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Der neue Pflug

Monatsſc<hrift, begründet von öer


Wiener Urania
Unter Förderung von: Friedrich Be>e, Arnold Durig, Gerhart
Hauptmann, Clemens Holzmeiſter, Wilhelm Kienzl, Anton Lampa,
Eduard Leiſching, Karl Sterrer, Richard Wettſtein, Anton Wildgans
BETT MAI 1928 EEITTRNTIEZEISEER
Krystall-Verlag Ges. m. b.H., Wien, I., Am Graben 29a (Trattnerhof)

Inhalts- und Bilderverzeichnis


Seite Seite
Der Nahwudhs. Wiener Roman, V. Der Wiener Wald: und Wiefengürtel . 41
Bon Jofef Weinheber .. ..... 3 Vorgeſchichtliche Völker und Kul-
Lügenſteine turen in Mitteleuropa
Von Annie France Harrar . . . .16 Von Univ.-Prof. Dr. OSwald Menghin 46
Beringerſche Lügenſteine. . . . - . . 17 Gefäße, Bronze: und Eiſengeräte . . .47
Prähiſtoriſche Skulpturen auf Neutale- Eifernes Schwert uſw. ....... 49
DRIN = a ee 19: -Rotteemeller 110. 7 2... 51
Die „Schrift“ von: Glozel ...... 22:7 VON UWE er no a nen: 52
«Homo diluvü testi». . . . . . . . 23 Techniſche Umſchau
Kopenhagener Porzellan Elektriſche Bildübertragung
Von Joſef Soya... .. u... - 24 Von Emo Descovih ....... 54
DOpiumrauder . 2.2.20 25 Belinfcher Empfangsapparat . . . . . 55
Bafen. » . u - 00 R Rr EEs 27 Empfangsapparat nad) Zulton . . . . 55
Kleiner Grönländer . :. .-. ... ... 29 Bildübertragungen . . 22.2.2... 56
Befinnung Theater
Bon Hans Zeuget . . . . . . . . 30 Von Hofrat Dr. Max Lederer . . . 59
Abraham a Sancta Clara als Der Bücherſchrein . . . ..... 61
Techniker
Von Dr.-Ing. Franz M. eu) <
Muſik : im Haus
2
Berlin 2-4. .31 Hans Pfigner in Wien -
Bleiweißfhneider . 222.22. . 32 Von Univ.-Prof. Dr. V. Junk . . . 63
KOLMEE an 33 Über altruffifhe Lauteninftrus
SDURER De 35 mente II.
Gteinfhneider . .. - 2: 2220. 37 Bon Alois Beran . . 2.2.2... 66
Der Wiener Wald: und BWiefen- De Balalaila: -...:: : 2° 3552:5 66
gürtel Laute und Gitarre in. der moder-
Von Hans. Kaindlſtorfer . . . . . . 39 nen Enzyklopädie
Der Wiener Wald- und Wieſengürtel . 40 Von Dr. Joſef. Zuth.. 022202254 69

Preis eines Heftes S 1'60


Bezugspreis vierteljährlich 5 4.50

Das Abonnement kann mit jedem Monat begonnen werden, läuft aber mindeſtens bis zum
Ende jenes Vierteljahres, innerhalb deſſen die Zeitſchrift abbeſtellt wird
Muſik im Haus
Geleitet von Dr. Joſef Zuth
7. Tahr 3. Folge

