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Lehrkraftausgabe

Hygiene
M

Arbeitssicherheit
Gesundheitsschutz
U

und Umweltschutz
S
Ein Handbuch für Medizinisches Praxispersonal
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Corinne Noth
E
Meggy Bieri
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Medizinischer Lehrmittelverlag Bieri & Weder


Lehrkraftausgabe

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Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz
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Schülerausgabe: ISBN 978-3-9524361-4-1
Lehrkraftausgabe: ISBN 978-3-9524361-5-8

© Medizinischer Lehrmittelverlag Bieri & Weder


Ausgabe 2015
Printed in Switzerland

www.myMPA.ch

2  Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder


Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Impressum

Autoren
Corinne Noth

Meggy Bieri ist Berufsschullehrerin an der Berufsschule für MPA in Luzern sowie kantonale
Prüfungsexpertin.

Illustrationen
Iwan Reber ist Illustrator und Cartoonist und leitet zusammen mit seiner Ehefrau die
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Firma www.animus-grafik.ch.

Layout
Daniel Ledergerber ist Marketing- und Kommunikationsspezialist für Angewandte Wissenschaft
und Bildung mit Berufsschullehrerdiplom.
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Druck
P. Schmid + Co. AG Papiere und Drucksachen für Ärzte, 9122 Mogelsberg, Tel. 071 375 60 80,
Fax 071 375 60 81, www.schmid-mogelsberg.ch

Verlag
S
Bieri & Weder Med. Lehrmittelverlag Bieri & Weder, 9444 Diepoldsau, www.mympa.ch

Dank

Herzlichen Dank an dieser Stelle an alle Personen, die uns in irgendeiner Weise bei der Arbeit zu diesem Lehrmittel unterstützen. Auch der Firma
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B Braun Medical AG - herzlichen Dank!

www.mympa.ch
Auf unserer Homepage bieten wir Lernenden wie Lehrpersonen • Fragenkatalog inkl. Lösungsvorschläge zu allen Kapiteln im Lehrmittel
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eine zusätzliche Dienstleistung an – dies als optimale Ergänzung • Fragenkatalog zu fast allen Unterrichtsfächern (Röntgen, Italienisch,
zum Lehrmittel. Pharmakologie, Anatomie, Pathologie)
• E-Learningsystem für eine optimale Prüfungsvorbereitung resp.
Vorbereitung auf das Qualifikationsverfahren (QV, früher LAP)
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Bestellung
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Alle Rechte vorbehalten.


Ohne Genehmigung des Verlages ist es nicht gestattet, das Lehrmittel oder Teile daraus in irgendeiner Weise zu reproduzieren.

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Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder 3


Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

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4  Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder


Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Vorwort
Gesetzlich wird in Arztpraxen keine systematische (flächendeckende) Überwachung zur den
hygienischen Verhältnissen gefordert. Arztpraxen sind jedoch durch den Gesetzgeber aufge-
fordert, geltende gesetzliche Anforderungen an Hygiene und Arbeitsschutz umzusetzen. Das
Thema Hygiene wird von einer Vielzahl von Gesetzen, Verordnungen, Normen, Empfehlungen
und Informationen aus Fachkreisen begleitet. Dadurch wird die korrekte Anwendung und
Umsetzung der Vorgaben im Hygiene-Alltag nicht wirklich vereinfacht. Es ist ein Thema, das
in seiner Gesamtheit nicht immer durchschaubar und in der Praxis manchmal schwer umzu-
setzen ist.
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Richtig eingesetzte Hygienemassnahmen helfen jedoch, die Sicherheit für den Patienten und
den Anwender wesentlich zu erhöhen. Werden die geforderten Auflagen und Massnahmen
beachtet, lässt sich die Übertragung von pathogenen Mikroorganismen verhindern und das
Risiko einer nosokomialen Infektion minimieren.
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In diesem Lehrmittel haben wir das Thema Hygiene und Arbeitssicherheit lehr-, lern, schul-
und arztpraxistaugliche zusammengefasst. Als Basis dazu diente uns das Leitziel 1.5:
Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz; aus dem Bildungsplan zur
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Verordnung über die berufliche Grundbildung Medizinische Praxisassistentin / Medizinischer
Praxisassistent.

Zur Gewichtung der einzelnen Bereiche sind wir von der Überlegung ausgegangen, dass:
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• Themen, welche mit einer Marginalie (Randvermerk) hervorgehoben werden,
wichtig und somit prüfungsrelevant sind.
• informativer aber nicht prüfungsrelevanter Text in kleinerer Schrift in einer Infobox
dargestellt ist.
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• die Angaben zu den «Normen» aufzeigen, dass zwar eine Regelung vorhanden ist,
die Normen aber nicht prüfungsrelevant sind.

Mit diesem Lehrmittel sollen Lehrpersonen die Möglichkeit haben, den Unterricht individuell
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sowie abwechslungsreich zu gestalten und Lernende sollen mit diesem Lehrmittel einen
Überblick zu den vernetzten, fächerübergreifenden, prüfungsrelevanten Themen erhalten.
Wir danken für das Vertrauen in uns und unser «Werk» und wünschen viel Spass und gutes
Gelingen bei der Umsetzung.
Das Autorenteam

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder 5


Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Inhaltsverzeichnis

Impressum.................................................................................................................................. 3

1 Hygiene______________________________________________________________________________ 9
Definition................................................................................................................................... 9
Zeitgeschichte der Hygiene.......................................................................................................... 10
Prägende Persönlichkeiten in der Entwicklung der modernen Hygiene................................................. 15
Hygiene im Alltag...................................................................................................................... 20
Umwelthygiene.......................................................................................................................... 20
Hygiene am Arbeitsplatz............................................................................................................. 24
M
2 Infektionskrankheit___________________________________________________________________ 25
Grundbegriffe – Glossar............................................................................................................... 26
Mikrobiologie – LZ 1.5.1.2........................................................................................................... 30
Infektionswege.......................................................................................................................... 31
Bakterien.................................................................................................................................. 38
Viren ................................................................................................................................... 60
U
Pilze (Fungi, Mycetes)................................................................................................................ 78
Prionen 92
Protozoen ................................................................................................................................ 95
Parasiten.................................................................................................................................. 97
Nosokomiale Infektion...............................................................................................................103
S
3 Vorgaben zur Einhaltung der Hygienemassnahmen aus infektionsprophylaktischer Sicht________ 105
Regulatorische Vorgaben, Qualitätsmanagement.............................................................................106
CIRS – Fehlermanagement..........................................................................................................110
Sentinella-Meldesystem..............................................................................................................111

4 Personalhygiene_____________________________________________________________________ 113
T
Allgemeine Körperhygiene..........................................................................................................113
Händehygiene..........................................................................................................................114
Desinfektion............................................................................................................................117
Haare ..................................................................................................................................118
Kleidung (Berufs- und Arbeitskleidung)........................................................................................118
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Schutzausrüstung......................................................................................................................120
Handschuhe.............................................................................................................................126

5 Desinfektion________________________________________________________________________ 139
Definition................................................................................................................................139
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Grundbegriffe – Glossar..............................................................................................................140
Desinfektionsverfahren..............................................................................................................142
Desinfektionsmittel...................................................................................................................144
Wirkstoffe................................................................................................................................147
Regulierung der Desinfektionsmittel in der Schweiz gemäss «Swissmedic»..........................................153
Hautdesinfektion .....................................................................................................................155
Schleimhaut und Wunddesinfektion.............................................................................................156
Händedesinfektion....................................................................................................................157
Flächendesinfektion .................................................................................................................160

6  Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder


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Lehrkraftausgabe

6 Aufbereitung wiederverwendbarer Medizinprodukte _______________________________________ 167


Gesetzliche Grundlagen..............................................................................................................167
Einstufung nach Risiken.............................................................................................................170
Räumlichkeiten.........................................................................................................................172
Wasser / Prozesschemikalien.......................................................................................................173
Manueller Reinigung- und Desinfektionsprozess.............................................................................178
Oberflächenveränderungen an Instrumenten..................................................................................179
Veränderungen an Gummi-Produkten............................................................................................183

7 Betriebliche Praxishygiene unter dem Aspekt der Infektionsprävention______________________ 185


Wartezimmer  / Garderobe..........................................................................................................186
M
Toiletten für Personal und Patienten............................................................................................187
Allgemeine Praxisräume und Voraussetzungen................................................................................188
Personalumkleideraum...............................................................................................................189

8 Reinigung__________________________________________________________________________ 191

9 Sterilisation________________________________________________________________________ 201
U
Definition ...............................................................................................................................201
Sterilisationsverfahren...............................................................................................................202
Qualitätsmanagement................................................................................................................208
Verpackung .............................................................................................................................209
Sterilisationsüberwachung..........................................................................................................221
Gerätekontrolle.........................................................................................................................224
S
Produktekontrollen....................................................................................................................226
Wartung des Sterilisators............................................................................................................231

10 Umweltschutz und Entsorgung_________________________________________________________ 233


Umweltprobleme / Umweltverschmutzung.....................................................................................233
Abfälle ..................................................................................................................................234
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Rechtliche Grundlagen...............................................................................................................235
Entsorgung von Abfällen aus medizinischen Einrichtungen..............................................................238

11 Qualitätsmagement__________________________________________________________________ 251
Hygieneplan.............................................................................................................................251
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Gefahren.................................................................................................................................255
Vergiftungen............................................................................................................................267
Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Gesundheitsvorsorge........................................................269
Sicherheitsorganisation..............................................................................................................270
Arbeitssicherheit ......................................................................................................................274
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Kontamination mit biologischen Agentien (Blut, Körperflüssigkeiten)................................................275
Ionisierende Strahlen................................................................................................................285
Quecksilber .............................................................................................................................287
Zytostatika .............................................................................................................................289
Impfschutz für medizinisches Personal.........................................................................................292
Notfallorganisation – Massnahmen bei Ereignissen.........................................................................298
Ereignis mit Strom - Elektrounfälle .............................................................................................301
Ereignis mit Feuer ....................................................................................................................302

12 Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz________________________________________________ 305


Stress am Arbeitsplatz...............................................................................................................305
Lasten heben / tragen...............................................................................................................312
Ergonomie am Arbeitsplatz ........................................................................................................319

Qellen ..................................................................................................................................326

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Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Hygiene

1 Hygiene

Aus der antiken griechischen Mythologie stammt das Wort «Hygeia» oder «Hygieia».
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Dieser entsprechend hatte Asklepios, der griechische Gott der Heilkunde, zwei Töchter:
Panakeia, Göttin der Medizin und der Zauberei sowie Hygeia, Göttin der Gesundheit.
Letztere war verantwortlich für die Erhaltung der Gesundheit und für die Verhütung von
Krankheiten. Von ihrem Namen stammt somit das Wort «Hygiene» ab.
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1.1 Definition
Das Wort Hygiene hat also einen griechischen Ursprung und bedeutet Gesundheit. Was
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bedeutet gesund / Gesundheit?

In der Verfassung der WHO (World Health Organization) wird die Gesundheit folgendermassen
definiert: «Die Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und
sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheiten oder Gebrechen.»
T
Die World Health Organization, WHO (deutsch Weltgesundheitsorganisation) ist eine Organisation der
Vereinten Nationen und wurde am 07. April 1948 gegründet. Der Generalsitz befindet sich in Genf. Es
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bestehen sechs Regionalbüros mit Sitz in Europa, Asien, Naher Osten (Alexandria), Amerika, Südostasien
und Afrika. Sie ist die Koordinationsstelle der Vereinten Nationen für das internationale öffentliche
Gesundheitswesen.
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Aufgabe 1.1.1
Welche Aufgaben übernimmt die WHO, um der gesamten Bevölkerung einen bestmöglichen
Gesundheitszustand zu ermöglichen? Suchen Sie im Internet.

• weltweite Koordination zur Bekämpfung von übertragbaren Krankheiten

• Förderung globaler Impf- und Prophylaxeprogramme

• Erhebung und Auswertung weltweiter Gesundheitsdaten

• Entwicklungshilfe

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Definition 9
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Zeitgeschichte der Hygiene

Die Hygiene befasst sich somit mit der Gesundheitslehre und die Gesundheitslehre befasst
sich beispielsweise mit folgenden Fragestellungen:

• Wie kann die Gesundheit (körperlich, seelisch, geistig und sozial) erhalten werden?
• Welche Massnahmen helfen Krankheiten vorzubeugen?
• Wie kann die Entstehung und Ausbreitung von Krankheiten verhindert werden?
• Welche Umweltfaktoren wirken sich auf die Gesundheit des Menschen aus?
• Durch welche Massnahmen kann das Wohlergehen gefördert werden?
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Zusammenfassend bedeutet Hygiene:
Massnahmen zu treffen, die zur Erhaltung und Förderung der Gesundheit dienen. Die
Hygiene beschäftigt sich mit prophylaktischen Massnahmen zur Vermeidung von Krank-
heiten, nicht aber mit deren Heilungsmöglichkeiten.
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1.2 Zeitgeschichte der Hygiene


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Hygiene in den verschiedenen Zeitepochen
Hygienische Weisungen hatten ursprünglich einen kulturreligiösen Hintergrund. Sie
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bestanden einerseits aus Geboten (festgelegte Ruhetage, bestimmte Waschungen) und
andererseits aus Verboten (der Genuss von Schweinefleisch oder Alkohol wurde untersagt).
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Aufgabe 1.2.1
Lesen Sie den folgenden Text und fassen Sie die beschriebenen Hygienestadien der verschie-
denen Zeitepochen tabellarisch zusammen. Sie finden eine entsprechende Word-Vorlage auf
www.mympa.ch.
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Beispiel

Hygiene in Hygienevorstellung und Einrichtungen / Seuchen


verschiedenen persönliche Hygiene Institutionen
Epochen
Beispiele Beispiele
Altertum Die Hygiene diente zur Gemeinschaftsbäder Pest
Körperreinigung, Gesundheits-
förderung und Sinnesfreuden

10 Hygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
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Hygiene

Altertum (12. bis 8. Jahrhundert v. Chr. bis ca. 600 n. Chr.)

Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper.


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Im Altertum herrschten hohe Hygienestandards. Noch heute findet man Ruinen von Aquä-
dukten, Thermen, Kanalisationen und Latrinen aus der Zeit der Römer und Griechen, die dies
bezeugen.
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Die Hygiene diente zur Körperreinigung und Gesundheitsförde-
rung aber auch zur Erfüllung von Sinnesfreuden.

Der Begriff «Badekultur» war zeichnend für diese Epoche. In


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öffentlichen Badehäusern wurden Gemeinschaftsbäder,
Schwitzbäder, Massagen und die Anwendung von wohlrie-
chenden Crèmen zelebriert. Für die Zeit der geistigen und
physischen Wiederherstellung, der Entspannung und der
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Unterhaltung wurden wahre Paläste errichtet. Durch den gemeinsamen Toilettengang wurde
diese Zeit eingeleitet. Man sass entspannt zusammen und sprach über die Geschäfte und
Allerlei. Anschliessend folgten Bäder und Massagen bei gleichzeitigen oder gefolgten
Lesungen, musikalischer Unterhaltung oder auch dem Vergnügen mit einer Sklavin. Abge-
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rundet wurde alles durch eine ausgiebige Mahlzeit.

Trotz der hohen Standards starben im Jahre 430 vor Christus viele Menschen durch die Pest.
Die Übertragungswege waren nicht bekannt und es standen keine wirksamen Behandlungs-
methoden zur Verfügung. Man war im Glauben, dass schlechte Ausdünstungen die Ursache für
Krankheiten waren. So versuchte man durch Räucherungen, Versprühen von z. B.  Essig oder
Benetzung der Wunden mit Öl / Essig Genesung zu erlangen. Krankenhäuser standen noch
keine zur Verfügung. Vor allem in den Tempeln wurde nach Heilung gesucht.

Im alten Ägypten waren Methoden zur Keimabtötung, wie bei der Mumifizierung, bekannt.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Zeitgeschichte der Hygiene 11
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Zeitgeschichte der Hygiene

Mittelalter (6. – 15. Jahrhundert)

Der eigenen Körper wird gereinigt, der Schmutz gehört auf die Strasse.

Im Mittelalter ging das Wissen der Griechen und der Römer verloren.

In den Städten wurde viel Zeit in die Körperhygiene investiert.


In öffentlichen Bädern oder Schwitzbädern kamen die
Menschen zur Entspannung zusammen und konnten ihre sozi-
alen Kontakte pflegen. Dabei spielte nicht die Körperpflege
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sondern das persönliche Vergnügen eine besondere Rolle.
Gutes Essen, Musik und Frauen gehörten in die Badestuben.
Man parfümierte sich und putzte sich heraus.

Weniger Achtung wurde der Hygiene auf der Strasse geschenkt. Oft wurden die Bedürfnisse
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vor aller Augen auf der Strasse erledigt. Sämtliche Abfälle wie: Pflanzenreste, Schlachtab-
fälle, Schlachtblut, häuslicher Unrat oder Mist aus den Ställen wurden auf die Strassen
entsorgt. Der durch die Regenfälle verteilte Strassenschmutz und die damit verbundenen
Geruchsbelästigungen nahmen dadurch überhand an. Die Bäche und Flüsse dienten zur
Entsorgung.
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Auch das Mittelalter war geprägt von Seuchen. Noch immer starben unzählige Menschen an
Lepra oder der Pest. In zahlreichen Siechenstationen wurden die Kranken zum Schutz der
Stadtbevölkerung isoliert. Durch Räucherungen oder teils sogar Verbrennung ganzer Städte
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versuchte man dieser Plagen Herr zu werden.

Die Bedingungen in den Krankenhäusern waren fürchterlich: mehrere Kranke lagen in einem
Bett, Operationen wurden von «Schneideärzten» (Handwerker, Henker) durchgeführt.
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Die Sterblichkeitsrate war extrem hoch.

Renaissance (15. und 16. Jahrhunderts)


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Körper = Tabuthema

In der Renaissance kämpfte man noch immer mit der Pestepi-


demie und es kam zu neuen Krankheiten wie z. B.  der Syphilis.
Zu dieser Zeit war eine Identifikation der Krankheitserreger
noch nicht möglich.

Es kam zum Bruch mit den vom Altertum herstammenden


Hygienevorstellungen. Die These, dass Wasser durch die Haut-
poren in den Körper eindringe und dabei Krankheiten über-
tragen würde, vermehrte sich. Folglich wurde das Waschen als
ungesund abgestempelt. Die Körperreinigung fand, wenn

12 Hygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Hygiene

überhaupt, auf trockenem Wege statt. Lediglich die nicht bedeckten Körperstellen wurden
mit einem sauberen, trockenen Tuch abgewischt. Man glaubte, dass durch eine dicke
Schmutzschicht die Hautporen verstopft werden und der Körper somit vor eindringenden
Krankheiten geschützt ist. Die Menschen überdeckten den Dreck und den Gestank mit Parfüm
und Schminke (Puder). Ein weisses Gewand, das schwarz geworden war, so glaubte man,
hatte den Schmutz angezogen und die Körperwäsche sei überflüssig. Waren die finanziellen
Mittel vorhanden, wurde häufig die Kleidung gewechselt. Weisse Wäsche und Wohlgeruch
waren der Inbegriff für Sauberkeit.
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Von Ludwig XIV (1638 – 1715) heisst es, er habe während seines ganzen Lebens zwei Mal ein Vollbad
genommen. Im Gegenzug schwamm er in Puder, überdeckte sein fettendes Haar mit Perücken und
wechselte dreimal am Tag die Wäsche.

18. Jahrhundert
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Im 18. Jahrhundert wurden die ersten Gemeinschaftslatrinen
errichtet. Die Abfälle duften nicht mehr wie bis anhin auf die
Strasse entsorgt werden, sondern wurden mittels Karren
entsorgt.
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*Hinweis: Einen Einblick in die hygienischen Verhältnisse des 18. Jahrhun-
derts gewährt das Buch «Das Parfum» von Patrick Süskind: ein Werk, in dem
die Gerüche die zentrale Rolle spielen.
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19. Jahrhundert

Alles in die Kanalisation


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Hygiene = Prophylaxe

Die Geburtsstunde der modernen Hygiene ist das 19. Jahrhun-


dert. Die Stadtentwicklung schritt zügig voran. Der Ausbau von
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Klärgruben wurde vorangetrieben. Jeder Neubau musste ein
Abflusssystem zur Abwasserableitung, welche schlussendlich in
der Kanalisation mündete, vorweisen. Die Abfallentsorgung
fand mehrheitlich über die Kanalisation statt. In dieser Zeit
wurden die ersten Wassertoiletten gebaut. Hygienemass-
nahmen wie das Händewaschen oder die tägliche Köperpflege
mit Wasser und Seife wurden eingeführt.

Einen grossen Beitrag zur Weiterentwicklung der Hygiene leistete die Wissenschaft. Durch sie
konnten altbewährte Überzeugungen überholt werden. Mikroorganismen konnten für das
Entstehen von Krankheiten ausgemacht werden. Durch das neu erworbene Wissen konnten

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Zeitgeschichte der Hygiene 13
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Zeitgeschichte der Hygiene

entsprechende Schutzmassnahmen abgeleitet werden. Körperpflege, Impfung, Quarantäne


und Bekämpfung ansteckender Krankheiten, sind prägende Begriffe für diese Zeit.

20. Jahrhundert
1907 wurde in Paris das internationale Büro für öffentliche Hygiene gegründet. Später
entwickelte sich daraus die WHO, die zum Ziel hatte, gemeinsam gegen die Infektionskrank-
heiten vorzugehen.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts integrierte sich die Hygiene in das alltägliche Leben der
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Bevölkerung. Es wurde viel Aufklärung betrieben. Dadurch konnte das Hygienebewusstsein
gestärkt werden und folglich konnten viele Krankheiten präventiv bekämpft werden. In den
Schulen wurde der Hygieneunterricht eingeführt, wodurch alle sozialen Schichten erreicht
wurden. Die Wissenschaft schritt ebenfalls weiter voran.

21. Jahrhundert
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Das Wiederaufflammen ehemaliger Plagen wie Tuberkulose oder Ebola, die Entstehung neuer
Seuchen (SARS) und das Auftreten antibiotikaresistenter Keime beschäftigen uns in der
heutigen Zeit.
S
Die Sitten zwischen den verschiedenen Kulturen unterscheiden sich noch heute mehr oder
weniger stark. Oft liegt der Grund in den unterschiedlichen Umweltbedingungen (z.  B.  bedingt
durch Wassermangel). Bis in die heutige Zeit nehmen religiöse Reinheitsgebote und
-rituale eine grosse Rolle ein. Wie bei den Indern, die zur Reinigung von Sünden und zum
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Erlangen der Absolution im Fluss Ganges baden, obwohl er zu den am stärksten verschmutzten
Flüssen der Welt zählt.
Labile politische Situationen, Kriege, Terroranschläge, Klimaveränderung und die zuneh-
mende Umweltbelastung sind weitere Themen, die uns im 21. Jahrhundert beschäftigen.
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Résumé
Durch die Sanierung unserer Städte, Gesundheitserziehung, Impfstoffentwicklung und
R
Förderung der öffentlichen Gesundheit, Technik sowie Forschung konnte die Lebensqua-
lität und -erwartung signifikant gesteigert werden. Lag die Lebenserwartung eines Römers
vor 2000 Jahren bei zirka 45 Jahren, liegt sie heute in der Schweiz bei über 80 Jahren.
Von der gewonnen Lebenserwartung sind ca. 1/6 der kurativen (heilenden) und 5/6 der
präventiven (vorbeugenden) Medizin zuzuschreiben. Dies führt zu einer Zunahme des
Anteils alter Menschen an der Gesamtbevölkerung. Dadurch müssen wir uns heute inten-
siver mit den durch die Alterskrankheiten bedingten Anforderungen beschäftigen.
Schlussendlich stellt sich auch die Frage, wie trotz des hohen Alters eine gute Lebensqua-
lität sichergestellt und ein würdiges Sterben ermöglicht werden kann.

Es soll zum Ziel sein, die dazugewonnenen Lebensjahre mit Lebensqualität zu füllen.

14 Hygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Hygiene

1.3 Prägende Persönlichkeiten in der Entwicklung der


modernen Hygiene

Aufgabe 1.3.1
Ergänzen Sie den fehlenden Text. Suchen Sie dazu im Internet nach der genannten Persön-
lichkeit. Beschreiben Sie: Entdeckungen, Erfindungen, Arbeiten der genannten Person.

Antony Van Leeuwen- Erbauer seiner eigenen Mikroskope


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hoek
1674: Beschrieb erstmals Bakterien, ohne deren wirk-
Holländer
liche Bedeutung zu kennen, beschrieb Bazillen, Kokken

und Spirillen.
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«animalculi» = winzig kleine Tierchen, kleine Insekten,

die man mit blossem Auge nicht sieht.

Sah 1668 als Erster die roten Blutkörperchen.


S
Beschrieb 1677 Samenzellen von Insekten und Menschen.

Carl Wilhelm Scheele 1774: Entdecker vom Chlor.


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Deutsch-schwedischer
Chlor wurde einige Jahre später in Verbindung mit
Apotheker & Chemiker
Wasser/Natronlösung zur Desinfektion verwendet (Eau

de Javel). Carl Wilhelm Scheele isolierte und untersuchte


E
viele chemische Verbindungen und trug zur Entdeckung

mehrerer Elemente bei, beispielsweise der des Sauer-


R
stoffs. (sowie Stickstoff, Barium,…)

Johann Peter Frank 1779 - 1819: Herausgeber des sechsbändigen Werkes

Deutscher Arzt «System einer vollständigen medicinischen Polizey».

Er gilt als Pionier in der Sozialmedizin und im öffentli-

chen Gesundheitsdienst sowie als Gründer der Hygiene

als universitäres Fach.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Prägende Persönlichkeiten in der Entwicklung der modernen Hygiene 15
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Lehrkraftausgabe

Prägende Persönlichkeiten in der Entwicklung der modernen Hygiene

Edward Jenner Edward Jenner 1796:


Englischer Landarzt
Impfprinzip: 23 Kinder wurde mit Kuhpockenerreger

(= ähnliche Krankheit wie Pocken mit gutartigem Verlauf)

geimpft. Der Impfstoff wurde als «Vakzin» bezeichnet,

wovon später der Begriff «Vakzination» = Impfung abge-

leitet wurde.
M
Jean Lugol 1829:
Französischer Arzt Hersteller und Anwender von Jod-Lösung als Antiseptikum.
U
Ignaz Semmelweis Ignaz Semmelweis 1846/1847:
Ungarisch-österreichi-
Begründer der Händehygiene und –desinfektion
scher Arzt
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Retter der Mütter – Erkennung von Krankheitsursachen und ihrer Bekämpfung durch Asepsis:

Ignaz Semmelwies war Assistenzarzt in der Wiener Klinik für Geburtshilfe. Die Klinik wurde in zwei Abtei-
lungen gegliedert: eine wurde von Ärzten und Medizinstudenten, die sich dem gesamten Patientenspektrum
(Geburten, Operationen, Leichensektionen) widmeten, geleitet. Für die anderer Abteilung waren
T
ausschliesslich Hebammen zuständig. Die «Ärzteabteilung» hatte denklich mehr Todesfälle durch das
Kindbettfieber zu verzeichnen. Durch Untersuchungen an den Wöchnerinnen wollte Ignaz Semmelweis dieser
Tatsache auf den Grund gehen. Allerdings stiegen die Todesfälle in seiner Abteilung trotzdem weiter an. Als
ein Gerichtsmediziner, nach einer während der Leichensektion zugeführten Schnittverletzung, einige Tage
später an einer Sepsis verstarb, glaube er, die Ursache der hohen Sterblichkeitsrate gefunden zu haben:
Mediziner führten Obduktionen durch und mit ungewaschenen Händen untersuchten sie zwischendurch die
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Gebärenden. So wurde infektiöses Material von den Leichen auf die Patienten übertragen. Die Hebammen
hingegen kamen nicht mit den Leichen in Berührung. Daraufhin wies Semmelweis die Studenten an, sich
nach einer Leichensektion die Hände mit Chlorkalk zu desinfizieren. Der Erfolg stellt sich schnell ein und die
Anzahl Todesfälle konnte minimiert werden. Als auf einen Schlag eine grosse Anzahl Wöchnerinnen
verstarben, erkannte er, dass die Gefahr einer Infektion nicht nur von Leichen sondern auch von lebenden
R
Personen her kam. Er konnte erklären, wie eine Infektion zu Stande kommt. (Übertragung der Erreger über
die Hände). So ordnete er an, sich vor jeder Untersuchung die Hände zu desinfizieren. Durch diese Mass-
nahme wurde die Sterblichkeitsrate drastisch gesenkt. Die Rate lag sogar geringfügig unter jener der
Hebammenabteilung.

16 Hygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Hygiene

Die konsequente Händedesinfektion wurde jedoch trotz des sichtlichen Erfolges nicht weiter angewandt.
Die «Sauberkeit» wurde für nicht nötig empfunden und viele Ärzte wollten nicht einsehen, dass oft sie
selbst die Infektionen verursachten. Es folgten Anfeindungen und Intrigen der Berufskollegen. Semmelweis
siedelte daraufhin erbost nach Pest (heute Budapest) über, wo heute die nach ihm benannte Semmelweis-
Universität steht. Er verfasste viele Schriften, jedoch ohne nennenswerten Anklang. 1865 starb er in Wien
in einer Irrenanstalt an einer Blutvergiftung, jener Krankheit, die er bekämpft hatte.

Semmelweis Entdeckung wurde erst nach seinem Tod anerkannt, als 1867 Joseph Lister die Desinfektion
während Operationen einführte.
Vor allem in englischen Sprachraum gibt es heute noch den nach dem ungarischen Arzt benannten Begriff
«Semmelweis-Reflex»: Dabei wird eine wissenschaftliche Entdeckung ohne ausreichende Überprüfung
unmittelbar abgelehnt und der Urheber bestraft.
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Max von Pettenkofer 1879:
Bayrischer Arzt & Pharma- Gründer des Institutes für Hygiene in München (LMU).
zeut

Adolf Neubauer Initiator der Trennung von septischen und aseptischen Adolf Neubauer
S
Operationen.
1886:

Eröffnung einer Klink mit abwaschbaren OP-Wänden.


T
Curt Schimmelbusch 1889:
Deutscher Mediziner &
führte Behälter ein, in denen das Sterilgut bis zur
E
Pathologe
Verwendung gelagert wurde (Schimmelbuschtrommeln).
Äthernarkose durch eine Drahtgeflechtsmaske
R
Claude Bernard 1865: Er nahm nichts für selbstverständlich, widerlege viele
Französischer Physiologe traditionelle Lehrmeinungen und verliess sich auf Tierver-
suche.
Entdeckte die Funktion von Bauchspeicheldrüse und Leber
bei den Verdauungsvorgängen.
«Der Keim ist nicht, das Millieu ist alles.»

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Prägende Persönlichkeiten in der Entwicklung der modernen Hygiene 17
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Prägende Persönlichkeiten in der Entwicklung der modernen Hygiene

Joseph Lister 1867: Führte die Antisepsis in die Chirurgie ein: Desin-
Britischer Mediziner
fektion von Wunden mit Karbolsäure (erst über Vernebe-

lung, dann mit getränkten Wundverbänden).

Robert Koch 1876: Entdeckte den Erreger des Milzbrandes mit Hilfe von
Deutscher Mediziner und Nährböden.
Mikrobiologe 1882: Entdeckung des Tuberkelbazillus
M
1905:

Nobelpreis für Medizin

Entdeckte Erreger von Gonorrhoe (Tripper), Cholera,

Meningitis, Pest und Syphilis


U
1891 wurde er Direktor am Institut für Infektionskrankheiten in Berlin, das für ihn errichtet worden
war und später den Namen Robert Koch-Institut (RKI) erhielt.
Das RKI besteht noch heute und fungiert unter dem Leitsatz «Gesundheit schützen, Risiken erfor-
S
schen» (Leitbild Robert Koch-Institut). Es ist eine zentrale Bundeseinrichtung und beschäftigt sich
mit der öffentlichen Gesundheit. Es setzt sich mit Infektionskrankheiten und nicht übertragbaren
Krankheiten auseinander und nimmt eine zentrale Überwachungs- und Forschungsfunktion für
Deutschland ein. In der Schweiz ist die «Swiss Medic» eine ähnliche Institution.

Louis Pasteur Louis Pasteur: 1879: Erkannte das Wirkprinzip des Impfstoffes mit
T
Französischer
Hilfe von abgeschwächten Erregern.
Naturwissenschaftler
1885:
• Erste Tollwutimpfung am Menschen
E
• Pasteurisierung
• Entdeckung der Strepto-, Pneumo- und Staphylokokken
R
Pasteurisation:
Louis Pasteur wurde gebeten zu untersuchen weshalb das Bier durch eine offensichtliche Geschmacks-
veränderung ungeniessbar wurde. Er konnte aufzeigen, dass Bakterien für diesen Verderbnisprozess
verantwortlich sind. Es gelang ihm, diese Schädlinge durch Hitze abzutöten und er wandte dieses
Verfahren für die Milchherstellung an. Diese Voraussetzung um die Haltbarkeit von Lebensmitteln zu
gewährleisten wird seither als Pasteurisierung bezeichnet.

Charles Chamberland 1880: Erfand den erster Druckdampf-Sterilisator. Jahre


darauf wurde von Friedrich Trendelenburg der Dampfsterili-
sator in den Operations-Sälen eingeführt.

18 Hygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Hygiene

Alexander Fleming 1928: Entdeckte die antibiotische Wirkung des Penizil- Alexander Fleming
Schottischer Bakteriologe
lins (hochwirksames, keimtötendes Mittel), welches

jedoch erst 10 Jahre später als Antibiotikum eingesetzt

wurde. Entdeckte das Lysozym, ein Enzym, das starke

antibakterielle Eigenschaften aufweist und in verschie-

denen Körpersekreten wie Tränen und Speichel vorkommt.


M
Penicillin – durch Zufall entdeckt

Im Jahre 1928 beimpfte Fleming vor seinen Sommerferien eine Agarplatte mit Staphylokokken. Nach seiner
Rückkehr entdeckte er, dass auf dem Nährboden ein Schimmelpilz gewachsen war. Dort wo sich der Pilz
befand, gingen die Bakterien ein und im unmittelbaren Umfeld fand kein Wachstum statt. Fleming nannte
U
dieses Stoffwechselprodukt des Schimmelpilzes, das die Bakterien abtötete, Penicillin. Er untersuchte den
neu gefunden Stoff und erkannte, dass Penicillin lediglich grampositive nicht aber gramnegative Bakterien
eliminiert und dass es für menschliche Zellen ungefährlich ist. Entgegen all diesen Fakten fand er in der
Öffentlichkeit wenig Anklang. Ihm gelang es nicht, aus dem Pilz eine Essenz zur Medikamentenherstellung
zu gewinnen und so gab er weitere Versuche auf. Zehn Jahre später stiessen Howard Florey, Norman Heatley
und Ernst Chain (Wissenschaftler) auf Flemmings Untersuchungen. Es gelang ihnen, das Penicillin zu
S
isolieren, zu reinigen und in grösseren Mengen zu produzieren. Sie untersuchten seine therapeutische
Wirkung erst an Tieren und später an Menschen. So wurde im Februar 1941 der erste Patient mit Penicillin
behandelt. Ein Jahr später wurde die industrielle Herstellung lanciert. Es galt als Wundermittel im 2. Welt-
krieg. Allerdings war die Herstellung nicht ausreichend und es wurde lediglich für die Streitkräfte einge-
setzt. Auf Grund der Knappheit war es üblich, den Urin von Penicillinpatienten zu sammeln und das Antibi-
T
otikum daraus zurückzugewinnen. Ab 1944 erfolgte dann die grosstechnische Produktion und er war für die
gesamte Bevölkerung zugänglich.

Als Entdecker des Penicillins gilt Alexander Flemming. Doch bereits in früheren Zeitabschnitten wurde der
Schimmelpilz zur Heilung angewandt. Die Nubier tranken Bier, das antibakteriell wirkte. Bei den Alten
Ägypter wurden Entzündungen mit Heilgetränken aus Getreidegebräu behandelt. In der Antike und im
E
Mittelalter wurden zur Prophylaxe schimmlige Lappen auf Operationswunden aufgetragen. Der Wirkstoff
wurde jedoch nicht erkannt. Im 19. Jahrhundert konnte erstmals der Zusammenhang zwischen Schimmel-
pilzen und Bakterienwachstum aufgezeigt werden. So zu Beispiel behandelte Joseph Lister einen Abszess
mit einem Schimmelpilz. Doch diese Ergebnisse wurden nicht veröffentlicht oder fanden keine Resonanz.
R
René Dubos 1930-er Jahren:
Französisch-
Pionier der Antibiotikaforschung (Isolation von antimik-
amerikanischer
Mikrobiologe robiellen Substanzen) aus Bodenbakterien.
1939 isolierte er die antimikrobioelle Substanz Tyrothricin
und zeigte, dass es die Fähigkeit besass, bestimme bakteri-
elle Infektionen zu heilen. Es wurde jedoch nicht als Antibi-
otikum eingesetzt, da es toxische Nebenwirkungen hatte.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Prägende Persönlichkeiten in der Entwicklung der modernen Hygiene 19
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Hygiene im Alltag

1.4 Hygiene im Alltag


Alltägliche Hygienefragen treffen wir im persönlichen Bereich (Körperpflege, Haushalt, etc.)
aber auch in Unternehmungen und öffentlichen Einrichtungen an.

Die Hygiene kann in etliche Gruppen unterteilt werden.

Luft
M
Umwelt Wasser
Boden
HYGIENE

Körperpflege
persönliche Haushalt
Psychohygiene
U
Kommunikationsfähigkeit
soziale Beziehungsfähigkeit
Kontaktfähigkeit
S
Personal
Arbeitsplatz
Betriebshygiene
T
Umwelthygiene Umwelthygiene
Die Umwelthygiene befasst sich mit chemischen, mikrobiologischen und physikalischen
E
Einflüssen auf die menschliche Gesundheit. In den Fokus fallen Themengebiete wie Luft,
Abfälle, Wasser, Wetter, Klima, Nahrungsmittel oder Strahlung. Diese Aspekte können sich
positiv oder negativ auf die Menschheit niederschlagen. In der Umwelthygiene werden
Zusammenhänge ermittelt und analysiert, damit positive Auswirkungen gefördert werden und
R
nachteilige verhindert oder verbessert werden.

Für eine Vielzahl der schädigenden Einflüsse sind wir Menschen selbst verantwortlich:
• Elektromagnetische Strahlung der Mobiltelefone
• Luftschadstoffe von Industrie oder Verkehr
• Verunreinigung vom Erdgut durch industrielle Abfälle
• usw.

Vermehrt nehmen die auf uns schädlich wirkenden Umwelteinflüsse eine dominante (überle-
gene) Rolle ein. In diesem Zusammenhang sprechen wir von Umweltverschmutzung.
Für uns Lebewesen nehmen durch zunehmende Technisierung, zunehmendem Brenn- und
Rohstoffverbrauch und der daraus vermehrten Abfallproduktion die gesundheitsschädigenden

20 Hygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Lehrkraftausgabe

Hygiene

Substanzen überhand. Durch den Anstieg der Bevölkerungszahl wird der Energie- und
Rohstoffbedarf weiter anwachsen, was wiederum die Schadstoffbelastung intensiviert.

Um das ökologische Gleichgewicht der Erde langfristig, für unsere kommenden Generationen,
zu gewährleisten, müssen Massnahmen getroffen werden, wie z. B.:
• Einsetzen von erneuerbaren Ressourcen (Solar-,Wind- und Wasserkraft)
• Reduktion der Schadstoffemission
• Regenerationsfähigkeit erneuerbarer Naturgüter (Wälder, Fischbestände) fördern

Auch wenn sich der Erfolg nicht unverzüglich sichtbar einstellt, sollte jedes Individuum
M
seinen Teil dazu beitragen und auch auf politischer Ebene müssen entsprechende Richtlinien
und Massnahmen geregelt werden.
Nur so ist es langfristig möglich, die oben genannte negative Entwicklung zu verhindern
respektive zu verlangsamen.
U
Luft
Die Verschmutzung der Luft wirkt sich sowohl auf die menschliche Gesundheit (z .B. boden-
nahes Ozon) als auch auf die Umwelt (Versauerung) aus.
S
Der grösste Teil der Verschmutzung wird durch das menschliche Tun verursacht. Durch Ener-
gienutzung im Eigenheim, in der Industrie, im Verkehr und in der Landwirtschaft produzieren
wir Emissionen. Die Partikel aus den Verbrennungsvorgängen werden in der Atmosphäre zu
Säuren umgewandelt, welche als «Saurer Regen» das Erdreich versauern. Was wiederum
T
schädlich für viele Kulturpflanzen ist.

Ozon verhält sich vielfältig. Ozon in der Stratosphäre schützt uns Menschen vor der gefährli-
chen Ultraviolettstrahlung der Sonne. Auf der Erdoberfläche, hat zu viel Ozon in der Atemluft
E
eine schädliche Auswirkung auf uns.

Durch eine gesetzlich geregelte Herabsetzung der Obergrenze für die Schadstoffbelastung
und eine Senkung der Emissionshöchstmengen wird gegen die Luftverschmutzung vorge-
R
gangen.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Hygiene im Alltag 21
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Hygiene im Alltag

Treibhauseffekt:

Durch die Aktivitäten der Menschen werden vermehrt Treibhausgase in die Atmosphäre
geleitet. Ein grösserer Teil der Strahlen wird von der Atmosphäre absorbiert und erneut
auf die Erde zurück gestrahlt. Dadurch heizt sich die Luft in Bodennähe zusätzlich zum
natürlichen Treibhauseffekt auf. Das lebenswichtige Glasdach wird so zu einer lebensge-
fährlichen Falle.

Sonne
M
1
2 3
T
T
T
T
U
4
Erde
S

Atmosphäre
T
1 kurzwellige Sonnenstrahlung erwärmt die Erdoberfläche
2 Die Erdoberfläche gibt langwellige Infrarotstrahlung ab.
E
3 Die Treibhausgase (T) nehmen einen Teil der Infrarotstrahlung auf und geben ihrerseits Infrarotstrahlung ab.
4 Ein Teil der von den Treibhausgasen ausgesendete Strahlung gelangt an die Erdoberfläche zurück. Dies
führt zu einer Erwärmung der Erdoberfläche.
R
Wasser
Sauberes Wasser ist die Basis des Lebens. Das Wasser wird weltweit durch die Industrie, die
Landwirtschaft, durch Privathaushalte und Gemeinden verschmutzt.

Die Industrie verunreinigt das Wasser, indem sie giftige Produktionsnebenstoffe direkt in die
Gewässer einleitet. Vielfach werden anfallende Giftstoffe nicht fachgerecht entsorgt und
gelangen indirekt ins Grundwasser. Des Weiteren führen Unfälle (z .B. Tankerunfälle) dazu,
dass grosse Mengen problematischer Stoffe in unser Ökosystem gelangen.

Durch die Überdüngung in der Landwirtschaft oder der unbedachte Gebrauch von Kunst-
dünger, Pflanzen- und Insektengiften wird das Wasser belastet.

22 Hygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Hygiene

Durch den übermässigen Einsatz von Reinigungsmitteln tragen die Privathaushalt ebenfalls
ihren Anteil zur Verunreinigung bei. Die fehlerhafte Entsorgung von Farben, Verdünnungs-
mittel, Altbatterien, alter Medikamente oder Altöl steuert weiter dazu bei.

In vielen Gemeinden ist bei starken Regenfällen die Kapazität der Kläranlagen ausgeschöpft
und grosse Mengen ungereinigtes Wasser gelangt in die Natur.

Letztendlich ist auch das Regenwasser belastet: sich in der Luft befindliche Giftstoffe werden
durch den Regen auf die Erde befördert.
M
Jedermann sollte Massnahmen treffen, um eine negative Einwirkung auf die Gewässer zu
vermeiden. In der Schweiz regelt das Gewässerschutzgesetz (GSchG) den sicheren Umgang
mit ober- und unterirdischen Gewässer. Ein Verstoss kann dabei mit einer Geld- oder Frei-
heitsstrafe geahndet werden.

Boden
U
Die «Gesundheit» des Bodens ist für die Menschheit von wichtiger Bedeutung. Sie steht in
engem Zusammenhang mit der Wasser- und Lufthygiene. Bereits in der Luft wird der feuchte
Niederschlag mit Schadstoffen akkumuliert (angereichert). Trifft er auf den Erdboden nimmt
er weitere, dort abgelagerte (Schad-) Stoffe auf. Das Wasser versickert im Boden und die
S
schädlichen Stoffe werden zum Teil im Erdgut zurückgehalten.

Doch auch hier spiegelt sich ein Wiederspruch in unserem Verhalten: Einerseits leiten wir
Menschen eine Vielzahl von Abfallstoffen in den Boden, andererseits entnehmen wir ihm
T
unser Trinkwasser, ernähren uns von Pflanzen, die auf ihm gedeihen oder wir konsumieren
das Fleisch der Tiere, die diese Pflanzen fressenden.
E
Aufgabe 1.4.1
Halten Sie fest, welche konkreten Massnahmen Sie zum Schutz der Umwelt treffen können.
Diskutieren Sie ihre Ideen im Plenum.

• Abfalltrennung
R
• Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel

• Anschaffung energiesparender Geräte (Energieklasse A / AA)

• Einkauf saisonaler Produkte (Gemüse, Früchte)

• zu Fuss statt mit dem Auto für kleinere Strecken

• Einsatz von Energiesparlampen

• duschen statt baden

• beim Zähneputzen Wasser nicht laufen lassen, etc.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Hygiene im Alltag 23
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Hygiene am Arbeitsplatz

Hygiene am Arbeitsplatz 1.5 Hygiene am Arbeitsplatz


Die Schwerpunkte der Hygienevorschriften am Arbeitsplatz werden je nach Berufsfeld unter-
schiedlich stark gewichtet. Die grundsätzlichen Regeln sind überall die gleichen. Nur gelten
zum Beispiel im Gastgewerbe zum Teil strengere Regeln als für jemanden der im Büro
arbeitet.

Im Allgemeinen lässt sich die Arbeitsplatzhygiene aufteilen in die Personal- und Betriebshy-
giene. Jedoch spielen am Arbeitsplatz die Bereiche der persönlichen Hygiene, der Sozial- und
M
Umwelthygiene ebenfalls eine dominante Rolle.

Personalhygiene
Sie regelt wichtige Punkte wie:
• Kleidung
• Hände
U
• Tragen von Schutzausrüstung
• Haare
• allgemeine Körperhygiene
S
Betriebshygiene
Sie regelt Massnahmen, die im Zusammenhang mit dem Gebäude und der Räumlichkeiten
stehen.
T
Hygiene am medizinischen Arbeitsplatz
Wichtige Eckpfeiler der Hygiene in medizinischen Einrichtungen sind Arbeitssicherheit,
Gesundheitsschutz, Strahlenschutz und Umweltschutz. Folgende Punkte werden dabei geregelt:
E
• Verhütung von Infektionskrankheiten (Eigenschutz- und Fremdschutz)
• Schutz vor Innenraumbelastungen (Strahlen, gefährliche Stoffe, Allergien)
• umweltgerechte Abfallentsorgung
• Gestaltung eines behaglichen, gesundheitsfördernden Arbeitsplatzes
R
• Festigung des physischen, psychischen und sozialen Wohlergehens

Auf die relevanten Punkte der Hygiene in der Arztpraxis wird in später folgenden Kapiteln
eingegangen.

24 Hygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

2 Infektionskrankheit
M
U
S
T
E
R

In der Umgangssprache wird eine Infektionskrankheit auch als «Infekt» oder «ansteckende
Krankheit» bezeichnet. Hervorgerufen werden Krankheiten durch Pathogene = Krankheitser-
reger. Achtung: Eine Erkrankung ist nicht automatisch einer Infektion gleichzustellen, da
nicht jede Infektion notwendigerweise zu einer Erkrankung führt.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Hygiene am Arbeitsplatz 25
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Grundbegriffe – Glossar

Das Wort Infektion stammt vom lateinischen Wort «inficere» ab und bedeutet «anstecken»
«vergiften» oder wörtlich «hineintun». In der Umgangssprache spricht man von «Anste-
ckung». Damit bezeichnet man das aktive oder passive Eindringen, Verbleiben und
Vermehren von

• pathogenen Lebewesen z. B.  Bakterien, Pilze, Parasiten oder


• pathogenen Molekülen z. B.  Viren und Prionen

in einem Organismus.
M
*Hinweis: Beachten Sie hierzu auch die Unterlagen zum Richtziel «1.4.3 Medizinische Grundlagen, Krankheitslehre/
Pathologie»
U
Grundbegriffe – Glossar 2.1 Grundbegriffe – Glossar

Aufgabe 2.1.1
S
a) Suchen Sie nach den fehlenden Begriffen und schreiben Sie Ihre persönliche Definition
dazu.
b) Vergleichen Sie die Definitionen innerhalb der Klasse.
c) Lernen Sie die Begriffe und Definitionen indem Sie sich gegenseitig abfragen.
T
*Hinweis: Sie finden eine Memory-Vorlage auf www.mympa.ch, Hygiene

Anthroponose Ist ein Sammelbegriff für Infektionserkrankungen mit Erregern,


E
deren einziger natürliche Wirt der Mensch ist.

DNS = DNA Desoxyribonukleinsäure = DNS

Deoxyribonucleic acid = DNA (englisch)


R
Träger der Erbinformation, welcher in allen Lebewesen und in

bestimmten Virentypen vorkommt

Eukaryoten eukaryotisch Sammelbegriff: Bezeichnet zelluläre Lebewesen, die einen Zell-

kern besitzen

Gen Als Gen wird der Träger von Erbinformation bezeichnet, der sich

in jeder Zelle befindet. Ein Gen beschreibt einen Abschnitt auf

der DNA.

26 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Genom Erbgut eines Lebewesens oder eines Virus

iatrogene Infektion Eine Infektion, welche man sich durch ärztliche Massnahmen
zugezogen hat.

Infektionskrankheit Eine Ansteckung mit entsprechenden Symptomen (Krankheits-

zeichen)

Infektiosität Die Infektiosität beschreibt wie schnell ein Krankheitserreger,


nach Übertragung, seinen Wirt infizieren kann.
M
Inkubationszeit Der Zeitraum zwischen der Aufnahme der Erreger = Ansteckung

bis zum Auftreten der ersten Symptome.

invasiv Als invasiv werden alle diagnostischen und therapeutischen


Handlungen mit instrumentellem Eindringen in den Körper
U
bezeichnet (die Haut / Schleimhaut wird dabei verletzt). Dazu
gehören in der Arztpraxis Tätigkeiten wie: Blutentnahme, Injek-
tionen, Infusionen, kleinchirurgische Eingriffe etc.

(mikrobielle) Wird auch als «Anschmutzung» bezeichnet und bedeutet, dass


Kontamination
Flächen, Materialien, Gegenstände beabsichtigt oder versehent-
S
lich mit Erreger wie: Bakterien, Viren, Hefe- und Schimmelpilze,

Protozoen oder deren Toxine und anderen Nebenprodukten


T
behaftet sind.

Krankheit Als Krankheit bezeichnet man die Funktionsstörung eines

Organes, des gesamten Organismus oder der Psyche.


E
Latenzzeit Reaktionszeit, Verzögerungszeit oder Verweilzeit ist der Zeitraum
zwischen einer Aktion und dem Eintreten einer verzögerten
Reaktion.
Somit bezeichnet die Latenzzeit im medizinischen Umgang die
R
Zeit zwischen der Ansteckung und dem Beginn der Infektiosität
= Einwirken auf den (Wirt / Wirtzelle).
Beispiel: Wenn ein Virus eine Zelle befällt, wird die Zelle (Wirt-
zelle) zur Virusfabrik umfunktioniert. Dabei wird die Virus-DNA in
die Wirt-DNA integriert. Die Zellen «umprogramierten» Zellen
vermehren sich.

Mutualismus / mutualisti- Eine Beziehung zwischen zwei unterschiedlichen Arten =


sche Symbiose Symbiose, aus der beide Partner einen Nutzen haben = mutualis-
tisch

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Grundbegriffe – Glossar 27
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Grundbegriffe – Glossar

Nosokomiale Man nennt sie auch Krankenhausinfektion.


Infektion Sie bezeichnet eine Infektion eines Patienten in einem Kranken-
haus oder einer Pflegeeinrichtung, die zum Zeitpunkt der
Aufnahme nicht vorhanden war. Dazu gehören Infektionen, die
Patienten im Krankenhaus erwerben (die nach ca. 48 Std. ausbre-
chen), jedoch erst nach der Entlassung in Erscheinung treten
sowie berufsbedingte Infektionen bei Mitarbeitern der Einrich-
tung.

Nukleoid Als Nukleoid bezeichnet man das Genom der Prokaryoten,


welches nicht von einer Kernmembran umgebene ist.
M
Nukleus Als Nukleus wird der Zellkern der Eukaryoten bezeichnet, welcher
neben der DNA auch RNA und diverse Proteine enthält.

Parasitismus / Parasitismus ist die ausbeuterische Beziehung zwischen zwei


Schmarotzertum unterschiedlichen Arten. Ein Partner (= Parasit / Schmarotzer)
lebt auf Kosten des anderen (= Wirt). Der Wirt wird dabei geschä-
digt. In der Regel tötet der Parasit den Wirt nicht, da er von ihm
U
abhängig ist.

Pathogene Sind Krankheitserreger, die in einem Organismus gesundheits-

schädliche Störungen verursachen.


S
Pathogenität Ist die Fähigkeit eines Erregers, eine Krankheit bei einem
bestimmten Wirt auszulösen.

Prokaryoten prokaryotisch Sammelbegriff: Bezeichnet zelluläre Lebewesen, die keinen


T
Zellkern besitzen

Prophylaxe Vorbeugung / vorbeugender Schutz

RNS = RNA Ribonukleinsäure = RNS


E
Ribonucleic acid = RNA (englisch)

Substanz für die Umsetzung der Erbinformation. Sie spielt eine


R
wichtige Rolle bei der «Proteinbiosynthese» - sie liefern die

Bauanleitung der Proteine.

Serotyp / Serotypen Untergruppen von Mikroorganismen (z. B.  Bakterien, Viren)

Superinfektion Von einer Superinfektion spricht man in der Medizin, wenn

bereits ein viraler Infekt vorliegt und ein neuer nun bakterieller

Infekt das gleiche Organsystem befällt.

Symbiose Das Zusammenleben zweier oder mehrere unterschiedlicher Arten,


wobei alle (Wirt und Gast) daraus einen Nutzen ziehen.

28 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Toxine Organische oder synthetische Giftstoffe

Toxischer Schock Das Toxische Schocksyndrom (TSS) ist ein schweres Kreislauf- und
Organversagen. Hervorgerufen durch Bakterientoxine.

Vektor / Vektoren Als Vektor wird ein Organismus bezeichnet, der einen pathogenen
von einem Wirtsorganismus zu einem anderen transportiert.

Virulenz Damit wird die Infektionskraft bzw. der Ausprägungsgrad der


krankmachenden Eigenschaft eines Erregers bezeichnet. Das
heisst die Schwere des Schädigungsmusters bei einer Erkrankung.
M
Wirt Als Wirt bezeichnet man einen Organismus, der zusätzlich einen

oder mehrere andere Organismen mit Ressourcen versorgt. In

der Regel ist der Wirt das grössere Lebewesen.

Zoonosen
U
Sind Infektionskrankheiten, die von Tier zu Mensch und von

Mensch zu Tier übertragen werden können.

Ein gehäuftes Auftreten einer Infektionskrankheit kann mit folgenden Begriffen näher
beschrieben werden:
S
Epidemie Wird oft auch als Seuche genannt.
Als Epidemie bezeichnet man ein gehäuftes Auftreten einer
Krankheit, die zeitlich und örtlich begrenztes vorkommt.

Endemie Zeitlich unbegrenztes (Dauerdurchseuchung), örtlich begrenztes


T
Vorkommen einer Krankheit. Z. B.  durch Zecken übertragene
FSME oder Malaria

Pandemie Zeitlich und örtlich unbegrenztes Vorkommen einer Krankheit.


Z. B.  Grippepandemien oder AIDS
E
Inzidenz Zahl der Neuerkrankungen/-infektionen

Letalität Anteil der Erkrankten / Infizierten, die an diesem Leiden


R
versterben.

Morbidität Zahl, der in einem bestimmten Zeitraum an einer bestimmten

Krankheit leidenden Personen.

Mortalität Zahl, der in einem bestimmten Zeitraum an einer Krankheit /

Infektion Verstorbenen. Achtung: Dieser Begriff wird oft mit der

Letalität verwechselt.

Prävalenz Zahl der Erkrankten / Infizierten an einem bestimmten Stichtag

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Grundbegriffe – Glossar 29
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Mikrobiologie – LZ 1.5.1.2

Mikrobiologie 2.2 Mikrobiologie – LZ 1.5.1.2


LZ 1.5.1.2
Die Mikrobiologie ist ein Teilgebiet der Biologie. Bei der Mikrobiologie handelt es sich um die
Wissenschaft und Lehre von den Mikroorganismen = Einzeller oder Wenigzeller, sie gelten als
die kleinsten und einfachsten aller bekannten Lebewesen und sind mit blossem Auge nicht
erkennbar. Als Einzeller unterscheiden sie sich von den Pflanzen, Tieren und Menschen, deren
Zellen unter natürlichen Bedingungen nur im Verband mit dem vielzelligen Organismus
lebensfähig sind.
M
Aufgabe 2.2.1
a) Welche Mikroorganismen kennen Sie bereits? Zählen Sie diese auf.

• Bakterien
U
• Viren

• Pilze

• Prionen

• Mikro-Algen (ein- bis wenigzellige Algen)


S
• Protozoen

b) Diese werden in zwei Kategorien eingeteilt. Ordnen Sie zu.


T
• pathogene Lebewesen:

Bakterien, Pilze, Parasiten, Algen


E
• pathogene Moleküle:

Viren und Prionen


R

30 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

2.3 Infektionswege Infektionswege

Infektionsweg
Bewegungsprofil eines pathogenen Erregers

Infektionsquelle
M
• Ursprung = Ort, an dem Erreger leben, sich vermehren, von wo sie sich ausbreiten
• Mögliche Quellen = Menschen, Tiere, Umwelt: Gegenstände, Substanzen, Umgebung

Art der Erreger- • Infekt.-typen Herkunft der Übertragungs-


Eintrittspforte
kontakte • Infekt.-verlauf Erreger wege
U
• Primärinfek- Infektionstypen • Endogene • Kontakt-/ • Enterale Infek-
tion • Transiente Infektion Schmirinfek- tion
• Sekundärinfek- Infektion • Exogene tion • Parenterale
tion / Super- • Persistierende Infektion: • Tröpfchen Infektion
S
infektion Infektion > direkte • Aerogene
• Reinfektion Infektion Infektion
Infektionsver- > indirekte • Umwelt
lauf: Infektion • Vektoren
• foudroyan
T
• akut
• subakut
• chronisch
• latent
• rezidivierend
E
Empfänger
• Ein gesunder Mensch: Er verfügt über Abwehrme-
R
chanismen
• Ein Infektion gefährdeter Mensch z. B.  mit:
> chronischer Grunderkrankung,
z. B.  Diabetes mellitus
> Störungen des Immunsystems
> schlechtem Ernährungszustand
> Tumorerkrankung
> momentaner Strahlentherapie
> mit Alkoholkrankheit
> aktueller Antibiotikumbehandlung
> unter immunsuppressiver Therapie z. B.  Zytos-
tatika

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Infektionswege 31
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionswege

Infektionsquellen
• Menschen
Man spricht von einer Anthroponose, wenn für pathogene Erreger der Mensch der
einzig natürliche Wirt ist. Dies ist zum Beispiel der Fall bei: Keuchhusten, Masern.
• Tiere
Man spricht von einer Zoonose, bei Infektionskrankheiten die von Tier zu Mensch
und von Mensch zu Tier übertragen werden. Dies ist zum Beispiel Fall bei: FSME
(Zecken), Toxoplasma gondii (Katzen), Salmonellen (Nutztiere).
• Umwelt
M
> Erde – zum Beispiel bei: Clostridium tetani
> Wasser – zum Beispiel bei: Vibrio cholerae
> Gegenstände

Art der Erregerkontakte


• Primärinfektion = Erstkontakt mit dem Erreger
U
• Sekundärinfektion / Superinfektion = der bereits infizierte Körper wird mit einem
weiteren Krankheitserreger infiziert. Oft wird die Erstinfektion durch Viren ausge-
löst. Weitere Bakterien oder Viren lösen dann im geschwächten Körper eine
Sekundärinfektion aus.
S
• Reinfektion = Zweitinfektion

Infektionstypen
• Transiente Infektion = Hit-and-run-Mechanismus (englisch: zuschlagen und
T
wegrennen). Bei einer transienten Infektion ist es als so, dass der Wirt den einge-
drungenen Viren nur für eine sehr kurze Zeit für die Vermehrung zur Verfügung steht
und meistens auch nur einmal vom demselben Virusstamm infiziert werden kann.
Erkrankungen durch transiente Infektionen verlaufen meist akut und selbstlimitie-
E
rend, da die Wirtzelle entweder vom Virus selbst oder vom körpereigenen Immun-
system «zerstört» wird.
Auf diese Art verlaufen z. B.  Erkrankungen wie: Masern, Mumps, Röteln, Hepatitis
A, Tollwut, Ebola usw.
• Persistente Infektion = Infect and Persist (englisch: infect and persist = infizieren
R
und verbleiben). Bei der persistenten Infektion besitzen die eingedrungenen Viren
die Fähigkeit, sich in ihrem Wirt zu halten. Dabei entwickelt der Wirt eine Immun-
toleranz gegenüber dem Virus und somit betrachtet das körpereigene Immunsystem
das eingedrungene Virus als Teil des Körpers. Die Erkrankungen durch persistente
Infektionen verlaufen meist chronisch und oft entwickelt sich nach jahrelanger
Latenzzeit (Reaktionszeit) eine Sekundärleiden (Folgeerkrankung). Auf diese Art
verlaufen z. B.  Erkrankungen wie: Herpes, Hepatitis B, AIDS.

