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Die kleine Eulenhexe. Willkommen im


Zauberwald - Teil 3
Eine Geschichte von Katja Alves, mit Illustrationen von Marta Balmaseda,
erschienen im Arena Verlag.
Hier kommt der dritte Teil der Geschichte!
Geist Eberhard bekommt Ärger
Die nächsten Tage vergehen wie im Flug. Und am Hexendienstag hat Petunia

besonders viel zu tun.

Kaum hat sie durch ihr Zauberkaleidoskop einen Hilfe suchenden

Finsterwaldbewohner erspäht und diesem geholfen, sieht sie auch schon den

nächsten. Insgesamt müssen sie und Herr Spiegelei zu drei dringenden Fällen

fliegen und das ist ganz schön viel an einem Tag.

Erst muss Petunia eine Waldschnecken-Feriensiedlung wieder ganz zaubern,

weil sich Willy Wildschwein versehentlich daraufgesetzt hat. Dann braucht

Großvater Biber Hilfe, weil er seine Brille verloren hat.

Und zu Käfer Otto muss Petunia, weil er behauptet, jemand habe ihm seine

Trillerpfeife geklaut.

„Ein Fußballtrainer ohne Trillerpfeife, das ist wie ein …"

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„Hexenflugsauger ohne Schmieröl", unterbricht Herr Spiegelei Käfer Otto.

Doch sosehr Petunia sich auch bemüht, die Pfeife bleibt verschwunden.

„Bestimmt hat sie Griesgram geklaut", erklärt Otto finster. „Es ist nicht das

erste Mal, dass im Finsterwald etwas wegkommt.“

„Ich habe eine Idee!", ruft Petunia. „Du hast doch eine Trompete zu Hause. Die

holen wir jetzt. Dann zaubere ich sie klein und schon hast du eine neue

Pfeife."

„Dazu noch eine sehr laute“, kichert Herr Spiegelei.

Nachdem Otto glücklich mit seiner neuen Trompetenpfeife zum Sportplatz

marschiert ist, schaut Petunia auf ihre Uhr.

„Um Himmelshexen willen! Es ist schon halb fünf! Wir müssen die kleinen

Eulen von der Schule abholen." Schnell schwingt sie sich auf Herrn Spiegelei.

„Die kleinen Eulen waren heute besonders brav", erklärt Irma, als Petunia und

Herr Spiegelei bei den beiden alten Eulen eintreffen.

„Das freut mich und wo sind sie?“ Petunia späht ins leere Klassenzimmer.

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„Wer?", fragt Erna.

„Na, die kleinen Eulen!", sagt Irma. „Du wirst immer vergesslicher, meine gute

Erna."

„Ah, die kleinen Eulen. Sag das doch gleich, die sind bereits abgeholt worden.

Von einem Herrn Geist, wie heißt er gleich noch?", fragt Erna.

„Zwiebelbart!“, antwortet Irma.

„Ach, was du nicht immer behauptest", kichert Erna. „Er heißt doch

Schnabelkraut."

„Ihr meint Geist Eberhard!“, ruft Petunia.

Die beiden Eulen nicken. „Und wo ist er jetzt?", fragt Petunia.

Erna schaut die kleine Hexe verdutzt an. „Hat er nicht gesagt“, erklärt Irma.

„Komm, Herr Spiegelei! Wir müssen die kleinen Eulen suchen! Mein

Hexenbauchgefühl sagt mir, dass da irgendetwas nicht stimmt. Und ich habe

keine Zeit, darüber nachzudenken, was es sein könnte …"

„Ich komme ja schon", stöhnt Herr Spiegelei. Zusammen fliegen sie dreimal

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um das Schulhaus. Petunia ruft alle Namen der kleinen Eulen einzeln auf, aber

sie bekommt keine Antwort.

„Vielleicht sind sie ja schon zu Hause“, sagt Herr Spiegelei.

Petunia runzelt die Stirn. „Meinst du, Eberhard hat sie nach Hause gebracht?

Das glaube ich nicht. Mein Hexenbauchgefühl sagt mir, dass sie hier ganz in

der Nähe sind."

„Spiegeleiiiii! Petuniaaaaa! Sucht ihr uns?" Sieben kleine Eulen kommen auf

Rollschuhen unter einem Haselstrauch hervorgefahren.

„Schaut mal, Geist Wabbelschreck hat uns Rollschuhe geschenkt, damit wir

nach Hause rollen können, weil du vergessen hast, uns abzuholen“, erklärt

Eule.

„Aber wir waren doch fast pünktlich“, rechtfertigt sich Petunia.

„Du hast gesagt ‚um vier‘ und um fünf nach vier wart ihr noch nicht da!“, sagt

Eulolo vorwurfsvoll. „Das ist nicht fast pünktlich, das ist zu spät.“

„Und deshalb sind wir mit Wabbi mitgegangen“, erklärt Eululu.

„Ich war zufällig in der Gegend und da habe ich zufällig die kleinen Eulen vor

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Irmas und Ernas Türe gesehen und da dachte ich mir …“ Geist Eberhard

schlüpft verlegen hinter einer mächtigen Tanne hervor.

„Schau mal, wie toll man ihn piksen kann!“, ruft Eulölö.

„Ähm, nicht doch!“, ruft Eberhard erschreckt.

„Vielen Dank, das ist sehr lieb von dir, dass du auf meine kleinen Eulen

aufgepasst hast“, sagt Petunia.

Geist Eberhard errötet. „Gern geschehen, liebe Petunia, eigentlich sollte ich

sie ja zu …“

„Jaja, genug mit dem Geist geplaudert", unterbricht ihn Herr Spiegelei. „Wir

müssen nach Hause! Ich brauche dringend einen Ölwechsel.“

„Tschüss, Wabbi!„, rufen die kleinen Eulen und winken Geist Eberhard fröhlich

zu.

„Und hast du mir jetzt so eine kleine Eule geschnappt?“ Zwerg Griesgram

steckt seine spitze Nase in die Luft. „Brrr … hier riecht’s nach Petunien!“

Geist Eberhard hat sich die größte Mühe gegeben, heimlich am Tresor

vorbeizuschleichen. Aber es hat nichts genützt.

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Zwerg Griesgram hat eine feine Nase und findet es sofort heraus, wenn Geist

Eberhard bei Petunia war.

„N-nicht so direkt“, antwortet Geist Eberhard und windet sich wie eine dicke

Schlange. „Sie sind noch etwas klein. Ich glaube, Eulen darf man erst ab einer

Größe von dreißig Zentimetern mitnehmen.“

„Was redest du da für einen Quatsch!“, faucht Zwerg Griesgram. „Ich will dich

lehren, deinem Meister nicht zu gehorchen. Ab sofort gibt es für dich nur noch

Käsesuppe! Zum Frühstück, zum Mittagessen und zum Abendbrot!“

„Oh, bitte nicht!“, heult Geist Eberhard. Aber Zwerg Griesgram kennt kein

Erbarmen.

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„Hörst du das auch?“ Petunia sitzt auf ihrem Schaukelstuhl und spitzt die

Ohren. „Meinst du, das ist Geist Eberhard, der da so heult?“

„Ach was, das ist doch bloß der Froschchor von Madame Florentine“, sagt

Herr Spiegelei. „Die sind musikalisch noch nicht so auf der Höhe.“

Petunia wippt nachdenklich auf dem Schaukelstuhl hin und her. Morgen gehe

ich bei Madame Florentine vorbei, denkt sie, und zaubere ihr neue

Musiknoten, damit der Chor nicht wie ein heulender Geist klingt.

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Und wie schön, dass die kleinen Eulen neuerdings so brav sind. Tante Aurora

wird bestimmt sehr stolz auf mich sein, dass ich mit den Kleinen so gut

zurechtkomme.