Hans Pfitzner in Wien


Bon Bictor Junk

Für die in ihrer Art einzig da- 1909 erſchienenen Buche „Die deut-
ſtehende Kunſt Hans Pfißners hat ſ<e Muſik der Gegenwart“: „Unter
Wien nod) immer nicht das getan, all den vielen und ſtarken Talenten,
was einem jchöpferifchen Genie von deren unſere Kuſt ſich rühmen darf,
jeiner Größe gebührt, wenngleich die jheint er (Pfißner) mir die ein-
Erkenntnis ſeiner Größe in weite zige Begabung zu fein, die alle Kenn-
Kreiſe der ausübenden Künſtler, wie zeihen des Genialen trägt. Was
des muſikliebenden Publikums ge- mit dieſer Behauptung geſagt fein
drungen iſt. Aber ſelbſt bei ernſten ſoll, iſt unſchwer zu begreifen.. . Zu-
Beurteilern des modernen Muſikbe- nächſt ſoll damit natürlich eine quan-
ſihſtandes drängt ſich immer noch der titative Schäßung gemeint ſein: daß
Vergleic) mit anderen auf, wo gar ich unter den lebenden Komponiſten
nichts zu vergleichen iſt. Denn ſeine Pfigner für die ftärffte Begabung
Kunſt iſt ein an ſich Unvergleich- halte. Aber niht nur das allein, ſon-
liches. dern vor allem aud no< ein Weite-
Ic<h habe es ſeit mehr als zwei res: daß mir die Art der produkti-
Dezennien immer wieder ausgeſpro- ven Begabung Pfißners von der
<en und halte heute mehr denn je ſeiner komponierenden Zeitgenoſſen
daran feſt, daß Hans Pfißner unter — die größten nicht ausgeſchloſſen --
den Lebenden die einzige wahrhaft weſentlih und fundamental verſchie-
große, den verſtorbenen Großmeiſtern den zu ſein ſcheint. Denn ich bin
der deutſ<hen Tonkunſt anzureihende nicht der Anſicht, . .. daß das Genie
Schöpferkraft iſt und ſeine Werke nur graduell vom Talent verſchieden
vor allen anderen auf das Attribut ſei, ... vielmehr liegt hier... ein
des „Genialen“ Anſpruch machen Artunterſdcied vor... Und eben
können. darum will ich nicht ſowohl etwas be-
I< ſtehe mit dieſer, in der Kennt- ſonders Superlativiſches, ſondern
nis ſeines geſamten Gchaffens ge- etwas beſonders Kennzeichnendes
feſtigten Überzeugung nicht allein, fagen, wenn ich) Pfißner das einzige
kann mich vielmehr auf gewichtige echte und wahrhafte Genie unter den
kritiſche Stimmen berufen, die das ſchaffenden Tonkünſtlern der Gegen-
alles Überragende an dieſer zeitge- wart nenne.“ Die gleiche Ausnahms-
nöſſiſchen Künftlererfheinung noch ſtellung räumt ihm Karl Stor>, einer
viel entſchiedener betont haben. Ru- der beſten Kenner der deutſchen
dolf Louis ſ<rieb in ſeinem zuerſt Geiſtesgeſchichte, in ſeiner auf tiefer
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Victor Junk

Durchdringung des Gegenſtandes be- Winkler-Quartett und das


ruhenden „Geſchihte der Muſik“ Prixz-Quartett nennen, die
(4. Auflage 1921) ein. Pfigner gilt beide den Hauptanteil an der Propa-
ihm als Beleg dafür (Seite 334) „daß gierung dieſer an die Entwiklungs-
auch heute no< das Erſcheinen der linie Beethoven-Shumann-Brahms
künſtleriſchen Perſönlichkeit anzureihenden Werke haben. Das
und ein durdaus und nur in ihr Trio, das“ Klavierquintett, die Cello-
ſelbſt begründetes und durc ſie not- ſonate und die Violinſonate ſahen
wendiges Schaffen möglid iſt.... den Komponiſten ſelbſt am Flügel;
Da ſind Mächte am Werke, die ge- die Celloſonate hörten wir außer-
heimnisvoll ſih unſerem Begreifen dem von Winkler, beziehungs-
entziehen, uns aber dur< die Gewalt weiſe von Frau Prixy-Zahor-
ihrer Bekundung zur Ehrfurc<t zwin- naßky, mit Prof. Kerfhbau-
gen und von ihrer Höheren Notwen- mer, beziehungsweiſe Frau Jahn-
digkeit im Weltlaufe überzeugen.
... Beer am Flügel. Die Bevorzugung
Endlich wieder einmal können wir dieſes Werkes iſt bezeichnend. Sie
auch das Theater als Tempel empfin- beweiſt aufs Neue die außerordentli-
den, in dem die Gnade der Gottheit chen Schönheiten diefes unbegreiflid)
aus dem von ihr erkorenen Menſc<hen- fertigen und gereiften Erſtlings-
gefäße geſpendet wird.“ . werkes, mit dem gleich der ganze
Wer nun Pfißner kennt, der weiß, Pfißner vor uns daſtand. Die Violin-
wie ſehr ihm gerade an Wien gelegen ſonate ſpielte Chriſta Richter mit
iſt, wie wohltuend ihm Beweiſe des dem Komponiſten. So war der Weg
Verſtändniſſes und der Liebe zu ſei- bereitet für das zweite Gtreichquar-
ner Muſik ſind, gerade wenn ſie von tett in Cis-Moll. Anlage, Gehalt und
hier kommen. Schönheit diefes Werkes werden wohl
Und doh iſt der Kreis no<' immer erſt ſpätere Generationen voll zu
kein ſehr großer, der ſich hier offen würdigen wiſſen. Denn wir ſelbſt
und frei zu ihm bekennt. vertiefen uns mit wachſender Ergrif- .
fenheit in das ſ<wierige Werk, das
Die Wiener Pfißner-Gemeinde (es
von den genannten Quartettvereini-
iſt ein Verein, der ſich ſo nennt —
gungen auch in ihren eigenen Abon-
der Name könnte irreführen, denn
nementskonzerten zu unſer aller auf-
die wirkliche „Gemeinde“ um Pfißner
iſt ſicher viel größer) hat nun ſeit richtigem Dank geſpielt wurde.
drei Jahren eine emſige Tätigkeit Die Lieder Pfikzners begegnen uns
entfaltet und im Verein mit der in den Wiener Konzertſälen noch recht
Oper und mit der Geſellſchaft der ſpärlih. Richard Mayr, Roſette
Muſikfreunde Pfißner ſelbſt wieder- Anday und Bella Paalen gingen
holt nac< Wien geladen. So iſt all- voran. In der Pfißner-Gemeinde
mählih die geſamte Kammermuſik dann vor allem Hans Duhan,
Pfizners in muſtergültigen Auffüh- Lucie Weidt, Bella Paalen,
rungen zu Gehör gekommen, manches Alice Shroetter-Coroza, Ama-
Werk ſogar zu wiederholten Malen. lie Loewe (dieſe auch im Radio)
Hier müſſen wir mit beſonders dank- und Frl. Anday. Es hieße den An-
barer Anerkennung das Sedlak- teil des Beften fehmälern, wollten wir
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Hans Pfitzner in Wien