32 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Infektionsverlauf
• foudroyant: sehr schneller Beginn mit schwerstem oft tödlichem Verlauf
• akut: schnell zum Ausbruch kommend
• subakut: mässig schneller Beginn, weniger heftige Symptome als akut
• chronisch: langsamer Beginn mit andauerndem Verlauf
• latent: symptomlose Phasen über längere Zeiträume
• rezidivierend: wiederkehrende Infektionen

Herkunft der Erreger


M
• Endogene Infektion
• Exogene Infektion
• Direkte Infektion = Erregerübertragung von Mensch zu Mensch ohne Zwischenwirt
• Indirekte Infektion = Erregerübertragung mittels Vektoren (einem Erreger): Zecken
und blutsaugende Insekten, Wasser, Nahrung, kontaminierte Gegenstände
U
Aufgabe 2.3.1
a) Suchen Sie nach der Definition der fehlenden Begriffe im Internet oder in Ihren Schulbüchern.
b) Schreiben Sie (falls möglich) ein Beispiel als Erklärung dazu.
S
Infektionsweg

Endogener Infekt Erreger sind bereits im Körper vorhanden. Diese gelangen

nun dahin, wo sie nicht hin sollen.


T
Beispiel: Das Gleichgewicht der Residentflora (körperei-

genen Flora) im Mund oder in der Vagina wird gestört.


E

Exogener Infekt Die Erreger stammen aus der Umgebung und gelangen in den
R
Körper.

Zu den exogenen Infektionen zählen zum Beispiel: die

Tröpfcheninfektion, die Schmierinfektion, die Ansteckung

über Körperflüssigkeiten, die Ansteckung über blutsaugende

Insekten oder Zecken.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Infektionswege 33
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Lehrkraftausgabe

Infektionswege

Übertragungweg
• Kontaktinfektion
>> Schmierinfektion
• Tröpfcheninfektion
• Luft = aerogen
• Umwelt = kontaminierte Nahrungsmittel
• Vektoren
M
Aufgabe 2.3.2
a) Suchen Sie nach der Definition der fehlenden Begriffe im Internet oder in Ihren Schulbüchern.
b) Schreiben Sie (falls möglich) ein Beispiel als Erklärung dazu.

Übertragungswege
U
Hierbei handelt es sich um die Übertragung von Krankheitserregern
Kontaktinfektion durch Berührung eines Lebewesens (Mensch / Tier) oder eines durch
Schmierinfektion Speichel, Urin oder Stuhl kontaminierten Gegenstandes.
S
Aufgabe 2.3.3
Womit kann ein Gegenstand kontaminiert sein? Zählen Sie die
verschiedenen Körperflüssigkeiten auf:
T
• Blut • Urin

• Sperma • Lusttropfen

• Scheidenflüssigkeit • Darmsekret
E
• Wundflüssigkeit • Speichel

• Muttermilch • Schweiss
R
• Tränen

• Liquor (Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit)

Durch Berührung werden Mikroorganismen von kontaminierten


Gegenständen abgestreift, gelangen dadurch auf die Haut oder
Schleimhaut des Wirtsorganismus (Menschen) und werden von ihm
inkorporiert (eingegliedert, aufgenommen).

34 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Übertragungswege

Wiederum wird unterschieden in:

• direkte Kontaktinfektion = Berührung eines infizierten Menschen


resp. Tieres. Zum Beispiel erfolgt eine direkte Kontamination
beim Händeschütteln, bei einer Wundversorgung, bei sexuellem
Kontakt.
• indirekte Kontaktinfektion = Berührung oder Benutzung von
M
kontaminierten Gegenständen. Zum Beispiel bei der gemein-
samen Benutzung eines Trinkglases oder durch Trinken resp.
Essen von verunreinigtem Wasser / Essen = Schmierinfektion.

Die Schmierinfektion ist in der Regel ein Problem mangelnder


Hygiene. Meist werden die Keime dabei über verschmutzte Hände
U
auf eine Oberfläche übertragen.

Beispiele von Schmierinfektionen mit Beteiligung von Bakte-


rien: Escherichia coli und Salmonellen (Darmbakterien) sowie
S
Streptokokken und Staphylokokken (Wundbakterien)

Beispiele von Schmierinfektionen mit Beteiligung von Viren:


Adenoviren, Noroviren und Rotaviren (Darmviren)
T
Beispiele von sexuell übertragbaren Krankheiten:
Hepatitis B und C (HBV / HCV), HIV, Gonorrhoe

Durch Tröpfchenbildung beim Sprechen, Niesen, Husten, Spucken


E
Tröpfchen­ etc. können Krankheitserreger direkt über die Luft verbreitet werden.
infektion Die infektiösen Tröpfchen gelangen über die Schleimhäute (meist)
der oberen Atemwege in den Atemtrakt und vermehren sich dort.
Bei den Tröpfchen handelt es sich um Partikel, welche einen Durch-
R
messer von mehr als 5 µm aufweisen. Diese sinken durch ihre Grösse
relativ rasch zu Boden und werden nur bis zu einer Distanz von einem
bis zwei Meter übertragen. Vor einer Übertragung durch Tröpfchen
kann man sich schützen, indem man entweder genügend Abstand zur
infizierten Person hält oder einen Mundschutz trägt.

Beispiele von Krankheiten, die über eine Tröpfcheninfektion

übertragen werden: Keuchhusten, Mumps, Röteln,

Haemophilus influenzae Typ b, Grippe

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Infektionswege 35
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionswege

Übertragungswege

Aerogene
Bei der aerogenen Infektion handelt es sich um die Freisetzung von
Infektion
kleinsten Tröpfchenkernen (weniger als 5µm Durchmesser), durch
eine Nies- oder Hustenvorgang. Aufgrund ihrer geringen Grösse
können sie lange Zeit in der Luft schweben und somit auch grössere
Stecken zurücklegen. Im Vergleich zur Tröpfcheninfektion, dringen
die Aerosole in den tieferen Respirationstrakt ein. Zum Schutz
werden spezielle Atemschutzmasken (FFP 2, FFP 3) getragen.
M
Beispiele: Tuberkulose, SARS, Cryptococcus neoformans, Aspergil-
lose, allenfalls möglich bei: Varizellen und Masern

Umwelt
Umweltquellen wie Wasser Erde können ein Reservoir für Erreger sein.
Beispiele:
• Clostridium tetani in der Erde (Wundstarrkrampf)
U
• Legionellen im Wasser (schwere Pneumonie)
• Pseudomonas aeruginosa in feuchten Milleus (Pneumonie,
Harnwegsinfekte, Wundinfektionen)

Vektoren
Über den Stich oder Biss des infizierten Tieres, können Patho-
S
gene auf den Menschen übertragen werden.

Beispiele für dies Art von Infektion sind: Malaria wird durch den
T
Stich resp. den Speichel der weiblichen Anopheles Mücke über-

tragen, FSME und Lyme Borreliose wird durch Zecken übertragen.

Durch den Biss eines Fuchses / von Fledermäusen kann Tollwut


E
übertragen werden.

Eintrittspforte
R
• Enterale Infektion
• Parenterale Infektion:
> Perkutane Infektion
> Permuköse Infektion
> Inhalationsinfektion
> Urogenitale Infektion
> Genitale Infektion
> Intrauterine Infektion
> transmissive Infektion
> hämatogen

36 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Aufgabe 2.3.4
a) Suchen Sie nach der Definition der fehlenden Begriffe im Internet oder in Ihren Schulbüchern.
b) Schreiben Sie (falls möglich) ein Beispiel als Erklärung dazu.

Eintrittspforte

Enterale Infektion Die Krankheitserreger dringen über den Magen-Darm-Trakt in


den Organismus ein = fäkal-oral.
Parenterale Infektion Unter Umgehung des Magen-Darm-Traktes. Im medizinischen
M
Sprachgebrauch ist parenteral gleichbedeutend mit «direkt ins
Blut».
• Permuköse Infektion Die Erreger gelangen über die Schleimhäute in den Orga-

nismus.
U
• Inhalationsinfektion Die Erreger gelangen über die Atemwege in den Orga-

nismus.
• Urogenitale Infektion Die Erreger gelangen über den Harntrakt in den Orga-

nismus.
S
• Genitale Infektion Die Erreger gelangen über die Geschlechtsorgane in den

Organismus.
• Intrauterine Die Erreger gelangen während der Schwangerschaft in den
T
Infektion
Körper des ungeborenen Kindes.
• Transmissive Die Erreger gelangen über Insektenstiche oder -Bisse in
Infektion
den Organismus
E
• hämatogen Die Erreger gelangen durch Vektoren über die Blutwege in

den Körper
R

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Infektionswege 37
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Bakterien

2.4 Bakterien

Escherichia coli Streptococcus Staphylococcus


Clostridium tetani
(E. coli) pyogenes aureus
M
Definition Bakterien Definition Bakterien / das Bakterium
(griechisch bakterion: Stäbchen) sind einzellige Organismen, die keinen «echten» Zellkern
besitzen. Das Erbgut der Bakterien ist in einem Nukleoid organisiert, welches ohne Membran-
begrenzung im Zytoplasma liegt. Somit gehören sie zum Stamm der Prokaryoten. Bakterien
werden entsprechend der Struktur ihrer Zellwände in grampositive und gramnegative Bakte-
U
rien unterteilt. Die Zellwand der grampositiven Bakterien kann aus über 50 Schichten
(Murein) bestehen. Die Zellwand der gramnegativen Bakterien hingegen ist lediglich ein bis
dreilagig.
*Hinweis: Beachten sie dazu das Thema «Gram-Färbung» in der Labordiagnostik!
S
Bakterien haben die Erde erobert. Sie kommen in unvorstellbar grosser Zahl in fast allen
Lebensräumen vor: im Erdboden, im Wasser, in oder auf allen Arten von Lebewesen. Man geht
davon aus, dass Bakterien die ersten Lebewesen auf der Erde waren. Es gibt sie schon seit
T
mehr als 3.5 Milliarden Jahre.

Obwohl sie winzig klein sind, haben einige Bakterien unglaubliche Eigenschaften, unter
anderem können sie extrem schnell schwimmen, sich sehr gut orientieren, unter extremen
E
Bedingungen überleben oder sogar leuchten. Sie sind temperaturunabhängig, das heisst, sie
haben sich hier auf der Erde auf die unterschiedlichsten Temperaturen eingestellt: es gibt
kälteliebende und hitzeliebende Bakterien und je nach Lebensraum können sie mit oder ohne
Sauerstoff leben.
R
Wie bereits erwähnt ist auch der Mensch aussen wie innen besiedelt mit Bakterien. An und
in jedem Menschen leben ca. 100 Trillionen (= 100‘000‘000‘000‘000‘000) Bakterien, das
ergibt in etwa ein Gewicht von 2 kg. Auf jedem Quadratzentimeter der menschlichen Haut
leben ca. 100‘000 Bakterien.

38 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Aufgabe 2.4.1
Beschriften Sie den Aufbau einer Bakterienzelle.
M
U

*Hinweis:
S
1. Ein Video über den Aufbau einer Tier-, Pflanzen- und Bakterienzelle finden Sie hier.
https://www.planet-wissen.de/natur_technik/mikroorganismen/bakterien/av_bakterien_
kompakt3.jsp
T
2. Die schriftlichen Detail-Informationen über den Zellaufbau von Tier-, Pflanzen- und Bakteri-
enzelle finden Sie hier.
https://www.planet-wissen.de/natur_technik/mikroorganismen/bakterien/zelltypen.jsp
E
R

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Bakterien 39
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Bakterien

Grösse
Bakterien sind mit 0,5 bis 10 μm (Mikrometer) extrem klein.

Lebensraum
Eine Vielzahl von Bakterien bevorzugen ein Milieu mit einem pH-Wert von 6 bis 9, für andere
ist ein pH-Wert von 7 optimal und der Laktobazillus zum Beispiel benötigen ein Lebensraum
mit pH-Wert 4.

Vermehrung Vermehrung
M
U
Wenn die Lebensbedingungen gut sind, benötigen Bakterien in einer neuen Umgebung nur
eine kurze Anpassungszeit und fangen dann sofort mit Zellteilung an (1 Mutterzelle ergibt 2
Tochterzellen). Dabei bilden sie häufig grosse Zellketten und/oder Zellkolonien.
S
• Es erfolgt eine ungeschlechtliche Vermehrung
• Das Temperaturoptimum zur Vermehrung der medizinisch relevanten Bakterien liegt
meist um 36 – 43° C
• Unter optimalen Wachstumsbedingungen teilen sich gewisse Bakterien alle 20
T
Minuten (Escherichia coli). Das bedeutet, dass aus einer Zelle nach 20 Minuten 2
Zellen entstanden sind, nach 40 Minuten 4 Zellen, nach 60 Minuten 8 Zellen usw.
E
R

40 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Einige Bakterien bilden Sporen. Sporen sind sehr widerstandsfähige und in dieser Form
inaktive «Familienmitglieder», die auch unter ungünstigen Lebensbedingungen (Klimaverän-
derungen, Trockenheit, Alkohol, knappen Nahrungsvorräten) nahezu unbegrenzt überleben
und keimfähig bleiben können. In dieser Art sichern sie das Überleben von Bakterien über
eine sehr lange Zeit. Kommen Sporen, z. B.  über Staub, in ein günstiges Milieu (Umfeld),
können sie wieder aktiv werden und sich vermehren. Eine offene Wunde zum Beispiel bietet
den Sporen einen idealen Nährboden um wieder aktiv werden zu können.

Aussehen / Differenzierung
Bakterien kommen in verschiedenen äusseren Formen vor. Fünf davon sind hier aufgeführt:
M
• stäbchenförmige, sogenannte Bazillen = Bacillus (z. B.  Escherichia)
• kugelförmig, sogenannte Kokken (z. B.  Micrococcus)
• gebogene, sogenannte Vibrionen (z. B.  Vibrio cholerae, der Erreger der Cholera)
• schraubenförmig, sogenannte Spirillen oder Spirochäten
U
Aufgabe 2.4.2
Zeichnen Sie hier die verschiedenen Bakterienformen ein. Recherchieren Sie dazu in anderen
Lehrmitteln oder im Internet.
S
T
E
R

1. Bazillen 2. Kokken 3. Vibrionen 4. Spirillen 5. Spirochäten

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Bakterien 41
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Lehrkraftausgabe

Bakterien

Bei den Bakterien gibt es keine rein «männlichen» respektive «weiblichen» Formen und
dennoch lassen sie sich nach unterschiedlichen Kriterien differenzieren, z. B.  hinsichtlich
der

• Stoffwechseltypen
• Milieubedingungen
• Energieversorgung

Hier wird unterschieden nach:


Obligate Aerobier >> Obligate Aerobier = aerobe Bakterien
M
Man nennt sie häufig auch Enterobakterien. Sie benötigen zum Leben elementaren
Sauerstoff (O2) ohne ihn sterben sie ab.

>> Obligate Anaerobier = anaerobe Bakterien


Diese Art von Bakterien brauchen zum Überleben keinen Sauerstoff.
U
Fakultativ anaerobe >> Fakultativ anaerobe Bakterien können sowohl unter aeroben als auch unter
Bakterien anaeroben Bedingungen leben. Ihr Stoffwechsel funktioniert sowohl mit, wie
auch ohne Sauerstoff.
S
>> Aerotolerant = Die Bakterien benötigen den Sauerstoff nicht für ihren Stoff-
wechsel, können aber trotz seiner Anwesenheit überleben.

• Ernährungsversorgung
T
Hier wird unterschieden nach:
>> autotrophen Bakterien: Sie können ohne organische Fremdsubstanzen leben
und beziehen ihre Energie aus dem Sonnenlicht (= photoautotroph)
E
>> heterotrophen Bakterien: Sie ernähren sich von organischer Substanz. Viele
dieser Arten können auch ohne Sauerstoff existieren (= anärobe Bakterien).
R

42 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Lebenswichtige Bakterien
Oftmals gehen wir von der falschen Vorstellung aus, dass Bakterien für uns und unsere
Umwelt schädlich sind und uns krank machen. Das ist jedoch eine gänzlich falsche Meinung.

Nur die wenigsten der rund 6‘000 bekannten Bakterienarten sind Krankheitserreger. Bakte-
rien sind für uns Menschen lebenserhaltend und für die ökologischen Prozesse auf unserer
Erde unentbehrlich. Sie sorgen als Verarbeiter dafür, dass z. B.  Stickstoff, Kohlenstoff und
andere wichtige Elemente, nach deren Absterben in den Organismen, in mineralischer Form
wieder an die Stoffkreisläufe zurückgegeben werden. Manche Bakterien bilden in unserem
M
Körper sogar eine Symbiose (enge Zusammenarbeit) mit dem Organismus.

Bakterien können somit weiter unterschieden werden in:

• Symbiotische Bakterien: Bakterien sind zum Beispiel Bestandteil der normalen Symbiotische Bakterien
Hautflora des Menschen (residente Hautflora). Diese Bakterien sind normalerweise
U
harmlos für den Menschen bzw. üben vielmehr eine bedeutende Schutzfunktion aus,
indem sie die Besiedelung mit pathogenen Mikroorganismen verhindern. Manche
symbiotischen Bakterien können jedoch Infektionen verursachen, wenn der natür-
liche Wirtsorganismus geschwächt ist oder wenn die Bakterien in das Gewebe des
S
Wirts eingebracht werden.

• Pathogene Bakterien: Besitzen eine stärkere Virulenz und verursachen unabhängig Patogene Bakterien
vom Krankheitszustand des Wirts Infektionen.
T
Aufgabe 2.4.3
Sie finden auf der Homepage www.mympa.ch, unter Hygiene, das Arbeitsblatt «Residente
E
Flora». Downloaden Sie sich dieses und beschreiben Sie, wo überall eine residente Flora zu
finden ist.
R

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Bakterien 43
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Bakterien

Aufgabe 2.4.4
a) Erklären Sie mit eigenen Worten wo und wie gute Bakterien im menschlichen Körper
wirken. Recherchieren Sie dazu im Internet sowie in Ihren Schulbüchern.
b) Schauen Sie sich das Video an oder suchen Sie anderweitig nach Beispielen, die aufzeigen,
warum Bakterien für Mensch, Tier und Natur existenziell sind.
Wo und wie werden gute Bakterien bei der Nahrungsmittelherstellung eingesetzt?
https://www.planet-wissen.de/natur_technik/mikroorganismen/bakterien/av_bakterien_
nuetzlich.jsp
M
Wo wirken «gute» Bakterien im menschlichen Körper?

• Die transiente Hautflora

Die Hautflora mit den verschiedenen Bakterien schützt die Haut vor einer Besiedlung
U
mit krankmachenden Keimen. Diese Bakerien ernähren sich von Hautschuppen,

spalten Fette und bakterienabtötende Fettsäuren auf, die das Wachstum von

weiteren Bakterien vermindern. Feuchte Hautregionen werden von den Bakterien

bevorzugt:
S
> Leistenbeugen

> Achselhöhlen und

> Zwischenräume zwischen Zehen und Fingern


T
bieten den meisten Bakterien ein besseres Milieu als trockene oder verhornte

Hautstellen. Ein Großteil der «Haut-Bakterien», sitzt in den Haarfollikeln. Dort sind
E
sie gut geschützt vor Ausseneinflüssen und haben hervorragende Wachstumsbedin-

gungen.

Typische Bakterien der Hautflora sind bestimmte Staphylo- und Peptostreptokokken


R
sowie Coryne- und Propionibakterien - zuviel von diesen verursacht übrigens Akne.

• Im Verdauungssystem

Indem sie z. B.  in der Darmflora wichtige Vitamine und Mineralstoffe aus dem

Verdauungsbrei für die Aufnahme in den Blutkreislauf bereitstellen.

Zu diesen zählen z. B.  Proteus vulgaris und Escherichia coli

44 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Infektionskrankheit

Wo wirken «gute» Bakterien im menschlichen Körper?

• Im Mund

Normalerweise wird der Mund durch eine Mikroorganismengemeinschaft durch

hunderte von Bakterienarten und Hefen besiedelt. Diese Mundflora hat zum grössten

Teil die Aufgabe einer Schutzfunktion, um Krankheitserreger, die sich in der Mund-

höhle einnisten könnten, abzuwehren.


M
• Im Vaginalbereich

Döderlein-Bakterien (Laktobazillen) halten bei geschlechtsreifen Frauen den

pH-Wert des Scheidenmilieus aufrecht. Laktobazillen produzieren Milchsäure aus

Glykogen. Das so entstehende saure Milieu sorgt dafür, dass sich von aussen in die
U
Scheide eindringende Keime (Bakterien und Pilze) nicht vermehren können.

Wo wirken «gute» Bakterien im menschlichen Körper?


S
Um den ökologischen Kreislauf zu schliessen:
Die im Erdboden zahlreich vorkommenden Bakterien zersetzen Abfälle oder
Pflanzen- und Tierüberreste. So wandeln sie giftige oder unnütze Stoffe in Nähr-
stoffe um.
T
Um den ökologischen Kreislaufes zu unterstützen:
Es gibt Bakterien, die Öl zersetzen können. Diese Bakterien können dazu genutzt
werden, Öl, das z. B.  bei einer Ölpest in das Meer ausgetreten ist, schneller abzu-
E
bauen.

In Kläranlagen zur Aufbereitung des Abwassers:


Die Wasserreinigung ist kein einzelner Schritt, sondern ein Prozess, der aus
R
verschiedenen Teilschritten besteht. Mit Hilfe von Bakterien werden schädliche
Substanzen in unschädliche umgewandelt. Ein Beispiel ist die sogenannte «Denit-
rifikation»: Bakterien wandeln Stichstoffverbindungen wie z. B.  Ammonium
(NH4+) über die Zwischenstufen Nitrit (NO2-) (durch die Bakterienart Nitroso-
monas) und Nitrat (NO3-) (durch die Bakterienart Nitrobakter) in unschädlichen
molekularen Stickstoff (N2) um, welcher danach in die Atmosphäre entweicht.

*Hinweis: Beachten Sie dazu im Laborordner das Kapitel «Urinlabor: Urinstix»

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Bakterien 45
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Bakterien

Wo werden «gute» Bakterien in der Nahrungsmittelherstellung eingesetzt?

• Bei der Herstellung von Joghurt und Käse, unter Mithilfe des Lactobacillus
• Bei der Herstellung von Essig, mit Hilfe von Essigsäurebakterien (Acetobac-
teraceae)
• Bei der Herstellung von Kaffee, Tee, Kakao erfolgt die Fermentierung
(Gärung) mit Hilfe von Bakterien

Wie werden «gute» Bakterien in der Pharmaindustrie eingesetzt?


M
• Bei der Herstellung von Insulin
Mit einer gentechnischen Verfahrensweise können Bakterien zum Insulinliefe-
ranten werden.
U
• Bei der Herstellung von Präbiotika
Medikamente, die Bakterien oder Pilze enthalten, welche die Aktivität bestimmter
gutartiger Bakterien fördern. Zum Beispiel:
>> Für den Aufbau der Darmflora (Laktoferment )
>> Bei Erkrankung resp. Stärkung der oberen Atemwege
S
>> Für das Aufrechterhalten des pH-Wertes im Vaginalbereich (Döderlein-Bakte-
rien)
T
Pathogene Bakterien Pathogene Bakterien
E
R

Es gibt Bakterienarten, die beim Menschen Krankheiten auslösen. Sie haben sich auf den
Befall bestimmter Gewebe, Organe und Körperhohlräume spezialisiert.

46 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Infektionskrankheit

Das Immunsystem kann diese krankmachenden Bakterien in der Regel abtöten, bevor wir
überhaupt etwas spüren. Erst wenn wir grosse Mengen von krankheitserregenden Bakterien
ausgesetzt sind oder unser Immunsystem geschwächt ist, bemerken wir die Reaktion unseres
Körpers, z. B.  in Form von Fieber, Durchfall, Übelkeit, Kopfschmerzen oder Schüttelfrost.
Unser Immunsystem läuft dann auf Hochtouren und wird dann meistens im Verlauf von Tagen
oder Wochen mit den angreifenden Bakterien fertig.

Behandlungsmöglichkeiten
Wenn unser Immunsystem die Bakterien nicht effektiv bekämpfen kann, ist unter Umständen
eine medikamentöse Therapie mit einem Antibiotikum (Plural: Antibiotika) indiziert. Antibiotikum
M
Antibiotika beeinflussen und greifen Strukturen der Bakterien, wie zum Beispiel die Zellwand,
an und können so zum Absterben der Bakterien führen. Weil die Zellwand von Bakterien
anders aufgebaut ist als die Zellmembran der Körperzellen, greifen Antibiotika nur Bakterien
an und keine Körperzellen. Manche Antibiotika töten die Bakterien gar nicht ab, sondern
hindern sie lediglich an der Vermehrung. Allerdings sind Bakterien eigenständige Zellen, die
U
sich auf veränderte Umweltbedingungen einstellen und daher Antibiotikaresistenzen entwi-
ckeln können. Bei der Behandlung mit Antibiotika muss immer auch beachtet werden, dass
nicht nur pathogene (krankmachende) Bakterien, sondern auch mutualistische (nützliche)
Bakterien durch das Medikament gestört bzw. getötet werden können.
S
Bakteriellen Infekten vorbeugen – Prophylaxe Prophylaxe

1. Beachten eines guten Allgemeinzustandes (AZ) durch gesunde Lebensführung


• Auf eine ausgewogene, vitaminreiche Ernährung und eine genügende Flüssig-
T
keitszufuhr achten.
• Auf genügend Sonnenlicht achten oder allenfalls ersatzweise Vitamin D
zuführen.
• Regelmässige körperliche Betätigungen einplanen
E
• Regelmässig frische Luft zuführen.
• Auf genügend Schlaf achten.
• Vor allem ältere Menschen sollen sich genügend warm halten, auf warme Füsse
achten und sich vor Zugluft schützen.
R

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Bakterien 47
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Bakterien

2. Im Alltag die allgemein bekannte Hygienemassnahmen beachten und konse-


quent anwenden
• Regelmässiges, gründliches Händewaschen mit Seife ist eine der besten Vorbeuge-
massnahmen, um sich vor Infektionskrankheiten zu schützen: sofort beim Nach-
hause kommen, vor Arbeitsbeginn und bei Arbeitsende, vor den Mahlzeiten
respektive Zwischenmahlzeiten, zwingend nach jedem Toilettengang.
• Gute Hautpflege: Keine zu aggressive Seifen (Duschmittel) verwenden und die Haut
nicht austrocknen lassen, indem regelmässig, eine schnell einziehende Handcreme
(Lotion) angewendet wird.
M
• Gute Wundpflege: Schnittwunden, Risse, Schrunden desinfizieren und mit einem
Salbenverband gut abdecken.
• Vor allem in der «Erkältungszeit» sind Menschenansammlungen und die Nähe zu
Menschen mit akuten Atemwegserkrankungen zu meiden.
• Konsequent in die Ellenbeuge Husten oder Niesen.
• Auf eine gute Küchenhygiene und auf ein sauberes Zubereiten von Mahlzeiten
U
achten.
• Bei der Essenszubereitung nur frische Produkte verwenden. Früchte, Gemüse, Salate
vor dem Rohverzehr gründlich waschen.
• Im Kühlschrank Fleischwaren und Gemüse voneinander getrennt lagern.
S
• Eierspeisen nur über kurze Zeit und im Kühlschrank aufbewahren.
• Beachten der Wasserqualität. Vor allem in den Ferien ist im Umgang mit «Frisch-
wasser» Vorsicht geboten: trinken direkt ab dem Wasserhahnen, Zähneputzen,
erfrischen mit Eiswürfeln oder Wasser-Glaces, essen von rohem Gemüse oder
T
Salaten.
• Mit entsprechender Kleidung die Haut vor Insektenstichen und Zecken schützen.
• Bei neuen sexuellen Beziehungen einen geeigneten Schutz, z. B.  Kondom,
verwenden.
E
3. Im Arbeitsalltag die Hygienevorschriften beachten und konsequent umsetzen
• Die Vorschriften zur Handhygiene kennen und anwenden
• Einen praxiseigenen Hygieneplan erstellen und danach arbeiten.
R
• Bewusstes und kontrolliertes Tragen von Handschuhen.
• Arbeitskleidung tragen
• Bei Assistenzarbeiten (Untersuchen, Eingriffen, Therapien) eine Schutzbrille und
einen Mundschutz tragen.
• Bei Epidemien oder Pandemien (Grippewelle) wird über den ganzen Arbeitstag
einen Mundschutz getragen. Dabei müssen das korrekte Tragen und die Tragzeit
unbedingt beachtet werden.
• Qualitätsmanagement: Eine regelmässige Kontrolle aller Hygienemassnahmen durch
die dafür verantwortliche Praxismitarbeitenden.

48 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Infektionskrankheit

4. Bakteriellen Infekten vorbeugen


• Mit Schutzimpfungen können bakterielle Erkrankungen wie zum Beispiel: Tetanus,
Diphterie, Pneumokokken (Kleinkinder und ab dem 60-igsten Altersjahr) vermieden
oder zumindest den Krankheitsverlauf deutlich abgemildert werden.
• Abschirmen mit Antibiotika. Vor gewissen medizinischen Eingriffen werden Antibi-
otika vorbeugend eingesetzt. Zum Beispiel in der Zahnmedizin oder der Herzchir-
urgie
• Die wohl wichtigste Massnahme in der heutigen Zeit ist das Erhalten der Wirkung
von Antibiotika und somit einer Antibiotika-Resistenz vorzubeugen.
M
Aufgabe 2.4.5
Beantworten Sie folgende zwei Fragen.
a) Was bedeutet Antibiotikaresistenz?
b) Mit welchen Massnahen soll einer Antibiotikaresistenz vorgebeugt werden?
Nennen Sie die Punkte, welche das BAG vorschlägt und erklären Sie die Punkte kurz.
U
c) Ein Entwurf zur «Strategie gegen Anbitiotikaresistenz» vom BAG (Bundesamt für Gesund-
heit) liegt seit dem 15.12.14 vor. Details dazu können Sie ab dieser Homepage entnehmen.

a) Bakterien entwickeln ständig neue Strategien, um den Angriffen von Antibiotika zu


S
entgehen. Sie passen sich an, verändern sich und werden somit widerstandsfähig

gegenüber von Antibiotika. Das heisst, die Wirkung von Antibiotika wird abge-
T
schwächt oder ganz zu neutralisieren.

b) Sensibilisierung der Bevölkerung / Patienten


E
• Klare Rahmenbedingungen bezüglich des Einsatzes von Antibiotika werden

geschaffen. Das bedeutet, sowohl in der Humanmedizin, wie auch in der Veterinär-

medizin und der Landwirtschaft regeln Gesetzte den Einsatz von Antibiotika.
R
• Überwachung der Handlungsfelder (Gesetze / Verkauf / Einsatz)

• Prävention: Damit ist gemeint, Infektionskrankheiten generell besser vorzu-

beugen.

• Sachgerechter = zielgerechter und korrekter Einsatz von Antibiotika in der Human-

und der Veterinärmedizin sowie in der Landwirtschaft.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Bakterien 49
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Lehrkraftausgabe

Bakterien

> Je häufiger Antibiotika eingesetzt werden, desto grösser ist die Gefahr, dass

sich die Bakterien dem Antibiotika entsprechend anpassen. Somit verliert das

Antibiotika seine Wirkung.

> Auf eine zu geringe Dosierung und/oder einen vorzeitiger Therapieabbruch

reagieren Bakterien auf dieselbe Weise, sie passen sich dem Medikament an.

> Falsche Behandlungsmassnahmen vermeiden. Bei z. B.  virale Infekten


M
(Schnupfen, Grippe) ist eine Behandlung mit Antibiotika erstens wirkungslos

und zweitens Antibiotikaresistenz fördernd.

• Kooperation = gute Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten und Betroffenen.

• Investieren in die Forschung und Entwicklung von neuen Antibiotika.


U
• Resistenzbekämpfung

LZ 1.5.1.2 Pathogene Bakterien: Typen und Folgeerkrankungen


S
Zeichen einer bakteriellen Zeichen einer bakteriellen Infektion sind: Die Symptome sind je nach Bakterienart und
Infektion dem Ort des Befalles unterschiedlich. Es treten allgemeine Entzündungsreaktionen wie
Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen oder Abgeschlagenheit auf. Lokal kann sich eine
Infektion durch Eiterbildung bemerkbar machen.
T
Eiter (Pus) ist das Ergebnis einer Entzündung, welche als Reaktion auf einen bakteriellen
Infekt entsteht. Eiter setzt sich zusammen aus:
E
• Bakterien, meistens handelt es sich hierbei um die kugeligen Familienmitglieder,
die es praktisch überall in der Natur gibt, sich sehr schnell vermehren und entspre-
chend gefürchtet werden: die Streptokokken und durch das Darmbakterium Escheri-
chia coli.
R
• abgestorbene Zellen und
• Leukozyten

Aus einer von Bakterien verursachten Infektion (Wundentzündung), kann eine Sepsis
(Blutvergiftung) entstehen.

Wundinfektionen Bei Wundinfektionen sind meistens verschiedene Bakterien zusammen aktiv. Die beteiligten
Bakterienarten beeinflussen den Charakter des Eiters:
• Viskosität (dünn- bis dickflüssig)
• Farbe (von blassgelb über grün bin hin zu blaugrün)
• Geruch

50 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Aus einer von Bakterien verursachten Infektion (Wundentzündung), kann eine Sepsis (Blut- Sepsis
vergiftung) entstehen.

Aufgabe 2.4.6
a) Lesen und bearbeiten Sie den nachfolgenden Text
b) Fassen Sie die hier beschriebenen Bakterientypen tabellarisch zusammen. Sie finden
hierzu eine entsprechende Word-Vorlage auf www.mympa.ch
c) Ergänzen Sie Ihr Tabelle mit Bildern. Fügen Sie möglichst zu jedem Bakterium ein entspre-
chendes Bild ein.
M
Beispiel

Nachweis im
Bakterieller Erkrankungen
Mikroskop Färbeverhalten Bild
Erreger Beispiele
Morphologie
U
Clostridium Erreger des Stäbchen grampositiv
tetani Wundstarr-
krampfes
(Tetanus). Die
resistenten
Sporen des
S
Bakteriums
kommen vorwie-
gend in der
(Garten-) Erde,
im Strassenstaub
etc.
T
Folgende Bakterien-Typen sind beschrieben. Bakterien-Typen
Ziel: Sie wissen für welche Erkrankung(en) das entsprechende Bakterium verantwortlich ist. Erkrankung(en)
E
• Proteus vulgaris
• Clostridien:
>> Clostridium tetani
>> Clostridium perfringens
R
• Staphylokokkus aureus
• MRSA = Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus
• Escherichia coli
• Salmonella enteritidis
>> Salmonella typhi / Salmonella Paratyphi
• Clostridium botulinum
• Streptococcus pyogenes
• Helicobacter pylori
• Borrelia burgdorferi
• Bordetella pertussis
• Pneumokokken

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Bakterien 51
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Bakterien

Wundinfektionen

Proteus vulgaris
Proteus sind stäbchenförmige, gramnegative, Zellen mit Geisseln. Sie haben einen Durch-
messer von 0,4 - 0,8 µm und sind unterschiedlich lang. Das Bakterium Proteus vulgaris fühlt
sich besonders wohl in der Erde oder auch in menschlichem Stuhl. Gelangt Proteus vulgaris in
eine Wunde, so fängt es sofort an, Körperzellen zu zersetzen. Dabei entstehen faule, stin-
kende Gase. Das Körpergewebe sieht schmierig und jauchig aus.
M
Clostridien
Die gefährlichsten anäroben Bakterien sind die Clostridien. Clostridien sind stäbchenförmige,
grampositive, sporenbildende Bakterien. Die Sporen der Clostridien sind hitzeresistent und
können in siedendem Wasser viele Stunden, einige bei 110 °C etwa eine Stunde, überleben.
Wenn ihre Sporen aktiv werden, bilden sie gefährliche Toxine (Gifte). Zu den Clostridien
gehören die bekannten Erreger:
U
• Clostridium tetani
C. tetani ist der Erreger des Wundstarrkrampfes (Tetanus). Die resistenten Sporen
des Bakteriums kommen vorwiegend in der (Garten-) Erde, im Strassenstaub und
S
Holz sowie in Ausscheidungen von Rindern vor.
Offene Wunden können schnell mit dem Bakterium infiziert werden und so zur
Tetanuserkrankung führen. Tetanus, auch Wundstarrkrampf genannt, ist eine häufig
tödlich verlaufende Infektionskrankheit, da durch die Toxine der C. tetani die
T
muskelsteuernden Nervenzellen geschädigt werden kommt es zu den typischen
Muskelkrämpfen.
Prophylaxe: Aufgrund der konsequenten Durchimpfung der Bevölkerung ist die
Erkrankung heutzutage bei uns sehr selten, in Entwicklungsländern aber bedeutend
E
• Clostridium perfringens
C. perfringens ist ein anärobes Bakterium, welches das kurzzeitige Aussetzen in
sauerstoffreicher Atmosphäre jedoch problemlos überlebt. C. perfringens können im
R
Boden (anärobe Zonen), in Wasser, Staub und Lebensmitteln, aber auch im Darm
von Mensch und Tier nachgewiesen werden.
C. perfringens zählt mit weiteren Clostridien zur Gruppe der gasbrandbildenden
Bakterien und ist der häufigste Erreger des Gasbrands. Der durch Clostridium perfrin-
gens verursachte Gasbrand gilt als schwerste Form der Wundinfektion. Die Infektion
entwickelt sich meistens nach Verletzungen bei Gartenarbeit, Tätigkeiten im land-
wirtschaftlichen Bereich oder nach Bissverletzungen sowie nach Amputationen. Die
Inkubationszeit beträgt ca. 2 Tagen. Das Infektionsgebiet kennzeichnet sich durch
Schwellung und bräunlich-livide (blaue) Verfärbung. Bei der Palpation kann even-
tuell ein «Knistern» festgestellt werden. Aus der infizierten Wunde entleert sich
meist ein stinkendes, seröses Wundsekret. Erfolgt keine schnelle Behandlung, kann
es zu einem «toxischen Schock» kommen.

52 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Staphylokokkus aureus
Staphylococcus aureus kommt fast überall in der Natur vor: beim Menschen auf der Haut, auf
der Mundschleimhaut und in den oberen Atemwegen, auf der Haut und der Schleimhaut von
warmblütigen Tieren, in Nahrungsmitteln und in Gewässern.

Der Staphylococcus aureus löst bei Menschen und Tieren meistens keine Krankheitssymptome
aus. Trifft das Bakterium jedoch auf ein günstiges Milieu oder auf ein schwaches Immun-
system des Wirts, nutzt es die Gelegenheit und breitet sich aus. Es kommt beim Menschen zu
Krankheitssymptomen wie: zu Hautentzündungen (Furunkel), Muskelerkrankungen, Angina,
M
in ungünstigen Fällen auch zu lebensbedrohlichen Erkrankungen wie Lungenentzündung,
Endokarditis (Entzündung am Herzen), toxisches Schocksyndrom (TSS) und Sepsis.

Wichtig zu wissen: Die Schleimhautflora im Nasen-Rachen-Raum und somit auch die umge-
bende Hautflora sind nicht selten mit pathogenen Erreger umgeben. Zum Beispiel sind 20 –
40 % der Erwachsenen im Nasenvorhof mit Staphylococcus aureus und 20 % im Oropharynx
U
mit Streptococus pyogenes besiedelt, ohne dass irgendwelche Symptome vorhanden sind.

Abstriche von Staphylococcus aureus erscheinen mikroskopisch als haufenförmig gelagerte


grampositive Kokken.
S
MRSA = Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus
Als MRSA (gleichbedeutend wie ORSA) bezeichnet man Staphylococcus-aureus-Stämme, die
gegen alle bisher marktverfügbaren Antibiotika (z. B.  Penicillin) resistent sind. In Kliniken
T
und Pflegeeinrichtungen spielen MRSA als Verursacher von nosokomialen Infektionen eine
wichtige Rolle

Magen-Darminfektionen
E
Escheria coli
Das Bakterium Escherichia coli (Kolibakterium) ist ein gramnegatives, säurebildendes, stäb-
R
chenförmiges Bakterium mit Geisseln. Es gehört zum Stamm der Enterobakterien und kommt
in der Darmflora von Mensch und Tier vor. Mit weniger als einem Prozent macht das Escheri-
chia coli im Verhältnis zu den anderen Bakterien der Darmflora einen geringen Anteil aus.
Es kann jedoch auch zum Krankheitserreger werden. Gelangen E.-coli-Bakterien aus dem
eigenen Darm in andere Körperbereiche, kann es zu Infektionen kommen: Eine falsche
Toilettenhygiene etwa kann insbesondere bei Frauen eine Harnwegsinfektion auslösen.
*Hinweis: detaillierte Informationen dazu finden Sie im nächsten Kapitel «Harnwegsinfektionen»!

Bestimmte E.-coli-Stämme produzieren zudem Toxine, die beim Menschen zu Durchfallerkran-


kungen führen, wenn sie oral (z. B.  durch fäkal kontaminierte Nahrung) aufgenommen
werden.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Bakterien 53
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Lehrkraftausgabe

Bakterien

In der Trinkwasser- und Lebensmittelkontrolle dient die Anzahl von E.-coli-Bakterien als
Hinweis auf fäkale Verunreinigungen. Man spricht bei Escherichia coli deshalb auch von einem
Indikatorkeim.

Salmonella enteritidis
Salmonellen sind gramnegative Stäbchen und gehören zu den obligat pathogenen Enterobak-
terien. Somit kommt es bei einer Infektion mit Salmonella enteritidis immer zu einer
Erkrankung - im Gegensatz zu manchen E. coli-Arten. Eine Ansteckung mit der Bakterienart
Salmonella enteritidis führt zu einer Infektion des Dünndarms. In der medizinischen Termino-
logie spricht man von einer Salmonellen-Gastroenteritis. Diese äussert sich durch einen
M
plötzlich einsetzenden Brech-Durchfall, oft begleitet mit leichtem Fieber. Meist halten die
Symptome mehrere Tage lang an. Mehr Beschwerden zeigen Patient, welche sich mit Salmo-
nella typhi (Typhus) oder Salmonella paratyphi (Paratyphus) anstecken. Der Beginn der
Krankheit ist schleichend: mit Fieber, Kopf-, Glieder- und Bauchschmerzen, Mattigkeit,
Verstopfung sowie Gewichtsabnahme. In den ersten drei Wochen steigt das Fieber, in der
vierten Woche erreicht die Körpertemperatur wieder den normalen Wert. Typisch für diese
U
Salmonellen-Erkrankungen sind ausserdem folgende Anzeichen:

• Gelb-grau belegte Zunge


• Bradykardie (Langsamer Herzschlag)
S
• Geschwollene Milz
• Hautausschlag auf dem Bauch (Roseolen)
• Erbsenbreiartiger Stuhl und Verstopfung im Wechsel
T
Abwehrstarke Menschen können sich auch unbemerkt mit Salmonellen anstecken. Sie bleiben
dann entweder beschwerdefrei oder verspüren nur leichte Symptome wie geringe Verdauungs-
probleme. Man spricht in diesem Fall von einer stillen Infektion.
E
Staphylokokkus aureus
Besonders häufig findet man diese grampositiven Kokken auf eiweissreichen Nahrungsmitteln
wie Milchprodukte, Speiseeis, Konditoreiwaren.
R
Die Symptome bei einer oralen «Vergiftung» mit Staphylokokkus aureus sind ähnlich der einer
Salmonellenvergiftung. In der Regel brechen die Krankheitssymptome nach Genuss von
kontaminierten Nahrungsmitteln, nach ca. 3 - 6 Stunden aus, schneller als bei einer Salmo-
nellenansteckung. Normalerweise tritt im Gegensatz zur Salmonellenvergiftung auch kein
Fieber auf. Die Beschwerden klingen auch rascher als bei einer Salmonellenvergiftung wieder
ab. Normalerweis 3 - 5 Stunden nach Symptomausbruch, spätestens nach einem Tag.

Clostridium botulinum
Clostridium botulinum ist ein anärobes, grampositives, sporenbildendes Bakterium, das ein
starkes Neurotoxin, das Botulinumtoxin, produziert.

54 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Die Lebensmittelvergiftungen durch Clostridium botulinum Bakterien sind die seltensten aber
tödlichsten. Das Bakterium selbst kann nur unter Luftabschluss (anärob) existieren. Clostri-
dium botulinum ist wie Clostridium tetani ein so genanntes Bodenbakterium. Der Erreger
kommt in einer Vielzahl von Typen und Stämmen vor. Die Sporen von Clostridium botulinum
sind sehr widerstandsfähig und hitzebeständig. Sie können daher in unzureichend erhitzten
Lebensmitteln überleben – vor allem in Konserven. Eine Reaktivierung der Sporen ist auch
nach Jahrzehnten noch möglich. Heutzutage ist es bei gekauften Lebensmitteln normaler-
weise nicht mehr zu finden. Da Konserven ausreichend sterilisiert werden, so dass eventuell
vorhandene Sporen des Bakteriums abgetötet werden.
M
Die vom Clostridium botulinum ausgeschiedenen Toxine = Neurotoxine (auch bekannt als
Botox = BTX-A ) gehören zu den potentesten aller bekannten Toxinen.
Bei der oralen Aufnahme von Clostridium botulinum aus kontaminierter Konserven kann zu
einer schweren Nahrungsmittelvergiftung, dem so genannten Botulismus kommen. Dabei
zeigen sich die gleichen tödlichen Symptome wie bei einer Tetanus-Erkrankung.
U
Helicobacter pylori
Helicobacter pylori ist ein gramnegatives, begeisseltes Stäbchenbakterium, welches den
menschlichen Magen besiedelt. Erworben wird das Bakterium meist im Kindesalter durch eine
oral—oral oder fäkal–orale Infektion. Europaweit sind ca. 40 % der Bevölkerung mit dem
S
Bakterium infiziert, aber nicht jeder der befallenen erkrankt daran und hat Beschwerden!

Das Bakterium bildet zum Schutz vor der aggressiven Magensäure ein Enzym (Urease),
welches den Harnstoff in ein basisches Ammoniak umwandelt. Dadurch wird das saure Magen-
T
Milieu neutralisiert und der Keim kann überleben. Das Ammoniak, und weitere vom Bakterium
gebildete Toxine, schädigen die Magenschleimhaut und können eine Gastritis (Magen-
schleimhautentzündung) hervorrufen.
E
Wegen den Entzündungsprozessen produzieren die Magen-Schleimhautzellen vermehrt
Magensäure, was schlussendlich zu einem Ulcus (Magengeschwür) führen kann. Die überpro-
duziere Magensäure kann ebenfalls die Schleimhaut des Zwölffingerdarmes angreifen und dort
ein Geschwür hervorrufen. Eine chronische Schädigung der Magenschleimhaut kann im
R
schlimmsten Fall zu einem Magenkarzinom führen.

Nicht jede Infektion mit dem H. pylori ruft jedoch Beschwerden hervor!
Im akuten Stadium finden sich typische Magen-Darm-Beschwerden wie: Übelkeit, Erbrechen
und Schmerzen in der Magengegend.

Diagnostisch lässt sich eine Infektion nachweisen durch:


• Einen Bluttest
• Einen Stuhltest
• Einen Atemtest
• Eine Endoskopie mit Biopsie

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Bakterien 55
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Lehrkraftausgabe

Bakterien

Bei einer akuten Magenschleimhautentzündung wird der Patient mit der sogenannten Eradi-
kationstherapie (auch Tripeltherapie genannt) behandelt. Sie setzt sich zusammen aus zwei
Antibiotika und einem Protonenpumpenhemmer.

Borrelia burgdorferi
Borrelien burgdorferi sind begeisselte, schraubenförmige (Spirochäten) und gramnegative
Bakterien. Sie werden durch einen Zeckenstich auf den Menschen übertragen und führen zur
Lyme-Borreliose. Eine Erkrankung äussert sich oft, aber nicht zwingend, durch einen lokalen
Hautausschlag um die Einstichstelle (sogenanntes Erythema migrans oder auch Wanderröte).
Der Ausschlag dehnt sich wären Tagen bis Wochen ring- oder flächenförmig aus und
M
verschwindet von alleine wieder. Was aber nicht bedeutet, dass der Patient geheilt ist!

Wird die Borreliose nicht behandelt, können die Erreger Gewebe oder Organe wie: Gelenke,
Nerven, Hirnhäute, Herz, Augen oder Haut befallen. Was sich nach Monaten durch grippeähn-
liche Symptome bemerkbar machen kann. Nach weiteren Monaten oder Jahren kann sich eine
Lyme-Arthritis einstellen. Hierbei handelt es sich um eine schubweise oder chronisch
U
verlaufende Gelenksentzündung.

Eine Diagnose kann mittels eines klinischen Krankheitsbildes (Hautausschlag) oder laborche-
misch gesichert werden.
S
Zur Behandlung wird eine Antibiotika-Therapie eingesetzt. Mit der Therapie sollte so schnell
als möglich begonnen werden, damit sich die Erreger nicht auf andere Organe ausbreiten
können.
T
Gegen die Lyme-Borreliose steht kein Impfstoff zur Verfügung!
Prophylaxe: Beim Aufenthalt im Wald, in Parkanlagen oder Gärten sollten möglichst
geschlossene Schuhe sowie lange, glatte und helle Hosen getragen werden. Zur Vorbeugung
eines Stiches sind im Handel Sprays erhältlich, welche Zecken fernhalten. Nach dem Besuch
E
eines Risikogebietes wird der Körper auf einen möglichen Zeckenbefall untersucht und
gegebenen Falls die Zecke schnellstmöglich entfernt.

Harnwegsinfektionen = HWI
R
Blasenentzündung
Schuld an einer akuten Zystitis sind Bakterien, welche die sterile Blase besiedeln. Meist ist
das gramnegative, stäbchenförmige, uropathogene Bakterium Escherichia coli Verursacher des
Infektes. In der Regel handelt es sich um einen Infekt der über die Harnröhre erfolgt. Man
spricht in diesem Fall von einer aufsteigenden Infektion.

Zu den Risikofaktoren, die zu einem HWI führen können, gehören: die genetische Veranla-
gung, Geschlechtsverkehr, eine verzögerte Blasenentleerung nach dem Geschlechtsverkehr,
seltene (wenige) Blasenentleerungen durch den Tag, die Verwendung von Diaphragmen resp.

56 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Infektionskrankheit

Spermiziden oder Katheter sowie anatomische Besonderheiten respektive Grundkrankheiten


wie: Immunschwäche, Diabetes mellitus, Harnsteine, Östrogenmangel oder Schwangerschaft.
Bei Frauen zählen akute, «unkomplizierte» Blasenentzündungen zu den häufigsten Infekti-
onskrankheiten. Als «unkompliziert» respektive «einfach» werden Blasenentzündungen
bezeichnet, wenn der Harntrakt funktionell und strukturell normal ist und keine Grundkrank-
heiten vorliegen, welche die Infektion begünstigen.

Bei einer akuten Zystitis kommt es zu Symptomen wie:


• Häufige, schmerzhafte und erschwerte Harnentleerung
• Starker Harndrang
M
• Unterbauchschmerzen: Schmerzen oberhalb des Schambeins
• Trüber, übelriechender, evtl. blutiger Urin

Im Urin sind Bakterien und Leukozyten nachweisbar. Meist verläuft eine «einfache» Zystitis
ohne Fieber und ohne Beeinträchtigung des Allgemeinzustandes. In diesem Fall wird
U
empfohlen, viel Flüssigkeit zu sich zu nehmen (mindestens 2 Liter täglich), um die Wasser-
ausscheidung zu erhöhen und so die Bakterien auszuwaschen. Die Infektion heilt so inner-
halb von Tagen bis Wochen auch spontan ohne Behandlung ab. Etwa 20 % der Frauen, die
einmal eine Blasenentzündung hatten, können innert einiger Monate wieder an einer
erkranken.
S
Vorsicht: Gilt nicht für Patienten mit Herzschwäche - grosse Trinkmengen können bei ihnen
Atemnot auslösen.
T
Steigt der Infekt weiter auf, das heisst, die Bakterien gelangen über die Harnleiter ins
Nierenbecken, kommt es zu einer Pyelonephritis (Nierenbeckenentzündung).
Eine Nierenbeckenentzündung kann unterschiedlich verlaufen. Klassische Anzeichen für eine
unkomplizierte akute Pyelonephritis sind:
E
• Plötzliches schweres Krankheitsgefühl
• Appetitlosigkeit
• Fieber mit evtl. Schüttelfrost
R
• Schmerzen in der Nierengegend (Flanken) einseitig oder beidseitig
• Starker Harndrang
• Häufige, schmerzhafte und erschwerte Harnentleerung

Die chronische Pyelonephritis verläuft schubweise und über eine lange Zeit ohne Symptome
verlaufen. Nach einiger Zeit ist jedoch bei einer chronischen Nierenbeckenentzündung die
Nierenfunktion beeinträchtigt, was im Extremfall bis hin zur Niereninsuffizienz reichen kann.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Bakterien 57
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Bakterien

Möglichen Anzeichen für eine chronische Pyelonephritis sind:

• Stark reduzierter Allgemeinzustand


• Rückenschmerzen
• Magen-Darm-Beschwerden
• Gewichtsabnahme
• Anämie
• Bluthochdruck
M
Infektionen der oberen Luftwege (Respirationssystems)

Streptococcus pyogenes
Das grampositive Bakterium Streptococcus pyogenes (A-Streptokokken*) wird vor allem durch
Tröpfcheninfektion oder Schmierinfektion übertragen.
A-Streptokokken sind häufig als Bestandteil der Rachenschleimhaut zu finden, ohne dass sie
U
zwangsläufig zu Erkrankungen führen müssen: Gemäss Schätzungen sind circa 10 bis 20
Prozent aller Kinder Keimträger. Sie tragen das Streptococcus pyogenes als Teil ihrer Haut- und
Schleimhautflora und können die Erreger übertragen, ohne dass bei ihnen selbst zur Erkran-
kung kommt.
S
* Als A-Streptokokken bezeichnet man grampositive, unbewegliche Kettenkokken, die anaerob wachsen.

A-Streptokokken können durch verletzte Haut und Schleimhaut in den Körper eintreten. Nach
einer Inkubationszeit von etwa ein bis drei Tagen können verschiedene Krankheiten
auftreten:
T
• Hautinfektionen
• Rachenentzündung (Pharyngitis)
• Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis)
• Mittelohrentzündung (Otitis media)
E
• Mandelentzündung (Tonsillitis)
• Scharlach
• Blutvergiftung (Sepsis)

Bordetella pertussis
R
Keuchhusten (Pertussis) ist eine hochansteckende und zum Teil tödlich endende Infektions-
krankheit der Atemwege. Verursacht wird der Keuchhusten von Bakterien der Gattung
Bordetella pertussis. Die gramnegativen Stäbchen werden über die Luft übertragen (Tröpf-
cheninfektion) und gelangen so auf die Schleimhäute des Rachens und der Bronchien.
Die Inkubationszeit beträgt eine bis drei Wochen. Die Krankheit selbst kann Wochen bis
Monate andauern. Neugeborene und Säuglinge sind besonders gefährdet. Mädchen werden
häufiger befallen, als Jungen. Die meisten Todesfälle, die auf den Keuchhusten zurückgehen,
betreffen Erkrankungen im ersten Lebensjahr.
Eine überstandene Erkrankung führt nicht zu einer lebenslangen Immunität. Sie kann jedoch
zwischen 10 bis 20 Jahre anhalten. Daher erkranken Kinder häufiger an Keuchhusten.

58 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Infektionskrankheit

Charakteristisch für eine Pertussis-Infektion sind die typischen Hustenanfälle. Die Erkran-
kung beginnt jedoch meist untypisch mit Niesen, Schnupfen und Heiserkeit. Zudem können
leichtes Fieber und eine Rötung der Bindehäute auftreten. Dieses Stadium wird Stadium
catarrhale genannt und dauert etwa 1 bis 2 Wochen an.
Erst nach 2 Wochen treten die typischen Hustenanfälle auf. An das Stadium catarrhale
schliesst sich das Stadium convulsivum an. Die Hustenattachen äussert sich in 15 bis 20
heftigen «stakkatoartigen» Hustenstössen und schliessen mit einem hörbaren keuchenden
Einatmen ab. Die Hustenanfälle wiederholen sich, bis ein zäher glasiger Schleim herausge-
würgt wird. Nicht selten kann es dabei auch zu Erbrechen kommen.
Atemnot bis hin zu Erstickungsanfällen lösen grosse Angst aus.
M
Beachtet werden sollte, dass bei älteren Kindern, und auch bei Erwachsenen Infektionen mit
den verwandten Bakterium Bordetella parapertussis oder Bordetella bronchiseptica
vorkommen. Die Infektionen verlaufen ähnlich. Die Symptome sind aber nicht so schwer. Oft
zeigt sich auch nicht das typische Krankheitsbild, sondern ein chronischer Husten.
U
Pneumokokken
Pneumokokken Streptococcus pneumoniae sind grampositive Bakterien, besiedeln den Nasen-
Rachen-Raum und können verschiedene Erkrankungen verursachen. Dazu gehören Otitis
media (Mittelohrentzündung), Pneumonie (Lungenentzündung), Sepsis (Blutvergiftung) und
S
Meningitis (Hirnhautentzündung).
Die Übertragung von Mensch zu Mensch verläuft über Tröpfcheninfektion. Zum Ausbruch der
Krankheit kann es, teilweise auch lange nach der eigentlichen Ansteckung, kommen, wenn
die Immunabwehr vermindert ist.
T
In der Schweiz kommt es pro Jahr zu etwa 1000 schweren Pneumokokken-Erkrankungen,
meist Lungenentzündungen, seltener Blutvergiftungen oder Hirnhautentzündungen. Sie
treten in den Wintermonaten häufiger auf als im Sommer. Hauptsächlich betroffen sind
Kinder unter zwei Jahren, bei denen ein Pneumokokken-Infekt die häufigste Ursache für eine
E
akute bakterielle Hirnhautentzündungen darstellt sowie Personen über 65 Jahren. Insgesamt
sterben jährlich gegen 100 Erkrankte, von denen rund 80 % über 65 Jahren alt sind.
Zur Vorbeugung gegen schwere Pneumokokken-Erkrankungen steht eine Impfung zur Verfü-
gung. Sie wird Risikopersonen z. B.  nach Splenektomie (operative Entfernung der Milz), mit
R
Immunschwäche, mit chronischer Herz-, Lungen- oder Nierenerkrankung, mit Leberzirrhose,
mit Innenohrimplantat etc. und, als ergänzende Impfung, allen gesunden Kindern unter fünf
Jahren empfohlen.
*Hinweis für Interessierte: Mehr Information zur Pneumokokken-Infektion finden Sie über diese Homepage!
http://www.bag.admin.ch/themen/medizin/00682/00684/01097/?lang=de

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Bakterien 59
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Lehrkraftausgabe

Viren

2.5 Viren

HI-Virus Epstein Barr Virus Influenza Virus Hepatits Virus


M
1883 setzte der deutsche Forscher Adolf Mayer den Grundstein für die Entdeckung der Viren. Adolf Mayer
untersuchte eine Krankheit an der Tabakpflanze. Er vermutete, dass Bakterien das Leiden der Pflanzen
verursachten.

