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MITTHEILUNGEN

DES K A I S E R L I C H DEUTSCHEN

ARCHAIOLOGISCBEN INSTITUTS
ATHENISCHE ABTHEILUNG

ELFTER BAND VIERTES HEFT


MIT "VIER T A F E L N ZWEI BEILAGEN UND ELF
ABBILDUNGEN IM TEXT

ATHEN
VERLAG VON KARL WILBERG

1887
BEILAGE A. ZU M I T T H . D . A R C H . INST. XI. S. 337

[ W E S T E N ]
k__ ZI. 3h >

DER ALTE ATHENA - TEMPEL

AUF DER AKROPOLIS.


Der alte Athenatempel auf der
Akropolis.

Eine vorläufige Mittheilung üb er den zwischen Parthenon


und Ereehtheion aufgefundenen Tempel wurde vor der Aus­
grab ung desselb en im Jahrg. 1885 dieser Zeitschrift S. 275
gegeb en. Seitdem hat der Generalephor Dr. Kavadias auf
Kosten der griech. archäol. Gesellschaft und unter Mitwir­
kung des Architekten Kawerau und des Linterzeichneten den
ganzen Tempel ausgegrab en und sämmtliche Fundament­
mauern b is zum Fels freigelegt. W i r sind daher jetzt in der
Lage, jene vorläufigen Mittheilungen durch eine genaue Be­
schreib ung und eingehende Besprechung des ganzen Baues zu
vervollständigen. Ein Grundriss des Tempels in seinem jetzi­
gen Zustande, ein Situationsplan, welcher den restaurirten
Grundriss und die Lage des Tempels zum Parthenon und
Ereehtheion zeigt, ein reconsiruirter Aufriss und b esondere
Zeichnungen des Geb älks erscheinen auf Tafel l und 11 der
,, Antiken Denkmäler" Jahrg. 1886. Da den Tafeln nur ein
kurzer erläuternder Text b eigegeb en werden konnte, b eab ­
sichtigen wir, die genauere Beschreib ung und Besprechung
des Tempels im Anschlüsse an jene Pläne und unter Hinzu­
fügung weiterer Zeichnungen in diesen ,, Mittheilungen " zu
geb en.

1. B a u b e s c h r e i b u n g.

a) G r u n d r i s s u n d A u f b a u . Die Stelle der Burg, wo


der Tempel erb aut ist, war von Natur nicht horizontal, son­
dern eine von S. 0 . nach N- W ab fallende Felsfläche. Sie
wurde durch Erdanschüttung zur Aufnahme des Tempels her-
MITTH. D. AUCH. INST. XI. 22
338 DER A L T E A T H E N A T E M P E L A U F DER AKROPOLIS

gerichtet, indem man die Höhe des Burgfelsens an der S. 0.


Ecke des Tempels zum Ausgangspunkt nahm und den ganzen
Bauplatz bis zu dieser Höhe auffüllte. Im Norden und W e ­
sten musste die so hergestellte Terrasse durch Futtermauern
gestützt werden; dieselben sind leider spurlos verschwunden.
Die Fundamentmauern des Baues selbst wurden überall bis
zum Fels hinabgeführt und hatten daher sehr verschiedene
Tiefenmaasse. An der S. 0 . Ecke ist ihre Höhe = 0, hier liegt
der Stylobat direct auf dem Fels; an der S. V V . Ecke und be­
sonders an der N. 0 . Ecke besitzen sie schon eine beträchtli­
che Höhe, und an der N. W . Ecke, wo der Fels am tiefsten
liegt, erreichen sie das grösste Höhenmaass von ca 3ra. Der
verschiedenen Tiefe entspricht auch die Erhaltung der aufge­
fundenen Fundamentmauern. Im Süden und Osten finden wir
die Mauern sehr zerstört (vgl. den Grundriss Ant. Denkm.
Taf. I und die diesem Aufsatz beigefügte Beilage A ) 1 , und nur
noch geringe Reste und die Bearbeitung des Felsens beweisen
ihre frühere Existenz; im Norden und Westen haben zwar
auch die Mauern in ihren oberen Schichten vielfache Beschä­
digungen erfahren, aber hier sind wegen der grossen Tiefe
wenigstens die unteren Schichten fast vollständig erhalten.
Die aufgefundenen Mauerreste reichen trotz ihrer ziemlich
starken Zerstörung a u s , um Richtung und Abmessungen
sämmtlicher Mauerzüge des Tempels zu bestimmen und so
den Grundriss wenigstens im Bilde wiederherzustellen. Z u ­
nächst erkennt man deutlich eine grosse, den ganzen Tempel
umgebende Mauer von 2,10—2,25™ Breite, welche unzwei­
felhaft die äusseren Säulen des Tempels getragen hat, obwohl
jetzt keine Standspuren dieser Säulen mehr erhalten sind. Im
Inneren dieser Mauer sieht man sodann ein zweites etwas klei­
neres V iereck, welches durch mehrere Q u e r - u n d Längs­
mauern in einzelne Abiheilungen zerlegt wird. V on letzteren