dabei nit auch, und zwar mit be- feines Schaffens mädtig Fundtuende
fonderer Hervorhebung, des Mannes Nebeneinander von Mufifdrama und
gedenfen, der jo recht als der getreue Kammermuſik, die bis dahin, wie wir
Edart der Wiener Gejangskünitler, an Wagner, Schumann, Brahms
gleihfam als ihr mufifalifches Ge- ſahen, ſich gegenſeitig auszuſchließen
wiſſen, gelten muß: Ferdinand Foll, ſchienen!
des unvergleichlichen Klavierbegleiters. Wie ſteht es nun in Wien mit den
Das Klavierkonzert hörten wir zu- Muſikdramen?
erſt 1923 in einer von Pfißkner Die „Roſe vom Liebesgarten“ hatte
ſelbſt geleiteten Aufführung von Frau 1905 der ſchöne Eifer und die werk-
Frieda Kwaſt-Hodapp, dann tätige Treue Bruno Walters für
bald darauf auch von Gieſeking. Wien gewonnen. Walter hat auch
Seither niht mehr. Das BViolinkon- den anfangs widerſtrebenden M a h-
zert ſpielte zuerſt Rosthal, dann ler dafür gewonnen, der ſich dann
unſere heimiſ<e BZauberkünſtlerin mit dem ganzen Gewicht ſeiner ener-
auf der Geige, Chriſta Richter, gifhen Perſönlichkeit und ſeiner
und zwar in dem jüngſten, 1928 vom Madtitelung dafür einfegte. (Es war
Komponiſten geleiteten Radiokonzert. „Liebe in ihm“.) Nac< wenigen Jah-
Andere Orceſterſtüke brachte Pfißner ren aber verſchwand die „Roſe“ und
1923 ſelbſt, ſo die Muſik zum „Feſt erſt 1926 erſtand ſie wieder, unter
auf Solhaug“ und die zum „Kätchen Pfigners eigener Regie und Stab-
von Heilbronn“, die leztere: wurde im führung. Shmedes und die Mil-
genannten Radiokonzert wiederholt. denburg, die Unvergeßlihen aus
Einen mächtigen Impuls zugunſten der Zeit der erſten Aufführungen,
der Wiener -Pfiznerbewegung gab hatten fih in Richard Shubert
die denkwürdige zweitägige Erſtauf- und Claire Born aufs herrlichſte
führung der romantiſchen Kantate verjüngt. Seither aber ſind zwei
„Von Deutſcher Seele“ unter Furt- Jahre dahingegangen und die „Roſe“,
waengler. Aber das iſt einige wiewohl manc<hmal geplant und im
Jahre her und das Werk wäre längſt Februar dieſes Jahres zu Pfißners
wieder „fällig“. Anweſenheit in Wien ſogar angeſeßt,
Bei Hans Pfißner gibt es keine kam nicht wieder heraus.
ſ<wächeren Werke, und ſo ſehr ge- Der „Paleſtrina“ ſteht im Reper-
rade er uns das ſeltene Bild eines toire, erlebt aber jährlih kaum mehr
edlen, fi) zu immer größeren Zielen als eine Aufführung und ſelbſt für
emporhebenden Schöpfergeiftes gibt, dieſe wird nicht ſo vorgeſorgt, wie es
ſo ſind doh feine erſten Werke feines- einem ſolhen Ausnahmswerk ge-
wegs etwas Unreifes, Werdendes. ziemte. Wichtige Neubefegungen müß-
Hiefür iſt die Celloſonate, op. 1 (1890), ten erfolgen, vor allem die der Titel-
ebenſo wie ſein erſtes Muſikdrama, tolle. Ein gelegentliches Gaſtſpiel von
„Der arme Heinrich“ (1891-1893) das Erb und Frau Jvogün vor
beredtejte Zeugnis. Nicht minder be- wenigen Jahren ließ uns ahnen,
zeichnend aber aucd für die bis dahin was darſtelleriſche Kunſt den Geſtal-
unerhörte Univerſalität Pfißners iſt ten des Paleſtrina und Ighino noch
dieſes ſich ſchon im erſten Anfange abgewinnen kann!
65
Alois Beran

