auch Aktio-
»Wir wollen rinnen und Lehrern des Bundesstaats
noch am alten Geschäftsmodell fest. näre fordern seit Jahren, dass der nicht in einen die Pensionen sichern – und das in
Bis 2040 werde Öl die größte Ener- Konzern die Abkehr von fossilen Schönheits- einer Gegend, die stark unter dem
giequelle des Planeten bleiben, so das Brennstoffen forcieren solle. Aus- Klimawandel leidet. »Die Welt ändert
erklärte Kalkül. Die Texaner haben gerechnet ein winziger Hedgefonds wettbewerb.« sich«, sagt Mastagni, »und Exxon
in den vergangenen Jahren Milliarden könnte nun schaffen, was bislang nie- muss sich mit ihr ändern.« Deshalb
Dollar in neue Förderprojekte inves- mandem gelungen ist: den Ölgigan- unterstütze ihr Fonds die Kandidaten
Justin Chin / Bloomberg / Getty Images

tiert – Exxon, das letzte Fossil. ten tatsächlich ernsthaft grüner zu von Engine No.1. Es gehe nicht da-
Während die europäischen Kon- machen. rum, aus Exxon eine Solar- und Wind-
kurrenten Shell und BP geloben, bis Die kleine Firma heißt Engine No.1 kraftfirma zu machen, sagt Mastagni.
2050 oder sogar früher klimaneutral und verspricht, den Konzern zu Aber der Konzern müsse alle Optio-
zu werden, hat sich der Konzern trotz »re-energetisieren«. Der aktivistische nen prüfen, und »er muss sein Geld
Drucks von Aktionären bis heute kein Fonds, der vom Technologieinvestor gezielter einsetzen«.
Null-Emissions-Ziel verordnet. »Wir Chris James gegründet wurde, hält an Exxons schlechte Zahlen verschaf-
wollen nicht in einen Schönheits- dem 250-Milliarden-Dollar-Konzern fen Engine No.1 Gehör: Im vergange-
bewerb« sagt Exxon-Chef Darren ein winziges Aktienpaket. Allerdings Darren Woods, nen Jahr machte Exxon ein Minus von
Woods. Gerade erst brüstete sich der hat James nicht nur gewichtige Argu- Exxon-Chef 22 Milliarden Dollar, weil der Ölpreis

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 63


WIRTSCHAFT

in der Pandemie eingebrochen war – der erste


Verlust seit 1999. Zwar konnte der Konzern
dank gestiegener Rohstoffpreise im ersten
Quartal wieder einen Milliardengewinn ein-
fahren. Die guten alten Zeiten sind indes vor-
bei. Im vorigen Jahr flog der Konzern nach
92-jähriger Mitgliedschaft aus dem US-Leit-
index Dow Jones. Das macht die Aktie nicht
»Wir müssen akzeptieren,
attraktiver. Der renommierte Aktionärsberater
ISS, an dem sich viele Profiinvestoren bei der
kommenden Abstimmung orientieren, emp-
dass die Veränderungen
fiehlt zumindest drei der vier Kandidaten von
Engine No.1 für den Verwaltungsrat.
Ob der Angriff der Aktivisten glückt, hängt
auch schmerzhaft werden
von den Großaktionären der Texaner ab, von
Vermögensverwaltern wie State Street oder
Blackrock, die sich bislang nicht in die Karten
schauen lassen. Blackrock-Chef Larry Fink
können«
hatte bereits Anfang des Jahres angekündigt,
SPIEGEL-GESPR ÄCH Deutschland soll weniger über Klimaziele
dass er stärkeren Wert auf Klimaschutz legen
wolle. Und im Kabinett von US-Präsident Joe diskutieren, sondern lieber darüber, wie man sie in den nächsten
Biden sitzt niemand mehr, der diesen Trend Jahren überhaupt erreichen kann, fordert der Vorstandsvorsitzende
aufhält. Unter Trump gehörte mit Außen- des Technologiekonzerns Siemens Energy, Christian Bruch.
minister Rex Tillerson noch ein langjähriger
Exxon-Chef der Regierung an. Biden will die
Treibhausgasemissionen des Landes bis 2030 Bruch, 51, führt seit Mai 2020 Siemens Energy, SPIEGEL: Immerhin gibt es kaum noch jeman-
gegenüber 2005 halbieren. das von der Siemens AG abgespaltene Tech- den, der die Bedeutung der Energiewende
Die Wiederentdeckung des Klimaschutzes nologieunternehmen mit 27,5 Milliarden Euro anzweifeln würde.
könnte auch von anderer Seite noch teuer Umsatz. Er hat den Konzern in diesen zwölf Bruch: Es gibt einen Konsens darüber, dass
werden. So verklagte die Stadt New York im Monaten an die Börse und in den Dax geführt, wir eine nachhaltige Welt aufbauen wollen,
April Exxon und andere Ölfirmen wegen Ver- den Abbau von 7800 der rund 92 000 Stellen das stimmt. Aber manchmal komme ich mir
brauchertäuschung. Jahrelang hätten die Kon- beschlossen, den Ausstieg aus dem Kohle- vor, als stünden wir morgens unten im Tal
zerne ihre Rolle beim Klimawandel herunter- geschäft angekündigt und die Zentrale nach und diskutierten darüber, auf welchen Gipfel
gespielt. Das Ansinnen sei unbegründet und Berlin verlegt: Mehr Transformation geht wir steigen sollen, und zwar so lange, bis die
trage nicht dazu bei, den Klimawandel anzu- kaum. Der gebürtige Düsseldorfer hat Ma- Sonne untergegangen ist. Wir müssen jetzt
gehen, heißt es bei Exxon. schinenbau in Hannover und Glasgow stu- schnell sagen, was zu ändern ist.
Drastische Folgen für die Ölmultis könnte diert und in Zürich in Thermodynamik pro- SPIEGEL: Legen Sie los!
zudem eine Klage von Umweltschützern in moviert. Bruch: Wir sind immer noch zu bürokratisch,
den Niederlanden haben. Sie wollen Shell deshalb dauern Genehmigungsprozesse viel
dazu verurteilen lassen, die Emissionen bis SPIEGEL: Herr Bruch, am neuen Klimagesetz zu lang. Wenn Sie heute eine Hochspannungs-
zum Ende des Jahrzehnts um fast die Hälfte scheiden sich die Geister. Fridays for Future trasse angehen, die regenerativ erzeugten
zu reduzieren. Der Konzern bekennt sich zur kritisiert die Bundesregierung als zu unam- Strom von Nord nach Süd transportieren soll,
Bekämpfung des Klimawandels, die Klage bitioniert, die Industrie klagt über kaum noch zieht sich das von der Ausschreibung bis zur
helfe dabei nicht, lässt er verlauten. tragbare Belastungen. Zu welcher Fraktion Fertigstellung über sechs bis zwölf Jahre. Ein
Selbst die Internationale Energieagentur, gehören Sie? solches Vorhaben, heute beschlossen, würde
lange eine Fürsprecherin der Ölriesen, steu- Bruch: Diese Diskussion ist überflüssig, wir also erst nach 2030 in Betrieb gehen. So kann
erte in der vergangenen Woche um und for- vergeuden damit bloß unsere Zeit. Wir kön- das mit der Energiewende nicht klappen.
derte einen radikalen Wandel. Noch sei es nen noch dreimal die Ziele verschärfen, aber SPIEGEL: Sie sind mit Siemens Energy welt-
möglich, die Klimaerwärmung bis 2050 auf das hilft nicht viel. Wir sollten besser über- weit tätig. Läuft es anderswo besser?
maximal 1,5 Grad zu begrenzen – voraus- legen, wie wir die nächsten Schritte gehen. Bruch: In Europa bauen etwa Großbritan-
gesetzt, es würden keine neuen Gas- und Koh- Was ist in den Jahren 2022, 2023, 2024 kon- nien und Dänemark die Offshore-Windkraft-
lefelder mehr erschlossen, heißt es in ihrer kret zu tun? Wie können wir die Stromtrassen kapazitäten konsequent aus. Auch dort kostet
jüngsten Studie. Dieser Satz, urteilt David ausbauen und mehr Windenergie erzeugen? das Verfahren Zeit. Aber der Ablauf ist besser
Jones von der Klimadenkfabrik Ember, sei Statt ständig über Ziele zu reden, sollten wir planbar. In Deutschland ist das derzeit schwie-
»ein Messer ins Herz der Industrie für fossile uns lieber darüber klar werden, wie wir deren rig. Entsprechend mau sieht es bei der Kapa-
Brennstoffe«. Umsetzung beschleunigen. zitätsplanung bis 2025 aus.
Dar-Lon Chang hofft, dass sich die grünen SPIEGEL: Sind die Ziele – Klimaneutralität SPIEGEL: Brauchen wir eine Verwaltungs-
Aktivisten bei der Exxon-Hauptversamm- bis 2045 – überhaupt realistisch? reform?
lung durchsetzen. »Wenn Exxon eines der Bruch: Technologisch ist fast alles möglich.
Topunternehmen in Amerika bleiben möchte, Aber wenn wir in dem Tempo weiterma-
muss es den Klimawandel ernst nehmen«, chen wie bisher, haben wir nicht mal die
sagt der Ingenieur. Den Wegzug aus Texas Chance, die alten Ziele zu erreichen. Die
hat er nicht bereut, obwohl er noch immer aktuellen Maßnahmen, egal ob Ausbau der
nach einem neuen Job sucht. Seine Tochter, Netze oder der Windenergie – das alles geht »Das gefällt nicht
erzählt er stolz, habe gleich nach den Ferien zu langsam. jedem, aber ohne Erdgas
einen Klassenausflug gemacht – »in das na-
tionale Zentrum für erneuerbare Energien«. Das Gespräch führten die Redakteure Frank Dohmen und
wird es schlicht und
Michael Brächer ■ Alexander Jung. ergreifend nicht gehen.«
64 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021
WIRTSCHAFT

Bruch: Die Wahrheit. Und die heißt,


dass sich eine solche Aufgabe nicht
ohne Einschnitte für jeden Einzelnen
bewältigen lässt. Der Flug nach Mal-
lorca wird eben nicht mehr für 200
Euro zu haben sein. Und es wird Be-
rufe und Qualifikationen geben, die
man nicht mehr braucht. Natürlich
müssen wir das alles abfedern. Vor al-
lem müssen wir erst einmal anfangen.
SPIEGEL: Um die deutsche Industrie
auf klimafreundlichen grünen Was-
serstoff umzustellen, braucht es viel
mehr regenerativ erzeugte Energie,
als Deutschland bereitstellen kann.
Woher sollen die Mengen kommen?
Bruch: Der Bedarf lässt sich nur über
Importe decken. Wir brauchen inter-
nationale Partnerschaften mit Län-
dern, in denen sich günstig und ver-
lässlich regenerative Energie erzeu-
gen lässt, sei es Nordafrika, der Nahe
Osten oder Südamerika. Allein in der
Chemieindustrie würde die Umstel-
lung auf grünen Wasserstoff eine Ver-
dopplung des Stromverbrauchs nach
sich ziehen.
SPIEGEL: Deutschland würde da-
durch noch abhängiger von Energie-
importen.
Bruch: Auch das gehört zur Wahrheit.
Wir importieren bereits heute etwa
drei Viertel unseres Energiebedarfs.
Und dieser Anteil wird steigen. Im Na-
hen Osten etwa ist regenerativer Strom
enorm günstig zu erzeugen, bei Auk-
tionen kostete die Kilowattstunde nur
1,1 bis 1,4 Cent. Aus Australien werden
wir sicher keinen Strom beziehen, aber
vielleicht Energie, in Form von Mole-
külen, zum Beispiel Ammoniak, her-
gestellt mithilfe von Sonnenstrom. Wir
werden alles brauchen, die nötigen
Energiemengen sind gigantisch.
Robert Brembeck / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Deutschland dagegen geht


gerade in die andere Richtung: Wir
verabschieden uns von Kohle und
Atomkraft und bauen nur schleppend
neue Kapazitäten auf. Droht eine Un-
terversorgung?
Bruch: Ich kenne jedenfalls keinen
Bruch: Das ist mir zu kurz gesprun- Siemens-Energy- SPIEGEL: Welche Belastungen mei- überzeugenden Plan, wie man das
gen. Uns fehlt vor allem ein gesell- Chef Bruch: »Es nen Sie? Problem lösen will. Ohne Atom- und
macht mich
schaftlicher Dialog über die Heraus- wahnsinnig, wenn Bruch: Der sogenannte grüne Was- Kohleenergie fehlen uns rund 40 Pro-
forderungen der Klimawende. Soll- ich sehe, wie viel serstoff, der mithilfe von regenerativ zent unserer Erzeugungskapazität,
ten die Ziele der Bundesregierung wertvolle Zeit wir erzeugtem Strom produziert wird, die schnell und verlässlich verfügbar
Wirklichkeit werden, wird sich das gerade verschenken« kostet heute ungefähr das Vier- ist. Deutschland ist nicht gerade der
Leben jedes Einzelnen radikal än- fache von herkömmlich aus Erdgas perfekte Standort für Solaranlagen.
dern: Wie nutzen wir Strom? Wie erzeugtem Wasserstoff. Dem Käufer Jährlich sind hier rund 1500 Foto-
schaffen wir Mobilität? Worin be- eines Autos muss es wert sein, dass voltaikstunden möglich. Das ent-
stehen die beruflichen Anforderungen er 300 bis 400 Euro mehr für das spricht etwa einem Sechstel der Zeit,
von morgen? Wir müssen akzeptieren, Fahrzeug zahlt, wenn der Stahl die ein Kohlekraftwerk unter Volllast
dass diese Veränderungen auch mit grünem Wasserstoff produziert laufen kann. Das verringert die Ver-
schmerzhaft werden können. Wir wer- wird. sorgungssicherheit. Verstehen Sie
den nicht jede Befindlichkeit berück- SPIEGEL: Die Menschen zahlen heu- mich nicht falsch. Die Energiewende
sichtigen können, sei sie noch so be- te schon mehr für Strom, Heizung ist eine Riesenchance – wenn wir
rechtigt. Das muss die Politik der Ge- und Kraftstoff. Was wollen Sie ihnen jetzt handeln.
sellschaft gegenüber klar aussprechen. noch zumuten? SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 65


WIRTSCHAFT

Bruch: Neben dem schnellen Ausbau SPIEGEL: Sie fordern öffentlich-recht- Bruch: Ich sehe eine große Bereit-
der Regenerativen und von Speicher-
kapazitäten werden wir weiter Erd-
gas brauchen. Das gefällt nicht jedem,
7800 liche Gaskraftwerke?
Bruch: Das habe ich nicht gesagt.
Fakt ist: Wir lähmen uns mit der
schaft der Industrie, den Umbau vo-
ranzutreiben. Doch solange Verbrau-
cher weltweit nicht bereit sind, mehr
aber ohne wird es schlicht und ergrei- Arbeitsplätze ewigen Diskussion darüber, was sich Geld für den ökologisch hergestellten
fend nicht gehen. Nach wie vor steu- will Bruch rechnet und was nicht. Wir haben Kühlschrank oder das sauberere Auto
ert Kohle weltweit 35 bis 40 Prozent diese Zeit nicht. Wir müssen handeln zu bezahlen, braucht Deutschland als
zur Stromproduktion bei, würden
abbauen, und in Kauf nehmen, dass Gaskraft- Exportnation ein ökonomisch trag-
wir diesen Anteil stattdessen aus Gas obwohl die werke nur zehn Jahre laufen und fähiges Modell. Nur so werden wir
speisen, wäre dies ein sinnvoller Bei- Nachfrage Energie so teurer wird. Und wir müs- den ökologischen Ausbau schaffen.
trag zur Reduktion von CO2. sen neue Technologien fördern. Wir SPIEGEL: Wäre es nicht ökonomi-
SPIEGEL: Sie plädieren ernsthaft für nach grünen entwickeln gerade wasserstofffähige scher, man macht einen harten
die stärkere Nutzung eines fossilen Energiesyste- Gasturbinen, einige Modelle schaf- Schnitt und siedelt die energieinten-
Brennstoffs? fen heute schon respektable Werte. sive Industrie dort an, wo Energie bil-
Bruch: Ja, wenn wir dadurch CO2
men boomt. SPIEGEL: Die Industrie lamentiert lig und heute bereits grün ist?
sparen? Es macht mich wahnsinnig, Quelle: Siemens Energy seit Wochen darüber, dass sie sich die Bruch: Das passiert ja schon. In Sau-
wenn ich sehe, wie viel wertvolle Zeit Kosten für Energie und Klimaschutz di-Arabien oder den Emiraten findet
wir gerade verschenken. Es gibt kei- nicht mehr leisten kann. Jetzt kom- man wegen der niedrigen Energie-
nen Schalter, den wir umlegen und men Sie und sagen, eigentlich ist alles kosten Betriebe wie Aluminiumhütten.
der ab 2025 alles klimaneutral macht. noch viel zu billig. Wie passt das zu- Noch haben wir allerdings den Vor-
Alles, was sofort CO2 spart, ist gut. sammen? teil, dass unsere Industrie hier eine
SPIEGEL: Erwarten Sie Engpässe, Bruch: Was die Industrie beklagt, ist bessere Infrastruktur vorfindet.
wenn wir 2022 den letzten Atommei- die Tatsache, dass wir kein verläss- SPIEGEL: Erlebt Siemens Energy ge-
ler abschalten? liches Modell haben, in dem sich der rade die beste aller Welten? Sie ver-
Bruch: Ich befürchte keinen Blackout. Umbau rechnet. Jemand muss dem dienen an neuen Geschäften wie in-
Wir werden uns auf das europäische Hersteller den Mehrpreis für sein telligenten Stromnetzen und Wind-
Versorgungsnetz verlassen können. nachhaltig produziertes Produkt zah- energie und verfügen zugleich über
Unsere Nachbarn werden den hiesi- len. Die Unternehmen können nicht Standbeine in der fossilen Technolo-
gen Bedarf mit Exporten decken. höhere Kosten schultern, ohne höhe- gie, etwa dem Bau von Gasturbinen.
Aber das Netz wird an Belastungs- re Preise zu verlangen. Es braucht Bruch: Wir sind mit unserer Ausrich-
grenzen kommen. einen Ausgleichsmechanismus. tung auf mehr Nachhaltigkeit auf
SPIEGEL: Im Sinne der Energiewen- SPIEGEL: Geht es der Industrie nicht einem richtigen Weg. Aber auch wir
de wäre das nicht. Wir schalten unse- um viel mehr? Die Stahlbranche durchlaufen schmerzhafte Anpas-
re Atom- und Kohlemeiler ab und im- fordert neben einem dauerhaften sungsprozesse. In schrumpfenden Be-
portieren Atomstrom aus Frankreich RWE-Offshore- Ausgleich auch noch zweistellige reichen wie dem konventionellen
Windpark Arkona:
und Kohlestrom aus Polen. »Bei den Kapazitäts- Milliardenhilfen, um ihre Produktion Kraftwerksbereich müssen wir welt-
Bruch: Nein, das ist keine dauerhafte planungen bis 2025 auf Wasserstoff umzustellen. Soll der weit 7800 Arbeitsplätze abbauen.
Lösung. Das Beispiel zeigt, dass CO2- sieht es mau aus« Steuerzahler das alles finanzieren? Das ist nicht einfach.
Reduktion ein internationales Pro- SPIEGEL: Können boomende Ge-
blem ist. Weltweit wächst der Ener- schäftsbereiche wie die Windturbi-
giebedarf, vor allem in Entwicklungs- nen oder Netze den Wegfall von Jobs
ländern und in Asien. Dort geht es in der Kohle nicht ausgleichen?
heute noch in erster Linie um Verfüg- Bruch: Die Requalifizierung von Fach-
barkeit von Energie und erst dann um kräften gelingt nicht immer, wie man
die Emissionen. Wir müssen uns dort sich das im Idealfall vorstellt. Außer-
als Industrienationen einbringen und dem achten Länder, die erneuerbare
helfen, so wie es im Pariser Klima- Energien aufbauen, streng darauf, dass
abkommen vorgesehen ist. Ansonsten ein großer Teil der Produkte im eige-
steigen die CO2-Emissionen weiter. nen Land hergestellt wird. Wenn man
SPIEGEL: Sie schlagen Gas als Brücken- als deutsches Unternehmen in den
technologie vor. Wie lang soll diese USA keine Fertigung für Windanlagen
Brücke sein? Gaskraftwerke laufen in oder für Stromnetze hat, wird man bei
der Regel 40 Jahre oder noch länger. den Ausschreibungen nicht erfolgreich
Bruch: Wenn wir die Ziele ernst mei- sein. Viele unserer Fabriken für fossi-
nen, müssen wir bereit sein, nur für le Anlagen stehen aber hierzulande.
10 oder 15 Jahre auf diese Technolo- SPIEGEL: Deutschland geht beim
gie zu setzen und die Anlagen danach Wachstum leer aus?
abzuschreiben oder auf Wasserstoff Bruch: Nein, wenn alles so kommt,
umzurüsten. Wir müssen lernen, un- wie wir uns das wünschen, dann
konventionell zu denken. reden wir bei dem Klimaprojekt über
SPIEGEL: Für Siemens Energy wäre das größte Investitionsprogramm seit
das ein prima Geschäft. Bloß welcher der Industrialisierung. Das ist ein ra-
Energieversorger soll Geld für eine dikaler Umbau und auch eine gewal-
so aberwitzige Investition ausgeben? tige Chance für ein Land, das in den
Bruch: Das wird ein Wirtschaftsun- maßgeblichen Technologien so weit
Paul Langrock

ternehmen nicht machen können, ist vorn liegt wie Deutschland.


mir schon klar. Das muss die Gesell- SPIEGEL: Herr Bruch, wir danken
schaft mittragen. Ihnen für dieses Gespräch. ■

66 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


WIRTSCHAFT

eine gemeinsame Linie. Die Konzer- Lobbyistin Müller muss die zer-
ne tun sich schwer, einen gemeinsa- strittene Autoindustrie jetzt einen.
men Masterplan gegen Klimakrise Der VDA, so hätte sie das gern, soll
und neue Rivalen wie Tesla zu ent- die Debatte um die CO2-Zielerfüllung
wickeln, stattdessen streiten sie hef- prägen statt, wie früher, den Wandel
tig über Abgasgesetze und die rich- bloß zu blockieren. Man bekenne sich
tige Antriebsart. geschlossen zu den Pariser Klima-
Zulieferer wie Bosch oder Conti- zielen, sagt sie. Ihr Problem: Jedes
nental drängen darauf, nicht allein Mitgliedsunternehmen weiß besser,
auf Elektroautos zu setzen. Auch wie es da hinkommt.
alternative Antriebsarten wie Brenn- BMW-Chef Oliver Zipse etwa hat-
stoffzellen oder synthetische Kraft- te schon vor der Sitzung am Donners-
stoffe (E-Fuels) sollten eine Chance tag den Kontakt zu Grünenchefin
bekommen. »Wer die Klimaziele ver- Baerbock gesucht. Er soll ihr klar-
schärfen und schneller erreichen will, gemacht haben, dass er nichts von
darf nicht zugleich die Optionen ein- einem festen Enddatum für Benzin-
schränken«, heißt es bei Bosch. und Dieselmotoren halte. Denn auf
Ausgerechnet Europas größter Au- anderen Kontinenten wie Asien wür-
tohersteller Volkswagen lehnt eine den diese Motoren weiter benötigt.
solche Technologieoffenheit ab. Kon- Notfalls fertige er sie eben dort.

Peter Rigaud
zernboss Herbert Diess lieferte sich Der VDA entspringt einer konser-
Cheflobbyistin Müller Mitte der Woche in dieser Frage ein öf- vativen Gesinnung. Jahrelang verfolg-
fentliches Scharmützel mit dem Bun- te er das Ziel, dem Diesel in aller Welt
desverkehrsminister. »Das Wasser- zum Erfolg zu verhelfen. Die Kehrt-
stoff-Auto ist nachgewiesen NICHT wende zum klimafreundlichen Auto-
die Klimalösung«, twitterte Diess. klub setzt da eine kleine Gehirn-

Alle öko, Andreas Scheuer (CSU) reagierte


prompt: »Ich halte die Konzentration
auf nur EINE Antriebstechnologie
für falsch.«
wäsche voraus.
VDA-Geschäftsführer Kurt-Chris-
tian Scheel etwa habe den neuen
Zeitgeist noch nicht so recht verinner-
oder was? Es geht um handfeste wirtschaft-
liche Interessen. Der VW-Konzern
kann als Massenhersteller die Gewin-
licht, lästern Mitglieder. Er zähle zur
Fraktion derer, für die zu einem Au-
to Kolben und Zylinder gehören, ob-
ne steigern, wenn er sich auf eine ein- wohl er offiziell für Klima, Umwelt-
LOBBYISMUS Nach außen gibt sich die
zige Antriebsart konzentriert und sie und Nachhaltigkeitsfragen zuständig
Autoindustrie grün. Im Innern streiten Hersteller in Millionen Stückzahlen ausrollt. ist. Bei Geschäftsführer Joachim Da-
und Zulieferer über die richtige Strategie, Die Zulieferer hingegen leben davon, masky, der sich um Antriebe der Zu-
um der verschärften Klimaziele Herr zu werden. eine möglichst breite Palette an Tech- kunft kümmern soll, endet die Fan-
nologien zu verkaufen. Sollten sich tasie bei Verbrennungsmotoren mit
am Markt neben E-Mobilität auch synthetischen Kraftstoffen aus ökolo-
enn es um ihre Außendar- E-Fuels stärker durchsetzen, könnten gischer Herstellung. Für beide könnte
W stellung geht, kann der deut-
schen Autoindustrie gerade
nichts grün genug sein. Selbst der
sie ihr ertragreiches Altgeschäft mit
Kraftstoffpumpen weiter fortsetzen.
Der Ton innerhalb des VDA wird
die Zeit bald abgelaufen sein.
Der VDA kommentiert Personal-
fragen nicht, teilt aber mit, den Ver-
mächtige Branchenverband VDA, schärfer, die Zulieferer fühlen sich band künftig »kommunikativer und
lange ein Bollwerk der Verbrenner- von VW in die Ecke gedrängt. Der agiler« machen zu wollen.
freunde, geriert sich mittlerweile, selbst ernannte Elektrovorreiter, gif- Müller mag keine Zeit mehr ver-
als hätte er seine Wurzeln in der tet ein Branchenvertreter, präsentiere lieren. Auf der Automesse IAA, erst-
Ökobewegung. der Politik die eigene Unternehmens- mals in München ausgetragen, sollen
Cheflobbyistin Hildegard Müller, Unaufhaltsam strategie »eins zu eins als die alterna- im September auch Mobilitätsanbie-
Präsidentin des VDA, arbeitet eifrig tivlose Vorgehensweise für die Trans- ter und E-Bike-Hersteller vertreten
am neuen Image. Um die Kommunen Neuzulassungen von formation«. Nur sei das nicht notwen- sein. Auf Bühnen in der Stadt will sie
Elektroautos* in
anzustacheln, mehr Ladesäulen auf- Deutschland, in Mio. digerweise der richtige Weg für alle: über moderne Verkehrskonzepte dis-
zustellen, erfand sie zum Jahreswech- »Noch ist Technologieoffenheit die kutieren lassen. Eine zwölf Kilometer
sel eine Hitliste der Städte mit den offizielle VDA-Position.« lange »Blue Lane« soll die Innenstadt
1,2
meisten E-Tankstellen. Zur Vorstands- Die Fronten verlaufen indes nicht und das Messegelände miteinander
sitzung am vergangenen Donnerstag 0,9
nur zwischen Herstellern und Zu- verbinden und Besuchern die An-
lud sie Grünenchefin Annalena Baer- lieferern, die Hersteller liegen auch fahrt mit Rädern und E-Rollern er-
bock ein, die Kanzlerkandidatin jener 0,6 untereinander im Clinch. BMW sieht leichtern.
Partei, die einst als Todfeindin der sich eher auf einer Linie mit Bosch Die heimliche Hoffnung: dass auch
Branche galt. Und in wenigen Wochen 0,3 und Continental – und plädiert für Elon Musk, der im brandenburgi-
will Müller ein großes Ökoziel ver- eine größere Technologieoffenheit. schen Grünheide gerade eine Großfa-
künden: In wenigen Jahren soll an Dabei dürften nicht zuletzt persönli- brik baut, in München aufschlägt. Ein
2019 20 25 30
deutschen Ladesäulen nur noch Grün- Prognose
che Animositäten eine Rolle spielen: Gastspiel des Superstars könnte den
strom fließen. 2 7 17 37 Sowohl VW-Chef Diess als auch Skeptikern im VDA so viel Respekt
Doch so geläutert sich die Auto- Marktanteil in Prozent Audi-Boss Markus Duesmann saßen einflößen, dass sie auf Linie kommen.
industrie nach außen gibt – hinter * reine Elektrofahrzeuge früher im BMW-Vorstand und gelten Simon Hage, Martin Hesse,
den Kulissen ringt sie erbittert um S Quellen: BCG, KBA in München als Abtrünnige. Gerald Traufetter ■

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 67


WIRTSCHAFT

»Herr Hopp ist stinksauer«


KONZERNE Um eine Beteiligung seines Sohnes zu retten, drängte SAP-Übervater Dietmar Hopp den
Vorstand des deutschen Softwareprimus offenbar zu einer ruinösen Übernahme, Jahre
nach seinem Abschied aus dem Aufsichtsrat. Geheime Mails offenbaren eine bizarre Konzernkultur.

aum ein deutscher Unternehmer ge- operierte Crossgate mit SAP, 2008 wurden Im Februar 2011, so steht es im Memoran-
K nießt so viel Ansehen wie Dietmar
Hopp. Der 13,2 Milliarden Euro schwe-
re SAP-Mitgründer kämpft mit seinem Geld
die Bande enger: Der Dax-Konzern beteiligte dum, informierte SAP-Chef Snabe einige Kol-
sich an Crossgate, erst mit 5,4 Prozent, später legen, darunter Brandt und seinen Co-CEO
erhöhte er auf 6,4 Prozent. Der damalige Bill McDermott, darüber, dass »die Hopp-Fa-
gegen Klimawandel, das Coronavirus, Kin- SAP-Chef Jim Hagemann Snabe saß zeitwei- milie« angefragt habe, ob der Konzern Cross-
derkrebs, hat seiner kurpfälzischen Heimat se sogar in Crossgates Aufsichtsrat. gate kaufen wolle. Die Kooperation mit SAP
einen Golfplatz sowie einen Fußballbundes- Doch die Geschäfte stockten, Minderheits- stocke, dem Unternehmen gehe das Geld aus,
ligisten spendiert und ist zigfacher Würden- aktionär SAP musste sogar Überbrückungs- so Snabe, der als Crossgate-Aufsichtsrat Ein-
träger; vom Business-Bambi bis zum Bundes- kredite geben. Crossgate, an dem die DAH blick in die Bücher hatte. In seiner Eigen-
verdienstkreuz ist alles dabei, was sich an von Hopp junior nun 35 Prozent hielt, geriet schaft als SAP-Chef fasste er die miserable
Wand oder Revers heften lässt. Mehr Vorbild in Liquiditätsnot. Statt Crossgate mit eigenem Zusammenarbeit so zusammen: »Die meis-
geht fast nicht. Geld zu sanieren, gelang es dem Sprössling, ten Vertriebsleute haben noch nie von Cross-
Sogar ein Asteroid ist nach ihm benannt: die Firma wie eine heiße Kartoffel weiter- gate gehört.«
Der »Dietmarhopp«, Mitglied der Ursula-Fa- zureichen: an SAP. 2011 kaufte der Konzern Im Vorstand gab es heftige Bedenken ge-
milie, trägt seinen Namen. Nur mit den Fans den siechen Partner, der im selben Jahr mehr gen eine Übernahme. McDermott zweifelte
des Traditionsvereins Borussia Dortmund hat Verlust als Umsatz erwirtschaftete, für einen an Crossgates Kundennutzen, ein anderer
der gute Mann aus Sinsheim regelmäßig Zo- dreistelligen Millionenbetrag. Vorstand wollte abwarten, ob die Koopera-
res. Sie verübeln ihm das Sponsoring des Wie und warum die Übernahme zustande tion vielleicht doch noch Früchte trage. James
Kunstgebildes TSG Hoffenheim; sobald die kam, geht aus vertraulichen Mails und Do- Mackey, der damals für die Übernahme zu-
Teams aufeinandertreffen, hagelt es Proteste. kumenten hervor, vor allem dem Memoran- ständige SAP-Manager, fasste Crossgates Zu-
Dafür kann sich Hopp auf die Bosse des FC dum »Acquisition Review«. Das 34-seitige stand bündig so zusammen: »Die haben ein
Bayern verlassen. Karl-Heinz Rummenigge, Papier wurde 2013 unter anderem für den da- schlechtes Geschäft und völlig unangemesse-
Klubchef des Klassenprimus und vorbestraf- maligen SAP-Finanzvorstand Werner Brandt ne Bilanzierungsmethoden, um zu verschlei-
ter Zollbetrüger, adelte ihn als »Ehrenmann«. erstellt, heute Aufsichtsrat bei RWE, ProSie- ern, dass sie tonnenweise Geld verlieren …«
Bei SAP kennen sie auch die andere Seite ben und Siemens. Es zeigt die bizarre Ret- Snabe machte trotzdem Tempo und stellte
des Dietmar Hopp. Die des Geschäftsmannes, tungsaktion eines Großkonzerns für einen klar, wessen Interessen Vorrang hatten. Hopp
der mit den anderen Gründern elf Prozent winzigen Wettbewerber, die für SAP wirt- wolle Crossgate schnellstmöglich loswerden,
der SAP-Aktien hält und die Interessen seiner schaftlich keinen praktischen Nutzen hatte eine Übernahme erst im zweiten Quartal sei
Familie offenbar mit Macht und auf Kosten und offenkundig nur dazu diente, den Be- zu spät und könne ihn auf die Palme treiben
anderer Aktionäre durchsetzt – auch weil er triebsfrieden mit seinem Gründer und Groß- – und das wäre, so Snabe, »not a good thing«.
auf willfährige Manager trifft. Diesen Schluss aktionär zu wahren. Als die Verhandlungen stockten, meldete
lassen Recherchen des SPIEGEL und des sich Dietmar Hopp persönlich bei Snabe, um
ARD-Magazins »Fakt« zur Übernahme des Dampf zu machen. Der CEO parierte und
IT-Unternehmens Crossgate durch SAP zu, trieb seine Vorstandskollegen an, die Dinge
von der vor allem Hopps Sohn Daniel pro- zu beschleunigen, um »eine sehr peinliche
fitiert hat. Situation gegenüber Herrn Hopp zu vermei-
Der Fall ist ein Lehrstück verfehlter Cor- den«, wie er in einer weiteren Mail mahnte.
porate Governance, jener Prinzipien guter Ein schneller Deal, so Snabe, sei auch im
Unternehmensführung, über deren Einhal- Interesse von SAP, so könne man einen ver-
tung eine Regierungskommission wacht. Und nünftigen Preis für Crossgate erzielen. Ob
er zeigt den enormen Einfluss von Vater und diese Logik tatsächlich zutraf?
Sohn Hopp bei SAP, obwohl sie keinerlei Was jedenfalls verblüfft, ist die Servilität
Funktion im Konzern haben: Dietmar Hopp des damaligen SAP-Chefs gegenüber den
trat 2005 als Aufsichtsrat zurück, sein Sohn Wünschen der Hopp-Familie: Chefs von Ak-
war dort nie direkt beschäftigt. Daniel sanier- tiengesellschaften haben allen Anteilseignern
te mit Starthilfe des Vaters den Eishockeyklub zu dienen, nicht ausgewählten.
Adler Mannheim und betätigt sich mit seiner Mackey, der skeptische Fusionsbeauf-
DAH Beteiligungs GmbH als Investor. tragte, warnte: Hasso Plattner, damals wie
Über diese DAH, an der Dietmar Hopp heute SAP-Aufsichtsratschef, müsse vom Vor-
nicht beteiligt ist, hatte sich Daniel 2006 bei stand rasch über die Lage informiert werden,
Crossgate mit 28 Prozent eingekauft, einem bevor ihm Hopp-Sprössling Daniel zuvor-
Markus Hintzen

Münchner Spezialisten, der Firmen, ihre Kun- komme und sich bei Plattner über schleppen-
den und Zulieferer digital vernetzte – ein Patriarch Hopp de Verhandlungen beschwere. Der junge
Facebook für die Wirtschaft. Von 2007 an ko- Hopp habe bereits klargemacht, dass die

