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Marc Stegherr

Der neue Kalte Krieg


der Medien
Die Medien Osteuropas und der
neue Ost-West-Konflikt
Der neue Kalte Krieg der Medien
Marc Stegherr

Der neue Kalte Krieg


der Medien
Die Medien Osteuropas und der
neue Ost-West-Konflikt
Marc Stegherr
Mühldorf am Inn, Deutschland

ISBN 978-3-658-20434-1 ISBN 978-3-658-20435-8  (eBook)


https://doi.org/10.1007/978-3-658-20435-8

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Inhalt

1 Einleitung: Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1

2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News . . . . . . . . . . . . . . 11


2.1 Der Vertrauensverlust der Leitmedien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
2.2 Einbruch der Verkaufszahlen und Rettungsvorschläge . . . . . . . . . . . . 29
2.3 Der Ukrainekonflikt und der Konflikt der Medien . . . . . . . . . . . . . . . . 33
2.4 Die europäische Flüchtlingskrise und die russischen Medien . . . . . . 44
2.5 Der neue mediale Kulturkampf zwischen West und Ost . . . . . . . . . . . 48
2.6 Pro-russische Trolle und Kritik am „Medienmainstream“ . . . . . . . . . 59
2.7 Die Medienkrise in West- und Mittelosteuropa . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
2.8 Die liberale Gesellschaft und die Entstehung eines neurechten
Mediensystems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
2.9 Die russischen Auslandsmedien und die europäische Rechte . . . . . . . 89

3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und


die Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
3.1 Die polnische PiS-Regierung und die Medienpolitik . . . . . . . . . . . . . 103
3.2 Die Erblast der Vorgängerregierungen in der Medienpolitik . . . . . . . 113
3.3 Mediale Streitfälle: Wałęsa, Polanski und andere . . . . . . . . . . . . . . . 128
3.4 Die Gesellschaftspolitik der polnischen Regierung und
die Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
3.5 Die Regierung Orbán und die ungarische Medienpolitik . . . . . . . . . 142
3.6 „Moralischer Imperialismus“: ideologische Linien der
ungarischen Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158
3.7 Die Medien der Slowakei und Tschechiens zwischen EU
und Russland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164
V
VI Inhalt

4 Die Medien Südosteuropas und der Westen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181


4.1 Zensur und Boulevardisierung der Medien in Rumänien
und Bulgarien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
4.2 Die Medien auf dem Balkan, die EU und der ethnisch-
religiöse Streit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
4.3 Die Medien Serbiens und die politische Instrumentalisierung . . . . . 201
4.4 Die Medien Montenegros und die Westbindung . . . . . . . . . . . . . . . . . 210
4.5 Die kroatischen Medien und das Klima des Verdachts . . . . . . . . . . . . 215
4.6 Mazedonien: Innenpolitische Dauerkrise und Medienreform . . . . 225
4.7 Kosovo: Die Medien und die politische Krise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230

5 Die Medien Osteuropas im Schatten Russlands . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237


5.1 Die baltischen Medien zwischen EU und Russland . . . . . . . . . . . . . . . 237
5.2 Weißrussland und der übermächtige Einfluss der russischen
Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244
5.3 Das ukrainische Mediensystem und die Debatte über den
Euromaidan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250
5.4 Der Film als Politikum im Streit um Russland und den
Euromaidan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273

6 Die ‚Demokratur‘ Putins und die russischen Medien . . . . . . . . . . . . . . . 283


6.1 „Der Westen verliert den Informationskrieg“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283
6.2 Die russische Medienfront: Mediengesetz und Jarovaja-Paket . . . . . 301
6.3 Politischer und religiöser Extremismus und die Freiheit
des Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308
6.4 Die konservativ-religiöse Wende in Russland und die Medien . . . . . 320
6.5 Trump und Russlands hybrider Informationskrieg gegen den
Westen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332
6.6 Deutsche Task-Force und russische Gegen-Task-Force . . . . . . . . . . . . 337

7 „Fake News“: Der Medienkrieg in der Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347


7.1 Fake News als politisches und strukturelles Problem . . . . . . . . . . . . . 357
7.2 Amerika, Russland und das Feindbild der iberalen Medien . . . . . . 368
7.3 Facebook und das Problem Meinungsfreiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 381
7.4 Sputnik News und andere Instrumente Russlands im
Informationskrieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 384
Inhalt VII

7.5 Die Wahl Donald Trumps und die Medien Osteuropas . . . . . . . . . . . 393
7.6 Die deutsche Bundestagswahl 2017 und die russische
Einflussnahme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 401

8 Abschlussbetrachtung: Der neue Ost-West-Konflikt und


die Medienkrise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 407

Literaturangaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 421

VII
Einleitung: Die Glaubwürdigkeitskrise
der Medien
1 Einleitung: Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien
1
1 Einleitung: Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien

„Journalistenregeln. Wer früher eine Unsauberkeit


recherchieren, einen Skandal provozieren wollte, folgte
dem Satz: cherchez la femme. Dann folgte die ertrag­
reichere Maxime: follow the money. Seit Watergate, sagt
Ben Bradley, langjähriger Chefredakteur der Washington
Post, heißt es einfach: look for the lie.“1
Johannes Gross

Im Jahr 2014, auf dem Höhepunkt der Ukrainekrise, meinten Kommentatoren


deutscher und englischsprachiger Tageszeitungen, die Welt stünde am Rande eines
neuen Weltkriegs. Die politischen Entwicklungen, vor allem das Vorgehen Russlands
gegenüber der Ukraine, würden bedenklich an das erinnern, was sich am Vorabend
des Ersten Weltkriegs abgespielt hatte. Wenn nun der Westen reagieren würde, wäre
das auf die Provokationen, die völkerrechtswidrigen Handlungen Moskaus zurück-
zuführen. Andere gaben jedoch zu bedenken, dass die politischen Entwicklungen
das eine, die Verschärfung des politischen, zumal des medialen Diskurses viel eher
an das gemahnen würde, was schließlich in das Völkerschlachten des ‚Großen
Krieges‘ mündete. Zeitungen und Zeitschriften hatten damals, am Vorabend der
Weltkatastrophe jeden Anlass aufgegriffen, um den Gegner in ein schlechtes Licht
zu stellen, ihn zu verunglimpfen, ihm üble Motive zu unterstellen. Besonders der
österreichische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand von Ö ­ sterreich-Este, war
Ziel übelster Anwürfe, nicht nur von serbischer oder englischer Seite, sondern gerade
auch zuhause, in Wien und in Budapest, wurde ihm entweder Kriegslüsternheit
oder feige Nachgiebigkeit unterstellt. Weder das eine noch das andere entsprach
den Tatsachen. Man könnte aus heutiger, aktueller Perspektive von ‚Fake News‘
sprechen, ein Terminus, der sich im Laufe der Debatte über den Umgang mit rechts-

1 Gross, J.: Nachrichten aus der Berliner Republik. 1995-1999. Berlin 2002, S. 88
.
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 1
M. Stegherr, Der neue Kalte Krieg der Medien,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-20435-8_1
2 1 Einleitung: Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien

populistischer Demagogie und mit der Einflussnahme russischer Medien auf die
öffentliche Meinung in Westeuropa und den Vereinigten Staaten herausgebildet
hat. Dass Nachrichten bewusst manipuliert würden, um bestimmten politischen
Interessen zu nützen, diese Taktik unterstellen Medienkritiker aktuell auch den
westlichen Medien. Russland könne tun was es wolle, seine Taten würden ihm
immer zum Nachteil ausgelegt werden. Diese Spirale der diskursiven Eskalation
mündete 1914 in die Katastrophe, etwas was auch 2014 befürchtet wurde.
Der Historiker Christopher Clark hat die fatale Kettenreaktion, die schließlich
zum Ersten Weltkrieg führte, ausgelöst von der kriegslüsternen Blindheit der
politischen „Schlafwandler“, detailliert beschrieben2. Die mediale, rhetorische
und polemische Aufrüstung vor 1914 erinnerte manchen Leser an das, was sich
in den Spalten der Tageszeitungen und den Nachrichtensendungen hundert Jahre
später abspielte. Der konkrete Anlaß war 2014 die Politik der russischen Regie-
rung gegenüber der demokratischen Revolution in der Ukraine, dem sogenannten
‚Euromaidan‘. Die russische Reaktion wurde in den Medien und von der west-
lichen Politik überwiegend als neoimperial und aggressiv verurteilt. Russland
missachte nicht nur das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine, es missachte aus
einem neo-totalitären Antrieb, aus post-sowjetischer Nostalgie das Völkerrecht,
die Öffnung zum Westen und die liberale Demokratie, die sich in der Ukraine
neu konstituiere. Nach Meinung Russlands und der russischen Medien, die sich
im Zuge der Ukrainekrise verstärkt auch in westlichen Ländern zu engagieren
begannen, würde es sich im Falle der Revolution in Kiev keineswegs um einen
demokratischen, freiheitlichen Systemwandel handeln, sondern um einen vom
Westen aus eigenen Interessen mitgetragenen Putsch nationalistischer Kräfte, die
in unseliger faschistischer Tradition stünden. Die Abwendung von Russland, die
Neuausrichtung der Ukraine Richtung Westen sei das Anliegen einer vom Westen
finanzierten, politisierten Minderheit, so Moskau. Diese Thesen haben westliche
Medien als absurd verworfen, als Vorwand für die russische Intervention, für das
Streben Russlands nach Machterweiterung3. Dass diese Thesen über russische
Medien, die in Westeuropa tätig sind, verbreitet werden, gilt mittlerweile genauso
wie die Finanzierung sogenannter ‚Trolle‘, die im russischen Sinne online kom-
mentieren würden, wie auch die Unterstützung des Kreml für rechtsnationale

2 Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Pan-
theon Verlag 2015; engl. Orig.: The Sleepwalkers. How Europe Went to War in 1914.
London 2013.
3 Vgl. z. B.: Andrew Wilson: Ukraine Crisis: What It Means for the West. Yale University
Press 2014; Rajan Menon: Conflict in Ukraine: The Unwinding of the Post-Cold War
Order. The MIT Press 2015; Serhii Plokhy: The Gates of Europe. A History of Ukraine.
Basic Books 2015.
1 Einleitung: Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien 3

Parteien, Politiker und Vordenker in Westeuropa und den Vereinigten Staaten als
aggressive Einmischung, als Teil eines neuen virtuellen, hybriden Krieges zwischen
dem repressiven russischen System und dem freien Westen, als Neuauflage, wenn
nicht Fortsetzung des kalten Krieges mit anderen Mitteln.
Die zunehmend konfrontative, pauschalisierende, auch offen aggressive Wort-
wahl der jüngsten Zeit in den Medien und in der Politik ist dafür Indiz genug. Die
Konfrontation spielte sich nicht nur zwischen Russland und Europa ab, sie verlagerte
sich auch nach innen und spaltete die öffentliche und veröffentlichte Meinung. Als
eine Gruppe von sechzig deutschen Politikern und Intellektuellen – unter ihnen
Ex-Bundespräsident Roman Herzog, der frühere Kanzlerberater Horst Teltschik, der
ehemalige SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel, Gerhard Schröder, Antje Vollmer
und Wim Wenders – einen Aufruf veröffentlichte mit dem Titel „Wieder Krieg in
Europa? Nicht in unserem Namen!“, der sich gegen die gesuchte Konfrontation
mit Russland wandte und den Dialog mit Russland forderte4, folgte umgehend
ein Gegenaufruf von hundert Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern,
der sich in scharfer Form vom früheren Aufruf distanzierte und dessen Unter-
zeichnern „nur geringe Expertise zum postsowjetischen Raum, wenig relevante
Rechercheerfahrung und offenbar keine Spezialkenntnisse zur Ukraine sowie
den jüngsten Ereignissen dort“5 bescheinigte. Man unterstellte der anderen Seite

4 Der Aufruf begann mit folgenden Sätzen: „Niemand will Krieg. Aber Nordamerika,
die Europäische Union und Russland treiben unausweichlich auf ihn zu, wenn sie der
unheilvollen Spirale aus Drohung und Gegendrohung nicht endlich Einhalt gebieten.
Alle Europäer, Russland eingeschlossen, tragen gemeinsam die Verantwortung für
Frieden und Sicherheit. Nur wer dieses Ziel nicht aus den Augen verliert, vermeidet
Irrwege. Der Ukraine-Konflikt zeigt: Die Sucht nach Macht und Vorherrschaft ist nicht
überwunden. 1990, am Ende des Kalten Krieges, durften wir alle darauf hoffen. Aber die
Erfolge der Entspannungspolitik und der friedlichen Revolutionen haben schläfrig und
unvorsichtig gemacht. In Ost und West gleichermaßen. Bei Amerikanern, Europäern
und Russen ist der Leitgedanke, Krieg aus ihrem Verhältnis dauerhaft zu verbannen,
verloren gegangen. Anders ist die für Russland bedrohlich wirkende Ausdehnung des
Westens nach Osten ohne gleichzeitige Vertiefung der Zusammenarbeit mit Moskau,
wie auch die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Putin, nicht zu erklären.“
[„Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“ Roman Herzog, Antje Vollmer,
Wim Wenders, Gerhard Schröder und viele weitere fordern in einem Appell zum Dialog
mit Russland auf. ZEIT ONLINE dokumentiert den Aufruf. In: Zeit Online, 5. Dez.
2014].
5 „Osteuropa-Experten sehen Russland als Aggressor“. Mehr als 100 Osteuropaexperten
aus Wissenschaft, Politik und Medien widersprechen den 60 Unterzeichnern des Russ-
land-Aufrufs. Sie betonen, dass Moskau in dem Konflikt als Aggressor auftritt, und
mahnen, die territoriale Integrität der Ukraine nicht zu opfern. In: Der Tagesspiegel,
11. Dez. 2014.
3
4 1 Einleitung: Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien

entweder Russophobie oder ein falsches, unter Umständen gefährliches Verständ-


nis für die russische Aggression. Die Russland-Expertin Gabriele Krone-Schmalz
nannte ihr Buch über den Kampf um die Ukraine bewusst „Russland verstehen“6,
weil man ihren Versuch, die russische Politik zu verstehen und mit sachgerechter,
nicht ideologischer Politik zu reagieren, als illegitim verurteilt, sie selbst unter die
‚Russland-Versteher‘ eingereiht hatte. Ein Kommentar in der deutschen Ausgabe
der Huffington Post forderte sogar, Krone-Schmalz von allen weiteren Talkshows
zum Thema Ukraine und Russland auszuschließen. Die Bild-Zeitung beschwerte
sich gleichfalls darüber, dass der „überführte Fake-News-Verbreiter“ Michael Lü-
ders vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch als Kommentator und Diskutant
eingeladen werde. Im April 2017 verunglimpfte die Boulevardzeitung Lüders,
Islamwissenschaftler, Bestsellerautor und Vorsitzender der deutsch-arabischen
Gesellschaft, als „Putin-Propagandisten“, bezichtigte ihn der „glatten Lüge“ und
unterstellte ihm „abstruse Verschwörungstheorien“, weil er daran erinnert hatte,
dass die vom Westen unterstützten Dschihadisten im syrischen Bürgerkrieg be-
reits mehrmals Giftgas eingesetzt hatten. Die Vereinigten Staaten unter Präsident
Donald Trump hatten eine syrische Airbase bombardiert, nachdem Giftgas gegen
syrische Zivilisten eingesetzt worden war. Der Schuldige sollte Assad und damit
auch sein Verbündeter Russland sein, das umgehend gegen die Bombardierung
protestiert hatte. Lüders hatte darauf verwiesen, dass die Redaktion der türkischen
Tageszeitung Cumhuriyet mehrfach dokumentiert hatte, dass der NATO-Staat
Türkei die dschihadistischen Kämpfer in Syrien bewaffnet und ausrüstet. Der
ehemalige Cumhuriyet-Chefredakteur war deshalb der Spionage angeklagt und
festgenommen worden7.
Die polemische Schärfe der medialen Auseinandersetzung offenbarte sich in
zahllosen Schlagzeilen, die nur einen Schuldigen der Ukraine-Krise kannten:
Russland und sein Staatschef Vladimir Putin, der bildlich und in Neologismen

6 Krone-Schmalz, G.: Russland verstehen. Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz
des Westens. München 2015.
7 Das Projekt Correctiv, das Fake News auf Facebook und anderen sozialen Medien
identifizieren sollte, setzte einen Fakt-Checker gegen Lüders ein. Jacques Pezet be-
hauptet dort, Can Dündar selbst würde Michael Lüders widersprechen: Er habe über
konventionelle Waffenlieferungen berichtet, niemals aber über Giftgas. Diese Wendung
der Geschichte hatte Correctiv nicht selbst entdeckt, sondern aus der „Frankfurter
Allgemeinen Sonntagszeitung“ entnommen. Die Behauptung sei falsch. Die FAS hatte
bereits am 9. April 2017 in dieser Angelegenheit Can Dündar zitiert, und zwar mit den
Worten, die Aussagen von Lüders seien „totaler Unsinn“. Dündars Zeitung „Cumhuriyet“
habe damals über Waffenlieferungen berichtet, von Giftgas sei nie die Rede gewesen.
Die Informationen aus dieser FAS-Kolumne unter dem Titel „Die lieben Kollegen“
übernahmen dann auch Spiegel-Online, die Tagesschau und andere Medien.
1 Einleitung: Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien 5

selbst in ideologische und politische Nähe zu Hitler gerückt wurde. Seine Anhän-
ger und Fürsprecher im Westen erschienen als ‚Putleristen‘, einer relativierenden,
polemischen Kombination aus Putin und Hitler. Das Magazin Der Spiegel sorgte
im Juli 2014, nach dem Abschuss einer malaysischen Passagiermaschine über der
Ostukraine, für Empörung, als es auf dem Titelbild mit der Schlagzeile „Stoppt
Putin Jetzt!“ aufmachte. Den Hintergrund der Collage, die Putin im Vordergrund
zeigte, bildeten private Fotos der MH17-Opfer. Erboste Leser kritisierten die poli-
tische Instrumentalisierung der Absturzopfer, einseitige Berichterstattung, gezielte
Emotionalisierung und sogar Kriegstreiberei im Interesse der NATO. Die Debatte
über die Ukraine-Krise, über die Rolle Russlands provozierte nicht nur eine innere
Spaltung der westlichen Öffentlichkeit, sie offenbarte auch eine Dichotomie zwischen
westlicher und östlicher Sicht auf die Problematik, was sich in der Medienbericht-
erstattung über die Ukraine-Krise und auch über die Flüchtlingskrise zeigte. Sich
gegen Russlands aggressive Politik zu stellen, wurde in zahllosen Artikeln zur
moralischen Pflicht erhoben, galt als Ausdruck westlicher Werte, die man gegen
das System Putin, gegen dessen Gängelung der Medien, der Opposition und der
Beschädigung der offenen Gesellschaft zu verteidigen habe. Polnische, ungarische
oder rumänische Politiker wie Medien haben dagegen, bei aller grundsätzlichen,
historisch und kulturell bedingten Distanz zu Russland, einen pragmatischeren
Zugang, was mit ihrer zunehmend kritischen Haltung zur EU, aber vor allem mit
der Renaissance national-konservativer Tendenzen zu tun hat, die Moskau in den
Augen mancher Beobachter aus Mittelosteuropa eher zu verkörpern scheint als
Brüssel. Die Verschärfung des politischen Diskurses zwischen Ost und West, die
vielfach in den westlichen Medien kritisierte Renationalisierung der osteuropäischen
Gesellschaften, ihre konservative Wende spiegelt sich nicht zuletzt in den Medien.
Russland ist dafür das klassische, vielzitierte Beispiel, aber auch Serbien, Polen
oder Ungarn haben hier in jüngster Zeit aufgeschlossen, was in erster Linie mit
den nationalkonservativen Regierungswechseln in Ungarn oder Polen zu tun hat,
die ihre Wahlkampfmunition besonders aus der Opposition gegen das bezogen,
was dort als ‚Gängelung‘ durch die EU empfunden wird. In Westeuropa fiel schnell
das Wort Undankbarkeit. Nachdem die EU den wirtschaftlichen Wiederaufbau
nach den Jahrzehnten der kommunistischen Misswirtschaft mitfinanziert hatte,
wende sich Mittelosteuropa nun vom progressiven Westen ab. In den Spalten der
Tageszeitungen und den Nachrichten- und Kommentar-Sendungen westlicher
Medien erschien ‚der Osten‘ als das unbotmäßige Stiefkind Europas, den es mittels
politischer Maßnahmen, im äußersten Falle auch militärisch wieder auf Kurs zu
bringen gelte. Im Verhältnis zwischen dem was nach westeuropäischem Verständnis
als kulturell und politisch westlich gilt und dem sogenannten Osten vollzog sich eine
Renaissance dessen, was man nach der Entspannungspolitik des kalten Krieges und

5
6 1 Einleitung: Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien

der Neujustierung des Verhältnisses zwischen dem Westen und dem ehemaligen
Ostblock eigentlich ad acta gelegt zu haben meinte. Von einem neuen kalten Krieg
war die Rede, der teils, so in der Ukraine, wieder in einen heißen übergangen war,
und der maßgeblich in den Medien beider Seiten ausgetragen wurde.
Begriffe wie ‚Schläfer‘ oder ‚Trolle‘ tauchten auf, die für russische Medien die
schmutzige Arbeit der Beeinflussung durch Kommentare in den ‚Westmedien‘, im
Internet und anderswo übernehmen würden. Andererseits richtete sich gegen die
deutschen Medien auch der Vorwurf, diese würden die Wirklichkeit, hier etwa die
russische Politik, nur gefiltert wiedergeben, um ein entsprechend negatives, den
politischen Interessen dienendes Bild zu erzeugen. Auf den sogenannten Mon-
tagstreffen erklärte der linksnationalistische Publizist Jürgen Elsässer, die Nato
und mit ihr die deutsche Bundesregierung würden mit allen Mitteln an einem
neuen Krieg mit Russland arbeiten. Der Begriff ‚Lügenpresse‘, der im Kontext
der Pegida-Demonstrationen („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung
Europas“) in Dresden oder Leipzig immer wieder gefallen war, wurde 2014 zum
„Unwort des Jahres“ und Leitbegriff einer ausufernden, teil überaus scharfen Kritik
an den angeblichen Manipulationsversuchen durch die (öffentlich-rechtlichen)
‚­Mainstream‘-Medien8. Nicht nur auf den Pegida-Demonstrationen, auch auf den
sogenannten Montagstreffen wurde die These vertreten, der Vorwurf an die russische
Seite, die Medienberichterstattung zu steuern, sei verlogen, da auch die Westmedien
eine sehr subjektive, einseitige und gefilterte Form der Berichterstattung pflegen
würden. Die Eskalation der neuen medialen Konfrontation zwischen West und
Ost verdichtete sich in einem Ereignis, das Ende 2015 in der deutschen Presse für
Schlagzeilen sorgte und das seitdem immer wieder zitiert wird, wenn es darum
geht, die rücksichtslosen Manipulationsversuche russischer Auslandsmedien zu
decouvrieren. Die russischen Medien hatten 2015 im großen Stil über ein russ-

8 Aus einer mittlerweile fast unüberschaubaren Zahl einschlägiger Publikationen seien


genannt: Ronald Thoden u. a. (Hrsg.): ARD & Co.: Wie Medien manipulieren. 2015;
Thomas Meyer: Die Unbelangbaren: Wie politische Journalisten mitregieren. Berlin
2015; Ders.: Mediokratie. Die Kolonisierung der Politik durch die Medien. Frankfurt
a. M. 2001; Wolfgang Herles: Die Gefallsüchtigen. Gegen Konformismus in den Medien
und Populismus in der Politik. 2015; Andreas Dörner: Wahl-Kämpfe. Betrachtungen
über ein demokratisches Ritual. Suhrkamp; Ders.: Politainment. Politik in der medialen
Erlebnisgesellschaft. Frankfurt a. M. 2001; Thilo Sarrazin: Wunschdenken. Europa,
Währung, Bildung, Einwanderung – Warum Politik so häufig scheitert; Uwe Krüger:
Mainstream: Warum wir den Medien nicht mehr trauen; Peter Denk: Lügenpresse;
Markus Gärnter: Lügenpresse. Wie uns die Massenmedien durch Fälschen, Verdrehen
und Verschweigen manipulieren. 2015; Udo Ulfkotte: Gekaufte Journalisten. 2015;
Ders.: Raus aus dem Euro – rein in den Knast. Das üble Spiel von Politik und Medien
gegen Kritiker der EU-Einheitswährung. 2013.
1 Einleitung: Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien 7

landdeutsches Mädchen berichtet, das von einem syrischen Flüchtling und Asylbe-
werber sexuell missbraucht worden wäre. Wenig später stellte sich heraus, dass das
Mädchen kein Opfer eines Sexualdelikts geworden, auch nicht verschwunden war,
sondern bei einer Freundin die Nacht verbracht hatte. Deutsche Medien kritisierten,
dass die russischen Medien keine Skrupel kennen würden, einen Vorfall, der noch
nicht einmal geklärt war, dazu zu missbrauchen, Stimmung gegen die deutsche
Zuwanderungspolitik zu machen und dabei auch die russlanddeutsche Gemeinde
in Deutschland in ihre Kampagnen einzuspannen. Dafür nutze der Kreml unter
anderem die im Ausland operierenden Medien Russia Today und Sputnik, die in
einschlägigen Berichten zum neuen Informationskrieg immer wieder firmieren. Die
Kampagnen liefen, so Ingo Mannteufel in der FAZ, nach einem gängigen Schema
ab. Zuerst würde eine relativ unbekannte Informationswebseite oder ein Blog eine
Nachricht veröffentlichen, die dann von weiteren zweifelhaften Webseiten wiederholt
wird: „Dann steigt ein größeres bekannteres russisches Medium ein und bringt mit
Verweis auf vermeintliche „Quellen“ im Netz die Nachricht, die nun so salonfähig
im Medienraum zirkuliert. Die Frage nach der Wahrheit, empirisch überprüfbaren
Fakten, spielt keine Rolle. Auch die Falschmeldung eines angeblich von Migranten
entführten und vergewaltigten Mädchens in Berlin im Januar stammte von einer
dubiosen Website im Netz. Das russische Staatsfernsehen griff die Geschichte dann
auf. Dies sahen auch Russlanddeutsche, die durch konzertierte Aufrufe in Facebook
und über SMS zu Demonstrationen angestachelt wurden. Zudem verbreiteten die
deutschsprachigen Ableger der russischen Auslandsmedien die Falschmeldung
in Deutschland, wo sie auf rechtspopulistischen Websites und in den sozialen
Medien Resonanz erzeugte. Unverkennbar arbeiten russische Auslandsmedien
sowie deutsche rechtspopulistische oder rechtsradikale Informationsangebote
publizistisch Hand in Hand. Durch gezieltes Zitieren nutzen sie sich gegenseitig
als vermeintlich plausible Quelle.“9
Russlanddeutsche hatten, nachdem die Meldung bekannt geworden war, zu
Demonstrationen aufgerufen. Erklärungen folgten, die Russlanddeutschen fühlten
sich in Deutschland angesichts des Ansturms krimineller, muslimischer Zuwanderer
nicht mehr sicher, und würden den russischen Präsidenten um Unterstützung bitten.
Auch wurde in deutschen Medien eine angebliche Strategie der russischen Politik
diskutiert, über die direkte Förderung EU-kritischer, rechtsnationaler Parteien und
die entsprechend kritische Manipulation der europäischen Medien die Europäische

9 Mannteufel, I.: „Putin hat für jeden die richtige Botschaft“. Der russische Propagan-
da-Apparat zielt seit einiger Zeit verstärkt auf Deutschland. Das Ziel der Desinformation
ist, die Gesellschaft zu verunsichern. Dagegen kann man sich wehren. Ein Gastbeitrag.
In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. März 2016.
7
8 1 Einleitung: Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien

Union zu schwächen. Russische Medien wie der Sender RT deutsch konterten,


man könne die russische Politik nicht für die Fehler verantwortlich machen, die
die deutsche Regierung in der Zuwanderungspolitik mache. Da es in Deutschland
andere Vorfälle ähnlich jenem des russlanddeutschen Mädchens tatsächlich gebe,
diese aber offiziell in den Leitmedien und von der etablierten Politik verschwiegen
oder relativiert würden, dürfe man sich über die Erregbarkeit der öffentlichen Mei-
nung nicht wundern. Russland stehe es nicht zu, sich über die westlichen Medien
zu erheben, erwiderten die Kritisierten, denn es stünde nicht nur wegen seiner
Aufhetzung der russischen Diaspora und der Unterstützung rechtspopulistischer,
EU-feindlicher Gruppierungen und Parteien am medialen Pranger, sondern auch
und zu Recht wegen seines verdeckten Krieges in der Ostukraine und der militäri-
schen Hilfe für den syrischen Diktator Assad. Russland hätte auch keinen Grund,
sich für überlegen zu halten10 angesichts der Unfreiheit der russischen Medien,
der ‚Lenkung‘ der russischen Demokratie. Die russische Wirtschaft sei schwach,
und Putin hätte die Lage kaum im Griff. Die Methode, die jeweils andere Seite als
moralisch und demokratisch defizitär und wirtschaftlich schwach bzw. auf einem
Abwärtstrend zu beschreiben, und das nicht in der Absicht aufzuklären, sondern

10 Von einem „evil empire“ sprach Ronald Reagan 1983 während des Kalten Krieges, rief
zu einem „weltweiten Kreuzzug“ gegen den Kommunismus auf und sagte, mit den
Russen sei eine friedliche Koexistenz nicht möglich. Vladimir Putin meinte 2016: „Wir
erleben gerade den Versuch, das Bild vom ,Reich des Bösen‘ neu zu beleben.“ Hillary
Clinton hatte die russischen Geheimdienste beschuldigt, Computer der Demokraten
auszuspähen und den US-Wahlkampf zu beeinflussen. Russland war zurück auf der
Weltbühne, was man im amerikanischen Wahlkampf und im Syrien-Konflikt sah, aber
auch im ökonomischen Bereich. Putin konnte die Öl-Abhängigkeit Russlands verrin-
gern, nach zwei Jahren Rezession erwartete man für 2017 ein Wirtschaftswachstum.
Die Devisenreserven nahmen zu. Seit dem Tief im Frühjahr 2015 ist der Staatsschatz
um 40 Milliarden Dollar auf knapp 400 Milliarden Dollar angewachsen. Der Rubel
gewann 2016 zum Dollar fast 14 Prozent an Wert, die russische Börse legte fast 13 Pro-
zent zu. Die Ratingagentur „Standard & Poor’s“ änderte den Ausblick von „negativ“ auf
„stabil“. Hinzu kam das positivere Verhältnis Trumps zu Putin. Der republikanische
Präsidentschaftskandidat Donald Trump wie auch Putin ließen im US-Wahlkampf
durchblicken, die Stimmabgabe könnte manipuliert werden. Trump sagte während
eines Wahlkampfauftritts, er hoffe, „Russland schafft es, die 30.000 E-Mails zu finden,
die verschwunden sind“. Gemeint war Clintons E-Mail-Affäre. Als Außenministerin
hatte sie dienstliche Nachrichten über ihre private Adresse verschickt. Russische Ein-
flußnahme auf die US-Wahlen galten als wahrscheinlich, auch weil Putin als KGB-Agent
in einer Abteilung arbeitete, deren Aufgabe es war, Desinformationen zu streuen, um
die Politik anderer Länder in die gewünschte Richtung zu lenken. [Beutelsbacher, St./
Zschäpitz, H.: „Russland ist zurück auf der Weltbühne – und angriffslustig“. In: Die
Welt, 21. Sept. 2016].
1 Einleitung: Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien 9

herabzuwürdigen, gehört zum polemischen Arsenal des kalten Krieges, das seit
der Ukraine-Krise neu bestückt wurde.
Daran liegt es auch, dass sich viele deutsche Mediennutzer, anders als zu Zeiten
des ‚alten‘ kalten Krieges, im neuen kalten medialen Krieg zwischen Russland und
dem Westen, nicht mehr ausgewogen und sachlich informiert fühlen. In den 2010er
Jahren ist das früher weitgehend positive Urteil über die Medien in Misstrauen und
oft genug in offene Feindschaft umgeschlagen. In weiten Teilen der Gesellschaft
schlägt den Medien, wenn es um die Berichterstattung über Russland oder die
Flüchtlingskrise11 geht, starkes Misstrauen bis hin zu offener Verachtung entgegen.
Die Medien schienen ihnen in ihrer Positionierung gegen das angeblich rein ag-
gressive, neoimperialistische Russland zu weit zu gehen. Andererseits fragten sich
die Fürsprecher einer harten, konsequenten politischen Linie gegenüber dem ihrer
Ansicht nach antidemokratischen, illiberalen Russland, das sich in der Ukraine von
seiner imperialistischen Seite zeige, ob nicht die ‚Russland-Versteher‘, die Verächter
der freien westlichen Medien und der freiheitlichen Politik den Westen um seine
Kritikfähigkeit und Verteidigungsbereitschaft gegenüber dem Russland Putins
bringen würden. Die Überzeugung, die richtige Seite zu vertreten, die Meinung, das
politisch und publizistisch forsche Auftreten sei der richtige Weg, ist seit 2014, seit
dem Höhepunkt der Ukraine-Krise, weniger in der politischen als der allgemeinen
Öffentlichkeit einer weitreichenden Skepsis gewichen. Dabei wird immer wieder
der Unterschied zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung betont, den
gerade die Online-Kommentarspalten abbilden würden. Dieser Unterscheid entstehe
jedoch, so die Anhänger der harten Linie, vor allem dank einseitiger pro-russischer,
anti-westlicher Meinungsmache im Internet, zumal dank der Tätigkeit bezahlter
oder freiwilliger ‚Trolle‘. Die Neigung, selbst russischen Quellen eher zu glauben als
der Berichterstattung der etablierten, seriösen, öffentlich-rechtlichen Medien täten

11 Typisch für die verbreitete Skepsis ist z. B. folgender Online-Kommentar: „An der
griechisch-mazedonischen Grenze kam es Ende Februar 2016 zwischen mazedonischer
Polizei und Flüchtlingen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Im französischen
Calais, wo eine riesige Siedlung mit Flüchtlingen entstanden war, die auch auf illegalem
Wege nach Großbritannien gelangen wollte, mußte ein Großaufgebot der französischen
Polizei gegen gewaltsame Flüchtlinge vorgehen. „Als gestern in den Nachrichten die
Filmberichte über die „Flüchtlinge“ gebracht wurden, habe ich mich mal wieder gefragt,
woher die Kameramänner wohl kommen, die doch immer gleich da sind und filmen,
wenn ein Kind weint oder sich mal wieder ein Flüchtling in „Ohnmacht“ fallen lässt.
Langsam entsteht der Eindruck, dass wir hier massiv beeinflusst werden sollen. Es kann
doch nicht sein, dass immer gleich Kamerateams gegenwärtig sind. Die „Flüchtlinge“
gehen mit Gewalt gegen einen Grenzzaun vor und die Kameras sind gleich dabei?“ –
„Mich wundert vor allem, dass die Kameraleute offenbar unbeschadet mitten in so
einer Horde stehen können….wir werden von vorne bis hinten vergackeiert.“
9
10 1 Einleitung: Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien

ein Übriges, um der russischen Propaganda die Arbeit zu erleichtern. Diese Skepsis
habe aber ihre Ursachen, sie sei begründet, meint etwa Peter Denk in seinem Buch
„Lügenpresse“12. Wenn Mediennutzer Zweifel äußerten, würden sie dafür mit der
Verachtung der Medien gestraft, als ‚Putins Trolle‘ verunglimpft. Doch hätten sich
die Massenmedien in den letzten Jahren so viele Verfehlungen erlaubt, „dass sie mit
solchen Aussagen nur noch lächerlich wirken“13. Thomas Fasbender, Autor eines
freundlichen, ‚russland-verstehenden‘ Buches über das Russland Putins, meint,
um Europa zu destabilisieren, brauche es keine russische Propaganda oder eine
„fünfte Kolonne“, von der gemunkelt wurde, es reiche, die europäischen Eliten „so
weitermachen zu lassen wie bisher“14. Die politischen Fehlleistungen Westeuropas
bzw. ‚des Westens‘ in den Bereichen Russland, Ukraine, Zuwanderung und Integ-
ration würden, so der Grundtenor der ‚Lügenpresse‘-Debatte, von den etablierten
Medien schöngeredet, verschleiert, relativiert.

12 Denk, P.: Lügenpresse. Gelnhausen-Roth 2015.


13 An Beispielen zeigte Denk, „wo die Massenmedien Sachverhalte unterschlagen, verdre-
hen und teilweise auch tatsächlich lügen. Die Methoden dazu sind teilweise schon über
einhundert Jahre alt, aber nach wie vor sehr wirksam. Die Manipulation mit gezielten
„Spins“ und natürlich auch durch die Macht der Bilder wird ausführlich behandelt. Das
Buch zeigt die Strukturen in den Massenmedien auf, die dazu führen, dass in vielen
Themen tatsächlich so etwas wie eine „Gleichschaltung“ erfolgen kann. Wie nachge-
wiesen wird, ist das eine sehr alarmierende Entwicklung, die auch ein bedenkliches
Licht auf den Zustand des Rechtsstaates und der Demokratie in Deutschland und der
ganzen westlichen Welt wirft. Wenn das nicht gestoppt wird, gehen wir dunklen Zeiten
entgegen.“
14 Fasbender, Th.: Der Mythos von Putins fünfter Kolonne. In: Sezession, 14. Jhrg., Nr.
72, Themenheft „Netzwerke“. Schnellroda, Juni 2016, S. 43.
Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech
und Fake News
2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News
2
2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

Auf rechter bzw. rechtspopulistischer Seite wird die These vertreten, der Raum des
Sagbaren werde immer kleiner, der Verstoß gegen politisch korrekte Tabus werde
mit Ausschluss aus dem Diskurs geahndet. Die Debatte über die ‚Lügenmedien‘
auf der einen und dem sogenannten ‚hate speech‘, der Hassrede auf der anderen
Seite, die in den deutschen Medien in jüngster Zeit eine immer leidenschaftlichere
Form annahm, offenbart einerseits die Verschärfung des öffentlichen Diskurses,
der sich vor allem an den Themen Islam und Zuwanderung, aber auch an der Russ-
land-Politik entzündete, andererseits wurde die Debatte als Indiz gedeutet, dass viele
Bürger die Medienberichterstattung mit ihren eigenen Erfahrungen nicht mehr in
Übereinstimmung zu bringen vermögen. Die Unzufriedenheit über diesen Kontrast
griffen vor allem vielkritisierte Internet-Seiten wie „politically incorrect“, „Deutsche
Wirtschaftsnachrichten“, die Internetpräsenz des Kopp-Verlags oder in Österreich
das Internet-Fernsehen „Unzensuriert.tv“ auf. Gegen die These, die Medien würden
einseitig berichten, zu manipulieren versuchen, ja Lügen verbreiten, wandten sich
Journalisten wie Dunja Hayali, Moderatorin des ARD-Morgenmagazins, deren
Einladung die AfD-Vorsitzende Frauke Petry mehrmals ausschlug. Hayali sei keine
Journalistin, so Petry, sondern eine politische Aktivistin, die gerade über die AfD
nicht objektiv berichten würde.
Hayali wurde für ihre Courage gefeiert, als sie bei der Verleihung der „Goldenen
Kamera“ im Februar 2016 eine Ansprache gegen den Hass im Netz hielt, in der
sie die Hetzer aufforderte, mit den Journalisten zu diskutieren, sie auf ihre Fehler
hinzuweisen. Die ARD-Journalistin Anja Reschke erhielt den Preis als Journalistin
des Jahres, unter anderem für ihren „Tagesthemen“-Kommentar, in dem sie für
einen „Aufstand der Anständigen“ geworben hatte. Dass das Problem nicht auf
Deutschland beschränkt ist, zeigt die Reaktion von 22 Chefredakteuren finnischer
Zeitungen und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die erklärten, sie wollten den
Hass, die fremdenfeindliche Propaganda und die Verbreitung erlogener Nachrich-
ten im Internet nicht länger ignorieren. Man wolle sich ab sofort offensiver mit
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 11
M. Stegherr, Der neue Kalte Krieg der Medien,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-20435-8_2
12 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

Falschmeldungen und Hetzkampagnen im Internet auseinandersetzen, und diese


mit sachlichem Journalismus kontern. Der öffentliche Diskurs sei in Finnland im
Kontext der Flüchtlingsdebatte drastisch verroht, schrieben die Chefredakteure in
ihrer gemeinsamen Erklärung. Propagandamedien im Netz, die sich den Anschein
der Seriosität gäben, und radikalisierte Gleichdenkende hätten über Lügenge-
schichten, Verleumdungskampagnen und offenes Mobbing zu einer Vergiftung des
Debattenklimas beigetragen. Die seriösen Medien müssten dem entgegentreten,
meinte Tommy Westerlund, Chefredakteur des Hufvudstadsbladet, wobei die Inst-
rumente einerseits Gegenrede im Netz, andererseits gründlichere Recherche in den
eigenen Berichten sein sollten. Die finnische Justiz leitete Ermittlungen gegen die
populäre und ausländerfeindliche Netzpublikation MV-Lehti ein, nachdem politisch
linksstehende Jugendorganisationen den Betreibern der Seite vorgeworfen hatten,
gegen das Rassismusverbot zu verstoßen und den gesellschaftlichen Frieden unter
dem Deckmantel der Meinungsfreiheit zu gefährden. Die Frage, wie man mit der
Verrohung der Debattenkultur vor allem im Internet umgehen soll, ist gleichwohl
umstritten. Fast jede zweite Zeitungsredaktion hatte 2016 die Kommentarfunktion
auf ihrer Website eingeschränkt, weil sie die Unmenge an rechten und strafrechtlich
relevanten Kommentaren nicht mehr bewältigen konnte15.
Der Hauptvorwurf, der sich mit den Schlagworten „Lügenpresse“ oder „Lügen-
medien“ verbindet – der Philosoph Peter Sloterdijk sprach von „Lügenäther“ –, und
den Journalisten wie Anja Reschke oder Dunja Hayali oder die finnischen Journa-
listen als verhetzend bezeichnen, lautet, die Medien würden selektiv, überwiegend
kommentierend und nicht mehr informierend berichten. Eine Gegenöffentlichkeit
zu den sogenannten Mainstream-Medien bildete sich, vor allem im Internet, den
sozialen Medien, die auch Einfluss auf die spontane, rasche Bildung neuer politischer
Protestformen hat, sowohl auf der rechten wie auf der linken Seite des politischen
Spektrums. Die Montagstreffen, die der Journalist Ken Jebsen zusammen mit Jür-
gen Elsässer initiierte, sind ein Beispiel, ein anderes die Pegida-Bewegung, die sich
die Rettung des „Abendlandes vor der Islamisierung“ auf die Fahne geschrieben
hatte und regelmäßig Schlagzeilen machte, weil sie Journalisten als Lügner und
Verdreher hinstellte. Um die offizielle, regierungsamtliche Version eines Sachver-
halts zu schützen, werde auch keine Rücksicht auf Meinungs- und Kunstfreiheit
genommen. So wurde zum Beispiel im Fall Böhmermann argumentiert, der im
April 2016 für beträchtliche Aufregung und diplomatische Verwerfungen zwi-
schen Deutschland und der Türkei sorgte. Der Comedian hatte ein Schmähgedicht

15 Vgl.: Wolff, R./Fromm, A.: Journalisten gegen „Lügenmedien“. Finnische Chefredakteure


haben sich gemeinsam gegen Hetze im Netz ausgesprochen. Das wäre in Deutschland
kaum denkbar. In: taz.de, 2. März 2016.
2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News 13

gegen den türkischen Staatspräsidenten in der ZDF-Satiresendung „Neo Royal“


verlesen, das die Sticheleien deutscher Kabarettisten, Satiriker und Comedians
gegen das freiheitsfeindliche Gebaren des türkischen Politikers auf die Spitze
trieb. Die Bundesregierung erklärte, sie sehe sich aufgrund der Klage Erdogans
auf Ehrverletzung und Beleidigung gezwungen zu handeln. Kritiker meinten, sie
handele, weil sie durch die Kooperation mit der Türkei in der Flüchtlingskrise auf
das Wohlwollen der türkischen Staatsführung angewiesen wäre16. Interessanter-
weise war die Klage der Türkei gegen Böhmermann und die zeitgleiche Sperrung
der Webseite des russischen Internetdienstes Sputnik News durch Ankara für die
russische Politik Gelegenheit, sich über die Verachtung der Türkei für die Presse-
freiheit zu beklagen. Konstantin Kosačov, Leiter des Auswärtigen Ausschusses des
russischen Föderationsrates, erklärte, die Fälle Böhmermann und Sputnik seien ein
neuer Beweis dafür, dass Erdogan und seine Regierung die Pressefreiheitsprüfung
nicht bestanden hätten und fürchteten, die Türken könnten die Wahrheit über die

16 Am 15. April 2016 erklärte die deutsche Bundeskanzlerin, die Bundesregierung hätte
der Klageerhebung der deutschen Justiz gegen Herrn Böhmermann zugestimmt, wenn
auch, wie Merkel betonte, keine Einigkeit in der deutschen Regierung darüber bestanden
hätte. Der deutschen Bundeskanzlerin wurde vorgeworfen, sie unterstütze aus außen-
politischem Kalkül den antidemokratischen türkischen Staatspräsidenten Erdogan in
dessen Kampagne gegen einen deutschen Satiriker und damit gegen die grundgesetzlich
garantierte Meinungs- und Kunstfreiheit. Erdogan hatte selbst 1.800 Beleidigungsklagen
auch gegen jugendliche Facebook-Nutzer laufen. Nach einer WDR-Radiosendung über
den Fall meinte eine Hörerin, wenn man sich über „sensiblere Ehrgefühle und Rücksicht
auf andere kulturelle Hintergründe von türkisch-stämmigen Mitbürgern belehren lassen“
müsse „und jetzt angeblich 77 Mio Türken unter Beleidungsgemeinschaftsbetroffenheit
über einen deutschen Satiriker leiden“, sollten diese sich nicht gemeinsam für einen
Präsidenten fremdschämen. Erdogan bezeichne politische Gegner auch als pervers, zum
Beispiel Kemal Kilicdaroglu. Statt darüber aufzuklären, rede der öffentlich-rechtliche
WDR den Deutschen ein schlechtes Gewissen ein. Der deutsche Journalistenverband
protestierte scharf. Der Deutsche Journalisten-Verband kritisierte am 15. April 2016 die
Erklärung von Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Antrag der türkischen Regierung,
den Satiriker Jan Böhmermann strafrechtlich verfolgen zu lassen. „Dieser Entscheidung
der Bundeskanzlerin hätte es nicht bedurft, weil der türkische Präsident Erdogan bereits
Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft Mainz gestellt hat“, sagt DJV-Bundesvorsitzender
Frank Überall. Die Kanzlerin hatte zuvor bekannt gegeben, dass die Bundesregierung
der Staatsanwaltschaft eine Verfolgungsermächtigung erteile. Der DJV-Vorsitzende
sieht in der Erklärung der Kanzlerin das falsche Signal an die Adresse der türkischen
Regierung. Das werde auch nicht dadurch wettgemacht, dass die Kanzlerin die massiven
Verstöße gegen die Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei angesprochen habe. „Es
ist allerdings zu begrüßen, dass die Bundeskanzlerin die Abschaffung des Paragrafen
103 in Aussicht gestellt hat“, sagt Überall. „Majestätsbeleidigung gehört nicht in den
Strafkodex einer Demokratie.“
13
14 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

Einstellung der Russen ihnen und der Türkei gegenüber erfahren. Hintergrund
waren das negative Bild, das von türkischen Medien und Politik seit der russischen
Intervention in den syrischen Bürgerkrieg und dem Abschuss eines russischen
Jagdflugzeugs im türkisch-syrischen Grenzgebiet von Russland gezeichnet wurde.
Sputnik hatte dagegen von einer Fernseh-Fragestunde berichtet, in der Putin vom
freundschaftlichen Verhältnis Russlands zur Türkei gesprochen hatte, was Kosačov
als Grund für die Sperrung der russischen Seite bezeichnete. Das negative Bild
Russlands könne Risse bekommen, fürchte man ganz offenbar in der türkischen
Regierung, denn kritischen Bemerkungen der russischen Seite über die türkische
Politik sei kein Thema gewesen. Der Chefredakteur von Sputnik-Türkei, Tural
Kerimov, gab an, die türkische Telekommunikationsbehörde TIB hätte zwar die
Blockierung der russischen Webseite bestätigt, aber keine weitere Erläuterungen
gegeben. Auch der Sprecher des französischen Außenministeriums, Romain Nadal,
erinnerte vor dem Hintergrund der Sputnik-Sperrung daran, dass der türkische
Präsident ein ernsthaftes Problem mit Medien habe, und betonte, Medienvertreter
seien berechtigt, ihre Tätigkeit überall auszuüben, wo auch immer sie sich befinden.
Frankreich hielte sich an den Grundsatz der Presse- und Meinungsfreiheit.
Im Juli 2016 folgte der nächste deutsche Medien-Skandal, der weit weniger
Wellen schlug, aber nach Meinung der Kritik schlaglichtartig gezeigt hätte, wie
weit Satire noch gehen dürfe bzw. wie eng der Meinungskorridor in Zeiten einer
als alternativ­los bezeichneten Zuwanderungspolitik geworden sei. Wie im Fall
Böhmermann war auch in dem des Kabarettisten und ZDF-Reporters Achim Win-
ter umgehend die Löschung des Videos aus der Mediathek des Senders gefordert
worden, die schließlich auch erfolgte. Winter hätte sich in seiner Sendung über
den Kampf der Amadeu-Antonio-Stiftung gegen Hasskommentare im Netz lustig
gemacht, so der Vorwurf. Facebook hatte eine Task-Force gegen Hasskommentare
gegründet, das Bundeskriminalamt ließ bundesweit Wohnungen durchsuchen,
als Teil des Kampfes gegen kriminelle und menschenverachtende Äußerungen
im Netz17. In seiner Sendung „Hallo Deutschland“ versuchte Achim Winter in
der dreiminütigen Rubrik „Wochenrückblick“ Passanten in einer Fußgängerzone
Meinungen zum Thema Hasskommentare zu entlocken. Die Amadeu-Antonio-­
Stiftung nannte Winters Beitrag „verstörend“ und richtete eine Beschwerde an den
ZDF-Fernsehrat, die Intendanz und die Redaktionsleitung. Die Stiftung verlangte,
den Beitrag aus der Mediathek zu löschen. Winter hatte in seinem Beitrag die Suche

17 Steffen, Tilman: „ZDF macht Kampf gegen Hasskommentare lächerlich“. Polizei, Po-
litiker und Initiativen kämpfen gegen Hetze im Netz. Ein ZDF-Reporter macht sich in
einem Beitrag darüber lustig. Der wird jetzt Thema im Fernsehrat. In: Zeit Online, 13.
Juli 2016.
2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News 15

nach Hasspostings im Netz als „Bespitzelung“ bezeichnet, und sich von seinen
Zuschauern mit den Worten verabschiedet, er rufe jetzt mal bei Frau Kahane an,
der Vorstandsvorsitzenden der Stiftung, die „ja für jeden Tipp dankbar“ sei, wobei
er auf die Stasi-Vergangenheit Kahanes anspielte. Der russische Auslandssender
Russia Today titelte zur Debatte: „Für eine beispiellose Selbstentlarvung sorgt
derzeit die Amadeu Antonio Stiftung der ehemaligen Stasi-Zuarbeiterin Anetta
Kahane“18, und meinte, es müsse „spätestens seit dem Zeitpunkt an der Urteils-
fähigkeit von Justizminister Heiko Maas gezweifelt werden, als dieser Anetta
Kahane, die einstmals als Stasi-IM „Victoria“ ihre Brötchen verdient hatte, und
deren Amadeu Antonio Stiftung zur Top-Beraterin seiner „Task-Force gegen
Hasskommentare im Internet“ gemacht hat. Zum einen ist das politische Milieu,
aus dem Kahane stammt, dafür berüchtigt, selbst massive Hetzkampagnen gegen
jedweden Andersdenkenden zu lancieren, dessen Gesicht ihnen gerade nicht passt,
zum anderen fordern sie als selbstberufene Gesinnungskommissare bei jeder noch
so harmlosen Gelegenheit die Komplettzensur. Die Inbrunst, mit der die Gedan-
kenpolizisten unter jedem Gullydeckel Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und
was auch immer sonst noch meinen, ausmachen zu können, erinnert jedenfalls
frappierend an Symptome paranoiden Wahns.“19
Dass Tagesspiegel und Zeit aus Winters Twitter-Account zitierten, betrachtete
das russische Auslandsmedium RT deutsch als Beleg für „jene Gesinnungsspitzelei,
die Winter in seinem satirischen Stück aufs Korn genommen und als problematisch
aufgezeigt hat“. Der russische Auslandssender hielt es für sehr wahrscheinlich,
„dass in den folgenden Tagen eine fein abgestimmte Hetzkampagne gegen Winter
losgetreten werden wird. […] All das mit dem Maximalziel, Winter aus seinem
Reporter-Job zu jagen. Lang ist die Liste derer, die durch den ideologischen Wahn
selbsterklärter Linker bereits ihrer Existenzgrundlage beraubt wurden. Dabei wird
gerne das Internet als Waffe eingesetzt. So offenbart sich aber auch am aktuellen Fall
um Achim Winter, was das tatsächliche Problem in Deutschland ist: Die gefähr-
lichsten „Hatespeaker“ beraten derzeit das Bundesjustizministerium.“20 Auch die
FAZ-Kunstfigur Don Alphonso griff den Fall Winter auf. Er meinte, „Hatespeech im
Netz gehe sehr leicht, es reiche, „bei Migration mit dem Wort „Wirtschaftsflüchtlin-
ge“ auszudrücken, dass ökonomische Interessen bei der Asylsuche in Deutschland

18 Sommer, Arne: Amadeu-Stiftung fordert Löschung von ZDF-Satirebeitrag über deren


Zensurwahn im Internet. RT Deutsch, 14. Juli 2016.
19 Ibidem.
20 Ibidem.
15
16 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

im Vordergrund stehen können“21. Die Spaltung der öffentlichen Meinung in be-


stimmten Fragen wie der Flüchtlingskrise oder der diplomatischen Krise zwischen
dem Westen und Russland ging quer durch die westlichen Gesellschaften, worauf
russische Auslandsmedien ihre Berichterstattung aufbauten. Aus ihrer Sicht würden
sie damit eine Aufgabe übernehmen, die die westlichen Medien nicht mehr oder
nicht mehr in dem Maße wahrnehmen würden wie bisher. Kritische Stimmen sehen
darin eine Manipulation der öffentlichen Meinung, die allein politischen Motiven
der Destablisierung und Schwächung der Europäischen Union und jener Politik
und Medien folgt, die die russische Politik kritisch verfolgen.

2.1 Der Vertrauensverlust der Leitmedien


2.1 Der Vertrauensverlust der Leitmedien
Der gravierende Vertrauensverlust, den die etablierten Medien in jüngster Zeit zu
erdulden haben, sei in erster Linie die Schuld der Journalisten, so der Medienwis-
senschaftler Norbert Bolz. Diese wollten nicht berichten, sondern die Menschen
erziehen, was gerade in der Flüchtlingsberichterstattung deutlich geworden wäre.
Viele Journalisten glaubten, man müsse dem Volk „gewisse Informationen“ vorent-
halten, „weil es noch nicht reif genug ist, damit umzugehen“, so Bolz unter Verweis
auf die Ereignisse der Kölner Silvesternacht, als der Migrationshintergrund vieler
mutmaßlicher Täter zunächst nicht erwähnt worden war. Der Eindruck wäre ent-
standen, dass die entscheidende Information „aus pädagogischen Motiven“ wegge-
lassen wurde, „um keine Vorurteile weiter zu schüren“22. Um ihre Glaubwürdigkeit
zurückzugewinnen, müssten Journalisten sich wieder auf ihren ursprünglichen

21 Weiter schrieb er: „Einer, der offensichtlich so perfide ist, dass man ihn anzeigen
muss, ist der Fernsehmoderator Achim Winter. Mit humoristischen Beiträgen in der
ZDF-Sendung „Hallo Deutschland“ nimmt er gern Entwicklungen der Gesellschaft aufs
Korn, und letzthin war es eben der Wunsch der Amadeu Antonio Stiftung, im Internet
gegen Hatespeech zu kämpfen. Allerdings beteiligt sich Winter auch am konservativ-­
liberalen Gemeinschaftsblog „Tichys Einblicke“, das durch seine migrationskritischen
Berichte schon länger vielen linken Aktivisten ein Dorn im Auge ist. Die Stiftung, die
im Frühjahr angekündigt hat, nun auch in eigener Sache gegen Hatespeech juristisch
vorzugehen und „Rufmord“ beklagte, sah nach drei läppischen Minuten TV-Witzelei
offensichtlich das Mass des Erträglichen erreicht.“ [Don Alphonso: „Wie man gegen
satirische Journalisten, StaSi-Opfer und die Polizei hetzt“. Hier haben Sie das passende
Instrument, mit dem Sie die Niedertracht der Berliner Eliten, um die es in diesem Text
geht, geistig anfassen können – Sie werden es brauchen. In: FAZ, Blogs, 17. Juli 2016].
22 „Lauter politisch korrekte Volkspädagogen“. Norbert Bolz im Gespräch mit Korbinian
Frenzel. Deutschlandradio Kultur, 3. Mai 2016 [http://www.deutschlandradiokultur.
2.1 Der Vertrauensverlust der Leitmedien 17

Auftrag besinnen, meinte Bolz, „zu berichten und Nachrichten und Informationen
zu übermitteln, ohne Zensur, ohne pädagogische Zwischenüberlegungen, ohne
Anpassungen an politische Korrektheit. Schlicht berichten, was man weiß und den
Bürgern selber das Urteil zu überlassen.“23 Das Dilemma der Glaubwürdigkeitskrise
der Medien besteht darin, dass einerseits Deutschland nach Meinung von „Reporter
ohne Grenzen“ und anderer einschlägiger Organisationen ein Land ist mit nahezu
uneingeschränkter Freiheit, alles zu drucken, zu senden, im Internet zu posten;
andererseits konnte der Vorwurf der „Lügenpresse“ entstehen, und das nicht nur am
Rande der Gesellschaft. 60 Prozent der Befragten einer Umfrage, die der Bayrische
Rundfunk in Auftrag gab, glauben, dass Meinungen, die als unerwünscht gelten,
ausgeblendet werden würden, und dass es Vorgaben für die Berichterstatter von
staatlicher Seite oder den Parteien gebe.
Ein großer Anteil der Deutschen hält die Medien für gelenkt, dennoch brauche
man sich, so Bolz, keine Sorgen um die Presse- und Meinungsfreiheit zu machen.
Der Vorwurf der „Lügenpresse“ basiere vor allem darauf, dass viele Journalisten
weniger berichten als erzählen wollten, und die Leser zu dem anleiten wollten,
was der Journalist für das Wahre, politische Korrekte halten solle. In der Bericht-
erstattung über die Flüchtlingskrise sei das besonders deutlich geworden, was das
Misstrauen eines großen Teils der Bevölkerung erkläre. Problematisch würde es
besonders, wenn viele Journalisten, gerade im öffentlich-rechtlichen Bereich, sich
„nicht nur als Journalisten, sondern als Volkspädagogen“ verstünden und glaubten,
„man müsste auch tatsächlich gewisse Informationen dem Volk vorenthalten, weil
es noch nicht reif genug ist, damit umzugehen“24. Hier müsse bei den Journalisten
eine Neubesinnung auf ihren eigentlichen Auftrag einsetzen. In Deutschland
hätte es, so Bolz, schon immer „mehr als in anderen Ländern das Phänomen der
Gesinnungspresse und der Meinungspresse gegeben“, was sich aber immer mehr
„in Richtung Pädagogik, Erziehung“ und eine immer stärkere Annäherung des
Journalismus an die Regierungspolitik entwickelt habe, worauf die Medienkonsu-
menten sehr sensibel und sehr kritisch reagieren würden25. Gleichwohl müsse man
sich um die Meinungsfreiheit keine Sorge machen, denn es gehe nicht um „Propa-
ganda im primitiven Sinne“, sondern um die bewusste Auslassung dessen, was in
bestimmte Konzepte nicht passt. Hinzu käme, dass es dem aktuellen Journalismus

de/journalisten-lauter-politisch-korrekte-volkspaedagogen.1008.de.html?dram%3Aar-
ticle_id=353133].
23 Ibidem.
24 Ibidem.
25 „Lauter politisch korrekte Volkspädagogen“. Norbert Bolz im Gespräch mit Korbinian
Frenzel. Deutschlandradio Kultur, 3. Mai 2016.
17
18 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

an Standhaftigkeit fehle. Der Medienwissenschaftler Hans-Martin Kepplinger


nennt das die Ko-Orientierung der Journalisten, wonach sich die Journalisten
neben der Welt vor allem dafür interessieren würden, was andere Journalisten
berichten und meinen. Die Wirklichkeit tritt hinter die medial geschaffene, die
reine Medienwirklichkeit zurück.
Nicht der Vorwurf des bewussten Weglassens, sondern der bewussten Manipu-
lation wurde im Zusammenhang des sogenannten „Gauland-Boateng-Skandals“
erhoben. Die rechtspopulistische Partei „Alternative für Deutschland“, wie auch
andere Parteien des selben Lagers, klassifiziert der Politologe Jan-Werner Müller
als im Grundsatz antipluralistisch26, eine These, die eine rasch skandalisierte Äu-
ßerung des AfD-Politikers Alexander Gauland zu erhärten schien. Die Frankfurter
Allgemeine Sonntagszeitung brachte Ende Mai 2016 auf der ersten Seite ein Inter-
view mit Gauland. Die gedruckte Fassung erweckte den Eindruck, Gauland und
viele Deutsche wollten einen farbigen Fußballer wie den Nationalspieler Jérôme
Boateng nicht als Nachbarn. Eine ungeheure Solidarisierungswelle mit Boateng
und ein Sturm der Entrüstung über Gaulands Äußerung („Die Leute finden ihn
als Fußballer gut, aber wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“) setze
innerhalb kürzester Zeit im Internet und den klassischen Medien ein. Der Inter-
net-Kolumnist Alexander Wallasch meinte, zum einen gebe es sicher tausende
Fans des Nationalspielers, die gerne neben ihrem Idol wohnen würden, „wären da
nicht diese unbezahlbaren Mieten und Häuserpreise in Grünwald“ […], einer der
exklusivsten Wohngegenden Deutschlands“; zum anderen bleibe dem Leser der
Kontext des Gesprächs unklar, für das vorher ein „vertrauliches Hintergrundge-
spräch“ geführt wurde, „scheinbar mit der Hauptintention, diesem AfD-Politiker
mal richtig […] einen einzuschenken“, und aus dem nur diese eine Passage zitiert
wurde. Die FAS-Journalisten wären noch einen Schritt weiter gegangen, und hätten,
„aufgescheucht von der so willkommenen Äußerung“, in München-Grünwald an
Villentüren geklopft, um nachzufragen, „wie es die Leute dort wirklich mit ihrem
farbigen Nachbarn halten“. Statt einer Bestätigung etwaiger Vorurteile hätten die

26 Müller, J.-W.: Was ist Populismus? Ein Essay. Berlin 2016. Müller schreibt: „Meine These
lautet, dass Kritik an Eliten ein notwendiges, aber kein hinreichendes Kriterium für die
Bestimmung von Populismus ist. Mit anderen Worten: „Anti-Establishment-Attitüde“
greift zu kurz. Zum Anti-Elitären muss noch das Anti-Pluralistische hinzukommen. Was
ich als den Kernanspruch (im Orig. kursiv) aller Populisten bezeichnen möchte, lautet
stets ungefähr so: „Wir – und nur wir – repräsentieren das wahre Volk.“ Und dies ist
[…] als moralische, nicht als empirische Aussage gemeint…“ [ibid., S. 26]. Müller bleibt
in seinem Buch den Nachweis dieser These bis zur letzten Seite schuldig. Er erlaubt es
sich, die Antipluralität als längst belegtes Faktum zu konstatieren, weil sie Konsens in
den meinungsgebenden medialen und akademischen Kreisen geworden ist.
2.1 Der Vertrauensverlust der Leitmedien 19

Journalisten von einer Nachbarin nur die Auskunft erhalten, hier könne jeder woh-
nen, der das wolle. Wenn Anwohner einer der vielen Asylunterkünfte in Deutsch-
land Zuwanderer nicht als Nachbarn haben wollen, was durchaus zu erwarten sei,
hätte das mit dem Fall Boateng nichts zu tun. Hier gehe es, so Wallasch, um viel
Grundsätzlicheres, um Polemik gegen die AfD, denn was besprochen wurde, ist
unbekannt, der Kontext fehle. Gauland erklärte, er hätte in dem vertraulichen
Hintergrundgespräch die Einstellung mancher Menschen beschrieben, aber sich
an keiner Stelle über Herrn Boateng geäußert, „dessen gelungene Integration und
christliches Glaubensbekenntnis“ ihm aus Berichten über ihn bekannt sei. Die
FAS verwies in ihrer Titelgeschichte explizit auf die christlichen Tätowierungen
des Fußballers. Wallasch nannte die FAS-Titelgeschichte, die einen regelrechten
medialen und politischen Skandal auslöste, „ein ödes selbstgebackenes Konstrukt
aus Schlagzeilen-Sehnsucht. Aus einer merkwürdig pervertiert korrekten politischen
Haltung heraus? Jedenfalls aus sich heraus von einem latenten Rassismus infiziert,
dass man fast schon schmunzeln könnte. Aber zum Lachen ist das alles kaum. Soll
der geneigte Leser der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung anschließend
mutmaßen, dass der AfD-Politiker etwas gegen Farbige in seiner Nachbarschaft
hätte? Aufgrund eines Zitates, von dem man noch nicht einmal weiß, in welchem
Rahmen, in welcher Gesprächssituation und in welchem Kontext und in welcher
Autorisierung sie wirklich gefallen ist?“27
Nachdem in diversen Medien, etwa im Handelsblatt, vom „Nazijargon“ der
AfD die Rede gewesen war und selbst Bundeskanzlerin Merkel sich eingeschaltet
und die Gauland-Äußerung als „niederträchtig“ bezeichnet hatte, erhob Gauland
schwere Vorwürfe gegen die Frankfurter Allgemeine Zeitung28. In einer an alle
AfD-Parteimitglieder versandten E-Mail warf er den beiden FAZ-Redakteuren,
die ihn interviewt hatten, vor, sich nicht an die Abmachungen gehalten und ihm
auch keine Zitate zur Autorisierung vorgelegt zu haben. Zudem habe ein dritter
FAS-Redakteur die Überschrift: „Gauland beleidigt Boateng“ gewählt, die durch
keinen Satz im Text gedeckt sei, so Gauland, der an keiner Stelle des Interviews
ein Werturteil über Boateng abgegeben hätte. Erst die Überschrift hätte seine „an-

27 Wallasch, A.: „Herr Gauland und der Nachbar“. In: Die Kolumnisten. Kolumnen aus
der Welt von heute, 29. Mai 2016. Warum trifft sich Alexander Gauland von der AfD
mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung um über Jerome Boateng zu spre-
chen, als gäb’s nichts Wichtigeres? Und warum erscheint das dann nicht im Sportteil,
sondern auf dem Titel des Blattes?
28 Neuerer, Dietmar: „AfD-Vize Gauland schlägt zurück“. Nach seinen umstrittenen
Aussagen über Fußballnationalspieler Boateng hat sich AfD-Vize Gauland an die Par-
teimitglieder gewandt. In einer E-Mail nimmt er detailliert zu dem Vorgang Stellung
und greift die FAZ frontal an. In: Handelsblatt, 30. Mai 2016.
19
20 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

sonsten richtigen Aussagen […] ins Fremdenfeindliche, Rassistische“ gewendet. Der


am Interview beteiligte FAZ-Redakteur Eckart Lohse meinte im Deutschlandfunk,
Gauland hätte nicht den Eindruck gemacht, dass er nicht wisse, wer Boateng ist, und
dann auf die Nachfrage zum Thema Fremdsein, unter Bezugnahme auf Boateng „die
Antwort gegeben, die er gegeben hat, und die wir veröffentlicht haben“. Von dem
anderthalbstündigen Gespräch mit Gauland gebe es keinen Audiomitschnitt, wobei
Lohse und sein Kollege Markus Wehner unabhängig voneinander mitgeschrieben
hätten29. Gauland wäre es, erklärte er in seiner E-Mail , nur um eine Beschreibung
von Gefühlen gegangen, „die wir alle überall in unserer Nachbarschaft wahr-
nehmen und die sich nicht dadurch vermindern, dass wir sie heuchlerisch nicht
zur Kenntnis nehmen. Streng genommen habe ich nicht Herrn Boateng beleidigt
sondern diejenigen, die vielleicht nicht in seiner Nachbarschaft leben wollen, wenn
er nicht ein berühmter Fußballstar wäre.“30
Der „Medienhype“ würde solche Differenzierungen nicht mehr zulassen, meinte
Gauland. Den Schaden, der dadurch der Partei entstanden sei, wollte Gauland in
Grenzen halten. Der Deutsche Fußballbund reagierte mit einem kurzen Video mit
der Botschaft „Wir sind Vielfalt – Wir sind die Mannschaft“, und das Publikum
beim Länderspiel Deutschland-Slowakei applaudierte bei Boateng, der eine deutsche
Mutter und einen ghanaischen Vater hat, besonders kräftig. Regierungssprecher
Steffen Seibert bezeichnete die Gauland zugeschriebene Äußerung als „nieder-
trächtig und traurig“, und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU)
nannte sie „unsäglich blöd“. Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt
erklärte, Herrn Gaulands Blick auf die Gesellschaft ende offensichtlich an seinem
Vorgarten-Zaun. Seine verbalen Ausfälle seien gesellschaftliches Gift. Anhänger
der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung hatten sich in sozialen Netzwerken
bereits abschätzig über Boateng geäußert31, nachdem der „Kinderschokolade“-Her-

29 Die FAZ-Redaktion veröffentlichte folgende Erklärung dazu: „Die Äußerung von Herrn
Gauland zu Jerome Boateng stammt aus einem Gespräch, das Herr Gauland mit den
Berliner Korrespondenten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Frankfurter
Allgemeinen Sonntagszeitung Eckart Lohse und Markus Wehner am Mittwoch in Pots-
dam geführt hat. Beide Kollegen haben die Passage aufgezeichnet, ihre Aufzeichnungen
stimmen überein. Wie in früheren Gesprächen auch bestand Herr Gauland nicht auf
einer Autorisierung von Zitaten. Herr Gauland stufte nur den Teil des Gesprächs, in
dem er sich über AfD-Führungspolitiker äußerte, als Hintergrund ein und bat, daraus
nicht zu zitieren. Daran hat sich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gehalten.“
30 Neuerer, Dietmar: „AfD-Vize Gauland schlägt zurück“. In: Handelsblatt, 30. Mai 2016.
31 Im Okt. 2015 schrieb das „Handelsblatt“: „Brauner Brotaufstrich mit „Pegida“-Etikett:
Ein „Nutella“-Glas mit veränderter Aufschrift hat Pegida-Chef Lutz Bachmann auf
seiner Facebook-Seite präsentiert. „Nutella“-Hersteller Ferrero distanzierte sich von
dem Etikett. „Wir sind strikt gegen jegliche Form von Fremdenfeindlichkeit oder Dis-
2.1 Der Vertrauensverlust der Leitmedien 21

steller Ferrero anlässlich der Fußball-Europameisterschaft Verpackungen mit


Kinderbildern deutscher Nationalspieler bedruckt hatte. Die AfD-Chefin Frauke
Petry distanzierte sich umgehend von der Äußerung Gaulands, wohl weil sie die
politische Brisanz missverständlicher Äußerungen im Fußball-Kontext ahnte.
Auch ihr Co-Parteichef Jörg Meuthen betonte gegenüber der Nachrichtenagentur
Reuters, er sehe kein Problem darin, wenn ein Spieler mit Migrationshintergrund
in der deutschen Mannschaft spiele, wobei er die Gauland-Debatte für überflüssig
erklärte. Medienpolitisch sei sie es nicht, meinte der Deutsche Journalisten-Verband
Berlin-Brandenburg in einer Stellungnahme. Die „Causa Boateng“ sei der „Shit-
storm, der nach hinten los ging“ bzw. nach hinter los gehen könne, denn Gauland
hätte vor Gericht, so der DJV-Regionalverband, durchaus Aussicht auf Erfolg, sollte
er klagen32. Journalistische Grundsätze würden mittlerweile über Bord geworfen,
wenn es gegen die AfD geht, und die gleichen Medien würden sich dennoch völlig
überrascht zeigen, wenn sie immer öfter als „Lügenpresse“ beschimpft werden. Im
Internet wurde Merkel aufgefordert, sich bei TTIP, Flüchtlingskrise oder Erdogan
ebenso deutlich zu äußern.
Die einen fühlten sich durch den „Gauland-Boateng-Skandal“ in ihrer berech-
tigten Skepsis gegenüber der AfD bestätigt, die anderen rückten die medienpoliti-
sche Dimension des Interviews, seinen tendenziösen Ansatz in den Vordergrund.
Er sei Indiz für eine immer stärkere Wendung des Journalismus zur Gesinnung,
zum Subjektiv-Pädagogischen, auch um den Preis des eigenen Renommées. Bereits

kriminierung“, teilte die Pressestelle des Unternehmens in Frankfurt der Deutschen


Presse-Agentur auf Nachfrage mit. „Zur Zeit prüfen wir mögliche Schritte, um eine
weitere Verbreitung zu vermeiden.“ Das Brotaufstrich-Glas mit „Pegida“-Etikett spielt
mit der Zuschreibung der Farbe Braun zur rechtsextremen Ideologie. Ferrero schließt
nach eigenen Angaben aus, dass das Etikett vom Hersteller selbst ausgeliefert oder über
dessen Webseite erstellt wurde. Über den Internetauftritt des Ferrero-Brotaufstrichs
können Kunden Gläser mit eigenen Aufschriften bestellen. „Pegida“ allerdings kann
man tatsächlich nicht eingeben.
32 Die Gesetzeslage reiche, so der DJV Berlin-Brandenburg, „für eine sehr unangenehme
Lage der beiden Journalisten und der Zeitung. Der § 186 StGB wird den FAS-Journalisten
das Kreuz brechen. Gauland kann Unterlassung fordern und Strafantrag wegen „übler
Nachrede“ stellen – und es gibt keine Beweise für die Tatsachenbehauptungen; die
Notizen sind keine Beweise, sondern Parteivorbringen, also ziemlich wertlos. Würden
sie ohne Zustimmung Gaulands eine Tonaufzeichnung vorlegen, wäre diese illegal und
dürfte im Prozess nicht verwendet werden. Die Journalisten hätten sich dann auch noch
strafbar gemacht. […] Die Beweislast liegt eindeutig bei den Journalisten und die haben
keine. Gauland muss nichts belegen und kann sich entspannt zurücklehnen. Ob es um
15 Minuten Ruhm ging oder ob eine politische Kampagne gegen die AfD gezündet
werden sollte, ist jetzt völlig egal. […] Die Frankfurter haben dem Journalismus großen
Schaden zugefügt.“
21
22 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

Mitte Dezember 2015 hatte sich der „heute journal“-Moderator Claus Kleber an
das Publikum gewandt, um Vorwürfe zu kontern, die ZDF-Nachrichten seien ten-
denziös oder von der Politik gesteuert. Es sei erschreckend, „wie viele Vernünftige
tatsächlich glauben, dass wir regelmäßig Grundlinien unserer Berichterstattung
mit den Mächtigen in Berlin absprechen“, so Kleber in einem Video, das auf der
Facebook-Seite unter „ZDF heute“ vom 14. Dezember 2015 zu sehen war33. Nach
einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach, die das Institut im Auftrag
der Frankfurter Allgemeinen Zeitung durchführte, bemängelten mehr als fünfzig
Prozent eine voreingenommene Berichterstattung, die sich auch auf die Aus-
wahl der Bilder auswirke, hier konkret in der Flüchtlingskrise. 53 Prozent waren
überzeugt, dass etwa „die Zusammensetzung der Flüchtlinge eine andere ist als
aufgrund insbesondere vieler Bilder zu vermuten“ sei. Fast jeder zweite kritisierte,
es werde zu wenig über die Risiken des Flüchtlingszustroms berichtet. 41 Prozent
hatten den Eindruck, kritische Stimmen würden weitgehend ausgeblendet werden.
Der Hauptadressat der Kritik waren die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, die
für die Mehrheit der Befragten (69 Prozent) das wichtigste Informationsmedium
darstellt, vor der Tagespresse mit 55 Prozent, den Radiosendern (50 Prozent) und
den privaten Fernsehsendern (36 Prozent). 73 Prozent der Befragten plädierten
für eine „rückhaltlose Berichterstattung“, das heißt, so Renate Köcher vom Al-
lensbach-Institut, Fakten sollten wichtiger sein als Einschätzungen, die leicht als
Bevormundung gedeutet werden könnten34.
Das Meinungsbild verschlechterte sich dramatisch, nahm an polemischer Schärfe
unübersehbar zu, nachdem das ZDF nach den Ereignissen der Silvesternacht in Köln
verspätet und erst nach Protesten gebührend darüber berichtet hatte. Die Vorwürfe
lauteten erneut auf Parteilichkeit und selektive Wahrnehmung der Wirklichkeit.
Claus Kleber musste sich erneut in einer Sondersendung den Vorwürfen stellen
und kam zu dem Schluss, dass sich seine Berichterstattung wie die des ZDF im
Allgemeinen nichts vorzuwerfen hätte, was Sachlichkeit und Objektivität beträfe.

33 Vgl. Meetschen, St.: „Schlecht informiert“. Allensbach-Umfrage: Kritik an den Medien.


In: Die Tagespost, Nr. 156/157, 31. Dez. 2015, S. 11.
34 Vgl. Meetschen, St.: „Schlecht informiert“. Allensbach-Umfrage: Kritik an den Medien.
In: Die Tagespost, Nr. 156/157, 31. Dez. 2015, S. 11. Diese im Prinzip banale Einsicht
machen die Journalisten Thilo Baum und Frank Eckert zur Grundthese ihres Buches
„Sind die Medien noch zu retten?“ und zum Lösungsansatz für den Vertrauensverlust
der Medien und den Aufschwumg der Rechtspopulisten. Die Krise gehe „in vielen Fällen
auf die mangelhafte Anwendung von journalistischem Handwerk zurück, indem etwa
Meinungen als Tatsachen verkauft werden. Daher lautet eine Forderung: „Sachliche
Berichte statt Polemik“. Vgl.: Baum, Th./Eckert, F.: Sind die Medien noch zu retten?
Das Handwerk der öffentlichen Kommunikation. Zürich 2017.
2.1 Der Vertrauensverlust der Leitmedien 23

Was diesen konkreten Punkt angeht, der seit geraumer Zeit in der Diskussion war,
gingen die Meinungen teils extrem auseinander. Sie reichten von der abwägenden,
konservativ grundierten Kritik eines Hans-Martin Kepplinger an der Skandalisie-
rungsmanie der deutschen Öffentlichkeit und der deutschen Medien, die Analyse
der Verengung des Meinungskorridors durch den Medienwissenschaftler Norbert
Bolz, die scharfen Aphorismen Michael Klonovskys zur politisch korrekten Mei-
nungseinfalt, über die grundsätzliche Kritik Uwe Krügers35 bis zur polemischen
eines Udo Ulfkotte, der mit der pauschalen These einen Bestseller landete, die
deutschen Medien seien von der Politik, den Geheimdiensten und der Hochfinanz
„gekauft“36. Die Pressefreiheit in Deutschland sei eine Illusion. Der SZ-Journalist

35 Krüger, U.: Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journa-
listen. Halem Verlag 2016. Die Interaktionen zwischen Journalisten und Eliten wurden
bislang meist vor systemtheoretischem Hintergrund und durch Befragung von Akteuren
erforscht, wobei die Ergebnisse anonymisiert wurden. Diese Arbeit wählt theoretisch
und methodisch einen anderen Ansatz, um Eliten-Einflüsse auf journalistische Inhalte
zu lokalisieren. Es wird ein theoretisches Modell entwickelt, das Medienverhalten mit
Hilfe von Pressure Groups und sozialen Netzwerken erklärt und das vorhersagt, dass
Leitmedien mehr oder weniger den laufenden Diskurs der Eliten reflektieren, aber
dessen Grenzen nicht überschreiten und dessen Prämissen nicht kritisch hinterfragen.
Im empirischen Teil fokussiert eine Netzwerkanalyse zunächst die soziale Umgebung
von 219 leitenden Redakteuren deutscher Leitmedien. Jeder Dritte unterhielt informelle
Kontakte mit Politik- und Wirtschaftseliten; bei vier Außenpolitik-Journalisten von
FAZ, Süddeutsche Zeitung, Die Welt und Die Zeit finden sich dichte Netzwerke im
US- und Nato-affinen Elitenmilieu. Eine anschließende Frame-Analyse fragt, inwieweit
der Output dieser vier Journalisten in den umstrittenen Fragen der Definition von Si-
cherheit ( erweiterter Sicherheitsbegriff ) und Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr auf
der Linie der ermittelten Bezugsgruppen liegt. Abschließend werden die Berichte über
die Münchner Sicherheitskonferenz und deren Gegner in fünf Tageszeitungen inhalts-
analytisch untersucht. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Eliten-nahen Leitmedien
FAZ, Welt und Süddeutsche den auf der Sicherheitskonferenz laufenden Elitendiskurs
ausführlich abbilden, dabei aber die Proteste und die Gegenveranstaltung Münchner
Friedenskonferenz marginalisieren und delegitimieren.
36 Der Medienjournalist Stefan Niggemeier analysierte auf der Internet-Plattform „Kraut­
reporter“ stichprobenartig einige falsche Fakten Ulfkottes, vor allem falsche Eindrücke,
die Ulfkotte brauche, „um es in seinem Buch immer schön raunen zu lassen, an dieser
Stelle und an vielen anderen. Im nächsten Satz schreibt er: „Nur noch vier (!) Prozent
der Zuschauer glauben, dass man mit dem Zweiten besser sieht. Und nur noch fünf
Prozent schauen ARD – dafür aber kassieren die Öffentlich-Rechtlichen pro Jahr mehr
als 7,7 Milliarden Euro Zwangsgebühren.“ Auch daran hängt eine Fußnote, was gut
ist, weil man nachsehen kann, wo er das falsch abgeschrieben hat. In diesem Fall bei
einem Kommentar des Journalisten Stefan Laurin, in dem es hieß: „Wenn nicht gerade
Fußball läuft, schauen nur noch knapp fünf Prozent aller unter 30-Jährigen die ARD.
Eine Zahl, über die sich das ZDF freuen würde – nur noch 4 Prozent der Zuschauer
23
24 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

Hans Leyendecker wie auch der SPD-Politiker Frank-Walter Steinmeier sprachen


von einer allgemeinen Medienverdrossenheit, von der das Buch Ulfkottes in dras-
tischster Form, medien- und verkaufswirksam profitieren würde. Als Hauptursache
für die Verdrossenheit machten viele Kritiker den Umstand aus, die Medienkonsu-
menten könnten berichtete Realität und wahrgenommene Realität immer schwerer
zur Deckung bringen. Die Komplexität der Wirklichkeit würde abgebaut, um in
ein einfaches, vermittelbares System zu passen. Zur Verdrossenheit würde auch
das Internet beitragen, in dem weniger nachprüfbare Fakten, sondern Meinungen
ausgetauscht würden, wie etwa der US-amerikanische Philosoph Donald David-
son meint. Nichts käme „als Grund für eine Meinung in Frage“, so Davidson,
„was nicht selbst eine Meinung ist“37. Das Erregungspotenzial steigere sich rasch,
dank der Schnelligkeit der sozialen Medien. Zudem ist die Zahl der deutschen
Mediennutzer, die sich im Internet über das aktuelle Geschehen informieren,
im Zeitraum zwischen 2004 und 2014 von 10 auf 29 Prozent gestiegen, während
das Bedürfnis, sich in Zeitungen darüber zu informieren, von 52 auf 38 Prozent
gesunken ist, so eine Allensbach-Studie, die auch Spiegel-Online in einem Beitrag
zitierte mit dem plakativen, aber für den Stand der Debatte vielsagenden Titel
„Medienkrise und Lügenpresse – Trau keinem von der Presse“. Das Misstrauen
gegenüber einer angeblich politisch und faktisch einseitigen Berichterstattung
habe einerseits damit zu tun, dass man mit einem Mausklick feststellen könne, wo
Zeitungen falsch liegen – so der Nachrichtensprecher des Bayerischen Fernsehens
und Blogger Richard Gutjahr –, aber auch und nicht unmaßgeblich mit der poli-
tischen Präferenz und Selbstausrichtung der Journalisten. In dem Maße, in dem
die zentralen Parteien ihre politische Unterscheidbarkeit verlören und sich alle in
der linken Mitte versammelten, wo sich die meisten Journalisten bereits verorten,
in diesem Maße verenge sich auch der Meinungskorridor. Statt zu berichten und
zu analysieren, würden sich Journalisten auf die Suggestion von Meinungen und
Weltbildern verlegen.

unter 30 glauben, dass man mit dem Zweiten besser sieht.“ Dass es um eine spezielle
Altersgruppe geht, genau genommen den Marktanteil bei den 14- bis 29-Jährigen, hat
Ulfkotte übersehen oder übersehen wollen. Die missverstandene Zahl passte in sein
Bild von der Welt, in der niemand mehr die Öffentlich-Rechtlichen schaut. Tatsächlich
schalten immer noch fast neun Millionen Menschen um 20 Uhr die „Tagesschau“ ein;
die Hälfte der Deutschen nennt das Erste (25 Prozent), das Zweite (16 Prozent) oder eines
der Dritten (10 Prozent) als Sender, der „insgesamt die qualitativ besten Programme
anbietet.“ [https://krautreporter.de/46--die-wahrheit-uber-die-lugen-der-journalisten].
37 Riebel, A.: „Wahrheit gründet in Vertrauen“. In den Medien darf es nicht nur um das
Wechselspiel von Meinungen gehen: Die Sache steht im Vordergrund. In: Die Tagespost,
Nr. 30, 12. März 2015, S. 11.
2.1 Der Vertrauensverlust der Leitmedien 25

Der Begriff des ‚Postfaktischen‘, der mit dem Wahlsieg Donald Trumps in
Mode kam, erscheint den Kritikern der aktuellen Mediensituation zwiespältig, als
Flucht der etablierten Medien nach vorn. Trump hätte mit nachweislich falschen
Tatsachenbehauptungen die Wahl gewonnen, und außerdem von Putins direkter
Intervention in den US-Wahlkampf über Cyber und Trolle profitiert. Neben dem
‚Postfaktischen‘ bürgerte sich der Begriff der ‚Fake News‘ ein, die, wie Hillary
Clinton meinte, selbst Menschenleben gefährden könnten. Politiker der deutschen
Volksparteien erklärten, dagegen strafrechtlich vorgehen zu wollen, was andere
als offene Zensur kritisierten. Was Oppermann und Kauder ankündigen, sei
eine „schleichende Einführung der Zensur, ohne sie so zu nennen“, meinte Peter
Grimm: „Wo professionelle journalistische Standards nichts mehr gelten, schlägt
die Stunde der Amateure und der Propagandisten. […] Doch auch Propaganda kann
man in einem freien Land mit dem Recht auf freie Rede und eine freie Presse nun
einmal nicht verbieten. Die Bürger müssen halt lernen, Propaganda zu erkennen.
[…] Auch die Zensoren aller Welt rechtfertigen ihr Tun damit, dass sie nur falsche
Berichte und schädliche Aussagen verhindern würden.“38 Hätte es das Oppermann-­
Kauder-Gesetz im Januar 2016 schon gegeben, fügt Grimm hinzu, „dann hätten wir
womöglich von den Geschehnissen der Kölner Silvesternacht nie etwas erfahren.
Am Neujahrstag gab die Polizei eine offizielle Pressemitteilung heraus, wonach es
in Köln eine ruhige Silvesternacht gegeben habe. Das wäre eindeutig die amtliche
Wahrheit. Erst durch die Berichte von Opfern und Augenzeugen im Netz wurden
erst die Öffentlichkeit und bald danach auch die Medien darauf aufmerksam, was
in dieser Nacht eigentlich Ungeheuerliches passiert ist. Doch mit dem neuen Gesetz
wären diese ersten Berichte eindeutig als Fake News einzustufen gewesen, denn
sie widersprachen ja der offiziellen Wahrheit der ersten Polizei-Pressemitteilung.
Noch bevor jemand mit der Recherche begonnen hätte, wären die anderslautenden
Berichte wieder gelöscht worden. Und wenn etwas einmal mit Strafandrohung als
Fake News klassifiziert wurde, wie hoch ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass
eine Redaktion entscheidet, genau dort zu recherchieren, ob die „Fake News“ nicht
vielleicht doch stimmen?“39
Die Kritiker der Fake News und Befürworter strafrechtlicher Verfolgung waren
sich zwar einig, dass der strafrechtliche und zivilrechtliche Zugriff auf die „Fälscher,
Lügner und Hetzer im Netz“ nicht ganz einfach, aber möglich sei. Nur wer sollte

38 Grimm, P.: „Schnell das Falsche verbieten“. In: sichtplatz.de, 17. Dez. 2016 [http://
sichtplatz.de/?p=7336]; erneut erschienen unter dem Titel „Mal eben das Falsche
verbieten“ auf: achgut.com, 19. Dez. 2016 [http://www.achgut.com/artikel/fakenews_
schnell_das_falsche_verbieten].
39 Grimm, P.: „Schnell das Falsche verbieten“. In: sichtplatz.de, 17. Dez. 2016.
25
26 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

darüber entscheiden, ob eine Nachricht richtig oder falsch ist, nach welchen Kri-
terien, und was wären die Folgen für die Meinungsfreiheit? Der SZ-Chef­redakteur
Heribert Prantl hatte gefordert, die Verbreitung von falschen Nachrichten mit
dem Strafgesetzbuch zu bekämpfen40. Warner meinten, dieses Instrument in den
Händen des Staates sei gefährlich, was gerade Journalisten wissen sollten. In vielen
autoritären Staaten, die die Definitionshoheit über richtig und falsch haben, werden
ihre Kollegen für die ‚Verbreitung falscher Nachrichten‘ verurteilt. Unbestimmte
Rechtsbegriffe wie eben die ‚Verbreitung falscher Nachrichten‘ würden sich für
eine Demokratie verbieten. Desinformationskampagnen könne man nicht mit dem
Strafrecht bekämpfen. Das beste Gegenmittel seien überzeugende Argumente und
ein gutes Bildungssystem. Wenn Medien vertrauensvoll und korrekt berichten,
erarbeiten sie sich über die Zeit und mit der Erfahrung der Nutzer eine Glaub-
würdigkeit, die sie jedoch schnell wieder verspielen können, wenn sie häufiger
nachweisbarer Falschmeldungen überführt werden. Der Vertrauensverlust, den
viele etablierte Medien derzeit verzeichnen müssen, ist nicht die Folge böswillig
gestreuter Falschmeldungen, so das Gegenargument, sondern er ist die Folge
des Eindrucks vieler Medienkonsumenten, die Redaktionen würden ihnen ein
geschöntes Bild der Wirklichkeit zeichnen, wenn bestimmte heikle Themenfelder
berührt werden. Der Leser und Zuschauer will seine Informationsquellen selbst
auswählen und er fühle sich durchaus in der Lage, die Vertrauenswürdigkeit oder
Tendenz eines Mediums zu bewerten.
Dass auch Falschnachrichten, die quellenlos über das Netz verbreitet werden,
trotz anderslautender Nachrichten etablierter professioneller Medien wirkmächtig
werden können, könne mit der Schleifung der professionellen Standards in vie-
len Redaktionen zu tun haben. Die Zeit zu eigener gründlicher Recherche fehlt.
Kritiker bemängeln Konformismus und fehlenden Mut zu Recherche abseits der
ausgetretenen Pfade des immer wieder zitierten ‚Mainstream‘. In der Neuen Zürcher
Zeitung schrieb Heribert Seifert der „Zustand der öffentlichen Kommunikation in
Deutschland“ gelte als „beklagenswert“41. Politik und etablierte Medien würden
sich auf den Rechtspopulismus konzentrieren, auf das Internet und die sozialen
Netzwerke „als Quell allen Übels“, wo „Grenzen verletzt und kommunikativer

40 Vgl.: Prantl, H.: Gebrauchsanweisung für Populisten. Salzburg 2017; vgl. auch: Milbradt,
B./Biskampf, F. (Hrsg.): Ruck nach rechts? Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und
die Frage nach Gegenstrategien. Leverkusen/Berlin 2017.
41 Seifert, H.: „Hetzer, Idioten und Dumpfbacken“. Kommunikative Rüpelei hat auch
in den traditionellen Medien Platz gefunden. Dem Wutbürger tritt im Internet der
Wutjournalist gegenüber. In: Neue Zürcher Zeitung, 14. Mai 2016 [http://www.nzz.
ch/feuilleton/medien/journalismus-im-kampfmodus-hetzer-idioten-und-dumpfba-
cken-ld.82631].
2.1 Der Vertrauensverlust der Leitmedien 27

Anstand fortwährend verhöhnt“ würden, und wolle dem mit Gesetzen und Ein-
schränkung der Redefreiheit beikommen. Diese eingeschränkte Sicht der öffentlichen
Debatte lasse jedoch übersehen, so Seifert, „dass kommunikative Rüpelei längst
auch ihren Platz in den traditionellen Medien gefunden hat“. Dem „Wutbürger im
Internet“ trete in manchen Leitmedien „ein Wutjournalismus“ gegenüber, „der
Schimpfen, Weghören und Kommunikationsverweigerung zu Tugenden erklärt“42
Auch in seriösen Medien und unter Politikern wurden Begriffe gebräuchlich wie
„Hetzer“, „Mob“, „Pack“. Selbst „Idioten“ und „Dumpfbacken“ kommen in den
Artikeln seriöser Medien und in Politikerreden vor, wobei Seifert als Beispiele
das von Jakob Augstein herausgegebene linke Wochenblatt Freitag zitiert, das das
liberalkonservative Monatsmagazin Cicero als „Drecksblatt“ beschimpfte, oder den
Kölner Stadt-Anzeiger, der ohne Widerrede drei angesehenen deutschen Autoren die
Verbreitung von Islamophobie unterstellte. Der Spiegel zeigte die AfD-Vorsitzende
Frauke Petry in einer Pose, in der das Magazin sonst nur Hitler zeigt. Auch Putin
musste sich den letztlich relativierenden Vergleich mit dem deutschen Diktator
immer wieder gefallen lassen. Auffällig an diesen Beispielen sei „der Verzicht auf
recherchegestützte Information und ruhige Argumentation“. Differenzierungen
fehlten, Gut werde ohne Zwischentöne gegen das Böse gestellt, das angeblich
Rückwärtsgewandte gegen das allein Zukunftsfähige. Es herrsche „die Stimmung
eines Kulturkriegs, der wenig Raum für vernünftige politische Debatte kennt“43.