1935 gelang es dem US-Amerikaner Wendell M. Stanley nach mehr als 50 Jahren weltweiter, anstren-
U
gender Suche, das infektiöse Partikel, das Tabakmosaikvirus, zu isolieren.

1898 beschrieben die beiden deutschen Wissenschaftler Friedrich Loeffler (Mediziner, Hygieniker und
Bakteriologe) und Paul Frosch (Bakteriologe und Virologe) als Erste einen Virus, den Erreger der Maul-
und Klauenseuche.
S
Ob Aids, Sars oder Schweinegrippe – Viruskrankheiten machen den Menschen Angst.
Viren sind darauf programmiert, ihr Erbgut in Zellen von Mensch, Tier, Pflanzen oder Bakte-
rien einzuschleusen, damit sie sich vermehren können. Kann das Lebewesen (der Körper) die
T
Eindringlinge abwehren, suchen sich die Viren einen neuen Wirt. Viren mutieren und verän-
dern sich stetig. Lebewesen können darauf reagieren, indem sie neue Abwehrmechanismen
entwickeln – die Viren jedoch werden immer einen Schritt voraus sein!
*Hinweis für Interessierte: Mehr Information zu den Viren finden Sie über diese Homepage!
E
https://www.planet-wissen.de/natur_technik/mikroorganismen/viren/index.jsp

Definition Viren / das Virus


R
Definition Viren /
das Virus
Viren (lat. Gift, Schleim, Gestank) sind Zellparasiten die einfach aufgebaut sind. Sie bestehen
aus einem Genom, welches je nach Virustyp aus einer doppelsträngigen oder einer einzel-
strängigen Nukleinsäure in Form von DNA oder RNA besteht und mit einem Mantel aus
verschiedenen Proteinen, einem Kapsid umhüllt sind. Manche Viren besitzen zusätzlich noch
eine Hülle aus einer Lipiddoppelmembran.

Viren besitzen keinen eigenen Stoffwechsel. Daher ist umstritten, ob Viren zu den Lebewesen
zählen. Gemäss Definition können Lebewesen ohne fremde Hilfe überleben und fruchtbare
Nachkommen zeugen. Viren müssen Zellen befallen, ansonsten können sie sich nicht
vermehren. Viren sind somit auf die Lebensenergie anderer angewiesen.

60 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Aufgabe 2.5.1
a) Beschriften Sie den Aufbau eines Virus.
b) Wie funktionieren Viren? Schauen Sie sich dazu das Video auf oben genannter Home-
page an.
M
U
S
T
Grösse
E
Viren sind zwischen 10 bis 350 nm (Nanometer) klein.
Viren sind somit kleiner als die kleinsten zellulären Mikroorganismen, das bedeute, dass
Bakterien ca. 100-mal grösser als Viren sind.
Als Vergleich: Zu den grössten Vieren zählen die Pockenviren (Poxviridae), sie können bei
R
ihrer rechteckigen bis ovalen Form eine Größe von 200 bis 400 nm erreiche. Die Bakterio-
phagen befallen mit ihrer Grösse von ca. 200 nm sogar Bakterienzellen und die kleinsten
Viren, das Parvovirus, befällt Erythrozyten (Durchmesser: etwa 7,5 μm) von Menschen,
Säugetieren und Vögeln.

Lebensraum Lebensraum
Als Virion (Plural Viria, Virionen oder Virions) oder selten auch Viron wird ein einzelnes
Viruspartikel bezeichnet, das sich ausserhalb einer Zelle befindet.
Viren findet man beim Tier genauso wie beim Menschen. Auch Pflanzen, Pilze, Algen,
Parasiten, Bakterien*, überhaupt alle Arten von Lebewesen, lassen sich von Viren infizieren.
Ein davon ausgehende Krankheit ist dabei eher die Ausnahme. Manche Viren sind ständige
Begleiter ihrer Wirtsorganismen und bleiben dabei meist unbemerkt. Das friedliche Zusam-

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Viren 61
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Viren

menleben kann jedoch durch ein zweitweises Ungleichgewicht zwischen den vorhandenen
Viren und den Abwehrkräften des infizierten Organismus aus dem Gleichgewicht geraten.

Wie lange ein Virus ausserhalb seines Wirts, z. B.  auf Oberflächen überleben kann, hängt von
der Virus-Art, der Temperatur und der Luftfeuchte ab. Erkältungsviren beispielsweise bleiben
auf glatten Oberflächen bis zu zwei Tage ansteckend. Das Norovirus hat eine extreme Wider-
standskraft. Auf einem Teppich konnten Noroviren nachgewiesener Massen zwölf Tage über-
leben und zudem halten sie mühelos Temperaturen zwischen minus 20° und plus 60° C aus.

*Bakteriophagen, auch Phagen genannt, sind Viren, die sich ausschliesslich in Bakterien
M
vermehren können.

Vermehrung Vermehrung
Damit eine Infektion beginnen kann, muss das Virus auf eine Zelle treffen, die:
1. empfänglich ist = das Eindringen des Virus erlaubt und
2. permissiv ist = die Virusvermehrung unterstützt
U
Ziel eines Virus ist es, seine Erbinformation in die Wirtszelle zu übertragen und diese dazu zu
bringen, die eingeschleuste Erbinformation zu übernehmen und zu kopieren.
Ist also eine Körperzelle infiziert und das Erbgut durch das Virus verändert, fängt die Wirt-
S
zelle mit der Produktion vieler neuer Viren an. Diese verlassen die Wirtszelle auf verschie-
denen Wegen, um an einer anderen Zelle anzudoggen, um sich so weiter zu vermehren. Auch
der befallene Organismus wird verlassen, um Wirtszellen anderer Individuen zu infizieren.
T
Unterlaufen den Körperzellen während der Virenproduktion «Fehler», dann können Viren
entstehen, die eine andere Oberflächenstruktur besitzen, als die ihrer Vorgänger. Man spricht
in diesem Fall von Mutationen. Manche Fehler stellen für die Virusvermehrung einen Nachteil
dar und die mutierten Viren können sich in der Viruspopulation nicht weiter halten. Manche
E
sind neutral und der Zufall entscheidet, ob sie bestehen bleiben. Einige Mutationen sind
sogar von Vorteil, weil sie das Virus besser an den Wirt anpassen.

Eine Virusinfektion lässt sich in sechs Phasen unterscheiden:


1. Adsorption, das Anheften des Virus an passende Proteine auf der Zelloberfläche der
R
Wirtszelle.
2. Penetration, das Eindringen des Virus durch die Zellmembran hindurch.
3. Uncoating, die Befreiung des Virus-Genoms von der schützenden Hülle und dem
Capsid.
4. Biosynthese, Ausführung der Instruktionen des Virus-Genoms durch die Wirtszelle,
damit neue Virusproteine und neue Virus-Genome entstehen.
5. Zusammenbau, das selbsttätige Zusammenfügen der Virusbestandteile zu neuen
Viruspartikeln.
6. Freisetzung, durch:
• Lyse = Auflösung der Zelle oder
• Knospung = das Ausschleusen von Viruspartikeln ohne Zellzerstörung

62 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Aus einem einzigen Viruspartikel können so in einem Zyklus von etwa 12 Stunden Tausende
von Nachkommen-Viren produziert werden.

Um die Gefahr einer Pandemie zu verringern, sind heute viele Viruskrankheiten melde-
pflichtig. Breitet sich eine Infektion seuchenartig aus, greifen die Schutzmechanismen
staatlicher Einrichtungen, die infizierte Person (Name, Vorname, Geburtsdatum, Wohnort)
muss beim Kantonsarzt oder beim Gesundheitsdepartement gemeldet werden.

Aufgabe 2.5.2
M
Beschriften Sie den Kreislauf: vom Viren-Befall über die Reproduktion bis hin zur Freisetzung
der neuen Viren.
U
S
T
E
R

Virenattacken versetzen Körper in Alarmbereitschaft, das körpereigene Abwehrsystem wird


aktiv. Hat der Körper die Infektion überstanden, ist er künftig immun gegen diese Art von
Viren: Seine Abwehr hat Gedächtniszellen gebildet, die den Feind fortan wiedererkennen. Aus
diesem Grund erkrankt ein Mensch nur einmal in seinem Leben an Krankheiten wie Mumps

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Lehrkraftausgabe

Viren

und Masern. Die Medizin nutzt diesen Mechanismus, in Form von Impfungen: Wird einem
Patienten ein Impfstoff mit abgeschwächte Viren injiziert, kann dieser so die eigenen
Abwehrkräfte entwickeln, ohne dass die Krankheit ausbricht = aktive Immunisierung. Infi-
ziert sich der Geimpfte später mit dem richtigen Erreger, kann das Immunsystem unmittelbar
reagieren.

Aussehen / Aussehen / Differenzierung


Differenzierung Die genetische Information hat somit eine von zwei möglichen Formen und deshalb kann
man die Viren in
• DNA-Viren und
M
• RNA-Viren
einteilen.

Diese DNA- respektive RNA-Moleküle sind geschützt durch eine Proteinhülle. Wobei hier
zwischen den
• Viren mit einer doppelten Hülle (Lipidhülle und Kapsid) = behüllte Viren und
U
• Viren mit einer einfachen Hülle (Kapsid) = unbehüllte Viren unterschieden wird.
S
T
E
R
Behüllte Viren
Die Lipidhülle der «behüllten» Viren stammt von der Wirtszelle in die je nach Virus soge-
nannte Spikes eingebettet sind. Diese Hülle spielt einerseits eine grosse Rolle für die
Beständigkeit des Virus gegenüber Umwelteinflüssen und andererseits wird durch diese die
Entdeckung des Virus durch das Immunsystem erschwert.
Behüllte Viren rufen vorwiegend chronische oder latente (unsichtbare / unerkannte) Infekti-
onskrankheiten hervor wie z. B.  AIDS, chronische Hepatitis B, C, D oder Herpes. Diese Art
Viren sind jedoch labil (anfällig / schwach) und durch austrocknen oder chemische Subs-
tanzen wie z. B.  Seife leicht zerstörbar. Deshalb werden umhüllte Viren meist durch Tröpf-
cheninfektion übertragen. Manche Viren können über diesen Weg eine zyklische Allgemein-

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Infektionskrankheit

infektion erzeugen. Zum Beispiel Kinderkrankheiten wie: Masern, Mumps, Röteln, Drei-Tage-
Fieber, Windpocken.

Unbehüllte Viren
Bei «unbehüllten» Viren bildet das Kapsid die äusserste Schicht des Virus und ist damit für
die Anheftung und das Eindringen in die Wirtszelle verantwortlich.
Hüllenlose Viren sind sehr umweltstabil und resistent sowohl vor Austrocknung als auch
gegenüber Desinfektionsmittel. Hüllenlose Viren werden deshalb leicht per Kontaktinfektion
bzw. Schmierinfektion übertragen und infizieren den Darm. Durch unbehüllte Viren verur-
sachte Infektionskrankheiten bleiben nicht chronisch.
M
Das Kapsid eines Virus kann entweder die Form
• eines Stäbchens (=helikale Form) z. B.  Tabakmosaikvirus oder
• die Form des Ikosaeders (20-Flächer) z. B.  Herpes Virus oder Bakteriophage
besitzen.
U
S
T
Retroviren:
Retroviren sind behüllte Viren, welche nur ein einstrangiges RNA-Genom haben. Wenn ein
E
Retrovirus die Wirtzelle befällt, schreibt das Virus mit Hilfe eines Enzyms seine RNA in DNA-
Stränge um. Somit passt es sein Genom dem der Wirtszelle an. Die neu entstandene Viren-
DNA wird anschliessend in das Genom der Wirtszelle eingebaut. Das Virus hat die DNA der
Wirtszelle so verändert, dass diese neue Retroviren produziert. Die veränderte Wirts-DNA wird
R
bei der Zellteilung an die Tochterzelle weitergegeben. Zu den humanpathogenen Retroviren
zählt z. B.  das HI-Virus.

Die starke Mutationsfreudigkeit der Retroviren erschwert die Therapiemöglichkeiten.

Gutartige Viren Gutartige Viren

Zu Unrecht assoziieren wir das Wort «Virus» mit Negativem, Bösem, mit Krankheiten. Viren
können auch von Nutzen sein, etwa bei der Therapie von Krebspatienten oder Fische in der
Fischzucht respektive in der Meeresbiologie. Manche Viren befallen jene Bakterien, die etwa
Hummer besiedeln. Werden die Hummer mit den entsprechenden Viren geimpft, müssen die
Zuchttiere nicht mehr mit Antibiotika behandelt werden, die verabreichten Viren töten die
unerwünschten Bakterien ab. Andere Meeresviren schützen vor einer Algenplage.

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Viren

Pathogene Viren
Da Viren keinen eigenen Stoffwechsel und auch keine Zellwand besitzen, sind Antibiotika bei
der Therapie von viralen Infekten machtlos. Somit beschränkt sich die Behandlung oftmals
auf eine Therapie, die zwar nicht die Viren selbst bekämpft, aber die Symptome der Krankheit
lindert. Den Rest muss die körpereigene Abwehr dann allein erledigen.

Behandlungsmöglichkeit
Virostatika Allerdings gibt es Mittel, die Viren in ihrer Vermehrung hemmen. Virostatika sind Medika-
mente, die mit unterschiedlichen Mechanismen die Vermehrung von Viren hemmen. Virosta-
M
tika haben unterschiedliche Angriffspunkte in den Vermehrungsstadien eines Virus. Manche
Medikamente verhindern das Andocken oder das Eindringen des Virus in die Wirtszelle.
Andere wiederum stören die Herstellung und Zusammensetzung des Erbguts oder der Hülle.
Virostatika werden auf Grund ihrer Nebenwirkungen nur dann eingesetzt, wenn das mensch-
liche Immunsystem nicht in der Lage ist, den Virus alleine zu bekämpfen. Da die meisten
Viren mutieren können, kann es zu einer Resistenz der Viren gegenüber dem Virostatikum
U
kommen. Eine Ausnahme sind Medikamente, welche lokal, auf der Haut zur Anwendung
kommen, (wie z. B.  bei «Fieberbläschen».
Leider ist das Medikament, das nur Viren und nicht körpereigene Zellen abtötet, noch nicht
«erfunden» worden.
S
Prophylaxe Viralen Infekten vorbeugen – allgemeine Prophylaxe

Die allgemeinen prophylaktischen Massnahmen sind bereits im Kapitel der Bakterien


T
beschrieben!
1. Beachten eines guten Allgemeinzustandes (AZ) durch gesunde Lebensführung
2. Im Alltag die allgemein bekannte Hygienemassnahmen beachten und konse-
quent anwenden
E
3. Im Arbeitsalltag die Hygienevorschriften beachten und konsequent umsetzen

Viralen Infekten vorbeugen – Impfschutz


Mit Schutzimpfungen können virale Erkrankungen vermieden oder zumindest den Krankheits-
R
verlauf deutlich abgemildert werden. Ein Impfstoff enthält entweder abgeschwächte Krank-
heitserreger = aktive Immunisierung oder nur harmlose Teile des Erregers = passive Immuni-
sierung. Bei beiden Impfarten erkennt das Immunsystem die fremden Strukturen und bildet
Antikörper dagegen. Wenn nach der Impfung die gleiche Erregerart in den Körper gelangt,
kann der Eindringling in der Regel schnell unschädlich gemacht werden.

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Infektionskrankheit

Vorsicht!
Die hier aufgeführten prophylaktischen Massnahmen zu den Noroviren, gelten genauso für
die, im selben Ausmass hoch ansteckenden, Rotaviren und Adenoviren!
Besondere Vorsichtsmassnahmen sind im Umgang mit Norovirus-infizierten Patienten zu
treffen.
Schon die unglaublich winzige Zahl von zehn bis 100 Erregern reicht, um einem Menschen
infizieren. Wer sich die Viren einfängt, wird binnen zwölf bis 18 Stunden krank und kann,
wenn er selbst längst wieder gesund ist, noch wochenlang Erreger ausscheiden.
M
Am grössten ist die Ansteckungsgefahr, wenn ein Familienmitglied am Norovirus erkrankt.
Kann der Betroffene für sich allein sorgen, sollten seine Angehörigen den Kontakt mit ihm
meiden. Nach Möglichkeit sollten ihm ein eigenes Bad und Zimmer zugestanden werden.
Kommt die erkrankte Person, beispielsweise ein Kind, nicht allein zurecht, sollte nur ein
Familienmitglied seine Betreuung übernehmen und bei der Pfleg Mundschutz und Hand-
U
schuhe tragen. Das Risiko einer Ansteckung kann dadurch gesenkt werden. Wer den
Kranken pflegt sollte nicht zugleich das Essen für die Familie zubereiten. Die Gefahr, dass
winzige Erregermengen in die Speisen gelangen, ist sehr gross.
Kinder oder betagte Familienmitglieder sollten die erkrankte Person nicht besuchen. Sie
stecken sich besonders leicht an und eine Infektion kann für sie schwerwiegende Folgen
S
haben.
Wer selbst erkrankt ist oder einen Erkrankten versorgt, sollte seine Hände regelmässig
gründlich mit Seife waschen. Man sollte sich dabei ruhig Zeit nehmen. Ratsam ist, die
Hände mit Wegwerftüchern zu trocknen oder für jedes Familienmitglied ein eigenes
T
Händehandtuch bereit legen.
Alles, womit der Kranke oder seine Ausscheidungen in Berührung gekommen sind, muss
gründlich gereinigt werden. Dabei sollten Gummihandschuhe getragen und Wegwerftücher
verwendet werden. Auch Türklinken, Wasserhähne und Lichtschalter müssen einer gründli-
E
chen Reinigung unterzogen werden. Zur Reinigung reichen die im Handel erhältlichen
Putzmittel völlig aus, Desinfektionsmittel sind im Privathaushalt nicht unbedingt nötig.
Wer sie dennoch verwenden möchte, sollte darauf achten, dass sie auch speziell gegen
Viren wirken.
R
Noroviren können Temperaturen bis 60 Grad überstehen. Damit ist der 60-Grad-Waschgang
nicht hundertprozentig sicher, zumal längst nicht jede Waschmaschine diese Temperatur
tatsächlich erreicht. Sicherer ist, den Kochwaschgang zu benützen. Ist dies nicht möglich,
sollte die Wäsche des Erkrankten getrennt von anderen Textilien bei 60 Grad gewaschen
werden.

Achtung:
Achtung: Desinfektionsmittel sind kein Ersatz für das Händewaschen!
Forscher haben gezeigt, dass Wasser und Seife ein wirksamerer Schutz gegen Noroviren
sind, als die Desinfektion.

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Viren

Pathogene Viren: Typen und Folgeerkrankungen

Aufgabe 2.5.3
a) Lesen und bearbeiten Sie den nachfolgenden Text
b) Fassen Sie die hier beschriebenen Virentypen tabellarisch zusammen. Sie finden hierzu
eine entsprechende Word-Vorlage auf www.mympa.ch
c) Ergänzen Sie Ihr Tabelle mit Bildern. Fügen Sie möglichst zu jedem Virus ein entspre-
chendes Bild ein.
M
Beispiel

Viraler Erreger Lokalisation, Über- Erkrankungen Bild


tragung Beispiel
Noroviren Magen-Darm-Trakt Magen-Darm-Erkran-
Sie werden von kung mit starken
Person zu Person, Durchfällen und
U
über die Luft, konta- schwallartigem,
minierte Gegen- heftigem Erbrechen.
stände, Wasser und
Nahrungsmittel über-
tragen.
S
Folgende Bakterien-Typen sind beschrieben:
Ziel: Sie wissen für welche Erkrankung(en) das entsprechende Virus verantwortlich ist.

• Noroviren
T
• Rotaviren
• Rhinoviren,
• Coronaviren,
>> SARS-assoziierte-Coronaviren
E
• Adenoviren,
• Enteroviren
>> Polioviren
>> Coxsackie-Viren
R
• Influenza
• FSME-Virus
• HI-Virus

Magen-Darminfektionen
Meist verursacht durch eine Schmierinfektion befallen die Viren den Magen-Darm-Trakt. Als
Gastroenteritis (Magendarmentzündung) wird die Entzündung der Schleimhäute des Magens
und des Dünndarms bezeichnet, die üblicherweise mit Brechdurchfall einhergeht.
Sehr häufig sind bei Erwachsenen Noroviren und bei Kindern Rotaviren die Ursache einer
Magen-Darm-Grippe.

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Infektionskrankheit

Noroviren
Noroviren sind RNA-Viren. Erstmals wurden sie 1972 entdeckt. Die Viren sind weit verbreitet
und schuld an einem Grossteil von akuten Magen-Darm-Infektionen bei Kindern 30 % und bis
zu 50 % bei Erwachsenen. Sie werden von Person zu Person, über die Luft, kontaminierte
Gegenstände, Wasser und Nahrungsmittel übertragen. Deshalb kommt es oft zu Epidemien in
Gemeinschaftseinrichtungen wie Heimen und Spitälern.

Noroviren haben eine Inkubationszeit von ca. 10 – 50 Stunden und verursachen ganz plötz-
lich eine akute Magen-Darm-Erkrankung. Die durch starke Durchfälle und – vor allem bei
M
Kindern – schwallartiges, heftiges Erbrechen gekennzeichnet ist. Beides führt in kurzer Zeit
zu einem erheblichen Flüssigkeitsverlust. In der Regel besteht ein ausgeprägtes Krankheits-
gefühl mit Bauchschmerzen, Übelkeit, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen und Mattigkeit. Die
Körpertemperatur kann leicht erhöht sein, meist kommt es jedoch nicht zu hohem Fieber. Die
Beschwerden dauern etwa 12 – 48 Stunden.
U
Rotaviren
Rotaviren sind RNA-Viren, die durch eine Schmierinfektion, fäkal-oral übertragen wird und
hochansteckend ist. Eine Infektion mit Rotaviren führt vorwiegend bei Kindern zu einer
Magen-Darm-Grippe mit Fieber, Erbrechen und schwerem Durchfall. Die Erkrankung ist sehr
S
häufig, kann über eine Woche anhalten und einen schweren Verlauf nehmen. Fast jedes Kind
macht die Erkrankung einmal durch und wird dagegen immun.

Enterovirus
T
Enteroviren sind unbehüllte RNA-Viren. Sie sind säurestabil und kommen weltweit bei
Menschen, Nagern, Schweinen, Rindern und verschiedenen Affenarten vor. Sie sind Krank-
heitserreger des Magen-Darm-Trakts.
E
Es gibt verschiedene Arten von Enteroviren, die eine Vielzahl von Krankheiten auslösen
können: Polioviren, Coxsackie-Viren, Echoviren, Hepatitis-A-Virus, Humane Enteroviren. Einige
dieser Viren befallen die Luftwege und führen zu grippeähnlichen Symptomen.

Infektion der oberen Luftwege (Respirationssystems)


R
Meist verursacht durch eine Tröpfcheninfektion befallen die Viren die Schleimhäute,
vermehren sich dort und zerstören dabei die oberste Zellschicht. Dadurch kommt es zum
Anschwellen der Schleimhaut, die Nase verstopft, der Hals schmerzt. Es entsteht eine
Entzündung (Rhinitis) wobei vermehrt Schleim gebildet wird und die Nase läuft. Kopf- und
Gliederschmerzen, auch Fieber können auftreten. Hat der Körper sich auf die Erkältungsviren
eingestellt, kann er sie gut bekämpfen. Nach einer Woche ist der Infekt meist ausgestanden.

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Viren

Zu der Vielzahl von Virusarten, die grippale Infekte hervorrufen können, gehören zum
Beispiel die:
• Rhinoviren
• Coronaviren
>> SARS-assoziierte-Coronaviren
• Adenoviren
• Enteroviren
>> Polioviren
>> Coxsackie-Viren
M
• Influenza

Rhinovirus
Das Rhinovirus ist ein RNA-Virus. Die Inkubationszeit beträgt maximal vier Tage.
Rhinoviren findet man auf jedem Kontinent. Sie werden durch Tröpfcheninfektion oder
Schmierinfektion von Mensch zu Mensch übertragen.
U
Durch die zytolytischen (zellzerstörenden) Eigenschaften der Rhinoviren treten innerhalb von
48 h nach Infektion lokale Zerstörungen des Epithels im Nasen- und Rachenbereiche auf,
wobei es in der Regel nicht zu ausgeprägteren Nekrosen kommt. Bei immungeschwächten
S
Patienten kann das Virus in die tieferen Atemwege eindringen und zu einer Bronchitis oder
Bronchopneumonie führen.

Coronavirus
T
Das Coronaviren ist ein RNA-Viren, das sowohl Menschen wie auch Tiere infiziert. Die Familie
der Coronaviren ist in mehrere Unterfamilien und Gattungen aufgeteilt. Coronaviren treten
weltweit auf und werden meist über Tröpfcheninfektion übertragen. Zahlreiche Vertreter sind
unter Fledermäusen endemisch und gehen von ihnen als Zoonose auf andere Tierarten oder
E
auf den Menschen über.

Die Inkubationszeit ist abhängig vom jeweiligen Virustyp. Die Infektion führt häufig zu einer
Rhinitis, mit Husten, Kopfschmerzen und Fieber.
R
SARS-assoziiertes-Coronavirus[
Das Schwere Akute Respiratorische Syndrom, kurz SARS, ist eine durch Betacoronaviren
ausgelöste Infektionskrankheit, die sich unter dem klinischen Bild einer atypischen Lungen-
entzündung (atypische Pneumonie) präsentiert.

SARS wurde erstmals im November 2002 in der chinesischen Provinz Guangdong beobachtet.
Es wird angenommen, dass der Erreger beim Handel mit wildlebenden Tieren erstmals auf den
Menschen übertragen wurde. SARS kann jedoch auch von Mensch zu Mensch übertragen
werden. Es ist davon auszugehen, dass das SARS-assoziierte Corona-Virus oder ähnliche
Corona-Viren in verschiedenen wildlebenden Tieren Südostasiens weiterhin vorkommen.

70 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Infektionskrankheit

Daher kann nicht ausgeschlossen werden, dass solche Viren eines Tages wieder vom Tier auf
den Menschen übertragen werden und eine neue Epidemie auslösen.

Adenovirus
Adenoviren sind DNA-haltige Viren mit weltweiter Verbreitung. Bisher wurden mehr als 80 Adeno-
viren klassifiziert, die zur Familie Adenoviridae gehören und wovon 47 humanpathogen sind.

Die Übertragung der Adenoviren erfolgt über Tröpfcheninfektion sowie fäkal-oral. Da sich die
Adenoviren nur schwer durch Desinfektionsmittel inaktivieren lassen, besteht immer die
Gefahr einer nosokomialen Infektion. Die Inkubationszeit beträgt fünf bis acht Tage.
M
Adenoviren verursachen hauptsächlich Erkrankungen der Atemwege. Die Symptome der
Atemwegserkrankung durch Adenoviren reichen von der einfachen Erkältung über die akute
Bronchitis bis zur Pneumonie. Bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem besteht eine
besondere Anfälligkeit für ernsthafte Komplikationen. Abhängig vom jeweiligen Typ können
eine Reihe anderer Erkrankungen hervorgerufen werden, so beispielsweise Gastroenteritis,
U
Keratokonjunktivitis , Zystitis, Rhinitis, Pharyngitis oder Durchfälle.

Poliovirus
Das Poliovirus gehört zu den Enteroviren und ist somit ein unbehülltes RNA-Virus.
S
Polioviren sind Auslöser grippaler Infekte, unter Umständen mit ZNS-Beteiligung. Die
bekannteste von ihnen verursachte Krankheit ist die Poliomyelitis = Kinderlähmung.

Coxsackie-Virus
T
Das Coxsackie-Virus gehört ebenfalls zu den Enteroviren und ist somit ein unbehülltes RNA-
Virus. Coxsackie-Viren verursachen grippale Infekte, Angina oder Rhinitis (Schnupfen). Selten
treten Infektionen des ZNS, Respirationstrakts und Herzmuskels (Myokard) auf. Ausserdem
sind sie die Erreger der überwiegend bei Kindern auftretenden Hand-Fuss-Mundkrankheit.
E
Influenza
Influenzaviren gehören zur Familie Orthomyxoviridae, sind RNA-Viren und führen zur Influ-
enza = echten Grippe. Es werden drei verschiedene Influenza-Typen unterschieden
R
Die Viren der Influenza sind hartnäckiger und rufen, im Gegensatz zu den «Schnupfen-Viren»
schwerwiegendere Symptome hervor. Typisch für die echte Grippe ist ein heftiger und plötz-
licher Beginn, plötzliches hohes Fieber, starken Husten und massive Schwäche. Es dauert
länger, bis man sich vollständig erholt. Influenza kann auch tödlich enden. Da das Immun-
system durch den Virus-Infekt bereits geschwächt ist, kommt oftmals ein bakterieller Infekt
dazu = Sekundärinfekt. Dabei kann es zusätzlich z. B.  zu einer bakteriellen Mandelentzün-
dung, Lungenentzündung, Vereiterung der Nebenhöhlen oder Scharlach kommen.

Die Inkubationszeit von Influenza beträgt wenige Stunden bis drei Tage. Schon während
dieser Zeit (also sofort nach der Ansteckung mit dem Grippevirus, aber bevor die ersten

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Viren 71
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Viren

Grippe-Symptome auftreten) sind die Betroffenen ansteckend. Nach dem Ausbruch der Grippe
besteht die Ansteckungsgefahr dann noch etwa drei bis fünf Tage weiter.
*Hinweis für Interessierte: Mehr Information zu den Viren finden Sie über diese Homepage!
https://www.planet-wissen.de/natur_technik/mikroorganismen/viren/grippeviren.jsp

Aufgabe 2.5.4
Recherchieren Sie im Internet nach den drei Influenzatypen.
a) Wie werden die drei Typen bezeichnet?
b) Wie unterscheiden Sie sich bezüglich Krankheitsverlauf?
M
Typ Verlauf / Klinik

Influenza-A-Viren führen unter den Influenza-Viren zu den meisten Ster-

befällen. Sie können grosse Grippeepidemien bis hin zu


U
Pandemien auslösen und sind durch schwere Krank-

heitsverläufe gekennzeichnet.

Influenza-B-Viren können sich schnell verbreiten, sie rufen aber in der


S
Regel nur leichte bis mittelschwere Erkrankungen

hervor.
T
Influenza-C-Viren Verursacht meist keinen Infekt und wenn doch, dann

verläuft dieser in der Regel harmlos.

Die A- und B-Viren haben kleine «Spikes» aus Glykoproteinen an ihrer Oberfläche. Vor allem
E
eines dieser Proteine, das Hämagglutinin (HA), verändert sich andauernd. Zwar nur ganz
geringfügig, trotzdem sorgt es so für Mutationen des Virus. Gegen solch ein mutiertes Virus
ist die menschliche Abwehr oft machtlos. Deshalb muss sich das Immunsystem immer wieder
anpassen und auch die Impfstoffe müssen immer wieder überprüft und angepasst werden.
R
FSME-Virus
Der FSME-Erreger wird durch Zecken übertragen und führt beim Menschen zur Frühsommer-
Meningo-Enzephalitis (FSME). Die Erkrankung äussert sich erst durch grippeähnliche Symp-
tome. In der Regel klingen die Symptome nach ca. fünf Tagen ab. Bei einer Minderheit der
Betroffenen kommt es nach einem symptomfreien Intervall zum Befall der Organe, haupt-
sächlich des zentralen Nervensystems (Meningitis, Enzephalitis, Myelitis). Zusätzlich zu den
allgemeinen Schutzmassnahmen vor Zeckenstichen existiert gegen die FSME eine Schutzimp-
fung.

72 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Infektionskrankheit

Herpesvieren
Die Herpesviren sind «DNA-Viren», verfügen über einen Hüllenmembran und eine kubische
Form. Herpesviren haben einen ähnlichen strukturellen Aufbau und trotzdem rufen sie sehr
unterschiedliche Erkrankungen hervor. Eingeteilt werden die Herpesvieren in die drei
Gruppen: Alphavirinae, Betavirinae, Gammavirinae.

Alphavirinae
In diese Gruppe gehören:
• Das Herpes-simplex-Virus: Es verursacht kleine Bläschen im Gesicht, an Lippen,
M
Mundschleimhaut und Augen. Herpes simplex kann in den Nervenzellen respektive
in den Fortsätzen der Nervenzelle (Nervenaxonen) persistieren = verbleiben und zu
einem späteren Zeitpunkt reaktiviert werden.
• Das Varizella-Zoster-Virus verursacht Windpocken (Spitze Blattern, Wilde Blat-
tern), ist sehr ansteckend und verbreitet sich durch Tröpfcheninfektion. Auch dieser
Virus kann in den Nervenzellen persistieren und z. B.  bei einem abwehrge-
U
schwächten Organismus als Gürtelrose (Herpes zoster) wieder ausbrechen.

Betavirinae
In diese Gruppe gehört unter anderem das Zytomegalie-Virus (CMV) = Humanes Herpesvirus
S
5 (HHV 5). Das CMV kommt auf der ganzen Welt vor und wird durch Tröpfcheninfektion oder
Schleimschmierinfektion übertragen. Die Übertragungsarten erfolgen: über Speichel, Blut,
Muttermilch, Samenflüssigkeit und Zervixsekret. Zudem ist eine Infektion über Blutkonserven
oder Gewebetransplantate möglich. Das Zytomegalievirus befällt vorwiegend die Epithlzellen
T
der Speicheldrüsen und bleibt nach der Infektion lebenslang im Körper nachweisbar.

Die Erstinfektion (Primärinfektion) mit CMV verläuft meist unauffällig, das heisst, ohne
Symptome, sofern das Immunsystem der Betroffene nicht geschwächt ist. Kommt es zur
E
Erkrankung, ähnelnd der Verlauf einer Mononukleose (dem Pfeifferschen Drüsenfieber), mit
Symptomen wie: Fieber und Lymphknotenschwellung, Kopf- und Gliederschmerzen. Selten
kommt es zur Leberentzündung (Hepatitis) und/oder Nervenentzündung. Für den immunge-
schwächten Patienten wie z. B.  AIDS-, Leukämie-, Tumorpatienten oder Transplantierte,
R
kann die Erkrankung schwerwiegend verlaufen.

Gammavirinae
Dazu gehört unter anderem das Epstein-Barr-Virus = Humanes Herpesvirus 4 (HH4), ein
doppelsträngiges DNA-Virus. Das EBV ist der Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers (infek-
tiöse Mononukleose = IM).

Das EBV kommt auf der ganzen Welt vor und wird hauptsächlich bei engem Kontakt durch
Speichel übertragen. Bei Kleinkindern erfolgt die Übertragung als Schmierinfektion von den
Eltern, Geschwistern oder Spielkameraden, bei jungen Erwachsenen typischerweise durch
Küssen. Die Verbreitung des Virus ist entsprechend hoch: Mit dem Ende des 40. Lebensjahres
haben ca. 95 – 98 % aller Menschen eine Infektion mit EBV durchlebt. Wie alle Herpesviren

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Viren 73
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Viren

kann auch das Epstein-Barr-Virus nach einer Infektion lebenslang in infizierten Wirtszellen
überleben und reaktiviert werden.

Symptome
Bei einer EBV-Infektion kommt es nicht immer zu Symptomen. Vor allem bei Kindern verläuft
die Primärinfektion völlig unbemerkt. Mit dem Älterwerden nehmen die Symptome zu. Die
Schwere und Dauer der Erkrankung sind sehr unterschiedlich ausgeprägt. Die Krankheit
entwickelt sich meistens langsam und zeigt zunächst eher milde Symptome. Je weiter die
Krankheit fortschreitet, umso schwerwiegender werden bei vielen Patienten die Beschwerden.
Das Fieber steigt und kann 40 °C erreichen. Bei einem akuten Pfeifferschen Drüsenfieber
M
kommt es zudem zu geschwollenen Lymphknoten in der Hals-, Nacken-, Achsel- und Leisten-
gegend, Kopfschmerzen, einer Mandelentzündung und einem allgemeinen Schwächegefühl.
Zudem können Nervosität, Schlafstörungen, erhöhte Leberwerte, eine vergrösserte Milz,
Depressionen, Muskel- und Gliederschmerzen, Angstgefühle und Bauchschmerzen auftreten.
Bei schwerwiegenderen Verläufen dauert insbesondere die Müdigkeit mehrere Monate lang
an. Bei chronischen Infektionen, bei denen das Virus phasenweise immer wieder aufflackert,
U
fühlen sich die Betroffenen jahrelang krank.

Hepatitis Viren
Es gibt fünf verschiedene Arten von Hepatitsviren, die mit den Buchstaben A bis E gekenn-
S
zeichnet werden. Zwischen den Krankheiten, die durch diese fünf Virusarten ausgelöst
werden, gibt es grosse Unterschiede: bezüglich Übertragung, dem Krankheitsverlauf und der
Symptomatik. Eines aber haben die Hepatitisviren gemeinsam, sie befallen hauptsächlich die
Leber und verursachen dann eine Leberentzündung, eine sogenannte Hepatitis.
T
Hepatitis, wird im Volksmund auch Gelbsucht genannt und ist eine tückische Krankheit. Viele
Hepatitis-Infektionen verlaufen schleichend. Betroffene merken oft erst nach Jahren, dass
sie sich angesteckt haben. Doch dann ist die Leber häufig schon zerstört. Die akute Leber-
E
entzündung higegen kann plötzlich auftreten und rasch wieder verschwinden, oder aber
länger andauern und sich zu einer chronische Hepatitis entwickeln.

Symptome
R
Eine Hepatitis kann ganz unterschiedliche und unspezifische Symptome zeigen: Müdigkeit,
Leistungsschwäche, Appetitlosigkeit, Gelenkschmerzen, Unwohlsein, Übelkeit / Erbrechen,
Fieber, Gelbfärbung der Haut und Dunkelfärbung des Urins, Schmerzen im rechten Oberbauch
usw.
*Hinweis: Mehr Informationen zum Thema «Hepatitis» finden Sie hier!
http://www.planet-wissen.de/alltag_gesundheit/krankheiten/hepatitis/

74 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Infektionskrankheit

Es werden fünf humanpathogene Viren unterschieden:

Hepatitis-A- Hepatitis-B- Hepatitis-C- Hepatitis-D- Hepatitis-E-


Virus Virus Virus Virus Virus
Das HAV ist ein Das HBV ist ein Das HCV ist nicht Das HDV ist ein Das Hepatitis-E-
sehr hitzeresis- sehr widerstands- sehr widerstands- inkomplettes RNA- Virus ist weltweit
tentes Virus. fähiges Virus. fähig und ist durch Virus. Eine HDV- die wichtigste
Desinfektions- und Infektion ist daher Ursache für eine
Lipidlösungsmittel nur bei gleichzei- enteral übertra-
leicht zu inakti- tiger Hepatitis- gene Non-A/Non-
vieren. B-Virus-Infektion B-Hepatitis.
möglich.
M
Das HAV ist weit Besonders Das HCV wird in Die Übertragungs- Übertragung
verbreitet. Über- betroffen von der erster Linie durch wege sind iden- erfolgt fäkal-oral.
tragung erfolgt HBV-Infektion Blut übertragen, tisch mit jenen
fäkal-oral. sind die Entwick- selten erfolgt eine des Hepatitis-B-
lungsländer. sexuelle Übertra- Virus. Das Virus
Etwa 5 bis 10% gung. wird vor allem
der HBV-Infekti- durch Blut und
U
onen verlaufen Blutprodukte
chronisch. übertragen. Es ist
Die HBV-Infektion aber auch in
ist eine hoch anderen Körper-
infektiöse Erkran- flüssigkeiten
kung, da sich sehr nachweisbar, u. a.
S
hohe Viruskonzen- in Sperma, Zervi-
trationen in mini- kalsekret, Tränen-
malsten Blut- flüssigkeit und
spuren befinden. Muttermilch.
Die Übertragung
T
geschieht heutzu-
tage in den entwi-
ckelten Industrie-
staaten in den
meisten Fällen
E
durch unge-
schützte Sexual-
kontakte oder bei
Drogengebrauch
durch verunrei-
nigtes Drogenbe-
R
steck.

Die Hepatitis B
ist zurzeit die
wichtigste
Berufskrankheit
unter medizinisch
tätigem Personal.

Impfung Medizinischem Es gibt keine Wer gegen Hepa- Ein Impfstoff


empfohlen! Personal wird die Impfung! titis B geimpft ist, befindet sich in
hochwirksame ist damit gleich- klinischer Erpro-
Impfung dringend zeitig auch gegen bung!
empfohlen! Hepatitis D
geschützt!

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Viren

HI-Virus
Das HI-Virus (humanes Immundefizienz-Virus) ist ein behülltes Virus und gehört zu den
Retroviren.
Das Virus ist gegenüber äusseren Einflüssen sehr empfindlich und daher im Vergleich zu
anderen Krankheiten schwerer übertragbar. Es wird weder beim Husten oder Niesen noch bei
Umarmungen oder beim Küssen übertragen.

Eine Übertragung des HI-Virus ist auf zwei Wege möglich:


• Eine infektiöse Körperflüssigkeit trifft auf entsprechende Schleimhäute oder direkt
M
in eine offene Wunde.
• Schleimhäute, welche HIV-aufnahmefähige und HIV-abgabefähige Zellen enthalten,
treffen aufeinander. Beispiel: Vaginalschleimhaut und Innenseite der Penisvorhaut
/ Darmschleimhaut

Zu den infektiösen Flüssigkeiten gehören:


U
• Blut (dazu gehört auch Menstruationsblut)
• Samenflüssigkeit, auch Präejakulat
• Scheidenflüssigkeit
• Flüssigkeiten auf Penis-, Darm- und Scheidenschleimhaut
S
• Muttermilch

HI-Viren befallen im Menschen die CD4-Lymphozyten (= Steuerzentrale des Immunsystems).


Die Viren integrieren ihre Erbinformationen in die Lymphozyten, stören ihre Funktion und
T
vermehren sich in ihnen. Die neu produzierten Viren befallen weitere CD4-Lymphozyten.

Durch das, teils fehlerhafte, Umschreiben der RNA in die DNA entstehen mutierte Viren. Kaum
hat sich unser Immunsystem auf den Virus eingestellt, hat dieser sich bereits wieder verän-
E
dert und die vom Immunsystem hergestellten Antikörper sind wirkungslos. (Dies erschwert
die medikamentöse Therapie!) Die Zahl der Abwehrzellen (CD4-Lymphozyten) sinkt immer
tiefer, bis das Immunsystem nicht mehr ausreichend vor Infektionen schützen kann.

Die Infektion verläuft in verschiedenen Stadien. Von AIDS spricht man erst in der letzten
R
Phase. Zuvor wird ein Patient als HIV-positiv bezeichnet.

Akute HIV-Infektion / Primoinfektion


Nach einer Inkubationszeit von ca. drei bis sechs Wochen treten grippeähnliche Symptome
auf (Fieber, Müdigkeit, Hautausschläge, Lymphknotenvergrösserung, Rachenentzündung,
Muskel-, Kopf- und Gelenksschmerzen etc.). Nach wenigen Wochen klingt die akute Infektion
ab. Oft bleibt die HIV-Infektion unerkannt.

Während der Primoinfektion versucht das Immunsystem die HI-Viren zu bekämpfen. Der
Körper bildet Antikörper, welche nach drei bis zwölf Wochen im Blut nachweisbar sind.

76 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Latenzphase  / symptomfreies Stadium


Sie dauert oft mehrere Jahre und beinhaltet keine gravierenden Symptome. Die Infizierten
fühlen sich gesund könne aber durchaus andere Personen anstecken. Es kommt zu einer
zunehmenden Abwehrschwäche (abfallende CD4 Lymphozyten).

Symptomatisches Stadium
Oft tritt anschliessend an die Latenzphase eine erste Erkrankung auf, welche auf ein mittel-
schwer geschwächtes Immunsystem zurückzuführen ist. Lymphknotenschwellungen und
Infektionskrankheiten (keine lebensbedrohlichen) treten auf. Diese Phase dauert Wochen bis
M
Jahre.

AIDS-Erkrankung
(Acquired Immuno Deficiency syndrome = «erworbenes Immunschwäche-Syndrom»

Durch den Immundefekt treten ganz bestimmte Krankheiten auf. Charakteristische Symptome
U
der AIDS-Erkrankung sind:
• Fieber, Nachtschweiss
• Husten, Atemnot
• Mundbrennen, Schluckbeschwerden
S
• Diarrhoe
• HIV-Kachexie-Syndrom (Kachexie = pathogener Gewichtsverlust)
• Hautveränderungen
• Nervenstörungen
T
Therapie / Prognose
Die Therapie zielt vorrangig darauf ab, den Ausbruch von AIDS so lange wie möglich hinaus-
zuzögern. Dies erfolgt medikamentös durch eine sogenannte antiretrovirale Therapie.
E
Darunter versteht man eine Kombinationstherapie aus mindestens drei verschiedenen antire-
troviralen Medikamenten, welche ein Leben lang eingenommen werden müssen. Bricht AIDS
einmal aus, müssen auch die Begleiterkrankungen (z. B.  Pneumonie) behandelt werden.
R
In den Industrieländern hat sich durch neue Therapiemöglichkeiten die Lebenserwartung
deutlich erhöht. Die Phase der AIDS-Erkrankung lässt sich oft lange hinausschieben, aber
nicht verhindern. AIDS ist (noch) nicht heilbar!

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Viren 77
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Pilze (Fungi, Mycetes)

Pilze (Fungi, Mycetes) 2.6 Pilze (Fungi, Mycetes)

Giesskannenschimmel Hefepilz Fadenpilz Pinselschimmel


M
Pilze sind eukaryontische Lebewesen. Von den etwa 100`000 beschriebenen Pilzarten sind
beim Menschen nur etwa 180 krankheitserregend.

Definition Definition
Grundsätzlich wird zwischen zwei Wachstumsformen unterschieden:
U
• Myzelpilz (Fadenpilzen) – alle Arten von Dermatophyten* und Schimmelpilzen
• Hefen (Sprosspilzen)

In der Medizin kann man hinsichtlich ihrer Morphologie grob drei Pilzformen unterscheiden:
S
• Sprosspilze (Hefen)
• Fadenpilze
• Dimorphe Pilze (kommen je nach Umweltbedingungen in der Faden- oder Spross-
T
pilzform vor)

Bezüglich der Pilz-Infektionsarten wird nach dem DHS-Prinzip unterscheiden:


E
• D ermatophyten (Fadenpilze): Trichophyton, Microsporum
• H efen (Sprosspilze): Candida, Pityrosporum
• S chimmelpilze (Fadenpilze): Aspergillus
R

78 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Aufgabe 2.6.1
Beschriften Sie den Aufbau einer Pilzzelle
M
U
S
T
Lebensraum / Risikofaktoren Lebensraum
Pilze sind ein natürlicher Bestandteil unserer Umwelt und in der Natur an der Zersetzung
organischen Stoffe beteiligt. Nebst den Bakterien leben auf der Haut des Menschen eine
Vielzahl von Pilzen, die ihm aber normalerweise nicht schaden. Sie siedeln in den oberen
E
Hautschichten und ernähren sich von abgestorbenen Hautzellen und von Schweiss. Einflüsse
wie Stress, ein geschwächtes Immunsystem, hormonale Umstellungen (z. B.  Schwanger-
schaft), chronische Erkrankungen (z. B.  Diabetes mellitus) oder die Einnahme von Antibio-
tika, können dazu führen, dass ansonsten harmlose Pilze Krankheiten auslösen, die die
R
Kopfhaut, die Scheide, den Magendarm-Trakt oder andere innere Organe befallen.

Vermehrung durch Sporen bzw. Konidien Vermehrung


Die Fortpflanzung von Pilzen basiert auf der Bildung von Sporen. Pilze können sich unge-
schlechtlich und geschlechtlich vermehren:
• anamorph = ungeschlechtlich: Eine Zelle verdoppeln ihr Erbmaterial und verteilen
es anschliessend auf zwei Zellen.
• telemorph = geschlechtlich: Zwei unterschiedliche Keimzellen (männlich u. weib-
lich) kommen zusammen und erzeugen eigenständige Nachkommen.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Pilze (Fungi, Mycetes) 79
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Pilze (Fungi, Mycetes)

Sporen, die bei der anamorphen Vermehrung entstehen, heissen Konidiosporen bzw. Koni-
dien. Bei Spezies, von denen nur die anamorphe Form bekannt ist spricht man von Fungi
imperfecti. Dies trifft auf die meisten pathogenen Pilze zu.
Pilze, die sich telemorph fortpflanzen werden als Fungi perfecti bezeichnet.

Sprosswachstum
M
U

Aussehen / Differenzierung
S
Myzelpilze Myzelpilze (Fadenpilze)
Fadenpilze bestehen aus fadenartigen Zellen, welche als Hyphen (Hyphe/Hyphen = Pilzzelle/
Pilzzellen) bezeichnet werden. Hyphen sind sich verzweigende, ineinander verschlungene
T
Zellfäden. Hyphen können septiert oder unseptiert sein. In der Mykologie sind septierte
Hyphen solche, die durch Querwände (Septen) unterteilt sind. Oft verschmelzen Hyphen von
Individuen derselben Art miteinander und erhöhen so den Verflechtungsgrad des Netzwerkes
noch stärker. Das gesamte Netzwerk nennt man Mycel oder Pilz-Kolonie.
E
a = Hyphe mit Verzweigungen
c = Mycel
R

80 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Hefen = Sprosspilze Hefen


Die Zellen der Sprosspilze treten in ovaler Form als Blastospore auf. Ihre Vermehrung findet
durch Sprossung statt. Aus der Mutterzelle stülpt sich also ein Bereich der Zellwand aus. In
diese Knospe wandert eine Kopie des Zellkerns ein, um sich im weiteren Verlauf vollständig von
der Mutterzelle zu trennen. Unter günstigen Bedingungen können Sprosspilze Zellverbände
bilden, deren Einzelzellen jedoch nicht miteinander über Septen kommunizieren. Daher wird
eine solche Zellgemeinschaft in Analogie zu den Fadenpilzen als Pseudomyzel bezeichnet.

Schimmelpilz Schimmelpilz
M
Schimmelpilze sind ein natürlicher Bestandteil unserer Umwelt und in der Natur sind sie ein
nützlicher Zersetzer von organischen Stoffen. Normalerweise sind sie harmlos. Als Schimmel-
pilze bezeichnet man eine heterogene Gruppe von Pilzen, welche ein Netzwerk von Hyphen
haben und daher als ein Organismus angesehen wird. Man spricht dabei auch von einer
Pilz-Kolonie oder von einem Myzel. Makroskopisch ist ein solches Schimmelpilz-Myzel oft
sichtbar als mehl- oder watteartiger, meist weisser, grünlicher, grauer oder andersfarbiger
U
Saum, der organische Substrate überzieht.

Wie gefährlich Mykotoxine = Aflatoxine (Pilzgifte) für Lebewesen sein können, wurde erstmals 1960 in
England deutlich, als ein aus Erdnüssen bestehendes Futtermittel für den Tod von fast 100.000 Zuchtputen
S
verantwortlich gemacht wurde. Erst nach diesem Vorfall beschäftigte sich auch die Humanmedizin mit den
Auswirkungen von Mykotoxine auf den menschlichen Organismus.

Lebensraum
T
Prinzipiell gilt: Schimmelpilze kommen überall dort vor, wo es feucht ist und organisches
Material vorhanden ist. Besonders gut gedeihen sie bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von
80 % und einer Temperatur von über 20° C.
E
Vermehrung
Zur Zeit der Forpflanzung sind Sporangien (Sporenträger) zu erkennen. Ihre Gestalt und ihr
Aussehen sind wichtige Unterscheidungsmerkmale zwischen den einzelnen Arten.
R

Abbildung 1: Abbildung 2:
Pinselschimmel = Penicillium Giesskannenschimmel = Aspergillus

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Pilze (Fungi, Mycetes) 81
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Pilze (Fungi, Mycetes)

Die Vermehrungsphase dient der Bildung von Fortpflanzungszellen (Sporen). Ein Schimmel-
pilz kann innerhalb kurzer Zeit Millionen Sporen in die Luft abgeben. Es gibt männliche und
weibliche Sporen. Der sichtbare Schimmelpilz entsteht bei Lebensmitteln nur dann, wenn
eine männliche Spore, die ihr Fadengeflecht bereits in einem geeigneten Substrat (z. B.  im
Gemüse, Obst, Brot, Aufstrich etc.) entwickelt hat, dort auf eine weibliche Spore trifft. Jetzt
kann daraus der sichtbare Schimmelpilz wachsen.

Sporen können in der Luft über weite Strecken schweben und mit dem Wind transportiert und
eingeatmet werden. Pilzsporen sind schwerer als Luft und sinken daher bei ruhiger Luft ab
und können so neue Substrate (Opfer) besiedeln. Schimmelpilzsporen können somit auf zwei
M
Arten Einfluss auf den menschlichen Körper nehmen:

• über die orale Aufnahme – Vergiftungen durch Mykotoxine, welche in der vegeta-
tiven Phase von den Hyphen gebildet werden
• über die inhalative Aufnahme - Allergien verursacht durch das Einatmen von Sporen
U
Wenn bereits geringe Konzentrationen an Schimmelpilzsporen über die Luft in die Atemwege
gelangen, werden beim Allergiker Substanzen freigesetzt, die zu einer übersteigerten
Abwehrreaktion = Allergie führen. Schimmelpilze können bei allergischen Personen zu
folgenden Krankheitssymptomen führen:
S
• Infektionen der oberen und der unteren Atemwege
• Husten
• Augenentzündungen (Augenjucken, Augentränen, gerötete und geschwollene
T
Augen)
• Im fortgeschrittenen Stadium: Asthma bronchiale

Der Schimmelbefall bleibt dem Auge vorerst verborgen. Im befallenen Lebensmittel aber
E
produzieren die Hyphen bereits Abbaustoffe respektive Giftstoffe, die Mykotoxine genannt
werden. Dabei gibt es Unzählige von unsichtbaren Toxinen, die für Menschen und Tiere
bereits in geringster Konzentration stark gesundheitsschädlich wirken. Mykotoxine können:
R
• Krebs verursachen
• das Zentralnervensystem schädigen
• das Immunsystem schwächen
• bei schwangeren Frauen Fehlbildungen beim ungeborenen Kind hervorrufen
• Schäden an Leber, Herz und Nieren verursachen

Mykotoxine sind sehr stabil, das heisst, sie besitzen eine dicke Zellwand und sind so weder
durch starkes Erhitzen oder langes Kochen noch durch Einfrieren zerstörbar.

Schimmelsporen hingegen, nicht zu verwechseln mit den Bakteriensporen, stellen für die
Desinfektion keine Probleme dar.

82 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Gutartige Pilze Gutartige Pilze

Aufgabe 2.6.2
Wo kommen Schimmelpilze in der Natur, Industrie und der Lebensmittelproduktion als Nütz-
linge vor?

• Waldboden oder Blumenerde

• Als Speisepilze: Steinpilz, Trüffel, Champignons, Pfifferlinge

• Hefe: als Backtreibmittel, in alkoholischen Getränken (Bier)


M
• Quorn (Myzel eines Schimmelpilzes) als Fleischersatz

• in Komposthaufen oder in Biotonnen

• als Edelschimmel auf Käse oder Salami


U
• Gewinnung und Herstellung von Arzneimitteln:

> Penicillin: Antibiotika, Breitspektrumantibiotika

> Griseofulvin: Antimykotikum, besitzt eine antibiotische Wirkung auf Dermatophyten


S
Mykosen Mykosen

Weltweit zählen Mykosen zu den häufigsten Infektionskrankheiten.


Mykosen sind pilzbedingte Infektionskrankheiten wie zum Beispiel Fusspilz, Nagelpilz,
T
Scheidenpilz und Mundsoor. Die Infektionen können nach unterschiedlichen Kriterien einge-
teilt werden. Wichtig ist die Abgrenzung oberflächlicher Hautmykosen, die bei allen
Menschen auftreten können, von der opportunistischen Pilzinfektion, die hauptsächlich bei
einem geschwächtem Immunsystem auftreten.
E
Pilzinfektionen werden nach verschiedenen Kriterien eingeteilt:
1. Endogene und Exogene Mykosen Endogene und Exogene
Mykosen
Endogene (opportunistische) Mykosen Exogene (primäre) Mykosen werden durch
R
entstehen, wenn das Gleichgewicht der natür- die Übertragung von Sporen pathogener Pilze
lich auf und im Menschen vorkommenden verursacht.
Pilze, z. B.  durch Antibiotika oder ein
geschwächtes Immunsystem, verschoben wird.

2. Oberflächliche und systemische Mykosen Oberflächliche und


systemische Mykosen
Oberflächliche Mykosen betreffen die Haut Bei systemischen Mykosen werden die
und Schleimhäute, dazu zählen Dermatophy- Sporen über das Blut verteilt und befallen
tosen, Candidamykosen der Haut, des Mundes innere Organe. Systemische Mykosen werden
und der Vagina sowie Pityriasis versicolor. weiter in primäre (Pilzinfektion bei Gesunden)
und opportunistische Systemmykosen unter-
teilt.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Pilze (Fungi, Mycetes) 83
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Pilze (Fungi, Mycetes)

DHS-System 3. DHS-System nach Rieth


Es sind zahlreiche Pilze bekannt, die zu unterschiedlichen Krankheitsbildern führen können.
Medizinisch relevante Pilze werden unabhängig von ihrer mikrobiologischen Gattung in das
sog. DHS-System (Dermatophyten, Hefen und Schimmelpilze) eingeteilt:

Dermatophyten Hefen Schimmelpilze


Häufigkeit 70.5 % 24.4 % 5.1 %
Beispiele Trichophyton Candida Aspergillus
Mikrosporum Cryptococcus Mucor
Epidermophyton Malassezia
M
Eigenschaften Fadenpilze Sprosspilze Fadenpilze
Führen zu oberflächli-
chen Pilzinfektionen Befallen vor allem die Befallen vorwiegend
der Nägel, der Haut Schleimhäute, aber innere Organe, eher
und der Kopfhaut auch die Haut und die seltener die Nägel
inneren Organe oder die Haut.
(systemische
U
Mykose). Schimmelpilze treten
nur bei Personen mit
Hefepilze treten Immunschwäche auf.
vorwiegend bei
Personen mit Immun-
schwäche auf.
S
Übertragung Übertragung
T
• Subkutane Mykosen
Die Pilze dieser Mykosen leben eigentlich im Boden oder auf absterbenden Pflanzen. Sie
können aber durch kleine Verletzungen der Haut in den Körper bzw. ins unter der Haut
liegende (subkutane) Bindegewebe eindringen. Dort siedeln sie und können sich weiter im
E
Körper ausbreiten. Subkutane Mykosen sind in tropischen und subtropischen Gebieten
verbreitet.

• Dermatophyten
R
Direkter Kontakt von Mensch zu Mensch oder Tier zu Mensch, Schmierinfektion via konta-
minierte Gegenstände.

• Opportunistische Mykosen
Verschiebung des Gleichgewichts der körpereigenen Flora durch z. B.  ein geschwächtes
Immunsystem.

84 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Diese Pilzerkrankungen betreffen vor allem die Haut und die Schleimhäute. Eine Erkrankung

entsteht dann, wenn bereits geschwächte Abwehrkräfte vorliegen. Opportunistische Mykosen

gehören zu den endogenen Infektionen.

Sie werden sowohl durch Hefen als auch durch Schimmelpilze verursacht.

> Erreger: z. B.  Cryptococcus neoformans oder Schimmelpilze (Aspergillus, Mucor)

prädisponierend (begünstigend) wirken: • Behandlung mit Kortison-Präparaten

• Langandauernde Behandlung mit Antibiotika


M
• ____________________________________

• ____________________________________

• Systemische Pilzinfektionen
U
Entstehen meist durch das Einatmen von Sporen z. B.  Aspergillen oder Cryptococcus
neoformans und betreffen daher als erstes die Lunge, bevor die Erreger via Blut oder
Lymphe im Körper verteilt werden und sich die Krankheit auf andere Organe ausdehnt.
S
Pilzinfektionen vorbeugen – allgemeine Prophylaxe Prophylaxe

Einer Schwächung des Immunsystems vorbeugen durch:


• Genügend Schlaf
T
• Gesunde Ernährung, mit möglichst wenig Zucker- und Weizenprodukten
• Auf regelmässige körperliche Aktivität und frische Luft achten
• Hektik und Stress möglichst vermeiden
E
• Einer Schwächung des Immunsystems vorbeugen durch:
>> Genügend Schlaf
>> Gesunde Ernährung, mit möglichst wenig Zucker- und Weizenprodukten
>> Auf regelmässige körperliche Aktivität und frische Luft achten
R
>> Hektik und Stress möglichst vermeiden

• Auf eine gute allgemeine Hygiene achten: Gerade zur Vorbeugung von Haut-,
Fuss- und Nagelpilzen:
>> Regelmässig Waschen und Duschen mit einem milden, pH-neutralen Duschmittel
>> Auf sorgfältiges Abtrocknen, insbesondere auf die Sauberkeit und Trocknung der
Hautfalten achten
>> Bei Nagel- oder Fusspilz zuerst die Socken anziehen und danach die Unterhose.
So wird vermieden, dass die Pilze vom Fuss in die Leistengegend geschleppt
werden. Man spricht hier von einem «Fahrstuhleffekt».