(
Der diesem Aufsatz beigegebene Grundriss enthält an einigen Stellen
Mauerreste, welche in dem grossen Plane fehlen, weil sie erst nach Fertig­
stellung des letzteren beim Abbruch byzantinischer Einbauten (Cisternen
u. s. w.) zu Tage gekommen sind.
DER A L T E A T H E N A T E M P E L A U F DER A K R O P O L I S 339

sind die beiden am östlichen und westlichen Ende gelegenen


schmalen Räume (B und G im Plan) sofort als schmale Vor­
hallen (Pronaoi) zu erkennen. An den östlichen Pronaos stösst
ein grosser, fast quadratischer Saal (C im Plan, 10,50m zu
10,65m), von welchem durch 2 Längsmauern zwei schmale
Seitenräume abgeschnitten werden: es ist offenbar eine Cella,
ein Maos im engeren Sinne, welche durch zwei innere Säu­
lenreihen in drei Schiffe gelheilt war. Neben der westlichen
Vorhalle (Inden wir ferner einen etwas kleineren Saal ( F im
Plan, 6,20™ zu 10,65m) ohne innere Säulenreihen. Zwischen
ihm und der Ostcella liegen endlich noch zwei Kammern ( D
und E), deren Bestimmung nicht sofort klar ist, weil es beim
Fehlen der Obermauern unsicher zu sein scheint, ob sie von
Osten oder von Westen zugänglich waren. Wenn man aber
erwägt, dass an ihrer Ostwand gerade da, wo man die beiden
Eingangsthüren zu suchen hätte, die Anten der beiden inne­
ren Säulenreihen der Ostcella standen, so kann es nicht zwei­
felhaft sein, dass die beiden Räume ihre Thüren in der West-
wand hatten und also zwei zum VVestraum F gehörige be­
sondere Kammern bildeten.
W i r haben bei dieser Deutung der erhaltenen Mauern noch
mehrere innerhalb des Tempels gefundene Reste, welche in
den Grundrissen ganz weiss gelassen sind, übergangen; sie
gehören theils älteren, theils späteren Mauern an und sollen
weiter unten, nachdem wir die Geschichte des Tempels ken­
nen gelernt haben, besprochen werden. Dass sie nicht zum
Tempel selbst, wenigstens nicht zu der ursprünglichen A n ­
lage desselben gehören, zeigt ihre abweichende Construction
und Orientirung deutlich.
U eber die allgemeine Gestaltung des Tempels kann somit
kaum ein Zweifel bestehen: Im Osten "haben wir eine mit ei­
nem Pronaos ausgestattete geräumige Cella, welche ein brei­
tes Mittelschiff und zwei schmale, durch Säulen abgetrennte
Seitenschiffe besass, eine Bildung des Grundrisses, welche bei
dessen östlicher Orientirung entschieden auf eine Cultcella
hinweist, im Westen linden wir ein ebenfalls mit einer Vor-
340 D E R A L T E A T H E N A T E M P E L A U F DER AKROPOLTS

h a l l e versehenes grosses H i n t e r h a u s ( O p i s t h o d o m o s ) , das a u s


einem Saal u n d zwei u n m i t t e l b a r anstossenden K a m m e r n be
stand und dessen A n o r d n u n g und m angelnde innere a r c h i ­
t e k t o n i s c h e A u s s t a t t u n g d a f ü r s p r e c h e n , dass das H i n t e r h a u s
im Gegensatz zur Ostcella profanen Z w e c k e n diente. Beide
T h e i l e , die Ostcella u n d das H i n t e r h a u s , u m g a b eine stattli­
che S ä u l e n h a l l e , b e i d e zu einem einzigen Bau zusammenfas­
send. J e d e m w i r d sofort die grosse A e h n l i c h k e i t z w i s c h e n die­
sem G r u n d r i s s u n d d e m j e n i g e n des P a r t h e n o n a u f f a l l e n . N u r
in einem Punkte unterscheiden sich b e i d e : der Parthenon
hatte einen einzigen grossen Saal als H i n t e r h a u s , w ä h r e n d der
alte T e m p e l an seiner W e s t s e i t e neben einem grösseren Z i m ­
m e r n o c h zwei k l e i n e r e enthielt. Diese grosse Uebereinstim-
m u n g d ü r f e n w i r , o h n e uns eines circulus vitiosus s c h u l d i g zu
m a c h e n , als B e w e i s f ü r die R i c h t i g k e i t unserer Reconstruc-
tion a n f ü h r e n .
W i e der G r u n d r i s s , so lässt s i c h auch der A u f b a u des T e m ­
pels i m B i l d e wiederherstellen. U m z u n ä c h s t die Aussenan-
sicht reconstruiren zu k ö n n e n , müssen w i r e r m i t t e l n , w i e v i e l e
Säulen der T e m p e l i m Aeusseren besass. D a s s er an seinen
kurzen Seiten eine gerade A n z a h l von Säulen hatte, k a n n bei
der G r u n d r i s s f o r m der Ostcella nicht z w e i f e l h a f t sein. A n 4
Säulen dürfen w ir n i c h t d e n k e n , w e i l es k e i n e P e r i p t e r a l t e m -
pel m i t 4 S ä u l e n an den F r o n t e n giebt u n d , w e n n die Cella
Innensäulen h a t , a u c h k a u m geben k a n n . Octastyl k a n n der
T e m p e l auch nicht gewesen sein, weil d a n n die A x w e i t e n zu
klein w ü r d e n im Vei'hältniss zu den S ä u l e n d u r c h m e s s e r n , w e l ­
che w i r aus der Breite des Styiobats annähernd bestimmen
k ö n n e n (die I n t e r c o l u m n i e n w ü r d e n sogar k l e i n e r werden als
die S ä u l e n d u r c h m e s s e r ) . F o l g l i c h m u s s der T e m p e l 6 Säulen
an seinen F r o n t e n g e h a b t h a b e n , u n d das ist j a a u c h dieje­
n i g e Z a h l , w e i c h e w i r bei fast allen älteren d o r i s c h e n Tem­
peln linden. D a die Breite des T e m p e l s b e k a n n t ist (21,34™
a m Stylobat gemessen), so k ö n n e n w i r die Grösse der A x w e i t e
z i e m l i c h genau b e r e c h n e n , sie beträgt gerade 4 m . W i r müs­
sen also unter den alten B a u s l ü e k e n auf der B u r g nach S ä u -
DER A L T E A T H E N AT E M P E L A U F DER AKROPOLIS 341