Der „Arme Heinrich“, mit dem es ſonſt, als Weihnadtsmärden für die
andere große deutſche Operntheater Kinder des öfteren im Jahre gege:
bezeichnenderweiſe immer wieder ab ben. Bon dem hohen Reiz des Wer-
und zu verſuchen, weil ſie ſich der kes, deſſen reine unbekümmerte Nai-
Ehrenſ<huld der deutſchen Bühne vität auf der deutſchen Bühne ſeit
gegenüber dieſer ernſteſten und tief- dem „Hannele“ nicht mehr da war,
ſten nach-Wagneriſchen Verlebendi- gab eine konzertante Privatauffüh-
gung deutfhen mittelalterlihen Dich- rung, die ich ſelbſt vor zwei Jahren
tergeiftes bewußt bleiben, ift bei uns im Kleinen Muſikvereinsſaale veran-
im Jahre 1915 herausgefommen, ſtaltete, eine Andeutung: wir hofften
mitten im Krieg und no< dazu an alle, nun würde die Oper zugreifen.
jenem Tag, an dem uns Praemysl Sie tat es nicht, troß energiſchen Zu-
verloren ging: die allgemeine Deprej- redens: das „Chriſtelflein“ mußte
ſion raffte das Werk ſpurlos mit ſich. hinter „Peterchens Mondfahrt“ zu-
Und doch warten wir darauf und rücſtehen. Auch meine Bemühungen
hoffen, daß die Wiener Oper, die bei der Volksoper, denen Rainer
neueſtens für Experimente von Hin- Simons ſympathiſ<; gegenüber-
demith, Strawinsky uſw. ſo viel ent- ſtand, ſcheiterten an politiſchen Ge-
gegenfommende Nachgiebigkeit zeigt, genſtrömungen von ſeiten ſeines Mit-
fi) vielleicht doch aud) eines Tages direktors.
des armen Heinrichs erinnert. Auf Es gibt zu unſerem Troſte nod
volle Häuſer wird freilich nicht zu Stätten, wo kritiſcher Haltloſigkeit
rechnen fein. Aber wie viele waren und Politik nicht ſo viel Einfluß auf
denn mit den genannten modernen den Gpielplan eingeräumt wird. In
Komponijten zu erzielen? Münden zum Beiſpiel ſtehen ſämt-
Und nod ein dramatifches Werk liche Werke Pfißners auf dem Spiel-
Pfigners ſc<eint für die Wiener plan, vom „Paleſtrina“ bis zum
Operndirektion nicht vorhanden zu „Chriſtelflein“, dafür hat man dort den
ſein: das „Chriſtelflein“. Dieſes koſt= „Jonny“ abgelehnt -- faſt ein Ana-
bare deutſche Märchenſtü> voll zarte- <hronismus in unſerer Zeit, aber —
ſter, reiner Muſik iſt an vielen deut- ein ſchöner. In Wien iſt's gerade
{hen Bühnen, fogar in Berlin, Ne- umgekehrt!
pertoireftüd, und wird dort, wie aud)

