Sie sind auf Seite 1von 602

Rolf Hachmann

Die Goten und Skandinavien


Quellen und Forschungen
zur Sprach- und Kulturgeschichte
der germanischen Volker

Begründet von
Bernhard Ten Brink und Wilhelm Scherer

Neue Folge

Herausgegeben von

Hermann Kunisch
Stefan Sonderegger und Thomas Finkenstaedt
34 (158)

Walter de Gruyter & Co


vormals G. J. Gösdien'sche Verlagshandlung — J . Guttentag, Verlagsbuchhandlung
Georg Reimer — Karl J . Trübner — Veit & Comp.

Berlin 1970
Die Goten und Skandinavien

von
Rolf Hadimann

Walter de Gruyter & Co


vormals G. J. Gösdien'sdie Verlagshandlung — J. Guttentag, Verlagsbuchhandlung
Georg Reimer — Karl J. Trübner — Veit & Comp.

Berlin 1970
Gedruckt mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft

A r d i i v - N r . 43 30 70 8
©

Copyright 1970 by Walter de Gruyter & Co., vormals G . J . Gösdien'sche Verlagshandlung —


J . Guttentag, Verlagsbuchhandlung — Georg Reimer — K a r l J . Trübner — Veit & C o m p . —
P r i n t e d in G e r m a n y . Alle Rechte des Nachdrucks, der photomechanischen Wiedergabe, der
Herstellung von Mikrofilmen, auch auszugsweise, vorbehalten.
Satz und Drude: T h o r m a n n & Goetsch, Berlin 44
Joachim Werner
zum 23.12.1969
Inhalt
Vorwort XI

I. Einleitung 1

II. Probleme der historischen Quellen


1. Der Scandza-Topos der frühmittelalterlichen Historio-
graphie 15
2. Jordanes — Cassiodorius — Ablabius 35
3. Ablabius und der Autor der Westgotengeschichte 59
4. Zu den Quellen des Ablabius 81
5. Die westgotische Scandza-Tradition 109
6. Die ältesten Nachrichten der Antike über die Wohnsitze
der Goten 135

III. Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand


1. Kossinna und der Skandinavientopos des 19. und 20 Jahr-
hunderts 145
2. Die Vor- und Frühgeschichtsforschung und die Entwick-
lung des Bildes von der Entstehung der germanischen
Sprachen 182
3. Spuren der Gedankengänge Kossinnas in der neueren
Frühmittelalterforschung 212

IV. Probleme der archäologischen Quellen


1. Der bisherige Beitrag der Archäologie zur Herkunft der
Goten 221
2. Die Archäologie und die festländischen Gotensitze 239
3. Zum Problem des archäologischen Nachweises von Be-
völkerungsveränderungen: „Völkerwanderungen" in den
Jahrhunderten um Christi Geburt 279
4. Die Bevölkerungsverhältnisse in Skandinavien um Christi
Geburt 328
5. Zur Siedlungsgeschichte Skandinaviens in den Jahrhunder-
ten um Christi Geburt 389
6. Die Entstehung der Masowischen Gruppe und der Ur-
sprung der Goten 432

V. Die Goten und Skandinavien: Ergebnisse und Probleme 451


X Inhalt

VI. Anhang
1. Jordanes' Anteil an seiner Gotengeschichte 475
2. Cassiodors Anteil an des Jordanes Gotengeschidite 479
3. Des Ablabius Anteil an des Jordanes Gotengeschichte . . . . 487
4. Frühe antike Nachrichten über die Goten 498
5. Cassiodori Senatoris Variae IX 25 und X 22 499
6. Liste der Grabfunde der vorrömischen Eisenzeit und der
römischen Kaiserzeit in Masowien und Südmasuren . . . . 505
a) Eisenzeitlidie Grabhügel „baltischen" Charakters aus Maso-
wien und Südmasuren 505
b) Gräberfelder der Masowischen Gruppe der jüngeren v o r -
römischen Eisenzeit und der älteren Kaiserzeit 507

VII. Literaturverzeichnis
1. Quellenschriften 517
2. Geschichte und Kulturgeschichte 520
3. Germanistik und Alt-Philologie 530
4. Naturwissenschaften 533
5. Vor- und Frühgeschichte 539
VIII. Abbildungsnachweise 565
I X . Historisch-philologisches Namenregister 569

X . Archäologisches Namenregister 579


Vorwort
„Wir sollten vielerörterte, aber nicht zentrale Fragenkreise, . . . , nur
dann von neuem aufgreifen, wenn andere und weitere Probleme, vor die
der Fortgang der Forschung uns stellt, es fordern, oder neue Erkenntnisse,
Hilfsmittel oder Methoden oder wertvoller neuer Stoff ein Weiterkommen
versprechen. Was nützen uns all die einzelnen Korrekturen und Konjek-
turen, deren meiste viel zu unsicher sind, als daß wir auf ihnen fortbauen
können, und keine neuen Wege zu öffnen helfen?"
Diese treffenden Sätze Hans Kuhns 1 , geschrieben, als die Drucklegung
dieses Bandes bereits begonnen hatte, erscheinen dem Verf. wie ein Prüf-
stein, an dem sidi seine Arbeit wird bewähren müssen. Neuer wertvoller
Stoff, neue Hilfsmittel und Methoden und neue Erkenntnisse; das ist sein
Postulat. Man wird sehen, ob sich seine Forderung, die so sehr berechtigt
erscheint, bestätigt; andernfalls wäre wieder einmal ein Buch vergebens
geschrieben.
Am 10. Februar 1949 hielt Hermann Bollnow im „Hamburger Vor-
geschichtsverein" einen Vortrag über „Germanische Stammessagen unter
besonderer Berücksichtigung der Kimbern- und Sachsenfrage". Der Verf.
hörte ihn, und dabei oder bald danach wurde wohl der Gedanke geboren,
der dann schließlich zu diesem Buch geführt hat. Der Vortrag war im
wesentlichen eine Wiederholung von Bollnows Göttinger Antrittsvorlesung
— den Interessen des Hamburger Hörerkreises angepaßt". Ein kurzes
Gespräch schloß sich an den Vortrag an. Damit war ein Problem gestellt:
Eine neuartige, ganz überraschende Interpretation der germanischen Stam-
messagen aus dem Mund eines Historikers; welche Konsequenzen mußten
sich daraus für den Archäologen ergeben? Dieser Gedanke begleitete den
Verf. durch die Jahre zwischen 1949 und etwa 1959 in Erwartung der
Veröffentlichung von Bollnows neuen Thesen.
Im Nachlaß des Frühverstorbenen* fand sich das Manuskript der
Göttinger Antrittsvorlesung. Angesichts der Möglichkeit, den so gut wie

1
H. Kuhn, Besprechung v. N . Wagner, Getica, u. J. Svennung, Jordanes u.
Scandia, in: Zeitsdir. f. dt. Altertum u. dt. Literatur 97 (1968) 158.
2
H . Bollnow t . Die Herkunftssagen der germanischen Stämme als Gesdiidits-
quelle, in: Balt. Stud. N . F. 54 (1968) 14—25.
3
O. Kunkel, Hermann Bollnow (1906—1952), in: Balt. Stud. N . F. 49 (1962/
63) 7—11.
XII Vorwort

druckfertigen Text mit einem archäologischen Kommentar versehen lassen


zu können, stellte Frau E. Bollnow 1964 dem Verf. das Manuskript zur
Einsicht zur Verfügung. Bei der Arbeit schwoll der „archäologische An-
hang" dann unversehens an. Neue historische Quellen „tauchten auf".
Es ergaben sich neue Gesichtspunkte. Neue Überlegungen folgten. Uner-
wartet standen die germanischen „Stammessagen" bald wieder in einem
anderen Licht. Aus dem geplanten archäologischen Kommentar wurde
nach und nach ein selbständiges Buch mit Ergebnissen, die den Gedanken
Bollnows nun in mancher Hinsicht entgegenstehen. Das eine ist aber sicher,
und es muß gesagt werden: der Gedanke, dieses Buch zu schreiben, wurde
durch den ideenreichen wissenschaftlichen Essay Bollnows ausgelöst.

Das Werden des Buches begleiteten hingegen andere mit neuen An-
regungen. Dankbar gedenke ich hier der zahlreichen abendlichen Dis-
kussionen mit Thomas Finkenstaedt. Seine schnell hingeworfenen Hinweise
führten weiter. Fragen, die in fremde Fachgebiete führten, wurden beant-
wortet. Einwände klärten den eigenen Standpunkt ab. Zustimmung gab
Mut zur Weiterarbeit. Kritik gab Anlaß zu Änderungen im Text. Mit
steter Bewunderung denke ich an das kraftvolle Temperament der Argu-
mente Otto Höflers. Seine Anregungen sprudelten. Seine Einwände
schienen oft zu erdrücken, aber sie haben doch oft schließlich erst auf den
richtigen Wege geführt und gewiß manchen blassen Irrtum noch gerade
rechtzeitig verhindert. Sein intuitives Denken sah Zusammenhänge und
seine universellen Kenntnisse bewiesen sie, wo Verf. ursprünglich zu deren
Dekomposition geneigt war. Weiter waren da die bedachtsamen Erörte-
rungen von Einzelproblemen der Nordistik gemeinsam mit Heinrich Beck,
etliche wertvolle Hinweise auf neuere Literatur und gelegentliche enthu-
siastische Zustimmung von Seiten Friedrich Prinz*. Besonders schätzenswert
war die Hilfe Hans Otto Kröners, der als Kenner des späten Lateins
Cassiodors Varien X 22 und IX 25 neu übersetzte (vgl. unten S. 501 ff. u.
504 f.).

Viele Gedanken fanden erst ihre klare Formulierung in Gesprächen


und Diskussionen in vielen Seminarsitzungen im Institut für Vor- und
Frühgeschichte und Vorderasiatische Archäologie der Universität des
Saarlandes. Manches wurde erst unter dem Zwang einer fünfsemestrigen
Vorlesung über die Geschichte der Germanen, insbesondere die der Goten
in den Semestern 1965/66, 1966, 1967, 1967/68 und 1968 gründlich
durchdacht.

Dennoch wäre die Arbeit ohne andere selbstlose Helfer niemals voll
gelungen. Frauke Stein half beim Sammeln und Sichten des polnischen
Fundstoffes. Sie las das gesamte Manuskript, und sie fand etliche sachliche
Vorwort XIII

Fehler und manche Denkinkonsequenzen, die dann noch ausgemerzt


•werden konnten. Sie stellte das Schrifttumsverzeichnis zusammen und über-
prüfte in mühsamer und zäher Arbeit alle Zitate; eine Sysiphos-Arbeit!
Joachim Reichstein half in germanistischen Fragen und bei Problemen
der skandinavischen Siedlungsgeschichte. Klaus Hirschfeld überprüfte alle
griechischen und lateinischen Namen und Zitate. Die Mitarbeiter der Uni-
versitätsbibliothek Saarbrücken beschafften unendliche Mengen von Lite-
ratur im auswärtigen Leihverkehr, Schrifttum, das oft unerreichbar zu sein
schien, aber dann fast ausnahmslos zur Verfügung gestellt werden konnte.
Die Reinschrift des Manuskripts fertigten Frau Asta Schemm, Frau
Meta Hachmann und Frau Ingeborg Hachmann an. Alle Zeichnungen
— Karten wie Abbildungen — wurden nach den verschiedensten Vorlagen
durch Walter Ventzke gezeichnet. Frau Asta Sdiemm und Rudolf Poppa
lasen die Fahnen- und die Umbruchkorrekturen. Rudolf Poppa stellte
gemeinsam mit dem Verf. das Register her.
Das Manuskript wurde im März 1969 abgeschlossen, doch wurde neue
Literatur systematisch nur bis zum Ende des Jahres 1968 berücksichtigt.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft stellte die Mittel für den Druck zur
Verfügung. Die „Gesellschaft der Freunde der Universität des Saarlandes"
und die Universität des Saarlandes förderten die redaktionellen Arbeiten
durch Zuschüsse.
I. Einleitung

„Die Wahrheit mag für G o t t nur eine sein, für den


Menschen hat sie viele Seiten. Daher kommt es, daß das
Durchdenken einer Anzahl widerstreitender Meinungen
nacheinander über dieselbe historische Erscheinung nicht
nur einen Zeitvertreib darstellen muß, nodi auch lediglich
zu entmutigenden Folgerungen über die Unglaubwürdigkeit
der Geschichtsschreibung zu führen braucht. Man kann in
allen ihren Betrachtungsweisen ein Stück Wahrheit finden,
audi wenn sie einander diametral gegenüberzustehen schei-
nen. Jede Deutung oder Vorstellung bleibt für sich allein
unbefriedigend; aber wird sie auch zugunsten einer anderen
aufgegeben, so ist sie deshalb doch nicht ohne Wert gewesen.
Etwas davon bleibt bei den Kritikern hängen. D i e Nachfol-
ger sind gewöhnlich ein Stückchen reicher geworden. Man
kann die Geschichtsschreibung auffassen als eine Diskussion
ohne Ende."
Pieter Geyl, 1946

„ M a n k a n n die Geschichtsschreibung auffassen als eine Diskussion


ohne E n d e . " D i e Geschichte der G o t e n , eine Diskussion ohne E n d e — so
k ö n n t e m a n w o h l auch sagen!
U n v e r s e h e n s ist das T h e m a G o t e n w i e d e r aktuell g e w o r d e n , h a t die
Diskussion w i e d e r begonnen. R . W e n s k u s sieht die Geschichte der G o t e n im
Zusammenhang mit dem Werden der frühmittelalterlichen gentes1.
J . S v e n n u n g b e h a n d e l t erneut die S k a n d i n a v i e n betreffenden K a p i t e l v o n
J o r d a n e s G e t i c a 2 . N . W a g n e r legt z u s a m m e n g e f a ß t Einzelstudien z u den
G e t i c a v o r 3 . O . H ö f l e r w i r d im R a h m e n seiner Forschungen über das ger-
manische S a k r a l k ö n i g t u m a u f die G o t e n z u r ü c k k o m m e n 4 . I n diesem Buch
sollen die G o t e n u n d S k a n d i n a v i e n als „ E x e m p e l historisch-philologisch-

1 R . Wenskus, Stammesbildung und Verfassung. Das Werden der frühmittel-


alterlichen gentes (1961) 4 6 2 — 4 8 5 .
2 J . Svennung, Scadinavia und Scandia. Lateinisch-nordische Namensstudien
( 1 9 6 7 ) ; ders., Jordanes und Scandia. Kritisch-exegetische Studien (1967).
3 N . Wagner, Getica. Untersuchungen zum Leben des Jordanes und zur frühen
Geschichte der Goten (1967).
4 O . H ö f l e r gestattete dem Verfasser freundlichst Einblick in den T e x t des K a -
pitels „Die Amaler als Ansen", seines Germanischen Sakralkönigtums 2, das
bereits geraume Zeit im Manuskript fertig vorliegt.

1 H a d i m a n n , Gocen und Skandinavien


2 Einleitung

archäologischer Forschung" betrachtet werden. Tatsächlich, eine Diskussion


ohne Ende — wenn sie erst einmal wieder richtig entbrannt sein wird.
Zunächst sind alle neu erschienenen Arbeiten noch vornehmlich Monologe.
R. Wenskus spricht als Historiker, speziell Mediävist, J. Svennung als
Altphilologe, N. Wagner als Altgermanist und O. Höfler wird, Germa-
nistik und Nordistik gleichermaßen überblickend, das Wort ergreifen. Es
ist die Konsequenz des Zufalls, daß zwischendurch der Archäologe zu
Wort kommt. Auch er führt nur einen Monolog. Seine Arbeit war im
Entstehen, als die Wenkus' erschien. So war es möglich, viel von ihr zu
profitieren; aber auch Widerspruch meldete sich5. Sie war so gut wie ab-
geschlossen, als die Arbeiten Svennungs und Wagners erschienen. Meist
konnte nur noch in Fußnoten zu ihnen zustimmend oder kritisch Stellung
genommen werden. Viel Arbeit hätte sich ersparen lassen, wenn Svennungs
Beiträge zum „Goticismus" früher erschienen wären'. Sie brachten wert-
volle Ergänzungen, ja eigentlich erst die Abrundung des Kapitels über den
Skandinavientopos des 19. und 20. Jahrhunderts (vgl. unten S. 164 ff.).
Wirklich tiefgreifende Änderungen im Manuskript haben nur Gespräche
mit O. Höfler zur Folge gehabt. Vorstellungen vom historischen und kul-
turgeschichtlichen Wert der Amalergenealogie (Jordanes Getica X I V
79—81) erfuhren dadurch einen starken Wandel, der die Endergebnisse
dieser Arbeit allerdings nicht unmittelbar berührt.
Die Diskussion — noch nicht eigentlich wieder begonnen — wird
weitergehen. „Die Geschichte ist unendlich. Sie ist unerfaßbar. Wir machen
immer erneute Anstrengungen, aber was wir erreichen, ist nie mehr als
u n s e r e V o r s t e l l u n g von der vergangenen Wirklichkeit. . . . Jede
Vorstellung wird irgendetwas enthalten, das sich mit der historischen
Wahrheit auf eine beinahe unerforschliche Weise vermischt, das sie zwar
nicht unwahr zu machen braucht, aber das sie doch verformt zu etwas
anderem als der einfachen Wahrheit" 7 . Das ist deprimierend und dennoch
tröstlich: Es wird zwar immer irgendwie ein relatives Urteil sein, das der
Historiker fällt, aber dennoch — ein Stück der angestrebten absoluten
Wahrheit muß zwar nicht, k a n n aber durchaus in seinem Werk ent-
halten sein. Man weiß wohl niemals richtig, wie groß der Anteil solcher
Wahrheit an der eigenen Arbeit wirklich ist — mutmaßlich oft geringer als
nach der eigenen Uberzeugung —, aber sie ist immer in irgendeiner Form
vorhanden.

5
R. Hadimann, Besprechung von R. Wenskus, Stammesbildung und Verfassung
(1961), in: Hist. Zeitschr. 198 (1964) 663—674.
6
J. Svennung, Zur Geschichte des Goticismus (1967).
7
P. Geyl, Die Diskussion ohne Ende. Auseinandersetzungen mit Historikern
(1958) 1.
Einleitung 3

Der Weg, den die Gedanken zurücklegten, die ihren Niederschlag


schließlich in diesem Buch fanden, ist lang (vgl. oben S. IX). An ihrem
Anfang stand H . Bollnow 8 : Ein Vortrag und ein sehr kurzes Gespräch
im Jahre 1949 hinterließen mehr als eine gewisse Unruhe; sie schienen
neue Lösungen zu verheißen. Bollnow untersuchte die Herkunftsangaben
in den sogen, germanischen Stammessagen 8 *. Er kam dabei zu dem Ergeb-
nis, daß nicht nur die Angaben über kleinasiatische und biblische Herkunft
germanischer Stämme, die schon seit dem Humanismus als Fabelei erkannt
waren, verworfen werden müßten, sondern daß die Angaben von der
Herkunft vieler germanischer Stämme aus dem Norden, aus Skandinavien,
durchaus gleichwertig, also ganz falsch wären. Die Herkunft germanischer
Stämme aus Scandza — Scadirtavia, ein Topos spätantik-frühmittelalter-
licher Geschichtsschreibung, das schien das einleuchtende Ergebnis zu sein.
Das mußte ein neues, völlig verändertes Bild von der frühen Geschichte
der Germanen ergeben.
Die Gedanken, die Bollnow knapp skizziert und ohne eigentlichen
wissenschaftlichen Beweis — auch ohne wissenschaftlichen Apparat — ge-
lassen hatte, weiter zu verfolgen, die Beweise zu suchen und die geschicht-
lichen Konsequenzen zu ziehen, das erschien reizvoll. So begannen die Vor-
arbeiten zu diesem Buch. Die Lösung der noch offenen Fragen schien an-
fangs einfach und im Grunde schon vorweg klar. Aber dann zeigte sich
bald die Komplexität der Problematik. Der Archäologe mußte vieles — ja,
fast alles — anders sehen als der Historiker Bollnow.
Nicht genug damit; der Historiker Wenskus sah alles anders als der
Historiker Bollnow. Wenskus benutzte das Beispiel der Goten, „um die
Vorgänge bei der Bildung eines ostgermanischen Stammes deutlich zu
machen" 9 . Er glaubte, auf solche Weise vorgehen zu dürfen, weil bei den
Goten die einheimische Wandersage erhalten sei, weil sie Wahrheit ent-
halte und weil sich auf diese Weise Möglichkeiten ergäben, Vergleiche „mit
den Überlieferungen der Stämme im Westen" vorzunehmen. M a n c h e s
deute darauf hin, meinte er, daß in der gotischen Wandersage ein histo-
rischer Kern enthalten sei. Die von den Goten im Weichselraum um Christi
Geburt angetroffenen politisch-ethnischen Verhältnisse entsprächen näm-
lich durchaus dem, was man über dieses Gebiet aus zeitgenössischen Quel-
len wisse. Die Behauptung des Jordanes, die Goten seien aus Scandza
ausgewandert, sei f ü r seine Zeit ganz untypisch. Es gäbe keine Gründe, die
einen Chronisten des 6. Jahrhunderts dazu veranlaßt haben könnten, ent-

8
Vgl. O. Kunkel, Baltisdie Studien N . F. 49 (1962—63) 7—11.
8a
N u n m e h r veröffentlicht: H . Bollnow f , Die Herkunftssagen der germanischen
Stämme als Geschichtsquelle, in: Baltisdie Studien N . F. 54 (1968) 14—25.
9
R. Wenskus, Stammesbildung und Verfassung (1961) 462 ff.


4 Einleitung

gegen den historischen Tatsachen die Abkunft eines Stammes aus Skandi-
navien zu behaupten. Daher beruhe die Behauptung des Jordanes „mit
recht großer Sicherheit auf Uberlieferungen, die einen hohen Grad von
Wahrscheinlichkeit besitzen" 10 . Wenskus meinte weiterhin, es gäbe Hin-
weise dafür, daß Leute aus Gotland bei der Bildung des Stammes der
Goten beteiligt gewesen sein müßten 11 . Auf Gotland sei der Ausgangs-
punkt des gotischen Königshauses und damit der der ethnischen Überliefe-
rung zu suchen. Der Umkreis des Zuzuges, der zu der Stammesbildung im
Weichselland wesentlich beigetragen habe, reiche allerdings weiter, min-
destens bis nach Västergötland 12 . Sicher sei „an der unteren Weichsel eine
einheimische Bevölkerung überlagert worden" 13 . Das gotische Königtum
scheine durch die Landnahme an der Weichsel erheblich gestärkt worden
zu sein. „Dadurch erhielt es eine Stabilität, die dem Gotenstamm durch
ungemein weitgehende Umschichtungen hindurch die Kontinuität der hi-
storischen Tradition und damit der ethnischen Existenz sicherte"14. Die
vorsichtige Formulierung der Ereignisse zwischen der Landnahme an der
Weichsel und dem Weiterzug an das Schwarze Meer, die sich bei Jordanes
finde, verrate — meinte Wenskus —, daß „Cassiodor oder Jordanes keine
oder widersprechende Königsreihen vorlagen. Man wird aus dem Ver-
halten der Chronisten schließen dürfen, daß ihnen nicht daran lag, eine
lückenlose Reihe von Königen zu konstruieren, was für die Beurteilung
anderer Stellen wichtig ist" 15 . Wie immer in solchen Fällen, sei übrigens
ein beträchtlicher Teil des Stammes an der unteren Weichsel zurückgeblie-
ben16. Aus ihm hätten sich dann u. a. die Gepiden gebildet.
Wie in der gotischen so glaubte Wenskus auch in der langobardischen
Wandersage echte Überlieferung von ethnosoziologischer Typik unterschei-
den zu können 17 . Die Rechtsgleichungen zwischen skandinavischem und
langobardischem Recht seien zwar nicht ausreichend, um die Heimat der
Langobarden mit Sicherheit auf Gotland anzusetzen, doch genügten sie
seiner Ansicht nach immerhin — und in Verbindung mit ihnen die nor-
dischen Beziehungen im Namengut — als Indizien und als Hinweis auf
das Vorhandensein von echter Überlieferung in der Wandersage. „Audi
in den Angaben über die Form, in der sich die Auswanderung vollzog",
seien glaubhafte Züge festzustellen18.
10
R. Wenskus, a. a. O. 464.
11
R. Wenskus, a. a. O. 464 ff.
12
R. Wenskus, a. a. O. 466.
13
R. Wenskus, a. a. O. 467.
14
R. Wenskus, a. a. O. 468.
15
R. Wenskus, a. a. O. 468.
16
R. Wenskus, a. a. O. 469.
17
R. Wenskus, a. a. O. 485 ff. bes. 487.
18
R. Wenskus, a. a. O. 486.
Einleitung 5

In beiden Fällen — dem der Goten- und dem der Langobardenüber-


lieferung — kam Wenskus auf eine spezifische Weise zu seiner Annahme,
es müsse ein historischer Kern in den sagenhaften Berichten vorhanden
sein: „Um diesen bloßlegen zu können, ist es notwendig, einmal alle jene
Elemente auszusondern, die wir . . . als typische Form des ethnischen
Selbstverständnisses erkannt haben und die gewöhnlich im Gegensatz zu
den ,objektiv' feststellbaren Tatsachen stehen" 19 . Als solche Formen des
ethnischen Selbstverständnisses faßte Wenskus u. a. die Vorstellung auf,
die Goten seien als geschlossener Stammeskörper in ihre neuen Sitze ein-
gewandert. Ähnlich wertete er die Nachricht, sie seien mit drei Schiffen
übers Meer gekommen.
Der Nachweis des Vorhandenseins ethnosoziologischer Typik in den
Herkunftsberichten germanischer Stämme, wie ihn Wenskus zu führen
versuchte, ist neu; er enthält mancherlei, was überzeugt. Ebenso neu ist
sein Versuch, die verschiedenen Aspekte des Stammesbegriffs herauszustel-
len 20 und die Variabilität der Stammesstrukturen zu betonen 21 ; hier scheint
sich die Bedeutung seiner Arbeit ganz besonders klar zu zeigen. Konven-
tionell bleibt die Behandlung der historischen Quellen und damit auch die
Beurteilung des historischen Werts der „Herkunftssagen". Unbefriedigend
ist für den Archäologen insbesondere die Verwendung von archäologischen
Quellen und von deren Auswertung — auch wenn diese von Archäologen
stammt. Hier stellen sich zwei methodische Probleme — nicht neu, keines-
wegs erstmals —, über die man aber nun nicht mehr einfach hinweggehen
darf.
Ein Blick zurück auf die ältere Geschichtsforschung des 20. und die
alte des 19. Jahrhunderts verhilft für das erste Problem zu einer vorläufi-
gen Klärung: Eine gewisse Tendenz, sich über die kühle und „phantasie-
lose" Arbeitsweise der Historiker des 19. Jahrhunderts zu erheben, ist in
der neueren Geschichtsforschung schon seit der Jahrhundertwende be-
merkbar, und diese ist nach und nach immer deutlicher geworden. Diese
Tendenz hatte eine — vielleicht ursprünglich nicht beabsichtigte — Ne-
benwirkung: Die durch die deutsche historische Schule begründete und
insbesondere von J . G. Droysen 22 — auch von E. Bernheim 23 — so ein-
19 R. Wenskus, a. a. O. 463.
20 R . Wenskus, a. a. O. 14 ff.
21 R . Wenskus, a. a. O. 429 ff.
22 J . G. Droysen, Grundriß der Historik (1868, 2 1875, 3 1 8 8 2 ) ; als Manuskript
erstmals 1858, dann erneut 1862 gedruckt; ders., Historik. Vorlesungen über
Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte (1936, unv. Neuaufl. 1943 u.
1958).
23 E . Bernheim, Lehrbuch d. historischen Methode (1889, 2 1894, 3 - 4 1903, 5 -«1908).
— Von der dritten Auflage an veränderter Titel: Lehrbuch d. Hist. Methode
u. d. Gesdiichtsphilosophie.
6 Einleitung

dringlich dargestellte quellenkundliche Systematik war nach und nach


so selbstverständlich geworden, daß man sie immer öfter anzuwenden ver-
gaß, ohne es recht zu merken. Oder wollte man die methodischen Pro-
bleme gar nicht mehr so sehen? Wie umfangreich das Schrifttum der „klas-
sischen" Zeit deutscher Historiographie gerade zur Gotengeschichte24 und
auch das zur Langobardengeschichte25 ist, wird erst bei diesem Rückblick

24
J. K . F. Manso, Geschichte d. ostgot. Reichs i. Italien (1824); J. Aschbach,
Geschichte d. Westgoten (1827); H . v. Sybel, D e fontibus libri Jordanis de
origine actuque G e t a r u m (Diss. Berlin 1838); ders., Die Entstehung d. dt.
Königtums (1844, 2 1881); C. Schirren, De ratione quae inter J o r d a n e m et
Cassiodorium intercedat commentatio (Diss. D o r p a t 1858); dazu Besprechung
v. A. v. Gutschmid, in: Jahrbücher f. class. Philologie 8 (1862) 124—151
( = Kleine Schriften 5 [1894] 293—336); A. Helfferidi, Entstehung u. Ge-
schichte d. Westgotenrechts (1858); R . Köpke, Die Anfänge d. Königthums
b. d. Gothen (1859); R . Pallmann, Die Geschichte d. Völkerwanderung v. d.
Gotenbekehrung b. z. T o d Alarichs, 2 Bde. (1863—64); J. Grimm, Über
Jornandes u. d. Geten, in: Kleine Schriften 3 (1866) 171—235; A. Thorbecke,
Cassiodorus Senator (1872); A. Franz, Cassiodorus Senator (1872); F. D a h n ,
Lex Visigothorum. Westgotische Studien (1874); H . Kohl, Zehn Jahre ost-
gotischer Geschichte v. Tode Theoderichs d. Gr. b. z. Erhebung Witigis (1877);
H . Usener, Anecdoton Holderi. Ein Beitrag z. Geschichte Roms i. ostgotischer
Zeit (1877); Th. Mommsen, Jordanis R o m a n a et Getica, i n : Mon. Germ. Hist.
Auct. ant. V, 1 (1882); dazu Besprechung v. C. Schirren, i n : Deutsche Littera-
turzeitung 3 (1882) Sp. 1420—1424; Besprechung v. W. A . [ r n d t ] , in: Litera-
risches Centralblatt f. Deutschland 1883, Sp. 1060—1063; Besprechung von L.
E r h a r d t , in: Göttingische Gelehrte Anzeigen 2 (1886) 669—708; G. K a u f -
mann, Kritische Untersuchungen d. Quellen z. Geschichte Ulfilas, in: Zeitschr.
f. dt. Altertum 27 (1883) 193—261; T h . Mommsen, Ostgotische Studien, in:
N . Archiv f. ältere dt. Geschichtskunde 14 (1889) 225—249. 453—544; 15
(1890) 181—186; B. R a p p a p o r t , Die Einfälle d. Goten ins römische Reich bis
auf Constantin (1899). — Neueres Schrifttum: C. Vetter, Die Ostgoten u.
Theoderidi (1938); W. Ensslin, Theoderich d. G r o ß e (1947, 2 1959); P. Scar-
digli, Lingua e Storia dei Goti (1964); C. A. Mastrelli, Süll' Origine e sul
N o m e dei Visigoti, in: Archivio Glottologico Italiano 49, 2 (1964) 127—142.
25
L. Bethmann, Die Geschichtsschreibung d. Langobarden, in: Archiv d. Gesell-
schaft f. ältere dt. Geschichtskunde 10 (1851) 335—414; S. Abel, D e r U n t e r -
gang d. Langobardenreichs i. Italien (1858); Fr. Bluhme, Die gens Lan-
gobardorum u. ihre H e r k u n f t (1868); F. D a h n , Des Paulus Diaconus Leben
u. Schriften (1876); R . Jacobi, Die Quellen d. Langobardengeschichte d. P a u -
lus Diaconus (1877); L. Bethmann, G. Waitz u. O . Holder-Egger, Scriptores
Rerum Langobardicarum et Italiacarum saec. V I — I X , in: Mon. Germ. Hist.
(1878); Th. Mommsen, Die Quellen d. Langobardengeschichte d. Paulus D i a -
conus, in: N . Archiv d. Gesellschaft f. ältere dt. Geschichtskunde 5 (1880)
53—103; L. Schmidt, Zur Geschichte d. Langobarden (1885); L. Schmidt, P a u -
lus Diaconus u. d. Origo gentis Langobardorum, in: N . Archiv d. Gesellschaft
f. ältere dt. Geschichtskunde 13 (1888) 391—394; G. Waitz, Zur Frage n. d.
Quellen d. Historia Langobardorum, in: N . Archiv d. Gesellschaft f. ältere dt.
Einleitung 7

klar. War diese Literatur zu positivistisch eingestellt und deswegen für die,
welche den Positivismus „überwunden" zu haben glaubten, etwa anrüchig
geworden 2 '? Was hat das 19. Jahrhundert aber wirklich geleistet? War das
für die Gotengeschichte wenig? Schon früh wurde verschiedentlich der Ver-
such gemacht, in der Gotengeschichte des Jordanes die verschiedenen Be-
arbeitungsschichten zu trennen und die Anteile der einzelnen Autoren
gegeneinander abzusetzen. Zugegeben, keiner dieser Versuche hatte durch-
schlagenden Erfolg; die, welche vor Th. Mommsens Textedition unternom-
men wurden, nicht zuletzt deswegen, weil zu ihrer Zeit eine verläßliche
Textausgabe noch fehlte 2 '; die Edition Mommsens selbst28, weil sie sich
vornehmlich auf die Herstellung eines reinen Textes richtete und es bei
einer Anzahl von Hinweisen auf die Struktur der Quellen beließ. Diese
Verweise sind zwar meist treffend und erbrachten älteren Arbeiten gegen-
über ganz beträchtliche Fortschritte, doch lag es von vornherein nicht in
Mommsens Absicht, die Genesis des Textes bis in alle Einzelheiten und ab-
schließend zu klären. Hier wäre der richtige Ansatz gewesen, um einen
besseren Stand quellenkritischer Durcharbeitung zu erreichen, der gegen-
wärtig zweifellos ebenso möglich ist, wie er zur Zeit Mommsens schon
möglich gewesen wäre. Inzwischen hat man leider ganz übersehen, daß
Mommsen nur e d i e r e n wollte.

In der Frage der Quellenkritik standen Bollnow und Wenskus gleich;


keiner von beiden hat sich auf direktem Wege um die Glaubwürdigkeit
der Quellen bemüht. Wie stand es aber mit dem Einbeziehen archäologi-
scher Quellen? Bollnow hatte — wohl bewußt — darauf verzichtet; Wens-
kus hingegen hatte auf fast alle archäologische Literatur zum Thema aus-
gegriffen. Wie war sein Vorgehen? Zu Folgerungen und Ergebnissen kam
er nicht in erster Linie auf Grund von eingehenden Quellenanalysen, son-
dern mehr durch gegenseitiges Abwägen von Meinungen über die Quellen

Geschichtskunde 5 (1880) 4 1 5 — 4 2 4 ; E. Bernheini, Über d. Origo gentis Lan-


gobardorum, in: N. Archiv d. Gesellschaft f. ältere dt. Geschiditskunde 21
(1896) 375—399; C. Blasel, Die Wanderzüge d. Langobarden (1909).
26 In Wenskus' Schriftenverzeichnis findet man diese Literatur nur zum Teil
zitiert; man hat nicht den Eindruck, daß er ihren Wert besonders hoch ein-
schätzt.
27 C. A . Closs, Jordanis de Getarum sive Gothorum origine et rebus gestis
( 1 8 6 1 ) ; A . Holder, Jordanis de origine actibusque Getarum (1882). — Zur
Geschichte der f ü r die Mon. Germ. Hist. vorgesehenen textkritisdien Ausgabe
vgl. A . von Gutschmidt, in: Literarisches Centraiblatt 12 (1861) 6 1 2 — 6 1 4
( = Kleine Schriften 5 [1894] 288—292).
28 Th. Mommsen, Jordanis Romana et Getica, in: Mon. Germ. Hist. Auct. ant.
V, 1 (1882).
8 Einleitung

bzw. deren Aussagewert. Dabei kümmerte er sich oft wenig um die Art
und Weise und die Qualität der Beweisführung seiner Gewährsleute. Er
betonte — um nur ein paar Beispiele zu nennen —, daß B. Nerman —
also ein Vorgeschichtsforscher — gegen die Herkunft der Goten von der
Insel Gotland eingewandt habe, Könige habe es hier niemals gegeben 2 '.
Wenskus fragte nicht nach detaillierten Beweisen Nermans für dessen Be-
hauptung — die dieser natürlich nicht dem archäologischen Fundgut ent-
nehmen konnte, sondern aus den Sagas und Ortsnamenvergleichen 30 —;
offenbar genügte ihm das Zeugnis eines angesehenen Gelehrten. Im übrigen
folgerte er aber sofort, daß das Fehlen von Königen auf Gotland „gerade
umgekehrt als Hinweis für eine gotländische Heimat des Traditionskerns
[der Goten] benutzt werden" könnte 31 . „Den auf der Insel verbliebenen
Goten fehlte allem Anschein nach die Möglichkeit, im eigenen Lande ein
neues Königtum zu errichten,.. ." 32 . „Möglicherweise ließ die Königssippe
die gotländische Heimat nun ohne König zurück" 33 . Wenskus räumte ein,
die von O. Höfler unterstützte These C. Marstranders, die Bewohner Got-
lands hätten bis ins 6. Jahrhundert gotisch gesprochen, brauche „nicht in
vollem Umfange" zuzutreffen 34 , ohne darauf einzugehen, warum. Sprach-
liche Übereinstimmungen, die E. Schwarz vergeblich zu entwerten ver-
suchte — H . Brinkmann nannte er als Zeugen dafür — deuten nach Wens-
kus deswegen darauf, den Ausgangspunkt des gotischen Königshauses auf
Gotland zu suchen35.
Er betonte weiter, „daß die Traditionskerne der Eroberer- und Wan-
dervölker sich selten im Landnahmegebiet archäologisch erfassen lassen" 38
und zitierte als Zeugen dafür M. Jahn, R. von Uslar und H. J. Eggers 37 ,
sowie O. Menghin, G. Kossinna und K. Bittel 38 , obwohl keiner dieser Ge-
lehrten den Begriff „Traditionskern" kannte, als er das schrieb, worauf
Wenskus Bezug nahm. Er wies — um ein anderes Beispiel zu nennen —
weiter darauf hin, E. C. G. Graf Oxenstierna scheine es doch wohl gelun-
gen zu sein, den „Umkreis des Zuzuges" zu erfassen, „der bei der Stam-

29 R. Wenskus, Stammesbildung u. Verfassung (1961) 323 u. 465 f.


30 Vgl. B. Nerman, Die Herkunft u. frühesten Auswanderungen d. Germanen
(1924) 49.
31 R. Wenskus, Stammesbildung u. Verfassung (1961) 323 u. 465 f.
32 R. Wenskus, a. a. O. 323.
33 R. Wenskus, a.a.O. 411.
34 R. Wenskus, a. a. O. 466.
35 R. Wenskus, a. a. O. 466.
38 R. Wenskus, a. a. O. 466.
37 R. Wenskus, a. a. O. 138 Anm. 108.
38 R. Wenskus, a. a. O. 390 f.
Einleitung 9

mesbildung [der Goten] im Weichselland beteiligt war" 3 9 . Zugleich


anerkannte er aber auch die Berechtigung von Kritik an der Arbeitsweise
Oxenstiernas. Wenskus sprach weiter von der „Verreiterung" der Goten,
zitierte F. Altheim als Zeugen, daß nunmehr [wohl im 4. Jahrhun-
dert] Kettenhemd und Schuppenpanzer die Bewaffnung ergänzt hätten 40 .
Dabei war das Kettenhemd im germanischen Raum schon vor Christi Ge-
burt ebenso bekannt wie der berittene Krieger 41 . E r nannte G. Müller-
Kuales als Zeugen, daß die Goten im Reiche des Hermanarich wesentlich
eine berittene Herrenschicht bildeten 42 , was dieser gewiß nicht den archäo-
logischen Quellen, sondern nur einer etwas phantasievollen Ausdeutung
des Jordanes entnommen gehabt haben kann 43 und stattete schließlich auch
sein zweites Beispiel einer „Stammesbildung während der Wanderung"
— die der Langobarden — mit Zitaten von Meinungen von Prähistori-
kern aus, ohne das Fundament von deren Ansichten eingehend zu analy-
sieren 44 .
Dem Archäologen muß diese Art des Vorgehens ganz besonders auf-
fallen, denn er kann allzu oft ziemlich genau übersehen, auf welchem
Wege und auf welche Weise man in der Vergangenheit in der Vorgeschichts-
forschung zur Meinungsbildung gekommen ist. D a stand Richtiges neben
evident Falschem, und da wurden nun „Beweise" aus der vorgeschicht-
lichen Literatur übernommen, wo sie sich gerade eben finden ließen. Die
Frage nach dem Quellenwert der archäologischen Quelle wurde rücksichts-

39 R . Wenskus, a. a. O. 467.
40 R . Wenskus, a. a. O. 469.
41 Vgl. M. Jahn, Die Bewaffnung d. Germanen i. d. älteren Eisenzeit etwa v.
700 v. Chr. b. 200 n. Chr. (1916) 208 ff.; J . Kostrzewski. Die ostgerm. Kul-
tur d. Spätlatenezeit 1 (1919) 139; G. Rosenberg, Hjortspringfundet, in:
Nordiske Fortidsminder III, 1 (1937) 47 f.
42 R . Wenskus, Stammesbildung u. Verfassung (1961) 471 Anm. 256.
43 G. Müller-Kuales, Die Goten, in: H . Reinerth [ H r g . ] , Vorgeschichte d. dt.
Stämme 3. Ostgermanen u. Nordgermanen (1940) 1166 ist eine stark ver-
kürzte Inhaltsangabe der Gotengeschichte des Jordanes. Es heißt dort: „Die
Goten bildeten eine Herrenschicht, die nicht dicht, sondern verstreut saß." —
S. 1167 betont Müller-Kuales: „Sachgemäße [archäologische] Untersuchungen
sind in Südrußland nur wenige gemacht worden." Irrtümlich zählt er M.
Eberts Funde von Maritzyn zum gotischen Fundgut (vgl. M. Ebert, Ausgra-
bungen auf dem Gute Maritzyn, Gouvernement Cherson, in: Prähist. Zeit-
schrift 5 [1913] 1—80).
44 R . Wenskus, Stammesbildung u. Verfassung (1961) zitiert S. 487 W . D.
Asmus' Ansicht, die Jastorf-Kultur Osthannovers sei bereits langobardisdi
und alsbald R . von Uslar als Zeugen dafür, daß diese Annahme ganz unsicher
erscheine und nennt S. 488 Anm. 385 F. Kuchenbudi, G. Körner, W . Wege-
witz und R. von Uslar, S. 490 H . Jankuhn, S. 491 E . Beninger, J . Poulik,
H . Preidel u. H . Mitscha-Märheim mit teilweise höchst widersprüchlichen
Ansichten, denen er nicht auf den Grund ging.
10 Einleitung

los zurückgestellt gegenüber der nach der Brauchbarkeit und Nützlichkeit


der Quelleninterpretation.
Und noch eines mußte auffallen: Den philologischen Quellen wider-
fuhr bei Wenskus dasselbe Schicksal wie den archäologischen. Aber ein
Blick auf die germanistische Literatur zeigte, daß dort dasselbe Verfahren
schon längst absolut üblich war. Sprachgeschichtliche Thesen werden seit
langem mit archäologischen Scheinbeweisen untermauert. Und in der
Archäologie war es schließlich im Prinzip nicht anders; die historische oder
philologische Quelle bzw. deren Auswertung brachte manch einen beque-
men „Beweis" für willkommene Deutungen archäologischer Befunde. Wie
anders hätte man aber verfahren sollen? Die Schwierigkeit der Situation
wurde beim Prüfen der Zeugnisse der verschiedenen Wissenschaften und
bei der Betrachtung von deren Verwendung in den Nachbarwissenschaften
erst richtig klar.
Welcher Historiker kennt denn noch die Methoden der Archäologie
in ihrer vollen Breite und versteht es, die mit deren Hilfe erzielten Ergeb-
nisse nicht nur kritisch zu beurteilen, sondern auch sinnvoll zu verwen-
den? Umgekehrt, welcher Archäologe beherrscht alle Methoden des Histo-
rikers, übersieht den Forschungsstand in den Geschichtswissenschaften in
seinem ganzen Umfange und hat ein sicheres Urteil über die Ergebnisse
der Geschichtsforschung mindestens im Nachbarbereich der Archäologie?
Welcher Historiker und welcher Archäologe übersehen zudem mit siche-
rem, kritischem Blick alles das, was die Germanistik für die Frühgeschichte
der Germanen beigetragen hat oder beizutragen vermöchte, und welcher
Germanist ist nicht nur im eigenen Fachgebiet, sondern auch in dem des
Historikers oder dem des Archäologen soweit zu Hause, daß er selbständig
urteilen kann. Die Einheit dieser Wissenschaften — längst im vorigen
Jahrhundert verloren — müßte wiederhergestellt werden, kann aber
— so scheint es jedenfalls — nicht wiedergewonnen werden. Zudem: die
Sicherheit der Methoden — in der Epoche des Positivismus mühevoll er-
rungen — ist längst verlorengegangen. Kann sie wiedererlangt werden?

Die Situation erscheint in der T a t fast ausweglos, und es sieht manch-


mal aus, als könne sie nur noch verzweifelter werden. Wissenschaftliche
Selbstgerechtigkeit und unbewußte Selbsttäuschung spiegeln eine schein-
bare Sicherheit vor, und der Weg des Spezialisten und der der fortgesetz-
ten Differenzierung der Fächer in Spezialwissenschaften sind kein Ausweg,
sondern eine Sackgasse.
Aber sollte es nicht doch noch einen Ausweg geben in dieser ausweg-
losen Situation? An die Stelle der enzyklopädischen bzw. universalhisto-
risch orientierten Betrachtung müßte — wenigstens zeitweise — die exem-
plarische Untersuchung gestellt werden. Wenn es heute kaum noch möglich
Einleitung 11

zu sein scheint, den Gesamtkomplex der frühgermanischen Geschichte zu


überblicken, zu analysieren und daraus ein umfassendes Gesamtbild zu
entwerfen, so bleibt immer noch der Weg, ein einzelnes Problem von zen-
traler Bedeutung zu untersuchen. Wenn es sich als fast unmöglich erweist,
die Genesis aller germanischen Stämme und deren frühe Geschichte zu
überblicken, dann schließt das nicht die Möglichkeit aus, unter Verwen-
dung archäologischer, literarischer und philologischer Quellen wenigstens
den Ursprung und die frühe Geschichte e i n e s germanischen Stammes zu
untersuchen, gewissermaßen als Exempel für andere Gruppen.
Es mag vergleichsweise belanglos sein, w e r solchen Versuch unter-
nimmt, der Historiker, der Archäologe oder der Philologe. Natürlich steht
der Gelehrte eines jeden dieser Fachgebiete einer besonderen für sein Fach
bezeichnenden Ausgangssituation gegenüber und selbst, wenn es sich um
ein und dieselbe Themenstellung handelt, stellen sich die Einzelprobleme
verschieden dar, je nachdem, ob der Historiker, der Archäologe oder der
Philologe sie betrachtet. Sie treten in verschiedener Reihenfolge auf. Der
Fachwissenschaftler kann — je nachdem, woher er kommt — auf verschie-
dene Weise an sie herantreten. Dementsprechend können die vorgeschla-
genen Lösungen unterschiedliche Akzente haben. Eines dürfte jedoch ziem-
lich sicher sein: Der Grad der Schwierigkeit, ein derartiges Exempel zu
behandeln, und die Aussichten, zu einer brauchbaren Lösung zu kommen,
sind unabhängig von dem Fachgebiet, von dem der Ausgang genommen
wird. Die Schwierigkeiten sind für den Historiker, den Philologen und
den Archäologen im Prinzip gleich groß.

Eines allerdings muß klar sein: Jede „gemischte" Argumentation muß


selbst bei exemplarischem Vorgehen zu einem im ganzen unbrauchbaren
Ergebnis führen! Der Archäologe muß wissen, daß er seine Quellen nur
mit den ihnen adäquaten Methoden bearbeiten darf. Er muß ferner wis-
sen, daß bei der Auswertung archäologischer Quellen nur „archäologische"
Argumente gelten dürfen. Wehe dem Archäologen, der vorschnell nach
der Geschichtsforschung oder nach der Germanistik schielt und dort seine
Beweise finden möchte. Aber ebenso muß der Historiker wissen, daß seine
Quellen, will er sie auswerten, ihre eigenen Methoden verlangen. Wehe
dem Historiker, der mangels geeigneter historischer „Beweise" nach der
Archäologie greift und sich dort seine Argumente sucht. Er ist verloren,
und es muß ihm ganz ebenso ergehen, wenn er in den Bereich der Germa-
nistik ausgreift. Genauso schließlich muß der Philologe wissen, daß seine
Quellen ihre spezifischen Methoden beanspruchen. Wehe dem Germani-
sten, der sich seine Beweise beim Archäologen oder beim Historiker holen
möchte, wo sie nie sein können.
12 Einleitung

Wie Wenskus richtig erkannt hat, präsentiert sich für jeden, der sich
mit dem Ursprung und der frühesten Geschichte der Germanen oder auch
eines einzelnen germanischen Stammes zu beschäftigen beabsichtigt, der
Stamm der Goten als das mit Abstand geeignetste Exempel. Allerdings —
Wenskus' Begründung kann man nicht anerkennen. Er wählte die Goten
hauptsächlich deswegen, „weil hier die einheimische Wandersage erhalten
ist" 45 . Das müßte erst noch genauer überprüft werden, und erst post festum
wird sich zeigen, ob eine solche Begründung berechtigt ist.
Besser ist eine andere Begründung, auf deren Richtigkeit man sich
von vornherein verlassen kann: Die Goten sind d i e germanische Stam-
mesgruppe, deren „Geschichte" am frühesten niedergeschrieben wurde. Das
gibt diesen Aufzeichnungen ihren besonderen Wert: Der bzw. die Verfas-
ser der Gotengeschichte müssen den Ereignissen, von denen sie berichten,
näher gestanden haben als die Autoren anderer Stammesgeschichten. Von
diesen kann die Gotengeschichte deswegen weder direkt noch indirekt ab-
hängig sein.
Am Anfang der Getica des Jordanes steht die Nachricht von der Her-
kunft der Goten aus Scandza. Sie wird danach noch mehrfach wiederholt.
Daß Scandza mit Skandinavien identisch sei, wurde noch niemals in Frage
gestellt. Die ältere römische Ethnographie kannte die Goten hingegen nur
auf dem Festlande. Lediglich Ptolemaios wußte von den Tofitai auf den
skandinavischen Inseln, und erst Prokopios nannte Tou-toi als Bewohner
von ©otiXi], einer „Insel", deren Identität mit Skandinavien nicht zu be-
zweifeln ist. Die verschiedenen Namensformen in einen sicheren Zusam-
menhang zu bringen, macht noch heute Schwierigkeiten. Was steht aber
hinter den Namen? Ist alles e i n Stamm oder sind geringfügige Namens-
unterschiede schon für Stammesunterschiede signifikant? Was ist ein
Stamm, und wie läßt sich schließlich alles in einen sinnvollen historischen
Zusammenhang einfügen? Alles bleibt vage! Nur die Tatsache, daß irgend-
wann Goten im Norden siedelten, ist sicher.
Ins helle Licht der Geschichte traten Goten erst Jahrhunderte später
und an anderer Stelle. Die Zwischenzeit bleibt dunkel. Aber waren es die-
selben Goten bzw. die Nachfahren der anderen, die am Schwarzen Meer
auftauchten? Audi die Goten nördlich des Pontus geben genügend Rätsel
auf.
Wo sind die Goten im Norden archäologisch nachweisbar, im Weich-
selmündungsgebiet? Und welches sind ihre archäologischen Hinterlassen-
schaften in Südrußland und auf dem Balkan? Erst in Italien und in Spa-

45 R . Wenskus, Stammesbildung u. Verfassung (1961) 462.


Einleitung 13

nien selbst werden sie besser faßbar 4 '. Von wo aus sollte man das Problem
der frühgotischen Geschichte aufrollen, von Italien, von Südrußland oder
von Norden her? Jeder Weg für sich hätte seine Vorteile. Der letzt-
genannte wohl vor allem den, daß er in Zeiten und Räume führt, deren
archäologisches Fundgut verhältnismäßig gut bekannt ist. Für den Archäo-
logen ist es deswegen leicht, sich für ihn zu entscheiden. Er wählt ihn und
untersucht das Problem der Goten und Skandinavien. Er nimmt dabei
allerdings die nicht geringe Mühe auf sich, die auf den Norden bezogenen
Nachrichten über die Goten — insbesondere die des Jordanes in seinen
Getica — auf ihren Wahrheitsgehalt hin untersuchen zu müssen. Er nimmt
das Wagnis auf sich, sich ein Urteil von der Brauchbarkeit historischer
Anhaltspunkte über die Herkunft zu bilden, zu prüfen, was die Philologie
von der Heimat der Goten sagt, und kann danach erst zu dem Gebiet
kommen, in dem er sich zu Hause fühlt.
Die Warnung vor einer „gemischten" Argumentation fordert metho-
disch ein bestimmtes Vorgehen. Das muß sich auch in der Darstellung ab-
zeichnen. Dies Buch hat gewissermaßen vier Teile. Drei davon stehen von-
einander weitgehend — wenn auch nicht vollständig — isoliert, m ü s s e n
so stehen; ein historischer, ein philologischer und ein archäologischer Teil.
Die Teile behandeln naturgemäß die drei Problembereiche in unterschied-
licher Ausführlichkeit. Sichtlich stehen rein sprachwissenschaftliche Fragen
ganz im Hintergrund der Betrachtungen. Das schließt nicht aus, daß sie
sich für den Leser — sofern er Germanist ist — unwillkürlich in den Vor-
dergrund drängen könnten 47 . Ein vierter Teil ist mit jedem der drei ande-

46 Vgl. N . Äberg, Die Goten u. Langobarden in Italien ( 1 9 2 3 ) ; V. Viale, Recenti


ritrovamenti archeologici a Vercelli e nel Vercellese. II tesoro di Desana, in:
Bolletino Storico-Bibliografico Subalpino 43 (1941) 1 4 4 — 1 6 6 ; S. Fuchs,
Kunst d. Ostgotenzeit ( 1 9 4 4 ) ; M. Degani, II tesoro romano barbarico di Reg-
gio Emilia con un commento lingüístico e storico culturale di C. A. Mastrelli
e una prefazione di J . Werner ( 1 9 5 9 ) ; G. Annibaldi u. J . Werner, Ostgotische
Grabfunde aus Acquasanta, Prov. Ascoli Piceno (Marche), in: Germania 41
(1963) 3 5 6 — 3 7 3 ; N . Äberg, Die Franken u. Westgoten i. d. Völkerwande-
rungszeit (1922); H . Zeiss, Die Grabfunde a. d. spanischen Westgotenreich
( 1 9 3 4 ) ; A. Molinero Perez, L a Necrópolis Visigoda de Duraton (Segovia).
Excavaciones del Plan Nacional de 1942 y 1943 ( 1 9 4 8 ) ; A. Götze, Gotische
Schnallen (1907); G. Müller-Kuales, Die Goten, in: H . Reinerth [ H r g . ] , Vor-
geschichte d. dt. Stämme 3 (1940) 1149—1274.
47 Rein philologisch-linguistische Probleme stehen außerhalb der Thematik des
Buches. Es handelt sich nur darum, aus sprachlichen Anhaltspunkten Aufschluß
über die Herkunft der Sprache der Goten zu erlangen. Der philologische Teil
des Buches beschränkt sich daher im wesentlichen auf einen Überblick über
die Forschungsgeschichte, der die verhängnisvolle Verflechtung von Germa-
nistik und Archäologie zeigt.
14 Einleitung

ren Teile verbunden, vergleichsweise sogar eng. Er stellt als Versuch einer
Synthese von Geschichte, Philologie und Archäologie eine Art von metho-
dischem Überbau über diese drei Teile dar. Erst hier ist es dem Fachwissen-
schaftler gestattet, zum Nachbarfach zu blicken; nicht nur gestattet, er ist
dazu verpflichtet. Hier d a r f er nicht nur die Teilergebnisse gemeinsam
interpretieren; hier s o l l er es!
IL Probleme der historischen Quellen

„Alle Quellen, wie gut oder schlecht sie sein mögen,


sind Auffassungen von Geschehnissen, mag die Auffassung
den Geschehnissen unmittelbar gegenüber entstanden, mag
sie aus einer Menge solcher unmittelbaren und ersten Auf-
fassungen zusammengefaßt sein, mag ein Späterer aus den
mündlichen Erzählungen der zweiten, dritten Generation
oder nach Jahrhunderten ein Schriftsteller aus den schrift-
lichen Quellen, die er zur Hand hatte, eine Auffassung sich
gebildet und niedergeschrieben haben. Da es sich hier über-
all um dasselbe, um Auffassungen von Geschehnissen han-
delt, so ist die Frage der Kritik hier wesentlich immer wie-
der: wie richtig, d. h. den Geschehnissen entsprechend, die
Auffassung in dem gegebenen Fall ist oder sein kann."
Johann Gustav Droysen, 1881.

1. Der Scandza-Topos der frühmittelalterlichen Historiographie


Des Jordanes1 Buch De origine actibusque Getarum nimmt wegen
seines Alters für das Problem der germanischen Stammessagen und ins-
besondere für ein Urteil über die Nachricht, die Goten und andere ger-
manische Stämme seien aus dem fernen skandinavischen Norden einge-
wandert, eine Schlüsselstellung ein. Mit Hilfe seines Werks ist es möglich,
manche wichtigen Einzelheiten verständlicher zu machen, die zwar im ein-
zelnen schon lange bekannt, bisher jedoch entweder kaum beachtet oder
selten im Zusammenhang gesehen worden sind. In einzelnen Fällen ermög-
licht seine Gotengeschichte es sogar, zu neuen Einsichten zu gelangen.
Die Nachwirkungen seines Werks, die dadurch zustande kamen, daß
sein Buch oder Auszüge daraus durch die Hände vieler Abschreiber und
Kompilatoren gingen, spiegeln eine Bedeutung dieses Mannes vor, die er

1 Th. Mommsen sdirieb Jordanes, obwohl nur die Form Jordanis belegt ist, denn
Jordanes ist die grammatisch richtige Form; vgl. Th. Mommsen, Mon. Germ.
Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) V. Dazu: Wattenbach-Levison, Deutschlands
Geschichtsquellen im Mittelalter. Vorzeit und Karolinger 1. W. Levison, Die
Vorzeit v. d. Anfängen b. z. Herrschaft d. Karolinger (1952) 75 f. — Für
andere Personen desselben Namens sind die Formen Jordanes, Jordannes und
Jordanus belegt. Vgl. M. Sdiönfeld, Wörterbuch d. altgerm. Personen- u. Völ-
kernamen (1911) 148.
16 Der Scandza-Topos der frühmittelalterlichen Historiographie

in Wirklichkeit niemals besaß. Ohne eigenen Beitrag wuchs sein Ansehen


in der Nachwelt, und ohne sein Zutun prägte sich ein Geschichtsmodell,
das sich weitverzweigt fortenwickelte. Er, der doch selbst nur ein armseli-
ger Abschreiber und Epitomator war 2 , wurde unversehens zum sapientis-
simus und sagacissimus chronographus3.

Des Jordanes Niederschrift vom Ursprung und den Taten der Goten
war das ganze Mittelalter hindurch bekannt, wie sich Bibliotheksverzeidi-
nissen entnehmen läßt 4 , und sie ist nicht selten benutzt und ausgeschrieben
worden 5 . Die Grundlage seiner Arbeit, die „Zwölf Bücher gotischer Ge-
schichte", die Cassiodor vielleicht noch im Auftrage des Theoderich wahr-
scheinlich zwischen 5 2 6 und 533 6 verfaßte, gingen vermutlich sdion bald,
nachdem sie Jordanes ausgeliehen und ausgeschrieben hatte, endgültig ver-
loren. In keinem der mittelalterlichen Bibliothekskataloge werden sie
erwähnt. Wahrscheinlich waren sie anders als die übrigen Werke des
Cassiodor nur in wenigen Abschriften — oder gar keiner — verbreitet, je-
denfalls auch dort nicht mehrfach vorhanden und nicht einmal leicht er-

2 Vgl. Th. von Grienberger, Die Vorfahren d. Jordanis, in: Germania. Viertel-
jahrsschr. f. dt. Alterthumskunde 34 (1889) 406—409; J . Friedrich, Über die
kontroversen Fragen im Leben d. gotischen Geschichtsschreibers Jordanes, in:
Sitzungsber. d. philos.-philol. u. hist. Klasse d. K. B. Akademie d. Wissen-
schaften zu München 1907 (1908) 379—442; A. Kappelmacher, Artikel „Jor-
danes", in: Pauly-Wissowa-Kroll, Realenzyklopädie I X , 2 (1916) Sp. 1908
bis 1929. — Gegen die Annahme, Jordanes sei Gote gewesen, neuerdings: Fr.
Altheim, Gesch. d. Hunnen 5 (1962) 25 ff. mit gewagten Namensetymolo-
gien. — Vgl. nunmehr auch zur Frage der Herkunft des Jordanes N. Wag-
ner, Getica. Untersuchungen z. Leben d. Jordanes u. z. frühen Gesch. d. Go-
ten (1967) 4 ff.
3 Vgl. Ravennatis Anonymi Cosmographia ed. M. Pinder und G. Parthey
(1860) 221 u. 422.
* Vgl. M. Manitius, Gesch. d. lat. Literatur d. Mittelalters I, in: I. von Müllers
Handbuch d. Klass. Altertumswissenschaft I X , 2 (1911) 214; ders. ausführ-
licher in: Neues Archiv d. Ges. f. ältere dt. Geschichtskunde 32 (1907) 651 f.
5 Knappe Übersicht über die mittelalterlichen Autoren, die des Jordanes
Schriften benutzten, bei: Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1
(1882) X L I V f . u. Anm. 85; J. Svennung, Zur Geschichte d. Goticismus (1967)
26 ff.
6 Dies der Ansatz Mommsens, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) X L I .
— Die Vollendung des Werks zu Lebzeiten des Athalarich, der 533 starb,
ergibt sich aus Cassiodor Variae I X 25. — Es spricht vieles dafür, daß fast
alles erst niedergeschrieben wurde, als Theoderich bereits gestorben und sein
Enkel Athalarich zur Regierung gekommen war, denn mehrfach zielt die
Darstellung des Cassiodor auf die Sicherung der Nachfolge Theoderidis und
auf Festigung der Herrschaft des Athalarich.
Probleme der historischen Quellen 17

hältlidi, w o Jordanes schrieb7, so daß dieser das Werk — offensichtlich


nodi das Original — beim Verwalter des Cassiodor ausleihen mußte (Jor-
danes Getica 2). Vollständig verloren ging auch die Gotengeschichte eines
Ablabius, den Jordanes mehrfach nannte und den schon Cassiodor fleißig
ausgeschrieben haben muß (vgl. unten S. 39 ff.). Der descriptor egregius
einer verissima historia Gotborum gentis (Jordanes Getica I V 28), wie er
bei Jordanes genannt wird, geriet nur deswegen nicht in völlige Verges-
senheit, weil dieser seinen Namen in der Gotengesdiidite des Cassiodor
gefunden haben muß und ihn seinerseits zitierte (Jordanes Getica I V 28,
X I V 82, X X I I I 117 und X X I X 151) 8 .
Das Buch des Jordanes — kurz vor oder im Jahre 551 niedergeschrie-
ben* — war offenbar zunächst nur in Italien bekannt. Gregor von Tours,

7
Der Ort, wo Jordanes seine Gotengesdiidite niederschrieb, dürfte auch in Zu-
kunft kontrovers bleiben. Vgl. die gegensätzlichen Zusammenfassungen der
verschiedenen Standpunkte bei W. Martens, Jordanis Gotengesdiidite, in:
Die Geschichtsschreiber d. dt. Vorzeit 5 (»1913) VI—VII; Wattenbach—Le-
vison, Deutschlands Gesdiichtsquellen im Mittelalter. Vorzeit u. Karolinger 1.
W. Levison, Die Vorzeit v. d. Anfängen b. z. Herrschaft d. Karolinger (1952)
79—81; N . Wagner, Getica (1967) 48 ff. versucht den Nachweis, Jordanes
müsse sein Werk in Konstantinopel geschrieben haben. Zur denkbaren Zeit der
Abfassung der Getica und der Romana müsse sich Cassiodor in Konstantino-
pel aufgehalten haben. Nur von diesem selbst könne Jordanes dessen Goten-
geschichte erhalten haben, die er in seinem Reisegepäck mitgeführt habe. Diese
Deduktion hängt an einem seidenen Faden: Ist zwingend anzunehmen, daß
Cassiodor, als er sich nach Konstantinopel begab, seine Gotengeschichte mit-
führte? Sollte nicht etwa Jordanes gerade den Verwalter des Cassiodor in
Vivarium um dessen Gotengesdiidite gebeten haben, weil Cassiodor selbst
abwesend war? — Der ganze Problemkomplex der Volkszugehörigkeit des
Jordanes, des Schauplatzes von Jordanes' Leben, der Abfassungszeit seiner
Werke, seines Standes zur Zeit der Abfassung und des Orts der Niederschrift
der Getica von N. Wagner, Getica (1967) 3—57 nochmals an Hand aller wich-
tigen einschlägigen Literatur ausführlich erörtert.
8
Der Jordanes Getica X X I X 151 genannte Favius (so im Text Mommsens;
sechs Handschriften haben fauius, drei andere hingegen fabius) wohl doch
mit Ablabius identisch und ein Abschreibfehler vielleicht schon des Jordanes.
(Vgl. ausführlicher unten S. 70.)
* Bald nach der Gotengesdiidite konnte Jordanes sein Buch De summa tempo-
rum vel origine actibusque gentis Romanorum einem gewissen Vigilius über-
senden. Das war im 24. Regierungsjahr des Justinian (also 551 n. Chr. Geb.),
wie Jordanes selbst sagt (Jordanes Romana 4). Wie lange vorher die Getica
schon fertig vorlagen, das ergibt sich annähernd aus Jordanes' Vorwort, worin
er angibt, er habe die adbreviatio chronicorum, die er gerade unter den Händen
hatte, unterbrochen, um zunächst die Getica zu schreiben (Jordanes Getica 1).
Diese adbreviatio aber ist mit dem Werk De summa temporum ... identisch!
Daß das Buch im wesentlichen im Jahre 551 — allenfalls teilweise 550 —
verfaßt wurde, ergibt sidi auch aus der Erwähnung der Pest der Jahre 541 bis

2 H a d i m a n n , Gocen und Skandinavien


18 Der Scandza-Topos der frühmittelalterlichen Historiographie

dessen Geschichtswerk zwischen 573 und 594 entstand, wußte von ihm
jedenfalls nichts. Allerdings bestand für ihn auch kaum ein Anlaß, eine Ge-
schichte der Goten — von wem immer sie verfaßt sein mochte — zur Kennt-
nis zu nehmen, denn weder berührte die Gotengeschichte das Objekt seiner
Interessen, noch interessierte ihn in wesentlichem Umfange die Urge-
schichte der Franken10, für deren Konzeption er allenfalls Anregungen
bei Jordanes hätte finden können11. Auch Gregors Zeitgenosse Isidor
von Sevilla wußte von Jordanes und seiner Gotengeschichte nichts, wie
seine kurze Historia Gothorum, Vandalorum, Sueborum erkennen läßt.
In Italien hingegen müssen die Getica alsbald eine gewisse, wenn auch
vielleicht zunächst verhältnismäßig begrenzte Verbreitung gefunden ha-
ben. Ein geringes Interesse an der Geschichte der Goten muß auch nach
dem Ende ihrer Herrsdiaft noch immer vorhanden gewesen sein. Warum
allerdings das Werk des Jordanes und nicht das ausführlichere — und
wahrscheinlich auch genauere — des Cassiodor verbreitet wurde, das läßt
sich nur dadurch erklären, daß des letzteren Budi s e h r bald verloren
ging. Sicher ist, daß des Jordanes Geschichtswerk bald nach 800 vom unbe-
kannten Kosmographen von Ravenna 12 benutzt wurde. Zwar sind für
die Zwischenzeit unmittelbare Belege für eine Bekanntschaft mit seinem
Buch nicht zu erbringen, doch zeigt eben seine Benutzung durch den Kos-
mographen, daß es vorher bekannt gewesen sein m u ß ; sei es bei in

43, die bei der Abfassung von Jordanes Getica neun Jahre vergangen war. Vgl.
dazu: Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) XII u. XIV f.;
E. Stein, Histoire du Bas-Empire 2. De la disparition de l'Empire d'Occident
ä la mort de Justinien (476—565) (1949) 841; vgl. ferner N. Wagner, Getica
(1967) 20 ff. bes. 24 f.
10
Die Nadiridit von der Herkunft der Franken aus Pannonien (tradunt enim
multi, eosdem de Pannonia fuisse degressus [Gregor Hist. II 9]) ist ganz bei-
läufig erwähnt und hat innerhalb seines Berichts kein besonderes Gewidit. Daß
v i e l e von der Herkunft der Franken aus Pannonien berichteten, ist kaum
wörtlich zu nehmen. Die Quelle dafür läßt sich nicht ermitteln. Um einen
Auszug aus Renatus Profuturus Frigeridus oder aus Sulpicius Alexander, die
Gregor unmittelbar vorher ausführlich zitiert, kann es sich nicht handeln,
wie der Wortlaut der vorhergehenden Zeilen deutlich erkennen läßt.
11
Deutlich zeigt Gregor Hist. III 31, daß ihm die Getica des Jordanes nicht
vorlagen, denn er schildert hier die Gesdiichte der Amalasuintha und des
Theodahad nach einer sehr schlechten Quelle völlig anders als jener (Jor-
danes Getica LIX).
12
Die Frage, ob bereits der Kosmograph den Jordanes benutzte oder ob nach-
träglich im 9. Jahrhundert Auszüge aus Jordanes in dessen Werk eingefügt
wurden, wie nach dem Vorgange von Mommsen noch M. Manitius, Gesch. d.
lat. Literatur d. Mittelalters 1 (1911) 214 meinte, klärte der Aufsatz von
J. Schnetz, Jordanis beim Geographen von Ravenna, in: Philologus N. F. 35
(1926) 86—100.
Probleme der historischen Quellen 19

Italien ansässigen Germanen, sei es bei den einheimischen Romanen1®.


Wenn der Kosmograph Jordanes zudem als Geschichtsschreiber mit den
höchsten Prädikaten versah, so spricht das eher dafür, daß dessen Name
und Werk zur Zeit des Kosmographen in gelehrten Kreisen durchaus be-
kannt war und sich einer gewissen Wertschätzung erfreute, als daß der
Kosmograph ihn durch besonderes Lob als sonst unbekannten Zeugen für
seine Angaben aufzuwerten versuchte.
Die Vermutung, schon Secundus Tridentinus habe für seine Succincta
de Langobardorum gentis historia, die vor 612 entstand, entweder Cas-
siodor oder Jordanes ausgeschrieben, hat Th. Mommsen zunächst zwar be-
hauptet, dann aber als unbeweisbar zurückgenommen 14 . Anscheinend ge-
hörte des Secundus Werk nicht zur Kategorie der Volksgeschichten, die
bis in die Urzeit zurückzureichen pflegten. Es düfte eher annalistisch an-
gelegt gewesen sein und kaum wesentlich über seine eigene Lebenszeit zu-
rückgereicht haben15.
Wahrscheinlich gab die Kodifizierung des Langobardenrechts unter
König Rothari den Anstoß dazu, daß sich die Langobarden eingehender
mit ihrer Geschichte zu beschäftigen begannen. Dabei mußte unwillkürlich
ein Interesse an in Italien bereits vorhandenem historischem Schrifttum
aufkommen, und das kann — ja, es muß — das Interesse an der Geschichte
der Ostgoten geweckt haben. Das mag den Anlaß dafür abgegeben haben,
daß man nach Berichten über sie suchte und dabei auf das Werk des Jor-
danes stieß, das sich offenbar als einziges erhalten hatte. In dieser Zeit
muß der unbekannte Autor der Origo gentis Langobardorum sein kleines
Werk verfaßt haben (vgl. unten S. 27). Daß er den einleitenden Satz: est
insula qui dicitur Scadanan ... in partibus aqttilonis, ubi multae gentes
habitant16 dem Bericht des Jordanes nachgebildet habe, nahm Bollnow
als sicher an, ohne indes dafür einen wirklich bündigen Beweis erbringen
zu können. Wörtliche Übereinstimmung mit Jordanes findet sich nicht.
Der knappen Ausdrucksweise des Verfassers der Origo hätte es wohl ent-
sprochen, wenn er die ausführlichere Schilderung des Jordanes zu einem

13
Zur Datierung des Kosmographen und seines Werks vgl. H. Löwe, Die Her-
kunft d. Bajuwaren, in: Zeitsdlr. f. bayer. Landesgesdi. 15 (1949) 5—67, bes.
8—12.
14
Th. Mommsen, Die Quellen d. Langobardengesdi. d. Paulus Diaconus, in: N.
Archiv d. Ges. f. ältere dt. Geschiditskunde 5 (1880) 76: „Cassiodors gothisdie
Geschichte, Jordanes Auszug derselben, können dem Tridentiner Geistlichen
kaum unbekannt geblieben sein." Ders., Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1
(1882) XLIV f.
15
Vgl. R. Jacobi, Die Quellen d. Langobardengesdi. d. Paulus Diaconus (1877)
63—84.
18
G. Waitz, Mon. Germ. Hist. SS. R. Lang. (1878) 2.

2*
20 Der Scandza-Topos der frühmittelalterlichen Historiographie

kurzen Satz zusammengezogen hätte. Der Wortbestand der sinnentspre-


chenden Sätze (Jordanes Getica III 16 u. 19 und Origo 1) ist jedoch ganz
unterschiedlich. Daraus kann man Abhängigkeit von Jordanes nicht mit
Sicherheit erschließen.
Der Gedanke an einen unmittelbareren Zusammenhang ist trotzdem
sehr naheliegend. Die Beweise dafür sind jedoch andere: In den drei er-
haltenen Handschriften der Origo gentis Langobardomm hat deren Ein-
leitungssatz verschiedene Gestalt. Im Madrider und im Caveser Codex
lautet er: est insula qui dicitur Scadanan in partibus aquilonis ubi multae
gentes habitant. Der Modeneser Codex hat an Stelle von Scadanan Sca-
dan und dahinter ist quod interpretatur excidia eingeschoben. Es ist mü-
ßig, hier über die Namensformen viel zu rätseln17. Es läßt sich nämlich
nachweisen, daß schon Scadanan verderbt ist und daß hier ein ursprüng-
liches Scadinavia, Scathinavia oder Scathanavia anzusetzen ist (vgl. unten
S. 30).
Der Zusatz des Modeneser Codex erweist sich damit als sekundär 18
und der Anfang der Origo dürfte gelautet haben: est insula qui dicitur Sca-
dinavia in partibus aquilonis ubi multae gentes habitant. Paulus Diaconus
übernahm die Nachricht von der Herkunft der Langobarden aus der
Origo19 und gab ihr die Form . . . Winnilorum, hoc est Langobardorum,
gens ... ab insula quae Scadinavia dicitur adventavit (Paulus Diaconus
Hist. I, 1). Gleich anschließend erwähnt er (Paulus Diaconus Hist. I, 2),
daß auch Plinius diese Insel gekannt habe20.
Der erste Satz der Origo steht inhaltlich mit der darauffolgenden
Erzählung nicht in festem Zusammenhang. Der Kampf gegen die Wanda-
len wird so geschildert, als habe er auf dem Kontinent stattgefunden. Von
einer Auswanderung von Scadinavia übers Meer und mit Schiffen wird
weder vor noch nach diesem Kampf gesprochen. Die Landschaften Go-
laida, Anthaib, Bainaib und Burgundaib, durch die die Langobarden nach

17
Vgl. L. Schmidt, Zur Gesch. d. Langobarden (1885) 38 f.
18
L. Schmidt, a. a. O. 9 f. wollte nadiweisen, daß der Text des Modeneser Codex
im allgemeinen bedeutend besser sei und der ursprünglichen Form bedeutend
näher stehe. Vgl. G. Waitz' Bemerkungen in: Mon. Germ. Hist. SS. R. Lang.
(1878) 1 A n m . 3 .
19
Abhängigkeit von der Origo erstmals erkannt v. L. Bethmann, Die Geschichts-
schreibung der Langobarden, in: Archiv d. Ges. f. ält. dt. Gesdiichtskunde 10
(1851) 351 ff.
20
R. Jacobi, Die Quellen d. Langobardengesdi. d. Paulus Diaconus (1877) 10 f.
meinte, Paulus habe das Scadanan, bzw. Scadan nach Plinius Hist. N a t . IV
13, 96 u. VIII 16, 39 in Scadinavia gebessert. Das anzunehmen, zwingt Paulus
Diaconus Hist. I 2 aber gewiß nicht.
Probleme der historischen Quellen 21

ihrem Sieg über die Wandalen gezogen sein sollen, liegen — jedenfalls
in der Vorstellung des Autors der Origo — irgendwo auf dem Kontinent.
Aber auch formal ist der erste Satz nur locker durch den relativisdien An-
schluß inter quos mit dem nachfolgenden verbunden. Audi ohne eine solche
Verbindung wäre der zweite Satz als Hauptsatz: erat gens parva quae
Winnilis vocabatur durchaus vollständig.
Es sieht also danach aus, als habe der Herkunftsbericht der Langobar-
den ursprünglich mit diesem Satz begonnen und als sei ihm erst nachträg-
lich ein gleidiartig konstruierter Satz vorangestellt worden, der von der
Herkunft aus Skandinavien berichtete.
W. Bruckner kam 1899 auf einem anderen Weg zu einem ganz ähn-
lichen Ergebnis. Er versuchte seinen alten Gedanken 21 , der Origo habe ein
in langobardisdier Sprache gehaltenes, allitterierendes Gedicht als Vorlage
gedient, eingehender zu begründen 28 . Dabei kam er u. a. zu dem Ergebnis,
der Satz: erat gens parva quae Winnilis vocabatur könne der eigentliche
Anfang einer ursprünglichen Origo gewesen sein23. Der Hinweis auf
Skandinavien sei also eine spätere Zutat. Bruckner meinte weiterhin, das
ursprüngliche Gedicht sei nur bis Origo 4 zu verfolgen. Danach seien keine
Spuren einer poetischen Quelle zu entdecken, dafür aber könnten einige
neue Stilelemente im lateinischen Text festgestellt werden: indirekte Rede
an der Stelle direkter Rede, lange Satzkonstruktionen anstatt einfacher
Hauptsätze. Volle Sicherheit darüber, wie die ursprüngliche Origo begann,

21
Vgl. W. Bruckner, Die Sprache d. Langobarden (1895) 19 ff. — Vgl. auch R.
Koegel, Gesch. d. dt. Litteratur b. z. Ausgang d. Mittelalters I, 1 (1894) 107 f.;
L. Schmidt, Zur Gesch. d. Langobarden (1885) 16. — Dagegen R. Mudi, Be-
sprechung von W. Bruckner, Die Sprache d. Langobarden (1895), in: Göttin-
gische Gelehrte Anzeigen 158 (1896) 892 f.
22
Vgl. W. Bruckner, Die Quelle d. Origo gentis Langobardorum, in: Zeitschr.
f. dt. Altertum u. dt. Litteratur N . F. 31 (43) (1899) 47—58. — Bruckner
hat nicht besonders beachtet, daß die Namen der Königsliste im Prologus
edicti Rothan ebenfalls meist paarig allitterieren: [Agio] — Agilmund; La-
misio — Leth; Geldehoc — Godehoc; (Ausnahme:) Claffo — Tato; Wacho
— Waltari; Audoin — Alboin; [?] — Clef; Authari — Agilulf; Adalwald
— Arioald; Rothari... Ähnlich in der Genealogie des Rothari an derselben
Stelle: Obthora (Uhtbora) — Mammo; Facho — Frodio; Weo — Weilo; [?]
— Hilzo; Alaman — Alamund; Nozu — Nanding; Rothari. — Die Hist
Lang. Cod. Goth. 8 nennt Rodoald als Nachfalger des Rothari, der auch bei
Paulus Diaconus Hist. IV 47 erwähnt wird. — Vgl. audi G. Baesedce, Über
germ.-deutsche Stammtafeln u. Königslisten, in: Germ.-Rom. Monatsschrift
24 (1936) 161—181 mit teilweise übereinstimmenden Ergebnissen.
23
Vgl. W. Bruckner, a . a . O . 51 Anm. 1: „erat gens parva quae Winnili voca-
batur könnte der Anfang des Liedes gewesen sein, die Stelle erinnert an den
Eingang anderer Lieder, die freilich erst aus späterer Zeit stammen,..
22 Der Scandza-Topos der frühmittelalterlichen Historiographie

läßt sich — legt man einen strengen Maßstab bei der Beweisführung an —
auf diese Weise allerdings nicht gewinnen24.
Geht man den Inhalt der Origo durch, dann macht zwar der erste
Satz tatsächlich den Eindruck, als sei er der Gotengeschidite des Jordanes
nachgebildet; was dann darauf folgt, kann aber unmöglich von antikem
Geschichtsdenken abhängig sein. Die Gesdiidite von Ybor und Agio und
ihrer Mutter Gambara, der Kampf der Winniler mit den Wandalen und
ihr Namenswechsel und der Zug durch ganz unbekannte Länder, das alles
ist echt langobardisches Erzählgut25. Alles was weiterhin folgt, ist dann
eine mit mehr oder minder spärlichen Nachrichten ummantelte langobar-
dische Königsliste28.
In dieser Langobardengesdiidite ist das älteste wirklich sidiere Er-
eignis die Besitznahme von Rugiland. Die Origo nennt den König Gode-
hoc und sagt: illo tempore exivit rex Audoachari de Ravenna cum exer-
citu Alanorum, et venit in Rugilanda et inpugnavit Rugos, et occidit
Theuvane regem Rugorum, secumque multos captivos duxit in Italiam.
Tune exierunt Langobardi de suis regionibus, et habitaverunt in Rugi-
landa annos aliquantos. Die Vernichtung der Rugier durch Odovakar im
Jahre 488 wird durch des Eugippius Vita s. Severini 44 erwähnt. Prokop
Bell. Goth. II 14 berichtet, daß die Heruler nach ihrer Niederlage durdi

24
Th. Mommsen, Die Quellen d. Langobardengesch. d. Paulus Diaconus, in: N.
Archiv d. Ges. f. ältere dt. Geschichtskunde 5 (1880) 57 ff. nahm eine ältere,
ausführlichere Fassung der Origo an, die im wesentlichen aus dem Werk des
Secundus Tridentinus geschöpft habe. — L. Schmidt, Zur Gesch. d. Lango-
barden (1885) 16 ff. dachte an eine ausführlichere Ur-Ongo, setzte diese
jedoch nicht mehr mit dem Werk des Secundus gleich. — W. Bruckner, a. a. O.
47 sprach sich dagegen aus; wie überhaupt seine These gegen eine umfang-
reichere Ur-Origo sprechen muß.
25
Schon Paulus Diaconus Hist. I 8 spricht in diesem Zusammenhang von einer
ridicula fabula. Vgl. dazu: K. Hauck, Lebensnormen u. Kultmythen in ger-
manischen Stammes- und Herrschergenealogien, in: Saeculum 6 (1955) 186
bis 223.
!9
Vgl. die Königsliste in der Vorrede des Edictus Rotbari, die mit der Liste der
Origo übereinstimmt. Vgl. Fr. Bluhme, in: G. H. Pertz, Mon. Germ. Hist.
Leg. IV (1868) 2 f . u. E. Bernheim, Über d. Origo gentisLang.,in:N.Archiv
d. Ges. f. ältere dt. Geschichtskunde 21 (1896) 376 f.; vgl. den Satz des Ro-
thari im Prologas edicti Rotbari: Ego in Dei nomine Rothari vir excellentis-
simus et séptimo deeimum rex gentis Langobardorum, der an die Amaler-
genealogie des Cassiodor in siebzehn Gliedern erinnert. Vgl. dazu H. Wolf-
ram, Methodische Fragen zur Kritik am „sakralen" Königtum germanischer
Stämme, in: Festschrift f. O. Höfler 2 (1968) 483. — Wolfram denkt an eine
Version des Hieronymus vom Chronicon des Eusebius als Vorlage der Amaler-
genealogie, wo es heißt: [Urbs Roma] quae condita est a Romulo séptima
olympiade anno secundo, qui XVII ab Aenea regnavit.
Probleme der historischen Quellen 23

die Langobarden 27 zunächst beabsichtigt hatten, sich in Rugiland nieder-


zulassen, daß sie dann aber weiterzogen, weil das Land wüst lag. Erst
danadi können die Langobarden eingewandert sein. Die Namen einzelner
Könige vor Godehoc, der die Langobarden nach Rugiland führte, brau-
chen nicht unbedingt als erfunden angesehen zu werden. Aber selbst, wenn
man annimmt, sie seien größtenteils historisch, dann ändert sich nichts an
der Tatsache, daß die historische Erinnerung der Langobarden praktisch
nicht über die Landnahme in Rugiland hinwegreichte, d. h. kaum die
Mitte des 5. Jahrhunderts erreicht hat 28 . Was sich vorher ereignete, ist
offensichtlich größtenteils den Späteren nidit mehr bekannt gewesen. Ein-
zelne Episoden, die in die Origo oder auch von Paulus Diaconus in seine
Historia aufgenommen wurden, tragen deutlich den Stempel des Mythi-
schen2'.
Da römische Schriftsteller die Langobarden um Christi Geburt an der
unteren Elbe bzw. als Nachbarn der Cherusker und Semnonen bezeu-
gen (Velleius Paterculus II 106; Strabo VII 290; Tacitus Germ. 40; Ta-
citus Anm. II 45, X I 17; Ptolemaios II 11, 9), müßte die Nachricht von
ihrer Einwanderung aus Scadinavia bis in vorchristliche Zeit zurückfüh-
ren. Sie müßte dann über ein halbes Jahrtausend hinweg, von dem die Lan-
gobarden keinerlei nennenswerte historische Erinnerung besaßen, erhalten
geblieben sein. Das ist aber ganz unwahrscheinlich. Der erste Satz der
Origo ist also offensichtlich, da er kein historisches Erinnern enthalten
wird, einem bereits vorhandenen Vorbild nachgeformt worden und da-
für kommt nur des Jordanes Gotengeschichte in Betracht. Daß das
Scandza des Jordanes durch die Form Scadinavia der Origo ersetzt
wurde, kann nur auf den ersten Blick verwunderlich erscheinen. Jordanes
war die Identität der Inseln Scandia und Scadinavia noch genauso bewußt
(Jordanes Getica I I I 17) wie etwa Plinius, der beide Namen im Wechsel
nebeneinander benutzte (Plinius Hist. Nat. IV 13, 96; IV 16, 104). Man

27
Die Heruler-Schladit fand während der Regierung des Anastasios I. Dikoros
(491—518) statt. W. Ensslin, Theoderidi d. Große (1947) 371 Anm. 4 setzte das
Ereignis in das Jahr 508.
28
L. Schmidt, Zur Gesch. d. Langobarden (1885) 36: „Von Allem diesen nun,
was wir soeben aus gleichzeitigen Schriftstellern des klassischen Altertums
über die Langobarden beigebracht haben, findet sich in den eigenen Berichten
und Erzählungen derselben [d. h. in der Origo] keine Spur. Nichts wird hier
von den Kämpfen mit den Römern, mit ihren suebischen Stammesgenossen
unter Marbod erzählt; auch über ihre Geschichte in der Zeit, bevor Griechen
und Römer von ihnen erfuhren, läßt sich nichts daraus ermitteln."
29
Des Paulus Diaconus Charakterisierung der Geschichte des Namenswechsels,
die er aus der Origo in seine Historia übernahm, als ridiculosa fabula zeugt
nur scheinbar für seinen kritischen Sinn, denn sein eigener Bericht Hist. I 15
ist nicht weniger „lächerlich".
24 Der Scandza-Topos der frühmittelalterlichen Historiographie

muß annehmen, daß der Autor der Origo oder der Redaktor, der den
ersten Satz verfaßte, von dieser Identität noch wußte. Warum er dann
allerdings die Namensform Scadinavia vorzog und es nicht wie der Kos-
mograph von Ravenna bei Scandzdbeließ, das ist schwer zu erklären.
Neben dem Secundus Tridentinus, der Origo und anderen Quellen31
hat — wie schon Th. Mommsen erkannte32 — Paulus Diaconus auch die
Werke des Jordanes benutzt. Sichtlich hat er den Bericht von der Her-
kunft der Langobarden zwar der Origo entnommen, dodi folgt er in der
Komposition seiner einleitenden Abschnitte eher dem Jordanes, was bis-
lang vielleicht nodi nicht genügend nachdrücklich betont worden ist. Da
Jordanes die Goten aus Scartdza ab huius insulae gremio velut examen
apium erumpens (Jordanes Getica I 9) kommen ließ, berichtet Paulus ent-
sprechend vorher von der Fruchtbarkeit33 der Menschen des Nordens (Pau-
lus Diaconus Hist. I 1). Jordanes schweifte ab und schob seinen Exkurs
über Britannien ein (Jordanes Getica II 10—15). Ebenso unterbricht nun
Paulus seine Erzählung und fügt einen Exkurs über den Westen ein (Pau-
lus Diaconus Hist. I 4), der den Erzählzusammenhang scheinbar sinnlos
unterbricht, während die Abschweifung des Jordanes mit der Nachricht
zusammenzuhängen scheint, die Goten stammten von Britannien (Jorda-
nes Getica V 38). Jordanes kehrte nun zur Insel Scandza zurück, beschrieb
sie und die dort wohnenden Völker und erwähnte bei dieser Gelegenheit
die Länge der Sommertage im Norden (Jordanes Getica III 16—24), und
dementsprechend behandelt auch Paulus den Norden, anschließend den
Westen, wobei er nicht vergißt, die Länge der Tagesdauer im Sommer
zu erwähnen (Paulus Diaconus Hist. I 5—6). Jordanes ließ nun den Be-
richt von der Auswanderung der Goten, von ihrer Landung in Gothi-
scandza, vom Krieg gegen die Ulmerugier und Wandalen und dem Auf-
bruch nach Südrußland folgen (Jordanes Getica IV 25—29). Auch Paulus
berichtet nunmehr vom Aufbruch der Langobarden aus Scadinavia, von
ihrem Kampf mit den Wandalen und der Ankunft in ihrer neuen Heimat
(Paulus Diaconus Hist. I 7—13). Danach beginnen beide Autoren — durch
den Stoff gezwungen — ihre unterschiedlichen Berichte von der Geschichte
ihrer Völker. Den Namen der Insel dürfte Paulus in der ihm vorliegenden

30
Ravennatis Anonymi Cosmographia I 12, IV 4 u. V 30. — Hier verändert
in Scanza, Seanzan od. Scanzi.
31
Knappe Übersicht bei M. Manitius, Gesch. d. lat. Literatur d. Mittelalters I
(1911) 269.
38
Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) XLV Anm. 85.
33
Audi die Origo spricht von den multae gentes, die auf der Insel Scadanan
wohnten. Sicher liegt auch hier ein Zusammenhang mit Jordanes Getica III
19—24 vor.
Probleme der historischen Quellen 25

Fassung der Origo noch richtig vorgefunden haben, wie sich zeigen läßt
(vgl. unten S. 30).
Die von Paulus fixierte Version von der Langobardengeschichte wird
dann weitergetragen. Sie findet sich entstellt in der Dritten Fortsetzung
des Paulus'4, in der Historia des Andreas von Bergamo35, in der Historia
Langobardorum Beneventanomm des Erchempert von Montecassino" und
in späteren Geschichtswerken37. Unabhängig von Paulus hielt sich einzig
der Autor der Historia Langobardorum codicis Gothani3S, der bald
nach 800 schrieb, teilweise unmittelbar aus der Origo schöpfte, aber für
die Herkunft der Langobarden auch noch eine andere Quelle benutzte3®.
Er nannte die Heimat der Langobarden Scatenauge und verlegte diese
Landschaft an die Elbe.
Im Reich der Franken wurden die Getica zunächst noch nicht be-
kannt. Im dritten Buch des Fredegar findet sich allerdings ein Hinweis
auf die Herkunft der Langobarden aus Scathanavia (Fredegar III 65).
Wortlaut und Inhalt dieses Einschubes, der in Auszüge aus dem Ge-
schichtswerk Gregors von Tours eingefügt ist, weisen mindestens zum
Teil auf den Autor der Origo, gehen also letztlich auf Jordanes zurück.
Zunächst heißt es bei Fredegar Langobardorum gens, priusquam hoc
nomen adsumerit, exientes de Scathanavia, que est inter Danuvium et
Mare Ocianum. Scathanavia ist hier also keine Insel. Es folgt dann der
Kampf, mit dessen Ablauf sich der Namenswechsel vollzieht. Als Gegner
der Langobarden werden hier jedoch nicht die Wandalen, sondern die
Hunnen genannt. Die Übereinstimmungen mit der Origo sind durch Eli-
minierung alles Heidnischen zwar versteckt, aber bei näherem Hinsehen
doch deutlich genug erkennbar.
Im gleichen Absdhnitt wird dann allerdings in einer Form von der
Auswanderung der Langobarden aus Pannonien berichtet, die keinen
Bezug zur Origo hat. Hier hat der Autor des Fredegar Gregor von Tours
benutzt. Ebenso wenig wie für den Bericht von der Herkunft der Lango-
34
Mon. Germ. Hist. SS. R. Lang. (1878) 206.
35
A . a . O . 221.
3
» A . a . O . 234.
37
Vgl. die Übersicht bei C. Blasel, Die Wanderzüge d. Langobarden (1909)
3—9.
38
Mon. Germ. Hist. SS. R. Lang. (1878) 7 ff.
39
Er erwähnt Hieronymus als Gewährsmann (cap. 2), doch hat schon K. Zeuss,
Die Deutschen und die Nachbarstämme (1837) 473 Anm. riditig gestellt, daß
er diesen mit Isidor verwechselt hatte, der Etymol. I X 226 Vindelicus amnis
ab extremis Galliae erumpens, iuxta quem fluvium habitasse et ex eo traxisse
nomen Wandali perhibentur schrieb. Über die Gleichung Wandali = Winili
überträgt der Autor der Hist. Lang. cod. Gothani nun Isidors Version von der
Herkunft der Wandalen auf die Langobarden.
26 Der Scandza-Topos der frühmittelalterlichen Historiographie

barden kann Gregor aber Gewährsmann sein, wenn es nun heißt: Lan-
gobardi regem nomen Clip super se eligunt (Fredegar I I I 67). Audi die
Nachricht vom Tode des Clip (Fredegar I I I 68) kann nicht von Gregor
stammen. H i e r kommt wiederum nur die Origo als Quelle in Betracht 40 .
Es schließen sich dann wieder Exzerpte aus Gregors Geschichtswerk an.
Die Autorenschaft der durch Interpolation aufgefüllten Exzerpte aus
den Historien des Gregor ist nicht unumstritten. Br. Krusch wies sie dem
zweiten Autor des Fredegar zu, der seiner Ansidit nach um 6 4 2 schrieb".
Trotz des Widerspruches von G. Schnürer, der dieselben Textstellen dem
ersten Autor zuweisen wollte, dessen Arbeit er bis zum Jahre 6 1 6 / 1 7
— Krusdi nur bis 613 — verfolgen zu können meinte 42 , hat sidi die
Zuweisung der Gregor-Auszüge zum zweiten Autor weiter erhärten las-
sen 4 '; sie kann heute als gesichert gelten.
Wortlaut und Inhalt der Einsdiübe in die Historia epitomata weisen
also eindeutig auf den Verfasser der Origo. Das macht chronologisch nur
scheinbar Schwierigkeiten 44 . Sicher ist, daß Paulus Diaconus eine Origo
gentis Langobardomm in einem Manuskript des Edictus Rothari vor-

40 Br. Krusdi, Mon. Germ. Hist. SS. R. Mer. II (1888) 110 Anm. 2—5 nannte
schon die Origo als selbstverständliche Vorlage. Ebenso E. Bernheim, Ober d.
Origo gentis Langobardorum, in: N. Archiv d. Ges. f. ältere dt. Geschidits-
kunde 21 (1896) 386 Anm. 4. — Die Chronik des Marius von Avenches
kommt jedenfalls als Vorlage Fredegars nicht in Betracht, da sie teilweise an-
dere Personen kennt und die Ereignisse andersartig darstellt. Vgl. Th. Momm-
sen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. X I (1894) 238 f. Marius nannte allerdings
Personen und Ereignisse, die Gregor und Fredegar unbekannt geblieben sind,
und die sich dann teils in der Origo, teils bei Paulus Diaconus wiederfinden.
— Die Benutzung der Chronik des Marius durdi Paulus bereits bei L. Schmidt,
Zur Gesdi. d. Langobarden (1885) 28 erwähnt.
41 Vgl. Br. Krusdi, Die Chronicae des sogenannten Fredegar, in: Neues Archiv

d. Ges. f. ältere dt. Gesdiichtskunde 7 (1882) 247—351.


" G. Schnürer, Die Verfasser der sogenannten Fredegarchronik (1900) 72 ff. 232.
4S Vgl. S. Hellmann, Das Fredegarproblem, in: Hist. Viertel jahrssdirift 29

(1935) 36 ff. bes. 83 ff. — Vgl. audi dazu: Wattenbach-Levison, Deutschlands


Geschichtsquellen im Mittelalter. Vorzeit u. Karolinger 1. W. Levison, Die
Vorzeit v. d. Anfängen b. z. Herrschaft d. Karolinger (1952) 109 ff.
44 C. Platner, Ueber d. Art d. dt. Völkerzüge z. Zeit d. Wanderung, in: For-

schungen z. Dt. Geschichte 20 (1880) 172 Anm. 1 vermutete eine Urfassung


der Origo, die mit dem sechsten Jahr des Agilulf (Aequo) (597) abschloß, weil
sie nur soweit für die Hist. Lang. Chrort. Gothanum benutzt wurde. Doch die
Fertigstellung der Endfassung dachte er sich a. a. O. 171 unter Grimoald
(662—672). — R. Jacobi, Die Quellen d. Langobardengesch. d. Paulus Dia-
conus (1877) 8 entschied sich hingegen wie vor ihm L. Bethmann für das sie-
bente Jahr des Grimoald (668). — G. Waitz, Mon. Germ. Hist. SS. R. Lang.
(1878) 1 meinte, die Origo sei nach der Mitte des 7. Jh. entstanden. — Für
das Jahr 668 sprach sich audi L. Schmidt, Zur Gesch. d. Langobarden (1885)
9 f. aus.
Probleme der historischen Quellen 27

fand. Daß Paulus selbst der Meinung gewesen sei, diese Origo sei dem
Rothari zuzuschreiben, behauptet R. Jacobi, bestreitet L. Schmidt dagegen
entschieden45. Beider Argumente sind jedoch nicht zwingend. Dennoch
scheint es möglich zu sein, die Origo, wenn auch nicht dem Rothari
selbst, so doch dessen Zeit zuzuweisen. Rothari ist der letzte König, des-
sen Herrschaft die Origo ausführlich behandelt: Et post ipso regnavit Ro-
thari ex genere Arodus, et rupit civitatem vel castra Romanorum quae
fuerunt circa litora apriso Lüne usque in terra Francorum quam ubiter-
gium ad partem orienti, et pugnavit circa fluvium Scultenna, et ceci-
derunt a parte Romanorum octo milia numerus. Danach folgen in den
Madrider und Caveser Handschriften kurze Hinweise auf die Regierungs-
dauer des Aripert und die Regierung des Grimoald. Der Modeneser Co-
dex fügt die Regierungsdauer des Grimoald und einen Hinweis auf Ber-
thari an. In alle drei Handschriften ist ein kurzer Verweis auf Con-
stans II. und seine Ermordung eingefügt, dem ein Zusammenhang mit der
Langobardengeschidite fehlt. Die Madrider und Caveser Handschriften
stellen offenbar Fortsetzungen der ursprünglidien Origo dar. Der beiden
Handschriften zugrunde liegende Text scheint zur Zeit des Grimoald
(662—672) redigiert worden zu sein, denn dessen Regierungsdauer wird
nicht genannt; er lebte wohl noch. Sie wurde erst vom Autor der Fas-
sung, die in der Modeneser Handschrift vorliegt, angefügt, der die Origo
während der Regierung des Berthari (672—690) ergänzte. Es ist bezeich-
nend, daß dessen Regierungsdauer hier fehlt; offenbar war er nodi am
Leben.
Sollte die Origo alsbald in die erste Niederschrift der Gesetzessamm-
lung des Rothari eingefügt worden sein, so wäre sie im Jahre 643 ver-
faßt4". Der Hinweis auf die Regierungsdauer des Rothari wäre dann vom
ersten Fortsetzer der Origo angefügt.
Sollte der Fortsetzer des Fredegar — wie nunmehr S. Hellmann
meint47 — etwa 624/625 zu arbeiten begonnen, die Niederschrift mehr-
fach unterbrochen haben und weit nach der Mitte des Jahrhunderts das
bisher Fertiggestellte mit Zusätzen versehen haben, so verwundert die
Verwendung einer 643 niedergeschriebenen Origo nicht; zumindest macht
ihre Verwendung durch den zweiten Autor des Fredegar chronologisch
keinerlei Schwierigkeiten.
Im Chronicon universale, das vor dem Jahre 775 entstanden sein
45
R. Jacobi, Die Quellen d. Langobardengesdi. d. Paulus Diaconus (1877) 5 f.;
L. Sdimidt, Zur Gesdi. d. Langobarden (1885) 8.
4
* So auch E. Bernheim, Uber d. Origo gentis Langobardorum, in: Neues Ardiiv
d. Ges. f. ältere dt. Gesdiichtskunde 21, (1896) 381 ff. bes. 384.
" Vgl. S. Hellmann, Hist. Vierteljahrsschrift 29 (1935) 92.
28 Der Scandza-Topos der frühmittelalterlichen Historiographie

dürfte48, findet sich für das Jahr 4529 der hebräisdien Ära (575 n. Chr.
Geb.) die Nachricht von der Auswanderung der Langobarden in fast
wörtlicher Übereinstimmung mit Fredegar III 65. Dort ist daher auch
dieselbe Angabe von der Lage des Landes wiederholt. Sie ist also sdion
von vornherein bei Fredegar vorhanden gewesen und keine spätere Ein-
fügung.
Im Chronicon universale steht außer der bei Fredegar abgeschriebe-
nen Angabe von der Langobardenheimat in Skandinavien auch noch die
Nachricht, die Burgunden seien ebenfalls von dorther gekommen: Burgun-
diones tempore Tyberii augusti egressi sunt de insola maris cuius voca-
bulo est Scatanavia, que ex vocabulo regionis Scatoarii nuncupata est*'.
G. Waitz, der diese Quelle edierte, dachte an Fredegar als Vorlage. Die
Verbindungen nach dorthin sind indes für diese Stelle ganz schwach.
Dädite man an Fredegar als Vorbild, so wäre man gezwungen, dem Au-
tor des Chronicon gegenüber Fredegar eine Reihe von Neuerungen zu
konzedieren.
Eine Parallelstelle zum Chronicon universale findet sich in der
Passio s. Sigismundi regis. Sie berichtet von den Burgunden: Tempore
Tyberii senioris ... egressa est gens de insula, quam mare Oceanum cin-
git, cuius vocabulum est Scanadavia, qui ex vocabulo quoque regionis
Scanadavii nuncupati sunt50. Daß beide Stellen zusammengehören und
die eine von der anderen abhängig ist, darüber kann kein Zweifel be-
stehen. Die Riditung der Abhängigkeit wäre ohne weiteres klar, wenn
die Datierung beider Quellen gesichert wäre. Wohl weiß man, daß das
Chronicon vor 775 n. Chr. Geb. niedergeschrieben sein muß. Von der
Passio meinte C. Binding, sie sei im 7. Jh. oder wenigstens im 8. Jh. ent-
standen. Br. Krusdi, der sie edierte, meinte, ihre Ausdrucksweise
„schmecke" eher nach der ersten Hälfte des 8. Jh. als nach der Zeit Karls
des Großen61; hingegen dachte W. Levison an Entstehung im letzten Drit-
tel des 8. Jh.52.

48
Vgl. Wattenbadi—Levison, Deutschlands Gesdiiditsquellen im Mittelalter.
Vorzeit u. Karolinger 2. W. Levison u. H. Löwe, Die Karolinger v. Anfang
d. 8. Jh. b. z. Tode Karls des Großen (1953) 258.
48
G. Waitz, Mon. Germ. Hist. SS. XIII (1881) 4.
50
Br. Krusdi, Mon. Germ. Hist. SS. R. Mer. II (1888) 333.
51
Br. Krusdi, a. a. O. 329 f.
52
Wattenbadi—Levison, Deutschlands Gesdiiditsquellen im Mittelalter. Vorzeit
u. Karolinger 1. W. Levison, Die Urzeit v. d. Anfängen b. z. Herrschaft d.
Karolinger (1952) 108 Anm. 240: „Die in Acaunum im letzten Drittel d.
8. Jh. verfaßte Passio Sigismundi...". Etwas abweichend im Heft 2: W. Levi-
son u. H. Löwe, Die Karolinger v. Anfang d. 8. Jahrhunderts b. z. Tod Karls
des Großen (1953) 258 Anm. 313: „Als Quelle des Chronicon universale
Probleme der historischen Quellen 29

Für die Beurteilung der Abhängigkeit ist entscheidend, daß in der


Passio die Nachricht von der Herkunft der Burgunder an inhaltlich rich-
tiger Stelle, nämlidi als kurze Einleitung zu einem Abriß der burgundi-
schen Geschichte steht, während die entsprechende Stelle im Chronicon
vollständig isoliert ist. Jede beliebige andere Nachricht hätte hier ebenso
sinnvoll bzw. sinnlos eingesetzt werden können. Die Passio muß also für
das Chronicon das Vorbild abgegeben haben53.
Soweit ist der Zusammenhang klar. Es bleibt allerdings noch die
Frage, ob die die Burgunderheimat betreffende Stelle der Passio von Fre-
degar abhängig ist oder ob sie auf die Origo zurückgeht. Das eine meinte
Br. Krusch", das andere einst C. Binding55. Für den ersten Satz kommt
Fredegar als Quelle kaum in Betracht. Während er Scathanavia als Land
zwischen Donau und dem Ozean kennt (Fredegar III 65), weiß der Ver-
fasser der Passio, daß es sich um eine Insel handelt. Das könnte er aber
auch dann nicht von Fredegar erfahren haben, wenn dessen Worte que
est inter Danuvium et mare Ocianum (Fredegar III 65) eine spätere Er-
gänzung wären. Dann nämlich wäre die Lage von Scathanavia bei Fre-
degar völlig unklar und überhaupt keinesfalls als Insel zu erkennen. Die
Vorlage der Passio muß Scadanavia als Insel kennen; nur die Origo
oder Jordanes selbst kommen als Quelle in Betracht. Einwandfreie Hin-
weise auf Jordanes fehlen allerdings vollständig und demzufolge dürfte
die Origo hier Quelle der Passio gewesen sein. Die Auswanderung der
Burgunden verlegt der Autor der Passio in die Zeit des Tiberius. Das kann
keine reine Willkür sein, wenngleich sidi dafür weder bei Fredegar, noch
in der Origo eine Vorlage findet. Der Schreiber der Passio hat diese An-
gaben offensichtlich in der Literatur vorgefunden. Isidor berichtete, Ti-
berius habe einstmals die Burgunden entlang der Grenzen in den burgi
ansässig gemacht; daher auch ihr Name (Isidor Etymol. IX 2, 99). Oro-
sius VII 32 überlieferte dieselbe Nachricht. Hieronymus scheint für beide
— allerdings nur teilweise — die Quelle gewesen zu sein (Hieronymus
Chronicon 2389). Aus einer dieser Quellen — wahrscheinlich aus Oro-

gedient hat die Chronik der Passio Sigismund!..., die bereits Anfang des
9. Jh. vorhanden w a r . . . " .
5S So schon W . Levison u. H. Löwe, a. a. O. 258.
54 Br. Krusdi, Mon. Germ. Hist. SS. R. Mer. II (1888) 333 Anm. 1.
55 C. Binding, Geschichte d. Burgundisch-Romanischen Königreichs (1868) 280.
2 8 9 : „Die Abfassungszeit der Schrift [Passio s. Sigismundi] wäre also am
Ende des 7., vielleicht auch erst am Anfang des 8. Jahrhunderts zu suchen." —
C. Binding meinte aus der auffallenden Kenntnis der Origo schließen zu dür-
fen, daß der Autor der Passio ein Römer aus dem Reich der Langobarden war,
der in das Kloster Acaunum eingetreten sei und dort die Vita des Königs ge-
schrieben habe.
30 Der Scandza-Topos der frühmittelalterlichen Historiographie

sius — schöpfte zwar auch Fredegar II 46, doch kann der Anfang der
Passio davon nidit abhängen, weil Fredegar verschiedene Angaben nicht
enthält, die in der Passio, bei Orosius und Isidor vorhanden sind.
Zwischen der Einleitung der Passio und Fredegar sind also nur dort
Übereinstimmungen, wo beide aus denselben Quellen schöpfen, die letzt-
lich höchstwahrscheinlich auf Orosius zurückgehen. Nur die Nachricht von
der insula ... cuius vocabulum est Scanadavia56 kann weder von Isidor,
nodi von Orosius oder Hieronymus stammen, in deren Sdiriften die In-
sel überhaupt nidit erwähnt wird. Man ist — ob man will oder nidit —
also gezwungen, die Einleitung der Passio mit der der Origo im Zusam-
menhang zu sehen. Bei der Übernahme des Textes in den burgundischen
Bereidi wurde der Name des Stammes ausgewechselt, doch der Name des
heimatlichen Landes blieb stehen, und audi die Angabe, daß es sich um
eine Insel handelt, blieb erhalten. Sollte der Autor der Passio etwa das
Wort Scanadavia aus Scadanan oder gar Scadan verbessert haben? Das
ist ganz unwahrscheinlich. Der Weg ging von Scadinavia nach Scadanan
bzw. Scadan einerseits und Scanadavia andererseits57.
K. Zeuss wies darauf hin58, daß Prosper Tiro in seinem Chronicon
von der Auswanderung der Langobarden aus Scandia berichtete (Prosper
1169). Th. Mommsen hat diese Stelle in seiner kritisdien Ausgabe des
Prosper als Zufügung des 15. Jh. ausgeschieden und das gewiß mit
Recht5'. Für den ursprünglichen Inselnamen der Origo gibt sie also nidits
her. Sie zeigt allenfalls, daß mittelalterliche Gelehrsamkeit über Quellen
verfügte, wonach Scadinavia und Scandia als Synonyma angesehen wur-
den und wonadi die Langobarden von Scadinavia oder Scandia gekom-
men sein müßten. Es muß dabei bleiben: Scadanan bzw. Scadan sind
Entstellungen von Scadinavia.
Alle Nachrichten von der Herkunft der Langobarden und Burgunden
aus dem skandinavischen Norden, die sidi in der frühen fränkisdien und
burgundischen Geschichtsschreibung finden, gehen also letztlich auf die

59
Die Form Scanadavia ist siditlich verderbt, wenngleich sie die beste der in
den insgesamt 15 Codices belegten Überlieferungen darstellt. Im einzelnen
sind folgende Varianten belegt: Scanavia, Scanadabia, Scandabia, Scandavia.
Die Metathese scheint also schon früh durdigeführt worden zu sein, dodi
war sie in dem Manuskript noch nicht vollzogen, das dem Autor des Chro-
nicon universale vorlag, denn dort heißt es Scatanavia.
57
Es wäre allenfalls denkbar, daß dem Autor der Passio ein Text der Origo mit
der Namensform Scadanavia vorlag. Daraus ein Scadanan bzw. Scadan zu
machen, wäre für Abschreiber der Origo ein leichtes gewesen. Aber auch die-
ses Scadanavia müßte letztlich auf ein Scadinavia zurückgehen.
58
K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nachbarstämme (1837) 472.
5
» Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. IX (1892) 497 ff.
Probleme der historischen Quellen 31

Origo gentis Langobardorum zurück. Es gibt keine befriedigende Erklä-


rung dafür, warum die Origo jenseits der Alpen so früh bekannt und so
oft benutzt wurde 60 .
Nach dem Ende der Ostgotenherrschaft in Italien hatte deren Ge-
sdiichte für Franken und Burgunden zunächst kein besonderes Interesse.
Anders für die Langobarden. Ihnen ist es deswegen offenbar größtenteils
zu verdanken, daß die Gotengeschichte des Jordanes überhaupt erhalten
blieb. Ihre eigene Geschichtsschreibung, die sich in den Angaben über
die Herkunft des Volkes an Jordanes anlehnte, bewirkte, daß im Gebiet
der Franken und Burgunden Angaben aus der Langobardengesdiichte
zunächst notiert, dann auch in die eigene Gesdiichtsdarstellung aufge-
nommen wurden.
Neben der Vermittlung von Jordanes Scandza-Beridit durdi den
Verfasser der Origo gibt es dann allerdings auch noch eine unmittelbare
Verbindung zwischen Jordanes und der frühmittelalterlichen Historio-
graphie. Sie ist jedoch jünger. Spätestens aber um 800 n. Chr. Geb. müs-
sen Werke des Jordanes im Gebiet der Franken in Absdiriften vorhanden
gewesen sein. Im Jahre 801 vermutete Alkuin, der Abt Angilbert müsse
im Besitz einer Historia des Jordanes sein, die er auszuleihen bat*1. In der
Tat sind beide Gesdiiditswerke des Jordanes im Jahre 831 im Biblio-
thekskatalog des Klosters Centula (St. Riquier) verzeichnet, dem Angil-
bert vorstand 62 . Wenig später benutzte Frechulf Jordanes' Gotenge-
schichte für seine Weltchronik, wies darauf hin, daß es neben der seit Frede-
gar im Gebiet der Franken weit verbreiteten Trojasage noch eine andere
Überlieferung gäbe, wonach die Franken wie die Gothi et catera natio-
rtes Theotisc<e von der Scanza insula, quae vagina gentium est, hergekom-
men seien63. Name und Formulierung weisen auf unmittelbare Abhängig-
keit von Jordanes hin64.

60
Vielleicht würde ein besserer Einblick in die Überlieferungsgeschichte des
Edictus Rotbart, mit dem die Origo ja von vornherein verbunden war, man-
ches klären.
61
Alkuin, Epistula 164, in: Monumenta Alcuiniana edd. Wattenbach et Duemm-
ler (1873) 603 f.
61
M. Manitius, Gesdi. d. lat. Literatur d. Mittelalters I (1911) 214; ders.,
N . Archiv d. Ges. f. ältere dt. Geschiditskunde 32 (1907) 652.
65
Haec quidem ita se habere de origine Francorum opinantur. Alii vero affir-
mant eos de Scanza insula, quae vagina gentium est, exordium habuisse, de
qua Gothi et catera nationes Theotiscue exierunt: quod et idioma lingua
eorum testatur. Est enim in eadem insula regio, qute, ut ferunt, adhuc Fran-
cia nuncupatur. (Freculphi Chron. I 2, 17); vgl. J.-P. Migne, Patrologiae
Cursus Completus, Series Latina 106 (1851) Sp. 967.
84
Vgl. Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) XL VI f.
32 Der Scandza-Topos der frühmittelalterlichen Historiographie

Überblickt man den Entwicklungsgang der Nachricht der Herkunft


von Scandza—Scadinavia, so erkennt man deutlich, daß der ursprüng-
liche Bericht des Jordanes im Laufe der Jahrhunderte immer stärker
variiert wurde. An die Stelle der Goten traten die Langobarden, dann
die Burgunden, schließlich die Franken. Aus der Insel wurde ein Teil
des Festlandes, einmal weit im Osten, das andere Mal näher im Westen
gelegen. Der Name, der schon bei Jordanes verderbt war (vgl. unten
S. 83), wurde weiter entstellt, bis er sich schließlich kaum noch identifi-
zieren ließ. Der Name des Anführers der Auswandernden wechselte
oder entfiel ganz. Die Art der Wanderung und deren Ursachen wurden
verschieden geschildert. Wenn sich die Angaben im einzelnen weitgehend
voneinander unterscheiden, und wenn audi die Abweichungen im Laufe
der Zeit immer größer wurden, so bleibt dennoch stets e i n Gedanke
gemeinsam, die Vorstellung von einer Herkunft germanischer Stämme
oder aller Germanen aus einem fernen, im Norden gelegenen Land.
Neben der Annahme einer Herkunft aus Troja, die sich seit Fredegar
immer wieder in der fränkischen Geschichtsschreibung findet'5, ist diese
Vorstellung der wichtigste Herkunftstopos frühmittelalterlicher Ge-
schichtsschreibung.
In die Genealogie dieses Topos gehört — wenn auch als relativ
junge Erscheinung ganz an deren Ende — die Angabe des Hrabanus
Maurus, alle die, welche Theodiscam loquuntur linguam, stammten von
den Marcomanni, quos nos Nordmannos vocamus, ab". Hieran schließt
— Zwischenglieder ließen sich nachweisen — die Nachridit des Widu-
kind von Korvey an, die Sachsen seien Abkömmlinge der Dani et Nortb-
manni'7. An einen anderen, sichtlich älteren Zweig der Genealogie schloß
sidi Rudolf von Fulda an, der die Sachsen als Zweig der in Britannien
siedelnden Angeln übers Meer ins Land Hadeln einwandern ließ' 8 . Daran
65
Vgl. A. Grau, Der Gedanke d. Herkunft i. d. dt. Geschichtsschreibung d. Mit-
telalters (Diss. Leipzig 1938).
66
Hrabanus Maurus behandelt in De inventione linguarum u. a. ein Runen-
alphabet und sagt in diesem Zusammenhang: Litteras quippe quibus utuntur
Marcomanni, quos nos Nordmannos vocamus, infra scriptas habemus: a qui-
bus originem, qui Theodiscam loquuntur linguam, trahunt; vgl. J.-P. Migne,
Patrologiae Cursus Completus, Series Latina 112 (1852) Sp. 1582.
67
Widukind von Korvey, Rerum gestarum Saxonicarum 121 Et primum quidem
de origine statuque gentis pauca expediam, solam pene famam sequens in hac
parte, nimia vetustate omnem certitudinem obscurante. Nam super hac re
varia opinio est, aliis arbitrantibus de Danis Northmannisque originem duxisse
Saxones.
89
Translatio s. Alexandri 1: Saxonum gens, sicut tradit antiquitas, ab Anglis
Britanniae incolis egressa per Oceanum navigans Germania litoribus studio et
necessitate quaerendarum sedium appulsa est in loco, qui vocatur Hadu-
loha,...
Probleme der historischen Quellen 33

knüpfte dann auch wieder Widukind, verband alles mit der Trojasage
und ließ in einer zweiten Version die Sadisen von Makedonien einwan-
dern". Mehr und mehr begann sidi nun der Topos aufzulösen und zu
verschwimmen. Er vermischte sich mit der Trojasage und wurde viel-
fältig abgewandelt, weil der Gedanke, aus dem heraus er entstanden
war, langsam in Vergessenheit zu geraten begann. Doch ab und zu blühte
er unversehens wieder auf, wobei offensichtlich alte, erhalten gebliebene
Manuskripte eine wesentliche Rolle spielten. Abschriften des Jordanes
kamen dabei gelegentlich neu zur Wirkung. Jordanes-Zitate wurden
manchmal nachträglich in frühe Autoren eingefügt, und durch das ganze
Mittelalter hindurch lebte dann der Scandza-Topos — insbesondere im
Norden — bis in die Neuzeit weiter (vgl. unten S. 164).
Der Scandza-Topos ist nicht die einzige erstarrte Form von Her-
kunftsberichten in der spätantiken-frühmittelalterlichen Historiographie.
Der Troja-Topos hatte fast dieselbe Bedeutung. Ein Versuch, die Goten-
geschichte mit der römischen zu verbinden und die Goten durch Ver-
schwägerung des Getenkönigs Telephus mit der trojanischen Königsdyna-
stie den Römern ebenbürtig erscheinen zu lassen, findet sich bereits in
Jordanes Getica IX 58—60. Wie sich zeigen lassen wird, übernahm Cas-
siodor diesen Abschnitt aus der Geten-Geschidite des Dio Chrysostomos,
die er auch sonst fleißig ausschrieb. Diese Verbindung der Gotenge-
schichte mit dem Trojanischen Krieg, die einen unmittelbaren Anschluß
an die Römische Geschichte bedeutete, blieb in der langobardisdien Ge-
schichtsschreibung und auch sonst unbeachtet. Fredegar entwickelte jeden-
falls seine Fabel von der Herkunft der Franken aus Troja ganz sicher
vollkommen unabhängig, und die weitere Entwicklung des Troja-Topos
ging sidier von den Chronicarum quae dicuntur Fredegarii Scholastici
libri IV aus. Man sieht daran, daß im Frühmittelalter bestimmte Mo-
delle von Herkunftsberichten „in der Luft lagen" und daß es durchaus
gelegentlich möglidi war, gleiche oder ähnliche Formen unabhängig zu
erfinden.
Der Bericht von der Herkunft aus dem Heiligen Lande findet sich
neben den beiden anderen Ursprungsnachrichten auch bei Jordanes schon
angedeutet (Jordanes Getica IV 29). Der Autor wundert sich, daß Fla-
99
Widukind von Korvey I 2: Aliis autem aestimantibus, ut ipse adolescen-
tulus audivi quendam praedicantem, de Graecis quia ipsi dicerent Saxones
reliquias fuisse Macedonici exercitus, qui secutus magnum Alexandrum in-
matura morte ipsius per totum orbem sit dispersus. — I 12: ... Ex hoc ap-
paret aestimationem illorum utrumque probabilem, qui Saxones originem
duxisse putant de Graecis. — Vgl. hierzu: R. Drögereit, Die Ausbreitung d.
nordwestdeutschen Küstenvölker über See, in: N . Archiv f. Niedersachsen 10
(1951) 229—250.