Zufrieden wippt Petunia noch ein Weilchen hin und her.

Schulfrei für die wilden Eulentrommler vom Finsterwald


„Sagst du es ihr?"– „Ich? Wieso ich?" Eulolo schubst Eulili vor Petunias

Schaukelstuhl.

„So, meine lieben Eulchen, gleich geht’s in die Schule.“ Petunia lächelt

aufmunternd.

Sieben kleine Eulen schütteln heftig die Köpfe. „Wir gehen nicht in die Schule",

erklärt Eulili.

„Wir brauchen eine neue Herausforderung!“, sagt Eulolo.

„Nun, das Typische an der Schule ist, dass man da jeden Tag hingeht!", erklärt

Herr Spiegelei.

„Warum?“, fragt Eulölö.

„Damit ihr was lernt." Petunia lächelt die Eulen geduldig an.

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„Wir können aber schon alles“, sagt Eule.

„Das sagen auch unsere Lehrerinnen", piepst Eulili.

Sieben kleine Eulen nicken heftig. „Hier ist der Beweis dafür.“ Eulölö hält

Petunia einen Brief entgegen.

Petunia runzelt die Stirn. „Dafür, dass die beiden Damen Lehrerinnen sind,

schreiben sie aber ziemlich unordentlich."

„Und deshalb können wir von ihnen auch gar nichts mehr lernen“, sagt Eulolo

schnell. „Außerdem sind sie heute krank und wir wollen uns nicht anstecken",

sagt Eulölö.

„Sie sind krank?“, fragt Petunia besorgt.

„Ja, sie haben Nackenstarre", erklärt Eule.

„Das ist aber nicht ansteckend!“, erklärt Herr Spiegelei.

„Das ist ja ganz furchtbar! Die Ärmsten!", ruft Petunia.

„Sie sind aber auch ein bisschen selber schuld“, erklärt Eulolo. „Sie haben

gestern den ganzen Tag ihre Köpfe im Kreis herumgedreht, um zu schauen,

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was wir machen."

„Dabei haben wir fast gar keinen Schabernack gemacht“, erklärt Eulili. – „Wir

haben bloß die Federstifte zu Herzchen gebogen“, kichert Eulele. – „Und die

Wandtafel mit Schmieröl eingerieben, die Landkarte vom Finsterwald auf den

Kopf gestellt und ihre Lesebrillen versteckt“, kichert Eulolo. – „Und ein

lustiges Lied erfunden, in dem zwei alte vergessliche Eulen vorkommen“, fügt

Eululu an und platzt fast vor Lachen.

„So unartig wart ihr?“ Petunia schüttelt traurig den Kopf. Dann schaut sie

durch ihr Kaleidoskop. „Tatsächlich, Erna und Irma haben eine Tafel

rausgehängt: Heute ist die Schule für kleine Eulen geschlossen und morgen

auch und ab übermorgen sind wir im Urlaub.“

„Siehst du!“ Sieben kleine Eulen nicken mit den Köpfen. „Du musst uns

höchstpersönlich dressieren. Aber für eine Anwärterin des Eulenhexen-

Diplomes ist das sicher kein Problem.“

Eulolo schaut Petunia triumphierend an. „Du willst doch das Diplom?“

„Ja, schon“, sagt Petunia. „Ich dachte nur, die Schule wäre praktisch für uns

alle und anfangs lief es ja auch sehr gut.“

„Der Anfang ist vom Ende am weitesten entfernt“, seufzt Herr Spiegelei. „Alte

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Flugsaugerweisheit!“

„Qui-qua-quatsch!“, ruft Eule. „Wir mögen keine Flugsaugerweisheiten.“

„Siehst du, die Federlinge sind schon wieder so frech“, schnaubt Herr

Spiegelei und pustet dazu eine dicke Staubwolke aus.

„Nicht streiten!“, sagt Petunia. „Ich habe eine Idee! Die kleinen Eulen könnten

doch Madame Florentines Froschchor mit ihren zarten hellen Stimmchen

gesanglich unterstützen. Sie ist immer auf der Suche nach neuen Talenten.

Und Tante Aurora würde sich sicher freuen, wenn ihr singen lernt.“

Die kleinen Eulen beginnen zu tuscheln. „Können wir auch ein Instrument

spielen?“, fragt Eulolo. „Wir wären nämlich lieber in einer Band.“

„Das ist eine super Idee!“, ruft Petunia. „Madame Florentine ist bestimmt auch

sehr dankbar für ein kleines Orchester.“

Petunia setzt sich ans Klavier: „Eins, zwei, Spiegelei, drei, vier, Gaukelei!

Liebes Klavier, hol deine Freunde flux zu mir!“

Das Klavier beginnt sogleich, eine zauberhafte Lockmelodie zu spielen.

Petunia überlegt: „Wir brauchen …“

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„Ein Schlagzeug!“, ruft Eule.

„Noch ein Schlagzeug!“, ruft Eulolo.

„Und noch ein Schlagzeug!“, ruft Eulele.

„Noch mehr Schlagzeuge!“, ruft Eululu.

„Viel mehr!“, ruft Eulölö.

„Und ein Schlagzeug für mich!“, ruft Eulala.

„Ein …!“

„Stopp, stopp!“, ruft Petunia. „Ihr könnt doch nicht alle das gleiche Instrument

spielen. Das ist doch langweilig.“

„Ich will Flöte spielen“, piepst Eulili.

Kaum hat sie das gesagt, kommen sechs Schlagzeuge und eine kleine Flöte

die Wendeltreppe hochgepoltert. Sofort beginnen die kleinen Eulen mit dem

Musizieren.

„Wenn ich bloß Ohren hätte, die ich mir zuhalten könnte!“, jammert Herr

Spiegelei. „Das hält doch kein Flugsauger aus!“

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Und auch das Klavier gibt ein paar entsetzte Töne von sich. „Sehr harmonisch

klingt es noch nicht“, sagt Petunia. „Aber das wird schon. Komm, Herr

Spiegelei, wir fliegen zu Madame Florentine und fragen sie, ob sie sechs

Schlagzeuge und eine Blockflöte zur Unterstützung ihres Chors gebrauchen

kann. Übt schön brav, bis wir wieder da sind.“

„Schön brav und kleine Eulen passt irgendwie nicht zusammen“, brummt Herr

Spiegelei.

Womit er natürlich recht hat, denn kaum sind Petunia und Herr Spiegelei aus

dem Haus, beginnt Eulili zu heulen. „Ihr seid gemein, man hört meine Flöte gar

nicht!“, kräht sie.

Worauf die sechs Eulen noch lauter auf ihren kleinen Schlagzeugen

herumtrommeln. „Wir sind die Eulentrommler vom Finsterwald!“, ruft Eulolo

begeistert.

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Unter dem Baumhaus steht Fredi Waschbär vor seinem Zylinderhaus und hält

sich die Ohren zu. „Ich wünschte, diese kleinen Eulen würden nicht so einen

Krach veranstalten. Jetzt ist meine gute alte Clementine verstummt und will

überhaupt kein trauriges Lied mehr summen. Und wenn sie nicht summt,

dann wäscht sie auch nicht. Wo bleibt bloß Petunia? So geht das doch nicht!“

Was Fredi jedoch nicht sieht, ist, dass ClementineWaschmaschine leise

lächelt. Das erste Mal, seit sie bei Fredi wäscht.

„Bei diesem Krach will ich nicht waschen!“, jubiliert sie. „Tschüss, ihr vollen

Wäschetaschen!“

Zwerg Griesgram findet einen Komplizen


Doch die kleinen Eulentrommler sind nicht die Einzigen, die laut sein können.