Über altruſſiſ<he Lauteninſtrumente


Bon Alois Beran, Kloſterneuburg

Die Balalaika*). Spiel auf der Domra verboten, nac-


dem ihm dieſes Inſtrument als Attri-
Um die Mitte des 17. Jahrhunderts but liederliher Gubjekte erſchien,
hatte der hohe Klerus in Rußland das welche dur; Spiel und Begleitung
*) Siehe den 1. Artikel dieſer Serie im das überhandnehmende Unweſen an-
6. Hefte der „Muſik im Haus“. ſtößiger Tänze und Lieder förder-
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Über altruſſiſche Lauteninſtrumente

ten**). Alsbald verſchwanden die land vollſtändig unbekannt war, ſo iſt


Domren im Reiche und ſo kam es, daß die Annahme berechtigt, daß das In-
im Laufe eines Jahrhunderts kein ſtrument, ebenſo wie die frühere
einziges Lauteninſtrument zur Gel- jtammverwandte Domra, von einem
tung kam. Wenigſtens wird kein ſol- öſtlichen aſiatiſchen Volksſtamm ihren
djes bei Aufzählung und Beſchreibung Ausgang nahm. Dafür ſpricht auch der
der in Rußland gebräuchlichen Inſtru- Umſtand, daß die Balalaika zuerſt in
mente erwähnt. Nad) der Wende die- den öſtlihen Gouvernements NRuß-
ſes Jahrhunderts erſt wird zum erſten lands in Gebraud) fam und von dort-
Male ein der Domra ſehr ähnliches her ſich immer weiter verbreitete. Dies
Inſtrument genannt. Es iſt die Ba- gefhah in der erſten Hälfte des
lalaika. Dieſe Kunde verdanken wir 18. Jahrhunderts.
dem ruſſiſchen Hiſtoriker Golikow, Das Charakteriſtiſche der Balalaika
welcher über das Leben Peters des iſt die dreiekige Form des Schallkör-
Großen ſchrieb und hiebei von einem
pers, wodurd ſie ſich ſchon äußerlid)
großen Maskeradenzug berichtete, der von der Domra mit ihrem runden,
im Jahre 1715 auf Veranlaſſung birnenförmigen Korpus unterſcheidet.
dieſes Zaren ſtattfand. Im Gefolge Es liegt die Vermutung nahe, daß die
des impoſanten Zuges erſchienen in
Balalaika urſprünglich von Laien-
eigenen Gruppen und Koſtümen die händen hergeſtellt worden war, deren
Repräſentanten verſchiedener Völker- Kunſtfertigkeit zum Bau eines ge-
ſchaften und Berufe, welde in ihren wölbten Schallkörpers nicht hinreichte
Händen die ſie <arakteriſierenden ty-
und es bei der primitiveren flachen und
piſchen Geräte oder Gegenſtände tru- dreie>kigen Form bewenden ließ. Gleich=
gen; ſo zum Beiſpiel die Chineſen wie die Domra war auch die Balalaika
Dudelſäe, die Tunguſen Gloden- anfänglid) bloß mit zwei Saiten be-
ſpiele uſw. Eine Gruppe führte . jpannt und hatte wie jene einen auf:
Lauteninſtrumente mit ſich, es waren fallend langen Hals, oft in der vier-
Kalmüken mit Balalaiken, wie fahen Länge des Schallförpers. Mei-
einwandfrei feſtgeſtellt werden konnte. nes Erachtens hat dieſe Konſtruktion
Wenn man in Betracht zieht, daß alle ihre Begründung in der eigenartigen
die genannten Inſtrumente in den Spielweiſe mancher zweiſaitigen In-
Händen ihrer Träger durchwegs attri- ſtrumente, welche nod heute bei ver-
butive Bedeutung hatten, ferner, daß ſchiedenen aſiatiſchen Völkern beliebt
die Balalaika um dieſe Zeit in Ruß- ſind. Eine Saite dient ſtets nur zur
**) (Es iſt nicht unintereſſant, daß ſelbſt Hervorbringung der Melodie dur die
noch in unſeren Tagen ein verwandtes In: Greifhand, die andere leere Saite wird
ſtrument, nämlich die Gitarre, nahe daran gleichzeitig mitangeſchlagen und ſtellt
war, in Rußland ein ähnliches Schidjal zu gewiſſermaßen nac< Art einer Baß-
erleiden. Sie galt dort nach dem Umſturz
als Attribut der bürgerlichen Klaſſe. Zei- ſtimme oder eines Orgelpunktes die
tungsſtimmen forderten ihre Verbannung Harmonie dar. Damit nun die Melo-
und Vernichtung. Als der Herausgeber einer die auf der einen Saite großen Spiel-
dortigen Gitarre-Zeitſchrift in ruhigen und raum habe, wird der Hals möglichſt
vernünftigen Worten eine Entgegnung ver-
öffentlichte, unterfagte die Behörde das lang geſtaltet; damit die Harmonie ſich
weitere Erſcheinen dieſes Fachorganes. leiht und ungezwungen ergebe, wird
67
Alois Beran