42 Seifert, H.: „Hetzer, Idioten und Dumpfbacken“. Kommunikative Rüpelei hat auch
in den traditionellen Medien Platz gefunden. Dem Wutbürger tritt im Internet der
Wutjournalist gegenüber. In: Neue Zürcher Zeitung, 14. Mai 2016.
43 Ibidem. Seifert führte dazu wörtlich aus: „Differenzierungen gelten schon als Appease-
ment. „Haltung“ ist gefordert, nicht kritische Selbstkontrolle eigener Wahrnehmungen
und Urteile. Anstatt zwischen konservativ, rechts, rechtspopulistisch und rechtsextrem
zu unterscheiden, wird der gesamte Kommunikationsraum, der sich in Opposition zum
linksliberal-grünen Justemilieu zu etablieren beginnt, zu einer Zone des Bösen erklärt.
[…] Rechte Bürger, so suggeriert das Medienbild, sind irgendetwas zwischen Aliens,
die schon in Haarschnitt, Mimik und Kleidung als Fremde erscheinen, und Gestörten,
denen man sich im Grunde nur mit dem analytischen Besteck des Psychiaters nähern
kann. Der Besuch eines „FAZ“-Reporterteams beim Verlegerehepaar Götz Kubitschek
und Ellen Kositza, die eine intellektuelle Fundierung rechtsgerichteter Positionen versu-
chen, geriet zu einer vom entschiedenen Willen zur Denunziation getriebenen negativen
Homestory. […] Die dabei benutzten Begriffe sind von analytischer Unschärfe. […] Hier
steht das Gute gegen das Böse, das Rückwärtsgewandte gegen das allein Zukunftsfähige.
Begriffe fungieren dabei als Reizauslöser. Wenn sie als rechts verortet werden, wird das
Feld der politischen Auseinandersetzung sofort blockiert und das moralische Tribunal
aufgerufen, das oft nur Schaubühne für denunziatorische Unterstellungen ist. […] Es
herrscht die Stimmung eines Kulturkriegs, der wenig Raum für vernünftige politische
Debatte kennt.“
27
28 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

Das linke Londoner Wochenblatt New Statesman sah in der deutschen Lust, ab-
weichende Meinungen aus dem öffentlichen Diskurs auszuschließen, ohne sich argu-
mentativ mit ihnen auseinanderzusetzen, das Merkmal eines sehr „eingeschränkten
und elitären“ politischen Systems, in dem das Verhältnis zwischen Repräsentanten
und Repräsentierten gestört sei. Doch es gibt auch Gegenmeinungen. In der taz sprach
sich der Publizist Georg Seesslen dafür aus, im Kampf gegen rechts die Techniken
der eigenen Feindbildkonstruktion zu befragen; in der Frankfurter Allgemeinen
forderte eine leitende Wirtschaftsredakteurin, mit der AfD endlich sachlich über
deren Problemlösungsvorschläge zu reden; und die Welt erklärte, man solle die
AfD ernst nehmen und nicht die Wähler beleidigen. Der Medienkritiker Stefan
Niggemeier meinte, die bisherigen Methoden, die die Medien im Kampf gegen die
AfD angewandt haben, seien bisher eher kontraproduktiv gewesen. Auch hatte die
weniger kritische als oft genug polemische Berichterstattung über die Vorgänge in
Russland und den Konflikt Moskaus mit der Ukraine eher den gegenteiligen Effekt.
Vielen Lesern schien die übergroße Schärfe, mit der ein Großteil der Medien die
russische Politik kritisierte, weniger auf eine berechtigte Reaktion als auf einen
antirussischen Affekt hinzudeuten. Die Scheidelinie zwischen Kommentar und
Bericht schien im Falle des europäischen Rechtspopulismus wie auch mit Bezug
auf die russische Politik stark geschwunden, wenn nicht entfallen. Manipulation
der öffentlichen Meinung war noch der harmlosere Begriff gegenüber Beispielen
wie ‚Lügenpresse‘, ‚Lügenäther‘ oder ‚Pinocchio-Presse‘. Mit polemischen Über-
schriften und knalligen Titelbildern, die Putin oder Petry zu Unholden stilisieren,
beherrsche man zwar kurzfristig die Schlagzeilen und den Diskurs, doch dabei
würde man „weder sich selbst, noch der Branche insgesamt einen Gefallen“ tun,
meinte Michèle Biswanger im Schweizer Tages-Anzeiger, und sprach mit Blick auf
die FAZ-Gauland-Affäre offen von „Schrott-Journalismus“: „Man mag sich über
die gesteigerte Aufmerksamkeit gefreut haben, aber solche Gefühle währen kurz.
Schrott-Journalismus schadet hingegen langfristig. Das Publikum ist nicht blöd. Und
für Wertloses bezahlen will niemand. Will man das Vertrauen zurückgewinnen,
muss man sich von den sozialen Medien unterscheiden. Wer ihre Empörungsme-
chanismen imitiert, hat schon kapituliert. Und muss sich nicht wundern, wenn er
sich so am Ende selbst abschafft.“44

44 Binswanger, M.: „Schrott-Journalismus“. Die Gauland-Affäre zeigt, was geschieht,


wenn Journalismus soziale Medien imitiert. In: Tages-Anzeiger, 2. Juni 2016.
2.2 Einbruch der Verkaufszahlen und Rettungsvorschläge 29

2.2 Einbruch der Verkaufszahlen und Rettungsvorschläge


2.2 Einbruch der Verkaufszahlen und Rettungsvorschläge
Dass die Verkaufszahlen der großen Tageszeitungen einbrechen, hat, folgt man etwa
Biswanger, nicht nur mit dem übermächtigen Internet zu tun, sondern mit dem
Niedergang des Journalismus, ohne dass dies zu wesentlichen Kursänderungen in
den Redaktionen geführt hätte. Ob exzellenter Journalismus noch in den sogenann-
ten Leitmedien zu finden ist, wie etwa der Medienwissenschaftler Michael Haller
in seinem einführenden Essay zum Nannen-Preis 2016 erklärte, darüber herrscht
längst kein Konsens mehr45. Nach den IVW-Daten deutungsstarker Zeitungen des
letzten Quartals 2015 verzeichnete die Bildzeitung minus 11 %, die Süddeutsche Zei­
tung minus 7 %, die FAZ minus 14 %, die Welt minus 6.5 %, taz minus 3,4 %. Allein
die rechtskonservative Junge Freiheit verzeichnete ein Plus von 16 %. 1948 erschien
das Politmagazin Stern erstmals. 2003 verkaufte das Magazin wöchentlich noch
über eine Million Exemplare, 2015 waren es rund 440.000, was als kleiner Knick,
als gewisse Krise, aber auch als Totaleinbruch beschrieben wurde. Deutschlands
etablierte Medien stecken ganz offenbar in einer tiefen Krise. Die vierteljährlich von
der Branche festgestellten Auflageneinbrüche etablierter Zeitungen sind dafür ein
zuverlässiger Indikator. Die Reaktionen reichen von blanker Panik über trotziges
Augenverschließen bis zum hilflosen Ruf nach staatlichen Subventions- und Re-
pressionsmaßnahmen. Es würde keine Kurswende diskutiert, sondern es würden
die Fehler der Vergangenheit wiederholt, so Roland Tichy46, etwa die Schaffung von
Kompetenzzentren, die an die Stelle der Gemeinschaftsredaktionen treten sollten.
Bei der Frauenzeitschrift Brigitte, die von Gruner+Jahr verlegt wird, wurden die
schreibenden Redakteure entlassen und das Verfassen einschlägiger Artikel an ein
Kompetenzzentrum ausgelagert, was analog auch bei der Wirtschaftspresse des
Verlagshauses passierte und im Fiasko endete. Financial Times Deutschland wurde
eingestellt, die Wirtschaftstitel Impulse und Börse-Online verschenkt und verkauft
und von der Auflage des Wirtschaftsmagazins Capital, von dem der Verlag einst
rund 100.000 Exemplare pro Monate verkaufte, blieben nur noch an die sieben bis
achttausend. Gemeinschaftsredaktionen würden, meinte Tichy, die Identifikation

45 Haller, M.: „Journalismus wird immer besser – seine Reputation immer geringer“.
Ende April hat der Stern den Nannen Preis für herausragende Arbeiten im deutsch­
sprachigen Journalismus verliehen. Medienwissenschaftler Michael Haller hat für das
Sonderheft „Nannen Preis 2016“, in dem sich alle nominierten Arbeiten finden, einen
einführenden Essay verfasst. Sein Thema: Gründe für den Widerspruch zwischen ex-
zellentem Journalismus und schwindendem Medienvertrauen [http://de.ejo-online.eu/
qualitaet-ethik/journalismus-wird-immer-besser-seine-reputation-immer-geringer].
46 Vgl.: Tichy, R.: Presse: Erst schrumpft das Hirn, dann der Umsatz, dann wieder das
Hirn. In: Tichys Einblick, 31. Okt. 2014.
29
30 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

zerstören, die für gut geschriebene Artikel, die auch der Leser mit Begeisterung liest,
lebenswichtig ist, denn „das Besondere wird weggehobelt, der Geist des Blattes geht
vor die Hunde. Redakteure sind eben doch mehr als Fixkosten auf zwei Beinen. Sie
tragen die Idee der Zeitschrift im Kopf mit sich herum. Dummerweise gehen sie
mit dieser Idee auch bei der Türe hinaus, wenn man sie feuert.“47
Im Oktober 2015 entließ der Berliner Tagesspiegel alle freien Autoren mit sofor-
tiger Wirkung, womit man hoffte, einen kleinen sechsstelligen Betrag einzusparen.
Auch hier sparte man bei jenen, die wesentlich zum publizistischen Erfolg und
zum Ansehen der Zeitung beitragen. Michael Konken, DJV-Bundesvorsitzender,
nannte das eine schwere verlegerische Fehlentscheidung. Außerdem sei es weder
moralisch zu rechtfertigen noch rechtlich hinnehmbar, den freien Mitarbeitern das
wirtschaftliche Risiko des Verlags aufzubürden, zumal gerade die freien Journalisten
finanziell nicht eben gut gestellt sind. Die Entscheidung wurde als kurzsichtig und
schädlich kritisiert, schon weil ohne freie Autoren eine Qualitätszeitung nicht zu
machen sei, und nur ein Qualitätsprodukt könne sich in Zeiten gewaltiger Kon-
kurrenz vor allem aus dem Internet am Markt behaupten. Auch die Redaktion
der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wollte offenbar nicht sehen, dass nicht ein
neues Format, sondern eine Profilschärfung das geeignetere Mittel sein könnte,
um die Abwanderung der Leser zu bremsen. Die Geschäftsführung legte mit der
Frankfurter Allgemeinen Woche eine neue Wochenzeitung auf, ein Querschnitt
durch die Artikel der Tageszeitung, und gestand damit im Grunde ein, dass die
Tageszeitung ihre klassischen Märkte verliert. Damit sogar zu werben, war für die
Zeitungsbranche durchaus ungewöhnlich. Die neue Wochenzeitung sollte sich an
jüngere Zielgruppen wenden, sie sei vor allem für Menschen entwickelt worden,
hieß es, „die mit beiden Beinen im Leben stehen, die Anteil am gesellschaftlichen
Diskurs nehmen und sich dafür mindestens einmal in der Woche fundiert in-
formieren wollen“, die aber nicht mehr jeden Tag die Zeit fänden, eine Zeitung
zu lesen. Die FAZ übersah ganz offensichtlich, dass ihre Kunden vielleicht nicht
weniger lesen, nur eventuell anderes.
Hatten Rundfunk und Fernsehen die nachrichtliche Autorität der Tageszeitungen
nicht wirklich brechen können, so gelang das dem Internet, das wirklich zeitnah
und direkt informiert, innerhalb von wenigen Jahren. Die ältere Generation der
Journalisten verweist gerne und teils zu recht die geringere Qualität der neuen
virtuellen Medien. Der Vorteil der klassischen Medien, einer Tageszeitung ist nach
wie vor, dass ihr Angebot umfassender und über weite Strecken noch gründlicher
erarbeitet ist. Doch vielen Lesern fehlt die Zeit, und das Angebot im Internet ist
kostenlos. Haben die großen Zeitungen schon beträchtliche Probleme und sehen

47 Ibidem.
2.2 Einbruch der Verkaufszahlen und Rettungsvorschläge 31

sich zu Kosteneinsparungen gezwungen, setzt sich die Konzentration gerade auch


bei den regionalen Tageszeitungen fort, zuerst bei der Zusammenarbeit der Ver-
lagsbereiche, aber auch zusehends in den Redaktionen. Am Ende werden wenige
große Regionalverlage bleiben. Die Tendenz zur Konzentration schränkt einerseits
die Vielfalt ein und beschleunigt das Zeitungssterben weiter, andererseits liege in
der in der aktuellen medienpolitischen Entwicklung, so Ulrike Kaiser, die Gefahr
weiterer Machtballung. Wenn sich durch die Konzentration Verlage zu internati-
onalen Multimedia-Unternehmen entwickeln, können Journalisten, die sich aus
politischen Gründen, aus Abneigung gegen eine bestimmte politische Tendenz
eines Medienunternehmens von diesem trennen, nicht einfach zur Konkurrenz
wechseln, denn diese kann ohne weiteres mit dem alten Arbeit- oder Auftraggeber
identisch oder zumindest verflochten sein. Daraus ergeben sich, so Kaiser, „Abhän-
gigkeiten vom jeweiligen Unternehmen, die nicht im Sinne eines unabhängigen
Journalismus liegen“48.
Als Mittel gegen die Umsatzeinbrüche wurde auch die öffentliche Finanzierung
diskutiert, die teils bereits durch eine Zwangsabgabe erreicht wurde, gegen die bald
geklagt wurde, wie auch öffentliche Fördermodelle, die den Zeitungen aus der Krise
helfen sollten49. Die Fraktion der Linken im Schweriner Landtag beantragte im
Frühjahr 2016 eine Aussprache zum Thema „Die Zukunft der Medien in Mecklen-
burg-Vorpommern“. Ungewöhnlich war daran, dass sich die Politik zum Partner
jener Zeitungen macht, die über sie berichten und sie kritisch begleiten sollen.
Unabhängigkeit ist die Voraussetzung für eine ausgewogene Berichterstattung.
Der gedruckte Journalismus sollte es eigentlich selbst schaffen, seine Leistungen
so zu vermarkten, dass er überlebensfähig ist50. Die unterstellte Nähe von Politik

48 Kaiser, U.: Arbeitsmarkt und Berufschancen [https://www.djv.de/startseite/info/the-


men-wissen/aus-und-weiterbildung/arbeitsmarkt-und-berufschancen.html].
49 Hahn, Th.: „Die Politik – dein Freund und Helfer“. In Schwerin diskutiert der Landtag
die „Zukunft der Medien in Mecklenburg-Vorpommern“. Sollen öffentliche Fördermo-
delle den Zeitungen aus der Krise helfen? Die Reaktionen sind geteilt. In: Süddeutsche
Zeitung, Nr. 63, 16. März 2016, S. 27.
50 In Mecklenburg-Vorpommern gab es 2016 nur noch drei Blätter, den Nordkurier in
Neubrandenburg, der zu je einem Drittel den Kieler Nachrichten, dem Schwäbischen
Verlag sowie der Augsburger Mediengruppe Pressedruck gehört. Die Ostsee-Zeitung
in Rostock aus dem Portfolio der Hannoveraner Madsack-Gruppe. Und dann ist da
noch die Schweriner Volkszeitung. Vorbehaltlich der kartellrechtlichen Prüfungwerden
sie und die 32 anderenTageszeitungen der medien holding:nord demnächst von dem
Osnabrücker Unternehmen NOZ Medien (Neue Osnabrücker Zeitung) übernommen.
Seit Jahren kämpfen die Gewerkschaften gegen Kürzungswellen. In Mecklenburg-Vor-
pommern gibt es seit 2007 eine Initiative von ver.di, Deutschem Gewerkschaftsbund
und DJV mit dem Titel „Unser Land braucht seine Zeitungen“. Und auch die jüngste
31
32 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

und Medien, die Gedankenspiele über öffentliche Finanzierung ‚regierungsfreund-


licher Medien‘ zusätzlich fördern, veranlasste die AfD, die Privatisierung der
öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zu fordern. Einer der vielen Auslöser
der Debatte war ein Disput zwischen der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry und der
ARD-Journalistin Dunja Hayali. Petry hatte sich geweigert, im ARD-Morgenmagazin
mit Hayali zu sprechen, weil diese mehr „Aktivistin“ als „professionell arbeitende
Journalistin“ sei. Die AfD hatte moniert, dass die interne Kommunikation zwi-
schen Hayali und Petry auf Facebook und Twitter offengelegt wurde. Petry störte
vor allem, dass Hayali ihr privates Engagement für die Vereine „Gesicht zeigen“
und „Respekt! Kein Platz für Rassismus“ mit ihrer journalistischen Arbeit in ei-
nem aus Steuergeldern finanzierten Sender vermenge. Sie würde ihre Arbeit nicht
von ihrer politischen Einstellung trennen. In einer Reportage über die AfD hätte
Hayali „besonders aggressiv wirkende Szenen und Zitate für die Veröffentlichung
bevorzugt verwendet“, so die AfD-Kritik. Die Diffamierungskampagnen, die die
AfD den Öffentlich-Rechtlichen unterstellte, wie auch die These, viele Medien seien
der Regierung „hörig“, veranlassten die AfD, in einem Programmentwurf, der im
Netz landete, die Privatisierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems und
die Abschaffung der GEZ bzw. des neuen Beitragsservice zu fordern, die sogenannte
Haushaltsabgabe, die von ihren Gegnern auch „Zwangsbeitrag“ genannt wird, weil
fast jeder Haushalt zahlen muss, unbeachtlich, ob er ein Empfangsgerät besitzt
oder nicht. Ab 2018 sollte sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk nach den Vor-

Landtagsdebatte hatte etwas mit Kürzungen zu tun. Das Zukunftsprogramm Madsack


2018, das auch das Personal der Ostsee-Zeitung betrifft, hat die Arbeitskämpfer mobil
gemacht.Es gab einen offenen Brief der Medieninitiative, ihre Vertreter gingen auf
Politiker zu. So kam das Thema in den Landtag. Bei den Zeitungen selbst versuchen
die Verantwortlichen das Beste aus den Rahmenbedingungen zu machen. Für die
Ostsee-Zeitung bedeutet das, dass ihre überregionalen Inhalte nicht mehr von den
Lübecker Nachrichten kommen wie bisher, sondern von Madsacks 2013 gegründetem
Redaktions-Netzwerk Deutschland. Stellenabbau ist die Folge. Die zehn Lokalausgaben
produzieren seit Sommer 2016 Redakteure in der Rostocker Zentrale und in Stralsund.
Eine Gebührenfinanzierung wie beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen stehe nicht zur
Debatte, hieß es aus dem Landtag. Interesse fand die CDU-Fraktion am „dänischen
Modell“, wo der Aufbau von Redaktionen mit öffentlichen Mitteln gefördert wird, über
deren Vergabe ein unabhängiger Ausschuß aus Wissenschaftlern, Wirtschaftsberatern
und Journalistenverbänden entscheidet. Die „Linken“ stand der öffentlichen Förde-
rung von unternehmerisch tätigen Verlagen sehr skeptisch bis ablehnend gegenüber.
Die Landesregierung solle lieber endlich das Pressegesetz erweitern und die innere
Pressefreiheit durch Redaktionsstatute stärken. Die SPD-Regierung erklärte, es gebe
„keinerlei Planungen, zu einer öffentlichen Förderung der Presse zu kommen“. [Vgl.:
Hahn, Th.: „Die Politik – dein Freund und Helfer“. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 63,
16. März 2016, S. 27].
2.3 Der Ukrainekonflikt und der Konflikt der Medien 33

stellungen der „Alternative für Deutschland“ selbst finanzieren. Diese Forderung


hatte zuletzt die Studie des „Freiheitsinstituts Prometheus“ unterbreitet, verfasst
von dem Wettbewerbsexperten Justus Haucap. Nach dieser Studie hätte sich das
duale System aus öffentlich-rechtlichen und privaten Anbietern überlebt. Die AfD,
die mit dem Institut nicht in Verbindung steht, schlug jedoch vor, die „staatliche
Informationsversorgung“ solle durch „einen steuerfinanzierten Rundfunk“ geleistet
werden, was darauf hinausliefe, dass das beitragsfinanzierte durch ein anderes,
im Prinzip gleichermaßen problematisches System, eine verkappte Steuer durch
eine echte ersetzt werden würde. Seit Dezember 2015 saß mit Jens Dietrich, dem
stellvertretenden Sprecher der Thüringer AfD, ein Vertreter der Partei im Rund-
funkrat des MDR, und weitere Rundfunkräte wurden nach den Wahlerfolgen des
März 2016 benannt, was Spekulationen nährte, wie die Partei sich in dem von ihr
kritisierten System verhalten werde. Das Bundesverwaltungsgericht verhandelte
mehrere Klagen gegen den Rundfunkbeitrag.

2.3 Der Ukrainekonflikt und der Konflikt der Medien


2.3 Der Ukrainekonflikt und der Konflikt der Medien
Die gravierende Vertrauens- und Existenzkrise, die die westlichen Medien auszuste-
hen haben, genauso wie die Umbrüche in den Medienlandschaften Mittelosteuropas
haben in erster Linie mit der Wahrnehmung zu tun, dass die Medien ihre Macht
missbrauchen, dass sie weniger sachlich und faktisch berichten als entlang politisch
und ideologisch vorgegebener Linien. Die „Stimmung eines Kulturkriegs“, von der
Seifert sprach, würden vor allem die Medien transportieren und multiplizieren. Diese
Einseitigkeit hat in Mittelost- und Südosteuropa damit zu tun, dass sich die alten
Eliten nicht nur politisch, sondern auch in den Medien über die Revolution, über
das Ende des alten Systems retten konnten. In Ungarn und Polen wurden neue, nun
konservative Regierungen ins Amt gewählt, die nicht von ungefähr auch den Auftrag
hatten, eine gründliche Reform der Medien vorzunehmen. In Rumänien hat es bis
heute keinen durchgreifenden demokratischen und zivilgesellschaftlichen Wandel
gegeben. Russland wird autoritär geführt, um ein Gesellschaftsmodell auch über
die Medien zu kommunizieren, das sich deutlich von dem im Westen propagierten
absetzen soll. Die russische Führung betrachtet das aktuelle westliche Modell als
falsch, kontraproduktiv, ja dekadent. Diese Ansicht teilen auch ungarische oder
polnische konservative Politiker. In Russland weht der Opposition der Wind stark
ins Gesicht. Gleichwohl sei die Protestkultur nach Meinung Mischa Gabowitschs

33
34 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

lebendiger als mancher im Westen meinen möchte51. Doch repräsentiert sie aktuell,
weder in Russland (soweit man den Umfragen und Erhebungen trauen darf), noch
in Ungarn oder Polen, die Mehrheit der Bevölkerung. Wie analog man die Protest-
kultur im jeweils ‚anderen Lager‘ interpretieren kann, sieht man an zwei extremen
Beispielen. Aleksandr Dugin, der Vordenker der Eurasien-Bewegung meinte, die
Demonstranten vom Moskauer Balotnaja-Platz, dem Inbegriff der Anti-Putin-Be-
wegungen, seien vom Ausland, von Amerika bezahlte Agenten. Auch Europa
hätte seine „fünfte Kolonne“, etwa den französischen Philosophen Bernard-Henri
Lévy, der wortreich gegen die russische Intervention in der Ukraine protestierte.
„Er ist einfach ein bezahlter amerikanischer Agent“52, so Dugin. In Westeuropa,
in Deutschland mutmaßte man umgekehrt, die pro-russischen Kommentatoren
auf Internetseiten der großen Zeitungen seien von Russland bezahlte ‚Trolle‘, und
man berichtete wohlwollend über Anti-Putin-Proteste, wie sie etwa der russische
Oppositionelle Alexej Naval’nij organisierte.
Die offizielle Politik von der Union bis zu Grünen fordert seit langem eine
Verbesserung der Geheimdienstmaßnahmen und Aufklärung darüber, welche
rechtspopulistischen Parteien von Moskau finanziert werden. Die „Alternative für
Deutschland“ (AfD) stehe ebenso wie der französische „Front National“ auf den
Gehaltsabrechnungen des Kreml. Treffen zwischen europäischen Rechtsparteien
und russischen Politikern fanden in Wien oder dem rumänischen Sinaia statt.
Nach den politischen und wirtschaftlichen Sanktionen der Europäischen Union
gegen Russland als Reaktion auf die russische Annexion der Halbinsel Krim und
des nach Meinung Straßburgs von Moskau finanzierten und unterstützten Krieges
in der Ostukraine trockneten die Kontakte mehr und mehr aus und die Ausein-
andersetzung verlagerte sich in die Medien. Politiker, die weiterhin auf Austausch
und Dialog setzten, sahen sich dem Vorwurf ausgesetzt, Moskaus aggressive Au-
ßenpolitik auszublenden. Dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer
geschah das bei seinem Besuch bei Putin ebenso wie dem AfD-Politiker Markus
Pretzell, der im April 2016 auf die Krim reiste, um sich selbst ein Bild zu machen.
Auf Facebook forderten Kommentatoren, er solle gleich dort bleiben. „Faschos
zu Faschos. Passt“, schrieb einer. Pretzell müsse sich sein Gehalt eben persönlich
abholen. Eine Banküberweisung wäre zu auffällig, schrieb ein anderer, wobei er
auf die angebliche finanzielle Unterstützung europäischer Rechtsparteien durch
Moskau anspielte.

51 Gabowitsch, M.: Putin kaputt!? Russlands neue Protestkultur. Berlin 2013; vgl. auch:
Greene, S.A.: Moscow in Movement. Power and Opposition in Putin’s Russia. Stanford,
California 2014.
52 Дугин, А.: Украина: Моя Война. Геополитический Дневник. Moskau 2015, S. 13.
2.3 Der Ukrainekonflikt und der Konflikt der Medien 35

Moskau mache sich, so hieß es, die Feindschaft europäischer Rechtspopulisten


gegen die EU gezielt zunutze, um deren Meinungen, die sich mit denen Moskaus
decken würden, über die sozialen Medien unter das Volk zu bringen und so die
politische Unzufriedenheit weiter zu vertiefen, einem Keil zwischen Elite und Volk
zu treiben. Aus der Richtung der Gescholtenen, Journalisten von RT deutsch oder
Medien der neuen Rechten, wurde eingewandt, der Keil existiere bereits, er müsse
nicht erst geschaffen werden, Moskau könne ihn höchstens vergrößern. Erst die tiefe
Glaubwürdigkeitskrise der etablierten westlichen Medien hätte die Voraussetzung
für die russische Medienoffensive geschaffen, ihr die Möglichkeit gegeben, sich als
alternative Informationsquelle zu etablieren. Anders ist der kometenhafte Aufstieg
etwa von Russia Today, kurz RT, nicht zu erklären, wenn er auch gerne allein und
monokausal als Teil einer antiwestlichen Verschwörung, dem Sieg sogenannter
‚alternativer Fakten‘ und Fake News über den seriösen Journalismus gesehen wird.
Auch das Phänomen der sogenannten ‚Trolle‘, die von Moskau direkt bezahlt wer-
den, um auf deutschen Webseiten, in den Kommentarspalten deutscher Medien
für Russland und gegen die EU- und US-Politik zu argumentieren, hätten ohne
eine Grundskepsis gegenüber den etablierten Meinungsmachern keinen Erfolg
gehabt. An den pro-russischen Trollen biß sich die Diskussion über den medialen
Hybridkrieg Putins gegen westliche Staaten fest. In den Kommentarspalten spiel-
ten sich endlose Diskussionen ab, die teils eskalierten. Sie wurden als Indiz für
den entgleisten Medienkrieg Russlands gegen den Westen gedeutet. Mancher sah
sie aber auch als Ausdruck einer verbreiteten Unzufriedenheit mit der aktuellen
Russland-Politik westlicher Staaten. Kommentarfunktionen wurden geschlossen,
was wiederum den Verdacht nährte, die Meinung solle gesteuert, missliebige Äu-
ßerungen unterdrückt werden. Auf der anderen Seite stand die Meinung, nicht
Russland sei der alleinige hybride Krieger, sondern nur Teil eines Hybridkrieges,
der seit längerem tobe. Peter Scholl-Latour schrieb von einer „weltumspannen-
de(n) Desinformationskampagne amerikanischer Propagandainstitute“, der es
gelungen sei, „die europäische Medienlandschaft gründlich zu manipulieren“.
Diese mag durchaus berechtigt sein, „wenn es darum geht, den Feind zu täuschen.
Sie mag sogar bei der Koordinierung von Bündnispartnern nützlich sein. Doch
sie wird zum Verhängnis, wenn ihre Autoren sich im Netz der eigenen Lügen und
Zwangsvorstellungen verstricken, wenn sie ihren eigenen Phantasmen erliegen.“53

53 Scholl-Latour, P.: Der Fluch der bösen Tat. Das Scheitern des Westens im Orient. Berlin
2015, S. 37.
35
36 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

Als Beginn des medialen Krieges zwischen West und Ost sieht Katja Gloger
die Berichterstattung über den Georgienkrieg 200854. Putin hatte sich bei ver-
schiedenen Gelegenheiten schon vorher über die negative Berichterstattung über
Russland beklagt und den Westen ermahnt, er würde die große Gelegenheit bewusst
verstreichen lassen, um ein neues Kapitel in den Beziehungen zwischen West und
Ost aufzuschlagen. Als der Georgienkrieg ausbrach, erschienen Russland und
sein Staatschef in den Medien als Aggressoren, während der englischsprechende,
international gut vernetzte georgische Präsident Michail Saakaschwili als Opfer
dargestellt wurde, „für den Kreml eine grobe Manipulation der Fakten, ein Sieg
der USA im Kampf um die öffentliche Meinung“55. Enttäuscht hätte Russland seine
Hoffnungen begraben und wieder vorrangig auf „Desinformation, Manipulation,
Propaganda und Demoralisierung“ gesetzt. Als Instrumente der nichtlinearen
Kriegsführung dienten ab sofort die russischen Auslandsmedien, was sich dann
besonders in der Ukrainekrise zeigen sollte, als Russland in einen hybriden Krieg um
die Diskurshoheit mit dem Westen eintrat. Dass diese anfangs recht unprofessionell
arbeitenden Auslandsmedien Anklang fanden, ließ viele spekulieren. Die russi-
schen Auslandsmedien hätten nur eine Chance, als alternative Informationsquelle
wahrgenommen zu werden, weil sie sich unredlicher, polemischer Mittel bedienen
würden, um ihre antiwestliche, antidemokratische Propaganda zu verbreiten. Die
Gegenseite meinte dagegen, sie hätten nur eine Chance, weil die westlichen Medien
in einer tiefen Glaubwürdigkeitskrise stecken würden. Viele Medienkonsumenten
sähen sich durch die offiziellen Medien nicht mehr unparteiisch informiert, son-
dern als Teil des Versuches, sie zu Komplizen einer neuen politischen Eskalation
zwischen West und Ost zu machen.
Die These, die russischen Auslandsmedien seien alles andere als alternative
Informationsquellen, vielmehr Instrumente einer aggressiven Desinformations-
kampagne des Kremls, die Hand in Hand mit dessen neoimperialistischer Politik
gingen, beherrschte 2017 auch die Debatte über den Ausgang der US-Präsident-
schaftswahlen und über Gegenmaßnahmen gegen den Hybridkrieg Moskaus gegen
den Westen. Dieser Medienkrieg Russlands gegen den Westen begann offiziell mit
dem Georgienkrieg, aber in der allgemeinen Wahrnehmung besonders mit der
russischen These, der Euromaidan, die Revolution zugunsten einer demokrati-
schen, europäisch gesonnenen Ukraine wäre von ukrainischen Nationalisten bzw.
‚Faschisten‘ inszeniert worden. Russland erweise sich erneut als imperialistische
Großmacht, die seinen Nachbarn das Selbstbestimmungsrecht verweigere. Diese

54 Vgl.: Gloger, K.: Putins Welt. Das neue Russland und der Westen. München/Berlin
2015, S. 121.
55 Ibidem.
2.3 Der Ukrainekonflikt und der Konflikt der Medien 37

Debatte, die auf außenpolitischer Ebene geführt wurde und immer drastischere
Formen annahm, wurde von einer medialen Debatte begleitet, die mancher als
Wiederkehr des kalten Krieges in den Köpfen, als mediales Säbelrasseln qualifi-
zierte, in dem jegliche Scheu vor Stereotypen gefallen wäre. Gilbert Perry sprach
von einem „Shitstorm gegen Moskau“56 und Wolfgang Bittner unterstellte, die
Ukraine-Krise sei ein Mittel der USA, um Europa zu „erobern“57. Der Spiegel
nannte Putin einen „Brandstifter“, andere bildeten ihn als Comic-Bösewicht ab,
die US-Außenministerin Hillary Clinton verglich ihn gar mit Hitler. Das ZDF sah
einen Kampf von „Europas Diplomaten gegen den Kalten Krieger aus Moskau“ und
der Dokumentarsender Phoenix brachte seine Talkshow zur Krim-Krise vor dem
Hintergrund eines Putin-Bildes, das den GUS-Präsidenten mit gierig ausgestreckten
Händen zeigte. Selbst der renommierte Osteuropa-Historiker Karl Schlögel, der mit
klugen Aufsätzen über russische und Geschichte und Kultur berühmt geworden
war, ließ sich auf das Niveau antirussischer Polemik herab. Putin sei ein Berserker,
unfähig, sein Land zu reformieren, der eine westlich-amerikanische Einkreisung

56 Perry, Gilbert: Grüne Kiew-Lügen: Die verlorene Ehre des Heinrich Böll. In: jasminre-
volution, 18. März 2014 [http://jasminrevolution.wordpress.com/2014/03/18/grune-kiew-
lugen-die-verlorene-ehre-des-heinrich-boll/]. Perry fragte: „Wie funktioniert eigentlich
die Gleichschaltung für so eine Medienkampagne? Die Grüne Heinrich-Böll-Stiftung
scheint dabei eine Drahtzieherrolle zu spielen. Die zentrale Rolle der Grünen Böll-Stiftung
ist tragisch, denn der politische Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Heinrich
Böll stand mit seinem Klassiker „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ auch für den
Kampf gegen hetzerische Medien. Im Roman geht es um die menschenverachtende
Zerstörung einer Frau, die als Geliebte eines militanten Kommunisten dämonisiert
und medial ausgebeutet wird. Ähnlichkeiten mit der antikommunistischen Hetze von
Springers BILD-Zeitung waren dabei bekanntlich beabsichtigt. Antikommunismus
schwingt bei der derzeitigen Medienkampagne gegen Russland und für die Kiewer
Putschisten auch immer mit, wenn schwer bewaffnet aufmarschierende Faschisten
zu „nationalistisch orientierten Demonstranten“ erklärt werden und der deutsche
Journalist sich sichtlich über umgestürzte Lenin-Denkmäler freut.“
57 Bittner, W.: Die Eroberung Europas durch die USA: Zur Krise in der Ukraine. „Fatale
Freundschaft Die USA sind der bestimmende Faktor der politischen Entwicklung im
Osten Europas. Seit langem bereiten sie mit geheimdienstlichen Mitteln Umstürze vor,
beeinflussen die zentralen Medien und entkernen die Souveränität der europäischen
Staaten. Chronologisch, vom Beginn der Maidan-Ereignisse bis zu den Entwicklungen
im September 2015, schildert und analysiert Wolfgang Bittner die verhängnisvolle
Einflussnahme der US-amerikanischen Regierung auf die zentralen Medien und die
Politik Europas. Ein Appell an die Vernünftigen in Europa und den USA, den politi-
schen Absturz aufzuhalten.“ Vgl. auch: Ploppa, H.: Die Macher hinter den Kulissen:
Wie transatlantische Netzwerke heimlich die Demokratie unterwandern.
37
38 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

herbeiphantasiere und sich in militärische Aggressionen hineinsteigere58. Für Schlögel


und weiteste Teile der deutschen und westlichen Medien war Putins Russland der
allein Schuldige in der Ukraine-Krise. Abweichende Stimmen, die auch die Rolle
des Westens ansprachen, meldeten sich im Internet zu Wort und in Publikationen
alternativer Verlage. Der russische Fernsehjournalist Nikolai Starikov stellte in
seinem „geopolitischen Tagebuch“ über die „Tragödie der Ukraine“ die russische
Sicht der Dinge dar59. Danach sei die Abspaltung der Ukraine aus der engen wirt-
schaftlichen und politischen Verflechtung mit der Russischen Föderation ein von
langer Hand geplanter Prozess, für den die USA, Großbritannien, die EU und die
von diesen gesteuerten und finanzierten Nichtregierungsorganisationen die Ver-
antwortung trügen. Gilbert Perry, der hinter dem Shitstorm der Grünen-nahen
Heinrich-Böll Stiftung gegen Putin eine Medienkampagne vermutete, fragte, ob
es die „ukrainischen Neonazis, Rassisten und Faschisten wirklich fast nur in der
immer wieder lautstark gegeißelten ‚russischen Propaganda‘“ gebe, und zitierte den
britischen Guardian, der anders als die deutschen Medien sehr früh und ausführlich
über Faschisten und westliche Expansionsgelüste als Wurzeln der ukrainischen
Umsturzbewegung berichtet hatte. Aus den meisten Berichten hätte man niemals
erfahren, „dass weit rechts stehende Nationalisten und Faschisten den Kern der
Proteste und Angriffe auf Regierungsgebäude bildeten. Eine der drei Haupt-Oppo-
sitionsparteien, die die Kampagne anführte, ist die radikal-rechte antisemitische
Svoboda, deren Anführer Oleh Tjahnibok behauptet, dass eine „Moskau-jüdische

58 Vgl.: Schlögel, K.: Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen. München 2015.


Schlögel hätte sich zum „transatlantischen Propagandisten“ gemacht, „um im medialen
Meinungsstrom mitzuschwimmen“, schrieb Thorsten Hinz in seiner Rezension des
Buches: „Kennt Schlögel nicht Zbigniew Brzesinzskis Buch „Die einzige Weltmacht“,
wo der US-Stratege seine Überlegungen zur geopolitischen Einhegung Rußlands durch
die Ablösung der Ukraine offen darlegt? Wobei es auch darum geht, den Europäern eine
hypothetische Rußland-Option zu nehmen und so ihre Emanzipation von den USA zu
verhindern. […] In einem vor 15 Jahren verfaßten Aufsatz über Jalta heißt es noch: „Die
Krim (…) ist Teil einer Reichsgeschichte Rußlands und der Sowjetunion. Auch das ist
mehr als nur Kolonialismus und Projektion eines russischen Orientalismus.“ Die fünf
Milliarden Dollar „Demokratie-Investition“, die laut einer hochrangigen Mitarbeiterin
des State Department gewiß nicht selbstlos aus den USA in die Ukraine geflossen sind,
läßt der Autor gleichfalls unter den Tisch fallen.“ [Hinz, Th.: Die transatlantische Sicht
der Dinge. Der Historiker Karl Schlögel sieht in der Ukraine-Krise nur einen Schuldigen:
Putins Rußland. In: Junge Freiheit, Nr. 50/15, 4. Dez. 2015, S. 21].
59 Starikow, N.: Die Tragödie der Ukraine. Ein geopolitisches Tagebuch. Eschwege 2015.
2.3 Der Ukrainekonflikt und der Konflikt der Medien 39

Mafia“ die Ukraine kontrolliert“60. In den deutschen Medien räumte zumindest


die linke Junge Welt eine rechtsextreme Beteiligung ein61.
Eine ausgewogene Berichterstattung über Russland und die Vorgänge in der
Ukraine forderte Charles Bausman, Gründer und Herausgeber von „Russia Insi-
der“, einem 2014 gegründeten Nachrichtenportal62, ebenso wie Peter Scholl-Latour:
„Die Tatsache, dass führende Politiker des Westens der Swoboda-Partei einen
Heiligenschein ausstellten, obwohl die sich nachträglich auf jene ukrainischen
Partisanentruppen beruft, die während des Zweiten Weltkrieges brutal gegen Rus-
sen, Polen und Juden vorgingen und nur gelegentlich gegen die deutsche Besatzung
kämpften, zeigt, dass der westlichen Politik jegliches historisches Gespür abhanden
gekommen ist.“63 Mit den „ukrainischen Partisanentruppen“ meinte Scholl-Latour
die Faschisten um den Kriegsverbrecher Stjepan Bandera, der von der abgewählten
Rechts-Regierung in Kiev zum Volkshelden erklärt wurde. Bandera war vor allem
in die Ermordung von Polen und Juden verwickelt, weshalb Kiev damals Proteste
aus Warschau, Israel und jüdischen Gemeinden auch in Deutschland erntete. Ja-
nukovyč entzog Bandera diese Ehrungen wieder und zog sich damit den Hass vor
allem westukrainischer Nationalisten und Neo-Faschisten zu. Eine Erklärung der
Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung fand die starke Betonung der Beteiligung
„rechtsextremer Randgruppen“ an den Euromaidan-Protesten in internationalen
Medienberichten „ungerechtfertigt und irreführend“64 und meinte, „dass in eini-
gen Berichten, insbesondere solcher kremlnaher Massenmedien, die übermäßige

60 Seumas Milne: “In Ukraine, fascists, oligarchs and western expansion are at the heart of
the crisis.” In: The Guardian, 29. Jan. 2014 [https://www.theguardian.com/­commentisfree/
2014/jan/29/ukraine-fascists-oligarchs-eu-nato-expansion].
61 „Gleichwohl sind selbstverständlich nicht alle Menschen, die sich gegen die unbe-
streitbar korrupte und kleptokratische Regierung Wiktor Janukowitschs zur Wehr
setzten, Faschisten. Viele sind auf die Straße gegangen, weil die soziale Situation in der
Ukraine katastrophal ist. Löhne von umgerechnet 200 bis 300 Euro sind keine Selten-
heit, während eine kleine Schicht von Oligarchen ein Leben in unvorstellbarem Luxus
führt. Die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums könnte ungleicher kaum sein,
die Akkumulation von Kapital läuft hier nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion
noch „ursprünglich“ im Marxschen Sinne, nämlich durch „Eroberung, Unterjochung,
Raubmord, kurz Gewalt“.“ [Perry, Gilbert: Grüne Kiew-Lügen: Die verlorene Ehre des
Heinrich Böll. In: jasminrevolution, 18. März 2014].
62 „Russia Insider“ hat ca. 17 Millionen Nutzer (Nov. 2015) und kann zahlreiche Fernseh­
auftritte vorweisen. Charles Bausmann, gebürtiger New Yorker, hat deutsche Vorfahren.
63 Perry, Gilbert: Grüne Kiew-Lügen: Die verlorene Ehre des Heinrich Böll.
64 Euromaidan: Keine extremistische, sondern freiheitliche Massenbewegung“. Heinrich Böll
Stiftung, 20. Febr. 2014 [https://www.boell.de/de/2014/02/20/euromaidan-­f reiheitliche-
massenbewegung-zivilen-ungehorsams].
39
40 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

Betonung der rechtsradikalen Elemente auf dem Kiewer Euro-Maidan nicht auf
antifaschistischen Motiven“ beruhe. Derartige Berichterstattung könne paradoxer-
weise selbst Ausdruck eines imperialistischen Nationalismus sein, diesmal in seiner
russischen Variante sein. Mit ihrer gezielten Diskreditierung „einer der größten
Massenbewegungen zivilen Ungehorsams in der Geschichte Europas“ würden die
russischen Medienberichte einen Vorwand liefern für die politische Einmischung
Moskaus, „ja womöglich sogar für eine künftige militärische Intervention Russlands
in der Ukraine, ähnlich derjenigen in Georgien 2008“65. Russische Webseiten zitierten
den Aufruf der Böll-Stiftung als antirussische Stimmungsmache, als Missbrauch
des Antimilitaristen Böll für militaristische Zwecke.
Die russische These, Faschisten seien in Kiev die treibende Kraft des Umsturzes
gewesen, wurde in den Westmedien entweder relativiert66 oder man konterte mit

65 Ibidem. Die Erklärung der Böll-Stiftung stammte von Sozial- und Geisteswissenschaft-
lern, die sich mit ukrainischer nationaler Identität befassen. Der Kiever Euro-Maidan
sei, hieß es dort, keine extremistische, „sondern eine freiheitliche Massenbewegung
zivilen Ungehorsams, von Repräsentanten verschiedenster ideologischer Strömungen
getragen […] Obwohl wir den rechten Aktivitäten auf dem Euro-Maidan kritisch
gegenüberstehen, sind wir besorgt über eine unerfreuliche Erscheinung in zu vielen
internationalen Medienberichten über die jüngsten Ereignisse in der Ukraine. In etli-
chen Reportagen und Kommentaren wird in der einen oder anderen Weise die Rolle,
der Stellenwert und der Einfluss ukrainischer Rechtsradikaler in Kiew überbewertet
bzw. fehlinterpretiert. […] Nicht nur die friedlichen Protestanten, sondern auch jene,
die Stöcke, Steine und sogar Molotowcocktails gegen Spezialeinheiten der Polizei sowie
regierungsnahe Schlägertrupps einsetzen, bilden eine breite und dezentrale Bewegung.“
Die Böll-Stiftung riet Kommentatoren „aus dem linken Spektrum“ bei ihrer „berechtigten
Kritik des radikal ethnonationalistischen Lagers im Euro-Maidan“ zur Vorsicht, denn
entsprechende Texte könnten leicht von Moskaus ‚Polittechnologen‘ instrumentalisiert
werden, „um Putins geopolitische Projekte umzusetzen. Berichte, welche rhetorische
Munition für Moskaus Kampf gegen die ukrainische Unabhängigkeit liefern, unter-
stützen womöglich unabsichtlich eine politische Kraft, die eine weit größere Gefahr
für soziale Gerechtigkeit, Minderheitenrechte und politische Gleichheit darstellt, als
alle ukrainischen Ethnonationalisten zusammen genommen.“
66 Deutsche Journalisten verglichen den Anteil der ukrainischen rechtsextremen „Svo-
boda“-Partei und des sogenannten „Rechten Sektors“ mit den Wahlerfolgen rechter
Parteien in den Europawahlen vom 25. Mai 2014: Front National 25 %, Dansk Folkeparti
23 %, FPÖ 20 %. Doch keine dieser Parteien ist an irgendeiner Regierung beteiligt. Auch
der Wahlerfolg der radikalen ukrainischen Rechten hätte sich in sehr engen Grenzen
gehalten, meinte der Osteuropa-Kenner Karl Schlögel. Es sei unbestritten, dass es eine
faschistische Tradition gebe, doch die Wahlen im Mai hätten gezeigt, dass die streng
nationalistische Rechte überhaupt keine Chance habe [„Die alte Strategie der Nato
funktioniert nicht mehr“. Karl Schlögel im Gespräch mit Bettina Klein [http://www.
deutschlandfunk.de/historiker-die-alte-strategie-der-nato-funktioniert-nicht.694.
de.html?dram:article_id=294848]. Der wenn auch geringe Erfolg hätte Anlaß zu Sorgen
2.3 Der Ukrainekonflikt und der Konflikt der Medien 41

dem Gegenvorwurf an die Adresse Moskaus, selbst latent faschistisch zu agieren, ein
Vorwurf, den man vor der Ukraine-Krise nur sehr vorsichtig gebraucht hatte, aus
Rücksicht auf das übergroße russische Opfer im Kampf gegen Hitler-Deutschland.
Der faschistische Charakter des Putin-Regimes zeige sich, wie Jan Fleischhauer im
Spiegel schrieb67, nicht nur in seiner kraftmeiernden Rhetorik, seiner maskulinen
Selbstinszenierung und seiner das Völkerrecht verachtenden Außenpolitik, sondern
auch in der Repression nach innen. Als Stichworte nannte der Spiegel-Autor Pussy
Riot, Unterdrückung der Homosexuellen, Bespitzelung ausländischer politischer
Organisationen und inländischer Bürgerrechtsorganisationen. Mit dem autoritären,
quasi-faschistischen Russland dürfe es keine Kompromisse geben. Der Vorwurf an
Kiev und an die Europäische Union, im Falle des offenen ukrainischen Faschismus
aus antirussischer Haltung und Machtpolitik beide Augen zuzudrücken, falle, so
der Medientenor, auf Russland zurück. Das Land hätte selbst ein großes Problem
mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. In den Straßen Moskaus wurden Fahnen
mit NS-Symbolik gezeigt und entsprechende Gesänge angestimmt. Bürgerwehren
machten in Moskau Jagd auf Migranten, und Regierung, Behörden und Kirche
äußerten allzu oft Verständnis. Im Herbst 2013 attackierte ein Mob aus Rechtsra-
dikalen, Fußball-Hooligans und Anwohnern nach einem Mord an einem jungen
Mann in der russischen Hauptstadt einen Großmarkt. Ermittlungen wurden wegen
‚Rowdytums‘ aufgenommen, ein Begriff, mit dem in Russland fremdenfeindliche
Straftaten verharmlost werden. Gleichzeitig gingen die Behörden in Razzien gegen
Migranten vor. Damit sollte die Lage beruhigt werden, erklärten die Behörden, um

geben sollen, zumal sonst auch die bescheidenden Wahlerfolge etwa der NPD oder
anderer europäischer rechtsextremer Parteien stets kritisch kommentiert werden. Die
Warnungen und Ängste jüdischer Ukrainer vor dem Erstarken der Ultranationalisten
wurden gegen die Versicherungen prominenter jüdischer ukrainischer Funktionäre
ausgespielt, der Maidan würde auch von der jüdischen Gemeinde unterstützt. Die
Angst der Polen, Ukrainer, der Rumänen vor einem erstarkenden Russland wird im
Westen ernst genommen, die der Russen vor einem Mittelosteuropa, das seine eigene
problematische Geschichte unter der NS-Herrschaft vergisst, zähle dagegen nicht,
wandten russische Kommentatoren ein. Dass sich Russland als neuer antifaschistischer
Schutzwall geriere, sei zynisch, hieß es aus dem Westen, auch wenn der Versuch einer
„bestechenden historischen Logik“ folge, meinte Hannah Beitzer [Beitzer, H.: Russland
erklärt sich zum antifaschistischen Schutzwall“, in: Süddeutsche Zeitung, 28. Febr.
2014 [http://www.sueddeutsche.de/politik/umbruch-in-der-ukraine-russland-er-
klaert-sich-zum-antifaschistischen-schutzwall-1.1898638]. Sie räumte ein, dass der
rechte Sektor, vor allem die allukrainische Vereinigung Svoboda, in der Vergangenheit
immer wieder durch antisemtische und rassistischte Tendenzen aufgefallen wäre.
67 Fleischhauer, J.: Putins Weltsicht: Ideologie vom überlegenen Volk [http://www.spiegel.
de/politik/ausland/putins-russland-ideologie-vom-ueberlegenen-volk-von-jan-fleisch-
hauer-a-967115.html].
41
42 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

die umstrittene Aktion zu begründen. Russische Medien würden die Angst vor
dunkelhäutigen Gastarbeitern aus dem Kaukasus oder Zentralasien schüren, die
russische Frauen vergewaltigen und rechtschaffene russische Männer überfallen.
Russland wolle mit seiner Behauptung einer maßgeblichen Beteiligung rechtsextre-
mer Gruppierungen und Politiker den demokratischen, pro-europäischen Maidan
dämonisieren und vom Faschismus ablenken, der viel eher im Kreml herrsche
und die Politik Russlands in der Ostukraine prägen würde, so Stefan Plaggenberg
in einem langen FAZ-Artikel. Putin sei der „russische Duce“. Seine Politik trage
„faschistische Züge“, er inszeniere sich „wie einst Mussolini“68. Russische Medien
sehen in diesen Vergleichen ein Indiz dafür, dass die westlichen Medien jegliches
Maß in der Analyse Russlands verloren haben.
Westliche Kommentatoren sind der Ansicht, für die politische und mediale
Radikalisierung, den wachsenden politischen Extremismus in Russland spreche
auch die prominente Rolle des Eurasien-Vordenkers Aleksandr Dugin, der nicht
nur den liberalen Westen zutiefst verachte, sondern auch die Ausweitung Russlands
und den Kampf gegen den dekadenten Westen propagiere69. Dugin ist auch in den
russischen Medien regelmäßig präsent. Seine Gefährlichkeit werde im Westen bis

68 Plaggenberg, S.: „Die Faschisten sitzen im Kreml“. Er ist der russische Duce: Wladimir
Putin sagt, die Rechten herrschen in der Ukraine. Dabei trägt seine eigene Politik
faschistische Züge. Er inszeniert sich wie einst Mussolini. In: Frankfurter Allgemeine
Zeitung, 20. März 2014.
69 Vgl. z. B.: Rauscher, H.: „Putins Ideengeber beim Burschenschafterball“. In: Der Stan-
dard, 7. Mai 2014: „In Sachen Faschismus und Rechtsextremismus hat auch Russland
einiges zu bieten. Eine ideologische Schlüsselfigur dabei ist der 1962 geborene Publizist
und Politiker Alexander Geljewitsch Dugin. Er ist der Begründer der „Eurasia-Ideo-
logie“, die jetzt auch zum Fundament von Präsident Putins Konzept der „russischen
Wiedererweckung“ geworden ist. […] Die entscheidende Auseinandersetzung sei die
zwischen der Landmacht Eurasien („Ewiges Rom“) und der Seemacht („Ewiges Kartha-
go“) USA plus Großbritannien, Kanada, Australien usw. Russlands Bestimmung sei es,
einen eurasischen Großstaat unter Einbeziehung aller früheren Sowjetrepubliken, des
früher kommunistischen Osteuropa und möglicherweise auch der westeuropäischen
EU-Mitglieder zu bilden. […] Dugin ist Bestsellerautor, gefragter Interviewpartner vor
allem der regierungsnahen russischen Medien, beliebter Talkshow-Gast. […] Dugin
und Putin hassen den westlichen Liberalismus, können sich nur ein autoritäres Regime
für Russland und seine Vasallen vorstellen, und versuchen die europäischen Rechts-
außenparteien gegen die EU zu instrumentalisieren.“ Dugin kritisiert am westlichen
Liberalismus und Globalismus dessen Tendenz zur Monopolarität, zur Einheitskultur
und dessen Feindschaft gegen alles traditionell Religiöse. Der Liberalismus sei der Feind
authentischer Existenz, der Ethnien und der Kulturen, die in einem traditionellen
‚Reich‘ besser geschützt seien als in einer alles einebnenden amerikanisch-westlichen
Einheitskultur, die nur dem Markt diene. Dugin strebt keinen homogenen Nationalstaat
an wie einst Faschisten oder Nationalsozialisten. Auch sein Verhältnis zu Judentum
2.3 Der Ukrainekonflikt und der Konflikt der Medien 43

dato nicht hinreichend erkannt, meinte Andreas Umland70. Der russische Schrift-
steller Andrej Kurkov warnte in der Neuen Zürcher Zeitung davor, angesichts dieser
Bedrohungslage den gleichen Fehler wie 1938 zu machen, also auf Appeasement
wie Neville Chamberlain gegenüber NS-Deutschland zu setzen. Der deutsche
Finanzminister Schäuble, der ehemalige tschechische Präsidentschaftskandidat
Schwarzenberg oder der Putin-Biograph Boris Reitschuster verglichen Putins
Vorgehen, seine Annexion der Krim, mit dem Hitlers nach der Sudetenkrise.
Historisch argumentierte auch der rumänische Journalist Cristian Ghinea in der
rumänischen Kulturzeitung Dilema veche. Hitler hätte den Krieg verloren und
Deutschland wäre danach entnazifiziert worden. Auch die UdSSR hätte verloren,
aber Russland hätte sich im Wesentlichen niemals geändert. Doch gehe es nicht
allein um die Krim oder die Person Putin.
Es gehe vielmehr um einen mächtigen und frustrierten Staat, geführt von
einem Feind der Freiheit, den sein Volk liebe71. Als Beweis für seine These führte
er die inszenierten Fernsehinterviews Putins an, die einer Huldigungszeremonie
des neuen Zaren gleichen und wo selbst eine bekannte Putin-Kritikerin sich zu
einem Loblied auf den Befreier der Krim-Russen hinreißen lässt. Er kritisierte die
kollektive Hysterie der Russen, die selbst der These Putins zujubeln, er hätte auf der
Krim einen Genozid an den Russen verhindert. Die serbische Regierung, mit ihr die
serbisch-orthodoxe Kirche, Russland und einige westliche Publizisten verwerfen
bis heute die These des Westens, man hätte im Kosovo 1999 intervenieren müs-
sen, um einen Genozid an den Kosovo-Albanern zu verhindern, als konstruierten
Vorwand für reine Machtpolitik mit dem Ziel, Serbien und das damals schwache
Russland als politische Einflussfaktoren auf dem Balkan auszuschalten. Genauso
verlogen sei es heute, behauptet das politische und mediale Russland, wenn der
Westen behaupte, sich in der Ukraine für die Freiheit einzusetzen, aber keine
Skrupel kenne, Putschisten zu finanzieren und, wie der Bundestagsabgeordnete

und Islam steht unter dem Vorzeichen einer konservativ-traditionalistischen Interes-


sengemeinschaft.
70 Umland sprach in einem Artikel vom ‚Duginismus‘. Der medienwirksame, regelmäßig
präsente Dugin, der über beste Kontakte in höchste russische Machtzirkel verfüge,
sei ein „bekennender Faschist“, ein Bellizist, dessen Gefährlichkeit aber im Westen
nicht „hinreichend verstanden“ würde [Umland, A.: Faschistische Tendenzen im
russischen Establishment: Alexander Dugins Internationale Eurasische Bewegung. In:
Ukraine-Nachrichten, 10. Nov. 2009, http://ukraine-nachrichten.de/faschistische-ten-
denzen-russischen-establishment-alexander-dugins-internationale-eurasische-bewe-
gung_1953_meinungen-analysen].
71 Vgl.: Ghinea, C.: Putin şi poporul rus – faţa televizatăa nazismului rusesc. In: Dilema
veche, XI. Jhrg., Nr. 532, 24-30. April 2014, S. 12.
43
44 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

der deutschen „Linken“, Gregor Gysi, kritisierte, selbst mit antisemitischen und
homophoben Rechtsextremisten zu kooperieren. Der Westen hätte im Kosovo
ebenso wenig Skrupel gehabt, sich zum Verbündeten von Separatisten, Terroristen
und Islamisten zu machen.

2.4 Die europäische Flüchtlingskrise und


die russischen Medien
2.4 Die europäische Flüchtlingskrise und die russischen Medien
Die Ukraine-Krise war der eine Komplex, an dem sich zwischen der Berichterstat-
tung in den westeuropäischen etablierten Medien und den ‚alternativen Medien‘ im
Netz und im Druck einerseits und andererseits zwischen der offiziösen westlichen
und der offiziösen russischen medialen Sicht ein tiefer Graben auftat. Die anderen
Themenfelder sind seit geraumer Zeit der Islam/Islamismus und die Flüchtlings-
krise. Europa bzw. die Europäische Union präsentiert sich, seitdem die Flücht-
lingsströme über Griechenland und Italien nach Europa kamen, als humanitäre
Großmacht, während die Länder Ostmitteleuropas, namentlich Polen und Ungarn,
und Osteuropa, allen voran Russland, auf deutliche Distanz zur neuen europäi-
schen Flüchtlingspolitik gehen. Die Urteile reichen etwa in der ungarischen Presse
von Vorwürfen, das Dublin-Regelwerkes sei von Deutschland einseitig gebrochen
und aufgekündigt worden, bis zu offener Kritik, das linksliberale Europa hätte vor
ideologischer Verblendung jeden Sinn für die Realität verloren. Über einen Anstieg
der Kriminalität oder eine Häufung von Anschlägen mit islamistischem Hinter-
grund dürfe man sich nicht wundern, wenn Deutschland keine klaren Kenntnisse
der Identität und Herkunft der Flüchtlinge mehr habe, erklärten ungarische oder
polnische Medien. Nach den Terroranschlägen von Brüssel im Frühjahr 2016 mit
mehr als 30 Toten fahndeten die Ermittler noch lange nach den Hintermännern
der Bluttat72. Für Dimitrij Smirnov, Kreml-Korrespondent der russischen Zeitung
Komsomol‘skaja Pravda war jedoch klar, dass die deutsche Flüchtlingspolitik schuld
am Massenmord in Belgien sei. Am Osterwochenende veröffentlichte Smirnov auf
seiner Twitter-Seite jenes berühmte Foto, auf dem Bundeskanzlerin Angela Merkel
mit einem jungen Mann vor der Handykamera posiert. „Selfie von Merkel mit
einem Selbstmordattentäter aus Brüssel, aufgenommen im Herbst 2015 in einem

72 Banse, D./Flade, F./Müller, U.: „So schwächen Putins Psychokrieger Europa“. Mit Pro-
paganda, Desinformation und Unterstützung extremer Parteien nimmt Russland in
der Europäischen Union Einfluss. Deutsche Politiker geißeln die gravierende Schwäche
der Spionageabwehr. In: Die Welt, 4. April 2016.
2.4 Die europäische Flüchtlingskrise und die russischen Medien 45

Flüchtlingslager in Berlin“, schrieb Smirnov und suggerierte eine Verstrickung der


Kanzlerin in die Attentate. Bei Twitter folgten dem russischen Reporter mehr als
25.000 Nutzer. Solche Behauptungen sorgten in der Bundesregierung für Unmut.
Bereits Anfang Februar 2015 hatte das Kanzleramt den Nachrichtendiensten den
Auftrag erteilt, solche Kampagnen systematisch zu untersuchen.
Experten zufolge sprach viel dafür, dass der Kreml diese Propaganda steuert und
so seinen Informationskrieg zunehmend auch in Mitteleuropa und in Deutschland
führt. Bis 2014 hatten sich solche mediale Maßnahmen vor allem gegen die balti-
schen Staaten oder Länder wie Bulgarien und die Ukraine gerichtet. Die EU war
alarmiert und setzte 2014 eine EU-Arbeitsgruppe ein, die sich mit der russischen
Propagandaoffensive beschäftigen sollte. Sie veröffentlichte regelmäßig Dossiers über
Desinformation und Unwahrheiten, die in russischen Medien verbreitet werden.
Auch im Kanzleramt begann man, das Thema Propagandakrieg ernster zu nehmen.
Der Bundesnachrichtendienst und das Bundesamt für Verfassungsschutz legten
bereits im Mai 2016 einen ersten Bericht zu den russischen Spionage- und Desin-
formationsaktivitäten vor. Anfang Februar 2016 hatte der für die Geheimdienste
zuständige Staatssekretär Klaus-Dieter Fritsche die Chefs der beiden deutschen
Dienste angewiesen, eine entsprechende Analyse zu erarbeiten. Hintergrund war
die russische Kampagne um den ‚Fall Lisa‘, einem 13-jährigen Mädchen aus Ber-
lin-Marzahn, das angeblich von Asylbewerbern entführt und missbraucht worden
wäre. Viele Medien hatten diese Behauptung zunächst verbreitet, die sich später
als haltlos erwies. Russische Staatsmedien wie der Fernsehsender „Pervyj Kanal“
(„Erster Kanal“) berichteten darüber, deutschlandweit gingen Russlanddeutsche
auf die Straße und protestierten gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung,
unter anderem vor dem Berliner Kanzleramt. Die russische Führung verlangte
unmittelbar nach Bekanntwerden des Falles jedoch ein Telefonat mit Außenmi-
nister Frank-Walter Steinmeier. Außenamtssprecherin Maria Sacharova gab in
Moskau den deutschen Behörden die Hauptschuld am Konflikt zwischen Moskau
und Berlin, und der russische Außenminister Sergej Lavrov warf Deutschland
mangelnde Transparenz im Fall Lisa vor. Die deutschen Behörden und Medien
würden „die Realität aus innenpolitischen Gründen politisch korrekt“ übermalen.
Lavrov forderte von den deutschen Behörden lückenlose Aufklärung. „Ich denke,
dass hier die Wahrheit und die Gerechtigkeit siegen sollen“, so Lavrov. RT deutsch
hatte jedoch, wie der Sender selbst klarstellte, nie über eine Vergewaltigung be-
richtet. Der Sender hätte entgegen den Unterstellungen der „Systemmedien“, so der
RT-Chefredakteur Ivan Rodionov, die Erkenntnisse der deutschen Polizei direkt
übernommen und auch darüber berichtet.
Dass es überhaupt so weit kommen konnte, hätte nicht an einer russischen
Kampagne gelegen. Die Eskalation wäre passiert „vor dem Hintergrund der massen-

45
46 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

weisen Vertuschung, was mit vielen Bundesbürgerinnen in verschiedenen Städten


Deutschlands geschah“, erklärte Außenamtssprecherin Sacharova. Russland hätte
reagiert auf das „Fehlen einer transparenten Position und auf Versuche, alles zu
verschleiern und so zu tun, als sei nichts passiert“. Dies sei keine Einmischung in
innere Angelegenheiten. Sacharova sprach davon, dass es mittlerweile eine „Jagd
auf russische Journalisten“ gebe, die im Rahmen der Meinungsfreiheit über den
Fall berichten würden. Wenn die Behörden von Beginn an deutliche Kommentare
abgegeben hätten, hätte die Öffentlichkeit auf der Straße nicht Gerechtigkeit fordern
müssen. Rekonstruierte Daten auf dem Handy des Mädchens hatten ergeben, dass
das Berliner Mädchen die fragliche Nacht bei einem Bekannten verbracht hatte.
Die Staatanwaltschaft erklärte, es gebe keine Hinweise auf eine Sexualstraftat. Das
Mädchen war für 30 Stunden verschwunden gewesen und hatte danach von einer
Entführung und Vergewaltigung durch eine Gruppe südländisch aussehender
Männer erzählt73. Janina Semenova widersprach der einfachen und populären These,
der Fall wäre eskaliert, weil die Angehörigen der russlanddeutschen Gemeinde sich
in erster Linie aus russischen Medien informieren würden. Sie räumte aber ein,
ihre Umfragen seien nicht repräsentativ, sie hätten sich vor allem an „überdurch-
schnittlich gut gebildete“ gewandt, von den 70 Prozent einen Hochschulabschluss
haben. Diese hätten vor allem den deutschen Medien Vertrauen geschenkt74. Wer
protestierte und damit das negative Bild unterstützte, das die deutsche Öffent-
lichkeit von den Russlanddeutschen hat, gehöre, so Semenova, zu jenem Teil der
Russlanddeutschen, der „in einer Parallelwelt des russischen Staatsfernsehens lebt
und diesem glaubt“75. Schließlich sei der Empfang russischer Medien dank Kabel,
Satellit und vor allem über das Internet ohne Probleme möglich. Aber dass sich
alle Russlanddeutschen vom russischen Staatsfernsehen beeinflussen ließen, sei
ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit. Aber auch jene Russlanddeutschen, die bisher
deutsche Medien konsumiert und vor allem diesen geglaubt hatten, wurden durch
die Berichte der russischen Sender verunsichert, wie die russlanddeutsche Bloggerin
Melitta Roth meinte, die nach eigener Aussage erleichtert gewesen wäre, als sich

73 Ermittelt wurde weiterhin gegen zwei Männer mit türkischen Wurzeln wegen schwe-
ren sexuellen Kindesmissbrauchs. Sie wurden verdächtigt, sexuelle Kontakte zu dem
Mädchen vor ihrem Verschwinden gehabt zu haben. Die Ermittler gingen davon aus,
dass die 13-Jährige die Männer schon über Monate kannte.
74 Vgl.: Semenova, J.: „Was vom „Fall Lisa“ bleibt“. Eine 13-Jährige erfindet eine Vergewal-
tigung durch Flüchtlinge, russische Medien springen auf. Wie der „Fall Lisa“ bis heute
die Russlanddeutschen spaltet. In: Jetzt, 13. Jan. 2017 [http://www.jetzt.de/fake-news/
der-fall-lisa-diskussion-um-angebliche-vergewaltigung-durch-fluechtlinge].
75 Semenova, J.: „Was vom „Fall Lisa“ bleibt“. In: Jetzt, 13. Jan. 2017.
2.4 Die europäische Flüchtlingskrise und die russischen Medien 47

der Fall als unwahr herausstellte, und wütend darüber, „wie sehr sich die Gruppe
der Aussiedler hat instrumentalisieren lassen“76.
Auch in der Debatte über die Einmischung des Westens bzw. Russlands in den
syrischen Bürgerkrieg standen sich in den jeweiligen Medien der Vorwurf der Inst-
rumentalisierung und der der ideologischen, einseitigen Berichterstattung bzw. der
Ausblendung wichtiger, aber unliebsamer Tatsachen gegenüber. Der Westen blende
die Bedrohung durch radikal-islamische ‚Freiheitskämpfer‘ aus, um ein freies, neues
Syrien ohne Assad herbei zu phantasieren, erklärten russische Medien. Deutsche
Medien entgegneten, Russland rede einerseits vom angeblichen Kampf gegen den
radikalen Islam, betreibe in Wahrheit aber reine, rücksichtslose Machtpolitik gegen
den Westen, die durch die eigenen russischen Medien geschönt werde. Als Moskau
im Mai 2016 mit einem Konzert in den antiken Ruinen die Befreiung Palmyras von
den Kämpfern des „Islamischen Staates“ feierte, meinte Friedrich Schmidt in der
Frankfurter Allgemeinen, Russlands Präsident benutze „die „Befreiung“ Palmyras
und nun das Gefiedel des prestigeträchtigen Orchesters, um im Westen vergessen
zu machen, dass der syrische Diktator und/oder dessen Moskauer Schutzherren
gerade in Aleppo wieder einmal viele Zivilisten getötet haben. […] Putin und Assad
setzen in ihrem Kampf gegen „Terroristen“ selbst auf terroristische Mittel. Zu Bach
und Prokofjew sollen die Maßstäbe im Westen so sehr ins Rutschen kommen, dass
das in Vergessenheit gerät.“77 Der Auftritt des Orchesters des Sankt Petersburger
Mariinskij-Theaters wäre ein geschickter Propagandacoup gewesen, den zwei rus-
sische Staatssender übertrugen und zu dem sich Putin über Bildschirm zuschalten
ließ. Der französische Ableger von Russia Today berichtete in diesem Kontext von
einem französischen Rentnerehepaar, das sich im April 2016 entschloss, die Orden,
die Verwandte im Zweiten Weltkrieg erworben hatten, darunter das Ritterkreuz der
Ehrenlegion, der Witwe und den Eltern von Aleksandr Prokorenko zu vermachen.
Der junge russische Soldat war in Palmyra gefallen.
Die RT-Reportage zeigte die tiefe Rührung von Jean-Claude et Micheline
Magué, als sie erfuhren, sie wären als Dank für ihre erstaunliche Geste nach
Moskau eingeladen worden. Der russische Botschafter in Frankreich, Aleksandr
Orlov, hatte dem Ehepaar eine persönliche Einladung mit der Unterschrift Putins
übersandt. Das Ehepaar Magué wäre, so RT, von der Geschichte des jungen russi-

76 Ibidem.
77 Schmidt, Fr.: „Propaganda von Panama nach Palmyra“. Russlands Präsident Putin wirbt
mit dem Auftritt eines russischen Orchesters in der „befreiten“ Wüstenstadt Palmyra
um Freunde im Westen. Assad und er selbst sollen als geringeres Übel im Kampf gegen
den IS erscheinen – allen Luftangriffen zum Trotz. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung,
5. Mai 2016 [http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/russisches-konzert-in-syri-
en-propaganda-von-panama-nach-palmyra-14218031.html].
47
48 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

schen Gefallenen tief beeindruckt gewesen, zumal das Paar selbst seinen Sohn im
Jugoslawien-Krieg verloren hatte und daher den tiefen Schmerz der Familie von
Aleksandr Prokorenko verstehen könne. Jedes Verständnis fehle dem Paar dagegen
für das Schweigen der französischen Medien gegenüber der Heldentat des jungen
Russen. Die Medien hätten nur berichtet, dass Palmyra befreit worden war. Über
das Schweigen der Medien könne das Ehepaar nur spekulieren. Die Beziehungen
zwischen Präsident François Hollande und Präsident Putin seien nicht besonders
gut. Prokorenko war während einer Sondermission im syrischen Palmyra von den
Terroristen des Islamischen Staates umzingelt worden und hatte den Luftangriff auf
sich selbst angeordnet. Er könne nicht mehr fliehen, teilte er seinen Vorgesetzten
mit. Er wolle nicht gefasst und vorgeführt werden, er wolle mit Würde sterben
und „all diese Bastarde mit mir reißen“, berichtete das deutsche Magazin Focus
in seiner Online-Ausgabe78. Ein Online-Kommentator meinte, nachdem man die
Nachricht über den Heldentod Prokorenkos in den russischen Medien schon vor
Wochen lesen konnte, hätte nun wenigstens der Focus nachgezogen.

2.5 Der neue mediale Kulturkampf zwischen West


und Ost
2.5 Der neue mediale Kulturkampf zwischen West und Ost
In der medialen europäischen Öffentlichkeit reicht der Konsens darüber sehr weit,
von wem die Radikalisierung der Begriffe, die Verschärfung des Diskurses ausgeht.
Russland betreibe neben einer verdeckten bis offenen militärischen Interventions-
politik in der Ukraine und in Syrien einen medialen Hybridkrieg gegen den freien
Westen. Russische Intellektuelle und Journalisten und jene in Westeuropa, die die
westliche Sicht auf Russland für einseitig halten, wenden ein, der Westen hätte zwar
offiziell das Ende des kalten Krieges erklärt, doch die Stereotypen seien aus den
Köpfen nicht verschwunden. Antisowjetische Tendenzen wären gewissermaßen in
antirussische übergegangen. Zudem hätte die Generation, die die westeuropäische
bzw. die Russland-Politik der EU aktuell bestimmt, ihre Prägung zu Zeiten des kalten
Krieges erhalten. Sie zehre nach wie vor vom Trauma der sowjetischen Bedrohung.
Rumänische oder polnische Intellektuelle, deren Länder nah an den russischen

78 „Vom IS umzingelt: Soldat opfert sein Leben und ordert Luftangriff auf sich selbst“. In:
Focus, 5. April 2016 [http://www.focus.de/panorama/welt/das-waren-seine-letzten-worte-
vom-is-umzingelt-soldat-opfert-sein-leben-mit-luftangriff-auf-sich-selbst_id_5408738.
html].
2.5 Der neue mediale Kulturkampf zwischen West und Ost 49

und ukrainischen Krisenregionen liegen, waren rasch mit der Warnung bei der
Hand, wenn man Putin nicht bremse, stehe dieser morgen in Tallinn oder Berlin.
Deutsche Politiker und Intellektuelle warnten vor den neo-imperialistischen und
neo-sowjetischen Gelüsten von Putins Russland. In manche Artikel und Wortmel-
dungen über Russland schlich sich ein überwunden geglaubter, pauschalisierender
Ton: die Russen seien wohl nicht für die Demokratie geeignet, die Russen würden
nur Stärke anerkennen, daher die Bewunderung für Putin. All das nährte den
Verdacht, dass es in der Ukraine-Krise nicht allein um den Widerstand gegen die
neo-hegemonialen Interessen Russlands und den Kampf des Westens für die Freiheit
der Ukraine geht. Dieser Kampf sei, nach Meinung Moskaus, aber auch westlicher
Analytiker wie des deutschen Publizisten Peter Scholl-Latour schlecht kaschierte
Interessenpolitik der Vereinigten Staaten. Konservative in den Vereinigten Staaten,
katholische und bürgerliche Demonstranten in Paris oder EU-kritische Parteien
bis zur neuen Rechten diagnostizieren als tiefere Ursache des alten und neuen
Feindbildes Russland eine kulturelle, ideelle Unsicherheit und tiefe Gespaltenheit
Europas und des Westens79. Während man zu Zeiten des kalten Krieges gerade in
Westdeutschland das allzu plakative Bekenntnis zu den westlichen Werten der
Freiheit und Selbstbestimmung fast schon als degoutant empfand, rühmte Claudius
Seidel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung den von Russland als deka-
dent geschmähten Westen als das Reich der Freiheit und der Menschenrechte und
verteidigte ihn gegen das düstere, antimoderne und freiheitsfeindliche Russland
mit seiner „brutalen Spiritualität“ der Homophobie80. Der taz-Journalist Donath
meinte, die Europäische Union müsse gegenüber Putin Härte zeigen, denn dieser
baue „an einer neuen reaktionären Internationalen“. Auch sein rumänischer Kollege
Ghinea erklärte, „der Euro-Asianismus, die russische Form des Nazismus, wird der
Feind der freien Welt in diesem Jahrhundert sein“81. Reaktionäre Internationale,

79 So schrieb etwa Thomas Bargatzky in der neurechten Sezession (Nr. 59, April 2014):
„Der Haß, der Putin in den westlichen Systemmedien entgegenschlägt, ist Zeichen
einer tiefen Kränkung des global-universalistischen Selbstbewußtseins. Hier ist einer,
der dem Siegeszug der von den westlichen Eliten getragenen Moderne nicht nur Pa-
roli bietet, sondern auch die Mittel dazu hat. […] Europa, schreibt der amerikanische
Blogger „The Saker“, sei ein US-Protektorat auf einem sozial bankrotten Kontinent mit
einer darniederliegenden Wirtschaft.“ (Kinder- und Alteneuthanasie, Genderwahn,
Homoterror, Abtreibung, Wegwerfgesellschaft, Nahrungsfabriken, Überwachung,
political correctness, Marginalisierung des Religiösen).“
80 Seidl, C.: „Der Westen leuchtet heller“. Die russische Propaganda schimpft uns als weich
und dekadent. Viele Deutsche glauben, da sei etwas dran. Aber das Gegenteil ist der
Fall. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27. April 2014, Nr. 17, S. 33.
81 Ghinea, C.: Putin şi poporul rus – faţa televizatăa nazismului rusesc. In: Dilema veche,
XI. Jhrg., Nr. 532, 24-30. April 2014, S. 12.
49
50 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

Feind der freien Welt, die Orthodoxie als Hauptfeind der westlichen Zivilisation,
nicht wie bisher der Islamismus – diese Aufrüstung der Rhetorik, das neue Schwarz-
Weiß-Denken, das auch mit heiklen Begriffen leichtfertig umgeht, legte manchem
nahe, dass man es neben der geopolitischen Ebene, auf der sich die alten Interessen
gegenüberstehen, mit einer Art neuem Kulturkampf zu tun hätte.
Dieser neue Kulturkampf wurde in den deutschen Medien sehr bald von einem
Begriff beherrscht, der teils als treffend, teils als Unwort verworfen wurde – dem
‚Russlandversteher‘, den die ehemalige ARD-Russlandkorrespondentin Gabriele
Krone-Schmalz für ihr Buch über die neue Konfrontation zwischen Russland und
dem Westen bewusst übernahm, schon weil sie selbst als Russlandversteherin
gebrandmarkt worden war82. Sie meinte, Russland zu verstehen sei die Grundvor-
aussetzung, um als Journalist ernst genommen zu werden. Ohne ein Verständnis
für die Motive der russischen Politik sei weder journalistische Analyse noch
adäquate Politik möglich. Krone-Schmalz bezog sich in Talkshows im deutschen
Fernsehen wiederholt auf die Fehler, die der Westen aus dieser Verständnisver-
weigerung gegenüber Russland gemacht hätte. Das EU-Assoziierungsabkommen
hätte die Ukraine zerreißen müssen. Den Analysten der Ukraine-Krise sollte sich
eine polemische Wortwahl wie ‚pro-russischer Mob‘ verbieten, auch die Neigung,
die Welt nur in Gut und Böse einzuteilen. Man würde damit nur eine gefährliche
Eskalation herbeireden. Vor dem Hintergrund der Mitverantwortung der Journa-
listen für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren müssten auch
heute Journalisten Polemik vermeiden und sachlich Gründe, Hintergründe und
politische Interessen beim Namen nennen, ohne die einen Interessen weiß, die
anderen schwarz malen. Dazu gehöre, so Krone-Schmalz, Brüssel als ‚Hort der
Freiheit‘ zu zeichnen und alles was aus Moskau kommt mit negativem Vorzeichen
zu versehen. Über Vorschläge aus Moskau sollte sachlich diskutiert werden, sie
sollten nicht reflexhaft als russische Propaganda abgetan werden. Der russische
Blogger und Historiker Modest Kolerov meinte, auf den Internetseiten hätte der
dritte Weltkrieg bereits begonnen. Er widersprach auch der These, der Zweite
Weltkrieg wäre nicht ausgebrochen, hätte es damals schon das Internet gegeben.
Was als Medium der Freiheit, als Plattform verschiedenster Meinungen begann
hätte sich rasch zu einem „monopolisierten Markt“ entwickelt, und die Debatte
sich schnell auf eine Formel zugespitzt, auf schwarz-weiß-Stereotypen. Die „libe-
ralen Herren der Einheitsmeinung“ müssten aber zur Kenntnis nehmen, dass die
93 Prozent der russischen Bevölkerung, die die Entscheidung der Regierung in der
Krim-Frage unterstützen, sich auf eine Befragung von 45.000 Menschen stützen,

82 Krone-Schmalz, G.: Russland verstehen. Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz
des Westens. München 2015.
2.5 Der neue mediale Kulturkampf zwischen West und Ost 51

wobei für eine repräsentative Umfrage 1.600 Personen ausreichen: „Nichts vereinte
und nichts vereint unsere Leute mehr als die Auffassung, dass die Krim unser Land
ist“, erklärte Kolerov. Die sieben Prozent russischen Nein-Sager verstünden es
aber, ihre Opposition mit Hilfe liberaler Zeitungen wie Vedomosti, Kommersant,
Echo Moskvy, Svoboda oder der BBC zu siebzig Prozent aufzublähen, indem sie
die Wirklichkeit propagandistisch verfälschen. Putins Regierung sei ein „blutiges
Regime“, den „rechten Sektor“ in der Ukraine gebe es nicht, Nazi-Symbole hätte
man auch nicht gesehen, trotz der auf Film festgehaltenen Portraits Banderas und
der Fahnen der OUN-UPA.
Auf der anderen Seite kritisierte etwa Reinhard Mohr in der FAZ im Februar
2015 die weithin verbreitete Haltung, die eigene westliche Seite grundsätzlich als
schuldig anzusehen und Russland von aller Schuld freizusprechen. Heute wür-
den im Zusammenhang mit Russland die Fakten an sich geleugnet „oder zum
Gegenstand einer absurden Verschwörungsakrobatik gemacht“83. Mohr machte
als Urheber „Putins dreiste Propaganda-Maschinerie“ aus, Pegida, die deutsche
pro-russische Linke, Jakob Augstein, die ZDF-heute-Show und nicht zuletzt die
„famose Ex-ARD-Korrespondentin Krone-Schmalz“, die bei Günter Jauch zum
wiederholten Mal bestritten hätte, „dass es überhaupt eine völkerrechtswidrige
Annexion der Krim durch Russland gegeben habe. Auch den inzwischen so gut
wie lückenlos belegten Abschuss der Passagiermaschine MH17 durch prorussische
Separatisten zog sie in Zweifel – wie überhaupt die Tatsache, dass es sich bei dem
Krieg in der Ostukraine um eine von Putins Regime minutiös geplante Aggression
gegen ein souveränes europäisches Land handelt. Es scheint, als hätten die berühm-
ten grünen Männchen von der Krim auch in den Köpfen ganze Arbeit geleistet.“84
Mohr nannte den ehemaligen Ministerpräsidenten von Brandenburg, Matthias
Platzeck, einen „russophilen Überzeugungstäter“, Krone-Schmalz rechnete er zu
den „berufsmäßige(n) Putin-Propagandisten“, die die klar belegte Kriegsführung
Moskaus in der Ukraine bestreiten würden: „In den unzähligen Internet-Blogs,
die weder an den angeblich verlogenen Medien noch an der ihrer Meinung nach
korrupten und unfähigen Politik ein gutes Haar lassen, schaffen sie eine Art
Tabula rasa, eine Welt ohne Wirklichkeit, die umso mehr Raum lässt für wilde
Spekulationen, Verschwörungstheorien und Verrücktheiten jedweder Art. Alles

83 Mohr, R.: „Der Zweifel als Propagandawaffe“. Es sind goldene Zeiten für Verschwö-
rungstheoretiker. Während in den Meinungsschlachten der siebziger Jahre zumindest
die Fakten anerkannt wurden, regiert in den heutigen Debatten über Abendland und
Ukraine der Zweifel. Putin kann das nur recht sein. Ein Gastbeitrag. In: Frankfurter
Allgemeine Zeitung, 13. Febr. 2015.
84 Ibidem.
51
52 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

ist gelogen, alles ist falsch, von Geheimdiensten erfunden und inszeniert.“ Selbst
die Tagesschau der ARD, „seit Jahrzehnten das Flaggschiff der deutschen Nach-
richtenkultur“, sehe sich mit „teils kampagnenartigen Angriffen konfrontiert, die
selbst lächerliche Details ins Visier nehmen. So habe die Tagesschau zu aktuellen
Bildern von Putin beim G20-Barbecue im australischen Brisbane formuliert, er
sitze „einsam und verlassen“ da. […] Derart feinsinnig sind die unermüdlichen
Medien-Kritiker, unter ihnen Fachkräfte wie Sarah Wagenknecht, wenn sie in der
ARD eine „einseitige“, offenbar zu wenig prorussische Ukraine-Berichterstattung
entdeckt zu haben glauben. […] Berechtigte professionelle Zweifel an Bildern und
Nachrichten scheinen immer mehr einem Imperativ vorauseilender Angst zu
gehorchen, ungeschönte Informationen, zum Beispiel über die direkte Steuerung
des Krieges durch russische Spezialkräfte, die ständig massiven Waffennachschub
ordern, könnten zur „Eskalation“ der Lage beitragen. […] In Wahrheit hat sie eher
mit Feigheit als mit kritischer Selbstreflexion zu tun.“85
Russische Auslandsmedien und pro-russische westliche Politiker, Blogger und
Fernsehsatiriker würden nach Ansicht Mohrs die undifferenzierte These vertreten
und popularisieren, der Westen sei an allem schuld, „selbst noch an den Verbrechen
seiner Gegner“. Die kommunikative Rationalität nach Habermas, die Geltungs-
ansprüche von Argumenten wären verloren gegangen und hätten Verdacht, Miss-
trauen und Desinformation Platz machen müssen. Verschwörungstheoretiker, die
die offizielle Version der Terrorattentate vom 11. September 2001 auf die New Yorker
Twin Towers in Zweifel ziehen und amerikanische und israelische Geheimdienste
dafür verantwortlich machen, die routiniert Angela Merkel, alliierte Kriegstreiber,
Hochfinanz und Atlantikbrücke für alles Elend der Welt für schuldig erklären,
wären nun gern gesehene Interviewpartner des Berliner Ablegers von Russia Today
(RT). Dieser Verfälschung oder Verschleierung der wahren Umstände würde sich
auch die ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ schuldig machen, die jede Kritik an der
Despotie Putins und an den russischen Verhältnissen überhaupt vermeiden würde.
Diese Art von antiwestlicher Gegenaufklärung würde nur noch affirmative Ideo-
logie, „Propaganda fürs gesinnungstreue Publikum“ produzieren. Sie unterstütze
die Dekonstruktion aller Gewissheiten, die das Regime Putins planvoll betreiben
würde und bestätige damit in ihrer zynischen Art die postmodernen Theorien
vom ‚dekadenten Westen‘. Die Dekonstruktion sei für Putins Russland das probate
Mittel, um alte Mythen wiederzubeleben, seine Verantwortung zum Beispiel für
den „Rache- und Eroberungsfeldzug in der Ukraine“ zu leugnen und die Schuld
den anderen aufzuladen. Der dekadente, moralisch und intellektuell verkommene

85 Mohr, R.: „Der Zweifel als Propagandawaffe“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.
Febr. 2015.
2.5 Der neue mediale Kulturkampf zwischen West und Ost 53

Westen, zumindest in Gestalt der von Mohr kritisierten TV-Satiriker und Politiker,
die sich in den „warmen Berliner Talkshow-Studios“ Gedanken über die angeblichen
Fehler des Westens und die Sicherheits- und Prestigebedürfnisse Russlands machen
würden, würde sich selbst aufgegeben, auch in jenem „unterwürfigen Interview“
Hubert Seipels mit Vladimir Putin, das die ARD im November 2014 ausstrahlte
und das Mohr einen „wahren Tiefpunkt journalistischer Selbstaufgabe“ nennt.
Hier hätte die „reaktionäre Gegenaufklärung im Auftrag des öffentlich-rechtlichen
Fernsehens Namen und Gesicht bekommen“86.
Die pauschale Verdammung des Westens und die ebenso pauschale Rechtfer-
tigung Russlands sei eine Haltung, die sich auch in milderen Formen zunehmend
ausbreiten würde. Ob die Pauschalität, die Mohr unterstellt, in dieser Form über-
haupt existiert, ist die eine Frage, ob sie nicht bereits Indiz dafür ist, dass sich
der Autor bereits auf das vermeintliche Niveau derer herabgelassen hat, die er
kritisiert, ist die andere Frage. Die Gescholtenen meinten, so etwa die Macher der
ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“, die Pauschalität, mit der Russland ständig an
den Pranger gestellt werde, fordere die Satire geradezu heraus. Auch die als Inbegriff
der ‚Russland-Versteherin“ gescholtene Krone-Schmalz meinte, zur Pressefreiheit
und zur journalistischen Ethik gehöre „die Skepsis vor allzu platten „Wahrheiten“,
die nur noch Gut und Böse Platz bieten, und das Bemühen um Differenzierung;
und zwar ohne Rücksicht darauf, in welchem Teil der Welt sich etwas abspielt. Ob
irgendwo politische Freunde oder Gegner sitzen – das ist keine journalistische
Kategorie. Und dass sich Journalisten von ihren eigenen Sympathien und Antipa-
thien so gut wie eben möglich trennen müssen, gehört zum kleinen Einmaleins
der Berufsethik. Pressefreiheit bedeutet in jeder Beziehung Unabhängigkeit, von
staatlichem und sonstigem Einfluss sowieso, aber auch von so etwas wie Main­
stream.“87 Die ‚Russland-Versteher‘ argumentieren, die pauschale russland-kritische
Haltung wäre zur fast schon verpflichtenden Grundeinstellung des ‚Mainstream‘,
der ‚Mainstream-Medien‘ geworden, die eine differenzierende Haltung fast schon
als Defizit erscheinen ließe. Die politische Exkulpierung Russlands mag auf Kosten
der Länder gehen, die ‚dazwischen‘ liegen, von Polen, Tschechien, den baltischen
Staaten, Weißrussland und der Ukraine. Ihre hart erkämpfte Freiheit gelte, so
Mohr, hierzulande nicht viel, und für das Verhältnis zu Russland würden sie vor-
zugsweise als Störenfriede wahrgenommen, als „uneinsichtige Hardliner“, die ihre
Angst vor der neorussischen Expansionspolitik übertreiben würden. Ihre Ängste

86 Mohr, R.: „Der Zweifel als Propagandawaffe“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.
Febr. 2015.
87 Krone-Schmalz, G.: Russland verstehen. Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz
des Westens. München 2015, S. 8.
53
54 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

und Befindlichkeiten seien jedoch nur von Interesse, wenn sie einem bestimmten
anti-russischen Narrativ dienen. Das Interesse des Westens für die Umbrüche in den
Gesellschaften Mittelosteuropas hielt sich auch mit Bezug auf die Ukraine vor der
Maidan-Revolution sehr in Grenzen. Man vertraute in Brüssel darauf, dass sich die
soziale und politische Entwicklung jener in Westeuropa auf lange Sicht angleichen
würde. Seitdem diese Hoffnung brüchig geworden ist, seitdem sich in Warschau,
Budapest oder Bratislava und Belgrad eine Vorstellung, wie sich die gesellschaft-
liche Realität entfalten solle, artikuliert und eine konkrete Gestalt annimmt, die
man in den Zentren der Europäischen Union als nicht mit europäischen Werten
vereinbar erklärt, hat sich das politische Verständnis deutlich abgekühlt und der
Ton gegenüber den Ländern ‚zwischen‘ Russland und Westeuropa hat sich gerade
auch in den Medien erkennbar verschärft.
Kritiker des westlichen Mainstream-Narrativs, die sich nicht nur in den Re-
daktionen russischer Auslandsmedien, sondern auch in den Medienredaktionen
Mittelosteuropas finden, bemängelten, dass zum Beispiel die ideologischen und
politischen Eskapaden rechtsextremer Vereinigungen wie der ungarischen Jobbik
oder polnischer Nationalisten in extenso besprochen würden und Thema politischer
Krisengespräche seien, während die nicht weniger prononçierten Äußerungen der
allukrainischen Vereinigung „Svoboda“88 unter ihrem Parteichef Oleh Tiahnibok
nicht dafür gesorgt hätten, den pro-europäischen Ruf des Euromaidan zu beschä-
digen. Tiahnibok sprach sich für eine Bevorzugung von Ukrainern gegenüber

88 Die Partei entstand 1991 unter dem Namen Sozial-Nationale Partei der Ukraine (SNPU),
1995 wurde sie offiziell registriert. Mit dabei damals schon: Oleg Tiagnibok, heute eines
der Gesichter der ukrainischen Protestbewegung. Die Organisation kündigte Anfang der
1990er Jahre an, „Volkskameradschaften“ gründen zu wollen, deren schwarz uniformierte
Mitglieder Krawalle vor dem Parlament inszenierten. Die offizielle Bezeichnung der
Partei-Ideologie lautet Sozial-Nationalismus. Die phonetische Ähnlichkeit zum Nati-
onalsozialismus, der Ideologie der NSDAP ist hier offensichtlich. Ungeniert bediente
sich die Partei auch der Symbolik des Dritten Reichs. In ihrem Programm rief die SNPU
offen zur Revolution auf. Tiagnibok wurde 1998 als Direktkandidat ins Parlament von
Lviv gewählt. 2004 benannte sich die SNPU in „Svoboda“ um. Sie hielt enge Kontakte
zu anderen rechten Parteien, insbes. zum französischen Front National…Auch zur
deutschen NPD hatten Swoboda-Vertreter Kontakt. Zuletzt besuchten sie im Sommer
die deutschen Rechten. 2011 diskutierte die Ukraine über ein Verbot der Partei. Dennoch
trat sie 2012 zu den Parlamentswahlen an – mit einem weniger radikalen Programm,
aus dem offen rechtsextreme Positionen entfernt wurden. Stattdessen widmete sie sich
Fragen der sozialen Gerechtigkeit und des wirtschaftlichen Aufschwungs. „Svoboda“
kam 2012 auf zehn Prozent der Stimmen sowie einige Direktmandate und erhielt 37 von
450 Sitzen im Parlament. Seitdem tritt sich gemäßigter auf, gerne schwärmt Parteichef
Tiagnibok auf dem Maidan von Europa. [Vgl.: http://www.sueddeutsche.de/politik/
ukrainische-partei-swoboda-klitschkos-rechte-hand-1.1881049].
2.5 Der neue mediale Kulturkampf zwischen West und Ost 55

anderen Ethnien aus, 2004 hatte er den Einfluss der „jüdischen Mafia Moskaus“
auf die Ukraine beklagt. Im Laufe der Zeit reinigte Tiahnibok die Programmatik
seiner Partei von allen zu eindeutig rechtsextremen Thesen, was jedoch nicht be-
deutet, dass „Svoboda“ ‚europäische Werte‘ vertreten würde, wie Vitali Klitschko
behauptete, der 2015 die Stichwahl um das Bürgermeisteramt von Kiev gewann.
„Svoboda“ und die Maidan-Demonstranten hätten zwar verschiedene Ideologien,
aber sie eine der Kampf gegen die heutigen Machthaber und der Wille, europäische
Werte in der Ukraine zu haben. Dass für Tiahnibok ‚europäisch‘ in erster Linie
‚nicht russisch‘ bedeute, damit lasse sich nach Meinung der Friedrich-Ebert-­Stiftung
der Erfolg der Partei erklären, aber auch mit ukrainischem Nationalismus und
linksradikaler Stimmungsmache gegen Oligarchen und Großunternehmer, die
gerne als jüdisch und plutokratisch tituliert werden. Gleichwohl durfte sich Tiahni-
bok immer wieder neben Klitschko und Arsenij Jazenjuk von Julia Timošenkos
Vaterlandspartei zeigen und saß schließlich nach dem Euromaidan auch in der
ukrainischen Übergangsregierung.
Was westliche Medien und Politik nicht tun würden, taten der Kreml und die
russischen Medien umso häufiger. Beinahe täglich beklagten sie 2014 Nationalismus,
Faschismus und Rechtsextremismus in der Ukraine. Außenminister Sergej Lavrov
forderte die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE)
auf, die zunehmend „neo-faschistische“ Stimmung im Westen der Ukraine zu ver-
urteilen. Angesichts rechtsextremer Kräfte fürchte er um die Zukunft des Landes.
Wenn sich Leute in schwarzen Masken und mit Kalaschnikov-Sturmgewehren als
Regierung bezeichneten, werde die Arbeit mit einem solchen Kabinett sehr schwie-
rig werden, erklärte der russische Premierminister Dmitrij Medvedjev. Sekundiert
wurden solche Äußerungen von zahlreichen russischen Medienberichten über einen
vermeintlich rechtsradikalen Umsturz in Kiev. Die Auseinandersetzung fand auch
in den sozialen Medien statt. Auf russischen Twitter-Konten wurden Bilder vom
Maidan platziert, in die mit Photoshop ein Hitler-Portrait hineinretuschiert worden
war. Diese Art der Polemik spiegelte sich auch in der medialen Auseinandersetzung
über den Konflikt um die Halbinsel Krim wieder. Die bewaffneten Männer, die
den Flughafen von Simferopol besetzten, wurden von Zivilisten unterstützt, die
Reportern erklärten, sie seien alle Freiwillige und würden verhindern, dass Faschis-
ten oder Radikale aus dem Westen der Ukraine hier landen. Dass „Svoboda“ kein
marginales, von Russland aufgebauschtes Phänomen sein könnte, legte der Angriff
nahe, den der „Svoboda“-Parlamentarier Ihor Mirošničenko in Kiev zusammen
mit Parteikollegen bzw. Mitabgeordneten im März 2014 auf den Chefredakteur des
„Ersten Nationalen Kanals“ verübte, weil dieser Putins Krim-Rede ausgestrahlt
hatte. Ein hunderttausendfach abgerufenes Youtube-Video zeigt, wie die drei, vier
Männer in das Büro des Fernsehdirektors stürmen. Einer von ihnen versetzt dem

55
56 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

Direktor einen Karateschlag auf den Kehlkopf. Der Täter war Mirošničenko, der in
der Übergangsregierung für Pressefreiheit zuständig war. Der Direktor überlebte den
potenziell tödlichen Schlag. Wer sich das Video ansah, erfuhr, dass das Opfer des
Übergriffs kurz nach dem Schlag seine Demission unterschrieb, gänzlich ‚freiwillig‘,
weil der Chefredakteur noch zur alten, vorrevolutionären Regierung gehört hatte.
Der Sender war unter den ukrainischen Nationalisten seit längerem umstritten. Er
galt eindeutig als ‚Janukovyč-Sender‘, der während der Revolution „diskreditierende
Informationen“ ausgestrahlt hätte, so der ukrainische Soziologe Mykhajlo Banakgh
im Deutschlandfunk. Gleichwohl kritisierte Banakgh den „üblen Angriff“, der „von
der ganzen ukrainischen Zivilgesellschaft auf Schärfste verurteilt“ werde89. Einige
deutsche Journalisten, so etwa bei n-tv, zeigten sich nach der Meldung verhalten
empört, berichteten von Sorgen bei OSZE und Amnesty International. „Der Westen
entdeckt Svobodas hässliches Gesicht“ schrieb Michael König in der Süddeutschen
Zeitung angesichts dieses Angriffs auf die Medienfreiheit90. Während der Kreml
bisher behauptete, sie seien Faschisten und brandgefährlich, hätte der Westen die
ukrainische Regierungspartei „Svoboda“ bisher als notwendiges Übel betrachtet:
„Dass ein Swoboda-Abgeordneter jetzt einen TV-Direktor verprügelte, könnte die
Position ins Wanken bringen.“ Für die ukrainische Regierung waren die Bilder der
größte anzunehmende PR-Unfall. Westliche Politiker standen unter Druck, und
Russland sah das Video als Bestätigung.
Im Netz kursierten bald Spekulationen, dass die westlichen Reaktionen auf
das Attentat nicht deutlicher ausfielen hätte damit zu tun, dass man der medialen
Destabilisierungsstrategie Putins nicht neue Nahrung liefern wollte. Im Spiegel
meinte auch Benjamin Bidder, der ukrainische Nationalist Mirošničenko liefere
„genau den Stoff, den die Kreml-Propanganda braucht, um die Maidan-Revolution
zu verunglimpfen“91. Während sich die ukrainischen Demokraten noch mit ihren

89 König, M.: „Der Westen entdeckt Swobodas hässliches Gesicht“. Sie seien Faschisten
und brandgefährlich, sagt der Kreml. Der Westen hat die ukrainische Regierungspartei
Swoboda bisher hingegen als notwendiges Übel betrachtet. Dass ein Swoboda-Abge-
ordneter jetzt einen TV-Direktor verprügelte, könnte die Position ins Wanken bringen.
In: Süddeutsche Zeitung, 21. März 2014 [http://www.sueddeutsche.de/politik/ukrai-
ne-der-westen-entdeckt-swobodas-haessliches-gesicht-1.1918734].
90 König, M.: „Der Westen entdeckt Swobodas hässliches Gesicht“. In: Süddeutsche Zei-
tung, 21. März 2014.
91 Der Übergriff werfe, so Bidder, „ein Schlaglicht auf einen Geburtsfehler der ukraini-
schen Revolution: Weil sie Wiktor Janukowitsch sonst kaum hätten stürzen können,
ließen sich die Demokraten auf ein Bündnis mit den schlagkräftigen Nationalisten
ein. Die sitzen nun mit am Kabinettstisch, Swoboda hat sich drei Ministerämter und
den Posten des stellvertretenden Regierungschefs gesichert. Parteichef Oleg Tjagnibok
hat gelernt, sich in Sonntagsreden zur Demokratie zu bekennen und zur Einheit der
2.5 Der neue mediale Kulturkampf zwischen West und Ost 57

rechtsextremen Verbündeten herumschlugen, ohne die sie nach Ansicht Bidders


Viktor Janukovyč kaum hätten stürzen können, war der deutsche Bundesnach-
richtendienst bereits beauftragt zu untersuchen, ob rechtspopulistische oder
rechtsextremistische Parteien und andere Organisationen in Deutschland vom
Kreml finanziert würden. Die Destabilisierungsstrategie Moskaus sei jetzt, da die
Europäische Union in der Krise steckt, nicht ungefährlich für Deutschland, meinte
der CSU-Innenpolitiker Hans-Peter Uhl. Die Grünen-Politikerin Marieluise Beck
nannte die Deutschen naiv in Bezug auf die russische Einflussnahme, besonders da
der russische Präsident die deutschen Befindlichkeiten sehr gut kenne. So könne
er den Antikapitalismus, Nationalismus und antiwestliche Ressentiments gezielt
fördern. Sein Weltbild vom dekadenten Westen werde in Deutschland vielfach
geteilt, vor allem am linken und rechten Rand der Gesellschaft, geteilt, meinte
Beck. Beck stützte damit das Kulturkampf-Narrativ, genauso wie Stefan Meister,
Russland-Experte der „Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“ (DGAP),
der unterstrich, dass Russland in Deutschland alle Gruppen unterstützen würde,
die das demokratische System schwächen wollen. Hinter diesen Aktivitäten stünden
auch die russischen Geheimdienste.
Beck deutete mit ihrem Hinweis auf die angebliche Dekadenz des Westens
zumindest an, dass die russische Desinformationspolitik in Deutschland auf
fruchtbaren Boden fällt, weil diese These von vielen geteilt wird. Was die politi-
sche Seite des neuen Informations- bzw. Medienkrieges gegen Russland betrifft,
dachte man nicht nur in Deutschland über eine Renaissance der Gegenspionage
und neue Investitionen in den Cyberkrieg nach. In Großbritannien sollte ab April
2015 eine 1.500 Soldaten umfassende Cyberarmee ihren Dienst antreten, die sich
dem Infokrieg in den sozialen Netzwerken widmen soll, wobei Russland und der
Islamische Staat als größte Herausforderungen in dieser Hinsicht genannt wurden.
Dass man sich zur Gründung der Einheit entschloss, habe mit Russlands Vorgehen
in der Ukraine und auf der Krim wie auch mit dem Aufstieg des Islamischen Staates
in Syrien und im Irak zu tun. Die Soldaten, ausgebildet in psychologischer und
unkonventioneller Kriegsführungen, waren als ‚Facebook-Warriors‘ gedacht, die in
sozialen Medien False-Flag-Operationen, Täuschungsmanöver und Desinformati-
onskampagnen betreiben sollten. Die Einheit sollte als 77. Brigade geführt werden

Nation. Zweifel sind berechtigt. Das amerikanische Wiesenthal-Center führt Tjagnibok


und Miroschnitschenko auf seiner Rangliste der Antisemiten auf Platz fünf.“ [Bidder,
B.: „Putins liebster Feind“. Igor Miroschnitschenko prügelt Journalisten, hetzt gegen
Juden – und sitzt als Abgeordneter im ukrainischen Parlament. Der Nationalist liefert
genau den Stoff, den die Kreml-Propaganda braucht, um die Maidan-Revolution zu
verunglimpfen. In: Spiegel, 20. März 2014, http://www.spiegel.de/politik/ausland/
ukraine-nationalist-miroschnitschenko-ist-putins-liebster-feind-a-959878.html].
57
58 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

und dem Kommando der britischen Armee unterstehen. Bereits im September


2013 hatte Verteidigungsminister Philip Hammond eine umfassende Aufstockung
der militärischen Einheiten für verteidigungspolitische Agenden im Cyberspace
angekündigt. Im Informationskrieg sei man insbesondere seit der Sezession der
Krim gegenüber dem Kreml ins Hintertreffen geraten, was nun die neue Einheit
notwendig mache.
Die deutsche Öffentlichkeit war in der Frage gespalten, wie mit Russland um-
zugehen sei. Im April 2016 ergab zwar eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung, die
Deutschen wollten zu 46 Prozent an den im Sommer 2014 verhängten Sanktionen
gegen Russland festhalten, 16 Prozent würden sie sogar verschärfen. Nur 27 Prozent
sprachen sich für deren Aufhebung aus. In dieser Frage war die deutsche Gesell-
schaft in West und Ost gespalten. Während Ostdeutsche die Regierungspolitik für
zu anti-russisch hielten, seien Westdeutsche öfter der Meinung, die Politik würde
Russland angemessen oder gar zu freundlich behandeln92. Wer aber die Debatte in
den sozialen Medien verfolgte, bekam den Eindruck, die deutsche Öffentlichkeit
dränge auf ein baldiges Ende der Russland-Sanktionen. Dieser Eindruck entstünde
„nicht zuletzt dank der Aktivität moskautreuer Online-Trolle“, so die Wirtschafts­
woche93. Kommentatoren würden „gar offene Bewunderung für die Politik der
eisernen Faust“ äußern, mit der Putin sein Land führe.