68 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


WIRTSCHAFT

Michael Eibner / imago images


Sohn Hopp: »Bei uns lief immer alles an der losen Leine«

Crossgate-Übernahme oberste Priorität bei schnell wie möglich vom Fleck kommen oder hier los? Wer hat die Akquisition initiiert?
SAP haben müsse. Eine äußerst selbstbe- … die Beziehung ist kaputt«, sorgte sich der Welche Konsequenzen gibt es? Hat der Ver-
wusste Ansage für jemanden, der überhaupt SAP-Chef in einer internen Mail. käufer das Unternehmen falsch dargestellt?
keine Funktion im Konzern bekleidete, aber Letztlich zahlte SAP 115 Millionen Euro Gab es keine ordentliche Prüfung? Gab es
offenbar nicht warten wollte, bis sich irgend- für die 93,6 Prozent, die dem Konzern nicht Insidergeschäfte? Wenn ich die Zusammen-
jemand aus dem Vorstand an Plattner wen- schon gehörten – weniger als von Hopp fassung richtig verstehe, müssen wir das Un-
det, wie es dem normalen Geschäftsgebaren erhofft, aber deutlich mehr als von EY ver- ternehmen schon nach einem Jahr komplett
entsprochen hätte. anschlagt und viel Cash für eine Firma, die abschreiben. Das muss ernsthafte Konsequen-
Daniel Hopps Drängelei hatte Erfolg. Mit- sich nach der Übernahme als das entpuppte, zen haben.«
te März 2011 schrieb ein SAP-Mitarbeiter an was Mackey und andere frühzeitig geahnt Konsequenzen hatte der Deal nur für
Mackey, der junge Hopp habe von Plattner hatten: ein Flop. Denn bereits 2012 kaufte Crossgate. Die Produkte der Firma wurden
grünes Licht bekommen. Mackey, eigentlich SAP Ariba, einen Anbieter ähnlicher Lösun- nicht mehr weiterentwickelt, Standorte ge-
zuständig für die Abwicklung des Deals, re- gen, Crossgate hatte keinen Wert mehr für schlossen. Die Crossgate-Aktionäre, vor al-
agierte perplex. »Interessant … Woher wissen den Konzern. lem Daniel Hopps DAH, waren da längst fein
wir, dass er grünes Licht bekommen hat?« Auch Plattner dünkte bald, was sich der raus, auch dank der Intervention von Diet-
Wie groß offenbar die Angst war, die Hopps Konzern da ans Bein gebunden hatte. Nach mar Hopp.
zu verprellen, verdeutlichen auch Debatten Durchsicht eines Reports (»Crossgate Trans- Und bei SAP sind sie weiter von dem Deal
im Vorstand über den Kaufpreis. Crossgate, action Audit«) ließ der wortgewaltige SAP- überzeugt. Der Konzern halte sich an die Re-
also letztlich Hopp, erwarte netto 140 bis Übervater Ende 2012 seinen Frust über den geln guter Unternehmensführung, heißt es;
160 Millionen Euro, heißt es im Memorandum. Deal freien Lauf, den auch er, offenbar en Voraussetzung für Zukäufe seien strategische
SAP kalkuliere mit 120 bis 130 Millionen Euro passant, abgesegnet hatte. Gründe und gründliche Prüfung durch Fach-
– eine übliche Preisdifferenz zu Verhandlungs- In einer Mail an Snabe, McDermott und experten und Entscheidungsträger. »Das war
start. Die Wirtschaftsprüfer von EY kamen Technikchef Vishal Sikka zürnte er: »Was ist auch bei der Crossgate-Akquisition der Fall.«
nach Durchsicht der Crossgate-Bücher indes Brandt und Snabe äußerten sich ähnlich, die
zu einem deutlich geringeren Näherungswert: Hopps wollten nicht Stellung nehmen. Tittel
96 Millionen Euro seien angemessen. reagierte nicht auf Anfrage.
Das überzeugte auch Snabe – aber nur Dietmar Hopp beschrieb sein Verhältnis
kurz. Nach einer patzigen Beschwerdemail »Die haben völlig unan- zu Sohn Daniel einmal so: »Bei uns lief im-
von Crossgate-Chef Stefan Tittel über den mer alles an der losen Leine. Und wenn Da-
renitenten Mackey (»Wir sind fassungslos«)
gemessene Bilanzierungs- niel glaubte, einen Rat zu brauchen, hat er
drehte der SAP-Chef bei. »Ich habe gerade methoden, um zu ver- ihn auch bekommen.«
mit Herrn Hopp gesprochen. Er ist stinksauer Manchmal, so scheint es, durfte es sogar
darüber, wie wir mit Crossgate umgehen, wie
schleiern, dass sie tonnen- ein bisschen mehr sein.
ich es vorhergesagt habe. Wir müssen so weise Geld verlieren.« Tim Bartz, Christian Bergmann ■

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 69


WIRTSCHAFT

gen im Wert von 80 000 Euro hätten


Hacker ihm gestohlen. Natürlich sei
er wütend auf die Diebe. »Aber noch
mehr ärgert mich, dass Binance es
den Hackern so leicht gemacht hat.«

Die Spur der Begonnen hat die Attacke mit ei-


nem Hack seines E-Mail-Kontos, er-
zählt Shtrepi. Dadurch hätten die An-

schmutzigen Bitcoins greifer seinen Binance-Zugang ka-


pern und eine zusätzliche Sicherheits-
barriere ausschalten können. Mehr-
fach habe er sich an Binance gewandt,
FINANZEN Binance ist in kürzester Zeit zur weltgrößten Börse für
damit ihm das Unternehmen helfe,
sein Geld zurückzubekommen. Im
Kryptowährungen herangewachsen. Die Plattform hat Chat sei er immer wieder vertröstet
keinen festen Firmensitz und ermöglicht zweifelhafte Geldflüsse auch worden, auf E-Mails habe es keine
aus dubiosen Quellen. Die Behörden halten kaum Schritt. Reaktion gegeben.
Von Binance heißt es dazu, dass
man die Sicherheit der Nutzer und
uf dem Briefkasten klebt ein tauschen – und bei Interesse gleich ihres Vermögens sehr ernst nehme.
A weißer Aufkleber, jemand hat
mit Filzstift draufgeschrieben:
Binance Deutschland GmbH & Co.
investieren. So simpel die Benut-
zung, so kompliziert ist das Firmen-
konstrukt dahinter. In der physi-
Wolf of
Krypto
Ein Sprecher verweist auf »rigorose
Richtlinien« und erklärt, dass es
nicht möglich sei, die zusätzliche
Die wichtigsten
KG. Eine Ecke des Stickers hat sich schen Welt bleibt der Konzern Kryptowährungs-
Sicherheitsbarriere auszuschalten,
gelöst und rollt sich leicht ein. Wenig schwer greifbar. börsen, Handels- ohne Zugriff auf das entsprechende
lässt vermuten, dass hier, in einer Wie sich das für seine Kunden an- volumen am 20. Mai*, Gerät des Kunden zu haben.
Wohngegend von Tübingen, die deut- fühlen kann, musste Franc Shtrepi er- in Mrd. Euro Zugleich gestand der Binance-
sche Niederlassung eines Konzerns fahren. Der 35-Jährige hat schon vor Chef, dass 10 000 Anfragen noch un-
Binance
sitzen soll, der zu den großen Playern Jahren einen Teil seines Geldes in vir- beantwortet seien. Shtrepi hat inzwi-
69
der Bitcoin-Welt gehört. Eine Platt- tuelle Währungen wie Bitcoin ange- schen die Polizei eingeschaltet.
form namens Binance, auf der pro legt und dafür ein Onlinekonto bei Huobi Zornige Kunden und schlechte Be-
Tag rund 50 Milliarden Dollar den Binance eingerichtet. Freunde hätten 21 wertungen sind nicht die einzigen
Besitzer wechseln. Doch das Impres- ihm die Plattform empfohlen, erzählt Coinbase
Wachstumsschmerzen, mit denen die
sum auf der deutschen Website führte er, die sei schließlich eine bekannte junge Börse zu kämpfen hat. Auch das
12
zu diesem Privathaus – zumindest bis Adresse. schmutzige Geld aus dem Darknet
vor Kurzem. Es ist einer von vielen Als er im Dezember 2020 auf ein- Kraken wird zum Problem.
Fäden in einem undurchsichtigen mal nicht mehr auf sein digitales 5 Recherchen des SPIEGEL und des
Firmengeflecht. Portemonnaie zugreifen konnte, ging Bitfinex NDR-Magazins »STRG_F« legen na-
Obwohl Binance mittlerweile die er zunächst von einem technischen 4
he, dass Binance von Kriminellen
größte Kryptobörse der Welt ist, gibt Problem aus. Allerdings dauerte es genutzt wird, um Einnahmen zu ver-
*innerhalb von 24 Stunden,
es keinen zentralen Dienstsitz. »Nur Monate, bis der Kundenservice ihm Stand: 18.30 Uhr schleiern. Während Behörden beim
weil die meisten ein Hauptquartier den Zugang wieder ermöglichte. Als S Quelle: CoinMarketCap Kampf gegen Geldwäsche im tradi-
haben, heißt das nicht, dass wir eines Shtrepi sich wieder einloggen konnte, tionellen Geldsystem durchaus geübt
haben«, sagt Binance-Chef Chang- habe er festgestellt, dass das Konto sind, tun sie sich bei digitalen Wäh-
peng Zhao. »Wir finden das einfach leer war, berichtet er. Kryptowährun- rungen ungleich schwerer, dem Geld
effizienter.« Binance hat Firmen auf zu folgen.
den Cayman -Islands und in Malta Binance-Chef Zhao Dass Binance für Cyberkriminelle
angemeldet. »Wenn Sie wollen, könn- eine beliebte Adresse ist, zeigt die ein-
ten Sie auch jedes Hotel, in dem ich schlägige deutsche Darknetseite Cri-
als CEO gerade übernachte, als unser menetwork. Dort bieten Kriminelle
Hauptquartier bezeichnen.« Drogen und gefälschte Dokumente
Zhao hat Binance vor gerade ein- an. Auf die Frage, wo sich Bitcoin-
mal vier Jahren gegründet, es folgte Gewinne am besten anonym umtau-
ein kometenhafter Aufstieg. Heute ist schen lassen, schreibt ein Nutzer der
der chinesisch-kanadische Program- Plattform: »Ich nutze für so was aus-
mierer ein Star der Szene. Auf Twit- schließlich Binance.«
ter hat er mehr als zwei Millionen Fol- Die Sache hat System, wie eine
lower und schreibt Dinge wie: »In der Analyse des Informatikers Jochen
Kryptowelt gibt es keinen normalen Schäfer zeigt, die dem SPIEGEL, dem
Tag. Irgendwas ist immer komisch.« NDR und dem Netzwerk funk vor-
Für viele, die sich zum ersten Mal liegt: Aus dem Darknetforum werden
in die Welt der Kryptowährungen Gelder zu Binance geschleust. Schä-
Darrin Zammit Lupi / Reuters

wagen, ist Binance so etwas wie das fer hat mehr als 13 000 Zahlungsvor-
Eintrittstor. Die Plattform vereint gänge im Wert von insgesamt 767,6
Onlinebanking und Anlagemanage- Bitcoins nachverfolgt, die von Crime-
ment mit der simplen Funktion einer network an Händler ausgezahlt wur-
digitalen Wechselstube: Euro lassen den. Zum Zeitpunkt der jeweiligen
sich mit wenigen Klicks in Bitcoin Überweisungen entsprach das umge-

70 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


WIRTSCHAFT

rechnet 5,3 Millionen Euro. Ein Teil davon Milliarde Dollar. Damit wäre Binance größer für Geldwäsche- und Terrorfinanzierung miss-
wurde demnach zurück in die Dark- als der amerikanische Rivale Coinbase, der braucht werden könnten – und riet, Krypto-
netplattform investiert, für 22,1 Bitcoins konn- an der Börse derzeit mit rund 50 Milliarden börsen den Geldwäscheregeln zu unterwerfen.
te Schäfer eindeutig nachvollziehen, dass sie Dollar bewertet ist. Für sich selbst hat Zhao Erst seit 2020 gelten in Deutschland stren-
auf Onlinekonten flossen, die bei Binance re- einen Börsengang bislang ausgeschlossen. gere Regeln für sogenannte Kryptoverwahrer.
gistriert sind. »Wir haben keinen Geldmangel, wir kommen Ob sich ein Portal wie Binance damit ein-
Auch die Analysefirma Chainalysis hat in gut durch«, sagte er einem Branchenportal. hegen lässt, muss sich zeigen. Aus Tübingen
einem Bericht festgestellt, wie wichtig Kryp- Das »Forbes«-Magazin führt Zhao auf heißt es, man halte die Regeln von Kreditwe-
tobörsen für Kriminelle sind: Zwar hatten il- Platz fünf der reichsten Menschen der Kryp- sen- und Geldwäschegesetz vollständig ein,
legale Gelder im vergangenen Jahr nur einen towelt und schreibt ihm ein Vermögen von könne aber nur für die eigenen Kunden in
Anteil von 0,3 Prozent an allen Krypto- 1,9 Milliarden Dollar zu. Er selbst sei oft wo- Deutschland sprechen und nicht für Binan-
transaktionen, doch für das Jahr 2019 konnten chenlang unterwegs, berichtet er dem SPIE- ce.com. Das sei ein »völlig unabhängiges Un-
die Analysten Bitcoin im Wert von 770 Mil- GEL in einem Videoanruf, und lebe mit dem, ternehmen«.
lionen Dollar nachvollziehen, die aus illegalen was in zwei Koffer passe. »Ich mag physi- Eine eigene Banklizenz hat die Kryptobör-
Geschäften auf Binance-Konten flossen. schen Besitz nicht, solche Güter können nie se hierzulande nicht. Sie tritt als sogenannter
Was Binance womöglich so attraktiv so schnell an Wert gewinnen wie Kryptowäh- vertraglich gebundener Vermittler unter dem
macht: Lange Zeit war dort eine relativ ano- rungen.« Er besitze daher weder ein Haus Dach eines Münchner Finanzdienstleisters
nyme Anmeldung möglich. Reporter des noch ein Auto. »Ich habe noch nicht mal ei- auf. Damit unterliege Binance Deutschland
NDR konnten noch im Februar 2021 ein On- nen Führerschein.« In Deutschland habe er nicht der unmittelbaren Aufsicht durch die
linekonto nur mit einer E-Mail-Adresse und sich mithilfe der Taxi-App Freenow fortbe- Bafin, heißt es dort. Die Behörde bestätigt
einer Telefonnummer eröffnen und sofort wegt. aber zu überprüfen, ob Binance Deutschland

VORFREUDE AUF Alaska Expeditions-

alaska
Entdecken Sie Alaskas
Seereise
Jetzt träumen – 2022 reisen.

z.B. 14 Außenkabine ab
endlose Weiten, seine Tage 4.587 € p.P.*
wilde Natur und den
kulturellen Reichtum – Im Reisebüro oder unter
mit dem modernen Hier inspirieren Tel. (040) 874 084 62
Hybrid-Expeditionsschiff lassen:
MS Roald Amundsen.
Entdecken Sie
Neues
hurtigruten.de
* Frühbucher-Preis, limitiertes Kontingent.
Hurtigruten GmbH · Große Bleichen 23 · 20354 Hamburg © Adobe Stock/majk101

Geld von Bitcoin in die anonyme Kryptowäh- Rivalen beobachten den kometenhaften über seinen »eng abgesteckten Tätigkeits-
rung Monero tauschen – ein bei Kriminellen Aufstieg von Binance mit Argwohn. Coinbase bereich« hinausgehe.
beliebter Weg, um digitale Geldflüsse zu ver- beklagt die »unterschiedliche Einhaltung von In den Fokus der Behörde geriet Binance
schleiern. Inzwischen müssen ein Foto des Vorschriften« – ausländische Wettbewerber kürzlich trotzdem wegen sogenannter Aktien-
Ausweises und ein Selfie für einen Abgleich könnten ihre Dienste grenzüberschreitend an- Token – virtuelle Anlagen, die den Kurs von
hochgeladen werden. Eine echte Videoiden- bieten, ohne Strafen durch Aufseher zu ris- realen Aktien nachbilden. Anleger können so
tifizierung im Sinne der Bafin sieht indes an- kieren. auf begehrte Unternehmen wie Tesla wetten.
ders aus. Gary Gensler, neuer Chef der US-Wertpa- Steigt oder fällt der Aktienkurs, gilt das auch
Seine Firma unternehme viel im Kampf pieraufsicht SEC, warnt in einem Interview für den Wert der Token. Allerdings hat Binance
gegen Kriminalität, behauptet Binance-Chef vor einer »Lücke im System«. In den USA Deutschland das Produkt ohne einen
Zhao. Binance nutze rund 30 Programme, gebe es »keine bundesstaatliche Autorität, Wertpapierprospekt angeboten, und der hätte
um illegale Zahlungen zu erkennen, und hel- Kryptobörsen zu regulieren«. Immerhin, das der Bafin vorgelegt werden müssen. Bei sol-
fe Betrugsopfern, ihr Geld zurückzubekom- US-Justizministerium und die Steuerbehörde chen Verstößen droht eine Geldbuße von bis
men. Natürlich passiere es, dass Gelder aus wollen Binance künftig genauer beobachten. zu fünf Millionen Euro.
kriminellen Quellen an Binance fließen, Von Binance heißt es, dass man rechtliche Seit einigen Tagen führt die Spur von Bi-
räumt er ein. In den meisten Fällen gelinge Vorgaben, überall wo man operiert, sehr nance Deutschland übrigens nicht mehr nach
es jedoch, die Gelder einzufrieren. Man habe ernst nehme und ein robustes Compliance- Tübingen. Das Unternehmen gibt nun eine
in den vergangenen Jahren zahlreiche Ermitt- Programm aufgebaut habe. Adresse in Greven an, die zu einem Adress-
ler weltweit unterstützt. Auch in Deutschland sind Bitcoin und Co. schutzanbieter gehört. Der wirbt im Netz mit
Der Chef gibt sich pflicht- und selbstbe- noch weitgehend unreguliert. Dabei warnte dem Slogan: »Kümmere dich um dein Projekt.
wusst. Laut Zhao rechnet das Unternehmen die europäische Bankenaufsicht EBA schon Wir kümmern uns um deine Privatsphäre.«
für 2020 mit einem Gewinn von bis zu einer im Jahr 2014 davor, dass virtuelle Anlagen Michael Brächer, Max Hoppenstedt ■

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 71


WIRTSCHAFT

nigstens als Dienstwagen von der Steuer ab-


setzen. In Deutschland wird allerdings nur
jede vierte Firma von einer Frau geführt, und
auch in den Chefetagen großer Unternehmen
sind Managerinnen rar gesät. Zudem werden
Mitarbeiterinnen oft schlechter bezahlt als
Botox auf Rädern ihre männlichen Kollegen. Fehlt den erfolg-
reichen Frauen hierzulande also schlicht das
Kapital für ein so kostspieliges Gefährt?
Da schüttelt Ader bedauernd den Kopf. Es
LUXUS Porsche will den Altmännermuff von der Marke fegen und sei eher nicht das verfügbare Einkommen,
den Anteil der weiblichen Kundschaft erhöhen. Keine einfache wenn Porsche bei deutschen Frauen seltener
Aufgabe in Zeiten des Gender-Mainstreamings. Von Michaela Schießl auf der Einkaufsliste landet als beispielsweise
in Asien: »Es gibt viele Frauen in unserer Ziel-
gruppe, die sich einen Porsche leisten könn-
ie junge Frau sitzt mit gespreizten Bei- an, Porsche wurde zum Statussymbol mäch- ten, es aber noch nicht tun.«
D nen auf dem Kotflügel des Porsche
Cabriolets, das linke Bein auf die Stoß-
stange gestemmt. Ihre pinkfarbene Bluse
tiger Männer. Statt Steve McQueen klemmt
heute Bill Gates hinter einem Porsche-Steuer.
Oder Udo Lindenberg.
Da ist guter Rat teuer. Firmengründer Fer-
dinand Porsche glaubte noch: »Wir bauen Au-
tos, die keiner braucht, aber jeder haben will.«
steckt in einer pinken Schlaghose, die Fein- Mit diesem Erbe muss Ader sich jetzt he- So kann man sich irren.
strümpfe leuchten rosa aus den goldenen rumschlagen. Denn Porsche soll das Kunst- Denn vielen kaufkräftigen Frauen in
Riemchensandalen. Neben ihr hockt ein pu- stück gelingen, mehr Frauen als Kunden zu Europa und den USA ist das Blut-Schweiß-
scheliger Hund mit vier weißen Pfötchen und gewinnen, ohne die männlichen Fans zu ver- Tränen-Gefährt zu neandertalig. Sie fühlen
schaut niedlich. Die Frau verdreht sich keck graulen. In China, wo der Stuttgarter Auto- sich eher abgestoßen vom Klischee des typi-
für die Kamera. bauer erst vor 20 Jahren und ohne den histo- schen Porsche-Fahrers: Mann mittleren Alters
Eine Szene, die jede Genderaktivistin in risch gewachsenen Chauvi-Ballast angetreten mit Haarwuchsstörungen und Testosteron-
sofortige Schnappatmung versetzen sollte: ist, klappt das prima. Jeder zweite Porsche schwankungen, der das Auto als Egobooster
Starlet auf Luxuskarosse im rosa Outfit mit wird dort bereits von einer Frau gekauft. In zum Kompensieren von was auch immer
Schoßhund – hinter so viel Klischee können Deutschland hingegen sind nur 13 Prozent braucht. In diesem Licht irritierte indes das
doch nur die Chauvinisten der Automobil- der Kundschaft weiblich, in den USA ein Vier- Geburtstagsgeschenk von Amal Clooney an
branche stecken oder Heidi Klum. Schon don- tel. »Porsche wird in China eher als High- ihren Gatten George: Sie verpasste dem Se-
nert der Shitstorm am Horizont. End-Marke wahrgenommen«, sagt Ader. xiest Man Alive 2015 zu seinem 54. einen
Tatsächlich zeigt das Foto das wohl wil- Natürlich spielt auch Geld eine Rolle. Porsche 911 GT3 RS g. Ausnahmen bestätigen
deste, unbändigste, rebellischste Geschöpf Schließlich ist kein Porsche unter 56 000 Euro die Regel.
der Hippiegeneration: die Blues-Röhre Janis zu haben, Extras exklusive. Kein Wunder Neben dem männermuffelnden Image ha-
Joplin. Auf ihrem eigenen, selbst verdienten, also, dass die mit Abstand größte Gruppe un- ben Porsches Marktforscher eine zweite Kauf-
gebrauchten Porsche Cabrio. Zwei Jahre lang, ter den Porsche-Fahrern selbstständige Unter- hemmung ausgemacht, die ebenfalls mit der
bis zu ihrem Drogentod 1970, war die Sänge- nehmer sind – die können das teure Teil we- Rückständigkeit der Bundesrepublik in Sa-
rin mit dem psychedelisch bemalten Sport- chen Gleichberechtigung zusammenhängt.
flitzer durch San Francisco gebraust. Sie soll »Frauen wollen den Eindruck vermeiden, der
ihn geliebt haben, heißt es, doch es bleiben Porsche sei ihnen geschenkt worden«, sagt
Zweifel. Immerhin hat sie in einem berühm- Ader. »Sie möchten ihr Auto selbst erarbeitet
ten Song Gott persönlich angepumpt, er mö- haben und das auch zeigen.« Übersetzt heißt
ge ihr einen Benz kaufen. das: Porsche hat in seinem Heimatland ein
Offenbar war schon damals das Verhältnis Sugar-Daddy-Problem. Frauen fürchten, als
zwischen Porsche und den Frauen ein kom- Luxusobjekt eines Mannes zu gelten, der sie
pliziertes. Das kümmerte nur niemanden. samt Gefährt aushält. Weil es immer noch
Denn für die Stuttgarter Autobauer galt jahr- undenkbar scheint, dass sie den Schlitten aus
zehntelang die eine unumstößliche Wahrheit: eigener Tasche bezahlt haben.
Ein Porsche ist ungeheuer laut und schnell Um für Frauen attraktiver zu werden, ver-
und wird von einem Mann gefahren. Oder sucht Porsche nun behutsam, die Altmänner-
von Martina Navratilova. schuppen von der Marke zu fegen. Statt Blei-
»Beim Beschleunigen müssen die Tränen fußprosa à la »Leck meinen Auspuff« heißt
der Ergriffenheit waagerecht zum Ohr hinab- es jetzt: »Porsche entwickelt sich vom Her-
fließen«, befeuerte der Rallyefahrer Walter steller exklusiver Sportwagen zum Anbieter
Röhrl den Hype um die hochmotorisierten für exklusive und sportliche Mobilität.« Da-
Boliden. Sie bekamen liebevolle Spitznamen mit das gelingt, haben die Stuttgarter poten-
wie »Heckschleuder« oder »Witwenmacher« zielle Käufer nach ihren Wünschen befragt.
und galten als knallharte Sportwagen für knall- Der Hauptkaufgrund für einen Porsche ist
harte Kerle. James Dean, der härteste Weich- die Marke. Männer, das hat diese Marktfor-
ling aller Zeiten, starb sogar in einem Porsche. schung gezeigt, »zünden bei den Themen Per-
»Unsere Wurzeln liegen im Motorsport«, formance, Technologie und Sportlichkeit«.
Shooting Star / eyevine

sagt Porsche-Marketingchef Robert Ader. Frauen hingegen ist das Design wichtig, »Qua-
»Rennmaschinen und Steve McQueen, das lität, Zuverlässigkeit, Haptik«, so Ader. Diese
gehört zu unserer Historie, hat unsere Marke Aspekte will Porsche zukünftig noch stärker
sehr stark geprägt.« in den Vordergrund stellen: »Mittlerweile
Mit der Zeit zog das Image allerdings auch bieten wir 700 Optionen an, um das Wagen-
immer mehr kleine, dicke und nerdige Reiche Musikerin Joplin mit Cabrio um 1969 innere an persönliche Wünsche anzupassen.«

72 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


WIRTSCHAFT

Patrick Runte / DER SPIEGEL


Autorin Schießl vor Elektro-Porsche: So eine Karre fährt man nicht, um den Mutter-Teresa-Preis zu gewinnen

Alles eigentlich ganz vernünftig. Doch in der Ob das Kaffeepäuschen im citynahen Por- suchen, ihre Würde zu bewahren, wenn sie
aufgeladenen Genderdebatte genügt derzeit sche-Café zum erhofften Erfolg führt? Viel- auf dem Parkplatz daneben aus ihrem Golf
ein Funke – und die Hütte brennt. leicht wären die Männer aus Zuffenhausen Kombi krabbeln. Dieser Spaß ist eigentlich
Als Porsche-Vorstand Detlev von Platen besser beraten, Frauen einfach mal ans Steuer nur noch durch die Mitnahme eines männli-
im »Handelsblatt« ausplauderte, dass man zu lassen. Nichts korrumpiert vernunftbegab- chen Beifahrers zu toppen. Denn egal, wie
beim Elektromodell Taycan den Frauenwün- te Wesen schneller. eisern er sich vorgenommen hat, stark, cool
schen zuliebe auf Sprachsteuerung und ein Kaum sitzt man in so einer Rakete, fliegen und unbeeindruckt zu bleiben: Nach spätes-
intuitives Display setze, statt Echtleder vega- alle Nachhaltigkeitsbekenntnisse, Sicherheits- tens 20 Kilometern bettelt er wie bei einer
ne Bezüge bereitstelle und den Wagen außer- bedenken, Wirtschaftlichkeitsüberlegungen Domina, endlich selbst fahren zu dürfen.
dem im Rosa-Ton »Frozen Berry« anbiete, und all das, was man bei den Umfragen Klu- Na klar, das alles ist total unvernünftig. Da
brach ein Stürmchen der Entrüstung los. ges von sich gibt, zügig über Bord. Ungefähr hatte Ferdinand Porsche schon recht: Kein
Als ob bei der Weltfirma Porsche ein paar vier Sekunden dauert diese Metamorphose, Mensch braucht so ein Auto. Doch wer be-
ewiggestrige Klotzköpfe herumsäßen, die so lange braucht der Elektro-Porsche Taycan stimmt, dass Frauen immer vernünftig sein
glauben, es genüge, ihre Autos rosa zu strei- 4S, um aus dem Stand auf 100 Stundenkilo- müssen? So eine Karre fährt man nicht, um
chen, um Frauen zu ködern. In der allgemei- meter zu beschleunigen. Das zieht nicht nur den Mutter-Teresa-Preis zu gewinnen. Außer-
nen Erregung über die vermeintlich frauen- Walter Röhrls Tränen senkrecht nach hinten, dem genügt ein Blick in den Schuhschrank,
feindliche Stereotypisierung ging vollkommen sondern auch die Tränensäcke. Das 530 PS- um das Argument vom vernünftigen Weib
unter, dass der Farbton in China extrem ge- starke Viech ist Botox auf Rädern. Fast scha- ins Wanken zu bringen.
fragt ist. Und fast jeder zweite Frozen-Berry- de, dass man meist nur von hinten gesehen In Umfragen wird diese Wahrheit nie ans
Porsche dort von einem Mann gekauft wird. wird. Also abbremsen, warten, bis ein auf- Licht kommen. Schlauer wäre, mehr Frauen
Aus gutem Grund, denn – das darf an dieser gemotzter BMW auf der Überholspur hinter bei Porsche mitreden zu lassen. Erst 2012,
Stelle nur noch ganz leise geraunt werden – einem blinkt und drängelt, und dann: tschüs. nachdem Wendelin Wiedeking und seine
das Graurosa ist einfach superchic. Bis zur nächsten Kreuzung, an der sich ein Garde abgetreten waren, hat der traditionelle
Um neue Kunden anzuziehen, wollen die Nissan-Fahrer devot entschuldigt, weil er sei- Männerladen das Thema Chancengleichheit
Stuttgarter nun Porsche-Studios in den Innen- ne Vorfahrt wahrgenommen hat. Was für ein für sich entdeckt und sogleich die Boni an
städten errichten. Auch die Verkaufszentren Vergnügen. eine faire Frauenförderung gebunden. Im
sollen architektonisch aufgehübscht werden, Kein Zweifel: Eine Ausfahrt im hellblauen Juni steigt Barbara Frenkel als erste Frau in
um den ästhetischen Ansprüchen weiterer Taycan am Vatertag entschädigt jede Frau we- den Vorstand auf. Insgesamt ist der Frauen-
Zielgruppen gerecht zu werden. Zudem wur- nigstens ein bisschen für so manch erlittene anteil im Unternehmen von 13 auf knapp
de der 35-jährige Olivier Rousteing, Kreativ- Demütigung. Nicht nur, dass über 40-jährige 16 Prozent angestiegen. Gerade mal 3 Pro-
direktor des Pariser Mode-Labels Balmain, Fahrerinnen plötzlich wieder sichtbar wer- zentpunkte. In neun Jahren. Man arbeite da-
als Testimonial verpflichtet. »Wir wollen in den, dass sich Männerköpfe verdrehen und ran, sagt Porsche. Liebe Stuttgarter, arbeitet
der Lebenswelt von Frauen präsenter wer- begehrliche Blicke geworfen werden. Das härter. Ihr müsst mehr Gas geben. Und:
den«, formuliert Ader. Schönste ist, wie verzweifelt die Herren ver- tschüs! ■

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 73


AUSLAND

Bernat Armangue / dpa


Unbegleitete minderjährige Geflüchtete, die Anfang der Woche aus Marokko in der spanischen Exklave Ceuta angekommen waren, sitzen
vor einem Lagerhaus, das als vorübergehende Unterkunft dienen soll. Die Jugendlichen warten darauf, auf Covid-19 getestet zu
werden. Innerhalb von nur 36 Stunden waren mehr als 8000 Migranten nach Ceuta gekommen. Viele wurden direkt wieder abgeschoben.

Ausgeliefert später gelingen, die Grenze wieder abzuriegeln. Die Regie-


rung in Rabat hat ihr Ziel trotzdem erreicht: Sie hat den Euro-
päern demonstriert, wie erpressbar sie in der Migrationspolitik
ANALYSE Die Europäer haben sich in der sind. Trotz unzähliger Anläufe haben es die EU-Staaten ver-
Flüchtlingspolitik von Autokraten erpressbar gemacht. säumt, ein belastbares Asylsystem zu etablieren. Stattdessen set-
zen sie auf Deals mit Autokraten wie Erdoğan – und auf Gewalt.

E s brauchte nicht viel: Es genügte, dass sich Marokko pro-


voziert fühlte, weil der Anführer der Unabhängigkeits-
bewegung für Westsahara in Spanien medizinisch behan-
delt werden durfte. Die Regierung in Rabat lockerte daraufhin
In Ceuta und Melilla etwa schottet sich Spanien mit Zäunen
gegen Schutzsuchende ab.
Manche Europapolitiker tun so, als wäre Unmenschlichkeit
der einzige Weg, Migration beherrschbar zu halten. Dabei
die Grenzkontrollen, was dazu führte, dass Anfang der Woche haben Fachleute seit Jahren immer wieder dargelegt, wie eine
mehr als 8000 Migrantinnen und Migranten aus Marokko in die humane, geordnete Migrationspolitik aussehen könnte. Sie
spanische Enklave Ceuta gelangten. Das Manöver erinnert an beginnt damit, dass sich die EU-Staaten von der Illusion verab-
das Vorgehen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, schieden müssen, dass eine gesamteuropäische Asylpolitik
der im März vergangenen Jahres Tausende Geflüchtete an die möglich sei. Länder wie Deutschland, Frankreich, Schweden soll-
Grenze zu Griechenland karren ließ – und damit halb Europa in ten eine »Koalition der Willigen« bilden, die das Asylrecht
Panik versetzte. stärkt. Diese Koalition müsste legale Wege für Geflüchtete nach
Nun ist Ceuta ein Sonderfall. Wie Melilla einige Hundert Europa schaffen, das können humanitäre Visa sein ebenso wie
Kilometer weiter östlich liegt die Enklave auf afrikanischem Familienzusammenführungen oder das Resettlement-Programm
Boden, gehört politisch jedoch zu Spanien. Seit Jahren ver- der Vereinten Nationen. Nur so lässt sich das Paradox auflösen,
suchen Geflüchtete, die Grenze nach Ceuta und Melilla zu über- wonach Schutzsuchende zunächst illegal und auf meist mörde-
winden, um Asyl in Europa zu beantragen. Nie aber war rischen Routen die Grenze überwinden müssen, um dann legal
der Andrang so groß wie jetzt. Es wird Spanien früher oder in der EU Asyl beantragen zu können. Maximilian Popp

74 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


Verantwortung gezogen wür-
Notorisch brutal den. Die USA sind Bogotás
Russisches Rohrverlegeschiff vor Wismar

KOLUMBIEN Videos von den wichtigster Verbündeter in der


jüngsten Demonstrationen Region, Washington beliefert
gegen die Reformpläne der die kolumbianische Polizei mit
kolumbianischen Regierung zei- Waffen und Ausrüstung. Bei
gen, wie Polizisten mit offenbar den Demonstrationen sind nach
scharfer Munition in die Menge Angaben von Menschenrechts-
feuern. Frauen klagen über gruppen mindestens 42 Men-
sexuelle Übergriffe, eine junge schen ums Leben gekommen.
Demonstrantin soll sich umge- Experten erklären die unge-
bracht haben, nachdem sie von wöhnliche Brutalität der Sicher-
Polizisten vergewaltigt wurde. heitskräfte damit, dass sie
Das brutale Vorgehen der ursprünglich für den Kampf

Jens Büttner / dpa


kolumbianischen Sicherheits- gegen die Guerilla ausgebildet
kräfte gegen die seit gut drei wurden, sie unterstehen dem
Wochen andauernde Pro- Verteidigungsministerium. »Es
testbewegung setzt jetzt auch ist eine sehr gute Polizeitruppe
Washington unter Druck. für den Krieg«, sagte der ehe-
55 demokratische Kongress-
abgeordnete haben die Biden-
malige kolumbianische Polizei-
chef Óscar Naranjo, der sich für
»Ein gefährliches Werkzeug«
Regierung in einem Brief auf- eine Reform der Sicherheits-
gefordert, die Hilfe für Kolum- kräfte einsetzt. Die Polizisten GEOPOLITIK Patryk Jaki, 36, EU-Abgeordneter der
biens Polizei zu stoppen, bis sehen in den vorwiegend linken polnischen Rechten, kritisiert, dass die USA die Nord-
es zu »echten Verbesserungen« Demonstranten Anhänger Stream-2-Pipeline nicht verhindern.
bei der Behandlung der De- der Guerilla – das Friedens-
monstranten komme und die abkommen mit der Farc vor SPIEGEL: Herr Jaki, SPIEGEL: Aus Deutschland,
Kacper Pempel / REUTERS

Verantwortlichen für »polizei- fünf Jahren hat daran offenbar die Biden-Regie- Österreich, Frankreich …
liche Brutalität« vor Gericht zur nichts geändert. JGL rung verzichtet vor- Jaki: Deshalb haben mehrere
erst auf scharfe Länder ein Interesse daran,
Sanktionen gegen Nord Stream 2 zu vollenden. Es
Scheiden auf bruch: Seit dem 1. Januar müs- den Betreiber fielen große Worte, dass die EU
sen sich trennungswillige Paare der Nord-Stream-2-Pipeline. auf dem Prinzip der Solidarität
Chinesisch einer 30-tägigen »Bedenkzeit« Zu Recht? gebaut sein müsse – aber dann
CHINA Nachdem sie über Jahre unterziehen, bevor sie ihre Jaki: Ich bin enttäuscht. Die US- wurde gerade auf dem Gebiet
stetig angestiegen war, ist die Scheidung formal einreichen Regierung hat die aggressive Poli- der Energiesicherheit dagegen
Scheidungsrate im bevölke- dürfen. Zweck der Abkühlungs- tik Russlands in der Ukraine kri- verstoßen. Das ist Heuchelei.
rungsreichsten Land der Welt maßnahme, so berichtet die tisiert und die versuchten Morde SPIEGEL: Wird Nord Stream 2
um mehr als 70 Prozent gesun- Pekinger »Global Times«, sei es, an Sergej Skripal und Alexej das deutsch-polnische Verhält-
ken, so zumindest verkünden es »impulsive Scheidungen« zu Nawalny. Statt Sanktionen zu nis verschlechtern?
die amtlichen Statistiken. Nur verhindern. »Manche Paare verhängen, stimmt sie dem Bau Jaki: Das ist schon passiert.
296 000 chinesische Ehepaare streiten sich am Morgen und las- zu. Nord Stream 2 stärkt Mos- Polen wird sich in Kürze aus der
trennten sich demnach von sen sich am Nachmittag schei- kau. Die Pipeline ist ein gefähr- Abhängigkeit von russischem
Januar bis März 2021 – ein den«, hatte die Zeitung »Legal liches Werkzeug zur Erpressung, Gas befreit haben. Wir haben
deutlicher Rückgang. Im ersten Daily« einen Experten zitiert. vor allem der Ukraine. ein Flüssiggasterminal errichtet,
Quartal 2020 waren es noch Der wahre Grund der Gesetzes- SPIEGEL: Wie erklären Sie sich die Pipeline Baltic Pipe von
über eine Million gewesen. Ein novelle dürfte ein demografi- den Sinneswandel in den USA? Polen nach Dänemark ist im
Grund für den drastischen Ein- scher sein: Nicht nur Chinas Jaki: Die Demokraten haben Bau. Die schwächeren Länder,
Scheidungsrate war zuletzt traditionell einen eher milden wie eben die Ukraine, werden
gestiegen, sondern auch die Kurs gegenüber Russland gefah- die Opfer der skandalösen deut-
Zahl der Eheschließungen und ren. Möglicherweise gibt es schen Politik sein. Auf der einen
der Geburten war gesunken. auch irgendeine Verständigung Seite spricht sich Berlin dafür
Zugleich nimmt der Anteil der mit Moskau, die wir noch nicht aus, die EU nach Osten zu
über 65-Jährigen zu, von kennen. Oder vielleicht nimmt erweitern, auf der anderen Seite
8,87 Prozent 2010 auf derzeit man Rücksicht auf Deutschland. treibt es die Länder dort in die
13,5 Prozent. Die Gesellschaft SPIEGEL: Auch mehrere EU- Abhängigkeit Russlands.
wird immer älter. In Zukunft Staaten und das Europaparla- SPIEGEL: Die Bundesregierung
könnten sich daraus erhebliche ment haben sich gegen die Pipe- sagt, Nord Stream 2 sei ein wirt-
Probleme unter anderem für line ausgesprochen – aber ver- schaftliches Projekt.
Alex Plavevski / epa-EFE / Shutterstock

den Arbeitsmarkt ergeben. hindert wurde sie nicht. Jaki: Es war immer ein politi-
Einem Bericht der Nachrichten- Jaki: Auch darüber bin ich ent- sches. Deutschland hat sich ent-
agentur Reuters zufolge denkt täuscht, allerdings weniger als schieden, Putin ein Mittel zur
Peking nun offenbar darüber über die USA. Europa sagt gern, Erpressung an die Hand zu
nach, die Ende der Siebziger- wie gefährlich Russland ist – geben. Wenn Moskau es nutzt,
jahre eingeführte Geburtenkon- aber es passiert in der Regel trägt Deutschland dafür die Ver-
trolle vollständig abzuschaffen. nichts. Am Projekt Nord Stream antwortung. Das ist ein großes
Seit 2016 gilt eine offizielle 2 sind zudem Konzerne aus moralisches Problem für die
Hochzeitspaar in Guangzhou Zweikindpolitik. ZND mehreren EU-Ländern beteiligt. Bundesrepublik. JPU

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 75


AUSLAND

»Sie haben uns verkauft«


ISR AEL Der Waffengang um Gaza hat der Welt den lange vergessenen Konflikt mit den Palästinensern in Erinnerung
gerufen. Im Westjordanland, in Jerusalem und in Israel entsteht seit Wochen eine neue, vereinte
Protestbewegung. Die Menschen sind jung, organisieren sich über soziale Medien – und werden kaum aufgeben.