das Inſtrument nur mit einer leer- dern aus dem Grunde, daß ſich mit
ſ<wingenden Baßſaite verſehen. Beim der Geſtalt des Schallkörpers auch der
Anſchlag ſtreichen entweder der Zeige- Ton und Charakter und mithin auch
finger oder auch im „Tremolo“ alle die Gpielweiſe änderte. Aus der
Finger der Hand quer zur Lage der Domra war ein neues Inſtrument
Saiten hin und zurück und erſetzen ge- entſtanden. Gegenüber dem ſanften,
wiſſermaßen den Streichbogen, deſſen vollen und dunklen Ton der Domra
fih übrigens viele Aſiaten bei ganz klingt die Balalaika heller, ſchärfer
ähnlihen Inſtrumenten bedienen. und aufdringlicher. Die Urſache hie-
Jeder Violinſpieler wird wiſſen, daß von liegt dort in der Wölbung, hier
es ſehr umſtändlich wäre, auf drei in der Plattheit des Scallkörpers,
Saiten fortgeſeßt harmoniſch zu ſpie- ähnlich wie im Verhältnis von Laute
len. Hierin liegt die Urſache der zur Gitarre. Die Domra erforderte
bloßen Zweifaitigfeit jener primitiven- demnad den Anſc<lag durch ein
Inſtrumente. Plektrum zur Hervorhebung ſtärkerer
Akzente, bei der Balalaika genügt der
Der ruſſiſche Muſikforſ<her Al. S.
Fingeranſc<lag in oberwähnter Weiſe.
Faminzzyn iſt der Anſicht, daß ſich die
Dadurd änderte ſich auch die Spiel-
Balalaika aus der Domra entwicelt
habe. Er ſtüßt ſich hiebei auf die Be- weiſe. Das Plektrum eignet ſich mehr
für melodiöſes Spiel, immer nur eine
richte verſchiedener ruſſiſcher und aus-
Saite bevorzugend, während ſich die
ländiſcher Schriftſteller des 18. Jahr-
frei aus dem Handgelenk hin und
hunderts, welche die damaligen Mu-
her ſ<wingenden Finger bald eine
fifinftrumente des ruſſiſchen Volkes
mehr harmoniſche Spielweiſe zu eigen
oft in ſehr eingehender Weiſe beſchrie-
machten. Aus dieſem Grunde wurde
ben haben. Sie melden von lauten-
die Saitenanzahl auf der Balalaika
artigen Inſtrumenten, die Balalaiken
. in der Folge um eine weitere (ſeltener
genannt werden und deren anfäng-
liH rundliche Form des Schallförpers um zwei) vermehrt, wobei troß der
verſchiedenen Art der Stimmung
ſich allmählich verflacht. Georgi findet
immer an dem Prinzip der leer mit-
nod hie und da Typen, welche ſich
ſ<hwingenden Baßſaite feſtgehalten
das Volk aus naturgebogenem Holz
wurde. ;
hergeſtellt hat. Dort, wo fich folches
nicht fand, baute man eben das Kor- Die Balalaika gelangte gegen die
pus flach. Anderſeits ſpricht für die Mitte des 18. Jahrhunderts zu
urſprünglihe Identität beider In- immer größerer Verbreitung und Be-
ſtrumente der Umſtand, daß die Ta- liebtheit im ruſſiſchen Volke. Sie er-
taren von Kaſansk und Orenburg bis oberte ſich auch die Schäßung intelli-
in die Siebzigerjahre des 19. Jahr- genter Kreiſe und gelangte nicht ſel-
hunderts die ruſſiſche Balalaika noch ten, aud als Konzertinſtrument, zu
— Tumra genannt haben. Als das hohen Ehren. Das 20.. Jahrhundert,
Inſtrument no< gewölbt war, ſpielte die Ära des Virtuoſentums, brachte
man es mit einem Gtäbdhen an, als auc< auf unſerem Inſtrumente einige
es flah) geworden war, mit den hervorragende und berühmte Künſtler
bloßen Fingern. Dies geſchah nicht hervor. Es waren dies unter anderen
vielleiht aus Laune oder Zufall, ſon- in Moskau Radiwilow in den Fünfzi-
68
Laute und Gitarre in der modernen Enzyklopädie