len und Gebälkstücken suchen, welche zu d ieser Axweite


passen.
Nun sind bekanntlich nicht weit von unserm Tempel in d ie
nörd liche Akropolismaner an 3 Stellen alte Gebälkstücke und
Säulentrommeln eingemauert, welche man seil Leake (top. of
Ath. S. 282) d em älteren Parthenon zuzuschreiben pflegt,
(oft abgebild et, am genauesten bei Penrose, Princ. of the Ath.
Arch. Taf. 40). Es befind en sich unter d enselben marmorne
Säulentrommeln von zwei verschied enen Durchmessern, A r -
chitrave, Triglyphen und Geisa aus Piräuskalk und Metopen
aus Marmor. Diese verschied enen Baustücke können aber aus
mehreren Gründ en nicht zu d emselben Gebäud e gehören. Er­
stens giebt es meines Wissens keinen griechischen Bau. d es­
sen Säulen aus Marmor, d essen Gebälk aber ans Porös her­
gestellt wäre. Zweitens sind d ie Säulentromrneln noch nicht
ausgearbeitet, gehören also zu einem noch unfertigen Bau,
während d ie Gehälkslücke nicht nur vollkommen ausgearbei­
tet sind , sond ern auch noch jetzt Spuren ihrer früheren Be­
malung zeigen. Drittens stammt d as Mauerstück, welches d ie
marmornen Säulentrommeln enthält, nachweisbar aus einer
jüngern Epoche als d as weiter westlich gelegene, von Kimon
erbaute Stück d er Burgmauer, in welchem sich d as Porosge-
bälk befind et.Viertens, und d ieser Grund d ürfte entscheid end
sein, hat man bei d en neuesten Ausgrabungen an d erselben
Stelle, wo d as Gebälk vermauert ist, viele Säulentromrneln
und auch 2 d orische Kapitelle aus Poms in d ie Burgmauer
verbaut gefund en, welche im Maasstabe zu d em Gebälk pas­
sen, und d ie wir d aher ohne jed es Bed enken d em d aneben lie­
gend en Porosgebälk zuschreiben d ürfen. Dass d ie marmornen
Säulentrommeln für d en älteren Parthenon, und zwar für d en
von Kimon begonnenen Bau bestimmt waren, werd en wir
später beweisen. Unter d en Porosgebälkstücken find en sich
zwei verschied ene Sorten; sie gehören zwar zu d emselben
Gebäud e, d enn d ie vertikalen Maasse sind bei beid en i d en­
tisch, müssen aller an verschied enen Seiten d esselben ihren
Platz gehabt haben. Die eine Sorte, mit schmalen Triglyphen
342 DER A L T E A T H E N A T E M P E L AUF DER AKROPOLtS