W enn Pini Kafri joggen geht, kann er Hände schüttelten und versprachen, den jahr- Auffassung sind Siedlungen wie Neria illegal,
auf seinem Weg die Reste der Zwei- zehntelangen Konflikt zu beenden. Der Ort weil sie nicht auf israelischem Gebiet liegen.
staatenlösung betrachten. Vom Aus- wirbt im Internet mit Naturnähe und einer Wer von Tel Aviv nach Neria fährt, merkt
sichtspunkt der benachbarten Siedlung blickt »herzlichen Gemeinschaft«. Darüber prangt das kaum: Es gibt keine Grenze, keinen Zaun –
Kafri auf die palästinensische Stadt Ramallah: eine Karte der Region. Sie zeigt die Orte Beit kaum einen Hinweis darauf, dass man sich
Hochhäuser ragen dort in den Himmel, Neu- El und Ariel, Ofra und Mitzpe Jericho – is- eigentlich nicht mehr in Israel befindet. Kein
bauten dehnen den Ortsrand. Einst sollte raelische Siedlungen im Umkreis. Was sie Wunder, dass Kafri nicht versteht, warum die
auch der Platz, auf dem Kafri steht, an die nicht zeigt: Ramallah und Deir Ammar, die Weltgemeinschaft verlangt, das Westjordan-
Palästinenser fallen: Die Zweistaatenlösung palästinensischen Städte in der Gegend. Auf land an die Palästinenser zurückzugeben.
sah es so vor. Heute stehen hier israelische der Zeichnung sieht es so aus, als gäbe es die »Was wollt ihr nur dauernd von uns?«, fragt
Häuser, bewacht vom Militär. drei Millionen Palästinenser nicht, die in der er. »Es ist doch unser Land.«
»Die Araber wollen keinen Frieden mit Region leben. Seit knapp zwei Wochen dominiert der be-
uns, egal wie viel Land wir aufgeben«, sagt Das ist kein Zufall: In vielen Schulbüchern waffnete Konflikt um Gaza zwischen der isla-
der 37-jährige Siedler und nickt in Richtung sind palästinensische Orte auf der Karte nicht mistischen Hamas und der israelischen Armee
Ramallah. »Wir müssen hier präsent und abgebildet, ganz so, als zöge sich Israel bis die internationalen Schlagzeilen. Am Don-
stark sein. Sonst bringen sie uns um.« zum Jordan. Man kann hier leicht vergessen – nerstag stimmte das israelische Kabinett einer
Kafri lebt tief im Westjordanland: Seine oder ignorieren –, dass das Westjordanland Waffenruhe mit den Islamisten zu. Aber die
Siedlung Neria entstand 1991, noch bevor offiziell nicht zum jüdischen Staat gehört, son- Raketen in Richtung Tel Aviv und die toten
Yitzhak Rabin und Jassir Arafat einander die dern 1967 besetzt wurde. Nach internationaler Zivilisten, vor allem in Gaza, haben der Welt

Mahmud Hams / AFP

Israelischer Luftangriff auf Gaza-Stadt

76 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


AUSLAND

den schon fast vergessenen Nahost- von der Palästinensischen Autono- Das Neue Und so wächst im ganzen Land, in
konflikt in Erinnerung gerufen. miebehörde. »Das ist doch quasi ein Jerusalem, Haifa, aber auch in den
Das kleine Gaza mit seinem isla- eigener Staat«, fragt Kafri, »was wol- ist die Solida- besetzten Gebieten, seit Monaten die
mistischen Hamas-Regime ist aller- len sie denn noch?« risierung neue palästinensische Protestbewe-
dings ein Spezialfall. Die entscheiden- Kafri hat sechs Kinder, er ist ein palästinensi- gung heran. Sie umfasst – und das ist
den Schauplätze des Konflikts zwi- freundlicher Mann, der viel lacht und das Überraschende – auch sogenann-
schen Israel und den Palästinensern in seiner Freizeit fotografiert. Er hat scher Israelis te arabische Israeli: Palästinenser mit
liegen im besetzten Westjordanland, zwei Jobs: Die Hälfte der Woche un- mit dem israelischer Staatsbürgerschaft, die
in Ostjerusalem und neuerdings in Is- terrichtet er Heimatkunde an einer sich mit Palästinensern in den besetz-
rael selbst. Es geht in diesem Konflikt Mädchenschule, die andere Hälfte ver-
Westjordanland ten Gebieten verbrüdern.
längst nicht nur um Luftangriffe und kauft er über Amazon Servietten und und mit Gaza. Diese neue Bewegung organisiert
Raketen, sondern darum, wie der Pappteller mit Geburtstagsgrüßen. sich auch in sozialen Medien und
Raum für eine friedliche Lösung seit Er hat die zweistöckige Wohnung funktioniert über die Grenzen der pa-
Jahren kleiner und die Idee einer in Neria gekauft, weil sie günstiger lästinensischen Gesellschaft hinweg.
Zweistaatenlösung zunehmend un- ist als im Kernland Israels: Umgerech- Sie trägt dazu bei, dass die palästi-
realistisch wird – auch, weil Israel mit net einige Hunderttausend Euro kos- nensische Frage in die israelische Öf-
Siedlungen Fakten schafft. Und es tet in Neria eine Immobilie, einen fentlichkeit zurückkehrt.
geht um eine überraschende neue Bruchteil dessen, was man in Tel Aviv Israels Regierungen haben vier
Entwicklung: die Entstehung einer bezahlt. Aber Kafri wohnt auch hier, verschiedene Kategorien von Paläs-
einigen palästinensischen Bewegung weil er es für sein gottgegebenes tinensern geschaffen: die Bewohner
vom Westjordanland bis nach Israel, Recht hält. »Das ist unser Land, seit des Gazastreifens, die Palästinenser
die sich mit neuartigen Protesten Tausenden von Jahren«, sagt er. im Westjordanland, jene in Ostjeru-
wehrt. Für Kafri und viele Siedler ist die- salem und schließlich die rund 20 Pro-
Der Siedler Kafri gehört zu jenem se Sicht der Dinge bequem. Sie kön- zent Bürgerinnen und Bürger Israels
Großteil der israelischen Gesellschaft, nen im Westjordanland günstig leben, mit palästinensischen Wurzeln. Jede
der die Existenz der Palästinenser im gesichert von einer enormen Militär- Kategorie hat unterschiedliche Rech-
Alltag seit Jahren ausblendet. Viele präsenz. Während Kafri den Preis der te, und sie leben mehrheitlich vonei-
Israelis leben so, als gäbe es die Mil- Besatzung selten spürt, tragen die Pa- nander getrennt. Doch in den vergan-
lionen palästinensischen Menschen lästinenser die Konsequenzen. genen Wochen und Monaten haben
im Westjordanland nicht. Oder, wie Doch viele Palästinenser begehren Palästinensische sich viele von ihnen im Protest zu-
Steinewerfer bei
in Kafris Fall, als müsste es reichen, zunehmend auf gegen ihre gefühlte Protesten in Nablus:
sammengeschlossen – an manchen
dass sie in einigen Städten wie Jeri- Verdrängung. Sie wollen, dass man »Die Älteren nannten Orten friedlich, an anderen gewalt-
cho oder Ramallah leben, verwaltet sie nicht so einfach vergessen kann. uns TikTok-Generation« tätig: In Lod zwischen Tel Aviv und

Jaafar Ashtiyeh / AFP

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 77


AUSLAND

Jerusalem wurde eine Thoraschule »Die Araber nensische Protestbewegungen. Auch Videoanruf, eine junge Frau mit dunk-
niedergebrannt, in Akko im Norden in Jaffa und in Israel gab es immer lem Kopftuch und weichen Gesichts-
ein jüdisches Restaurant und ein Ho- wollen keinen wieder Proteste. Die Aktivisten radi- zügen. Hinter ihr prangt ein Poster,
tel. Siedler und jüdische Extremisten Frieden mit kalisierten sich irgendwann, wurden das ein Panorama von Jerusalem
wiederum machten an einigen Orten uns, egal wie getötet oder kamen ins Gefängnis, zeigt. Ihren Nachnamen möchte sie
geradezu Jagd auf israelische Palästi- viele hörten irgendwann frustriert auf. nicht nennen.
nenser. Einer wurde – ebenfalls in Jaf- viel Land Das Neue ist nun aber die Solida- Sie ist auf den sozialen Medien
fa – vor laufender Kamera kranken- wir aufgeben. risierung palästinensischer Israelis sehr aktiv, sie sagt: »Als die neue App
hausreif geprügelt. mit dem Westjordanland und mit Clubhouse kam, entstanden intensive
Am Anfang dieser neuen Proteste
Wir müssen Gaza. Die politischen Entwicklungen Debatten zwischen Palästinensern in
stehen geplante Zwangsräumungen stark sein.« der vergangenen Jahre nährten ihren Israel, im Westjordanland, in Gaza
in Ostjerusalem, im Stadtteil Scheich Frust: die zunehmende gesetzliche und hier in Jerusalem und auch in
Dscharrah. Mehrere palästinensische Diskriminierung von Arabern, der den Flüchtlingslagern in den Nach-
Familien sollen ihre Wohnungen hier politische Rechtsrutsch in der israeli- barländern. Wir begannen, einander
räumen. Der Hintergrund: Siedler- schen Gesellschaft und die Vernach- besser zu verstehen«, erzählt sie.
organisationen machen Rechtsan- lässigung arabischer Städte in Israel. Wie viele junge Menschen ihrer

Jonas Opperskalski / DER SPIEGEL


sprüche auf Häuser in Ostjerusalem Schon vor den Ereignissen in Ostje- Generation hat sie ein starkes Be-
geltend, die vor 1948 von Juden be- rusalem gab es Proteste von israeli- wusstsein für Begriffe. Die Sperr-
wohnt worden waren – sie fordern schen Palästinensern gegen die pre- anlage, die Jerusalem vom Westjor-
diesen Besitz nun vor Gericht von käre Sicherheitslage in ihren Städten. danland trennt, nennt sie routiniert
den jetzigen Bewohnern zurück. Ihr Der Staat hatte dort seit Jahren »Apartheid-Mauer«. Gleich zu Be-
politisches Ziel ist es, im mehrheitlich Gangs walten lassen und wenig un- ginn des Gesprächs erklärt sie, wa-
palästinensischen Ostjerusalem wie- ternommen gegen Drogenprobleme rum sie »östliches Jerusalem« sage
der Juden anzusiedeln. Pini Kafri und Waffengewalt. und nicht »Ostjerusalem« – Letzteres
Umgekehrt gibt es für Palästinen- Die neue Bewegung hat keinen suggeriere, es handle sich um zwei se-
ser in Israel nirgends eine Möglich- klaren politischen Hintergrund, kei- parate Städte. Jerusalem sei eine ein-
keit, verlorenen Besitz zurückzu- nen Namen – und versammelt auffal- zige Stadt – und zwar, in ihren Augen,
fordern. Es geht für die meisten Pa- lend viele junge Männer und Frauen eine palästinensische. Im Moment ist
lästinenser deshalb nicht um einen um die 20. In der Altstadt von Jeru- es andersherum: Israel beansprucht
privaten Immobilienstreit, als den ihn salem suchten sie immer wieder die Jerusalem als seine »ewige, unteil-
die israelische Regierung darstellt, Konfrontation mit der als wenig zim- bare Hauptstadt«.
sondern um das, was viele von ihnen perlich bekannten israelischen Grenz- Hala träumt von einem »freien Pa-
»andauernde Nakba« nennen. polizei. Auf Facebook kursiert etwa lästina vom Mittelmeer bis zum Jor-
Nakba bezeichnet für Palästinen- das Video einer jungen Frau, die nach danfluss«, mit offenen Grenzen zu
ser die »Katastrophe« des Exodus im solchen Auseinandersetzungen von den Nachbarstaaten. Ihre Worte sind
Zuge des Krieges um die israelische vier mit Gewehren bewaffneten Poli- letztlich ein Code für das Ende Israels
Staatsgründung 1948. Danach hat der zisten in Helmen und Schutzwesten als jüdischer Staat. Mit ihren Ideen
israelische Staat die geflohenen Be- abgeführt wird – das weiß verschlei- ist Hala im palästinensischen Kontext
wohner von mehr als 400 Dörfern erte Haupt hoch erhoben. Sie scheint keine Radikale, sie befindet sich im
enteignet und die Flüchtlinge an der nicht einmal volljährig. Mainstream. Solche Chiffren und Sät-
Rückkehr gehindert. »Die Älteren nannten uns TikTok- ze werden von klein auf gelernt. Jü-
Aus der Sicht der Palästinenser Generation und dachten, wir hätten dische Israelis sehen darin eine klare
geht die Nakba seither immer weiter. Israelische Siedlung
kein politisches Bewusstsein. Jetzt Aberkennung ihres Existenzrechts.
Im Krieg von 1967 besetzte Israel das Neria: »Wir nähern sind sie überrascht«, sagt Hala, 22, Sie könne mit Juden zusammenle-
Westjordanland und den Gazastrei- uns einer Apartheid« aus Ostjerusalem. Sie meldet sich via ben, aber nicht mit »Zionisten«, sagt
fen. Bald darauf begann dort eine zu- Hala. Kontakte zu Juden hat Hala im
nächst eher kleine nationalistisch-re- Alltag kaum. Sie trifft sie bei der Post,
ligiöse Bewegung mit dem Bau von bei Behördengängen – und als Solda-
illegalen Siedlungen. Sie sollten da- ten am Checkpoint.
mals auch als Vorposten zum Schutz »Unsere Protestbewegung hat kei-
gegen die feindlichen arabischen ne Organisation, die Jungen gehen
Nachbarstaaten dienen. Heute leben von selbst auf die Straße«, sagt Hala.
laut der Menschenrechtsorganisation Die ältere Generation verstehe es
Btselem fast 620 000 Israelis in den nicht, mit Medien umzugehen. »Wir
besetzten Gebieten. Menschen wie schon.« Sie freut sich, dass auch Pa-
der Siedler Pini Kafri. lästinenser der Diaspora aktiv wür-
Die Auseinandersetzung um die den. Besonders verärgert ist Hala
Häuser in Sheikh Jarrah hat in den über die Normalisierung der Bezie-
Wochen vor dem Gazakonflikt schon hungen Israels zu mehreren arabi-
Palästinenser im ganzen Land auf die schen Staaten im vergangenen Jahr
Straße getrieben. Als die Zusammen- und über den »Friedensplan« unter
Jonas Opperskalski / DER SPIEGEL

stöße mit der israelischen Polizei in dem damaligen US-Präsidenten Do-


Jerusalem eskalierten, demonstrier- nald Trump, der im Wesentlichen die
ten Tausende Palästinenser im Nor- jetzige Situation der Palästinenser be-
den Israels, in Haifa, Nazareth oder siegeln sollte. »Es wurde klar, dass
Jaffa. Es gab zwar seit der ersten Inti- sie uns verkauft haben«, sagt Hala.
fada in den Achtzigerjahren immer Viele junge Palästinenser identi-
wieder kleinere und größere palästi- fizieren sich mit der »Black Lives

78 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


AUSLAND

Matter«-Bewegung in den USA. Ein mere Bewohner müssen wegziehen.


Mural auf der Mauer, die Betlehem Das verstreute Volk Das passiert in vielen Städten auf der
von Jerusalem trennt, zeigt den von Welt. »Aber es ist mehr als das«, sagt
einem weißen Polizisten getöteten palästinensische Selbstverwaltung (Zone A) Abu Shehadeh. Viele jüdische Nach-
Schwarzen George Floyd. Bei Protes- palästinensische Zivilverwaltung, barn würden Jaffa nachhaltig verän-
ten in den USA tauchten Schilder auf, israelische Sicherheitshoheit (Zone B) dern. Da seien die Hipster, die sich
auf denen stand: »Wir können seit israelische Zivilverwaltung und Sicherheitshoheit (Zone C) nun über den Gebetsruf des Muez-
1948 nicht atmen«, in Anlehnung an israelische Siedlungsgebiete im Westjordanland zins beschwerten. Da sei die Thora-
die letzten Worte Floyds und das Jahr schule mit Verbindungen zur Siedler-
der israelischen Staatsgründung. Die Palästinenser … Haifa bewegung, die die »jüdische Identi-
Referenzen fanden ein Echo: Der US- Nazareth
tät« in Jaffa »stärken« möchte.
amerikanische Senator Bernie San- … in Israel: Viele Palästinenser sehen hier ein
Palästinenser, die im Zuge
ders schrieb vor einigen Tagen in der System: Sie verlieren nicht nur im be-

Jordan
der Gründung Israels 1948 ISRAEL
»New York Times« einen Meinungs- nicht geflohen sind, und setzten Westjordanland an Raum und
beitrag, der mit den Worten endete: deren Nachkommen Bedeutung, sondern auch in Israel
»Palestinian lives matter«. selbst. Abu Shehadeh beschreibt es,
… in Ostjerusalem:
Am Dienstag kam es zum ersten temporäres Aufenthaltsrecht, als würde den Palästinensern der Bo-
Mal seit Jahrzehnten zu einem Protest, West- den unter den Füßen weggezogen.
das bei längerer Abwesenheit
jordanland
der das ganze Land umfasste: Palästi- entzogen werden kann Und mit dem Boden die Identität.
nensische Israelis hatten zum Gene- Nablus Er scheint selbst erstaunt von dem
… im Westjordanland:
ralstreik aufgerufen, die Palästinenser unter Verwaltung der Ausbruch. »Vor einem Monat wären
in den besetzten Gebieten zogen mit. Palästinensischen Tel Aviv- diese Menschen noch nicht auf die
Von Haifa über Jaffa, Nablus und Ra- Autonomiebehörde Jaffa Straße gegangen«, sagt er und nickt
mallah bis nach Jerusalem und selbst und der israelischen in Richtung der Demonstranten.
Armee
in Gaza wurden Läden geschlossen. Doch die Ereignisse der vergangenen
Tausende gingen auf die Straße und … im Gazastreifen: Neria Wochen – Räumungsklagen in Ostje-
schwenkten die palästinensische Flag- unter Hamas-Kontrolle Ramallah Jericho rusalem, Ausschreitungen rund um
ge. Eine klare politische Agenda hat und israelisch- die Aksa-Moschee, der Krieg mit der
ägyptischer Blockade
die Bewegung nicht, die Forderungen Jerusalem Hamas – hätten viele Palästinenser
sind dennoch eindeutig: umfassende im Eiltempo politisiert.
Rechte, Würde, Sicherheit. Viele von Barrieren Palästinensische Politiker in Israel
ihnen haben den Glauben an die Zwei- Scheich haben für die Proteste wenig Bedeu-
(teilweise Dscharrah
staatenlösung verloren und wünschen noch in Bau tung: »Die haben keine Ahnung, was
Gaza- oder in
sich einen einzigen Staat, der ihnen streifen hier auf den Straßen passiert, die Pro-
Planung)
gleiche Rechte zuspräche – aber nicht Totes teste, die Verhaftungen«, sagt Majd
mehr jüdisch wäre. Meer Kayyal, ein palästinensischer Schrift-
So deutlich sagt Abed Abu Sheha- steller und prominenter Aktivist aus
deh aus Jaffa das nicht, auch wenn er Haifa. Er sagt: »Die Demonstratio-
es meint. »Mir ist egal, ob wir zwei 20 km
nen der letzten Wochen fanden ohne
Staaten haben oder fünf. Es muss nur Anführer statt. Die Jungen gehen von
ein Staat für alle Bürger sein. Ich glau- S Quelle: B’Tselem sich aus auf die Straße.«

be an einen Staat für alle«, sagt er. Kayyal sieht Gemeinsamkeiten


Abu Shehadeh, 33, ist Politikwissen- mit den Protesten des Arabischen
schaftler und Mitglied des Stadtrats raels Staatsgründung schon hier leb- Frühlings von 2011. Im Gegensatz zu
von Tel Aviv – das einzige mit paläs- ten. Die große Mehrheit der palästi- »Wir leben den jüngeren Demonstranten Anfang
tinensischen Wurzeln. Am Dienstag nensischen Bewohner der alten Ha- zwanzig erinnert sich der 31-Jährige
dieser Woche steht er an einer Stra- fenstadt Jaffa, die heute zu Tel Aviv unter zwei gut an die Proteste in den Nachbar-
ßenkreuzung in Jaffa, südlich von Tel gehört, ist 1948 geflohen. Besatzungs- ländern von damals: eine junge Be-
Aviv. Die Rufe der Demonstranten Ende der Neunzigerjahre wurde wegung, ohne Anführer, die sich un-
übertönen ihn fast. der Wohnraum in Tel Aviv knapp,
regimes: ter anderem durch soziale Medien
»Wir demonstrieren in Einheit ge- also begann die Stadt, auch Gebiete dem palästi- mobilisierte.
gen die ethnischen Säuberungen in in Jaffa zu entwickeln. Verkaufte nensischen Die Verbindung zur jungen Ge-
Haifa, Jerusalem und Jaffa!«, tönt es Land und Wohnraum an private In- neration hat insbesondere der paläs-
aus dem Lautsprecher. Mehrere Hun- vestoren. Mit den Jahren zogen im- und dem tinensische Präsident Mahmoud Ab-
dert Menschen protestieren hier ge- mer mehr Menschen nach Jaffa: vor israelischen.« bas längst verloren. Er trug zur Pro-
gen den aktuellen Gazakrieg, gegen allem Juden, denen Tel Aviv zu eng teststimmung bei, als er vor einem
die Bevorzugung von Siedlern in Ost- und zu teuer wurde. Monat die geplante Parlamentswahl
jerusalem. Aber nicht nur. Wenn Abu Shehadeh heute durch verschob – es sollte die erste in den
Für Abu Shehadeh geht es auch Jaffa geht, kann er an einigen Häu- besetzten Gebieten seit 15 Jahren
darum, wie Jaffa, sein Heimatort, sern kein einziges arabisches Klingel- werden. Das Interesse war groß: 93
sich in den vergangenen Jahren ver- schild ausmachen. Viele könnten sich Prozent der Wahlberechtigten hatten
ändert hat. »Früher war diese Ge- die Gegend schlicht nicht mehr leis- sich für den Urnengang registriert.
gend ein Slum«, sagt er. Bis in die ten. Manche zögen nun weiter östlich, Mit seinem Schritt machte Abbas
Achtzigerjahre hinein habe die Tel ins Landesinnere. Einige sogar ins jede Hoffnung auf eine Wiederbele-
Aviver Stadtverwaltung sich wenig Westjordanland, wo die Mieten noch bung der palästinensischen Politik in-
für den Ort interessiert. In der Ge- günstig seien. nerhalb der Institutionen zunichte.
Privat

gend wohnten hauptsächlich Nach- Man könnte das als normale Gen- Abbas, der seit 15 Jahren im Amt
kommen von Menschen, die vor Is- trifizierung abtun: Mieten steigen, är- Asil Sadik sitzt, wird von Beobachtern als zu-

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 79


AUSLAND

nehmend sturer, kontrollsüchtiger »Als Leiter des Inlandsgeheim-


Anführer beschrieben. Seine Autono- diensts habe ich eines gelernt«, sagt
miebehörde gilt als korrupt. Gegen er. »Wir werden nicht in Sicherheit
den israelischen Siedlungsbau konnte leben, solange unsere Feinde keine
er nichts ausrichten, zugleich wirft Hoffnung haben.« Hoffnung auf ein
ihm Israel vor, Angebote für einen selbstbestimmtes Leben, Hoffnung
palästinensischen Staat ausgeschla- auf ein Ende der Besatzung. Hoff-
gen zu haben. Heute verwaltet Abbas nung auf einen eigenen Staat.
zersplittertes Gebiet innerhalb der Ayalon ist ein ungewöhnlicher Für-
Westbank, umgeben von israelischen sprecher der Zweistaatenlösung. Der
Siedlungen, Sperranlagen und Mili- heute 75-Jährige war Elitekämpfer in
tärzonen. Seine Polizeitruppen ar- der israelischen Armee und oberster
beiten im Rahmen einer »Sicherheits- Terroristenjäger des Landes. »Ich
kooperation« mit der israelischen Ar- habe viele Menschen getötet«, sagt er.
mee zusammen. Seiner Bevölkerung Doch Ayalon hat nicht nur versucht,
hat er wenig anzubieten außer Lohn- palästinensischen Terror zu bekämp-
zahlungen an sein Beamtenheer. fen. Er hat versucht zu durchdringen,
Die Verschiebung der Wahlen hat was die Palästinenser antreibt.

Ahmad Gharabli / AFP


auch die islamistische Hamas getrof- Heute sagt er: Die aktuelle israeli-
fen, die von der EU als Terrororgani- sche Politik führe ins Verderben. Er
sation geführt wird, im Gazastreifen ist nicht der einzige frühere Geheim-
autokratisch herrscht und zu den dienstchef, der so denkt. Im Doku-
Wahlen im Westjordanland antreten mentarfilm »The Gatekeepers« tra-
wollte. Laut Umfragen hätte sie gut Palästinensischer und die Bilder emotionalisieren Pa- ten alle sechs noch lebenden Ex-
abgeschnitten. Sie machte sich Hoff- Protest in Jaffa: lästinenser in der ganzen Welt. »Schin Bet«-Chefs auf, sie fanden alle
Hipster beschweren
nungen darauf, Teil einer neuen Re- sich über den Muezzin Wenn nicht gerade ein Krieg in ähnliche Worte wie Ayalon.
gierung zu werden, während ihre Gaza ausgefochten wird, haben jü- Je mehr Siedlungen gebaut wür-
Popularität im Gazastreifen zuletzt dische Israelis mit der palästinensi- den, sagt er, je bedrängter sich die Pa-
schwand. Im bewaffneten Kampf schen Frage im Alltag bisher wenig lästinenser fühlten, desto gefährlicher
kann sie sich nun gegenüber Abbas zu tun – ob sie nun in Tel Aviv leben, sei das für Israel. »Ich möchte keine
als jene Partei profilieren, die Israel in Haifa oder, wie der Siedler Piri apokalyptischen Szenarien präsentie-
etwas entgegensetzt. Kafri, im Westjordanland. Auch ren«, sagt Ayalon. »Aber wir nähern
Asil Sadik, 25, Journalismusstuden- deshalb haben die Palästinenser in uns einer Apartheid, in der eine jüdi-
tin, erzählt am Telefon von einer Um- der israelischen Innenpolitik der sche Minderheit über eine palästinen-
frage, die sie unter den Studierenden vergangenen Jahre keine große Rol- sische Mehrheit regiert. Und wenn es
ihrer Birzeit-Universität im Westjor- le gespielt. Außenpolitisch überzeug- so weit ist, wird das nicht friedlich ab-
danland durchgeführt hat: 85 Prozent te Premierminister Benjamin Ne- laufen.« Es sei nur eine Frage der Zeit,
der Befragten gaben an, sie unterstütz- tanyahu die USA und die Europäer bis die Palästinenser aufbegehrten.
ten keine Partei. Die Hamas hat seit davon, dass die palästinensische Fra- »Und dann haben wir hier Zustände
dem Waffengang allerdings zuletzt an ge unter Kontrolle – und das eigent- wie in Syrien oder dem Libanon.«
Popularität gewonnen. liche Problem im Nahen Osten das Langfristig sehe er nur einen Weg,
Sadik stammt aus dem Deir-Am- Nuklearprogramm Irans sei. Es war Israels Sicherheit zu garantieren. »Wir
mar-Flüchtlingslager bei Ramallah im ein Leichtes für die jüdischen Bewoh- müssen den Palästinensern etwas ge-
Westjordanland. Sie sagt: »Ich bin ge- ner Israels, die Palästinenser zu igno- ben, das sie zu verlieren haben: einen
gen die Politik der Hamas, aber ich rieren. eigenen Staat.« Zuversicht, so schluss-
befürworte es, dass sie uns mit Rake- »Das wird sich ändern«, sagt Ami folgert Ayalon, sei ein besseres Anti-
ten verteidigt. Letztes Jahr haben die »Wir müssen Ayalon. »Wenn wir uns nicht än- Terror-Rezept als jeder Geheimdienst.
Siedler im Westjordanland 3000 Oli- den Palästi- dern.« Ayalon sitzt auf seiner Terras- Doch der ehemalige Elitekämpfer
venbäume zerstört. Sie laufen rum nensern etwas se im Norden Israels und blickt be- ist in Israel mit seiner Meinung inzwi-
mit Waffen und bedrohen uns. Wenn sorgt auf sein Handy. Dauernd klin- schen fast allein. »Ich repräsentiere
sie jetzt in die Bunker rennen, dann geben, das sie gelt es: Das israelische Fernsehen will nur eine Minderheit«, sagt er bitter.
geschieht ihnen das recht.« zu verlieren ihn sprechen, eine Eilmeldung jagt In den vergangenen Jahren rückte
Auch Sadik macht die palästinen- die nächste. Israel befindet sich im das Land beständig nach rechts. Der
sische Autonomiebehörde mitverant-
haben: einen Kampf um Gaza, und eine Waffen- Siedler Pini Kafri bildet die Gesell-
wortlich für die hoffnungslose Situa- eigenen Staat.« ruhe ist zu diesem Zeitpunkt noch schaft inzwischen besser ab, als Aya-
tion: »Sie kooperieren mit Israel aus in weiter Ferne. lon es tut.
persönlichem Interesse. Wir leben un- Ayalon ist ein beliebter Gesprächs- Nicht alle Israelis sind in ihrer Hal-
ter zwei Besatzungsregimes: dem pa- partner. Er war von 1996 bis 2000 Lei- tung gegenüber den Palästinensern
lästinensischen und dem israelischen.« ter des Inlandsgeheimdiensts »Schin ideologisch motiviert – viele fürch-
Der Konflikt in Gaza nimmt Sadik Bet«. Ayalons Aufgabe bestand darin, ten sich schlicht vor ihnen. Sie zie-
Jonas Opperskalski / DER SPIEGEL

mit, beim Gespräch am Dienstag Israel vor Angriffen palästinensischer hen die Härte der Besatzung der Un-
wünscht sie sich einen Waffenstill- Attentäter zu schützen. sicherheit eines palästinensischen
stand: Es sei unerträglich, dem Ster- Der Siedler Pini Kafri aus Neria Staats vor.
ben zuzuschauen, sie schlafe kaum. glaubt, das gehe nur, wenn Israels Ar- »Die Menschen haben Angst vor
Gaza ist zwar durch die Blockade mee Stärke zeige. Wenn der jüdische Veränderung«, sagt Ayalon. »Aber es
von der Außenwelt abgeschnitten. Staat die Palästinenser möglichst muss sich etwas ändern. Sonst sind
Aber Livevideos in den sozialen Me- kleinhalte. Ayalon behauptet genau wir verdammt.«
dien überwinden auch diese Grenze, Ami Ayalon das Gegenteil. Monika Bolliger, Alexandra Rojkov ■

80 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


AUSLAND

schließlich bleibt auch im zwölften


Jahr nach Beginn der Ermittlungen un-
geklärt: Ihm wird millionenschwere
Untreue zulasten der Republik vor-
geworfen. Grasser, einst Zugpferd aus