92 Insgesamt hätte sich das lange Zeit eher positive Verhältnis der Deutschen zu den
Russen seit früheren Umfragen verschlechtert: 64 Prozent der Befragten sehen Pu-
tins Russland nicht mehr als „vertrauenswürdigen Partner“. Deutsche Unternehmer
plädierten indes für ein Ende der Sanktionen. Laut einer Umfrage der Auslandshan-
delskammer in Moskau wollten 60 Prozent der Unternehmer die sofortige, 28 Prozent
die schrittweise Aufhebung der Strafen. Kanzlerin Merkel wollte diesen Schritt aber
erst nach der Umsetzung von ‚Minsk-II‘ gehen. Ein deutscher Bankier warnte: Sollte
die Kanzlerin sich mit einer Verlängerung der Sanktionen nicht durchsetzen können,
würde sie Rückendeckung von den USA bekommen, die ihre Strafen dann exterritorial
durchsetzen würden. Er verwies auf den Fall Iran: Wer US-Sanktionen unterlief, dem
drohten Strafen in Amerika. Aus Furcht um ihr Amerikageschäft verzichteten nichta-
merikanische Unternehmen vorbeugend auf Iran-Aufträge. Und weil Washington an
Strafmassnahmen gegen Russland festhalten wird, könnten die Amerikaner Europa
indirekt eine weiter strenge Russlandpolitik diktieren, ganz gleich, ob die Europäer
an Sanktionen festhalten wollen oder nicht. [Vgl.: Willershausen, F./Schmitz, G.P.:
Umfrage zu Russland: Deutsche stehen hinter den Sanktionen. In: Wirtschaftswoche,
21. April 2016 [http://www.wiwo.de/politik/deutschland/umfrage-zu-russland-deut-
sche-stehen-hinter-den-sanktionen/13479294.html].
93 Vgl.: Willershausen, F./Schmitz, G.P.: Umfrage zu Russland: Deutsche stehen hinter
den Sanktionen. In: Wirtschaftswoche, 21. April 2016.
2.6 Pro-russische Trolle und Kritik am „Medienmainstream“ 59

2.6 Pro-russische Trolle und Kritik am


„Medienmainstream“
2.6 Pro-russische Trolle und Kritik am „Medienmainstream“
Die Debatte über die Aktivitäten russischer Online-Trolle, ganzer ‚Troll-Fabriken‘,
die, finanziert und angestellt vom Kreml, die Online-Kommentarspalten westli-
cher Leitmedien mit russland-freundlichen und antiwestlichen Kommentaren
überschwemmen würden, wurde von den deutschen Leitmedien überwiegend
affirmativ geführt, wenn es auch Zweifel an der pauschalen These gab, die Kritik
an der Russland-Berichterstattung würde in erster Linie von ‚Trollen‘ geführt. Viele
Journalisten fühlten sich von der Masse an Leserkritik, die sich über einseitige
Berichterstattung beschwerte, schlicht überfordert, meinte etwa Paul Schreyer94,
und würden deshalb auf die leichter fassbare Theorie der Trolle zurückgreifen.
Dagegen hielten führende Köpfe des deutschen Journalismus wie der stellvertre-
tende Chefredakteur des ZDF, Elmar Theveßen, den dominanten Einfluss verdeckt
arbeitender russischer Lohnschreiber auf den Internet-Diskurs über Russland für
erwiesen. Theveßen sprach von einer „Propagandamaschine im Internet“. Der
Spiegel-Autor Christian Neef vermutete hinter den kritischen Leserkommentaren
unter seinen Artikeln zur Ukraine-Problematik nicht kritische deutsche Leser,
sondern gesteuerte Propagandakampagnen aus dem russischsprachigen Ausland.
FAZ-Mitherausgeber Günther Nonnenmacher sprach sich angesichts einer seiner
Meinung nach offensichtlich konzertierten Aktion, angesichts riesiger Wellen
abweichender Lesermeinungen dafür aus, die Leserkommentare komplett abzu-
schalten. Deutsche Tageszeitungen zitierten als Gewährsfrau Ljudmila Savčuk,
die selbst als einer der russischen Online-Trolle gearbeitet hatte und das System
erklärte. Die Lohnschreiber müssten für relativ gute Entlohnung in Onlineforen
und Blogs Putins Politik verteidigen und seine Kritiker diskreditieren. Ausgangsort
sei ein streng abgeschottetes und überwachtes Gebäude in Sankt Petersburg in der
Savuškina-Straße, wo die Mitarbeiter gehalten seien, eine möglichst große Zahl von
Kommentaren zu schreiben, was nicht jeder schaffe. Wer nicht in der Lage sei, die
gewünschten Ansichten entsprechend geschickt zu formulieren, würde entlassen.
Die Rotation sei hoch. Das düstere Bild, das Savčuk entwarf, entsprach prägnant
den Klischees, die man sich in den westlichen Medien seit dem Amtsantritt Putins
und besonders seit der Ukraine-Krise von der Kreml-Bürokratie machte. Schreyer

94 Schreyer, P.: „Deutsche Leserforen in der Hand von Putins Trollen?“ Was ist dran an
der These einer russischen Unterwanderung der Kommentarspalten von Spiegel Online,
FAZ, Süddeutscher Zeitung und Co.? In: Telepolis, 8. April 2015 [https://www.heise.
de/tp/features/Deutsche-Leserforen-in-der-Hand-von-Putins-Trollen-3371161.html].
59
60 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

vermutete dahinter eher „Projektionen westlicher Büroangestellter“95, auch weil die


Debatte über Verbindungen der Trolle zur russischen Regierung oft genug in der
Möglichkeitsform geführt wurde.
Die Trollfabrik, von der Savčuk sprach, wurde von einer Firma betrieben, für
deren Verbindungen zum Kreml es keine belastbaren Beweise, aber sehr viele
Hinweise, Indizien und Vermutungen gab. Der AFP-Artikel von Marina Koreneva
über die Trollfabrik wurde von mehreren Redaktionen übernommen, weil er der
Grundthese entsprach, die viele Journalisten bereits zu teilen schienen, dass nicht
echte deutsche Leser die eigene, oft russlandkritische Arbeit kritisieren, sondern
in erster Linie Lohnschreiber im Dienste Putins. Es wurde berichtet, diese würden
deutlich besser entlohnt, wenn sie in englischsprachigen Medien kommentieren wie
BBC oder CNN. Die Debatte über manipulierte Kommentare wurde vor allem in
Deutschland, England und den USA geführt, wobei sich hier besonders der britische
Guardian, die Neue Zürcher Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung her-
vortaten. Kritiker wandten ein, es würden weniger Beweise als Indizien diskutiert,
und die Frage nach der Glaubwürdigkeit, ob hinter den kritischen, pro-russischen
Kommentaren nicht Trolle, sondern der Unmut über eine einseitige, anti-russische
Berichterstattung stecken könnte, wäre nach Ansicht der Kritiker der Troll-These
offiziell eigentlich nicht diskutiert worden. Die Annahme sei naiv, nur die russische
Seite würde gefällige Kommentare bestellen. Auch Friedrich Schmidt, der in der
FAZ Ljudmila Savčuk eine „unwahrscheinliche Kriegerin“ nannte96, konnte außer
dem Gastronomieunternehmer und Kreml-Caterer Jevgenij Prigošin, der hinter
der Troll-Fabrik stehen sollte, keinen Beleg für eine direkte Verbindung zwischen
Kreml und bezahlten Trollen anführen. Die Dokumente, so Schmidt, sprächen
eigentlich für sich: Arbeitsanweisungen, Formulierungshilfen, Listen mit Code-
namen und Kürzeln, hätte Savčuk in den zweieineinhalb Monaten ihrer Arbeit
in der Fabrik gesammelt, wo einige ihrer Kollegen „den Hass auf Oppositionelle,
Ukraine und Vereinigte Staaten“ aus Indifferenz, andere aus Überzeugung gesät
hätten97. Die Petersburger Lokalzeitung Moj Rajon und die regierungskritische
Moskauer Novaja Gazeta veröffentlichten diese Dokumente, wobei letztere bereits
2013 über ein Unternehmen namens „Agentur der Internet-Analyse“ berichtet hatte,

95 Schreyer, P.: „Deutsche Leserforen in der Hand von Putins Trollen?“ In: Telepolis, 8.
April 2015.
96 Schmidt, Fr.: „Die Trolle des Kremls“. Eine Journalistin heuerte zum Schein bei einer
Firma an, die im Sinne der russischen Regierung Propaganda im Internet verbreitet.
Ein Blick ins Innere des Informationskrieges. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.
Aug. 2015.
97 Ibidem.
2.6 Pro-russische Trolle und Kritik am „Medienmainstream“ 61

wo Blogger und Kommentatoren arbeiteten, die Zeitfragen im Sinne des Kreml


online unterfütterten. Die Agentur änderte ihren Namen in „Internet-Analysen“
und später in „Glavset“ (‚Hauptnetz‘).
Die Verbindung zum Kreml schloss man aus dem, was Hacker herausgefunden
hatten. Die Korrespondenz des Chefs der Agentur ging an eine Holding namens
„Concord“, die wiederum dem Gastronomieunternehmer Jevgenij Prigošin gehörte,
der Restaurants in Sankt Petersburg und Moskau besitzt und auch das Essen für
die Empfänge im Kreml liefert. Putin soll er bereits seit jenen Tagen kennen, da er
Betreiber eines Casinos in Petersburg war und Putin dort in der Stadtverwaltung
das Glücksspiel überwachte. Die Staatsaufträge von „Concord“ hatten nach Er-
kenntnissen der Hacker allein im Jahr 2015 einen Umfang von umgerechnet knapp
51 Millionen Euro, und der Betrieb der „Troll-Fabrik“ erschien als Gegenleistung.
Auch Schmidt erklärte, diese Berichte seien nicht bestätigt, bis Savčuk als ehema-
lige Mitarbeiterin aus dem Inneren der Fabrik berichtete. Sie gründete Ende 2014
zusammen mit anderen Journalisten und Menschenrechtlern ein Netzwerk, eine
Gruppe namens „Informationsfrieden“, das sich dem Kampf gegen die Trolle widmen
sollte, schon im Namen drückte sich der Gegenentwurf zum ‚Informationskrieg‘
aus, den die russische Führung führen würde. Nach dem Fernsehen, das für die
Mehrheit der Russen die politische Linie des Kreml mitträgt und verbreitet, hätten
die Trolle die Aufgabe, diese politische Linie der vom Kreml kontrollierten Medien
im Internet fortzusetzen, was für das gesellschaftliche Klima fatale Folgen hätte, so
die Mitglieder von „Informationsfrieden“. Die Trolle würden auf Facebook, Twitter,
YouTube und den russischen sozialen Netzwerken VKontakte und Odnoklassniki
Hass unter den Volksgruppen und auf Andersdenkende schüren.
Hass und Verachtung drückten sich aus, wenn etwa der amerikanische Präsi-
dent Obama als Affe mit Bananen dargestellt wurde. Die Grenze zwischen Hass
und notwendiger Kritik war wie in der deutschen Debatte über Hate Speech im
Netz fließend, wenn es um terroristische Anschläge wie den auf die Mitarbeiter
des französischen Satireblattes Charlie Hebdo ging. Die angeblichen russischen
Trolle kritisierten in den Online-Kommentarspalten der Zeitungen genauso wie
viele Kommentatoren auf Facebook die Nachlässigkeit der französischen Behör-
den, die die Radikalisierung unter jungen französischen Muslimen relativiert und
die Aktivitäten der Terroristen zu wenig beobachtet hätten. Dass die Trolle, über
deren Arbeitsanweisungen Savčuk berichtete, die Politik der Vereinigten Staaten
in der Ukraine zu kritisieren hätten, konnte angesichts der politischen Interessen
Russlands genau so wenig verwundern wie die westliche Unterstützung für jene
Medien und Journalisten, die den Euromaidan als demokratischen Aufbruch feierten
und die Marginalisierung und Verdammung jener, die diese Euphorie nicht teilen
wollten. Als der russische Oppositionspolitiker Boris Nemcov ermordet wurde,

61
62 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

teilten die loyalen Blogger umgehend die offizielle Linie des Kreml, wonach der
Mord der Regierung nicht nütze, also auch nicht auf deren Konto gehen könne.
Offensichtlich diene der Mord als Provokation, als Mittel, um Stimmung gegen
die Regierung zu machen, und westlichen Politikern als Vorwand, um sich in die
inneren Angelegenheiten Russlands einzumischen. Selbst die These, dass ukrai-
nische Aktivisten in den Tod Nemcovs verwickelt sein könnten, wurde bedient.
Besonderes Interesse musste eine russische Informationspolitik daran haben, jene
Kräfte im Westen in ihrer Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit zu schwächen,
die weiterhin die Sanktionspolitik gegen Russland unterstützten. Deren kardinale
Überzeugung, die medial breit gestreut wurde, der Westen sei der Hort der Freiheit
und der Menschenrechte, musste relativiert und wenn möglich entkräftet werden.
Hier trafen sich die russischen politischen Interessen gegenüber dem Westen mit
der fundamentalen Kritik rechtspopulistischer und neurechter Parteien und Be-
wegungen im Westen, was es dem Kreml deutlich erleichtern sollte, seinen Thesen
eine möglichst große Breitenwirkung zu verschaffen, die betreffenden Parteien
aber in den Verdacht brachte, mit Russland zu kooperieren. Moskau und dessen
mediale Helfer bezogen sich auf die internationale Politik, die Staatswerdung
des Kosovo etwa, um die These zu entkräften, erst die russische Politik hätte die
Nachkriegsordnung zerstört; oder auf die Migrationsproblematik, über die es im
Westen, vor allem in Deutschland angeblich keine freie Diskussion gebe. Das freie
Wort werde zwar in Europa zelebriert, doch de facto würde das Menschenrecht auf
freie Meinungsäußerung regelmäßig verletzt. Gegen die destabilisierende Politik
des Westens in der Ukraine, in Syrien setzte man im Internet Kommentare über die
konstruktive Politik des russischen Präsidenten international und im eigenen Land.
Die Kritik an der Einseitigkeit der deutschen Russland-Berichterstattung, an der
angeblich mangelnden Sachlichkeit und Neutralität in punkto Russland wussten
russische Auslandsmedien geschickt zu nutzen. Sie verwiesen zum Beispiel darauf,
dass Ingo Zamperoni, der nach seiner Zeit als ARD-Washington-Korrespondent
die „Tagesthemen“ übernahm, ebenso wie der Moderator des ZDF-heute journals,
Claus Kleber, langjährige Mitglieder des Vereins „Atlantik-Brücke e. V.“ sind, eines
Netzwerks, das die Stärkung der Elitenpositionen auf beiden Seiten des Atlantiks
zum Ziel habe98. Die Auswahl der Gesprächspartner oder die Tendenz, die der Be-

98 Auf der Webseite des Vereins heißt es: „Die Atlantik-Brücke ist ein gemeinnütziger,
privater und überparteilicher Verein, der das Ziel hat, eine Brücke zwischen Deutsch-
land und den Vereinigten Staaten zu schlagen. Im Mittelpunkt ihrer Aktivitäten steht
das Bemühen um ein besseres gegenseitiges Verständnis. Zielgruppe sind deutsche
und amerikanische Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Politik, den Streitkräften, der
Wissenschaft, den Medien und der Kultur, die bei der Atlantik-Brücke einen Rahmen für
vertrauliche Gespräche finden, aber auch Nachwuchsführungskräfte, die auf den „Young
2.6 Pro-russische Trolle und Kritik am „Medienmainstream“ 63

richterstattung oder einem Interview gegeben wird, bestimme nicht selten mit, in
welcher Weise die Print- und Online-Erzeugnisse des kommenden Tages über ein
bestimmtes Thema berichten. Es sei offensichtlich, „dass gerade das außenpolitische
Narrativ der NATO- und US-Interessen immer wieder bei der ZDF-Sendung im Vor-
dergrund steht. Im Gedächtnis bleibt etwa Klebers Interview mit Siemens-Chef Joe
Kaeser, in dem der ZDF-Moderator den Manager für dessen Geschäfte mit Russland
zu maßregeln versuchte.“99 In einem „ultimativen Mainstream-Medien-Guide“, den
Russia Today brachte, hieß es, die politische Ausrichtung der öffentlich-rechtlichen
Sender und von Leitmedien wie dem Spiegel bekenne sich klar zum etablierten
Parteiensystem und zum transatlantischen Bündnis und offenbare Regierungsnähe,
„indem es der „deutschen Staatsräson“ folge, die beispielsweise Kritik an der Politik
der EU und der NATO weitestgehend vermeiden würde100. Einzelne „kritische
Inseln“ seien die WDR-Sendung „Monitor“ und die ZDF-Satire-Sendung „Die

Leaders“-Konferenzen Netzwerke schmieden und den transatlantischen Dialog in der


kommenden Generation lebendig halten. Mit ihren Studienreisen für amerikanische
Lehrer möchte die Atlantik-Brücke ein differenziertes Bild vom modernen Deutschland
vermitteln. Die rund 500 Mitglieder der Atlantik-Brücke kommen vorwiegend aus der
Wirtschaft, der Politik, der Wissenschaft und den Medien. Die Mitgliedschaft erfolgt
auf Einladung.“
99 Der ehemalige Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ Frank Schirr-
macher warf Kleber in einem Beitrag mit dem Titel „Echtzeitjournalismus: Dr. Seltsam
ist heute online“ Selbstinszenierung vor. Jakob Augstein, der Herausgeber der linksli-
beralen Wochenzeitung „Der Freitag“ und Sohn von Spiegel-Gründer Rudolf Augstein,
bezeichnete das Interview als „Verhör“. [„Bei der ARD sitzt die Atlantik-Brücke in der
ersten Reihe: Ingo Zamperoni wird Tagesthemen-Moderator“. In: RT Deutsch, 22. April
2016, https://deutsch.rt.com/inland/37964-bei-ard-sitzt-atlantik-brucke/].
100 Uwe Krüger untersuchte in seinem Buch „Meinungsmacht“ den Zusammenhang
zwischen Elitendiskurs und Leitmedien. Krüger entwickelte ein theoretisches Modell,
das Medienverhalten mit Hilfe von Pressure Groups und sozialen Netzwerken erklärt
und das vorhersagt, dass Leitmedien mehr oder weniger den laufenden Diskurs der
Eliten reflektieren, aber dessen Grenzen nicht überschreiten und dessen Prämissen
nicht kritisch hinterfragen. Im empirischen Teil fokussierte eine Netzwerkanalyse
zunächst die soziale Umgebung von 219 leitenden Redakteuren deutscher Leitmedien.
Jeder Dritte unterhielt informelle Kontakte mit Politik- und Wirtschaftseliten; bei vier
Außenpolitik-Journalisten von FAZ, „Süddeutscher Zeitung“, „Die Welt“ und „Die Zeit“
fänden sich dichte Netzwerke im US- und NATO-affinen Elitenmilieu. Krüger unter-
suchte die Berichte dieser Medien über die Münchner Sicherheitskonferenz und deren
Gegner inhaltsanalytisch, und kam zum Schluß, dass die Eliten-nahen Leitmedien FAZ,
„Welt“ und „Süddeutsche“ den Elitendiskurs auf der Sicherheitskonferenz ausführlich
abbilden, aber die Proteste und die Gegenveranstaltung „Münchner Friedenskonferenz“
marginalisieren und delegitimieren. [Uwe Krüger: Meinungsmacht. Der Einfluss von
Eliten auf Leitmedien und Alpha-­Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse. Reihe
63
64 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

Anstalt“101, womit RT wiederum die Kritik Mohrs bestätigte. Der „Guide“ von RT
deutsch lieferte allgemein bekannte Informationen über die deutschen Leitmedien,
aber auch kritische Punkte wie politische Einflussnahme102, parteiische Berichter-
stattung, Gebührenverweigerung oder Zuschauer- bzw. Leserrückgang103, wie sie
durchaus auch aus der deutschen Diskussion bekannt waren. Eine der „wenigen
selbstkritischen Auseinandersetzungen im deutschen Medien-Mainstream“ wäre
der Kommentar von Tom Schimmeck in der Frankfurter Rundschau zum „orche-
strierte(n) Griechenland-Bashing deutscher Medien“ gewesen: „Wir alle sind nur
noch einen Sigmund-Gottlieb-Brennpunkt von der finalen Gebührenverweigerung
entfernt.“ Die politischen Talkshows von ARD und ZDF nähmen die „Rolle eines
medialen Ersatzparlaments“ ein, in denen die Diskussionen „nach dem gewünschten
Narrativ zurechtgebogen“ würden. Gegenstimmen zum Mainstream kämen meist
nur knapp zu Wort oder würden gezielt verächtlich gemacht werden104.
Für die parteiische, einseitig-polarisierende Berichterstattung gäbe es nach
Meinung der Kritiker, der Online-Kommentatoren und der professionellen Platt-
formen wie Russia Today Präzedenzfälle wie den Kosovo-Konflikt, als sich deutsche
Leitmedien wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung sehr frühzeitig festlegten und
das offizielle Narrativ von der Alleinschuld der serbischen bzw. jugoslawischen
Seite durchhielten. Die WDR-Sendung „Monitor“ sendete im Jahr 2001, mehr als

des Instituts für Praktische Journalismus- und Kommunikationsforschung (IPJ), 9,


2013].
101 In einer berühmt gewordenen Folge beschäftigte sich „Die Anstalt“ mit den Verflech-
tungen transatlantischer Interessengruppen in den deutschen Medien. Der Herausgeber
der Wochenzeitung „Die Zeit“, Josef Joffe, klagte erfolglos gegen die Sendung.
102 Der „Guide“ zitierte z. B. den Fall des früheren ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender,
dessen Vertrag auf Betreiben des damaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland
Koch 2009 nicht verlängert wurde. Der Fall ging bis vor das Bundesverfassungsgericht.
Das Urteil aus Karlsruhe fiel zugunsten Brenders aus und bestätigte auf höchstrich-
terlicher Ebene die direkte politische Einflussnahme auf die öffentlich-rechtlichen
Sendeanstalten.
103 Im Jahr 2014 sei z. B. der Umsatz der Spiegel-Gruppe (verglichen mit 2007) um 19
Prozent auf 284,9 Millionen Euro gesunken, nach Steuern konnte im vergangenen Jahr
dennoch ein Gewinn in Höhe von 25,2 Millionen Euro erzielt werden. Im Dezember 2015
gab die Unternehmensleitung als Reaktion auf die Zahlen bekannt, dass im Zuge der
sogenannten „Agenda 2018“ in den kommenden zwölf Monaten insgesamt 150 Stellen
gestrichen werden sollen, was in etwa 20 Prozent der Gesamtbelegschaft entspricht.
104 Als Beispiel nannte „RT deutsch“ die „semi-politische Talk-Show Markus Lanz“, wo im
Januar 2014 die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht zu Gast war. Mehr als 230.000
Zuschauer forderten nach der Sendung in einer Petition die Absetzung von Markus
Lanz.
2.6 Pro-russische Trolle und Kritik am „Medienmainstream“ 65

zehn Jahre nach der Nato-Intervention im Kosovo-Konflikt, die Dokumentation


„Deutschlands Weg in den Kosovo-Krieg – Es begann mit einer Lüge“ aus, die
diesen Gleichschritt angeblich des gesamten deutschen ‚Medienmainstreams‘ zu
beweisen versuchte105. Diese Angleichung des Meinungsspektrums wäre im Falle
des Kosovo-Konflikts noch möglich gewesen, mochte auch das Internet bereits eine
Kommunikation ermöglicht haben, die von direkter politischer Kontrolle unabhängig
ist. Umso wichtiger waren Bilder, klare Zuschreibungen und Appelle wie etwa im
Falle des Massakers von Račak106, das der damalige grüne Außenminister Joschka
Fischer nach Meinung des CSU-Abgeordneten Christian Schmidt in den Bundes-
tagsdebatten moralisch überhöht hätte, um die Linken im eigenen Regierungslager
von einer Notwendigkeit des NATO-Einsatzes zu überzeugen107. Dieser sollte die
weitere Vertreibung, ja einen möglichen Genozid an der albanischen Bevölkerung
des Kosovo verhindern. Auf der Gegenseite versuchte die serbische Propaganda
ihre Version der Ereignisse zu verbreiten. Auch der serbische Präsident Milošević
hatte erkannt, dass es sich im Kosovo-Konflikt auch um einen Medien-Konflikt
handelte, in dem er eindeutig unterlegen war. Auch in der Ukraine-Krise suchte

105 In der Debatte über eine deutsche Beteiligung am Irak-Krieg äußerten sich die öffent-
lich-rechtlichen Sender hingegen deutlich kritischer, was Beobachter auf die ebenfalls
ablehnende Haltung der damals amtierenden deutschen Regierung unter Gerhard
Schröder zum Irak-Krieg zurückführen. Offenbar wirkte die Regierungsnähe in diesem
Fall schwerer als die transatlantischen Bande auf die Senderlinie ein. [Vgl. Krüger, U.:
Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-­Journalisten –
eine kritische Netzwerkanalyse. Reihe des Instituts für Praktische Journalismus- und
Kommunikationsforschung (IPJ), 9, 2013, S. 40].
106 Auf der einschlägigen Wikipedia-Seite heißt es dazu: „Das sogenannte „Massaker
von Račak“ ist zu einem bedeutenden Beispiel polarisierter Berichterstattung und
politischer Instrumentalisierung geworden. Den Medien wird dabei vorgehalten, sich
zum Sprachrohr der jeweiligen Kriegspartei gemacht zu haben. Für die Verbreitung
unüberprüfbarer Bilder des angeblichen Massakers von Račak wie auch später von
Rogovo nutzten UÇK-nahe Organisationen auch das Internet, das im Kosovokrieg
erstmals der gezielten Kriegspropaganda diente. Die Widersprüche, die sich unter
anderem aus den Berichten von OSZE-KVM, Menschenrechtsorganisationen, forensi-
schen Expertenteams, jugoslawischen Behörden, UÇK-Organen und den Prozessen vor
dem Haager Tribunal ergeben, haben zwar eine Vielzahl eklatanter Falschmeldungen
und Fehlinformationen offenbart, doch wurden wichtige Dokumente bislang nicht
freigegeben und die tatsächlichen Vorgänge nicht aufgeklärt.“ [https://de.wikipedia.
org/wiki/Massaker_von_Ra%C4 %8Dak].
107 Vgl.: Baum, B./Heine, R.: Ein Jahr nach Beginn des NATO-Krieges gegen Jugoslawien
erörtert der Bundestag die Situation auf dem Balkan. Die Schlüsselereignisse des
Frühjahrs 1999 werden kontrovers diskutiert. Streit über Racak und Hufeisenplan. In:
Berliner Zeitung, 6. April 2000.
65
66 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

man auf westlicher Seite in Kooperation mit der ukrainischen die eigene Sicht der
Ereignisse im Gefolge des Maidan medial effizient zu transportieren. Die ukrainische
Übergangsregierung, die sich nach dem Sturz Janukovyčs installierte, tat sofort
alles, um die Aktivität russischer Sender in ihrem Einflussbereich zu unterbinden,
während die pro-russischen Volksrepubliken das gleiche in punkto Empfang der
westukrainischen Sender taten. Nach der Annexion der Halbinsel Krim wurden
ukrainische Fernsehsender dort durch russisches Staatsfernsehen ersetzt.
In der Ukraine hatte der Westen, zumal die Vereinigten Staaten, bereits zur Zeit
der Orangenen Revolution Initiativen und Medien, die sich der Demokratisierung
verschrieben, unterstützt, was sich mit dem Euromaidan vom November 2013 fort-
setzen sollte. Die US-Botschaft in der Ukraine bot unabhängigen Bloggern, Medien
von Nichtregierungsorganisationen oder regionalen Medien finanzielle Unterstüt-
zung an, bevorzugt für Projekte in den ‚Volksrepubliken‘ in der Ostukraine oder in
deren Nähe, in den Bezirken Luhansk/Lugansk, Donec‘k, Charkiv, Zaporižžja oder
Dnipropetrovsk. Der offizielle Zweck war es, an objektive Informationen über die
Konfliktgebiete zu kommen und einen friedlichen Dialog und Konfliktbeilegung
zu fördern. Der Aufbau neuer ukrainischer Medien und Internetseiten wurde auch
deshalb unterstützt, weil man der russischen Propaganda etwas entgegensetzen
wollte. Diesem Zweck sollte zum Beispiel das „Ukraine Crisis Media Center“ dienen,
das im März 2014 entstand108, wie die Webseite erklärt, „dank der Anstrengungen
führender ukrainischer Experten auf den Gebieten internationaler Beziehungen,
Kommunikation und Public Relations, mit dem Ziel die Weltgemeinschaft mit
korrekten und aktuellen Informationen über die Ereignisse in der Ukraine zu
versorgen, wie auch über Herausforderungen und Bedrohungen der nationalen
Sicherheit, namentlich in militärischer, politischer, ökonomischer, energetischer
und humanitärer Hinsicht“109.
Es erschien von Vorteil, dass der neue ukrainische Präsident Petro Porošenko
nicht nur reicher Fabrikant, sondern auch Eigentümer von Fernseh- und Radio-
sendern war, von denen er sich entgegen eigenen Wahlversprechens nicht trennen
wollte. Es entstanden unter der neuen ukrainischen Regierung mehrere Medien,

108 Das Media Center wird vom US-Milliardär George Soros (International Renaissance
Foundation), der ukrainischen Regierung und PRP, einer ukrainischen Tochtergesell-
schaft des US-PR-Unternehmens Weber Shandwick finanziert und holt zur Unterstützung
der ukrainischen Regierung auch internationale Gäste nach Kiev, lässt Regierungsver-
treter sprechen und bietet Pro-Regierungs-Experten eine Bühne. Wie die US-Botschaft
fördern etwa auch „Freedom House“ oder der „National Endowment for Democracy“
(NED) Medien- und Demokratisierungsprojekte, weitgehend finanziert von staatlichen
Geldern können beide als verlängerter Arm der offiziellen US-Außenpolitik gelten.
109 Vgl.: http://uacrisis.org/about.
2.6 Pro-russische Trolle und Kritik am „Medienmainstream“ 67

die pro-ukrainische und anti-russische Propaganda betrieben. In Kiev wurde Ende


2014 das „Ministerium für Informationspolitik“ gegründet, das die Organisation
„Reporter ohne Grenzen“ als „eine Art Propagandaministerium“ kritisierte, andere
sprachen zynisch von einem ‚Wahrheitsministerium‘, im Sinne von „1984“ von
George Orwell. Der Chef des Ministeriums, Juri Stets, verteidigte das Projekt und
betonte im Januar 2015 gegenüber der Nachrichtenagentur TASS, man wolle keine
„Trolle und Bots“, die für die eigene Seite nützliche Informationen via Internet
verbreiten, sondern „Social-Media-Veteranen“. Man wolle in den sozialen Medien
einflussreiche Personen vereinigen und diese sollten dann allen die Wahrheit er-
zählen, so Stets. Der ukrainische Journalist Alexander Jankovski gab zu bedenken,
dass das Ministerium nur 30 Mitarbeiter habe, davon drei hauptamtliche. Das
Ministerium sei nötig, so Jankovski, um „sich gegen die massive Kreml-Propa­
ganda“ zu wehren110. Diese würde unter anderem von der „Agentur zur Analyse des
Internets“ in Sankt Petersburg produziert, deren mit 400 bezifferte Mitarbeiterzahl
die Nutzer von Nachrichtenportalen und sozialen Netzwerken im Sinne Moskaus
zu beeinflussen versuchen111.
Ukrainische Bürger wurden aufgerufen, sich als staatlich geförderte Informa-
tionskämpfer im Internet zu betätigen. Dass es weder in der Ukraine, noch im
Donbass oder in Russland wirklich freie, kritische Medien gab, wurde und wird
in der Medien-Debatte, die sich allzu sehr auf den russischen Propaganda-Krieg
fokussierte, gerne übersehen. Der ukrainische Außenminister Pavlo Klimkin, seit
Juni 2014 im zweiten Kabinett Jazenjuk im Amt, forderte, dass in den Teilen der
Ostukraine, die eventuell einen Sonderstatus erhalten sollen, zuerst alle ukraini-
schen Fernseh- und Rundfunksender wieder frei zu empfangen sein müssten. Er
warf Russland vor, die Medien für staatliche Propaganda zu missbrauchen. Zugleich
bemühte sich die ukrainische Regierung, die russischen Sender aus der Ukraine
zu verbannen. Russische Journalisten, auch Journalisten aus Westeuropa, die im
Verdacht standen, pro-russisch zu berichten, erhielten keine Akkreditierung für
die Ukraine mehr. Der ukrainische Innenminister Arsen Avakov sprach sich im
November 2014 für die Einführung eines Ministeriums für Informationspolitik aus,
das ein wichtiger Teil des Krieges sei. Bereits im Juli 2014 hatte Avakov auf seiner
Facebook-Seite erklärt, die Ukraine müsse ein Propagandaministerium gründen,
ohne sich dafür zu schämen. Die Krise des Landes sei nicht zu bewältigen, wenn

110 Leh, M.: „Medienlandschaft zerschlagen“. Seit der russischen Annektion gibt es auf der
Krim keine Pressefreiheit mehr. In: Die Tagespost, Nr. 36, 26. März 2015, S. 8.
111 Die Süddeutsche Zeitung hatte bereits im Juni 2014 von diesen ‚Trollen‘ Putins berich-
tet, hinter denen der Petersburger Unternehmer Jevgenij Prigošin, ein Freund Putins,
stehen sollte.
67
68 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

die Regierung nicht auch über ein effizientes informationspolitisches Instrument


verfügte, um den „Krieg um die Gehirne“ zu gewinnen. Der ukrainische Außenmi-
nister stimmte Avakov zu. Auch er war überzeugt, dass es einen Informations- und
Propagandaminister und ein Ministerium für Informationspolitik geben müsse.
Für Avakov stellte die fehlende „propagandistische Arbeit“ eine große Lücke in der
politischen Arbeit des Landes dar. Die Argumente für ein solches Ministerium er-
schlössen sich, wenn man sich die Dynamik der Abstimmungen in den vergangenen
zehn Jahren genau ansehe. Nur etwa 25 Prozent hätten für die Liberaldemokraten
gestimmt, während die überwiegende Mehrheit die Partei der Regionen und die
Kommunisten unterstützte. Nun hätten fast 40 Prozent für die ‚Volksfront‘, den
Block von Petro Porošenko, und andere demokratische Kräfte gestimmt. Avakov
zeigte sich überzeugt, dass das Ergebnis für diese Kräfte deutlich besser ausgefallen
wäre, hätte es bereits ein Propagandaministerium gegeben.
Der ukrainische Außenminister Pavel Klimkin setzte sich ebenso wie der da-
malige Premierminister Arsenij Jacenjuk für ein Institut für Auslandspropaganda
beim Nationalen Rat für Fernsehen und Hörfunk ein. Damit würde eine weitere
Beschneidung, wenn nicht eine Abschaffung der Medienvielfalt in der Ukraine
einher gehen, warnten Kritiker damals. Im September 2015 standen auf der vom
Nationalen Rat veröffentlichten Verbotsliste bereits 15 russische Fernsehsender.
Kiev sollte mehr als hundert russischen Medienformaten die Akkreditierung ent-
ziehen. Auch Dunja Mijatović, OSZE-Beauftragte für Medienfreiheit, bezeichnete
das Verhalten Kievs bezüglich der Sperrung russischer Fernsehsender als „eine
Art Zensur“. Betroffen waren unter anderem TASS, Rossija Sevodnja und alle
russischen Fernsehkanäle außer Dožd‘, das in den westlichen Medien einen beson-
deren Status erlangte, nachdem der russische Premierminister Dmitrij Medvedjev
erklärt hatte, er werde dem Programm auf Twitter nicht mehr folgen. Der russische
Außenminister Sergej Lavrov warf der ukrainischen Regierung vor, alternative
Standpunkte aus dem medialen Raum entfernen zu wollen. Präsidentensprecher
Dmitrij Peskov erklärte gegenüber TASS, Russland werde keine Vergeltung in Form
einer Behinderung der Arbeit ukrainischer Medien üben. Russland sei ein Land, in
dem die Aktivitäten der Mediena nur durch allgemeine Gesetze reguliert würden,
und wo russische und ausländische Journalisten die gleichen Rechte hätten, sich
Informationen zu beschaffen.
Das ukrainische „Ministerium für Informationspolitik“ schickte im Februar
2015 ein erstes Rundschreiben an die „Kämpfer der Internet-Armee“, der neuen
„Online-Armee“ für den Informationskrieg der Ukraine mit Russland. Den In­
struktionen zufolge sollten die Blogger und Kommentatoren so viele Nutzerkonten
auf Twitter, Facebook und dem russischen Netzwerk VKontakte wie möglich eröff-
nen, ohne Verdacht zu erregen, außerdem neue Mailaccounts, die über westliche
2.6 Pro-russische Trolle und Kritik am „Medienmainstream“ 69

Server laufen. Sie sollten in den sozialen Netzwerken real klingende Namen wählen,
nicht zu viele Freunde hinzufügen und als Herkunft die Ostukraine und die Krim
angeben. Um authentischer zu erscheinen, solle man auch ein paar unpolitische
und persönliche Beiträge verfassen. Die Informationen, die die Internet-Armee
verbreiten sollte, sollten im Sinne Kievs sein und diesem nützlich sein. Noch am
selben Tag sandte das Ministerium ein zweites Rundschreiben aus, das die Vorge-
hensweise im Informationskrieg erneut einschärfte, und ergänzte, so würden auch
die „Informationsagenten des Kreml“ arbeiten. Da die Existenz zweier Schreiben
für Konfusion und Kritik sorgte, erklärte der Blogger Aleksander Baraboško, selbst
Mitarbeiter des ukrainischen Ministers für Informationspolitik Juri Stets, die
zweite Version des Schreibens mit der Ergänzung über die „Informationsagenten
des Kreml“ sei die korrekte, die erste hänge mit einem Computerfehler zusammen.
Gerade der Ukraine-Konflikt erhellte schlaglichtartig die politische Bedeutung
des Internets als alternative Informationsquelle, als Instrument, um Meinungen zu
manipulieren und zu kanalisieren. Trotz der nicht unbeträchtlichen Investitionen
Moskaus in alternative Auslandsmedien und in die Desinformation durch bezahlte
Blogger und Online-Kommentatoren war es strittig, ob diese Internet-Armeen
wirklich in der Lage seien, den westlichen Diskurs über die russische Politik effizient
im Sinne Russlands zu beeinflussen, oder ob nicht viele Westeuropäer der offiziellen
Berichterstattung über Russland und den Ukraine-Konflikt grundsätzlich misstrau-
ten, auch ohne Kenntnis der russischen Auslandsmedien. Russia Today und Sputnik
entwickelten sich zwar zu wichtigen Medien, die in Westeuropa viel gelesen werden,
doch die Klickzahlen hielten sich in Grenzen. Online-Kommentare bemängelten
immer wieder die Parteilichkeit, polemische Einseitigkeit oder offene Manipulation
der Leitmedien-Berichterstattung über die russische Politik. In Deutschland wurde
der Verein „Ständige Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien e. V.“
wurde gegründet, mit dem Vorsatz, die Arbeit der Sendeanstalten künftig kritisch
zu begleiten, was sich in regelmäßigen Programmbeschwerden äußerte. Manipula-
tionen und Desinformation in den deutschen, vor allem den öffentlich-rechtlichen
Medien wollte auch der Medienwatchblog „Propagandaschau“ aufdecken. Zu den als
einseitig und unsachlich beanstandeten Sendungen gehörte zum Beispiel die Mitte
Dezember 2015 vom ZDF ausgestrahlte Dokumentation „Machtmensch Putin“,
der RT Deutsch zahlreiche inhaltliche Fehler und Verdrehungen unterstellte. Der
russische Fernsehsender Rossija 1 warf dem ZDF vor, Szenen der Dokumentation
inszeniert zu haben, und die „Ständige Publikumskonferenz“ richtete eine ihrer
Programmbeschwerden an das ZDF. Für Protest unter jenen Organisationen, die
sich gegen mediale Manipulation engagieren, sorgte auch der bereits erwähnte
Spiegel-Titel „Stoppt Putin Jetzt!“ vom Juli 2014. Er hatte Empörung ausgelöst, weil
er mit dem Portrait Putins vor dem Hintergrund einer Collage aus privaten Fotos

69
70 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

der MH17-Opfer aufmachte. Der Titel instrumentalisiere die Absturzopfer und


betreibe eine extrem einseitige Berichterstattung mit gezielter Emotionalisierung.
Boykottaufrufe und Vorwürfe der Kriegstreiberei im Interesse der NATO waren
die Folge.
Der Vorwurf der Desinformation und Propaganda, den westliche Medien vor
allem an die Adresse Russlands richteten, wurde im Laufe des neuen medialen
Kräftemessens auch gegen die westlichen Medien gekehrt, was wiederum die Debatte
über Trolle auslöste und über die Frage, wie groß die Auswirkungen des hybriden
Krieges seien, den Putin gegen den Westen führen würde. Ob er tatsächlich in der
Lage gewesen wäre, etwa die Wahlentscheidung zugunsten Donald Trumps zu
beeinflussen, wie die US-Demokraten hinter Hillary Clinton und ihre Unterstüt-
zer in Europa behaupteten. Der Präsidentschaftswahlkampf in den Vereinigten
Staaten im Herbst 2016 wurde zum Kulminationspunkt der Debatte, wie es der
Westen mit dem neuen Russland und dessen medialer Destabilisierungsstrategie
halten sollte. Das Time Magazine behauptete als ein Medium von vielen, Russland
wolle das Vertrauen in die US-Wahlen unterminieren und man solle darauf nicht
hereinfallen („Russia wants to undermine faith in the U.S. election. Don’t fall for
it“)112. Illustriert war diese Aufforderung auf der Titelseite der Oktober-Ausgabe
mit einem grinsenden Putin, der sich die Hände zu reiben schien. Auf seinem Re-
vers prangte ein Abzeichen mit der Aufschrift „I voted“. Putin hätte sich offenbar
bereits für einen der Kandidaten entschieden, und man wusste, dass das nur der
Multimilliardär Donald Trump sein konnte, der stolz auf sein gutes Verhältnis zum
russischen Staatschef verwies, während seine demokratische Gegenkandidatin,
Hillary Rodham Clinton, die Gangart gegenüber Moskau noch zu verschärfen
versprach. Auch in den Vereinigten Staaten gab es neben breiter Zustimmung auch
deutliche Kritik an dieser „Dämonisierung“ Putins durch Time, wie sie neurechte
Medien, aber auch linke Magazine wie etwa CounterPunch bemängelten113.
David Swanson schrieb dort, die US-amerikanischen Wahlen seien seit jeher
unvorhersehbar gewesen. Es gebe schlicht zu viele manipulierbare Größen, womit der
plötzliche Appell, Vertrauen in die Wahlen zu haben als schlechter Trick erscheine,
nur um Feindschaft zu Russland zu schüren. Die Umfragen von Time selbst würden
belegen, dass das Vertrauen der Amerikaner in die Demokratie Tag für Tag durch
die US-Regierung selbst untergraben würde. Es brauche also keinen russischen

112 Calabresi, M.: “Russia wants to undermine faith in the U.S. election. Don’t fall for it.”
Time Magazine, 29. Sept. 2016.
113 Vgl.: Swanson, D.: What’s Behind Time Magazine’s Putin Demonizing? In: CounterPunch,
6. Okt. 2016 [https://www.counterpunch.org/2016/10/06/whats-behind-time-maga-
zines-putin-demonizing/].
2.6 Pro-russische Trolle und Kritik am „Medienmainstream“ 71

Einfluss – ein Argument, das auch in der Diskussion über die Frage auftauchte, ob
Russland den Ausgang der deutschen Bundestagswahl 2017 beeinflussen könnte.
Auch sei nicht bewiesen, meinte Swanson, dass Russland hinter der hybriden Ein-
mischung in den US-Wahlkampf stecke, eben so wenig die These, Russland hätte
in den „letzten zweieinhalb Jahren einen Marsch westwärts zurückgelegt, begleitet
von Wahleinmischung durch den Cyberspace, der in den Staaten der Sowjetunion
begann und sich auf den Nordatlantik zubewegte“114. Das sei nichts anderes als
Freud, denn tatsächlich wäre die NATO „buchstäblich in den Spuren der Nazis
bis an die Grenze Russlands marschiert, mit neuen Mitgliedern, neuen Truppen,
neuen Waffen, neuen Nuklearraketen, neuen Raketenbasen, neuen Bedrohungen,
und neuen Lügen – plus einem gewaltsamen Coup in der Ukraine“115. Uns solle
eine angebliche Wahlbeeinflussung erschrecken, fügte Swanson sarkastisch hinzu,
ungeachtet aller Fälle von „offener Wahlbeeinflussung und Putsch-Hilfe durch die
Vereinigten Staaten in Nationen auf der ganzen Welt, einschließlich der Ukrai-
ne, Brasilien, Honduras, Nicaragua, Venezuela etc.“116. Andere Kommentatoren
sahen diese Art von Kritik als bedrohliches Zeichen dafür, dass der Westen seine
Geschlossenheit und Entschiedenheit angesichts der aggressiven neo-imperialen
Politik Russlands eingebüßt hätte.
Umso dramatischer erschien es vor diesem Hintergrund, dass Donald Trump
im Wahlkampf und zu Anfang seiner Amtszeit freundliche Signale gen Moskau
sandte. Trump erkor Stephen Bannon, der von 2012 bis 2016 die rechte Nachrich-
ten- und Meinungs-Webseite „Breitbart News“ geleitet hatte, zu seinem Berater
und Chefstrategen, was die Anhänger Trumps und Bannons als Indiz sahen, dass
der liberale Medien-Mainstream nicht auf Dauer seine subjektive Wahrheit gegen
die Mehrheit durchsetzen könne. Die Gegner und Kritiker Trumps organisierten
Demonstrationen und Internet-Kampagnen, um vor den fatalen Folgen einer Prä-
sidentschaft zu warnen, die klassische liberale Medien wie die New York Times als
Produzenten von ‚Fake News‘ verunglimpfte und mit ‚alternativen Fakten‘ warb.
Beide Seiten nahmen für sich in Anspruch, die demokratische Freiheit und die
Unparteilichkeit der Medien zu verteidigen. Tertium non datur: Ein Drittes schien
es im neuen Kulturkampf nicht zu geben.

114 Swanson, D.: What’s Behind Time Magazine’s Putin Demonizing? In: CounterPunch,
6. Okt. 2016.
115 Ibidem.
116 Ibidem.
71
72 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

2.7 Die Medienkrise in West- und Mittelosteuropa


2.7 Die Medienkrise in West- und Mittelosteuropa
Die Debatte über manipulative, einseitige Berichterstattung, wenn es um die nati-
onale Politik oder um außenpolitische Probleme wie den Ukraine-Konflikt geht,
fand nicht nur auf dem deutschen Medienmarkt statt. Auch viele französische
Zuschauer bemängelten seit längerem eine manipulative, einseitige Berichterstat-
tung und Diskussionsunkultur, die sich in der Auswahl der Gäste und Themen
zeige. So sah sich der Philosoph Alain Finkielkraut in Talkshows einer Mehrheit
oft genug übelmeinender, teils offen aggressiv argumentierender Opponenten
gegenüber, die nicht mit ihm diskutieren wollten, sondern ihn konsequent zu
provozieren versuchten. Aktivisten des linken Aktionsbündnisses „Nuit debout“
(„Die Aufrechten der Nacht“, „Nachts wach sein“)117, das sich mehrmals ausfällig
über Polizisten und den Staat geäußert hatte, griffen an einem Samstagabend
Mitte April 2016 Finkielkraut, der aus Neugierde auf die Place de la République
gegangen war, als „dreckigen Faschisten“ und „armseligen Idioten“ an, was etliche
Politiker als untragbar, als Ausdruck der absoluten Intoleranz oder zumindest, wie
der Linkspolitiker Julien Dray, als „keine gute Sache“ bezeichneten. Dray nannte
Finkielkraut einen Polemiker, so wie ihn andere bereits als „Neo-Reaktionär“ oder
Bekämpfer des politischen Korrekten bezeichnet hatten, weil er den Laizismus der
Republik gegen das Vordringen eines intoleranten, integristischen, antisäkularen

117 „Nuit debout“ („Die Nacht über wach (sein)“, auch „Die Aufrechten der Nacht“) ist eine
soziale Bewegung, die in Frankreich seit dem 31. März 2016 jeden Abend und in der
darauf folgenden Nacht gegen geplante Änderungen des französischen Arbeitsrechts
protestiert. Die Bewegung ging von Paris aus, wo vorwiegend junge Menschen auf dem
Platz der Republik nächtliche Versammlungen abhalten, auf denen jeder Teilnehmer
Rederecht hat. Viele Redner kritisieren die seit langem andauernde hohe Jugend-
arbeitslosigkeit in Frankreich (etwa jeder vierte Jugendliche ist arbeitslos) und eine
soziale Schieflage der französischen Gesellschaft zulasten junger Menschen. Auch in
Nizza, Marseille und anderen französischen Städten finden nächtliche Versammlungen
statt. In der Nacht vom 14. auf den 15. April 2016 kam es am Rande der Nuit debout
in Paris erstmals zu Ausschreitungen. Die Regierung von Staatspräsident Hollande
und Ministerpräsident Valls beabsichtigt, mit der Arbeitsrechtsreform die Wirtschaft
anzukurbeln und die Schaffung neuer Arbeitsplätze zu erleichtern. Das Recht soll auch
vereinfacht werden, zum Beispiel soll die Zahl der Flächentarife von 750 auf 100 ver-
ringert werden. In Frankreich waren Ende Oktober 2015 fast 3,6 Millionen Menschen
arbeitslos. Die Arbeitslosenquote betrug etwa 10,8 % und war damit 2,4-mal so hoch
wie die in Deutschland. Der Protest wurde von der Presse in einen Kontext mit der
Occupy-Bewegung und dem 2010 veröffentlichten Aufruf Empört euch! von Stéphane
Hessel und mit der Indignados-Bewegung 2011/2012 in Madrid gestellt. In Frankreich
haben Protestveranstaltungen, Demonstrationen und Streiks traditionell mehr Zulauf
als in anderen Ländern.
2.7 Die Medienkrise in West- und Mittelosteuropa 73

Islam verteidigt hatte. Am Fuß der Statue der Republik war Finkielkraut von ei-
nigen Personen zur Seite genommen und beschimpft worden, während zeitgleich
der ehemaligen griechische Finanzminister Yannis Varoufakis auf Einladung des
Aktionsbündnisses sprach. Finkielkraut erklärte danach, er wäre von einem Platz
vertrieben worden, wo die Demokratie und der Pluralismus herrschen sollten, doch
„diese Demokratie ist du bobard, dieser Pluralismus ist eine Lüge“. Man wollte den
Platz der Republik von seiner Präsenz reinigen, erklärte Finkielkraut gegenüber
„Cercle des volontaires“, dem Kreis der Freiwilligen, der sich als unabhängiges
Internetmedium versteht. Was Finkielkraut passierte, sei inakzeptabel, betonte
Philippe Juvin, Europaabgeordneter der Republikaner. Das sei ein Zerrbild der
Demokratie, entworfen von egoistischen Studenten, die konservativ seien, weil
sie nichts ändern wollen. Der Abgeordnete der französischen Republikaner, Eric
Ciotti, und die Front-Nation-Abgeordnete Marion Maréchal-Le Pen meinten, Nuit
debout hätte mit dieser Aktion gegen Finkielkraut sein wahres Gesicht gezeigt,
das des Hasses und der Intoleranz. Die Nuit-Debout-Aktivsten auf der Place de la
République würden zwar die Diskriminierung verurteilen, die Akademikerarmut
und die Oligarchie, und sich für Humanismus, Dialog und eine neue Demokratie
aussprechen, aber immer nur unter sich, in einem abgeschlossenen Zirkel, den
nichts und niemand stören dürfe, meinte Eric Ciotti. Er spreche für die schwei-
gende Mehrheit, „die nachts schläft, weil sie arbeitet, oder tagsüber Arbeit sucht“.
Valérie Boyer, ebenfalls Abgeordnete der Republikaner, ironisierte auf Twitter die
Toleranz der Nuit-debout-Aktivisten: „andächtig Varoufakis lauschen, Finkielkraut
beschimpfen, Toleranz gemäß der Linken“.
Die Erziehungsministerin der sozialistischen Regierung Hollande, Najat Vall-
aud-Belkacem, erklärte, der Platz der Republik müsse für jeden zugänglich sein, und
verurteilte den Empfang, den man Finkielkraut bereitet hatte, mit dessen Ansichten
sie „nicht immer übereinstimmt“. In den sozialen Medien bedauerten auch viele
aus den Reihen von Nuit debout, dass der Philosoph vom Platz gejagt worden war,
wobei es mehr als genug gab, die sich über Finkielkraut, den „TV-Philosophen“,
lustig machten. Neben Finkielkraut wurden auch Journalisten von Russia Today
France Objekt von Drohungen und Angriffen. RT France hatte den Protest von „Nuit
Debout“ gegen die Arbeitsmarktgesetze der Regierung kritisch begleitet, worauf
Angehörige der Antifa in Paris offen zu Aggressionen gegenüber RT-Journalisten
aufriefen. Sie verbreiteten Bilder von RT-Journalisten über die sozialen Medien und
riefen ausdrücklich dazu auf, diese zu bedrohen und anzugreifen. Ein RT-Journalist
wurde am 14. April 2016 während er über die Proteste berichtete körperlich ange-
gangen. Dass Finkielkrauts Thesen zum Thema Integration Anklang auch in der
bürgerlichen und selbst in der extremen Rechten Frankreichs fanden, wurde gegen
ihn verwendet. Der Philosoph Peter Sloterdijk zeigte sich über die seiner Ansicht

73
74 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

nach manische Aufgeregtheit in Gesellschaft und Medien besorgt, die abweichende


Meinung nicht mehr aushalten möchte. In einer Replik auf seine Kritiker, die ihm
wie auch Finkielkraut rechtes Denken vorwarfen, weil er die Politik der offenen
Grenzen, die schrankenlose Zuwanderung als Problem angesprochen hatte, meinte
Sloterdijk: „Während unser linksrheinischer Nachbar, seit geraumer Zeit zu unse-
rem Erb-Freund mutiert, sich schon jahrelang leise fröstelnd seiner Enttäuschung
an sich selbst hingibt und mit unipolaren Depressionen ringt, ökonomisch wie
psychosozial, hat sich das Klima auf deutschem Boden eindeutig in die manische
Richtung verschoben. Wir haben die 2-Grad-Grenze der tolerablen Erwärmung
bei Weitem überschritten. Im deutschen Mikroklima konstatiert man eine neue
Aufgeregtheit, wie man sie seit den Tagen der RAF-Bekämpfung in den späten
Siebzigern nicht mehr gekannt hatte…“118
Die wachsende Intoleranz, die Weigerung, andere Meinungen auszuhalten,
die selbst auferlegte Meinungskonkordanz gehören nach Meinung konservativer
Kritiker der aktuellen Medienlandschaft zu den Gründen für die Medienkrise. Für
Julia Cagé wie für viele jener, die sich aus dem linksliberalen Spektrum Gedanken
über die Rettung aus der Krise machen, ist der Grund für das Misstrauen gegenüber
den Medien vor allem ein wirtschaftlicher119. Die verlässliche, gut recherchierte
Information als unverzichtbare Grundlage der Demokratie, die Information als
öffentliches Gut, würde immer seltener zur allgemeinen Verfügung stehen, was
ihrer Ansicht nach direkt mit der kapitalistischen Ökonomie zusammenhinge.
Die meisten Zeitungen seien wegen ihrer Eigentümerstruktur, ganz zu schweigen
von Medienimperien wie denen von Rupert Murdoch oder Warren Buffett, dem
Gewinnstreben oft sehr viel mehr verpflichtet als der journalistischen Qualität. Me-
dien degenerierten, so Cagé, zu „Marionetten einflusshungriger Milliardäre“, denen
man auch noch dankbar sein müsse, wenn sie sich in letzter Minute zusammentun,
um Libération zu retten. Die linke Traditionszeitung steckt wie so viele andere
klassische Zeitungen in einer existenziellen Krise. Als Mittel gegen die Talfahrt
der Auflagen, den Schwund der Werbeeinnahmen und das Krankschrumpfen der
Redaktionen fordert Cagé eine Rückkehr zur eigenständigen Produktion qualitativ
hochwertiger Information, was aber in Zeiten des Online-Journalismus, der nur
hohe Klickzahlen produzieren wolle, immer schwieriger werde – statt seriöser,

118 Sloterdijk, P.: „Primitive Reflexe“. In der deutschen Flüchtlingsdebatte erleben Rüdi-
ger Safranski und ich Beißwut, Polemik und Abweichungshass. Eine Antwort auf die
Kritiker. In: Zeit Online, 9. März 2016 [http://www.zeit.de/2016/11/fluechtlingsdebat-
te-willkommenskultur-peter-slotedijk].
119 Julia Cagé: Rettet die Medien. Wie wir die vierte Gewalt gegen den Kapitalismus ver-
teidigen. München 2016.
2.7 Die Medienkrise in West- und Mittelosteuropa 75

hochwertiger Information vermehre sich das journalistische Fast- und Junk-Food.


Cagé schlägt ein neues, ausgeklügeltes Organisationsmodell vor, das sowohl die
unsichere Lage der Alternativmedien als auch der kränkelnden etablierten Medien
nachhaltig verbessern soll. Sie schlägt eine „nicht gewinnorientierte Mediengesell-
schaft“ vor, eine Kombination aus Aktiengesellschaft und Stiftung, die so konstruiert
ist, dass große Investoren keinen beherrschenden Einfluss erlangen können und
Kleinaktionäre über erhebliche Mitbestimmungsrechte verfügen.
In Ostmitteleuropa haben die Medien mit den gleichen Problemen zu kämpfen, die
laut nach einer Lösung rufen: sinkende Auflagen, Vertrauenskrise, Boulevardisierung.
Der ehemalige Starreporter der Gazeta Wyborcza, Wojciech Jagielski, kritisierte
offen, dass Journalisten immer öfter Politiker nach der Maßgabe interviewten: „Je
schwachsinniger, desto besser“. Für ihn und seinen Kollegen Zakowski stand fest,
dass nicht nur in Polen das Infotainment die Glaubwürdigkeit der Medien zerstört
hätte. Auch in Polen bestraften das die Leser hart. Die Auflagen aller wichtigen pol-
nischen Zeitungen brachen ein, die Quoten früher wichtiger Informationssendungen
stürzten in den Keller. Die größten Verluste musste 2016 der Verlag Presspublica
mit seinen Zeitungen Rzeczpospolita mit minus 25,24 Prozent und Gazeta Giedy
Parkiet mit 20,81 Prozent hinnehmen. Begonnen hat der Niedergang der polnischen
Medien mit Managern, die nur noch Kostenminimierung anstrebten. Erfahrene
Journalisten wurden entlassen, junge, schlecht ausgebildete, aber billige eingestellt,
die Recherche auf ein Minimum reduziert, das Archiv weitgehend abgeschafft,
der Kommentar zur eigentlichen Disziplin erklärt. Die „TNT-Affäre“ in Polen
zeigte, dass guter Journalismus nicht zum Billigtarif zu bekommen ist. Erst wenn
die Medienmanager wieder mehr in Qualität investierten, sei eine Änderung zu
erwarten, so Zakowski. Um den deutschen und europäischen Printjournalismus
wieder auf feste finanzielle Beine zu stellen, wurde nicht nur die Abkehr von der
freien, kostenlosen Zugänglichkeit von Artikeln diskutiert, sondern auch die öf-
fentliche Finanzierung der Tages- und Wochenpresse. Guter Journalismus müsse
seinen Preis haben, erklärte der ehemalige Chefredakteur der Wirtschaftswoche
Roland Tichy, dessen politische Internet-Plattform „Tichys Einblick“ sich ebenso
zu Gebühren entschloss wie große internationale Zeitungen, etwa die britische
Times. Diese versteckte sich bereits seit 2010 hinter einer „hard paywall“, schon
weil ihr Alleinstellungsmerkmal die teure, zeitaufwendige Analyse darstellt. Die
Times-Webseite brachte nach wie vor Schlagzeilen, kurzfristig eingestellte Über-
blicksartikel, um den rasch wechselnden Interessen gerecht zu werden. Die Times
kündigte an, zugunsten eines seriösen, gut recherchierten Journalismus aus dem
hektischen Sensationsmeldungs-Journalismus auszusteigen. Die Finanzierung von
Qualitätsjournalismus über Stiftungen erschien manchem dagegen nur auf den
ersten Blick als warmer Regen für die Medien, so wie es die Google News Initiative

75
76 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

war. Es wäre viel eher das Ende, meinte Mathias Döpfner, Springer-CEO und BD-
ZV-Präsident: „Ein Zeitungsjournalismus, der nur von Stiftungen getragen wird
und ein reiner Subventionsempfänger ist, kann seine Aufgabe nicht mehr erfüllen.
Seit vier Jahrhunderten hat sich ein wunderbarer Wettbewerb basierend auf dem
Prinzip der privatwirtschaftlichen Finanzierung etabliert. Wenn am Ende aber nur
noch Stiftungen einspringen, wäre das ein Signal der Schwäche. Man würde das
Leiden auf eine für die Presse besonders unangenehme Weise verlängern, weil dann
politische Parteien in den Gremien entscheiden würden. Das wäre Staats-Presse,
man könnte nicht mehr von einem freien, regierungskritischen und unabhängigen
Journalismus sprechen. Einer solchen Bedrohung können wir nur standhalten,
wenn die Verlage wirtschaftlich erfolgreich sind.“120
Es sei also nicht die Eigentümerstruktur, nicht der Umstand, dass die Medien
„Tummelplatz für Milliardäre“ seien, die „es nach willfährigen Marionetten gelüs-
tet“ oder Kapitalanlage für „profithungrige Spekulanten“, wie Cagé meint, sondern
die Tatsache, dass die Konsumenten die Medien als zu regierungshörig betrachten.
Sie weichen aus der bereits heute redundant, politisch gleichförmig gewordenen
Mainstream-Presse, von der sie mehr erwarten, in die für Empfinden mehrstimmi-
gere Welt des Netzes aus. Ingrid Ansari meinte, die Bürger seien besser informiert
denn je und würden die „ewig gleichen floskelhaften Versprechen der Politik“121
durchschauen, deren Ansehen besonders seit Beginn der Flüchtlingskrise deutlich
geschwunden wäre. Rechte Medienkritiker sind davon überzeugt, dass Leser, Hörer
und Fernsehzuschauer, würde man ihnen eine solide Gegenmacht einräumen,
wie sie Cagé vorschwebt, den Zeitungen einen Kurswechsel verordnen würden,
der eventuell nicht im Sinne Cagés wäre. Die „demokratische Wiederaneignung
der Information“ (Cagé) durch die, von denen sie produziert, und durch die, von
denen sie konsumiert wird, könnte einen von manchem unerwünschten Wandel
herbeiführen. Medienkritik von rechts betont, die Medien wären zu sehr den Mei-
nungsmachern überlassen, weniger jenen, die das Geld haben, denn diese würden
auch alternative, konservative, nicht dem linken Mainstream entsprechende Presse­
erzeugnisse finanzieren, vorausgesetzt, sie sind gewinnbringend. Die umstrittene
und finanziell erfolgreiche Internet-Nachrichtenseite Breitbart, dessen ehemaliger
Chef, Stephen Bannon, zum Propagandisten und Berater Donald Trumps wurde,

120 „George Orwell war harmlos dagegen“: Döpfners harsche Kritik am Kampf der Bun-
desregierung gegen Fake News. In: Meedia, 1. Febr. 2017 [http://meedia.de/2017/02/01/
george-orwell-war-harmlos-dagegen-doepfners-harsche-kritik-am-kampf-der-bundes-
regierung-gegen-fake-news/?fbc=fb-shares].
121 Ansari, Ingrid: „Welche Republik?“ Unterwerfung, Misstrauen und unbeantwortete
Fragen. In: Tichys Einblick, 6. Mai 2016.
2.7 Die Medienkrise in West- und Mittelosteuropa 77

kann als Beispiel gelten, ebenso wie die rechtskonservative Wochenzeitung Junge
Freiheit, die im Gegensatz zu den Mitbewerbern stetig wachsende Leserzahlen
zu verzeichnen hat122. Das gewaltige Mediensterben, das in den nächsten zehn,
zwanzig Jahren drohe und vor dem Cagé eindringlich warnt, könne nicht durch
ein noch so ausgeklügeltes Stiftungs- und Förderungsmodell abgewendet werden,
sondern allein durch die Rückkehr der Pluralität. Ein Online-Kommentator meinte,
die öffentlich-rechtlichen Medien hätten auf der ganzen Linie versagt und ihren
Auftrag verraten: „Will und Illner mit ihrem komplizenhaften Gegrinse zu den
(noch) Mächtigen; Maischbergers Dreinreden, wenn ihr die Leute nicht passen;
über den Köln-Totalflop des ZDF, via willfährige Interviews, Aussperrungen von
unangenehmen Positionen, bis hin zu ARD- und ZDF-Kommentaren am Wahl­
abend, bei denen man sich vorkam wie in DDR-Zeiten.“
In Österreich gab es eine Debatte über die Parteilichkeit des ORF, nachdem der
SPÖ-Bundeskanzler Werner Faymann im März 2016 allein in die Talksendung „Im
Zentrum“ eingeladen worden war, um seine Wende in der Flüchtlingspolitik zu
erklären123. Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte vor Faymann

122 Die Bild-Zeitung verlor im dritten Quartal 2015 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum
fast zehn Prozent ihrer Leser, und setzte mehr als 200.000 Exemplare weniger ab. Die
verkaufte Auflage lag im dritten Quartal 2015 bei 2,2 Mio., im vierten fiel sie unter
2 Mio. Seit 2010 hat die Bild-Zeitung damit fast ein Drittel ihrer Leser verloren. Die
Frankfurter Allgemeine Zeitung musste mit minus 13,5 Prozent und die Frankfurter
Allgemeine Sonntagszeitung mit minus 12,8 Prozent ebenfalls deutlich zurückgehende
Verkaufszahlen verkraften. Beide Blätter verloren seit 2010 jeweils 25 Prozent ihrer Leser.
Die verkaufte Auflage des Magazins Der Spiegel ging um 5,5 Prozent auf etwa 830.000
Exemplare zurück. Die linksalternative taz büßte 5,2 Prozent ein. Vergleichsweise
geringe Verluste verbuchten die Welt am Sonntag mit minus 0,2 Prozent, die Wochen-
zeitung Die Zeit mit minus 0,1 Prozent sowie die Süddeutsche Zeitung mit minus zwei
Prozent. Allein die rechtskonservative Junge Freiheit konnte ihre Auflage im dritten
Qurartal 2015 um mehr als acht Prozent, im vierten sogar um 16 Prozent steigern.
[Daten erhoben von der „Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung
von Werbeträgern e. V.“ (IVW)]
123 Nach der Einladung des österreichischen Kanzlers kritisierte die ÖVP den ORF. Unter der
Regie des ORF-Klubobmanns Reinhold Lopatka sollten die Parteien den ORF-Auftrag
neu diskutieren, denn es gebe nach ÖVP-Meinung zuviel „Bestellfernsehen“ im ORF,
es gebe zuviele „rote Gfrieser“, wie Andreas Khol meinte. Der SPÖ-nahe ORF-Chef
Alexander Wrabetz hatte das Kanzlerinterview gegenüber den Stiftungsräten verteidigt.
Die Initiative sei von der Redaktion ausgegangen und wurde nicht von der SPÖ-Zentrale
diktiert, worauf Lopatka erklärte, die Parlamentsparteien würden das anders sehen. Es
gebe auch so etwas wie vorauseilenden Gehorsam. Die ÖVP wollte mit ihrer Enquete
die Medienvielfalt stärken, die in Österreich nicht sehr ausgeprägt sei. Nach seiner
Meinung wären einerseits die Einnahmen gestiegen, der Marktanteil sei aber gesunken
und „das, was öffentlich-rechtlicher Auftrag ist, wurde vom ORF eingeschränkt. Wenn
77
78 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

das Solo-Format bei „Anne Will“ genutzt, um ihr konsequentes Festhalten an ihrer
Flüchtlingspolitik zu rechtfertigen, was als Proklamationsfernsehen kritisiert wurde,
weil es einer offenen, demokratischen Diskussionskultur widersprechen würde. Die
Einladung Faymanns begründete der SPÖ-nahe ORF-Chef mit der „in ihrer Trag-
weite bedeutendsten Sitzung des Europäischen Rates der letzten Jahre“. Erstmals seit
dem EU-Beitritt sei das Verhalten des österreichischen Bundeskanzlers maßgeblich
für eine Richtungsänderung der Politik auf europäischer Ebene. Erstmals bestehe
in einer wesentlichen europäischen Frage keine Übereinstimmung mit der Bundes-
kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, und die Position des Bundeskanzlers
unterscheide sich maßgeblich von jener, die die österreichische Bundesregierung
noch vor der Jahreswende vertreten hatte. Die ORF-Berichterstattung in der Bun-
despräsidentenwahl wurde von den Anhängern des FPÖ-Kandidaten Norbert
Hofer als einseitig negativ und skandalisierend nur in Bezug auf den freiheitlichen
Kandidaten kritisiert124. Ein Interview, das der ORF-Redakteur Edgar Weinzettl auf

ich zum Beispiel an die Parlamentsberichterstattung denke. Der SPÖ-nahe ORF-Chef


Alexander Wrabetz verteidigte den Solo-Auftritt des österreichischen Bundeskanzlers,
weil sie rechtskonform gewesen wäre und den Programmrichtlinien entsprochen hät-
te, und weil die Entscheidung, wer in welchem Format zu welchem Thema vom ORF
eingeladen wird, Angelegenheit der zuständigen Redaktion sei. Frau Thurnher führte
das Gespräch auf bestem öffentlich-rechtlichem Standard. Das außerordentlich hohe
Publikumsinteresse unterstreiche die Plausibilität der redaktionellen Entscheidung.
Die ÖVP ließ durchblicken, sie werde ORF-General Wrabetz bei der Wahl der neuen
ORF-Führung im Sommer nicht unterstützen.
124 In Einspielern und Nachfragen ging es immer wieder um den Vorwurf, Hofer hätte
gelogen, als er erzählte, er wäre bei einem Besuch in Jerusalem am 30. Juli 2014 selbst
Zeuge eines versuchten Terroranschlags geworden, bei dem die Angreiferin erschossen
wurde. Ein israelischer Polizeisprecher kam in einem Einspieler zu Wort, der erklärte,
es hätte keinen Vorfall gegeben, bei dem eine Frau erschossen wurde. Nach der Sendung
stellte sich heraus, dass der Vorfall zwar stattgefunden hatte, die Frau aber angeschossen,
nicht erschossen wurde und die Umstände anders waren, als von Hofer dargestellt. Wäre
es dem ORF um Aufklärung gegangen, ob Hofer zu diesem Ereignis aus dem Jahr 2014
die Wahrheit sagt, hätte das während des langen Wahlkampfs etwa bei Armin Wolf,
dem Chef-Ansager der ORF-Nachrichtensendung ZiB2, längst geschehen können. Die
überraschende Konfrontation im letzten TV-Duell der Bundespräsidenten-Kandidaten
erschien so als absichtsvoller Versuch des ORF, den FPÖ-Kandidaten bloßzustellen
und dem vermeintlich Schwächeren Gegenkandidaten der Grünen Van der Bellen
zu helfen. Der Versuch scheiterte, was die Umfragen unmittelbar nach der Sendung
deutlich belegten. Die ÖVP-nahe Tageszeitung Kurier schrieb, Hofer hätte sich mit
der ORF-Moderatorin Ingrid Thurnher mehr Auseinandersetzungen als mit seinem
Kontrahenten geliefert. Ohne das parteiische Vorgehen von Frau Thurnher wäre die
Runde unentschieden ausgegangen: „Wenn sie doch noch etwas bewegt hat, dann pro
Hofer. […] Sollte Hofer das Rennen machen, wovon inzwischen die meisten ausgehen,
2.7 Die Medienkrise in West- und Mittelosteuropa 79

der Radiostation Ö1 mit dem ÖVP-Außenminister und erfolgreichen Jungpolitiker


Sebastian Kurz über dessen Flüchtlingspolitik führte, wurde auf ORF-Watch als
aggressiv und hasserfüllt bezeichnet125. Der ORF-Watch-Kommentator Ceipek
meinte, kritische Fragen seien in Interviews erlaubt und erwünscht, auch in einem
öffentlich-rechtlichen Sender wie dem ORF, aber nicht „offensichtlich parteipo-
litisch motivierte und hinterhältig aggressive Fragen“, die aus Sicht des neutralen
Zuhörers für Partei-Pressedienste und diesen nahestehende Medien zulässig sind,
zu denen der ORF nicht gehören sollte: „Dass ein öffentlich-rechtlicher Sender, der
von allen Österreichern zwangsfinanziert wird und parteipolitisch neutral zu sein
hat, derartige Interviews führt und ausstrahlt ist ein Skandal. Es ist zu fürchten,
dass den ORF-Hörern und -Sehern im anlaufenden Wahlkampf noch eine ganze
Reihe solcher Skandale bevorsteht.“126
Auf der einen Seite stehe die Skandalisierung unliebsamer Meinungen, auf der
anderen die „Hofberichterstattung“, von der der ehemalige ZDF-Redakteur Wol-
fang Herles sprach127. ARD und ZDF würden, wie jüngste Umfragen bestätigen,
als Teil des Systems und nicht als unabhängige journalistische Instanzen gesehen.
Von dieser Wahrnehmung profitierten die neuen Alternativen in der Politik und
den Medien. Donald Trump hatte Erfolg, nicht zuletzt weil er sich als Opfer einer
parteiischen Presse darzustellen wusste. Auf einer Pressekonferenz Anfang Januar
2017 weigerte er sich, einem Journalisten von CNN eine Frage zu gestatten. Trumps
lapidarer Kommentar, dieser Journalist stehe für Fake News. Ebenso verfuhr die
rechtspopulistische ENF-Fraktion im EU-Parlament, die zu ihrem Kongress im
Januar 2017 in Koblenz zahlreiche Journalisten nicht akkreditieren wollte, weil diese
unsachlich und polemisch über die AfD berichtet hätten128. Landespressekonferenz

wird er das zu einem entscheidenden Teil seinen Gegnern verdanken, die mit ihrem
Eifern gegen den FPÖ-Mann ihm Wähler um Wähler zutrieben: Denn die Zahl der
Zeitgenossen steigt täglich, die sich von wem auch immer nicht vorschreiben lassen,
für und gegen wen und was sie stimmen.“
125 Ceipek, K.: Mittagsjournal. In: ORF-Watch, 18. Febr. 2017 [http://www.orf-watch.at/
Kritik/2017/02/1024].
126 Ceipek, K.: Mittagsjournal. In: ORF-Watch, 18. Febr. 2017.
127 Vgl.: Wolfgang Herles: Die Gefallsüchtigen. Gegen Konformismus in den Medien und
Populismus in der Politik. Albrecht Knaus Verlag, München 2015; ders.: Herles; W.:
Wie ARD und ZDF ihren Programmauftrag verraten. Gebührenfernsehen soll den
Diskurs anregen, nicht die private Konkurrenz abhängen. Quote ist nicht alles. In: Der
Tagesspiegel, 5. Mai 2016.
128 Zum Kongress der ENF-Fraktion („Europa der Nationen und der Freiheit“) wurden
Nationalisten, Populisten und rechtsextreme Politiker aus Deutschland und den
Nachbarländern in Koblenz erwartet. Zu der Tagung in der Rhein-Mosel Halle hatten
sich u. a. AfD-Chefin Frauke Petry, die Präsidentschaftskandidatin des französischen
79
80 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

und ARD-Chefredakteure kritisierten das als „massiven Eingriff in die Freiheit


der Berichterstattung“, denn die Zusammenkunft in Koblenz sei für den künftigen
politischen Kurs rechtspopulistischer Parteien in Europa von großer Bedeutung.
Den Schaden hätten Zuschauer, Hörer und Nutzer der ARD-Programme. Der
nordrhein-westfälische AfD-Landeschef und Mitorganisator der Veranstaltung,
Marcus Pretzell, meinte, alle öffentlich-rechtlichen Medien, das Handelsblatt, das
Compact-Magazin sowie zwei Journalisten von Spiegel und Frankfurter Allgemeiner
Zeitung würden keine Akkreditierung erhalten.

2.8 Die liberale Gesellschaft und die Entstehung eines


neurechten Mediensystems
2.8 Die liberale Gesellschaft und neurechtes Mediensystem
Als Alternative zur Mainstream-Meinung, wie sie die klassischen Leitmedien
vertreten würden, sehen sich ausdrücklich die Medien der sogenannten ‚Neuen
Rechten‘, die heute in Frankreich, Deutschland und auch in den Ländern Osteuropas
aktiv ist. Eine ihrer Grundthesen lautet, dass die Leitmedien mit der etablierten
Politik in offenem oder latentem Einverständnis verbunden seien, um einen Um-
bau der Gesellschaft im linken Geist herbeizuführen. Der ‚große Austausch‘ ist
einer der Leitbegriffe dieses unterstellten Umbaus Deutschlands oder Frankreichs
zu multikulturellen, multi-ethnischen Gesellschaften, in denen die Staatsnation
durch Zuwanderung in die Minderheit gedrängt werde. Diesen Umbau mithilfe
massenhafter Zuwanderung würden die Leitmedien als unausweichlich, positiv
und zukunftsweisend propagieren und keine echte Kritik üben, womit sie ihrem
Grundauftrag der kritischen Begleitung der Politik untreu werden würden129. Ihr
rapide schwindender Absatz sei die logische Folge.
Trump hatte diese angebliche Diskursverweigerung der linksliberalen Mitte
zum Hauptthema seines Wahlkampfs gemacht. Rechte Medien in den Vereinigten

Front National, Marine Le Pen, und Geert Wilders von der niederländischen Partei
PVV angekündigt. Die ENF-Fraktion stellt 39 von 749 Abgeordneten im EU-Parlament.
Ihr gehören unter anderem Marine Le Pen und Marcus Pretzell an. Ein breites Bündnis
von Parteien und Verbänden organisierte Gegenkundgebungen. Rund 1.000 Polizisten
sollten die ENF-Veranstaltung schützen und für eine gewaltfreie Gegendemonstration
sorgen. Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und die CDU unterstützten die über-
parteiliche Kundgebung gegen das Treffen der Rechtspopulisten.
129 Der Publizist Manfred Kleine-Hartlage spricht z. B. von „Desinformationskartellen“.
Vgl.: Kleine-Hartlage, M.: Die liberale Gesellschaft und ihr Ende. Über den Selbstmord
eines Systems. Schnellroda 2013 (hier: S. 162-170).
2.8 Die liberale Gesellschaft und neurechtes Mediensystem 81

Staaten wie auch in Europa beleuchteten diesen Vorwurf aus allen nur möglichen
Blickwinkeln. Dieser Aufhetzung, der Vergiftung des öffentlichen Klimas, die den
rechts-populistischen Parteien zugute komme, der stetig an Schärfe zunehmenden
Diskussion in den sozialen Medien müsse entgegengetreten werden, forderte die
Politik und die Publizistik, um die liberale, offene Gesellschaft zu bewahren. Hass
durchflute dieser Tage die westlichen Demokratien, schrieb Peter Strasser im
Januar 2017. Niemand könne heute wissen, fügte er hinzu, „ob dies der Anfang
vom Ende des liberalen Rechtsstaates ist. Sicher scheint indessen, dass man sich
ausführlicher mit den Erscheinungsformen des in Massengesellschaften massen-
haft umlaufenden Hasses beschäftigen sollte. Denn in ihm wird eine Konstante
der menschlichen Natur sichtbar, ohne deren Zähmung kein Gemeinschaftsleben
denkbar ist.“130 Die „Zähmung“ würden jene fordern, die früher unter der konser-
vativen Kontrolle gelitten hatten, und nun selbst nach Maßnahmen rufen würden,
um ihre Diskurshoheit gegen die rechte Konkurrenz zu verteidigen. Ein Paradig-
menwechsel von der neoliberalen zur neurechten, neonationalen Agenda machte
sich in den europäischen Gesellschaften und auch in den Medien bemerkbar. In
seiner Rezension von Philip Thers „Geschichte des neoliberalen Europa“131 meinte
Timothy Garton Ash, die neoliberale Ordnung, die 1989 in Osteuropa Fuß fasste,
hätte zum Beispiel in Polen viele mit dem Gefühl der Marginalisierung zurück-
gelassen, „left behind by the bulldozer of economic liberalism“132. Sie fühlten sich
auch vom sozialen Liberalismus entfremdet, „in Fragen wie Abtreibung, Gender
und sexueller Orientierung, die mit der Öffnung zu Westeuropa kamen. Hier
war die Kernwählerschaft zu finden, mit deren Hilfe die Populisten der Partei
Recht und Gerechtigkeit 2015 zur Macht kam, indem sie eine Kombination aus
nationalistischer, katholischer Ideologie anbot, die typisch ist für die Rechte, und
großzügige Versprechen machte für Wohlfahrt und staatliche Wirtschaftseingriffe,
historisch typischer für die Linke. Kurz gesagt, die Reaktion auf die Folgen des

130 Strasser, P.: „Masse, Meute, Mob“. Gastkommentar. Jede Massengesellschaft birgt
Entrüstungspotenziale, die sich aggressiv bewirtschaften lassen. Herrschte in den
Jahrzehnten nach 1945 lange innerer Friede, beginnen nun moralisch gestylte Meu-
ten den Ton anzugeben. In: Neue Zürcher Zeitung, 9. Jan. 2017 [http://www.nzz.ch/
meinung/kommentare/demokratisierung-des-hasses-masse-meute-mob-ld.138244?m-
ktcid=nled&mktcval=107_2017-1-9, abgerufen am 10. Jan. 2017].
131 Ther, Ph.: Europe Since 1989: A History. Dt. Orig.: Die neue Ordnung auf dem alten
Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa. Berlin 2014.
132 Timothy Garton Ash: Is Europe Disintegrating? In: The New York Review of Books,
19. Jan. 2017.
81
82 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

ökonomischen und sozialen Liberalismus bedroht nun die Errungenschaften des


politischen Liberalismus.“133
Der politische Liberalismus war offenbar für einen Teil der polnischen oder
ungarischen Wählerschaft nicht mehr das, was sie sich für ihr Land vorstellen
konnten. Die Gefahr, die damit einhergehe, sei eine Einschränkung des Pluralis-
mus, was Jan-Werner Müller als typisch für den Populismus definierte134. Dessen
Angriffsobjekt sei die plurale, liberale Demokratie, „mit lebenswichtigen konsti-
tutionellen und sozialen checks and balances, die jede „Tyrannei der Mehrheit“
daran hindern, über individuelle Menschenrechte, Sicherheiten für Minderheiten,
unabhängige Gerichte, eine starke Zivilgesellschaft und unabhängige, vielfältige
Medien zu obsiegen“. Müller lehnt den Begriff illiberale Demokratie ab, weil er
Leuten wie Viktor Orbán erlaube zu behaupten, Ungarn habe nur eine andere
Art von Demokratie, die authentisch demokratisch sei auf ihre Art. Was Orbán
etwa bei seiner Übernahme der Medien getan hätte, untergrabe die Demokratie
selbst. Müller ist der Ansicht, man brauche gleichwohl einen Begriff, auf den man
das bringen kann, was geschieht, wenn eine Regierung, die aus freien und fairen
Wahlen hervorgeht, die Grundlagen einer liberalen Demokratie zerstört, dabei aber
noch keine offene Diktatur errichtet hat, was sie auch nicht unbedingt vor haben
müsse. Da ein Begriff wie hybrides Regime zu unspezifisch sei, verwendet Müller
weiterhin den Begriff der ‚illiberalen Demokratie‘, den Orbán selbst prägte135. Kri-
tiker der Populismus-Theorien Müllers und anderer meinen dagegen, die liberale
Demokratie hätte ihren Feind selbst geschaffen, indem sie ihren eigenen Prinzipien
untreu geworden wäre. Was als legitime Meinungsäußerung gelten dürfe, sei immer

133 Ibidem.
134 Vgl.: Jan-Werner Müller: What is Populism? University of Pnnsylvania Press; dt.
Ausgabe: Was ist Populismus? Ein Essay. Berlin 2016; auch: ders.: Wo Europa endet:
Ungarn, Brüssel und das Schicksal der liberalen Demokratie. Berlin 2013.
135 Garton Ash schließt seinen Artikel mit dem Ausblick: “If the post-wall era runs from
1989 to 2009, what epoch are we in now? We almost certainly won’t know for a decade
or three. On a bad Europe day, and there were too many of those in 2016, one does feel
like going into cryogenic hibernation; but this is no time for freezing. No, we who believe
in liberty and liberalism must fight back against the advancing armies of Trumpismo.
The starting point for fighting well is to understand exactly what consequences of which
aspects of the post-wall era’s economic and social liberalism—and of related develop-
ments, such as rapid technological change—have alienated so many people that they
now vote for populists, who in turn threaten the foundations of political liberalism at
home and abroad. Having made an accurate diagnosis, the liberal left and liberal right
need to come up with policies, and accessible, emotionally appealing language around
those policies, to win these disaffected voters back. On the outcome of this struggle
will depend the character and future name of our currently nameless era.”
2.8 Die liberale Gesellschaft und neurechtes Mediensystem 83

weiter eingeschränkt worden. Der Pluralismus sei zu einer Veranstaltung unter


wenigen Zugelassenen geschrumpft.
Die freie Presse bzw. die Meinungsfreiheit ist unter den Bedingungen des neuen
Medienkonflikts in ein Dilemma geraten. Die Propaganda der Rechtspopulisten
oder Russlands würde, so Max Fisher, die Offenheit ausnutzen, die die Grundlage
einer freien Presse ist136. Die großen Mächte hätten zwar immer versucht, die In-
formationslage des Gegners zu manipulieren, doch Russland hätte seit 2016 eine
bisher unbekannte Taktik entwickelt, die darin besteht, Fronten zu errichten, indem
es gehackte Dokumente in Informationskanäle einspeist. So hätte der Gründer
von WikiLeaks, Julian Assange, Russland dabei unterstützt, sich in die US-Präsi-
dentschaftswahlen einzumischen, indem er gehackte Dokumente veröffentlichte.
Journalisten wurden exklusive Dokumente angeboten, eine vertraute Taktik von
Regierungs-Pressebüros und PR-Firmen, die versuchen die Berichterstattung zu
beeinflussen. So wären etwa Peter Hasson, einem Journalisten beim Daily Caller,
einer rechten Webseite, ein Passwortgeschützter Zugang zu gehackten E-Mails von
Colin Powell, dem früheren US-Außenminister angeboten worden, wobei Hasson
sich keine Gedanken über den möglicherweise russischen Ursprung des Angebots
machte. Gleichwohl steht ein Journalist vor dem Dilemma, zu entscheiden, ob es sich
um einen russischen Agenten oder einen Bürger handelt, der als ‚whistle-blower‘
agiert. Betont er die Herkunft der Information, vereitelt er damit möglicherweise
die Absicht des russischen Informanten, könnte aber auch dem Leser eine wichtige
Nachricht vorenthalten, auf die er Anspruch hätte? Hat man die Zeit, um wichti-
ge Dokumente auf ihre Verlässlichkeit und Herkunft zu überprüfen? Und selbst
wenn sie gehackt und Teil einer feindlichen Operation sind, macht sie das weniger
berichtenswert? Dabei mag es sich um alte Frage des journalistischen Handwerks
handeln, meinte Fisher, doch im Rahmen der neuen russischen (Des)Informati-
onspolitik hätten sie eine neue Dringlichkeit erhalten. Ist es Desinformation oder
Infiltration, nur weil ein Artikel, ein Dokument, das unerfreuliche Informationen
enthält, aus russischer Quelle stammt? 2016 infiltrierten Hacker mit russischen
Kontakten die US-Anti-Doping-Agentur, wahrscheinlich als Revanche auf den
Vorwurf, der russische Staat würde seine Olympia-Athleten auf Staatskosten
dopen lassen. Nachdem Journalisten, die mit „Associated Press“ verbunden waren,
über die Hacker-Gruppe selbst berichtet hatten, konnte schließlich das deutsche
Nachrichtenmagazin Der Spiegel überzeugt werden, einen Bericht über E-Mails zu

136 Max Fisher: Russian Hackers Find Ready Bullhorns in the Media. In: The New York
Times, 8. Jan. 2017 [http://www.nytimes.com/2017/01/08/world/europe/russian-hack-
ers-find-ready-bullhorns-in-the-media.html?xing_share=news, abgerufen am 10. Jan.
2017].
83
84 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

bringen, in denen US-amerikanische Athleten unter dem Vorwand medizinischer


Bedürftigkeit darum baten, verbotene leistungssteigernde Drogen zu erhalten. Der
Hinweis auf einen möglichen russischen Ursprung der Informationen tauchte erst
in den Schlusszeilen des Artikels auf, zusammen mit einem Zitat eines amerikani-
schen Behördenvertreters, der behauptete, die gehackten E-Mails hätten den Zweck,
vom staatlich geförderten Doping der Russen abzulenken.
Sollten sich Leitmedien weigern, gewisse Dokumente zu veröffentlichen oder
zu verarbeiten, bleibe stets noch die Möglichkeit, sie über die sozialen Medien
oder politisch randständige Medien zu verbreiten, womit sie vielleicht nicht das
gleiche Gewicht bekommen. Bei diesen randständigen oder peripheren Medien,
die sich die russische Informationspolitik zunutze machen würden, handelt es sich
meist um rechte, anti-Establishment-Webseiten wie InfoWars, die von dem rechten
Radiomoderator und Verschwörungstheoretikers Alex Jones gegründet wurde.
Jones hatte zum Beispiel behauptet, an den Terroranschlägen vom September 2001
auf das New Yorker World Trade Center wäre die US-Regierung beteiligt gewe-
sen. Russia Today gab dem USA-weit gehörten Jones 2010 die Möglichkeit, seine
Meinungen auch auf diesem Wege zu verbreiten. Mikael Thalen, der für InfoWars
arbeitete, erhielt Dokumente, die einen angeblichen Plan der US-Demokraten
belegen sollten, den Wahlkampf-Manager von Donald Trump, Paul Manafort,
anzugreifen, der früher für den abgesetzten ukrainischen Präsidenten Viktor
Janukovyč gearbeitet hatte. Moskau hätte damit die Hoffnung verbunden, dem
zu diesem Zeitpunkt schwächelnden Wahlkampf des Trump-Lagers aufzuhelfen.
Doch Thalen lehnte es ab, die Dokumente zu veröffentlichen. Demokratien, die
auf dem Wettstreit der Ideen und freien Medien aufbauen, würden leichter Opfer
von Desinformation und Manipulation. Dass eine offene Gesellschaft verletzli-
cher sei als geschlossene Gesellschaften, wenn es um Infiltration geht, mache sie
stark und zugleich schwach. Je besser Journalisten die Motive von Hackern und
Trollen verstehen, die für fremde Regierungen arbeiten, desto besser könnten sie
diese Dokumente in den Kontext einordnen und damit die Absichten der Hacker
vereiteln, ohne dabei wichtige Informationen zu unterschlagen. Der Körper der
Demokratie würde damit gewissermaßen Antikörper gegen eine Krankheit, jene
der ausländischen Beeinflussung, entwickeln, ohne seine Offenheit einzubüßen.
Polarisierung, Fake News, der Schwarm-Charakter der sozialen Medien, der
sich darauf stürzt, können ein Indiz für eine Medienkultur sein, die ein Opfer der
politischen Manipulation geworden ist. Doch sei es ein Irrtum anzunehmen, dass
diese Manipulation allein von der anderen Seite ausgeht, so die Kritik. Geglaubt
werde nicht nur, was den eigenen Vorurteilen entspricht, sondern auch weil eine
Information ein als verzerrt empfundenes Bild zu korrigieren scheint. Wenn
das offizielle westliche Narrativ die Politik Russlands als völkerrechtswidrig, ag-
2.8 Die liberale Gesellschaft und neurechtes Mediensystem 85

gressiv und neoimperialistisch betrachtet und dieses Narrativ von der Mehrheit
der Journalisten geteilt wird, dann werde jede Information der russischen Seite
als Teil einer Manipulationsstrategie erscheinen, einfach weil sie dem offiziellen
Narrativ widerspricht. Die Leitmedien hätten sich in der Russlandpolitik ebenso
wie in der Flüchtlingspolitik auf einen Konsens geeinigt, in dem für konträre
Meinungen nur ein negativer Kontext bleibe, sollten sie denn überhaupt in einen
solchen eingeordnet werden137. So lautet, kurzgefasst, die Hauptargumentationslinie
pro-russischer bzw. gegenüber der offiziellen Russland-Politik kritischer, oft kon-
servativer bis neu-rechter Medien, die in den letzten Jahren zahlreich entstanden
sind. In Frankreich sind das Zeitschriften wie Valeurs actuelles, in Deutschland
die Zeitung Junge Freiheit und die Zeitschriften Zuerst! und Sezession, die als
Theorieorgan der neuen Rechten gilt. Diese Medien nehmen für sich in Anspruch,
sich im vorpolitischen Raum nicht manipulativ, sondern intellektuell-analytisch
mit Themen zu beschäftigen, die von dem ihrer Meinung nach links dominierten
Mainstream tabuisiert würden, etwa den negativen Folgen der Zuwanderung oder
den Schattenseiten des politischen Islam.
Bisher lagen diese Medien unter der Wahrnehmungsschwelle der etablierten
Politik. Erst als sich mit der AfD in Deutschland und dem Wahlsieg Donald Trumps
politische Kräfte etablierten, die rechtspopulistische Anschauungen in die große
Politik einbringen, veranlasste das Politik und Medienvertreter, Blogger und andere
sich auch mit diesem Teil des Medienspektrums zu beschäftigen. In Frankreich
haben sich diese Medien sehr viel früher etabliert und sind mittlerweile fest im
Meinungsspektrum verankert. Ihr Einfluss trug mit zum relativen Erfolg der Front
National-Vorsitzenden Marine Le Pen in den französischen Präsidentschaftswahlen
bei. Dass der Rechtspopulismus auch eine mediale Seite hat, ist lange nicht auf-
gefallen oder unterschätzt worden. Nocun hatte bereits im Zusammenhang mit
dem Wahlerfolg der polnischen PiS davor gewarnt, was eine „rechts-autoritäre
Partei an der Macht bedeutet“. Sie kritisierte, dass die AfD der PiS zum Wahlsieg

137 Karlheinz Weißmann, den die „Neue Zürcher Zeitung“ als „intellektuelle Führungsfigur
der deutschen Konservativen“ einordnet, Wikipedia als „Hauptvertreter der deutschen
Neuen Rechten, meint in seinem Buch „Rubikon“, der Vorwurf, „Politiker und Journa-
listen bildeten ein „Schweigekartell“, den immerhin der frühere Bundesinnenminister
Hans-Peter Friedrich erhob“, treffe den Sachverhalt eher. „Auch deshalb, weil sich
im Zuge der Debatte, die die Vorgänge der Silvesternacht [in Köln] auslösten, immer
deutlicher zeigte, daß man es keineswegs mit punktuellem Vertuschen zu tun hatte,
sondern mit einer seit langem und konsequent betriebenen Strategie zur Täuschung der
Bevölkerung. Deren Handlungsspektrum reicht von der Anweisung an Journalisten,
„pro Regierung zur berichten“, über die Festlegung von Sprachregeln […] bis zur syste-
matischen Leugnung der neuen Varianten von Ausländerkriminalität…“ [Weißmann,
K.: Rubikon. Deutschland vor der Entscheidung. Berlin 2016, S. 15].
85
86 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

gratuliert hatte, obwohl diese ganz Polen „gleichschalten“ würde. Man sei sich
zwar in der Russlandpolitik uneins, doch im nationalkonservativen Umbau der
gesamten Gesellschaft seien sich PiS und AfD erschreckend einig. Eine antilibe-
rale, konservative mediale Front tut sich auf, in die sich die russische Politik mit
ihrer konservativen gesellschaftlichen Wende einfügen konnte und angesichts der
wachsenden EU-kritischen, antiliberalen Tendenzen in der EU auch mit positiver
Resonanz rechnen konnte.
Vor allem die rechtskonservativen Medien würden von der scharfen Kritik
des liberalen Westens an Russland profitieren, die ohne Differenzierung stets um
die gleichen Punkte kreisen würde, meinte der Economist im Dezember 2016. Er
zitierte Charles Krauthammer, der den Erfolg Rupert Murdochs mit dem rechten
Fernsehkanal Fox News einmal mit der ironischen Formulierung erklärt hatte,
Murdoch hätte halt einen Nischenmarkt entdeckt – „das halbe Land“ („half the
country“). Das träfe nach Ansicht der Produzenten auch auf Breitbart News zu, deren
Aktien mit der Amtsübernahme Donald Trumps deutlich gestiegen waren138. Die
Hälfte der amerikanischen Wähler sei, so der ehemalige Breitbart-Redakteur Milo
Yiannopoulos, angewidert von der „Lena Dunham, Black Lives Matter, third-wave
feminist, communist, ‚kill-all-white-men‘ politics of the progressive left“139. Nach-
dem Breitbart bereits eine Webseite in Großbritannien eingerichtet hatte plante
die Seite ihren Sprung nach Frankreich und Deutschland, weil man dort ähnliche
Vorbehalte gegen die Dominanz der politischen Linken vermutete. Die Seite, die
der 2012 verstorbene konservative Journalist Andrew Breitbart gegründet hatte,
bezieht ihren Erfolg aus der simplen Formel, ihre Leser mit gelegentlichen Fake
News, Polemik und Attacken auf die Mainstream-Medien zu unterhalten. Zehn
Tage nach den US-Wahlen waren ihre Besucherzahlen durch die Decke gegangen.
Innerhalb eines Monats hätte die Seite 45 Millionen Einzelbesucher, was sich
immer noch bescheiden ausnahm verglichen mit den klassischen Konkurrenten.
Doch allein zwischen Mitte Mai und Mitte Juni 2016 konnte Breitbart die höchste
Zahl an Interaktionen in den sozialen Medien im Bereich politische Themen in
englischer Sprache verzeichnen, und ließ dabei selbst CNN, den Guardian und das
Wall Street Journal hinter sich. Auch der nächste Konkurrent, die liberale Huffing­
ton Post, kam nur auf zwei Millionen Klicks heran. Breitbart wird von privaten

138 “Breitbart News pushes deeper into Europe”. Stephen Bannon’s alt-right news outfit is
about to launch French and German websites. In: The Economist, 10. Dez. 2016 [http://
www.economist.com/news/business-and-finance/21711265-readership-surging-ste-
phen-bannons-alt-right-news-outfit-about-launch-french-and].
139 “Breitbart News pushes deeper into Europe”. Stephen Bannon’s alt-right news outfit is
about to launch French and German websites. In: The Economist, 10. Dez. 2016.
2.8 Die liberale Gesellschaft und neurechtes Mediensystem 87

Unterstützern wie Robert Mercer, einem Hedge-Fund-Milliardär finanziert, der


auch den Wahlkampf von Donald Trump maßgeblich finanziell mittrug. Proble-
matisch ist die Volatilität des Mitarbeiterstabes und die Radikalität der Kommen-
tatoren, die mit ihre antisemitischen Bemerkungen und ihre scharfen Kritik an
der Zuwanderung die Kommentarspalten vergiften. Das veranlasste zum Beispiel
den Frühstücks-Flocken-Hersteller Kellog’s im November 2016, seine Werbung
von der Seite zurückzuziehen, ebenso das Versicherungsunternehmen Allstate,
den Brillenfabrikanten Warby Parker oder den Internet-Provider EarthLink. Von
deutschen Unternehmen schloss sich unter anderen BMW dem Boykott an.
Der Erfolg von Breitbart ließ jedoch manchen wanken. Seine wirtschaftliche
Potenz belegt der Umstand, dass der Aufruf „#DumpKelloggs“ den Börsenkurs
von Kellog’s tatsächlich sinken ließ. Der japanische Autobauer „Nissan“ entschied
sich, seine Werbung auf der Seite zu belassen. Die globale Strategie scheint dem
Breitbart-Geschäftsmodell zu widersprechen, das auf anti-globalistischer und
anti-Zuwanderungs-Propaganda beruht und sich dafür um Allianzen mit exis-
tierenden Oppositionsparteien bemüht. In Großbritannien, wo die Seite 2014
gestartet war, förderte Breitbart nach Kräften die Brexit-Kampagne der „United
Kingdom Independence Party“ (UKIP), wobei der ehemalige UKIP-Vorsitzende
Nigel Farage Kolumnist und der Breitbart-Redakteur Raheem Kassam zum Berater
Farages wurde. Da in Frankreich und in Deutschland wichtige Wahlen anstanden,
die von den klassischen Themen Breitbarts überschattet wurden, erschienen die
Bedingungen auch dort günstig. Die FN-Vorsitzende Marine Le Pen griff nach dem
Präsidentenamt und in Deutschland wurden der „Alternative Für Deutschland“
(AfD) gute Wahlchancen attestiert. Rechts-konservative Publikationen wie die dem
FN nahestehenden Valeurs actuelles profitierten von der Popularität Le Pens, meinte
Paul Ackermann, Chefredakteur der Huffington Post France. Dass die Valeurs über
keine professionelle Internet-Präsenz verfügen, dass also keine Plattform existiert,
auf der die größtenteils jungen FN-Anhänger ihre Meinungen austauschen können,
erhöhte die Chancen für eine Seite wie Breitbart weiter.
Mancher sah die Aussichten auch deshalb günstig, weil sich zwischen einer
zunehmend populistischer denkenden Leserschaft und den überwiegend liberalen
Medien Frankreichs ein immer weiterer Graben auftun würde. Wie im östlichen
Nachbarland liegen die Online-Kommentare bei Le Monde oder dem Figaro oft
rechts von der Blattlinie. In Deutschland, wo die Mehrzahl der Medien nach links
neige und die rechte Medienszene besonders unterentwickelt sei, so der Kom-
mentar des Economist, werde Breitbart mit den strengen Gesetzen hinsichtlich

87
88 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

Hate Speech und Antisemitismus zu kämpfen haben140. Der Economist erwähnte


in diesem Kontext die deutsche Wochenzeitung Junge Freiheit (JF), die einerseits
wegen ihrer rechtskonservativen Linie umstritten ist, andererseits im Gegensatz zur
Konkurrenz deutlich positive Zuwachsraten zu verzeichnen hat, vor allem seit die
deutsche Kanzlerin Angela Merkel Deutschlands Grenzen 2015 den Flüchtlingen
geöffnet hätte. Das was die JF nicht stemmen könne, könne eventuell Breitbart
gelingen, wenn die Seite rechte Medienkonsumenten mithilfe bekannter Publizis-
ten auf einer einzelnen Internet-Plattform zusammenbrächte. In Großbritannien
konnte Breitbart neben Kassam den konservativen Journalisten James Delingpole
vom renommierten Spectator gewinnen. Dass Breitbart seine Leserschaft von 2016
auf 2017 um 135 Prozent erhöhen konnte, bei 15 Millionen Seitenbesuchen im Juli
2016, ist beachtlich für eine Seite, die ein Sprecher des ehemaligen US-Präsident-
schaftskandidaten Mitt Romney eine „Meute von Verrückten“ nannte. Der Econo­
mist-Kommentator meinte, das Geschäft mit dem Zorn, mit der Entrüstung, das in
den Urzeiten der rechte Radiotalker Rush Limbaugh eingeführt und das Fox News
perfektioniert hatte, könnte ein neuer US-amerikanischer Exportartikel werden. Es
könnte auch einfach vom Aufstieg des europäischen Rechtspopulismus profitieren,
von der zunehmenden Vernetzung west- und osteuropäischer EU-und Zuwande-
rungs-Kritiker über Printmedien, das Internet und die sozialen Medien. Die deutsche
Junge Freiheit hatte mehrfach die Länder Ostmitteleuropas, Polen und Ungarn, für
ihre Anti-EU-Politik, ihren Widerstand gegen die Zuwanderungspolitik Merkels
offen gelobt. Die polnische Regierung sei die Hoffnung eines demokratischen und
nationalen Europa, dem Merkel seine Souveränität rauben wolle. Polen und Ungarn
wollten keine gesellschaftlichen Zustände, wie sie in deutschen Städten durch die
Politik der deutschen Bundesregierung eingekehrt wären. Sie würden sich zu recht
nach Kräften gegen den Zwang Brüssels und Berlins wehren, die Umverteilung von
Flüchtlingen zu akzeptieren. Auch der ehemalige tschechische Präsident Václav
Klaus, der Brüssel und Berlin in dieser Hinsicht scharf kritisierte, war mehrfach
in der in Berlin produzierten Zeitung zu Wort gekommen,

140 Vgl.: “Breitbart News pushes deeper into Europe”. Stephen Bannon’s alt-right news outfit
is about to launch French and German websites. In: The Economist, 10. Dez. 2016.
2.9 Die russischen Auslandsmedien und die europäische Rechte 89

2.9 Die russischen Auslandsmedien und


die europäische Rechte
2.9 Die russischen Auslandsmedien und die europäische Rechte
Die Frage, wie eng die Beziehungen der russischen Regierung und der russischen
Medien zur europäischen Rechten und zu Medien Westeuropas an sich seien, war
immer wieder Thema in den deutschen oder französischen Medien und beschäftigte
die politischen Spitzen der EU141. Nach dem fünftägigen Krieg gegen Georgien im
August 2008 stellte die russische Regierung fest, dass sie zwar den Krieg gewonnen,
aber es nicht geschafft hatte, den Westen von der Legitimität des Krieges zu über-
zeugen. Die soft power, die Fähigkeit, die Präferenzen und das Verhalten anderer
zu beeinflussen, musste dringend verbessert werden142, zumal durch die eigenen
internationalen, mehrsprachigen Medien wie Russia Today oder der Rundfunksender
Voice of Russia. Die soft power dieser Medien transportierte nicht nur die konziliante,
um Verständnis werbende Botschaft, die russische Politik sei berechtigt, sondern
auch die, dass der Westen kein Recht hätte, Russland zu kritisieren, weil der Westen
und seine Medien selbst in dramatischen Schwierigkeiten stecken würden. Demo-
graphisch, moralisch und angesichts des Bankrotts der multikulturellen Gesellschaft
sei der Westen auf dem absteigenden Ast. Die anti-westliche, anti-amerikanische
und auch anti-demokratische Botschaft der russischen Auslandsmedien wird auf
der konservativen bis neurechten Seite des politischen Spektrums, teils auch im
linksextremen Milieu geteilt143. Für die russischen Medien lag es also sehr nahe,
auf diese pro-russischen Kreise in der EU einzuwirken.
Anfang Juli 2012 organisierte die staatliche Nachrichtenagentur Russlands ITAR-
TASS in Moskau eine Konferenz mit dem Titel „Globale Medien: Herausforderungen
des 21. Jahrhunderts“, wobei die Agentur erklärte, mehr als 300 Spitzenmanager aus
102 Ländern würden dort 213 Medienformate präsentieren. Unter anderen waren
vertreten Associated Press, BBC, Reuters, NBC, Al Jazeera, Kyodo, Xinhua and
MENA, die nach Moskau kamen, um die drängenden Probleme zu diskutieren, vor
die sich die Mediengesellschaft gestellt sieht144. Präsident Putin und der russische

141 Vgl.: Shekovtsov, A.: Pro-Kremlin “Re-information” Efforts: Structural Relations be-
tween the Russian Media and the European Far Right [http://www.integrityinitiative.
net/articles/496].
142 Vgl.: James Sherr, Hard Diplomacy and Soft Coercion: Russia’s Influence Abroad.
London 2013, S. 15.
143 Vgl.: Shekhovtsov, A.: “Bringing the Rebels”: European Far Right Soldiers of Russian
Propaganda. London 2015 [https://lif.blob.core.windows.net/lif/docs/default-source/
publications/bringing-the-rebels-by-anton-shekhovtsov-september-2015-pdf.pdf].
144 “Executives of leading media flock to Moscow for World Media Summit”, ITAR-TASS,
4. Juli 2012 [http://itar-tass.com/en/archive/678277].
89
90 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

Premier Dmitrij Medvedjev war ebenso wie UN-Generalsekretär Ban ki-Moon


über Video zugeschaltet. Aus Frankreich waren Gilles Arnaud, Guillaume Tastet
und Joseph-Marie Joly angereist, der Agence2Presse vertrat. Arnaud war ehemals
regionaler Berater des „Front National“ in der oberen Normandie gewesen und
zeitweise Mitglied des weit rechts stehenden „Parti de la France“ (PDF), die 2009
gegründet worden war und viele ehemalige Mitglieder des FN vereinigte. In Mos-
kau konnten Arnaud und seine Kollegen Kontakte zu Voice of Russia (VoR) und
zu Russlands wichtigster Nachrichtenagentur ITAR-TASS knüpfen. Nach seiner
Rückkehr nach Frankreich erklärte Arnaud, sein Medienunternehmen hätte ohne
weiteres finanzielle Unterstützung von Russland erhalten, um einen neuen Fern-
sehkanal in Frankreich zu entwickeln. Es sei einfacher in Russland zu arbeiten,
denn dort folge auf die Entscheidung unmittelbar die Freigabe der Mittel, ohne dass
man sich mit Höflichkeiten aufhalten und um die nächste Rate bitten müsse145. Der
russische Botschafter in Frankreich, Aleksandr Orlov, half den Vertrag zwischen
Arnaud und den russischen Staatsmedien auf den Weg zu bringen. Im September
2012 startete Arnaud einen web-basierten Fernsehkanal unter dem passenden
Namen ProRussia.TV146, dessen Logo jenem der Partei „Einiges Russland“ (Jedinaja
Rossija) glich. Der neue Kanal als Kooperationsprojekt zwischen Agence2Presse,
ITAR-TASS, der russischen Nachrichtenagentur Interfax, Voice of Russia und der
iranischen Mehr-Agentur, sei nach der Definition von Jean-Yves Le Gallou eine
Agentur der ‚Re-Information‘, das heißt der Propaganda für ‚alternative Ansichten‘,
eine Definition, die für alle rechten bis rechtsextremen Medien gelten kann. Le
Gallou meinte, die politische Korrektheit werde „in den politischen, administra-
tiven und intellektuellen Sphären durch die traditionellen Medien aufgezwungen.
Das Prinzip der Re-Information bedeutet daher, Informationen und alternative
Ansichten zu bieten und damit der Zensur zu widerstehen.“147 ProRussia.TV ging
eine enge Partnerschaft mit dem französischen Ableger von Voice of Russia ein148,
man tauschte Material aus, einige Mitarbeiter arbeiteten zeitweise für beide Anbieter.