und Metopen, zeigt nämlich Geisa, welche an ihrer Ob erfläche


etwas ab geschrägt sind und daher der Traufseite zugehört ha­
b en müssen, die andere, mit b reiteren Triglyphen, hat ob en
horizontale Geisa, welche den mit Gieb eln ausgestatteten kur­
zen Fronten zuzutheilen sind. Eine solche Differenz zwischen
den Triglyphenb reiten an den Fronten und an den Langsei­
ten ist b ei älteren Bauten nicht ungewöhnlich (vergl. ob en S.
303). Die Länge der den Gieb elseiten zugetheilten Epistyle
b eträgt 4,04™. Da dies genau das Maass ist, welches wir ob en
für die Axweiten der Schmalseiten unseres Tempels ermittelt
hab en, so sind wir unter Berücksichtigung der Nähe des Fund
orts b erechtigt, das Geb älk diesem Bau zuzuschreib en. Auch
für die andre Art der Epistyle lässt sich die Zugehörigkeit zu
den Langseiten durch Rechnung nachweisen. Diese Epistyle
hab en eine durchschnittliche Länge von 3,84™. Die Stylo­
b atlänge b eträgt ungefähr 43,44 m , oder von Milte zu Mitte
Ecksäule 41.70™. Zählen wir hierzu auf jeder Seite noch ein
Stück von 0,25 b is 0,30™ hinzu, um welches die Eckaxwei-
ten kleiner sein müssen, als die üb rigen, so erhalten wir eine
Länge von 42,25 ra , welche genau 11 Axweiten von 3,84 m ent­
spricht. Damit ist constatirt erstens, dass die Bauglieder aus
Porös (Säulen, Epistyle, Triglyphen und Geisa) sicher zum
alten Athenatempel gehörten und zweitens, dass dieser an sei­
nen kurzen Seiten je 6, an seinen Langseiten je 12 Säulen
hatte.
Aus der Form der Geisa geht hervor, dass der Tempel ein
gewöhnliches Satteldach mit Gieb eln an den kurzen Seiten
hatte. Ansteigende Gieb elgeisa sind b ei den üb rigen Baustü­
cken nicht verb aut, und auch auf der ganzen Burg hab en sich
b isher keine alten Gieb elgeisa aus Porös von so grossem
Maasstab e gefunden, dass sie dem Tempel zugetheilt werden
könnten. Dagegen sind ganz in der Nähe der verb auten Stü­
cke 2 grosse Gieb elgeisa aus grob körnigem Marmor im alten
Schutt gefunden worden, von denen schon früher b ei den Aus­
grab ungen südöstlich vom Parthenon mehrere Exemplare zu
Tage gekommen waren. Dass dieselb en zu einem vorpersi-
DER ALTE ATHEN ATEM PEL AUF DER AKROPOLIS 343

sehen G e b ä u d e gehörten, ist d u r c h ihren F u n d o r t ausser Frage


gestellt. Dies G e b ä u d e muss ferner ein sehr grosses gewesen
sein, d enn d ie A u s l a d u n g , d eren Grösse sich n i c h t m e h r g a n z
genau feststellen lässt, weil alle Geisa gebrochen s i nd , b e ­
m
trägt etwa l . D a es n u n in vorpersischer Zeit auf d er B u r g
keinen M a r m o r b a u von d ieser Grösse g a b , so müssen w i r sie
einem Porosbau zuschreiben u n d d em Maasstabe nach passt
unser alter T e m p e l g a n z v o r z ü g l i c h . Ich habe d e m n a c h kein
B e d e n k e n gelragen, d ie Geisa auf T a f . II d er A n t . D e n k m . als
z u g e h ö r i g a b z u b i l d e n . Dass d ie Giebel m i t Sculpturen ausge­
stattet w a r e n , seht schon aus d er «rossen A u s l a d u n g d er Geisa
h e r v o r (über d ie gefund enen G i e b e l f i g u r e n vergl. S t u d n i c z k a ,
Mittheil. S. 185). Z u g l e i c h mit d en Geisastücken sind grosse Si-
m e n , aus d emselben Marmor bestehend , gefun d en w o rd e n ,
welche d em Maasstabe nach sicher u n s e r m Bau z u g e s c h r i e -
ben werd en d ürfen. Sie lagen n u r über d em ansteigend en G i e -
belgesimse, d ie Traufseite hatte keine S i m a . A u c h d as ganze
Dach bestand aus M a r m o r , d och ist es s c h w e r , aus d er gros­
sen Z a h l d er verschied enen vorpersischen M a r m o r z i e g e l d i e ­
j e n i g e n unseres T e m p e l s mit einiger Sicherheit herauszufind en.
Während w i r so d ie A u s s e n a n s i c h t d es T e m p e l s ziemlich
vollständ ig reconstruiren k ö n n e n , lässt sich d as von P r o n a o s ,
Cella und O p i s t h o d o m leid er n i c h t sagen. Dass d er Pronaos
u nd d ie w e s t l i c h e V o r h a l l e j e 4 Stützen hatten, ist z w a r g e ­
sichert, aber w i r wissen nicht e i n m a l mit B e s t i m m t h e i t , ob
lelztere in vier r u n d e n Säulen od er je zwei Säulen zwischen
zwei Paraslad en bestand en. E i n Vergleich mit d em Parthenon
k ö n n t e für d ie erstere Lösung sprechen, d och scheint m i r für
einen alten d orischen Bau d ie zweite Möglichkeit besser zu
passen, und d aher habe ich in d e m reconstruirten G r u n d r i s s e
(Taf. I d er A n t . D e n k m . ) d ie westliche und östliche V o r h a l l e
als templum in antis gezeichnet. Säulen und Gebälkstücke,
w e l c h e w i r d ieser Halle zuschreiben k ö n n t e n , d ürfen nicht
viel kleiner als d iejenigen d er äusseren Säulenhallen sein, d a
d ie A x w e i t e n d e i c h grosse s i n d . Einzelne Baustücke, welche
d iese B e d i n g u n g e r f ü l l e n , find en sich auch unter d en vorper-
344 DER A L T E A T H E N A T E M P E L A U F DER AKROPOLIS