Geschacher und Größenwahn dem Stall des Rechtspopulisten Jörg


Haider, ist zwar erstinstanzlich verur-
teilt, dementiert aber und erfreut sich
weiter seines Lebens auf freiem Fuß.
ANALYSE Österreichs Regierungschef Sebastian Kurz droht eine Anklage. Eine Anklage gegen Sebastian Kurz,
Setzt sich die landesübliche Neigung durch, Skandale geräuschlos zu beenden? der die Vorwürfe bestreitet, käme ei-
nem Meilenstein gleich: Noch nie seit
1945 musste ein amtierender Bundes-
er würde derzeit wetten wol- kanzler in Österreich auf die Anklage-
W len aufs politische Überle-
ben von Kanzler Sebastian
Kurz? Viele, vor allem ausländische
bank. Schwer vorstellbar, dass der
Chef der Exekutive zwischen Treffen
mit Regierungschefs, mitten in der Co-
Beobachter sehen Österreichs Regie- ronakrise und der Wirtschaftsflaute,
rungschef im freien Fall. Vom Wun- im Großen Wiener Schwurgerichts-
derwuzzi zum Alpen-Orbán, zum saal antritt. Einem Kämpfer wie Kurz,
Feind von Rechtsstaat und Gewalten- dem Selbstzweifel zumindest dem
teilung – so schnell kann sich der Anschein nach fremd sind, ist aber
Wind drehen. auch das zuzutrauen. Selbst für den
Kurz wird seit vergangener Woche Fall einer Verurteilung schließt er sei-
beschuldigt, vor dem parlamentari- nen Verbleib im Amt bisher nicht aus.
schen Untersuchungsausschuss zur Viel wird ab sofort vom Koalitions-
Ibiza-Affäre falsch ausgesagt zu ha- partner abhängen, von den Grünen.
ben. Ihm droht nun ein Verfahren mit Für hohe Ansprüche an Moral und
einem Strafrahmen von bis zu drei politische Transparenz bekannt, muss
Jahren Haft. Das zu verhandelnde die Ökopartei beim Bundeskongress

photonews / imago images


Delikt wirkt aber fast marginal, wenn am 13. Juni ihren Standpunkt justie-
man aufs größere Ganze blickt: Kurz ren. Gegen ein geschätztes Dutzend
und seine langjährigen Getreuen müs- ÖVPler, darunter aktuelle und frühe-
sen sich des Vorwurfs erwehren, flä- re Minister, wird inzwischen wegen
chendeckend an Säulen der parla- unterschiedlicher Delikte ermittelt –
mentarischen Demokratie zu sägen. darunter auch Finanzminister Gernot
Je mehr aus den Akten der Staats- hen in der ebenfalls heiklen »Euro- Kanzler Kurz, Blümel. Die Grünen zeigen ihren
anwälte durchsickert, je handfester die fighter«-Causa. Sein Zitat beschreibt, Finanzminister Blümel Mitregierenden im Untersuchungs-
Vorwürfe über Freunderlwirtschaft, überspitzt, das bewährte Modell. Ver- ausschuss die Zähne – scheinen aber
Postenschacher und Größenwahn wer- fahren gegen Aushängeschilder der Re- koalitionstreu bleiben zu wollen,
den, desto enger der Schulterschluss publik werden in Österreich mit größ- solange keine Anklage gegen Kurz
in den Reihen von Kurz. Waren sie tem Bedacht angegangen. erhoben wird. Umfragen sagen den
doch Ende 2017 angetreten mit dem Ex-Bundeskanzler Fred Sinowatz Grünen im Fall von Neuwahlen Stim-
Versprechen, künftig gegen Hinterzim- überstand 1993 den Prozess um die meneinbußen voraus.
mer-Deals und Parteibuchwirtschaft Affäre wegen illegaler Waffenlieferun- Was dem bedrängten Kanzler
vorzugehen. Nun klagen die Konser- gen an den Irak und Iran mit einem zusätzlich in die Karten spielt: die
vativen über »Diffamierung« und eine lupenreinen Freispruch – dabei war Schwäche der zwei stärksten Oppo-
Kampagne gegen den seit Langem be- er laut Untersuchungsausschuss »voll sitionsparteien. Sowohl Sozialdemo-
liebtesten Regierungschef Österreichs. informiert«. Das lukrative Geschäft kraten als auch Freiheitliche erlauben
In Umfragen liegt die Kanzlerpar- war Zeugenaussagen zufolge vom so- sich auf dem Höhepunkt einer veri-
tei ÖVP mit rund 34 Prozent weiter zialdemokratischen Sonnenkanzler tablen Regierungskrise den Luxus in-
einsam vorn. Unklar ist bis dato, ob Bruno Kreisky abgesegnet worden. terner Debatten über ihr Führungs-
Kurz überhaupt vor Gericht landen Mit dem Zitat: »Macht’s es, aber un- personal. Entsprechend gering ist das
wird; unklarer noch, ob er verurteilt ter der Tuchent«, sprich: heimlich. Interesse an baldigen Neuwahlen.
würde. Nicht nur, weil für einen Ein mehrjähriges Verfahren wegen Die Langmut des Wahlvolks und
Schuldspruch der – schwierig zu er- des Verdachts auf Amtsmissbrauch das Beharrungsvermögen der politi-
bringende – Beweis einer vorsätzlich
falschen Aussage nötig wäre. Sondern
und Untreue gegen den amtierenden
sozialdemokratischen Bundeskanzler
Noch nie schen Klasse zählen zum Inventar
österreichischer Politik. Ein passendes
auch, weil – tief in der österreichischen Werner Faymann wurde 2013 einge- seit 1945 Belegfoto lieferten am Mittwoch, zur
DNA verankert – die Neigung über- stellt – obwohl die Ermittler glaubhaft musste ein Wiedereröffnung der Schanigärten,
dauert, hochrangige Fälle nach laut- nachweisen konnten, dass der Regie- die aktuellen Hauptdarsteller: Im Wie-
starkem Hin und Her so diskret wie rungschef sich mit öffentlichen Gel- amtierender ner Prater posierten Kanzler Kurz und
gesichtswahrend zu beerdigen. dern gefällige Berichterstattung bei Bundeskanzler der grüne Vizekanzler Werner Kogler
»Daschlogt’s es«, auf Hochdeutsch: Boulevardblättern erkauft hatte. Fay- gemeinsam – vor sich gebratene Stel-
»Schlagt das Verfahren nieder«: So mann, der das bestreitet, regierte an- in Österreich ze und vegetarische Frikadelle.
beschrieb ein aktuell suspendierter, schließend weitere zweieinhalb Jahre. Wirklich wohl schien sich dabei vor
zuvor fast allmächtiger Justizbeamter Die Causa des glamourösen Ex-
auf die allem einer zu fühlen: Sebastian Kurz.
gegenüber Staatsanwälten das Vorge- Finanzministers Karl-Heinz Grasser Anklagebank. Walter Mayr ■

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 81


AUSLAND

Roman Pilipey / epa / DER SPIEGEL


Touristen in der Altstadt von Kashgar

Ist die Teilnahme Pflicht? Darf gehen,


wer genug hat? Das würden wir die Teilneh-
mer gern fragen, doch die staatlichen Spitzel
Disneyland Xinjiang hören mit. In Xinjiang geht es uns Journa-
listen immer wieder so: Wir beobachten
etwas, aber wir können uns nie ganz sicher
sein, wie es zu deuten ist. Die Menschen
MENSCHENRECHTE China wird ein Genozid an den Uiguren vorgeworfen,
können nicht frei sprechen, die staatliche
aber Peking behauptet, in der Heimatregion der muslimischen Kontrolle ist umfassend. Aber überall gibt
Minderheit sei alles in bester Ordnung. Eine Reise durch ein Land der es Andeutungen, Gesten, Widersprüche.
Täuschungen. Von Georg Fahrion Und so verfestigt sich der Eindruck: Xin-
jiang, viereinhalbmal so groß wie Deutsch-
land, wirkt auf uns wie ein Potemkinsches
ie Bilder wirken wie bestellt, und sie tan ist daran nichts. Tags zuvor haben die Dorf, eine Scheinwelt.
D sind es auch: Nach dem Gebet tanzen
die Uiguren von Kashgar auf dem
Platz vor der Id-Kah-Moschee, einer der größ-
Männer die Aufführung auf demselben Platz
geprobt. Ein Uigure erzählt, ein »Lingdao«,
eine Autoritätsperson, habe ihn dafür einbe-
Eine Woche lang sind wir unterwegs, in
der Hauptstadt Ürümqi, in Shanshan auf dem
Land, im verschlafenen Yarkant und in der
ten der Region Xinjiang. Sie drehen sich zu stellt. Ein Produzent des Staatsfernsehens Oasenstadt Kashgar.
Hunderten um die eigene Achse und werfen informierte vorab, die Aufzeichnung sei auf Ein Team des SPIEGEL hat Xinjiang zu-
die Hände in die Luft. Sie tanzen den Sema, 11 Uhr angesetzt. Dutzende Agenten in Zivil- letzt 2018 bereist. Mein Kollege Bernhard
einen traditionellen Reigen der muslimischen kleidung sind am Feiertag unterwegs, schon Zand schrieb damals, Kashgar fühle sich an
Sufi-Bruderschaften. Trommler auf dem mäch- vor Sonnenaufgang stehen sie in dunklen wie »Bagdad nach dem Krieg«. Er sah da-
tigen Portal schlagen den Rhythmus. Es ist der Nischen um die Moschee. Ordner weisen die mals Museumswärter in Splitterschutzwes-
Morgen des 13. Mai. Auf dieses Datum fällt tanzende Menge an. ten und herrische Polizisten überall, eine Re-
in diesem Jahr das islamische Fest Id al-Fitr, Videos von früheren Id-Feierlichkeiten aus gion wie im Belagerungszustand.
das Ende des Fastenmonats Ramadan. Kashgar zeigen, dass Uiguren auch damals Drei Jahre später ist das nicht mehr so. Die
Zwei Drohnenkameras des chinesischen den Sema tanzten, die Inszenierung ist also Repression in Xinjiang hat sich gewandelt,
Staatsfernsehens surren über der Szenerie. nicht aus der Luft gegriffen. Und tatsächlich sie springt einem heute weniger ins Gesicht.
Chinesische Propagandisten werden die Auf- scheinen viele Kinder Spaß zu haben. Wenn Hier und da patrouillieren Uniformierte, sie
nahmen später über Social Media verbreiten. man jedoch genau hinschaut, wirken viele tragen Schlagstöcke, aber keine Schusswaffen.
Der Führung in Peking sind diese Bilder hoch- Tänzer eher missmutig als freudig. Ein Alter, Die Dichte der Überwachungskameras ist
willkommen – scheinen sie doch zu belegen, der sich mit mühsamen Trippelschritten fort- nicht höher als in Peking. Nur einmal werden
wie Uiguren spontan und ungehindert ihren bewegt, wirkt der Atemnot nahe, tanzt aber wir an einem Checkpoint aufgehalten, dürfen
Traditionen nachgehen können. Aber spon- trotzdem immer weiter. jedoch ohne viel Aufhebens passieren. Es

82 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


AUSLAND

scheint so, als wären die Mächtigen Schatten Sie beschatten sie uns mithilfe der Kameras und Ge-
Chinas der Ansicht, jeden Wider- Aus Peking kommend, sind wir gera- sichtserkennungstechnologie wieder
stand gebrochen zu haben und ein de in Ürümqi gelandet, da entdecken uns, aber aufgespürt haben, können wir nur
wenig Entspannung zulassen zu kön- wir noch im Flughafengebäude unse- greifen nicht vermuten.
nen. Vorbei ist die Unterdrückung ren ersten Bewacher. Die Männer Sie beschatten uns, aber greifen
der Muslime in Xinjiang damit nicht, von der Staatssicherheit sehen immer
ein. Im nicht ein, im Vergleich zu früheren
sie ist nur in eine neue Phase über- gleich aus: zwischen Mitte zwanzig Vergleich zu Jahren ist das ein zurückhaltendes
gegangen. und Mitte vierzig, sportlich genug, früheren Auftreten. Dennoch ist unter diesen
Schon immer mischten sich die um der Zielperson ein paar Stunden Bedingungen keine normale Recher-
Völker in diesem zentralasiatischen zu Fuß zu folgen, Baseballkappe, Jahren ist das che möglich. Normalerweise würden
Landstrich, den Kaiser Qianlong Mund-Nasen-Schutz und Sonnenbril- zurückhaltend. wir Gemeindeführer, Geistliche oder
erst Mitte des 18. Jahrhunderts end- le, beliebtes Accessoire: eine Herren- Intellektuelle für Interviews anfragen.
gültig unter die Kontrolle des Qing- handtasche. Doch aus einem internen Regierungs-
Reiches zwang: Xinjiang bedeutet Als wir aus der Ankunftshalle tre- dokument, der sogenannten Kara-
»neue Grenze«. Gezielt angesiedelte ten, fixiert der Mann im weinroten kax-Liste, geht hervor, dass Uiguren
Han-Chinesen stellen mittlerweile T-Shirt mich ein paar Sekunden lang, für weit geringere Vergehen interniert
die zweitgrößte Bevölkerungsgrup- dann wendet er sich ab und hebt das wurden: etwa dafür, dass sie mit Ver-
pe nach den Uiguren. Doch auch Smartphone ans Ohr. Am Taxistand wandten im Ausland telefonierten,
Kasachen, Mongolen oder Russen steht er zwei Plätze hinter uns. Als Bart trugen oder den Behörden als
leben dort. Nach Unruhen und Ter- wir nach einer Viertelstunde Warte- »unzuverlässig« galten. Wir wollen
roranschlägen, an denen uigurische zeit einen Wagen bekommen, löst er niemanden in Gefahr bringen. Un-
Extremisten beteiligt waren, intensi- sich aus der Schlange und geht tele- sere Gespräche bleiben auf Zufalls-
vierte Peking ab 2017 eine Kampa- fonierend davon. Jede Wette, dass er begegnungen beschränkt, unsere Ein-
gne gegen Muslime. Schätzungen zu- gerade das Kennzeichen unseres Ta- drücke zwangsläufig unvollständig.
folge wurden bis zu eine Million xis durchgibt. Am Nachmittag wer-
Menschen in Lagern interniert, de- den wir den Mann wiedersehen: Wie Unter Patrioten
ren Existenz Peking erst leugnete, zufällig taucht er im Zentrum der Die Weingärten leuchten hellgrün,
bevor es sie als »Ausbildungszen- Dreieinhalbmillionenstadt auf und unterbrochen von Reihen dunkler
tren« deklarierte. Es gibt Berichte läuft uns mit 20, 30 Meter Abstand Pappeln, hinter dem letzten Bewäs-
über Zwangsarbeit und Zwangsste- hinterher. Es ist ziemlich offensicht- serungsgraben beginnt unmittelbar
rilisationen, laut dem chinesischen lich, wir sollen wissen, dass wir unter die Wüste. 39 Grad Celsius, Sand-
Statistikamt hat sich Xinjiangs Ge- Beobachtung stehen. dünen und karge Berge, in einer Ebe-
burtenrate allein zwischen 2017 und Die Schatten werden in Xinjiang ne fördern Pumpen Erdöl. Eine atem-
2019 beinahe halbiert. zu unseren ständigen Begleitern. In beraubende Landschaft erstreckt sich
Die Parlamente Kanadas, der Nie- Ürümqi folgen sie uns in einem me- um Shanshan, eine Landgemeinde
derlande und Großbritanniens sowie tallicbraunen SUV. In Shanshan ist es im Osten Xinjiangs. Unser uiguri-
der US-Außenminister Antony Blin- ein weißer VW. In Yarkant identifi- scher Fahrer Ayni lässt türkische Pop-
ken haben das chinesische Vorgehen zieren wir fünf Männer, die uns zu musik laufen. Er ist ein selbstbewuss-
als »Genozid« bezeichnet, ein Vor- Fuß und per Motorroller verfolgen, ter 31-Jähriger, der gern redet.
wurf, den Peking empört zurück- einer davon eindeutig kein Han-Chi- Das Leben hier sei entspannter ge-
weist. Auch in Deutschland ist das nese, wir tippen auf einen Uiguren. worden in den vergangenen Jahren,
Schicksal der Uiguren ein Thema. Zwar gelingt es uns mitunter, sie ab- sagt er. Früher habe die Polizei ihn
Erst am Montag hat der Menschen- zuschütteln – in Ürümqi etwa schlän- ständig angehalten, überall habe es
rechtsausschuss des Bundestags drei geln wir uns kurz entschlossen durch Kontrollen geben, zum Glück sei das
Stunden lang darüber beraten, wie zäh fließenden Verkehr, huschen auf vorbei. Tatsächlich haben wir freie
die Lage in Xinjiang völkerrechtlich der anderen Straßenseite in ein Kauf- Fahrt, bis wir tanken müssen.
zu bewerten sei. Der Bundestag sollte haus und verdrücken uns durch den Vor der Tankstelle ist eine Schran-
Straflager in Xinjiang:
am Donnerstag über den Regierungs- Hintereingang. Nach jeder Ecke dre- Es gibt Berichte über
ke heruntergelassen, daneben sitzen
entwurf für ein neues Lieferkettenge- hen wir uns um: niemand. Doch spä- Zwangsarbeit und zwei Uniformierte. Einer davon öff-
setz abstimmen: Es sieht Sanktionen ter sind sie plötzlich wieder da. Dass Zwangssterilisationen net alle Türen, den Kofferraum und
gegen Unternehmen vor, deren Zu- die Motorhaube. Der andere notiert
lieferer Zwangsarbeit einsetzen. Die Aynis Führerscheinnummer. Alle Pas-
Abstimmung wurde vertagt, doch sagiere müssen aussteigen, und Ayni
falls das Gesetz kommt, wird es Aus- muss seinen Personalausweis einle-
wirkungen auf deutsche Firmen wie sen lassen, bevor sich die Schranke
VW haben – der Autokonzern be- öffnet und er einfahren kann, allein
treibt in Xinjiang ein Werk. im Auto. Er scheint dieses Prozedere
Unlängst befand der Wissenschaft- als selbstverständlichen Bestandteil
liche Dienst des Bundestags in einem seines Alltags zu akzeptieren.
Gutachten, Chinas Kampagne erfülle Überhaupt zeigt er viel Verständ-
den Tatbestand des Völkermords. Soll- nis. Die Polizisten, die bei seinem Ur-
Roman Pilipey / epa / DER SPIEGEL

te sich diese Sicht in der deutschen laub in Peking 2019 plötzlich vor sei-
Politik durchsetzen, etwa nach dem ner Hoteltür standen, um seine Per-
Abgang der Peking zugeneigten Bun- sonalien festzustellen: Ausgesucht
deskanzlerin Angela Merkel, wird höflich seien die gewesen. Der Um-
das gravierende Konsequenzen für stand, dass er 2009 nicht zu einer
Deutschlands Beziehungen zu seinem nationalen Boxmeisterschaft habe rei-
wichtigsten Handelspartner haben. sen können, weil kurz zuvor in Ürüm-

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 83


AUSLAND

qi Unruhen zwischen Uiguren und Han-Chi- Der chinesische Journalistenverband un-


nesen ausgebrochen waren: Ja, schade sei das Peking
ternimmt an diesem Tag eine Pressereise
schon gewesen. »Aber andererseits waren es durch Xinjiang. Er untersteht der Propagan-
ja unsere eigenen Leute, die das über uns ge- CHINA daabteilung der Partei. Anders als individuell
bracht haben.« Ürümqi reisende Korrespondenten können derart
Er liebt den Actionfilm »Wolf Warrior«, politisch abgesicherte Organisationen Termi-
in dem ein chinesischer Held seine westlichen Kashgar ne verabreden, dann allerdings unter offiziel-
Shanshan
Gegenspieler niedermacht. Beim Fahren hört ler Aufsicht. Der Verband hat den russischen
er Audiobücher, um sein Chinesisch zu ver- Yarkant XINJIANG Sender RT eingeladen, die brasilianische Zei-
bessern. Die Kommunistische Partei habe in CHINA tung »O Globo«, das niederländische Fern-
der Pandemie einen vortrefflichen Job ge- sehen. Gerade interviewen sie den Freitags-
mutmaßliche
macht, sagt er, man sehe sich nur Indien oder 500 km Internierungslager prediger der Moschee. Wir stellen uns dazu.
die USA an. »Ich bin ein stolzer Chinese.« Abbas Muhammat ist 55 Jahre alt, trägt
In Xinjiang erleben wir es wiederholt, dass S Quelle: Australian Strategic Policy Institute, 2020 die Wangen glatt rasiert und eine Doppa, die


Uiguren unaufgefordert ihre Loyalität zur traditionelle Kopfbedeckung der Uiguren. Of-
Partei bekunden. Vielleicht entspringt das ei- phoren befestigt haben. Touristen wandeln fensichtlich ist er gut gebrieft, denn er zuckt
nem authentischen Gefühl. Vielleicht ist es jetzt durch Tore mit Spitzbögen wie in Bag- auch bei heiklen Fragen nicht.
aber auch eine Präventivmaßnahme, um kei- dad, auf die Lehmklippen hat man eine Stadt- Laut einem aktuellen Report der NGO
nen Verdacht zu erregen. mauer aus Beton gebaut und auf den höchsten Uyghur Human Rights Project aus Washing-
Im Zug nach Yarkant zeigt ein alter Mann Punkt der Altstadt einen chinesischen Tempel ton hat China seit 2014 mindestens 1046 Ima-
Fotos einer Holzarbeit, die er angefertigt mit geschwungenen Dächern. Vor einem Res- me und religiöse Führer in Xinjiang verhaftet.
hat, offenbar sein Hobby. Er hat keine Mo- taurant wirbt ein Koberer um Gäste, er hat »Das waren keine echten islamischen Geist-
schee gebastelt, sondern das Tor des Himm- sich als Affenkönig aus »Die Reise nach Wes- lichen, sondern Heuchler«, übersetzt ein Dol-
lischen Friedens, Symbol von Pekings Macht. ten« verkleidet, einem chinesischen Klassiker. metscher den Standpunkt von Muhammat,
Maos Porträt hängt daran, es ziert zudem das »Ich bin wegen des Spektakels gekommen, der auf Uigurisch spricht. »Diese Imame ha-
Staatswappen. Auf sein Modell hat der Alte ich find’s super«, sagt ein Chinese, als die Ui- ben Extremismus verbreitet und unseren Ruf
fünf Holzfiguren gesetzt, sie sollen die bishe- guren gerade den Sema tanzen. Er stellt sich beschmutzt. Sie haben die Menschen in die
rigen Staatslenker der Volksrepublik darstel- als Yann vor und erzählt, dass er Philosophie Irre geführt.«
len: »Mao Zedong, Deng Xiaoping, Jiang Ze- in Frankreich studiere. Wegen der Pandemie Ja, auch einen seiner Vorgänger in der Id-
min, Hu Jintao«, zählt er eilfertig auf. »Und habe er aber ein Jahr Auszeit genommen, das Kah-Moschee, einen Mann namens Abdul
das hier ist Xi Jinping.« er nun zum Reisen nutze. Übrigens, fügt er Kadeer, hätten die Behörden festgenommen
In Kashgar freuen wir uns, dass die Stadt hinzu: »In der Altstadt gibt es später noch und zu 15 Jahren Haft verurteilt. Ja, auch ein-
so viel belebter ist als noch 2018. Damals wa- ein Spektakel mit einer Prinzessin.« Wie sich fache Mitglieder seiner Gemeinde seien in-
ren in der Altstadt viele Geschäfte zugesperrt, herausstellt, sind es sogar fünf Prinzessinnen. terniert worden. »Einige Leute folgten diesem
auf Nachfrage hieß es oft: »Die Inhaber sind In bunten Kostümen kommen sie auf Kame- Imam nach, sie waren sozusagen seine Opfer.
zum Lernen in der Schule«, ein gängiger len angeschaukelt, bevor sie eine Tanzdarbie- Es gab also ein paar solcher Vorfälle.«
Euphemismus für die Umerziehungslager. tung hinlegen, wie jeden Tag. Dass seine Moschee so leer ist, ficht Mu-
»Da musst du dich verhört haben«, sagt Uiguren als brave Komparsen ihres eige- hammat nicht an. »Es ist ein globaler Trend,
ein junger Uigure. nen Lebens, eine Religion ohne Eifer und Ju- dass die jungen Leute sich mehr und mehr
Offenbar haben hier alle eine Botschaft zu gend, eine Kultur, zu disneyhafter Exotik re- aufs Geldverdienen konzentrieren. Für sie
beherzigen gelernt, die an mehreren Mo- duziert, tauglich für den Massenkonsum. Die- hat der Job Priorität«, sagt er. »Aber wenn
scheen in Yarkant auf einem roten Banner zu se Version uigurischen Daseins scheint Chinas sie ein wenig Zeit übrig haben, können sie
lesen ist. Da steht in chinesischen Schriftzei- Führung vorzuschweben. hierherkommen. Restriktionen, die der jun-
chen: Ai dang, ai guo – »Liebe die Partei, lie- Hinter einem Torbogen mit den stämmi- gen Generation das Beten untersagen, exis-
be das Vaterland«. gen Minaretten öffnet sich die Id-Kah-Mo- tieren nicht.« Man solle zur Gebetszeit wie-
schee, ein weitläufiges, von Pappeln beschat- derkommen, dann werde man schon sehen.
Uigurische Kultur – im Peking-Stil tetes Gelände. Der Wind rauscht durch die Auch der Ruf des Muezzins erklinge dann.
Die Stadt Kashgar liegt zwischen der Wüste Blätter. Ein paar alte Männer fegen abgefal- Einige Behauptungen des Predigers de-
Taklamakan und dem schneebedeckten Pa- lenes Laub zusammen, sie sind die einzigen cken sich nicht mit unseren Beobachtungen.
mirgebirge. Jahrhundertelang war Kashgar hier, bis auf den kleinen Pulk am Eingang. Wir hören auf unserer Reise kein einziges
ein wichtiger Knotenpunkt der alten Seiden- Mal den Gebetsruf, auch nicht an Id al-Fitr.
straße, ein Ort der Basare und Karawanserei- Zum morgendlichen Id-Gebet strömen Tau-
en. Ihre Bewohner haben sie aus Lehm er- sende in die Moschee, das stimmt. Doch an-
richtet, ein verschachteltes Durcheinander ders als überall sonst auf der Welt begleitet
aus Gassen, Innenhöfen, Durchgängen, Trep- kein einziges Kind, kein einziger Jugendlicher
pen und Plätzen. 2006 drehte der Regisseur seinen Vater. Unter all den gläubigen Musli-
Marc Forster hier seinen Film »Drachenläu- men tragen nur ein paar vereinzelte Greise
fer«, weil Kashgar damals aussah wie Kabul einen Vollbart.
vor dem Krieg. »In Chinas Verfassung steht, dass jeder chi-
Nun, wo Xinjiang in den Augen der chine- nesische Bürger das Recht genießt, an eine
Roman Pilipey / epa / DER SPIEGEL

sischen Behörden weitgehend befriedet ist, Religion zu glauben oder auch nicht. Die Ge-
wollen sie dieses Potenzial heben. Kashgar setze werden hier sehr gut umgesetzt«, sagt
wird zur Tourismusdestination ausgebaut, zu Muhammat. »So etwas wie Diskriminierung
einem Reiseziel mit orientalischem Flair. findet nicht statt.«
»Ganz toll, wie Marokko«, sagt ein Besucher Das Straßenbild spricht eine andere Spra-
aus dem südwestchinesischen Guiyang. Die che. Laut Muhammat gibt es mindestens 150
alte Bausubstanz verschwand hinter einheit- Moscheen in Kashgar, doch an vielen der klei-
lichem Putz, auf dem sie Wagenräder und Am- Prediger Muhammat in Kashgar nen Nachbarschaftsmoscheen hängen Vor-

84 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


AUSLAND

hängeschlösser, ihre Minarette sind


gekappt, sie sind außer Betrieb.
Eines der ehemaligen Gebetshäu-
ser haben die Behörden einem neuen
Zweck zugeführt. Durch einen Sei-
teneingang gelangt man dorthin,
wo die Gläubigen sich einst vor dem
Gebet wuschen: gemauerte Quader
zum Sitzen, an der gegenüberliegen-
den Wand Wasserhähne, darunter
ein langes, gekacheltes Becken. Heu-
te dient es als Pissoir. Draußen ver-
kündet ein Holzschild auf Chinesisch,
Uigurisch und Englisch: »Toilette für
Touristen«.

Angst
Ausgerechnet an dem Morgen, an
dem wir uns auf die Suche nach den
Lagern machen, folgen uns die Schat-
ten nicht. Die letzten Tage waren wir
vor allem zu Fuß unterwegs – viel-

Roman Pilipey / epa / DER SPIEGEL


leicht sind sie nachlässig geworden
und haben nicht bemerkt, dass wir
uns einen Leihwagen direkt zum Ho-
tel haben bringen lassen.
2020 hat das Australian Strategic
Policy Institute (ASPI) eine weltweit
beachtete Studie über das Lagersys-
tem in Xinjiang publiziert. Dafür ha- Gläubige vor der Wir finden noch eine andere Ein- und am Straßenrand ein Taxi heran-
ben die Forscher Satellitenbilder der Id-Kah-Moschee richtung, die in der ASPI-Datenbank winken. Zudem trägt jeder von uns
in Kashgar: Die
gesamten Region analysiert und auf Unterdrückung ist auftaucht. Ein ähnliches Ensemble einen Mund-Nasen-Schutz. Der Fah-
diese Weise mindestens 380 Einrich- in eine neue Phase parallel stehender Gebäude. Als wir rer erkennt also nicht genau, wen er
tungen gefunden. Einige Koordinaten übergegangen langsam am Eingangstor vorbeirol- sich da ins Auto holt.
aus dieser Studie fahren wir nun ab. len, sind hinten auf dem Gelände Er selbst sei Uigure, erzählt er
27 Autominuten südlich von Kash- zwei Wachtürme erkennbar. Doch fröhlich, nachdem wir losgefahren
gars Zentrum patrouilliert ein Unifor- auf der Umfassungsmauer ist kein sind. Zu welcher Volksgruppe wir
mierter auf einem Wachgang, der auf Stacheldraht gespannt, das Tor nur denn gehörten? Ich sei Deutscher, un-
einer geschätzt acht Meter hohen mit einem Rollgitter gesichert. Laut ser Fotograf Ukrainer, lautet die Ant-
Mauer entlangführt. Google Earth der Beschilderung beherbergt der wort. »Ausländer?«, bricht es aus
zeigt, dass sich dahinter fast zwei Dut- Komplex heute eine Parteischule. dem Mann heraus, mit einem Mal
zend Gebäude verbergen. Durch das Es sind nur zwei kursorische Be- wirkt er verstört, er stöhnt. »Oh nein.
Teleobjektiv können wir erkennen, obachtungen, doch sie widerspre- Hätte ich das gewusst, ich hätte euch
dass der Wächter ein Gewehr über chen der Schlussfolgerung nicht, die nie mitgenommen. Ich dachte, ihr
der Schulter trägt, er nähert sich ei- die Forscher vom ASPI in ihrer Stu- wärt vielleicht Tadschiken!« Xinjiang
nem der Wachtürme, die auf den die ziehen: An einigen der Anlagen grenzt an Tadschikistan, in der Re-
Mauerecken sitzen. wurden Zäune und Wachtürme abge- gion lebt eine tadschikische Minder-
Ein Hochsicherheitsgefängnis, wie baut, sie werden heute offenbar an- heit, viele davon mit ähnlich kauka-
es sie überall auf der Welt gibt? Oder ders genutzt. Andere dagegen wur- sischen Zügen wie wir – unverfäng-
doch eines der berüchtigten Lager? den hochgerüstet und verstärkt. lichere Fahrgäste als Fremde aus
Die chinesischen Behörden reagieren Eine mögliche Interpretation: Wen Europa.
nicht auf unsere Bitte um Klarstel- China als unbelehrbar betrachtet, der Wir versuchen, den Mann zu be-
lung. Der ASPI-Analyst Nathan Ru- könnte inzwischen abgeurteilt und in ruhigen: Wir haben in Xinjiang viele
ser sagt, dass es sich tatsächlich um eine reguläre Haftanstalt verlegt wor- Taxis genommen, kein Fahrer hat
ein Lager handle – eingeweiht 2020, den sein. Viele derer, die sich aus Sicht ähnliche Sorgen geäußert. »Ihr habt
zu einem Zeitpunkt, als China alle in- der Behörden ausreichend assimiliert ja keine Ahnung, was mit uns pas-
ternierten Uiguren bereits freigelas- Die techno- haben, wurden womöglich tatsächlich siert, wenn ihr ausgestiegen seid«,
sen haben will. logische entlassen – oder in das sogenannte gibt er zurück. »Schaut doch, hier im
Das Weiß der Mauer strahlt, der Arbeitskräfte-Transfer-Programm ge- Wagen sind zwei Kameras!« Er fährt
Stacheldraht auf den beiden parallel Überwachung steckt, das Uiguren über Fabriken im uns dann doch noch die paar Hundert
verlaufenden Zäunen funkelt im Son- ist mittler- ganzen Land verteilt. Die technologi- Meter zum Hotel, aber bittet darum,
nenlicht. Lange kann dieser Komplex sche Überwachung ist mittlerweile ihn bar zu bezahlen statt wie üblich
dort in der Tat noch nicht stehen.
weile perfek- perfektioniert, die Bevölkerung auf per WeChat. Keine Datenspur soll
Und von der Straße aus sind Slogans tioniert, die Linie gebracht. von uns zu ihm führen.
in großen roten Schriftzeichen auf Bevölkerung Nach der Dämmerung an unserem Das Bild, das wir aus Xinjiang
einem der Dächer zu erkennen, da- letzten Abend in Kashgar zieht ein mitnehmen, bleibt unscharf. Doch
runter »qu ji duan hua« – »Deradika- auf Linie Sandsturm auf. Die Sicht ist schlecht, eines ist klar: Die Angst ist nicht
lisierung«. gebracht. als wir aus einem Restaurant treten gewichen. ■

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 85


AUSLAND

Pisier, ist eine entschiedene Feminis-


tin und schon sehr früh eine sehr freie
Frau. Vier Jahre lang war sie die Ge-
liebte des kubanischen Revolutions-
führers Fidel Castro, später wurde sie
eine der ersten Professorinnen für öf-
»Ihr Schweigen war fentliches Recht in Frankreich.
Und dann ist da der Täter: Olivier
Duhamel, ein berühmter Politologe,
erbärmlich« der schon diverse Präsidenten bera-
ten hat. Emmanuel Macron lud ihn
zu seiner Siegesfeier nach dem ersten
Wahlgang 2017 ein, später konsultier-
SPIEGEL-GESPR ÄCH Camille Kouchner, Tochter des ehemaligen französischen
te er ihn ab und an in Verfassungsfra-
Außenministers, enthüllte zu Beginn dieses Jahres einen Inzestfall, der in gen. In der Villa in Sanary kommt Ex-
die Kreise der Pariser Elite führt. Sie löste damit ein politisches Beben und eine Präsident François Hollande zum
neue gesellschaftliche Debatte aus. Mittagessen vorbei, ebenso der ehe-
malige Premier Michel Rocard.
Zudem ist Duhamel Verwaltungs-
ls das Buch von Camille Kouch- behält die Schwester das Geheimnis direktor der Elitehochschule Sciences
A ner zu Jahresbeginn erscheint,
tragen die Franzosen gerade
ihre Christbäume auf die Straße. Die
für sich. Weil sie es versprochen hat.
Weil die Angst, die eigene Familie zu
zerstören, alles überlagert. Nach dem
Po’, er ist ständig Gast in Radio- und
Fernsehsendungen. Und er leitet den
Vorsitz des Klubs »Le Siècle«, einer
Veröffentlichung erschüttert das poli- Tod ihrer Mutter hält sie das Schwei- sehr pariserischen Einrichtung, in der
tische Paris nach der langen Weih- gen nicht mehr aus und beginnt, ein sich Politiker, Banker, Unternehmer
nachtspause wie eine Bombe. »Ein Buch zu schreiben. Alle Protagonis- und Intellektuelle einmal monatlich
Funke, der das Pulverfass explodieren ten der in literarischer Form gehalte- zum Diner treffen. Es ist eine ge-
ließ und der das Schweigen brach«, so nen Erzählung sind Mitglieder eines schlossene Gesellschaft der Mächti-
hat es der französische Justizminister illustren, mächtigen Pariser Clans, gen, Duhamel steht ihr seit 2019 vor,
Éric Dupond-Moretti später formuliert. der »Familia grande«. obwohl die Inzestvorwürfe gegen ihn
Das Buch enthüllte einen Inzestskan- Da ist der leibliche Vater, Bernard schon damals vielen bekannt waren.
dal an der Spitze der französischen Ge- Kouchner, ehemaliger Außenminister Duhamel, der die Tat inzwischen
sellschaft. Und es kostete nicht nur zahl- unter Präsident Nicolas Sarkozy, in zugegeben hat, erfährt vier Tage vor
reiche Persönlichkeiten ihre Ämter und den Neunzigerjahren Gesundheitsmi- Veröffentlichung des Buches durch
ihren Ruf, sondern es löste auch eine nister unter François Mitterrand, au- Villa in Sanary, Täter eine »Le Monde«-Journalistin von
Duhamel mit Prä-
Debatte aus über sexuellen Missbrauch ßerdem Mitbegründer der Hilfsorga- sident Hollande 2017:
dessen Inhalt. 24 Stunden später tritt
und politische Macht in Frankreich. nisation »Médecins Sans Frontières«. »Ein Mikrokosmos von er von all seinen Ämtern zurück. An-
Das Erscheinen von »La familia Die Mutter der Autorin, Évelyne Menschen mit Macht« dere werden ihm folgen.
grande«*, das in diesen Tagen in deut- Die ehemalige sozialistische Jus-
scher Übersetzung erscheint, war un- tizministerin Élisabeth Guigou gibt
ter größter Geheimhaltung vorberei- ihren Posten als Vorsitzende einer
tet worden. Monatelang waren nur Kommission zur Untersuchung von
der Verlagsdirektor und die Lektorin Inzest auf. Sie war mit Olivier Duha-
eingeweiht. Der Name der Autorin mel befreundet und mehrmals Gast
wurde auf allen Manuskripten durch in seiner Villa in Sanary. Der Direktor
Alain Robert / Sipa Press / action press

ein X ersetzt. Journalisten, die Vor- der Elitehochschule Sciences Po’ tritt
abexemplare erhielten, mussten kom- zurück. Auch er wusste seit zwei Jah-
plizierte Stillschweigevereinbarungen ren von den Inzestvorwürfen und
unterschreiben. ging ihnen nicht nach.
Das Inzestvergehen, das Kouchner Ab Mitte Januar berichten unter
enthüllt, spielt in einem glamourösen dem Hashtag »#MeTooInceste« Tau-
Milieu innerhalb einer kleinen, linken sende Inzestopfer auf Twitter über ihre
Pariser Elite. Die »Gauche caviar« bitteren Erfahrungen. Andere promi-
denkt und wählt zwar sozialistisch, ist nente Fälle werden bekannt: Die ältes-
den schönen Dingen des Lebens aber te Tochter des Schauspielers Richard
nicht abgeneigt. Jeden Sommer fährt Berry beschuldigt ihren Vater, sie als
der Clan in Olivier Duhamels Villa an Minderjährige vergewaltigt zu haben,
der Côte d’Azur. Kouchner schildert, was dieser bestreitet. 164 Prominente,
wie ihr Stiefvater hier über Jahre ih- darunter die Schauspielerin Juliette Bi-
ren Zwillingsbruder missbrauchte, noche, fordern in einer Petition die Ein-
Abend für Abend in dessen Zimmer führung eines gesetzlichen Schutzal-
geschlichen sei und vorsichtig die Tür ters. Mitte April verabschiedet die Na-
hinter sich schloss. Sie hörte nur die tionalversammlung ein neues Gesetz
Schritte auf dem Flur. zum Schutz von Minderjährigen.
Begonnen habe es, als der Bruder
Marc Chaumeil

* Camille Kouchner: »Die große Familie«. Bles-


13 oder 14 Jahre alt war, so genau sing; 190 Seiten; 20 Euro.
weiß sie das nicht mehr. Irgendwann Das Gespräch führte die Redakteurin Britta
vertraut der Bruder sich ihr an. Lange Sandberg in Paris.