3 H a d i m a n n , Gocen und Skandinavien


34 Der Scandza-Topos der frühmittelalterlichen Historiographie

vius Josephus, der die Magog als Skythen bezeidinete, jene nicht zugleidi
audi Goten genannt habe, wo dodi seiner Ansicht nach die Skythen Go-
ten waren70. Audi in diesem Falle ist ein und derselbe Gedanke wohl
mehrfach gedacht worden. Jordanes, vielmehr Cassiodor, dem der Hin-
weis auf Flavius Josephus zugeschrieben werden muß, wagte selbst nicht
die Gleichung aufzustellen, die er sich von Josephus erwartete: Goten =
Magog. Dieselbe Idee war aber schon lange vorher dem Ambrosius von
Mailand gekommen, der in seiner Schrift De fide II 16,137 f. Gog iste
Gothus est71 geschrieben hatte. Von Ambrosius übernahm Isidor von
Sevilla diese Gleichung gleich mehrfach72. Auch sie lebte bis ins Mittel-
alter weiter7'.
Es ist lange bekannt, wie sich der Troja-Topos entwickelte74 und
daß er keine historische Wahrheit enthalten kann. Die Entstehung und
Entfaltung des Berichts von der Verknüpfung des Gotennamens mit Gog
und Magog ließe sich, wenn es nötig wäre, weiter verfolgen. Daß er
keine historisdie Wahrheit enthält, bedarf keiner Begründung. Für den
Scandza-Topos sind die Zusammenhänge bislang weniger klar gewesen.
Daß sich dieser Topos von des Jordanes Gotengeschichte her entfaltete,
wird sich hinfort kaum noch bezweifeln lassen; es sei denn, man hängt
einer Quellengläubigkeit an, die sdion längst überholt sein sollte75.
70
Vgl. Flavius Josephus Ant. I 6,1.
71
Vgl. C. Weibull, Die Auswanderung d. Goten aus Schweden (1958) 11 f.
72
Th. Mommsen Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) 61 Anm. 1 zog offen-
bar Abhängigkeit von Cassiodor in Betradit, was jedoch wenig wahrscheinlich
ist. Vgl. Isidori Hist. Gothorum 66: Gotbi de Magog Jafeth filio orti cum
Scythis una probantur origine sati, unde nec longe a vocabulo discrepant.
Isidor Etymol. IX 2, 27: Magog a quo arbitrantur Scythas et Gothos traxisse
anginem.
73
Der Verf. der Gotengesdi. des Codex Florentmus Laurentianus — von Th.
Mommsen als exordia Scythica bezeichnet — schrieb Kap. 25: Exiti anti-
quioris populus hominibus in terra nullt finis Exitia in Oriente est posita et
interclusa est, sicut et Gothia qui primus eam regionem Magog filius Jafeth
eam incoluit. Das stammt über Hieronymus wieder aus Isidor. — Vgl. Th.
Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. XI (1894) 310.
74
Vgl. A. Grau, Der Gedanke d. Herkunft i. d. dt. Geschichtsschreibung d. Mit-
telalters (1938).
75
E. Klebel, Langobarden, Bajuwaren, Slawen, in: Mitt. d. Anthrop. Ges. in
Wien 69 (1939) 60 lieferte eine Sentenz, die einen ganzen Forschungsabschnitt,
der den soliden Arbeiten der deutschen historisdien Schule folgte, nun aber
abgeschlossen sein sollte, charakterisiert, anders allerdings, als Klebel selbst
es meinte: „Georg Waitz hat 1878 mit der jener Zeit üblichen methodisdien
Ängstlichkeit, zeitlich weiter Entferntes nidit miteinander zu verknüpfen, jede
Beziehung zwischen den Langobardensitzen in den Quellen und modernen
Ortsnamen abgelehnt. Die Forschung hat sich dabei nicht beruhigt."
Probleme der historischen Quellen 35

Wie steht es nun aber mit dem historischen Gehalt der Nachridht
des Jordanes selbst? Ist die Herkunft der Goten aus Scandza ebenso un-
glaubhaft wie die der Langobarden, Burgunden, Franken und Sachsen
aus dem skandinavischen Norden? H. Bollnow meinte das und glaubte
nidit recht, daß sich ein gotisches echtes Erinnern in den Angaben des
Jordanes ausspräche. Er hielt alles für eine „Deutung Cassiodors und im
6. Jahrhundert erfunden". Er stand mit dieser Ansicht auch keineswegs
allein76.
Es gibt Anzeidien dafür, daß man durch eine etwas eingehendere
Analyse der ältesten Abschnitte in des Jordanes Gotengeschichte Boll-
nows lapidar zusammengezogenes Urteil noch etwas präzisieren kann,
aber dabei auch korrigieren muß.

2. Jordanes — Cassiodorius — Ablabius


Seit Th. Mommsens kritischer Ausgabe der Schriften des Jordanes
ist es im wesentlichen bekannt, welchen geringen geistigen Anteil Jor-
danes selbst am Zustandekommen und am Inhalt seiner Werke hatte,
wenngleich es auch vorher kaum jemals als übergroße Bescheidenheit an-
gesehen wurde, wenn Jordanes im Vorwort der Getica sagt, er habe die
Gotengeschichte des Cassiodor nur drei Tage einsehen dürfen, könne sich
zwar nicht der Worte, wohl aber der Tatsachen erinnern und habe alles
aus dem Gedächtnis niedergeschrieben. Im übrigen habe er aus einigen
Geschichten in griechischer und lateinischer Sprache initium finemque et
plura in media hinzugefügt, was sich als Ergänzung eignete (Jordanes
Getica 3).
Der Umfang dessen, was Jordanes beitrug, läßt sich nach den Vor-
arbeiten von H. von Sybel, C. Schirren und Th. Mommsen einigermaßen
übersehen, und das ist wichtig, wenn man sich mit dem Quellenwert sei-
nes Berichts von der Herkunft der Goten aus Scandza näher beschäftigen
will. Sein eigener Beitrag ist das Vorwort, wenngleich er die erste Hälfte
davon dem Vorwort des Rufinus zu dessen Übersetzung aus des Origenes
Kommentar zum Römerbrief entlehnte, das sidi gut auf die von ihm
übernommene Arbeit übertragen ließ1. Es liegt nahe zu meinen, daß es
sich um dieses Stück handelt, wenn Jordanes sagt, er habe den Anfang
hinzugefügt. Die alte Auffassung, audi das aus Orosius stammende An-

78 C. Weibull, Die Auswanderung d. Goten aus Schweden (1958) 19: „Die Er-
zählung des Jordanes, daß die Goten aus Scandza gekommen seien, geht nidit
auf eine Stammessage der Goten zurück. Sie hat nidit einmal die geringe
historisdie Glaubwürdigkeit, die einer solchen beigemessen werden kann."
1 Vgl. Th. Mommsen. Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) 53, wo audi
der Text des Rufinus zitiert ist. — Vgl. auch unten S. 475 Anhang 1 Absdin. 1.

3*
36 Jordanes — Cassiodorius — Ablabius

fangskapitel der Getica sei erst von Jordanes angefügt, wird sich näm-
lidi kaum nodi ernsthaft halten lassen2. Alle von Orosius stammenden
Textstellen sind so eng mit dem Text verbunden, der dem Cassiodor zu-
zuschreiben ist, daß es wenig wahrscheinlich ist, daß Jordanes Getica I
4—9 von Jordanes vor den Text des Cassiodor gestellt wurde. Das ist
auch inhaltlich kaum wahrscheinlich, denn der von Orosius stammende
Textabschnitt führt folgerichtig an das heran, was sicher von Cassiodor
stammt (Jordanes Getica I 9). Die zweite Erwähnung des Orosius
(Jordanes Getica V 44) ist abermals fest in die Erzählung des Cassiodor
eingefügt und von dieser nicht zu trennen. Das gilt ebenso auch für die
dritte (Jordanes Getica IX 58), die sich auf die Gleichsetzung der Geten
und Goten bezieht. Dort, wo Orosius zum vierten Mal genannt ist (Jor-
danes Getica XXIV 121), könnte es allenfalls strittig sein, ob das Zitat
von Cassiodor oder Ablabius stammt. Jordanes kommt dafür jedenfalls
gar nicht in Betracht, denn der mit Orosius verbundene Satz post autem
non longi temporis intervallo,... Hunnomm gern omni ferocitate atro-
cior exarsit in Gothos ist als Verbindungsglied der Erzählung des Cas-
siodor unentbehrlich. Es bleiben die beiden Möglichkeiten, Cassiodor
habe ihn eingeschoben oder — weniger wahrscheinlich — schon bei
Ablabius vorgefunden®.
Zu den Zutaten des Jordanes in der Mitte müssen der Hinweis auf
die Bekehrung eines Teils der Westgoten in Jordanes Getica XXV 132—
133 und das Urteil über den Tod des Valens in Jordanes Getica XXVI
138 gehören4. Zu solchen Einfügungen muß auch der Bericht über Jor-
danes Großvater Paria (Jordanes Getica L 266) gerechnet werden5. Fer-
ner sind ihm einige Exzerpte aus des Socrates Kirchengeschichte zuzu-
schreiben, so seine Angaben über Ulfilas (Jordanes Getica LI 267)'. Von
Jordanes stammt ferner die Fortsetzung der Amalergenealogie über

2
Vgl. A. von Gutsdimid, Rezension v. C. Schirren, De ratione quae inter Jor-
danem et Cassiodorium intercedat commentatio, in: Jahrbücher f. class. Phi-
lologie 8 (1862) 127. Er wies dem Jordanes die Einfügung des Orosius in die
Getica entgegen C. Sdiirren mit Bestimmtheit zu. — Th. Mommsen, a. a. O.
XXVII meinte, die Stellen des Orosius seien Jordanes w a h r s c h e i n l i c h
zuzuschreiben. — L. Erhardt, Besprechung v. Th. Mommsen, Jordanis Romana
et Getica (1882), in: Göttingische Gelehrte Anz. 2 (1886) 675 stellte Momm-
sens Argument für die Verwendung des Orosius durdi Jordanes in Frage. —
Die Verwendung des Orosius durdi Jordanes in seinen Romana ist hingegen
sicher.
3
Übernahme durdi Ablabius würde chronologisch keine Schwierigkeit machen.
4
Vgl. Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) XLIII. — Vgl.
auch unten S. 476 Anhang 1 Absdin. 4 u. 5.
5
Vgl. auch unten S. 476 f. Anhang 1 Absdin. 8.
8
Vgl. auch unten S. 477 Anhang 1 Absdin. 9.
Probleme der historischen Quellen 37

Athalaridi hinaus (Jordanes Getica XIV 81)7. Eine kurze Zufügung be-
zieht sich auf die Pest der Jahre 541—543 (Jordanes Getica XIX 104)8.
Sicher geht auch der Hinweis, Andagis habe den westgotischen König
Theodorid in der Schlad« auf den Katalaunischen Feldern getötet (Jor-
danes Getica XL 209), auf Jordanes selbst zurück, der ja bis zu seiner
conversio bei Baza, dem Sohn des Andagis, Notar gewesen war". Weiter
stammen von Jordanes der Hinweis auf die zweite Ehe der Mathesuin-
tha in Konstantinopel (Jordanes Getica XLVIII 251)10, und die Nach-
richten über die Westgoten etwa vom Jahre 533 ab (Jordanes Getica
LVIII 302—303)11. Der wesentlichste Beitrag des Jordanes liegt in der
Fortsetzung des Cassiodor, der sein Geschichtswerk zu Lebzeiten des
Athalaridi — zwischen 526 und 533 — abgeschlossen hatte, über den
Tod des Theoderich und des Athalaridi hinaus bis zum Ende der Herr-
schaft des Witigis (Jordanes Getica LIX 304—306 und LX 307—316)12.
Aber auch dieser dürftige Text stammt inhaltlich, obwohl Jordanes Zeit-
genosse aller Ereignisse war, nicht von diesem. Seinen Stoff übernahm
er hauptsächlich aus den Annalen des Fortsetzers des Marcellinus Co-
mes13.
Der Inhalt der Gotengeschichte des Cassiodor läßt sich nach Abzug
der geringen Zutaten des Jordanes unschwer erkennen, wenngleich der
Wortlaut sicherlidi an manchen Stellen durch Jordanes Veränderungen
erfuhr, insbesondere gekürzt wurde. Gewiß hat Jordanes seine Goten-
geschidite n i c h t aus dem G e d ä c h t n i s niedergeschrieben. Man
darf den Satz quorum quamvis verba non recolo, sensus tarnen et res
actas credo me integre retinere (Jordanes Getica 2) nidit wörtlich neh-
men und kann annehmen, daß der Verwalter des Cassiodor ihm das
7
Vgl. auch unten S. 475 Anhang 1 Abschn. 2.
8
Vgl. audi unten S. 476 Anhang 1 Abschn. 3.
9
Vgl. audi unten S. 476 Anhang 1 Absdin. 6.
10
Vgl. auch unten S. 476 Anhang 1 Absdin. 7.
11
Vgl. audi unten S. 477 Anhang 1 Absdin. 10.
12
Vgl. auch unten S. 477 f. Anhang 1 Absdin. 11—12. — Vom Inhalt des Textes
her gesehen, dürfte schon Jordanes Getica LIX 304 mindestens teilweise zum
Anteil des Jordanes gehören. Man beadite die Geringschätzung, mit der er
Athalaridi beurteilte.
u
Vgl. Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) X X X I X ; Wat-
tenbadi—Levison, Deutschlands Gesdiiditsquellen im Mittelalter. Vorzeit u.
Karolinger 1. W. Levison, Die Vorzeit v. d. Anfängen b. z. Herrschaft d.
Karolinger (1952) 54. 77 f.; A. von Gutschmid, Jahrbücher f. class. Philologie
8 (1862) 127 meinte noch, Jordanes Getica XLVI sei ebenfalls dem Marcelli-
nus Comes zuzuschreiben und müsse daher von Jordanes eingearbeitet worden
sein. Dazu Th. Mommsen, a. a. O., X X I X . X X X I X . — Vgl. audi N . Wagner,
Getica (1967) 57 ff., wo bes. die italienische Literatur erörtert wird, die des
Jordanes Anteil an seiner Gotengeschichte viel positiver beurteilt.
38 Jordanes — Cassiodorius — Ablabius

Werk, das er schon vorher gelesen und sehr ausführlich exzerpiert hatte,
zur erneuten Lektüre übersandte, wenn man überhaupt solchen Erklä-
rungen des Jordanes irgendwelchen Wert beimessen will. Der Ausdruck
relegi im unmittelbar vorhergehenden Satz scheint auf mehrmalige —
mindestens zweifache — Lektüre zu deuten. Wie Cassiodor sein Werk
in zwölf Bücher aufteilte, ist in des Jordanes Bearbeitung allerdings
nicht mehr ohne weiteres erkennbar. Das braudit jedoch kein Beweis für
eine besonders starke Umarbeitung zu sein, da es nicht bekannt ist, wie
Cassiodor gliederte14.
Daß auch das Werk des Cassiodor auf weiten Strecken sidier nichts
anderes als eine nicht besonders geschickte, im übrigen aber recht gewis-
senlose Kompilation ist, ist lange bekannt und bedarf eigentlich keines
Beweises mehr". Nach H. von Sybel1' und C. Schirren" hat bereits Th.
Mommsen viel getan, um zu klären, welche Autoren von Cassiodor be-
nutzt worden sind18. Das darf allerdings nidit darüber hinwegtäuschen,
daß Mommsen sich hauptsächlich darum bemühte, den ursprünglichen
Text des Jordanes wieder herzustellen und keineswegs eine erschöpfende
quellenkritische Ausgabe vorlegen wollte. Diese fehlt bis heute, und sie
wird zunächst auch nodi weiterhin fehlen. Für die vorliegende Unter-
suchung ist das jedoch kein Hindernis, denn die Frage nadi dem histori-
schen Wert der Nachricht von der Herkunft der Goten von der Insel
Scandza. läßt sich auch dem Gesamtzusammenhang herauslösen und iso-
liert beantworten. Voraussetzung dafür ist allerdings die Lösung von
zwei umfangreicheren Problemkomplexen: Da der Name des Ablabius
mehrfach in Verbindung mit der gotischen „Urgeschichte" genannt wird,
fragt es sich, welches denn eigentlich der Anteil dieses Historikers am
Werk des Cassiodor sei. Daneben wäre es von Interesse, zu erfahren, wie
Cassiodor sein Werk komponierte und welches inhaltlich sein eigener

14
Schon C. Schirren, De ratione (1858) 9—20 erkannte, daß die Reste des Cas-
siodorianisdien Stils deutlich durch die Bearbeitung des Jordanes erkennbar
sind. Wenn er dessen Spuren in den späteren Partien des Buches häufiger und
sicherer nachweisen konnte als in den früheren, so hängt das mit dem Anteil
des Cassiodor an seinem eigenen Werk zusammen. Vgl. unten S. 65 f.
15
W. Martens Eloge, es handele sich bei der Arbeit des Cassiodorus Senator
um ein großartiges, viel umfangreicheres Werk, erscheint reichlich übertrieben.
Vgl. Jordanes' Gotengeschichte, in: Die Gesdiichtssdireiber d. dt. Vorzeit 5
(31913) VIII.
16
H. de Sybel, De fontibus libri Jordanis (1838).
17
C. Schirren, De ratione (1858); vgl. dazu die Besprechung von A. von Gut-
sdimidt, in: Jahrbücher f. class. Philologie 8 (1862) 124—151.
18
Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) XXX—XLIV; vgl.
dazu die ausführliche Besprechung v. L. Erhardt, in: Göttingische Gelehrte
Anzeigen 2 (1886) 669—708.
Probleme der historischen Quellen 39

Beitrag zur Gotengeschichte ist. Sind die Anteile des Ablabius und des
Cassiodor getrennt, dann muß sich leicht erkennen lassen, •wem von
beiden die Nachricht von der Herkunft der Goten aus Scandza zuge-
schrieben werden muß, dem Ablabius oder dem Cassiodor — oder gar
einem Dritten. Danach dürfte es dann leichter zu beurteilen sein, welchen
Wahrheitsgehalt diese Überlieferung tatsächlich besitzt.
Der Erzählfaden des Ablabius, den Cassiodor den descriptor Gotho-
rum gentis egregius nannte und dessen Geschichtswerk er als verissima
historia bezeichnete und sicher auch dafür hielt (Jordanes Getica IV 28),
läßt sich anfangs verhältnismäßig einfach verfolgen, da sein Name mehr-
fach genannt wird (Jordanes Getica IV 28, X I V 82 und X X I I I 1 1 7 ) .
Cassiodors Erzählung beginnt zunächst mit Exzerpten aus den Histo-
riarum adversum paganos libri VII des Orosius1'. Nach dieser Vorlage
(Orosius I 2, 1—2, 78) entwirft er ein Bild von der Geographie der Erde,
nennt das Weltmeer, eine Reihe von Inseln und Europa (Jordanes Getica I
1—8). Er schließt mit einem Hinweis auf die Insel Thyle ab (Jordanes
Getica I 9), den er Vergils Georgien I 30 entnimmt. Danach wird erst-
mals die Insel Scandza genannt, unde nobis sermo ... est adsumpturus
und erwähnt, daß die Goten von dorther stammen und von dort velut
examen apium hervorgebrochen seien (Jordanes Getica I 9). Diese Stelle
geht bereits auf Ablabius zurück, wenngleich dessen Wortlaut sich von
dem, was bei Jordanes erhalten geblieben ist, unterschieden haben mag80.
Jordanes selbst scheint hier inhaltlich und formal keinerlei eigenen Bei-
trag geleistet zu haben, ausgenommen eine gewisse Kürzung. Cassiodor
selbst hat den Text des Ablabius formal gewiß verändert, um ihn an die
von Orosius übernommene Beschreibung des Erdkreises anhängen zu
können".
10 Vgl. oben S. 36 u. Anm. 2.
20 Vgl. auch unten S. 4 8 7 f. Anhang 3 Abschn. 1. — N . Wagner, Getica (1967)
62 ff. beurteilte die Bedeutung des Ablabius völlig anders. So S. 6 6 : „Mit
Ablabius selbst, . . . , gerät man in Ungewißheiten." — S. 67 f.: „Was sich
[über den Inhalt von Ablabius' Werk] ausfindig machen läßt, reicht nicht
darüber hinaus, was die antike Welt über die Goten von ihrem Gesichtskreis
aus wissen und erfahren konnte. Es ergibt sich kein deutlicher Hinweis dar-
auf, daß Ablabius über Kenntnisse verfügte, die eine Bekanntschaft mit inner-
germanisdien Überlieferungen voraussetzen. Möglicherweise hatte er in seinem
Werk lediglich die Einfälle der Goten ins Römerreich in der A r t des Dexip-
pos behandelt." — S. 6 8 : „Die Angaben in den Getica ergeben also nichts,
wodurch eine Benützung mündlicher gotischer Dberlieferung durch Ablabius
nahegelegt würde . . . Ihn zu einem Gewährsmann gotischer Überlieferungen,
womöglich noch zu ihrem ausschließlichen, . . . , zu erheben, besteht . . . kein
Anlaß,...".
11 Es bedarf wohl nicht besonderer Erläuterung, daß und warum es unmöglich
ist, aus dem von Jordanes veränderten Text des Cassiodor, den g e n a u e n
40 Jordanes — Cassiodorius — Ablabius

Es folgt nunmehr zunächst ein Exkurs über Britannien, der teils von
Pomponius Mela stammt (Pomponius Mela III 6, 50—51), teils dem
Agricola des Tacitus entnommen (Tacitus Agricola 10—13) und aus
Strabo und Dio Cassius exzerpiert ist (Strabo IV 5; Dio Cassius LXXVI
12). Der inhaltliche Bezug zum Vorhergehenden bleibt zunächst unklar.
Dann wird ebenso unvermittelt der Bericht des Ablabius wieder aufge-
nommen und die Insel Scandza erneut genannt (Jordanes Getica III 16).
Es folgt ein Exkurs über die Insel, der Ptolemaios entnommen ist (Pto-
lemaios II 11, 33—34). Er ist mit Auszügen aus Pomponius Mela (Pom-
ponius Mela III 3, 31) verzahnt (Jordanes Getica III 16—19). Beide
Auszüge muß schon Ablabius ausgewählt und komponiert haben®1. Da-
nach schildert Cassiodor, weithin dem Ablabius folgend, Klima, Fauna
und Flora der Insel und zählt die Stämme auf, die auf Scandza
wohnen sollen (Jordanes Getica III 19—24) (vgl. hierzu unten S. 84 ff.).
Es folgt dann die Nachricht von den Herulern und ihrem König
Rodvulf, der sich in den Schutz des Theoderidi begab. Sie gehört inhaltlich
nicht zum Vorhergehenden und dürfte unmittelbar dem Cassiodor zu-
zuweisen sein (Jordanes Getica III 24). Wahrscheinlich hat dieser das
Eintreffen des Rodvulf am Hofe des Theoderich in Ravenna selbst mit-
erlebt2'. Alsbald wird dann die Erzählung des Ablabius wieder aufge-
nommen; Scandza wird erneut genannt, und es folgt der Bericht von der
Ausfahrt der Goten unter Berig, von der Landung in Gothiscandza,
vom Krieg gegen die Ulmerugier und die Wandalen und vom Weiterzug
nach Oium. Das alles ist der Darstellung des Ablabius84 entnommen
(Jordanes Getica IV 25—28). Nunmehr wird die Nachricht von Magog
aus dem Stamm der Goten eingeschoben, als deren Zeuge Flavius Jose-
phus genannt wird. Dieser Abschnitt geht auf Cassiodor zurück (vgl.

Wortlaut des Ablabius zu rekonstruieren. Da Cassiodor aber, wie sich später


zeigen lassen wird (vgl. unten S. 61 ff.), den Text des Ablabius im allgemeinen
abschnittsweise verarbeitete, blieb dieser wohl häufiger stilistisch wie inhalt-
lich relativ unverändert. Deswegen ist es immerhin möglich, solche Stücke aus
dem Werk des Cassiodor auszusondern, die sich inhaltlich als Anteil des
Ablabius erkennen lassen.
2!
Vgl. auch unten S. 488 Anhang 3 Absdin. 2.
2
' Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) 60. 154 setzte diesen
Rodvulf mit dem Herulerkönig gleichen Namens in Origo gentis Lang. cap. 4
(Mon. Germ. Hist. SS. R. Lang, et Ital. 3), bei Prokop. Bell. Goth. II 14 und
bei Paulus Diaconus Hist. I 20 gleich. — Ebenso E. Klebel, Langobarden,
Bajuwaren, Slawen, in: Mitt. d. Anthrop. Ges. Wien 69 (1939) 68 f., der auf
diesen Rodvulf die Briefe Cassiodor Variae III 3; IV 2 bezog. — Gegen diese
Gleichung N. Wagner, Getica (1967) 194.
!4
Vgl. auch unten S. 489 Anhang 3 Absdin. 3. — Ablabius wird nun Getica
IV 28 erstmals genannt.
Probleme der historischen Quellen 41

oben S. 34) (Jordanes Getica IV 29). Danach schließt sich eine ausführ-
liche Beschreibung von Skythien und seinen Bewohnern an, die die Goten
gar nicht nennt, die Gepiden hingegen schon als Anwohner des Kar-
pathenbeckens kennt. Inhaltlich steht dieser Teil zum Abschnitt, der von
der Einwanderung nach Oium beriditet, in einem gewissen Gegensatz.
Die ethnographischen Angaben über Skythien stammen aus einer Welt-
karte, die das enthaltene Namenmaterial großenteils griechisdi bot15.
Der Schlußsatz von Jordanes Getica IV 29 cuius soll terminos, ante-
quam aliud ad medium deducamus, necesse est, ut iacent, edicere, der
— wie sich noch zeigen lassen wird (vgl. unten S. 67) — von Cassiodor
stammt, weist diesem diese ganze Textstelle mit Sicherheit zu (vgl. unten
S. 480).
Es folgt dann jene dunkle, inhaltlich auf den ersten Blick so gerin-
gen Sinn ergebende Stelle von der Herkunft der Goten aus Britannien
(Jordanes Getica V 38). Die Unterjochung der Goten in Britannien oder
einer anderen Insel und das Loskaufen aller um den Preis eines einzigen
Pferdes wurde von R. Much als Spotterzählung aufgefaßt". Nicht un-
wahrscheinlich ist es, daß diese Stelle mit einer Nachricht des Dio Cas-
sius zusammenhängt, wonach ein gewisser Bepixog von Cunobelinus aus
Britannien vertrieben wurde27. Das Auftauchen des Namens Bdpixog, der
dem Berig des Ablabius so sehr ähnelt, mag für Cassiodor der Anlaß
gewesen sein, die Pferdegeschichte mit Britannien zu verbinden (Jorda-
nes Getica II 10—15) und einen Exkurs einzuschieben, worin er die
Geographie der Insel u. a. nach dem LXXVI. Buch des Dio zitierte.

25
Audi Ablabius hat nachweislich eine Weltkarte benutzt (vgl. unten S. 84).
26
Rud. Much, Die Germania d. Tacitus (1937) 387; (»1967) 487. — Einen ver-
gleichbaren Spottnamen der Vandalen für die Goten weist M. Vasmer, Ein
vandalischer Name für die Goten, in: Studia Neophilologica 15 (1942—43)
132—134 nadi. — Auch die von Jordanes angegebene Ableitung des Gepiden-
namens von gepanta gehört in diesen Zusammenhang (vgl. Jordanes Getica
XVII 95).
27
Vgl. Dio Cassius LX 19,1. — Neben Jordanes Getica II 14—15 geht auch
X X I X 150 (nicht X X I X 151, wie Th.Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct.
ant. V, 1 [1882] X X X angab) auf Dio Cassius zurück. Die Vorlage zu
X X I X 150 ist nicht erhalten. — Hierzu: N.Wagner, Getica (1967) 60ff.,
wo das Motiv des Loskaufens eines Volkes um den Preis eines Pferdes aus-
führlich behandelt wird. — S. 96: „Für Ursprung und Charakter der Pferde-
gesdiichte ist also anzunehmen: Ein Gepide schuf sie in Ausdeutung des
Gotennamens und verlegt sie in das Prußenland, um den Goten den erlit-
tenen Tort auf die gleiche Art zu vergelten. Mit der Insel Britannien hat sie
ursprünglich nichts zu tun gehabt. Erst ein Mißverständnis ließ diese zum
Schauplatz der Pferdegeschichte werden." — Der Weg zu diesem Ergebnis
ist verschlungen und nicht ohne innere Widersprüche und Unwahrsdieinlich-
keiten.
42 Jordanes — Cassiodorius — Ablabius

Es könnte ihm erwägenswert erschienen sein, in dem aus Britannien


flüchtenden B£gixog und in dessen Begleitern, allein wegen des Namens,
Goten zu sehen.
Es läßt sich nämlich wiederholt deutlich erkennen, daß Cassiodor
normativ dachte. Die Ansätze seiner Gedankengänge lassen sich auf
wenige Modelle reduzieren. Wegen ihres Namens waren für ihn Goten
und Geten identische Größen28. Daß die Goten unter den geographisch-
ethnographischen Oberbegriff der Skythen zu stellen seien, mußte ihm
nach allen Vorstellungen, die er in griechischer oder griechisch beein-
flußter Ethnographie vorfand, als selbstverständlich ersdieinen. Daß sich
diese Gleidiung umkehren ließ, dafür gab die Gleichsetzung von Goten
und Geten genügenden Anhalt, und so wurden dann konsequent nadi
Bedarf alle Skythen zu Goten. War es nicht konsequent, wenn alle Ge-
ten Goten und auch alle Skythen Goten sein mußten, und wenn ein
Berig ein Gote war, alle Träger dieses Namens für Goten zu halten?
So konnte der BSgixog des Dio Cassius gut als Gote angesehen wer-
den1».
Nach dem Exkurs über Britannien wird der Erzählfaden des Abla-
bius für wenige Zeilen wieder aufgenommen und der König Filimer er-
neut genannt (Jordanes Getica V 39). Danach folgt ein buntes Gemisch
von Exzerpten aus den Getica des Dio Chrysostomos, Orosius' Histo-
rien, des Justinus Auszügen aus dem Gesdiichtswerk des Pompejus Trogus
u. a. m.®° (Jordanes Getica V 39—XIII 78). Zu diesem Abschnitt scheint
Cassiodor selbst — sieht man von seiner Leistung in der Kombination
der Exzerpte ab — außer Füllworten und Überleitungen nur die weni-
gen Zeilen beigetragen zu haben (Jordanes Getica V42), in denen er
von der Gliederung der Goten in Wese- und Ostrogoten und von den
beiden Geschleditern der Balthen und Amaler berichtet. Beides, das Her-
vorheben der Gliederung des Gotenvolkes und der Herrschaft der Bal-
then und Amaler, liegt Cassiodor besonders am Herzen. Hier fügt er
diesen Hinweis erstmals ein. Später wiederholt er ihn mehrfach (Jorda-
28
Diese Gleidiung übernahm er vielleicht aus Orosius I 16, wo es heißt: modo
autem Getae illi, qui et nunc Gothi. Vgl. dazu Jordanes Getica IX 58. — Sie
ist jedodi älter und findet sidi schon bei Aelius Spartianus, Vita Antonini
Caracallae 10 belegt.
20
Priscus nannte Exc. de Legat, mehrfadi einen Hunnen namens Beßixos, den
Cassiodor offenbar nicht zur Kenntnis genommen hat, obwohl er Exzerpte
aus Priscus benutzte. — Vgl. Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1
(1882) X X X I V ff.; dazu auch K. Müllenhoff, in: Th. Mommsen, a . a . O . 147;
ferner L. Dindorf, Historici Graeci minores 1 (1870) 315. 320 f.
30
Der Exkurs über die Gesänge der Goten Jordanes Getica V 43 stammt hödist-
wahrscheinlidi wieder von Ablabius. Vgl. unten S. 74 Anm. 36. — Vgl. auch
unten S. 489 Anhang 3 Abschn. 4.
Probleme der historischen Quellen 43

nes Getica XIV 82, XVII 98, XXIV 130, X X I X 146, XXXIII 174,
XLVI II 246, XLVIII 251) und bemüht sich dadurch, die Gotenge-
schichte als eine Geschichte der Wese- und Ostrogoten hinzustellen, was
sie wohl seit dem Zug des Alarich nach Italien und seit dem Aufbruch
des Theoderich aus Pannonien vornehmlich war, doch gewiß v o r h e r
in diesem strengen Sinne nicht gewesen sein kann81.
Eigene Zutat des Cassiodor ist — neben wenigen überleitenden
Worten (Jordanes Getica XIII 78) — dann der Hauptteil des Amaler-
stammbaums (Jordanes Getica XIV 79—81), der später über den Tod
des Athalarich hinaus von Jordanes fortgesetzt wurde (vgl. oben S. 37)
Darauf folgt ein knapper Rückgriff des Cassiodor auf Ablabius88, der
namentlich genannt ist (Jordanes Getica XIV 82), und eine kurze Er-
gänzung von der Hand des Cassiodor, worin Ostrogoten und Wesegoten
abermals erwähnt werden. Es schließen sich Exzerpte aus der Vita Maxi-
mini an (Jordanes Getica XV 83—88) und darauf wird das Werk des
Ammianus Marcellinus spürbar (Jordanes Getica XVI 89—93) (vgl.
unten S. 73).
Nunmehr folgt Cassiodor eine Wegstrecke wieder dem Ablabius
(Jordanes Getica XVII 94—100), erinnert an die Herkunft aus Scandza,
erklärt die Entstehung des Gepidennamens, berichtet vom Gepidenkönig
Fastida — einem Zeitgenossen des Ostrogotha — und seinen Taten, ins-
besondere von der Schlacht zwischen Gepiden und Goten, in der letztere
siegreich blieben83. Dann schließen sich umfangreiche Textstücke an, die
wohl teils auf Ammianus Marcellinus, teils auf Dexippos zurückgehen,
wobei es zunächst unklar bleibt, ob sie von Ablabius oder Cassiodor ein-
gefügt worden sind (Jordanes Getica XVIII 101—XXII 115). Es folgt
abermals Material, das von Ablabius stammt, der nun erneut mit Namen
genannt wird (Jordanes Getica XXIII 116—120 u. XXIV 121—122).
Nach seinem Bericht schildert Cassiodor die Regierung des Hermanarich
und behandelt die Ethnographie im Raum nördlich des Siedlungsgebiets
der Goten an der Schwarzmeerküste34. Ein kurzer Hinweis auf Orosius
unterbricht die Schilderung (Jordanes Getica XXIV 121), und dann
schließt Cassiodor die Exzerpte aus Ablabius mit einem Bericht über die
Entstehung der Hunnen scheinbar ab85.

31
Vgl. R. Wenskus, Stammesbildung u. Verfassung (1961) 471 ff.; dazu auch
H. Rosenfeld, Ost- und Westgoten, in: Die Welt als Geschichte 17 (1957)
245—258.
82
Vgl. auch unten S. 489 Anhang 3 Abschn. 5.
33
Vgl. auch unten S. 490 f. Anhang 3 Absdin. 7.
34
Vgl. auch unten S. 494 Anhang 3 Absdin. 13.
35
Vgl. auch unten S. 494 Anhang 3 Absdin. 14.
44 Jordanes — Cassiodorius — Ablabius

Auszüge u. a. aus Priscus und Ammianus Marcellinus, bei denen


es vorerst wieder unklar bleibt, ob sie Ablabius hier eingearbeitet hat,
folgen, doch der Bericht vom Ende des Hermanaridi (Jordanes Getica
XXIV 129—130) dürfte wiederum von Ablabius stammen®6. Es folgen
dann wieder umfangreiche Auszüge u. a. aus Ammianus Marcellinus
(Jordanes Getica XXV 131—132) und Stellen, in denen Mommsen
Spuren des Sextus Aurelius Victor und des Orosius erkennen zu können
meinte37.
Bis hierher (Jordanes Getica XXVI) ist der Beitrag des Cassiodor
zur Sache weiterhin außerordentlich gering. Seine Leistung liegt vor-
nehmlich in der Selektion und der Kompilation, wobei er über beschei-
dene Ansätze zur Kombination nur selten hinauskommt. So stellt er
Vergils Nachricht von der Insel Tbyle direkt neben des Ablabius' Be-
richt von Scandza, ohne daran zu denken, daß beide Inseln miteinander
identisch sein könnten88. Ein Versuch zu etwas Eigenem scheint die Er-
wägung, die Goten könnten aus Britannien gekommen sein, die er dann
aber selbst alsbald wieder verwirft (Jordanes Getica V 38). Als eine
Zutat des Cassiodor muß sein mehrfach eingestreuter Hinweis auf Ostro-
und Wesegoten bzw. Amaler und Balthen gelten. Inhaltlich mit Abstand
die wichtigste Einfügung des Cassiodor ist offensichtlich die Amaler-
genealogie (Jordanes Getica XIV 79) bis auf Athalarich herauf. Cas-
siodor selbst hat die Bedeutung dieser Textstelle recht gut gekannt, und
er selbst hat ihre Wichtigkeit und ihren historischen Gehalt mit klaren,
naiven Worten umrissen, wenn er Athalarich sagen läßt: quid, praeconia-
les viri, creditis bis tantum fuisse contentum, ut domirtos niteretur lau-
dare superstites, a quibus dum vicissitudo praemiorum forsitan quaeritur,
laboris taedia non vitantur? Tetendit se etiam in antiquam prosapiem
nostram, lectione discens quod vix maiorum notitia cana retinebat. Iste
reges Gothorum longa oblivione celatos latibulo vetustatis eduxit. Iste
Hamalos cum generis sui claritate restituit, evidenter ostendens in sep-
timam decimam progeniem stirpem nos habere regalem. Originem Go-
3
" Vgl. auch unten S. 494 f. Anhang 3 Absdin. 15.
37
Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) 94 Anm. 4 u. 5.
38
Vergil ist in Jordanes' Gotengesdiidite dreimal genannt (Jordanes Getica I 9,
V 40 und VII 50). — Jordanes Getica I 9 ist eine kurze Einsdiiebung ... de
qua Mantuanus inter alia: tibi serviat ultima Thyle, die anscheinend von
Cassiodor an seinen Satz habet et in ultimo plague occidentalis aliam insulam
nomine Thyle angehängt wurde. Zur Erwähnung der Insel Thyle wurde er
durch den Text des Orosius veranlaßt: deinde insula Thyle, quae per infinitum
a ceteris separata, circium versus medio sita oceani, vix paucis nota habetur
(Orosius 12, 79). Jordanes Getica V 40 ist in ein Textstück des Dio Chryso-
stomos, VII 50 in einen Auszug aus Pompeius Trogus eingefügt. In jedem
Fall muß Cassiodor selbst der Interpolator gewesen sein.
Probleme der historischen Quellen 45

thicam historiam fecit esse Romanam, colligens quasi in unam coro-


nam germen floridum quod per librorum campos passim juerat ante
dispersum (Cassiodor Varia: I X 25) 3 9 .
Die Erläuterung, die Cassiodor hier für seine eigene Tätigkeit lie-
fert, verdient es, etwas eingehender untersucht zu werden 4 0 . Es sind
offenbar z w e i verschiedene Maßnahmen, die er hier im Sinne h a t : E r
hat den Ursprung der Goten zu einer römischen Geschichte gemacht, in-
dem er die blühenden Zweige, welche bis dahin über die Felder der
Bücher hier und dort zerstreut waren, zu einem einzigen K r a n z ver-
bunden hat. Das ist das eine. — E r hat die Amaler in der Herrlichkeit
ihres Geschlechtes wiederhergestellt, indem er einleuchtend zeigte, daß sie
bis in die siebzehnte Generation von königlichem Geschlecht sind. Das
ist das andere 41 .
Auf welche Weise Cassiodor den Ursprung der Goten zu einer
römischen Geschichte macht, bedarf keiner besonderen Erläuterung mehr:
E r setzt Geten- und Gotengeschichte gleich und kommt durch Inkorpo-
ration der Getengeschichte des Dio Chrysostomos in sein Werk zu einer
Gotengesdiidite, die bis über den Trojanischen Krieg hinaus zurückreicht.
Damit ist die Geschichte der Goten der der Römer in ihrer Länge
gleichwertig. Denn längst w a r es in R o m Tradition, die Gründung Roms
auf Aeneas zurückzuführen, den Sohn des Anchises und der Aphrodite,
der — an Tapferkeit der erste nach Hektor — der Vernichtung Trojas
entkommen und nach Italien verschlagen worden war. Was in vielen
Büchern über die Herkunft der „Goten" verstreut zu lesen war, das

39 Diese Textstelle erstmals veröffentlicht in: W. Wattenbadh, Deutschlands Ge-


schiditsquellen im Mittelalter (1858) 45; nunmehr in: Wattenbach—Levison,
Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter. Vorzeit und Karolinger. I.
Heft: Die Vorzeit v. d. Anfängen b. z. Herrschaft d. Karolinger bearbeitet
von W. Levison (1952) 71 f.; ferner: Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct.
ant. V, 1 (1882) 76 Anm. 1; ders., Mon. Germ. Hist. Auct. ant. X I I (1894)
291—293; W. S. Teuffei, Geschichte d. röm. Literatur 3 ( 6 1913) 496 f.; W.
Ensslin, Theoderidi der Große (1947, 2 1959) 271 f. — Diese Stelle war auch
H. Bollnow bekannt; sie bildete eine der Grundlagen, von denen er die
Historizität der germanischen Herkunftsberichte in Zweifel zog. — Vgl.
H. Bollnow, Baltische Studien N. F. 54 (1968) 19, wo der Text nicht wörtlich,
nur dem Hauptinhalt nadi zitiert ist.
40 Die hier nun folgenden Seiten wurden nach Gesprächen mit O. Höfler in Wien
im November 1964, im April 1967 und im Juni 1968 neu durchdacht. Sie
schließen sich in wesentlichen Gedanken Vorstellungen an, die er im Kapitel
„Die Amaler als Ansen" darstellte, das für seinen Bd. 2 des „Sakralkönig-
tums" bestimmt ist. O. Höfler stellte Verf. das Manuskript dieses Kapitels zur
Einsicht zur Verfügung. Er gestattete entgegenkommend die Verwendung von
Gedanken aus seinem Manuskript in vorliegendem Zusammenhang.
41 So sieht insbesondere O. Höfler Cassiodor Variae I X 25.
46 Jordanes — Cassiodorius — Ablabius

alles sammelte Cassiodor, wie er selbst sagt. Seine Angaben dazu in


Var. IX 25 sind also offenbar riditig.
In derselben Literatur konnte Cassiodor allerdings über die Her-
kunft der Amaler nichts finden. Soll man dennoch auch hier wörtlich
nehmen, daß er „durch Lesen geschichtlicher Quellen gelernt, was kaum
die weißhaarigen Ältesten als Kunde" bewahrt hatten? Vielleicht ist es
besser, diese Frage zunächst zurückzustellen. Die Antwort darauf ist
nämlich vorläufig unsicher. Sicher ist indes, daß sich der Hinweis Cas-
siodors auf Jordanes Getica XIV 79—81 bezieht, womit die letzten
Sätze von Jordanes Getica XIII 78 verbunden sind. Es ist die Amaler-
genealogie. Der erste Satz, der hier direkt von Cassiodor stammt, lautet
etwa: [Gothi] proceres suos, quorum quasi jortuna vincebant, non puros
komines, sed semideos id est Ansis vocaverunt. Hier muß ein Stück go-
tischer Tradition vorliegen, denn die Ansis sind die Asen der nordgerma-
nischen Mythologie.
An erster Stelle der nun folgenden Genealogie steht Gapt. Daß es
sich hier um eine Verunstaltung des Namens Gaut handeln muß, ist mit
gelegentlichen Ausnahmen42 seit Jac. Grimm immer wieder betont wor-
den4*. Von den verschiedenen Erklärungsversuchen, wie es zur Entstel-
lung des Namens Gaut kam, kann eigentlich nur einer befriedigen. K.
Helm verstand Gapt als Verlesung eines in Buchstaben des Ulfilas-Al-
phabets geschriebenen Gaut44. In der Tat ist das gotische f[ dem grie-
chischen II sehr ähnlidi. Der, welcher die Verschreibung verursacht hätte
— also doch wohl Cassiodor —, müßte griechisch schreiben und lesen
gekonnt haben. Kein Zweifel, daß Cassiodor es konnte. Ihm müßte
ferner der Name Gaut gotisch geschrieben vorgelegen haben45. Das ist
42
K. Müllenhoff hielt eine Emendation in Gaut für wenig wahrscheinlich, wie
aus Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) 143 und K.
Möllenhoff, Deutsche Altertumskunde 4 (1900) 183 hervorgeht. — Vgl. auch
H. Kuhn, Gaut, in: Festschrift f. J. Trier (1954) 417.
43
J.Grimm, Geschichte d. dt. Sprache (1848) 774; F.Dahn, Die Könige d.
Germanen Iii (1861) 118; E. Förstemann, Althochdeutsches Namenbudi 1
(21900) Sp. 606; M. Sdiönfeld, Wörterbuch d. altgerm. Personen- und Völker-
namen (1911) 103; J. deVries, Altgerm. Religionsgeschichte Ii (1935) 225.
248; K. Helm, Altgerm. Religionsgeschichte Iii (1937) 37; H. Birkhan, Gapt
und Gaut, in: Zeitschr. f. dt. Altertum 94 (1965) 1—17.
44
K.Helm, Gaut, in: Beiträge z. Gesdi. d. dt. Sprache u. Literatur 62 (1938)
27—30.
45
Zur Rolle der gotischen Sprache, der gotischen Bibelübersetzung des Ulfilas
und damit der gotischen Schrift vgl. K. D. Schmidt, Die Bekehrung d. Ger-
manen z. Christentum 1. Die Bekehrung d. Ostgermanen z. Christentum
(1939) 284 ff.; A. Borst, Der Turmbau v. Babel Iii (1958) 442 f. — Zur Rolle
der gotischen Schrift im profanen Bereich: H.Jensen, Die Schrift in Vergan-
genheit u. Gegenwart ( 2 1958) 457 (Verkaufsurkunden aus Neapel u. Arezzo).
Probleme der historischen Quellen 47

nicht d i r e k t beweisbar. Dodi auch ein zweiter Name der Amaler-


genealogie ist durch Verlesung eines gotischen Schriftbildes entstellt:
Hunuil. Schon Müllenhoff stellte diesen Namen neben den Namen Un-
wen des Widsith 114, erklärte die Abweichung jedoch nicht46. N . Wagner
wies nun darauf hin, daß das l der Getica auf ein als l verlesenes goti-
sches H zurückgehen müsse". Daraus scheint sich zwingend zu ergeben,
daß mindestens ein großer Teil der Namen der Amalergenealogie dem
Cassiodor gotisch geschrieben vorgelegen haben muß. Was liegt näher,
als anzunehmen, daß ein Gote die Namen niedergeschrieben hatte, dem
die gotische Schrift, nicht aber das lateinische oder griechische Alphabet
geläufig waren. Dann muß also mit den Namen auch die ganze Amaler-
genealogie gotische Tradition darstellen. Diese Folgerung widerspricht
zwar der Feststellung, Cassiodor habe erkundet, „was kaum noch im
Gedächtnis unserer Vorfahren erhalten war", aber man wird lieber Cas-
siodor in Var. IX 25 eine gewisse Übertreibung zumuten wollen, als eine
ziemlich schlüssige Gedankenkette wieder gewaltsam zu zerbrechen, zu-
mal sich nun eine andere Angabe Cassiodors klärt: Er habe durch L e -
s e n erkundet. In der Tat muß er die Namen der Amaler g e l e s e n
haben.
Die Form der Amalergenealogie, wie sie Jordanes Getica XIV 79—
81 überliefert, dürfte allerdings nicht mehr die sein, welche Cassiodor
niederschrieb. In Jordanes Getica XIII 78 verspricht Cassiodor nämlich:
quorurn genealogia ut paucis percurram vel quis quo parente genitus est
aut unde origo coepta, ubi jinem effecit. Aber der Text des Jordanes
sagt nichts darüber, woher jeder stammte und wo er sein Ende fand.
Hierfür muß Jordanes verantwortlich sein. Die gotische Tradition stellte
offenbar einen kurzen „Geschichtsabriß" dar. Der Wahrheitsgehalt dieses
Berichts ist ein besonderes Problem. Es lohnt sich, kurz bei ihm zu ver-
weilen.
Die Darstellung des Cassiodor hat Jordanes offensichtlich gekürzt.
Dabei ist die Zahl der Generationen bzw. der von Cassiodor genannten
Personen offenbar nicht verändert worden48. Das lassen auch die Allit-
terationsreihen erkennen. Mit Ausnahme von Gapt—*Gaut, der in der
Genealogie eine Sonderstellung innehat, und von Vultvulf allitterieren
a l l e Namen von der ersten bis zur zehnten Generation. Mit Vultvulf
beginnt in der zehnten Generation eine neue allitterierende Namenreihe,
die bis zur fünfzehnten Generation reicht. In der vierzehnten Generation
46
K. Müllenhoff, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) 143; M. Schönfeld,
Wörterbudi d. germ. Personen- u. Völkernamen (1911) 144.
47
Vortrag im SS 1968 an der Universität d. Saarlandes in Saarbrücken.
48
Die Zahl 17 ist durch Cassiodor Var. IX 25, 4 gesichert; vgl. Th. Mommsen,
Mon. Germ. Hist. Auct. ant. XII (1894) 292.
48 Jordanes — Cassiodorius — Ablabius

beginnt mit Thiudimir eine dritte Allitterationsreihe, die mit Theoderich


— vorzeitig — endete; es sei denn, man rechnete Theodahad, Enkel des
Thiudimir von dessen Toditer Amalafrida, hierher. Der Name des Vaters
des Theodahad ist unbekannt. Das alles spricht für die Korrektheit der
Überlieferung, sagt aber über deren historische Wahrheit nichts aus.
Von den Namen, die in der Amalergenealogie vorkommen, kannte
Ablabius nur Ostrogotha und Hermanaridi. Ostrogotha erwähnte er
Jordanes Getica XIV 82 und XVIII 98—100. Die erstgenannte Stelle
ist von Cassiodor verändert und dürfte ursprünglich etwa so gelautet
haben: Ablabius enim storicus refert, quia ibi super limbum Ponti, ubi
commanere [d. h. commanerunt] eisque praeerat Ostrogotha.
Die Einfügung . . . ibi pars eorum, qui orientali plaga tenebat, sollte die
von Cassiodor vertretene These stützen, Ostrogotha habe nur die Ostro-
goten beherrscht. Davon ist sonst aber bei Ablabius nidit die Rede, ins-
besondere in Jordanes Getica XVIII 98—100 nicht; dort wird Ostro-
gotha schlechthin als Gotenkönig bezeichnet.
Aus keiner Stelle ist zu schließen, Ostrogotha müsse wegen seines
Namens Ostgotenkönig gewesen sein, nodi möglich zu folgern, die
„Teilung" der Goten in West- und Ostgoten müsse zurzeit dieses Königs
schon erfolgt sein. Aussagen über Stammesverhältnisse und -Zugehörig-
keit macht der Name offenbar garnicht, denn es gibt audi einen Gepiden-
fürsten namens OiifftpivoT^og (Prokop Bell. Goth. IV 27), Sohn des
'EXenovvSog. Die Tochter eines Gepidenfürsten heißt Austrigusa-Austre-
cusa (Origo 4; Paulus Diaconus Hist. I 21; Hist. Lang. Cod. Goth. 4).
Ihr Name entspricht der von Prokop Bell. Goth. 112 überlieferten Form
0ei)8i/oi3oa des Namens Theodegotha — Thiudigoto, einer Tochter des
Theoderich (vgl. unten S. 49); sie dürfte also *Ostrigotha geheißen haben48®.
Immerhin ist nach dieser Quellenlage sicher, daß Ostrogotha eine
historische bzw. historisch schattenhaft faßbare Persönlichkeit gewesen
sein muß. Er war ein Gotenfürst, nach Cassiodors eigenen Angaben ein
Zeitgenosse des Philippus Arabs (244—249) (vgl. unten S. 111 ff.). Ob er
wirklich ein Amaler war, bleibt ungewiß. Daß Theoderich eine seiner
Töchter Ostrogotho nannte, sieht nur auf den ersten Blick danach aus,
als sei damit das Amalertum des Ostrogotha bestätigt, denn es fragt sich:
Nannte Theoderich eine seiner Töchter Ostrogotho, also anscheinend
nach dem angeblichen Vorfahren, weil dieser schon immer als Amaler
betrachtet wurde oder weil er auf solche Weise stillschweigend in das

48a
Vgl. A. Nagl, Artikel „Ostrogotho", in: Pauly—Wissowa—Kroll, Real-
enzyklopädie XVIIIs (1942) Sp. 1688; zu weiteren Personennamen gleidier
Komposition vgl. E. Wessen, Uppsala universitets ärsskrift 2 (Filosofi, spräk-
vetenskap odi historiska vetenskap 6) (1924) 104 f. — Vgl. audi Anm. 49.
Probleme der historischen Quellen 49

Geschlecht der Amaler inkorporiert werden konnte? Oder sind diese


Namenbildungen ganz willkürlich? Der Anonymus Valesianus berichtet,
Theoderich habe, ehe er seine Herrschaft antrat, zwei Töchter gehabt, die
eine mit Namen Arevagni, die andere namens Theodegotha (Anonymus
Valesianus X I I 63). Theodegotha wird bei Jordanes Thiudigoto (Jor-
danes Getica LVIII 297) und bei Prokop ©Evöixoüaa (Prokop Bell.
Goth. 112) genannt, also muß Ostrogotho mit Arevagni identisch sein.
Sollte Theoderich diese Tochter ursprünglich Arevagni nach der Kaiserin
gleichen Namens genannt haben, der Gemahlin des Zenon, dem er viel-
fältig verpflichtet war? Wurde sie später Ostrogotho genannt als die
ostgotisdie Arevagni zur Unterscheidung von der gleichnamigen Kaiserin,
oder erhielt sie, nachdem Theoderich nach Italien gekommen war, einen
neuen germanischen Namen, und zwar einen solchen, durch den er
gleichzeitig den König Ostrogotha mit seinem Geschlecht verband49? Oder
gab Theoderich seiner Tochter einen germanischen Namen, der auch
sonst nicht ungebräuchlich war? Völlige Klarheit läßt sich nicht erreichen.
Man muß aber bedenken: Da Theoderich selbst nur der Sohn einer Neben-
frau seines Vaters war (Jordanes Getica LII 269; Anonymus Valesianus
X I I 5 8 ) und deswegen dem Vorwurf ausgesetzt sein konnte, seinem
Vater nicht ebenbürtig zu sein, mußte ihm sehr daran gelegen sein, das
Amalertum seiner Familie zu betonen. Sichtlich hieß einer seiner Enkel
gerade aus diesem Grunde Amalarich.
Wollte man allerdings annehmen, Cassiodor hätte Ostrogotha ab-
sichtlich in die Amalergenealogie aufgenommen, so müßte man zugleich
zu der Frage Stellung nehmen, warum er dann auch seinen ganz unwich-
tigen, nur dem Namen nach bekannten Sohn Hunuil — *Hunuin aufge-
nommen habe. Widsith 113 f. berichtet nämlich: Emercan sohte ic and
Fridlan ond Eastgotan frodne & godne fieder Unwertes1™. Dieser East-

49 F. Wrede, Über d. Sprache d. Ostgoten i. Italien (1891) 46 f. 65 f.; ders., Zwei


ostgothische Miscellen, in: N . Archiv d. Ges. f. ältere dt. Geschichtskunde 15
(1890) 583 f. — Wrede entschied sich hier für erstere Möglichkeit. Es ist jedodi
zu bedenken, daß ihre Schwester Thuidigoto hieß, ihr Name also auf gleiche
Weise gebildet ist. Es ist weiterhin zu bedenken, daß Thuidigoto — wie ihre
Schwester Arevagni-Ostrogotho übrigens auch — geboren wurde, als Theode-
rich sich noch in Mösien (Jordanes Getica L V I I I 297) aufhielt. — Ostrogotho
— vermählt mit dem Burgunderkönig Sigismund — hatte eine Tochter namens
Suavegotta. Die Häufung von solcherart Namen fällt auf; höchstwahrschein-
lich war Ostrogotho ein echter Personenname, nicht sicher ein ausgesprochen
gotischer, und kein Adjektiv, das an Stelle des richtigen Namens benutzt
wurde. Man muß hier auch den Nomen der Gepidin Austricusa-*Ostrigotha
mit in Betracht ziehen.
49a Vgl. K . Malone, Widsith ( 2 1962) 26.53.142.206.

4 Hachmann, Goten und Skandinavien


50 Jordanes — Cassiodorius — Ablabius

gota ist doch wohl mit Ostrogotha identisch, und sein Sohn ist der
*Hunuin der Amalergenealogie.
Hermanarich wird von Cassiodor als Bruder des Vultvulf vorgestellt
(Jordanes Getica X I V 79). Sein Name tritt Jordanes Getica X X I I I 1 1 6
in einer Textstelle auf, die auf Ablabius zurückgeht. Er ist Goten-, nidit
Ostgotenkönig 4,b . Sein Name ist hier zwar mit dem Epitheton nobilissi-
mus Amalorum versehen, doch dürfte das eine Zufügung des Cassiodor
sein und die ganze Stelle mag ursprünglich bei Ablabius so geheißen
haben: Nam Gothorum rege Geberich rebus humanis excedente post
temporis aliquod Hermanaricus ... in regno successit, . . . Ablabius
berichtet hier, daß Hermanarich post temporis aliquod dem König
Geberich gefolgt sei. Sei es nach einem Interregnum, während dessen es
keinen König gab; sei es — wahrscheinlicher — nach anderen Königen,
deren Namen Ablabius nicht kannte. Es bleibt unklar, ob Geberidi und
Hermanarich verwandt waren. Auffallend ist, wie unbeholfen und
unglaubwürdig Cassiodor in Jordanes Getica X L V I I I die Amaler-
genealogie an die Geschichte Hermanarichs anschließt. Es erweckt den
Anschein, als habe Vinithar als N a c h f o l g e r Hermanarichs weiter
gegen die Hunnen gekämpft und als sei diesem, der nadi Cassiodors Ge-
nealogie ein Großneffe des Hermanarich war, Hunimund, ein Sohn des
Hermanarich, in der Herrschaft gefolgt (Jordanes Getica X L V I I I 250),
von dem dessen Sohn Thorismund dann die Herrschaft übernahm. Dieser
gehörte nach Cassiodors Schema der Generation des Vinithar an, der
vor Thorismunds Vater Hunimund das Königtum innegehabt haben
sollte. Ihm ließ Cassiodor dann den zwei Generationen jüngeren Valamir
folgen.
Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Amalergenealogie, wie Cassio-
dor sie zusammenstellt, und an der von ihm hervorgehobenen Bedeutung
der Amaler vor der Begründung des Ostgotenreichs in Italien erregt in
besonderem Maße alles das, was Ammianus Marcellinus von Hermana-
rich und seinen Nachfolgern berichtet (Ammianus Marcellinus X X X I 3,
1—3). Er nennt ausdrücklich einen Vithimir als gewählten Nachfolger
des Hermanarich, der in Cassiodors Stammbaum fehlt. Allerdings er-
wähnt Ammianus Marcellinus nicht, ob dieser Vithimir ein Sohn des
Hermanarich war. Später kam dann nach dem frühen Tod des Vithimir
dessen Sohn Viderich zur Herrschaft, für den Alatheus und Saphrax

49,1 In Widsfth 18 u. 88 ist Eormanric König der Goten (Gotena cyning). — Vgl.
K . Malone, a. a. O. 23.25.146.156. — Die Textstellen mit den Nennungen von
Eastgota und Eormanric stammen wohl aus gleicher gotischer Tradition. Es
ist deswegen nidit ohne Bedeutung, daß der König Eastgota, der Stamm aber
Goten heißt.
Probleme der historischen Quellen 51

die Vormundschaft führten. Auch dieser Viderich ist bei Cassiodor nicht
genannt 50 .
In der Tat könnte Vithimir zwar Nachfolger, aber nicht Sohn des
Hermanaridi gewesen sein. Seine Wahl zum König schließt das jedenfalls
nicht aus508. Wenn Vithimir und Viderich bei Cassiodor nicht erwähnt
werden, so heißt es auch nicht, daß sie keine Amaler gewesen sein können.
Es bleibt so vieles unklar, u. a. zum Beispiel auch die Tatsache, daß
Ammianus Marcellinus Alatheus und Saphrax als Vormünder des Viderich
kennt (Ammianus Marcellinus X X X I 3,3; 4,12). Sie werden zwar auch
in des Jordanes Gotengeschichte erwähnt (Jordanes Getica X X V I
134.140), doch als duces, qui regum vice Ulis praeerant. Die Existenz eines
Königs wird also ausdrücklich verneint, und dabei ist es gerade hier
ganz sidier, daß diese Stelle aus dem Werk des Ammianus Marcellinus
entnommen ist.
Einen interessanten Versuch, die Widersprüche zu klären, die zwi-
schen den Angaben des Cassiodor und des Ammianus Marcellinus be-
stehen, hat in neuerer Zeit K. A. Eckhardt gemacht51. Er ging von der
Sitte der Nachbenennung bei den Germanen aus, für die er bei den
Westgoten Spuren nachweisen zu können meinte52. Den Widerspruch in
der Nachfolge des Hermanarich versuchte er dadurch zu lösen, daß er
vorschlug anzunehmen, Vinithar sei nicht der eigentliche Name des Nach-
folgers des Hermanaridi gewesen, sondern ein Beiname, „der das Vor-
handensein eines abweichenden Eigennamens geradezu voraussetzt" 53 .
Den Beinamen „der Wendenkrieger" 54 habe sich Vithimir in dem sieg-
reichen Wendenkriege Hermanarichs erworben.
Konsequent setzte Eckhardt Vandalar, den Sohn des Vinithar, und
Viderich, den Sohn des Vithimir, gleich55. Auch bei Vandalar handele es
sich um einen Beinamen — „Wandalenkämpfer" 56 —, und diesen habe sich

50
In seiner Amalergenealogie nennt Cassiodor drei Angehörige dieses Geschlechts
nicht, den Bruder des Theoderich, Theodemund, einen Aidoingus und einen
Sidimund. — Vgl. dazu F. Wrede, Über d. Sprache d. Ostgoten i. Italien
(1891) 62.71 Anm. 4 u. 93.
503
Auffallend wäre es, wenn der erwachsene Vithimir zum König gewählt wor-
den wäre, ohne Sohn seines Vorgängers zu sein, während sein Sohn Videridi
u n m ü n d i g zur Herrschaft kam, ohne gewählt worden zu sein, also durch
einfache Erbfolge.
51
K.A.Eckhardt, Die Nachbenennung in den Königshäusern der Goten, in:
Südost-Forsdiungen 14 (1955) 34—55.
52
K. A. Eckhardt, a. a. O. 36 f.
53
K. A. Eckhardt, a. a. O. 41 ff.
54
M. Schönfeld, Wörterbudi d. altgerm. Personen- u. Völkernamen (1911) 260 f.
55
K. A. Eckhardt, Südost-Forschungen 14 (1955) 43 ff.
54
M. Schönfeld, Wörterbudi d. altgerm. Personen- u. Völkernamen (1911) 253.

4'
52 Jordanes — Cassiodorius — Ablabius

Videridi erworben, als Stilidio aufsässige Wandalen bekämpfte. Er


meinte, wir „dürften unterstellen, daß ihm [Stilidio] dabei ostrogotische
Verbände zur Seite gestanden haben" 57 . Valamir, Thiudimir und Vidimir
seien dann als Söhne des Viderich anzusehen, und Vidimir sei nadi seinem
Großvater Vithimir benannt worden.
Eckhardt meinte weiterhin, Cassiodor habe bei der Einbeziehung
des Thorismund in die Amalergenealogie „frei kombiniert" 58 . Er habe
diese Kombination vorgenommen, um Eutharidi, den Theoderidis Todi-
ter Amalasuintha im Jahre 515 heiratete, zum Amaler zu machen. Eck-
hardt nahm damit alte Einwände gegen die Amalerherkunft des Eutharidi
wieder auf 5 '. Die Bedenken sind tatsächlich groß. Nach Jordanes Getica
X X X I I I 174 soll Beremud, der Sohn des Thorismund, mit seinem kleinen
Sohn Veteridi zu den Westgoten gestoßen sein, gerade als Vallia gestorben
war, d. h. kurz nadi dem Jahre 419'°. Eutharidi, der Sohn des Veterich,
heiratete 515 iuvenili aetate (Jordanes Getica LVIII 298). Er kann da-
mals kaum — wenn es hoch kommt — viel mehr als 25 Jahre alt gewesen
sein. Das weist auf eine Geburt um das Jahr 490 hin. Lebte sein Vater
Veteridi sdion 419, so wäre er bei der Geburt des Eutharidi hödist-
wahrscheinlidi um 70 Jahre alt gewesen. Eckhardt benutzte eine Hilfs-
konstruktion: Er sah in Thorismund, dem Großvater des Eutharidi, nicht
einen Enkel des Hermanaridi, sondern den Westgotenkönig Thorismud,
Sohn des Theodorid (Jordanes Getica X X X V I 190)61. Beremud sei nicht
der Sohn, sondern eine Tochter des Thorismund gewesen, d. h. des west-
gotischen Thorismud 62 . Demnach sei Eutharidi von des Vaters Seite ein
Amaler gewesen. Daß sein Vater Veteridi Amaler gewesen sei, werde
sdion durdi den Namen selbst wahrscheinlich gemacht'3. Es liege nahe,
ihn als Sohn des Vidimir, Onkel des Theoderich, anzusehen. Dieser Vidi-
mir ist nadi Jordanes Getica LVI 283 zur Regierungszeit des Kaisers
Glycerius (473—474) nach dem Westen gezogen. Er starb sdion wenig
später in Italien und noch Glycerius konnte seinen Sohn, der bei Jordanes
Getica LVI 284 ebenfalls Vidimir heißt, veranlassen, nach Gallien zu
ziehen und sich mit den Westgoten zu vereinigen. Das System der Nach-
benennung hätte den Namen Vidimir eines nodi lebenden gleichnamigen
Vaters ausgeschlossen. Also habe der Sohn des Vidimir Veteridi geheißen

57
K. A. Eckhardt, Südost-Forschungen 14 (1955) 44.
58
K. A. Eckhardt, a . a . O . 45.
59
C. Schirren, De ratione (1858) 75 f.; L. Schmidt, Geschichte d. dt. Stämme b.
z. Ausgang d. Völkerwanderung. Die Ostgermanen ( 2 1934) 254.
00
K. A. Eckhardt, a. a. 45 f.
61
K. A. Eckhardt, a. a. O. 46.
82
K. A. Eckhardt, a. a. O. 47 ff.
63
K.A.Eckhardt, a . a . O . 51.
Probleme der historischen Quellen 53

und sei Vater des Eutharich gewesen84. Veterich wäre dann ein Vetter
des Theoderidi und sein Sohn Eutharich wäre ein Vetter zweiten Grades
der Amalasuintha gewesen.
O. Höflers Gedanken gehen einen anderen Weg®5. Auch er ist der
Meinung, daß Eutharidis Vater Veteridi dem Viderich des Ammianus
Marcellinus nadibenannt sei. An eine Identität von Vinithar und Vithimir
bzw. Vandalar und Viderich denkt er jedoch nicht, meint vielmehr,
Alatheus und Saphrax, die Vormünder des Viderich, hätten sich den Scha-
ren desFritigern angeschlossen, hätten mit diesem zusammen 378 den Kai-
ser Valens bei Adrianopel besiegt (Jordanes Getica X X V I 134—138) und
wären dann mit den Westgoten, bei denen sie dauernde Aufnahme fan-
den, erst nach Italien, dann weiter nach Gallien gezogen. Er meint,
zwischen dem älteren Viderich und dem jüngeren Veteridi hätten viel-
leicht zwei, eher drei Generationen gelegen, deren Namen unbekannt
geblieben seien.
Die Ahnenreihe von Vultvulf bis Valamir hält Höfler für historisch
zuverlässig und zudem durch Prinzipien der Namengebung fest mit den
älteren Teilen der Amalergenealogie verbunden.
Schlösse man sich der Ansicht Eckhardts an, und hielte man Vinithar
und Vithimir, sowie Vandalar und Viderich für identische Personen, so
wäre immer erst ein Teil der Widersprüche zwischen den Angaben der Ge-
tica und denen des Ammianus Macellinus geklärt. Die Namendivergenzen
wären beseitigt, doch die Unterschiede in der Darstellung blieben be-
stehen. Sie erscheinen allerdings verständlicher, wenn man bedenkt, daß
Cassiodor das Werk des Ammianus Marcellinus nicht i m O r i g i n a l
kannte (vgl. unten S. 74). Er schöpfte aus anderen, mindestens teilweise
schlechteren Quellen, hatte allerdings auch Informationen zur Hand,
die sich in antiker Literatur sonst nicht finden und die nicht schlecht zu
sein brauchen. So erwähnte er Gesimund, den Sohn Hunimunds des
Großen, als gotischen Fürsten und Gegenspieler des Vinithar (Jordanes
Getica XLVIII 248). Oifenbar gab es neben den Amalern und den
Balthen auch noch andere vornehme Geschlechter1". Eine — für den
Gesamtzusammenhang belanglose — für Cassiodors Informationen aber
kennzeichnende Angabe ist, Vandalar sei ein Schwestersohn des Thoris-
mund (Jordanes Getica XLVIII 251). Er hätte also eine Tochter des
Hunimund als Mutter gehabt. Das sieht nach — glaubhafter oder un-
glaubwürdiger — Überlieferung aus. Warum betonte Cassiodor Jordanes

94
K. A. Edihardt, a . a . O . 51 f.
65
Vgl. oben S. 45 Anm. 40.
M
Das ist auch sonst noch zu belegen. Vgl. R. Wenskus, Stammesbildung u. Ver-
fassung (1961) 481 f.
54 Jordanes — Cassiodorius — Ablabius

Getica XLVIII 251 Vandalar erat consubrino eius [Thorismundi] und


Jordanes Getica X L V I I I 252, er sei Thorismundi consubrinus gewesen.
Warum wies er Jordanes Getica X I V 81 und X L V I I I 250 darauf hin,
daß Hunimund Sohn des Hermanaridi und Thorismund Sohn des Huni-
mund gewesen seien, und sagte dann Jordanes Getica XLVIII 252 doch
nur hic enim Vandalarius, fratruelis Hermanarici et supra scripti Thoris-
mundi consubrinus? Warum betonte er nicht, daß Vandalar z u g l e i c h
Urgroßneffe u n d Enkel des Hermanaridi war? War es doch v i e l
wichtiger, Enkel als Urgroßneffe des Hermanarich zu sein! Hier scheint
ein schwacher Punkt der Amalergenealogie vorzuliegen. Thorismund
war nicht sidier Sohn des Hermanarich.
Viel schwerwiegender ist es, daß Auszüge aus Ammianus Marcellinus
in Cassiodors Gotengeschichte enthalten sind, daß aber in ihnen die
Namen der Könige Vithimir und Viderich völlig getilgt sind. Alatheus
und Saphrax treten hier nicht als Vormünder des Viderich, sondern als
selbständige duces (Jordanes Getica X X V I 1 3 4 ) auf. R. Wenskus folgerte,
Cassiodor habe den Text des Ammianus Marcellinus „abgewandelt". Er
schloß sich der Meinung derer an*7, die Vithimir nicht für einen Amaler
halten und rechnete mit einem Dynastienwedisel*8. Er meinte gar, die
Wahl Vithimirs scheine ein „Gegenkönigtum gegen das Königtum be-
gründet zu haben"'9.
Diese Auffassung steht vollkommen im Gegensatz zur Meinung
Eckhardts. Will man sich hier für die eine oder andere Ansicht ent-
scheiden, so muß man vorweg in Rechnung stellen, daß es keineswegs
Cassiodor war, der Ammianus Marcellinus ausschrieb. Er kannte diesen
Geschichtsschreiber überhaupt nicht. Ohne von der Provenienz etwas zu
wissen, benutzte er allerdings Exzerpte aus Ammianus Marcellinus, die
er in des Ablabius Gotengeschichte fand (vgl. unten S. 74). War es also
schon Ablabius, der die Namen des Vithimir und des Viderich getilgt
hat? Ein Grund läßt sich nicht finden, denn Ablabius, der die Amaler
nicht kannte, konnte nicht amalerfeindlich eingestellt sein. Aber audi
Cassiodor hätte keinen Grund gehabt; für ihn gab es keine Kollision der
Namen und Ereignisse, denn er sah in den Goten des Ablabius Westgoten
(Jordanes Getica X X V 131 ff.). Sollte er die Namen Vithimir und Vide-
rich getilgt haben, weil sie als Westgoten suspekt erschienen, wo sie doch,
wenn Hermanarich Ostgote war, ebenfalls Ostgoten sein mußten? Wenig
wahrscheinlich. Er hätte Vithimir und Viderich als Westgoten ausgeben
können, gab es doch einen ost- und einen westgotischen Thorismund,
einen ost- und westgotisdien Theoderich.
47 H . Rosenfeld, Ost- und Westgoten, in: Die Welt als Geschichte 17 (1957) 247.
68 R . Wenskus, Stammesbildung u. Verfassung (1961) 479.
M R . Wenskus, a. a. O. 480.
Probleme der historischen Quellen 55

Vieles bleibt in der Amalergenealogie auch sonst noch unklar. Wie


weit ist beispielsweise die Generationenzahl auf die Bedürfnisse seiner
Darstellung abgestimmt? Cassiodor berichtete bis JordanesGeticaXIII 78
nadi der Gotengeschichte des Dio Chrysostomos Ereignisse bis in die
Zeit des Domitian. Daran sdiloß er die Amalergenealogie an. Ver-
mochte diese den ganzen Zeitraum bis zur Regierung des Athalarich
den genealogischen Vorstellungen der Antike entsprechend auszufüllen?
Ist es ein Zufall, daß sich die 17 Generationen der Amaler auf etwas
mehr als vier Jahrhunderte verteilen, so daß je vier Generationen auf
ein Jahrhundert kommen, was ziemlich genau der Generationsrechnung
der Antike entspricht70? Oder sollte gar Cassiodor auf die Zahl 17 beson-
deren Wert gelegt haben, wie neuerdings H . Wolfram meint71? Auch
O. Höfler rechnet damit, daß die Zahl 17 aus diesem oder einem anderen
Grund emendiert sein könnte und dachte an Einfügung von Hulmul
und Augis zwischen Gapt — ::'Gaut und Amal.
Tatsächlich würde das gotische Diditwerk, das Cassiodor vorgefun-
den haben muß, in sich viel konsequenter klingen, wenn auf den mythi-
schen, asischen Ahnherrn a l l e r hervorragenden Geschlechter (vgl.
unten S. 56) der mythische Ahnherr Amal des Amalergeschledites gefolgt
wäre 72 . Damit wären dann auch die beiden etymologisch undurchsichtigen
Namen Hulmul 73 und Augis74 beseitigt.
Der Name des asisdien Ahnherrn der Dynastie, Gapt — !i,Gaut ver-
dient noch eine kurze Betrachtung. Als solcher steht er neben dem
Gaus — *Gaut der Dynastie des Langobardenkönigs Audoin, welcher
nach dem Prolog zum Edictus Rothari ex genere Gausus stammte 75 und
neben dem Giat angelsächsischer Königsdynastien 70 , aber auch neben dem

70
J. Forsdyke, Greece before Homer (21957) 32 ff. 58.
71
H. Wolfram, Methodische Fragen zur Kritik am „Sakralkönigtum" germa-
nischer Stämme, in: Festschrift f. Otto Höfler 2 (1968) 484.
72
Vgl. oben S. 45 Anm. 40.
73
Die Handschriften bieten neben Hulmul auch Humul, Haimal und Humal. —
Vgl. dazu: K. Müllenhoff, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) 76.143;
M. Schönfeld, Wörterbuch d. altgerm. Personen- u. Völkernamen (1911) 142.
74
K. Müllenhoff, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) 143; M. Schönfeld,
Wörterbuch d. altgerm. Personen- und Völkernamen (1911) 38 mit Literatur-
verweisen.
75
Vgl. oben S. 45 Anm. 40; anders N.Wagner, Getica (1967) 169; dazu auch:
E. Wessin, Studier tili Sveriges hedna mytologi och fornhistoria, in: Uppsala
universitets ärsskrift 1926 (Filosofi, sprlkvetenskap och historiska vetenskaper
6) (1924) 81.
79
Jac. Grimm, Deutsche Mythologie 3 (41878) 386.389 ff. — Gegen Gleich-
setzung von Gaut und Odin: W. Baetke Yngvi und die Ynglinger (1964) 114
Anm. 5.
56 Jordanes — Cassiodorius — Ablabius

Woden als Ahnherr angelsächsischer Dynastien77. Im Altnordischen wird


Gaut im allgemeinen mit Odin identifiziert78, im gleichen Sinne müssen
also auch Woden-Wodan und Gaut nebeneinanderstehen. Daß die Goten,
ehe sie Christen wurden, Wodan verehrt haben, kann Jordanes Getica
V 41 wahrscheinlich machen79, aber doch wohl nicht beweisen. Man kann
aus einem möglichen Nebeneinander von Wodan und *Gaut bei den
Goten, das zugleich eine Identität von Gaut und Wodan zum Ausdruck
gebracht hätte, mancherlei religionsgeschichtliche Erwägungen anschlie-
ßen. Von allen diesen kann hier nur eine einzige von Bedeutung sein:
Müssen die Goten, weil sich eines ihrer vornehmen Geschlechter von
Gaut — Wodan — Odin herleitete, ihrer Herkunft nach mit den skandi-
navischen r<n>Toi des Prokop und den altnordischen Gautar zusammen-
hängen?
Die Frage ist leicht zu stellen, aber die Antwort ist vielschichtig,
denn es ist nicht eigentlich eine einzige Frage, die hier vorliegt. Gaut,
an. Gautr, war wohl der Hauptgott der Gauten, aber es ist nicht un-
wahrscheinlich, daß sie auch noch andere Götter verehrten. Wurden sie
nach ihrem Hauptgott benannt? Es ist nicht g a n z unwahrscheinlich,
aber was sagt das für die Herkunft der Goten? Sollten sie wegen des
gemeinsamen Gottes von dem Stamm abstammen, der nach diesem Gott
benannt war und ihn besonders verehrte? Alle Geschlechter, die Gaut
(-Gausus-G^at) als ihren göttlichen Stammvater verehrten, müßten minde-
stens im gleichen oder ähnlichen Verhältnis zu den Gauten gestanden
haben! War die Situation aber für die G o t e n nicht anders, da sie
einen dem Gottesnamen nahestehenden Stammesnamen trugen? Auf
den bzw. die Stammesnamen spitzt sich also am Ende alles zu (vgl. dazu
unten S. 127 f.).
Faßt man das zusammen, was sich bis hierher zur Autorenschaft
des Cassiodor und des Ablabius bislang erkennen läßt, so ergibt sich
vorerst folgendes Bild. Cassiodors Beitrag hatte zwei Ziele: Er lieferte
den noch herrschenden Amalern eine Genealogie, die sie dem römischen
Herrscherhaus annähernd ebenbürtig machte, und er stellte eine gotische
Geschichte her, die weiter zurückreichte als die römische Geschichte selbst.
Sein Ziel erreichte er nach den wissenschaftlichen Verfahren seiner Zeit.
Sein Vorgehen hat viele ältere Beispiele. Viele arbeiteten in der Spät-
antike wie er, nur einige wenige Historiker ragen aus der Masse der
Kompilatoren heraus.

77Jac. Grimm, a . a . O . 377 ff.


78Vgl. oben S. 45 Anm. 40.
™ Vgl. E . Wessen, Uppsala universitets arsskrift 1926 (Filosofi, sprakvetenskap
och historiska vetenskaper 6) (1924) 22 f.
Probleme der historischen Quellen 57

Cassiodor sammelte viele verschiedene Exzerpte ganz verschiedener


Provenienz. Großenteils waren sie ursprünglich gar nicht auf die Goten
bezogen. Die antike Schriftstellern bot ihm sein Hauptmaterial. Die
bereits vorliegende Gotengeschichte des Ablabius lieferte ihm das Haupt-
gerüst seiner eigenen Gotengeschichte. Neben antiken, d. h. römischen
und griechischen Nachrichten standen ihm in geringem Umfange auch
Teile gotischer Herkunftstradition zu Gebote. Sie zu sammeln, war gewiß
am Hofe von Ravenna nicht schwer, und eigentlich überrascht eher der
g e r i n g e Umfang echt gotischen Quellenmaterials in Cassiodors Werk,
als die Tatsache, daß er gotische Traditionen benutzte.
Der Umfang dessen, was in dem Teil der Getica, der die gotische
„Urgeschichte" behandelt, dem Ablabius zugeschrieben werden kann, ist
ungleich wichtiger als der Anteil des Cassiodor selbst. Sein Beitrag ist
in sich geschlossener und abgerundeter. Ein Teil der ursprünglich vor-
handenen Substanz könnte allerdings durch Kürzungen des Cassiodor
und des Jordanes verloren sein. Ablabius begann seine Darstellung mit
der Insel Scandza und ihren Bewohnern. Er legte Wert auf ethnogra-
phische Details und bemühte sich, dreißig skandinavische Völkerstämme
aufzuzählen. Das unnötig häufige Wiederholen des Scandza-Themas
hängt nicht mit Ablabius, sondern mit der Darstellungsweise des Cassio-
dor zusammen. Ablabius muß nach seinem Bericht über Geographie und
Ethnographie von Scandza alsbald zur Auswanderung der Goten nach
Gothiscandza, zu ihrem Krieg gegen die Ulmerugier und Wandalen,
dann zum Weiterzug nach Oium gekommen sein. Er kannte den Namen
dessen, der die Goten von Scandza übers Meer führte. Von späteren
Fürsten kannte er Gadarich den Großen und dessen Sohn Filimer. Von
Gadarich muß in seiner Darstellung so viel enthalten gewesen sein, daß
der Beiname magnus gerechtfertigt erschien. Nach Filimer, der — wie
dessen Vorfahren — bezeichnenderweise in der Amalergenealogie nicht
auftaucht, kannte Ablabius Ostrogotha, wußte von dessen Kampf gegen
die übermütigen Gepiden unter Fastida. Es folgt der Hinweis auf
Hermanarich und seinen Kampf gegen die Hunnen. Sein ethnographi-
sches Interesse zeigt sich erneut in einem ausführlichen Exkurs über die
Völkerschaften in der Umgebung der Goten. Er nannte hier achtzehn
verschiedene Stämme und lieferte Material, das der antiken Ethnographie
vorher zum Teil unbekannt war.
Die Angabe über die Herkunft der Goten aus Scandza ist in der
Darstellung des Ablabius so fest mit allem Folgenden verbunden, daß
die Zugehörigkeit zu dessen Gotengeschichte als ganz sicher gelten kann.
Cassiodor kommt als Autor nicht in Betracht.
58 Jordanes — Cassiodorius — Ablabius

Dem modernen Betrachter muß natürlich vieles von dem, was


Ablabius berichtete, als ziemlich unglaubwürdig erscheinen. Doch die Art
der Unglaubwürdigkeit ist bei Ablabius eine ganz andere als bei Cassio-
dor. Letzterer fügte — wie unschwer zu erkennen ist — Unzusammen-
gehöriges zu einer gotischen Geschichte zusammen. Er benutzte gewiß
bona fide die Ähnlichkeit der Namen Gothi und Geti, und so konnte
er die Gotengeschidite durch die Geschichte der Geten auffüllen. Er folgte
dem alten griechischen Topos, wonach sich die Bevölkerung des euro-
päischen Nordens in zwei Gruppen, die Kelten und die Skythen, teilte80
und wonach die im Nordosten Europas erstmals auftretenden Goten von
griechischen Historikern konsequent als Skythen bezeichnet wurden. Sein
„Trick" war es, die Gleichung Goten = Skythen umzukehren und so
die ganze Skythengeschichte der Gotengeschichte zu inkorporieren.
Ablabius füllte hingegen seine Gotengeschidite mit allerhand sagen-
haft anmutendem Überlieferungsgut auf, das gewiß nicht aus dem Vor-
stellungsbereich der Griechen oder Römer stammt. Die Völker- und
Stammesnamen, die er für den Norden und den europäischen Osten
nannte, waren vorher im griechisch-römischen Kulturgebiet größtenteils
unbekannt. Die sagenhaften Berichte von der Herkunft der Gepiden
(Jordanes Getica XVII 95) und von der Entstehung der Hunnen (Jor-
danes Getica X X I V 121) sind mit germanischen Worten verbunden, von
denen mindestens eines, Haliurunnae, etymologisch durchsichtig ist81.
Ferner ist auffallend, daß Ablabius die Teilung der Goten in Ostro-
und Wesegoten nicht betont. Erst Cassiodor beginnt diese beiden Namen
fleißig zu verwenden, die schon vor ihm gelegentlich in der Literatur
benutzt wurden; Ostrogothi anscheinend erstmals von Claudianus schon
vor dem Jahr 408 (Claudianus In Eutropium II 153), Wesegothi in der
Form Vesus von Apollinaris Sidonius neben Ostrogothus und einigen
anderen Namen (Apoll. Sidon. Carm. V 476).
Auch einige sprachliche Eigentümlichkeiten lassen sich jetzt schon dem
Ablabius unschwer zuweisen. An erster Stelle betrifft das das Wort
Scandza selbst. Kein Zweifel, daß Scandza aus des Ptolemaios' 2xav8ia
(Ptolemaios II 11,34 f.) paläographisch verunstaltet ist (vgl. dazu unten
S. 83). In Jordanes Getica III 24 ist in mehreren Handschriften noch das

80
W. Mohr, Die ethnographische Vierteilung d. bewohnten Erde b. d. Griechen,
in: Petermanns Mitteilungen 87 (1941) 250—263.
81
S. Feist, Vergl. Wörterbuch d. gotischen Sprache ( s 1939) 240 zu Haliurunnas.
Auf Etymologie des Wortes gepanta ging Feist nicht ein. — F. Wrede, Über
d. Sprache d. Ostgoten i. Italien (1891) erwähnte beide Worte nicht. — Auch
K. Müllenhoff, in: Th.Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882)
160 hatte zu gepanta keine etymologische Erklärung.
Probleme der historischen Quellen 59

ursprünglichere Scandia erhalten82. Dieselbe paläographische Verunstal-


tung liegt beim Namen Burgundzones vor. Auch hier ist der Spielraum
der Varianten annähernd derselbe, doch der Überlieferungsstand durch-
weg schlechter. Das korrekte Burgundiones ist Jordanes Getica X X X I 1 6 1
und X X X V I 1 9 1 belegt. Das verschriebene Burgundzones liegt Jordanes
Getica XVII 97, XLIV 231 und LV 280 vor; Nebenformen sind XLVII
244 (Burgunzones) und LVIII 298 (Burgundzoni). Das Vertauschen von
-di- mit -dz- liegt offenbar auch bei dem Namen der Augandzi (Jordanes
Getica III 24) und beim Namen des Mundzucus (Jordanes Getica
X X X V 180 und X L I X 257) vor*1.
Die Zuweisung der Nachricht von der Auswanderung der Goten
unter Berig aus Scandza an den Historiker Ablabius ist ein nicht ganz
unwichtiges Ergebnis. Wie steht es aber mit dem Wahrheitsgehalt des
Scandza-Beridites? Es ist nötig, den Anteil des Ablabius an der Goten-
geschichte des Jordanes quellenkritisch zu durchleuchten, um Aufsdiluß
darüber zu gewinnen. Der Erzählfaden des Ablabius läßt sich über die
gotische Urgeschichte hinaus noch weiter verfolgen. Das ist nicht ohne
Wert für ein tieferes Verständnis der Person des Ablabius und seines
Werkes, und das wiederum liefert Möglichkeiten besseren Verstehens
des Berichtes von der Auswanderung der Goten aus dem fernen, skandi-
navischen Norden.

3. Ablabius und der Autor der Westgotengeschichte


Die auf Jordanes Getica X X V I 138 folgenden Abschnitte sind hin-
sichtlich ihrer Verfasserschaft auf den ersten Blick nicht recht durchschau-
bar. Erst wenn man weiterliest, schaffen Jordanes Getica X X X I I I 174—
175 Klarheit. Nachdem die Regierung und der Tod des Westgotenkönigs
Vallia behandelt worden ist (Jordanes Getica X X X I I I 173), folgt nun

82 Doch geben die Handschriften mancherlei Abweichungen, so Jordanes Getica


III 16 die Handschriften Y u. Z Scandzia, III 17 die Handschr. Y Scandzia,
III 19 die Handschr. Y u. Z wiederum Scandzia, IV 25 die Handschr. Y aber-
mals Scandzia, X V I I 9 4 und X X I V 121 die Handschr. Y ebenso Scandzia.
Daneben kommen andere Varianten vor, meist späte Verschreibungen wie
Scanzia, Scanza, Scandiza, Scantia, Scanda und Scane.
83 Daß es sich hier wirklich um Verschreibungen handelt, war zwar K. Zeuss
noch nicht, doch Th. Mommsen bereits ebenso vollkommen klar wie K. Mül-
lenhoff. — Vgl. dazu: K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nachbarstämme (1837)
157 Anm. 2; Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) 152,
wo K. Müllenhoff in dem von ihm bearbeiteten Index personarum sagt:
„Mundzucus barbare scriptum est, ut Scandza pro Scandia, Burgundzones
pro Burgundionibus..." — An „Mouillierung des d und t vor j und die
Assibilisierung zu z" in ostgermanischen Dialekten als Erklärung der Form
Scandza dachte O. Bremer, Ethnographie d. germ. Stämme (1899) 87.
60 Ablabius und der Autor der Westgotengeschichte

der Bericht vom Amaler Beremud und dessen Sohn Viterich, die sich der
Unterdrückung der Hunnen entzogen haben sollen und am Hofe des
Westgotenkönigs Aufnahme fanden. Danach wird die Erzählung der
Gotenschichte wieder aufgenommen, nochmals vom Tod des Vallia be-
richtet und dann die Regierung des Theodorid geschildert (Jordanes
Getica X X X I V 176). Noch die auf den Tod des Vallia bezogene Zeile
sibique adversa post longum valitudine superveniente rebus humanis
excessit stammt nicht von Cassiodor selbst, sondern von einem anderen.
Unmittelbar danach folgt dann eine Einfügung des Cassiodor, die nicht
nur die Emigration des Beremud und des Viterich behandelt, sondern auch
zu erklären versucht, warum bei den Westgoten von der Abstammung
des Beremud vom Geschlecht der Amaler nichts bekannt sein konnte 1 .
Der Hinweis auf die Amalergenealogie (Jordanes Getica X I V 79) zeigt
deutlich seine Hand. In der Genealogie ist ja schon angegeben, daß des
Viterich Sohn Eutharich einstmals mit Amalasuintha, der Tochter des
Theoderich, vermählt werden würde.
Es sieht fast so aus, als sei bei Ost- wie Westgoten nichts von der
Herkunft des Beremud aus dem Amalerstamm bekannt gewesen, und
Cassiodor habe vor der nicht leichten Aufgabe gestanden, verständlich zu
machen, warum Theoderich den Eutharich aus dem fernen Spanien kom-
men ließ, um ihn mit seiner Tochter zu vermählen 2 . Dasselbe Thema wird
dann Jordanes Getica XLVIII 251 noch ein letztes Mal aufgenommen,
um den Eutharich als Amaler vorzustellen. Auch diese Stelle ist unzweifel-
haft dem Cassiodor zuzuweisen.
An der Autorenschaft des Cassiodor von Jordanes Getica X X X I I I
174—175 kann also schon wegen des Wortlauts der Geschichte des Bere-
mud nicht gezweifelt werden. Die nachfolgenden Zeilen (Jordanes Getica
X X X I V 176) nehmen den Bericht über die westgotische Geschichte wie-
der auf und setzen ihn fort. Sie zeigen eine für Cassiodor sehr bezeich-
nende Darstellungsweise, die es verdient, etwas näher betrachtet zu wer-
den. Jordanes Getica X X X I I I 173 endet mit dem Satz: sibique [nämlich
Vallia] adversa post longum valitudine superveniente rebus humanis
excessit, und es folgt dann die Einschiebung über Beremud und Viterich.
Danach fuhr Cassiodor nicht einfach in der unterbrochenen Erzählung
fort, sah sich vielmehr veranlaßt, um den Anschluß an das Vorher-
gehende herzustellen, den Inhalt der Erzählung, die er unterbrochen hatte,
zusammengefaßt zu wiederholen. Daher schrieb er zunächst: quid pluri-
1
Vgl. auch unten S. 483 f. Anhang 2 Absdin. 21.
- Vgl. dazu C. Schirren, De ratione (1858) 72 ff. — A. von Gutschmid, Jahrb.
f. class. Philologie 8 (1862) 134 ff. korrigierte Sdiirrens Folgerungen in ver-
schiedener Hinsicht, hob aber gerade die fingierte Abstammung des Beremud
hervor.
Probleme der historischen Quellen 61

mum? defuncto Vallia ut superius quod diximus repetamus, qui parum


fuerat felix Gallis (Jordanes Getica X X X I V 176) und konnte danach erst
fortfahren: prosperrimus feliciorque Theodoridus successit in regno, homo
summa moderatione compositus, animi corporisque utilitate habendus.
Der ursprüngliche Wortlaut des Autors dieser Zeilen dürfte hier etwa
folgendermaßen gelautet haben: sibique adversa post longum valitudine
superveniente rebus humanis excessit, prosperrimus feliciorque Theodo-
ridus successit in regno, homo summa moderatione compositus, animi
corporisque utilitate habendus.
Ut superius quod diximus repetamus, das ist eine der zahlreichen
Varianten der Formel, welche dem Cassiodor dazu dienten, eine von ihm
selbst unterbrochene Erzählung eines a n d e r e n wieder aufzunehmen
und fortzusetzen 3 . Für das von ihm angewandte Verfahren lassen sich aus
der gotischen „Urgeschichte" zahlreiche bezeichnende Beispiele nachwei-
sen. Sie stehen stets in Zusammenhängen, deren Zuweisung an Cassiodor
aus inneren Gründen sidier ist, und meist dienen sie dazu, die Erzählung
des Ablabius, die sich ebenfalls aus anderen Gründen als solche erkennen
läßt, fortzusetzen. Folgende ausgewählte Beispiele mögen als Nachweis
genügen: Ad Scandziae insulae situm, quod superius reliquimus, redeamus,
schrieb Cassiodor nach seinem Exkurs über Britannien, um den Bericht
des Ablabius fortzusetzen (Jordanes Getica III 16). Mit den Worten nunc
autem ad id, unde digressum fecimus, redeamus kehrte er nach weit-
schweifigen Exkursen über die Geten- und Skythengeschichte und den
Amalerstammbaum zum Text des Alabius zurück (Jordanes Getica
X I V 82). Meminisse debes me in initio ... dixisse sagte er (Jordanes
Getica XVII 94) und kam damit wieder zum Bericht des Ablabius über
Scandza. Auf ähnliche Weise führte er auf Filimer zurück (Jordanes
Getica X X I V 121) und sagte superius a nobis dictum est. Ebenso kehrte
er nach Exkursen über die Hunnen mit den Worten ut superius retulimus
zur Geschichte des Hermanarich zurück (Jordanes Getica X X I V 129).
Jordanes selbst, dem ja ebenfalls eine Anzahl von Einschiebungen in
den Text des Cassiodor zugeschrieben werden müssen (vgl. oben S. 35 ff.
und unten S. 475 ff.), verwandte solche Worte nie. Die Autorschaft des
Cassiodor ist also ganz sicher.
3
Schon R. Köpke, Die Anfänge d. Königthums b. d. Gothen (1859) 74 ff. er-
kannte dies Darstellungsmittel, schrieb es jedoch irrtümlich dem Jordanes zu.
„Es sind die Uebergänge und Redensarten, durch die er [Jordanes] die ver-
schiedenen Bruchstücke Cassiodors dürftig an einander zu heften sucht. Mit
fast regelmäßig wiederkehrenden Wendungen beginnt er seine Einschaltungen,
und lenkt dann auf den Weg Cassiodors wieder zurück. Durdi die Ausschei-
dung der so bezeichneten Stücke ergiebt sich eine Anzahl von Grundbestand-
theilen, welche an einander gerückt, in manchen Fällen selbst die von Jordanis
zerrissene Wortconstruction wieder erkennen lassen."
62 Ablabius und der Autor der Westgotengeschidite

Audi in den späteren Teilen seines Werks verfuhr Cassiodor in


gleicher Weise, und dieses kennzeichnende Verfahren hilft, die auf Jor-
danes Getica XXVI138 folgenden Abschnitte zu analysieren und ver-
schiedenen Autoren zuzuweisen. Jordanes Getica XXX 155 f. erzählen
vom Zug des Alaridi durch Italien bis nach Bruttium. Hier unterbrach
Cassiodor den Bericht und schob eine kurze, im Prinzip ganz unnötige
Abschweifung über die Landsdiaft ein (Jordanes Getica XXX 156)4. An
ihr war er interessiert, da seine Familie dort begütert war. Dieser Exkurs
zeigt ganz besonders deutlich die Hand des Cassiodor. Danach resümierte
er zunächst ausführlidi den Schlußteil seiner Erzählung über Alarich mit
den Worten: ibi ergo veniens Alaricus rex Vesegotharum cum opibus
totius Italiae, quas in praeda diripuerat, et exinde, ut dictum est, per
Siciliam ad Africam quietam patriam transire disponens. Und erst dann
fuhr er in seiner Erzählung fort. Jordanes Getica XXXIII167 berichte-
ten von der Wanderung der Wandalen nach Nordafrika unter Geiserich.
Cassiodor unterbrach die Erzählung, schob eine kurze Charakteristik des
Wandalenkönigs ein (Jordanes Getica XXXIII168) 5 und setzte mit
einer knappen Zusammenfassung die unterbrochene Erzählung fort: tali
Africa rem publicam praecibus Bonifatii, ut diximus, invitatus intravit.
Doch bald unterbrach Cassiodor die Erzählung erneut, flocht eine Genea-
logie der Wandalenkönige von Geiserich bis Gelimer ein (Jordanes
Getica XXXIII 170), schloß daran einen ausführlichen Exkurs über die
Bedeutung Justinians für die Befriedung Nordafrikas an (Jordanes
Getica XXXIII171—172)', bis er sich besann und mit den Worten sed
nobis quid opus est, unde res non exeget, dicere? ad propositum redeamus
zur Geschichte des Vallia zurückkehrte. Nach einer Abschweifung über
die Regierungsverhältnisse in Rom und Konstantinopel (Jordanes Getica
XLV 239)7 kam Cassiodor mit den Worten tantas varietates mutationes-
que Eurichus cernens, ut diximus superius, Arevernam occupans civitatem
auf die Geschichte des Eurich zurück (Jordanes Getica XLV 240). Ganz
ähnlich verfuhr er nadi einem weiteren Exkurs, der die Absetzung des
Augustulus betrifft (Jordanes Getica XLVI 242—243)", wenn er zur Re-
gierung des Eurich zurückkehrte und sagte: Interim tarnen ad eum ordi-
nem,unde digressi sumus, redeamus (Jordanes Getica XLVII244). Schließ-
lich beendete er die Westgotengeschichte und kam mit folgenden Worten
zur Ostgotengeschichte: . . . necesse nobis est iterum ad antiquas eorum
Scythicas sedes redire (Jordanes Getica XLVIII 246).
4
Vgl. auch unten S. 483 Anhang 2 Abschn. 18.
5
Vgl. auch unten S. 483 Anhang 2 Abschn. 19.
6
Vgl. audi unten S. 483 Anhang 2 Absdin. 20.
7
Vgl. auch unten S. 486 Anhang 2 Absdin. 26.
8
Vgl. audi unten S. 486 f. Anhang 2 Absdin. 28.
Probleme der historischen Quellen 63

Alle diese Beispiele bestätigen, daß Jordanes Getica X X X I I I 174—


175 eine Einfügung des Cassiodor in eine Erzählung sind, die er als
Quelle für seine Gotengeschichte bereits vorgefunden haben muß und die
er durch zahlreiche ähnliche Einschiebungen seinen Zwecken dienlich
machte. Er behandelte diese Quellen genauso wie den Text des Ablabius
in der gotischen „Urgeschichte". Um welche Art von Schrift kann es sich
hier gehandelt haben?
Die Quelle, die sich zunächst von Jordanes Getica X X V I 146 an
bis XLVI 245 verfolgen läßt, behandelt fast ausschließlich die Geschichte
der Westgoten. Sie ist in sich — sieht man von den Einschüben und Ex-
kursen des Cassiodor ab — ziemlich geschlossen. Möglicherweise reicht
sie bis Jordanes Getica X X V I I I 142 und darüber hinaus zurück, wo vom
Westgotenkönig Athanarich berichtet wird.
Der ganze, recht umfangreiche Abschnitt, der die Geschidite der
Westgoten enthält, ist überall vom Standpunkt der Westgoten aus be-
trachtet. Audi das ist ein gewichtiges Argument gegen die Autorenschaft
des Cassiodor, der in seiner politischen Gesinnung natürlich dem Hof
des Theoderidi in Ravenna zugeneigt war und dessen Bestreben es war,
dessen Absichten zu unterstützen.
Ganz besonders deutlich ist die Orientierung zu den Westgoten hin
bei der Darstellung eines der wichtigsten Ereignisse der gotischen Ge-
schichte, der Schlacht auf den Katalaunischen Gefilden (451 n. Chr.).
Ausführlich wird hier zunächst geschildert, wie Geiserich, der Wandalen-
könig, auf Grund einer alten Feindschaft mit den Westgoten die Kriegslust
des Attila schürte, metuens, ne Theodoridus Vesegotharum rex filiae suae
ulcisceretur iniuriam (Jordanes Getica X X X V I 1 8 4 ) , und den Kaiser
Valentinian III. (425—455) aufstachelte, serens Gothomm Romano-
rumque discordia (Jordanes Getica X X X V I 1 8 5 ) . Danach werden die
Verhandlungen zwischen den Westgoten und dem Kaiser in Einzelheiten
dargestellt (Jordanes Getica X X X V I 187—189). Es folgt der Abzug der
Westgoten in den Krieg und ihre Vereinigung mit dem Aufgebot des
Aerius auf dem vorbestimmten Schlachtfeld, das ausführlich geschildert
wird (Jordanes Getica XXXVI190—193). Daran schließt eine Episode
an, die dem Cassiodor zugeschrieben werden muß (Jordanes Getica
X X X V I I 194—196)» und danach folgt die Schilderung des Schlacht-
geschehens, wobei die Aufstellung der Westgoten und Römer in Einzel-
heiten, die des Attila und seiner Hilfstruppen nur kursorisch dargestellt
wird (Jordanes Getica X X X V I I I 1 9 7 ) . Nicht einmal die Verbündeten
der Hunnen werden genannt. Nur eine Einsdiiebung des Cassiodor nennt
als Mitkämpfer die Brüder Valamir, Thiudimir und Vidimir mit ihren
9
Vgl. auch unten S. 485 Anhang 2 Abschn. 24.
64 Ablabius und der Autor der Westgotengeschidite

Ostgoten und die Gepiden unter ihrem König Ardarich (Jordanes Getica
XXXVIII 199—201)10. Diese Angaben über die Ostgoten und ihren
Anteil am Kampf sind aber ganz summarisch und erwähnen keine beson-
deren Leistungen. Hingegen werden die Maßnahmen der Westgoten und
Römer detailliert dargestellt (Jordanes Getica XXXVIII 201 ff.). Eine
fingierte Rede des Attila wird eingeschoben (Jordanes Getica XXXIX
202—206); dann wird das Kampfgetümmel wortreich gesdiildert, in dem
der Westgotenkönig Theodorid zu Tode kommt (Jordanes Getica XL
207—209). Eine kurze Einfügung, die wieder die Ostgoten betrifft, geht
auf Jordanes zurück11. Es folgen weitere Einzelheiten aus dem Kampf-
gesdiehen. Die Westgoten hätten fast den Attila getötet, wenn er nicht
geflohen wäre (Jordanes Getica XL 210). Näditliche Abenteuer des
Thorismud und des Aetius folgen (Jordanes Getica XL 211—212). Dann
wird berichtet, daß die Hunnen aus ihrer Verschanzung keinen Ausfall
wagen, und Römer und Westgoten daraufhin beschließen, Attila zu be-
lagern (Jordanes Getica XL 212—213). Nunmehr wird die Leiche des
Theodorid gefunden, und die Westgoten veranstalten eine Leichenfeier
(Jordanes Getica XLI214—215). Danadi rät Aetius, weil er angeblich
den Machtzuwachs der Goten durch einen totalen Sieg über Attila fürch-
tet, dem unerfahrenen Thorismud, mit seinen Westgoten nach Hause zu
gehen (Jordanes Getica XLI 216—217), und auch Attila zieht ab (Jor-
danes Getica XLI 219). Die Sdilacht ist beendet, ohne daß von den ost-
gotischen Verbündeten der Hunnen in irgendeinem wesentlichen Zusam-
menhang die Rede ist, ausgenommen von den Gepiden, die in einem
besonderen Treffen auf die Franken — Verbündete des Aetius und der
Westgoten — gestoßen waren und wohl deswegen erwähnt werden (Jor-
danes Getica XLI 217).
Offensichtlich verfügte Cassiodor selbst über k e i n e r l e i detail-
lierte Kenntnisse vom Schlachtgeschehen, die es einzuschieben lohnte, aus-
genommen die Tatsache, daß Theoderichs Vater mit seinen Brüdern als
Vasall der Hunnen teilgenommmen habe. Diese Tatsache, an der zu
zweifeln kein Anlaß besteht, mußte Cassiodor natürlich herausheben.
Einzelheiten vom Verlauf des Kampfes vermodite er aber bei den Ost-
goten offenbar nicht mehr in Erfahrung zu bringen; immerhin lag die
Sdilacht, als er seine Gotengeschichte schrieb, bereits annähernd achtzig
Jahre zurück und alle gotischen Kriegsteilnehmer waren längst tot.
Der Autor der Westgotengeschichte berief sich hingegen auf Erzäh-
lungen von westgotisdien Veteranen. Si senioribus credere fas est, fragte
er sich, als er von einem durch das Blut der Gefallenen angeschwollenen

10 Vgl. auch unten S. 485 f. Anhang 2 Absdin. 25.


11 Vgl. auch unten S. 476 Anhang 1 Abschn. 6 — Vgl. auch oben S. 37.
Probleme der historischen Quellen 65

Badi berichtete (Jordanes Getica XL 208). Das könnte allerdings auch


als allgemeine, nichtssagende Redewendung aufgefaßt werden. Die vom
Blut der Gefallenen angeschwollenen Bäche oder Flüsse des Schlachtfeldes;
das ist ein Sagen-Topos, der häufig ist. Der Inhalt des Berichts entwertet
den Hinweis auf die Erzählung der Alten nicht unbeträchtlich.
Mit der Regierung des zweiten Alarich (485—507) schließt die eigent-
liche Westgotengeschichte ab. N u r ein Satz behandelt diese Zeit noch:
buie successit proprius filius Alarichus, qui nonus in numero ab ilio Alarico
magno regnum adeptus est Vesegotharum (Jordanes Getica XLVII 245).
Dieser Satz scheint noch vom Autor der Westgotengeschichte zu stammen.
Der nachfolgende Satz nam pari tenore, ut de Augustis superius diximus,
et in Alaricis provenisse cognoscitur, et in eos saepe regna deficiunt, a
quorum nominibus indooarunt zeigt schon die Hand des Cassiodor, ent-
hält die für dessen Schreibweise bezeichnende Formel ut superius diximus
und verweist auf einen Abschnitt (Jordanes Getica XLVI 242—243), den
er diesmal selbst in den Text der Westgotengeschichte eingeschoben hatte.
Mit Alarich II. schließt also das vorliegende Werk über die Geschichte
der Westgoten ab. Damit endet auch die s e l b s t ä n d i g e westgotische
Geschichte; das scheint Cassiodor ausgedrückt haben zu wollen. Sei es, daß
er nach dem Verlust des südwestgallischen Kerngebiets der Westgoten
das Reich selbst für verloren sah; sei es, daß er mit dem Regierungsantritt
des Amalerabkömmlings Amalarich (507 n. Chr.), der im Auftrag seines
Großvaters Theoderich vom Ostgoten Thiudis erzogen wurde (Jordanes
Getica LVIII 302), eine neue Epoche beginnen lassen wollte.
Es ist bezeichnend für den nun folgenden Abschnitt der Gotenge-
schichte, der nun fast ausschließlich die Ostgoten betrifft, aus der Feder des
Cassiodor stammt und von Jordanes fortgesetzt wurde, daß sich hier
keinerlei Unterbrechungen des Textes mit anschließendem Resumé der
der Unterbrechung unmittelbar vorangehenden Textstellen finden. Offen-
bar fühlte Cassiodor subjektiv nirgends — auch dort nicht, wo er die ei-
gene Erzählung selbst unterbrach und abschweifte — eine wirkliche
Unterbrechung. Kennzeichnend ist sein andersartiges Verhalten dem eige-
nen, von ihm selbst unterbrochenen Erzählfaden gegenüber in Jordanes
Getica XLVIII 252. Vorher hatte Cassiodor über den Kampf des
Vinithar gegen die Hunnen, den Krieg von dessen Nachfolger Thoris-
mund gegen die Gepiden und das Interregnum von 40 Jahren bis zum
Heranwachsen des Valamir berichtet und war danach nochmals auf des
Thorismund Sohn Beremud zurückgekommen, der sich der Herrschaft
der Hunnen durch Zug nach dem Westen entzogen hatte. Er schweifte
weiter ab, kam auf Viterich und dessen Sohn Eutharich zu sprechen, dem
Theoderich seine Tochter zur Frau gab, und erwähnte Athalarich und

5 Hadimann, Goten und Skandinavien


66 Ablabius und der Autor der Westgotengesdiidite

Mathesuintha als Kinder dieser Ehe (die nun folgende Einfügung des
Jordanes kann hier außer Betracht bleiben). Nach dieser Abschweifung
kehrte Cassiodor direkt zum Thema, der Nachkommenschaft des Van-
dalar, zurück, ohne Vorhergehendes zu wiederholen. Er sagte einfadi:
sed nobis ut ordo, quem coepimus, decurrat, ad Vandalarii sobulem, quae
trino flore pululabat, redeundum est.
Selbst dort, wo Cassiodor seinerseits ein Exzerpt aus einem frem-
den Geschichtswerk einfügte, entsteht in seiner Erzählung kein Bruch,
und er empfand daher wohl auch nicht die Notwendigkeit, vorher Er-
zähltes zusammenzufassen. In Jordanes Getica XLVIII 253 beriditete
Cassiodor von Attila; seine Worte enden mit einem Hinweis auf dessen
Tod. Nun fügte er „nahtlos" ein Exzerpt aus Priscus an, worin Einzel-
heiten des Todes geschildert werden (Jordanes Getica XLIX 254—255),
schloß einen Satz über die Glaubwürdigkeit des Priscus an und fuhr
dann unverzüglich fort, die Bedeutung des Attila zu schildern (Jordanes
Getica X L I X 255—256).
Auch nach seinem Exkurs über die Wirren und Kämpfe nach dem
Tode des Attila (Jordanes Getica L 259—266) kehrte Cassiodor ohne
wesentlichen Verzug zu den Goten zurück (Jordanes Getica LH 267).
Ebenso verfuhr er nach dem Beschluß der Brüder Thiudimir und Vidi-
mir, Pannonien zu verlassen (Jordanes Getica LVI 283). Nach dem Ex-
kurs über das Schicksal des Vidimer und seines Sohnes in Italien (Jor-
danes Getica LIV 284) nahm Cassiodor ohne Umstände die Erzählung,
die Geschichte des Thiudimir, wieder auf. So gibt es bis zum Ende seines
Berichtes in diesem keinen Bruch, keine umständliche Wiederholung,
wenn auch mancherlei Abschweifungen. Das ist für seine Art, seinen
eigenen Text zu gestalten, sehr bezeichnend.
Cassiodor erzählte seine Gotengeschichte in der Ich- oder in der
Wir-Form. Diese Erzählweise läßt sich vom Anfang bis in die letzten
Kapitel verfolgen. Sie ist nur innerhalb solcher Textstellen n i c h t
nachzuweisen, die Cassiodor aus der ihm vorliegenden Literatur aus-
schrieb. In Jordanes Getica I 9 zitierte Cassiodor des Ablabius Nachricht
von der Auswanderung der Goten aus Skandinavien und sagte dann:
quomodo vero aut qualiter, in subsequentibus, ... explanavimus. Alsbald
fuhr er fort: nunc autem de Brittania insula, ..., ut potuero, paucis
absolvam (Jordanes Getica II 10) und sprach von den Nadirichten über
die Insel, quem ut a Grecis Latinisque autoribus accepimus, persequimur
(Jordanes Getica II 11). Nach der Betrachtung Britanniens wandte er
sich mit den Worten ad Scandziae insulae situm, quod superius reliqui-
mus, redeamus (Jordanes Getica III 16) wieder Skandinavien zu. Von
der Insel sagte er: in Scandza vero insula, unde nobis sermo est (Jorda-
Probleme der historischen Quellen 67

nes Getica III 19). Es folgen umfangreiche Zitate nadi Ablabius, worin
sich Ich- und Wir-Form n i c h t finden. Doch dann kam Cassiodor
auf Skythien zu sprechen und sagte: cuius soli terminos, antequam aliud
ad medium deducamus, necesse est, ut iacent, edicere (Jordanes Getica
IV 29). Er sprach von den Hunuguri und teilte mit: quorum mansione
prima in Scythiae ... legimus habitasse (Jordanes Getica V 37—38). Es
folgt die Stelle von der Gotenherkunft aus Britannien, doch Cassiodor
verwarf sie und meinte: nos enim potius lectioni credimus quam }abulis
anilibus consentimus (Jordanes Getica V 38).
Viele gleichartige Sätze ließen sich aufzählen 1 '. Sie finden sich nur
dort, wo Cassiodor berichtet oder wo er ein Zitat beginnt oder ab-
schließt, niemals aber innerhalb des Zitats selbst, und so fehlen sie auch
völlig innerhalb der Textstellen, die dem Ablabius zugeschrieben werden
müssen. Sie fehlen e b e n s o in der Westgotengeschichte, sieht man von
den Stellen ab, die Cassiodor einfügte oder die seinen Einfügungen un-
mittelbar vorangehen oder folgen.
Unwillkürlich fragt man sidi hier, warum denn Cassiodor überhaupt
an eine „Urgeschichte" der Goten eine Geschichte der Westgoten an-
schloß und daran erst die Ostgotengeschidite anfügte, wo er doch offen-
sichtlich vornehmlich vom Lob der Amaler und der Bedeutung der Ost-
goten schreiben wollte. Zwei unterschiedliche Gründe könnte man dafür
aufweisen, einen formalen und einen materialen.
Nach dem Tode Alarichs II., der des Theoderich Schwiegersohn war,
wurde dieser Vormund seines Enkels Amalarich und sandte den Ost-
goten Thiudis als dessen Erzieher nach Spanien, wo nun nach der Nie-
derlage Alarichs II. gegen Chlodwig der Schwerpunkt der westgotischen
Herrschaft lag. Nunmehr saß nicht nur ein Amalerabkömmling auf dem
westgotischen Thron; das Westgotenreich stand zugleich auch unter star-
kem ostgotischen Einfluß, und die Macht des Ostgotenkönigs war so groß,
daß er die Reste westgotischer Herrschaft in Südfrankreich vor weiteren
fränkischen Angriffen zu schützen vermochte. Nach langer Trennung
schien sich damit in gewissem Umfange eine Vereinigung aller West- und
Ostgoten unter dem Amalergeschlecht anzubahnen. Was lag angesichts

12
Folgende Beispiele mögen genügen: Ut ergo ad nostrum propositum redeamus,
in prima sede..., unde loquimur, ... (Jordanes Getica V 39); unde cum
Gothis ... probanus, quem ... cognoscimus (Jordanes Getica V 44); sed
antequam pugnae ... referamus, ... (Jordanes Getica X X X V I I 194); .. .ad
Theodorici praesentiam, de quo ... die tun sumus (Jordanes Getica XL VI
243); sed nobis, ..., ut ordo quem coepimus, decurrat ad Vandalarii sobulem
... redeundum est (Jordanes Getica XLVIII 252); . . p a u c a de multis dicere
non omittamus (Jordanes Getica X L I X 256); Sauromatae vero quos Sarmatas
dieimus ... (Jordanes Getica L 265).

5*
68 Ablabius und der Autor der Westgotengesdiidite

dieser verheißungsvollen Entwicklung für Cassiodor näher, als die Ge-


schichte aller Goten, der West- u n d der Ostgoten zu schreiben? Das
war vielleicht der materiale Grund.
Unter den dem Cassiodor vorliegenden Geschichtswerken könnte
sich eine Westgotengeschichte befunden haben, die auch die gotisdie „Ur-
geschichte" umfaßte. Begann er sein eigenes Werk unter maßgeblicher
Verwendung dieser „Urgeschichte", dann lag es aus darstellungstechni-
schen Gründen nahe, daran zunächst die Westgotengeschichte und ab-
schließend nach anderen Quellen die Ostgotengesdiidite anzufügen. Das
könnte der formale Grund für sein Vorgehen gewesen sein. Gab es aber
eine Westgotengeschichte, die mit der gotischen „Urgeschichte" begann?
Vorläufig lassen sich lediglich eine von Ablabius verfaßte „Urgeschichte"
der Goten und eine Westgotengesdiidite eines namentlich nicht genann-
ten Autors nachweisen. Wenn es sie gab; wer mag dann der Verfasser
dieser umfassenden Westgotengesdiidite gewesen sein?
Des Ablabius „Urgeschichte" der Goten reicht von der Urzeit bis
mindestens zur Regierung des Hermanaridi einschließlich und umfaßt
keinerlei Beiträge zur Ostgotengesdiidite. Ostrogotha und Hermanaridi
selbst erscheinen darin nicht als Ostgoten und Amaler, sondern als Go-
ten schlechthin (vgl. dazu oben S. 48) und Hermanaridi wird als Nach-
folger des Geberidi hingestellt (Jordanes Getica X X I I I 116) l s . Wäre es
denkbar, daß die Westgotengesdiidite eben denselben Ablabius zum
Autor hatte? Auf diese Frage bzw. auf die Antwort darauf spitzt sich
alles zu.
Gesdiichtswerke sind in der Spätantike niemals aus rein wissen-
schaftlichem Interesse, sondern aus aktuellem Anlaß und stets mit einem
klar umrissenen Ziel — einem Nahziel — geschrieben worden. Das gilt
in besonderem Maße für solche Werke spätantiker Geschichtsschreibung,
die sich mit der Geschichte der auf dem Boden des Römischen Reiches
seßhaft gewordenen Germanen beschäftigen. Ein Gesdiiditswerk, das die
„Urgeschichte" der Goten behandelt, kann sich nicht allein auf diese be-
schränkt haben, m u ß also eine Fortsetzung gehabt haben, entweder die
Geschichte a l l e r Goten oder eine Geschichte der West- o d e r Ost-
goten. Die „Urgeschichte" könnte dafür nur als Einleitung gedient haben.
Aus dem Text des Ablabius ergeben sich, soweit er sich im Werke des
Jordanes bislang verfolgen ließ — er verliert sich vorläufig etwa mit
Jordanes Getica X X I V 1 3 0 " —, keine wirklich eindeutigen Hinweise
darauf, was der Hauptteil seiner Arbeit enthalten haben kann.

