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Gemeinsam

für die Menschen


Weißbuch Multilateralismus
der Bundesregierung
Gemeinsam
für die Menschen
Weißbuch Multilateralismus
der Bundesregierung
Gemeinsam für die Menschen  Weißbuch Multilateralismus der Bundesregierung

Liebe Leserinnen und Leser,


die Corona-Pandemie hat die Welt fest im Kein Land wird Krisen wie die COVID-
Griff. Großes menschliches Leid, tiefgreifende 19-Pandemie durch Abschottung und Egois-
Einschränkungen im täglichen Leben unse- mus meistern. Und auch zur Bewältigung der
rer Gesellschaften und noch nicht absehbare großen strukturellen Herausforderungen unse-
politische, wirtschaftliche und soziale Ver- rer Zeit, der Globalisierung, der Digitalisierung,
werfungen sind nur einige der gravierenden der Migration und des menschengemachten
Folgen, die diese Pandemie mit sich bringt. Klimawandels brauchen wir eine vertiefte und
Aber zu dieser Krise gehören auch unzählige erneuerte internationale Zusammenarbeit, ei-
Erfolgsgeschichten von Solidarität, Mitgefühl nen Multilateralismus für das 21. Jahrhundert.
und Zusammenarbeit. So koordinieren sich Das Völkerrecht und die Grundsätze der Ver-
Regierungen, Gesundheitsorganisationen, einten Nationen bleiben die Basis verlässlicher
Unternehmen, Stiftungen und Privatperso- und fairer internationaler Zusammenarbeit
nen zum Beispiel in der COVAX-Initiative, um und der Rahmen für Deutschlands Handeln in
den Menschen in den ärmsten Ländern der der Welt. Diese Überzeugung leitet deutsche
Welt Zugang zu Impfstoffen zu ermöglichen. Außenpolitik seit Gründung der Bundesrepu-
Mit dem Europäischen Aufbauplan hat die EU blik. Unser aktives Eintreten für Multilateralis-
gemeinsam das größte Konjunkturprogramm mus prägt heute das Bild unseres Landes in der
ihrer Geschichte auf den Weg gebracht, um die Welt. Bereits sechs Mal haben die Mitgliedstaa-
wirtschaftlichen Folgen der Krise zu bewälti- ten der Vereinten Nationen Deutschland einen
gen. Und ohne grenzüberschreitende Unter- Sitz im VN-Sicherheitsrat anvertraut, in allen
stützung und Zusammenarbeit bei der Versor- maßgeblichen multilateralen Institutionen
gung von Erkrankten würden die Folgen der haben wir unseren festen Platz als Stimme für
Pandemie in vielen Regionen der Welt noch Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und de-
weitaus schlimmer ausfallen. mokratische Freiheiten. Die von Deutschland

2
Vo r wo r t

mitgegründete Allianz für den Multilateralis- Unsere Welt verändert sich in einem nie ge-
mus erhält für ihre Initiativen breite Unterstüt- kannten Tempo. Wer die multilaterale Ordnung
zung aus allen Kontinenten. mit ihren Institutionen und Regeln erhalten
will, kann daher nicht bei der Bewahrung des
Gleichzeitig stehen multilaterale Institu- Bestehenden haltmachen. Gerade um den
tionen und Regelwerke heute unter starkem Zweifeln an Effizienz und Legitimität des Multi­
Druck. Die Überzeugung, dass Kompromiss, lateralismus zu begegnen, muss dieser heute
Ausgleich und die Orientierung am globalen im doppelten Sinne ein Multilateralismus für
Wohl auf Dauer bessere Ergebnisse für alle die Menschen sein: Als Politik, die das Leben
bringen als nationale Alleingänge, wirtschaft- der Einzelnen konkret verbessert, und als An-
licher Zwang oder manchmal auch militäri- gebot an alle Staaten, Regionen und zivilgesell-
sche Gewalt ist bei vielen Staaten nicht mehr schaftlichen Akteure, diese Politik konstruktiv
selbstverständlich. Gleichzeitig ist auch bei mitzugestalten. Wie Deutschland sich für einen
vielen Menschen das Vertrauen in den Nutzen solchen aktiven Multilateralismus einsetzt und
internationaler Zusammenarbeit und der Ein- wie es diesen in Zukunft weiterentwickeln will,
haltung gemeinsamer Regeln zurückgegangen, dafür präsentiert dieses Weißbuch eine Vielzahl
weil die Vorteile oft selbstverständlich erschei- von Beispielen und neuen Initiativen. Es ver-
nen und manche Fehlentwicklung zu zögerlich steht sich als Angebot zum offenen Dialog und
korrigiert wurden. Nationalisten und Popu- zur aktiven Mitarbeit bei der Gestaltung einer
listen nutzen das aus und sammeln politische gerechten und solidarischen internationalen
Unterstützer, indem sie nationale Alleingänge Ordnung. Nicht von der Größe der Herausfor-
und den unbedingten Vorrang eigener Interes- derungen, sondern von unserer Entschlossen-
sen predigen. heit und unserem Engagement wird es abhän-
gen, ob diese Vision Wirklichkeit wird.
Das Weißbuch Multilateralismus will den
Vorbehalten gegenüber der multilateralen
Ordnung entgegenwirken und aufzeigen, wie
vielfältig und unverzichtbar multilaterale Zu-
sammenarbeit in der Praxis ist. Zum ersten Mal
wird hier die Bandbreite des multilateralen
Engagements der Bundesrepublik gebündelt
und in ihrer Bedeutung für die internationale
Ordnung erläutert. Gleichzeitig beschreibt das
Weißbuch Wege, um die multilaterale Ordnung Heiko Maas
zu erneuern und an die Bedingungen des 21. Bundesminister des ­Auswärtigen
Jahrhunderts anzupassen. Die Stärkung des
Multilateralismus ist eine globale Herausforde-
rung mit vielen Baustellen – und Deutschland
ist bereit anzupacken.

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Gemeinsam für die Menschen  Weißbuch Multilateralismus der Bundesregierung

Inhalt

01 Ein aktiver ­Multilateralismus


für das 21. Jahrhundert. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

1.1 Ein Weißbuch ­Multilateralismus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10

1.2 Grundprinzipien des ­Multilateralismus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22

1.3 Die Bedeutung der EU für Deutschlands ­multilaterales Handeln.. . . . . . . 26

02 Den Multilateralismus stärken. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29

2.1 Multilateralismus, der Regeln setzt und Regeln folgt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31


2.1.1 Die Bedeutung von Normen, ­Regeln und Recht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
2.1.2 Herausforderungen der regelbasierten ­multilateralen O ­ rdnung. . . . . . . . . . . . . . . 36
2.1.3 Völkerrecht und menschenrechtliche ­Standards wahren und ausbauen. . . . . . 38

2.2 ­Multilateralismus, der ­Frieden und ­Sicherheit dient.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48


2.2.1 Gemeinsam sich und andere schützen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
2.2.2 Sicherheitsrisiken ­begegnen, Frieden f­ ördern.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
2.2.3 VN, NATO und EU stärken, ­G7-Vorsitz nutzen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75

2.3 Multilateralismus, der beim Menschen ­ankommt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80


2.3.1 Leben retten, ­Krisen ­bewältigen und ­vorbeugen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
2.3.2 Die ­internationale Entwicklungs­architektur zukunftsfähig m ­ achen. . . . . . . . . . . 88
2.3.3 Für gleichberechtigte Teilhabe weltweit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
2.3.4 Weltweit für ­Gesundheit.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
2.3.5 Für ein selbst­bestimmtes Leben durch Bildung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
2.3.6 Für eine Welt ohne Hunger. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
2.3.7 Für ­Menschenwürde bei Flucht und M ­ igration. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
2.3.8 Für eine menschen­gerechte Sozial- und Beschäftigungspolitik. . . . . . . . . . . . . . 108

4
2.4 Multilateralismus für ­nachhaltigen W
­ ohlstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
2.4.1 Dem Klimawandel ­entgegentreten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
2.4.2 Biodiversität ­erhalten, nachhaltig nutzen und 
Ökosysteme ­wiederherstellen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
2.4.3 Die digitale ­Zukunft gestalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
2.4.4 Weltweiten ­Handel und I­ nvestitionen zum Nutzen ­aller f­ ördern. . . . . . . . . . . . 130
2.4.5 Internationale ­Finanzarchitektur ­stützen und ausbauen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
2.4.6 Internationale ­Impulse für Forschung und Innovation setzen. . . . . . . . . . . . . . . 136

Ausblick: Multilateralismus für die Zukunft. . . . . . . . . . 140

Abkürzungsverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144

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Gemeinsam für die Menschen  Weißbuch Multilateralismus der Bundesregierung

Deutschland …

… besitzt starken Rückhalt für Multilatera- … ist zweitgrößter Beitragszahler


lismus in der Bevölkerung. des ­VN-Entwicklungssystems.

… ist Mitglied oder Beobachter in über … investiert politisch und finanziell


80 internationalen Organisationen und in ­Rüstungskontrolle.
­Vertragspartei von mehreren Hundert
­multilateralen Abkommen. … verhandelt im EU/E3+3-Format mit Iran
über das iranische Atomprogramm.

… ist Impulsgeber für Normen und Regeln,


z. B. mit Blick auf letale autonome Waffen­
systeme, Cyber und Weltraum.

… unterstützt Gerichte und multilaterale


Einrichtungen zum Schutz der Menschen­
rechte politisch, personell und finanziell.

… ist mit mehr als 2 Mrd. EUR im Jahr 2021


zweitgrößter Geber für humanitäre Hilfe
und größter Geber des Zentralen Nothilfefonds
der VN.

… ist viertgrößter Beitragszahler für


­friedenserhaltende Maßnahmen der VN.

… beteiligt sich mit fast 4.800 Soldatinnen


und Soldaten an multilateralen Missionen und
Einsätzen (April 2021).

6
Deutschland …

… übernimmt 2023 zum dritten Mal die … ist zweitgrößter Geber des
­Führung der NATO-Speerspitze (VJTF). ­Welt­ernährungsprogramms der VN.

… ist Initiator der vom VN-Sicherheitsrat ver- … ist viertgrößter Anteilseigner


abschiedeten Resolution 2467 zur Beendigung am ­Internationalen Währungsfonds und
sexualisierter Kriegsgewalt in Weiterentwick- der ­Weltbank.
lung der Agenda „Frauen, Frieden, Sicherheit“.

… hat 2019 7,58 Mrd. EUR für die internatio-


… ist größter staatlicher Geber der WHO nale Klimafinanzierung zur Verfügung gestellt.
und mit Abstand größter Beitragszahler für
den WHO-Notfallfonds. … hat mit der Internationalen Klimaschutz­
initiative (IKI) in den letzten zwölf Jahren über
… setzt sich für die beschleunigte Ent- 730 Projekte zum Klimaschutz und der Förderung
wicklung, Produktion und global gerech- von Biodiversität in mehr als 60 Entwicklungs-
te ­Verteilung von COVID-19 Impfstoffen, und Schwellenländern mit 4 Mrd. EUR finanziert.
­Medikamenten und Diagnostika ein.

… ist zweitgrößter Geber des ACT-Accelerator


und unterstützt die beteiligten Organisationen
(wie WHO, Gavi und Global Fund) bisher mit
2,1 Mrd. EUR in den Jahren 2020 und 2021.

… ist Initiator des Europäischen


­ igital4Development Hub, ein Forum von
D
elf EU-Mitgliedstaaten, der EU-Kommission,
dem Privatsektor und Partnern aus dem
­globalen Süden zur Förderung einer nach­
haltigen Digitalwirtschaft.

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0 1   ­  E I N A K T I V E R M U LT I L AT E R A L I S M U S F Ü R DA S 2 1 . J A H R H U N D E RT

01
1.1
Ein Weißbuch Multilateralismus

1.2
Grundprinzipien des
Multilateralismus

1.3
Die Bedeutung der EU für
Deutschlands multilaterales
Handeln

8
Ein aktiver
­Multilateralismus für
das 21. Jahrhundert

9
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1.1 Ein Weißbuch


­Multilateralismus

10
1 . 1 E i n We i ß b u c h M
­ ultilateralismus

Mit diesem Weißbuch bekennt sich Mit diesem Weißbuch will die Bundes-
Deutschland zu einem aktiven Multilateralis- regierung Stellung beziehen, erklären und
mus. Die regelbasierte internationale Ordnung begründen, warum und wie Deutschland mehr
engagiert mitzugestalten und dazu beizutra- als je zuvor bereit ist, politisch und materiell
gen, dass multilaterale Institutionen effektiv in multilaterale Zusammenarbeit sowie die
ihren Auftrag erfüllen können, ist seit Grün- Mechanismen und Institutionen, die diese
dung der Bundesrepublik Leitmotiv deutschen Zusammenarbeit ermöglichen, zu investieren,
Handelns. Im 21. Jahrhundert ist multilaterale und wo Deutschland dabei seine Prioritäten
Zusammenarbeit angesichts der globalen Her- setzt. Es nennt aktuelle Schwerpunkte und
ausforderungen nötiger als je zuvor. Gleichzei- konkrete Schritte, die Deutschland gemeinsam
tig ist die Bereitschaft, in einem kooperativen mit seinen Partnern in Europa und der Welt
Geist zusammenzuarbeiten, zurückgegangen. in unterschiedlichen Politikbereichen in den
Die COVID-19-Pandemie ist mit den Worten nächsten Jahren unternehmen will, um den
des Generalsekretärs der Vereinten Nationen Multilateralismus zu stärken.
(VN), António Guterres, nur der letzte „Weck-
ruf“ in einer ganzen Reihe von Ereignissen, die Das Weißbuch Multilateralismus ist Ergeb-
verdeutlichen, wie unverzichtbar gemeinsames nis eines intensiven Dialogs mit nationalen und
Handeln angesichts der globalen und regio- internationalen Expertinnen und Experten aus
nalen Herausforderungen unserer Zeit ist. Die Wissenschaft und Zivilgesellschaft, Mitgliedern
Pandemie zeigt, wie schwach ausgeprägt sich des Deutschen Bundestags sowie innerhalb der
die Handlungsfähigkeit der internationalen Bundesregierung. Diese Diskussion ist mit der
Ordnung mitunter erweist. War die internatio- Vorlage dieses Weißbuchs keinesfalls abge-
nale Gemeinschaft in Zeiten der Finanzkrise schlossen. Denn „Gemeinsam für die Menschen“
2008–2010 zu entschlossenen, koordinierten bedeutet auch, gemeinsam mit allen interessier-
Aktionen fähig, gestaltet sich gemeinsames ten Akteuren kontinuierlich an einem zukunfts-
Handeln in der COVID-19-Pandemie aufgrund fähigen Multilateralismus zu arbeiten.
nationaler Alleingänge und mangelnder Soli-
darität ungleich schwieriger.

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Treffen der von


Deutschland und Frankreich
initiierten Allianz für den
Multilateralismus am Sitz
der Vereinten Nationen
in New York am
26. September 2019

Warum Multilateralismus für


Deutschland wichtig ist

Deutschlands Wohlstand und Sicherheit, Mit dem Völkerrecht verfügt die globale
seine außenpolitische Handlungsfähigkeit und Ordnung über ein gemeinsames Regelwerk,
Gestaltungskraft hängen seit Gründung der die VN mit ihrer fast universellen Mitglied-
Bundesrepublik von der Einbindung in Bünd- schaft und ihren thematisch umfassenden
nisse, multilaterale Organisationen und inter- Foren, Gremien und Organisationen sind ihr
nationale Vereinbarungen ab. Umgekehrt gilt, institutionelles Rückgrat. Diese auf Stabilität
dass nur ein wirtschaftlich und finanziell starkes und Berechenbarkeit ausgerichtete internatio-
Deutschland seiner Verantwortung für den nale Ordnung umfasst auch den Handels- und
Erhalt des Multilateralismus, die Stabilität der Wirtschaftsbereich und gehört damit zu den
internationalen Ordnung und die Handlungs- wesent­lichen Voraussetzungen für den Erfolg
fähigkeit ihrer maßgeblichen Institutionen ge- Deutschlands als Exportnation.
recht werden kann. Die Europäische Union (EU)
als Raum der Freiheit, der Sicherheit und des
Rechts mit dem gemeinsamen Binnenmarkt,
der gemeinsamen Währung Euro und ihrem
Fundament gemeinsamer Werte bildet Deutsch-
lands zentralen Handlungsrahmen auf dem
europäischen Kontinent und weltweit. In der
NATO organisiert die Bundesrepublik seit über
65 Jahren ihre Sicherheit im Schulterschluss mit
ihren Verbündeten in Europa und Nordamerika.