86 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


AUSLAND

gebnis eines großen Missverständ-


nisses, einer falsch verstandenen
Freiheit? Die Franzosen waren im-
mer stolz darauf, nicht so prüde zu
sein wie die Amerikaner. In einem
gewissen Milieu wird das Recht auf
sexuelle Freiheit bis heute eisern
verteidigt.
Kouchner: Diese libertäre Gesinnung
und die Post-68er-Generation sind
nach meinen Enthüllungen von allen
Seiten kritisiert, teilweise auch ver-
antwortlich gemacht worden für das,
was geschehen ist. Ich selbst glaube
keine Sekunde daran, dass sie die Er-
klärung für den Missbrauch liefern.
Ich bin groß geworden umgeben von
Leuten, die diese Freiheit mit großer
Selbstverständlichkeit für sich in An-
spruch nahmen und die dennoch kei-
ne strafbaren Handlungen begangen
haben. Ein Einzelner hat das getan.
Das hat nichts, wirklich nichts mit
dem Streben nach sexueller Freiheit
zu tun.
SPIEGEL: Was Sie von den Sommern
in der Villa in Sanary erzählen, klingt
für viele trotzdem befremdlich: Elf-
jährige durften sich Zungenküsse ge-
ben, einen Großteil des Sommers ver-
brachten alle nackt. Ihr Stiefvater
streichelte vor Ihren Augen die Frau-
en seiner Freunde unterm Esstisch.
Deren Männer wiederum zogen mit
den Kindermädchen los.
Kouchner: Für uns Kinder war das
sehr verwirrend. Wir wussten nicht
mehr, was richtig und was falsch war.
Wenn man fünf, zehn oder fünfzehn
Jerome Bonnet / DER SPIEGEL

Jahre alt ist, und es gibt keinerlei


Kompass, was man tun darf und was
nicht, dann versteht man irgendwann
überhaupt nichts mehr. Meine Eltern
haben uns diese Orientierung versagt,
Autorin Kouchner das werfe ich ihnen vor. Trotzdem
würde ich mich immer weigern zu
SPIEGEL: Madame Kouchner, selten sicherte ihnen: »Wir hören euch zu. verurteilen, dass Frauen und Männer
haben 200 Buchseiten ein solches Be- Wir glauben euch. Ihr werdet nie wie- fremdgehen. Das eine hat mit dem
ben ausgelöst. Wann wurde Ihnen be- der allein sein.« Es wirkte fast so, als anderen nichts zu tun.
wusst, was da gerade passiert? ob die Politik das Thema gerade erst SPIEGEL: Wie haben Sie reagiert, als
Kouchner: Ich befürchte, das ist mir entdeckt hätte. Ihr Bruder Ihnen erzählte, was in sei-
bis heute noch nicht ganz klar. Ich Kouchner: Na ja, es wurde ja seit Lan- nem Kinderzimmer geschah?
halte mich bei diesem Thema in einer gem über Inzest diskutiert, schon vor Kouchner: Ich habe ihm gesagt, dass
Semidistanz, um mich selbst zu schüt- meinem Buch war ein Gesetz in Vor- das schon nicht so schlimm sein wird,
zen. Ich verfolge nicht alle Entwick- bereitung. Aber vielleicht sind die weil es ja mein Stiefvater ist. Der wür-
lungen im Einzelnen, lese nicht alles. Franzosen in diesen Dingen weniger de uns ja nichts Böses antun, der
Aber ich hatte nie mit solchen Kon- pragmatisch als die Amerikaner. Als wolle ihm vielleicht nur etwas bei-
sequenzen gerechnet. Wobei ich glau- die Affäre Harvey Weinstein in den bringen. Und ich habe ihm gesagt,
be, mein Buch hat nur die Scheinwer- USA bekannt wurde, hat man dort so- dass wir ja keine Spießer seien. Für
fer auf ein Problem gerichtet, das seit fort gehandelt. Hier setzt man sich erst mich ist bis heute sehr schmerzhaft,
Langem da ist und das niemand wirk- einmal in endlosen, intellektuellen De- »Wir Kinder dass ich damals nichts verstanden
lich angehen wollte. Das ist jetzt an- batten mit dem Thema auseinander. habe. Ich habe Jahre gebraucht, um
ders, und das finde ich wunderbar. Auch die »MeToo«-Bewegung ist in
wussten zu erfassen, was mein Stiefvater tat.
SPIEGEL: Der Justizminister hat sich Frankreich eher schleppend in Gang nicht mehr, Und dann kamen die Schuldgefühle,
bei Ihnen für Ihr »mutiges Buch« be- gekommen. Aber mein Eindruck ist, was richtig dass ich es einfach habe geschehen
dankt. Präsident Emmanuel Macron dass sich da gerade etwas ändert. lassen.
wandte sich Mitte Januar in einer Vi- SPIEGEL: Ist der Missbrauch, den und was SPIEGEL: Sie waren 14, als Sie von
deobotschaft an Inzestopfer und ver- Sie schildern, vielleicht auch das Er- falsch war.« dem Missbrauch erfuhren. Erst drei

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 87


AUSLAND

nicht darüber. Das ist das Beste für sie. Sie


hat versucht, das Thema zu ersticken.
SPIEGEL: Haben sich die Mitglieder dieser
großen Familie, die sich Sommer für Sommer
in Sanary traf, nach dem Erscheinen des Bu-
ches bei Ihnen gemeldet?
Kouchner: Eine Mehrheit hat das getan, ja.
Und viele haben sich bei mir entschuldigt und
gesagt, dass sie damals nicht verstanden ha-
ben, wie massiv der Missbrauch war und über
wie viele Jahre er ging. Das kann ich anneh-
men. Bei anderen wird auch mein Buch nichts
ändern, sie werden sich darüber aufregen,
wie ich als Tochter diese privaten Geschich-
ten in der Öffentlichkeit austragen kann.
SPIEGEL: Mitte April hat das Parlament ein
neues Inzestgesetz verabschiedet. Das
Schutzalter der Opfer wurde heraufgesetzt.
Ist das ausreichend?
Kouchner: Das Gesetz ist ein großer Fort-

Una Litkius
schritt, auch wenn ich finde, dass man das
Schutzalter nicht auf 18 Jahre hätte begren-
Kubanischer Regierungschef Castro mit Kouchners Mutter Pisier 1964: Eine entschiedene Feministin
zen müssen. Inzest mit einer oder einem
19-Jährigen ist auch Inzest. Aber die Frage,
Jahrzehnte später haben Sie Ihr Schweigen Mann zu verlassen. Dann erzählte sie 2008 ob das Kind mit der sexuellen Handlung ein-
gebrochen, warum erst jetzt? allen Pariser Freunden, was geschehen war. verstanden war oder nicht, entfällt endlich.
Kouchner: Im Laufe der Jahre ist alles in sich Kouchner: Sie wollte, dass es alle wissen. Das Das ist gut, sie war schon immer absurd.
zusammengestürzt. Mein Stiefvater war für ist ihr gelungen. Der gesamte Mikrokosmos SPIEGEL: Ihr Stiefvater kann strafrechtlich
mich wie mein Vater, ich habe ihn geliebt, ich von Menschen mit Macht in Saint-Germain- nicht mehr belangt werden, weil die Verjäh-
hatte bis dahin eine glückliche Kindheit. Das des-Près war informiert. Aber es geschah rungsfrist überschritten ist. Wie ist das für
galt auf einmal nicht mehr. Diese Geschichte nichts. Rein gar nichts. Viele hatten davon Sie?
hat mein Vertrauen in die Welt zerstört, aber schon irgendwie gehört. Andere taten so, als Kouchner: Repariert man etwas, wenn man
auch die Beziehung zu meinem älteren Bru- ob nichts weiter dabei wäre. Dabei hätten sie jemanden 30 Jahre später ins Gefängnis
der, zu meiner Mutter. Beide wussten ja nicht, es verurteilen, ihn zur Rede stellen oder den steckt? Ich weiß es nicht, ich bin mir da unsi-
was da vorging, und ich musste es für mich Kontakt abbrechen können. Das hätte ich er- cher. Auf der anderen Seite brauchen die Op-
behalten. Ich habe begonnen, mit der Lüge wartet von den Menschen, die ich liebe. fer oft Jahrzehnte, bis sie imstande sind, ihr
zu leben, ich wollte nicht noch mehr kaputt- SPIEGEL: Niemand hat das getan? Schweigen zu brechen. Der Staatsanwalt hat
machen. Das ist das Fatale beim Inzest: Die Kouchner: Einige wenige haben sich von ihm nun trotzdem Ermittlungen angeordnet, um
Täter sind die Menschen, die Sie lieben, die distanziert, aber die meisten machten weiter zu überprüfen, ob es weitere Opfer gab.
Sie nicht verlieren wollen. Ich war gefangen wie bisher. Ihr Schweigen war erbärmlich, SPIEGEL: Ihr leiblicher Vater, der frühere
in diesem Schweigen. aber es hat mich nicht sehr überrascht. Ich Außenminister Bernard Kouchner, ließ über
SPIEGEL: Irgendwann, Jahre später, hat Ihr kannte dieses Milieu gut. Sie schwiegen, weil seine Anwältin mitteilen, er sei sehr stolz auf
Bruder es seiner Frau erzählt. Und ausgerech- mein Stiefvater Macht hatte, wichtig und ein- Sie, »ein bleiernes Geheimnis, das viel zu lan-
net Ihre Mutter, die Feministin, schützte ihren flussreich war. Es geht immer um Machtstruk- ge auf uns lastete, wurde nun glücklicherwei-
Mann, den Täter. Haben Sie das verstanden? turen. Das gilt beim Inzest übrigens auch für se gelüftet«. Er wusste seit 2011 davon, wa-
Kouchner: Wenn ich dafür eine Erklärung andere Milieus: In jeder Familie gibt es eine rum hat er es nicht selbst öffentlich gemacht?
hätte, könnte ich heute besser schlafen. Viel- hierarchische Struktur. Ich bekomme gerade Kouchner: Er war sehr wütend, als er es er-
leicht war sie schon zu erschöpft damals, viele Briefe von Opfern, die dieselben Me- fuhr, und wollte meinem Stiefvater, so sagte
zu müde. Vielleicht hat sie alles durcheinan- chanismen beschreiben, egal in welcher so- er, sofort die Fresse einschlagen. Wir haben
dergebracht und nicht wahrhaben wollen, zialen Klasse. Die Cousins, die Onkel, die ihn gebeten, nichts zu unternehmen. Das hät-
was mein Stiefvater ihrem Sohn angetan Freunde im Dorf sagen nichts, weil sie Angst te zu viel Aufsehen erregt. Ich weiß nicht, ob
hat. vor dem Patriarchen haben. das richtig war. Heute würde ich das wahr-
SPIEGEL: Sie hat ihn sogar verteidigt, er habe SPIEGEL: Und auch mit Ihnen oder Ihrem scheinlich anders sehen.
ihn nicht zum Geschlechtsverkehr gezwun- Bruder hat keiner dieser Freunde, die Sie oft SPIEGEL: Was hat Ihr Bruder zu Ihrem Buch
gen, sondern nur zur oralen Befriedigung. Au- von klein auf kannten, gesprochen? gesagt?
ßerdem sei er schon 15 Jahre alt gewesen. Kouchner: Sehr wenige, aber das kann ich Kouchner: Er war natürlich informiert, ich
Kouchner: Das war ihre Art der Verteidigung. ihnen nicht wirklich vorwerfen. Meine Mut- hatte ihm die erste wie die zweite Fassung zu
Aber was macht es schon für einen Unter- ter sagte allen: Die Kinder wollen damit in lesen gegeben. Für ihn ist es sehr schwer, das
schied, ob man mit 14 oder 15 vom Stiefvater Ruhe gelassen werden, sprecht mit ihnen alles noch einmal zu durchleben. Er hätte
missbraucht wird? Sie sagte mir auch: Wie selbst ein solches Buch wohl nicht geschrie-
hast du mich so täuschen können? Wenn du ben, aber er erkennt mein Recht auf meine
eher etwas erzählt hättest, dann wäre das al- eigene Erzählung an. Für mich war das Schrei-
les nicht passiert. Auch das gehört beim In- ben ein Akt der Befreiung. Ein Inzest raubt
zest oft dazu: die Kinder verantwortlich zu
»Sie hätten ihn zur Rede einem die eigene Kindheit, selbst die glückli-
machen für das Vergehen. stellen oder den Kontakt chen Momente. Diese zu erzählen war übri-
SPIEGEL: Ihre Tante, die Schauspielerin gens am schwierigsten.
Marie-France Pisier, war die Einzige, die sich
abbrechen können. SPIEGEL: Madame Kouchner, wir danken
aufbäumte. Sie bekniete Ihre Mutter, ihren Aber es geschah nichts.« Ihnen für dieses Gespräch. ■

88 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


SPORT

Altersklasse French-Open-Gewinnerin
Iga Świątek

50 Titel gingen
nach der Zulassung von
Profis bei den Grand-
Flavia Pennetta, mit 33 Jahren
die beim ersten Grand-Slam-
Titelgewinn älteste Spielerin

Slam-Turnieren im Jahr 30
Kerry Jana

Clive Brunskill /
1968 an Spielerinnen, die

Getty Images
Reid Novotná
davor noch keines der
vier prestigeträchtigsten
Tennisturniere gewonnen 25
hatten. Wir zeigen die
Titeldebütantinnen nach Virginia
Alter, Turnieren und Wade
dem Jahr ihres ersten
Titelgewinns. 20
Steffi
US Open Tracy Graf Monica Iga Świątek
Wimbledon Austin Seles

French Open
15
Alter
Australian Open Martina Hingis, mit 16 Jahren Serena Williams gewann bis heute
und 3 Monaten die jüngste 23 Grand-Slam-Titel, mehr als jede
der Gewinnerinnen andere Spielerin seit 1968.

S Quelle: WTA 1970 1980 1990 2000 2010 2020


Mit 19 Jahren gewann Iga Świątek die French Open 2020. Die Polin war eine der jüngsten Siegerinnen in der Grand-Slam-Geschichte.
In den Achtziger- und Neunzigerjahren gab es mit Martina Hingis, Monica Seles oder Steffi Graf noch jüngere Gewinnerinnen. Nach
2000 siegten viele erfahrene Spielerinnen. 2019 holte mit Bianca Andreescu bei den US Open erstmals seit 2004 wieder eine Teenagerin
ihren ersten Grand-Slam-Titel. Świątek gehört bei den am Sonntag kommender Woche beginnenden French Open zu den Favoritinnen.

GUT ZU WISSEN gung bis zu körperlichen An-


griffen. Neben Anfeindungen
Wie verbreitet ist Antisemitismus im Sport? wie »Drecksjude« und Äuße-
rungen mit Bezug auf die Sho-
ah oder den Nationalsozialis-
Im Nahen Osten ist aktuell anderem ein Präsidiums- Kooperation mit dem Zentral- mus (»du gehörst vergast«)
zwischen Israelis und Palästi- mitglied mehr als 1000 Hass- rat der Juden im April vorge- wurde auch der israelbezoge-
nensern ein alter Konflikt nachrichten erhalten, darunter stellt hat. Demnach erlebten ne Antisemitismus (»Ihr
wieder eskaliert. Auch Sport- Morddrohungen. Auch ein- 51 Prozent der Befragten Anti- seid ein Drecksvolk – Freiheit
lerinnen und Sportler von zelne Vereine wie Makkabi semitismus gegen sich oder für Palästina«) geäußert.
Makkabi Deutschland, dem Frankfurt seien bedroht andere Mitglieder, im Fußball Fast die Hälfte (47 Prozent)
Dachverband des jüdischen worden. »Das führt dazu, dass liegt der Anteil sogar bei der Befragten nahm in den
Sports in Deutschland, haben viele nun Angst haben, ihr 78 Prozent. Die Ausprägung vergangenen fünf Jahren einen
das in ihrem Alltag zu spüren Jüdischsein offen zu zeigen.« reicht dabei von subtil bis Anstieg antisemitischer Vor-
bekommen. Laut dem Verband war die offen aggressiv, von Beleidi- fälle im Sport wahr. Lediglich
»Die Eskalation im Nahen Zahl antisemitischer Vorfälle 11 Prozent verzeichneten eine
Osten führt auch in Deutsch- bereits vor der neuerlichen Abnahme. 309 Mitglieder
land zu sehr emotionalen De- Auseinandersetzung im Nahen aus etwa der Hälfte der Mak-
batten, die leider oft zu offe- Osten angestiegen. Jüdische kabi-Ortsvereine hatten an
nem Hass, bis hin zur Gewalt und als jüdisch wahrgenomme- der Studie teilgenommen.
gegenüber der jüdischen ne Sportlerinnen und Sportler Der Dachverband vereint über
Rainer Jensen / dpa

Gemeinschaft, ausarten«, sehen sich in Deutschland 5000 Mitglieder und steht


heißt es in der Stellungnahme regelmäßig mit Antisemitis- Sportlern jeder Konfession
des Präsidiums gegenüber mus konfrontiert. So doku- und Nationalität offen. Etwa
dem SPIEGEL. In den vergan- mentiert es eine Studie, 40 Prozent der Mitglieder
genen Tagen habe unter die Makkabi Deutschland in Fechter bei Makkabi-Spielen sind jüdischen Glaubens. ARA

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 89


SPORT

Auszahlung seiner Gehälter und ge-


wann den Prozess.
Wer an den KFC Uerdingen denkt,
blickt unweigerlich auf die zwei gro-
ßen Ereignisse der Vereinsgeschichte
Wenn der Patron zurück: den DFB-Pokalsieg im Finale
gegen den FC Bayern und das »Wun-
der von der Grotenburg«, als Uerdin-
den Daumen senkt gen in der heimischen Kampfbahn
im Europapokal nach 1:3-Rückstand
noch 7:3 gegen Dynamo Dresden ge-
wann.
VEREINE Der russische Investor Mikhail Ponomarev hat den KFC Uerdingen Das ist nun mehr als 35 Jahre her.
zahlungsunfähig hinterlassen. Ehemalige Spieler schildern das Chaos. Mittlerweile gehören zur jüngeren
Nun drohen den Verantwortlichen Strafanzeigen und Schadensersatzklagen. Uerdingen-Geschichte der Absturz in
die sechstklassige Niederrheinliga,
drei Insolvenzanträge zwischen 2002

A n einem lauen Sommerabend hart, Geschäftsführer des Vereins, der


im Juli 2020 sollte sich Domi- von dem Rauswurf noch nichts ge-
nic Maroh um seine eigene wusst habe.
Suspendierung kümmern. Der da- »Komm doch morgen einfach
und 2007 und 25 Trainerwechsel seit
2010. Die einstige Wunderstätte Gro-
tenburg wird seit Jahren saniert. Statt
von Fußballwundern erzählt man sich
mals 33 Jahre alte Verteidiger des mal«, soll er Maroh vorgeschlagen heute vom ehemaligen Vereinsboss
KFC Uerdingen saß auf dem Balkon, haben. Er kam, spielte, 1:1, nach dem Agissilaos »Lakis« Kourkoudialos, der
als eine Assistentin des Klubchefs Match soll Klubboss Ponomarev mit sich in einem Spiel selbst einwechseln
Mikhail Ponomarev angerufen habe. ihm in der Kabine abgeklatscht ha- ließ, um einen Elfmeter zu treten.
»Sie sollte mir von Ponomarev aus- ben. Als wäre nichts gewesen. »Viel- Er verschoss. Sein Nachfolger:
richten, dass ich keine sportliche Wer- leicht«, sagt Maroh, »wusste er wirk- Mikhail Ponomarev.
tigkeit mehr habe und dass mein Ver- lich nicht mehr, dass er mich am Vor- Der russische Geschäftsmann, 46,
trag mit sofortiger Wirkung ende«, abend gefeuert hatte.« stieg 2016 zum Patron in Uerdingen
erzählt Maroh, »ich sei nun kein Teil Ponomarev nennt Marohs Darstel- auf. Er wollte den Klub aus der Be-
mehr von KFC Uerdingen.« lung auf eine SPIEGEL-Anfrage deutungslosigkeit zurück in die Zwei-
Maroh war verblüfft. Er habe sie »kompletten Unsinn«. Fakt ist: Das te Bundesliga führen. Mindestens.
daran erinnert, dass am nächsten Unentschieden gegen Viktoria Köln Fünf Jahre später hinterlässt er einen
Tag noch das letzte Saisonspiel gegen war das letzte Spiel, das Maroh für Trümmerhaufen.
Viktoria Köln anstehe. Stimmt, soll Uerdingen bestritt. Die nächsten Aus- Der Verein ist pleite, Ponomarev
sie verunsichert geantwortet haben: einandersetzungen fanden vor Ge- Uerdinger DFB- weg, zurück bleiben offenkundig ge-
Pokalhelden 1985:
»Könntest du nicht gerade mal Niko richt statt. Maroh, dessen Vertrag Endspielsieger gegen prellte Spieler und enttäuschte Fans.
anrufen?« Niko, das ist Nikolas Wein- noch bis Juni 2021 lief, forderte die Bayern München Ob der KFC aus der dritten Liga ab-
steigt oder die Klasse knapp halten
konnte, stand zu Redaktionsschluss
noch nicht fest. Ponomarevs Inter-
mezzo am Niederrhein zeigt jeden-
falls, wie gefährlich es sein kann,
wenn ein launischer Investor in Eigen-
regie einen Fußballklub übernimmt
und ihn vollständig von sich abhän-
gig macht.
Ponomarev trat wie ein Alleinherr-
scher auf, der nach Siegen in die Ka-
bine rauschte und die Spieler umarm-
te, der nach Niederlagen aber auch
mal randalierte. Niemand in Uerdin-
gen weiß offenbar genau, wie der
Russe an sein Vermögen gekommen
ist. Er selbst will es nicht verraten.
»Jeder, der die Herkunft meines Ein-
kommens kennen muss, weiß es«,
schreibt er dem SPIEGEL. Irgendwas
mit Energie und Consulting, legen die
Namen seiner Firmen nahe.
»Mit ehrlicher Arbeit und transpa-
renter Struktur« wolle er den Glanz
HORSTMÜLLER / ULLSTEIN BILD

nach Krefeld zurückbringen, sagte


Ponomarev 2017. Heute stellt der In-
solvenzverwalter fest, dass der starke
Mann den Verein über eine GmbH
beherrschte, die einer russischen Fir-
ma gehörte, die wiederum im Besitz

90 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


SPORT

Dominik Sommerfeld
Geldgeber Ponomarev: »Ich habe noch nie so ein Monster in der Kabine gesehen«

einer Gesellschaft auf Zypern war – hinter war eine ungewohnte Vorstellung«, sagt zichten. Doch Ponomarev holte den nächsten
der Ponomarev steckte. Das stimme so nicht, Maroh heute, aber die Verantwortlichen hät- Star: Jan Kirchhoff, heute Gläubiger mit
gehe aber auch niemanden etwas an, teilte ten schnelle Aufstiege versprochen. ausstehenden Forderungen in Höhe von
der Geschäftsmann dem SPIEGEL dazu mit. Zudem stimmte das Geld. Maroh sagte zu. 65 000 Euro.
Ponomarev wollte »alles selbst steuern«, Gleich beim ersten Training folgte die Ernüch- Kirchhoff, 30, hat bei Bayern und Schalke,
wie er einmal sagte. Wie bedeutungs- und terung: »Ist das hier wirklich unsere Umklei- in der Champions League und der Premier
machtlos sein Geschäftsführer Nikolas Wein- dekabine?« Die Duschen hätten ausgesehen, League gespielt. Als das Angebot aus Uerdin-
hart neben ihm gewesen sein muss, offenbart als hätte dort schon Friedhelm Funkel, Uer- gen kam, lief sein Vertrag beim Zweitliga-
der Spitzname, den ihm die eigene Mann- dinger Leistungsträger in den Achtzigerjah- absteiger Magdeburg aus. Ihn reizte das
schaft gab: »der Fahrer«. Auf eine Anfrage ren, gebraust. An manchen Tagen fiel die Hei- Geld. Obwohl ihm ein befreundeter KFC-
des SPIEGEL reagierte Weinhart nicht. Statt- zung aus, das Wasser blieb kalt. Maroh wun- Spieler davon abriet, unterschrieb er den Ver-
dessen antwortete Ponomarev auch in seinem derte sich, dass Ponomarev hohe Gehälter trag. »Ich habe gedacht, dass die Qualität im
Namen; sie hätten schließlich immer alles versprach und alles andere verkommen ließ. Kader hoch genug ist und man mit dem neu-
gemeinsam entschieden. Der Platz im Grotenburg-Stadion? »Ein en Trainerteam eine Wagenburgmentalität
Zum Uerdinger Team gehörten Fußballer Acker«, so Maroh. »Irgendwann haben wir entwickeln könnte, um trotzdem erfolgreich
mit großen Namen, die auf den letzten Me- auf den Dörfern trainiert.« Die kleinen Verei- zu sein«, sagt Kirchhoff.
tern ihrer Karriere mit ungewöhnlich hohen ne freuten sich, für den vermeintlich großen Aber daraus wurde nichts. Klubchef Pono-
Drittligagehältern geködert wurden. Selbst KFC die Pforten zu öffnen. Sie präparierten marev ließ regelmäßig Trainer feuern und
den Weltmeister Kevin Großkreutz und den den Platz und kochten den Spielern Kaffee. Spieler suspendieren. Zuweilen soll er bei sei-
Champions-League-Sieger Stefan Effenberg, Ein Hauch von Kreisliga für Profis mit nen energischen Auftritten angetrunken ge-
der ab Oktober 2019 für 227 Tage als Sport- 30 000 Euro Monatsgehalt. Immer wieder wesen sein. Eine Frage des SPIEGEL zu sei-
direktor beim KFC Uerdingen tätig war, zog wich das Team in eine Soccerhalle aus. »Links nem Alkoholkonsum nennt er »dumm und
es nach Krefeld. war ein Kindergeburtstag, rechts war ein Jung- unethisch«. In einer Sprachnachricht, die im
Auch für Dominic Maroh schien die Aus- gesellenabschied oder eine Firmenfeier, in der September 2019 an die Öffentlichkeit geriet
sicht auf einen letzten lukrativen Vertrag ver- Mitte hatten wir unser Feld«, sagt Maroh. und für Aufregung sorgte, erzählte der KFC-
lockend. Jetzt ist er laut Insolvenzplan ein Im Team rumorte es. Die Fußballer stellten Spieler Manuel Konrad von einem Kabinen-
Gläubiger mit ausstehenden Forderungen, die zunehmend fest, dass ihre Gehälter nicht ausraster nach einem Spiel. Ponomarev habe
sich auf rund 340 000 Euro summieren. Der überwiesen wurden oder verspätet auf dem gewütet, geschimpft, Spieler und Trainer be-
Innenverteidiger hat sechs Jahre lang beim Konto eingingen. »›Bei mir ist noch nichts leidigt. »Ich habe noch nie so ein Monster in
1. FC Köln gespielt, galt bei den Fans als »Fuß- drauf‹, dieser Satz fiel immer häufiger in der der Kabine gesehen«, sagt Konrad in der
ballgott«, war slowenischer Nationalspieler. Kabine«, sagt Maroh. Die ersten Großver- Nachricht, »hätte der ein Messer gehabt, der
Dann lief sein Vertrag aus, und Uerdingen diener unter den Spielern wurden zur Klub- hätte uns gemetzelt.« Profifußball sei »kein
rief an. Von der ersten in die dritte Liga? »Das führung beordert, sie sollten auf Gehalt ver- Kindergarten«, sagt Ponomarev dazu auf

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 91


SPORT

Anfrage. Konrads Nachricht nennt er »wenig Geld gerichtlich hinterherrennen«, sagt er.
erfreulich«, aber »ich habe ihm vergeben«.
Ponomarevs Der Jurist kennt die Fußballwelt seit Jahr-
Irgendwann erkannte Ponomarev wohl, Niederlagen vor dem zehnten, »aber ein solch krasses Verhalten«
dass es im Verein weder Prestige noch Geld wie das von Ponomarevs Klubführung habe
zu holen gab. 2019 sagte er noch, er plane
Arbeitsgericht er selten erlebt. »Die Verantwortlichen wer-
langfristig. 2020 bereitete er seinen Ausstieg sind gut dokumentiert. den sich intensiven rechtlichen Überprüfun-
vor. Dank nachsichtiger Sonderregeln des gen stellen müssen.« Die Krefelder Staatsan-
Deutschen Fußball-Bundes drohte insolven- waltschaft teilt mit, sie prüfe die Vorgänge
ten Vereinen in Coronazeiten kein Zwangs- rund um die Insolvenz des KFC Uerdingen.
abstieg, statt neun gab es zudem nur drei 500 Euro, dann geht das an die Substanz«, Die Berichte ehemaliger Spieler zeigen,
Punkte Abzug. Die Zahlungsunfähigkeit sagt ein Ex-Profi. Aus dem Spielerkreis heißt dass dem Verein offenbar jedes Mittel recht
wurde für den Verein zum Problemlöser: es, die Fußballer hätten Angst gehabt, »weil war, um an Geld zu gelangen. Besonders pro-
Uerdingen musste keine Schulden mehr be- Herr Ponomarev einfach den Daumen sen- blematisch ist eine Episode zu Beginn der
dienen und konnte neu starten. ken konnte, und dann war man raus oder be- Pandemie. Dominic Maroh und Jan Kirchhoff
In einem Schreiben vom 25. August 2020 kam kein Geld mehr«. zufolge habe die Chefetage vom Staat Kurz-
wies die Geschäftsführung Maroh auf die Tatsächlich lässt Ponomarev auf Anfrage arbeitergeld beantragt und die Spieler an-
Pandemie hin und erklärte, sein Gehalt wer- durchblicken, dass er Verträge nicht als feste gehalten, auf Stundenzetteln 100 Prozent
de halbiert. »Wir bitten um Ihr Verständnis«. Vereinbarung ansah, sondern eher als leis- Kurzarbeit anzugeben, also null Stunden
Maroh klagte. Ein Arbeitsgericht urteilte spä- tungsabhängige Verhandlungsmasse. Wenn Arbeitszeit. Derweil hätten sie Laufpläne und
ter, die einseitig verkündete Gehaltsreduzie- ein Spieler ein »klares Ungleichgewicht zwi- Trainingsaufgaben nach Hause geschickt be-
rung um 50 Prozent sei »rechtlich ohne Be- schen Qualität und Gehalt« offenbart habe, kommen und schließlich auch wieder das
deutung«. seien Vertragsänderungen diskutiert worden. Mannschaftstraining fortgesetzt.
Insolvenzverwalter Claus-Peter Kruth »Was ist daran ungewöhnlich?«, fragt er in sei- Ponomarev weist diese Darstellung zurück
gelangt in seiner Analyse zu dem Urteil, ner Stellungnahme gegenüber dem SPIEGEL, und beschuldigt seinerseits Spieler, sich
Uerdingen sei »schon seit geraumer Zeit in der er ehemalige Spieler der Lüge bezich- Sozialleistungen erschlichen haben zu wollen.
nicht ausreichend finanziert« gewesen, die tigt. Viele Zahlen in der Analyse des Insol- Ex-Profis erzählen, dass sie damals Anwälte
Insolvenz sei »nicht maßgeblich« durch die venzverwalters, darunter auch der Gesamt- angeheuert hätten, um sich beraten zu lassen.
Pandemie verursacht. Trotzdem beantrag- schuldenstand, seien nicht korrekt, teilt Pono- »Die Stundenzettel haben wir dann mit der
te der Verein, demnach wohl zu Unrecht, marev mit. Genauer begründet er das nicht: korrekten Stundenzahl ausgefüllt«, sagt
Coronahilfen vom Bund und erhielt rund »Das ist doch sinnlos.« Kirchhoff.
770 000 Euro. Ponomarev teilt mit, zum Seine vielen Niederlagen vor dem Arbeits- Dem noch amtierenden Geschäftsführer
Zeitpunkt des Antrags habe noch keine In- gericht gegen geprellte Spieler und Trainer Weinhart und seinem ehemaligen Kollegen
solvenz gedroht. Trotzdem fordert das Bun- sind gut dokumentiert. Trotzdem behauptet Frank Strüver droht nun wie ihrem Ex-Boss
desverwaltungsamt die Summe mittlerweile Ponomarev, es habe vor der aktuellen Saison ein juristisches Nachspiel. Weil sie die von
zurück. Der Großteil der Steuergelder dürfte »nie auch nur eine einzige Verzögerung bei Ponomarevs Patronatserklärung abhängige
verloren sein. den Gehaltsauszahlungen gegeben«. Dabei KFC Uerdingen 05 Fußball GmbH verant-
Es ist indes schwer zu sagen, wann der weigerte sich selbst das Krefelder Mannschafts- worteten, hätten sie ausstehende Zahlungen
Verein selbst zuletzt zahlungsfähig war. hotel mitunter, Uerdinger Spielern ein Zimmer vor Gericht bringen müssen, erklärt Kletke.
Denn jahrelang war der KFC über eine Pa- zu geben, weil noch Zahlungen des Vereins »Wenn sie das nicht getan haben, setzen sie
tronatserklärung von Ponomarev abhängig. ausstanden. Ein Busunternehmen wollte die sich dem Verdacht aus, Vermögensbetreu-
In einem Papier mit der Überschrift »Com- Mannschaft mal wegen offener Rechnungen ungsinteressen der GmbH verletzt zu haben.«
fort Letter« erklärte Ponomarev, etwaige nicht zum Auswärtsspiel fahren. Weder Strüver noch Weinhart äußerten sich
Schulden des Vereins stets auszugleichen. Der Frankfurter Anwalt Horst Kletke hat zu den Vorwürfen.
Kruth konstatierte dem Drittligisten Gesamt- zahlreiche Mandanten gegen den KFC ver- Dominic Maroh hat bereits im März Straf-
verbindlichkeiten in Höhe von fast zehn Mil- treten. »In vielen Fällen musste man seinem anzeige gegen die Ex-Geschäftsführung
lionen Euro. Eigene Vermögenswerte, so bi- wegen Insolvenzverschleppung gestellt. Der
lanziert er in seinem Insolvenzplan, besitze Spieler leidet unter dem emotionalen Knacks,
der KFC nicht. Die Geschäftsausstattung den das Krefelder Chaos seiner Fußballer-
habe bei einer Liquidation einen Gegenwert karriere zugefügt habe. »Ich habe mich oft
von 1500 Euro. Auf einem PayPal-Konto für die Außendarstellung und Wahrnehmung
seien noch 2585,94 Euro zu finden. des Vereins sowie für die Verantwortlichen
Die mangelhafte Zahlungsmoral zeigt geschämt«, sagt der Innenverteidiger.
sich bei den von Kruth zusammengestell- Marohs Anzeige werde nicht das einzige
ten Gläubigern. Finanzamt: 374 000 Euro; Verfahren bleiben, prognostiziert Kletke: »Es
Kevin Großkreutz: 470 000 Euro; ausste- wird Schadensersatzklagen gegen die frühere
hende Sozialabgaben: 2,4 Millionen Euro. Geschäftsführung sowie Herrn Ponomarev
»Die Insolvenzschuldnerin führte Sozialab- geben.« Vom SPIEGEL darauf angesprochen,
gaben häufig verspätet und teils lediglich antwortet Ponomarev: »Das ist mir egal. Ich
auf Vollstreckungsdruck bzw. im Wege der weiß, dass das kompletter Unsinn ist.«
Zwangsvollstreckung über das Hauptzoll- Ponomarev hat seine Anteile inzwischen
amt ab«, berichtet Kruth. an eine Investorengruppe aus Armenien ver-
UNITED ARCHIVES / SZ Photo

Wenig überraschend also, dass die Uer- kauft, die den Spielbetrieb mit einem Darle-
dinger hinter den Erwartungen ihres Patrons hen aufrechterhält. Sie stieg schon bei Verei-
zurückblieben und nicht in die Zweite Bun- nen in Armenien, Lettland und Italien ein.
desliga aufstiegen. »Wenn du auf einmal ein Einer der Klubs hat zwischenzeitlich seine
Schreiben bekommst, dass der Arbeitgeber Lizenz verloren.
dich von der Krankenkasse abgemeldet hat, Malte Born, Rafael Buschmann,
und du bekommst einen Gehaltszettel über Profi Maroh bei Niederrheinpokal-Finale 2019 Christoph Winterbach, Michael Wulzinger ■