145 “C’est toujours à l’Est que se lève le monde”. In: Le Magazine National des Seniors, Nr.
16/2012, S. 4-6.
146 Jauvert, V.: “Poutine et le FN: révélations sur les réseaux russes des Le Pen”. In: L’OBS,
27. Nov. 2014 [http://tempsreel.nouvelobs.com/politique/20141024.OBS3131/poutine-
et-le-fn-revelations-sur-les-reseaux-russes-des-le-pen.html].
147 Jean-Yves Le Gallou zitiert in Adrien Sénécat: “Wikistrike, Quenel+, TV Libertés: dans
la nébuleuse des sites de ‘vraie information’”. In: L’Express, 3. Dez. 2014 [http://www.
lexpress.fr/actualite/politique/wikistrike-quenelle-liberte-tv-dans-la-nebuleuse-des-
sites-de-vraie-information_1628541.html].
148 Vgl. auch: Jourdan, St./Stroganova, A.: “Quand la Russie flirte avec le FN”. In: Slate, 16.
Juli 2013 [http://www.slate.fr/story/75047/russie-fn].
2.9 Die russischen Auslandsmedien und die europäische Rechte 91

Das Programm von ProRussia.TV war eindeutig pro-russisch, anti-amerika-


nisch und äußert kritisch, was die Politik der EU betrifft. Man lud rechtsextreme
und euroskeptische Politiker, die im EU-Parlament sitzen, wie auch Vertreter des
russischen Establishments zu Interviews ein, zum Beispiel Jevgenij Fjodorov, Vorsit-
zender des Kommitees für Wirtschaftspolitik und Unternehmertum der Staatsduma
und Chef der rechtsextremen „Nationalen Befreiungsbewegung“. Mochten auch
ProRussia.TV und der französische Ableger von Voice of Russia auf den ersten
Blick ähnliche Inhalte transportieren, war doch ersterer deutlich radikaler und
machte offen Werbung für rechte Politikern wie Marion Maréchal-Le Pen vom
„Front National“ oder dem Anführer der ungarischen rechtsextremen „Jobbik“,
Gábor Vona, den Voice of Russia nicht eingeladen hätte. Einige Wochen nachdem
er ProRussia.TV gegründet hatte, versuchte Arnaud ein weiteres Fernseh-Projekt
mit dem Namen Notre Antenne zu starten, in Zusammenarbeit mit Philippe
Milliau, dem Mitbegründer des „Identitäten-Netzwerks“ (Réseau identités), einer
Gemeinschaft, „die die Identität der weißen Völker und regionale, nationale und
europäische Identitäten verteidigt“149. Milliau, der auch regionaler Berater des FN auf
der Île-de-France gewesen war150, verliess den Front, um sich der rechtsnationalen
„National-Republikanischen Bewegung“ (Mouvement National Républicain) an-
zuschließen, und engagierte sich seit 2008 bei den „Identitären“. Am 22. September
2012 meldeten Arnaud und Milliau die Internet-Fernsehstation Notre Antenne TV
an, um, in den Worten Milliaus, „unsere Kinder vor verdummenden Lehrplänen
zu schützen, vor philosophischen Theorien wie der Gender-Theorie, die als wis-
senschaftliche Dogmen präsentiert werden; vor den Exzessen der Globalisierung
und der multikulturellen Gesellschaft“151. Obwohl sich am Projekt Notre Antenne
TV etliche bekannte französische Politiker der extremen Rechten beteiligten wie
Yvan Blot, Jean-Yves Le Gallou, Michel Marmin, Roger Holeindre, Pierre Descaves
und Paul-Marie Coûteaux152 war ihm keine lange Lebensdauer beschieden. Einige
Teilhaber und Mitarbeiter wären nicht glücklich damit gewesen, von russischem
Geld und der politischen Agenda des Kreml abhängig zu sein, was jedoch nicht

149 Vgl.: https://web.archive.org/web/20160202053814/http://www.reseau-identites.org/.


150 Rebérioux, M.: L’Extrême droite en questions: actes du colloque. Paris 1991, S. 49.
151 “Philippe Milliau: Il nous faut une télévision internet alternative ouverte à tous les
patriotes”. Federation Front National de Charente-Maritime, 22. Okt. 2012 [http://
ripostelaique.com/philippe-milliau-il-nous-faut-une-television-internet-alternati-
ve-ouverte-a-tous-les-patriotes.html].
152 Faye, O./Mestre, A./Monnot, C.: “La télé identitaire, la drôle d’agence de presse et le ‘soft
power’ russe”. In: Droite(s) extrême(s), Le Monde, 29 Jan. 2013 [http://droites-extremes.
blog.lemonde.fr/2013/01/29/la-tele-identitaire-la-drole-dagence-de-presse-et-le-soft-
power-russe/].
91
92 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

bedeutete, dass sie nun anti-russische Positionen vertreten oder die Außenpolitik
des Kreml kritisch gesehen hätten153. Die Entscheidung, sich von russischer Finan-
zierung zu distanzieren, hatte eher interne symbolische Bedeutung. Man wollte
zwar weiterhin eine pro-russische Programmpolitik verfolgen, aber das Projekt
an sich als französisch darstellen. Das Ergebnis war das Internet-Fernsehen TV
Libertés, das Anfang 2014 auf Sendung ging. Zu den Gründungsfiguren gehörten
neben Milliau, Blot und Le Gallou außerdem Robert Ménard, Mitbegründer der
NGO „Reporters Sans Frontières“ und Bürgermeister von Béziers, Martial Bild,
ehemaliges FN- und aktuelles PDF-Mitglied, und Philippe Conrad, Historiker
und Mitglied des rechten, vor allem von Alain de Benoist geprägten französischen
Think Tank „GRECE“ (Groupement de recherche et d‘études pour la civilisation
européenne – Forschungs- und Studiengruppe zur Europäischen Zivilisation).
Wie sehr sich der neue Sender der pro-russischen Programmlinie verpflichtet
fühlte, zeigte der Umstand, dass TV Libertés der einzige Sender war, der Anfang
September 2014 das Treffen mit dem Vorsitzenden der russischen Staatsduma,
Sergej Naryškin, in der russischen Botschaft in Paris übertragen durfte154. Orga-
nisiert wurde das Treffen vom Französisch-Russischen Dialogforum unter Thierry
Mariani, Mitglied des konservativen „Union pour un mouvement populaire“ und
dem damaligen Vorstandsvorsitzenden der Russischen Eisenbahnen, Vladimir Ja-
kunin155. Auch durfte der Sender, als die separatistischen Volksrepubliken Donec’k
und Lugansk Anfang November 2014 Wahlen abhielten, eine französische Wahl-
beobachter-Mission entsenden, unter Jean-Luc Schaffhauser vom „Rassemblement
bleu Marine“, einer Organisation, die die FN-Vorsitzende Marine Le Pen gegründet
hatte. Ende 2013 hatte Putin die Gründung einer internationalen Nachrichten-
agentur mit dem Namen Rossija Sevodnja („Russland Heute“) angeordnet, die
jedoch nichts mit Russia Today (RT) zu tun hat. Der Zweck von Rossija Sevodnja
sollte es sein, Informationen über die staatliche russische Politik und das Leben
in Russland an Interessierte im Ausland zu liefern. Mit dieser Anordnung Putins
wurde Voice of Russia aufgelöst, wenn auch dessen Webseite weiterhin online war,

153 “Une autre information: naissance de TV Libertés”. In: Observatoire des Journalistes
et de l’Information Médiatique, 17 Febr. 2014 [http://www.ojim.fr/une-autre-informa-
tion-naissance-de-tv-libertes/].
154 Der Europäische Rat hatte zwar am 17. März 2014 ein Reiseverbot und Kontosperrung
gegen Naryškin verhängt, weil er einer jener russischer Politiker sei, die für Aktionen
verantwortlich sind, die die territoriale Integrität, Souveränität und Unabhängigkeit
der Ukraine unterminieren. Gleichwohl konnte er nach Paris reisen auf Einladung der
parlamentarischen Versammlung des Europäischen Rates.
155 Clemenceau, F.: “Ce lobby qui défend Poutine”. In: Le Journal du Dimanche, 7. Sept.
2014 [http://www.lejdd.fr/International/Europe/Ce-lobby-qui-defend-Poutine-685316].
2.9 Die russischen Auslandsmedien und die europäische Rechte 93

bis sie im russischen online-Nachrichtendienst Sputnik aufging. Damit endete


auch die russische Finanzierung für ProRussia.TV. Dessen letzte Sendung wurde
im Frühling 2014 ausgestrahlt, und die Webseite ging im Herbst 2014 vom Netz;
der Facebook-Auftritt wurde im April 2015 gelöscht.
Voice of Russia hatte in Italien mit der „Lega Nord“ kooperiert, wobei die Koope-
ration wesentlich kleiner ausfiel als im französischen Vergleichsfall. Max Ferrari,
selbst Lega-Nord-Mitglied und Redakteur der italienischen Voice-of-­Russia-Version,
stiess im Februar 2014 die Gründung eines Lombardisch-Russischen Kulturver-
bandes (Associazione Culturale Lombardia Russia, ACLR) an, der direkt mit der
„Lega Nord“ verbunden war. Präsident der ACLR war Gianluca Savoini, Sprecher
des „Lega-Nord“-Vorsitzenden Matteo Salvini, Ehrenpräsident Aleksej Komov,
Repräsentant des in Russland beheimateten internationalen Verbandes „Welt-
kongress der Familien“, der sich gegen die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen
Partnern und für die klassische Ehe zwischen Mann und Frau einsetzt. Komov hatte
enge Verbindungen zum national-konservativen, russisch-orthodoxen Oligarchen
Konstantin Malofejev, der die pro-russischen Separatisten in der Ost­u kraine finan-
ziell unterstützt haben soll und den die EU dafür auf die Sanktionsliste setzte156.
Der Lombardisch-Russische Kulturverband erklärte offen, im Einklang mit den
Ansichten des Präsidenten der Russländischen Föderation zu stehen, die dieser
auf dem Treffen des Valdai-Club 2013 geäußert hatte und die sich in den drei Be-
griffen Identität, Souveränität, Tradition zusammenfassen lassen157. Auch Ferrari
bekannte sich dazu, die Desinformation über Russland in den Mainstream-Medien
durch ‚Re-Information‘ korrigieren zu wollen. Dabei würde der Verband von der
Kooperation mit wichtigen russischen Medien profitieren, besonders mit Voice
of Russia, das der italienische Verband als offiziellen Partner aufführt, während
die italienische Seite der Voice of Russia (La Voce della Russia) auf ihrer Titelseite
mit der der ACLR verlinkte. Deren Webseite hat mehrere Artikel veröffentlicht,
die Putin als großen russischen Staatschef rühmen, und die Europa vor die Wahl
stellen zwischen ‚Eurabia‘158, der Unterwerfung Europas unter den Islam, und dem
von Putin betriebenen Projekt ‚Eurasien‘ von der Bretagne bis Vladivostok, das zu

156 Vgl.: Weaver, C.: “Malofeev: The Russian Billionaire Linking Moscow to the Rebels”.
In: Financial Times, 24. Juli 2014 [http://www.ft.com/cms/s/0/84481538-1103-11e4-
94f3-00144feabdc0.html].
157 Vgl.: “L’Associazione Lombardia Russia”. Associazione Culturale Lombardia Russia, 5
Febr. 2014 [http://www.lombardiarussia.org/index.php/associazione/lo-scopo].
158 Vgl.: Bat Ye’or (i. e. Gisèle Littman): Eurabia. The Euro-Arab Axis. Madison NJ 2007
[dt. Ausg.: Europa und das kommende Kalifat: Der Islam und die Radikalisierung der
Demokratie. Berlin 2013; Faye, G.: La Colonisation de l’Europe. Paris 2000; Raddatz,
H.-P.: Die türkische Gefahr? Riskiken und Chancen. München 2004; Fallaci, O.: Eu-
93
94 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

einer aussichtsreichen Konkurrenz zu den Vereinigten Staaten und China werden


könnte159. Daher hat die Webseite auch mehrere Interviews mit einem Partner
Malofejevs, dem Neo-Eurasien-Vordenker Aleksandr Dugin publiziert, der den
Lega-Nord-Chef Matteo Salvini als den einzigen Politiker beschrieb, der die wahren
Interessen der Italiener vertreten würde160.
Als der ACLR begann, seine Kontakte in Norditalien auszuweiten, wurde Dugin
zum Ehrenpräsidenten des Piemontesisch-Russischen Kulturverbandes (Associazi-
one Culturale Piemonte-Russia). Nach der ukrainischen Revolution auf dem Kiever
Maidan rief die ACLR-Webseite dazu auf, die Teilung der Ukraine in ukrainische und
russische Gebiete anzuerkennen, genauso wie das von der EU und den Vereinigten
Staaten für illegal erklärte Referendum auf der von Russland schließlich annektierten
Halbinsel Krim, was der Verband ebenfalls rechtfertigte. Der Chef des Büros für
Außenbeziehungen der Lega Nord, Claudio D’Amico, war einer der internationalen
Referendumsbeobachter. Als westliche Regierungen schließlich Sanktionen gegen
Russland beschlossen, brachte der ACLR mehrere Artikel, die die Sanktionen
verurteilten und ihr Ende forderten. Im Oktober 2014 machte eine Delegation der
Lega Nord und der ACLR auf ihrem Weg nach Moskau einen Abstecher auf die
von Russland annektierte Krim, wobei ein Abkommen über den wechselseitigen
Austausch von Informationen mit dem Ministerium für Innenpolitik, Informa-
tion und Kommunikation der Krim und der Kryminform-Nachrichtenagentur
geschlossen wurde. Was die Beziehungen zu rechten Medien in Ostmitteleuropa
angeht, existierten solche zum Beispiel zwischen dem slowakischen Magazin Zem
& Vek und verschiedenen russischen Akteuren. Das Magazin zählt zu den auch
im deutschen Sprachraum in jüngster Zeit entstandenen Zeitschriften, die ihre At-
traktivität aus konspirations-theoretischen Spekulationen beziehen. Hauptthemen
sind Politik, die Debatte über gesellschaftliche Alternativen und die Rückkehr zur
Natur161. Das slowakische Magazin gibt sich offen anti-westlich und pro-russisch,
versucht die Macht der Juden und der Amerikaner zu entlarven wie auch die der
„internationalen LGBT-Lobbyisten“. Slowakischen Mainstream-Medien wirft das

rabien, Kolonie des Islam. In: Cicero, 23. Nov. 2004; Phillips, M.: Londonistan: How
Britain Created a Terror State within. London 2012.
159 Ferrari, M.: “Eurasia o Eurabia: UE al bivio”. In: Associazione Culturale Lombardia
Russia, 4. Juni 2014 [http://lombardiarussia.org/index.php/component/content/ar-
ticle/57-categoria-home-/300-eurasia-o-eurabiaue-al-bivio].
160 Rapisarda, A.: “L’ideologo di Putin lancia la Lega: ‘Ultima speranza per l’Italia’”. In: Il
Tempo, 23. Juni 2015 [http://www.iltempo.it/politica/2015/06/23/l-ideologo-di-putin-
lancia-la-lega-ultima-speranza-per-l-italia-1.1429396].
161 Ritomský, M.: “Zem a Vek nebezpečných konšpirácií”. In: Priestori, 25. Sept. 2014
[http://www.priestori.sk/zem-a-vek-nebezpecnych-konspiracii-priestori/].
2.9 Die russischen Auslandsmedien und die europäische Rechte 95

Magazin vor, „Lautsprecher des Zionismus, Amerikanismus, der Globalisierung,


der Verteufelung nationaler Werte, des Vorrangs von Minderheitenrechten und
des Multikulturalismus“162 zu sein. Im Mai 2014 trafen sich zwei Redakteure des
Magazins, Tibor Eliot Rostás und Dušan Budzák, den damaligen russischen Bot-
schafter in der Slowakei, Pavel Kuznecov. Im Interview, das später in Zem & Vek
erschien163, warf der Botschafter den Vereinigten Staaten vor, die Praxis, (‘Farb’-)
Revolutionen im Ausland zu provozieren, NGOs zu finanzieren und ihre Vorstellung
von Demokratie international zu propagieren. Für die Sowjetunion, die dafür von
den USA scharf kritisiert worden war, endeten die Versuche, ihr kommunistisches
Gesellschaftsmodell zu exportieren, mit ihrem Untergang164.
Ein Mitschnitt des Interviews, der im Juni 2015 auftauchte, offenbarte nicht
nur die wahre Meinung des Botschafters zur russischen Außenpolitik – sie sollte
wieder offensiver in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten eingreifen –,
sondern auch wie die beiden Redakteure die Gelegenheit ergriffen und sich der Hilfe
des Botschafters zu versichern versuchten, um engere Beziehungen zu russischen
Institutionen anzubahnen. Russland könnte nach Meinung Kuznecovs durchaus
politische Kräfte in der Slowakei protegieren, im Rahmen der ‚russisch-slowakischen
Brüderlichkeit‘, die sich außerhalb des politischen Establishments befinden, aber eine
pro-russische Position vertreten. Der russische Botschafter erklärte offen, dass in
den kommenden Jahren die russische Unterstützung für politische Kräfte, die sich
loyal zu Russland stellen, und auch für Medien, die russlandfreundlich berichten,
zunehmen werde. Als im September 2014 Kuznecov von Aleksej Fedotov abgelöst
wurde, und die Zem & Vek-Redakteure auch mit ihm sofort Kontakt aufnahmen,
vermittelte Fedotov Rostás und Budzák an Armen Oganesyan, den Herausgeber
der Zeitschrift Meždunarodnaja žizn‘ (Международная Жизнь, Internationales
Leben), die offiziell mit dem Russischen Außenministerium verbunden ist. Der
russische Außenminister Sergej Lavrov war Vorstandsvorsitzender der Zeitschrift,
und Oganesyan beriet ihn. Rostás und Budzák wurden nach Moskau eingeladen,
um dort im Juni 2015 auf Initiative der russischen Botschaft in der Slowakei die
Gründung einer Medien-Holding zu besprechen, wobei Nicht-Regierungs- und
Regierungsorganisationen und Industrievertreter an der Besprechung teilnahmen165.

162 Smataník, A.: “Slovenskí vojnoví Štváči”. In: Zem & Vek, Juli 2014, S. 37-39 (37).
163 Vgl.: Rostás, T.E.: “Slovanská vzájomnosť je aj ruským záujmom”. In: Zem & Vek, Juni
2014, S. 46-53.
164 Ibid., S. 47f.
165 Sergej Filatov: “Мы находимся в эпохе информационной войны”, говорят гости
из Словакии. In: Международная жизнь, 6. Juni 2015 [https://interaffairs.ru/news/
show/13270].
95
96 2 Meinungsfreiheit zwischen Hate Speech und Fake News

Die Holding sollte die Zeitschrift Zem & Vek, Fernseh- und Radiostationen,
eine Tageszeitung und Online-Medien umfassen, und, wie Budzák betonte, gegen
den Mainstream arbeiten, der vor allem von der amerikanischen Seite finanziert
werde und gemäß den Interessen der NATO arbeiten würde. Diese Gegenwehr
sei nötig, meinte Vasilij Lichačev, Abgeordneter der Kommunistischen Partei der
Russischen Föderation, vor allem vor dem Hintergrund der Desinformation, die
in West­europa auf Wunsch Brüssels produziert werde. Hier gehe es um den Kampf
um die öffentliche Meinung und um die geistige Verfassung in Europa166. Die Teil-
nehmer des Moskauer Treffens diskutierten auch die Frage, inwieweit es möglich
wäre, eine Russland-freundliche Zone in Ostmittel- und Osteuropa zu konstruieren.
Die Botschaften, die rechte bis rechtsextreme Medien in Westeuropa vermitteln,
decken sich weitgehend mit jenen der russischen internationalen Medien, von
Russia Today, Voice of Russia oder Sputnik. Die westliche Politik der linksliberal
dominierten Mitte sei auf dem besten Wege, die Zukunft Europas zu verspielen.
Eine konservative, neonationale Wende wie sie Russland und verschiedene Staaten
Mittelost- und Südosteuropas eingeleitet haben, sei das richtige und notwendige
Gegenkonzept, das die von Russland finanzierten Auslandsmedien und die mit
Russland kooperierenden Medien in Ost- und Westeuropa propagieren. Die Ko-
operationsprojekte mit rechtskonservativen Medien waren nicht immer erfolgreich,
auch erwiesen sie sich als unnötig, weil sich die russlandfreundliche Politik zum
Beispiel des slowakischen Premiers Robert Fico als die effizientere Variante erwies.

166 Журналисты из Словакии Душан Будзак и Тибор Ростас – гости журнала


“Международная жизнь”. In: Международная жизнь, 16. Juni 2015 [https://in-
teraffairs.ru/news/show/13319].
Die nationalkonservative Wende
in Mittelosteuropa und die Medien 3
3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien
3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Die politische Renationalisierung bzw. Radikalisierung in Westeuropa und be-


sonders auch in Ostmitteleuropa, deren Auswirkung auf die Medien und der
Einfluss russischer Stellen und Auslandsmedien auf die politische Atmosphäre
wird in Brüssel mit zunehmender Besorgnis verfolgt. Die polnische Regierung
der nationalkonservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) folgte mit ihrem
Mediengesetz, das der Regierung die Entscheidungsgewalt über Führungsposten in
den öffentlich-rechtlichen Medien verlieh, dem, was Ungarns Regierungschef Viktor
Orbán bereits vorgemacht hatte. Auch in Italien war es schlecht um die Medien-
vielfalt bestellt, als Medienmogul Silvio Berlusconi in Rom regierte. In allen drei
Fällen war die EU weitgehend zum Zuschauen verdammt. Der SPD-Europapolitiker
Jakob von Weizsäcker forderte daher die Einrichtung eines öffentlich-rechtlichen
„Europafunks“ nach dem Vorbild der britischen BBC oder der deutschen ARD167,
was angesichts hunderter Zeitungen und Online-Nachrichtenseiten in den 28 Staaten
der EU auf den ersten Blick unnötig erschien. Da eine pluralistische Medienland-
schaft ein europäisches öffentliches Gut geworden sei, sei es keine rein nationale
Angelegenheit mehr, wenn dieser Pluralismus in Italien, Ungarn oder Polen in
Gefahr gerate, meinte von Weizsäcker. Es brauche eine europäische Medienöffent-
lichkeit, schon weil alle nationalen Regierungen im Europarat mitentscheiden und
normalerweise jeder nationale Diskurs jeweils anders abläuft als in einem anderen

167 Jakob von Weizsäcker, Jahrgang 1970, sitzt für die SPD im Europäischen Parlament. Er
ist Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Währung und Stellvertreter im Ausschuss
für Binnenmarkt und Verbraucherschutz. Der ehemalige Bundespräsident Richard von
Weizsäcker war sein Großonkel. [Debatte um TV-Sender für EU: „Wir brauchen eine
europäische Medienöffentlichkeit“. Ein Interview von Markus Becker, Brüssel. Polens
neue Regierung versucht, die Medien des Landes auf Linie zu bringen – und die EU
kann nicht viel mehr als zusehen. Europapolitiker Jakob von Weizsäcker fordert die
Einrichtung eines „Europafunks“ nach dem Vorbild der ARD und der BBC. In: Spiegel
online, 13. Jan. 2016].
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 97
M. Stegherr, Der neue Kalte Krieg der Medien,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-20435-8_3
98 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

EU-Staat, was Friktionen schafft. Der Abgleich, die Harmonisierung könnte über
eine echte europäische Medienöffentlichkeit stattfinden. Mögen die Bürger Un-
garns oder Polens auch für nationalistische Ideologie anfällig sein, sie hätten sicher
Interesse an seriöser Information und anderen Sichtweisen. Sollte dieses Interesse
nicht befriedigt werden, könne das zu einer Gefahr für eine Gesellschaft werden.
In Italien war es auch deshalb schwer Berlusconi abzuwählen, weil er wichtige
Medien in seiner Hand hatte.
In Polen und Ungarn hatten Parteien aus dem rechtsnationalen bzw. national-
liberalen Lager satte Mehrheiten in den Wahlen erreicht und damit ausgestattet
begonnen, die Medienlandschaft in ihrem Sinne zu reformieren. Neben der PiS
in Polen und dem Fidesz in Ungarn hatten aber auch Parteien rechts von diesen
Parteien Erfolg, an der Wahlurne und nicht zuletzt in den Medien. Aus den Reihen
der rechtsextremen polnischen Partei „Nationale Bewegung“ (RN) schaffte es rund
ein Dutzend Politiker in den Parlamentswahlen im Oktober 2015 über Listen der
gemäßigt rechtspopulistischen Gruppierung „Kukiz’15“ des Rocksängers Pawel
Kukiz, die 8 Prozent erhielt, in den Sejm. Mit dem 33-jährigen Krzysztof Bosak
oder dem 30-jährigen RN-Chef Robert Winnicki hatte die RN junges, rhetorisch
gut geschultes Führungspersonal, das seit dem Parlamentseinzug immer häufiger in
Fernsehen und Hörfunk zu Gast war und sich mit umstrittenen Thesen salonfähig
machen konnte. Winnicki sagte im November 2015 in der bekanntesten TV-Po-
lit-Talkshow Polens, bei „Tomasz Lis live“: „Europa wird im Blut von ethnischen
Bruderkriegen schwimmen, weil die europäische Linke ihre Gesellschaften einer
Gehirnwäsche unterzogen hat und mit ihrer Multi-Kulti-Politik nationale Iden-
titäten schwächt.“ Die RN agitiert gegen die deutsche und EU-Flüchtlingspolitik,
erklärt die antisemitische ungarische Partei Jobbik zum Vorbild, zu der auch enge
Kontakte bestehen, und fordert eine radikale Änderung des politischen Systems
Polens, weil es mit seinen Eliten eine Fortsetzung des Kommunismus sei, wie er vor
1989 bestanden hat. Sie setzt sich nach eigener Aussage für echte Souveränität und
polnisches Nationalinteresse ein, wobei die EU-Mitgliedschaft nicht zwingend sei.
Das wirtschaftsstarke, bei Studenten und Touristen beliebte Breslau ist zum Ort von
rechten Aufmärschen geworden, neben der RN trat die Gruppierung „Nationales
Wiedererwachen Polens“ (NOP) in Erscheinung, die in Breslau von Skinheads do-
miniert wird und neonazistisch geprägt ist. Am 11. November 2015, dem polnischen
Unabhängigkeitstag, brachte die NOP in Breslau rund 10 000 Demonstranten auf
die Straße. Wie die RN wendet sich die NOP gegen die EU und gegen Migranten
und setzt sich für ein „großes katholisches Polen“ ein, das die Gleichstellung der
Homosexualität ablehnt und auch zu allem Deutschen auf deutliche Distanz geht,
das den NOP-Aktivisten als Polen-feindlich gilt. Diese Haltung machte den Stadt-
präsidenten Breslaus, Rafal Dutkiewicz, zur Zielscheibe, weil er, so ein Eintrag auf
3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien 99

der NOP-Homepage. Er würde die Quittung bekommen für die „Germanisierung


der Stadt, für den Versuch, Wrocław als ‚Breslau‘ zu bewerben, für die Umleitung der
Gewinne aus Bauvorhaben an deutsche Firmen und den Verkauf von Grundbesitz
an die jüdische Gemeinde mit einem Rekordrabatt von 99 Prozent!“ Antisemitisch
gebärdet sich die NOP genauso wie die Gruppierung National-Radikales Lager
(ONR). Als problematisch gilt unter Fachleuten, dass es keine klare Trennlinie
zwischen den Parteien, Gruppierungen und Splittergruppen der radikalen, extremen
Rechten und der konservativen, bürgerlichen Rechten gibt, was erkläre, warum
die radikale Rechte in der polnischen Bevölkerung auf relative breite Akzeptanz
stößt. Die extreme Rechte ist zwar erbaut, dass die PiS-Regierung nationalistischen
Tendenzen entgegenkommt, muss aber, will sie politisch erfolgreich sein, darauf
hoffen, dass sie den forscheren Teil ihrer Wähler enttäuscht. Der Widerstand der
linken Opposition hält sich in Grenzen, schon weil keine einzige linke Partei im
neuen Sejm vertreten war. Die Postkommunisten waren zerstritten, und die neue
Linke „Razem“ („Zusammen“) musste noch beweisen, dass sie sich als neue Kraft
gegen die nationalkonservative Wende positionieren kann. Die extreme Rechte
weist die Unterstellung neototalitärer Tendenzen von sich, gibt sich demokratisch.
Ein Sturm des Parlaments sei nicht geplant, meinte ein RN-Vertreter, denn seine
Partei könne heute von der Sejm-Rednerbühne sprechen.
Facebook entschloss sich gleichwohl im November 2016, Profile der RN, der
ONR und der Jugendorganisation „Allpolnische Jugend“ innerhalb weniger Tage
zu löschen und die Profile einzelner Personen, auch Abgeordneter des nationalkon-
servativen Spektrums zu blockieren, was unter den Betroffenen scharfe Proteste
auslöste168. Sie sprachen von Zensur. Der polnische Vizejustizminister Patryk
Jaki sagte, Polen sei die Wiege der Demokratie und der Freiheit, und man werde
Zensur nicht zulassen. Was auf Facebook passiere, schreie zum Himmel. Man
werde rechtliche Mittel prüfen, was auch die Ministerin für Digitalisierung, Anna
Strezynska, unterstützte. Facebook erklärte, die Löschung sei völlig normal, etwas
was Facebook überall in der Welt, nicht nur in Polen machen würde, wenn Nutzer
gegen die „Community Standards“ verstießen. In Deutschland war das soziale
Medium in die Kritik geraten, weil es angeblich zu wenig gegen Hasskommentare
unternehmen würde. Andere kritisierten, die Maßnahmen gegen Hasskommentare
beträfen fast durchweg nationalkonservative Nutzer, Islamkritiker, aber selten etwa
muslimische Hasspostings. Die polnischen Nationalkonservativen, die von den
Löschungen betroffen waren, kündigten eine Demonstration vor der polnischen

168 Vgl.: „Rechte Polen gegen Facebook“. Das soziale Netzwerk löschte die Profile nationa-
listischer Organisationen. Diese sprechen von Zensur. Zwei Ministerien unterstützen
die Rechtsradikalen – mit Erfolg. In: Die Welt Kompakt, 4. Nov. 2016, S. 6.
99
100 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Facebook-Zentrale an, worauf der Konzern die Seite des „Unabhängigkeitsmarsches“


wiederherstellte. Man sei sich bewusst, wie wichtig die Seite für diejenigen sei, „die
gemeinsam den Nationalen Unabhängigkeitsmarsch Polens feiern wollen“169, hieß es
aus der polnischen Facebook-Zentrale. Die Folge der von nationalkonservativer Seite
als einseitig kritisierten Maßnahmen von Facebook ist, dass sich etwa im russischen
Facebook-Pendant „v kontakte“ zunehmend jene Gruppierungen versammeln, die
in Westeuropa als rechtspopulistisch bis rechtsextrem gelten.
Die Maßnahmen, über die sich polnische Nationalisten empörten, ergriff
Twitter gegenüber Vertretern der US-amerikanischen Alt-Right-Bewegung, die
als rassistisch und nationalistisch verrufen ist und deren Vertreter zum Wahlsieg
Trumps beigetragen hatten. In der Woche nach den Präsidentschaftswahlen Ende
2016 löschte der Kurznachrichtendienst zahlreiche Accounts, die Nutzer aus der
Alt-right-Bewegung verwendet hatten. Damit war unter anderen Richard Spencer
aus Twitter verbannt, Chef des rechtslastigen Thinktanks „National Policy Insti-
tute“, der sich nach eigener Auskunft um „Identität und Zukunft von Menschen
europäischer Herkunft in den USA“ kümmern wolle. Ebenfalls gestrichen wurde
der Account von Paul Town, ein bekannter rechter Blogger, der unter dem Pseudo-
nym Ricky Vaughn agierte. Mag das Unternehmen Twitter, das seit Jahren massive
Probleme mit Hetze und Mobbing auf seiner Plattform hat, auch privatrechtlich
die Möglichkeit haben, Nutzer jederzeit zu löschen, wird doch eingewandt, dass es
in seiner gesellschaftliche Rolle ähnlich wie Facebook Öffentlichkeit herstellt. Jack
Dorsey, Twitter-CEO, wurde immer wieder dafür kritisiert, dass Twitter Meinun-
gen unterdrücken würde, die zwar legal seien, aber Twitter nicht passen würden.
Bekanntestes Beispiel dafür ist der schrille Aktivist der jungen Rechten in den
Vereinigten Staaten, Milo Yiannopoulos, der lange vor den Alt-Right-Aktivisten
seinen Twitter-Account verlor. Twitter war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.
Wie in Polen nutzte die rechte Szene in den USA die Sperrungen auch dazu, die
Zensur zu verurteilen, die sich allein gegen rechte Meinungsführer richten würde.
„In Anbetracht der gelöschten Accounts wirkt diese Strategie zumindest auf die
eigenen Anhänger glaubwürdig“, meinte die Süddeutsche Zeitung170.
Der Wahlsieg des als Populisten kritisierten republikanischen Kandidaten
Trump in den Vereinigten Staaten erschien vielen als Fortsetzung einer fatalen
nationalistischen, rechtspopulistischen Entwicklung, die mit den Regierungsan-
tritten Orbáns in Ungarn, der PiS in Polen und dem Brexit begonnen hatte und
sich mit den drohenden Erfolgen Le Pens und Wilders, die dann doch abgewendet

169 „Rechte Polen gegen Facebook“. In: Die Welt Kompakt, 4. Nov. 2016, S. 6.
170 Boie, J.: „Es hat sich ausgezwitschert“. Twitter löscht Accounts zahlreicher rechter
Aktivisten. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 266, 17. Nov. 2016, S. 13.
3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien 101

wurden, potenzieren konnte. Mancher sprach bereits von vorfaschistischen oder


offen faschistischen Strukturen171. Wahlkampfmunition lieferte den Rechtspopu-
listen die Flüchtlingskrise, die Willkommenskultur der deutschen Bundesregie-
rung, die angeblich undemokratischen Strukturen der Europäischen Union, die
Sanktionspolitik der EU und der USA gegenüber Russland, aber auch die in Polen
und Ungarn vieldiskutierte These, die EU verfolge eine antitraditionelle, regions-
feindliche, ‚dekadente‘ Gesellschaftspolitik. In Frankreich hatte sich die „Manif
pour tous“ gegründet, die gegen die von Teilen der EU-Administration geförderte
Gleichstellungspolitik der Ehe mit homosexuellen Partnerschaften demonstrierte.
Die polnische und ungarische Regierung lehnte diese Politik entschieden ab mit
dem Hinweis, sie untergrabe die traditionelle Ehe, auf der der Bestand der Nation
beruhe. Die katholischen Bischöfe Polens, die die Regierungspolitik in dieser
Hinsicht mehrheitlich unterstützen, erhoben zusammen mit dem polnischen
Regierungspräsidenten Andrzei Duda in einem medienwirksamen Akt Jesus
Christus zum König Polens, zum König über die Nation, ihre Menschen und ihre
politischen Führer172. Vorstellen könne man sich das nicht so richtig, meinte der

171 Katja Kullmann stellte in „der Freitag“ die Frage, wenn sich Bausteine des Faschismus
aktuell zu häufen scheinen, wann sei der richtige Zeitpunkt, um darauf hinzuweisen?
Die Faschismen eines Hitler, Stalin, Mussolini, Franco, Salazar seinen lange her und
zu hoch gegriffen; Le Pen, Wilders, Hofer müßten erst einmal zeigen, „ob sie’s, populis-
tisch gesehen, genauso gut hinkriegen wie die Brexit-Geiferer! Erdoğan, Putin, Orbán,
und die PiS in Polen: Sind allerdings schon einen Schritt weiter – mit Berufsverboten
und Verhaftungen, mit der systematischen Diskreditierung und Ausschaltung „linker
Intelligenz“, weil diese ihren Autokratien und antidemokratischen Geschäften gefähr-
lich werden könnte.“ Es würde aktuell, so Kullmann, die Intellektuellenfeindlichkeit
geschürt, Intellektuelle würden unschädlich gemacht. Kullmann sieht eine minimale
Verwandtschaft zwischen dem, was das NS-Regime als ‚Asphaltliteratur‘ definierte und
den „Vorwürfen, die den „Vertreter(n) eines linksliberalen, feministischen, sozialstaatsfi-
xierten Multikulti-Wischiwaschi-Mainstreams“ (Wolfram Weimer, Ex-Welt, Ex-Cicero,
Ex-Focus, heute: The European) gemacht werden: zu viel „Geistreichelndes“ wird da
gedacht und verbreitet, statt „auf dem Boden der Tatsachen“ zu stehen.“ [Kullmann,
K., „der Freitag“, Nr. 46/16, „Furcht vor klugen Köpfen“. An Trumps Wahlerfolg seien
vor allem linksliberale Intellektuelle schuld, ist nun vielfach zu lesen. Eine Widerrede].
172 David Berger schrieb in seinem Blog: „In einer vermutlich für das heutige Europa
einzigartigen Zeremonie haben die katholischen Bischöfe Polens zusammen mit dem
Regierungspräsidenten des Landes Andrzei Duda ihr Land sozusagen zur Monarchie
erklärt. […] Jesus Christus soll von nun an als König Polens über die Nation, ihre
Menschen und ihre politischen Führer herrschen…In einer beeindruckenden Feier,
die am 20. November am Schrein der göttlichen Barmherzigkeit in Krakau stattfand,
erinnerten die polnischen Bischöfe auch an den 1050. Jahrestag der Christianisierung
ihres Landes. „Unsterblicher König aller Zeiten, Jesus Christus. Wir Polen stehen mit
demütigen Häuptern vor dir und anerkennen deine Herrschaft, wir unterwerfen uns
101
102 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

deutsche Publizist David Berger, „aber das liegt vielleicht auch daran, dass bei
uns die deutschen Medien über Entwicklungen und Ereignisse in Polen, Ungarn,
Tschechien usw. schweigen, wenn dadurch ihr Weltbild ins Wanken kommt“173.
Ungarische und polnische Politiker und Journalisten aus dem rechtskonservati-
ven Spektrum beklagen sich oft, die EU-Öffentlichkeit bringe wenig bis gar keine
Bereitschaft auf, die Verhältnisse in ihren Ländern zu verstehen, und reagiere
weithin nur mit scharfer, unsachlicher Kritik und Dämonisierung. Im Grunde hätte
sich seit der Sanktionspolitik der EU gegenüber Österreich des Jahres 2000 wenig
geändert. Damals hatten die EU-Mitgliedsländer auf die Regierungsbeteiligung
der rechtspopulistischen FPÖ mit dem Einfrieren der bilateralen Beziehungen zu
Österreich reagiert. Ein sogenannter „Bericht der Weisen“ kam jedoch später zu
dem Ergebnis, dass keine konkreten Hinweise auf Regelverstöße vorlagen, und die

deinen Gesetzen und vertrauen dir unsere Heimat und die ganze Nation an, einschließ-
lich der Polen, die in anderen Ländern leben“, heißt es in dem Text der feierlichen
Ernennungszeremonie.“ Das Datum des Christkönigs-Festes war bewusst gewählt.
Viele Teilnehmer der Zeremonie in Krakau wiesen auf ihren Fahnen und Plakaten
daher auch auf kirchlich-politische Themen hin, etwa die Gesetzgebung zur Abtrei-
bung. „Ob sich in Polen, dessen konservative Regierungen traditionellerweise eng mit
der katholischen Kirche zusammen arbeiten, nun eine Revision dieses grundlegenden
Wandels andeutet – hin zu im Abendland längst vergangen geglaubten Gesellschafts-
modellen? Angesichts der Ratlosigkeit, mit der Europa der immer schneller erfolgenden
Islamisierung Europas gegenüber steht, halte ich das nicht mehr für ausgeschlossen.“
[Berger, D.: Wird der Katholizismus in Polen bald Staatsreligion? 28. Nov. 2016, https://
philosophia-perennis.com/2016/11/28/polen-christus-koenig/].
173 Berger, D.: Wird der Katholizismus in Polen bald Staatsreligion? 28. Nov. 2016 [https://
philosophia-perennis.com/2016/11/28/polen-christus-koenig/]. In das nationalkon-
servative Reformkonzept der PiS-Regierung passte auch auch die vom Europarat
kritisierte Änderung des Versammlungsgesetzes durch die PiS-Regierung, die jenen
Veranstaltungen Vorrang einräumte, die öffentliche Stellen oder die katholische Kir-
che organisieren. Polens Ombudsmann und Menschenrechtsaktivisten erklärten, der
Gesetzentwurf würde es den Behörden erlauben, Demonstrationen zu verbieten, sollte
der Staat oder die Kirche eigene Veranstaltungen zur gleichen Zeit und am gleichen Ort
ansetzen. Vorzug würden nach der Vorlage sogenannte „zyklische Versammlungen“
genießen, die bedeutende Ereignisse in Polens Geschichte feiern. Eine davon ist das
allmonatliche Gedenken an den Flugzeugabsturz, bei dem der frühere Präsident Lech
Kaczynski, Zwillingsbruder von PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski ums Leben kam. Der
polnische oberste Gerichtshof ließ kein gutes Haar an der Gesetzesvorlage, so die Zeitung
Gazeta Wyborcza. Sie stelle eine klare Verletzung der Verfassungsartikel 2 und 57 und
von Verträgen dar, die Polen unterzeichnet hat. Dagegen erklärte Regierungssprecher
Rafael Bochenek, die neue Regelung sei demokratisch und würde Bürgerversammlungen
unterstützen.
3.1 Die polnische PiS-Regierung und die Medienpolitik 103

Maßnahmen wurden aufgehoben. Seitdem war die EU mit ihren Reaktionen auf
politische Entwicklungen in Mitgliedsländern sehr vorsichtig.

3.1 Die polnische PiS-Regierung und die Medienpolitik


3.1 Die polnische PiS-Regierung und die Medienpolitik
Dennoch sei es ein gutes Zeichen, dass die EU-Kommission so schnell auf das neue
Mediengesetz in Polen reagiert habe, sagte etwa Ricardo Gutiérrez, Generalsekre-
tär der Europäischen Journalisten-Föderation (EFJ). Sie verhalte sich jetzt anders
als bei früheren Angriffen auf die Pressefreiheit, etwa in Ungarn. Das zeige, dass
die Union die Entwicklung in Polen ernst nehme, so Gutierrez. Er hielt das neue
Mediengesetz dort für nicht vereinbar mit europäischen Standards. Wenn künftig
der Finanzminister unmittelbar die Spitzen der öffentlich-rechtlichen Medien aus-
tauschen könne, ohne dass dabei eine parlamentarische Kontrolle vorgesehen ist,
verstoße dies eindeutig gegen die Verpflichtungen eines EU-Mitgliedslandes. Doch
der Verbandsvertreter war nicht sehr zuversichtlich, was den Erfolg einer EU-Inter-
vention angeht. Die neue Regierung in Warschau mache sich nichts aus der Meinung
der anderen Europäer. Dennoch müsse man so viel Druck wie möglich aufbauen.
Die EFJ brachte deshalb zusammen mit drei Schwesterorganisationen den Fall vor
den Europarat. Doch man rechnete nicht damit, dass in absehbarer Zeit konkrete
Sanktionen beschlossen werden. Ende April 2016 war im polnischen Sejm, dem
Unterhaus des Parlaments, das „große Mediengesetz“ eingebracht worden, das das
öffentlich-rechtliche Mediensystem neu regeln sollte. Die Vorlage, die ab 1. Juli 2016
in Kraft treten sollte, sah die Umwandlung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in
eine „nationale Medienanstalt“ vor. Außerdem wollte die PiS-Regierung mit dem
Entwurf einen neuen Rat Nationaler Medien (RMN) etablieren, dessen Personal
von den beiden Parlamentskammern sowie dem Präsidenten bestimmt wird. Der
RMN sollte für die Berufung der Senderchefs bei Fernsehen (TVP), Radio (PR)
und der Nachrichtenagentur PAP verantwortlich sein.
Der Gesetzentwurf sah Verbesserungen vor, etwa sollte eine mit der Strom-
rechnung abgerechnete, audiovisuelle Abgabe das kaum funktionierende Gebüh-
rensystem ersetzen und Radio und Fernsehen von Werbeerlösen unabhängiger
machen. Alle drei Medienorgane sollen als Körperschaften öffentlichen Rechts und
nicht wie bisher als staatlich kontrollierte Aktiengesellschaften fungieren. Auch
könnte die größte Oppositionspartei im Sejm ein Mitglied des sechsköpfigen RMN
bestimmen und neue Programmbeiräte, etwa Vertreter von Kulturschaffenden
und Gewerkschaften, sollten bei der Wahl der Senderchefs einbezogen werden.
Der Vize-Kulturminister Krzysztof Czabanski, der für das Mediengesetz mitver-

103
104 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

antwortlich war, meinte damals, die Regierung werde von der Einflussnahme auf
diese Medien vollständig abgeschnitten. Die Steuerung der öffentlich-rechtlichen
Medien sollte dem RMN anvertraut werden, der aber von der Regierungsmehrheit
dominiert wird. Der bestehende und in der Verfassung verankerte Landesrat für
Radio und Fernsehen (KRRiT) wurde damit faktisch entmachtet. Das war auch
der Grund, warum sich Vertreter aller Oppositionsparteien im Sejm gegen die
Gesetzespläne aussprachen. Sie fürchteten, dass die Sendeinhalte noch stärker auf
Parteilinie gebracht werden würden. Slawomir Neumann, Fraktionschef der libe-
ralkonservativen Bürgerplattform (PO), der größten Oppositionspartei, erklärte
etwa, er und seine Partei würden dem Gesetzentwurf nicht zustimmen. Bereits
Anfang 2016 hatte es umfangreiche Personal- und Programmänderungen bei den
öffentlich-rechtlichen Medien gegeben. Dies hatte maßgeblich dazu beigetragen,
dass Polen in der Rangliste der Pressefreiheit, im April desselben Jahres von der
internationalen Journalistenorganisation „Reporter ohne Grenzen“ veröffentlicht,
weltweit von Rang 18 auf Platz 47 abrutschte.
Die Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS), die immer wieder die
Dominanz PiS-kritischer Privatmedien moniert hatte, gab als Rechtfertigung ihrer
Medienpolitik, der Umstrukturierungen und Entlassungen die Personalpolitik der
Vorgängerregierung an, aber auch Enthüllungen. Das PiS-nahe Wochenmagazin
„Do Rzeczy“ veröffentlichte Tonmitschnitte, die die bis 2015 regierende „Bürger-
plattform“ (PO) des Ex-Premiers und späteren EU-Ratspräsidenten Donald Tusk
belasteten. In dem Mitschnitt aus dem Jahr 2014 beschwerte sich Tusks Ex-Spre-
cher Paweł Gras in Anwesenheit des 2015 verstorbenen Milliardärs Jan Kulczyk
über die PO-kritische Linie der auflagenstarken Boulevard-Zeitung Fakt, die die
Ringier-Springer Media AG, an der der deutsche Springer-Konzern beteiligt ist,
herausgibt. Gras beklagte sich auch über Angriffe auf Tusks Tochter, worauf Kulczyk
verspricht, bei Springer-Miteigentümerin Friede Springer zu intervenieren. Sechs
Wochen später wurde tatsächlich Fakt-Chefredakteur Grzegorz Jankowski entlassen.
Ringier-Springer dementierte einen Zusammenhang dieser Entlassung mit dem
Kulczyk-Gras-Gespräch. Gras wollte sich nicht äußern. Justizminister Zbigniew
Ziobro, der zugleich Generalstaatsanwalt war, kündigte die Prüfung der Mitschnitte
auf ihre Echtheit an und schloss eine strafrechtliche Untersuchung nicht aus.
Der Vorwurf, die polnische Regierung unterwerfe sich die öffentlich-rechtlichen
Medien, sei angesichts der deutschen Verhältnisse schwierig, wandte Harald Petzold
ein, Medienexperte der deutschen Linksfraktion. Der „Reflex, dass Staat und Poli-
tik auf die Medien Einfluss nehmen, sich ihrer sogar direkt bemächtigen wollen“,
habe keineswegs in Polen oder in Ungarn seinen Ursprung. Auch in Deutschland
sei die 2015 vom Bundesverfassungsgericht geforderte „größere Staatsferne der
3.1 Die polnische PiS-Regierung und die Medienpolitik 105

öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten noch längst keine Wirklichkeit geworden“174.


Christian Bommarius meinte in der Frankfurter Rundschau, wer die Medienpolitik
der polnischen Regierung kritisiere, der dürfe von den deutschen Verhältnissen
nicht schweigen: „Wer beklagt, die drohende Kaperung der öffentlich-rechtlichen
Sender durch die neu gewählte nationalistische Regierung in Warschau gefährde
die Pressefreiheit, sollte nicht vergessen, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk
in Deutschland seit Jahr und Tag den Parteien und Regierungszentralen als Beute
dient.“175 So war es in polnischen und deutschen Zeitungen zu lesen, und selten fehlte
der Hinweis auf einen besonders anrüchigen Fall parteipolitischer Einflussnahme auf
die Personalpolitik eines deutschen Senders. Im November 2009 wurde der Vertrag
des als vorbildlich unabhängig geltenden ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender
vor allem auf Betreiben des damaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch
(CDU) nicht verlängert. Im Widerspruch zur Forderung des Verfassungsgerichts
nach größerer Staatsferne sorgte die sächsische CDU dafür, dass der ehemalige
Kultusminister des Freistaates, Steffen Flath, Vorsitzender des Rundfunkrates des
Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) werden konnte. Empfiehlt es sich angesichts
dieser direkten Interventionen einer Partei nicht für die Deutschen, ihre Kritik an der
polnischen Regierung ein wenig vorsichtiger zu formulieren? Ein Land, in dem die
„Staatsferne“ in den öffentlich-rechtlichen Sendern derart überspielt werden kann,
ist wohl kaum zum Kritiker berufen, wenn in Polen über die Spitzenpositionen in
den öffentlich-rechtlichen Medien künftig der Schatzminister, also die Regierung,
entscheidet und die Direktoren von vier Programmen öffentlich-rechtlicher Sender
zurücktreten, um ihrer Entlassung zuvorzukommen176.
Diese Einwände seien zwar naheliegend, aber falsch, so Bommarius, denn in
Deutschland sei grundgesetzlich das Gegenteil dessen intendiert, was in Polen
geschieht. Im Unterschied zu Deutschland, wo die Staatsferne der Sender weiterhin
als Ideal gilt, wäre in Polen die Staatsnähe, die Dominanz der Regierungspartei,
gesetzlich festgeschrieben worden. Zwar ist auch in Deutschland die Dominanz
einer Partei in den Gremien möglich, was im Falle des ZDF im Jahr 2009 zu beob-
achten war, aber der damit drohende Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung
wird angesichts von neun Landesrundfunkanstalten in der ARD plus ZDF deutlich

174 Petzold, H.: Polen und die Freiheit der Medien, 4. Jan. 2016 [https://www.harald-petzold.
de/single-post/2016/01/04/Polen-und-die-Freiheit-der-Medien].
175 Bommarius, Chr.: „Kritik kann nicht laut genug sein“. Wie laut darf die Kritik der Deut-
schen an Polens Umgang mit dem Rundfunk sein? Ziemlich laut. Einwände, dass auch
der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland den Parteien als Beute dient, sind so
naheliegend wie falsch. In: Frankfurter Rundschau, 5. Jan. 2016 [http://www.fr-online.
de/polen/medien-in-polen-kritik-kann-nicht-laut-genug-sein,33055758,33062412.html].
176 Vgl.: Ibidem.
105
106 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

gemildert. Die föderalistische Struktur der Bundesrepublik verhindert, anders als


im Zentralstaat Polen, den übermächtigen Einfluss nur einer Partei. Entscheidend
sei der dritte Punkt: In 14 Rundfunkurteilen hat das Bundesverfassungsgericht dem
Einfluss der Politik auf die öffentlich-rechtlichen Sender immer wieder Grenzen
gesetzt, zuletzt in der Entscheidung vom März 2014, mit der es, anlässlich der
Causa Brender, den ZDF-Staatsvertrag in Teilen für verfassungswidrig erklärte
und eine deutliche Beschränkung der Zahl von Politikern und staatsnahen Perso-
nen in den Gremien des Senders verlangte. Darüber hinaus dürften die Politiker
„keinen bestimmenden Einfluss“ auf die Zusammensetzung des ZDF-Fernsehrates
haben. Eine solche Entscheidung über das neue Mediengesetz sei vom polnischen
Verfassungsgericht schon deshalb nicht mehr zu erwarten, weil es ebenfalls von
der PiS-Regierung entmachtet worden war. Die beiden Institutionen, die unter
anderem zur Kontrolle der Regierung berufen sind, das Verfassungsgericht und
die öffentlich-rechtlichen Medien, waren damit der Kontrolle der Regierung un-
terworfen. Bommarius sprach von einem Staatsstreich durch die polnische Regie-
rung. Der Publizist Hanert nannte die deutschen EU-Politiker, die sich in starken
Worten über Polen ausließen, scheinheilig und wertete ihre Kritik als „Ausdruck
von Doppelmoral“. Tatsächlich hole die in Warschau neu ins Amt gekommene
Regierungspartei nur im Eiltempo nach, „was in anderen EU-Ländern teilweise seit
Jahrzehnten gängige Praxis ist, auch in Deutschland, wo etwa der ZDF-Fernsehrat
von Union und SPD dominiert wird“177.
Der polnische Außenminister meinte, man wolle lediglich den „Staat von einigen
Krankheiten heilen, damit er wieder genesen kann“. Bommarius kommentierte,
„die Krankheiten, die der Minister meinte, heißen Unabhängigkeit der Justiz und
Freiheit der Medien, es sind Symptome von Demokratie und Rechtsstaat“178. Die

177 Der EU-Parlamentspräsident Martin Schulz erklärte, „das was in Polen zu beobachten
ist, hätte „Staatsstreichcharakter“. Schulz warf der im Herbst 2015 ins Amt gewählten
neuen polnischen Regierung vor, eine „gefährliche Putinisierung der europäischen
Politik“ zu betreiben. Ein anderer deutscher Politiker in Brüssel, EU-Digitalkommissar
Günther Oettinger machte Vorschläge, wie eine härtere Gangart Brüssels gegenüber
den Polen aussehen könnte. Es spräche viel dafür, so Oettinger, jetzt den Rechtsstaats-
mechanismus zu aktivieren und Warschau unter Aufsicht zu stellen. Angesprochen
war damit ein bislang noch nie genutztes Disziplinierungsverfahren, das als mächtigste
juristische Waffe Brüssels gegen unbotmäßige EU-Mitgliedsstaaten gilt. Erst im Jahr
2014 eingeführt, öffnet der „Rechtsstaatsmechanismus“ als Ultima Ratio sogar die
Möglichkeit, einem Mitgliedsstaat im EU-Rat das Stimmrecht zu entziehen.“ [Hanert,
N.: „Scheinheilige deutsche EU-Politiker“. Beim PiS-regierten Polen wird kritisiert, was
in Deutschland gängige Praxis ist. In: Preußische Allgemeine Zeitung, 18. Jan. 2016].
178 Bommarius, Chr.: „Kritik kann nicht laut genug sein“. In: Frankfurter Rundschau, 5.
Jan. 2016.
3.1 Die polnische PiS-Regierung und die Medienpolitik 107

Kritik, auch aus Deutschland, an der polnischen Regierung könne gar nicht laut
genug sein, denn der Versuch der neuern katholisch-national-konservativen Re-
gierung Polens insbesondere die Öffentlich-Rechtlichen unter staatliche Kontrolle
zu bringen, hätte eine bespiellose Qualität. Wer den freiheitlich-demokratischen
Rechtsstaat und die offene, pluralistische Gesellschaft befürwortet, muss deren
Fundamente sichern und gegebenenfalls aktiv verteidigen. Freie Medien und die
Unabhängigkeit der Justiz sind solche elementaren Bausteine. In Polen geschehe
gegenwärtig aber das Gegenteil. Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender TVP, der
landesweite Hörfunksender Radio Polski, insgesamt 17 regionale Rundfunksender
und die Nachrichtenagentur PAP sollten ihre Unabhängigkeit verlieren und direkt
dem Staat, das heißt der neuen polnischen Regierung und der sie tragenden natio­
nalkonservativen Partei PiS unterworfen werden. So sollte künftig der Intendant
des öffentlich-rechtlichen Rundfunks durch einen neuen, fünfköpfigen „Rat der
nationalen Medien“ gewählt werden. Die Mitglieder dieses Rates würden künftig
vom Staatspräsidenten, dem polnischen Parlament und dem Senat bestimmt, die
alle fest in der Hand der PiS waren.
Die Süddeutsche Zeitung wähnte Polen auf dem Weg in einen „autoritären Staat“,
die Westdeutsche Allgemeine sprach gar von einem „Staatsstreich“. Europa dürfe
diesem „Putsch von Rechtsradikalen“ nicht tatenlos zusehen. Die neue polnische
Regierung hätte einen gesellschaftlichen Kulturkampf entfacht, den die PiS bereits
2015 während des Wahlkampfes angekündigt hatte und der frontal die offene
Gesellschaft angreifen würde. Mit dem neuen Mediengesetz wolle man einerseits
den polnischen Staat von „einigen Krankheiten heilen“, andererseits setze man in
Polen, so der polnische Außenminister Witold Waszczykowski, in Zukunft auf
„Tradition, Geschichtsbewusstsein, Vaterlandsliebe, den Glauben an Gott, an ein
normales Familienleben zwischen Mann und Frau“179. Die Welt dürfe sich nicht in
nur eine Richtung bewegen, „zu einem neuen Mix von Kulturen und Rassen, eine
Welt aus Radfahrern und Vegetariern, die nur noch auf erneuerbare Energien setzen
und gegen jede Form der Religion kämpfen. Das hat mit traditionellen polnischen
Werten nichts mehr zu tun.“180 In diesem Kulturkampf zwischen den traditionellen
Werten, die Polen fördern wollte, und der angeblich zu progressiven EU-Politik
spielten das neue Mediengesetz und die Medien selbst als Transportvehikel für
Meinung und Information eine zentrale Rolle. Deshalb müssten, so der deutsche

179 Polens Außenminister will sein Land „von Krankheiten heilen“. In: Süddeutsche Zei-
tung, 3. Jan. 2016 [Untertitel: „Das umstrittene Mediengesetz? Richte sich nur gegen
„marxistische“ Ideen, die „mit polnischen Werten nichts zu tun“ hätten. Kritik aus
Brüssel verbittet sich die rechtskonservative Regierung“].
180 Ibidem.
107
108 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Linken-Politiker Petzold, die Gremien der Europäischen Union, aber auch einzelne
Mitgliedsstaaten Druck auf Polen ausüben. Die Demokratie und die demokratische
politische Kultur seien in Polen „tatsächlich in Gefahr“. Das war auch die generelle
Meinung polnischer Intellektueller und Politiker, die das Süddeutsche Zeitung
Magazin befragte181. Die Polen hätten eine rechtspopulistische Regierung gewählt,
die die Demokratie schwäche und den Hass säe. Das Magazin spitzte das Thema
auf dem Titelbild zusätzlich. Die Demokratie werde in Polen nicht nur geschwächt,
sondern abgeschafft. Die PiS-Regierung hätte das Verfassungsgericht entmachtet,
die öffentlich-rechtlichen Medien gleichgeschaltet, Polizei und Geheimdienste mit
unkontrollierten Vollmachten ausgestattet. Geschichtspolitik werde zu „nationalis-
tischer Propaganda“, das heißt, sie fördere den immerwährenden Opfermythos der
polnischen Nation, was sich etwa an der öffentlich subventionierten Filmdokumen-
tation „Smolensk“ zeige. Der Film, der in Anwesenheit der gesamten Staatsspitze
Premiere hatte, widerspreche allen seriösen Erkenntnissen über das Unglück, so
die Magazin-Interviewer. Im Land werde „Hass gegen Deutschland und die EU
geschürt“, das Abtreibungsrecht solle weiter verschärft werden182.
Der ehemalige polnische Präsident Lech Wałęsa hatte den aktuellen polnischen
Präsidenten Jaroslaw Kaczyński, der von 1990 bis 1995 für ihn gearbeitet hatte,
einst entlassen. Im November 2016 erklärte Wałęsa, wenn Kaczyński weiter die
Gesetze und das Recht beuge, werde er sich an die Spitze des Protestes stellen und
den Kampf anführen. Die bekannteste polnische Schauspielerin Krystyna Janda
beklagte sich, ihr wäre der Dreh von Shakespeares „Wie es euch gefällt“ in letzter
Minute abgesagt worden. Als Grund unterstellte der Interviewer den Umstand, dass
das öffentlich-rechtliche Fernsehen nun unter PiS-Kontrolle stünde. Auch monierte
sie, dass man unter Kulturpolitik neuerdings nationale Kulturpolitik, Nationalkultur,
nationale Kunst verstehe. Kritische, liberale Medien litten darunter. Die einzige
noch linke Zeitung, die Gazeta Wyborcza,183 hätte vor zwanzig Jahren am Kiosk

181 Hassel, F./Herpell, G./Wagner, L.: „Wir sind eine Riesenenttäuschung für Europa“.
Vor einem Jahr wählte Polen den Rechtspopulismus. Die neue Regierung schwächt die
Demokratie und sät Hass. Wir haben bekannte Polen zum Gespräch getroffen, darunter
den Friedensnobelpreisträger Lech Wałęsa: Was geschieht in diesem Land? Und was
können seine europäischen Nachbarn tun? In: Süddeutsche Zeitung Magazin, Nr. 44,
4. Nov. 2016, S. 14-29. Auf der Titelseite lautete der Titel des Gesprächs: „Warschau, wie
soll es weitergehen? Wenn Demokratie abgeschafft wird – ein Stadtgespräch“.
182 Hassel, F./Herpell, G./Wagner, L.: „Wir sind eine Riesenenttäuschung für Europa“. In:
Süddeutsche Zeitung Magazin, Nr. 44, 4. Nov. 2016, S. 14-29.
183 Gazeta Wyborcza, übersetzt ‚Wahlzeitung‘, ist die zweitgrößte überregionale polnische
Tageszeitung (nach der Boulevardzeitung Fakt) mit einer durchschnittlichen Auflage
von ca. 500.000 und einer geschätzten Leserschaft von 4,5 Mio. Sie gilt als das wichtigste
3.1 Die polnische PiS-Regierung und die Medienpolitik 109

vorne gelegen, berichtete Włodzimierz Borodziej, einer der führenden Zeithistoriker


Europas, der in Warschau und Jena lehrt: „Jetzt komme ich zum Kiosk, und vorn
liegen lauter rechte Titel. Ich wohne in einem Arbeiterviertel in Warschau. Als ich
neulich die Gazeta aus einer Ecke im Kiosk fischte, schaute mich ein Mann an, als
hätte ich seine Frau umgebracht. Die Verkäuferin sagte, es komme oft vor, dass die
Käufer der rechten Blätter die Käufer der linken angreifen, zumindest verbal. Ich
habe gefragt, ob das früher andersherum war. Da sagte sie, niemals.“184
Dass sich in Polen, aber auch in Ungarn und im November 2016 auch in den
Vereinigten Staaten eine Konterrevolution von rechts ereigne, diese Meinung teilten
auch der Gründer des „Komitees zur Verteidigung der Demokratie in Polen“ (KOD),
Mateusz Kijowski, der ehemalige Präsident Lech Wałęsa, der eine neue Solidarność
gegen den Vormarsch der Rechten forderte; die Journalistin Agnieszka Kozak und
die 1954 in Krakau geborene polnische EU-Abgeordnete Róża Maria Gräfin von
Thun und Hohenstein, die den Präsidenten der Republik Polen, Jarosław Kaczyński,
für einen Diktator hält, der die Gewaltenteilung zerstören wolle: „Er liest Carl Sch-
mitt, den Wegbereiter des Hitler-Regimes. Franco ist auch ein leuchtendes Vorbild
für ihn. Er tut, als wäre er auf der Seite der Armen. Aber er will, dass sie in ihren
Dörfern sitzen und Volkslieder singen.“185 Das Bild der rechten Konterrevolution
beherrschte die Stellungnahmen der liberalen polnischen Intellektuellen und Poli-
tiker und die Berichterstattung der westeuropäischen Medien, aber auch die Reden
der polnischen und ungarischen Regierungsvertreter186. Mateusz Kijowski gründete

Organ der Meinungsbildung in Polen und wird verlegt durch den Medienkonzern
Agora. Die Gazeta Wyborcza entstand als Ergebnis der Gespräche am Runden Tisch.
Der Gewerkschaft Solidarność wurde damals das Recht zugestanden, zu den ersten
demokratischen Wahlen in Polen nach der Ära des Kommunismus eine Tageszeitung
herauszugeben (daher der Name Wahlzeitung). Die erste achtseitige Ausgabe erschien
am 8. Mai 1989 in einer Auflage von 150.000 Exemplaren. Chefredakteur ist Adam
Michnik. Heute beschäftigt die Zeitung 700 Journalisten in Polen und 5 im Ausland.
Politisch vertritt die Gazeta Wyborcza am ehesten linksliberale Positionen, versteht
sich jedoch als überparteilich.
184 Hassel, F./Herpell, G./Wagner, L.: „Wir sind eine Riesenenttäuschung für Europa“. In:
Süddeutsche Zeitung Magazin, Nr. 44, 4. Nov. 2016, S. 22.
185 Ibid., S. 23.
186 Anfang 2016 fand in Krynica, dem polnischen Davos, ein Wirtschaftsforum statt, an
dem u. a. der ungarische Premier Viktor Orbán teilnahm und der Parteivorsitzende der
PiS, Jarosław Kaczyński, der Polen aus dem Hintergrund faktisch regiert. Während der
Diskussion sagte Orbán: „Seit elf Jahren schon fahre ich regelmäßig nach Brüssel. Die
europäische Elite, die politischen Entscheidungsträger, die führenden Medien haben
sich eingeredet, dass die richtige Evolutionsrichtung der Menschheit die Auslöschung
unserer Identität sei. Dass es nicht modern sei, Pole, Tscheche oder Ungar zu sein. Es sei
109
110 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

auf Facebook eine KOD-Gruppe, der sich innerhalb von drei Tagen 30.000 Leute
anschlossen und die vorschlugen, auf die Straße zu gehen und zu protestieren. Doch
KOD hatte 2016 nur 6.000 Mitglieder, und nur elf Prozent der Polen würden nach
einer Umfrage das Komitee unterstützen. Man half sich mit Zweckoptimismus,
etwa wenn Kijowski auf eine Studie verwies, nach der in den letzten hundert Jahren
jede gesellschaftliche Bewegung der Welt Erfolg hatte, „wenn sie es schaffte, 3,5
Prozent der Bürger als echte, engagierte Mitstreiter zu gewinnen“187. Auf Demons-
trationen merkte Kijowski, dass die Stimmung zum Nachteil seiner und anderer
oppositioneller Organisationen umgeschlagen war. Das links-intellektuelle Milieu
Polens schätzte den Unmut der Polen über konkrete gesellschaftliche Missstände,
auch über die Schieflagen und Defizite der nationalen Medienpolitik ganz offenbar
falsch ein. Dieser Unmut hatte die PiS-Regierung ebenso mit komfortabler Mehr-
heit an die Macht gebracht wie die Orbán-Regierung in Ungarn. Beide änderten
nicht nur die Medienpolitik, sondern auch die Familienpolitik grundlegend. Die
PiS-Regierung legte ein Programm namens „500 plus“ auf, 500 Złoty/115 Euro pro
Kind, worauf weit über 100.000 Frauen aufgehört hätten zu arbeiten. Thun nannte
das ein Desaster für die Frauenbewegung und Kijowski meinte, die Leute müssten
„nur noch Kinder produzieren“188.
Die Medienpolitik der nationalkonservativen PiS-Regierung wurde in Brüssel
scharf kritisiert. Doch nicht erst unter der PiS wurde gemäß Regierungsmeinung
berichtet und kommentiert. Die Einflussnahme war lange vor Kaczyński spürbar.
Die PiS stellte ihre Medienpolitik als reine Reaktion auf die Medienpolitik der
linksliberalen Vorgängerregierungen dar, als Ausgleich, um wieder gerechte Ver-
hältnisse herzustellen. Sie konterte die Kritik aus anderen EU-Ländern mit dem
Hinweis, auch dort sei es durchaus üblich, dass Politiker der etablierten Parteien in
den Rundfunkräten sitzen und direkt oder indirekt Einfluss auf die Programmge-
staltung oder die Auswahl der Teilnehmer an Talkshows nehmen. Genüsslich wurde
in Polen der Vorfall kommentiert, dass sich Regierungspolitiker weigerten, sich

nicht modern, Christ zu sein. An diese Stelle trat eine neue Identität – die europäische.
Das war zu voreilig. Wovon zeugt denn der Brexit? Die Briten haben nein gesagt. Sie
wollten Briten bleiben. Es gibt die Möglichkeit einer kulturellen Konterrevolution. Es
gibt keine europäische Identität. Aber es gibt Polen und Ungarn.“ Kaczyński pflichtete
ihm bei: „Ich kann all dem nur zustimmen, was Premier Orbán hier mutig zur Sprache
gebracht hat. Der Begriff der Konterrevolution ist in der EU ein verpöntes Wort. Premier
Orbán hat dieses Problem angesprochen.“ [Vgl.: http://www.zeit.de/politik/ausland/
polen-jaroslaw-kaczynski-regierung-blog, abgerufen am 15. Nov. 2016].
187 Hassel, F./Herpell, G./Wagner, L.: „Wir sind eine Riesenenttäuschung für Europa“. In:
Süddeutsche Zeitung Magazin, Nr. 44, 4. Nov. 2016, S. 24.
188 Ibid., S. 27.
3.1 Die polnische PiS-Regierung und die Medienpolitik 111

mit Vertretern der „Alternative für Deutschland“ in ein Fernsehstudio zu setzen.


Wer die politische Macht errungen hätte, der erwarte auch Wohlverhalten von den
Medien. Das gelte für die abgewählte Tusk-Regierung wie auch für Regierungen
in Westeuropa, die nun in offenbarer Doppelmoral die polnische Medienpolitik
kritisieren. Unmittelbar nach dem ersten Wahlerfolg des polnischen Langzeit-Pre-
miers und späteren EU-Ratspräsidenten Donald Tusk hätte man Einfluss auf die
Medien genommen und so wäre es nun auch bei der neuen nationalkonservativen
Regierung Polens um die junge Premierministerin Beata Szydlo. Die Regierungs-
partei „Recht und Gerechtigkeit“ verfolgte mit dem neuen Mediengesetz die klare
Absicht, auf die Besetzung der Spitzenpositionen bei öffentlich-rechtlichen Sendern
unmittelbar Einfluss zu nehmen. Das wäre nicht die „feine, nach Unabhängigkeit
strebende Art“ gewesen, meinte Stefan Meetschen, doch offenbar wäre man bei PiS
„nach acht Jahren in der Opposition derart medial traumatisiert, dass man es nun
mit Brechstange“189 versuchte, was die absolute Mehrheit in Parlament und Senat in
Verbindung mit dem Präsidenten Andrzej Duda aus demselben politischen Lager
ermöglichte. Vier Journalisten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens Polens, TVP,
quittierten daraufhin ihren Dienst: allen voran der Journalist Tomasz Lis, der zwar
einer der bekanntesten Journalisten Polens, aber auch einer der umstrittensten
war, weil er in seiner TVP-Sendung „Tomasz Lis na zywo“ („Tomasz Lis live“) auch
demagogische Attacken auf katholische Gläubige und deren Welt- und Wertesicht
ritt. Diese polemische Ader eines Tomasz Lis und anderer Journalisten und Fern-
sehschaffender und auch Lis‘ Verstrickung in das kommunistische Regime hatte
die Europäische Union damals wenig interessiert.
Nach der Verabschiedung des polnischen Mediengesetzes warf der EU-Parla­
mentspräsident, der Sozialdemokrat Martin Schulz Warschau vor, eine „gelenkte
Demokratie nach Putins Art“ im Sinne zu haben. Dass ähnliche Kritik an der
Regierung Tusk nicht einmal im Ansatz geübt worden war, verlieh den Vorwürfen
Brüssels, zumal sie von einem deutschen Politiker kamen, in polnischen Ohren
einen unguten Beiklang. Die Pressefreiheit gelte nicht allgemein, sondern würde
als Instrument dienen, um einer weltanschaulich missliebigen Regierungspartei
das Leben schwer zu machen, und dabei die demokratische Entscheidung der
polnischen Mehrheit zu missachten, die die nationalkonservative Regierung an
die Macht gewählt hatte. Verwunderung löste in Polen auch aus, dass die CDU/
CSU-Bundestagesfraktion, die man für weltanschaulich verwandter hielt als etwa
die deutsche Sozialdemokratie oder die deutschen Grünen, Sanktionen gegen Po-

189 Meetschen, St.: „Machtkampf um die Medien“. Die neue polnische Regierung versucht,
Einfluss auf die öffentlich-rechtlichen Sender zu nehmen – Die Europäische Union
interveniert. In: Die Tagespost, Nr. 1, 5. Jan. 2016, S. 11.
111
112 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

len erwog, „wenn die konservative Regierung dort weiter Rechtsstaatsprinzipien


wie Gewaltenteilung und Pressefreiheit“190 verletze. Die neue polnische Regierung
bestellte umgehend den deutschen Botschafter ein, um gegen die maßlose Kritik
vor allem deutscher EU-Politiker wie Schulz oder des EU-Kommissars Oettinger
zu protestieren191. Derartige Bemerkungen gerade von einem deutschen Politiker
würden bei den Polen „die schlimmsten Assoziationen auslösen“, meinte der polni-
sche Justizminister Zbigniew Ziobro192. Verteidigungsminister Antoni Macierewicz
sagte, Polen werde sich nicht ausgerechnet von Deutschland „über Demokratie
und Freiheit belehren“ lassen. Ziobro rügte die doppelten Standards, die offenbar
gegenüber Polen gälten. Deutsche Politiker seien gut beraten, Demut zu üben, meinte
der polnische Justizminister, nach den „massenhaften sexuellen Übergriffen auf
Frauen“ in der Silvesternacht in Köln, der Selbstzensur solcher Informationen durch
die deutschen Medien und nicht zuletzt nachdem deutsche Politiker Polizisten
angewiesen hätten, die Verwicklung von Flüchtlingen in kriminelle Handlungen
zu unterschlagen. Dahinter stand die These, die auch rechtskonservative deutsche
Medien vertreten, dass die Medien nicht mehr neutral berichten, sondern nach
Maßgabe der linksliberalen Mehrheit kommentieren würden. Diese manipulie-
rende Art der Berichterstattung korreliere direkt mit dem Rückgang der Auflagen.
Wie in Deutschland zeigte sich in den polnischen Medien der Trend, seriöse,
ausgewogene Berichterstattung durch Infotainment, durch Kommentare und Ap-
pelle zu ersetzen. Was unter Tusk in der einen Form begann setzte sich unter der
PiS-Regierung in anderer politischer Couleur fort. Die Verschwörungsgeschichten
um den Absturz der Regierungsmaschine, die immer abenteuerlicher gerieten, sind
ein sprechendes Beispiel. Im April 2010 waren bei einer Flugzeugkatastrophe Polens
damaliger Präsident, der Bruder des 2016 amtierenden Präsidenten, die gesamte
Militärführung und ein Teil der polnischen Funktionselite ums Leben gekommen,

190 „CDU/CSU debattiert über Sanktionen gegen Polen“. In: Welt am Sonntag, Nr. 2, 10.
Jan. 2016, S. 14. Fraktionschef Volker Kauder sagte dem „Spiegel“: „Wenn Verstöße
gegen die europäischen Werte festzustellen sind, müssen die Mitgliedstaaten den Mut
zu Sanktionen haben. […] Die polnische Regierung muss wissen: Bestimmte Grund-
werte darf man in Europa nicht verletzen.“ Der Vorsitzende der CDU/CSU-Gruppe im
Europaparlament, Herbert Reul, sprach sich ebenfalls für Strafen aus: „Wir brauchen
Wirtschaftssanktionen, wenn politische Mittel des Dialogs nichts bewirken.“ [Ibidem].
191 Der polnische Unmut konzentierte sich aus naheliegenden Gründen auf deutsche Po-
litiker, obwohl auch die Ex-Justizkommissarin Viviane Reding oder der norwegische
Generalsekretär des Europarates die neue polnische Regierung scharf kritisiert hatten.
192 Vgl.: Hassel, F.: „Polen verbittet sich deutsche Kritik“. Die neue konservative Regierung
reagiert verärgert auf „antipolnische Äußerungen“. EU-Parlamentspräsident Schulz
wirft Warschau „gelente Demokratie nach Putins Art“ vor. In: Süddeutsche Zeitung,
11. Jan. 2016, S. 1.
3.2 Die Erblast der Vorgängerregierungen in der Medienpolitik 113

was Politiker und Journalisten ernsthaft mit künstlichem Nebel und unsichtbarer
elektromagnetischer Strahlung erklärten. Auch die These, Moskau stünde hinter dem
Anschlag, wurde ausführlichst diskutiert. Ende 2012 glaubten 30 Prozent der Polen
an ein Attentat. Dabei hatten eine russische und eine polnischen Kommission den
Unfallhergang rekonstruiert, was die rechtsnationale Tageszeitung Rzeczpospolita
nicht daran hinderte, mit der Schlagzeile „TNT auf dem Wrack der Tupolew“ auf-
zumachen. Der PiS-Vorsitzende Jarosław Kaczynski sprach von einem unerhörten
Verbrechen, bei dem 96 Bürger der Republik Polen ermordet worden wären. Wenige
Stunden später stellte sich heraus, dass auch diese Sensationsmeldung über einen
angeblichen russischen Anschlag auf Polens Präsidenten frei erfunden war. Nur
mussten in diesem Fall der Verfasser des Artikels, Cezary Gmyz, der Chefredakteur
Tomasz Wróblewska und zwei weitere verantwortliche Redakteure ihre Posten
räumen. Ohne deren offenbare Fehler zu erwähnen, die ein schiefes Licht auf die
Rechercheunsitten des polnischen Journalismus warfen, verteidigte der Verband
der polnischen Journalisten die entlassenen Journalisten gegen die „Repressionen
der Verleger“, so der angesehene Journalist Jacek Zakowski in der linksliberalen
Gazeta Wyborcza. Unter der Tendenz zur Sensation, der mangelhaften Recherche
und Oberflächlichkeit litt die Glaubwürdigkeit der polnischen Medien.

3.2 Die Erblast der Vorgängerregierungen


in der Medienpolitik
3.2 Die Erblast der Vorgängerregierungen in der Medienpolitik
Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hatte, als Brüssel auch gegen
Ungarn scharfe Anklagen wegen der Medienpolitik der Regierung erhob, argu-
mentiert, man hole nur eine dringend nötige, überfällige Reform nach, die schon
deshalb nötig sei, weil man es über Jahre versäumt hätte, jene Journalisten genauer
zu betrachten, die ihre Karriere der früheren kommunistischen Partei zu verdanken
haben. Der populäre polnische Journalist Tomasz Lis, der mit seiner kontroversen
Talkshow für die einen ein Vorbild investigativen Journalismus war, dem katholi-
schen, patriotischen Teil Polens als unerträglicher Antiklerikaler und Staatsfeind
galt, gehöre laut der Autoren des Buches „Resortowe dzieci“ („Ressort Kinder“)
zu einer Gruppe polnischer Journalisten, die aufgrund ihrer familiären Nähe zur
früheren kommunistischen Partei des Landes zu publizistischem Rang und Erfolg
gekommen seien. Das Buch „Ressort Kinder“, das mehrere Monate in Polen auf der
Bestsellerliste stand, vertrat die These, zwischen der kommunistischen Propaganda
von einst und der Berichterstattung der Journalistengruppe, zu der auch Lis und
der TVP-Nachrichtenchef Piotr Krasko gehörten, bestehe ein nahtloser Übergang.