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­ ultilateralismus

Im „Weißbuch zur Sicherheitspolitik


Deutschlands und zur Zukunft der Bundes-
wehr“ von 2016 und in den Leitlinien „Krisen
verhindern, Konflikte bewältigen, Frieden för-
dern“ von 2017 hat Deutschland sich zu seiner
Verantwortung bekannt, die globale Ordnung
entsprechend seiner Kräfte und Möglichkeiten
mitzugestalten. Heute gilt dies umso mehr.
Deshalb stellt Deutschland sich einer Demon-
tage der internationalen Ordnung frühzeitig
entgegen; nicht allein, sondern gemeinsam mit
seinen Partnern, allen voran mit der EU und
ihren Mitgliedstaaten, aber auch mit Gleich­
gesinnten aus der ganzen Welt.

Als erster deutscher Bundeskanzler


spricht Willy Brandt am
26. September 1973 vor der
Vollversammlung der Vereinten
Nationen. Am 18. September 1973
waren die beiden deutschen Staaten
in die VN aufgenommen worden.

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Multilateralismus

Wörtlich übersetzt bedeutet Multilateralismus „vielseitig“ und setzt sich zusammen


aus den lateinischen Begriffen multus für viel und latus für Seite. In der internationalen
Politik beschreibt der Begriff Multilateralismus traditionell die Zusammenarbeit von
drei oder mehr Staaten, in Abgrenzung zur bilateralen Zusammenarbeit zwischen zwei
Staaten oder zum unilateralen Handeln eines einzelnen Staates. Heutzutage schließt
Multilateralismus auch die Kooperation von Staaten mit nichtstaatlichen Akteuren ein.

Multilaterale Zusammenarbeit ist umso verlässlicher und erfolgreicher, je stärker alle Be-
teiligten in Bezug auf die zugrunde liegenden Prinzipien und in ihren Interessen überein-
stimmen. Die Staatengemeinschaft hat sich mit der Charta der Vereinten Nationen, aber
auch mit der Universellen Erklärung der Menschenrechte oder den Regeln des huma-
nitären Völkerrechts auf grundlegende gemeinsame Regeln und Normen geeinigt und
damit ein zentrales Fundament für multilaterale Zusammenarbeit geschaffen.

Multilateralismus
auf dem Prüfstand

Die auf multilateralen Prinzipien gegründe- Gefährlich für die internationale Ordnung
te internationale Ordnung steht unter massi- sind vor allem Versuche, bewährte Regeln in
vem Druck. Manche Staaten verstoßen offen multilateralen Foren zum Vorteil eines oder
gegen internationales Recht und freiwillig weniger Staaten zu ändern oder gar Kern-
geschlossene Übereinkommen und machen normen des internationalen Völkerrechts,
selbst vor gewaltsamen Annexionen oder dem wie die Menschenrechte, umzudeuten. Dabei
Bruch von Abkommen zur Rüstungskontrolle werden insbesondere Wirtschaftsmacht und
nicht halt. Sie missachten die Entscheidun- Infrastrukturpolitik meist ohne Bindung an
gen internationaler Gerichte und verletzen internationale Menschenrechts-, Umwelt- oder
Vereinbarungen zum Schutz grundlegender Arbeitsstandards eingesetzt, um Anreize und
Menschenrechte, zu denen sie sich als Mit- Druckmittel gegenüber anderen Staaten zu
glieder der VN, des Europarats oder anderer setzen und so deren Unterstützung zu erlan-
multilateraler Organisationen und Abkommen gen. Militärische und sicherheitspolitische Be-
verbindlich verpflichtet haben. Dadurch ge- ziehungen und Abhängigkeiten spielen hierbei
fährden diese meist autoritär regierten Staaten ebenfalls eine wachsende Rolle.
die allgemeine Akzeptanz etablierter Normen
und schwächen die ordnende Kraft des inter-
nationalen Systems.

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1 . 1 E i n We i ß b u c h M
­ ultilateralismus

Bereits seit langem ist zu beobachten, dass Irreführend und gefährlich ist Kritik jedoch,
sich die globalen Machtverhältnisse verschie- wenn sie suggeriert, globale Herausforderun-
ben: So wird Deutschland im kommenden gen wie Klimawandel, Bevölkerungsentwick-
Jahrzehnt voraussichtlich das einzige Land lung, Flucht und irreguläre Migration oder
der EU sein, das noch zu den zehn größten Cybersicherheit ließen sich allein innerhalb
Volkswirtschaften der Welt gehört. Mit ­China, nationaler Grenzen und unter Umgehung
­Indien, Japan und Indonesien könnten dann gemeinsamer Verhandlungsprozesse bewälti-
vier der fünf größten Volkswirtschaften in gen. Eine politisch, wirtschaftlich und gesell-
Asien sein. Immer mehr Staaten auch aus schaftlich zersplitterte Welt ohne gemeinsame
Afrika und Lateinamerika werden ihre eigenen Ordnung und Regeln wäre die Folge. Dies birgt
politischen Vorstellungen in die Organisati­ erhebliche Risiken für das friedliche Zusam-
onen internationaler Ordnung einbringen menleben der Völker.
können. Dies ist eine positive Entwicklung.
Das Ziel muss sein, die internationale
In vielen Gesellschaften, auch in manchen ­ rdnung gegen Versuche ihrer Demontage
O
westlichen, wächst die Kritik an einer schein- ebenso zu wappnen wie gegen globale und
bar ineffektiven und daher vermeintlich zu regionale Schocks, wie Pandemien oder Wirt-
kostspieligen internationalen Zusammenarbeit. schaftskrisen. Dafür braucht es handlungs­fähige,
Kritik am multilateralen System ist berechtigt effiziente internationale Institutionen und
und notwendig, wenn sie zu Verbesserung und verbesserte Mechanismen zur Förderung von
Reform beiträgt. Wie die nationalen politischen Transparenz, Teilhabe und Zusammenarbeit.
Systeme muss das internationale System stetig
angepasst und verbessert werden, um den viel-
fältigen und sich wandelnden Herausforderun-
gen gerecht zu werden.

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Multilateralismus ist fordernd,


aber lohnt sich

Bei der Vielzahl der unterschiedlichen Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und seit


Interessen in der Staatenwelt ist der Weg zu 2018 auch zwischenstaatliche Aggression
Abstimmung, Verständigung und gemeinsa- ahnden kann. Die Einigung auf die 17 welt-
mem Handeln oft lang und steinig. Aber ihn weit gültigen Nachhaltigkeitsziele (Sustainable
zu gehen lohnt, denn mit Ausdauer und einem Development Goals, SDGs) der Agenda 2030 im
klaren Kompass sind nachhaltige Erfolge auch Jahr 2015 ist ein weiterer Beleg, dass sich die
bei globalen Herausforderungen erreichbar. Staatengemeinschaft trotz unterschiedlicher
Dies zeigen wegweisende Abkommen wie Interessen global auf gemeinsame Ziele ver-
das 2015 in Paris von 195 Vertragsparteien ständigen kann.
geschlossene VN-Klimaabkommen oder die
Errichtung neuer Institutionen wie der Welt- Tatsächlich muss allen Staaten bewusst sein,
handelsorganisation im Jahr 1995 oder des dass der Erhalt globaler öffentlicher Güter und
Internationalen Strafgerichtshofs im Jahr die Gestaltung eines klar geregelten Rahmens
2002, der Völkermord, Verbrechen gegen die für deren Nutzung ohne möglichst umfassende

Bundeskanzlerin Merkel spricht am 30. November 2015 vor der VN-Klimakonferenz in Paris.

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1 . 1 E i n We i ß b u c h M
­ ultilateralismus

und inklusive multilaterale Zusammenarbeit verlässlichen Miteinander, damit es seinen


nicht möglich sind. Gerade beim Schutz von Bürgerinnen und Bürgern langfristig gut geht.
Frieden und Sicherheit, bei der Bewahrung Ob bei Krisen und Konflikten, Armut, Hunger
unserer natürlichen Lebensgrundlagen und und irregulärer Migration, bei Gesundheits-
des menschlichen Kulturerbes, bei der Auf- krisen, den Folgen der Erderwärmung oder der
stellung von Verhaltensnormen im Cyber- und Verschmutzung der Meere: Die Auswirkungen
Weltraum, von Regeln für die globalen Finanz- sind auch für die Menschen in Deutschland
märkte und eine faire internationale Handels- spürbar. Die Realität nationaler, regionaler und
ordnung zum Vorteil aller oder beim Aufbau globaler Wechselwirkungen stellt die Unter-
einer globalen Gesundheitsvorsorge müssen scheidung zwischen nationaler, europäischer
Deutschland und die EU deshalb auch mit und internationaler Politik grundsätzlich in
Partnern zusammenarbeiten, die E ­ uropas Welt- Frage. Die COVID-19-Pandemie hat dies in aller
anschauung und das ihr zugrunde ­liegende Deutlichkeit vor Augen geführt.
liberal-demokratische Wertesystem nicht
vollständig teilen. Dies erfordert im Einzelnen Die deutsche Bevölkerung steht mit gro-
schwierige Abwägungsprozesse. ßer Mehrheit hinter dem Wert multilateraler
Zusammenarbeit und gemeinsamer Problem­
bewältigung, auch wenn der Begriff „Multi-
lateralismus“ selbst vielen Menschen fremd
ist. Viele Akteure aus dem staatlichen wie dem
Die deutsche Perspektive nichtstaatlichen Bereich gestalten deutsche Au-
auf internationale ßenpolitik mit und setzen sich mit ihrem Wis-
sen und ihrem Engagement für internationale
Kooperation Problemlösungen ein. Deutschland und Europa
besitzen mit ihrer aktiven Zivilgesellschaft, mit
vielfältigen Nichtregierungsorganisationen und
Frieden und Sicherheit erwachsen nicht aus einer hervorragend vernetzten Wissenschafts-
dem Streben nach einseitigem und kurzfris- gemeinschaft überzeugende Unterstützer für
tigem Vorteil. Solidarität, Fairness und nach- einen aktiven Multilateralismus.
haltige Entwicklungsperspektiven sind wesent-
liche Voraussetzungen einer inklusiven und als
legitim anerkannten Ordnung zwischen Staa-
ten gleich welcher Größe und politischer Be-
deutung. Verlässlichkeit und Berechenbarkeit
machen gemeinsame Problembewältigung und
Zielerreichung möglich. Deutschland braucht
eine Welt mit weitsichtigen, weithin akzep-
tierten und solidarischen Regeln und einem

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Abbildung 1
Deutschland soll mithelfen, Herausforderungen zu bewältigen
„Wie sollte sich Deutschland in der internationalen Politik am ehesten verhalten?
Sollte Deutschland… eher bei der Bewältigung von Problemen, Krisen und Konflikten mithelfen oder
sich eher aus Problemen, Krisen und Konflikten heraushalten?“

%
80

70 66
63
59 59 57 59 58
60

46 48
50 45
38 39 38
40 45 34 36
42 43 34
30 27

20
10 12
9 7 7
10 4 4 6
3 3

2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020

  Sollte/sollte eher bei der Bewältigung von Problemen, Krisen und Konflikten mithelfen
  Sollte sich/sollte sich eher aus Problemen, Krisen und Konflikten heraushalten     Weiß nicht/keine Angabe

Anmerkungen: Nicht alle Prozentangaben ergeben 100 Prozent in der Summe, da die Einzelwerte gerundet wurden.
Quelle: Bevölkerungsbefragungen des ZMSBw 2010–2020. Die Frage wurde 2011 nicht erhoben.

Gestützt auf diesen breiten innergesell- globales oder auch nur regionales Regelsystem
schaftlichen Konsens wird Deutschland weiter- für die Rechte der Nutzerinnen und Nutzer an
hin konsequent dazu beitragen, multilaterale ihren Daten, dem Schutz von Persönlichkeits-
Institutionen und Organisationen zu erhalten, rechten oder der fairen Besteuerung der dort
anzupassen und zu reformieren. Die Ver- von Unternehmen erzielten Gewinne weitge-
teidigung und aktive Weiterentwicklung des hend fehlt. Ebenso wird sich die Bundesregie-
Völkerrechts hat für Deutschland dabei einen rung mit Nachdruck für allgemein anerkannte
besonderen Stellenwert. Die Bundesregierung Normen, Prinzipien und Verhaltensregeln für
wird weiterhin für neue multilaterale Wege staatliche Aktivitäten im Cyberraum einsetzen.
zur Bewältigung jener Herausforderungen
eintreten, die derzeit noch nicht von interna-
tionalen Regelsystemen erfasst sind. Zu diesen
Bereichen gehört zum Beispiel der weitgehend
von privaten Unternehmen geschaffene und
dominierte digitale Raum, in dem bisher ein

18
1 . 1 E i n We i ß b u c h M
­ ultilateralismus

Dabei setzt Deutschland auch auf die Zu- Multilateralismus als Chance
sammenarbeit mit vielfältigen Partnern in neu-
en Formaten. So ist die von Deutschland und
Frankreich ins Leben gerufene Allianz für den Die vergangenen Jahre waren ein Weckruf,
Multilateralismus ein überregionales, ­flexibles welche gefährlichen Leerstellen in der interna-
Netzwerk, in dem Staaten und ­Institutionen aus tionalen Zusammenarbeit durch die Abwesen-
Afrika, Amerika, Asien, Europa und ­Ozeanien heit wichtiger Akteure entstehen können – und
in unterschiedlichen Zusammen­setzungen zu wie wichtig es ist, multilaterales Engagement
verschiedenen Themen zusammenarbeiten und auf möglichst viele Schultern zu verteilen. Die
konkrete Initiativen entwickeln, die zur Lösung US-Regierung unter Präsident Biden hat sich zu
weltweiter Probleme beitragen. Auch in ihren einem aktiven und wertebasierten multilatera-
Leitlinien zum Indo-Pazifik räumt die Bundes- len Ansatz bekannt und zeigt eine hohe Wert-
regierung der multilateralen Zusammenarbeit schätzung für Partnerschaften und Allianzen.
mit ihren Partnern in dieser politisch und wirt- Dies ist ein wichtiges Signal für die Stärkung des
schaftlich aufstrebenden Region einen hohen Multilateralismus insgesamt und bietet enorme
Stellenwert ein. Chancen für einen transatlantischen Aufbruch
im Sinne eines aktiven Multilateralismus.

Abbildung 2
Deutschlands Verantwortung bleibt hoch
„Was meinen Sie? Hat die Verantwortung, die Deutschland auf internationaler Ebene zu tragen hat,
in den letzten Jahren zugenommen oder abgenommen?“

%
80
74 73 73
70 67
63 62
60

50

40

29
30 25 26
20 20 21
20

10 5 6 5 6
2 3 3 5
3 3 3 3
2015 2016 2017 2018 2019 2020

 Zugenommen    Abgenommen  
  Weder zu- noch abgenommen     Weiß nicht/keine Angabe
Anmerkungen: Nicht alle Prozentangaben ergeben 100 Prozent in der Summe, da die Einzelwerte gerundet wurden.
Quelle: Bevölkerungsbefragungen des ZMSBw 2015–2020.

19
0 1   ­  E I N A K T I V E R M U LT I L AT E R A L I S M U S F Ü R DA S 2 1 . J A H R H U N D E RT

Allianz für den Multilateralismus

Die Allianz für den Multilateralismus wurde auf Initiative Deutschlands als flexibles
Netzwerk engagierter Staaten und Institutionen ins Leben gerufen, die themen­
bezogen zusammenarbeiten, um die regelbasierte internationale Ordnung zu vertei-
digen, zu gestalten und wo nötig zu reformieren. Am 26. September 2019 kamen die
Außen­ministerinnen und Außenminister der Allianz auf Initiative von Deutschland,
Frankreich, Kanada, Mexiko, Chile, Singapur und Ghana zum ersten Mal im großen
Kreis am Rande der VN-Generalversammlung in New York zusammen. Seither ist das
Netzwerk auf über 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer angewachsen. Dem Wert
multilateraler Zusammenarbeit und regelbasierter internationaler Ordnung wurde
politisches Gewicht und eine Öffentlichkeit gegeben. Die Allianz hat zudem eine Platt-
form geschaffen, die Impulse gibt und Koalitionen bildet, um die häufig langfristig
angelegte multilaterale Arbeit voranzutreiben.

Im Rahmen der Allianz engagiert sich die Bundesregierung gemeinsam mit ihren
Partnern z. B. gegen Verletzungen des humanitären Völkerrechts oder Angriffe auf
humanitäre Helferinnen und Helfer, für die Stärkung von Menschenrechten sowie von
Rüstungskontroll- und Abrüstungsregimen. Partner der Allianz kooperieren dort, wo
neue Herausforderungen neuen Regelungsbedarf schaffen, etwa zu technologischen
Weiterentwicklungen im Rüstungsbereich oder im Cyberraum, bei den Folgen des
Klimawandels für unsere Sicherheit, bei Cyberattacken und Desinformation. Um die
globale politische Ordnung funktionsfähig zu erhalten und repräsentativer und inklu-
siver zu machen, sollen bestehende Institutionen gegebenenfalls reformiert werden,
um veränderten Umständen Rechnung zu tragen, aber auch um neue Akteure mitein-
zubeziehen. Deshalb verfolgt das Netzwerk einen integrativen Ansatz und arbeitet in
Multi-Stakeholder-Formaten mit nichtstaatlichen Akteuren zusammen.