gerjahren und in Petersburg W. W. Eigenart jedes der vielen Volks-


Andrejew um 1880. Der Letztgenannte ſtämme des Reiches größtmöglichen
trat niht nur als Soliſt, ſondern Spielraum zu geben, fördert auch die
auch in Balalaikenor<heſtern auf, Pflege der ruſſiſchen Nationalinſtru-
welche ſich aus Liebhaberkreiſen ge- mente in eigenen ſtaatlichen Anſtal-
bildet hatten. Zwar erſtand der Bala- ten. Auf dieſe Weiſe dürften ſich die
laifa als Volksinſtrument um die genannten Inſtrumente im Muſik-
Mitte des 19. Jahrhunderts eine leben des ruſſiſchen Volkes eine dau-
mädtige Rivalin, nämlich die Hand- ernde Gtellung erwerben.
harmonika, und drohte jene immer Die Balalaika, mit ihren rauſchen-.
mehr zu verdrängen. Allein eine den, aufregenden Klängen iſt gegen-
andere Strömung, welche im ruſſi- wärtig auch außerhalb Rußlands ein
ſ<en Volke allmählih zu großer nicht ſeltener und überall willkomme-
Stärke anwuchs, trug auch die Bala- ner exotiſcher Gaſt. Für eben dieſe
laifa wieder empor — es war die Verbreitung ſorgte die ruſſiſche Revo-
nationale Welle, die alles, was zum lution und nachfolgende Regierung;
Bollstum des Ruſſen gehörte, einer denn die Balalaikaſpieler ſind faſt
beſonderen Wertfhägung zuführte. ausſchließlih ruſſiſche Emigranten,
- Dieſe Bewegung erweckte auch die Go fam es, wie man mit einigem
Domra zu neuem Leben. Es ent- Humor feſtſtellen kann, daß der Bol-
ſtanden allenthalben Liebhaberorde- ſ<hewismus eine zweifache Verbrei-
ſter mit Domren und Balalaiken in tung des Inſtrumentes zur Folge
verſchiedenen Größen (Prim, Alt, hatte, eine, wie oben bemerkt wurde,
Tenor, Baß und Kontrabaß). Die beabſichtigte im Inlande und eine un-
Verbreitung dieſer Orcheſter, welche beabſichtigte im Auslande. Befannt-
anfangs nur auf die größeren Städte lic hat jedes Ding zwei Seiten:
beſchränkt war, geht auc< heute auf eine gute und eine üble; aber hier
kleinere Orte und Dörfer über. Die im Falle der Balalaika fügte es ſich,
gegenwärtige Regierung, welche das daß beide ihr gleichzeitig zum Vor-
ſchöne Prinzip befolgt, der nationalen teil gereichten.

Über Lauten- und Gitarrenkunſt


Laute und Gitarre in der modernen kennzeichnet =- und Bueks quellen-
Enzyklopädie und kritikloſer Kompilation „Die Gi-
tarre und ihre Meiſter“ (Berlin,
(Fortſezung.)
1927), die gehaltlih nod) tief unter
Die Gitarre hingegen hat bis nun Biernaths Arbeit ſteht, gibt es eine
vor der Wiſſenſchaft ſchlechten Stand. Anzahl ähnlid zu wertender Ver-
Zwiſchen Biernaths Buch, „Die Gi- ſuche. Während alfo das Schrifttum
tarre ſeit dem 3. Jahrtauſend vor über die Laute hoc<hac<htbare Namen
Chriſtus“ (Berlin, 1907) — Koczirz aus den vorderen Reihen der Muſik-
hat es ſcharf aber gerechtfertigt als gelehrten aufweiſt, ſcheint auf der Gi-
„muſikhiſtoriſhe Köpenikiade“ ge- tarre das Verhängnis zu laſten, daß
69
Laute und Gitarre in der modernen Enzy opädie