si schen Funden, so ei n Tri glyph von derselben Brei te,wi e di e


Tri glyphen der Gi ebelfronten, aber mi t etwas abwei chender
Detai lbi ldung; doch wage i ch ni cht, si e dem Tempel zuzu­
schre ibe n, we il je de r we ite re Be we is für e ine solche Zuge hö­
rigke it fe hlt. Dass e ndlich im Inne re n de r Ostce lla Säule n ge ­
stande n hab e n, ist durch die Grundrissform de r Ce lla ge si­
che rt; e s lässt sich aus de r Bre ite de r Stylobate auch e ntne h­
me n, dass die se [nne nsäule n vie l dünne r ware n, als die je ni­
ge n de r äusse re n Halle ; alle in die Zahl de r Säule n und ihre
Form ist vollständig unbe stimmt. De mnach habe ich in de m
re construirte n Grundriss auch die [nne nsäule n, de re n Zahl
nach Analogie ande re r Te mpe l ange nomme n ist, nur mit Um­
risslinie n ange ge be n.
b) M a t e r i a l u n d T e c h n i k . Die e inze lne n Fundame nt­
maue rn de s Tempels sind nicht aus de mse lbe n M a t e r i a l he r­
ge ste llt, sonde rn die je nige n de r äusse re n Säule nhalle n be ste ­
he n e inschlie sslich de s Stylobats aus röthlich graue m, harte m
Piräuskalk, währe nd sämmtliche Fundame nle de r Ce lla und
de s Opisthodom aus de m noch härte re n, blaue n Kalkste in de s
Burgfe lse ns e rbaut sind. Ganz ve re inze lt komme n in de n le tz­
te re n Maue rn e inige Stücke von ge wöhnliche m, we iche re m
Piräuskalk (Porös) vor, auch habe ich e in Stück we isse n Mar­
mors und e in Stück schwarze n e le usinische n Ste ins ge funde n.
Die Säule n, Epistyle , Triglyphe n und Ge isa be ste he n aus Pi­
räuskalk, de r an de n Ausse nse ite n mit e ine m se hr fe ine n Stuck
übe rzoge n war. Das Mate rial de r Me tope n und de s ganze n
Dache s (Gie be lge ison, Gie be lsculpture n, Sima und Dachzie ge l)
ist we isse r grobkörnige r Marmor. Aus we lche m Mate rial die
obe re n Maue rn de r Ce lla und de s Opisthodom be stande n, lässt
sich nicht mit Be stimmthe it sage n, höchst wahrsche inlich
war hie r ausschlie sslich Porös ve rwe nde t. De r Fussbode n de r
äusse re n Säule nhalle war aus Platte n ge bilde t, de re n Mate ­
rial nicht me hr zu be stimme n ist. Ihr Fundame nt be stand aus
Quade rn von we iche m Piräuskalk; e inige de rse lbe n sind noch
unte r de n Stufe n de r Kore nhalle sichtbar (ve rgl. Be ilage A).
Wie im Mate rial, so könne n wir auch in de r Te c h n i k
DER A L T E ATHENATEMPEL AUF DER AKROPOLIS 345

einen wesentlichen Unterschied zwischen den Fundament­


mauern der äusseren Säulenhalle und denen des eig entlichen
Naos constatiren. Jene bestehen, wie man aus dem Grundriss
ersieht, meist aus g rossen Steinen, die in horizontaler Rich­
tung polyg onal an einander stossen. Am wenig sten sorg fältig
sind die untersten Schichten herg erichtet, ihre Stossfug en sind
kaum bearbeitet. Weiter nach oben nimmt die Sorg falt der
Füg ung zu; bei der letzten Fundamentsehicht ist die Fug en-
bildung schon eine ziemlich g ute; die Euthynteria (Deck­
schicht des Fundaments) und der Stylobat zeig en endlich eine
g anz vorzüg liche Füg ung : die Steine stossen mit sauber g e­
schliffenen Streifen an einander, die Mitte ist vertieft. Die ho­
rizontalen Flächen der Steine sind mit der Spitzhacke bear­
beitet und die einzelnen Schichten ziemlich horizontal durch
den g anzen Bau durchg eführt. Nur an einzelnen Stellen wech­
seln die Schichthöhen, und vereinzelt reichen auch Steine
durch 2 Schichten hindurch. Die Euthynteria und besonders
der Stylobat sind mit vollkommneren Instrumenten bearbei­
tet und zeig en vorzüg lich herg estellte horizontale und verti-
cale Flächen.
Die Fundamentmauern des eig entlichen Naos lassen zwar
das Bestreben, die Steine in horizontalen Schichten zu leg en,
noch erkennen, in Wirklichkeit sind aber nur die obersten
Steine und die Mauerecken schichtweise g eleg t, während in
den unteren Mauertheilen keine reg elmässig e Schichtung
durchg eführt ist. Dementsprechend sind auch die horizonta­
len Flächen der oberen Steine mit der Spitzhacke ziemlich g ut
bearbeitet, bei den unteren aber nur die erhabenen Stellen
abg epickt. Von verticaler Fug enbildung kann bei den unteren
Steinen g ar nicht die Rede sein, weiter oben ist wenig stens
einig ermaassen eine wirkliche Fug enbildung erzielt.
Dieser Unterschied der äusseren und inneren Fundament­
mauern k a n n darauf zurückg eführt werden, dass man die
Aussenmauern, weil sie den g anzen Bau und die ang eschüt­
teten Erdmassen zusammenzuhalten haben, aus g rösseren und
besser g efug ten Steinen machen wollte und zu diesem Zweck,
346 DER ALTE ATHENATE1IPEL AUF DER AKROPOLIS