92 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


SPORT

gen. Gräfe aber schwieg nie. Und


scheute sich nicht, auch die ganz Gro-
ßen anzugreifen.
2005 gehörte er zu denjenigen, die
dem DFB den entscheidenden Tipp
im Wettbetrugsfall »Robert Hoyzer«
Abpfiff gegeben hatten und damit den größ-
ten deutschen Schiedsrichterskandal
auslösten. Vor der Saison 2017/18
offenbarte er kritische Interna aus
FUSSBALL Manuel Gräfe ist
dem deutschen Schiedsrichterwesen,
der beliebteste Schieds- indem er Herbert Fandel und Hell-
richter Deutschlands. Trotz- mut Krug attackierte. Die beiden
dem ist nach 17 Jahren Schiedsrichterchefs hätten Vettern-
wirtschaft betrieben, so Gräfes Vor-
Bundesliga für ihn Schluss. wurf. Krug und Fandel wurden for-
Weil er zu alt ist – und wohl mal degradiert, blieben aber einfluss-
zu unbequem. reich. Gräfe durfte sich danach lange
nicht mehr öffentlich äußern. Und
wurde subtil abgestraft.
homas Müller hat viele gute Neben dem Einsatz auf dem Ra-
T Schiedsrichter erlebt. Der
31 Jahre alte Fußballprofi von
Bayern München spielte im Finale
sen gibt es inzwischen den Job des
Videoreferees, der kritische Szenen
am Bildschirm analysiert. Eine Auf-
der Weltmeisterschaft, er stand in vier gabe, die oft Schiedsrichtern nach Er-
Endspielen der Champions League reichen der Altersgrenze zugeteilt
und absolvierte unzählige Bundes- wird. Gräfe wurde seit dem Angriff
ligapartien. Auf diesem Niveau pfei- auf seine Vorgesetzten nie dafür ein-

REVIERFOTO / DDP IMAGES


fen die Besten. Einer hat Müller gesetzt. Ob Gräfe künftig als Video-
besonders imponiert: Manuel Gräfe. schiedsrichter tätig sein dürfe, beant-
»Er hatte immer den Spielfluss, Ge- wortete der DFB auf Anfrage nicht.
rechtigkeit und uns Spieler im Auge Der Job als Schiedsrichter ist lu-
und nicht einzig und allein das Regel- krativ. 5000 Euro pro Spiel, dazu ei-
buch«, sagt Müller. nen Sockelbetrag von 70 000 Euro
Schiedsrichter sind für Spieler am- eine Altersgrenze von 47 ziemlich Referee Gräfe: pro Saison erhält ein Unparteiischer
bivalente Figuren. Sie schützen die willkürlich. »Ich finde, dass es einen »Persönliche wie Gräfe, wenn er mindestens fünf
Retourkutsche«
Profis vor überharten Grätschen und Richtwert geben kann, aber eben kei- Jahre Erstligaerfahrung hat. Bei durch-
bestrafen sie bei eigenem Fehlver- ne starre Grenze.« Er hätte gern wei- schnittlich 17 Bundesligapartien pro
halten. Sie sind die Polizisten des tergemacht, wenigstens für ein Jahr. Spielzeit macht das bei Gräfe rund
Spiels – und oft genug nehmen die Und er hat Spieler, Trainer und 150 000 Euro Jahreseinnahmen. Da-
Spieler sie eher als Feind denn als Klubverantwortliche auf seiner Seite. zu kommen nicht ganz so gut bezahl-
Freund wahr. Auf Twitter wurde der Hashtag te Zweitligaspiele. Die Positionen im
Gräfe, so Müller, habe nie den su- »#Gräfeplus1« ins Leben gerufen. Es DFB sind umkämpft.
perschlauen Regelerklärer gegeben, ist eine Solidaritätswelle, die es so Dass man mit der Altersgrenze
sondern sei zu einer Art Mitspieler noch nie gegeben hat für einen deut- auch anders umgehen kann, zeigt das
geworden. Deshalb »hätte ich ihn schen Schiedsrichter. Besonders deut- Beispiel der englischen Premier
gern auch in den kommenden Jahren lich wurde Hoffenheims Manager League: Martin Atkinson, 50, und
noch in der Bundesliga gesehen«. Alexander Rosen. »Funktionärsirr- Mike Dean, 52, gehören dort zu den
Dazu aber wird es nicht kommen. sinn« nannte er die Entscheidung des Schiedsrichtern mit den meisten Ein-
Gräfe, 47 Jahre alt, ist einer der DFB. »Man muss sich an den Kopf sätzen in dieser Saison. Auch die
beliebtesten und besten Schiedsrich- greifen, wenn man einen Mann auf Europäische Fußball-Union (Uefa)
ter Deutschlands. Doch nach 17 Jah- dem Höhepunkt seiner Leistungs- weicht ihre Altersgrenze auf, die ei-
ren und 289 Erstligapartie-Einsätzen
soll nun Schluss sein. Weil er zu alt
ist – und wohl auch zu unbequem für
den Deutschen Fußball-Bund (DFB).
fähigkeit einfach so auf Eis legt, nur
weil er an einer vor Urzeiten fest-
gelegten imaginären Zeitschwelle an-
gekommen ist.«
289 gentlich bei 45 Jahren liegt. Für die
Europameisterschaft im Sommer er-
hielt der 48-jährige Niederländer
Björn Kuipers eine Sondergeneh-
Der Verband hat eine Altersgrenze Gräfe vermutet, dass es auch um Spiele wird migung.
von 47 Jahren festgelegt. So soll die alte Rechnungen geht. »Ich glaube Manuel Gräfe Für Gräfe gibt es keine Verlänge-
körperliche Leistungsfähigkeit sicher- schon, dass es ein bisschen eine sport- rung. Ausgediente Schiedsrichter blei-
gestellt sein, denn ein Unparteiischer politische oder persönliche Retour- am Ende ben dem DFB nach der aktiven Kar-
muss dem immer schneller werden- kutsche ist«, sagte er im ZDF. Mit in der Bundes- riere oft in anderen Positionen erhal-
den Spiel folgen können. Eine weite- dem Vorwurf konfrontiert, reagierte ten, Gräfe wohl nicht. Zu tief sind die
re offizielle Begründung lautet: Wenn der DFB ausweichend.
liga gepfiffen Gräben. Es bleibt ihm nur noch die-
die Älteren länger blieben, werde der Aus Schiedsrichterkreisen ist zu haben. ses letzte Bundesligaspiel. Dann ist
Nachwuchs blockiert. hören, dass der DFB wohl froh sei, Nur drei Abpfiff. Für die EM hat ihn das ZDF
Gräfe hält das für falsch: »Die Leis- Gräfe loszuwerden. Der skandal- als TV-Experten verpflichtet. Seine
tung wird in jedem Spiel überprüft umwitterte Verband schare bevor- Unparteiische Meinung wird nicht allen gefallen.
und vor Saisonbeginn erneut.« Da sei zugt loyale Kräfte um sich, die schwie- hatten mehr. Markus Sutera ■

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 93


Jetzt Prämie wählen
Sichern Sie sich eine Prämie für einen neuen SPIEGEL-Leser.

Stand-up-Paddle-Surfboard Explorer Faltliege Nassau – rot/beige


Aufblasbares SUP für Stand-up-Paddling, Surfen, Aus geöltem Eukalyptus-Holz und mit bequemer
Canyoning und mehr. Mit Anti-Rutsch-Oberfläche. Wendeauflage. Aufstellmaße: ca. 184 x 55 x 60 cm.
Maße: ca. 300 x 76 x 12,7 cm. Zuzahlung: € 139,–. Ohne Zuzahlung.

Polar-Fitnessuhr »Ignite« TechniSat DIGITRADIO 370 CD BT


Trainingspartner mit GP, Pulsmessung, DAB+/UKW-Stereoradio mit CD-Player, Audiostrea-
FitSparkTM und Schlafanalyse. Maße: ming per Bluetooth und USB-Anschluss. Mit großem
43 x 43 x 8,5 mm. Ohne Zuzahlung. Farbdisplay und Fernbedienung. Ohne Zuzahlung.
Artemide Tolomeo Micro Tavolo € 100,– Prämie
Zeitlos schöne Alu-Tischleuchte, in alle Erfüllen Sie sich selbst oder
Richtungen verstellbar. Länge: ca. 73 cm. Ihren Lieben einen besonderen
Zuzahlung: € 29,–. Wunsch!

Wählen Sie Ihre Lieblingsfarbe:

Wagenfeld-Tischleuchte WG 24 bonvelo BLIZZ Singlespeed Bike


Aus vernickeltem Metall, Klarglas und Stabiler Stahlrahmen, Flip-Flop-Nabe für Freilauf
Opalglas. Höhe: ca. 36 cm. Zuzahlung: und Fixed Gear. 4 Farben und 4 Größen zur Wahl.
€ 199,–. Lieferung vsl. im Juni. Zuzahlung: € 249,–.

 
w
Ja, ich habe geworben und wähle meine Prämie! Ich bin der neue SPIEGEL-Leser.
Anschrift des neuen Lesers:
SPIEGEL-Vorteile • Wertvolle Wunschprämie für den Werber.
Frau
• Der Werber muss selbst kein SPIEGEL-Leser sein.
Herr
• Zum Vorzugspreis: statt € 5,80 nur € 5,30 je Ausgabe inkl. Lieferung. Name, Vorname
• Auf Wunsch das Digital-Upgrade für nur € 0,70 je Ausgabe inkl.
SPIEGEL-E-Books.
Straße, Hausnr. Geburtsdatum

Wunschprämie SUP Board (5964) Zzlg. € 139,– Faltliege Nassau (5777) PLZ Ort
Polar-Fitnessuhr »Ignite« (5900) TechniSat Digitradio (5885)
Artemide Tolomeo (4265) Zzlg. € 29,– 100 € Amazon.de Gutschein (5075)
Telefon (für eventuelle Rückfragen) E-Mail (für eventuelle Rückfragen)
Gläubiger-Identifikationsnummer DE50ZZZ00000030206
Wagenfeld (5923) Zzlg. € 199,– bonvelo Bike (5784) Zzlg. € 249,–
€ 100,– Prämie (2160). Mein Konto für die Überweisung:
Gleich mitbestellen! Ja, ich möchte zusätzlich das Digital-Upgrade für nur € 0,70
DE pro Ausgabe beziehen statt für € 4,99 im Einzelkauf. SD21-015
IBAN Ja, ich wünsche unverbindliche Angebote des SPIEGEL-Verlags und der manager magazin Verlagsgesellschaft
(zu Zeitschriften, Büchern, Abonnements, Onlineprodukten und Veranstaltungen) per Telefon und/oder E-Mail. Mein
Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.
Anschrift des Werbers: Der neue Abonnent liest den SPIEGEL für zunächst 52 Ausgaben für zurzeit € 5,30 pro Ausgabe statt € 5,80 im Einzelkauf,
das Digital-Upgrade zusätzlich für € 0,70 pro Ausgabe. Das Abonnement verlängert sich automatisch und ist dann jederzeit
Frau zur nächsterreichbaren Ausgabe kündbar.
Herr
Name, Vorname Ich zahle bequem per SEPA-Lastschrift* vierteljährlich € 68,90, Digital-Upgrade halbjährlich € 18,20
Die Mandatsrefe-
renz wird separat
DE mitgeteilt.
Straße, Hausnr. IBAN
SP21-101-WT127
PLZ Ort Datum Unterschrift des neuen Lesers

Coupon ausfüllen und senden an:


DER SPIEGEL, Kunden-Service, 20637 Hamburg 040 3007-2700 abo.spiegel.de/p21
Der Werber erhält die Prämie ca. vier Wochen nach Zahlungseingang des Abonnementbetrags. Der Vorzugspreis von € 0,70 für das Digital-Upgrade gilt nur in Verbindung mit einem laufenden Bezug der Printausgabe, enthalten sind € 0,60 für das E-Paper.
Alle Preise inklusive MwSt. und Versand. Das Angebot gilt nur in Deutschland. Hinweise zu AGB, Datenschutz und Widerrufsrecht: www.spiegel.de/agb. SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG, Ericusspitze 1, 20457 Hamburg, Telefon: 040 3007-2700,
E-Mail: aboservice@spiegel.de
* SEPA-Lastschriftmandat: Ich ermächtige den Verlag, Zahlungen von meinem Konto mittels Lastschrift einzuziehen. Zugleich weise ich mein Kreditinstitut an, die vom Verlag auf mein Konto gezogenen Lastschriften einzulösen. Hinweis: Ich kann innerhalb
von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrags verlangen. Es gelten dabei die mit meinem Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen.
WISSEN

Amit Dave / Reuters


Vorbereitung auf den Ernstfall, mitten im Ernstfall. In Erwartung des Zyklons »Tauktae« bewachten Mitglieder des indischen Katastro-
phenschutzes einen Strandabschnitt ihres Bundesstaats Gujarat. »Tauktae« wütete dort inmitten der Pandemie als stärkster
Sturm seit 1998. Bilanz einer tragischen Woche: Dutzende Sturmtote, Hunderte Virustote. Mehr als 200 000 Menschen waren evakuiert
worden, die Impfkampagne musste eine wetterbedingte Pause einlegen.

der Luft in Innenräumen vernachlässigt worden – weil die


Atmungsaktive Gebäude Bedeutung der in der Atemluft schwebenden infektiösen Parti-
kel über Jahrzehnte unterschätzt worden sei. Damit müsse nach
ANALYSE Luft kann lebensgefährlich sein, das Corona Schluss sein. Architekten und Bauingenieure, so fordern
lehrt Corona. Für die Architektur könnte das auch die Autoren, müssen künftig schon bei der Gebäudeplanung an
Pathogene und deren Ausbreitung denken. Themen wie Belüf-
nach der Pandemie weitreichende Folgen haben. tung, Luftfiltration und -desinfektion müsse fortan die gleiche
Bedeutung zukommen wie der Energiebilanz eines Gebäudes.

V on Infektionskrankheiten haben die Menschen auf


schmerzliche Weise viel gelernt. Die Hamburger zum Bei-
spiel wissen spätestens seit der Choleraepidemie von
1892, wie wichtig die hygienisch einwandfreie städtische Wasser-
Bislang werde solcherlei höchstens beim Neubau von Kranken-
häusern berücksichtigt.
Wo sich viele Menschen lange aufhielten, da brauche es
künftig konsequente Maßnahmen der Lufthygiene. Die Staaten
versorgung und Kanalisation sind. Ausbrüche von Salmonellen, müssten neue Standards für mikrobiologisch unbedenkliche
Listerien und Noroviren führen immer wieder vor, dass Kühl- Luft festlegen und diese auch durchsetzen. Im öffentlichen
ketten Leben retten können. Nicht immer wird die Botschaft Raum, etwa in Restaurants, Bars, auch in Bus und Bahn, müsse
gleich verstanden: Als der Arzt Ignaz Semmelweis behauptete, es zumindest Anzeigen geben, die jeden Anwesenden darüber
er könne das Leben von Wöchnerinnen durch Händedesinfektion informieren, wie es um die Qualität seiner Atemluft steht. Besse-
retten, wurde er von seinen Kollegen ausgelacht und angefeindet. re Sensoren sollten solche Anzeigen in Zukunft sehr viel leis-
Auch die Coronapandemie hält Lektionen parat. Im Wissen- tungsfähiger machen. An die Luft, so empfehlen die Forscher,
schaftsmagazin »Science« fordern nun 39 Aerosolforscher und sollten Menschen künftig die gleichen Ansprüche stellen wie an
Ingenieure einen »Paradigmenwechsel«: Bisher sei die Qualität die Sauberkeit ihres Trinkwassers. Marco Evers

96 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


Frage erörtert werden, ob die- warum sich ihre Kampfpiloten
Im Ufo-Fieber se UAP eine Bedrohung für die regelmäßig ausgetrickst fühlen.
FUSSNOTE
MYSTERIEN Die Ufo-Manie in nationale Sicherheit der USA Ein Ehemaliger erzählte jetzt
den USA steuert einem vor-
läufigen Höhepunkt entgegen.
Im Juni, das hatte noch die
Trump-Regierung verfügt,
müssen Pentagon und Geheim-
dienste in einem Bericht an
den US-Kongress offenlegen,
darstellten. Eine Anhörung in
Washington dürfte pikant wer-
den, denn offenbar weiß die
hochgerüstete Nation mit dem
teuersten Militär und der bes-
ten Ausstattung der Welt nicht,
im US-Fernsehen, dass er bei
seinen Einsätzen nahezu täg-
lich UAP-Erlebnisse gehabt
habe. Voriges Jahr hatte das
Pentagon entsprechende Zeu-
genaussagen und die Videos
von den Bordkameras erstmals
816
Kilometer pro Tag legten Mauer-
segler zurück, die eine schwe-
was sie über »Unbekannte als »authentisch« bezeichnet. dische Forscherin über mehrere
Flugphänomene« wissen. Min- In der Szene der UAP-Theore- Jahre beobachtet hat. Die
destens seit 2004 berichten tiker wimmelt es von Leuten, schnellsten Vögel hielten ihr
US-Militärpiloten vermehrt die hier Außerirdische am Pensum auf den Wanderungen
über solche »Unidentified Werk sehen. Andere glauben zwischen Nordeuropa und dem
Aerial Phenomena«, abge- an Provokationen oder Spio- tropischen Afrika sogar neun

U.S. Department of Defense


kürzt: UAP. Dabei ging es nageversuche mit neuartiger Tage am Stück durch. Bislang
meist um Begegnungen mit Technologie durch feindliche hatten Biologen den Ausdauer-
fliegenden Objekten, die Mächte – und Skeptiker tippen künstlern »nur« Tagesstrecken
den Gesetzen der Physik weiterhin darauf, dass Irrtü- von 500 Kilometern zugetraut.
scheinbar zuwiderlaufende mer und fehlerhafte Bordelek- Mauersegler fliegen fast immer,
Manöver ausgeführt hätten. tronik für viele der Gescheh- auch im Schlaf, nur zum Brüten
Vor dem Kongress soll jetzt die UAP-Flugobjekt (Bordkamera) nisse verantwortlich sind. ME bleiben sie am Boden.

kann gar nicht so groß werden, SPIEGEL: Wird es überhaupt


»In fünf Jahren realistisch« dass sich unten die Staus in
den Straßen auflösen. Das liegt
einer schaffen?
Plötner: Bei den neuen Techno-
auch daran, dass die Start- und logien ist jetzt so vieles zusam-
LUF TFAHRT Warum sich das Flugtaxidesign verändert Landeplätze in der Stadt sehr mengekommen, das macht die
und wo die Technik Chancen hat zahlreich sein müssten, aber ihr Einführung von Flugtaxis in
Flächenbedarf ist groß, und fünf Jahren durchaus realistisch.
Kay Plötner, 42, ist portaufgabe. Für drei Kilo- daher kosten sie viel Geld. Da- SPIEGEL: Der deutsche Flug-
Luft- und Raum- meter in die Innenstadt taugt es rum folgern wir, dass die not- taxipionier Volocopter hat jetzt
fahrtingenieur und nicht, da ist ein E-Bike besser. wendigen Flugpreise immer viel mit »VoloConnect« ein neues
leitet die Abteilung Aber für die Anbindung des höher sein werden als Taxi- Modell vorgestellt, das feste
Ökonomie und Ver- ländlichen Raums ist das anders. kosten – und schon die sind zu Tragflächen haben soll. Es wirkt
kehr bei Bauhaus Flugtaxis machen da oft mehr hoch, um das Taxi für die fast schon wie ein konventio-
Luftfahrt, einer Sinn, als Straßen, Brücken und meisten zu einem tagtäglichen nelles Flugzeug und weniger auf-
von dem Land Bayern und Kon- Tunnel zu bauen. Denken Sie Verkehrsmittel zu machen. regend. Warum ist das so?
zernen wie Airbus und dem an Norwegen. SPIEGEL: Trotzdem gibt es der- Plötner: Auch ein Flugtaxi ist
Triebwerkshersteller MTU geför- SPIEGEL: Also läuten Flugtaxis zeit mehr als 100 Flugtaxipro- ein Flugzeug, und da gelten
derten Forschungseinrichtung doch keine urbane Verkehrs- jekte in der Welt. Bleiben die eben hohe Sicherheitsanforde-
zur Zukunft der Fliegerei. revolution ein … meisten davon Hirngespinste? rungen. Das spiegelt sich in den
Plötner: … nein, sie bleiben Plötner: Wir leben in einer Zeit, Entwürfen, die wir jetzt sehen.
SPIEGEL: Herr Plötner, sind eher ein Nischenprodukt. Unse- in der Geld einfach verfügbar Die Entwickler kommen auto-
Städte und ihre Bewohner über- re Studien für die Metropol- ist. Für eine bessere Rendite matisch zu robusteren Designs,
haupt bereit für noch mehr region München haben gezeigt: sind Anleger bereit, Entwick- weil sie sich im Alltag bewähren
lärmende Flugmaschinen in Flugtaxis werden höchstens lungsrisiken einzugehen. Das müssen. Darum sehen Sie im
Form von Flugtaxis? Transportanteile im Bereich von erklärt die Zahl der Projekte, Antrieb des »VoloConnect« auch
Plötner: Das ist ein Dilemma. einem halben bis einem Pro- aber allen ist bewusst: Es wird keine raffinierten Klappmecha-
Wenn nur ein ganz geringer Teil zent erreichen. Das Angebot eine Konsolidierung geben. nismen mehr für den Senkrecht-
der Bevölkerung einen Nutzen start und Geradeausflug, son-
davon hat, wie soll diese Techno- dern eigene Antriebsstränge für
logie dann je breite Akzeptanz beide Anforderungen.
finden? Flugtaxis können in de- SPIEGEL: Der Science-Fiction-
mokratischen Ländern nur er- Zauber der Flugtaxis wird also
folgreich sein, wenn es gelingt, sie hinfällig?
lärmverträglich in die Stadt zu Plötner: Wir kommen langsam
integrieren und die Privatsphäre von den visionären Konzepten
derer zu schützen, über die sie zu einer Phase der Umsetzung
hinwegfliegen. Außerdem dürfen und Industrialisierung. Wir ken-
sie nicht wesentlich teurer sein nen das von Autos: Da sehen
als eine entsprechende Taxifahrt. die Concept-Cars auch interes-
SPIEGEL: Das klingt völlig santer aus als die Serienmodel-
volocopter

unmöglich. le. Jetzt richtet sich die Ent-


Plötner: Das Flugtaxi ist eben wicklung an dem aus, was Zu-
keine Lösung für jede Trans- Flugtaxi »VoloConnect« lassungsbehörden fordern. ME

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 97


WISSEN

Jim Weber / picture alliance / AP


Asiatische Karpfen im Mississippi

»Wir kriegen die Natur nicht zurück«


SPIEGEL-GESPR ÄCH Mit irrwitzigem Aufwand versuchen Menschen, die Zerstörung von Ökosystemen
rückgängig zu machen – mit wiederum verheerenden Folgen: die US-Amerikanerin Elizabeth Kolbert über
außer Kontrolle geratene Kontrollmaßnahmen.

Kolbert, 59, ist Sachbuchautorin und Notizbuch und Ihr Aufnahmegerät Kolbert: Ja, aber auch Monsterkarp-
schreibt für das US-Magazin »The waren voller Blut und Schleim, und fen sind zu Beginn ihres Lebens win-
New Yorker«. Als Expertin für Um- Sie hatten das Gefühl, Hunderte an zig, sie passen überall durch, und so
weltthemen wurde sie vor allem durch Bord sterbende asiatische Karpfen entkamen bald einige von ihnen aus
ihren Bestseller »Das sechste Sterben« würden Sie vorwurfsvoll anschauen. den Fischfarmen. Sie haben hier kei-
bekannt, in dem sie den drohenden Wie kam es dazu? ne natürlichen Feinde. Jetzt leben sie
Niedergang der biologischen Vielfalt Kolbert: Die Tiere sind ein Beispiel zu Tausenden im Mississippi und sei-
auf der Erde beschreibt. 2015 gewann dafür, wie ein gut gemeinter Eingriff nen Nebenflüssen, sie fressen heimi-
sie dafür den Pulitzerpreis. Ihr neues von Menschen in die Natur fürchter- schen Arten die Nahrung weg und
Buch erscheint im August in deutscher lich schiefgeht. Die Karpfen wurden vertilgen vom Aussterben bedrohte
Übersetzung*. Kolbert lebt in Wil- in den 1960er-Jahren aus China in die Muscheln. Und sie könnten in die
liamstown, Massachusetts.
M. Scott Brauer / Guardian / eyevine / laif

USA importiert. Damals begann sich Großen Seen vordringen, die größte
die Erkenntnis durchzusetzen, dass Süßwasserfläche der Erde. Das wäre
SPIEGEL: Frau Kolbert, während der wir die Umwelt nicht mit Chemie ver- verheerend.
Recherche für Ihr neues Buch saßen seuchen sollten, etwa mit den Pesti- SPIEGEL: Und deswegen versucht
Sie in einem Fischerboot auf einem ziden, die in Aquakulturen gegen man, sie vorher zu töten?
See bei Chicago. Ihre Kleidung, Ihr Algen zum Einsatz kamen. Asiatische Kolbert: Es gibt regelmäßig Fang-
Karpfen sind sehr gefräßig, sie sollten aktionen wie jene, an der ich teilge-
* Elizabeth Kolbert: »Wir Klimawandler. Wie der
Mensch die Natur der Zukunft erschafft«. Suhr-
als biologische Schädlingsbekämpfer nommen habe. Außerdem wurden in
kamp/Insel; 250 Seiten; 25 Euro. das Plankton in Schach halten. Teilen des Chicago River elektrische
Das Gespräch führte die Redakteurin Julia Koch. SPIEGEL: Das klingt vernünftig. Autorin Kolbert Barrieren eingerichtet – jetzt ist der

98 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


WISSEN

Fluss dort für Menschen lebensge- timeter lang und von irisierendem sind das Back-up für den Fall, dass
fährlich. Solche Abwehrmaßnahmen Blau. Er hat einen Riesenkopf im ihre Artgenossen ganz aus ihrem na-
kosten Hunderte Millionen Dollar. Verhältnis zum Körper und große türlichen Lebensraum verschwinden.
Die Karpfen selbst können zudem schwarze Augen. Wären diese Fische Sie sind aber auch eine Stockholm-
Menschen schwer verletzen: Sie ha- größer, wären sie wirklich spektaku- Spezies.
ben die Angewohnheit, hoch aus dem lär. Außerdem sind Wüstenkärpflinge SPIEGEL: Was ist das?
Wasser zu springen, wenn sie aufge- die wohl seltensten Fische der Welt. Kolbert: So nenne ich Tierarten, die
schreckt werden. Ein Exemplar wiegt Sie leben im Devils Hole, einem komplett abhängig von Menschen
bis zu 40 Kilogramm. In so einem Teich am Grund einer Höhle am Ran- sind, angelehnt an das Stockholm-
Karpfensturm, der wirklich beeindru- de des Death Valley in der Mojave- Syndrom bei Entführungen. Devils
ckend ist, können sich Menschen die Wüste in Nevada – und sonst nir- Hole ist sehr beeindruckend, während
Knochen brechen. An den Karpfen gends auf der Welt. Die Höhle bildet seine Betonversion ziemlich hässlich
sehen wir, wie biologische Kontrolle den Eingang zu einem Grundwasser- ist. Dort herrscht die totale Kontrol-
ihrerseits außer Kontrolle gerät. leiter, der weit unter die Erdoberflä- le. Temperatur, Salz- und Sauerstoff-
SPIEGEL: In China gehen die Karp- che reicht, und der Teich ist wahr- gehalt und pH-Wert des Wassers kön-
fenbestände zurück … scheinlich das weltweit kleinste Ver- nen genauestens justiert werden, ins-
Kolbert: Das ist noch so eine Ironie breitungsgebiet eines Wirbeltiers. gesamt 80 verschiedene Parameter,
dabei. In Chinas Fischfarmen gibt es SPIEGEL: Haben Sie die Fische selbst damit es den Fischen gut geht. Die
massenweise asiatische Karpfen, da gesehen? Indoor-Population muss außerdem
sie dort – anders als in den USA – Kolbert: Ja, aber ihr Bassin ist regelmäßig von Hand von bestimm-
gern gegessen werden. In freier Natur strengstens geschützt, außer den Wis- ten Käfern befreit werden, weil diese
aber sinkt ihre Zahl, weil Staudämme senschaftlern, die mich freundlicher- sonst die Larven der Fische fressen.
jene Wanderrouten versperren, die weise mitgenommen haben, kommt Ihren natürlichen Lebensraum wer-
sie im Laufe ihrer Fortpflanzung nut- niemand in die Nähe. In den 1970er- den diese Wüstenkärpflinge wohl nie-
zen. Die Karpfen sind Werkzeuge Jahren wurde Wasser aus dem Teich mals erleben.
menschlicher Eingriffe in Ökosyste- abgepumpt, und die sinkenden Pegel SPIEGEL: Dass Arten aussterben, ist
me und zugleich deren Opfer. sind den Fischen nicht gut bekom- ein natürlicher Prozess in der Erd-
SPIEGEL: Die »Kontrolle der Kontrol- men. Es wurden immer weniger. Seit geschichte. Warum akzeptiert man
le«, wie Sie es nennen, ist der rote 2013 leben deshalb auch Wüsten- angesichts solchen Aufwands nicht,
Faden in Ihrem Buch: ein Muster, das kärpflinge in der Ash Meadows Fish Bedrohte Art dass der Wüstenkärpfling ausstirbt?
Sie überall im Zusammenspiel von Conservation Facility: einem künst- Beutelmarder, Import- Kolbert: Es gibt Gesetze, die Erhal-
tier Agakröte: »Sie
Mensch und Umwelt erkennen. Was lichen Devils Hole wenige Kilometer beißen in alles hinein, tungspläne für bedrohte Arten ver-
verstehen Sie darunter? entfernt vom echten. Diese Fische was ihnen begegnet« langen. Die Behörden können sie
Kolbert: Wir dominieren den Plane- nicht einfach aufgeben. Deshalb wird
ten in nie gekanntem Ausmaß. Wenn in besonders gefährdete Arten oft
man nur die Biomasse betrachtet, ma- besonders viel Geld investiert. Noch
chen Menschen achtmal so viel aus entscheidender ist aber eine sehr
wie wilde Säugetiere. Nimmt man menschliche Schwäche: Wenn wir
noch unsere Nutztiere dazu, vor al- Bilder vor Augen haben von den
lem Rinder und Schweine, ist das Ver- wirklich letzten drei Exemplaren ei-
hältnis sogar 21:1. Unsere Eingriffe in ner bestimmten Art, bauen wir eine
die Natur haben grundlegende geo- emotionale Verbindung zu diesen In-
chemische Kreisläufe wie Kohlen- dividuen auf. Die Menschheit möchte
Sean Crane / Minden Pictures / ddp

stoff- und Stickstoffzyklus dauerhaft einfach nicht der Asteroid sein, der
verändert und sehr viele Tier- und das Leben auf der Erde auslöscht wie
Pflanzenarten den Lebensraum ge- bei den Dinosauriern.
kostet. Viele Konsequenzen unseres SPIEGEL: Stattdessen will der Mensch
Einflusses gefallen uns nicht, also sogar über evolutionäre Prozesse
beschließen wir, noch mehr zu inter- herrschen, wie Sie an einem weiteren
venieren, um sie abzumildern. Beispiel beschreiben. Was ist assis-
SPIEGEL: Wäre es besser, wir ließen tierte Evolution?
die Natur in Ruhe? Kolbert: Lebewesen passen sich ver-
Kolbert: Das ist ein Luxus, den wir änderten Bedingungen an, Trocken-
uns nicht mehr leisten können. Wir heit oder der Anwesenheit von Fress-
können moderne Technologien zum feinden. Nur dauert das eben sehr
Schutz bedrohter Arten ablehnen, lange, und wir verändern die Welt
aber davon kriegen wir die Natur, sehr schnell. Was, wenn wir solche
wie sie einst war, auch nicht zurück. Prozesse beschleunigen könnten,
Wir erleben jetzt ein neues Kapitel um bestimmte Arten vor dem Unter-
Stephen Bridger / Alamy / mauritius images

unserer Beziehungen zur Umwelt. gang zu bewahren? Im sogenannten


SPIEGEL: Ebenso verzweifelt wie Superkorallen-Projekt versuchen
die Menschen, die den asiatischen zum Beispiel Forschende, Korallen
Karpfen loswerden wollen, versu- mit bestimmten Eigenschaften mit-
chen andere, einen anderen Fisch zu einander zu kreuzen, sodass Exem-
retten. Was hat es mit dem Teufels- plare entstehen, die besser mit wär-
loch-Wüstenkärpfling auf sich? meren Temperaturen in ihrem Le-
Kolbert: Das ist ein wunderschöner bensraum zurechtkommen. Das wird
Fisch! Er ist winzig, nur gut zwei Zen- auf Hawaii und am Great Barrier

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 99


WISSEN

Reef in Australien gemacht. Diese schen die Möglichkeit, sehr gezielt nicht schnell genug ausreichend
hitzefesten Superkorallen könnten ins Erbgut einzugreifen. Sie können In Gefahr Kohlendioxid aus der Atmosphäre
die Riffe vor dem Untergang be- bestimmte Abschnitte einfach heraus- verschwinden, um die Erderwär-
wahren. schneiden oder andere einsetzen. Bei bekannte Arten mung zu stoppen. Manche Forscher
SPIEGEL: Und, funktioniert es? der Agakröte geht es um eine abge- davon bedroht glauben deshalb, dass wir die Erde
Kolbert: Das weiß man noch nicht ge- schwächte Version der Amphibien: abkühlen müssen – mittels solaren
Reptilien,
nau, die ersten Freisetzungsversuche Die Wissenschaftler wollen mittels Amphibien,
Geoengineerings. Dabei würden win-
laufen. Die Wissenschaftlerinnen, mit Genschere eine weniger giftige Ver- Fische zige Partikel in die Stratosphäre ge-
denen ich gesprochen habe, etwa sion der Kröte erschaffen. Sie würde 37.709 bracht, die das Sonnenlicht reflektie-
Madeleine van Oppen vom Austra- Beutelmarder und andere Raubtiere 7110
ren. Es würde kühler auf der Erde
lian Institute of Marine Science, ha- immer noch krank machen, wenn sie werden, aber der Himmel würde
ben die Hoffnung, dass wir mit der sie äßen, wäre aber nicht mehr töd- Vögel dann auch an klaren Tagen milchig
Technologie wenigstens Zeit gewin- lich. Fortan, so die Hoffnung, würden 11.158 aussehen – nicht mehr blau.
nen. Noch wachsen die meisten wi- immer mehr Tiere einen Bogen um 1481 SPIEGEL: Halten Sie das für eine gute
derständigen Korallen im größten diese Beute machen. Idee?
Säugetiere
Testaquarium der Welt, dem »Natio- SPIEGEL: Dennoch wären die Kröten Kolbert: Das ist ja die große Frage
5940
nal Sea Simulator« im australischen noch da … meines Buchs: Können neue Techno-
Townsville. Kolbert: Ja, aber viele andere Metho- 1323 logien die Welt besser machen, oder
SPIEGEL: Noch schneller könnte es den, sie loszuwerden, sind bereits S Quelle: IUNC; Stand: 2021 machen wir weiterhin damit alles
mit der gesteuerten Evolution gehen, fehlgeschlagen. Es gibt auch Überle- noch schlimmer? Wir könnten in eine
wenn wir das Erbgut bestimmter gungen, Gene zu verändern, die für Situation geraten, wo wir keine an-
Lebewesen gezielt veränderten. Auch die Fortpflanzung maßgeblich sind, dere Möglichkeit haben, als die Son-
dazu hat der Mensch Werkzeuge ent- sodass die Kröten unfruchtbar wür- ne zu verdunkeln. Deshalb argumen-
wickelt – und will sie unter anderem den. Es gibt Projekte, die auf diese tieren einige Wissenschaftler damit,
einsetzen, um sich selbst gemachte Weise die Mäuse auf manchen Inseln dass diese Option zumindest so weit
Probleme vom Hals zu schaffen. ausrotten wollen, wo sie viel Schaden erforscht sein sollte, dass wir in der
Kolbert: Richtig. Eine dieser Ge- anrichten. Im Prinzip kann der Lage sind, gegebenenfalls eine Ent-
schichten beginnt wieder mit dem Mensch mit dieser Technologie jede scheidung darüber zu treffen. Kritiker
Versuch einer biologischen Schäd- Spezies gezielt aussterben lassen. halten die Idee andererseits für sehr
lingskontrolle, die verheerende Fol- SPIEGEL: Das tut er ja sowieso gefährlich.
gen hatte. Vor fast 100 Jahren im- schon, wenn auch weniger zielgenau. SPIEGEL: Würden Sie dem Eindruck
portierte Australien Agakröten aus Ist es auf diese Weise nicht noch zustimmen, dass die Kernbotschaft
Südamerika. Sie sollten einen Käfer gruseliger? Ihres Buchs ist, dass die Erde einfach
beseitigen, der Zuckerrohrpflanzen Kolbert: Natürlich kann dabei auch besser dran wäre ohne uns Men-
wegfraß. Seither haben sich die Am- viel schiefgehen. Theoretisch könnte schen?
phibien in Australien ausgebreitet, eine solche genetische Manipulation Kolbert: Aus der Perspektive vieler
es gibt viele Millionen von ihnen. die Maus komplett von der Erde ver- Tierarten – natürlich. Im vergan-
Eine einzelne Kröte kann 30 000 schwinden lassen. Viele Menschen genen Frühjahr haben wir ja zu Be-
Eier legen. finden das zu Recht furchterregend. ginn der Pandemie gesehen, was es
SPIEGEL: Warum ist das ein Pro- Aber diese Technologien sind da, und bedeuten kann, wenn die Menschen
blem? mögliche Anwendungen werden er- nicht ständig überall hinreisen. Die
Kolbert: Agakröten sind sehr giftig. forscht. Luft wurde klarer, die Reproduk-
Und weil die Kröten sich erst seit ver- SPIEGEL: Das gilt auch für eine ande- tionsrate von Nashörnern stieg an.
gleichsweise kurzer Zeit in Australien re Idee, die Sie in Ihrem Buch be- Vielen Spezies ginge es besser, wenn
ausbreiten, konnten endemische schreiben. Eine Möglichkeit, die Erd- wir nicht ihren Lebensraum ein-
Raubtiere keine Resistenzen gegen erwärmung rechtzeitig zu stoppen, nehmen und ihre Nahrung konsumie-
ihr Gift entwickeln – und auch nicht liege darin, das Sonnenlicht zu dim- ren würden. Ich kam mir bei den
Korallenbleiche im
lernen, sie zu meiden, weil sie meist men. Wie soll das gehen? Great Barrier Reef:
Recherchen oft vor wie in einer
gleich nach dem Verzehr der Kröte Kolbert: Selbst wenn wir unsere Können Superkorallen schwarzen Komödie. Wir Menschen
sterben. Es ist sozusagen das Gegen- Emissionen auf null setzen, würde die Riffe retten? stolpern, oft mit guten Absichten,
teil der Karpfenmisere. Karpfen scha- stets von einem Problem in ein
den dem Ökosystem, weil kein ein- schlimmeres.
heimisches Tier sie frisst, Kröten tun SPIEGEL: Niemals mehr den blauen
das, weil so viele sie fressen. Himmel sehen zu können – wäre das
SPIEGEL: Das heißt, die Agakröte ver- nicht eine psychische Herausforde-
giftet Australiens Tierwelt? rung für den Menschen?
Kolbert: Teile davon, ja. Das bekann- Kolbert: Der Effekt wäre wohl nur
teste Beispiel sind die Beutelmarder. an sehr klaren Tagen zu sehen. Das
Das sind niedliche Tiere mit weiß ge- CO in der Atmosphäre ist dagegen
²
punktetem Fell. Sie sind sehr angriffs- unsichtbar. Hätten wir früher gehan-
lustig und beißen in alles hinein, was delt, wenn wir es sehen könnten? Für
Brett Monroe Garner / Getty Images

ihnen begegnet. Inzwischen gelten mich ist der milchige Himmel eine
sie als stark gefährdet, vor allem we- Metapher für unseren Einfluss auf
gen der Agakröten. die Natur. Schaut her, scheint sie zu
SPIEGEL: Wo kommt da die Gentech- sagen, wir können sogar die Farbe
nik ins Spiel? des Himmels verändern.
Kolbert: Mit sogenannten Gensche- SPIEGEL: Frau Kolbert, wir danken
ren haben Wissenschaftler inzwi- Ihnen für dieses Gespräch. ■