13 Vgl. unten S. 494 Anhang 3 Abschn. 13.


14 Vgl. unten S. 494 f. Anhang 3 Abschn. 15.
Probleme der historischen Quellen 69

Einen gewissen Ansatz zur Klärung geben Jordanes Getica XLVIII


246 ff. Die hier vorliegende Ostgotengeschichte enthält keine Spuren des
Autors der Westgotengeschichte und keine solchen, die auf Ablabius als
Autor deuten, wohl aber zeigt sie so deutlich die Hand des Cassiodor
— in der Fortsetzung die des Jordanes" —, daß ersterer als Hauptautor
als gesichert gelten kann. Hätte Ablabius eine Ostgotengesdiichte oder
eine West- u n d Ostgotengesdiichte geschrieben, so müßte Cassiodor
zumindest den auf die Ostgoten bezogenen Teil ganz unbeachtet gelas-
sen haben. Dieses Vorgehen hätte allerdings dem sonstigen Verhalten
des Cassiodor, sich nahe an den Wortlaut vorhandener Quellen zu hal-
ten, sehr widersprochen, und es ist deswegen kaum vorstellbar, daß er
eine Ostgotengeschichte vorgefunden, aber nicht benutzt haben sollte.
Auf diesem Wege weiter folgernd, kommt man zum Ergebnis, daß
Ablabius k e i n e Ostgotengesdiichte und auch k e i n e Ost- u n d West-
gotengeschichte geschrieben haben kann. Da er aber eine Geschichte, die bis
in oder kurz vor seine Zeit reichte, geschrieben haben m u ß , kann er
eigentlich nur eine Westgotengeschichte verfaßt haben. Wenn man nun
aber die Westgotengesdiidite eines unbekannten Autors nachweisen kann,
die von Cassiodor benutzt wurde, und wenn man zeigen kann, daß die-
ser Autor an der Ostgotengesdiichte kaum interessiert war, was liegt
dann näher als anzunehmen, daß Ablabius deren Autor war? Oder sollte
man hier zwei verschiedene Autoren postulieren müssen, einen, der die
von Cassiodor benutzte „Urgeschichte" und eine nicht benutzte West-
gotengesdiidite verfaßte, und einen anderen, der nur eine Westgotenge-
sdiidite schrieb, die dann von Cassiodor eifrig ausgeschrieben wurde;
kaum vorstellbar.
Eine Westgotengeschichte des Ablabius, die mit einem Abriß goti-
scher „Urgeschichte" begann und die ihre Fortsetzung im Zug des Alarich
nach Italien und der Westgotenherrsdiaft in Gallien fand, ein soldies
Geschichtswerk könnte es also gegeben haben, und es sieht danach aus,
als habe Cassiodor es zur Hand gehabt und ausgeschrieben.
Tatsächlich läßt sich ein solcher Zusammenhang nicht nur auf in-
direktem Wege wahrscheinlich machen, sondern auch durch eine Anzahl
von direkten Anhaltspunkten redit gut untermauern. Dieser Nachweis
erfordert allerdings noch weitere eingehende Beschäftigung mit dem Text
des Jordanes.
Warum erwähnte Cassiodor den Ablabius in der „Urgeschichte"
mehrfach, und warum sollte er ihn bei der Verwendung seiner West-
gotengeschichte gar nidit genannt haben? Das ist schwer verständlich,
wiewohl man dafür auch Begründungen finden könnte. Cassiodor nannte
15 Vgl. unten S. 478 f. Anhang 1 Absein. 12.
70 Ablabius und der Autor der Westgotengeschichte

den Ablabius hier nicht, aber er erwähnte auch keinen anderen Autor der
von ihm benutzten Westgotengeschichte. Er schwieg überhaupt. Dieses
Schweigen mag irgendeinen Grund gehabt haben, mag aber auch reiner
Zufall sein; es kann jedenfalls nicht direkt gegen Ablabius als Autor
der Westgotengeschichte sprechen.
Aber zitiert denn Cassiodor den Ablabius in der Westgotenge-
schichte wirklich überhaupt nicht? Wie steht es mit der Erwähnung eines
Favius (Fabius) in Jordanes Getica X X I X 151? Handelt es sich bei die-
sem Namen nicht um eine Verschreibung? Stand hier nicht ursprünglich
Ablabius? Eine Analyse von Jordanes Getica X X I X 146—151 löst diese
Frage fast vollständig1'.
Hier zu Anfang der Westgotengeschichte wird berichtet, wie in der
Zeit nach dem Tode des Theodosius Alarich König der Westgoten wurde,
mit Teilen seines Volkes aufbrach, durch Pannonien nach Norditalien
zog und sich der Stadt Ravenna näherte. Die Stadt wird u. a. nach dem
Bericht eines Fabius geschildert. C. Schirren dachte bei diesem an den von
Tacitus zitierten Fabius Rusticus17, glaubte jedoch, daß dieser Name aus
einer anderen Quelle in den Text des Jordanes gelangt sei, vielleicht aus
dem Werk des kurz vorher genannten Dio Cassius. Th. Mommsen
meinte, daß dort, wo Jordanes Fabius las, Cassiodor Ablabius geschrie-
ben haben könne, gab jedoch ohne nähere Begründung an, er selbst halte
von dieser Auffassung nicht sehr viel18.
Es läßt sich nicht direkt nachprüfen, ob — wie Schirren meinte —
Fabius bei Dio Cassius genannt war, denn dessen dem Zitat zugrunde
liegender Text ist verloren. Trotzdem dürfte Fabius Pictor, wie über-
haupt irgend ein anderer von Dio genannter Fabius nicht ernsthaft in
Betracht kommen, denn der Text lautet ja: qui nunc ut Favius alt, quod
aliquando portus fuerit, spatiosissimus ortus ostendit arboribus ple-
nus . . . Es handelt sich also um eine Nachricht, die nicht sehr viel älter sein
kann als die Zeit, in der Cassiodor und Jordanes schrieben, und daher muß
das Verhältnis der Zitate umgekehrt werden; Fabius dürfte den früheren
Zustand des Hafens von Ravenna nach Dio Cassius geschildert haben.
Sicher ist, daß die Geschichte des Alarich ein Teil der Westgoten-
geschichte ist. Typische Spuren von Einschiebungen, die von Cassiodor
stammen könnten, sind hier nicht festzustellen. Auch der Satz, der Fabius

18 Vgl. unten S. 497 f. Anhang 3 Absdin. 20.


17 C. Schirren, De ratione (1858) 23 f.
18 Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) X X X I I I schrieb
Fabius, ..quinam fuerit, nescio. possis corticere ibi, ubi Jordanes legerit
Fabium, Cassiodorium nominavisse Ablabium: sed ei opinatio non multum
tribuo; a. a. O. 97 äußerte er sidi bei der Angabe der Varianten der Lesung
des Namens: fauius HPVLAO, fabius B X Y : rnalim Ablabius.
Probleme der historischen Quellen 71

nennt, macht nicht den Eindruck einer Einschiebung von der Hand des
Cassiodor. Es wäre ja auch schwer vorstellbar, daß der am Königshof in
Ravenna tätige Cassiodor bei der Beschreibung der Topographie der Um-
gebung dieser Stadt sich fremder Zitate bedient haben sollte, es sei denn,
er hätte vor der Aufgabe gestanden, ein fertiges und in sich geschlossenes
Textstück eines anderen Autors — evtl. leicht kürzend und zusammen-
fassend — in sein eigenes Geschichtswerk einzuarbeiten. Deswegen kann
das Textstück, das dem Fabius zuzuschreiben ist, nur vom Autor der
Westgotengeschichte eingearbeitet worden sein, es sei denn, Fabius sei
selbst deren Autor. Da die Schilderung der Topographie von Ravenna
und der Umgebung der Stadt organisch in den Bericht über den Zug des
Alarich eingefügt ist, neigt sich die Entscheidung letztgenannter Möglich-
keit zu.
Fabius als Autor einer Westgotengeschichte wäre genauso unbekannt
wie jeder andere Träger dieses Namens, der für die Nachricht von der
Topographie von Ravenna in Anspruch genommen werden könnte. Kann
man nun den Schluß ziehen, den Mommsen offenbar nicht recht wagte,
Fabius sei nichts anderes als eine Verschreibung des Namens Ablabius?
Die Handschriften haben entweder Fauius oder Fabius, deswegen dachte
auch wohl Mommsen daran, die Verschreibung könne durch Jordanes
erfolgt sein19. Die Annahme einer Verschreibung des Jordanes oder
eines späteren Abschreibers ist recht einleuchtend. Sie reicht als voll-
gültiger Beweis indes nicht ganz. Doch andere Indizien führen weiter.
Ein gewisses Stück weiter helfen beispielsweise Jordanes Getica
X X X I 162. Hier wird in einem Zusammenhang, der sicher zur West-
gotengeschichte gehört, der König Geberich als Feind der Wandalen ge-
nannt. Er wurde schon vorher viermal erwähnt. Zweimal steht sein
Name in einem Zusammenhang (Jordanes Getica X X I I 114—115), den
Mommsen dem Dexippos zugewiesen hat 20 . Er hielt es für wahrschein-
lich, daß bereits Ablabius diese Stelle in seine Gotengeschichte aufgenom-
men habe 21 . Die beiden anderen Zitate des Geberich stehen — im
engen Zusammenhang mit dem Text des Dexippos — unmittelbar davor
(Jordanes Getica X X I 112)22 und direkt danach (Jordanes Getica X X I I I
116)23. In der Tat ist ein Zusammenhang mit dem Werk des Ablabius

19
Th. Mommsen, a. a. O. X X X I I I . — Es könnte sich allerdings auch um einen
Abschreibefehler eines der ersten Kopisten der Handschrift des Jordanes han-
deln; allerdings müßte diese Kopie dann Archetyp aller erhaltenen Hand-
schriften sein.
2
» Vgl. unten S. 493 Anhang 3 Abschn. 12.
21
Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) X X X I I I .
22
Vgl. unten S. 493 Anhang 3 Abschn. 11.
23
Vgl. unten S. 494 Anhang 3 Abschn. 13.
72 Ablabius und der Autor der Westgotengesdiichte

äußerst wahrscheinlich, zumal unmittelbar darauf eine Passage folgt, die


dem Ablabius mit Sicherheit zugeschrieben werden muß und zur „Ur-
geschichte" gehört (Jordanes Getica X X I I I 116—117). In diesem Text-
absdinitt wird Geberich" als Sieger über die Wandalen geschildert.
Es besteht also ein unmittelbarer Bezugszusammenhang zwischen
allen fünf Erwähnungen des Geberich. Die Rückerinnerung an diesen
König, die sich Jordanes Getica X X X I 162 findet, ist aber keine Ein-
schiebung in einen fremden Textzusammenhang, steht vielmehr innerhalb
der Darstellung des Krieges des Atavulf gegen die Wandalen in Spanien,
die dem Verfasser der Westgotengeschichte zugeschrieben werden muß.
Das spricht f ü r e i n e n Autor; Cassiodor hätte seine Darstellung ganz
anders gehalten, hätte er den Bericht über den Krieg des Atavulf mit einem
Hinweis auf den Sieg des Geberich über die Wandalen versehen wollen.
Eine zweite sachliche Übereinstimmung zwischen Ablabius und dem
Autor der Westgotengeschichte liegt in ihrer offensichtlichen Wandalen-
feindlichkeit, der eine gewisse Wandalenfreundlichkeit des H o f s in Ra-
venna gegenübersteht. In den Textstellen, die Cassiodor zuzuschreiben
sind, finden sich keine Passagen, die sich gegen die Wandalen wenden,
sieht man von den wenig günstigen Wesenszügen des Geiserich ab, die er
Jordanes Getica X X X I I I 168 hervorhob 0 . Theoderich sandte seine
Schwester Amalafrida, Mutter des nachmaligen Königs Theodahad, nach
N o r d a f r i k a und gab sie dem Wandalenkönig Thrasamund zur Frau (Jor-
danes Getica L V I I I 299). Allerdings vermählte auch Theodorid eine
seiner Töchter mit Hunnerich, einem Sohn des Geiserich (Jordanes Getica
X X X V I 184). Daraus entstand aber nur neuer Streit, denn die Goten-
prinzessin geriet in den Verdacht, ihrem Schwiegervater nach dem Leben
zu trachten, und wurde verstümmelt nach Gallien zurückgesandt.
Kämpfe gegen die Wandalen erwähnte Ablabius schon kurz nach der
Auswanderung der Goten aus Scandza (Jordanes Getica IV 26) !e . Später
beriditete er von neuen Kämpfen zwischen Goten unter Geberich und
Wandalen unter dem Hasdingen Wisimar (Jordanes Getica X X I I 113 bis
115)". Der Autor der Westgotengeschichte berichtete von verwüstenden
Einfällen des Geiserich nach Spanien (Jordanes Getica X X X 153). Er
erzählte sogar die Geschichte, die Wandalen hätten Pannonien verlassen
aus Angst, die Goten könnten nach dorthin zurückkehren (Jordanes
Getica X X X I 161).

14
Der Name eines Gebericus sonst nur aus Cassiodor Variae IV 20 bekannt,
doch ist der dort Genannte nidit mit dem rex Gebericus identisch.
25
Vgl. unten S. 483 Anhang 2 Absdin. 19.
M
Vgl. unten S. 489 Anhang 3 Abschn. 3.
" Vgl. unten S. 493 f. Anhang 3 Absdin. 12.
Probleme der historischen Quellen 73

Eine dritte Übereinstimmung in der Darstellungsweise des Ablabius


mit der des Autors der Westgotengeschidite besteht darin, daß beide bei
der Aufzählung von geographischen und ethnographischen Verhältnissen
der ferneren Vergangenheit auch auf die Zustände ihrer Zeit hinweisen,
um zu betonen, daß sidi nichts geändert habe, oder um festzustellen, welche
Wandlungen inzwischen eingetreten seien. Bei der Erzählung von der
Auswanderung der Goten aus Scandza betonte Ablabius, die Goten
hätten d a m a l s dem Land den Namen Gothiscandza gegeben und
so heiße es h e u t e noch (Jordanes Getica IV 25)28. Ablabius er-
zählte, daß dort noch h e u t e Stimmen von Herden zu hören und An-
zeichen von der Anwesenheit von Menschen feststellbar seien, wo e i n s t
beim Zug nach Oium eine Brücke unter den Goten zusammenbrach
(Jordanes Getica IV 27)". Wo e i n s t die Gepiden wohnten, n u n c
... gens Vividaria incolit (Jordanes Getica X V I I 96)30. Der Autor
der Westgotengeschichte beschrieb den Hafen von Ravenna nach Dio
Cassius und sagt dann qui nunc , quod aliquando portus fue-
rit, spatiosissimus ortus ostendit (Jordanes Getica X X I X 151)31.
Einige ganz ähnliche Passagen finden sich auch zwischen den Text-
abschnitten, die zur gotischen „Urgeschichte" gehören, und in solchen, die
zwischen dieser und der Westgotengeschichte liegen. In Jordanes Getica
X V I I I 103 heißt es in einem Textzusammenhang, der wohl großenteils
auf Ammianus Marcellinus zurückgeht32, nachdem vom Tod des Decius
die Rede war: qui locus hodieque Decii ara dicitur, eo quod ibi
ante pugnam mirabiliter idolis immolasset33. Nicht unähnlich ist die
Ausdrucksweise in Jordanes Getica X X I 112, wo es quorum et numerus
et militia usque ad praesens in republica nominatur, id est foederati
heißt. Auch dieser Abschnitt zeigt wieder Spuren des Ammianus Marcelli-
nus34. Alle diese Stellen sprechen dafür, daß Ablabius das Werk dieses
Geschichtsschreibers gekannt und für seine Gotengeschichte verwandt hat.
So ist es denn auch zu verstehen, daß Jordanes Getica X X V I I 134—138
— mindestens teilweise eindeutig ein Auszug aus dem Werk des Ammianus
Marcellinus 35 — in einem Zusamenhang stehen, der auf Ablabius und
nicht auf Cassiodor weist.

28
Vgl. unten S. 489 Anhang 3 Abschn. 3.
29
Vgl. unten S. 489 Anhang 3 Abschn. 3.
30
Vgl. unten S. 490 f. Anhang 3 Abschn. 7.
31
Vgl. unten S. 497 f. Anhang 3 Abschn. 20.
32
Vgl. Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) XXXIII.
33
Vgl. unten S. 491 f. Anhang 3 Abschn. 8.
31
Vgl. Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) XXXIII.
» Vgl. Th. Mommsen, a. a. O. XXXIII. 93 f. — Vgl. auch unten S. 495 f. An-
hang 3 Abschn. 17.
74 Ablabius und der Autor der Westgotengeschichte

Alle Textstellen, in denen entweder unmittelbar und großenteils


wörtlich aus Ammianus Marcellinus geschöpft wird oder in denen dessen
Spuren deutlich zu erkennen sind, fügen sich übrigens ohne Zwang in die
Erzählung des Ablabius bzw. des Verfassers der Westgotengeschichte ein,
so daß man kaum daran zweifeln kann, daß Cassiodor diesen Schriftstel-
ler nicht gekannt, zumindest aber nicht verwandt hat. Sichtlich benutzte
Ablabius für seine Darstellung der Geschichte des Hermanarich (Jordanes
Getica X X I I I 116, 118—119, X X I V 129—130) zwar auch andere Quel-
len als das Werk des Ammianus Marcellinus. Cassiodor stand offenbar
nicht viel mehr als der Name dieses Gotenkönigs zur Verfügung. Er kannte
wenige Einzelheiten der Geschichte dieser Zeit. Er wußte nichts davon,
daß Vithimir und Viderich seine Nachfolger waren (Ammianus Marcelli-
nus X X X I 3, 1—3). Er löste nicht einmal solche Abschnitte aus dem
Werk des Ablabius heraus, die Angaben über Hermanarich enthalten,
um sie seiner Geschichte der Amaler einzufügen. Hingegen kannte Ablabius
Alatheus und Safrac (Saphrax), die an Stelle des unmündigen Viderich
für das „Reich" sorgten, wenn auch nicht als Greutungen wie Ammianus
Marcellinus X X X I 4, 12 meinte, sondern als Westgotenfürsten (Jordanes
Getica X X V I 134). Was Ammianus Marcellinus für die Greutungen mel-
dete, das zog Ablabius konsequent, wenngleich in ziemlich ärmlicher Aus-
wahl, stets in seine Westgotengeschichte hinein.
Die Annahme, Ablabius habe die „Urgeschichte" der Goten u n d
die Westgotengeschichte verfaßt, liefert also die zur Zeit einzig denkbare
Lösung für das Problem der Autorenschaft der Westgotengeschidite36.
Die Indizien sind — abschließend zusammengefaßt — folgende: 1.) Cas-
siodor kommt als Autor der die Westgoten betreffenden Teile seines Ge-
schichtswerks nicht in Betracht. — 2.) Ablabius kann nicht nur eine „Ur-
geschichte" der Goten geschrieben haben, kommt aber als Autor einer Ost-

" Es ist sehr wahrscheinlich, doch wäre es nodi näher zu untersuchen, ob Jor-
danes Getica V 43 Ablabius zuzuschreiben ist. Dort heißt es: ante quos etiam
cantu maiorum facta modulationibus citbarisque canebant, Eterpamara,
Hanale, Fridigerni, Vidigoiae et aliorum, quorttm in hac gente magna opinio
est, quales vix heroas fuisse miranda iactat antiquitas. Die Namen Eterpa-
mara (evtl. et Herpamara) und Hanala sind sonst unbekannt. Fridigernus
ist wohl derselbe wie der Jordanes Getica X X V I 134 ff., X X V I I 140 u.
X X V I I I 142 genannte Westgote Fritigernus. Vidigoia wird Jordanes Getica
X X X I V 178 erneut in einer Einschiebung in ein Textstück genannt, das dem
Priscus zugehört und an einen Absatz angehängt ist, der Ablabius zugeschrie-
ben werden kann (Jordanes Getica X X X I V 176 ff.). Auch wäre zu unter-
suchen, ob nicht Priscus schon von Ablabius benutzt wurde. — Schon Th.
Mommsen war es aufgefallen, daß Exzerpte aus Priscus in der West- u n d
in der Ostgotengeschichte vorkommen (Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1
[1882] X X X V ) . Es könnte sein, daß Ablabius u n d Cassiodor ihn unab-
hängig voneinander benutzten.
Probleme der historischen Quellen 75

gotengeschichte nicht in Frage. — 3.) Cassiodor nannte in seinem Bericht


über die Geschichte der Westgoten als Gewährsmann einen Fabius. Der
Name scheint nichts anderes als eine sehr frühe Versdireibung des Namens
Ablabius zu sein. — 4.) Ablabius und der Autor der Westgotengeschichte
kannten beide den Gotenkönig Geberich, den Cassiodor nicht erwähnte. —
5.) Ablabius und der Autor der Westgotengeschichte hatten eine Wandalen-
feindlichkeit gemeinsam, die Cassiodor nicht teilte. — 6.) Beide stellten
gerne die Schilderungen gegenwärtiger und vergangener ethnographischer
und geographischer Verhältnisse in Gegensatz zu einander.
Mit der begründeten Annahme, Ablabius sei auch Autor der West-
gotengeschichte, wächst dessen Bedeutung als Geschichtsschreiber unver-
mittelt im gleichen Umfange, wie die des Cassiodor schwindet. Cassiodor
wird — wie Jordanes — im wesentlichen zum Kompilator, der aus höchst
heterogenen Exzerpten eine fiktive, weit ins 2. vorchristliche Jahrtausend
Zurückreithende „Gotengeschichte" zusammenstückelte und n u r f ü r die
Ostgotengeschichte wirklich Selbständiges lieferte. Ablabius hingegen wird
zum Autor einer zum Ruhm der Westgoten verfaßten Geschichte, die
neben sehr viel Fremdem auch eigenständig gotische Überlieferungen ver-
arbeitete und deren die Geschichte der Westgoten in Italien und Gallien
betreffender Teil — was den Reichtum des Inhalts und die Darstellungs-
technik anbelangt — dem Bericht Cassiodors von der Geschichte der Ost-
goten deutlich überlegen ist, wenngleidi auch er keine überragende histo-
riographische Leistung darstellt. Eine solche darf man im westlichen Ge-
biet des Römischen Reiches f ü r jene Zeit ja kaum mehr erwarten.
Nimmt man an, daß Ablabius Autor der Westgotengeschichte ist,
dann kann er sein Werk nicht vor dem Tode des Eurich (484) verfaßt
haben. Er behandelte dessen Regierungszeit mit (Jordanes Getica XLV
235 — X L V I I 244) und ging mit einem Satz auf die Herrschaft des
Alarich II. ein (Jordanes Getica X L V I I 245). Zu dessen Lebzeiten dürfte
er sein Werk geschrieben, zumindest aber abgeschlossen haben. Für den Be-
ginn der Regierung Alarichs II. als Abfassungszeit der Westgotengeschichte
des Ablabius spricht nicht nur die Kürze, mit der er dessen Herrschaft be-
handelte. Ein Datum bald nach dem Tode des Eurich macht auch seine
ausführliche Schilderung der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern sehr
wahrscheinlich. Aussagen von Mitkämpfern müssen ihm höchstwahrschein-
lich zur Verfügung gestanden haben. Die jüngsten Teilnehmer an der
Schlacht mochten beim Tode des Euridi knapp das sechzigste Lebensjahr
erreicht gehabt haben. Einige von ihnen konnten noch am Leben sein, als
Ablabius schrieb.
Die Frage, w o Ablabius geschrieben haben könnte, läßt sich nur un-
vollkommen beantworten. Ohne Zweifel hat er engere Beziehungen zu
76 Ablabius und der Autor der Westgotengeschichte

den Westgoten bzw. zum Hof von Tolosa gehabt; wie anders hätte er
sonst so viele Details über die Geschichte der Westgoten in Erfahrung
bringen können? Wenn er den Regierungsantritt des Eurich mit den Wor-
ten ctii frater Eurichus praecupida festinatione succedens sceva suspicione
pulsatus est (Jordanes Getica XLV 235) kommentierte, so meint man dar-
aus eine gewisse Rücksichtnahme auf das westgotische Königshaus ent-
nehmen zu können. Der Brudermord, den Eurich offenbar beging, wurde
von anderen gallischen und hispanischen Chronisten37 viel unmittelbarer
angesprochen. Es ist aber doch wohl gewagt, dieser Ausdrucksweise des
Ablabius entnehmen zu wollen, er habe in der Nähe des Hofes von
Tolosa oder gar im Auftrag des Königs geschrieben.
Obwohl er Verbindungen zum Hofe der Westgoten besessen haben
könnte, ist es nicht wahrscheinlich, daß Ablabius ein Gote war, mag er der
gotischen Sprache vielleicht auch mächtig gewesen sein. Videres Gothorum
globos dissonis v o eib us confragosos adhuc inter bella furentia
funeri reddidisse culturam, sagte er (Jordanes Getica XLI 214) gering-
schätzig urteilend von der Artikulation der gotischen Sprache. So urteilt
man eigentlich nicht von der eigenen Sprache38.
Hätte Ablabius in Gallien geschrieben, so dürfte er gewiß die lateini-
sche Sprache benutzt haben. Das müßte aber auch gelten, wenn er anderswo
im westlichen Reichsteil gelebt hätte, auch dann, wenn er nicht Römer,
sondern Grieche gewesen wäre, wie das Beispiel des Ammianus Marcellinus
zeigt. Sollte Ablabius lateinisch geschrieben haben, so war ihm das Grie-
chische gewiß nicht fremd, wie die Verwendung einzelner griechischer
Worte in seinem Text zeigt. Allerdings betonte schon Mommsen3®, daß
die „Etymologie" des Herulernamens (Jordanes Getica X X I I I 117) auch
von einem lateinisch sprechenden und schreibenden Gelehrten hätte abge-
leitet werden können.

37 Hydatius sprach die Ermordung Theodorids durch Eurich knapp, aber klar
aus (Hydatius Lemicus Continuatio Chron. Hieronym. 238). Isidor von
Sevilla wiederholte den Hydatius wörtlich (Isidor Historia Gothorum 34).
Die Chronica Gallica a. 511 berichten dasselbe (Chron. Gall. a. 511, 643),
und Marius von Avenches sagte dasselbe ganz lapidar (Marius Chronica a.
467). Angesichts dieser sdion frühen Verbreitung der Kenntnis von der Mord-
tat fällt die Zurückhaltung des Ablabius auf. — Zu Hydatius vgl. Th. Momm-
sen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. X I (1894) 34; zu Isidor vgl. Th. Mommsen,
a . a . O . 281; zu Chron. Gall. a. 511 vgl. Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist.
Auct. ant I X (1892) 664; zu Marius vgl. Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist.
Auct. ant. X I (1894) 233.
88 Vgl. Isidor v. Sevilla Etym. IX 2, 97: Germanicae gentes dictae ... Horum
plurimae gentes variae armis discolores habitu, Unguis dissonae et
ortgine vocabulorum incertae ...
*» Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) X X X V I I f.
Probleme der historischen Quellen 77

Eine solche Einordnung des Geschichtsschreibers Ablabius weicht, was


Umfang seiner Arbeit, Ort seiner Tätigkeit und Zeitansatz seines Werks
anbetrifft, ziemlich stark von allem ab, was man bis heute für denkbar
halten wollte. Heinrich von Sybel, dessen Dissertation die Quellen der
Gotengeschichte des Jordanes behandelte, wußte zu seiner Person nichts
zu sagen40. C. Schirren, der den Anteil des Jordanes und des Cassiodor
an der Abfassung der Gotengeschichte als Dissertation untersuchte, machte
sich die Mühe, alle zu seiner Zeit bekannten Träger des Namens Ablabius
zusammenzustellen41, doch — wie ihm selbst alsbald klar wurde —
ohne rechten Erfolg. Angesichts seines Mißerfolges meinte er, das wirklich
keiner dem Ablabius näher stände, als der athenische Historiker Dexippos,
so daß beide identisch sein könnten4®. Jedoch auch dafür fehlten ihm
— wie er feststellte — die rechten Beweise, und er konnte nur betonen,
daß alle Teile der Gotengeschichte des Jordanes, die sich seiner Ansicht
nach dem Ablabius zuschreiben ließen, von Dexippos abhängig seien4*.
Th. Mommsen wies darauf hin — wie alle, die vor ihm über die
innere Gliederung der Gotengeschichte schrieben —, Ablabius sei von
keinem anderen Autor als Cassiodor genannt worden. Er verwies zwar
auf einen Brief des Abtes Rupert von Tegernsee, worin dieser Werke des
Plinius, des Ptolemaios, des Ammianus Marcellinus oder anderer antiker
Autoren zu übersenden bat, darunter auch die Gestae Gothorum eines
Blavius, an dessen Identität mit Ablabius er nicht zweifelte 44 . Momm-
sen meinte jedoch, Rupert habe den Blavius aus der Lektüre der Goten-
geschichte des Jordanes gekannt. Diese Annahme wäre allerdings nur dann
völlig zwingend, wenn sich die Benutzung des Jordanes durch Rupert
nachweisen ließe. Immerhin spricht das Schweigen aller frühmittelalter-
lichen Historiker mehr dafür, daß das Werk des Ablabius früh verloren
ging, als die Erwähnung eines Blavius im Mittelalter für das Vorhanden-
sein von einzelnen Abschriften der Gotengeschichte des Ablabius in jener
Zeit.
Im übrigen meinte Mommsen, es sei unmöglich, Ablabius unter den
nicht wenigen bekannten Trägern desselben Namens zu identifizieren und
stellte ausdrücklich fest, weder sei bei Cassiodor angegeben, wann Ablabius
40
H. de Sybel, De fontibus libri Jordanis (1838) 34 ff.
41
C. Schirren, De ratione (1858) 36 ff.
42
C. Schirren, a. a. O. 42 neigte dazu, daß der Historiker Dexippos nicht mit
dem Athenisdien Staatsmann gleichen Namens identisch sei, da dieser IIöitA.10;
'Egivviog Ae|uuios ni:oXe|icuou geheißen habe, die Suda aber einen A£|iroioq
Ae^utJiov kenne; dieser könne mit dem Historiker Dexippos identisch und ein
Sohn des Staatsmanns sein. — Der von der Suda genannte ist aber der Arzt
Dexippos von Kos, ein Sdiüler des Hippokrates.
43
Vgl. dazu A. von Gutsdimid, Jahrb. f. class. Philologie 8 (1862) 129 f.
44
Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) X X X V I I Anm. 70.
78 Ablabius und der Autor der Westgotengeschichte

geschrieben habe, noch sage er, ob er Römer oder Gote war bzw. ob er
griechisch oder lateinisch geschrieben habe. Auf Grund allgemeiner Er-
wägungen kam Mommsen allerdings zum Ergebnis, Ablabius müsse nicht
lange vor Cassiodor am Hofe Theoderichs in Ravenna geschrieben haben
und müsse der gotischen Sprache mächtig gewesen sein. Vom Text des
Cassiodor wies er ihm wesentliche Teile zu, nicht nur alle „sagenhaften"
Bestandteile der Getica, sondern auch manches aus anderen Schriftstellern
Übernommene, so neben Auszügen aus Dexippos auch Stücke aus Priscus.
Er war nicht abgeneigt, diesem den größten und nützlichsten Teil der
Gotengeschichte des Cassiodor zuzuschreiben, sah jedoch seine Aufgabe
nicht darin, den Text des Cassiodor daraufhin näher zu analysieren 45 .
Die Eloge des Cassiodor, die dieser dem Athalarich in den Mund
legte (Cassiodor Variae I X 25) wäre wenig verständlich, wenn das Werk
des Ablabius in Ravenna bereits vor der Abfassung der Gotengeschichte
des Cassiodor allgemein bekannt gewesen wäre. Es ist nicht ausgeschlossen,
daß Cassiodor von deren Existenz erst erfuhr, als nach dem Tod Alarichs
II. Theoderich Vormund seines Enkels Amalarich wurde. Damals ge-
stalteten sich die Beziehungen zwischen West- und Ostgoten, die zwar nie-
mals vollkommen abgerissen waren, wie der Anschluß des jüngeren
Vidimer mit seiner zahlreichen Begleitung an die Westgoten zeigt, unter
dem Einfluß des großen Theoderich und seiner Politik vorübergehend
enger. Der Ostgote Thiudis wurde als Erzieher des unmündigen Amalarich
nach Spanien gesandt und gewann dort bald Einfluß und Macht46.
Es war auch die Zeit, in der Theoderich von der Existenz des jungen
Eutharich „erfuhr", der in Spanien herangewachsen war und Amaler
sein sollte (vgl. oben S. 60) (Jordanes Getica LVIII 298).
Es ist nicht sehr viel, was man zur Person des Ablabius sagen kann.
Allerdings sieht es danach aus, als sei e i n e Erwähnung bislang übersehen
worden 47 . Cassiodor richtete im Jahre 535 im Namen des Theodahad
ein Schreiben an Justinian (Cassiodor Variae X 22), worin er auf das
Geschichtswerk eines Ablabius verwies 4 ". Er schrieb: . . . considérate
etiam, principes docti, et Abiabi vestri histórica monimenta recolite,
quantum decessores vestri studerint de suo iure relinquere, ut eis parentum
45
Th. Mommsen, a. a. O. X X X V I I — X X X I X .
48
Ermordung des Amalarich durch Thiudis wird bei Isidor Hist. Goth. 43
angedeutet. — Vgl. Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. XI (1894)
285.
41
Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) XXXVII: Ablabii
... historia ab alio nullo nominatus ...
473
Die verschiedenen Handsdiriften der Variae haben einheitlich abaui, wo Th.
Mommsen ablabi ( = ablaui) einsetzte. Vgl. Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist.
Auct. ant. XII (1894) 321 Anm. zu Zeile 5. — Vgl. unten Anhang 5 Ab-
schnitt 2.
Probleme der historischen Quellen 79

nostrorum foedera provenirent. aestimate, qua gratia debent oblata suscipi,


quae consuerant postulari.
Diese Zeilen gehören zu einem Brief, durch den Theodahad nach
der Ermordung der Amalasuintha versuchte, das Wohlwollen des Kaisers
wiederzuerlangen 48 . Er beginnt mit Höflichkeitsformeln und der Ver-
sicherung der Friedensliebe und verweist dann auf die histórica moni-
menta — also die Geschichtswerke — des Ablabius und die foedera paren-
tum nostrorum — die Verträge mit unseren Vorfahren. Offenbar war im
Werk dieses Ablabius von solchen Verträgen die Rede, und Theodahad
betont den Wunsch der Vorgänger des Justinian, vertragliche Regelungen
mit den Goten zu treffen.
Gewiß ist dieser Ablabius nicht mit jenem identisch, den Schirren für
die Zeit des Justinian nachweisen konnte 4 '. Er muß vor dem Regie-
rungsantritt des Justinian gelebt haben, also vor 527. Dieser Ablabius
muß eine Person gewesen sein, die in irgendeiner Verbindung zum Hof
des Kaisers stand; warum sonst hätte Cassiodor von den Geschichtswerken
Abiabi vestri sprechen können? Nach Lage der Dinge konnte es sich nur
um den Hof in Konstantinopel handeln. Die Verbindung mit dem Ostreich
begrenzt aber nicht das Gebiet, in dem Ablabius gewirkt haben könnte.
Er hätte in Italien leben und arbeiten können. Schon vor dem Ende des
westlichen Kaisertums 476 bzw. 480 griff der östliche Kaiser immer wieder
in die Vorgänge im Westen ein50. Staatsrechtlich hatte er auch nach dem
Jahre 476 den vollen Anspruch darauf 51 , und so hätte ein Ablabius, der
in Gallien lebte und sein Geschiditswerk dort schrieb, durchaus als der
Ablabius des östlichen Kaisers genannt werden können, insbesondere in
einem Briefwechsel mit dem Kaiser selbst. So gibt es eigentlich keinen
Grund, in dem Ablabius von Cassiodor Variae X 22 nicht den Ablabius
der Westgotengeschichte zu sehen. Tatsächlich werden die foedera, auf die
Cassiodor Variae X 22 anspielt, bei Ablabius erwähnt. Allerdings wurde
48
Zur chronologischen Stellung dieses Briefs vgl. E. Stein, Histoire du Bas-
Empire 2 (1949) 341 Anm. 2.
4
» C. Schirren, De ratione (1858) 41 f.
50
Zu den politischen Einwirkungen und Eingriffen der östlichen Kaiser in die
Vorgänge in Italien und Gallien vgl. E. Stein, Geschichte des spätrömischen
Reiches 1 (1928) 540 ff. bes. 553 f. 563 f. 573 ff. 582 f.; ders., Histoire du
Bas-Empire 2 (1949) 39 ff. bes. 46.
81
Noch im Jahre 476 hatte Odovakar eine Gesandtschaft, die ihre Vollmacht
auf den letzten Kaiser Romulus Augustulus und den römischen Senat bezog,
nach Konstantinopel entsandt, welche die kaiserlichen Insignien brachte als
Zeichen, ein Kaiser genüge für beide Reichsteile. Damit war der östliche
Kaiser staatsrechtlich voll für den Westen zuständig. — Vgl. dazu K. F.
Stroheker, Der politische Zerfall des römischen Westens, in: Paläologia VII
3—4 (1959) 16 f. (jetzt auch in: K. F. Stroheker, Germanentum u. Spätantike
[1965] 99).
80 Ablabius und der Autor der Westgotengeschichte

der wichtigste dieser Verträge, der, den Eurich mit Julius Nepos 52 im
Jahre 475 schloß53, bei Ablabius nicht genannt. Er könnte aber einer
Kürzung des Cassiodor zum Opfer gefallen sein.
So kommt man auf verschiedenen Wegen zum Ergebnis, daß Ablabius
der Autor einer Westgotengesdiidite war, die vor Cassiodors Wirken am
Hof von Ravenna unbekannt war und die vielleicht im Bereich der West-
gotenherrschaft oder sonst irgendwo in Gallien geschrieben worden ist.
Der Anlaß, der zur Niedersdirift des Geschichtswerks führte, ist in diesem
nirgends auch nur in Umrissen zu erkennen. Man könnte sich das Werk als
Anhang — oder Vorspann — eines umfangreichen Textes denken, so wie
die Origo eine Zufügung zum Edictus Rothari war. Welcher Art dieser
Text gewesen sein könnte, muß unklar bleiben. Ein Vertrag? Eine Ge-
setzessammlung? Ebensogut kann das Werk aber auch selbständig ge-
wesen sein wie das des Cassiodor — und das des Jordanes. Vielleidit
darf man Ablabius in jenem Kreis größtenteils anonym gebliebener römi-
scher Beamten oder Juristen in Gallien suchen, aus dem Eurich sich die
Verfasser des Codex Euricianus wählte 54 .
Die Arbeit des Ablabius schloß im wesentlichen mit der Regierung des
Eurich ab und umfaßte als Einleitung die gotische „Urgeschichte". Cassio-
dor übernahm diese Westgotengesdiidite samt „Urgeschichte" in sein
Werk und setzte sie — wenn auch nur sehr kursorisch und gar nicht
systematisch — fort (Jordanes Getica LVIII 297—298 und 302). An
diese Fortsetzung schloß Jordanes selbst dann noch einen knappen Bericht
über das weitere Schicksal des spanischen Westgotenreiches an (Jordanes
Getica LVIII 302—303).
Trotz aller Aufschlüsse über den Anteil des Ablabius an der Goten-
gesdiidite des Cassiodor und trotz der daran ansdiließbaren Erwägungen
ist das Bild, das man von Ablabius gewinnen kann, noch sehr vage. Es
bleiben viele Fragen, die seine Person betreffen, ungeklärt; vielleicht
ließen sie sich nun leichter lösen. Aber eine solche Lösung — so interessant
sie wäre — würde das Thema kaum noch berühren. Allein wesentlich
ist im Grunde in diesem Zusammenhange doch nur die „Urgeschichte" der

52
Julius Nepos war 474 durch einen bevollmächtigten Vertreter des oströmischen
Kaisers Zeno in Ravenna mit dem Purpur bekleidet und auch in Rom zum
Augustus ausgerufen worden. — Vgl. E. Stein, Geschichte des spätrömisdien
Reiches 1 (1928) 584 Anm. 3 mit Quellenverweisen.
53
Vgl. E. Stein, a. a. O. 585 Anm. 6 mit Quellenverweisen. Dazu auch K. F.
Stroheker, Paläologia VII 3—4 (1955) 15 ( = Germanentum und Spätantike
[1965] 174).
54
Vgl. K. F. Stroheker, Die geschiditlidie Stellung der ostgermanischen Staaten
am Mittelmeer, in: Saeculum 12 (1961) 151 ff. 155 f. ( = Germanentum und
Spätantike [1965] 121 ff. 128 f.).
Probleme der historischen Quellen 81

Goten. Diese dem Ablabius zuschreiben zu können, darf wohl als ent-
scheidender Gewinn gelten.
Es fragt sich nun, ob sich in dieser „Urgeschichte" ein echtes Rückerin-
nern der Goten an eine Heimat im Norden abzeichnet (vgl. unten S. 109 ff.).
H. Bollnow hielt von alledem nichts55. Tatsächlich findet sich aber in
seinem Geschichtswerk v i e l , was offenbar nicht römischem oder griechi-
schem Schrifttum entnommen ist. Es sieht danach aus, als habe Ablabius
gewisse mündliche Berichte über die Geschichte der Goten — wohl aus
dem Munde von Westgoten — benutzen können. Wie er diese Berichte mit
den Exzerpten aus antiken Geschichtswerken komponierte, läßt sich durch
die Bearbeitungen des Jordanes und des Cassiodor hindurch erkennen.
Dadurch ergeben sich gewisse Möglichkeiten, mehr über den Wert der
Nachrichten vom Ursprung der Goten in Erfahrung zu bringen.

4. Zu den Quellen des Ablabius


Schon C. Schirren erkannte den engen Zusammenhang zwischen Ab-
labius und Dexippos. Th. Mommsen bestätigte ihn, sprach sich allerdings
nicht immer völlig eindeutig aus. Dexippos ist in Jordanes Getica XXII
113 mit Namen genannt; auch die folgenden Zeilen bis XXII 115 sind
ihm teilweise zuzuweisen. Spuren der Hand des Cassiodor lassen sich hier
jedenfalls nicht erkennen. Mommsens Annahme, Ablabius habe dies Ex-
zerpt eingefügt, trifft sicher das Richtige1. Mommsen meinte ferner, Ab-
labius habe bei Jordanes Getica XXIII 117 ebenfalls Dexippos ausge-
schrieben, ohne ihn zu nennen. Tatsächlich läßt sich — Mommsen zeigte
es — die metathetische Form Eluri, die Ablabius hier für sein gewöhn-
liches Heruli bietet, über Stephanos Byzantios für diesen attischen Staats-
mann und Historiker belegen. Auch Teile aus Priscus wollte Mommsen
dem Ablabius zuweisen2. Dafür kommen Jordanes Getica XXIV 123 bis
125, XXXIV 178—179, XXXV 180—183 und XLII 219—226 in Be-
tracht, während die Benutzung des Priscus in Jordanes Getica XLIX
254 ff. Cassiodor zuzuschreiben ist, in dessen Ostgotengeschichte dieses
Textstück steht. Die Benutzung des Priscus durch Ablabius u n d Cassio-
dor müßte allerdings noch bis in die Einzelheiten mit den üblichen Mit-
teln der Textkritik untersucht werden. Zu analysieren wäre im übrigen
auch noch, auf welche Weise Ablabius die einzelnen, gotische Geschichte
betreffenden Partien des Geschichtswerks des Ammianus Marcellinus ver-

55
Er hielt die „Urgeschichte" für eine Erfindung des Cassiodor. Dessen Name
ist hier nun endgültig auszuscheiden. — Vgl. H. Bollnow, Baltische Studien
N . F . 5 4 (1968) 18 ff. bes. 19.
1
Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) XXXIII.
1
Th. Mommsen, a. a. O. XXXVIII.

6 Hacfamann, Goten und Skandinavien


82 Zu den Quellen des Ablabius

arbeitete. Aber das alles sind Probleme, die die Frage des Zusammen-
hanges zwischen den Goten und Skandinavien nicht direkt berühren und
die hier deswegen beiseite bleiben können. Wichtig dagegen sind die ein-
leitenden Teile seiner Urgeschichte (Jordanes Getica I 9, III 16—24 u.
IV 25).
Sicher ist und für das Ziel dieser Untersuchung von Bedeutung, daß
Ablabius außer Dexippos, Ammianus Marcellinus und Priscus auch Pto-
lemaios und Pomponius Mela benutzt hat. Er verfügte aber auch — wie
sich zeigen läßt — über mancherlei andere Kenntnisse, die zum großen
Teil nicht aus antikem Schrifttum stammen können. Eine Analyse seiner
gotischen Urgeschichte gibt darüber mancherlei Aufschlüsse.
Ablabius begann seine Urgeschichte der Goten mit einer recht aus-
führlichen Beschreibung von Geographie und Ethnographie des Nordens
(Jordanes Getica III 16—24). Dieser Textabschnitt ist jüngst von J. Sven-
nung einer sehr gründlichen Analyse unterzogen worden3.
Der erste Satz ad Scandziae insulae situm, quod superius reliqui-
mus, redeamus stammt noch von Cassiodor. Er leitete damit von seinen
vorhergehenden Einsdiüben (Jordanes Getica II 10—15) unter Verweis auf
seine erste Erwähnung der Insel Scandza (Jordanes Getica I 9) zu den
nun folgenden Auszügen aus Ablabius über.
Svennung hat eine Gliederung der folgenden Textstellen vorgelegt'®,
der man in den Hauptteilen folgen kann. Er zeigte, daß die auf den Ein-
leitungssatz des Cassiodor folgenden Abschnitte auf Ptolemaios zurück-
gehen: est in Ocearti arctoi salo posita insula magna, nomine Scandza
(Jordanes Getica III 16) und in Scandza vero insula ..., licet multae et
diversae nationes, Septem tarnen eorum nomina meminit Ptolemaeus (Jor-
danes Getica III 19). Wahrscheinlich hat Ablabius den Text des Ptole-
maios schon ursprünglich nicht wörtlich, sondern nur dem Hauptinhalt
nach wiedergegeben. Er überging es, daß Ptolemaios nicht eine, sondern
vier skandische Inseln — drei kleine und eine große — nannte (Ptole-
maios II 11, 33) und hielt sich auch nicht bei der Aufzählung der sieben
Völker auf, die nach Ptolemaios auf Sxavöia wohnten. Aus anderer
Kenntnis schob er hier den Hinweis auf die vielen und verschiedenen
Völker ein, die auf Scandza wohnen sollen. Sicher aber hat Ablabius die
Namen der sieben Völker zur Kenntnis genommen, die Ptolemaios un-
mittelbar nach der Beschreibung der skandischen Inseln genannt hat.
Daß der Name der Insel Scandza von Ablabius tatsächlich unmittel-
bar von Ptolemaios übernommen wurde — das von Plinius Historia Na-

3 J . Svennung, Jordanes' Beskrivning av ö n Scandia, in: Fornvännen 50 (1964)


1 — 2 3 ; ders., Jordanes und Scandia. Kritisch-exegetische Studien (1967).
3a J. Svennung, Jordanes und Scandia (1967) 4 . 1 3 6 ff.
Probleme der historischen Quellen 83

turalis IV, 104 überlieferte Scandia kommt als Quelle nicht in Betracht —
ist sidier. Die von seinem Text abweichende Form läßt sich leicht er-
klären. Sie ist durch einen Abschreiber — nidit durch Jordanes — ent-
stellt. Dafür kann ein direkter Beweis erbradit werden: Rodericus Tole-
tanus nannte im Vorwort zu seinem Hauptwerk De rebus Hispaniae,
das die Weltgeschichte von Adam bis zum Jahr 1243 darstellte 4 , als
Quelle u. a. die Schriften des Jordanes. Im achten Kapitel dieses Werks
heißt es5: Igitur quia magnorum petitio me coegit Gotthorum originem
et acta describere, ... vsque ad mea tempora ... descripsi. Verum cum
divers* sint opiniones de Gotthorum origine, Claudius Ptolemaus, orbis
terrq descriptor egregius refert, in Oceani solo esse magnam insulam no-
mine Scandiam, quam Pomponius Mela dich esse positam in Codano
Oceani maris sinu ... Et licet in Scandia multq & diuersie maneant na-
tiones, Septem tantum nomina eorum meminit Claudius Ptolemaus scili-
cet Gotthi, Vesegotthi, Ostrogotthi, Dani, Rugi, Arothi, Thanii, quibus
postea Rodulphus rex fuit ... Das entspricht — stark kontrahiert und
teils auch verändert — Jordanes Getica III 16—24. Die Gotthi und Ve-
segotthi sind von Rodericus eingefügt; der Rest entspricht den Ostro-
gothae ... Dani ... Rugi ... Arochi ... Rannii ... des Jordanes. Auch
die Fortsetzung bietet Auszüge aus Jordanes: Ex hac ergo Scandia insula
... Gothi cum Rege suo nomine Veric quondam memorantur egressi, ...
dedere illico nomen loco Gotthiscandiam ... Post mortem Veric regnauit
in eis Gadaric, ... Post hunc filius eius Philimer...'. Das entspricht
Jordanes Getica IV 25—26. Es ist ganz unwahrscheinlich, daß Rodericus
hier ein Scandza des Jordanes auf Grund seiner Kenntnisse der antiken
Literatur wieder in Scandia gebessert haben sollte, denn von der genauen
Lage der Insel hatte er keinerlei Vorstellung. Ptolemaios, der ihm das
ursprüngliche Sxavöia hätte liefern können, war ihm nur durch Jorda-
nes bekannt, und Plinius' Scandia scheint ihm überhaupt unbekannt ge-
wesen zu sein.
Erst Alfonsus de Cartagena besaß genauere und nicht allein von
spätantiker Literatur abhängige Kenntnisse des europäischen Nordens 7 .
Er faßte Dada in der mittelalterlichen Bedeutung Dania und berichtete
von den Goten: Origo autem Gothorum ... ex insula Scanthia seu Scy-
thia fuit ... Et si accurate attendere volumus, terram illam, quam hodie
Reges Dacite tenent cum aliquibus adiacentibus, fuisse illam vnde Gothi
principaliter exierunt, existimandum est. Sunt enim quattuor regna, Da-
4 Verweis auf diese wichtige Quelle findet sidi in: J . Svennung, Zur Geschichte
des Goticismus (1967) 26 ff.
5 Zitiert nach J . Svennung, a. a. O. 27 f.

• Zitiert nach J . Svennung, a. a. O. 28.


7 J. Svennung, a. a. O. 30 f.


84 Zu den Quellen des Ablabius

cite Sueciie Noruegi<e ac Gothic siue Gothorum8. Auch hier lebt noch das
ursprüngliche Scandia des Jordanes, wenig entstellt'.
Neben Sxavöia hätte für Ablabius zur Benennung der Insel auch
der Name Scadinavia zur Wahl gestanden, den er bei Pomponius Mela
gefunden haben dürfte. Auf diesen Autor verweist im übrigen nur das
kurze Zitat de qua et Pomponius Mela in maris sinn Codano positam
refert, cuius ripas infinit Oceanus (Pomponius Mela III 54). Die Gleich-
setzung der beiden Namen der Insel war offenbar für Ablabius kein be-
sonderes Problem. Die Gründe, weswegen er Exavöia zur Benennung
vorzog, lassen sich nicht genau erfassen. Auffallend ist, daß Ablabius
auch sonst seinen Text häufiger mit griechischen Worten versah10 als die
beiden anderen Autoren, Cassiodor und Jordanes. Daraus mag sidi die
Bevorzugung von Sxavöia erklären.
Die Zitate des Ptolemaios und des Pomponius Mela wurden von
Ablabius nach einer Weltkarte erklärt, die er offenbar auch an anderer
Stelle zur Erläuterung der geographischen Angaben seiner Gewährsleute
herangezogen hat 11 . Scandza beschrieb er nach dieser Karte ganz anders,
als er sich das Land nach den Angaben des Ptolemaios hätte vorstellen
müssen: in modum folii cetri lateribus pandis, per longum ducta conclu-
dens (Jordanes Getica III 16) und haec a fronte posita est Vistulae flu-
minis, qui Sarmaticis montibus ortus in conspectu Scandzae septentrio-
nali Oceano trisulcus inlabitur, Germaniam Scythiamque disterminans
(Jordanes Getica III 17). In Einzelheiten mag sich Ablabius bei der Geo-
graphie von Scandza auch auf Augenzeugen gestützt haben, so etwa im
Abschnitt: Haec ergo habet ab Oriente vastissimum lacum in orbis ter-
rae gremio unde Vagi fluvius velut quodam ventrae generatus in Ocea-
num undosus evolvitur. Diese Stelle wurde abwechselnd auf die drei
großen schwedischen Seen und ihre Abflüsse ins Meer bezogen, während
neuerdings J. Svennung glaubt, es könne nur ein großer See im Festland
östlich von Skandinavien gemeint sein, was ganz unwahrscheinlich ist12.
Manches muß einstweilen unentschieden bleiben.

8 Zitiert nadi J. Svennung, a. a. O. 31.


9 J. Svennung, a. a. O. 32 verweist auf die Historia Hispanica des Rodericus
Santius, wo es heißt: Gotthi priefata Scandiq insula non contenti irtde exierunt
et ... inceperunt finitimas prouincias inuadere longe ante Herculem ... Inter
cateros fuerunt eorum reges Berig, Gadarig et Filimer.. . Auch hier sind die
Spuren des Jordanes deutlich sichtbar.
10 Vgl. Fr. Werner, Die Latinität d. Getica d. Jordanis (Diss. Halle 1908) 140.
11 Vgl. Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) X X X I ; J. Sven-
nung, Fornvännen 59 (1964) 4.
12 J. Svennung, Fornvännen 59 (1964) 10 ff.; ders., Jordanes und Scandia (1967)
13 ff. bes. 15.
Probleme der historischen Quellen 85

Verständlicher sind die folgenden Sätze, die wieder Beschreibungen


nach einer Weltkarte sind, den Scandza umgebenden Ozean nennen und
eine Anzahl von Inseln erwähnen. Dann kommen Augenzeugen zu Wort,
unglaubwürdige in diesem Fall. Sie wissen von den Inseln, ad quas si
congelato mari ob nimium frigus lupi transierint, luminibus feruntur or-
bari (Jordanes Getica III 18). Darauf folgt ein kurzer Kommentar des
Ablabius selbst: ita non solum inhospitalis hominibus, verum etiam be-
luis terra crudelis est. Eine weitere Einschiebung, die auf einen Augen-
zeugen zurückgeht, berichtet von den auf Scandza fehlenden Bienen, und
nach einem geographischen Exkurs, der in deutlichem Gegensatz zu den
Angaben des Ptolemaios steht, folgen recht aufschlußreiche Angaben über
die Länge von Tagen und Nächten im fernen Norden, die nur auf Be-
obachtungen und nicht auf Spekulationen beruhen können. Sie finden sich
in ähnlicher Form bei Prokop (Prokop Bell. Goth. II 15), der jedoch
nicht von Ablabius abhängig sein kann. Es hat den Anschein, als habe
mancherlei, inzwischen längst verlorenes antikes Schrifttum, Nachrichten
von Nordlandreisenden fixiert und eine Zeitlang weitergetragen 13 .
Bezeichnend ist, daß des Ablabius Bericht keineswegs das gesamte
Wissen der Antike vom skandinavischen Norden erfaßt. Er kannte we-
der des Strabo, noch des Plinius und des Tacitus Beschreibungen14. Da-
für verfügte er über Angaben — glaubhafte und unglaubwürdige —, die
die Antike in der Blütezeit der geographischen Wissenschaft noch nicht
kannte. Offensichtlich handelt es sich nicht nur um Bücherwissen. Es
waren ganz verschiedene Quellen. König Rodvulf war sicher nicht — wie
allzuhäufig behauptet worden ist — sein Gewährsmann 15 . Ihn kannte
Ablabius nicht (vgl. unten S. 86 f.).
Reicher als der neue Beitrag zur Geographie sind die neuen ethno-
graphischen Kenntnisse über den Norden, die dem Ablabius auf ver-
schiedenen Wegen zugeflossen sein müssen und die er anschließend an die
Geographie des Nordens niederschrieb (Jordanes Getica III 19—24). Die

13
Vgl. K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nachbarstämme (1837) 684—687, wo das
gesamte hergehörige ethnographische Material erstmals zusammengefaßt wurde.
14
Strabo wird in Jordanes Getica II 12, Tacitus a. a. O. II 13 genannt, wo
Britannien behandelt wird, doch gehen diese Stellen auf Cassiodor zurück.
Plinius ist allen Autoren, die an den Getica gearbeitet haben, unbekannt
geblieben.
15
Die beiden letzten Sätze von Jordanes Getica III 24 erweisen sich inhaltlich,
aber auch durch den für Cassiodor kennzeichnenden relativischen Anschluß
an das Vorhergehende quibus non ante multos annos . . . als eine Anfügung
des Cassiodor. Dieser ist übrigens der einzige Autor der Getica, der den
Namen Germanen kannte. Sie werden hier und ferner V 31, IX 58 und XI 67
genannt.
86 Zu den Quellen des Ablabius

Literatur über diese Angaben ist so umfangreich wie ungleichwertig18.


Sicher sind die Völkernamen, die Ablabius kannte, teilweise sehr verderbt.
Selbst gute Emendationen werden sidi oft nicht mehr beweisen lassen,
nachdem Philologenscharfsinn hier schon zu häufig zu überraschend ein-
leuchtenden, aber trotzdem falschen Deutungen gelangt ist. Audi hier
gibt der Beitrag von J . Svennung in nüchterner Betrachtung den neue-
sten Erkenntnisstand wieder17 (vgl. auch unten S. 87 ff.).
Des Ablabius Nachrichten über die Menschen im Norden Europas
sind widersprüchlich und ungleichwertig. Unvereinbares steht dicht ne-
beneinander. Von mehreren kleinen Inseln im nördlichen Ozean sagte
er: ita non solum inhospitalis hominibus, verum etiam beluis terra cru-
delis est (Jordanes Getica III 18—19), und darauf folgt dann: in
Scandza vero insula,..., licet m ul t a e et diversae maneant na-
tiones (Jordanes Getica III 19). Offenbar hat Ablabius hier Vorstellun-
gen unterschiedlicher Provenienz nebeneinander gestellt, ohne den Wider-
spruch zu beachten oder zu empfinden.
Sieht man von Widersprüchen geringerer Bedeutung ab — wie den
eben genannten —, so läßt sich erkennen, daß Ablabius für Jordanes Ge-
tica III 19—IV 25 ganz verschiedene — in sich teilweise wiederum nicht
einheitliche — Quellenkomplexe benutzte. Sie enhalten unterschiedliche
Auffassungen, sind also verschiedener Herkunft.
Ehe man an eine Analyse des Textes geht, muß wohl nodi betont
werden, daß sich in ihm eine Einfügung des Cassiodor findet, die noch
vorher ausgeschieden werden muß. In Jordanes Getica III 23 heißt es:
quamvis et Dani, ex ipsorum Stirpe progressi, Herulos propriis sedibus ex-
puler unt, qui inter omnes Scandiae nationes nomen sibi ob nimia proce-
ritate affectant praecipuum ... quibus non ante multos annos Rodvulj
rex fuit, qui contempto proprio regno ad Theodorici Gotorum regis gre-

18Vgl. K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nadibarstämme (1837) 502 ff.; K. Möl-


lenhoff, Deutsche Altertumskunde 2 (1887) 61 ff.; Th. von Grienberger, Die
nordisdien Völker b. Jordanes, in: Zeitsdlr. f. dt. Altertum u. dt. Litteratur
N. F. 34 (1902) 128—168; N. F. 35 (1904) 272—276; S. Bugge, Om nordiske
Folkenavne hos Jordanes, in: Fornvännen 2 (1907) 98 ff.; L. Fr. Läffler, An-
märkningar tili professor Sophus Bugges uppsats ,Om nordiske Folkenavne
hos Jordanes', in: Fornvännen 2 (1907) 102—112; H. Sdiück, Folknamnet
Geatas i den fornengelska dikten Beowulf, in: Uppsala universitets Irsskrift
1907 Program 2, S. 3—45; J. V. Svennsson, De nordiska folknamnen hos
Jordanes, in: Namn odi bygd 5 (1917) 109—157; L. Weibull, Jordanes'
framställning av Scandza od» dess folk, in: Vetenskaps-Soc. i Lund Ärsbok
1925, S. 39—69; ders., Skandza u. ihre Völker i. d. Darstellung d. Jordanes,
in: Arkiv för nordisk filologi N. F. 37 (1925) 213—246.
" J . Svennung, De Nordiska Folknamnen hos Jordanes, in: Fornvännen 59
(1964) 65—102; ders., Jordanes und Scandia (1967) 32—114.
Probleme der historischen Quellen 87

mio convolavit et, ut desiderabat, invenit. Hae itaque gentes, Germanis


corpore et animo grandiores, pugnabant beluina saevitia. Es handelt sich
hier um eine Einfügung, die wegen des Königs Rodvulf erfolgte, der
wohl mit dem Herulerkönig 'PoöoüÄ.cpos in Prokop Bell. Goth. II 14,
11—13 identisch ist. Es ist eine Gedankenkette, die sich an die Erwäh-
nung der Suetidi anschließt. Die Dani — Abkömmlinge der Suetidi —
hatten die Heruli aus ihren Wohnsitzen vertrieben18.
Darüber, daß der Textteil, in dem Ablabius die Völker Scandzas
aufzählt, audi sonst nicht einheitlich ist, besteht schon längere Zeit durch-
aus eine gewisse Übereinstimmung184. Die Klärung ist durch Svennung
nicht unbeträchtlich gefördert worden.
Offenbar gehören die Adogit, die Screrefennae und die Suethans"
zusammen zu e i n e r Überlieferungsgruppe. Svennung spricht von einer
„unbekannten Quelle I" 2 0 bzw. von „schriftlichen Quellen"21. Die Quelle
I ist schon früh als literarische Tradition erkannt worden22. Diese An-
nahme hat viel für sich, denn die Namen finden sich in einem Textab-
schnitt, der geographische Kenntnisse enthält, die auch andere spätantike
Autoren besaßen23!
Die übrigen, unter Abzug der Dani und Heruli noch ca. 24 Stammes-
namen weist Svennung einer „unbekannten Quelle I I " zu24, rechnet für
alle diese Namen aber gelegentlich auch mit zwei verschiedenen Quel-
len25. Das wäre noch näher zu untersuchen (vgl. unten S. 89 f.). Ganz ge-

18 J . Svennung, Jordanes und Scandia (1967) 99 ff. 182 f. mit ähnlicher E r -


klärung. Anders N . Wagner, Getica (1967) 194. — Das Problem ist ausführ-
lich erörtert bei E. Wessen, De nordiska folkstammarna i Beowulf (1927)
61 ff.
183 Vgl. oben S. 86 Anm. 16.
w Die Handschriften O und B, beide dem Archetyp zweiter Ordnung zugehörig,
weichen von der von Mommsen eingeführten Lesung Suehans ab. O bietet
Suaethans und B Suethans. K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nachbarstämme
(1837) 157 Anm. besserte nadi den ihm bekannten Schreibungen Subveans,
Suuehans und Suethans in Suethans, erwähnte 502 das Volk in dieser Namens-
form und besserte dann aber 514 in *Sweans. Diese Form erkannte Müllen-
hoff, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) 165 in der Schreibung *Su'eans
an und schlug für den lat. Text *Suehans vor. *Sueans hat er in: Deutsche
Altertumskunde 2 (1887) 62 u. 4 (1900) 499. — J . Svennung, Fornvännen 59
(1964) 70 läßt hier * Suehans.
20 J . Svennung, a. a. O. 4.
21 J . Svennung, a. a. O. 32.165; ders., Scadinavia und Scandia (1967) 25 f. 58 ff.
22 Th. von Grienberger, Zeitschr. f. dt. Altertum 46 (1902) 145; J . V. Svensson,
Namn och bygd 5 (1917) 110 f. 148 f. 151 f.
23 Prokop De hello Gothico II 1 5 , 1 .
24 J. Svennung, Jordanes und Scandia (1967) 4. 112.
25 J . Svennung, a. a. O. 102.
88 Zu den Quellen des Ablabius

wiß ist die Teilung der ethnographischen Nachrichten in eine Quelle I


und — unter Abzug der Darti und Heruli — einen „Rest" ( = unbe-
kannte Quelle II) richtig, denn es kommen Wiederholungen vor: Sue-
thans und Suetidi dürften ein und dasselbe Volk sein, von dem Ablabius
über zwei verschiedene Quellen erfuhr2'. Auch Screrejennae und Finni
dürften identisch sein27. Dadurch werden die Quellen I und II als ver-
schiedene Überlieferungszweige deutlich voneinander getrennt.
Das, was Svennung „unbekannte Quelle I I " nennt, ist insofern ein-
heitlich, als spätantikes Vorstellungsgut nicht enthalten ist und weil es
sich um eine teilweise nadi einheitlichen Prinzipien vorgenommene Auf-
zählung von vornehmlich kleineren Bevölkerunggruppen handelt, die
anscheinend in annähernd richtiger geographischer Reihenfolge aufge-
zählt werden28. Bei aller Verderbtheit der Namensformen und einer ge-
wissen, wohl geringen Störung in der ursprünglichen Reihenfolge zeigt
sich dodi ziemlich klar, daß die von Jordanes überlieferten Namen we-
der gelehrte Erfindungen noch phantasievolles Erzählgut von Nordland-
reisenden sind. Dafür enthalten die Namen zu vieles, was sich an andere,
ganz unabhängige Überlieferungen anschließen läßt. Daher sind audi
einige Schlüsse möglich über den Weg, auf dem alle diese Kenntnisse von
der Insel Scandza und ihrer Bevölkerung nadi dem Süden gekommen
sein könnten.
Auffallend ist, daß es überwiegend an den Westküsten Skandina-
viens siedelnde Bevölkerungsgruppen sind, die hier genannt werden. Von
sicher an der Ostküste und im Landesinneren Siedelnden werden nur die
Finni, die Suetidi, die Vinoviloth und die Ostrogothae erwähnt. Es sieht
aus, als hätten des Ablabius Gewährsleute tatsächlich vornehmlich West-
skandinavien gekannt. Verkehrsgeographisch scheint das zu bedeuten, daß
die Nachrichten über die Ethnographie der Insel Scandza auf einem
westlidien Weg nach dem Süden gekommen sein könnten. Im Gebiet
des Römischen Reiches konnten sie auf solche Weise zunächst in Gallien
und am Rhein bekannt werden. Svennung neigt dazu, die Überlieferung
aller Namen e i n e m Mann zuzuschreiben. Er sei kein Skandinavier ge-
wesen29. Er hält es aber audi für möglidi, daß die Aufzeichnungen auf
zwei Reisende zurückgehen, einen e r s t e n , der die Namen in Jor-

26 J. Svennung, a. a. O. 45 (zu Suethans): „Das Gebiet der Svear umfaßte an-


fangs nur das nördlich vom Mälarsee gelegene Uppland, später auch Västman-
land," u. 97ff. (zu Suetidi)-. „Im 6. Jh. dürfen wohl unter diesem Namen
[Svithjod] etwa Uppland und Västmanland gemeint gewesen sein."
27 J. Svennung, a. a. O. 41 ff. u. 91 ff.
28 Vgl. J. V. Svensson, De nordiska folknamnen hos Jordanes, in: Namn odi
bygd 5 (1917) 152 f. 156; J. Svennung, a. a. O. 142.
29 J. Svennung, a. a. O. 143.
Probleme der historischen Quellen 89

danes Getica III 22 notierte und kommentierte, und einen z w e i t e n ,


der die Namen in Jordanes Getica III 23 — ausgenommen Dani und
Heruli — ohne Kommentar aufzeichnete®0. Westliche Beziehungen des
von Ablabius benutzten Gewährsmannes fielen auch Svennung auf. Er
meint jedoch, das Vorwiegen westlicher Stammesnamen könne damit zu-
sammenhängen, daß Jordanes seine Vorlage stark gekürzt habe und „einen
eventuellen Bericht über die Küste, von Südschonen bis zum Mälarsee,
weggelassen" habe51. Eine solche Möglichkeit ist im Prinzip nicht auszu-
schließen, doch ersdieint es wahrscheinlicher, daß Ablabius vornehmlich
westskandinavische Stammesnamen verzeichnete, weil er — in Gallien ar-
beitend — vornehmlich von Reisenden Nachrichten erhielt, die vom
W e s t e n kommend die W e s t k ü s t e Skandinaviens bereisten.
Bei allem Namengut, das Ablabius in seine Gotengeschichte einfügte,
handelt es sich offenbar um Material, das seinen Satz in Scandza vero
insula,..., licet multae et diversae nationes (Jordanes Getica I I I 19)
erläutern sollte. Dazu lieferte seine „unbekannte Quelle II" besonders reiche
Beiträge. Betrachtet man die Namensaufzählungen näher, so zeigen sich
einige Inkonsequenzen, u. a. die, weldie Svennung veranlaßten, an zwei
verschiedene Gewährsleute zu denken. An der Stelle von zwei Teilen,
die Svennung für möglich hielt, könnte man hier auch an drei verschie-
dene Abschnitte denken. Am Anfang stehen die TheustesS2, die Vagoth,
wofür Svennung gewiß mit Recht *Vagothae stellt33. Es folgen die Ber-
gio, Hallin, Liotbida — nach Svennung in *Liothidae zu bessern' 4 —,
alles Bevölkerungsgruppen, deren Wohnsitze in ebenem, fruchtbarem Land
liegen (Jordanes Getica III 22). Danach werden die Ahelmilss, Fin-
naithae, Fervir, Gauthigoth — Svennung bessert in *Gauthigothae'* —
30
J. Svennung, a. a. O. 102.
31
J. Svennung, a. a. O. 166.
3i
Für die von Mommsen nach Müllenhoffs Vorschlag eingeführte Lesung Theu-
stes schlägt J. Svennung, a. a. O. 51 nach den Handschriften H, P, V u. L
Theutes vor; vgl. dazu auch Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant.
V, 1 (1882) 59 u. L. Weibull, Arkiv f. nord. filologi N. F. 37 (1925) 230 f.
— Nach der Stemma der Handschriften ist Theustes vorzuziehen. — Wie fast
alle Autoren schlägt J. Svennung a. a. O. 51 ff. für diesen Stamm eine Lo-
kalisierung in Nordwestschonen vor. Eine ältere Auffassung nahm die Hei-
mat in der alten Küstenlandschaft Tjust nördlich von Smlland an. Vgl. dazu
J. Svennung, a. a. O. 52 mit weiterer Literatur.
33
J. Svennung, a. a. O. 54 ff.
34
J. Svennung, a. a. O. 58 ff.
35
Die Handschriften haben neben Ahelmil (H, P, V s u. L) auch Athelmil (V1),
Athelnil (O u. B), Ahelmi (X) und Ahemi (Y). Vgl. Th. Mommsen, Mon.
Germ. Hist. Auct. ant. V,1 (1882) 59 Anm. — J. Svennung, a. a. O. 61 ff.
bessert, indem er von Athelmil und Athelnil ausgeht in at (= autem) *Heinii.
33
J. Svennung, a. a. O. 65 ff.
90 Zu den Quellen des Ablabius

und schließlich die Mixi — nach Svennung *'Hixi37 —, Evagre, Otingis


— nach Svennung *Euagreotingi 38 — aufgezählt, alles Bevölkerungs-
gruppen, die in ausgehauenen Felsen wohnen sollen. Dieser Aufzählung
folgt in engem Zusammenhang eine andere, die die Ostrogothae, Rauma-
rici, Ragnaricii, Finni, Vinoviloth — von Svennung in *Cainothioth
emendiert39 — und die Suetidi nennt. Schließlich folgt eine dritte Serie
mit den Grannii, Augandzi — Svennung spricht hier von *Agandzi, bes-
ser wohl *Agandii*° —, Eunixi, Taetel, Rugi — von Svennung in *Aetel-
rugi gebessert41 —, die Arochi — nach Svennung *Arothi42 — und die
Rannii — nach Svennungs Emendation *Raumi 4 '.
Die erste und die dritte Gruppe lokalisierte Svennung an der West-
küste Schwedens bzw. an der Süd- und Südwestküste Norwegens44. Es
besteht kein Zweifel, daß auch Raumarici und Ragnaricii in die Reihe
dieser Küstenvölker zu rechnen sind, die zur zweiten Aufzählung ge-
hören. Sonst umfaßt diese zweite Gruppe aber keine Küstenvölker, zu-
mindest keine solchen, die vom Westen gesehen, als solche erscheinen
mußten. Die Finni und Vinoviloth siedelten gewiß im fernen Norden
(für die ersteren betonte es schon Ptolemaios); die Suetidi müssen ein
Ostküstenvolk gewesen sein. Besonders störend ist die Reihung der Na-
men. Der Satz sunt et bis exteriores (Jordanes Getica III 23) bezieht sich
sichtlich auf die vorhergehende Aufzählung, und in der Tat müssen die
Raumarici und die Ragnaricii „weiter nach außen" ansässig gewesen sein.
Aber v o r den Raumarici sind die Ostrogothae genannt; sollte es sich
auch hier um ein westliches Küstenvolk handeln?
Die Erwähnung der Ostrogothae gerade an dieser Stelle fällt auf
und ist bemerkenswert, wenn man das System der Völkeraufzählungen
des Ablabius für sich betrachtet. Sie wirkt noch auffallender, wenn man
daran denkt, daß die Ostrogothae die „Helden" der Geschichtsschreibung
des Cassiodor sind. Daß er die Dani und Heruli hier eingefügt hat, darf
als sicher gelten. Sollte er hier auch den Namen der Ostgoten eingefügt
haben? Die Frage muß gestellt werden. Der Name Ostrogothae steht in

37 J. Svennung, a. a. O. 79 f.
38 J. Svennung, a. a. O. 82.
30 J. Svennung, a. a. O. 92 f.
40 J. Svennung, a. a. O. 103 f. — Der Name dürfte aus *Agandii entstellt sein
wie Scandza aus Scandia.
41 J. Svennung, a. a. O. 106 f.
42 J. Svennung, a. a. O. 102 f., die Form Arothi ist noch bei Rodericus Toleta-
nus erhalten; vgl. oben S. 83.
43 J. Svennung, a. a. O. 110.
44 J. Svennung, Fornvännen 59 (1964) 72 f.; ders., Jordanes und Scandia (1967)
30 f. Abb. 4 u. 5.
Probleme der historischen Quellen 91

den Getica zehnmal in Zusammenhängen, die dem Cassiodor zuzuweisen


sind. Zweimal findet er sich in Einschieben des Jordanes. N u r e i n m a l
steht er in einem Text, der dem Ablabius zuzuschreiben ist, dem hier
vorliegenden Stück. Daraus ergibt sich, daß Ablabius den Namen der
Ostgoten in seiner Gotengeschichte im allgemeinen n i c h t benutzt. Es
fragt sich, ob er den Namen überhaupt gekannt hat, gekannt haben
kann. Dazu muß man in Betracht ziehen, wann Ablabius seine Goten-
geschichte geschrieben hat: nicht vor dem Tode des Euridi (484), wäh-
rend der Herrschaft Alarichs II.; das muß als ziemlich sicheres Datum
angenommen werden. Zu dieser Zeit hielt sidi Theoderidi mit seinen
Ostrogoten höchstwahrscheinlich noch in Pannonien auf. Es ist fraglich,
ob davon überhaupt etwas im gallischen oder italischen Westen bekannt
war. Dem Ablabius mögen die Ostrogoten bekannt gewesen sein; jeden-
falls ist das Gegenteil nicht zu beweisen. Sicher ist, daß er die kontinen-
talen Ostrogoten in seinem Werk nicht genannt hat. Es ist nicht auszu-
schließen, daß einer seiner Gewährsleute Ostrogothae im Norden an-
getroffen hatte. Zieht man aber die ungewöhnliche Einordnung des
Namens in der Aufzählung der Stämme in Betracht, so ist es viel wahr-
scheinlicher, daß Cassiodor — wie die Namen der Dani und der He-
ruli — den Namen der Ostrogothae in die Aufzählung eingefügt hat.
Die Vesegothae fehlen in der Reihe der Stammesnamen. An ihrer Nen-
nung konnte Cassiodor kein besonderes Interesse haben, und Ablabius
sagte ja an benachbarter Stelle, daß die Goten aus dem Norden ausge-
wandert waren, also ursprünglich auf Scandza ansässig waren.
Das Verfahren, das Cassiodor hier wahrscheinlich angewandt hat,
entspricht dem des Rodericus Toletanus, der in seinem Exzerpt aus dem
Werk des Jordanes die Zahl der auf Scandia siedelnden Völker auf die
von Ptolemaios angegebene Zahl sieben reduzierte, von den bei Jordanes
Getica III 19—24 genannten Stämmen zunächst aber mehr als not-
wendig tilgte, um neben den Ostrogotthi nun noch Raum für die Er-
wähnung der Gotthi und der Vesegotthi zu haben4®. An letzteren mußte
er besonders interessiert sein, denn die Westgoten in Spanien nannten
sich Gothi oder Visigothi. Allerdings, da Ablabius die Zahl der auf
Scandza siedelnden Stämme nicht genannt hatte, brauchte Cassiodor
nicht zu tilgen; es genügte, einen Namen einzufügen.
Außer den Ostrogothae, die nun getilgt werden sollten, enthält Jor-
danes Getica III 22—23 auch andere Namen, die sichtlich Bezug zu den
Goten haben und deren Erwähnung zweifelsohne auf Ablabius zurück-
geht, die *Gauthigothae und die *Vagothae; auch die *Euagreotingi dürf-
ten in diesen Zusammenhang gehören. Weniger auffällig als die Ostro-
45
J. Svennung, Jordanes und Scandia (1967) 28.
92 Zu den Quellen des Ablabius

gothae stehen diese Namen verstreut. Die ''Vagothae folgen den Theust es
u n d gehen d e n Bergio, Hallin u n d Liothida v o r a n . D e n Ahelmil, Fin-
naithae u n d Fervir f o l g e n d a n n d i e *Gauthigothae. Die *Euagreotingi
folgen den *Hixi und schließen den ersten Teil der Aufzählung ab. Die
Reihenfolge ist in keiner Weise ungewöhnlich. Die Charakterisierung
acre homimum genus et at bella prumtissimum ( J o r d a n e s G e t i c a I I I 22)
hebt die *Gauthigothae zwar aus der Masse der insgesamt 25 Namen
heraus, aber audi die Finni und die Suetidi erfahren eine gleichartige
Charakterisierung, und es gibt keinen Grund, anzunehmen, das Epithe-
ton der *Gautigothae sei von Ablabius mit einem Seitenblick auf die
Goten, insbesondere die Westgoten eingeschoben worden.
Recht auffallend ist, daß Ablabius von den bei Ptolemaios genann-
ten sieben Stämmen nicht einmal die Toitcu erwähnt. Nach den Prin-
zipien der antiken Etymologie wäre es für ihn ein leichtes gewesen, in
ihnen die Gothi bzw. die Tofftoi seiner Gewährsleute Ammianus Marcel-
linus48 und Dexippos 47 zu erkennen. Das Fehlen des Namens der ToOtat
läßt sich nur dadurch erklären, daß die ganze Aufzählung der skandi-
navischen Stämme nicht direkt auf die Goten bezogen ist, sondern nur
die Fülle der Stämme des Nordens illustrieren sollte48.
Es überrascht daher auch nicht, daß keiner der skandinavischen
„Gotenstämme" als Verwandter der festländischen Goten, d. h. der an-
geblichen Auswanderer, hingestellt wird 4 '. Ablabius, der so gerne gegen-
wärtige und vergangene Zustände verglich, hatte hier keinen Kommentar
zur Hand. Aber im Hintergrund steht doch ein Vergleich: Ptolemaios
konnte nur sieben Völker nennen, demgegenüber standen Ablabius für
seine Zeit 25 Namen zur Verfügung. Man kann daher getrost annehmen,
d a ß A b l a b i u s d i e N a m e n v o n *Vagothae, *Gauthigothae u n d *Euagreo-
tingi nicht eingeschoben hat. Auch Cassiodor und Jordanes kommen für
eine solche Maßnahme nicht in Betracht. Um so bedeutsamer ist ihre
Erwähnung! Sind alle diese Überlegungen richtig — nichts spricht
eigentlich dagegen —, dann hat des Ablabius skandinavische Völkertafel
historisches Gewicht. Sie zeigt, daß im 5. Jh. nach Christi Geburt in
Skandinavien Bevölkerungsgruppen siedelten, die in verschiedenen Kom-

46
Vgl. die Belege für den Namen Gothi bei M. Schönfeld, Wörterbuch der
altgermanisdien Personen- u. Völkernamen (1911) 120.
47
Vgl. den Beleg für röxftoi bei M. Schönfeld, a. a. O. 121, wonach man wohl
annehmen darf, daß Dexippos diese Form benutzt hat.
48
Auffallend ist in diesem Zusammenhang allerdings, daß Ablabius die von
Ptolemaios genannten Stammesnamen nicht zur Auffüllung der Zahl skan-
dinavischer Stämme benutzte. Nur die $ivvoi nannte er — allerdings aus
einer anderen Quelle.
Probleme der historischen Quellen 93

binationen den Gotennamen trugen. Diese Tatsache verdient Beachtung


und gründlichere Würdigung (vgl. unten S. 126).
Wenn Ablabius von den vielen verschiedenen Völkern der Insel
Scandza spricht und statt der sieben Namen des Ptolemaios ca. 23 auf-
zählt", so ist das also kein Zufall und nicht nur Spiegel der Welterfah-
renheit seines oder seiner Informanten. Er bemüht sich sichtlich, die Zahl
aus eigener Kenntnis zu erhöhen. Dieses Bestreben wurzelt in der antiken
Geographie und Ethnographie. Im Bereich der spätantiken und frühest-
mittelalterlidien Historiographie wiederholt sich die Vorstellung vom
Norden als Völkerwiege — ausführlich abgehandelt — bei Paulus Dia-
conus, der seine Langobardengeschichte mit folgenden Worten beginnt:
Septemtrionalis plaga quanto magis ab aestu solis remota est et nivali
frigore gelida, tanto salubrior corporibus hominutn et propandandis est
gentibus coaptata; sicut econtra omnis meridiana regio, quo solis est
fervori vicinior, eo semper morbis habundat et educandis minus est
apta mortalibus. Unde fit, ut tantae populorum multitudines arctoo sub
axe oriantur, ut non inmerito universa illa regio Tanai tenus usque ad
occiduum, licet et propriis loca in ea singula nuncupentur nominibus,
generali tarnen vocabulo Germania vocitetur. Paulus leitet sichtlich den
Namen Germania mit Isidor von Sevilla vom lateinischen germinare ab
(Isidor Etymol. XIV 4,4), doch dienten dem Paulus diese Sätze weniger
als Beweis einer bislang unbekannten Behauptung, sondern mehr als Er-
läuterung eines Tatbestandes, der bereits als bekannt gelten mußte.
Worauf führte Paulus den Reiditum des Nordens an Menschen
zurück? Gewiß waren ihm des Jordanes Worte von der officina gentium
und der vagina nationum (Jordanes Getica IV 25) bekannt. Hat er aber
bei den Einleitungssätzen zu seiner Langobardengeschichte an diese ge-
dacht? C. Weibull hat sich um die Klärung der Zusammenhänge bemüht.
Er betonte die Bedeutung der pseudohippokratischen Schrift „Über die
Luft, das Wasser und den Wohnsitz", die aus dem 5. vorchristlichen
Jahrhundert stammt, für die antike Geographie50. Diese Schrift behan-
delte u. a. den Zusammenhang zwischen einem Land und seinem Volk,
doch nicht den Menschenreichtum des Nordens. Eine Annahme großen
Menschenreichtums im äußersten Norden hätte den Lehren einer Zeit
auch durchaus widersprochen, in der sich die pythagoräische Zonenlehre
entwickelte®1, denn diese kannte zwischen den sommerlichen und winter-

49 Die Dani und die Heruli, von deren Wanderung gesprochen wird, wurden
ja von Cassiodor eingefügt.
50 C. Weibull, Die Auswanderung d. Goten a. Schweden (1958) 14.
51 H. Berger, Geschichte d. wissenschaftlichen Erdkunde d. Griechen ( 2 1903)
206 ff.
94 Zu den Quellen des Ablabius

liehen Zonen, die als unbewohnbar galten, die einzig bewohnbaren ge-
mäßigten Zonen. Erst Pytheas von Massilia behauptete ja ernstlich, die
Insel Thüle — sie war nach seinem Bericht bewohnt — liege unter dem
Polarkreis, also in der bislang für unbewohnbar gehaltenen nördlichsten
der fünf zu seiner Zeit angenommenen Erdzonen 52 . Er erntete, weil er
gegen die herrschende Lehrmeinung verstieß, Schimpf und Schande. Noch
Strabo polemisierte dagegen, nannte Pytheas einen Lügner (Strabo
Geogr. IV 201) und meinte, die äußersten bewohnbaren Nordländer
seien im Westen die Insel lerne (Irland) und im Osten das Land der
roxolanischen Skythen (Strabo Geogr. II 114 f.).
Die pseudohippokratisdie Klimalehre und die These vom Menschen-
reichtum des Nordens sind zwei verschiedene Theorien, die primär nicht
aneinander gebunden waren. Die Genesis der letztgenannten Theorie muß
anderswo gesucht werden. Eine gründliche Untersuchung fehlt, doch ist
immerhin soviel sicher, daß sich Spuren von ihr bereits im ersten nach-
christlichen Jahrhundert nachweisen lassen und daß sie bis ins letzte
vorchristliche Jahrhundert zurückreichen muß.
Neque enim plaga gentibus ttlla ditior: aeterno quamquam Maeotia
pubes Marte cadat, pingui numquam tarnen ubere defit quod geminas
aretos magnumque quod impleat anguem (Valerius Flaccus Argonautica
VI 37), so schilderte Valerius Flaccus in der zweiten Hälfte des ersten
nachchristlichen Jahrhunderts die Eignung des Nordens für die Fort-
pflanzung der Völker 58 . Schon vorher erwähnte Plinius Hist. Nat. IV 13,
96 die Hillevionum gens, die in 500 Gauen Scadinavia bewohnten, und
zeigte damit, daß er sich diesen Teil des Nordens dichtbesiedelt vor-
stellte. Etwas später ist der Menschenreichtum des Nordens für Tacitus
eine so große Selbstverständlichkeit, daß er sie gar nicht mehr eingehen-
der begründen zu brauchen meinte, und sie einfach als Nebensatz tam-
quamM in tanto hominum numero in den Satz unde habitus quoque cor-
porum,..idem omnibus (Tacitus Germania 4) einfügte.
In vorchristlicher Zeit ist die Vorstellung vom Menschenreichtum des
Nordens nicht expressis verbis belegt. Es spricht aber vieles dafür, daß
sie spätestens unter dem Eindruck der Kimbern- und Teutonenkriege
entstand. Die große, oft scheinbar überlegene Masse der Feinde, deren
Herkunft zwar umstritten war, wenngleich Einigkeit darüber bestand,
daß sie aus einem fernen, unbekannten nördlichen Land stammen mußte,
52
H. Berger, a. a. O. 208 ff.
5S
Vgl. C. Weibull, Die Auswanderung d. Goten a. Schweden (1958) 17.
54
Zum Stand der Überlieferung dieser Stelle — quamquam oder tamquam in
tanto hominum — vgl. Ed. Norden, Die germ. Urgesch. in Tacitus Germania
(1920) 52 Anm. 2 u. Rud. Much, Die Germania des Tacitus (1937) 68 f.;
(»1967) 98.
Probleme der historischen Quellen 95

und von der man seit Caesar wenigstens in Rom zu wissen meinte, daß
sie germanischer Abstammung sei, zeugte von den schier unerschöpflichen
Bevölkerungsmassen des Nordens. Der Krieg Caesars in Gallien und die
Germanenkriege des Augustus und Tiberius bestätigten diesen Eindruck.
In diese Zeit fällt zudem ein beträchtlicher Zuwachs an geographischen
Kenntnissen des Nordens, so daß Pomponius Mela bereits von der Größe
und Fruchtbarkeit der Insel Scadinavia berichten konnte (Pomponius
Mela III 6,54), was dann Plinius etwas später durchaus zu bestätigen
wußte (Plinius Hist. Nat. II 108,246).
Ablabius kann allerdings Gedankengut, in dem Menschenreichtum
und Fruchtbarkeit des Nordens eine Rolle spielten, weder von Tacitus
noch von Plinius, die er beide nicht kannte, bezogen haben55. Der von
ihm einmal zitierte und mehrfach benutzte Pomponius Mela (Jordanes
Getica V 44 f., X I I 75) kommt als Quelle weniger in Betracht, da er von
der Fruchtbarkeit der Insel Scadinavia nur beiläufig sprach. Auch aus
einer anderen alten Quelle kann Ablabius seine Kenntnisse kaum be-
zogen haben. Er dürfte sich — wie übrigens Paulus Diaconus auch —
am Wissen und Bildungsgut seiner Zeit orientiert haben. Daß in der
Spätantike bzw. Frühmittelalter die Vorstellung von der Menschenfülle
des Nordens noch lebendig war, zeigt ja am unmittelbarsten und deut-
lichsten die Etymologie des Germanennamens bei Isidor. Bezeichnend
ist, wie Paulus von den zahllosen Gefangenen sprach, die im Laufe der
Germanenkriege nach dem Süden gebracht wurden, und von den vielen
Völkerschaften, die von dort nach dem Süden zogen: Multae quoque ex
ea, pro eo quod tantos mortalium germinat, quantos alere vix sufficit,
saepe gentes egressae sunt, quae nihilominus et partes Asiae, sed maxime
sibi contiguam Europam adflixerunt ... Gothi siquidem Wandalique,
Rugi, Heroli atque Turcilingi, necnon etiam et aliae feroces et barbarae
nationes e Germania prodiemnt (Paulus Diaconus Hist. I 1). Das Ex-
pansionsstreben der Germanen mußte der Antike — ganz gleich, welche
Hintergründe es in Wirklichkeit hatte (vgl. unten S. 328 ff.) — als eine
Folge permanenter Überbevölkerung erscheinen. Die Vorstellung des Ab-
labius von Scandza als einer officina gentium erweist sich also als eine
Vorstellung der antiken Ethnographie, die für die Beurteilung der wirk-
lichen Bevölkerungsverhältnisse des Nordens als alleinige Quelle wenig
Wert hat.
Dieser Überblick zeigt, wie verwickelt die Quellenlage in des Ab-
labius gotisdier Urgeschichte ist und wie unterschiedlich der Wert der
Quellen ist. Exzerpte aus antiken Quellen (Ptolemaios, Pomponius Mela
51 Nur Cassiodor kannte Tacitus als Cornelius annalium scriptor (Jordanes Ge-
tica II 13), hat aber für seine Gotengesdiidne nur das Buch vom Leben des
96 Zu den Quellen des Ablabius

und „unbekannte Quelle I") stehen neben „Augenzeugenberichten", Be-


nutzung von Karten, einer „astronomischen Quelle" 56 und der „unbe-
kannten Quelle II", die möglicherweise aus einem Hauptteil besteht, der
durch Einschiebungen einiger Namen geteilt wurde. Dazu kommen einige
Kommentare aus der Feder des Ablabius und die Einfügung des Cassio-
dor, zu der auch der S a t z hae itaque gentes, Germanis corpore et animo
grandiores, pugnabant beluina saevitia ( J o r d a n e s Getica III 24) gehört,
den Svennung — diesmal mit Recht — Cassiodor zuschrieb.
Die Insel Scandza ist das Thema der ersten Teile der Urgesdiidite
des Ablabius. Cassiodor setzte mehrfach mit dem Hinweis auf Scandza
zu seiner Erzählung an. Stets kommen die Hinweise aus dem Werk des
Ablabius. Er sagte habet quoque is ipse immensus pelagus in parte artoa,
id est septentrionali, amplam insulam nomine Scandzam ( J o r d a n e s Ge-
tica III 9), schweifte danach aber ab. Dann kam er zum Thema zurück:
Ad Scandziae insulae situm, quod superius reliquimus, redeamus (Jor-
danes Getica III 16). Es folgen Abschweifungen des Ablabius vom
Thema, die Cassiodor getreulich übernahm und ergänzte. Erst danach
kommt die Erzählung, auf die Cassiodor — und natürlich vorher Ab-
labius — schon lange zusteuern wollte: Ex hae igitur Scandza insula
quasi officina gentium aut certe velut vagina nationum cum rege suo
nomine Berig quondam memorantur egressi ( J o r d a n e s Getica I V 25).
Dies und die Nachricht von der Auswanderung der Goten aus Scandza
in drei Schiffen unter Berig, von der Landung in Gothiscandza und was
dann noch folgt (Jordanes Getica IV 25—28), stellt eine Quelle für sidi
dar. Im Gegensatz zu der Erwähnung der vielen Völker und der dichten
Bevölkerung der Insel wird hier die geringe Zahl der Auswanderer
betont.
Auswanderung in drei Schiffen über See findet sich audi in einem
anderen germanischen Herkunftsbericht, dem über die Einwanderung der
Sachsen nach Britannien. Dieser ist allerdings in seiner ältesten Form
von einem Briten, Gildas Sapiens, überliefert. Die Sadisen seien tribus,
ut lingua eius exprimitur, cyulis, nostra longis navibus (Gildas Sapiens
De excidio et conquestu Britanniae 23) nach Britannien gekommen5'®.

Agricola benutzt (Jordanes Getica II 13). Nach Var. V 2 hat er allerdings


auch die Germania des Tacitus gekannt. Plinius war ihm unbekannt.
5 4 J . Svennung, Jordanes und Scandia (1967) 4 . 1 4 1 .

« a Vgl. Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. X I I I (1898) 38. — Audi
H. Matter, Englische Gründungssagen v . Geoffrey of Monmouth b. z. Re-
naissance (1922) 150 fi. — Zur Bedeutung der Dreizahl vgl. A . Olrik, Epische
Gesetze d. Volksdichtung, in: Zeitschr. f. dt. Altertum u. dt. Litteratur 51
(1909) 1 — 1 2 bes. 4.: „ . . . die d r e i z a h 1 ist auch ein g e s e t z f ü r s i c h ,
daß sie in märdien und mythus, selbst in der schlichten ortssage unglaublich
Probleme der historischen Quellen 97

Derselbe Bericht findet sich später erweitert in der Historia Brittonum,


bei Beda und anderen, die alle zum Teil — doch meist auf unterschied-
liche Weise — in Einzelheiten von Gildas abhängig sind. Die Historia
Brittonum — in der ursprünglichen Fassung höchstwahrscheinlich älter
als das Werk des Beda — berichtet: Interea venerunt tres ciulae a Ger-
mania expulsae in exilio, in quibus erant Hors et Hengist, qui et ipsi
fratres erant, . . . (Hist. Brit. 31) 57 . Beda schrieb unabhängig davon: Tunc
Anglorum sive Saxonum gens . . . in Britanniam tribus longis navibus
advehitur . . . Duces fuisse perbibentur eorum primi duo fratres Hengist
et Horsa (Beda Hist. Eccles. 15) 58 . Sichtlich bezogen sich der Verfasser
der Historia Brittonum und Beda unabhängig voneinander auf eine
Form des Wanderungsberichts, die Gildas nicht vollständig kannte, jeden-
falls aber nicht nannte.
Im Falle der Sachsen — und Angeln — ist einigermaßen deutlich
zu erkennen, wie ein Wanderungsvorgang, der als solcher — wenngleich
nicht in der geschilderten Form — gesichert ist, sich in einer Wandersage
niederschlägt, die dem gotischen Wanderungsbericht nicht unähnlich ist 59 .
Als Sagenmodell ist die Erzählung des Gildas Sapiens für die Erhel-
lung des Scandza-Berichtes aber nicht besonders ergiebig. Immerhin
sichert sie nicht nur die Existenz von Herkunfts-Traditionen bei ger-
manischen Stämmen; sie stellt auch fest, daß es Herkunftsberichte in
Sagenform — gelehrt ausgeschmückt oder nicht, das kann hier gleichgül-
tig bleiben — gab, die einen historischen Hintergrund besaßen. Sie lie-
fert auch einen gewissen Begriff davon, wie, unter welchen Umständen
und innerhalb welchen Zeitraums sich geschichtliche Vorgänge in Sagen
umzusetzen vermögen. Wenn auch alles ganz vage bleibt, ist eine Vor-
stellung von solchen Vorgängen nicht ganz wertlos. Gildas schrieb sein
Werk de excidio et conquestu Britanniae vor dem Jahre 547, also viel-
häufig vorkommt, das wissen sie alle; vielleicht hat sich nidit jeder klar ge-
macht, daß in hunderttausenden von Volksüberlieferungen drei die höchste
zahl ist, mit der man wirklich operiert, sieben und zwölf, bisweilen noch
andere zahlen kommen vor, aber sie drücken nur eine ganze abstracte menge
aus; . . . wenn der sagenforscher auf eine dreizahl stößt, denkt er wie der
Schweizer, der die Alpen wieder erblickt: nun bin ich wieder daheim!"
57 Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. X I I I (1898) 171. — Die er-
weitere Bearbeitung der Historia Brittonum durch den Nennius führt diese
Stelle fast unverändert auf (Th. Mommsen, a. a. O. 171) und entnimmt sie
ein zweites Mal dem Werk des Beda (Th. Mommsen, a. a. O. 154).
58 Verkürzt wiederholt in den als Kapitel 66 im Liber de temporum ratione
enthaltenen Chronica 4 8 9 : gens Anglorum sive Saxonum Britaniam tribus
longis navibus advehitur,... (Th. Mommsen, a. a. O. 304).
59 Die teilweise ungelösten Probleme der Datierung der Sachsen-, Angeln-
und Jütenwanderung nach dem Westen können hier außer Betracht bleiben.

7 Hadimann, G o t e n und Skandinavien


98 Zu den Quellen des Ablabius

leicht etwa 100 Jahre nach dem Einsetzen des germanischen Einwande-
rungsstroms, dessen Beginn man indes nicht nach den Daten der Sagen
selbst fixieren sollte. Keinesfalls können also viel mehr als hundert Jahre
für die Entwicklung der Sage angesetzt werden. Hundert Jahre vor
Ablabius siedelten Goten allerdings längst in Südrußland. Die Tradition,
die er in sein Geschichtswerk übernahm, müßte, richtet man sich nach der
Sachsensage, also wesentlich früher entstanden sein. Man sollte aber
keinen stereotypen Ablauf solcher Sagenbildungen voraussetzen.
Es ist auch nicht ganz ohne Wert, den gemeinsamen Kern beider
Sagen kurz zu umreißen: Auswanderung, Fahrt mit drei Schiffen übers
Meer, zwei oder auch ein Führer, Landnahme im Kampf gegen die Ein-
heimischen, das sind die Motive. Sie sind nicht ganz ohne Seitenstücke
unter anderen germanischen Herkunftsberichten. Die Langobarden wan-
dern unter Ybor (Paulus: Ibor) und Agio (Paulus: Aio) aus; sie erober-
ten im Kampf ihre neue Heimat. Das Motiv der Fahrt mit drei Schiffen
fehlt, denn der Zug ging über Land. Wäre der Name des gotischen Füh-
rers Berig etymologisch völlig durchsichtig und wäre es zulässig, in ihm
eine Ableitung von got. *baira = Bär zu sehen60, vergleichbar dem
Namen Beremud81, so wäre der Bezug zwischen den Herkunftssagen
durch die Tiernamen der Führer — Hengist, Horsa, Ybor ( = Eber) —
deutlich gefestigt. Hengist und Horsa, Ybor und Agio erinnern übrigens
an Namenpaare wie Ambri und Assi (Origo gentis Langobardorum 1),
Raptos und Raos (Dio Cassius L X X I 12,1), Ariarich und Aorich (Jorda-
nes Getica X X I 112). Stabende Namenpaare solcher Art waren beliebt,
allerdings in der Sage wie in der Geschichte.
Soviel immerhin bleibt bei aller Unsicherheit sicher: In der Wander-
sage der Goten — Auswanderung unter Berig aus Scandza, Überfahrt
mit drei Schiffen, Landung auf dem Festlande, Kampf gegen Ulmerugier
und Wandalen — liegt echtes germanisches Sagengut vor. Mindestens
teilweise muß Ablabius hier übernommen haben, was man sich bei den
Goten erzählte.
Jordanes Getica I V 25 zeigen allerdings, daß Ablabius auch Vor-
stellungen, die aus antikem Gedankengut stammen, mit der Gotensage
verbunden hat: Der Bericht vom Menschenreichtum des Nordens und
auch der Name der Insel stammen aus dem antiken ethnographischen

60 Daran dachte K. Müllenhoff, in: Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct.
ant. V, 1 (1882) 1 4 7 ; vgl. F. Wrede, Über d. Sprache d. Ostgoten i. Italien
(1891) 94 Anm. 5 ; vgl. audi: M. Sdiönfeld, Wörterbuch d. altgerm. Personen-
u. Völkernamen (1911) 50. — Für diese These hat O. Höfler zahlreiche Be-
lege; vgl. oben S. 45 Anm. 40.
81 F. Wrede, a. a. O. 9 4 ; M. Sdiönfeld, a. a. O. 49 f.
Probleme der historischen Quellen 99

Schrifttum. Der Name Scandza ist zweifellos nach Ptolemaios' 2xav5ia


emendiert. Wie lautet aber die ursprüngliche Version an Stelle von
ExavSia—Scandza? Stand hier anfangs schon der germanische Name des
Nordlandes, von dem Scadinavia—Scandia—Sxavöia gelehrte, latei-
nisch-griechische Ableitungen sind62? Wußte Ablabius um die Identität
der im Römischen Reich gebräuchlichen Namensformen mit dem in der
Scandza-Tradltion enthaltenen Namen — evtl. auch mit der zeitgenös-
sischen Form, die ihm Nordlandreisende mitgeteilt hatten 623 ? Darüber
ist kein Aufschluß zu gewinnen. Ja, es ist nicht einmal sicher, ob Ab-
labius überhaupt einen an Sxavöia erinnernden Namen vorfand. Auf
zwei ganz verschiedenen Wegen kann er nämlich dazu gekommen sein,
hier den Namen, den er bei Ptolemaios kennen gelernt hatte, einzufü-
gen: Entweder er fand in der Scandza-Tradition eine Insel, die ihm
wegen ihres N a m e n s bekannt vorkam, woraufhin er sie mit den
Sxavöiai vrjcroi des Ptolemaios identifizierte, oder aber er stieß auf eine
Insel unbekannten Namens im Nordmeer, die ihn wegen ihrer L a g e
an die Skandischen Inseln erinnerte, woraufhin er sie Scandia—Scandza
nannte. Im ersten Fall hätte Ablabius über die L a g e der Insel, im
zweiten Fall hätte er über deren N a m e n keine Angaben vorzufinden
brauchen. So beginnt Sicherheit zu schwinden, wo sie gerade eben ge-
wonnen zu sein schien.
Weiterreichende Skepsis könnte sogar dazu führen, in dem germa-
nischen Sagenmodell — wie es im Scandza-Bericht vorliegt — Spuren
antiken Gedankenguts zu suchen: Das zweite Thema des Scandza-Be-
richtes — Fahrt über See — ruft antike Herkunftsberichte in Erinnerung,
in erster Linie natürlich die Nachricht des Tacitus von der Herkunft der
Germanen selbst: Ipsos Germanos indigenas crediderim minimeque
aliarum gentium adventibus et hospitiis mixtos, quia nec terra olim, sed
classibus advehebantur qui mutare sedes quaerebant, et immensus ultra
utque sie dixerim adversus Oceanus raris ab orbe nostro navibus aditur
(Tacitus Germania 2,1). Tacitus hielt die Germanen also für seit jeher
in ihrem Lande Ansässige, weil in früheren Zeiten Völker, die ihren
Wohnsitz zu verändern wünschten, dies nicht auf dem Landwege, son-
dern zu Schiffe taten. K. Müllenhoff hielt es für eine „etwas wunderliche
auffallende Art, wie Tacitus seine Meinung begründete" 63 . Er meinte,
62
J. Svennung, Fornvännen 59 (1964) 2; ders., Scadinavia u. Scandia (1967)
27.
«2a Vgj d as Scatenauge in der Historia Langobardorum Codicis Gotbani, das
Scedenig in Beowulf 1686 und Scedelandum in Beowulf 19 und Sconeg bei
Wulfstan. — J. Svennung, Scadinavia u. Scandia (1967) 17 f. 33. 37. 39.
49 f. 51.
63
K. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 4 (1900) 109.

7*
100 Zu den Quellen des Ablabius

daß dieser die Einwanderung auf dem Landwege ableugnete und nur die
zu Schiff gelten lassen wolle, weil er sich nach den Wandersagen antiker
Völker orientierte. Rud. Much erklärte dieselbe Stelle fast wörtlich eben-
so*4. Müllenhoff glaubte ferner, Tacitus polemisiere hier gegen eine ent-
gegengesetzte Ansicht eines anderen römischen Gelehrten und dachte, es
müßte namentlich Plinius solche anderslautenden Hypothesen vorge-
bracht haben.
In der Tat liegt es im ersten Augenblick nahe, in diesem Zusam-
menhang zwar nicht an Wandersagen antiker Völker im allgemeinen,
sondern an die Wandersage der Römer im speziellen zu denken: Aus-
wanderung (aus Troja), Fahrt mit (in diesem Fall: 20) Schiffen, ein
Führer (Aeneas), Landnahme (nach allerhand Irrfahrten) im Kampf
gegen die Einheimischen, d. h. die Form, die — nach vielen älteren
Varianten 95 — durch das Werk des Vergil zur herrschenden gemacht
wurde. Tatsächlich sind ja auch Spuren des Vergil in der Gotengeschichte
vorhanden (Jordanes Getica I 9, V 40 und V I I 50), doch gehen sie alle-
samt auf Cassiodor zurück und sind lediglich novellistische Ausschmük-
kungen ohne tieferen Sinn. Ablabius selbst hat Vergil nicht gekannt,
jedenfalls nicht benutzt. Allerdings schließt das nicht aus, daß die Tro-
janersage auf anderem Wege dem Ablabius bekannt geworden sein
könnte, ja, es ist nicht unmöglich, daß sie schon früh unter Abwerfung
der alten Länder- und Personennamen auf germanische Sagenmodelle
eingewirkt und sie wesentlich beeinflußt haben könnte.
Mindestens teilweise ist dies Problem überblickbar, und es lassen sich
die damit verbundenen Fragen beantworten. Es ist allerdings erforder-
lich, einige Umwege zu machen. Seit den Forschungen des Poseidonios,
insbesondere aber seit Caesars Bericht über den gallischen Krieg, der das
ethnographische Denken der Römer tief beeinflußte, wurde es in der
römischen Ethnographie üblich, Aufschluß darüber zu suchen, was die
Barbaren s e l b s t über ihre Herkunft wußten, und deren Angaben zu
übernehmen 66 . Nachrichten von der Herkunft der Germanen, die man
diesen selbst zuschreiben konnte, lagen dem Tacitus tatsächlich vor, und
er benutzte sie auch (Tacitus Germania 2,8). Die Mannus-Genealogie gab
aber nur über den Stammvater der Germanen Auskunft, nicht aber über

64 Rud. Much, Die Germania d. Tacitus (1937) 18; (»1967) 47. — Dasselbe
deutete auch Ed. Schwyzer in seiner Bearbeitung der von H . Schweizer-Sidler
kommentierten Ausgabe der Germania des Tacitus an; vgl. Tacitus' Germania
erläutert von H . Schweizer-Sidler ( 9 1902) 5.
45 Vgl. J . Perret, Les origines de la legende troyenne de Rome (1942) 438 ff.;
A. Alföldi, Die trojanischen Urahnen d. Römer (1957) 9 ff.
66 Vgl. E. J . Bickerman, Origines gentium, in: Classical Philology 47 (1952)
75 ff.
Probleme der historischen Quellen 101

ihre ursprünglichen Wohnsitze. Von diesen wußte man nichts, und so


griff Tacitus zur Spekulation, woher die Germanen wohl gekommen sein
könnten.
Wohl hatte Tacitus davon gehört, daß Gallier nach Germanien auf
dem Landwege eingewandert sein sollten (Tacitus Germania 28). Er
wußte auch von der Wanderung der Kimbern (Tacitus Germania 37).
Solche Bevölkerungsverschiebungen rechnete er jedoch nicht mit — wie
schon Müllenhoff betonte' 7 —, weil sie nicht in der Urzeit — olim —
stattgefunden hatten.
Völker, die in der Urzeit ihre Wohnsitze zu ändern wünschten, taten
dies nicht auf dem Landwege, sondern zu Schiff. Diese Feststellung traf
Tacitus mit so auffallend großer Selbstverständlichkeit und mit der-
artiger Sicherheit, daß er den Eindruck erweckt, die „Tatsache" sei sei-
nen Zeitgenossen allgemein bekannt gewesen und hätte näherer Begrün-
dung nicht mehr bedurft. Wiederum liegt hier der Gedanke nahe, Tacitus
habe die römische Trojasage im Sinne gehabt, habe unterstellt, die Sage
sei ja allen Lesern bekannt, und es könne deswegen auf Einzelheiten
verzichtet werden.
Audi die übrigen Folgerungen, die Tacitus aus seinen — unausge-
sprochenen — Voraussetzungen zog, machen so, wie er sie formulierte,
den Eindruck der Selbstverständlichkeit: Waren die Germanen einst ein-
gewandert, konnte das n u r zu Schiff erfolgt sein. Konnten sie auf
solchem Wege n i c h t eingewandert sein, mußten sie Autochthone sein.
Da der grenzenlose Ozean des Nordens ehedem nur ganz vereinzelt von
Schiffen aus dem Mittelmeergebiet befahren wurde, kam für Tacitus die
Annahme einer Einwanderung eben nicht in Betracht. Das ist sein erstes
Argument. Aber wer hätte im übrigen auch seine Heimat im S ü d e n
verlassen und wäre in den unwirtlichen Norden ausgewandert; das ist
das zweite.
Die Selbstverständlichkeit, mit der Tacitus seine Folgerungen zog,
erweckt den Eindruck, als habe er allgemein bekannte und anerkannte
Argumente benutzt. Man wundert sich deswegen, in der antiken Litera-
tur keine dem Gedankengang nach entsprechenden Äußerungen zu fin-
den. War das alles so selbstverständlich, daß es meist keiner näheren Er-
klärung mehr bedurfte, oder hatte Tacitus seine Argumente in den Wind
gesprochen? Blieben sie — ohne Gegenargument — unbeachtet? Wurden
sie — obwohl öffentlich unwidersprochen — nicht akzeptiert?
Wahrscheinlich hatte Müllenhoff reckt, wenn er von einer etwas
wunderlichen, auffallenden Art der Begründung sprach. Tatsächlich
scheint nämlich Tacitus eine Begründung ad hoc benutzt zu haben, die

67 K. Müllenhoff, Deutsdie Altertumskunde 4 (1900) 109.


102 Zu den Quellen des Ablabius

gar nicht auf irgendwelchen allgemein bekannten Voraussetzungen be-


ruhte.
Kurz vorher hatte er sich nämlich über die Herkunft der Einwohner
Britanniens ganz anders geäußert, obwohl diese doch den germanischen
Barbaren vergleichbar sein mußten: Ceterum Britanniam qui mortales
initio coluerint, indigenae an advecti, ut inter barbaros, parum comper-
tum (Tacitus Agricola 11, 1). Was er bei den Germanen nicht erläuterte,
erklärte er hier zunächst vorweg: Man wisse verständlicherweise von der
Herkunft der Ureinwohner nichts. Wie bei den Germanen meinte Tacitus
auch bei den Britanniern, die Herkunft deduktiv ermitteln zu können.
Habitus corporum varii, atque ex eo argumenta, stellte er fest. Aus den
rötlichen Haaren der Einwohner Kaledoniens schloß er daher auf ger-
manische Herkunft; aus den dunklen Farben der Silurer folgerte er ibe-
rische Abstammung; die den Galliern in Frankreich am nächsten Woh-
nenden seien diesen ähnlich und wahrscheinlich von dorther einge-
wandert.
In diesem Falle kam Tacitus zum Ergebnis, die Britannier seien
übers Meer eingewandert. Aber die Argumente sind ganz andere. Er
sprach nicht davon, daß das Meer einst kaum von Schiffen aus dem Mit-
telmeer befahren wurde. Er unterstellte nicht, daß Einwanderungen
— wenn überhaupt — nur übers Meer erfolgten und die Einwanderer
dann aus dem Mittelmeer kamen. Nur auf den ersten Blick sieht die
Britannier-Herkunft wie eine Alternativ-Lösung zur Germanen-Herkunft
aus: Die Germanen waren nicht über See eingewandert, also Au-
tochthone; die Britannier waren keine Ureinwohner, also über See ein-
gewandert. Ergab sich für Tacitus, daß die Britannier in ihrem Land
nicht ursprünglich heimisch waren; wie konnten sie dann anders als
übers Meer eingewandert sein, wohnten sie doch auf einer Insel.

Es zeigt sich damit, daß die Spekulation über die Herkunft der
Germanen für Tacitus keinen festen Hintergrund und auch keine allge-
meine Verbindlichkeit hatte. Und das erklärt es auch, warum sich in der
antiken Ethnographie keine gleichartigen Beweisführungen finden oder
keine Auffassungen nachweisen lassen, die auf ähnliche Argumentationen
hinweisen. Ein Zusammenhang zwischen der gotischen Scandza-Sage und
der römischen Troja-Sage und -Dichtung — nicht wie Müllenhoff und
Much meinten, verschiedener mediterraner Herkunftsberichte — könnte
allerdings auch dann, wenn Tacitus oder seine Zeitgenossen als Mittler
ausfallen müßten, immer noch möglich sein; oder sollte man jede Mög-
lichkeit einer älteren Übertragung der Troja-Sage ausschließen können?
Die gesamte Problematik ist einigermaßen überschaubar, nachdem E. J.
Probleme der historischen Quellen 103

Bickerman die Auffassungen der Griechen und Römer von den origines
gentium eingehender untersucht hat 68 .
Es ist lange bekannt, daß der Glaube der Römer an ihre trojani-
schen Ahnen tief in vorchristlicher Zeit wurzelt, und daß den Griechen
diese Ansicht lange fast unbekannt blieb und erst von Dionysios von
Halikarnassos in die griechische Historiographie übernommen wurde.
Die Griechen gingen nämlich, wenn sie die eigene Herkunft oder die
barbarischer Völkerschaften untersuchen wollten, andere Wege. Sie
schätzten — anders als die Römer — die einheimische Abstammung hoch
ein und versuchten — wenn irgend möglich — die Wurzel der Herkunft
in der griechischen Mythologie zu finden. Die griechische Wissenschaft
ignorierte dabei weitgehend die Tradition jener, deren Abstammung sie
zu erklären suchten und scheute sich keineswegs, auch barbarischen Völ-
kern griechische Vorfahrenschaft anzudichten. Das griechische Weltbild
war eben hellenozentrisch.
Im Gegensatz zur griechischen Wissenschaft, die bis in die Spätzeit
ihre eigenen Praktiken beibehielt — des Poseidonios Versuche, „empi-
risch'" Aufschlüsse zu gewinnen, blieben ein Einzelfall —, übertrug die
römische Ethnographie von sich aus die Vorstellung von der eigenen
Herkunft n i c h t auf barbarische Völkerschaften. Wo Nichtrömer ihre
Herkunft von Troja ableiteten, dort geschah es ohne unmittelbares
Zutun der Römer selbst und wurde offiziell nicht gebilligt und nicht
anerkannt.
Ammianus Marcellinus lieferte für die Gallier eine ganze Kollektion
verschiedener Herkunftsberichte, die das, was Griechen, Römer und Ein-
heimische wußten bzw. dachten, auf überzeugende Weise illustrieren 69 .
Was er schrieb, das bezog er vornehmlich von dem in Rom arbeitenden
Griechen Timagenes (Ammianus Marcellinus XV 9,2—6). Quidam firma-
runt, meinte er, daß die Kelten nach einem von ihnen verehrten König
hießen bzw. daß sie den Namen TaXaTai nach dessen Mutter trügen. Das
ist eine der griechischen Versionen, die sich schon bei Kallimachos und bei
Timaios findet70. Die zweite Angabe, die Ammianus Marcellinus lieferte,
Herkunft der Kelten von Dorern, die sich in diesem Land niederließen,
stammt ebenfalls aus dem griechischen Bereich. Die dritte These Drasidae
memorant, wie Ammianus Marcellinus sagte. Sie gibt also eine Meinung
der Kelten selbst wieder. Danach sollten diese teils autochthon, teils über
den Rhein eingewandert sein. Das ist im Stil römischer Ethnographie be-

• 8 E. J. Bickerman, Classical Philology 47 (1952) 65—81.


69
Vgl. dazu Ed. Norden, Die germ. Urgesdiidite in Tacitus Germania (1920)
50 ff.
70
E. J. Bickerman, Classical Philology 47 (1952) 69 mit Anm. 36.
104 Zu den Quellen des Ablabius

richtet, die etwa seit Caesars Zeit — wahrscheinlich unter dem Einfluß
poseidonischer Empirie — begann, die Herkunftsberichte der Eingebore-
nen zu übernehmen, zumindest von ihnen zu berichten71. Es folgt danach
die der Herkunftstradition der Römer nachgebildete gallische These, daß
nach der Zerstörung Roms wenige Trojaner nach Gallien, das damals un-
bewohnt war, flohen und sich dort ansiedelten. Ammianus Marcellinus
war das Herkunftsdenken der Römer genügend vertraut. Er distanzierte
sich daher von der Ansicht der Gallier und betonte, es seien ja nur quidam
pauci, die die trojanische Abstammung der Gallier behauptet hätten. Er
legte Gewicht auf eine vierte Version, die sichtlich wieder aus griechischem
Denken entstanden ist, da sie die Kelten für Nachkommen des Herakles
hält.
Im Altertum scheinen die Gallier überhaupt die einzigen unter den
nördlichen Barbaren gewesen zu sein, die Anspruch erhoben, wie die Rö-
mer aus Troja zu stammen, und das hängt gewiß mit ihrer fortgeschritte-
nen Romanisierung, aber auch mit anderem zusammen. Die Nachricht des
Ammianus Marcellinus ist nämlich nicht die erste ihrer Art. Lucanus läßt
dies erkennen: Arvernique ausi Latio se fingere fratres sanguine ab Iliaco
populi (Lucanus bell. cio. I 427 f.). Anlaß dazu mag gewesen sein, daß der
römische Senat die Häduer zu fratres consanguineique der Römer ernannt
hatte (Caesar B. G. I 33,2), und es ist vielleicht kein Zufall, daß von den
den Häduern benachbarten Arvernern als ersten der Anspruch auf troja-
nische Herkunft berichtet wird72. Sichtlich lehnte auch Lucanus diesen An-
spruch ab7S.
Die Römer selbst haben gewiß nichts dazu beigetragen, die Ausbrei-
tung der Troja-Sage zu fördern. Bei den übrigen Germanen ist die Ver-
knüpfung der Goten mit Troja durch Cassiodor bei Jordanes Getica I X 60
offensichtlich nicht beachtet worden. Für Ablabius kam sie im übrigen zu
spät. Fredegars Anspruch auf Herkunft der Franken von den Trojanern
entstand viel später und im übrigen in einer ganz veränderten Welt. Soll-
ten sich in der Scandza-Sage der Goten, wie sie von Ablabius überliefert
wurde, Einflüsse von Seiten der römischen Troja-Dichtung niedergeschla-

71 E. J . Bickerman, a. a. O. 75 f.
72 Vgl. Caesar B. G. I 31, wo Caesar den Häduer Divitiacus berichten läßt,
Galliae totius factoines esse duas: harum alterius principatum tenere Hae-
duos, alterius Arvernos. — Es ist also einer der beiden bedeutendsten galli-
schen Stämme, der Anspruch auf trojanische Herkunft zu erheben scheint.
73 Th. Birt, Rhein. Museum f. Philologie N . F. 51 (1896) 506 ff. stellte Proper-
tius II 13, 48 in diesen Zusammenhang. Dort heißt es, daß gallische Solda-
ten Troja gegen Nestor verteidigten. Damit wäre evtl. die Entstehung der
These von der Herkunft der Gallier aus Troja sdion für das letzte Jh. v.
Chr. belegt.
Probleme der historischen Quellen 105

gen haben, so müßte das spätestens zur Zeit des Ablabius geschehen sein,
und zwar in Gallien. Um solche Möglichkeiten zu klären, muß die Stel-
lung der gotischen Könige und deren Ansprüche dem weströmischen Kai-
ser, später dem in Konstantinopel gegenüber überprüft werden.
In Italien gingen nach dem Untergang des selbständigen Westreichs
die kaiserlichen Befugnisse zunächst auf Odovakar über. Dieser hatte 476
Romulus Augustulus beiseite geschoben. Damals lebte zwar dessen Vor-
gänger Julius Nepos noch, der seine Ansprüche von Dalmatien aus geltend
zu machen suchte, doch ließ Odovakar den römischen Senat Gesandte nach
Konstantinopel schicken, die dort erklärten, es bedürfe keines besonderen
Kaisers im Westen mehr, der in Konstantinopel genüge für beide Reichs-
teile. An diesen gingen nun die Rechte des Reiches im Westen über, und
Odovakar bemühte sich, von ihm die Würde eines patricius und die Lei-
tung der Angelegenheiten Italiens und damit des ganzen Westens zu er-
halten. Auch Theoderich zog noch — auf der Grundlage eines Vertrages —
im Auftrag des oströmischen Kaisers nach Italien, und er erschien dort als
römischer Beamter. Er war — von Zeno dazu ernannt — magister militum
praesentalis und patricius des Ostreichs in Italien, und er behielt diese
Ämter, wenngleich er sich nun der Titel enthielt. Die ihm zustehende
Macht ging aber weit über römische Ämter hinaus, denn schon früh hatte
ihn sein Heergefolge zum rex erhoben (Malchus frgt. 11 Müller). Theo-
derich gewann von Athanasios die Genehmigung, Konsuln vorzuschlagen,
die weiterhin vom Kaiser des Ostens eingesetzt wurden, und erhielt auch
die ornamenta palatii (Anonymus Valesianus X I I 64) 74 , ein Ornat, das
seiner Stellung als rex angemessen war75. Des römischen Kaisers Tracht
und Titel strebte er offenbar nicht an™ (Prokop Bell. Goth. I 1,26). Die
Machtbefugnisse in Italien, die Theoderich anstrebte und teilweise auch
erreichte, waren allerdings denen des oströmischen Kaisers ähnlich. Trotz-
dem galten die Provinzen, über die er gebot, nach wie vor als Bestandteil
des Römischen Reichs77. Er versuchte, völlige Freiheit des Handelns im

74 Anonymus Valesianus X I 5 3 : vestis regia; Jordanes Getica L V I I 2 9 5 : ter-


tioque, . . ., anno ingressus sui in Italia Zenonemque imp. consultu privatum
abitum suaeque gentis vestitum seponens insigne regio amictu, quasi iam
Gothorum Romanorumque regnator, . . . (so offenbar die offizielle Auffassung
am H o f v. Ravenna).
75 W. Ensslin, Theoderich d. Große (1947) 79 ff. 159 f. Zum Begriff des rex
vgl. G. Vetter, Die Ostgoten u. Theoderich (1938) 52 ff.
76 Anders L. Schmidt, Geschichte d. dt. Stämme b. z. Ausgang d. Völkerwande-
rung. Die Ostgermanen ( 2 1934) 376. — Dazu W . Ensslin, a . a . O . 82. 161 f.;
K. Hauck, Von einer spätantiken Randkultur zum karolingischen Europa, in:
Frühmittelalterliche Studien 1 (1967) 10 f.
77 W . Ensslin, a. a. O. 58 ff. 78 ff. 157; vgl. K. F. Stroheker, Die geschichtl. Stel-
lung d. ostgerm. Staaten am Mittelmeer, in: Saeculum 12 (1961) 1 4 0 — 1 5 7 bes.
106 Zu den Quellen des Ablabius

Rahmen des nominell auch im Westen immer noch existierenden Reiches


zu erlangen. Auf diese Weise erlangte er — nicht de jure, aber de facto —
eine Stellung n e b e n dem Kaiser des Ostens. Seine Einordnung der
Goten in die Staatsverwaltung mußte ein Nebeneinander von Barbaren
und Römern ergeben.
Die Stellung des Herrschers, der einerseits Beauftragter des oströmi-
schen Kaisers war, andererseits als rex eine Stellung außerhalb der Rechts-
und Staatsordnung des Reiches innehatte, mußte den Wunsch nach einer
ebenbürtigen Genealogie aufkommen lassen. Ebenso mußte ein Neben-
einander von Germanen und Nichtgermanen in der Staatsverwaltung eine
Situation ergeben, in der sich für die gotischen Barbaren eine ruhmreiche
Vergangenheit als nützlich erweisen konnte und als erwünscht gelten
mußte. Und es war in diesem Zusammenhang von besonderer Wichtigkeit,
daß die Goten den größten Teil von Italien, das Kernland des Reiches,
besaßen und daß Theoderich in Ravenna residierte, der Stadt, die Hono-
rius 404 zur Hauptstadt des Westens gemadit hatte.
Das alles war im Herrschafts- und Siedlungsgebiet der Ostgoten der
Hintergrund für den Versuch des Cassiodor, die Gotengeschichte durch die
Verknüpfung der Geten- und Skythengeschichte mit der Troja-Sage der
Römer zu verbinden und sie so der römischen Geschichte ebenbürtig zu
machen, und Anlaß für die Herausstellung der Amalergenealogie, die das
Geschlecht des Theoderich neben das der Kaiser stellte. Bei alledem ist zu
berücksichtigen, daß Cassiodor wohl hauptsächlich nach dem Tode des
Theoderich schrieb, als das Ansehen des gotischen Königs zu schwinden
begann. Ein politischer Zustand, der bereits erlangt war und der wieder
verloren zu gehen drohte, sollte durch das Werk des Cassiodor gesichert
und erhalten werden.
Anders als der König der Ostgoten hatten Westgotenkönige weder
Ämter noch Ansprüche, durch die der Gedanke hätte aufkommen können,
die Goten seien den Römern ebenbürtig78. Verträge zwischen Römern und
Westgoten wurden häufig geschlossen; Ablabius nennt sie keineswegs
alle79. Die, welche er jedoch aufzählt, lassen durchaus erkennen, daß An-
sprüche der Westgoten durchweg sehr viel begrenzter waren bzw. daß er
selbst als Geschichtsschreiber der Westgoten sie als begrenzt beurteilte. Aus

145 f. ( = Germanentum u. Spätantike [1965] 1 0 1 — 1 3 3 bes. 110 f.). —


Vgl. auch B. Rubin, Theoderich und Justinian. Zwei Prinzipien der Mittel-
meerpolitik (1953).
78 Ausgenommen möglicherweise Atavulf, von dessen ursprünglichen Plänen
und ihrer Änderung nach der Heirat der Galla Placidia Orosius Zeugnis
ablegt (Orosius VII 4 0 — 4 3 ) .
79 Vgl. L. Schmidt, Geschichte d. dt. Stämme b. z. Ausgang d. Völkerwanderung.
Die Ostgermanen ( 2 1934) 432 ff.
Probleme der historischen Quellen 107

ihnen konnte sich ein Überlegenheitsgefühl über die Römer und ihr Impe-
rium nicht entwickeln.
Der erste Vertrag, von dem Ablabius berichtet, wurde von Alarich
geschlossen. Als die Westgoten nach Norditalien vorrückten, versuchte er
zunächst durch eine Gesandtschaft an den Kaiser Honorius das Recht zu
erwirken, sich mit seinen Westgoten in Italien niederzulassen (Jordanes
Getica XXX 152). Er erreichte es zwar nicht, doch gestattete ihm eine kai-
serliche Schenkung — donatio sacro oraculo confirmata —, sich in Gallien
und Spanien anzusiedeln (Jordanes Getica XXX 153). Als der Nachfol-
ger des Alarich, Atavulf, Italien verließ, schloß er mit dem Kaiser Hono-
rius einen Vertrag — foedus — (Jordanes Getica XXXII 164), der ihm
erneut das Recht gesichert haben dürfte, sich mit den Westgoten in Gallien
niederzulassen, nachdem Stilicho den ersten Vertrag gebrochen hatte. Die-
ses Abkommen wurde unter Vallia erneuert, der sich verpflichtete, sua
solacia Romanae rei publicae, ubi usus exegerit, non denegaret (Jordanes
Getica XXXII 165). Nicht nur Ablabius berichtete davon; auch Orosius
wußte von diesem Abkommen und seinen Bestimmungen (Orosius VII
43, 12). Dieser Vertrag bestand bis in die Regierung des Theodorid, wurde
— wie Ablabius berichtet (Jordanes Getica XXXIV 176) — von den
Römern gebrochen, doch dann alsbald erneuert, ohne daß der Krieg, den
beide Teile vorbereitet hatten, zum Ausbruch kam (Jordanes Getica
XXXIV 177). Als die Hunnengefahr anbrach und Attila Gallien be-
drohte, erinnerte Kaiser Valentinian III. an diesen Vertrag (Jordanes Ge-
tica XXXVI 187 f.). Ablabius berichtet selbst, daß das alte Abkommen
erst von Eurich gebrochen wurde, als Anthemius (467—472) Kaiser in Rom
war (Jordanes Getica XLV 237). Daraufhin bemächtigten sich die West-
goten großer Teile des südlichen Galliens, die ihnen vertraglich nicht zu-
gestanden hatten, ihnen dann aber in einem neuen Vertrag vom Kaiser
Julius Nepos abgetreten wurden80.
In dieser ganzen Zeit wurde von den Westgoten die Rechtsstellung
des westlichen Kaisertums niemals längere Zeit ernsthaft in Frage gestellt.
Die Pläne des Atavulf in Verbindung mit der Heirat der Galla Placidia
blieben eine Episode. Auch als dann die Westgoten unter Vallia in Süd-
frankreich ansässig wurden, veränderte sich ihre Stellung gegenüber den
früheren Föderatverträgen zunächst nicht. Das foedus wurde nur vor-
übergehend unter Theodorid I.81 gebrochen (Apollinaris Sidonius Carm.
VII 215; Prosper Tiro Chron. 1371), und erst Eurich dürfte — höchst-

80 So nach Ennodius v . Epiphani 79 ff. (Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V I I [1885]
94).
81 Vgl. L. Schmidt, Geschichte d. dt. Stämme b. z. Ausgang d. Völkerwanderung.
Die Ostgoten ( 2 1934) 464.
108 Zu den Quellen des Ablabius

wahrscheinlich im Jahre 475 — erreicht haben, daß das damals in der


Hand der Westgoten befindliche Gebiet deren souveräner Besitz wurde
und auch blieb. Im Jahre, nachdem das erreicht war, beseitigte Odovakar
den letzten weströmischen König. Der Versudi Eurichs, seine Herrschaft
nun noch weiter nach dem Osten auszudehnen, hatte nicht den erhofften
Erfolg, und im Jahre 484 beendete sein Tod alle weiteren Pläne.
Dem Römischen Reich gegenüber befanden sich die Westgoten stets
in einer anderen Situation als die Ostgoten. Solange ein Vertrag bestand,
konnte niemals der Gedanke aufkommen, den Römern ebenbürtig zu sein.
Die Pläne des Atavulf waren von kurzer Dauer. Theodorid strebte nach
Autonomie, nicht nach Eintreten in die Rechte des Kaisers. Und als Eurich
die Selbständigkeit erreicht hatte und der letzte Kaiser des Westens ab-
gesetzt war, da war es Odovakar, der in die Rechte des Kaisers einzutreten
versuchte. Wie hätte auch ein Westgote von Aquitanien aus solche Ziele
verfolgen können? Schon früher hatten si<h in Gallien — obwohl nach
Italien das wichtigste Land der westlichen Reichshälfte — Usurpatoren
allenfalls ein gallisches Sonderreich schaffen können.
Die Westgoten standen neben gallischem Adel, und nach der Erlan-
gung der Selbständigkeit war Ostrom nicht in der Lage, dauernd in Gal-
lien einzuwirken. Es gab keinerlei Notwendigkeit, sich dem römischen
Herrscherhaus ebenbürtig zu erweisen und eine Westgotengeschichte vor-
zuweisen, die mit der der Römer konkurrieren konnte.
Aus alledem ergibt sich nun, daß in des Ablabius Scandza-Bericht
eigentlich römisches Herkunftsdenken n i c h t enthalten sein kann. Es ist
deswegen statthaft, mit einer gotischen Herkunftssage zu rechnen, die von
Ablabius niedergeschrieben — von Cassiodor und Jordanes inhaltlich wenig
verändert — folgende Form gehabt haben dürfte: Ex . .. [Scandza] in-
sula . . . cum rege suo nomine Berig Gothi quondam memorantur egressi
(Jordanes Getica IV 25) . . . tribus tantum navibus ... ad ripam Oceani
citerioris [vecti sunt] (Jordanes Getica X V I I 95). Qui ut primum e navi-
bus exientes terras attigerunt, ilico nomen loci dederunt. Nam odieque
illic, ut fertur, Gothiscandza vocatur (Jordanes Getica IV 25—26). Qua-
rum trium una navis. ut adsolet, tardior nancta nomen genti fertur de-
disse; nam lingua eorum pigra gepanta dicitur. Hinc factum est, ut pau-
latim et corruptae nomen eis ex convicio nasceretur Gepidas. Nam sine
dubio et Gothorum prosapie et hi trahent originem (Jordanes Getica
X V I I 95). Unde [a Gothiscandza] mox promoventes ad sedes Ulmeru-
gorum, qui tunc Oceani ripas insidebant, castra metati sunt eosque com-
misso proelio propriis sedibus pepulerunt, eorumque vicinos Vandalos iam
tunc subiugantes suis aplicavere victoriis (Jordanes Getica IV 26). Hi ergo
Gepidae tacti invidia, dum Spesis provincia commanerent in insulam
Visclae amnis Vadibus circumactam, quam patrio sermone dicebant Ge-
Probleme der historischen Quellen 109

pedoios (Jordanes Getica X V I I 96). Ubi vero magna populi numerositate


crescente et iam pene quinto rege regnante post Berig Filimer, filio Ga-
darigis, consilio sedit, ut exinde cum familiis Gothorum promoveret exer-
citus. Qui aptissimas sedes locaquae dum quaereret congrua, pervenit ad
Scythias terras, quae lingua eorum Oium vocabantur (Jordanes Getica
IV 26—27). Ergo .. ,82 Gepidarum rex Fastida quietam gentem excitans
patrios fines per arma dilatavit. Nam Burgundzones pene usque ad inter-
nicionem delevit aliasque nonnullas gentes perdomuit (Jordanes Getica
X V I I 97).
Wenn der Scandza-Bericht des Ablabius kein Topos antiker Histo-
riographie ist und auch nicht der reinen Phantasie dieses Historikers ent-
sprungen sein kann, vielmehr zum Überlieferungsgut der Goten selbst
— offenbar der Westgoten — gehört, dann ist allerdings über seinen
Wahrheitsgehalt noch nichts entschieden. Altes Überlieferungsgut k a n n
Wahrheit enthalten, k a n n „erfunden" sein oder k a n n im Kerne
wahr, aber in einer Spätform ganz verunstaltet sein. Der geschichtliche
Kern für den Bericht von der Wanderung der Sachsen und Angeln ist
a l l e i n noch kein Beweis für die Geschichtlichkeit des Scandza-Berickts.
Danach und nach dessen Wahrheitsgehalt ist zu fragen.