da der harte Kalkstein der Burg sich nur sehr schlecht bear­
beiten liess, bessere Bausteine aus dem Piräus herbeisc haffte.
Allein die grössere Wahrsc heinlic hkeit spric ht entsc hieden
dafür, dass der eigentlic he Naos älter ist, und dass die äus­
sere Säulenhalle erst später hinzugefügt wurde.
Vom O b e r b a u können wir nur die Tec hnik des Styloba-
tes, der Säulen und des Gebälks der Peristasis betrac hten, da
die Baustüc ke des Naos noc h nic ht mit Sic herheit ermittelt
sind. Der Stylobat, die einzige Stufe des Tempels besteht aus
grossen Quadern, welc he weder unter sic h, noc h mit der Eu-
thynteria durc h Klammern oder Dübel verbunden sind. Ihre
Breitenmaasse sind versc hieden, (wie auc h z. B. beim He­
raion in Olympia) und die Fugen entsprec hen daher nic ht den
Axweiten der Säulen, wie es bei den späteren Bauten gewöhn­
lic h der Fall ist. Die Säulen bestehen aus mehreren T r o m ­
meln von versc hiedener Höhe, die unter sic h mit vierec kigen
Holzdübeln verbunden waren. An den horizontalen Fläc hen
berühren sic h die Trommeln nur mit dem äusseren Bande,
die Mitte zeigt einen weniger bearbeiteten vertieften Kreis. Die
unterste Trommel war mit dem Stylobat nic ht verdübelt;
ebensowenig das Kapitell mit dem Epistyl. Letzteres besteht
aus 2 neben einander liegenden hoc hkantigen Platten, deren
einzelne Stüc ke unter sic h mit I—I Klammern verbunden wa­
ren. Das Triglyphon sc heint mit dem Epistyl nic ht verdü­
belt gewesen zu sein, wie überhaupt Verlic aldübel (ausser bei
den Säulentrommeln) an unserm Bau nic ht zur Anwendung
gelangt sind. Die aus Piräuskalk hergestellten Triglyphen
sind mit einer hinter ihnen liegenden Quadersc hic ht durc h
I—I Klammern verbunden fvergl. Ant. Denkm. Taf. II unten
links). Die Metopen, dünne Platten weissen Marmors, waren
in Vertic alfalze der Triglyphen eingesc hoben. Es ist nic ht un­
möglic h, dass dieselben früher mit Reliefs gesc hmüc kt wa­
ren, jetzt ist allerdings nic hts mehr von solc hen erkennbar.
Der Fugensc hnitt der horizontalen Geisa war sowohl an den
T r a u f - , w i e an den Giebelseiten so angeordnet, dass jeder Stein
eine Tropfenplatte und einen Zwisc henraum zwisc hen je 2
DER A L T E A T H E N A T E M P E L A U F DER AKROPOLIS 347