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Am nächsten Tag, genau um die Mittagszeit, hallt ein zorniges Geschimpfe

durch den Finsterwald. „Tannennadelsuppe mit Löwenzahn! Das ist doch

grässlicher als grässlich!"

Paul, der Postfuchs, steht in der Küche und schaut seine Frau Fuchsia wütend

an. „Wie oft soll ich es dir noch sagen, Fuchsia, ich bin Hühno-ta-rier! Das ist

das Gegenteil von einem Grünfutteresser! Ich will eine Mahlzeit, die früher

mal gegackert hat! Eine Hühnersuppe! Und das, was in deinem Topf brodelt,

ist …“

„Sehr gesund!", erklärt Fuchsia eingeschnappt. „Und falls es dir nicht passt,

kannst du auswärts essen!“

„Das werde ich tun!", grummelt Paul, und ohne ein weiteres Wort zu sagen,

fährt er auf seinem Fahrrad davon.

Fuchsia zuckt mit den Schultern. „Der kommt schon wieder, wenn er Hunger

hat.“

Doch diesmal soll es nicht so schnell gehen, wie Fuchsia das gewohnt ist.

Paul strampelt wild entschlossen durch den Finsterwald. Zum Glück bin ich

ein schlauer Postfuchs, denkt er. Schlaue Füchse wissen genau, wo die

leckeren Hühner wohnen. Dritte Tanne links, zweite Birke rechts und dann

immer der Fuchsnase nach. Wo es nach Hühnern duftet, da wohnen auch

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Hühner. Paul schleckt sich das Maul.

Nach einer langen und anstrengenden Fahrt kommt er endlich bei einem

kleinen Bretterverschlag an.

„Ohhhh … ahhhh … uhhhh … ich rieche Hühnersuppe! Zwar noch ungekocht,

aber doch sehr vielversprechend!“, jubelt Paul.

„Helga! Da draußen ist jemand! Gehst du mal nach schauen!", hört man eine

Hühnerstimme gackern. Paul presst sein Ohr an die Tür des Holzverschlages.

„Bitte eintreten!“ Mit einem Ruck geht die Tür auf und Paul strauchelt ins

Innere des Schuppens.

„Es ist der Postfuchs, Hulda!", gackert Helga. „Hast du einen Brief für uns? Wir

haben noch nie Post erhalten.“ Eilig wühlt sie sich durch Pauls Posttasche.

„He, das darfst du nicht! Dein Verhalten verstößt gegen das Postgeheimnis“,

mault Paul.

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Die Augen der Henne verengen sich zu zwei schmalen Schlitzen. „Gacker-di-

gack und wer sagt das?“

„Ich“, stammelt Paul.

„Gut, dann gib mir meine Post“, befiehlt Helga streng.

„I-ich habe aber keine Post“, stammelt Paul.

Die kräftige Henne Helga macht ihm Angst. Hennen sind nur in Töpfen

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sympathisch, findet er. Aber das traut er sich natürlich nicht zu sagen.

„Hulda, komm mal von der Stange runter“, kräht Helga. „Der Kerl hat gar keine

Post für uns! Mich würde schon interessieren, was er dann hier will.“

Paul denkt angestrengt nach, während er sich unsicher im Hühnerhaus

umsieht.

„W-was ist das?“, fragt Paul entsetzt und zeigt auf ein Bild, das über dem

Kochherd hängt.

„Wonach sieht es denn aus?“, fragt Helga und kann sich ein Lachen kaum

verkneifen. Auf dem Bild ist ein Fuchs zu sehen, der aus einem Kochtopf

guckt.

„Dann gehe ich jetzt mal wieder“, sagt Paul mit schiefem Grinsen. „Ich wollte

nämlich n-nur mal nachfragen, ob ihr mit meinem Po-Po-Post-Service

zufrieden wärt, falls ich euch mal einen Brief bringen würde.“

„Sehr zufrieden“, sagt Helga. „Der letzte Postfuchs hat uns gut geschmeckt,

was, Hulda?“

„Sehr lecker!", kräht es von oben. „Besonders die Ohren!“

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Paul greift sich erschreckt an den Kopf. „Also, dann tschüss, ich bin auch

schon wieder weg!“ So schnell er kann, schwingt sich Paul auf sein Rad und

strampelt davon, als würde er von einer Meute bissiger Jagdhunde verfolgt.

„Das haben wir gut gemacht, was, Hulda?“, grinst Helga. „Zum Glück hat uns

Fuchsia den Tipp gegeben! Aber wir mussten doch ziemlich lange warten, bis

er sich endlich mal getraut hat, bei uns vorbeizuschauen.“

Die beiden Hennen streichen sich die Federn glatt und Hulda verstaut das Bild

mit dem Fuchs im Kochtopf wieder im Schrank. Währenddessen jagt Paul

immer noch im Eiltempo durch den Wald.

„Jetzt habe ich mich auch noch verirrt“, jammert er. „Ein Postfuchs, der den

Weg nach Hause nicht kennt! So eine Pleite!“

„Stopp! Steig ab und gib mir dein Fahrrad!“ Direkt vor Paul steht plötzlich

Zwerg Griesgram. „Du befindest dich auf meinem Hoheitsgebiet.“ Der Zwerg

reißt gierig an Pauls Tasche.

„Bitte nicht, Herr Griesgram! Ich hatte heute schon genug Pech!“

Der Postfuchs erzählt Griesgram alles, was ihm Schreckliches widerfahren

ist. „Was bist du doch für ein Angstfuchs! Du hättest dir die Hühner

schnappen können!", schnauzt ihn Zwerg Griesgram an.

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„Aber die Hühner waren doch zu zweit und ich bin nur einer … wenn auch

normalerweise ein sehr schlauer“, verteidigt sich Paul.

Zwerg Griesgram schlägt die Hände über seinem kleinen Kopf zusammen.

„Ich fasse es nicht! Was ist das nur für eine Welt, der Finsterwald verkommt

zu einem Streichelzoo und daran ist nur diese Petunia schuld!"

Paul schaut verlegen auf seine Vorderpfoten. „Aber weißt du, was, Postfuchs,

ich helfe dir. Zufällig ist heute mein netter Tag“, knurrt Zwerg Griesgram.

Beinahe rutscht Paul heraus, dass Zwerg Griesgram doch eigentlich nie einen

netten Tag hat, das weiß nämlich jeder im Finsterwald. Aber er beschließt, es

besser bleiben zu lassen und erst einmal zuzuhören. Denn manchmal ist

zuhören die bessere Variante als reden, das weiß jeder schlaue Fuchs.

„Und wenn Petunia mir keine Eule geben will?“, fragt Paul, nachdem er sich

alles von Zwerg Griesgram angehört hat.

„Dann machst du bei ihr etwas kaputt“, erklärt Zwerg Griesgram.

„Und wenn es immer noch nicht klappt?“, fragt Paul unsicher.

„Dann machst du noch etwas kaputt!“ Zwerg Griesgram schaut Paul

ungehalten an. „Du hast keine Ahnung, wie man sich durchsetzt, was?"

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„Doch, doch“, murmelt Paul. „Aber meine Frau Fuchsia sagt immer, besser

einmal zu viel gefragt."

Es ist das zweite Mal heute, dass Paul nicht so richtig weiß, wie ihm

geschieht …

„Also, morgen Punkt drei beim Tresor!“, sagt Griesgram.

„Und da krieg ich dann so viel Hühnersuppe, wie ich essen mag?", fragt Paul

vorsichtig.

„So ist es abgemacht“, knurrt Zwerg Griesgram.