20
1 . 1 E i n We i ß b u c h M
­ ultilateralismus

Fahnenmasten vor dem Sitz der Vereinten Nationen in Genf

Zuletzt hat sich die Allianz für den Multilateralismus insbesondere mit Fragen einer
gerechten Impfstoffverteilung, dem Umgang mit Desinformation während Pandemien
sowie der Stärkung der multilateralen Gesundheitsarchitektur beschäftigt. Entspre-
chende Erklärungen der Allianz für den Multilateralismus zur multilateralen Reaktion
auf die COVID-19-Krise wurden von 62 Außenministerinnen und Außenministern
unterzeichnet. Am Rande des VN-Menschenrechtsrates am 24. Februar 2021 in Genf
befasste sich die Allianz mit Menschenrechtsschutz im Internet, Menschenrechten
und Klimawandel sowie globaler Gesundheit.
Mehr unter: www.multilateralism.org

21
0 1   ­  E I N A K T I V E R M U LT I L AT E R A L I S M U S F Ü R DA S 2 1 . J A H R H U N D E RT

1.2 Grundprinzipien
des ­Multilateralismus

22
1 . 2 G r u n d p r i n z i p i e n d e s  ­M u l t i l a t e r a l i s m u s

Bereits im Grundgesetz ist es mit aller Klar- Wertebasiert


heit formuliert: Deutschland will als gleichbe-
rechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem
Frieden der Welt dienen. Gemeinsam mit dem Eine internationale Ordnung kann lang-
Bekenntnis zu den unverletzlichen und unver- fristig nur bestehen, wenn gemeinsame
äußerlichen Menschenrechten als Grundlage Kooperationserfolge auf Grundlage gemein-
jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens samer Überzeugungen erzielt werden. Nur
und der Gerechtigkeit in der Welt sowie dem so entstehen vertrauensvolle und krisenfeste
Bekenntnis zum Völkerrecht setzen diese Werte Beziehungen unter Staaten jenseits kurz-
die Leitlinien für Deutschlands internationale sichtiger Interessenpolitik. Ein solcher werte-
Politik. Die Bundesregierung verfolgt also einen basierter Multilateralismus manifestiert sich
aktiven Multilateralismus, der auf vier mitein- für Deutschland in den universal anerkannten
ander korrespondierenden Prinzipien beruht: Prinzipien und Normen der VN und weite-
Vereinbarkeit mit den Werten des Grundgeset- rer internationaler Organisationen, in denen
zes, Legitimität, Inklusivität und Effektivität. Deutschland Mitglied ist: der EU, der NATO,
Diese Prinzipien so weit wie möglich in Ein- dem Europarat, der Organisation für Sicher-
klang zu bringen, ist in vielen Bereichen inter- heit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE)
nationaler Politik eine stete Herausforderung. oder der Organisation für wirtschaftliche

Abbildung 3
Vertrauen in Demokratien ist hoch
„Wer ist Ihrer Meinung nach besser geeignet, die internationalen Herausforderungen
des 21. Jahrhunderts zu meistern?“

4%
Weiß nicht
1%
3% keine Angabe
Weder noch
7%
Nicht-demokratische

85 %
Staaten

Demokratische Staaten

Quelle: The Berlin Pulse 2020/21, repräsentative Umfrage in Deutschland im Auftrag der Körber-Stiftung durchgeführt von KANTAR PUBLIC
­Deutschland. Befragung von 1.005 Personen über 18 Jahren, September 2020 (www.theberlinpulse.org).

23
0 1   ­  E I N A K T I V E R M U LT I L AT E R A L I S M U S F Ü R DA S 2 1 . J A H R H U N D E RT

Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Inklusivität kann langfristig dazu beitragen,


Auch das Engagement in der G7 reflektiert die Verantwortung für die internationale Ord-
diese Wertehaltung und den menschenrechts- nung auf viele Schultern zu verteilen. Gerade
basierten Ansatz der Bundesregierung und weil Deutschland für eine stabile internatio-
ihrer dort vertretenen Partner. Neue Insti- nale Ordnung eintritt, in deren Rahmen das
tutionen der internationalen Politik müssen Zusammenleben der Völker auf Grundlage uni-
sich an diesen Standards messen lassen. Die verseller Werte und Menschenrechte dauerhaft
grundlegenden Prinzipien der Demokratie, erfolgreich gestaltet werden kann, ­kooperiert
der Rechtsstaatlichkeit und des Schutzes der es dafür mit möglichst vielen Staaten und
Menschenrechte sind Richtschnur für eine Akteuren. Die VN sind der zentrale globale
wertebasierte multilaterale Zusammenarbeit. Handlungsrahmen deutscher Politik.
Je breiter der Zuspruch für diese Prinzipien ist,
desto höher ist die Belastbarkeit der interna-
tionalen Ordnung.

… und Effektivität

Legitimität durch Inklusivität … Gleichzeitig hängt die Legitimität multi-


lateraler Politik von den Ergebnissen und
Erfolgen ab, die dieses Handeln hervorbringt.
Die Legitimität multilateralen Handelns Multilateralismus als bevorzugte Form globa-
ergibt sich aus dessen Bindung an die regel­ ler Ordnungs­politik muss sich daran messen
basierte internationale Ordnung. Legitimität lassen, was er zum Wohle der Menschen zu er-
beruht allerdings ebenso auf Repräsentation reichen vermag. Er muss effektiv sein, um sich
und Teilhabe. Deshalb legitimiert die Einbe- dauerhaft in einer von Nutzenkalkülen getrie-
ziehung von weiteren Staaten oder nichtstaat- benen Ordnung behaupten zu können. Des-
lichen Akteuren, wie etwa Nichtregierungs- halb ist die Leistungsfähigkeit einer Institution
organisationen oder Expertengemeinschaften, ebenfalls eine Quelle ihrer Legitimität.
multilaterale Entscheidungsfindungen und
Vereinbarungen zusätzlich. Vereinbarungen, Um größtmögliche Effektivität zur errei-
die als Ergebnis intensiver Beratungen aus chen und konkrete Lösungen für bestehende
Überzeugung getroffen werden, sind lang- Herausforderungen zu entwickeln, nimmt der
lebiger als jene, die Zwängen und kurzlebigen Multilateralismus vielfältige Ausprägungen
Kalkülen folgen. Sie wirken damit über ihre an. Er kann wie die VN mit ihren zahlreichen
konkreten Inhalte hinaus stabilisierend auf Unterorganisationen global und umfassend
die internationale Ordnung. sein. Oder er bleibt in seiner Reichweite priori-
tär regional und an konkrete Ziele und Auf-
gaben gebunden, wie zum Beispiel im Rahmen
der NATO. Manche Formen des Multilateralis-
mus sind als internationale Organisationen
institutionalisiert, haben Hauptquartiere,
Dependancen und Tausende Mitarbeiterinnen

24
1 . 2 G r u n d p r i n z i p i e n d e s  ­M u l t i l a t e r a l i s m u s

Die Staats- und Regierungschefs der


G20-Staaten bei ihrem virtuellen
Gipfeltreffen am 22. November 2020

und Mitarbeiter. Andere multilaterale Foren, in Aus Sicht der Bundesregierung haben all
denen Deutschland Mitglied ist, wie die Gruppe diese Formen des Multilateralismus ihre eigene
der wichtigsten demokratischen Industriestaa- Berechtigung und ihren eigenen Wert, weil sie
ten G7, die um die wichtigsten Schwellenländer in Form und Geist die Ziele der VN unterstützen.
erweiterte G20 oder sogenannte Kontaktgrup- Sie leisten einen Beitrag zu einer legitimen und
pen, die oft für Verhandlungen zu spezifischen stabilen internationalen Ordnung. Für Deutsch-
Konfliktlagen eingerichtet werden, haben land ist dies das entscheidende Kriterium,
dagegen keine oder allenfalls schwach ausge- an dem sich multilaterale Institutionen und
prägte eigene und dauerhafte Strukturen. Ihrer Staatengruppen, die außerhalb des VN-­Systems
Arbeit und ihren Arbeitsweisen liegen infor- etabliert werden, messen lassen müssen.
melle Absprachen über die gemeinsamen Ziele,
Normen und Regeln zugrunde.

In sogenannten Freundesgruppen, die


sich vor allem im Kontext der VN und der
OSZE bilden, versucht Deutschland zusätz-
lich, politische Initiativen gemeinsam mit
Gleichgesinnten innerhalb einer Organisation
zu fördern. In anderen multilateralen Foren
wirkt Deutschland wiederum mit öffentlichen,
privaten und zivilgesellschaftlichen Akteuren
eng zusammen, um in solch einem „Multi-­
Stakeholder-Ansatz“ gemeinsame Antworten
auf kollektive Herausforderungen zu erarbei-
ten. Die Allianz für den Multilateralismus
bündelt und stärkt solche Initiativen.

25
0 1   ­  E I N A K T I V E R M U LT I L AT E R A L I S M U S F Ü R DA S 2 1 . J A H R H U N D E RT

Die Bedeutung der EU


1.3
für Deutschlands
­multilaterales Handeln

26
1.3 Die Bedeutung der EU für Deutschlands m
­ ultilaterales Handeln

Die EU besitzt eine herausragende Bedeu-


tung für Deutschlands multilaterales Handeln.
Als Verbund von 27 Staaten mit einem weltweit
beispiellosen Grad politischer, wirtschaftlicher
und gesellschaftlicher Verflechtung und einem
gemeinsamen Wertefundament ist die EU eine
Institution sui generis und eine einflussreiche
Vertreterin eines wertegebundenen Multilate- Nur mit der vereinten Kraft der EU und ge-
ralismus. Die EU vertritt ihre Mitgliedstaaten in tragen vom Engagement und der Überzeugung
multilateralen Organisationen oder bei multi- ihrer Bürgerinnen und Bürger kann Deutschland
lateralen Verhandlungen entweder als eigen- seine Werte, Interessen und Prioritäten nach
ständige Akteurin oder die EU-­Mitgliedstaaten außen effektiv vertreten und in einer sich wan-
stimmen sich bei ihren Handlungen und delnden und herausgeforderten internationalen
Äußerungen in multilateralen Organisationen Ordnung durchsetzen. Auch für viele Partner-
eng ab und erhöhen dadurch die multilaterale staaten und -organisationen ist die EU Vorbild
Gestaltungskraft Europas. Der Kommission für einen aktiven Multilateralismus und Trieb-
und in Fragen der Gemeinsamen Außen- und kraft für Bemühungen um regionale Zusam-
Sicherheitspolitik (GASP) dem Hohen Ver- menschlüsse zur Förderung von Freiheit, Recht
treter für Außen- und Sicherheitspolitik sowie und Sicherheit. Um die Attraktivität der EU als
dem Europäischen Auswärtigen Dienst kom- Partner und Modell multilateraler Zusammen-
men bei der Festlegung der in internationalen arbeit zu erhalten, muss diese auch in Zukunft
Foren zu vertretenden Standpunkte der EU ihre innere und äußere Handlungsfähigkeit
eine führende Rolle zu. Mit ihrem Netz von weiter verbessern und effektiv auf Herausforde-
140 EU-­Delegationen, der engen weltweiten rungen wie die COVID-19-Pandemie reagieren.
Zusammenarbeit mit den Botschaften der Mit- Die Handlungsfähigkeit Europas zu stärken ist
gliedstaaten, den EU-Sonderbeauftragten und auch deshalb ein Schwerpunkt deutscher Politik.
ihrer Rolle in zahlreichen informellen multi- Hierzu gehört die Festigung des Wertefunda-
lateralen Foren gestaltet die EU die internatio- ments und insbesondere der Rechtsstaatlich-
nale Ordnung intensiv mit. Um ihre Fähigkei- keit innerhalb der EU, die die Grundlagen einer
ten effektiv einzusetzen und ihren Einfluss zu erfolgreichen wertegebundenen Politik Europas
optimieren, muss die EU geschlossen auftreten. auf der globalen Bühne bilden.

27
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

022.1
Multilateralismus,
der Regeln setzt und
Regeln folgt

2.2
Multilateralismus,
der Frieden und Sicherheit dient

2.3
Multilateralismus,
der beim Menschen ankommt

2.4
Multilateralismus
für nachhaltigen Wohlstand

28
Den
Multilateralismus
stärken

29
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Dabei werden im Folgenden vier prioritäre


Themenbereiche vorgestellt, die eine Orientie-
rung im weiten Feld der multilateralen Institu-
tionen und Handlungsbereiche ermöglichen:

1. das Völkerrecht und die leitenden


Prinzipien einer friedlichen, regelbasierten
internationalen Ordnung, zu denen
insbesondere die Menschenrechte gehören;

Deutschlands multilaterales Engagement 2. die Bewahrung von Frieden und Sicherheit


ist äußerst vielfältig. Das Anliegen dieses Weiß- durch multilaterale Institutionen und
buchs ist es nicht – und kann es nicht sein – Regelwerke;
dieses Engagement vollständig abzubilden.
Ziel ist vielmehr, den Mehrwert multi­lateralen
Handelns zu begründen, die wichtigsten 3. die internationale Zusammenarbeit bei
aktuellen Herausforderungen des Multilatera- humanitärer Hilfe, Krisenvorsorge und der
lismus zu umreißen und konkrete politische Verwirklichung der Nachhaltigkeitsziele
Initiativen vorzustellen, mit denen Deutsch- (SDGs) sowie
land in den nächsten Jahren zum Erhalt, zur
Anpassung und zur Reform der multilateralen
Ordnung beitragen wird. 4. multilaterale Kooperation für nachhaltigen
Wohlstand und gerechte Gestaltung
weltweiter Wirtschafts-, Energie- und
Finanzsysteme.

30
2 . 1 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r Re g e l n s e t z t u n d Re g e l n fo l g t

2.1
Multilateralismus,
der Regeln setzt und
Regeln folgt
Verbindliche Regeln und leitende Prin-
zipien sind die Voraussetzung effektiver
multilateraler Zusammenarbeit. Gleichzeitig
entstehen völkerrechtliche Regeln selbst erst
durch den übereinstimmenden Willen und die
Zusammenarbeit der Staaten. Als Folge dieser
wechselseitigen Abhängigkeit gingen die um-
fassende Verrechtlichung der internationalen
Beziehungen und die Ausbildung des multila-
teralen Systems in den vergangenen 75 Jahren
Hand in Hand. Die Gründung der Vereinten
Nationen im Jahr 1945 bildete den Ausgangs-
punkt für beide Entwicklungen. Diese erfolgte
durch einen multilateralen Vertrag nach dem
Vorbild bereits zuvor bestehender internatio-
naler Organisationen wie dem Völkerbund,
dem Weltpostverein oder der Internationalen Unterzeichnung der
„Charta der Vereinten Nationen“
Kommission für die Rheinschifffahrt. Aber erst
am 26. Juni 1945
mit Gründung der VN erhielt die internatio-
nale Zusammenarbeit auf globaler Ebene ein

31
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

umfassendes und dauerhaftes institutionelles Globalisierung – insbesondere der Waren-, Ka-


Gerüst. Zu den Verantwortlichkeiten der VN pital- und Informationsströme, aber auch des
gehören seitdem die Bewahrung von Frieden Reiseverkehrs und von Krankheiten oder Kri-
und Sicherheit, die Entwicklung friedlicher minalität – stieg das Bedürfnis nach gemeinsa-
Beziehungen zwischen den Staaten und die men Regelungen, Standards und auch einver-
Förderung internationaler Zusammenarbeit nehmlichen Wegen der Problembewältigung
zur Lösung wirtschaftlicher, sozialer, kulturel- und Streitbeilegung in den letzten Jahrzehnten
ler und humanitärer Probleme. rapide an. Regeln schaffen Erwartungssicher-
heit, erhöhen Vertrauen und erleichtern die
Die zunehmende Verrechtlichung und Zusammenarbeit. Dies gilt für fundamentale
Institutionalisierung der internationalen Be- Grundnormen der internationalen Zusammen-
ziehungen in ihren verschiedenen politischen, arbeit wie das in der Charta der VN verankerte
wirtschaftlichen, kulturellen, humanitären, allgemeine Gewaltverbot ebenso wie für Ab-
umweltbezogenen und weiteren Dimensio- kommen zum Schutz der Umwelt, Regelungen
nen ist Folge und zugleich Voraussetzung der zum Schutz ausländischer Investitionen oder
immer engeren Zusammenarbeit zwischen Qualitätsstandards für Importprodukte.
den Staaten. Als Reaktion auf die zunehmende

Abbildung 4
Größte Beitragszahler zum VN-System

EU-27
12
USA
11

10

8
Mrd. US-Dollar

6
Deutschland
5
Großbritannien
4
Japan
3
China Niederlande
2 Schweden Kanada Norwegen Frankreich
1

  regulärer Betrag
  freiwillige Beträge (zweckgebunden)     freiwillige Beträge (nicht zweckgebunden)

Quelle: Vereinte Nationen

32
2 . 1 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r Re g e l n s e t z t u n d Re g e l n fo l g t

Öffentliche Anhörung
vor dem Internationalen
Gerichtshof in Den Haag

2.1.1 Herausbildung einer


internationalen
Die Bedeutung Rechtsstaatlichkeit
von Normen, ­Regeln
und Recht Mit der Verrechtlichung früher kaum
erfasster Bereiche der internationalen Be-
ziehungen sind in den letzten Jahrzehnten
Ansätze einer internationalen Rechtsstaatlich-
keit entstanden. Eine wichtige Rolle für die
Durchsetzung völkerrechtlicher Regeln und
Verpflichtungen spielen die internationalen
Gerichte und andere Entscheidungsinstanzen,
deren Anzahl und Bedeutung seit 1945 eben-
falls deutlich zugenommen haben. So gibt
es neben dem in der VN-Charta verankerten
Internationalen Gerichtshof in Den Haag (IGH)
heute Gerichte mit besonderer sachlicher oder
regionaler Zuständigkeit wie den Internationa-
len Strafgerichtshof in Den Haag (IStGH), den

33
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Internationalen Seegerichtshof in Hamburg


(ISGH) oder den Europäischen Gerichtshof in
Luxemburg (EuGH). Gerichtsähnliche Aufga-
ben und Kompetenzen nehmen auch ad hoc
eingerichtete Schiedsgerichte und Einrichtun-
gen wie der Streitbeilegungsmechanismus der
WTO wahr, der das Herzstück des regelbasier-
ten multilateralen Handelssystems darstellt.
Zudem enthalten heute fast alle bilateralen
Handelsabkommen Bestimmungen über
Streitbeilegungsmechanismen.