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Pilze (Fungi, Mycetes) 85
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Pilze (Fungi, Mycetes)

• Auf die richtige Intim- und Toilettenhygiene achten:


>> Keine übermässige Intimhygiene
>> Keine agressiven oder parfümierten Seifen und Intimsprays verwenden.
>> Bei der Toilettenhygiene sollte zudem stets darauf geachtet werden, von vorne
nach hinten, keinesfalls umgekehrt, zu wischen.
>> Während der Periode keine luftdichten oder kunststoffbeschichteten Slipein-
lagen verwenden.
>> Während der letzten Tage der Periode keine oder sehr kleine Tampons verwenden.
>> Keine eng anliegende, synthetische Kleidung und/oder Unterwäsche tragen.
M
>> Nach dem Baden die nassen Badesachen nicht am Körper trocknen lassen.
>> Unterwäsche täglich wechseln.
>> Mit Kondomen vor Pilzübertragungen schützen.

• Schimmelpilz vorbeugen:
>> Die Wohnung möglichst mit einer konstanten Temperatur von mindestens 20
U
Grad beheizen.
>> Ausreichend Lüften = 2-mal pro Tag für 10 Min.
>> Sofort lüften nach dem Kochen, Bügeln oder nach dem Duschen resp. Baden.
>> Die Luftfeuchtigkeit beachten, diese sollte 60 % nicht übersteigen.
>> Genügend Abstand (mind. 5 – 10 cm) zwischen Wand und Schränken resp.
S
Gardinen lassen.
>> Innentüren sollten zwischen unterschiedlich beheizten Räumen geschlossen
bleiben.
>> Klimaanlagen müssen regelmässig gewartet werden.
T
E
R

86 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Pathogene Pilze: Typen und Folgeerkrankungen Pathogene Pilze

Nicht die Pilzinfektion ist die Ursache für ein geschwächtes Immunsystem – durch das
geschwächte Immunsystem kommt es zur Pilzinfektion!

Aufgabe 2.6.3
a) Lesen und bearbeiten Sie den nachfolgenden Text
b) Fassen Sie die hier beschriebenen Pilzerkrankungen tabellarisch zusammen. Sie finden
M
hierzu eine entsprechende Word-Vorlage auf www.mympa.ch
c) Ergänzen Sie Ihr Tabelle mit Bildern. Fügen Sie möglichst zu jeder Pilzart ein entspre-
chendes Bild ein.

Beispiel
U
Viraler Erreger Lokalisation, Über- Erkrankungen Bild
tragung Beispiel
Kutante Kandidose Haut, Schleimhaut Windel-Dermatitis
• Personen, die an
Meist eine opportu- einer Zuckerkrankheit
nistische Infektionen leiden
S
• Personen, die HIV-
infiziert sind usw.

Ziel: Sie wissen für welche Erkrankung(en) die entsprechende Pilzart verantwortlich ist Erkrankung(en)
T
respektive Sie kennen die verschiedenen Pilzerkrankungen und können diese beschreiben.

Dermatophyten
E
Als Dermatophyten werden jene Fadenpilze bezeichnet, die eine spezifische Pilzinfektion der
Haut, die sogenannte Dermatophytose, auslösen. Es handelt sich um Parasiten, die sich in
den oberen Hautschichten einnisten und sich vom Hornstoff der abgestorbenen Hautzellen
ernähren. Die Folge ist eine Entzündungsreaktion der Haut, die je nach betroffenem Körper-
R
teil unterschiedliche Ausprägung hat.

Beispiele
• Tinea corporis = Hautmykose, kommt vor allem an den Füssen interdigital/plantar
(= Tinea pedis) vor
• Onychomykose (Tinea unguium) = Nagelpilz
• Tinea capitis = Haarmykose

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Pilze (Fungi, Mycetes) 87
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Lehrkraftausgabe

Pilze (Fungi, Mycetes)

Es werden drei Aren von Dermatophyten unterschieden, welche eine Dermatophytose hervor-
rufen können. Bei den drei Arten handelt es ich um Fadenpilze (Hyphen).

• Trichophyton: befällt Haut, Nägel und Haare und kommt auch bei Haustieren vor.
• Microsporum: befällt Haut und Haare und kommt auch bei Haustieren vor.
• Epidermophyton floccosum: befällt Haut und Nägel.

Pathogene Hefepilze
M
Kutane Kandidose (Hefepilzerkrankungen)
Einige Hefenspezies können beim Menschen Krankheiten hervorrufen. Dabei handelt es sich
in der Regel um opportunistische Infektionen bei Patienten mit herabgesetzter Immunkom-
petenz. Hefepilze können im Prinzip alle Teile der Haut und der Schleimhäute befallen.
Besonders gut gedeiht der Pilz an feucht-warmen Stellen, etwa in Hautfalten (intertriginöse
Kandidose) oder im Genitalbereich (genitale Kandidose). Kandida-Infektionen sind oft als
U
endogene Infektionen zu betrachten.

Eher seltener entstehen Hefepilzinfektionen durch direkten Kontakt, zum Beispiel durch
Geschlechtsverkehr oder durch indirekten Kontakt, etwa beim Gebrauch eines gemeinsamen
S
Handtuchs übertragen werden.

Besonders betroffen von einer kutanen Kandidose sind:


T
• Kleinkinder mit einer Windel-Dermatitis
• Personen, die an Zuckerkrankheit oder einer anderen Stoffwechselkrankheit leiden
• Übergewichtige Personen (durch tiefere Hautfalten)
• Schwangere Frauen oder Frauen, die ein hormonelles Verhütungsmittel (z. B.  Pille)
E
einnehmen
• Personen, die im Nassen arbeiten
• Personen, die HIV-infiziert sind oder andere Immundefekte haben
R
Zu den häufigsten Verursachern einer Kandidose zählen unter anderem:

• Cryptococcus neoformans
Cryptococcus neoformans kommen weltweit vor und ist der wichtigste Erreger einer
opportunistischen Infektion, die fast immer bei Patienten mit massiver Immun-
schwäche auftritt. Er wächst in der Erde und auf verschiedenen Gräser und Getrei-
dearten. Der Pilz ist häufig im Kot verschiedener Vogelarten nachzuweisen. Unter
anderem auch im Kot von Stubenvögeln.

88 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Infektionskrankheit

Der Pilz dringt in Form von Staubpartikeln über die Atemwege in den menschlichen
Körper ein und kann bei Menschen mit einem geschwächten Immunsystem
(z. B.  AIDS) zu Krankheiten führen wie:

>> Lungen-Mykosen
>> Haut-Mykosen
>> Meningo-Enzephalo-Mykose
>> Knochen-Mykosen

• Candida albicans
M
Candida albicans ist bei Warmblütern (Mensch und Tier) häufig auf der Haut, den
Schleimhäuten von Mund und Rachen und im Genitalbereich sowie im Verdauungs-
trakt zu finden – jedoch ohne Schaden zuzufügen. Gerät das Immunsystem des
Menschen jedoch aus dem Gleichgewicht und ist somit geschwächt, dann kommt es
zu einer Kandidose (Soor), die sich in einer Vielzahl von Krankheitssymptomen
U
äussern kann:

>> Allergien, Asthma


>> Verdauungsbeschwerden
>> Herzmuskelentzündung
S
>> Herz-Kreislauf-Beschwerden
>> Rheuma, Gicht, Arthritis
>> Sinusitis (Nasennebenhöhlenentzündung)
>> Gastritis
T
>> Migräne
>> Nierenprobleme
>> Müdigkeit, Stimmungsschwankungen etc.
E
Als Schmarotzer entzieht der Hefepilz Candida albicans seinem Wirt wichtige Nährstoffe, um
sich vermehren und ausbreiten zu können. Diese Nährstoffe fehlen dann dem Wirt-Organismus
und führen zu den mannigfaltigen Symptomen.
R
Auch Heisshunger-Attacken, besonders auf Süsses, sind oft auf den Candida albicans zurück-
zuführen, da dieser eine besonders Vorliebe für Zucker jeder Art und raffinierte Kohlenhydrate
hat. Diese ständigen Gelüste nach Süssem macht es vielen Betroffenen auch unmöglich
abzunehmen.

Der pathogene Candida Pilz breitet sich nicht nur unkontrolliert aus, sondern hat auch noch
die unangenehme Eigenschaft, seinen eroberten Bereich vehement zu verteidigen in dem er
schädliche Stoffwechselprodukte = Mykotoxinen freisetzt.

Diese Mykotoxine dienen dem Pilz gleich doppelt: Zum einen schwächen sie das Immun-
system des Wirt noch mehr und zum anderen halten sie damit ihre Konkurrenten, wie etwa

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Pilze (Fungi, Mycetes) 89
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Pilze (Fungi, Mycetes)

Bakterien oder Viren, fern. Dabei nützen die Hefepilze ihre Fähigkeit Alkohol zu produzieren
zu können und funktionier somit nach dem Prinzip der Desinfektionsmittel! Damit sichert
sich der Candida albicans seinen Lebensraum in unserem Körper.

Malassezia furfur
Malassezia gehört zu der Gattung der sogenannten Brandpilzen. Aufgrund der lipophilen
(fettliebenden) Eigenschaften des Pilzes, wächst er vor allem in der obersten Schicht der
Haut. Am wohlsten fühlen sich die Malassezia-Hefen auf der Kopfhaut und im Gesicht. Die
Besonderheit bei den Malassezia-Hefen ist, dass diese auf der Haut jedes Menschen und bei
M
einigen anderen Warmblütern (z. B.  Hunden) vorhanden sind und somit grundsätzlich keine
schädliche Wirkung haben. Allerdings sind die Malassezia-Hefen schuld an einer Vielzahl von
Hauterkrankungen.

Gut vom Immunsystem geschützt, können die «Pilznester»


zu hyperkeratotischen Hautveränderungen (starker Verhor-
U
nung) führen. Die Fähigkeit der Malassezia UV-Strahlung zu
absorbieren führt dazu, dass vom Pilz befallene Stellen nach
Sonneneinstrahlung keine Bräunung aufweisen und als
weisse, rundliche Flecken auffallen. Die Erkrankung durch
S
Malassezia-Hefen ist grundsätzlich nur ein kosmetisches
Problem für die betroffenen Personen.
T
Pathogene Schimmelpilze

Aspergillus
Aspergillus ist eine Gattung der Schimmelpilze. Aspergillus-Arten wachsen gerne auf natürli-
E
chen Materialien wie: Baumwollstoffen, auf Polstermöbeln und Schaumstoffmatratzen, Holz,
Papier und Tapeten. Auf Lebensmitteln wie: Früchten, Gemüse, in Mehl, Nüssen, Marmelade,
Brot, Heu und auch auf Tierkot. Im Badezimmer und in allen feuchten Ecken des Hauses
(z. B.  Keller) sowie in feuchter Blumenerde besonders über Heizungen fühlen sie sich
R
besonders wohl.

Ihre Stoffwechselprodukte = Mykotoxine, können zu Lebensmittelvergiftungen führen. Bei


abwehrgeschwächten Menschen kann Aspergillus auch allergische Reaktionen auslösen oder
sogar Organe wie Lunge, Magen, Darm und das Nervensystem befallen.

Mucor
Mucor, auch Köpfchenschimmel genannt, gehört zur Gattung der Schimmelpilze. Es sind rund
40 Arten bekannt. Diese Art Schimmelpilz ernährt sich von totem organischem Material.
Mucor-Arten sind Verursacher der Mucormycosen. Durch Einatmen gelangt dieser Schimmel-
pilz in die Lunge, von wo er über das Blut zu anderen Organen gelangt. Später kann auch eine
Ausbreitung in das zentrale Nervensystem erfolgen. Eine Infektion findet im Regelfall nur bei

90 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Infektionskrankheit

stark abwehrgeschwächten Patienten (u. a. durch AIDS, Chemotherapie oder Knochenmark-


stransplantation) statt, verläuft dort aber schnell fortschreitend und sehr häufig tödlich.

Behandlung
Antimykotika sind Arzneimittel zur Behandlung von Pilzinfektionen, wie etwa Fusspilz, Antimykotika
Nagelpilz oder Scheidenpilz. Antimykotika wirken:

Aufgabe 2.6.4
Erklären Sie diese Begriffe

antimykotisch gegen Pilze wirkend


M
fungizid pilztötend

fungistatisch das Pilzwachstum hemmend

z. T. zusätzlich antibakteriell gegen Bakterien wirkend


U
Oberflächliche Mykosen werden wenn möglich äusserlich behandelt, in einigen Fällen ist aber
auch eine innerliche Behandlung notwendig.

Bei innerlichen Pilzinfektionen müssen in der Regel Antimykotika oral oder parenteral verab-
S
reicht werden. Zum Beispiel bei der Behandlung von Candida albicans. Nicht jedes Antimyko-
tikum wirkt gegen jeden Pilz. Insbesondere, wenn das Medikament eingenommen werden
soll, sollte eine vorherige Bestimmung der Pilzart erfolgen. Das ist deshalb wichtig, weil die
Anwendung systemischer Antimykotika unter Umständen mit schwereren Nebenwirkungen
T
einhergehen kann.

Antimykotika sind Substanzen, die das Wachstum von Pilzen beeinflussen, indem sie in
unterschiedliche Mechanismen des Pilzwachtums eingreifen.
E
äussere (topische) Anwendung innere (systemische) Anwendung
• Crème Medikamente gelangen in den Blut-
R
• Salben kreislauf:

• Tinkturen • Tabletten

• Zäpfchen • i. v. Injektionen

• Säfte

Wichtig:
Im Mittelpunkt der Darmpilz-Therapie steht immer die Ernährungsumstellung.
Eine systemische Anwendung von Antimykotika ist währender der Schwangerschaft und
Stillzeit, bei Allergien und Lebererkrankungen kontraindiziert.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Pilze (Fungi, Mycetes) 91
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Prionen

Prionen 2.7 Prionen


M
U

normales Prion pathogene Prion-Form


S
PrPC PrPC

Definition Definition
T
Prionen stellen in ihrer Einfachheit alle bisher bekannten Krankheitserreger in den Schatten.
Sie besitzen weder Erbgut noch Stoffwechsel und können sich somit nicht selbst vermehren.
Bei Prionen handelt es sich um Proteine, die bei Mensch und Tier vorwiegend im Nerven-
system vorkommen. Neben einer physiologischen Variante, gibt es die pathogene Variante
E
des Proteins. Hierbei handelt es sich nicht um Lebewesen, sondern um reine «infektiöse
Proteine» mit virusähnlichen Eigenschaften.

Prionen sind gegenüber Hitze (auch bei >100 °C), Chemikalien und vielen Desinfektions-
R
mitteln resistent.

Grösse
Prionen besitzen eine Grösse von ca. 10-15 nm.

Funktion der physiologischen Variante


Prionen wurden erst 1982 entdeckt.
Die genaue Funktion der physiologisch vorkommenden Prionen ist noch nicht bekannt.
Forschungen gehen davon aus, dass diese Prionen die Funktion des Langzeitgedächtnisses
unterstützen, indem sie neuronale Verbindungen stabilisieren. Weitere, in Tierversuchen

92 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

gewonnene Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass das körpereigene PrPc die hämato-
poetischen Stammzellen (blutbildenden Stammzellen) vor Stress schützt und ihre Regenera-
tionsfähigkeit erhält.

Funktion der pathogenen Variante


Infektiöse Prionen (PrPSc) unterscheiden sich von natürlich vorkommenden Formen lediglich
in ihrer Proteinfaltung. Sie sind in der Lage, normale Prionproteine (PrPc) in infektiöse
Prionen (PrPSc) umzuwandeln. Dies geschieht über eine Art Kettenreaktion: Durch die Anla-
gerung falsch gefalteter Prionproteine wird die Faltung körpereigener Prionproteine in eine
pathogene Form verändert, die wiederum weitere Proteine umformen kann.
M
U
S
T
E
Das Auftreten der Krankheit kann auf drei klassische und eine neue (variante) Arten Auftreten
erfolgen, was unter allen Krankheiten einmalig ist:
R
1. Sporadisch: D. h. zufällig bzw. ohne erkennbare Ursache: Scheinbar normale Prionproteine
(PrPc) faltet sich «zufällig» in infektiöse Prionen (PrPSc ) um und löst dadurch die
Kettenreaktion aus. Mit steigendem Alter nimmt das Risiko, daran zu erkranken zu. Ein
Beispiel ist die klassische Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (sCJD).

2. Genetisch: Das Gen PRNP, welches das normale Prionprotein (PrPc) kodiert kann einen
Fehler enthalten, so dass ein für die Fehlfaltung anfälligeres Protein entsteht. Die Muta-
tion wird auf die Kinder vererbt. Beispiele sind die familiäre Form der Creutzfeldt-Jakob-
Krankheit (fCJD), das Gerstmann-Sträussler-Scheinker-Syndrom (GSS) und die fatale
familiäre Insomnie (FFI).

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Prionen 93
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Prionen

3. Iagtrogen: durch Übertragung bzw. «Ansteckung» durch medizinische Eingriffe: Führt man
sich von aussen PrPSc zu, kann dies das eigene PrPc wiederum in PrPsc umwandeln. Eine
Ansteckung im alltäglichen Kontakt mit Patienten ist nicht möglich. Eine Übertragung
erfolgt, wenn stark PrPSc-haltiges Material, also z. B.  Gehirn von kranken Tieren oder
Menschen direkt ins Gehirn gelangt (iCJD). So können z. B.  im Rahmen von Operationen
am Gehirn, mit nicht ausreichend sterilisierten Instrumenten, versehentlich veränderte
Prionen ins Gehirn vom Gesunden gelangen.

Zur Inaktivierung solcher Erreger müssen qualitativ hochstehende Desinfektionsmittel
zum Einsatz kommen und die Sterilisation soll unter hohen Temperaturen erfolgen. (siehe
M
Kapitel Sterilisation, Prionen; Verordnung über die Prävention der Creutzfeldt-Jakob-
Krankheit)

4. Neue Form (vCJD): Die Übertragung erfolgt durch den Verzehr von stark PrPSc-haltigem
Material. Ein Beispiel ist Kuru, eine Krankheit auf Papua-Neuguinea; Angehörige des
U
betroffenen Volksstamms assen bei kulturellen Riten das Gehirn von Verstorbenen und
nahmen damit hohe Mengen an PrPSc zu sich. Das bekannteste Beispiel ist aber sicherlich
BSE (Bovine spongiforme Enzephalopathie). Rinderbestandteile mit PrPsc wurden zu
Tiermehl verarbeitet und dieses verfüttert, wodurch sich immer mehr Kühe infizierten. In
geringerem Umfang könnten sich auch andere Tiere (Katzen, Zootiere) durch dieses Tier-
S
mehl infiziert haben. Schliesslich erkrankten besonders in Grossbritannien auch Menschen
aufgrund des Verzehrs von BSE-Kühen an einer neuen Form der Creutzfeldt-Jakob-Krank-
heit.
T
BSE BSE: Bovine Spongiforme Enzephalopathie (engl. «bovine spongiform encephalopathy»).
Rinderkrankheit, landläufig «Rinderwahnsinn» genannt. Schwammartige Hirnerkrankung, die
mit zentralnervösen Störungen einhergeht und tödlich endet. BSE trat 1985 erstmals in
Großbritannien auf und wird durch die infektiöse, fehlgefaltete Form eines körpereigenen
E
Proteins, dem Prion-Protein PrPSc, verursacht. Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass
BSE auf den Menschen übertragbar ist und eine neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit
(vCJK) auslösen kann.
R
CJK CJK: Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (engl. «Creutzfeldt Jakob Disease, CJD»). Die Creutz-
feldt-Jakob-Krankheit ist eine durch Prionen verursachte, schwammartige Hirnerkrankung
beim Menschen.

Die beiden deutschen Mediziner: Creutzfeldt und Jakob haben die Krankheit erstmals in den
20-er Jahren bei älteren Menschen mit Demenz so beschrieben: Neuronen verklumpen im
Gehirn, so dass dieses löchrig wird wie ein Schwamm.

Eine Heilung ist bislang unmöglich. CJK tritt in verschiedenen Formen auf (sporadisch,
vererblich, iatrogen = durch eine ärztliche Massnahme verursacht), ist sehr selten und lässt

94 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

sich erst nach dem Tod mit Sicherheit diagnostizieren. Pro Jahr tritt weltweit ein Fall pro
eine Million Menschen auf.

Aufsehen erregt jedoch eine neue Variante der Krankheit (vCJK), die erstmals Mitte der 90er
Jahre in Grossbritannien auftrat und einen Zusammenhang mit BSE aufweist.

2.8 Protozoen Protozoen


M
Protozoen werden auch als Urtiere beziehungsweise Urtierchen bezeichnet, wobei dies als
eine veraltete Bezeichnung gilt.

Definition Definition
Protozoen (Einzahl: Protozoon) sind einzellige, eukaryonte, heterotrophe Organismen. Sie
gehören zu den einfachsten Organismen und werden dem Tierreich zugeordnet.
U
Lebensraum
Protozoen leben vorwiegend in feuchten Lebensräumen und können sich den unterschiedli-
chen Lebensbedingungen sehr gut anpassen.
S
Protozoen leben frei z. B.  im Meer, im Süsswasser, Flüssen, Biotopen oder als Parasiten in
oder an anderen Tieren. Protozoen, die in Lebensräumen vorkommen, welche periodisch
austrocknen, können als Zysten überleben.
T
Vermehrung
Die Vermehrung von Protozoen kann geschlechtlich oder ungeschlechtlich erfolgen. Vermeh-
rung auf ungeschlechtlichem Weg bedeutet: Zweiteilung oder Knospung. Vermehrung auf
geschlechtlichem Weg bedeutet: Vereinigung der Keimzellen bei der Befruchtung. Es gibt
E
ungefähr 20‘000 Protozoenarten.

Aussehen
Die Zellstruktur von Protozoen ähnelt den Zellen von Säugetieren. Protozoen besitzen
R
ebenfalls einen Zellkern, Mitochondrien und einen Golgi-Apparat. Zur Fortbewegung besitzen
viele Protozoen Geisseln , Wimpern oder sie sind Wurzelfüssler.

Protozoen sind zwischen 1 μm und 300 μm gross.

Morphologisch werden sie in vier Gruppen unterteilt:


• Geisseltierchen (Flagellaten): bewegen sich durch eine/mehrere Geisseln
• Sporentierchen (Sporozoen): bewegen sich gleitend oder schlängelnd fort
• Wimperntierchen (Ciliaten): bewegen sich durch Flimmerhärchen
• Wurzelfüsser (Rhizopoden): bewegen sich durch veränderliche Zellfortsätze fort

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Protozoen 95
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Protozoen

Protozoonosen Pathogene Protozoen können beim Menschen für zahlreiche Erkrankungen = Protozoonosen
verantwortlich sein.

Geisseltierchen
Trichomoniasis ist eine der häufigsten sexuell übertragenen Infektionen des Urogenital-
traktes. Sie wird durch Trichomonas vaginalis verursacht und führt bei der Frau zu einer
juckenden  / brennenden Entzündung der Vaginalschleimhaut mit Ausfluss.

Sporentierchen
Sporentierchen sind Innenparasiten bei Tieren. Werden Sie auf Menschen übertragen, können
M
sie schwere Krankheiten verursachen. Zum Beispiel: Malaria oder Toxoplasmose

Malaria (auch Sumpffieber oder Wechselfieber genannt) ist eine der gefährlichsten und
häufigsten parasitären Tropenkrankheiten. Der Erreger, das Plasmodium falciparum, wird
durch den Stich respektive dem Speichel der weiblichen Anopheles Mücke übertragen.
U
Toxoplasmose: Ist eine parasitäre Infektionskrankheit, die vom Toxoplasma gondii verursacht
wird. Die Erregeraufnahme erfolgt entweder über Katzenkot oder nicht vollständig durchge-
kochtem Fleisch. Bei normalem Immunstatus verläuft sie in der Regel symptomlos und
unbemerkt. Grippeähnliche Beschwerden können auftreten.
S
Wenn sich Schwangere neu mit dem Parasiten anstecken, ist mit schweren Folgen für das
Kind und seine spätere Entwicklung zu rechnen. Deshalb sollten Schwangere einige Verhal-
tensregeln beachten, um eine Infektion möglichst zu vermeiden.
T
Wimperntierchen
Ciliaten sind im Plankton der Meere und des Süsswassers ein wichtiger Bestandteil der
Nahrungsketten. Ebenso kommen sie terrestrisch (irdisch) in feuchter Erde vor. Das
bekannteste von ihnen ist das Pantoffeltierchen.
E
Das einzige humanpathogene Wimperntierchen ist das Balantidium coli. Es führt beim
Menschen zur Balantidiose oder auch Balantidienruhr genannt. Der Parasit lebt in Dickdarm
von Schweinen, Affen und Ratten und wird über den Kot ausgeschieden. Der Mensch nimmt
R
den Erreger oral durch verunreinigte Nahrung auf. Klinisch äussert sich der Befall durch
blutig-schleimige Durchfälle, heftigen Unterleibsschmerzen und Übelkeit.

Wurzelfüsser
Amöben (Wechseltierchen)
Die wenigsten der Amöben sind humanpathogen, eine dieser humanpathogenen Amöben
stellt die Entamoeba histolytica dar, welche der Auslöser für die sogenannte Amöbenruhr ist.
Eine Infektionskrankheit die zu blutig-schleimigen Durchfällen oder einem Leberabszess
führen kann. Übertragen wird die Krankheit durch kontaminierte Lebensmittel, Trinkwasser
und anal-orale Sexualpraktiken.

96 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

2.9 Parasiten Parasiten

Giardien Askariden Milbe Malaria Mücke


M
Parasiten leben in oder auf einem anderen Organismus (= Wirt). Sie ernähren sich vom Wirt
oder nutzen ihn zu Fortpflanzungszwecken.

Definition Definition
Im Allgemeinen ist ein Parasit stark von seinem Wirt abhängig. Das heisst, je nach dem um
welche Parasitenart es sich handelt, ist dieser von verschiedenen Wirtfaktoren abhängig:
U
• Körpersubstanz
• Nahrungsangebot
• Sauerstoffbedarf
• Osmotik
S
• pH-Verhältnisse oder
• Wärmehaushalt.

Der Wirt wird dabei geschädigt, indem der Parasit seine Organfunktionen beeinträchtigt,
seine Zellen zerstört oder ihm Nährstoffe entzieht. In der Regel wird der Wirt nicht getötet
T
Übertragung
Parasiten werden meist von Tieren auf den Menschen übertragen. Weitere Infektionsquellen
sind Nahrungsmittel, die mit Eiern oder Kot verunreinigt sind.
E
Viele Parasiten schmarotzen während ihrer Entwicklung in verschiedenen Wirten. Man unter-
scheidet Zwischenwirte, dem Endwirt, dem Fehlwirt und Transportwirt, der auch als Sammel-
wirt bezeichnet wird.

Zwischenwirt
R
Zwischenwirt
Als Zwischenwirt bezeichnet man einen Organismus, der die Larvenform oder das Jugendsta-
dium eines Parasiten in seinen Körper aufnimmt und diese nach ihrer ungeschlechtlichen
Vermehrung und/oder Umwandlungen auf einen anderen Organismus überträgt.

Zwischenwirte, die Parasiten z. B.  durch Verletzung des Endwirtes übertragen, werden als
aktive Zwischenwirte bezeichnet (Blut saugende Insekten: Malariamücke). Passive Zwischen-
wirte übertragen die Erreger auf den Endwirt, wenn dieser die Zwischenwirte oder Teile von
ihnen mit der Nahrung aufnimmt (Fische, Schnecken).

Endwirt, Hauptwirt Endwirt, Hauptwirt


Im Endwirt entwickeln sich die Parasiten in vermehrungsfähigen Stadien.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Parasiten 97
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Parasiten

Transport- oder Transport- oder Sammelwirte


Sammelwirte Sie übertragen den Parasiten, dienen aber nicht der Vermehrung  /  Wandlung. Transport-/
Sammelwirte werden nicht in Mitleidenschaft gezogen.

Fehlwirt Fehlwirt
Im Fehlwirt kann sich der Parasit nicht weiterentwickeln resp. aus ihm kann der Erreger nicht
vom Endwirt aufgenommen werden. Der Entwicklungszyklus wird hier unterbrochen.

Temporäre und stationäre Auf Grund der Dauer der parasitischen Lebensphase unterscheidet man temporäre und stati-
M
Parasiten onäre Parasiten:

Stationäre Parasiten
Bleiben einem Wirt treu. Ein Wirtswechsel findet nur bei engem Kontakt mit einem anderen
möglichen Wirtstier oder beim Tod des ursprünglichen Wirtes statt (Filzlaus mit hoher
Bindung an den Wirt, Floh mit bedingter Bindung).
U
Weiter kann man die stationären Parasiten in zwei Gruppen gliedern:
Periodische Parasiten leben nur in bestimmten Entwicklungsstadien parasitisch (Haken-
wurm).
S
Permanente Parasiten haben kein freies (nichtparasitisches) Lebensstadium (Trichinella
spiralis).

Temporäre Parasiten
T
Sie besuchen einen Wirt nur für begrenzte Zeit, z. B.  zur Nahrungsaufnahme (Stechmücke).
Der Parasit kann sich sowohl als Ektoparasit auf dem Organismus als auch im Organismus als
Endoparasit aufhalten.
E
Ektoparasiten Ektoparasiten
Leben auf anderen Organismen. Sie dringen nur mit dem für die «Anzapfung» dienenden
Organ in ihren Wirtsorganismus ein, ernähren sich von Hautsubstanzen oder nehmen Blut
oder Gewebsflüssigkeit auf. (Stechmücken, Läuse oder Zecken). Ektoparasiten sind häufig
R
auch Krankheitsüberträger (Malaria oder Lyme-Borreliose).

Endoparasiten Endoparasiten
Leben im Inneren ihres Wirtes. Sie besiedeln Hohlräume, Epithelien, das Blut oder auch das
Gewebe verschiedener Organe. (Würmer)

98 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Parasiten werden grundsätzlich in zwei Hauptgruppen unterteilt: in die Gruppe der Mikropa- Mikroparasiten und der
rasiten und der Makroparasiten. Makroparasiten

Mikroparasiten = Ein-/Wenigzeller Makroparasiten = Vielzeller


Mikroparasiten vermehren sich im Wirt Makroparasiten wachsen in der Regel im Wirt
ohne sich zu vermehren
• Viren Würmer (Helminthen)
• Bakterien • Cestoda (Bandwurm):
• Protozoen • Rinder-/Schweinebandwurm
M
• Flagellaten (Geisseltierchen) • Fischbandwurm
• Sporozoen (Sporentierchen) • Fuchs-/Hundebandwurm
• Ciliata (Wimperntierchen) • Nematoden (Fadenwürmer):
• Rhizopoden (Wurzelfüsser) • Spulwurm (Ascaris)
• Giardien (Giardia) werden traditionell zu den • Hakenwurm (Ancylostomatidae)
U
Protozoen gezählt • Oxyuren (Madenwürmer)
• Peitschenwurm (Trichuriasis)
Giardien sind Dünndarmparasiten. Sie kommen • Trematoden (Saugwürmer):
weltweit bei einer Vielzahl von Säugetieren • Pärchenegel (Schistosomen)
(Hunden), Amphibien, Reptilien und Vögeln • Leberegel
S
vor. Um andere Lebewesen (u. a. auch
Menschen) zu befallen, umgeben sich jeweils
Arthropoden (blutsaugende Ektoparasiten)
zwei Giardien mit einer schützenden Hülle und
• Flöhe
lassen sich über den Kot ausscheiden. Durch
• Läuse
T
die Hülle sind sie tage- bis wochenlang
• Zecken
geschützt, bevor sie vom neuen Wirt über
• Milben
verschmutztes Wasser oder Nahrungsmittel
• Fliegen
aufgenommen werden.
• Wanzen
E
• Mücken
Giardien stellen ein Problem in der Trinkwas-
seraufbereitung dar, sie lassen sich weder
durch Chlor noch durch Ultraviolettstrahlung
R
komplett abtöten. Aus diesem Grund wird zur
Oberflächenwasser-Aufbereitung häufig Ultra-
filtration eingesetzt, um sie abzufiltrieren.
Metatoen
Vielzellige Parasiten, zahlreiche Beispiele
finden sich im Tierreich.

*Hinweis: Mehr Information zu Malaria finden Sie über diese Homepage!


http://www.planet-wissen.de/alltag_gesundheit/krankheiten/malaria/

Video zu Maden- Spulwürmer


https://www.youtube.com/watch?v=cxTevv2SRHg

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Parasiten 99
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Parasiten

Helminthen Helminthen

Oxyuren (Madenwürmer)
Die Madenwurminfektion ist die häufigste Wurminfektion in den gemässigten Breiten.
Hauptsächlich tritt sie bei Kindern auf. Der ausgewachsene Wurm lebt im Darm des Wirtes
und ernährt sich von dessen Nahrungsbrei. In der Nacht kriechen die weiblichen Würmer auf
die Analhaut und legen dort die Eier ab. Dies führt zu einem Juckreiz. Durch das Kratzen
werden die Eier auf die Umgebung verteilt und über die Finger wieder oral aufgenommen.
M
Mögliche Übertragungswege:
• anal-orale Auto-Reinfektion
• Schmierinfektion durch kontaminierte Personen / Objekte
• Inhalation der Eiter (z.B. beim Schütteln der Bettwäsche)
• orale Aufnahme durch kontaminierte Nahrungsmittel  / Trinkwasser
• die Eier auf der Analhaut können zu Larven schlüpfen und von dort aus zurück in
U
den Darm kriechen.

Diagnostik
Die Diagnose wird durch den mikroskopischen Nachweis der Eier gesichert. Hierzu wird am
S
Morgen über die Afteröffnung ein durchsichtiger Klebestreifen gelegt und wieder entfernt.
Dadurch werden die Eier fixiert und können nun mikroskopisch nachgewiesen werden.

Bandwürmer
T
Bandwürmer gehören zu den Endoparasiten.
Für menschliche Bandwurmerkrankungen sind verantwortlich:
• Schweinebandwurm
• Rinderbandwurm
E
• Fuchsbandwurm
• Hundebandwurm
• Schweine- und Rinderbandwurm
R
Beim Schweine- und Rinderbandwurm ist der Mensch der Endwirt des Entwicklungszyklus. Der
Mensch nimmt, z. B.  über den Verzehr von rohem Muskelfleisch von Schweinen oder Rindern,
die Finnen = Larvenstadium des Bandwurmes auf. Rinder  /  Schweine sind somit der
Zwischenwirt. Im Darm entwickeln sich die Finnen zu ausgewachsenen Bandwürmern, welche
wiederum Eier produzieren, die vom Menschen über den Stuhl ausgeschieden werden. Eine
Infektion verläuft oft symptomlos. Seltener treten gastrointestinale Beschwerden wie Appe-
titlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Bauchkrämpfe etc. auf. Allerdings führt der Wurmbefall zum
Nährstoffentzug beim Wirt. Dies äussert sich durch Mangelerscheinungen und einem unge-
wollten Gewichtsverlust.

100 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

Über den Verzehr von rohem 
Fleisch gelangen die Larven in den 
Darm des Endwirtes und entwickeln 
sich zu Würmern. 

Endwirt 

Die Larven lagern sich 
in den Muskeln als 
Finnen ab. 
M
Ausgewachsene Würmer 
befinden sich im Darm. 

Wurmeier werden über 
den Kot ausgeschieden. 
U
Zwischenwirt 
S
Fuchs- und Hundebandwurm
T
Träger des ausgewachsenen Wurmes ist der Fuchs  /  der Hund. Die Tiere scheiden über den
Kot Bandwurmeier aus. Der Mensch nimmt über verunreinigte Lebensmittel (z. B.  Wald-
beeren) diese Eier auf. Die Eier entwickeln sich im menschlichen Darm zu Larven (Finnen),
welche wiederum über die Blutbahn in die Leber und Lunge gelangen. Dort entwickeln sich
die Larven (Finnen) zu sogenannten Hydatiden (durch die Finne verursachtes Zystengebilde),
E
welche invasiv ins Gewebe einwachsen, und die Organfunktion stört.

Hier fungiert der Mensch als Fehlzwischenwirt, da sich in ihm keine Würmer bilden können
und er auch nicht vom Fuchs gefressen werden kann. Die Inkubationszeit beträgt Monate bis
R
mehrere Jahre.

Symptomatisch sind Infektionen, mit starken Oberbauchschmerzen, Müdigkeit, Schwäche


und je nach dem, einer Vergrösserung der Leber. Die Krankheit kann tödlich verlaufen.

Parasiten überlisten unser Immunsystem


Parasiten sind in hohem Masse spezialisierte Lebewesen. Das zeigt sich unter anderem
dadurch, wie sich Parasiten vor dem Immunsystem zu schützen wissen: Kleine Parasiten
können sich in den Zellen des Wirts verstecken und sind somit für Immunsystem unerreichbar.
Ein Bespiel dafür ist der Befall von Erythrozyten durch Plasmodien (z. B.  bei Malaria). Eine
weitere Möglichkeit zur Überlistung der Abwehrmechanismen ist der Wechsel der Oberflä-

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Parasiten 101
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Parasiten

chenstruktur. Sobald der Wirt eine Immunabwehr gegen den Parasiten aufgebaut hat, häutet
sich dieser und ist somit von den Antikörpern vorerst nicht erkennbar. Ein Beispiel dafür sind
die Trypanosomen. Trypanosomen kommen hauptsächlich in den Körperflüssigkeiten ihrer
Wirte vor, z. B.  im Blut, in der Lymphe, im Liquor oder in der Herzbeutelflüssigkeit. Einige
Parasiten haben auch eine besonders dickes «Häutchen» gebildet und können damit immu-
nologisch nicht erkannt werden.

Prophylaxe Parasiteninfektionen vorbeugen – allgemeine Prophylaxe

Grundsätzlich sind immer dieselben grundlegenden Hygienemassnahmen zu beachten:


M
1. Beachten eines guten Allgemeinzustandes (AZ) durch gesunde Lebensführung.
2. Im Alltag die allgemein bekannte Hygienemassnahmen beachten und konsequent
anwenden.
3. Im Arbeitsalltag die Hygienevorschriften beachten und konsequent umsetzen.
4. Parasiteninfektionen vorbeugen durch artgerechte Tierhaltung speziell auf die
U
Tierrasse abgestimmter Hygienemassnahmen.
S
Es konnte nachgewiesen werden, dass sich bei Personen, die häufigen nahen Kontakt zu
Tieren haben, die physiologische Keimflora von Mensch und Tier mit der Zeit angleicht.
Somit haben fast nur noch akute Erkrankungen der Tiere eine infektiologische Bedeutung.
T
Aufgabe 2.9.1
Erarbeiten Sie eine Gegenüberstellung respektive eine Übersicht zu Bakterien, Viren, Pilzen,
E
Prionen, Parasiten. Sie finden hierzu eine entsprechende Word-Vorlage auf www.mympa.ch.

Beispiel

Bakterien Viren Pilze Prionen Protozoen Parasiten


R
Genom

Zellkern
vorhanden

Vermehrung

Prominente
Beispiele

Umgang in der
Arztpraxis

102 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Infektionskrankheit

2.10 Nosokomiale Infektion Nosokomiale Infektion

Als Nosokomialinfektion = Krankenhausinfektion werden alle Arten von Infektionserkrankungen


bezeichnet, die im Zusammenhang mit einem Klinikaufenthalt durch Mikroorganismen hervorgerufen
werden und zwar unabhängig davon, ob Symptome bestehen oder nicht. Nosokomiale Infektionen sind
ein grosses Sicherheitsproblem. Gemäss Schätzungen von Schweizer Infektiologen sterben jährlich ca.
2000 Menschen in der Schweiz an Spitalinfektionen.

Nosokomiale Erreger sind somit Erregern die zu Krankenhausinfektionen führen.


M
Vor allem für immungeschwächte Patienten besteht eine besonders grosse Gefahr, sich mit einem
nosokomialen Erreger zu infizieren. Für Besucher sowie für Ärzte und Pflegepersonalstellen stellen die
Krankenhauskeime gewöhnlich kein Risiko dar.

Aufgabe 2.10.1
Welche Patientengruppen zählen zu den immungeschwächte Patienten? Nennen Sie Beispiel.
U
• hohes Alter

• die Schwere der Grundkrankheit

• Einschränkung durch Immunabwehr


S
• Mangelernährung

• Frühgeburten
T
• Verlust der normalen Schutzmechanismen der Haut

Es werden zwei Typen von nosokomialen Infektionen unterschieden:


E
• Die endogene nosokomialen Infektion: Hierbei wechselt der bereits im Patienten-
Körper vorhandenen Erregers seinen Standort. (z. B.  Beatmungspneumonie,
Gasbrand nach OP)
Etwa 70 – 80 % der NI sind endogen!
R
• Die exogene nosokomialen Infektion: Übertragung des Erregers von aussen auf
den «geschwächten» Patienten. Man spricht hier auch von einer Kreuzinfektion. Im
etwas weiteren Sinne wird mit einer Kreuzinfektion das gegenseitige Anstecken mit
unterschiedlichen Erkrankungen bezeichnet.
Etwa 20 – 30 % der NI sind exogen!

Im eigentlichen Sinne wird als Kreuzinfektion eine Infektionskette von einem
Infizierten auf einen anderen Wirt und von dort wieder zurück auf den ursprünglich
Infizierten beschrieben. Derartige Infektionsketten finden sich v. a. in medizini-
schen bzw. pflegerischen Einrichtungen (z. B.  Krankenhäuser, Altenheime).

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Nosokomiale Infektion 103
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Nosokomiale Infektion

Aufgabe 2.10.2
a) Welche Arten von Nosokomialinfektion sind bekannt? Nennen Sie diese.
b) In welchem Verhältnis kommen diese vor? Ordnen Sie nach der Grösse der Vorkommnisse.

• Harnweginf. (ca. 40%)

• Wundinf. (15 – 25 %)

• Atemwege (ca. 15 %)

• Haut und Schleimhäute (ca. 10 %)


M
• Sepsis (ca. 5 %)

Aufgabe 2.10.3
In welchem Ausmass verursachen Mikroorganismen eine nosokomiale Infektion? Suchen Sie
nach den entsprechenden %-Zahlen.
U
Viren 71 %

Bakterien 21 %
S
Pilze und Parasiten 8%

Nosokomiale Infektionen betreffen jedoch nicht nur Patienten, die stationär behandelt
T
werden, sondern auch Menschen, die im Bereich der stationären und ambulanten Pflege
versorgt werden. Häufig sind dies ältere Menschen, die durch pflegerische Massnahmen und
dem teils nicht sachgemässen Einsatz von Antibiotika unter zusätzlichen Infektionsrisiken
leiden. Bakterien, die eine Resistenz gegenüber gebräuchlichen Antibiotika entwickelt
haben, sind auch bei Bewohnern von Pflegeeinrichtungen inzwischen verbreitet. Es gilt also
E
sich der Aufgabe zu stellen und eine geeignete Balance zwischen der Wahrung des häuslichen
Lebensumfelds und dem Infektionsschutz zu finden.
R

104 Infektionskrankheit Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Vorgaben zur Einhaltung der Hygienemassnahmen aus infektionsprophylaktischer Sicht

3 Vorgaben zur Einhaltung


der Hygienemassnahmen
aus infektionsprophylakti-
scher Sicht
M

Normen
U

nationale europäische weltweite


S
T
ISO =
SN = DIN = BS = EN =
International
schweizer deutsche British europäische
Standard
Norm Industrienorm Standard Norm
Organization
E
R
Europäische Normen sind für alle Mitgliederstaaten, also auch für die Schweiz verbindlich!

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Nosokomiale Infektion 105
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Regulatorische Vorgaben, Qualitätsmanagement

Regulatorische Vorgaben, 3.1 Regulatorische Vorgaben, Qualitätsmanagement


Qualitätsmanagement

Hierarchie regulatorischer Vorgaben

Gesetz Heilmittelgesetz (HMG)


M
Verord- Medizinprodukteverordnung (MepV)
nungen
U
Normen, ISO, EN, SN
Leitlinien Leitlinien der SwissMedic
S
Normen
Der Begriff «Norm» wird auf der Homepage der Schweizerischen Normen-Vereinigung (SNV)
folgendermassen erklärt. Zitat ab www.snv.ch:
T
Gemäss Definition aus der «Norm SN EN 45020» ist eine Norm «… ein Dokument, das … für
die allgemeine und wiederkehrende Anwendung Regeln, Leitlinien oder Merkmale für die
Tätigkeiten oder deren Ergebnisse festlegt …»
*SN EN 45020 = Beschreibung der Normung und den damit zusammenhängenden Tätigkeiten und Allgemeine
Begriffe.
E
Eine Norm ist also ein Dokument, das die charakteristischen Eigenschaften und Merkmale
eines Produkts, eines Prozesses oder einer Dienstleistung beschreibt.
«… ein Dokument, das mit Konsens erstellt … wurde.»
R
Eine Norm ist damit nicht das Werk einer einzelnen Interessengruppe, die nur eigene Ziele
verfolgt, sondern eine Norm wird immer im Einvernehmen mit anderen erstellt.
«… ein Dokument, das von einer anerkannten Institution angenommen wurde.»
Eine Norm muss von einer Institution anerkannt werden, die über den Interessen des
Einzelnen steht. Somit ist gewährleistet, dass eine Norm auf ihre Tauglichkeit hin geprüft
und erst dann veröffentlicht wird.
*Hinweis: Details dazu finden Sie in der Broschüre «Kleines 1 x 1 der Normung» https://www.snv.ch/fileadmin/snv/
Normung/Dokumente/120509_SNV_WEB_1x1_Brosch_D.pdf

106 Vorgaben zur Einhaltung der Hygienemassnahmen aus infektionsprophylaktischer Sicht Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Vorgaben zur Einhaltung der Hygienemassnahmen aus infektionsprophylaktischer Sicht

Normen sind grundsätzlich keine Gesetze. Vielmehr dienen sie als Leitplanken und Voll-
zugshilfen zur Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben.

Das Heilmittelgesetz (Art. 3, Sorgfaltspflicht) besagt:


«dass die Anwender der Medizinprodukte alle Massnahmen treffen müssen, die dem Stand der
Wissenschaft und Technik entsprechen, um die Gesundheit von Mensch und Tier nicht zu
gefährden.»
M
Somit kann eine Norm im Schadensfall einen Gesetzescharakter annehmen. Wer die Normen
nicht befolgt, muss belegen können, dass er die gesetzlichen geforderten Sicherheitsziele im
gleichen Ausmass erfüllt hat.

Beweislastumkehr
U
Wer durch die ärztliche Behandlung einen gesundheitlichen Schaden erleidet, hat das
Recht den Beweis zu verlangen, dass an ihm nach besten Wissen und Gewissen, sowie
nach dem neusten Stand von Wissenschaft und Technik (Norm) invasiv Hand angelegt
wurde.
S
→ die Beweispflicht liegt somit beim Anwender (= Arztpraxis)
T
Bezeichnung von Normen Bezeichnung von Normen
Jede Norm-Bezeichnung besteht aus einer Normennummer und einer alphanumerischen
Bezeichnung, die der Nummer vorangesetzt wird. Durch diese ist ersichtlich, woher die Norm
stammt und auf welcher Ebene sie anerkannt ist.
E
Schweizer Normen Schweizer Normen

-SN Schweizer Norm


R
Norm, die auf europäischer Ebene erarbeitet
-SN EN und ins Schweizer Normenwerk aufge-
nommen wird.
Europäische Norm, die auf einer internatio-
-SN EN ISO nalen Norm basiert und ins Schweizer
Normenwerk aufgenommen wird.
Norm, die auf internationaler Ebne erar-
-SN ISO beitet und ins Schweizer Normenwerk
aufgenommen wird.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Regulatorische Vorgaben, Qualitätsmanagement 107
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Regulatorische Vorgaben, Qualitätsmanagement

Normen im Wiederaufbereitungsprozess:
*Hinweis: Diese Tabelle dient lediglich zur Information!

Validierung Sterilisation Reinigung, Chemische Biologische Verpackung


Desinfektion Indikatoren Indikatoren

DIN EN ISO DIN EN 13060 DIN EN ISO DIN EN 867-5 DIN EN ISO DIN EN ISO
14937 15883-1 11138-1 11607-1 Verpa-
Anforderung an Anforderungen Allgemeine Chemo-Indikato- Allgemeine ckung von Medi-
Entwicklung, an Kleinsterili- Anforderun-gen rensysteme für Anforderungen zinprodukten
Validierung und satoren an RDGs Dampfsterilisa- an Bio-Indika-
Routine­kontrolle tion (Prüfnorm toren
M
aller Sterilisati- für Hohlkörper-
onsverfahren test)

DIN EN ISO DIN 58946-7 DIN EN ISO DIN EN ISO DIN EN ISO DIN EN ISO
17665-1 -3 15883-2 11140-1 11138-3 11607-2
Dampf-Prozesse Bauliche Anforderungen Allgemeine Bio-Indikatoren Validierungsan-
Vorausset- an RDGs für Anforderungen & für Dampfsterili- forderungen an
zungen und chirurg. Instru- Klassifizierung sation Prozesse der
U
Betriebsmittel mente von Chemo- Formgebung
für Dampf- Indikatoren
sterilisatoren

DIN EN ISO DIN EN ISO DIN EN ISO DIN EN ISO E-DIN EN ISO/
17664 15883-3 Anfor- 11140-3 14161 PTS 16775
S
Herstellerinfo derungen an Prüfnorm für das Leitfaden für die Richtlinien für
für wiederver- RDGs mit thermi- Testblatt im Auswahl & die Anwendung
wendbare Medi- scher Desinfek- BD-Wäschetest Verwendung von von DIN EN ISO
zinprodukte tion für Behälter Bioindikatoren 11607-1 +2

DIN 58921 DIN EN ISO DIN EN ISO DIN EN 868


T
15883-4 Anfor- 11140-4 Serie 2-10
Validierung von derungen an Prüfnorm für Verpackung von
Medizinproduk- RDGs mit chemi- BD-Simulatoren Sterilgütern
tesimulatoren scher Desinfek-
tion f. thermola-
bile Endoskope
E
DIN EN 556 – 1 DIN EN ISO/TS ISO 11140-5
15883-5 RDGs-
Definition: Steri- Prüfanschmut- Prüfnorm für
lisationswahr- zungen und US-BD-Ref.-Test
scheinlichkeit -verfahren
R
DIN EN ISO DIN EN ISO
15883-6 Anfor- 15882
derungen und Leitfaden für die
Prüfverfahren Auswahl &
von RDGs mit Verwendung von
thermischer Chemo-Indika-
Desinfektion für toren
nichtkritische
MPs

108 Vorgaben zur Einhaltung der Hygienemassnahmen aus infektionsprophylaktischer Sicht Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Vorgaben zur Einhaltung der Hygienemassnahmen aus infektionsprophylaktischer Sicht

Validierung Sterilisation Reinigung, Chemische Biologische Verpackung


Desinfektion Indikatoren Indikatoren

E-DIN EN ISO
Anforderungen
und Prüfver-
fahren von RDGs
mit chemischer
Desinfektion für
Bettgestelle,
Container, etc.

Pharmazeuti- Sterilisiermittel Desinfektions- Aseptische Begleitende Normen


M
sche Verfahren mittel und Herstellung
-Geräte

DIN 58950-1 DIN EN ISO DIN EN 1499 DIN EN ISO DIN EN 980 DIN EN ISO
14160 13408-1 11139
Begriffe Flüssige chemi- Hygienische Allgemeine Kennzeichnung Ausdrücke &
sche Sterilisier- Händewaschung Anforderungen von Medizinpro- Definitionen
U
mittel für Medi- dukten
zinprodukte

DIN 58950-2 DIN EN 1500 DIN EN ISO DIN EN 1041 DIN EN ISO
13408-4 11737-1 -2
Geräteanforde- Hygienische Reinigung vor Bereitstellung Mikrobiologi-
rungen Händedesinfek- Ort von Informati- sche
S
tion onen durch den Methoden
Hersteller von
MPs

DIN 58950-3 DIN 12353 DIN EN ISO E DIN EN 15224 EN ISO 14971
13408-5
T
Prüfungen Aufbewahrung Sterilisation vor Dienstleis- Risikomanage-
von Testorga- Ort tungen in der ment bei Medi-
nismen Gesundheitsver- zinprodukten
sorgung

DIN 58950-6 DIN EN 14476 DIN EN ISO DIN EN ISO DIN EN 15986
E
13408-6 13485
Betrieb Quantitativer Isolatorensys- MP-Qualitäts- Symbol zur
Suspensionsver- teme management- Kennzeichnung
such zur system von MPs
Bestimmung der
viruziden
R
Wirkung

DIN 58950-7 DIN 58949 E DIN EN DIN 58953


15223-1
Anforderungen Dampf-Desin- Aufschriften Sterilgutversor-
an die Betriebs- fektionsappa- von MPs gung – Begriffe,
mittel & rate Logistik
bauliche Anfor-
derungen

OP-Abdecktücher DIN EN ISO


DIN EN 13795 10993-1 -17
Operationsab- Beurteilung von
decktücher MPs
Allg. Anforde-
rungen

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Regulatorische Vorgaben, Qualitätsmanagement 109
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

CIRS – Fehlermanagement

Robert Koch-Institut Robert Koch-Institut


Eine zentrale Rolle bezüglich Erkennung, Verhütung und Bekämpfung von Krankheiten, im
speziellen von Infektionskrankheiten, übernimmt das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin.
Das RKI ist eine zentrale Überwachungs- und Forschungseinrichtung, welche bei der Entwick-
lung von Normen und Standards massgeblich mitwirkt.

Qualitätsmanagement Qualitätsmanagement
Qualitätsmanagement bedeutet, die Qualität der Prozesse in einem Unternehmen (z. B.  Arzt-
praxis) zu sichern, stetig anzupassen und zu verbessern.
M
Die Qualitätssicherung im Bereich der Hygiene in der Arztpraxis wird durch klare Vorgaben
und definierte Verantwortlichkeiten erzielt. Ein zentraler Punkt spielt dabei die Dokumenta-
tion. Einerseits in Form von Prozessbeschreibungen (Arbeitsanweisung, Verfahrensanwei-
sung, Handlungsablauf) und andererseits in Form der Organisationsstruktur = Organigramm,
Stellenbeschreibung. Ebenfalls übernimmt der Hygieneplan im Bereich der Infektionshygiene
U
eine wichtige Rolle.
*Hinweis: ausführliche Angaben zum QM siehe Praxisadministration, 1.4 Qualitätsmanagement in der Arztpraxis.

Kontrollen
S
Gesetzlich wird in Arztpraxen keine systematische (flächendeckende) Überwachung gefordert.
Gemäss Medizinprodukteverordnung, Art. 23 Abs. 2 erfolgen die Kontrollen:

• in Form von Stichproben (risikobasiert)


T
• aufgrund von Hinweisen Dritter  / schwerwiegender Vorkommnisse

Der Vollzug der Kontrollen wird kantonal geregelt. Üblicherweise werden durch die Vollzugs-
behörde (z. B.  Kantonsapotheker) unangemeldete Inspektionen der Arztpraxen durchgeführt.
E
Die Behörde kann veranlassen, dass nicht konforme Gegebenheiten behoben und in Extrem-
fällen, dass Praxen geschlossen werden müssen.

3.2 CIRS – Fehlermanagement


R
CIRS – Fehlermanagement

CIRS steht für «Critical Incident Reporting System» und ist ein sogenanntes Zwischenfallmel-
desystem via Internet.

Ziel dieses oder ähnlicher Systeme ist es, dass die Systemnutzer in einer geschützten Umge-
bung über kritische Vorfälle berichten, aus den Fehlern anderer lernen und sich verbessern
können. Dabei wird nicht nach einem Schuldigen sondern nach der Ursache gesucht. Die
Systembenutzer können anonym Zwischenfälle oder Beinahe-Zwischenfälle aus ihrem
Arbeitsumfeld melden. Dem Melder werden daraufhin von Moderatoren oder Berufskollegen
Lösungsvorschläge unterbreitet.

110 Vorgaben zur Einhaltung der Hygienemassnahmen aus infektionsprophylaktischer Sicht Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Vorgaben zur Einhaltung der Hygienemassnahmen aus infektionsprophylaktischer Sicht

Dennoch soll auf ein praxisinternes Fehlermanagement nicht verzichtet werden. Zur fortlau-
fenden Optimierung von Prozessen und in Hinblick auf die Vermeidung von Fehlern ist ein
offener Umgang mit Fehlern notwendig. Das Thema Fehlermanagement sollte ein wiederkeh-
rendes Traktandum an Teamsitzungen sein.
*Hinweis: ausführliche Angaben zum QM siehe Praxisadministration, 5.11. Meldeformular für Fehler- und Verbesse-
rungsmanagement.

3.3 Sentinella-Meldesystem Sentinella-Meldesystem


M
Das Sentinella-Meldesystem ist ein Projekt zwischen Hausärzten und dem Bundesamt für
Gesundheit (BAG). Es existiert bereits seit 1986. Die Teilnahme ist freiwillig. Durch die
Meldetätigkeit «nicht meldepflichtigen Krankheiten» von Allgemeinpraktikern, Internisten
und Pädiatern, werden wichtige Einblicke in das Krankheitsgeschehen der Bevölkerung
ermöglicht. Zudem wird damit die Bedeutung der Hausarztmedizin in der medizinischen
U
Grundversorgung unterstrichen.

Vorkommnisse, wie zum Beispiel übertragbare sowie nichtinfektiöse Krankheiten werden


mittels spezieller Formulare dem BAG zugestellt. Dabei wird jeder Patient, der den betref-
S
fenden Falldefinitionen entspricht, mit Angaben von Jahrgang und Geschlecht erfasst. Das
BAG analysiert und verarbeitet die eingegangenen Daten. Die aktuellen Ergebnisse werden
wöchentlich im «Bulletin» des BAG veröffentlicht. Des Weiteren werden detailliert Artikel in
Jahresberichten und wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert.
T
Aufgabe 3.3.1
Welche Ziele verfolgt das Sentinella-Meldesystem?
E
Lesen Sie dazu die Systembeschreibung auf der Homepage des BAG durch und nennen Sie
mindestens drei Punkte.
http://www.bag.admin.ch/k_m_meldesystem/00733/00814/index.html?lang=de

• Epidemiologische Daten zu erheben


R
• Übertragbare und andere akute Erkrankungen zu überwachen

• Forschung in der Hausarztmedizin zu ermöglichen

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Sentinella-Meldesystem 111
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

M Sentinella-Meldesystem

U
S
T
E
R

112 Personalhygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Personalhygiene

4 Personalhygiene
M
Hände Kleidung
U
Schutz- Haare
ausrüstung
S
T
Körper
E
4.1 Allgemeine Körperhygiene Allgemeine Körperhygiene

Da die MPA oftmals als erste mit dem Patient in Kontakt tritt, muss sie auf ein gepflegtes
R
Erscheinungsbild achten.

Für die Körperhygiene gelten die allgemeinen Empfehlungen zur Gesunderhaltung.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Allgemeine Körperhygiene 113
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Händehygiene

Händehygiene 4.2 Händehygiene

Die Hände sind unsere alltäglichen Werkzeuge. Um sich vor Verletzungen, Infektionen und
Hautkrankheiten zu schützen, müssen bei der manuellen Arbeit im Berufsalltag einige Punkte
beachtet werden.
Zudem spielen die Hände die wichtigste Rolle bei der Übertragung von Mikroorganismen,
daher gehört die Händehygiene zu den zentralen Massnahmen zur Vermeidung von Infekti-
onskrankheiten.
M
U
S
T
E

Schmuck
R
Schmuck
Das Tragen von jeglichem Schmuck an Händen oder Unterarmen ist nicht adäquat (angemessen).
Folgende hygienische Aspekte sprechen gegen das Tragen von Hand-/Armschmuck:
• Unter Fingerringen, Armbändern und Ähnlichem findet nur ein ungenügender
Reinigungs- und Desinfektionserfolg statt.
• Unter Schmuckstücken wird die Kolonisation von gewissen Keimen erhöht. (Feuch-
tigkeit!)
• Reinigung- und Desinfektionsmittelrückstände können unter Schmuckstücken
anhaften und Hautirritationen auslösen.
• Es können Verletzungen am Patienten verursacht werden.
• Durch Schmuckstücke können die Handschuhe beschädigt werden.