„Danke!", ruft Paul und drückt dem verblüfften Zwerg Griesgram einen Kuss

auf die Stirn. „Jetzt weiß ich, wie man sich durchsetzt.“

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Petunia bekommt schon wieder Besuch vom Postfuchs


„Hallo, ist jemand zu Hause? Macht sofort die Tür auf! Das ist ein Befehl von

mir, dem Postfuchs Paul! Und ich frage nicht zweimal!" Paul steht keuchend

oben auf Petunias Wendeltreppe.

„Sag mal, was ist denn mit dir los? Seit wann bist du so unfreundlich?“ Herr

Spiegelei hat die Tür geöffnet und schaut Postfuchs Paul verwundert an.

„Seit ich einen neuen Nebenerwerb gefunden habe", erklärt Paul stolz. „Ich bin

nicht nur Postfuchs, sondern auch noch Entfü…“

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Plötzlich fällt ihm ein, dass es vielleicht keine so schlaue Idee ist, Herrn

Spiegelei zu verraten, was er vorhat. „Ähm, ich wollte fragen: Ist Petunia hier?

Und falls nein, was ich hoffe, wo sind die Eulen? Sie hat doch so niedliche

kleine Eulen zu Besuch, stimmt’s oder lieg ich richtig? Ich würde sie sehr

gerne … ähm … im Namen der Finsterwaldpost … ähm … begrüßen."

Paul versteckt einen leeren braunen Postsack hinter seinem Rücken. „Die

Eulen sind alle mit Petunia bei Madame Florentine, sie sollen da musizieren

lernen, damit sie sich mit etwas Sinnvollem beschäftigen und nicht dauernd

Unfug treiben.“

„Oh, ja, das ist … ähm … gar nicht günstig„, bemerkt Paul. „Dann komme ich

ein anderes Mal wieder, vielleicht in einer halben Stunde.“

„Mach das!“, knurrt Herr Spiegelei. „Und bring am besten auch einen Brief von

Tante Aurora mit, in dem steht, wann sie die frechen Dinger wieder abholt.“

Der Postfuchs zögert. „Ich kann die Eulen mit meinem Fahrrad zu Aurora

fahren, wenn das hilft.“

„Gut zu wissen, aber da muss ich wohl erst noch mit Petunia Rücksprache

halten“, brummt Herr Spiegelei.

Dann lauscht er, wie der Postfuchs die Treppe hinunterstolpert. Jetzt, da die

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Eulen weg sind, kann er sich in aller Ruhe ein Tässchen Schmieröl

genehmigen. Zufrieden pustet Herr Spiegelei eine Staubwolke aus. Es ist

nicht gesund, alle Sorgen in sich hineinzusaugen, ich muss unbedingt mit

Petunia reden, überlegt Herr Spiegelei. Dann gießt er sich ein Kännchen

Schmieröl in den Motor.

Diese kleinen Eulen passen einfach nicht zu unserem Baumhaus, überlegt er

weiter. Sie bringen nichts als Unordnung in unser schönes gemütliches

Leben.

Plötzlich hört er unter dem Waschtrog ein Rascheln. „Spiegelei, spielst du mit

mir? Mir ist langweilig!“ Herr Spiegelei zuckt zusammen. Das darf doch nicht

wahr sein! Eine kleine Eule!

„Was machst denn du hier? Du solltest bei Madame Florentine sein.“

Eulili streckt trotzig ihr Näschen in die Luft. „Nein, nein, nein! Ich wollte auf gar

keinen Fall mit, und wenn ich etwas nicht will, dann will ich es nicht! Aber

jetzt weiß ich nicht, was ich machen soll! Ich vermisse Eululu, Eulele, Eulölö,

Eulolo, Eulala …“

„Schon gut, ich habe verstanden!“, sagt Herr Spiegelei. „Aber ich kann dich

leider nicht hinfliegen. Ich muss warten, bis das Schmieröl durch mein

Getriebe gesickert ist. Vorher geht gar nichts.“

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„Uäääähhhhh!“, kräht Eulili. „Ich will aber zu Eululu, Eulele, Eulölö …“

„Hör sofort auf zu schreien! Ich weiß, was wir machen! Paul, der Postfuchs,

kann dich auf seinem Fahrrad zu Madame Florentine bringen. Er war eben

hier. Wenn du dich beeilst, erwischst du ihn noch!“

Eulili flattert, so schnell sie kann, die Treppe hinunter und Herr Spiegelei

schlürft zufrieden sein zweites Tässchen Schmieröl. „Das habe ich gut

gemacht“, kichert er stolz. „Die besten Ideen kommen einem doch immer

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beim Schmierölschlürfen, alte Flugsaugerweisheit!“

Eulili flattert durch den Finsterwald. Aber weit und breit ist kein Postfuchs zu

sehen.

„Ich muss mich ausruhen“, sagt sie. Die kleine Eule wird immer müder und

bald mag sie auch nicht mehr fliegen. Verzweifelt stolpert sie immer tiefer in

den Tannenwald.

„Ich habe mich verirrt“, jammert sie. Und während Eulili immer weiterläuft,

verschwindet die Sonne hinter den Baumwipfeln. „Hiiiiiiilfeeeee!“, ruft Eulili.

Ein alter Marder sitzt auf einem Baumstamm und schnäuzt sich geräuschvoll

die Nase. Eulili bleibt stehen: „Ich will zu Eululu, Eulele, Eulölö …“

„Wer soll das sein?“, fragt der Marder.

„Meine Geschwister, sie sind bei Petunia“, schluchzt Eulili.

Der Marder denkt nach. „Ach so, du willst zu Petunias Baumhaus. Da kann ich

dir gerne helfen. Das ist aber ein ganzes Stück weg, mein Kind. Also, pass

auf! Wenn du nach rechts abbiegst, dann kommst du zu Zwerg Griesgrams

Tresor. Da würde ich nicht hingehen. Zwerg Griesgram ist kein freundlicher

Geselle. Wenn du nach links gehst, dann bist du in Sicherheit. Dann musst du

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nur noch ganz lange geradeaus gehen, bis du einen Baum mit runden Blättern

siehst.“

„Ja, genau, da wohne ich. Danke, Herr Marder!“, ruft Eulili begeistert.

Was die kleine Eule allerdings nicht wissen kann, ist, dass der alte Marder

links und rechts nicht unterscheiden kann. Schon seit seiner Kindheit, und das

ist ziemlich lange her.

„Habe ich links gesagt?“, überlegt er. „Das wäre nämlich falsch oder ist es

doch richtig?“

Aber Eulili ist längst weg. „Jetzt schau mal einer an, wer kommt denn da

angetrippelt!“ Zwerg Griesgram steht vor seinem Tresor und reibt sich die

Hände. Dann dreht er sich um. „Du kannst gehen, Postfuchs! Ich brauche

deine unnützen Dienste nicht mehr!“

„Aber ich konnte die kleinen Eulen doch noch gar nicht fragen, ob sie zu dir

kommen wollen“, sagt Paul.

„Verschwinde!“, ruft Griesgram ungehalten.

„Und was ist mit meiner Hühnersuppe?“, fragt Paul vorsichtig. „Mach, dass du

wegkommst, sonst mache ich Fuchsgulasch aus dir.“ Zwerg Griesgram läuft

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energisch durchs Gestrüpp und mit einem festen Handgriff packt er die kleine

Eule.

„Aua, lass mich los!“, kräht Eulili. „Das war’s dann wohl mit deinem

Eulenhexen-Diplom, Petunia Olivia“, sagt Griesgram hämisch.

Und für einen Moment lang sieht es so aus, als ob der Zwerg lächeln würde.

Aber da er nie lächelt, kann das nur eine Täuschung sein.