Plat t en ent hielt ; auf jede Axe der Säulenhalle kamen daher 4
Geisonblöcke. Unter sich sind dieselben wie die Epistyle und
Triglyphen verklammert. An ihrer Oberflache besitzen sie 2
sich nach unten vereinigende Löcher zum Heben mit dem Seil
(vgl. Penrose, Taf. 40), eine Vorrichtung, welche bei alten
Bauten die gewöhnliche ist. Von den Q uadern des Giebelfel­
des ist nichts gefunden. Die Giebelgeisa haben eine grössere
Ausladung, als die horizontalen Gesimse; die Giebelgruppen
waren daher besser geschützt und belasteten auch nicht mit
ihrem ganzen Gewichte den vorderen nicht unterstützten Theil
der unteren Geisa. Um ein Ueberkippen der weit ausladenden
Giebelgesimse zu verhindern, ist der vordere Theil derselben
durch eine Aushöhlung auf der Oberseite leichter gemacht.
Simen und Dachziegel zeigen die gewöhnliche Fügung und
Form der Ueberdeckung.
c) D i e ß a u f o r m en. Der Tempel hat im Aeusseren nur eine
einzige Stufe, nicht 3,' wie fast alle griechischen Tempel. Er
gleicht hierin dem Heraion in Olympia. Die vorhandene Un­
terstufe ist die Ausgleichsschicht des Fundaments (Euthynte-
ria) und darf daher nicht als wirkliche Stufe gerechnet werden.
An der S. 0 . Ecke des Tempels fehlt sie vollständig, an an­
dern. Stellen ist sie nicht ganz ausgearbeitet.
Die dorischen Säulen haben 20 Canelluren und ein ziem­
lich weit ausladendes Kapitell mit 4 Ringen und 4 Halsein­
schnitten. W i e in der Zeichnung des Kapitells auf Taf. II der
Ant. Denkm. bemerkt ist, lässt sich die Profiliriing des Echi-
nus an einer Stelle nicht genau bestimmen, doch kann die
wirkliche Form von der gezeichneten nicht viel abweichen.
Der obere Durchmesser fef ungefähr == l,30 m , der untere
Durchmesser kann nur nach der Stylobatbreite annähernd auf
l,65' n angesetzt werden. Die Höhe der Säulen ist unbestimm­
bar, ich habe sie in der reconstruirten Ansicht nach Analogie
anderer Tempel zu 5 '/ 2 unlere Durchmesser angenommen.
A n den Traufseiten haben die Säulen sowohl oben als unten
kleinere Durchmesser gehabt. Das Epistyl ist I,275 m hoch
und ungefähr ebenso stark; dies Maass ist fast gleich dem
348 DER A L T E A T H E N A T E M P E L A U F DER AKROPOLfS

oberen Säulendurchmesser und gleich dem dritten T heil der


Axweite an den T raufseiten. Die T ropfenleiste ist hoch im
Verhällniss zur Epistylhöhe, etwas höher sogar als der obere
Abacus des Epistyls. Auch die T ropfen sind noch ziemlich
hoch, sie erbreitern sich nach unten ein wenig, wie dies bei
Nägelköpfen auch in Wirklichkeit der Fall sein muss. Das
T riglyphon ist höher als das Epistyl, und zwar um etwa 6 c m ,
seine Höhe ist gleich dem dritten T heile der Axweite an den
CT
Fronten. Die T riglyphen an den Fronten sind 0,822™, dieje­
nigen an den T raufseiten 0,753 m breit, letztere sind also be­
trächtlich schlanker, als erstere. Die Einschnitte (Glyphen)
waren oben kreisförmig abgerundet K Die Metopen der T rauf­
seite sind, wenn man die obere Leiste abzieht, quadratisch,
diejenigen der Giebelseiten weniger hoch als breit. Die Geisa,
welche mit den gewöhnlichen T ropfen platten ausgestattet
sind, zeigen die E i g e n t ü m l i c h k e i t , dass an der vorderen Kante
keine Wassernase, sondern eine rechtwinklige Unterschnei­
dung angebracht ist.Während sie an ihrer Oberkante ein do­
risches Kyma besitzen, hat das ansteigende Giebelgeison an
derselben Stelle ein lesbisches Kyma. Dieser Unterschied
scheint auf den ersten Blick so gross, dass man zweifeln
möchte, ob beide Gesimse zu demselben Bau gehören können.
Wenn man aber sieht, dass bei dem T empel von Aegina ganz
derselbe Unterschied zwischen den verschiedenen Geisa vor­
kommt, so dürfen wir umgekehrt jene T hatsache als Beweis
für die Zugehörigkeit der Giebelgeisa zum T empel anführen.
Im Allgemeinen ist die Verschiedenheit der Geisa, was mir
bisher nicht genügend beachtet zu sein scheint, von grosser
Bedeutung für die Geschichte des dorischen T empels. Ur­
sprünglich hatte der T empel nur das rings herum laufende
horizontale Gesimse. Das ansteigende Giebelgeison trat erst

1
Die früheren Publicationen (z. B. Penrose, Taf. 40) geben andere For­
men, ich habe jetloeh an einer der in der Nordmauer befindlichen, aller­
dings meist sehr beschädigten T riglyphen die obere Abrundung der Ein­
schnitte genau messen können.
DEH A L T E A T H E N A T E M P E L A U F DER A K R 0 P 0 L I S 349