114 Personalhygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Personalhygiene

Reinigung der Hände Reinigung der Hände


M
U

Ziel: Beseitigung grober Verschmutzung, wobei gleichzeitig Keime abge-


S
schwemmt werden. Zusätzlich können die Seifen die Lipidhüllen von
Mikroorganismen zerstören und diese somit unschädlich machen.

Wann: bei sichtbarer Verschmutzung nach dem Besuch der Toilette.


T
Ein zu häufiges Händewaschen trocknet die Haut aus und somit wird die natürliche
Schutzbarriere durchbrochen. In erster Linie sollte die Hände-Desinfektion erfolgen.
E
Durchführung: Zum Waschen soll kaltes (lauwarmes) Wasser verwendet werden, da
warmes, gar heisses Wasser, die Haut entfettet und austrocknet.

R
Um den Säureschutzmantel der Haut aufrecht zu erhalten, muss die flüssige
Waschlotion alkali- und seifenfrei sein und einen hautneutralen pH-Wert
(ca. 5.5) aufweisen. Für empfindliche Haut empfiehlt sich der Gebrauch
einer farbstoff- und parfümfreien Lotion.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Händehygiene 115
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

M Händehygiene

1 Hände mit Wasser benetzen 2 Genügend Seife auftragen, um die 3 Die Handflächen aneinander reiben
ganzen Oberflächen der Hände zu
U
bedecken
S
4 Die rechte Handfläche über den linken 5 Die Handflächen mit ineinander ge- 6 Bei geschlossener Hand die Finger-
Handrücken reiben mit ineinander ge- flochtenen Fingern aneinander reiben rücken über den Ballen der anderen
flochtenenen Fingern – und umgekehrt Hand reiben
T
E
R
7 Den linken Daumen rundum in der 8 In kreisenden Bewegungen die ge- 9 Die Hände gut mit Wasser abspülen
geschlossenen rechten Hand reiben – schlossenen Finger der rechten Hand
und umgekehrt in der linken Handfläche reiben –
und umgekehrt

10 Die Hände gründlich mit einem 11 Das Papiertuch benutzen, um 12 Jetzt sind ihre Handflächen sauber – und
Einwegpapiertuch trocknen den Wasserhahn zu schliessen übertragen kaum gefährliche Keime

116 Personalhygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Personalhygiene

Seifenfehler:
Durch Seifenrückstände kann die Wirkung der nachfolgenden Desinfektion vermindert,
ausfallen oder komplett ausbleiben. Es kann zu einer Neutralisationsreaktion kommen, da
die anionischen* Seifenbestandteile durch die kationischen* Desinfektionsmittelwirk-
stoffe beeinträchtigen werden. Deshalb ist es wichtig, die Seife komplett abzuspülen!
*Anion = negatives Ion; *Kation = positiv geladenes Ion

Handpflege Handpflege
Ziel: Aufrechterhaltung der natürlichen Schutzbarriere der Haut. Die Pflegemittel
M
dienen zur Rückfettung und Regeneration.
Wann: Bei längeren Pausen
Nach dem Arbeitsende

Aus hygienischen Gründen soll die Entnahme der Pflegemittel aus Spender erfolgen.
U
Pflegemittel in «Gemeinschaftsdosen» eignen sich nicht. Die Eigenschaften der Präparate
sind dem jeweiligen Hauttyp anzupassen. Grundsätzlich sind folgende Eigenschaften
erwünscht:
• Haut-pH-neutral
S
• farbstofffrei
• schnell einziehend ohne nachfetten  /  verkleben
T
Desinfektion
Ziel: Reduktion von Mikroorgansimen, so dass über die Hände keine Infektion
mehr verursacht werden kann.
*Hinweis: Der exakte Ablauf wird im Thema «Desinfektion» abgehandelt.
E
Nägel Nägel

Länge der Fingernägel


R
• Nägel sollen kurz und rund geschnitten werden.
Je länger die natürlichen aber auch künstlichen
Nägel sind, desto grösser ist die Gefahr der
Ansammlung von Keimen. Zudem erhöhen lange
Fingernägel das Risiko der Perforation von Hand-
schuhen und das Risiko den Patienten zu
verletzen.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Händehygiene 117
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Haare

Nagellack
• Auf Nagellack sollte möglichst verzichtet werden. Abgesplitteter Lack fördert die
Kontamination. In den entstandenen Rillen können sich Keime gut einnisten.
Zudem wird oftmals, um den Lack zu schonen, die Händedesinfektion vernachläs-
sigt. Wird nicht auf dessen Anwendung verzichtet, muss ein Nagellack gewählt
werden, deralkoholbeständig ist, damit er nicht vom Desinfektionsmittel ange-
griffen wird. Um das Intakt-Sein zu gewährleisten, muss der Nagellack alle zwei bis
drei Tage frisch aufgetragen.
M
Künstliche Fingernägel
• Auf das Tragen von Kunstnägeln ist zu verzichten. Sie können die Ansammlung von
Keimen begünstigen.

4.3 Haare
U
Haare

Die Verunreinigung der Kopfhaare erfolgt zur Mehrheit durch


die eigenen Hände.
Um dies zu vermeiden müssen einige Punkte beachten werden:
S
• Lange Haare (ab schulterlänge) müssen eng am Kopf
getragen werden (ein Zusammenbinden ist nicht ausrei-
chend, da herunterhängendes Haar mit Untersuchungs-
material in Kontakt kommen kann oder zu Belästigung
des Patienten führt.)
T
• nicht mit den Händen durch die Haare fahren
• Haare, die ins Gesicht fallen (lange Stirnfransen,
Strähnen oder Ähnliches) vermeiden
• Haare sauber und gepflegt halten
E
• Bartpflege
R
Kleidung 4.4 Kleidung (Berufs- und Arbeitskleidung)

Die Berufskleidung hat keine spezifische Schutzfunktion. Sie wird anstelle oder ergänzend
zur der Privatkleidung getragen.

In der Arztpraxis wird vielfach über der Privatkleidung ein Kittel oder eine Hängeschürze
getragen, um damit die private Kleidung zu schützen. Diese Massnahme dient allerding nur
dem Schutz vor «grober» Verunreinigung. Mikroorganismen können so über die Privatkleidung
problemlos vom Arbeitsplatz in das private Umfeld gelangen oder zu einer «Kreuzkontamina-
tion» führen.

118 Personalhygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Personalhygiene

Beispiel einer «Kreuzkontamination»: Die Praxismitarbeiterin assistiert dem Arzt. Durch


Berührungspunkte der Arbeitskleidung mit dem Patienten werden z. B.  die Ärmel oder die
Vorderseite der Arbeitskleidung kontaminiert. Schliesst die MPA ihre Arbeit am Patienten ab
und widmet sich dem nächsten, können Mikroorganismen übertragen und für den Patienten
gefährlich werden.

Grundsätzlich darf die Privatkleidung auch als Berufskleidung benutzt werden, sofern sie erst
bei Arbeitsbeginn an- und bei Ende wieder abgelegt wird. Unter diesen Umständen muss die
Kleidung so gewählt werden, dass sie einer thermischen (bei 95° C waschbar) Aufbereitung
M
Stand hält.

Damit die Berufskleidung ihren Zweck erfüllt, muss folgendes eingehalten werden:

• Sie wird nur am Arbeitsplatz getragen.


U
• Sie wird geschlossen getragen.
• Die private Kleidung muss vollständig abgedeckt werden.
• Privatkleidung und Berufskleidung müssen getrennt voneinander untergebracht
werden.
• Am besten eignet sich Kleidung aus Baumwollstoff (sie ist bei hohen Temperaturen
S
waschbar und gut hautverträglich).
• Die Kleidung wird regelmässig, je nach Tätigkeitsfeld täglich, gewechselt. Bei
sichtbarer Verschmutzung oder möglicher Kontamination muss sie sofort gewechselt
werden!
T
• Die Hände müssen nach dem Kontakt mit kontaminierten Textilien sofort desinfi-
ziert werden!
• Es sind helle Farben sind zu wählen, da Verschmutzungen besser sichtbar sind.
• Kleidung bei 95° C waschen
E
• Wird die Aufbereitung der Kleidung durch den Betrieb ausgeführt, soll sie desinfi-
zierend, das heisst bei 95° C und mit einem speziellen (desinfizierenden) Wasch-
mittel gewaschen werden.
• Die gewaschene Kleidung muss kontaminationsgeschützt transportiert und aufbe-
R
wahrt werden.
• Das Praxisschuhwerk wird nur innerhalb der Arztpraxis getragen.
• Dabei muss beachtet werden, dass es sich um rutschfeste, geschlossene, flüssig-
keitsabweisende und desinfizierbare Schuhe handelt.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Kleidung (Berufs- und Arbeitskleidung) 119
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Schutzausrüstung

Muss medizinisches Personal weisse Kleidung tragen?


Als der Übertragungsweg von Keimen noch nicht bekannt war, trugen die Ärzte lange schwarze Gehröcke.
Erst Ende des 19. Jahrhunderts, wurde erkannt, dass sich Keime nebst in der Luft auch an Händen
befinden können. Ausserdem wurde die Abtötung von Erregern durch Hitze entdeckt. Da jedoch die
schwarzen Röcke durch heisses Waschen auszufärben drohten, begannen die Ärzte weisse Kittel zu
tragen. Diese konnte man ohne Bedenken bei hohen Temperaturen waschen und somit die Keime elimi-
nieren. Überdies steht die Farbe Weiss in unseren Kulturkreisen für Reinheit, Verlässlichkeit und Vollkom-
menheit.

Zwischenzeitlich können auch farbige Stoffe ohne auszufärben heiss gewaschen werden. Vor allem in
Spitälern trifft man immer häufiger farbige Arbeitskleidung an. In Arztpraxen ist mehrheitlich der
«weisse Kittel» erhalten geblieben.
M
Schutzausrüstung 4.5 Schutzausrüstung
Die Schutzkleidung wird ergänzend zur Berufskleidung beim Umgang mit erhöhtem Gefahren-
U
potenzial getragen.

Ziel: Die Kontamination der Berufskleidung wird vermieden. Dadurch wird die
Keimverschleppung verhindert.
S
Schutz vor infektiösen Patienten resp. infektiösem Material
Schutz vor gefährlichen Stoffen, wie Chemikalien oder Zytostatika
Schutz für immungeschwächte Patienten

Je nach Gefahrengrad gehört zur Schutzkleidung:


T
• Mundschutz oder Atemschutzmaske
• Handschuhe
• Augenschutz
• Schutzkittel / Schürze
E
• Überschuhe
• Kopfhaube
R

120 Personalhygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Personalhygiene

PSA – persönliche Schutzausrüstung


Sie enthält sämtliche Ausrüstungen, die eine Person vor gesundheitsgefährdenden Einflüssen schützt. Durch sie
können Unfälle und Berufskrankheiten vermieden werden!

Die PSA wird in Kategorie I, II und III unterteilt, wobei Kategorie III den höchsten Schutzgrad besitzt.

Kategorie I II III

vor tödlichen Gefahren, vor


Schutz vor geringfügigen Risiken vor mittleren Risiken irreversiblen Gesundheits-
schäden
M
Alle PSA entsprechen den Mindestanforderungen der Richtlinie 89/686/EWG. Für die PSA der
Kategorie I sind keine Prüfungen vorgesehen. Die PSA der Kategorien II und III* müssen
ordnungsgemäss geprüft werden und die Konformitätserklärungen sowie die Prüfberichte
müssen vorliegen. Zudem sind die Produkte aus diesen beiden Kategorien entsprechend
U
gekennzeichnet und mit Gebrauchsanweisungen versehen.
*Eine detaillierte Erklärung dazu finden Sie in diesem Kapitel beim Thema Einmalhandschuhe!

Entsprechende rechtliche Bestimmungen zur PSA finden sich:


S
• Im Unfallversicherungsgesetz (UVG), Art. 82 und Arbeitsgesetz (ArG), Art. 6
• In der Verordnung über die Verhütung von Unfällen und Berufskrankheiten
(VUV), insbesondere Art. 5, 11 (Abs. 1), 38 und 90
• In der Verordnung 3 zum Arbeitsgesetz (ArGV3), Art. 20 und 27
T
• In Richtlinie 89/686/EWG

Mund-Nasen Maske DIN EN 14683


E
(medizinischer Mund-Nasen-Schutz / Operations-Maske) Mund-Nasen-Maske
Das Tragen eines Mundschutzes kann die Keimausbreitung
prägnant reduzieren. Primär verringert sie die Erregerzahl, die
durch den Anwender in die Umgebung abgeatmet wird
R
(= Patientenschutz). Zudem schütz sie den Träger, wenn auch
in begrenztem Masse, vor dem Einatmen grosser Tröpfchen
(= Personalschutz). Zusätzlich schützt sie den Träger vor Flüs-
sigkeitsspritzern.

Die Mund-Nasen-Maske bietet keinen perfekten Schutz!


• Da der Atemstrom nicht komplett gefiltert wird und v. a. an den Seiten zusätzliche
Luft zirkulieren kann.
• Da die Filterporen zu grosse Durchmesser aufweisen, und somit kleinere Partikel
nicht zurückgehalten werden.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Schutzausrüstung 121
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Schutzausrüstung

DIN EN 14683 Mit der Norm DIN EN 14683 werden folgende drei Eigenschafen überprüft und bewertet:
• Bakterielle Filterwirksamkeit (BFE)
• Druckdifferenz zur Messung des Atemwiderstandes
• Spritzerfestigkeitsdruck

Die Norm sieht vier Leistungstypen vor:

Typ I Typ IR Typ II Typ IIR

bakterielle
> 95% > 95% > 98% > 98%
M
Filterleistung
Atemwiderstand < 29 Pa < 49 Pa < 29 Pa < 49 Pa
Spritzwiderstand -- ja -- ja

*PA = Pascal, ist eine abgeleitete SI-Einheit des Drucks sowie der mechanischen Spannung.
U
Mund-Nasen-Masken sind Medizinprodukte und sind in der Schweiz dem Heilmittelgesetz
unterstellt.

In medizinischen Einrichtungen wird vorwiegend vom Typ II und Typ IIR Gebrauch
gemacht.
S
T
Aufgabe 4.5.1
In welchen Situationen soll die medizinische Praxisassistentin einen Mundschutz tragen?

• Einsatz von Mund-Nasen-Masken:


E
• bei invasiven Eingriffen z. B.  Operationen, Gelenkspunktionen etc.

• bei aseptischen Tätigkeiten

• in Situationen, wo eine Freisetzung einer Tröpfcheninfektion (z. B.  erkäl-


R
tungsähnlichen Erkrankungen) des Personals möglich ist, zum Schutz des

Patienten

• bei der Versorgung von Patienten, mit einer infektiösen Erkrankung zum

Eigenschutz

• Korrekte Anwendung:
• durchfeuchtete Masken wechseln (nach ca. 2 – 3 Stunden)
• kein Ab- und wieder Anlegen → Keimverschleppung durch die Hände!
• Mund und Nase müssen vollständig bedeckt sein
• Maske muss ans Gesicht angepasst werden können

122 Personalhygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Personalhygiene

• trocken lagern
• falls vorhanden, Verfalldatum beachten

• Merkmale:
• Bindebänder zur Befestigung am Kopf oder Ohrbänder, die um die Ohrmuschel
geschlungen werden
• Nasenbügel aus elastischem Metall zur optimalen Anpassung an die Nase
• aus Vlies oder Papier
• ein- oder mehrlagig
• Einmalgebrauchsartikel
M
Je exakter der Mundschutz an die individuellen Gesichtszüge angepasst werden kann, desto höher ist
seine Wirksamkeit!

Atemschutzmaske DIN EN 149 Atemschutzmaske


(partikelfiltrierende Halbmasken, FFP = filtering face piece) DIN EN 149
U
Bietet eine Mund-Nasen-Masken keinen der Situation entsprechenden geeigneten Schutz,
wird eine Atemschutzmaske getragen. Sie bietet Schutz vor kleinsten Partikeln (bis zu 0.6
µm). Primär schützt sie medizinisches Personal vor Partikeln in der Luft. Zum Beispiel:
S
Dämpfen, Rauch, Gasen, Staub, Bioaerosolen.

Bioaerosole entstehen auf verschiedene Weisen: Husten und Niesen gehört zu den häufigsten
Quellen. Jedoch stellen verschiedene andere medizinische Prozeduren ebenfalls eine Gefahr
dar: z. B.  Bronchoskopien, Herz-Lungen-Reanimationen, Sputum-Induktionen, Sterilisation
T
oder chirurgische Eingriffe - besonders jene mit mechanischen Hochleistungsinstrumenten
oder bei Eingriffen, die Abgase erzeugen.

Die Anforderungskriterien sind in der DIN EN 149 festgehalten und werden danach geprüft.
E
Atemschutzmasken werden nach den drei Geräteklassen (FFP 1, FFP 2 und FFP 3) unter-
schieden.

Geprüft wird:
R
• Atemwiderstand:
FFP1-Masen bieten den geringsten Schutz und Atemwiderstand. FFP3-Masken schützen am
besten, weisen jedoch den höchsten Widerstand auf, was die Atmung deutlich erschwert.

• Leckage:
(= Undichtigkeit) Es wird der Filterdurchlass und die undichten Stellen an Nase, Gesicht
und allenfalls am Ausatemventil geprüft.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Schutzausrüstung 123
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Schutzausrüstung

FFP 1 FFP 2 FFP 3


Gesamtleckage: max. 25 % max. 11 % max. 5 %
Mittelwerte: max. 22 % max. 8 % max. 2 %
giftiger und gesund-
heitsschädlicher
Staub, Rauch und
fester und flüssiger Bio-Aerosole.
ungiftiger und nicht-
gesundheitsschädli- Filtration von radio-
Schutzwirkung fibrogener Staub,
cher Staub, Rauch aktiven und karzino-
Rauch und Aerosole
und Bio-Aerosole genen Stoffen sowie
Erreger wie Viren,
M
Bakterien und Pilz-
sporen
• offene Tuberkulose
• Influenzapandemie
• blutübertragbare
• unbeabsichtigte
Einsatzgebiet Virusinfektionen
– Freisetzung von
Medizin • aerogen-übertrag-
U
Zytostatika
bare Infektionen
(z. B.  Bronchos-
kopie, SARS)

Filter von FFP3-Masken


S
Durch mechanische Filterung werden Partikel zurückgehalten. Darüber hinaus findet
eine magnetische Filtration statt: durch die elektrostatische Ladung hält der Filter die
Partikel magnetisch fest.
T
• Korrekte Anwendung:
• wenn sie durchfeuchtet sind wechseln (nach ca. 8 Stunden)
E
• Einweggebrauch
• die Maske muss optimal an das Gesicht angepasst werden können
• Mund und Nase müssen vollständig bedeckt sein
• es darf keine Luft entweichen (Bartträger Achtung!)
• Dichtsitz überprüfen
R
• besonderer Vorsicht beim Ab- und wieder Anlegen
• trocken lagern
• Verfalldatum beachten

*Hinweis: mehr Informationen zum Thema sowie eine Veranschaulichung zur korrekten Anwendung finden Sie hier.

124 Personalhygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Personalhygiene

Augenschutz Augenschutz
Um die Augen vor Verletzungen, vor Medikamentenspritzern oder potenziell infektiösen
Körperflüssigkeiten zu schützen, ist das Tragen einer Schutzbrille erforderlich.

Gefahrenquellen für die Augen in der Medizin


Chemische Stoffe Besondere Einwirkungen Optische Einwirkung
• Säuren • biologische Stoffe (Blut) • Laser
• Laugen • Röntgenstrahlung • Ultraviolett
M
• Lösungen
• Dämpfe
• Staub

Bei der Auswahl einer Schutzbrille werden folgende Punkte beachtet:


• Passform, Funktionalität, Tragkomfort
U
• verstellbare Bügellänge und verstellbarer Neigungswinkel
• Anpassung durch Kaltverformung soll möglich sein
• Grösse, Gesichtsfeld
• Beschlagfreiheit, Kratzbeständigkeit, Antistatik, UV-Schutz der Scheiben
S
• allenfalls Möglichkeit zur Sterilisation

Die Anforderungen werden in folgenden Normen geregelt:

DIN EN 166 persönlicher Augenschutz Standardnorm


T
DIN EN 170 Schutz gegen UV-Strahlung

DIN EN 171 Schutz gegen Infrarot-Strahlung

Persönlicher Augenschutz – Filter und Augenschutzgeräte gegen Laser-


DIN EN 207
strahlung (Laserschutzbrillen)
E
Bei der Normierung werden die Gläser und das Gestell separat beurteilt.

Schürze Schürze
R
Sie schützt die Arbeitskleidung vor Nässe, Verunreinigung und Verschmutzung.
Eigenschaften:
• aus PE-Folie
• flüssigkeitsdicht
• strapazierfähig
• für den Einmalgebrauch
• unsteril verpackt
• verschiedene Grössen

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Schutzausrüstung 125
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Handschuhe

Schutzkittel Schutzkittel
Kittel bieten im Vergleich zur Schürze einen grösseren Schutz. Die Vorderseite ist vollkommen
verschlossen und der Halsausschnitt ist hochgezogen. Die Kittel sind in unterschiedlichen
Qualitätsstufen erhältlich. Das Gefahrenpotenzial bestimmt den Schutzfaktor. In den
entsprechenden Normen wird der Schutz vor mechanischen und chemischen Gefahren sowie
gegenüber Infektionserregern geprüft.

4.6 Handschuhe
M
Medizinische Medizinische Einmalhandschuhe
Einmalhandschuhe
U
S
T
E
Einmalhandschuhe dienen zum einem dem Eigenschutz vor potenziell infektiösen Substanzen
wie: Blut, Urin oder Stuhl und zum Schutz vor Chemikalien wie: Reinigung-, Desinfektions-
mittel oder Zytostatika.
R
Zum anderen werden sie zum Schutz des Patienten getragen. Zum Beispiel bei Wundversor-
gungen, Punktionen oder anderen invasiven Eingriffen spielt der Patientenschutz eine
besonders wichtige Rolle.

Im folgenden Kapiteln wird detaillierter auf den Umgang mit den Handschuhen eingegangen.

126 Personalhygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Personalhygiene

Einmalhandschuhe

sterile Handschuhe
unsterile Handschuhe
(Operationshandschuhe)
M
Schutz des Personals vor Kontakt
mit Gefahrenstoffen = persönliche
Schutzhandschuhe
U
Schutz vor Infektionen des
und
Ziel Tragenden und des Patienten
= Untersuchungshandschuhe
Schutz vor infektiösem
Material in der
Patienten-Arzt / MPA-Beziehung
S
= Untersuchungshandschuhe
T
Damit mit dem Tragen von Handschuhen einen möglichst allumfassenden Hände-Schutz
erzielen werden kann, werden grosse Anforderungen an die Handschuhe gestellt:
• sie sollen elastisch sein
• für Flüssigkeiten undurchlässig
E
• sich der Hand anpassen
• die Haut nicht schädigen und keine Allergien auslösen
• eine hohe Tastfähigkeit gewährleisten
R
Damit all diese Anforderungen erfüllt werden können, muss je nach Tätigkeit ein anderes
Handschuhmaterial gewählt werden.

Die richtige Auswahl der Handschuhe wird getroffen anhand der folgenden Überlegungen:
• welcher Stoff ist abzuwehren
• welchen mechanischen Belastungen muss er Stand halt oder
• wie lange solle er getragen werden

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Handschuhe 127
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Handschuhe

Schutzhandschuhe unterliegen ebenfalls der PSA-Richtlinie 89/686/EWG und werden je nach


Anwendung den Kategorien I, II oder III zugeordnet:

Kategorie I
Die Handschuhe erfüllen die Mindestanforderungen gemäss der Richtlinie 89/686/ EWG, hier
sind keine Prüfungen vorgesehen.
Dieser Kategorie sind Handschuhe für «anspruchslose» Arbeiten zugeordnet, wie z. B.  für:
Haushalt- oder Gartenarbeiten, Schutz vor Werkstoffen etc.

Kategorie II
M
Die Kontrollprüfung der Handschuhe wird durch ein autorisiertes Prüfinstitut entsprechend
der Europäischen Normen (EN) durchgeführt.
Dieser Kategorie sind Handschuhe, die gegen mechanische, mikroorganische und/oder
chemische Gefährdungen schützen sollen, zugeordnet.

Kategorie III
U
Die Herstellung und der Vertrieb der Handschuhe muss nachweislich aufgrund eines Quali-
tätssicherungssystems und einer komplexen Kontrollprüfung erfolgen.
Diese Handschuhe schützen gegen komplexe und irreversibel Gefährdungen wie: aggressive
Chemikalien, aggressive Medikamente (Zytostatika), Mikroorganismen, ionisierende Strah-
S
lung etc.

Normen und Symbole für Handschuhe


(gemäss EN 420, allgemeine Anforderungen für Handschuhe):
T
Die Anwesenheit von einem Symbol weist darauf hin, dass die Handschuhe nach einem der
europäischen Norm definierten Verfahren getestet wurden. Für den fachgerechten Einsatz
muss die Gebrauchsanweisung der der Handschuhe oder die Anweisung der gefährlichen
Substanz beachtet werden.
E
R

128 Personalhygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Personalhygiene

Gebrauchsanleitung beachten!

Zum Schutz vor geringer chemische Gefährdung (EN 374):

Luft- und Wasserdichtigkeitstest wurde bestanden, Handschuhe haben


M
keine porösen Stellen, keine undichte Nähte und keine weitere Mängel.
Sie schützen gegen weniger gefährliche Chemikalien.

Zum Schutz vor Mikroorganismen (EN 374):


U
Zusätzlich zum ersten Symbol wird hier der Handschuh gegen das
Eindringen von Mikroorganismen getestet.
S
Zum Schutz vor chemischer Gefährdung (EN 374):

Die Handschuhe schützen vor Luft, Wasser, Mikroorganismen und zusätz-


T
lich vor dem Eindringen von chemischen Substanzen.
E
Schutz gegen mechanische Gefährdungen (EN 388):

Es wird geprüft auf:


A) Abriebfestigkeit
B) Schnittfestigkeit
R
C) Weiterreissfestigkeit
D) Durchstichfestigkeit

Schutz gegen ionisierende Strahlen (EN 421)

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Handschuhe 129
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Handschuhe

Erklärung der Norm EN 374


Diese Norm legt die Eigenschaften von Handschuhen zum Schutz des Anwenders vor Chemi-
kalien und/oder Mikroorganismen fest und wird bezüglich der Penetration und der Permea-
tion definiert.

Penetration
Sie beschreibt das Eindringen von Stoffen (Chemikalien,
Mikroorganismen) durch nicht intakte Schutzhandschuhe.
Mögliche Ursachen für das Leck sind poröse Stellen, Nähte,
M
Nadellöcher etc.

Permeation
Dieser Begriff beschreibt die Durchbruchszeit, die eine gefähr-
U
liche Flüssigkeit bis zum Hautkontakt benötig.
Die Gummi- und Kunststoffschichten eines Hand-schuhs bilden
nicht immer eine undurchdringbare Flüssigkeitsbarriere.
Manchmal reagieren sie wie ein Schwamm, indem sie Flüssig-
S
keiten aufsaugen und gegen die Haut drücken. Daher ist es
wichtig, die Permeation zu kennen.
T
Das Piktogramm «Chemikalienfestigkeit» muss von einem dreistelligen Zahlencode begleitet
sein. Dieser Schlüssel bezieht sich auf die Buchstabencodes von drei Chemikalien (aus einer
Liste von zwölf definierten Standardchemikalien), für die eine Durchbruchszeit (Permeation)
E
von mindestens 30 Minuten ermittelt wurde.
• A Methanol
• B Aceton
• C Acetonitril
• D Dichlormethan
R
• E Kohlenstoffdisulfid
abc • F Toluol
• H Tetrahydrofuran
• I Ethylacetat
• J n-Heptan
• K Natriumhydroxid 40%
• L Schwefelsäure 96%

130 Personalhygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Personalhygiene

Das Piktogramm «Geringe Chemikalienfestigkeit» oder «Wasserdichtigkeit»


muss für die Handschuhe verwendet werden, die zwar den Penetrationstest
bestehen, aber nicht bei mindestens drei Chemikalien aus obiger Auflis-
tung eine Mindestdurchbruchszeit von 30 Minuten erreichen.

Achtung! Diese Informationen über Chemikalien entsprechen nicht unbedingt der


tatsächlichen Kontaktdauer am Arbeitsplatz!
M
CE-Kennzeichnung
Mit der CE-Kennzeichnung wird vom Hersteller oder dem Inverkehrbringen
bestätigt, dass das Produkt den geltenden Anforderungen, gemäss der
U
EU-Verordnung 765/2008, genügt.

• Name / Handelsname / Hersteller oder Lieferant


S
• Typenangabe / Modellnummer
• Grösse
• Symbol mit Leistungsstufen
• falls erforderlich, Angabe des Verfallsdatums
T
DIN EN 455-1: Anforderungen und Prüfung auf Dichtheit und Freiheit von Löchern.

Anforderung und Prüfung der physikalischen Eigenschaften


DIN EN 455-2:
Regelt Anforderungen, Mindestmasse, Grössen und Reissfestigkeit
E
Anforderungen und Prüfung für die biologische Bewertung (Biokompatibi-
DIN EN 455-3: lität)
Regelt die Herstellung und die Kennzeichnung

DIN EN 455-4: Anforderung und Prüfung der Haltbarkeitsdauer, inkl. Lagerungshinweise


R

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Handschuhe 131
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Handschuhe

Medizinische Untersu- Medizinische Untersuchungshandschuhe – persönliche Schutzhandschuhe


chungshandschuhe Untersuchungshandschuhe bieten nicht genügend Schutz gegenüber allen Gefahrenstoffen.
Deshalb wird unter bestimmten Bedingungen das Tragen von speziellen Handschuhen, soge-
nannten persönlichen Schutzhandschuhen, empfohlen.

Medizinische Schutzhandschuhe Persönliche Schutzhandschuhe


(unterliegen der EN 455- bis 455-4) (unterliegen der EN 374, 388, 420)

• schützen das Personal und auch die • dienen nur dem Schutz des Anwenders
M
Patienten vor einer Infektionsübertra- • gehören zur persönlichen Schutzausrüs-
gung tung
• werden als Medizinprodukte gehandelt • schützen vor Kontakt mit Desinfektions-
mittel, Labor-Chemikalien, Zytostatika
etc.
Handschuhe, die sowohl als Untersuchungshandschuhe als auch persönliche Schutz-
U
handschuhe qualifiziert sind, lassen sich in der Praxis am vielseitigsten gebrauchen.
Sie müssen dabei sämtliche Normen erfüllen.
S
Medizinische Untersuchungshandschuhe werden getragen, sobald ein möglicher Kontakt
mit potentiell infektiösem Material zustande kommen kann sowie bei sämtlichen invasiven
Tätigkeiten.
T
Aufgabe 4.6.1
Notieren Sie «Materialien», welche als potentiell infektiös zu betrachten sind!

• Urin
E
• Stuhl

• Gewebeproben

• Bakterienkulturen
R
• Hirn- / Rückenmarksflüssigkeit

• Sputum

• Wundexsudat

• Blut (Vollbut, Serum, Plasma)

• Gewebsflüssigkeit

• Sperma

• Erbrochenes

• Vaginalsekret, Speichel, Tränen

132 Personalhygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Personalhygiene

Farben
Handschuhe sind in diversen Farben wie weiss, blau, schwarz etc. erhältlich. Vorteile sind:

• gute Indikatorwirkung als Unterziehhandschuh (durch farbige Unterziehhandschuhe


während Operationen werden Beschädigungen am äusseren, weissen Handschuh
besser sichtbar.
• für die verschiedenen Anwendungszwecke können unterschiedliche Farben stehen
• Farben können auf den menschlichen Organismus eine beruhigende oder anregende
Wirkungen haben.
M
Grössen
Handschuhe sollen eng anliegen und gleichzeitig angenehm zu tragen sein. Die verschie-
denen Grössen werden in der EN 455-2 deklariert. Jedem Mitarbeiter muss seine individuelle
Grösse zur Verfügung stehen.
U
unsterile Handschuhe unsterile Handschuhe

Masse: XS-S-M-L-XL-XXL 6 – 6,5 – 7 – 7.5 – 8 – 8.5 - 9


S
Passformen
T
E
Teilanatomische Handschuhe Anatomische Handschuhe

Meist haben Operationshandschuhe eine anatomische Form und sind dadurch nicht für jede
Seite identisch. Die anatomische Formung verlangt eine Unterscheidung in links- und rechts-
R
tragbar. Die übrigen Handschuhe sind mehrheitlich flach und beidseitig (links oder rechts)
anwendbar.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Handschuhe 133
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Handschuhe

Verpackung
Sterile Handschuhe sind paarweise verpackt. Nicht sterile werden in Spenderkartons unter-
schiedlicher Packungsgrössen auf dem Markt angeboten. Für die Spenderboxen sind Wandhal-
terungen erhältlich. Diese vermeiden zum einen eine Kontamination der anzuziehenden
Handschuhe und zum anderen ein mögliche Verunreinigung der verbleibenden Handschuhe.
M
U
Entnahme aus Wandhalterung

Die Handschuhe sind so eingelagert, dass sie an der Stulpe entnommen werden können. Die
Finger werden von einer möglichen Kontamination verschont.
S
T
E
Entnahme aus der Spenderbox
R
Beim Gebrauch von herkömmlichen Packungen kann eine Kontamination auf verschiedene
Wege zu Stande kommen: Die Handschuhe werden im Hand- oder Fingerbereich entnommen
und so möglicherweise kontaminiert. Weiter haben Untersuchungen ergeben, dass, wenn eine
Spenderbox zu 60 – 70 % entleert ist, oft unabsichtlich mehrere Handschuhe entnommen
werden. Diese werden dann mit einer möglichen Verunreinigung zurück in die Box gesteckt.

*Hinweis: Detailinformation dazu erhalten Sie unter dieser www-Adresse: http://www.berner-international.de/


schutzhandschuh_mit_safedon_system_dermagrip_ultra_lt_de_994.html

134 Personalhygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Personalhygiene

Materialeignung
Die unterschiedlichen Anforderungen, Beanspruchungen und Zwecke der Handschuhe
verlangen verschiedenen Materialien.

Um einen optimalen Schutz zu gewährleisten, sind für jede Tätigkeit adäquate Handschuhe
zur Verfügung zu stellen.

Trageigenschaften Allergierisiko Schutzeigenschaften Preis


M
Latex • höchste Elasti- erhöhtes Risiko • höchster Schutz vor mittleres
(natürlicher zität für Sofortall- Mikroorganismen Niveau
Latex) • sehr reissfest ergie (Typ I) und • gute Schutz vor
• hohe Griffsicher- Kontaktallergie Säuren und Laugen,
heit (Typ IV) durchlässig für Öle
• gutes Tastemp- und viele Lösungs-
U
finden mittel

Nitril • verringert das Risiko für • hoher Schutz vor mässiges


(synthetischer Schwitzen im Kontaktallergie Chemikalien Preisni-
Latex) Handschuh • Schutz vor blut- veau
• stichfester wie übertragbaren Erre-
S
Latex gern
• mässig elastisch
• gute Reissfestig-
keit
• für Latexaller-
giker
T
Vinyl • kaum elastisch Allergierisiko geringes Schutzpoten- sehr preis-
(PVC) • niedrige Reiss- durch enthaltene tial günstig
festigkeit Weichmacher (Anwendung nur bei
niedrigem Risiko-
E
faktor)

Isopren • sehr hohe Elasti- Risiko für -guter Chemikalien- hoch-


zität Kontaktallergie schutz preisig
• sehr gute Reiss-
R
Insbesondere beim
festigkeit Umgang mit Zytosta-
tika

Chloropren • mässig elastisch Risiko für guter Chemikalien- hoch-


(Neopren) • gute Reissfestig- Kontaktallergie schutz preisig
keit (wird nur in Spezial-
gebieten eingesetzt)

Detailliert Informationen über die jeweiligen Produkte mit der ansprechenden Anwendungs-
indikation werden dem jeweiligen Produktedatenblatt entnommen.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Handschuhe 135
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Handschuhe

Latex-Allergie – Kontaktallergie
Kommt die Haut mit einem Produkt das Latex enthält in direkten Kontakt, kann eine allergische Reaktion
provoziert werden. Ausgelöst wird sie durch die darin enthaltenen Proteine, die mehrheitlich von
Produktionsrückständen her stammen. Die Latex-Proteine können eine lokal begrenzte Wirkung, in Form
von Nesselsucht, Juckreiz, Hautrötung oder Schwellungen, hervorrufen. Werden die Allergene über die
Haut in den Blutkreislauf aufgenommen und im Organismus verteilt, treten heftigere Reaktionen
(Asthmaanfälle, Lippenschwellung, Kehlkopfschwellung oder Nesselfieber am ganzen Körper, bis hin zum
anaphylaktischen Schock) auf.
Die «Behandlung» besteht aus der Vermeidung des allergieauslösenden Stoffes. Zurzeit steht (noch)
keine Immuntherapie zu Verfügung. Die Verwendung latexarmer/-freier und weniger allergen wirkender
Handschuhe ist indiziert.
M
Gepuderte Handschuhe Gepuderte Handschuhe – oder besser ohne?
Die Thesen, dass Puder im Innern das Anziehen der Handschuhe erleichtern soll und Puder
den Schweiss absorbiert sind überholt.
U
Auf das Tragen von gepuderten Handschuhen sollte verzichtet werden.
Viele Handschuhe weisen eine synthetische Innenbeschichtung auf, die den Puder über-
S
flüssig macht.

Risiken durch gepuderte Handschuhe:


T
• Schädigung der Haut: Feuchtigkeitsentzug, Erhöhung vom pH-Wert, Abnutzung der
Epithelschicht → natürlicher Hautschutzfilm wird zerstört.
• Handschuhpuder kann Reizungen der Augenbindehaut und der Atemwegsschleim-
haut hervorrufen.
E
• Handschuhinhaltsstoffe werden durch Handschweiss und auftretende Flüssigkeiten
vermehrt an den Puder gebunden. Dadurch werden Hautirritationen (Kontaktekzem)
Entzündungen durch Endotoxine begünstigt oder es kann zu allergischen Reakti-
onen kommen.
R
• belastete Puderpartikel können durch perforierte Handschuhe oder die An- und
Ausziehbewegung grossräumig über die Raumluft verteilt werden. Es werden somit
weitere Personen gefährdet.
• Mikroorganismen können an Puderpartikel anhaften und über die Raumluft ausge-
streut werden (Operationskomplikationen!).
• Puderpartikel setzten sich auf medizinischen Instrumenten und Medizinprodukten
ab. Sie können deren Funktion beeinträchtigen oder bei deren Anwendung den
Patienten gefährden.
• über die Luft übertragenen Partikel von Puder können sich auf Untersuchungsmate-
rial (Blut, Urin, …) ablagern und zu falschen Ergebnissen führen.

136 Personalhygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Personalhygiene

Inhalative Latexbelastung – Latexallergie Typ I (Sofortallergie)


Zum Einsatz als Handschuhpuder kommt Maisstärke. Sie wurde jedoch nicht als Auslöser von Allergien
nachgewiesen. Vielmehr dient die Maisstärke als Transportmedium für die Latexproteine. Diese werden an
Handschuhpuder gebunden und verteilen sich beim An- und Ausziehen der Gummihandschuhe. Die
aufgewirbelten, allergenbeladenen Puderpartikel werden inhaliert und können allergische Reaktionen
des Atemtraktes hervorrufen (z. B. allergischer Schnupfen oder Bronchialasthma). In schweren Fällen
kann ein lebensbedrohlicher anaphylaktischer Schock zu Stande kommen.

Lagerung Handschuhvorräte Lagerung


M
(In der DIN 7716 – Vorschriften zur Lagerung von Elastomeren – wird die Lagerung explizit Handschuhvorräte

geregelt.)

Die Einwirkung von folgende Lagerungsbedingungen wirkt sich negativ auf die Lebensdauer
aus:
• Extremtemperaturen
U
• Feuchtigkeit
• Licht / Ozon
• Sauerstoff
Hinweis: für sterile Einmalhandschuhe siehe Kapitel 7.3, Sterilisation; Aufbewahrungsverfahren
S
Dadurch werden Oberflächenschäden wie Verhärtungen, Weichwerden oder Risse hervorge-
rufen. Um dies zu vermeiden sind die genannten Faktoren möglichst zu vermeiden.
T
Allgemeine Hinweise im Umgang mit unsterilen Einmalhandschuhen Allgemeine Hinweise
• keine lange Fingernägel und keinen Handschmuck tragen
• Handschuhe nicht desinfizieren und nur einmal verwenden
• kein Dauertragen (max. eine Stunde)
E
• neuer Patient, neue Handschuhe
• vor dem Anziehen und nach dem Ausziehen Hände desinfizieren
• Händedesinfektionsmittel vollständig trocknen lassen (Alkoholrückstände unter
den Handschuhen können zu verbrennungsartigen Beschwerden führen)
R
• nur mit trockenen Händen anziehen (Feuchtigkeit lässt die Haut aufquellen)
• beim Ausziehen ist der Kontakt mit der äusseren Seite zu vermeiden, indem die
Innenseiten nach aussen gestülpt wird
• via Doppelsack entsorgen
• auf das Haltbarkeitsdatum achten
• die Handschuhauswahl richtet sich nach der Tätigkeit
• vor dem Anziehen keine Pflegemittel auftragen (Öl- und Fettrückstände schädigen
Latexhandschuhe)
• nicht mit Handschuhen anzufassen sind:
>> Tastatur
>> Lichtschalter
>> Mikroskop

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Handschuhe 137
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Handschuhe

>> Zentrifuge
>> Türfallen
>> Schreibmaterial
>> Wasserhahn
>> …

Findet trotzdem ein Kontakt mit Handschuhen statt, muss anschliessend eine Desinfektion
des Materials erfolgen.
M
Handschuhe schützen nicht vor Stichverletzungen! Bei Verletzungen mit Skalpell-
klingen oder Nähnadeln verringern sie allerdings die Menge des übertragbaren Blutes.
Jedoch nicht bei Verletzungen mit Hohlnadeln!
U
Aufgabe 4.6.2
Notieren Sie, wann Sie als MPA Handschuhe tragen sollten!

• Verbandswechsel
S
• Blutentnahme

• Injektionen  / Infusionen

• Flächendesinfektion
T
• Aufziehen von Zytostatika

• Urinanalyse

• Instrumentenreinigung
E
• etc.
R

138 Personalhygiene Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Desinfektion

5 Desinfektion
M
U
S
T
E
R

5.1 Definition Definition

Die Desinfektion ist eine Hygienemassnahme. Sie dient dazu, pathogene Erreger abzutöten
(z.B. bakterizid) respektive in ihrer Aktivität einzuschränken (z. B. bakteriostatisch). Durch
die Desinfektion wird eine Keimarmut, nicht aber eine Keimfreiheit erzielt. Was bedeutet,
dass die Keimzahl der Haut oder eines Objektes soweit reduziert wird, dass eine Keimübertra-
gung und somit die Übertragung von Infektionen nicht mehr möglich ist (von 100’00 Keimen
bleibt einer übrig). Man spricht von einer Antisepsis

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Definition 139
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Grundbegriffe – Glossar

Ziel der Desinfektion


• Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz gewährleisten
• Umweltsicherheit ein- und aufrecht halten
• Produktesicherheit garantieren

Grundbegriffe – Glossar 5.2 Grundbegriffe – Glossar


M
Aufgabe 5.2.1
a) Suchen Sie nach den fehlenden Begriffen und schreiben Sie Ihre persönliche Definition
dazu.
b) Vergleichen Sie die Definitionen innerhalb der Klasse.
c) Lernen Sie die Begriffe und Definitionen indem Sie sich gegenseitig abfragen.
U
Antisepsis =
Massnahmen, die zu einer Keimreduktion oder –inaktivierung führt.
Antiseptik

antiseptisch keimreduzierend und –bekämpfend z. B.  durch die Desinfektion


S
Unter Antiseptik versteht man die Anwendung antimikrobieller
Substanzen am lebenden Gewebe. Ziel ist die Abtötung oder Vermeh-
Antiseptik rungshemmung von Krankheitserregern am Ort oder an der Eintritts-
T
pforte einer Infektion (z. B.  präoperative Haut-und Schleimhaut-
desinfektion).

bakteriostatisch Die Vermehrung von Bakterien hemmen aber nicht abtöten.


E
bakterienabtötend = Bakterien so stark schädigen, dass sie den
bakteriozid
irreversiblen Zelltod der Erreger auslösen.
R
Biozide sind Substanzen und Produkte, die Mikroorganismen: Bakte-
Bioziede rien, Viren, Pilze, Algen ect. aber auch Schädlinge: wie Insekten,
Mäuse oder Ratten, unschädlich machen, bekämpfen oder zerstören.

Gerinnung. Denaturierung ist, wenn z. B.  Protein-(Eiweisse)

Denaturierung oder DNS-Struktur durch physikalische oder chemische Einflüsse

verändert wird.

fungizid Pilz(e) abtötend

140 Desinfektion Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Desinfektion

In der Virologie versteht man unter Inaktivierung das Verfahren,


Inaktivierung
welches zur Verminderung der Infektiosität führt.

Die Infektiosität beschreibt die Fähigkeit eines Krankheitserre-

Infektiosität gers (Pathogens), nach erfolgter Übertragung einen Wirt zu

infizieren.

Irritation Ein Reiz oder eine Erregung, welcher meist von negativer Bedeu-
(Schleimhaut­
M
irritation) tung ist.

Unter der Keimzahl versteht man die Anzahl Mikroorganismen in


Keimzahl
einer bestimmten Substanzmenge.

Korrosion /
U
Beschädigung / schädigend (zernagend)
korrosiv

levurozid Unterbegriff von fungizid: Hefepilze abtötend

Das Wachstum von Mikroorganissmen vollständig oder teilweise


S
mikrobiostatisch
hemmen aber nicht abtöten.

mikrobizid Mikroorganismen abtötend


T
Eine charakterisierende Eigenschaft, eine Kenngrösse, Kennzahl
Parameter
oder Einflussgrösse
E
potenziell /
möglich / möglicherweise / denkbar / wahrscheinlich
potentiell

Remanenzwir- (lateinisch remanere = zurückbleiben) beschreibt die Dauer, während


kung der ein desinfiziertes Objekt vor Neukontaminationen geschützt ist.
R
Resistenzbildung Unempfindlichkeit gegen ein betreffendes Mittel.

Mit Resorption wird der Prozess bezeichnet, bei dem körperei-


Resorption /
gene oder -fremde Stoffe durch lebende Zellen oder Gewebe
resorbieren
aufgenommen werden.

sporizid Sporen abtötend

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Grundbegriffe – Glossar 141
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Lehrkraftausgabe

Desinfektionsverfahren

mykobakterizid Mykobakterien abtötend

Die Validierung ist in der europäischen Normung ein dokumen-

tiertes Verfahren zur Erbringung, Aufzeichnung und Interpreta-

Validierung tion von Ergebnissen. Diese zeigen, dass ein Verfahren dauerhaft

mit den vorgegebenen Spezifikationen übereinstimmt. (SN EN

ISO 17665-1, 3.60).


M
virustatisch Die Vermehrung von Viren hemmen aber nicht abtöten.

Virenabtötend = Viren so stark schädigen, dass sie den irreversi-


viruzid
blen Tod der Erreger auslösen.
U

5.3 Desinfektionsverfahren
S
Desinfektionsverfahren
Anwendung in der Humanmemedizin
T
Desinfektionsverfahren Physikalisch Definition
Desinfektion Bei der physikalischen Desinfektion werden Mikroorganismen durch
trockene, feuchte Hitze oder durch Strahlung abgetötet respektive in ihrer
• Thermische Aktivität eingeschränkt. (auskochen, Verbrennung, Reinigungs-Desinfekti-
Desinfektion onsgeräte, strömender Dampf, ultraviolette Strahlung)
E
(trockene oder
feuchte Hitze) Vorteile / Nachteile
• Strahlendes-
Die thermische Reinigung und Desinfektion von Medizin-produkten wird in
infektion einem voll-automatischen Reinigungs- und Desinfektionsgerät (RDG*)
vorgenommen und ist der manuellen Aufbereitung vorzuziehen. (80 – 95° C)
R
*Hinweis: Das RDG wird im Kapitel «Sterilisation» beschrieben.

Vorteile: Nachteile:
• Keine Wirkungslücken • Hohe Anschaffungskosten
• Gute Arbeitssicherheit und Personenschutz • Nicht für hitzeempfindliche Materia-
• Gute Umweltverträglichkeit lien geeignet
• Dokumentation zur Validierung

Einsatzmöglichkeit • Chirurgische Instrumente


• Desinfektion der Raumluft durch
UV-Strahlen (OP Schleusse)

142 Desinfektion Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Desinfektion

Desinfektionsverfahren
Anwendung in der Humanmemedizin

Chemisch- Definition
thermische Durch die Kombination von Hitze und chemischen Desinfektionsmittel
werden Mikroorganismen abgetötet respektive in ihrer Aktivität einge-
Desinfektion schränkt. (Reinigungs-Desinfekionsgeräte)

Vorteile / Nachteile
Eine chemisch-thermische Desinfektion wird ebenfalls maschinell durchge-
führt. Die desinfizierende Wirkung wird durch die Kombination: Desinfekti-
M
onsmittels und Wassertemperatur erreicht. (40 – 65° C)

Vorteile: Nachteile:
• Auch für hitzeempfindliche (thermolabile) • Kostenaufwändiger durch das
Medizinprodukte geeignet Mitführen von Desinfektionsmitteln
• Kein Wirkungsverlust durch Zersetzung des • Umweltbelastend
Desinfektionsmittels
• Gute Arbeitssicherheit und Personenschutz
U
Einsatzmöglichkeit • Thermolabile Medizinal-produkte
z. B.  Endoskope
• Wäsche

Chemische Definition
S
Bei der chemischen Desinfektion werden Mikroorganismen durch die Anwen-
Desinfektion dung von Biozieden abgetötet respektive in ihrer Aktivität eingeschränkt.
• Tauch- Je nach Art des verwendeten Wirkstoffes kommt es zu unterschiedlichen
verfahren Reaktionen.
(Einlegen) Zum Beispiel:
• Wischver- • Eiweissveränderungen = Denaturierung
T
• Schädigung der Lipid-memranen
fahren
• Schädigung der Nuklein-säuren etc.
• Sprüh-Wisch-
Desinfektion
Vorteile / Nachteile
Chemische Desinfektions-mittel werden sowohl bei der Hände- als auch bei
der Flächen- oder Wäsche-desinfektion eingesetzt.
E
Vorteile: Nachteile:
• Breites Einsatzgebiet • Wirkungslücken
• Schnelle Wirkung • Resistenz gegenüber bestimmten
Bakterien
R
• Störung oder Inaktivierung der
Wirkung durch andere Substanzen.
Z. B.  Eiweiss- oder Seifenfehler
• Gesundheitsbelastend

Einsatzmöglichkeit • Händedesinfektion
• Hautdesinfektion
• Schleimhautdesinfektion
• Wunddesinfektion
• Flächendesinfektion
• Instrumentendesinfektion

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Desinfektionsverfahren 143
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Desinfektionsmittel

Es gibt kein universelles Desinfektionsverfahren!


Die Wahl des Verfahrens richtet sich nach dem Objekt und der Art und dem Umfang der
mikrobiellen Kontamination.

Desinfektionsmittel 5.4 Desinfektionsmittel


M
Durch Desinfektionsmittel werden pathogene Mikroorganismen abgetötet oder in ihrer
Lebens- und Überlebensfähigkeit = antiseptischer Zustand.

Genau genommen unterscheidet man zwischen dem Begriff «Desinfektionsmittel» und


«Antiseptika». Erstere töten Keime auf unbelebten Oberflächen ab. Antiseptika hingegen
zerstören  /  inaktivieren Keime auf lebendem Gewebe.
U
Antiseptika Desinfektionsmittel

Anwendungsgebiet
S
• Haut • Flächen
• Schleimhaut • Instrumente
• Wunden • Hände («sprachliche Ausnahme»: Die
Hände werden im Gesundheitswesen
T
gleich wie die medizinischen Instru-
mente verstanden und eingesetzt.)
Antiseptika kommen prophylaktisch und Desinfektionsmittel werden ausschliesslich
auch therapeutisch zur Behandlung beste- Infektionsprophylaxe eingesetzt.
E
hender Infektionen zum Einsatz.

Viruzide
R
Viruzide sind Substanzen, welche die Viren ausserhalb von lebenden Organismen inaktivieren.
Die Viren lassen sich aufgrund ihrer Struktur hinsichtlich der Widerstandsfähigkeit gegenüber
Desinfektionsmitteln in zwei Gruppen unterteilen:
• unbehüllte Viren
• behüllte Viren.

144 Desinfektion Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Desinfektion

Kennzeichnung der Viruzide:

«begrenzt viruzid»
«Viruzid»
(wirksam gegen behüllte Viren)
Die Desinfektionsmittel werden zur Zulas- «viruzid» bedeutet, dass das Desinfekti-
sung mit folgenden «Test-Viren» getestet: onsmittel gegen behüllte und unbehüllte
• BVD-Virus (Bovine Viral Diarrhea Virus) Viren wirksam ist. Zusätzlich wird gegen
• Vakziniavirus folgende Viren getestet:
• Poliovirus
• Adenovirus
M
• Polyomaviren

Die Unterteilung erfolgt, da die viruzide Wirkung schwerer zu erzielen ist, aber nicht in allen
Fällen verlangt wird. Je nach Anwendungsbereich wird entschieden, welches Wirkspektrum
U
das Desinfektionsmittel besitzen soll.

Viele Desinfektionsmittelhersteller deklarieren ihre Produkte mit den für den Anwender
relevanten Viren. So kann eine Beschriftung lauten: «begrenzt viruzid (inkl. HBV, HIV, HCV)».
S
Anforderungen Anforderungen

Aufgabe 5.4.1
T
Welche Anforderungen stellen Sie an ein Desinfektionsmittel bezüglich mikrobiologische
Wirksamkeit, Anwendungseigenschaften, Toxizität und Umweltverhalten?
a) Schreiben Sie möglichst viele Kriterien auf.
b) Vergleichen Sie anschliessend im Klassen-Plenum.
E
c) Vervollständigen Sie die nachfolgende Tabelle.
R

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Desinfektionsmittel 145
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Desinfektionsmittel

Anforderungen an ein Desinfektionsmittel

Ein Desinfektionsmittel soll:

• breit wirken = bakterizid und sporozid, viruzid sowie fungizid


Mikrobiologische
Wirksamkeit
• eine kurze Einwirkzeit haben

• eine irreversible und lange Wirkung haben

• eine zuverlässige Wirkung haben, auch bei Belastung


M
Ein Desinfektionsmittel soll:

• eine gute Material-verträglichkeit haben


U Anwendungseigenschaften

• eine gute Reinigungs-kraft aufweisen sowie eine Hartwasser-

stabilität

• sicher in der Anwendung sein (z. B.  Flammpunkt)


S
• gut dosierbar und einfach in der Anwendung sein

• eine gute Akzeptanz haben (z.B. Geruch, Hautgefühl)

• Es soll wirtschaftlich sein = in einem guten Kosten-/Nutzen-


T
verhältnis stehen

Ein Desinfektionsmittel soll:


Toxizität

E
• Es soll gut verträglich sein gegenüber: Haut, Schleimhaut und

Wunden

• Es soll eine niedrige Dermale- und Inhalation-Toxizität aufweisen


R
Ein Desinfektionsmittel soll:
Umweltverhalten

• Es soll umweltfreundlich sein = biologisch abbaubar

• Es soll eine geringe Abwassertoxizität aufweisen

146 Desinfektion Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Desinfektion

5.5 Wirkstoffe Wirkstoffe

Desinfektionsmittel für verschiedene Anwendungsgebiete


In der INB NK 158 werden die Chemischen Desinfektionsmittel und Antiseptika derfiniert. Das heisst, die
Normung der Terminologie, Anforderungen, Prüfmethoden einschliesslich der potentiellen Wirksamkeit
unter Gebrauchsbedingungen, Gebrauchsempfehlungen und Etikettierung auf dem gesamten Gebiet der
chemischen Desinfektion und Antiseptik. Die Aktivitäten schliessen die Gebiete Landwirtschaft (ausge-
nommen chemische Pflanzenschutzmittel), Haushalt, Nahrungsmittelhygiene und andere industrielle
Gebiete, gewerbliche, medizinische und veterinäre Anwendungen, ein.
M
Aufgabe 5.5.1
Welche Wirkstoffe enthalten die Desinfektionsmittel, welche Sie aus Ihrer Lehrpraxis respek-
tive aus dem ÜK kennen? Schauen Sie nach und schreiben Sie die Namen der Produkte zu den
entsprechenden Wirkstoffen.
U
Alkohole
Alkohole trocknen sehr schnell und somit sind die Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis in der
S
Regel innerhalb von 30 Sekunden wirksam.

Alkoholhaltige Desinfektionsmittel sind nicht geeignet für die Wunddesinfektion, da der


Alkohol in der Wunde brennt. Auch für die grossflächige Desinfektion sind Desinfektions-
T
mittel auf alkoholischer Basis nicht geeignet, da der Alkohol feuergefährlich ist und leicht
entzünden kann.

Alkohole sind keine allergisierende Desinfektionsmittel. Trotzdem werden zur Hautdesinfek-


E
tion keine reinen Alkohole verwendet, da diese die Haut austrocknen würden.

Bei der Anwendung von Sprays können sich Alkoholdämpfe bilden, welche die Atemwege
reizen. Zur Vermeidung von Dämpfen sollte das Desinfektionsmittel in ein «Fliestuch» dosiert
R
und anschliessend durch Wischen der Oberfläche aufgetragen werden.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Wirkstoffe 147
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Wirkstoffe

Beispiele Wirkspektrum Anwendungsbereich Beispiele


• Ethanol bakterizid, tuberku- Vorwiegend für die • Sterilium
• 1-Propanol lozid, fungizid, Haut- und Händedes- • Desderman pure
(n-Propanol) viruzid: auf behüllte infektion • Helipur H plus N
• 2-Propanol (Isop- und unbehüllte Viren: • Softa-Man
ropanol) durch verlängerte Sprüh-Wisch-desinfek- • Softasept N
Einwirkzeit oder tion für kleinere • Braunoderm
Mischungen verschie- Flächen • Alcohol Pads B.
dener Braun
Alkohole • Meliseptol
• Bacillol
Jedoch nicht sporozid!
M
Aldehyde
Aldehyde besitzen eine sehr gute Materialverträglichkeit und sind gut biologisch abbaubar.
Jedoch besteht die Gefahr des Eiweissfehlers. Das heisst, sind Instrumente strakt mit
U
eiweisshalten Rückständen (Blut, Gewebe,…) kontaminiert, werden diese auf den Oberflä-
chen fixiert und es findet keine Desinfektion statt.
Hiervon ausgenommen sind Formaldehyd, sie denaturieren Eiweisse.
S
Formaldehyd
Formaldehyd ist ein starkes Allergen und kann Haut-, Atemwegs- und Augenreizungen
hervorrufen, zum Teil werden sie in der Literatur auch als kanzerogen bezeichnet. Deshalb
soll es nur gezielt eingesetzt werden und Schutz-/Sicherheitshinweise sind zu beachten
T
(Handschuhe tragen, Vermeiden von direktem Hautkontakt, gut gelüftete Räume). Formal-
dehyd hat ein breites Wirkungsspektrum und wie bereits erwähnt, nur einen geringen
Eiweissfehler.
E
Beispiele Wirkspektrum Anwendungsbereich Beispiele
• Formaldehyd bakterizid, tuberku- Flächendesinfektion • Korsolex® extra
• Glutaral lozid, fungizid, Instrumentendesinfek- • Kohrsolin FF
• Glyoxal sporozid, viruzid auf tion Tissues
behüllte und unbe- Wäsche (gebrauchsfertige alde-
R
hüllte Viren hydhaltige Desinfekti-
onstücher)
• Helipur H plus N
• Meliseptol

Amine
Amine setzten die Oberflächenspannung einer Lösung herab und haben deshalb auch einen
reinigenden Effekt.

148 Desinfektion Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Desinfektion

Aminhaltige Konzentrate können Verätzungen verursachen. Deshalb ist im Umgang mit


diesen immer eine entsprechende Schutzausrüstung zu tragen. Der Wirkungseintritt ist bei
ihnen sehr schnell und sie sind gut biologisch abbaubar.