Paul, der Postfuchs, schwingt sich auf sein Fahrrad. „Das ist wirklich blöd

gelaufen“, knurrt er. „Wieso habe ich mich nur mit dem fiesen Zwerg

Griesgram eingelassen? Die arme kleine Eule … irgendwie habe ich mir das

alles ganz anders vorgestellt. Weniger gefährlich und mehr hühnersuppig!

Nicht auszudenken, was Fuchsia sagen wird, wenn sie davon erfährt.

Vielleicht sollte ich zu Petunia, um sie zu warnen!“

So schnell er kann, strampelt Paul durch den Finsterwald.

Die Suche nach Eulili


„Haben wir schön musiziert?“ Sechs kleine Eulen spazieren stolz mit Petunia

den Weg entlang. Den ganzen Nachmittag haben sie bei Madame Florentine

ein tolles Lied für sechs Schlagzeuge geprobt.

„Schade, dass Eulili nicht mitgekommen ist“, sagt Petunia lächelnd.

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„Bestimmt hätte es ihr bei Madame Florentine gut gefallen.“

Die kleinen Eulen beginnen zu tuscheln. „Sie hat sich heute Morgen

versteckt!“, ruft Eulölö.

„Aber das weiß ich doch", sagt Petunia und lächelt verschmitzt. „Ich dachte

mir, wenn sie heute nicht mitwill …“

„Dann kommt sie morgen bestimmt mit, weil wir ihr dann erzählen, wie lustig

es war!“, ruft Eule. „Das ist ein Eulendressurtrick! Den kennen wir!“

„Ganz genau! Morgen ist auch noch ein schöner Musiziertag!“ Langsam

nähern sie sich dem Baumhaus.

„Schaut mal, Herr Spiegelei hat alle Lichter angemacht!“, ruft Eululu.

„Spie-gel-ei! Deine Lieblingseulen sind zurück!“, kräht Eulala.

Herr Spiegelei steht hinter der Tür.

„Eulili!„, ruft Eulölö. „Wir sind wieder da!“

Herr Spiegelei beginnt zu rattern, was er immer dann macht, wenn er nervös

ist.

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„Ist Eulili nicht bei euch?“

„Nein, wieso? Sie ist doch zu Hause geblieben“, sagt Petunia verwirrt.

„Ja, ähm … dann habe ich sie vielleicht übersehen“, stammelt Herr Spiegelei.

Auf keinen Fall möchte er Petunia erzählen, was passiert ist. Dass er die

kleine Eule einfach alleine in den Finsterwald geschickt hat, wird Petunia

bestimmt nicht gefallen.

Petunia und die sechs kleinen Eulen laufen durchs Haus. „Hier ist sie nicht!“,

wundert sich Petunia. „Wir müssen draußen weitersuchen.“

Die kleine Hexe späht durch ihr Kaleidoskop. „Komisch, ich kann nirgends

eine kleine Eule entdecken. Alles, was ich sehe, ist Frau Maus, die ihre Kinder

ins Bett bringt, die Eichhörnchenschwestern, die ihre Pelze mit Nussöl glätten,

Fuchsia, die Gemüse schält …“ Petunia kichert. „Das wird Paul bestimmt nicht

gefallen. Aber wo ist Paul eigentlich?“

„Und was macht Zwerg Griesgram?“, fragt Herr Spiegelei vorsichtig. „Nix. Die

Tresortür ist wie immer verriegelt. Wenn ich nur wüsste, was er dadrinnen

aufbewahrt.“ Petunia kichert noch mal. „Wahrscheinlich seine stinkigen

Zwergensocken.“

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Doch plötzlich wird Petunia wieder ernst. „Ich hoffe, dass Eulili nichts passiert

ist. Ich habe gar kein gutes Hexenbauchgefühl.“

„Sie ist ausgerissen!", ruft Eululu. „Ich will auch ausreißen!“

„Sicher nicht!“, sagt Petunia streng. „Aber weit weg kann Eulili eigentlich nicht

sein. Bestimmt versteckt sie sich, um uns einen Streich zu spielen. Komm,

Herr Spiegelei. Mach dich bereit! Wir gehen sie suchen.“

„Super! Wir machen einen Nachtflug“, ruft Eulölö erfreut.

Herr Spiegelei drückt sich in die Ecke des Baumhauses. „Ich kann nicht

fliegen, ich habe schreckliche Motorenmigräne“, keucht er und sein Gehäuse

wird dabei knallrot.

Petunia runzelt die Stirn. „Seit wir wieder da sind, benimmst du dich so

eigenartig, Herr Spiegelei. Bist du sicher, dass du mir nicht etwas erzählen

willst?“

Herr Spiegelei schüttelt sich. „Ich wüsste nicht, was!“

„Kommt, wir kitzeln es aus ihm heraus!“, ruft Eulölö.

„Lasst mich bloß in Ruhe, ihr gefiederten Nervensägen“, knurrt Herr Spiegelei.

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„Ich habe eine Idee!“, ruft Petunia. „Wir gehen zu Fuß, und damit wir Eulili

schneller finden, zaubere ich aus allen Tannenzapfen kleine Laternen. Dann

wird der Finsterwald taghell.“

Die kleinen Eulen sind begeistert. „Eins, zwei, Spiegelei, drei, vier, Gaukelei! Im

Finsterwald wird’s hell und das ganz schnell … flux, flux!“ Kaum hat Petunia

das gesagt, brennen tausend Tannenzapfenlaternen im Finsterwald.

„Ich nehme die Abkürzung!“, ruft Petunia und rutscht das Treppengeländer

hinunter. Die kleinen Eulen rutschen ihr freudig hinterher. „Wenn alles so

schön hell ist, finden wir Eulili ganz schnell.“

„Petunia! Weißt du, was hier los ist?“ Frau Maus kommt eilig auf die kleine

Hexe zugelaufen. „Gerade eben sind meine fünf kleinen Mäuse eingeschlafen

und jetzt ist es im Finsterwald wieder taghell geworden und nun wollen meine

Kinder überhaupt nicht mehr ins Bett.“

Petunia erklärt Frau Maus schnell, was passiert ist. „Ach so, dann hoffe ich,

dass ihr den Ausreißer bald findet, damit wir schlafen können.“ !“

„Das hoffe ich auch!“, ruft Don Grillo aus der FinsterwaldPizzeria. „Meine

Gäste wollen bei romantischem Glühwürmchenlicht und nicht bei Tageslicht

essen.“

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Und obwohl heute überhaupt nicht Reklamationstag ist, muss sich Petunia

insgesamt 23 Beschwerden anhören. Doch Eulili bleibt unauffindbar und nach

einer Stunde gehen auch die Tannenzapfenlaternen wieder aus. Die kleinen

Eulen beginnen zu gähnen.

„Wir wollen nach Hause“, piepst Eulölö. Sechs kleine Eulen nicken. „Wir auch!“

Wieder im Baumhaus, setzt sich Petunia auf ihren Schaukelstuhl. „Ich mache

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mir solche Sorgen um die Kleine, ich hätte sie niemals zu Hause lassen

sollen.“

Traurig schaukelt sie hin und her. Herr Spiegelei sitzt stumm in seiner Ecke.

Sein schlechtes Gewissen quält ihn und schon gar nicht möchte er Petunia so

betrübt sehen.

„Es ist alles meine Schuld“, jammert er und erzählt Petunia haarklein, was

passiert ist: vom Postfuchs, der vorbeikam, und wie er, der genervte

Flugsauger, die arme Eulili allein in den Wald geschickt hat.

„Das hättest du mir doch gleich sagen können“, sagt Petunia vorwurfsvoll.