5. Die westgotische Scandza-Tradion


„Von der Insel [Scandza] sollen die Goten einst ausgefahren sein.
Nur auf drei Schiffen sind sie am gegenüberliegenden Gestade gelandet.
Die, welche als erste die Schiffe verließen und an Land gingen, gaben der
Gegend den Namen. Noch heute soll nämlich dort ein Land Gothiscandza
heißen. Von diesen drei Schiffen soll eines, weil es — wie es ja oft vor-
kommt — später ankam, dem Volk den Namen gegeben haben. Denn in
ihrer Sprache heißt träge gepanta. Daher kam es, daß sie allmählich und
in verderbter Form von diesem Schimpfwort den Namen Gepiden erhiel-
ten. Denn unzweifelhaft leiten auch sie aus der Goten Geschlecht ihren
Ursprung a b . . . Von [Gothiscandza] rückten [die Goten] später vor
ins Land der Ulmerugier, die damals an der Meeresküste saßen, zogen ge-
gen sie zu Felde, lieferten ihnen eine Schlacht und vertrieben sie aus ihrer
Heimat. Ihre Nachbarn, die Wandalen, unterwarfen sie schon damals und
nötigten sie durch ihre Siege zum Anschluß. Währenddessen verweilten
die Gepiden von Neid gestachelt in Spesis auf einer Insel, die sie in ihrer
Sprache Gepedoios nannten. Als nun die Volkszahl immer mehr zunahm
und etwa der fünfte König nach Berig herrschte, nämlich Filimer, der Sohn
des Gadarich, faßte dieser den Entschluß, das Heer der Goten solle mit

82 Vgl. dazu Fr. Werner, Die Latinität d. Getica d. Jordanis (1908) 111.
110 Die westgotische Scandza-Tradition

Weib und Kind auswandern. Als er nach geeigneten Wohnsitzen und pas-
senden Gegenden suchte, kam er in die Länder Skythiens, -welche in ihrer
Sprache Oium heißen. Nunmehr rief der Gepidenkönig sein ruhiges Volk
auch auf und erweiterte das Stammesgebiet mit den Waffen. Die Bur-
gunden schlug er fast bis zur Vernichtung und besiegte auch noch andere
Völker." — Das ist der deutsche Wortlaut der Gotensage, wie man sie sich
bei den Westgoten wohl erzählt hat bzw. wie Ablabius die Erzählung
selbst gehört und niedergeschrieben haben dürfte1.
Auch die Fortsetzung der Erzählung läßt sich unschwer übersehen:
Die Goten selbst waren bereits in ihren neuen Wohnsitzen in Skythien
längere Zeit ansässig, als Fastida und die Gepiden — offenbar nach der
Auseinandersetzung mit Burgunden und anderen — nach dem Süden vor-
drangen. Damals kam es zu einem Zusammenstoß zwischen Gepiden und
Goten, deren König Ostrogotha war. Die Schlacht verlief für die Goten
günstig, und Fastida mit seinen Gepiden zog sich wieder zurück.
Mit der Schilderung dieser Auseinandersetzung dürfte die Gotensage
abgeschlossen gewesen sein. Es sieht aus, als habe Ablabius alles weitere
unter Verwendung von Auszügen aus den Werken antiker Autoren
— u. a. Ammianus Marcellinus und Dexippos — selbst zusammengestellt,
deren Spuren nunmehr sichtbar werden2.
Gegenüber dem ursprünglichen Wortlaut kann Ablabius zwei Ände-
rungen vorgenommen haben: Als Namen der Insel setzte er — falls er in
der Sage nicht genannt war — nach Ptolemaios Sxavöia ein. Dieser Name
wurde später von Abschreibern in Scandza verderbt. Entsprechend bes-
serte er auch den Namen des neuen Siedlungsgebiets, indem er auch dort
den von Ptolemaios überlieferten Namen der Insel hinzusetzte, so daß
dort Gotkiscandia, später Gothiscandza entstand (vgl. oben S. 83 f. und
unten S. 120 f.).
Über die Zeit, in der die Scandza-Tradition sich bei den Goten ent-
wickelte, lassen sich allenfalls Vermutungen anstellen. Die Namensety-
mologie der Gepiden könnte auf eine spätere Zeit verweisen, in der Goten
und Gepiden sich verfeindeten und beide Stämme unter Fastida und

1 Veränderung des Wortlauts, weniger des Sinngehalts, durch Cassiodor und


Jordanes sind anzunehmen; vgl. oben S. 37. 44 ff.
* Vgl. Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) X X X I I I . —
Herkunft der Gesdiichten über Fastida und Ostrogotha aus „gotischen Lie-
dern" hat schon A. von Gutschmid, Anzeige von C . Schirren, De ratione
(1858), in: Jahrbücher für classisdie Philologie 8 (1862) 146 ( = Kleine Schrif-
ten [ 1 8 9 4 ] 328) behauptet: „Überblickt man nämlich das, was Jordanes
[nunmehr richtig: Ablabius] von Ostrogotha berichtet, so erkennt man so-
fort, daß das, was ihm eigentlich zukommt, der Cap. 17 beschriebene Krieg
mit den Gepiden, und daß dieser aus gotischen Liedern geschöpft ist."
Probleme der historischen Quellen 111

Ostrogotha Krieg gegeneinander führten 8 (Jordanes Getica XVII


96—100).
Nach Jordanes Getica XVI 89—90 war Ostrogotha ein Zeitgenosse
des Kaisers Philippus Arabs (244—249). Gegen diesen Ansatz hat sich
A. von Gutschmid ganz entschieden gewandt 4 und noch L. Schmidt stimmte
ihm zu 5 . Seine Einwände entwickelte v. Gutschmid von der Generationen-
rechnung des Cassiodor her8. Diese ist in der Tat, soweit sie die Amaler-
genealogie (Jordanes Getica XIV 79—81), des Dio Chrysostomos Getica
und andere Schriften benutzte, recht unsicher. Für jede Generation rech-
nete Cassiodor offenbar sdiematisch 25 Jahre, d. h. vier Generationen auf
ein Jahrhundert. So „also war die Generationenrechnung wirklich von
Cassiodorius gleichmäßig durch die ganze Vorgeschichte der Gothen bis
auf Ermanarich durchgeführt, . . ."7. Nach Cassiodors Zeitrechnung
mußte der Tod des Ostrogotha um das Jahr 251 erfolgt sein.
Wenn Ostrogotha nun aber von vornherein in der Westgoten-
geschichte des Ablabius — und dort an fester Stelle — genannt gewesen
sein sollte, so wäre für Cassiodor bei seinen genealogischen Manipulatio-
nen nur ein enger Spielraum geblieben: Er hätte sich nach den Daten des
Ablabius richten und dementsprechend diese einfügen müssen. Voraus-
setzung für die Richtigkeit — insbesondere aber die Beweisbarkeit —
dieser Möglichkeit wäre die Verläßlichkeit von Jordanes Getica XVI
89—90.
Spuren des Cassiodor sind im gesamten Abschnitt Jordanes Getica
XVI 89—92 fast nicht enthalten 8 . Erst danach folgt mit Jordanes Getica
XVI 93 eine Einfügung des Cassiodor. Der Erzählfaden des Ablabius
wird danach in der für Cassiodor typischen Weise wieder aufgenommen:
abhinc ergo, ut dicebamus.. . Geta recessit ad propria (Jordanes Getica
XVII94), und es folgt dann Text des Ablabius. Sicherlich hat dieser schon
von Jordanes Getica XVI 89 an neben der gotischen Tradition Schrifttum
der Antike zur Hand gehabt; wie sonst hätte er darauf verweisen können,
daß zur Zeit des Philippus die Stadt Rom ihr tausendstes Jahr vollen-
dete?! In den meisten Einzelheiten folgte Ablabius in diesem Abschnitt
s
Zu gepanta vgl. oben S. 58 Anm. 81. — Auffallend ist die Betonung gemein-
samer Abstammung von Goten und Gepiden und der Feindsdiaft zwischen
Fastida und Ostrogotha. Eine besondere Gepidenfeindlichkeit — entspre-
chend seiner Wandalenfeindsdiaft — läßt sich bei Ablabius sonst nicht er-
kennen.
* A. von Gutschmid, Jahrb. f. class. Philologie 8 (1862) 145 f.
5
L. Sdimidt, Geschichte d. dt. Stämme b. z. Ausgang d. Völkerwanderung.
Die Ostgermanen ( 2 1934) 202. 223 setzt Ostrogotha um 290 an.
8
A. von Gutschmid, in: Jahrb. f. class. Philologie 8 (1862) 144 ff.
7
A. von Gutschmid, a. a. O. 145.
8
Nur die kurze Einfügung . . . ante dicto ... (Jordanes Getica X V I 89).
112 Die westgotische Scandza-Tradition

dem Dexippos, wie neben älteren auch L. Schmidt erkannt hat'. In den
wenigen Fragmenten, die von dessen Sxuftixá erhalten geblieben sind,
findet sich der Name des Ostrogotha nicht. Daraus mit L. Schmidt zu fol-
gern, Dexippos habe den Ostrogotha überhaupt nicht genannt, also auch
nicht gekannt, erscheint gewagt, denn es lassen sich aus der von Ablabius
gewiß unabhängigen Literatur der Antike so viele Anhalte gewinnen,
welche die Richtigkeit seiner Chronologie ergeben, daß es unumgänglich
ist anzunehmen, er habe mehr antike Nachrichten verfügbar gehabt,
als sein Werk jetzt erkennen läßt, darunter auch solche, die sonst verloren
sind, ja sogar Texte, die Ostrogotha genannt haben.
Ablabius berichtet, Philippus habe den Senator Decius, den späteren
Kaiser, gegen die Goten des Ostrogotha gesandt (Jordanes Getica
X V I 90), doch habe dieser keinen Erfolg gehabt. Ostrogotha seinerseits
habe Argaith und Guntherich, Edle des Gotenvolkes, die Stadt Marciano-
polis angreifen lassen (Jordanes Getica X V I 91). Deren Verteidigung ge-
gen Goten wurde von Dexippos geschildert (Jacoby, 100, fr. 25). Personen
sind dabei nicht genannt. Schon R. Köpke sah im Namen des Argunthis,
rex Scytbarum zur Zeit des Gordian I I I . (238—44) eine falsche Zusam-
menziehung der Namen Argaith und Guntherich10. Beim Tode des Misi-
theus, Schwiegervater Gordians III., der bislang die Sicherung der Nord-
ostgrenze in Händen gehabt hatte, seien die Skythen unter Argunth über
die Grenze vorgestoßen. Das war im Jahre 243. Es müßte — ist die Na-
mensidentifikation richtig — ein anderer Vorstoß der beiden Gotenführer
gewesen sein, als der gegen Marcianopolis. Tatsächlich berichtet Ablabius
bei Jordanes Getica X V I 92, Argaith und Guntherich hätten de secundo
Mösien verheert und hätten dann auch Marcianopolis angegriffen. Dieser
Angriff muß unter der Regierung des Decius erfolgt sein (249—251), wie
sich aus Dexippos entnehmen läßt. So scheint also die Rechnung des
Ablabius aufzugehen!
A. von Gutschmid war nicht abgeneigt, in Jordanes' Getica eine Bal-
then-Genealogie eingestreut zu sehen11. Er sah in Ostrogotha einen ost-
gotischen König unbekannten Namens und meinte, in Cniva, der nach
dem Tode des Ostrogotha das Heer in zwei Teile teilte (Jordanes Getica
X V I I I 101), einen Westgoten erkennen zu können, indentisch mit dem in

9 L. Schmidt, Geschichte d. dt. Stämme b. z. Ausgang d. Völkerwanderung. Die


Ostgermanen ( 2 1934) 202.
10 R. Köpke, Die Anfänge d. Königthums b. d. Gothen (1859) 98. — L. Schmidt,
a. a. O. 205 Anm. 6 nahm Verwendung der Vita Gordiani des Julius Capito-
linus durch Ablabius als sicher an. — Vgl. dazu auch M. Schönfeld, Wörter-
buch d. altgermanischen Personen- u. Völkernamen (1911) 25, der sich eben-
falls für Kontamination aussprach.
11 A. von Gutschmid, Jahrb. f. class. Philologie 8 (1862) 147.
Probleme der historischen Quellen 113

Jordanes Getica XXII 113 genannten Ovida. Wenn man solche Kombi-
nationen überhaupt wagt, dann sollte man eher daran denken, daß der
von Mommsen als Nidada in dem bereinigten Text eingeführte Vater des
Ovida mit Cniva identisch sein könnte, da er in zwei Handschriften der
Getica Cnivida heißt12. Dann hätte man eine Folge von gotischen
Königen, die mit Ostrogotha begänne und mit Cnivida-Cniva, Ovida,
Hilderith und Geberich fortgesetzt werden könnte. Dem Geberich folgte
dann post temporis aliquod Hermanarich (Jordanes Getica XXIII 116).
Cniva — meinte v. Gutschmid13 — sei identisch mit Gothomm dux Cari-
nabas sive Cannabaudes (Vopiscus v. Aureliani XXII, 2), der im Jahre
272 an der unteren Donau auftrat. Cniva-Cnivida — Cannabas-Canna-
baudes wäre nun allerdings ein recht ungewöhnliches Konglomerat ver-
schieden lautender Namen ein und derselben Person. Cniva eroberte nach
Ablabius Philippopel, tötete den Sohn des Decius, während dieser selbst
dann bei Abrittus im Kampf gegen die Goten fiel (Jordanes Getica XVIII
103). Nach Dexippos (= Jacoby, 100, fr. 27) war die Belagerung von
Philippopel zwar zunächst erfolglos, doch muß er im verlorenen Teil seines
Werks noch weitere Einzelheiten darüber berichtet haben. Georgios Syn-
kellos nämlich lieferte einen Auszug, in dem er Dexippos als Gewährs-
mann ausdrücklich nannte und worin er berichtete, daß Philippopel verlo-
ren ging und Decius und sein Sohn bei 'Aßpitog von den Goten getötet
wurden14. Mit dem Tode des Decius im Jahre 251 ist also eines der Jahre
des Cniva-Cnivida wirklich fixiert und damit liegt dann die Zeit des
Ostrogotha einigermaßen genau fest. Wenn Cannabas-Cannabaudes im
Jahre 272 von Aurelian (270—275) getötet wurde, spricht das nicht un-
bedingt gegen die Gleichsetzung der beiden Namengruppen; besonders
wahrscheinlich ist sie nicht15.

12 Vgl. Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V , 1 ( 1 8 8 2 ) 87 nannte f ü r


zwei Handschriften die Form C n i v i d a an Stelle des v o n ihm vorgezogenen
Nidada. V o n C n i v i d a gingen auch R. Köpke, Die A n f ä n g e d. Königthums
b. d. Gothen (1859) 1 0 1 und E. Förstemann, Altdeutsches Namenbuch 1. Per-
sonennamen ( 2 1 9 0 0 ) Sp. 3 7 0 bei der Erklärung des Namens aus.
1S A . v o n Gutschmid, Jahrb. f. class. Philologie 8 ( 1 8 6 2 ) 1 4 7 f . ; auch L. Schmidt,
Allgemeine Geschichte d. germanischen V ö l k e r b. z. Mitte d. sechsten Jahrhun-
derts (Handbuch d. Mittelalterlichen u. Neueren Geschichte II) ( 1 9 0 9 ) 83
A n m . 1 nahm diese Gleichsetzung an. Ebenso noch in: Geschichte d. dt.
Stämme b. z. Ausgange d. Völkerwanderung I, 1 (Quellen u. Forschungen
z. alten Geschichte u. Geographie 7) ( 1 9 0 4 ) 6 1 A n m . 5. — Später gab er sie
auf, wohl unter Auswirkung v o n R. Lowes Besprechung in: Anzeiger f.
dt. A l t e r t u m u. dt. Litteratur 33 ( 1 9 0 9 ) 260.
14 Ähnliche Darstellung wahrscheinlich auch nach Dexippos bei Zosimos I 23
bis 24.
15 Es w ü r d e ein ungewöhnlich hohes Lebensalter des C n i v a — C n i v i d a gefordert.

8 Hadimann, Goten und Skandinavien


114 Die westgotische Scandza-Tradition

Die Nachrichten über Geberich bezog Ablabius offenbar nicht von


Dexippos, obwohl er dessen Namen in diesem Zusammenhang erwähnte
(Jordanes Getica X X I I 113). Der Hinweis auf Dexippos führt auf eine
Stelle, worin dieser von Auseinandersetzungen zwischen Wandalen und
Aurelian (270—275), die für erstere ungünstig ausgingen (Dexippos, Ja-
coby, 100, fr. 7), berichtete. Ablabius stellte Geberich in diesen Zusam-
menhang, weil er ebenfalls gegen Wandalen kämpfte und gegen diese, die
damals unter Regierung des Königs Wisimar standen, seine Herrschaft
auszudehnen suchte. Von Erfolg wird nicht direkt berichtet. Wahrschein-
lich gelangt man mit der Zeit des Geberich etwa in die Regierung Kon-
stantins I. (306—337). Dieser Kaiser . . . adversum Gothos bellum sus-
cepit ... tunc et obsid.es accepit, inter quos Ariarici regis filium (Anony-
mus Valesianus 31). Das war wahrscheinlich derselbe Ariarich, der — wie
Ablabius angab (Jordanes Getica X X I 112) — vor Geberich regierte. Es
ist nicht ganz ausgeschlossen, daß Aorich der Geisel war, den Ariarich stel-
len mußte. Nach der Schilderung des Jordanes sieht es zwar aus, als hät-
ten Ariarich und Aorich gleichzeitig regiert, doch ist die Darstellung hier
so außerordentlich kontrahiert, daß ein Nacheinander beider in ihrer
Herrschaft nicht auszuschließen ist. Nach Jordanes Getica X X I 112 und
X X I I 113 gehörten indes weder Ariarich noch Aorich zu den Vorfahren
des Geberich.
Da die Auseinandersetzungen zwischen Konstantin und den Goten
in dessen letzte Regierungsjahre fallen, muß Geberich mindestens teilweise
auch Zeitgenosse des Konstantius II. (337—361) gewesen sein, und die
Spanne post temporis aliquod, die nach dem Tode des Geberich verstrich,
bis Hermanarich als König folgte, kann nicht lang gewesen sein.
Die Chronologie der gotischen Könige von Ostrogotha über Cniva-
Cnivida, Ovida, Hilderith bis Geberich und weiter bis Hermanarich er-
scheint ziemlich einleuchtend, und es ist eigentlich kein Grund, daran zu
zweifeln, daß Ostrogotha wirklich ein Zeitgenosse des Philippus Arabs
war 18 . Man darf indes nicht übersehen, daß die Abfolge der Könige von
Ostrogotha bis zu Geberich als Balthen-Dynastie alles andere als gesichert
ist. Die Berechnungsgrundlagen des Ablabius sind nicht recht durchschau-
bar, dennoch anscheinend einigermaßen richtig.

18
W. Capelle, Das alte Germanien (1929) 236 wies auf Scriptores Hist. Aug.
X X I I I 5, 6 hin, w o von Gothoris, einem Sohn des Ostrogotha, als Zeitgenos-
sen des Gallienus die Rede sein könnte, wenn „eine Konjektur von Alfred
von Gutschmid bei Wietersheim-Dahn I [E. von Wietersheim, Gesch. d.
Völkerwanderung. Zweite vollständig umgearbeitete Auflage besorgt v. F.
Dahn. Erster Band (1880)] 321" richtig wäre. A . a . O . findet sich jedoch
kein Hinweis auf Ostrogotha. — D a ß eine derartige Konjektur unhaltbar
wäre, zeigt E. Hohl, Scriptores Hist. Aug. II ( 2 1965) 84 f.
Probleme der historischen Quellen 115

Wären alle diese Überlegungen soweit richtig, so fiele die Genesis der
Gotensage in der Form, in der sie Ablabius kennen lernte, ins 3. nach-
christliche Jahrhundert. Das schließt nicht aus, daß ältere Partien darin
vorhanden sind, die sich jedoch nicht aussondern lassen. Es ist auch nicht
ausgeschlossen, daß sie bis zur Zeit hin, in der Ablabius schrieb, noch
mancherlei Veränderungen durchgemacht hat.
Sicher ist, daß Ablabius selbst das Gefühl hatte, es handele sich bei
der Scandza-Tradition der Westgoten um eine ältere Überlieferung, der
die ethnographischen Verhältnisse s e i n e r Zeit bzw. der jüngsten Ver-
gangenheit nicht vollkommen entsprachen. Mehrfach nahm er nämlich
Gelegenheit, den alten Bericht aus eigenen Kenntnissen oder nach solchen
von glaubwürdigen Gewährsleuten zu ergänzen. Er betonte, daß der Kü-
stenstreifen, an dem die Goten landeten, noch zu s e i n e r Zeit Gothi-
scandza heiße (Jordanes Getica IV 25). Dann ergänzte er, daß die Weich-
selinseln, die die Gepiden nach ihrer Landung bewohnten, nach deren
Abzug von den Vidivariern besiedelt wurden, die dort noch zu s e i n e r
Zeit — nunc — wohnten (Jordanes Getica X V I I 96). Woher er wußte,
daß es zu seiner Zeit eine Landschaft namens Gothiscandza gab — und
ob die Nachricht stimmt —, ist unbekannt. Die Vidivarier kannte er aus
einer römischen Weltkarte, wie sich aus Jordanes Getica V 36 entnehmen
läßt. In gewisser Hinsicht sind ja auch die ethnographischen Angaben über
die Insel Scandza zeitgenössische Ergänzungen des Ablabius zur gotischen
Scandza-Tradition.
Weiteren Aufschluß über den Wahrheitsgehalt des ganzen Scandza-
Berichts kann nur ein Vergleich von dessen ethnographischen Angaben
mit solchen antiker Autoren ergeben, von denen Ablabius unabhängig sein
muß. Ptolemaios scheidet dabei natürlich aus. Nach Ptolemaios identifi-
zierte er ja die Heimat der Goten mit 2y.avöia, und danach wäre es für
ihn nicht mehr schwer gewesen, in des Ptolemaios r o i t a i die Goten selbst
zu sehen. Aber er erwähnte diesen Stamm nicht ausdrücklich. D a er jedoch
von den vielen verschiedenen Völkern sprach, die dort wohnten, und da-
von w u ß t e , d a ß Septem tarnen eorum nomina meminit Ptolemaeus (Jor-
danes Getica III 19), kann man nicht umhin anzunehmen, daß er mit der
Zahl der Stämme auch deren Namen kannte.
D a ß Ptolemaios an anderer Stelle die riiftwvEg als einen Stamm
kannte, der auf dem Festlande an der Weichsel ansässig war (Ptolemaios
Geogr. III 5,8), hat Ablabius wahrscheinlich nicht gewußt. Oder sollte
ihm der Gedanke überhaupt nicht gekommen sein, daß der Name dieses
Stammes etwas mit den Gothi zu tun haben könnte? Das erscheint kaum
denkbar, denn in der Aussprache seiner Zeit klangen die Namen T O C T C U
und riiftcDVEg sehr viel ähnlicher, als die Orthographie auf den ersten Blick

8*
116 Die westgotische Scandza-Tradition

annehmen läßt. Den Abstand zwischen den T o i r a i und den Gothi hätte
Ablabius jedenfalls nicht als geringer empfinden können.
Von allen antiken Autoren war Ptolemaios der erste, der Toitcu in
Skandinavien kannte (zum Überlieferungsstand des Namens vgl. unten
S. 498 Anh. 4 Abschn. 6). Die Gewährsleute, von denen Ablabius seine
Nachrichten über die Ethnographie des Nordens erfuhr, also auch von der
Existenz der *Vagotbae, ''Gauthigothae hörte, wußten von den For-
schungsergebnissen griechischer und römischer Ethnographie nichts oder
jedenfalls nicht viel. Sie berichteten unabhängig von Ptolemaios. Bevölke-
rungsgruppen wie die genannten, deren Namen den der Goten zu ent-
halten scheinen, müssen deswegen für die Zeit des Ablabius für Skandi-
navien als sicher belegt gelten (vgl. oben S. 91 f.).
Schon vor Ptolemaios kannte die antike Ethnographie Goten als Be-
wohner des Kontinents. Sieht man von ganz unsicheren Nachrichten ab,
die auf Pytheas von Massilia zurückgehen 17 , so war Strabo der erste, der
die Goten als TotrccovEg18 in der ferneren Nachbarschaft der Markomannen
kannte (Strabo Geogr. VII 1). Plinius zählte sie als Gutones den Van-
diliern zu, der ersten seiner fünf Gruppen germanischer Stämme (Plinius
Hist. N a t . IV 14, 99), nahm demnach an, sie siedelten im östlichen Mittel-
europa. Tacitus bezeichnete sie als Gothones oder Gotones (Tacitus Ger-
mania 43; Annales II 62) und lokalisierte ihre Wohnsitze etwas vage trans
Lugios (vgl. dazu auch unten S. 138).
Die Römer hielten bei der Wiedergabe germanischer Namen t und th
nicht streng auseinander. Der Wechsel zwischen Gotones und Gothones
bei Tacitus besagt also nichts und ist wahrscheinlich überhaupt nur eine
Abschreibervariante. Entsprechendes gilt vom Wechsel zwischen griechi-
schem T und in 'Toikcoveg und Puftcoveg. Der Wechsel von u und o in
den Namen Gutones und Gotones deutet auf einen kurzen, dem u naheste-
henden Vokal hin. Schwanken zwischen griechischem ou und v entspricht
dem Wechsel zwischen Aouyioi (Strabo Geogr. VII 1, 3), Aoüyoi (Ptole-
maios II 11,10), Avyioi (Dio Cassius L X V I I 5,2) und AcryicovEg (Zosimos
I 67,3). Wechsel zwischen lateinischem u und y in Lugii (Tacitus Germ.

17
Plinius Hist. Nat. XXXVII 35: Pytheas credidit Guionibus [Gutonibus] Ger-
maniae genti accoli aestuarium Oceani Metuonidis nomine, spatio stadiorum
sex milium, ab hoc diei navigatione abesse insulam Abalum, . . . K. Zeuss,
Die Deutschen u. d. Nadibarstämme (1837) 135 entschied sich von den beiden
handschriftlich belegten Formen Guionibus und Gutonibus für die letztere.
K. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 1 (21890) 479 hielt Guionibus/Guto-
nibus für eine Verlesung von Teiirove? durch Plinius und geißelte zugleich
dessen Torheit. — Vgl. dazu unten S. 135.
19
Konjektur für die Boutcoveg bzw. Bcnixoveg der Handschriften.
Probleme der historischen Quellen 117

43) und Lygii (Tacitus Annales X I I 29) bedeutet dasselbe19 und weist
ebenfalls auf einen Vokal hin, der annähernd dem u entspricht. Das o der
zweiten Silbe von Gutones, Gothones, Gotones scheint lang gewesen zu
sein, wie riiflomg und ''Toiitrave? zeigen. Der Ton lag indes auf der ersten
kurzen Silbe.
Einheitlich überliefern die griechischen und lateinischen Autoren für
den gotischen Stamm im nordöstlichen Mitteleuropa in der Frühzeit eine
dreisilbige — „schwache" — Namensform. Das wird mit dem 3. Jahr-
hundert anders. Als lateinische Formen sind nunmehr Goti, Gothi, Gotti
und Gotthi, als griechische Parallelen röfroi, FOTTOI und RÖT&oi belegt20.
Der Ton liegt auf der ersten Silbe, deren Vokal weiterhin kurz ist.
Kurze und lange Namensformen — „starke" und „schwache" For-
men — wechseln auch sonst in der antiken Literatur für Namen von ger-
manischen Bevölkerungsgruppen öfters. Den Burgundiones des Plinius
(Hist. Nat. IV 99) stehen die Burgundii bei Ammianus Marcellinus
XVIII 2,15 gegenüber21, den Frisiavi22 die Frisiavones bei Plinius Hist.
Nat. IV 101, den Frisii bei Plinius Hist. Nat. IV 101 die Frisiones23 und
$QiaaovES (Prokop Bell. Goth. IV 20,7) und den Aoüyoi (Ptolemaios
Geogr. II 11, 10) die AoyicovEg (Zosimos I 67,3). Bedeutungsunterschiede
liegen den einander gegenüberstehenden Namensformen nicht zugrunde.
Gutones, Gothones, Gotones, TouTOOVEg und TMcoveg auf der einen und
Goti, Gothi, Gotti, Gotthi, Toftoi, TOTTOI sowie rörftoi auf der anderen
Seite sind daher auch stets als Namen ein und desselben Volkes angesehen
worden.
Zur Gruppe der „starken" Namensformen gehören gewiß auch die
Vagoth, Gauthigoth und Ostrogothae, was für letzteren Namen evident
ist. Abfall der Endungen finden sich bei Jordanes sowohl bei Personen, als
audi bei Stammesnamen 24 . Schon Müllenhoff sah daher Vagoth als ver-
derbtes *Augothi oder *Avigothi an25. Bei den Gautigoth neigte er zwar
zu einer andersartigen Erklärung, hielt jedoch auch *Gautigothi oder

" Vgl. M. Schönfeld, Wörterbuch d. altgerm. Personen- und Völkernamen


(1911) 157.
20
Vgl. M. Sdlönfeld, a. a. O. 120 ff.
21
Weitere Belege bei M. Schönfeld, a. a. O. 55 ff.
22
Belege bei M. Sdlönfeld, a. a. O. 94.
23
Belege bei M. Sdlönfeld, a. a. O. 95.
24
Vgl. am handlichsten die Indices bei Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct.
ant. V, 1 (1882) 139 ff.; bes. Hermenerig (Jordanes Getica X I V 79) für das
sonst übliche Hermanaricus; Geberich für das zu erwartende *Gebericus,
Berig u. Berich für ein fehlendes :i,Bericus od. *Berichus. — Vgl. dazu audi
a. a. O. L f.; ferner J. Svennung, Jordanes und Scandia (1967) 54.
25
K. Müllenhoff, in: Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882)
166; vgl. dazu ders., Deutsche Altertumskunde 2 (1887) 62.
118 Die westgotische Scandza-Tradition

*Gautgothi für möglich2". J. Svennung neigt neuerdings — nachdem nach


Müllenhoff verschiedene andere Emendationen vorgeschlagen worden
sind — zu *Vagothae und '•'Gauthigothae, den Ostrogothae entspre-
chend27. Der Gotenname ist also für den Kontinent und für Skandinavien
nachweisbar, zumindest für die Zeit des Ablabius, d. h. für das 5. nach-
christliche Jahrhundert (vgl. oben S. 91).
Während es als nicht unwahrscheinlich gelten kann, daß Ablabius die
: Toütai (vgl. unten S. 498, Anh. 4 Abschn. 6) des Ptolemaios mit den Gothi

seiner Zeit bzw. mit deren Vorfahren gleichgesetzt hat, hat wenig später
Prokop die auf 0oi>Xr| ansässigen Tawoi von den T o t ^ o i des Kontinents ge-
trennt gehalten (Prokop Bell. Goth. II 15 u. 11 if.). Mit Sicherheit ist Sxavöia
mit ©oiiXt) identisch, und der Gedanke, dasselbe gelte auch für die roütai
und die rautoi, ist alt. Schon K. Zeuss besserte roütai daher in ein ur-
sprüngliches Tauten 28 und paßte sie damit den rautoi des Prokop weit-
gehend an. J. Grimm besserte den Namen in Tafitoi 2 ' und stellte damit
— sieht man vom Unterschied im Wortton ab — Gleichheit mit der von
Prokop gegebenen Namensform her. Er war im übrigen der erste, der die
Auffassung vertrat, die Namen der "Taütoi und Gothi ständen im Ablaut
zu einander30. K. Müllenhoff stellte fest, die Toitcu seien „natürlich die
Tau-toi des Prokop"31, ließ es dabei aber offen, ob er zu einer Besserung
des Namens neigte oder von der Identität der Stämme sprach. An eine
Beziehung zwischen roütai und PuOwvEg dachte er nicht. In der deutschen
wissenschaftlichen Literatur von Rang kam erst in den letzten Jahrzehnten
des vorigen Jahrhunderts der Gedanke an Verbindung zwischen skandi-
navischen roütai und kontinentalen Gothi wieder auf (vgl. unten S.
162 f. 167 f.). Im Norden zog S. Bugge sie ernsthaft in Betracht32. A. Erd-

28 K . Müllenhoff, in: Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882)
160; ders., Deutsche Altertumskunde 2 (1887) 63 ff. läßt Gautgothi oder Gau-
tigothi als ursprüngliche Form gelten.
27 J . Svennung, in: Fornvännen 59 (1964) 75. 80. — Vgl. ferner: N . Wagner,
Getica (1967) 163 ff. mit Erklärungsversuchen des Namens Vagoth. — Da
Austrogoti und Ostrogothi die ältesten überlieferten Namensformen sind,
Ostrogothae erst von Cassiodor eingeführt, wäre es korrekter, Gauthigoth
und Vagoth in *Gauthigothi und *Vagothi zu emendieren.
28 K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nachbarstämme (1837) 158. 511.
29 J . Grimm, Geschichte d. dt. Sprache ( 3 1868) 312.
30 J . Grimm, a . a . O . 538. — In neuerer Zeit entschieden dagegen: H . Kuhn,
Besprechung v. E . Schwarz, Germ. Stammeskunde, in: Anglia 76 (1958) 439.
31 K . Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 4 (1900) 498.
32 S. Bugge, Norges Indskrifter med de aeldre Runer 1 (1891—1903) 152 ff.
(Die Bogen mit Bugges Darstellung seiner Auffassung vom Zusammenhang
skandinavischer u. kontinentaler Goten tragen Druckvermerke aus den Jahren
1893 u. 1894. Das gibt Anhalt für den Termin der Auslieferung dieses Text-
teils).
Probleme der historischen Quellen 119

mann meinte feststellen zu können, beide Namen gehörten zum gleichen


Wortstamm 33 . Rud. Much sah beide Formen als Namen ein und desselben
Volksstammes an34.
Wo die Quellenlage ungünstig ist, wie bei der Überlieferung antiker
Eigennamen, da ist es immer mißlich, sich allein auf einen philologischen
Vergleich des Namengutes zu verlassen. Man muß nämlich nicht nur die
große Zahl nachweisbar entstellter Schreibungen beachten, sondern auch
an die vielen Fälle denken, in denen es naheliegt oder bequem wäre, doch
nicht zwingend erforderlich ist, mit Entstellungen zu rechnen. Ja, man
muß daran denken, daß es Fälle geben muß, wo Korrumpierungen nicht
nachweisbar — nicht einmal vermutbar —, aber dennoch vorhanden sind.
Leicht kommt Willkür in die Erörterungen hinein.
Ob indes die ToCrcu des Ptolemaios wirklich mit den Gothi zusammen-
hängen, braucht man nun allerdings nicht vollkommen philologischen
Interpretationsversuchen zu überlassen. Der Name Gauthigoth scheint
nämlich ein Stüde weiterzuhelfen. Müllenhoff sah in ihm ein „geradezu
. . . ungeschickt erfundenes und wegen des inneren i falsch gebildetes
Compositum aus derselben Fabrik wie Gothiscandza"35. Th. von Grien-
berger sah in dem Namen „eine bloße Zusammenschreibung", die zu
trennen und zu ergänzen sei „in *Gauthi Gothi, wobei Gothi als Appo-
sition und Erklärung des vorangehenden nordischen Volksnamens *Gau-
thi aufzufassen ist"3®. Sachlich sei dieser Name allerdings ein Irrtum,
Fehler eines Gelehrten, der den Gotennamen an den anklingenden Namen
der "ToÜTCH-rauToi heftete, eine Erfindung des Cassiodor, wie er denken
mußte. L. Fr. Läffler versuchte *Gauthigothi beiläufig als *Gauthi et
Gothi zu erklären 37 . G. Schütte dachte gelegentlich an ein ursprüngliches
*Gau(t)thioth!>f>. A. Noreen versuchte das ''Gauthi — gerade umgekehrt
wie v. Grienberger — als Apposition zu *Gothi zu verstehen 3 ' und sah
33
A. Erdmann, Om folkenamnen Götar odi Gotar, in: Antiqvarisk tidskr. f.
Sverige 11:4 (1905) 1—34 (Bd. 11 der Zeitschrift faßt 5 gesondert paginierte
Hefte zusammen, deren Erscheinungsjahr wesentlich vor dem auf dem Titel-
blatt angegebenen Jahr 1905 liegt. E. Brate zitiert Erdmanns Aufsatz bereits
in Svenska fornminnesföreningens tidskrift 9 [1896] 330).
34
Rud. Much, Deutsche Stammessitze (1892) 180 f. — Vgl. dazu: N . Wagner,
Getica (1967) 165 ff. mit einer Übersicht über die verschiedenen Versuche,
roüxcu und raUToi gleichzusetzen, bzw. getrennt zu halten.
35
K. Müllenhoff, Deutsdie Altertumskunde 2 (1887) 63.
38
Th. von Grienberger, Die nordischen Völker b. Jordanes, in: Zeitschr. f.
dt. Altertum u. dt. Litteratur N . F. 34 (1902) 131.
37
L. Fr. Läffler, Fornvännen 2 (1907) 105.
38
G. Schütte, Gotthiod. Die Welt d. Germanen (1939) 210.
3
' A. Noreen, Nordens äldsta folk- odi ortnamn, in: Fornvännen 15 (1920) 44.
— Vgl. dazu auch Th. von Grienberger, Zeitschr. f. dt. Altertum u. dt. Lit-
teratur N . F. 34 (1902) 158.
120 Die westgotische Scandza-Tradition

in *Gauthi keinen Stammesnamen, sondern den Namen des Götaälv. Die


*Gauthigothi wären dann die gautischen Goten, d. h. die Goten am
Götaälv. L. Weibull schloß sich dieser Ansicht kommentarlos an 40 . J . Sven-
nung faßte *Gauthigothae als eine von Ablabius oder Cassiodor ge-
schaffene Zusammensetzung mit der Bedeutung gautische Goten auf,
wobei er allerdings nicht an die Goten am Götaälv, sondern an die Goten
im Land der Gauten — goter i götarnas land — dachte. Es sind vielerlei
Kombinationsmöglichkeiten, die zur Erklärung des Namens zur Ver-
fügung stehen, und es wäre nicht schwer, noch andere hinzuzufügen 41 .
Man sollte, um zu einer Klärung zu kommen, vom Text des Ablabius
ausgehen und in diesem Namensformen suchen, die den Gauthigoth
entsprechen. Mit Gothiscandza liegt offenbar ein solches W o r t vor, doch
was hilft das, wenn dieser N a m e hinsichtlich seiner Komposition ebenso
umstritten ist? K . Zeuss sah in Scadinavia und Sxavöla ein germanisches
W o r t für Küste und in Gothiscandza dementsprechend „die Gothen-
küste" 4 2 . K . Müllenhoff hielt den Namen für eine schlechte und unge-
schickte Erfindung 43 . Th. von Grienberger meinte, *Gotiscandia müsse
ein wirklicher geographischer N a m e sein, „der aber mit Scandza, Scandia,
. . . fälschlich in Verbindung gebracht wurde" 4 4 . Die F o r m gehe auf ein
*Gutisk-andja, einen Dativ sing, zu dem Nominativ *Gutisk-andeis,
zurück. G. Kossinna löste das „rätselhafte Ungeheuer Gothiscandza" als
*Codaniska auf, woraus durch Silbentausch zunächst *Codiskana, dann
der bei Jordanes genannte N a m e wurde 4 5 . Diese willkürliche Deutung

40 L. Weibull, Skandza u. ihre Völker i. d. Darstellung d. Jordanes, in: Arkiv


f. nordisk filologi N. F. 37 (1925) 240.
41 J . Svennung, Fornvännen 59 (1964) 80 f.; ders., Jordanes und Scandia (1967)

65 ff. bes. 71 mit anderer Erklärung: „Ich glaube also, daß der Völkername
Gautar aus einem uralten Namen des Flusses, etwa *Gaut (f) gebildet wor-
den ist." — Vgl. auch die Zusammenstellung der verschiedenen Auffassungen
über das Wort Gauthigoth bei: N. Wagner, Getica (1967) 156 ff. 184 ff.
207 ff. — Gegen eine Interpolation von -gothi wendet sich J . Svennung, Jor-
danes und Scandia (1967) 65: „Da aber die Getica-Hss. keineswegs durch
Glosseme gekennzeichnet sind, muß idi *Gauthigothae als eine wahrschein-
lich von Cassiodor geschaffene Bildung auffassen, im Sinne von ,Gaut—Go-
ten'."
4 2 K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nachbarstämme (1837) 157 f. Anm.

4» K. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 2 (1887) 63.

44 Th. von Grienberger, Untersuchungen z. gotischen Wortkunde, in: Sitzungs-

ber. d. Phil.-Hist. Classe d. Kaiserlichen Akademie d. Wissenschaften zu Wien


Bd. 142 V I I I . Abh. (1900) 102: „nom. *Gutisk-andeis, . . . , worin andeis
als ende des landes gegen das meer, ein vorspringendes küstendetail kap oder
landzunge bezeichnen wird." — S. Feist, Vergl. Wörterbuch d. gotischen
Sprache ( 3 1939) 217 verzichtete auf eine Etymologie des Namens.
4 5 G. Kossinna, Die ethnologische Stellung d. Ostgermanen, in: Indog. Forsdi.

7 (1897) 287.
Probleme der historischen Quellen 121

hat keinen Anklang gefunden, dagegen wurde die Erklärung v. Grienber-


gers von Rud. Much akzeptiert 46 , von L. Schmidt übernommen47 und findet
sidi noch in neuerer Literatur 48 . J. Svennung hält offenbar eine derartige
Bedeutung des Wortes nicht für unmöglich, betont aber, daß Ablabius
bzw. Cassiodor den Namen Gothiscandza als das „gotische Scandia"
angesehen habe48. Das ist einleuchtend und zudem dadurch direkt beweis-
bar, das bei Rodericus Toletanus die Form Gothiscandia noch unver-
ändert erhalten ist (vgl. oben S. 83).
Namen, die den Eindruck von Komposita machen und bei denen
ein näheres Bestimmungswort dem Grundwort vorangeht, sind in der
Gotengeschichte mehrfach anzutreffen. Vesegothae, Ostrogothae, Screre-
fennae, *Aethelrugi, Ulmerugi, Vagoth sind Beispiele dafür 50 . Umgekehrte
Zusammensetzungen, an die v. Grienberger angesichts seiner *Gauthi
Gothi dachte, gibt es dagegen in diesem Milieu nicht. Es ist daher wahr-
scheinlich, daß in den Gauthigoth der erste Teil das Bestimmungs-, der
zweite das Grundwort ist. Es bleibt übrig, nach der Bedeutung des Be-
stimmungswortes zu forschen.
Die Famoi des Prokop weisen auf einen skandinavischen Stamm
hin, der in lateinischer Umschrift *Gauti oder auch *Gauthi geschrieben
werden müßte. Daran ist nicht zu zweifeln. Diese ''Gauthi in den *Gauthi-
gothae zu suchen, liegt näher als irgendein anderer Erklärungsversuch.
Seltsamerweise hatte Müllenhoff, der 1887 den Namen als Phantasie-
produkt abqualifizierte, fünf Jahre vorher gerade diese Auffassung ver-
treten: „Gaut(h)igoth sunt sine dubio Toitai (leg. Taitoi) Ptolemaei,
ravtoi Procopii.. . a " . Der Name könnte daher nur „gautisdie Goten"
bedeuten. Es müßte sich hier dann um einen der verschiedenen bzw. verschie-
den benannten gotischen Stämme handeln, so benannt zur Unterschei-
46 Rud. Much, Rez. v o n R. Loewe, Die ethnische und sprachliche Gliederung der
Germanen (1899) in: Anzeiger f. dt. Altertum u. dt. Literatur 27 (1901) 1 1 7 ;
ders., Deutsche Stammeskunde ( 2 1905) 1 1 9 ; ders., Artikel „Gothiscandza" in:
J. Hoops, Reallexikon d. Germ. Altertumskunde 2 ( 1 9 1 3 — 1 5 ) 306; ders.,
Die Germania d. Tacitus (1937) 387; (»1967) 487.
47 L. Schmidt, Gesch. d. germ. Frühzeit ( 2 1934) 65.
48 E. Schwarz, Goten, Nordgermanen, Angelsachsen (1951) 33; ders., Germa-
nische Stammeskunde (1956) 85.
49 J. Svennung, in: Fornvännen 59 (1964) 80. — Gleiche Erklärung schon bei:
A . Kode, Ä r Skäne de germanska folkens urhem, in: Hist. tidskrift 25 (1905)
19 f. — Vgl. dazu auch N. Wagner, Getica (1967) 208 ff. Anm. 359.
50 Die gleiche Namenbildung bei den Walgoti—Walagoti—Gualanguti der Frän-
kischen Völkertafel. Vgl. dazu J . Friedrich, Die sogenannte Fränkische Völ-
kertafel, in: Sitzungsber. d. Kgl. Bayer. A k . d. Wissenschaften. Philos.-philol.
u. hist. Klasse Jg. 1920, 11. Abh. (1920) 4 f. 14 ff.
51 K . Müllenhoff, in: Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882)
160.
122 Die westgotische Scandza-Tradition

dung von anderen gotischen Stämmen des Nordens — genannten oder


ungenannten —, so benannt eventuell auch zur Unterscheidung gegen-
über den Goten des Festlandes oder gegenüber den Goten im allgemeinen.
Diese Erklärung müßte allerdings verlangen, daß rauxoi Kurzform
desselben Namens gewesen wäre. Das erinnert an den Namen Visi —
Vesi — Vesus an Stelle von Visigothae — Vesegothae. Trebellius Pollio
bietet in seiner Geschichte des Claudius 6,2: Denique Scytharum diversi
populi Peuci, Grutungi, Austrogoti, Tervingi [.. ,]si, Gipedes, Celtae
etiam et Eruli ... in Romanum solum inruperunt52. Hier wird seit
K. MüllenhofF3 *Visi emendiert. Diese Namensform hat die Notitia
dignitatum (Orient. V 20). Visi hat auch Claudius Claudianus54. Apollina-
ris Sidonius hat dagegen dreimal Vesus bzw. V«/ 5 5 . Mit dem Ende des
5. Jh. verschwinden diese Kurzformen. Von Cassiodor, Prokop, Jordanes
und dem Anonymus Valesianus — eventuell auch von Priscus — wird nun
der Name Visigothae — Vesegothae — OincHYorfroi benutzt56. Diese
Wortbildung muß also jünger, gewissermaßen s e k u n d ä r sein57. Paßt
aber die Entwicklung von Vesi zu Vesegothae zu der von Tau-toi zu
*Gauthigothae? Wie kam es denn überhaupt zu dieser Änderung des
Namens? Erst wenn man darüber etwas wüßte, könnte man über das
Verhältnis von rauToi zu *Gauthigothae etwas mehr sagen.
In des Jordanes Getica kommt der Name Vesegothae 51 mal vor,
insbesondere auch in Textstellen, die dem Ablabius zugewiesen werden
müssen. Demgegenüber ist der Name der Ostrogothae bei Ablabius nur
einmal belegt (Jordanes Getica III 23), und dort handelt es sich offenbar
um eine Einfügung des Cassiodor (vgl. oben S. 90 f.). Ablabius hat den
Namen Ostrogothae nicht benutzt, obwohl er zu seiner Zeit durchaus

52 Vgl. dazu J . Svennung, Jordanes und Scandia (1967) 122 ff.; N . Wagner, Ge-
tica (1967) 235.
53 K. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 4 (1900) 5 4 0 ; dazu M. Sdiönfeld,
Wörterbuch d. altgerm. Personen- und Völkernamen (1911) 267.
54 Claudius Claudianus, De consulatu Stilichonis V 9 4 : . . . Quis enim Visos
in plaustra feroces reppulit? . ..
55 Apollinaris Sidonius, Carm. V 4 7 6 : Bellonothus, Rugus, Burgundio, Vesus,
Alites, Bisalta, Ostrogothus, Procrustes, Sarmata, Mosdius post aquilas ve-
nire tuas ...; Carmina V I I 398: Hie iam disposito laxantes frena duello Ve-
sorum proceres raptim suspendit ab ira rumor...; Carmina V I I 4 3 1 : Haec
secum rigido Vesus dum corde volutat ventum in conspectum juerat...
54 Vgl. die Belege bei M. Sdiönfeld, Wörterbuch d. altgerm. Personen- und Völ-
kernamen (1911) 267 f.
57 K . Zeuss, Die Deutschen u. d. Nachbarstämme (1837) 408 sah in Vesus eine
Abkürzung von Vesegothae; dagegen H . Wehrle, Die dt. Namen d. Himmels-
richtungen u. Winde, in: Zeitschr. f. dt. Wortforschung 8 (1906) 335 f.; ebenso
M. Schönfeld, a. a. O. 268.
Probleme der historischen Quellen 123

bekannt war58. Zehn Belege des Namens stehen bei Cassiodor nur in
Zusammenhängen, die darauf bedacht sind, den Gegensatz West- und
Ostgoten zu betonen oder die Vesegothae als -westliche, die Ostrogotbae
als östliche Goten hinzustellen: . . . Vesegothae familiae Balthorum,
Ostrogothae praeclaris Amalis serviebant (Jordanes Getica V 42). . . .
ibi pars eorum, qui orientali plaga tenebat. eisque praeerat Ostrogotha,
utrum ab ipsius nomine, an a loco, id est orientales, dicti sunt Ostro-
gothae, residui vero Vesegothae, id est a parte occidua (Jordanes Getica
XIV 82). Is ergo missis legatis ad Ostrogotham, cuius adhuc imperio tarn
Ostrogothae quam Vesegothae, id utrique eiusdem gentes populi, subiace-
bant (Jordanes Getica XVII98). Quam adversam eius valitudinem
captans Balamber rex Hunnorum in Ostrogotharum parte movit procinc-
tum, a quorum societate iam Vesegohtae quadam inter se intentione
seiuncti habebant (Jordanes Getica XXIV 130). . . . , eo tempore, quo
Beremud, .. ., cum filio Vitiricho ab Ostrogothis, ..., ad Vesegotharum
regnum migravit (Jordanes Getica XXXIII 174). . . . , egitque, ut orien-
talem imperium Ostrogothas, Hesperium Vesegothae vastarent, . .. (Jor-
danes Getica XLVII 244). Et quia, dum utrique gentes, tarn Ostrogothae,
quam etiam Vesegothae, in uno essent, ut valui, maiorum sequens dicta
revolvi divisosque Vesegothas ab Ostrogothis ad liquidum sum prose-
cutus, necesse nobis est iterum ad antiquas eorum Scythicas sedes redire
et Ostrogotharum genealogia actusque pari tenore exponere (Jordanes
Getica XLVIII 246). . . . , quia filius eius,..Beremud iam contempta
Ostrogotharum gente ... ad partes Hesperias Vesegotharum fuisset gente
secutus, . . . (Jordanes Getica XLVIII 251). Nur zweimal erwähnt Cas-
siodor die Ostrogothae, ohne zugleich die Vesegothae zu nennen (Jorda-
nes Getica XXXVIII199 und LH 268). Zwei Namensbelege müssen
Jordanes selbst zugeschrieben werden (Jordanes Getica XXV 133 und
XL 210).
Der Nachweis, daß Ablabius den Namen Ostrogothae nicht benutzt
hat, ist ziemlich bündig. Schwieriger ist es mit dem Namen der Vesegothae.
Geht man die Stellen durch, so kann man einige Nennungen sicher
Cassiodor zuschreiben, so alle oben erwähnten, in denen Vese- und
Ostrogothae gemeinsam genannt sind, aber auch einige andere (Jordanes
Getica XXV 131, XXVIII 200, XLVIII 246, 253, LVI 284, LVIII 297 f.,
303). Zwei Textstellen sind Jordanes zuzuschreiben (Jordanes Getica
XXV 132 und XXVI138). Alle anderen Nennungen der Vesegothae
könnten, m ü s s e n aber nicht von Ablabius stammen. Es ist nicht
auszuschließen, daß sie auf Cassiodor zurückgehen. Aus des Jordanes
Getica kann nichts weiter geschlossen werden. Eine Durchsicht des
58 Vgl. die Belege bei M. Schönfeld, a. a. O. 38.
124 Die westgotische Scandza-Tradition

spätantiken Schrifttums zeigt aber, daß die Westgoten bis in die


Zeit Justinians in Gallien und Hispanien niemals Vesegothae genannt
wurden. Sie hießen einfach Gothi und — wie Apollinaris Sidonius zeigt —
daneben Vesi. Bei dieser Sachlage ist es wenig wahrscheinlich, daß sie
Ablabius anders als Gothi genannt haben sollte. Cassiodor hätte dann
den Namen Vesegothae überall dort eingefügt, wo es notwendig war,
diese von den Ostrogothae gehörig zu unterscheiden oder wo es ihm sonst
angebracht schien, diesen Namen zu nennen. In zahlreichen Fällen blieb
der Name Gothi indes bei Cassiodor stehen, wo ihn Ablabius benutzt
hatte.
Man könnte daran denken, Cassiodor als „Erfinder" des Namens
Vesegothae anzusehen. Er hätte die beiden Namen, mit denen dies Volk
bislang bezeichnet worden war — Vesi und Gothi —, zu einem Wort
zusammengezogen, Vesigothi und dann an Ostrogothae zu Vesegothae
assimiliert. Es entstand ein Wort und zugleich eine neue Bedeutung des
Namens, denn es ist ganz sicher, daß Cassiodor den Namen Vesegothae
als Westgoten verstand bzw. verstanden wissen wollte (Jordanes Getica
X I V 82). Bei den Ostrogothae schwankte er bekanntlich gelegentlidi,
ob sie nach ihrem König Ostrogotha oder nach ihren ursprünglichen
Wohnsitzen so genannt wurden (Jordanes Getica X I V 82). Im Grunde
war es für ihn jedoch wohl von Anfang an klar, daß die Ostrogothae
die im Osten siedelnden Goten, d. h. die Ostgoten, waren.
So wurden also aus dem Stamm der Vesi, der zu den Gothi gehörte,
die Vesegothae. Hätte nun der Stamm der r a w o i unter ähnlichen Bedin-
gungen den Namen *Gauthigothae erhalten können? Etwa weil es im
Norden verschiedene gotische Stämme gab? Der Gedanke ist nicht einfach
abzuweisen, insbesondere auch wenn man an die *Vagothae denkt. Daß
die Stammesgruppe der Goten sich in einzelne Teile gliederte und daß
solche Stammesteile Namen hatten wie Vesegothae, *Gauthigothae oder
*Vagothae, zeigt am deutlichsten der Name der Ostrogothae, der annä-
hernd 200 Jahre früher belegt ist als der der Vesegothae. Daß es im
gotischen Bereich außerdem auch noch Namen gab, die auf andere Art
gebildet waren, zeigen die Greutungi, Tervingi und die Gipedae.
Daß im Fall der Vesi — Vesegothae die neue Namensform durch
eine bewußte oder halbbewußte „Sprachregelung" zustande kam und
das außerhalb des Herrschaftsbereichs der Westgoten, scheint sicher, mag
man nun Cassiodor oder einen anderen als Urheber dafür ansehen5'. Der

59 Cassiodor wandte sich brieflich im Auftrage des Theoderich im Jahre 507


an Alarico regi Visigotharum (Variae III, 1). Vgl. Th. Mommsen, Mon. Germ.
Hist. Auct. ant. X I I (1894) 78.
Probleme der historischen Quellen 125

Gedanke dessen, der die Form Vesegothae zuerst prägte, dürfte folgender
gewesen sein: Vesi, qui et Gothi vocantur, sunt Vesegothae.
Im Falle der *Gauthigothae ist eine Namensreglementierung nicht
sichtbar, zwar möglich, aber doch recht unwahrscheinlich. Für die Bil-
dung dieses Namens gibt die Entstehung des Namens Vesegothae offenbar
wenig her. Es ist im Grunde richtiger, den Namen *Gauthigothae neben
den der Ostrogothae zu stellen. Ihr Name ist nicht nur früher belegt als
der der Vesegothae, sondern überhaupt älter. Um 300 n. Chr. erwähnt
Trebellius Pollio Austrogoti in seiner Vita Claudii 6,2. Claudianus und
Apollinaris Sidonius sprechen von Ostrogothieo. Offenbar stammt die
Form Ostrogothae an Stelle von Ostrogothi überhaupt erst von Cassiodor.
Während der Name Vesegothae gewiß nichts mit Westen zu tun hat,
enthält der Name Ostrogothae doch wohl die Himmelsrichtung Osten 61 ;
es sind die im Osten siedelnden Goten. Es ist also eine geographische
Angabe, die den Gotennamen hier näher bestimmt. Geographische An-
gaben sind nach Svennung auch in den Namen *Gauthigothae und
*Vagothae enthalten, die Goten am Fluß *Gaut und die Goten am
*Vágr62. Damit wäre eine Erklärung der Namen gegeben. Befriedigt sie
aber wirklich in jeder Hinsicht?
Die Namenreihe *Tovxai-^Gauthigothae-Tavxoi-Gautar ist dodi
recht ungewöhnlich. Warum zunächst Erweiterung und dann Kürzung des
Namens? E. Wessén verwies auf folgende Parallelen: Geatas-Wedergeatas-
Wederas; Hrédgotan-Hrédas63. Das mag eine gewisse Stütze darstellen,
und wenn diese wirklich helfen sollte, dann müßte ToCtai unmittelbar mit
Gothi identisch sein. Damit hätte man die Goten für Skandinavien gleich
zweimal belegt. Es bleibt der alte Zweifel an der Richtigkeit der Über-
lieferung von TOCTCU. Mit diesem Namen ständen sie — als eventuell
wenig jüngere Form — neben den Fiidcoveg, also auch neben den Gotones,
folglich neben den Gothi. Als 'TaOtai wären sie neben die rauToi zu
setzen. Hier kann nur ein alter, aber nicht immer befolgter Grundsatz

60
Vgl. die Belege bei M. Sdiönfeld, Wörterbuch d. altgerm. Personen- und Völ-
kernamen (1911) 38; ferner J. Svennung, Jordanes u. Scandia (1967) 116 ff.
81
J. Svennung, a . a . O . 87. 116; N . Wagner, Getica (1967) 162; ebenso H.
Wehrle, Zeitsdir. f. dt. Wortforschung 8 (1906) 334 ff.; anders W. Streitberg,
Ost- und Westgoten, in: Indogerm. Forschungen 4 (1894) 305 ff.; M. Schön-
feld, a. a. O. 39.
92
Es ist bemerkenswert, daß Svennung einerseits die *Vagothae als die Goten
am Vágr ansieht, daß er aber andererseits die Existenz eines Flusses Vagus
(Jordanes Getica III 17) auf Scandza wegdiskutiert. — Vgl. J. Svennung,
a. a. 0 . 1 4 ff.
63
E. Wessén, Uppsala universitets arsskrift 1924 (Filosofi, sprakvetenskap odi
historiska vetenskaper 6) (1924) 89.
126 Die westgotische Scandza-Tradition

helfen: Textemendationen sind nur dort zulässig, wo ein evident kor-


rumpierter Text vorliegt oder wo sie sich unabhängig vom Text beweisen
lassen. Warum sollte man dann bei den ToCtcu eine Emendation vorneh-
men? Eine Änderung wird durch nichts wirklich gefordert!
Es bleiben noch die *Vagothae und die *Euagreotingi. In ersteren
sieht Svennung *Vagigothae oder *Vagagotbae M . Denkt man bei den
•'Gauthigothae an die Goten am Fluß *Gaut, so könnte man in der Tat
bei den *Vagothae an Goten am Fluß *Vdgr denken. Jordanes Getica
III 17 berichtet haec ergo habet ab Oriente vastissimum lacum in orbis
terrae gremio, unde Vagi f luvius velut quodam ventrae generatur
in Oceanum undosus evolvitur. Svennung sucht den See und den zuge-
hörigen Fluß auf dem östlichen Festland; dazu gibt der Text keinerlei
Grund; es sei denn, man quälte ihn. Wenn der See im Osten von Scandza
lag, so muß der Fluß Vagus nach dem Osten ins Meer geflossen sein. Es
bleibt kaum eine andere Möglichkeit, als mit H. Schück, Th. von Grien-
berger, A. Olrik und anderen65 an den Motala Elf, der den Vättersee
nach dem Osten entwässert, zu denken. Damit ergäbe sich für die *Vago-
thae eine Lokalisierung in der jetzigen Landschaft Östergötland. Daran
dachte schon H. Schück". Im Grunde war dieser Raum „blockiert",
solange man die Ostrogothae zu den Stämmen Scandzas rechnen mußte;
nun ist er „frei".
Ein Überblick über die verschiedenen Namensbelege zeigt, daß
spätestens um Christi Geburt Goten an der Weichsel ansässig waren und
daß in Skandinavien im 2. Jh. oder schon früher ToCtcu wohnten. Im
5. Jh. müssen im Norden mehrere gotische Stämme gesiedelt haben. Alle
diese Stämme waren offenbar durch alte Namensbeziehungen miteinander
verbunden.
Voreilige Schlüsse hieraus über die Herkunft der gotischen Stämme,
und die Zeit und den Weg ihrer Ausbreitung zu ziehen, wäre falsch. Man
muß nämlich bedenken, daß Ptolemaios der erste antike Autor war, der
für Skandinavien eine größere Anzahl von Volksnamen nachweisen
konnte. Noch Plinius kannte in Scatinavia nur das „große" Volk der
Hillevionen mit ihren 500 Gauen (Plinius Hist. Nat. IV 96). Tacitus
nannte den Namen der Inseln nicht, die nach seinen Angaben im nörd-

64 J . Svennung, a. a. O. 55.
85 H. Schuck, Folknamnet Geatasi den fornengelska dikten Beowulf, in: Uppsala
universitets ärsskrift 1907 Program 2 (1907) 9 ; Th. v. Grienberger, Die nordi-
schen Völker bei Jordanes, in: Zeitsdir. f. dt. Altertum u. dt. Litteratur 46
(1902) 154; A. Olrik, Bravellir, in: Namn odi bygd 2 (1914) 301: „Vagoth
(': Väg-gotar eil. Vag-gautar) ma viere 0stg0terne, boende ved Motalaelven
(Vagi fluvius, naevnt hos Jordanes lige i forvejen)".
68 H. Schück, a. a. O. 9 f.
Probleme der historisdien Quellen 127

liehen Ozean liegen (Tacitus Germania 1). Er könnte natürlich an Scati-


navia gedacht ha,ben, ohne es zu erwähnen. D a er jedoch die Suionen
nannte (Tacitus Germania 44), ohne vom Namen der Insel 67 , auf der sie
offenbar wohnten, irgendetwas zu schreiben, ist es unsicher, ob er über-
haupt genaueres von der Geographie und Ethnographie des Nordens
wußte. Das Schweigen der Quellen des ersten nachchristlichen Jahrhun-
derts über Goten in Skandinavien besagt also nichts und überrascht auch
nicht. Es können schon damals dort Bevölkerungsgruppen gesiedelt haben,
die einen den TOCTCU entsprechenden Namen trugen. Davon hätte man im
Römischen Reich nicht unbedingt etwas zu wissen brauchen, denn man
besaß über die Bevölkerungsverhältnisse des Nordens damals noch keine
nennenswerten Informationen 88 .
Ein Uberblick über die antiken Quellen gibt also zwar ein anderes
Bild von der Siedlungsgeschichte gotischer Gruppen als das Werk des
Ablabius; eigentliche Widersprüche fehlen jedoch, und keine seiner Nach-
richten über die Urzeit der Goten ist — sieht man von der Dreizahl der
zur Wanderung benutzten Schiffe und dem Namen des Berig ab — bei
Anlegung eines kritischen Maßstabs im eigentlichen Sinne unglaubwürdig.
Diese Feststellung ist gewiß ein Fortschritt. Vor weiteren Folgerungen
muß allerdings gewarnt werden. Die Annahme etwa, auch das Unüber-
prüfbare in der Sage vom Ursprung der Goten müsse richtig sein, ginge
viel zu weit.
Das Nebeneinander der T o t u a i des Ptolemaios und der r a v t o i des
Prokop hat immer wieder Germanisten und Nordisten gereizt, sich mit
dem Lautwert der ersten Silbe zu beschäftigen. J . Grimm besserte T o i t a i
in "Taütoa 69 , beseitigte also die Unterschiede zwischen den Formen des
Ptolemaios und des Prokop und meinte dann, zwischen diesem Namen
und dem der Gotbi bestände Ablautverhältnis. Der Gedanke ist immer
wieder einmal aufgenommen worden und wird auch heute noch vertre-
ten 70 . O. Höfler betont, daß Gautar und Gothi zweifellos im Ablautver-
hältnis stehen71. N. Wagner weist darauf hin 72 , daß O. Almgren Guto-
nes — Gotones als „eine Art Diminutivbildung" zu Gautar aufgefaßt
habe 73 . Schon Rud. Much hatte in Gautar eine Bezeichnung für Männer

67 Vgl. St. Bolin, Tacitus kartbild av norra Europa, in: Festskrift tili Arthur
Thomson (1961) 1 9 — 2 4 u. dazu J. Svennung, Svearnas ö och Sithonerna hos
Tacitus, in: Fornvännen 57 (1962) 193 ff.
88 Rud. Much, Germania d. Tacitus (1937, 2 1959) 3 9 2 ; ( 3 1 9 6 7 ) 494.
69 Vgl. Anm. 29.
70 Vgl. N . Wagner, Getica (1967) 166 ff.
71 Vgl. oben S. 45 Anm. 40.
7! N . Wagner, a. a. O. 168 Anm. 229.
73 O. Almgren, Nordische Felszeidinungen als religiöse Urkunden (1934) 314 ff.
128 Die westgotische Scandza-Tradition

sehen wollen 74 . Almgren ergänzte, daß Gothi ursprünglich eine Bezeich-


nung für die Jungmannschaft gewesen sei. Schon früh hatte Much auf ent-
sprechende Wortbildungen in skandinavischen Sprachen hingewiesen. Da-
nach hätten also die Auswanderungsscharen — dieser Gedanke steckt
dahinter — die ablautende Namensform der daheim Gebliebenen ge-
tragen.
Ablautbildungen spielen bei der Gestaltung germanischer Stammes-
namen aber offenbar keine Rolle. Nur analoge Bildungen könnten wirk-
lich erhärten, daß hier Ablaut vorliegt. Welche historischen Folgerungen
könnte man aber auch ziehen, wenn ein wirklich beweisbares Ablaut-
verhältnis vorläge? Um der Vertrauenswürdigkeit der Argumentation
willen ist es besser, den Ablaut aus dem Spiel zu lassen. Man sollte sidi
damit zufrieden geben, daß es in Skandinavien T o v t a i , ravtoi, *Gauthi-
gothae und *Vagothae und auf dem Festland Gotones, rfrftcovEg, Gothi,
Ostrogothae und Vesegothae gab, und daß sie alle auf irgendeine Weise
zusammengehören!
Ein besonderes Problem bieten die von Ablabius genannten *Eua-
greotingi. Weder Ablabius, noch Cassiodor, noch Jordanes erwähnten den
Stammesnamen Greutungi. Nur Ablabius dürfte ihn allerdings aus dem
Werk des Ammianus Marcellinus gekannt haben. In den aus dessen Ge-
schichtswerk übernommenen Exzerpten tilgte er die Namen der Könige
Vithimir und Viderich ebenso wie die Namen der Greutungi und Ter-
vingi, die Ammianus Marcellinus als Namen gotischer Stämme ver-
wandte. Greutungi und Tervingi sind für Ablabius Gothi schlechthin.
Älter als der Beleg der Greutungi bei Ammianus Marcellinus ist der
der Grauthungi des Vopiscus und der der Grutingi des Trebellius Pollio.
Zeitgleich mit Ammianus Marcellinus sind sechs Belege für Gruthingi bei
Claudianus und zwei für Greothingi bei Hydatius 75 . Die Verderbtheit der
Stelle bei Jordanes Getica III 22 erlaubt es nicht, die *Euagreotingi71 ein-
fach mit den festländischen Greutungi gleichzusetzen. Svennung dachte
daran, es könnte im Norden neben den Insel-Greoimgi auch Greotingi
auf dem Festland gegeben haben77. Das alles ist nicht klar zu entscheiden,
und auch hier bleibt am Ende nur das eine sicher: Es liegt ein Beweis

74 Rud. Much, Germanische Völkernamen in sagenhafter Deutung, in: Zeitsdir.


f. dt. Wortforschung 1 (1901) 325.
75 Vgl. die Belege bei M. Schönfeld, Wörterbuch d. altgerm. Personen- u. Völ-
kernamen (1911) 113; J. Svennung, Jordanes u. Scandia (1967) 1 1 7 ff.
™ Die Handschriften haben euagre, euagrae, euagere einerseits und othingis an-
derseits. Vgl. Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 (1882) 59 Anm.
zu Zeile 11. Die Verderbtheit der Stelle ist uralt.
77 J. Svennung, Jordanes u. Scandia (1967) 119.
Probleme der historischen Quellen 129

für Zusammenhänge zwischen Skandinavien und dem Festland vor 7 8 , der


die Goten betrifft. Es ist ja im Grunde ganz unsicher, mit welchem go-
tischen Teilstamm die Greutungi identisch sind 7 '. Ehe man hier voreilig
identifiziert, sollte man daran denken, wie leicht Stammesnamen entste-
hen und vergehen können 80 .
Anders als Svennung versuchte N . Wagner, wo Th. Mommsen de-
binc Mixi, Evagre, Otingis (Jordanes Getica I I I 22) las, mit E . H e r -
mann 8 1 in debinc mixti cum Greotingis zu bessern 82 . Ihm fiel auch auf,
daß die Ostrogotbae „an den Platz neben den norwegischen Stämmen,
den sie in der Liste einnehmen, nicht passen" 8 '. Das W o r t *mixti verlange
ein Stützwort, und er stellte daher folgenden T e x t her: debinc Ostro-
gotbae mixti cum Greotingis. Schon E . Hermann hatte Jordanes Getica
I I I 22 mit den Claudian-Versen Ostrogothis colitur mixtisque Grutingis
Pbryxager (Claudianus In Eutropium 2,153) verglichen. Wagner be-
tonte, daß seine Emendation die Parallelität der Textstellen noch ver-
größere und versuchte nachzuweisen, daß Cassiodor bei Claudian stilisti-
sche Anleihen aufgenommen habe 85 . D a es sich jedoch nur um die Stilisie-
rung der Stelle handelt, hätte die Liste skandinavischer Völker nichts mit
Claudian zu tun, gehe vielmehr auf eine andere unabhängige Quelle zu-

78 Es ist niemals genügend beaditet worden, daß hier die Namen zusammenge-
höriger Bevölkerungsteile etymologisch nicht zusammengehören und daß evtl.
alte Namen aufgegeben, dann aber wieder aufgenommen werden können.
Man denke hier an die Quaden und die Alamannen, die später wieder Sueben
hießen.
79 Vgl. dazu Fr. Altheim, Wald- und Feldleute, in: Paideuma 8 (1954) 424 bis
430; ders., Greutungen, in: Beitr. z. Namenforschung 7 (1956) 81—93; H. Ro-
senfeld, Goten und Greutungen, in: Beitr. z. Namenforschung 7 (1956) 195
bis 206; Fr. Altheim, Zum letzten Mal: Greutungen, in: Beitr. z. Namenfor-
schung 7 (1956) 241—246; H. Rosenfeld, Goten und Greutungen (Schluß-
wort), in: Beitr. z. Namenforschung 8 (1957) 36—43; ders., Ost- und West-
goten, in: Die Welt als Geschichte 17 (1957) 245—258; dazu auch: R. Wens-
kus, Stammesbildung und Verfassung (1961) 472 f. 478 ff.; N. Wagner, Getica
(1967) 191 ff.; J . Svennung, Jordanes und Scandia (1967) 115 f. 117 ff. 127 ff.
80 Vgl. Fr. Kauffmann, revariQixog, in Zachers Zeitsdir. f. dt. Philologie 33
(1901) 1—5, wo die Variabilität der Namen durch ein kennzeichnendes Bei-
spiel illustriert wird: Die Spradie der Vandalen wurde gelegentlich als lingua
gotica bezeichnet.
81 E. Herrmann, Sind der Name der Gudden und die Ortsnamen Danzig, Gdin-
gen und Graudenz gotischen Ursprungs? in: Nadirichten d. Ak. d. Wissen-
schaften in Göttingen. Philos.-histor. Kl. Jg. 1941, Nr. 1 (1941) 279 ff.
82 N. Wagner, Getica (1967) 182.
84 N. Wagner, a. a. O. 186.
84 N.Wagner, a . a . O . 187.
85 N. Wagner, a. a. O. 192.

9 Hadimann, Goten und Skandinavien


130 Die westgotische Scandza-Tradition

rück 8 '. Es sei abzulehnen, wenn Th. Mommsen hier Spuren des Ablabius
sehe. Vielmehr sei „der von Mommsen so hoch gestellte Ablabius eine viel
zu unsichere Größe" 87 . Daß aber gerade nur Ablabius hier als Quelle in
Betracht kommt, und nicht Cassiodor, schließt natürlich nicht aus, daß die-
ser bei Claudian Anleihen machte. Wenn die Ostrogothae in Jordanes
Getica III 23 von Cassiodor in den Text eingefügt worden sind, so ist
Wagners Emendation aber unmöglich.
Wenn man gotische Stämme im Norden und auf dem Kontinent
nachweisen kann — im Norden seit dem 2. Jh., im Süden mindestens ein
Jahrhundert früher —, dann kommt man um die Annahme von Wande-
rungen vom Norden nach dem Süden oder umgekehrt nicht herum. Ver-
bindungen über See müssen bestanden haben. Ob es sich um einen oder
mehrere Wanderzüge handelte, ob die Wanderrichtung stets vom Norden
nach dem Süden verlief oder umgekehrt, ob gar Rückwanderer heim-
kehrten und wann die Wanderung bzw. die Wanderungen erfolgten, das
alles bleibt, wenn man nur die Zeugnisse der Namen in Betracht zieht,
allerdings v o l l k o m m e n offen. Keine der verschiedenen Möglichkei-
ten läßt sich im Prinzip von vornherein ausschließen.
Als Anwohner der Ostseeküste erwähnt die Scij«iiz<i-Tradition die
LJlmerugi (Jordanes Getica IV 25). Die Goten sollen sie einige Zeit
n a c h ihrer Einwanderung mit Krieg überzogen und aus ihrer Heimat
vertrieben haben. In der zusammengesetzten Form ist dieser Name für
Kontinentalgermanen sonst nicht belegt, dagegen gehören sprachlich die
norwegischen Holmrygir hierher. Beide Namen bedeuten übereinstim-
mend Insel-Rugier 88 . Die Rugii selbst kannte schon Tacitus in — offenbar
nördlicher — Nachbarschaft der Gotones an der Ostsee (Tacitus Germa-
nia 43); Ptolemaios nannte die Toimodeioi — wahrscheinlicher ^Potr/i-
xtaioi — in Pommern und Westpreußen bis zur Weichsel und einen „Orts-
namen" 'PotiYiov (Ptolemaios Geogr. II 11,7—12). Danach werden Ru-
gier vor dem 4. nachchristlichen Jahrhundert nicht wieder genannt 8 '. Die
•Scawc/za-Oberlieferung gibt also einen Namen und eine Lokalisierung der
Rugier — d. h. wohl eines Teilstammes —, die älteren Schriftstellernach-
richten entspricht, ohne von ihnen abhängig zu sein. Die Tradition ent-
hält demzufolge historische Wahrheit. Dabei ist es bemerkenswert, daß

88
N . Wagner, a. a. O. 193 f.
87
N . Wagner, a. a. O. 194. — Wagner glaubt von Ablabius, „daß er ein Werk
geschrieben hat, das die Goten zumindest erwähnte" (a.a.O. 62); vgl. oben
S. 39 Anm. 20.
88
Die Verbindung zwischen beiden Namen schon von K. Zeuss, Die Deutschen
u. d. Nachbarstämme (1837) 484 u. 519 erkannt.
8
' Zu den Belegen vgl. M. Sdiönfeld, Wörterbuch d. altgerm. Personen- und
Völkernamen (1911) 195 f.
Probleme der historischen Quellen 131

des Ablabius Gewährsleute auch einen rugischen Stamm für Skandina-


vien gekannt zu haben scheinen90.
Nach der Scandza-Triditioa waren die Wandalen Nachbarn der Go-
ten, die nach der Austreibung der Ulmerugier mit Krieg überzogen und
unterworfen wurden (Jordanes Getica IV 26). Als Vindili — *Vandili
erscheint der Name erstmals bei Plinius, wird von diesem jedoch als Name
einer Stammesgruppe angesehen, die Burgunder, Variner, Chariner und
Goten umfaßte (Plinius Hist. Nat. IV 4,99). Bei Tacitus tritt der Name
Vandilii neben den Marsern, Gambriviern und Sueben unter den vera et
antiqua nomina (Tacitus Germania 2,2) auf.
Des Plinius Gliederung des Germanenvolkes ist nicht als ursprüng-
lich anzusehen' 1 . Die ihm bekannte Gliederung der Mannus-Stämme
füllte er offenbar um zwei Stammesgruppen auf, um das Schema den
Verhältnissen bzw. den Kenntnissen seiner Zeit anzupassen. Wie seine
fünfte Gruppe, die die Bastarnen und Peukiner umfaßt, könnte auch seine
erste Gruppe künstlich sein. Während er jedoch für die fünfte Gruppe
keinen gemeinsamen Namen nannte, hat er für die erste einen solchen zur
Hand, den der *Vandili. Was bedeutet dieser Name? H a t Plinius will-
kürlich den Namen eines im östlichen Mitteleuropa siedelnden Germanen-
stammes herausgegriffen und ihm die Bedeutung einer Gruppe von Stäm-
men, einer Kultgemeinschaft, gegeben?
Trotz verschiedener Erklärungsversuche bleibt der Begriff der vera
et antiqua nomina bei Tacitus in seiner Bedeutung ziemlich dunkel 92 . Es
muß daher unklar bleiben, in welchem Sinne dieser den Namen Vandilii

x> Die von Th. Mommsen nach sehr verschiedenartigen Lesungen der Quellen
als *Taetel und *'Rugi hergestellten Namen bei Jordanes Getica III 24 (vgl.
Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V, 1 [1882] 60. 164 u. 165 von
K. Müllenhoff akzeptiert) sdion von K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nadibar-
stämme (1837) 503 als *Ethelrugi gelesen. — S. Bugge, Norges Indskrifter
med de seldre Runer 1 (1891—1903) 107 las ''Ethelrugi oder *Aethelrugi. —
Th. von Grienberger, Zeitsdlr. f. dt. Altertum u. dt. Litteratur N . F. 34
(1902) 142 stellte *Thethelrugi her. — Bugges Lesung wurde von L. Fr.
Läffler, Fornvännen 2 (1907) 111 akzeptiert, während L. Weibull, Arkiv f.
nordiske filologi N . F. 37 (1925) 240 auf Mommsens Lesung zurückgriff. —
J. Svennung, Fornvännen 59 (1964) 98 f. kommt wieder auf *Aetelrugi
zurück.
81
Vgl. R. Hachmann, in: R. Hachmann, G. Kossack, H . Kuhn, Völker zwisdien
Germanen u. Kelten (1962) 50 f.
92
Rud. Mudi, Die Germania d. Tacitus (1937) 30 f.; (»1967) 59 ff. sah —
wahrsdieinlidi mit Recht — einen Gegensatz zwisdien vera et antiqua nomina
und Germaniae vocabulum recens et nuper additum. — E. Schwyzer, in:
Tacitus' Germania erläutert von H. Schweizer—Sidler ("1902) 7 meinte
einen Gegensatz zu den erfundenen Namen der Ingväonen, Herminonen und
Istväonen feststellen zu müssen.


132 Die westgotische Scandza-Tradition

verstanden wissen wollte. Als Namen einer größeren Gruppe benutzte


er ihn nicht, doch steht er neben dem der Suebi, die eine echte Gruppe dar-
stellten. Aber audi die Namen Marsi und Gambrivii stehen dabei. Ihr
Bedeutungsgehalt ist ungewiß; jedenfalls ist er aber nicht mit dem des
Suebennamens gleichzusetzen. Die Problemlage wird dadurdi nicht ein-
facher, daß Tacitus bei seiner Aufzählung der „Oststämme" die Vandilii
nicht nannte. Dort, wo ihr Name in späteren Quellen aufzutreten pflegt,
erwähnte er Lugiorum nomen in plttres chitates diffusum (Tacitus Ger-
mania 43,2); deren Teilstämme, die Harii, Helvecones, Manimi, Helisii
und Naharvali sind jedoch mit Ausnahme der Helvecones, die Ptolemaios
Geogr. II 11,9 etwas abweichend AiXouaiomg nannte, sonst unbekannt.
Die Identität von Lugii und *Vandili wird zwar allgemein als gegeben
angenommen, ist durch antike Autoritäten jedoch nicht direkt belegt. So
kann man also aus den *Vandili des Plinius und den Vandilii des Tacitus
nicht viel gewinnen, um die Erwähnung der Vandali in der Scandza-Tra-
dition verständlicher zu machen®3.
In der Geschichte treten Vandali als germanischer Stamm erstmals
als Waffengefährten der Markomannen in ihren Kriegen gegen die Rö-
mer auf. Dio Cassius ist der erste, der sie als Ovdvöcdot und BavöiXoi
nannte (Dio Cassius LV 1,3, L X X I I 2,4 und LXXVII 20,3). Ihre Loka-
lisierung im südöstlichen Mitteleuropa an mittlerer und oberer Oder und
an der oberen Weichsel ist für diese Zeit sicher. Waren die Wandalen ein
Teilstamm der Lugier, dann können sie schon zur Zeit des Tacitus Nach-
barn der Goten gewesen sein, denn trans Lugios Gotones regnantur (Ta-
citus Germania 44,1).
Ablabius kannte ferner nach Dexippos Wohnsitze der Wandalen
iuxta flumina Marisia, Miliare et Gilpil et Grisia (Jordanes Getica X X I I
113). Er erwähnte sie in Pannonien (Jordanes Getica X X I I 115 und
X X X I 161) und schließlich in Spanien und Nordafrika (Jordanes Getica
X X V I I 141, X X X 153, X X X I 163, X X X I I 166, X X X I I I 167, 169 und
173, XXXVI 184, XLV 235 und XLVII 244). Von daher kann die
Scandza-Tradition nicht beeinflußt sein. Offenbar enthält sie also, was
die Wandalen betrifft, wieder ein Stück historische Wahrheit.
Einzig über ältere Wohnsitze der Gepiden machen antike Autoren
keinerlei Angaben. Erstmals ist ihr Name für die Zeit der Kaiser Claudius

" Vergleicht man des Tacitus Angaben über die ethnographischen Verhältnisse
im Osten Germaniens mit denen des Ptolemaios, so kommt man — trotz aller
Lücken der Uberlieferung und trotz der unterschiedlichen Berichterstattung —
um die Annahme eines engeren Bezuges zwisdien Lugii und Vandilii nidit
herum.
Probleme der historischen Quellen 133

Gothicus (263—270) und Probus (276—282) belegt94. Sie treten u. a. mit


Goten und Wandalen in Zusammenhang mit allerhand kriegerischen Aus-
einandersetzungen auf, die über ihre damaligen Wohnsitze jedodi kei-
nen rechten Aufschluß geben. Man sollte also die Frage der frühesten
Wohnsitze der Gepiden besser außer Betracht lassen.
Ein Rückblick auf das, was sich bei dem Vergleich der gotischen
Scandza-Tradition mit den Nachrichten römischer und griechischer
Schriftsteller vornehmlich des 1. und 2. nachchristlichen Jahrhunderts er-
geben hat, zeigt, daß sich ein beträchtlicher Teil historischer Wahrheit in
ihr nicht bestreiten läßt. Die antiken Autoritäten bestätigen im wesent-
lichen, daß Goten, Rugier und Wandalen ehedem ihre Wohnsitze dort
hatten, wo sie die Überlieferung der Westgoten lokalisierte. Angaben,
daß die Goten am Meer wohnten, fehlen. Ausgesprochene Widersprüche
gegen die Scandza-Tradition ergeben die Schriften des ersten und zweiten
Jahrhunderts nicht". Wo sie ergänzende Angaben liefern, fügen sich diese
befriedigend ein. Das alles ist deswegen widitig, weil Ablabius außer
Pomponius Mela und Ptolemaios keinen der Autoren dieser frühen Zeit
kannte und von keinem abhängig sein kann.
Den wichtigsten Teil der Scandza-Tradkion vermag die antike Ge-
lehrsamkeit der Zeit um und nach Christi Geburt allerdings nicht zu be-
stätigen, die Nachricht selbst von der Auswanderung der Goten aus
Scandza. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Ablabius des Ptolemaios ToCtai
kannte. Auch Zxavôia, die Insel, auf der sie wohnten, war ihm ein Be-
griff. Er wußte auch auf Grund von jüngeren Nachrichten von einer Insel
im Norden, auf der viele Völker, u. a. die *Vagotbae, die *Gauthigothae
wohnten. Er kannte auch eine ferne Insel, von der nach der Gotensage die
drei Schiffe unter Berig ausgefahren waren, und er wußte nach derselben
Sage von Goten im nordöstlichen Mitteleuropa in einem Land, das er
Gothiscandia nannte und das zu Schiff erreichbar war. Gothiscandia ist
möglicherweise eine Wortbildung, die auf Ablabius zurüdsgeht, der viel-
leicht aber eine andere — wenn auch ähnlich lautende — Form zugrunde
liegt. Die Gotensage nennt mehrfadi Ländernamen: Gepedoios insula und
Spesis provincia (Jordanes Getica XVII 96) und Oium (Jordanes Getica
IV 27). Viel ist daraus für das Verständnis einer Änderung, die Ablabius
zu dem Namen Gothiscandia geführt haben könnte, nidit zu gewinnen.
Germanische Ländernamen aus früher Zeit sind nidit eben häufig
belegt. Wo Germanen in ehemals römisdies Gebiet eindrangen, da über-
M
Scriptores Historiae Augustae X X V 6, 2 u. XXVIII 18, 2. — Die Stellen
am handlichsten in Ubersetzung bei W. Capelle, Das alte Germanien (1929)
239 u. 247. — Besser in: E. Hohl, Scriptores Hist. Aug. 2 (1966) 138. 216.
• 5 So dachte auch R. Wenskus, Stammesbildung u. Verfassung (1961) 464, dodi
haben seine Argumente ein anderes Fundament.
134 Die westgotische Scandza-Tradition

nahmen sie in der Regel die alten Namen. In ihren alten Sitzen mögen
die Germanen eigene Landschaftsnamen besessen haben. Rugilanda —
Rttgiland98 (Origo 3 und Paulus Diaconus Hist. Lang. I 19) und campus
feld — campus ..qui sermone barbarico feld (Origo 4 und Paulus Dia-
conus Hist. Lang. I 20) sind Landschaften aus der Langobardengeschichte,
die sich lokalisieren lassen. Nicht ohne Interesse sind auch Golaida-
Golanda (Origo 2 und Paulus Diaconus Hist. Lang. I 13), das L. Schmidt
in *Gotlanda bessern wollte97, und Antbaib, Bainaib und Burgundaib
(Origo 2).
Offenbar waren germanische Landschaftsnamen — sagenhafte und
erfundene, wie echte — so gebildet, daß mit den Stammesnamen ein
geographischer Begriff verbunden war. Gepedoios, Antbaib und Burgun-
daib und Rugiland sind durchsichtig. Dementsprechend müßte der Name
des Landes, das die Goten besetzten, als sie vom Norden kamen, in der
Gotensage aus Gothi- und einem geographischen Begriff gebildet gewesen
sein. In der Tat wäre *Gothilanda naheliegend. Eine derartige Emenda-
tion ist von Beweisbarkeit weit entfernt, wenngleich die spätere germa-
nische Literatur von gleichartigen Namensbildungen wimmelt98.
In der Frage der Beziehungen zwischen Goten und Skandinavien ist
nun soviel sicher, daß ein Zusammenhang besteht; doch welcher? Es gibt
theoretisch noch zwei Möglichkeiten, weiter zu kommen. Man könnte aus
der Tatsache, daß die wesentlichsten Teile der Goten-Sage historische
Wahrheiten enthalten, folgern, auch die Nachricht von der Einwande-
rung der Goten müsse wahr sein. Man könnte ähnlich aus der Tatsache,
daß Goten in Skandinavien und an der Weichsel siedelten und daß sich
daraus die Wanderung der einen Bevölkerungsgruppe nach dem Süden
übers Meer oder der anderen nach dem Norden ergäbe, schließen, die
Scandza-Tradition entscheide diese Alternative und spreche für eine Wan-
derung der Goten übers Meer nach dem Süden. Aber hier ist die Grenze
dessen erreicht, was methodisch zulässig ist. Goten in Skandinavien könn-
ten ebensogut audi vom Kontinent nach dem Norden gekommen sein. Die
Sage kann diese Möglichkeit nidit ausschließen, im Gegenteil. Die Auf-
zeichnung der „Wandersage" der Sachsen in der Translatio s. Alexandri 1

•* Hist. Lang. Cod. Gothani 3: Rudiranda — Rudilanda.


9 7 L. Schmidt, Zur Geschichte d. Langobarden (1885) 49 Anm. 1. — Vgl. auch

K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nadibarstämme (1837) 472. — Im Codex Hei-


delbergensis des Paulus übrigens: Godolanda; vgl. L. Bethmann u. G. Waitz,
Mon. Germ. Hist. SS. R. Lang. (1878) 54.
9 8 In einer althochdeutschen Quelle d. 9. Jh. Uualholant (= Gallia), Uuascono-
lant (= Equitania), Franchonolant (= Germania), Lancpartolant ( = Italia).
Vgl. C. Hofmann, Metrologisches u. Geographisches a. d. Wessobrunner Co-
dex, in: Germania 2 (1857) 92.
Probleme der historischen Quellen 135

zeigt eine Wanderung", die dem historisch nachweisbaren Ablauf genau


entgegengesetzt verlaufen sein soll, anstatt vom Kontinent nach Britan-
nien von dorther zum Kontinent.
Die antike Ethnographie vermag wohl in der Frage der ältesten
Wohnsitze der Goten zu helfen, für die andere Frage, die nach der Her-
kunft der Goten, ergibt sich nichts. Will man in dieser Frage weiterkom-
men, so muß man versuchen, mit Hilfe anderer Quellen vorwärts zu
kommen.

6. Die ältesten Nachrichten der Antike über die Wohnsitze


der Goten
Plinius erwähnte in einem Exzerpt aus Pytheas einen Volksstamm,
für den die Handschriften etwa Guiones oder Gutones bieten (Plinius
Hist. Nat. XXXVII 2,35). K. Zeuss entschied sich einst für die zweite
Form1. K. Müllenhoff meinte indes, Plinius habe zwar an dieser Stelle die
Gutones genannt, doch habe er ihren Namen an die Stelle der Teutones
gesetzt, weil er die Goten als Vermittler im Bernsteinhandel kannte, von
dem Pytheas hier berichtete8. Diese Annahme ist insofern nicht ganz von
der Hand zu weisen, als es für Plinius in der Tat nahe gelegen haben
könnte, speziell die Goten mit dem Bernsteinhandel zu verbinden. Sie
entbehrt aber, was eine ursprüngliche Nennung der Teutonen anbelangt,
jeder näheren Begründung. O.Bremer hielt noch 1899 daran fest, daß
Pytheas hier schon ursprünglich die Gutones genannt haben könnte3.
D. Detlefsen schlug dann statt der Lesung Guionibus und Gutonibus die
Emendation Inguionibus vor und hielt diesen sonst nicht belegten Na-
men für eine Nebenform zu den Inguaeones4, was sich jedodi schwerlich
beweisen läßt. L. Schmidt, O. Gutenbrunner und E. Schwarz kamen dann
wieder auf den Vorschlag Müllenhoffs zurück®. Sicher ist es, daß das Text-
stück des Pytheas, das Plinius verwandte, nicht wörtlich wiedergegeben
ist und Ergänzungen enthält. Sicher ist ferner, daß es sich schon ursprüng-

m
Vgl. oben S. 32 Anm. 68.
1
K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nachbarstämme (1837) 135.
2
K. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 1 (21890) 479.
3
O. Bremer, Ethnographie d. germ. Stämme (1899) 52.
4
D. Detlefsen, Die Entdeckung d. germ. Nordens i. Altertum (1904) 7 f.
® S. Gutenbrunner, Germanische Frühzeit i. d. Berichten d. Antike (1939) 70;
E. Sdiwarz, Germ. Stammeskunde (1956) 43. — Neuerdings denkt D. Stich-
tenoth, Pytheas von Marseille. Die Gesdiiditssdireiber d. dt. Vorzeit 103
(1959) 32 f., Plinius habe, da „es vor Christi Geburt noch keine Goten südlich
der Ostsee gab", einen anderen Namen vorgefunden und diesen durch den
Gotennamen ersetzt. Eingehenderes Erörtern der gewagten Kombinationen
Stiditenoths erscheint kaum nötig.
136 Die ältesten Nachrichten der Antike über die Wohnsitze der Goten

lieh auf die Nordseeküste bezog und auch von Plinius so verstanden
wurde. Deswegen zog Bremer folgerichtig in Betracht, die Goten könnten
ursprünglich in Holstein gesiedelt haben*. Wahrscheinlich ist, daß erst
Plinius den Namen der Goten einfügte; sei es absichtlich, sei es, weil er
den bei Py theas genannten Namen als den der Goten verstand. Mehr ist aus
dieser Stelle gewiß nicht zu entnehmen und daher muß sie außer Betracht
gelassen werden, wenn es sich darum handelt, Klarheit über die Wohn-
nent zu gewinnen.
sitze der Goten und die Chronologie ihrer Anwesenheit auf dem Konti-
Strabo ist offenbar der erste antike Geograph, der die Goten kannte.
Er nannte Boutcoveg unter den von Marbod abhängigen Stämmen (Strabo
Geogr. IV 1,3), was gemeinhin in "ToiiTCüves emendiert wird. Dieser Bes-
serungsvorschlag findet sich schon bei Zeuss7 und ist sicher richtig. Strabo
hat seine Geographie im wesentlichen im Jahre 7 v. Chr. abgeschlossen.
Der Textabschnitt, der die Goten nennt, ist allerdings einer der von ihm
später in den schon fertigen Text eingeschobenen Nachträge. Die Einfüh-
rung muß v o r der Vertreibung des Marbod, von der der Text nichts
berichtet, doch n a c h dem Triumph des Germanicus im Jahre 16 n. Chr.,
der erwähnt wird, erfolgt sein. Sie nennt im gleichen Satz die Ao-uyioi,
die sonst unbekannten Zoüjioi und MouyiXcoveg, ferner die Sißivoi und die
S^vcoveg. Lugier und Semnonen gehören offenbar zu den erst durch die
römische Flottenexpedition des Jahres 5 n. Chr., durch den Landfeldzug
desselben Jahres oder in Verbindung mit dem Feldzug gegen Marbod im
Jahre 6 n. Chr. bekannt gewordenen Germanen. Da Strabo von den
römischen Intrigen gegen Marbod nichts wußte, ist es kaum möglich, daß
die Goten den Römern erst in Verbindung mit der Fühlungnahme des
jüngeren Drusus mit Catvalda kurz vor oder im Jahre 18 n. Chr. oder
im Zusammenhang mit dem Übertritt Marbods auf römischen Boden im
gleichen oder folgenden Jahr bekannt geworden sind. Die Jahre 5/6 n. Chr.
sind also der Terminus quo oder ante quem für das Bekanntwerden des
Gotennamens und eines kontinentalen Wohnsitzes der Goten bei Römern
und Griechen.
Plinius nannte die Goten außer in Verbindung mit dem Exzerpt aus
Pytheas noch ein zweites Mal (Plinius Hist. Nat. IV 14,99); für die
Chronologie der Goten gibt diese Stelle jedoch nichts.
Tacitus erwähnte die Goten — als Gotones — in Verbindung mit
dem Zug des Catvalda gegen Marbod (Tacitus Ann. II 62), der im Jahre
18 — oder kurz danach — mit dessen Vertreibung endete. Catvalda, von
dem es heißt, er sei seit langem unter dem Druck des Marbod landflüchtig
• O. Bremer, Ethnographie d. germ. Stämme (1899) 52. 55.111.
7
K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nachbarstämme (1837) 134 Anm. 136; so auch
K. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 4 (1890) 492.
Probleme der historischen Quellen 137

gewesen, brach damals mit einer starken Schar aus dem Lande der Goten
in das Gebiet der Markomannen ein. Die Goten werden damit nicht
gerade als unmittelbare Nachbarn der Markomannen fixiert, müssen aber
ohne Zweifel in dieser Zeit sdion länger auf dem Kontinent — nicht
a l l z u ferne von den Markomannen — ansässig gewesen sein.
Sollten die Goten eingewandert sein, dann müßte diese Wanderung
vor den Jahren 5/6 n. Chr. erfolgt sein. Es wäre allerdings falsch, aus
dem Schweigen lateinischer und griechischer Schriftsteller in der Zeit vor
Christi Geburt unbesehen schließen zu wollen, die Goten müßten gerade
um die Zeitwende eingewandert sein8. Daß die Goten den Römern und
Griechen erst kurz nach Christi Geburt bekannt wurden, hängt in erster
Linie mit deren Unkenntnis der ethnographischen Verhältnisse des Nor-
dens zusammen, die sich erst in augusteischer Zeit langsam zu bessern
begann. Wenn Strabo die Goten bis zum Jahre 7 v. Chr. nicht kannte,
von ihnen dann aber bis zum Jahre 17 n. Chr. erfuhr, so ist gerade das
die deutlichste Spiegelung des langsamen Zuwachses ethnographischer
Kenntnisse.
Selbst wenn die Goten wirklich um Christi Geburt eingewandert sein
sollten, dann hätte dieser Vorgang Römer oder Griechen, auch wenn sie
von ihm erfahren haben sollten, wahrscheinlich verhältnismäßig wenig
interessiert, denn es finden ja in ihrem Schrifttum im allgemeinen nur
solche Ereignisse Erwähnung, die in unmittelbarem Zusammenhang mit
mitlitärischen Auseinandersetzungen in Grenznähe oder gar auf rö-
mischem Boden standen. Auch Wanderungen werden nur dann erwähnt.
In diesem Sinne hatten die Wanderzüge der Kimbern und Teutonen Be-
deutung, hatte der Zug des Ariovist nach Gallien Gewicht, war die Wan-
derung der Markomannen nach Böhmen wichtig und mußte das Auftau-
chen der Chatten am Rhein Interesse beanspruchen, um ein paar kenn-
zeichnende Beispiele zu nennen.
Die älteste Nachricht von den Goten, die des Strabo, sagt von der
Lage ihrer Wohnsitze so gut wie nichts, und nur mittelbar läßt sich er-
schließen, daß sie damals auf dem Kontinent in der Nachbarschaft von
östlichen Stämmen gesiedelt haben müssen. Von diesen sind nur die Lugier
und die Semnonen — vielleicht auch die Sibinen — genauer lokalisierbar,
was jedoch für die Goten nicht viel ergibt (Strabo Geogr. VII 1,3).
Plinius kannte die Goten auf dem Kontinent als einen Teil der
*Vandili (Plinius Hist. Nat. IV 14,99) und nannte mit ihnen zusammen
die Burgunder, Variner und Chariner. Auch daraus läßt sich nur ganz
allgemein auf Wohnsitze im östlichen Mitteleuropa schließen.

8
Das ist aber, wo man überhaupt mit Einwanderung der Goten aus Skandina-
vien redinet, die gängige Meinung.
138 Die ältesten Nachrichten der Antike über die Wohnsitze der Goten

Auch des Tacitus Kenntnisse führen für sich allein nicht sehr viel
weiter: Trans Lugios Gotones regnantur,... Protinus deinde ab Oceano
Rugii et Lemovii, . . . (Tacitus Germania 44,1). Er bestätigte also, daß sie
jenseits der Lugier — wohl nördlich oder nordöstlich von ihnen — siedel-
ten und war der Meinung, daß sie k e i n e Anrainer der Ostsee waren,
als welche er Rugier und Lemovier a u s d r ü c k l i c h nannte. Das
System, das Tacitus beim Aufzählen der östlichen Stämme verwandte, ist
jedoch durchsichtig: Er schritt vom Süden nach dem Norden voran, nannte
die Lugier, dann die Goten, danach die Rugier a m M e e r . Alsdann bog
er nach dem Westen ab und nannte die Lemovier, querte die Ostsee, er-
wähnte die Suionen, kam übers Meer zum Festland zurück und nannte als
Meeranwohner die Aestier und die Sithonen.
Die Aufzählungsweise in des Ptolemaios Geographie ähnelt der des
Tacitus, doch reihte Ptolemaios die Namen nach einem anderen System
auf: Er begann in Germanien weit im Westen und zählte zunächst die Kü-
stenanwohner auf, als deren östliche er die Deiöivoi und die 'Potitixtaioi
an der Weichsel erwähnte (Ptolemaios Geogr. II 11,14). Danach zählte er
die größten im Binnenland wohnenden Stämme auf und schloß diese Reihe
mit den BougYOÜvteg, wiederum an der Weichsel. Es folgte eine Anzahl
kleinerer Stämme, die verstreut wohnten, und dann zählte er südliche
Gruppen auf und endete mit den Aoijyoi wieder an der Weichsel, diesmal
an deren Quelle. Die Goten fehlen bei dieser Aufzählung. Ptolemaios
kannte sie nicht als Bewohner Germaniens, als dessen Grenze die Weichsel
galt.
Den Namen der T O U U X X E I O I , den Ptolemaios zweimal kurz hinter-
einander nannte, hat Much gewiß mit Recht in ^ToDyixXeioi emendiert"
und darin eine — wohl verderbte — Form des Rugiernamens sehen wollen.
In der Tat „paßt" diese Emendation gut, denn Ptolemaios nannte zwischen
den ^'PouYixXsioi und den BodqyoCvx£5 die 'AiAouaitoveg (Ptolemaios
Georgr. I I 11,9), die Tacitus als Helvecones als einen Teil der Lugier
kannte10 (Tacitus Germ. 43).
Wo Tacitus die Lemovier ansetzte, nannte Ptolemaios die SeiSivoi,
die möglicherweise mit den Sißivoi Strabos identisch sind (Strabo Geogr.
VII 1,3). Im großen Ganzen stimmt also das Bild von der Verteilung der
germanischen Stämme im Raum westlich der Weichsel, das Tacitus zeich-
nete, mit dem des Ptolemaios überein. Lemovii-1,£ibivoi, Rugii-*'Povyi-
MXSIOI, Helvecones-AiXovaiwvEg, Lugii-Aovyioi sind synonyme Namen-
paare.
• R u d . Much, Die Germania d. Tacitus ( 1 9 3 7 , 2 1 9 5 9 ) 3 8 8 ; ( 3 1 9 6 7 ) 4 8 8 .
10 Die Burgunden werden bei Tacitus nicht genannt, offenbar, weil er sie nicht
für bedeutend hielt. Sie gehören seiner Ansicht nach offenbar zu den Lugiern.
So klassifizierte sie schon K . Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 2 ( 1 8 8 7 ) 4.
Probleme der historischen Quellen 139

Tacitus endete die Aufzählung der suebischen Stämme, zu denen er


fast alle östlichen Germanen rechnete, annähernd an der Weichsel, ohne
freilich den Namen des Flusses zu nennen. Weiter östlich kannte er als
Bewohner des — von ihm allerdings hier nicht genannten — Landes
Sarmatia die Sarmatae (Tacitus Germ. 46). Er wußte nicht, ob er die
Peucini, Venethi und Fenni zu den Germanen oder Sarmaten redinen
sollte. Eine geographische und ethnographische Grenze im Osten war ihm
jedenfalls bewußt. Das konnte nach antiker Auffassung n u r ein Fluß
sein, doch kannte er dessen Namen nicht und ebensowenig die genaue
Siedlungsweise der Stämme im fernen Osten.
Für Ptolemaios war die Weichsel ein wichtiger Grenzfluß, der Ger-
manien und Sarmatien trennte. Ptolemaios begann seine Aufzählung hin-
ter der Weichsel mit den größten Stämmen, unter denen er die OvevEÖai
nannte, die nach seiner Ansicht an der Ostsee wohnten, welche in dieser
Gegend nach ihnen OüevsSixög KoAnog benannt sein sollte. S ü d l i c h
von ihnen und a n der Weichsel siedelten die DuftcovEg (Ptolemaios Geogr.
III 5,28). Als Anwohner des Meeres faßte also auch Ptolemaios sie n i c h t
auf. Während nach Tacitus die Lemovii, Rugii und Aestii an der Küste
siedeln, waren es nach Ptolemaios die Seiöivoi, die ^'POUYIXXEIOI und die
OüevEÖai, und es sieht auf den ersten Blick aus, als seien letztere mit den
Aestii identisch. Das ist jedoch nicht so. Tacitus kannte Venethi zwischen
den Fenni im Norden und den Peucini im Süden (Tacitus Germ. 46). In
diesem Raum sind sie auch nach den kursorischen Angaben des Plinius zu
suchen (Plinius Hist. Nat. IV 13, 97). Dazu steht die Lokalisierung Ptole-
maios' im Widerspruch.
Südlich der Oiieveöai, doch östlicher als die r^öcoveg, setzte Ptole-
maios die raXivöai und 2ov8ivoi an (Ptolemaios Geogr. III 5,21). Schon
Zeuss erkannte", daß es sich dabei um Teilstämme der Aestier handelt
und daß die OtiEveSai hier an Stelle dieses großen Stammes genannt sind18.
Offenbar empfand Ptolemaios Schwierigkeiten, diese in Sarmatien an an-
derer Stelle unterzubringen. Er stellte sie dorthin, wo in seinem System
eine Lücke war, d. h. der Name der Aestii fehlte. Die Lokalisierung der
Püftcoveg hat unter diesem etwas willkürlichen Verfahren nicht leiden
können; die Nachbarschaft von aestischen Stämmen (Ptolemaios Geogr.
III 5,21) ergibt im wesentlichen Übereinstimmung mit Tacitus.
Aus alledem folgt eindeutig, daß die antiken Autoren, die Näheres
über die Wohnsitze der Goten anzugeben vermochten — Tacitus und Ptole-
maios —, sie n i c h t an der Ostsee ansetzten. Die Lokalisierung stimmt
verhältnismäßig gut überein: Sie kannten die Goten h i n t e r der Kette
11
K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nadibarstämme (1837) 270 f.
" Ausführlich darüber K. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 2 (1887) 17 ff.
140 Die ältesten Nachrichten der Antike über die Wohnsitze der Goten

der Küstenstämme. Beide setzten sie j e n s e i t s der Lugier an; beide


kannten in ihrer Nachbarschaft im Norden oder Nordosten aestische, im
Osten und Südosten finnische und bastarnisdie Stämme. Ptolemaios
nannte die Goten einen kleineren Stamm; Tacitus sprach nicht von seiner
Größe, doch läßt der Zusammenhang, in den er sie stellte, erkennen, daß
er die Lugier für eine weitaus größere Stammesgruppe hielt. Nadi Ptole-
maios wohnten die Goten östlich der Weidisel; Tacitus erwähnte den
Fluß nicht, doch bleibt nach seiner Gliederung für sie kaum Platz diesseits
der Weichsel.
Hätte man seit jeher bei der Lokalisierung der Goten die Geschichte
des Jordanes n i c h t herangezogen, so wäre wohl kein neuzeitlicher
Gelehrter auf den Gedanken gekommen, die Goten am Meer anzusetzen.
Nodi K. Zeuss war es durchaus bewußt, daß Tacitus und Ptolemaios keine
Goten an der Ostsee kannten. „Tacitus kennt sie auf der Rückseite der
Ligier, wie es scheint, nicht als Anwohner der Küste . . . An der Südseite
der Wenden stehen sie bei Ptolemaios wieder nicht auf der Küste, son-
dern nur auf dem Ostufer der Weichsel, . . ."13. Audi K. Müllenhoff setzte
die Goten dort an, wo sie nach Ptolemaios' Angaben wohnten. „Man
kann . . . die Goten nicht wohl anders als innerhalb der großen Beugung
der unteren Weichsel stellen, . . A b e r er erweiterte ihre Siedlungs-
gebiete „etwa bis zu ihrer [der Weichsel] Mündung und gegen das Frische
Haff" und sah diesen Ansatz aber nur „durch die eigene Überlieferung der
Goten bei Jordanis c. 4.17" bestätigt. Dabei zwingt nidit einmal die
Scandza-Tradition der Goten zu einer derartigen Lokalisierung. Qui ut
primum e navibus exientes terras attigerunt, ilico nomen loci dederunt,
nam odieque illic, ut fertur, Gothiscandza vocatur (Jordanes Getica IV
25 f.). Der Text sagt nidits davon, w o die Goten landeten, ob am Meer
oder — die Weichsel aufwärts fahrend — an geeigneter Stelle am Fluß-
ufer. N u r die falsche Deutung des Namens Gothiscandza als „gotische
Küste" m u ß t e auf die Ostseeküste lenken. Aber die Erklärung des
Namens ging ja einst von der Voraussetzung aus, die Goten müßten
— vom Norden über See kommend — selbstverständlich an der Küste der
Ostsee gelandet sein. Zu dieser Annahme zwingt der Text aber nidit. Seine
Fortsetzung scheint gar das Gegenteil anzudeuten: Unde [Gothiscandza]
mox promoventes ad sedes Ultnerugorum, qui tunc Oceani ripas insi-
debant, castra metati sunt eosque commisso proelio propriis sedibus pepu-
lerunt, ... (Jordanes Getica IV 26). Die Goten zogen also gegen die Ul-
merugier, die damals a m M e e r wohnten, und besiegten sie. Nach der
Scandza-Tradition erfolgte der Zusammenstoß mit den Ulmerugiern nicht

13
K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nachbarstämme (1837) 135.
14
K. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 2 (1887) 4 f.
Probleme der historischen Quellen 141

in der Gegend, w o sie landeten. Sie gingen in Gothiscandza an Land,


von wo — unde — sie bald darauf — mox — den Kriegszug begannen.
Der Sinngehalt des lateinischen Satzes enthält, daß sie zunächst in Go-
thiscandza ansässig geworden waren und danach erst gegen die Ulmeru-
gier zogen. Die Zeitangabe — mox — darf in diesem Zusammenhang
natürlich nidit überinterpretiert werden. Im Zusammenhang einer Sage
haben zeitliche Abstände keinen Aussagewert; alles ist oft — ohne Rück-
sicht auf den tatsächlichen Verlauf — auf einen zeitlich indifferenten Hin-
tergrund projiziert.
In ihrer Heimat waren die Goten übrigens Nachbarn der Wan-
dalen (Jordanes Getica IV 26), was für verhältnismäßig südliche Wohn-
sitze sprechen muß. Hätten sie von vornherein Wohnsitze am Meer ge-
habt, so wären sie durch die Burgunden von den Wandalen getrennt ge-
wesen15.
Auch die zweite Jordanes-Stelle, in der Gothiscandza genannt ist,
spricht nicht eindeutig für eine Lage der neuen Wohnsitze der Goten am
Meer. Meminisse debes me in initio de Scandzae insulae gremio Gothos
dixisse egressos cum Berich rege suo, tribus tantum navibus vectos a d
ripam Oceani citerioris, id est Gothiscandza (Jordanes Getica XVII
94—95). Der Wortlaut könnte hier durch die Zitierweise des Cassiodor
— der Satzanfang zeigt deutlich seine Hand — leicht verändert, der Sinn-
gehalt entsprechend entstellt sein; ... ad ripam Oceani citerioris könnte
den Endpunkt der Fahrt über den Ocean haben angeben sollen. Gewiß
wäre dann Gothiscandza an der Küste zu suchen. Es könnte aber damit
ebenso gut auch nur die Richtung gemeint gewesen sein, in der die Wan-
derung über die Ostsee verlief. Die Präposition ad steht bei Jordanes häu-
fig — und gerade bei Ländernamen — für in in der Bedeutung „in . . .
hinein" und da ripa bei Jordanes für litus oder ora steht, muß Küste,
besser Küstenland oder Küstengegend übersetzt werden 1 '. Dann müßte
Gothiscandza im Hinterland gelegen haben. Man muß ja übrigens beden-
ken, daß die westgotische Scandza-Tradition, sollte sie durch Jahrhunderte
mündlich annähernd wörtlich richtig überliefert worden sein, von einem
Historiker niedergeschrieben wurde, der nur geringe Kenntnisse von der
Geographie des Nordens, insbesondere des fernen Nordostens besaß.
Im Endeffekt kommt es bei diesen Erwägungen weniger darauf an,
eine andere Ubersetzung des lateinischen Textes vorzuschlagen und auf
15
Das mag allerdings sdion eine Überinterpretation des lapidaren Scandza-
Beridites sein. Immerhin werden die Burgundzones in einer Textstelle des
Ablabius genannt (Jordanes Getica X V I I 97) und treten dort als Gegner
der Gepiden auf.
14
Zur Verwendung von ad in den Getica vgl. Fr. Werner, Die Latinität d.
Getica d. Jordanis (1908) 56 f. 132.
142 Die ältesten Nachrichten der Antike über die Wohnsitze der Goten

solche Weise dem Scandza-Bericht einen anderen Sinn zu geben. Wichtiger


ist es, zu zeigen, daß es falsch wäre, einer einzigen Übersetzung anzuhän-
gen, wo offenbar verschiedene andere ebenso gut möglich sind, und ver-
ständlich zu machen, daß der Spielraum der Übersetzungsmöglichkeiten
verhältnismäßig groß ist. Am wichtigsten ist es, daran zu denken, daß
man von Jordanes' Getica her wegen des zeitlichen Abstandes der Auto-
ren von den Vorgängen und wegen des verderbten Lateins Nachrichten
aus der klassischen Zeit der römisch-griechischen Geographie n i c h t bes-
sern kann, sofern nicht ganz gewichtige Gründe dafür sprechen.
Selbst wenn man also dazu neigen wollte anzunehmen, Ablabius,
Cassiodor und Jordanes hätten einhellig Gothiscandza unmittelbar an
der Ostseeküste lokalisiert, wäre es nicht richtig, wollte man die nach den
geographischen Angaben des Strabo, Plinius, Tacitus und Ptolemaios ge-
wonnenen Vorstellungen von der Lage der Wohnsitze der Goten mit Hilfe
der Scandza-Überliefemng korrigieren. Es besteht kein Zweifel, daß die
Nachrichten der Alten den Vorrang größerer Verläßlichkeit und dem-
entsprechend größerer Glaubwürdigkeit haben, denn sie stammen aus einer
Zeit und von Personen, die den geschilderten Zuständen und Ereignissen
sehr viel näher standen. Bei allen uns Heutigen bewußten Mängeln antiker
wissenschaftlicher Methodik waren doch die Autoritäten der beiden ersten
Jahrhunderte nach Christi Geburt in einer verhältnismäßig günstigeren
Situation, wenn es sich darum handelte, Nachrichten unterschiedlicher
Provenienz „wissenschaftlich" zu objektivieren. Im Zweifelsfall haben also
die Angaben der Geographie zwischen Strabo und Ptolemaios höheres
Gewicht. Sie müssen den Aussdilag geben, wenn irgendwelche Zweifel hin-
sichtlich der Lage von Gothiscandia bleiben. Geht man so vor, dann muß
man in Gothiscandia eine Landschaft im Binnenlande (möglicherweise aber
zu Schiff erreichbar) sehen.
Vieles bleibt zu klären übrig. Es ist unklar, ob die Nachrichten, die
Ptolemaios verwandte, sich auf die Verhältnisse des 2. Jahrhunderts be-
ziehen, wenngleich es wahrscheinlich ist. Es ist auch nicht sicher, ob die
Nachrichten über T o ü x a i und Puftcovss gleich alt ist. Der Name rüfrooveg
mutet älter an: Alle a l t e n Belege des Stammesnamens liefern die län-
gere Form ToutcovEg, Gutones, Gotones (vgl. oben S. 117). Abgesehen von
der Form roCxai stammen alle Belege für die Kurzform aus dem 3. oder
späteren Jahrhunderten. Man kann aber aus dem Unterschied der Na-
mensformen lediglich folgern, daß im 2. nachchristlichen Jahrhundert sich
bereits „starke" Namensformen bei germanischen Stammesnamen durch-
zusetzen begannen, nicht etwa, daß die starke Namensform renken auf
Sxavöia auf spätes Auftreten der Goten im fernen Norden schließen läßt.
Der eigentliche Gewinn, den die antiken Nachrichten liefern, ist eine
Probleme der historischen Quellen 143

brauchbare Festlegung der kontinentalen Wohnsitze der Goten. Ihr Land


Gothiscandia war eine Gegend an der Weichsel, aber östlich des Flusses
und nicht am Meer. Das ist allerdings eine Lokalisierung, die den gängigen
Ansichten der meisten an der Erforschung der frühgermanischen Geschichte
beteiligten Wissenschaften — der Geschichtswissenschaft, der Germanistik
und der Vor- und Frühgeschichtsforschung — ganz entschieden wider-
spricht. Es bedarf der Klärung, wie es zu einer andersartigen Auffassung
kommen konnte, um diese wirklich entkräften zu können. Deswegen ist
ein Blick auf die Geschichte der Erforschung der Goten — und auch ande-
rer germanischer Stämme — erforderlich. Es wird sich dabei zeigen, daß
die vorgeschichtliche Archäologie in der Geschichte der Germanenfor-
schung, insbesondere der der Goten, eine besondere Rolle spielte, die
anderen beteiligten Wissenschaften gelegentlich zum Verhängnis wurde.
III. Zur Forschungsgeschichte
und zum Forschungsstand
„Ich bestreite nicht, daß die Sprachgeschichte mit der übri-
gen Geschichte zusammenhängt. Das weiß man längst. Idi
wende midi aber scharf dagegen, daß man der Mundart-
geographie die Kenntnis so allgemeiner Gesetze für diesen
Zusammenhang zuspricht, daß sie es möglich mache, aus
der sonstigen Gesdiidite bestimmte Schlüsse auf die Ent-
wicklung der Sprache zu ziehen, und dies obendrein in Ver-
hältnissen, mit denen dieser Forschungszweig nie zu tun hat
und über die uns die Quellen nur so dürftig unterrichten,
daß wir von solider Kenntnis sowohl der äußeren wie
inneren Geschichte weit entfernt sind. Die Philologie täte
der Vorgeschichte einen besseren Dienst, wenn sie alle
sprachlichen Kriterien, die es für den Zusammenhang der
germanischen Stämme und Stammesgruppen nadi hierhin
und dorthin gibt, nüchtern geordnet zusammenstellte, statt
daß sie ihr vortäuscht, die Sprache bestätige einzelne ihrer
häufig wechselnden Thesen. Was da von unserer Seite bis-
her vorgelegt ist, gibt zum Glück ein Recht zu hoffen, daß
wenigstens die ernste Vorgeschichtsforschung die Armut
dieser Kunst durchschaut."
Hans Kuhn, 1952

1. Kossinna und der Skandinavien-Topos des


19. und 20. Jahrhunderts
Die Ansätze, Fragen der germanischen Altertumskunde mit Mitteln
der Archäologie zu klären, reichen weit über den Beginn des 19. Jahr-
hunderts zurück 1 . Wissenschaftliche Qualität erlangten solche Versuche
allerdings vor der Mitte des Jahrhunderts nicht2. Aber erst die neunziger
Jahre brachten die ersten systematisch angelegten Arbeiten, die Archäolo-

1
Vgl. H. Kirchner, Das germanische Altertum i. d. dt. Geschichtsschreibung
des 18. Jahrhunderts (1938); P. H . Stemmermann, Die Anfänge der deut-
schen Vorgeschichtsforschung. Deutsdilands Bodenaltertümer in der Anschau-
ung des 16. u. 17. Jahrhunderts (1934).
2
H . Hildebrand, Svenska folket under hednatiden (1866); O. Montelius, La
Suède préhistorique (1874); E. Ve del, Undersogelser anglende den asldre
jernalder pa Bornholm (1873); I. Undset, Das erste Auftreten d. Eisens i.
Nordeuropa (1882).