113
114 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Viele Wähler entschieden sich auch deshalb für die nationalkonservative Alternati-
ve, weil sie sich regelmäßig über die parteiische Berichterstattung von Journalisten
wie Lis geärgert hatten. Die in „Ressort Kinder“ genannten Journalisten hatten in
der Regierungszeit der „Bürgerplattform“ Donald Tusks Karriere gemacht, auf die
Programmgestaltung der öffentlich-rechtlichen Sender gewichtigen Einfluss genom-
men, während konservative und katholische Journalisten die öffentlich-rechtlichen
Sender verlassen mussten, so etwa die Brüder Jacek und Michal Karnowski, oder
marginalisiert wurden, wie etwa Krzysztof Ziemiec oder Jan Pospieszalski.
Diese kommunistische Erblast wollte der entschiedene Antikommunist und
PiS-Vorsitzende Jarosław Kaczyński im Bereich der Medien konsequent beseitigen,
so auch die angeblich mangelnde Objektivität der polnischen Nachrichtensendung
„Wiadomosci“ und anderer politischer Sendungen des öffentlich-rechtlichen
Fernsehens TVP. In den acht Jahren unter der Regierung der Bürgerplattform
(PO) waren dort PiS-Politiker visuell oder verbal vorgeführt und lächerlich ge-
macht worden, während der damalige Präsident Bronisław Komorowski oder die
ehemaligen Premierminister Donald Tusk und Ewa Kopacz auf dem Bildschirm
als Lichtgestalten erschienen, was etwa im Zusammenhang mit der Debatte über
die In-vitro-Fertilisation auffiel193. Auch die katholische Kirche war immer wieder
Angriffsziel, mit Ausnahme eines Priesters, der gegen seine Oberen rebellierte, und
als moderner, barmherziger Geistlicher vorgestellt wurde. Wenn nun europaweit
kritisiert wurde, dass Journalisten, die in der Regierungszeit der Bürgerplattform
diese Art der Programmgestaltung mitgetragen hatten, entlassen wurden, übersah
man, dass eben dies auch bei Regierungsantritt der polnischen Liberalen unter
Tusk geschehen war, nur unter anderem Vorzeichen. Journalisten, die damals
die liberale Linie von TVP, die Verächtlichungmachung konservativer Politiker
und der katholischen Kirche nicht mittragen wollten, wurden entlassen oder
gleich nach dem Regierungsantritt Tusks vor die Tür gesetzt194. Der Unterschied

193 Vgl. Meetschen, St.: „Verschiedene Werte“. Was mit Polens Medien geschieht, verdient
eine differenzierte Darstellung – Wichtige Fakten und Hintergründe. In: Die Tagespost,
Nr. 4, 12. Jan. 2016, S. 11.
194 Vergleicht man die Verhältnisse unter der Regierung Tusk mit der unter der PiS-Regie-
rung, ergibt sich ein anderes Bild. Während der 8 Jahren der PO- PSL – SLD Koalition
haben alle (bis auf Jan Pospieszalski), Journalisten, die sich kritisch über die Regierung
äußerten, die Arbeit in öffentlichen Medien verloren. Unter diesen Journalisten waren so
bekannte Namen wie Bronisław Wildstein, Rafał Ziemkiewicz, Krzysztof Skowroński,
Marek Pyza, Anita Gargas, Katarzyna Hejke, Tomasz Sakiewicz, Jacek Sobala, Michał
Karnowski, Anna Sarzyńska, Wilotd Gadowski, Mariusz Pilis, Agata Ławniczak, Jolanta
Hajdasz, Wanda Zwinogrodzka, Artur Dmochowski, Piotr Skwieciński, Maciej Świrski,
Krzysztof Karwowski, Marcin Wikło, Bartłomiej Wróblewski. Auch Joanna Lichocka
verlor ihre Stelle im öffentlich-rechtlichen Fernsehen während der PO-Regierung aus
3.2 Die Erblast der Vorgängerregierungen in der Medienpolitik 115

zu den Entlassungen des Spätherbstes 2015 wäre jedoch, so Vertreter der neuen
PiS-Regierung, dass das damals niemanden interessierte. Es kam von EU-Seite
oder nationalen europäischen Regierungen auch keine Kritik, als der polnische
Staatsanwalt auf Veranlassung des Premierministers Donald Tusk im Spätsommer
2013 die Redaktionsräume der liberalen Zeitschrift Wprost gestürmt wurden, um
dort Aufnahmematerial zu konfiszieren, das die Regierung hätte belasten können.
Gegen diesen Eingriff in die Pressefreiheit protestierten die PiS und polnische
Konservative, während es in Brüssel, den internationalen Nachrichtenagenturen
und anderswo erstaunlich ruhig blieb.
Dagegen fiel der Protest weitaus lauter und schärfer aus, als der polnische Prä-
sident Andrzej Duda 2016 das Gesetz zur Reform der Medien unterzeichnete. Dass
in Polen die Demokratie gefährdet sei, Polen am Rande einer Putinisierung stehe,
wie die deutschen EU-Politiker Günther Oettinger und Martin Schulz warnten,
wurde medial untermauert mit Bildern von Großdemonstrationen in Warschau,
die von der radikal-liberalen Oppositionspartei „Nowoczesna“ und der liberalen,
PiS- und kirchenfeindlichen Tageszeitung Gazeta Wyborcza initiiert worden waren.
Die Fernseh- und Zeitungsbilder erweckten den Eindruck, als sei ganz Polen auf
den Beinen, um gegen seine neue reaktionäre und europafeindliche Regierung zu
demonstrieren. Ein Eindruck, den die Regierungsgegner bewusst erzeugen und mit
den Mitteln der Massenmedien verstärken würden, erklärten Regierungsvertreter
und Regierungsanhänger. Zu profitieren versuchte davon vor allem die in der
Wählergunst deutlich, auf 19 Prozent abgesunkene „Bürgerplattform“, die Anfang
2016 von Grzegorz Schetyna geführt wurde, einem ehemaligen Protegé Tusks. Die
Plattform, die einst die Regierung gestellt hatte und wie die CDU der Europäischen
Volkspartei angehört, wollte durch Druck von der Straße und passende, emotio-
nalisierende Fernsehbilder der nationalkonservativen Nachfolger-Regierung das
Regieren erschweren, und dabei mit Unterstützung Brüssels die eigene Partei wieder
auf Erfolgskurs bringen. Schützenhilfe erhielt Schetyna auch vom liberalen Rivalen,
der „Nowoczesna“ unter dem Finanzexperten Ryszard Petru, der das „Komittee zur
Verteidigung der Demokratie“ gegründet hatte, das die Anti-PiS-Demonstrationen

dem gleichem Grund. Auf der „schwarzen Liste“ fanden sich Legenden der polnischen
Satire- und Kabarett-Szene aus Solidarnosc- Zeiten wie Jan Pietrzak oder der Autor
des legendären politischen Satire-Programms „Polskie ZOO“ (Polnischer ZOO) und
der bis 2009 ausgestrahlten Sendung „Szopka Noworoczna“ („Krippenspiel zum Neuen
Jahr“) Marcin Wolski. Gegen beide Autoren fand in den öffentlich-rechtlichen Medien
eine regelrechte Kampagne statt. Bei „Szopka Noworoczna“ handelt es sich um eine
politische Satire, die seit 1960 am Silvestertag um Mitternacht jedes Jahr gesendet
wurde. Die letzte Sendung wurde 2009 ausgestrahlt. „Szopka Noworoczna“ konnte in
der kommunistischen Zeit, nicht aber unter der Tusk-Regierung gesendet werden.
115
116 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

anführte. Petru hatte in den 1990er Jahren bei der „Unia Wolności“ seine ersten
politischen Schritte gemacht. Dank der TVR-Berichterstattung, die sich unter
Tusk gegen die konservative Opposition, vor allem die PiS eingeschossen hatte,
war Petru, auch durch sein persönliches Charisma, rasch zum Wortführer der
Anti-Kaczynski-Front geworden. Das „Komittee zur Verteidigung der Demokratie“
(KOD) leitete ein ehemaliger Theologie-Student, der Computer-Experte Mateusz
Kijowski. Er hatte am Institut für Familienstudien der Kardinal-Stefan-Wyszys-
nki-Universität studiert, das Studium aber abgebrochen, war zweimal verheiratet
und galt so bei den einen als Abtrünniger, der seine Ex-Frauen und Kinder nicht
anständig versorgt, oder als Inbegriff moderner, erfolgreicher Lebensgestaltung.
Dieser Allianz in der Politik wie auch in den Medien trat der neue Intendant des
öffentlich-rechtlichen Senders TVP, Jacek Kurski, im Januar 2016 mit der festen
Absicht gegenüber, patriotischen und religiösen Werten im Programm des Senders
wieder größeren Raum zu geben. Dagegen stufte er Werte wie sie die EU vertritt,
vor allem das sogenannte Gender Mainstreaming, das nach seiner Ansicht wie der
vieler PiS-Politiker familienfeindlich und destruktiv sei, als Anti-Werte ein und
erklärte, sie aus dem Programm verbannen zu wollen. Kurski, der selbst Journa-
list war und für die „Solidarna Polska“ im EU-Parlament gesessen hatte, wurde
zwar von den liberalen Medien im Lande und von Brüssel genauso scharf wie die
PiS-Regierung angegriffen, die aber von der größten katholischen Zeitschrift Polens
Gosc Niedzielny ausdrücklich in ihrem Kurs bestärkt wurde. Sie solle ihren Kurs
„der radikalen, aber nötigen Änderungen in Polen“ fortsetzen, so wie auch Ungarn
seit einigen Jahren seinen Weg geht195. Die Schieflage, in die die Medien unter der
Regierung Tusk geraten wären, müsse dringend korrigiert werden.
Der Korrektur fiel unter anderen der erwähnte Tomasz Lis zum Opfer, der früher
auch Kaczyński und andere PiS-Politiker interviewt hatte. Der Starjournalist war
stets umstritten. Einmal lud er einen Medienanwalt in die Show ein, der auch ihn
vertrat. Im Mai 2015 zitierte er ohne Prüfung ein gefälschtes Twitter-Zitat, das
die Tochter des heutigen Präsidenten als borniert erscheinen ließ. Doch der Bruch
mit der PiS kam früher, sagte Lis. Im Juli 2012 schrieb die seit jenem Jahr von Lis
geführte polnische Newsweek, Rajmund Kaczyński hätte seine Söhne Jarosław und
Lech bei allem Stolz auch kritisch gesehen und bemerkt, Gott möge Polen vor seinen
hitzköpfigen Söhnen beschützen. Rajmund Kaczyński war Untergrundkämpfer
gegen die Deutschen. Diesen Bericht hätte Jarosław Kaczyński Lis nie verziehen.
Seitdem kam kein PiS-Politiker mehr zu Lis in die Show. Damit endete die Show,

195 Vgl. Meetschen, St.: „Verschiedene Werte“. Was mit Polens Medien geschieht, verdient
eine differenzierte Darstellung – Wichtige Fakten und Hintergründe. In: Die Tagespost,
Nr. 4, 12. Jan. 2016, S. 11.
3.2 Die Erblast der Vorgängerregierungen in der Medienpolitik 117

denn eine politische Talkshow, in der man weder Präsident noch Regierungschef,
noch Minister oder andere Politiker der Regierungspartei begrüßen kann, hätte
wenig Sinn, erklärte Lis. Newsweek Polska wurde vom Zürcher Ringier-Verlags
und Axel Springer gemeinsam verlegt, was PiS-Politiker veranlasste, über eine
Beschränkung ausländischen Besitzes an polnischen Medien nachzudenken. Die
Auflage von Newsweek Polska war gestiegen, nachdem das Magazin im Wahlkampf
2015 vor einer PiS-Regierung gewarnt hatte, mit etlichen Titeln und Kommenta-
ren, die Lis verfasst hatte. Lis wusste vom Ruf des Propheten zu profitieren, als er
sein Buch mit der wenig bescheidenen Frage betitelte: „Habe ich es nicht gesagt?“
Lis warnte vor dem autoritären Kurs der neuen Regierung, die selbst von einer
notwendigen Korrektur sprach. Deutsche Medien meinten, Polens nationalpo-
pulistischer Regierung fehlten nur noch wenige Bausteine für den Aufbau eines
autoritären Herrschaftssystems. Noch gebe es einige unabhängige Medien, noch
könnten jene Polen, die mit dem Kurs der Regierung nicht einverstanden sind,
frei dagegen demonstrieren, was sie auch wieder verstärkt täten. Da beides der
Regierungspartei PiS nicht passe, schränke sie sowohl das Demonstrationsrecht
wie die Berichterstattung aus dem Parlament empfindlich ein. Die EU-Kommission
stellte der Regierung ein Ultimatum, den Rechtsbruch um das Verfassungsgericht
rückgängig zu machen, was nicht geschah. Theoretisch konnte die EU Polen das
Stimmrecht entziehen, doch dann würde Ungarn, das sich Polen politisch verbunden
fühlt, sein Veto dagegen einlegen196.
Polen sei weit davon entfernt, in eine Autokratie oder gar Tyrannei abzuglei-
ten, meinte dagegen der konservative amerikanische Publizist Michael Brendan
­Dougherty. Das Land wehre sich lediglich gegen „die politische Richtung, die Angela
Merkel, die Eurokraten in Brüssel und andere Mainstream-Internationalisten ihm
verordnen. Und sie nutzen die Mittel, die alle Regierungen nutzen, indem sie ihre
vordringlichsten Reformen rasch verabschieden, solange sie sich auf ein demo-
kratisches Mandat dafür berufen können. So wie ihre Gegner behaupten, dass die
PiS außerordentliche Dinge tut, so sieht sich die PiS mit außerordentlichen und
ungesetzlichen Drohungen ihrer inneren Opponenten und der Europäischen Union
konfrontiert.“197 Damit war etwa die Polemik des ehemaligen polnischen Premiers

196 Vgl.: Hassel, F.: „Polen erlebt die Eliminierung des Rechtsstaats“. Die Regierungspartei
PiS bereitet den finalen Angriff auf das Verfassungsgericht vor. Wenn Europa nicht han-
delt, ist die Gewaltenteilung in Gefahr. In: Süddeutsche Zeitung, 18. Dez. 2016 [http://
www.sueddeutsche.de/politik/warschau-polen-erlebt-die-eliminierung-des-rechts-
staats-1.3299739].
197 Michael Brendan Dougherty: Poland is not descending into tyranny. It’s just defying the
EU. In: The Week, 27. Dez. 2016 [http://theweek.com/articles/669439/poland-not-de-
scending-into-tyranny-just-defying-eu].
117
118 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Donald Tusk gegen die PiS-Regierung gemeint, die auch alles tat, um eine Wieder-
wahl Tusks zum Vorsitzenden des Europarats zu verhindern. Westliche Medien
würden sich vor allem auf zwei Kritikpunkte konzentrieren, schrieb Dougherty:
die Ernennungen und die Reform des Verfassungsgerichts und die Reform der
staatlichen Medien. Auch wurde der Widerstand der polnischen Regierung gegen
EU-Politiken, etwa gegen die von der EU beschlossene Kennzeichnungspflicht
israelischer Waren, als Obstruktion kritisiert198. Die Washington Post meinte in
einem Artikel, die aktuelle polnische Politik wäre eine gewaltige Wende rückwärts
in dunkelste Zeiten. Der britische Guardian sprach ähnliche Warnungen aus. Die
New York Times warnte in einer Titelstory „Poland‘s Tragic Turn“, dass Polen die
post-kommunistischen Reformen zurückdrehen würde. Ende 2016 beklagte die
Osteuropahistorikerin Anne Applebaum in der Washington Post, dass die Bür-
ger-Plattform (Platforma Obywatelska, PO) ihres polnischen Ehemanns, Radosław
Sikorski, der unter Tusk Außenminister gewesen war, abgewählt worden war und
Polen die Stirn hätte, ohne ihn weiter zu regieren. Die Kritik beschränke sich weithin
auf die Klagen von Politikern der abgewählten Regierung, und über Vertreter der
Nachfolgeregierung würde in den Westmedien nur gesprochen, selten mit ihnen, so
die Klage von PiS-Politikern. Der Philosoph, anti-kommunistische Dissident und

198 Die polnische Regierung, die in westlichen Medien als rechtspopulistisch bezeichnet
wird, hatte sich geweigert, die Formulierung zu akzeptieren, dass die EU und ihre
Mitgliedstaaten bei der Kennzeichnungspflicht für Produkte aus jüdischen Siedlun-
gen „geeint“ seien. Mitte Januar 2016 hatten die EU-Außenminister eine umstrittene
Erklärung zum israelisch-palästinensischen Konflikt verabschiedet, die auch auf die
von der EU eingeführte Kennzeichnungspflicht für Produkte aus jüdischen Siedlungen
verweist. Vorbehalte Griechenlands und anderer Länder hatten eine schnelle Verab-
schiedung verhindert. Die EU betonte den Dialog als Weg zur Lösung des Konflikts
und ihre Unterstützung einer Zwei-Staaten-Lösung. Die jüdischen Siedlungen in Paläs-
tinensergebieten bezeichnete sie als „illegal“. Die Schlussfolgerungen seien einstimmig
verabschiedet worden, so die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini. Griechenland,
Polen und andere EU-Ländern forderten Änderungen. In der ersten Fassung war aus
Sicht Griechenlands „zu viel von Gewalt der Siedler“ die Rede, weshalb die Passagen
gestrichen wurden. Auch Zypern, Ungarn und Bulgarien machten laut Teilnehmern
Vorbehalte geltend, weshalb der Entwurf überarbeitet werden musste. Polen weigerte
sich, die Formulierung zu akzeptieren, dass die EU und ihre Mitgliedstaaten bei der
Kennzeichnungspflicht für Produkte aus jüdischen Siedlungen „geeint“ seien. Daher
hieß es nun, sie blieben dem Vorgehen „verpflichtet“. Die EU-Kommission hatte Mitte
November 2016, zur Zeit des polnischen Regierungswechsels, festgelegt, dass das Siegel
„Made in Israel“ für Erzeugnisse aus jüdischen Siedlungen etwa im Westjordanland
nicht mehr akzeptiert wird. Es muss nun um das Wort „israelische Siedlung“ ergänzt
werden. Israel hatte Ende November 2016 als Reaktion auf die Kennzeichnungspflicht
die Kontakte zur EU im Nahost-Friedensprozess ausgesetzt.
3.2 Die Erblast der Vorgängerregierungen in der Medienpolitik 119

Herausgeber der Samizdat-Publikation „Arka“, Ryszard Legutko199, der 2005 für


die PiS in den polnischen Senat gewählt wurde und auch im EU-Parlament sitzt,
veröffentlichte 2016 ein Buch mit dem polemischen Titel „The Demon in Democracy“
(„Der Dämon in der Demokratie“), das unter englischsprachigen Konservativen
zu einem Kultbuch wurde, weil es die „progressive Ideologie“ sezieren und heraus-
stellen würde, warum und wie Ex-Kommunisten in liberalen Demokratien so viel
schneller als die ehemaligen Anti-Kommunisten Karriere gemacht hätten. Diese
Weltsicht, wonach die post-kommunistischen Reformen des polnischen Staates
unvollständig seien, macht auch die Aktionen der PiS-Regierung verständlicher.
Weder Legutko noch die PiS-Regierung sehen sich selbst als Feinde Europas. Dass
sich die polnische Regierung weigere, die Macht der EU-Kommission und des
EU-Parlaments zu akzeptieren, hätte nichts mit sogenanntem Euroskeptizismus
zu tun. Wenn westliche Kritiker wie Applebaum der neuen Regierung vorwerfen,
sie hätte in einem undemokratischen Schritt die Judikative angegriffen, dann
verschweige sie, dass die Vorgängerregierung im Vorahnung ihrer Wahlniederlage
fünf Richter für Positionen im Verfassungsgerichtshof nominierte, die nach den
Wahlen frei werden würden. Damit hätte sie eine bisher gültige Konvention gebro-
chen, nach der in den Monaten vor Wahlen Kandidaten für Schlüsselpositionen
nicht nominiert werden sollen.
Nachdem die „Bürgerplattform“ (PO) die Parlamentswahlen im Oktober 2015
verloren hatte, stellte die Regierung von PO-Ministerpräsidentin Ewa Kopacz quasi
noch in letzter Minute den Wahlsieger PiS vor vollendete Tatsachen. Mitte Okto-
ber wurden noch rasch fünf neue Richter ernannt, obwohl die Amtszeit von drei

199 Ryszard Antoni Legutko, geb. 1949, Philosoph und Politiker; Professor für Philosophie
an der Jagellonien-Universität Krakau, spezialisiert auf antike Philosophie und politi-
sche Theorie. Nach dem Ende des Kommunismus war er Mitbegründer des Zentrums
für Politisches Denken, das Forschung, Lehre, Seminare und Konferenzen organisiert
und auch als Verlag fungiert. Er hat Werke Platons übersetzt und kommentiert; er ist
Autor mehrerer Bücher, u. a.: Platos Kritik der Demokratie (1990), Duldung (1997),
Eine Abhandlung über die Freiheit (2007), Ein Versuch über die Polnische Seele (2008),
Sokrates (2013). Im Jahr 2005 errang er für die PiS einen Sitz im polnischen Senat, wo
er stellvertretender Sprecher. 2007 wurde Legutko zum polnischen Erziehungsmi-
nister ernannt, und von 2007 bis 2009 war er Staatssekretär im Büro von Präsident
Lech Kaczyński. Legutko ist aktuell EU-Parlamentsabgeordneter, wo er Mitglied der
Außenpolitischen Ausschusses und Vizevorsitzender der Parlamentsgruppe der Eu-
ropäischen Konservativen und Reformer ist. 2010 wurde Legutko wegen Verletzung
von Persönlichkeitsrechten verklagt, weil er Studenten, die die Entfernung christlicher
Symbole aus einer öffentlichen Schule gefordert hatten, „unerzogene Lümmel, die von
ihren Eltern verzogen wurden“ genannt hatte. Die Niederschlagung des Falles, um die
Legutko ersuchte, wurde verweigert. Legutko ist Fellow des Collegium Invisibile als
Professor für Philosophie.
119
120 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Richtern erst im November, zwei weiterer gar erst im Dezember endete. Vier dieser
neu berufenen Richter wurden sogar noch eiligst vereidigt. Mit diesem Vorgehen
schien trotz der Wahlniederlage eine linksliberale Mehrheit im höchsten Gericht
Polens vorerst gesichert zu sein. Daher nahm auch die neue polnische Regierung
für sich das Recht in Anspruch, über die Richterberufung selbst zu entscheiden.
Auch sah man in Polen die westliche Kritik an der Einflussnahme der Politik auf die
Besetzung des höchsten Gerichts skeptisch, schon weil etwa in der Bundesrepublik
die etablierten Parteien seit Jahrzehnten für sich das Recht in Anspruch nehmen,
bei der Auswahl des Personals für das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe
mitzubestimmen200. Der Kurswechsel der neuen PiS-Regierung machte sich bereits
unmittelbar nach dem Regierungsantritt nicht nur in Form von Neubesetzungen
wichtiger Posten bemerkbar. In der politischen Talkshow von Tomasz Lis auf Ka-
nal TVP2 sollte einen Tag nach der Amtsübernahme des neuen TVP-Chefs Jacek
Kurski der Präsident des polnischen Verfassungsgerichts, Andrzej Rzepliński, nicht
zu Wort kommen. Das wäre angeblich der Wunsch der neuen Regierung, die am 8.
Januar 2016 die Regierungsgeschäfte übernommen hatte. Die Opposition klagte,
dass das der erste Schritt der PiS sei, das Verfassungsgericht als einzige verbleibende
Kontrollinstanz mit offenkundig rechtswidrigen Gesetzen in ihrer Wirksamkeit zu
beschneiden. Die Talkshow von Tomasz Lis lief seit acht Jahren im zweiten Kanal
des öffentlich-rechtlichen Senders TVP und in keine der bisher 303 Sendungen
hätte sich ein Fernsehchef bisher bei der Einladung seiner Gäste eingemischt,
meinte Lis. Nicht nur Rzepliński, der in Lis‘ Show den Stand des Kampfes um das
Verfassungsgericht schildern sollte, sollte nicht mehr zum Zug kommen. Auch Lis

200 Der Verdacht der Doppelmoral drängte sich polnischen Kommentatoren ebenso bei
der Kritik an der geplanten Zusammenlegung des Justizministerpostens mit dem
des polnischen Generalstaatsanwalts auf. Am 24. Dezember 2015 war in Warschau
der Entwurf eines Gesetzes vorgelegt worden, das vorsieht, dass der Justizminister in
Personalunion auch das Amt des Generalstaatsanwalts ausübt. Gerade von Politkern
der etablierten Parteien in Deutschland muss Kritik an dem Vorhaben unangebracht
wirken. Wie der Generalstaatsanwalt des Landes Brandenburg, Erardo C. Rauten-
berg, in einem Gastbeitrag für den „Tagesspiegel“ inzwischen deutlich gemacht hat,
ist Deutschland bereits vor Jahren vom Europarat aufgefordert worden, selbst für
eine klare Trennung von Justizministerium und Staatsanwaltschaften zu sorgen. So
ist in einer am 30. September 2009 einstimmig gefassten Resolution des Europarats
ganz klar an Deutschland die Forderung ergangen, die Möglichkeit abzustellen, „dass
die Justizminister der Staatsanwaltschaft Anweisungen zu einzelnen Fällen geben“.
Bemühungen, den angesprochenen Missstand abzustellen, sind bislang weder von
Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) noch von seinen Vorgängern bekannt. Eine
Umsetzung dieser Forderung hat der Deutsche Richterbund bislang wiederholt ohne
Erfolg angemahnt.
3.2 Die Erblast der Vorgängerregierungen in der Medienpolitik 121

machte der neue Medienbevollmächtigte Krzysztof Czabański schon lange vor der
Regierungsübernahme der PiS klar, dass Journalisten wie er unter der neuen Re-
gierung vom Bildschirm verschwinden würden. Tomasz Lis live hatte nach eigenen
Angaben zuletzt 2,5 Millionen Zuschauer und einen Marktanteil von 17 Prozent
und war damit die führende politische Talkshow Polens. Lis‘ Vertrag lief aus und
wurde, wie Czabański angekündigt hatte, nicht verlängert201.
Lis hätte bei seinen Gesinnungsgenossen, bei der EU, im ‚Westen‘ stets Narren-
freiheit genossen, ganz gleich wie er mit seinen Gästen, wie er mit der konservativ
denkenden Bevölkerung umgesprungen wäre. In den Augen Legutkos fiel die
Reaktion der EU auf die Regierungen stets parteiisch aus, im Falle der PO auffällig
positiv, in dem der PiS auffällig negativ. Der Außenminister der PO-Regierung,
Sikorski, hatte in einer Rede mehr Europa gefordert, was die PiS-Opposition scharf
kritisierte. Nach dieser Rede und Tusks Lob auf die EU-Institutionen hätte die
PO-Regierung innenpolitisch fast alles tun können und hätte trotzdem den Segen
der führenden EU-Politiker bekommen oder zumindest mit Indifferenz rechnen
können. Legutko erklärte den Erfolg der PiS an den Wahlurnen mit der Meinung
vieler Polen, dass die EU zwar in vielerlei Hinsicht in der Krise stecke, in punkto
Immigration, der Eurozone, Russland, Terrorismus, und dennoch immer noch mehr
Europa fordere, was mehr Integration, mehr Zentralisierung bedeute. Käme die
Kritik von einem starken Mitgliedsstaat wie dem Vereinigten Königreich, hätte die
EU lange versucht, sie abzumildern. Käme sie dagegen von einem osteuropäischen
EU-Mitgliedsstaat wie Ungarn oder Polen sei die Reaktion oft irritiert, aggressiv
und man drohe mit Sanktionen. Die PiS-Regierung würde mit ihren Reformen
der öffentlich-rechtlichen Medien nach Meinung Legutkos die Absicht verfolgen,
diese zu entpolitisieren. Die staatlichen Medien seien eine Bastion aus der kom-
munistischen Zeit, die sich allzu stark Richtung Bürgerplattform und gegen die
PiS neigte. Die Entlassungen und Verkürzungen der Vertragslaufzeiten der von der
Politik für Medienposten Benannten wären allein mit der Absicht geschehen, die
starke Politisierung der staatlichen Medien zu reduzieren. In Polen sah man die
EU als politisch voreingenommen, was auch Legutko bestätigte. Die EU sei nicht
irritiert, weil die Medien rechtlich mit der Regierung verbunden sind, sondern weil
sie mit der falschen Regierung verbunden sind. Dass der PiS-Vorsitzende Jarosław
Kaczyński Untersuchungen veranlasste, um aufzuklären, ob Russland eine Rolle in
jenem Flugzeugabsturz von 2010 gespielt hat, bei dem sein Zwillingsbruder Lech und

201 Vgl.: Hassel, Florian: „Wie Polens neue Regierung den Rundfunk verändert“. Mode-
ratoren werden abgesetzt, Hierarchien linientreu gestaltet – und nun wird auch der
beliebteste Polittalker des Landes vom Schirm verschwinden. In: Süddeutsche Zeitung,
20. Jan. 2016.
121
122 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Dutzende hoher militärischer, politischer und religiöser Personen starben, mochte


paranoid erscheinen. Hatten Experten doch festgestellt, dass allein menschliches
Versagen für den Absturz verantwortlich war. Doch ist die Furcht vor russischen
Verschwörungen, die die amerikanische Gesellschaft seit geraumer Zeit gebannt
hält, etwas anderes als Paranoia, fragte Legutko.
Auch die Medienkampagne gegen die PiS-Regierung hätte wenig Substanzielles
zutage gefördert. Im Gegenzug kommentierte die konservative Presse Polens die
politischen Entwicklungen in westlichen Ländern, die die Arroganz gegenüber Polen
kaum rechtfertigen würden. Den Polen würde nicht entgehen, dass einerseits deutsche
und französische Politiker Polen für den Rückbau von Freiheit und Demokratie
kritisieren, andererseits aber die französische Regierung nach den terroristischen
Anschlägen den unbefristeten Ausnahmezustand verhängen musste, und dass fast
70 Prozent all jener, die in französischen Gefängnissen einsitzen, muslimischen
Glaubens seien. Die polnische Boulevardpresse beschrieb ausführlich, wie Märkte
und Synagogen in deutschen Städten von bewaffneten Polizisten beschützt werden
müssen, wie sich die einst freie deutsche Gesellschaft in einen ‚Überwachungsstaat‘
verwandeln würde. Die Regierung Hollande verfiel zusehends, und selbst die
unangreifbar populäre deutsche Kanzlerin hätte unter dem negativen Eindruck
der aus dem Ruder laufenden Flüchtlingskrise leiden müssen. Umso genüsslicher
malten die regierungsnahen polnischen Medien, etwa TV Trwam oder Telewizja
Republika, einerseits den Aufschwung der Popularitätswerte der PiS-Regierung aus,
nachdem sie die angekündigten Reformen anzugehen begann, und andererseits die
karikaturhaft-polemische Berichterstattung über Polen in der westeuropäischen
Presse. PiS-Spitzenfunktionäre betonten immer wieder, dass allein der Umstand,
zum Mainstream zu gehören, eine Ambition, die gerade die deutsche Politik aus-
zeichne, einer souveränen Nation unwürdig sei, die wichtige Interessen, ein starkes
Bewusstsein der eigenen Identität und Ambitionen hat. Die polnische Regierungs-
partei sah sich nach einer jahrelangen, ihrer Ansicht nach verfehlten Reform- und
Liberalisierungspolitik im Recht und in der Pflicht, das Ruder herumzureißen,
auch um den Preis der Verletzung verfassungsrechtlicher Prinzipien.
Zuständig für den neuen Kurs in den öffentlich-rechtlichen Medien Polens war
Jacek Kurski, der bei seiner Amtseinführung als neuer TVP-Chef Mitte Januar 2016
erklärte, er sei ein Garant dafür, dass die Unabhängigkeit und Freiheit des öffentlichen
Fernsehens vor Einmischung durch die Politik bewahrt werde. Für seine Kritiker war
er jedoch Agitator im Dienste des PiS-Vorsitzenden Jarosław Kaczyński und dessen
im April 2010 verunglückten Bruders. Kurski hatte sich selbst einmal als „Bullterrier“
der Brüder Kaczyński bezeichnet. 2005 hatte er als Fernseh-Wahlkampfchef Lech
Kaczyński in der Präsidentschaftswahl zum Sieg über den favorisierten Donald Tusk
3.2 Die Erblast der Vorgängerregierungen in der Medienpolitik 123

verholfen202. Teil des Erfolgs war Kurskis Enthüllung, dass Tusks Großvater Soldat
der Wehrmacht gewesen war, auch wenn sich bald herausstellen sollte, dass Tusks
Großvater wohl zwangsverpflichtet worden war, schon nach einigen Tagen floh
und sich polnischen Einheiten anschloss. Wie dem auch gewesen war, Tusk verlor
die Stichwahl. Mag Kurski auch mit seiner drastischen Art, seinen einprägsamen,
auch beleidigenden Äußerungen über politische Gegner, für die er mehrmals zu
Geldstrafen verurteilt wurde, erfolgreich gewesen sein, das Verhältnis zu Jarosław
Kaczyński war trotz aller Bewunderung zwiespältig. Kaczyński ließ Kurski 2011
aus der PiS ausschließen, weil Kurski nach Wahlniederlagen Reformen gefordert
hatte. Vor den Parlamentswahlen im Herbst 2015 entschuldigte sich Kurski bei
Kaczyński und erhielt mit dem deutlichen PiS-Wahlsieg203 Gelegenheit, die von
der PiS beabsichtigten Reformen in den öffentlich-rechtlichen Medien anzugehen.
Ende 2015 entmachtete die Regierung das bisherige Aufsichtsgremium der
öffentlich-rechtlichen Medien, strich öffentliche Ausschreibungen für Führungs-
posten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, Radio und der staatlichen Presseagentur
und übertrug die Personalhoheit dem Minister für Staatsbesitz, der wiederum
PiS-Parteifunktionäre wie Jacek Kurski zu Direktoren ernannte. Danach wurden
in Rundfunk und Fernsehen die Nachrichtenchefs ebenso entlassen wie zahlreiche

202 Für die PiS-Regierung ist der frühere liberal-konservative Ministerpräsident so etwas wie
der Staatsfeind Nummer eins. Parteichef Jarosław Kaczyński sieht in Tusk eine zentrale
Figur bei der angeblichen Verschwörung zur Verschleierung der wahren Ursache des
Flugzeugabsturzes, bei dem sein Bruder Lech Kaczyński im russischen Smolensk ums
Leben gekommen war. Monate vor dem Regierungswechsel, im Oktober 2015, schien
es, als habe Kaczyński sein Urteil über Tusks Brüsseler Karriere gesprochen: „Uns geht
es in der EU nicht darum, uns um Posten zu bewerben, sondern polnische Interessen
durchzusetzen.“ Ohne Rückhalt aus dem eigenen Land schienen die Chancen Tusks
auf eine Wiederwahl gegen Null zu sinken. Anderseits fiel es etlichen Regierungschefs
gerade angesichts der nationalistischen Töne aus Warschau schwer, den Liberalen Tusk
und damit den proeuropäischen Teil Polens fallen zu lassen. Beata Szydło meinte nach
einem Gespräch mit Tusk, „dass es für uns immer von Wert ist, wenn ein Pole einen
wichtigen Posten in internationalen Organisationen bekleidet“. Hätte sie sich das
tatsächlich vorstellen können, wäre Tusk bis Dezember 2019 in Brüssel. 2020 wird in
Polen wieder ein Präsident gewählt.
203 PiS (Prawo i Sprawiedliwość) gewann die Parlamentswahl 2015 mit 37,6 % und erhielt
235 der 460 Mandate im Sejm, also die absolute Mehrheit. Auch im Senat ist die PiS mit
einer absoluten Mehrheit (61 von 100 Mandaten) vertreten. Die erste Sitzung des Sejm
wurde von dem amtierenden Präsidenten Andrzej Duda auf den 12. November 2015
festgelegt. Am 16. November 2015 wurde Beata Szydło von Präsident Duda vereidigt und
führt seitdem zusammen mit ihrem Kabinett die Regierung. Die Regierungserklärung
vor dem Sejm fand am 18. November 2015 statt, gefolgt von einer Vertrauenswahl durch
das Parlament. [Vgl. Wikipedia-Eintrag „Prawo i Sprawiedliwość“].
123
124 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Moderatoren. So verlor nicht nur Tomasz Lis, sondern auch seine Ehefrau Hanna
vier Tage nach dem Machtwechsel ihre Stelle als Moderatorin des Nachrichtenma-
gazins „Panorama“ bei TVP2. Die offizielle Begründung lautete, sie passe nicht in
die neue Zeit. Czabański kündigte zur selben Zeit ein Mediengesetz an, nach dem
die Arbeitsverträge aller öffentlichen Medienmitarbeiter vorerst auslaufen würden.
Sollten die Verträge erneuert werden, würden die Beschäftigten zu Loyalität ge-
genüber der Regierung und zu patriotischer Berichterstattung verpflichten werden.
An der Hauptnachrichtensendung von TVP „Wiadomosci“ zeigte sich sehr bald,
wie diese Neuausrichtung aussehen würde. Als die EU-Kommission am 14. Januar
2016 gegen Polen ein Verfahren wegen möglicher Verstöße gegen die Rechtsstaat-
lichkeit eröffnete, griffen die privaten Fernsehsender dieses Thema sofort auf. Die
Redaktion von „Wiadomosci“ entschied, diese erneute parteiische Anmaßung der
EU zu ignorieren. Stattdessen befasste sich die TVP-Nachrichtensendung an erster
Stelle mit einem angeblichen Abhörskandal der Vorgängerregierung. Einen Tag
später war die Herabstufung der Kreditwürdigkeit Polens durch die Ratingagen-
tur „Standard&Poors“ Hauptthema der Abendnachrichten der privaten Kanäle,
während das „Wiadomosci“ nur eine kurze Meldung wert war. Die scharfe Kritik
aus dem westlichen Ausland, besonders aus Brüssel an der neuen öffentlich-recht-
lichen Medienpolitik der polnischen Regierung wurde entweder ignoriert oder sie
provozierte zynische, irritierte oder empörte Reaktionen. Von Uninformiertheit,
linksliberaler Parteilichkeit und Voreingenommenheit der westlichen Politik war
die Rede. Die deutsche taz vermutete hinter Leserbriefen, die deutsche Redaktio-
nen in ungewöhnlich hoher Zahl erhielten, den gesteuerten Versuch, Polen gegen
offiziell als ungerechte empfundene Kritik zu verteidigen.
Auch während der Ukraine-Krise waren deutsche Redaktionen bekanntlich mit
Post und E-Mails mit ähnlichem Wortlaut überschüttet worden, wobei man dahinter
vor allem von russischer Seite gesteuerte Trolle vermutete. Im polnischen Fall nahm
man dagegen an, dass es auch normale polnische Bürger gewesen sein könnten,
die aber auf Aufforderung geschrieben hätten. Eine Aufforderung, an deutsche
Redaktionen zu schreiben, zusammen mit einem Mustertext und Adressen deut-
scher, europäischer und amerikanischer Redaktionen und EU-Abgeordneter, fand
sich auf der nationalkonservativen Webseite „Niezależna“, die Teil eines Netzwerks
verschiedener rechter und rechtsextremer Medien ist. Auch die polnische Botschaft
in Deutschland wandte sich erklärend an die Redaktionen deutscher Printmedien,
wobei sie die negative Berichterstattung selbst kommentierte. Die Zeitungen taz und
Frankfurter Allgemeine erhielten Briefe, in denen es hieß, die in westlichen Medien
gestreuten Meinungen zur gegenwärtigen Situation in Polen würde von vielen Polen
mit Unbehagen aufgenommen werden. Die neue Regierung sei in freien Wahlen
gewählt, deren Rechtmäßigkeit von niemandem in Frage gestellt werden könne
3.2 Die Erblast der Vorgängerregierungen in der Medienpolitik 125

und hätte dadurch ein starkes demokratisches Mandat bekommen. Gleichwohl rief
Polens führende Tageszeitung, die liberale Gazeta Wyborcza, nachdem sie die neue
Medienpolitik der national-konservativen Regierung bereits scharf kritisiert hatte,
zu Protesten auf, die im Namen des „Komitees zur Verteidigung der Demokratie“
stattfinden sollten. Dort traten auch Tomasz Lis und andere Newsweek-Journalisten
auf. Er hätte nie demonstriert, erklärte Lis, aber was momentan in Polen passiere
sei kein normaler Regierungswechsel, sondern der Versuch einer Regierung, die
liberale Demokratie in Polen zu zerstören.
Dass er dafür im Internet des Verrats an Polen beschuldigt werde, dass er sein
Land bei den Deutschen schlecht mache, nehme er in Kauf, denn es sei seine Pflicht
als Staatsbürger und Journalist, gegen diese Entwicklung zu protestieren. In den
Boulevardmedien Polens wird gegen kritische Journalisten, die sich angeblich zu
sehr dem Westen, der Europäischen Union andienen, gerne das historisch belastete
Schmähwort ‚volksdeutsch‘ benutzt, als Synonym für Verrat und Kollaboration204.
Katholische Fernsehstationen, deren gesellschaftspolitische Vorstellungen sich mit
denen der PiS-Regierung decken, decken Regierungsgegner mit scharfer Kritik
ein, wofür sich die Regierung wiederum mit ausdrücklichem Lob für den guten,
objektiven Journalismus bedankte. PiS-Politiker forderten unverklausuliert von
Journalisten, nichts Kritisches mehr über sie zu schreiben. Dieser Effekt wird auch
an den deutschen Medien kritisiert, wenn deutsche Journalisten, in diesem Fall
aus innerer Übereinstimmung mit der Regierungspolitik, Kritisches freiwillig
unterdrücken. Deutsche Politiker rechter oder rechtspopulistischer Gesinnung
bemängeln andererseits die herablassende bis verächtliche Haltung einer Mehrheit
der Journalisten gegenüber der eigenen Identität, wobei auch das Wort Volksverrat
in den sozialen Medien immer wieder fällt. In Polen beschimpfen PiS-Anhänger
Regierungskritiker auf Twitter oder Facebook als ‚Volksdeutsche‘, wobei sie hierin
von Vizepremier Mateusz Morawiecki Unterstützung erhielten. Morawiecki bedau-
erte öffentlich, dass man heute mit der Verunglimpfung seines eigenen Landes zu
kämpfen habe. Polnische Regierungskritiker bemängelten ihrerseits, dass sich die
deutsche Politik trotz der eindeutig deutsch-feindlichen Äußerungen PiS-naher
Medien aus Rücksicht auf das gutnachbarschaftliche Verhältnis zu sehr mit Kritik
zurückhalte.
Jarosław Kaczyński bezeichnete Polen einmal als „deutsch-russisches Kondo-
minium“. Sein Leibwächter Jarosław Brudziński erklärte, weder „deutsche Propa­

204 „In einer Zeit, in der kritische Journalisten als Landesverräter bezeichnet werden,
darf sich Deutschland nicht von Polen abwenden.“ Gastbeitrag von Bartosz Wieliński.
Bartosz Wieliński, 37, ist Redakteur im Auslandsressort der polnischen Tageszeitung
Gazeta Wyborcza. Von 2005 bis 2009 war er Deutschland-Korrespondent.
125
126 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

gandablätter noch mickrige Beamtenfritzen“ hätten Polen zu diktieren, was es zu tun


habe. Das Presseorgan der PiS, Gazeta Polska Codziennie, zeigte auf dem Titelblatt
das tausendfach reproduzierte Bild deutscher Soldaten, die im September 1939
einen polnischen Grenzschranke wegheben, wobei die Wehrmachtssoldaten die
Gesichter von Angela Merkel, Günther Oettinger und Martin Schulz tragen. 2007
wurde Berlin beschuldigt, in Deutschland lebende polnische Kinder zu germanisie-
ren. Als Kanzlerin Merkel im Februar 2017 die polnische Premierministerin Beata
Szydło traf, erwartete die EU-Kommission, Merkel werde den Abbau der Rechts-
staatlichkeit und der Medienfreiheit durch die polnische Regierung anprangern.
Einerseits war das Verhältnis der beiden Länder seit 2015 durch die Differenzen in
der Flüchtlingskrise belastet, andererseits wusste Merkel auch, dass sie Polen als
Partner braucht, um die EU nach dem Brexit zusammenhalten. Solidarnosc hätte
ihr Leben geprägt, sagte die Kanzlerin, die in der DDR aufgewachsen ist, und aus
dieser Zeit wüssten wir, wie wichtig freie Medien und eine freie Justiz sind. Szydło
hörte mit entgeisterter Miene zu, ging aber auf die Worte Merkels nicht ein.
Die polnischen Medien hatten vor dem Treffen betont, dass Deutschland und
Polen in einer veränderten Weltlage aufeinander angewiesen seien. Auch die
polnischen Journalisten wussten sehr gut, dass Gesetze und Reformvorhaben
in der EU, ihre Emanzipation von den Vereinigten Staaten nach dem Wahlsieg
Trumps ohne die Mitwirkung Polen nicht möglich sein würden. Die polnische
nationalkonservative Regierung war zwar wegen des aggressiven Vorgehens Russ-
lands in der Ukraine besorgt, sah aber in Teilen einen größeren Konsens mit der
russischen als mit der Gesellschaftspolitik der EU, deren anti-nationale Haltung
der polnische Außenminister Witold Waszczykowski immer wieder kritisierte.
Er forderte mehr Mitsprache für die nationalen Parlamente. Auch Trumps Wahl-
sieg und sein politisch konservatives Programm wurden in der regierungsnahen
Presse Polens weit positiver als etwa in Deutschland gesehen. Nur Trumps unklare
Haltung zu Russland sorgte in der polnischen Presse für Besorgnis, weshalb auch
die Fortsetzung der Russland-Sanktionen der kleinste gemeinsame, harmonische
Nenner des Besuchs Merkels in Polen war. Polnische Medien bilanzierten nach
dem deutsch-polnischen Treffen, dass eigentlich das gescholtene Polen aktuell am
längeren Hebel säße. Mochte auch die EU beanstanden, Polen verabschiede sich
von den europäischen Werten, könne sie wenig unternehmen, wenn Polen diese
Kritik an Brüssel zurückgebe. Die Opposition und ihre Medien ermahnten Europa,
ein wachsames Auge auf Polen zu haben.
Die PiS-Regierung sei nicht Polen, und die polnische Zivilgesellschaft hätte
mit den Demonstrationen im Dezember 2016 gezeigt, wie stark sie sei. Die Regie-
rungsmedien nahmen dagegen gerade die Demonstrationen als Beleg dafür, dass
die Gegner eine verschwindende Minderheit darstellten. Auch verwiesen sie immer
3.2 Die Erblast der Vorgängerregierungen in der Medienpolitik 127

wieder auf die deutschen Debatten über ‚Lügenpresse‘ und ähnliches, um die These
der Opposition zu entkräften, der deutsche Nachbar sei das rühmliche Gegenbeispiel
zu den polnischen Verhältnissen. Die verspätete und selektive Berichterstattung
etwa durch das ZDF über die Vorgänge in der Silvesternacht vor dem Kölner Dom
wurde herangezogen, ebenso die Entscheidung des SWR, auf Druck der SPD die
AfD von der sogenannten ‚Elefantenrunde‘ vor der Landtagswahl auszuladen.
Die SPD hatte es vorab kategorisch ausgeschlossen, sich mit einem Vertreter der
rechtspopulistischen Partei auf ein gemeinsames Podium zu setzen. Für Interesse
sorgte auch die auf der Druck der SPD erfolgte Entscheidung der MDR-Intendantin
Karola Wille, eine Dokumentation aus der Mediathek entfernen zu lassen, der die
Unterwanderung der Leipziger SPD und vor allem der Jusos durch eine Gruppe
mutmaßlicher Islamisten des muslimischen Predigers Fethullah Gülen themati-
sierte205. Der Leipziger SPD-Chef Michael Clobes hatte dem MDR Desinformation
vorgeworfen206.
Trotz des international und national immer wieder thematisierten Streits um das
Verfassungsgericht und die Lage der Medien fielen die Umfragen für die PiS-Re-
gierung positiv aus, was vor allem an der Sozialpolitik der nationalkonservativen
Regierung liegt. In einer Umfrage vom Februar 2017 des Meinungsforschungsinsti-
tuts Ibris kam die PiS auf 38 Prozent, deutlich mehr als die zweit- und drittstärkste
Partei, die PO mit 19 Prozent und die „Nowoczesna“ mit 11 Prozent zusammen
erreichen. Angesichts der Massenproteste gegen die Aushöhlung des Rechtsstaats
und die Kontrolle der öffentlich-rechtlichen Medien, von denen in den deutschen
Medien im wieder die Rede war, erscheint das verwunderlich. Doch ein nicht
unbeträchtlicher Teil der Bevölkerung hat schlicht andere Sorgen. Im Jahr 2015
lebten rund sechs Prozent der Polen unter der Armutsgrenze, rund zwölf Prozent
waren sozialhilfeberechtigt. So wird klar, warum für viele Polen der Streit um das
Verfassungsgericht oder der Zustand der staatlichen Medien eine geringe bis gar
keine Rolle spielt. Die Sozialpolitik der PiS hat es vielen Polen und polnischen
Familien leichter gemacht, sich und ihre Familien durch den Monat zu bringen.
Zugleich sind Polens Staatsschulden deutlich schneller gewachsen, seitdem die PiS
die Regierungsgewalt ausübt. Sie kann davon zehren, dass die Vorgängerregierung

205 „MDR wirft auf SPD-Wunsch kritischen Film aus Mediathek“. In: Thüringer Allgemeine,
7. Nov. 2013.
206 Wille verteidigte in einer Antwort an die SPD ihre Redakteure. Diese hätten in „ein-
wandfreier Weise“ berichtet. Trotzdem habe der MDR „entschieden, den Beitrag nicht
nochmals zu wiederholen und auch aus der Mediathek zu entfernen“. Der Beitrag sei
rechtlich nicht zu beanstanden, so ein MDR-Sprecher. Die juristische Direktion habe
die Entfernung nach Beschwerden jedoch empfohlen, „um einer weiteren Eskalation
entgegenzuwirken“.
127
128 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

solide gewirtschaftet hat. Doch auf lange Sicht wird sich die PiS Gedanken darüber
machen müssen, wie sie die hohen Sozialausgaben finanziert.

3.3 Mediale Streitfälle: Wałęsa, Polanski und andere


3.3 Mediale Streitfälle: Wałęsa, Polanski und andere
Was die Medien und die öffentliche Meinung in Polen im Frühjahr 2016 neben
den sonstigen politischen Vorgängen aufwühlte, und geeignet war, Licht auf ge-
wisse Entwicklungen des freien Polen nach 1989 zu werfen, waren Vorwürfe, die
bereits früher erhoben worden waren, aber nun erneut an die Oberfläche kamen.
Dazu gehörte die Behauptung, der als Übervater der Nation und Freiheitsikone
verehrte ehemalige Präsident Polens und Friedensnobelpreisträger Lech Wałe-
sa, wäre inoffizieller Mitarbeiter des kommunistischen Geheimdienstes SB der
Volksrepublik Polen gewesen. Die Präsidialkanzlei reagierte mit einer offiziellen
Presseerklärung auf die Macierewicz-Liste, in der zu lesen war, Wałesa bekenne, für
eine Zusammenarbeit mit dem SB unterschrieben zu haben. Zwei Stunden später
ließ er die Erklärung jedoch zurückziehen, und wehrte sich seitdem hartnäckig
gegen Vorwürfe der Kooperation. Doch der Verdacht hielt sich und schien sich 2016
erneut zu bestätigen. Die Witwe von General Jaruzelski hatte dem IPN für 20.000
Euro sechs Säcke mit hand- und maschinengeschriebenen Aufzeichnungen sowie
Photographien angeboten, worauf Polizei und Staatsanwaltschaft das Haus der
Witwe und Warschau durchsuchten und die Säcke beschlagnahmten. IPN-Chef
Kamiński erklärte, sie hätten in der Personalakte einen Umschlag mit einer hand-
geschriebenen Verpflichtung zur Mitarbeit mit dem Sicherheitsdienst gefunden,
unterschrieben „Lech Wałęsa ‚Bolek‘“. In der Arbeitsmappe hätten sich mehrere
mit ‚Bolek‘ unterschriebene Quittungen über Geldempfang, Spitzelberichte wie
auch Notizen von SB-Funktionären über gemeinsame Treffen gefunden, wobei die
Aufzeichnungen und Quittungen aus dem Zeitraum 1970 bis 1976 stammen sollten.
Der Verteidigungsminister der PiS-Regierung, Macierewicz, der schon 1990 eine
Rolle gespielt hatte, sprach vom „Ende der Legende Wałesa“. In einem Interview
mit der italienischen Tageszeitung La Repubblica erklärte Wałesa nur knapp und
ungehalten, er wäre kein Spion gewesen, die Dokumente seien gefälscht. Die Macht
klage ihn nur an diffamiere ihn, „um die Freiheit in Polen zu ersticken“207. Die
Vorwürfe an seine Adresse seien Teil einer Eskalationsstrategie hin zu einem Klima
des Bürgerkriegs, die von der aktuellen Regierung betrieben würde. ­Macierewicz

207 Vgl. Tarquini A.: „Non ero una spia. Il potere mi accusa per soffocare la libertà in
Polonia“. In: la Reppublica, 1. März 2016, S. 14.
3.3 Mediale Streitfälle: Wałęsa, Polanski und andere 129

sei ein niemand, während er, Wałęsa, neben der Kirche alle zum Kampf für die
Freiheit angetrieben hätte. Mitglied oder Zuträger des Geheimdienstes wäre er
nie gewesen, aber Kontakte zu den Leuten an der Macht hätte er stets gehalten,
aber ohne Kompromisse, um zu erfahren, wie diese Leute denken. Andernfalls
hätte man eine weitgehend gewaltfreie Revolution nicht zustande gebracht. „Sie
wollten mich verschwinden lassen und diskreditieren. Sie versuchten auch mich
umzubringen, dafür habe ich Zeugenaussagen. Aber gestern wie heute kann man
mich umbringen, aber mich nicht besiegen.“208
Durch die neuen Berichte fühlten sich jedoch jene bestätigt, die Wałęsas Kurs
des „großen Schlussstriches“, also die Aussöhnung zwischen Regimegegnern und
Parteigängern, die der ehemalige Präsident unterstützt hatte, als Verrat empfun-
den hatten. Es wäre zu keiner Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit
gekommen, keine Politik gegen die alten kommunistischen Eliten gemacht wor-
den, weil sich Wałęsa in Abhängigkeiten befand209. Der letzte Innenminister der
Volksrepublik Polen, General Czesław Kiszczak (1925-2015), saß mit Wałęsa am
berühmten „Runden Tisch“, der im Frühjahr 1989 die Wende einleitete. Beobach-
ter erwarteten Ende Februar 2016 weitere spektakuläre Enthüllungen. Polnische
Medien, die der Regierung unter Führung der PiS nahestehen, sprachen vom
einem „Zyklon-Schrank“, der derzeit durch Polen rase und an den Grundfesten
der Nachwendeordnung rüttele. Vor allem stehe der Beschluss des runden Tisches
von 1989 zur Disposition, unter die dunkle Ära des Kommunismus einen dicken
Schlussstrich zu ziehen. Das Ende der Schlussstrich-Mentalität der alten Regie-
rung, die ihre Schützlinge selbst in schwersten Fällen vor dem Gericht oder der
Auslieferung bewahrt hätte, schien auch im Fall des polnischen Regisseurs Roman
Polanski gekommen. Die Vereinigten Staaten forderten die Auslieferung Polanskis,
der in einem sexuellen Missbrauchsfall aus dem Jahr 1977 in Abwesenheit verurteilt
worden und daraufhin nach Frankreich geflohen war, und Polens Regierung schien
bereit gegen die bisher geltende Auslieferungsverweigerung Polanskis zu klagen,
der in Paris lebt, aber auch eine Wohnung in Krakau besitzt. Ein polnisches Gericht
wies das Auslieferungsansuchen zurück und auch die polnische Staatsanwaltschaft
äußerte sich anfangs gleichlautend. Doch Justizminister und Generalstaatsanwalt
Zbigniew Ziobro erklärte, er hätte entschieden, beim Obersten Gerichtshof für
die Auslieferung Polanskis an die Vereinigten Staaten zu plädieren, der wegen der
Vergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens angeklagt wäre und gesucht würde.

208 Ibidem.
209 Vgl. Meetschen, St.: „Nationalheld mit Schwächen“. Vorwurf der Agententätigkeit – Der
polnische Kommunismusbezwinger Lech Walesa steht unter Druck. In: Die Tagespost,
Nr. 22, 23. Febr. 2016, S. 3.
129
130 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Bereits im Oktober 2015, kurz nachdem die nationalkonservative Regierung ins


Amt gewählt worden war, hatte sie erklärt, Polanski sollte an die Vereinigten Staaten
ausgeliefert werden, um dort seine Strafe abzuleisten. PiS-Chef Jarosław Kaczy-
ński machte den Fall zu einem wesentlichen Thema seines Wahlkampfs. Es hätte
zwar Diskussionen gegeben, Polanski nicht zur Verantwortung zu ziehen, weil er
ein herausragender, weltberühmter Filmemacher sei, sagte Kaczyński, doch diese
Einstellung lehne er total ab. Polanskis Anwälte erklärten, der Gerechtigkeit wäre
längst Genüge getan. Catherine Shoard nannte es im Guardian „falsch, denkfaul
und gefährlich, Woody Allen mit Polanski oder dem US-amerikanischen Komi-
ker Bill Cosby zu vergleichen210. Dazu seien die Fälle zu unterschiedlich. Polanski
erklärte sich für schuldig, saß dafür 42 Tage im Gefängnis, erfüllte Bewährungs-
auflagen und floh dann aus den Vereinigten Staaten nach Paris, bevor das Urteil
gesprochen wurde. Er hätte sich beim Opfer entschuldigt, das keinen Grund für
eine Auslieferung mehr sehen würde.
Die nationalkonservative Wende drohte auch das bisher Erreichte in der
deutsch-polnischen Versöhnung zu verdunkeln. Als Joseph Croitoru in der Frank­
furter Allgemeinen Zeitung vom 6. April 2016 die berechtigte Frage stellte, ob die
„heldenhafte Familie Ulma etwa typisch“ gewesen wäre, antwortete der Präsident
des Instituts für Nationales Gedenken (IPN) in Warschau, Łukasz Kamiński, in
derselben Zeitung mit einer harschen, stellenweise polemischen Zurückweisung, die
bis vor kurzem noch undenkbar gewesen wäre. „Finger weg von unseren Helden!“211
Józef und Wiktoria Ulma, die für Kamiński polnische Helden waren, hatten während
der NS-Besatzung Juden versteckt. Croitoru schien die Ehrung der Helden durch
ein eigenes Museum, die zwar von bereits von der Kulturministerin der vorherigen
Regierung beschlossen worden war, zur nationalkonservativen Agenda der neuen
polnischen Regierung zu passen. Diese feiere das Verhalten der Familie Ulma, um
zu verdecken, dass deren Verhalten nicht unbedingt typisch war. Eine „historische
Debatte“ werde entfacht, so Croitoru, um die für den Opfermythos Polens durchaus
peinliche Diskussion etwa über Jedwabne zu relativieren212. Kamiński ließ sich darauf

210 Comparing Woody Allen to Polanski or Cosby is lazy and dangerous. In: The Guardian,
13. Mai 2016 [http://www.theguardian.com/commentisfree/2016/may/13/woody-­a llen-
polanski-cosby-dangerous-cannes-ronan-farrow].
211 Kamiński, L.: „Finger weg von unseren Helden“. Woher wollen die Deutschen wissen,
was typisch polnisch ist? Wir wissen nur, was unter deutscher Besatzung typisch war
bei uns. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 88, 15. April 2016, S. 9.
212 Für das Massaker von Jedwabne, bei dem mehr als 300 Juden umgebracht worden waren,
wurde jahrzehntelang ausschließlich die deutsche Besatzungsmacht verantwortlich
gemacht. Die Opferzahl wurde mit 1.600 Toten angegeben und weitere Nachforschun-
gen nicht unternommen. Nach 1960 errichtete die Stadt einen Gedenkstein mit dem
3.3 Mediale Streitfälle: Wałęsa, Polanski und andere 131

nicht ein. Heroische Haltungen seien nie typisch, ebenso wenig wie die Tätigkeit
Irina Sendlers, die „zweieinhalbtausend jüdische Kinder vor den deutschen Mör-
dern rettete, indem sie sie hauptsächlich in polnischen Familien und katholischen
Klöstern unterbrachte“. Auch seien jene Polen nicht typisch, die versteckte Juden
und Polen, die ihnen halfen, den Deutschen auslieferten. Sie wären nach dem Recht
des polnischen Untergrundstaates seit 1943 der Todesstrafe verfallen.
Der heiklen Frage nach dem seit langem diskutierten strukturellen Antisemitis-
mus der polnischen Gesellschaft wich Kamiński aus, indem er auf die Verbrechen
der NS-Besatzung, die Zerstörung des polnischen Bildungswesens, von Dörfern,

übersetzten Wortlaut: „Hier ereignete sich ein Martyrium der jüdischen Bevölkerung.
Am 10. Juli 1941 verbrannten Gestapo und Hitler-Polizei 1.600 Personen bei lebendigem
Leib.“ Erst 2001 wurde das Thema akut, nachdem 2000 das Buch „Nachbarn. Der Mord
an den Juden von Jedwabne“ des US-amerikanischen Historikers polnisch-jüdischer
Herkunft Jan Tomasz Gross erschienen war, in dem die bisherige Darstellung des
Massakers in Jedwabne als Geschichtsfälschung dargestellt wurde. Gross‘ Buch löste
nicht nur in Polen eine intensive Diskussion aus, insbes. weil Gross schrieb, dass es sich
bei den Ereignissen vom 10. Juli 1941 nicht nur um einen Einzelfall gehandelt habe.
Gross attestierte der gesamten polnischen Gesellschaft eine latente antijüdische bis
antisemitische Grundhaltung. Generationen von Historikern hätten die Ereignisse von
Jedwabne bewusst verschwiegen. Kurz nach der Veröffentlichung wurde das Institut
für Nationales Gedenken (IPN) mit Nachforschungen des Massakers beauftragt, die
Gross’ Darstellungen im Wesentlichen bestätigten, die Opferzahlen jedoch mit 300
bis 400 angaben und die Anwesenheit deutscher Truppen in der Gegend ermittelten.
Außerdem erschienen zum Massaker in Jedwabne seitdem mehrere Untersuchungen
polnischer und internationaler Historiker. Zum 60. Jahrestag der Geschehnisse fand am
10. Juli 2001 in Jedwabne eine Gedenkfeier statt, bei der der polnische Staatspräsident
Aleksander Kwaśniewski in seinem und dem Namen jener Polen, deren Gewissen durch
das Verbrechen aufgewühlt wurde, um Vergebung für das Massaker bat. Dabei wurde
ein neues Denkmal aufgestellt. Die Mehrheit der Einwohner Jedwabnes lehnte die
Feierlichkeit ab und boykottierte sie. Aus Protest ließ der katholische Priester während
der Veranstaltung die Kirchenglocken läuten. Das Leben des damaligen Bürgermeisters
von Jedwabne, Krzysztof Godlewski, der sich stark für die Gedenkfeier eingesetzt hatte,
wurde im Anschluß so beschwerlich, dass er sich zur Emigration in die USA genötigt
sah. 2006 stellte „Der Spiegel“ fest, dass die Brüder Laudanski, die viele Historiker
und Journalisten für mitverantwortliche Täter am Pogrom halten, noch immer als
polnische Patrioten glorifiziert werden. Die katholische Tageszeitung „Nasz Dziennik“
brachte die Überschrift „Die Brüder Laudanski warten auf die Gerechtigkeit“. [Vgl.:
Jan T. Gross: Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne. Beck, München 2001;
Robert S. Wistrich: The Jedwabne Affair, The Stephen Roth Institute for the Study of
Anti-Semitism and Racism. Tel Aviv University, 2002; Stephanie Kowitz: Jedwabne.
Berlin 2004; Edmund Dmitrow: Der Beginn der Vernichtung, zum Mord an den Juden
in Jedwabne und Umgebung im Sommer 1941. Neue Forschungsergebnisse polnischer
Historiker. Osnabrück 2004].
131
132 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

kulturellen Werten und die wirtschaftliche Ausbeutung Polens verwies, die aller-
dings typisch für die Besatzung gewesen wären: „Alle diese Phänomene waren
typisch, weil sie nach den Richtlinien Hitlers ausgeführt wurden. […] Das Institut
für Nationales Gedenken (IPN) und viele andere Institutionen in Polen untersuchen
die Schicksale der Polen, die Juden gerettet haben, nicht, um irgendeinen ideolo-
gischen Bedarf zu decken. Wir sind der Meinung, dass dies unsere grundlegende
Verpflichtung ist gegenüber den Helden, die ihr Leben riskiert und des daher
verdient haben, dass ihre Namen im Gedächtnis der Nachfahren erhalten bleiben.
Die Polen sind stolz auf ihre Geschichte, darauf, dass sie sich als erste Hitler ent-
gegengestellt und bis zum letzten Kriegstag gegen die Deutschen gekämpft haben,
was enorme Opfer kostete.“213 Die Zahl der Polen, die ihr Leben für verfolgte Juden
riskiert haben, sei nicht mehr festzustellen, eines sei jedoch sicher, so Kamiński: „Es
waren entschieden mehr als die Mitglieder der deutschen Widerstandsbewegung
gegen Hitler, über deren Geschichte man in vielen Museen und Gedenkstätten
etwas erfahren kann.“214 Die offizielle Geschichtspolitik, die Polens neue Regierung
betrieb, schien das zu bestätigen, was man schon an derjenigen der ungarischen
Regierung bemängelt hatte.
Die große Erzählung von den Heldentaten Einzelner, vom Leiden des Landes
unter NS-Besatzung oder Kommunismus solle vom großen Versagen, von aktuellen
Relativierungen und offener Glorifizierung der Täter ablenken. Die Bevölkerung
der ostpolnischen Kleinstadt Jedwabne, wo am 10. Juli 1941 polnische Bürger mehr
als 300 örtliche und geflüchtete Juden auf dem Marktplatz misshandelt und umge-
bracht und die restlichen danach in einer nahegelegenen Scheune verbrannt hatten,
lehnt bis heute überwiegend das Gedenken an den Pogrom ab215. 2002, fast genau
61 Jahre nach dem Pogrom, schloss die polnische Justiz die Ermittlungen ab, und
erklärte, bei der Tat habe es sich um ein „geplantes Verbrechen“ von Polen aus der
Umgebung gehandelt, und widerlegte damit die jahrzehntelang aufrechterhaltene
Darstellung, nach der die deutschen Besatzer für die Morde am 10. Juli 1941 ver-
antwortlich gewesen wären. Im August 2011 wurde die Gedenkstätte von Jedwabne
von unbekannten Tätern beschädigt. Damals wie heute wird die Aufarbeitung der
Geschehnisse von rechtsextremen Kreisen abgelehnt. Sie schließen kategorisch

213 Kamiński, L.: „Finger weg von unseren Helden“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung,
Nr. 88, 15. April 2016, S. 9.
214 Ibidem.
215 2005 schrieb Chr. Schmidt-Häuer in der „Zeit“ über den „Ort, der nicht bereuen will“
(Zeit online, 3. Febr. 2005) [„Der Ort, der nicht bereuen will“. Vor fast fünf Jahren
ging der Name Jedwabne um die Welt. Es kam heraus, dass nicht deutsche Einheiten,
sondern die polnischen Bewohner des Städtchens 1941 fast alle ihre jüdischen Nachbarn
ermordet hatten. Bis heute rechtfertigen die Nachkommen der Täter das Verbrechen].
3.3 Mediale Streitfälle: Wałęsa, Polanski und andere 133

aus, dass Polen in einigen Fällen die Verbrechen der deutschen Besatzungsmacht
unterstützten und mit ihr kollaborierten. Der polnische Emigrant und amerika-
nische Politologe Jan Tomasz Gross, der 2000 mit seinem Buch über das Pogrom
von Jedwabne und dessen jahrzehntelange Verleugnung, die Debatte ausgelöst
hatte, meinte, nach seinem Eindruck hätte „der Antisemitismus ganze Gebiete der
polnischen Geschichte verseucht und in verbotene Themen verwandelt.“216
Erinnerungsbücher an Jedwabne von jüdischen Zeitzeugen oder Historikern
erschienen in New York, London oder Tel Aviv. In Polen hatten die Historiker
andere Sorgen. Ihnen waren, erklärlich nach allem, was diesem Land widerfahren
war, die polnischen Märtyrer wichtiger als die polnischen Mörder. Der einstige
Dissident und vielzitierte Publizist Adam Michnik meinte, heute büße Polen für
Jahrzehnte der Lüge. Den Bürgern von Jedwabne erschien es jedoch so, als ob sie
allein büßen müssten für Verbrechen, die in vielen ungenannten Nachbarorten
ebenso geschehen waren. Von Herbst 2000 bis zum Frühsommer 2004 fuhr die
Warschauer Journalistin und Psychologin Anna Bikont regelmäßig nach Jedwabne
und erforschte die lokalen Spuren zu den Überlebenden in den USA, Costa Rica
und Israel. Der Essayband „Nachbarn“, den Bikont veröffentlichte, erschütterte und
empörte ihre Landsleute. Die konservative Tageszeitung Rzeczpospolita unterstellte
der Autorin in Anspielung auf ihre halbjüdische Herkunft, sie verstehe Polen einfach
nicht. Jacek Kuron, Vaterfigur der Dissidenten und Minister in der ersten demo-
kratischen Regierung nach der Wende von 1989, schrieb kurz vor seinem Tode im
Sommer 2004 ein Vorwort für das Buch. Es überrasche ihn nicht, schrieb Kuron,
dass unter Polen auch Mörder waren, denn die gebe es in jeder Nation. Es sei aber
absolut verzweifelt, dass Bischöfe, Politiker, Journalisten die Mörder verteidigen217.
Anna Bikont stellte schon damals etwas fest, was viele auch über das Polen des
Jahres 2016 oder 2017 sagten: Viele Menschen in diesem Raum würden glauben,
„dass es immer nur die Polen gewesen sind, die das Land bestellten – und nicht
auch Litauer, Deutsche, Juden. Sie fühlen sich von anderen Kulturen bedrängt und
glauben, alle nichtpolnischen Einflüsse abwehren zu müssen.“218

216 Schmidt-Häuer, Chr.: „Der Ort, der nicht bereuen will“. In: Zeit online, 3. Febr. 2005.
217 Ibidem.
218 Ibidem.
133
134 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

3.4 Die Gesellschaftspolitik der polnischen Regierung


und die Medien
3.4 Die Gesellschaftspolitik der polnischen Regierung und die Medien
Diese Ablehnung angeblich nichtpolnischer Einflüsse griff gerade auch auf die
Gesellschaftspolitik aus. Westliche, progressive, liberale Einflüsse sollten von der
polnischen Gesellschaft möglichst ferngehalten werden. Eine Volksinitiative namens
„Pro – Prawo do Życia (deutsch: „Für ein Recht auf Leben“) propagierte ein Gesetz,
das Abtreibungen außer bei Gefahr für das Leben der Frau verbieten soll. Danach
sollten Schwangerschaftsabbrüche mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden.
Das vergleichsweise strenge polnische Abtreibungsgesetz erlaubt Schwangerschafts-
abbrüche nur bei Missbildung oder unheilbarer Krankheit des Fötus, bei Gefahr für
Leben oder Gesundheit der Frau sowie nach einer Vergewaltigung oder Inzest. Die
Initiative fand im März 2016 die Unterstützung der polnischen Ministerpräsidentin.
„Ich unterstütze diese Initiative“, sagte Beata Szydło im polnischen Rundfunk zu
dem Bürgerbegehren „Stoppt Abtreibung“, das Unterschriften für eine Änderung
des geltenden Rechts sammelte. Szydło war auch dafür, im Parlament eine Debatte
über das Bürgerprojekt anzusetzen219. Ihre persönliche Meinung sei allerdings nicht
unbedingt auch die Meinung aller Abgeordneten der national-konservativen PiS,

219 Marita Gasteiger wies auf der Webseite „Cafebabel“ (5. April 2016) in diesem Zusam-
menhang auf die letztlich gescheiterte Familienpolitik des 1989 abgesetzten rumänischen
Diktators Ceauşescu hin. Angesichts der Forderung Szydlos nach einem absoluten
Abtreibungsverbot sei daran zu erinnern, dass „die schlechten Erfahrungen mit dem
Verbieten von Schwangerschaftsabbrüchen in Europa noch gar nicht so lange her
[seien], „beispielsweise Rumänien zwischen 1966 und 1989. Rumänien, 1966: Diktator
Nicola Ceaușescu erlässt das Dekret 770, das nach seinem Tod zum geflügelten Wort
werden soll: Es verbietet Abtreibungen – Ausnahme sind lediglich Frauen, die über 45
Jahre alt sind oder bereits für vier Kinder sorgen müssen. Gleichzeitig schränkt der
Diktator den Verkauf von Verhütungsmitteln massiv ein. […] Zu Beginn scheint das
Experiment geglückt: Dekret 770 bewirkt, dass die Geburtenrate innerhalb eines Jah-
res von weniger als zwei auf mehr als drei Kinder pro Frau steigt – das angepeilte Ziel
sind vier Kinder pro Frau. Eine 2013 veröffentlichte Studie zeigt aber die dramatischen
Nebenwirkungen dieser Politik auf: Die Sterblichkeit aufgrund von Abtreibungen steigt
von anfänglichen 20 pro 100 000 im Jahr 1966 bis zu einem traurigen Höhepunkt von
150 im Jahr 1982. Drei Jahre später wird das Dekret noch einmal verschärft und die
Sterblichkeit sinkt kurzzeitig. […] Ärzte, die Abtreibungen durchführen, werden streng
bestraft…1989 kommt es in Rumänien zur blutigen Revolution. […] Eine der ersten
Amtshandlungen der neuen sozialdemokratischen Regierung ist die Aufhebung von
Dekret 770. Abtreibung auf Anfrage ist damit legal. Die Rate der legalen Abtreibungen
explodiert förmlich von 20 im ersten Jahr auf über 160 im zweiten, ehe sie schon im
dritten Jahr wieder massiv sinkt. Sie ist aber bis heute eine der höchsten in Europa.
Offizielle Statistiken gehen davon aus, dass 1990 noch 177,6 Abtreibungen pro 1000
Frauen zwischen 15 und 49 vorgenommen wurden, 2001 waren es noch 34.“
3.4 Die Gesellschaftspolitik der polnischen Regierung und die Medien 135

schränkte Szydło ein. Jeder solle nach seinem eigenen Gewissen richten, denn in
Abstimmungen wie über das Abtreibungsrecht gebe es keinen Fraktionszwang.
Für die Abtreibungsdiskussion brauche es politische Klugheit und die „vernünftige
Stimme der Bischofskonferenz“. Das Präsidium der polnischen Bischofskonferenz
forderte in einem Hirtenbrief einen „vollen rechtlichen Schutz von ungeborenem
Leben“. Man dürfe sich nicht mit der jetzigen Gesetzeslage aus dem Jahr 1993
zufrieden geben, die in bestimmten Fällen Abtreibungen zulasse. 2014 wurden in
Polen nach Angaben des staatlichen Gesundheitsfonds NFZ 1.812 Abtreibungen
registriert. Schätzungen von Frauenrechtlerinnen zufolge treiben jährlich rund
100.000 Polinnen illegal ab, viele davon in der Slowakei und in Tschechien. Dass sich
Szydło für eine Verschärfung des Abtreibungsgesetzes aussprach, sorgte in Polen
wie im EU-Ausland für Kritik und Proteste. Das polnische wie auch das irische
Beispiel seien Indizien für eine steigende Tendenz, Frauen in ihren reproduktiven
Rechten einzuschränken. „Frauen mögen im Westen mittlerweile viele Rechte
haben, das Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen“, gehöre allerdings nicht
unbedingt dazu, meinte etwa Julia Korbik auf der Internet-Seite des Vorwärts220; und
Arnika Zinke meinte auf Wienerin.at, in Polen würden die Uhren ein wenig anders
ticken, „nämlich gefühlt 200 Jahre hinter den unsrigen. Das lässt zumindest die
momentane Politik in Polen vermuten. Das streng katholische Land ist spätestens
seit den Wahlen im letzten Jahr zum ultrakonservativen Staat mutiert, für den
fortschrittliches Gedankengut offensichtlich in vielerlei Hinsicht Gift bedeutet.
Während wir also hier in Österreich darüber debattieren, ob wir die Kosten der
Abtreibung für Bedürftige erleichtern (…), werden in Polen schwangere Frauen
zunehmend in die Illegalität getrieben. Sollte eine Frau also abtreiben wollen,
muss sie jetzt schon illegal ins Ausland gehen (meist nach Tschechien oder in die
Slowakei), um dort teuer die Abtreibung vornehmen zu lassen.“221

220 Kordik, J.: Abtreibung: Wie europäische Staaten die Rechte von Frauen einschränken. In:
Vorwärts, 8. April 2016 [http://www.vorwaerts.de/blog/abtreibung-europaeische-staa-
ten-rechte-frauen-einschraenken].
221 In ihrem quasi-offenen Brief schrieb Zinke weiter: „Für Frauen, die sich das nicht leis-
ten können, heißt es dann wohl „Pech gehabt“. Kaum auszumalen, wie der psychische
und seelische Druck für eine Frau sein muss, die durch eine Vergewaltigung gegangen
ist und dann auch noch zu einer rechtswidrigen Handlung gezwungen wird. Es ist
schon bemerkenswert, wie sehr sich Polens Regierung um die Menschenrechte eines
ungeborenen Fötus sorgt und gleichzeitig die Rechte der Asylanten mit Füßen tritt.
Für Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung sind, ist in Polen nämlich
kein Platz (von den 400 -!- geplanten Flüchtlingen in diesem Jahr, will man wegen der
Terrorgefahr jetzt doch lieber gar keine aufnehmen). Zu groß sei der Unterschied zur
eigenen Kultur, zu stark die Auffassungsunterschiede beim Thema Frauenrechte. Ein
islamisches Frauenbild also, das leider nicht in das ach so frauenfreundliche Polen
135
136 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Die polnische Bürgerinitiative, die die erforderlichen 100.000 Unterschriften


sammelte, um die Volksinitiative beim Unterhaus des Parlaments, dem Sejm, ein-
reichen zu können, erhielt zusätzliches Gewicht durch einen offenen Brief, den mehr
als hundert polnische Journalisten und Kolumnisten von säkularen und christlichen
Medien an die Mitglieder des Parlaments schrieben. Viele in ganz Polen bekannte
Medienleute zögerten nicht, sich für die das allgemeine Lebensrecht einzusetzen.
Der offene Brief zitierte die kompromisslose Hebamme Stanisława Leszczyńska,
die in NS-Todeslagern während des Zweiten Weltkriegs ihr Leben im Kampf gegen
die Abtreibung riskiert und schwangere Frauen und ihre ungeborenen Kinder
verteidigt hatte. Der Brief stellte fest, heute wären „viele polnische Krankenhäuser
zu Stätten des Todes für die Ungeborenen geworden“, in denen die Ärzte und das
medizinische Personal an der Tötung ungeborener Kinder mitwirken würden. Viele
Politiker würden das stillschweigend oder ausdrücklich dulden, weil sie sich nicht
betroffen fühlen. Stelle man sich aber ein Flugzeugunglück in großer Höhe vor,
bei dem die Türen aufgerissen werden und die Passagiere hinausgesaugt werden,
sie können nicht atmen, der Tod folgt innerhalb Sekunden, wie ungeheuerlich
wäre es, wenn nun jemand feststellte, das wären ja nur unerwünschte Politiker
gewesen. Der offene Brief schloss mit einem Verweis auf die Hebamme Stanisława
Leszczyńska, die inmitten der Schrecken der Vernichtungslager schwangere Frauen
und ihre Babies selbst gegen den Verächter des Lebens Josef Mengele verteidigte.
Die Unmenschlichkeit, die heute wieder in polnischen Krankenhäusern regiere,
könnten die Mitglieder des Parlaments ändern, so der offene Brief: „Es stimmt, dass
Sie dem Druck der Europäischen Union, von Abtreibungslobbyisten und Kliniken
ausgesetzt sein werden, die in-vitro-Fertilisation durchführen. Aber im Gegensatz
zu Stanisława Leszczyńska werden Sie nicht in Gewehrmündungen blicken. Es ist
höchste Zeit, die Tötung der Ungeborenen in Polen zu einem Verbrechen zu erklären.“
Diese und andere politisch-gesellschaftliche Reformvorhaben der Regierung
sorgten für erregte Debatten in den noch unabhängigen Medien, in den sozialen

passt. Dass Frauen nicht selbst über ihren eigenen Körper bestimmen dürfen, son-
dern vom Staat verordnet wird, was ihnen gnädigerweise erlaubt wird und was nicht,
ist für mich im Übrigen nicht nur ein frauenrechtliches Problem. Sondern auch ein
menschenrechtliches. Oder, wie es ein User in einer Zeit-Online Diskussion sagte:
„Pro Life ist in Wirklichkeit Anti Choice. Das sollte man sich klar machen“. Und jede
Frau sollte das Recht haben, selbst über ihren eigenen Körper zu entscheiden – ohne
dabei gezwungen zu werden, sich selbst in Gefahr zu bringen oder dafür im Gefäng-
nis zu landen! Im Jahr 2016 sollte doch auch in Polen endlich erkannt werden, dass
mit einem Abtreibungsverbot nicht Leben geschützt, sondern Frauenleben gefährdet
werden – besonders von denen, die es sich am wenigsten leisten können. Und das ist
im christlichen Sinne wohl kaum zu verantworten, liebe Frau Szydło!“
3.4 Die Gesellschaftspolitik der polnischen Regierung und die Medien 137

Netzwerken und schließlich auch vor dem Parlament. Im Dezember 2016 spitzte
sich die politische Konfrontation bedrohlich zu. Mehr als dreißig Oppositionspo-
litiker hielten den Plenarsaal des Parlaments besetzt, während vor dem Gebäude
immer wieder Hunderte von Regierungsgegnern demonstrierten222. Auslöser der
Proteste war das Vorhaben der PiS-Regierung, die Medienberichterstattung aus
dem Parlament neu zu regeln. Journalisten sollten sich künftig nicht mehr direkt
im Sejm aufhalten dürfen, sondern in einem Nebengebäude, wo auch Pressekonfe-
renzen abgehalten werden sollen. In das Parlamentsgebäude sollten nur noch zwei
akkreditierte Journalisten pro Medium zugelassen werden, denen aber Ton- und
Bildaufnahmen im Plenarsaal nicht mehr erlaubt wären. Die Regierung argumen-
tierte mit besseren Arbeitsbedingungen für Medienschaffende und Politiker sowie
geordneteren Verhältnissen im Sejm. Die geplanten Bestimmungen entsprächen
jenen in vielen anderen Ländern. Die Opposition und zahlreiche Journalisten
erhoben dagegen den Vorwurf der Zensur. Politiker könnten unangenehmen
Fragen einfach aus dem Weg gehen. Außerdem sei die direkte Berichterstattung
aus dem Parlament und der Zugang zu Abgeordneten eine der bedeutenden Er-
rungenschaften der Nach-Wende-Zeit. Viele, auch konservative Medien taten mit
einem ‚politikfreien Tag‘ ihren Unmut kund. Wenn sie überhaupt über Politik
berichteten, bildeten sie die Akteure nicht oder nur mit geschwärztem Gesicht ab
und erwähnten ihre Namen nicht.
Zur Eskalation im Parlament kam es, als ein Abgeordneter der Bürgerplattform
(PO) während der Budgetdebatte mit einem Schild gegen die Einschränkung pro-
testierte, worauf er vom Parlamentsvorsitzenden des Saals verwiesen wurde. Rund
dreißig Oppositionspolitiker besetzten die Rednerbühne und verhinderten stunden-
lang eine Fortsetzung der Sitzung. Spät am Abend verlegte der Parlamentspräsident
diese deshalb in einen anderen Raum, wo per Handzeichen das Budget 2017 sowie
eine Rentenkürzung für ehemalige Sicherheitskräfte des kommunistischen Regimes
bewilligt wurden. Erstmals seit 1989 fand ein Parlamentsvotum nicht im Plenarsaal
statt. Die PO sowie die liberale Partei „Nowoczesna“ zweifelten jedoch an, ob das
Quorum erfüllt gewesen wäre und eine reguläre Abstimmung stattgefunden hätte.
Einige ihrer Vertreter wären außerdem an der Teilnahme gehindert worden. Die
Ereignisse wurden über die Medien sowie direkt von Parlamentariern über soziale
Netzwerke öffentlich gemacht, worauf sich Hunderte von Demonstranten vor dem

222 Meret Baumann: „In Polen eskaliert der politische Konflikt“. Oppositionspolitiker
halten das Parlament besetzt, während Hunderte gegen die Regierung demonstrieren.
Auslöser sind Pläne, die Berichterstattung aus dem Parlament einzuschränken. Die
Gründe für die Krise liegen jedoch tiefer. In: Neue Zürcher Zeitung, 17. Dez. 2016
[http://www.nzz.ch/international/parlament-blockiert-in-polen-eskaliert-der-politi-
sche-konflikt-ld.135369?mktcid=nled&mktcval=107_2016-12-19].
137
138 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Parlament einfanden und die Abgeordneten am Verlassen des Gebäudes hinder-


ten. Die Polizei konnte die Blockade erst in den frühen Morgenstunden beenden.
Ministerpräsidentin Beata Szydło und PiS-Chef Jarosław Kaczyński wurden von
den Einsatzkräften an den Demonstranten vorbeieskortiert. In Warschau wur-
den Polizeikräfte zusammengezogen, das Parlamentsgebäude wurde abgesperrt
und Journalisten der Zugang verweigert. Mit polnischen und EU-Fahnen zogen
neuerlich Hunderte von Demonstranten vom Präsidentenpalast zum Parlament.
Gegen Abend meldete sich Staatspräsident Andrzej Duda zu Wort, äußerte seine
Besorgnis und bot seine Vermittlung an. Ministerpräsidentin Szydło zeigte in einer
Fernsehansprache unnachgiebig und beschuldigte die Opposition, das Land zu
destabilisieren aus Ärger darüber, die Macht vor einem Jahr verloren zu haben. Die
Regierung arbeite erfolgreich, und der Aufruhr habe nichts mit der tatsächlichen
Situation im Land zu tun. PO-Politiker sprachen wegen der ihrer Ansicht nach
unrechtmäßigen Abstimmung dagegen von einer Verfassungskrise.
Der geringfügige Anlass, der nur wenige Personen betreffen mochte, hätte sich
in einem derartigen Protest entladen, weil sich durch eine Folge problematischer
Gesetze gewaltiger Unmut aufgestaut hätte. Die Regierung blieb bei ihrer Version,
die Proteste wären von einer Minderheit gesteuert. Die Interessen der Mehrheit
der polnischen Bürger, der polnischen Nation wollte die PiS-Regierung in den
Vordergrund stellen. Dazu sollte auch ein sogenanntes ‚Repolonisierungsgesetz‘
dienen, das die polnische Regierung als ‚Demonopolisierungsgesetz‘ bezeichnete,
weil es sich vor allem gegen das kritisierte Monopol deutscher Medienhäuser
richtete. Auf den Kampf gegen Monopolbildung wich man aus, weil das EU-Recht
auch Polen die Diskriminierung von Unternehmen aus anderen Mitgliedsländern
verbietet. Der deutsche Tagesspiegel durchschaute diese Begriffsspielerei und nannte
das Gesetz einen weiteren Schritt der „Gleichschaltung“, die „bei der polnischen
Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ mit leichter Hand über die Bühne“
gehen würde223. Andere deutsche Medien verglichen das polnische Gesetz mit der
Politik Moskaus gegenüber ausländischen Medieninvestoren. Russland hatte 2014
nach dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine und dem Beginn der Sanktionen
gegen Russland die Mediengesetze verschärft. Putin verbot damit ausländischen
Unternehmen, mehr als 20 Prozent an russischen Verlagen zu halten, worauf viele
namhafte Investoren die Konsequenzen zogen, darunter auch die Axel Springer
SE. Nachdem der Verlag zehn Jahre lang in Russland tätig gewesen war, zog er sich

223 Flückinger, P.: „Polen will deutschen Medienhäusern an den Kragen“. Die „Re-Poloni-
sierung“ der Medien richtet sich vor allem gegen private Verlagshäuser aus Deutsch-
land. Ende Juni sollen die rechtlichen Voraussetzungen verabschiedet werden. In: Der
Tagesspiegel, 27. Mai 2017.
3.4 Die Gesellschaftspolitik der polnischen Regierung und die Medien 139

Mitte 2015 aus dem Land zurück und verkaufte die Anteile an seiner russischen
Tochtergesellschaft, die Titel wie OK! und Geo verlegte. Mit dem neuen polnischen
Gesetz, das Ende Juni 2017 verabschiedet werden sollte, fürchteten die deutschen
Verlage in Polen ein ähnliches Schicksal wie in Russland224. Die PiS-Regierung,
die die Beteiligung ausländischer Medienhäuser in Polen von maximal 40 auf 30
Prozent senken wollte, sprach ausdrücklich davon, die ‚deutsche Dominanz‘ im
Medienbereich zu reduzieren, die in der Tat beachtlich ist.
So befinden sich fast alle polnischen Regionalblätter im Besitz des Verlagshauses
der Passauer Neuen Presse (PNP). Allerdings sind die Journalisten und Mitarbeiter
dieser Blätter fast exklusiv Polen, außerdem wären sie wohl eingegangen, hätte die
PNP nicht nach 1989 Regionalzeitungen wie die Gazeta Pomorska (Pommersche
Zeitung) oder die Polska Metropolia Warszawska (Warschauer Stadtzeitung) nach
und nach aufgekauft, die kein Geld mehr aus Warschau erhielten und vor dem Bank­
rott standen. Der Verlag Polskapress, der mit dem Verlag Mediapress 23 Lokal- und
Regionalzeitungen herausgibt, ist der PiS-Regierung nicht zuerst deshalb ein Dorn
im Auge, weil er der Passauer Neuen Presse gehört, sondern weil diese Regional-
medien noch relativ kritisch und objektiv über die Regierungspolitik berichten.
Vor dem Hintergrund der im Herbst 2018 anstehenden Regionalwahlen wird klar,
warum PiS-Politiker diese Medien als ‚deutschfreundlich‘ und als ‚Volksdeutsche
der fünften Kolonne“ verunglimpften. Die Kritik an der ‚deutschen Dominanz‘
ging einher mit einer teils rüden nationalistischen Polemik. Der Verlagschef von
Ringier, Axel Springer, wurde als ‚Gauleiter‘ bezeichnet; eine Journalistin, die in
Newsweek Polska ein historisches Buch zu den „polnischen Konzentrationslagern“
rezensierte, musste sich als „Deutschenflittchen“ beschimpfen lassen. Die Kritik, die
polnische Regierung wolle ähnlich wie Russland einen möglichst abgeschlossenen
nationalen Meinungsmarkt schaffen, konterte die Regierung mit dem Verweis auf
den bereits eingehegten deutschen Meinungsmarkt, auf den auch Polen ein Recht
hätte. Polen wolle nicht länger ein Marktplatz ausländischer Medienkonzerne sein.
Auch wenn Russland aus historischen Gründen der polnischen Rechten ein Dorn
im Auge ist, bezeichnete die nationalliberale Gazeta Wyborcza die Gesetzgebung
des grossen Nachbarn als Vorbild für die Medienreform der PiS.
Im Visier der polnischen Regierung stünden vor allem deutsche Medienhäuser
wie Axel Springer Ringier, die Bauer Media Group, die Münchener Hubert Burda

224 Vgl.: Möglicher Schock für Springer, Bauer, Burda & Co.: Verlagen drohen Zwangs-
verkäufe in Polen. In: Meedia, 29. Mai 2017; Flückinger, P.: „Polen will deutschen
Medienhäusern an den Kragen“. Die „Re-Polonisierung“ der Medien richtet sich vor
allem gegen private Verlagshäuser aus Deutschland. Ende Juni sollen die rechtlichen
Voraussetzungen verabschiedet werden. In: Der Tagesspiegel, 27. Mai 2017.
139
140 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Media sowie der Verlag der Passauer Neuen Presse. Vize-Regierungschef und Kul-
turminister Piotr Glinski wollte den Unternehmen Übergangsfristen einräumen,
die den Medienfirmen zuerst einen freiwilligen Verkauf ihrer Anteile an einen
polnischen Käufer erlauben. Sollten die Unternehmen nicht freiwillig mitmachen,
spiele man mit dem Gedanken, Staatsbetriebe könnten Zwangsaufkäufe durchsetzen.
Für Axel Springer Ringier und Bauer wäre eine Verschärfung der Mediengesetze
bzw. die Einschränkung der Beteiligungen ein schwerer Schlag. Springer Ringier
verlegt in Polen über 13 große Pressetitel, neben dem Boulevardblatt Fakt das
Nachrichtenmagazin Newsweek Polska und Przeglad Sportowy („Sportrundschau“).
Das Hamburger Traditionshaus Bauer ist in Polen marktführend im Segment der
Luxus- und Lifestyle-Magazine, der Unterhaltungs- und Fernsehzeitschriften
sowie der Jugendmagazine. Bauer verkauft in Polen jährlich insgesamt 52 Titel,
davon fünf der zehn meist verkauftesten Titel (u. a. die Frauenzeitschrift Kobiety
i Życia („Frauen und Leben“) und Swiat Kobiety („Welt der Frau“)), in rund 300
Millionen Exemplaren. Was Bauer auch Sorgen bereitete war der Umstand, dass das
Unternehmen in Polen nicht nur Zeitschriften für den polnischen Markt druckt,
sondern auch für den deutschen Markt, aus Rücksicht auf die Produktionskosten.
Sollte umgesetzt werden, was die polnische Regierung ankündigte, dann hätte das
auch spürbare Folgen für das Radiogeschäft von Bauer.
Der Verlag betreibt in Polen mit der RMF Group den größten Hörfunkanbieter
des Landes, und mit der Interia.PL Group ist der Verlag auch eine Größe im Inter-
netgeschäft, wo das Unternehmen mehr als 150 Webseiten und Dienste vorweisen
kann. Über ihre Geschäftspolitik in Polen müsste sich auch das Zeitschriftenhaus
Hubert Burda Media Gedanken machen, das in Polen 26 Zeitschriften herausgibt,
darunter Gala, Burda, Glamour, Elle und Focus. Auch der Verlag der Neuen Pas­
sauer Presse fürchtete schweren wirtschaftlichen Schaden durch das sogenannte
‚Repolonisierungsgesetz‘. Das Unternehmen bringt in Polen 23 Regionalzeitungen
heraus. Der Chef des Hauses Axel Springer Ringier, Matthias Döpfner, äußerte sich
zwar besorgt, hoffte aber als langfristiger Investor in Polen, das Land werde als ein
souveräner Staat, der die „sozialen und ökonomischen Werte einer unabhängigen
und vielfältigen Presse“ bisher respektiert habe, das auch weiterhin tun225. Der
polnische Journalist Tomasz Konicz schrieb, die polnischen Rechtspopulisten
würden sich nun eben der „derselben Methoden“ bedienen, „wie sie die Springer-
presse gerne seit Jahrhunderten einsetzt. Ironischerweise scheinen sich somit in den

225 Konicz, T.: „Die große Repolonisierung“. Polens Rechtspopulisten wollen den Einfluss
ausländischer Massenmedien beschneiden – und gehen auf Konfrontationskurs zu
deutschen Konzernen. Drohen Nationalisierungen? In: Telepolis, 21. August 2017
[https://www.heise.de/tp/features/Die-grosse-Repolonisierung-3806116.html].
3.4 Die Gesellschaftspolitik der polnischen Regierung und die Medien 141

Propagandaabteilungen der polnischen Rechtspopulisten besonders viele, fleißige


Springerschüler zu tummeln.“226 Konicz erschien der Kampf der PiS-Regierung
gegen den deutschen medialen Einfluss als weiterer Schritt des „reaktionären und
autoritären Umbaus“ des polnischen Staates und der Medien. Die These, deutsche
Medienunternehmen würden den polnischen Markt beherrschen, mochte für die
ersten drei Plätze im Ranking gelten, die Bauer, Riniger Axel Springer Polska und
und Polskapress belegen. Doch nach Polskapress der PNP folgen mit Ausnahme
eines Schweizer Konzerns und der Plätze 11 und 14, die der deutsche Burda-Verlag
belegt, nur noch polnische Verlage. Die Mehrzahl der 314 Medientitel in den Be-
reichen Politik, Wirtschaft, Frauen und Ratgebern geben polnische Verlage heraus.
Die PiS-Regierung deklarierte das geplante Gesetz gleichwohl als legitimes
Mittel gegen das deutsche Hegemoniestreben in Europa und den Meinungsok-
troi ausländischer Medien. Das alte Monopol des totalitären Staates wäre in ein
Monopol fremden Kapitals umgewandelt worden, mit dessen Hilfe die deutschen
Zeitungseigentümer versuchen würden, den Polen, Tschechen und Ungarn ihren
Standpunkt aufzuzwingen, so das PiS-nahe Magazin Do Rzeczy („Zur Sache“).
Die nationalkonservative Presse Polens bezeichnete gerade die bundesdeutsche
Regierung und auch deutsche EU-Politiker wiederholt als Gegner Polens. Angela
Merkel und Martin Schulz wurden zum Beispiel auf der Titelseite des Politma-
gazins Wprost in einer Verfremdung jenes Bildes, das Hitler am Kartentisch mit
seinen Generälen zeigt, als Politiker dargestellt, die Europa und damit auch Polen
neu aufteilen würden. Die PiS-Regierung sah ihre parlamentarische Mehrheit als
Auftrag der Wähler, den medialen und den politischen Einfluss Deutschlands
zu reduzieren. Was das Repolonisierungsgesetz angeht, konnte sie auf Umfragen
bauen, wonach über 60 Prozent der Polen dieses befürworten würden. Mit Blick
auf die von den polnischen Medien scharf kritisierte deutsche Flüchtlingspolitik
berief sich die PiS-Regierung auf einen weitreichenden Konsens der polnischen
Gesellschaft, wonach 67 Prozent der Polen gegen jede Aufnahme von Menschen
aus dem Nahen Osten und Afrika sind. Nur rund 25 Prozent können sich eine
zeitlich begrenzte Aufnahme vorstellen. Weniger als fünf Prozent der befragten
Polen sprechen sich für eine dauerhafte Aufnahme von Flüchtlingen aus227. Auch in
der polnischen Publizistik artikulierte sich diese Abwehrhaltung. Sie reichte vom
Staunen über die Naivität der deutschen Flüchtlingspolitik über scharfe Kritik an

226 Konicz, T.: „Die große Repolonisierung“. In: Telepolis, 21. August 2017.
227 Vgl.: Löffler, B.: „Polnische Lehren für Europa“. Seit Beginn der Migrationskrise os-
zillieren die Reaktionen der polnischen Medien auf die deutsche Flüchtlingspolitik
zwischen schamhaftem Schweigen und ungläubigem Staunen über die Naivität und
die moralische Überheblichkeit dieser Politik. In: Tichys Einblick, 04/17, S. 24.
141
142 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

der moralischen Überheblichkeit des Nachbarn bis zum Entsetzen über den politi-
schen Rationalitätsverlust. Das große polnische Nachrichtenmagazin wSieci titelte
im Februar und März 2016 unter anderem „Will Europa Selbstmord begehen?“ und
„Der Herdentrieb der Deutschen zur Selbstabschaffung“. Die schlechtesten Urteile
erhielt die deutsche Flüchtlingspolitik in der polnischen und deutschen Presse
gerade von jenen altgedienten polnischen Politikern, die sich als deutschfreund-
lich verstehen, als interessiert an einer politisch stabilen Bundesrepublik, die sie
durch die unkontrollierte Masseneinwanderung gefährdet sehen. Janusz Reiter,
der ehemalige polnische Botschafter nannte die deutsche Flüchtlingspolitik weder
überzeugend, noch durchdacht. Und der moralische Impetus, dem der deutsche
Nachbar gefolgt wäre, um sich als Einwanderungsland zu definieren, könne kein
Grund sein, Druck auf die Nachbarländer auszuüben, die das nicht wollten.

3.5 Die Regierung Orbán und die ungarische


Medienpolitik
3.5 Die Regierung Orbán und die ungarische Medienpolitik
Der ungarische Regierungschef hatte das im Februar 2015 in einem FAZ-Interview
weniger diplomatisch formuliert, als er die multikulturelle Einwanderungsgesell-
schaft, die Deutschland oder Frankreich für sich als Weg gewählt hätte, als Modell
für Ungarn rundheraus ablehnte228. Auch der polnische Journalist und Sicherheits-
experte Andrzej Talaga bezeichnete in der liberal-konservativen Tageszeitung
Rzeczpospolita die ethnische und kulturelle Homogenität einer Gesellschaft als
Schutzwall gegen Terrorismus und ethnisch-religiöse Spaltungen229. Wenn man
schon Zuwanderer akzeptieren müsse, dann sollte man sie sich nach der kulturellen
Herkunft aussuchen, was auch den Entschluss der polnischen Regierung bestimmte,
sich für Einwanderer aus der Ukraine zu entscheiden. Polen brauche vor allem,
so Talaga, „junge, gebildete, energische Slawen, die ähnlich aussehen wie wir, die
denken wie wir, die denselben Gott bekennen und die sich blitzartig assimilieren,

228 Orbán sagte damals: „Es ist eine immense Aufgabe und eine riskante Sache, wenn
Kulturen zusammenleben, besonders wenn es um Islam und Christentum geht. […]
Es gibt Länder, die dieses Risiko eingegangen sind. Wir sind es nicht eingegangen und
wollen es auch künftig nicht. Wir respektieren, dass Frankreich oder Deutschland
einen anderen Weg gegangen sind, aber wir haben ein Recht darauf, dass auch unser
Weg respektiert wird. Wir wollen keine multikulturelle Gesellschaft.“ [Zitiert nach:
Löffler, B.: „Polnische Lehren für Europa“. In: Tichys Einblick, 04/17, S. 25].
229 Vgl.: Löffler, B.: „Polnische Lehren für Europa“. In: Tichys Einblick, 04/17, S. 25.
3.5 Die Regierung Orbán und die ungarische Medienpolitik 143

sodass schon ihre Kinder hundertprozentige Polen sein werden“230. Die polnische
PiS-Regierung, der slowakische Premier Robert Fico oder der rumänische natio-
nalliberale Präsident Klaus Johannis nahmen ebenso wie Viktor Orbán auf dem
Höhepunkt der Flüchtlingskrise für ihre Regierung in Anspruch, die Interessen der
Mehrheit ihrer Landsleute zu verteidigen. Die Berichterstattung der internationalen
Medien sei von Vorurteilen belastet, lautete eine Grundthese, die nicht nur Orbán
vertrat. Die Leistungen seiner Regierung im Interesse, zum Schutz und mit der
Unterstützung des eigenen Volkes würden konsequent relativiert oder negiert, was
sich besonders in der Flüchtlingskrise zeigen würde. Wie viele Flüchtlinge Ungarn
aufnehmen solle, darüber müsse das Budapester Parlament entscheiden, betonte
Orbán, ein Vorbehalt, den auch der rumänische Präsident geltend machte. Dieses
Recht müsse bei den nationalen Parlamenten bleiben, sagte Orbán gegenüber der
deutschen Wirtschaftswoche231. In Ungarn herrsche praktisch Vollbeschäftigung232,
dennoch brauche man keine Zuwanderung. Die Probleme in den Bereichen Demo-
graphie und Arbeitsmarkt wolle man nicht durch Einwanderung, sondern durch
eine zukunftsweisende Familienpolitik lösen.
Orbán sprach sich deutlich für eine Aufnahme Serbiens oder Mazedoniens
aus, denn generell hätte es ohne die Polen, Tschechen, Slowaken und Ungarn in
Europa kein Wachstum gegeben. Das war vor allem ein Kompliment an die die
Polen, in denen der ungarische Premier natürliche politische Verbündete gefunden
hatte. Dort gebe es keine wesentliche linksgerichtete Partei, was Orbán als „großes

230 Ibidem.
231 Matthias Kamp/Silke Wettach: „Wo das endet, ist nicht absehbar“. Ungarns Premier
Orbán hat vor der Türkei-Reise von Kanzlerin Merkel heftige Kritik an der Flücht-
lingspolitik der Bundesregierung geäußert und große Bedenken über das Flüchtlings-
abkommen mit der Türkei angemeldet. Zudem plädiert er für eine schnelle Aufnahme
Serbiens und Mazedoniens in die EU. In: Wirtschaftswoche, 22. April 2016.
232 Besonders die Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland sind für Ungarn wichtig. Ungarn
liefert allein nach Baden-Württemberg jedes Jahr Waren im Wert von sechs Milliarden
Euro, was für ungarische Verhältnisse gewaltig ist. Die Deutsche Auslandshandels-
kammer in Budapest veröffentlichte eine Umfrage, wonach 90 Prozent der deutschen
Unternehmen in Ungarn zufrieden seien. Investoren wären zwar durch Bankenabgabe
und Sondersteuern für ausländische Unternehmen irritiert worden, die aber nur während
der Weltfinanzkrise eingeführt worden waren. Ungarn war 2008 das erste Land, das
wirtschaftlich zusammengebrochen ist. Die Lasten der Krise sollten nach dem Willen
der Regierung nicht nur von den einfachen Menschen getragen werden, auch große
und reiche Unternehmen sollten ihren Beitrag leisten. Ungarn ist aus der Krise so gut
herausgekommen, dass es im April 2016 die letzten IWF-Darlehen zurückzahlen konnte.
Ungarn musste Deutschland nicht um Hilfe bitten. Die Lasten der Krise mussten alle
tragen, so Orbán, private Haushalte, Banken und auch die großen Unternehmen.
143
144 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Geschenk“ bezeichnete, dem eine „gewisse Schönheit“ innewohne. Die deutsche


Presse hatte Orbán jedoch in Verdacht, mit seinem Begriff des ‚illiberalen Staat‘
weniger nach Europa als nach Russland oder China zu tendieren. Mit diesem
Begriff meinte Orbán ein Gegenmodell zu einem europäischen System, in dem es
zwischen den klassischen politischen Richtungen keine Unterschiede mehr geben
dürfe. Der Zwang, sich in der liberalen Mitte zu treffen, hätte zu Folge, dass in
Europa bestimmte Fragen und Meinungen nicht mehr geäußert werden dürften.
Der Liberalismus sei „heute ein Feind der freien Diskussion geworden…Wer nicht
wie der Mainstream diskutiert, wird aus der Welt der Anständigen ausgeschlossen,
er gilt nicht mehr als Demokrat“233. Diese These Orbáns grundiert seine Politik
gegenüber den oppositionellen Medien im eigenen Land, gegenüber Kritik aus
dem EU-Ausland und gegenüber internationalen Nichtregierungsorganisationen
wie der „Open Society Foundation“ des ungarisch-stämmigen Milliardärs George
Soros, der eine einseitige Beeinflussung der öffentlichen Meinung bis hin zu di-
rekten Eingriffen in die Souveränität Ungarns unterstellt wurde. Soros fördere die
illegale Einwanderung nicht nur in Ungarn, sondern auch in den Nachbarländern.
Im April 2017 sorgte die Meldung für Unruhe und für teils gewaltsame Demons-
trationen von Studenten, dass der 1992 von Soros gegründeten „Central European
University“ in Budapest die Schließung durch ein neues Gesetz drohe. Die ungarische
Regierung dementierte, das Gesetz habe nur die Absicht, die Kooperation auf eine
feste rechtliche Basis zu stellen. Erst wenn es zwischen Ungarn und dem Entsendeland
der Universität zu keiner Vereinbarung komme, könne eine Schließung bzw. eine
Aussetzung der Aktivität drohen. Die linksliberale Einseitigkeit, die Fidesz-Politiker
der ‚Soros-Universität‘ in Budapest unterstellten234, war auch der Grund für Orbáns

233 Matthias Kamp/Silke Wettach: „Wo das endet, ist nicht absehbar“. Ungarns Premier Or-
bán hat vor der Türkei-Reise von Kanzlerin Merkel heftige Kritik an der Flüchtlingspolitik
der Bundesregierung geäußert und große Bedenken über das Flüchtlingsabkommen
mit der Türkei angemeldet. Zudem plädiert er für eine schnelle Aufnahme Serbiens
und Mazedoniens in die EU. In: Wirtschaftswoche, 22. April 2016 [http://www.wiwo.
de/politik/europa/viktor-orbn-wo-das-endet-ist-nicht-absehbar/13478122.html].
234 Die Gesetzesnovelle vom 4. April 2017 sah vor, dass ausländische Hochschulinstituti-
onen in Ungarn, die Diplome vergeben, nur noch dann arbeiten dürfen, wenn sie über
einen zwischenstaatlichen Vertrag verfügen. Im Europaparlament verteidigte Orbán
die Novelle. Soros, so Orbán, finanziere illegale Migration nach Europa. 61 Prozent
der Ungarn sprachen sich nach einer Umfrage der Századvég-Stiftung im Dezember
2016 gegen den Einfluß der Organisationen und Initiativen des ungarischstämmigen
Finanziers aus. Die „Central European University“ (CEU) sei keine Universität, meinte
Géza Exe in der „Budapester Zeitung“: „Sie ist bloß eine Konstruktion, die übliche
Soros-Schiene, durch die man amerikanische Diplome erwerben kann, ohne dabei
in Amerika sein zu müssen.“ Orbán meinte, die Anschuldigungen der EU in punkto
3.5 Die Regierung Orbán und die ungarische Medienpolitik 145

Medienpolitik, die von deutschen und internationalen Medien als repressiv und
antidemokratisch kritisiert wurde und wird. Als der medienpolitische Sündenfall
Ungarns gilt das Mediengesetz, das Ende 2010 verabschiedet wurde und Anfang
2011 in Kraft trat. Radio und Fernsehen seien damit zu Sprachrohren der Regie-
rung, Ungarn sei zu einer Diktatur geworden, seine öffentlich-rechtliche Medien
seien damit „gleichgeschaltet“, ein „von der Regierung kontrolliertes Sprachrohr“
geworden, so der Journalist Attila Mong, der 2010 wie viele andere Journalisten, die
nicht auf der Linie der neuen Orbán-Regierung lagen, seine Stelle verlor. Politisch
motivierte Massenentlassungen sind allerdings nicht untypisch für Ungarn. Unter
ungarischen Journalisten kursierte damals erneut das Bonmot: „Ein Regierungs-
wechsel bedeutet, dass eine Hälfte des Landes die andere Hälfte des Landes feuert.“
Ungarns Mediengesetz machte europaweit Schlagzeilen und sorgte für kontroverse
Diskussionen, Proteste und Demonstrationen, sowohl in Ungarn selbst wie im
europäischen Ausland. Die weit auslegbaren Vorschriften des Gesetzes verpflich-
teten in erster Linie Journalisten öffentlich-rechtlicher Medien zu „ausgewogener
Berichterstattung“ und zur „Stärkung der nationalen Identität“. Die staatlichen
Medien wurden enger miteinander verschränkt, so wurden fast alle Angestellten
des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit der Nachrichtenagentur Magyar Tavirati
Iroda (MTI) in die übergreifenden Mediendienstleistungs- und Vermögensfonds
(MTVA) überführt. Seitdem bietet die regierungsnahe Nachrichtenagentur MTI
ihre Dienste kostenfrei an, was zu einer massiven Verdrängung anderer Wettbe-
werber auf dem Markt geführt hat, weil MTI zumal bei finanzschwachen Medien
zum alleinigen Nachrichtenlieferanten wurde.
Das neue ungarische Mediengesetz löste das Pressegesetz aus dem Jahr 1986
ab, das noch die Kommunistische Partei unter János Kádár erlassen hatte. Die mit
einer Auflage von lediglich rund 60.000 Exemplaren größte überregionale Tages-
zeitung Ungarns, die den Sozialisten und Liberalen nahestehende Népszabadság,
die vor der Wende das Zentralorgan der KP gewesen war, schrieb auf der Titelseite,
in Ungarn wäre die Pressefreiheit aufgehoben worden. Der Chefredakteur der
deutschsprachigen Wochenzeitschrift Budapester Nachrichten und der englisch-
sprachigen Budapest Times, der deutsche Journalist Jan Maika, bestritt dieses Urteil
energisch. Er hätte mit seinen Kollegen in dem Gesetz nichts finden können, was
seine bisherige journalistische Arbeit auch nur geringfügig einschränken würde.
In den ersten beiden Jahren, da die Medienaufsichtsbehörde bestand und über die
‚Ausgewogenheit in der Berichterstattung‘ wachte, hätte es, so Maika, Verhandlungen

Schließung der CEU seien falsch. Das geänderte Hochschulgesetz schaffe nur die Pri-
vilegien dieser Universität ab und gewähre Chancengleichheit mit den ungarischen
Hochschulinstitutionen.
145
146 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

über 27 Beschwerden gegeben, von denen 13 stattgegeben wurde. Der Moderator


Attila Mong, der unmittelbar nach Erlass des Gesetzes entlassen wurde, sagte von
sich, er hätte 1989, während er auf den Straßen Budapests demonstrierte, auf den
Beginn einer demokratischen Ära in Ungarn gehofft, und hätte sich nie vorstellen
können, dass er zwanzig Jahre später als Journalist mit einem so repressiven und
antidemokratischen Mediengesetz konfrontiert sein würde. Die EU-Kommission
protestierte in beispiellos scharfer Weise gegen das Gesetz. Es verstoße gegen die
Grundwerte der Europäischen Union; und man fügte sofort hinzu, dass es diesmal so
wie mit Österreich nicht laufen werde. Als im Jahr 2000 in Wien die Österreichische
Volkspartei mit Jörg Haiders Freiheitlichen eine Koalition bildete, beschlossen die
anderen EU-Staaten politische Sanktionen. Dafür gab es jedoch keine eindeutigen
Regeln und schon bald herrschte Uneinigkeit.
Zehn Jahre später berief man sich auf Artikel sieben des EU-Vertrags, der den
Stimmrechtsentzug ermöglicht, also die Aussetzung der Mitgliedschaft, wenn die
„eindeutige Gefahr einer schwerwiegenden Verletzung“ der europäischen Werte
bestehe. Zu diesen Werten gehöre auch die Pressefreiheit, die Ungarns Regierung
unter Premierminister Viktor Orbán eingeschränkt hätte. Bisher, seit dem Sommer
2010, hatte eine Medienbehörde bereits die öffentlich-rechtlichen Medien überwacht.
Nach dem Mediengesetz sollte ab Januar 2011 diese Behörde auch private Fernseh-
und Radiosender sowie Zeitungen und Internetportale kontrollieren. Bei Verstö-
ßen drohten hohe Bußgelder. Wenn es um die nationale Sicherheit geht, müssen
Journalisten ihre Quellen offenlegen. Die Androhung, Brüssel werde Artikel sieben
der EU-Verfassung anwenden, erschien besonders prekär, da Ungarn für das erste
Halbjahr 2011 die EU-Ratspräsidentschaft übernahm. Dessen ungeachtet müsse
Ungarn Sanktionen bis hin zur Aussetzung des Stimmrechts und der Verweigerung
der EU-Präsidentschaft hinnehmen, sollte dessen Mediengesetz tatsächlich gegen
europäisches Recht verstoßen, forderte Daniel Cohn-Bendit, Fraktionschef der
Grünen im Europaparlament. Im Deutschlandfunk erklärte der Grünen-Politiker,
Ungarn verwandele sich im Eiltempo in einen autoritären Staat, zurück in Richtung
einer kommunistischen Überwachungsdiktatur.
Große Chancen für Sanktionen gegen Budapest sah Cohn-Bendit allerdings nicht.
Es gebe auch in anderen EU-Staaten, etwa Rumänien und Italien, einen „entsetzli-
chen Medienzustand“. Der Fraktionschef der Sozialisten im Europaparlament, der
deutsche Sozialdemokrat Martin Schulz, bezeichnete wie Cohn-Bendit Ungarn als
der EU-Ratspräsidentschaft nicht würdig, weil es alles tue, um die Grundwerte der
EU zu zerstören. Nicht nur rechtliche, sondern auch wirtschaftliche Sanktionen
seien mehr als angebracht, auch weil letztere schmerzhafter seien als etwa der Ent-
zug des Stimmrechts. Der liberale EU-Abgeordnete Alexander Graf Lambsdorff
unterstützte ebenfalls den Entzug von Mitgliedsrechten und forderte seinen Par-
3.5 Die Regierung Orbán und die ungarische Medienpolitik 147

teikollegen und Außenminister Guido Westerwelle (FDP) auf, sich für Sanktionen
einzusetzen, um den Einzug der „autoritären Fäulnis“ in die EU zu verhindern.
Diese Bemühungen, bestimmte Rechte des Mitgliedsstaates Ungarn auszusetzen,
scheiterten bisher daran, dass die Einleitung eines Prozesses nach Artikel sieben
die Zustimmung eines Drittels der EU-Mitgliedstaaten verlangt. Luxemburgs
Außenminister Jean Asselborn sprach von einer Verletzung der Menschenrechte.
Auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel ermahnte den ungarischen Premier
Orbán, rechtsstaatliche Prinzipien im Umgang mit den Medien nicht zu verletzen.
Doch Orbáns Fidesz-Partei, die wie CDU und CSU Mitglied der EVP-Fraktion im
EU-Parlament ist, erhielt auch Unterstützung aus den Reihen der deutschen Uni-
onsparteien, wo man die Kritik von Cohn-Bendit, Schulz und Lambsdorff teils für
aufgebauscht und parteiisch hielt. Man verwies auf die zeitweise Kooperation der
slowakischen Sozialdemokraten mit den Rechtspopulisten oder auf die Duldung
der sozialistischen EU-Fraktion von Verstößen der ebenfalls sozialdemokratischen
rumänischen Ponta-Regierung gegen die Verfassung. Die EU kündigte an, ein
Vertragsverletzungsverfahren einzuleiten; die regierende Fidesz-Partei erklärte, sie
wäre zu Änderungen bereit, sollten sich bei der Anwendung des Gesetzes Probleme,
etwa Missbrauchsfälle durch die neue Medienaufsicht ergeben, so János Lázar,
Fraktionschef der Regierungspartei.
Die Änderungen, die die Orbán-Regierung veranlasste, wurden als eher kos-
metisch kritisiert, wenn etwa die Pflicht zu ausgewogener Berichterstattung nicht
mehr für Journalisten privater Print- und Internetmedien gelten sollte. Der Quel-
lenschutz für Journalisten wurde verbessert. Die staatliche Medienaufsichtsbe-
hörde, die mit dem Mediengesetz in den Jahren 2010 und 2011 geschaffen wurde
und vor allem mit Fidesz-Funktionären besetzt wurde, hatte es vor allem auf die
öffentlich-rechtlichen Medien abgesehen, die nach Ansicht der Fidesz dank der Per-
sonalpolitik der vorhergehenden Regierungen personell überbesetzt und dringend
reformbedürftig wären. Bei einem Besuch in Berlin Ende Juli 2010 nannte Orbán
finanzielle Gründe für die Reform, bei der verschiedene Bereiche zusammengelegt
werden würden. Andernfalls würden die staatlichen Medien in Konkurs gehen.
Außerdem würden die öffentlichen Medien im Vergleich zu den privaten eine
sehr geringe Rolle spielen, wobei es den öffentlich-rechtlichen Medien künftig vor
allem zukäme, die nationale Identität und den nationalen Zusammenhalt stärken,
wie es in einem neuen Grundgesetzparagraphen heißt, den die Regierung mit der
Zweidrittelmehrheit beschloss, über die sie im Budapester Parlament verfügte. Bei
Regelverstößen kann die Medienaufsicht auch gegen private Medienunternehmen
hohe Strafen verhängen. Kritiker bemängelten, die Vorschriften für redaktionelle
Inhalte – ‚allgemeines Interesse‘ und ‚öffentliche Sitten‘ – seien allzu vage definiert.
Die Strafgelder könnten Medien in den Ruin treiben. Ein Drittel der damals 3.400