„Aber jetzt weiß ich wenigstens, was zu tun ist. Komm, wir fliegen schnell

zum Postfuchs. Bestimmt weiß er, wo Eulili ist!“

Herr Spiegelei nickt erleichtert. „Und diesmal nehmen wir alle Eulchen mit!"

Geist Eberhard verrät Petunia ein Geheimnis


Mitten in der Nacht läutet Petunia beim Postfuchs Sturm. „Paul ist nicht da",

sagt Fuchsia. „Er wollte zu dir radeln, um dir irgendetwas zu erzählen.“

Fuchsia denkt nach. „Ich glaube, es hat etwas mit einer der kleinen Eulen zu

tun."

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„Danke!“, ruft Petunia. „Komm, Herr Spiegelei, dann fliegen wir jetzt schnell

zurück. Bestimmt ist Paul schon bei uns."

Doch beim Baumhaus ist weit und breit kein Postfuchs zu sehen. „Ich werde

den Finsterwald auf eigene Faust noch mal auf und ab fliegen, um den

Ausreißerfederling zu suchen“, sagt Herr Spiegelei bestimmt. Er hat immer

noch ein schlechtes Gewissen.

„Ach was, Eulili ist schlau, die ist morgen wieder da. Sie ist schon früher ab

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und zu ausgebüxt!", sagt Eule und gähnt. Sechs kleine Eulen nicken.

„Ich hoffe, ihr habt recht!“, seufzt Petunia.

Plötzlich hören sie ein lautes Klopfen: bumm, bumm, bumm! „Petunia, mach

die Tür auf!", ruft eine wohlbekannte Stimme. .

Petunia rennt zur Tür. „Da bist du ja!“, ruft sie erleichtert. Vor der Tür steht

Paul, doch statt Eulili hat er seine Frau Fuchsia dabei.

„Paul will dir etwas erzählen, Petunia", sagt Fuchsia ernst und stößt ihren

Mann in die Seite.

„Jaja, jetzt lass mich doch, Fuchsia.“ Paul tritt verlegen von einer Pfote auf die

andere. „Ich habe einen Brief für dich! Er ist von deiner Tante Aurora. Ich habe

ihn nicht gelesen, aber es steht drin, dass sie dich in drei Tagen besuchen

kommt, um nach den Eulen zu sehen."

Petunia wird ganz bleich. „Du wolltest ihr aber noch etwas anderes sagen,

Paulchen, etwas sehr Wichtiges, schon vergessen?“, bohrt Fuchsia weiter.

„Ja, genau. Ähm, ich habe zufällig … kürzlich Zwerg Griesgram getroffen …

und er hat mir ein Angebot … also, ich habe es natürlich nicht angenommen."

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„Lüg nicht!“, faucht Fuchsia und dann erzählt sie Petunia, dass Paul eine

kleine Eule gegen einen Topf Hühnersuppe tauschen wollte!

„Ich weiß, das war nicht nett von mir", sagt Paul zerknirscht.

„Richtig! Deine Einsicht kommt zwar nicht früh, aber auch nicht zu spät“, sagt

Fuchsia und schaut ihren Mann zufrieden an.

„Oh nein!“, jammert Petunia. „Jetzt wird mir alles klar. Zwerg Griesgram hat

die kleine Eulili entführt. Das ist ja grauenhaft!“ Traurig schaut sie auf ihre

roten Stiefelchen: „Wenn ich doch nur alles rückgängig zaubern könnte, aber

das kann niemand. Nicht mal die allerdiplomierteste Hexe vom Finsterwald.“

„Stimmt, dein Eulenhexen-Diplom kannst du jetzt wohl vergessen!“, murmelt

Herr Spiegelei.

„Ach, darum geht es mir doch überhaupt nicht“, schnieft Petunia. .

„Worum dann?“, fragt Herr Spiegelei. „Immerhin kommt übermorgen deine

Tante Aurora angedüst.“

Petunia beginnt zu heulen. „Wenn ich mir vorstelle, dass die arme kleine Eulili

ganz allein bei Zwerg Griesgram ist … Ich werde jetzt zu ihm gehen und ihm

mein Zauberkaleidoskop geben, auf das er es schon so lange abgesehen

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hat.“

„Das darfst du nicht!“, ruft Herr Spiegelei entsetzt.

„Auf gar keinen Fall“, ruft Fuchsia. „Denk doch auch an uns! Wenn er dein

Kaleidoskop hat, kann er uns alle ausspionieren.“

„Ich glaube, Fuchsia hat recht“, sagt Paul. „Das wäre das Ende vom freien

Finsterwald.“

Petunia nickt betrübt. Kaum sind Paul und Fuchsia weg, hüpfen sechs kleine

Eulen in Petunias Schoß. „Nicht traurig sein, Petunia, zusammen finden wir

Eulili. Dieser Zwerg Zwiebelzahn hat doch überhaupt keine Chance gegen

uns.“

„Ihr habt recht“, sagt Petunia. „So schnell dürfen wir nicht aufgeben!“

„Wir haben doch immer recht!“, sagt Eulolo. Sechs kleine Eulen nicken eifrig.

„Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren. Wenn Zwerg Griesgram Eulili gefangen

hält, dann müssen wir herausfinden, wo.“ Angestrengt schaut Petunia durch

ihr Kaleidoskop. Aber von Zwerg Griesgram ist weit und breit nichts zu sehen.

„Ich weiß, wer uns helfen kann!“, ruft Petunia.

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„Warum bin ich nicht gleich darauf gekommen! Wir müssen zu Geist

Eberhard. Er ist der Einzige, der uns verraten kann, wo sich Eulili befindet.

Beim ersten Sonnenstrahl fliegen wir los.“

Wenige Stunden später sind alle bereit. „Vielleicht wäre es klüger, Geist

Eberhard zum Tee einzuladen“, überlegt Petunia. „Wenn er in der Nähe von

Zwerg Griesgram ist, traut er sich vielleicht nicht zu reden.“

„Diesmal sind wir auch ganz lieb, wenn Geist Wabbelschreck uns besucht“,

verspricht Eululu.

„Ich habe eine Idee!“ Herr Spiegelei pustet aufgeregt Staub durch die Gegend.

Dann erzählt er Petunia, was er sich überlegt hat.

„Eine wirklich geniale Idee, mein lieber Herr Spiegelei!“, ruft Petunia

begeistert. „Los geht’s: eins, zwei, Spiegelei, drei, vier, Gaukelei! Lieber

Backofen, nicht lange zagen, verwandle dich sofort in einen Kuchenwagen.

Flux, flux!“

„Heute ist Backofen-Ruhetag!“, reklamiert der Ofen. Aber diesmal nützt es

nichts. Kurze Zeit später hat er vier Räder und fliegt mit dem leckersten

Kuchen im Bauch durch den Finsterwald – unter genauester Anleitung von

Herrn Spiegelei natürlich. Denn allzu große Flugerfahrung hat der Backofen

noch nicht.

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„Da unten sitzt Geist Eberhard und sortiert Steine!“, ruft Herr Spiegelei. „Alle

an Bord, bereit machen zur Landung!“

„Guten Tag, mein lieber Eberhard!“, sagt Petunia. „Wir waren zufällig in der

Gegend und da dachten wir, dass wir zusammen picknicken könnten.“

„Wir haben dir deinen Lieblingskuchen mitgebracht“, sagt Herr Spiegelei.

Geist Eberhard beginnt zu strahlen. „Was für eine Überraschung! Ich möchte

natürlich nicht unverschämt sein. Aber habt ihr auch ein Tässchen Tee

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dabei?“

„Natürlich", sagt Petunia, „vom allerbesten.“

Geist Eberhard schaut sich hektisch um. „Eigentlich dürftet ihr nicht hier sein.