10 H a d i m a n n , Goten und Skandinavien


146 Kossinna und der Skandinavientopos des 19. und 20. Jahrhunderts

gie für Fragen der Altertumskunde in Anspruch zu nehmen, und damit


zugleich die ungeduldige Forderung, die germanische Altertumskunde,
ja die gesamte germanische Philologie müsse die Grundsätze der neuen
Arbeitsweise anerkennen und deren Ergebnisse berücksichtigen. Es war
der Germanist Gustaf Kossinna, der diese neue Wendung auslöste 3 und
der mit einem wachsenden, unter seinem Einfluß stehenden Schülerkreis
die Entwicklung der Altgermanistik tiefer beeinflußte, als es deren Ver-
tretern in der Regel bewußt ist und als es in forschungsgeschichtlichen
Abhandlungen sichtbar wird. Die heutige Generation von Altgermanisten
weiß von alledem fast nichts.
Den Auftakt für die bedeutungsvolle Entwicklung, die mit Kossinnas
Wirken einsetzte, bildet ein Vortrag über die vorgeschichtliche Ausbrei-
tung der Germanen, den dieser am 9. August 1895 anläßlich der 26. All-
gemeinen Versammlung der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft in
Kassel hielt 4 . Bei dieser Gelegenheit schnitt Kossinna die Frage der Her-
kunft einzelner germanischer Stämme nur eben an, behandelte zwar auch
schon die Goten, doch — wie auch die anderen Stämme — nur sehr
summarisch. D a er die damals entwickelte Auffassung späterhin — sieht
man von geringen Änderungen ab — beibehielt, ist es nicht uninteressant,
sie sich in ihrer Frühform zu vergegenwärtigen: „Die Besiedlung dieser
ostdeutschen Lande westlich der Weichsel und um die obere Oder, deren
Bewohner in historischer Zeit in einem Gegensatz zu den Westgermanen
und in naher Verwandtschaft mit den Skandinaviern stehen, fand zweifel-
los von Südschweden und Ostdänemark aus statt. Das zeigen auch die
Völkernamen dieser Ostgermanen, die sich entweder in Jütland oder in
Südschweden oder Südnorwegen wiederfinden und auf einen gemeinsamen
Ausgangspunkt zurückweisen. Zu diesen Namen gehören diejenigen der
Wandalen, Warinen, Burgunden, Rügen, Goten" 5 . Von Kossinna führt
dann eine Reihe von entsprechenden Bemühungen um die Klärung der

» Vgl. Bibliographie d. Schriften Kossinnas, in: Mannus 10 (1918) V I I I — X I I I ;


Ergänzungen in: Rud. Stampfuß, Gustaf Kossinna. Ein Leben f. d. Dt. Vor-
gesdi. (1935) 39 f.
4 Von den 130 Teilnehmern der Versammlung war nur einer Germanist —
Kossinna selbst. Sein Vortrag erlangte daher erst in gedruckter F o r m und be-
sonders dadurch Beachtung, daß Kossinna später immer wieder mündlich und
schriftlich auf ihn hinwies. — Vgl. G. Kossinna, Über d. vorgesch. Ausbrei-
tung d. Germanen in Deutschland, in: Correspondenzblatt d. dt. Ges. f.
Anthrop., Ethnol. u. Urgesdi. 26 (1895) 1 0 9 — 1 1 2 ; ders., Die vorgesch. Aus-
breitung d. Germanen in Deutschland, in: Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde
6 (1896) 1—14.
ä G. Kossinna, Correspondenzblatt d. dt. Ges. f. Anthrop., Ethnol. u. Urgesdi.

26 (1895) 111; ders., Zeitsdlr. d. Vereins f. Volkskunde 6 (1896) 12, wört-


lich ebenso.
Zur Forschungsgeschidite und zum Forschungsstand 147

Herkunft „ostgermanischer" Bevölkerungsgruppen bis in die jüngste


Vergangenheit hinab. Fast alle diese Arbeiten sind in ihren methodischen
Grundsätzen und in der Behandlung gewisser Annahmen und Voraus-
setzungen wie sichere Tatbestände hauptsächlich von ihm abhängig, und
sie stammen fast alle von seinen Schülern, von den Schülern seiner Schüler
oder von seinen wissenschaftlichen Freunden. Den letzten speziell auf die
Goten bezogenen Beitrag dieser A r t verfaßte E . C. G. Graf Oxenstierna".
Größere Beachtung, insbesondere im Kreise der Wissenschaftler, die
sich mit germanischer Altertumskunde beschäftigten, können Kossinnas
neue Auffsassungen zunächst noch nicht gefunden haben. Das zeigt bei-
spielsweise die zurückhaltende Aufnahme eines Vortrages vor der damals
sehr bedeutenden Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner
in Köln im Jahre 1895 7 . Erst ein größerer Aufsatz, den Kossinna im
Jahre 1 8 9 7 veröffentlichte 8 , konnte auf die Dauer nicht unbeachtet
bleiben. Erstmals ging er nun auf Details ein, legte eine Anzahl von
Argumenten gegen die bislang in Deutschland unter dem Einfluß von
K . MüllenhofP herrschende Betrachtungsweise des germanischen Alter-

6 E. C. G. Graf Oxenstierna, Die Urheimat d. Goten (1945); vgl. dazu die Be-
sprechung von R. Hachmann in: Germania 29 (1951) 98—101; ferner R.
Wenskus, Stammesbildung u. Verfassung (1961) 466 f.
7 Vgl. G. Kossinna, Über d. deutsche Altertumskunde u. d. vorgesdi. Ar-
chäologie, in: Verhandlungen d. 43. Versammlung dt. Philologen u. Schul-
männer in Köln 1895 (1896) 126—129. — Obwohl zahlreiche Germanisten
anwesend waren, verwies Kossinna nur kurz auf seinen Kasseler Vortrag,
der noch nicht gedruckt vorlag, also noch ganz unbekannt war, und stellte
am Schluß seines Vortrags die These auf: „Die germanische Prähistorie ist ein
unentbehrlicher Bestandteil der germanischen Altertumskunde und verlangt
von Seiten der germanischen Philologie ernste und nachhaltige Pflege." Wie
es im Protokoll heißt, nahm die Germanistische Sektion der Versammlung
die These ohne Widerspruch und Erörterung an. Der Vortrag hatte offenbar
einen starken polemischen Unterton, der sich hauptsächlich gegen O. Seeck
richtete: „Die bei der Mehrzahl der römischen Historiker noch heute beliebte
Verzerrung der germanischen Kultur zu barbarischer Wildheit in ihrer ganzen
ungeschichtlichen Verkehrtheit wird durch nichts besser beleuchtet als durch
die Ergebnisse der Archäologie" (a. a. O. 127). — In einem Selbstreferat
seines Vortrages sprach Kossinna von „Zerrbildern, die Leute wie Seeck von
der germanischen Kultur ebenso kenntnislos als gehässig entwerfen". Vgl.
G. Kossinna, in: Jahresber. über d. Erscheinungen a. d. Gebiete d. germ. Philo-
logie 17 (1895) 75 f.; ders., Die dt. Vorgeschichte, eine hervorragend nationale
Wissenschaft (1912) 4 Anm. 1, wo Seeck erneut genannt u. als „Thersites"
bezeichnet wird.
8 G. Kossinna, Die ethnol. Stellung d. Ostgermanen, in: Indogerm. Forschun-
gen 7 (1897) 276—312.
9 Kossinna bezeichnete sich trotzdem gerne als Schüler Müllenhoffs. Von den
zwölf Semestern seines Studiums muß er in der Tat einige in Berlin, andere
in Göttingen und Leipzig, einen größeren Teil allerdings in Straßburg ver-

lo»
148 Kossinna und der Skandinavientopos des 19. und 20. Jahrhunderts

tums vor, die Eindruck machen mußten 10 , und entwarf ein anschauliches
Bild von seinen eigenen Auffassungen. Er betonte, daß sich allein auf
sprachlichem Wege über die vorgeschichtlichen ethnologischen Verhält-
nisse bei den Germanen kaum etwas entscheiden lasse und bezweifelte,
ob es möglich sei, Sprachen und Sprachreste als gleichwertig gegenüber-
zustellen, die nidit derselben Zeit, vielmehr ganz verschiedenen Jahr-
hunderten angehören, auf ganz verschiedenen Stufen ihrer Entwicklung
stehen und nach den mannigfachsten fremden Beeinflussungen bekannt
werden, und behauptete, daß es gar nicht zu ermessen sei, wie weit das
Althochdeutsche und Angelsächsische für die Erschließung des West-
germanischen herangezogen werden dürfe. Ferner wies er darauf hin,
daß vom Ostgermanischen nur das Gotische einigermaßen bekannt sei,
daß schon der Nachweis des ostgermanischen Charakters des Burgun-
dischen auf schwachen Füßen stehe 11 und daß für das Nordische die
wenigen Runeninschriften nicht viel helfen könnten. Kossinna betonte,
daß Sprachgeschichte in erster Linie Verkehrsgeschichte sei. E r verzichtete
— wie er wörtlich sagte — jedoch darauf, die rein sprachliche Seite
des von ihm angeschnittenen Problems, „über die sich ja leicht viel
ausführlicher reden ließe" 1 2 , weiter zu verfolgen und wandte sich den
archäologischen Funden zu, die er wenige Jahre vorher für sich als viel-
versprechende neue Quellengattung entdeckt hatte 13 . Nach einer knappen
Darstellung der Kulturverbindungen zwischen Skandinavien und dem
Kontinent in vorgeschichtlicher Zeit, wobei er die Handelsbeziehungen
besonders betonte, stellte er fest: „Dem Handel und Verkehr folgt . . .
leicht die Auswanderung und Umsiedlung" 14 . Wie sich die Völkerverschie-
bungen in vorchristlicher Zeit im einzelnen gestalteten, das sei allerdings
durch eingehendere Spezialstudien erst i n Z u k u n f t zu ermitteln,
sobald „aus Pommern, Posen und Brandenburg reichlichere Publikationen

bracht haben, wo er 1881 bei E . M a r t i n promovierte. Vgl. H . H a h n e , in:


Mannus 10 (1918) V ; Rud. Stampfuß, Gustaf Kossinna (1935) 10 f.
10 Zur Beachtung, die Kossinna — teilweise allerdings erst posthum — fand vgl.
Fr. Maurer, Nordgermanen und Alemannen ( 3 1 9 5 2 ) 25. Vgl. auch unten
S. 191 ff.
11 Kossinna stützte sich auf einen — mündlichen oder brieflichen — Hinweis
Rud. Muchs. Dieser muß überhaupt einen nicht geringen Einfluß auf ihn ge-
nommen haben. — Vgl. G. Kossinna, Rezension von R . Much, Deutsche
Stammessitze. Ein Beitrag z. ältesten Gesch. Deutschlands, in: Indogerm.
Forschungen, Anzeiger 4 (1894) 4 6 — 4 9 . — Gegenseitige Beachtung zeigt
auch Rud. Much, Deutsche Stammessitze (1892) 9, wo Kossinna zitiert wird.
12 G. Kossinna, Indogerm. Forschungen 7 (1897) 277.
13 Vgl. dazu R. Hadimann, in: R. Hachmann, G. Kossack, H . Kuhn, Völker
zw. Germanen u. Kelten (1962) 23 ff.
14 G. Kossinna, Indogerm. Forschungen 7 (1897) 280.
Zur Forschungsgeschidite und zum Forschungsstand 149

zusammenfassender Art" über die dortigen archäologischen Funde vor-


liegen. Daher warnte er alle Philologen davor, voreilig auf der Grund-
lage seiner allgemeinen Aufstellung „eine mehr ins Einzelne gehende
Besiedlungsgeschichte" zu entwerfen. Erst müsse die Archäologie zu Wort
gekommen sein, „was in den nächsten Jahren hoffentlich schon möglich
ist". Er tat das besonders mit Blickrichtung auf den dänischen Germa-
nisten H . Möller, mit dem Kossinna im Anschluß an seinen Kasseler
Vortrag „die vorgeschichtliche Besiedlung in lebhaftem Briefwechsel ver-
handelt" hatte 15 , und der sich daraufhin, wie Kossinna glaubte, zu seiner
„Freude zu einer Umkehr seiner Ansichten über die germanische Aus-
breitung, . . . , entschlossen" hatte 1 '.
Kossinnas Vorüberlegungen waren zwar kein vollständig durch-
dachter, neuer methodischer Ansatz, brachten aber einige neue Gedanken.
Sie mußten allen denen einleuchten, bei denen das Gefühl aufgekommen
war, mit Müllenhoffs Tod sei eine ganze Epoche in der Germanischen
Altertumskunde abgeschlossen und mit der Arbeitsweise der Junggram-
matiker sei insbesondere für diesen Wissenschaftszweig nichts Entscheiden-
des zu gewinnen. Sie mußte vor allen Dingen alle die beeindrucken,
die zur Uberzeugung gekommen waren, der Germanistik könne die Hilfe
der vorgeschichtlichen Archäologie bei der Bearbeitung von Problemen
der gemanischen Stammeskunde nur von Nutzen sein. Das bedächtige
Vorgehen, das er selbst anderen eindringlich empfahl, schien dafür zu
sprechen, daß er selbst mit gleicher Sorgfalt vorgegangen war. Das war
jedoch nicht so. Gerade hatte er noch betont, daß erst nach gründlichen
Spezialuntersuchungen erkennbar sein werde, wie Völkerwanderungen
in vorgeschichtlicher Zeit verliefen, und schon stellte er es als gegeben
hin, daß nach dem Zeugnis der Namen „bei der germanischen Besiedlung
des äußersten Ostens von Deutschland", die nach seiner Auffassung mit
dem 6. vorchristlichen Jahrhundert einsetzte, „Skandinavier die Haupt-
masse der Kolonisten waren" 17 . Heute ist es nicht schwer festzustellen,
daß Kossinna, um diese Behauptung aufzustellen, den skandinavischen
und ostdeutsch-polnischen Fundstoff nicht hinreichend kannte. Heute
ist es aber auch klar, daß es ihm wenig genützt hätte, wenn er alles
gekannt hätte, was d a m a l s schon in den Museen lag. Das alles war
noch zu wenig, um sich ein umfassendes Bild von der archäologischen
Kultur machen zu können. Schlimmer, Kossinna verfügte noch gar nicht

15
G. Kossinna, a. a. O. 280 f.
18
G. Kossinna, nannte a. a. O. 280 als Zeugnis für H . Möllers alte Ansicht, dessen
Rezension von A. Erdmann, Uber d. Heimat u. Namen d. Angeln (1890—
91) in: Anzeiger f. dt. Altertum u. dt. Litteratur 22 (1895—96) 129—164.
17
G. Kossinna, a. a. O. 281.
150 Kossinna und der Skandinavientopos des 19. und 20. Jahrhunderts

über eine voll brauchbare Methode, um die von ihm aufgestellten Thesen
zu beweisen.
Damals war das alles allerdings nicht zu übersehen; Kossinna impo-
nierte durch die Sicherheit seiner Behauptungen, wenngleich er oft genug
durch seine Unduldsamkeit unangenehm auffallen mußte. Keiner seiner
germanistischen Leser oder Zuhörer seiner Vorträge wußte, daß die
Wissenschaft, der Kossinna selbst sich erst vor kurzem zugewandt hatte,
noch mitten in den Bemühungen steckte, eine eigene Methode zu ent-
wickeln. Keinem war es klar, daß der Quellenbestand der mittel- und
nordeuropäischen Archäologie noch unzulänglich und der Forschungs-
stand vielenorts unzureichend war. Kein Leser und Zuhörer wußte, daß
Kossinna das ardiäologische Fundgut Mittel- und Nordeuropas vor-
läufig nur nadi der noch spärlichen Literatur kannte und daß ihm der
Dienst als Bibliothekar — 1881—1885 in Halle, 1886 in Berlin, 1887
bis 1891 in Bonn, danach wieder in Berlin18 — keine Zeit zu großen
Museumsreisen ließ. Erst 1899—1901 besuchte er in jährlich drei- bis
viermonatigen Reisen die Museen Deutschlands und Dänemarks. Im
Jahre 1904 reiste er erneut nach Dänemark und nach Schweden, 1905
nach Süddeutschland und Österreich, 1907 und 1908 nadi Belgien und
Frankreich 19 . Es war verhängnisvoll: Sein Bild von der Siedlungs-
geschichte Skandinaviens und des östlichen Mitteleuropa war längst
fertig, als er zu reisen begann.
Als Argument für die Besiedlung Ostdeutschlands und Polens von
Skandinavien und Dänemark her benutzte Kossinna allerdings weniger
ein vorschnell entworfenes Bild vom archäologischen Befund; er führte
als Zeugnisse vor allen Dingen die Volksnamen auf, die in den Jahr-
hunderten nach Christi Geburt in Mittel- und Nordeuropa anzutreffen
sind. Er nannte die Warinen, Goten, Rugier, Lemovier, die Wandalen,
Silingen, Burgunder, Haruden, Kimbern und Teutonen und die Heruler
als die germanischen Stämme, für die seiner Ansicht nach schon die
N a m e n Auswanderung aus dem Norden bezeugten20.
Die Beweise, die er als Belege für Wanderungen auf Grund von
Volksnamen vorlegte, waren jedoch erstaunlich schwach. Für Warinen
in O b e r s c h l e s i e n zeugten ihm die Ampivoi bei Ptolemaios Geogr.
III 5,8 und die Aiiaojroi bei Ptolemaios Geogr. II 11,9, für denselben
Stamm in Jütland offenbar die Varini in Tacitus Germania 40. Den
Wandalen in Schlesien stellte er die Wendle in Vendsyssel an der Nord-
spitze Jütlands gegenüber. Die schlesischen Silingi ließ er — „viel-

18
H. Hahne, Mannus 10 (1918) VI; Rud. Stampfuß, Gustaf Kossinna (1935) 11.
19
Vgl. H. Hahne, a. a. O. VIII Anm. 5.
20
G. Kossinna, Indogerm. Forschungen 7 (1897) 281 ff.
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 151

leicht" — aus Silund ( = Seeland), die Burgunden „ganz zweifellos"


aus Bornholm, und die Rugii und Harudes von der Südspitze Nor-
wegens (Rogaland, Hordaland) kommen. Für die Lemovii wählte er das
in einigen Handschriften 21 vorkommende Lemonii (Tacitus Germania 44,1),
und verglich diese mit den skandinavischen Aeucovoi (Ptolemaios Geogr.
II 11,16), deren Namen er in *Aeva>voi „besserte". Die Gutones, Goto-
nes stellte er neben „ihre Stammesgenossen auf Gotland". Die Cimbri
brachte er mit „Himmerland, dem älteren Himbersysal", in Verbindung.
Er meinte, „ein phantasievoller Sprachforscher könnte dann nodi im
Thyttesysiel nördlich des Limfjords die Teutonen erkennen" 22 . Die An-
wesenheit der Heruli auf den dänischen Inseln, wenn nicht gar bereits
in Teilen von Jütland, erschloß Kossinna daraus, daß eine Gruppe Ger-
manen dieses Namens im 3. Jahrhundert einen Einfall nach Gallien
machte.
Es verwundert, wenn man dieses „Beweismaterial" betrachtet, daß
es von den Germanisten nicht unter Protest zurückgewiesen wurde. Wahr-
scheinlich bestand aber der Eindruck, das Zeugnis der Namen sei für sich
allein zwar schwach, werde aber durch das der Archäologie so gut
bestätigt, daß nun kein Zweifel mehr möglich sei. Nur so läßt sich auch
verstehen, daß noch jüngst Fr. Maurer lapidar feststellte: „Diese Er-
kenntnis der Abspaltung der Ostgermanen von den Nordgermanen
gewann als erster Gustaf Kossinna" 23 .
Allerdings, soldie Festlegungen des Bezugszusammenhanges zwi-
schen gleichlautenden oder ähnlidi klingenden Stammes- und Landschafts-
namen waren für die deutsche Germanistik der neunziger Jahre immerhin
durchaus neu und vielleicht deswegen attraktiv. In dieser Zeit hatten
die Arbeiten von Zeuss, Grimm und Müllenhoff — soweit die des
letzteren schon veröffentlicht waren — mindestens im deutschen Sprach-
raum Gewidit. Besonders Zeuss und Müllenhoff hatten in allen ihren
Arbeiten gegenüber gewagten Kombinationen, wie sie Kossinna nun
vorschlug, betonte Reserve gewahrt 24 . Man kann die ganze Liste von
Stammesnamen, die Kossinna bot, durchgehen und wird bei Zeuss und
Müllenhoff — aber auch bei J. Grimm — wenig Material finden, auf das
sich Kossinna stützen konnte.
21
Vgl. Rud. Much, Die Germania d. Tacitus (1937) 389; ( 3 1967) 489.
22
G. Kossinna, Indogerm. Forschungen 7 (1897) 290 f. Anm. 1.
23
Fr. Maurer, Nordgermanen u. Alemannen ( 8 1952) 25.
24
J. Grimm neigte in der ihm eigenen genialischen Weise allerdings gelegent-
lich dazu, Namensgleichheiten oder -ähnlichkeiten in Wanderungsthesen um-
zumünzen. Vgl. z. B. auch Anm. 27. — Aber auf dem Gebiet der germani-
schen Altertumskunde galt sein N a m e ungleich weniger als der seines Zeit-
genossen Zeuss, den er selbst so wenig schätzte, und Müllenhoffs, der u. a.
sein Schüler war.
152 Kossinna und der Skandinavientopos des 19. und 20. Jahrhunderts

Die Meinung über die Herkunft der Goten kann als kennzeichnen-
des Beispiel f ü r ihre Ansichten genommen werden. K . Zeuss betonte,
„die Zeit v o r der Wanderung [nach Südrußland], die Urzeit des Volkes,
ist in seinem Andenken verdunkelt und fabelhaft geworden". Die Tra-
dition von ihrer Herkunft bezeichnete er als „eine unzweifelhaft falsche"
Nachricht 25 . J . Grimm stellte fest, „sie [die Langobarden] sind ebenso-
wenig aus der nordischen Insel herangefahren als die Gothen, und eben-
sowenig zu Schiffe angelangt als die Sachsen" 26 . Er verwies solche Her-
kunftsangaben „als unhistorisch auf das Feld der Sage" 27 . K . Müllenhoff
nahm an, die Goten hätten ursprünglich auf dem rechten, d. h. östlichen
Weichselufer gesiedelt und meinte, dazu passe die „Aufstellung bei Tacitus
und S t r a b o . . . o. p. 2 9 0 und besonders audi die eigene Überlieferung
des Volkes bei Jordanes cap. 4.17" 2 8 . Solche Ansichten von Zeuss, Grimm
und Müllenhoff gaben ihrer Zeit das Modell, nach dem sich auch minder

25 K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nachbarstämme (1837) 402 f.


28 J . Grimm, Geschichte d. dt. Sprache ( 3 1868) 475. — Der Text der 3. Aufl.
des Budies entspricht im wesentlichen dem der 2. Aufl. aus dem Jahre 1853.
Es wurden lediglich von K. Müllenhoff, der dazu von den Erben Grimms
beauftragt war, die in Grimms Handexemplar nachgetragenen handschrift-
lichen Bemerkungen in eckigen Klammern hinzugefügt. Die 2. Aufl. ist
wiederum ein nur in der Paginierung geänderter Nachdruck der 1. Aufl. von
1848. Alle Zitate hier nach der 3. Aufl.
27 J . Grimm, a. a. O. 506. — Vgl. auch J . Grimm, Über Jornandes und die Ge-
ten, in: Philologische und Historische Abhandlungen der Königlichen Aka-
demie der Wissenschaften zu Berlin 1846, 45 f. ( = Kleine Schriften 3 [1866]
219 f.): „Nach diesen Ergebnissen allen läßt sich der Annahme gar nicht
ausweichen, daß, gleich sämtlichen Deutschen, die Getae und Daci aus Asien
in Europa einwanderten und mit ihrer Breite den Hinterzug des ganzen
großen Volkes schlössen und deckten. . . . Erst von Pontus aus kann das lang-
same anhaltende Vorrücken eines Hauptteils dieser Völker nach der Weichsel
bis zur Ostsee und hinüber nach Scandinavien, so weit es von Gothen und
Dänen erfüllt wurde, begonnen haben, während späterhin die andere noch
stärkere Masse über die Donau nach dem Süden einbrach." Für J . Grimm
waren Geten und Goten, Daker und Dänen identisch! H. v. Sybel, Schmidts
Allgem. Zeitschr. f. Geschichte 6 (1846) 518 f. widersprach der Gleichung
Geten = Goten, doch nicht der Annahme, die Goten seien wie alle Ger-
manen aus dem Osten eingewandert.
28 K. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 4 (1900) 492. — Der Band wurde
posthum veröffentlicht. Ihm liegt ein Vorlesungsmanuskript zugrunde, des-
sen ältester Text Grundlage für eine zweistündige Vorlesung im Kieler
Sommersemester 1846 war, die dann mindestens viermal — wahrscheinlich
aber öfter — wiederholt wurde. Der Text wurde dabei mehrfach durchge-
arbeitet. Von 1861 an hat Müllenhoff nach seinem Manuskript elfmal in
Berlin gelesen, wobei dieses ständig verändert wurde. — Man kann daraus
eine nachhaltige Wirkung, auch ohne daß das Manuskript gedruckt war, auf
einen großen Kreis von Schülern erschließen.
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 153

bedeutende Gelehrte orientierten 29 , und sie wirkten bis an die Jahr-


hundertwende und sogar darüber hinweg.
Zeuss und Müllenhoff wiesen wahrscheinlich hauptsächlich deswegen
die gotische Scandza-Ttzdition. als sagenhaft zurück und bestritten, daß
sie einen historischen Kern habe, weil sie von der Voraussetzung aus-
gingen, die Namen Toitcn und T a w o i und deren Entsprechungen könn-
ten wegen der Unterschiede im Lautstand der ersten Silbe nichts mitein-
ander zu tun haben 30 . Ihnen schien es deswegen einleuchtend, daß auch
die Stämme selbst getrennt zu halten seien. Etwas abweichend w a r die
Auffassung J . Grimms, der sich im übrigen durch Gleichsetzung von
Getae und Gothi den Weg zu einem klaren Bild von vornherein ver-
baute 31 . E r war der erste, der zwischen den Namen der (Getae) — Gothi
auf der einen und r o u t o i auf der anderen Seite „eine durch Ablaut
bestimmte Verschiedenheit" sah 32 . In seinen oft romantisch verschwom-
menen Vorstellungen meinte er, daß sich eben darin auch die Unter-
schiede der beiden Bevölkerungsgruppen spiegelten 33 .
Wenn — wie nachweisbar ist — vor Kossinnas Beiträgen zur
germanischen Stammeskunde in der deutschen wissenschaftlichen Literatur
von der skandinavischen Herkunft der Ostgermanen kaum die Rede war,
worauf beruhten dann seine neuen Ansichten und w o waren sie ent-
standen? H a t t e er sie selbst entwickelt, oder war er von anderen abhängig?
Diese Fragen verdienen einiges Interesse.

20 Vgl. J . G . A . W i r t h , Geschichte d. Deutschen 1 ( 2 1846) 260; H. A. Schöten-


sack, Uber d. Thraker als Stammväter d. Gothen u. d. verschiedenen Ver-
zweigungen d. gothisdien Völkerstammes 1 (1861) 1 ff. bes. 21 ff.; 2 (1861)
1 ff.; E. von Wietersheim, Gesch. d. Völkerwanderung 2 (1860) 96, wo K.
Zeuss und J. Grimm als Zeugen für die Einwanderung der Goten „gerade
umgekehrt von der Südküste der Ostsee aus, d. i. von Germanien aus nach
Skanzien" angegeben werden. — Vgl. F. Dahn, Urgeschichte der germanischen
und romanischen Völker 1 (1881) 227.
50 K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nachbarstämme (1837) 158 nennt die ToCtai
„ein von den Gothen des Festlandes wohl zu trennendes Volk". Er spricht
a. a. O. 512 Anm. vom Verderbnis des Namens der skandischen Ostrogothae,
der die ursprüngliche und richtige Form nicht mehr zeige. K. Müllenhoff, in:
Th. Mommsen, Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V,1 (1882) 160 u. ders., Deutsche
Altertumskunde 4 (1900) 498 behandelt Totitai—ravtoi ganz getrennt von
den Festlandsgoten.
31 J . Grimm, Gesch. d. dt. Sprache ( 3 1868) 125 ff. 323. 565; ders., Ueber Jor-
nandes und die Geten, in: Philologische und Historische Abhandlungen der
Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1846, 1—59 ( = Kleine
Schriften 3 [1866] 171—235).
32 J . Grimm, Gesch. d. dt. Sprache ( 3 1868) 514. — Der von J . Grimm entdeckte
Ablaut war auch K. Zeuss bekannt und wurde von ihm — ebenso natürlich
auch von Müllenhoff — im Prinzip anerkannt.
33 J . Grimm, a. a. O. 312. 514.
154 Kossinna und der Skandinavientopos des 19. und 20. Jahrhunderts

Im Jahre 1890 — also sieben Jahre vor der Veröffentlichung seine»


Beitrages über die ethnographische Stellung der Ostgermanen — hatte
Kossinna mit der ihm seit jeher eigenen Heftigkeit noch ganz andere
Vorstellungen vertreten. In seiner Besprechung des 1887 posthum er-
schienenen zweiten Bandes von Müllenhoffs Deutscher Altertumskunde
sagte er in Ergänzung von dessen Darstellung über die Ethnographie
Skandinaviens: „Woher die germanische Einwanderung kam, kann nicht
zweifelhaft sein. Jene an die späteren Wandersagen der Südgermanen
anknüpfende Annahme, . . . , als wäre Skandinavien die Urheimat der
Germanen oder wenigstens der Ostgermanen, wird durch die Müllen-
hoff'sdien Ausführungen für immer beseitigt. Bei der Verwandtschaft
der Skandinavier mit den Ostgermanen wird man erstere ursprünglich
als einen Zweig oder als nächste Nachbarn der letzteren in Ostdeutsch-
land zu denken haben, bevor sie über die Ostsee nach Schonen auswander-
ten" 34 . In dieser Auffassung, die unter Germanisten bislang ebenfalls
selten war, stützte sich Kossinna bereits auf die Archäologie, denn er
wies in gleichem Zusammenhang auf einen Aufsatz von O. Montelius
hin, in dem dieser die Bodenfunde in ähnlichem Sinne ausgewertet
hatte 35 . Er glaubte auch, einer Erklärung der späten Wandersagen sicher
zu sein: „ . . . der Weichselmündung gegenüber, . . . , glaubten die Alten
die Insel Scadinavia, das Land der Suiones, der Schweden, deren König
aus dem Geschlecht der Ynglinge während des alljährlichen Freyrfestes
der Beschützer zugleich des Festfriedens und des von weither aufgesuchten
Handelsverkehrs war. Den Südgermanen, die Skandinavien vorwiegend
aus dieser Zeit der Fest- und Marktversammlung kannten, mußte das
Land überaus stark bevölkert erscheinen, ja in den späteren Wander-
sagen wurde es ihnen zu einer officina gentium, von der die Südstämme
selbst ausgegangen wären" 36 . Kossinna wandte sich an gleicher Stelle
gegen die Anthropologie, die in letzter Zeit dafür eingetreten war, Skan-
dinavien sei die Urheimat der Germanen 37 . Daß Kossinna im Jahre 1890
zwar schon archäologisches Schrifttum kannte, sich mit diesem aber kaum
beschäftigte, zeigt im übrigen ein Aufsatz aus demselben Jahr, in dem er
den Ursprung der Germanen noch ohne Hilfe dieser Wissenschaft be-
leuchtete38. Er stellte sich völlig hinter Müllenhoffs Auffassung, „daß
ein zusammenhängendes Sprachstudium allein die rechte Basis für den

34
G. Kossinna, Anzeiger f. dt. Alterthum u. dt. Litteratur 16 (1890) 16 Anm. 2.
35
O. Montelius, Über d. Einwanderung unserer Vorfahren i. d. Norden, in:
Archiv f. Anthropologie 17 (1887) 151—160.
3
' G. Kossinna, Anzeiger f. dt. Alterthum u. dt. Litteratur 16 (1890) 5.
37
G. Kossinna, a. a. O. 16 Anm. 2.
38
G. Kossinna, Die Sueben im Zusammenhang d. ältesten dt. Völkerbewegun-
gen, in: Westd. Zeitsdir. f. Gesch. u. Kunst 9 (1890) 199—216.
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 155

deutschen Altertumsforscher" abgebe". Damit wandte er sich allerdings


nicht gegen die Archäologie, die ungenannt blieb, sondern gegen Histo-
riker, insbesondere Althistoriker — der ganze Aufsatz stellt eine Polemik
gegen A. Riese dar 40 —, indem er festellte: „Mit dem bloßen Latein
kann eine Einsidit in die älteste innere Entwicklung der Germanen und
ihre Verzweigung nach außen nicht gewonnen werden" 41 .
Der Durdibruch zu neuen Ansichten muß bei Kossinna zwischen den
Jahren 1890 und 1895 erfolgt sein. Das gilt für seine Wendung zur
vorgeschichtlichen Ardiäologie hin, wie für die Preisgabe seiner ursprüng-
lich von Müllenhoff abhängigen Auffassungen zur germanischen Alter-
tumskunde. Im Jahre 1895 hielt er die ersten Vorträge, in denen er der
Archäologie einen neuen Platz zuwies". Es läßt sich zwar im einzelnen
nicht verfolgen, wie Kossinna in den Jahren 1890 bis 1895 arbeitete und
was er verarbeitete. Man kann jedoch aus der auffallend geringen Zahl
seiner Veröffentlichungen erschließen43, daß er sich damals Kenntnisse
des archäologischen Schrifttums aneignete.
Siditlidi war Kossinna nunmehr, nachdem ihm u. a. die Archäologie
eine neue Vorstellung von der vorgeschichtlichen Verbreitung der Ger-
manen vermittelt hatte, bemüht, sprachliche Quellen so zu interpretieren,
daß keine Widersprüche verblieben. Deutlich ist erkennbar, daß Kossinna,
nachdem er sidi der Archäologie voll zugewandt hatte, mehr und mehr
von einer sorgsam philologischen Interpretation literarischer Quellen
abkam. Sein im Jahre 1893 niedergeschriebener, 1895 erschienener Auf-

3
* G. Kossinna, a. a. O. 216.
40
A.Riese, Die Sueben, in: Rhein. Museum f. Philologie N. F. 44 (1889) 331—
346. 488.
41
G. Kossinna, a. a. O. 216. — Noch in der Entgegnung Kossinnas, in: Westd.
Zeitsdir. 10 (1891) 104—110 auf Rieses Antwort,in: Westd. Zeitsdir. 9 (1890)
339—344 spielen archäologische Argumente keine Rolle.
42
Vgl. G. Kossinna, Uber d. vorgesch. Ausbreitung d. Germanen i. Deutschland,
in: Correspondenzblatt d. dt. Ges. f. Anthrop., Ethnol. u. Urgesdi. 26 (1895)
109—112; ders., Über d. dt. Altertumskunde u. d. vorgesdi. Ardiäologie, in:
Verhandl. d. 43. Versammlung dt. Philologen u. Schulmänner Köln 1895
(1896) 126—129; ders., Die vorgesdi. Ausbreitung d. Germanen i. Deutsch-
land, in: Zeitsdir. d. Vereins f. Volkskunde 6 (1896) 1—14; ders., Vorge-
schichtliche Ardiäologie 1895, in: Jahresber. f. germ. Philologie 17 (1895)
74—94 bes. 75 f.
43
Vgl. das Schrifttumsverzeichnis in: Mannus 10 (1918) VIII ff., das für 1890
sechs, für 1891 vier, für 1892 zwei, für 1893 einen und für 1894 drei unbe-
deutende Beiträge anzeigt. Es folgen dann die Jahre 1895 mit neun und 1896
mit zehn Veröffentlichungen. — Rud. Stampfuß, Gustav Kossinna (1935) 13
bezeugt, daß Kossinna die wissenschaftlichen Interessen den beruflichen (als
Bibliothekar) vorgezogen habe. Offenbar hat er in diesen Jahren hart, aber
rücksichtslos für sidi selbst gearbeitet.
156 Kossinna und der Skandinavientopos des 19. und 20. Jahrhunderts

satz über den Ursprung des Germanennamens 44 , der — was die darin
angewandten philologischen Methoden betrifft — trotz des häufig an-
klingenden polemischen Untertons den Erfordernissen seiner Zeit durch-
aus gewachsen war, läßt, wenn man ihn mit dem zwei Jahre später
veröffentlichten Beitrag über die ethnologische Stellung der Ostgermanen 45
vergleicht, diesen Wandel deutlich erkennen. In dem einen Aufsatz finden
sich nodi sorgsame Belege der für seine — manchmal vielleicht etwas
willkürlichen — Thesen brauchbaren antiken Quellen, und der Orts- und
Flußnamen; im anderen stehen vielfältige, meist unbelegte Behauptungen.
Nachweise für die Zeugnisse der Volksnamen von der Herkunft konti-
nentalgermanischer Stämme aus Skandinavien fehlen meist. Man ist
gezwungen, seine Gedankengänge zu rekonstruieren bzw. seine Vorlagen
zu erschließen.
Die Warinen wurden von Kossinna als erster Stamm nordischer
Provenienz genannt. Er meinte damit die Avapivoi (Ptolemaios Geogr.
III 5,8). Sie in Oberschlesien anzusetzen, scheint sich für ihn aus den
*Varini des Plinius ergeben zu haben (Plinius Hist. Nat. IV 14,99), denn
dieser kannte sie als einen Volksstamm seiner *Vandili. Die Warinen in
Jütland sind hingegen die Varini des Tacitus, die zu den Nerthus-Völkern
gehören (Tacitus Germ. 40), und mit ihnen kam er in der Tat, wenn
nicht nach Jütland, so doch mindestens in das nordwestdeutsche Küsten-
gebiet. Kossinna vereinfachte sich das Problem dadurch, daß er die
Omgouvoi und AijaQjToi nicht nannte, die Ptolemaios Geogr. II 11,9 in
der Nachbarschaft von Sueben kannte, und daß er O M Q V O I nicht er-
wähnte, die in der Nachbarschaft der Aavoi — wahrscheinlich südlich da-
von — siedelten (Prokop Bell. Goth. II 15,2.3). Nach Prokop wären
im übrigen Warnen auch am Rhein zu suchen (Prokop Bell. Goth. IV 20),
und außerdem müßten Warnen im 5. und 6. Jahrhundert in Mittel-
deutschland angenommen werden.
Der Gegensatz zwischen Kossinna auf der einen und Zeuss, Grimm
und Müllenhoff auf der anderen Seite ist wiederum nicht zu übersehen.
Zeuss und Grimm sahen wohl den Zusammenhang zwischen Varini und
Varni, zogen daraus jedoch keine Schlüsse. Auch Müllenhoff sagte über
denkbare Wanderungen nichts46. Allerdings ist auffallend, daß Zeuss
— wie Kossinna — Aiiapivoi für eine Verschreibung von *Ot>aQivoi

44
G. Kossinna, Beiträge z. Gesch. d. dt. Sprache u. Literatur 20 (1895) 258—
301. — Der Aufsatz ist auf November 1893/April 1895 datiert, also 1893
niedergeschrieben und bis 1895 um einige Anmerkungen erweitert.
43
G. Kossinna, Indogerm. Forschungen 7 (1897) 276 ff.
46
K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nadibarstämme (1837) 132. 360 ff.; J. Grimm,
Gesch. d. dt. Sprache (»1868) 419 f. 421; K. Müllenhoff, Deutsche Altertums-
kunde 2 (1887) 80.
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 157

ansah, woran auch Müllenhoff dachte". Rud. Much kommt trotz seiner
Verbindungen zu Kossinna als Gewährsmann für dessen Gleichung nicht
in Betracht, denn er bezweifelte, daß der in den Handschriften des Plinius
als Varinne und Varine belegte Stamm (Plinius Hist. Nat. IV 99) über-
haupt mit den Varini zu identifizieren sei48. Auf dieser Voraussetzung be-
ruhte aber gerade Kossinnas Behauptung, Varini seien in Oberschlesien
ansässig geworden. Der Ursprung von Kossinnas These bleibt unklar.
Das aus dem Gen. plur. Wendla in Beowulf 348 und dem Dat. plur.
Wenlum im Widsith erschlossene '''Wendlas wurde im Norden schon seit
N . F. S. Grundtvig wiederholt mit den Wandalen in Zusammenhang
gebracht49. D i e Zusammenstellung von Vendsyssel — älter Wendlisyscel —
mit den Wandalen findet sich schon bei Saxo Grammaticus 50 . Zeuss und
Müllenhoff zogen eine Verbindung zwischen Wandalen und *Wendlas
und Wendlisystel nicht bzw. nicht ernsthaft in Betracht 51 . J. Grimm er-
wähnte immerhin die *Venias des Widsith 52 im Zusammenhang mit den
Wandalen, brachte jedoch beide Namen in keinen Zusammenhang. Es
ist nicht völlig ausgeschlossen, daß Kossinna sich hier auf Rud. Much
stützte 5 '. Dieser scheint sich seinerseits mindestens teilweise nach dänischen
47
K. Zeuss, Die Deutsdien u. d. Nachbarstämme (1837) 133; K. Müllenhoff,
Deutsche Altertumskunde 2 (1887) 80 f.
48
Rud. Much, Deutsche Stammessitze (1892) 40.
49
Es ist anzunehmen, daß Grundtvig diese Gleichung aus dem Werk des Saxo
Grammaticus entnommen hat, das er 1818 bis 1822 ins Dänische übersetzte.
Bei Grundtvig selbst ist die Gleichung in: Beowulfes Beorh (1861) 208 belegt,
dodi dürfte sie audi schon in älteren seiner Schriften zu finden sein, was von
Deutschland aus schwierig nachzuweisen ist. — Auf Grundtvig wird in späte-
rem Schrifttum wiederholt hingewiesen, z.B.: S. Bugge, Zum Beowulf, in:
Zeitschr. f. dt. Philologie 4 (1873) 197, wo auch darauf verwiesen wird, daß
E. M. Ettmüller [in seinem Werk über Beowulf (1840)] schon dieselbe Ansicht
wie Grundtvig vertreten habe. — Vgl. ferner: S. Bugge, Studien ü. d. Beo-
wulfepos, in: Beitr. z. Gesch. d. dt. Sprache u. Literatur 12 (1887) 7 f.; E.
Björkman, Studien ü. d. Eigennamen im Beowulf, in: Stud. z. engl. Philologie
58 (1920) 116 ff. bes. 116 Anm. 3 mit Hinweisen auf älteres Schrifttum.
50
Gesta Danorum, über undecimus XIV, 6; liber decimus quartus XVI, 5
(Saxonis Gesta Danorum primum a C. Knabe et P. Herrmann recensita re-
cognoverunt et ediderunt J. Olrik et H . Raeder 1 [1931] 326, 5—6 u. 395, 17).
51
K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nachbarstämme (1837) 57. 443 ff.; K. Müllen-
hoff, Deutsche Altertumskunde 4 (1900) 128 f. 665 ff.; dazu auch: K. Müllen-
hoff, Beovulf. Untersuchungen ü. d. angelsächsische Epos u. d. älteste Gesch.
d. germ. Seevölker (1889) 89.
52
J. Grimm, Gesch. d. dt. Sprache (31868) 333.
53
Rud. Mudi, Deutsche Stammessitze (1892) 210 f. — Später hat Kossinna seine
Auffassung über die Herkunft der Wandalen modifiziert. Mannus 11/12
(1919—20) 405 ff. bes. 408 vertrat er die Meinung, daß „Vermittler des
Mäanders . . . wohl die aus Schlesien nach Vendsyssel gewanderten Wan-
dalen" waren. Im Jahre 1929 betonte er seine „damals [1920] längst fest ge-
158 Kossinna und der Skandinavientopos des 19. und 20. Jahrhunderts

Schriftstellern orientiert zu haben54, kannte die These Grundtvigs, sprach


sich zwar nicht ausdrücklich für die Herkunft der Wandalen aus Nord-
jütland aus, doch zeigen seine Überlegungen, daß er dies als gegeben
voraussetzte55. Er wunderte sich darüber, daß Tacitus und Ptolemaios
die Wandalen für den Norden nicht belegten und half sich selbst mit einer
höchst gewagten Konstruktion: „Alle Nuit(h)ones sind Kimbern, alle
Wendle sind Kimbern, alle Nuit(h)ones sind Wendle"5\ Es ist letztlich
wahrscheinlicher, daß sich Kossinna unmittelbar auf nordische Literatur
stützte, in der er häufiger von der Identität der endlas mit den Wan-
dalen und von deren Heimat in Vendsyssel lesen konnte, denn diese An-
nahme war ja ein Teil der damaligen Geschichtsauffassung", der manche
skandinavischen Wissenschaftler anhingen58.
Daß sich Kossinna mit Vorliebe nach der nordeuropäischen Germa-
nistik hin orientierte, wo er Auffassungen finden konnte, die seine An-
sicht von der Herkunft der Ostgermanen aus Skandinavien stützten,
läßt sich bei seiner Stellungnahme zur Herkunft der Silingen deutlicher
erkennen. Von einer Verbindung ihres Namens, der als SiXiyyai bei
Ptolemaios Geogr. II 11,10 vorkommt, mit dem alten Namen der Insel
Seeland — Silund — wußten Zeuss, Grimm, MüllenhofF und audi Much
nichts. Kossinna kannte aber S. Bugges Versuch, den Namen der Insel
als Seehundsinsel verständlich zu machen59, und hat — allerdings vorerst
noch mit vorsichtigen Worten — darauf seine Auffassung aufgebaut*0.

wordene A n s i c h t . . d a ß die frühkaiserzeitlichen Gräber in Mittel- und


Nordjütland „eine größere, damals von Schlesien nach Jutland vorgedrungene
Wandalenabteilung bezeugen". Vgl. auch Kossinna, Mannus 21 (1929) 233 ff.
bes. 237 f.
54
Evtl. nach: H. Möller, Altenglisches Volksepos (1883) 4 f. (Anm. 2). — N o d i
O. Bremer, Ethnographie d. germ. Stämme (1899, 2 1904) 84 hielt Vandali—
Wen(d)las—Wendilenses—Vendtlfolk—Vendsysel für eine ganz unsichere
Gleichung, die übrigens allenfalls für Wanderungen nach dem Norden spre-
chen könnte.
55
Deutlicher später in Rud. Much, Die Germania d. Tacitus (1937, 2 1959) 30;
( 3 1967) 58 f.
50
Rud. Much, Deutsche Stammessitze (1892) 211.
57
P. A. Münch, Die nordisch-germanischen Völker, ihre ältesten Heimathsitze,
Wanderzüge u. Zustände (1853) 83.
58
Vgl. E. Brate, Svenska fornminnesföreningens tidskr. 9 (1896) 330.
5
* S. Bugge, Bidrag til nordiske Navnes Historie, in: Arkiv f. nordisk filologi
N . F. 2 (1890) 237 ff. — Kossinna kann nur diesen Aufsatz gemeint haben;
ein Zitat fehlt, wie so häufig. — Vgl. dazu Rud. Much, Altschlesien 1, 3—4
(1926) 117 ff. u. G. Kossinna, Mannus 21 (1929) 234 Anm. 3, w o er die Glei-
chung Silingen—Seeland als nicht zwingend revozierte und nunmehr gegen
Much polemisierte.
60
Andere Vorbilder kommen dafür nicht in Betracht. Vgl. Rud. Much, Stich-
wort „Silingen", in: J. Hoops, Reallexikon d. germ. Altertumskunde 4
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 159

Die Heimat der Burgunden, die nach Kossinna „ganz zweifellos aus
Bornholm stammten", suchte K. Zeuss in der westlichen Nachbarschaft
der Goten. Er kannte jedoch auch schon die Ansicht, sie hätten ursprüng-
lich auf Bornholm gesiedelt 61 , wies sie aber zurück. J. Grimm sah keinen
Grund, die Insel „dem Volksnamen zu entziehen", meinte aber, „warum
sollten nicht auch einzelne . . . Burgunden gegen N o r d e n gezogen
sein"62. Müllenhoff dagegen zog eine Beziehung der Burgunden zu Born-
holm nicht ernsthaft in Betracht"3. Much wiederum sah zwischen dem
Namen der Insel und dem des Stammes zwar eine Wortverwandtschaft,
jedoch in der Insel nicht die Heimat des Stammes, wiewohl er mit einer
älteren Heimat der Burgunden außerhalb des östlichen Mitteleuropa
rechnete"4. Während Much später Kossinna für den Entdecker dieser
Wortgleichung hielt 65 , hat dieser sich offenbar in Wahrheit auf E. Brate
gestützt 66 , doch trug er auch Eigenes bei, insbesondere um die abweichen-
den Ansichten Zeuss', Müllenhoffs und Muchs zu widerlegen 67 .
D a ß „die Rugier ihre Namensvettern an der Südspitze Norwegens"
hatten, war zwar schon Zeuss, Grimm und Müllenhoff bewußt, die jedoch
daraus für die Herkunft der einen oder der anderen Gruppe keine Konse-
quenzen zogen. Much sah allerdings in den beiden Gruppen „nur durch
Wanderung getrennte Teile eines und desselben V o l k e s . . . , über dessen
ältere Sitze" er sich freilich „ganz im Unklaren" war 68 . Im Kreis der

(1918—19) 180, wo Kossinna als Autor der Gleichung Silund—Sdiyvai ge-


nannt wurde. Zugleich wies Much sie zurück. — Während Kossinna, Indo-
germ. Forschungen 7 (1897) 281 die Silingen v i e l l e i c h t aus Seeland
kommen ließ, sagte er Mannus 11/12 (1919—20) 408 „Gezeigt aber habe ich
jedenfalls schon 1896, daß der westliche Zweig der Wandalen, die Silingen,
. . . aus Seeland stammen muß".
61
K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nachbarstämme (1837) 465 Anm.
02
J. Grimm, Gesthidite d. dt. Sprache (»1868) 486.
63
K. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 2 (1887) 56 Anm.
64
Rud. Much, Deutsche Stammessitze (1892) 42; ders., Deutsche Stammeskunde
(21905) 125 anders: „wahrscheinlich von Bornholm . . . ausgegangen"; ebenso
(31920) 122.
95
Rud. Much, Stichwort „Burgunden", in: J. Hoops, Reallexikon der germ.
Altertumskunde 1 (1911—13) 357.
69
E. Brate, Svenska fornminnesföreningens tidskr. 9 (1896) 329 f. — Vgl. P. A.
Münch, Undersögelser angaande Danmarks ethnographiske Forhold i de
seldste Tider, in: Annaler for nordisk Oldkyndighed og Historie 1848, 216—
336. bes. 290 ff., wo Identität der ältesten Einwohner Bornholms mit den
Burgunden jenseits der Ostsee als gesidiert angesehen wird; anders jedoch 233.
97
G. Kossinna, Indogerm. Forschungen 7 (1897) 282 ff. bes. 282: „Hier behält
wieder einmal das laienhafte Sprachgefühl gegen alle kurzsichtigen Einwände
philologischer Spitzfindigkeit recht."
88
K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nachbarstämme (1837) 154 Anm. 484 Anm. u.
507; J. Grimm, Gesch. d. dt. Spradie (31868) 328 f. 498; K. Müllenhoff,
160 Kossinna und der Skandinavientopos des 19. und 20. Jahrhunderts

deutschen Germanisten kann Kossinna also keine Stütze gefunden haben;


es bleibt unklar, worauf seine Annahme beruht. Bugge und Brate lieferten
ihm jedenfalls nichts68.
Die Harudes im Heer des Ariovist identifizierte Zeuss mit den
XapoüÖEg des Ptolemaios Geogr. II 11,7, deren Wohnsitze er südlich der
der Kimbern — also im südlichen Nordjütland — annahm 70 . Grimm
meinte hingegen, sie brauchten „nicht gerade aus dem Norden gekommen
zu sein, man könnte sie sich . . . in mehr als einer Gegend denken" 71 . Möl-
lenhoff stellte norwegische und kontinentale Haruden ohne Kommentar
nebeneinander72, und Much dachte vorsichtig an einen ethnographischen
Zusammenhang7®. Auch hier hat Kossinna nirgends eine Stütze. Wahr-
scheinlich fand er sie jedoch wieder im nordischen Schrifttum. In der Tat
ist die Gleichsetzung von Harthesysal mit der Heimat der Haruden schon
Gedankengut dänischer Humanisten 74 .
Die Erwägung, die Aewüvoi des Ptolemaios (Geogr. II 11,16) könn-
ten aus Lemovii verderbt sein, konnte Kossinna schon bei J. Grimm fin-
den75, der jedoch in diesem Zusammenhang keine Herkunftsfragen er-
örterte. In diesem Fall folgte er seinem „laienhaften Sprachgefühl" — wie
er es nannte —, das es ihm erlaubte, die Lemovii des Tacitus in *Lemonii
und die Aeuwvoi des Ptolemaios in '"AEVCÖVOI zu emendieren, „wenn nicht
etwa Leuonii oder Leuoni bei Tacitus das richtige treffen sollte" 7 '.
Über die Herkunft der Kimbern aus dem Norden hatte K. Zeuss feste
Ansichten77. Müllenhoff hingegen meinte, sie seien von der mittleren Elbe
ausgegangen78. Dieser Auffassung hatte sich Kossinna ursprünglich ange-
schlossen; eindeutiger als jener meinte er, sie hätten „irgendwo in Thü-
ringen" gewohnt 79 . Während Müllenhoff die Teutonen für Anwohner der

Deutsche Altertumskunde 2 (1887) 66; 3 (1892) 312; 4 (1900) 493; Rud.


Much, Deutsche Stammessitze (1892) 184.
49
P. A. Münch, Annaler for nordisk Oldkyndighed og Historie 1848, 233 ver-
neinte, daß die Rugier einst den Norden bewohnten, meinte jedoch, sie hätten
geographisch in engem Zusammenhang mit den Einwohnern des Nordens ge-
standen.
70
K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nadibarstämme (1837) 151 f.
71
J. Grimm, Gesdi. d. dt. Sprache ( 3 1868) 440.
72
K. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 4 (1900) 467.
73
Rud. Much, Deutsche Stammessitze (1892) 205.
74
Vgl. G. Schütte, The Origins of the Cimbrians, in: Acta Philol. Scand. 6
(1931—32) 91.
75
J. Grimm, Gesch. d. dt. Sprache ( 3 1868) 498.
76
G. Kossinna, Indogerm. Forschungen 7 (1897) 281 f.
77
K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nadibarstämme (1837) 144.
78
K. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 2 (1887) 289.
™ G. Kossinna, Die Sueben im Zusammenhang d. ältesten dt. Völkerbewegun-
gen, in: Westd. Zeitschr. f. Gesch. u. Kunst 9 (1890) 213.
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 161

Nordsee hielt80, dachte sich Kossinna ursprünglich ihre Sitze südlich von
den Kimbern im mittleren und oberen Mainland, und er hielt sie nicht für
Germanen wie jener, sondern für Kelten81, eine Ansicht, an der er noch
bis 1895 festhielt 82 . »Wenn die Flotte des Augustus im Jahre 5 n. Chr. an
der Spitze von Jütland noch Kimbern getroffen haben will, so ist das
nichts als politischer Humbug". Diese Meinung 83 hatte er drei Jahre früher
schon einmal geäußert 84 . Wenn er im Jahre 1897 die Kimbern auf der
Kimbrischen Halbinsel ansetzte, kehrte er — wenngleich ohne Begrün-
dung — wieder zur allgemein vertretenen Auffassung zurück, denn Mül-
lenhoffs Ansicht hatte offensichtlich niemals viel Zustimmung gefunden.
Für die Wendung zur altverbreiteten Auffassung mag Much einen Anstoß
gegeben haben 85 . Spuren von Einflüssen auf Kossinna weisen indes wieder
nach Dänemark, wo die Verbindung der Kimbern mit der Landschaft
Himmerland — Himbersysiel — seit dem Humanismus immer wieder be-
tont worden ist88. Im Jahre 1839 hatte der Norweger R. Keyser erneut die
Verbindung der Kimbern mit Himmerland betont 8 '.
Ein Wandel der eigenen Ansicht über die Kimbernherkunft inner-
halb von wenigen Jahren muß Kossinna, obwohl er häufig genug in Fra-
gen der Wissenschaft keine Bedenken kannte, doch etwas unangenehm
gewesen sein. So schrieb er 1897 von den Teutonen, die er wenig vorher
für Kelten und Bewohner des mittleren und oberen Mainlandes gehalten
hatte, verklausuliert: „Ein phantasievoller Sprachforscher könnte dann
noch im Thyttesysal nördlich des Limfjords die Teutonen erkennen" 88 .
Aus der deutschen Literatur dürfte Kossinna gewiß nicht zu dieser Wen-
dung angeregt worden sein. Seine Quelle ist wieder in Skandinavien zu
suchen, doch die Literatur zur Kimbern- und Teutonenfrage ist so unge-

80
K. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 2 (1887) 289.
81
G. Kossinna, Westd. Zeitschr. 9 (1890) 213.
82
G. Kossinna, Der Ursprung d. Germanennamens, in: Beiträge z. Gesch. d. dt.
Sprache u. Literatur 20 (1895) 298.
83
G. Kossinna, Westd. Zeitsdlr. 9 (1890) 214.
84
G. Kossinna, Rezension von Th. Mommsen, Römische Geschichte 5 ( 2 1885), in:
Anzeiger f. dt. Altertum u. dt. Literatur 13 (1887) 203 f.
85
Rud. Much, Deutsche Stammessitze (1892) 214 f.
86
Vgl. G. Schütte, Acta Philol. Scand. 6 (1931—32) 91 ff.
87
R. Keyser, Om nordmaendenes herkomst og folkesläegtskab, in: Samlinger til
det norske Folks Sprog og Historie 6 (1839) 359 ( = Samlede Avhandlinger
[1868] 120).
88
G. Kossinna, Indogerm. Forschungen 7 (1897) 290 Anm. 1. Die Meinungs-
änderung, die Kossinna hier vornahm — denn wen anders meinte er mit dem
„phantasievollen Sprachforscher" als sich selbst — vollzog Much später eben-
falls. Vgl. Rud. Much, Deutsche Stammeskunde ( 2 1905) 100 f.; ders., Stich-
wort „Teutonen", in: J. Hoops, Reallexikon d. germ. Altertumskunde 4
(1918—19) 314 ff.

11 Hachmann, Goten und Skandinavien


162 Kossinna und der Skandinavientopos des 19. und 20. Jahrhunderts

heuer groß, daß es — zumal Kossinna selten Verweise lieferte — unmög-


lich ist, sie festzustellen.
Die Heimat der Heruler suchte noch Zeuss südlich der Ostsee89. Mül-
lenhoff bezeichnete sie als Nordgermanen" 0 und auf ihn berief sidi Kos-
sinna in diesem Fall ausdrücklich.
Die Goten faßte Kossinna als Einwanderer aus Gotland auf und be-
rief sich dabei auf S. Bugge91, indes zu Unrecht. Bugge hatte nur fest-
gestellt, daß die Einwohner Gotlands sich einst Gutar nannten, von den
Schweden im Mittelalter Gutar oder Gotar und von den Isländern Gotar
genannt wurden und daß dieser Name formal mit dem der festländischen
Goten — schwedisch Goter — identisch sei. Deren ältesten Wohnsitze
lagen — meinte Bugge — so nahe bei Gotland, daß es von vornherein
äußerst wahrscheinlich sei, daß die Einwohner Gotlands deswegen Gutar
hießen, weil sie zum gleichen Volk gehörten wie die festländischen Goten.
Aus dieser Annahme versuchte Bugge sprachliche Schlüsse, doch keinerlei
Folgerungen über die Herkunft der gotländischen Gutar bzw. der festlän-
dischen Goten zu ziehen. Erst E. Brate meinte, die von Jordanes über-
lieferte Wandersage sei in diesem Zusammenhang sicherlich nicht ganz
ohne Bedeutung. Bugge habe sich zwar nicht genau über das Verhältnis
zwischen Gotland und den Goten geäußert, aber er scheine zu denken,
Gotland sei eine gotische Kolonie gewesen92. Brate meinte, es gäbe ge-
wisse Indizien, einen umgekehrten Zusammenhang anzunehmen. Die
Goten an der Weichselmündung könnten ursprünglich eine Kolonie aus
Gotland gewesen sein. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Kossinna diesen
Hinweis Brates gekannt hat9®, denn er sprach später von nordischen Han-
delsleuten in der Weichselgegend (vgl. unten S. 169).
Natürlich war Kossinna auch das bekannt, was Much 1892 über den
Zusammenhang zwischen Skandinavien und den Goten geschrieben
hatte' 4 .
89
K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nachbarstämme (1837) 476.
90
K. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 2 (1887) 69. 91.
91
S. Bugge, Indskrifter med de asldre Runer 1 (1891—1903) 152 ff. (diese Seiten
gehören zu der im Jahre 1893 ausgegebenen 2. Lfr. v. Bd. 1).
92
E. Brate, Svenska fornminnesföreningens tidskr. 9 (1896) 329.
93
Derselbe Band der Svenska fornminnesföreningens tidskr. enthält O. Mon-
telius' bedeutenden Aufsatz „Den nordiska jernalderns kronologi", den Kos-
sinna zweifellos gekannt hat. Bei der Lektüre dieses Aufsatzes, E. Brates
Rezension des von S. Bugge herausgegebenen Inventars norwegischer Runen-
inschriften nicht zu beachten und zu lesen, hätte Kossinnas Interessen wenig
entsprochen.
94
Rud.Much, Deutsche Stammessitze (1892) 180 f. Vgl. G. Kossinnas Rezension,
in: Indogerm. Forschungen, Anzeiger 4 (1894) 46—49. — Rud. Much meinte,
die Goten seien schon in ihrer skandinavischen Heimat in mehrere Stämme
zerfallen „und zwar ganz oder teilweise dieselben, die . . . uns nachmals an
Zur Forschungsgeschidite und zum Forschungsstand 163

Es ist im übrigen wahrscheinlich, daß Kossinna auch einen Aufsatz


von A. Erdmann kannte, worin dieser die Ablautverhältnisse zwischen
den verschiedenen Namensformen nordischer und festländischer Goten
und Gauten eingehend — wenn auch mit anfechtbaren Ergebnissen —
untersuchte' 5 .
Faßt man zusammen, was sich als Hintergrund für die Behauptung,
die Volksnamen zeigten, daß bei der germanischen Besiedlung des öst-
lichen Mitteleuropa Skandinavier die Hauptmasse der Kolonisten lie-
ferte, erkennen läßt, so ergibt sich folgendes: Kossinna hatte Ansichten
aufgegeben, die er Anfang der neunziger Jahre teils in Anlehnung an
Müllenhoff, teils selbständig enwickelt hatte, sofern diese der neuen These
widersprachen (Kimbern und Teutonen). E r orientierte sich nur dann noch
nach Müllenhoff, wenn dieser ausnahmsweise von Herkunft aus dem N o r -
den sprach (Heruler). E r übernahm Auffassungen, die er in dänischer,
schwedischer oder norwegischer Literatur angetroffen hatte (Goten, Teu-
tonen, Silingen, Kimbern, Haruden, Burgunden, Wandalen). In einzelnen
Fällen scheint er selbständig vorgegangen zu sein; jedenfalls lassen sich
Vorbilder nicht eindeutig nachweisen (Warinen, Rugier, Lemovier). Ge-
legentlich trug er eigene Argumente bei, um die seiner Gewährsleute zu
unterstützen (Burgunden). In allen Fällen ging er mit einer erstaunlichen
Oberflächlichkeit vor. Willkürliche Emendationen sind nicht selten (Wari-
ner, Lemovier). Fast immer verfuhr er bei seiner Argumentation sehr
eklektisch. E r verschwieg Namensbelege, die das „klare Bild" hätten stö-
ren können (Wariner, Lemovier), nannte seine Gewährsleute nur aus-
nahmsweise und verschwieg eigene widersprechende, ältere Ansichten.

Wie und unter welchen Voraussetzungen Kossinna zu der These,


Skandinavien sei die Heimat der Ostgermanen, gekommen ist, das erklärte
er selbst nicht. Doch läßt sich der Weg, den er gegangen sein muß, er-
schließen. Als bei Kossinna das Interesse an der vorgeschichtlichen Archäo-
logie erwacht war und er ein eifriges Literaturstudium begann®6, mußte

der Donau und am Pontus entgegen treten" (a. a. O. 181). Hier scheint Vor-
stellungsgut Jacob Grimms durchzuschimmern, der in: Gesch. d. dt. Sprache
( 3 1868) 514 meinte: „ . . . auch darin folgen sie, fast instinctmäßig, dem alten
Stamm nach, dasz ihnen wie diesem Aufgang und Niedergang der Sonne in
der neuen Heimat wieder zur Abteilung wird und alsbald ein Eystragautland
Vestragautland . . . vorhanden ist." Much kehrte J . Grimms Vorstellung ein-
fach um.
05 A. Erdmann, Om folknamnen Götar och Goter, in: Antiqvarisk tidskr. f.
Sverige 1 1 , 4 (1905) 1 — 3 4 .
" Eines seiner ersten Zitate archäologischer Literatur nennt den Aufsatz von O.
Montelius, Über d. Einwanderung unserer Vorfahren i. d. Norden, in: Archiv
f. Anthropologie 17 (1887) 1 5 1 — 1 6 0 . Vgl. G. Kossinna, Anzeiger f. dt. Alter-
thum u. dt. Litteratur 16 (1890) 16 Anm. 2. — Damals war Kossinnas eigene

11»
164 Kossinna und der Skandinavien topos des 19. und 20. Jahrhunderts

er neben deutscher Literatur vornehmlich skandinavische Bücher und Zeit-


schriften studieren, denn die nordische Vorgeschichtsforschung war damals
unbestritten führend in Europa. Dabei mußte er natürlich auf eine ganze
Anzahl von Beiträgen stoßen, worin skandinavische Autoren Probleme
der germanischen Altertumskunde behandelten". Sie alle waren ihm bis
dahin höchstwahrscheinlich unbekannt, denn die deutsche Germanistik der
Zeit Müllenhoffs hielt es nicht für nötig, die oft konträren Auffassungen
nordischer Autoren zur Kenntnis zu nehmen. Eine nennenswerte Kenntnis
skandinavischer germanistischer Literatur verraten Kossinnas eigene frü-
here Schriften jedenfalls nicht.
Es wäre eine besondere Aufgabe, diese Abhängigkeit Kossinnas von
skandinavischer Wissenschaft detailliert nachzuweisen. Sie wird wesentlich
dadurch erschwert, daß er gerade dort, wo er fremde Ansichten übernahm,
mit Hinweisen darauf sparsam, ja, eher geneigt war, seine Abhängigkeit
zu übergehen, als seine Leser darüber aufzuklären.
Wie in der skandinavischen Wissenschaft seit Saxo Grammaticus die
Vorstellung von der nordischen Heimat der Germanen niemals vollkom-
men aufgegeben wurde, haben u. a. Th. Bieder und C. Weibull unabhän-
gig voneinander gezeigt 98 . J . Svennung konnte ganz besonders überzeu-
gend darlegen, wie im Mittelalter die schwedischen Götar latinisiert

Auffassung aber nodi bei weitem nicht fertig, denn er zitierte hier Montelius
als Zeugen für die Einwanderung von Germanen nach dem Norden.
97 Nachweislich kannte Kossinna im Jahre 1897 folgende skandinavische ger-
manistisdie Literatur: H. Möller, Das altenglische Volksepos i. d. ursprünglichen
strophischen Form (1883); ders., Rezension von A. Erdmann, Über d. Heimat
u. d. Namen d. Angeln (1890—91), in: Anzeiger f. dt. Altertum u. dt. Lit-
teratur 22 (1896) 129—164; S. Bugge, Bidrag til nordiske Navnes Historie,
in: Arkiv f. nordisk filologi N. F. 2 (1890) 225—245; S. Bugge, Norges
Indskrifter med de seldre Runer 1 (1891—1903); K. Rygh, Bemerkninger om
stedsnavnene i den sendre del af Helgeland, in: Historisk tidsskrift utg. av den
Norske historiske forening 1 (1870) 53—135; P. A. Münch, Historiskgeogra-
phisk Beskrivelse over Kongeriket Norge i Middelalderen (1849); ders., Die
nordisch-germanischen Völker, ihre ältesten Heimathsitze, Wanderzüge und
Zustände (1853); ders., Undersögelser angaaende Danmarks ethnographiske
Forhold i de aildste Tider, in: Annaler f. nordisk Oldkyndighed og Historie
(1848) 216—336; C. A. E. Jessen, Undersögelser til nordisk oldhistorie
(1862); H. Petersen, Om Nordboernes Gudedyrkelse og Gudetro i Hedenold
(1876); Ed. Erslev, Jylland d. Studier og Skildringer til Danmarks Geografi
(1886); O. Nielsen, Bidrag til Oplysning om Sysselinddelingen i Danmark
(1867); R. Keyser, Om Nordmasndenes herkomst og Folkeslsegtskab, in: Sam-
linger til Det Norske Volks Sprog og Historie 6 (1839) 263—462.
98 Th. Bieder, Gesch. d. Germanenforsdiung 1 (1921) 40 ff. 56 ff. 94 ff. ( 2 1939)
64 ff. 101 ff. 163 ff. (Bieders sonst naiv vordergründige Zusammenstellung für
diese Frage instruktiv); C. Weibull, Die Auswanderung d. Goten aus
Sdiweden (1958) 3 ff.
Zur Forschungsgesdiichte und zum Forschungsstand 165

Gothi genannt wurden98 und wie für die Västgötar sogar der Name Wi-
sigothi aufkam100. Der Unterschied zwischen den kontinentalen Gothi und
den skandinavischen Gautar, wie er im frühen Mittelalter selbstverständ-
lich war, wurde damit verwischt, und zwar solange, bis die neuzeitliche
Wissenschaft ihn wieder neu feststellte. Nicolaus Ragvaldi, ein schwe-
discher Bischof, lernte — wohl auf dem Baseler Konzil — Jordanes' Go-
tengeschichte oder größere Auszüge daraus kennen101; Ericus Olai lehnte
sich mit seiner Chronica regni Gothorum ganz an Nicolaus Ragvaldi
an102. Um 1540 schrieb Johannes Magnus eine Historia de omnibus Gotha-
rum Suenumque regibus, die langdauernden Einfluß gehabt hat103. Olof
Rudbeck und viele andere bauten mit wechselnden Einfällen, lebhafter
Phantasie und kräftiger Rücksichtslosigkeit gegenüber den von ihnen be-
nutzten Quellen an einem Geschichtsbild, in dem der Norden als Heimat
der Völker angesehen wurde104. Als die Historiographie der Aufklärung
die Frage nach der Glaubwürdigkeit stellte, wurde das — wie es C. Wei-
bull ausdrückte — „für die ältere Geschichtsschreibung eine Katastrophe".
Ihr Lehrgebäude stürzte zusammen. „Aber der Kern dieser Geschichts-
schreibung selbst, die Erzählung von der Auswanderung der Goten aus
Schweden, war zwischen den Ruinen stehen geblieben"105. Die deutsche
Romantik, die über Adam öhlenschläger nach Dänemark und dem Nor-
den wirkte, und die in den Arbeiten Grundtvigs10' ungewöhnliche Blüten
trieb, belebte die alten Vorstellungen im Norden bald wieder. Man findet
die Uberzeugung von der Herkunft der Goten aus dem skandinavischen

" J. Svennung, Zur Geschichte des Goticismus (1967) 69 f.


100 J . Svennung, a. a. O. 70 f.
1 0 1 J . Svennung, a. a. O. 34 ff. 97 ff.

1 0 S J . Svennung, a. a. O. 81 f.

1 0 3 J . Svennung, a. a. O. 82 f.

1 0 4 J . Svennung, a. a. O. 91 ff. — Vgl. dazu die Darstellung von E. Wessen, Stu-

dier tili Sveriges hedna mytologi och fornhistoria, in: Uppsala universitets
arsskrift 1924 (Filosofi, sprakvetenskap odi historiska vetenskaper 6) (1924),
82 ff., wo die Diskussion über die mittelalterlich schwedische Gleichsetzung
von Götar und Gotar bis ins 19. Jahrhundert verfolgt wird.
1 0 5 C. Weibull, Die Auswanderung d. Goten aus Schweden (1958) 27 f.; vgl. dazu

E . Wessen, a. a. O. 84.
10« Vgl. N . F. S. Grundtvig, Nordens Mythologie eller Sindbilled-Sprog (1832)

116 f. zur Herkunft der Goten (übersetzt): „Wir können uns deshalb den
alten Norden als eine geistige Einheit vorstellen, in der der politische Unter-
schied wie in der ganzen Gesellschaft nur wenig zu bedeuten hatte, und die
drei großen Auswanderungen: Die gotische, angelsächsische und die norman-
nische können als gemein nordische betrachtet werden, obsdion sie Bruder-
teile von dem Reiche gewesen sind, das der Ausgangspunkt war. Da wir nun
wissen, daß Dänemark der [Ausgangspunkt] der Angelsachsen, Norwegen der
der Normannen war, ist nicht der geringste Grund vorhanden, daran zu
zweifeln, daß Schweden der der Goten w a r . "
166 Kossinna und der Skandinavientopos des 19. und 20. Jahrhunderts

Norden bei P. A. Münch, dem großen norwegischen, und bei E. G. Geijer,


dem bedeutenden schwedischen Historiker des frühen 19. Jahrhunderts,
und bei minder bedeutenden Geistern.
Im gleichen Umfange, in dem Kossinna sich für diese ihm neuen An-
sichten zu erwärmen begann, wuchsen seine Vorbehalte gegenüber Müllen-
hoff. Im Jahre 1884 hatte er ihm einen verehrungsvollen Nachruf gewid-
met. Seine Rezension des zweiten Bandes von K. Müllenhoffs Deutscher
Altertumskunde zeigt ihn noch im Banne des Lehrers. Demgegenüber ist
seine Besprechung des vierten Bandes oberflächlich, unsorgfältig und will-
kürlich 107 . Der Wandel seiner wissenschaftlichen Auffassungen führte also
zu einer fortgesetzt vergrößerten persönlichen Distanz.
Die Hintergründe seiner eigenen neuen Stellung sind von Kossinna
selbst wahrscheinlich nie richtig erkannt worden. Er stand fest in seiner
Zeit, w a r fortschrittsgläubig und versteifte sich — oft wegen der Form
und des Inhalts seiner Äußerungen scharf angegriffen — in seinen A u f -
fassungen, anstatt sie zu überprüfen. Trotz des Unbewußten seines wissen-
schaftlichen Handelns vollzog sich dies vor einem geistesgeschichtlidien
Hintergrund, der sich bei näherem Hinsehen durchaus durchschauen läßt
(vgl. unten S. 182 ff.).
Kossinnas Aufsatz über die ethnologische Stellung der Ostgermanen
mußte wegen der A r t seiner Darstellungsweise geradezu paradoxe Folgen
haben. Im Bereich der Germanistik konnten seine namenkundlichen De-
duktionen zur Herkunft der Ostgermanen wegen ihrer Oberflächlichkeit
107 y g i Q Kossinna, Karl Möllenhoff, in: Beitr. z. Kunde d. indogerm. Sprachen
9 (1885) 135—150; ders., Besprechung v. K. Möllenhoff, Deutsche Altertums-
kunde 2 (1887), in: Anzeiger f. dt. Alterthum u. dt. Litteratur 16 (1890) 1
bis 60; ders., Rezension v. K. Möllenhoff, Deutsche Altertumskunde 4 , 1
(1899), in: Literarisches Centralblatt f. Deutschland 51 (1900) 731—735.
Beachtenswert folgende Sätze Kossinnas (Sp. 734): „Wie eine kritisch genaue
Abwägung und historisch unbefangene Anschauung die germanische Ethno-
genie aufzufassen hat, welche Stellung den Ostgermanen in Wahrheit zu-
kommt, wie die Entstehung des Namens Germanen und des Tacitus Bericht,
den M.[üllenhoff] geradezu gewaltsam mißversteht, am natürlichsten zu neh-
men ist, das alles ist gegen M. im Laufe der letzten Jahre in mehreren be-
kannten Abhandlungen von Kossinna ausführlich entwickelt worden. Immer-
hin sind das Fortschritte der Wissenschaft, die erst nach M.s Tode erwachsen
sind, die also nur der Hrsgbr., anmerkungsweise berühren konnte, aber auch
hätte berühren müssen, wollte er nicht die nach Erweiterung des Gesichts-
kreises strebenden Vertreter der Nachbarwissenschaften und die lernbegieri-
gen Anfänger schweren Täuschungen entgegen führen" . . . Sp. 735: „Seit sei-
nem Weggange von Kiel, wo er das vorgeschichtliche Museum verwaltete, hat
sich M. in bewußter Weise von der Archäologie dauernd abgewendet . . .
Dadurch werden solche einseitigen . . . Constructionen erklärlich, nunmehr
aber wohl nicht so leicht möglich sein, seit Kossinna die germanische Alter-
tumskunde wieder voll auf den Boden der Archäologie gestellt hat, . .
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 167

keinen Eindruck machen; dort mußten aber die scheinbar sorgfältige und
zurückhaltende Darstellung und Auswertung der archäologischen Befunde
imponieren. Für den Archäologen hingegen konnte die Auswertung der
Bodenurkunden in der Form, wie er sie 1897 vornahm, auf die Dauer
kaum befriedigen. Was Kossinna von der Herkunft so vieler germanischer
Stämme aus Skandinavien schrieb, das machte jedoch großen Eindruck,
denn er war doch immerhin Germanist und als solcher für die Beurteilung
sprachlicher Fakten kompetent.
Die unmittelbare Wirkung des Aufsatzes scheint aber noch nicht sehr
groß gewesen zu sein. Immerhin brachte das Jahr 1899 bereits zwei grö-
ßere Veröffentlichungen, die auf einzelne seiner Gedanken eingingen.
O. Bremer, der Kossinna mehrfach zitierte108, benutzte freilich den archäo-
logischen Teil seiner Schrift nicht. Im Gegenteil, er betonte, daß „aus der
prähistorischen Archäologie . . . für die Bestimmung der Nationalität gar
nichts sicheres zu gewinnen" sei. Es sei „nicht entfernt daran zu denken,
daß sich auf Grund der geographischen Verbreitung der gefundenen
Sachen auf der Karte ethnographische Linien ziehen ließen" 10 '. „Dem
neuesten Versuch G. Kossinnas, . . . , auf Grund der Funde die ältesten
Wohnsitze der Germanen zu bestimmen, stehe ich durchaus ablehnend
gegenüber"110. Nur wo archäologische, historische und linguistische Zeug-
nisse übereinstimmten, seien sie ethnographisch verwertbar. In diesem
Sinne hielt er — allerdings mit Einschränkungen 111 — die Angaben skan-
dinavischer Archäologen für brauchbar, die den Nachweis zu führen ge-
sucht hatten, daß Schweden und Norwegen von Dänemark aus besiedelt
worden seien112. Man kann eine versteckte Polemik gegen Kossinna sehen,
wenn er philologische Details aus dessen Aufsatz über die ethnographische
Stellung der Ostgermanen diskutierte, ohne seine Wanderungsthesen auch
nur zu erwähnen.
Im gleichen Jahre wie Bremer setzte sich auch R. Loewe in begrenz-
tem Umfange mit Kossinnas neuen Thesen auseinander113. Bezeichnend ist

108
O. Bremer, Ethnographie d. germ. Stämme (1899, 2 1904) 5. 79. 103. 111 u.
122 f. nannte philologisdie Details aus seinen Arbeiten, erwähnte S. 85 Kos-
sinna lediglich als Zeugen dafür, daß sidi die breves gladii der Ostgermanen
(Tacitus Germ. 43) in skandinavischen Gräbern fänden.
109
O.Bremer, a. a. O. 17.
110
O. Bremer, a. a. O. 36 Anm.
111
O. Bremer, a. a. O. 51 Anm. 3 wandte sich gegen die Meinung der Archäolo-
gen, Skandinavien sei schon um 3000 v. Chr. besiedelt worden, und rechnete
damit, daß die Steinzeit bis ins 2. Jh. v. Chr. Geb. gereicht habe.
111
Vgl. die von O. Bremer, a. a. O. 51 f. zitierte Literatur.
115
R. Loewe, Die ethnische u. sprachl. Gliederung d. Germ., 16. Festschr. d.
Gesellschaft f. dt. Philologie (1899).
168 Kossinna und der Skandinavientopos des 19. und 20. Jahrhunderts

sein Urteil: Kossinna hat „die Herkunft der Ostgermanen aus Skandina-
vien und damit die Berechtigung der Zweiteilung der Germanen, . . . , er-
wiesen. Er ist dabei fast lediglich von ethnologischen, namentlich archäo-
logischen Momenten ausgegangen, hat dagegen die sprachliche Seite der
Frage nur kurz, . . . , gestreift und überhaupt sehr unterschätzt" 114 . Be-
zeichnend ist ebenso, daß Loewe — wenn auch sehr selten — die archäolo-
gischen Argumente Kossinnas übernahm, natürlich ungeprüft. „Da sich die
Wohnsitze der Germanen erst in der jüngsten Bronzezeit (600—300v. Chr.)
östlich über die Weichsel ausdehnen, so können auch erst frühestens wäh-
rend dieser Zeit die Goten in jene Gegenden gekommen sein", meinte er
beispielsweise115. Zu einer Auseinandersetzung mit Kossinnas gesamtem
Vorgehen kam es noch nicht; es blieb im wesentlichen bei einer — im gro-
ßen Ganzen wohlmeinenden — Polemik gegen seine philologischen Argu-
mente.
Seit seinen im Jahre 1895 gehaltenen Vorträgen und dem Aufsatz
des Jahres 1897 war die Problematik des Zusammenhanges zwischen
Skandinavien und den „Ostgermanen" für Kossinna in den Grundzügen
gelöst, obwohl er 1897 noch geschrieben hatte: „Wie sich die vorchrist-
lichen Völkerverschiebungen hier im einzelnen gestalten, muß sich durch
eingehendere Spezialstudien in Zukunft ermitteln lassen, . . ." l l e . Sein
nächster größerer Beitrag zur Geschichte der „Ostgermanen" — 1905 ver-
öffentlicht117 — macht das deutlich. Wo er auf den sprachgeschichtlichen
Hintergrund zu sprechen kam, blieb er bei Behauptungen, von denen man
1897 noch erwarten konnte, er würde sie in den nächsten Jahren gründlich
erörtern. Nun behandelte er sie wie Fakten, die keinen ernsthaften Wider-
spruch mehr duldeten. „Befremdend hat auf mich gewirkt, daß Schweden,
ein Land, das seit der Ubersiedlung der Ostgermanen ins Weichselgebiet,
namentlich aber seit dem Erscheinen der Burgunden und dann der Goten,
. . ., durch ethnologische wie kulturelle Beziehungen an Ostdeutschland
geknüpft erscheint, die ostdeutsche Eigentümlichkeit der verzierten Lan-
zenspitzen nicht übernommen haben sollte"118, meinte er zunächst. Aber
er konnte dann solche Lanzenspitzen sofort nachweisen.
Obwohl alles geklärt zu sein schien, setzte Kossinna in diesem Auf-
satz aber doch noch einmal zu einer Erläuterung seiner Ansichten an. „Der
Begriff des ,Ostgermanischen', . . . , wurde bekanntlich von Müllenhoff

114
R. Loewe, a. a. O. 1.
115
R. Loewe, a. a. O. 18 ähnlich auch 44.
116
G. Kossinna, Indogerm. Forschungen 7 (1897) 280.
117
G. Kossinna, Über verzierte Eisenlanzenspitzen als Kennzeichen d. Ostger-
manen, in: Zeitsdir. f. Ethnol. 37 (1905) 369—407.
118
G. Kossinna, a. a. O. 382 f.
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 169

. . . in einen ethnographischen umgewandelt"". Über Herkunft und An-


fänge der Ostgermanen herrschten trotzdem ganz willkürliche Meinun-
gen, bis ich vor zehn Jahren 120 auf Grundlage der Archäologie zeigen
konnte, daß mit dem Beginn der Kultur der sogen, pomerellischen Ge-
sichtsurnen eine erste tiefe Kluft innerhalb der wirklich germanischen
Kultur Norddeutschlands sidi auftut, die nun in eine westgermanische
und ostgermanische zerfällt, . . . Es war ursprünglich meine Absidit, die
Archäologie der Ostgermanen hier ausführlicher zu behandeln 1 2 1 ... Allein
es stellte sich heraus, daß ich mit dieser . . . Erweiterung . . . den Rahmen
dieser kürzeren Mitteilung völlig sprengen würde. Ich stelle also die Frage
der Ostgermanen für eine Sonderschrift beiseite und gebe jetzt nur einige
Andeutungen" 182 . Aber bei diesem Ansatz blieb es, das eigentliche Thema
wurde zurückgestellt. In seinen „Andeutungen" wiederholte er die Thesen
der Jahre 1895—1897: „Die Ostgermanen entstanden etwa um 700 oder
750 v. Chr. . . . durch Übersiedelung von skandinavischen Scharen, die
sich als herrschender Stamm über eine westgermanische Grundbevölkerung
lagerten . . . Ich habe schon früher bemerkt, daß die Weichselmündung,
nachdem sie einmal in germanische Hände gekommen war123, sich nunmehr
zum Emporium im Verkehr mit Skandinavien aufschwang . . . Die nor-
dischen Handelsleute setzten sich nun dort fest und machten sich nach und
nach das Weichseltal und das Gebiet westlich der Weichsel Untertan . . .
Im Norden dieses Gebiets verschmolzen sie mit ihren westgermanischen
Vorgängern zu einem neuen Volke, das wir . . . als Wandilier zu bezeich-
nen pflegen. Dieser Grundstock der Ostgermanen sind die Leute der pome-
rellischen Steinkistengräber mit Gesichtsurnen oder später mit einfachen
Urnen". Kossinna ließ einen Exkurs über die südlich anschließende nicht-
germanische Kultur, dann einen solchen über die Westgermanen, schließlich
einen über die keltische Latenekultur folgen und setzte fort: „Wir kom-
men nun zur Kaiserzeit und damit zu dem springenden Punkte. Zunächst
ist noch nachzuholen, daß im Beginn der jüngsten Lateneperiode, also um
150 bis 100 v. Chr. neue Zuwanderungen über die Ostsee, bei denen die
burgundische Bevölkerung aus Bornholm Führung und Herrschaft gewann,

119
Kossinna meinte: K. Müllenhoff, Über Tuisco u. seine Nachkommen. Ein Bei-
trag z. Gesch. d. altdt. Religion, in: Sdimidt's Allgem. Zeitsdir. f. Gesch. 8
(1847) 209—269.
120
Gemeint ist sein Vortrag in Kassel 1895; vgl. Anm. 4.
121
Hier schob Kossinna als Anmerkung ein, er habe sich schon in seinem Vor-
trage in Breslau im Januar 1902 über die Archäologie der Ostgermanen ein-
gehender geäußert, das Vortragsreferat in: Globus 81 (1902) 93 f. biete dar-
über „jedoch so gut wie nichts".
122
G. Kossinna, Zeitsdir. f. Ethnol. 37 (1905) 386 f.
123
G. Kossinna, Die indogerm. Frage archäologisch beantwortet, in: Zeitsdir. f.
Ethnol. 34 (1902) 216.
170 Kossinna und der Skandinavientopos des 19. und 20. Jahrhunderts

demgemäß auch dieser zweiten Gruppe . . . den Namen gab, nach Hinter-
pommern und Westpreußen gelangten . . . Kennzeichen hierfür sind die
Begräbnisse in Form der sog. reinen Brandgruben . . . Eine dritte Gruppe
der Ostgermanen wird durch die kurz vor Chr. Geburt eröffnete Über-
siedlung der Goten aus Gotland nach der Weichselmündung begründet.
Auf Gotland und anscheinend in ganz Schweden überhaupt herrscht in
dieser Zeit die Skelettbestattung durchaus vor . . . Die gotländische Ske-
lettbestattung [wird] durch die Goten nadi Nordostdeutschland ge-
bracht" 124 . Er meinte allerdings, nicht immer sei die Vorbevölkerung voll-
ständig verdrängt und manchmal sei die durch die Einwanderung impor-
tierte Grabsitte „durch Übertragung auf die nächstverwandten Nach-
barn"" 5 ausgebreitet worden.
Kossinnas Argumente für die Einwanderung waren einfach, und sie
mögen dem Germanisten einleuchtend erschienen sein. Das Aufkommen
neuer Bestattungssitten — Steinkistengräber der Gesichtsurnenkultur,
Brandgrubengräber der Spatlaténezeit und Körpergräber kurz vor Christi
Geburt —, das waren tiefgreifende Änderungen der Kultur, die es wohl
rechtfertigten, Einwanderungen anzunehmen. Daß solche Begräbnissitten
auch durch Kulturübertragung weiterverbreitet werden konnten, war
verständlich, und daß Kossinna nicht einseitig nur von Wanderungen
sprach, betonte wiederum ebenso die Sorgfalt seiner Überlegungen wie die
Annahme von Restbevölkerungen, die mit den Neuankömmlingen ver-
schmolzen. Der Leser, der die archäologischen Fakten nicht kannte, konnte
allerdings nicht erkennen, daß er die Vermischung mit Restbevölkerungen
w i l l k ü r l i c h annahm und daß er ebenso s e l b s t h e r r l i c h ent-
schied, wo die neuen Bestattungssitten eine Einwanderung und wo sie eine
Kulturübertragung anzeigten.

Kossinnas Darstellung erschien auch deswegen überzeugend, weil er


anscheinend Ost- und Westgermanen mit archäologischen Mitteln trennen
konnte. Verzierte Lanzenspitzen waren ostgermanisch (wegen der Ver-
wandtschaft von Nord- und Ostgermanen auch nordgermanisch). Das-
selbe mußte für bestimmte Gürtelhakenformen 12 ' gelten. „West- und
ostgermanische Mäanderurnen" seien „ganz vortreffliche, untrügliche
ethnologische Kennzeichen"127. Ost- und westgermanische Fibeln seien zu
unterscheiden128. Auf solche Weise schien Kossinna nicht nur in der Zeit
um Christi Geburt West- und Ostgermanen trennen zu können. „Genaue-

124 G. Kossinna, Zeitschr. f. Ethnol. 37 (1905) 391 f.


125 G. Kossinna, a. a. O. 391.
121 G. Kossinna, a. a. O. 390.
127 G. Kossinna, a. a. O. 393.
128 G. Kossinna, a. a. O. 393 f.
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 171

res wissen wir [auch] über die spätere Zeit"12*. Im übrigen vertröstete er
nochmals auf eine spätere erschöpfende Bearbeitung: „Diese Andeutungen
zur Beleuchtung der Frage nach dem Verhältnis von Ost- und Westgerma-
nen mögen vorläufig genügen, bis ich Muße finde, das von meiner ost-
deutschen Museumsreise des Jahres 1899 eingebrachte Studienmaterial aus-
führlich vorzulegen" 130 .
Die Gelegenheit dazu wäre im Jahre 1 9 1 1 gekommen gewesen, als
Kossinna sein erstes größeres Budi veröffentlichte 131 . Doch dies enthielt
nur eine Zusammenfassung bisheriger Ansichten, mit allerhand polemischen
Ausfällen. Audi ein zweites, annähernd gleichzeitig erschienenes Buch"8
brachte das versprochene Material nicht, und eine 1925 erschienene „Ost-
germanenkarte" ergab nichts Neues13'. Kossinna hat die versprochene
ausführliche Vorlage des Materials als Beweis für die Einwanderung der
Ostgermanen aus Skandinavien niemals geliefert.

128 G. Kossinna, a. a. O. 403.


130 G. Kossinna, a. a. O. 407.
131 G. Kossinna, Die Herkunft d. Germanen. Zur Methode d. Siedlungsarchäo-
logie (1911, l 1920) 21: „So klar für die Ostgermanen verhältnismäßig spät,
erst zu Beginn der Eisenzeit, ein erster Kulturanbruch und eine Besiedlungs-
urzelle an der Weichselmündung erkennbar ist, — woher allein schon mit
Notwendigkeit ein überseeisdier Ursprung dieser Stämme erschlossen werden
muß, und zwar von Südskandinavien her —, ebenso klar läßt sich ein ge-
genteiliges Verhalten . . . in Norddeutschland feststellen". Uber die späteren
Vorgänge sagte er nichts.
132 G. Kossinna, Die dt. Vorgesdi., eine hervorragend nationale Wissenschaft
(1912, 2 1914, 3 1921, 4 1925, «1933, «1934, '1936). 2. Auflage in „Text und Ab-
bildungen" stark vermehrt, doch die „längeren gelehrten Anmerkungen . . .
in einen kurzen Anhang verwiesen". — 3. Auflage „Abklatsch der 2. Auf-
lage", mit „durchgängiger Nachbesserung des Textes". — 4. Auflage „Ab-
klatsch der früheren Ausgabe". — 5.—7. Auflage nach dem Tode Kossinnas
erschienen.
133 G. Kossinna, Zu meiner Ostgermanenkarte, in: Mannus 16 (1924) 160—175.
— Kurz vor seinem Tode im Jahre 1931 schrieb Kossinna, Mannus 21 (1929)
233 f. rückblickend: „ . . . als ich durch eindringende Forschungen archäolo-
gischer Art über die Zusammensetzung und Schichtung der vorgeschichtlichen
Bevölkerung Deutschlands immer mehr zu der Uberzeugung gekommen war,
daß in fast allen vorgeschichtlichen Perioden ein andauerndes Zuströmen
nordischer Bevölkerung nach Norddeutschland zu erkennen sei, besonders
stark aber in den Jahrhunderten der Entstehung der Ostgermanen, . . . Diese
Ansicht der nordischen Herkunft der Ostgermanen vertrat ich zuerst öffent-
lich im Jahre 1895 in dem sehr gedrängten Kasseler V o r t r a g . . . , dessen
Grundlage eine bis heute noch von mir aufbewahrte Manuskriptabhandlung
bildete, die mindestens viermal so umfangreich ist als der knappe Auszug, den
ich davon veröffentlichte. Ein besonderer Teil dieser Manuskriptabhandlung
wurde dann 1896 unter dem Titel ,Die ethnologische Stellung der Ostger-
manen' veröffentlicht, . . . "
172 Kossinna und der Skandinavientopos des 19. und 20. Jahrhunderts

Es ist übrigens wahrscheinlich, daß er die Absicht, sich ausführlicher


mit dem „ostgermanischen" Material zu befassen, schon vor dem Jahre
1906 aufgegeben hatte, sollte er sie überhaupt jemals ernsthaft gehegt
haben. Im Sommer jenes Jahres machte sein Schüler E. Blume nämlich eine
erste Museumsreise, um Material für eine Dissertation über die kaiserzeit-
liche Kultur zwischen Oder und Passarge zu sammeln; das Thema seiner
Dissertation lag sicher schon vorher fest 1 * 4 . Wenige Jahre später erhielt
J . Kostrzewski die Bearbeitung des zeitlich vorangehenden Materials als
Doktorarbeit 1 3 5 . Schließlich vergab Kossinna auch noch den übrig geblie-
benen Materialteil — die Gesichtsurnenkultur — an E. Petersen als Dis-
sertation 13 *.
Ehe diese Arbeiten, die sich im übrigen, was die Deutung der Stam-
mesnamen und des archäologischen Befundes anbelangt, weitgehend an
das anschlössen, was Kossinna zwischen 1895 und 1905 festgelegt hatte
— nur Petersen wich von diesem Schema ab und gab die Annahme, die
Bevölkerung der Gesichtsurnenkultur sei aus Skandinavien eingewandert,
ganz auf (vgl. unten S. 1 7 9 ) — , recht zur Wirkung kommen konnten, waren
Kossinnas Grundthesen längst innerhalb der germanischen Altertums-
kunde und auch in der Geschichtsforschung von Gelehrten übernommen
worden, deren Schriften in ihrem Fachgebiet beträchtliches galten, Rud.
Much, Fr. Kauffmann und Ludwig Schmidt, später Fr. Maurer, E. Schwarz,
H . Moser.
Bei Much vollzog sich — für einen größeren Kreis von Lesern sicht-
bar — die entscheidende Wendung mit der zweiten Auflage seiner Deut-
schen Stammeskunde 137 , worin er zwar Kossinna nicht nannte, doch die
ältesten germanischen Stammessitze und Kulturverhältnisse sichtlich nach
diesem schilderte 138 und eine Reihe germanischer Stämme angeblich skan-
dinavischer Provenienz aufzählte, wobei er im wesentlichen Kossinnas
Ansicht folgte 139 . In der nachfolgenden Auflage änderte Much diese
134 E . Blume, Die germ. Stämme u. d. Kulturen zw. Oder u. Passarge z. röm.
Kaiserzeit 1 u. 2 (1912 u. 1915).
135 J. Kostrzewski, Die ostgerm. Kultur d. Spätlatenezeit 1 u. 2 (1919).
m E. Petersen, Die frühgerm. Kultur i. Ostdeutschland u. Polen (1929). — Die
Arbeit entstand großenteils nach Kossinnas Emeritierung und wurde von
M. Ebert betreut.
137 Rud. Much, Deutsche Stammeskunde ( 2 1905).
138 Rud. Much, a . a . O . 23 ff. 2 7 : „Vielleicht sind durch Vorstöße von Norden
her am Südufer der O s t s e e . . . scharfe Volks- und Sprachgrenzen geschaffen
worden. Auch innerhalb bereits germanischen Volksgebietes können Nach-
schübe aus Norden die Erhaltung einer einheitlichen Sprache begünstigt
haben". Vgl. dazu Anm. 140.
139 Rud. Much, a. a. O. 27 f. (Goten, Greutungen, Haruden, Rugier, Xci/.oi, Bur-
gunder, Variner, Ombronen, Wandalen). In Einzelfällen behielt Much seine
eigene, abweichende Meinung bei.
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 173

Liste' 40 , nannte nunmehr jedoch Kossinna namentlich141 und nahm andere


Anregungen von ihm auf.
Bedeutsamer für die weitere Entwicklung der germanischen Alter-
tumskunde und für die Verbreitung von Kossinnas Gedankengut wurden
die Beiträge Muchs zu J. Hoops' Reallexikon der germanischen Altertums-
kunde 142 . Anpassung an dessen Vorstellungen ist nachweisbar bei Muchs
Stichworten „Wandalen" 143 , „Burgunden" 144 , „Lemovier" 145 , „Goten" 1 4 '

140 Rud. Much, Deutsche Stammeskunde ( 3 1 9 2 0 ) 23 ff. (Goten, Burgunden Wan-


derung nach Süden; Rugier u. Haruden Wanderung von Süden nach Norden).
An Stelle des Anm. 138 zitierten Satzes steht übrigens nun S. 23 f . : „ D a ß
Einwanderungen aus Skandinavien nach dem östlichen Deutschland in aus-
gedehntem Maße in Betracht kommen, läßt sich archäologisch nachweisen".
141 Rud. Mudi, a. a. O . 6 zitierte u. a. als Literatur G . Kossinna, D i e Herkunft
d. Germanen (1911) und stellte fest: „Die Schrift gewährt einen Überblick
über die vorgeschichtliche Ausbreitung und Gliederung der Germanen, wie
sie sich ihrem Verf. aus den Funden zu erkennen gibt". An gleicher Stelle
sagte er über O . Bremer, Ethnographie d. germ. Stämme (1899, 2 1 9 0 4 ) : „Völ-
lig laienhaft ist sie in der Beurteilung des archäologischen Materials". In der
zweiten Auflage steht über Bremer: „Es ist dies die einzige neuere, den gan-
zen Stoff systematisch behandelnde Arbeit, die aber der Verf. [Much] . . . in
vieler Beziehung — so, was die Beurteilung des archäologischen Materials
betrifft — als verfehlt betrachtet".
142 J . Hoops, Reallexikon d. germ. Altertumskunde 1 — 4 ( 1 9 1 1 — 1 9 ) .
143 Rud. Much, Stichwort „Wandalen", i n : J . Hoops, Reallexikon 4 ( 1 9 1 8 — 1 9 )
479 nannte Vendsyssel als Teilheimat der Wandalen. — Kossinnas Ansicht
über die Herkunft der Wandalen machte eine Metamorphose durch. Indo-
germ. Forschungen 7 (1897) 281 stellte er lapidar fest: „ . . . den Wandalen in
Schlesien [stehen] Wendle in Vendsyssel an der Nordspitze Jütlands gegen-
über". — Mannus 11/12 (1920) 408 setzte er die Wendlas nicht mehr mit
den Wandalen in Verbindung, sondern mit dem uppländischen Vendil. Zu-
gleich sprach er von aus Schlesien nadi Vendsyssel ausgewanderten Wanda-
len. — Mannus 21 (1929) 233 erklärte er, nach eindringlichen Forschungen
archäologischer Art sei er einst zur Überzeugung gekommen, „daß in fast
allen vorgeschichtlichen Perioden ein andauerndes Zuströmen nordischer
Bevölkerung nadi Norddeutschland zu erkennen sei" und da wagte er „es
auszusprechen, daß das Verhältnis der Leute von Vendsyssel zu den schle-
sischen Wandalen nicht so zu denken sei, daß etwa die Vendilenses ein in
der Heimat zurückgebliebener Rest eines Stammes gewesen seien . . . sondern,
daß beide Stammesteile auf einen gemeinsamen in Skandinavien gelegenen
Ausgangspunkt hinwiesen". — Die dt. Vorgesch., eine hervorragend natio-
nale Wissenschaft ( e 1934) 142 heißt es aber anders: „Nun kann j a eine solche
Zuwanderung, wie sie zu der Bildung der wandilischen Ostgermanen not-
wendig war, kaum von einem einzigen Gebiete ausgegangen sein, sondern
muß wohl von mehreren mehr oder minder benachbarten und verwandten
Stämmen vollzogen worden sein". E i n Aufschluß sei schwer zu erlangen,
„zumal es Jahrhunderte gedauert hat, bis diese Einwanderung sich vollzog
und eine andauernde enge Verschmelzung mit der Kultur der Grundbevöl-
kerung stattfand", d. h. also, v e r s c h i e d e n e Stämme lieferten die Ein-
174 Kossinna und der Skandinavientopos des 19. und 20. Jahrhunderts

und „Kimbern" 1 4 ', also bei einem beträchtlichen Teil der germanischen
Hauptstämme. In anderen Fällen hat Mudi sich allerdings unabhängig
gehalten, so bei den Stichworten „Bastarnen", „Teutonen" und „Rugier".
Einen Zusammenhang zwischen Seeland und den 2IAÎYY<*I> wie Kossinna
ihn angenommen hatte, lehnte er ausdrücklich ab 148 . Gewisse Spuren Kos-
sinnas finden sich auch in Muchs Bild von der Entstehung und frühen Aus-
breitung der Germanen, doch w a r ihm durchaus bewußt, daß dessen „Auf-
stellungen vielfach eingehenderer Begründung" bedürften 14 '.
Schon bei Much ist sichtbar, wie Kossinnas Lehrmeinung vom skan-
dinavischen Norden als Heimat germanischer Stämme produktiv wurde,
d. h. wie sich nach seinem Vorbild Vorstellungen ähnlicher A r t bildeten.
wanderer; von wandernden Wandalen ist keine Rede. Zeitsdir. f. Ethno-
logie 37 (1905) 387 ff. sprach Kossinna von skandinavischen Scharen, die
sich das Gebiet Untertan machten und mit der einheimisch westgermanischen
Grundbevölkerung verschmolzen. Zwischen 750 und 700 v. Chr. seien sie
gekommen. — Angesichts dieses Wandels in Kossinnas Ansichten ist es schwer,
den Gedankenzusammenhang zwischen ihm und Much zu präzisieren. Fest
steht nur, daß ein solcher besteht.
144 Rud. Much, Stichwort „Burgunden", in: J . Hoops, Reallexikon 1 (1911—13)
357 ff. nannte Kossinna als Gewährsmann für die Herkunft der Burgunden
aus Bornholm und gab seinen eigenen Vergleich von kelt. Brigantes und *Bur-
gundes auf.
145 Rud. Much, Stichwort „Lemovii", in: J . Hoops, Reallexikon 3 (1915—16)
151 zitierte Kossinna ohne Kommentar, hielt seine Auffassung also für dis-
kutabel.
148 Rud. Much, Stichwort „Goten", in: J . Hoops, Reallexikon 2 (1913—15)
304 ff. 305 erwähnte Kossinna und übernahm seine These von der Herkunft
der Goten aus Gotland (nach G. Kossinna, Zeitschr. d. Vereins f. Volks-
kunde 6 [1896] 10), die von Kossinna später verändert wurde, so in: Das
Weidiselland (1919) 19 f.: „Der führende Stamm der Goten kam wahrschein-
lich von der Insel Gotland, doch werden wohl auch festländische Schweden-
stämme, insonderheit die Ost- und Westgauten im heutigen Götaland sich
ihnen angeschlossen haben." Dieselbe Meinung findet sich noch bei G. Kos-
sinna, Die dt. Vorgeschichte ( 2 1914) 143 ff., wo er sich zugleich 145 Anm. 1
gegen Auffassungen wendet, die O. Almgren, Mannus 5 (1913) 150 f. und
Mannus 8 (1916) 290 ff. geäußert hatte. Unter dem Einfluß von B. Nerman,
Die Herkunft u. d. frühesten Auswanderungen d. Germanen (1924) 52 än-
derte er dann seine Ansicht vollkommen. G. Kossinna, Die dt. Vorgeschichte
( 4 1925) 145 Anm. 1 lautet nun: „Diese Siedlungsänderungen zeigen sich nur
im Götalande . . . Audi die Ubereinstimmung der Begräbnisarten erweist
nur Götaland, nicht auch Gotland, als Gotenheimat."
147 Rud. Much, Stichwort „Kimbern", in: J . Hoops, Reallexikon 3 (1915—16)
42 ff. nannte Kossinna.
149 Rud. Much, Stichwort „Silingen", in: J . Hoops, Reallexikon 4 (1918—19)
180 f.: „Unwahrscheinlich ist die von Kossinna . . . vermutete Beziehung zu
Silund...".
149 Rud. Much, Stichwort „Germanen", in: J . Hoops, Reallexikon 2 (1913—15)
174 ff. bes. 177 f.
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 175

Kossinna hatte sich nie für skandinavische Herkunft der Langobarden


ausgesprochen. Much sah 1905 in diesen einen Stamm, dessen Zugehörig-
keit zu den Sueben nicht „mit voller Bestimmtheit behauptet werden"
könne. Er suchte ihre Stammsitze jedoch noch an der Elbe154. Etwa zehn
Jahre später betonte er jedoch, in ihren Rechtsgewohnheiten habe man
nordgermanische Beziehungen finden wollen, was um so mehr ins Gewicht
falle, als das Volk sich in seiner Wandersage selbst aus dem skandina-
vischen Norden herleite. „Noch manches andere" scheine „für dessen nor-
dische Herkunft zu sprechen""1. Weitere fünf Jahre später wiederholte
er im wesentlichen dasselbe151, später erläuterte er es gelegentlich noch
ausführlicher155 und schließlich ging die Ansicht auch in seinen Tacitus-
Kommentar ein154.
Der Glaube an eine nordische, d. h. skandinavisch-dänische Herkunft
der Ostgermanen ist bei Much auch sonst noch vereinzelt produktiv. Die
"OußQtovsg des Ptolemaios Geogr. I I I 5,8 hatte er zwar 1892 als Ablaut-
form neben die Ymbre im Widsith-Lied 32 und neben Amrum — älter
Ambrum — gesetzt, doch nicht direkt mit den "Außpcoveg in Strabo
Geogr. IV 183 zusammengestellt, deren Namen er allerdings ebenfalls mit
Ymbre und Amrum verglich155. Zwanzig Jahre später meinte er, die
"0(xßpcovE5 seien wahrscheinlich ein „Zweig der jütländischen Ambro-
nen"15«.
Durch das Wirken Kossinnas entstand nicht nur in der vorgeschicht-
lichen Archäologie, sondern auch in der germanischen Altertumskunde
eine Lehrmeinung, in der die Herkunft der Germanen und einzelner ger-
manischer Stämme, insbesondere der „Ostgermanen" aus dem Norden in
wechselndem, aber wachsendem Umfange eine Rolle spielte. Es waren zu-
nächst wenige, aber in bestimmter Hinsicht bedeutende Gelehrte, die sich
nach Kossinna orientierten; in deren Gefolge wurden dann aber viele
andere in gleicherweise beeinflußt. Alle vertrauten den wirkungsvoll vor-
getragenen archäologischen Argumenten, hielten die Methoden der Archäo-
logie, wie sie Kossinna anwandte, für überzeugend und wichen nur in
Einzelheiten von ihm ab.
150 Rud. Much, Deutsche Stammeskunde ( 2 1 9 0 5 ) 117 ff.
151 Rud. Much, Stichwort „Langobarden", in: J. Hoops, Reallexikon 3 (1915
bis 16) 123 ff.
152 Rud. Much, Deutsche Stammeskunde ( 3 1 9 2 0 ) 113 ff.
153 Rud. Much, Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte, in: Germani-
stische Forschungen. Festsdir. anläßl. d. 60-semestrigen Stiftungsfestes d.
Wiener Akadem. Germanisten Vereins (1925) 7 ff. bes. 62 ff.
154 Rud. Much, Die Germania d. Tacitus (1937, «1959) 344 ff.; ( 3 1967) 441 ff.
155 Rud. Much, Deutsche Stammessitze (1892) 9 ("A|ißecoves). 43 f. ("Oußecoveq).
156 Rud. Much, Stichwort „Ambronen", in: J. Hoops, Reallexikon 1 (1911—131
76 f.
176 Kossinna und der Skandinavientopos des 19. und 20. Jahrhunderts

Unversehens wurde auf diese Weise die Auffassung in der vorge-


schichtlichen Archäologie und in der germanischen Altertumskunde von
der nordischen Heimat der Germanen und der skandinavischen Abstam-
mung vieler germanischer Stämme zu einer Art neuzeitlichem wissenschaft-
lichem Topos, zu einem modernen Skandinavien-Topos im Gegensatz
zum Scandza-Topos des frühen Mittelalters. Nach ihm begann sich die
gelehrte Welt in Deutsdiland, aber auch im benachbarten Ausland, zu
orientieren, ohne zu wissen, wie er zustande gekommen war und ohne auch
weiter danach zu fragen.
Der Skandinavien-Topos lebte in der A r c h ä o l o g i e im wesent-
lichen bis zum Ende des zweiten Weltkrieges, in der G e r m a n i s t i k
weit darüber hinaus. Zwischen den beiden Kriegen erschienen zahlreiche
Schriften rein archäologischen, altertumskundlichen oder auch philologi-
schen Inhalts, in denen sich der Skandinavien-Topos als wirksames Ge-
staltungsprinzip nachweisen läßt. Diese Schriften erbrachten vielerlei
wissenschaftliche „Fortschritte". Sie differenzierten naturgemäß das Bild
von der frühen Geschichte der Germanen. Sie klärten und begründeten es
jedoch nicht; sie haben es im Gegenteil verwirrt, besonders dort, wo Er-
gebnisse aus der germanischen Altertumskunde, die auf Gedanken Kos-
sinnas beruhten, in die vorgeschichtliche Archäologie rückübertragen und
dann weiterverwandt wurden.
In der Vor- und Frühgeschichtsforschung ist das von Kossinna be-
nutzte Verfahren zwar inzwischen als falsch erkannt worden, doch ist
in dieser Wissenschaft eigentlich noch immer nicht vollkommen klar,
w a r u m und in w e l c h e m U m f a n g e es fehlerhaft ist. Auf den
Gedanken, die methodologischen Voraussetzungen der sogen. „Methode
Kossinna" in ihrem vollen Umfang zu überprüfen, ist noch niemand ge-
kommen. Dabei hat es niemals an gelehrten Kritikern Kossinnas in seinem
eigenen Fach gefehlt157. Die Angriffe waren jedoch fast niemals gegen die
Methode selbst gerichtet — wenn es auch fast immer so gemeint war —,
sondern wandten sich in praxi gegen deren unkonsequente Anwendung
durch Kossinna oder durch seine Schüler und Freunde158. Allerdings er-
schien offenbar vielen Kritikern schon der Beweis für die Unbrauchbarkeit

157 Vgl K . H . Jacob-Friesen, Grundfragen d. Urgesdiiditsforschung (1928)


141 ff. 149. 151. 173. 179 f. 190 ff. 206 f.; P. Reinecke, Aus der russischen
archäologischen Literatur, in: Mainzer Zeitschr. 1 (1906) 4 7 ; H . Zeiss, Zur
ethnischen Deutung frühmittelalterlicher Funde, in: Germania 14 (1930) 11
bis 2 4 ; E . Wahle, Zur ethnischen Deutung frühgeschichtlicher Kulturprovin-
zen. Grenzen d. frühgeschichtlichen Erkenntnis 1., Sitzungsber. d. Heidelber-
ger Akademie d. Wissenschaften, phil.-hist. Klasse Jg. 1940—41, 2. Abh.
158 y g i R Hadimann, in: R. Hachmann, G. Kossack, H . Kuhn, Völker zw.
Germanen u. Kelten (1962) 16—28.
Zur Forsdiungsgesdiichte und zum Forsdiungsstand 177

der „Methode Kossinna" erbradit, wenn es ihnen gelungen war, bei Kos-
sinna oder anderen Inkonsequenzen nachzuweisen. Wo sich ausnahmsweise
einmal Angriffe direkt gegen die Methoden richteten, da waren die Argu-
mente dagegen meist nicht viel besser als die Kossinnas selbst. Die Vielzahl
der Schriften, die mittlerweile erschienen sind, hat längst den Weg, den die
Forschung seit Kossinna gegangen ist, vollends verunklart. Allzuoft kann-
ten die Kritiker nämlich ihre eigene wissenschaftliche Position nicht und
konnten nicht erkennen, was sie taten, wenn sie, ohne es zu wissen, mit
Kossinnas Argumenten gegen ihn zu Felde zogen. In einer gewissen Rat-
losigkeit hat sich ein Teil der Forschung resignierend schon seit längerer
Zeit aus dem gefährlichen Bereich der Auseinandersetzungen um das Pro-
blem der „ethnischen Deutung", wie es in der Vor- und Frühgeschichte
genannt wird, in den sichereren Bereich rein antiquarischer Untersuchun-
gen zurückgezogen.
Die Geschichte dieser Forschungsweise zu analysieren, wäre reizvoll,
und es würden Ergebnisse von beträchtlichem wissenschaftlichem Aktuali-
tätswert nicht ausbleiben. Hier kann es sich jedoch nur darum handeln,
das Schicksal des Skandinavien-Topos noch ein Stück weiter zu verfolgen,
zunächst in der Archäologie, dann in der germanischen Altertumskunde.
Kossina war von der Ansicht ausgegangen, daß die „Westgermanen"
sich im Gegensatz zu den „Ostgermanen" entwickelten. Er grenzte das
westgermanische Siedlungsgebiet für die Mitte des 2. Jahrtausends nach
Süden und Südwesten — grob gesagt — mit dem Mittelgebirgsland ab 15 '
und stellte fest: „Das von dieser Linie und der Meeresküste eingeschlossene
Landgebiet war in hohem Grade geeignet, einem eigenartigen, ge-
schlossenen und nur sich selbst gleichen Volke, wie die Germanen es noch
zu Tacitus Zeiten waren . . . als Wiege zu dienen". Es bestand seiner Auf-
fassung nach ein grundlegender Gegensatz zwischen West- und Ostgerma-
nen. Die einen waren in Nordwestdeutschland autochthon und waren aus
ihrer Heimat langsam und kontinuierlich peripher vorgerückt, bis sie die
Siedlungsräume erreichten, die sie noch zur Zeit des Tacitus inne hatten;
die anderen waren erst spät aus Skandinavien eingewandert, hatten sich
teilweise mit Westgermanen vermischt, waren durch neue Einwanderungs-
schübe vermehrt, aber auch verdrängt worden 1 ' 0 . Doch dann wurde der
Skandinavien-Topos auch im Westen wirksam.
Einer der ältesten Schüler Kossinnas, A. Plettke, entwickelte die
These, die Sachsen seien „über See" aus nördlicher Richtung, d. h. über die
Elbemündung eingewandert" 1 . G. Schwantes wollte den Nachweis er-

1S
» G. Kossinna, Herkunft d. Germanen (1911) 21 f.
160
G. Kossinna, a. a. O. 20.
161
A. Plettke, Ursprung u. Ausbreitung d. Angeln u. Sachsen (1920) 60.