Beispiele Wirkspektrum Anwendungsbereich Beispiele


• Chloramin T bakterizid, tuberku- Instrumenten- und • Stabimed
• Alkylamine lozid, fungizid, viruzid Flächendesinfektion
auf behüllte Viren
M
Kationenaktive Substanzen
Quartäre Ammoniumverbindungen* und Biguanide* sind Wirkstoffe, die in Flächen- und
Instrumentendesinfektionsmitteln zum Einsatz kommen. Diese Stoffe haben eine geringe
Toxizität, eine gute Materialverträglichkeit und sind geruchsfrei. Die Umweltverträglichkeit
muss allerdings als mässig bezeichnet werden. Im Unterschied zu Aldehyden und Alkoholen
U
verläuft der mikrobiologische Abbau wesentlich langsamer.
*Quartäre Ammoniumverbindungen = QAV oder Quats, sind Salze (ionische Verbindungen) bestehend aus einem
Kation und einem Anion.

*Polihexanid = Polihexanidum oder Polyhexamethylenbiguanid = PHMB, ist ein Biquanid-Derivat.


S
Polihexanid ist ein Wirkstoff aus der Gruppe der Desinfektionsmittel, das gegen Bakterien und Pilze wirksam ist.
Der Wirkstoff verfügt über eine sehr gute Gewebeverträglichkeit und hat eine wundheilfördernde Wirkung.

Quats und Biguanide bilden bei Kontakt mit Chemikalien (z. B.  Haushaltsreinigern) mit
anionischer organischer Struktur wasserunlösliche Verbindungen, wodurch die desinfizie-
T
rende Wirkung aufgehoben wird (Seifenfehler). Das Vorhandensein von Eiweissen, hartem
Wasser und Eisenionen beeinflusst die Desinfektionswirkung ebenfalls negativ.

Quats und Biguanide kommen deshalb nicht als einziger Wirkstoff in Desinfektionsmitteln
E
vor. Vielmehr werden sie zur Wirkungssteigerung und –verlängerung anderen Desinfektions-
mitteln zugefügt.
R
Beispiele Wirkspektrum Anwendungsbereich Beispiele
• Quartäre Ammoni- Bakterizid, fungizid, Flächen- und Instru- • Meliseptol
umverbindungen viruzid auf behüllte mentendesinfektion
(Quats/QAV) und Viren
• Biguanide

Halogene
Halogene (Fluor, Chlor, Brom und Iod) sind hochwirksame Mikrobiozide. Medizinisch kommen
Iod (I) und Chlor (Cl) zum Einsatz.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Wirkstoffe 149
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Wirkstoffe

Jod
Da das herkömmliche Jod im Wasser schlecht löslich ist und auf Haut, Schleimhaut und
Wunden irritierend wirkt, wurde es an eine Trägersubstanz gebunden. Somit entstand ein
wasserlöslicher Jodkomplex (PVP-Jod: Povidon-Jod), der sich durch eine hohe Wirksamkeit,
bei gleichzeitig guter Verträglichkeit auszeichnet.

Für Wundspülungen sollte Jod immer in verdünnter Form verwendet werden!

PVP-Jod ist kontraindiziert bei:


M
• Hyperthyreose oder anderen manifesten Schilddrüsenerkrankungen
• Dermatitis (herpetiformis Duhring)
• Radioiodtherapie
• bei Frühgeborenen (Geburtsgewicht < 1‘500 g)
• je nach Arzneiform (v. a. jodhaltige Salben) auch in der Schwangerschaft und
Stillzeit sowie bei Neugeborenen
U
Jod wird durch Eiweisse inaktiviert!

Jod ist als gefärbtes (braun) oder ungefärbtes Produkt erhältlich. Beim gefärbten PVP-Jod
S
kann durch die Braunfärbung die Wundbeurteilung erschwert werden und Fleck lassen sich
schlecht aus Textilien entfernen. Als positive Eigenschaft der Braunfärbung kann die gute
Kennzeichnung des desinfizierten Hautareals genannt werden. So kommen gefärbte Präparate
vor allem zur Hautdesinfektion vor operativen Eingriffen zum Einsatz.
T
Auf dem Markt sind wässrige (für Wunden, Schleimhaut) und alkoholische (für intakte Haut)
Lösungen erhältlich.
E
Beispiele Wirkspektrum Anwendungsbereich Beispiele
• Chlor bakterizid (tuberku- Chlor und Chlorab- • Braunoderm
• Jod lozid), spalter: Desinfektion • Braunol
viruzid auf behüllte von Wasser oder • Betadine
und unbehüllte Viren, Geschirr • Braunosa
R
(fungizid), • Jodoplex
(sporozid), Iod zur Desinfektion
von Haut, Schleim-
haut und Wunden.

Octenidin
Octenidin wird relativ gut vertragen und eignet sich zur Hau-, Schleimhaut- und Wunddesin-
fektion. Teils kann ein Brennen  /  Jucken beim Auftragen auf die Haut wahrgenommen
werden. Bei der Anwendung im Mund empfinden manche einen bitteren Geschmack. Es ist
schnell (60 Sekunden) und lange wirksam sowie für Schwangere, Säuglinge und Frühgeborene
geeignet. Es besitzt keine Eigenfarbe und weist nur einen geringen Eiweissfehler auf.

150 Desinfektion Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Desinfektion

Octenidin darf nicht gemeinsam mit PVP-Jod angewendet werden, da sich Jodradikale bilden,
welche die Haut stark reizen und eine tiefe Braunverfärbung des Gewebes hervorrufen

Beispiele Wirkspektrum Anwendungsbereich Beispiele


• Octenidindi- bakterizid, tuberku- Wund- und Schleim- • Octenisept
hydrochlorid lozid, viruzid auf hautdesinfektion • Octenisan Wasch-
behüllte und unbe- lotion
hüllte Viren, fungizid • Octenilin Wundgel
M
Oxidanzien
Neben den Halogenen existieren einige Stoffe, deren mikrobiozide Wirkung ebenfalls auf
Oxidationsvorgänge zurückzuführen ist. Es handelt sich hierbei um sauerstoffreiche und
leicht Sauerstoff freisetzende Verbindungen wie: Ozon, anorganische und organische Peroxide
U
sowie Persäuren.

Oxidanzien haben ein sehr breites Wirkungsspektrum, sind aber chemisch instabil, haben
humantoxische Risiken und eine korrosive (zernagende) Wirkung. Im Umgang mit Oxidanzien
S
sind der Hautkontakt und die Inhalation der Dämpfe zu vermeiden.

Peressigsäuren sind sehr gut umweltverträglich, da sie in Sauerstoff und Essigsäure zerfallen.

Beispiele Wirkspektrum Anwendungsbereich Beispiele


T
• Peressigsäure bakterizid, (tuberku- Flächendesinfektion , • Diosol
lozid), Instrumentendesinfek- • Helix ultra
fungizid, sporozid, tion • Gigasept
viruzid auf behüllte
und unbehüllte Viren
E
Phenolderviate
R
Phenolderviate sind Abkömmlinge des Phenols (auch Karbol genannt). Aufgrund seiner
Toxizität und schwachen Wirksamkeit kommt Phenol heute nicht mehr zum Einsatz.

Derviate des Phenols weisen im Vergleich zu den anderen Wirkstoffen den geringsten Eiweiss-
fehler auf. Sie verbleiben in grossen Mengen auf der behandelten Fläche, was zu einer
ausgeprägten Remanenzwirkung* führt. Jedoch können sie zu Hautreizungen führen.
*Die Remanenzwirkung beschreibt die Zeitdauer, während der das desinfiziert Objekt vor einer Neukontamination
nach dem Zeitpunkt der direkten Desinfektion geschützt ist.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Wirkstoffe 151
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Wirkstoffe

Beispiele Wirkspektrum Anwendungsbereich Beispiele


Halogen-derivate Viruzid auf behüllte Instrumentendesinfek- • Sekusept plus
(o-Phenylphenol) Viren, tion, Flächendesinfek-
Alkylderivate bakterizid, tuberku- tion,
lozid Desinfektion von
Ausscheidungen

Polyhexanide
M
Polyhexanide sind geruchs- und farblos und verursacht bei der Anwendung keinerlei
Schmerzen  /  Brennen. Zudem wird es durch Eiweisse nicht denaturiert. Einziger Nachteil ist
der im Vergleich langsame Wirkungseintritt.

Beispiele Wirkspektrum Anwendungsbereich Beispiele


U
Polyhexamethylen- bakterizid, tuberku- Wund- und Schleim- • Lavasept®
biguanid lozid, viruzid auf hautdesinfektion • Prontosan
behüllte und unbe- • Prontoderm
hüllte Viren
S
Glucoprotamin
Glucoprotamin hat eine starke mikrobiologische Wirksamkeit, keine humantoxikologische
Risiken und ist hervorragend biologisch abbaubar. Es weist eine sehr gute Reinigungswirkung
T
auf: entfernt Blutrückstände rückstandslos, wodurch eine effektive Desinfektion gesichert
wird.

Gegenüber Metallen und Kunststoffen ist es bestens verträglich, auf der Haut jedoch wirkt es
E
ätzend!

Beispiele Wirkspektrum Anwendungsbereich Beispiele


• Glucoprotamin bakterizid, fungizid, Instrumente und • Sekusept PLUS
R
viruzid auf behüllte Flechendesinfiktion
und unbehüllte Viren

Die einzelnen Desinfektionsmittel bestehen oft aus mehreren Wirkstoffen. Mit der Kombi-
nation verschiedener Wirkstoffe wird ein synergetische Effekte (Zusammenwirken)
erzielen.

152 Desinfektion Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Desinfektion

5.6 Regulierung der Desinfektionsmittel in der Schweiz


gemäss «Swissmedic»
In der Schweiz sind die gesetzlichen Regulierungen der Arzneimittel, der Medizinprodukte
und der Chemikaliengesetzgebung beim Inverkehrbringen von Desinfektionsmitteln zu
beachten. Je nach dem vom Hersteller vorgesehenen Verwendungszweck treffen eine oder
mehrere dieser Regelungen zu:
M
Desinfektionsmittel, die Desinfektionsmittel, die Biozidprodukte fallen
als Arzneimittel gelten, als Medizinalprodukt unter das Chemikalien­
unterliegen der Arznei- gelten unterliegen dem gesetz
mittelkontrolle Medizinalproduktegesetz
U
Desinfektionsmittel fallen Desinfektionsmittel gelten Alle anderen Desinfektions-
unter den Zuständigkeits- als Zubehör von Medizin- mittel, eingeschlossen
bereich von Swissmedic produkten, wenn sie der solche, die in Gesund-
und müssen als Arznei- Hersteller dazu bestimmt. heitsein-richtungen und
mittel zugelassen werden, Laborbetrieben sowie für
S
wenn diese zum Vorbeugen Desinfektionsmittel, die die menschliche Hygiene,
oder Heilen von Krank- nicht unter Körperberüh- Desinfektionsmittel für den
heiten (Infektionen) mit rung verwendet werden, Privatbereich, Biozidpro-
Anwendung auf der müssen zudem gemäss dukte für die Hygiene im
T
Haut / Schleimhaut des Europäischem Chemikalien- Veterinärbereich usw.
Patienten oder zur Anwen- recht eingestuft, verpackt verwendet werden, sind im
dung am Patienten vor und gekennzeichnet Chemikaliengesetz3 gere-
chirurgischen Eingriffen werden. gelt und brauchen eine
E
(präoperative Hautdesin- Zulassung gemäss Art. 7
fektion, antiseptische der Verordnung über das
Körperwaschung) bestimmt Inverkehrbringen von und
sind. dem Umgang mit Biozid-
R
produkten.

Beispiele: Beispiele: Beispiele:


Hautdesinfektion Instrumentendesinfektion Händedesinfektion
Schleimhautdesinfektion Desinfektionsmittel für Flächendesinfektion
Wunddesinfektion Endoskope

In der heutigen Zeit erfolgt die Desinfektion mit chemischen Lösungen. Diese können zum
Teil gebrauchsfertig, zum Teil als Konzentrate gekauft werden. Konzentrate müssen vor
Gebrauch mit den auf den Beipackzetteln empfohlenen Wassermengen verdünnt werden.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Regulierung der Desinfektionsmittel in der Schweiz gemäss «Swissmedic» 153
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Regulierung der Desinfektionsmittel in der Schweiz gemäss «Swissmedic»

Allgemeine Regeln zur Allgemeine Regeln zur Herstellung und Handhabung von
Herstellung und Desinfektionsmitteln
Handhabung von
Desinfektionsmitteln
1. Zubereitung von Desinfektionslösungen
• Für die Zubereitung von Lösungen / Verdünnungen wird Leitungswasser verwendet.
• Die vorgeschriebenen Wassermenge respektive Menge des Konzentrats ist genau
abzumessen und erfolgt mit einem dazu geeigneten Dosiergerät (Messbecher,
Zylinder etc.).
• Um Schaumbildung zu vermeiden, wird zuerst das Wasser und danach das Konzen-
M
trat in den Behälter gegeben.
• Wasser und Desinfektionsmittel müssen sorgfältig miteinander vermischt werden.
• Wenn keine speziellen Vorschriften bestehen, sollte die Temperatur des Desinfekti-
onsmittel-Gemischs Zimmertemperatur betragen.
• Bei der Herstellung des Gemisch und bei der Durchführung der Desinfektion muss
eine entsprechende Schutzkleidung getragen werden: Handschuhe, Schürze, allen-
U
falls Brille.
• Die vom Hersteller vorgeschriebene Haltbarkeit muss beachtet werden und die
Validierung ist entsprechend zu dokumentieren.
S
2. Anwendung von Desinfektionslösungen
• Chemische Desinfektionsmittel dürfen nur dann mit der Haut in Berührung kommen,
wenn eine Hautdesinfektion beabsichtigt ist. Ansonsten müssen unbedingt feste,
flüssigkeitsdichte Handschuhe getragen werden.
T
*Hinweis: Beachten Sie hierzu das Kapitel «PSA – persönliche Schutzausrüstung»

• Desinfektionsmittel sind nur für den vom Hersteller angegebenen Zweck zu


verwenden.
• Die für die Lösung vorgeschriebene Einwirkungszeit muss eingehalten werden.
E
• Das Zumischen von Reinigungsmitteln ist strikte zu unterlassen. Die Wirkung des
Desinfektionsmittels könnte eingeschränkt werden (Seifenfehler) und allenfalls
können dabei gesundheitsschädigende Dämpfe entstehen.
• Bei der Anwendung von alkoholischen Desinfektionsmitteln sind die Sicherheitsre-
R
geln bezüglich der Brand- und Explosionsgefahr zu berücksichtigen.

Der Einsatz von Desinfektionsmitteln soll gezielt erfolgen. Durch eine sachgemässe
Reinigung wird bereits ein hoher Sauberkeitsgrad erreicht. Durch eine gründliche Reini-
gung z. B.  ist eine 50 – 90 %-ige Keimreduktion möglich.
Je nach Gefahreneinstufung müssen Desinfektionsmittelabfälle gesondert entsorgt
werden!

154 Desinfektion Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Desinfektion

5.7 Hautdesinfektion Hautdesinfektion

Bei invasiven Eingriffen wird die körpereigene Schutzbarriere, die vor Mikroorganismen
(Bakterien, Viren, Pilzen etc.) schützt, zwangsläufig zerstört. Hierdurch bietet sich den
Mikroorganismen eine gute Möglichkeit in das Körperinnere einzudringen.

Invasive Schritte kommen in der Arztpraxis häufig vor. Zum Beispiel bei den täglichen Blut-
entnahmen! Deshalb ist permanent auf eine gewissenhafte Hautantiseptik zu achten. Mit
dem Ziel: Alle Mikroorganismen abzutöten, um eine Übertragung ins Körperinnere zu
M
vermeiden. Wird dies nicht oder zu wenig beachtet, kann es zum Einbringen von Mikroorga-
nismen in tiefere Hautschichten, in Körperöffnungen, Muskulatur oder auch Gefässe kommen.
Die Folgen können z. B.  Abszesse, eine Thrombophlebitis (Venenentzündung) bis hin zur
generalisierten Sepsis sein.

Die Hautdesinfektion erfolgt mittels Wischverfahren durch ein alkoholisches Präparat.


U
Wichtig dabei ist, die korrekte Einwirkzeit zu beachten. Je nach Eingriff und Körperregion
ändert sich die Zeit. Da in talgdrüsenreichen Bereichen höhere
Keimzahlen vorzufinden sind, als in talgdrüsenarmen, ist eine
längere Einwirkzeit nötig.
S
T
Grundsätzlich gilt :

• Einwirkzeit talgdrüsenarmer Haut:


E
>> vor Injektionen  /  Punktionen: mindestens 15 Sekunden
>> vor Punktionen von Gelenken, Körperhöhlen und Hohlorganen sowie Operationen
mindestens 60 Sekunden
R
• Einwirkzeit talgdrüsenreiche Haut:
>> vor allen Eingriffen mindestens 2.5 Minuten

Einwirkzeit:
• Lesen Sie immer vorgängig die Anwendungsbeschreibung des jeweiligen
Produktes durch!
• während der gesamten Zeit muss das Hautareal mit dem Desinfektionspräparat
feucht gehalten werden!

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Hautdesinfektion 155
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Schleimhaut und Wunddesinfektion

Beachte Sie die Empfehlungen bezüglich der Hygienevorschriften zu Punktionen. Ein entsprechender Hygieneplan
finden Sie auf www.mympa.ch

Schleimhaut und 5.8 Schleimhaut und Wunddesinfektion


Wunddesinfektion
Die Schleimhäute sind besonders empfindlich und können toxische Stoffe sehr schnell resor-
bieren. Daher sind an die Schleimhaut- und Wunddesinfektionsmittel besondere Anforde-
rungen zu stellen. Schleimhaut- und Wunddesinfektionsmittel müssen so aufgebaut und
ausgewählt werden, dass sie keine Allergien, keine Reizungen, keine Irritationen oder gar
M
Korrosionen der Schleimhaut verursachen. Für die Wund- und Schleimhautdesinfektion
werden keine alkoholischen Präparate eingesetzt.

Aufgabe 5.8.1
Nennen Sie hier Desinfektionsmittel, die für die Wund- und Schleimhautdesinfektion geeignet
U
sind.
S
T
E
R
Wichtig: Beachten Sie bei der Wunddesinfektion die korrekte Ausführung der aseptischen
respektive septischen Desinfektion.

156 Desinfektion Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Desinfektion

5.9 Händedesinfektion Händedesinfektion

Die hygienische Händedesinfektion ist erforderlich vor jeder Arbeit am Patienten sowie
vor jeder invasiven Massnahme, unabhängig davon ob sterile oder unsterile Handschuhe
getragen werden oder nicht. Zudem ist sie erforderlich vor aseptischen Tätigkeiten, nach
Kontakt mit potenziell infektiösem Material und nach Kontakt mit der unmittelbaren
Patientenumgebung.
M
Die Hände des Personals sind der häufigste Weg für die Übertragung von nosokomialen
Infektionen. Hygienefehler unter anderem auch bei der Händedesinfektion, d. h. die Nicht-
beachtung der Prinzipien der Asepsis zum Beispiel bei der Zubereitung von Medikamenten
und ihrer Applikation durch Injektionen oder bei Verbandwechsel führen immer wieder zu
Ausbrüchen von Infektionen durch bakterielle Erreger oder blutübertragene Viren.
U
(z. B.  Staphylococcus aureus, Hepatitis-B-, Hepatitis-C-Virus)

EN 1500 (praxisnahe Testmethode für die hygienische Händedesinfektion)


Das geeignete Vorgehen beim Test eines neuen Produktes für die hygienische Händedesinfektion wird in
Europa durch Benutzung der Standard-Methode EN 1500 vorgegeben. Dadurch werden praxisnahe Gege-
S
benheiten simuliert und die Wirksamkeit des Referenz-Produktes wird mit dem getesteten Produkt
verglichen.

Hygienische Händedesinfektion
Die korrekt durchgeführte Händehygiene schützt vor der Ausbreitung von Mikroorganismen
T
und ist daher der effektivste Schutz gegen nosokomiale Infektionen.
Die hygienische Händedesinfektion hat zum Ziel, die transiente Hautflora zu eliminieren. Die
residente Flora wird dabei kaum beeinträchtigt. Dabei wird eine geeignete Menge Desinfekti-
onsmittel während mind. 30 Sekunden in die Hände (einschliesslich Handgelenke) einge-
E
rieben.

Voraussetzungen für eine erfolgreiche Händehygiene


*Hinweis: Beachten Sie dazu das Kapitel: Händehygiene, in diesem Lehrmittel!
R
• Es sollte kein Schmuck und keine Uhr getragen werden.
• Fingernägel sollten kurz und abgerundet geschnitten sein.
• Künstliche Fingernägel sind verboten.
• Die Hände sollten keine Verletzungen des Nagelbetts, Entzündungsherde oder
andere Verletzungen, insbesondere Schnittverletzungen, etc. aufweisen.
• Das Händedesinfektionsmittel sollte auf trockene Hände aufgetragen werden.
• Im Falle einer möglichen Kontamination mit Viren muss sichergestellt sein, dass
das zu verwendende Produkt ein breites Wirkungsspektrum hat und gegen die
entsprechenden Viren wirksam ist.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Händedesinfektion 157
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Händedesinfektion

Korrekte Durchführung der hygienischen Händedesinfektion


(Standard-Einreibemethode für die hygienische Händedesinfektion gemäss EN1500)
M
U
S
T
E
Fünf-Momente-Konzept Wann die hygienische Händedesinfektion in der Arztpraxis erforderlich ist – Die fünf
Momente der Händehygiene

Im Fünf-Momente-Konzept werden detaillierte Empfehlungen zur Händedesinfektion in fünf


R
zentrale Risikosituationen aufgeteilt. Demzufolge erfolgt die hygienische Händedesinfektion,
unabhängig ob Handschuhe getragen werden:

• vor Patientenkontakt
• vor aseptischen Tätigkeiten
• nach Kontakt mit potenziell infektiösem Material
• nach Patientenkontakt
• nach Kontakt mit der unmittelbaren Patientenumgebung

158 Desinfektion Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Desinfektion

Aufgabe 5.9.1
Notieren Sie zu jedem Moment konkrete Beispiele aus Ihrem Arbeitsalltag, in denen eine
hygienische Händedesinfektion durchgeführt werden muss.

a) Vor Patientenkontakt

• vor körperlicher Untersuchung

• vor Blutdruckmessung

• vor dem Entfernen von Verbänden


M
• vor sämtlichen Verrichtungen am Patienten, auch wenn Handschuhe getragen werden

b) Vor aseptischen Tätigkeiten

• vor Injektionen
U
• vor Blutentnahmen

• vor dem Zubereiten von Infusionen

• vor Verband-wechseln
S
c) Nach Kontakt mit potentiell infektiösem Material

• nach möglichem Kontakt mit Blut, Urin, Erbrochenem, Wundsekret, Sputum etc.
T
• Auch wenn Handschuhe getragen wurden!

d) Nach Patientenkontakt

• nach sämtlichen Verrichtungen am Patienten, auch wenn Handschuhe getragen wurden!


E
• nach körperlichen Untersuchungen

• nach dem Anlegen von Verbänden


R
e) Nach Kontakt mit der unmittelbaren Patientenumgebung

• nach Kontakt mit der Untersuchungsbehandlungsliege

• nach Kontakt mit Beistelltischen

• nach Kontakt mit am Patienten angewandten Materialen oder Geräten

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Händedesinfektion 159
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Flächendesinfektion

Mittel zur Händedesinfektion


Die meisten Mittel enthalten als desinfizierenden Wirkstoff Alkohol. Zusätzlich sind zur
Hautverträglichkeit pflegende Substanzen integriert:
• Feuchtigkeitsbinde Komponenten, welche einem Wasserverlust entgegenwirken.
• rückfettende Substanzen, welche rauen, trockenen Händen vorbeugen.

Chirurgische Händedesinfektion
Sie hat zum Ziel sowohl die transiente als auch die residente Hautflora zu zerstören. Somit
soll jegliche Keimübertragung verhindert werden. Hierbei werden während 1.5 bis 3 Minuten
M
die Hände bis und mit Ellbogen mit dem Desinfektionsmittel behandelt.

Flächendesinfektion 5.10 Flächendesinfektion


Pathogene Mikroorganismen und Sporen können monatelang auf Oberflächen überleben und
U
stellen eine potentielle Infektionsquelle dar. Besonders problematisch sind in der Arztpraxis:
• häufig berührte Flächen (z. B.  Türgriffe, Handläufe an Stühlen, Telefon, Schränke)
• patientennahe Flächen (Empfangs-Theke, Oberflächen von Geräten)
• Flächen im Sanitärbereich (Toiletten, Lavabo, Seifenspender)
S
• Arbeitsflächen für die Vorbereitung von Medikamenten, Injektionen, Infusionen,
Verbandwechsel
• Fussböden
• Flächen, die mit Körperflüssigkeiten in Kontakt gekommen sind
T
Überlebensfähigkeit pathogener Keime auf unbelebten Flächen:

Erregerart Typ Überlebenszeitraum

Bakterien Escherichia coli bis 16 Monate


E
Pseudomonas aerungionsa trockene Oberflächen bis zu 5 Wochen
feuchte Oberflächen bis zu 16 Monaten
Staphylococcus aureus bis zu 7 Monate
R
(inkl. MRSA)
Mykobakterien Mycobacterium tuberculosis bis zu 4 Monate

Bakterien- Clostridium difficile Sporen bis zu 5 Monate


sporen
Pilze Candida albicans bis zu 4 Monate

160 Desinfektion Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Desinfektion

Erregerart Typ Überlebenszeitraum

Viren Noro-Virus bis zu 7 Tage

HBV (Hepatitis B Virus) bis zu 7 Tage

HIV trockene Oberflächen ca. 1.5 Minuten


feuchte Oberflächen bis zu 7 Tage
Adenovirus bis zu 5 Monate
M
*Zusammenstellung aus: drweigert.com (Quelle: Kramer er al.: BMC Infectious Diseases 2006, 6:130,
leicht modifiziert)

Methoden
Die Flächendesinfektion erfolgt mit speziell dafür vorgesehen Flächendesinfektionsmitteln,
die meist mittels Wischen auf die zu behandelnden Flächen aufgebracht werden.
U
Die Wahl eines geeigneten Desinfektionsmittels hängt vorwiegend vom Wirkspektrum des
Produkts ab. Die unterschiedlichen Typen und Stärken werden in der internationalen Produk-
teklassifizierung zusammengefasst:

Bezeichnung Wirkungsspektrum
S
Wirkungsbereich A Inaktivierung  /  Abtötung von Bakterien, Mykobakterien, Pilzen,
Sporen pathogener Pilze
Wirkungsbereich B Wirkungsbereich A und Inaktivierung  /  Abtötung von Viren
T
Wirkungsbereich C Wirkungsbereich A, B sowie Sporen des Milzbranderregers

Wirkungsbereich D Wirkungsbereich A, B, C und hitzeresistente Sporen von Bakterien


E
Mittel für den Bereiches A eliminieren leicht abzutötende Mikroorganismen, Mittel für den
Bereich D werden für schwer abzutötende Keime eingesetzt. Demzufolge haben Mittel der
R
letzten Klasse den grössten Wirkungsbereich. Sie sind praktisch dem Sterilisationsverfahren
gleichzusetzten.

Daneben spielen auch andere Kriterien, wie etwa die Geruchsbelastung, eine Rolle. Bei der
Anwendung müssen die individuellen, vom Hersteller vorgeschriebene Angaben wie: Einwirk-
zeit, Dosierung, Konzentration sowie Wirkspektrum des Desinfektionsmittels unbedingt
berücksichtigt werden, um eine ausreichende keimreduzierende Wirkung zu erzielen.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Flächendesinfektion 161
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Flächendesinfektion

Die Häufigkeit und der Umfang der Desinfektion sind vom Risikopotential abhängig. Deshalb
wird in eine routinemässige und eine gezielte Desinfektion unterteilt:

Routinemässige
Flächendesinfektion
Gezielte Flächendesinfektion
(laufende, vorbeugende, prophylakti-
sche Flächendesinfektion genannt)

Ziel Während der Behandlung soll eine Die Weiterverbreitung von Erregern
M
mögliche Keimverbreitung vermieden soll verhindert werden.
werden.

Einsatz Flächen, welche möglicherwiese mit Erkennbare Kontamination


erregerhaltigem Material kontaminiert z. B.  Flächen, die sichtbar mit
sind. Die Kontamination muss dabei Blut, Urin etc. verunreinigt sind.
U
nicht sichtbar sein. Schlussdesinfektion von Bereichen,
welche von infizierten Patienten
genutzt wurden.

Sichtbar mit Körperflüssigkeiten kontaminierte Flächen müssen umgehend desinfiziert und


S
gereinigt werden. Es ist ratsam, zunächst sichtbare Verunreinigungen mit einem in Desinfek-
tionsmittel getränkten Einmaltuch zu entfernen und anschliessend die Fläche von aussen
nach innen gemäss der üblichen Prozedur zu desinfizieren.
T
Für die alltägliche, routinemässige Desinfektion grosser Flächen eignen sich besonders
wässrige Desinfektionsmittelkonzentrate, mit denen Reinigung und Desinfektion in einem
Arbeitsgang erfolgen (desinfizierende Reinigung). Ist das Desinfektionsmittel getrocknet,
ist die Fläche sofort wieder benutzbar.
E
Bei der Desinfektion vom Fussboden kommt am häufigsten die «Zwei-Bezugs-Methode» zum
Einsatz. Hierbei wird mit einem ersten Wischbezug die Gebrauchslösung auf dem Fussboden
verteilt. Anschliessend wird dieser verworfen und mit einem neuen Bezug die benetzte Fläche
R
nachgewischt.

Kleinere Flächen können unmittelbar mit einem schnell wirkenden, hochwirksamen auf
Alkohol basierendem Desinfektionsmittel (z. B Meliseptol® rapid) desinfiziert werden. Beson-
ders anwenderfreundlich sind hierzu gebrauchsfertige Desinfektionstücher, die einfach aus
einem Spender zu entnehmen sind ( z. B.  Meliseptol® HBV-Tücher).

Die Effektivität der Flächendesinfektion lässt sich durch regelmässige mikrobiologische


Umgebungskontrollen (Abklatschverfahren) überwachen. Dies dient gleichermassen dem
Schutz von Personal und Patient! Die Flächendesinfektion ist Teil des Qualitätsmanagements

162 Desinfektion Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Desinfektion

in der Arztpraxis und erfordert die gewissenhafte, routinemässige Umsetzung der im Hygie-
neplan festgelegten Flächendesinfektions-Massnahmen.

Sprühen
Beim alleinigen Sprühen bilden sich auf der zu desinfizierenden Fläche Luftinseln, wo keine
Desinfektion stattfinden kann. Deshalb muss nach dem Sprühen das Desinfektionsmittel
sofort durch Einwegtücher verwischt werden. Zusätzlich besteht durch die Bildung von
Sprühnebel die Gefahr von Reizungen der Atemwege (je nach Produkt). Dies kann vermieden
werden, indem das Präparat nahe der Oberfläche aufgesprüht und mit einer auf Flaschen
M
aufgeschraubten Sprühpistole gearbeitet wird. Hier wird die Flüssigkeit durch den manuellen
Pumpvorgang mit geringem Druck durch eine vergleichsweise grosse Düsenöffnung kegel-
förmig streuend bzw. sprühend ausgebracht.

Der Einsatz von alkoholischen Flächen-Desinfektionsmittel zum Sprühen ist für die Desinfek-
tion von kleineren Flächen weder ineffizient, verboten noch eingeschränkt.
U
Manuelle Instumentendesinfektion Manuelle Instumenten­
Medizinische Instrumente (z. B.  Schere, Pinzette) und Chirurgische Instrumente (z .B. desinfektion

Klemmen) müssen sofort nach Benutzung in eine dafür geeignete Desinfektionslösung gelegt
S
werden. Dadurch wird eine Keimverschleppung und somit das Infektionsrisiko für Personal
und Patienten um ein vielfaches reduziert. Ausserdem wird die Antrocknung von Blut, Eiter,
Sputum und anderen Sekreten verhindert. Hierbei handelt es sich um eine chemische Aufbe-
reitung!
T
Zur Instrumentendesinfektion werden Desinfektionsmittel mit einem breiten Wirkungsspek-
trum verwendet (z. B.  Aldehyde, Phenolderivate). In einem Wannenbad (*Tauchbad: Wanne
mit Deckel und herausnehmbaren Siebeinsatz) werden die Desinfektionsmittel angesetzt.
E
Wiederum ist es unerlässlich, dass die vom Hersteller vorgeschriebenen Anwenderkriterien
sowie die Vorgaben aus dem praxiseigenen Hygieneplan eingehalten werden. Zum Beispiel:
• Dosierung,
R
• Einwirkungszeit
• Kriterien zum Austausch  /  Erneuerung de Lösung
• Vorgaben zur persönlichen Schutzausrüstung
• Validierung

Die maschinelle Desinfektion ist der manuellen vorzuziehen!

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Flächendesinfektion 163
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Flächendesinfektion

Aufgrund der meist toxischen Wirkung von Instrumentendesinfektionsmittel auf die Haut, ist
es besonders wichtig, dass sowohl bei der Herstellung von Lösungen, als auch im Umgang mit
diesen sowie bei der Handhabung der Instrumente, flüssigkeitsdichte Handschuhe getragen
werden.

Einsatz von Desinfektionsmittelwirkstoffen


• Folgt auf die Desinfektion eine Sterilisation, kommen Wirkstoffe wie Aldehyde,
Amine, Quads  / Biguanide, Oxidanzien oder Phenole zum Einsatz.
• Folgt auf die Desinfektion keine Sterilisation sind Aldehyde oder Oxidanzien zu
M
wählen.

Amine und Aldehyde sind nicht miteinander kompatibel. Beim gleichzeitigen Einsatz kann
es zu irreversiblen bräunlichen Verfärbungen kommen!
U
Das Tauchbad wird in der Regel mit kaltem Wasser hergestellt und muss zugedeckt sein. Somit
wird dem Abdampfen der Wirkstoffe vorgebeugt. Ist eine Desinfektionsmittellösung getrübt,
so kann man nicht davon ausgehen, dass diese unwirksam ist. Dieser Nachweis muss durch
S
einen bakteriologischen Test erbracht werden. In der Regel wird die Desinfektionslösung alle
sieben Tage frisch angesetzt. Ist sie jedoch sichtbar verunreinigt (Blut, Eisweiss, Gewebe-
resten) muss sie unverzüglich frisch angesetzt werden.
T
Ein neu zubereitetes Tauchbad wird beschriftet mit:
• Produkt inklusive Konzentration
• Datum der Zubereitung
• Einwirkzeit
• Initialen  /  Visum der durchführenden Person
E
Der Desinfektionslösung darf kein Reinigungsverstärker beigemischt werden. Ausser es wird
dies vom Hersteller ausdrücklich empfohlen und beschrieben.
R
Nach Beendigung der Einwirkzeit werden die Instrumente mit Leitungswasser gereinigt, mit
demineralisiertem Wasser abgespült und mit einem weichen, fuselfreien Tuch gründlich
abgetrocknet.
*Hinweis: Details zur Instrumentenaufbereitung und zur Wasserqualität finden Sie in diesem Lehrmittel, im Kapitel 9!

164 Desinfektion Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Desinfektion

*Bei einem desinfizierenden Tauchbad müssen alle Gegenstände vollständig mit Lösung
bedeckt sein. Schläuche und anderer Hohlräume müssen sorgfältig mit der Lösung gefüllt
werden. Scheren, Klemmen, usw. sind mit geöffneten Gelenken einzulegen und Luftblasen
an Instrumenten sind zu entfernen.

Wichtig: Eine Überdosierung des Desinfektionsmittel kann zu Korrosionsschäden an den


Instrumenten führen und eine Unterdosierung zu einer ungenügenden Desinfektion.
M
U
S
T
Aufgabe 5.10.1
E
Lösen Sie die folgen Aufgaben zu den Verdünnungsreihen.

Menge Mischverhältnis
Lösung Verdünnung
Desinfektionsmittel Wasser / Des.-Mittel
R
2 Liter 1 %

2 Liter 10 %

4 Liter 3 %

1 Liter 2 %

5 Liter 4 %

3 Liter 5 %

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Flächendesinfektion 165
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Flächendesinfektion

Aufgabe 5.10.2
Zusammenfassung: Fehler bei der Desinfektion.
Welche Auswirkungen haben die folgenden Fehlerquellen auf die Ergebnisse?

Fehlerquelle Auswirkung

Falsche Dosierung Zu niedrig: Wirkungsverlust, ungenügende Desinfektion

Zu hoch: Geruchsbelästigung, Korrosionsschäden an den


M
Instrumenten

Falsche Temperatur Durch zu warmes Wasser verdunstet das Desinfektionsmittel

verstärkt
U
Seifenfehler Gewisse Desinfektionsmittel flocken aus, wenn sie mit

Seifen(-Rückstände) vermischt werden und verlieren somit

ihre desinfizierende Wirkung.


S
Eiweissfehler Bei hoher Eiweisskonzentration (durch Blut, Sekret, Stuhl)

reagieren sich gewisse Desinfektionsmittel an den Eiweissen

ab statt an den Mikroorganismen. Somit ist die desinfizie-


T
rende Wirkung eingeschränkt.

Ungenügende Lufteinchlüsse oder unvollständige Bedeckung der Instru-


Bedeckung
E
mente verunmöglichen eine vollständige Desinfektion.

Ungenügende Ungenügende Desinfektion


Einwirkzeit
R

166 Desinfektion Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Aufbereitung wiederverwendbarer Medizinprodukte

6 Aufbereitung
wiederverwendbarer
Medizinprodukte
M
Instrumente werden bei Gebrauch potenziell mit Krankheitserregern kontaminiert. Findet vor
erneutem Einsatz keine fachgerechte Aufbereitung statt, fungieren sie als Infektionsquellen.
Durch die aufbereitenden Massnahmen wird ein Medizinprodukt in einen Zustand versetzt,
dass von ihm keine Gesundheitsgefahr mehr ausgeht. Zu den Massnahmen zählen insbeson-
U
dere der Reinigungs-, Desinfektions- und Sterilisationsprozess. Die Massnahmen sind im
praxiseigenen Hygieneplan beschrieben und für alle Praxismitarbeitenden zwingend einzu-
halten.

Um den Wiederaufbereitungsprozess erfolgreich zu gestalten, müssen folgende Aspekte


S
berücksichtig werden:

• Sorgfaltspflicht = Schutz von Patient und Anwender


• Werterhaltung der Produkte = Wiederaufbereitung, Instandhaltung, Abänderung
T
• Ausstattung der Arztpraxis mit geeignete Räume und Geräte
• Ausbildung und Schulung des Praxis-Personals

6.1 Gesetzliche Grundlagen


E
Gesetzliche Grundlagen

➡ Sorgfaltspflicht, Heilmittelgesetz (HMG), Artikel 3:


Wer mit Heilmitteln umgeht, muss dabei alle Massnahmen treffen, die nach dem Stand von
Wissenschaft und Technik erforderlich sind, damit die Gesundheit von Mensch und Tier nicht
R
gefährdet wird.

Zur Umsetzung stehen Normen und Vollzugshilfen (Leitfäden, Wegleitungen, Empfehlung) zur
Verfügung.

Arzneimittel sowie Medizinprodukte fallen somit unter das Heilmittelgesetz!

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Gesetzliche Grundlagen 167
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Gesetzliche Grundlagen

Arzneimittel
HMG, Artikel 4a:

Arzneimittel sind Produkte chemischen oder biologischen Ursprungs, die zur medizinischen
Einwirkung auf den menschlichen oder tierischen Organismus bestimmt sind oder ange-
priesen werden, insbesondere zur Erkennung, Verhütung oder Behandlung von Krankheiten,
Verletzungen und Behinderungen; zu den Arzneimitteln gehören auch Blut und Blutprodukte.
→ pharmakologische Wirkung
M
HMG, Artikel 4b:

Medizinprodukte
Sind Produkte, einschliesslich Instrumente, Apparate, In-vitro-Diagnostika, Software und
andere Gegenstände oder Stoffe, die für die medizinische Verwendung bestimmt sind oder
U
angepriesen werden und deren Hauptwirkung nicht durch ein Arzneimittel erreicht wird.
→ physikalische Wirkung

➡ Werterhaltung
S
Die Medizinprodukteverordnung (MepV) trägt ebenfalls zu einem sicheren Umgang mit
Medizinprodukten bei. Sie regelt:
• Wiederaufbereitung (Artikel 19)
• Instandhaltung (Artikel 20)
T
• Abänderung (Artikel 20a)

➡ Wiederaufbereitung
E
MepV Art. 19:

¹ Wer als Fachperson ein zur mehrmaligen Verwendung bestimmtes Medizinprodukt mehrfach
verwendet, sorgt vor jeder erneuten Anwendung für die Prüfung der Fähigkeit und die korrekte
R
Wiederaufbereitung.

² Als Wiederaufbereitung gilt jede Massnahme der Instandhaltung, die notwendig ist, um ein
gebrauchtes oder neues Medizinprodukt für seine vorgesehene Verwendung vorzubereiten,
insbesondere Aktivitäten wie Reinigung, Desinfektion und Sterilisation.

³ Die Prozess- und Validierungsdaten der Sterilisation sind aufzuzeichnen.

4
Wer Medizinprodukte für Dritte wiederaufbereitet, hat sich über ein bestandenes Konformitäts-
bewertungsverfahren gemäss Anhang 3 für die Aufbereitung und Sterilisation von Medizinpro-
dukten auszuweisen.

168 Aufbereitung wiederverwendbarer Medizinprodukte Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Aufbereitung wiederverwendbarer Medizinprodukte

Medizinproduktehersteller müssen dem Anwender Informationen zur Wiederaufbereitung


der Produkte zur Verfügung stellen. Diese Angaben müssen vom Anwender im Wiederauf-
arbeitungsprozess mitberücksichtig werden.

Instandhaltung Art. 20:

¹ Wer Medizinprodukte als Fachperson anwendet, sorgt für die vorschriftsgemässe Durchführung
der Instandhaltung und der damit verbundenen Prüfungen.
M
² Die Instandhaltung hat nach den Grundsätzen der Qualitätssicherung zu erfolgen, ist
betriebsintern zweckmässig zu planen und zu organisieren und richtet sich insbesondere:

a. nach den Anweisungen der Person, die das Produkt erstmals in Verkehr gebracht hat;
U
b. nach dem Risiko, das dem Produkt und seiner Verwendung eigen ist.

³ Die Ergebnisse der Instandhaltung und der damit verbundenen Prüfungen, festgestellte
Mängel und Störungen sowie getroffene Massnahmen sind aufzuzeichnen für:
S
a. aktive Medizinprodukte;

b. kalibrierbare Medizinprodukte mit Messfunktion;


T
4
Für Medizinprodukte mit Messfunktion sind Prüfverfahren, gemäss der Verordnung vom 17.
Dezember 1984 über die Qualifizierung von Messmitteln (Eichverordnung), vorgesehen.
E
Für aktive Medizinprodukte, z. B.  Sterilisatoren, Reinigungs- und/oder Desinfektionsge-
räte, Thermodesinfektoren gilt:

Werden bei der Instandhatlung nicht die Anweisungen des Herstellers befolgt, entstehen
R
neue Risiken. In diesem Falle muss eine neue Risikobewertung, gemäss MepV, Art. 20a,
Abänderung,erfolgen. Sie beinhaltet deren Analyse und Tragbarkeit der Restrisiken sowie die
Dokumentation der Ergebnisse.

MepV, Abänderung Art. 20a:


Wer Medizinprodukte so abändert oder abändern lässt oder wiederaufbereitet oder wiederaufbe-
reiten lässt, dass sie nicht mehr dem vorgesehenen Zweck dienen oder die vorgesehene Leistung
erbringen, muss die Anforderungen für das erstmalige Inverkehrbringen erfüllen.

Wer Artikel, die vom Hersteller zum einmaligen Gebrauch (single-use) deklariert sind, wieder-
aufbereitet, muss ebenfalls nach Artikel 20a handlen. Er wird somit zum neuen Hersteller*
des Artikels.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Gesetzliche Grundlagen 169
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Einstufung nach Risiken

Dies bedeutet, er muss die Anforderungen erfüllen, die zur erstmaligen Inverkehrbringung
von Medizinprodukten verlangt werden. Da dies sehr aufwendige Prozesse sind, wird dieses
Vorgehen für kleinere Institutionen kaum möglich sein.

*Als Hersteller gilt jede Person oder Firma, die ursprünglich konforme Produkte in eigener
Verantwortung ändert.

Einstufung nach Risiken 6.2 Einstufung nach Risiken


M
Bevor ein Medizinprodukt wiederaufbereitet wird, erfolgt dessen Risikobeurteilung. Anhand
dieser Einstufung gestaltet sich der weitere Prozess. Aufgrund der Anwendungsart und dem
daraus resultierendem Risiko wird grob in drei Gruppen unterschieden:

unkritische Medizinprodukte Sie kommen bei der Anwendung nur oberflächlich mit der
U
Haut in Kontakt.

semikritische Medizinprodukte Sie kommen während der Anwendung mit der Schleimhaut
oder mit nicht intakter Haut in Kontakt. Weitere Unterteilung
in Gruppe A und B
S
kritische Medizinprodukte Sie durchbrechen die Haut/Schleimhaut und kommen dabei in
Kontakt mit Blut / innerem Gewebe / Organen (inklusive
Wunden) oder sie kommen bei der Anwendung von Blut,
Blutprodukten oder weiteren sterilen Arzneimitteln/Medizin-
T
produkten zur Anwendung.
Weitere Unterteilung in Gruppe A, B und C
Diese Produkte müssen bei der Anwendung steril sein!

Durch die Einteilung in die Gruppe A, B oder C wird die differenzierte Aufbereitung ersicht-
E
lich:

keine besonderen Anforde-


Gruppe A: glatte, massive Instrumente
rungen nötig:
R
Hohlräume, raue Oberflächen, komplexer
Gruppe B: erhöhte Anforderungen:
Aufbau
besonders hohe Anforde-
Gruppe C: Eine Dampfsterilisation ist nicht möglich.
rungen:

170 Aufbereitung wiederverwendbarer Medizinprodukte Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Aufbereitung wiederverwendbarer Medizinprodukte

Risikoklasse Beispiele Massnahmen

unkritische MP
• Stethoskop Reinigungsverfahren mit anschlies­sender
• Blutdruckmanschette Desinfektion zur Elimination der wich-
• EKG-Elektroden tigsten pathogenen Erreger
• Messschieber → intermediate-level Desinfektion

semikritische MP
• Mundspatel
Gruppe A
M
• Spekulum nicht fixierendes Reinigungsverfahren mit
anschliessender chemischer oder thermi-
Aufbereitung ohne besondere Anforderungen scher Desinfektion zur Elimination aller
Mikroorganismen ausser einigen Sporen
• Endoskop → high-level Desinfektion
Gruppe B • Tubus
U
erhöhte Aufbereitungsanforderungen da:
• Reinigungseffektivität nicht beurteilbar (lange, enge Lumen, Hohlräume)
• die Sicherheit beeinflussende Effekte (geknickte Schläuche, empfindliche Oberflächen)
vorhanden sind
• die Anzahl der Aufbereitungszyklen begrenzt ist
S
kritische MP
• Wundhaken
• chirurgische Pinzetten
Gruppe A • Skalpellgriffe
nicht fixierendes Reinigungs- und Desin-
• chirurgische Scheren
T
fektionsverfahren mit anschliessender
Sterilisation zur Elimination aller Keime
Aufbereitung ohne besondere Anforderungen
inklusive Sporen
• Trokare
Gruppe B • Endoskopzangen
E
erhöhte Aufbereitungsanforderungen da:
• die Reinigungseffektivität nicht beurteilbar (lange, enge Lumen, Hohlräume) ist
• die Sicherheit beeinflussende Effekte (geknickte Schläuche, empfindliche Oberflächen)
vorhanden sind
R
• die Anzahl der Aufbereitungszyklen begrenzt ist

Gruppe C • Herzkatheter In ambulanten Betrieben ist die Aufarbei-


tung der Gruppe C aufgrund der hohen
besonders hohe Anforderungen: Anforderungen meist nicht möglich.
Gruppe B und zusätzlich thermolabil (fehlende Fachkunde und technische
Ausstattung, externe Qualitätssicherung)

Jedes Instrument ist nach Gebrauch individuell nach Risiken einzustufen. So kann zum
Beispiel ein für üblich semikritisches Medizinprodukt der Gruppe A, durch das Vorhanden-
sein von Blut, in die Gruppe «kritisch» fallen. Das wiederum stellt andere Anforderungen
an den Aufbereitungsprozess. Im Zweifelsfall soll der «Worst Case» angenommen werden!

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Einstufung nach Risiken 171
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Räumlichkeiten

Bei den jeweiligen Massnahmen müssen die produktspezifischen Aufbereitungsempfehlungen


des Herstellers eingehalten werden. Werden die wesentlichen Punkte vom Anwender befolgt,
ruht die Produktehaftung beim entsprechenden Hersteller!

Hält sich der Anwender nicht an die Vorgaben, so übernimmt dieser die Haftung. Der Medi-
zinproduktehersteller wiederum ist verpflichtet, den Anwendern die Empfehlungen zur
Verfügung zu stellen. In der Norm DIN EN ISO 17664 wird festgehalten, welche Informationen
in welcher Form erteilt werden müssen.
M
Räumlichkeiten 6.3 Räumlichkeiten
Der Aufbereitungsprozess muss ausserhalb der Behandlungszone erfolgen. Wenn möglich,
sollte ein separater Raum zur Verfügung stehen. Der Arbeitsplatz wird in drei Zonen aufge-
teilt. Die Unterteilung kann auf verschiedene Weisen erfolgen. Optimal ist die Abtrennung
U
mittels Plexiglasscheiben. Aber auch farbliche Markierungen lassen eine Unterscheidung zu.
Bewährt haben sich die Farben rot, gelb und grün.
S
T
E
R
Dabei gilt es folgende Anforderungen zu beachten:
• Eine logische Folge der Arbeitsschritte muss möglich sein.
• Eine Rekontamination von bereits desinfiziertem/sterilisiertem Material muss
ausgeschlossen werden.
• Sich kreuzende Transport-/Verkehrswege des Personals müssen zur Vermeidung von
Kreuzkontaminationen vermieden werden.
• Räumlichkeiten inklusive Flächen und Geräte dürfen nur zum Wiederaufbereitungs-
zweck verwendet werden.
• Sämtliche Flächen (Fussboden, Wände, Arbeitsflächen) müssen fugendicht, leicht
abwischbar und leicht zu desinfizieren sein.

172 Aufbereitung wiederverwendbarer Medizinprodukte Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Aufbereitung wiederverwendbarer Medizinprodukte

6.4 Wasser / Prozesschemikalien Wasser /


Prozesschemikalien

Wasser

Die Wasserqualität hat einen bedeutenden Einfluss im Aufbereitungsprozess und trägt zur
Werterhaltung der Instrumente bei. Das Wasser kommt in verschiedenen Schritten zum
Einsatz:
• zum Lösen von wasserlöslichen Ablagerungen
M
• als Lösungsmittel für Prozesschemikalien (Reinigungs-
und Desinfektionskonzentrate)
• zum Abspülen von Prozesschemikalien
• als Überträger von Temperatur und Mechanik auf des
Instrumentengut
• zur Herstellung von Dampf für die Sterilisation
U
• als keimtötender Faktor bei der thermisch-maschinellen
Desinfektion

Anforderungen an die Wasserqualität:


S
Grundsätzlich muss das eingesetzte Wasser mindestens den Trinkwasseranforderungen
entsprechen. Zur Schlussspülung und zur Dampfsterilisation wird vollentsalztes Wasser
verwendet. Es sind jedoch zusätzlich immer die Anweisungen der Gerätehersteller miteinzu-
beziehen (gemäss Norm SN EN 13060).
T
Demineralisiertes Wasser – entionisiertes Wasser – vollentsalztes Wasser (VE-Wasser)

Das normale Leitungswasser enthält gelöste Mineralien (Salze, Ionen) und Gase sowie
E
geringe Mengen an apathogenen Keimen. Der Mineraliengehalt kann sich negativ in der
Instrumentenaufbereitung niederschlagen. Deshalb werden in Arztpraxen oft sogenannte
Ionenaustauscher (Säulen, die mit einem Ionenaustauschermaterial gefüllt sind) eingesetzt,
die Salzionen aus dem normalen Leitungswasser entfernen.
R
Destilliertes Wasser – Aquadest

Vorgereinigtes oder normales Leitungswasser wird durch Destillation (Verdampfen und


anschliessende Kondensation) weitgehend von Salzen, organischen Stoffen, Schwermetallen
und Mikroorganismen befreit. Je nach gewünschtem Reinheitsgrad wird das Wasser mehrmals
destilliert:

• Aqua destillata einfach destilliertes Wasser


• Aqua bidestillata zweifach destilliertes Wasser
• Aqua tridestillata dreifach destilliertes Wasser

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Wasser / Prozesschemikalien 173
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Wasser / Prozesschemikalien

Da die Herstellung von Aquadest aufwändig ist, wird es im Fachhandel bezogen.

Prozesschemikalien
Zu den Chemikalien zählen Reiniger, Spül- und Pflegemittel, Mittel zur Neutralisation und
solche zur Desinfektion. Diese Produkte gelten ebenfalls als Medizinprodukte (MP) und
müssen, bevor sie in den Handel kommen, entsprechend geprüft werden. Zum Einsatz sollen
nur Produkte mit entsprechender Kennzeichnung kommen.

Reiniger, Neutralisatoren, Spül- und


= MP Klasse I CE-Kennzeichnung
Pflegemittel
M
CE-Kennzeichnung
Desinfektionsmittel für MP = MP Klasse IIa
& Registernummer
CE-Kennzeichnung
Desinfektionsmittel für invasive MP = MP Klasse IIb
& Registernummer
U
S
T
E
R

174 Aufbereitung wiederverwendbarer Medizinprodukte Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Aufbereitung wiederverwendbarer Medizinprodukte

Die Medizinprodukte werden aufgrund ihres Gefahrendpotentials in vier Gruppen unterteilt:

• Klasse I tiefe Gefährdung


• Klasse IIa und IIb mittlere Gefährdung
• Klasse III hohe Gefährdung

Bei der Auswahl von Medizinprodukten ist zu beachten, dass diese eine entsprechende
Kennzeichnung aufweisen.

Für die Schweiz und den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) kommt die CE-Kennzeichnung
M
zur Anwendung. Die Kennzeichnung sagt aus, dass ein Produkt den geltenden Richtlinien und
Vorschriften entspricht. Zusätzlich zum CE-Zeichen wird teils eine Registernummer verlangt.
Dabei handelt es sich um eine vierstellige Zahl, die auf die verantwortliche (benannte) Stelle
rückschliessen lässt.
U
Produkte, welche in der Schweiz in den Verkehr gebracht werden, haben als Zeichen der
bestanden Konformitätsbewertung das Zeichen «MD» aufgedruckt.

CE-Kennzeichen ohne Registernummer für nicht-sterile Medizinprodukte


der Klasse I ohne Messfunktion
S
CE-Kennzeichen mit Registernummer für Medizinprodukte der Klassen IIa,
XYXY IIb und III. Für diese drei Klassen sind Angaben über eine Benannte
Stelle obligatorisch.
T
Rechtlicht gilt das «CE» als ein «Verwaltungszeichen», welches den zuständigen Überwa-
chungsbehörden die Konformität und Verkehrsfähigkeit des Produktes im europäischen Wirt-
schaftsraum (EWR) anzeigt, tatsächlich hat es jedoch auch die Funktion eines «Gütesiegels».
E
Die in einem Aufbereitungsprozess eingesetzten Chemikalien müssen aufeinander abgestimmt
werden. Es empfiehlt sich, Prozesschemikalien nur eines Herstellers zu verwenden.
R
Es dürfen nur Medizinprodukte aufbereitete werden, welche dafür zugelassen sind.
Produkte für den Einmalgebrauch müssen entsorgt werden.

Dieses Symbol bezeichnet, dass das Produkt nur zum. Einmalgebrauch geeignet ist; nicht
wiederverwendbar!

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Wasser / Prozesschemikalien 175
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Wasser / Prozesschemikalien

Aufgabe 6.4.1
Setzen Sie die Begriffe, in der nachfolgenden Tabelle, korrekt ein::

Lagerung Reinigung - Desinfektion Transport

Verpackung Kontrolle/ Dokumentation Freigabe

Vorreinigung Prüfung auf Unversehrtheit/ Sauberkeit Verwendung

Pflege & Instandhaltung Funktionskontrolle Trocknung

Entsorgung Etikettierung Sterilisation


M
Sammlung Spülung Überprüfung

Medizinprodukte zum Einmalgebrauch sind fachgerecht zu


Entsorgung
entsorgen
Noch am Behandlungsort werden grobe Verschmutzungen entfernt,
Vorreinigung
U
damit diese nicht eintrocknen.
trocken Entsorgung: kontaminierte Instrumente werden geöffnet
Sammlung
in trockene Sammelbehälter abgelet (nicht werfen!)
der Sammelbehälter wird verschlossen zum Aufbereitungsraum
Transport
transportiert
S
Reinigung & maschinelle oder manuelle Prozesse
Desinfektion inklusive Sammelbehälter

intensives Spülen zur Beseitigung von Reinigungs- und Desinfek-


T
Spülung tionsmittelrückständen mit Trinkwasser
Schlussspülung mit entionisiertem Wasser
äusserlich sind die Instrumente manuell mit einem fuselfreiem
Tuch zu trocknen
E
Trocknung
Hohlinstrumente (Gruppe B!) mit Druckluft nach Herstelleran-
gaben trocknen
optische Prüfung unter ausreichender Beleuchtung: Verunreini-
Prüfung auf
R
gung, Korrosion, Spannungsrisse, Verformung, Brüche, Isolations-
Sauberkeit/ verlust
→nur makroskopisch saubere Instrumente dürfen weiter verar-
Unversehrtheit
beitet werden.

Pflege & Instand- gezieltes, manuelles Auftragen von den von den Herstellern
empfohlenen Pflegemittel auf Gelenken, Gewinden, Gleitflächen
haltung

Funktionskont-
technisch-funktionelle Prüfung der beweglichen Teile
rolle
Verpackung geeignetes Sterilbarrieresystem & evtl. Schutzverpackung

176 Aufbereitung wiederverwendbarer Medizinprodukte Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Aufbereitung wiederverwendbarer Medizinprodukte

wenn möglich bei 134 °C, 18 Minuten unter gesättigtem Dampf


Sterilisation
inklusive Überwachung
kann auch vor der Sterilisation erfolgen
zur Identifiaktion, Rückverfolgung zum Sterilisationsprozess und
Etikettierung
Haltbarkeit

Kontrolle/ Doku- • Sichtkontrolle de Verpackung


• Überprüfung der druchgeführten Kontrollen
mentation • Dokumentation (Tagesprotokoll)
M
• wenn alle Kontrollen den Vorgaben entsprechen und diese
schriftlich festgehalten wurden, erfolgt durch Unterzeichnung die
Freigabe
Freigabe
• die Dokumentation ist zu archivieren
Lagerung nach Angaben des Medizinprodukte- und Verpackungs-
U
Lagerung
materials- hersteller

optische Kontrolle der Indikatoren & Verpackung


Verfallsdatum
Kontrolle der Funktion nach Herstellerangaben
S
• die verwendete Charge wird in den Patientenunterlagen hinter-
Verwendung legt
T
Pflegemittel
Silikonölhaltige Pflegemittel beeinflussen die Sterilisation.
E
Bei der Auswahl ist zu beachten, dass sie:
• dampfsterilisationsfähig sind
• dampfdurchlässig sind
• nicht gesundheitsschädlich sind
• auf Paraffin- /Weissöl-Basis hergestellt sind
• die Gelenke nicht verkleben
R
Anwendung bei Metallinstrumenten:
Instrumente zur Vermeidung von Metallabrieb auf Raumtemperatur abkühlen lassen.

Pflegemittel wird manuell mit Hilfe von einem Ölstift, einer Tropfflasche, einer Sprühdose mit Rüssel
oder ähnlichem, gezielt aufgetragen. (Gelenke, Gewinde, Schlüsse, Gleitflächen)

Durch Bewegung der entsprechenden Instrumentenbestandteile wird das Mittel gleichmässig verteilt.

Zum Schluss wird überschüssiges Mittel mit einem fusselfreien Tuch beseitigt.

Achtung: Instrumentenpflegmittel dürfen nicht bei Gummi- und Latexprodukten eingesetzt werden.
Gummi / Latex quillt durch die Pflegemittel auf und die Oberfläche wird zerstört.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Wasser / Prozesschemikalien 177
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Manueller Reinigung- und Desinfektionsprozess

Fabrikneue Instrumente
Medizinprodukte, die fabrikneu sind, müssen vor der ersten Instandsetzung den gesamten
Aufbereitungszyklus durchlaufen haben. Dabei werden mögliche Rückstände aus der
Herstellung, von Pflegemitteln oder von Verpackungsmaterialien entfernt.