Wenn euch Zwerg Griesgram sieht, wird er bestimmt sehr griesgrämig.“

„Aber das ist er doch schon sowieso“, sagt Petunia. Sie überreicht Geist

Eberhard ein Kuchenstück nach dem anderen.

„Wirklich schön, dass ihr mich besuchen kommt“, sagt Geist Eberhard

glücklich. „Ich hatte schon so lange keinen Besuch mehr.“

„Ja, sehr schön“, brummt Herr Spiegelei und pustet eine Staubwolke in

Eberhards Richtung.

„Oh, Verzeihung!“ Petunia schaut Herrn Spiegelei strafend an. Dann lächelt sie

wieder ihr charmantestes Hexenlächeln.

„Sag mal, Eberhard, du weißt nicht zufällig, ob Zwerg Griesgram kürzlich auch

Besuch empfangen hat, zum Beispiel von einer kleinen Eule namens Eulili?“

Geist Eberhard denkt angestrengt nach. „Ja, aber es nützt dir nichts, dass ich

das weiß, ich darf nämlich nicht darüber reden.“

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„Ach, du brauchst mir gar nichts zu sagen“, winkt Petunia ab. „Ich weiß doch

sowieso, dass Zwerg Griesgram Eulili in seinem Tresor eingeschlossen hat.“

Eberhard schaut Petunia erstaunt an. „Nein, liebe Petunia, da irrst du dich

ganz bestimmt, die kleine Eule ist im verlassenen Biberbau unten am Fluss.“

„Vielen Dank!", ruft Petunia. „Du hast uns sehr geholfen.“

„Ups!“, sagt Geist Eberhard. „Das hätte ich auch nicht erzählen dürfen. Aber

jetzt ist es zu spät, ich nehme mir einfach noch ein Stück vom leckeren

Kuchen und denke nicht mehr daran.“

„Endlich einer, der meine Künste angemessen zu schätzen weiß“, murmelt der

Backofen zufrieden.

Die Bisamratte wird überlistet


Geist Eberhard sitzt glücklich auf einem Stein und kaut genüsslich sein

fünfzehntes Stück Kuchen. Wie nett, dass Petunia ihm so viele Kuchenstücke

dagelassen hat.

„Dieses Päuschen habe ich mir redlich verdient“, seufzt Geist Eberhard und

schaut auf alle Kiesel, die er schon der Größe nach sortiert hat.

„Brrr … hier riecht es nach Stinke-Petunien, hatten wir Besuch, Eberhard?“

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Geist Eberhard zuckt zusammen. Er hat Zwerg Griesgram nicht bemerkt und

jetzt steht der Zwerg genau neben ihm und sieht noch übel gelaunter aus als

sonst.

„Nein, Meister, nicht so richtig, nur ein bisschen Besuch von Petunia hatte ich.

Ihr Backofen war auch dabei, Herr Spiegelei auch und vielleicht noch die eine

oder andere kleine Eule.“

„Soso! Du hast ihnen doch hoffentlich nicht verraten, wo die siebte kleine Eule

ist, du einfältiger Wicht!“, sagt Zwerg Griesgram scharf.

Geist Eberhard schaut betreten auf seine Füße. Für einen ehrlichen Geist wie

ihn sind solche Fragen sehr unangenehm. „Ich muss jetzt wieder an die

Arbeit, Meister.“

„Recht so! Der ganze Steinbruch ist voller unsortierter Kieselsteine“, grunzt

Zwerg Griesgram und stapft davon.

„Alles läuft nach Plan!“, murmelt er. „Der dumme Geist hat Petunia auf die

falsche Fährte gelockt. Wenn sie erst beim verlassenen Biberbau ist, dann ist

es für mich ein Kinderspiel, sie da einzusperren. Dann muss ich nur noch

warten, bis die alte Hexe Aurora auftaucht. Na, die wird Augen machen! Wie

viel ihr Petunia und die Eulen wohl wert sind?“

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Zwerg Griesgram grinst böse. „Petunia wird ihr Eulenhexen-Diplom niemals

erhalten! Vielleicht wird ihr sogar dieser Spiegelei weggenommen und das

Kaleidoskop. Es lebe Zwerg Griesgram!“, kräht der Zwerg.

„Es bebe Berg Kiesmann!“, echot eine Stimme aus den Bäumen. „Sei ruhig, du

blöder Specht!“, ruft Zwerg Griesgram erbost. „Deine faulen Stunden sind

gezählt! Bald wirst auch du meine Kieselsteine sortieren! He-he-he!“

Petunia, Herr Spiegelei, die sechs Eulen und der Backofen sind unterdessen

auf dem Weg zum alten Biberbau.

„Wann sind wir endlich da?“, fragt Eulolo. „Ich will nach Hause“, stöhnt Eululu.

„He, wollt ihr denn gar nicht die arme Eulili retten?“, sagt Herr Spiegelei.

„Doch, aber wenn du richtig auf sie aufgepasst hättest …“, schimpft Eulala.

„Nicht streiten!“, ruft Petunia. „Seht mal, da vorne fliegt Herr Specht, er winkt

uns zu. Ich glaube, er will uns was sagen.“

Herr Specht landet auf Herrn Spiegeleis Rücken und erzählt Petunia, wie er

Zwerg Griesgram ausspioniert hat. „So ein Schuft!“, schimpft Herr Spiegelei.

„Aber wo ist Eulili dann?“, fragt Petunia verzweifelt.

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„Ich habe eine Idee!“, sagt Eulolo. „Eulili hat doch eine Flöte dabei. Kannst du

nicht zaubern, dass die Flöte ganz laut spielt? Dann wissen wir, wo Eulili ist.“

„Das ist ausnahmsweise eine gute Idee, Federling!“, brummt Herr Spiegelei.

Und sofort beginnt Petunia zu zaubern. Hoffentlich klappt es: „Eins, zwei,

Spiegelei, drei, vier, Gaukelei! Spiele, Flöte, spiele laut!“ Kaum hat sie das

gesagt, ist von weit her ein Flötenspiel zu vernehmen. „Die Töne kommen

vom anderen Ende des Waldes, aus dem großen Sumpf!“, ruft Petunia.

„Oh nein!", stöhnt Herr Spiegelei. „Bitte nicht das Sumpfgebiet.“

„Wer wohnt dort?“, fragen die kleinen Eulen.

Petunia und Herr Spiegelei schauen sich an. „Die Bisamratte!“, sagen sie im

Chor. „Zwerg Griesgrams alter Kumpel“, ergänzt Herr Spiegelei. „Er hat ein

Haus mitten im Sumpf und da kommt keiner unbemerkt hin. Wer es versucht,

bleibt stecken! So einfach ist das!“

„Und wie kommt Grieserich dahin?“, fragt Eululu.

„Mit seinem Düsenschlammboot“, sagt Petunia.

„Ich habe eine Idee!“, ruft der Backofen. „Und das, obwohl heute eigentlich

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Backofen-Ruhetag ist! Hört gut zu, was ich mir ausgedacht habe!“ Der

Backofen erklärt den anderen ausführlich seinen Plan.

„Und du meinst, das klappt?“, fragen die kleinen Eulen.

„Natürlich!“, ruft der Backofen siegessicher.

„Einen Versuch ist es wert!“, sagt Petunia. „Wer nichts wagt …“

„… wird niemals eine kleine Eule befreien“, ergänzt Herr Spiegelei. „Alte

Flugsaugerweisheit.“

„Eins, zwei, Spiegelei, drei, vier, Gaukelei! Ihr Haartrockner kommt

herbeigeflogen … flux, flux!“, ruft Petunia entschlossen.