12 H a d i m a n n , Goten und Skandinavien


178 Kossinna und der Skandinavientopos des 19. und 20. Jahrhunderts

bringen, die Langobarden seien in ihre Wohnsitze an der unteren Elbe


aus dem Norden, zwar nicht nachweislich aus Skandinavien, aber doch
wohl aus Ostholstein-Mecklenburg eingewandert 1 ". Ebenso meinte er
nachweisen zu können, daß die Sueben ursprünglich in Skandinavien
wohnten, und erst in der frühen Eisenzeit südlich der Ostsee ansässig ge-
worden waren 1 9 3 . Eine Abnahme der Fundmenge in Skandinavien gegen
Ende der Bronzezeit veranlaßte ihn ebenso zu dieser Annahme wie das
Auftreten der großen Friedhöfe der Jastorf-Kultur nach dem Ende der
ärmlichen und scheinbar kleineren Gräberfelder der Gruppe von Wessen-
stedt. Der Gedanke von der „Suebischen Landnahme" wurde später von
W. Wegewitz ebenso übernommen wie die von der Einwanderung der
Langobarden, die jedoch nunmehr nicht aus Norddeutschland, sondern
aus Südschweden erfolgt sein sollte" 4 .
Mit der These von der „Suebischen Landnahme" war es nun in der
Archäologie so weit, daß skandinavische Heimat für so gut wie alle ger-
manischen Stämme — ausgenommen die westlichsten — postuliert wurde.
Man fragt sich unwillkürlich, warum denn gerade die westlichen Germa-
nen, für die die Germanistik selbst stets gerne relativ späte Einwanderung
aus dem Raum rechts der Weser angenommen hatte 1 8 5 , nicht in dieses
„System" einbezogen wurden. Die Antwort auf diese Frage gibt — wie
in so vielen Fällen — die Forschungsgeschichte. Im westlichen Teil Deutsch-
lands war bis in die dreißiger Jahre hinein — außer R . Stampfuß — kein

168 G. Sdiwantes, Vorgeschichtliches z. Langobardenfrage, in: Nachrichtenblatt


f. Niedersadisens Vorgesdi. 2 (1921) 1—25; ders., Die Gruppen der Rip-
dorf-Stufe, in: Jahresschr. f. Mitteidt. Vorgesdi. 41/42 (1958) 382 f.: „Meine
Anschauungen von 1921, . . . , halte ich aufrecht; sie gelten jedoch, wie wir
erst seit kurzem wissen, nur für einen Teil des Bardengaus... [Einwande-
rung der Langobarden]. An der durchgreifenden Natur der Jastorf-Störung
ermessen wir die Ausmaße der ihr zugrunde liegenden Bewegung. Da sich
keine soziologischen und wirtschaftlichen Momente für den plötzlichen Ein-
tritt der Ereignisse anführen lassen, kann es sich nur um eine umfassende
Verschiebung der Wohnsitze gehandelt haben, . . ., eine möglicherweise sogar
tumultuarische Umsiedlungszeit, . .
165 G. Schwantes, Die suebische Landnahme, in: Forschungen u. Fortschritte 9

(1933) 197 f.; ders., Jahresschr. f. Mitteidt. Vorgesdi. 41/42 (1958) 384 f. an-
ders: „Ich vermute nun, daß nur Seedorf das Ergebnis der 'S webischen Land-
nahme' ist, Jastorf dagegen das heimische Element darstellt, in dessen nord-
deutsches Verbreitungsgebiet der skandinavische Zustrom sich e r g o ß . . . Tat-
sächlich läßt sich Jastorf einzig und allein an die jüngste Phase der Periode
VI der Bronzezeit (Tremsbüttel) typologisdi anschließen. Die Abhängigkeit
ist so groß, daß man Jastorf als nordische Bronzezeit in Eisen bezeichnen
könnte".
i«4 Wegewitz, Die Langobarden a. d. Niederelbe, in: H. Reinerth [Hrg.],
Vorgesdi. d. dt. Stämme 2 (1940) 749.
165 Vgl. O. Bremer, Ethnographie d. germ. Stämme (1899, 2 1904) 40. 52 f. 57.
Zur Forsdiungsgeschichte und zum Forschungsstand 179

Schüler Kossinnas tätig, der sich in dessen Sinne mit Fragen der germani-
schen Altertumskunde beschäftigte.
Keineswegs war es indes so, daß nun ein größerer Kreis von Gelehr-
ten in der vorgeschichtlichen Archäologie regelmäßig in gleichgerichteten
Bahnen dachte. Es gab Widersprüche unter den Schülern und Freunden
Kossinnas, und es kam auch gelegentlich Widerspruch gegen Kossinna selbst
auf. Schon Schwantes' „Suebische Landnahme" war im Grunde ein Wider-
spruch gegen Kossinnas Annahme einer Einwanderung der Gesichtsurnen-
kultur aus Skandinavien. Dieselbe angebliche Fundleere in Skandinavien,
die Kossinna die Einwanderung der Gesichtsurnenkultur fordern ließ, ließ
Schwantes die Einwanderung der Jastorfkultur und Kulturkontinuität im
Weichselgebiet annehmen. Kontinuität im Weichselland meinte schon
W. L a Baume im Jahre 1920 sehen zu können 1 ", und ihm schloß sich Kos-
sinnas Schüler E. Petersen an 167 . Es folgten noch andere Abweichungen von
Kossinna. Die konsequenteste war die seines Schülers J . Kostrzewski, der
noch in seiner Dissertation die Bewohner des östlichen Mitteleuropas für
Germanen gehalten hatte 1 ' 8 , aber dann — mit Ausnahme der Goten —
deren germanischen Charakter überhaupt zu leugnen begann 108 . Neu war
es auch, wenn D. Bohnsack für die Herkunft des großen spätlat^nezeit-
lichen Kulturgebiets Nordostdeutschlands und Polens theoretisch zwei
Möglichkeiten offen sah, „einmal die einer überseeischen Einwanderung"
— das hatte Kossinna Zeit seines Lebens gemeint —, „zweitens die einer
im wesentlichen bodenständigen bezw. festländischen Entwicklung" 170 . Die
Ableitung der gesamten nordostdeutschen Brandgrubengräberkultur aus
Bornholm, wie Kossinna es wollte 171 , lehnte Bohnsack ab, aber auch die
Verbindungen des Odermündungsgebiets mit der Insel beurteilte er zu-
rückhaltend 172 . Die Kultur des östlich anschließenden hinterpommersch-
weichselländischen Raums habe durchaus spürbare Beziehungen zu Schwe-
den, meinte Bohnsack; doch alles ermögliche keine sicheren Schlüsse. Er
schien vor der Unmöglichkeit, eine Einwanderung nachzuweisen, und der
Notwendigkeit, eine solche mit Kossinna postulieren zu müssen, zu kapi-
tulieren, denn er stellte resigniert fest: „Vorläufig wissen wir nur, daß

160 W. L a Baume, Vorgesch. v. Westpreußen (1920) 41—44. 50; ders., Urge-


schichte d. Ostgermanen (1934) 44; ders., Ostgermanische Frühzeit (1959) 6 f.
107 E. Petersen, Die frühgerm. Kultur i. Ostdeutschland u. Polen (1929) 120;
ders., Die Bastarnen, in: H . Reinerth [Hrg.], Vorgesch. d. dt. Stämme 3
(1940) 888 ff.
108 Vgl. Anm. 135.
189 J . Kostrzewski, Germanie przedhistoryczni w Polsce, in: Przeglqd Ardi. 7, 1
(1946) 65—89; ders., Pradzieje Polski (1949) 199 f.
170 D. Bohnsack, Die Burgunden i. Ostdeutschland u. Polen (1938) 114.
171 G . Kossinna, Zeitsdir. f. Ethnol. 37 (1905) 391.
178 D. Bohnsack, Die Burgunden i. Ostdeutschland u. Polen (1938) 117.

12*
180 Kossinna und der Skandinavientopos des 19. und 20. Jahrhunderts

unsere nordostdeutsche Spätlat^nekultur aus Skandinavien gekommen


sein muß, ohne das Heimatland noch näher umschreiben zu können" 1 7 *. In
Wirklichkeit enthält dieser Satz schon die Feststellung, daß ein archäolo-
gischer Nachweis der Einwanderung der Burgunden nicht möglich ist.
Bohnsacks Hinweis auf die Notwendigkeit einer genaueren Bearbeitung
des schwedischen Fundstoffs der vorrömisdien Eisenzeit, von dem ansehn-
liche Teile veröffentlicht waren und deren nichtveröffentliditen Hauptteil
man in einer relativ kleinen Zahl von Museen schnell übersehen konnte,
sollte seine unzeitgemäße Ansicht mildern, mehr als allgemein nachbarliche
Kulturverbindungen zwischen dem Kontinent und Schweden seien nicht
feststellbar. Auch wenige Jahre später räumte Bohnsack nur widerwillig
ein, die Burgunden müßten eingewandert sein, und stellte abermals fest,
Bornholm könne als Heimat nidit in Betracht kommen 1 7 4 . Genau genom-
men war damit eben doch schon die alte Wanderungsthese ad absurdum
geführt, denn es war ja seit jeher die Namensähnlichkeit der einzige An-
halt für eine Einwanderung gewesen. Ließ sich mittels des archäologischen
Fundstoffs zeigen, daß dieser für die N a m e n nichts besagt, dann war
— genau genommen — kein Grund vorhanden, die Wanderung trotzdem
noch als Tatsache aufrecht zu erhalten.
Während Bohnsack im Begriff war, für die Burgunden die Annahme
der Herkunft über See als Topos zu entlarven, war anderwärts derselbe
Topos noch weiter produktiv. Jungbronzezeitliche Zuwanderer über See
glaubte H . H o f f m a n n in der Lübecker Gegend festgestellt zu haben 175 .
R. Schindler ging weiterhin von der Einwanderung der Goten wie von
einer gesicherten Tatsache a u s 1 " . Eine Anthologie zum Skandinavien-
Topos in der Vorgeschichtsforschung ist die von H . Reinerth herausgege-
bene Vorgeschichte der deutschen Stämme 1 7 7 . Die letzte größere Abhand-
lung in dieser Serie war dann die des Reinerth-Schülers E. C . G . Graf
Oxenstierna über die Urheimat der Goten 1 7 8 (vgl. unten S. 229 ff.).
Es wäre müßig, sich mit den Problemen zu beschäftigen, die mit dem
Wirken Kossinnas zusammenhängen, wenn es sich hierbei um einen Ab-
schnitt der Forschungsgeschichte handelte, der die Vorgeschichtsforsdiung
a l l e i n betrifft. Tatsächlich ist die „ A f f ä r e Kossinna" heute weniger eine
Angelegenheit der Vor- und Frühgesdiichtswissenschaft — obwohl man

173 D. Bohnsack, a . a . O . 118.


174 D. Bohnsack, Die Burgunden in: H. Reinerth [Hrg.], Vorgesdi. d. dt.
Stämme 3 (1940) 1036 ff.
175 H. Hoffmann, Die Gräber d. jüngeren Bronzezeit i. Holstein (1938) 51.
176 R. Schindler, Die Besiedlungsgesdiidite d. Goten u. Gepiden im unteren
Weichselraum auf Grund d. Tongefäße (1940) 101 ff.
177 H. Reinerth [Hrg.], Vorgesdi. d. dt. Stämme 1—3 (1940).
178 E. C. G. Graf Oxenstierna, Die Urheimat d. Goten (1945).
Zur Forsdiungsgeschichte und zum Forschungsstand 181

sidi auch in dieser durchweg nicht die rechte Vorstellung von den geistes-
geschiditlichen Hintergründen der Epoche macht, auf die Kossinna
wirkte —, vielmehr hauptsächlich eine solche der Altgermanistik. Noch
heute liest man: „Wann das germanische Volkstum und seine Spradie
entstanden sind, läßt sich . . . nicht genau ermitteln. Gewisse Anhalts-
punkte weisen auf das Ende der Jungsteinzeit hin, also in das dritte vor-
christliche Jahrtausend. Die Wohnsitze der Germanen dürften zu dieser
Zeit rund um die westliche Ostsee, zwischen Oder und Elbe, in Jütland
und auf den dänischen Inseln und in Südskandinavien gelegen haben"17®.
„Schon tief in prähistorischer Zeit hatten die Germanen begonnen, sich
nadi Westen über die Weser und nach Süden gegen die mitteldeutschen
Gebirge auszubreiten. Im Frühlicht der Geschichte drangen sie dann in
heftigen Stößen gegen den Rhein und die Donau vor in Gegenden, die im
Westen und Südwesten von Kelten, im Südosten von Illyrern besiedelt
waren" 180 . Noch heute heißt es von den Goten, sie seien einst wohl von
Skandinavien südwärts abgewandert 181 . Es wird von „Weser-Rhein-Ger-
manen", „Elbgermanen" und „Oder-Weichsel-Germanen", also von Kom-
plexen, die ursprünglich der Begriffswelt der Archäologen angehörten, wie
von sprachlichen Begriffen gesprochen188. Es ändert nichts, wenn solche
Vorstellungen heute oft mit kühler, fast gleichgültiger Distanz vorgetragen
werden, und es bedeutet im Endeffekt nichts, wenn betont wird, man
müsse „den archäologischen Ergebnissen mit einer gewissen Zurückhaltung
gegenüberstehen"18®. Kossinnas Denken wirkt in der Germanistik bis in
die Gegenwart, und es sind keineswegs die Außenseiter des Faches, die
sich auf ihn berufen oder die — obwohl sie seinen Namen kaum noch ken-
nen — von seinem Gedankengut zehren184.
179
H. Eggers, Deutsche Sprachgesdi. 1 (1963) 27.
180
H. Eggers, a. a. O. 33.
181
H. Eggers, a. a. O. 27.
1M
H. Eggers, a. a. O. 31 f.
183
H. Moser, Deutsche Spradigesdiichte d. älteren Zeit, in: W. Stammler [Hrg.],
Deutsche Philologie im Aufriß 1 (21957) 670.
18« Yg[ Krause, Handbuch d. Gotischen (1953) 3: „Die älteste nachweisbare
Heimat der Goten war Skandinavien: Darauf deutet die einheimische Wan-
dersage, . . . Daß diese Sage wenigstens im Kern richtig ist, wird sowohl
durch die Sprachwissenschaft wie durch die Vorgesdiiditsforschung wahr-
scheinlich gemacht... In dem Zeitraum um den Beginn unserer Zeitrechnung
nämlich finden sich in dem von Goten besiedelten Gebiet der unteren Weichsel
Körperbestattungen neben Urnen- und Brandgrubengräbern ganz entspre-
chend dem Zustand in Südskandinavien, wo soeben die Skelettbestattung als
neue Form des Totenkults als Ersatz für die bisherige Urnenbestattung...
aufgekommen war." Es folgt die ganze nun schon so sattsam bekannte Ge-
schichte. Und alles stammt aus den frühen Schriften Kossinnas.
182 Das Bild von der Entstehung der germanischen Sprachen

Machte man angesichts dieser Situation den Versuch, das, was die
Germanistik heute von der Herkunft der Germanen und von der Ent-
stehung und Entwicklung der germanischen Sprachen weiß bzw. zu wissen
meint und was sie von den Goten — ihrem Ursprung und der Genesis ihrer
Sprache — glaubt wissen zu können, für ein historisch-philologisch-archäo-
logisches Exempel nutzbar zu machen, so würde man sich in einem unent-
wirrbaren Komplex von Zirkelschlüssen völlig verirren. Wer möchte sich
dieser Gefahr aussetzen?
Was kann die Germanistik bzw. die germanische Altertumskunde zur
Frage eines Zusammenhanges von Goten und Skandinavien beitragen;
das ist die Frage, um die es hier eigentlich geht. Mit ihr gelangt man un-
versehens eine Strecke lang in die Geschichte der germanischen Philologie
hinein.
2. Die Vor- und Frühgeschichtsforschung und die Entwicklung
des Bildes von der Entstehung der germanischen Sprachen
Was sich dem Betrachter vordergründig als „Entstehung des Skandi-
navien-Topos" darstellt, hat mancherlei geistesgeschichtlich bedingte Hin-
tergründe. Das Denkmodell, über das die Vor- und Frühgeschichte mit den
frühen Arbeiten Kossinnas schon vor der Jahrhundertwende verfügte,
entstand auf der Grundlage eines neuromantisch gefärbten Geschichts-
bewußtseins als Antwort auf den in den Geschichts- und Sprachwissen-
schaften gegen Ende des 19. Jahrhunderts herrschenden Positivismus. Dies
orientierte sich offensichtlich nach dem Scandza-Topos, der im skandina-
vischen Norden durch das Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert am Leben
geblieben, und der mit dem beginnenden 19. Jahrhundert durch die ro-
mantische Bewegung neu belebt worden war (vgl. oben S. 165 f.).
Die Entwicklung, die sich in der Vor- und Frühgeschichte vollzog,
war offensichtlich Teil einer allgemeinen Auflehnung gegen den Positivis-
mus. Allenthalben kam damals das Gefühl auf, die exakten Methoden in
den Geisteswissenschaften hätten zwar Fortschritte hinsichtlich der Breite
des Wissens und der Zuverlässigkeit der Erkenntnisse erbracht, doch nichts
mehr, und das sei nicht genug. Es kam ein deutliches Unbehagen auf, ein
Fragen nach dem letzten Ziel der hemmungslosen Detailforschung, und
selbst dem Fachgelehrten kam angesichts des Forschungsbetriebes ein Ge-
fühl tödlicher Langeweile an. „Wir sind es endlich müde, in der bloßen
gedankenlosen Anhäufung wohlgesichteten Materials den höchsten
Triumph der Forschung zu erblicken", sagte W. Scherer schon im Jahre
18681. In knappen Strichen entwickelte er ein neues, in der Romantik
1 W. Sdierer, Zur Gesch. d. dt. Spradie (1868, »1878) XII. — Scherer wird zu
Unrecht oft unter die Positivisten gestellt. Vgl. Fr. Stroh, Handbuch d. germ.
Philologie (1952) 60 f.; H. Arens, Sprachwissenschaft. Der Gang ihrer Ent-
Zur Forschungsgeschidite und zum Forschungsstand 183

wurzelndes Programm: „Was wir wollen, ist nichts absolut Neues; es ist
durch die Entwicklung unserer Historiographie seit Moser, Herder, Goethe
für jeden, der sehen will, unzweifelhaft angedeutet" 2 . „Warum sollte es
nicht eine Wissenschaft geben, welche den Sinn dieser Betrebungen,..., zu
ihrem eigentlichen Gegenstande wählte, welche zugleich ganz universell
und ganz momentan, ganz umfassend theoretisch und ganz praktisch, das
kühne Unternehmen wagte, ein System der nationalen Ethik aufzustellen,
welches alle Ideale der Gegenwart in sich beschlösse und, indem es sie
läuterte, indem es ihre Berechtigung und Möglichkeit untersuchte, uns ein
herzerhebendes Gemälde der Zukunft mit vielfältigem Tröste für manche
Unvollkommenheiten der Gegenwart und manchem lastenden Schaden
der Vergangenheit als untrüglichen Wegweiser des edelsten Wollens in die
Seele pflanzte"'. An Gedanken solcher Art schloß sich Kossinna offenbar
an. Insbesondere muß die nationale Wendung, wie sie in Scherers Wissen-
schaft — er war von Geburt Österreicher — sichtbar wurde, einen tiefen
Eindruck auf ihn gemacht haben. „Poesie, Publizistik, Wissenschaft ver-
einigen sich, um an der sicheren Ausgestaltung eines festen nationalen
Lebensplanes zu arbeiten . . . Niemand wird läugnen, daß im Gegensatze
zu den alten Hauptstoffen der Kunst und Forschung, dem Christenthum
und der Antike, seit etwa 100 Jahren das Deutsche, Einheimische, das
irdisdi Gegenwärtige und Praktische im stetigen Wachsthume zu immer
ausschließenderer Geltung hindurchgedrungen ist"3®. Hier wurzelt Kos-
sinnas Gedanke von der Vorgeschichte als einer hervorragend nationalen
Wissenschaft in einem Zeiträume und in Anschauungen, in denen sich übri-
gens die beiden großen Germanisten Müllenhoff und Scherer trotz allen
gegenseitigen Mißverstehens begegneten4.

wicklung v. d. Antike b. z. Gegenwart (1955) 268 f.; E. Rothacker, Einlei-


tung i. d. Geisteswissenschaften (1919, *1930) 137 ff. — Vgl. dazu K. Bur-
dadi, Wissenschaftsgeschichtl. Eindrücke eines alten Germanisten (1930) 10:
„Literarische Gassenjungen verschreien Scherer als das Haupt einer materia-
listischen und einer mechanistischen Geschichtsbetrachtung, . . . In Wahrheit
stand er viel höher . . . Scherer sah die literarische Tendenz des auf seinen
Tod folgenden Menschenalters voraus und wünschte sie herbei."
2
W. Sdierer, a. a. O. XII.
3
W. Sdierer, a. a. O. X f.
33
W. Scherer, a. a. O. X.
4
Vgl. G. Kossinna, Die dt. Vorgesdi., eine hervorragend nationale Wissen-
schaft ( 2 1914) 235 mit Motto von K. Müllenhoff: „Die vielgerühmte deutsche
Wissenschaft, vor allem die geschichtliche, Historie und Philologie, sind sidi
ihrer Pflicht gegen die Nation nur unvollkommen bewußt. Was ist zu hoffen,
wenn man sie täglich ihr zuwider handeln sieht?" — Vgl. dazu W. Scherer:
„Diese Wissenschaft [die deutsche Philologie] ist gebaut auf das reinste, edelste,
heiligste Gefühl, das einen Menschen erfüllen kann, auf die Liebe zu der geisti-
gen Gemeinschaft, der er entstammt, auf die Liebe zu seiner Nation", in sei-
184 Das Bild von der Entstehung der germanischen Sprachen

Ein unmittelbarer Kontakt zwischen Scherer und Kossinna ist nicht


nachweisbar. Esterer lehrte zwischen 1872 und 1877 in Straßburg, wo
Kossinna bei dessen Nachfolger E. Martin im Jahre 1881 promovierte. Da
Kossinna 1876 zu studieren begann — zunächst in Göttingen, Leipzig und
Berlin —, kann er nicht v o r Scherers Weggang nach Straßburg gekom-
men sein. Im gleichen Jahre, in dem Scherer starb, 1886, kam Kossinna
nach Berlin. Aber er stand noch lange nach dem Tode Müllenhoffs im
Jahre 1884 unter dessen Einfluß und löste sich aus diesem erst um und
nach 1890, doch läßt sich schwer erkennen, unter welchen Bedingungen.
Das nationale Pathos, das sich bei Scherer findet, dürfte ihn auf Umwegen
erreicht haben. Mit nachträglicher Strahlung Scherers nach seiner Berufung
nach Berlin muß man rechnen; seine posthume Wirkung in Berlin ist be-
kannt. Es waren keinesfalls Einflüsse aus der in den achtziger und neun-
ziger Jahren noch weitgehend unter dem Einfluß von Evolutionismus und
Positivismus stehenden Prähistorie, die die Wendung in Kossinnas Wis-
senschaft verursachten.
In der Philologie hatten die Junggrammatiker ernstlich behauptet,
es gäbe „keinen Zweig der Kultur, bei dem sich die Bedingungen der Ent-
wicklung mit solcher Exaktheit erkennen lassen, als bei der Sprache, und
daher keine Kulturwissenschaft, deren Methode zu solchem Grade der
Vollkommenheit gebracht werden kann wie die der Sprachwissenschaft".
Sie hatten betont, daß bisher alle gangbaren Methoden der historischen
Forschung „mehr durch Instinkt gefunden" seien als durch eine „auf das
innerste Wesen der Dinge eingehende allseitige Reflexion", und behauptet:
„Man müsse mit allem Ernst die Zurüdsführung dieser Methoden auf die
ersten Grundprinzipien in Angriff nehmen, und alles daraus beseitigen,
was sich nicht aus diesen ableiten läßt" 5 .
ner Vorrede zum neuen Abdruck von J. Grimm, Deutsche Grammatik 1
(*1870) XXII; vgl. ferner H. von Sybel, Über d. Stand d. neueren dt. Ge-
schichtsschreibung (Vortrag Marburg 1856), in: Kleine Hist. Schriften 1
(1880) 355 f.: „Jeder Historiker, der in unserer Literatur etwas bedeutete,
hatte seitdem [„die unvergleichliche Zeit der nationalen Wiedergeburt und
Befreiung", der Anfang des Jahrhunderts ist gemeint] seine Farbe; . . . es
gab keine objectiven, unparteiischen, blut- und nervenlosen Historiker mehr.
Ein höchst erheblicher Fortschritt! . . . Der Historiker, der sich hier in vor-
nehme Neutralität zu ziehen sucht, wird ohne Rettung entweder seelenlos
oder affektiert, . . . nimmermehr wird er sich zu der Fülle, der Wärme und
der Freiheit der wahren Natur erheben... Daß unsere Geschichtsschreibung
sich zu Vaterlandsliebe und politischer Überzeugung bekannt, hat ihr erst die
Möglichkeit zu erziehender Kraft und zu fester Kunstform gegeben."
5
H. Paul, Prinzipien d. Spradhgesch. (1880, 21886, 3 1898, 4 1909) 5; V.Thomsen,
Gesch. d. Sprachwissenschaft b. z. Ausgang d. 19. Jh. (1927) 82 ff.; vgl. H.
Sdiudiardt, Ueber d. Lautgesetze. Gegen d. Junggrammatiker (1885); K. Voss-
ler, Positivismus u. Idealismus i. d. Sprachwissenschaft (1904).
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 185

Dagegen erhob sich der „phantasievolle Sprachforscher"®. Er wollte


sich durdi eine strenge Prinzipienlehre, deren Grenzen allzu eng abge-
steckt waren, nicht von alledem trennen lassen, was sich mit deren Me-
thoden nicht fassen ließ, weil er darunter Fragen von höchstem Inter-
esse — und auch von großer Bedeutung — sah. Sicher ist es nicht
Kossinnas Verdienst, dies als erster erkannt zu haben. Er war kein
klarer, scharfer Denker, der das, was er in seiner Wissenschaft vorfand,
auf seine Tragfähigkeit hin analysierte. Er war ein unruhiger Geist,
und die Phantasie, die er sich selbst zusprach, war wirklich vorhanden.
Sie fand in der Wissenschaft seiner Zeit allenthalben die von den Me-
thodenlehrern gezogenen engen Grenzen, und sie trieb ihn, diese zu
überschreiten. Er mag im Schrifttum seiner Jugendzeit manches gefunden
haben, was ihn verwandt anmutete. Was andere unbewußt oder erst
halbbewußt empfanden, das setzte sein zur Vereinfachung neigender
Geist schnell in schlichte Formeln um. Es sieht aus, als habe er sidi un-
mittelbar gegen die Junggrammatiker wenden wollen, wenn er sagte:
„Wie ist es denn möglich, Sprachen oder Sprachreste als gleichwertig
gegenüberzustellen, die nicht derselben Zeit, sondern ganz verschiedenen
Jahrhunderten angehören, d. h. auf ganz verschiedenen Stufen ihrer
Entwicklung und nach den mannigfachsten Beeinflussungen, die je nach
der wechselnden geographischen Lage gleichfalls wechseln, uns entgegen-
treten?" 7 .
Verschiedene Einflüsse sind bei ihm vermutbar, neben dem neoroman-
tisdi-antipositivistischen und dem nationalen auch ein solcher, der von
der Sprachgeographie ausging, die dodi ursprünglich als eine Konsequenz
des sprachwissenschaftlichen Positivismus entstanden war, durch ihre frü-
hen Ergebnisse allerdings bald gezwungen wurde, eigene Wege zu gehen.
Deutlich ist bei Kossinna der Einfluß von F. Wrede, und er betonte im
Anschluß an einen Satz, den dieser nur als „Schlagwort" verstanden
wissen wollte 8 , Sprachgeschichte sei zunächst nur Verkehrsgeschichte; alles
andere sei sekundär®. Sicher sind Kossinna auch hier die methodologischen
Hintergründe seines Argumentierens nicht voll bewußt gewesen.
Kossinna erkannte jedenfalls die Unvollkommenheit der positivi-
stischen „vollkommenen Methode". Was er dagegensetzte, schien sehr

6
G. Kossinna, Indogerm. Forschungen 7 (1897) 290 Anm. 1.
7
G. Kossinna, a. a. O. 276.
8
F. Wrede, Die Entstehung d. nhd. Diphthonge, in: Zeitsdir. f. dt. Altertum u.
dt. Litteratur 39 (1895) 261: „Sprachgeschichte ist keineswegs in erster Linie
Naturgeschichte; Sprachgeschichte ist noch weniger in erster Linie Bildungs-
gesdiichte; Sprachgeschichte ist vielmehr zuerst Besiedlungsgeschichte."
» G. Kossinna, Indogerm. Forschungen 7 (1897) 277. — Diese Folgerung, „alles
andere ist sekundär", war neu in ihrer Ausschießlichkeit.
186 Das Bild von der Entstehung der germanischen Sprachen

modern zu sein. Doch es traf sich darin verschiedenartigstes Gedankengut,


das er keineswegs zu einem neuen, logisch vollkommenen System vereini-
gen konnte. Da Kossinna sich im gleichen Maße, wie er sich der Vor- und
Frühgeschichte zuwandte, von der Germanistik entfernte, hatte er hinfort
an deren weiterer Entwicklung keinen Anteil mehr; im Gegenteil, seine
Ideen verloren ihren ursprünglichen Hintergrund ganz. Sie büßten die
Verbindungen zu alledem ein, woraus sie ursprünglich erwachsen waren.
Sie wurden zum Dogma.
Kossinnas Gedanke, die vorgeschichtliche Archäologie sei für die
Sprachgeschichte der einzig berechtigte Führer 10 , war — ganz wie die
Wendung Scherers — ein Rückgriff auf Gedankengut der Romantik,
wenngleich im einzelnen ein Widerspruch dazu 11 . Das Leben eines Volkes
— oder Volksstammes — sei eine Ganzheit und große Einheit, das hatte
die Romantik durch viele ihrer bedeutenden Köpfe gesagt. Das Volk
strahle seinen Geist in alle seine kulturellen Äußerungen hinein, in
Sprache, Philosophie und Dichtung, Religion, Sage und Sitte, Recht,
Staat und Kunst. Wenn das Ganze auf die Teile strahle, so müsse man
vom Teil aufs Ganze schließen können, von der Sprachentwicklung auf
die des Volkes, von der Verbreitung der Kultur eines Stammes auf
Ausdehnung seines Sprachgebiets und von der Entfaltung der materiellen
Kultur auf eine gleichlaufende Entwicklung der Sprache. Das alles mußte
möglich sein, und die Romantik lebte noch in einem Enthusiasmus, die
Erscheinungen des geschichtlichen Lebens durchschauen und bis in die
fernsten Tiefen hinein verstehen zu können, der der folgenden Epoche
immer fremder wurde. Sie versuchte noch vieles zu begreifen — wenn
auch oft unvollkommen —, was der Positivismus einfach als gegeben
hinnahm, d. h. seinem System gemäß hinnehmen mußte.
In den Bereich der Romantik griff also Kossinna zurück; aber es
war ein Rückgriff, der nur Einzelheiten berücksichtigte, die — aus dem
lebendigen Zusammenhang eines zugleich gefühlsbetonten, wie stark
spekulativen, aber organischen Denksystems herausgerissen — alsbald
ihre Lebendigkeit verloren und zu oberflächlichen Auffassungen, oft
Behauptungen, erstarrten und zu Lehrsätzen wurden.
So erschienen Kossinna Namengleichungen und Kulturbeziehungen
wie Leitmotive, aus denen man auf Völkerwanderungen schließen konnte
Und wo eine archäologische Kulturprovinz mit einem Stammesnamen
identifiziert werden durfte — d. h. wo Kossinna glaubte, daß es möglich

10
G. Kossinna, a. a. O. 279.
11
J. Grimm, Gesdi. d. dt. Sprache ( 3 1868) 4: „Es gibt ein lebendigeres Zeugnis
über die Völker als Knochen, Waffen und Gräber, und das sind ihre Spra-
chen." — Vgl. aber auch Anm. 13.
Zur Forschungsgeschidite und zum Forschungsstand 187

sei —, dort konnte man wissen, daß das Areal dieses Stammes mit dem
seiner Sprache gleichzusetzen war. Auf solche Weise konnte aus Stammes-
geschichte Sprachgeschichte erschlossen werden; ja, Stammesgeschichte war
Sprachgeschichte und umgekehrt 12 . Was Jacob Grimm und die Romantiker
noch feinsinnig empfunden hatten, was sie — und auch noch Scherer —
durch eine sorgsam gepflegte Sprache bedachtsam zum Ausdruck gebracht
hatten1®, das wurde bei Kossinna nun gewaltsam zu handlichen Begriffen
zureditgehauen, mit denen sich recht praktisch hantieren ließ. Die gerade
überwunden geglaubte Epoche wirkte hier deutlich nach.
So erwuchs bei Kossinna — wie bei anderen — aus Gedankengut der
Romantik — doch nicht daraus allein — eine Abwendung vom Positivis-
mus, der doch selbst der Gegenschlag der Einzelwissenschaften gegen den
Universalismus der Romantik gewesen war. Es war im Grunde eine
eigenartige Entwicklung: Der Positivismus wandte sich von der univer-
salen und spekulativen Haltung, von der romantisch-universalen Vision
der ersten Jahrhunderthälfte ab; er betonte die Bedeutung der Einzel -
wissensdiaften und verneinte jedes philosophisch-spekulative Element in
ihren Methoden, die sich nicht aus den Elementen einer allgemeinen Logik
ableiten lassen konnten. Nun griff eine neue Zeit alte Gedanken wieder
auf und verwandte sie gegen den Positivismus, verwarf diesen jedoch
nicht völlig, jedoch gerade dessen besonderen Wert, seine methodische
Exaktheit und die Gründlichkeit des Forschens, und stellte seiner Me-
thodenlehre ein neues System der Kombination und der Interpretation
entgegen, durch das vieles, was vorher vernachlässigt werden mußte, weil
es nicht systematisch in einen logischen Zusammenhang gebracht werden
konnte, sich scheinbar nun doch zu einer Ganzheit zusammenfügte. Die

" Vgl. bei W. Scherer, Zur Gesch. d. dt. Sprache ( 2 1878) X I V : „Ich vermag kei-
nen anderen Unterschied zwischen Vorhistorisch und Historisch zu erkennen
als die wesentlich andere Beschaffenheit der Quellen und die entsprechende
stärkere oder geringere Beteiligung des combinirenden, construirenden For-
schers an der historiographischen Arbeit."
15
J. Grimm, Gesch. d. dt. Sprache ( s 1868) 2 mit typischer Beschreibung vorge-
schichtlicher Befunde: „Wie das Messer in Leichname schneidet, um den
menschlichen Leib innerst zu ergründen, ist in verwitterte Erdhügel einge-
drungen und die lange Ruhe der Gräber gestört worden. Vom Schnee einge-
schneit, von Regen geschlagen, von Thau durchtrieben muste die todte Völva
dem mächtigen Gott Rede stehen; was in Staub und Asche übrig geblieben
war, fragt unermüdliche Neugier nadi dem Zustand der Zeit, aus welcher es
abzustammen scheint. Beschaffenheit der Gräber, Gestalt der morschen Schä-
del, Art und Weise des eingelegten Geräths sollen Antwort geben. Alle diese
Zeugen sind beinahe stumm, nur Inschrift und deutliche Münze haben noch
Kraft des Wortes, Samenkörnern, die unsere Geschichte befruchten, gleicht
das in unendlicher Menge durdi alle europäischen Felder und Hügel zer-
streute römische Geld."
188 Das Bild von der Entstehung der germanischen Sprachen

Stärke des neuen Vorgehens war die E v i d e n z des erzielten E r -


g e b n i s s e s . Dieses war keineswegs im alten Sinne beweisbar, brauchte
aber im neuen Sinne kaum nodi bewiesen zu werden.
Für die germanische Altertumskunde wurde die Vor- und Früh-
gesdiichte — auf längere Sicht — in diesem Sinne zum Ausweg aus
einer Forsdiungsweise, die zweifellos enorme Mengen von begründeten
Einzelerkenntnissen beigebracht hatte, die jedoch den „roten Faden" der
Ganzheit längst verloren hatte. In den Jahren bis zum ersten Weltkrieg
gab es teilweise noch hinhaltenden Widerstand des alten Forschungs-
betriebes; die Jahre danach brachten dann den fast vollkommenen Durch-
brudi des Neuen. Die positivistisdie „vollkommene Methode" war auf-
gegeben und als unvollkommen gebrandmarkt14. Die Grenze dessen,
was bislang methodisch möglich schien, wurde durch ein Spiel mit Mög-
lichkeiten zu überschreiten gesucht. Dinge wurden nebeneinander gestellt,
nur weil sie zueinander paßten oder zu passen schienen, nicht weil es
mit Hilfe einer exakten Methode möglich war, die Zusammengehörigkeit
nachzuweisen.
Wieweit die Veränderungen in den Auffassungen in der Zeit un-
mittelbar vor und im ersten Weltkrieg schon zu „neuen" Ergebnissen
geführt hatten, zeigt im übrigen die Tatsache, daß J . Hoops alle stammes-
kundlichen Stichworte Much zur Bearbeitung übertrug. Eine so einheit-
liche Ausrichtung aller stammeskundlichen Beiträge in einem so weit ver-
breiteten Reallexikon mußte für die weitere Entwicklung der Germani-
schen Stammeskunde, ja der gesamten Germanistik wesentliche Folgen
haben15. Der bedeutsame Versuch, den Positivismus der Junggrammatiker
zurückzuweisen, die von K. Vossler in die Sprach- und insbesondere Lite-
raturwissenschaft erneut eingeführte idealistische Betrachtungsweise zu
vertreten und dennoch die positiven Elemente des Alten mit denen des
Neuen zu verbinden, die Deutsche Altertumskunde von Fr. Kauffmann 1 *,
hatte keine eigentliche Nachwirkung. Kauffmann sagte: „Historische
Grammatik nennen wir die Wissenschaft von den Stilperioden oder die
Stilgeschichte der Verkehrs- und Gesellschaftssprache, denn ihre Laut-
gesetze sind nicht Naturgesetze, sondern Stilgesetze der Volkssprache
. . . " " . Das richtete sich gegen das 19. Jahrhundert, besonders gegen die
14 K. Vossler, Positivismus und Idealismus in der Sprachwissenschaft (1904);
ders., Sprache als Schöpfung u. Entwicklung (1905); B. Croce, Ästhetik als
Wissenschaft d. Ausdrucks u. allgem. Linguistik (1905).
15 Es ist bezeichnend für Kossinnas Stellung in den Wissenschaften, daß man
seine Wirkung in den Stichwortbearbeitungen Muchs in vielen Fällen unmit-
telbar feststellen kann, daß er selbst jedoch zur Mitarbeit nicht aufgefordert
worden war.
w Fr. Kauffmann, Deutsche Altertumskunde 1 u. 2 (1913 u. 1923).
17 Fr. Kauffmann, a. a. O. 1 (1913) I X .
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 189

Junggrammatiker. „ . . . Ist dem Philologen keine höhere und ernstere


Aufgabe gestellt, als daß er aus der stürmisch bewegten Gegenwart
unseres volkstümlichen Daseins oder aus den Epochen der ferneren Ver-
gangenheit den Geist der Zeiten, d. h. ihren Stil erkenne und zur Dar-
stellung bringe, so scheidet ihn vom Kunsthistoriker die Hingabe an
das Volkstum, oder . . . , an das, was unter dem ganzen Volk, nicht bloß
in einzelnen das Volk führenden Individuen walte. . . . Es kommt inner-
halb der deutschen Philologie dem Stilbegriff der Vorrang vor allen
Lehrsätzen zu" 18 . Das ist neuerwaditer Idealismus1'. Aber er empfand,
daß die Neuerer ein Problem nicht überwunden hatten, das der Positivis-
mus mit sich gebracht hatte: „Die schwerste Sorge, die das wissenschaft-
liche Dasein eines deutschen Philologen belastet, ist die Isolierung tüchtig-
ster Studierarbeit; der eine will nichts weiter sein als Grammatiker, der
andere ist nur Literarhistoriker, der dritte neuerdings audi Prähistori-
ker". Kauffmann verfocht daher das System der Germanistik als um-
fassende Altertumswissenschaft, in der „wie in der klassischen Philologie,
Volkskunde und Landeskunde, Sprache und Verskunst, Dichtung und
Religion, Kunst und Handwerk, Wirtschaft und Geselligkeit einem
höheren Ganzen als dienende Glieder untergeordnet und zueinander in
lebendige Beziehung gesetzt werden" 20 . Dieses Postulat versuchte er in
seinem Buche noch einmal zu verwirklichen. Hinfort wurden Darstellun-
gen der Germanisch-Deutschen Altertumskunde in der Verfolgung
dieses Ziels zu Kompendien, in denen Beiträge verschiedener Autoren
ohne wirklidi inneren Zusammenhang nebeneinander gestellt wurden11.
In Kauffmanns universaler Auffassung der Germanischen Altertums-
kunde mußte die vorgeschichtliche Archäologie eine Schlüsselstellung
einnehmen: „Es dürfte folglidi, wenn wir Sprache und Literatur mit
allen anderen . . . Formen des deutschen Lebens durch den Stilbegriff
verketten und die wechselnden Stilarten nach dem allein möglichen Ver-
fahren wissenschaftlicher Erkenntnis auf dem Wege der Vergleidiung
beschreiben wollen, die Archäologie als Mittlerin an erster Stelle berufen
sein" 22 . Audi hier wollte er einen eigenen Weg gehen. Ihm widerstrebte
18 Fr. Kauffmann, a. a. O. 1 (1913) I X .
19 K. Vossler, Positivismus u. Idealismus i. d. Sprachwissenschaft (1904) 10:
„Ist die idealistische Definition: Sprache = geistiger Ausdruck, zu Recht be-
stehend, so kann die Gesdiidite der spradilichen Entwicklung nichts anderes
sein als die Gesdiichte der geistigen Ausdrudesformen, also Kunstgeschichte im
weitesten Verstand des Wortes. Grammatik ist ein Teil der Stil- und Litera-
turgeschichte, die ihrerseits wieder in die allgemeine menschliche Geistes- und
Freiheitsgesdiidite (Kulturgeschichte) eingeht."
20 F r . Kauffmann, Deutsche Altertumskunde 1 (1913) VIII.
21 Vgl. H . Schneider [ H r g . ] , Germanische Altertumskunde (1938, 2 1 9 5 1 ) .
22 Fr. Kauffmann, Deutsche Altertumskunde 1 (1913) I X .
190 Das Bild von der Entstehung der germanischen Sprachen

die schlichte Übernahme des Bücherwissens. „Ich habe daher, . . . , der


Archäologie nicht bloß aus Büchern sondern auch durch Wanderungen
in den weitverstreuten Museen midi zu bemächtigen versucht, . . ."2a.
Aus solchen Voraussetzungen ergab sich ein scheinbar unabhängiger
Standpunkt zur Vor- und Frühgeschichte, die in seinem Werk in aus-
gedehnterem Umfange als jemals vorher in Arbeiten von Altgermanisten
zu Wort kam". Es ist fast tragisch zu nennen, daß Kauifmann, wo er
frühgermanische Ethnographie behandeln mußte, sich Kossinnas Ansicht
— in Einzelheiten willkürlich verändert — anschließen m u ß t e , denn
weder fand er im Schrifttum etwas anderes als Kossinnas Denken, noch
konnte er, was er in den Museen fand, selbst verarbeiten. Bezeichnend
ist seine Darstellung der Verhältnisse im nordöstlichen Mitteleuropa:
„Die Brandgruben kommen zufrühst und in allgemeiner Verwendung
auf den Ostseeinseln Gotland und Bornholm vor; sind dann in Nord-
ostdeutschland zum Volksbrauch geworden und später nach Westen hin,
zu den Westgermanen vorgedrungen. Wir vermuten, daß mit den Brand-
gruben neue Zuwanderungen über die Ostsee herüber erfolgt, daß die
früher an der Weichsel seßhaft gewordenen Nordgermanen (Ulmerugi,
Lugii) den aus Nordostdeutschland auswandernden Sweben tiefer ins
Binnenland hinein gefolgt sind, um an der Ostseeküste neuen skandina-
vischen Kolonisten (Vandilii) Platz zu machen. Die von Gotland ab-
wandernden Goten und die von Bornholm stammenden Burgunden
lassen sich besonders gut erkennen; diesen aus Skandinavien kommenden
Ostgermanen müssen aber auch die Gepiden . . . und die westlich von den
Burgunden auf dem Festland seßhaft gewordenen Langobarden 25 zuge-
rechnet werden"". Noch deutlicher wurde die Abhängigkeit Kauffmanns
von Kossinna im zweiten, zehn Jahre später erschienenen Band seiner
Altertumskunde 17 .
Nun erfolgte — nachdem einmal der endgültige Durchbruch voll-
zogen war — das schematische Weitertragen der von Kossinna stammen-
den Konzeption fast automatisch. Das zeigt beispielsweise S. Guten-
brunners Beitrag zu H . Schneiders Germanischer Altertumskunde: „Über
die Grenzen dieses Kerngebietes [Südskandinavien, Dänemark und Nord-
deutschland] drangen die Germanen schon gegen Ende der Bronzezeit,

23
Fr. Kauffmann, a. a. O. I X f.
24
Fr. Kauffmann, a. a. O. 26 ff. 209 ff.
25
Das Einbeziehen der Langobarden in den Kreis der aus Skandinavien stam-
menden Völker geht nicht unmittelbar auf Kossinna, sondern wohl auf L.
Schmidt zurück. — Vgl. L. Schmidt, Allgem. Gesch. d. germ. Völker b. z.
Mitte d. 6. Jh. (1909) 77 f.
2
« Fr. Kauffmann, Deutsche Altertumskunde 1 (1913) 296.
27
Fr. Kauffmann, Deutsche Altertumskunde 2 (1923) 16 f. 58 f. 65 f.
Zur Forsdiungsgesdiichte und zum Forschungsstand 191

also etwa im 8. Jahrhundert, hinaus . . . im südlichen Skandinavien zwang


der Rückgang der Ernteerträge einen großen Teil der Bevölkerung aus-
zuwandern. Durch die Auswanderer aus Skandinavien erweitert sich das
germanische Siedlungsgebiet besonders nach dem Südosten auf vormals
¡llyrischem Boden. An der Spitze der Ostgermanen schoben sich . . . die
Skiren und Bastarnen, . . . , von der Ostsee bis ans Schwarze Meer vor.
In ihrem Rücken entwickelten sich im 2. Jahrhundert im Westen von der
Odermündung die Langobarden, im Osten die Burgunder. . . . Eine
zweite Einfallspforte bildete die Weichselmündung, wo sich die Rugier,
ein kleinerer Stamm aus Norwegen, niederließen. Als letzte landeten
hier gegen Ende der vorchristlichen Zeit die Goten, die wiederum einen
größeren Volkskörper bildeten (Ost- und Westgoten, Gepiden)" 28 . Diese
Konzeption wurde dann sogar noch über den Krieg hinaus unverändert
weitergetragen 29 .
Im wesentlichen war Kossinnas Gedankengut in der Germanistik
bis an den zweiten Weltkrieg heran in zweierlei Weise benutzt worden:
Als Illustration des historischen Hintergrundes in Verbindung mit rein
philologischen Arbeiten 30 — sein Einfluß auf deren sprachgeschichtlidie
Seite blieb dabei zunächst gering31 — oder als historischer Abriß im
Rahmen von Darstellungen der germanischen Altertumskunde. Da inner-
halb dieser der rein philologische Abschnitt meist knapp gehalten war,
blieb auch hier ein Einfluß auf die Philologie aus. Das wurde nun anders.
Im Jahre 1941 erhob Fr. Maurer erneut die alte Forderung, „daß die
Sprachgeschichte aus ihrer Isolierung heraustreten und sich mit anderen
historischen Wissenschaften in Beziehung setzen" müsse38. Sie war für ihn
aus der modernen Sprachgeographie erwachsen. In diesem Zusammenhang
schien es ihm wichtig zu sein, „daß die methodisch neuen Erkenntnisse
auch für jene älteren Zeiten unserer Sprach- und Volksgeschichte, in die
unmittelbar die Sprachgeographie nicht zurückgelangen kann, neue For-
schungsmöglichkeiten eröffnet haben"' 3 . Maurer betonte die Leistungen
der vergleichenden indogermanischen und germanischen Sprachwissen-
schaft, um „die näheren Zusammenhänge zwischen den einzelnen ger-
28
S. Gutenbrunner, in: H . Schneider [Hrg.], Germanische Altertumskunde
(1938) 3.
29
S. Gutenbrunner, in: H. Schneider [Hrg.], Germanische Altertumskunde
( ! 1951) 3.
30
Vgl. die sechs Auflagen von W. Streitberg, Gotisdies Elementarbuch (1897,
2
1906, 3 - 4 1910, s - 6 1920).
31
Vgl. auch den Anhang „Die Goten" in den insgesamt sechzehn Auflagen von
W. Braune, Gotische Grammatik (U880— l a 1961).
32
Fr. Maurer, Sprachgeschichte als Volksgeschichte, in: G. Fricke, Fr. Koch u.
K. Lugowski [Hrg.], Von dt. Art in Sprache u. Dichtung 1 (1941) 43.
33
Fr. Maurer, a. a. O. 46.
192 Das Bild von der Entstehung der germanischen Sprachen

manischen Stämmen" zu erkennen. Dann wies er aber mit Nachdruck


darauf hin, „daß eine wirklich klare Einsicht in die Verhältnisse der indo-
germanischen und der germanischen Völker, in die Probleme ihrer Hei-
mat, ihrer geschichtlichen Schicksale, Ausbreitung, Vermischung, Trennung
und Wanderung auf sprachvergleichendem Weg nicht möglich war und
nicht möglich ist". Dem entspreche es — meinte er —, „daß über zahl-
reiche Fragen wie etwa die Stellung und Verwandtschaft der Langobarden
oder die des Oberdeutschen oder des Sächsischen oder überhaupt über die
Existenz des Westgermanischen bis heute noch keine Klarheit gewonnen
werden konnte"®4. Damit kündigte sich eine Wendung an, die schwer-
wiegende Folgen haben mußte: „Eine Klärung kann meines Erachtens
vom rein Sprachlichen her gar nicht gewonnen werden . . . Wir müssen
uns an diejenige Wissenschaft um Hilfe wenden, die in den letzten Jahr-
zehnten einen unerhörten Aufschwung in die Germanenforschung gebracht
hat und die über umfassendere und greifbarere Zeugnisse verfügt als die
Sprachwissenschaft: die vorgeschichtliche Archäologie"®5. Maurer betonte
den Wert der vorgeschichtlichen Forschung für die Philologie und be-
schwichtigte zugleich: „Dabei braucht die Sprachvergleichung auch in
Zukunft keineswegs nur der empfangende Teil zu sein. . . . Aber sie wird
. . . gezwungen werden, ihre auf theoretisch-erschließendem Weg gewonne-
nen Ansichten . . . erneut zu prüfen und Phantome . . . aufzugeben oder
auf ihr richtiges Maß zurückzuführen". Er versuchte alsdann, „beispiel-
haft in einem großen Überblick über die Hauptepochen der germanischen
und der deutschen Sprachgeschichte bis zum Ausgang des Mittelalters
die . . . Zusammenhänge zwischen Sprachgeschichte und Volksgeschichte
aufzuzeigen"8*, und an Hand der Ergebnisse der vor- und frühgeschicht-
lichen Archäologie versuchte er zu demonstrieren, „wie sich die Auf-
lösung der germanischen Einheit in Volkstum und Sprache" vollzog".
Das war Kossinnas Postulat. Er hatte sich gegen alle Versuche
gewandt, nur auf Grund von sprachlichem Material die sprachliche
Scheidung zwischen Ost- und Westgermanen oder zwischen Skandina-
viern und Ostgermanen festzulegen: „Die vorgeschichtliche Archäologie
ist hier eben der einzig berechtigte Führer" 38 . Diese Forderung war nun
erstmals in der Germanistik voll anerkannt. Doch der, welcher Kossinna
zur vollen Anerkennung verhalf, wußte nur wenig über die Tragfähigkeit
von dessen Thesen und insbesondere vom philologischen Hintergrund

34
Fr. Maurer, a. a. O. 47.
35
Fr. Maurer, a. a. O. 44 f.
86
Fr. Maurer, a. a. O. 48.
37
Fr. Maurer, a. a. O. 49.
38
G. Kossinna, Indogerm. Forschungen 7 (1897) 279.
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 193

seiner archäologischen Deduktionen 3 ". Die entscheidende Rolle bei der


Wendung, die Maurer vollziehen zu können meinte, spielten übrigens
zunächst nicht Kossinnas Schriften, sondern ein Aufsatz von E . Sprock-
hoff in der Hirt-Festschrift 40 . Nach ihm schilderte Maurer die Genesis
des Germanentums 41 und dessen frühe Ausbreitung 48 . Auch die D a r -
stellung W . L a Baumes 48 gelangte bei Maurer zu einer Wirkung 4 4 , die
den Archäologen überraschen m u ß " , und ebenso fand G. Schwantes' Idee
von der suebischen Landnahme 4 ' Anerkennung 47 . Schließlich griff Maurer
aber unmittelbar auf Kossinna zurück 48 .

39 Fr. Maurer, Sprachgesch. als Volksgesdi., in: Von dt. Art i. Sprache u. Dich-
tung 1 (1941) 49: „Es ist im wesentlichen der vorgeschichtlichen Archäologie
zu verdanken, daß heute ein klares Bild des Germanentums, der Einheitlich-
keit des germanischen Kulturkreises in der Bronzezeit vor uns steht. Von
dieser sicheren Grundlage aus kann heute jede Art germanischer und deutscher
geschiehtlidier Forschung ausgehen."
40 E. Sprockhof!, Zur Entstehung der Germanen, in: Germanen und Indo-
germanen. Festschrift f. Herman Hirt 1 (1936) 255—274.
41 Vgl. Fr. Maurer, Sprachgesch. als Volksgesdi., in: Von dt. Art i. Sprache u.
Dichtung 1 (1941) 49 f.: „Besonders wichtig ist es, die Verbreitung der nor-
dischen Megalithkultur um das Jahr 2000 mit der Bronzezeit um 1200 zu
vergleichen, wie das E. Sprockhof! in der Festschrift f. Herman Hirt 1 getan
hat . . . Die Auseinandersetzung und die Vereinheitlichung der neuen Kultur
vollzog sich nur allmählich, die Verschmelzung beginnt um 2000, der Aus-
gleich ist um 1200 beendet. Dieser neue germanische Kulturkreis der Bronze-
zeit hat die Möglichkeit, sich voll im Innern auszugleichen, ohne daß noch
einmal eine Störung von außen her erfolgt. . . . Um 1200 ist die Volkwer-
dung der Germanen beendet."
42 Fr. Maurer, a . a . O . 50: „Bald darauf beginnt bereits eine kräftige Ausbrei-
tung der Germanen nach Osten, dann auch nach Westen und Süden. Auch
dieser Vorgang ist in der letzten Zeit mehrfach dargestellt worden, am ein-
drucksvollsten wieder von E. Sprockhof!."
43 W. La Baume, Vorgesdi. v. Westpreußen (1920) 53.
44 Fr. Maurer, Sprachgesch. u. Volksgesdi., in: Von dt. Art i. Sprache u. Dich-
tung 1 (1941) 50: „In der frühen Eisenzeit . . . dehnt sich die Ostgermanische
Kultur nach Süden . . . aus; die Archäologen sind heute in der Lage, uns die-
sen Vorgang aufzuweisen; ich folge der Darstellung von La Baume."
45 Es ist nur verständlich, daß Maurer La Baume folgte, weil Sprockhof! ent-
gegen Kossinna eine Expansion der Germanen über die Weichsel hinweg
nach Osten auf dem Landwege annahm. Schon früh hatte sich La Baume auf
denselben Standpunkt gestellt.
49 G. Schwantes, Die suebisdie Landnahme, in: Forschungen u. Fortschritte 9
(1933) 197 f.
47 Fr. Maurer, Sprachgesch. u. Volksgesdi., in: Von dt. Art i. Sprache u. Dich-
tung 1 (1941) 51: „Nach den Forschungen von Schwantes kommt es im Lauf
des 6. vorchristlichen Jahrhunderts, . . . , im unteren und mittleren Elbgebiet
zur Ansiedlung einer neuen Volkswelle, . . . Schwantes hat nachgewiesen, daß

13 H a d i m a n n , Goten und Skandinavien


194 Das Bild von der Entstehung der germanischen Sprachen

Die von Fr. Maurer 1941 angekündigte umfangreichere Schrift, die


die weiteren Folgerungen im einzelnen ziehen sollte, erschien bald 49 . Sie
gibt Aufschluß über alles weitere und bedarf etwas eingehenderer Analyse.
Maurer war wie kein Germanist vor ihm bemüht, die Arbeitsweise der
Archäologie kennen zu lernen, um sich ein eigenes Urteil über das ihm
vorliegende Schrifttum bilden zu können; doch er hatte in diesem Be-
mühen nur geringen Erfolg. Er ist zweifellos aber einer der ganz wenigen
Germanisten, die überhaupt erkannt haben, daß Kossinna in der germa-
nischen Altertumskunde seit den neuziger Jahren des 19. Jahrhunderts
eine Schlüsselstellung innehatte 80 , und ihm waren die Prinzipien von
dessen Vorgehen wenigstens teilweise bewußt.
Maurer stellte fest, daß Kossinna als e r s t e r die Erkenntnis der
Abspaltung der Ost- von den Nordgermanen gewann, z u e r s t die
neue Anschauung von der Heimat der Germanen in Südskandinavien,
Jütland und Norddeutschland vertrat und als e r s t e r die Überzeu-
gung aussprach, daß sich auf sprachlichem Wege allein über die vor-
geschichtlichen ethnologischen Verhältnisse nicht viel entscheiden lasse61.
Er bemängelte allerdings an Kossinna, er hätte noch zu stark im Banne
der antiken Nachrichten und unter dem Eindruck von Müllenhoffs
Dogma von der Gliederung der Germanen in Ost- und Westgermanen
gestanden52. Er habe freilich den archäologischen Nachweis für die
Existenz der Ostgermanen erbracht, und „das Wesentliche bleibt dies:
Er, der Germanist, erkannte, daß die Philologie für jene Zeiten nicht aus-
reiche und daß die Bodenfunde weiterhelfen mußten; daß hier für die
Archäologie eine ganz große Aufgabe lag. Zu ihrer Bewältigung hat
Kossinna erste, entscheidende Schritte getan" 53 .
Dieses Urteil ist insofern schief, als Müllenhoffs Zweiteilung in Ost-
und Westgermanen in Kossinnas Worten zwar gelegentlich eine gewisse,

dieser Siedlungsstoß aus dem Norden gekommen sein muß . . . Die mäditige
und angesehene Gruppe der Elbgermanen wäre danach also nach 600 aus dem
Norden ausgewandert." — Später hat Sdiwantes diese Ansicht zurückgenom-
men; vgl. S. 178 Anm. 162 u. 163.
48
Fr. Maurer, a. a. O. 51: „Zwischen 300 und 100 bildet sich, archäologisch ge-
sehen, das Nordgermanentum greifbar aus. Aus ihm lösen sich bereits um 100
Vandalen und Burgunder, um Christi Geburt die Goten."
49
Fr. Maurer, Nordgermanen u. Alemannen. Studien z. germ. u. frühdt. Spradi-
gesdi., Stammes- u. Volkskunde (1942, 2 1943, »1952).
50
Fr. Maurer, a. a. O. (1942) 99 f.; (»1952) 94 f.
51
Fr. Maurer, a. a. O. (1942) 26 f.; (»1952) 25.
52
Fr. Maurer, a. a. O. (1942) 100; (»1952) 95.
53
Fr. Maurer, a. a. O. (1942) 101; (»1952) 96.
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 195

in seinen Überlegungen aber eine relativ untergeordnete Rolle spielte.


Die Begriffe Ost- und Westgermanen waren für ihn zwar wohl gelegent-
lich spradilidie, im Kern aber doch stets vornehmlich ethnographische
Komplexe, deren einheitlich sprachlichen Gehalt er sogar expressis verbis
in Zweifel zog54. Tatsädilidi hat Kossinna auch kaum die antiken Quellen
überschätzt, vielmehr deutlich gegen solche Gelehrten polemisiert, die die
Nachrichten römischer und griechischer Autoren mangels ausreichender
Kenntnisse der germanischen Sprachreste und der philologischen Methode
als alleinige Quellen für die germanische Altertumskunde benutzten.
Seine Polemik gegen A. Riese55 zeigt jedenfalls nicht das, was Maurer
ihm vorwarf.
In Einzelheiten setzte sich Maurer von Kossinnas Ansichten aller-
dings ab. Zwar anerkannte er, daß Kossinna die Zweiteilung der konti-
nentalen Germanen bestätigt und die „Ostgermanen" archäologisch nach-
gewiesen habe. Über die Einwanderung der frühen Ostgermanen, wie
Kossinna sie sehen wollte, schwieg er sich hingegen aus, meinte vielmehr,
es „ . . . besteht die größte Wahrscheinlichkeit dafür, daß im Fall der
jungbronzezeitlichen Ausdehnung über Hinterpommern bis zur Weichsel-
mündung gleichfalls germanisches Volkstum in diese Gebiete eingewan-
dert ist" 56 . Er schloß sich hier an ältere Auffassungen W. La Baumes an,
der sich schon 1920 im Gegensatz zu Kossinna für Kultur- und Bevölke-
rungskontinuität in diesem Gebiet von der Bronze- zur Eisenzeit hin
ausgesprochen hatte57. Abweichend von Kossinna nahm er mit G. Schwan-
tes an, es sei im Laufe des 6. vorchristlichen Jahrhunderts im unteren
und mittleren Elbegebiet zur Ansiedlung einer neuen Volkswelle ge-
kommen, der Sueben, deren ursprüngliche Wohnsitze in den „Gebieten
der nordischen Urheimat" zu suchen seien58. Es ist jedoch nicht ersichtlich,
ob er erkannt hat, daß die „Suebische Landnahme" die Einwanderung

54 G. Kossinna, Indogerm. Forsdi. 7 (1897) 2 7 7 : „Der von Kögel für das Bur-
gundisdie versuchte Erweis streng ostgermanischen Charakters soll, wie mich
Much versichert, auf recht schwachen Füßen stehen". — Vgl. dazu R . Koegel,
Die Stellung d. Burgundischen innerhalb d. germ. Sprachen, in: Zeitschr. f. dt.
Altertum u. dt. Litteratur 37 (1893) 2 2 3 — 2 3 1 .
55 A. Riese, Die Sueben, in: Rheinisches Museum f. Philologie N . F. 44 (1889)
331—346. 4 8 8 ; dagegen: G. Kossinna, Die Sueben i. Zusammenhang d. älte-
sten dt. Völkerbewegungen, in: Westd. Zeitschr. 9 (1890) 1 9 9 — 2 1 6 ; dage-
gen: A. Riese, Die Sueben. Eine Entgegnung, in: Westd. Zeitschr. 9 (1890)
3 3 9 — 3 4 4 ; dagegen: G. Kossinna, Nochmals die Sueben, eine Antwort, in:
Westd. Zeitsdir. 10 (1891) 104—110.
56 Fr. Maurer, Nordgermanen u. Alemannen (1942) 1 1 5 ; ( 3 1 9 5 2 ) 108.
57 W . L a Baume, Vorgesch. v. Westpreußen (1920) 50.
58 Fr. Maurer, Nordgermanen u. Alemannen (1942) 115; ( 3 1952) 112.

13»
196 Das Bild von der Entstehung der germanischen Sprachen

der frühen Ostgermanen Kossinnas ausschließt, da Schwantes" und


Kossinna"' ihre Thesen mit den gleichen Argumenten begründeten.
Maurers Gedankengänge sind für die Gesdiichte der Forschung und
für die Auffassungen der neuzeitlichen Germanistik so interessant, daß
sie noch etwas detaillierter verfolgt werden sollten' 1 : „Ursprünglich bin
ich von der Tatsache ausgegangen . . . , daß . . . am Ende der jüngeren
S t e i n z e i t . . . die beiden . . . nordischen Kulturkreise, der Kreis der Groß-
steingräber und der der schnurkeramisdien Einzelgräber (Streitaxtleute)
in Verbindung und Mischung geraten und . . . sich zu einem neuen ein-
heitlichen Kulturkreis verbinden". Das ist wieder die Vorstellung

59 G. Sdiwantes, Forschungen u. Fortschritte 9 (1933) 198: „Es erhebt sich nun


die Frage, wo jene nordischen Volksmassen geblieben sind . . . Wohl ist Nord-
ostdeutschland recht stark bewohnt, aber hier herrscht eine so ununterbrochene
Entwicklung der Zivilisationsformen, . . . , daß mir dieses Gelände weniger
als Ziel der nordischen Einwanderer in Betracht zu kommen scheint... Viel
wahrscheinlicher ist es, daß sich der Hauptstrom der Einwanderer in das Ge-
biet zu beiden Seiten der unteren und mittleren Elbe ergossen hat. Wir fin-
den hier eine außerordentlich homogene Fundgruppe, die ich . . . die Ja-
storf-Gruppe genannt habe . . . Die Jastorf-Besiedlung beginnt auf dem gan-
zen Gebiet zur selben Z e i t . . . Die Sueben, die mächtigste und angesehenste
Gruppe der Germanen, dürften demnach etwa um 600 gerade aus den Ge-
bieten der nordischen Urheimat der Germanen eingewandert sein". — Vgl.
dazu auch oben S. 178 Anm. 163.
ao G. Kossinna, Die dt. Vorgeschichte ( 2 1914) 143 f.: „Fragen wir bislang aber,
was wir denn als besondere Ursache für diese massenhafte Auswande-
rung der Nordgermanen aus Skandinavien und ihre Ausbreitung nach
Ostdeutschland erkennen können, so konnten wir darauf keine Antwort
geben, sondern mußten uns mit dem Hinweis auf das in längeren und
kürzeren Pausen sich ständig wiederholende Ausschwärmen des stets in
Überfüllen nachwachsenden jungen Lenzes der Skandinavier Genüge tun las-
sen . . . Zu Beginn der Eisenzeit . . . vollzog sich ein . . . völliger Klimasturz
. . . Solch eine Verschlechterung der Lebensbedingungen eines Ackerbauvolkes,
wie es die Germanen . . . waren, mußte notwendig zu Verschiebungen der
Bevölkerung in südlicher Richtung führen. . . . Wie Nordostdeutschland in der
frühen Eisenzeit offenkundig überseeische, nordische Einwanderung aufweist,
so zeigt umgekehrt Schweden . . . stärkste Entleerung des Landes." — Vgl.
dazu auch: G. Kossinna, Mannus 4 (1912) 417 ff. mit Resüme eines Referats
v. R. Sernander auf dem Ersten Baltischen Archäologen-Kongreß in Stock-
holm 1912. Kossinna beteiligte sich an der anschließenden Diskussion und
„brachte die ihm längst bekannte, nunmehr aber statistisch belegte Tatsache,
daß seit der Klimaverschlechterung zu Beginn der Eisenzeit die schwedischen
Funde plötzlich so außerordentlich spärlich wurden, mit seiner seit Jahr-
zehnten auf archäologischer Grundlage aufgebauten Meinung zusammen, daß
zu Beginn der Eisenzeit aus Schweden eine große Bevölkerung in die Weich-
selgegend übergesiedelt sei, die allmählich zu dem Stamm der Ostgermanen
auswuchs". — Vgl. dazu auch unten S. 394 ff.
41 Vgl. Fr. Maurer, Nordgermanen u. Alemannen ( s 1952) 103 ff.
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 197

Kossinnas'2. „Die Auseinandersetzung und die Vereinheitlichung der


neuen Kultur vollzog sidi nur allmählich; die Verschmelzung beginnt um
1800, der Ausgleich ist um 1200 beendet". Hier zeichneten sich die An-
sichten E. Sprockhofs ab, der auch namentlich genannt wurde". Mit
Sprockhof? und gegen die — wie Maurer meinte — Mehrzahl der
Archäologen sprach er von bronzezeitlichen Germanen und hielt den
sogenannten „Nordischen Kreis" der Bronzezeit für germanisch. Er ver-
suchte die Diskontinuität zwischen der Kultur des „Nordischen Kreises"
der Bronzezeit und der späteren eisenzeitlichen, sicher germanischen
Kultur, mit drei Argumenten zu erklären: „ . . . die nach Süden vor-
stoßenden Germanen [könnten] auf fremde, etwa keltische Kulturen
treffen, deren Formen sie übernehmen und in den neu sich bildenden
spätgermanischen Kulturkreisen durchsetzen" und bereits Pytheas von
Massilia habe im 4. vorchristlichen Jahrhundert die germanischen Teu-
tonen auf der Kimbrisdien Halbinsel gekannt und schließlich „irgend-
woher müssen die späteren Germanengruppen kommen. . . . Irgendwann
muß das Germanentum zwar keine völlige Einheit, wohl aber eine
verkehrsmäßig noch eng verbundene Gruppe gewesen sein'4, . . . Die
frühe Ausbreitung der bronzezeitlichen Kultur aus Jütland heraus ist in
der letzten Zeit mehrfach dargestellt worden, am eindrucksvollsten . . .
von Sprockhoff". Maurer konnte nicht sehen, daß E. Sprockhoffs frühe

M
Vgl. G. Kossinna, Ursprung u. Verbreitung der Germanen i. vor- und früh-
gesch. Zeit 2 (1927) 297: „Finno-Indogermanen [Streitaxtkultur] und reine
Indogermanen [Megalithkultur] sind nunmehr eins geworden, ein kulturell
einiges Volk. . . . Das Ergebnis der Vereinigung von Indogermanen und
Finno-Indogermanen und der Verschmelzung ihrer beiderseitigen Kulturen
zu einer Einheit kann aber . . . kein anderes gewesen sein, als der Ursprung
der Germanen, der also rund um 2000 v. Chr. anzusetzen ist." — Ferner G.
Kossinna, Die Herkunft d. Germanen. Zur Methode d. Siedlungsarchäologie
(1911) 28 f.: „Allein selbst dieser Zeitpunkt, das Ende der Steinzeit, wäre
kaum schon derjenige, in dem ich die Zeit des Ursprungs der Germanen . . .
sehen könnte. Eine ungestörte Kontinuität der Kulturentwicklung in Skandi-
navien wie in Norddeutschland reicht rückwärts vom Ausgang der Steinzeit
. . . bis zu den Anfängen des Megalithgräberbaues . . . und von hier weiter zu
einer Kulturstufe, schon ohne Gräber, die zeitlich wie kulturell einen Über-
gang bildet . . . zu der älterneolithischen Epoche, . . . In diesem ganzen jün-
gerneolithischen Zeitraum einschließlich der genannten Obergangsstufe ist die
nordische Kultur, . . . , bereits über so weite Gebiete . . . ausgebreitet, daß wir
unzweifelhaft schon Gliederungen in Gruppen und Stämme vor uns haben
. . . Hier haben wir also schon das volle Recht, von Germanen in Skandina-
vien zu r e d e n , . . . "
** E. Sprockhoff, Zur Entstehung d. Germanen, in: Germanen u. Indogermanen.
Festschrift f. Hermann Hirt 1 (1936) 255—274 bes. 267 f.
64
Es kommt hier nicht darauf an, die Schwäche dieser Argumentation zu
charakterisieren, sondern Kossinnas Denken aufzuspüren.
198 Das Bild von der Entstehung der germanischen Sprachen

Arbeiten das ausgesprochene Ziel hatten, auf Grundlage einer soliden


Materialsammlung und mit Hilfe sorgfältig angelegter Karten darzustel-
len, wie sich die Ausbreitung der Germanen vollzogen hatte; das wußte
man in groben Umrissen zwar schon durch die Darstellungen Kossinnas,
doch man wollte es doch endlich einmal gründlich bewiesen haben*5. „Aus
einer Betrachtung der Hortfunde in Norddeutschland in der jüngeren
Bronzezeit weist er [Sprodkhoff] eine allmähliche Verschiebung des
Schwergewichts und damit eine Ausweitung des germanischen Siedlungs-
raums nach Osten nach66 . . . Sprockhof! stellt auch bereits innerhalb des
germanischen Gebiets der jüngeren Bronzezeit eine Reihe von kleineren
Kulturprovinzen fest, die sich klar voneinander abheben". Maurer
meinte67, alle diese Tatsachen seien „auch für die Sprachgeschichte von
großer Bedeutung. Es kann kein Zweifel sein, daß wir bereits für die
Zeit von 1200 bis 800 mit einer sprachlichen Aufspaltung des Germanen-
tums zu rechnen haben". Er kam nun zu Schwantes' „Suebisdier Land-
nahme" und schloß: „Das sind in großen Zügen die frühen Schicksale
des Germanentums und die ersten Ansätze zu seiner Gliederung, wie sie
sich mir aus der Durchsicht des archäologischen Schrifttums . . . ergibt".
Vergleicht man rückschauend, wie sich Maurer nach Sprockhof!
— teilweise auch nach Tackenberg*8 — die Ausbreitung der Germanen
in der Bronzezeit dachte, mit den Ansichten Kossinnas, so ist es nicht
schwer, die Übereinstimmung der Auffassungen festzustellen: „Ich sah,
daß die Kulturprovinzen Mitteleuropas in der jüngeren S t e i n z e i t . . . sehr
zahlreich waren und unaufhörlich ihre Grenzen wechselten, . . . ganz
anders innerhalb der Bronzezeit, . . . da vereinigten sich jene zahlreichen
Provinzen zu drei großen Kulturgebieten. Es waren das: 1. ein westliches
und südwestliches, das ich das keltische nenne; 2. ein östliches und süd-
65
Vgl. dazu E. Sprockhof!, Die Germanischen Griff zungensch werter (1931) III
und die Ausführungen zur Verbreitung der verschiedenen Schwerttypen, bes.
19 ff. 33. 48 f f . Die gleiche Zielsetzung zeigen die Auswertungen der
Verbreitungskarten der Vollgrifischwerter an: E. Sprockhof!, Die germani-
schen Vollgriffschwerter der jüngeren Bronzezeit (1934) 23. 40. 67 ff.
66
Auch hier kommt es nicht darauf an, darüber zu diskutieren, was Hortfund-
verbreitung überhaupt historisch aussagen kann und ob sie das aussagen
kann, was Sprockhof! meinte und was Maurer folgerte, sondern iestzustellen,
wie Maurer mit Sprockhof! argumentierte und wie weit Sprockhoffs Argu-
mente von Kossinna abhängig sind.
87
Fr. Maurer, Nordgermanen u. Alemannen (®1952) 112 f.
68
Vgl. Fr. Maurer, a. a. O. 111 Anm. 1 u. 2. — K. Tackenberg, Die zweihenk-
ligen Terrinen der jüngeren Bronze- und älteren Eisenzeit im Gebiet zwischen
Ems- und Elbemündung, in: Urgesdiiditsstudien beiderseits d. Niederelbe
(1939) 153—187; ders., Zum bronzezeitl. Formenkreis an Ilmenau u. Nieder-
elbe, in: Nachrichten aus Niedersachsens Urgesdi. 18 (1949) 3—62 und brief-
liche Mitteilung an Maurer.
Zur Forschungsgesdiidite und zum Forschungsstand 199

östliches, das ich das illyrische nenne; und 3. als südwärts gerichteter
Keil mitten zwischen beiden, von der Ems im Westen bis zur Oder und
später bis zur Weichsel im Osten und nordwärts über Skandinavien sich
fortsetzend: das germanische Gebiet. . . . in der frühen Eisenzeit . . . : da
erobern die Germanen das Ulyriergebiet Ostdeutschlands und ganz
Polens, ebenso das keltische Nordwestdeutschland bis nach Belgien hinein,
schließlich das Mittelrheingebiet"' 0 .
Maurer nahm also das von Kossinna — im Prinzip schon 1895 —
entworfene Bild von der Genesis und frühen Verbreitung der Germanen,
das Kossinna selbst niemals im vollen Umfang quellenmäßig belegt hatte
und das Gelehrte, die ihm wissenschaftlich nahestanden, — von der
Richtigkeit der Thesen Kossinnas überzeugt — eher illustriert als wissen-
schaftlich untermauert hatten, und setzte die auf solche Weise nachge-
wiesenen bronzezeitlichen und früheisenzeitlichen Gruppen frühen ger-
manischen Sprachgruppen gleich. Er sah sich dazu berechtigt, weil „die
früheren ethnischen Gruppen sich auch als Sprachgemeinschaften jener
Zeit ausgewirkt haben müssen"70. Das aber ist nichts anderes als die
„Übersetzung" eines der methodologischen Grundsätze Kossinnas, die
Maurer übrigens gut kannte 71 und deren Verläßlichkeit er mit Hilfe
einiger Kritiker Kossinnas zu ermitteln suchte, wobei er ausführlicher auf
E. Wahle einging72. Er kam zum Ergebnis: „Was nun noch die drei
Beispiele betrifft, von denen Wahles Kritik den Ausgang nimmt, so kann
abschließend aus diesen Einzelfällen gefolgert werden, daß sie unsere
Grundlage nicht zu zerstören vermögen . . . Mir scheint geklärt zu sein,
daß Kossinnas Satz 1 [„Kulturgebiete sind Völkerstämme", oder: „Scharf
umgrenzte archäologische Kulturprovinzen decken sich zu allen Zeiten mit
ganz bestimmten Völkern oder Völkerstämmen" 73 ] in dieser Ausschließ-
lichkeit nicht haltbar ist; mir scheint aber ebenso eindeutig das Folgende
zu sein: Die prähistorischen Kulturprovinzen lassen sich als Gemein-
schaften der sie tragenden Menschen und Gruppen fassen, wenn man
nicht blindlings jede Gemeinsamkeit gleich wertet, sondern auf Dauer,
Art und Zahl der archäologischen Belege und Erscheinungen achtet,.. ."74.
Hatte nicht aber vielleicht Kossinna doch gerade d a s gemeint, wenn
" G. Kossinna, Ursprung u. Verbreitung d. Germanen in vor- u. frühgesch.
Zeit 1 (1926) 5 f.
70
Fr. Maurer, Nordgermanen u. Alemannen ( s 1952) 31.
71
Fr. Maurer, a. a. O. 95.
72
Fr. Maurer, a . a . O . 99 ff.; E.Wahle, Zur ethnischen Deutung frühgeschicht-
licher Kulturprovinzen. Grenzen d. frühgesch. Erkenntnis. 1. Sitzungsber. d.
Heidelberger Akademie d. Wiss. Phil.-Hist. Kl. Jg. 1940/41, 2. Abh. (1941,
2
1952).
n
Fr. Maurer, a . a . O . 95; G. Kossinna, Herkunft d. Germanen (1911) 3. 17.
74
Fr. Maurer, a. a. O. 102 f.
200 Das Bild von der Entstehung der germanischen Sprachen

er von „ s c h a r f u m g r e n z t e n " Kulturprovinzen bzw. wenn er


von „ K u l t u r g e b i e t e n " sprach? Er hat diese von ihm benutzten
Begriffe niemals definiert. Allerdings, ganz gleidi, welche Definition er
auch immer im Sinne gehabt haben könnte, gegen jede einzelne, die auch
nur denkbar ist, verstieß er; denn allzu häufig verfügte er nicht über
„scharf umgrenzte" Kulturprovinzen und allzuoft konnte er überhaupt
keine „Kulturprovinzen", sondern eine Summe von Typenkreisen, ein-
zelne Typengebiete oder gar nur einzelne verstreute Funde vorweisen,
die er als Typengebiet zusammenfaßte und mit „Völkern oder Völker-
stämmen" gleichsetzte. Wahrscheinlich konnte Maurer diesen Fehler gar
nicht erkennen. Welcher der Kritiker Kossinnas hatte ihn denn bis dahin
richtig erkannt? Gingen sie nicht so gut wie alle bei ihrer Kritik von
gewissen Grundsätzen aus, die sie selbst von Kossinna übernommen
hatten? Meinten sie nicht, die „Methode Kossinna" zu kritisieren und
klagten sie in Wirklichkeit doch nichts anderes an als eine falsche Anwen-
dung der „Methode" durch Kossinna selbst75? Selbst H . Zeiss, der bedeu-
tendste und geistvollste unter den Kritikern Kossinnas, behandelte doch
im Grunde keine Fälle, wo „scharf umgrenzte Kulturprovinzen" vor-
lagen, sondern wo einige wenige isolierte Funde abseits des Hauptver-
breitungsgebiets des in diesen vertretenen Typs vorhanden waren 7 '.
Fr. Maurer blieb also mit seiner Kritik an Kossinna — wie die
meisten anderen Kritiker auch — durchaus noch innerhalb des Spielraums
von dessen Denken. Das hatte u. a. zur Folge, daß der Skandinavien-
Topos sich in seiner Darstellung in mehreren Varianten findet. Fünf
sind unschwer festzustellen, nämlich 1. die Herkunft der Germanen aus
dem skandinavischen Norden (Dänemark, Sdiweden und Norwegen),
2. die Auswanderung der Sueben aus Südskandinavien, 3. die Einwande-
rung der Burgunden und Wandalen aus dem Norden, 4. die Einwande-
rung der Goten aus Västergötland, 5. die Erörterung der möglidien Ein-
wanderung der Langobarden aus dem Norden, wobei er nicht erkannte,
daß in den Argumenten von Wegewitz der Skandinavien-Topos ent-
halten ist77.
Es verwundert, daß Maurers Werk in der deutschen Vor- und Früh-
geschichte zunächst uneingeschränkte Anerkennung fand, ja, seine Be-

7S
Vgl. R. Hadimann, in: R. Hadimann, G. Kossack, H.Kuhn, Völker zw.
Germanen u. Kelten (1962) 16—28.
™ Vgl. H. Zeiss, Zur ethnischen Deutung frühmittelalterlicher Funde, in: Ger-
mania 14 (1930) 11—24.
77
Vgl. Fr. Maurer, Nordgermanen u. Alemannen (31952) 115; W. Wegewitz,
Die langobardische Kultur im Gau Moswidi (1937) 150; G.Körner, Die süd-
elbischen Langobarden zur Völkerwanderungszeit (1938) 7 f.
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 201

deutung für die Weiterarbeit in der Prähistorie ausdrücklich betont wurde:


„Man wird nicht bezweifeln, daß diese neue, im wesentlichen mit ihrer
Hilfe gewonnene These in der ardiäologischen Forschung äußerste Be-
trachtung verdient" 78 . Einwände kamen dann vornehmlich aus Skandi-
navien. C.-A. Althin betonte: „Eine einheitliche Fundgruppe kann natür-
lich, grundsätzlich gesehen, entweder ein gesdilossenes Handelsgebiet,
eine geschlossene Volksgruppe oder beides zusammen bedeuten" 78 . Er
wandte sich gegen die Grundsätze von Kossinnas „siedlungsarchäologi-
scher Methode" und deren Anwendung in der Vor- und Frühgeschidits-
forsdiung. Es sei falsdi, die „nordisdie Bronzezeitkultur" als urgerma-
nisch zu bezeichnen, die jüngere nordische Bronzezeit als ethnisch einheit-
lich zu betrachten, wie es Sprockhof! wollte, und die Jastorf-Kultur mit
Sdiwantes aus Südschweden herzuleiten 80 . Althin betonte, es sei dodi
außerordentlich bedenklidi, wenn Maurer die Entleerung des Nordens
durch die Abwanderung der späteren Träger der Jastorf-Kultur als
Folge der „verheerenden Wirkung des ,Fimbulwinters'" annähme. Das
müsse logisch zur Annahme „vom Norden als einem während der kelti-
schen Eisenzeit . . . unbevölkerten Land" führen, und es wirke eigen-
tümlich, wenn Maurer „im Anschluß an anderere Forscher, die Wandalen,
Goten usw. aus dem unbevölkerten Norden auswandern" lasse81. Rück-
sichtslos kritisierte Althin Maurers Vorgehen: „Es ist beinahe ein durch-
gehender Zug in Maurers Arbeit, daß er sdiwach unterbaute archäolo-
gische Untersuchungen anerkennt bezw. wohlbegründete verwirft, je
nadidem, wie sie in das gegebene Schema passen, so z. B. nimmt er
E. Oxenstiernas keineswegs genügend unterbauten Gedanken von der
Auswanderung der Goten aus Västergötland nach dem Weichselgebiet
auf" 82 . Diese Kritik Althins hat sichtlich auch heute noch ihre Berechti-

78
Vgl. J. Werner, Besprechung von Fr. Maurer, Nordgermanen u. Alemannen
(1942), in: Deutsche Literaturzeitung 64 (1943) Sp. 253—263, bes. Sp. 258.
78
C.-A. Althin, Besprechung v. Fr. Maurer, Nordgermanen u. Alemannen, in:
Niederdeutsche Mitteilungen 2 (1946) 163—172, bes. 164. — Vgl. dazu: Fr.
Maurer, Entgegnung auf Althins Rezension Niederdeutsche Mitteilungen 2,
163 ff., in: Niederdeutsche Mitteilungen 4 (1948) 82—85 (mit unsadilidier
Polemik); C.-A. Althin, Schlußbemerkung, in: Niederdeutsche Mitteilungen
4 (1948) 85—86 mit dem treffenden Satz: „Man vergleiche z. B. die ganz
versdiiedenartigen Ergebnisse — in beiden Fällen politisch bedingt — zu
denen polnische und deutsche Siedlungsarchäologie gekommen sind." — Vgl.
ferner: Ed. Neumann, Besprechung von: Fr. Maurer, Nordgermanen u. Ale-
mannen ( 8 1952), in: Zeitschr. f. Mundartforschung 22 (1954) 116—117.
80
C.-A. Althin, Niederdeutsche Mitteilungen 2 (1946) 168 ff.
81
C.-A. Althin, a . a . O . 170.
82
C.-A. Althin, a. a. O. 171.
202 Das Bild von der Entstehung der germanischen Sprachen

gung, wenngleich auch sie sich gelegentlich unbewußt der Gedankengänge


Kossinnas bediente 88 .
Man hätte denken können, insbesondere wenn man die philologische
Kritik gegen Maurer in Betracht zieht 84 , die Germanistik hätte hinfort
eine Verwendung von archäologischen Funden und von Ergebnissen der
Vor- und Frühgeschichtsforsdiung in Verbindung mit rein sprachgeschidit-
lichen Problemen sorgsamer bedacht. Das Gegenteil war im allgemeinen
der Fall. Methodisch etwas sauberer ging nur Th. Frings vor 8 5 . E r be-
nutzte die Ardiäologie zu philologischen Erörterungen nicht, schloß dann
jedoch an eine rein philologische Betrachtung über „Westgermanisch,
Ingwäonisch, Deutsch" einen Versuch an, über die sprachwissenschaftlichen
Ergebnisse, die „bald eine Zweiteilung, bald eine Dreiteilung" der ger-
manischen Sprachen ergaben, hinauszukommen. E r betonte, die Gliede-
rung in Küstendeutsch, Binnendeutsch, Alpendeutsch erinnere „an die
Taciteische Dreiteilung: Ingwäonen an der Nordsee, Istwäonen zwischen
Rhein und Weser, Erminonen an der mittleren und oberen Elbe" 8 '. Schon
darin steckt allerdings archäologische Deutung, da Tacitus nur von medii
Herminones (Tacitus Germania 2,2) sprach; wo lag aber für seinen
Gewährsmann die Mitte 8 7 ? Danach versuchte Frings „eine Lösung mit

83 Vgl. C.-A. Althin, a. a. O. 172, wo er von der Kritik des Kossinna-Schülers


Wahle an seinem Lehrer als von einer „glänzenden Abhandlung über ein-
schlägige methodisdie Fragen" spradi und Wahles Arbeit als „die wichtigste
methodische Arbeit innerhalb der Archäologie seit langem" bezeichnet. Vgl.
dazu R. Hadimann, in: R. Hadimann, G. Kossack u. H. Kuhn, Völker zwi-
schen Germanen u. Kelten (1962) 16 ff.
84 Vgl. E. Rooth, Besprediung von Fr. Maurer, Nordgermanen u. Alemannen,
in: Arkiv f. nordisk filologi 57 (1943) 119—122. — H.-Fr. Rosenfeld, Zu
den alemannisch-nordgermanisdien Wortgleichungen, in: Neuphilol. Mittei-
lungen 51 (1950) 61—109. — H.Kuhn, Besprediung von Fr.Mauer, Nordger-
manen u. Alemannen ( 2 1943), in: Anzeiger f. dt. Altertum u. dt. Literatur
43 (1944) 4—13. — Bes. bei H. Kuhn einige treffliche Formulierungen, so
a. a. O. 4: „Er sagt zwar, er habe die Ergebnisse der Bodenforschung nur zur
Ergänzung herangezogen, aber er ordnet sie den Ergebnissen seines Faches
vollkommen über." — Weiter a. a. O. 5: „Hier hängt die Sprachforschung
nun ganz am Rockschoß der Bodenforschung. Die Vorgeschichte bestätigt aus
ihr selbst gefolgerte Sprachverhältnisse. Wenn Maurer auf diese Weise nur
das Bild der ältesten Sprachzustände ergänzte, wo uns die Sprache selbst kein
Zeugnis mehr gibt, dann wäre der Schaden vielleicht kaum der Rede wert.
Aber er arbeitet nach diesen Grundsätzen auch da, wo die Spradie selber
spricht und rückt ihre Aussagen zugunsten des Bildes zuredit, das ihm die
Ergebnisse anderer Wissenschaften . . . gegeben haben."
85 Th. Frings, Grundlegung einer Geschichte d. dt. Sprache (1948, 2 1950, s 1957).
06 Th. Frings, a. a. O. ( 3 1957) 52.
87 Vgl. den Versuch, des Tacitus Gliederung zu verstehen, in: R. Hadimann,
G. Kossack u. H. Kuhn, Völker zwischen Germanen u. Kelten (1962) 50 ff.
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 203

Hilfe der Vorgeschichte". Er berief sich in der Scheidung zwischen West-


und Ostgermanen auf Kossina 88 , meinte in dieser Zeit sei „in dem Raum
Niederrhein—Odermündung, dem damaligen Siedlungsraum der West-
germanen, die Dreiteilung in Ingwäonen, Istwäonen, Erminonen vor-
gebildet". D i e zum Vergleich herangezogene Karte, die ihm sein da-
maliger Kollege Tackenberg zur Verfügung stellte, ist nichts als eine
stark vergröberte Umzeichnung verschiedener von Kossinna entworfener
Karten und hat keinerlei wissenschaftlichen Wert 89 . Dasselbe gilt für
Karten, die die Verhältnisse um 300—250 v. Chr. darstellen sollten®0.
Wenn Frings feststellte, „zu Kossinna und Tackenberg stimmen die
Darlegungen und Karten von E. Wahle"®1, so hängt das damit zusammen,
daß — wie Tackenberg — auch Wahle Kartenentwürfe Kossinnas ziem-
lich unverändert übernahm.
D i e sprachwissenschaftlichen Folgerungen, die Frings aus dem vor-
geschichtlichen Kartenmaterial zog®2, werden im übrigen nur scheinbar
durch dieses bestimmt; genau genommen versuchte er nämlich nur sprach-
liche Fakten, die sich aus seiner Betrachtungsweise ergaben, mit H i l f e der
Vor- und Frühgeschichte verständlicher zu machen. Er war weit davon
entfernt, Unbewiesenes aus einer Nachbarwissenschaft zu übernehmen
und als Prämisse allen sprachwissenschaftlichen Überlegungen voranzu-
stellen.
Völlig anders ging dagegen in neuerer Zeit E. Schwarz bei seinen
Studien zur Ausgliederung der germanischen Sprachen vor®3. Er setzte
88
Th. Frings, Grundlegung einer Gesdi. d. dt. Spradie (31957) 53 Anm. 16
nannte: G. Kossinna, Ursprung u. Verbreitung d. Germanen in vor- u. früh-
gesdi. Zeit (1926, 21928, 31934) Abb. 25, die er selbst als Karte 54 abdruckte.
89
Th. Frings, a. a. O. 53 Karte 55 a. — Vgl. dazu W. Foerste, Besprechung von
Th. Frings, Grundlegung einer Geschichte d. dt. Spradie (21950), in: Nieder-
deutsches Jahrbudi 74 (1951) 143: „Die von dem Ardiäologen Tackenberg
beigesteuerten Karten 56 a und 56 b sind wissenschaftlich unbrauchbar, so-
lange nicht Rechenschaft darüber gegeben ist, worauf die archäologische
Scheidung von Ingwäonen, Istväonen und Erminonen beruht."
®° Th. Frings, a. a. O. 53 Karte 56 a u. b. — Karte 56 b ist nach dem Erschei-
nen von R. von Uslar, Westgermanische Bodenfunde (1938) überarbeitet.
M
Th. Frings, a . a . O . 53 Karte 57. Vgl. E.Wahle, Deutsche Vorzeit (1932)
103 ff. 112 ff. 119 ff. Karten 3—6.
2
® Th. Frings, a. a. O. 54 ff.
E. Schwarz, Goten, Nordgermanen, Angelsachsen (1951); dazu H.-Fr. Rosen-
feld, Zur sprachlichen Gliederung d. Germanischen. Eine Untersuchung an-
läßlich von: E.Schwarz, Goten, Nordgermanen, Angelsachsen (1951), in:
Zeitsdir. f. Phonetik 8 (1954) 365—389, bes. 366 f.: „Durch Oxenstiernas
Budi . . . , der die Funde der beiden letzten Jahrhunderte v. Chr. in Väster-
götland untersucht hat, ist dies als Heimat der Goten bestimmt, . . . Wenn
Schwarz auch erklärt, daß er unabhängig von dieser Feststellung die Heimat-
frage mit sprachlichen Mitteln untersuchen will, so wird doch die Tatsache
204 Das Bild von der Entstehung der germanischen Sprachen

die Goten an den Anfang seiner Betrachtungen, stellte gleich fest: sie
„haben nach ihrer Abwanderung eine eigene Sprache entwickelt und seit
ihrer Landnahme in Südrußland eine Sprachinsel gebildet... Das Gotische
darf als Sprachinsel nicht auf das Urgermanische, sondern muß auf die
Ausgangslandschaft zurückbezogen werden" 94 . Er versuchte, „das zur Ab-
wanderungszeit im ersten Jahrhundert vor Chr. gesprochene Gotonor-
dische zu gewinnen, das in der gotischen Urheimat in Südschweden ge-
sprochen worden" sei9*. Schwarz versuchte weiter, „aufbauend auf den
Ergebnissen der modernen Mundartgeographie, die sprachlichen Tat-
sachen im Zusammenhang mit den geschichtlichen und vorgeschichtlichen
zu sehen, um eine möglichst breite und sichere Grundlage zu schaffen"9'.
Er begann seine Untersuchungen dann mit einer Erörterung der Urheimat
der Goten nach archäologischen und historischen Quellen97, und schloß
sich Oxenstiernas Auffassung von der Herkunft der Goten aus Väster-
götland an (vgl. unten S. 229 ff.), wobei er „erschwerende Umstände"
nicht ganz übersah und die Einbeziehung östergötlands als Gotenheimat
in Betracht zog98. Danach wandte er sidi den philologischen Problemen
mit den Worten zu: „Die sprachlichen Darlegungen werden im Folgenden
die archäologischen Kenntnisse in Rechnung setzen, sich im übrigen aber
bemühen, mit ihren Mitteln einer Lösung näher zu bringen, so daß es
schließlich möglich sein wird, sie mit den Aussagen der Geschichte und
Vorgeschichte zu verbinden" 99 . Diese vor- und frühgeschichtlichen Prämis-
sen einer sprachwissenschaftlichen Arbeit dürften den Wert von deren
Ergebnissen charakterisieren.
Die Benutzung ungeprüfter Auffassungen v o n V o r - und Frühge-
schichtsforschern älterer Generation f ü r sprachliche und insbesondere
altertums- und stammeskundliche Probleme bezeugt übrigens die Arbeit
Schwarz' über germanische Stammeskunde deutlich 100 . Schwarz Schil-
der skandinavisdi-götländischen Heimat der Goten in stärkerem Maße als
gegeben vorausgesetzt, als es für spradihistorische Untersuchung wünschens-
wert ist." Vgl. ferner die folgenden, teils überaus kritischen Rezensionen:
H. Kuhn, in: Anzeiger f. dt. Altertum 66 (1952—53) 45—62; E. A. Philipp-
son, in: Journal of English and Germanic Philology 52 (1953) 242—249;
L. Wolff, in: Arkiv f. nordisk filologi 68 (1953) 188—196; Ed. Neumann,
in: Zeitsdir. f. Mundartforschung 22 (1954) 118—121; W. Betz, in: Zeitschr.
f. Dt. Philologie 74 (1955) 309—313.
94 E. Schwarz, a. a. O. 5.

85 E. Schwarz, a. a. O. 5.

98 E. Schwarz, a. a. O. 5 f.

97 E. Sdiwarz, a. a. O. 13 ff.
98 E. Sdiwarz, a . a . O . 18.
99 E. Sdiwarz, a. a. O. 18 f.
100 E. Schwarz, Germanische Stammeskunde (1956). Vgl. dazu die Besprechung

v. H. Kuhn, in: Anglia 76 (1958) 434—442.


Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 205

derte die Entstehung des Germanentums nach E. SprockhofF101 (vgl. oben


S. 193) und die Ausbreitung der Germanen in Norddeutschland nach
Kossinna, Sprockhof? und Tackenberg102. Für die Entstehung der Gesichts-
urnenkultur, die er für bastarnisdi hielt, übernahm er den Vorschlag von
La Baume und Petersen103. Hier finden sidi Vorbilder, die auch Maurer
benutzte. Für die Herkunft der Kimbern stützte er sich auf die Nachrich-
ten der Antike, für deren Wanderweg nahm er Überlegungen M. Jahns
und W. Schulz' — beides Sdiüler Kossinnas — zur Grundlage104. In der
Annahme der Herkunft der Wandalen aus Nordjütland folgte er der frü-
hen Auffassung Kossinnas und den Ansichten Jahns105. Schwarz machte
Bornholm zum Durchzugsland der Burgunden, da ihm Bohnsack die Schwie-
rigkeiten gezeigt hatte, sie von der Insel selbst herzuleiten, und suchte ihre
Heimat im Bereich der Kattegatvölker 106 . Die Rugier stellte er wegen der
Gleichheit ihrer archäologisdi faßbaren Kultur — Bohnsads war dafür
sein Zeuge — neben die Burgunden und hielt sie für ihre Nachbarn in der
Urheimat107. Für die skandinavische Urheimat der Goten zitierte er die
gotische Scandza-'Tra.dhion und das einschlägige archäologische Schrift-
tum108. Den Ursprung des gesamten Komplexes der „Ostgermanen" be-
urteilte Schwarz in Kossinnas Sinn. „Die Stammeskunde, . . . , muß sich
entschließen, größere Zusammenhänge und die innere Abhängigkeit aller
ostgermanischen Aussiedlungen aus der nordischen Urheimat zu erkennen.
Den Vortrupp bilden Kimbern, Teutonen und Ambronen,... Den zweiten
Teil der Wandergenossenschaft bilden die Wandalen, Hasdingen, Warnen,
Ambronen und andere Stämme, wodurch sich die Urheimat auf Süd-
norwegen und vermutlich auf die dänischen Inseln ausdehnt... Ihnen

101 E . Sdiwarz, a . a . O . 19 ff.


102 E . Sdiwarz, a. a. O. 36 f.
108 E . Sdiwarz, a. a. O. 49 f.
104 E. Sdiwarz, a . a . O . 5 6 ; W . Schulz, Der Wanderzug d. Kimbern z. Gebiet d.
Boier, in: Germania 13 (1929) 1 3 9 — 1 4 3 ; M . J a h n , Der Wanderweg d. Kim-
bern, Teutonen u. Wandalen, in: Mannus 24 (1932) 150—157.
105 E . Sdiwarz, a. a. O. 65 f. u. das 73 f. genannte archäologische Schrifttum. —
Ein Schwanken zwischen Dogma und willkürlicher Abweichung davon ist für
Kossinna ebenso bezeichnend wie die sklavische und gelegentlich auch freiere
Übernahme seines Dogmas für seine Sdiüler. N u r in einem einzigen Fall
entschloß sidi Kossinna zu einer totalen, nicht näher begründeten Umkeh-
rung älterer Auffassungen, nämlich bei der Herkunft der Wandalen. Seiner
ursprünglichen Auffassung von ihrer Abstammung aus Vendsyssel stellte er
die Herkunft der „jütischen Vandalen" aus Schlesien gegenüber. Die Entwick-
lung des Auffassungswandels läßt sich einigermaßen verfolgen. — Vgl. oben
S. 173 f. Anm. 143.
100 E . Schwarz, a. a. O. 74 ff.
107 E . Schwarz, a. a. O. 80 ff.
108 E . Schwarz, a. a. O. 86 ff. u. das 95 f. zusammengestellte Schrifttum.
206 Das Bild von der Entstehung der germanischen Sprachen

folgen bald darauf die Burgunden und Rugier, wodurch Südwestnor-


wegen den Kreis der auswanderungslustigen Nordgermanen erweitert.
Sind diese Völker zwischen 1 2 0 — 1 0 0 v. Chr. ausgezogen, so folgen 100
Jahre später die Goten aus Götaland, im 2. Jahrhundert die stammes-
verwandten Gepiden und 250 die Krimgoten und Heruler, diese vermut-
lich aus Halland" 1 0 9 . Weiter kamen nach Schwarz mit Schwantes die
Sueben aus Südskandinavien 110 . Die Langobarden stammten wegen ihrer
Wandersage aus Schonen 111 , und schließlich wanderten die Dänen aus dem
Gebiet des Mälarsees ein, wofür die Archäologie keinen Anhalt bietet 1 ".
Insgesamt ist das fast die Gesamtsumme aller Herkunftsannahmen aus
Skandinavien, die jemals gemacht worden sind, nur die Bastarnen fehlen.
Spuren Kossinnas sind bei Schwarz unverkennbar. Sein Buch ist vor-
nehmlich nach dem Skandinavien-Topos komponiert. Ergebnisse der
Archäologie werden — auch dann, wenn sie den Stempel der Phantasterei
tragen — meist ungeprüft übernommen und teils leichthin weitergespon-
nen. Wo sich im vorgeschichtlichen Schrifttum Widersprüche finden, werden
sie — fast im Stile antiker Wissenschaft — gegeneinander abgewogen und
danach übernommen oder verworfen.
Kritik an Schwarz' Arbeitsweise ist deswegen auch nicht ausgeblie-
ben 113 . Mit Recht stellte H . Kuhn fest: „Schwarz hat . . . gar nicht ver-
sucht, die Urheimat des Gotischen auf sprachlichem Wege festzustellen,
sondern hat umgekehrt aus der uns, wie man meint, bekannten ersten
Heimat des Volkes geschlossen, seine Sprache sei ein Zweig des Nordi-
schen, und hat dann versucht, diese Herkunft des Gotischen auch aus
ihm selbst zu beweisen" 114 . Kuhn wandte sich dagegen, Oxenstiernas The-
sen bedenkenlos für richtig zu halten 115 . Die tragische Verstrichung, in der
sich die zeitgenössische Germanistik befindet, wird dann allerdings sicht-
bar: Kuhn begann nämlich nun mit Kossina gegen Schwarz zu polemi-
sieren. E r wandte sich gegen Schwarz' Vorwurf, keine Rücksicht auf die
geschichtlichen Begebenheiten zu nehmen, und entgegnete: „Sehen wir uns
an, wie wenig Boden außerhalb des später nordgermanischen Gebiets in
der Bronzezeit germanisch war, in welch gewaltigem Umfang dann am

109 E. Schwarz, a. a. O. 107 f.


110 E . Sdiwarz, a. a. O. 156.
111 E . Schwarz, a. a. O. 193 ff.
112 E . Schwarz, a. a. O. 206.
113 H . Kuhn, Besprechung von E. Schwarz, Goten, Nordgermanen, Angelsachsen,
in: Anzeiger f. dt. Altertum u. dt. Literatur 66 (1952/53) 4 5 — 5 2 ; ders., Zur
Gliederung d. germ. Sprachen, in: Zeitschr. f. dt. Altertum u. dt. Literatur 86
(1955) 1 — 4 7 .
114 H . Kuhn, Zeitsdir. f. dt. Altertum u. dt. Literatur 86 (1955) 1.
115 H . Kuhn, a. a. O. 9.
Zur Forsdiungsgeschidite und zum Forschungsstand 207

Ende dieses Zeitraums der große Klimasturz die Skandinavier gezwungen


hat, sich weiter südlich neues Land zu suchen, wie in offenkundigem Zu-
sammenhang damit das Schwergewicht der germanischen Siedlung damals
nach Deutschland überzugehen anfing, so daß die alten Kernländer, Süd-
sdiweden und Dänemark, fast zu Hinterland wurden, und wie sich, im
wesentlichen wohl in Deutschland, aber doch mit vielem Zuzug aus dem
Norden, die Ost- und Westgermanen zu starken eigenen Gruppen ent-
falteten, dann müssen wir eingestehn, daß sich die Gliederung der Ger-
manen und das Verhältnis ihrer Gruppen in der Zeit, die vor unseren
Quellen liegt, viel mehr verschoben haben muß, als es nun nachweisbar
ist" 116 . Dagegen könnte man mit Kuhns eigenen Worten einwenden: Er
hat gar nicht versucht, die Heimat der Germanen im Norden und ihre
Auswanderung über die Ostsee auf sprachlichem Wege festzustellen, son-
dern hat umgekehrt aus der uns, wie er meint, bekannten ersten Heimat
des Volkes weitere Schlüsse gezogen (vgl. oben S. 206).
Es verwundert nicht, wenn man feststellt, daß allenthalben die alten,
vom Dogma Kossinnas durchsetzten Anschauungen sich auch in der Ge-
genwart nachweisen lassen. H. Moser meint: „Obwohl gerade in neuerer
Zeit auch die deutschen Vorgeschichtsforscher in der Gleichsetzung archäo-
logisch faßbarer Kulturkreise mit ethnischen Einheiten wieder zurück-
haltender geworden sind ( . . . ) , läßt sich für die frühgermanische Zeit
doch manches mit einiger Sicherheit archäologisch erschließen" 117 . Und
nun folgt die alte Version: Entstehung der Germanen aus der Großstein-
gräber- und der Einzelgrabkultur um 2000 v. Chr., Ausdehnung der Ger-
manen nach dem Osten bis zur Weichselmündung (von etwa 1200—800
v. Chr.), im 6. Jahrhundert Einwanderung der Elbgermanen — Ermino-
nen des Tacitus — an die untere und mittlere Elbe, Grund für die Wande-
rung ein Klimasturz. Sie wird durch die auch von Frings benutzte Karte
Tackenbergs illustriert 118 . Die alte Auffassung setzt sich fort: „Seit etwa
100 v. Chr. ist eine nordgermanische archäologische Sondergruppe faßbar.
Die frühen, etwa 1200—800 eingewanderten ,Ostgermanen' oder Oder-
Weichsel-Germanen scheinen bis zum 2. Jahrhundert weiter nach Osten
und Südosten vorgedrungen zu sein". Zwischen Oder und Weichsel-Bug
rücken die Wandalen und Burgunden, um Chr. Geb. auch die Goten ein.
„Die Goten, deren Heimat wir heute in Västergötland suchen, zogen

1,6 H. Kuhn, a. a. O. 9 f.
117 H. Moser, Deutsche Sprachgeschichte d. älteren Zeit, in: W . Stammler [Hrg.],
Deutsche Philologie im A u f r i ß 1 ( 2 1957) 633; ebenso ders., Deutsche Sprach-
gesch. (1950, 2 1954, »1957, "1964, =1965) 86.
118 H. Moser, a. a. O. 814 Karte 1 u. 2 ; ebenso ders., Dt. Sprachgesch. (=1965)
86 f. 220 Karte 1 — 2 (ebenfalls v. Frings übernommen).
208 Das Bild von der Entstehung der germanischen Sprachen

um 150 n. Chr. ans Schwarze Meer, . . Der Ablauf der Ereignisse


wird wiederum u. a. durch eine Karte Tackenbergs illustriert 180 . Wieder
greift Moser auf Altes zurück; von skandinavisch-gotischer Gemeinsamkeit
in der Sprache kommt er auf den Begriff des Ostgermanischen oder Goto-
nordischen. Er weist auf E. Schwarz und fährt fort: „Sie [die Gemein-
samkeiten] werden damit zusammenhängen, daß die Goten sich erst um
Christi Geburt von den Nordgermanen trennten" 121 . Fr. Maurers Versuch,
die vor- und frühgeschichtlichen und die historischen Gegebenheiten mit
den sprachlichen Tatsachen in Einklang zu bringen, nennt Moser „einen be-
stechenden Versuch"118, und er kommt zu dem Schluß: „Es bleiben . . . beim
heutigen Stand der Forschung noch viele wichtige Fragen offen. Auch wenn
man den archäologischen Ergebnissen heute mit einer gewissen Zurück-
haltung gegenüberstehen muß, soweit es sich dabei um eine Gleichsetzung
von Kulturkreis und ethnischer Gruppe handelt, und wenn man auch nicht
unbesehen beide als Sprachgemeinschaft betrachten darf, hat doch Maurers
Auffassung die gewichtigsten Argumente für sich"183. So wird also dann
trotz aller — ausgesprochenen — Reserve gegenüber der Archäologie
im Stillen doch festgestellt, die prähistorischen Kulturprovinzen seien
Verkehrsgemeinschaften und zugleich Sprachgemeinschaften; die sprach-
lichen Quellen allein führen zu keinem eindeutigen Ergebnis. „Wir sind
auf dieser Zeitstufe besonders darauf angewiesen, die Ergebnisse der vor-
geschichtlichen und historischen Untersuchungen beizuziehen und es ist die
Aufgabe, sie und die sprachlichen Gegebenheiten in Einklang zu bringen,
ohne die Eigenständigkeit der sprachlichen Forschung aufzugeben" 184 .
Ähnliches hatte mit anderen, fordernden und oft sehr ungeduldigen Wor-
ten bereits 1897 Kossinna gesagt. Doch e i n Unterschied sollte hier nicht
übersehen werden: Moser fordert die „Eigenständigkeit der sprachlichen
Forschung"; sollte das Unabhängigkeit von Argumenten bedeuten, die
nicht aus der Sprachwissenschaft stammen, so wäre damit — wenigstens
als Postulat — ein neuer Anfang gemacht.
Einen Versuch, die „Eigenständigkeit der sprachlichen Forschung"

"* H.Moser, a . a . O . 649; die Oder-Warthe-Germanen scheinen dem v. H.


Bengtson und V. Milojüic herausgegebenen Großen Historischen Weltatlas
(21954) Karte 6 b (Entwurf G. Kossack) entnommen zu sein, indem er die
dort benutzten Begriffe „Weichsel-Germanen" und „Oder-Warthe-Germa-
nen" zusammenzog; der Begriff ist sonst nicht gebräuchlich.
120
H. Moser, a. a. O. 814 f. Karte 3.
121
H. Moser, a. a. O. 658; ebenso ders., Dt. Sprachgesdi. (51965) 87.
122
H. Moser, a. a. O. 664.
12S
H. Moser, a. a. O. 669.
124
H. Moser, a. a. O. 664.
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 209

zu wahren, ist in neuerer Zeit von L. Rösel unternommen worden 1 ". Er


wagte „eine Gliederung der germanischen Sprachen allein vom sprach-
lichen Befund her" 12 '. Aber er hat diesen Vorsatz nicht konsequent durch-
halten können. Sagt denn die Sprache selbst, daß „das Got. nach seiner
Herauslösung aus dem engeren Bereich des Nordens und seiner Fest-
setzung an der Weichselmündung" in Beziehungen mit den südgermani-
sdien Stämmen getreten ist127? Es fallen Stichworte wie „Weser-Rhein-
Germanen" und „Elbgermanen" 188 . „Zur Zeit unserer Gruppierungen in
Kapitel I waren Goten, Nordgermanen und Angelsachsen auf den süd-
skandinavischen Siedlungsboden zusammengedrängt" 129 . „In Skandi-
navien saßen die später ae. [altenglischen] Stämme, die späteren Skandi-
navier und die Goten in dieser Reihenfolge von West nach Ost. Bei der
lockeren Siedlungsweise und dem wohl recht geringen Verkehr bedurfte
es sicher längerer Zeit, bis sich eine Neuerung von den ae. Stämmen
zu den Goten oder umgekehrt ausgebreitet hatte" 130 . Auf solche gravieren-
den Inkonsequenzen hat besonders H . Kuhn hingewiesen. Dennoch sind
seine Vorwürfe nicht völlig berechtigt. Eine „sehr vage und wirklich-
keitsfremde Vorstellung von den Zuständen in der Frühzeit" 131 muß der
feststellen, der sich zwar von alten Auffassungen der Vorgeschichtsfor-
schung distanziert, dennoch aber den Gedanken der Prävalenz der Archäo-
logie nicht völlig aufgegeben hat. Gewiß hat der Archäologe selbst heute
nicht mehr diese vagen und wirklichkeitsfremden Vorstellungen, aber
kann er sie deswegen schon dem Sprachwissenschaftler als wirklichkeitsnah
empfehlen152?
Es ist offensichtlich nicht das eigentliche Problem, daß die Sprach-
wissenschaft sich v e r a l t e t e r vor- und frühgeschichtlicher Argumente
bedient hat und noch bedient, sondern daß sie sich ü b e r h a u p t vor-
und frühgeschichtlicher Beweise bedient und daß diese allzu oft nur Schein-
beweise sind.
Was hätte die Germanistik insgesamt genommen allerdings anderes
tun können? Diese Frage stellt sich zum Schluß! Wer an die Zwangsläufig-
125
L. Rösel, Die Gliederung der germanischen Sprachen nach dem Zeugnis ihrer
Flexionsformen (1962); dazu: Besprechung von H.Kuhn, in: Anz. f. Dt.
Altertum 73 (1964) 145—152; Besprechung von W. Meid, in: Indogerm.
Forsdi. 69 (1964) 84—88.
128
L. Rösel, a. a. O. VI.
127
L. Rösel, a. a. O. 48. ebenso 52 f.
128
L. Rösel, a . a . O . 53.115.
128
L. Rösel, a. a. O. 77.
150
L.Rösel, a . a . O . 5 2 f . Anm. 191.
131
H. Kuhn, Anz. f. Dt. Altertum 73 (1964) 148 f.
132
H. Kuhn beruft sich auf die Ubersicht zur schwedischen Vor- und Früh-
geschichte, in: M. Stenberger, Sweden (o. J. [1962]) 113—120.

14 H a d i m a n n , Goten und Skandinavien


210 Das Bild von der Entstehung der germanischen Sprachen

keit historischer Abläufe glaubt, wird geneigt sein zu antworten: „Nichts!"


Hielte man ihm vor, daß mindestens der Weg, den Maurer beschritten
hat, hätte vermieden werden können, so wird er antworten: „Gerade er
war nötig, um eine ganze Forschungsrichtung ad absurdum zu führen —
und das endgültig!"
Der Irrweg, den bald siebzigjähriges Forschen gegangen ist, läßt
sich wohl durdi eine forschungsgeschichtliche Analyse sichtbar machen;
er ist dadurch nicht ungeschehen. Es muß sich jetzt hauptsächlich darum
handeln, für die Zukunft daraus Konsequenzen zu ziehen. Es ist Ange-
legenheit der Germanistik selbst, zu prüfen, wo in rein sprachwissen-
schaftlichen Arbeiten offene oder verborgene archäologische Argumente
enthalten sind, und zu untersuchen, wie eine künftige „reine Methode"
aussehen muß.
H i e r handelt es sich mehr darum zu fragen, was die Germanistik
bislang zur Geschichte der Germanen — speziell zu der der Goten —
an sicherem Wissen eingebracht hat. Der Umfang dessen, was an rein
sprachlichen Einsichten, d. h. an gesicherten sprachlichen Einsichten, vor-
handen ist, die die Vorstellungen von der Genesis des Germanentums
wirklich ernstlich fördern könnten, ist gering. Er ist sogar für den Bereich
des Gotischen bzw. der Goten gering, wiewohl die Quellenlage hier be-
sonders günstig ist. Über den Zusammenhang der Goten mit Skandinavien
können sprachliche Fakten für sich allein genommen vorerst kaum Aus-
sagen machen. Die Sprache einer kleinen gotischen Gruppe ist bekannt, die
der Goten des Ulfilas. Sprachen alle Goten in Südrußland, auf der Bal-
kenhalbinsel, in Italien und in Südfrankreich und Spanien die gleiche
Sprache? Es ist bekannt, daß im Laufe des 4. und 5. Jahrhunderts mancher-
lei sicher nichtgotische, oft wohl auch n i c h t g e r m a n i s c h e Bevölke-
rungsgruppen in jenen Komplex eingegliedert wurden, den römische und
griechische Ethnographie mit wechselnden Namen Sxvfrai, Gotbi, Tervingi
und Greuthungi, Vesi und Vesegothae und Ostrogothae nannte. Welche
sprachlichen Folgen hatte dieser Vorgang? Weiß man, daß keinerlei sprach-
liche Veränderungen eintraten? Waren jene Goten, die sich in Südrußland
ansässig machten, ausnahmslos und ausschließlich dieselben, welche vor-
her an der Weichsel gesiedelt hatten? Es ist bekannt, daß sich im 3. nach-
christlichen Jahrhundert innerhalb des Germanentums neue Bevölkerungs-
gruppierungen entfalteten. Die Alamannen tauchten auf, dann die Fran-
ken, Sachsen, Thüringer. Sollte es nur ein Wechsel von Namen gewesen
sein? Viele alte Namen verschwanden; einige blieben: Langobarden,
Wandalen und Goten. Garantiert die Konstanz der Namen, daß die
Struktur dieser Stämme sich weniger änderte als dort, wo neue Namen
auftauchten?
Zur Forschungsgesdiichte und zum Forschungsstand 211

Sidier ist im Fall der Goten, daß ein Kern historischer Tradition
vorhanden war. Sidier hängen die Gothi des Ablabius auf irgendeine
Weise mit den Gotones des Tacitus zusammen. Der von Wenskus geprägte
Begriff des Traditionskerns133 bewährt sich. Die Gothi in Südfrankreich
fühlten sich als Nachkommen jener, die ehedem an der Weichsel gesiedelt
hatten, und sie waren der Meinung, sie seien aus dem fernen Norden
übers Meer eingewandert. Aber welches war die Sprache d i e s e r Goten?
Kann man diese einfach mit der der Goten des Ulfilas gleichsetzen? Von
der Sprache der Ostgoten in Italien weiß man fast nichts. Wie sich die
Sprache der Ostgoten von der der Westgoten unterschied, ist nicht be-
kannt. Nur daß die Sprache des Ulfilas auch unter nichtgotischen Arianern
zur Verlesung der Heiligen Bücher benutzt wurde, ist bekannt. Groß
kann der Abstand der verschiedenen germanischen Dialekte also wohl
nicht gewesen sein. Was kann unter solchen Bedingungen aber aus der
Sprache des Ulfilas zur Herkunft der Goten entnommen werden? Was
kann die gotische Tradition über die Genesis dieser Sprache aussagen?

Könnte ein Germanist auf diese Fragen, soweit sie Sprachliches be-
treffen, antworten, ohne vorher den Archäologen gefragt zu haben, dann
wäre die Antwort für den Archäologen gewiß nicht uninteressant. Der
Blick auf die Forschungsgeschichte hat deutlich genug gezeigt, daß eine
solche, ganz von den vorgeschichtlichen Quellen unabhängige Antwort
augenblicklich nicht möglich ist. Es gibt zur Zeit keinen Ausweg aus dieser
Situation; allenfalls bleibt einige Hoffnung für die Zukunft. Was sagen
archäologische Quellen in sprachlicher Hinsicht? Was ergeben linguistische
Quellen für den Historiker und den Archäologen?
In Abwandlung eines Wortes von H. Paul darf man wohl behaupten,
daß bisher die gängigen Methoden der philologisch-archäologischen Zu-
sammenarbeit „mehr durch Instinkt gefunden sind als durch eine auf das
innerste Wesen der Dinge eingehende allseitige Reflexion"134. „Die natür-
liche Folge davon ist, daß eine Menge Willkürlichkeiten mit unterliefen,
woraus ein endloser Streit der Meinungen und Schulen entsteht"; auch
das sagte Paul. Er hat dabei gewiß nicht an Kossinna gedacht. Leute von
seinem Schlage mag er im Sinn gehabt haben.
Dennoch sollte die Devise nicht heißen: Zurück zum Positivismus!
Wohl aber scheint es sicher zu sein, daß man auch heute noch — oder
heute wieder — einiges von ihm lernen kann.