ihren Wortführern faſt durchgängig Gruppen geordnet. Lehrer und Künſt-


alle Vorausſezungen für ihre ſicher- ler im Gitarrenfach ſind als Spezial-
lic) gut gemeinte Betätigung fehlen. gruppe kenntlich gemacht.
Und wenn nun aud) no< angeſehene Im Jahre 1922, zur Zeit der uner-
Verlagshäuſer dieſe Erzeugniſſe ſo hörten wirtſchaftlihen Drangſalie-
eindringlich anpreiſen, wie es tatſäch- rung Deutſchlands, kam der gebil-
lich geſchieht, ſo liegt die Gefahr nahe, deten Welt die betrübliche Kunde, daß
daß über Wert und Behandlung des die Inflationsnöte die Herausgabe
ichwierigen und wenig bekannten der bereits vorbereiteten ſiebenten
Stoffes Mißverſtändnis und Verwir- Auflage des großen Meyer-Le-
rung in muſikaliſche und literariſche rifons unmöglih made. Um jo
Kreiſe getragen werden. Unterneh- aufrichtiger war die Freude, als der
mungen, die eine allgemeine „Ge- Verlag des Bibliographifhen Inſti-
ſchichte der Gitarre“ zum Gegenſtand tuts in Leipzig ſchon zwei Jahre ſpä-
wählen, ſind inſolange zumindeſt als ter den erſten ſtattlichen Band dieſes
verfrüht zu bezeichnen, als nicht durch- überaus ſchäßbaren Kulturwerkes an-
greifende Spezialunterſuchungen über zeigen konnte. Bereits dieſer fand
die wichtigſten Stil- und Spielepohen binfihtlid des neu durchgearbeiteten
und ihre markanteſten Vertreter vor- und bereicherten Stoffes, der als ganz
liegen. Zur Zeit ſcheint es nötig, das hervorragend zu bezeichnenden Aus-
überreiche internationale Material der ſtattung rühaltloſe, bewundernde
Gitarrenliteratur zu fammeln und Anerkennung der geſamten Preſſe.
ſichten; erſt einmal ein Gerüſt zu Und dieſes Lob galt uneingeſchränkt
ſchaffen, bevor der Bau begonnen der Fortfegung, die nun bis zum ſie-
wird. — benten Band vorliegt. Lexikographie
Der genannte Verlag Heſſe brachte iſt eine Wiſſenſchaft, die in den letzten
zur Jahreswende zum fünfzigſten Male Jahren gewaltige Fortſchritte gemacht
den „Muſiker-Kalender“ heraus. Ein hat; auch das Meyer-Lexikon hat da-
ſtattliches Handbuch von etwa 2000 mit Schritt gehalten: durch geſchicte
Seiten Umfang. Zwei Adreßbände Verteilung, Zuſammenziehung und
umfaſſen das Muſikleben von etwa Ausſchaltung von altem Ballaſt konnte
500 Städten des In- und Auslandes: der Umfang von 24 auf 12 Bände ge-
Vereine, Stiftungen, Zeitſchriften, Re- jeßt werden; übrigens aud) eine jelbit-
zenſenten, Muſikverleger und eine verſtändliche Sparmaßnahme des für
nac< Tauſenden zählende Sammlung die Gegenwart immerhin noch kühnen
von Anſchriften von konzertierenden Verlegerwagnifies.
Künſtlern und Muſiklehrkräften nach (Fortfegung im Zuniheft.)

Alle Rechte vorbehalten: KAryftall-Berlag, Gef. m. b. H., Wien


Herausgeber, Eigentümer und Verleger: Kryftall-Berlag, Gef. m.5.9., Wien, I., Am Graben 29a (Tratinerhof)
Verantwortlicher Redakteur: Andreas Reifchel, Wien, IIL., Klopiteinplat 3
Druck der Waldheim-Eberle A. ©., Wien, VII., Seidengafje 3—11
70
MONATSSCHRIFT

WERK
- DER ARCHITEKTUR

UND ANGEWANDTEN KUNST

UNS, “VERLAG WIEN


LU CO VERLAG
NCHEN
|S VIERTELJÄHRIG S 8

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