Und schon kommen die beiden Haartrockner der Eichhörnchenschwestern

angesaust. „Jetzt muss ich sie nur noch groß zaubern. Die Idee ist nämlich,

dass sie genug Puste haben, um das ganze Sumpfgebiet trockenzulegen.“

Petunia klatscht in die Hände. „Eins, zwei, Spiegelei, drei, vier, Gaukelei …“

Es klappt! Während der Backofen sie anfeuert, verbreiten die Haartrockner so

viel heiße Luft, dass der Sumpf im Nu trocken ist.

„Und was machen wir jetzt?“, fragt Eululu.

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„Jetzt seid ihr wieder dran mit guten Ideen", sagt der Backofen. „Ich habe

Pause.“

„Aber nein, wir brauchen dich noch“, kichert Petunia. „Ich weiß, was wir

machen. Wir verstecken uns alle im Backofen und fahren damit zur

Bisamratte. Dann klingeln wir an der Tür, und wenn sie öffnet …“

„… springen wir mit Geschrei aus dem Backofen und holen uns Eulili zurück!“,

kreischen die kleinen Eulen.

„Und ich puste ganz viel Staub hinterher!“, ruft Herr Spiegelei begeistert. „Ich

hoffe, die Bisamratte ist so richtig schön allergisch auf Staub!“

Und genauso machen sie es. Nachdem Petunia auch den Backofen groß

gezaubert hat, finden alle Platz darin.

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Doch zu ihrem großen Erstaunen ergibt sich die Bisamratte ziemlich schnell

und ohne Widerstand. Es macht fast den Anschein, als sei sie froh, dass sie

von Eulili befreit wird.

„Nehmt dieses freche Ding ruhig wieder mit!“, schimpft sie. „Mitsamt dieser

schrecklichen Flöte. Ich hasse jede Art von Musik und besonders hasse ich

Flötenmusik. Ich werde mich bei Griesgram beschweren! So war das nicht

ausgemacht. Und jetzt ist auch noch mein schönes Sumpfgebiet zerstört!

Warte nur, Griesgram, jetzt kannst du was erleben! Ich suche mir einen neuen

Wald!“

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„Also, dann tschüss, Herr Ratterich! Auf Nimmerwiedersehen!“, rufen ihm alle

hinterher.

„Wisst ihr, was, Zwerg Griesgram ist gar nicht so schlimm“, erzählt Eulili auf

dem Nachhauseweg. „Er hat mir sogar eine Trillerpfeife geschenkt. Dafür

wollte er, dass ich genauso grimmig dreinschaue wie er. Er hat gesagt, das

sei Eulendressur. Lustig, nicht? Außerdem sammelt er gerne Dinge, die er im

Wald findet, und die bewahrt er dann in seinem gemütlichen Tresor auf.“

„Er lässt die Dinge mitgehen“, ergänzt Herr Spiegelei.

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„Ich glaube, am liebsten möchte er …“

„Mein Kaleidoskop“, seufzt Petunia.

„Bingo!“, quietscht Eulili.

Zu Hause setzt sich Petunia erschöpft und glücklich auf ihren Schaukelstuhl.

„Wie schön, dass jetzt alle wieder da sind!“, freut sie sich.

„Wann genau kommt eigentlich Tante Aurora?“, fragt Herr Spiegelei.

„Oh, nein!", ruft Petunia. „Das ist ja schon übermorgen!“

Zwei Briefe an einem Tag


Dass Tante Auroras Besuch kurz bevorsteht, merkt man an drei Dingen:

Erstens ist Petunias Baumhaus blitzeblank geputzt, zweitens eilt Herr

Spiegelei, ohne zu murren, die Wendeltreppe hinauf und herunter und drittens

Ja, wo sind denn die sieben kleinen Eulen? Als Petunia ihre Deckchen

ausschütteln will, findet sie einen Brief:

Liebe Tante Aurora!

Petunia ist die beste Eulenhexe, die Du Dir vorstellen kannst. Sie hat das

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Diplom verdient. Wir haben schon fast alles verlernt … ähm … gelernt.

Sie hat gut auf uns aufgepasst. Besonders auf Eulili. Wir müssen aber noch
bleiben. Sie muss uns noch lehren, wie man rückwärtsfliegt, Himbeerpudding
zaubert und den Handstand macht. Und noch ein paar Sachen, die uns jetzt
aber nicht einfallen. Du weißt aber bestimmt, welche … Weil Du eine alte,
kluge Hexe bist (sagt Eulolo)!

Viele Grüße!

Deine lieben braven kleinen Eulen Eulili, Eulala, Eululu, Eulolo, Eulele, Eulölö
und Eule

PS: Wir haben uns versteckt, wo, sagen wir nicht!

Petunia lächelt verschmitzt. Dann nimmt sie ihr Kaleidoskop hervor und

schaut zu Fredi Waschbär hinüber. „Es scheint mir, dass die gute Clementine-

Waschmaschine heute Besuch hat", kichert Petunia.

Und tatsächlich! In ihrem Waschmaschinenbauch sitzen sieben kleine Eulen

und drehen sich munter im Kreis.

„Wo sind denn die verflixten kleinen Federlinge?!“, ruft Herr Spiegelei durchs

offene Fenster.

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„Tante Aurora wird jeden Moment da sein."

„Guck mal, ich glaube, sie war schon da.“ Petunia deutet nach unten. Vor der

Tür zum Baumhaus liegt ein Kästchen, und als Petunia es vorsichtig öffnet,

riecht es heftig nach Tante Auroras Nadelholz-Parfum.

Im Kästchen liegt ein Brief. Es ist schon der zweite an einem Tag. Petunia

liest:

Liebe Petunia Olivia von und zu Nadelbaum!

Ich bin sehr stolz auf Dich. Du hast nicht nur sehr gut auf
meine sieben kleinen Eulen aufgepasst und sie zu (fast
immer) braven Eulchen dressiert, Du hast ihnen auch
das Allerwichtigste beigebracht.

Petunia lächelt stolz.

Du weißt natürlich, was das ist!

Jetzt schüttelt Petunia unsicher den Kopf.

Du hast ihnen beigebracht, hilfsbereite kleine Eulen zu werden.

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Jetzt nickt Petunia eifrig.

Deshalb findest du im Kästchen sieben Eulenanhänger. Die darfst du


behalten. Du bist jetzt eine diplomierte Nachwuchs-Eulenhexe.

Petunia strahlt.

Aber natürlich nur auf Probe.

Petunia runzelt die Stirn.

Ob du es bleiben wirst, musst Du erst beweisen. Zum Beispiel, indem du


weiterhin gut auf meine sieben kleinen Eulen aufpasst. Das freut Dich
bestimmt und mit dir alle Bewohner des Finsterwaldes.

Liebe Grüße!

Deine Tante Aurora

PS: Schade, dass wir uns nicht sehen können. Ich bin leider schon wieder zu
einem Hexentreffen in Nochweiterweg unterwegs.

Petunia lächelt. Dann geht sie glücklich ins Baumhaus und wippt auf ihrem

Schaukelstuhl hin und her.

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„Wann kommt Aurora, um die Federlinge abzuholen?“, ruft Herr Spiegelei aus

der Küche.

Petunia seufzt: „Irgendwann muss ich ihm sagen, dass die Kleinen noch

etwas länger bleiben. Aber nicht heute, es reicht, wenn er es morgen erfährt.“

Die kleine Eulenhexe. Willkommen im Zauberwald -


Teil 3
Geschichte aus: Die kleine Eulenhexe (1). Willkommen im
Zauberwald
Autor: Katja Alves
Illustration: Marta Balmaseda
Verlag: Arena
Alterseinstufung: ab 5 Jahren
ISBN: 978-3-401-71195-9

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