133 R Wenskus, Stammesbildung und Verfassung (1961) 75 f.


134 H. Paul, Prinzipien der Sprachgeschichte ( 4 1909) 5.

14"
212 Spuren der Gedankengänge Kossinnas

3. Spuren der Gedankengänge Kossinnas in der


Frühmittelalterforschung
Durch das Wirken von K. Zeuss, J. Grimm und K. Müllenhoff wurde
im Verlaufe des 19. Jahrhunderts die Gesdiichte der Germanen zum
Forschungsgebiet der Germanistik 1 ; die bedeutenden Historiker der Deut-
schen Historischen Schule hatten an deren Erforschung kaum Anteil. Es
lag nicht im Sinne dieses Kreises, an einer provisorischen Quelleninter-
pretation teilzunehmen, solange die Quellen selbst noch nicht text- und
quellenkritisdi analysiert und noch nidit in befriedigender Weise
ediert waren. Wohl gab es kursorische Stellungnahmen zur Frage der
Herkunft und Geschichte der Germanen von Seiten bedeutender Histo-
riker, doch blieben sie bewußt an der Oberfläche. So sagte noch 1863
H . von Sybel: „Der Ursprung der Germanen entzieht sich, wie alles
Entstehen der menschlichen Dinge, dem Blick der Forschung. Das Volk
selbst h a t t e , . . . , keine Erinnerung über seine Herkunft g e w a h r t . . . die
einzig wissenschaftlich sichere Leuchte in diesem Dunkel frühesten Alter-
thums gibt die vergleichende Sprachkunde . . . Es ergibt sich . . . der
Schluß, daß einst die Stammväter jener [indogermanischen] Nationen ein
einziges Volk gebildet und wahrscheinlich im asiatischen Osten zusammen-
gewohnt haben" 2 . So sah schon J. Grimm die Zusammenhänge 3 , und
neben von Sybel auch andere Historiker 4 . Immerhin befaßten sich bedeu-
tende Geschichtsforscher damals mit großer Intensität mit Editionsar-
beiten, G. H . Pertz, G. Waitz, Th. Mommsen, Br. Krusch5 und andere.
Neben Germanisten haben sich damals auch andere Nichthistoriker
mit germanischer Geschichte befaßt, so der sächsische Staatsmann Ed. von
1
Vgl. R. Hachmann, in: R. Hachmann, G. Kossack, H. Kuhn, Völker zw. Ger-
manen u. Kelten (1962) 19 ff.
2
H. von Sybel, Die Deutschen b. ihrem Eintritt i. d. Gesch. (Vortrag i. Berlin
1863), in: Kleine Hist. Schriften 1 (31880) 29—48, bes. 29 f.
3
Vgl. oben S. 152 Anm. 26—27.
4
Vgl. oben S. 153 Anm. 29.
5
H.Droysen, Eutrop (Mon. Germ. Hist. Auct. ant. II [1879]); K.Halm,
Salvian (Mon. Germ. Hist. Auct. ant. 1,2 [1877]) u. Victor Vitensis (Mon.
Germ. Hist. Auct. ant. 111,1 [1879]); F.Leo, Venantius Fortunatus, opera
poetica (Mon. Germ. Hist. Auct. ant. IV,1 [1881]); B. Krusch, Venantius
Fortunatus, opera pedestria (Mon. Germ. Hist. Auct. ant. IV,2 [1885]) u.
Appolinaris Sidonius (Mon. Germ. Hist. Auct. ant. VIII [1887]); Th.
Mommsen, Jordanes (Mon. Germ. Hist. Auct. ant. V,1 [1882]); Chronica
Minora saec. IV—VII (Mon. Germ. Hist. Auct. ant. IX [1892], XI [1894],
XIII [1897]) und Cassiodor (Mon. Germ. Hist. Auct. ant. XII [1894]); G.
H. Pertz, Annales et chronica aevi carolini-aevi Salici (Mon. Germ. Hist.
Scriptores I [1826]—V [1844]); H. Sauppe, Eugipp (Mon. Germ. Hist. Auct.
ant. 1,2 [1877]); G. Waitz, Scriptores Rerum Langobardicarum et Italicarum
saec. VI—IX (1878).
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 213

Wietersheim', der von Hause aus Jurist war, und Felix Dahn 7 — weiten
Kreisen als Schriftsteller historischer Romane bekannt, v o n Hause aus
ebenfalls Jurist und als akademischer Lehrer nicht ohne Bedeutung. Fach-
gelehrte beschränkten sich im allgemeinen auf Detailuntersuchungen.
Der erste umfassende Versuch kritischer Geschichtsschreibung ist
zweifelsohne der Ludwig Schmidts 8 , der wie kein anderer vor ihm die
antiken Quellen zur frühgermanischen Gesdiichte in ihrer Gesamtheit
überblickte. Er fühlte sich allerdings zu einem wesentlichen Teil auch auf
Ergebnisse der germanischen Altertumskunde angewiesen.
Es ist hier nicht der Ort, seine historiographische Leistung zu wür-
digen, obwohl das bislang noch niciit in vollem Umfange geschah*, viel-
mehr ist es nötig zu erfahren, wieweit die von Kossinna begründete For-
schungsrichtung der germanischen Altertumskunde in Methoden und For-
schungsergebnissen audi auf ihn Einfluß hatte. In seinen ersten Schriften
sind Einwirkungen der Lehrmeinungen Kossinnas kaum zu erkennen 10 .
Im Jahre 1904 kannte er zwar Kossinnas Aufsatz zur Ethnologie der Ost-
germanen, lehnte die Gleichung Gothiscandza-*Codaniska, für die sich
Kossinna ausgesprochen hatte, ab und nahm Einwanderung der Goten
aus Skandinavien an, nicht weil dieser dafür eingetreten war, sondern
weil er an einen historischen Kern der Wandersage glaubte 11 . Im Jahre

• Ed. von Wietersheim, Gesch. d. Völkerwanderung 1—4 (1859—64, 21880—


81 [bearbeitet u. in zwei Bänden herausgegeben v. F.Dahn]); Ed. v. W.
::
"1789, 1853 Kreisdirektor in Dresden, 1840—48 Minister des Kultus u.
Unterrichts, 1 1865.
7
F.Dahn, Urgeschichte d. germ. u. roman. Völker 1—4 (1881—89); F . D .
* 1834, 1857 Dozent f. dt. Recht a. d. Universität München, 1862 a. o. Prof.;
1863 o. Prof. a. d. Universität Würzburg, 1872 Universität Königsberg, 1888
bis 1902 Universität Breslau, f 1912.
8
L.Schmidt, Zur Gesch. d. Langobarden (1885); ders., Gesch. d. Wandalen
(1901, *1942); ders., Gesdi. d. dt. Stämme b. z. Ausgange d. Völkerwanderung
1—2 (1904—1918); ders., Allgemeine Gesch. d. germ. Völker b. z. Mitte d.
sechsten Jahrhunderts (1909); ders., Gesdi. d. germ. Frühzeit. Der Entwick-
lungsgang d. germ. Nation b. z. Begründung d. fränkischen Universalmonar-
chie durch Chlodowech (1925, ! 1934); ders., Gesdi. d. dt. Stämme b. z. Aus-
gang d. Völkerwanderung. Die Ostgermanen (1934), Die Westgermanen
(1938).
» Vgl. J.Benndorf, Ludwig Schmidt 80 Jahre alt, in: Mannus 34 (1942) 207f.
u. M. Jahn, in: Nachrichtenbl. f. Dt. Vorzeit 18 (1942) 105 f.
10
L. Sdimidt, Gesch. d. Wandalen (1901) 6 wurde aber bereits Kossinna genannt
und in seinem Sinne von den Ursitzen der Germanen und von der Auswan-
derung der Goten aus Schweden gesprochen.
11
L. Schmidt, Gesdi. d. dt. Stämme b. z. Ausgange d. Völkerwanderung 1 (1904)
51; ähnlidi auch: Allgem. Gesdi. d. germ. Völker b. z. Mitte d. sechsten Jahr-
hunderts (1909) 83, wo jedodi Kossinna nicht erwähnt wurde.
214 Spuren der Gedankengänge Kossinnas

1909 waren ihm verschiedene Arbeiten Kossinnas bekannt 12 . Er betonte


die künftige Bedeutung der vorgeschichtlichen Archäologie für die Ge-
schichte der Germanen, dürfte aber sicher Kossinna gemeint haben, wenn
er sagte: „Die früher allzusehr mißachtete prähistorische Archäologie hat
sich in der neuesten Zeit eine achtunggebietende Stellung errungen, be-
ginnt aber jetzt wieder infolge der unberechtigten Prätensionen einzelner
Forscher wesentlich an Ansehen zu verlieren." Gleich anschließend nannte
er Kossinnas Namen und wandte sich gegen seine Theorien1®. Immerhin
stellte er die Ausbreitung der Germanen — offensichtlich als nachträgliche
Einfügung" — in Kossinnas Sinne dar, identifizierte sich mit dessen Auf-
fassung jedoch nicht völlig. Anders verhielt er sich indes in der Frage der
Herkunft der „Ostgermanen"; archäologische Funde und Stammesnamen
sicherten es seiner Ansicht nach, daß die Skandinavier „einen erheblichen
Anteil an der Besiedlung Ostdeutschlands hatten" 15 . Das ist Kossinnas
Gedankengut aus den Jahren 1895—1897. Als Neuerung nahm er die
Herkunft der Langobarden aus Skandinavien an 1 '. „ . . . die Stammsitze
[werden] in Gotland zu suchen sein"17. Das hatte Kossinna niemals ge-
sagt.
Mit dem Jahre 1919 vollzog sich offensichtlich ein entscheidender
Wandel in Schmidts Ansichten18. Was er damals über die Vorzeit Sachsens
zu berichten hatte, stammt von Kossinna und aus der von ihm beein-
flußten Literatur. Kossinna selbst wurde öfters zitiert. Nun gab Schmidt
seine Reserve gegen dessen Methoden und Auffassungen auf und arbeitete
in wachsendem Umfange Kossinnas Germanenbild in seine verschiedenen
Darstellungen germanischer Geschichte ein, die nun recht populär wurden.
Erste deutliche Spuren dieses Wandels finden sich in der ersten Auflage
seiner Geschichte der germanischen Frühzeit; sie breiteten sich in der
zweiten Auflage weiter aus1®. Die volle Intensität solcher Einflüsse zeigen

12
L. Schmidt, Allgem. Gesdi. d. germ. Völker b. z. Mitte d. sechsten Jahrhun-
derts (1909) 15 Anm. 8.18 f. 49. 168.
13
L. Schmidt, a. a. O. 15 f.
14
L. Sdimidt, a. a. O. 22 f. Der Petit-Satz am inhaltlichen Widerspruch zum
Vorhergehenden als nachträgliche Einfügung erkennbar.
15
L. Sdimidt, a . a . O . 24: Goten, Rugier, Burgunden, Wandalen und Warnen
werden als ursprüngliche Skandinavier genannt.
16
L. Schmidt, a. a. O. 77. Die Herkunftssage und rechtsgeschichtliche Erwägun-
gen leiten ihn zu dieser Annahme. Kossinna ist unbeteiligt.
17
L. Schmidt, a. a. O. 77.
18
L. Schmidt, Zur Vor- und Frühgeschichte Sachsens, in: Neues Archiv f.
Sächsische Gesch. u. Altertumskunde 40 (1919) 114—122.
19
L. Sdimidt, Gesch. d. Germ. Frühzeit (1925, 21934).
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 215

die zweite Auflage der Geschichte der deutschen Stämme20 und die zweite
Auflage der Geschidite der Wandalen 21 . Dabei wurden nicht allein Kos-
sinnas Schriften, sondern auch solche seiner Schüler und die seiner wissen-
schaftlichen Freunde wirksam, und es entstand ein fast total auf Skandi-
navien bezogenes „System" germanischer Geschichte.
Die vollständige Abhängigkeit dieses Bildes von Kossinnas „groß-
zügigem'' Entwurf zeigen einzelne Abschnitte der Geschichte der deutschen
Stämme besonders deutlich. Es ist um der Klarheit willen nützlich, die
diversen Spuren des Skandinavien-Topos in einem besonders kennzeich-
nenden Abschnitt dieses Buches zu verfolgen. „Wir werden nach den Er-
gebnissen der archäologischen Forschung nicht daran zweifeln, daß die Ger-
manen aus den Trägern der nordischen Kultur [der Bronzezeit] hervor-
gegangen, daß Südskandinavien, Dänemark, Schleswig-Holstein, Nord-
deutschland zwischen unterer Weser (?) und Oder die Gebiete gewesen
sind, in denen sich zur ältesten Bronzezeit die Bildung einer gesonderten
germanischen Nation vollzog" 22 . Schmidt fuhr fort: „Mit der weiteren
Ausbreitung über diese Grenzen hinaus seit der mittleren Bronzezeit darf
man die Anfänge einer Stammesgliederung in Zusammenhang bringen . . .
Die nächsten großen Sonderbildungen fanden statt zu Beginn der Eisen-
zeit, indem die Ostgermanen sich a b t r e n n t e n , . . . Die Entstehung der Ost-
germanen wurde eingeleitet durch das schon in der jüngsten Bronzezeit
begonnene Vorrücken der Altgermanen über ihre ursprüngliche Ostgrenze,
die Oder. Es bildete sich unter diesen, . . . , eine eigenartige Kultur heraus,
. . . [Diese] Gesichtsurnenkultur hat sich allmählich besonders nach Süden
und Südosten ausgebreitet; . . . Sie erlischt im Norden um 500 v. Chr.,
im Süden um 300 v. Chr.; an ihre Stelle treten Urnengräber . . . Dieser
Kulturwechsel wird wohl mit Recht mit einem Bevölkerungswechsel in
Verbindung gebracht" 23 . Schmidt sagte weiter: „Zu Beginn der Eisenzeit
erfolgte die erste Übersiedlung skandinavischer Germanen nach dem Fest-

20
L. Schmidt, Gesch. d. dt. Stämme b. z. Ausgang d. Völkerwanderung 1. Die
Ostgermanen ( 2 1934); vgl. audi L. Schmidt, Das germ. Volkstum i. d. Reichen
d. Völkerwanderung, in: Hist. Vierteljahrsschrift 29 (1935) 417—440.
21
L. Schmidt, Gesch. d. Wandalen ( 2 1942) 1 ff. mit zahlreichen Zitaten vorgesch.
Literatur.
22
L. Schmidt, Gesch. d. dt. Stämme b. z. Ausgang d. Völkerwanderung 1 ( 2 1934)
80—81 Anm. 1, w o er als Gewährsmänner B. Nerman, K. H. Jacob-Friesen
und den Kossinna-Schüler E. Wahle nennt. Jacob-Friesen u. Wahle traten be-
kanntlich als besonders energische Kritiker Kossinnas hervor. Das hinderte
nicht, daß sie ihr Bild von der Entstehung der Germanen zur ältesten Bronze-
zeit von Kossinna übernahmen.
23
L. Schmidt, a. a. O. 81—82 Anm. 3, w o M. Jahn u. E. Petersen, K. Tacken-
berg u. B. von Richthofen als Gewährsmänner aufgeführt sind.
216 Spuren der Gedankengänge Kossinnas

l a n d e 4 4 . . . Die zuerst einwandernden Skandinavier waren die Wandalen,


älter W a n d i l e n , . . . Im 2. Jahrhundert v. Chr. setzten sich neue Schwärme
nordischer Germanen auf ostdeutschem Boden fest: die Rugier aus Nor-
wegen und (Ost-)Warnen ebendaher(?), die Burgunder aus Bornholm, um
100 v. Chr. (?), die Silingen aus Seeland (?), um die Mitte des ersten Jahr-
hunderts v. Chr. (?) die Goten aus Götaland, endlich im 3. Jahrhundert
nach Chr. die Heruler aus Südschweden25 Bei den Westgermanen hat
der Prozeß der Bildung von Einzelstämmen sich weiter fortgesetzt...
Nordischer Einschlag hat auch bei den Westgermanen nicht gefehlt. Daß
die Friesen ursprünglich in Skandinavien beheimatet waren, wird aus dem
Charakter ihres Rechts und aus dem Weg ihrer Siedelung, der auf Ankunft
zur See hinweist, wahrscheinlich. Die Langobarden stammten . . . wahr-
sdieinlich aus Gotland, die Haruden in Jütland und Warnen in Schleswig
aus Norwegen. Noch in historischer Zeit, nach dem Abzug der Kimbern,
haben sich Wendeln (Wandalen) aus Schweden an der Nordspitze Jütlands
niedergelassen"26.
Die Breite der Wirkung der Bücher Ludwig Schmidts war vielleicht
nicht so groß wie die der Bücher und Aufsätze Kossinnas. Sie war auch
deswegen notwendig sehr viel geringer, weil Kossinna seine Skandinavien-
vorstellungen einer größeren Anzahl von Schülern vermittelt hatte, deren
rein antiquarische Kenntnisse für ihre Zeit hervorragend waren und die
Kossinnas Berliner Schule alsbald einen guten Ruf erwarben. Die Tiefe
der Wirkung der Arbeiten Schmidts, der Zeit seines Lebens Bibliothekar
in Dresden war und deswegen keinen Schülerkreis um sich scharen konnte,
dürfte wegen der unbestrittenen Wissenschaftlichkeit in ihren rein histori-
schen Abschnitten dagegen größer gewesen sein.
Wie die germanische Altertumskunde, so waren auch die Haupt-
werke der Geschichtsschreibung über die Germanen in der Zeit zwischen
den beiden Weltkriegen vom Skandinavien-Topos durchsetzt. Nach dem

24 L. Schmidt, a. a. O. 82 erklärte diese Abwanderung mit Kossinna, dem sich


Nerman angeschlossen hatte, mit einer Klimaversdilediterung. Er übersah da-
bei, daß Kossinna die Gesichtsurnenkultur auf Grund einer durch diese
Klimaversdilediterung ausgelöste Wanderung einwandern ließ, während W.
La Baume, E. Petersen u. a. m. die Träger derselben Kultur auf dem Land-
wege und ohne begleitende Klimaänderung einrücken ließen. E. Petersen hielt
die Gesiditsurnenkultur f ü r bastarnisch, Kossinna hielt sie anfangs f ü r wan-
dilisch und nannte die Bastarnen nicht, später fügte er diese als Zweig der
Wandilier ein.
25 L. Schmidt, a. a. O. 83 Anm. 1 u. 2. Als Zeugen wurden W . Schulz, M. Jahn,
B. von Richthofen, E. Petersen u. Kossinna selbst genannt.
2' L. Schmidt, a. a. O. 84 f. Auch hier stammt natürlich nicht alles von Kossinna
und seinen Schülern.
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 217

zweiten Weltkrieg erfolgte durch das Werk R. Wenskus'27 in mancherlei


Hinsicht eine Wendung. Wenskus widmet dem Problem der ethnischen
Deutung vorgeschichtlicher Fundgruppen einen größeren Abschnitt seines
Buches28. Die Kritik an Kossinnas Methode scheitert hier aber schon daran,
daß der Kritiker die geistesgeschichtliche Situation der historischen Wissen-
schaften gegen Ende des 19. Jahrhunderts nicht in Rechnung stellt, nicht
erkennen kann, wo Kossinna stand, nicht weiß, aus welcher Position
Kossinnas Kritiker sich gegen ihn wandten, und nicht zu erkennen ver-
mag, warum alle Kritik — so berechtigt sie war — nichts fruchten konnte.
So gehört denn Wenskus zu jenen, die das, was sie zu kritisieren suchen,
weil sie es im Grunde nicht durchschauen können, bei der nächsten Ge-
legenheit wieder als eigenes Argument benutzen. Dazu tritt eine über-
raschende Willkür in der Verwendung archäologischer Materialien bzw.
der Ansichten der Forschung darüber, und eine eigenartige voreilige Ab-
wägung von Quellengruppen gegeneinander. Von der alten Auffassung
des Nordischen Kreises der Bronzezeit setzt er sich ab, aber es ist
— methodisch gesehen — kein Fortschritt, sondern eher ein Verwischen
der scharfen Konturen der bereits vorhandenen Auffassungen anderer,
wenn Wenskus annimmt, der Umkreis des von der germanischen Laut-
verschiebung erfaßten Gebiets erstrecke sich „vom Odergebiet im Osten
bis zu den Rheinmündungen im Westen und von der Lössgrenze im
Süden bis Mittelskandinavien" 8 '. Die alteuropäische Hydronomie spielt
in Wenskus' Überlegungen eine besondere Rolle. Man fragt sich aber un-
willkürlich, wohin wohl die moderne Sprachgeographie und die Orts-
namenforschung gelangt wären, wenn sie, anstatt bis zu den ältesten
belegten Namenformen zurückzugehen, stets vornehmlich den modernen
Wort- und Namenbestand benutzt und aus diesen nach bestimmten Prin-
zipien — und nicht ganz ohne Willkür — ältere Wort- und Namenformen
erschlossen hätte, wie es die hauptsächlich von H . Krähe betriebene For-
schungsrichtung tut.
Immerhin ist sichtbar, daß bei Wenskus der Skandinavien-Topos
keine eigentliche Existenzgrundlage mehr hat. Trotzdem meint er aber,
der Prähistoriker Oxenstierna habe zwar nicht ,die' Heimat der Goten
ermittelt, er scheine doch aber die Herkunft beträchtlicher Teile des Stam-
meskörpers festgestellt zu haben30. Auch hier sieht er wiederum nicht, auf

27
R. Wenskus, Stammesbildung u. Verfassung (1961); vgl. dazu die Besprechun-
gen: R. v. Uslar, Stämme und Fundgruppen. Bemerkung zu „Stammesbildung
u. Verfassung" von R. Wenskus, in: Germania 43 (1965) 138—148; R. Hadi-
mann, in: Hist. Zeitschr. 198 (1964) 663—674.
28
R. Wenskus, a . a . O . 113 ff.
29
R. Wenskus, a. a. O. 209 f.
30
R. Wenskus, a . a . O . 467.
218 Spuren der Gedankengänge Kossinnas

welche Weise Oxenstierna dem Denken Kossinnas verpflichtet war. Er


kennt dabei die Kritik an Oxenstierna, die gerade darauf hinzuweisen
suchte®1, akzeptiert sie gar32, ohne sie indes zu verstehen. Der Scandza-
Topos lebt bei Wenskus allerdings noch, wenn er in der langobardisdien
Wandersage Indizien echter Uberlieferung sieht33. Vielerlei Überlegungen
haben inzwischen gezeigt, wie vielschichtig das Problem der gotischen
Herkunftsberichte ist (vgl. oben S. 35 ff.). Es läßt sich nicht einfach mit der
Feststellung erledigen: „Manches deutet darauf hin, daß in dieser Wander-
sage ein historischer Kern enthalten ist"34.
Obwohl von Hause aus Germanist, muß N. Wagner unter den Histori-
kern und nicht unter den Sprachwissenschaftlern genannt werden. Seine
Getica verfolgen keine philologischen, sondern historische Ziele. Es ist
eine historische Fragestellung, die der germanischen Altertumskunde
der Zeit Müllenhoffs nicht allzu ferne steht. Mit seltener Sicherheit er-
kannte Wagner, daß bei der Behandlung eines Themas, an dessen Klärung
verschiedene Wissenschaften Anteil haben, „die Trennung der Disziplinen
und ihrer Beiträge" notwendig sei3®. Nur eine Sonderung lasse „erkennen,
inwieweit die Beiträge der Disziplinen eigenständig sind und einen selb-
ständigen Beweiswert besitzen oder auf entlehnten Voraussetzungen be-
ruhen"3'. Das hatte vor ihm weder ein Germanist, noch ein Historiker
gesagt. Wie kein Germanist vor ihm erkannte er die Möglichkeiten, welche
die Archäologie derzeit für die Lösung sprachwissenschaftlicher und alter-
tumskundlicher Probleme anbieten kann: „Es zeigt sich, daß das archäo-
logische Material recht verschiedene Auslegungen erfuhr und die Meinun-
gen von neueren Archäologen über die Beweisbarkeit einer gotischen Aus-
wanderung mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln weit
auseinandergehen: Während etwa Oxenstierna glaubt, sogar das Aus-
gangsgebiet dieser Wanderung genau abgrenzen zu können, bezweifelt
etwa Moberg, daß sie überhaupt stattfand. Einem Nichtarchäologen
ergibt sich aus diesem Forschungsstand die Folgerung, daß man sich für
die These einer gotischen Urheimat in Skandinavien auf das Zeugnis der

31 R. Hadimann, Besprechung von E. C. G. Graf Oxenstierna, Die Urheimat d.


Goten (1945), in: Germania 29 (1951) 9 8 — 1 0 1 .
32 R. Wenskus, Stammesbildung u. Verfassung (1961) 466 f. — Die Feststellung:
„Es ist nun einmal nicht möglich, allein mit archäologischen Methoden ,die'
Heimat eines Stammes zu ermitteln" (a. a. O. 467) war keineswegs die Folge-
rung des Rezensenten. Diese lautete: „Die vom Autor angewandte Methode
ist falsch!"
33 R. Wenskus, a. a. O. 486.
34 R. Wenskus, a . a . O . 463.
35 N . W a g n e r , Getica (1967) 167.
36 N.Wagner, a . a . O . 167.
Zur Forschungsgeschichte und zum Forschungsstand 219

Archäologie zur Zeit nicht berufen kann"87. Man kann ihm darin nur
zustimmen, wenngleich es für den Archäologen nicht schwer sein kann,
sidi — um bei Wagners Beispiel zu bleiben — gegen Oxenstierna zu
entscheiden. Vom Germanisten müßte man Einblick in die Methoden der
Ardiäologie fordern; dann wäre auch für ihn die Entscheidung leicht'8.
Da die Ardiäologie ausfalle, folgerte Wagner: „Zur Entscheidung dieser
Frage [der Herkunft der Goten] scheinen die beiden anderen Disziplinen,
die Spradiwissenschaft und die Geschichtsforschung, im Augenblick eher
berufen zu sein"®*. Klar erkennt er auch die fatale Situation der Sprach-
wissenschaft: „Sie interpretierte ihr Material unter dem Einfluß des
Auswandererberichts der Getica (25 f.; 94 f.), welcher angibt, die Goten
seien einst unter König Berig von Scandza (Skandinavien) gekommen,
der Ähnlichkeit zwischen skandinavischen Landschaftsnamen und den
Namen der Goten und der Anschauung einiger Archäologen, die letzten
Endes auf den nämlichen beiden, der Geschichtswissenschaft abgeborgten
Gegebenheiten, beruhen. Man hielt sich das offensichtlich nicht eindringlich
genug vor Augen, sonst wäre man schließlich nicht bis zu der Behauptung
gelangt, die Sprachwissenschaft sei von sich aus zum Ansatz einer skandi-
navischen Urheimat der Goten imstande, . . ." 40 . Folgerichtig weist er
„die Entscheidung in der Frage der gotischen Urheimat in Skandinavien
. . . der Geschichtswissenschaft zu"41. Bei der forschungsgeschichtlichen
Untersuchung des geschichtswissenschaftlichen Befundes kommt er aber
zu dem Ergebnis, der Auswanderungsbericht der Getica sei mündliche
gotische Tradition und folgert: „In Anbetracht dessen, daß die Glaub-
würdigkeit dieser Art Quellen sehr verschieden beurteilt wird, scheint mit
diesem Nachweis nicht viel gewonnen zu sein. Wenn eine skandinavische
Urheimat der Goten von der Geschichtswissenschaft nur durch dieses
Zeugnis gestützt werden kann, dann ist sie dazu verurteilt, nach Belieben
angezweifelt werden zu können"42.
Solange keine Anstrengungen gemacht worden sind, die Getica
quellenkritisch zu durchleuchten, muß die Lage in der Tat so beurteilt
werden. Tatsächlich ist Wagner in dieser Hinsicht weit hinter Mommsen
zurückgeblieben. Uber den Anteil des Jordanes an seinen Getica hat er
nur einen Forschungsbericht geliefert43. Von Ablabius meint er, er habe
37 N.Wagner, a.a.O. 119.

88 Auch Wagner bemerkte die Schwächen der Argumente Oxenstiernas für die
Urheimat der Goten in Västergötland; vgl. N . Wagner, a . a . O . 111 f. bes.
112.
39 N.Wagner, a . a . O . 119.
40 N.Wagner, a . a . O . 138 f.
41 N. Wagner, a. a. O. 139.
42 N . Wagner, a. a. O. 155.
48 N. Wagner, a. a. O. 57 ff.
220 Spuren der Gedankengänge Kossinnas

ein Werk verfaßt, das die Goten zumindest erwähnt habe44. So bleibt
die Frage, was Ablabius, Cassiodor oder Jordanes zuzuschreiben sei, ganz
ungeklärt, ja wird im Grunde gar nicht richtig berührt. In dieser Situation
greift er zu den Völkernamen als der scheinbar einzig brauchbaren
Quelle45. „Mit der . . . feststehenden Dreiheit von Gautgoten, Ostgoten
und Greotingen sind die auf dem Festland vergesellschaftet erscheinenden
Namen der Goten, Ostgoten und Greutingen auch für Skandinavien in
derselben engen Verbindung belegt. Demnach saßen Abteilungen des
gleichen Volkes beiderseits der Ostsee"4*. Wagner erkennt, daß die anti-
ken Quellen den Eindruck erwecken könnten, die Germanenzüge seien
fast ausschließlich vom Norden nach dem Süden gegangen. Im Falle der
Goten sei die Situation jedoch klarer als bei anderen germanischen Stäm-
men. Der in den Getica erhaltene Auswanderungbericht bezeuge, daß die
Goten von Skandinavien ausgefahren seien47. Obwohl in der Forschung
die Ansichten über die Glaubwürdigkeit der Wandersage auseinander
gingen, erscheine sie vor dem Hintergrund der Namen gotischer Stämme
auf Scandza als durchaus glaubhaft. „Skandinavien ist also die Urheimat
der Goten"49.
Ganz gleich, ob dies Ergebnis richtig oder falsch ist, Wagners Arbeit
ist methodisch gesehen zum großen Teil ein sehr wesentlicher Schritt nach
vorn. Wo liegt sein Fehler? Seine Arbeit ist weite Strecken lang ein
Referat der Meinungen anderer und seine Auffassung ergibt sich oft
letztlich aus diesen Meinungen, deren methodologische Grundvoraus-
setzungen er nicht immer sieht. Das ist e i n Fehler; der andere: Er hätte
nicht nur referierend, sondern vor allen Dingen quellenkritisch vorgehen
sollen — notfalls ohne Rücksicht auf die Meinungen der anderen.

44
N. Wagner, a. a. O. 62.
45
N. Wagner, a. a. O. 155.
46
N. Wagner, a. a. o. 212.
47
N. Wagner, a. a. o. 213.
48
N. Wagner, a. a. o. 214.
IV. Probleme der archäologischen Quellen
„Bei der Analyse der Kossinna'schen Beispiele aus
geschichtlicher und frühgesdiiditlidier Zeit — die angeblich
alle gesichert waren und die Gleichsetzung von Kultur und
Volk auch in vorgeschichtlicher Zeit beweisen sollten —
fiel eines auf: Kein Beispiel war ganz falsch, keines ganz
richtig. Teilweise stimmte seine These, teilweise stimmte
sie nicht. Kossinnas Anhänger beriefen sich auf die Fälle,
die stimmten, und hielten seine These dementsprechend
für bewiesen. Kossinnas Gegner beriefen sich auf die Fälle,
die nicht stimmten, und verwarfen seine Thesen. Wenn wir
aber methodisch weiterkommen wollen, dann dürfen wir
uns mit dieser einfachen Feststellung nicht begnügen, dann
müssen wir fragen: Warum stimmt Kossinnas Leitsatz in
manchen Fällen? Warum stimmt er in anderen Fällen nicht?
Wo liegt die Wahrheit?"
Hans Jürgen Eggers, 1959.

1. Der bisherige Beitrag der Archäologie zur


Erforschung der Herkunft der Goten
Die geringe Zahl von Schriften zur vorrömisdien Eisenzeit Schwe-
dens, die Kossinna gekannt haben kann, als er im Jahre 1895 erstmals
den Gedanken aussprach, die Goten seien über See aus Skandinavien
eingewandert, läßt sich einigermaßen übersehen 1 . Nicht sehr viel mehr

1 H. Hildebrand, Svenska folket under hednatiden (1866, 2 1872) = Das heid-


nische Zeitalter in Schweden, nach der 2. sdiwed. Aufl. übers, von J . Mestorf
(1873); ders., Studier i jämförande fornforskning I : Bidrag tili spännets
historia, in: Ant. tidskr. f. Sverige 4 (1872—80) 15—263, bes. 132 ff. 161 ff.;
O. Montelius, Om lifvet i Sverige under hednatiden (1873, 2 1878) = La
Suède préhistorique (1874) = Die Kultur Schwedens in vorchristlicher Zeit,
nach der 2. schwed. Aufl. übers, von C. Appel (1885) hier bes. 88—93; ders.,
Sveriges Forntid (1874); H. Hildebrand, Jernâlderen pâ Gotland I, in:
M&nadsblad 7 (1878) 702—710. 733—757; W.Berg, Gravundersökningar vid
Tormansbol och Slottsbrosundet, in: Manadsblad 9 (1880) 65—74; F. Nordin,
Fornlemningar i Tingstäde socken p i Gotland, in: Svenska fornminnesför.
tidskr. 5 (1881—83) 109—136; O. Montelius, Hvad vi veta om Västergötland
under hednatiden, in: Svenska fornminnesför. tidskr. 5 (1881—83) 231—248,
bes. 241 ff.; I. Undset, Das erste Auftreten des Eisens in Nordeuropa (1882)
bes. 469 ff.; O. Montelius, „Brandpletter" i östergötland, in: Mänadsblad 11
(1882) 181—185; ders., Om vara förfäders invandring tili Norden, in:
222 Der Beitrag der Archäologie zur Erforschung der Herkunft der Goten

kann er, ohne ausgedehntere Museumsreisen gemacht zu haben, von den


Bodenfunden des Gebiets südlich der Ostsee gewußt haben, das in seiner
Vorstellung als Wohnsitz der Goten nach ihrer vermuteten Auswande-
rung in Betracht kommt 1 . Er verwandte deswegen auch zunächst keinerlei
a r c h ä o l o g i s c h e Argumente für seine Wanderungshypothese und
verzichtete darauf, die Gotenheimat in Schweden genauer zu lokalisieren.
Im Jahre 1905 — nach seinen ersten großen Reisen® — sah er die Situa-
tion aber bereits anders. Erstmals erwähnte er nunmehr die Skelettbe-
stattung als Kriterium für die festländischen Goten und meinte, kurz vor
Christi Geburt habe das Körpergrab „auf Gotland und anscheinend in
ganz Schweden überhaupt" geherrscht4. Er glaubte ferner zu wissen, daß
Nordisk tidskr. 1884, 21—36 = Über die Einwanderung unserer Vorfahren
in den Norden, in: Archiv f. Anthropol. 17 (1888) 151—160; F. Nordin,
Fornlemningar i Vestkinde socken pa Gotland, in: Svenska fornminnesför.
tidskr. 6 (1885—87) 1—26. 113 ff.; O. Montelius, Den förhistoriska forn-
forskningen i Sverige under Iren 1882—1884, in: Svenska fornminnesför.
tidskr. 6 (1885—87) 76 ff.; ders., Runornas Uder i Norden, in: Svenska
fornminnesför. tidskr. 6 (1885—87) 236—270, bes. 245 ff. = Das Alter der
Runenschrift im Norden, in: Archiv f. Anthropol. 18 (1889) 151—170; F.
Nordin, Graffältet vid Bläsnungs i Vestkinde socken p l Gotland, in: Svenska
fornminnesför. tidskr. 7 (1888—90) 87—121; F. J. Bashrendtz, Fynd fran
den äldre jernâldern i Kalmar län, in: Svenska fornminnesför. tidskr. 7
(1888—90) 215—237; O. Montelius, öfversigt öfver den nordiska forntidens
perioder intill kristendoms införande, in: Svenska fornminnesför. tidskr. 8
(1891—93) 126—163, bes. 140 ff.; ders., De förhistoriska perioder i Skandina-
vien, in: Manadsblad 22 (1893) Beilage S. 1—16; ders., Les temps préhistori-
ques en Suède et dans les autres pays skandinaves (1895) bes. 140 ff.; ders.,
Den nordiska jernâlderns kronologi I, in: Svenska fornminnesför. tidskr. 9
(1894—96) 155 ff. [1895 erschienen].
2
O. Tisdiler, Ostpreußisdie Gräberfelder, in: Schriften d. phys.-oekonom.
Ges. zu Königsberg 19 (1878) 159—169; A.Voss [Hrg.], Katalog der Aus-
stellung prähist. u. anthropol. Funde Deutschlands zu Berlin vom 5.—21.
August 1880 (1880) bes. 393ff. (Einleitung zu Ostpreußen von O.Tisdiler); O.
Tischler, Über die Bedeutung der La Tèneperiode für Mitteleuropa, in: Schrif-
ten d. phys.-oekonom. Ges. zu Königsberg 23 (1882), Sitzungsber. 18—23;
I.Undset, Das erste Auftreten des Eisens in Nordeuropa (1882); A.Kühne,
Die ältesten Metallaltertümer Pommerns, in: Balt. Studien 33 (1883) 291—
359 bes. 344 ff.; A. Lissauer, Die prähistorischen Denkmäler d. Provinz
Westpreußen u. d. angrenzenden Gebiete (1887); O.Tisdiler, Ostpreußische
Grabhügel I, in: Schriften d. phys.-oekonom. Ges. zu Königsberg 27 (1886)
113—178, bes. 176; ders., Ostpreußisdie Grabhügel II, in: Schriften d. phys.-
oekonom. Ges. zu Königsberg 29 (1888) 106—135, bes. 133 f.; H.Schumann,
Urnenfriedhöfe in Pommern, in: Balt. Studien 39 (1889) 81—255; S.Anger,
Das Gräberfeld zu Rondsen im Kreise Graudenz (1890); R. Dorr, Über-
sicht über die prähist. Funde im Stadt- und Landkreise Elbing (1893—94)
bes. 29 ff.
s
Vgl. oben S. 150.
4
G. Kossinna, Zeitschr. f. Ethnol. 34 (1905) 391 f.
Probleme der archäologischen Quellen 223

derselbe Grabritus auch auf Seeland, Falster, Laaland und in Nordjüt-


land vorkomme, kannte aber nur wenige Beispiele für diese Bestattungs-
art auf dem Kontinent außerhalb von Ost- und Westpreußen und Hin-
terpommern einschließlich der Inseln Wollin, Usedom und Rügen. Damals
waren aber die Probleme der Chronologie erst unvollkommen gelöst;
Kossinna datierte zahlreiche Körpergräber in die Zeit um Christi Geburt,
von denen man jetzt weiß, daß sie viel jünger sind. Körpergräber waren
daher für ihn das Haupkriterium für die Einwanderung der Goten. Er
versuchte aber deren Siedlungsgebiet noch sdiärfer durch den „ostger-
manischen" Mäander zu fassen. Dieser sei vom westgermanischen
Rädchenmäander klar zu trennen. Im übrigen würden Gefäße mit „ost-
germanischem Mäander von „ostgermanischen" Fibeln begleitet5. Entschei-
dendes Kriterium blieb für ihn dennoch die Bestattungsweise, da „ost-
germanische" Mäandergefäße und Fibeln auch außerhalb des Gebiets der
Skelettgräber in Brandgruben und Urnengräbern vorkämen und dort
zwar auch „Ostgermanen", aber keine Goten anzeigen könnten. Die
Situation war Kossinnas Ansicht nach nun geklärt: die Goten mußten
aus Gotland ins Unterweichselland eingewandert sein*.
Bei dieser Annahme beließ es auch E. Blume7. Er blieb auch dabei,
daß Körpergräber gotisch seien und betonte, daß Gräberfelder, auf denen
sich gleichzeitig auch andere Bestattungsarten fänden, auf „ethnographi-
sche Mischung zu deuten scheinen"8. Für das Weichselmündungsgebiet und
Hinterpommern konnte er einige Typen von Metallgegenständen als
kennzeichnend nachweisen, die jedoch nicht nur in Körpergräbern vor-
kommen, also — so, wie er es sah — nicht ausschließlich gotisch sein
konnten.
In der ethnischen Gliederung versuchte Blume, sich an den Bericht
bei Jordanes zu halten (Jordanes Getica IV 25—27). Danach wären die
Goten nach ihrer Landung zunädist auf die Ulmerugi gestoßen. Diesen
Stamm fand Blume in den Gräberfeldern des Weichseldeltas und Hinter-
pommerns aus der vorrömischen Eisenzeit9. Im Weichseldelta ließen sidi
nunmehr die Goten nieder, während den Rugiern Hinterpommern ver-
blieb10. Der Kampf zwischen Goten und Ulmerugiern fand seiner Ansidit
nach in Verbindung mit der Landung der Goten statt. Das Weichsel-

5
G. Kossinna, a . a . O . 392 ff.
9
G. Kossinna, a. a. O. 391 f.
7
E. Blume, Die germ. Stämme u. d. Kulturen zw. Oder u. Passarge 1 (1912)
154; ders., Mannus 4 (1912) 138 f.
8
E.Blume, Die germ. Stämme u. d. Kulturen zw. Oder u. Passarge 1 (1912)
157.
9
E.Blume, a . a . O . 155.
10
E. Blume, a a. O. 154 f.
224 Der Beitrag der Archäologie zur Erforschung der Herkunft der Goten

mündungsgebiet mußte Gothiscandza sein. Die von den Goten nach den
Ulmerugiern besiegten Wandalen fand Blume im südwestlichen Ost-
preußen11. Gegen Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts glaubte
er eine gotische Kolonisation in Ostpreußen, insbesondere im Samland,
feststellen zu können12, und im zweiten Jahrhundert vollzog sich des-
wegen seiner Ansicht nach eine deutliche kulturelle Aufspaltung. Da
Jordanes die Gepiden auf einer von Untiefen der Weichsel umgebenen
Insel siedeln ließ (Jordanes Getica X V I I 96), mußte es nach Blume
dieser Stamm gewesen sein, der damals das Weichselmündungsgebiet be-
saß, während die Goten selbst nunmehr in Ostpreußen siedelten13. Die
nach Jordanes von den Gepiden besiegten Burgunden (Jordanes Getica
X V I I 97) sah Blume in der Brandgräberkultur an der Weichsel von
Graudenz an südwärts14.
Im Jahre 1913 nahm O. Almgren zu Blumes ethnischer Gliederung
Stellung. Er meinte, die Verhältnisse seien wohl in mancher Hinsicht ver-
wickelter gewesen, als Blume sie dargestellt habe, doch machten dessen
„besonnene Ausführungen den Eindruck, die nächstliegenden und ver-
nünftigsten Sdilüsse zu bringen"15. Größte Schwierigkeiten mache ledig-
lich die von Kossinna entlehnte Annahme einer Übersiedlung der Goten
aus G o 11 a n d. Körpergräber setzten in Gotland und im übrigen Schwe-
den nicht früher als in Westpreußen ein und dazu komme, daß um Christi
Geburt auf Gotland keine Abnahme der Bevölkerung feststellbar sei;
im Gegenteil, die ältere Kaiserzeit sei auf der Insel besonders fundreich.
Vier Jahre später kam Almgren nochmals auf dasselbe Problem zurück,
betonte abermals die Unmöglichkeit einer Auswanderung aus Gotland
um Christi Geburt und sah keinen anderen Ausweg als den, die „Weich-
selgoten der Hauptsache nach . . . aus dem benachbarten südschwedischen
Festlande, Götaland, herzuleiten"16. Dort seien die Verhältnisse so lücken-
haft bekannt, daß bis auf weiteres noch Platz für allerhand Annahmen sei.
Im übrigen stellte Almgren bei einer Kartierung des ost- und westpreußi-
schen Fundstoffs fest, daß sich entgegen Blumes Angaben in Ostpreußen
kaum Körpergräber fänden. Er unterließ es allerdings auszusprechen, was

11 E. Blume, a. a. O. 156.
12 E. Blume, a. a. O. 161 f. 173.
15 E.Blume, a . a . O . 168.
14 E. Blume, a. a. O. 167 ff.
15. O. Almgren, Rezension von E. Blume, Die germ. Stämme u. d. Kulturen zw.
Oder u. Passarge 1 (1912), in: Mannus 5 (1913) 147—151, bes. 150.
18 O. Almgren, Rezension von E. Blume, Die germ. Stämme u. d. Kulturen zw.

Oder u. Passarge 2 (1915), in: Mannus 8 (1917) 287—292, bes. 290ff.


Probleme der archäologischen Quellen 225

daraus zu folgern gewesen wäre: Die Annahme einer gotischen Koloni-


sation dieses Gebiets mußte entfallen".
Auf Almgrens Besprechung hin meinte Kossinna im Jahre 1914, die
Masse der Goten sei aus Gotland gekommen, doch sei ein Teil davon auch
aus anderen Gegenden Südschwedens eingewandert 18 . Fünf Jahre später
hielt er es für wahrscheinlich, daß der führende Stamm der Goten von der
Insel Gotland kam, meinte jedoch, es hätten sich ihnen auch festländische
Stämme, „insonderheit die Ost- und Westgauten im heutigen Götalande",
angeschlossen". Weitere sechs Jahre später betonte er, Siedlungsänderun-
gen seien überhaupt nur im Götaland, nicht aber auf Gotland feststellbar.
„Audi die Ubereinstimmung der Begräbnisarten erweist nur Götaland,
nicht audi Gotland, als Gotenheimat" 20 . Die „eigentlichen Goten" setzte
er allerdings trotz Almgrens Korrektur weiterhin mit Blume am Frischen
Haff und im Samland an". Es ist sichtbar, daß Kossinna keine neuen
archäologischen Argumente zu Gebote standen. Offensichtlich war er
lediglich bestrebt, seine Meinung Schritt für Schritt der Almgrens anzu-
passen, dessen Autorität in allen Angelegenheiten Skandinaviens er
schätzte und deswegen nach und nach anerkannte.
Im Jahre 1923 befaßte sich dann B. Nerman — ein Schüler Alm-
grens — als erster ausführlicher mit der Frage des Nachweises der ur-
sprünglichen Heimat der Goten. Er betonte die Kulturunterschiede zwi-
schen Gotland und dem Weichselmündungsgebiet, verglich die Kultur
Östergötlands mit der Westpreußens und folgerte: „Die archäologischen
Verhältnisse sprechen also deutlich dafür, daß die Goten aus östergötland
stammen"". Aber auch in Västergötland stoße man auf kein Hindernis,
eine Wanderung von dorther ins Weichselland anzunehmen". Das gelte

17
O. Almgren, a. a. O. 289. — G. Kossinna, Ursprung u. Verbreitung d. Ger-
manen in vor- und frühgesch. Zeit (1926) 8 und (21928, »1936) 5 hielt an der
Gliederung Blumes fest.
18
G. Kossinna, Die dt. Vorgesdi. (21914, 3 1921) 145 f. — Polemik gegen Alm-
gren, a. a. O. 145 Anm. 1.
19
G. Kossinna, Das Weichselland ein uralter Heimatboden d. Germanen (1919)
19 f.
80
G. Kossinna, Die dt. Vorgesdi. (41925) 145 Anm. 1, ebenso («1934) 145
Anm. 1. Die alte Anm. der 2. u. 3. Auflage, die gegen Almgren polemisierte,
ist nun durdi eine Anm. ausgewechselt, die Almgren bestätigt. Kossinnas Text
an dieser Stelle sonst fast unverändert.
21
G. Kossinna, Ursprung und Verbreitung d. Germanen in vor- und frühgesch.
Zeit (1926) 8 und (21928, »1936) 5.
22
B. Nerman, Goternas äldsta hem, in: Fornvännen 18 (1923) 165—182, bes.
179. — In deutscher Ubersetzung als Kap. IV in: B. Nerman, Die Herkunft
u. d. frühesten Auswanderungen d. Germanen (1924) 43—58. — Vgl. auch:
O. Almgren u. B. Nerman, Die ältere Eisenzeit Gotlands (1914—1923) 140 f.
2
» B.Nerman, a . a . O . 180.

15 Hadimann, Goten und Skandinavien


226 Der Beitrag der Ardiäologie zur Erforschung der Herkunft der Goten

audi für andere schwedische Landschaften, doch nicht für öland, wo


— wie auf Gotland — eine abweichende Grabsitte geherrscht habe. Die
Grabsitten gäben übrigens überhaupt den einzigen Anhalt für Vergleiche.
Die Beigaben lieferten keine Hilfe, und das liege daran, daß das Fundgut
in öster- und Västergötland und in den benachbarten Landschaften ver-
gleichsweise ärmlich sei. Der Fundstoff des unteren Weichselgebiets sei
zwar reicher, doch bestehe er größtenteils aus Typen, die weit über Nord-
und Mitteleuropa verbreitet seien84.
R. Schindler stellte 1940 fest, Blume habe sich bemüht, „seine vor-
geschichtlichen Ergebnisse mit den überlieferten historischen Quellen in
Übereinstimmung zu bringen, wobei er sich jedoch, . . . , des öfteren
gerade von der historischen Überlieferung irreführen ließ" 25 . Er sah sich
daher veranlaßt, die Lokalisierung der Goten und Gepiden zu verändern
und die einen im östlichen Hinterpommern und westlichen Westpreußen
und die anderen im östlichen Westpreußen und im westlichen Ostpreußen
anzusetzen, und betonte im übrigen, die stilistischen und strukturellen
Unterschiede zwischen der voll ausgeprägten Spätlat^ne- und der spär-
lichen frühen Kaiserzeittonware sprächen zwar nicht für eine lückenlos
kontinuierliche Entwicklung der Bevölkerung26, doch rechnete er mit
einer unverändert seßhaft bleibenden „Grundbevölkerung". Selbst wenn
man im Ubergang von der Brand- zur Körperbestattung eine Folge all-
gemeiner, zeitbedingter Änderungen der religiösen Anschauung sähe, so
bleibe noch immer das Aufhören der Waffenbeigaben nach Christi Geburt.
Ein anderer Unterschied komme hinzu: Bei den Weichselgermanen der
Spätlat^nezeit hätten zweifellos die Männer den Vorrang im Kultur- und
Gesellschaftsleben gehabt. Nach der Zeitwende sei es genau umgekehrt,
denn vorher lieferten die Friedhöfe meist reiche Männer-, danach fast
nur reichere Frauengräber. Diese Unterschiede, meinte Schindler, sprächen
insbesondere gegen die von W. La Baume und H . J. Eggers hervorgeho-
bene Siedlungskontinuität um Christi Geburt, welche beide zur Annahme
veranlaßt hatte, mit der Einwanderung der Goten — wenn überhaupt —
dann zu Beginn der Spätlat^nezeit zu rechnen27. In der Übernahme der
alten, von den Burgunden verlassenen Siedlungs- und Bestattungsplätze
durch ankommende Neusiedler sah Schindler einen aus geographischen

24
B.Nerman, a . a . O . 181.
25
R. Schindler, Die Besiedlungsgesch. d. Goten u. Gepiden im unteren Weidisel-
raum auf Grund d. Tongefäße (1940) 4.
28
R. Schindler, a. a. O. 97 ff., bes. 103.
27
W. La Baume, Die Goten in Ostdeutschland, in: Ostdeutsche Monatshefte
1920, 244; ders., Urgesdi. d. Ostgermanen (1934) 88 Anm. 1; ders., Ostgerm.
Frühzeit (1959) 12 unverändert; H . J. Eggers, Das Gräberfeld von Langen-
hagen, Kr. Saatzig, in: Pommersdie Monatsblätter 50 (1936) 135 ff.
Probleme der archäologischen Quellen 227

Gesichtspunkten sich zwangsläufig einstellenden Tatbestand und das des-


wegen, weil schon die Burgunden die „Verkehrs- und siedlungsmäßig
günstigsten Geländepunkte" gewählt hatten, die nun die neuankommen-
den Goten kaum verschmähen konnten. Im übrigen war Schindler geneigt,
aus dem Beibehalten der alten Siedlungsstellen Anzeichen zu entnehmen,
daß „die zwischen Burgunden — Rugiern und Goten stattgefundenen
Auseinandersetzungen nicht so feindselig waren, wie man nach dem Be-
richt des Jordanis annehmen möchte"28.
Gegen Ende des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts könne man
eine „grundlegende Veränderung der Besiedlungslage" feststellen2'. Nun
sei der zuvor gemiedene südliche Höhenrücken Pomerellens besetzt und
das westliche Ostpreußen in Besitz genommen worden. „ . . . Das ge-
waltige Anschwellen der Siedlungsplätze und Fundzahlen [sei] auf einen
entsprechenden Bevölkerungsnachschub von Norden zurückzuführen . . . " .
Für diese Vorgänge ergäbe die gotische Stammessage eine brauchbare Er-
klärung, nach der die Gepiden „als letzte übers Meer kamen und sich im
Weichselland festsetzten. . . . Bei der neuerlichen Landnahme mußten
. . . die Goten . . . im Weichselmündungsgebiet an Raum einbüßen. . . .
Sie rückten auf dem von ihnen eingenommenen Raum zusammen und
füllen, nach Westen vorrückend, die freistehenden Siedlungslücken auf
. . . Die Auseinandersetzung über die Landverteilung zwischen beiden
Schwestervölkern dürfte im wesentlichen friedlich gewesen sein" 30 . Die
Gepiden besetzten nun das westliche Ostpreußen. Angesichts solcher Ver-
hältnisse fragte Schindler, ob denn Goten und Gepiden überhaupt kultu-
rell voneinander zu unterscheiden seien. Er stellte fest, einzelne Sachgüter
ergäben nichts oder nicht viel; das gelte sogar für die Keramik. Immerhin
lasse sich erkennen, daß Trichterurnen, verzierte Zweihenkeltöpfe, pokal-
förmige Fußgefäße und vasenförmige Beigefäße mehr westlich, dagegen
verzierte Dreihenkeltöpfe und späte Schalenurnen vorwiegender östlich
orientiert seien. Im übrigen falle im Osten das „massenhafte Auftreten"
später Fibeln mit zweilappiger Rollenkappe auf31, die man daher „am
besten als Gepidenfibel" bezeichnen könne.
Vom beginnenden dritten Jahrhundert ab werde dann das Land an
der unteren Weichsel, das die Goten bislang innehatten, sichtlich entleert.
Das passe gut zu dem mit dem Jahre 214 erstmals bezeugten Auftreten

28 R. Schindler, Die Besiedlungsgesdi. d. Goten u. Gepiden (1940) 104.


2i R. Schindler, a . a . O . 105.
30 R. Schindler, a. a. O. 105 f.
31 O. Almgren, Studien über nordeuropäische Fibelformen (1897) 17 f. 141 f.
Taf.2, 39—41.

15»
228 Der Beitrag der Ardiäologie zur Erforschung der Herkunft der Goten

der Goten am Schwarzen Meer88. Die Siedlungsdichte zwischen Weichsel


und Passarge bleibe jedoch erhalten, denn die Gepiden seien erst gegen
Mitte des vierten Jahrhunderts abgezogen. Alle diese Ansichten, die sich
hier bei Schindler zeigen, sind das Ergebnis eines ziemlich willkürlichen
— teils einfallsreichen — Spiels mit Möglichkeiten, denen man ebenso
einleuchtende, gerade entgegengesetzte Thesen hätte gegenüberstellen
können, womit aber ebensoviel oder -wenig gewonnen gewesen wäre.
Zur Herkunftsfrage der Goten und Gepiden vermöge er — betonte
Schindler — nichts Neues zu sagen". Er lasse das gelten, was Nerman
dazu beigetragen habe. Audi G. Müller-Kuales wußte im Jahre 1940 da-
zu nichts beizutragen, betonte aber als Tatsache, daß die Goten aus Skan-
dinavien in das Weichselmündungsgebiet eingewandert seien. Götaland
sei als Heimat „sehr wahrscheinlich anzunehmen" 54 .
Bis zum Jahre 1940 war die Frage des archäologischen Nachweises
der Einwanderung der Goten ins Weichselland und deren Auswanderung
aus Skandinavien um Christi Geburt mehr durch allgemein gehaltene,
kombinatorische Überlegungen, als durch Anwendung der Methoden, die
Kossinna entwickelt hatte, beurteilt worden. Für Almgren und Nerman
war es entscheidend, daß die Goten nicht aus Gotland eingewandert sein
konnten, weil beträchtliche Unterschiede in den Bestattungssitten zwischen
der Insel und dem Weichselland bestanden und weil das Fundgut der
Insel gerade zur Zeit, in der die Wanderung erfolgt sein sollte, sich ver-
mehrte, anstatt abzunehmen, wie zu erwarten gewesen wäre. Dagegen
wiesen die Bestattungssitten in Götaland solche Unterschiede gegenüber
dem Weichselmündungsgebiet n i c h t auf, also konnten die Goten von
dorther eingewandert sein, wenn schon eine Einwanderung durch andere
als archäologische Quellen postuliert werden mußte. Wenn es notwendig
wäre, eben diese Wanderung auf Grund der literarischen Überlieferungen
vorauszusetzen, dann wäre sie — Schindlers Ansicht nach — weniger we-
gen des Aufkommens der Körpergrabsitte als durch das Verschwinden der
Sitte, Waffen beizugeben, und durch das Aufkommen bevorzugt ausge-
statteter Frauengräber nachzuweisen. Sowohl in Almgrens und Nermans
als auch in Schindlers Rechnung spielte die Voraussetzung, die Goten
m ü ß t e n gewandert sein, die entscheidende Rolle. Wahrscheinlich hätte

S2
R. Schindler, Die Besiedlungsgesdi. d. Goten u. Gepiden (1940) 110. Gemeint
scheinen angebliche Kämpfe Caracallas gegen Goten zu sein, von denen Script.
Hist. Aug. XIII. Aelii Spartiani Vita Antonini Carac. 10,5 f. berichtet. Zu
deren Glaubwürdigkeit vgl. aber: W. Reusch, Der historische Wert der Cara-
calla-vita (1931) 35.
35
R.Schindler, a . a . O . 116.
84
G. Müller-Kuales, Die Goten, in: H. Reinerth [Hrg.], Vorgesch. d. dt.
Stämme 3 (1940) 1149.
Probleme der archäologischen Quellen 229

keiner dieser Gelehrten vom archäologischen Nachweis einer Wanderung


gesprochen, wenn Jordanes nicht von ihr berichtet und wenn Kossinna sie
nidit verlangt hätte.
Die Argumentation in der Zeit zwischen Kossinnas erster Behaup-
tung, die Goten seien aus Gotland eingewandert, bis zu Schindlers Vor-
stellung, die Goten seien um Christi Geburt ins Unterweichselgebiet, die
Gepiden dann später vornehmlich ins östliche West- und westliche Ost-
preußen eingewandert, litt hauptsächlich darunter, daß das Postulat einer
Wanderung nicht aus dem archäologischen Fundgut, auch nicht aus histo-
rischen oder philologischen Überlegungen, sondern einzig aus dem Bericht
des Jordanes und einigen oberflächlichen Namenvergleichen abgeleitet
wurde. Natürlich war es für alle wirklich ernsthaften Untersuchungen
nicht minder hinderlich, daß alle Erwägungen zum Problem der Wande-
rung ohne ausreichende Kenntnis des g e s a m t e n Fundstoffs angestellt
worden waren. Kossinna konnte nach Lage des Forschungs- und Bearbei-
tungsstandes weder West- und Ostpreußen noch Südschweden genau ken-
nen. Blume kannte zwar das nordöstliche Mitteleuropa für seine Zeit gut,
doch Schweden nicht genau. Almgren war mit dem gotländischen und auch
mit dem festlandsschwedischen Fundstoff seiner Zeit ausgezeichnet ver-
traut, ihm war auch das mitteleuropäische Material bekannt, doch vor-
nehmlich nach Blumes Vorarbeiten. Nerman kannte zwar das schwedische
Fundgut vollständig, doch die Funde des Weichselraumes nicht genau.
Umgekehrt wußten La Baume und Schindler im Weichselland gut Be-
scheid; beide hatten sich bislang aber nicht eingehender mit Schweden be-
schäftigt. Für alle Beteiligten war der Nachweis der Wanderung letzlich
ein Randproblem: Die Tatsache der Einwanderung war von Kossinna und
seinen Schülern behauptet und durch die literarischen Quellen belegt; die
Archäologie brauchte da nur noch zu illustrieren, was man ohnehin schon
wußte.
Es muß deswegen unbestritten als bedeutende Wendung gelten, wenn
E. C. G. Graf Oxenstierna Anfang der vierziger Jahre das eigentliche
Problem der Gotenwanderung zu untersuchen begann35. Seine Ansätze
waren verheißungsvoll. Wie ein entscheidender Fortschritt wirkt es, wenn
er die literarischen „Zeugnisse einer gotischen Urheimat in Skandinavien
— die schriftliche Überlieferung der Sage durch Jordanis und die Überein-
stimmung der Namenformen Götar und Goten — " als Grundlage seiner
Untersuchung zurückwies. „Die Saga könnte ein Märchen sein, und gegen
die Namensformen könnten sprachgesetzliche Einwände erhoben wer-
den"".
55E. C. G. Graf Oxenstierna, Die Urheimat d. Goten (1945). Vgl. dazu ders.,
Die Heimat der Goten, in: Forschungen u. Fortschritte 17 (1941) 299—301.
" E. C. G. Graf Oxenstierna, a. a. 0 . 1 .
230 Der Beitrag der Archäologie zur Erforschung der Herkunft der Goten

Alsbald beging er jedoch Inkonsequenzen. Er ging vom weichsellän-


dischen Fundstoff des ersten nachchristlichen Jahrhunderts aus, weil antike
Geographen angegeben hätten, die Goten hätten d o r t und spätestens
von d i e s e r Z e i t an gesiedelt. Er nahm den terminus ante quem für
die Anwesenheit der Goten auf dem Kontinent als terminus quo für de-
ren mögliche Einwanderung und suchte deswegen die Goten in den skan-
dinavischen Funden des letzten vorchristlichen Jahrhunderts. Auf diese
Weise begrenzte er sein Thema in einer Weise, die er kurz vorher als fal-
schen Ansatz zurückgewiesen hatte. Er war von der Richtigkeit der räum-
lichen und zeitlichen Abgrenzung überzeugt und meinte deswegen, sie
nicht näher begründen zu brauchen. Ohne es selbst richtig zu bemerken,
bezog er damit alle die alten Voraussetzungen, die er kurz vorher aus
methodischen Gründen ausklammern wollte, wieder in seine Untersuchun-
gen ein. Auf soldie Weise begab er sich von vornherein der ursprünglich
vorhandenen Chance, sein Problem zu lösen. Er lief nun in dreifachem
Sinne Gefahr, ein pures Scheinproblem zu verfolgen: Erstens braucht ja
die Wanderung — wie er selbst vorher eingeräumt hatte — nicht unbe-
dingt stattgefunden zu haben. Zweitens hätte sie, falls sie — was ja nicht
ausgeschlossen ist — historisch sein sollte, zu einer anderen als der ange-
nommenen Zeit erfolgt sein können. Drittens hätte sie aber auch von
Skandinavien nach einer anderen Gegend des Weichselraums geführt
haben können, da die antiken Autoritäten die gotischen Wohnsitze auf
dem Kontinent ja gar nicht so eindeutig umgrenzten.
Aber alsbald begrenzte Oxenstierna die Lösungsmöglichkeiten noch
weiter. Er zog auch die Gleidiung Götar-Goten, die er anfangs vorsorg-
lich ausgeklammert hatte, wieder in seine Betrachtungen ein und meinte,
die Goten seien „zunächst im heutigen Götaland" zu erwarten, und zwar
in Västergötland, östergötland und auf der Insel Gotland. „Vorsichts-
halber" zog er auch die Nachbarlandschaften mit in Betracht. Gotland sei
allerdings schon von Almgren und Nerman untersucht und als mögliche
Heimat der Goten ausgeschieden worden. Er wandte sich nun zunächst
Väster- und östergötland zu und kam zu einer Reihe von Ergebnissen,
die bis dahin immerhin nicht so klar erkennbar gewesen waren, wie er sie
nunmehr darlegen konnte. Man kann sie deswegen nicht einfach beiseite
schieben: In Västergötland seien überwiegend Brandschüttungsgräber, in
östergötland vornehmlich Brandgrubengräber nachweisbar. Die Gräber
seien im Westen einheitlich angelegt und hätten keine Oberbauten. Im
Osten gäbe es auf jedem Gräberfeld mindestens einzelne Steinhügel, Stein-
pflaster, Erdhügel, Steinkreise oder Steinsetzungen über dem Grab. Die
Variationsbreite der Grabsitten sei in östergötland auch sonst größer
(Brandgruben ohne Brandschutt, Brandschüttungsgräber ohne Leichen-
Probleme der archäologischen Quellen 231

brand, Opfergruben etc.). Västergötland wirke ärmer, aber strenger,


habe fast niemals Waffenbeigaben, die in östergötland häufig seien. Dafür
seien Frauenschmuck und Arbeitsgeräte in Västergötland reichlicher. Die
Kultur der Brandschüttungsgräber Västergötlands ende spätestens um
Christi Geburt; in östergötland lebe sie -weiter, und es käme nun auch die
Körperbestattung vor".
Oxenstierna untersuchte danadi den Weichselraum, stellte die seit
Blume und Schindler bekannten Kulturveränderungen um Christi Geburt
fest und wandte sidi danach der Frage der Methodik des Nachweises der
Wanderung zu. Er meinte, die im Weichselraum um die Zeitwende faß-
baren neuen Kulturerscheinungen müßten in einem bestimmten Gebiet
Schwedens im Fundstoff der vorrömisdien Zeit wieder gefunden werden,
wenn die Wanderung der Goten als bewiesen gelten sollte38. Er verglich
nun das Weichselland mit Götaland und dessen Nachbarlandschaften und
kam zu einer Anzahl von Ergebnissen, die teils lange bekannt, teils aber
bislang nicht so deutlich sichtbar gewesen waren. Körpergräber kämen in
der Zeit v o r Christi Geburt in Schweden fast gar nicht vor, könnten
also nicht von dort hergeleitet werden. Die östergötländische Kultur
sdieide als Vergleidhsobjekt wegen der vielen Uberbauten über Grabanla-
gen, die schwedische Westküste und Dänemark wegen der dort vorherr-
schenden Urnengrabsitte aus. N u r in Västergötland lasse sich feststellen,
daß die Gräberfelder um Christi Geburt abbrechen; nur in Västergötland
und an der Westküste käme eine mit dem Weichselland verwandte Kera-
mik vor; im gleichen Raum seien Waffengräber fast nicht vertreten. Rei-
cher Bronzeschmuck im Weichselland könne gut aus Skandinavien herge-
leitet werden, „wo schon in den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung
viel Bronzeschmuck hergestellt wurde". Oxenstierna folgerte daraus:
„Der Vergleich weist einzig auf Västergötland als Heimatgebiet der Go-
ten. Somit finden wir das eine der drei gotischen Gebiete Schwedens her-
aus, während die beiden anderen, Östergötland und Gotland ein klar
negatives Ergebnis bringen"". Aber seine Prämisse, die im Weichselraum
um Christi Geburt faßbare Kultur müsse in Vorformen in Schweden nach-
weisbar sein, wenn die Einwanderung der Goten als bewiesen gelten
sollte, war stillschweigend preisgegeben.
Die Frage, ob Oxenstiernas methodologischen Ansätze richtig sind,
bleibt hier aber besser vorläufig außerhalb der Diskussion. Es ist zweck-
mäßig, zunächst die Ergebnisse seiner Vergleiche auf ihre Richtigkeit hin
zu überprüfen. Es ist zweifelsohne richtig, daß die Körpergrabsitte in

37
E. C. G. Graf Oxenstierna, a. a. O. 11 ff., bes. 132.
38
E. C. G. Graf Oxenstierna, a. a. O. 147.
39
E. C. G. Graf Oxenstierna, a. a. 0.148.
232 Der Beitrag der Archäologie zur Erforsdiung der Herkunft der Goten

Schweden in der Zeit unmittelbar vor Christi Geburt keine große Rolle
spielte; sie fehlt indes nicht vollkommen 40 . Die wenigen verstreuten Grä-
ber, die bislang nachweisbar sind, stehen — darin ist Oxenstierna aber zu-
zustimmen — in keinem sichtbaren Zusammenhang zu den Körpergräbern
des Weichselraums. Zustimmen muß man Oxenstierna auch darin, daß in
Västergötland Überbauten über den Gräbern — ausgenommen „Bauta-
steine" — fehlen. Was allerdings die weidiselländischen Gräber anbelangt,
so ist schwer zu entscheiden, ob oberirdische Anlagen — Grabhügel, Stein-
setzungen usw. — dort nicht ursprünglich in größerer Zahl vorhanden
waren — insbesondere in der intensiv bewirtschafteten Weichselniederung
und dem sie beiderseits begleitenden Hügelland — und größtenteils längst
beseitigt worden sind, ohne daß dadurch die tieferliegenden Grabgruben
gestört wurden. In abgelegenen Wald- und Heidegebieten gibt es jeden-
falls Gräber mit Überbauten, doch sind diese mindestens teilweise sehr
jung und gehören — soweit sie jung sind — einer späten Ausbauphase
an41. Es könnte also durchaus sein, daß das Weichselland in dieser Hinsicht
engere Bindungen an östergötland und auch Gotland hatte, als Oxen-
stierna nach den Funden sehen wollte; das allerdings für eine Spätzeit.
Oxenstiernas Annahme, die Brandgräberkultur Västergötlands breche
um Christi Geburt ab, ist sicher n i c h t richtig, wie bereits C.-A. Moberg
betont hat 48 und wie auch eine chronologische Analyse des västergötländi-
schen Fundstoffs nachweist43. Sicherlich reicht die Besiedlung dieser Land-
schaft zumindest weit über das erste nachchristliche Jahrhundert hinaus.
Die Zahl gut datierbarer Funde ist allerdings nicht sehr groß, so daß es
nicht möglich ist, alle Schwankungen der Siedlungsintensität klar zu er-
kennen. Sicher ist lediglich, daß im Verlaufe der jüngeren vorrömischen
Eisenzeit ein intensiver Landausbau erfolgte und daß ein Besiedlungs-
optimum gerade in die Zeit um oder kurz nach Christi Geburt fällt (vgl.
unten S. 409 ff.). Eine Abnahme der Siedlungsstärke ist mindestens im
ersten nachchristlichen Jahrhundert nicht sichtbar.

40
Vgl. O. Klindt-Jensen, Foreign Influences in Denmark's Early Iron Age, in:
Acta Ardi. 20 (1949) 176 f.; E. Nylin, Die jüngere vorrömisdie Eisenzeit
Gotlands (1956) 528. 547 Abb. 307.
41
J. Kostrzewski, Die ostgerm. Kultur d. Spätlatenezeit 1 (1919) 231 f.; D.
Bohnsack, Die Germanen im Kreise Neidenburg unter Berücksichtigung der
neuesten Funde, in: Altpreußen 3 (1938) 67—79; ders., Die Burgunden, in:
H. Reinerth [Hrg.], Vorgesch. d. dt. Stämme 3 (1940) 1043 f.; R.Schindler,
Die Besiedlungsgesch. d. Goten u. Gepiden (1940) 108 (Hügelgräber).
41
C.-A. Moberg, Kyrkbadcen i Horns socken före och efter järnalderns tredje
period, in: Fornvännen 45 (1950) 73—94.
45
R. Hachmann, Die Chronologie d. jüngeren vorrömisdien Eisenzeit. Studien
zum Stand der Forschung im nördlichen Mitteleuropa und in Skandinavien,
in: 41. Ber. RGK 1960 (1961) 226.
Probleme der archäologischen Quellen 233

Richtig ist wiederum, daß die Waffenbeigaben in Västergötland


nicht zur Regel gehören. Aber auch in östergötland sind Waffen selten
und treten wahrscheinlich spät auf 44 . Das gilt im übrigen auch für ganz
Dänemark und Nordwestdeutschland 4 *. Die Ausbreitung der Sitte, dem
Kriegergrabe Waffen beizugeben, erfolgte offenbar aus dem östlichen Ger-
manentum der Spätlat^nezeit heraus. Sie trat im Weichselraum nicht sicht-
lich später auf als in Schlesien und Südpolen, erreichte Nordwestdeutsch-
land, Dänemark und Skandinavien vor dem Zeitraum, in dem sie im
Weichselraum bereits wieder aufgegeben wird. Die Ursache für die späte
Aufnahme dieser Sitte im Norden und Nordwesten steht gewiß nicht mit
dem Anlaß zur Aufgabe der Waffengrabsitte im Weichselgebiet im Zu-
sammenhang. Richtig ist auch, wenn Oxenstierna betonte, in ganz Skan-
dinavien seien in der vorrömischen Eisenzeit Bronzeschmucksachen ver-
hältnismäßig häufig, doch ist das Aufkommen von Bronzeschmuck auf
dem Kontinent eine gemeinmitteleuropäische Erscheinung, wie schon
Schindler betonte 4 ', und nicht vom Norden beeinflußt. Das scheinbar un-
vermittelte Auftreten reich ausgestatteter Frauengräber und das Zurück-
treten von Männergräbern an Zahl und an Reichtum der Ausstattung
hängt übrigens unmittelbar mit dem Aufgeben der Waffengrabsitte zu-
sammen. Reiche Männergräber der vorrömischen Eisenzeit waren eben
auf dem Kontinent fast allenthalben vornehmlich Waffengräber und der
Reichtum waren einzig die Waffen, und oft kann man ja in dieser Epoche
Männergräber überhaupt nur an den beigegebenen Waffen als solche er-
kennen 47 . Reiche Frauengräber hat es im Weichselland allerdings auch
schon in vorrömischer Zeit gegeben.
Es bleibt also die Keramik als einzig möglicher Zeuge eines Zusam-
menhanges zwischen dem Weichselland und dem Norden. Ist dieser vor-
handen, dann muß auch östergötland wieder als Heimat der Goten in Be-
tracht gezogen werden, wo Tonware vorkommt, die der västergötländi-
schen verwandt ist. Allerdings fragt es sich dann, ob man auf der Grund-
lage von Tongefäßähnlichkeiten allein die Herkunft der Goten noch wei-
ter erörtern darf.
Der Unterschied zwischen der sorgfältig gearbeiteten, mit schwarzem
Überzug versehenen Keramik der Spätlatinezeit 48 und der groben,

44
R. Hachmann, a. a. O. 218 f.
45
R. Hachmann, a . a . O . 125 ff.
4
* R. Schindler, Die Besiedlungsgesdi. d. Goten u. Gepiden (1940) 100.
47
Vgl. R. Hachmann, Das Gräberfeld v. Rondsen (Rzqdz), Kr. Graudenz
(Grudzi^dz), u. d. Chronologie d. Spätlatenezeit i. östl. Mitteleuropa, in:
Ardiaeologia geogr. 2 (1951) 83.
48
Vgl. D. Bohnsack, Die Burgunden i. Ostdeutschland u. Polen (1938) 74 ff.
234 Der Beitrag der Archäologie zur Erforschung der Herkunft der Goten

schlecht gebrannten frühkaiserzeitlidien Tonware 49 in Pommern und


Westpreußen ist evident. Wie weit sich darin die Mitgabe von G r a b -
keramik in der Spátlaténezeit und von G e b r a u c h s keramik in r der
Kaiserzeit spiegelt, läßt sich jedoch mangels ausreichend zahlreicher Sied-
lungsfunde in der Spatlaténezeit nur unvollkommen übersehen. N u r die
Siedlungen der Kaiserzeit zeigen deutlich, daß nach Christi Geburt ein
betonter Unterschied zwischen Grab- und Siedlungskeramik nicht mehr
bestand 50 . Die Hauptschwierigkeiten, zu einem verbindlichen Urteil über
die Beziehungen zwischen südschwedischer Keramik der vorrömischen
Eisenzeit und der weichselländischen Tonware des ersten nachchristlichen
Jahrhunderts zu gelangen, liegen aber darin, daß es schwer ist, aus dem
västergötländisdien Fundstoff die sicher kaiserzeitlichen Tonwarentypen
auszusondern, und daß es noch nicht gelungen ist, im Weichselland die
f r ü h e s t kaiserzeitliche Keramik von der jüngeren sicher abzugrenzen.
Auch Schindler gelang das nicht, wenngleich er oft Formen an den Anfang
seiner Entwidtlungsreihen stellte, die den spatlaténezeitlichen Gefäßen
typologisch nahestehen51. N u r die frühestkaiserzeitliche Tonware des
Unterweichselgebiets kann aber ja als Vergleichsmaterial mit der Keramik
des Götalandes in vorrömischer Zeit in Betracht kommen. Sicher ist, daß
die weichselländischen Gefäßformen, die Oxenstierna mit Keramik aus
dem Gotaland verglich52, nicht in die Zeit unmittelbar nach Christi Geburt
gehören. Es ergibt sich damit, daß auch der Keramikvergleich zwischen
dem Weichselland und Südschweden vorläufig nichts liefert, was für eine
Auswanderung über die Ostsee spricht.
Alles, was Oxenstierna als d i r e k t e Beweise für eine Einwande-
rung der Goten aus Västergötland ins Weichselland aufführt, ist also für
das, was er beweisen zu können meinte, nicht stichhaltig. Aber auch seine
„indirekten Beweise durch Kulturumrisse" sind nicht mehr wert 53 , und es
muß nachdrücklich darauf verwiesen werden, daß Oxenstiernas Argu-
mente weder für den Nachweis der Einwanderung der Goten ausreichen,
noch die Herkunft beträchtlicher Bestandteile des Stammeskörpers aus
Skandinavien beweisen können, was ihm — wie Wenskus meinte54 —
trotz „zum großen Teil berechtigter Einwände" doch wohl gelungen sei.

4
» Vgl. R. Schindler, Die Besiedlungsgeschichte d. Goten u. Gepiden (1940) 15 ff.
50
Vgl. R. Schindler, a. a. O. 95 f.; E. C. G. Graf Oxenstierna, Die Urheimat d.
Goten (1945) 163 ff. Abb. 133. 134. 137—139. 142. — Es wäre zu prüfen, ob
nicht spatlaténe zeitliche Siedlungen „fehlen", weil sie eine Keramik enthal-
ten, die der der Kaiserzeit ähnlich ist oder gar gleicht.
» Vgl. R. Schindler, a. a. O. 97 ff. Taf. 21. 22.
52
E. C. G. Graf Oxenstierna, Die Urheimat d. Goten (1945) 172 Abb. 143.
55
E. C. G. Graf Oxenstierna, a. a. 0 . 1 8 9 .
54
R. Wenskus, Stammesbildung u. Verfassung (1961) 467.
Probleme der ardiäologisdien Quellen 235

Es kann nicht bestritten werden, daß Oxenstierna sein Thema einfallsreich


abhandelte. Sein Fehler war es, daß er an ein Thema heranging, das durch
das „wissenschaftliche Dogma" von der Herkunft der Goten aus
S c a n d z a belastet war, und diese Belastung ist ihm zwar vor Beginn
seiner Arbeit, nicht aber mehr in deren Verlauf klar gewesen — oder er
hat seine Einschränkung, die Sage von der Gotenwanderung „könnte ein
Märchen" sein65, von vornherein nur als ein Spiel mit Worten angesehen.
Unlängst hat sich J . Kmiecinski noch einmal mit der Frage beschäf-
tigt, wie es zur Entwicklung der wichtigsten Neuerungen der kaiserzeit-
lichen Kultur an der unteren Weichsel gekommen sein könnte 6 ', und spe-
ziell den Ursprung der kaiserzeitlichen Sitte, Körpergräber anzulegen, die
Herkunft der Sitte, Männergräber nicht mehr mit Waffen auszustatten,
die Verbreitung der Grabhügel, Steinkreise und -Stelen, die Entwicklung
der berlockförmigen Anhänger, Bronzearmbänder und s-förmigen Schließ-
haken und die Entstehung gewisser Ziermuster auf Tongefäßen des Unter-
weichselgebiets zu verfolgen gesucht. Er ging dabei — für den archäologi-
schen Teil seiner Untersuchungen — ohne vorgefaßte Meinung vor, wenn-
gleich er bestimmte theoretische Vorüberlegungen anstellte, und gelangte,
da er seine Untersuchungen nicht räumlich und zeitlich willkürlich be-
grenzte, zu fundierteren Ergebnissen als Oxenstierna. Seine Vorüber-
legung besagt, daß eine Bevölkerung mit einer bestimmten Kultur, die in
e i n u n b e s i e d e l t e s Land einwandert, ihre Kultur behält und an dieser
in der neuen Heimat zu erkennen ist. Wenn indes dieselbe Bevölkerung
in ein b e s i e d e l t e s Land einwandert, und sich mit der dort ansässigen
Bevölkerung mischt, dann muß — so meinte jedenfalls Kmiecinski — es
auch zur Vermischung der beiden Kulturen kommen, wobei der Anteil bei-
der an der neuentstehenden Kultur — von verschiedenen Faktoren abhän-
gig — wechseln könne. Dabei könnten — dachte er ferner — aus der Kul-
turmischung auch neue Kulturformen entstehen57. In beiden Fällen m ü s s e
die Völkerwanderung aber am Fundstoff erkennbar sein. Er meinte des-
wegen — ähnlich wie Oxenstierna —, man müsse die für die gotisdi-gepi-
dische Kultur bezeichnenden Erscheinungen in Gestalt von Vorformen
oder Gegenstücken in ihrer Heimat erwarten, soferne der Bericht von
der Einwanderung der Goten und Gepiden richtig sei58. Seine Unter-
suchung habe jedoch keinen Nachweis für solche Vorformen zu erbringen
vermocht. Lediglich Grabhügel, Steinkreise und -Stelen seien in Schweden

55 E. C. G. Graf Oxenstierna, Die Urheimat d. Goten (1945) 1.


M J. Kmiecinski, Zagadnienie tzw. kultury gocko-gepidzkiej na Pomorzu
Wsdiodnim w okresie wczesnorzymskim (1962).
57 J. Kmiecinski, a. a. O. 141 f. 188.
58 J . Kmiecinski, a. a. 0 . 1 4 3 f. 188.
236 Der Beitrag der Archäologie zur Erforschung der Herkunft der Goten

nachzuweisen50, seien dort jedoch vom Süden her bekannt geworden. Die
Anlage von Körpergräbern sei verstreut gemeingermanisch und offenbar
auch aus dem Süden übernommen worden 60 ; die wenigen berlockförmigen
Anhänger aus Mittel- und Südschweden seien dort jünger als an der unte-
ren Weichsel"; s-förmige Schließhaken seien in Schweden gänzlich unbe-
kannt' 2 ; es gäbe in Schweden keine frührömischen Armringe und -bän-
der 68 ; bezeichnende Zierelemente der weichselländischen Kultur fehlten
in Schweden ganz64. Die Sitte, die männlichen Toten ohne Waffen zu
bestatten, sei für Schweden überhaupt nicht typisch65. Abschließend er-
klärte Kmiecinski, es sei keine ausreichende Erklärung, wenn man meine,
das Fehlen von Beziehungen zwischen der „gotischen" Kultur an der
Weichsel und der skandinavischen Kultur sei ein Zufall; es befriedige
auch nicht anzunehmen, daß der unvermittelte Übergang von der Spät-
lat^ne- zur Kaiserzeitkultur zufällig mit der Einwanderung der Goten zu-
sammenfalle 66 . Aus alledem sei zu folgern, daß die „gotisch-gepidische"
Kultur ihren Namen zu Unrecht trage. Sie verdanke ihn zweifelhaften
Nachrichten der Antike, insbesondere den Angaben des Jordanes 67 . N u r
weil die literarischen Berichte der Alten von der Wanderung der Goten
durch das Weichselland nach dem Süden sprächen, seien viele Bestandteile
der materiellen und geistigen Kultur, die in diesem Raum um Christi Ge-
burt neu auftreten, einfach den Goten zugeschrieben worden, in Wirklich-
keit wurzelten sie tief in der einheimischen Kultur, oder sie seien aus den
verschiedensten Gegenden übernommen worden.
Es sei allerdings eine unbestreitbare Tatsache, meinte Kmiecinski
schließlich68, daß skandinavische Germanen im dritten Jahrhundert n.
Chr. an der Nordgrenze des Römischen Reichs anwesend waren. Die
Zahlen, die von antiken Schriftstellern für solche Germanen angegeben
würden, seien jedoch zweifelhaft, denn die Bevölkerung Skandinaviens
sei bis in diese Zeit hinein niemals sehr groß gewesen. Bei der Südwande-
rung skandinavischer Germanen könnte es sich nur um langsame Infil-
trationen von kleinen und kleinsten Gruppen gehandelt haben. Solche
Bevölkerungsverschiebungen seien aber nur schwer an Hand des archäo-
logischen Fundstoffs nachzuweisen.
«• J. Kmiecinski, a. a. O. 92 ff. 163 ff.
•• J. Kmiecinski, a. a. O. 86 ff.
" J. Kmiecinski, a. a. 0 . 1 0 8 ff.
« J. Kmiecinski, a. a. O. 126 ff. 175 ff.
•s J. Kmiecinski, a. a. O. 118 ff. 169 ff.
M
J. Kmiecinski, a. a. 0 . 1 3 3 ff. 183 ff.
• s J. Kmiecinski, a. a. O. 88 ff.
•• J. Kmiecinski, a. a. 0 . 1 4 1 ff.
67
J. Kmiecinski, a. a. O. 144 f.
M
J. Kmiecinski, a. a. O. 152 f.
Probleme der archäologischen Quellen 237

Die Gruppe von Gräberfeldern mit Grabhügeln, Steinkreisen und


Steinstelen, die in der fortgeschrittenen Kaiserzeit im pommerellisdien
Hügelland auftrete, könne Spuren solcher skandinavischen Infiltrationen
anzeigen. Es müsse jedoch betont werden, daß die übrigen Kulturerschei-
nungen in diesem Gebiet sonst vollkommen mit denen an der Weichsel
übereinstimmten 6 '. Die Hauptergebnisse seiner Untersuchungen seien
jedoch, betonte Kmiecinski70, daß die kaiserzeitliche Kultur des Weichsel-
landes fast keine Verbindungen mit d e r Gegend Schwedens habe, die
gemeinhin als Heimat der Goten und Gepiden angesehen werde; sie sei
eine Fortsetzung der einheimischen Kultur der vorrömischen Eisenzeit.
Er lieferte damit eine ausführliche Bestätigung aller wesentlichen Ein-
wände gegen Oxenstierna' 1 .
In den Jahren 1962 und 1964 hat sich schließlich dann noch J.
Kostrzewski zum Problem des archäologischen Nachweises der Goten in
zwei teils wörtlich gleichlautenden Aufsätzen 72 geäußert, die sich einzig
in den die Goten betreffenden Teilen voneinander unterscheiden.
Kostrzewski ging von der Voraussetzung aus, daß die Goten und Gepiden
die einzigen sicher germanischen Stämme seien, die sich im östlichen
Mitteleuropa aufgehalten hätten. Ihnen seien die Körpergräber und
Brandbestattungen im unteren Weichselgebiet in der Zeit nach Christi
Geburt zuzuschreiben73. Die Sitte, Körpergräber anzulegen, könnten die
Goten — wie Oxenstierna nachgewiesen habe — allerdings nicht aus
Skandinavien mitgebracht haben74. Der größte Teil der Gräber im Un-
terweichselraum könne übrigens aus anthropologischen Gründen sowieso
nicht den Goten zugewiesen werden. Deren Zahl müsse also sehr klein
gewesen sein, und da etwa achtzig Prozent aller Gräber aus nachchrist-
licher Zeit Frauengräber seien, könne man annehmen, daß die Goten auf
ihrem Wanderzug keine große Zahl von Frauen mitgenommen hätten.
Sie nahmen sich vielmehr in der neuen Heimat eingeborene Frauen. Audi
sonst habe die eingeborene Bevölkerung vielfach weitergelebt, was man
an der Weiterexistenz der alten Friedhöfe erkennen könne. Wo allerdings
die Friedhöfe abbrechen, müsse man mit Neueingewanderten redinen.
Sichtlich folgt Kostrzewski hier teilweise der Darstellung Schindlers

" J. Kmiecinski, a. a. 0 . 1 5 4 .
70
J. Kmiecinski, a. a. O. 155.
71
Vgl. auch R. Hachmann, Rezension von E. C. G. Graf Oxenstierna, Die Ur-
heimat d. Goten (1945), in: Germania 29 (1951) 98—101.
72
J. Kostrzewski, Le problème du séjour des Germains sur les terres de Pologne,
in: Archaeologia Polona 4 (1962) 7—44; ders., Zagadnienie pobytu Germa-
nöw na ziemiach polskidi, in: Slavia Antiqua 11 (1964) 87—126.
™ J. Kostrzewski, Ardiaeologia Polona 4 (1962) 26 f.
74
J. Kostrzewski, a. a. O. 27.
238 Der Beitrag der Archäologie zur Erforschung der Herkunft der Goten

(vgl. oben S. 226 ff.). Das Aufhören der Sitte, den Männergräbern Waffen
mitzugeben, sei vielleicht ein besonderes Indiz dafür, daß eine Einwande-
rung stattgefunden habe75. Das Vorherrschen der Bronze in nachchrist-
licher Zeit im Gegensatz zum reichlichen Gebrauch von Eisen in der
Spätlat^nezeit erkläre sich damit, daß römische Münzen zur Herstellung
von Bronzegegenständen benutzt wurden. Alle Indizien reichten aller-
dings nicht zum Nachweis einer Wanderung aus, wenn nicht eine große
Ähnlichkeit zwischen den Grabformen des Unterweichselgebiets und
Schwedens bestände™. Schon in der ausgehenden vorrömischen Eisenzeit
gäbe es an der Weichsel Brandgräber mit darüberstehenden senkrechten
Steinen, und daraus ergebe sich, daß die ersten Gruppen skandinavischer
Einwanderer schon v o r Christi Geburt gekommen seien. Der Versuch
Oxenstiernas, Västergötland als Heimat der Goten zu erweisen, sei
allerdings nicht überzeugend; es sei viel einfacher, die Einwanderer aus
Östergötland kommen zu lassen77. Im zweiten Jahrhundert hätten die
Goten das Binnenland kolonisiert. Gegen Mitte dieses Jahrhunderts seien
die Gepiden neu eingewandert und hätten sidi auf dem rechten Weidisel-
ufer angesiedelt. Wiederum folgte Kostrzewski sichtlich Schindler (vgl.
oben S. 227). Gegen Ende des zweiten Jahrhunderts seien dann die Goten
wieder abgezogen78.
Zwei Jahre später hielt Kostrzewski zwar den größten Teil seiner
Ansichten aufrecht, rechnete auch weiterhin mit der Einwanderung der
Goten vor Beginn der Römischen Kaiserzeit und der Gepiden 150 Jahre
später, schloß sidi im übrigen aber stärker den Ergebnissen der Unter-
suchungen Kmiecinskis an79 und betonte, die Einwanderung der Goten
sei zwar nicht zu leugnen, habe aber keine so bedeutende Rolle gespielt,
wie bislang angenommen worden sei.
Wie bei Oxenstierna, so spielt bei Kostrzewski der Kulturwandel zu
Beginn der Römisdien Kaiserzeit als Indiz für die erfolgte Gotenwande-
rung die Hauptrolle. Der Wandel könne zwar nicht die Wanderung selbst
beweisen, wohl aber den auf anderem Wege gewonnenen Beweis illustrie-
ren. Als Hauptbeweis galt Kostrzewski die Übereinstimmung von Einzel-
heiten der Grabsitte mit Skandinavien, insbesondere mit östergötland,
wo allein alle im Weichselgebiet vorkommenden Formen von Grabober-
bauten vertreten seien. In seinem Urteil vom Aussagewert der Grabfor-
men stand Kostrzewski siditlidi im Gegensatz zu Oxenstierna. Letztlich

75 J. Kostrzewski, a. a. O. 27 f. — Eine nähere Begründung für diese über-


raschende These gibt Kostrzewski nicht.
7 4 J. Kostrzewski, a. a. O. 28.

7 7 J. Kostrzewski, a. a. O. 29.

7 8 J. Kostrzewski, a. a. O. 30.

7» J. Kostrzewski, Slavia Antiqua 11 (1964) 87 S.


Probleme der archäologischen Quellen 239

gründet sich sein „Hauptbeweis" aber doch — wie der aller, die vor ihm
dasselbe Problem behandelten — auf die Annahme, die Tatsache der
Wanderung sei durch antike Nachrichten gesichert, und ebenso sei es nadi
den Angaben der griechischen und römischen Autoritäten sicher, daß die
Wanderung zu Beginn der Römischen Kaiserzeit und ins Unterweidisel-
gebiet stattgefunden habe.
Da sich Kostrzewski den Untersuchungsergebnissen Kmiecinskis im
wesentlichen angeschlossen hat, geben dessen Untersuchungen, zumal sie
das Problem der Goten weitaus ausführlicher behandeln, den jüngsten
Stand der Untersuchungen wieder, der allerdings in Deutschland bislang
noch kaum zur Kenntnis genommen und überhaupt noch nicht diskutiert
worden ist. Zieht man Kmiecinskis Urteil über die Herkunftsnachrichten
und das hier erreichte Ergebnis einer Analyse der Gotengeschichte des
Jordanes in Betracht (vgl. oben S. 109 ff.), so wird es evident, daß es nidit
mehr nötig ist, auf seine Ansichten zum Wahrheitsgehalt der Gotensage
weiter einzugehen. Seine rein archäologischen Untersuchungen haben das
Bild von der kaiserzeitlichen Kultur im unteren Weichselgebiet wesentlich
objektiviert, wiewohl manche Fragen — insbesondere die einer feineren
Datierung des archäologischen Fundguts, d. h. des Beginns der Römischen
Kaiserzeit in diesem Gebiet — noch vernachlässigt sind80. Für die Frage
der Gotenherkunft geben seine archäologischen Betrachtungen jedoch
nichts. Das haben sie — trotz aller Fortschritte in Einzelheiten der Alter-
tümerkunde — mit allen älteren Arbeiten zur Archäologie und Herkunft
der Goten gemeinsam. Sie alle gingen von der Annahme aus, daß die
Goten im Gebiet der Weichselmündung siedelten. Von den antiken Nach-
richten her gesehen (vgl. oben S. 135 ff.), ist diese Voraussetzung falsch.
Die kontinentalen Wohnsitze der Goten lagen an anderer Stelle. Das
unterweichselländische Fundmaterial wurde irrtümlich als gotisdi bezeidi-
net. Wie konnte aber unter solchen Voraussetzungen die Frage nach der
Herkunft der Goten richtig gestellt und beantwortet werden?
Es ist zu untersuchen, welches archäologische Material wirklich
gotisch ist; erst dann kann man erneut nach dem Zusamenhang zwischen
Goten und Skandinavien fragen.

2. Die Archäologie und die frühen festländischen Gotensitze


In welchem Umfange bei Historikern, Philologen und Ardiäologen
die Meinung herrschte — und noch immer die vorherrschende ist —, das
Unterweichselgebiet sei als der Raum anzusehen, in dem die kontinental-
80
G. Kossack, Frühe römische Fibeln aus dem Alpenvorland und ihre chrono-
logische Bedeutung für die germanischen Kulturverhältnisse, in: Aus Bayerns
Frühzeit (1962) 125—137 bes. 134 ff.
240 Die Archäologie und die festländischen Gotensitze

germanischen Goten siedelten, hat ein Überblick über die Geschichte der
Forschung deutlich genug gezeigt (vgl. oben S. 145 ff.). D a ß diese Lokali-
sierung den antiken Nachrichten n i c h t entspricht und daß nicht einmal
die von Ablabius überlieferte Gotensage Wohnsitze der Goten in unmittel-
barem Küstengebiet der Ostsee verlangt, dürfte ebenfalls deutlich gewor-
den sein (vgl. oben S. 139 ff.). Ebenso muß nun vorausgesetzt werden, daß
das erste Erwähnen der Goten durch antike Autoren nicht als terminus a
quo, sondern nur als terminus ante quem f ü r den Beginn ihrer Anwesenheit
auf dem Kontinent angesehen werden muß. Sie können schon lange v o r
ihrer ersten Erwähnung durch Strabo südlich der Ostsee gesiedelt haben.
Ungewiß ist es vorerst noch, ob die Goten „seit jeher" südlich der
Ostsee ansässig waren, also als Autochthone angesehen werden müssen,
oder ob sie einst aus dem Norden einwanderten. N u r eines ist sicher: Als
Ablabius schrieb, müssen Bevölkerungsgruppen, deren Namen mit dem
der Goten verbunden waren — die T O Ü T O I , die r a u t o i , die *Vagothae,
die *Gauthigothae —, schon in Skandinavien ansässig gewesen sein. Und
noch etwas anderes ist sicher: Mögen die skandinavischen Goten aus dem
Süden, mögen die kontinentalen Goten aus dem Norden gekommen sein,
in jedem Falle muß ein Bevölkerungszusammenhang zwischen den skan-
dinavischen und den festländischen Goten vorhanden gewesen sein.
Irgendwann müssen Goten die Ostsee überquert haben!
Das Problem der festländischen Gotensitze ist der Angelpunkt f ü r
die Behandlung und Beantwortung aller nun noch offenen Fragen. Davon
hängt alles andere ab: H a t man erst die Sitze der Festlandsgoten und
kennt man ihre archäologische Kultur, so kann man diese auf Anzeichen
einer Einwanderung hin untersuchen. Dann könnte man im Norden nach
kulturellen Spuren der Vorfahren der Goten oder auch dort nach Spuren
von gotischen Einwanderungen suchen.
Die geographischen Anhaltspunkte f ü r die festländischen Gotensitze
sind ganz klar (vgl. oben S. 143). Selbst wenn man weiß, was Tacitus,
Ptolemaios und andere zu wissen meinten, verfügt man nicht über um-
fangreiche Kenntnisse. Wie sicher sind die Informationen der Antike f ü r
die Bevölkerungsverhältnisse in diesem abgelegenen Raum, von dem nicht
jeder einmal genau wußte, ob er zu Germanien oder Sarmatien gehörte?
Einzig die Übereinstimmung von Autoren, von denen man weiß, daß sie
nicht voneinander abgeschrieben haben, ist eine brauchbare Stütze der
Überlieferungen.
Anhaltspunkte f ü r die kulturelle Einordnung der Goten bzw. f ü r
ihre Zugehörigkeit zu einem germanischen Stammesverband oder einer
Kultgemeinschaft fehlen fast ganz. Die Hinweise des Plinius, der die
Goten zur Gruppe der *Vandili (Vindili), zu denen er außerdem die
Probleme der archäologischen Quellen 241

*Varini (Varinne), Charini und Burgundiones zählte (Plinius Historia


naturalis IV 99), sind weder eindeutig noch ausführlich genug. Die
*Vandili sind die erste seiner insgesamt fünf Gruppen, in die sidi seiner
Ansidit nach die Bevölkerung Germaniens gliederte. Schon Zeuss hat
bemerkt, daß diese Gliederung keine ursprüngliche ist1, dodi hatte er
nicht unbedingt recht, wenn er sich gerade gegen die Existenz der
*Vandili als Gruppe wandte 2 . Tacitus zählte die Vandilii zu den vera
et antiqua nomina bei den Germanen (Tacitus Germania 2,2). Die Bedeu-
tung dieser Namen bleibt aber ziemlich dunkel (vgl. oben S. 137 f.). Verf.
hat die Vandilii gelegentlich als Stammes- bzw. Kultverband zu deuten
versucht und neben die Mannus-Stämme, die Sueben und die Nerthus-
Stämme gestellt3. Eine sichere Entscheidung ist angesichts der ungünstigen
Quellenlage schwierig. Zu allem Unglüdc ordnete Plinius auch seine
anderen Gruppen falsch und rechnete zu den Hermiones außer Chatti
und Cberusci, was sicherlich richtig ist4, auch die Suebi und Hermunduri.
Erstere sind gewiß eine Gruppe für sidi, von der die Hermunduri nur ein
Teil sind. Wie weit reichten die Wohnsitze der *Vandili des Plinius?
Gehörten die Rugii und die Lemovii des Tacitus dazu? Offenbar kannte
Plinius diese Stämme nicht; seine Informationen waren begrenzt.
Die Lugii des Tacitus, die Plinius nicht kannte, können nicht einfach
mit dessen *Vandili gleichgesetzt werden, denn bei Tacitus stehen die
Gotones außerhalb der Lugii. Eine Klärung wird dadurch erschwert, daß
Tacitus die Burgundiones nicht nannte. Auch Ptolemaios trägt hier nichts
bei, weil er nach anderen Prinzipien aufzählte — geographisch und nach
großen und kleinen Stämmen geordnet — und auf wirkliche oder ange-
nommene Stammeszusammenhänge keine Rücksicht nahm. R. Much
neigte dazu, anzunehmen, die *Vandili „umfaßten . . . die ganzen Ost-
germanen" 5 ; das aus der Aufzählung des Plinius zu schließen, verbietet
aber die Quellenlage. Unmethodisch wäre es, einfach die Erzählungen
des Strabo, des Plinius, des Tacitus und des Ptolemaios zu einem einheit-
lichen Bild zusammenzuziehen.
Ebenso unmethodisch — wenngleich verführerisch — wäre es, nun-
mehr von den archäologischen Gruppen her das literarische Material zu
gliedern. Daß die Ostgermanen eine wissenschaftliche Fiktion — eine

1
K. Zeuss, Die Deutschen u. d. Nachbarstämme (1837) 70.
1
K. Zeuss, a. a. O. 71: „Plinius stellt ohne Rücksicht auf Art und Bedeutung
willkührlidi nur weit verbreitete Namen zusammen;..
8
R. Hadimann, in: R. Hadimann, G. Kossack u. H. Kuhn, Völker zw. Ger-
manen u. Kelten (1962) 53.
* R. Hadimann, a. a. O. 51 ff.
5
R. Much, Die Germania d. Tacitus (1937, ! 1959) 29 f.; (81967) 58 f.

16 Hadimann, Goten und Skandinavien


242 Die Archäologie und die festländischen Gotensitze

„Erfindung" Müllenhoffs' — sind, bedarf hier keiner Erläuterung mehr.


Ebenso erscheint es fast unnötig, nochmals zu erklären, daß es auch keine
archäologische „ostgermanische" Gruppe gibt7. Der germanische Osten
gliederte sich in der jüngeren vorrömischen Eisenzeit und in der Kaiser-
zeit im wesentlichen in zwei Hauptgruppen, die die polnische Forschung
seit längerer Zeit als Oxhöfter (Oksywie-) Gruppe und als Przeworsker
Kultur bezeichnet8. Verf. wollte diese Gliederung nicht in Frage stellen,
als er gelegentlich — mehr um den chronologischen Möglichkeiten Rech-
nung tragen zu können, als um den germanischen Osten erschöpfend in
archäologische Gruppen zu gliedern — von sechs verschiedenen Gruppen,
von der Unterweichsel-Gruppe, der Oder-Warthe-Gruppe, der Oder-
Weichsel-Gruppe, der Lausitzer Gruppe, der Mittelpommerschen Gruppe
und der Weichsel-Narew-Gruppe, sprach®. Die polnische Forschung hat
diesen Gliederungsvorschlag nicht abgelehnt, doch eine andere Nomen-
klatur vorgeschlagen10, die durchaus sinnvoll ist und akzeptabel erscheint.
Es wäre verführerisch, die Przeworsker Kultur einfach mit den *Vandili
des Plinius gleichzusetzen, in der Oder-Warthe-Gruppe die Burgunden
und in der Oder-Weichsel-Gruppe die eigentlichen Wandalen zu sehen,
aber es wäre wissenschaftlich nicht zu verantworten.
Immerhin kann man bei allen weiteren Erwägungen von der Vor-
aussetzung ausgehen, daß die Gliederung des germanischen Ostens in die
Oxhöfter und die Przeworsker Kultur im großen Ganzen zutreffend ist.
Um Einzelheiten klarer erfassen zu können, wird es nötig sein, die beiden
großen Kulturgruppen noch genauer zu analysieren, und dabei werden
sich gewiß außer den bekannten auch noch andere Untergruppen heraus-
stellen lassen.
Aber zurück zu den Goten: Es muß bei allen Versuchen, sie archäolo-
gisch zu lokalisieren, bei den geographischen Ansätzen der Antike bleiben:
Siedlungsgebiet weit jenseits der Markomannen (Strabo), irgendwo in
der Nähe der Burgunden im Osten (Plinius), jenseits der Lugier (Tacitus),
an der Weichsel, aber östlich des Flusses (Ptolemaios), k e i n e s f a l l s
direkt am Meer (Tacitus und Ptolemaios). Versucht man, den so um-
6
Dazu: K. Müllenhoff, Uber Tuisco und seine Nachkommen. Ein Beitrag z.
Gesdi. d. dt. Religion, in: Schmidts Zeitsdir. f. Gesch. 8 (1847) 209 ff.
7
Vgl. R. Hachmann, Ostgerm. Funde d. Spätlatenezeit in Mittel- u. West-
deutschland, in: Ardiaeologia geogr. 6 (1957) 55 ff.
8
J. Kostrzewski, Pradzieje Polski (1949) 173. 181; ders., Le problème du sé-
jour des Germains en Pologne, in: Ardiaeologia Polona 4 (1962) 13 f.
8
R. Hachmann, 41. Ber. d. Röm.-Germ. Kommission 1960 (1961) 25. 58 ff. —
Die Mittelpommersche Gruppe ist kein Teil der Oxhöfter Kultur; die Lausit-
zer Gruppe ist vielleicht von der Przeworsker Kultur getrennt zu halten.
10
J. Marciniak, Z badan nad wczesnq faz^ Kultury Wenedzkiej, in: Ardieolo-
gia Polski 10 (1966) 579—599 bes. 584 f.
Probleme der archäologischen Quellen 243

schriebenen Raum nach den heutigen geographischen Anhaltspunkten


genauer zu umreißen, so ergibt sich folgendes Bild: Es dürfte etwa das
Gebiet nördlich des Mittellaufs der Weichsel sein, jenes Teils des Flusses,
wo sich dieser nach dem großen, nach Westen offenen Bogen des Ober-
laufs, der Mittelpolen umschließt, erst nach dem Nordwesten, dann fast
nach dem Westen und schließlich wieder nach dem Nordwesten und
Norden wendet. Im Westen könnte dieser Raum durch den Lauf der
Drewenz (Drw^ca) begrenzt sein, im Norden mag der südwestliche Teil
von Masuren hinzugehören, soweit er sich zur Weichsel hin entwässert.
Im Nordosten gehört das Einzugsgebiet des unteren Bug und der Narew
und ihrer Nebenflüsse dazu. Im Osten könnte dieser Raum außer dem
unteren Bug auch dessen vom Süden kommenden Nebenflüsse einschlie-
ßen. Auch das Weichseltal bis oberhalb von Warschau und etwa bis Thorn
hinab gehört zu diesem Raum, der von Natur aus eine kulturgeogra-
phische Einheit bildet. Er entspricht in seinem Umfang etwa annähernd
der polnischen Landschaf): Masowien und einem Teil von Masuren.
Bedenkt man, daß Wasserläufe im Altertum gerne zur Bezeichnung
von Grenzen benutzt wurden11, daß aber im allgemeinen die Talgebiete
beiderseits eines Flusses eine Einheit — auch in kultureller Hinsicht —
bilden, so darf man in der Abgrenzung dieser Landschaft keinen Wider-
spruch dazu sehen, daß Ptolemaios die riiflcoveg an der Weichsel, aber
östlich des Flußlaufs, ansetzte.
Verf. hat im Jahre 1961 die Kulturgruppe der jüngeren vorrömischen
Eisenzeit dieses Raumes, deren Sonderstellung schon J . Kostrzewski er-
kannt hatte12, als Weichsel-Narew-Gruppe bezeichnet. J . Marciniak hat
demgegenüber die Bezeichnung Masowische Gruppe (gmpa mazowieckiej)
vorgeschlagen18. Dieser Name ist einprägsamer, wenngleich — wie sich
zeigen wird—geographisch nicht ganz zutreffend (vgl. unten S. 267 ff.). Es
sollte trotzdem bei der Bezeichnung Masowische Gruppe bleiben.
Kostrzewski sah die „Kulturgruppe von ostgermanischem Charakter"
in der Südwestecke der Provinz Ostpreußen, die sich — wie er sagte —
„südostwärts nach Russisch-Polen" fortsetzte, als eine Sondergruppe der
Wandalen14 an. Als ihren nordöstlichsten Ausläufer bezeichnete er einen
11 R. von Sdieliha, Die Wassergrenze im Altertum (1931).
12 J. Kostrzewski, Die ostgerm. Kultur d. Spätlat^nezeit 1 (1919) 231 ff.
13 J. Marciniak, Ardieologia Polski 10 (1966) 584; neuerdings verwenden T.
D^browska und J. Okulicz die Bezeichnung „groupe de Nidzice", also Nei-
denburger Gruppe. Vgl. T. D^browska u. J. Okulicz, Inventaria Ardi. Po-
logne Fase. X X : PI. 121—125 (La Tene III) (1968) PI. 121 (1) ff.
14 J . Kostrzewski, Die ostgerm. Kultur d. Spätlat^nezeit 1 (1919) 232. — Die
direkte Bezeichnung archäologischer Fundgruppen nach germanischen Stäm-
men gehört zum Stil der Zeit und geht natürlich auf Kossinna zurück. In Polen
werden nach dem 1. Weltkrieg teilweise diese Namen durch solche slavischer

16*
244 Die Archäologie und die festländischen Gotensitze

Grabfund aus Nacza 15 , damals Bez. Lida im Gouv. Wilna. Als west-
lichsten Fund dieser Gruppe nahm er Michelau (Michalow), Kr. Strasburg
(Brodnica), an". An der Drewenz (Drwfca) vermutete er ihre West-
grenze. Er meinte, diese Gruppe gehöre „trotz mancher Verwandtschaft
mit der ,burgundischen Kultur' doch vorwiegend dem wandalischen
Teil Ostdeutschlands an"17. D. Bohnsack sah dagegen die Soldau
(Dzialdowka) als Westgrenze an und sprach von „Wandalen" östlich des
Flusses18. Verf. ging 1961 auf Gesamtverbreitung und ethnische Stellung
der „Weidisel-Narew-Gruppe" nicht näher ein1*. Dazu war kein Anlaß.
Nachdem nunmehr polnische Archäologen den FundstofF aus Masowien
zusammengestellt haben80 — vollständig veröffentlicht ist er noch
nicht —, ist es möglich, die Masowisdie Gruppe zu untersuchen und Vor-
stellungen über ihren Beginn und über ihre Grenzen und ihre innere
Struktur zu gewinnen, die über das hinausgehen, was Kostrzewski und
Bohnsack zu beobachten in der Lage waren. Es müssen allerdings dabei
mancherlei Probleme beiseite gelassen werden, deren Lösung auf Grund
des derzeitigen Bearbeitungsstandes noch nidit möglich ist. Sie berühren
das Problem der Goten nicht unmittelbar und müssen im übrigen der
polnischen Forschung überlassen bleiben, die sie — aus räumlicher und
sachlicher Vertrautheit — allein lösen könnte. Hier kann es sich lediglich
darum handeln, diese Gruppe in ihren Grundzügen zu charakterisieren.
Gruppen ersetzt. Grundlage sind die in Plinius belegten Vindili — in *Vandili
zu emendieren —, doch hat Plinius neben Vindili (Hist. Nat. IV 99) auch
Venedi (Hist. Nat. IV 97) für den Stamm, der bei Tacitus Venethi (Tacitus
Germania 46) und bei Ptolemaios OÜEviöat (Ptolemaios III 5, 5; 7 ff.) heißt.
— Weitere Belege bei M. Schönfeld, Wörterbuch d. altgerm. Personen- u. Völ-
kernamen (1911) 280 f.
15
J. Kostrzewski, a . a . O . 232 Anm. 10; dazu W. Szukiewicz, Wykopalistco
urny z ornamentem swastikowym w Naczy powiatu Lidzkiego gub. Wilens-
kiej [Der Fund einer Urne mit Hakenkreuz bei Nacza], in: Materialy
antropologiczno-ardieologiczne i etnograficzne 9 (1907) 139—142 Taf. 13
bis 14; ders., Poszukiwania archeologiczene w pow. Lidzkim gub. Wilinskiej
[Archäologische Untersuchungen im Kreis Lidzka, Gouvernement Wilna],
a. a. O. 13 (1914) 72 f. Taf. 29—30.
16
J. Kostrzewski, a. a. O. 233 Anm. 1; dazu: K. K. Chmieledri, in: Zapiski Tow.
nauk w Toruniu I, 9 (1910) 198 f.
17
J. Kostrzewski, a. a. O. 231.
18
D. Bohnsack, Die Burgunden in Ostdeutschland u. Polen (1938) 113; ders.,
Die Burgunden, in: H. Reinerth [Hrg.], Vorgesch. d. dt. Stämme 3 (1940)
1042.
19
R. Hadimann, in: 41. Ber. d. Röm.-Germ. Kommission 1960 (1961) 58 ff.
™ A. Kempisty, Obrz^dek pogrzebowy w okresie rzymskim na Mazowszu [Be-
stattungssitten d. röm. Kaiserzeit in Masowien], in: Swiatowit 26 (1965)
1—161; A. Niew^glowski, Z badan nad osadnictwem w okresadi p6znola-
tenskim i rzymokim na Mazowszu [Studien über die Siedlungen der Spät-
lat^ne- und Römerzeit in Masowien] (1966).
Probleme der archäologischen Quellen 245

Die Masowisdie Gruppe steht — das hatte Kostrzewski schon richtig


erkannt — der Przeworsker Kultur nahe; man könnte sie als einen Teil
davon bezeichnen. Audi mit der Oxhöfter Kultur ist sie „verwandt",
doch — wie sich zeigen läßt — in einem anderen Sinne. Die Masowische
Gruppe ist in ihrem nördlichen und südlichen Verbreitungsgebiet schon
mit dem B e g i n n der jüngeren vorrömischen Eisenzeit nachweisbar,
wie die Gräberfelder von Taubendorf (Gol^biewo), Kr. Neidenburg
(Nidzica)", und von Wilan6w" auf einen Blick zeigen. Sie setzt sidi von
Anbeginn an deutlich von der Oxhöfter Kultur (Unterweichsel-Gruppe)
im Nordwesten und den nichtgermanischen Kulturgruppen des Nordens,
Nordostens und Ostens ab.
In der Oxhöfter Gruppe war der Bestattungsritus in der vorrömi-
schen Eisenzeit ziemlich weitgespannt. Die herrschenden Grabarten waren
das Brandschüttungs- und das Brandgrubengrab23; daneben waren Urnen-
gräber und Knochenhäufchengräber selten. Die Zahl der beigegebenen
Gefäße blieb in der Regel gering und betrug selten mehr als zwei. Die
Beigefäße wurden meist zerschlagen; die Scherben finden sich selten voll-
ständig im Grabe. Nur kleine Gefäße — Tassen oder Schälchen — wur-
den unzerbrochen ins Grab gegeben. Die Beigefäße waren g e l e g e n t -
l i c h dem Feuer des Scheiterhaufens ausgesetzt. Verschlackte Scherben
kommen vor. Die Grabgruben waren manchmal mit Steinen ausgelegt,
öfters wurden die Gräber mit Steinen bedeckt, größeren Decksteinen,
Gruppen kleinerer Steine oder regelrechten Steinlagen. Eigentliche Stein-
kreisgräber sind für den Bereich der Oxhöfter Kultur in der vorrömischen
Eisenzeit nicht nachweisbar", doch ist es nicht sicher, ob nicht landwirt-
schaftliche Nutzung ursprünglich vorhandene Steinsetzungen schon früh
beseitigt hat*5. Für die Ausstattung des Männergrabes waren einzelne
11
J. Heydeck, Ein Gräberfeld aus der la T^ne-Periode b. Taubendorf, Kr.
Neidenburg, in: Sitzungsber. d. Altertumsges. Prussia 21 (1900) 52—57 bes.
53 Taf. 4, 1—6; R. Hadimann, in: 41. Ber. d. Röm.-Germ. Kommission 1960
(1961) 70.
H
J. Marciniak, Cmentarzysko cialopalne z okresu p6znolatenskiego w Wilano-
wie kolo Warszawy [Brandgräber der Spätlat^nezeit in Wilanow bei War-
schau], in: Materiaiy Starozytne 2 (1957) 7—174; R. Hachmann, in: 41. Ber.
d. Röm.-Germ. Kommission 1960 (1961) 67 Abb. 23.
13
D. Bohnsack, Die Burgunden in Ostdeutschland u. Polen (1938) 91 ff. bes.
93; vgl. auch: W. Heym, Drei Spätlat^negräberfelder aus Westpreußen, in:
Offa 17/18 (1959/61) 143—158 bes. 155 f.
M
D. Bohnsack, Ostgermanische Gräber m. Steinpfeilern u. Steinkreisen in Ost-
deutschland, in: Gothiskandza 2 (1940) 22—36 bes. 35 Anm. 52.
u
In Norddeutschland dürften Steinsetzungen über eisenzeitlichen Gräbern in
großem Umfange beseitigt sein. — Vgl. dazu: R. Schindler, Die Steinkreise
v. Hamburg—Ohlsdorf, in: Zur Ur- u. Frühgeschichte Nordwestdeutsch-
lands [Jacob-Friesen-Festschrift] (1956) 144—150.
246 Die Ardiäologie und die festländischen Gotensitze

Waffen oder ganze Waffensätze üblich, jedoch nicht obligatorisch. Das


einschneidige Schwert kam neben dem zweischneidigen vor. Für das
Frauengrab war der Gürtelhaken — in vielen verschiedenen Spielarten —
bezeichnend 2 '.
Mit dem Umbruch zur älteren Kaiserzeit — an der unteren Weichsel
scheint er sich etwas später als in Böhmen vollzogen zu haben 27 — wan-
delten sich im Bereich der Oxhöfter Kultur Tracht-, Grab- und Beigaben-
sitten so stark, daß man allzu oft an einen Bevölkerungswechsel gedacht
hat. Kossinna und viele andere meinten, in dieser Zeit seien die Goten
eingewandert (vgl. oben S. 223 f.), und noch Schindler28 und Oxenstierna 29
sprachen von Goten im gleichen Zusammenhang. Tatsächlich traten tief-
greifende Änderungen der Kultur ein. Neben das Brandgrab trat nun
die Körperbestattung 30 . Die Beigabensitte verlangte weiterhin nur spär-
liche Mitgabe von Keramik, doch gehört die kaiserzeitliche Grabkeramik
völlig anderen Typen an31. Die Beigabensitte verbot für das Männergrab
die Waffenbeigabe. Die Trachtsitte der Frau gab den Gürtelhaken auf,
übernahm die Schnalle und nahm nach und nach das Armband, den
s-förmigen Schließhaken für die Halskette und den Goldberlock als
Trachtbestandteile auf 32 . Trotz der Veränderungen in der Struktur der
Kultur blieb der Abstand von der südlich angrenzenden Przeworsker
Kultur unverändert groß. So wie es in der vorrömischen Eisenzeit keine
„ostgermanische" Kultur als eine in sich im Vergleich zu anderen ver-
hältnismäßig einheitliche Kulturprovinz gab, so kam durch die Kultur-
veränderungen auch in der Kaiserzeit im östlichen Mitteleuropa kein
einheitlicher Komplex zustande; im Gegenteil, die Przeworsker Kultur
wandelte sich in anderem Sinne als die Oxhöfter Kultur; der Abstand
beider Kulturen voneinander wurde eher größer als kleiner.

26
J. Kostrzewski, Die ostgerm. Kultur d. Spätlat^nezeit 1 (1919) 42 ff.; D .
Bohnsack, Die Burgunden in Ostdeutschland u. Polen (1938) 23 ff.
27
G. Kossack, Frühe römische Fibeln a. d. Alpenvorland u. ihre chronologische
Bedeutung f. d. germ. Kulturverhältnisse, in: Aus Bayerns Frühzeit (1962)
125—137 bes. 136 f.
28
R. Schindler, Die Besiedlungsgesch. d. Goten u. Gepiden im unteren Weidisel-
raum (1940) 97 ff. bes. 102 ff.
29
E. C. G. Graf Oxenstierna, Die Urheimat der Goten (1945) 147.
30
E. Blume, Die germ. Stämme u. d. Kulturen zw. Oder u. Passarge zur röm.
Kaiserzeit 1 (1912) 153 f. 157 f.; ders., a . a . O . 2 (1915) 141 ff.; R. Schind-
ler, a . a . O . 9 7 f f . ; J. Kmiecinski, Zagadnienie tzw. Kultury Gocko-Gepidz-
kiej na Pomorzu wschodnim w okresie wczesnorzymskim (1962) 86 ff.
31
R. Schindler, a. a. O. 15 ff. 97 ff.
32
E. Blume, Die germ. Stämme u. d. Kulturen zw. Oder u. Passarge zur röm.
Kaiserzeit 1 (1912) 42 ff. 60 ff. 89 ff.; J. Kmiezynski, Zagadnienie tzw. Kul-
tury Gocko-Gepidzkiej (1962) 108 ff. 118 ff. 126 ff.
Probleme der archäologischen Quellen 247

In den nichtgermanischen Kulturgruppen des Nordens, Nordostens


und Ostens herrschte in der jüngeren vorrömischen Eisenzeit allenthalben
die Brandbestattung, die aber fast das einzige Kulturelement ist, das diese
Gruppen näher an die Oxhöfter und die Przeworsker Kultur heran-
rückte. Fast alle Kulturerscheinungen waren sonst andere. Schon Einzel-
heiten der Grabsitte wichen deutlich ab; Beigaben- und Trachtsitte unter-
scheiden sich klar. Im Norden, in der Westmasurischen Gruppe, wurden
die Urnen mit dem Leichenbrand in Gruppen auf langen Steinpflastern
in flachen Hügeln beigesetzt33. Im Nordosten, in der Ostmasurischen
Gruppe, scheint ein Steinerdehügel „bronzezeitlichen" Typs vorgeherrscht
zu haben 34 . Im Osten herrschte im Gebiet der Zarubinjetz-Kultur das
Flachgrab mit Urnen- oder Knochenhäufchen 35 .
In der Römischen Kaiserzeit setzte sich die Entwicklung der beiden
angrenzenden Masurischen Kulturgruppen bodenständig fort. Sie über-
nahmen zwar mancherlei Trachtbestandteile aus der Oxhöfter Gruppe,
entwickelten diese aber auf eigene Weise selbständig weiter36 und prägten
eigene Formen von Fibeln, Nadeln, Anhängern und Schnallen37, die teils
auch in die Oxhöfter Kultur wieder aufgenommen wurden. In der Zaru-
binjetz-Kultur kam es ebenfalls zu einer bodenständigen, doch aus der
Nachbarschaft wenig beeinflußten Entwicklung 38 .
Gegenüber den Kulturen der nordwestlichen, nördlichen und öst-
lichen Nachbarschaft ist die Masowische Gruppe also im großen Ganzen
recht e i n d e u t i g abgrenzbar. Allenfalls im Grenzgebiet zur Oxhöfter
Gruppe hin mag gelegentlich die Einordnung einzelner Funde strittig
bleiben (vgl. unten S. 255 ff.). Etwas schwieriger ist ihre Abgrenzung ge-

33
C. Engel u. W. La Baume, Kulturen u. Völker d. Frühzeit im Preußenlande
(1937) 126 Abb. 23 a.
34
C. Engel u. W. La Baume, a. a. 0 . 1 2 6 .
35
P. N . Tretjakow [Hrg.], Pamjatniki Zarubineckoj Kultury, in: Materialy
i Issledowanija po Arth. SSSR 70 (1959) 1 ff. bes. 7 m. Verbreitungskarte;
J. W. Kucharenko, Pamjatniki zelesnogo veka na Territoriji Poles'ja, in:
Archeologija SSSR Vipusk D 1—29 (1961) 14 ff. Abb. 7 Taf. 9—43.
36
C. Engel u. W. La Baume, Kulturen u. Völker d. Frühzeit im Preußenlande
(1937) 140 ff. bes. 146 ff. Abb. 30. 31.
37
O. Almgren, Studien über nordeurop. Fibelformen (1897) 19 f. 29 ff. 38 f.; E.
Blume, Die germ. Stämme u. d. Kulturen zw. Oder u. Passarge 1 (1912) 47 f.
71 f. Abb. 46. 89. 90; C. Engel u. W. La Baume, a. a. O. 146 ff. Abb. 30
d—f. i—m. 31 e—f. k.
38
Vgl. J. W. Kudiarenko, Pamjatniki zelesnogo veka na Territorii Poles'ja,
in: Ardieologija SSSR Vipusk D 1—29 (1961) 10 Abb. 3. Die Mittellatene-
fibeln mit sdiildförmigen Bügelteil sind offenbar wesentlich jünger als andere
Varianten der Latenefibeln, die in der Zarubinjetz-Kultur vorkommen. Vgl.
dazu das Grab 13 von Hrynicwicze Wielkie, pow. Bielsk Podlaski; Z.
Szmit, Wiadomosci Arch. 7 (1922) 113 ff. Abb. 91—103.
248 Die Archäologie und die festländischen Gotensitze

genüber den übrigen Gruppen der Przeworsker Kultur im Westen, Süd-


westen und Süden. Innerhalb dieser Kultur nimmt sie eine Sonderstellung
ein. Sie weist Besonderheiten auf, die sonst fehlen. Deren übriges Gebiet
— durch regionale Fundkonzentrationen in Kleinpolen, Ober-, Mittel-
und Niederschlesien, Mittelpolen und Posen geographisch deutlich geglie-
dert und auch kulturell nicht undifferenziert — steht der Masowisdien
Gruppe als eine r e l a t i v e Einheit gegenüber.
Für die g e s a m t e Przeworsker Kultur scheint zu Beginn der
jüngeren vorrömischen Eisenzeit die Brandgrube bezeichnend gewesen zu
sein, neben die überall erst nach und nach das Brandschüttungsgrab trat 9 '.
Gemeinsam ist die Sitte, z a h l r e i c h e Gefäße auf dem Scheiterhaufen
zu zerschlagen und zu verbrennen. Die Gefäße und Scherben wurden

Abb. 1. Wilanöw, Kr. Warsdiau, Grab 6; Grabgrube mit Beigaben in Fundlage


(nach J. Marciniak).

»» Vgl. R. Hachmann, in: 41. Ber. d. Röm.-Germ. Kommission 1960 (1961)


43 fi. bes. 55.
Probleme der archäologischen Quellen 249

— teils sehr stark versdimort40 — aus dem Scheiterhaufen gelesen und ins
Grab getan (vgl. Abb. 1—2). Auf vollständiges Auslesen der Scherben

Abb. 2. Niedenau (Niedanowo), Kr. Neidenburg (Nidzica), Grab 149; Grab-


grube mit Beigaben in Fundlage (nadi Wl. Ziemlinska-Odojowa).