100 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


Jetzt neu
im Handel

Digital lesen mit auf manager-magazin.de/plus


WISSEN

denen Technologien sogar kurzfristig


enorm viel ausrichten.
‣ Der Methanausstoß könnte bis
2030 um 45 Prozent sinken. Das
entspräche rund 180 Millionen
Tonnen CH pro Jahr.
Der stärkste Hebel 4
‣ Damit allein ließe sich die globale
Durchschnittstemperatur von 2040
an um 0,3 Grad Celsius mindern.
Das wäre ein immenser Beitrag
KLIMAKRISE Es dauert viel zu lange, den Ausstoß des Treibhausgases
im Bemühen, die Erwärmung bis
Kohlendioxid zu senken. Uno-Forscher haben jetzt eine schnellere Strategie Ende des Jahrhunderts auf deut-
gegen die Erderwärmung analysiert: Mit vorhandenen Mitteln ließe sich lich unter zwei Grad Celsius zu be-
viel Methan aus der Atmosphäre fernhalten – und sogar einfach verheizen. grenzen, wie in Paris vereinbart.
‣ In einer Welt mit weniger Methan
würde sich zudem weniger boden-
er Weg zu mehr Klimaschutz Welt: Schwingende CH -Moleküle nahes Ozon bilden. Geringere
D ist hart und steil. Wer glaubt,
die Menschheit sei dem Ziel
der Erdenrettung schon näher gekom-
4
hindern Wärmestrahlung sehr effek-
tiv daran, ins All zu entfliehen, und
werfen sie teilweise zurück Richtung
Konzentrationen dieses giftigen
Gases würden weltweit Ernteaus-
fälle eindämmen, etwa bei Weizen,
men, sitzt einem Selbstbetrug auf. Die Erde. Der mittelfristige Treibhaus- Soja, Mais und Reis. Die bessere
Menschen reden zwar viel davon, den effekt, der von einer Tonne atmo- Luft hülfe vor allem aber, jährlich
Ausstoß des Klimagases Kohlendioxid sphärischem CH ausgeht, ist daher bis zu 255 000 vorzeitige Todes-
4
(CO ) zurückzudrängen – allein: Sie 84-fach so stark wie der, den eine fälle zu vermeiden.
²
tun es nicht. Tonne des viel häufiger vorkommen- Drei Wirtschaftssektoren sind es, in
Trotz der Anstrengungen einzelner den CO verursacht. denen der Mensch Methanemissio-
²
Personen, Unternehmen und Staaten, Für ein gutes Fünftel der Erwär- nen stark absenken kann. Bedeuten-
trotz des Pariser Klimaabkommens mung seit Beginn der Industrialisie- de Potenziale bieten sich in der Land-
und trotz der coronabedingten Wirt- rung ist allein das in der Luft schwe- wirtschaft, auf Mülldeponien, vor al-
schaftsflaute im Jahr 2020: Die globa- bende CH verantwortlich. Bekäme lem aber bei der Energiegewinnung.
4
len CO -Emissionen wachsen nach die Menschheit dieses Methan in den Manche Maßnahmen kosten Geld –
²
wie vor. In den vergangenen drei Mil- Griff, würde sie Zeit im Kampf gegen aber mehr als die Hälfte der Einspa-
lionen Jahren war noch nie so viel CO gewinnen. Anders formuliert: rungen, so stellt der Unep-Bericht
²
CO in der Luft wie derzeit. Mit Wer jetzt erfolgreich Methan zurück- fest, ließen sich mit Mitteln erreichen,
²
einem für Mai zu erwartenden Mo- drängt, der erreicht mehr für das die sich selbst bezahlt machen. Als
natsmittel von fast 419 ppm (parts per künftige Klima, als wenn er Hunderte Hauptbestandteil von Erdgas ist CH
4
million) liegt die CO -Konzentration Kohlekraftwerke abschalten würde. sogar ein gut verkäufliches Wirt-
²
in der Atmosphäre auf Rekordhöhe. Methan hat den Vorteil, dass es schaftsgut, im Gegensatz zu CO .
²
Vielleicht sollte sich die Menschheit kurzlebig ist. Es verbleibt für nur Ein großer Teil des Methanpro-
also zudem um ein einfacheres Ziel rund zwölf Jahre in der Erdatmosphä- blems geht offenbar auf Schlamperei
kümmern? Auf dem harten Weg zu re – im Gegensatz zu CO , das dort in der Energiebranche zurück. Über
²
mehr Klimaschutz gibt es eine Abkür- viele Jahrhunderte lang ausharren Texas und New Mexico erstreckt sich
zung, die von Forschern, Politikern kann. Jede Tonne Methan, die heute das Permbecken, das größte Reser-
und der Öffentlichkeit lange unter- nicht emittiert wird, wirkt sich inner- Rekordhoch voir fossiler Brennstoffe in den USA.
schätzt worden ist. Wer diesen Weg halb eines Jahrzehnts positiv auf das In diesem Gebiet wird allein ein Drit-
konsequent ginge, könnte mit relativ Klima aus. Globaler Methan- tel des US-amerikanischen Öls und
gehalt in der
wenig Einsatz in kurzer Zeit viel er- »Die Reduktion von Methan ist Atmosphäre*, ein Zehntel des Erdgases gefördert,
reichen und die Erwärmung der Welt für die nächsten 25 Jahre unser stärks- in »parts per billion« von dem allerdings ein Teil die Ver-
innerhalb weniger Jahre spürbar ter Hebel, um den Klimawandel zu 1900
braucher gar nicht erst erreicht.
bremsen. bremsen«, sagt Inger Andersen, die Forscher unter anderem der Har-
Es geht um Methan, das farb- und aus Dänemark stammende Exeku- vard University haben sich das Ge-
geruchlose Gas, chemische Formel tivdirektorin des Uno-Umweltpro- schehen über dem Permbecken mit
1800
CH . In der Atmosphäre kommt die- gramms Unep. Die gleichzeitig gebo- speziellen Satelliten angeschaut. Ihr
4
ses Molekül viel seltener vor als CO . tene Minderung des CO -Ausstoßes Ergebnis: 3,7 Prozent des insgesamt
² ²
Seine Konzentration wird nicht in werde dadurch allerdings keineswegs produzierten Gases lösten sich ein-
ppm angegeben, sondern in ppb, parts weniger dringlich. 1700 fach so in der Luft auf. Diese Menge
per billion. Von einer Milliarde Teil- 22 Forscher namhafter Universi- würde ausreichen, sieben Millionen
chen in der Troposphäre macht Me- täten und Institute haben nun für texanische Haushalte ein Jahr lang
than derzeit rund 1900 Moleküle aus, die Unep und die internationale »Cli- 1600 zu versorgen.
sein Anteil liegt also lediglich bei mate & Clean Air Coalition« erstmals US-Wissenschaftler haben im Fach-
0,000 19 Prozent. einen Methanbericht veröffentlicht. journal »Science« dargelegt, dass alle
Was wie kaum mehr als nichts er- Im Genre der Klimakatastrophenlite- 1500 Öl- und Gasanlagen des Landes allein
scheinen mag, ist tatsächlich viel zu ratur sticht das »Global Methane As- im Jahr 2015 mehr als 13 Millionen
viel – und weit mehr denn je seit Be- sessment« als untypisch hervor, denn Tonnen CH entfleuchen ließen, viel
4
ginn der Aufzeichnungen. teilweise strotzt der Text nur so vor 1980 2020 mehr als offiziell bekannt. Zum
Diese Winzigkeit hat aufgrund Optimismus. * Monatsdurchschnitt Klimawandel trug diese Menge Me-
ihrer chemischen Struktur einen be- Die Welt, so heißt es in dem Be- S Quelle: Dlugokencky, E. than so viel bei wie 69 Millionen ame-

NOAA/GML,
deutenden Einfluss auf das Klima der richt, könne mit bereits jetzt vorhan- Stand: 5. Mai 2021 rikanische Autos.

102 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


WISSEN

Leckagen sind alltäglich im Perm- Einsparpotenziale beim Methanausstoß bis 2030 und jede einzelne ist eine Methan-
becken und überall dort, wo Öl und schleuder. Bei der Zersetzung organi-
Gas gefördert werden. Mal sind es ÖL- UND GASGEWINNUNG schen Abfalls bilden sich bedeutende
Risse in Pipelines, mal kaputte Ven- Mengen sogenannten Deponiegases,
tile oder altersschwache Pumpen. Ge-
ringe Investitionen, so heißt es im
Unep-Bericht, könnten solche Lecks
41–82
M I O . TO N N E N /JA H R
das rund zur Hälfte aus CH besteht.
4
Bislang verflüchtigt sich das meiste
Müllmethan in die Atmosphäre –
schließen und dabei den Absatz für dabei könnte auch dieses ohne allzu
die Firmen merklich steigern; je hö- große Mühe aufgefangen und zu
her die Energiepreise, desto höher einem wertvollen Rohstoff aufberei-
würde der Anreiz für die Unterneh- tet werden.
men, sauber zu arbeiten. In Kraftwerken lässt sich mit ihm
Die Unep-Autoren empfehlen den Strom und Wärme erzeugen, es kann
Firmen, mehr von dem herumvaga- aber auch dem gewöhnlichen Erdgas

Jessica Lutz / The New York Times / /Redux / laif


bundierenden Methan in Förderan- beigemischt werden. Insbesondere
lagen einzufangen und es als Wert- den Europäern legen die Unep-Exper-
stoff zu nutzen. Was dann noch übrig ten die bessere Nutzung von Deponie-
bleibe, solle an der Austrittsstelle ab- gasen ans Herz, das sei in ihrer Region
gefackelt werden, denn bei der Ver- die lohnendste Einzelmaßnahme, um
brennung wird das hochwirksame den Methanausstoß einzudämmen.
Klimagas CH in nicht ganz so schäd- Deutschland haben die Verfasser
4
liches CO und Wasserdampf umge- dabei wohl nicht im Blick, denn die
²
wandelt. Republik der Mülltrenner, Recycler,
Mehrere Untersuchungen in den Müllhaldenvermeider und Kompos-
USA haben allerdings festgestellt, LAND- UND tierer gilt in all diesen Disziplinen in-
dass solche Gasfackeln auf den Anla- VIEHWIRTSCHAFT ternational als Klassenbester. Die
gen zwar vorhanden sind, aber oft Deutschen haben den auf Müll zu-
schlicht nicht entzündet werden. So
schwappen dann riesige Mengen von
Methan in die Umwelt, weil sich nie-
29–36
M I O . TO N N E N /JA H R
rückgehenden Treibhausgasausstoß
seit 1990 um mehr als drei Viertel
reduziert und zugleich die Zahl der
mand um eine umweltgerechte Be- Deponien stark gesenkt.
handlung kümmert, auch die Auf- Hierzulande entsteht das meiste
sichtsbehörden nicht. von Menschen verursachte Methan
Das könnte sich nun ändern. Zahl- bei der Viehhaltung. Vor allem Rin-
reiche Staaten, darunter der Top- der bilden Massen von Methan in
emittent Russland, haben in den ver- ihrem Verdauungstrakt, eine Kuh al-
gangenen Monaten verstärkte Maß- lein rülpst und pupst am Tag bis zu
nahmen angekündigt. Im Oktober 300 Liter CH in die Außenwelt.
4
hat die Europäische Kommission eine Forscher versuchen zwar, die Me-
eigene »Methanstrategie« verabschie- thanbildung bei Wiederkäuern durch
det, die in diesem Jahr umgesetzt wer- Verfütterung von Algen zu vermin-
den soll. Damit könnten die Emissio- dern. Dennoch empfehlen die Unep-
Jordi Ruiz Cirera / laif

nen des Gases in der Gemeinschaft Autoren, die Zahl der Rinder, Schafe
bis 2030 um bis zu 37 Prozent gegen- und Ziegen rasch zu reduzieren. Die
über 2005 gemindert werden. Menschheit solle sich an eine Ernäh-
Fortschritte bei Satelliten und Mess- rung mit weniger Fleisch und Milch-
geräten an Bord von Flugzeugen, produkten gewöhnen.
Drohnen oder Straßenfahrzeugen MÜLLDEPONIEN Möglich wäre dies, gesünder wäre
machen den CH -Austritt sichtbar. es auch, die globalen Vorlieben wei-
4
Im Oktober kommenden Jahres
soll der Erdbeobachtungssatellit »Me-
thaneSAT« seine Arbeit aufnehmen,
30
M I O . TO N N E N /JA H R
sen allerdings in die gegenteilige Rich-
tung. Wer bringt den Leuten bei, we-
niger Methanburger zu verspeisen?
ein Gemeinschaftsprojekt einer ame- Aber die Menschheit habe keine
rikanischen Umweltgruppe und der Wahl mehr, schreiben die Experten
Weltraumorganisation von Neusee- im Unep-Bericht. Wenn sich die Welt
land. Das Gerät, das von der Firma bei ihren Klimaanstrengungen einzig
SpaceX in die Umlaufbahn geschos- auf CO versteife, könne sie das Pari-
²
sen wird, soll die Erdoberfläche sys- ser 1,5-Grad-Ziel nur verfehlen.
tematisch nach Methanemissionen Sollten die Staaten das Methan
absuchen. jetzt nicht aktiv bekämpfen, auch das
So können selbst kleine Methan- geht aus dem Unep-Bericht hervor,
lecks geortet und notorische Ver- dann bleibe es beim menschenge-
schmutzer an den Pranger gestellt machten Trend der vergangenen
werden. Die Zeiten sind vorbei, in 15 Jahre: Seit 2006 steigt der Gehalt
Delil Souleiman / afp

denen die Unsichtbarkeit des Gases von Methan in der Atmosphäre so


die Sünder vor Entdeckung schützte. steil an wie noch nie seit Beginn der
Die Zahl ungeordneter Mülldepo- Messungen Mitte der 1980er-Jahre.
nien auf der Erde wächst unerbittlich, Marco Evers ■

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 103


WISSEN

iele Fragen kommen erst jetzt. Severine


V Joordens will nun ganz genau wissen,
wie sie eigentlich damals von Heins-
berg nach Aachen gekommen ist. »Die meis-
ten verstehen nicht, warum mir das wichtig

»Der Schmerz kommt ist«, sagt sie. Sie sagen: Rettungswagen oder
Hubschrauber, das sei doch egal. Hauptsache,
dass sie überlebt habe.

von innen« Aber Severine Joordens hat das Gefühl,


dass ihr die Antworten auf solche Fragen
helfen können zu verstehen, was da passiert
ist in jenen drei Wochen, in denen sie im
CORONA Solange die Intensivstationen Betten frei haben, Koma lag. Jenen drei Wochen im März vori-
gen Jahres, als sie den schwersten Kampf ih-
sei die Pandemie noch beherrschbar – so hieß es in den vergangenen res Lebens kämpfte und doch selbst nichts
Monaten oft. Für Menschen wie Severine Joordens sieht das davon mitbekommen hat.
anders aus. Ihr Fall zeigt, welche Schäden der Kampf ums nackte Sie redet jetzt viel mit ihrem Mann darü-
Überleben hinterlassen kann. ber, auf Spaziergängen über die Äcker hinter
dem Haus. Bella und Donna, die beiden Hun-
de, kommen meist mit.
Ihr Mann erzählt dann, wie er damals
allein auf ebendiesen Wegen durch die Nacht
gestapft ist. Das Atmen fiel ihm schwer,
auch er war infiziert. »Es war, als schnürte
mir ein Gurt um die Brust die Luft ab«, er-
zählt er. Aber schlimmer als die Atemnot
war die Angst um seine Frau im Kranken-
haus: Was, wenn sie nicht mehr zurückkom-
men würde?
Sie erzählt unterdessen von den Bildern,
die jetzt plötzlich aus dem Nebel ihrer Erin-
nerung auftauchen. Nach der Rückkehr aus
der Reha standen zunächst die praktischen
Dinge im Vordergrund: die verstörten Kinder,
die viel Zuspruch brauchten; die Onlinechor-
proben und der Unterricht in der Musikschu-
le; die Übungen in der Physiotherapie. Erst
seitdem das Leben langsam wieder in gere-
gelteren Bahnen verläuft und seitdem die
Fortschritte bei der Genesung stocken, mel-
det sich die Erinnerung.
Manchmal ist es jetzt, als hörte Severine
Joordens wieder, wie eine Stimme aus der
Ferne sie fragt, ob sie wisse, wo sie sich be-
finde. Sie will antworten und merkt, dass das
nicht geht, weil da ein Schlauch in ihrer Luft-
röhre steckt.
Oder sie erinnert sich an die übermächtige
Erschöpfung, die sie empfand, als sie sich erst-
mals auf die Bettkante setzen sollte. An die
Scham über die Inkontinenz, an die fürchter-
liche Übelkeit und daran, wie ihr klar wurde,
dass der Kater, der auf dem Nachbarbett saß,
in Wirklichkeit nur eine Decke war.
Und dann war da natürlich die Sehnsucht
nach ihrer Familie. Sie lacht: »Heute bin ich
froh, dass meine Kinder mich so nicht gese-
hen haben.«
Severine Joordens ist eine zupackende,
eine fröhliche Frau. »Ich bin ein positiver
Mensch«, sagt sie von sich. Nur während ih-
Insa Hagemann

rer Covid-Erkrankung, da sei sogar ihr


manchmal der Mut geschwunden.
Auch jetzt, mehr als ein Jahr danach, ist
Rekonvaleszentin Joordens, Ehemann es nicht vorüber. Vielleicht wird es nie ganz
vorüber sein.
Schlimmer als die Atemnot war die Angst: Was, wenn seine Frau Joordens liebt es, viel um die Ohren zu
nicht mehr zurückkommen würde? haben. Sie kümmert sich um die Kinder, um

104 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


WISSEN

die Pferde, um das Haus, die Scheune und


natürlich um ihre geliebte Musik. All das ist
ihr geblieben. Und doch ist es jetzt anders
als früher.
Auch wenn sie versucht, es sich nicht an-
merken zu lassen, so strengt sie doch alles,
was sie jetzt tut, an. Die Kinder müssen öfter
mit anpacken und die Geschirrspülmaschine
ausräumen oder die Hunde ausführen. Beim
Klavierspielen kommt Joordens’ linke Hand
nicht mehr mit, der kleine und der Ringfinger
sind taub.
Noch schwerer wiegt für Joordens, dass
auch ihre Stimme nicht mehr die alte ist. Zwar
sprudelt es, wenn sie spricht, wie eh und je
aus ihr heraus: kräftig, munter und laut. Doch
sie will nicht nur sprechen, sie will singen.
Und das geht nicht mehr recht.
Noch immer trainiert Severine Joordens

Felix von der Osten


jeden Tag. Noch hat sie die Hoffnung nicht
aufgegeben. Aber sie weiß: Vielleicht muss
sie ihren Frieden damit schließen, dass sie
nie wieder als Sängerin auf einer Bühne ste-
hen wird. Intensivstation der Uniklinik Aachen im März 2020

* Die Krankheit kommt in Wellen. Oft folgt, kaum dass sich ein
Damals, in der Zeit vor ihrer Covid-Erkran- Organ erholt, schon der nächste Schlag.
kung, war Severine Joordens in Kreuzrath
als »Jetsetterin« bekannt. Alle im Dorf wuss- dens’ zwölfjähriger Sohn; sie fühlte sich zu nicht darin zu heilen. Ihr Ziel sei es vielmehr,
ten: Jede Woche einmal packte sie ihr Köf- diesem Zeitpunkt bereits zu schwach dafür. den Körper der Patienten so lange am Leben
ferchen und flog nach Wien. Sie nahm dort Dem Sohn hat sich das Bild, wie sie die zu erhalten, bis er stark genug ist, sich selbst
Unterricht bei der großen amerikanischen kraftlos auf der Trage Liegende in den Kran- zu kurieren.
Opernsängerin Grace Bumbry. kenwagen schieben, ins Gedächtnis einge- Kersten ist Oberarzt in der Aachener Uni-
Auch sonst war Joordens’ Alltag vom Ge- brannt. Einige Wochen lang dachte er, dass klinik. Er spricht schnell und konzentriert. Er
sang bestimmt. Sie dirigierte ihren Chor, gab dies womöglich das Letzte war, was er von darf sich keinen Moment der Achtlosigkeit
Stimmbildungskurse, und manchmal organi- seiner Mutter gesehen hat. erlauben. Jederzeit muss er bereit sein, Ent-
sierte sie auch Konzerte in der ausgebauten Die Klinik in Heinsberg, in die die Patien- scheidungen zu treffen, die Leben oder Tod
Scheune daheim. Dass gerade Singen das In- tin aus Kreuzrath eingeliefert wurde, befand bedeuten können.
fektionsrisiko drastisch erhöht, daran dachte sich im Ausnahmezustand. Unvermittelt war Trotz aller Betriebsamkeit und Hektik
damals kaum jemand. Joordens in ein Epizentrum der Pandemie ge- fühlt sich Kersten am Krankenbett manchmal
Die Coronapandemie war den Menschen raten. »Es war wie im Krieg«, sagt sie. Es machtlos. »Wir unterstützen den Patienten
in Kreuzrath unvermittelt nahe gerückt; denn herrschte Hektik. Betten mit Kranken stan- durch die Therapie im Heilungsprozess«, sagt
in einem Nachbardorf in ihrem Kreis Heins- den auf den Gängen herum. Die Kranken- er, »haben in bestimmten Situationen aber
berg, nur fünf Kilometer entfernt, war es bei schwestern waren gereizt. wenig Mittel, um aktiv die Heilung zu för-
einer Karneval-Kappensitzung zum ersten Sie war schwach, erschöpft, fühlte sich ver- dern. Oft müssen wir den Verlauf abwarten.
großen Ausbruch in Deutschland gekommen. lassen und vergessen. Ihre Kraft reichte noch, Das ist schwer auszuhalten.«
Trotzdem verlief der Alltag noch weitgehend eine Nachricht an eine Freundin ins Handy Bei Covid-Patienten dauert das Warten
unverändert. zu tippen. Die Botschaft war wirr, irgendwie oft vier, fünf Wochen, manchmal länger. Die
Ihre Infektion muss sie sich bei der Chor- ging es ums Sterben. Der Mann dieser Freun- Krankheit kommt in Wellen. Anfangs gilt es,
probe am Mittwoch, dem 4. März, zugezogen din, selbst Arzt, rief beunruhigt in der Klinik die Beatmung richtig einzustellen: stark ge-
haben. Eine der Teilnehmerinnen hustete, an. Erst daraufhin, glaubt Joordens, kam je- nug, damit das Gewebe mit genügend Sauer-
doch niemand dachte sich etwas dabei. Die mand, um nach ihr zu gucken. Doch wer weiß stoff versorgt wird, doch nicht so aggressiv,
Frau hustete immer. Dass der Grund dafür schon genau, was wirklich geschah? Die Er- dass die Lunge Schaden nimmt. Schwerst-
diesmal Corona war, stellte sich erst einige innerung ist verschwommen. kranke Patienten wie Severine Joordens kom-
Tage später heraus. Wenig später verschwinden die Bilder, die men an eine künstliche Lunge. Ihr Blut wird
Am Samstag darauf nahm Joordens noch Joordens geblieben sind, ganz im Nebel. Erst außerhalb des Körpers mit Sauerstoff ange-
an einem Gesangsfestival in den Niederlan- viel später erfährt sie, wie rasant der Sauer- reichert.
den teil. Heute weiß sie, dass sie vermutlich stoffgehalt in ihrem Blut absank. Das Nächste, Doch oft folgt, kaum dass die Lunge sich
ansteckend war. Doch damals verspürte sie was dann kommt, ist diese Stimme, die auf zu erholen beginnt, der nächste Schlag. Erst
noch keinerlei Symptome. Die Kopfschmer- sie einredet. Es dauerte eine Weile, bis sie be- greift die Entzündung auf das Herz über, oder
zen kamen erst am Abend, als die Veranstal- griff, dass Wochen vergangen waren und dass die kreislaufunterstützenden Mittel schädigen
tung schon beendet war. sie nun im Universitätsklinikum Aachen lag. die Niere, dann staut sich das Blut in die
Der weitere Verlauf ihrer Erkrankung war Am Handgelenk trug sie noch immer das Leber zurück, oder der Darm wird durchläs-
ungewöhnlich rasant. Am Sonntagabend setz- Patientenarmband aus Heinsberg. sig für Bakterien. Oft kämpfen die Ärzte an
te das Fieber ein, am Montag stieg es auf fast vielen Fronten zugleich, kaum ist ein Organ
40 Grad, am Dienstag rief Joordens ihren * stabil, verweigert sich ein anderes. »Covid
Hausarzt an. Der riet ihr, sofort einen Kran- »Wir kaufen Zeit«, sagt Alexander Kersten. ist eine Systemerkrankung«, sagt Kersten.
kenwagen zu rufen. Den Notruf machte Joor- Die Aufgabe der Intensivmediziner bestehe Wenn die Ärzte den Kampf verloren geben,

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 105


WISSEN

Mit Rollatorhilfe verließ sie schließlich das


Krankenhaus, gerade noch rechtzeitig, um zu
Hause den elften Geburtstag ihrer Tochter
feiern zu können.
Es folgten drei Wochen Reha: Fußmassa-
gen, Wechselbäder, Atemübungen, psycholo-
gische Betreuung. Das wichtigste Ziel war es,
die geschädigten Nerven wieder zu aktivie-
ren. Die Therapeuten wollten sie noch länger
dabehalten, doch Joordens sehnte sich nach
der Familie. Außerdem durfte sie ohnehin
nicht an die Trainingsgeräte. Wegen einer
Herzmuskelentzündung sei das zu riskant,
hieß es.
Inzwischen liegt Joordens’ Lungenfunktion
wieder bei 100 Prozent. Auch das Laufen be-
reitet ihr keine Probleme, nur die Treppen
sprintet sie nicht mehr hoch wie früher. Und
manchmal fühlt sie sich nicht ganz sicher auf

Felix von der Osten


Insa Hagemann

ihren Beinen. Denn Teile der Unterschenkel


und der Füße sind taub.
CIM/CIP nennen die Mediziner das. Die
Abkürzung steht für »Critical Illness Myo-
Joordens-Nachrichten aus der Klinik Heinsberg, Aachener Chefarzt Dreher
pathie/Polyneuropathie«. Charakterisiert ist
Warum erholen sich die einen nach dem Koma, während bei dieses auf der Intensivstation erworbene Syn-
drom durch Muskelschwäche oder Nerven-
anderen alle ärztliche Kunst versagt? schäden. Hinzu kommt bei Joordens dieses
kaum erträgliche Brennen. »Der Schmerz
lautet die Todesursache meistens Multiorgan- mit dem Schleim, den die Bewusstlose kommt von innen«, sagt sie. Die Ärzte haben
versagen. nicht abhusten konnte, in ihre Lunge geraten ihr gesagt, dass die Nerven Anschlüsse suchen.
Die Chance, Covid zu überleben, ist bei sein. Auch dass jetzt manchmal ihr Gedächtnis
den Patienten auf der Intensivstation nicht Bei Covid-Patienten treten solche Infek- hapert, ist typisch für Beatmungspatienten
leicht einzuschätzen. Niemand weiß mit Si- tionen häufig auf. »Die Sterblichkeit einer nach schwerem Lungenversagen. Es sind
cherheit zu sagen, warum sich die einen nach Staphylococcus-aureus-Pneumonie liegt um meist kleine Dinge. Auch andere verschwit-
einigen Wochen im Koma wieder erholen, die fünf Prozent«, erklärt Kersten. Bei Ecmo- zen schließlich mal einen Termin. Nur dass
während bei den anderen alle ärztliche Kunst Patienten zählt das noch zu den vergleichs- Severine Joordens so etwas früher nie pas-
versagt. Bei jenen, um deren Leben die Ärzte weise geringen Risiken. siert ist. Oder die Stunden in der Musikschule:
sehr lange ringen, ist die Prognose besonders Jetzt muss sie sich nach dem Unterricht im-
ungewiss. * mer Notizen machen, damit sie das nächste
Derzeit zum Beispiel, erzählt Kersten, Schritt um Schritt kämpfte sich Severine Joor- Mal noch weiß, was sie durchgenommen hat.
liege eine Covid-Patientin schon seit mehr dens zurück ins Leben. Alles musste sie neu Und auch das Lernen der Operntexte fällt ihr
als fünf Wochen auf der Station. Gerade hat- erlernen: das Atmen, das Sprechen, das plötzlich schwer.
ten die Ärzte gehofft, die Entzündung im Schließen der Hand, das Heben des Knies, Das Schlimmste aber ist, dass Joordens
Darm in den Griff zu kriegen, da mussten das Sitzen auf der Bettkante. »Nur eine Vier- nicht mehr wie vor ihrer Erkrankung singen
sie feststellen, dass nun auch die Gallenblase telstunde«, sagte die Physiotherapeutin vor kann. Das hohe B klingt nun kehlig, das hohe
betroffen ist. »Wir wissen nicht, ob sie es jeder Sitzung. Joordens erschien es wie eine C erreicht sie nicht mehr. »Die Stimme macht
schafft«, sagt Kersten. Sie sei noch jung, keine Ewigkeit. Am Ende jeder Übung blieb blei- zu«, klagt sie. Auch kann sie lange Töne nicht
50 Jahre alt. erne Erschöpfung zurück, Schwindelgefühl mehr halten.
Gemessen daran war der Verlauf der Er- und Übelkeit. Joordens trainiert viel in diesen Tagen. Im
krankung bei Severine Joordens vergleichs- Ihr Mund war schief, wohl eine Folge der nächsten Jahr steht ihr Name bei einem gro-
weise günstig. Als sie in Aachen ankam, war Bauchlage während der Beatmung. Es war, ßen Musikevent im Sauerland auf dem Pro-
ihr Zustand kritisch. Gleich am ersten Tag als wäre ihr das Gesicht verrutscht. Essen war gramm. Sie soll dort Verdi- und Puccini-Arien
wurde sie an die künstliche Lunge (Ecmo) an- anfangs unmöglich, ernährt wurde sie über singen. Bis zum Dezember gibt sie sich noch
geschlossen. »Das ist das äußerste Mittel, das eine Magensonde. Sie feierte es als Sieg, als Zeit. Dann will sie entscheiden, ob sie absa-
uns zu Gebote steht«, sagt Chefarzt Michael eine Krankenschwester sie erstmals mit Pud- gen muss.
Dreher. »Bei jedem Patienten an der Ecmo ding füttern konnte. »Ich will auch wieder nach Wien fliegen,
besteht Lebensgefahr.« Während der Wochen im Koma waren sobald es die Coronaregeln zulassen«, sagt
Zwei Wochen verbrachte Joordens an dem ihre Muskeln erschlafft. Weil die Ecmo die sie. Das habe sie mit Grace Bumbry abge-
Gerät. Im 30-Sekunden-Takt sind die Vital- Aufgabe der Lungen übernommen hatte, war sprochen. Einmal wöchentlich allerdings
parameter im Computer gespeichert. Wenn auch die Kraft der Atemmuskulatur ge- scheint Joordens nun zu viel. Sie will die Ge-
Kersten sie jetzt noch einmal studiert, ist er schwunden. »Mein Körper fühlte sich an wie sangslektionen bei der Starsängerin lieber et-
zufrieden: »Ein Verlauf, wie man ihn sich ein Lappen«, sagt Joordens. was weniger ehrgeizig angehen.
wünscht«, sagt er. Die Gerinnungswerte wa- Auch die Sinne kehrten nur langsam wie- Im Juni beginnt für sie eine Ausbildung
ren gut, die Infektion blieb weitgehend auf der zurück. »Einmal war ich überzeugt, dass als Musiktherapeutin. Das, sagt sie, habe sie
die Lunge beschränkt. ich gerade ein Baby gekriegt hätte«, erzählt schon immer interessiert. Sie will sich eine
Kurz ehe Joordens erwachte, diagnosti- sie lachend. »Ich wollte es an die Brust legen.« neue Perspektive schaffen für den Fall, dass
zierten die Ärzte dann doch noch eine Sta- Dann wieder glaubte sie, ihre Kinder hätten sie ihre Konzertkarriere aufgeben muss.
phylokokken-Infektion. Die Keime müssen sich unterm Bett versteckt. Johann Grolle ■

106 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


Schenken Sie Lesefreude
Jetzt Ihren Wunschtitel verschenken und Gutschein sichern.

Belieferung
endet
automatisch
DER SPIEGEL für ½ Jahr
Deutschlands bedeutendstes Nachrichten-
Magazin steht für einen unabhängigen und
investigativen Journalismus.
26 Ausgaben für nur € 5,30 pro Ausgabe.

»Dein SPIEGEL« für 1 Jahr


Das Nachrichten-Magazin für Kinder und
Jugendliche ab 8 Jahren, die unsere Welt
verstehen wollen. So macht Wissen Spaß!
12 Ausgaben für nur € 4,30 pro Ausgabe.

SPIEGEL GESCHICHTE für 1 Jahr


Hier wird die Vergangenheit emotional
und packend erzählt. Jede Ausgabe
widmet sich einem historischen Thema.
6 Ausgaben für nur € 8,– pro Ausgabe.