6.5 Manueller Reinigung- und Desinfektionsprozess


M
Grundsätzlich sind drei verschiedene Varianten möglich:
U
S
T
Desinfektionsbad - Reinigung
In Arztpraxen ist dies die am häufigsten praktizierte Methode. Zu beachten ist, dass durch
die Desinfektion Verschmutzungen an den Instrumenten fixiert werden und die anschlie-
E
ssende Reinigung somit erschwert wird.

Die Instrumente werden nach Gebrauch für eine vorgegebene Zeit in die Desinfektionslösung
eingelegt. Anschliessend erfolgt die Reinigung unter der Flüssigkeitsoberfläche mit geeig-
R
neten Handschuhen (möglichst durchstichsicher, flüssigkeitsdicht, desinfektionsmittelbe-
ständig, mit verlängertem Schaft). Auf die Auswahl des Desinfektionsmittels ist besonders
viel Gewicht zu legen.

Reinigung - Desinfektionsbad
Steht eine entsprechende Infrastruktur zur Verfügung und fallen grosse Mengen an zu
Reinigenden Instrumente an, ist dieses Vorgehen zu bevorzugen.

Durch die Reinigung werden erst die Verschmutzungen entfernt und das Desinfektionsmittel
kann seine voll Wirkung entfalten. Da bei diesem Verfahren die Gefahr vom Verspritzen oder
Versprühen von infektiösen Materialien / Flüssigkeiten besteht, sind besondere Vorkehrungen
zu treffen: Zur Reinigung muss zusätzlich zu den Handschuhen eine persönliche Schutz-

178 Aufbereitung wiederverwendbarer Medizinprodukte Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Aufbereitung wiederverwendbarer Medizinprodukte

ausrüstung getragen werden. Diese besteht aus Mundschutz, Schürze und Sichtschutz. Beim
Ausziehen der Ausrüstung ist achten, dass keine Kontamination der Haut oder Berufskleidung
stattfindet.

Reinigungsbad - Desinfektionsbad - Reinigung


Bei besonders starker Verschmutzung kann zuerst eine Behandlung im Reinigungsbad
erfolgen.

Aufbereitung durch Dritte


Eine Gesundheitseinrichtung kann Medizinprodukte für Verbraucher anderer Einrichtungen aufbereiten.
M
Jedoch muss der Auftragnehmer zur Sterilisation eine Zertifikation «zur Aufbereitung und Sterilisation
von Medizinprodukten» vorweisen können (gemäss SN EN ISO 13485). Dabei handelt es sich um sehr
aufwendige Verfahren, die für kleinere Unternehmungen nicht rentabel sind. Liegt keine entsprechende
Zertifikation vor, ist eine Reinigung und Verpackung von Fremdprodukten grundsätzlich möglich, nicht
jedoch die Sterilisation.
U
6.6 Oberflächenveränderungen an Instrumenten Oberflächenveränderungen
an Instrumenten
Instrumente zum Mehrmalgebrauch bestehen mehrheitlich aus nichtrostendem Stahl. Chemi-
S
sche, physikalische und thermische Einflüsse können zu Veränderungen der Instrumenten­
oberfläche führen.

Beläge durch organische Rückstände


T
Durch Operationsrückstände (Blut, Eiweiss, Kochsalz-/Arzneimittelrückstände) verursachte
Rost.

Ursachen sind:
E
• Aufbereitung erfolgt nicht umgehend (Antrocknung!)
• aldehydhaltige Desinfektionsmittel (Proteinfixierung!)
• verschmutze Reinigungs-/Desinfektionsbäder
• unzureichende Reinigung vor der Desinfektion
R
• Proteinfixierung durch anfänglich zu hohe Wassertemperaturen
• Instrumente werden zur Reinigung nicht geöffnet/zerlegt

Beläge durch Chemikalienrückstände


Es entstehen helle bis dunkelgraue, flächendeckende, fleckende oder punktuelle, Verände-
rungen.

Ursachen sind:
• Spülschatten
• falsche Beladung
• ungenügende Spülprozesse

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Oberflächenveränderungen an Instrumenten 179
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Oberflächenveränderungen an Instrumenten

Durch Kalk bedingte Wasserflecken


Es entstehen milchig weisse bis graue, flächige oder fleckige, Beläge. Durch eine Schlussspü-
lung mit entionisiertem Wasser können diese Flecken vermieden werden. Zur Sterilisation
sollte ebenfalls entionisiertes Wasser verwendet werden, da der hohe Kaltgehalt im Dampf
sich auf den Instrumenten ablagert.
M
U
Korrosionen
Wird die Instrumentenoberfläche durch Stoffe aus seiner Umgebung zerstört, spricht man von
einer Korrosion. Instrumente können dadurch zerstört und unbrauchbar gemacht werden.
S
Verschiedenen Faktoren können zur Korrosion führen.
T
E
R

180 Aufbereitung wiederverwendbarer Medizinprodukte Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Aufbereitung wiederverwendbarer Medizinprodukte

Lochkorrosion
Durch die Einwirkung von Halogenid-Ionen (insbesondere von Chloriden aber auch Jodide)
oder längerdauernde Anhaftung organischer Rückstände, können nadelstichartige Löcher auf
der Instrumentenoberfläche auftreten. Die Löcher sind oft mikroskopisch klein. Um die
Löcher bilden sich häufig kreisförmige, rotbraune Ablagerungen. Zur Vermeidung der Lochkor-
rosion werden die Instrumente nach Gebrauch umgehend gereinigt und von chloridhaltigen
Rückständen befreit. Zur Schlussspülung und Dampfsterilisation wird demineralisiertes
Wasser eingesetzt.
M
U

Chlorid
S
Vor allem hohe Chloridkonzentrationen- und Antrocknungen führen zum «Lochfrass». Chloride kommen
vor in Blut und Wasser aber auch physiologischer Kochsalzlösung.

Reibkorrosion
T
Ungenügende Schmierung resp. Fremdkörperansammlungen in der sich
gegeneinander bewegenden Metallflächen, führt zum Abrieb feinster
Metallpartikel. Dies Partikel rauen die Oberfläche auf und zerstören sie
somit. Um blank geriebene Bereiche in Gelenken, Schlüssen oder Gleit-
E
bahnen, wird Braunverfärbungen / Rostbildung sichtbar.

Spannungskorrosion
Die Spannungskorrosion führt zu mehrheitlich sichtbaren Brüchen oder
R
Rissen an:
• Verbindungsstellen (z. B.  Niet- /Schraubenverbindungen bei
Gelenken, Schweiss- /Lotverbindungen
• Stellen mit schwächstem Materialquerschnitt wie die Arbeits-
enden

Durch das Ergreifen folgender Massnahmen kann die Spannungskorrosion vermieden werden:
• Instrumente mit Gelenken im geöffnet Zustand reinigen / desinfizieren
• zur Sterilisation Instrumente nicht mehr als im ersten Zahn einrasten
• Chloridbelastungen möglichst vermeiden
• bei der Anwendung auf eine übermässige Biegung verzichten
• Gelenke regelmässig pflegen

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Oberflächenveränderungen an Instrumenten 181
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Oberflächenveränderungen an Instrumenten

Flächenkorrosion
Bei der Flächenkorrosion entsteht ein Angriff auf die gesamte Metalloberfläche. Dies äussert
sich durch gleichmässige, mattgraue Veränderungen. Diese werden durch die Anwesenheit
von Feuchte begünstigt.

Kontaktkorrosion
Die Korrosion tritt im Bereich auf, wo sich zwei Instrumente aus nichtrostendem Stahl
während der maschinellen Reinigung berühren. Typisch ist im Kontaktbereich eine kleine
punkt- oder ringförmige, braunblaue Verfärbung mit schwachen Rostringen/-inseln.
M
Flugrost - Korrosion
Flugrost äussert sich durch stellenweise bis flächige, braune Rostpartikel. Er bildet sich,
indem wärend dem Reinigungs-, Desinfektions- oder Sterilisationsvorgang der Rost von den
befallenen Instrumenten / Maschinen ablöst und sich an weiteren Instrumenten mit Oberlä-
chenverletzungen ablagert.
U
Um Flugrost zu vermeiden, können folgenden Massnahmen getroffen werden:
• Rostbefallene Instrumente behandlen oder aussondern.
• Rosteintrag über Leitungswasser in Reingungs-, Desinfektions- oder Sterilisations-
S
gerät durch Verwendung von Filtern etc. vermeiden.

Spaltkorrosion
Durch Feuchtigkeit oder Fremdkörper (chloridhaltige Rückstände, Salzbelastung) bildet sich
T
in den engen Spaltbreiten (Pinzetten, Gelenkspalten) brauner Rost, welcher aus den Spalten
hervorquillt.

Folgerost
E
Stehen Instrumente direkt und grossflächig in Kontakt mit stark verrostetem Material, können im
Berührungsbereich Folgerostschäden auftreten.
R

182 Aufbereitung wiederverwendbarer Medizinprodukte Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Lehrkraftausgabe

Aufbereitung wiederverwendbarer Medizinprodukte

6.7 Veränderungen an Gummi-Produkten

Im Vergleich zu Instrumenten aus Metall haben Gummi-Produkte eine


kürzere Lebensdauer und müssen vorzeitig ausgetauscht werden.
Anzeichen sind:
Alterung:
• Risse
• bräunliche Verfärbung, Vergilbung
• Erweichung / Verhärtung.
M
U
S
T
E
R
Quellung: Treten Gummiflächen in Kontakt mit Parffinöl, Vaseline oder
bestimmten Chemikalien (Desinfektions-/Lösungsmittel), können
sie irreversibel anschwellen und werden unbrauchbar. Bei der
Behandlung von Gummiprodukten sind die Anweisungen des
Herstellers zu beachten.

Spannungsrisse: ungenügende Spülung, hohe Temperaturen, Chemikalien können


im Aufbereitungsvorgang zu Rissen an Stellen mit erhöhter
Spannung führen. Hier sind ebenfalls die Herstellerangaben zu
berücksichtigen.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Veränderungen an Gummi-Produkten 183
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Veränderungen an Gummi-Produkten

Vorgehen bei Vorgehen bei Veränderungen


Veränderungen

1 Erschienungsbild analysieren und zuordnen

2 Ursache ermitteln
M
Massnahmen zur Beseitigung
3 • der Ursachen
• der Oberflächenveränderung

Vorbeugende Massnahmen einführen


4 Aufbereitungsprozess optimieren
U
S
T
E
R

184 Aufbereitung wiederverwendbarer Medizinprodukte Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Betriebliche Praxishygiene unter dem Aspekt der Infektionsprävention

7 Betriebliche Praxishygiene
unter dem Aspekt der
Infektionsprävention
M
Durch gezielte Massnahmen wie Reinigung, Desinfektion und/oder Sterilisation sowie
korrekter Umgang mit Abfällen sorgt die betriebliche Hygiene fuur die Aufrechterhaltung der
Gesundheit des Personals und der Patienten.
U
S
T
E
R

Um den hygienischen Anforderungen gerecht zu werden, sind bei der Ausstattung einer
Arztpraxis einige funktionelle und bauliche Massnahmen zu berücksichtigen. Zudem muss ein
individueller Hygieneplan mit den dazugehörenden Stellenbeschreibung(en) ausgearbeitet
werden. Im praxiseigenen Organigramm ist festgehalten, welches Teammitglied für die
Hygienemassnahmen und das entsprechende Qualitätsmanagement verantwortlich ist.
* Hinweis: Beachten dazu das Kapitel 2.4, im Lehrmittel Praxisadministration – Betriebliche Prozesse.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Veränderungen an Gummi-Produkten 185
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Wartezimmer  / Garderobe

In der Arztpraxis wird nicht geraucht!

Am Empfang, im Labor und in Zimmern, wo ein Patientenkontakt stattfindet, wird nicht


gegessen und nicht getrunken!

7.1 Wartezimmer  / Garderobe


M
Oftmals ist das Wartezimmer in einer Arztpraxis ein eher enger Raum mit einer beschränken
Lüftungsmöglichkeit, wo sich viele Patienten während längeren Zeiten aufhalten. Diese
Gegebenheiten fördern die Übertragung von Infektionskrankheiten durch Aerosole oder
Tröpfchen, aber auch durch direkten oder indirekten (Körper-) Kontakt.
U
Beachten Sie, dass Patienten mit einer akut ansteckenden Krankheit, respektive Patienten
mit einem geschwächten Immunsystem, nicht ins Wartezimmer gesetzt werden.
S
Achten Sie zudem darauf:
• dass regelmässig gelüftet wird.
T
• dass keine Plüsch-/Stofftiere zum Spielen zur Verfügung stehen.
• dass abwaschbares Spielzeug vorhanden ist. Bei sichtbarer Verschmutzung muss
dieses sofort gereinigt und desinfiziert werden.
• dass «abgelutschte» Gegenstände (Spielsachen) konfisziert, gereinigt und desinfi-
E
ziert werden.
• dass das Wartezimmer mit abwaschbarem und desinfizierbarem Mobiliar ausge-
stattet ist.
• dass nur Pflanzen in Hydrokulturen vorhanden sind – falls überhaupt!
R
• dass ein geschlossener, abwasch- und desinfizierbarer Abfalleimer mit Fusspedal zur
Verfügung steht.
• dass eine grosszügig dimensionierte Kleiderablage vorhanden ist sowie ein Ständer
für Regenschirme und ausreichend Kleiderbügel!

Immer am Ende des Halbtages werden alle Ablageflächen, Stuhllehnen, Türfallen etc.
desinfiziert. Spielsachen werden in Kinderarztpraxen täglich, ansonsten mindestens
einmal pro Woche, gewaschen (z. B.  in einem Wäschesack in der Waschmaschine) und/
oder desinfiziert. Verwenden Sie dazu ein geeignetes Desinfektionsmittel.

186 Betriebliche Praxishygiene unter dem Aspekt der Infektionsprävention Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Betriebliche Praxishygiene unter dem Aspekt der Infektionsprävention

Hinweis:
Machen Sie die Mütter, z. B.  mit einem Anschlag im Wartezimmer, darauf aufmerksam, dass
sie aus hygienischen Gründen und zum Schutz ihrer Kinder dafür sorgen:
• dass ihr Kind die Spielsachen nicht in den Mund nimmt.
• dass sie ihr Kinde nicht in der Arztpraxis «füttert» (verpflegt).
• dass sie mit dem Kind nach dem Arztbesuch die Hände waschen geht.

7.2 Toiletten für Personal und Patienten Toiletten für Personal und
M
Patienten
Getrennte Räumlichkeiten für Patienten und Personal!

Patienten-Toiletten sind so anzuordnen, dass sie vom Wartezimmer und vom Labor aus
einfach zu erreichen sind und dass sie mit einer «Durchreiche» (ins Praxislabor) ausgestattet
ist.
U
Personal-Toiletten sind so anzuordnen, dass die Entfernung vom Arbeitsplatz nicht mehr als
100 m oder eine Geschosshöhe beträgt und so, dass das Gebäude nicht verlassen werden
muss.
S
Toiletten und Pissoire sind von Arbeitsräumen und Aufenthaltsbereichen durch einen Vorraum
zu trennen. Sie sind durch Wände vollständig von den Garderoben abzutrennen und sollen
nicht über Garderoben zugänglich sein. Personaltoiletten z. B.  im Gastgewerbe, in Spitälern,
Arztpraxen, Warenhäusern, Bahnhöfen, Fitnessstudios oder Tankstellen dürfen nicht öffent-
T
lich zugänglich sein oder von Patienten benutzt werden.

Zudem gelten für Personal- und Patiententoilette folgende Hygiene-Bestimmungen:


• Handwaschbecken mit Einhebelbedienung oder Sensor
E
• Seifen- und Desinfektionsmittelspender an der Wand, welche mit dem Ellbogen zu
bedienen sind oder automatisch funktionieren
• Papiertücher, (Endlostücher mit Sensor)
• geschlossener, abwasch- und desinfizierbarer Abfalleimer mit Fusspedal aus Kunst-
R
stoff oder Metall
• Belüftungsmöglichkeit - fensterlose Toilettenbereiche sind mechanisch zu lüften
• Regelmässige Kontrollgänge auf Sauberkeit inklusive Dokumentation

Toiletten werden immer am Ende des Halbtages sowie nach dem Toilettengang von Kindern
oder Betagten kontrolliert und dokumentiert.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Toiletten für Personal und Patienten 187
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Allgemeine Praxisräume und Voraussetzungen

Gesetzliche Grundlagen und Richtlinien zu Toilettenanlagen für Personal und Publikum


Verordnung 3 zum Arbeitsgesetz (ArGV3)
Planungs- und Baugesetz (PBG)
Besondere Bauverordnung l (BBV I)
Hygieneverordnung (HyV)
Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) SIA 500:2009 Hindernisfreie Bauten
Vereinigung Schweiz. Sanitär- und Heizungsfachleute (VSSH), SI-Handbuch

Allgemeine Praxisräume 7.3 Allgemeine Praxisräume und Voraussetzungen


M
und Voraussetzungen
Zum Patientenschutz und zur Vermeidung einer beruflichen Exposition von Mitarbeitenden
gegenüber biologischen Flüssigkeiten, müssen für die einzelnen Arbeitsplätze Empfehlungen
erarbeitet, sichere Arbeitstechniken entwickelt und persönliche Schutzmassnahmen ergriffen
werden. Unfallereignisse müssen analysiert und Massnahmen zur Vermeidung getroffen
werden. Diese Prozesse werden im praxiseigenen Hygieneplan beschrieben und sind von allen
U
Mitarbeitenden zwingend einzuhalten.
*Mehr dazu erfahren Sie in diesem Lehrmittel im Kapitel 11!

Des Weiteren sind folgende Punkte zu beachten:


• Handwaschplätze sind dort bereitzustellen, wo es zu direktem Patientenkontakt
S
oder dem direkten Umgang mit Körperflüssigkeiten oder infektiösem Material
(z. B.  in Laboratorien) kommt. Ausgestattet mit:
>> Waschbecken mit Warm- und Kaltwasser sowie Benutzung ohne Handkontakt
>> wandständiger Seifen- und Desinfektionsmittelbehälter mit handberührungs-
T
freier Entnahme
>> Papierhandtücher aus einem Spender
>> geschlossener, abwasch- und desinfizierbarer Abfalleimer mit Fusspedal aus
Kunststoff oder Metall
E
• Durchstichsichere Entsorgungsbehälter für Kanülen, Skalpellklingen, Glasampullen
etc.
• Abfalleimer für medizinische Sonderabfälle
*Mehr dazu erfahren Sie in diesem Lehrmittel im Kapitel 10!
R
• Einmalpapier auf den Liegen
• Sichtschutz in Behandlungs- und Therapiezimmer (Vorhänge, Trennwände,…) aus
glatten, vertikalen, nass zu reinigenden Lamellen (kein Stoff!)
• Ausserhalb von Behandlungs- und Therapiezimmer ist ein textiler Sichtschutz
erlaubt, sofern er regelmässig (vierteljährlich) gereinigt wird
• Fugendichte, feucht abwischbare Fussböden, Arbeitsflächen und Wände (desinfekti-
onsmittelbeständig)
• Schränke zur Lagerung (keine Regale)
• Inventar soll glatt und abwischbar sein (desinfektionsmittelbeständig)
• keine Pflanzen in Erde  /  Trockengestecke (Belastung mit sporenbildenden Erre-
gern!)

188 Betriebliche Praxishygiene unter dem Aspekt der Infektionsprävention Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
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Lehrkraftausgabe

Betriebliche Praxishygiene unter dem Aspekt der Infektionsprävention

• Hydrokulturen  /  Schnittblumen am Eingang, im Flur, in Schreibzimmer und Büro


erlaubt
Kunstpflanzen müssen engmaschig feucht gereinigt werden
• Separater Kühlschrank für Medikamente  /  Impfstoffe  /  Laborchemikalien und
Lebensmittel

Medikamentenkühlschrank Medikamentenkühlschrank
• tägliche Überwachung und Dokumentation der Kühlschranktemperatur
• regelmässige Überprüfung der Verfalldaten (mindestens zweimal pro Jahr)
• zweimal jährlich Gefrierfach abtauen und monatlich den Kühlschrank reinigen
M
Wichtig: Alle Reinigungsarbeiten sowie Kontrollen werden dokumentiert und viesiert!
U
7.4 Personalumkleideraum Personalumkleideraum

• Mitarbeitende müssen während der Arbeitszeit ihre Kleidung unzugänglich für


andere aufbewahren können.
S
• Die persönlichen Kleidung muss getrennt von der sauberen und benutzten Arbeits-
kleidung aufbewahrt werden können.
• Benutzte Wäsche ist in widerstandsfähigen und dichten sowie eindeutig gekenn-
zeichneten Behältnissen zu sammeln.
• Waschbecken mit der nötigen Hygieneausstattung und einem geschlossenen,
T
desinfizierbaren Abfalleimer mit Fusspedal muss vorhanden sein.
E
R

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Personalumkleideraum 189
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M Personalumkleideraum

U
S
T
E
R

190 Reinigung Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Reinigung

8 Reinigung
M
U
S
T
Durch sie wird nicht nur Sauberkeit erlangt, sondern sie dient darüber hinaus der Infektions-
verhütung und somit dem Personal- und Patientenschutz.
E
Durch die mechanischen Reinigungsmassnahmen wird unerwünschte Materie inklusive Keime
entfernt. Dabei findet keine Abtötung  /  Inaktivierung von Keimen statt!

In der Arztpraxis unterscheiden wir drei Arten von Reinigung:


R
• Hände (siehe Kapitel 5)
• Flächen
• Instrumente

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Personalumkleideraum 191
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Flächen

Flächen 8.1 Flächen


Die alleinige trockene Reinigung durch staubsaugen, wischen mit Besen oder reinigen mit
einem trockenem Lappen (abstauben) ist in medizinischen Einrichtungen nicht gestattet.

Flächen (inklusive Wände und Gegenstände) müssen unter Verwendung von Wasser mit
reinigungsverstärkenden Zusätzen gesäubert werden. Welche Flächen  /  Geräte in welchem
Umfang gereinigt werden müssen, ist im Hygieneplan zu regeln.
M
Folgende Punkte beeinflussen den Reinigungsprozess:
U
S
T
E

8.2 Instrumente
R
Instrumente

Die Reinigung (zusammen mit der Desinfektion) ist ein unerlässlicher Schritt vor der Verpa-
ckung zur Sterilisation. Durch physikalisch-chemische Massnahmen, soll das Instrument von
organischen und chemischen Rückständen befreit werden. Dazu wird unter dem Einsatz einer
mechanischen Methode ein entsprechendes Reinigungsmittel verwendet. Die Reinigung soll
ohne zeitliche Verzögerung stattfinden, um das Antrocknen von Blut-, Eiter-, Geweberück-
ständen etc. zu vermeiden.

Reinigungserfolgsfaktoren Dabei beeinflussen folgende vier Faktoren den Reinigungserfolg massgebend:

192 Reinigung Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Reinigung

Sinnerscher Kreis
M
U
S
T
Sinnerscher Kreis

Der Sinnersche Kreis beschreibt die vier Faktoren, die


E
hauptsächlich für den Reinigungserfolg ausschlagge-
bend sind, in Form von einem Kreisdiagramm. Die
Faktoren sind voneinander abhängig. Sie ergeben stets
dieselbe Endsumme, sind aber in deren Grösse unterei-
R
nander veränderbar: ein einzelner Faktor kann durch die
anderen kompensiert werden.

So war zum Beispiel der Mechanikanteil bei der früher


üblichen Handwäsche von Kleidern besonders hoch. (siehe Abbildung)

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Instrumente 193
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Instrumente

• Zeit: Die Zeit steht im umgekehrten Verhältnis zur Konzentration und Mechanik.
Sie beschreibt den Zeitraum vom Auftragen bis zum Entfernen des Reini-
gungsmittels = Einwirkzeit.
• Mechanik: Die auf die Verschmutzung einwirkenden Kräfte bestimmen den mechani-
schen Faktor. Es wird unterschieden in manuelle (schrubben, bürsten)
undmaschinelle Reinigung (Sprühdruck, Sprühstrahl, etc.).

• Chemie: Sie beschreibt die Wirkung eines alkalischen, sauren, neutralen oder enzy-
matischen Reinigungsmittels. Die Höhe der Konzentration beeinflusst die
Wirkung und die Zeit. Die Auswahl wird auf Grund der Schmutzqualität- und
M
Quantität sowie der Instrumentenbeschaffenheit getroffen.
• Temperatur: bei leicht flüchtigen Reinigungsmitteln darf nicht mit warmem/heissem
Wasser gereinigt werden, da sich die Inhaltsstoffe leicht verflüchtigen.
U
Manuelle Reinigung
Wenn möglich sollte die Reinigung maschinell (z. B.  Ultraschall) erfolgen. Ist dies nicht
möglich, muss zum manuellen Reinigungsvorgang eine schriftliche Anleitung (Arbeitsablauf)
vorhanden sein. In einem ersten Schritt, nach der Desinfektion, werden die Instrumente im
S
Sieb der Reinigungs-/Desinfektionswanne mit kaltem Wasser abgespritzt. Die gezielte Reini-
gung erfolgt mit weichen, flexiblen und desinfizierbaren Kunststoffbürsten (alternativ
Einmalhandbürsten). Auf die Säuberung der Lumen (Hohlräume), Scharniere und Rillen ist
eine besondere Aufmerksamkeit zu legen. Bei Medizinprodukte mit Hohlräumen kann die
T
Reinigungslösung zum Beispiel mit Hilfe einer Einmalspritze in die Kanäle gebracht werden.
Für grössere Hohlräume sind spezielle Reinigungsbürsten erhältlich. Danach wird alles
nochmal gründlich mit demineralisiertem Wasser gespült und mit einem weichen Tuch sofort
abgetrocknet.
E
Um bei einer anschliessenden Desinfektion den Erfolg nicht zu mindern, müssen sämtliche
Reinigungsmittelrückstände beseitigt werden.
R
Die wiederverwendbaren Reinigungsbürsten werden nach der Verwendung gereinigt und
anschliessend im Desinfektionsbad eingelegt! Die Bürsten sind je nach Gebrauch regelmä-
ssig auszuwechseln.

Maschinelle Reinigung Maschinelle Reinigung


Zum Einsatz kommt entweder das Ultraschallreinigungsgerät oder das Reinigungs-und-
Desinfektionsgerät (RDG). Bei beiden Verfahren kann der Chemiezusatz so gewählt werden,
dass eine Reinigung und Desinfektion im selben Durchgang erfolgt. Der maschinelle Einsatz
hat zum Vorteil, dass die Qualität stets dieselbe bleibt, kleinste und schwer zugängliche

194 Reinigung Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Reinigung

Stellen zuverlässig gereinigt werden, das Personal zeitlich weniger beansprucht wird und die
Verletzungsgefahr geringer ist.
RDG (Thermodesinfektor):
Der RDG kommt überwiegend in grösseren Institutionen zum Einsatz.
Die Reinigung  /  Desinfektion erfolgt maschinell durch chemo-thermische Verfahren. Dabei
werden chemische Wirkstoffe mit erhöhten Temperaturen kombiniert. Das Gerät ist mit einer
Geschirrspülmaschine zu vergleichen: Die Maschine wird beladen, das gewünschte Programm
gewählt und die einzelnen Prozesse laufen automatisch ab. Der Ablauf lässt sich gliedern in
Reinigung, Desinfektion und Trocknung mit eingelagerten Spülphasen.
M
Die Anforderungen an die RDG inklusive deren Kontrolle und Überwachung der Aufbereitung
werden in der ISO EN 15883 festgehalten.

Beispiel einer möglichen Abfolge der einzelnen Prozessschritte, welche jedoch variieren
können:
U
Meist ohne chemische Zusätze und mit kaltem Wasser werden grobe
Vorspülung
Ver-schmutzungen beseitigt.

Unter Einsatz einer Reinigungschemie werden alle anhaftenden


Reinigung Verschmutzungen entfernt. Dabei sind die Hinweise der Chemieher-
S
steller zu beachten.

Eine Neutralisation ist nötig, wenn zur Reinigung alkalische Chemie


Neutralisation ver-wendet wurde. Mit Hilfe eines Neutralisationsmittels wird der
pH-Wert aufein möglichst neutrales Niveau gesenkt.
T
Die Medizinprodukte werden von Resten der eingesetzten Chemikalien
Spülung
befreit.

Die Desinfektion kann entweder thermisch oder chemo-thermisch


er-folgen. Die chemothermische Anwendung ist effizienter als ein
E
reinchemisches Verfahren, jedoch weniger zuverlässig als die thermi-
sche Desinfektion.

thermisch:
Thermostabile Medizinprodukte werden vorzugsweise thermische
behandelt. Dabei werden noch anhaftende Keime durch Wärmeeinwir-
R
Desinfektion kung von mind. 80 °C reduziert. Bewährt hat sie die Temperatur von
90 °C bei einer Einwirkzeit von circa fünf Minuten.

chemo-thermisch:
Sie kommt bei thermolabilen Medizinprodukten, bei denen Tempera-
turen von > 65 °C nicht möglich sind, zum Einsatz. Durch die Zugabe
eines Desinfektionsmittels wird die Keimreduktion erzielt. Der
Chemiehersteller gibt die Parameter
Temperatur, Konzentration und Einwirkzeit vor.

Dieser Schritt ist nur bei der chemo-thermischen Desinfektion


Nachspülung notwendig.Dabei werden Desinfektionsmittelrückstände entfernt. Die
Schlussspülung erfolgt mit vollentsalztem Wasser.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Instrumente 195
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Instrumente

Sie dient zur Elimination von Restfeuchte. Erfolgt dies mittels


Trocknung Heissluft,müssen entsprechende Filter zu Einsatz kommen, um eine
Rekontami-nation zu verhindern.

Reiniger

Je nach Instrument und Verschmutzung kommen unterschiedliche Reinigungsmittel zum


Einsatz:

Enzyme = Proteine, die Eiweisse, Kohlen-


M
hydrate und Fett katalytisch zersetzten
und somit wasserlöslich machen.
U
S
T
E
R
Die einzelnen Komponenten können auch in Kombination vorkommen. Mögliche Varianten von Reinigern
sind:
• pH-neutral, mit/ohne Enzyme
• mildalkalisch, mit/ohne Enzyme
• alkalisch, mit/ohne Tensid* (setzt Oberflächenspannung herab)
• kombinierte Reinigungs- und Desinfektionsmittel (Reiniger mit antimikrobieller Wirkung)
*Tenside bewirken, dass zwei eigentlich nicht miteinander mischbare Flüssigkeiten, wie zum Beispiel Öl
und Wasser, fein vermengt werden können.

196 Reinigung Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Reinigung

Ultraschall
Die Ultraschallbehandlung eignet sich vor allem für Glas, Keramik und Instrumente aus
Edelstahl. Im Weiteren können mechanisch empfindliche Instrumente und teils Endoskope
behandelt werden. Für Instrumente mit Elektronik und elastische Materialen eignet sich das
Verfahren nicht.

Das Gerät besteht aus einem Gehäuse, einem Einsatzkorb für die Instrumente und einem
Deckel. Die reinigende Wirkung wird durch hochfrequente Schwingungen im Wasser erzeugt:
Ein Generator wandelt die elektrische Energie aus dem Stromnetz in mechanische Energie =
Ultraschallwellen um. Durch die Ultraschallwellen entstehen Druckschwankungen. Über- und
M
Unterdruck wechseln sich mehrere tausend Mal pro Sekunde ab. Dadurch werden an der
Instrumentenoberfläche kleinste Dampfblasen gebildet. Durch deren Implosion (Gegenteil
der Explosion, also in sich zusammenfallen) entstehen kraftvolle Druckstösse, welche die
Instrumente von Verschmutzungen etc. befreien. Die Schmutzteilchen werden dabei regel-
recht von den Oberflächen abgesprengt und in die Flüssigkeit suspendiert. Dieser Vorgang
U
wird als «Kavitation» bezeichnet. In der Regel dauert die Behandlung mit Ultraschall 3 – 5
Minuten.
S
T
E
R
Die Gitter vom Beladungskorb müssen miteinander verlötet sein, damit bei der Beschallung
keine Schwingung stattfindet.

Temperatur
Der Reinigungseffekt wird durch eine höhere Temperierung des Bades verstärkt. Deshalb ist
bei den meisten Geräten eine Beheizung der Wanne möglich. Dabei wird mit Temperaturen
von 40 – 60 °C gearbeitet. Zu beachten ist jedoch, dass sich die Gebrauchslösung während
dem Betrieb durch die Energie der Ultraschallwellen zusätzliche erhitzen.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Instrumente 197
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Instrumente

Sollte mittels Ultraschallbad eine Desinfektion erfolgen, darf keine zusätzliche Erwärmung
stattfinden. Bei Temperaturen über 40 °C beginnt die Eiweisskoagulation (Gerinnung von
Eiweissen), welche die Desinfektion erschwert!

Die Flüssigkeit soll bei täglichem Gebrauch auch täglich gewechselt werden. Bei starker
sichtbarer Verunreinigung wird das Bad umgehend frisch angesetzt. Der Wechsel respektive
das Neuansetzen der Ultraschall-Lösung muss dokumentiert werden.

Entgasen
Das Leitungswasser enthält immer eine gewisse Menge an gasförmigen Stoffen. Die Anwesen-
M
heit dieser Gase beeinträchtigt die Reinigungswirkung. Zum einen stören sie die Ausbreitung
der Ultraschallwellen und zum andern ver hindern sie die Bildung von Dampfblasen.
Zur Elimination der Gase wird eine neu angesetzte Lösung zuerst entgast. Dies geschieht,
indem das Gerät ohne Ware eingeschaltet wird. Durch die Ultraschallschwingungen werden
die gebundenen Gase freigesetzt. Dabei kann man beobachten, wie viele kleine Bläschen
U
hochsteigen.

Sweep-Funktion
Sie steigert zusätzlich das Reinigungsresultat indem sie die Frequenz der Ultraschall-
wellen verschiebt. Somit werden die Wellen verschiedenartig in der Reinigungsflüssigkeit
S
verteilt.
T
E
ohne sweep mit sweep

Beladung
Überladene Körbe führen zu sogenannten Ultraschallschatten, welche die Schallenergie
R
absorbieren und somit zu einer ungenügenden Reinigung führt. Die Beladung sollte einlagig
und ohne gegenseitige Berührung der Instrumente erfolgen. Gelenksinstrumente (Scheren,
etc.) werden geöffnet behandelt.

Alle Instrumente müssen vollständig von der Lösung bedeckt sein.

Nach Programmende wird das Reinigungsgut entnommen und gründlich mit demineralise-
rtem Wasser gespült, um Rückstände der Badflüssigkeit und Schmutzteilchen zu entfernen!

198 Reinigung Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Reinigung

Qualitäts-Kontrolle
Zur Kontrolle der Reinigungsleistung sind im Handel verschiedene gebrauchsfertige Testsys-
teme erhältlich. Eine weitere Kontrollmöglichkeit ist der Aluminiumfolie-Test: dazu wird ein
handelsüblicher Aluminiumfolienstreifen in die zuvor entgaste Lösung getaucht und
beschallt. Nach der Entnahme muss der Streifen eindeutige, gleichmässige Perforationen
aufweisen. Anschliessend an die Testung muss die Flüssigkeit verworfen und das Bad gründ-
lich gespült werden. (Elimination der Aluminium-Rückstände!)
Die Ergebnisse der Leistungsüberprüfung müssen dokumentiert werden.

Chemie
M
Die Konzentration der Reinigungs- resp. Reinigungs-Desinfektionslösung, die Badtemperatur
und die Beschallungszeit wird vom Hersteller angegeben und ist einzuhalten.
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Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Instrumente 199
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

M Instrumente

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200 Sterilisation Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisation

9 Sterilisation
M
U
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9.1 Definition
R
Definition

Durch die Sterilisation werden sämtliche pathogene und apathogene Mikroorganismen, und
Viren einschliesslich ihrer Ruhestadien (z. B.  Sporen), irreversibel (nicht umkehrbar) inakti-
viert respektive abgetötet.

In der Norm SN EN 556-1 wird die Sterilisation mathematische definiert. Sie hält fest, dass ein als
«steril» deklariertes Medizinprodukt mindestens dem Sicherheitsgrad von 106 besitzen muss. Das heisst,
dass in einer Million sterilisierter Produkte nicht mehr wie ein überlebensfähiger Keim nachweisbar sein
darf. Oder anders ausgedrückt: ein Produkt ist erst dann als steril zu handeln, wenn die theoretische
Wahrscheinlichkeit einen lebenden Keim zu finden, je Objekt, nicht grösser als 1 : 1 Million ist.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Definition 201
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisationsverfahren

Ziel Ziel
Ziel ist, das Erlangen einer totalen Keimfreiheit = Asepsis.

Ein Medizinprodukt, das invasiv angewendet wird, das heisst, die Haut respektive Schleim-
haut durchdringt oder mit Wunden respektive Blut in Kontakt kommt, muss sich in einem
sterilen Zustand befinden.

Sterilisationsverfahren 9.2 Sterilisationsverfahren


M
Gesetzliche Grundlagen
Der nachfolgende Text stammt aus der «Anleitung – Gute Praxis zur Aufbereitung von Medi-
zinprodukten in Arzt- und Zahnarztpraxen sowie bei weiteren Anwendern von Dampf-Klein-
Klein-Sterilsatoren» von Swissmedic (Schweizerisches Heilmittelinstitut). Zitat:
U
Die Anforderungen an die Aufbereitung von Medizinprodukten im niedergelassenen, ambu-
lanten Bereich sind im Laufe der Jahre anspruchsvoller geworden. Viele Therapiemassnahmen,
welche früher mit einer Spitaleinweisung verbunden waren, können heute ambulant in einer
S
Praxis durchgeführt werden. Das Gesundheitssystem unterstützt Kurzhospitalisationen, was
wiederum eine frühere Konsultation beim niedergelassenen Arzt bedeutet. Die Ärzteschaft
wird somit auch mit neuen Situationen – z. B.  nosokomialen (im Spital erworbenen) Infek-
tionen - konfrontiert, welche früher praktisch nur den Spitälern vorbehalten waren.
T
Neue innovative Behandlungsmethoden mit technisch komplexen chirurgischen Instru-
menten (z. B.  Instrumente für die minimal invasive Chirurgie MIC) aber auch Erkenntnisse zu
neuen Übertragungsrisiken von nicht mikrobieller Natur (Creutzfeldt-Jakob-Krankheit) und
E
der steigende Anspruch der Patienten an die Sicherheit, tragen ebenso dazu bei.
R

202 Sterilisation Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisation

• Bundesgesetz vom 15. Dezember 2000 über Arzneimittel und Medizinprodukte (Heilmittelgesetz,
HMG), SR 812.21

Seit dem 1. Januar 2002 ist das Heilmittelgesetz in Kraft. Zweck dieses Gesetzes ist, dass nur qualitativ
hoch stehende, sichere und wirksame Heilmittel in Verkehr gebracht werden. Heilmittel sind sowohl
Arzneimittel wie auch Medizinprodukte.

• Medizinproduktverordnung (MepV) vom 17. Oktober 2001 (Stand am 1. April 2010), SR 812.213

Zum gleichen Zeitpunkt wurde die revidierte Medizinprodukteverordnung (MepV) in Kraft gesetzt; die
geänderte Fassung vom 24. März 2010 wurde per 1. April 2010 in Kraft gesetzt. Diese Verordnung soll
einen sicheren Umgang mit Medizinprodukten gewährleisten, und regelt das Inverkehrbringen, die
M
Produktebeobachtung sowie die nachträgliche Kontrolle von Medizinprodukten und deren Zubehör durch
die Behörden.

Die Medizinproduktverordnung (MedpV) regelt im Artikel 19 die «Wiederaufbereitung», in Artikel 20 die


«Instandhaltung» und in Artikel 20a die «Abänderung».

• Art. 19 Wiederaufbereitung
U
1. Wer als Fachperson ein zur mehrmaligen Verwendung bestimmtes Medizinprodukt mehrfach verwendet,
sorgt vor jeder erneuten Anwendung für die Prüfung der Funktionsfähigkeit und die korrekte Wiederauf-
bereitung.

2. Als Wiederaufbereitung gilt jede Massnahme der Instandhaltung, die notwendig ist, um ein
gebrauchtes oder neues Medizinprodukt für seine vorgesehene Verwendung vorzubereiten, insbesondere
S
Aktivitäten wie Reinigung, Desinfektion und Sterilisation.

3. Die Prozess- und Validierungsdaten der Sterilisation sind aufzuzeichnen. 4 Wer Medizinprodukte für
Dritte wiederaufbereitet, hat sich über ein bestandenes Konformitätsbewertungsverfahren gemäss
Anhang 3 für die Aufbereitung und Sterilisation von Medizinprodukten auszweisen.
T
• Art.20 Instandhaltung
1. Wer Medizinprodukte als Fachperson anwendet, sorgt für die vorschriftsgemässe Durchführung der
Instandhaltung und der damit verbunden Prüfung.

2. Die Instandhaltung hat nach den Grundsätzen der Qualtiätssicherung zu erfolgen, ist betriebsintern
E
zweckmässig zu planen und zu organisieren und richtet sich insbesondere:
a) nach den Anweisungen der Person, die das Produkt erstmals in Verkehr gebracht
hat;
b) nach dem Risiko, das dem Produkt und seiner Verwendung eigen ist.
R
3. Die Ergebnisse der Instandhaltung und der damit verbundenen Prüfungen,
festgestellte Mängel und Störungen sowie getroffene Massnahmen sind für alle
«aktiven Medizinprodukte» aufzuzeichnen.

• Art. 20a Abänderung


Wer Medizinprodukte so abändert oder abändern lässt oder wiederaufbereitet oder wiederaufbereiten
lässt, dass sie nicht mehr dem vorgesehenen Zweck dienen oder die vorgesehene Leistung erbringen,
muss die Anforderungen für das erstmalige Inverkehrbringen erfüllen.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Sterilisationsverfahren 203
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisationsverfahren

Normen und Vollzugshilfen (Vorgaben) sind keine Gesetze. Wer diese nicht anwendet,
muss aber belegen können, dass die Arbeitsweise den Stand von Technik und Wissenschaft
berücksichtigt, und dass die gesetzlich geforderten Sicherheitsziele im gleichen Ausmass
erfüllt sind. Die Beweispflicht liegt beim Anwender.
M
Physikalische Verfahren Physikalische Verfahren
Das Sterilisationsprinzip beruht auf der Behandlung vom Beladungsgut mit Hitze. Die Hitze
U
führt zur Keimabtötung indem sie die Eiweisse der Keime irreversibel verändert = Denaturie-
rung.

Dampfsterilisation Dampfsterilisation
Durch gesättigten Wasserdampf werden die Keime abgetötet. Um die Benetzung sämtlicher
S
Oberflächen zu gewährleisten, werden fraktionierte (aufgeteiltes  /  unterschiedliches)
Vakuumverfahren eingesetzt. Zur Prozessüberwachung stehen geeignete Validierungsme-
thoden (Kontroll-/Prüfmethoden) zur Verfügung. In der Arztpraxis ist die Dampfsterilisation
das sicherste Verfahren. Es eignet sich für eine Vielzahl Materialen wie Textilien, Papier, Glas,
T
Metall oder Gummi.
*Hinweis: Die Dampfsterilisation wird in späteren Kapiteln detailliert aufgeführt.

Heissluftsterilisation Heissluftsterilisation
E
Die Sterilisation erfolgt durch heisse, trockene und bewegt Luft, die das Sterilgut umströmt.
Dabei kommen Temperaturen von bis zu 250 °C zur Anwendung. Aus diesem Grund eignet sich
das Heissluftverfahren nur für hitzebeständige Gegenstände wie Metall, Glas oder Porzellan
nicht aber für Textilien und Papier oder Gummi. Letztere würden verbrennen respektive
R
schmelzen. Die Sterilisation mittels heisser Luft ist in der Praxis  / Spital aus folgenden
Gründen nicht mehr vertretbar:
• Da die Behandlung durch trockene Hitze erfolgt, dauert die Übertragung der Wärme
auf das Sterilgut relativ lange, was eine lange Sterilisationszeiten (bis zu 200
Minuten) zur Folge hat.
• Da sich auf dem Sterilgut Kälteinseln bilden können, welche den Sterilisationserfolg
negativ beinträchtigen.
• Die Beladung des Sterilisators beeinflusst im hohen Mass den Sterilisationserfolg.
• Es stehen keine Validierungsmöglichkeiten zur Verfügung.

204 Sterilisation Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisation

Strahlensterilisation Strahlensterilisation
Hier erfolgt die Sterilisation durch Bestrahlung der Ladung mit ionisierenden Strahlen.
Hauptsächlich werden Gamma- oder Elektronenbestrahlung angewendet. Seltener kommen
Beta- oder Röntgenstrahlen zum Einsatz Die Anwendung von Strahlung verlangt sehr aufwän-
dige Sicherheitsmassnahmen. Zudem können die Strahlen eine Veränderung von Latex,
Gummi und Kunststoffen bewirken. Zur Anwendung kommt die Strahlensterilisation in der
industriellen Aufbereitung von Einwegartikeln (Kanülen, Spritzen).

Physikalisch-chemische Verfahren Physikalisch-chemische


M
Verfahren
Bei diesen Methoden erfolgt die Sterilisation vorwiegend mit Hilfe chemischer Stoffe. Teils
kommen zusätzlich physikalische Komponenten zum Einsatz.

Gassterilisation Gassterilisation
Hierbei handelt es sich um eine Kaltsterilisation (Temperaturen von ca. 50 °C). Die Zerstö-
rung der Eiweisse erfolgt durch ein toxisches Gas. Die Toxizität und Explosivität der Gase
U
verlangt nach hohen Sicherheitsanforderungen. Zum Einsatz kommen Gase wie Ethylenoxid
(EO), Formaldehydgas oder Ozon. Die Gassterilisation wird bei hitzeempfindlichen und
porösen Gegenständen angewandt.
S
Plasmasterilisation Plasmasterilisation
Sterilisationstechnik, die durch Hochfrequenz- oder Mikrowellen verursachte Plasmaentla-
dungen erfolgt. Der sterilisierende Effekt basiert auf mehreren Faktoren:
Der entstandene Dampf wird in freie Radikale (chemische, aggressive Stoffe) aufgebrochen,
T
welche die Keime eliminieren. Zusätzlich wird zur Keimabtötung UV-Strahlung aus dem
Plasma generiert und ein Ionenbeschuss findet statt. Die Sterilisation erfolgt bei niedrigen
Temperaturen (ca. 45 °C). Es ist ein materialschonendes Verfahren für thermolabile und
feuchtigkeitsempfindliche Instrumente wie Optiken, Endoskope oder Elektronik.
E
Dampfsterilisation Dampfsterilisation
Die Sterilisation in der Arztpraxis erfolgt durch die Behandlung mit gesättigtem Wasserdampf.
Das dazu benötigte Gerät wird als Sterilisator oder Autoklav bezeichnet.
R
Die Leistungsanforderungen an Dampf-Klein-Sterilisatoren im medizinischen Bereich, wie
z. B.  Arzt- und Zahnarztpraxis, werden in der europaweit gültigen Norm EN 13060 festge-
halten. Der Einsatz von Klein-Sterilisatoren eignet sich für kleine Produktemengen.

In der Norm EN 13060 ist eine Leistungsdifferenzierung von Autoklaven nach Typen der
Sterilisationsprogramme vorgesehen. Diese Typen können jedoch auch gleichzeitig in einem
Gerät kombiniert sein:

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Sterilisationsverfahren 205
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisationsverfahren

Typ N Typ S Typ B


Mit diesem Sterilisationstyp Sterilisationstyp, der nach Universalautoklav der
werden unverpackte, den Angaben der Instru- höchsten Leistungsklasse,
massive Medizinprodukte menten-Hersteller ange- welcher ein fraktioniertes
sterilisiert. wendet wird.* (unterteiltes) Vakuum
besitzt.
(Die Erklärung dazu finden
Sie unten!)
M
Die Anwendung dieses Diese Gerätetypen sind nur Zur Sterilisation aller
Sterilisationstypes erfolgt für den Einsatz in Arzt- verpackten oder unver-
nur bei unkritischen Medi- praxen geeignet, in packten, massiven Medizin-
zinprodukten, bei denen welchen keine operativen produkte sowie von Hohl-
keine Sterilisation vorge- Eingriffe durchgeführt körpern (Typ A) und
U
schrieben ist. Z. B.  werden. Z. B. porösen Produkten.
• Spekula • Scheren
• Zungenspatel • Pinzetten Können sämtliche Anforde-
rungen an die Sterilisation
thermostabiler Produkte
S
erfüllen

* Hinweis: Sterilisation nach Herstellerangaben – beim Kauf unbedingt eine schriftliche Bestätigung über das Leis-
T
tungsspektrum des Gerätes verlangen.

Bei der Anschaffung eines Dampf-Sterilisators für die Arztpraxis eignet sich ein Gerät vom
Typ B, da mit ihm zusätzlich eine sichere Sterilisation von Hohlkörperinnenflächen gewähr-
leistet ist.
E
Funktionsweise Funktionsweise der Dampf-Sterilisation
Ursprünglich beruht das Prinzip der Dampfsterilisation auf der Erfindung des Druckkochtopfes
(Papin’scher Topf, Dampfkochtopf); Wasser wird in einem geschlossenen System erhitzt, bis
R
es siedet. Der Innenraum füllt sich dabei mit gesättigtem Dampf. Da dieser nicht entwichen
kann, steigt seine Temperatur über 100 °C an. Durch den daraus resultierenden Druckanstieg
entsteht der gesättigte-gespannte Dampf (Druck > 1 bar).
(In einem offenen System würde das Wasser bei 100 °C zu sieden beginnen und der Dampf
entweichen!)

➡ Entlüftungsphase = fraktioniertes Vor-Vakuum-Verfahren


Die Luft wird durch Dampf ersetzt!

206 Sterilisation Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisation

Damit der Dampf die ganze Sterilisationskammer und das ganze Sterilgut benetzten kann,
muss zuerst die gesamt Luft entzogen werden. Dies geschieht mit Hilfe einer Vakuumpumpe,
die ein fraktioniertes Vakuum erzeugt: es wird mehrmals Luft abgezogen und mit Wasser-
dampf gefüllt, bis die gesamte Luft entfernt ist. Dies führt dazu, dass in Hohlkörper-Instru-
menten, in Verpackungen oder Textilien keine Luft mehr vorhanden ist, welche den Erfolg der
Sterilisation gefährden würde. Die ganze Kammer ist nun mit gesättigtem Dampf gefüllt.
Jetzt wird die notwendige Temperatur und der Druck aufgebaut = Steigezeit.

Wo sich Luft befindet, kann kein Dampf vorhanden sein und umgekehrt!
M
➡ Sterilisationsphase:

Das Sterilgut ist eine gewisse Zeit dem gesättigtem, gespannten Dampf ausgesetzt. Durch die
Kondensation vom Wasserdampf am kühleren Sterilgut wird Energie frei, die gemeinsam mit
U
dem Wärmeeinfluss die Keime irreversibel schädigt (abtötet).

Der eigentliche Sterilisationsvorgang setzt sich zusammen aus der Ausgleichs- und Abtö-
tungszeit sowie dem Sicherheitszuschlag.
S
Alles, was steril werden soll, muss nass sein!

➡ Trocknungsphase: Trocknungsphase = fraktioniertes Nach-Vakuum-Verfahren


T
Der Wasserdampf wird durch sterile Luft ersetzt!

Zuerst wird der Dampf abgelassen und anschliessend das Sterilgut durch ein Vakuum
getrocknet. Das Kondensat (=Restfeuchtigkeit) wird zu verdampfen gebracht und wird über
die Vakuumleitung abgeleitet. Zum Abschluss erfolgt die Belüftung durch sterile Luft.
E
R

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Sterilisationsverfahren 207
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisationsverfahren

Wasser
Das Wasser zur Sterilisation muss der Norm SN EN 13060 entsprechen, was den Einsatz von
destilliertem oder demineralisiertem = vollentsalztem Wasser verlangt. Um stets mit der
selben Wasserqualität zu sterilisierten, soll das Wasser täglich vor der Inbetriebnahme
ausgewechselt werden.

Sterilisationsprogramme
Schonprogramm für thermolabiles Gut (Kunststoff, Gummi, Textilien):
M
121 °C 15 - 20 Minuten 2.05 bar
für übrige Materialen:
134 °C 3 – 5 Minuten 3.04 bar
Prionenprogramm:
U
134 °C 18 Minuten 3.04 bar

Prionen
Verordnung über die Prävention der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit bei chirurgi-
schen und medizinischen Eingriffen vom 20. November 2002:
S
Seit dem 01. Januar 2003 ist diese Verordnung (CJKV, SR 818.101.21) in Kraft. Sie regelt
besondere Vorsichtsmassnahmen gegen die Übertragung von Prionen in der Aufbereitung
von wiederverwendbaren Medizinprodukten. In Bezug auf die Sterilisation schreibt sie
T
folgendes vor:

Wiederverwendbare invasive Medizinprodukte, welche in sterilem Zustand zu verwenden


sind, insbesondere wiederverwendbare chirurgische Instrumente, müssen vor jeder
E
Anwendung bei 134 °C gesättigtem gespanntem Wasserdampf während 18 Minuten steri-
lisiert werden. (CJKV, SR 818.101.21, Artikel 2b)
R
Qualitätsmanagement

Wie bereits erwähnt ist die aktualisierte Fassung der Medizinprodukteverordnung (MepV)
seit 1. April 2010 in Kraft.

Die behördliche Überwachung wurde per 1. Juli 2011 an die Kantone delegiert.

Wer die Aufbereitung von sterilen Medizinprodukten wahrnimmt, muss über die notwendigen
Mittel wie Räumlichkeiten, Personal, Ausrüstungen und Informationssysteme verfügen. Die
Verantwortung für die Durchführung des Aufbereitungsprozesses wird definiert und schriftlich
festgehalten (Hygieneplan).

208 Sterilisation Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisation

Für die Aufbereitung von Medizinprodukten gelten folgende Empfehlungen:

• Dampfsterilisatoren müssen bei der Inbetriebnahme validiert werden = der Nachweis über
die Einsatzeignung muss erbracht werden. Jeder Sterilisationszyklus muss dokumentiert
werden (z. B.  mit der Chargennummer). Zudem ist zu belegen, dass die Sterilisation
erfolgreich war. Alle Dokumentationen müssen 10 Jahre aufbewahrt werden.

Achtung: Es ist ratsam, beim Neuerwerb eines Dampf-Klein-Sterilisators, darauf zu achten,


dass das Gerät mit integriertem Drucker bzw. mit einer Schnittstelle für einen anschliess-
M
baren externen Drucker ausgestattet ist oder über einen Kartensteckplatz, welcher die
Prozessdaten aufzuzeichnen kann, verfügt.

• Die Lagerhaltung der sterilen Medizinalprodukte mit dem Sterilisationsdatum soll über-
wacht werden, z. B.  nach längeren Praxisabwesenheiten.
U
• Die Rückverfolgbarkeit jedes Instrumentes auf Patientenebene, d. h. bis in die Krankenge-
schichte, ist je nach Komplexität des Eingriffes sinnvoll, aber nicht zwingend vorge-
schrieben.
S
• Die manuelle Vorreinigung (Tauchdesinfektion) ist nach wie vor zulässig, aber fehleran-
fällig. Sie wird deshalb nicht mehr empfohlen. Stattdessen empfiehlt sich die Umstellung
auf Thermodesinfektoren zur Aufbereitung von Medizinprodukten.
*Beachten Sie dazu das Kapitel 7, RDG!
T
Verpackung
(Die Verpackungsmethoden müssen der DIN EN 868 und SN EN ISO 11607 entsprechen.)
E
Ziel Ziel
Das Ziel der Verpackung ist es, die gereinigten und sterilisierten Medizinprodukte vor einer
möglichen Rekontamination zu schützen. Der sterile Einsatz der Produkte kann nur garantiert
R
werden, wenn diese in der Endverpackung sterilisiert wurden.

Unverpackte Medizinprodukte
Solange ein Medizinprodukt lediglich mit intakter oder krankhaft veränderter Haut / Schleimhaut in
Kontakt kommt, besteht keine Pflicht, dass das Produkt steril sein muss. In diesem Falle sind vorgängige
Reinigung- und Desinfektionsmassnahmen ausreichend.

Die Sterilisation unverpackter Produkte gilt als thermisches Desinfektionsverfahren!

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Sterilisationsverfahren 209
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisationsverfahren

Anforderungen Allgemeine Anforderungen


• Die trockenen Medizinprodukte müssen möglichst schnell nach der Reinigung
verpackt werden.
• Das Sterilbarrieresystem (Verpackung, die in Kontakt mit dem Medizinprodukt
steht) muss undurchlässig sein.
• Die Verpackung muss mit der Sterilisationsmethode kompatibel sein.
• Die Aufrechterhaltung der Sterilität bis zur Anwendung der Medizinprodukte muss
gewährleistet sein.
• Die Verpackung muss eine aseptische Entnahme der Produkte ermöglichen.
M
• Sie muss in ihrer Beschaffenheit und Verwendung dem jeweiligen Medizinprodukt
gerecht werden.
• Ein Behandlungs-/Prozessindikator (Klasse 1: dieser zeigt an, ob das Produkt einen
Sterilisationsprozess durchlaufen hat) muss mitgeführt werden.
• Besteht die Gefahr, der Beschädigung vom Sterilbarrieresystem, ist eine Schutzver-
packung (Schachtel, Plastikbeutel, Container, etc.) zu verwenden.
U
*Siehe Skizze unten!

• Das Verpackungsgerät (Schweissgerät) muss regelmässig kontrolliert und gewartet


werden.
• Wiederverwendbare Verpackungsbehälter müssen vor jeder Sterilisation gemäss
S
Herstellerempfehlungen überprüft werden (Sicht- und Funktionskontrolle). Der
sichere Verschluss wird nach der Sterilisation visuell überprüft.
• Die Gegenstände werden so in die Verpackung gebracht, dass das Sterilisations-
mittel (z. B.  Wasserdampf) ungehindert auftreffen kann und eine aseptische
T
Entnahme möglich ist.
• Die Beschriftung erfolgt vor der Sterilisation und besteht aus: Sterilisationsdatum,
Verfallsdatum, Sterilisationsart, Chargennummer, Verpackungsinhalt, freigebende
Person.
E
• Ist der Dampf-Klein-Sterilisator mit einem Drucker verbunden, kann ein Etikett
ausgedruckt werden, auf welchem zusätzlich eine Barcode-Beschriftung aufgedruckt
ist.
*Mehr dazu erfahren Sie im nachfolgenden Kapitel «Beschriftung»!
R

210 Sterilisation Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisation

Verpackungssystem nach ISO 11607-1:


M
Das Sterilbarrieresystem dient zur Aufrechterhaltung der Sterilität vom Sterilgut. Die zusätz-
liche Schutzverpackung schützt das Sterilgutbarrieresystem vor Schäden.

Materialien
U
Materialien

Verpackungsart Materialien Inhalt der SN EN ISO 11607


Weichverpackung Folien befüllen & siegeln
Sterilisationsbögen falten & einschlagen
S
(Vlies, Papier)
Hartverpackung (wiederver- Container befüllen & schliessen
wendbare Behälter)
T
Für die verschiedenen Arten der Verpackungsmaterialen gibt es zur SN EN ISO 11607 ergän-
zende Normen:
spezifische Anforde- Normen zur
rungen an das Material Anwendungstechnik
des Verpackungssystem
E
DIN 58953-7
Klarsichtbeutel, -Rollen DIN EN 868-5
DIN EN ISO 11607-2

Papier, DIN EN 868-2


Vlies zur Dampfsterilisa- DIN EN 868-10 DIN 58953-7
R
tion DIN EN 868-9

wiederverwendbare
DIN 58953-9
Behälter zur DIN EN 868-8
DIN EN ISO 11607-2
Dampfsterilisation

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Sterilisationsverfahren 211
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisationsverfahren

Folien • Folien
Folien sind mit oder ohne Seitenfalz als Sterilisationsbeutel oder Rollenware (=Schläuche)
erhältlich.
M
U
Vom Gebrauch der selbstklebenden Sterilisationsbeutel
und des Indikatorklebers sollte abgesehen werden. Zum
einen erreichen sie keine dauerhafte Dichtigkeit und zum
S
anderen lagern sich Kleberrückstände in der Sterilisato-
rentrommel ab.
T
Auswahl der Sterilisationsbeutel/Schläuche nach gültigen Normen
E
• Vorgefertigte Beutel werden anhand der Grösse des zu verpackenden Produktes
ausgewählt.
• Sind die Beutel zu lang, können sie gekürzt werden.
• Wird mit Schläuchen gearbeitete, werden diese entsprechend zugeschnitten und an
R
einer Kante versiegelt. Die Befüllung erfolgt somit analog den vorgefertigten
Beuteln.
• Weder das Sterilbarrieresystem noch die Schutzverpackung dürfen geknickt oder
gefaltete werden.
• Der Inhalt darf die Pakete maximal zu 75 % ausfüllen.
• Die Breite der Verpackung muss ein ungehindertes Hineingleiten der Medizinpro-
dukte ermöglichen. (Allenfalls ist eine Grössenzugabe in Betracht zu ziehen.)
• Das Griff-Ende des Medizinproduktes muss einen Mindestabstand zur Siegelnaht an
der Peelseite von 3 cm aufweisen.
• Um eine aseptische Entnahme und ein reibungsloses Peelen zu ermöglichen, muss
nach dem Siegeln oberhalb der Siegelnaht ein Überstand von mindestens 1 cm
bestehen. (Empfehlung: 2 – 3 cm)

212 Sterilisation Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisation

• Werden Folien mit Seitenfalten verwendet, muss der Abstand zur Siegelnaht grösser
wie 3 cm sein. Um eine ordnungsgemässe Siegelung zu erzielen, muss zusätzlich
darauf geachtete werden, dass die gefaltete Folie beim Siegeln plan auf der Papier-
seite aufliegt.
• Zur Risikominimierung sollte, statt eine Folie mit Falten, ein grösseres Format ohne
Falten eingesetzt werden.