147
148 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Beschäftigten, die beim staatlichen Rundfunk, Fernsehen und der Nachrichten-


agentur MTI arbeiteten, wurde entlassen, wobei es zuerst diejenigen traf, die als
loyal gegenüber der abgewählten sozialdemokratischen Regierung galten und dem
Fidesz kritisch gegenüberstanden. Attila Mong gehörte zu ihnen, der aus Protest
gegen das Mediengesetz Ende 2010 als Nachrichtenmoderator bei Kossuth Rádió,
seine Sendung für eine Schweigeminute unterbrach. Mong wurde sofort vom
Dienst suspendiert und fünf Monate später entlassen. Hatte man die privaten
Medien vorübergehend von dirigistischen Maßnahmen ausgenommen, beschloss
die Fidesz-Regierung Anfang Juni 2014 für private Medienunternehmen eine Son-
dersteuer auf Werbeeinnahmen, die sich in Stufen bis hinauf zu einem Steuersatz
von 40 Prozent steigern kann. Die Sondersteuer wurde rasch als ‚RTL-Steuer‘
bekannt, weil nur RTL-Klub die höchste Steuerstufe erklimmen würde. Aber auch
kleine, unabhängige Medien, die sich nicht über staatliche Aufträge alimentieren,
müssten um ihre Existenz kämpfen. Selbst RTL Ungarn, dessen Programm sehr
politikfern ist und sich seiner Unabhängigkeit von Parteien und Regierung rühmt,
war erschüttert, schon weil rund die Hälfte der zu erwartenden Einnahmen aus der
neuen Werbesteuer nur aus den Umsätzen von RTL kommen würde.
Der Protest artikulierte sich sichtbar. Zeitungen erschienen mit einer leeren
Titelseite; ein Wirtschaftsblatt protestierte mit einer Seite ganz in schwarz. Kommer-
zielle Sender wie die RTL-Tochter RTL-Klub oder TV2 wollten eine viertelstündige
Sendepause einlegen; Internetportale kündigten an, ein Protestbanner zu zeigen.
Selbst das regierungsnahe Blatt Magyar Nemzet protestierte gegen den Plan der
Regierung. Vier Jahre nach dem umstrittenen Pressegesetz, das internationale
Proteste und ein Verfahren in Brüssel nach sich zog, wollte die Regierung Orbán
nun umsetzen, was sie 2013 angekündigt, aber wegen der EU-Proteste aufschieben
musste. Dieser drastische Eingriff der Regierung hätte das Ziel, so wurde vermutet,
nicht nur die Arbeitsbedingungen der unabhängigen Medien zu stören, sondern
auch internationale Eigentümer unabhängiger Medien wie Ringier, Funke oder
Bertelsmann zur Aufgabe zu drängen, und damit den Medienmarkt zu nationali-
sieren, zu bereinigen. Entscheidungen ausländischer Medien, sich zurückziehen,
bzw. Meldungen, diese dächten darüber nach, häuften sich nach der Verabschiedung
des Mediengesetzes und der Einführung der Sondersteuer. Es hieß, die Essener
Funke-Mediengruppe wolle ihre Mehrheitsbeteiligung an der unabhängigen und
auflagenstärksten Wochenzeitschrift hvg aufgeben. Die RTL-Gruppe, die mit RTL
Klub den quotenstärksten Sender des Landes betrieb und damit von der Werbe-
steuer besonders betroffen war, wehrte sich gegen Gerüchte, auch sie wolle Ungarn
verlassen. Das von der ungarischen Regierung geplante Verbot, Sendegebühren zu
erheben, machte die finanzielle Lage prekär und so erschein es wahrscheinlich, dass
die RTL-Gruppe das tun könnte, was die ProSiebenSat.1-Gruppe bereits getan hatte.
3.5 Die Regierung Orbán und die ungarische Medienpolitik 149

Sie hatte ihren Mehrheitsanteil am Fernsehsender TV2 an regierungsfreundliche


Manager verkauft, worauf der defizitäre Sender über eine Sonderklausel vorerst
von der Zahlung der Werbesteuer befreit wurde. Das zweitgrößte und unabhän-
gige Wochenblatt Ungarns 168 óra (17.000 verkaufte Exemplare) hatte damit zu
kämpfen, dass der Staat einen großen Bogen um das Blatt machte, während re-
gierungsfreundliche Blätter mit staatlich geförderten Anzeigen gesegnet werden.
Private Unternehmen nahmen ebenfalls Abstand, in der Zeitung zu inserieren,
weil sie fürchteten, keine staatlichen Aufträge mehr zu bekommen. Investigativer
Journalismus zum Nachteil der Regierung, wie ihn zum Beispiel das zweitgrößte
ungarische Nachrichtenportal origo.hu betreibt, konnte Konsequenzen haben. Der
Chefredakteur des Portals, Gergö Sáling, wurde Anfang Juni 2011 ganz offenbar auf
Druck von Orbáns Kanzleichef János Lázar entlassen, weil er über Lázars Vorliebe
für Übernachtungen in teuren Luxushotels auf Staatskosten berichtet hatte235. Lázar
dementierte, bei der Deutschen Telekom, dem Eigentümer von origo, auf Sálings
Absetzung gedrungen zu haben. Die Drohung mit rechtlichen Konsequenzen ist
ein anderer Weg, um unliebsame Berichte durch Selbstzensur zu verhindern. Das
größte ungarische Nachrichtenportal, index.hu, publizierte einen Bericht über den
Missbrauch des Einbürgerungsgesetzes. Zahlreiche Russen und Ukrainer sollten
durch Bestechung von Beamten die ungarische Staatsbürgerschaft widerrechtlich
erhalten haben. Daraufhin warf Vizepremier Zsolt Semjén dem Portal „hochver-
räterische Kooperation mit ausländischen Geheimdiensten“ vor, was eine Anklage
durch die Staatsanwaltschaft nach sich ziehen konnte. Unabhängige private Medien

235 Die Origo-Geschäftsführung begründete die Entlassung des Redaktionsleiters mit


„veränderten Anforderungen an Mediendienste“. Die Deutsche Telekom AG, der das
Portal gehört, hatte einen Regierungsauftrag im Umfang von einer Milliarde Euro für
den Ausbau des Breitbandnetzes bekommen. Die Telekom teilte auf Anfrage, es hätte
sich keinesfalls um die Entlassung eines missliebigen Journalisten gehandelt, denn
Origo gehöre zu Magyar Telekom und arbeite unabhängig. Personelle Veränderungen
dort seien das Resultat interner Umstrukturierung, auf die die Deutsche Telekom zu
keinem Zeitpunkt Einfluss genommen hätte. Tamás Bodoky von Atlatszo.hu, einem
Forum investigativer Journalisten, nennt den Vorstoß „einen gut orchestrierten An-
griff auf das, was von der Pressefreiheit in diesem Land noch übrig ist“. Reporter ohne
Grenzen (ROG) kritisierte die abrupte Absetzung Salings; in der Budapester Innenstadt
demonstrierten rund 1000 Menschen gegen die Entscheidung. Der Orban-Vertraute János
Lázar habe bei einer Reihe von nicht näher erläuterten Auslandsreisen Hotelrechnungen
aus öffentlichen Mitteln bezahlt. Unter Berufung auf das Informationsfreiheitsgesetz
hatte origo.hu Hintergründe zu den Reisen gefordert und, nachdem die Behörden die
Herausgabe der Informationen verweigerten, vor Gericht auf Akteneinsicht geklagt.
Daraufhin gab Lázar bekannt, er werde die entsprechenden Rechnungen privat beglei-
chen, ein Schritt, der ihn vor einer Offenlegung der Angelegenheit schützte. Wenig
später wurde Origo-Chefredakteur Saling gekündigt.
149
150 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

verzichteten aus Angst vor möglicher Strafverfolgung daher zunehmend auf die
Veröffentlichung kritischer Berichte.
Der Vergleich mit Putin-Russland, der auch im polnischen Falle immer wieder
gezogen wurde, drängte sich EU-Politikern auch im ungarischen auf. Viviane
Reding, die scheidende EU-Kommissarin für Justiz und Grundrechte, nannte die
Vorgänge in Ungarn (nicht nur) im Bereich der Medien eine ‚Putinisierung‘. Die
OSZE kritisierte das Gesetz als Bedrohung der Presse- und Meinungsfreiheit. Der
deutsche Historiker Michael Stürmer meinte, das Mediengesetz gebe der neuen
Aufsichtsbehörde weitreichende antidemokratische Vollmachten, die von Zensur
über Beschlagnahme von Dokumenten bis hin zum materiellen Ruin unliebsamer
Medien reichen und die alles das umfassen würden, was sich ein autoritäres Regime
wünschen könne. Der ungarischstämmige österreichische Journalist Paul Lendvai
zog nicht Russland, sondern Weißrussland als Bezugspunkt heran, auf den sich
die Lage der Medien in Ungarn zubewegen würde. Zwar komme es darauf an, was
die Behörde aus ihren Befugnissen tatsächlich machen werde, doch die Regierung
habe nun gesetzlich alle Möglichkeiten, die Medien zu knebeln und die öffentliche
Meinung zu steuern. Die Beauftragte für Medienfreiheit der OSZE, Dunja Mijato-
vić, nannte die Entwicklung der Medienfreiheit in Ungarn in ihrem Schreiben an
Premier Orbán höchst beunruhigend und forderte den Premier auf, das Gesetz noch
einmal zu überdenken. Auch Mijatović sprach von einer Gesetzeslage „wie sonst nur
unter autoritären Regimen“. Den Vergleich, den Lendvai mit Weißrussland gezogen
hatte, verbat sich der ungarische Botschafter in Wien, Vince Szalay-Bobrovniczky,
denn dort würden Bürger und Politiker zusammengeschlagen oder verhaftet, was
im neuen Ungarn niemals passieren werde.
Auch Premier Orbán widersprach der Kritik entschieden. Es müsse etwas faul
sein, wenn alle die gleiche Kritik üben würden, und diese bereits einsetzte, als es noch
nicht einmal eine offizielle Übersetzung des Gesetzes gab. Ungarns Mediengesetz
sei vollkommen europäisch. Es wolle die Balance zwischen öffentlich-rechtlichen
Medien und privaten, die vorher privilegiert gewesen wären, wiederherstellen. Der
technische Wandel in der Medienbranche hätte das Gesetz dringend erforderlich
gemacht, denn das alte, unzureichende Mediengesetz stamme aus dem Jahr 1995.
Man wolle die Freiheit der Medienarbeiter garantieren, aber zugleich auch die
Interessen der Öffentlichkeit, der Zuschauer, auch der Kinder und Jugendlichen
schützen, und die Regulierung der Medien auf ein moralisches Fundament stellen,
erklärte die Fidesz-Abgeordnete Erzébet Menczer im Budapester Parlament. Die
Medien hätten die Pflicht, nicht nur ihren weltanschaulichen Prämissen zu folgen,
sondern im Interesse des Einzelnen und der Allgemeinheit gemäß anerkannter
moralischer Werte zu berichten. Andernfalls zerfalle die Gesellschaft. Im Medi-
engesetz hieß es formaler, man wolle die „informativen Mediendienstleister“ unter
3.5 Die Regierung Orbán und die ungarische Medienpolitik 151

anderem zu „vielseitiger, sachgerechter, zeitnaher, objektiver und ausgewogener“


Berichterstattung verpflichten. Die Werte bzw. das moralische Fundament, von dem
die Fidesz-Abgeordnete-Menczer sprach, seien wohl als die Werte zu verstehen,
mutmaßte die Zeitung Pester Lloyd, die Fidesz gemäß des parteieigenen Weltbildes
als Grundwerte betrachtet: Nation, Tradition, Familie, die heilige Stefans-Krone,
das katholische Christentum. Diese Werte prägten auch die neue ungarische Ver-
fassung vom 1. Januar 2012, die mit ihren gesellschaftlichen Vorstellungen, ihrem
nationalen Pathos in vielen westeuropäischen Medien als Rückfall in vormoderne
Zustände und den überwunden geglaubten Nationalismus kritisiert wurde236. Orbán
bestätigte die scharfe Kritik in seiner Überzeugung, die überlieferten europäischen
Werte gegen ein seiner Meinung nach geschichts- und traditionsvergessenes liberales
Europa verteidigen zu müssen, eine Haltung, die er mit der polnischen Regierung
oder auch mit der politischen Klasse Serbiens teilt, die der Europäischen Union
Geschichtsvergessenheit und Glaubensfeindlichkeit vorwirft. Orbán unterstellte
auch seiner Vorgängerregierung, den ungarischen Sozialisten, die traditionellen
Werte Ungarns ignoriert, ja verraten zu haben.
In den Wahlen von 2010 waren die regierenden Sozialisten (Magyar Szocialista
Párt, MSZP) von 43,3 auf 19,3 Prozent regelrecht abgestürzt, während sich Orbáns

236 Die bisher geltende Verfassung stammte aus dem Jahr 1949 und wurde nach der Wen-
de 1989 stark verändert. Aufgrund der Proteste gegen die neue Verfassung übergab
sie die ungarische Regierung Monate vor ihrem Inkrafttreten einer Kommission des
Europarates zur Beurteilung, die zwar zahlreiche Punkte kritisierte, aber betonte,
dass grundlegende demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien in der Verfassung
eingehalten seien und fundamentale Rechte geschützt würden. Kritik provozierte
die Präambel, die mit den Worten „Gott, segne die Ungarn!“ beginnt. Der wichtigste
Rahmen des Zusammenlebens sind nach der Verfassung „Familie und Nation“, „die
grundlegenden Werte unserer Zusammengehörigkeit Treue, Glaube und Liebe“. Es
wird der Stolz auf die tausendjährige Geschichte des ungarischen Staates artikuliert,
auf das christliche Fundament, auf die Vorfahren, die geistigen Schöpfungen ungari-
scher Menschen, auf das in der Geschichte wehrhafte ungarische Volk. Die Verfassung
erkennt ausdrücklich die Rolle des Christentums bei der Erhaltung der Nation an.
Für ungültig erklärt wird die kommunistische Verfassung, „die die Grundlage einer
Willkürherrschaft bildete“. Die Ehe wird als Verbindung „zwischen Mann und Frau“
definiert, die eheliche Gleichstellung von Homosexuellen damit ausgeschlossen. Auch
heisst es in der Verfassung: „Jeder Mensch hat das Recht auf Leben und auf Menschen-
würde, dem Leben der Leibesfrucht gebührt von der Empfängnis an Schutz“, was ein
Recht auf Abtreibung ausschliesst. Die Verfassung fordert im Sinne des Rechts auf
körperliche und seelische Gesundheit u. a. eine „von genmanipulierten Lebewesen freie
Landwirtschaft“. Nach den „zur moralischen Erschütterung führenden Jahrzehnten
des zwanzigsten Jahrhunderts“ sei eine „seelische und geistige Erneuerung unbedingt
notwendig“, so die Verfassung.
151
152 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Fidesz von 42,2 auf 52,7 Prozent steigerte. Das Demokratische Forum (MDF) und
die Liberalen (SZDSZ) flogen aus dem Parlament, während die rechtsextreme Jobbik
mit 16,7 Prozent und die Grünen mit 7,4 Prozent erstmals den Einzug schafften.
Fidesz erhielt 263 der 386 Sitze im Parlament, womit Orbáns Partei über eine satte
Zweidrittelmehrheit verfügte. Die Ursache für den Absturz der ungarischen Sozi-
alisten und den Aufstieg Orbáns, der bereits von 1998 bis 2002 Ministerpräsident
gewesen war, lag neben der wirtschaftspolitisch kritikablen Bilanz in einer Rede
des sozialistischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány aus dem Jahr 2006, die
er kurz nach seiner Wiederwahl in einer geschlossenen Sitzung seiner Fraktion
gehalten hatte und von der ein Mitschnitt an die Öffentlichkeit gelangt war. Seine
Rede war eine Bloßstellung der eigenen Regierungspartei, die in den vier Jahren der
vergangenen Legislaturperiode nur Unfug getrieben, gelogen und nichts zuwege
gebracht hätte. Monatelange heftige Unruhen und Demonstrationen folgten, doch
Gyurcsány lehnte einen Rücktritt und Neuwahlen ab, und ließ gewaltsam gegen
die Demonstranten vorgehen. In der laufenden Legislaturperiode setzte sich die
Korruption fort, die Staatsverschuldung wuchs und die wirtschaftliche Regression
Ungarns nahm dramatische Formen an. Vom wachsenden Unmut über die sozi-
alistische Misswirtschaft profitierte der Fidesz von Viktor Orbán, der seine Partei
1988 noch unter kommunistischer Herrschaft mitbegründet hatte. Vor seinem
Wahlsieg von 2010 kündigte Orbán an, er werde mit der kommunistischen Ära, die
sich über ihr historisches Ende hinaus fortgesetzt hätte, endgültig Schluss machen,
was bei der regierenden Linken für Empörung sorgte.
Das unschwer erkennbare Motiv hinter dem Mediengesetz, der Einführung
der Sondersteuer und anderer Maßnahmen der Orbán-Regierung war und ist die
Zurückdrängung des bisher vorherrschenden linken Einflusses gerade in den Me-
dien, was zu großen Protesten unter den Betroffenen und in der ungarischen und
europäischen Öffentlichkeit führte. In den ungarischen Medien gab es regelrechte
Diffamierungskampagnen gegen die unabhängigen, als links klassifizierten Medien,
auch Kampagnen im Internet. Die unabhängigen, oppositionellen Medien wurden
als verlängerter Arm der ungarischen Linken diffamiert. Gleichwohl warnten
auch die Betroffenen vor dem Missverständnis, man könne in Ungarn nicht mehr
schreiben, was man wolle. Das könne man durchaus, vor allem im Internet, aber die
Frage sei, wer es lese. Radio und Fernsehen seien fast vollständig unter staatlicher
Kontrolle, gelten als Sprachrohr der Regierung, wofür die staatliche Medienauf-
sichtsbehörde sorgt. Sie kann Lizenzen entziehen und hohe Strafen verhängen.
Ihre Chefin ernannte der ungarische Ministerpräsident persönlich. Um weiter
ihrer Arbeit nachzugehen, kamen einige der gekündigten Journalisten bei den
verbliebenen oppositionellen Medien, vor allem bei Klubrádió unter, das als letztes
großes oppositionelles Medium gilt. Aber auch Klubrádió, das finanziell vor allem
3.5 Die Regierung Orbán und die ungarische Medienpolitik 153

von seinen Hörern getragen wird, kämpft um seine Existenz, weil der Sender vor
Gericht seine Sendelizenzen erstreiten und hohe Lizenzgebühren zahlen musste.
Die Medienbehörde versuchte zweieinhalb Jahre lang mithilfe administrativer
und legaler Kniffe den Sender abzuschalten. So sollte dieser Auflagen erfüllen,
die regierungsnahen Sendern nicht gemacht wurden; auch wurde der Antrag auf
eine Dauerfrequenz abgelehnt, nachdem Klubrádió alle regionalen Frequenzen
entzogen worden waren. In Budapest wurde der Radiosender auf eine schlechtere
Frequenz zurückgesetzt, während der regierungsfreundliche Sender Lánchíd seine
Sendelizenzen kostenlos erhielt und so ein weites Regionalnetz aufbauen konnte.
In die finanzielle Bredouille kam freilich nicht nur Klubrádió, als staatliche Un-
ternehmen begannen, keine Anzeigen mehr in kritischen Medien zu schalten, aus
Angst, zum Beispiel Staatsaufträge zu verlieren. So hatte die staatliche Lotterie
Szerencsejáték Zrt., einer der wichtigsten Anzeigenkunden Ungarns, der zu jenem
Medienimperium gehört, das dem Fidesz nahesteht, bis zur Wahl Orbáns 2010
auch im Klubrádió geworben. Auch private Anzeigenkunden zogen ihre Aufträge
zurück. Zugleich wurden seit 2010 geschätzt zweistellige Euro-Millionenbeträgen
für staatliche Werbekampagnen fast exklusiv an Medien und Medienagenturen
vergeben, die dem Fidesz nahestehen.
Andere oppositionelle Journalisten wichen auf das Internet aus, gingen ins
Ausland – so wie Attila Mong, der nach Berlin umzog und seitdem vor allem für
Online-Medien arbeitete –, und suchten neue Finanzierungsmöglichkeiten. Man
setzte auf Spenden und Leserbeteiligung und ließ so eine neue, alternative Infra-
struktur entstehen. Gleichzeitig forderten diese Journalisten politische Akteure, vor
allem die EU auf, den politischen Druck auf Ministerpräsident Orbán zu erhöhen.
Orbán warf der EU vor, einerseits ungerechtfertigt Kritik zu üben, und andererseits,
seit dem neuerlichen Wahlsieg der Fidesz im April 2014, etwa über Stiftungen ein-
seitig linke Organisationen in Ungarn zu unterstützen und damit die interne Politik
Ungarns im linksliberalen Sinne beeinflussen zu wollen. Dabei ging es konkret zum
Beispiel um die Finanzierung unabhängiger Nichtregierungsorganisationen durch
Norway Grants, ein EU-Förderprogramm zusammen mit Norwegen, Island und
Lichtenstein für wirtschaftsschwache Länder. Norway Grants würde in Ungarn nur
linke, regierungskritische NGOs zu finanzieren, etwa die bekannte Webseite für
investigativen Journalismus Atlatszo. Die Regierung fügte eine Liste von Empfänger-
organisationen an, die sie wegen „linker politischer Verbindungen“ als problematisch
betrachtete, neben atlatszo.hu zum Beispiel „Transparency International“ und den
„Ungarischen Verband für Bürgerliche Freiheiten“. Attila Mong, Vorstandsmitglied
von Atlatszo, meinte, die Zuwendungen seien schwer durch andere Finanzquellen zu
ersetzen, was zum Schluss zwinge, Orbán wolle alleine darüber entscheiden, welche
NGO blühen oder eben verhungern solle. Norwegen kündigte an, die Zahlungen

153
154 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

fortzusetzen, da Ungarn den Bedingungen des Finanzierungsmodells zugestimmt


hatte, das es nun in Frage stellt. Man müsse sich ernste Sorgen über den Zustand
der Meinungsfreiheit in Ungarn machen, so der norwegische Vertreter. Die un-
garische Regierung kritisierte es zudem als einseitige Förderung einer politischen
Gruppe, als Einmischung in die internen Angelegenheiten, dass die Gelder der
Norway Grants von einem ungarischen Stiftungskonsortium verwaltet werden, das
der grünen Partei nahesteht. Die ungarischen Grünen waren nach den Wahlen im
April 2014 ins Budapester Parlament eingezogen. Ein staatliches Amt sollte nach
Ansicht der Orbán-Regierung die Gelder verwalten.
Ein besonderer Dorn im Auge der Fidesz-Regierung war das ehemals kom-
munistische Parteiblatt, die bis zuletzt regierungskritische Zeitung Népszabadság
(„Volksfreiheit“), die im Herbst 2016 zusammen mit seiner Online-Ausgabe ohne
Vorankündigung über Nacht zugesperrt und verkauft wurde. Etwa tausend Mitar-
beiter und Sympathisanten versammelten sich aus Protest vor dem Parlament. Der
ehemalige stellvertretende Chefredakteur Márton Gergely sprach von einem Putsch
und von einem Riesenverlust. Der Publizist Paul Lendvai meinte, ein sehr empfindli-
cher Teil der ungarischen Medienlandschaft sei jetzt mundtot gemacht worden, was
Ungarn und der Demokratie schaden und einzig und allein Orbán nützen würde.
Der zweite Fidesz-Vorsitzende Szilárd Németh meinte dagegen unumwunden, es
wäre höchste Zeit gewesen, dass die Zeitung geschlossen wird und er werde deshalb
keine Krokodilstränen vergießen. Eine der letzten großen Enthüllungsgeschichten
der Zeitung hatte es auf Viktor Orbáns Kabinettschef Antal Rogán abgesehen237, der
mit seiner Frau mit dem Hubschrauber zur Hochzeit eines Freundes geflogen war.
Rogán hatte den Flug bis zuletzt dementiert, bis ihn ein Geschäftspartner seiner Frau
bestätigte. Rogáns Flug machte nur deswegen Schlagzeilen, weil er als einer jener
Vertrauten Orbáns gilt, deren sagenhafter Reichtum mit Staatskorruption zu erklä-
ren versucht wird. Offiziell hieß es, Népszabadság wäre zu unprofitabel gewesen238.

237 Vgl.: Kahlweit, C.: Ungarns letzte kritische Zeitung ist Geschichte. Die letzte große
Enthüllungsgeschichte handelte von Orbáns Kabinettschef – dann wurde „Népszabad-
ság“ überfallartig geschlossen. Neuer Besitzer des Blatts könnte ein Geschäftsfreund
des Premiers sein. In: Süddeutsche Zeitung, 10. Okt. 2016.
238 Die Mitarbeiter erfuhren ihre Suspendierung von der Mediaworks-Gruppe, einer
Tochter der österreichischen Beteiligungsgesellschaft VCP (Vienna Capital Partners),
zu der die Zeitung damals gehörte. Der österreichische Finanzinvestor Heinrich Pecina
hatte sie und dazu das ganze Mediaworks-Portfolio aus Magazinen und lukrativen Re-
gionalzeitungen vom schweizer Medienkonzern Ringier gekauft und an die ungarische
Firma „Opimus Press“ verkauft. Dahinter steht eine Holding, deren Aktieneigner nach
Recherchen ungarischer Medien zum einen auf den Seychellen und in Nigeria sitzen,
und zum anderen in der Heimatgemeinde von Premier Viktor Orbán, Felscút. Von
3.5 Die Regierung Orbán und die ungarische Medienpolitik 155

Tatsächlich hatte das 1956 gegründete Blatt, das zuerst der KP und nach der Wende
den ungarischen Sozialdemokraten gehörte, zu seinen besten Zeiten eine Auflage von
mehr als 100.000 Exemplaren, die zuletzt bei maximal 50.000 gelegen haben soll.
Doch waren Insider-Informationen im Umlauf, wonach Népszabadság zuletzt sogar
Gewinne gemacht hätte. Die Schließung hätte, so der damalige Eigentümer der Zei-
tung, keinen politischen Hintergrund, was angesichts der Beschäftigungsaussichten
der etwa 80 ehemaligen Mitarbeiter auf einem Markt, der für regierungskritische
Journalisten wenige Möglichkeiten bietet, zweifelhaft erschien. Die Lücke, die mit
dem Ende von Népszabadság entstand, hoffte die Tageszeitung Népszava („Volks-
stimme“) zu schließen, eine sozialdemokratische Zeitung, die 1877 gegründet wurde
und für die berühmte ungarische Autoren wie Ady oder Kosztolányi schrieben. In
der Zeit des kalten Krieges war sie eine Gewerkschaftszeitung. Chefredakteur Péter
Németh sagte offen, vom Ende des linksliberalen Konkurrenzblattes profitiere seine
Zeitung, die nun auf dem Markt das einzige linke Blatt sei. Am Inhalt musste die
Redaktion nichts ändern, und die verkaufte Auflage verdoppelte sich gleichwohl auf
etwa 20.000 Stück. Eine Gruppe um den ehemaligen Schatzmeister der Sozialisti-
schen Partei hatte die Zeitung gekauft.
Népszabadság war nicht die einzige linke, linksliberale oder unabhängige
Zeitung, die von Strohmännern gekauft wurde, die der Fidesz-Partei nahestehen,
und in diesem Fall vom neuen Eigentümer geschlossen wurde. Zwei Drittel der
Regionalzeitungen in den 19 ungarischen Komitaten bzw. Bundesländern gehörten
bereits zur Holding des Orbán-Vertrauten Mészáros, so das Online-Nachrichten-
portal 444.hu. Ein Interview mit dem Premier, das an Weihnachten 2016 zentral
redigiert in zwölf Regionalzeitungen gleichlautend erschien, ergänzte jemand in der
Regionalausgabe Fejér Megyei Hírlap um einige Sätze, die einen Skandal auslösen
sollten. In jenem Interview lobte Orbán seine Regierung dafür, das Volk oft nach
dessen Meinung zu fragen, und jener Anonymus hatte unter anderem hinzugefügt:
„auch wenn die uns gar nicht interessiert“. Der Täter konnte nicht ausfindig ge-
macht werden, gleichwohl wurde einem halben Dutzend Mitarbeitern gekündigt.
Eva Balogh, die als populärste Bloggerin Ungarns („Hungarian Spectrum“) galt,
fragte, ob sich da jemand über Orbán lustig machen oder seinen Ekel über dieses
Regime ausdrücken wollte. Vermutlich wäre es die Revanche einer vor längerer
Zeit gekündigten Redakteurin gewesen.
Der Regierung Orbán erschien es freilich sicherer, wenn sich ein Großteil der
nationalen Medien in der Hand loyaler Eigentümer befinde. Damit wäre ein ‚System
nationaler Zusammenarbeit‘ entstanden, so der ehemalige Népszabadság-Chefre-

dort aus agierte der Unternehmer, Bürgermeister und Freund des Premiers, Lörinc
Mészáros, Spitzname „Strohmann“.
155
156 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

dakteur András Dési, in dem die Medien als Propagandaapparat und Mehrheits-
beschaffer fungieren würden. Der einstige Hollywood-Tycoon Andrew Vajna, seit
2011 Regierungskommissar für die Filmindustrie, der Fidesz nahesteht, kaufte 2015
den Sender TV2, mit Krediten zweier staatsnaher Banken. Lörinc Mészáros, enger
Vertrauter Orbáns, erweiterte stetig sein Medien-Portfolio, unter anderem um den
rechtsradikalen Sender Echo TV. Er wolle gutes Fernsehen machen, erklärte er,
eines, das die Regierung im Wahlkampf unterstützt. Und die Staats-Historikerin
Mária Schmidt, eine weitere Orbán-Vertraute, die im Auftrag der Regierung das
Gedenkjahr für den Aufstand von 1956 organisierte, kaufte das Wochenmagazin
Figyelő, obwohl sie bisher nicht als Medien-Unternehmerin aufgefallen war. Was
hinter den Aufkäufen durch Fidesz-Leute steckte, erklärte der Premier selbst in einer
Sendung von Echo-TV. Es gebe, sagte Orbán, eine Informationsverzerrung, die man
durch die Übernahmen durch die richtigen Leute zu korrigieren versuche. Die Politik
der konservativen Wende, der ‚nationalen Zusammenarbeit‘ in den Medien wirkte
sich jedoch intern nicht immer ganz so aus, wie sich das die Regierung vorstellte.
In den Medien, die dem Orbán-Lager nahestehen, gab es in jüngster Zeit eine
zunehmende Zahl an Kündigungen, etwa bei der Tageszeitung Magyar Nemzet,
beim Nachrichtensender Hír TV oder dem Hörfunkprogramm Lánchid Rádió.
Der Verdrängungswettbewerb unter den eigenen Leuten, die keine Konkurrenz
mehr von außen hatten, verstärkte sich von selbst. Pikó bezeichnete das als poli-
tische Paranoia; es sei wie in einer Diktatur, in der keiner treu genug sein könne.
Da mit der Einführung des Mediengesetzes die Stellen weniger nach Kompetenz
als nach Gesinnung besetzt wurden, sinke auch das Niveau der Sendungen der
Öffentlich-Rechtlichen. Eifersüchtig wurde um Posten in den regierungsnahen
Medien gerungen. So munkelte man etwa, es wäre zum Bruch gekommen zwischen
Regierungschef Orbán und einem seiner engsten Verbündeten, dem schwerreichen
Medienunternehmer Lajos Simicska, der unter anderem Präsident des Senders Hír
TV war. In den regierungstreuen Medien liefen alle Fäden in der Hand Simicskas
zusammen. Der Kultur- und Politikberater Árpád Habony, der als Orbáns wichtigster
strategischer Berater galt, sollte in der Gunst des Premiers seinem Konkurrenten
Simicska den Rang abgelaufen haben. Problematisch erwies sich der Bruch Orbáns
mit Simicska, weil dieser unter anderem die Zeitung Magyar Nemzet herausgege-
ben hatte, die als Sprachrohr der Regierung galt. Nun wollte Simicska ein neues
­Orbán-kritisches Medien-Imperium aufbauen, und in der ehemals regierungstreuen
Magyar Nemzet erschienen Artikel über Korruption im Regierungslager.
Unter der Opposition und deren Medien führte der Druck und die Margina-
lisierung von Seiten der Regierung zu Solidarisierung. Demonstrationen wurden
organisiert, neue Finanzierungsmodelle auch mit internationaler Hilfe ersonnen
und man etablierte eine neue mediale Opposition im Internet. Als Gergö Sáling mit
3.5 Die Regierung Orbán und die ungarische Medienpolitik 157

den meisten anderen Redakteuren Origo verließ, gründete er zusammen mit seinem
ehemaligen Stellvertreter András Pethö und einem dritten Kollegen ein Zentrum
für investigativen Journalismus namens direkt36.hu, das sich auf die Aufdeckung
von Korruptionsskandalen in Ungarn spezialisierte. Dahinter stand ein für Ungarn
ungewöhnliches Vier-Säulen-Modell aus Stiftungsgeldern, privaten Förderern, streng
von der eigenen Redaktion getrennten Rechercheleistungen und Crowdfunding,
was die Unabhängigkeit des Projekts sichern sollte. Dass bei einer Spendenaktion
mehr als die erhofften 20.000 Euro zusammenkamen, betrachtete Sáling als nicht zu
unterschätzenden Erfolg, weil in Ungarn Spenden keine besondere Tradition haben
und der Journalismus kein besonderes Ansehen genieße. Klubrádió erhielt durch die
Entlassungen neue, professionelle Mitarbeiter, die es sonst nicht bekommen hätte,
was András Pikó, stellvertretender Chefredakteur des Senders, Glück im Unglück
nannte. Diese neuen Mitarbeiter akzeptierten, auch um der Sache willen, dass sie
manchmal monatelang auf ihr Gehalt warten mussten. Wenn Sáling auch über die
„Flut populistischer, propagandistischer Medien“ nicht glücklich war, sah er den
Erfolg seines Startups doch im Kollaps des Meinungspluralismus in Ungarn239.
Neben Sálings Direkt 36 halten sich einige schon länger eingeführte Inter-
net-Plattformen, doch die Zahl der User, die auf die letzten unabhängigen Formate
wie Index, Átlátszó, Direkt 36 oder 444.hu, zugreifen, hält sich in engen Grenzen.
Das Portal 444.hu schufen Gergő Plankó und Bence Horváth, der sich im April
2013 zusammen mit 15 anderen Journalisten dem stellvertretenden Chefredakteur
Peter Uj anschloss und das Onlineportal index.hu verließ, das damals von einem
Fidesz-nahen Geschäftsmann aufgekauft wurde240. Den Namen der neuen Webseite
verstanden die Redakteure symbolisch. Auf der ungarischen Computer-Tastatur
teilen sich die Ziffer vier und das Ausrufezeichen eine Taste, und man wollte in
der Medienlandschaft Ungarns ein Ausrufezeichen setzen. Die Fragetaktik, die
Insistenz der Redakteure, die für 444.hu arbeiten, die Fidesz-Politiker enervierte
und den Erfolg der Webseite erklärt, brachte die Regierung schließlich auf den
Gedanken, ein Pendant zu eröffnen mit dem absichtsvoll gewählten Namen 888.
hu, wobei unklar blieb, was damit gesagt sein sollte. Auf der ungarischen Tastatur
teilt sich die Ziffer Acht eine Taste mit der geöffneten Klammer241. Auch die neue

239 Kahlweit, C.: Die Orbánisierung der ungarischen Medien. Immer mehr Zeitungen
in Ungarn werden von Vertrauten des Premier übernommen. Nur ein paar kleine
Onlineportale weigern sich, Teil der Propagandamaschine zu werden. In: Süddeutsche
Zeitung, 8. Jan. 2017.
240 Vgl.: Amjahid, M.: „Journalistisches Ausrufezeichen“. Sie machen Hundewitze über
Viktor Orbán und berichten über Korruption und Drogenmafia. Die ungarische Website
444.hu ist regierungskritisch – und erfolgreich. In: Zeit Online, 19. März 2017.
241 Vgl.: Amjahid, M.: „Journalistisches Ausrufezeichen“. In: Zeit Online, 19. März 2017.
157
158 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Webseite von Sáling und seinen Kollegen erfuhr den Boykott durch Anzeigen-
kunden, doch die harte Anfangszeit konnte sie überstehen. Es stellte sich heraus,
dass es in Ungarn einen Markt für staatsferne Medien gibt, wobei vor allem junge
Ungarn auf Seiten wie 444.hu zugreifen. Im Durchschnitt besuchen die Seite pro
Tag rund 300.000 Internetnutzer, was bei einer Bevölkerungszahl von etwas unter
zehn Millionen nicht wenig ist. Was die Leser an der Seite schätzen, ist das was
das Plankó ‚Hyperpersonalisierung‘ nennt, dass seriöse Nachrichten mit einer
persönlichen Note des jeweiligen Redakteurs versehen werden. Nachrichten über
den letzten Auftritt Orbáns werden zum Beispiel mit einem Hundevideo ergänzt,
als Anspielung auf Orbáns Schwäche für diese Haustiere, oder Vladimir Putin,
den Orbán als Partner Ungarns betrachtet, bekommt eine Sonnenbrille und einen
Hut aufgesetzt. Was aber den Erfolg der Seite ausmache, seien der kritische Jour-
nalismus und die gut recherchierten Berichte, so die Redaktion, die zum Beispiel
ein Netzwerk einflussreicher Geschäftsmänner und regierungsnaher Oligarchen
aufdeckte, dem es gelang, Milliarden ungarischer Forint der Versteuerung zu
entziehen; oder sie konnte 2016 eine Mafia-Gruppe entlarven, die in Budapest den
Handel mit Drogen und Frauen kontrollierte, mit Duldung der Polizei und einiger
Politiker. Dass die etablierte ungarische Politik diese und ähnliche Berichte über
die Kooperation von Politik, Wirtschaft und organisierter Kriminalität nicht gerne
lesen, war nicht weiter verwunderlich. Dass aber in Ungarn bald der nächste Krieg
gegen die Medien ausbrechen würde, nach dem Vorbild des neuen amerikanischen
Präsidenten Trump, war unwahrscheinlich. Die Mehrheit der Ungarn informiert
sich nach wie vor über die staatlichen Medien und erfährt von den Enthüllungen, die
die Oppositionsmedien im Internet publizierten, wenig bis nichts. Die wichtigsten
Informationsquellen sind RTL, TV2 und die staatlichen Kanäle, die die Linie der
Regierung vertreten. Auch TV2 schwenkte nach dem letzten Eigentümerwechsel
an einen Regierungsbeauftragten auf diese Linie ein. Das einzige unabhängige
Medium mit einer einigermaßen großen Reichweite ist nach wie vor RTL Klub.

3.6 „Moralischer Imperialismus“: ideologische Linien


der ungarischen Medien
3.6 „Moralischer Imperialismus“
Die Reibung, die im eigenen Land fehlt bzw. die die Regierung Orbán weitestge-
hend ausgeschaltet hat, erzeugt das europäische Ausland, vor allem die EU und
die deutsche Bundesregierung, deren Politik man in Ungarn, aber auch in Polen
und teilweise auch in Frankreich als höchst problematisch betrachtet, und die in
den ungarischen regierungsnahen Medien teils polemisch kommentiert wird. Dort
3.6 „Moralischer Imperialismus“ 159

und in den Reden Orbáns war wiederholt von der „wasserfallartigen Menschenflut“
die Rede, die sich über Europa ergießen würde und die Orbán als „neuzeitliche
Völkerwanderung“ deutete. Es würde seiner Ansicht nach ein Kampf heraufziehen
zwischen „dem säkularen, ungläubigen Europa und der immer engagierteren mus-
limischen Welt“. Die Türken stünden wieder vor Wien oder Budapest, nur würden
ihnen diesmal freundlich die Tore geöffnet werden. Orbán fragte, wie in „unserer
Zivilisation der natürliche und elementare Instinkt abgebaut werden“ konnte, „uns,
unsere Familie, unser Heim, unseren eigenen Boden zu verteidigen“. Mit diesen
Aussagen hat der ungarische Premier bei rechtspopulistischen Parteien in ganz
Europa, bei Marine Le Pen und Geert Wilders Anklang gefunden, aber auch bei
den Nachbarn in Polen oder der Slowakei, allen sonstigen Gegensätzen zum Trotz.
Als die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel im Oktober 2015 auf einer
gemeinsamen Pflicht aller europäischen Länder zur Aufnahme von Flüchtlingen
bestand, warf ihr Viktor Orbán „moralischen Imperialismus“ vor. Er konstatierte,
die europäischen Staatschefs hätten von ihren Bürgern kein Mandat, Flüchtlinge in
ihren Ländern aufzunehmen, und sie würden damit gegen geltendes Recht verstoßen.
Nicht Merkel wäre es, die europäische Werte zerstören würde, sondern Orbán, der
seine Bürger über die von der Regierung gesteuerten Medien mit fremdenfeindli-
chem, nationalistischem Gedankengut beeinflussen würde, hieß es in den deutschen
Medien. Falschinformationen würden erfolgreich lanciert, um die Fähigkeit der
ungarischen Medienkonsumenten zu unabhängiger, rationaler Meinungsbildung
zu schwächen oder gar außer Kraft zu setzen. Diese Informationspolitik, die man
durchaus als Propaganda klassifizieren dürfe, sei eine ernste Bedrohung für die
demokratische Ordnung. Orbán hätte, um seine Wahrheit durchzusetzen, die
Stimmen der Andersdenkenden übertönt, indem er ihren Ruf zerstörte und sie zum
Schweigen brachte. Orbán warf eben das in der Flüchtlingskrise den westlichen
Medien vor. Sie wären nicht mehr bereit, die Sorgen und Ängste der eigenen Bürger
und noch weniger die der Bürger Ostmitteleuropas ernst zu nehmen. Sie würden
sich in ihrer moralischen Arroganz über den ganz eigenen Weg und die Identität
Ungarns, Polens oder der Slowakei hinwegsetzen. Deutschland mochte für sich den
Weg der multikulturellen Einwanderungsgesellschaft gewählt haben, Orbán lehnte
das, wie bereits zitiert, für Ungarn ab, worin er aus Warschau und aus Bratislava
politisch und medial Unterstützung erhielt. Wenn aus dem Westen kritisiert wurde,
wer die Regierungsmeinung unterstützt, der dürfe in den Regierungsmedien seine
Meinung äußern, dann war es für die ungarische Seite ein Leichtes, diese Kritik
an den Urheber zurückzugeben, zumal die Kritik an parteiischer Kommentierung
etwa deutscher Leitmedien gerade in der Flüchtlingskrise sich auch in Ungarn he-
rumsprach. Ginge es um diese Krise, trat in den ungarischen Staatsmedien immer
wieder ein und derselbe Sicherheitsexperte auf, der vor der Terrorgefahr durch

159
160 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Flüchtlinge warnte. Aber auch in den deutschen Medien würden generell Experten
befragt, die diese Gefahr relativieren oder ausblenden, so ungarische Journalisten,
die den öffentlich-rechtlichen Medien nahestehen.
Orbán hat es geschafft, dass die Medienlandschaft weitgehend von Fidesz-nahen
Journalisten und Redakteuren und auch von den Themen beherrscht wird, die
Fidesz wichtig erscheinen. Orbán hatte schon in den 1990er Jahren die ungeheure
Bedeutung der Medien erkannt, und beklagt, seine Partei hätte keine Medien, die
auf ihrer Seite stünden. Sein Ziel war es schon damals, sowohl in den elektronischen
Medien als auch im Print-Bereich bis zu 95 Prozent des Landes abzudecken. Das
Thema, das seine Medien gerade in jüngster Zeit konsequent bedient haben, war
die Botschaft, die EU befände sich auf einem falschen linksliberalen Kurs, was
sich besonders in der Flüchtlingskrise gezeigt hätte. Der Vertrauensverlust, der
kurzzeitig durch Orbáns rasch verworfenen Plan, eine Internetsteuer einzuführen,
entstanden war, wurde aufgefangen durch seine rigide Linie in der Flüchtlingspo-
litik. Die dem Premier loyalen Medien wussten ihn als Beschützer Ungarns vor
der neuen Masseninvasion aus dem Nahen Osten darzustellen, als Schöpfer eines
‚illiberalen Staates‘, da sich die liberale Politik westlicher Prägung nicht nur in der
Flüchtlingskrise als gescheitert erwiesen hätte. In einer „Nationalen Konsultation
zu Einwanderung und Terrorismus“, bei der alle ungarischen Staatsbürger über
achtzehn abstimmten durften, ließ sich Fidesz die rigide Abschottung Ungarns
bestätigen. Nach Aussage Orbáns sei die ungarische Obergrenze für Flüchtlinge
gleich null. In einem Brief an alle Wahlberechtigten betonte der Premier, dass die
Anschläge auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris das Scheitern der EU-Ein-
wanderungspolitik belegen würden242. Die von ihm selbst und den ungarischen

242 Der Brief erklärte, bei der überwiegenden Mehrheit der Migranten würde es sich um
Wirtschaftsmigranten, nicht um Flüchtlinge handeln. Diese Migranten seien eine
Bedrohung und die Ungarn müssten entscheiden, wie sie ihr Land verteidigen wollten.
Die ersten fünf Fragen der „Nationalen Konsultation“ bezogen sich auf die Bedeutung
des sich ausbreitenden Terrorismus (das Massaker in Frankreich, die alarmierenden
Taten des IS); auf die Wahrscheinlichkeit, dass Ungarn ein Ziel von Terrorakten werden
könnte; auf den Konnex zwischen der Ausbreitung des Terrorismus und dem „mangel-
haften Management der Einwanderung durch Brüssel“; auf illegale Grenzübertritte von
Wirtschaftsmigranten nach Ungarn und den rapiden Anstieg der Migranten in Ungarn;
und auf die Frage, ob Wirtschaftsmigranten „die Arbeitsplätze und Existenzgrundlage
der Ungarn bedrohen“. Die Fragen seien manipulativ, suggestiv gestellt, so die Kritik.
Es gebe keine neutrale Option oder die Möglichkeit, ‚ich weiß es nicht‘ anzukreuzen.
Die Fragen 3 und 5 würden die Regierungslinie wiedergeben, ohne durch eine Gegen-
position sachliche Ausgewogenheit zu schaffen. Die Regierung organisierte neben der
Umfrage eine Plakatwerbekampagne, bei der in ungarischer Sprache Migranten erklärt
wurde, wenn sie nach Ungarn kämen, sollten sie den Ungarn nicht die Arbeitsplätze
3.6 „Moralischer Imperialismus“ 161

Medien immer wieder bemühte These, Orbán würde eine Rebellion gegen die Elite
anführen, so wie sein Vorbild Donald Trump, fand Gergő Plankó von 444.hu wenig
glaubwürdig, da doch Orbán seit sieben Jahren die Macht hätte und die meisten
Medien kontrollieren würde. Trump war gezwungen, gegen die Analysen und Mei-
nungen der Mehrzahl der US-Medien Politik zu machen, während sich Orbán heute
auf eine Vielzahl von Onlineportalen, Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehsender
stützen kann, die seine Regierungslinie vertreten. Der staatliche Fernsehsender
M1 eröffnete seit Beginn der Flüchtlingskrise fast jeden Nachrichtenblock in den
Abend-Hauptnachrichten mit einem Beitrag über Migranten, mochte auch die
Zahl der in Ungarn registrierten Flüchtlinge minimal sein. Die Medien-Beiträge
erweckten dagegen den Eindruck, die ungarische Gesellschaft würde von Syrern
und Afghanen unterwandert werden. Es war die Rede von einem ‚Sturm‘, ‚einen
Tsunami‘, und vom ‚Ende der ungarischen Kultur‘. In seinen Reden, die regelmäßig
übertragen werden, kam Orbán immer wieder auf die seiner Ansicht katastrophale
Flüchtlingspolitik der deutschen Bundeskanzlerin zu sprechen. Hätte Orbán nicht
konsequent gehandelt, wäre Ungarn ebenso wie Deutschland zu einem Opfer einer
ungeregelten Zuwanderungspolitik geworden, die nun tatsächlich die deutsche Kultur
und die öffentliche Sicherheit dort gefährden würde. Da man seinen Standpunkt
und seine Politik in der Flüchtlingsproblematik in Berlin und Brüssel mit aller
Schärfe bekämpfen würde, mochte er sich auch im Unterschied zu seinen Kritiker
an Recht und Gesetz gehalten haben, fühlte sich Orbán in seiner Ansicht bestätigt,
eine einzelner Kämpfer gegen eine übermächtige deutsche und europäische Elite zu
sein. Die Berichterstattung der privaten Medien, die Fidesz nahestehen, ist ähnlich
strukturiert. Auch vermisst man oft genug kritische Nachfragen an die politischen
Entscheidungsträger.
Die Journalisten von 444.hu fragten insistent nach und erhielten dafür ein
mehrmonatiges Hausverbot im ungarischen Parlament. Sie hatten außerhalb der
sogenannten ‚Presse-Zone‘ Fragen gestellt, was gesetzlich verboten ist, damit Politiker
nicht von lästigen Journalisten bedrängt werden. Das gibt aber vielen Parlamentariern
und Ministern die Gelegenheit, Journalisten konsequent aus dem Weg zu gehen,
weshalb Horváth, Plankó und ihre Kollegen von 444.hu die Presse-Zone ebenfalls
ignorierten und außerhalb ihre Fragen stellten, nachdem die Politiker auch auf

wegnehmen. Sie müssten die Kultur der Ungarn respektieren, und ihre Gesetze. Durch
den ungarischen Text fielen Migranten als Zielgruppe aus und waren eher im Kontext
der Konsultation zu sehen. Kritiker meinten, diese diente nicht dazu, die Meinung der
Nation objektiv einzuschätzen, sondern dazu, Angst vor Einwanderern zu schüren und
für die Regierungspolitik zu werben. Von den mehr als acht Millionen Angeschriebenen
erhielt die Regierung über eine Million Antworten, von denen die Mehrheit für die
Position der Regierung stimmte.
161
162 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

schriftliche Anfragen nicht antworteten. Nach dem Hausverbot im Parlament blieb


den kritischen Journalisten nur noch die direkte Konfrontation ungarischer Politi-
ker am Rande von Gipfeln und Konferenzen in Brüssel. Die Redaktion von 444.hu
prüfte juristische Mittel gegen das Hausverbot, an ein Aufgeben dachte man nicht.
Durch die offizielle Medienpolitik hat sich auf dem kleinen Medienmarkt Ungarns
eine Sprachlosigkeit zwischen den politischen Lagern eingestellt, ein tiefer Graben
hat sich aufgetan. Man redet nicht mehr miteinander, nur noch übereinander. Nach
dem Umbruch des Jahres 1989 galt die Zeitung 168 Óra als Medium, auf das man
sich trotz politischer Differenzen einigen konnte. Zwanzig Jahre später gibt es ein
solches Medium nicht mehr. Der Medienmarkt ist zwar weiterhin frei, doch der
Einfluss der Politik bewirkte, dass es zwischen den politischen Lagern medial fast
keine Brücke mehr gibt. Die politische Linke und die politische Rechte, jedes Lager
bewegt sich allein in seinem Raum politischer Kommunikation. Im staatlichen
Kossuth Radio spricht Orbán regelmäßig in der Sendung „180 Minuten“, das Spötter
wegen des Sendetermins ‚Freitagsgebet‘ nennen. Nach Ansicht der Medienexpertin
Klára Kovács seien die Fragen vorher abgesprochen, der Ministerpräsident sei auf
jede Frage vorbereitet, und es gibt auch keine Zwischenfragen. Dass sich Fidesz der
Kritik und den oppositionellen Medien konsequent entzieht, fördere nach Ansicht
der Kritiker die Spaltung der ungarischen Öffentlichkeit. Journalisten von 444.hu
oder Klubrádio baten Fidesz-Politiker immer wieder vergeblich um Stellungnahmen.
Doch sei auch das Selbstverständnis der ungarischen Journalisten problematisch,
so der Journalist Gergö Sáling. Viele würden sich ihrer Objektivität rühmen, aber
zugleich ihre politische Gesinnung verheimlichen. Das eigentliche Problem sei
aber, so Sáling, dass viele Journalisten das Vertrauen der Menschen verspielt hätten.
Dieses Vertrauen, das die Medien auch durch eine unsachliche Kommentierung
der russischen Politik verspielt hätten, wollte Orbán durch ein konstruktives Ver-
hältnis zu Moskau korrigieren. Dass ihm die weltanschauliche, nationalkonservative
Wende Russlands unter Putin, das Gegenmodell zum angeblich traditionslosen
westlich-liberalen Gesellschaftsentwurf zusagte243, dass er ähnlich wie Putin die
Freiheit der Medien einschränken würde, trug Orbán im europäischen Ausland
den Ruf ein, eine kleinere ungarische Variante Putins, ein ‚Puszta-Putin‘ zu sein.
Im August 2017 besuchte Putin bereits zum zweiten Mal Budapest, während der
neue französische Präsident Emmanuel Macron auf seiner Südost-Reise Bulgarien,

243 Orbán hatte nach seinem Wahlerfolg im April 2014 im rumänischen Baile Tuşnad eine
Rede gehalten, in der er seine politischen Vorstellungen offen darlegte: „Die liberale
Demokratie ist am Ende. Sie garantiert den ungarischen Familien keinen Wohlstand
und keinen Schutz der nationalen Interessen mehr. Der ungarische Staat wird sich
nicht weiter an liberale Werte halten.“ Statt den westlichen Mustern zu folgen, sollten
die Ungarn besser in andere Richtungen sehen.
3.6 „Moralischer Imperialismus“ 163

Rumänien und auch die Slowakei und Tschechien besucht, aber um Ungarn einen
Bogen gemacht hatte. In den ungarischen regierungsnahen Medien wurde diese
Tour Macrons als Versuch gedeutet, die sogenannte Visegrád-Gruppe aus Ungarn,
Tschechien, der Slowakei und Polen aufzuspalten. Innerhalb dieser Gruppe war
man sich in der Ablehnung der Berliner und Brüsseler Flüchtlingspolitik mehr
oder weniger einig. Der Investor George Soros sah auch eine unheilige Allianz
von Orbán und Putin und der polnischen Führungsriege um Jarosław Kaczyński.
Während Putin Europa von außen angreifen würde, täte das Orbán von innen.
Die Regierung Polens, das nach Soros Ansicht zu den „ethnisch und religiös ho-
mogensten Ländern in Europa“ gehöre, befeuere zusammen mit dem ungarischen
Partner einen „Mix aus ethnischer und religiöser Ausgrenzung“, um ihre Macht zu
stärken244. Paul Lendvai schrieb, zu recht gelte Orbán als der Putin-freundlichste
EU-Regierungschef245. Dabei hatte Orbán seine Karriere 1989 mit einer Rede begon-
nen, in der er, angesichts der politischen Umstände verständlich, die Sowjetunion
mit scharfen Worten kritisiert hatte. Noch im Oktober 2007 hatte Orbán Russland
eine Bedrohung für Ungarn genannt. Wirtschaftliche Kooperationen, aber vor
allem die weltanschauliche Annäherung zwischen Budapest und Moskau und die
Verschlechterung der Beziehungen der EU zu Russland wegen der wachsenden
weltanschaulichen Distanz bewirkten, dass Orbán beim vorletzten Besuch Putins
in Budapest im Februar 2017 die „leider zur Mode gewordene antirussische Politik
des Westens“ und die Sanktionen gegen Russland verurteilte, die Orbáns Ungarn
gleichwohl mittrug. Lendvai meinte, es gebe seit Orbáns Rede vom „illiberalen Staat“
eine „gemeinsame ideologische Grundlage für die politische Freundschaft der bei-
den starken Männer: antiwestlicher Nationalismus, autoritäre Herrschaftsstruktur,
Verbreitung der Verschwörungstheorien durch populistische, von oben kontrollierte
Medien“246. Die deutlichste Absage kam von US-Präsident Barack Obama, der den
Umgang Ungarns mit NGO-Mitarbeitern als abschreckendes Beispiel in eine Reihe
mit China und Russland stellte. Die US-Regierung verhängte kurz darauf Einrei-
severbote gegen sechs hochrangige ungarische Beamte und Unternehmer wegen
des Verdachts der Korruption, was für ein EU-Land eine beispiellose Maßnahme

244 Schmitz, G. P.: „Europa? Gibt‘s doch nicht mehr“. „Putin greift die EU von außen an,
Orbán von innen“. In: Wirtschaftswoche [http://www.wiwo.de/politik/europa/george-
soros-putin-greift-die-eu-von-aussen-an-orbn-von-innen/12754350-2.html].
245 Lendvai, P.: „Die Orbán-Putin-Achse“. Zu Recht gilt Orbán als der Putin-freund-
lichste EU-Regierungschef. In: Der Standard, 28. August 2017 [http://derstandard.
at/2000063267419/Die-Orban-Putin-Achse].
246 Ibidem.
163
164 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

war247. Erst mit dem Amtsantritt Donald Trumps begann sich das Verhältnis wie-
der zu entspannen. Trumps rhetorische Angriffe auf illegale Zuwanderung, seine
Forderung, eine Mauer zu Mexiko zu bauen, die Furcht vor dem demographischen
Austausch, der gerade viele weiße Amerikaner Trump wählen ließ, deckte sich mit
den Warnungen Orbáns. Er warnte im Gleichklang mit französischen und deutschen
Rechtsparteien davor, dass Europa durch die Zuwanderung von Hundertausenden
Muslimen in ein „neues, islamisiertes Europa“ verwandelt werden solle. Diesem
Ziel käme Brüssel immer näher, je mehr Einfluss es den Nationalstaaten raube, die
der unkontrollierten Einwanderung noch im Wege stehen. In Ungarn sei es nicht
nötig, Fake News über die Einwanderungspolitik Brüssels oder Deutschlands zu
verbreiten, Orbáns Botschaften seien selbst Fake News über die aktuelle Politik
und reine Verschwörungstheorien, schrieb Natalie Nougayrède im Guardian248.

3.7 Die Medien der Slowakei und Tschechiens zwischen


EU und Russland
3.7 Die Medien der Slowakei und Tschechiens
Der slowakische Premier Robert Fico und dessen sozialdemokratische Smer-SD
(„Richtung“) gewannen die Parlamentswahlen im März 2016 deutlich. Das lag
nach Meinung von Beobachtern auch und nicht zuletzt daran, dass Fico die Über-
fremdungsängste der kleinen slowakischen Nation in der Mitte Europas, zwischen
einer als übermächtig empfundenen Europäischen Union und dem neu erstarkten
Russland geschickt auszunutzen wusste249. In allen Meinungsumfragen führte

247 Vgl.: Verseck, K.: „Wie Viktor Orbán Ungarn putinisiert“. Viktor Orbán zerstört Ungarns
Demokratie systematisch. Schritt für Schritt schränkt er Freiheitsrechte ein, während
die demokratische Opposition sich selbst zerfleischt. Und die EU schaut tatenlos zu, wie
ihr Mitgliedsland abdriftet. In: Cicero, 20. Febr. 2015 [http://cicero.de/ungarn-im-span-
nugnsfeld-zwischen-eu-und-russland-wie-viktor-orban-ungarn-putinisiert/58894].
248 Vgl.: Nougayrède, N.: „Fake news is bad. But fake history is even worse“. From Turkey to
China, strongmen rewrite the past to suit their ends. But democracies are not immune
to this revisionism. In: The Guardian, 4. August 2017 [https://www.theguardian.com/
commentisfree/2017/aug/04/fake-news-fake-history-turkey-china-rewrite-past].
249 Schwarz, Karl-Peter: „Muslime, nein danke“. Eine Wiederwahl des slowakischen
Regierungschefs Fico scheint sicher. Seine Weigerung, Flüchtlinge per EU-Quote ins
Land zu lassen, ist populär. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. März 2016 [http://
www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/wahl-in-der-slowakei-muslime-nein-
danke-14104143.html].
3.7 Die Medien der Slowakei und Tschechiens 165

Ficos Partei mit großem Abstand250. Dass seine Smer-Partei 2012 in Neuwahlen
mit absoluter Mehrheit (knapp 45 Prozent) an die Macht kam, hing mit einem
gewaltigen Korruptionsskandal zusammen, der vor allem die konservativen Par-
teien belastete. Fico gilt als enorm wandlungsfähig, erstaunlich flexibel und mit
taktischem Geschick gesegnet, was ihn neben Viktor Orbán zum erfolgreichsten
Politiker seiner Generation im postkommunistischen Mitteleuropa machte. Seine
Gegner und Kritiker halten das für Opportunismus, den ihm gerade Unterstützer
der harten Politik gegenüber Russland unterstellten. Vorurteilslos oder nach sei-
nem politischen Vorteil hätte er, je nach Perspektive, auch im Umgang mit dem
ungarischen Nachbarn gehandelt. Fico gewann 2006 die Wahlen, indem er an die
stets vorhandene Furcht der Slowaken vor der politischen Instrumentalisierung
der ungarischen Minderheit im Lande und vor dem ungarischen Revanchismus
appellierte und den Konservativen vorwarf, die Slowakei den „Magyaronen“ aus-
zuliefern251. Scharfe Kontroversen mit Budapest waren in seiner ersten Amtszeit
die Folge. Die Sozialistische Internationale setzte für eine gewisse Zeit sogar die
Mitgliedschaft der Smer-SD aus, weil sie gemeinsam mit der rechtsradikalen SNS
gegen die ungarische Minderheit in der Slowakei polemisierte und gegen die damalige
Regierung des sozialistischen Premierminister Ferenc Gyurcsány. In den Wahlen
von 2016 hatte sich das Blatt komplett gewendet. Zwischen den Slowaken Fico und
den Ungar Orbán passte kein Blatt mehr252. Beide lehnten die EU-Sanktionen gegen

250 Die Geschichte der Slowakei seit dem Ende der tschechoslowakischen Föderation am
1. Januar 1993 lässt sich grob in drei Etappen teilen: Zunächst herrschte Vladimír
Mečiar mit autoritären Methoden und etablierte ein auf Klientelismus beruhendes
System. 1998 gewann eine vom christlichen Demokraten Mikuláš Dzurinda geführte
Koalition die Wahlen, befreite das Land aus der politischen Isolation und führte es in
die Nato und in die EU. Nach 2002 setzten die konservativen Parteien wirkungsvolle
marktwirtschaftliche Reformen um, die dem bisherigen Armenhaus Europas zu enor-
men Wachstumsraten verhalf aber von zahlreichen Wählern als sozial unausgewogen
empfunden wurden. Im Jahr 2006 gelang es Fico, seine Smer (Richtung) mit einem
gegen den wirtschaftsliberalen Kurs Dzurindas gerichteten Wahlkampf erstmals zur
stärksten Partei zu machen und gemeinsam mit der rechtsradikalen Slowakischen
Nationalpartei (SNS) eine Koalition zu bilden. Vier Jahre später verloren die Sozial-
demokraten die Regierungsmehrheit, weil die SNS so sehr geschwächt wurde, dass sie
als Koalitionspartner ausfiel. Ein gutes Jahr lang regierte eine instabile Koalition von
Fico-Gegnern unter der christlich-demokratischen Ministerpräsidentin Iveta Radičová,
bis sie an einem Streit über die slowakische Beteiligung am Euro-Stabilisierungsfonds
scheiterte.
251 Vgl.: Schwarz, Karl-Peter: „Muslime, nein danke“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung,
4. März 2016.
252 Wie sehr sich die innenpolitischen Verhältnisse in der Slowakei gedreht hatten, zeigte
sich auch daran, dass eine Aufnahme der ungarischen Partei Most-Hid (Brücke) in die
165
166 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Russland ab und die Positionen und Aussagen beider Politiker in der Flüchtlingskrise
waren nahezu identisch. Fico lehnte wie Orbán obligatorische EU-Verteilungsquo-
ten von Migranten und besonders die Aufnahme muslimischer Flüchtlinge ab und
forderte ebenfalls kategorisch einen wirksamen Schutz der EU-Außengrenzen. In
der Abschlussrede seines Wahlkampfes, die er in Bratislava hielt, erklärte er, für
seine Regierung stehe die Sicherheit an erster Stelle, und seine Regierung werde
niemals auch nur einen Muslim über die Quotenregelung akzeptieren.
Um die eigene Sorge für Sicherheit zu akzentuieren, bezog sich Fico ebenso
wie seine Amtskollegen in Polen, Ungarn und Rumänien besonders auch auf die
Silvester-Ereignisse von Köln, an denen sich das Versagen des liberalen, toleranten
Systems schlagend erwiesen hätte. Die linksliberale rumänische Wochenzeitung
Dilema veche schrieb im Januar 2016, auf die „Haiderisierung Ungarns“ folge nun
mit beunruhigender Schnelligkeit die „Orbanisierung Polens“, die dramatische
Transformation eines demokratischen Staates durch eine nationalkonservative
Partei253. Die konservativen rumänischen Medien, etwa die Tageszeitung Adevarul
(„Wahrheit“), sahen den polnischen Fall nicht als fatale, überraschende Entwick-
lung, sondern als Folge der EU-Politik, vor allem aber als ihrer Ansicht nach ver-
ständliche Reaktion auf die falsche Politik der unkonditionierten Grenzöffnung
durch die deutsche Bundeskanzlerin, die nicht nur in den rumänischen, sondern
auch in den slowakischen, bulgarischen oder ungarischen Medien ungläubiges
Kopfschütteln bis hin zu drastischen Polemiken auslöste. Deutschland sei nun mit
den Folgen seiner Willkommenskultur und seiner blinden Toleranz konfrontiert,
und stürze durch das Übel der politischen Korrektheit und des Meinungsterrors
in den Mehrheitsmedien ganz Europa ins Verderben254. In einem Kommentar für
Adevarul schrieb der liberal-konservative rumänische Europaparlamentarier Trai-
an Ungureanu, Angela Merkel und ihre Einladung zur ungehinderten Migration
nach Deutschland seien die „Katastrophe des Jahrhunderts“, und er fügte hinzu, in
Deutschland herrsche eine „offizielle Zensur“ zu den Ereignissen von Köln: „Jeder
Protest, jeder Fingerzeig gegen Massenvergewaltigung wird sofort als Rassismus
oder Extremismus eingestuft. Es ist die Pflicht der öffentlichen Organe, Fakten zu
verstecken und zu bestreiten.“ Sogar der ehemalige Staatspräsident Traian Băsescu

Regierung nicht mehr ausgeschlossen wurde, hätte Fico die absolute Mehrheit verfehlt.
253 Vgl. Martin, Matei: Orbánizarea Poloniei. In: Dilema, anul XIII, nr. 620, 7.-13. Jan.
2016, S. 9.
254 Verseck, K.: Flüchtlingspolitik: Osteuropäer verhöhnen „politische Korrektheit“ der
Deutschen. Nach den Überfällen von Köln sehen sich viele osteuropäische Politiker in
ihren Warnungen bestätigt – und fordern ein Ende von „liberalem Meinungsterror“
und politischer Korrektheit in Deutschland. In: Spiegel online, 12. Jan. 2016.
3.7 Die Medien der Slowakei und Tschechiens 167

mischte sich in die Debatte über Köln ein und sprach sich dafür aus, Rumänien
solle genauso wie seine osteuropäischen Nachbarn gegen eine Quotenregelung für
Flüchtlinge votieren. Muslimische Flüchtlinge seien im Geist des Koran erzogen,
sie würden Frauen in der Öffentlichkeit mit Steinen bewerfen und könnten sich an
die europäische Kultur nicht anpassen.
Besonders scharf äußerte sich der slowakische Regierungschef Fico zum Kölner
Fall. In einer Fernsehdiskussion sagte er, die Medien verharmlosten das Flücht-
lingsproblem, Migranten seien leider eine „geschützte Art“ geworden, doch er werde
dabei nicht mit lügen. Fico forderte wegen der Ereignisse von Köln einen dringenden
EU-Sondergipfel, der sich mit den Themen Parallelgesellschaften, Grenzschutz und
Migrationsstopp befassen solle. Eine geplante europäische Grenz- und Küstenwache
sollte so bald als möglich aufgestellt werden, um eine unkontrollierte Einwanderung
zu verhindern. Sein Land werde keine Belästigung von Frauen in der Öffentlichkeit
und keine geschlossenen muslimischen Gesellschaften dulden, so Fico einige Tage
vor dem zitierten Interview. Kommentatoren einiger liberal und eher oppositionell
eingestellter slowakischer Zeitungen wie Sme oder Dennik N gaben Fico tendenziell
Recht. Sie kritisierten die angeblich politisch zu korrekten Medien in Deutschland
und eine naive „Subkultur der Gutmenschen“. Ungarns Ministerpräsident Viktor
Orbán sagte zu den Silvester-Ereignissen von Köln in seinem wöchentlichen
Interview im öffentlich-rechtlichen Kossuth-Rádió, es sei ein Ausdruck der Krise
des Liberalismus, dass in Deutschland Nachrichten zu den Überfällen auf Frauen
unterdrückt würden, in Ungarn sei die Presse viel freier als im Westen. Die Ereig-
nisse zeigten auch, dass Ungarn in der Migrationsfrage Recht habe und dass man
Zuwanderung vollständig stoppen müsse. Der Publizist Zsolt Bayer, Orbán-Freund,
Mitbegründer der Fidesz-Partei und bekannt für seine rechtslastigen Kommentare,
schrieb in der Zeitung Magyar Hírlap über die Täter von Köln: „Es sind Migranten.
Nordafrikanische und arabische Tiere. Lauter Hyänen.“ Angela Merkel sprach er als
„Frau Angela“ an, die ihre Familie und Kinder von Hyänen zerfleischen lasse. Die
deutsche Presse sei unter den Diktaturen freier und anständiger gewesen. „Es gibt
keine verfluchteren und zerstörerischeren Bastarde zwischen Himmel und Erde als
diese migrationsfreundlichen, liberalen Schweine, die Totengräber Europas“. Die
quasi-offizielle Regierungszeitung Magyar Idök schrieb, anstatt dass der deutsche
Staat seine Bürger schütze, sei er ein Helfershelfer der Migranten und passe sich
an die Normen von Banden an, die Bürger überfielen.
Auch in Polen und Tschechien fühlten sich nach den Überfällen von Köln
Regierungspolitiker in ihrer flüchtlingsfeindlichen Haltung bestärkt. Polens Re-
gierungschefin Beata Szydło warf westeuropäischen und deutschen Politikern vor,
die Flüchtlingsproblematik nicht ernst genug genommen zu haben, ihr Stellver-
treter Piotr Glinski sagte, man werde noch genauer als bisher untersuchen, wer

167
168 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

nach Polen komme. Junge Migrantenmänner wolle man nicht im Land haben.
Der tschechische Regierungschef Bohuslav Sobotka sprach sich für die sofortige
und automatische Abschiebung straffälliger Flüchtlinge aus Europa aus. Einer der
schärfsten EU-Kritiker, der ehemalige tschechische Präsident Václav Klaus, meinte,
die Gefahr der ungeregelten Zuwanderung hätten andere schon lange vor ihm er-
kannt. Vor ein paar Wochen hätte er einen 27 Jahre alten Essay von Umberto Eco
gelesen, der bereits 1990 vor der Migration gewarnt hätte und ihm nun ex post recht
geben würde. Die Migration würde, so zitierte Klaus den italienischen Semiotiker,
die ethnische Umgestaltung, eine unvorstellbare Änderung der Sitten und des Be-
nehmens sowie eine unaufhaltsame Hybridisierung der Menschen in Europa zur
Folge haben. Das hätte damals niemand hören wollen. Klaus legte zusammen mit
seinem langjährigen Berater Jiři Weigl ein Buch mit dem Titel „Völkerwanderung:
Kurze Erläuterung der aktuellen Migrationskrise“255 vor, deren Hauptthese lautete,
die Massenmigration „mit all ihren verheerenden Konsequenzen“ hätten nicht die
Migranten verursacht, sondern die europäischen Politiker, vor allem die deutschen,
die explizite Einladungen ausgesprochen hätten; und Klaus fügte hinzu, dass diese
Erkenntnis in Tschechien längst nicht so weit vom medialen Mainstream entfernt
sei wie in Deutschland. Sie werde von weiten Teilen der sogenannten gesellschaft-
lichen und politischen Mitte geteilt.
In Berlin und Brüssel sorgte die ablehnende Haltung des tschechischen Präsi-
denten Miloš Zeman und im Grunde aller tschechischen Parlamentsparteien in
der Flüchtlingsproblematik für Kopfschütteln256. Ende Dezember 2015 hatte Zeman

255 Klaus, V./Weigl, J.: Völkerwanderung. Kurze Erläuterung der aktuellen Migrationskrise.
Lüdinghausen 2016.
256 Die tschechische Regierung blockierte im November 2015 bereits seit Monaten ge-
meinsam mit Ungarn, Polen und der Slowakei den Vorschlag der EU-Kommission,
ein Quotensystem zur gerechten Verteilung der Flüchtlinge einzurichten. Die Regie-
rung erklärte, man wolle sich von der EU keine Flüchtlinge aufzwingen lassen, eine
Position, die nach den Terroranschlägen in Paris und auf den Brüsseler Flughafen im
März 2016 in Tschechien an Unterstützung im Wahlvolk gewann. Alle im Parlament
vertretenen politischen Parteien waren sich einig in ihrer entschiedenen Ablehnung
von EU-Pflichtquoten. Die Mitte-Rechtsparteien TOP 09 und KDU-ČSL befürworteten
eine freiwillige Aufnahme von Flüchtlingen; die KDU-ČSL warnte vor einem Krieg
zwischen Sunniten und Schiiten, der im schlimmsten Falle zu 70 Millionen Flüchtlingen
führen könnte. Alle Parteien fürchteten um die Zukunft des Schengen-Systems, dessen
Erhalt zu Tschechiens Prioritäten in der EU-Politik gehörte, weshalb die Parteien einen
stärkeren Schutz der europäischen Außengrenzen forderten. Die Sozialdemokraten
hielten die Beendigung der Kriege in Syrien und Libyen für den Schlüssel zur Lösung
der Flüchtlingskrise, auch die Stärkung der Grenzkontrollen an den EU-Außengrenzen
und eine aktive Rückkehrpolitik. Auch sie lehnten die Pflichtquoten der EU ab, waren
aber für die Aufnahme von Immigranten, die einen ähnlichen kulturellen Hintergrund
3.7 Die Medien der Slowakei und Tschechiens 169

erklärt, die „Invasion der Flüchtlinge“ werde von der Muslimbruderschaft orga-
nisiert, und im Februar 2016 meinte er, die „einzige Lösung“ der Flüchtlingskrise
sei die „Deportation von Wirtschaftsflüchtlingen und denjenigen, die für religiöse
Gewalt und religiösen Hass eintreten, kurz gesagt Terrorismus planen“. Das sagte
der linksgerichtete Präsident bei einem Treffen sozialdemokratischer Politiker in der
slowakischen Hauptstadt Bratislava. Tschechien heiße alle Flüchtlinge willkommen,
die bereit seien, sich zu integrieren, so Zeman. Es sei aber unmöglich, Muslime in
die europäische Gesellschaft zu integrieren. Im November 2015 war der Staatschef
bereits bei einer Anti-Islam-Demonstration in Prag aufgetreten und hatte den Islam
als „Kultur von Mördern und religiösem Hass“ bezeichnet. Nach den Übergriffen
in der Silvesternacht in Köln warnte Zeman vor der Aufnahme von Muslimen in
Europa. Tschechien nahm tatsächlich nur sehr wenige Flüchtlinge auf, genau so
wenige wie das Nachbarland Slowakei, dessen EU-Abgeordneter, der nationalliberale
Politiker Sulik, mehrfach in deutschen Talkshows betonte, die Obergrenze für die
Flüchtlingsaufnahme der Slowakei sei null – was auch die Mehrheit der Slowaken
mittragen würde. Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico forderte von der
Europäischen Union eine stärkere Sicherung der Schengen-Außengrenzen. Das sei
eine „Überlebensfrage“ der Gemeinschaft. In deutschen Medien wurden die Aussagen
von Zeman oder Fico als fremdenfeindlich bezeichnet, in den tschechischen und
slowakischen Medien dagegen überwiegend als realistische Beschreibung der Lage.
Der Islam sei eine politische Ideologie, die für Tausende von Toten verantwortlich
sei, in den muslimisch geprägten Ländern und in den Einwanderungsgebieten, wo
in jüngster Zeit zahlreiche Attentate mit vielen Todesopfern stattfanden, deren
Urheber ohne Ausnahme muslimischen Glaubens waren und das auch offen be-
kundet hätten. Der nationalistisch-konservative bulgarische Europaparlamentarier
Angel Džambazki von der IMRO-Nationale Bewegung sagte in einer Sendung des
privaten bulgarischen Kanals Nova TV zu den Überfällen von Köln, die Mehr-

haben. Die zweitstärkste politische Bewegung, ANO forderte eine Schließung der eu-
ropäischen Außengrenzen und sprach sich für die Errichtung von Flüchtlingslagern
in Nordafrika und im Nahen Osten aus. Europa sollte nur Flüchtlinge aufnehmen,
die denselben kulturellen Hintergrund haben. Der damalige tschechische Finanzmi-
nister aus der ANO-Partei, Andrej Babiš, tat sich als scharfer Kritiker der Politik der
EU und der Vereinten Nationen in der Zuwanderungskrise hervor. Auch die übrigen
parlamentarischen Parteien, die kommunistische KSČM, die liberal-konservative
Bürgerpartei ODS sowie die rechtsextremistische Bewegung Úsvit vertraten eine res-
triktive Immigrationspolitik, wobei die ODS und Úsvit sich besonders islamkritisch
positionierten. Die KSČM sah die Ursache der Flüchtlingskrise in den jüngsten mi-
litärischen Interventionen der USA. Die Bewegung Úsvit, die mit dem französischen
Front National zusammenarbeitete, forderte den Einsatz der Armee zur Sicherung der
Landesgrenzen und einen Austritt Tschechiens aus der EU.
169
170 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

heit der illegalen Einwanderer teilte keine europäischen Werte, sie würde gegen
nicht-muslimische Frauen jederzeit wieder Taten wie die von Köln begehen; sie
seien nicht integrationsfähig. Nur wer blind und dumm sei, so Dzhambazki, habe
nicht erwartet, was in Köln passiert ist.
Die deutlichste Position in der tschechischen Flüchtlingsdebatte bezog Tomio
Okamura, Sohn einer Tschechin und eines Japaners, und seit 2013 Chef der Partei
„Morgenröte der direkten Demokratie“ (Úsvit přímé demokracie), die im selben
Jahr mit fast sieben Prozent in das Parlament einzog. Okamura sollte sich bald
mit der „Úsvit“ zerstreiten und 2015 die nationalkonservative, rechtspopulistische
Partei „Freiheit und direkte Demokratie“ („Svoboda a přímá demokracie“, SPD)
gründen. Auf seinem Facebook-Profil schrieb Okamura zwei Jahre zuvor, um den
Muslimen in Tschechien klar zu machen, dass sie hier nur Gäste seien, solle man
Hunde und Schweine in der Nähe von Moscheen ausführen. Er machte weitere
analoge Vorschläge in einem 25-Punkte-Plan, der zu Protesten in den Medien
führte. Der Facebook-Post schlug etwa vor, Lokale in muslimischen Vierteil „zum
glücklichen Schweinchen“ zu nennen, keinen Döner zu essen und nicht in muslimi-
schen Geschäften einzukaufen. Toleranz sei fehl am Platze, denn Muslime hätten
auch keinerlei Verständnis und Toleranz für die westliche Kultur257. Die muslimi-
sche Gemeinde kündigte rechtliche Schritte an, wobei der Vorsitzende Muneeb
Hassan Alrawi in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks erklärte,
er rechne sich angesichts dieser weiteren Provokation keine großen Chancen aus.
Okamura, der auch gegen die Roma-Minderheit polemisierte, distanzierte sich im
Tschechischen Fernsehen von seiner Autorschaft, auch vom Ton und den teils po-
lemischen Formulierungen, aber nicht vom Inhalt des Facebook-Posts. Der Beitrag
stimme mit dem „Úsvít“-Programm überein. Man wolle alles tun, damit Tschechien
keinen Schaden durch radikale Islamisten nimmt. Okamura musste nach seinem
Facebook-Post keine Verwarnung befürchten, weil sich seine Position vielleicht im
Ton, aber nicht im Inhalt von der politischen und öffentlichen Meinung abwich.
Nur die Medien würden, so Okamura, die Mehrheitsmeinung nicht wiedergeben,

257 Dushan Wegner meinte in der neurechten Jungen Freiheit, die Provokationen Okamuras
seien „von einer lapidaren Kalkuliertheit“: „Sein Schritt ins öffentliche Leben war eher
Eigennutz geschuldet: Okamura wollte durchsetzen, in seinen Restaurants ausländisches
Personal einstellen zu dürfen. Die Begeisterung für öffentliches Wirken blieb. Will er
geliebt werden? Oder ist Politik für ihn nur ein Geschäft, weil er tatsächlich gar nicht so
wohlhabend ist, wie sein Ruf suggeriert? […] Okamuras Botschaft ist ein Stakkato der
Schlagworte: „Korruption! Unfähigkeit! Einwanderung!“ Den Islam will er verbieten
und fordert ein Ende der „Parasiten“ – seine Anhänger verstehen: „Zigeuner“. Vieles
ist Klischee, vieles hat aber auch einen wahren Kern. Okamura greift den Schmerz auf.“
[Wegner, D.: „Der Trommler“. In: Junge Freiheit, Nr. 43/17, 20. Okt. 2017, S. 3].
3.7 Die Medien der Slowakei und Tschechiens 171

sondern zu manipulieren versuchen – was den tschechischen Politiker mit jenen


deutschen Gleichgesinnten, etwa der Pegida-Bewegung, verbindet, die von einer
‚Lügenpresse‘ sprechen.
Keine Partei im tschechischen Parlament wollte sich auf dem Höhepunkt der
Flüchtlingskrise und der Debatte um Zuteilungsquoten zugunsten der deutschen
Willkommenskultur äußern. Jiří Dienstbier, Minister für Menschenrechte in der
Mitte-Links-Regierung, verweigerte eine Stellungnahme zu Okamuras Provokation.
Die tschechischen Medien deuteten den Facebook-Eintrag Okamuras als Verzweif-
lungstat einer Splitterpartei, die um ihren Verbleib im Parlament bangen müsse.
Aufwind bekam die Úsvít-Partei jedoch nach Ansicht des Kommentators Ondřej
Konrád vom Tschechischen Rundfunk durch den populistischen Anti-Islamismus
in Deutschland, vor allem die öffentlichkeitswirksamen Demonstrationen der
Dresdner Pegida-Bewegung gegen die ‚Islamisierung des Abendlandes‘. Doch die
Berichterstattung über die deutsche Flüchtlingspolitik war in den tschechischen
Medien neutral-indifferent, meistens aber negativ, ganz abgesehen von den sozialen
Medien, in denen ausufernde, teils polemische Debatten über das Thema geführt
wurden. Deutschland sei für die Migranten wegen seines Sozialsystems attraktiv.
Es drohe eine ‚Islamisierung‘ der tschechischen Kultur, die Flüchtlinge seien po-
tenzielle Arbeitslose, Unruhestifter und Terroristen258. Die Forderung nach einem
Quoten-System stieß in Politik und Medien allgemein auf Ablehnung, auch weil
man die Flüchtlinge nicht zwingen könne, in Tschechien zu bleiben. Die negative
Stimmung gegen die europäische und deutsche Flüchtlingspolitik beeinflusste

258 Ein Bericht der Konrad-Adenauer-Stiftung kam zu folgendem Fazit: „Die Tschechische
Republik gehört traditionell zu den Ländern, die sich gegenüber Zuwanderung aus dem
Süden sehr skeptisch zeigen. Der Grund dafür liegt vor allem in einer weitverbreite-
ten diffusen Angst vor dem Islam und seinen politischen Ausprägungen. Vor diesem
Hintergrund wird das Thema vor allem als ein Sicherheitsrisiko verstanden. Laut einer
Umfrage des Soziologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften vom Juni
2015 sprechen sich 72 Prozent der Tschechen gegen die Aufnahme von Immigranten
aus Afrika und 71 Prozent gegen die Aufnahme von Immigranten aus Syrien aus.
Eindeutig für die Aufnahme von Immigranten aus den genannten Ländern sind nur
knapp drei Prozent der Tschechen. Die tschechische Bevölkerung stellt sich auch ein-
deutig gegen die Einführung von Quoten, wie sie von der Europäischen Kommission
vorgeschlagen wurden. Der Gedanke einer „erzwungenen“ Solidarität in Europa wird
von der tschechischen Bevölkerung nicht mitgetragen. Die Initiative der Kommission
hatte damit einen negativen Einfluss auf die Gesamtwahrnehmung der Europäischen
Union unter den Bürgerinnen und Bürgern. Dagegen sind die Tschechen viel offener
gegenüber der Aufnahme von Flüchtlingen aus kulturell nahestehenden Ländern.
Gegen die Aufnahme von Flüchtlingen aus der Ukraine sprechen sich nur 44 Prozent
der Tschechen aus.“ [Flucht und Migration. Weltweite Reaktionen. Stimmungbild,
Konrad-Adenauer-Stiftung e. V., Okt. 2015, S. 85].
171
172 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

ganz eindeutig auch die Wahlentscheidung im Oktober 2017, als die islamkritische,
EU-skeptische und pro-russische SPD von Tomio Okamura mit über zehn Prozent
in das Parlament einzog. Ebenso erfolgreich waren die Piraten, die den Wählern
ein schnelleres Internet und die Legalisierung von Haschisch und Marihuana
versprachen. Die Linksparteien erlitten eine schwere Niederlage (die sozialdemo-
kratische ČSSD fiel von 20 Prozent im Jahr 2013 auf sieben Prozent), während der
tschechische Milliardär slowakischer Herkunft Andrej Babiš mit seiner „Aktion der
Unzufriedenen Bürger“ (ANO) die traditionellen Parteien, die Tschechien in den
letzten zwanzig Jahren regiert und gestaltet hatten, unter die Zehn-Prozent-Marke
drückte und damit politisch bedeutungslos machte. Karl-Peter Schwarz meinte in
der FAZ, der Wahlsieger Babiš stehe weder links noch rechts, „er repräsentiert eine
neue, pragmatische Mitte und steht für ein entideologisiertes Selbstbewusstsein
der Nation“259. Da es Tschechien wirtschaftlich ausgezeichnet ging, spielten soziale
Fragen im Wahlkampf fast keine Rolle, ganz im Gegensatz zum Thema EU. Die
tschechischen Wähler präsentierten der Union „die Rechnung für die Entscheidung
der EU-Innenminister vom September 2015, gegen den Willen Ungarns, der Slowakei
und der Tschechischen Republik ein obligatorisches Quotensystem zur Aufteilung
der Flüchtlinge in allen Mitgliedsländern zu beschließen. Spätestens seit damals
sehen die meisten Tschechen in der EU nicht mehr eine Hoffnung, sondern eine
Bedrohung ihrer nationalen Identität und ihrer Lebensweise.“260 Damit setzte sich
auch im traditionell liberalen Tschechien ein politischer Trend fort, der in Ungarn
und Polen bereits zu dramatischen Veränderungen in der öffentlichen Meinung und
in der Politik geführt hatte. Mit dem Sieg Okamuras würde nun auch in Tschechien
der „fremdenfeindliche Rechtspopulismus“ ein „bestimmender Faktor“, schrieb
Florian Hassel in der Süddeutschen Zeitung261.
Wie in Deutschland mit seinen Pegida-Märschen gab es auch in Tschechien, das
für die Migranten vor allem Transitland Richtung Westeuropa ist, Demonstrationen
gegen Immigration und Islam. Auf diesen Demonstrationen war der deutsche Pegi-
da-Aktivist Lutz Bachmann ein gefragter Redner. Gegenaufrufe gegen extremistische
Tendenzen folgten. Ein Appell, der von fast 3.000 tschechischen Wissenschaftlern
unterzeichnet wurde und den Titel „Gegen die Angst und Gleichgültigkeit“ trug,

259 Schwarz, K.-P.: „Triumph der Unzufriedenen“. Parlamentswahl in Tschechien. In: FAZ,
23. Okt. 2017.
260 Vgl.: Schwarz, K.-P.: „Triumph der Unzufriedenen“. Parlamentswahl in Tschechien.
In: FAZ, 23. Okt. 2017.
261 Vgl.: Hassel, F.: „Vom Waisenhauskind zum Star der Prager Rechten“. In: Süddeutsche
Zeitung, 23. Okt. 2017 [http://www.sueddeutsche.de/politik/tomio-okamura-vom-
stotterer-zum-star-der-prager-rechten-1.3718926].
3.7 Die Medien der Slowakei und Tschechiens 173

forderte die Öffentlichkeit, Medien und Politiker zum kritischen Nachdenken


auf. Auch für die tschechischen Befürworter einer ‚Willkommenskultur‘262 war
die Schärfe der Debatte kaum erklärlich, schon weil zum Beispiel von Januar bis
September 2015 nur 46 Personen Asyl in der Tschechischen Republik erhielten.
1.115 Migranten hatten sich im selben Zeitraum um Schutz beworben. Da sich in
die mediale Debatte über die Flüchtlingspolitik auch russische Auslandsmedien
einschalteten, entschied die tschechische Organisation „Mensch in Not“ (Člověk v
tísni) in einem Schüler-Projekt namens „Jeden svět na školách“ („Eine Welt in den
Schulen“) sich im Unterricht mit „russischen Propagandamethoden“ zu beschäftigen.
Man verglich die Position der westlichen und russischen Medien miteinander, um
den Kindern zu klarzumachen, welche Nachrichtenbeiträge Propaganda seien und
welche nicht. Lege es die russische Propaganda darauf an, die westlichen Massenme-
dien, die politischen Eliten und die westlichen Werte insgesamt zu diskreditieren,
welche Methoden würden angewandt und wie könne man sie erkennen?
Da die flüchtlings- und EU-kritische Stimmung in Tschechien oder der Slowakei
bereits weit verbreitet war, konnte sich zum Beispiel das Radio „Stimme Russlands“,
in Tschechien Hlas Ruska, darauf beschränken, wohlwollend über die kritischen
Stellungnahmen etwa des tschechischen Präsidenten in beiderlei Hinsicht zu be-
richten. Die Kritik an der Machtlosigkeit der EU, insbesondere auch Frankreichs
gegenüber dem gewaltbereiten Islamismus, und die Haltung der Tschechen ge-
genüber Russland musste nicht in dem Maße wie etwa in Deutschland pointiert
werden, weil es in der politischen Klasse bereits zahlreiche führende Köpfe gab,
die den politischen Islam kritisierten und sich für gedeihliche Beziehungen zu
Russland einsetzten. Der Wahlsieger vom Oktober 2017 Andrej Babiš hatte sich wie
die erfolgreiche SPD gegen die EU-Sanktionen gegenüber Moskau ausgesprochen,
worüber Putin frohlocken dürfte, so die Süddeutsche Zeitung263. Auch Staatspräsident
Zeman gehörte zu den Kritikern der Sanktionen. Häufig behandelte Themen auf
der Webseite des Radios wie auch auf der tschechischen Version von Sputnik News
waren die Vorgänge in der Ukraine, die aus russischer Sicht kommentiert wurden,

262 Die „Organisation für die Hilfe von Flüchtlingen“ (OPU) bot z. B. den in Lagern
zwangsinternierten Migranten kostenlosen Rechtsbeistand. Die NGO „People in
Need“ unterstützte u. a. tschechische Freiwilligen an der slowenisch-österreichischen
Grenze, wo ca. 150 Tschechen, meist Studenten, zusammen mit jungen Leuten aus
anderen EU-Ländern seit Monaten wartende Flüchtlinge mit dem Nötigsten versorg-
ten. Sie organisierten sich über Facebook. Im Mai 2015 plädierten auch tschechische
Intellektuelle für die Aufnahme von Flüchtlingen, was aber nach den Anschlägen von
Paris deutlich weniger Interesse in der tschechischen Öffentlichkeit fand.
263 Hassel, F.: „Spiel mit den Ängsten“. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 244, 23. Okt. 2017,
S. 4.
173
174 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

der hybride Informationskrieg Russlands mit den Vereinigten Staaten bzw. umge-
kehrt, und die Beziehungen zwischen der Tschechischen Republik und Russland,
die vor allem aus positivem, für Tschechien vorteilhaftem Blickwinkel betrachtet
wurden. Die Eurasische Union könne für Tschechien von Vorteil sein, wurde etwa
Ladislav Zemánek 2014 zitiert. Zemánek war von 2014 bis 2015 stellvertretender
Vorsitzender der tschechischen Nationaldemokraten, einer nationalkonservativen
bis rechtsextremen Kleinstpartei. Im Westen würde Putin als aggressiv, unbere-
chenbar und nationalistisch gelten, schrieb Zemánek, doch seine letzte Rede sei
viel eher vernünftiger Ausdruck von Nationalstolz, wiedergewonnener Souveränität
und militärischer Stärke, die dazu dienen soll, das russische Territorium und die
Interessen seiner Bürger zu schützen. Seine Rede sei, so sehr sie auch im Westen
missverstanden und verdreht wurde, ein „Manifest des aktuellen russischen Kon-
servatismus, der sich stark von dem unterscheidet, was in den westlichen Ländern
vor sich geht“264. Zemánek zitierte aus Putins Rede jene Punkte, die den russischen
Präsidenten auch bei vielen westeuropäischen Konservativen im Ansehen steigen
ließ: „die Notwendigkeit einer gesunden Familie und eines gesunden Volkes, von
traditionellen Werten, Stabilität, Offenheit und Achtung gegenüber dem anderen,
Verantwortung, Wettbewerb, Innovation, Gesetzestreue, nationale Initiativen und
nicht zuletzt der Freiheit“. Das Russland Putins sei entschlossen, so Zemánek, alle
diese Werte auch durchzusetzen, was es für „uns alle, die wir die undemokrati-
sche Europäische Union und die Hegemonie der USA“ ablehnen, zu einer großen
Ermutigung und Hoffnung machen würde. Zumindest fragte Zemánek, ob die
Eurasische Union auch wirklich die Souveränität und die Gleichheit der einzelnen
Mitgliedsstaaten respektieren werde, wie es Putin behauptete. Doch insgesamt
gesehen sei das, was der russische Präsident skizzierte, eine interessante Option
für die Tschechische Republik. Doch fehle es an einer tiefergehenden Analyse der
ukrainischen Krise in der tschechischen politischen Elite, die nicht erkennen würde,
dass Russland den Informationskrieg um die Ukraine und die Unterstützung der
meisten Bürger verloren hat. Die Krim hätte Russland zwar annektiert, doch ging
es eigentlich um die Ukraine. Die russische These, dass nicht Russland, sondern

264 „Zemánek: Euroasijský svaz může být pro Česko přitažlivý“. „Putinův projev k Fe-
derálnímu shromáždění potvrdil skutečnost, že současné Rusko je státem konzervati-
vním, sebevědomým a zcela standardním“, prohlásil ve svém komentáři k vystoupení
Vladimira Putina před Federálním shromážděním místopředseda strany Národní
demokracie Ladislav Zemánek. In: Hlas Ruska, 5. Dez. 2014 [https://cz.sputniknews.
com/czech.ruvr.ru/2014_12_05/Zemanek-Euroasijsky-svaz-muze-byt-pro-Cesko-pri-
tazlivy-8789/].
3.7 Die Medien der Slowakei und Tschechiens 175

die fatale Intervention des Westens die Krise ausgelöst hätte, wäre ungeachtet aller
Gerüchte um einen hybriden Medienkrieg Russlands nicht durchgedrungen265.
Auch die tschechische Version der „Stimme Russlands“ berichtete von Schikanen,
die andere Länder, zumal die Ukraine und die Vereinigten Staaten, gegen russische
Auslandsmedien und gegen russische Journalisten und auch internationale ausüben
würden, die mit russischen Medien kooperieren. Mitte September 2014 berichtete
Hlas Ruska zum Beispiel über den britischen Journalisten Graham Phillips, der
mit Russia Today zusammengearbeitet hatte und in der Ukraine von den Behörden
verhaftet worden war. Nachdem sein Aufenthaltsort lange unbekannt gewesen war,
wäre er Ende September 2014 entlassen worden, hätte sich zum Flughafen von
Donec’k begeben und hielte sich nun in Polen auf. Unter der Überschrift „Zensur
in Amerika“ meldete die Seite im August 2013, die Sendungen von Russia Today
wären unterbrochen worden, im Sommer 2014 ein Journalist des RT-Fernsehka-
nals wäre in London angegriffen worden. Im Frühjahr 2015 meldete die Seite, der
ehemalige NBC-Chef Andrew Lack hätte die Tätigkeit von Russia Today, was die
Gefährlichkeit betrifft, auf eine Stufe mit dem Islamischen Staat gestellt. Der Präsident
Boliviens, Evo Morales, sagte kurz darauf in einem RT-Interview, dieser Vergleich
würde nur gezogen, weil der russische Fernsehsender die Wahrheit sagen würde.
Hlas Ruska zog auf die Seite von Sputnik News um, dessen Inhalte sich mit denen
der deutschen, französischen oder italienischen Seite decken, mit der Ausnahme
spezieller Meldungen, die im Kontext der Beziehungen Russlands zu Tschechien
und der Slowakei von Belang sind.
Der Wahlsieger des Oktober 2017, Andrej Babiš, mochte ein „entideologisiertes
Selbstbewusstsein der Nation“ (Schwarz) verkörpern, aber sein Werben für seine
Anti-Immigrationspolitik, seine Kritik an der EU-Sanktionspolitik gegen Russland,
die er mit dem SPD-Chef Okamura teilte, und seine Einflussnahme auf die politische
Berichterstattung – Okamura drohte den öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und
Fernsehstationen sogar mit Verstaatlichung, weil sie seiner Ansicht nach parteiisch
und polemisch gerade über ihn berichtet hätten266 – zeigten doch an, dass sich nach

265 „Zemánek: Euroasijský svaz může být pro Česko přitažlivý“. In: Hlas Ruska, 5. Dez.
2014.
266 Der Verband der Journalisten der Tschechischen Republik verurteilte die Forderungen
des SPD-Vorsitzenden scharf. Die Verstaatlichung des Tschechischen Rundfunks und
Fernsehens solle nur dem Zweck dienen, dessen Kontrollfunktion auszuschalten. Der
Verband warnte vor einem drohenden Anschlag auf die Unabhängigkeit der Medien.
[Vgl.: „Reakce na výroky Tomia Okamury o Českém rozhlasu a České televizi“. In: Česká
Média, 26. Okt. 2017, http://www.ceskamedia.cz/clanek/52504/ reakce-na-vyroky-to-
mia-okamury-o-ceskem-rozhlasu-a-ceske-televizi; „Rechte droht öffentlich-rechtlichen
Medien“. Der Gründer der rechtsradikalen tschechischen Partei SPD, Tomio Okamura,
175
176 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Polen und Ungarn auch das politische Tschechien nach rechts gewendet hatte.
Jene Stimmen, die ein entspannteres Verhältnis zu Russland befürworteten, waren
stärker geworden. Keinen geringen Anteil an dieser Entwicklung hatten auch in
Tschechien die Medien, sowohl die klassischen als auch die neuen sozialen Medien.
Babiš selbst war vorgeworfen worden, er hätte einen großen Teil der öffentlichen
Meinung durch bezahlte Spindoktoren und ihm gehörende Medien beeinflusst.
Die Debatten darüber führten sogar zu einem Gesetz, das sich ganz offensichtlich
gegen Babiš richtete und daher auch als ‚Lex Babiš‘ bekannt wurde, die das Parla-
ment Anfang 2017 endgültig bestätigte und die die wirtschaftliche Tätigkeit von
Politikern wesentlich beschränkte. Regierungsmitgliedern ist damit verwehrt,
Medienkonzerne zu betreiben, ihre Firmen dürfen sich auch nicht an öffentlichen
Ausschreibungen beteiligen und sie erhalten keine Subventionen mehr. Anlass der
Kritik an Babiš war der Umstand, dass er zum Beispiel die renommierten Zeitungen
Lidové noviny und Mladá Fronta Dnes von ihren ehemaligen deutschen Besitzern
erworben hatte, die das Land verlassen hatten. Darauf verließen Mitarbeiter der
Lidové wie Dalibor Balsinek, Lenka Zlamalová, Martin Weiss oder Daniel Kaiser
die Zeitung und suchten sich im Internet neue Wirkungsmöglichkeiten, etwa auf
dem Portal Echo24.cz. Der ehemalige Vizepremier und Finanzminister Babiš, der im
Oktober 2017 Premier wurde, hatte nicht nur jene zwei traditionsreichen Zeitungen
erworben, er erwarb auch den meistgehörten privaten Radiosender Impuls. Babiš
geriet wegen Einflussnahme ins Gerede, weil er die ehemaligen Mitarbeiter der
von ihm erworbenen Blätter auch nach ihrem Ausscheiden unter Druck zu setzen
versuchte. Diese Mitarbeiter fürchteten daher Selbstzensur aus wirtschaftlichen
Gründen. Das Problem der Finanzierung, das europaweit Medien Kopfzerbrechen
bereitet, führte zum Beispiel dazu, dass die großen Zeitungen in der Slowakei,
darunter etwa die Sme, alle ihre Internet-Artikel nur noch gegen Zahlung einer
geringen Gebühr freigeben. Das sollte vor allem die Unabhängigkeit garantieren, die
im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Tschechiens gefährdet erschien. Der Generaldi-
rektor von Česká televize (ČT) ließ wichtige Politiker fragen, welchen Moderatoren
ihre Sympathien gälten, was dazu führte, dass etwa die betont kritisch fragende
Moderatorin des Senders ČT24, Daniela Drtinová, die lange Jahre die Sendung
„Událostí, komentáře“ moderiert hatte, auf eine andere Sendung abgeschoben
wurde. Drtinová versuchte eine Untersuchungskommission in punkto politischer

hat eine Verstaatlichung des dortigen öffentlich-rechtlichen Radios und Fernsehens


gefordert. Der Tschechische Rundfunk (CRo) habe ihn vor der Parlamentswahl „als
Karikatur gezeichnet“ und „lächerlich gemacht“, behauptete der 45-Jährige in einer
Interviewsendung. In: moz.de, 24. Okt. 2017, http://www.moz.de/nachrichten/deutsch-
land/artikel-ansicht/dg/0/1/1613711/].
3.7 Die Medien der Slowakei und Tschechiens 177

Einflussnahme durchzusetzen, die aber der ČT-Generaldirektor, der selbst von der
Anklage betroffen war, kurzerhand unterband und die Vorwürfe an Drtinová und
andere für unbegründet erklärte. Drtinová kündigte, ebenso ihr Kollege Martin
Veselovský. Beide waren im Gespräch als bekannte Gesichter einer geplanten
Internet-Fernsehstation. Hilfe leisteten im Hintergrund andere Redakteure, die
früher bei „Události, komentáře“ gearbeitet und ebenfalls aus Protest gegen den
neuen politischen Kurs gegangen waren. Finanzier und Initiator des Projekts war
der eminent erfolgreiche tschechische Unternehmer Zdeňek Bala, dem aber im
Unterschied zu Babiš keine politischen Ambitionen nachgesagt wurden.
Der politische Kurswechsel in Tschechien bewirkte eine sichtliche Wende in
der politischen Ausrichtung, eine Einflussnahme auf die Medien, die auch in der
Tschechischen Republik in jüngster Zeit für Kritik, Protest und Kündigungen der
Redakteure sorgte. Das andere ist die damit unmittelbar verknüpfte Nationalisie-
rung der Medien, die als problematisch für die Qualität der Zeitungen diskutiert
wird. Die Rückkehr von Medien in inländische Hand ließ sich in jüngster Zeit auf
dem tschechischen Medienmarkt, aber auch in anderen Länder Mittelost- und
Südosteuropas beobachten. Nach dem Ende des Kommunismus hatten sich westli-
che Medienunternehmen dort stark engagiert, teils, etwa in Kroatien, so sehr, dass
heimische Kritiker von einer Art feindlicher Übernahme sprachen. Die radikale
Privatisierung der Printmedien nach der tschechoslowakischen ‚Samtenen Revo-
lution‘ (Sametová Revoluce) des Jahres 1989 hat die Printunternehmen aus dem
staatlichem Besitz entlassen267. Die in Tschechien erscheinenden 75 Tageszeitungen
und 62 weiteren Periodika 268 befanden sich in der Hand einiger weniger Verlage, von
denen 80 Prozent im Besitz ausländischer Investoren waren269, wobei die meisten
Tageszeitungen zum Medienunternehmen „Vltava-Labe-Press“ (VLP) gehörten270.
Die ökonomische Konzentration mochte auf dem tschechischen Presse- und auch
auf dem Fernsehmarkt271 hoch gewesen sein, doch der Meinungspluralismus schien

267 Vgl. Institut für Medien- und Kommunikationspolitik: Länderporträt Tschechien (24.
April 2015) [http://www.mediadb.eu/europa/tschechische-republik.html].
268 Ausserdem gibt es seit 1997 einige kostenlose Tageszeitungen [vgl.: Hans-Bredow-In-
stitut: Internationales Handbuch Medien. Baden-Baden 2009, S. 662].
269 Vgl.: Institut für Medien- und Kommunikationspolitik: Länderporträt Tschechien.
270 Vgl.: ibidem.
271 Der Rundfunk in Tschechien setzt sich, sowohl im Fernseh- als auch im Rundfunkbe-
reich, aus öffentlich-rechtlichen und privaten Anbietern zusammen. 1991 bis 1994 wurde
als Reaktion auf die Revolution das duale Rundfunksystem eingeführt. In Tschechien
werden rund 350 Fernsehprogramme von etwa 130 Fernsehsendern ausgestrahlt. Es gibt
jedoch auf nationaler Ebene nur drei Rundfunkgesellschaften: den öffentlich-rechtlichen
Czech Television sowie die zwei privaten Anbieter TV Nova und Prima TV. So ist auch
177
178 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

gewahrt272. Allerdings gab es damals auch Stimmen, die durch den internationalen
Einfluss auf die Printmedien eine Angleichung der Meinungen wahrzunehmen
meinten. In den Jahren 2013 und 2014 erlebte der tschechische Zeitungsmarkt nun
die einschneidendsten Veränderungen seit den frühen 1990er Jahren. Vor allem
deutsche Unternehmen, die nach der Wende tschechische Zeitungen aufgekauft
hatten, zogen sich aus dem Markt zurück. Die Verlagsgruppe Passau gab im August
2014 den Verkauf der Mediengruppe VLP und damit der größten tschechischen
Regionalzeitung Deník bekannt, und zog sich so als letztes deutsches Medien­
unternehmen aus dem tschechischen Zeitungsmarkt zurück. Als die tschechisch-­
slowakische Investorengruppe „Penta“, die wenig Erfahrung im Mediengeschäft hatte,
die VLP übernahm, stellte sich sofort die Frage nach der künftigen Qualität und
Unabhängigkeit der tschechischen Printmedien, insbesondere von Regionalzeitungen
wie des Deník, dessen Personal und finanzieller Spielraum in den vorhergehenden
Jahren drastisch reduziert worden war. Die Journalisten der 70 Lokalredaktionen
verdienten weniger als ihre Kollegen, die für überregionale Medien arbeiten, und
sie standen erheblichem Zeitdruck, was wiederum die journalistische Qualität
beeinträchtigte. Während es die Verlagsgruppe Passau nicht geschafft hatte, das
lokale Nachrichtennetzwerk von Deník auszubauen, versprach jedoch „Penta“, in die
Zeitung zu investieren und damit die Qualität des Lokaljournalismus zu erhöhen.
Damit war aber die Befürchtung nicht ausgeräumt, dass hinter dem Erwerb der
Mediengruppe in erster Linie politische Absichten standen. Marek Duspvia, einer
der Miteigentümer von „Penta“, hatte in einem Interview mit der tschechischen
Wirtschaftszeitung Hospodářské noviny erklärt, der Erwerb der Mediengruppe
mache es Konkurrenten schwieriger, das Unternehmen „unvernünftigerweise“
anzugreifen. Zitiert wurde auch die Verwicklung von „Penta“ in die sogenannte
‚Gorilla-Affäre‘ in der Slowakei im Jahr 2011, wo ein veröffentlichtes Abhör-
protokoll des slowakischen Geheimdienstes Absprachen zwischen „Penta“ und
führenden Politikern der konservativen Regierung von Mikuláš Dzurinda in

im Fernsehmarkt trotz eines großen Angebotes und einer Vielzahl von Programmen
eine hohe Konzentration feststellbar. Beim tschechischen Hörfunk betreiben etwa 63
Rundfunkanstalten ca. 80 Radiosender. Die Besitzverhältnisse sind beim tschechischen
Rundfunk, besonders aber beim Hörfunk, sehr intransparent.
272 Das Recht auf freie Meinungsäußerung wurde 1993 in der tschechischen Verfassung
festgeschrieben, womit man die grundlegenden Rechte bestätigte, die in der Charta
von 1991 festgelegt worden waren. Im Januar 1991 verabschiedete der tschechische
Bundesrat die Charta über grundlegende Rechte und Freiheiten. Was die Freiheit der
Medien betrifft, so garantiert Art.17 freie Meinungsäußerung in jeder Form, und erklärt
Zensur für verboten. [vgl.: Hans-Bredow-Institut: Internationales Handbuch Medien.
Baden-Baden 2009, S. 658].
3.7 Die Medien der Slowakei und Tschechiens 179

den Jahren 2005 und 2006 enthüllt hatte. Penta stand im Verdacht, während der
Privatisierung von Unternehmen Regierungsangehörige mit Millionenbeträgen
bestochen zu haben, wobei die Ermittlungen bisher zu keinem Ergebnis geführt
haben. „Penta“ kaufte dann 2014 die führende slowakische Qualitätszeitung SME,
die das Unternehmen nicht nur in der ‚Gorilla-Affäre‘ scharf kritisiert hatte. So
wie im Falle der tschechischen Qualitätszeitungen, die Babiš übernahm, kündig-
te auch in der Slowakei ein Großteil der SME-Redaktion aus Protest gegen die
Übernahme. Die Redakteure, die die Übernahme als Versuch sahen, Kritik zu
unterbinden, gründeten mit Denník N eine neue unabhängige Tageszeitung. Die
Eigentümerwechsel in Tschechien entsprachen, wie gesagt, einem Trend in Mittel-
und Osteuropa. Die Wirtschaftskrise von 2008 und die Sparmaßnahmen, die sich
daraus ergaben, zwangen etliche westliche Unternehmen, sich aus den Märkten
Mittel- und Osteuropas zurückzuziehen, wobei die neuen nationalen, inländischen
Besitzer der Medienunternehmen meist Geschäftsleute sind, die zuvor in anderen
Geschäftsbereichen erfolgreich waren. Ihre Vorstellungen waren politisch eher
diffus. Während die früheren Eigentümer aus dem westlichen Mediengeschäft
kamen und auch entsprechend weltanschaulich vorgeprägt waren, waren ihre
Nachfolger eher geneigt, die von ihnen gekauften Medien, auch im wirtschaftlichen
Interesse, dafür zu benutzen, den gesellschaftlichen Trend zu verstärken. Und
dieser zeigte auch in der Tschechischen Republik in Richtung EU-Skepsis, Kritik
an der westlichen Flüchtlingspolitik und in Richtung Moskau. Diese pro-russische
Haltung entsprang gerade auch in Tschechien, wie auch in Polen, weniger einer
Sympathie für den ehemaligen ‚großen Bruder‘ als der Ablehnung der Politik der
westlichen EU-Partner, in der man sich durch Moskau bestärkt fühlt. Mag sich
die Situation der Medien in Tschechien auch sichtlich verändert haben – durch
die Nationalisierung und die ökonomische Konzentration etwa in den Händen
des Unternehmers und nachmaligen Politikers Andrej Babiš, der im Juni 2013
das Medienunternehmen „Mafra“ und damit die zwei Qualitätszeitungen Mladá
fronta Dnes und Lidové noviny erwarb – ist die Situation doch nach wie vor weit
besser als in Ungarn, in Rumänien oder Bulgarien. Jene Journalisten, die sich im
sogenannten „Višegrád-Netzwerk“ zusammengetan haben, sehen gleichwohl auch
in Tschechien eine gefährliche Politisierung und Marginalisierung der Medien im
Gange, die der Absicht diene, die Regierungen vor unbequemer Kritik seitens zu
Medien zu schützen273.