Eine besondere Rolle bei der Ausrichtung


der internationalen Beziehungen an fundamen-
talen Werten und Rechtsgrundsätzen spielt das
System des völkerrechtlichen Menschenrechts-
schutzes, das nach 1945 in Reaktion auf die
Verfolgung und Vernichtung der europäischen
Jüdinnen und Juden durch das nationalsozialis-
tische Deutschland und die Massenverbrechen
des Zweiten Weltkriegs entstand. Ausgehend
von der 1948 durch die Generalversammlung
der VN verabschiedeten Allgemeinen Erklärung
der Menschenrechte (AEMR) hat sich seitdem
ein dichtes Netz von multilateralen Abkommen Nationen für Menschenrechte (OHCHR) oder
und Institutionen entwickelt, das die staatliche die in zahlreichen Abkommen verankerten
Pflicht zur Beachtung und Durchsetzung uni- Verfahren und weiteren Organe zur Über­
versaler Menschenrechte auch auf einer völker- wachung der Umsetzung internationaler Men-
rechtlichen Ebene verankert. schenrechtskonventionen. Schutz gegen die
Verletzung regionaler Menschenrechtsabkom-
Um dem völkerrechtlichen Menschen- men bieten daneben Einrichtungen wie der
rechtsschutz größtmögliche Effektivität und Europarat mit dem Europäischen Gerichtshof
Reichweite zu verleihen, hat sich eine Viel- für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg, der
zahl von Institutionen und Mechanismen Interamerikanische Gerichtshof für Menschen-
für zwischenstaatliche Überprüfungen und rechte in San José (Costa Rica) oder die OSZE
Konsultationen bei Menschenrechtsverletzun- mit ihrem Büro für demokratische Institutio-
gen wie auch für individuelle Beschwerden von nen und Menschenrechte (ODIHR).
Betroffenen herausgebildet. Dazu gehören auf
globaler Ebene der Menschenrechtsrat der Ver-
einten Nationen (MRR), der für soziale, huma-
nitäre und kulturelle Fragen zuständige Dritte
Ausschuss der VN-Generalversammlung und
das Büro des Hohen Kommissars der Vereinten

34
2 . 1 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r Re g e l n s e t z t u n d Re g e l n fo l g t

Mit diesem umfassenden System von


Regelungen und Institutionen wird ­staatliches
Handeln auch im internationalen Verkehr
rechtlichen Standards unterworfen. Die Zu-
sammenarbeit zwischen den Staaten muss
sich heute an universalen Werten, Prinzipien
und gemeinschaftlichen Zielen messen lassen,
wenn sie als vollwertiger Multilateralismus
gelten will.

Völkerrecht im Zentrum des


deutschen multilateralen
Engagements

Die Stärke des Völkerrechts steht dem Menschheitsverbrechen keine inneren, von
Recht des Stärkeren entgegen und verhindert der staatlichen Souveränität geschützten
die willkürliche Ausübung staatlicher Macht. Angelegen­heiten sind. Durch die Einführung
Deutschland fördert daher die zunehmende eines eigenen Völkerstrafgesetzbuches hat
Verrechtlichung der internationalen Beziehun- Deutschland die internationalen Bestimmun-
gen. Die allgemeinen Regeln des Völkerrechts gen über die Strafbarkeit von Völkermord,
sind laut Grundgesetz Bestandteil des Bundes- ­Verbrechen gegen die Menschlichkeit, über
rechts, gehen den nationalstaatlichen Gesetzen Kriegsverbrechen und zwischenstaatliche
vor und erzeugen unmittelbar Rechte und Aggression aus dem Römischen Statut des
Pflichten für die Einwohnerinnen und Ein- Internationalen Strafgerichtshofs in nationales
wohner der Bundesrepublik (Art. 25 GG). Die Recht überführt.
Bundesrepublik ist Mitglied oder Beobachterin
in über 80 internationalen Organisationen und Deutschland unterstützt die Arbeit inter-
Vertragspartei von mehreren Hundert multi- nationaler Gerichte und Spruchkörper sowie
lateralen Abkommen. multilateraler Einrichtungen zum Schutz der
Menschenrechte politisch, personell und finan-
Deutschland hat die wichtigsten Men- ziell. Deutsche Richterinnen und Richter gehö-
schenrechtsabkommen der VN, die VN-­ ren regelmäßig den Kammern internationaler
Völkermordkonvention und die Europäische Gerichte an und arbeiten an der Durchsetzung
Menschenrechtskonvention ratifiziert und und Fortbildung des Völkerrechts.
die Zuständigkeit des Internationalen Ge-
richtshofs anerkannt. Deutschland unter-
stützt den Grundsatz der internationalen
Schutzverantwortung, nach dem schwere

35
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

2.1.2 Wenn derartige Verstöße ohne Konsequenzen


bleiben, laden sie zur Nachahmung ein und
Herausforderungen untergraben damit die Geltung des Völker-
rechts auch in anderen Zusammenhängen.
der regelbasierten Die in Ansätzen erreichte völkerrechtliche Ein-
hegung staatlichen Handelns nach innen wie
­multilateralen nach außen wird damit wieder in Frage gestellt.
Völkerrechtsverletzungen, vor allem großer
­Ordnung Mächte, zerstören Vertrauen und erschweren
Zusammenarbeit und Kompromissfindung.

Völkerrechtsbrüche Selektive Anwendung


und Schwächung der
Deutschland stellt sich Versuchen zur
Durchsetzungsinstitutionen
Schwächung des Völkerrechts und der inter- des Völkerrechts
nationalen Gerichtsbarkeit entschieden ent-
gegen. Besorgniserregend ist in besonderem
Maße die offene Missachtung völkerrechtlicher Neben dem offenen Bruch ist auch eine
Grundsätze einschließlich des allgemeinen zunehmende Tendenz zur selektiven Anwen-
Gewaltverbots sowie des Annexionsverbots. dung und Umdeutung des Völkerrechts zu
Die Verletzung der territorialen Integrität der beobachten, die ebenso schädlich für dessen
Ukraine durch Russland hat Deutschland des- Funktion als Garant friedlicher Streitbelegung
halb immer wieder entschieden verurteilt. Die und vertrauensvoller Zusammenarbeit ist.
Annexion der Krim durch Russland stellt eine Auch die Missachtung einschlägiger Urteile
völkerrechtswidrige Handlung dar, die weder und Entscheidungen internationaler Gerichte
durch inszenierte Volksabstimmungen noch sowie Versuche zu deren Schwächung gehören
durch das Aufrechterhalten dieser gewaltsam hierher. Beispielsweise erhebt China weiterhin
geschaffenen Tatsachen geheilt werden kann. umfangreiche Ansprüche auf Gebiete im Süd-
chinesischen Meer, die dem Land laut einem
Ebenso wenig akzeptabel sind Verletzungen Schiedsspruch von 2016 nach dem Seerechts-
grundlegender Verpflichtungen und Garan- übereinkommen UNCLOS nicht zustehen.
tien im Bereich der Menschenrechte und
des humanitären Völkerrechts, wie sie aktu-
ell in bewaffneten Konflikten z. B. in Syrien,
­Afghanistan oder im Jemen registriert werden.
Dies gilt auch für den wiederholten Einsatz
von Chemie­waffen, sowohl durch das syri-
sche Regime gegen die eigene Bevölkerung als
auch durch Russland gegen Einzelpersonen.

36
2 . 1 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r Re g e l n s e t z t u n d Re g e l n fo l g t

Seerechtsübereinkommen

Das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (United Nations Convention


on the Law of the Sea, UNCLOS) von 1982 ist mit insgesamt 320 Artikeln der umfang-
reichste multilaterale Vertrag, der im VN-Rahmen entwickelt wurde. Er trat 1994 in
Kraft. Die weit überwiegende Mehrheit der Staatengemeinschaft ist dem Übereinkom-
men beigetreten.

Erster Anstoß für Verhandlungen über eine einheitliche Kodifizierung des inter-
nationalen Seerechts war die in den 1960er Jahren aufgekommene Forderung, den
Tiefseeboden zum gemeinsamen Erbe der Menschheit zu erklären. Der daraufhin
von der VN-Generalversammlung eingesetzte Meeresbodenausschuss führte zur III.
VN-­Seerechtskonferenz, die 1973 begann und mit der Verabschiedung des Seerechts-
übereinkommens 1982 abgeschlossen wurde.

Das Übereinkommen regelt nahezu alle Bereiche des Seevölkerrechts, z. B. die Auf-
teilung der Meere in verschiedene Rechtszonen und die Nutzung der Meereszonen
durch Schifffahrt und Fischerei sowie den Schutz der Meeresumwelt. Als zentraler
Bestandteil eines umfassenden Systems zur Beilegung von Streitigkeiten über die Aus-
legung oder Anwendung des VN-Seerechtsübereinkommens wurde der Internationale
Seegerichtshof in Hamburg (ISGH) ins Leben gerufen.

Selbst innerhalb der EU, die sich seit ihrer


Gründung vor allem auch als Rechts- und
Werte­gemeinschaft versteht, sind die Einhal-
tung rechtsstaatlicher Standards und die Be-
achtung einschlägiger Urteile des Europäischen
Gerichtshofs nicht immer selbstverständlich,
wie Konflikte mit einzelnen EU-Mitgliedstaa-
ten zu Fragen der Unabhängigkeit der Justiz
oder der Medienfreiheit zeigen.

37
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

2.1.3

Völkerrecht und
menschenrechtliche
­Standards wahren
und ausbauen

Bereitschaft zur völkerrechtlichen ­Internationale Rechtsordnung


Bindung außenpolitischen ­erhalten und Völkerrechts­
Verhaltens sinkt verletzungen klar ­benennen

Die dritte Herausforderung für das Völker- Deutschland tritt entschieden für den
recht als Säule der multilateralen Ordnung Erhalt der modernen Völkerrechtsordnung
liegt in der zuletzt abnehmenden Bereitschaft und ihrer Institutionen ein. Insbesondere die
einer Reihe von Staaten, sich neuen Bindungen Grundnormen dieser Ordnung wie das zwi-
und Verpflichtungen zu unterwerfen und da- schenstaatliche Gewaltverbot und der Schutz
mit die Anpassung der Völkerrechtsordnung an der Menschenrechte sind universell gültig. Die
aktuelle Herausforderungen zu ermöglichen. Bundesrepublik setzt sich im EU-Kreis und
Gerade wenn diese aber Wege zur Bewältigung gegenüber ihren internationalen Partnern da-
globaler Probleme eröffnen sollen, sind sie auf her dafür ein, Verstöße gegen das Völkerrecht
die möglichst umfassende Zustimmung und klar zu verurteilen und verantwortliche Staaten
Mitwirkung der Staatengemeinschaft angewie- und Individuen zu benennen und, wenn mög-
sen. Die effektive Reaktion auf globale Heraus- lich, zur Rechenschaft zu ziehen.
forderungen wie Klimawandel, die Verbreitung
von Massenvernichtungswaffen oder die So engagiert sich Deutschland seit Jahren
Bewältigung von Epidemien durch multilate- dafür, dass Kriegsverbrechen in Syrien nicht
rale Abkommen, Einrichtungen und Verfahren ungesühnt bleiben. Die Bundesrepublik hat
wird erschwert, wenn maßgebliche Akteure den „Internationalen, unabhängigen und
der internationalen Ordnung an diesen nicht unparteiischen Mechanismus der VN zur
teilnehmen. Unterstützung der Strafverfolgung von Völker-
rechtsverbrechen in Syrien“ (IIIM) von Beginn
an politisch und finanziell unterstützt und
sich erfolgreich für dessen Übernahme in das
­reguläre Budget der VN eingesetzt.

38
2 . 1 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r Re g e l n s e t z t u n d Re g e l n fo l g t

„Humanitäre Mindeststandards in bewaffneten


Konflikten lassen sich nur gemeinsam mit
den Konfliktparteien nachhaltig durchsetzen.
Erforderlich dafür sind nach meiner Erfahrung ein
langer Atem, Empathie, Mut und Kreativität. Gute Dienste
und erfolgreich durchgeführte Ermittlungen sind der Beitrag,
den ein gelebter Multilateralismus für die Verwirklichung
dieser Standards leisten kann.“
Prof. Dr. Thilo Marauhn, Präsident der Internationalen Humanitären Ermittlungskommission

Den Internationalen
Strafgerichtshof unterstützen

Deutschland unterstützt die internationale Deutschland gehörte zu den ersten Ver-


Strafgerichtsbarkeit auf universeller Ebene. tragsstaaten des Römischen Statuts und hat
Dabei gilt ein besonderes Augenmerk der auch dessen Erweiterung um den Straftatbe-
Schaffung und Fortentwicklung effektiver stand der Aggression, also der Führung eines
­Mechanismen und Einrichtungen zur Ahndung Angriffskrieges, in nationales Recht umgesetzt.
von Kriegsverbrechen, Völkermord und Ver- Deutschland ist der nach Japan größte Bei-
brechen gegen die Menschlichkeit. Zentrales tragszahler für den IStGH. Die tägliche Arbeit
Instrument bei der internationalen Verfolgung des Gerichtshofs und weiterer ­spezialisierter
von Völkerrechtsverbrechen und elementarer internationaler Strafgerichte unterstützt
Bestandteil der regelbasierten Weltordnung Deutschland durch das Leisten von Rechtshilfe,
ist der 1998 mit dem Römischen Statut ins insbesondere für die Haftvollstreckung von
Leben gerufene Internationale Strafgerichtshof rechtskräftig Verurteilten in deutschen Ge-
(IStGH). Mit der Gründung des IStGH wurde fängnissen, und leistet damit einen wichtigen
zum ersten Mal ein ständiges internationales
Gericht zur strafrechtlichen Verfolgung von
Völkerrechtsverbrechen geschaffen.

39
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Internationaler Strafgerichtshof

Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag ist ein Meilenstein im Kampf
gegen die Straflosigkeit schwerster Verbrechen. Als unabhängiger, ständiger inter-
nationaler Gerichtshof, der die innerstaatlichen Strafgerichtsbarkeiten ergänzt, ahndet
der IStGH Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und
das Verbrechen der Aggression. Der IStGH wurde auf Grundlage des 2002 in Kraft ge-
tretenen Römischen Statuts errichtet. Das erste Urteil sprach der IStGH im Verfahren
gegen einen früheren kongolesischen Milizenführer, der wegen der Rekrutierung und
des Einsatzes von Kindersoldaten 2012 für schuldig befunden und dafür zu einer Frei-
heitsstrafe von 14 Jahren verurteilt wurde.

Beitrag zur praktischen Funktionsfähigkeit


der Gerichte. Um die Arbeit des IStGH gerade
mit Blick auf die Komplexität der ihm vor-
gelegten Fälle noch effektiver zu machen, hat
eine Expertenkommission unter Vorsitz des
südafrikanischen Richters Richard Goldstone
umfangreiche Reformempfehlungen abge-
geben. Deutschland unterstützt und begleitet
diese Reformdiskussion intensiv. Dazu finan-
ziert die Bundesregierung eine Untersuchung
zur ­Effektivität der Verfahren am IStGH, die
von der Internationalen Akademie ­Nürnberger
Prinzipien und der Universität Erlangen-­
Nürnberg durchgeführt wird.