Verpacken der Medizinprodukte nach gültigen Normen


• Das Medizinprodukt muss bei der Entnahme vom Anwender an den Griffenden
gefasst werden können: Griffe befinden sich auf der Peelseite!
M
• spitze/scharfe Gegenstände werden vor dem Verpacken mit einem kompatiblen
Schutz versehen.
• Medizinprodukte mit einem Hohlraum (Tupferschale) mit der Öffnung zur Papier-
seite hin verpacken.
U
Siegelung/Verschweissung der Folien nach gültigen Normen
Um einen sicheren Verschluss zu gewährleisten, wird das offene Ende straff gezogen. So, dass
Papier und Folie «plan» aufeinander liegen und werden dann in das Schweissgerät eingeführt.
S
Nach dem Verschlussvorgang wird die Siegelnaht optisch geprüft:
• Die Naht muss über die gesamte Breite intakt und lückenlos versiegelt sein.
• Es dürfen keine Kanäle, Knicke, Falten, Lufteinschlüsse oder Einkerbungen erkennbar
sein.
T
• Es dürfen keine Verbrennung- oder Abschmelzerscheinungen sichtbar sein.
• Die Gesamtbreite der Versiegelung(en) muss mindestens 6 mm betragen! (DIN EN
868-5 § 4.3.2)
E
Siegelgeräte - Norm DIN EN ISO 11607-2

Die Folienbeutel und Folienschläuche werden maschinell durch Hitze versiegelt. Folgende Parameter
garantieren eine zuverlässig dichte Siegelnaht, die aber noch zu peelen ist:
• korrekte Siegeltemperatur
• korrekte Anpresskraft (Siegeldruck)
R
• korrekte Siegelzeit resp. Durchlaufgeschwindigkeit

Gerätetyp Durchlaufsiegelgerät Balkensiegelgerät

kritische Para- mind. Siegeltemperatur und Siegeltemperatur


meter Anpresskraft Siegeldruck
Durchlaufgeschwindigkeit Siegelzeit
wird zusätzlich empfohlen kontrollieren

Geräte, die der Norm entsprechen, müssen die kritischen Prozessparameter automatisch überwachen und
bei Nichteinhaltung den Anwender alarmieren (Alarmvorrichtung, Warnsystem oder das Anhalten vom
Gerät). → DIN EN ISO 11607-2 § 5.2.4

Die genannten Eigenschaften müssen durch adäquate Verfahren überprüft und dokumentiert werden.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Sterilisationsverfahren 213
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisationsverfahren

Testmethoden zur Überprüfung der Siegelnaht

Siegelnahtdichtig- Kanalbildung oder offene Siegelnähte


keitstest Durchstiche oder Risse

intakte Siegelung über die gesamte Siegelnahtbreite


Siegelindikator Kanalbildung oder offene Siegelnähte
Durchstiche oder Risse

Peel Test nach DIN Delaminierung


EN 868, Anhang E Materialablösung
M
Intakte Siegelung über die gesamte Siegelnahtbreite
Sichtprüfung
Durchstiche oder Risse

Die Anpresszeit und die Geschwindigkeit/Siegelzeit wird normalerweise vom Siegelge-


rätehersteller fix eingestellt. Die optimale Siegeltemperatur muss der Anwender dem
technischen Datenblatt des Verpackungsmaterials entnehmen. Von den Grenzwerten wird
der Mittelwert eingestellt. (Bsp. Grenzwerte: 180 – 200 °C → Mittelwert: 190 °C)
U

Schutzverpackung durch äussere Klarsichtverpackung


Die vorangegangenen Abläufe werden wiederholt. Zusätzlich muss dabei auf folgendes
S
geachtet werden:
• Das bereits versiegelte Paket muss ungehindert in die Schutzverpackung gleiten
können.
• Das Sterilbarrieresystem darf weder geknickt noch gefaltete werden.
T
• Das Sterilbarrieresystem darf nicht in die Siegelnaht der Schutzverpackung einge-
siegelt werden (ausreichende Grösse der Schutzverpackung wählen!)
• Die Papierseite liegt auf der Papierseite.
E
Beschriftung der Sterilpackung
• Die Beschriftung erfolgt mit einem Etiketten:
>> Das Etikett wird nach dem Sterilisationsprozess für gewöhnlich auf der Folien-
R
seite aufgeklebt. (Bei Anbringung auf der Papierseite darf die Etikettengrösse
nicht grösser wie 20 % der Papierfläche sein!)
>> Das Etikett darf nicht über der Siegelnaht liegen.
• Auf dem Etikett ist zusätzlich zu: Sterilisationsdatum, Verfalldatum, Inhalt, Sterili-
sationsart, Chargennummer, Initialen der der durchführenden Person, ein Barcode
aufgeführt!
• Dazu muss ein speziell dafür geeigneter Stift ohne Schadstoffe, gemäss DIN
58953-7, verwendet werden. (Weicher, sterilisationsfester Faserschreiber)
• Die Beschriftung erfolgt ausserhalb der Siegelnaht auf der Folienseite.
• Der Text wird ausserhalb des Bereiches, der das Medizinprodukt keimfrei umschliesst,
angebracht.

214 Sterilisation Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisation

• Die Beschriftung erfolgt vor der Sterilisation und beinhaltet:


>> Sterilisationsdatum
>> Inhalt
>> Sterilisationsart
>> Verfalldatum
>> Chargennummer
>> durchführende Person

Wird das Sterilgut für einen invasiven Eingriff verwendet, wird das Etikett in das Patien-
M
tendossier (KG) eingeklebt oder die Chargennummer wird manuell dokumentiert.

Entnahme
Folien werden nach der Peeling-Methode geöffnet, das heisst mittels den Laschen am Ende
der Verpackung. Das Sterilgut darf auf Grund der Kontaminationsgefahr auf keinen Fall durch
U
die Verpackung gestossen werden.

Da sich die Poren der Verpackung nach dem Sterilisationsvorgang unwiderruflich verschlie-
S
ssen, sind Folien nur für den Einmal-Gebrauch bestimmt.

• Hartverpackung Hartverpackung
T
Hierbei handelt es sich um Behälter aus Aluminium oder Kunststoff, die meist ein Sieb oder
eine Kassette mit oder ohne Innenverpackung enthalten. Ihr Anschaffungspreis ist im
Vergleich höher, dafür ist ihre Beladung und Lagerung (Stapelfähigkeit!) vereinfacht.
E
R

Die Norm DIN EN ISO 11607-2, § 5.3.2 c stellt folgende Anforderungen an Hart­
verpackungen:
• durchgängiger Verschluss
• keine sichtbaren Beschädigungen und Materialunregelmässigkeiten
Die Container sind nach der Entleerung Desinfektionsmassnahmen zu unterziehen!

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Sterilisationsverfahren 215
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisationsverfahren

Sterilisationsbögen • Sterilisationsbögen (In der Norm DIN EN ISO 11607-2, § 5.3.2 c)

Beim Arbeiten mit Papier ist darauf zu achten, dass die Poren des Papiers gross genug sind
damit Dampf resp. Gas penetrieren kann. Gleichzeitig muss die Porengrösse so klein sein,
damit keine anderen Organismen durchdringen können.

Laut oben genannter Norm werden folgende Eigenschaften an die Sterilisationsbögen


gestellt:
• durchgängiger Verschluss
• keine Durchstiche oder Risse
M
• keine sichtbaren Beschädigungen und Materialunregelmässigkeiten

Das Falten und Einlegen von Sterilisationsbögen muss auf vorgeschriebener Art (DIN
58953-7, § 6.2) erfolgen. Die Verpackungstechnik wird unterschieden in Diagonal- und
Parallelverpackung.
U
S
T
E
R

Diagonalverpackung
(http://www.klsmartin.com/fileadmin/Inhalte/Downloads_Prospekte/Sterilcontainer/ZT_Suppl_Leitlinie_Internet.
pdf)

216 Sterilisation Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisation

Parallelverpackung
M
U
S
T
( http://www.klsmartin.com/fileadmin/Inhalte/Downloads_Prospekte/Sterilcontainer/ZT_Suppl_Leitlinie_Internet.
pdf)
E
Die Sterilisationsbögen sind aus unterschiedlichen Materialen mit unterschiedlicher Qualität
auf dem Markt erhältlich. Die in der Norm verlangten Mindesteigenschaften werden durch
Datenblätter oder / und Spezifikationen seitens der Hersteller / Lieferanten präzisiert. Sie
enthalten beispielsweise detailliert Informationen zum Einsatzzweck, zur Sterilisationsnei-
R
gung oder Altersbeständigkeit des jeweiligen Produkts.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Sterilisationsverfahren 217
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisationsverfahren

• Beladung der Sterilisationskammer

Folgende Punkte sind zu beachten, um den Sterilisationserfolg nicht nachteilig zu beein-


flussen:
• Container über Container
• Instrumente nach unten, Textilpacks nach oben legen
• Papierseite nach unten (bei Folien)
• nicht überladen, da sich weiche Verpackungen während dem Sterilisationsablauf
aufblähen
• Pakete nicht auf Container legen
M
• Sterilgut darf weder Boden noch Wand berühren
• Pakete flach einlegen

Lagerung Lagerung (DIN 58953, DIN EN 868)

Damit die Sterilität der Medizinprodukte bis zur Anwendung gewährleistet wird, müssen die
U
keimdichten Verpackungen folgendermassen gelagert werden:

• trocken (nicht > 70 % Luftfeuchtigkeit, gut belüftet)


• geschützt vor Verschmutzungen aller Art (Staub, Schmutz, Ungeziefer,…)
S
• dunkel, geschützt vor UV-Strahlung
• geschützt vor Beschädigung
• vor mechanischer Abnutzung geschützt
• ohne grosse Temperaturschwankungen (20 – 25 °C Raumtemperatur)
T
• nicht zusammen mit unsterilen Produkten
• auf glatten, unbeschädigten und desinfizierbaren Ablageflächen
• eine geschützte Lagerung (im geschlossenen Schrank, Schublade) einer unge-
schützten (im Regal) vorziehen
E
• neues Material hinter das ältere einräumen (FIFO-Prinzip: first in – first out)

Die Aufrechterhaltung der Sterilität ist ereignisbezogen. Die zeitliche Lagerfähigkeit lässt
sich durch die Verpackungs- und Lagerungsart sowie des Lagerortes errechnen.
R

218 Sterilisation Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisation

Zur Arbeitshilfe steht ein Punktesystem zur Verfügung:

Beschreibung Punkte Bsp.1 Bsp.2 Eigene Evaluationen

Verpackungsart (Primärverpackung)

Krepp-Papier 20

Fliesstuch 40

Papierbeutel 40

Papier-Folien-Beutel 80 80

Filter-Container 100 100


M
Container mit Fliess 210

Zweite Primärverpackung («doppelt verpackt»)


(Punkte nur anrechenbar, wenn innere Verpackung nicht als steril gelten soll)
Krepp-Papier (zweite Lage) 60

Fliesstuch 80
U
Papierbeutel 80

Papier-Folien-Beutel 100 100

Filter-Container 250
S
Transport- / Schutzverpackung (nach Sterilisation)

PE-Beutel hermetisch verschlossen 400

PE-Beutel nicht hermetisch verschlossen 250


T
Verschlossene Schutzverpackung (Behälter, Karton, etc.) 250

Zwischentotal: (sofern >50, weiterfahren) 180 100


E
Lagerungsart

Pflegewagen 0

offenes Gestell 0 0

geschlossener Schrank / Schublade 100 100


R
Lagerungsort

Korridor / Praxisraum 0 0

Allgemeiner Lagerort (geschützt) 75

Räumlich abgegrenztes Sterillager 250 250

Total aller Punkte 180 450

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Sterilisationsverfahren 219
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisationsverfahren

Lagerungszeiten nach Punktetotal:

1 – 25 Punkte: 24 Stunden
26 – 50 Punkte: 1 Woche
51 – 100 Punkte: 1 Monat
101 – 200 Punkte: 2 Monate
201 – 300 Punkte: 3 Monate
301 – 400 Punkte: 6 Monate
401 – 600 Punkte: 12 Monate
M
601 – 750 Punkte: 24 Monate
> 750 Punkte: 60 Monate

*Hinweis: gekürzte Version der Kadergroep Richlijnen Steriliseren-Richtlijnen 5301 – National Control Laboratory
Bethoven NL, gefunden bei SwissMedic.
U
Aufgabe 9.2.1
Ergänzen Sie die Übersicht der verschiedenen Verpackungsmöglichkeiten.
S
Sterilisationsverpackungen
T
Weichverpackung Hartverpackung
• Folienrollen • Container
E
• Folienbeutel/ Klarsichtbeutel

• Papier

• Vlies
R

220 Sterilisation Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisation

Sterilisationsüberwachung Sterilisationsüberwachung

Übersicht der Vorschriften:

Validierung
Funktionstest Dokumentation &
erneute Leistungs- Prozessüberwachung
des Sterilisators Standardisierung
beurteilung

jährlich bei Betriebsbeginn jede Charge jede Charge


M
Die Geräteprüfung
erfolgt:
• beim Hersteller
• bei der Aufstellung
• bei wesentlichen
Jede Charge muss
Reparaturen
Funktionstests beim Aufzeichnung der durch ausgebildetes
→ IQ und OQ
Anschalten des wesentlichen techni- Personal nach
U
Gerätes schen Parameter bestimmten Kriterien
Die Leistung aller
erfolgen.
Prozesse/Programme
wird anhand einer
«Worst-Case»-Bela-
dung beurteilt.
→ PQ
S
Routineüberwachung

* IQ = Installational Qualification = Abnahmebeurteilung


T
OQ = Operational Qualivication = Funktionsbeurteilung
PQ = Performance Qualification = Leistungsbeurteilung

Routineüberwachung Routineüberwachung
E
Bei der Sterilisation kann der Erfolg des Sterilisationsprozesses nicht durch eine Kontrolle des
Endproduktes (=Sterilgutes) überprüft werden. Würden wir beweisen wollen, dass ein Medi-
zinprodukt keimfrei ist, würden wir unweigerlich dessen Sterilität zerstören und es kann nicht
mehr für aseptische Tätigkeiten verwendet werden. Gemäss Medizinprodukteverordnung
R
(MepV5), Artikel 19, sind Daten der Prozesse sowie Validierungsdaten aufzuzeichnen, sofern
das Endziel sterile Medizinprodukte sind.

Die Überprüfung erfolgt also durch die komplette Überwachung der Parameter, die sich auf
den Sterilisationserfolg auswirken.

Neuere Sterilisatoren besitzen integrierte Drucker, welche die Aufzeichnung von Druck- und
Temperaturverlauf über die Zeit automatisch vornehmen.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Sterilisationsverfahren 221
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisationsverfahren

Routineüberwachung

Gerätekontrolle Sterilisationsprozessüberwachung
M
Sichtkontrolle Kontrolle der Gerä- Indikatoren/
teleistung Dokumentation
U
Gerätekontrolle Gerätekontrolle
Bevor der Autoklav in Betrieb genommen werden darf, muss er auf die einwandfreie Funktion
überprüft werden:
S
Sichtkontrolle Kontrolle der Geräteleistung
• Wird täglich durchgeführt (sofern steri- geprüft wird:
lisiert wird) • die Dichtigkeit der Sterilisationskammer
T
• die Dampfdurchdringung
Überprüft wird:
• Sauberkeit, v. a. in der Kammer
Hilfsmittel:
• Funktion vom Türdichtungssystem und
• Vakuumtest
Türverschluss
• Bowie-Dick-Test resp. Helixtest
E
• Anzeigedisplay des Gerätes auf Betiebs-
bereitschaft (für Geräte, die ein Selbst-
diagnosesystem, welches beim
Einschalten automatisch eine Kontrolle DIN EN ISO 17665-1:
durchführt, besitzen.)
12.1.6: «Wenn das Sterilisationsverfahren
R
darauf angewiesen ist, dass die Luft aus der
Sterilisator-Kammer entfernt wird, […] dann
muss täglich vor der Verwendung des Sterili-
sators eine Prüfung auf Dampfdurchdringung
durchgeführt werden.»

222 Sterilisation Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisation

Sterilisationsprozessüberwachung Sterilisationsprozessüber-
wachung

Der ordnungsgemässe Ablauf eines Sterilisationszyklus muss bei jedem Durchgang überwacht
und dokumentiert werden. Die Parameter:
• Druck
• Temperatur
• Zeit
werden festgehalten und die Dampfdurchdringung überprüft. Jedem Sterilisationszyklus soll
ein Indikator der Klasse 1 und mindestens einer der Klasse 5 oder 6 mitgeführt werden.
M
Letzterer ist verpackt der Beladung beizulegen.

DUm den Sterilisationsprozess von komplexen Instrumenten abzusichern, wurden während


der letzten 10 Jahre so genannte Chargenüberwachungssysteme = CÜS resp. (englisch) Batch
Monitoring System = BMS in den Markt eingeführt.
U
Die heute verwendeten BMS sind in den meisten Fällen jedoch ebenso Typ-Tests wie oben
erklärt. Diese Tests zeigen also nur, dass der Sterilisator entsprechend seinen Spezifikationen
funktioniert, haben aber keine Beziehung zur Beladung. Allerdings stellen sie sicher, dass die
S
möglichen Programmänderungen durch NKG (nicht kondensierbare Gase) während des Tages
festgestellt werden.

Professor Bowie hat bereits im Jahr 1961 gezeigt, dass innerhalb von Sterilisationsprozessen keine
T
homogenen Bedingungen vorliegen und die Ansammlung von nicht kondensierbaren Gasen (NKG) die
Dampfdurchdringung in kritischen Bereichen von porösen Gütern und Hohlkörpern verhindern können.
Die Grenze von biologischen
und chemischen Indikatorstreifen liegt darin, dass sie die Wirksamkeit der Sterilisation nur an der Stelle
überwachen können, an der sie innerhalb der Sterilisatorkammer oder eines Paketes platziert sind.
E
Nicht kondensierbare Gase (NKG)

NKG behindern durch die Bildung von Luftinseln die Sterilisation. Dort wo Luft ist, kommt kein Wasser-
dampf hin, es findet folglich keine Kondensation und somit auch keine Sterilisation statt. Um den
Sterilisationserfolg zu gewährleisten, müssen alle äusseren und inneren Oberflächen des Sterilisiergutes
R
möglich frei von solchen Gasen sein. Die nicht kondensierbaren Gase spielen vor allem bei der Sterilisa-
tion von komplexen Hohlkörperinstrumenten eine grosse Rolle. Diese Instrumente sind erschwert zu
entlüften.

NKG treten auf bei:


• mangelnder Luftentfernung beim fraktionierten Vakuum
• Leckagen
• mangelnden Türdichtungen, Ventilen, Aggregaten
• Einschleppung über Leitungen
• Luft-Eintritt durch Pressluft hinter der Türdichtung

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Sterilisationsverfahren 223
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisationsverfahren

Kontrollmöglichkeiten Kontrollmöglichkeiten

Kontrollen

seitens vom Gerät seitens der Produkte


M

Vakuumtest Bowie-Dick Helix-Test Behand- Chemo- Bio-


lungs-/ Indikator Indikator
U
Prozess-
indikator
S
Gerätekontrolle Gerätekontrolle

Vakuumtest (Prüfung auf Luftleckage)


Dieser Test überprüft die Kammer auf ihre Dichtheit. Die Durchführung findet mit leerer
T
Kammer und stabilisierter Temperatur statt. Die Vakuumpumpe führt die Entlüftung durch
und stellt anschliessend ab. Das Vakuumventil wird geschlossen. Nun wird geprüft, ob der
niedrige Druck eine gewisse Zeit gehalten werden kann. Wäre ein Leck vorhanden, würde Luft
einströmen und der Druck wieder steigen.
E
Bowie-Dick-, Helix-Test
Der Test überwacht die Luftentleerung und die Dampfdurchdringung. Es wird kontrolliert, ob
die gesamte Luft abgesaugt wurde und der Dampf überall eindringen konnte. Er ist demzu-
R
folge ein Funktionstest und kein Test auf Sterilität. Der Test ist zu Beginn eines jeden Tages,
an dem der Sterilisator verwendet wird zu vollziehen. Er wird mit leerer Sterilisationskammer
mit dem Bowie-Dick-Programm (134 °C, 3.5 Minuten) durchgeführt.

224 Sterilisation Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisation

Bowie-Dick (DIN EN 867-3)


Er prüft die Dampfdurchdringung bei poröser Beladung (Tupfer, Gazen,
Kompressen, Tücher, Schläuche) und soliden Instrumenten.
Zur Testung wird ein Einmal-Prüfpacket verwendet. Dieses besteht aus
einem Papierstapel, welchem in der Mittei ein Indikator eingelagert ist.
Der Chemoindikator verfärbt sich beim Kontakt mit Dampf.
M
Helix (DIN EN 867-5)
Er prüft die Dampfdurchdringung bei komplexen Hohlkörpern.
Er besteht aus Prüfkörper und einem Detektor:
Der Prüfkörper besteht aus hintereinander geschalteten Hohlräumen
unter schiedlicher Längen und Volumen. Er simuliert die Entlüftungs-
U
eigenschaften der entsprechenden Instrumente. Um den unterschied-
lichen Hohlkörperinstru menten gerecht zu werden, gibt es verschie-
dene Prüfkörper. Zusätzlich muss dieser schwerer zu entlüften sein, als
die Instrumente.
S
Der Detektor ist ein Chemoindikator, dessen Farbe bei Kontakt mit
Wasserdampf umschlägt. Er befindet sich im verschraubten Prüfkörper
am Ende der geschalteten Hohlräume
T
Es sind Kombinationstests von Bowie-Dick- und Helix-Test im Handel erhältlich.

Chargenüberwachungssystem = CÜS (englisch BMS = Batch Monitoring System)


Das optimale CÜS überprüft die kritischen Parameter (Temperatur, Zeit und Wasser) wie ein Klasse 5 oder
6 Indikator plus zusätzlich die Luftentleerung und Dampfdurchdringung (Validation nach DIN 58921). Mit
E
ihm kann folglich nachgewiesen werden, dass eine Sterilisation an der am schwersten zu sterilisierenden
Stelle stattgefunden hat. In diesem Falle kann allein aus dem Ergebnis des Chargenüberwachungssys-
tems (= erfolgreicher Indikatorumschlag) die Freigabe der Charge erfolgen. Das System wird dazu
ausserhalb der Verpackung positioniert.
Der Prüfkörper muss so konzipiert sein, dass die Dampfdurchdringung schwerer ist als die der Beladung
R
unter Worst-Case-Bedingungen. Zusätzlich wird angenommen, dass der Sterilisationszyklus unter
Worst-Case-Bedingungen abläuft.

Das System ist analog dem Helix-Test aufgebaut. Zusätzlich gibt er über die Sterilisationszeit (z. B. 18
Min. im Prionenprogramm) Auskunft.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Sterilisationsverfahren 225
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisationsverfahren

Produktekontrollen Produktekontrollen

Behandlungs- / Prozessindikator
Der Indikator wird auf jedem zu sterilisierenden Produkt mitgeführt. Er dient zur Unterschei-
dung in bereits sterilisierte und nicht sterilisierte Pakete. Durch ihn wird nachgewiesen, dass
das Sterilgut mit Hitze behandelt wurde. Es kann keine Aussage über die Sterilität gemacht
werden, da die Farbe bereits durch geringe Wärmeeinwirkung umschlägt.

Chemoindikator
M
Diese Indikatoren prüfen je nach Aufbau einen oder mehrere Sterilisationsparameter, nicht
aber die nicht kondensierbaren Gase in der Kammer.

Bioindikatoren
Die Überwachung mittels Bioindikatoren muss mindestens halbjährlich oder nach 400 Steri-
U
lisationsdurchgängen erfolgen.

Zur mikrobiologischen Prüfung werden bestimmte Zubereitungen mit Mikroorganismen


eingesetzt. Werden diese Testkeime durch das Sterilisationsverfahren abgetötet, kann davon
ausgegangen werden, dass der Prozess wirksam war. Die nicht kondensierbaren Gase in der
S
Sterilisationskammer werden nicht überprüft. Der Indikator kann in verschiedenen Formen
angeboten werden (z. B.  Sporenpäckchen, Sporenstreifen). Da die Bioindikatoren durch die
Dampfsterilisation innert kürzester Zeit abgetötet werden, können sie nicht zur Gewährleis-
tung der Haltezeit eingesetzt werden. Sie werden ergänzend zu den anderen Testmethoden
T
angewandt.

Zur Durchführung wird der Sterilisator mit dem Sterilisiergut beladen und dazwischen die
Indikatoren positioniert. Nach Programmablauf muss der Bioindikator zuerst inkubiert
E
werden. Die Inkubation kann im Betrieb direkt oder aber auch extern erfolgen. Dies hat zur
Folge, dass keine sofortigen Informationen über den Sterilisationserfolg vorliegen.

Klassifizierung der Indikatoren (EN 11140-1)


R
Die Norm unterteilt die Indikatoren numerisch von 1 – 6. Die Indikatorenstufe lässt keine
Rückschlüsse auf die Qualität des Indikators zu. Das heisst, ein Indikator der Klasse 5 ist
nicht besser wie einer der Klasse 1. Die Klassifizierung erfolgt auf Grund des Verwendungs-
zweckes des Indikators.

Indikatoren lassen sich grundsätzlich in zwei Kategorien unterteilen.

226 Sterilisation Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisation

• Indikatorenstreifen: ein Indikator-Reagens ist auf einem Träger platziert: Indikatorenstreifen


M
• Prüfkörper (=PCD) & Indikatorsystem/ Detektor = Klasse 2 - Indikator
U
S
T
→ Klasse 1 – Prozess-/Behandlungsindikatoren

Der Indikator wird auf der Oberfläche der Packung aufgebracht. Jede Verpackung muss mit
einem Indikator versehen sein. Durch ihn wird ersichtlich, ob das Sterilgut einen Sterilisati-
E
onsprozess durchlaufen hat oder nicht. Er hat eine rein logistische Funktion (Unterscheidung
in behandeltes und nicht behandeltes Gut) und gibt keine Informationen über die Sterilität.

Der Indikator wird in unterschiedlichen Formen angeboten: Aufdrucke auf Verpackungsmate-


R
rial, selbstklebende Etiketten, etc.

Die Behandlung mit Wärme erzeugt eine sichtbare Veränderung des Indikators: von hell auf
dunkel oder ein Farbumschlag von zwei deutlich unterschiedlichen Farben. In die Verpackung
integrierte Indikatoren dürfen diese nicht nachteilig beeinflussen.

➡ Klasse 2 – Indikatoren für spezielle Prüfungen

Die Indikatoren weisen nach, dass keine nicht kondensierbare Gase vorhanden sind. Durch sie
wird die Penetrationseigenschaft von Dampf in die schwierigsten internen Lumen gewähr-
leistet. Sie bestehen aus einem Prüfkörper (PCD) und einem darin platzierten Indikator-

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Sterilisationsverfahren 227
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisationsverfahren

system. Durch sie werden die Temperatur, die Zeit und das flüssige Wasser (kritische Para-
meter) sowie das Vorhandensein vom flüssigen Wasser an allen Sterilisationsflächen geprüft.
Die Anforderungen an die Indikatoren werden nicht in der Norm EN 11140-1 geregelt. Die
gebräuchlichsten Testsysteme sind:
• der Bowie-Dick-Test (DIN EN 867-3)
• der Hohlkörper-Helix-Test (DIN EN 867-5) und das
• Chargenüberwachungssystem.
• Für die Testung auf Sporen ist ein Bioindikator-PCD erhältlich.

➡ Klasse 3 – Indikatoren zur Überwachung eines kritischen Parameters


M
Dieser Indikator kommt selten zum Einsatz. Er überwacht lediglich einen einzelnen Parameter
während dem Sterilisationsprozess.

➡ Klasse 4 – Indikatoren zur Überwachung mehrere kritischer Parameter


Es werden mehrere Parameter überwacht, aber nicht alle. Er wird selten eingesetzt.
U
➡ Klasse 5 – integrierende Indikatoren
Der Indikator überwacht sämtliche Sterilisationsparameter. Sie sollten so konzipiert sein,
dass sie als Bioindikatoren eingesetzt werden können.
Werden nur solide (massive, feste) und/ oder poröse Medizinprodukte Kritisch A sterilisiert,
S
kann ein Indikator der Klasse 5 oder 6 im Sterilisiermedium mitgeführt werden. Wird ein
Chargenüberwachungssystem (Indikator Kl. 2) mitgeführt, sind die Indikatoren im Paket
hinfällig.
T
➡ Klasse 6 – emulierende Indikatoren
Hier werden alle kritischen Parameter überwacht. Zusätzlich gehen die Anforderungen
betreffend Umschlagverhalten über jene der Bioindikatoren hinaus.
E
Kritische Parameter
Die Norm besagt im Punkt 5.2, dass im Dampfsterilisationsprozess die Zeit, Temperatur und das Wasser
zu den kritischen Parametern gehören. Die nicht kondensierbare Gase (NKG) werden dabei nicht berück-
R
sichtigt. Früher wurde davon ausgegangen, dass während dem Sterilisationsprozess in der gesamten
Kammer homogene Bedingungen herrschen, was den Einsatz von Indikatoren der Klasse 5 und 6 zur
Sterilitätsgewährleistung rechtfertigte. Diese Annahme muss revidiert werden, da durch die NKG inho-
mogene Verhältnisse herrschen. Die Klasse 5 und 6 – Indikatoren können die Sterilität nur an der Stelle,
an der sie platziert wurden nachweisen: sie können innerhalb eines Sterilpaketes lediglich die Dampfpe-
netration auf die Instrumenten- und Hohlkörperoberfläche überprüfen, nicht aber die Dampfdurchdrin-
gung in das Instrumenteninnere.

228 Sterilisation Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisation

Empfehlung zu notwendigen Kontrollen nach Swiss Medic Empfehlung zu


notwendigen Kontrollen
Art Was? Wie? Wann? Dokumente Bemerkungen nach Swiss Medic
Maschinen- Betriebsbe- Sichtkontrolle (Sauberkeit, täglich bei kein Eintrag
kontrolle reitschaft Türsystem, Anzeigeeinheit, Arbeitsbe- nötig
etc.) ginn (Arbeits-
anweisung)
Leckagetest Leere Kammer, gemäss wöchentlich Sterilisati- Eintrag mit
(Vakuumtest) Hersteller a)
onsprotokoll Ergebnis und
(falls Zyklus Visum
vorhanden)
Dampfdurch- B&D-Prüfpaket, Programm bei Sterilisati- Eintrag mit
M
dringungstest gemäss Hersteller regelmäs­ onsprotokoll Ergebnis und
(falls Zyklus siger Sterili- Visum
vorhanden) b) sation von
porösen
oder Gütern
täglich
Helixtest, Programm
gemäss Hersteller täglich
U
Behand- Prozessindi- Auf jeder Verpackung jede Charge, kein Eintrag
lungs- katoren anbringen, sofern nicht jede Verpa- nötig
kontrolle schon aufgedruckt ckung (Arbeits-
anweisung)
Kennzeich- Sterilisationsdatum und jede Charge, kein Eintrag
nung Chargennummer (falls jede Verpa- nötig
S
schon bekannt) sowie ckung (Arbeits-
Packungsinhalt (sofern anweisung)
nicht ersichtlich) auf
Verpackung anbringen
Verpackungs- Siegelnähte auf durch- jede Charge, kein Eintrag
kontrolle gehende Siegelung prüfen, jede Verpa- nötig
T
Container und Trays auf ckung (Arbeits-
sauberen Verschluss prüfen anweisung)
Chargen- Chargenfrei- Ein chemischer Indikator jede Charge Sterilisati- Eintrag mit
überwa- gabe der Klasse 5 oder 6 onsprotokoll Ergebnis und
chung verpackt zu der Charge Visum
geben, bei Hohlkörpern mit
E
Vorteil Prozessprüfkörper
(PCD) verwenden b)
Prozess- Prozessausdruck auf Sofort nach Ausdruck Eintrag mit
ausdruck Korrektheit der Prozess- Program- visiert Ergebnis und
werte kontrollieren, mende ablegen in Visum
visieren Ringordner,
R
Sterilisati-
onsprotokoll
Verpackungen Verpackungen auf Unver- Sofort nach Sterilisati- Eintrag mit
sehrtheit prüfen, Behand- Program- onsprotokoll Ergebnis und
lungsindikatoren auf mende Visum
Umschlag prüfen
Sterilgut- Freigabe zur Verpackungen auf Unver- Immer vor Nachtrag Eintrag mit
kontrolle Anwendung sehrtheit prüfen, Ablauf- Anwendung Sterilisa- Ergebnis und
datum beachten tions- proto- Visum, falls
koll falls Nachtrag
nötig

a) mindestens dreimal monatlich (CEN ISO TS 17665-2:2009, Tab. A3)


b) Kombination mittels Chargenüberwachungssystems (BMS, Batch Monitoring System)
möglich

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Sterilisationsverfahren 229
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisationsverfahren

Chargendokumentation Chargendokumentation
Zur Rückverfolgung des Sterilisationsverfahrens wird ein Tagesprotokoll erstellt. Dies bestä-
tigt einen vollständigen und korrekten Prozessablauf der freigegebenen Charge. Die Unter-
lagen sind mindestens bis 10 Jahre nach dem Verwenden des Produktes aufzubewahren.

Beispiel Tagesprotokoll Sterilisation


M
U
S
T
E
R

Dokument verfügbar unter http://www.swissmedic.ch/md.asp, Rubrik Berufliche Anwender und Spitäler)

230 Sterilisation Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Sterilisation

Wartung des Sterilisators Wartung des Sterilisators

Zur fachgerechten Wartung müssen die Herstellerangaben des jeweiligen Gerätes beachtet
werden. Die Arbeiten, Mängel und Störungen sowie entsprechende Behebungsmassnahmen
müssen protokolliert werden.

Grundsätzlich gilt:
• Die Reinigung soll in regelmässigen Abständen, je nach Gebrauch, erfolgen.
• Der Aussenbereich und die Kammer müssen gereinigt werden, inkl. Kammereinsätze,
Haltesysteme, Einsatzgestelle u. ä.
M
• Der Wassertank muss regelmässige kontroliert und gereinigt werden.
• Der Filter für die Zufuhr der Trocknungsluft muss in regemässigen Abständen
ausgetauscht werden.
• Türdichtung auf Verschmutzung prüfen und gegebenenfalls reinigen
• Türdichtung regelmässig auswechseln
U
• Der Hersteller/Vertreiber soll eine periodische Wartung und Sicherheitsprüfung
sowie die Kalibrierung und Justierung der Messinstrumente vornehmen.
S
T
E
R

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Sterilisationsverfahren 231
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

M Sterilisationsverfahren

U
S
T
E
R

232 Umweltschutz und Entsorgung Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Umweltschutz und Entsorgung

10 Umweltschutz und
Entsorgung
M
10.1 Umweltprobleme / Umweltverschmutzung Umweltprobleme /
Umweltverschmutzung
Umweltprobleme werden verursacht, indem Menschen Veränderungen in der natürlichen
Umwelt (Ökosystem) hervorrufen. Ursachen sind:
U
• Nutzung natürlicher Ressourcen
• Besiedlung neuer Gebiete
• Nutzung neuer Technologien führen zu Nebenprodukten
S
Zusammengefasst kann gesagt werden, dass Umweltprobleme / Umweltverschmutzungen als
Nebenprodukt des Modernisierungsprozesses entstehen.

Probleme des heutigen Ökosystems


T
E
R

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Umweltprobleme / Umweltverschmutzung 233
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Abfälle

Die Verschmutzung des natürlichen Lebensumfeldes des Menschen wird als Umweltverschmut-
zung bezeichnet. Belastet wird die Umwelt hauptsächlich durch Abfälle / Emissionen wie
Abgase, Abwässer, Müll, giftige Schadstoffe aber auch Strahlung oder Lärm.

Abfälle fallen überwiegend bei der Produktion, beim Konsum und nach Abschluss der Nutzung
von Gütern an. Um die Umweltbelastung zu verringern muss ausser der Entsorgung auch ein
Augenmerk auf folgende Punkte gelegt werden:

• Produktion mit weniger Rohstoffen


M
• Produktion mit geringeren Abfallmengen
• schonender Umgang mit Rohstoffen
• den eigenen Konsum, hinsichtlich der Möglichkeit zur Vermeidung, Verminderung
und Verwertung, überdenken.
• Produkte nach Möglichkeit solange Nutzen, wie es geht.
U
Abfälle 10.2 Abfälle
S
T
E
R

Nach einem gewissen Zeitraum wird jedes Gebrauchsprodukt ausrangiert und es wird zum
Abfallprodukt. In der Schweiz herrscht ein hoher Entsorgungsstandard und es stehen gesetz-
liche Bestimmungen sowie eine adäquate (entsprechende) Infrastruktur zu Verfügung.

Ziel ist es, die Umwelt möglichst wenig zu belasten aber auch den Umgang mit Abfällen
sicher zu gestalten.

234 Umweltschutz und Entsorgung Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Umweltschutz und Entsorgung

Rechtliche Grundlagen
Folgende Dokumente bieten Hilfe im Umgang mit Abfällen:

Gesetze Gesetze

• Umweltschutzgesetz (USG)
• Gewässerschutzgesetz (GSchG)

Für die Handhabung der Abfälle ist grundsätzlich der Bund zuständig. Der Vollzug wird jedoch
M
durch die Kantone geregelt. Sie können an die nationale Gesetzgebung eigene Anschlussge-
setze festlegen. Die Kantone wiederum dürfen gewisse Aufgaben auf die einzelnen Gemeinden
übertragen. Somit können kantonale Abweichungen im Umgang mit Abfällen entstehen.

Verordnungen
U
• Technische Verordnung über Abfälle (TVA)
• Verordnung über den Verkehr mit Abfällen (VeVA)
• Verordnung des UVEK über Listen zum Verkehr mit Abfällen (LVA)
• Verordnung über Getränkeverpackungen (VGV)
S
• Verordnung über die Höhe der vorgezogenen Entsorgungsgebühr für Getränkever-
packungen aus Glas
• Verordnung über die Höhe der vorgezogenen Entsorgungsgebühr für Batterien
und Akkumulatoren
T
• Verordnung über die Rückgabe, die Rücknahme und die Entsorgung elektrischer
und elektronischer Geräte (VREG)
• Chemikalien-Risikoreduktions-Verordnung (ChemRRV)
• Luftreinhalte-Verordnung (LRV)
E
• Gewässerschutzverordnung (GSchV)
• Verordnung über die Entsorgung von tierischen Nebenprodukten (VTNP)

Ferner erlässt das Bundesamt für Umwelt (BAFU) Richtlinien in Bezug auf Zwischenlage-
R
rung, Transport und Entsorgung von Abfällen.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Abfälle 235
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Abfälle

Entsorgungsverfahren von Entsorgungsverfahren


Normen

Recycling
Recycling beschreibt die Rückführung von Abfallstoffen in den Produktionskreislauf. Dadurch
wird die Abfallmenge vermindert und rare Rohstoffe können geschont werden.

Voraussetzung für eine erfolgreiche Rückgewinnung ist die einfache Abtrennbarkeit der
Abfallbestandteile und eine getrennte Sammlung.
M
Abfälle aus dem häuslichen Alltag, welche sich zur Rückführung eignen:
U
S
T
E

Abfallstoffe können auf drei verschiedene Arten zurück in den Kreislauf fliessen:
R
1. Wiederverwendung: Ein Rückstand wird für den ursprünglichen
Verwendungszweck wieder eingesetzt
(Mehrwegflaschen).

2. Weiterverwendung: Der Rückstand wird für einen anderen Zweck


eingesetzt. (Aus Altreifen wird ein Granulat zur
Produktion von Bodenbelägen hergestellt.)

3. Weiterverwertung: Sekundärstoffe werden zum Wiedereinsatz in den


ursprünglichen Produktionsprozess hergestellt.
(Altglas zur Herstellung von Behälterglas)

236 Umweltschutz und Entsorgung Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Umweltschutz und Entsorgung

Verbrennung
Abfälle, welche nicht recycelt werden können und brennbar sind werden in Kehrichtverbren-
nungsanlagen oder Verbrennungsanlagen für Sonderabfälle thermisch verwertet. Die dabei
entstandene Wärme erzeugt Strom und dient zur Beheizung von Gebäuden.

Biologische oder chemisch-physikalische Behandlung


Durch diese beiden Massnahmen werden entweder Schadstoffe aus den Abfällen eliminiert
oder eine sichere Ablagerung wird ermöglicht. Ein Beispiel hierzu ist die Wasseraufbereitung:
Das «verschmutzte» Wasser wird durch Filtration oder auch mit Hilfe von Mikroorganismen
M
soweit von Schadstoffen befreit, dass es in die Kanalisation eingeleitet werden kann. Die
extrahierten Schadstoffe werden je nach Zusammensetzung entweder verbrannt oder depo-
niert.

Deponie
Abfälle, die durch keine der drei im Voraus erwähnten Methoden verwertet werden können
U
sowie Rückstände aus der Verbrennung werden auf unterschiedlichen Deponien gelagert. Je
nach Schadstoffgehalt der nicht-verwertbaren Abfälle besteht eine Vorbehandlung-Pflicht.

Entsorgung
S
Gemäss Umweltschutzgesetz beinhaltet die Entsorgung von Abfällen deren:
• Verwertung resp. Deponierung
• Sammlung
• Beförderung
T
• Zwischenlagerung
• Behandlung

Je nach Eigenschaft des Abfalles muss dieser unterschiedlich entsorgt werden. Dazu sind die
E
jeweiligen kantonalen Richtlinien zu befolgen.
R

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Abfälle 237
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Entsorgung von Abfällen aus medizinischen Einrichtungen

Entsorgung von Abfällen 10.3 Entsorgung von Abfällen aus medizinischen Einrich-
aus medizinischen
Einrichtungen tungen
Die Erstellung eines konkreten Abfallkonzeptes erleichtert den sachgemässen Umgang mit
Abfällen. Das Konzept muss Bestandteil vom Hygieneplan sein.

Übersicht der anfallenden Abfälle:


M
U
S
T
E
Besondere Bedeutung kommt den medizinischen Sonderabfällen zu. Für sie gelten spezielle
Entsorgungsmassnamen.

Kehricht ist ein handlicher, brennbarer Siedlungsabfall, der gesammelt und verbrannt wird.
R
Es besteht keine Möglichkeit zur Verwertung. Er muss nicht separat entsorgt werden. Darunter
fallen zum Beispiel Tetrapackungen oder Papierschnitzel (Arztgeheimnis beachten!)

Recycling-Abfälle sind verwertbare Abfälle, welche nicht der Kehrichtsammlung zu über-


geben sind. Sie werden getrennt gesammelt und entsprechend weiterverwertet. Papier, Glas,
Aluminium, Eisen, Styropor oder PET fallen unter diese Gruppe.

238 Umweltschutz und Entsorgung Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Umweltschutz und Entsorgung

Medizinische Abfälle Medizinische Abfälle

Definition
Medizinische Abfälle entstehen bei spezifischen, gesundheitsdienstlichen Tätigkeiten im
Gesundheitswesen. Dazu gehören Untersuchungen, Vorsorge, Pflege, Behandlung, Therapie
sowie Diagnostik und Forschung.

Unproblematische Abfälle
Von ihnen geht keine Sicherheits- oder Umweltgefährdung aus. Es sind keine speziellen
M
Massnahmen notwendig.

Medizinische Sonderabfälle Medizinische


Abfälle aus der Medizin müssen hinsichtlich der Ökologie, Hygiene und Sicherheit entsorgt Sonderabfälle

werden. Daraus folgt eine Unterscheidung in drei Gefahrenkategorien:


U
1. Verletzungsgefahr durch scharfe / spitze Gegenstände (Skalpell, Injektionskanülen
etc.)
2. Kontaminationsgefahr durch Abfälle, welche mit Blut, Sekreten oder Exkreten verunrei-
nigt sind.
S
3. Umwelt- und Gesundheitsgefährdung durch infektiöse Abfälle oder Arzneiwirkstoffe

Abfälle, welche diesen Kriterien zuzuordnen sind, gehören zu den Sonderabfällen und werden
separat gesammelt und unter speziellen Bedingungen entsorgt sowie verwertet.
T
Sie dürfen nur an Entsorgungsunternehmen mit einer kantonalen Bewilligung zur Verwertung
übergeben werden. Jeder Abgabebetrieb erhält hierzu eine Betriebsnummer. Dadurch wird
eine sichere und umweltfreundliche Entsorgung gewährleistet. Die «Verordnung über den
E
Verkehr mit Abfällen» (VeVA) regelt die Übergabeverfahren.

Die Finanzierung wird nach dem Verursacherprinzip geregelt.

→ VeVA: Sie schreibt den Abgabebetrieben vor, bei der Übergabe von Sonderabfällen diese
R
mit dem entsprechenden Abfallcode zu versehen sowie mit der Betriebsnummer und den
Begleitscheine beizulegen.

→ Abfallverzeichnis: Ihm wird der jeweilige Abfallcode zur Verwertung entnommen. Das
Verzeichnis gliedert sich nach der Herkunft der Abfälle und besteht aus 20 Kapiteln. Jeder
darin enthaltenen Abfallart wird ein sechsstelliger Code zugeordnet. Im Weiteren werden
die Abfälle klassifiziert:
«S» steht dabei für Sonderabfälle.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Entsorgung von Abfällen aus medizinischen Einrichtungen 239
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Entsorgung von Abfällen aus medizinischen Einrichtungen

Kapitel aus der «Verordnung des UVEK über


Listen zum Verkehr mit Abfällen» Auszug möglicher Abfälle aus der Medizin
M
U
S
T
→ Betriebsnummer: Den Abgabebetrieben von Sonderabfällen wird von der Fachstelle des
E
zuständigen Kantons eine Betriebsnummer zur Identifikation zugeteilt. Die Vergabe der
Nummer ist kostenlos und kann vorzugsweise per E-Mail / Fax bezogen werden. Die
Betriebsnummern von Abgabebetrieben aber auch Entsorgungsunternehmen sind öffent-
lich unter veva-online.ch abrufbar. Ebenfalls ist dort das Abfallverzeichnis aufgeschaltet
R
und es lassen sich elektronische Begleitscheine erstellen.

240 Umweltschutz und Entsorgung Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Umweltschutz und Entsorgung

→ Betriebsnummer, den Abgabebetrieben von Sonderabfällen wird von der Fachstelle


des zuständigen Kantons eine Betriebsnummer zur Identifikation zugeteilt. Die Vergabe
der Nummer ist kostenlos und kann vorzugsweise per E-Mail/Fax bezogen werden. Die
Betriebsnummern von Abgabebetrieben aber auch Entsorgungsunternehmen sind
öffentlich unter veva-online.ch abrufbar. Ebenfalls ist dort das Abfallverzeichnis aufge-
schaltet und es lassen sich elektronische Begleitscheine erstellen.
Aufgabe 10.3.1
Suchen Sie auf der Internet-Seite www.veva-online.ch die Betriebsnummer Ihres Unterneh-
mens.
Aufgabe
Suchen Sie auf der Internet-Seite www.veva-online.ch die Betriebsnummer Ihres
Unternehmens.

Lösung:

Öffnen der Startseite

Betrieb suchen
M
U
Betriebsnummer
S
über den Button
«Anzeigen» gelangt
man zur
Detailanzeige der
Betriebsadresse. Sie
T
enthält die Betriebs-
daten und bei Ent-
sorgungsunterneh-
men die aktuell be-
willigten Abfallcodes/
Entsorgungsver-
fahren.
E
→ Begleitscheine: Sie enthalten genaue Angaben über Abfall, Abgeber, Transporteur und
Entsorger. Je nach Art und Menge des Abfalles stehen verschiedene Begleitscheine zur
R
Verfügung. Siehe unter www.bafu.ch/veva-inland

Ausnahmeregelung: Sonderabfallmengen bis 50 kg pro Abfallcode und Lieferung dürfen


ohne VeVA-Begleitschein abgegeben werden. Der Abfall wird unter Angabe der VeVA-
Betriebsnummer dem Entsorgungsunternehmen übergeben, welches dem Abgeber eine Quit-
tung (Übergabebeleg) ausstellt. Die Begleitscheine als auch die Übergabebelege sind fünf
Jahre aufzubewahren.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Entsorgung von Abfällen aus medizinischen Einrichtungen 241
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Entsorgung von Abfällen aus medizinischen Einrichtungen

Gruppierung der Abfälle aus dem Gesundheitswesen

Abfälle im Abfälle im Gesundheitswesen


Gesundheitswesen
Gruppe Abfallbeschreibung

A unproblematische medizinische Abfälle, die mit dem


Kehricht zu vergleichen sind

medizinische Sonderabfälle
M
B1 Abfälle mit Kontaminationsgefahr

B1.1 • Abfälle von Körperteilen, Organen und Gewebe mit Konta-


minationsgefahr (Pathologieabfälle)

Medizinische Abfälle
B1.2 • Abfälle mit Blut, Exkreten und Sekreten mit Kontaminati-
U
onsgefahr

B2 Abfälle mit Verletzungsgefahr (spitze und scharfe Gegen-


stände = Sharps

B3 Altmedikamente
S
B4 Zytostatika-Abfälle (Altmedikamente, Materialien aus Anwen-
dung, Herstellung und Zubereitung)

C
T
Infektiöse Abfälle

D andere Sonderabfälle, die nicht nur in Gesundheitseinrich-


tungen anfallen können!
E
Infektiöse Abfälle mit Verletzungsgefahr fallen unter die Gruppe C!
R
A unproblematische medizinische Abfälle

Diese Abfälle gleichen in der Zusammensetzung dem Kehricht. Von ihnen geht kein
erhöhtes Risiko aus. Die Entsorgung erfolgt im Doppelsacksystem via Kehrrichtabfuhr.

242 Umweltschutz und Entsorgung Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Umweltschutz und Entsorgung

Aufgabe 10.3.2
Was sind unproblematische Abfälle?
Schreibe Sie Ihre Antwort in den Abfallsack.

leere Spritzen (ohne Kanülen!)


M
Kompressen

Einweghandschuhe

normalverschmutztes Verbandsmaterial

Hygieneartikel (Windeln, Binden, Inkontinenz-


U
einlagen, Papiertaschentücher, Wattestäbchen)

entleerte Einwegbehältnisse (Urinbecher)

Tupfer
S
Heftpflaster

leere Medikamentenbehältnisse
T
(kleinste) Hautabschnitte aus Arztpraxen

Gipsverbände

Infusionsbesteck ohne Dorn


E
Mundschutz

Medikamente, welche im Nicht-Fachhandel

bezogen werden können (Medizinaltee, Vitamin-


R
tabletten, Magensiumtabletten, usw.)

Einzelne Körperflüssigkeiten wie, Blut, Urin oder Eiter, in einfach zu entleerenden Behältern
können direkt über den Ausguss entsorgt werden. Anschliessend wird mit ausreichend Wasser
nachgespült und die Ausgusseinrichtung gegebenenfalls desinfiziert.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Entsorgung von Abfällen aus medizinischen Einrichtungen 243
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Entsorgung von Abfällen aus medizinischen Einrichtungen

Medizinische Medizinische Sonderabfälle


Sonderabfälle

Aufgabe 10.3.3
a) Laden Sie im Internet auf www.bafu.admin.ch das Dokument «Entsorgung vom medizini-
schen Abfällen» herunter und vervollständigen Sie die sechs folgenden Tabellen.

B1.1 Abfälle von Körperteilen, Organen und Gewebe mit Kontaminationsgefahr


(Pathologieabfälle)
M
Es handelt sich um nicht infektiöse Teile von menschlichen Körper-, Organ- und Gewebe-
teilen, wie:

Beispiele Entsorgung
U
Gewebeabfälle Am Entstehungsgort sofort in geeignete,
dichte Behälter sammeln. Bei längerer
Plazenten
Zwischenlagerung gekühlt lagern.
S
Die Verbrennung erfolgt in geeigneter
Humane Teile wie:
Abfallverbrennungsanlage. Ausnahmen
- Körperteile sind:

- Amputate humane Körperteile


T
- entfernte Organe Plazenten.

- Föten
Diese werden aus ethischen Gründen in
Krematorien verbrannt.
E
R

244 Umweltschutz und Entsorgung Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Umweltschutz und Entsorgung

B1.2 Abfälle mit Blut, Exkreten und Sekreten mit Kontaminationsgefahr

Unter diese Kategorie fallen Abfälle, welche stark oder ekelerregend mit Blut, Exkreten oder
Sekreten verunreinigt sind. Es muss angenommen werden, dass diese Abfälle potentiell mit
pathogenen Erregern kontaminiert sind.

Beispiele Entsorgung

nicht entleerte / nicht entleerbarer Sammlung in flüssigkeitsdichten Behäl-


M
Urin- und Bluttransfusionsbeutel tern, an einem nur für Fachpersonal

verfallene Blutpräparate zugänglichem Ort

Blutproben
U
Abszessdrainagen gefüllte Behälter sind nicht wieder zu

Dialysefilter öffnen

Cell-Saver-Systems
S
gefüllte Redonflaschen Entsorgung via geeigneter Verbren-

stark verblutete Verbände nungsanlage


T
E
R

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Entsorgung von Abfällen aus medizinischen Einrichtungen 245
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Entsorgung von Abfällen aus medizinischen Einrichtungen

B2 Abfälle mit Verletzungsgefahr («Sharps)

Sharps sind Gegenstände, welche in einem engen Zusammenhang mit gesundheitsdienstli-


chen Tätigkeiten stehen und von denen auf dem gesamten Entsorgungsweg eine Verletzungs-
gefahr ausgeht.

Beispiele Entsorgung

Nadeln Sammlung in Behältern mit folgenden


M
Anforderungen:
Kanülen
sie sind überprüft
Einsteckdorne
sie sind stichfest
Brechampullen
sie sind flüssigkeitsundurchlässig
Kapillaren
U
sie sind nach Verschluss nicht mehr zu
Pasteurpipetten
öffnen
Skalpellklingen

Lanzetten Die Sammelbehälter werden klar erkennbar


S
beschriftet und an einem nur für Fachper-
Glasröhrchen (ohne Inhalt!)
sonal zugänglichem Ort zwischengelagert.
Objektträger Die Verwertung erfolgt in Verbrennungsan-
lagen.
T
E
Vollständig entleerte Stechampullen könnten grundsätzlich der Glassammlung übergeben
werden!
R
Absolut ungeeignet und nicht vorschriftgemäss sind zur Sammlung von Sharps in Altge-
binde wie Kanister oder Infusionsflaschen sowie Glasbehälter.

246 Umweltschutz und Entsorgung Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Umweltschutz und Entsorgung

B3 Altmedikamente

Arzneimittel werden zu Altmedikamenten wenn:

• die Aufbrauchsfrist (Verfalldatum) abgelaufen ist


• der Inhaber sich der Medikamente entledigen will
• aus sonstigen Gründen ihre Anwendung entfällt (Rückruf, etc.)

Beispiele Entsorgung
M
Medikamentenprodukte, welche nur über Sammlung in geeigneten Behältern mit
Zwischenlagerung an einem für nur Fach-
den Fachhandel (Apotheke, Praxen, Phar-
personal zugänglichem Ort.
maindustrie) erhältlich sind.
U
Die Entsorgung erfolgt in einer Verbren-
Medikamentenbehälter, welche noch
nungsanlage.
Medikamentenreste enthalten oder mit
Altmedikamente dürfen auf keinen Fall
diesen kontaminiert sind.
über die Kanalisation (Toilette, Spülbe-
S
Altmedikamente mit unbekannten oder cken) entsorgt werden!

gefährlichen Inhaltsstoffen aus der

Homöopathie und der Alternativmedizin.


T
E
Betäubungsmittel:
Für verfallene, nicht mehr verwendete oder von Patienten zurückgebrachte Betäubungs-
mittel gelten verschärfte Vorschriften gemäss dem Betäubungsmittelgesetz. Die kantonalen
R
Heilmittelkontrollen vollziehen die gesetzlichen Vorgaben im Bereich der Betäubungsmittel,
die der Bund den Kantonen übertragen hat.

Abgelaufene oder nicht mehr benötigte Betäubungsmittel müssen mit einem Lieferschein,
auf dem alle Artikel und genauen Mengen notiert sind, dem Lieferanten oder der Dienststelle
Gesundheit und Sport per Einschreiben zugestellt werden.

Der Abgeber (die Arztpraxis) muss die Herkunft der Betäubungsmittel (verfallene Lagerware,
Retoure Patient etc.) belegen können. Solange die Ware beim Abgeber an Lager ist, muss sie
auch im Bestand (Betäubungsmittel-Journal) geführt werden.

Entsprechende Dokumente fallen in die Aufbewahrungsfrist von zehn Jahren.

Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder Entsorgung von Abfällen aus medizinischen Einrichtungen 247
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Entsorgung von Abfällen aus medizinischen Einrichtungen

Aufgabe 10.3.4
Suchen Sie im Internet nach dem entsprechenden Lieferschein «für Betäubungsmittel-
Retouren resp. -Entsorgung» Ihres Wohnkantons.
Drucken Sie diesen aus und ordnen Sie den Ausdruck an dieser Stelle ein.

B4 Zytostatika-Abfälle

Diese Abfälle entstehen:


M
• bei der Anwendung, Herstellung und Zubereitung von Zytostatika
• bei der Behandlung von Patienten mit zytostatisch wirkenden Medikamenten
• bei «Putzarbeiten» nach einem Ereignis, Materialien wurden mit geringer oder
grossen Mengen Zytostatika kontaminiert.

Welche Substanzen zu den Zytostatika gezählt werden, kann in spezifischen Listen nachge-
U
schlagen werden. (vgl. Arzneimittelkompendium Schweiz)

Die Sammlung erfolgt in festen, nach der Verfüllung nicht mehr zu öffnenden Behältern. Die
Behälter sind deutlich zu kennzeichnen. Die Endentsorgung wird in der Verbrennungsanlage
S
oder über eine Entsorgungsfirma vollstreckt.

C Infektiöse Abfälle
T
In diese Gruppe werden Abfälle eingeordnet, von denen eine Gefahr der Weiterverbreitung
von Infektionserregern ausgeht. Darunter fallen: Körperflüssigkeiten, Exkrete und Sekrete
sowie Abfälle welche erheblich damit kontaminiert sind.
E
R

248 Umweltschutz und Entsorgung Hygiene, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz - Verlag Bieri & Weder
Corinne Noth und Meggy Bieri 2015
Lehrkraftausgabe

Umweltschutz und Entsorgung

Aufgabe 10.3.5
Welche «infektiösen Abfälle» kennen Sie aus Ihrer Lehrpraxis?
Schreiben Sie die Beispiele in die nachfolgende Tabelle.

Beispiele Entsorgung

mit Prionen infizierte Abfälle (auch Zwischenlagerung in keimdichten


UN-geprüften Behältern, welche gekenn-
nach Vorbehandlung durch Sterilisation,
M
zeichnet sind. Die Behälter werden unter
etc. ) Verschluss an einem kühlen Ort gelagert
bis die Entsorgung in der Verbrennungsan-
Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit bei klas-
lage erfolgt.
sischer Prionenerkrankung
U
Sputum inkl. Auffangbehälter bei Tuber-

kulose

Wundsekret und Wundverband bei Milz-


S
brand

Stuhl in Windeln / Inkontinenzeinlagen

bei