273 Vgl.: Sieradzka, M.: „Demokratie stirbt ohne freie Medien“. In Polen, Ungarn, Tsche-
chien und der Slowakei wehren sich Journalisten gegen Eingriffe in die Pressefreiheit.
Sie wollen nicht hinnehmen, dass die Medien in ihren Ländern politisiert werden und
179
180 3 Die nationalkonservative Wende in Mittelosteuropa und die Medien

Die ‚Polonisierung‘ der Medien in Polen, ihre nationale Ausrichtung sei Teil dieses
Problems, ebenso die Übernahme der regierungskritischen slowakischen Zeitungen
SME durch den politiknahen Konzern „Penta“. In Tschechien versuchen Initiativen
wie „Svobodu médiím!“ („Freiheit für die Medien!“), die aus Nichtregierungsor-
ganisationen und Bürgerinitiativen besteht, die Besitzverhältnisse auf dem tsche-
chischen Medienmarkt zu analysieren und auf Gefährdungen der Medienfreiheit
hinzuweisen. Diese Initiativen streben genauso wie viele dissidente Journalisten eine
Änderung des Mediengesetzes an. Das tschechische Kulturministerium bereitete
im Frühjahr 2017 in der Tat Änderungen an zwei wichtigen Mediengesetzen vor,
eine Novelle des Urheberrechts und eine Novelle des großen Rundfunkgesetzes.
Strittig war dabei unter anderem eine Änderung, die in Übereinstimmung mit
EU-Recht „Vulgarismen und Schimpfworte, außer in Kunstwerken“ verbieten
sollte274. Entfernt erinnerte das an das deutsche Gesetzesinitiative gegen Hassrede
im Netz. Auch in Tschechien kritisierte man, dass die dabei verwendeten Begriffe
nicht definiert seien, es keine Liste „verbotener Wörter“ gebe, wie Irena Ryšanková
meinte, und sie fügte hinzu, würde eine solche Liste dem Gesetz beigegeben wer-
den, könne das im Kontext der von der Verfassung garantierten Freiheitsrechte
als Zensur aufgefasst werden275. Strittig war auch die Frage der Transparenz der
Eigentumsverhältnisse, wie sie sich in der Lex Babiš niedergeschlagen hatte. Para-
graph 55 des Mediengesetzes spricht von der Sicherung der Informationspluralität,
und Paragraph 58 von der Sicherung der Transparenz der Eigentumsverhältnisse
an Rundfunk- und Fernsehanstalten. Obwohl die Lex Babiš eine „politische und
mediale Hysterie“ provoziert hätte, würde die Mehrheit der Bürger die Eigentums-
frage überhaupt nicht interessieren, so Ryšanková 276. Die Medien würden sich so
oder so nicht um ihre Interessen kümmern. Andererseits sei die Politik, weder in
der zu Ende gehenden Legislaturperiode, noch in jener nach den Wahlen zu einer
sachgerechten Analyse der aktuellen und künftigen Strukturprobleme der Medien
fähig, was für die Zukunft nichts Gutes verhieße.

gründen ein „Visegrád-Netzwerk“. In: Ostblogger, 15. Febr. 2017 [http://www.mdr.de/


heute-im-osten/ostblogger/visegrad-netzwerk-100.html].
274 Vgl.: Ryšanková, I.: Mediální zákony – mnoho toho není. Naštěstí. In: Česká Média,
19. Mai 2017 [http://www.ceskamedia.cz/clanek/23045/medialni-zakony-mnoho-to-
ho-neni-nastesti].
275 Vgl.: Ryšanková, I.: Mediální zákony – mnoho toho není. Naštěstí. In: Česká Média,
19. Mai 2017.
276 Vgl.: ibidem.
Die Medien Südosteuropas
und der Westen
4 Die Medien Südosteuropas und der Westen
4

4.1 Zensur und Boulevardisierung der Medien


in Rumänien und Bulgarien
4.1 Zensur und Boulevardisierung in Rumänien und Bulgarien
Die Funke-Mediengruppe, die früher zur Westdeutschen Allgemeinen Zeitung
(WAZ) gehörte, verkaufte ihre zahlreichen bulgarischen Zeitungen 2010 an
bulgarische Unternehmer, deren Vermögen einerseits aus dubiosen Quellen
stammt, und die andererseits oft keine Erfahrung im Mediengeschäft haben. Da
das Interesse am wirtschaftlichen Erfolg das an der journalistischen Qualität
bei weitem überwiegt, nehmen die neuen Eigentümer und Geschäftsführer oft
Einfluss auf die Inhalte. Die Zeitungen 24 Stunden und Trud, deren verkauf-
te Auflage drastisch gesunken war, gehörte bis 2010 zur Mediengruppe der
Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Die Gruppe verkaufte aufgrund sinkender
Werbeeinnahmen und zunehmender Probleme ihren bulgarischen Medienbe-
sitz an eine Investorengruppe um den Sohn von Otto von Habsburg, Karl von
Habsburg-Lothringen. Eine frühere Chefredakteurin von „24 Stunden wurde
Geschäftsführerin, wobei ungeklärt ist, wer wirklich die Entscheidungen trifft. Es
wird spekuliert, auch in diesem Fall stünde Pejevski oder ganz andere Akteure
dahinter. Problematisch für die Qualität und Freiheit der Berichterstattung
ist auch der Umstand, dass der einzige öffentlich-rechtliche Fernsehsender
BNT, der einzige Rundfunksender Bulgariens und deren diverse regionale
Ableger dramatisch unterfinanziert sind und damit leicht unter Druck gesetzt
werden können. Um seine regionalen Strukturen zu finanzieren, ist etwa BNT
gezwungen, Verträge über ‚Informationsdienstleistungen‘ mit den Gemeinden
abzuschließen. Diese Verträge verpflichten Journalisten immer wieder, auf den
guten Ruf des Auftraggebers Rücksicht zu nehmen. Das System bewirkt aber
auch, dass Politiker, die am längeren Hebel sitzen und für bestimmte Medien
Subventionen vermitteln, auf deren Wohlwollen angewiesen sind. Der frühere
Ministerpräsident Bojko Borisov wurde von den Zeitungen Pejevskis lange
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 181
M. Stegherr, Der neue Kalte Krieg der Medien,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-20435-8_4
182 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

unterstützt. Nach seiner Abwahl war er ihnen fast keine Zeile mehr wert. Die
Pressefreiheit wird auch dadurch beeinträchtigt, dass der Staat Finanzmittel
aus EU-Programmen oder Projekten verschiedener Ministerien nach unklaren
Regeln an die Medien verteilt, was wiederum geeignet ist, die Selbstzensur in
den Redaktionen zu verstärken.
Es gibt in Bulgarien auch kein Presserecht. Es ist schwer bis unmöglich, die
Eigentumsstrukturen zu durchschauen. Auch gibt es im Unterschied zu Tsche-
chien, wo man die Lex Babiš erließ, in Bulgarien kein Gesetz, das Politikern den
Medienbesitz verbietet, geschweige denn beschränkt. Dieses Defizit erlaubt es den
Parteien, ihr eigenes Fernsehen zu machen. Die nationalistische „Ataka“-Partei
betreibt den Privatsender „Alpha“, die politisch gleichgesonnene „Nationale Front
für die Rettung Bulgariens“ den ebenfalls privaten Sender „Skat“. Nicht nur Par-
teien schaffen sich ihre eigenen medialen Plattformen, auch reiche bulgarische
Geschäftsleute tun das aus, um ihren politischen Einfluss zu sichern. Ein Großteil
der Medien des Landes gehört der größten Mediengruppe Bulgariens, der privaten,
2007 gegründeten „New Bulgarian Media Group“, an der der junge Oligarch Deljan
Pejevski beteiligt ist bzw. die seiner Mutter Irena Krasteva gehört. Unter dem Dach
der Gruppe befinden sich das auflagenstärkste Boulevardblatt Telegraf, Zeitungen,
Zeitschriften, Online-Dienste, ein Fernsehsender, eine Pressevertriebsgesellschaft
und die größte Druckerei des Landes. Pejevski ist Unternehmer und Politiker, der
bereits als junger Jurastudent Staatssekretär im Kabinett des konservativen Minis-
terpräsidenten Simeon von Sachsen-Coburg-Gotha wurde. Als dieser abgewählt
wurde, wechselte Pejevski zur „Bewegung für Rechte und Freiheiten“ (DPS), die die
türkische Minderheit vertritt. Der junge Politiker war Objekt mehrerer Skandale
und verlor 2007 sein Amt des stellvertretenden Ministers für Katastrophenschutz,
wurde aber später vom Vorwurf der Bestechlichkeit entlastet. Massendemonstra-
tionen und Proteste in den sozialen Netzwerken löste Pejevskis Ernennung zum
Chef des Inlandsgeheimdienstes im Juni 2017 aus, worauf der im Eilverfahren vom
Parlament Neuernannte zurücktrat.
Medienkonzentration, politische Rücksicht- und Einflussnahme, finanzielle
Zwangslagen, insbesondere die schlichte Existenznot der Journalisten, bringen
den bulgarischen Journalismus um seine Kontrollfunktion. Vor allem in den
Boulevardzeitungen verlieren politische Sachthemen rapide an Bedeutung, inves-
tigativer Journalismus ist ungern gesehen und lohnt sich nicht. Die Pressefreiheit
muss nicht erst durch die Politik eingeschränkt werden, die Umstände höhlen sie
zunehmend aus. Der Journalismus entwickelt sich von selbst zu einem Verstärker
der Regierungsmeinung, wird Propaganda, wie Kritiker warnen. Eine starke
antiliberale Tendenz würde sich generell durchsetzen. Die Folge ist, wie in ganz
Südost- und Osteuropa, dass die Bedeutung der Online-Medien stetig wächst. Sie
4.1 Zensur und Boulevardisierung in Rumänien und Bulgarien 183

bedienen das Bedürfnis nach kritischer Berichterstattung, die man in den klassi-
schen Medien nicht mehr findet. Jene Bulgaren, die gegen die Ernennung Pejevskis
auf die Straße gegangen waren, bauten im Internet ein eigenes mediales Netzwerk
auf. Diese Tendenz in das Netz ist in Rumänien genauso zu beobachten wie auch
die Versuche, durch eine Politisierung der Medien, die sich weitgehend negativ auf
die Qualität und das Leserinteresse auswirkt, die finanziellen Probleme zu behe-
ben. Ursache dieser Probleme war die Entscheidung der rumänischen Regierung,
die Medienunternehmen zur Begleichung ihrer Schulden aufzufordern. Ehemals
regierungsnahe Medien hatten sich daran gewöhnt, keine Steuern zu bezahlen,
womit sich im Laufe der Zeit Schulden in Millionenhöhe angesammelt hatten.
Die Rückforderungen führten nicht nur zu Insolvenzen, weil die Medieneigentü-
mer nicht zahlen konnten oder nicht wollten, sie brachten es auch mit sich, dass
Rumänien am Eurovision Song Contest nicht teilnehmen konnte. Der Grund war
einfach der, dass der rumänische Partnersender TVR (Televiziunea Română) seine
Schulden in Höhe von 16 Millionen Schweizer Franken nicht bezahlt hatte, und ihm
deshalb sämtliche Mitgliedsrechte in der Europäischen Rundfunkunion (European
Broadcasting Union, EBU), die den Eurovision Song Contest ausrichtet, entzogen
wurden. Die Höhe der Schulden bedrohe die finanzielle Stabilität der EBU, erklärte
die EBU-Generaldirektorin Indrid Ella Deltenre.
Der rumänische Kandidat Ovidiu Anton konnte nicht am Song Contest teil-
nehmen, und TVR durfte die Show aus Stockholm nicht übertragen. Die EBU hatte
sich mehrmals an die rumänische Regierung gewandt, um die Frage der Schulden
zu lösen. Schließlich setzte sie ihr ein Ultimatum, das dann noch verlängert wurde,
bis zu dem das Finanzministerium einen Teilbetrag überweisen sollte, doch ohne
Erfolg. Rumänien war nicht der einzige osteuropäische Staat, der in jüngster Zeit
wegen finanzieller Probleme die Teilnahme am Eurovision Song Contest absagen
musste. Bosnien-Herzegovina, Kroatien, Serbien, Montenegro, Bulgarien, die Ukrai-
ne, Ungarn, Polen und die Slowakei setzten seit 2010 mindestens einmal aufgrund
knapper finanzieller Mittel aus. Doch dass ein Land wegen ausstehender Schulden von
der ESC-Teilnahme ausgeschlossen wird, war eine Premiere. Auch die rumänische
Regierung war den Sendern entgegenkommen. Die Mehrwertsteuer für Medien hatte
die Regierung von 24 bzw. 19 auf nur neun Prozent gesenkt. Bei den Medien, die
so in die Insolvenz rutschten, handelte es sich keineswegs um zweitrangige Blätter,
sondern um Leitmedien des Landes wie România Liberă, Evenimentul Zilei, Adevărul,
Gândul und Jurnalul Naţional. Istvan Deák meinte im Oktober 2015, die Lage der
rumänischen Medien wäre noch nie so schlecht gewesen wie aktuell277. Die Krise

277 Deák, I.: Die Insolvenz der rumänischen Medien. In: Mittel- und Osteuropäisches
Journalistenseminar, 14. Okt. 2015 [http://www.hahnimnetz.de/ssm57/index.php/
183
184 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

zeigte sich im Verschwinden etlicher bedeutender Zeitungen, die nach der Revolution
von 1989 noch ein Millionenpublikum erreicht hatten und zu Leitmedien wurden,
und im rapiden Verfall der Auflagen, die teils von hunderttausend auf ein Zehntel
oder weniger fielen. Die gedruckte Auflage namhafter Zeitungen liegt oft unter
15.000 Exemplaren. Maßgebend für den rumänischen Printbereich sind nach wie
vor die in Bukarest herausgegebenen und landesweit vertriebenen Zeitungen und
Zeitschriften278. Medieneigentümer wie Dan Voiculescu, Sorin Ovidiu Vântu, Dan

blog/ssm2015/die-insolvenz-der-rumaenischen-medien].
278 Es gibt zwar auch zahlreiche Blätter, die in den Kreishauptstädten veröffentlicht wer-
den, doch ihre Auflagen bewegen sich zwischen einigen Tausend und wenigen Zehn-
tausend und decken allgemein nur den lokalen Informationsbedarf. Die eigentlichen
Meinungsbildner sitzen in der Hauptstadt, die selbst keine nennenswerte Lokalzeitung
mehr besitzt, außer vielleicht die von Ringier herausgegebenen Tageszeitung „Compact
București“. Das Bukarest-Blatt wurde Anfang Mai 2006 als erste kostenlose Tageszei-
tung in Rumänien lanciert und erfreute sich gleich eines großen Erfolgs, so dass die
Auflage in kurzer Zeit von 150.000 auf über 160.000 Exemplare stieg. Die Lage auf
dem rumänischen Printmedienmarkt stellte sich in den letzten zehn Jahren vor dem
Einbruch so dar: Die unbestrittene Nummer Eins unter den Printmedien war (und ist)
das Boulevardblatt „Libertatea“, das ebenfalls Ringier gehörte, mit einer Druckauflage
von rund 303.700 Stück und einer verkauften Auflage von 234.100 Exemplaren. Die
auflagenstärkste Qualitäts-Tageszeitung Rumäniens war „Jurnalul Național“ (verkaufte
Auflage: 67.800), danach kam Ringiers Boulevardblatt „Evenimentul zilei“ (verkaufte
Auflage: 52.800). „Adevărul“ und „România Liberă“ waren die zwei wichtigsten Tages-
zeitungen, die Revolution und Privatisierungsprozess überstanden. Bis 2005 war das
linksliberale Blatt „Adevărul“ der absolute Marktführer unter den Tageszeitungen. 2005
kam es zu einer Trennung zwischen der damaligen rumänischen Eigentümerin und
den Chefredakteuren, die zusammen mit einem Großteil der Redaktion kündigten und
die Zeitung „Gândul“ gründeten. Im Juli 2006 wurde „Adevărul“ vom rechtsliberalen
rumänischen Geschäftsmann Dinu Patriciu übernommen, was die Kündigung der
damaligen Direktorin Corina Drăgostescu und eines großen Teils der Redaktion nach
sich zog. Ende 2008 brachte die „Adevărul Holding“ die erste kostenlose Tageszeitung
„Adevărul de Seară“ heraus (Startauflage: 250.000 Ex.). Unter den Qualitätszeitungen
waren wichtig die rechtsliberalen Blätter „Ziua“ und „Cotidianul“. Daneben entstanden
neue Boulevardzeitungen, u. a. „Averea“, die im März 2007 in „Click!“ umbenannt
wurde, und „Can-Can“. Die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien“ und die „Uj
Magyar Szö“ sind Zeitungen für die nationalen Minderheiten. Zu den Kulturzeitungen
zählen „22“, „Dilema veche“, „Observator Cultural“, „România literară“, wobei „Dilema
veche“ die höchste Auflage hatte (Druckauflage: 12.850 Ex., verkaufte Auflage: 7.000
Ex.). Gratiszeitungen, die von den großen Städten herausgegeben werden und lokale
Veranstaltungen, Restaurants u.ä, enthalten, sind bis heute erfolgreich, z. B. „Șapte
seri“ und „24-Fun“. Bei den Monatszeitungen und -zeitschriften handelt es sich v. a.
um international bekannte Hochglanzmagazine (Elle, Cosmopolitan, Beau Monde,
Burda), aber auch Eigenprodukte wie „Avantaje“, „Viva“, „Femeia“, „Casa Lux“, die v. a.
von den rumänischen Filialen internationaler Medienkonzerne herausgegeben werden.
4.1 Zensur und Boulevardisierung in Rumänien und Bulgarien 185

Grigore Adamescu, der den EU-Instanzen vorwarf, Rumänien wie eine Kolonie zu
behandeln, oder Adrian Sârbu gerieten wegen Korruption und Steuerhinterziehung
in Gefängnishaft 279. Zahllose Journalisten wurden entlassen, Löhne gekürzt oder
über Monate nicht ausbezahlt. Festangestellte Journalisten gibt es fast keine mehr,
die Mehrzahl arbeitet frei, mit Honorarverträgen, die Nebenkosten sparen helfen,
und wird für jeden Artikel bezahlt. Der zwangsläufige Verfall der Qualität, die
Politisierung, das heißt, die Angleichung an den politischen Mainstream bzw. die
offene politische Instrumentalisierung der Medien, die man als Ausweg aus der
finanziellen Zwangslage sah, führte nur immer tiefer in die Krise. Warum sollte
man Geld für eine Zeitung ausgeben, so dachten viele rumänische Leser, wenn sie
ohnehin manipuliert sind, so der rumänische Medienjournalist Petrişor Obae. Mit
der Finanzkrise des Jahres 2008 waren die Werbeeinnahmen der rumänischen
Tagespresse um bis zu 80 Prozent gesunken. Nicht nur die Politik der Eigentümer,
besonders auch das Eigeninteresse der meisten Redakteure beschleunigte die Poli-
tisierung. Sie kennen die Geschäftsinteressen ihrer Vorgesetzten und deren Partner
aus Wirtschaft und Politik sehr gut und vermeiden möglichst Interessenkonflikte,
die aus kritischer Berichterstattung entstehen könnten. Viele Medienschaffenden
sehen daher auch eine politische Karriere, etwa als Parteisprecher, als Ausweg bzw.
logische Konsequenz. Kritische Berichte führen rasch zu wirtschaftlichen Einbrü-
chen. Die Lokalzeitung Gazeta de Sud in der 300.000-Einwohner-Stadt Craiova
berichtete beispielsweise konsequent über zweifelhafte millionenschwere Geschäfte
unter Beteiligung der Stadtspitze. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten.
Die Stadt strich der Zeitung nicht nur alle Anzeigen, sondern drohte auch vielen

[Angaben zu den Auflagen, vgl.: Rumänisches Büro zur Ermittlung von Auflagenzahlen
BRAT (Biroul Român de Audit al Tirajelor, http://www.brat.ro)].
279 Der ehemalige Eigentümer von „Antena TV“, der Politiker und Unternehmer Dan
­Voiculescu, wurde im August 2014 wegen Geldwäsche und betrügerischer Privatisierung
eines staatlichen Ernährungs-Forschungsinstituts zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.
Die Strafverfolgung kam zum Schluss, dass die Aktionen Voiculescus einen Schaden von
60 Millionen Euro für den Staat verursacht hätten, und die Steuerbehörden versuchten,
dieses Geld bei Voiculescus Familie einzutreiben, die das TV-Geschäft verwalten. Die
rumänische Regierung ließ die Redaktionräume und Studios von „Antena“ räumen
und konfiszieren, um einen Teil des finanziellen Schades auszugleichen. „Antena“ war
der Regierung vor, den Sendebetrieb zu unterbrechen wegen „Antenas unabhängiger
Berichterstattung“, eine These, die viele Politiker, u. a. der Senatssprecher Calin Popescu
Tariceanu, unterstützten. Liviu Dragnea von der oppositionellen Soz.dem. Partei PSD
nannte die Aktion „undemokratisch“. Unabhängige Beobachter meinten, es handele
sich nicht um Repression und Zensur, sondern ein Gerichtsurteil werde schlicht um-
gesetzt. Der Antena-Gruppe gehörte der zweitgrößte TV-Sender und der zweitgrößte
lokale Nachrichtenkanal in Rumänien.
185
186 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

Geschäftsleuten mit Folgen, wenn sie weiter in der Gazeta de Sud inserieren würden.
Privatsender, die beim Publikum beliebt sind, legen grundsätzlich keinen Wert auf
kritische Berichte und Recherchen und füllen ihr Programm mit Spielfilmen oder
Talkshows. Vergleichsweise objektiv und kritisch berichtet der im März 2012 in
Bukarest gegründete, unabhängige Fernsehsender Digi 24, der bisher allerdings
nur wenige Rumänen erreicht.
Die Glaubwürdigkeit der Printmedien ist in Rumänien fast auf dem Nullpunkt an-
gelangt, während man alles tut, um die Zeitungen künstlich am Leben zu halten, vor
allem weil die Geldgeber zu befriedigen sind. Man spekuliert sogar, dass Rumänien
das erste europäische Land Europa sein könnte, in dem Zeitungen von der Bildfläche
verschwinden. Ein Teil der Journalisten, die durch die Wirtschaftskrise und das
Zeitungssterben ihre Stelle verloren, suchte seine Zuflucht in der Blog-Community
im Internet. Sie schreiben kritische Kommentare, die in der Mainstream-Presse
keinen Platz mehr fänden, etwa auf „Voxpublica“ oder „Contributors“, oder sie
engagieren sich zum Beispiel im „Rise Project“ für investigativen Journalismus. Sie
finanzieren sich über Crowdfunding, Spenden und andere Projektmittel. Generell ist
die Qualität der Online-Auftritte der Zeitungen und der Online-Medien begrenzt,
auch weil die erfahrenen Printjournalisten oft nicht für das neue Medium geschult
sind. Die kostenlosen Online-Präsenzen einstmals bedeutender Tageszeitungen
sind der traurige Rest der einstigen Bedeutung. Ihnen verdanken diese Zeitungen,
dass sie überhaupt noch eine Rolle spielen. Auch die Fernsehsender, die für die
Mehrheit der Rumänen nach wie vor die Hauptinformationsquelle sind, haben mit
Qualitäts- und Glaubwürdigkeitsproblemen zu kämpfen, was sich wiederum in den
Einschaltquoten niederschlägt und die Werbeeinnahmen sinken und die Zahl der
Entlassungen steigen lässt. Obendrein können sich die Eigentümer nur schwer zu
neuen Investitionen entschließen, weshalb sich auch dem rumänischen Rundfunk
die Insolvenz als Option empfahl, etwa im Falle von Realitatea TV und Prima TV.
Eine ebenso fatale wie kuriose Begleiterscheinung der Politisierung der Me-
dien ist der Einfluss und die Präsenz der Geheimdienste in den Medien. Journa-
listen wurden als Geheimagenten bzw. verdeckte Mitarbeiter des rumänischen
Geheimdienstes entlarvt. 2012 wurde der Chefredakteur des Jurnalul Naţional
als Geheimagent enttarnt, was sein Geheimdienst bestätigte. Anfang 2015 gab
einer der bekanntesten Fernsehmoderatoren Rumäniens, Robert Turcescu, live
in seiner Sendung „Sub semnul întrebării“ auf B1 TV zu, dass er Geheimagent
des rumänischen Armeegeheimdienstes gewesen war, worauf er seine Moderato-
rentätigkeit noch am selben Abend aufgab. Die Unmutsbekundungen hielten sich
sehr in Grenzen. Turcescu konnte nur wenig später zu seinem Arbeitgeber B1 TV
als Stammgast und Politik-Experte zurückkehren; die Zeitung Evenimentul Zilei
stellte ihn als Kolumnist an, und bei Naşul TV bekam er eine eigene Sendung. Der
4.1 Zensur und Boulevardisierung in Rumänien und Bulgarien 187

ehemalige Leiter des rumänischen Innengeheimdienstes SRI (Serviciul român


de informații), George Maior, räumte ebenfalls vor laufenden Fernsehkameras
des privaten Nachrichtenkanals B1 TV ein, dass der rumänische Geheimdienst
Agenten in den Medien einsetzt. Maior verteidigte das jedoch als gängige Praxis
auch in anderen demokratischen Staaten. Solche verdeckten Mitarbeiter seien eine
starke Waffe eines jeden Geheimdienstes. Dem rumänischen Verfassungsgericht,
das mehrere Gesetze zur Überwachung der Kommunikation im Internet und per
Telefon abgelehnt hatte, weil sie die Menschenrechte und die Gewaltenteilung ge-
fährden würden, warf Maior vor, dadurch die nationale Sicherheit zu gefährden.
Der Inhaber des 2011 gegründeten Fernsehsenders România TV (RTV), Sebastian
Ghiță, Ex-Mitglied des Parlaments und des parlamentarischen Ausschusses für
die Kontrolle des Rumänischen Nachrichtendienstes, wurde unter Anklage wegen
Bestechung und Geldwäsche mit internationalem Haftbefehl gesucht. Ghiță bestritt
die Berechtigung der Auslieferungsforderung des rumänischen Justizministeriums
an Serbien, wohin er geflohen war, und erklärte, er werde „politisch verfolgt“280. Sein
Fernsehsender strahlte seit Ghițăs Flucht Videos aus, in denen dieser hochrangige
rumänische Beamte beschuldigte. Der zweite Mann des SRI verlor so seine Stelle.
Anfang 2015 forderte Stelian Tănase, Direktor des staatlichen Fernsehens TVR, in
einem Brief an die SRI-Leitung, ihre Mitarbeiter aus dem Sender zurückzuziehen.
TVR müsse unabhängig bleiben.
Der wachsende Unmut der Rumänen über die Indienstnahme der Medien durch
die Politik löste die größte Medienkrise seit 1989 aus. Auf den Massendemonstrati-
onen Ende 2014 gegen die machtversessene sozialdemokratische Regierung Ponta,
die sich über Gesetz und Verfassung hinweggesetzt hatte, war einer der Slogans,
den die Demonstranten riefen: „Ihr belügt das Volk mit dem Fernseher“. Antena
TV gerierte sich als klarer Gegner des langjährigen Präsidenten Traian Băsescu und
unterstützte 2014 seinen letztlich erfolglosen Herausforderer, den Sozialdemokra-
ten Victor Ponta nach Kräften. Die Stichwahl Mitte November 2014 gewann der
ehemalige Bürgermeister von Hermannstadt/Sibiu, der Rumäniendeutsche Klaus
Johannis, gegen Ponta, wobei quotenstarke Fernsehsender wie Antena 3 und România
TV offen Partei für Ponta ergriffen und Johannis mit allen Mitteln in ein schiefes
Licht zu stellen und zu diffamieren versuchten. Es war nicht zu übersehen, dass
viele rumänische Medienunternehmer mithilfe ihrer Fernsehsender und Zeitungen

280 Vgl.: “Romania: DNA requests 10 years in prison for Sebastian Ghita”. The National
Anticorruption Directorate (DNA) has called for 10 years imprisonment sentence for
Sebastian Ghita, in his first file, involving the former Mayor of Ploiesti, Iulian Badescu,
a punishment close to the maximum limit. In: Regional Anti-Corruption Initiative, 20.
Sept. 2017 [http://rai-see.org/romania-dna-requests-10-years-in-prison-for-sebastian-
ghita/].
187
188 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

den Wahlausgang im Sinne ihrer Geschäfts- und Privatinteressen zu beeinflussen


versuchten. Auf den ersten Blick scheinen die Medien ihre Kontrollfunktion für die
Demokratie wahrzunehmen. Themen wie Korruption oder die Defizite bestimm-
ter Politiker sind teils dauerpräsent. Doch das dient weniger der Aufklärung des
Bürgers über Hintergründe und Zusammenhänge als der politischen Agenda der
Beteiligten und Eigentümer der Medien. So wurden politische Schlüsselfiguren
wie Elena Udrea, Präsident Klaus Johannis oder der Ex-Premierminister Victor
Ponta bei weitem am häufigsten erwähnt, während Institutionen, die für die Bürger
wichtige Entscheidungen treffen, etwa das Bukarester Rathaus, lokale Behörden
oder gar die Europäische Union, auf den hintersten Plätzen der berichtenswerten
Themen liegen281. Sie tauchen häufig nur im Zusammenhang mit Korruptionsfällen
oder anderen Skandalen auf282. Dass Politiker und Parteien in der Berichterstattung

281 An der Spitze der negativen Erwähnungen stand 2015 Elena Udrea mit einem Rating
von -14,5 Prozent, am wenigsten negativ wurde über Präsident Klaus Johannis mit -3,7
Prozent berichtet. Die generell am häufigsten erwähnte Person war Ex-Premier Victor
Ponta mit 25 Prozent. 2014 waren es noch 36 Prozent gewesen. Im Vergleich dazu ist die
Sichtbarkeit von Präsident Johannis von 14 Prozent im Jahr 2014 auf 19 im folgenden
Jahr gestiegen. An Präsenz hatte auch die Antikorruptionsbehörde DNA mit 12 auf 19
Prozent gewonnen und das Bukarester Parlament mit 7 auf 13. Das Bukarester Rathaus
ist mit 3 Prozent medial ebensowenig von Interesse wie die EU. Auch was außerhalb
Bukarests vorgeht, blieb 2015 fast unerwähnt. Lokale Behörden wurden mit 3 Prozent
allenfalls im Zusammenhang mit Korruptionsfällen erwähnt. Institutionen wie das
Gesundheits- oder Unterrichtsministerium waren mit 3-4 Prozent in den Medien
auffällig unterrepräsentiert.
282 Zum Beispiel informierte ein Mitarbeiter des Krankenhauses Malaxa in Bukarest Catalin
Tolontan, Chefredakteur der Fußballzeitung „Gazeta Sporturilor“, über unsaubere Ge-
schäfte an der Klinik. Die Recherche ergab, dass sich Florin Secureanu, Geschäftsführer
des staatlichen Krankenhauses, kräftig aus der Kasse des Krankenhauses bedient hatte.
Der Geschäftsführer schenkte seiner Freundin z. B. Juwelen, und ließ die Rechnung vom
Juweliergeschäft über ‚Desinfektion von medizinischen Instrumenten‘ ausstellen und
vom Krankenhaus bezahlen. Von Ende November 2016 an veröffentlichte die „Gazeta
Sporturilor“ ihre Rechercheergebnisse. Nach Aussage Tolontans reichte das Material
für 15 Artikel in vier Tagen zu diesem Thema. Kurz darauf wurde Secureanu von der
rumänischen Anti-Korruptionsbehörde DNA verhaftet und der Beschuldigte gestand.
Dass sich der Krankenhausmitarbeiter ausgerechnet an einen Fußballjournalisten
wandte, lag am Ruf Tolontans und an den Defiziten anderer Medien. Tolontan war
durch investigative Berichte zu Doping, Betrug bei Sportwetten und auf dem inter-
nationalen Fußballtransfermarkt bekannt geworden. Aufgrund seiner Recherchen
wurden 2014 acht Größen des rumänischen Fußballs zu Gefängnisstrafen verurteilt,
darunter Gica Popescu, Ex-Kapitän des FC Barcelona. Ausserdem ist die Konkurrenz,
wie beschrieben, oft eng mit Politikern und Parteien verbunden, und haben kein Geld
für investigativem Journalismus oder kein Interesse daran.
4.1 Zensur und Boulevardisierung in Rumänien und Bulgarien 189

weit überrepräsentiert sind, erklären Kritiker mit der finanziellen Unterstützung


der Medien durch politische Akteure. Sie beargwöhnen auch Polit-Talkshows als
Selbstdarstellungsplattformen der ewig gleichen Personen. Die Nachrichtensen-
dungen der reichweitenstarken Fernsehsender würden weniger durch den Inhalt
manipulieren als durch die Auswahl der Themen. Deutlich unterrepräsentiert sei
die Stimme des Bürgers, die sich daher in Straßenprotesten und im Internet arti-
kuliere, ein Vorwurf, der auch aus Deutschland bekannt ist.
Der zivilgesellschaftliche Protest, der in Rumänien in jüngster Zeit aktivistischer
und massenwirksamer geworden ist, richtet sich gegen die Selbstbedienungsmenta-
lität einer politischen Klasse, die viele Rumänen als selbstherrlich, abgehoben und
ihrer Alltagsrealität entrückt betrachten. Ende Januar und Anfang Februar 2017
demonstrierten teils bis zu 200.000 Rumänen vor dem Sitz der sozialdemokratischen
Regierung von Premierminister Victor Ponta in Bukarest, während landesweit
noch einmal Hunderttausende auf die Straße gingen (in Cluj/Klausenburg allein
über 40.000), aus Protest gegen eine Gesetzesreform, die korrupte Politiker vor
Strafverfolgung schützen sollte. Die Strafbarkeit von Bestechlichkeit sollte erst
ab einem Streitwert von 45.000 Euro einsetzen, ein Betrag, der für die meisten
Rumänen weit jenseits des Erreichbaren liegt. Die Reform wäre auch dem wegen
Wahlmanipulation und Korruption verurteilten PSD-Vorsitzenden Liviu Dragnea
zugute gekommen, für den der ehemalige Vize-Bürgermeister von Timişoara und
PSD-Politiker Sorin Grindeanu als Übergangs-Premier waltete. Dragnea konnte
das Premiersamt selbst nicht antreten, weil ein Gesetz verurteilte Funktionsträger
von hohen Ämtern ausschließt. Was die Demonstranten neben der astronomischen
Summe erzürnte war die Kaltschnäuzigkeit, mit der korrupte Politiker selbst über
Menschenleben hinweggingen. Einer der vielen Korruptions-Skandale, die letztlich
zu den landesweiten Protesten führte, war ausgerechnet von einer Fußballzei-
tung aufgedeckt worden. Das lag daran, dass der Chefredakteur der landesweit
erscheinenden Fußballzeitung Gazeta Sporturilor, Catalin Tolontan, wegen des
überragenden Erfolgs seiner Zeitung (durchschnittlich verkaufte Auflage: 30.000
Ex., die Webseite wird täglich rund 250.000-mal angeklickt, dritter Platz hinter
den zwei führenden Boulevardblättern), sich und seinen Redakteuren gelegentlich
auch investigativen Journalismus erlauben konnte, der sich neben dem Sport vor
allem auf Gesundheit richtet. Nur der Erfolg schuf Tolontan den Freiraum, in
einem Land mit eingeschränkter Pressefreiheit etwas zu tun, was andere Medien
aus politischen Rücksichten längst aufgegeben haben.
Nach einer Brandkatastrophe im Bukarester Musikclub „Colectiv“ Ende Okto-
ber 2015 starben 64 Menschen und 147 wurden verletzt, einige von ihnen schwer.
Tolontan und seine Kollegen fanden auf einen Hinweis eines Arztes heraus, dass
etliche Opfer nicht durch Feuer und Rauch gestorben waren, sondern durch In-

189
190 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

fektionen in den Krankenhäusern. Was die Angelegenheit noch verschlimmerte,


war die Erkenntnis, dass die Pharmafirma Hexi, die Desinfektionsmittel an die
Krankenhäuser geliefert hatte, die Lösung bis zur Unwirksamkeit verdünnt hatte,
und an ihre Lieferverträge dank hoher Bestechungsgelder gekommen war. Die
Massenproteste, die der Fall des Bukarester Musikclubs ausgelöst hatte, zwangen
Victor Ponta und mit ihm das gesamte Kabinett Ponta IV Anfang November 2015
zum Rücktritt. Präsident Johannis legte auch im Februar 2017 der Regierung an-
gesichts der massenhaften Proteste gegen die Gesetzesreform den Rücktritt nahe,
was Premier Grindeanu aber ablehnte. Zumindest nahm die Regierung per Eilver-
ordnung die umstrittenen Erlasse zurück. Grindeanu, der sich für harte Strafen auf
Korruption eingesetzt hatte, wurde schließlich selbst von den Regierungsparteien
im Juni 2017 mit erschreckend überwältigender Mehrheit gestürzt.
Anders als in Deutschland war das Thema Islam oder Zuwanderung bisher kein
Thema der Straßenproteste, weil beide Themen in der Politik mehr als nur präsent
sind. Der nationalkonservative Grundkonsens der rumänischen Politik, der von links
bis bürgerlich-rechts reicht, erklärt, warum Rumänien zum Beispiel die Aufnahme
von Flüchtlingen nicht akzeptieren wollte, höchstens eine freiwillige, möglichst
geringe ‚freiwillige Quote‘. Die Nachsicht oder Bereitwilligkeit, mit der nationale
Themen behandelt werden, erklärt auch, warum die rumänischen Nationalliberalen,
die im EU-Parlament der EVP-Fraktion angehören und dem auch der rumänische
Staatspräsident Klaus Johannis angehört, im Frühjahr 2016 nichts dabei fanden,
Marian Munteanu für den Posten des Bukarester Bürgermeisters aufzustellen283.

283 Vgl.: Schwarz, K.-P.: „Ein Rechtsradikaler für Bukarest“. Rumäniens Nationalliberale
und ihr Bürgermeisterkandidat. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. April 2016.
Schwarz schreibt dort: „Um den Skandal zu ermessen, den sich die PNL mit der No-
minierung Munteanus leistet, empfiehlt sich ein Blick auf die Geschichte dieser Partei
und ihres Kampfes gegen die faschistische Eiserne Garde, die „Legion des Erzengels
Michael“. Am 30. Dezember 1933 erschossen drei Legionäre auf dem Bahnhof von
Sinaia den nationalliberalen Ministerpräsidenten Ion Gheorghe Duca, den König Carol
II. mit der Vorbereitung der Parlamentswahlen beauftragt hatte. Duca hatte die Partei
„Alles für das Land“ verboten, den politischen Arm der Legionärsbewegung. Attentate
und Polizeirazzien waren die Folge, in deren Verlauf mehrere Legionäre erschossen
wurden. Für die rumänischen Nationalliberalen ist Ion Gheorghe Duca eine Licht-
gestalt, ein Märtyrer der Demokratie. Ganz anderer Meinung ist Marian Munteanu,
der ihn 1994 in einem Artikel einen „Mörder“ nannte. Der 54 Jahre alte Munteanu,
Dozent für Ethnologie an der Universität Bukarest, war ein Führer der studentischen
Protestbewegung 1989/1990, die sich zuerst gegen den Diktator Ceauşescu, dann gegen
Ion Iliescu richtete. Von Bergarbeitern, die Iliescu als Schlägerbrigaden gegen die Op-
position in die Hauptstadt holte, wurde Munteanu im Juli 1990 schwer verletzt, dann
von der Polizei verhaftet. Demonstrationen in Rumänien und internationale Proteste
erzwangen nach zwei Monaten seine Entlassung.“
4.1 Zensur und Boulevardisierung in Rumänien und Bulgarien 191

Unter dem Einfluss seines Mentors, des Philosophen und ehemaligen Legionärs Petre
Ţuţea, propagierte Munteanu einen radikalen, religiös verbrämten Nationalismus
in der Tradition der faschistischen Eisernen Garde. Er leugnete die Beteiligung von
Rumänen am Holocaust, auch werde die Zahl der jüdischen Opfer bewusst überhöht,
um den Rumänen mit Hilfe „verräterischer Elemente“ in den Institutionen Geld
abzupressen. Gegenüber der rechtskonservativen Internet-Nachrichtenseite „Active
News“ sagte Munteanu, die rumänische Gesellschaft werde „seit zehn Jahren von
Schädlingen, Parasiten, von giftigen Elementen“ angegriffen. Es sei Zeit für einen
„Prozess der Gesundung“. Munteanu artikulierte, was auch so Sozialisten oder
Nationalliberalen gedacht und geäußert wurde.
Diese und ähnliche unkritische, historisch begründete Reflexe kann die ru-
mänische Neue Rechte, die sich nach aktivistischer Anfangszeit zu einer Partei
wandelte (Partidul Noua Dreaptă), nur überakzentuieren, um Gehör zu finden.
Sie tritt vor allem in provokanten Spontanaktionen in Erscheinung, etwa bei
Ehrungen umstrittener historischer Persönlichkeiten oder Straßenschlachten mit
ungarischen Nationalisten. Auf der Internetseite „Active News“, Untertitel: „un-
filtrierte Nachrichten“, tauschen sich junge rumänische neurechte Publizisten aus,
die die Ablehung der ihrer Meinung nach egalitaristischen und emanzipatorischen
Agenda der Europäischen Union eint. Ungeachtet der traditionellen rumänischen
Vorbehalte gegenüber Russland sehen sie Putin ebenso wie Orbán positiv, weil sie
deren negative Haltung zur EU-Flüchtlings- und Islampolitik, zur Gleichstellung von
Homosexuellen und zur Abtreibung teilen. Sie streben eine Art gesamteuropäischer
Kooperation der nationalen, traditionalistischen Kräfte an, gegen den sogenannten
‚großen Austausch‘, die angeblich planvolle Ersetzung der autochthonen europä-
ischen Völker durch Zuwanderer, die Islamisierung Europas und die Zerstörung
der Familie und der christlichen Religion. Radikaler, rumänisch-nationalistischer
ist die Internetzeitschrift der im „Geist der christlichen Rechten“ debattierenden
und analysierenden Aktivistengruppe „Rost“, die die zwar die Notwendigkeit
sieht, sich mit ungarischen, russischen oder deutschen Gleichgesinnten in den
erwähnten Fragen zu verbinden, aber Rumänien von wirtschaftlichen und politi-
schen Einflüssen von dieser Seite freihalten möchte. Auch die Intellektuellen, die
auf der Internet-Seite „În Linie Dreaptă“ publizieren, lehnen die Kooperation mit
Putin ab, so sehr sie dessen gesellschaftspolitische Agenda auch mittragen können.
Beide Webseiten, die für eine zunehmend populäre politische Strömung im Netz
stehen, einen die grundlegenden Prinzipien. Sie sind für eine auf das Notwendige
beschränkte Regierungstätigkeit, für den freien Markt, gegen Islam, Immigration,
Sozialismus, Gleichstellung sexueller Minderheiten (LGBT), gegen Abtreibung,
reserviert gegenüber Libertären. Die EU ist nach ihrer Auffassung gut als Idee ei-
nes Raumes der Freiheit, aber in der Praxis genauso schlecht wie die Sowjetunion.

191
192 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

Pro-Positionen beziehen sich auf die Familie, die Orthodoxie und die katholische
Kirche, Israel und Amerika nach polnischem Vorbild. Sie haben Vorbehalte gegen
eine Allianz zwischen Deutschland und Russland, weil sie fürchten, das Opfer werde
dabei wieder Osteuropa sein. In seiner Analyse der deutschen Bundestagswahl Ende
September 2017 kritisierte der Kolumnist Dorelian Bellu auf „În Linie Dreaptă“ die
internationale Reaktion auf den Einzug der nationalkonservativen AfD.
Die internationalen Massenmedien, einschließlich der rumänischen, hätten
die AfD als rechtsextrem bis neonazistisch verurteilt, was nicht der Realität
entspreche. Die neue Partei hätte jene konservativen Themen besetzt, die die
Partei Angela Merkel aufgegeben hätten. Wenig Verständnis hatte Bellu für den
pro-russischen Diskurs innerhalb der AfD, die Forderung der „Putinversteher“
nach einer Aufhebung der Russland-Sanktionen. Außerdem gebe es in der neuen
deutschen Partei euroskeptische bis europhoben Strömungen. Bellu schrieb, man
beobachte in diesem Fall „eine Asymmetrie in der Behandlungen der Parteien, die
sich nicht im vernünftigen und politisch korrekten Zentrum gruppieren: als die
AfD auf den Index gesetzt wurde und man offen über eine physische Isolierung
der Abgeordneten dieser Partei im Bundestag sprach (in dem Sinne, dass niemand
die Sitze neben ihr einnehmen wollte), wurde die Linke – Sozialisten, die den Kurs
des Landes radikal verändern wollen, eine Ersetzung des Kapitalismus durch einen
demokratischen Sozialismus und den Austritt des Landes aus der NATO wünschen
– als Gesprächspartner betrachtet und nicht als „linksextrem“ bezeichnet“284. Die
politischen Themen, die „În Linie Dreaptă“ behandelt, liegen auf einer Linie mit
jenen anderer konservativer bzw. rechter Webseiten und Gruppierungen in Europa,
so zum Beispiel die „ideologische Zensur auf Facebook“, die Ablehnung der Abtrei-
bung oder die Verfolgung der orthodoxen Kirche unter dem Kommunismus. Ein
Artikel, der Ende Oktober 2017 auf der Seite erschien, trug den Titel: „Die Mehrheit
der Rumänen definiert die Ehe zu Recht als Verbindung zwischen Frau und Mann
mit dem Ziel der Prokreation, Aufzucht und Erziehung“. Der Artikel zitierte eine
Umfrage, wonach 90 Prozent der Rumänen dieser Ansicht seien.
Medienschaffende, die sich einer polemischen, demagogischen Sprache bedienen,
werden nicht immer, aber immer öfter zur Verantwortung gezogen. Der Modera-
tor Radu Banciu verwandte in seiner B1-Sendung „Lumea lui Banciu“ („Die Welt
Bancius“) immer wieder beleidigende Formulierungen, worauf der Nationale Rat
für Audiovisuelle Kommunikation (Consiliul Național al Audiovizualului, CNA)
den Sender finanziell belangte. Im März 2016 wurde Banciu wegen xenophober
Äußerungen über die rumänischen Ungarn zu einer Strafe von 50.000 Lei (ca.

284 Bellu, D.: “Germania, vremea rupturii”. In: În Linie Dreaptă. Conservatori Români,
25. Sept. 2017 [http://inliniedreapta.net/germania-vremea-rupturii/].
4.1 Zensur und Boulevardisierung in Rumänien und Bulgarien 193

12.500 Euro) verurteilt. In seiner Sendung vom 2. Dezember 2015 hatte Banciu
den Anschlag eines Mitglieds der rumänischen neofaschistischen Gruppierung
„Mișcarea de Tineret 64 de Comitate“ auf Ungarn in Târgu Secuiesc als reine
Reaktion dargestellt. Die wahren Aufrührer, die Extremisten von Natur aus, von
ihrem Wesen seien die Ungarn, die ein „aufrührerisches Gen“ hätten, worauf der
rumänische Faschist nur reagiert hätte. So gesehen, meinte Banciu, seien „alle
ungarischen Bürger ohne jeden Zweifel Feinde der Rumänen“. Die Ungarn würden
bis heute Transilvanien (Siebenbürgen) für sich beanspruchen. Banciu stand vor
dem CNA zu seinen Aussagen. Trotz Protesten von rumänisch-ungarischer Seite
provozierte er weiter in seiner Sendung. Banciu erklärte, die Ungarn sähen fürch-
terlich aus. Im Oktober 2016 betonte er, Rumänien ginge es besser ohne Ungarn.
Das rumänische Gesetz zu den audiovisuellen Medien verbietet in Artikel 40 die
Ausstrahlung von Programmen, die „irgendeine Form der Beleidigung aufgrund
von Rasse, Religion, Nationalität, Geschlecht oder sexueller Orientierung ent-
hält“. Im Gesetzbuch zu den audiovisuellen Medien heißt es in Artikel 47 (1), „in
audiovisuellen Programmen ist die Verbreitung antisemitischer oder xenophober
Äußerungen verboten“.
Einen unterschwellig bis offen antisemitischen und fremden-, im rumänischen
Fall ungarnfeindlichen Einschlag hätte nach Ansicht manches Beobachters, etwa
Sorin Ionitas, die mediale Debatte über den Einfluss des Investors und globalen
Humanisten ungarischer Abstammung George Soros bekommen285. In Berichten
und Kommentaren war die Rede von einem ‚Spinnennetz von Nichtregierungs-
organisationen‘, die vorgäben, die Zivilgesellschaft zu repräsentieren, die aber nur
funktionieren, weil jemand wie Soros sie großzügig finanziert. Die rumänischen
Bürger, die sich dafür anwerben ließen, die Ideen Soros‘ in Rumänien zu verbreiten,
angeblich rund 22.000, würden sich für eine neue ‚Führungskaste‘ halten, so ein
Kommentar vom Oktober 2016 auf der rumänischen Sputnik-Seite, die in Molda-
wien beheimatet ist. Diese Kaste hätte nach Erkenntnissen der Zeitung Naţional,
die erst 1997 gegründet wurde, aus dem Soros-Netzwerk Geld für ihr Engagement
erhalten, das sich gegen die politische Klasse, gegen „nationale Werte, vor allem die
Kirche, das Gesundheitssystem und die staatlichen Strukturen“ richte. Viele dieser
Rumänen würden aktuell, so der Journalist Catalin Tache in Naţional, wichtige
Funktionen im rumänischen Staat innehaben, vor allem im Justizministerium.
Das würde die Passivität des Staates gegenüber dem ‚Spinnennetz‘ erklären, das die
Institutionen des rumänischen Staates untergraben würde. Ähnliche Kampagnen
gegen Soros starteten im Oktober 2017 der rumänische Fernsehsender Antena 3

285 Vgl.: Ionita, S.: “Reţeaua Soros sau reţeaua Putin?” In: Contributors, 28. Okt. 2017
[http://www.contributors.ro/fara-categorie/reteaua-soros-sau-reteaua-putin/].
193
194 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

und der ungarische Premier Orbán und die ihn unterstützenden Fernsehsender.
Die rumänische Politik würde sich zunehmen den politischen, pro-russischen
Hardlinern in Budapest, Bukarest und Chişinau anschließen, meinte Sorin Ionita
auf dem Blog-Portal „Contributors“286. Als aktuelles Indiz nannte er einen Artikel
über PSD-Generalsekretär Codrin Ştefănescu, der sich von Sputnik als Intellek-
tuellem huldigen ließ, so der Fernsehsender B1 TV, der Sputnik als eines der „rus-
sischen Propaganda-Portale“ bezeichnete287. Ionita stellte die satirisch gehaltene,
aber ernst gemeinte Frage, ob „die bezahlten Trolle in den sozialen Medien wie
auch die seriösen und nützlichen Idioten der nationalistischen Rechten und der
bolschewistisch-konspirativen Linken, die ernsthaft glauben, dass Soros, Freimaurer,
Klingonen, Neoliberale und die globalistische, jüdische Finanzelite den Planeten
steuern“288, ihre Befehle direkt vom Genossen Zar erhalten würden. Daran glaube
er nicht, denn er sei kein Verschwörungstheoretiker wie die Zitierten. Menschen
mit ähnlichen Interessen hätten ähnliche Reflexe. Nachdem die Soros-Stiftung
sich aus Rumänien zurückgezogen hat, könne sich nun, schloss Ionita ironisch,
die Putin-Stiftung etablieren und in ihre treuen Kunden in Rumänien und in der
Region investieren.

4.2 Die Medien auf dem Balkan, die EU und


der ethnisch-religiöse Streit
4.2 Medien auf dem Balkan, EU und ethnisch-religiöser Streit
Mit Blick auf die Balkanstaaten und deren Medien warnten westliche Kommenta-
toren, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise und der Diskussion über die Schlie-
ßung der Balkanroute, vor einer dort wachsenden Islamophobie. Die aufgeheizte
Medien-Diskussion in den jungen und fragilen Staaten Mazedonien und Serbien,
die der Flüchtlingszustrom besonders betraf, sei schuld an der zunehmenden Skepsis
bis Feindschaft gegenüber muslimischen Zuwanderern289. Islamophobie werde in

286 Ibidem.
287 „Codrin Ștefănescu, portret de intelectual în organul de propagandă al Rusiei (VIDEO)“.
In: B1, 6. Okt. 2017 [http://www.b1.ro/stiri/politica/codrin-stefanescu-portret-de-in-
telectual-in-organul-de-propaganda-al-rusiei-video-200760.html].
288 Ionita, S.: “Reţeaua Soros sau reţeaua Putin?” In: Contributors, 28. Okt. 2017.
289 “Islamophobia Set to Grow in Balkans, Experts Warn”. Islamophobia is likely to increase
across Balkan countries, experts say, as a result of a political and media environment
that has worsened since the refugee crisis and the rise of ISIS. In: Balkan Insight, 27.
Juni 2016 [http://www.balkaninsight.com/en/article/islamophobia-set-to-rise-in-the-
balkans-experts-warn-06-26-2016?utm_source=feedburner&utm_medium=twit-
4.2 Medien auf dem Balkan, EU und ethnisch-religiöser Streit 195

absehbarer Zeit in den Balkanstaaten zunehmen als Folge einer politischen und
medialen Umgebung, die sich in vielen Staaten der Region, vor allem in Kroatien
und Serbien, in den letzten Jahren verschlechtert habe. Das sei bedingt durch
regionale Phänomene wie die Flüchtlingskrise von 2015 und den Aufstieg des
sogenannten Islamischen Staates im Nahen Osten. 2015 gab es unter den rechten
Parteien in Kroatien eine deutliche Wende. Bisher war das Thema Islam, so wie
zum Beispiel auch in Rumänien, kein echtes Thema auf der rechten Seiten des
politischen Spektrums, was sich mit der Flüchtlingskrise auf einen Schlag änderte.
Rechte kroatische Parteien warnten vor einer muslimischen Bedrohung, die von
nicht-europäischen Muslime ausgehe, und auch die kroatischen Medien nahmen
sich des Themas an, indem sie ausführlich über Verbrechen zu berichten begannen,
die von Muslimen oder Asylbewerbern in anderen europäischen Ländern begangen
wurden. Mit diesem Wandel des medialen Umfeldes hätte sich das Verhältnis zum
Islam und den Muslimen zum Negativen gewendet, warnten Experten in Kroatien
und im EU-Ausland.
Diese anti-muslimischen bzw. islam-kritischen Tendenzen waren auch in den
serbischen Medien zu beobachten, was gerade den nationalistischen Parteien
Auftrieb verschafft hätte. Die serbischen Behörden reagierten schnell und relativ
effizient auf die Flüchtlingskrise, schon mit Blick auf den EU-Kandidatenstatus
Serbiens, was jedoch an der Präsenz des Themas in den serbischen Medien, in po-
pulären Fernsehsendungen und der Boulevardpresse wenig änderte. Islam-kritische
bis islamophobe Haltungen ließen sich in jüngster Zeit sogar in den Medien im
Kosovo und in Bosnien feststellen, wo Muslime in der Mehrheit sind bzw. einen
deutlichen Anteil an der Bevölkerung stellen. Der Islam im Kosovo war bisher
weitgehend säkular und synkretistisch, sieht sich aber seit jüngster Zeit mit dem
wachsenden Einfluss radikaler, teils wahabitischer Aktivisten aus arabischen
Ländern konfrontiert, was erklärt, warum sich weite Teile der kosovo-albanischen
Bevölkerung zunehmend kritisch bis ablehnend gegenüber einer Form des Islam
zeigen, die sie nicht als autochton betrachten. Dazu gehören zumal sichtbare, als
negativ empfundene Charakteristika wie lange Bärte und tiefverschleierte Frauen,
die Fernseh- und Zeitungsformate prominent transportierten, als Indizien von
Radikalisierung und Extremismus und eines fremden religiösen Einflusses, der
sich auch negativ auf die Unabhängigkeit des Kosovo auswirken könnte. In den
kosovarischen Medien wurden angebliche Träger dieses ‚fremden Einflusses‘ als im
Sold arabischer Staaten stehend dargestellt oder sogar als Kostgänger Serbiens, das
nach Meinung verschiedener kosovarischer Medien ohnehin keine Gelegenheit aus-

ter&utm_campaign=Feed%3A+TheBalkansLatestHeadlines+%28The+Balkans%3A+Lat-
est+Headlines%29].
195
196 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

ließe, die Souveränität des verhassten Nachbarn zu beschädigen. In Bosnien wurden


Muslime besonders dort Opfer medialer Schmähkritik, von ‚hate speech‘ und auch
tätlichen Angriffen, wo sie in der Minderheit sind. Die bosnischen Regierungsstellen
sehen sich wie ihre Kollegen im Kosovo aus innenpolitischen Gründen wie auch aus
Sorge um ihren internationalen Ruf, zumal gegenüber der EU, gezwungen, gegen
eine Radikalisierung in den eigenen, muslimischen Reihen vorzugehen, was nach
Ansicht von Experten die Gefahr berge, dass der Islam an sich als Gefahr für die
innere Sicherheit betrachtet wird. Man versuchte im Kosovo wie in Bosnien den
Westen zu beeindrucken, belastete damit aber das innere gesellschaftliche Klima.
Bosnien-Herzegovina leidet seit langem, manche sagen seit der Gründung des
Staates im Gefolge des Bosnien-Krieges, unter politischer Stagnation, die sich direkt
auch auf die Medien auswirkt. Schlechtes Management, politische Einflussnahme
und eine gespaltene Gesellschaft haben es geschafft, dass die drei öffentlichen
Fernsehstationen von Bosnien-Herzegovina, der Staatssender BHTV und die bei-
den Sender der Teilrepubliken, FTV (Federalna televizija, Föderationsfernsehen)
in der bosnisch-kroatischen Föderation und RTRS in der Republika Srpska (Radio
Televizija Republike Srpske, Radio-Fernsehen der Serben-Republik), an den Rand
des Zusammenbruchs gerieten. Bosniens öffentlich-rechtliche Medien wurden
nicht zu einem Faktor sozialer Integration und des Zusammenhalts, sondern zu
einem Abbild der Instabilität, Disfunktionalität und Zerrissenheit des Landes.
Die Vereinbarung zwischen den Sendern und Bosniens drei Telekom-Anbietern,
die TV-Lizenzgebühren zusammen mit den monatlichen Telefonrechnungen
einkassieren, lief 2015 aus, war aber noch bis Juni 2017 verlängert worden, um der
bosnischen Regierung und den drei Fernsehsendern noch etwas mehr Zeit zu geben,
eine neue Lösung der drängenden Finanzprobleme zu finden. Angesichts eines
drohenden Bankrotts fand man buchstäblich in letzter Minute einen Kompromiss
über ein neues Finanzierungsmodell, das vorsieht, dass alle bosnischen Bürger
ihre Fernsehgebühren direkt bezahlen, so wie es in vielen anderen europäischen
Ländern bereits geschieht. Der Gesetzentwurf betreffend die öffentlich-rechtlichen
Rundfunkanbieter wurde Ende Juni 2016 vom Ministerrat, dem bosnischen Parla-
ment und danach von den Regierungen und Parlamenten der beiden Teilrepubliken
verabschiedet. Man hoffte, dass diese Vereinbarung sich als tragfähigeres Modell
erweisen würde als das vorhergehende, das mit wachsenden Problemen zu kämp-
fen hatte. Doch auch das neue Gesetz bot keine Lösung für jene Probleme, die der
Arbeit und dem Ansehen der öffentlich-rechtlichen Anbieter seit langem schaden.
Zu diesen Problemen gehörte neben dem finanziellen die drängende Frage, ob
man einen dritten Anbieter, der in Mostar beheimatet war und vor allem für die
bosnischen Kroaten sendete, in das System integrieren sollte, wie es das bosnische
Kommunikations- und Transport-Ministerium vorschlug. Dieser Vorschlag ließ die
4.2 Medien auf dem Balkan, EU und ethnisch-religiöser Streit 197

leidenschaftliche Diskussion darüber neu aufleben, ob es vernünftig und zielführend


sei, wenn Bosnien drei Rundfunkanbieter hat, für jede ethnische Entität einen.
Während viele bosnische Kroaten das seit Jahren fordern, fürchten Beamte und
Vertreter der internationalen Gemeinschaft das als weiteren Schritt hin zu einer
ethnischen Spaltung des Landes. Die Debatte über diese medien- und innenpoliti-
sche Frage wurde in der aufgeladenen politischen Atmosphäre Bosniens wie so viele
andere Fragen und Probleme, die die Kohäsion des Landes betreffen, weniger mit
sachlichen Argumenten als mit plakativen Äußerungen ausgetragen. Solange sich
daran nichts ändert, wird die Krise des bosnischen Rundfunksystem nur ein Spiegel
der allmählichen, fortschreitenden Desintegration des Landes selbst sein, das seit
langem von Streitigkeiten über Verfassungsfragen und nationale, ethnische Fragen
wie auch die fortdauernde politische Krise belastet ist. Während der Kleinkrieg
über Finanzmodelle und die Integration eines weiteren kroatischen Anbieters tobte,
machte sich niemand ernsthafte Gedanken über die tiefergehenden Ursachen der
Medienkrise, über die rechtlichen, strukturellen, politischen und professionellen
Defizite, die die bosnischen Rundfunkanstalten zu Mitschuldigen an den politischen,
ethnischen, sozialen und kulturellen Spannungen gemacht hat, ein Phänomen,
das sich so auch auf die andere Krisenregion des Balkans, den Kosovo übertragen
ließe. Die Ursachen der Mehrzahl der aktuellen Probleme der bosnischen Medien
muss man im Gründungsakt des Staates suchen, im Friedensvertrag von Dayton
aus dem Jahre 1995, der die meisten Kompetenzen im Kommunikationssektor,
einschließlich der Medien, den Regierungen der Entitäten und den Kantonalregie-
rungen zuwies. Diese Machtverteilung führte in dem vom Konflikt erschütterten,
ethnisch-nationalistisch aufgeputschten Land zu einer chaotischen Entwicklung
neuer Printmedien und des Rundfunksektors. In den ersten Nachkriegsjahren
entstanden 46 terrestrische Fernsehstationen, 148 Radiostationen und 86 andere
Anbieter, die mithilfe anderer elektronischer Kommunikationsnetzwerke sendeten,
wie es in den Registrierungsunterlagen hieß. Die nötigen Reformen des bosnischen
Mediensystems begannen bereits 1998, als die internationale Gemeinschaft die Ein-
richtung eines einzigen, geschlossenen öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems auf
Staatsebene forderte, als eine Vorbedingung für die eventuelle EU-Mitgliedschaft des
Landes. Ende 1998 wurde das Büro des Hohen Repräsentanten (OHR) ermächtigt,
die Reform des Mediensektors zu übernehmen. Mitte 1999 hatte der OHR einen
öffentlich-rechtlichen Rundfunk unter dem Kürzel BHRT (Bosanskohercegovačka
Radiotelevizija) etabliert, und zwei öffentliche Rundfunkanstalten in den Entitäten.
In den folgenden Jahren erließ der Hohe Repräsentant mehrere Direktiven und
Gesetze, um den Status von BHRT zu stärken, der als möglicher Schlüsselfaktor
für den sozialen Zusammenhalt zwischen den drei ethnischen Hauptgruppen
galt. Die finanzielle Sicherheit wurde jedoch nie erreicht, schon deshalb, weil alle

197
198 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

drei Sendeanstalten theoretisch verpflichtet sind, auf die ethnische und kulturelle
Vielfalt in allen Bereichen Rücksicht zu nehmen, über die sie berichten. Außerdem
führten weitere Eingriffe des Hohen Repräsentanten im Jahre 2002 dazu, dass jede
der drei öffentlichen Sendeanstalten unabhängig und damit eigenverantwortlich
wurde für ihre finanziellen Angelegenheiten. Ihre finanziellen Spielräume sollten
sich erweitern mit dem Ergänzungsgesetz zum Rundfunksystem aus dem Jahr 2005,
das verlangt, dass die Rundfunkgebühr, die Telekom-Operateure einsammeln, in
ein gemeinsames Konto eingezahlt werde. Fünfzig Prozent der Einnahmen sollten
an BHRT gehen und 25 Prozent jeweils an die beiden Rundfunkanstalten der na-
tionalen Entitäten. Das Gesetz führte auch dazu, dass Werbeeinnahmen ebenfalls
zentral verwaltet wurden und nach demselben Schlüssel verteilt werden.
Das Ziel dieses neuen Mechanismus war es, BHRT wirtschaftlich zu stärken, doch
die nationalen Eliten der Kroaten, Bosniaken und Serben wussten dies von Anfang
an systematisch zu hintertreiben. Die bosnischen Bürger, die von den dürftigen
Programmen zunehmend enttäuscht waren, weigerten sich ihre Fernsehgebühren
zu zahlen, was dazu führte, dass im ersten Jahr, in dem der neue Mechanismus
umgesetzt wurde, nur rund 63 Prozent der erwarteten Gebühren erhoben werden
konnten, und die Prozentsätze auch in den folgenden Jahren weit unterhalb des
Erwarteten lagen. Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, vor allem BHTV,
verloren bedrohlich an Finanzkraft und Ende 2015 drohten ihnen der finanzielle
Zusammenbruch. Die Standards, die von öffentlich-rechtlichen Medien gewöhnlich
erwartet wurden, waren so nicht mehr zu gewährleisten. Von Anfang an hatten
in Bosnien-Herzegovina politische Abgeordnete das öffentlich-rechtliche System
über dessen Vorstände verwaltet. Nicht politisch gebundene Manager wurden
für den ökonomischen Bereich verpflichtet, während der Programmrat, der be-
deutende Vertreter aus allen Bereichen der Gesellschaft umfassen sollte, um das
Programm möglichst vielfältig und repräsentativ zu gestalten, nie seine Funktion
aufnahm. Trotz wiederholter internationaler Versuche, die Unabhängigkeit der
Öffentlich-Rechtlichen zu sichern, bleib es dabei, dass die Rundfunkanstalten
beider nationaler Entitäten von den jeweiligen politischen Repräsentanten direkt
beeinflusst werden. Auch die Kommunikations-Regulierungsbehörde CRA bzw.
RAK (Communications regulatory agency, Regulatorna agencija za komunikacije),
die Kontrollinstanz für die bosnischen Medien, die Regeln und Verhaltenskodizes
durchsetzen, Strafen für Verletzung professioneller Grundsätze verhängen sollte,
konnte ebenfalls politischer Beeinflussung kaum entgehen. So mussten die bosni-
schen Medien letztlich rechtliche Anforderungen wie Qualitätsstandards konsequent
verfehlen. Parteiische Berichte, politisierte Kommentare und billige internationale
Seifenopern beherrschen das Programm. Auch wurden Fußballspiele immer wieder
von allen drei Fernsehanstalten zeitgleich übertragen. Doch wäre es ungerecht, die
4.2 Medien auf dem Balkan, EU und ethnisch-religiöser Streit 199

Dysfunktionalitäten des bosnischen Mediensystems alleine den wirtschaftlichen


und gesellschaftlichen Umständen, den jeweiligen Nationalismen und dem defizi-
tären Dayton-Abkommen zuzuschreiben. Die reichliche finanzielle, technische und
professionelle Unterstützung von internationaler Seite hätte es durchaus ermöglicht,
ein besser funktionierendes Mediensystem trotz der herrschenden Probleme zu
entwickeln, wäre da nicht auch ein Management der Rundfunkanstalten, das vor
allem durch Inkompetenz und Korruption glänzt. Man ließ die Möglichkeiten
ungenutzt, ein eigenes Gebührenerhebungssystem zu entwickeln, Einkünfte durch
Werbung, den Verkauf eigener Programme und Dienstleistungen zu generieren.
Man hätte finanzielle Mittel durch Austausch von Programmen oder EU-Subven-
tionen für den Aufbau der technischen Ausrüstung einsparen können, hätte es die
politischen Gegensätze und die gegenseitige Blockade nicht gegeben.
Die bosnischen Medien ringen außerdem mit dem bis heute ungelösten Pro-
blem einer unverhältnismäßig hohen Zahl an Mitarbeitern und dem Problem
intransparenter Vertragsverhältnisse mit privaten Produktionsfirmen. Unzählige
wurden eingestellt weniger aus Notwendigkeit und aufgrund professioneller
Kompetenzen denn aus politischen und persönlichen Gründen. Ein großer Teil
der Produktion wurde privaten Unternehmen übertragen, obwohl man in allen
drei Rundfunkanstalten durchaus die nötigen Ressourcen für Produktion in Ei-
genregie gehabt hätte. Die Forderung nach einem eigenen kroatischen Kanal wird
von bosnisch-kroatischen Politikern seit dem Zerfall Jugoslawiens strapaziert, vor
allem um sich als Verteidiger kroatischer nationaler Interessen zu platzieren. Die
Möglichkeit, eine private kroatische Station zu etablieren, bestand seit jeher, doch
tatsächlich fehlte es in Politik und Wirtschaft am Interesse. In den beiden Jahr-
zenten seit dem Bosnienkrieg entstanden in den kroatisch dominierten Gebieten
etliche Fernsehstationen, die sich exklusiv an ein kroatisches Publikum wandte,
doch die meisten scheiterten an ihren Finanzproblemen. Die bosnisch-kroatischen
Politiker, die die um das Überleben kämpfenden Stationen, um Unterstützung
baten, zeigten ihnen die kalte Schulter. Andererseits weisen die Vertreter des
bosnischen Bundesstaates den Gedanken an einen kroatischen Kanal von sich,
weil sie fürchten, damit ein Präjudiz für eine dritten, kroatischen Teilstaat zu
schaffen, ohne näher zu erklären, warum allein die Etablierung einer öffentlichen
Fernsehanstalt die Verfassungsordnung gefährden sollte. Internationale Beispiele
aus der Region oder Westeuropa werden als hoffnungsvolle Modelle angeführt,
um die Legitimität der bosnisch-kroatischen Forderung zu betonen, aber auch als
Gegenargument benutzt290. So hat etwa das kleine Belgien für die drei nationalen

290 Auch wurde ins Feld geführt, dass die „British Broadcasting Corporation“, die BBC,
in nationale Entitäten unterteilt ist, in BBC Scotland, BBC Wales und BBC Ulster, wie
199
200 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

Ethnien und Sprachgemeinschaften, Wallonen, Flamen und Deutsche, jeweils


eigene Medien mit eigenem administrativen und Management-Unterbau. Doch
gerade Belgien schrammte immer wieder an der politischen Immobilität entlang.
Auch Mazedonien schuf aufgrund des Ohrid-Friedensabkommens von 2011 in-
dividuelle Rundfunkanstalten für die mazedonisch-slawische Mehrheit und die
große albanische Minderheit. Den ethnischen Streit konnte das nur kurzfristig
entschärfen. Im März 2017 gingen tausende slawische Mazedonien auf die Straße,
um gegen ihrer Ansicht nach zu weit reichende Rechte der albanischen Minderheit,
vor allem gegen den Status des Albanischen als möglicher zweiter Amtssprache
zu demonstrieren. Sie fürchteten um die Einheit des Landes. Ein eigenes Medium
sei in diesem wie im bosnisch-kroatischen Fall das effizienteste Mittel, um eigene
politische Vorstellungen, auch nationalistische Propaganda unverstellt an die
eigene Klientel zu vermitteln. Die Kooperation bzw. die gemeinsame Reform des
dysfunktionalen bosnischen Mediensystems wäre zweifellos der beste und ratio-
nalste Weg, die begrenzten Mittel sinnvoll zu nutzen, wären da nicht die politisch
instrumentalisierten ethnischen Gegensätze.
Die politische, ethnische und nicht zuletzt auch die religiöse Spaltung Bosni-
ens, die sich in jüngster Zeit noch verstärkt hat, zieht gerade auch Journalisten in
Mitleidenschaft, die Opfer von Verleumdung und selbst körperlichen Angriffen
wurden291. Die religiöse Radikalisierung geht von einheimischen Vertretern der
bosnisch-muslimischen Gemeinden aus, hängt aber auch mit der religiös-politischen
Radikalisierung Saudi Arabiens oder der Türkei zusammen, die direkten Einfluss
auf Bosnien zu nehmen versuchen. Nachdem zum Beispiel die türkische Regierung
unter Erdogan einen angeblich von Gülen-Anhängern organisierten Putsch niederge-
schlagen hatte, wurden auch bosnische Journalisten mit dem Vorwurf konfrontiert,
Gülen-Anhänger zu sein. Der ehemalige bosnische Kulturminister unterstellte im
Juli 2016 der Generalsekretärin des bosnisch-herzegovinischen Journalistenver-

auch in sprachliche Sektionen, z. B. für die ungefähr 50.000 Sprecher des schottischen
Gälisch, und die etwas größere Gemeinschaft der Walisisch-Sprecher. Das Zugeständnis
eigener Medien hat einerseits die Koexistenz, aber auch zentrifugale Kräfte gefördert,
wie das Beispiel Katalonien zeigt, das im Herbst 2017 gegen scharfen Protest aus Madrid
seine Unabhängigkeit von Spanien erklärte.
291 Von Januar bis September 2016 verzeichnete der Nationale Journalistenverband Bosni-
en-Herzegovinas 40 Fälle von Angriffen auf die Presse- und Meinungsfreiheit, darunter
fünf körperliche Übergriffe, zwei Morddrohungen, sechs Fälle von Nötigung, drei Fälle
von übler Nachrede und drei Fälle verbaler Drohungen. Im Oktober 2015 wurde z. B.
laut Medienberichten das Auto von Emil Karamatić, einem Reporter des staatlichen
bosnischen Radiosenders BH Radio 1, angezündet und zerstört. Karamatić hatte zuvor
Drohungen erhalten. Er erklärte, für ihn stehe der Angriff in Verbindung mit seiner
Berichterstattung. Die Polizei schloss dies jedoch aus.
4.3 Die Medien Serbiens und die politische Instrumentalisierung 201

bands, Borka Rudić, die das scharfe Vorgehen der türkischen Behörden nach dem
Putschversuch kritisiert hatte, eine Lobbyistin der Gülen-Bewegung zu sein und
damit eine hochverräterische Organisation zu unterstützen, was der Ex-Minister
auch dem Journalistenverband vorwarf. Zwei unbekannte Männer hielten Rudić
später auf offener Straße an und warfen ihr vor, Gülen-Anhänger und Tschetniks,
d. h. serbische Nationalisten zu verteidigen. Im Mai 2016 schlug ein Unbekannter
dem kroatischen Fernsehjournalisten Petar Panjkota wegen dessen Berichterstat-
tung über eine Demonstration in Banja Luka auf den Kopf. Zwei Reporter des
bosnischen Fernsehsenders BN TV, die über dieselbe Demonstration berichteten,
wurden beschimpft, ein Dritter wurde in den sozialen Netzwerken bedroht. Die
neue Radikalisierung im Zeichen der nationalistischen und religiösen Wende, die
sich aktuell in Osteuropa und jenen Staaten entfaltet, die kulturell und politisch
auf Bosnien einzuwirken versuchen, lässt gerade jene in das Schussfeld geraten,
die sich bemühen, durch ihre Medienarbeit die Spaltung zu überwinden und das
Experiment Bosnien-Herzegovina zu einem europäischen Erfolg zu machen.

4.3 Die Medien Serbiens und die politische


Instrumentalisierung
4.3 Die Medien Serbiens und die politische Instrumentalisierung
Der ehemalige serbische Premierminister und aktuelle Präsident Serbiens Alek-
sandar Vučić gilt in Brüssel als Hoffnungsträger, der sich um eine Abkehr seines
Landes von der nationalistischen Vergangenheit und dessen Heranführung an die
Europäische Union bemühe. In der serbischen Politik und den Medien schwankt
sein Bild daher zwischen tatkräftigem, pro-europäischem Politiker und Verräter
nationaler Interessen. Politiker distanzierten sich öffentlich vom Premier und
nachmaligen Präsidenten, der bereit sei, den serbischen Anspruch auf den Kosovo
aufzugeben, nur um Brüssel zu gefallen. Nationalistische Medien stellten Vučić als
Politiker dar, der sich von der deutschen Bundeskanzlerin kaufen ließe. Das wirke
sich auch die Medienvielfalt bzw. die Meinungsfreiheit aus. Bestimmte Meldungen
wie etwa über eine geplante Anti-NATO-Demonstration, die Mitte März 2016 in
Belgrad stattfinden sollte, fänden keinen Niederschlag in den nationalen Medien,
würden nur noch in den serbischen Diaspora-Medien, zum Beispiel in der deutschen
Ausgabe der serbischen Vesti, wiedergegeben. In den großen überregionalen Medien
wie B92 oder RTS kam die Meldung nicht vor, nur im Belgrader Stadtradio. Eine
Serbin, die seit langem in Deutschland lebt und sich karitativ in Serbien engagiert,
meinte, glücklicherweise gebe es in der serbischen Provinz noch Tankstellen mit
einem analogen, altmodischen Faxgerät, sodass auch die Leute in Belgrad und

201
202 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

Lazarevac erfuhren, dass sie zu jener Demonstration zu gehen hätten. Viele Radio-
sender und Zeitungen mussten in den letzten drei Jahren ihren Betrieb einstellen.
Das hatte mit politischer Einflussnahme, aber auch dem Umstand zu tun, dass sich
viele serbische Medienkonsumenten desinteressiert von einer Berichterstattung
abwandten, die sie für politisch gesteuert halten.
Die Einschüchterung von Journalisten, die Erwartung an sie, regierungskonform
und freundlich zu berichten, ist ein Phänomen, das man mit dem Ende der Ära
Milošević, nach den riesigen Demonstrationen des Jahres 2000 für besiegelt hielt.
Doch einige Leichen aus dieser Zeit blieben bis heute im Schrank, und die Versu-
chung der Politik, genehme Berichterstattung zu erwarten, ist nach wie vor virulent.
Der Fall des regierungs- und vor allem Milošević-kritischen Journalisten Slavko
Čuruvija schien sich im April 2016 der Aufklärung zu nähern. Čuruvija hatte für
verschiedene Zeitschriften und angesehene Zeitungen im ehemaligen Jugoslawien
und in Serbien geschrieben. Im Jahr 1994, nachdem das Regime die Zeitung Borba
unter der Hand übernahm, quittierten er und viele andere Redaktionsmitglieder den
Dienst. Zwei Jahre später gründete er Dnevni Telegraf, Serbiens erst Tageszeitung
in privater Hand seit mehr als 50 Jahren. Čuruvija war ihr Leiter, Chefredakteur
und alleiniger Inhaber. Im Jahr 1998 hob er das zweiwöchige Magazin Evropljanin
(„Der Europäer“) aus der Taufe. Unter bis heute ungeklärten Umständen wurde
Čuruvija am 11. April 19990 ermordet. Der ehemalige Offizier der Staatssicherheit,
Vlada Stevović, der dem Journalisten in der Woche bevor er niedergeschossen
wurde gefolgt war, erklärte gegenüber dem Belgrader Sondergericht, er hätte einen
der Angeklagten, Ratko Romić, nicht in jenem Raum gesehen, wo er Čuruvija be-
obachtete. Auch andere Offiziere der Sicherheit, die den Journalisten beschatteten
– Čuruvija war als bekannter Milošević-Gegner das gesamte Jahr 1999 unter quasi
ständiger Beobachtung –, teilten dem Gericht mit, keinen der verdächtigen Mörder
oder deren Wagen am bewussten Tag gesehen zu haben. Der Zeuge Aleksandar
Radosavljević, der zuerst den Wegen gesehen haben wollte, änderte seine Aussage,
als er im Februar 2016 vor Gericht stand. Die Anklage sprach davon, eine unbe-
kannte Person hätte den Mord angeordnet, während drei ehemalige Offiziere der
Staatssicherheit, Milan Radonjić, Miroslav Kurak und Ratko Romić, des Mordes
verdächtigt wurden. Kurak führte den Mord aus und Romić schlug während des
Mordanschlags Branka Prpa, Čuruvijas Frau, mit einem Pistolengriff, so die Ver-
sion der Anklage. Zwei der Angeklagten plädierten auf nicht schuldig, während
Kurak auf der Flucht war und in Abwesenheit angeklagt wurde. Klar wurde nur,
dass Čuruvija eigentlich unter ständige Beobachtung stand, und dass er ermordet
wurde, weil er seine Opposition gegen das Milošević-Regime kompromisslos und
wortreich vertrat. Seine Ermordung ereignete sich nur wenige Minuten nachdem
seine Überwachung offiziell für beendet erklärt wurde. Nach übereinstimmender
4.3 Die Medien Serbiens und die politische Instrumentalisierung 203

Aussage mehrerer Zeugen soll es Milan Radonjić, zu dieser Zeit Chef des Belgra-
der Sicherheitsdienstes, gewesen sein, der die Überwachung Čuruvijas beendete.
Radonjić und Romić waren bereits im September 2015 angeklagt gewesen wegen
des versuchten Mordes am Oppositionspolitiker Vuk Drašković aus dem Jahr 2000.
Die Repression gegenüber kritischen Journalisten sprach mehr als zehn Jahre
später ausgerechnet Aleksandar Rodić an, Inhaber von Serbiens auflagenstärkster
Tageszeitung Kurir, womit er sich bei Premierminister Vučić unbeliebt machte.
Rodić war dem Premier vor, Journalisten unter Druck zu setzen. Es sei ein offe-
nes Geheimnis, dass in Serbien Journalisten unter Druck gesetzt, körperlich und
verbal bedroht werden. Doch dass ausgerechnet der Boulevard-König Rodić das
öffentlich beim Namen nannte, löste einen Skandal aus. Auf die Titelseite seiner
Sonntagsausgabe druckte er ein Bekenntnis in Großbuchstaben: „Ich entschuldige
mich!“ Angehängt war ein offener Brief, in dem er beschrieb, wie die Regierung
Journalisten zu positiver Berichterstattung nötige. Es sei allgemein bekannt, schrieb
Rodić, dass es in den serbischen Medien Zensur und Selbstzensur gebe. Auf Rodić‘
Philippika reagierte Pink TV, der regierungstreue und populärste Privatsender
Serbiens, mit ungehemmter Polemik. Der Sender unterstellte dem Kurir-Betreiber,
er sei ein Agent westlicher Agitatoren, er wolle die Regierung stürzen und selbst
Premierminister werden. Pink TV zeigte vier Stunden lang immer wieder ein Bild
Rodićs und dazu seine private Adresse. Rodić wollte Vorwürfe aufklären, bot sich
den großen serbischen Medien für Interviews an, doch niemand traute sich mit
ihm zu sprechen. Rodić fühlte sich vollständig isoliert, er erhielt Morddrohungen
der brutalsten Art. Mit der Reaktion hatte er gerechnet, gleichwohl musste er an
die Öffentlichkeit gehen, weil er den Druck der Regierung nicht länger aushalten
wollte. Die Selbstzensur, die die Regierung von ihm forderte, hätte sich über die Jahre
immer mehr intensiviert. Zuerst war er darauf eingegangen, sich jeder Kritik über
Vučić‘ Privatleben zu enthalten, worauf weitere Forderungen folgten. Zuletzt hätte
er weder über Vučić, noch über andere Regierungsmitglieder oder den Belgrader
Bürgermeister berichten können, ohne mit massivem Druck rechnen zu müssen.
Die unabhängige Presse Serbiens, die schon länger mit Pressionen von offizieller
politischer Seit zu kämpfen hat, zeigte sich von Rodić‘ Vorstoß überrascht, denn
bis dato hatte dessen Zeitung absolut auf Regierungslinie gelegen. Gerüchte liefen
um, der Kurswechsel Rodićs hätte mit Geldstreitigkeiten mit einem einflussreichen
Freund Vučićs zu tun, wobei das an der Richtigkeit seiner Vorwürfe nichts änderte.
Gordana Igrić vom unabhängigen Netzwerk Balkan Insight erklärte, der serbische
Premier wende tyrannische Methoden an, um Kritiker zum Schweigen zu bringen.
Die regierungstreue Boulevardzeitung Informer, die mancher als Stimme von Pre-
mier Vučić bezeichnete, wandte zum Beispiel ein nicht nur in den osteuropäischen
Medien beliebtes Mittel an, um Kritiker zu diskreditieren. Sie brachte ein großfor-

203
204 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

matiges Bild eines Balkan-Insight-Mitarbeiters und kommentierte, dieser würde


Millionen Euro vom Westen erhalten, mit dem Auftrag, Serbien zu destabilisieren.
Realiter lag das Durchschnittsgehalt der rund 200 Insight-Mitarbeiter bei 400 Euro.
Das Internet-Portal ist auf Spenden von Menschenrechtsorganisationen und der
Europäischen Union angewiesen, während Informer selbst auf nicht eben geringe
Geldzuwendungen dubioser Herkunft zurückgreifen kann. Außerdem erhält die
Zeitung regelmäßig finanzielle Unterstützung des Premierministers. Der Verdacht
wurde immer wieder geäußert, die EU sehe großmütig über die Repressionen des
Premierministers gegenüber den Medien hinweg, weil sie auf ihn als verlässliche
pro-europäische Kraft baue.
Die unabhängige Presse klagte, Vučić bzw. jene Gruppe loyaler Journalisten
in den regierungsfreundlichen Medien würde auf jeden kritischen Bericht zuver-
lässig mit Anschuldigungen und Diffamierungen reagieren. Ein Journalist würde
rasch als Lügner verunglimpft, der der Regierung nachweist, dass sie Bauprojekte
nicht transparent ausschreibt, oder der Korruptionsfälle untersucht. Dem Premier
war stets besonders daran gelegen, dass in den Medien positiv über ihn berichtet
wird. Dass er damit Erfahrung hat, liegt für seine Kritiker auf der Hand. Vučić
war unter Präsident Slobodan Milošević von 1998 bis 2000 Informationsminister,
und arbeitete vor seiner eigenen Präsidentschaft, als Premier intensiv mit Dragan
Vučićević, Chefredakteur bei Informer und Gastgeber einer Talkshow bei Pink TV
zusammen. Die Kritiker des Premiers lästerten, dass in der Hälfte aller Sendungen
Vučićević denselben Mann interviewte – Premierminister Aleksandar Vučić. Brüssel
konnte das nicht verborgen bleiben. Im Fortschrittsbericht der EU-Kommission
über den Beitrittskandidaten Serbien war zu lesen, es bestehe Sorge über die sich
verschlechternden Bedingungen der Meinungsfreiheit in Serbien. Drohungen
und Gewalt gegenüber Journalisten blieben besorgniserregend. Der unabhängige
Journalist Stevan Dojcinović, der für das Netzwerk unabhängiger Journalisten
KRIK arbeitete, musste das erfahren. Informer beschuldigte ihn Mitte März 2016,
die Publikation eines Lügenartikels, also Fake News, über den Premierminister
vorzubereiten. In diesem Artikel sei die Rede davon, der Premier hätte das Eigentum
an millionenschweren Wertanlagen in Belgrad verschleiert, indem er das Eigentum
auf Familienmitglieder verteilte. Als Beleg illustrierte eine verschwommene Auf-
nahme von Dojcinović den Artikel mit Einzelheiten des angeblich geplanten, noch
unveröffentlichten Artikels des KRIK-Journalisten. Auf dem Titelbild von Informer
erschien Dojcinović mit der Schlagzeile „Mafia verübt Anschlag auf Familie Vučić“
und dem Untertitel: „Exclusiv: Wie Medien-Politik-Oligarchen-Verbrecher die
Zerstörung des Staates planen“. Die Boulevardzeitung suggerierte, dass KRIK den
angeblichen Skandal in Kooperation mit Drogendealern, Kriminellen, korrupten
Polizisten, aber auch Agenten ausländischer Geheimdienste konstruiert hätte, um
4.3 Die Medien Serbiens und die politische Instrumentalisierung 205

Vučić zur Aufgabe seiner Position in der nächsten Regierung zu zwingen. Als Quelle
für Informer kam die Geodätische Behörde (RGA) in Frage, die KRIK angeblich
um Auskünfte zu den Eigentümern von fünf Appartements gebeten haben soll.
Der Herausgeber der Tageszeitung, Dragan Vučićević, weigerte sich jedoch, seine
Quelle und seine Informanten preiszugeben, weil das diese Gefahr für Leib und
Leben aussetzen würde.
Informer hatte KRIK früher schon öfter angegriffen und scharf kritisiert, nach-
dem investigatives Material über Regierungspolitiker erschienen war. Das Netzwerk
nahm im April 2015 seine Arbeit auf. Die These, das Netzwerk verbreite Lügen,
um Serbien zu destablisieren und letztlich zu zerstören, ist ein Standardvorwurf
seitdem Informer im November 2015 eine Reihe von Artikeln veröffentlichte, in
dem diese These erstmals auftauchte. Das Störfeuer von Informer gegen KRIK ist
fast schon zur Routine geworden. Doch der Dojcinović-Fall war das erste Mal,
dass Informer sozusagen vorauseilend, präventiv gegen die kritische Konkurrenz
polemisierte. Dojcinović war rasch klar, dass man ihm systematisch gefolgt war und
seine Arbeit konsequent überwacht hatte. Anders konnte Informer nicht an diese
Informationen gekommen sein. Die höchst problematische und ernsthafte Frage, die
nicht nur Dojcinović sich stellte, war, wer überwache heute in Serbien Journalisten.
Der Verband unabhängiger Journalisten Serbiens (NUNS) verurteilte die von ihr
sogenannte „Lynchkampagne“ der Zeitung Informer gegen das Internet-Portal
KRIK, denn die polemische Veröffentlichung der Boulevardzeitung und die darin
enthaltenen Anklagen würden in der Tat das Leben Dojcinovićs gefährden. NUNS
bat den serbischen Innenminister zu untersuchen, ob die Informationen, die in
jenem Informer-Artikel und in anderen verwertet wurden, von staatlichen Stellen
gekommen wären, eine Bitte, die sich freilich als illusionär erwies. Vor allem wenn
man sich erinnert, dass der Verband unabhängiger Journalisten, NUNS, im Januar
2016 eine Klage gegen den serbischen Innenminister Nebojša Stefanović einreichte,
weil dieser das Büro des NUNS-Präsidenten Vukašin Obradović verwanzt haben soll.
Obradović wunderte sich, wie der Innenminister vom Inhalt eines Privatgesprächs
erfahren konnte, das der NUNS-Präsident mit einem Polizeioffizier geführt hatte.
Serbien hatte sich zwar im Streit der EU um die russische Ukraine-Politik
solidarisch mit Russland erklärt, doch der EU-Beitritt wurde von der Regierung
weiterhin als die vorrangige Option beworben und vertreten. Der Kosovo wurde
in der Verfassung weiterhin als untrennbarer Teil des serbischen Staatsgebietes be-
handelt. Artikel, die Regierungspolitikern undurchsichtige Manöver unterstellten,
die eventuell auf eine Aufgabe des serbischen Anspruchs auf den Kosovo hinaus-
laufen könnten, wurden immer wieder lanciert. Russland mit seiner Möglichkeit,
im UN-Sicherheitsrat ein Veto gegen die internationale Aufwertung des Kosovo
einzulegen, erschien in den serbischen Medien immer wieder als Rettungsanker.