40
2 . 1 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r Re g e l n s e t z t u n d Re g e l n fo l g t

Der Internationale
Strafgerichtshof
in Den Haag

Völkerrecht als Fundament Inhalte und Verpflichtungen des humanitären


der multilateralen Ordnung Völkerrechts bei Angehörigen von staatlichen
Streitkräften wie auch von nichtstaatlichen
fortentwickeln bewaffneten Gruppen verbessert werden. Zu-
dem sollen ­humanitäre Organisationen in ihrer
Arbeit unterstützt werden und es soll sicher-
Das Völkerrecht und dessen effektive gestellt werden, dass Antiterrorregelungen und
Durchsetzung ist auch einer der thematischen ­Sanktionen unparteiische humanitäre Hilfe
Schwerpunkte der Allianz für den Multilate- möglichst nicht einschränken.
ralismus. Auf Initiative von Deutschland und
Frankreich haben sich bisher 47 Staaten und Eine weitere Initiative der Allianz für den
die EU zu einem Humanitarian Call for Action Multilateralismus im Bereich des Völkerrechts
zusammengeschlossen, um für eine Stärkung ist die „Allianz gegen Straflosigkeit“. Diese zielt
und bessere Umsetzung des humanitären darauf ab sicherzustellen, dass Verantwortliche
Völkerrechts und humanitärer Prinzipien für Verstöße gegen das Völkerstrafrecht auch
weltweit zu sorgen. Konkret sollen bereits tatsächlich zur Rechenschaft gezogen werden.
bestehende humanitäre Verpflichtungen Auch setzen sich die Mitglieder der Allianz
von möglichst allen Staaten umgesetzt und dafür ein, die völkerrechtliche Ächtung und
eingehalten werden, so etwa die VN-Sicher- Strafbarkeit von Verbrechen gegen die Mensch-
heitsratsresolution 2286 über den Schutz von lichkeit in einer eigenständigen Konvention zu
medizinischem und humanitärem Personal in verankern. Diese könnte eine Regelungslücke
Konfliktlagen. Um die Einhaltung humanitärer insbesondere für diejenigen Staaten schließen,
Normen in konkreten Gefährdungssituationen die das Römische Statut bisher nicht ratifiziert
zu verbessern, soll außerdem das Wissen über haben und aus verschiedenen Gründen in

41
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Deutschland als Anwalt


der Menschenrechte in den
Vereinten Nationen

absehbarer Zeit nicht ratifizieren werden. Seit Neben seiner Mitgliedschaft im Sicherheits-
2019 liegt der Entwurf der VN-Völkerrechts- rat der Vereinten Nationen (VNSR) 2019/2020
kommission für eine eigenständige Konvention gehört Deutschland bis 2022 auch dem VN-
zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Menschenrechtsrat (MRR) an. Deutschland
Deutschland setzt sich mit Nachdruck für die nutzte und nutzt seine Möglichkeiten als
Aufnahme von Beratungen zur Verabschiedung Mitglied im MRR sowie im VNSR, um grund-
der Konvention in den Gremien der VN ein legende Zukunftsfragen des Menschenrechts-
und hat dafür auch den Aufbau einer Freundes- schutzes auf allen Ebenen fortzuentwickeln.
gruppe gleichgesinnter Staaten vorangetrieben.
Als Mitglied des VNSR 2019/2020 hat
Deutschland beteiligt sich zudem an der Deutschland eine Rekordzahl von Bericht-
Initiative zum Abschluss eines Übereinkom- erstatterinnen und Berichterstattern aus der
mens über die internationale Zusammenarbeit Zivilgesellschaft in den Rat eingeladen. Auch
bei der Untersuchung und Strafverfolgung im Menschenrechtsrat der VN ist die Rolle der
von Verbrechen des Völkermords, Verbrechen Zivilgesellschaft und die Förderung des Aus-
gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbre- tausches der VN-Institutionen mit deren Ver-
chen (Convention on International Cooperation treterinnen und Vertretern ein Schwerpunkt
in the Investigation and Prosecution of the Crime der Arbeit der Bundesregierung.
of Genocide, Crimes against Humanity and
War Crimes). Die Initiative soll im Jahr 2022
zu einem Übereinkommen führen und wird
bereits von 76 Staaten (März 2021) unterstützt.

42
2 . 1 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r Re g e l n s e t z t u n d Re g e l n fo l g t

Thematisch wird sich Deutschland weiter Neben seinem Einsatz in den zentralen
dafür einsetzen, dass der Menschenrechtsrat ­ remien des VN-Menschenrechtssystems stärkt
G
neben dem Schutz der klassischen Grund- und Deutschland auch dessen finanzielle Grund­
Freiheitsrechte auch Herausforderungen und lage, beispielsweise durch eine erhebliche
Handlungsfelder wie die Menschenrechte auf Steigerung seiner freiwilligen Beiträge im Jahr
Gesundheit, einwandfreies Trinkwasser und 2021 sowie durch entschiedenen Einsatz im
Sanitärversorgung, das Menschenrecht auf ange- Haushaltsausschuss der VN für ein angemes-
messene Nahrung, den Schutz der Privatsphäre senes Regelbudget für den Menschenrechts-
im digitalen Zeitalter oder die menschenrecht- rat und die weiteren Instrumente des VN-­
lichen Folgen des Klimawandels in den Blick Menschenrechtsschutzes. Nur so können deren
nimmt. Dazu gehört auch ein Austausch mit Unabhängigkeit und größtmögliche Effektivität
der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), auch in Zukunft sichergestellt werden.
die mit ihren Kernarbeitsnormen einen festen
Kanon an sozialen Menschenrechten geschaffen
hat und zudem über Expertise im Umgang mit
den sozialen Folgen des Klimawandels verfügt.
Effektiver Menschenrechtsschutz muss nach Instrumente der
Überzeugung der Bundesregierung auch in EU zur Durchsetzung
Krisenzeiten höchste Priorität genießen, um be-
sonders von der COVID-19-Pandemie Betroffene
der Menschenrechte
zu schützen und den gesellschaftlichen Zusam- weltweit schärfen
menhalt für deren Bewältigung zu stärken.

Europa verfügt über ein besonders eng


geknüpftes Netz von Abkommen und Einrich-
tungen, die den Schutz der Menschenrechte
der europäischen Bürgerinnen und Bürger,
Rechtsstaatlichkeit und demokratische Ver-
fahren sicherstellen. Im Hinblick auf sein
menschenrechtliches Schutzniveau besitzt
Europa eine Vorbildfunktion weltweit. Die
Tatsache, dass die Menschen in der EU nach
den verheerenden Katastrophen zweier Welt-
kriege seit nunmehr über 75 Jahren in Frieden
leben, unterstreicht den engen Zusammenhang
von internationaler Sicherheit und effektivem
multilateralen Menschenrechtsschutz.

Sitzung des
VN-Menschenrechtsrats
in Genf

43
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Artikel 2 des EU-Vertrags hält die Werte fest, Zur weltweiten Förderung und ­Verteidigung
auf die die Union sich gründet: Achtung der von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit,
Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleich- Menschen­rechten und der Grundsätze des
heit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Völker­rechts braucht die EU Möglichkeiten,
Menschenrechte, einschließlich der Rechte der um auf Menschenrechtsverletzungen und
Minderheiten. Die Institutionen und Mitglied- ­andere Normbrüche zielgerichtet und effek-
staaten der EU sind nach den europäischen tiv zu reagieren und die Verantwortlichen
Verträgen an die Menschenrechte und Grund- zur Rechenschaft zu ziehen. Unter deutscher
freiheiten der Europäischen Grundrechtecharta EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten ­Hälfte
gebunden. Auch in ihrem Handeln nach außen des Jahres 2020 hat die Bundesregierung die
verpflichtet sich die EU, einen Beitrag zur „Be- Einigung auf einen neuen horizontalen EU-­
seitigung der Armut und zum Schutz der Men- Sanktionsmechanismus erreicht, der eine
schenrechte, insbesondere der Rechte des Kindes, Verhängung von Sanktionen gegen Einzel­
sowie zur strikten Einhaltung und Weiterent- personen oder Einrichtungen weltweit
wicklung des Völkerrechts“ zu leisten (Art. 3 EUV). ­ermöglicht, wenn diese für schwerste Men-
schenrechtsverletzungen verantwortlich sind.
Mit dem im November 2020 angenom-
menen „Aktionsplan Menschenrechte und
Demokratie 2020–2024“ hat sich die EU einen
Kompass für ihre internationale Menschen-
rechtspolitik der nächsten fünf Jahre ­gegeben. Zukunftsfragen des
Dieser stellt die Stärkung grundlegender Menschenrechtsschutzes auf die
Werte wie Geschlechtergerechtigkeit in den
Mittelpunkt und setzt daneben auch Zukunfts-
Agenda des Europarats setzen
themen des Menschenrechtsschutzes wie die
Herausforderungen durch risikobehaftete
Anwendungen von Künstlicher Intelligenz (KI) Heute, über 70 Jahre nach seiner Gründung,
auf die Agenda der EU. Mit ihrem „Instrument gehören dem Europarat 47 Länder mit über 830
für Nachbarschaft, Entwicklungszusammen- Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern
arbeit und internationale Zusammenarbeit“ an. Der Europarat unterstützt seine Mitglieder
(NDICI) unterstützt die Union Partnerländer in beim Aufbau und der Pflege demokratischer und
der ganzen Welt auch beim Schutz der Men- rechtsstaatlicher Strukturen. Zusammen mit dem
schenrechte und der Gewährleistung demokra- Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte
tischer Standards. Deutschland hat außerdem (EGMR) wacht der Europarat über die Einhaltung
die Verabschiedung eines EU-Aktionsplans für der Europäischen Menschenrechtskonvention
verantwortungsvolles Unternehmenshandeln (EMRK), die in allen Mitgliedstaaten verbindlich
zur Umsetzung der VN-Leitlinien zu Wirtschaft ist. Die Europäische Sozialcharta (ESC) ergänzt
und Menschenrechten vorangetrieben. diese um essenzielle soziale und wirtschaft-
liche Grundrechte. Daneben gibt die Venedig-­
Kommission des Europarats Stellungnahmen zur
Entwicklung der Rechtsstaatlichkeit in dessen
Mitgliedstaaten und darüber hinaus ab und berät
Regierungen in verfassungsrechtlichen Fragen.

44
2 . 1 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r Re g e l n s e t z t u n d Re g e l n fo l g t

Von November 2020 bis Mai 2021 führte Deutschland will die Verhandlungen über
Deutschland den Vorsitz im Ministerkomitee einen Beitritt der EU zur Europäischen Men-
des Europarats, dem Entscheidungsgremium schenrechtskonvention voranbringen. Durch
der Organisation. Ziel der Bundesregierung die Verklammerung der beiden Menschen-
auch über den Vorsitz hinaus ist es, den Euro- rechtssysteme der EU und des Europarats
parat als einen zentralen Pfeiler multilateraler ­können Schutzlücken geschlossen, Rechts­
Zusammenarbeit in Europa zu stärken und sicherheit geschaffen und das menschenrecht-
die Effektivität des europäischen Menschen- liche Schutzniveau in Europa weiter erhöht
rechtsschutzes weiter zu erhöhen. Insbeson- werden. Darüber hinaus hat Deutschland wäh-
dere müssen die jährlich über 800 Urteile des rend des Vorsitzes die Revidierte Europäische
EGMR durch die Mitgliedstaaten konsequent Sozialcharta (RESC) ratifiziert und setzt damit
umgesetzt werden. Deutschland will auch in ein starkes Zeichen für die Umsetzung euro­
Zukunft dazu beitragen, die Zusammenarbeit päischer Arbeits- und Sozialstandards.
des Gerichtshofs mit den nationalen Gerichten
der Mitgliedstaaten zu verbessern und die Rolle
der Verfahrensbevollmächtigten der Mitglied-
staaten beim Gerichtshof zu stärken.

Der Europäische
Gerichtshof für
Menschenrechte in
Straßburg

45
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Deutschland bestärkt den Europarat darin, Deutschland wird zudem innerhalb des
die menschenrechtlichen Folgen der COVID- Europarats Debatten über Zukunftsfragen des
19-Pandemie auf seine Agenda zu setzen. Die Menschenrechtsschutzes voranbringen, zu
Einschränkungen und Belastungen der Pan- denen der Kampf gegen Hassrede im Internet
demie haben unter anderem zu einer erschre- und die menschenrechtlichen Folgen risiko­
ckenden Zunahme von Gewalt gegen Frauen behafteter Anwendungen von Künstlicher
und Kinder geführt. Die Nachfragen nach Intelligenz (KI) gehören. Beide Herausfor-
Hilfs- und Beratungsangeboten gegen häus- derungen werfen drängende Fragen zu den
liche Gewalt haben sich in manchen Ländern Auswirkungen digitaler Entwicklung und
seit Ausbruch der Pandemie verfünffacht. Mit Innovation auf Menschenrechte, Demokratie
der sogenannten Istanbul-Konvention zur und Rechtsstaatlichkeit auf. Dazu gehören
Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen das Spannungsfeld zwischen dem Recht auf
Frauen und häuslicher Gewalt verfügt der Meinungsfreiheit und dem Schutz der Persön-
Europarat über ein wirksames Instrument, um lichkeit im digitalen Raum, der Schutz der indi-
dieser Entwicklung zu begegnen. Deutschland viduellen Privatsphäre vor KI-gestützten Über-
setzt sich dafür ein, dass alle Mitgliedstaaten wachungstechnologien und die Gefahr von
des Europarats und die EU die Istanbul-­ Diskriminierungen durch den Einsatz digitaler
Konvention rasch ratifizieren und umsetzen. Identifikationssysteme. Ausgewogene und an
der Wahrung der Menschenrechte orientierte
Regelungen auf diesem Gebiet können die Vor-
reiterrolle Europas als Normgestalter stärken.

Das jährlich von


ODIHR organisierte
Human Dimension
Implementation Meeting
in Warschau

46
2 . 1 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r Re g e l n s e t z t u n d Re g e l n fo l g t

„Multilaterales Handeln in der Sicherheitspolitik


setzt Vertrauen voraus. Dieses zwischen Staaten
aufzubauen oder wiederzuerlangen ist möglich
und muss unser stetiger Ansporn sein. Die OSZE
bringt hierfür Staaten für einen Dialog auf Augenhöhe und
Vertrauensbildung an einen Tisch. Ihre Rolle für Staaten, die
sonst nicht in regelmäßigem Austausch stünden, möchte ich
weiter stärken. Dabei ist Deutschland ein wichtiger Partner.“
Helga Schmid, Generalsekretärin der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa (OSZE)

OSZE als multilaterale


Kooperationsplattform zwischen
Ost und West stärken
Menschenrechte (ODIHR), die Beauftragte
für die Freiheit der Medien (RFoM) und den
Die Organisation für Sicherheit und Zu- Hochkommissar für Nationale ­Minderheiten
sammenarbeit in Europa (OSZE) mit ihren (HKNM). Neben dem regulären Haushalt der
drei Dimensionen Sicherheit, Wirtschaft und OSZE, zu dem Deutschland den zweitgröß-
Menschenrechtsschutz ist ein einzigartiges ten Beitrag aller Teilnehmerstaaten leistet,
Forum für den Dialog der 57 Teilnehmerstaa- finanziert es eine Reihe von Projekten, u. a. zur
ten „zwischen Vancouver und Wladiwostok“. Bekämpfung von Antisemitismus und Dis-
Zu ihren Zielen gehört auch die Förderung kriminierung von Minderheiten sowie zur
von Rechtsstaatlichkeit und demokratischen Bekämpfung des Menschenhandels und zum
Institutionen. Schutz von Opfern von Hassrede und Hass-
verbrechen. Besonders setzt sich die Bundes-
Neben ihrem politischen Engagement für regierung für das jährlich stattfindende Human
den Schutz der Menschenrechte im Rahmen Dimension Implementation Meeting (HDIM) in
der OSZE fördert die Bundesregierung in der Warschau ein, das mit ca. 2.000 Teilnehmerin-
„menschlichen“ Dimension der OSZE das nen und Teilnehmern eine der größten Men-
Büro für Demokratische Institutionen und schenrechtskonferenzen in Europa darstellt.