40
Vgl. Chr. Pesdieck, Die frühwandalische Kultur in Mittelsdilesien (1939)
6 f.
250 Die Archäologie und die festländischen Gotensitze

aus der Asche des Scheiterhaufens wurde im allgemeinen kein besonderer


Wert gelegt. Gemeinsam ist allen Gruppen der Przeworsker Kultur in der
vorrömischen Eisenzeit, den Männergräbern Waffen beizugeben — oft
ganze Waffensätze. Gemeinsam ist ferner eine Frauentrachtsitte, in der
— anders als in der Oxhöfter Kultur — der Gürtelhaken keine große

Abb. 3. Dobrzankowo, Kr. Przasnysz, Grab 34; Grabgrube mit Beigaben in


Fundlage (nach T. Dqbrowska u. J. Okulicz); hierzu vgl. Abb. 4 u. 5.

Rolle spielte. Wo er dennoch getragen wurde, dort war es — wenn auch


nicht ausschließlich — der einfache, auch in der Oxhöfter Kultur bekannt?
Scharniergürtelhaken. Auch die Gefäßformen sind zu Beginn der vor-
römischen Eisenzeit in den Lokalgruppen der Przeworsker Kultur — die
Masowische Gruppe eingeschlossen — überall recht einheitlich. Reginonale
Unterschiede mögen vorhanden sein, sind aber — mit Ausnahme der
Masowischen Gruppe — noch nicht deutlicher herausgearbeitet worden.
Probleme der archäologischen Quellen 251

Gewisse Unterschiede in der Grabsitte setzen die Masowische Gruppe


von den anderen Lokalgruppen der Przeworsker Kultur ab. Verstreut
trat schon in der vorrömischen Eisenzeit in deren Verbreitungsgebiet die
Körperbestattung auf 41 . Die Masowische Gruppe kannte in dieser Zeit
diese Bestattungsart kaum. Umgekehrt ist die Ausstattung der Grab-
stätten mit oberirdisch sichtbaren Steinkreisen eine Eigenart der Maso-
wischen Gruppe, die sich anscheinend aber erst im Verlaufe der Kaiser-
zeit stärker durchsetzte. Sie ist für die übrigen Gebiete der Przeworsker
Kultur kaum nachweisbar, wie bereits J. Kostrzewski festgestellt hat42.
Zwar setzt die geringe Zahl von Grabüberschneidungen für den gesamten
Bereich der Przeworsker Kultur oberirdisch sichtbare Kennzeichnung der
Gräber voraus, doch ist es k a u m denkbar, daß Steinkreise ursprünglich
ü b e r a l l vorhanden waren, aber nur im Bereich der Masowisdien
Gruppe nicht vollständig durch Landbewirtschaftung beseitigt wurden 43 .
Bemerkenswert ist allerdings, daß zwei Gräber mit kreisförmigen Stein-
setzungen im Nordteil des großen Weichselbogens vorkommen44. Daß
Steinanlagen dieser Art in der Masowischen Gruppe weiter östlidi den
Bug nicht nach dem Süden überschreiten, scheint chronologische Gründe
zu haben (vgl. unten S. 268 f.).
Auffallender als die Steinkreise sind schon in der vorrömischen
Eisenzeit für die Masowische Gruppe gewisse Besonderheiten der Bei-
gabensitte. Der Friedhof von Wilanów läßt erkennen, daß man in dieser
Gruppe die Scherben besonders sorgfältig aus der Asche des Scheiter-
haufens auslas. Diese Sitte läßt sich in Wilanów 45 , Grodtken (Gródki)46,

41 L. F. Zotz, Wandalisdie Körperbestattungen der Spâtlatènezeit, in: Altsdile-


sien 4 (1934) 127—138; Chr. Peschedc, a . a . O . 5 f.; J. Kostrzewski, Skelett-
gräber der Spâtlatènezeit in Großpolen u. d. Silingenproblem, in: Bulletin
International de l'Académie des Sciences et des Lettres de Crakovie 4/6
(1936) 76—84 Abb. 1—4.; Chr. Peschedc, a. a. O. 5 f.
42 J. Kostrzewski, Die ostgerm. Kultur d. Spâtlatènezeit 1 (1919) 221 f.; dazu
auch: D. Bohnsack, Ostgerm. Gräber m. Steinpfeilern u. Steinkreisen in Ost-
deutschland, in: Gothiskandza 2 (1940) 22—26 bes. 30. 35 Abb. 5; J. Kmie-
cinski, Zagadnienie tzw. Kultury Godco-Gepidzkiej (1962) 92 ff. Karte 1.
43 E. Hollack, Erläuterungen z. vorgesdi. Übersichtskarte v. Ostpreußen (1908)
LIII f.
44 Vgl. J . Kmiecinski, Zagadnienie tzw. Kultury Gocko-Gepidzkiej (1962)
164 f. Nr. 133 u. 155 Karte 1.
45 J. Marciniak, in: Materialy Starozytne 2 (1957) 7—174 bes. 11 f. 14 f. 35 f.
47ff.Abb. 8 . 1 2 . 53. 55. 58. 75.
48 E. Hollack, Das Gräberfeld a. d. Kahlen Berg (Lysa Gòra), al. Fuchsberg
(Lisia Gòra) b. Grodtken, in: Sitzungsber. Prussia 22 (1909) 356—363 bes.
360 f. Abb. 210.
252 Die Archäologie und die festländischen Gotensitze

Abb. 4. Dobrzankowo, Kr. Przasnysz, Grab 34; Waffengrab der Zeitgruppe 2


der vorrömischen Eisenzeit der Masowischen Gruppe, zum gleichen
Grab gehörig die Abb. 5 dargestellten Gegenstände (nadi T. Dqbrowska
u. J. Okulicz); vgl. hierzu audi Abb. 3. — M 1:3 (1, 3—8), 1:9 (9).
Probleme der archäologischen Quellen 253

Abb. 5. Dobrzankowo, Kr. Przasnysz, Grab 34; Waffengrab der Zeitgruppe 2


der vorrömisdien Eisenzeit der Masowischen Gruppe, zum gleichen
Grab gehörig die Abb. 4 dargestellten Gegenstände (nadi T. Dqbrow-
ska u. J. Okulicz); vgl. hierzu audi Abb. 3 — M 1:4,5 (1—4), 1:3 (5).
254 Die Archäologie und die festländischen Gotensitze

Stupsk47 und Bartkengut (Bartki)48, Dobrzankowo, Kr. Przasnysz 483


(Abb. 3—5), und Karczewiec, Kr. W^grow486, deutlich nachweisen, d. h.
im Bereich aller gut veröffentlichten Gräberfelder.
Deutlicher als an solchen Einzelheiten ist die Eigenständigkeit der
Masowischen Gruppe an den Entwicklungstendenzen ihres keramischen
Formenguts zu erkennen. In der vorrömischen Eisenzeit entwickelte sich
die Tonware in der Przeworsker Kultur nicht kontinuierlich. Der Formen-
schatz der jüngsten Phase der jüngeren vorrömischen Eisenzeit hat
keinerlei nennenswerte Beziehung zur älteren Formenwelt. Bereits
K. Tackenberg konnte das für Niederschlesien feststellen49; Chr. Pescheck
machte dieselbe Beobachtung in Mittelschlesien50. Für Posen zeigt das
Gräberfeld von Wymyslowo (Ludwigshof) den gleichen Bruch51. Der
Friedhof Piotrk6w Kujawski läßt denselben Wandel erkennen52.
Die Masowische Gruppe machte diesen Formenwandel der Tonware
n i c h t mit. Auf dem Friedhof Wilan6w ist die Kontinuität der Ke-
ramiktypen im Augenblick des Uberganges zur Spätphase der jüngeren
vorrömisdien Eisenzeit besonders deutlich (Abb. 6). Das reiche keramische
Beigabengut dieses Friedhofs ist sichtlich chronologisch verhältnismäßig
unempfindlich. Die Krausen sind in ihrer typisch „wandalischen" Form
zwar auf die beiden ältesten Zeitstufen des Friedhofs beschränkt; sie
entwickeln sich in der dritten und jüngsten Zeitstufe zu den sogenannten
späten Krausen weiter53, doch laufen fast alle anderen Typen durch.
Gewisse Veränderungen stellen sich bei der Ornamentik ein, die jedoch

47
E. Reinbacher, Ein ostgerm. Friedhof b. Stupsk, Kr. Miawa in Polen, in:
Varia Ardi. [Unverzagt-Festschrift] (1964) 148—161 bes. 152 ff. Abb. 3. 4.
48
C. Engel, Ein wandalisches Gräberfeld b. Bartkengut (Kreis Neidenburg), in:
Altpreußen 1 (1935) 44—46 Abb. 1 u. 2; D. Bohnsack, Die Germanen im
Kreise Neidenburg, in: Altpreußen 3 (1938) 67—79 bes. 71 ff. Abb. 7 u. 8.
48a
T. D^browska u. J. Okulicz, Inventaria Ardi. Pologne Fase. X X : PI. 121
bis 125 (La Tene III) (1968) PI. 121 (1)—(2) [Grab 6], PI. 122 [Gr. 32],
PI. 123(1)—(2) [Gr. 34].
48
UT. Dqbrowska u. J. Okulicz, a . a . O . PI. 124 (1)—(2) [Grab 127] u. PL
125 (1)—(4) [Gr. 152 a],
" K. Tackenberg, Die Wandalen in Niedersdilesien (1925) 80. Ansatz des For-
menwandels in die beginnende Kaiserzeit ist zu spät.
50
Chr. Pescheck, Die frühwandalische Kultur in Mittelschlesien (1939) 105 ff.
tl
St. Janosz, Cmentarzysko z okresu p6£nolatenskiego i rzymskiego w Wy-
myslowie, pow. Gostyn, in: Fontes Praehist. 2 (1951) 1—284 bes. 249 ff.;
R. Hadimann, 41. Ber. d. Röm.-Germ. Kommission 1960 (1961) 55 Abb. 17.
52
E. Kaszewska, Cmentarzysko kultury wenedskiej w Piotrkowie Kujawskim,
pow. Radziej6w, in: Prace i Materialy Muz. Arch. i Etnogr. w Lodzi Ser.
Arch. 8 (1962) 5—78 Taf. 4. 9—11. 22.
53
Vgl. R. Hadimann, 41. Ber. d. Röm.-Germ. Kommission 1960 (1961) 58 ff.
bes. 67 ff.
Probleme der archäologischen Quellen 255

nicht durchgreifend sind: Mäander und Stufenmäander werden in den


beiden frühen Phasen bevorzugt; in der Spätphase ist das Briefkuvert-
muster beliebt54. Sichtlich hat sich die Keramik in der Masowischen
Gruppe in ihrer Formenentwicklung überall ähnlich verhalten wie in
Wilan6w. Das ist deutlich im Fundgut der Gräberfelder der Neiden-
burger Gegend zu erkennen, die besonders gut erforscht ist. Die Zahl
vorrömischer Fundstellen ist hier nicht groß und demzufolge keramisches
Formengut nicht so reichlich wie auf dem großen Friedhof Wilanöw,
doch die reichen Grabinventare der beginnenden Kaiserzeit zeigen, daß
die Entwicklung im Norden denselben Tendenzen folgte, die in Wilan6w
feststellbar sind. Dreigliedrige Töpfe — mit und ohne Henkel —, wie
sie in Wilan6w schon unter den frühesten Funden vertreten sind55
(Abb. 7a—b), gehören im Norden zu den beliebtesten Formen der älteren
Kaiserzeit, wie die Funde von Taubendorf (Gol^biewo)56, Niederhof
(Ksi?zy Dwor) 57 , Grodtken (Gr6dki) 58 (Abb. 8), Bartkengut (Bartki) 59 ,
Groß Lensk (Wielki L?ck)60 (Abb. 9—10), alle im Kreise Neidenburg
(Nidciza), sowie in Stupsk, Kr. Mlawa 61 , erkennen lassen, östlich von
Warschau ist dieselbe Übergangsware vom Friedhof Karczewiec, Kr.
W?gr6w, aus dem Grab 127 (Abb. 11) bekannt®1®. Südlich von Warschau
ist für die Übergangsphase zur älteren Kaiserzeit kennzeichnende Kera-
mik aus Calowanie, Kr. Otwock (Garwolin), bekannt 62 . Weit im Süden ist
vergleichbare Tonware aus dem Grab 40 des Friedhofs von Mas6w, Kr.
Ryki (Garwolin), veröffentlicht 63 , doch ist es fraglich, ob dieses große,
sonst bislang unveröffentlichte Gräberfeld zur Masowischen Gruppe
gehört.

54
Vgl. R. Hadimann, a. a. O. 70.
55
Vgl. R. Hadimann, a. a. O. 59 Abb. 19, 6.
56
J. Heydedc, Ein Gräberfeld a. d. la T&ne-Periode b. Taubendorf, Kr. Nei-
denburg, in: Sitzungsber. Prussia 21 (1900) 52—57 bes. 54 f. Taf. 3, 1—2.
18. 21.
57
A. Brinkmann, Gräberfeld b. Niederhof, in: Sitzungsber. Prussia 22 (1909)
267—295 Abb. 177.182.
58
E. Hollack, in: Sitzungsber. Prussia 22 (1909) 356 ff. Abb. 210.
5
» C. Engel, Altpreußen 1 (1935) 44 ff. Abb. 2 u. 3; D. Bohnsack, Altpreußen 3
(1938) 67 ff. Abb. 10 b u. c.
80
A. Bezzenberger, La T^ne-Gräberfeld b. Gr. Lensk, Kr. Neidenburg, in: Sit-
zungsber. Prussia 22 (1909) 63—70 Taf. 12.
81
E. Reinbacher, in: Varia Ardi. (1964) 148—161 Taf. 20 a. 22 b u. 23 b.
,ia
T . D^browska u. J. Okulicz, Inventaria Arth. Pologne Fase. X X : PI. 121
bis 125 (La T£ne III) (1968) PI. 124 (1)—(2).
88
A. Kietlinska, Gr6b z okresu latenskiego we wsi Calowanie, pow. Garwolin,
in: Sprawozdania P. M. A. 2 (1948/49) 63—68 Taf. 5, 2 u. 5.
83
J. Gurba, Gr6b wojownika z p6znego okresu latenskiego z Masowa w pow.
garwolinskim, in: Przegl^d Arch. 10 (1958) 326—331 Abb. 2. 4 b.
256 Die Archäologie und die festländischen Gotensitze

Abb. 6. Wilanöw, Kr. Warschau, Grab 91; Bestattung der Zeitgruppe 3 der
jüngeren vorrömischen Eisenzeit der Masowischen Gruppe. Das Grab
zeigt, daß diese Gruppe den Formenwandel der Przeworsker Kultur
in dieser Zeit nicht mitmachte (nadi J. Marciniak) — M 1:4,5.
Abb. 7a. Wilanow, Kr. Warschau, Grab 31; Grab der Zeitgruppe 1 der vorrömi-
schen Eisenzeit der Masowischen Gruppe, zu demselben Grab gehörig
die Abb. 7b dargestellten Gegenstände (nach J. Marciniak) — M 1:4,5
(1—6), M 1:3 (7—11) — (eine Krause wie Fig. 1 u. eine Schale ähnlich
Fig. 5 nidit abgebildet).

17 Hadimann, Goten und Skandinavien


Abb. 7b. Wilan6w, Kr. Warschau, Grab 31; Grab der Zeitgruppe 1 der vorrömi-
sdien Eisenzeit der Masowischen Gruppe, zu demselben Grab gehörig
die Abb. 7a dargestellten Gegenstände (nadi J. Marciniak) — M 1:4,5
(1—4), M 1:6 (5).
Probleme der archäologischen Quellen 259

Mängel des Forschungs- und Bearbeitungsstandes lassen zwischen den


Funden aus dem südlichen Ostpreußen und denen um und südlich von
Warschau Lücken. Ein gut ausgestattetes Grab eines sicher größeren Fried-
hofs von Kacice, Kr. Pultusk 64 , zeigt indes, daß man überall im Gebiet
östlich der Weichsel von der Wilga im Süden bis über Bug und Narew
hinweg nach Norden mit gleichartigen Keramikformen redinen kann
(Abb. 12—13).
Mit dem Beginn der älteren Kaiserzeit vollzogen sich in der Ma-
sowischen Gruppe z w e i bemerkenswerte Veränderungen der Grab-
und Beigabensitte. Sie lassen sich besonders deutlich an den Gräberfeldern
im Kreise Neidenburg erkennen. Als Grabform trat nun eine besondere
Art der Brandgrube hervor. Meist sind die Brandknochen in der Mitte
einer ovalen, bis zu zwei Meter langen und mehr als einen Meter breiten
Grube beigesetzt. Zu einer Seite des Knochenhäufchens wurden Holz-
kohle- und Aschenreste des Scheiterhaufens geschüttet; auf der anderen
Seite stehen — meist umgestülpt, nicht selten auch schräg auf die Seite
gelegt — bis zu acht Gefäße (Abb. 8—9). Die Keramik ist größtenteils
auf dem Scheiterhaufen gewesen und daher stark verbrannt und ver-
schlackt. Sie ist in der Regel jedoch nicht zerschlagen, vielmehr sorgfältig
ins Grab gestellt*5. Daß es sich hierbei nicht um eine lokal ostpreußische
Variante der Grabsitte handelt, zeigen die Gräber von Stupsk". Für
den Süden der Masowischen Gruppe mangelt es an guten Veröffentlichun-
gen, um diese Änderungen der Grabsitte nachzuweisen, doch zeigt der
Friedhof von Wilan6w schon unter den Bestattungen der vorrömischen
Zeitgruppe 3 eine deutliche Tendenz, die Gräber auf diese Weise auszu-
statten, so in den Gräbern 6% 1988, 32", 45™, 4771, 4872 und 4973.
Zugleich mit dem Wandel der Grabsitte veränderte sich in der Ma-
sowischen Gruppe die Beigabensitte: Waffen wurden in der älteren Kai-
serzeit n i c h t mehr ins Grab gegeben (Abb. 10). Die Masowische

" Kr. Musianowicz, Halstacko-latenskie cmentarzysko w Kacicadi, pow.


Pultusk, in: Wiadomosci Arth. 17 (1950/51) 25—46 bes. 35 f. Taf. 9—10.
85
Vgl. A. Brinkmann, Sitzungsber. Prussia 22 (1909) 279 ff. Abb. 180. 182
(Niederhof [Ksi?zy Dwör]); E. Hollack, a. a. O. 360 f. Abb. 210 (Grodtken
[Gr6dki]).
«« E. Reidienbadier, in: Varia Arch. (1964) 152 ff. Abb. 3 u. 4.
67
J. Marciniak, Materialy Star. 2 (1957) 14 ff. Abb. 12 Taf. 8—9.
«8 J. Marciniak, a. a. O. 26 f. Abb. 33 Taf. 19, 2—8.
J. Marciniak, a. a. O. 37 ff. Abb. 55 Taf. 29.
70
J. Marciniak, a. a. O. 47 ff. Abb. 75 Taf. 36—38.
71
J. Marciniak, a. a. O. 50 ff. Abb. 78—79 Taf. 39, 11—12; Taf. 40—41.
72
J. Marciniak, a. a. O. 53 f. Abb. 81 Taf. 42.
75
J. Marciniak, a. a. O. 54 ff. Abb. 83 Taf. 43—44.

17*
260 Die Archäologie und die festländischen Gotensitze

Gruppe schloß sich in dieser Hinsicht nun g a n z der Oxhöfter Kultur


an und wandte sich ebenso sehr von den übrigen Gruppen der Przewors-
ker Kultur ab, in denen die Sitte, Waffen mit ins Grab zu geben, obligato-
risch blieb. Audi in der Frauentradit scheint sich die Masowische Gruppe
mit Beginn der älteren Kaiserzeit von den übrigen Gruppen der Przewors-
ker Kultur stärker abgesondert zu haben; es sei denn, daß es die Beiga-
bensitte war, die die Mitgabe von mancherlei Traditbestandteilen ins Grab
verbot. So findet sich denn in den Gräbern der älteren Kaiserzeit — so-

Abb. 8. Grodtken (Grödki), Kr. Soldau (Dzialdowo), Grab 2 ; Grab der


Masowischen Gruppe aus der älteren Römischen Kaiserzeit (nach
E. Hollack) — M 1 : 3 .

weit der gegenwärtige Forschungsstand Aufschluß gibt — kaum etwas


anderes als ab und zu eine Fibel und hier und da eine Schnalle74.
Faßt man alle diese Beobachtungen zusammen, so wird es deutlich,
daß die Masowische Gruppe zu Beginn der vorrömischen Eisenzeit noch

74 Die Armut kaiserzeitlicher Frauengräber der Masowischen Gruppe an


Schmucksachen ist gegenüber der Oxhöfter Gruppe und dem übrigen Bereich
der Przeworsker Kultur gleichermaßen auffallend. Audi importiertes römi-
sdies Bronzegesdiirr ist in auffallend geringer Menge vertreten.
Probleme der archäologischen Quellen 261

verhältnismäßig eng mit der Przeworsker Kultur verbunden war, daß


sie aber den Formenwandel dieser Gruppe gegen Ende der vorrömischen
Zeit nicht mitmachte, sich vielmehr in eigener Weise weiterentwickelte
und zugleich starke Einflüsse von Seiten der Oxhöfter Kultur aufnahm.
Es ist heute noch nicht ganz einfach, die Grenzen der Masowischen
Gruppe nach allen Seiten hin genau festzulegen. Das gilt für die vor-
römische Eisenzeit (Abb. 14), wie für die ältere Kaiserzeit (Abb. 15). Wo
Funde unsystematisch ausgegraben worden sind, lassen sie oft die eigen-
tümliche Struktur dieser Gruppe nicht erkennen, auf die es bei ihrer Ab-

Abb. 9. Gross Lensk (Wielki L$ck), Kr. Neidenburg (Nidciza), Grab 9 ; Grab
der Masowischen Gruppe aus der älteren Römischen Kaiserzeit (nach
A. Bezzenberger); vgl. dazu Abb. 10.

grenzung ankommt. Oft fehlen auch noch die abschließenden Fundver-


öffentlichungen (vgl. Beilage 6).
J . Kostrzewski hielt den Grabfund von Michelau (Michalow), Kr.
Strasburg (Brodnica), für den westlichsten Ausläufer seiner nördlichen
„Wandalengruppe"75. D. Bohnsack rechnete — wie schon vor ihm Ko-
strzewski — mit einem starken Vordringen der „Burgunden" weichsel-

75 J . Kostrzewski, Die ostgerm. Kultur der Spätlatenezeit 1 (1919) 232 f.


262 Die Archäologie und die festländischen Gotensitze

Abb. 10. Gross Lensk (Wielki L?ck), Kr. Neidenburg (Nidciza), Grab 9; Grab-
inventar der Masowischen Gruppe aus der älteren Römischen Kaiser-
zeit (nach A. Bezzenberger); vgl. Abb. 9 — M 1:4,5.

aufwärts bis an die Bzura bzw. bis zur Soldau (Dzialdowka) h i n " . E r
hielt allerdings auch Michelau (Michalow) für „wandalisch" 7 7 . Kostrzew-
ski ordnete dieses Grab wohl deswegen so ein, weil es als Urnengrab
" D. Bohnsack, Die Burgunden in Ostdeutschland u. Polen (1938) 113 f.
77D. Bohnsack, a. a. O. 113: „Vielleicht ein Vorposten der Neidenburger Wan-
dalengruppe".
Abb. 11. Karcewiec, Kr. W^gröw, Grab 127; Grabinventar der Zeitgruppe 3
der vorrömischen Eisenzeit der Masowisdien Gruppe (nadi T. Dqbrow-
ska u. J. Okulicz) — M 1:3 (9—13), M 1:4,5 (1—8. 14—18).
264 Die Archäologie und die festländischen Gotensitze

bezeichnet wurde. Die kennzeichnenden Merkmale der Masowischen


Gruppe besitzt es nicht eigentlich; vielleicht mag ihn die Urne „wanda-
lisch" angemutet haben, doch gibt es im Gebiet der Oxhöfter Kultur
immer wieder vereinzelt einmal Gefäße, die typologisch denen der Prze-
worsker Kultur sehr nahe stehen78. Nach seiner geographischen Lage zu
urteilen, könnte das Grab Michelau durchaus zur Masowischen Gruppe ge-
hören. Nicht recht einzusehen ist es, daß Kostrzewski die Mittellat^nefibel
mit Kugeln auf dem Bügel von Gradowo, Kr. Nieszawa 78 , und die Speer-
spitze von Smilowice, Kr. Wloclawek 8 0 , für „burgundisch" halten wollte.
Gewiß sind Speerspitzen in der vorrömischen Eisenzeit im allgemeinen
für die Oxhöfter Gruppe kennzeichnend 81 , aber als einziges Kriterium
reicht ein Speer für eine kulturelle Einordnung eines Grabes eben doch
nicht aus 82 . Dasselbe gilt für die einschneidigen Schwerter von Kuznocin,
Kr. Sochaczew 83 . Schwerter dieser Art sind „typisch" für die Oxhöfter
Kultur, fehlen allerdings in der Przeworsker Kultur in der vorrömischen
Eisenzeit nicht völlig 84 .
Auch Bohnsack stand vor ähnlichen Schwierigkeiten der Abgrenzung
bei „burgundischem" und „wandalischem" Material, denn der Fundstoff
hatte sich in den Jahren seit dem Beginn des ersten Weltkriegs im „Grenz-
gebiet" zwischen „Burgunden" und „Wandalen" kaum vermehrt. Er be-
half sich mit der Annahme: „Eine scharfe Grenze zwischen Burgunden
und Wandalen zu ziehen, ist in diesem Gebiet nicht möglich". Er sprach
von einer Mischzone zwischen Weichsel und Netze. Aus einzelnen „wan-
dalischen" Fundstücken schloß er, „wandalische" Bevölkerungsteile hätten
teilweise zwischen den „Burgunden" gesiedelt 85 . Nördlich der Weichsel

78 D. Bohnsack, a . a . O . 1 1 2 klassifizierte deswegen eine ganze Anzahl von


Funden aus Posen und Kujawien als „wandalisch". — Vgl. auch: W . Heym,
Drei Spätlatenegräberfelder aus Westpreußen, in: O f f a 17/18 (1959/61)
143 ff. Abb. 3, 1 4 ; 8. 14. 16. 26. — Vollkommene Übereinstimmung in allen
kulturellen Merkmalen kann man bei einzelnen Bestattungen auch nicht un-
bedingt erwarten. Beispielweise würden etliche Gräber des Friedhofs Wila-
now — aus dem Zusammenhang gerissen — nicht sicher der Masowischen
Gruppe zugeordnet werden können.
79 J. Kostrzewski, Die ostgerm. Kultur d. Spätlatenezeit 1 (1919) 25. 253;
a. a. O. 2 (1919) 92.
80 J. Kostrzewski, a. a. O. 1 (1919) 253; a. a. O. 2 (1919) 42.
81 Vgl. J . Kostrzewski, a. a. O. 1 (1919) 124 f.
8! J. Kostrzewski, a. a. O. 2 (1919) 42 nannte eine „wandalische" Speerspitze
aus Galizien. — Kaiserzeitliche Speerspitzen sind denen der Latenezeit oft
sehr ähnlich.
83 J. Kostrzewski, a. a. O. 1 (1919) 228.
84 J . Kostrzewski, a . a . O . 1 (1919) 1 0 5 ; Chr. Pescheck, Die frühwandalische
Kultur in Mittelschlesien (1939) 56.
85 D. Bohnsack, Die Burgunden in Ostdeutschland u. Polen (1938) 1 1 2 f.
Probleme der archäologischen Quellen 265

hielt er die Funde von Borowiczki 8 ' und Setropie, beide Kr. Plock87, als
Zeugen für die Anwesenheit von Burgunden, und audi südlich des
Flusses in Ostkujawien und im Bzura-Gebiet rechnete er mit „Burgun-
den" 88 .
So kann man heute nicht mehr argumentieren; aber auch der heutige
Forschungsstand macht es noch immer schwer, einen besseren Weg zu fin-
den. Nur größere, gut ausgegrabene und veröffentlichte Gräberfelder kön-
nen entscheidend weiterhelfen. Für das östliche Kujawien läßt das Grä-
berfeld von Piotrk6w Kujawski, Kr. Radziejöw, nunmehr deutlich
erkennen, daß ganz Kujawien zur Przeworsker Kultur, aber nicht zu
deren Masowischer Gruppe gehörte8'. Die Gräber von Bielawy, Kr. Lo-
wicz, zeigen dasselbe für das Bzura-Gebiet 90 . Die Stellung der Friedhöfe
von Borowiczki und Osnica, beide Kr. Plods91, läßt sich noch immer nicht
klären. Die Gräberfelder und -gruppen im Gebiet der Soldau (Dzial-
dowka) und ihrer Nebenflüsse scheinen zur Masowischen Gruppe zu ge-
hören, deren Westgrenze das unbesiedelte Sandergebiet zwischen den
Flußsystemen der Drewenz und der Soldau gebildet haben dürfte98.
Doch sind von Gräberfeldern westlich der Soldau — Drozdowo, Dziek-
tarzewo, Dzierzqznia, Koloz^b, alle Kr. Plonsk, und Setropie, Kr. Plock
— ausgenommen das erstgenannte93 — bislang keine klassifizierbaren
Funde veröffentlicht worden94.

8 ' Vgl. G. Proniewski, Probrzeze wisly w najblizszej okolicy Plocka pod wzy-
l?dem archeologicznym, in: Przegl^d Arch. 1 [ I I — I I I , 3 — 4 ] (1921) 93 f. 116.
120.
8 7 L. Rutkowski, Cmentarzyska z grobami rz^dowemi w Krasinie, Romatowie

i Koziminach w pow. Sierpeckim i Plonskim, gub. ploduej, in: Swiatowit 7


(1906) 11; A. Kempisty, Obrz^dek pogrzebowy w okresie rzymskim na Ma-
zowszu, in: Swiatowit 26 (1965) 43.
8 8 D. Bohnsadc, Die Burgunden in Ostdeutschland u. Polen (1938) 113 Abb.

N r . 75.
8 9 E. Kaszewska, Cmentarzysko kultury wenedskiej w Piotrkowie Kujawskim,

pow. Radziejöw, in: Prace i Materaly Muz. Arch. i Etnogr. w Lodzi Ser.
Arch. 8 (1962) 5 — 7 6 .
9 0 M. J . Gozdowski, Zabytki z cmentarzyska w Bielawach, pow. t o w i d u , in:

Swiatowit 18 (1947) 6 9 — 9 7 bes. 86 ff. Abb. 11—13.


9 1 G. Proniewski, Przeglqd Arch. 1 [ I I — I I I , 3 — 4 ] (1921) 84 f. 93 f. 120; A.

Niew^glowski, Z badan nad osadnictwem w okresach poznolatenskim i


rzymskim na Mazowszu (1966) 150. 155.
9 2 A. Niewijglowski, a. a. O. 47 ff. Abb. 1 u. Karte 2.

9 5 W . Bernat, Cmentarzysko cialopalne z okresu rzymskiego we wsi Drozdowo,

pow. Plonsk, in: Wiadomosci Arch. 22 (1955) 2 1 2 — 2 1 4 Abb. 2. 3. 7. 8.


11—12.
9 4 A. Niew^glowski, Z badan nad osadnictwem w okresach poznolatenskim i

rzymskim (1966) 151 ff. N r . 161. 166. 167. 224. 307.


Abb. 12. Kacice, Kr. Pultusk, Grab 1947 eines Friedhofs mit Gräbern der
Steinkistengräberkultur und der Masowisdien Gruppe (nach Kr. Mu-
sianowicz), Abb. 13 gehört zum gleichen Grabinventar — M 1:4,5.
Probleme der archäologischen Quellen 267

Abb. 13. Kacice, Kr. Pultusk, Grab 1947 eines Friedhofs mit Gräbern der Stein-
kistengräberkultur und der Masowischen Gruppe (nadi Kr. Musiano-
wicz), Abb. 12 gehört zum gleichen Grabinventar — M 1:4,5.

Im Norden reicht die Masowische Gruppe schon in der vorrömisciien


Eisenzeit bis nadi Masuren hinein. Das Grab Michelau könnte in der Tat
die Nordwestgrenze markieren. Die Orzyc — ein Nebenfluß der Na-
rew — scheint nach dem Nordosten nicht überschritten worden zu sein.
Im Flußgebiet der Liwiec haben die Gräberfelder von Stara Wies und
Dobrzankowo (Abb. 3—5) eine Anzahl von Gräbern geliefert, die der
Grabsitte und auch der Keramik nach der Masowischen Gruppe zugeord-
net werden könnten 95 . Am Mittellauf des Bug ist der Friedhof Drohiczyn-

®5 W. Radig, Das ostgermanische Gräberfeld v. Stara Wies, Kr. Sokolow, in:


Die Burg 3 (1942) 179 ff. Abb. 7. 8. Taf. 3, 9; 5, 2; 4—6 (Stara Wies); T.
D^browska u. J. Okulicz, Inventaria Arth. Pologne Fase. X X : PI. 121—125
(La Tene III) (1968) PI. 124—125 (Dobrzankowo).
268 Die Archäologie und die festländischen Gotensitze

Kozaröwka, Kr. Siemiatycze, bislang der östlichste Fundort der Maso-


wischen Gruppe aus vorchristlicher Zeit". Der südlichste Fundort scheint
Calowanie, Kr. Otwock, zu sein97. Der Friedhof von Mas6w, Kr. Ryki
(Garwolin), gehört nicht mehr sicher dazu 98 . Das Gräberfeld von Wila-
n6w liegt auf dem linken Weichselufer, und es ist deswegen nicht aus-
geschlossen, daß auch noch einige andere Fundstellen westlich des Flusses
zur gleichen Gruppe gehören, deren Material unveröffentlicht ist". Die
Verbreitungskarte der Masowischen Gruppe in der vorrömischen Eisen-
zeit (Ab. 14) ist ein erster Versuch, das Gebiet dieser Gruppe zu um-
reißen.
Mit der älteren Kaiserzeit veränderte sich ihr Verbreitungsgebiet.
Offenbar ist es kein Zufall, daß der Friedhof Wilanow, der ganz sicher
vollständig ausgegraben ist, keine kaiserzeitlichen Gräber umfaßt. Ebenso
ist es möglicherweise keine Forschungslücke, daß aus dem Gebiet südlich
des Bug derzeit nur ganz wenige Gräber bekannt sind, die in den älteren
Teil der älteren Kaiserzeit gehören, Eggers' Stufe Bj. Ausnahmen machen
das Gräberfeld von Mas6w, Kr. Ryki 100 , das aber in der vorrömischen
Eisenzeit nicht eigentlich zur Masowischen Gruppe gehörte, und das Grä-
berfeld Niecieplin, Kr. Garwolin, dessen Grab V eine frühe, kräftig
profilierte Fibel enthält 101 . In Kielpin, Kr. Nowy Dwor Mazowiecki, soll
ein Friedhof aus dem Beginn der Kaiserzeit angeschnitten sein; Einzel-
heiten sind unbekannt 102 . Von den kaiserlichen Gräbern von Stara Wies,
Kr. W?gr6w, ist — entgegen der Ansicht W. Radigs — keines sicher in
die Stufe Bi zu datieren103, und von den zahlreichen Fibeln aus zerstör-

96
Z. Szmit, Groby z okresu latenskiego i rzymskiego na Cmentarzu „Koza-
r6wka" w Drohiczynie nad Bugiem, in: Wiadomosci Arth. 6 (1921) 61—70
Abb. 1—20. 63; ders., Cmentarz latensko-rzymski „Kozarowka" w Dro-
hiczynie nad Bugiem, in: Wiadomosci Arch. 8 (1923) 152—175 Abb. 12—27.
32. 37—53.
97
A. Kietlinska, Gröb z okresu latenskiego we wsi Calowanie, pow. Garwolin,
in: Sprawozdania P. M. A. 2 (1948/49) 63—68 Taf. 5—6.
98
J. Gurba, Gr6b wojownika z pöznego okresu latenskiego z Mazowa w pow.
garwolinskim, in: Przegl^d Arch. 10 (1958) 326—331 Abb. 1—11.
90
Möglicherweise Czersk und Pölko, beide pow. Grojec, und Grzyb6w, pow.
Kozienice; vgl. A. Niew^glowski, Z badan nad osadnictwem (1966) 151 ff.
Nr. 154. 195. 289.
100
J. Gurba, Cmentarzysko latensko — rzymskie w Masowie, pow. Garwolin,
badane w 1953 r., in: Wiadomosci Arch. 20 (1954) 303.
101
R. Kozlowska, Cmentarzysko z okresu poznolatenskiego i wczesnorzyms-
kiego w Niecieplinie, pow. Garwolin, in: Materiaiy Star. 4 (1958) 337—365
bes. 342 Taf. 110, 2—5.
102
R. Jakimowicz, Sprawozdanie z dziafalnosci P. M. A . z a 1928 rok, in: Wiado-
mosci Arch. 13 (1935) 242 f.
103
W. Radig, Die Burg 3 (1942) 203. 220.
Probleme der archäologischen Quellen 269

ten Gräbern gehört keine in die früheste Kaiserzeit104. Audi der Friedhof
Dobrzankowo, Kr. Przasnysz, hat keine Gräber der Stufe Bi, ergeben1043.
Von den 43 Gräbern des Friedhofs Osieck, Kr. Otwock (Garwolin), ge-
hört ebenfalls keines in die Stufe Bi105. Spät in der Kaiserzeit scheinen
die Gräberfelder Grodzisk Masowiecki104, Hryniewicze Wielkie, beide
Kr. Grodzisk Mazowiecki107, Lajski, Kr. Nowy Dw6r Mazowiecki108,
beide übrigens nicht sicher zur Masowischen Gruppe gehörig,
Siwek, Kr. Wolomin10', und Wçgrow, Kr. Wçgrow110, zu beginnen.
Es ist deswegen nicht unwahrscheinlich, daß das ganze Gebiet zwischen
Weichsel und Bug in der frühen Kaiserzeit — Eggers' Stufe Bi entspre-
chend — überhaupt weitgehend fundarm, d. h. siedlungsarm war.
Nördlich von Weichsel, Bug und dessen östlichem Nebenfluß Nurzec
erweiterte sich die Masowische Gruppe hingegen im Verlaufe der älteren
Kaiserzeit sichtlich (Abb. 16—17). Die Besiedlung folgt dem Lauf des
Narew über das Mündungsgebiet des Orzyc hinaus. Die Gegend um
Ostrolçka und tomza" 1 wurde besiedelt. Der von Kostrzewski erwähnte
Fundplatz Nacza, Bez. Lida, der schon redits der Memel (Niémen)
liegt118, gehört indes nicht zur Masowischen Gruppe. Diese reicht aber
sicher weit in den nordostpolnischen Raum hinein, wie der Friedhof von
Zawyki, Kr. tapi 113 , zeigt. Nach dem Norden drang die Besiedlung bis
104
W. Radig, a. a. 0 . 1 9 7 ff. Taf. 4, 1—11.
104a
T. D;jbrowska u. J. Okulicz, Inventaria Arch. Pologne Fase. X X : PL 121—125
(La Tène III) (1968) betonen PI. 124 (1), daß von den 187 Gräbern keines
der Stufe Bi angehört. Die kaiserzeitliche Belegung des Friedhofs beginnt
mit dem Ende der Stufe B2.
105
T. D^browska, Cmentarzysko z okresu rzymskiego w Osiecku pow. Garwo-
lin, in: Materialy Star. 4 (1958) 255—300 Taf. 85—94.
106
B. Barankiewicz, Cmentarzysko z okresu rzymskiego w Grodzisku Mazo-
wieckim, in: Materialy Star. 5 (1959) 191—230 Taf. 1—14.
107
Z. Szmit, Sprawozdanie z poszukiwan ardieologicznych w Hryniewiczach
Wielkich koto Bielska Podlaskiego, in: Wiadomos'ci Arch. 7 (1922) 111 ff.
Abb. 55—103.
108
T. Liana, Znaleziska z okresu pöznolatenskiego i rzymskiego na terenadi
miçdzy Wislq a dolnym Bugiem, in: Materialy Star. 7 (1961) 216 Taf. 1—2.
1M
A. Kietlinska, Materialy do osadnietwa przedhistorycznego okolic Rad-
zymina, in: Sprawozdania P. M. A. 4,1—2 (1951) 65—74 Abb. 1—15.
110
T. Liana, Materialy Star. 7 (1961) 219 Taf. 3, 14—17.
111
Vgl. Anlage 6 b; Nr. 4 (Brzezno), 6 (Chrostowo) (?), 24 (Jankowo), 27
(Kqty), 40 (Kunin), 46—47 (Mqtwica), 50 (Miastkowo), 67 (Rostki), 93
(Zawyki).
112
J. Kostrzewski, Die ostgerm. Kultur d. Spatlatènezeit 1 (1919) 232; 2 (1919)
98; W. Szukiewicz, Materialy antr. arch. 9 (1907) 139—142 Taf. 13—14;
ders., a. a. 0 . 1 3 (1914) 72 f. Taf. 29—30.
113
D. Jaskanis, Groby cialopalne z okresu rzymskiego w miejscowosci Zawyki,
pow. Lapy, in: Rocznik Bialostocki 2 (1961) 401—416 Abb. 1—4 Taf.24
bis 26.
270 Die Archäologie und die festländischen Gotensitze

in den ehem. Kreis Orteisburg (Szszytno) vor114. Im ehem. Kreise Neiden-


burg (Nidzica) mehrten sich die Fundstellen beträchtlich. Von dort aus
muß die Besiedlung des südlichen Teils des ehem. Kreises Osterode (Ost-
r6da) erfolgt sein, wo Friedhöfe der Masowischen Gruppe aus Kundien-
gut (Kunki)115, Rzepken (Rzepki) 1 " und Wilken (Wilkowo)" 7 bekannt

Abb. 14. Verbreitung der Masowischen Gruppe in der jüngeren vorrömischen


Eisenzeit; 0 = Fundstelle der Masowisdien Gruppe; O = Fundstelle
nicht sicher Masowische Gruppe; vgl. dazu Abb. 15.

114
C. Engel u. W. La Baume, Kulturen u. Völker d. Frühzeit im Preußenlande
(1937) 122 Anm. 24.
115
E. Hollack u. F. E. Peiser, Das Gräberfeld v. Moythienen (1904) 9; E. Hol-
lack, Erläuterungen zur vorgesch. Ubersichtskarte v. Ostpreußen (1908) 80.
116
E. Hollack u. F. E. Peiser, a. a. O. 9 f.
117
E. Hollack, Erläuterungen (1908) LIV u. 181.
Probleme der archäologischen Quellen 271

sind, von denen bislang allerdings noch keiner genauer untersucht worden
ist. Wie weit sich die Masowische Gruppe nach dem Westen ausgedehnt
hat, ist für die ältere Kaiserzeit, wie für die vorrömische Eisenzeit nicht
genau zu übersehen. Von Ciechocin an der Drewenz (Drw^ca), Kr. Lipno,
liegt eine alte Nachricht über ein Gräberfeld mit Steinkreisen vor118. Eine
ähnliche Notiz gibt es aus Kurowo, Kr. Sierpc119.

15 30 45 60 75KM

Abb. 15. Verbreitung der Masowischen Gruppe in der älteren Römischen Kaiser-
zeit; O = Fundstelle der Masowischen Gruppe; O = Fundstelle nicht
sicher Masowische Gruppe; vgl. dazu Abb. 14.

118
J. Z.[aborski], Materialy do mapy gubernii Piockiej, in: Swiatowit 2 (1900)
139.
L. Rutkowski, Cmentarzyska z grobarni rz^dowemi w Krasenie, Romatowie
i Koziminadi, in: Swiatowit 7 (1906) 8 ff.
272 Die Archäologie und die festländischen Gotensitze

Die Verbreitung der Masowischen Gruppe in der älteren Kaiserzeit


(Abb. 15) scheint also insgesamt eine Verschiebung des Siedlungsraumes
anzuzeigen, die um Christi Geburt erfolgte. Das Gebiet südlich des Bug
scheint preisgegeben worden zu sein; dafür erfolgte eine beträchtliche Aus-
dehnung des Siedlungsraumes nach dem Nordosten, Norden und Nord-
westen und allgemein eine Vermehrung der Fundstellen.
Im Verlaufe der jüngeren Kaiserzeit nahm die Zahl der Fundstellen
im Bereich der Masowischen Gruppe bemerkenswert ab120. Eine kleine
Anzahl von Gräberfeldern, die bereits in der älteren Kaiserzeit in Be-
nutzung waren, lief noch bis in die jüngere Kaiserzeit hinein weiter 121 ;
viele andere wurden offenbar aufgegeben. An Stelle der bislang über-
wiegenden Flachgräberfelder treten nunmehr verstreut und in der Regel
nicht dort, wo vorher bestattet wurde, Hügelgräber auf. A. Kempisty
und A. Niew^glowski haben auf diese Änderungen hingewiesen und an
Zuwanderung fremder Bevölkerungsteile aus dem Nordwesten bzw. an
Abwanderung der Eingesessenen gedacht122. In der Tat ist der Unterschied
zwischen Körpergräbern wie denen von Bialowieza, Kr. Hajnöwka 123 , und
dem annähernd gleichzeitigen Brandgrab I von Zawyki, Kr. tapi 1 2 4 , oder
den beiden Grabhügeln mit Körpergräbern von Pilgramsdorf (Piel-
grzymowo), Kreis Neidenburg 125 , und dem Brandgrab VII von Groß-
Schläfken (Slawka Wielka), Kr. Neidenburg 126 , groß. Aber die Grab-
hügel, die im Verlaufe der jüngeren Kaiserzeit auftaudien, haben nicht
alle denselben Charakter, wie die Brandgrube in einem Grabhügel von

120
A. Niew^glowski, Z badan nad osadnictwem (1966) 38 ff. 170.
121
Vgl. Anlage 6 b, Nr. 3 (Biaio^ka — 2eran), 8 (Czersk), 13 (Drozdowo),
16 (Garlino — Zalesie), 17 a (Goworowo), 33 (Kolozqb), 60 (Piastow), 67
(Rostki), 72 (Sokolowek — Kuligow). — Vgl. auch A. Niew^glowski, a. a. O.
Karte 6.
122
A. Kempisty, Obrzqdek pogrzebowy w okresie rzymskidi na Mazowszu, in:
Swiatowit 26 (1965) 141 ff. 152 f. 161; A. Niew^glowski, Z badan nad osad-
nictwem (1966) 74 ff.
123 f . Dzierzykray-Rogalski u. J. Jaskanis, Grob szkieletowy dzietka z pöznego
okresu rzymskiego, odkryty w 1959 r. w Biaiowiezy, pow. Hajnowska, in:
Rocznik Bialostocki 1 (1961) 283—291 Abb. 5—7.
124
D. Jaskanis, Groby cialopalne z okresu rzymskiego w miejscowosci Zawyki,
pow. tapy, in: Rocznik Bialostocki 2 (1961) 401—416 bes. 409 Taf. 25,
11—13; 26, 1—6.
125
D. Bohnsack, Ein ostgermanisdies Fürstengrab bei Pilgramsdorf in Ostpreu-
ßen, in: Germanenerbe 2 (1937) 258—261; ders., Die Germanen im Kreise
Neidenburg, in: Altpreußen 3 (1938) 75 ff. Abb. 17—23; W.Hülle, Ein ost-
germ. Hügelgrab bei Pilgramsdorf, in: Mannus 32 (1940) 154—165 Abb. 1
bis 12.
128
F. E. Peiser, Groß Schläfken, in: Prussia 22 (1909) 328—333 Abb. 197 Taf.
51.
Probleme der archäologischen Quellen 273

Bogucin, Kr. Plonsk127, zeigt. Doch audi die einfachen Brandgräber wei-
sen in der jüngeren Kaiserzeit nicht mehr die alte Einheitlichkeit auf.
Erstmals nach rund zweihundert Jahren treten wieder Waffengräber auf,
wie das Grab 9 von Paluki, Kr. Ciechanöw, mit Lanzenspitze, Schild-
buckel und -fessel128 und das Grab 12 von Piastow (Pajki), Kr. Przasnysz
— es mag ursprünglich mehr als Gefäßreste und eine Lanzenspitze ent-
halten haben12' —, das Grab 1 des Friedhofs Rostki, Kr. Ostroi^ka
(Abb. 18—19)"°, und das Grab 19 von Tuchlin, Kr. Wyszk6w131. Von
den gewöhnlichen Brandgräberfeldern der Masowisdien Gruppe unter-
scheiden sich ferner das Gräberfeld von Littfinken (Litwinki), Kr. Neiden-
burg, von dessen etwa 50 Bestattungen zwei bis fünf Körpergräber
waren132, und offenbar auch die Friedhöfe Burdungen (Burdqg), Kr. Nei-
denburg133, und Malschöwen (Maiszewko), Kr. Orteisburg134. Ein jünger-
kaiserzeitliches Gräberfeld fremden Charakters hat auch die Gemarkung
Grodtken mit der Fundstelle Grodtken (Grödki)-Zwierzyniec ge-
liefert135.
Manches, was auf den ersten Blick so verschiedenartig ersdieint, ist
jedoch kulturell im Grunde einheitlich. Hügelgräber mit Steinpackungen
oder Steinkreisen, in denen die Toten verbrannt oder unverbrannt bestat-
tet wurden — denen von Bialowieza, Pilgramsdorf (Pielgrzymowo) und
Bogucin ähnlich —, und Flachgräber mit Brand- und Körperbestattun-
gen — denen von Littfinken (Litwinki) und Grodtken-Zwierzyniec ver-
gleichbar — haben ihren Ursprung in der Oxhöfter Kultur der jüngeren

127
W. Bernat, Kurhany z p6znego okresu rzymskiego we wsi Bogucin, pow.
Plonsk, in: Wiadomosci Arth. 22 (1956) 210—212 Abb. 1—6.
128
W. La Baume, Ostgermanische Grabfunde aus Paluki, Kreis Zichenau, in:
Altpreußen 8 (1943) 4 Abb. 3 b; 4 a u. e; 5 e u. g; 6 a—e.
129
F. E. Peiser, Das Gräberfeld von Pajki bei Praßnitz in Polen (1916) 5 f.
Taf. 2, 24—25.
130
F. E. Peiser, a. a. O. 1. 7. Taf. 4, 48—58; 5, 59.
131
L. Okuliczowa, Cmentarzysko z okresu rzymskiego w Tuchlinie pow. Wysz-
köw, in: Wiadomosci Arch. 30 (1964) 379 f. Abb. 20.
132
F. E. Peiser, Übersichten u. Notizen. Ostpreußen, in: Prähist. Zeitsdlr. 2
(1910) 412 f.
133
E. Hollack, Erläuterungen (1908) 20; R. Schindler, Die Besiedlungsgesch.
d. Goten u. Gepiden (1940) 129 Nr. 306; D. Bohnsack, in: Altpreußen 3
(1938) 79.
134
E. Hollack, a. a. O. 96; R. Schindler, a. a. 0 . 1 2 9 Nr. 315.
1M
E. Holladc, Erläuterungen (1908) 46: »Grodtken f"; t . u. J. Okulicz, The
La Tene and the Roman Periods in Northern Masovia and in Southern Ma-
zurian Area in the Light of New Discoveries, in: Arch. Polona 4 (1962)
286—294 Abb. 6.

18 Hadimann, Goten und Skandinavien


274 Die Ardläologie und die festländischen Gotensitze

Abb. 16. Tuchlin, Kr. Wyszkow, Grab 16; Grabgrube mit Beigaben in Fundlage
nach t . Okuliczowa); vgl. Abb. 17.

Kaiserzeit 136 . Waffengräber gibt es allerdings auch in der späten Oxhöfter


Kultur nicht. Deren Auftreten weist in den Bereich der südlichen und süd-
westlichen Gruppen der Przeworsker Kultur, w o Waffenbeigabe bis in die
jüngere Kaiserzeit hinein in Männergräbern die Regel blieb. Es sind also

13» Vgl. J . Kmiecinski, M. Blombergowa u. K. Walenta, Cmentarzysko kur-


hanowe ze starszego okresu rzymskiego w W^siorach w pow. Kartuskim, in:
Prace i Materialy Muz. Ardi. i Etnol. w todzi Ser. Arch. 12 (1966) 39—122
Taf. 1—95.
Probleme der archäologischen Quellen 275

Abb. 17. Tuchlin, Kr. Wyszkow, Grab 16; Frauengrab der beginnenden jünge-
ren Römischen Kaiserzeit (nach L. Okuliczowa) — M 1:1,5 (5. 7. 2.),
1:3 (1—4), 1:4,5 (6.9—10).
276 Die Ardiäologie und die festländischen Gotensitze

verschiedene Einflüsse, die sich in einem fortgeschrittenen Teil der jünge-


ren Kaiserzeit bemerkbar machen. Eine Abwanderung — mindestens aber
eine Abnahme — der alteingesessenen Bevölkerung scheint in der Tat vor
sich gegangen zu sein. Ganze Gräberfelder und -gruppen fremden Cha-
rakters zeigen eine Zuwanderung aus dem Nordwesten an. Übernahme
der Waffengrabsitte aus dem Süden oder Südwesten kommt in Betracht.
Eine weitere Untersuchung der kulturellen Verhältnisse in Masowien in
einer Spätphase der jüngeren Kaiserzeit — Eggers* Stufe C2 und Ca
entsprechend — verbietet sich in diesem Rahmen, denn für den Zusam-
menhang zwischen Goten und Skandinavien ergibt sie nichts. Selbst wenn
sich ergeben würde, daß die Masowische Gruppe nach dem Norden ab-
gewandert sein sollte, erklärt das die frühesten Goten in Skandinavien

O 25 50cm

Abb. 18. Rostki, Kr. Ostrol^ka, Gräber 1 und 2; Grabgrube mit Beigaben in
Fundlage (nadi A. Kempisty u. J . Okulicz).

— die des Ptolemaios — nicht. Für die Frage der Abwanderung der Go-
ten nach dem Südosten wäre der Verbleib der Masowischen Gruppe gewiß
interessant, doch steht dieses Problem hier nicht zur Diskussion.
Doch nun zum eigentlichen Ausgangspunkt zurück, zur Frage der
Lokalisierung der Goten an Hand des archäologischen Materials: In der
Probleme der archäologischen Quellen 277

Tat findet sich, wo die Antike die Goten lokalisiert hat, d. h. an der
Weichsel und zwar östlich des Flusses und nicht an der Küste, eine archäo-
logische Gruppe, die dort bereits mit dem Beginn der jüngeren vorrömi-
schen Eisenzeit, also spätestens um 100 v. Christi Geburt, nachweisbar ist
und — unter Veränderung ihres Verbreitungsgebietes — bis in die jün-
gere Kaiserzeit hinein reicht. Der Beweis dafür, daß diese archäologische
Gruppe den Goten zuzuweisen ist, ist ebenso sicher, wie die Identifizie-
rung des Fundguts im Elbe-, Weser- und Rheingebiet mit anderen germa-
nischen Stämmen, die lange anerkannt ist. Ein exakter Nachweis im Sinne
der Naturwissenschaften ist wohl für keinen Identifizierungsversuch zu
erbringen, auch für solche nicht, die längst als richtig anerkannt sind. Der
Grad der Wahrscheinlichkeit, daß es sich bei der Masowisdien Gruppe um
die Goten handelt, ist aber vergleichsweise hoch. Man kann mit guter
Begründung sagen, mit der Masowischen Gruppe liegt die archäologische
Hinterlassenschaft der festländischen Goten vor, und diese Feststellung
führt wieder ein Stück weiter.
Wenn überhaupt, dann können die Goten mit ihren Hauptteilen
eigentlich nur vor ca. 100 v. Chr. Geb. nach Masowien eingewandert sein.
Das unvermittelte Auftreten von Gräberfeldern vom Typ der Masowi-
schen Gruppe sagt über deren Herkunft noch nichts aus. Die gesamte
Przeworsker Kultur macht den Eindruck, als ob sie plötzlich und ohne
Vorgänger dagewesen sei. Hier könnte es sich aber durchaus um eine
unvermittelte oder sich sehr rasch vollziehende Wandlung der Kultur
handeln, die einen Kulturwechsel — dementsprechend auch einen Bevöl-
kerungswechsel — vorspiegelte. Die Frage der Herkunft der Masowischen
Gruppe muß nun genauer untersucht werden. Ist sie im Lande entstan-
den? Besteht zwischen ihr und der skandinavischen Kultur der Zeit vor
Christi Geburt ein Zusammenhang?
Sollten Goten aus dem Masowischen Raum nach dem Norden ver-
schlagen sein, so könnte das noch bis ins beginnende 2. Jahrhundert nach
Chr. Geb. geschehen sein. Eine derartige Abwanderung nach dem Norden
könnte indes nicht die ganze Masowische Gruppe betroffen haben, da sie
ja in Masowien und Südmasuren durch das 2. Jahrhundert weiter-
existierte. Dennoch wäre auch das genauer zu untersuchen.
Aber wie sollte man weiterkommen? Weiß man, w i e die Wande-
rung verlaufen sein müßte, und w i e sie, wenn sie erfolgt wäre, sich im
archäologischen Fundgut spiegeln könnte? Gibt es d e n Modellfall der
Völkerwanderung und ihres archäologischen Nachweises, dem entspre-
chend sich die Goten — so oder so — verhalten haben m ü ß t e n und
dem entsprechend der Ablauf sich archäologisch abzeichnen m ü ß t e ?
Abb. 19. Rostki, Kr. Ostrol^ka, Grab 1; Waffengrab der jüngeren Römischen
Kaiserzeit (nach A. Kempisty u. J. Okulicz); M 1:1,5 (1—3. 9.), M 1:3
(4—8. 10—11), M 1:4,5 (12).
Probleme der archäologischen Quellen 279

Abb. 20. Rostki, Kr. Ostrol^ka, Grab 2; Frauengrab der jüngeren Römischen
Kaiserzeit (nach A. Kempisty u. J. Okulicz); M 1 : 1 , 5 (1—3.5),
M 1:4,5 (4).

3. Zum Problem des archäologischen Nachweises von


Bevölkerungsveränderungen: „Völkerwanderungen"
in den Jahrhunderten um Christi Geburt
Der Begriff der Völkerwanderung ist seinem Inhalt nach so weit
gespannt und uneinheitlich, daß man — wenn man wollte— behaupten
könnte: Es gibt keine Völkerwanderungen, nur Bevölkerungsveränderun-
gen verschiedener Natur, hödist unterschiedlicher Ursachen, ausgesprochen
verschiedenartigen Verlaufs und mannigfacher End- und Folgezustände.
Darunter ist die Völkerwanderung stricto sensu — die Abwanderung
ganzer „Stämme" und die vollständige Entleerung des bisherigen Sied-
lungsraums — nur ein Sonderfall. Als solcher kann sie nicht bestritten
werden, aber nach dem Einzelfall ist sie vom Althistoriker und vom Vor-
280 „Völkerwanderungen" in den Jahrhunderten um Christi Geburt

und Frühgeschichtsforscher an Hand von spärlidien Quellenbelegen am


Schreibtisch zum „Normalfall" gemacht worden 1 .
Was verbirgt sich aber in der „historischen Praxis" nidit alles unter
diesem Begriffsschema? Die Bevölkerungsveränderung reicht von der ge-
schlossenen Auswanderung einer ganzen Bevölkerungsgruppe — eines
Stammes der konventionellen Bezeichnung nach — mit einheitlicher Füh-
rung über den mehr oder minder stark geplanten und organisierten Abzug
einzelner Teile der Bewohnerschaft unter Ausdünnung der gesamten Be-
siedlung oder unter Evakuierung einzelner kleinerer Landesteile bis zur
Abwanderung von Gruppen, Familienverbänden, Familien, Gefolgschaf-
ten, von vor der Wanderung weder räumlich noch verwandtschaftlich
zusammenhängenden bzw. zusammengehörigen Scharen bis zu der Aus-
wanderung von einzelnen Personen. Alle möglichen Übergangsformen sind
nicht nur denkbar, sondern auch geschichtlich belegbar. Die Wanderung
kann wohl unter einheitlicher Führung stehen, auch wenn die Wandernden
unterschiedlicher Herkunft waren. Sie kann selbst bei gleicher Herkunft
aller Teilnehmer spontan und unorganisiert verlaufen.
Eine Bevölkerungsveränderung kann sich als ein zeitlich geschlosse-
ner Vorgang mit klar faßbarem Anfang und eindeutigem Ende vollzie-
hen. Sie kann sich aber auch kontinuierlich über längere Zeiträume hin-
ziehen. Sie kann beginnen, abebben und neu aufleben. Pioniere können
größere Bevölkerungsmengen nachrufen. Mit enttäuschten Rückwanderern
muß man ebenso rechnen wie mit erfolglosen, demoralisierten und dezi-
mierten Gruppen, die der alten Heimat wieder zustreben. Dort können
ihnen vertraglich ihre alten Wohnsitze garantiert worden sein, doch ist
es möglich, daß sie längst wieder besiedelt waren.
Bevölkerungsverschiebungen können sich über kurze Strecken voll-
ziehen oder aber auch weite Entfernungen überwinden. Verschiedene An-
siedlungsversuche können die Wanderung unterbrechen. Erstreckte sich
die Wanderung über längere Zeiträume, so starben unterwegs die Älte-
ren; Kinder wurden geboren. Kämpfe dezimierten die Zahl der Erwach-
senen, ungünstige Lebensbedingungen die der Säuglinge und Kleinkinder.
Die Zahl der Wandernden konnte schrumpfen. Auffüllung durch Kriegs-
gefangene oder andere konnte angestrebt und Zustrom von Fremden
konnte gelitten werden.
Eine Auswanderung kann durch verschiedenartigste Gründe ausge-
löst sein; beginnende Erschöpfung des Ackerbodens und des Weidelandes,
Bevölkerungsvermehrung (vgl. dazu unten S. 328 ff.), Hoffnung auf bes-
seres Land unter günstigeren klimatischen Bedingungen, Raub- und
Beutelust, Mangel an Frauen, Hoffnung auf Wohlhabenheit oder auf
1 Eine Variante ist es, bei Wanderungen einen konstanten „Traditionskern"
anzunehmen. — Vgl. R . Wenskus, Stammesbildung u. Verfassung (1961) 75.
Probleme der archäologischen Quellen 281

Ruhm, soziale oder religiöse Spannungen in der Heimat, politische Unter-


drückung, dynastische Rivalitäten und manches andere mehr.
Die Wanderung kann g a n z e Familien — Frauen, Kinder und
Alte eingeschlossen — oder aber auch nur Gruppen von Männern umfas-
sen. Sie kann ethnisch einheitlich sein; die Auswanderer können aber von
vornherein verschieden geartete Gruppen umfassen, oder es können sich
ihnen auf der Wanderung Fremde anschließen. Die Wandernden können
sich unterwegs veruneinigen und trennen und sich an verschiedenen Stel-
len niederlassen. Der Wanderzug kann durch Kämpfe, Krankheit oder
natürlichen Abgang der Alten dezimiert, ja er kann aufgerieben werden.
Schließlich kann sich die Bevölkerung unter den unterschiedlichsten
Bedingungen in der neuen Heimat niederlassen. Sie kann ein bislang un-
besiedeltes Gebiet besetzen. Sie kann aber audi die vorhandene Bevölke-
rung beseitigen, d. h. vernichten oder ihrerseits zur Auswanderung zwin-
gen. Es kann aber auch ebensogut zu einer gestreuten Ansiedlung zwischen
den Einheimischen kommen. Einordnung in die in der neuen Heimat be-
stehenden Lebensformen und Institutionen ist ebenso möglich wie Über-
nahme der Herrschaft und der kulturellen Führung. Konnubium mit Ein-
heimischen kann gefördert, kann ebensogut aber auch gesetzlich verboten
werden.
Das Verhältnis der Kultur der Einwandernden zu der der Einheimi-
schen kann ganz verschieden sein. Kulturelle „Überlegenheit" der Zu-
wanderer kann vorhanden sein, das Umgekehrte ist ebenso möglich. Kul-
turelle Angleichung kann angestrebt werden, kann sich wider Willen voll-
ziehen, kann ebenso aber auch auf Grund unterschiedlicher wirtschaft-
licher oder sozialer Gegebenheiten trotz gegenteiliger Absichten unmöglich
sein. Assimilation kann sich vollkommen vollziehen oder einzelne Kultur-
bereiche — Religion, Wirtschaftsweise, Recht — ausklammern. Beides —
Assimilation oder „Apardheid" — kann angestrebt, aber nicht erreicht,
verboten, aber trotzdem vollzogen werden.
Man könnte einen Katalog historisch belegter Fälle erstellen, der ein
großes Volumen erreichen würde. Durch Vergleich aller Details könnte
man wahrscheinlich mehrfach belegte, ähnliche oder fast gleiche Abläufe
— also Typen — aussondern. Dadurch würde der Katalog schrumpfen;
doch bliebe er groß, weil der Spielraum der Möglichkeiten fast unbe-
grenzt erscheint.
So weit gestreut Ursachen, Abläufe und Ergebnisse von Wanderun-
gen sein können, so verschiedenartig muß man sich die Projektion solcher
Vorgänge in den archäologischen Fundstoff vorstellen. Die archäologische
Dokumentation von Wanderungen könnte abhängig sein von der Kultur
der Wandernden und von der der neuen Umwelt, vom Kulturgefälle, von
282 „Völkerwanderungen" in den Jahrhunderten um Christi Geburt

der Zahl der Wandernden und der, auf die sie in ihrer neuen Heimat
treffen, von der Bereitschaft, sich fremden, in der neuen Heimat herr-
schenden Gebräudien anzupassen, oder von der Hartnäckigkeit, alte Tra-
ditionen selbst in einer ganz unpassenden Umwelt zu erhalten.
Wenn ehedem G. Kossinna von Völkerwanderungen sprach, dann
dadite er dabei offensichtlich im Grunde an die Auswanderung geschlos-
sener Bevölkerungsgruppen. Seine Vorstellung vom Ablauf von Wan-
derungen und von deren archäologischem Nachweis waren „akademisch"
konzipiert und entbehrten des rechten Gefühls für das historisch Mög-
liche, und seine Darstellungen von Wanderungsabläufen widersprachen
allzu oft seinen eigenen Denkprinzipien2. Es ist heute durchaus möglidi
Kossinnas Gedankenwege zu durchschauen. Nachdem aber sein Denken
paradigmatisch analysiert und illustriert worden ist (vgl. oben S. 149 ff.),
scheint es nun nicht mehr erforderlidi, auf Einzelheiten einzugehen, d. h.
seine eigenen Inkonsequenzen zu zeigen und sein oft recht willkürliches
Vorgehen zu demonstrieren. Das hätte nur Sinn, wenn eine Kritik an
seiner „Methode" zu einer einheitlichen Theorie der Völkerwanderungen
führen könnte, und wenn es möglich wäre, auf der Grundlage einer sol-
chen Theorie feste Prinzipien des Nadiweises von Wanderungen an Hand
des archäologischen Fundstoffs zu gewinnen3. Darauf ist aber nidit zu
hoffen. Es wäre aber gewiß falsch, aus dem Versagen der „Methode Kos-
sinna" nur negative Schlüsse zu ziehen4.

Was kann man in einer Situation, in der Kossinnas Denken noch


nachlebt und in der mangelhaftes Nachdenken über dessen Hintergründe
teilweise zu einer faden Skepsis geführt hat, Positives tun? Am zweck-
mäßigsten erscheint es, zunächst einen möglichst pragmatischen Ansatz zu
finden. Eine Liste signifikanter Fälle, wo ohne Rücksicht auf die Existenz
historischer Nachrichten oder ohne deren Zuhilfenahme das archäologische
Fundgut sich nur verstehen läßt, wenn man Bevölkerungsveränderungen,
d. h. Zu- oder Abwanderungen von Bevölkerungsteilen, annimmt, scheint
das Nächstliegende zu sein. Nur ein solcher Katalog — nicht theoretische
Vorüberlegungen — hat Sinn, wenn es sich darum handelt, in der Frage
nach dem Zusammenhang zwischen Goten und Skandinavien voranzu-

2 Vgl. R. Hachmann, in: R. Hadimann, G. Kossack u. H. Kuhn, Völker zw.


Germanen u. Kelten (1962) 16 ff.
' Diesen Weg versuchte G. Gjessing, Vittnesbörd om folkvandringar, in: Forn-
vännen 50 (1955) 1—10 zu gehen.
4 Vgl. C.-A. Moberg, Vittnesbörd om folkvandringar, in: Fornvännen 50
(1955) 10—19; A. E. Herteig, Er Folkvandringstidens ekspansjon i Roga-
land baret av innvandrere eller er den et indre anliggende? in: Viking 19
(1955) 73—88.
Probleme der ardiäologisdien Quellen 283

kommen. Es ist nicht schwer, eine Sammlung von Beispielen von vorn-
herein nach einer gewissen ordnenden Systematik anzulegen.
Falsch wäre es, wollte man eine solche Zusammenstellung in der still-
schweigenden Erwartung beginnen, es werde sich auf diese Weise schließ-
lich schon eine Möglichkeit ergeben, j e d e Art von Bevölkerungsver-
änderung auf irgendeine Weise doch archäologisch sichtbar zu machen.
Man sollte eher voraussetzen, daß es Bevölkerungsveränderungen gibt,
die sich archäologisch n i c h t abzeichnen oder s o abzeichnen, daß dar-
aus keine verbindlichen Schlüsse auf eine Wanderung gezogen werden
können.
Es ist sinnvoll, sich bei der Liste archäologisch nachweisbarer Wande-
rungen zeitlich an jenen Bereich zu halten, in dem die Germanen als Be-
völkerungsgruppe höchstwahrscheinlich existent waren und in dem auch
die Wanderung der Goten — sollte sie wirklich stattgefunden haben —
erfolgt sein muß, d. h. an den Zeitraum der Jahrhunderte vor und nach
Christi Geburt.
Verhältnismäßig einfach — und dementsprechend eindeutig — ist
die Situation in allen den Fällen, wo eine Landschaft, die keine oder ge-
ringe Zeichen einer stationären Besiedlung aufweist, von einer Ackerbau
und Viehzucht betreibenden Bevölkerung besiedelt wurde. Für Norwegen
läßt sich die Besiedlung der nördlichen Küstenzonen und des Binnenlandes
von Süden her und aus den kleinen Siedlungsinseln der vorrömischen
Eisenzeit heraus sehr deutlich machen (vgl. Abb. 49. 59—70) und bedarf
keiner besonderen Erörterung (vgl. unten S. 414 ff.). Ähnlich — wenn auch
minder deutlich — liegen die Verhältnisse in Schweden (vgl. Abb. 48.
51—58). In West- und Ostskandinavien mögen die Vorgänge nicht voll-
kommen gleichartig verlaufen sein (vgl. unten S. 426 f.). Nicht viel anders
dürften die Verhältnisse im westlichen Ostseegebiet gelegen haben, wo
Fünen, dann auch Seeland, im Verlaufe der jüngeren vorrömischen Eisen-
und der Kaiserzeit eine auffallende Fundvermehrung erkennen lassen5.
In allen diesen Fällen ist deutlich sichtbar, wie das bislang siedlungs-
arme Land Schritt für Schritt besiedelt wurde. H . Jankuhn hat den Vor-
gang für das westliche Ostseegebiet zu deuten versucht6. Falls die künftige
Forschung seine Ansichten bestätigen sollte, müßte es möglich sein, eine
gewisse lebendige Vorstellung vom Ablauf der Vorgänge zu gewinnen.
Ähnlich wie in Norwegen, Schweden, Dänemark und Schleswig-Hol-

5
J. Brandsted, Danmarks Oldtid 3. Jernalder ( 2 1960) 91 f. u. 237 f.
* H . Jankuhn, Klima, Besiedlung und Wirtschaft d. älteren Eisenzeit im westl.
Ostseebecken, in: Ardiaeologia geogr. 3 (1952) 23—35.
284 „Völkerwanderungen" in den Jahrhunderten um Christi Geburt

stein ist das Bild von der wikingerzeitlichen Besiedlung Islands7 und
Grönlands8. Nur treten die Funde, die auf eine Landnahme weisen, un-
vermittelter auf. Die Länder waren vorher weitgehend unbesiedelt'.
Sowohl der isländische als auch der grönländische Fundstoff gibt gewisse
allgemeine Hinweise auf die Herkunft der Bevölkerung. Norwegen ist als
Herkunftsraum vieler Kulturgüter durchaus erkennbar. Genaue Einzel-
heiten vom Verlauf der Einwanderung zeigen die Funde indes nicht.
Für den germanischen Kontinent lassen sich etliche Fälle nachweisen,
die ähnlich gelagert sind wie die skandinavischen Beispiele. Offenbar lie-
gen die Verhältnisse dort aber häufig komplizierter. Selbst Fälle, die sidi
auf den ersten Blick geradezu als Paradigmata anbieten, halten oft einer
eingehenderen Überprüfung nicht stand. Ein Beispiel möge die Schwie-
rigkeiten beleuchten.
Die Gruppe Bodenbach (Podmokly) in Nordböhmen10 ist schon von
P. Reinecke als germanisch angesprochen worden11; W. Mähling hat sie
als sicher germanisch hingestellt12. Betrachtungsweise und Argumentation
Mählings können aber gegenwärtig nicht mehr den Anspruch auf metho-
dische Exaktheit erheben. Dennoch läßt sich gewiß von allen ehedem an-
gestellten Kombinationen einiges als richtig aufrecht erhalten. Mit Sicher-
heit kann man sagen, daß es sich bei der Gruppe Bodenbach um eine der
mitteldeutschen germanischen Brandgräberkultur durch eine ganze Anzahl
gemeinsamer Kulturgüter eng verbundene Kulturgruppe handelt. Sie als
germanisch zu bezeichnen, ist sicher nicht unrichtig. Der mitteldeutschen
germanischen Brandgräberkultur gegenüber setzt sie sich aber durch eine

7 M. Stenberger [ H r g . ] , Forntida gardar i Island (1943) bes. 327 ff., wo die


wichtigste Literatur zur wikingisdi-mittelalterlichen Archäologie Islands zu-
sammengestellt ist.
8 P. N0rlund, Wikingersiedlungen in Grönland (1937) bes. 129 ff., wo sidi die

wichtigste Literatur findet.


• Die Einwanderung der Eskimos erfolgte n a c h der Besiedlung Grönlands
durch die Normannen. Vgl. P . Nerlund, a. a. O. 105 ff. — Von Spuren einer
älteren, zur Zeit der Einwanderung der Wikinger verschwundenen Besied-
lung sprach Ari Frodi in seiner Islendingabok Abschnitt 1, vgl. Islands Be-
siedlung und älteste Geschichte, in: Thüle 23 (1928) 44.
1 0 O. Menghin, Einführung i. d. Urgesdi. Böhmens u. Mährens (1926) 90 ff.;

W . Mähling, Die germ. Landnahme in Böhmen zur Lat^nezeit, in: Altböhmen


u. Altmähren 2 (1942) 2 6 — 4 4 ; ders., Die frühgerm. Landnahme im mittel-
deutsch-sächsisdi-nordböhmisdien Gebiet (1944) 13 ff.; ders., Die Boden-
bacher Gruppe. Zur Frage d. lat^nezeitlichen elbgerm. Landnahme in N o r d -
böhmen ( 1 9 4 4 ) ; J . Filip, Keltove ve stfedni Evropä (1956) 195 ff. 331. 372 f.;
E . u. J . Neustupny, Czechoslovakia before the Slavs (1961) 158.
1 1 P . Reinette, Zu den Gräberfunden v. Bodenbach a. d. Elbe, in: Wiener
Prähist. Zeitschr. 2 (1915) 1 5 — 2 6 .
1 2 W. Mähling, Die Bodenbacher Gruppe (1944) 216 ff.
Probleme der archäologischen Quellen 285

Anzahl kultureller Besonderheiten ab — Bodenbacher Nadeln 13 , Früh-


lat^nefibeln mit großer Spiralwindung 14 , Tonteller 15 , Tonlöffel mit lan-
gem Stiel und Quirle 1 ', relativ häufige Mitgabe von Beigefäßen ins Grab 17
und starkes Hervortreten der Drehscheibenware, darunter von einigen
Typen, die in Mitteldeutschland vergleichsweise selten sind18 — und zeigt
damit Kulturverbindungen, die es n i c h t erlauben, schlicht von einer
Einwanderung der Bodenbacher Gruppe nach Nordböhmen zu sprechen.
Das Vorwiegen der Drehscheibenkeramik beruht auf der Nähe und
Überlegenheit der keltischen Latene-Kultur in Mittelböhmen und läßt
sich durch nachbarlichen Kulturkontakt — Handel — erklären. Anders
steht es mit einigen Elementen der Grabsitte. Die Mitgabe von Tontellern
ins Grab ist ein Brauch, der dem mitteldeutschen germanischen Kultur-
gebiet fremd ist. Schon Mähling hat ihn mit derselben in der Billendorfer
Kultur herrschenden Sitte in Verbindung gebracht19. Dort treten Tonteller
jedoch in der Regel in Verbindung mit kleineren tönernen Räuchergefäßen
auf 24 und haben oft eine etwas abweichende Form 21 . Dennoch können die
Tonplatten der Bodenbacher Gruppe n u r von der Billendorfer Kultur
hergeleitet werden 22 . In der Form der Beigefäße zeichnen sich ebenfalls
Spuren des Billendorfer Stils ab23. Die Sitte, mehrere kleine Beigefäße mit
ins Grab zu geben, ist in der mitteldeutschen Brandgräberkultur selten
nachweisbar und deutet ebenfalls in den Billendorfer Bereich bzw. den
der nordostböhmischen Platenitzer Kultur. Auch die Tonlöffel sind auf
gleiche Weise zu verstehen24.
Das Verbreitungsgebiet der Bodenbacher Gruppe liegt zwar außer-
halb des geschlossenen Siedlungsraumes der Latene-Kultur in Böhmen25,
18
W. Mähling, a. a. O. 203 ff.
14
W. Mähling, a. a. O. Taf. 5, 5; 8, 1; 10, 1; 26, 2. — Der Typ ist von Mäh-
ling nicht erkannt und beschrieben worden.
15
W. Mähling, a. a. O. 185 Taf. 8, 7. 8 b; 23, 10 b; 24, 2.
" W. Mähling, a. a. O. 186 Taf. 9, 5—7; 25, 2.3.
17
W. Mähling, a. a. O. 184 f. Taf. 13, 5; 23, 10 a.
18
W. Mähling, a. a. O. 159 ff. Taf. VII ff.
19
W. Mähling, a. a. O. 185 f.
20
W. Kropf, Die Billendorfer Kultur auf Grund d. Grabfunde (1938) 79 f.
21
W. Kropf, a. a. O. 80 ff. Abb. 201—204. 207—210. 226. 258. 267.
22
W. Kropf, a. a. O. 80 Abb. 205—206. 226. 275. 278.
23
W. Mähling, Die Bodenbadier Gruppe (1944) 184 Taf. XVII, 2; vgl. dazu:
W. Kropf, a. a. O. 153 Abb. 263, 1.
24
W. Kropf, a. a. 0 . 1 1 6 Abb. 239.
25
Vgl. J. Filip, Keltov£ ve stiedni Evropi (1956) Abb. 18. — Das dort dar-
gestellte Verbreitungsbild der keltischen Fladigräberfelder umfaßt als Nr.
337 u. 338 die Gräberfelder von Nestomitz u. Bodenbadi, die zur Boden-
badier Gruppe gehören. Die Fundstelle Nr. 339 (Böhmisdi-Kamnitz=£eska
Kamenice) ist ihrem Gesamtcharakter nach unklar; vgl. Sudeta N . F. 1
(1939/40) 108.
286 „Völkerwanderungen" in den Jahrhunderten um Christi Geburt

doch innerhalb des Bereichs der Billendorfer Kultur 26 bzw. der Platenitzer
Kultur 27 , die im nördlichen und östlichen Böhmen zeitlich der Billendor-
fer Kultur entspricht und ihr kulturell nahe steht. Es ist schwierig, das Ver-
hältnis zwischen der Billendorfer Kultur und der Platenitzer Kultur auf
der einen und der Bodenbacher Gruppe auf der anderen Seite klar zu um-
reißen. Die Annahme eines „kulturellen und ethnischen Aufgehens örtlich
seßhafter Stämme in das Germanentum" ist eine Vorstellung, die den
Tatbestand nicht klar, sondern nur mit anderen Worten ausdrückt, die
ihrerseits der Klärung bedürfen28. Sicher ist es, daß die Billendorfer Kul-
tur an der Genesis der Bodenbacher Gruppe beteiligt war. Sollte es ein
einfacher Akkulturationsvorgang gewesen sein? Eine Beteiligung von Re-
sten der Billendorfer Bevölkerung an der Bodenbacher Gruppe ist nicht
sicher auszuschließen; dementsprechend kann man nicht mit hinreichender
Sicherheit von einer Einwanderung der Bodenbacher Gruppe sprechen.
Die Sachlage ist gewiß komplizierter.
Von der Gruppe Bodenbach läßt sich die Gruppe Kobil (Kobyly)
nicht trennen, das erkannte schon M. Jahn 2 *. W. Mähling betonte dagegen,
die nordostböhmische spätlatänezeitliche Gruppe Kobil besäße „so gut
wie gar keine engeren Bindungen an die Bodenbacher Gruppe" 30 . Das ist
jedoch nicht richtig. Das kleine Gräberfeld Nestomitz (Nestemice) lie-
ferte Gräber beider Gruppen31. Es sind zwar keine Bestattungen, die der
auf dem Friedhof Kobil nachgewiesenen älteren Zeitstufe angehören' 2 ;
ein so unsystematisch ausgegrabener Bestattungsplatz wie der von Nesto-
mitz braucht aber keinen eindeutigen Aufschluß über seine zeitliche Glie-
derung zu liefern. Es ist deswegen nicht auszuschließen, daß die Gruppe
Kobil einfach die unmittelbare Fortsetzung der Gruppe Bodenbach ist.
Die unterschiedliche Verbreitung beider Gruppen besagt bei der geringen
Zahl bislang bekannter Fundstellen nicht allzu viel. Hier muß der Fehler

26 Vgl. W . Kropf, Die Billendorfer Kultur (1938) 184 f. 2 1 6 f. Karte 1 — 2 .


27 Vgl. J . Filip, DSjinne pocatky Ceskeho Raje (1947) Karte 2. — Vgl. audi
dazu: W. Coblenz, Die Stellung d. oberen Elbe b. d. Ausbreitung d. Lausit-
zisdien Kultur, in: Prähist. Zeitschr. 34/35 (1949/50) 6 2 — 7 5 ; E . Plesl, Vztahy
severoceske sidelni oblasti k Sasku v mladsi dobe halstatske, in: Pam. Arch.
51 (1960) 5 3 9 — 5 6 0 .
28 H . Grünert, Früheste Germanen im Süden der D D R , in: Ausgrabungen u.
Funde 3 (1958) 252.
29 M. Jahn, Die ersten Germanen in Südböhmen, in: Altböhmen u. Altmähren
1 (1941) 67.
30 W . Mähling, Das spätlatenezeitlidhe Brandgräberfeld von Kobil, Bez. Tur-
nau. Ein Beitrag z. germ. Landnahme in Böhmen (1944) 107.
31 W . Mähling, Die Bodenbacher Gruppe (1944) 104 ff. Taf. 27, 1. 1 a — d (Grab
2 1 ) ; 31, 2 — 2 a (Gr. 1 2 ) ; Taf. X I I , 5 ; X I V , 6 u. 6 a ; Abb. 5 — 6 (Gr. 18).
32 R . Hachmann, Die Chronologie d. jüngeren vorröm. Eisenzeit, in: 41. Ber. d.
Röm.-Germ. Kommission 1960 (1961) 116 ff. Abb. 38.
Probleme der archäologischen Quellen 287

der kleinen Zahl in Rechnung gestellt werden 35 . Was Mähling als sonstige
Argumente gegen eine Kontinuität hervorhob, wiegt weniger als die „ver-
einzelten Übereinstimmungen", die auch er nicht leugnete34. Die „auffal-
lenden" Stradonitzer Formen sind nicht ungewöhnlich, wenn man be-
denkt, daß die Gruppe Bodenbach—Kobil, wenn sie keramische Formen
aus dem keltischen Bereich übernehmen wollte, der Formenentwicklung
folgen mußte, wie sie in Mittelböhmen verlief.
Für den Nachweis einer Einwanderung in ein bislang siedlungsleeres
Gebiet fällt die Gruppe Bodenbach-Kobil also in zweifacher Hinsicht aus:
Die Gruppe Bodenbach läßt sich ohne Einflüsse von Seiten der Billendor-
fer und der Platenitzer Kultur nicht verstehen, und es ist deswegen schwer
vorstellbar, ihre Träger wären ausnahmslos aus einem Gebiet eingewan-
dert, wo Einflüsse der Billendorfer Kultur oder der Platenitzer Kultur
fehlten. Natürlich läßt es sidi nicht vollkommen ausschließen, die Gruppe
Bodenbach sei im sächsischen Elbegebiet entstanden — teilweise auf Grund-
lage der Billendorfer Kultur — und dann nach Nordböhmen vorgedrun-
gen, also eingewandert. Damit ist hier aber nichts gewonnen, wo es sich
doch darum handelt, e i n d e u t i g e Beispiele für Zu- oder Abwande-
rung vorzulegen.
Wie die Einwanderung der Bodenbacher Gruppe, so ist auch deren
Abwanderung nicht nachweisbar. Die Gruppe Kobil muß als deren Fort-
setzung angesehen werden. Die Bevölkerung braucht nicht gewechselt zu
haben. Nicht einmal ein Ausgreifen der Besiedlung mit Entwicklung der
Gruppe Kobil — also mit Beginn der jüngeren vorrömischen Eisenzeit —
ist zwingend anzunehmen, denn die Fundverbreitung ist vom Fehler der
kleinen Zahl abhängig. Schon e i n e neue Fundstelle der Bodenbacher
oder der Kobiler Gruppe könnte das Verbreitungsbild verändern.
Das Beispiel der Bodenbach-Kobiler Gruppe zeigt Schwierigkeiten
im Einzelfall und mahnt zur Vorsicht. Es beweist grundsätzlich aber
nichts. Beispiele für Zu- oder Abwanderung von Bevölkerungsteilen
lassen sich erbringen.
Das Gebiet zwischen Elb- und Wesermündung — durch die Rührig-
keit C. Wallers gut erforscht — verlor im Verlaufe des letzten vorchrist-
lichen Jahrhunderts seine Bevölkerung. Keines der Gräberfelder reicht
33
W. Mähling, Das spätlatenezeitl. Brandgräberfeld v. Kobil (1944) 106 (u.
Verbreitungskarte als Anlage) gibt der Gruppe Kobil durdi Zurechnung der
ganz unsicheren Befunde von Komotau (Chomoutov), Lischwitz (Libäsovice),
Polep (Polepy), Groß Opolan (Velky Opolany), Kotzniowitz (Chocnéjo-
vice) eine völlig falsche Verbreitung. Mit gleidier Berechtigung könnte man
die Funde von Böhmisch-Kamnitz (Ceska Kamenice) und Turnov-Ohrazenice
zur Gruppe Bodenbach rechnen, und schon hätte man völlig gleichartige Ver-
breitungsbilder.
34
W. Mähling, a. a. O. 107.
288 „Völkerwanderungen" in den Jahrhunderten um Christi Geburt

bis in die Zeit der geschweiften Fibel hinein35. Der Befund ist eindeutig.
Aber schon mit dem Beginn des ersten nadidiristlichen Jahrhunderts läßt
sich Neubesiedlung nachweisen. Funde wie der Friedhof von Oxstedt,
Kr. Land Hadeln 3 ", und einige andere" zeigen den Vorgang an.
Der Verbleib der abwandernden Bevölkerung läßt sich nicht er-
kennen. Sie verschwindet scheinbar spurlos. Die Kultur der Neueinwan-
derer weist über die Elbmündung nach dem Norden 38 , doch ist im Norden
gleichzeitig eine Fundvermehrung erkennbar3' und die älterkaiserzeitliche
Formenwelt der Westküste Schleswig-Holsteins hat — soweit sie Bezie-
hungen zum Elbmündungsgebiet aufweist — im Lande selbst keine Vor-
formen. Die Herkunft der Zuwanderer läßt sich vorläufig nicht ermit-
teln.
Ähnlich liegen die Verhältnisse in der Altmark. Die älteren Ab-
schnitte der vorrömischen Eisenzeit weisen hier durch eine große Fund-
dichte auf eine vergleichsweise dichte Besiedlung hin40 (Abb. 21), die
sich in der jüngeren vorrömischen Eisenzeit noch verdichtet haben muß
(Abb. 22). Schon im Verlaufe des letzten vorchristlichen Jahrhunderts —
in der Zeit der geschweiften Fibeln — läßt sich eine beträchtliche Ausdün-
nung der Fundstellen erkennen41; ein großer Teil der Bevölkerung muß
ausgewandert sein. Die Frage, wohin, wird noch zu erörtern sein (vgl. un-
ten S. 311). Die Abnahme der Fundstellen setzte sich die ältere Kaiserzeit
hindurch fort, so daß schließlich nur noch ein kleiner Teil des Landes
— hauptsächlich der Osten — spärlich besiedelt blieb42 (Abb. 23). Mit der
35 R . Hadimann, 41 Ber. d. Röm.-Germ. Kommission 1960 (1961) 156 ff. bes.
161 Abb. 53 b.
M K . Waller, Chaukische Gräberfelder a. d. Nordseeküste, in: Mannus 25 (1933)
40—59 bes. 51 ff. Abb. 4—7; ders., D a s Gräberfeld v. Oxstedt u. seine Be-
deutung f. d. Sachsenforschung, in: Die Kunde N . F. 11 (1960) 13—28 Taf.
1—6.
37 P. Schmid, Die Keramik d. 1. bis 3. Jahrh. » . Chr. im Küstengebiet d. südlichen
Nordsee, in: Probleme d. Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet 8
(1965) 15 f.; vgl. auch die Verbreitung von Keramiktyp und Ornamentmotiv
b. K . Waller, in: Die Kunde 11 (1960) 18. 26 Karte 2.
38 K . Kersten u. P. L a Baume, Vorgesdi. d. nordfriesischen Inseln (1958) 189.
193. 195. 510 Taf. 87, 10; 89, 4—6; 91, 2. 8; 93, 13; P. Schmid, a. a. O. 16 f.
3> H . Hingst, Karten z. Besiedlung Schleswig-Holsteins i. d. vordiristl. Eisenzeit
u. d. älteren Kaiserzeit, in: Archaeologia geogr. 3 (1952) 8—15 bes. 11. 13
Karte 3.
40 P. Kupka, Die frühe Eisenzeit i. d. Altmark, in: Jahresschrift f. Vorgesch. d.
sädis.-thür. Länder 10 (1911) 37—60 bes. Abb. S. 45 gibt einen gewissen Ein-
druck von der Siedlungsdichte.
41 P. K u p k a , Späte swebisdie Tonware a. d. Altmark, in: Jahresschrift 15 (1927)
65—82.
41 Fr. Kudienbudi, Altmärkische Funde d. 1. u. 2. Jahrhunderts n. Chr., in: J a h -
resschrift 24 (1936) 211—224.
Probleme der archäologischen Quellen 289

deutsdiland (nach P. L. B. Kupka mit zahlreichen Ergänzungen) —


Forschungsstand 1949; vgl. dazu Abb. 22—25.

jüngeren Kaiserzeit erfolgte dann aber wieder eine starke Fundvermeh-


rung, die so plötzlich eintrat, daß sie sich nicht durch eine immanente
Bevölkerungsvermehrung erklären läßt (Abb. 24). Die jüngere Kaiser-
zeit hindurch blieb die Altmark dicht besiedelt4', bis dann die Friedhöfe
im vierten Jahrhundert wieder abbrachen. Erneut setzte eine auffallende
Fundarmut ein44 (Abb. 25).
43 Fr. Kudienbudi, Die altmärkisch-osthannöverschen Schalenurnenfelder d.
spätrömischen Zeit, in: Jahresschrift 27 (1938) 1—143, bes. 53 f.
44 B. Schmidt, Die späte Völkerwanderungszeit in der Altmark, in: Jahresgabe
d. Altmärk. Mus. Stendal 12 (1958) 43—58 bes. 44 f. Abb. 1; W.Schulz,
Völkerwanderungs- u. Merowingerzeit (5. bis 7. Jahrhundert), in: Ausgra-
bungen u. Funde 3 (1958) 269—278 bes. 271 Karte 13.

19 Hadimann, Goten und Skandinavien


290 „Völkerwanderungen" in den Jahrhunderten um Christi Geburt

Abb. 22. Fundstellen der jüngeren vorrömischen Eisenzeit im nördlichen Mittel-


deutschland (nach R. Hadimann) — Forschungsstand 1949; vgl. dazu
Abb. 21 u. 23—25.

Es bedarf kurzen Nachdenkens, ob es sich wiederum um eine Ab-


wanderung handelt: Der Raum nördlich, östlich und südlich des Harzes
weist weiterhin verhältnismäßig reiche Funde auf 4 5 ; auch im Elbebogen

45 W. Sdiulz, Die Thüringer, in: H. Reinerth [Hrg.], Vorgesch. d. dt. Stämme 1


(1940) 401—476 bes. 431 ff.; ders., in: Ausgrabungen u. Funde 3 (1958)
269 ff. bes. 271 Karte 13; G. Mildenberger, Die germ. Funde d. Völkerwan-
derungszeit in Sachsen (1959); A. von Müller, Völkerwanderungszeitliche
Körpergräber u. spätgerm. Siedlungsräume i. d. Mark Brandenburg, in: Ber-
liner Jahrb. f. Vor- u. Frühgesdi. 2 (1962) 105—189 bes. 159 ff. Abb. 28—29;
G. Thaerigen, Die Nordharzgruppe der Elbgermanen b. z. sächsischen Über-
lagerung (1939); B. Schmidt, Die späte Völkerwanderungszeit in Mittel-
deutschland (1961).
Probleme der archäologischen Quellen 291

Abb. 23. Fundstellen der älteren Römischen Kaiserzeit im nördlidien Mittel-


deutschland (nach Fr. Kuchenbuch, G. Mildenberger mit Ergänzungen)
— Forschungsstand 1949 für die Altmark, 1959 für das übrige Gebiet;
vgl. dazu Abb. 21—22 u. 24—25.
östlich von Magdeburg, im Havelland, in der Priegnitz und in Mecklen-
burg reichen die Friedhöfe •weiter4'. Ähnlich ist es in Niedersachsen, im
44 O. Felsberg, Die römische Kaiser- u. Völkerwanderungszeit im Elbhavelland,

in: Mannus E.-Bd. 7 (1929) 123—169; W. Matthes, Die nördlichen Elbger-


manen in spätrömischer Zeit (1931); ders., Die Germanen i. d. Prignitz z.
Zeit d. Völkerwanderung (1931); ders., Die Sweben oder Altschwaben, in:
H. Reinerth [Hrg.], Vorgesch. d. dt. Stämme 1 (1940) 309—400 Taf. 132—
136; E. Schuldt, Das Skelettgrab von Serrahn, Kr. Güstrow, und die späten
germanischen Bügelfibeln in Mecklenburg, in: Jahrb. f. Bodendenkmalpflege
in Mecklenburg 1954, 98—120; ders., Die kreuzförmigen Fibeln in Mecklen-
burg, in: Jahrb. f. Bodendenkmalpflege in Mecklenburg 1955, 107—134;
ders., Pritzier, einen Urnenfriedhof d. späten röm. Kaiserzeit in Mecklenburg
(1955).

19»
292 „Völkerwanderungen" in den Jahrhunderten um Christi Geburt

Abb. 24. Fundstellen der jüngeren Römischen Kaiserzeit im nördlichen Mittel-


deutschland (nach Fr. Kuchenbudi, Rud. Laser mit Ergänzungen) —
Forsdiungsstand 1938 für die Altmark, 1965 für das Gebiet südlich der
Altmark, 1949 für das ostelbische Gebiet; vgl. dazu Abb. 21—23 u. 25.

Osten 47 wie im Westen 48 des Landes, ebenso auch in Holstein 49 . In


Schleswig folgt dagegen einer wohlausgewiesenen jüngeren Kaiserzeit
eine Epoche, über deren Bewohner die Funde keinen rechten Aufschluß

47
G. Körner, Die südelbischen Langobarden zur Völkerwanderungszeit (1938).
48
A. Plettke, Ursprung u. Ausbreitung d. Angeln u. Sadisen (1921); K. Waller,
Der Galgenberg b. Cuxhaven, die Geschidite einer germ. Grab- u. Wehrstätte
(1938); ders., Das Gräberfeld v. Altenwalde, Kr. Land Hadeln (1957); E.
Grohne, Mahndorf (1953); K.Zimmer-Linnfeld, Westerwanna 1 (1960).
A. Genridi, Formenkreise und Stammesgruppen in Schleswig-Holstein nach
geschlossenen Funden des 3. bis 6. Jahrhunderts (1954); dazu auch bes. J.
Brandt, Das Urnengräberfeld v. Preetz in Holstein (1960) bes. 61 ff.
Probleme der archäologischen Quellen 293

Abb. 25. Fundstellen der Völkerwanderungszeit im nördlichen Mitteldeutsch-


land (nach G. Mildenberger u. B. Schmidt) — Forschungsstand 1958
für die Altmark, 1961 für das übrige Gebiet; vgl. dazu Abb. 21—24.

geben50. In Dänemark liegen die Verhältnisse nicht viel anders51. Hier im


Norden muß man — wie in gewissen Teilen Ostskandinaviens — mit
Kult- und Grabbräuchen rechnen, die die wirkliche Besiedlung nicht ob-
jektiv spiegeln. Eine ähnliche Quellenlage braucht man für die Altmark
jedoch nicht anzunehmen, denn diese Landschaft ist von Gebieten um-
geben, in denen man in der beginnenden Völkerwanderungszeit die
Toten entweder wie bisher regelmäßig verbrannte und in Urnen bei-
setzte — Brandenburg, Mecklenburg und Osthannover — oder wo man
die Toten unverbrannt bestattete. Gegen Ende der jüngeren Kaiserzeit

50
H . Jankuhn, Die römische Kaiser- u. d. Völkerwanderungszeit, in: O. Klose
[Hrg.], Geschichte Schleswig-Holsteins II, 4 (1964) 258.
294 „Völkerwanderungen" in den Jahrhunderten um Christi Geburt

muß also die Bevölkerung abermals die Altmark größtenteils verlassen


haben.
Eine ähnliche Situation läßt sich für die Lausitz und für Nieder-
sdilesien nachweisen. Als jüngster Ausläufer der Lausitzer Kultur ist in

Abb. 26. Verbreitung der Billendorfer Kultur in Sachsen (nadi W. Kropf) —


Forschungsstand 1938; vgl. dazu Abb. 27—30.

Abb. 27. Verbreitung der jüngeren vorrömischen Eisenzeit in Sachsen (nach


J. Kostrzewski u. R. Hachmann) — Forschungsstand 1919 für die
Lausitz, 1949 für das übrige Gebiet; vgl. dazu Abb. 26 u. 28—30.
Probleme der archäologischen Quellen 295

der Lausitz und in Niederschlesien die Billendorfer Kultur reich ver-


treten (Abb. 26). Relative und absolute Chronologie dieser Kultur sind
auch noch heute nicht ohne Problematik. Die von W. Kropf ausgesonderte
Endstufe52 dürfte sich als Schlußphase der Kultur im wesentlichen halten

Abb. 28. Verbreitung der älteren Römischen Kaiserzeit in Sachsen (nadi G. Mil-
denberger) — Forschungsstand 1954; vgl. dazu Abb. 2 6 — 2 7 u. 29—30.

lassen. Nach G. Bierbaums Versuch, die Enddatierung der Billendorfer


Kultur zu klären 63 , hat sidi nichts ergeben, was deren Beurteilung hätte
ändern können, und es kann deswegen heute angenommen werden, daß
die Billendorfer Kultur einen Zeitabschnitt erreichte, der der Frühlat^ne-
zeit in Süddeutschland entspricht54. Über das Jahr 300 vor Christi Geburt
hinaus kann diese Kultur nicht heraufreichen55. In ihrem westlichen Ver-
breitungsgebiet trat an ihre Stelle die mitteldeutsdie germanische Brand-
gräberkultur, im Osten blieb das Land f u n d l e e r . Das Schicksal der
Bevölkerung der Billendorfer Kultur ist unbekannt. Besiedlung ist in
ihrem östlichen Verbreitungsgebiet nicht nur nidit mehr nachweisbar,
sondern nicht mehr vorhanden. Mehr als einhundert Jahre war das

51 J. Brondsted, Danmarks Oldtid 3. Jemalderen ( 2 1960) 283.


52 W . K r o p f , Die Billendorfer Kultur (1938) 144 ff.
58 G. Bierbaum, Zur Frage d. Enddatierung d. Billendorfer Kultur, in: Mannus-
E.-Bd. 6 (1928) 1 2 7 — 1 3 7 ; ders., Berichtigung zu Bierbaum: Zur Endda-
tierung d. Billendorfer Kultur, in: Mannus 22 (1930) 374.
54 H. P. Uenze, Zur Frühlat^nezeit in der Oberpfalz, in: Bayerische Vorge-
schichtsblätter 2 9 (1964) 7 7 — 1 1 8 .
55 W . Coblenz, Lausitzer Kultur, in: Ausgrabungen u. Funde 3 (1958) 228.
296 „Völkerwanderungen" in den Jahrhunderten um Christi Geburt

Land siedlungsleer. Um die Wende zum letzten vorchristlichen Jahr-


hundert läßt sich dann endlich eine Neubesiedlung feststellen. In der
Niederlausitz und in den angrenzenden Teilen Schlesiens findet sich nun

Mildenberger) — Forsdiungsstand 1959; vgl. audi Abb. 26—28 u. 30.

Abb. 30. Verbreitung der Völkerwanderungszeit in Sadisen (nach G. Milden-


berger) — Forschungsstand 1959; vgl. dazu Abb. 26—29.
Probleme der archäologischen Quellen 297

die germanische Lausitzer G r u p p e " (Abb. 27). Doch nach gut einem
halben Jahrhundert ist das Land schon wieder siedlungsleer. Es gibt
keinerlei Funde mit geschweiften Fibeln aus dem Bereich dieser Gruppe 57 .
Wieder einmal ist der Verbleib einer abwandernden Bevölkerung nicht
zu erfassen. Die Oberlausitz hat an dieser vorübergehenden Neubesied-
lung keinen Anteil. Sie blieb noch Jahrhunderte hindurch siedlungsleer.
In der älteren Kaiserzeit blieb der ganze Osten unbesiedelt (Abb. 28). Erst
in der jüngeren Kaiserzeit rückte eine neue germanische Bevölkerung —
offenbar aus dem Osten — ein 58 und drang zur Elbe vor 5 9 (Abb. 29), und
in der Völkerwanderungszeit reduzierte sich erneut der besiedelte Raum
(Abb. 30).
In der schleswigsdien Landschaft Angeln folgte auf eine sehr inten-
sive Besiedlung der jüngeren Kaiserzeit 60 , die bis in die Völkerwande-

J . Kostrzewski, Die ostgerm. Kultur d. Spätlatenezeit 1 (1919) 225; K. Tak-


kenberg, Urnengräber der Spätlatenezeit aus Niedersdilesien, in: Altsdilesien
2 (1927/29) 241—250.
57 R . Hadimann, in: 41. Ber. d. Röm.-Germ. Kommission 1960 (1961) 71.
58 Vgl. W. Frenzel, W. Radig u. O. Reche, Grundriß der Vorgeschichte Sach-
sens ( 2 1935) 155 f.; ferner: W. Frenzel, Die germ. u. röm.-germ. Altertümer
d. Oberlausitz u. d. Grenzgebietes, in: Festschrift z. 25-Jahrfeier d. Gesell-
schaft f. Vorgesch. u. Gesdi. d. Oberlausitz zu Bautzen (1926) 97—127; ders.,
Das Gräberfeld Bautzen—Heiterer Blick, in: Bautzener Geschichtshefte 4
(1926) 67—69; ders., Haben vor den Burgunden auch Westgermanen in der
Oberlausitz gewohnt? in: Bautzener Geschiditshefte 6 (1928) 137—164; ders.,
Burk. Aunjetitzer Grab und Hügelgräber der Lausitzer Kultur mit germani-
scher Nachbestattung, in: Jahrb. Bautzen (1927) 31 ff.; J . Frenzel, Neue
Fundstellen aus germ. Zeit, in: Bautzener Geschichtshefte 4 (1926) 70—72;
Fr. Lehmann, Neue Burgundenfunde b. Bautzen, in: Sachsens Vorzeit 1
(1937) 67—68; ders., Ein burgundisches Haus b. Teichnitz, in: Sachsens Vor-
zeit 2 (1938) 63—65; R. Needon, Das Brandgräberfeld v. Litten b. Bautzen
u. verwandte Fundstätten aus der späteren römischen Kaiserzeit, in: Jahres-
hefte d. Gesellschaft f. Vorgesch. u. Gesch. d. Oberlausitz 3, 1 (1920) 1—35
u. 52 f.; W. Ratzel, Zwei burgundisdie Brandgräber v. Dresden-Dobritz, in:
Sachsens Vorzeit 2 (1938) 155—161; A. Mirtschin, Ausgrabung eines Bur-
gunden-Friedhofs in Schönfeld b. Großenhain, in: Sachens Vorzeit 1 (1937)
123—134; dazu ferner: D. Bohnsack, Die Burgunden, in: H. Reinerth [Hrg.],
Vorgesch. d. dt. Stämme 3 (1940) 1033—1148, bes. 1079 ff. 1115 ff. Abb. 238;
E. Meyer, Studien zur mittleren u. späten Kaiserzeit in Sachsen (Diss. Leipzig
1961).
" Dieser aus dem Osten kommende Siedlungsschub wird allgemein als burgun-
disch angesehen. Das bedürfte noch eingehender Untersuchung. Vgl. die Kom-
binationen bei: D. Bohnsack, Die Burgunden, in: H. Reinerth [Hrg.], Vorge-
schichte d. dt. Stämme 3 (1940) 1071 f. 1074 ff.
60 H. Jankuhn, Siedlungsgeschichte u. Pollenanalyse in Angeln, in: Offa 10

(1952) 35; ders., Klima, Besiedlung u. Wirtschaft d. älteren Eisenzeit im


westl. Ostseebecken, in: Archaeologia geogr. 3 (1952) 23. 25 Abb. 3—5; ders.,
298 „Völkerwanderungen" in den Jahrhunderten um Christi Geburt

Abb. 31. Jastorf- und Steinkistengräberkultur in Pommern (nach H . J. Eggers)


— Forschungsstand 1937 für Ostpommern, 1955 für Mittel- und West-
pommern; die geringe Funddichte im mittleren und westlichen Teil des
Landes hängt mit den abweichenden Bestattungssitten der Jastorf-
kultur zusammen; vgl. Abb. 32—33.

rungszeit hineinreichte, eine vollständige Fundleere für die Merowinger-


zeit; erst im Verlaufe des 9. und 10. Jahrhunderts wurde das Land lang-
sam wieder aufgesiedelt61, Auftakt des mittelalterlichen Landausbaus.
Bevölkerungsveränderungen traten auch im Verlaufe der Gesichts-
urnen- und Steinkistengräberkultur oder mit deren Ende ein. Schwierig-
keiten, eine relative Chronologie dieser Kultur aufzustellen, verhindern
gegenwärtig noch zu erkennen, wann sich hier eine Dezimierung der
Bevölkerung vollzog, mit der ein Verlassen der schlechten Böden ein-
herging. Der Vorgang kann sich schon im Verlaufe der jüngsten Phase
dieser Kultur vollzogen haben; er kann auch mit dem Übergang zur
„ostgermanischen Kultur der Spätlat^nezeit" zusammenfallen. H . ,J.
Eggers neigte dazu, ein Weiterleben der Steinkistengräberkultur durch
die mittlere vorrömische Eisenzeit anzunehmen und ein Besiedlungsopti-

Die römische Kaiserzeit u. d. Völkerwanderungszeit, in: O. Klose [Hrg.],


Geschichte Schleswig-Holsteins II, 4 (1964) 282 Abb. 10.
61
H. Jankuhn, Offa 10 (1952) 36 f.
Probleme der archäologischen Quellen 299

Abb. 32. Jüngere vorrömisdie Eisenzeit in Pommern (nach A. Dymaczewski) —


Forschungsstand 1964; vgl. Abb. 31 u. 33.

Abb. 33. Ältere Römische Kaiserzeit in Pommern (nach A. Dymaczewski) —


Forschungsstand 1964; vgl. Abb. 31—32.
300 „Völkerwanderungen" in den Jahrhunderten um Christi Geburt

mum spät anzusetzen"2. Dann w ä r e die Abwanderung größerer Bevölke-


rungsteile in einem späten Abschnitt des zweiten vorchristlichen Jahr-
hunderts erfolgt. Trotz mangelhaften Bearbeitungsstandes ist die V e r -
änderung des Siedlungsraumes zwischen der Phase der größten Expansion
der Steinkistengräber 63 und der beginnenden jüngeren vorrömischen Eisen-
zeit 64 kartographisch sichtbar zu machen, besonders deutlich f ü r Pommern.
Die Gesichtsurnen- und Steinkistengräberkultur w a r in der Phase ihrer
größten Ausdehnung selbst auf schlechten Böden des pommerschen Sanders
reich vertreten (Abb. 31), mit dem Beginn der jüngeren vorrömischen
Eisenzeit w a r das Landesinnere weitgehend siedlungsarm oder sogar
leer (Abb. 32). Die Veränderung läßt sich auf kleinem Raum am deut-
lichsten erkennen. Der ehem. ostpommersche Kreis Bütow ist außer-
ordentlich reich an Funden der Steinkistengäberkultur, dagegen fehlen
Funde der jüngeren vorrömischen Eisenzeit ganz 65 . Genauso liegen die
Verhältnisse im ehem. Kreise Rummelsburg 66 . Wie im Kreise Bütow er-

62 Vgl. H. J . Eggers, Die Mittel-Latenezeit in Mittelpommern, in: Baltische


Studien N. F. 43 (1955) 16: „Wenn wir . . . feststellen, daß die Gräber-
felder des Jastorfkreises nodi in der Mittellatenezeit die Grenze der Stein-
kistengräberkultur respektieren, dann ist dies vielleicht der erste Hinweis
darauf, daß diese in Ostpommern so überaus zahlreich vertretene Kultur
nicht nur die Frühlatenezeit sondern auch noch die gesamte Mittellatene-
zeit hindurch gelebt hat." — So auch K. Jazdzewski, Poland (1965) 141, wo
Eggers' Auffassung übernommen wurde.
63 W. La Baume, Urgeschichte d. Ostgermanen (1934) 46 f. Abb. 21 zeigt die
Verbreitung der Gesichtsurnen; vgl. dazu W. La Baume, Die pommerellischen
Gesichtsurnen (1963) mit Karte 3; brauchbarer für Ostpommern H. J . Eggers,
Monatsblätter d. Ges. f. pomm. Gesch. u. Altertumskunde 51 (1937) 180—184
Karte 2 wieder abgedruckt in: Baltische Studien N. F. 43 (1955) Taf. 4;
ders., Besprechung von J . Kostrzewski, Kultura Luzycka na Pomorzu (1958),
in: Archaeologia geogr. 8/9 (1959/60) 51—59 bes. 54 Abb. 5—6.
64 D. Bohnsack, Die Burgunden in Ostdeutschland u. Polen (1938) 100 ff. Abb.
75; vgl. dazu auch A. Dymaczewski, Aus den Forschungen über das Sied-
lungswesen der Spät-Lä-Tene- u. röm. Kaiserzeit in Westpommern, in: Arch.
Polona 7 (1964) 114—134 Abb. 1.
65 H. J. Eggers, Ubersicht über die vorgeschichtlichen Funde, in: G. Bronisch
u. a., Die Kunst- und Kulturdenkmäler der Provinz Pommern 1. Kreis Bütow
(1938) 22.
66 H. J . Eggers u. G. Giesen, Vorgeschichte, in: Der Kreis Rummelsburg. Ein
Heimatbuch (1938) 5 Karte 3: „Häufiger als die Haus- sind die Gesichtsurnen,
die allerdings bisher im Kreise Rummelsburg nur in verhältnismäßig entarte-
ten, späten Beispielen vertreten sind. Dies ist mit ein Anhaltspunkt dafür,
daß die Steinkistengräberkultur im Hauptteil des Kreises Rummelsburg nicht
ursprünglich, sondern von den Nachbarkreisen Bütow und vor allem Lauen-
burg eingedrungen ist. . . . Die Brandgräberkultur der vorrömischen Eisen-
zeit . . . i s t . . . bisher im Kreise Rummelsburg noch unbekannt."
Probleme der archäologischen Quellen 301

folgte dort eine Neubesiedlung erst mit der jüngeren Kaiserzeit' 7 , und
das ist bezeichnend für die schlechten Böden im gesamten pommersch-
unterweichselländischen Raum' 8 (Abb. 33).
Aufgabe besiedelten Raumes läßt sich in Nordböhmen für das fort-
geschrittene letzte vorchristliche Jahrhundert nachweisen. In der Zeit
der geschweiften Fibel sind keine Spuren der Gruppe Bodenbach-Kobil
in Nordostböhmen mehr nachweisbar69. Es ist wiederum nicht ersichtlich,
wohin sich die Bevölkerung gewandt hat. Sie mag in den Germanen auf-
gegangen sein, die nun allenthalben im Lande nachweisbar sind. In jedem
Fall muß sie ihren alten Siedlungsraum aufgegeben haben, der in der
Zeit der geschweiften Fibel und auch danach gänzlich unbesiedelt ist
und erst spät im ersten nachchristlichen Jahrhundert wieder spärlich auf-
gesiedelt wird 70 .
Siedlungsveränderungen, wie die vorstehend aufgezählten, sind
nicht selten im kontinentalgermanischen und nordgermanischen Raum.
Ihr Nachweis ist kein Problem, das von einer bestimmten Fragestellung
abhängig ist, sondern oft eine Frage des Forschungsstandes. Würde man
das gesamte Fundgut Mitteleuropas zwischen der Mitte des letzten vor-
christlichen und der des ersten nachchristlichen Jahrtausends systematisch
sichten, gründlich chronologisch ordnen und kartographisch darstellen, so

" H. J. Eggers u. G. Giesen, a . a . O . 6: „Auffällig ist, daß bisher alle kaiser-


zeitlichen Funde des Kreises Rummelsburg in die Zeit nadi 200 n. Chr. Geb.
zu setzen sind, was auch für den Nachbarkreis Bütow zutrifft."
88 Vgl. O. Almgrens Kartierung, in: Mannus 8 (1917) Karte S. 291, deren

Grundlage E. Blume, Die germ. Stämme u. d. Kulturen zw. Oder u. Passarge


zur röm. Kaiserzeit 2 (1915) ist. Vgl. auch R. Schindler, Die Besiedlungs-
gesch. d. Goten u. Gepiden im unteren Weichselraum auf Grund d. Tonge-
fäße (1940) 102 ff. 105 ff. Karte 5—6; Kr. Przewózna, Ksztaltowanie sie
skupisk osadniczydi u ujscia Wisly w okresadi póznolateñskim i wplywów
rzymskich, in: Archeologia Polski 8 (1963) 289—302 Karte 1—5; dies.,
Research on the Late La Tene and Roman Period in East Pomerania, in: Ar-
diaeologia Polona 8 (1965) 162—176 Karten 1—3.
•» Vgl. R. Hachmann, 41. Ber. d. Röm.-Germ. Kommission 1960 (1961) 116 f.
123 f. Abb. 41.
70 Vgl. K. Motyková-Sneidrová, Die Anfänge d. röm. Kaiserzeit in Böhmen

(1963) 8 Karte. — Die wenigen nordostböhmischen Funde, die die Karte ver-
zeichnet, gehören nicht in die Obergangszeit (Zeit der geschweiften Fibel)
und auch nicht in die Frühphase der älteren Kaiserzeit. — Von Bodenbach
(Podmokly) stammt — wohl aus einem Brandgrab — eine relativ späte
kräftig profilierte Fibel (K. Motyková-Sneidrová, a . a . O . 43 Nr. 1); un-
klar ist die Datierung zweier kräftig profilierter Fibeln aus RaiSovice (K. Mo-
tyková-Sneidrová, a . a . O . 51 Nr. 80); dasselbe gilt für eine Siedlung von
Stvolínky (K. Motyková-Sneidrová, a. a. O. 59 Nr. 81). — Vgl. dazu K. Mo-
tyková-Sneidrová, in: Berliner Jahrbuch f. Vor- und Frühgeschichte 5 (1965)
117 f.
302 „Völkerwanderungen" in den Jahrhunderten um Christi Geburt

dürfte sich die Zahl gleich- oder ähnlidigelagerter Fälle wesentlich ver-
größern lassen.
Die vorgelegten Beispiele mögen, da es sich hier doch im wesent-
lidien darum handelt, paradigmatisch vorzugehen, genügen. Sie reichen
auch deswegen aus, weil schon sie es erlauben, über Zu- und Abwande-
rungen und über temporäre Siedlungsleere Erkenntnisse zu gewinnen und
Folgerungen zu ziehen, die eine gewisse allgemeine Gültigkeit bean-
spruchen können.
Es läßt sich erkennen, daß größere und kleinere Landschaften in
Germanien für kürzere oder längere Zeit ihre Bevölkerung ganz oder
fast vollkommen verloren. Die Dauer der Siedlungsleere ist unterschied-
lich, umfaßt knappe einhundert Jahre — wie im Elbmündungsgebiet —
oder bis zu fünfhundert Jahren — wie in der Oberlausitz. Regeln oder
Gesetzmäßigkeiten im Verlassen oder Wiederbesiedeln lassen sich nicht
erkennen. Auch die Besiedlungsdauer ist unterschiedlich; sie schwankt
zwischen etwa fünfzig Jahren — wie in der Niederlausitz und angren-
zenden Teilen Niederschlesiens — und mehreren Jahrhunderten — wie
in der Altmark. Manche Landschaften wurden niemals — auch nicht für
kürzere Zeitabschnitte — verlassen; das Gebiet um Mittelelbe und Saale
ist dafür das beste Beispiel. Die mit der Abwanderung und der Neube-
siedlung verbundenen Vorgänge lassen sich durchweg nur unvollkommen
erfassen. In einigen Fällen ist kurzfristig vollständige Abwanderung
erfolgt — so im Elbmündungsgebiet und in der Niederlausitz —; in
anderen wiederum mag der Vorgang ein allmählicher gewesen sein. Oft
ist es deutlich, daß es vornehmlich die schlechten Böden waren, die auf-
gegeben wurden, während die besseren Böden desselben Raumes besiedelt
blieben — so in Pommern und Westpreußen — oder wenigstens Bevölke-
rungsreste behielten — wie in der Altmark. In manchen Fällen haben
sichtlich wirtschaftliche Momente eine Rolle gespielt. Es bleibt indes un-
klar, ob sie die ausschlaggebenden Gesichtspunkte für die Abwanderung
lieferten. Oft ist erkennbar, daß die schlechteren Böden im Rahmen einer
Art Binnenkolonisation neubesiedelt wurden, so in Pommern und West-
preußen.
Die bislang bekannten Fälle erlauben es in der Regel nicht, genauer zu
erkennen, w o h i n sich die Abwanderer wandten. Unklar bleibt es audi
meist, w o h e r Zuwanderer kamen. Wurde Binnenkolonisation n u r
vom lokalen Bevölkerungsüberschuß getragen? Oder kamen dafür auch
fremde Siedlerfamilen oder -gruppen in Betracht? Hinweise auf die Be-
antwortung solcher Fragen bleiben in der Regel ganz allgemein.
Die bisher behandelten Besiedlungsveränderungen sind nicht an kul-
turellen Merkmalen des Quellenmaterials, sondern einzig an der Fund-
Probleme der archäologischen Quellen 303

frequenz — der der Gräbergruppen und Gräberfelder — zu erkennen.


Bevölkerungszu- und -abnahme innerhalb s t ä n d i g besiedelter Räume
lassen sich in der Regel nicht so eindeutig fassen. Aus dem Abbrechen von
Gräberfeldern allein Schlüsse zu ziehen, ist oft gewagt. Ein Ende der Be-
legung von Gräberfeldern wird oft durch die Zufälligkeiten der Fund-
bergung vorgespiegelt. Wo ein Abbrechen objektiv nachweisbar ist, kann
es verschiedene Ursachen haben, die auch in der Kultur der Bevölkerung
liegen können. Aufgabe der Siedlung — und des Gräberfeldes — schließt
nidit Ansiedlung in unmittelbarer Nachbarschaft aus. Nur selten erlaubt
die Fundbeobachtung genaue Aufschlüsse71. Oft täusdit eine Veränderung
der Bestattungssitten — das Beispiel ö l a n d zeigt es (vgl. unten S. 391 ff.)
— eine Abwanderung vor. So scheint der Ubergang von der Brand- zur
Körperbestattung in Brandenburg eine beträchtliche Bevölkerungsab-
nahme vorzuspiegeln, weil mit dem Übergang zur Körperbestattung
gleichzeitig die Sitte aufgegeben wurde, a l l e Mitglieder einer Siedlungs-
gemeinsdiaft auf e i n e m Bestattungsplatz und allesamt m i t Beigaben
zu begraben. Veränderungen in den Bestattungssitten, die sich in der jün-
geren Kaiserzeit und später vollzogen, müssen stets sorgfältig daraufhin
untersucht werden, wieweit der Grabritus die Bevölkerungszahl wirklich
widerspiegelt.
Wenn es auch stets schwierig ist, Bevölkerungswechsel festzustellen,
wenn zwischen dem Ende einer Besiedlung und der Ausbreitung einer
neuen Bevölkerung kein Hiatus — keine sichtbar siedlungslose Epoche
— liegt, gibt es dennoch Beispiele, wo Neueinwanderung von fremden Be-
völkerungsteilen an Hand des Fundguts zwingend angenommen werden
muß; sei es, daß sich Fremde zwischen den Einheimischen ansässig mach-
ten; sei es, daß ein vollständiger oder fast vollständiger Wechsel der Be-
völkerung erfolgte.
Schon früh sind in Mitteldeutschland und in der Wetterau Grab- und
Siedlungsfunde „ostgermanischen" Charakters aufgefallen 72 . Eine Zusam-
menstellung des verstreut veröffentlichten Fundstoffs zielte darauf, archäo-
logische Kriterien zu finden, mit deren Hilfe die Fremdheit der Funde
verständlich gemacht werden könnte 7 '. Es wurde versucht, auf Grund der
Grabfunde, die ja den Vorzug besitzen, nicht nur einen begrenzten Über-
blick über eine relativ kleine Anzahl von Formen der materiellen Kultur
zu gestatten, sondern auch Aussagen über bestimmte Bereiche der geistigen
71
Vgl. R. Schindler, Si