205
206 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

Zugleich versprach Belgrad, den gutnachbarlichen Dialog mit Prishtina weiter-


zuverfolgen, eine Forderung, die Brüssel an den EU-Beitrittskandidaten Serbien
gestellt hatte. In Brüssel reagierte man entrüstet auf die Weigerung Belgrads, sich
den EU-Sanktionen gegen Russland anzuschließen. Vor diesem Hintergrund
wird klar, warum der Fernsehmoderator und ehemalige Sprecher der serbischen
Anti-Terror-Polizeieinheit PTJ Radomir Pocuca verhaftet wurde. Pocuca hatte auf
russischer Seite am Krieg in der Ostukraine teilgenommen, womit er durchaus
nicht alleine stand. Er wäre den Ermittlungsbehörden übergeben worden, teilte
Innenminister Nebojša Stefanović den Reportern in Belgrad mit, und die Belgra-
der Medien berichteten, Pocuca werde vor Gericht gestellt, weil er die Angehöri-
gen-Organisation der „Frauen in Schwarz“ bedroht und das Gesetz für Freiwillige
verletzt haben soll. Nachdem bekannt geworden war, dass er einige Zeit im Krieg
in der Ostukraine gewesen war, wurde im November 2014 ein Haftbefehl erlassen,
da er nicht vor Gericht erschienen war. Die Anklage lautete auf Gefährdung der
Sicherheit der Mitglieder der NGO. Pocuca hatte die Drohungen auf Facebook
hinterlassen, auch eine Botschaft an Aleksandar Vučić, die in vulgärer Sprache
abgefasst gewesen wäre und dem serbischen Premier prophezeite, er werde enden
wie Ceauşescu. Der rumänische Diktator war 1989 von einem Peleton erschossen
worden. In der nördlichen Provinz Serbiens, in der Vojvodina, machte sich im
Juni 2016 der Unmut über den repressiven Einfluss der Regierung auf die Medien
in Demonstrationen Luft.
Eine Gruppe neugegründeter Nichtregierungsorganisationen war dabei, in der
Provinz Demonstrationen zu organisieren, wobei sie gegen die Proteste lokaler
Aktivisten und Journalisten demonstrieren wollten, die vor kurzem für die Freiheit
der Medien demonstriert hatten. Die Gegenproteste, die vor dem Gebäude von
Radio-Television Vojvodina (RTV) stattfinden sollten, wurden von sieben bisher
wenig bekannten Organisationen vorbereitet, darunter „Patku daj tati“ („Gib Papi
die Ente“) und „Odbrana izborne volje“ („Verteidigung des Wählerwillens“). Die
Organisatoren des Gegenprotestes waren ehemalige oder aktuelle Mitglieder von
Treča Srbija („Drittes Serbien“), einer politischen Partei, die der regierenden Ser-
bischen Fortschrittspartei (Srpska Napredna Stranka, SNS). Zivile Aktivisten und
Journalisten waren sich sicher, dass die Regierungspartei ihre eigenen NGOs ins
Leben ruft, vor allem mit dem Ziel, Demonstrationen für die Freiheit der Medien
zu unterminieren und zu unterdrücken. Diese Demonstrationen hatten begonnen,
nachdem der Vorstand von RTV nach dem Sieg der SNS in den Regionalwahlen
in der Vojvodina daran ging, das bisherige RTV-Redaktionsteam umzubauen. Als
erste wurden im Mai 2016 der RTV-Programmdirektor, Slobodan Arezina, und
der Generaldirektor Srdjan Mihajlov entlassen. Darauf folgte der Rücktritt der
Redakteurin des Ersten Fernsehprogramms, Marjana Jović, und die Entlassung
4.3 Die Medien Serbiens und die politische Instrumentalisierung 207

von 14 RTV-Redakteuren am 18. Mai des Jahres. Daraufhin unterschrieben 101


RTV-Journalisten einen offenen Protestbrief, in dem sie den Rücktritt der neuen
Direktion und eine Rückkehr zu den bisher üblichen Arbeitsbedingungen eines freien
Journalismus forderten. Die Protestinitiative namens „Podrži RTV“ („Unterstütze
RTV“) organisierte drei Protestdemonstrationen und kündigte neue Aktionen an,
die sich auf Verletzungen des Rechtes auf Redefreiheit konzentrieren sollten. Milorad
Vukašinović, einer der Organisatoren der Gegendemonstrationen, Journalist und
ehemaliges Mitglied von „Drittes Serbien“, meinte, die Protestdemonstrationen der
RTV-Journalisten sei nicht völlig uneigennützig, vielmehr eindeutig politisch, schon
weil Politiker der Oppositionsparteien bei den Demonstrationen zugegen waren.
Die Gegendemonstrationen wären zur Unterstützung jener RTV-Journalisten
gedacht gewesen, die weiterhin professionell und verantwortungsvoll arbeiten
und Positionen vertreten würden, die in grundsätzlichem Gegensatz zu jenen
der 101 Journalisten stünden, die hinter „Podrži RTV“ stehen. Die Organisatoren
von „Podrži RTV“ fragten sich ihrerseits, bei aller Toleranz des Demonstrations-
rechts, wer hinter diesen neuen Phantom-Gegendemonstrationen steckte, und
auch, wogegen und wofür diese demonstrieren würden. Der Programmdirektor
von „Transparency Serbia“, Nemanja Nenadić, bemängelte, dass eine der neuen,
pro-SNS-Nichtregierungsorganisationen, das „Institut für den Kampf gegen Kor-
ruption“, Teile der Satzung von „Transparency Serbia“ einfach kopiert hatte, und
das bei einer Organisation, von der man annehmen sollte, dass sie einige eigene
Gedanken zum Thema hätte. Der Vorsitzende des „Verbandes unabhängiger Jour-
nalisten der Vojvodina“, Nedim Sejdinović, hielt die Gegenproteste schlicht für den
offensichtlichen Versuch der SNS, mithilfe von Phantom-NGOs öffentliche Kritik
nach den Säuberungen bei RTV einzuschüchtern und zu ersticken, ein Versuch,
der sich damit erklärt, dass die Behörden und die Politik mit einer derart starken
nationalen wie internationalen Reaktion auf die Entlassungen bei RTV nicht ge-
rechnet hatten. Die Proteste, die in vielen Teilen Serbiens entstanden, hatten an
Größe stetig zugenommen. Mancher Beobachter kritisierte die Regierung für ihre
offensichtlich irrationalen Maßnahmen und fühlte sich an die Fehler erinnert, die
die Behörden in den 1990er Jahren, in der Zeit eines Slobodan Milošević gemacht
hatten. Die Serben schienen eingesehen zu haben, dass politische Gewalt gegen die
Medienfreiheit auch ihre Freiheit beeinträchtigt. Auch EU und die OSZE-Mission
in Serbien äußerten sich besorgt über die Lage bei RTV, schließlich sei der öffent-
lich-rechtliche Rundfunk Garant für Qualität und Vielfalt des Programminhalts
und unparteiischer Redaktionspolitik, so ein gemeinsames Statement der beiden
internationalen Organisationen.
Der Verdacht der politischen Beeinflussung, der im Kontext der RTV-Proteste
immer deutlicher artikuliert wurde, warf seinen Schatten auch auf die serbischen

207
208 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

Präsidentschaftswahlen im April 2017. Der Wahlkampf, der mediale Diskurs zeigte


zwei Seiten der politischen Debatte, die auch aus dem Rest Europas vertraut waren:
einerseits galten die etablierten Politiker vielfach als korrupt und machtbesessen.
Der Politologe Dragoljub Mičunović meinte, Serbien sei kein demokratisches Land
und Premierminister Aleksandar Vučić, der für das höchste Staatsamt kandidierte,
sei selbst der Staat geworden292. Ähnliche Vorwürfe an die Adresse der deutschen
Bundeskanzlerin kannte man aus dem deutschen rechtskonservativen und liber-
tären Diskurs. Auch in Serbien waren jene Politiker, die sich gegen als ‚alte System‘
stellten, vor allem aus den sozialen Medien, aber auch aus dem öffentlich-rechtlichen
und privaten Fernsehen bekannt. Der junge Satiriker Ljubiša Preletačević Beli, mit
bürgerlichem Namen Luka Maksimović, wollte ein Kandidat der jungen, nach den
Balkankonflikten geborenen Generation sein, um die sich die etablierte Politik
nicht kümmern würde – ein Vorwurf, den die jungen russischen Demonstranten
der „Generation Putin“, die Ende März 2017 auf die Straße gingen, auch gegen
die Regierung Putin richteten293. Die Anhänger des serbischen Satirikers kannten
Preletačević Beli aus dem Internet und dem Fernsehen. Sein weißer Anzug, seine
alternative Haartracht machten ihn zu einer Figur, die sofort wiedererkannt wurde.
Wer ihn und seine parodistische Bewegung „Samo jako“ – „Parodija koja je postala
stvarnost“ („eine Parodie, die Realität wurde“) – anfangs als chancenlose Exoten
abgetan hatte, stellte überrascht fest, dass er in den Umfragen Ende März 2017
bereits auf Platz zwei gelandet war. Die serbische Presse verglich die Belebung des
Wahlkampfes, das Auftauchen eines Phänomens vor allem der sozialen Medien
wie Preletačević Beli mit dem Aufruhr, den der Erfolg der rechtspopulistischen
Bewerbung „Cinque Stelle“ des ehemaligen Komikers, Unterhalters, Bloggers
und Aktivisten Beppe Grillo in Italien ausgelöst hatte. Seine Bewegung konnte
einflussreiche politische Positionen besetzen wie die Bürgermeisterämter von
Parma, Turin und Rom, aber auch im EU-Parlament. Mochte auch das serbische
Mladenovac nicht Rom sein und Serbien nicht Italien, „spricht für Beli, dass er
eine „politische Tatsache“ ist 294.

292 Vgl.: Вучић је постао држава. Интервју: Драгољуб Мићуновић. In: НИН, Nr. 3454,
9. März 2017, S. 11-14.
293 Vgl.: Reitschuster, B.: Die „Generation Putin“ macht gegen ihren Namensgeber mobil.
Vor allem junge Menschen gingen gegen den Kreml auf die Straße – Putins Anhänger
machen Smartphone und Netzwerke für Protest verantwortlich. In: Die Tagespost, Nr.
38, 30. März 2017, S. 3.
294 Obrenović, Mladen: Ljubiša Preletačević Beli – drugo ili pravo lice Srbije. Luka Mak-
simović, poznatiji kao Beli, nakon Mladenovca, odlučio se i na utrku za predsjednika
Srbije i za sada mu ide vrlo dobro. In: Aljazeera Balkans, 18. März 2017 [http://balkans.
aljazeera.net/vijesti/ljubisa-preletacevic-beli-drugo-ili-pravo-lice-srbije].
4.3 Die Medien Serbiens und die politische Instrumentalisierung 209

Er war die satirisch überdrehte Verkörperung des Protests gegen eine Poli-
tik, die viele Serben als korrupt, überaltert, fern der eigentlichen Interessen des
Volkes empfanden. Die serbischen Politiker würden zwischen Russland und der
Europäischen Union lavieren, ohne sich zu entscheiden. Sie wären bereit, den An-
spruch auf das Kosovo aufzugeben, um Brüssel zu gefallen, das mitverantwortlich
dafür sei, dass Serbien 1999 von den NATO-Mächten bombardiert wurde. Das
serbische Politmagazin NIN brachte Anfang August 2017 ein Interview mit dem
Parteiphilosophen der „Alternative für Deutschland“ (AfD), Marc Jongen, der
Serbien in seiner russlandfreundlichen und EU-kritischen Haltung zu bestärken
wusste295. Putin, den Jongen den „Patron der europäischen Konservativen“ nannte,
sei sicher nicht der „lupenreine Demokrat“, auch sei strittig, ob die Annexion der
Krim dem Völkerrecht entspreche, aber Putin sei ganz sicher keine Bedrohung für
den regionalen wie den Weltfrieden. Er würde sich „sehr rational und vorsichtig
verhalten, was nicht verwundert mit Blick auf den Druck, den die NATO von
allen Seiten auf ihn ausübt“296. Jongen, der seine akademische Karriere, gefördert
durch den Philosophen Peter Sloterdijk, wegen seines Engagements in der AfD
vorläufig beenden musste, fand es bemerkenswert, dass Trumps Präsidentschaft
den oppositionellen konservativen Parteien in Europa Auftrieb gibt. Trump würde
die Hoffnung verkörpern, dass ein radikaler Wechsel möglich ist, denn er hätte
gewonnen „dem Umstand zum Trotz, dass das gesamte Establishment und fast alle
Mainstream-Medien gegen ihn waren, indem er alternative Medien und soziale
Netzwerke nutzte, um mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren“297. Dass eine Po-
litikerin wie Merkel, die für die Politik der offenen Grenzen, für ein „historisches
Verbrechen gegen die Verfassung Deutschlands“ verantwortlich“ sei, nicht längst
vor Gericht stünde und gute Aussicht hat, wiedergewählt zu werden, hätte damit
zu tun, dass Deutschland keine richtige Regierung habe und die die Bürger eine
„Gehirnwäsche durch die Mainstreammedien“ unterzogen werden würden. Jongen
bestärkte im Grunde die ostmittel- und südosteuropäischen Staaten, die sich der
Politik der offenen Grenzen verweigerten, in ihrer Haltung. Das Interview mit
Jongen erschien nicht in einem randständigen Medium, sondern im führenden,
meinungsbildenden serbischen Politmagazin, und war daher in seiner Bedeutung
nicht zu unterschätzen. Es mochte das grundsätzliche Interesse an einer politischen
Partei belegen, die nach der nächsten Bundestagswahl im September 2017 in den
Bundestag einziehen würde. Der freundliche Ton des Interviews legte aber auch

295 „Путин је патрон европских конзервативаца“. In: НИН, Nr. 3474, 27. Juli 2017,
S. 42-45.
296 Ibidem.
297 Ibidem.
209
210 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

ein nationalkonservatives, westlich-kritisches Einverständnis nahe, das sich aus


dem historischen Dilemma Serbiens ergibt, an der Nahtstelle zwischen West und
Ost zu liegen.

4.4 Die Medien Montenegros und die Westbindung


4.4 Die Medien Montenegros und die Westbindung
Dieses Dilemma gilt auch für Montenegro, das in der serbischen Tradition als das
treue Bollwerk serbisch-montenegrinischer Wehrhaftigkeit sowohl gegen das Os-
manische Reich als auch gegen den Westen gilt. In den Augen nationalkonservativer
serbischer oder auch russischer Medien hätte sich das kleine Berg- und Küstenland
in jüngster Zeit zu einem Staat entwickelt, der sich um jeden Preis in die Gunst
des Westens schleichen wolle. Im Sündenregister Montenegros hätte sich in dieser
Hinsicht einiges angesammelt: Das Ausscheiden aus dem Staatsverband mit Ser-
bien, die Anerkennung des unabhängigen Staates Kosovo, die Distanzierung von
Russland und jüngst der Antrag auf Nato-Mitgliedschaft, der Montenegro endgültig
aus der serbisch-orthodox-balkanischen Solidargemeinschaft katapultiere. Vor dem
Hintergrund des NATO-Bombardements auf Serbien 1999 und der Behandlung,
die sich das Land seitdem habe gefallen lassen müssen, sei es ein Skandal, wenn
sich Montenegro derart vor den Karren des Westens spannen lasse, so der Tenor
vieler serbischer Medien in den letzten Jahren. Zu dieser außenpolitischen Wendung
Montenegros würden auch die Anklagen passen, die der ehemalige Premierminister
Milo Djukanović an Russland richtete. Ende Februar 2017 warf dieser Russland vor,
den Balkan destabilisieren zu wollen, nachdem der russische Versuch gescheitert
wäre, Podgoricas pro-westliche Regierung zu stürzen. Der serbische Premier Vučić
hatte auf einer Pressekonferenz ohne weiteren Kommentar erklärt, die serbische
Polizei hätte mehrere Personen festgenommen, die von Serbien aus einen Mord­
anschlag auf seinen montenegrinischen Kollegen geplant hätten. Die serbische
Tageszeitung Danas berichtete, unter den Verhafteten wären mehrere Russen, was
zu Djukanovićs These passte, der Putsch gegen seine Regierung sei nicht nur von
russlandhörigen Oppositionellen im eigenen Land, sondern zudem von Russland
organisiert worden. Die montenegrinische Opposition, die wiederholt gegen den
korrupten Regierungschef protestiert hatte, lehnte die NATO-Mitgliedschaft weithin
ab und war Russland gewogen, das sich in seinen Auslandsmedien scharf gegen
einen Beitritt Montenegros aussprach.
Russland war einerseits aus strategischen Gründen dagegen, andererseits haben
viele hohe russische Beamte und Staatsdiener in den vergangenen Jahren Montenegro
zu einem Zufluchtsort für ihre Familien und ihr Kapital gemacht, so etwa Oligarchen
4.4 Die Medien Montenegros und die Westbindung 211

wie der Russe Oleg Deripaska, der Millionen investierte, unter anderem in das lokale
Aluminiumwerk und in Luxusimmobilien. Deripaska verklagte Montenegro nach
dem NATO-Beitritt im Juni 2017 wegen der Rückabwicklung von Privatisierungen
auf Hunderte Millionen Euro. Russische Staatsbürger besitzen Zehntausende Häu-
ser und Apartments in Montenegro, das selbst nur rund 620.000 Einwohnern hat.
Russland war eine Wirtschaftsmacht in Montenegro wie auch ein kulturell-ideeller
Bezugspunkt. Viele russische wie serbische Nationalisten sehen Montenegro nach
wie vor als Teil Serbiens, das sich wiederum historisch, kulturell und politisch in
enger Beziehung zu Russland sieht. Etliche der russischen Freiwilligen, die in der
Ostukraine für die russische Sache kämpfen, haben im jugoslawischen Bürgerkrieg
auf serbischer Seite gekämpft. Zu diesen gehört Igor Girkin alias Strelkov, der zu
Beginn des Krieges im Osten der Ukraine und auf der Krim prorussische Separa-
tisten anführte. In Montenegro halten sich auch einige von Strelkovs russischen
Weggefährten auf, etwa Viktor Saplatin, der Anfang September 2016 in Kotor zum
Anführer des Balkan-Kosaken-Heeres gewählt wurde298. Saplatin setzt sich für ein
historisches Großserbien ein, nahm am Bosnienkrieg Anfang der 1990er Jahre teil
und tritt als Vertreter der „Union der Donbass-Freiwilligen“ auf dem Balkan auf.
Auf Russen wie auch auf jene Montenegriner, die nach Meinung der Regierung
auf russischer Seite stehen, weil sie den NATO-Beitritt und die ihrer Ansicht nach
einseitige und kurzsichtige Westbindung Montenegros ablehnen, fiel der breite
Scheinwerfer des Verdachts, als im Oktober 2016 Gerüchte über einen pro-russi-
schen Putschversuch unter Bratislav Bata Dikić bekannt wurden. Dikić, ehemals
Befehlshaber einer serbischen Sonderpolizeieinheit, engagierte sich aktuell in der
pro-russischen „Patriotischen Front Serbiens“. Der Langzeit-Premier Montenegros
Milo Djukanović trat nach dem Putschversuch am Tag der Parlamentswahlen, dem
16. Oktober 2016, zurück, der das Ziel gehabt haben soll, den Premier zu ermor-
den und Montenegro vom NATO-Beitritt abzuhalten. Wenige Stunden vor der
Ausführung sei der Plan von einem geständigen Mitverschwörer verraten worden.
Serbische Medien spekulierten, ob es sich bei den Putschisten um Freischärler aus
dem Donbass handeln könnte. Russische und montenegrinisch-oppositionelle
Medien vertraten dagegen die Ansicht, die Versuchung sei für die Machthaber
in Montenegro groß, Kritik der Opposition als russischen Einfluss oder ihr gar
einen Putschversuch zu unterstellen und sich so beim Westen beliebt zu machen.
Der Besuch des russischen Sicherheitsratschefs Nikolaj Patrušev in Belgrad war in
westlichen Blogs und Artikeln ex-post als ‚eilig‘, ‚brisant‘ und ‚völlig überraschend‘

298 Vgl.: Vukicevic, J./Coalson, R.: Russia’s Friends Form New ‘Cossack Army’ In Balkans.
In: RadioFreeEurope/ RadioLiberty, 18. Okt. 2016 [https://www.rferl.org/a/balkans-
russias-friends-form-new-cossack-army/28061110.html].
211
212 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

beschrieben worden299. Patrušev traf sich mit dem serbischen Premierminister


Vučić, mit Staatspräsident Tomislav Nikolić, Außenminister Nebojša Stefanović
und Innenminister Ivica Dačić, wobei das offizielle Thema der Gespräche die wei-
tere Vertiefung der Zusammenarbeit beider Länder auf dem Gebiet der Sicherheit
war. Doch die Anreise Patruševs war keineswegs übereilt oder überraschend.
Russische Nachrichtenagenturen hatten seinen Besuch bereits Wochen vor dem
Skandal angekündigt. Ukrainische Hacker wählten sich in Mails des Putin-Beraters
Vladislav Surkov ein, der sich im Kreml um die Politik im Donbass, in Ossetien,
Abchasien und auch in Montenegro kümmert. Während die Leaks Anhaltspunkte
für Verwicklungen Moskaus in der Ostukraine lieferten, gab es nichts dergleichen
hinsichtlich einer Einmischung auf dem Balkan. Der Kreml bestritt offiziell jede
Verwicklung in den angeblichen Putschversuch, hatte aber bereits im Wahlkampf
die pro-russische Opposition gezielt unterstützt. In westlichen Medien war nicht
nur von pro-russischen, sondern auch von nationalistischen Parteien die Rede, die
den NATO-Beitritt ablehnen. In einer Rede vor der Parteijugend der Sozialdemo-
kratischen Partei in Nikšić unterstellte Premier Djukanović den pro-russischen
Oppositionsparteien, sie wären bereit, auch mittels „Blutvergießen und eines Coups“
eine pro-Kreml-Regierung zu installieren. Eine neue Marionettenregierung würde
nur den Interessen Moskaus dienen, das an Europa und die NATO die Botschaft
senden wolle, dass beide nicht auf den Balkan expandieren können ohne seine
Zustimmung, erklärte Djukanović, der das NATO-Beitrittsgesuch seines Landes
orchestriert hatte. Von allen Balkanstaaten, die nie dem Sowjetblock angehörten
und heute Mitglieder der EU werden wollen, ersuchte allein Montenegro um die
Mitgliedschaft in der NATO. Der Oberste Kommandeur des Militärbündnisses
für Europa, General Curtis Scaparrotti, warnte in einer Rede im Kosovo vor dem
zeitweise nicht hilfreichen Einfluss, den Russland in der Region ausübe, vor allem
über die Medien „durch Desinformation und politischen Einfluss“.

299 Der Balkan-Korrespondent der russischen Zeitung „Kommersant“, Gennadi Sysojev,


stellte am 28. Oktober einen Zusammenhang zwischen der Ausweisung der mut-
maßlichen russischen Provokateure und dem „völlig überraschenden Belgradbesuch
Patruschews“ her: „In seinem Artikel zitiert er serbische Experten, die überzeugt sind,
dass beide Ereignissen in Zusammenhang miteinander stehen. Der Fall sei ein Skandal
wie es ihn in den russisch-serbischen Beziehungen der postsowjetischen Ära bislang
nie gegeben habe, bei der eiligen Anreise Patruschews sei es um nicht weniger als die
Rettung der Beziehungen gegangen. Informanten Sysojevs, „die der serbischen Regie-
rung nahestehen“ sagten ihm, Belgrad sei nicht an einer Belastung der Beziehungen zu
Russland interessiert, wolle andererseits aber auch nicht der Beteiligung an kriminellen
Aktionen im Nachbarland verdächtigt werden.“ [„Plante der Kreml einen Umsturz in
Montenegro?“ In: eurasiablog, 29. Okt. 2016, http://eurasiablog.de/blog/ 2016/10/29/
plante-der-kreml-einen-umsturz-in-montenegro/].
4.4 Die Medien Montenegros und die Westbindung 213

Djukanovićs Werben um EU und NATO, sein Bekenntnis zu den westlichen


Werten als Voraussetzung für einen Beitritt erschienen prekär, wenn man sich die
Defizite der Regierung Montenegros, ja die Versuche ansah, abweichende Meinun-
gen und oppositionelle Medien zu unterdrücken. Im Februar 2014 machte Michael
Lohmeyer, Vorsitzender des Styria-Konzernbetriebsrats, in einem offenen Brief an
den montenegrischen Präsidenten Filip Vujanović und Ministerpräsident Milo Dju-
kanović, der Montenegro seit 23 Jahren regiert, auf die lebensgefährliche Situation
von Medienvertretern aufmerksam. Anschläge auf Journalisten und Verlagshäuser
kamen immer wieder vor, um kritische Berichterstattung einzuschüchtern. Loh-
meyer forderte konkrete Taten, um dieses Klima der Angst und Einschüchterung
zu ändern. Djukanović hatte selbst erklärt, für ihn seien Journalisten, die über
Korruptionsfälle berichten, „Agenten, Medienmonster oder Medienmafiosi“. Die
unabhängigen Medien würden gegen die Regierung und gegen die öffentliche Ord-
nung arbeiten, sie würden den Terrorismus unterstützen, behauptete der Premier
bei verschiedenen Gelegenheiten, etwa in einem Interview mit dem Fernsehsender
Pink M300. Besonders im Auge hatte er dabei die Zeitungen Dan und Vijesti. Eine
EU-Delegation, die 2014 Montenegro besuchte, mahnte eine Änderung dieser Hal-
tung an, die Aufklärung von Angriffen auf die Medien einschließlich eines Mordes
an einem Journalisten aus dem Jahr 2004. Die Delegation rief dazu auf, die Rolle der
freien Medien besser zu verstehen, sie aktiv zu unterstützen. Das war die Antwort,
die ein Delegationsmitglied im Vijesti-Interview gab, und damit indirekte Kritik
an Djukanovićs abfälligen Bemerkungen über die Presse übte301. Diese Verachtung
der Menschenrechte Meinungs- und Pressefreiheit passe schlecht zu einem Land,
das über einen Beitritt zur Europäischen Union verhandelt, schrieb Lohmeyer
in seinem offenen Brief. Es sei selbstverständlich, „dass ein solcher nur möglich
ist, wenn die Menschenrechte hoch gehalten werden. Die Freiheit der Medien ist
Versprechen und Garantie, dass die freie Meinungsäußerung erwünscht und für
jeden Staatsbürger möglich ist. Die Konzernvertretung des Styria-Konzerns erwar-
tet daher, nicht nur mit Worten der Betroffenheit und des Bedauerns Übergriffe
gegen freien Journalismus zu kommentieren, sondern konkrete Taten zu setzen,
um dieses Klima zu ändern. Es ist Aufgabe des Staates sicherzustellen, dass sich
Journalistinnen und Journalisten völlig ungehindert und frei bewegen können und
ihre anspruchsvolle Arbeit erledigen, ohne dabei Angst vor Repressalien welcher

300 Vgl.: „Razumije li Đukanović ulogu medija?“ U Delegaciji EU navode da javne ličnosti
treba da promovišu i javno podržavaju slobodu medija. In. Vijesti, http://www.vijesti.
me/vijesti/razumije-li-dukanovic-ulogu-medija-912518.
301 Ibidem.
213
214 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

Art auch immer haben zu müssen.“302 Journalisten der Oppositionszeitung Vijesti


beklagten, dass der Westen bzw. die Botschaftsvertreter westlicher Staaten über die
Verletzungen der Pressefreiheit den Mantel des Schweigens breiten würden, solange
nur der euro-atlantische Integrationskurs der Regierung fortgesetzt werde. Vijesti
gehört zu den wenigen Zeitungen, die sich nicht scheuen, die Regierung offen zu
kritisieren, was auch zum Status beitrug, die einflussreichste Tageszeitung des
Landes zu sein. Die Vijesti-Mediengruppe verfügt auch über einen Fernsehsender,
der aber aus politischen Gründen zwei Jahre lang keine Sendelizenz erhielt. Die
regierungskritische Haltung der Zeitung führte immer wieder zu politischem
Druck, der sich etwa in Strafverfahren gegenüber ihren Journalisten äußerte.
Eine Vijesti-Journalistin nannte es problematisch, dass es in Montenegro seit dem
Ende des sozialistischen Jugoslawien nie einen in Wahlen herbeigeführten Re-
gierungswechsel gegeben hätte. Auf Staatsdiener werde massiver Druck ausgeübt
und die Oppositionsparteien seien untereinander heillos zerstritten. Daher setzte
sie ihre Hoffnung, dass sich in Montenegro die Situation für die Journalisten und
die Medien bessere, auf den EU-Beitrittsprozess und die Bindung an den Westen.

302 Der Brief an Vujanović und Djukanović im Wortlaut: „Sehr geehrter Herr Präsident!
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident! Es sind nun einige Wochen seit dem tätlichen
Übergriff auf eine montenegrinische Journalistin und einem Sprengstoffattentat auf das
Redaktionsgebäude der Tageszeitung Vijesti vergangen, an der auch der österreichische
Styria-Konzern eine Beteiligung hält. Am 13. Februar hat es erneut einen Anschlag
gegeben, diesmal einen Brandanschlag auf ein Dienstauto von Vijesti. Mittlerweile
gibt es Dutzende solcher Anschläge auf Medien und/oder deren Mitarbeiter. Als Kon-
zern-vertretung der Styria Media Group AG haben wir uns in den vergangenen Tagen
einen Überblick über die Situation verschafft, unter welchen Journalisten in Montenegro
alltäglich arbeiten. Wir haben dabei feststellen müssen, dass trotz einer vergleichsweise
breiten Berichterstattung auch in internationalen Medien nach den jüngsten Vorfällen
sich die Lage für den Journalismus in Ihrem Land nicht gebessert, sondern weiter
zugespitzt hat. Die Arbeit in Medien ist nach wie vor gekennzeichnet durch Angst
vor Repressalien, viele fürchten um ihre körperliche Unversehrtheit. Es herrscht ein
Klima vor, in dem sich ein kritischer und lebhafter Journalismus nicht entfalten kann.
Kritischer Journalismus ist, wie Sie wissen, nicht das Salz in der Suppe, sondern die
Grundessenz einer funktionierenden Demokratie. Zur Garantie von Grundrechten
gehört auch, dass Journalisten sich in ihrer Arbeit ungehindert frei entfalten können
und dabei die Sicherheit haben, dies unter einem rechtsstaatlichen Schutzschirm und
ohne jegliche Art von Gefährdung tun zu können. Die Freiheit der Medien, die Freiheit
jedes einzelnen Medienmitarbeiters, ist Gradmesser für die Freiheit innerhalb eines
politischen Systems. Und es sind solche Grundwerte, die Eckpfeiler in der europäischen
Wertegemeinschaft sind.“ [„Montenegro: Immer mehr Übergriffe auf Journalisten“.
In: euractiv, 7. März 2014, http://www.euractiv.de/section/erweiterung-und-nachbarn/
news/montenegro-immer-mehr-ubergriffe-auf-journalisten/].
4.5 Die kroatischen Medien und das Klima des Verdachts 215

Als im April 2017 das Parlament in Podgorica für den NATO-Beitritt stimmte,
überging die Regierung die Bedenken und die deutliche Kritik pro-serbischer,
pro-russischer und orthodoxer Kräfte, die sich in ihren Medien gegen den ihrer
Ansicht nach wirtschaftlich und politisch unvernünftigen Beitritt aussprachen.
Er verprelle Russland und verschaffe dem kleinen, militärisch schwachen Land
keinen Vorteil gegenüber den übrigen Schwergewichten des Bündnisses. Der rus-
sische Verteidigungsminister Sergej Šojgu behauptete denn auch, das militärische
Potenzial Podgoricas sei gleich Null. Das westliche Militärbündnis nehme Mon-
tenegro auch nur auf, um seinen Einfluss auf dem Balkan zu stärken. Die NATO
hatte abgesehen von einem kurzen Küstenstreifen Bosnien-Herzegovinas nun die
Adriaküste in ihrer Hand. Der amerikanische Außenminister Rex Tillerson sah
die Verdrängung Moskaus aus diesem Teil des Balkans als Fortschritt, denn „die
russische Präsenz auf dem westlichen Balkan ermuntert und nährt nationalistische
und destruktive Kräfte in der Region, um die europäische und euroatlantische
Perspektive von Montenegro und anderer West-Balkan-Länder zu zerstören“303.
Diese angeblich destruktiven Kräfte, die die Unterstützung des russischen Außen-
ministeriums hatten und rund die Hälfte der Einwohner Montenegros ausmachen,
beharrten auf dem Standpunkt, Montenegro führe besser mit einer Neutralität,
die Russland wie den Westen zum eigenen Vorteil auf Abstand hielte. Die klare
Spaltung Montenegros, der marginale, unsichere Vorsprung der Befürworter des
Beitritts erklärt auch, warum es kein Referendum über den Beitritt gab, sondern
das Parlament über die Frage entschied.

4.5 Die kroatischen Medien und das Klima des Verdachts


4.5 Die kroatischen Medien und das Klima des Verdachts
Die nationalkonservative Wende, der Einfluss nationalistischer, antiwestlicher
Kräfte, die man in jüngster Zeit in Serbien, aber auch in Montenegro beobachten
konnte, schien sich auch in Kroatien in der Politik und den Medien zu vollziehen.
Westliche Beobachter meinten, statt Reformen gebe es in Kroatien aktuell nur
„Kulturkampf von rechts und Versuche, die Medien zu gängeln“304. Ende Januar

303 Eckert, D.: Montenegro: Im Land umstrittener Nato-Beitritt. In: Telepolis, 6. Juni
2017 [https://www.heise.de/tp/features/Montenegro-Im-Land-umstrittener-Na-
to-Beitritt-3733790.html].
304 Verseck, K.: Kroatiens Nationalismus: Die Angst vor dem nächsten Ungarn. 100 Tage
ist Kroatiens neue Regierung im Amt – und ihr Kurs sorgt für Unbehagen. Medien
werden gegängelt, nationalistische Töne immer schriller. Kritiker fürchten ungarische
Verhältnisse. In: Spiegel Online, 3. Mai 2016.
215
216 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

2016 trat die neue kroatische Regierung ihr Amt an, eine Koalition der nationalkon-
servativen Partei „Kroatische Demokratische Gemeinschaft“ (HDZ) mit dem zivilen
Reformbündnis „MOST“ (Brücke), die offiziell vom parteilosen Ex-Pharma-Manager
Tihomir Orešković geführt wurde, einem Kompromisskandidaten mehrmonatiger
Koalitionsverhandlungen. Die eigentlich entscheidenden Persönlichkeiten in der
Regierung waren jedoch der HDZ-Chef und Vizepremier Tomislav Karamarko
und die Führung des zerstrittenen MOST-Bündnisses. Der Vizepremier musste
bereits im Juni 2016 wegen Korruptionsvorwürfen auf sein Amt verzichten und
legte auch den HDZ-Vorsitz nieder. Die neue kroatische Regierung führe, so wurde
kritisiert, einen Geschichts- und Kulturkampf und versuche in dieser Hinsicht auch
die Medien auf Linie zu bringen. Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarović, die
zu den gemäßigten National-Konservativen zählt, warnte davor, das antifaschis-
tische Fundament des Staates infrage zu stellen. Andere gaben zu bedenken, der
gesellschaftliche Zusammenhalt und der Pluralismus seien in Gefahr.
Für die erste große Kontroverse sorgte Ende Januar 2016 der Veteranenminister
Mijo Crnoja, der ein „Register der Verräter des nationalen Interesses“ anlegen lassen
wollte. Nach viel öffentlicher Empörung wurde der Plan fallengelassen. Crnoja
selbst musste nach nur sechs Tagen im Amt wegen diverser Steuer-, Betrugs- und
Gewaltdelikte zurücktreten. Anfang Februar beschloss das kroatische Parlaments­
präsidium, die alljährliche Gedenkfeier an das ‚Massaker von Bleiburg‘ wieder
mitzufinanzieren. 1945 hatten Partisanen der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee
Tausende gefangene Soldaten des kroatischen Ustaša-Regimes und viele ihrer Fami-
lienangehörigen, die ins österreichische Kärnten geflohen waren, erschossen oder
auf Todesmärsche geschickt. Die sozialdemokratische Vorgänger-Regierung hatte
die Unterstützung 2012 beendet, weil kroatische Rechtsextreme die Gedenkfeier
immer wieder für Rehabilitierungsversuche des Ustaša-Regimes benutzt hatten.
Kulturminister Zlatko Hasanbegović, selbst Mitglied des „Bleiburger Ehrenzuges“,
setzte mit der Neuaufnahme der Finanzierung ein Zeichen gegen die bisherige,
offiziell positive Sicht des Titoistischen Antifaschismus. Tito sei nach Ansicht der
kroatischen Linken, wie sie der kroatische Historiker Slavko Goldstein formuliert,
der Sieg über die NS-Besatzer und den Stalinismus, und damit über Barbarei und
Totalitarismus gelungen, während das rechte Lager Tito als Diktator sieht, der mit
der „Phraseologie des Antifaschismus“ alle national empfindenden Kroaten bekämpft
und unterdrückt hätte305. Nach Hasanbegovićs Amtsantritt druckte eine kroatische
Wochenzeitung Ustaša-Lobeshymnen nach, die dieser 1996 verfasst hatte. Er bestritt

305 Rathfelder, E.: „Proteste gegen den Rechtsaußen“. Filmschaffende, Journalisten und
Autoren fordern die Absetzung von Kulturminister Hasanbegovic. Der will linke
Projekte nicht mehr fördern. In: taz, 5. Febr. 2016 [http://www.taz.de/!5275388/].
4.5 Die kroatischen Medien und das Klima des Verdachts 217

nachdrücklich, die kroatischen Faschisten zu verteidigen, er wolle ihre Taten nur


in den historischen Kontext einordnen, historische Tabuthemen offen ansprechen,
was von der Gegenseite als Beschönigung und Relativierung verurteilt wurde306. Er
äußerte sich zum Beispiel anerkennend über einen neuen Dokumentarfilm über
das kroatische Vernichtungslager Jasenovac, in dem von 1941 bis 1945 mehr als
80.000 Serben, Juden, Roma und Kommunisten ermordet wurden. Der Film über
die angebliche Wahrheit von Jasenovac rechnet die Zahl der Opfer weit herunter.
Die Wende in der Sicht auf die Vergangenheit war die eine Seite der Medaille,
die Reform der Medien die andere, die in Kroatien ähnlich wie in Ungarn oder
Polen zu laufen schien. Anfang März 2016 wurde der Direktor des öffentlich-recht-
lichen Fernsehens und Rundfunks (HRT), Goran Radman, abgesetzt, der von der
vorvorherigen, bereits im November 2015 abgewählten Mitte-Links-Regierung
unter Premier Zoran Milanović eingesetzt worden war. Der überdimensionierte
und korruptionsanfällige Apparat des öffentlich-rechtlichen Mediums HRT war
in der Tat mehr als reformbedürftig. Doch der neuen Regierung ging es offenbar
vor allem um politisch genehme Berichterstattung. So wurde eine erfolgreiche
Satiresendung aus dem HRT-Programm gestrichen, etliche leitende Redakteure
wurden entlassen, weil sie politisch nicht auf der Linie der neuen Regierung lagen.
Kulturminister Hasanbegović reduzierte oder strich die finanzielle Unterstützung für
zahlreiche als gemeinnützig anerkannte Medien, die im Rat für Non-Profit-­Medien
zusammengefasst waren. Der Rat, der im Januar 2017 aufgelöst wurde, obwohl
seine Amtszeit erst im Oktober hätte enden sollen, verwaltete die Finanzierung
von Medien, die sich mit Themen befassen, die nicht im Mainstream-Interesse
liegen. Sie waren dem neuen Kulturminister ein Dorn im Auge, weil sie unprofi-
tabel waren und immer wieder auf kritische Distanz zur neuen Regierung gingen.
Das Kulturministerium veröffentlichte eine Liste der Medien, die staatliche Hilfen
erhalten, wobei viele linke Medien künftig weniger oder keine Subventionen mehr
erhalten sollten. Die These, allen linken Medien würden die Zuwendungen gekürzt
oder gestrichen, war nicht pauschal korrekt. So war die kroatische Ausgabe der Le

306 Der Streit um den neuen kroatischen Kulturminister entwickelte sich zum regelrech-
ten Kulturkampf, in den sich die amerikanische Zeitschrift „Foreign Policy“ genauso
einmischte wie der serbische Nachrichtensender B92, der die amerikanische Analyse
wiedergab. Das Amt des Kulturministers der kroatischen Regierung bekleide der
„ultrarechte und erwiesene Faschist“ Zlatko Hasanbegović, der „in einem Kulturkrieg
das Terrain für die Zukunft“ vorbereiten würde. „Foreign Policy“ schrieb, sein Ziel sei
es, den Grund zu schaffen für seinen abschließenden Angriff auf die liberale Demo-
kratie. Im Unterschied zur Rechten in Polen und Ungarn, die versuchen würden ihre
demokratischen Institutionen zu unterminieren, würden die kroatischen Extremisten
und Nationalisten ihren Krieg vorläufig innerhalb der Kulturszene führen.
217
218 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

Monde Diplomatique, die der Regierung als linkes Medium galt, ausersehen, sogar
mehr Geld zu erhalten. Diese offenbare Anomalie deuteten Kritiker als strategische
Entscheidung. Hasanbegović wolle damit möglichen Vorwürfen aus dem Weg gehen,
er kürze Gelder für linke Medien, um sie rechten zuzuwenden, so Andrea Milat,
Herausgeberin von Le Monde. Nach ihren Informationen erhielten konservative
und rechtsnationale Zeitungen wie Vijenac („Der Kranz“) und Hrvatsko slovo
(„Das kroatische Wort“) weit höhere Zuwendungen. Während die Unterstützung
für Le Monde nur von 37.400 Euro auf 40.000 Euro pro Jahr anstieg, wuchsen die
Subventionen für Vijenac von 73.600 Euro auf 80.000 Euro.
Die Medienpolitik der neuen christdemokratisch-national-konservativen kroa-
tischen Regierung war für die Botschafter mehrerer EU-Länder und der USA, die
sich in Zagreb aufhielten, Anlass für ein informelles Treffen Mitte April 2016. Was
den Stellenwert der Pressefreiheit betrifft, darüber war man sich in diesem Kreis
einig, während Staatspräsidentin Grabar-Kitarović die Diskutanten warnte, sich
nicht in die inneren Angelegenheiten ihres Gastlandes einzumischen. Mehr als 1.130
Kulturschaffende teilten die Bedenken der Gesandten und forderten im Februar
2016 in einem Protestbrief die Ablösung des Kulturministers und Historikers, der
mit einem Buch über „Muslime in Zagreb“ bekannt geworden war, das die These
vertritt, Kroaten und bosnische Muslime seien eine Nation mit verschiedenen reli-
giösen Bekenntnissen. Der Brief übte scharfe Kritik am historischen Revisionismus
des Kulturministers, aber vor allem an der Kürzung staatlicher Subventionen für
linke und grüne Projekte. Kroatische Intellektuelle äußerten in Kulturzeitschriften
und linksbürgerlichen Medien ihre Bedenken, ob Kroatien im Begriff sei, einen
ähnlich illiberalen Weg wie Ungarn oder Polen einzuschlagen. Die Gefahr, dass
Kroatien in den Sog einer mittlerweile internationalen Entwicklung gerät, sei real,
wenn auch kroatische politische Verhältnisse weit von den polnischen oder ungari-
schen entfernt seien, meinte der Politologe Sandro Knezović aus Zagreb, während
der Philosoph Žarko Puhovski von der Universität Zagreb das Risiko sah, dass die
bisher randständige nationalistisch-konservative Revolution in Kroatien durch die
Politik der Regierung Teil des Elitendiskurses und damit enttabuisiert, akzeptabel
und politisch relevant werden würde.
Teil dieser Revolution sei die in Polen und Ungarn populäre Vorstellung, von
Feinden umgeben zu sein bzw. von politischen Mächten, die dem eigenen Land
nicht unbedingt wohlwollten. Mit diesem oft so genannten Klima des Verdachts
hätte auch die Absetzung der linken Satire-Sendung „Montirani proces“ („Schau-
prozess“) zu tun, die die Kroatische Radio-Fernseh-Anstalt HRT lange gezeigt hatte.
Deren Programm-Management begründete das in einer Presseerklärung damit, ein
Teil des Skripts erwähne Dinge, die für eine Ausstrahlung nicht geeignet seien, es
kollidiere mit dem Auftrag, den Werten und Prinzipien von HRT. Die Satireshow
4.5 Die kroatischen Medien und das Klima des Verdachts 219

missbrauche ein Thema, um damit religiöse und nationale Intoleranz zu provozieren.


Jedes Programm-Management in der Welt würde solche Inhalte als ungeeignet und
beleidigend einstufen und ablehnen. Interessanterweise unterrichtete der Sender die
Medien vor den Produzenten und Autoren der Show, die für die satirische Webseite
„News Bar“ arbeiten, was etwa Borna Sor, einer der Redakteure, bestätigte. Auch
seien die Vorwürfe HRTs, wie Sor hinzufügte, völlig unbegründet. HRT hätte schlicht
nach einem Grund gesucht, um die Show und ihre Redakteure loszuwerden, weil
sie nicht konservativ seien. Doch der Streit sei keine „Links-Rechts-Sache“, denn
alle Redakteure seien progressive, liberale Leute, meinte Sor. Die HRT-Führung
und die Regierung würden versuchen, eine Art kulturelle, konservative Hegemonie
zu errichten. Vertraglich war das Recht des Fernsehsenders festgelegt, das Skript
vorher einzusehen und Änderungen zu verlangen. Auch die Filmsequenzen be-
kam der Sender zwei Tage vor der Ausstrahlung der Folge mit dem Recht, diese
teilweise oder vollständig zu verwerfen. „News Bar“ macht sich in humoristischen
Geschichten, bewusst falschen Nachrichten und satirischen Texten über soziale,
politische und kulturelle Themen in Kroatien und der Welt lustig. Nachdem die
erste Folge der Satireshow von der privaten Fernsehstation RTL TV ausgestrahlt
worden war, schaffte es „News Bar“ seine Show bei HRT am Sonntag zur besten
Sendezeit unterzubringen. Neben komischen Reportagen und Sketschen waren
immer wieder populäre Politiker, Wirtschaftsfachleute und Journalisten zu Gast.
Nicht nur „Montirani proces“ musste weichen. HRT-Vorstand Siniša Kovačić,
Nachfolger von Goran Radman, schaffte es auch, in den ersten zehn Tagen im
Amt 21 Redakteure und Moderatoren zu entlassen, was rasch als politische Säube-
rungsaktion des Senders von linken Aktivisten kritisiert wurde. Kritiker meinten,
jene, die als Linke diffamiert und entfernt wurden, hätten mehrheitlich nichts mit
der politischen Linken zu tun. Sie hätten vielmehr getan und würden tun, was
die Behörden ihnen zu tun vorgäbe. Die neue HRT-Führung berief sich bei ihren
Entlassungen und Auswechselungen, die sie als minimal und notwendig beschrieb,
auf die Unzufriedenheit der Öffentlichkeit mit dem Programm des Senders. Die
stärkste Partei in Kroatiens neuer Regierung, die „Kroatische Demokratische
Union“ (HDZ), erklärte, die personellen Änderungen bei HRT sei schon deshalb
notwendig geworden, weil der Sender im Grunde eine Stimme der ehemals regie-
renden Sozialdemokratischen Partei (SDP) geworden wäre. Die neuen Stimmen bei
HRT würden jedoch den Sender zu einem Sprachrohr nationalistischen Kitsches
nach Vorgabe von Vizepremier Karamarko machen, so die Kritik, die auch die
von Kulturminister Hasanbegović entlassene Mirjana Rakić teilte, ehemals Che-
fin des Staatsrates für elektronische Medien. Sie war wegen angeblicher schwerer
Unterlassungen entlassen worden, die das Parlament bestätigte. Ihre eigentliche
Unterlassungssünde wäre es aber gewesen, so Kritiker der neuen HRT-Redakti-

219
220 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

onspolitik, rechte Hassreden, die der Journalisten Marko Jurić in einer Talkshow
der Zagreber Fernsehstation Z1 TV gemacht hatte, nicht übergangen zu haben.
Rakić nahm der Station befristet die Konzession. Während sich die Regierung im
Recht sah – sie leite nach Jahren linker politischer Manipulation nur einen gemä-
ßigten Kurswechsel ein – revanchierte sich die Gegenseite mit deutlicher Kritik.
Die neue Redaktionspolitik laufe auf den Versuch hinaus, Gedanken, Meinungen
und Geschmack in einer fast schon totalitären Art zu kontrollieren. Ivica Djikić,
Chefredakteur der Wochenzeitung Novosti, sprach offen von Revanche gegen alle
jene, die man im Dunstkreis der SDP oder der vorherigen Regierung vermutet.
Nur politische Kriterien, keine professionellen würden zählen, was besonders an
der Anbiederung der neuen Kandidaten an die neue Regierung sichtbar würde. In
dieser Sicht der Dinge unterstützte ihn auch der Herausgeber der Wochenzeitung
Nacional, Berislav Jelinić. Die Unterstützer der neuen nationalkonservativen Regie-
rung wandten ein, auch der ehemalige HRT-Chef Radman hätte Journalisten aus
intransparenten, offenbar rein politischen Gründen entlassen, so etwa die Tochter
von Ivan Krmpotić, eine langjährige HRT-Journalistin. Radman, der Politologie
studiert hatte und Vorsitzender des Verbandes der sozialistischen Jugend von Zagreb
und Jugoslawiens gewesen war, war 1987 zum Direktor von TV Zagreb gewählt
worden und wurde nach Zwischenstationen in der Privatwirtschaft und als Dekan
der Universität Zagreb HRT-Chef, wobei Nichtregierungsorganisationen und Jour-
nalistenverbände bereits 2013 seinen Rücktritt wegen Interessenkonflikte gefordert
hatten307. Dass die kommunistische Vergangenheit des ehemaligen Intendanten
Radman, die „massiv gegen die Resolution 1481 des Europarates verstößt“, für die
deutschen öffentlich-rechtlichen Medien kein Thema sei, monierte der „Kroatische
Weltkongress in Deutschland“. Auch würden die Verleumdungskampagnen der
„postkommunistischen Partei SDP unter ihrem Parteivorsitzenden Zoran Mila-
nović“ unerwähnt gelassen, die versuchen würden, den gewählten Kulturminister
in die „Faschistenecke“ zu drängen308.
Der Fall Jurić offenbarte in kroatischer Spiegelung das Dilemma Hate Speech
oder Hassrede. Im Januar 2016 protestierten rund 5.000 Menschen vor den Büros
des Rates für elektronische Medien in Zagreb gegen dessen Entscheidung, der

307 Vgl.: Eintrag in VL-Enzyklopädie, Stichwort: Goran Radman. In: Vecernji list, 1. Dez.
2016 [https://www.vecernji.hr/enciklopedija/goran-radman-18442].
308 Der Kroatische Weltkongress (KWKD) bezog sich in seiner Stellungnahme auf die
ZDF-Sendung „Heute – in Europa“ mit Julia Held und auf den Bericht über Kroatien
von Korrespondentin Eva Schiller, ausgestrahlt am 3. Juni 2016 um 16 Uhr. Vgl.: „Kroa-
tischer Weltkongress in Deutschland e. V. fordert mehr Respekt gegenüber kroatischen
Bürgern“, 25. Juni 2016 [https://fenix-magazin.de/kroatischer-weltkongress-in-deutsch-
land-e-v-fordert-mehr-respekt-gegenuber-kroatischen-burgern/].
4.5 Die kroatischen Medien und das Klima des Verdachts 221

lokalen Fernsehstation Z1 TV die Sendelizenz für drei Tage zu streichen und den
Fall dem Staatsanwalt zu übergeben. Der Moderator Marko Jurić hätte eindeutig das
Elektronische Medien-Gesetz verletzt, als er Hassrede in seiner Talkshow „Markov
Trg“ benutzte. Jurić hatte seine Show mit der Warnung geschlossen, wer über den
Zagreber Cvjetni-Trg-Platz (Blumenmarkt) gehe, solle sich vor der nahegelegenen
serbisch-orthodoxen Kirche in Acht nehmen, wo Četnik-Priester bzw. serbisch-­
faschistische Priester das Sagen hätten. Besonders Mütter mit Kindern sollten sich
vorsehen, denn einer jener Četnik-Geistlichen könne aus seiner Kirche stürmen
und ein Blutbad auf Zagrebs schönstem Platz anrichten. Jurić meinte, vielleicht
sollte ein Schild mit der Aufschrift „Achtung vor dem Četnik“ aufgestellt werden.
Den Protest gegen die Aussetzung der Sendelizenz hatte der Zagreber Ableger
des Verbandes der Kriegsveteranen organisiert, der den Rücktritt von Mirjana
Rakić und anderer Ratsmitglieder forderte. In einer demokratischen Gesellschaft
hätten alle das Recht, ihr Missfallen friedlich kund zu tun, meinte Rakić, doch
Diskreditierung derjenigen, die eine bestimmte Entscheidung getroffen haben, sei
davon nicht gedeckt. Rakić meinte damit den Umstand, dass die Demonstranten
am 26. Januar 2017 vor dem Ratsgebäude nicht nur patriotische Lieder sangen und
kroatische Fahnen schwenkten, sondern eine Puppe in jugoslawischer Partisanen-
uniform hochhielten, die ein Maschinengewehr in den Händen hielt. Einige riefen
den Ustaša-Gruß „Za dom spremni“ („Für das Vaterland bereit“). Velimir Bujanec,
ein Z1-Kollege, brachte Jurić eine Pelzmütze, wie sie die Četnici im Zweiten Welt-
krieg getragen hatten, und mehrere Mützen der Tito-Partisanen. Der skandalöse
Kommentar des Z1 TV-Moderators wäre nicht das eigentliche Problem, erklärte
Milorad Pupovac, Vorsitzender des Serbischen Nationalverbandes, denn dahinter
verstecke sich eine nationale Agenda, der es mehr um nationale Einheit durch
Angst als um demokratischen Dialog gehe. Sie zerstöre die historische Versöhnung
zwischen Katholiken und Orthodoxen, die Papst Franziskus ausdrücklich unter-
stützen würde. Der Vorfall zeige deutlich, wie viel Hassrede, Aufrufe zur Gewalt
und Lynchmord gegenüber einer Minderheit Gesellschaft und Medien tolerieren
können309. Sollte die Mehrheit kein Interesse am Wohlergehen der Minderheit ha-

309 Die mediale Debatte über das serbisch-kroatische Verhältnis nahm teils paranoide
Formen an. Im Juni 2016 meldete Sputnik News, die Webseite der Kroatischen Akade-
mischen Gemeinschaft HAZUD hätte behauptet, dass Serbien mithilfe elektromagne-
tischer Wellen die Staatsbürger Kroatiens und Bosnien-Herzegowinas verrückt macht,
junge Kroaten dazu bewegt, das Land zu verlassen, sowie allgemeine Depressionen,
Hass und Intoleranz hervorruft. In dem Artikel des Autors Zdenko Tibold hieß es, dass
Elektromagnetwellen die Beschlüsse des Verfassungsgerichtes beeinflussen und Serbien
weltweit EEG-Klon-Technologien zur Kontrolle des Bewusstseins der Menschen nutzt.
Laut dem Verfasser kann Serbien damit tödliche Krankheiten verursachen sowie eine
221
222 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

ben, würden auch Gesetze nicht helfen. Mirjana Rakić forderte Z1 auf, innerhalb
von 48 Stunden auf die Anschuldigungen zu reagieren, andernfalls würde sie den
Fall der Staatsanwaltschaft übergeben. Jurić, der auch als Kolumnist für das rechte
Nachrichtenportal Direktno.hr arbeitete, meinte, er hätte niemals Hass und Gewalt
provozieren, sondern nur Bürger vor einem möglichen Risiko warnen wollen. Sein
satirischer Kommentar hätte nur den Zweck gehabt, auf die Glorifizierung der
Četnik-Ideologie durch die serbisch-orthodoxe Kirche in Kroatien hinzuweisen.
Er unterstütze die Idee eines Registers nationaler Verräter, wie sie Veteranenmi-
nister Crnoja vorgeschlagen hatte, und der erste auf der Liste sollte der ehemalige
kroatische Präsident Stjepan Mesić sein.
Der Streit um den Kommentar Jurićs und die Reaktion der Behörde von Mirjana
Rakić distanzierte auch den „Verband der Kroatischen Journalisten und Publizisten“
(HNiP), der am 2. Juli 2015 gegründet wurde, weiter von der älteren Gründung,
dem „Verband Kroatischer Journalisten“ (Hrvatsko Novinarsko Društvo, HND).
HNiP verurteilte in scharfen Worten die Entscheidung, dem Sender für drei Tage
die Konzession zu entziehen. Das sei nie dagewesener, ernsthafter Angriff auf die
Medien- und die Meinungsfreiheit, wobei man wissen muss, dass Marko Jurić
selbst Mitglied des HNiP ist. Der HND hatte dagegen den Protest der Veteranen
keine Verteidigung, sondern einen Angriff auf die Meinungsfreiheit genannt, was
wiederum der Veteranenverband scharf verurteilte. Nach HND-Angaben hätten
Veteranen dem Verband einen Drohbrief gesendet, der in Inhalt und Ton mit
verbaler Belästigung und Hate Speech gleichzusetzen sei. Der HND kritisierte
auch die kroatische Regierung, weil es versäumt hätte, den Protest zu verurteilen
und den Vizepräsidenten daran zu hindern, an der Demonstration teilzunehmen.

Massenflucht der nicht-serbischen Bevölkerung aus bestimmten Gebieten provozieren.


Zudem entwickle Serbien nach Skizzen von Nikola Tesla einen Abwehrschild, der
gegenüber allen Nuklear- und biologischen Waffen resistent ist. Dem Vorsitzenden
einer serbischen Umweltbewegung, Nikola Aleksić, zufolge gibt es Theorien, dass sich
in Serbien eine Antenne des US-Projekts HAARP befindet. Allerdings ist Serbien selbst
theoretisch nicht imstande, eine solche Antenne auf einen Nachbarstaat zu richten
und die Psyche der Kroaten zu beeinflussen. Aleksic meint allerdings, dass HAARP
negativ die Psyche beeinflusst. Zudem erfolge der Klimawandel nicht mehr natürlich,
er könne ebenfalls durch bestimmte Instrumente beeinflusst werden. Die Kroatische
Akademische Gemeinschaft HAZUD wurde 1978 von dem Pharmazeuten Dragan Hazler
gegründet, der schon lange in der Schweiz lebt. Zu den Initiativen Hazlers gehört die
Aufstellung eines Denkmals für Jurai Francetić in Kroatien, einem der gewalttätigsten
Ustaša-Kommandeure, der für den qualvollen Tod von Tausenden Juden und Serben
in KZ verantwortlich war. [Kroatischer Forscher: Serbien macht Leute mit elektroma-
gnetischen Waffen verrückt. In: Sputnik-News, 16. Juni 2016, http://de.sputniknews.
com/panorama/20160616/310664849/elektromagnetischen-waffen-verrueckt.html].
4.5 Die kroatischen Medien und das Klima des Verdachts 223

Die Gründungsmitglieder des HNiP hatten den HND aus Protest gegen dessen
Demokratiedefizit und angeblich unausgeglichene Weltanschauung verlassen.
Beide Verbände werfen einander vor, die Medienfreiheit zu ersticken und jour-
nalistische Standards zu senken, und dokumentieren damit den tiefen Riss, der
sich durch die kroatische Medienlandschaft zieht. Die Neugründung hat 45, HND
rund 3.000 Mitglieder.
Verbale und physische Angriffe auf Journalisten kamen in Kroatien auch im
Jahr 2016 noch vor, so etwa im März 2016 auf Ante Tomić, einen weithin bekannten
Journalisten, Schriftsteller und Redakteur der renommierten kroatischen Zeitungen
Slobodna Dalmacija und Jutarnji List. Der Anschlag fand im Zentrum von Split
statt, vor dem Gebäude der Jugend, unmittelbar nach dem Geschichten-Festival
„Pričigin“. Der Kroatische Verband der Journalisten beglückwünschte die Polizei
zu ihrer raschen Festnahme der Angreifer, während das Kulturministerium eine
Erklärung herausgab, die die Angreifer zu entschuldigen, zu legitimieren schien.
Das Ministerium verurteilte zwar physische Gewalt und Anschläge auf alle Bürger,
zugleich erklärte der Kulturminister auf Nova TV, der Fall sollte an die Bedeutung
gesprochener und geschriebener Worte und die Verantwortung dafür erinnern.
Der Europäische Journalistenverband nannte die Erklärung des Ministeriums,
zumal nach einem derartigen Anschlag, taktlos, ungeheuerlich, ja gefährlich. Das
Kulturministerium hatte Tomić bereits früher gewarnt, mit seinen Worten und dem
was er schreibt vorsichtig umzugehen, wodurch es aussah als träfe die eigentliche
Schuld für den Anschlag Tomić selbst. Die kroatische nationale Presse reagierte
empört. Zeitungen wie die Jutarnji List und telegram.hr nannten den Vorfall sym-
ptomatisch für ein Klima der Einschüchterung der Medien des Landes. Um die
Ursachen des Übergriffs auf Tomić zu verstehen, müsse man sich, so Jutarnji List,
die gesellschaftliche Atmosphäre Kroatiens seit 2014 vor Augen halten, die geprägt
sei von der Kommentier-Unkultur im Internet, den rechtslastigen Fan-Zeitschriften,
den Predigten lokaler Priester. Eine kulturelle Atmosphäre wäre dominant gewor-
den, die Tomić die Schuld an dem Attentat anlastet, weil er es durch seine Worte
selbst provoziert hätte. Nichts anderes würde die Reaktion des Kulturministers
ausdrücken. Ein weiterer Überfall ereignete sich auf die Redaktion des Hrvatski
tjednik („Kroatische Wochenzeitung“) in Zadar, bei dem der Graphiker Antonijo
Mlikota verletzt und mit einer Pistole bedroht wurde.
Die schwierige Situation kritischer, unabhängiger Journalisten in Kroatien
veranlasste den Europäischen Journalistenverband einen Warnhinweis an die ent-
sprechende Stelle im Europarat zu schicken. Bestärkt wurde der Verband in seiner
Sorge durch die Entscheidung der kroatischen Regierung vom 10. März 2016 die
politisch unabhängige Agentur für die Elektronischen Medien zu schließen und die
Direktorin und die komplette Belegschaft des Rates für die Elektronischen Medien

223
224 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

zu entlassen. Die Agentur, die vorher von Verlegern und Fernseh-Betreibern direkt
finanziert wurde, sollte ab sofort vom Kulturministerium finanziert werden. Diese
Entscheidungen schlossen sich unmittelbar an den Antrag der Regierung vom 3.
März 2016 an, den HRT-Generaldirektor Goran Radman zu entlassen und an dessen
Stelle Siniša Kovačić zu ernennen. Das Gesetz zum öffentlichen Rundfunk, ergänzt
durch die ehemalige kroatische Regierung, verlangt im Gegensatz zur ehemals
gültigen qualifizierten Mehrheit nur noch eine einfache Parlamentsmehrheit für
die Ernennung der HRT-Direktoren. Die Entlassung mehrerer Redakteure folgte,
von denen am 14. März 2016 die letzten Maja Sever, Mirna Zidarić und Tatjana
Munizaba waren. Der Vorsitzende von HND, des 1910 gegründeten Journalisten-
verbandes, der 1992 der „International Federation of Journalists“ (EFJ) beitrat, Saša
Leković, äußerte im Kontext der Medienreform der neuen Regierung Zweifel an
der Integrität der Neugründung HNiP. Mangel an Professionalität wäre seit jeher
ein großes Problem in der kroatischen Medienlandschaft gewesen. Viele Medien,
besonders Webportale, ignorierten professionelle Standards. Sie würden in der
Tat die Medienfreiheit gegen die Medien missbrauchen. HNiP sei im Grunde Teil
des Plans des ehemaligen Premiers Karamanko gewesen, die regierungskritischen
Medien zu entmachten. Die Entlassungen, die Ernennung von Siniša Kovačić,
die Entlassung Rakić seien die ersten Schritte dieses Plans, wobei Mitglieder des
HNiP versuchen würden, den HND zu neutralisieren und unprofessionelles und
unethisches Verhalten und Servilität gegenüber der Regierung im nationalen
Journalismus zu verankern. Die Ansicht, Kroatien gehöre zu den Ländern, die die
Medienfreiheit gefährden würden, wurde von Leković selbst auf dem Jahrestreffen
der EFJ in Sarajevo bestätigt.
Gegenüber Večernji List erklärte er Ende April 2016, aus den Ausführungen
der OSZE-Sonderbeauftragten für Medienfreiheit Dunja Mijatović wäre klar her-
vorgegangen, dass die Medienfreiheit und die Unabhängigkeit von Journalisten
zunehmend in ganz Europa gefährdet seien, und neben der Ukraine und Serbien,
den EU-Staaten Ungarn und Polen sei Kroatien eines der Länder, in der man diese
Entwicklung auch sehe. Die Worte Mijatovićs seien nur die Bekräftigung dessen,
was der HND das ganze letzte Jahr gesagt hätte. Während die früheren Regierungen
Kroatiens genug für die Freiheit und Unabhängigkeit der Medien getan hätten, hätte
die aktuelle Regierung den Druck auf Medien und Journalisten erhöht, sich ihren
Vorstellungen unterzuordnen. Die EFJ, die “International Federation of Journa-
lists“ und das OSZE-Büro für Medienfreiheit sandten den kroatischen Behörden
Warnbriefe, erhielten jedoch keine Antwort, weder von Seiten der Regierung, noch
der Opposition, was die Absender des Briefes als Mangel an demokratischer Kultur
und Verantwortungsbewusstsein der politischen Eliten in Kroatien und vor allem
4.6 Mazedonien: Innenpolitische Dauerkrise und Medienreform 225

auch als Mangel an Achtung vor den EU-Dokumenten kritisierten, in denen die
Medienfreiheit und Unabhängigkeit der Journalisten klar festgelegt sind.

4.6 Mazedonien: Innenpolitische Dauerkrise und


Medienreform
4.6 Mazedonien: Innenpolitische Dauerkrise und Medienreform
Der Protest gegen den angeblich zu großen Einfluss der Europäischen Union führte
im März 2017 in Mazedonien zu massiven Protesten. Der Protest von fast 50.000
Menschen in Skopje und weiteren 200.000 im Rest des Landes machte sich an Brüssel,
besonders aber an der Person des ungarisch-amerikanischen Milliardärs George
Soros fest. Einer der Auslöser der Proteste war die Weigerung des EU-Kommissars
für Europäische Nachbarschaftspolitik und Erweiterungsverhandlungen, Johannes
Hahn, sich mit ‚mazedonischen Nationalisten‘ zu treffen, die seit Monaten für die
Regierung Grujevski und gegen die eventuelle neue Regierung aus Sozialdemo-
kraten und Albanern demonstrierten. Den Demonstrationen hatte sich auch der
populäre TV-Moderator Darko Mijalkovski angeschlossen, der den „Freunden in
Brüssel“ ausrichten ließ, dass die Menschen Mazedonien nicht aufgeben würden.
Diese Angst der Demonstranten vor einer Aufgabe des Landes hing, so Sputnik
News, mit der Absicht des ehemaligen Oppositionsführers, des Vorsitzenden der
sozialdemokratischen SDSM Zoran Zaev zusammen, sich nach den Parlaments-
wahlen im Dezember 2016 seine Mehrheit mit den Stimmen der Albaner zu sichern.
Die Demonstranten fürchteten, dass durch diese Regierung die Souveränität
Mazedoniens bedroht werde, was auch den mazedonischen Präsidenten Gjorge
Ivanov veranlasste, Zaev das Mandat zu verweigern. Zaev hatte im Namen seiner
Partei, die von George Soros unterstützt wird, außerdem versprochen, Albanisch
zur zweiten offiziellen Amtssprache Mazedoniens zu machen und sich für eine
Föderalisierung des Landes einzusetzen. Mitte Januar 2017 wurde die Bewegung
SOS („Stop Operation Soros“) gegründet, die dem langjährigen Premierminister
Nikola Grujevski und dessen Partei VRMO-DPMNE nahestand. SOS unterstellte
dem Großinvestor Regime-Change-Pläne für Mazedonien. Soros wolle Mazedonien
im Interesse ausländischer Kräfte, mithilfe amerikanischer Gelder unterminieren,
weshalb seine „Open-Society-Foundation“ auch mit der Oppositionspartei SDSM
in Mazedonien zusammenarbeite.
Nicht nur in Mazedonien, auch in Serbien und Rumänien hatte die jeweilige
Regierung die Schuld an der Destabilisierung des Landes der Soros-Stiftung gegeben,
um damit nach Meinung von Regierungskritikern und Stiftungsvertretern von den
eigenen Defiziten, vor allem der Korruption abzulenken. Nach der umstrittenen

225
226 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

Präsidentenwahl des als allmächtig und staatsgleich gescholtenen Aleksandar Vučić


Anfang April 2017 schrieben regierungsnahe Medien, die folgenden Proteste gegen
die Wahl seien von Soros finanziert worden, und das Ziel sei ein Blutbad gewesen.
Vučić hielt sich wohlweislich in dieser Debatte über den Einfluss der Soros-Stif-
tung zurück, ganz im Gegensatz zum ehemaligen rumänischen Premierminister
Victor Ponta, dessen Regierung die Korruption bis zu einer bestimmten Höhe
legalisieren wollte und Ende 2015 Massenprotesten weichen musste. Ponta saß
2017 nach wie vor für die rumänischen Sozialdemokraten im Parlament. Nicht
die Korruption, die Politik seiner Regierung waren für ihn das Problem, auch
nicht für seinen Parteikollegen Liviu Dragnea, der wegen Wahlbetrugs verurteilt
war und wegen Amtsmissbrauchs vor Gericht stand, sondern das „System Soros“,
bei dem es sich nach Meinung Pontas um ein System handele, „das in Rumänien
und auch in andern Ländern der Region angewandt wurde, ein System, das durch
die Finanzierungen der Stiftungen des Herrn Soros einen bestimmten Typus von
Menschen hervorgebracht hat“310. Darunter fielen die Vertreter der kritischen
Zivilgesellschaft, deren Massenproteste zum Rücktritt seiner Regierung geführt
hatten, aber auch Laura Kövesi, die Chefin der für ihr Engagement anerkannten
rumänischen Antikorruptionsbehörde, die Ponta und weitere Politiker nicht nur
wegen Korruption angeklagt hatte. Auch Dragnea zeigte keinerlei Schuldbewusst-
sein. Die Angriffe auf ihn wären von Soros befohlen und koordiniert worden, und
er werde auch weiterhin Soros angreifen, „bis dieses Land es vielleicht schafft, sich
vom unheilvollen Einfluss dieses Mannes zu befreien“311. Der ungarischstämmige,
jüdische und schwerreiche Soros diente gerade dem rumänischen hungarophoben
nationalistischen Diskurs, aber auch dem mazedonischen und serbischen politischen
und medialen Diskurs als ideale Projektionsfläche.
Rechtskonservative Medien wie das deutsche „Contra-Magazin“ des Links-­
Nationalisten Jürgen Elsässer sprachen weniger von der Korruption der politischen
Klasse als von den Plänen Soros‘, ähnlich wie in der Ukraine mithilfe radikaler
Kräfte gewalttätige Proteste und damit einen von der Obama-Administration
gewünschten Regierungswechsels zu provozieren. Grundlage waren Warnungen
Moskaus angesichts der innenpolitischen Krise und der Krawalle in Skopje, die
bereits Mitte 2016 begannen. Moskau warnte, so Sputnik News, vor einem „von
außen inspirierten“ Staatsstreich nach „Ukraine-Szenario“, eine These, die auch
der russische Außenminister Sergej Lavrov unterstützte. Die Proteste seien eine

310 Beer, A.: „Eine Allianz der Anfeindungen“. Soros-Kritik in Rumänien, Mazedonien und
Serbien. In: ARD Wien/Südosteuropa, 4. Mai 2017 [https://www.ard-wien.de/2017/05/04/
soros-kritik-in-rumaenien-mazedonien-und-serbien/].
311 Ibidem.
4.6 Mazedonien: Innenpolitische Dauerkrise und Medienreform 227

Folge des Versuchs, auf Premier Grujevski Druck auszuüben, weil er es abgelehnt
hatte, sich den Sanktionen gegen Russland anzuschließen, und den Wünschen der
albanischen Minderheit über die Anerkennung des Kosovo hinaus nachzukommen.
Die These der „Deutschen Welle“, der russische Außenminister bzw. Russland würde
Mazedonien spalten, nannte Lavrov angesichts der faktischen Spaltung des Landes
eine „pure Provokation“, die nur den Zweck hätte, die brandgefährliche Situation in
Mazedonien weiter „anzuheizen“, wie Sputnik News Lavrov zitierte312. Der Versuch
der EU und der Vereinigten Staaten, so Lavrov, mittels „destruktiver Methoden
einer bunten Revolution“ dem Land eine vom Westen gewünschte neue politische
Ordnung aufzuzwingen, widerspräche der Meinung der Bürger und würde letzten
Endes die Souveränität und die territoriale Integrität Mazedoniens untergraben313.
Die Spiegelung der ethnischen Diversität des Landes in der Regierungsbildung, die
Brüssel forderte, laufe auf die Zerstörung der slawischen Identität Mazedoniens
hinaus, erklärten mazedonisch-slawische Medien. Ende April 2017, als die Wahl
des albanischen Abgeordneten Talat Xhaferi zum Parlamentspräsidenten feststand,
stürmten etwa hundert teils maskierte Anhänger des ehemaligen Regierungschefs
Grujevski das Parlament und verletzten unter anderen den designierten Regierungs-
chef Zoran Zaev, der schließlich Anfang Juni 2017 zum neuen Premierminister
ernannt wurde.
Damit hätten die Opposition, die albanische Minderheit und die identitäts-
feindliche EU das bekommen was sie immer wollten, erklärten regierungsnahe
slawisch-mazedonische Medien, die serbische Presse und auch russische Aus-
landsmedien. Nach deren Ansicht hätte der konservative Regierungschef Nikola
Grujevski bereits den unabhängigen Kosovo anerkennen müssen, gegen den Protest
der slawischen Mazedonien, vor allem auf Druck der albanischen Minderheit.
Von dieser wäre er auch genötigt worden, deren Rechte zu stärken, was Grujevski
aber nicht im gewünschten Maße getan hätte. Dafür hätte er die gewaltsamen
Ausschreitungen bekommen, die Grujevskis Befürchtungen nur bestätigten, dass
die innere Unruhe weiter geschürt würde, um kosovarische Zustände herzustellen.
Wiedergewählt wurde er im Juni 2011 und in vorgezogen Neuwahlen im April
2014 mit großer Mehrheit. Grujevskis konservativ-mazedonische Linie war nicht
nur mazedonisch-albanischen Politikern ein Dorn im Auge. Demonstranten aus
dem linken Lager und albanische Radikale nutzten die Empörung über ­Grujevskis

312 Vgl.: „Russlands Außenamt nennt DW-Publikation über Spaltung Mazedoniens


eine Provokation“. In: Sputnik News, 13. Febr. 2017 [https://de.sputniknews.com/
politik/20170213314518186-russlands-aussenamt-dw-publikation-spaltung-mazedoni-
ens-provokation/].
313 Ibidem.
227
228 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

angebliche Bestechlichkeit, um ihn aus dem Amt zu drängen, wobei sich LGBT-­
Aktivisten zu ihnen gesellten. Sie warfen der Regierung Homophobie vor, weil sie
erklärt hatte, die Rechte der traditionellen Familie zu verteidigen. Europa müsse
endlich erkennen, dass es in Mazedonien schlimmer als in Russland sei, erklärte
ein Aktivist. Den Aufstand der Straße unter dem 40-jährigen Sozialdemokraten
Zoran Zaev bezeichnete ein regierungstreuer Journalist daher auch als „Schwuch-
telprotest“ und hielt eine Regenbogenfahne in die Kamera. Zaev hatte im Februar
2015 strafrechtlich brisantes Material, heimlich mitgeschnittene Gespräche und
Sitzungen der Regierung Grujevski veröffentlicht. Dieses Material würde nach
Ansicht der Opposition belegen, dass die von der VMRO-DPMNE geführte na-
tional-konservative Regierung hinter der illegalen Beschattung von rund 20.000
Bürgern, einschließlich Ministern stecken würde. Die Aufnahmen würden auch
belastendes Material gegen hohe Funktionäre enthalten, unter anderem zu Korrup­
tion, Einflussnahme der Regierung auf die Justiz, auf Strafverfolgung, Wirtschaft
und Medien, auf politisch motivierte Verhaftungen, Hinweise zu Wahlfälschungen
und sogar zur Vertuschung eines Mordes an einem Mann durch einen Polizeioffizier.
Nikola Grujevski, der seit 2006 das Amt des Premierministers innehatte, bevor er
im Januar 2015 zurücktrat, erklärte, die Aufnahmen seien von einem ungenannten
ausländischen Geheimdienst angefertigt und der Opposition zugespielt worden,
um das Land zu destabilisieren.
Manche der Telefonmitschnitte verurteilte die Opposition als rassistisch. In
diesen Telefonaten äußerten Regierungsmitglieder ihren Unmut über die ihrer
Ansicht nach erpresserische Politik der albanischen Opposition, der Taten zu fol-
gen hätten. Im Mai 2015 hatte eine bewaffnete Terrorgruppe, die aus dem Kosovo
eingedrungen war, im mehrheitlich albanisch bewohnten Stadtteil von Kumanovo
auf mazedonische Sicherheitskräfte geschossen. Die Täter traten in einem Video
in UÇK-Uniformen auf. Das erneute Aufflackern terroristisch-separatistischer
Tendenzen und die Demonstrationen kritisierte der serbische Premierminister
Ivica Dačić als Indizien dafür, dass das Frühwarnsystem der OSZE schon im Fall
Ukraine versagt hätte und nun im Fall Mazedonien versage. Einen Rücktritt, den die
Oppostion und die Demonstranten forderten, schloss Grujevski aus. Mazedonien
hätte es nicht verdient, von jemandem wie Zaev regiert zu werden, der seine Befehle
von ausländischen Nachrichtendiensten empfange, meinte Grujevski in Anspielung
auf die Abhöraffäre. Ein Regierungsmitglied erklärte, die Proteste seien von der EU,
der NATO und Washington provoziert worden, was die Opposition dementierte. Die
USA wollten einen weiteren „ungehorsamen“, das hieße nationalistischen Akteur
auf dem Balkan zurechtweisen, so die russische Balkan-Expertin Elena Guskova.
Das schien auch erreicht, als Zaev nach seiner Wahl zum neuen Regierungschef
Anfang Juni 2017 erklärte, die neue mazedonische Führung wolle die Integration
4.6 Mazedonien: Innenpolitische Dauerkrise und Medienreform 229

in EU und NATO. Seine Wahl wäre auf erheblichen Druck seitens der EU und der
USA erfolgt, bemängelten russische Auslands- und Inlandsmedien, während das
russische Außenministerium die Opposition für „den Versuch der gewaltsamen
Machtergreifung durch die initiierte Wahl des Parlamentsvorsitzenden unter groben
Verstößen gegen das übliche Verfahren“ kritisierte.
Die Arbeit an einer Reform der mazedonischen Medien, die in den Parteienstreit
hineingezogen wurden und die Krise anheizten, war kurz vor den vorgezogenen
Parlamentswahlen im Juni 2016 zum Stillstand gekommen, schon weil vor dem Hin-
tergrund der anhaltenden Krawalle in der Hauptstadt und im Land etliche politische
Parteien ihr Interesse an weiteren Diskussionen zu diesem Thema verloren hatten.
Der EU-Vermittler in der mazedonischen Krise, Peter Vanhoutte, bestätigte das
gegenüber Alsat M TV, wobei er hinzufügte, dass eine der vier wichtigsten Parteien
eine Teilnahme an den Gesprächen von Anfang an abgelehnt hätte. Die Reform
im Parlament zu diskutieren, wie es die regierende VMRO-DPMNE vorgeschlagen
hatte, lehnte Vanhoutte ab, denn das Ergebnis der Reformdiskussion sollte nicht
von der Mehrheits-Partei oktroyiert, sondern von allen Parteien akzeptiert werden.
Die Medienreform und damit die Gewähr einer objektiven und unparteiischen
Berichterstattung war eine der Bedingungen, die die EU und die Vereinigten Staa-
ten in einem gemeinsamen Schreiben vom 21. Februar 2016 an die mazedonische
Regierung für die vorgezogenen Parlamentswahlen gestellt hatten, die zuerst für
Ende April 2016 festgesetzt waren, dann auf den 5. Juni 2016 verschoben wurden.
Die mazedonische Gewerkschaft der unabhängigen Journalisten (SSNM) beklagte,
die Gespräche über die Medienreform wären, wie nicht anders zu erwarten, der
undurchsichtigen Schacherei zwischen den Parteien zum Opfer gefallen. Daher
müssten die Medienschaffenden und die Medien den Reformprozess selbst in
die Hand nehmen. Die der ehemaligen Regierung nahestehenden Medien – nach
Ansicht von „Reporter ohne Grenzen“ unterstanden bis zum Regierungswechsel
unter Zaev fast alle der Kontrolle der Regierung – waren sich sicher, dass die Op-
position mit der Reform nur den schlechten Ruf des ehemaligen Regierungschefs
zementieren wolle.
Gerade die westlichen Medien hätten die mazedonische Regierung und ins-
besondere deren Regierungschef Gjorge Ivanov und dessen engste Mitarbeiter
dämonisiert, weil sie die vom Westen gewünschte gesellschaftliche Modernisierung
nicht mittragen wollten. Ähnlich unausgewogen wäre in den westlichen Medien
zuletzt während des Kosovo-Konflikts berichtet und kommentiert worden. Die
regierungskritischen Demonstrationen, die seit dem 12. April 2016 stattfanden,
wären zahlenmäßig den Pro-Regierungs-Demonstranten weit unterlegen gewe-
sen. Die sozialistische Opposition hätte die Unruhen nur geschürt, weil sie ihre
Chancen in den von ihr selbst geforderten vorzeitigen Neuwahlen am 5. Juni nicht

229
230 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

sonderlich hoch einschätzte, und hoffte, vom Westen verfassungswidrig mit der
Führung einer Notstandsregierung beauftragt zu werden. Nach zehn Jahren in
der Opposition hätte man die Macht auf der Linken schmerzlich vermisst. Der
Unterstützung durch Washington und Brüssel hätte sie sich sicher sein können,
denn beiden wäre die seit zehn Jahren im Amt befindliche bürgerliche Regierung
zu eigenständig geworden, weil sie gewisse europäische Werte wie die Sanktionen
gegen Russland oder die Verweigerung in der Flüchtlingskrise nicht mittrug. Dass
die Anti-Grujevski-Demonstranten erst jüngst errichtete oder renovierte Denkmäler
und Gebäude im Zentrum vandalisiert hatten, wäre nicht erwähnt worden. Die
neue Regierung Zaev erklärte den pseudo-antiken Umbau für vorläufig beendet,
auch um griechische Vorbehalte gegen die Anmaßung des hellenischen Erbes zu
zerstreuen, die nach Meinung Athens direkt mit Gebietsansprächen verbunden
wären. Das daher rührende griechische Veto war bis dato das Haupthindernis für
eine EU- und NATO-Aufnahme Mazedoniens. Russland und russische Medien
versuchten das in letzter Minute abzuwenden mit Hilfe lokaler mazedonischer
Medien, durch das was Moskau als Aufklärung betrachtete, westliche Medien als
Desinformationskampagnen bezeichneten. Nachdem der Versuch in Montene-
gro gescheitert wäre, durch mediale Propaganda und durch einen gerade noch
verhinderten Putsch die Entwicklung aufzuhalten, war die Rede davon, auch in
Mazedonien hätte es neben den medialen Manipulationen Moskaus den Versuch
des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR und des Militärgeheimdienstes
GRU gegeben, Soldaten, Polizisten und Geheimdienstagenten anzuwerben, die
in einem bestimmten politischen Moment, russische Interessen durchsetzen soll-
ten314. Angesichts des russischen Drucks hofften viele – nach Umfragen sollten es
80 Prozent der Mazedonier sein – auf eine rasche Aufnahme Mazedoniens in das
atlantische Bündnis.

4.7 Kosovo: Die Medien und die politische Krise


4.7 Kosovo: Die Medien und die politische Krise
Die Lage in Mazedonien wurde und wird von den serbischen Medien immer wieder
mit der des Kosovo verglichen. Die albanische Minderheit hätte im Kosovo durch
Terror gegen die Staatsgewalt und schließlich durch einen Bürgerkrieg die Macht

314 Vgl.: Hassel, F.: „Flucht nach vorne“. Dokumente zeigen, wie Moskau den Nato-Beitritt
Mazedoniens verhindern und das Land unterwandern will. Die neue Regierung in
Skopje will gerade deshalb schnell in das Bündnis. In: Süddeutsche Zeitung, 6. Juni
2017 [http://www.sueddeutsche.de/politik/mazedonien-flucht-nach-vorne-1.3535816].
4.7 Kosovo: Die Medien und die politische Krise 231

an sich gerissen. Die gleiche Strategie würde die albanische Minderheit, die gut ein
Drittel der Bevölkerung ausmacht, auch im benachbarten Mazedonien anwenden.
Politiker und Medien der slawisch-mazedonischen Mehrheit warnten daher vor zu
großer Nachgiebigkeit gegenüber den Forderungen der albanisch-mazedonischen
Parteien, und verwiesen als abschreckendes Beispiel auf den Fall Kosovo, der 2008
dank der Unnachgiebigkeit, des Nationalismus der kosovarischen Freischärler
und Politiker und nicht zuletzt dank der internationalen Unterstützung, vor allem
der Vereinigten Staaten schließlich seine Unabhängigkeit hätte erklären können.
Die Medien im Kosovo, das neben Bosnien als das andere große Sorgenkind des
Balkans gilt, standen seit der Unabhängigkeitserklärung 2008 im Schatten einer
politischen Entwicklung, die sich zwar pro-europäisch, liberal gab, deren eigentli-
che politische Richtung aber von kosovarisch-nationalistischen Kräften bestimmt
wurde. Unter der Regierung, die mit Premierminister Isa Mustafa bis 2017 im Amt
war, sah es so aus, als könne sie eine grundlegende Wende in der Innenpolitik, im
Verhältnis zum Nachbarn Serbien und vor allem zur Europäischen Union einleiten.
Die kosovarischen Medien spaltete dieser neue Kurs, die von der EU erwünsch-
ten Verständigungsbemühungen mit Belgrad. Liberale Medien wie Koha Ditorë
äußerten sich hoffnungsfroh, nationalistische Medien verriefen den neuen Kurs
im Gleichklang mit ihren serbischen Pendants als Verrat. Waren die Medien im
Kosovo bis zur Unabhängigkeitserklärung vor allem Multiplikatoren der nationalen
Entschlossenheit, der Solidarisierung für das gemeinsame Ziel, was auch die Mobi-
lisierung gegen angebliche innere Feinde und ethnische Minderheiten einschloss,
so machte sich in den letzten Jahren eine vorsichtige Öffnung des national und
gesellschaftlich verengten Mediensystems bemerkbar, in der auch heikle Themen
wie die Korruption in den politischen Eliten angesprochen wurden oder Themen,
die den Einstellungen der kosovarischen Mehrheit zuwiderlaufen, mag auch die
scheinbare Modernität der Bevölkerung in Prishtina oder Prizren das nicht unbe-
dingt nahelegen. Die Verfassung des Kosovo verbietet zwar, als einzige in Osteuropa,
sexuelle Diskriminierung, aber das Thema Homosexualität ist gesellschaftlich tabu.
Als das Gesellschaftsmagazin Kosovo 2.0 die Präsentation der neuen Ausgabe, die
sich mit homosexueller Lebensweise beschäftigte, öffentlich ankündigte, führte das
dazu, dass die Veranstaltung von Hooligans und Islamisten gestürmt wurde und
Anwesende bis zu ihrer Haustür verfolgt und verprügelt wurden.
Eine makellose Verfassung, Freiheitsrechte für die Minderheiten ist die eine
Seite der Medaille, eine Realität, die zunehmend von Nationalismus und Repres-
sion gekennzeichnet ist, die andere. Die Machtallüren des aktuellen Präsidenten
des Kosovo, Hashim Thaçi, der sich trotz wirtschaftlicher Krise und Korruptions-
vorwürfen zum Präsidenten wählen ließ, führten zu mehreren Wahlgängen und
zu tagelangen Protesten junger Kosovaren. Eine Zeitung aus Prishtina machte

231
232 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

mitgeschnittene Telefongespräche von PDK-Funktionären publik, in denen es um


die Besetzung hoher Positionen in Regierung, Justiz, Polizei und Medien ging.
Im November 2016 enthüllte die TV-Show „Jeta në Kosovë“ Einzelheiten eines
für kosovarische Verhältnisse gigantischen Steuerbetrugs, bei dem geschätzte 25
Millionen Euro verschwunden waren. Bis 2012 hatten mehr als 300 kosovarische
Unternehmen gewaltige Steuerabzüge durch manipulierte und gefälschte Rechnun-
gen erwirkt. Tausende Kosovaren waren 2015 Richtung EU, vor allem Richtung
Deutschland aufgebrochen, weil sie der politischen und wirtschaftlichen Stagnation
im Kosovo entfliehen wollten. Die vorgezogenen Parlamentswahlen 2017 brachten
die Rückkehr der UÇK-Veteranen und Nationalisten an die Macht. Der TV-Sender
„Klan Kosova“ meldete den Wahlsieg, ebenso wie der designierte Regierungschef
Ramush Haradinaj, der sich mit zwei anderen früheren Rebellenführern aus dem
Bürgerkrieg zur Dreier-Parteien-Koalition PDK-AAK-Nisma zusammengeschlossen
hatte, die 40,5 Prozent der Stimmen errang. Die Zeitung Gazeta Expres nannte
die Koalition der drei Ex-Rebellen den „Kriegsflügel“. Auf den zweiten Platz kam
die nationalistische Partei „Vetëvendosje“ („Selbstbestimmung“) mit 30 Prozent,
während die konservative LDK des bisherigen Regierungschefs Isa Mustafa mit 27
Prozent auf dem dritten Platz landete315. Man fürchtete, dass das starke Abschneiden
radikaler Parteien die von der EU seit Jahren vermittelte Aussöhnung zwischen
Kosovo und Serbien weiter erschweren würde. Haradinaj erklärte, er wolle den
Gemeinden der serbischen Minderheit im Kosovo auf keinen Fall die vereinbarte
weitreichende Autonomie gewähren, die den serbischen Gemeinden ein hohes Maß
an Selbstverwaltung zugestehen sollte. Serbiens Medien halten Haradinaj für einen
Kriegsverbrecher, die serbische Justiz erließ einen internationalen Haftbefehl gegen
den ehemaligen UÇK-Kommandanten. Zweimal musste sich Haradinaj vor dem
Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten, das Gericht
sprach ihn aber mangels einwandfreier Beweise beide Male frei. Der Zweitplatzierte
der Wahlen, der führende Vetëvendosje-Politiker Albin Kurti, lehnt die von der
EU zur Beitrittsbedingung gemachte Annäherung zwischen Kosovo und Serbien
und die weitgehende Autonomie für die Kosovo-Serben kategorisch ab. Beides sei
eine untragbare Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Kosovo. Kurti
fordert von Belgrad die Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo und der
serbischen Verantwortung für die unter Slobodan Milošević begangenen Kriegs-

315 Die Regierungsbildung gestaltete sich schwierig, denn der Zweitplatzierte wollte auf
keinen Fall mit dem Ersten koalieren, weil er dessen Spitzenpolitiker der Korruption
und des Machtmissbrauchs beschuldigte und sie hinter Gittern sehen wollte. Der Dritte
tat sich ebenfalls mit einer Regierungsbeteiligung schwer, weil die extremistische PDK
die Regierung mit der LDK hatte zerbrechen lassen, wodurch die vorgezogene Parla-
mentswahl notwendig wurde.
4.7 Kosovo: Die Medien und die politische Krise 233

verbrechen an den Kosovaren. Belgrad mochte das nach wie vor verweigern. Doch
die kosovarischen Medien sahen die Albaner im Kosovo wie in Mazedonien auf der
Siegerstraße. Der Nationalist Kurti hatte im Kosovo den zweiten Platz errungen,
und in Mazedonien waren die bisher benachteiligten Parteien der albanischen
Minderheit nicht nur Mitglied einer Koalitionsregierung geworden, sie stellten
auch den Parlamentspräsidenten. Das brachte das Thema ‚Großalbanien‘, die Ver-
einigung der auf mehrere Staaten verteilt lebenden Albaner in einem Staat, wieder
auf die Tagesordnung, und veranlasste serbische Medien wie auch den ehemaligen
serbischen Premier und aktuellen Präsidenten Aleksandar Vučić vor albanischem
Separatismus, alt-neuen Vereinigungsplänen und sogar Kriegsgefahr zu warnen.
Jene Parteien, die nun mit Ausnahme der „Selbstbestimmung“ die Regierung
stellen sollten, hatten gegen die Versöhnungspolitik der Regierung Mustafa demons-
triert, auch der Rücktritt Isa Mustafas und des ehemaligen Außenministers und
PDK-Chefs Hashim Thaçi wurde gefordert. Anlass war die Brüsseler Vereinbarung
zwischen Kosovo und Serbien vom August 2015 über die Gründung des Verbands
der serbischen Gemeinden im Kosovo und die Festlegung der Grenzziehung mit
Montenegro. Während einer Demonstration im Januar 2016 ging ein Teil des Re-
gierungsgebäudes in Flammen auf und Demonstranten lieferten sich Prügeleien mit
der Polizei. Die Proteste der drei Oppositionsparteien Vetëvendosje, der „Allianz
für die Zukunft des Kosovo“ (AAK) und der „Initiative für den Kosovo“ (Nisma)
spielten sich auch in der Kosovo Assembly ab, wo auch Tränengas gegen die Parla-
mentarier eingesetzt wurde. Nachdem neun Abgeordnete der Opposition verhaftet
worden waren gab der AAK-Chef Ramush Haradinaj sein Parlamentsmandat
demonstrativ ab. Das Parlament hätte, so Haradinaj, aufgehört, demokratisch zu
sein. Die innenpolitischen Konflikte, ausgelöst von notwendigen außenpolitischen
Schritten, die schweren sozialen Probleme und die Schwierigkeiten der Medien,
diese Probleme offen anzusprechen, zeigen, wie steinig der Weg des Kosovo zu
einer modernen, europäischen Gesellschaft noch ist. Hinzu kommt der wachsende
Einfluss radikalen islamischer Gruppierungen im Kosovo, der zwar international,
etwa von der New York Times,316 aber von den nationalen kosovarischen Medien
nur zaghaft thematisiert wird.

316 Vgl.: Gall, C.: How Kosovo Was Turned Into Fertile Ground for ISIS. Extremist clerics
and secretive associations funded by Saudis and others have transformed a once-tolerant
Muslim society into a font of extremism. In: New York Times, 21. Mai 2016 [https://
www.nytimes.com/2016/05/22/world/europe/how-the-saudis-turned-kosovo-into-fer-
tile-ground-for-isis.html]; Kristof, N.: The Terrorists the Saudis Cultivate in Peaceful
Countries. In: New York Times, 2. Juli 2016 [https://www.nytimes.com/2016/07/03/
opinion/sunday/the-terrorists-the-saudis-cultivate-in-peaceful-countries.html].
233
234 4 Die Medien Südosteuropas und der Westen

Meinungs- und Medienfreiheit sind in der Verfassung der Republik Kosovo


in den Artikeln 40 und 42 garantiert. Das Verhältnis von sieben Zeitungen zu 21
Fernseh- und 83 Radiostationen zeigt deutlich, welches Medium die Hauptinfor-
mationsquelle neben dem Internet darstellt, zu dem 84 Prozent der Kosovaren
Zugang haben. Der Gründung neuer Medien stehen nichts entgegen, nur kann
die Meinungsfreiheit durch Gesetz oder eine Entscheidung der „Independent
Media Commission“ (IMC) begrenzt werden, mit dem Ziel, die „Ermutigung oder
Provozierung von Gewalt und Feindseligkeit aufgrund von Rasse, Nationalität,
Ethnizität oder Religion“ zu verhindern. Viele Journalisten sind der Ansicht, die
Entscheidungen des IMC seien eindeutig politischer Natur. Mögen die Medien-
gesetze des Kosovo auch im Allgemeinen mit den EU-Standards übereinstimmen
und die letzten Regierungen des Kosovo haben stets betont, an der Verbesserung
des gesetzlichen Rahmens der Unabhängigkeit der Medien zu arbeiten, doch die
Umsetzung bleibt bis dato hinter den großen Worten zurück. Der Umstand, dass
die Regierung der größte Arbeitgeber im Kosovo ist und die Medien von Werbe-
einnahmen abhängig sind, muss Auswirkungen auf die Redaktionspolitik haben.
Die selektive Werbepolitik, die die Regierungen des Kosovo zur Steuerung der
Meinungsbildung eingesetzt haben, wurde zwar offiziell durch Ergänzungen zum
Gesetz über öffentliche Beschaffung unterbunden, doch in der Praxis kommt sie
weiterhin häufig vor. Kritik an der Regierungspolitik und an Politikern hatte oft
drastische Konsequenzen für Zeitungen und Journalisten, die eingeschüchtert,
deren Büros durchsucht und die vom Zugang zu Informationen ausgesperrt wur-
den. Ihnen wurde und wird unterstellt, mit der serbischen Seite zu sympathisieren
und Regierungspolitiker grundlos zu diffamieren, wenn es auch Versuche gibt, die
angebliche ‚Diffamierung‘ zu entkriminalisieren, ein notwendiger Schritt, denn
bisher hat der Angeklagte seine Unschuld zu beweisen. Kritische Journalisten sehen
sich immer wieder nicht nur mit politischem Druck konfrontiert, sondern auch
mit physischen Attacken und selbst Morddrohungen, wenn sie zum Beispiel über
islamistische Gruppen im Kosovo berichten. Die öffentlich-rechtliche Rundfunk
und Fernseh-Anstalt des Kosovo (RTK) wird zwar aus dem Staatsbudget finanziert,
gleichwohl kämpft RTK bis heute mit finanziellen Problemen. Die Medienvielfalt
hat zwar dank einer höheren Zahl an Kabelnetzbetreibern zugenommen, doch neue
Fernsehstationen klagten, dass die Betreiber ihre Signale nicht übertragen würden,
weil ihr Programm die Regierungspolitik kritisierte. Da privaten Medien stetige
und ausreichende Finanzmittel aus Verkäufen und Werbung oft fehlen, sind sie von
ihren Eigentümern, internationalen Geldgebern, stark abhängig und müssen poli-
tische und wirtscha