47
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

2.2 ­Multilateralismus,
der ­Frieden und
­Sicherheit dient

48
2.2 M
­ u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r  ­F r i e d e n u n d S­ i c h e r h e i t   d i e n t

2.2.1

Gemeinsam sich
und andere schützen

Frieden und Sicherheit brauchen multi- liegt die Hauptverantwortung für die Wah-
laterale Zusammenarbeit. Nirgendwo wird rung des Weltfriedens und der internationalen
dies deutlicher als in der Charta der Vereinten Sicherheit. Er kann Maßnahmen beschließen,
Nationen, welche die souveräne Gleichheit der um gegen Gewaltanwendung vorzugehen und
Staaten und das Gewaltverbot zu Grundnor- das Recht anderer Staaten bekräftigen, einem
men der internationalen Beziehungen erhebt. angegriffenen Land kollektiv beizustehen,
Die gewaltsame Durchsetzung der Interessen wenn es sein Recht auf Selbstverteidigung
eines Staates gegen einen anderen ist grund- ausübt. Mit bewaffneten friedenssichernden
sätzlich untersagt. Eine Ausnahme ist das Recht Missionen, wie z. B. in Mali (MINUSMA), aber
auf Selbstverteidigung. Beim VN-Sicherheitsrat auch mit primär zivilen, sogenannten be-
sonderen politischen Missionen, wie z. B. in
der Integrierten Mission zur Unterstützung
des ­demokratischen Übergangs in Sudan
(­UNITAMS), nutzen die VN ihre einzigartige
­Legitimität für die Befriedung und die Präven-
tion von bewaffneten Konflikten.

„UNITAMS, die von mir geleitete Mission der VN


im Sudan, ist vom VN-Sicherheitsrat mandatiert,
die Regierung und die Bevölkerung des Sudan auf
dem schwierigen Weg von Diktatur und Bürgerkrieg
zu Frieden und demokratischer Regierungsführung zu
unterstützen. Multilaterale Zusammenarbeit und gemeinsame
Zielvorstellungen im Sicherheitsrat sind entscheidend, um
dem Sudan in diesem historischen Prozess zur Seite zu stehen.“
Prof. Dr. Volker Perthes, Sonderbeauftragter des VN-Generalsekretärs für Sudan und Leiter der
Integrierten Mission der VN zur Unterstützung des Übergangs in Sudan (UNITAMS)

49
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

In den vergangenen 73 Jahren haben über für friedenssichernde Einsätze. Die Bundesre-
eine Million Soldatinnen und Soldaten sowie gierung unterstützt die VN insbesondere in den
Polizistinnen und Polizisten aus 125 Staaten an Bereichen Friedensstiftung, Friedenskonsoli-
VN-Missionen teilgenommen und dadurch die dierung, Ausbildung und „Frauen im Peacekee-
Inklusivität und Unparteilichkeit der VN unter ping“ sowie im Übergang von auch auf militä-
Beweis gestellt. Aktuell dienen mehr als 80.000 risches Engagement gestützter zu rein ziviler
sogenannte Blauhelme aus Militär und Polizei Konfliktbearbeitung.
in zwölf friedenssichernden Missionen an der
Seite ihrer zivilen Kolleginnen und Kollegen Trotz aller Verbote und trotz der Bindungs-
aus Diplomatie und Entwicklungszusammen- wirkung der VN-Charta für alle Mitgliedstaaten
arbeit. Bei der maritimen Komponente der sind auch seit Gründung der VN bewaffnete
VN-Friedensmission im Libanon (UNIFIL) Konflikte in vielen Teilen der Welt Realität ge-
und bei UNITAMS sind Deutsche für die VN in blieben, auch in Europa. Zusätzlich bedrohen
Führungsverantwortung. Zudem ist Deutsch- innerstaatliche Konflikte mit massiven Ver-
land viertgrößter Beitragszahler zum Haushalt brechen an der Zivilbevölkerung, Terrorismus
und transnationale Kriminalität Frieden und
Sicherheit. Die Folgen sind selten auf die direkt
betroffenen Länder beschränkt.

„Die Maritime Task Force UNIFIL besteht aus


Schiffen und Stabspersonal aus fünf verschiedenen
Nationen und ist der einzige Marineverband
unter der Flagge der VN. Unsere Aufgabe ist, die
libanesische Regierung bei der Sicherung der seeseitigen
Grenzen zu unterstützen, um Waffenschmuggel zu verhindern,
die seegestützte Aufklärung und Überwachung innerhalb des
UNIFIL-Einsatzgebietes und Luftraumüberwachung über
dem gesamten Libanon sowie der libanesischen Marine beim
Aufbau eigener Fähigkeiten zu helfen.“
Flottillenadmiral Axel Schulz, Kommandeur UNIFIL Maritime Task Force

50
2.2 M
­ u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r  ­F r i e d e n u n d S­ i c h e r h e i t   d i e n t

Lagebesprechung im
Gefechtsstand während der
Übung Iron Wolf 2019 im
Rahmen der Enhanced Forward
Presence Battle Group in
Pabrade/Litauen

Die Bewältigung solcher Herausforderungen Frontstaat während des Kalten Krieges. ­Heute
und die Wahrung von Frieden und Sicherheit organisieren in der NATO 30 Staaten ihre
können nur durch gemeinsame und solidari- Sicherheit politisch und militärisch gemeinsam
sche Anstrengungen der Staatengemeinschaft und demonstrieren dies täglich durch den ge-
gelingen. Dies geschieht im Interesse aller, denn meinsamen Schutz des Bündnisgebietes und in
bewaffnete Konflikte bringen nicht nur Tod internationalen Einsätzen. Deutschland leistet
und Zerstörung über die unmittelbar Betroffe- dazu beispielsweise beim Schutz des Luftrau-
nen, sie vernichten auch Vertrauen unter mes über dem Baltikum und Rumänien im
Staaten, Gesellschaften und Menschen und Rahmen des NATO Air Policing, in den ständi-
­verhindern nachhaltige Entwicklung. gen maritimen Einsatzverbänden der NATO,
in NATO-­Einsätzen wie Resolute Support in
In der NATO haben sich vor über 70 Jahren ­Afghanistan, KFOR im Kosovo, der NATO-­
demokratische Staaten Europas und Nord- Mission im Irak oder durch die Stationierung
amerikas zum Schutz ihrer Freiheit und ihrer deutscher Kontingente in Litauen als Teil
gemeinsamen Werte zusammengeschlossen. der NATO enhanced Forward Presence einen
Ihr Wesenskern ist das Beistandsbekennt- wichtigen Beitrag. Seit 2019 stellt Deutschland
nis nach Artikel 5 des Nordatlantikvertrages, mit dem multinationalen Joint Support and
wonach ein bewaffneter Angriff auf einen ­Enabling Command (JSEC) in Ulm zusätzlich
Verbündeten als Angriff auf alle Verbündeten ein neues operatives Kommando der Allianz.
gewertet und entsprechend gemeinschaftlich
beantwortet wird. Bündnissolidarität ist Teil Die NATO ist jedoch mehr als ein reines
deutscher Staats­räson. Die Bundesrepublik ver- Verteidigungsbündnis. Ihr Ziel ist auch, durch
dankt den Verbündeten Frieden, Sicherheit und Partnerschaften und kooperative Angebote
den Schutz ihrer Freiheit speziell in der Zeit als zu Entspannung beizutragen und ein gutes

51
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Verhältnis zu anderen Staaten aufzubauen und mit den VN – internationale Bemühungen zur
zu pflegen. Dafür schloss die Allianz Partner- Verhinderung und Beilegung von ­bewaffneten
schaften mit rund 40 Staaten und internatio- Konflikten, den Kampf gegen Terrorismus
nalen Organisationen wie den VN, der EU oder sowie den Kapazitätsaufbau ausländischer
der OSZE. Im internationalen Krisenmanage- Partnerregierungen und Streitkräfte.
ment unterstützt sie seit den 1990er Jahren mit
Soldatinnen und Soldaten, aber auch zivilem Die EU wird zu einer immer stärkeren
Personal – als Teil eines vernetzten zivil-­ s­ icherheits- und verteidigungspolitischen
militärischen Ansatzes in enger Abstimmung ­Akteurin und übernimmt mehr Verantwortung

Abbildung 5
Deutsche Beteiligung an internationalen Polizeimissionen

EULEX Kosovo UNMIK


FRONTEX
EULEX: 9
Personalstärke:
Personalstärke: UNMIK: 1
Spanien: 4
Griechenland: 42
Italien: 5 EUBAM Moldau / Ukraine EUAM Ukraine
Bulgarien: 6 UKRAINE
EUBAM MDL / UKR: 7
Personalstärke:
MOLDAU EUAM UKRAINE: 4
ITALIEN
KOSOVO GEORGIEN
BULGARIEN EUMM Georgien
Personalstärke: 19

SPANIEN GRIECHENLAND
EUAM Irak
Palästinensische IRAK
Gebiete Personalstärke: 2
EUPOL COPPS
MINUSMA
Personalstärke: 1
Personalstärke: 9

MALI NIGER
SUDAN
EUCAP Somalia UNSOM
EUCAP Somalia: 3
Personalstärke:
UNSOM: 2
SÜD-
EUCAP Sahel Niger SUDAN
Personalstärke: 4 SOMALIA

UNAMID UNITAMS
UNAMID: 1
Personalstärke: 2.000 km
UNITAMS: 1

70 70
  VN
VNMission 
Mission    EU Mission     FRONTEX
FRONTEX
Unter deutscher Leitung 25 Stand 14. April 2021,
    Unter deutscher Leitung            
EU Mission Eingesetzte Polizeikräfte:
Eingesetzte Polizeikräfte:  25
1 1 Quelle: BMI / Karte: AA PREVIEW

Stand: 14. April 2021


Quelle: BMI/Karte: AA Preview

52
2.2 M
­ u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r  ­F r i e d e n u n d S­ i c h e r h e i t   d i e n t

für Frieden und Sicherheit in der Welt. Der in der Welt stehen sich die Mitgliedstaaten der
Multi­lateralismus und die Stärkung der inter- EU, in Einklang mit der Bündnisverpflichtung
nationalen Ordnung bleiben für die EU Grund­ im ­Rahmen der NATO, im Sinne der Beistands­
prinzipien und wirksamste Mittel, die Bezie- klausel des EU-Vertrags auch im Falle eines
hungen in der Staatenwelt zu gestalten. Als ein bewaffneten Angriffs von außen bei.
Staatenverbund, zu dessen Gründungsauftrag
die Überwindung von Krieg in Europa gehört, ist Die EU leistet in vielen Ländern und be-
die EU das herausragende Beispiel für Friedens- waffneten Konflikten der Welt einen aktiven
sicherung durch ökonomische und politische und sichtbaren Beitrag für Frieden und Sicher-
Zusammenarbeit. Dabei kann die Union in heit. Sie verfolgt dabei einen integrierten An-
ihrem internationalen Handeln in besonderem satz zur Konfliktverhütung, Krisenbewältigung
Maße von allen ihr zur Verfügung stehenden und Friedenskonsolidierung. Beispielsweise
Politiken und ihrem einzigartig breiten Instru- leisten die EU-Sonderbeauftragten einen akti-
mentarium Gebrauch machen, zu dem diploma- ven Beitrag bei den Bemühungen um Sicher-
tische, ökonomische, polizei­liche, entwicklungs- heit und Frieden in der Sahelzone, am Horn
und verteidigungspolitische Instrumente ebenso von Afrika, im Südkaukasus und im Nahost-
gehören wie die Streitkräfte ihrer Mitgliedstaa- Friedensprozess. Etwa ein Viertel des regulären
ten. Weltweit arbeitet sie eng mit den VN und Haushalts der VN und des VN-Haushalts für
zahlreichen weiteren internationalen Organisa- Friedenssicherungsmaßnahmen und mehr als
tionen und Partnern zusammen, zum Beispiel in 30 Prozent der Mittel für alle Maßnahmen in
ihren elf zivilen und sechs militärischen Mis- den Bereichen Entwicklungszusammenarbeit,
sionen und Operationen in Europa, Afrika und Friedenskonsolidierung und humanitäre Hilfe
dem Nahen Osten. Neben der Verantwortung werden von EU-Mitgliedstaaten bereitgestellt.

Hauptmann der Bundeswehr als


Trainer für den Kurs Elément Tactique
Interarmes (ETIA) in Koulikoro/Mali
im Rahmen der Mission EUTM

53
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Abbildung 6
Zivile Expertinnen und Experten des ZIF weltweit

Deutschland entsendet über


das Zentrum für Internationale OSZE Mission in Serbien Büro des Europarats in Belgrad
Friedenseinsätze (ZIF) mehr als 150 Personalstärke 3
zivile Expertinnen und Experten
weltweit in Friedenseinsätze
internationaler Organisationen. Von
Kolumbien über den Niger bis nach
Kasachstan tragen sie im Rahmen
SERBIEN
multilateraler Einsätze zur Beilegung
BOSNIEN UND EAD ESVK
und Aufarbeitung von Krisen und
HERZEGOWINA
Konflikten bei. EAD ANS CPCC
EAD ANS non-CPCC
EUSB Belgrad-Pristina-Dialog
KOSOVO NATO HQ Brüssel
Personalstärke 15
EUSB Bosnien und Herzegowina
Personalstärke 1 NORD-
MAZEDONIEN

OSZE RFoM

ITALIEN ALBANIEN OSZE Vorsitz (Schweden)


OSZE Mission in Skopje
OSZE Präsenz in Albanien OSZE Sekretariat Wien
Personalstärke 1
Personalstärke 1 OSZE Parlamentarische Versammlung
EUSB Kosovo EULEX Kosovo Personalstärke 15
OSZE Mission im Kosovo

BALKAN Personalstärke 11

SÜDKAUKASUS

EUMM Georgien NATO Partnerprogramm Tiflis


Personalstärke 3

    VN Mission
    EU Mission
    OSZE Mission
    NATO Mission GEORGIEN

    OAS
KOLUMBIEN
ARMENIEN
   Europarat
    Kosovo Sondertribunal
TÜRKEI
    Mehrere Missionen pro Land
OAS MAPP
50 EUSB Südkaukasus (Eriwan/Brüssel)
Personalstärke:  10 Personalstärke 3
1 Büro des Europarats in Eriwan
Personalstärke 4
Stand: 11. Mai 2021
IRAK
Quelle: AA & ZIF/Karte: AA Preview

VN Mission OSZE Mission OAS Kosovo Sondertribunal


EU Mission NATO Europarat
54
2.2 M
­ u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r  ­F r i e d e n u n d S­ i c h e r h e i t   d i e n t

OSZE Programmbüro
OSZE Programmbüro in Duschanbe in Duschanbe
OSZE Sekretariat DenSekretariat
OSZE Haag Den Haag
Personalstärke Personalstärke
2 2
Kosovo Sondertribunal
Kosovo Sondertribunal
Personalstärke Personalstärke
4 4 EUAM Ukraine EUAM Ukraine
OSZE SMM Ukraine
OSZE SMM Ukraine
Europarat HQ Straßburg
Europarat HQ Straßburg
OSZE Projektkoordinator
OSZE Projektkoordinator
Personalstärke Personalstärke
2 2
Personalstärke Personalstärke
51 51

OSZE Programmbüro
OSZE Programmbüro in Nur-Sultan in Nur-Sultan
Personalstärke Personalstärke
1 1
ODIHR ODIHR
Personalstärke Personalstärke
2 2
OSZE
OSZE Mission in Mission in Moldau
Moldau

NIEDERLANDENIEDERLANDE EU-Delegation EU-Delegation


in Moldau in Moldau
POLEN POLEN
Personalstärke Personalstärke
2 2
BELGIEN BELGIEN
ÖSTERREICH ÖSTERREICH
UKRAINE UKRAINE
KASACHSTAN KASACHSTAN
MOLDAU MOLDAU
FRANKREICH FRANKREICH
USBEKISTAN USBEKISTAN

Welternährungsprogramm
Welternährungsprogramm HQ HQ TÜRKEI TÜRKEI
LANDCOM LANDCOM
Personalstärke Personalstärke
1 1
Personalstärke Personalstärke
1 1
ITALIEN ITALIEN TADSCHIKISTANTADSCHIKISTAN
Palästinensische
Palästinensische
EUBAM LibyenEUBAM Libyen Gebiete Gebiete OSZE Projektkoordinator
OSZE Projektkoordinator
IRAK IRAK
Personalstärke Personalstärke
3 3 Personalstärke Personalstärke
1 1
EUPOL COPPS EUPOL COPPS
MAURETANIENMAURETANIEN
LIBYEN Personalstärke Personalstärke
LIBYEN 5 5

NIGER NIGER EUAM Irak UNITAD


EUAM Irak UNITAD
MALI MALI
Personalstärke Personalstärke
6 6

EUCAP Sahel EUCAP Sahel


Personalstärke Personalstärke
7 7 ÄTHIOPIEN SOMALIA
ÄTHIOPIEN SOMALIA

ZENTRALAFR. ZENTRALAFR.
REPUBLIK REPUBLIK
MINUSMA MINUSMA EU NAVFOR
EU NAVFOR EUCAP EUCAP SOMALIA
SOMALIA
EUSB Sahel EUSB Sahel Personalstärke Personalstärke
4 4
EUAM RCA EUAM RCA
EUCAP Sahel Mali
EUCAP Sahel Mali
Personalstärke Personalstärke
2 2
Personalstärke Personalstärke
6 6 OCHA Äthiopien OCHA Äthiopien
RACC RACC Personalstärke Personalstärke
1 1
Personalstärke Personalstärke
1 1
2.000 km 2.000 km