später b ei Erfindung des Satteldaches hinzu. Daher erhielt es


eine andere Profilirung und ein anderes Kyma. Wären b eide
Gesimsarten gleichzeitig entstanden, so müsste das Kyma der
Traufseite in derselb en Gestalt auch am Gieb elgeison hinauf­
laufen. Das aufgemalte Ornament der Sima ist an mehreren
der gefundenen Stücke noch soweit sichtb ar, dass die Form
desselb en wenigstens einigermaassen in der Zeichnung herge­
stellt werden konnte. Eine genauere Fub lication der erhalte­
nen Ornamentspuren wird später erfolgen.
d) A l t e r d e s T e m p e l s . Nach den Fundumständen u n ­
terliegt es keinem Zweifel, dass der Tempel älter ist, als die
Perserkriege. W i r b rauchen uns mit dieser allgemeinen A n ­
gab e ab er nicht zu b egnügen, sondern können die Bauzeit
glücklicher Weise genauer b estimmen. Der Unterb au der äus­
seren Säulenstellung stimmt im Material und in der Technik
vollständig üb erein mit den vor Kurzem ausgegrab enen F u n ­
damenten des olympischen Zeustempels in Athen und denen
des älteren Weihetempels in Eleusis (der rothe Tempel auf
dem Plan der Praktika vom Jahre 1884). Da nun das O l y m -
pieion b ekanntlich von Peisistratos angefangen ist, und auch
der ältere Weihetempel in Eleusis, wie sich durch eine Ver-
gleichung der verschiedenen Bauepochen ermitteln lässt, un­
gefähr aus jener Zeit stammt, so dürfen wir auch die äussere
Säulenstellung unseres Tempels in die Zeit des Peisistratos
setzen. In diese Epoche passt auch der Ob erb au seinen For­
men und seinem Material nach sehr gut. Der Echinus des
Kapitells ist nichL mehr kuchenförmig, sondern schon straff
gezeichnet (ähnlich dem des Zeustempels in Olympia); die
Tropfenleisten des Architravs sind nur noch um sehr wenig
höher, als der üb er ihnen b efindliche Ab acus; die Sima zeigt
eine Profilirung und Art der Bemalung, welche auch b ei Si-
men des V. Jahrhunderts vorkommt, ab er b ei den zahlreichen
älteren Simen auf der Akropolis nur noch b ei einem anderen
Exemplar angetroffen wird; auch die reichliche Verwendung
von Marmor zu den Metopen und zu dem ganzen Dach passt
350 DER A L T E A T H E N A T E M P E L A U F DER AKROPOLIS

am besten in die letzte Hälfte des VI. Jahrhunderts. Sc hliess­


lic h dürfen wir wohl auc h noc h die Giebelgruppe (Athena im
Gigantenkampf) als Beweis für eine ziemlic h späte Erbauungs­
zeit anführen, denn die erhaltenen Sc ulpturen sind wohl kei-
nenfalls vor Peisistratos gesc haffen. Und für wen passt end­
lic h die Erric htung oder Erweiterung eines grossen Athena-
tempels auf der Burg besser, als für den Mann, welc hen
Athena selbst in die Stadt zurüc kgeleitet hatte und welc her
zu Ehren der Athena die alle 4 Jahre gefeierten grossen Pan-
athenäen einführte. Material, Tec hnik und Form der Funda­
mente sowohl als des Oberbaus führen uns also zugleic h mit
allgemeinen Erwägungen zu dem Sc hlüsse, dass die äussere
Säulenhalle ein Werk des Peisistratos ist.
Sc hon oben bei Besprec hung der Fundamente haben wir
auf einige Thatsac hen hingewiesen, welc he dafür sprec hen,
dass die Cella und der Opisthodom älter sind als die äussere
Säulenhalle. Leider kennen wir den Oberbau der ersteren
nic ht und wissen daher auc h nic ht, ob ihre Kunstformen und
ihre Tec hnik diesen aus Material und Tec hnik der Funda­
mente abgeleiteten Satz bestätigen. W i r können dafür aber
auf eine andere unsre Verrnuthung bestätigende Thatsac he
hinweisen. Der Grundriss des Tempels lehrt uns, dass das äl­
tere Erec htheion, welc hes durc h den bekannten Prac htbau
ersetzt ist, nic ht genau diselbe Gestalt gehabt hat,welc he der
letztere zeigt. Es war etwas kleiner, stand aber ungefähr an
derselben Stelle. Denn viel weiter nac h Norden dürfen wir
den alten Erec hteustempel nic ht ansetzen, weil er nac h He-
rodot VII, 55 die alten Cultmale enthielt, welc he unmittelbar
nördlic h von unserm alten Athenatempel in oder neben dem
jetzigen Erec htheion lagen. Es muss daher das alte Ere c h­
theion im Norden so dic ht neben unserm grossen Tempel ge­
legen haben, dass höc hstens ein sc hmaler Durc hgang z w i ­
sc hen beiden vorhanden war. Wenn nun Peisistratos den
grossen Tempel ganz erbaut hat, so versteht man nic ht, w a ­
rum er ihn nic ht etwas weiter nac h Süden erric htete, wo ja
DER ALTE ATHENATEMPEL AUF DER AKUOPOLIS 351

reichlich Platz vorhanden war. Rührt aber nur die äussere


Säulenhalle vo n ihm her, so erklärt sich die gro sse Nähe der
beiden Tempel in sehr einfacher Weise und wir verstehen
dann auch, wesshalb man später, als man das Erechtheio n
etwas erweiterte, einen Theil desselben auf die Fundamente
unseres Athenatempels setzen musste.

VV1LH. D Ö R P F E L D .