Einfach jetzt anfordern:


Ihr Geschenk:
abo.spiegel.de/geschenk ein Amazon.de Gutschein
oder telefonisch unter 040 3007-2700 in Höhe von € 20,–.
KULTUR

Photo: Andrea Rossetti / Courtesy of the artist, Galerie Buchholz and Sprüth Magers
Imhof-Installation

lerin, bei denen an Stahlschienen aufge-


Stillleben in Ruinen hängte Lautsprecher rasant aufeinander
zufahren, beschallen die Räume. Im bisher
nie zugänglichen Kellergeschoss zeigt
KUNST Das Palais de Tokyo in Paris räumt der Künstlerin Anne Imhof das Imhof ein Video – einen einsamen Walzer,
Haus frei. Imhof nutzt das für ein flirrendes Gesamtkunstwerk. getanzt vor gelben Lilien, aufgenommen
während des ersten Lockdowns in der Nor-
ie Pariser Museen öffnen wieder, und Zwischenwände und Deckenisolierungen mandie. Irgendwo in diesem sensationellen
D eine der spektakulärsten Ausstellun-
gen dieser neuen Post-Lockdown-Sai-
son ist im Palais de Tokyo bis zum 24. Ok-
rausreißen, sodass die Topografie des Hau-
ses bis auf die Stahlträger freiliegt. Nun
sieht es aus wie eine Ost-Berliner Ruine
Nebeneinander hängt eine Zeichnung von
Eugène Delacroix, stößt man auf großfor-
matige Werke von Sigmar Polke, die Imhof
tober zu sehen. Das Museum gewährte der nach dem Mauerfall. Tunnel aus alten Glas- mit Glaswänden umgibt und dem Licht aus-
deutschen Künstlerin Anne Imhof, vor al- wänden, begehbaren Skulpturen gleich, füh- setzt. Schräg gegenüber ein Gemüsestill-
lem bekannt seit ihrer »Faust«-Installation ren durch die Schau. In ihnen spiegeln sich leben des Argentiniers Adrián Villar Rojas
im deutschen Biennale-Pavillon in Venedig die Werke 29 anderer Künstler, die Imhof im Gefrierfach eines echten Kühlschranks.
2017, eine »Carte blanche«: Ihr stand die in ihr Gesamtkunstwerk eingebunden hat – Es ist eine Ausstellung, in der spielerisch alles
gesamte Ausstellungsfläche des Hauses zur darunter Rosemarie Trockel, der Fotograf zusammenfindet: Architektur, Licht, Skulp-
Verfügung, insgesamt 10 000 Quadratmeter. Wolfgang Tillmans, Cy Twombly und Da- turen, Malerei und Film, inszeniert wie ein
Imhof entkernte das Gebäude radikal, ließ vid Hammons. Toninstallationen der Künst- furioser Aufbruch in eine neue Zeit. BSA

Eine Familie, viele des Siebenteilers »Mare of East- Belastbarkeit angelangt. Dass chen und familiäre Verwerfung
town« (ab 21. Mai auf Sky) ihre Geschichte trotz trüber eigentlich in eins fallen. Die
Verbrechen haben sich dankenswerterweise Ausgangslage hochspannend ist, Hauptarbeit von Mare besteht
SERIEN Krimis, bei denen das für das Umgekehrte entschie- es Vermisste, Tote, falsch Ver- deshalb darin, das eine wieder
Privatleben der Ermittler in den den: Ihre Serie erzählt ein Fami- dächtigte und ins Recht gesetzte vom anderen zu trennen.
Fall hineinspielt, bei denen der liendrama, in das ein Kriminal- Opfer gibt, liegt am perfekten Dass sie dabei selbst immer wie-
Serienmörder eine Fixierung fall hineinspielt. Polizeibeamtin Setting. In der kleinen Ortschaft der den Überblick verliert,
auf die Kommissarin entwickelt Mare (Kate Winslet in einer Easttown, Pennsylvania, sind was sich gehört und was nicht,
oder die Tochter des Polizeiprä- ihrer besten Rollen) ist mit Mut- Opioidkrise, Teenager-Schwan- macht diesen Serienhybrid
sidenten entführt wird, nerven ter, Tochter und Enkel unter gerschaften und Prostitution aus Krimi und Drama nur noch
in der Regel sehr. Die Macher einem Dach am Rande ihrer derartig verbreitet, dass Verbre- reizvoller. HPI

108 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


vergeben wird. Prämiert wird
Wahnsinn, Pracht Viet-deutscher Alltag die »Rice and Shine«-Folge, in
und Schönheit, PODCASTS In der manchmal der sich die beiden in Köln und
im Krautrock vereint aufregenden und oft etwas Berlin lebenden Podcasterinnen
planlos verlaberten Welt der mit einem Brandanschlag von
MUSIK Die deutsche Band Can, deutschsprachigen Podcasts Rechtsradikalen auf eine Flücht-
die zwischen 1968 und 1979 ist »Rice and Shine« eine außer- lingsunterkunft in der Ham-
die Rockmusik revolutionierte, gewöhnliche und hellwache burger Halskestraße im August

Mick Rock
hatte spektakuläres Pech mit Mischung aus Unterhaltung und 1980 beschäftigen. Der von
ihren Liveaufnahmen. Obwohl politischem Engagement. Tran und Vu in Gesprächen mit
sie eine begnadete Liveband Can 1975 Die beiden Journalistinnen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen
war und oft stundenlang impro- Minh Thu Tran und Vanessa rekonstruierte Fall gilt als erster
visierte, kam nie ein offizielles Strom dahinfließen. Manchmal Vu sprechen seit 2018 über die rassistisch motivierter Mord
Konzertalbum heraus. Als erkennt man einen Song oder Freuden, Nöte und Belange in der Bundesrepublik und ist
die Musiker 1972 in der Kölner ein Riff, dann verschwindet von Menschen mit vietname- für viele vietnamesischstäm-
Sporthalle spielten, wollten es wieder. Gesungen wird nicht, sischen Wurzeln, über ihren mige Deutsche bis heute ein
sie sogar einen Konzertfilm dre- und bisweilen gniedelt die häufig eigenwilligen Blick auf Trauma. Der preisgekrönte
hen – dann fiel das Aufnahme- Gitarre von Michael Karoli die deutsche Gesellschaft. Nun Podcast, in dem unter anderem
gerät aus. etwas zu hartnäckig, aber das erhalten die beiden Podcast- die Mutter einer der 1980
Dass nächste Woche die heißt, auf hohem Niveau zu Macherinnen für ihre Arbeit ermordeten Männer zu Wort
Doppel-CD »Live in Stuttgart klagen, denn niemand klang über den, wie sie es nennen, kommt, schildert auch den
1975« erscheint, ist also durch- in den Siebzigern wie diese ein- »viet-deutschen Alltag« die bislang vergeblichen und, wie
aus ein Ereignis – zumal es zigartige Band. Hauptauszeichnung des Civis die Journalistinnen meinen,
nur die erste Veröffentlichung Krautrock ist diese Musik Medienpreises für Integration, »unglaublich zähen« Kampf um
einer neuen Serie von Can- mitunter genannt worden, weil der traditionell vor allem an einen öffentlichen Gedenkort
Livemitschnitten sein soll, die Can den Engländern mit ihrem Fernseh- und Radioprogramme in Hamburg. HÖB
Irmin Schmidt betreut, das Minimalismus und ihrem moto-
letzte lebende Gründungsmit- rischen Groove so unglaublich
glied von Can. Und tatsäch- deutsch vorkamen. Aber wenn
lich zeigen diese Aufnahmen man diese Musik heute hört,
noch einmal den Wahnsinn, mehr als ein halbes Menschen-
die Pracht und die Schönheit leben später, lässt sich vor allem
von Can. Dies war eine Band, feststellen, wie vollkommen
die ihre Wurzeln im Jazz, diese Band den Zeitgeist jener
in der Neuen Musik und in Jahre eingefangen hat.
den elektronischen Expe- Allzu häufig ist es ja leider
rimenten von Karlheinz Stock- nicht gelungen, so widerstreben-
hausen hatte – die aber vor de Tendenzen zu vereinen wie

Valerie-Siba Rousparast
allem ein fast blindes Einver- den Wunsch nach größtmög-
ständnis im Zusammenspiel licher individueller Freiheit und
entwickelte. nach umfassender Gemein-
»Live in Stuttgart 1975« be- schaft. Bei Can ging es in ein
steht aus fünf langen, namenlo- paar beglückenden Momenten
sen Stücken, die wie ein wilder zusammen. RAP Tran, Vu

versorgen, nachts schreiben – immerhin seine Anvertrauten zu schützen. Doch


Brillanz und Bitterkeit kärglich bezahlte Essays beispielsweise über alles Missverstehen hinweg wie an der
LITERATUR Er war der Romantiker, sie die über russische Intellektuelle, die keine Zensur entlang gelang es den beiden, eine
Existenzialistin. Persönliche Begegnungen Sowjetbürger mehr werden mochten. Sie exklusive Beziehung zu halten, über 14 Jah-
gab es kaum, doch im Reich der Literatur fütterte die Exilgemeinde mit Brillanz und re lang.
erkannten sie sich gegenseitig als eben- Bitterkeit; er musste lavieren, im Leben Der nun publizierte komplette Brief-
bürtig, als große Einzelne in verschworener wie in Texten, um seinen prekären Status wechsel zwischen Marina Zwetajewa und
und schwärmerischer Verbindung. Er lebte im stalinistischen Russland zu halten und Boris Pasternak – ein Goldstandard der
in Moskau, sie verbrachte die längste Zeit Übersetzung wie der Kommentierung –
ihres Austauschs in Paris. Er schrieb lange, offenbart die Verzweiflung und Verloren-
gewundene Briefe, zwischendurch eine ge- heit einer ganzen Generation russischer
meinsame Zukunft suggerierend, die dann Künstler; schonungslos, mit Pathos, dann
doch gegen den Alltag (mit Kindermädchen wieder mit grimmiger Ironie: »Jetzt sitze
und Zugehfrau) immer verlor. Sie schickte ich da«, schrieb der zahnwehgeplagte Pas-
harte Sätze aus dem Exil: »Ich habe auf ternak 1926 an seine ferne Vertraute, »mit
Dich gezählt wie auf einen Berg aus Stein, Watte und Flanell umwickelt und fühle
Fine Art Images / Interfoto

und der Berg erwies sich als der Rücken mich wie ein Sparschwein, selbst die Aus-
einer Anakonda.« Doch auch sie hatte ein richtung meiner Gedanken hat etwas von
imago images

Leben mit Kindern, einem Ehemann, einem Ferkel mit Meerrettichsoße«. ES


und vor allem: einen Alltag mit enervieren-
»Boris Pasternak – Marina Zwetajewa. Briefwechsel
den trivialen Pflichten. Zum Markt gehen, 1922 – 1935«. Herausgegeben und übersetzt von
das billigste Gemüse ergattern, die Familie Pasternak um 1935 Zwetajewa 1926 Marie-Luise Bott. Wallstein; 804 Seiten; 39,90 Euro.

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 109


K U LT U R

Im Land der Widerborstigen


ESSAY Warum mischen Ostdeutsche wie Jan Josef Liefers, Sahra Wagenknecht und Wolfgang Thierse so laut
bei aktuellen Debatten mit? Ein Grund dafür sind die Spätfolgen der Wende. Von Steffen Mau

ier Prozent. So gering ist der nach der Wiedervereinigung, plötz- melden, könnte also ein »Integra-
V Anteil der Ostdeutschen,
die sich laut einem »Cicero«-
Ranking aus dem Jahr 2019 zu
lich von ihrer Diskursschwäche
erholt?
Man sollte vorsichtig sein, jeden
tionsparadox« sein, wie mein Kolle-
ge Aladin El-Mafaalani die Erhö-
hung des Streitpegels aufgrund von
den wichtigsten 500 Intellektuellen innergesellschaftlichen Konflikt Integrationserfolgen nennt. Die
des Landes zählen dürfen, erhoben entlang der Ost-West-Achse zu ver- neue Artikulationsstärke der Ost-
wurden dafür Reichweite und orten, weil man dann den Osten deutschen wäre ein Zeichen dafür,
Marten Körnder
Medienpräsenz. Der erste Ostdeut- nur in seiner Abweichung versteht, dass sie selbstbewusster ihren Platz
sche taucht erst auf Rang 39 auf, das käme einer Pathologisierung beanspruchen.
es handelt sich um den Liederma- gleich. Aber auffällig ist es schon, Nur machen die Diskutanten des
cher und Dichter Wolf Biermann. Mau, 1968 in dass in den jüngsten Feuilleton- Ostens inhaltlich nicht für Anti-
Wobei der bekanntermaßen schon Rostock geboren, debatten und Twitterstürmen Ost- diskriminierung und Anerkennung
ist Professor für
1976 von der DDR ausgebürgert Soziologie an der deutsche überraschend oft invol- mobil, sondern setzen sich häufig
wurde. Humboldt-Univer- viert waren. davon ab. »Überzogene« Rücksich-
In Wissenschaft, Medien oder sität zu Berlin. Dass im Osten Stimmung ten auf Minderheiten, identitäts-
Kultur sind Ostdeutsche in den Zuletzt ist von ihm gemacht wird, ist nicht neu. Schon politische Vorstöße und die »Will-
das Buch »Lütten
Führungszirkeln seltene Gewächse. Klein. Leben in das Aufkommen der völkischen kommenskultur« werden kritisiert,
Entsprechend schwach sind sie der ostdeutschen Bewegung Pegida ist – begrifflich ebenso wie die Political Correctness
in den großen Debatten vertreten. Transformations- gewagt – als »Emanzipationsbewe- und der Diversitätskult. Hinzu
Nur bei den Themen Diktatur, gesellschaft« gung von rechts« (Jana Hensel) kommt die Kritik am moralisieren-
(Suhrkamp; 2019)
Stasi und Transformationsgeschehen erschienen. gedeutet worden, durch die sich der den Gestus öffentlicher Kommu-
Ost fällt ihnen – naturgemäß – eine Osten beim Westen Gehör verschaf- nikation. Das liest sich wie ein Kata-
eigene Sprecherrolle zu. fen konnte. Und tatsächlich ist die log der Abwehr. Wo kommt das
Seit einiger Zeit ist eine Hand- Anfälligkeit für Nationaltümelei her?
voll Ostdeutscher aber eifrig größer, es herrscht eine problemati-
dabei, heftige und ganz anders ge- sche Elitenskepsis, die Bindung an uffällig an den jüngsten De-
lagerte Debatten anzuzetteln
oder lautstark daran mitzuwirken.
Der ehemalige Bundestagsprä-
die liberalen Werte ist schwächer als
im Westen. Dass viele der jüngeren
Interventionen von einer aufge-
A batten ist erstens, dass die
Beteiligten alle politisch in
der DDR primärsozialisiert wurden.
sident Wolfgang Thierse bezieht klärten Öffentlichkeit als reaktionär Sie teilen, anders als die nachfolgen-
Position bei einem identitäts- wahrgenommen werden, passt gut den Generationen, die Erfahrung
politischen Schattenkampf, der ins Bild. »So isser, der Ossi«, lautete des Staatssozialismus, die eines un-
Schauspieler Jan Josef Liefers wird 2019 ein umstrittener SPIEGEL- geahnten Freiheitsgewinns und die
zum Talkshowgesicht von #alles- Titel. Solche Erklärungen, die sich der Turbotransformation. Die große
dichtmachen, die Linkenpolitikerin am rechten Drall abarbeiten, treffen Zeitenwende durchquert ihre Bio-
Sahra Wagenknecht reitet eine zu – und bleiben dennoch defizitär, grafie, was immerfort zu Rückbezü-
Attacke gegen die »Lifestyle-Lin- zumal es abenteuerlich wäre, Tell- gen führt. Das Abarbeiten an den
ken«. Die Autorin Monika Maron kamp und Thierse in denselben Erblasten der DDR und den Widrig-
überwirft sich mit ihrem Haus- Topf zu werfen; Thierses Kampf keiten der Umbruchsgesellschaft do-
verlag S. Fischer, der Journalist gegen rechtes Denken ist über jeden miniert die großen Lebenskonflikte,
Birk Meinhardt beklagt seinen ver- Zweifel erhaben, auch andere pas- lässt andere Themen verblassen.
stimmten Abschied von der »Süd- sen nicht in diese Ecke. Es ist in der Öffentlichkeit aller-
deutschen Zeitung«, der Maler Einige Naturgemäß liegt jeder Fall an- dings ein Tabu, DDR-Vergleiche
Neo Rauch provoziert mit dem verschanzen ders. Und doch lassen sich Gemein- anzuführen, selbst wenn diese auf
Schmähbild »Der Anbräuner«, der samkeiten erkennen, die im persönlichen Erfahrungen beruhen
Theaterregisseur Frank Castorf sich in der Klischee des notorisch gestrigen und nicht auf die DDR als System
möchte sich in der Coronakrise von Trutzburg der Ostens nicht aufgehen. gemünzt sind. An den Gartenzäu-
Angela Merkel nicht sagen lassen, Das kollektive Hereinholen der nen in Brandenburg oder Thüringen
dass er sich die Hände waschen soll, Erfahrung, Ostdeutschen in die Bundesrepublik gehören derartige Reminiszenzen
und der Schriftsteller Uwe Tellkamp andere ziehen war in gewisser Weise eine migran- zum Standardrepertoire der Alltags-
sinniert über einen »Gesinnungs- tische Erfahrung. Und bei vielen kommunikation.
korridor«. als »Diskurs- migrantischen Communitys brauch- Ähnliche Bezugnahmen auf das
Was ist da los? Zanken Ostdeut- rebellen« te es Zeit, bis sie sich Gehör ver- »Damals« finden sich in fast allen
sche neuerdings besonders gern? schaffen konnten. Dass sich die Ost- postdiktatorischen Gesellschaften.
Haben sie sich, mehr als 30 Jahre durchs Land. deutschen nun verstärkt zu Wort Im öffentlichen Sprechen gilt dieser

110 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


K U LT U R

Jens Koch / Picture Press / ddp images

Britta Pedersen / dpa


[1] [2]

[1] Schauspieler Liefers [2] Linkenpolitikerin


Wagenknecht [3] Autor Tellkamp
[4] Künstler Rauch [5] Schriftstellerin Maron
[6] SPD-Mann Thierse [7] Journalist Meinhardt
Sebastian Kahnert / dpa

Michael Tinnefeld / API


[3] [4]
Ronny Hartmann / photothek.net / imago images
Gerhard Leber / imago images

Jonas Holthaus / laif

[5] [6] [7]

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 111


K U LT U R

vergleichende Blick hingegen als Wo bürger- Ein zweiter Grund für das rebel- wirken sie oft festgefroren und mit
Skandal, selbst wenn er meilenweit lische Verhalten hat damit zu tun, sich selbst beschäftigt.
von der dreisten DDR-2.0-Rhetorik liche Rumpf- dass sich die sozialen Gefüge in Ost Es mangelt im Osten also schlicht
Rechter entfernt ist. Westdeutsche und West nach wie vor unterschei- an urbanen und kosmopolitischen
gehen stets reflexhaft in Vertei-
milieus den. Die Wiedervereinigung war Akademikermilieus, an Meinungs-
digungshaltung: Wer so vergleicht, die DDR eine Mesalliance zweier Ungleicher, eliten sowie an den migrantischen
disqualifiziert sich selbst. nicht nur in politischer Hinsicht. Communitys, die die Wortführer
Angesichts dieser Kollisionen hat
überlebten, Die ostdeutsche Werktätigen- bei Anerkennungsdebatten stellen.
die Journalistin Sabine Rennefanz wirken gesellschaft war sozial und ethnisch Die Assimilation an westliche
in der »Berliner Zeitung« von einer homogen, die Bundesrepublik Bewusstseinsformen hat schon aus
»störrischen Generation« gespro-
sie oft fest- West galt damals schon als plurali- diesen strukturellen Gründen nicht
chen. Die genannten Promis sind gefroren. sierte und durch Zuwanderung voll stattgefunden. Ein Verfassungs-
überaus erfolgreich, aber es rumpelt geprägte Mittelschichtsgesellschaft. patriotismus hat sich im Osten kaum
immer noch beim Einfädeln in die Auch heute sind die neuen herausgebildet. Ostdeutsche, so
Diskursgemeinschaft. Manche wol- kulturellen Mittelschichten als wich- weiß ich aus eigenen Studien, sind
len nicht so sein, wie man es von tigste Träger diskursiver Vorwärts- kritischer als Westdeutsche, wenn
ihnen erwartet, einige verschanzen bewegungen im Osten viel es um ökonomische Ungleichheiten
sich in der Trutzburg der Erfahrung, schmaler – Ostdeutschland ist ein geht, sie tun sich aber schwerer,
andere ziehen neuerdings als »Land der kleinen Leute« geblieben. Diversität anzuerkennen, und sind
»Diskursrebellen« durch das Land. Die einfachen Schichten sind stär- weniger offen gegenüber Migration.
ker besetzt. Der Facharbeiteranteil Jürgen Habermas hat darauf ver-
as kann man abwegig, selbst- etwa ist im Osten mehr als doppelt wiesen, wie wichtig eine inklusive
D bezüglich und sogar gefähr-
lich finden, man sollte aber
die dahinterstehenden biografi-
so groß, bei den hoch qualifizierten
Angestellten, den leitenden Beam-
ten und den freien Berufen klafft
Öffentlichkeit sei, um eine politisch
konfliktreiche Verständigung zu
ermöglichen. Es existiert aber eine
schen Erfahrungsschichten berück- immer noch eine Lücke zwischen geradezu dramatische »Provinzia-
sichtigen. Es bringt im Osten andere Ost und West. Sozial-ökologische, lisierung des Medienangebots« im
Saiten zum Klingen, wenn etwas modern-bürgerliche und liberale Osten. Gerade erst hat eine Studie
nicht gesagt oder geschrieben wer- Milieus sind im Osten weniger der Otto Brenner Stiftung gezeigt,
den soll, weil es einer falschen Sache verbreitet, wobei die Unterschiede dass die überregionalen Zeitungen
dienen könne. Sprachpolitik für bei den jüngeren Generationen im Osten kaum gelesen werden. Nur
den gesellschaftlichen Fortschritt be- schwächer werden. Wo bürgerliche zweieinhalb Prozent ihrer verkauf-
gegnet man verhalten: Da hallt die Rumpfmilieus die DDR überlebten, ten Auflage bringt die »Süddeutsche
erfahrene Diskrepanz zwischen offi- Zeitung« in Ostdeutschland an die
ziösem und privatem Sprechen in Leute, vermutlich oft an zugezogene
der DDR nach. Man geht leichter in Westler, bei der »FAZ« sind es
Opposition. Aus den vielen falschen 3,4 Prozent. Bei den Wochenpubli-
Kompromissen, die einem einst kationen, dem SPIEGEL (3,4 Pro-
abgenötigt wurden, ist eine Institu- zent) oder der »Zeit« (6 Prozent),
tionendistanz und Skepsis gegen- sieht es übrigens nicht besser aus.
über moralisch richtiger Gesinnung Vieles von dem, was in Diskur-
hervorgegangen. So hat etwa der sen der kollektiven Selbstaufklä-
ostdeutsche Theater- und Filmregis- rung dient, läuft deshalb einfach am
seur Leander Haußmann jüngst im Osten vorbei. Die Themensetzun-
SPIEGEL bekannt, dass er auf mis- gen in den Zeitungen bleiben auf
sionarische Belehrung mit Rebellion das gebildete Publikum im Westen
reagiere, obwohl Dinge gut begrün- zugeschnitten, der Autor der Studie,
det sein können. Lutz Mükke, attestiert ihnen sogar
Sich selbst attestieren Ostdeut- eine »belehrende Distanz« gegen-
sche dabei feine Antennen für über dem Osten. Soweit man auf
jede Form von Unterdrückung und die Zeitungslandschaft schaut, kann
Einschränkung der Meinungsfrei- man von einer gespaltenen Öffent-
heit, weniger empfindsam sind sie lichkeit sprechen.
dagegen, wenn es um die Diskrimi-
nierung anderer geht. Zuweilen o prallen Weltsichten und Be-
werden eigene Erfahrungen der
Unterordnung, Gängelung und Dul-
dung auch mit den Ansprüchen
S wusstseinszustände aufeinan-
der, die wenig miteinander zu
tun haben. Wolfgang Thierse wird
anderer Gruppen verrechnet. Die zwar vermutlich wissen, was in der
von Sahra Wagenknecht bemühte »Zeit« steht, denn die öffentlichen
Metapher der »skurrilen Minder- Ostdeutschen sind heute selbstver-
Antonino Bartuccio / Schapowallow

heiten« etwa zieht eine Linie zwi- ständlicher Teil eines gesamtdeut-
schen legitimen und illegitimen schen Diskursraums geworden.
Ansprüchen; Wolfgang Thierse Aber für Themenzuschnitte, Politi-
beklagt sich abgrenzende ethnische sierungen und öffentliches Sprechen
und geschlechtliche Minderheiten macht es einen Unterschied, auf
und Identitäten, die den Gemein- Wandmalerei an der East Side Gallery in Berlin welchen Resonanzraum man sich
sinn zerstörten. bezieht. Sprechende denken in der

112 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


K U LT U R

Regel ihr Publikum mit, verstehen sich


womöglich in einer Stellvertreterrolle.
Thierses hilfloser Versuch, die »normalen
Leute« als Unterstützergruppe seiner
Kritik an der Identitätspolitik zu verein- BELLE TRISTIK SACHBUCH
nahmen, entspringt ja einer spezifischen
Lebenswirklichkeit. Dass der Autor optisch
Ein Ehepaar nimmt nach an die Figur Indiana Jones
65 Jahren Abschied erinnert, wird seiner
in dritter Grund für die ostdeutsche
E Widerborstigkeit liegt in der System-
transformation selbst, die individuelle
und kollektive Turbulenzen mit sich brach-
voneinander, mit Anmut,
Trauer und Reflexion.
Ihr letztes Buch schrei-
ben Frau und Mann
gemeinsam. Es handelt
Mission nicht schaden.
Auch dieser Retter ist
eigentlich Wissenschaft-
ler, nämlich Meeres-
biologe – und weiß, wo-
te, Umlernen, Anpassen und Neuorientie- vom Sterben. | Platz 10 von er spricht. | Platz 7
ren. Man hat im Übergang eine ganze
Soziokultur zurückgelassen. Erlebt wurde
ein Abwracken aller Traditionsbestände. 1 (1) Juli Zeh 1 (2) Ferdinand von Schirach
Die Ostdeutschen mussten sich biogra- Über Menschen Luchterhand; 22 Euro Jeder Mensch Luchterhand; 5 Euro

fisch völlig neu erfinden, oft dauerte es, ehe 2 (–) Lucinda Riley Die verschwundene 2 (1) Sahra Wagenknecht
sie wieder Grund unter den Füßen spürten. Schwester Goldmann; 22 Euro Die Selbstgerechten Campus; 24,95 Euro
Nur ein Beispiel: Allein die Wortschatz-
erweiterung im Osten umfasste mehrere 3 (2) Judith Hermann 3 (3) Frank Schätzing Was, wenn wir einfach
Tausend Wörter, der Westen lernte gerade Daheim S. Fischer; 21 Euro die Welt retten? Kiepenheuer & Witsch; 20 Euro
mal ein paar Dutzend dazu. Der gesell-
4 (3) Helga Schubert 4 (5) Mai Thi Nguyen-Kim Die kleinste
schaftliche Komplettumbau war kraftrau-
Vom Aufstehen dtv; 22 Euro gemeinsame Wirklichkeit Droemer; 20 Euro
bend, für viele mit dem Gefühl existenziel-
ler Unsicherheit verbunden. Selbst wenn 5 (19) John Grisham 5 (6) Richard David Precht
man froh war, die DDR hinter sich zu las- Der Polizist Heyne; 24 Euro Von der Pflicht Goldmann; 18 Euro
sen – die Erfahrung einer entschwundenen
Gesellschaft hat für ein Immer-wieder-Neu 6 (5) Karsten Dusse Achtsam morden 6 (4) Anne Fleck
nicht empfänglicher gemacht. Heute sind am Rande der Welt Heyne; 20 Euro Energy! dtv; 25 Euro

weite Teile der ostdeutschen Vor-Ort-Gesell- 7 (4) Martin Walker 7 (8) Robert Marc Lehmann
schaft veränderungserschöpft, Festhaltemen- Französisches Roulette Diogenes; 24 Euro Mission Erde Ludwig; 24 Euro
talitäten sind entstanden.
Der Aufbruch in eine pluralere und 8 (7) Benedict Wells 8 (7) Horst Lichter
diversere Gesellschaft mit immer neuen Hard Land Diogenes; 24 Euro Ich bin dann mal still Knaur Balance; 18 Euro
Anerkennungsansprüchen fällt schwer,
9 (6) Amanda Gorman 9 (10) Sylvain Tesson
von manchen Veränderungen fühlen sich
The Hill We Climb Hoffmann und Campe; 10 Euro Der Schneeleopard Rowohlt; 20 Euro
einige schlicht überrollt. Angesichts neuer
identitätspolitischer Diskurse greift man 10 (–) Irvin D. Yalom / Marilyn Yalom 10 (9) Marc Friedrich Die größte Chance
unwillkürlich in die Speichen, um den Wan- Unzertrennlich btb; 22 Euro aller Zeiten Finanzbuch; 22 Euro
del zu verlangsamen.
Soziologisch erkennt man Spannungen 11 (11) Alena Schröder Junge Frau, am Fenster 11 (11) Natalie Amiri
zweier Teilgesellschaften, die politischen stehend, Abendlicht, blaues Kleid dtv; 22 Euro Zwischen den Welten Aufbau; 22 Euro

Sensibilitäten liegen oft weit auseinander. 12 (10) Carsten Henn 12 (–) Götz Aly
Es gibt Ungleichzeitigkeiten, ja durchaus Der Buchspazierer Pendo; 14 Euro Das Prachtboot S. Fischer; 21 Euro
Inkompatibilitäten, sozialer Erfahrungen
und lebensweltlicher Bezüge, die bis heute 13 (8) Susanne Abel 13 (19) Maja Göpel
anhalten. So gesehen könnten diese öffent- Stay away from Gretchen dtv; 20 Euro Unsere Welt neu denken Ullstein; 17,99 Euro
lichen Konflikte durchaus als Spätfolgen
des Vereinigungsprozesses verstanden wer- 14 (12) Ewald Arenz 14 (–) Billie Eilish
Der große Sommer DuMont; 20 Euro Billie Eilish Piper; 20 Euro
den. Im nationalen Taumel ist man damals
oft über das Trennende hinweggegangen 15 (13) Matt Haig 15 (15) Sophie Passmann
und hat jede tiefer gehende Kontroverse Die Mitternachtsbibliothek Droemer; 20 Euro Komplett Gänsehaut Kiepenheuer & Witsch; 19 Euro
vermieden. Ziel war damals das friktions-
lose Hereinholen der Ostdeutschen in die 16 (9) Steffen Kopetzky 16 (20) Marco Maurer
westdeutsche Modellgesellschaft, möglichst Monschau Rowohlt Berlin; 22 Euro Meine italienische Reise Prestel; 26 Euro

ohne Rückwirkungen auf eigene Selbst- 17 (15) Sebastian Fitzek 17 (14) Isabel Allende
verständnisse. Wenn einige Streithähne des Der Heimweg Droemer; 22,99 Euro Was wir Frauen wollen Suhrkamp; 18 Euro
Ostens heute besonders laut krähen, hat
das auch genau damit zu tun. 18 (–) Christoph Hein 18 (18) Barack Obama
In seiner Rede zum 30. Jahrestag Guldenberg Suhrkamp; 23 Euro Ein verheißenes Land Penguin; 42 Euro
der Wiedervereinigung sprach der Bundes-
präsident von einem Paradox. Zur deut- 19 (20) Marc Elsberg 19 (–) Gerald Hüther
schen Einheit fiel ihm auf: »Wir sind noch Der Fall des Präsidenten Blanvalet; 24 Euro Lieblosigkeit macht krank Herder; 18 Euro

längst nicht so weit, wie wir sein sollten.« 20 (18) Christian Kracht 20 (–) Ferdinand von Schirach / Alexander Kluge
Er fügte sogleich klug hinzu: »Wir sind Eurotrash Kiepenheuer & Witsch; 22 Euro Trotzdem Luchterhand; 8 Euro
gleichzeitig viel weiter, als wir denken.«
Beidem kann man zustimmen. ■ Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Fachmagazin »buchreport« (Daten: media control); Informationen unter spiegel.de/bestseller

Nr. 21 / 22. 5. 2021 DER SPIEGEL 113


K U LT U R

Frederike Wetzels
Musiker Canani im März

Er ist heute 57 Jahre alt, lebt in einer Miet-


wohnung in Leverkusen. Seit 1997 ist er deut-
scher Staatsbürger, er hat sein Leben lang
Zwischen zwei Welten hart gearbeitet, war verheirat, hat eine Toch-
ter, einen Sohn und drei kleine Enkelkinder,
auf die er stolz ist. Per WhatsApp schickt er
Bilder, die ihn bei frühen Auftritten zeigen.
POP 1975 kam Ata Canani als türkisches Gastarbeiterkind nach »Guck mal, das volle Haar«, sagt er. Der dün-
Deutschland und stand kurz vor dem Beginn einer ne Schnurrbart von damals ist ebenfalls ver-
Musikerkarriere. Sein Debütalbum erscheint aber erst jetzt. schwunden. Aber die Energie, mit seiner
Kunst etwas verändern zu wollen, die strahlt
Canani immer noch aus.

A ls Ata Canani im Sommer 1975 die Tür-


kei verlassen musste, durfte er zumin-
dest ihren Klang mitnehmen. Sein Va-
ter schenkte ihm eine Saz, eine traditionelle
arbeiter«, erst seitdem ist er wieder als Musi-
ker aktiv und wird von einer neuen Genera-
tion entdeckt. Ein Hamburger DJ vermittelte
ihn an das Berliner Label Staatsakt, Ende Mai
Zunächst schien er mit seiner Musik auch
anzukommen. 1985, seine Familie war mit
ihm mittlerweile nach Köln umgezogen,
schickte er auf gut Glück eine Kassette mit
Langhalslaute. Sie sollte dem damals Elfjäh- erscheint nun Cananis Debütalbum »Warte seinen Liedern an die Produktionsfirma des
rigen die Ankunft in einem fremden Land mein Land, warte« mit sehnsuchtsvollen Me- TV-Moderators Alfred Biolek. Kurz darauf
leichter machen. Canani liebte die Musik von lodien und sozialkritischen Texten, manche wurde er in dessen »Show-Bühne« eingela-
alevitischen Volksmusikern wie Aşık Mahzuni türkisch, manche deutsch. Einige erzählen den, man kann sich den Auftritt auf YouTube
Şerif. Schon damals hatte er den Traum, auch davon, wie wenig damals die sogenannten anschauen: Im weißen Hemd, seine Saz hoch
einmal ein Aşik oder ein Ozan zu sein, so wer- Gastarbeiter in Deutschland willkommen ge- konzentriert im Anschlag, spielt er mit seiner
den Liedermacher in der Türkei respektvoll heißen worden waren, teilweise schrieb er Band einen elektrisierenden Sound, der tra-
betitelt. Das Instrument zu spielen lernte er sie, als er noch ein Teenager war. ditionelle türkische Musik mit westlichen Ein-
schnell. Binnen wenigen Monaten wurde er Damals war die deutsche Mehrheitsgesell- flüssen kreuzt. Noch explosiver als die Musik
so gut, dass er zusammen mit Şerif auftreten schaft noch nicht bereit für einen politischen ist aber der Songtext.
durfte, als der Sänger ein Gastspiel in Bremer- Ozan, der auf Deutsch singt. Wenn es gut Es ist keine Folklore, die sich nach dem
haven hatte, Cananis neuem Zuhause. läuft, ist sie es jetzt. Leben in der fernen Türkei sehnt, sie handelt
Es hätte der Anfang einer beispiellosen Ata Canani ist ein freundlicher Mann. Er von der Gegenwart. »Deutsche Freunde«
Migranten- und Musikerkarriere in Deutsch- kann selbst kaum glauben, dass sein Leben heißt das Lied, in dem er die Drecksarbeit
land sein können. Aber sie beginnt vielleicht noch mal diese Wendung nimmt. Seine vielen beklagt, die Kälte, mit der man die Einwan-
erst jetzt, Jahrzehnte später. Lauteninstrumente hängen hinter ihm an der derer behandelt. »Sie nennen uns Gastarbei-
Vor einigen Jahren erschien ein Song von Wohnzimmerwand. 20 Jahre lang hatte er ter, unsere deutschen Freunde«, singt er, »Ar-
Canani auf der Sampler-CD »Songs of Gast- die Musik buchstäblich an den Nagel gehängt. beitskräfte wurden gerufen, aber Menschen

114 DER SPIEGEL Nr. 21 / 22. 5. 2021


K U LT U R

sind gekommen«, zitiert er Max nani. »Die Deutschen konnten zwar »Damals länger. Canani holte erst seine Frau,
Frisch – und denkt ihn weiter: »Die die Texte verstehen, aber die Musik dann seinen Sohn, der bei Oma und
Kinder dieser Menschen sind geteilt war ihnen zu orientalisch.« nannte man Opa aufgewachsen war. Canani woll-
in zwei Welten / Ich bin Ata und frage In der Republik, in der er als Kind uns Gast- te eigentlich nicht nach Deutschland,
Euch, wo wir jetzt hingehören.« Ein ankam, hatte sich die Willkommens- sagt er, dennoch habe er als Kind in
türkischer Gastarbeitersohn, der im kultur der Fünfziger- und Sechziger-
arbeiter, dann Bremerhaven die beste Zeit seines
deutschen Fernsehen im Abendpro- jahre, als Millionen billige Arbeits- waren wir Lebens verbracht. Rassismus, sagt er,
gramm einen kritischen Song singt – kräfte aus Südeuropa, später auch aus die Ausländer, habe er dort nicht erlebt. Er hatte sei-
das war neu. der Türkei gerufen wurden, längst ne erste Freundin und plauderte mit
Die »deutschen Freunde«, sagt verbraucht. Sie war im Zuge der Öl- jetzt nennt netten Rentnerinnen im Park. Das
Canani heute, das waren damals die krise und des Anwerbestopps von man uns gute Deutsch, das er dabei lernte,
Politiker in der Hauptstadt Bonn. 1973 teils in passive Aggressivität, Migranten.« habe ihm geholfen, auf die Realschule
Man könnte seine Frage heute noch wenn nicht sogar in offene Feind- zu kommen, nicht nur auf die Haupt-
genauso den Entscheidern der Berli- seligkeit gegenüber den Gästen um- schule, wo viele seiner türkischen
ner Republik stellen. »Damals, in den geschlagen: Man brauchte sie nicht Altersgenossen landeten.
Siebzigern, nannte man uns Gastar- mehr, hätte sie am liebsten zurück Trotzdem muss auch er sich zu-
beiter, dann waren wir die Ausländer, nach Hause geschickt. nächst als Hilfsarbeiter verdingen,
jetzt nennt man uns Migranten«, sagt Viele gingen tatsächlich wieder. höhere Bildung und bessere Jobs wa-
er mit leisem Spott. Einige nahmen ab Mitte der Achtzi- ren für Migranten schwer zu erlangen.
Vielleicht wirk