GEORGIEN GEORGIEN

50 50
Mehrere Mehrere
Missionen Missionen
Personalstärke Personalstärke10 10
pro Land pro Land Stand 11. Mai 2021,
Stand 11. Mai 2021,
1 1 Quelle: AA & ZIFQuelle: AAAA
/ Karte: & PREVIEW
ZIF / Karte: AA PREVIEW
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0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

„Die Vielzahl an Nationalitäten in der


OSZE-Sonderbeobachtungsmission in der
Ukraine ist gelebter Multilateralismus. Allein
in meinem Team arbeiten Kolleginnen und
Kollegen aus 38 Ländern engagiert und konstruktiv
an der Umsetzung unseres Mandates, obwohl sich ihre
Heimatstaaten nicht immer spannungsfrei gegenüberstehen.
Eine kleine Petrischale der Völkerverständigung.“
Jürgen Wellner, Luhansk Monitoring Team Leader, OSCE Special Monitoring Mission to
Ukraine (SMM)

Deutschland beteiligt sich mit militäri- einzigartiges sicherheits- und militärpolitisches


schem und zivilem Personal umfassend an den Konsultations-, Kooperations- und Verhand-
laufenden GSVP-Missionen und -Operationen, lungsforum europäischer, nordamerikanischer
die maßgeblich dazu beitragen, Stabilität in und zentralasiatischer Teilnehmerstaaten
den Krisenregionen der europäischen Nach- darstellt. Im Sinne eines umfassenden Sicher-
barschaft zu fördern. Die Bundesregierung hat heitsansatzes arbeiten die Teilnehmerstaaten
wesentlichen Anteil an der Weiterentwicklung in drei Dimensionen zusammen: der politisch-
verschiedener EU-Verteidigungsinitiativen militärischen Dimension, der Wirtschafts- und
mit der Ständigen Strukturierten Zusammen- Umweltdimension und der menschlichen
arbeit (Permanent Structured Cooperation, Dimension. Vielfältige Feldmissionen auf dem
PESCO) als Herzstück, dem Ausbau der zivilen Westlichen Balkan, in Osteuropa, im Südkau-
GSVP und der Erweiterung der europäischen kasus und in Zentralasien unterstützen die
zivil-­militärischen Planungs- und Führungs- Teilnehmerstaaten vor Ort bei der Umsetzung
strukturen in Brüssel. Als weiteres Ergebnis der Verpflichtungen, die sie im Rahmen der
einer Initiative der Bundesregierung eröffnete OSZE eingegangen sind. Eine herausgehobe-
im September 2020 in Berlin das Europäische ne Mission ist die Sonderbeobachtermission
Kompetenzzentrum Ziviles Krisenmanage- (SMM) in der Ukraine: Knapp 800 Beobachter
ment, welches die EU und ihre Mitgliedstaaten und Beobachterinnen berichten über die Lage
beraten und unterstützen wird. in der Ukraine, die Umsetzung des Waffenstill-
stands und den Abzug der schweren Waffen
VN, NATO und EU sind die Kernpfeiler im Konfliktgebiet im Osten der Ukraine und
deutscher und europäischer Sicherheit. Be- tragen vor Ort dazu bei, den Dialog zwischen
deutend für den Frieden in Europa ist ebenfalls den Seiten herzustellen. Deutschland ist mit 40
die OSZE, die für die europäische Sicherheit ein Beobachtern einer der größten Personalsteller.

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2.2 M
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Fragile Staatlichkeit

Generell gelten jene Staaten als fragil (zerbrechlich), in denen die Regierung nicht
willens oder in der Lage ist, das staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen, grund-
legende staatliche Dienstleistungen zu erbringen und die Akzeptanz des staatlichen
Herrschaftsanspruchs durch das Volk (Legitimität) aufrechtzuerhalten.

Starke Defizite in jeder einzelnen Dimension können brisant sein: So können Ein-
schränkungen des staatlichen Gewaltmonopols einen Verlust territorialer Kontrolle
bedeuten oder organisierte Gewalt durch nichtstaatliche Akteure begünstigen. Kapazi-
tätsdefizite zeigen sich beispielsweise in einer begrenzten Fähigkeit des Staates zur
Formulierung, Implementierung und Durchsetzung von Regeln oder zur Versorgung
der Bevölkerung mit notwendigen Grundgütern wie Wasser oder Dienstleistungen wie
Gesundheit oder Bildung. Schließlich kann sich mangelnde Akzeptanz der staatlichen
Herrschaft in staatlicher Repression niederschlagen oder gar in organisierte Rebellion
und Bürgerkrieg umschlagen.

Auch entwicklungspolitische Ansätze der Zusammenarbeit von Akteuren der humani-


Friedensförderung, insbesondere in Ländern tären Hilfe, der Entwicklungszusammenarbeit
und Regionen des globalen Südens, sind ein und der Friedensförderung.
Pfeiler des deutschen Engagements für Frie-
den und Sicherheit. In diesem Rahmen bettet Bis zum Jahr 2030 wird voraussichtlich
Deutschland sein Engagement ebenfalls konse- mehr als die Hälfte der ärmsten Menschen
quent in multilaterale Ansätze ein und fördert weltweit in fragilen Staaten leben. Damit wird
multilaterale Partner bei ihren entwicklungs- auch die Arbeit der Weltbank, extreme Armut
politischen Ansätzen. zu bekämpfen und inklusives Wachstum zu
generieren, zunehmend in solchen Staaten
Eine bedeutende Akteurin ist auch in ­diesem stattfinden. Deutschland hat Anteil daran, dass
Bereich die Organisation für wirtschaftliche mit der „Strategie für Fragilität, Konflikt und
Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Sie Gewalt“ erstmals für die gesamte Weltbank-
hat unter deutscher Mitwirkung Konzepte für gruppe geltende Handlungsanleitungen für ge-
das Engagement in fragilen Staaten entwickelt, zieltere und effektivere Operationen in fragilen
beispielsweise die Empfehlung zur verbesserten und von Konflikt betroffenen Partnerländern

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0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

vorliegen. Bei den Wiederauffüllungsver- Krisenprävention


handlungen der International Development intensivieren
Association der Weltbank (IDA) 2019 wurde
erstmals eine eigene Finanzierungslinie für
Krisenprävention und fragile Staaten erreicht.
Als viertgrößter Anteilseigner von IDA leistet Krisenprävention setzt an den strukturellen
Deutschland einen essenziellen Beitrag zum politischen und sozialen Ursachen und Treibern
stärkeren Engagement der Weltbank in fragilen von Konflikten an und versucht, Eskalation und
Kontexten und fungiert als wichtiger Geber für Gewaltausbruch zu verhindern sowie langfristig
die globale Finanzierung von Krisenprävention, zu einem friedlichen Zusammenleben beizutra-
Konfliktbewältigung und Friedensförderung. gen. Je nach Ausprägung von Fragilität sind un-
terschiedliche Ansätze und Instrumente gefor-
dert. Dass innerstaatliche ­politische Spannungen
häufiger zu bewaffneten Konflikten eskalieren,
2.2.2 liegt oft an staatlichen und gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen, die eine friedliche Lösung
Sicherheitsrisiken innergesellschaftlicher Konflikte behindern. Dies
trifft insbesondere auf Staaten zu, die als fragil
­begegnen, Frieden gelten, weil sie nicht in der Lage oder ihre Re-
gierungen nicht willens sind, staatliche Grund-
­fördern funktionen in den Bereichen Sicherheit, Rechts-
staatlichkeit und soziale Grundversorgung zu
erfüllen. Armut, Gewalt, ungerechte ­Ressourcen-
und Machtverteilung sowie Korruption und
Die sicherheitspolitische Landschaft verän- politische Willkür sind weitere Phänomene, die
dert sich stetig, worauf auch die Institutionen fragile Staatlichkeit kennzeichnen.
der internationalen und regionalen Ordnung
reagieren müssen, wenn sie Frieden und Sicher- Wenn staatliche Strukturen nicht mehr
heit effektiv und nachhaltig garantieren wollen. funktionieren, entstehen rechtsfreie Räume,
Im „Weißbuch 2016 zur Sicherheitspolitik die von Banden der organisierten Kriminali-
und zur Zukunft der Bundeswehr“ und in den tät und terroristischen Netzwerken, teils auch
Leitlinien der Bundesregierung „Krisen ver- von regional und global agierenden Akteuren
hindern, Konflikte bewältigen, Frieden fördern“ genutzt werden. Fragile und von Konflikten be-
hat Deutschland deutlich gemacht, wie es die troffene Staaten bilden deshalb ein regionales
multilateralen Institutionen und Formate auf und internationales Sicherheitsrisiko. Die An-
europäischer und internationaler Ebene aktiv zahl solchermaßen gefährdeter Staaten nimmt
stärkt und bei der Anpassung an neue oder ver- zu. Das stellt eine sicherheitspolitische und zu-
änderte Herausforderungen unterstützt. In den meist auch eine humanitäre Herausforderung
kommenden Jahren wird Deutschland hieran für Deutschland und Europa dar.
anknüpfen. Dabei versteht Deutschland die
Förderung von Frieden und Sicherheit als eine
Aufgabe, die außen-, sicherheits- und entwick-
lungspolitische Ansätze miteinander verbindet.

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2.2 M
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Das Völkerrecht bildet den unverzichtbaren Ein besonderer Schwerpunkt der Bundes-
Rahmen für das internationale Engagement regierung liegt daher auf der Fortentwicklung
zur Krisenprävention. Allerdings sind gerade des EU-Krisenengagements auf der Grundlage
im Rahmen der VN Fortschritte in diesem der EU-Globalstrategie. Durch die Bündelung
Bereich kaum zu erreichen, da mit China und ihrer politischen und finanziellen Instrumen-
Russland zwei ständige Mitglieder des VN-­ te, zum Beispiel im Instrument für Nachbar-
Sicherheitsrates krisenpräventive Ansätze schaft, Entwicklungszusammenarbeit und
häufig als Verletzung des Gebots der Nicht-­ internationalen Zusammenarbeit (NDICI) und
Einmischung ansehen. der Europäischen Friedensfazilität (European
Peace Facility, EPF) in der Krisenprävention
Bemühungen zur direkten Krisenpräventi- sowie dem Krisenmanagement, wird die EU auf
on sind bislang besonders erfolgversprechend, Krisen künftig schneller, flexibler und effekti-
wenn sie das Freiwilligkeitsprinzip berück- ver reagieren können. Die bessere Koordination
sichtigen, also das Einverständnis der Konflikt­ mit den Mitgliedstaaten ist eine weitere Not-
parteien vorliegt. So haben die VN neben wendigkeit.
den Friedensmissionen mit ihren politischen
Sonder­missionen in Krisen erfolgreich vermit- Die Bundesregierung fordert gegenüber der
telt und dadurch eine Eskalation von Konflik- EU einen verstärkten Austausch zum Krisen-
ten verhindern können. Deutschland unter- engagement im Sinne des sogenannten Inte­
stützt diese wichtige Arbeit finanziell, personell grierten Ansatzes ein. Dieser soll alle relevanten
und durch fachliche Beratung. Instrumente und Aspekte des Engagements
der Union und ihrer Mitgliedstaaten, wie jene
Die EU ist für Deutschland die entscheidende zur Stabilisierung oder finanzielle Hilfen, in
Akteurin, um Handeln auch dort multilateral Bezug auf spezifische Krisen kohärent und aus
einzubinden, wo es für eine breite Krisenprä- einem Guss berücksichtigen. So hat sich zuletzt
vention im VN-Rahmen keinen Konsens gibt. Sie im Zuge der COVID-19-Pandemie das Team
besitzt als Wertebündnis Einigkeit in den Grund- Europe formiert. Es besteht aus der EU, den
fragen der Krisenprävention, aber auch Mittel EU-Mitgliedstaaten und ihren Institutionen
und Einfluss, um wirksam tätig zu werden. sowie aus europäischen Förderbanken, die dem
Zusammenwirken der EU-Mitgliedstaaten über
den Rahmen der Corona-Hilfen hinaus in der
Welt ein Gesicht verleihen.

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0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Um den Ausbruch folgenreicher Krisen zu


verhindern, können auch flexible Bündnisse mit
anderen Staaten, internationalen Organisatio-
nen oder auch Nichtregierungsorganisationen
sinnvoll sein. Dies gilt vor allem dann, wenn
multilaterale Organisationen wie der Sicher-
heitsrat der VN oder die OSZE aufgrund von
Vetopositionen einzelner Staaten blockiert sind.

Deutschland arbeitet mit seinen multi-


lateralen Partnern auch an Maßnahmen der
frühzeitigen und strukturellen Prävention
von Gewalt und Konflikten. Dadurch sollen
strukturelle Ursachen wie staatliche Repression Konflikte bewältigen,
oder mangelnde politische Teilhabe, ungleicher Frieden konsolidieren
Zugang zu wirtschaftlichen Perspektiven oder
Armut, Hunger und menschliches Leid abge-
baut werden. Deutschland fördert deswegen das
VN-Entwicklungsprogramm (UNDP) bei der Die VN können in der Krisenreaktion zügig
Umsetzung der SDGs in fragilen Staaten und und umfassend tätig werden. Die politischen
krisenpräventiver Programme oder auch die Sondermissionen und die Sonder­gesandten
Weltbank bei ihren Maßnahmen in von Fragili- der VN spielen dann im Auftrag des VN-­
tät, Konflikt und Gewalt betroffenen Ländern. Sicherheitsrats eine zentrale Rolle bei der Lö-
sung bewaffneter Konflikte und der Umsetzung
Die COVID-19-Pandemie hat bestehende von Verhandlungsergebnissen. Die VN haben
Konfliktlinien in einigen Krisengebieten ver- sich zum Ziel gesetzt, Friedensstiftung und
schärft. Sie stellt insbesondere fragile Staaten Friedenskonsolidierung systematisch und nach-
vor große Herausforderungen, angefangen bei haltig zu stärken, indem insbesondere friedens-
der Gesundheitsversorgung über ökonomische politische Instrumente wie Mediation, aber auch
Risiken bis zur Frage, wie Parlamentswahlen die Projektarbeit, wie die Förderung zivilgesell-
sicher abgehalten werden können. Sie hat Re- schaftlicher Dialoge, ausgebaut ­werden sollen.
gierungen mit autokratischen Tendenzen einen
Vorwand geboten, aus Gründen des Infektions- Deutschland gehört stets zu den größten Ge-
schutzes politische Rechte weiter und über bern und Unterstützern für verschiedene Ins-
Gebühr einzuschränken. Die Bundesregierung trumente und Programme zur Konfliktbewäl-
hat im Oktober 2020 eine Strategie zur globa- tigung der VN, einschließlich ihrer politischen
len Gesundheit verabschiedet, die auch auf die Sondermissionen. So hat die Bundesregierung
zahlreichen Wechselwirkungen mit der Außen-, eine Peace Support Facility für den politischen
Sicherheits- und Entwicklungspolitik verweist. Prozess zur Lösung des Jemen-­Konflikts ins
Leben gerufen. Mit dem sogenannten Berlin-
Prozess unterstützt die Bundesregierung die
Arbeit des VN-Sondergesandten für Libyen und
finanziert wichtige Aufgaben der dort tätigen

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2.2 M
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Ein Mitarbeiter des Hilfswerks der Vereinten Nationen für


Palästinaflüchtlinge (UNRWA) verteilt in Schutzkleidung
während der Corona-Pandemie Medikamente an Menschen
mit chronischen Krankheiten.

Klimawandel in
Sicherheitspolitik
einbeziehen

UNSMIL-Mission. Gleiches gilt für die VN- In den letzten Jahren ist der Zusammen-
Sondergesandten für Syrien, Irak oder Sudan. hang zwischen Klimawandel und Friedens-
Damit die VN auch unmittelbar, flexibel und förderung immer deutlicher geworden. In
effektiv auf Konfliktrisiken vor Ort reagieren vielen politisch instabilen Regionen spielen
können, unterstützt Deutschland als einer der die Auswirkungen des Klimawandels auf ohne-
größten Geber den VN-Fonds zur Friedenskon- hin bestehende Konflikte eine verstärkende
solidierung (Peacebuilding Fund, PBF). Rolle. Extreme Wetterereignisse, wie Dürren
oder Überschwemmungen, werden laut den
Im Sinne einer fortgesetzten Multilatera- gängigen Vorhersagemodellen wahrscheinlich
lisierung ihres Engagements bei Krisen und häufiger und intensiver. Gleichzeitig wirken
Konflikten hat die Bundesregierung zudem fragile Staatlichkeit und Konflikte in der Regel
begonnen, Stabilisierungsinstrumente – wie als Verstärker von Klimarisiken. Denn erhöhte
z. B. die von UNDP verwalteten regionalen Fragilität oder bewaffnete Konflikte verringern
Stabilisierungsfazilitäten für die Tschadsee-­ insbesondere die Resilienz und Anpassungsfä-
Region und für die Region Liptako-Gourma im higkeit einer Gesellschaft gegenüber den Aus-
Dreiländereck Mali-Niger-Burkina Faso sowie wirkungen des Klimawandels. Dadurch wird
die G5-Sahel-Fazilität im Rahmen der Sahel- der friedliche Interessenausgleich in einer Ge-
Allianz – gezielt als sogenannte Mehrgeber-­ sellschaft bedroht, die nachhaltige Entwicklung
Instrumente aufzusetzen. Dadurch bietet sie betroffener Staaten gefährdet und das Risiko
z. B. auch der EU und gerade auch kleineren humanitärer Katastrophen und bewaffneter
EU-Mitgliedstaaten sowie anderen Gelegenheit Konflikte steigt.
für ein verstärktes gemeinsames Engagement
im Bereich Frieden und Sicherheit.

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0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Die Bundesregierung geht den ­Klima­wandel Gemeinsame, international vernetzte und


gleichermaßen als Umwelt-, Entwicklungs- interdisziplinäre Forschung ist entscheidend,
und Sicherheitsproblem an und bringt diesen um die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen
integrierten Ansatz auch in die VN ein. So hat und Instrumente für die Krisenprävention zu
Deutschland eine Freundesgruppe Klima und entwickeln. Deutschland hat deshalb einen
Sicherheit mit derzeit 54 Mitgliedern sowie umfassenden Bericht zur besseren Voraussage
eine informelle Expertengruppe der Mitglie- von klimawandelbedingten Sicherheitsrisiken
der des Sicherheitsrats ins Leben gerufen und angestoßen. Bis 2023 wird ein internationa-
im Schulterschluss mit diesen Ländern dafür les Wissenschaftskonsortium unter Führung
gesorgt, dass die VN klimawandelbedingte Si- zweier deutscher Forschungsinstitute den
cherheitsrisiken in ihren Analysen und Berich- Bericht Weathering Risk: A Climate and Security
ten systematisch berücksichtigen. Deutschland Risk and Foresight Assessment erarbeiten. Die
finanziert auch den ersten Klima-Sicherheits- Berlin Climate and Security Conference (BCSC)
berater des Umweltprogramms der VN, um bringt darüber hinaus jährlich alle relevanten
durch ihn die VN-­Friedensmission in Somalia Akteurinnen und Akteure aus Politik, Wissen-
zu unterstützen. schaft und Zivilgesellschaft zusammen, um
gemeinsam konkrete, präventive Handlungs-
Des Weiteren fördert Deutschland als einer optionen zu diskutieren, mit denen klima-
von vier Hauptgebern die von Schweden ins wandelbedingten Sicherheitsrisiken frühzeitig
Leben gerufene neue Arbeitseinheit der VN begegnet werden kann.
zu Klima und Sicherheit in New York, über die
Auswirkungen des Klimawandels auf Stabilität Die Bundesregierung arbeitet zusammen
und Sicherheit Eingang in die Berichte des VN- mit Partnerstaaten und multilateralen Orga-
Generalsekretärs finden. Denn wo der Klima- nisationen daran, die Anpassung und Wider-
wandel die Lebensgrundlagen von Menschen standsfähigkeit gegen klimabedingte Risiken
bedroht, muss die internationale Gemeinschaft insbesondere in den am wenigsten entwickel-
ansetzen, bevor politische Konflikte gewaltsam ten Ländern zu unterstützen. Unter anderem
eskalieren. Deshalb setzt sich die Bundesregie- wirbt sie dafür, dass die Weltbank Aspekte des
rung auch weiter dafür ein, dass der VN-Sicher- Klimawandels systematisch in ihre entwick-
heitsrat bereits frühzeitig in Krisen tätig werden lungspolitischen und wirtschaftlichen Analy-
kann und eine aktive Rolle, zum Beispiel in der sen integriert.
Mediation, einnimmt, wenn dies zur Prävention
gewaltsamer Konflikte notwendig ist.

62
2.2 M
­ u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r  ­F r i e d e n u n d S­ i c h e r h e i t   d i e n t

Mit Blick auf das Vernichtungspotenzial


von Nuklearwaffen können insbesondere die
Rückschläge bei der internationalen Rüstungs­
kontrolle in den vergangenen Jahren zu einer
gefährlichen Entwicklung führen. Der für
­Europa besonders wichtige Vertrag über nukle­
are Mittelstreckenraketen, der bilaterale INF-­
Vertrag, wurde durch Russland gebrochen und
nach einer sechsmonatigen Frist von den USA
beendet, nachdem Russland trotz internationa-
ler Appelle, auch seitens der NATO, nicht bereit
war, zur Rechtstreue zurückzukehren. Wenigs-
tens unterliegen die strategischen Nuklear-
waffen beider Staaten weiterhin der Rüstungs-
kontrolle und bleiben zahlenmäßig begrenzt,
Iranische Atomanlage Arak 2019 nachdem die USA und Russland in den ersten
Wochen der neuen US-Administration den
New-START-Vertrag um fünf Jahre verlängerten.

In Reaktion auf die Entscheidung der


Trump-Administration, die Nuklearverein-
barung (Joint Comprehensive Plan of Action,
Rüstungskontrolle, JCPoA) zu verlassen, hat der Iran seit 2019
Abrüstung und begonnen, seine aus der Vereinbarung erwach-
senden Verpflichtungen gezielt zu verletzen.
Nichtverbreitung stärken Mit dem Regierungswechsel in den USA im
Januar 2021 eröffnete sich die Möglichkeit
einer Neujustierung des US-Ansatzes gegen-
Rüstungskontrolle, Abrüstung und die über Iran. Deutschland arbeitet gemeinsam mit
Nichtverbreitung von Massenvernichtungs- Frankreich und dem Vereinigten Königreich
waffen reduzieren die Wahrscheinlichkeit von (als „E3“) eng mit der neuen US-Administration
bewaffneten Konflikten und deren Folgen für zusammen, um den JCPoA wieder zur vollen
Staaten und Menschen. Deutschland misst Geltung zu bringen. Darauf aufbauend soll ein
daher Rüstungskontrolle höchste Bedeutung nachhaltiger Rahmen für Irans Nuklear­
zu. Dies gilt für nukleare, chemische und biolo- programm sowie Regelungen zur Verbesserung
gische Massenvernichtungswaffen ebenso wie der regionalen Sicherheit gefunden werden.
für konventionelle Waffensysteme oder jene,
die auf neuen Technologien basieren. Verträge
und Übereinkommen zur Transparenz und
Vertrauensbildung gehören zu den Voraus-
setzungen dafür, dass Rüstungskontrolle und
Abrüstung funktionieren können und Rüs-
tungswettläufe vermieden werden.

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0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Neues
Beobachtungsflugzeug
für den Vertrag über den
Offenen Himmel

Deutschland strebt gemeinsam mit seinen atomare Bewaffnung und Aufrüstung Nord-
Verbündeten eine Welt ohne Nuklearwaffen an. koreas konnte jedoch trotz dauerhafter und
Nuklearwaffen bergen grundsätzliche Gefahren verschärfter Sanktionen und anderer Maßnah-
für die Menschheit, und jeder neue Nuklear- men des VN-Sicherheitsrates nicht verhindert
staat wird zusätzliche atomare Risiken für die werden.
Menschheit und die Gefahr der Nachahmung
bedeuten. Deshalb liegt es in der Verantwortung Um die nukleare Abrüstung und Nicht-
aller Staaten, dies gemeinsam zu verhindern verbreitung zu stärken, hat Deutschland diese
und sich für atomare Abrüstung einzusetzen. Themen wiederholt auf die Agenda des VN-
Gleichwohl besteht aus Sicht der NATO die Sicherheitsrates gesetzt und mit 16 Partner-
Notwendigkeit zu nuklearer Abschreckung fort, staaten im Rahmen der Stockholm-Initiative
solange nukleare Waffen ein Mittel militäri- zahlreiche konkrete Vorschläge zur Erneuerung
scher Auseinandersetzung sein können. einer nuklearen Abrüstungsdynamik vorgelegt.
Deutschland wirkt auch aktiv in der internatio-
Um multilaterale Lösungen wirksam zu nalen Financial Action Task Force (FATF) an der
­gestalten, ist es deshalb entscheidend, die Bekämpfung der Proliferationsfinanzierung mit.
­Nuklearmächte selbst einzubinden und um-
fangreiche Verifikationsmaßnahmen zu ver- Im Bereich der Transparenz und Vertrauens-
einbaren. Der von 190 Staaten unterzeichnete bildung berät der 2016 auf deutsche Initiative
Nukleare Nichtverbreitungsvertrag (NVV) hat in gegründete „Strukturierte Dialog“ unter Be-
den vergangenen Jahrzehnten die Verbreitung teiligung aller OSZE-Teilnehmerstaaten über
von ­Nuklearwaffen entscheidend minimiert. Die Risikoreduzierung und Sicherheit in Europa.

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2.2 M
­ u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r  ­F r i e d e n u n d S­ i c h e r h e i t   d i e n t

Nach dem Rücktritt der USA vom „Vertrag über VN Generalsekretärs-Mechanismus zur Unter-
den Offenen Himmel“ im Jahr 2020 sowie der suchung vermuteter Einsätze von biologischen
Ankündigung der Russlands, es den USA gleich- und chemischen Waffen mit konkreten Maß-
tun zu wollen, wirbt Deutschland in Washing- nahmen wie Expertentrainings und Workshops.
ton und Moskau umfassend dafür, den Vertrag
aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln. Die Ottawa-Antipersonenminen-­Konvention
Denn der Vertrag gestattet den Parteien gegen- und das Übereinkommen über Streumunition
seitige Beobachtungsflüge über die jeweiligen ächten diese vor allem für Zivilisten gefähr-
Staatsgebiete und leistet seit Inkrafttreten mit lichen Waffen. Gleichzeitig sorgen die daraus
über 1.500 Beobachtungsflügen einen Beitrag zu folgenden Maßnahmen der humanitären
Transparenz und Vertrauensbildung zwischen Minen- und Kampfmittelräumung und der
den Vertragsstaaten. Mit der Beschaffung eines Opferfürsorge in den betroffenen Staaten
speziellen Beobachtungsflugzeuges, das ab 2022 dafür, dass die Folgen der Kontaminierung mit
auch Partnern zur Verfügung gestellt werden Minen und Streumunition gemeinsam besei-
soll, hat Deutschland seinen Einsatz für den Ver- tigt und bewältigt werden. Sowohl Deutschland
trag zusätzlich untermauert. als auch im besonderen Maße die EU gehören
zu den größten finanziellen Unterstützern
Durch die detaillierten Verifikationsmög- dieser Politik weltweit. Deshalb engagiert sich
lichkeiten macht die Organisation für das Deutschland 2021 als Vorsitz der informellen
Verbot chemischer Waffen (OVCW), die 2013 Mine Action Support Group und Mitgastgeber
den Friedensnobelpreis erhielt, das Chemie- der Minenräumkonferenz der VN in beson-
waffenübereinkommen (CWÜ) zu einem der derer Weise für die humanitäre Minen- und
effizientesten Abrüstungs- und Nichtverbrei- Kampfmittelräumung.
tungsverträge. Deutschland ist von Beginn
an einer der aktivsten Förderer der Arbeit der Ein besonderes Augenmerk Deutschlands
OVCW und unterstützt die Arbeit der Organi- liegt auf neuen Technologien und ihrer Bedeu-
sation politisch, finanziell sowie mit Expertise tung für die Rüstungskontrolle. Sie haben sich
und Ausbildung. Deutschland hat sich auch seit 2015 zu einem zusätzlichen Schwerpunkt
dafür eingesetzt, dass die Organisation mit der deutscher Rüstungskontrollanstrengungen
Untersuchung und Attribuierung von Chemie- entwickelt. Um Optionen für die Einhegung
waffeneinsätzen in Syrien beauftragt wurde, der insgesamt von der militärischen Ver-
wodurch sie einen wichtigen Beitrag leisten wendung neuer Technologien in zukünftigen
kann, um die Verantwortlichen dieser Verbre- Waffensystemen ausgehenden Risiken zu
chen zur Rechenschaft zu ziehen. entwickeln, hat die Bundesregierung 2019 die
Initiative Capturing Technology. Rethinking
Das Übereinkommen über das Verbot Arms Control gestartet und damit das The-
biologischer Waffen (BWÜ) enthält ein um- ma erstmals auf die internationale politische
fassendes Verbot biologischer Waffen. Um den Agenda gesetzt. Ein erstes Ergebnis aus diesen
rasanten technischen Entwicklungen im Be- Beratungen ist die Missile Dialogue Initiative,
reich der Lebenswissenschaften Rechnung zu ein globales Netzwerk aus Experten und Regie-
tragen, fördert Deutschland den Aufbau eines rungsvertretern, das Antworten auf die Risiken
wissenschaftlichen Beratungsmechanismus im neuer Raketentechnologien und Proliferations-
Rahmen des BWÜ. Ferner unterstützt es den trends erarbeitet.

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0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Auch bei neuartigen Waffensystemen Terrorismus


gilt es darauf zu achten, dass diese mit dem gemeinsam bekämpfen
humanitären Völkerrecht und bestehenden
Regimen der Rüstungskontrolle vereinbar sind.
Künftig denkbare „Letale Autonome Waffen-
systeme“ könnten aufgrund des Einsatzes Die internationale Dimension des Terro-
Künstlicher Intelligenz in der Lage sein, völlig rismus erfordert unverändert eine weltweit
außerhalb menschlicher Kontrolle selbstän- koordinierte und vernetzte Antwort durch die
dig Entscheidungen über Leben und Tod zu Staatengemeinschaft. Die konkrete Verfolgung
treffen. Deutschland setzt sich seit Jahren für von Terroristen und der Schutz der Bevölke-
eine weltweite Ächtung vollautonomer Waf- rung ist eine nationale Aufgabe der Polizei und
fensysteme ein und fordert gemeinsam mit kann auch eine militärische Aufgabe werden.
anderen Staaten, zum Beispiel in der Allianz Dabei nimmt die Aufklärung von Netzwerken
für den Multilateralismus, dass Waffensysteme mit der Zielsetzung einer sowohl präventiven
mit autonomen Funktionen nur nach ver- als auch nachhaltigen Unterbindung von Fi-
bindlichen Prinzipien eingesetzt werden. Eine nanzierungsaktivitäten terroristischer Akteure
ausreichende menschliche Kontrolle und die im Rahmen des ganzheitlichen Ansatzes der
Vereinbarkeit mit dem Völkerrecht sind hierbei Bekämpfung des Terrorismus einen hohen Stel-
wesentliche Kriterien. lenwert ein. Durch Maßnahmen zur Prävention

„Als Leiterin von EUCAP Sahel Niger


unterstütze ich den Aufbau der nigrischen
Sicherheitskräfte durch Beratung und
Ausbildung. Die multilaterale Zusammenarbeit
der rund 120 Polizistinnen und Polizisten sowie
weiterer ziviler Mitarbeiter aus der EU mit ihren nigrischen
Kolleginnen und Kollegen ist entscheidend, um gegen
grenzüberschreitenden Terrorismus und Organisierte
Kriminalität in der Sahelzone erfolgreich zu sein.“
Leitende Polizeidirektorin Antje Pittelkau, Leiterin der EU Capacity Building Mission in Niger
(EUCAP Sahel Niger)

66
2.2 M
­ u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r  ­F r i e d e n u n d S­ i c h e r h e i t   d i e n t

und zur Deradikalisierung müssen die Ge- Seit den terroristischen Anschlägen auf
sellschaften selbst widerstandsfähiger gegen die USA vom 11. September 2001, aufgrund
das Werben terroristischer Gruppen und ihre derer zum bisher ersten und einzigen Mal der
Propaganda werden. Bei allen diesen Maßnah- NATO-Bündnisfall erklärt wurde, besitzt die
men arbeiten die Staaten in vielen multilatera- Allianz eine starke Rolle im Kampf gegen den
len Organisationen immer stärker zusammen. Terrorismus. Drei Felder sind für die NATO
Neben den VN treten die G7, die EU, die NATO, handlungsleitend: Bewusstseinsbildung mit
die OSZE und der Europarat dem Terrorismus Blick auf terroristische Gefahren, Fähigkeits-
gemeinsam und abgestimmt entgegen. entwicklung sowie konkretes Engagement, vor
allem mit staatlichen Partnern und interna-
Die globale Anti-Terror-Strategie der VN tionalen Organisationen, darunter die VN, EU
und die darauf basierenden Resolutionen und OSZE. Durch Beratungs- und Ausbildungs-
setzen seit Jahren einen verbindlichen Rahmen leistungen für Partner und bei der Stärkung
für den globalen Kampf gegen den Terroris- alliierter Fähigkeiten sowie im Rahmen von
mus. Sie ermöglichen es Deutschland beispiels- NATO-­Missionen und Aktivitäten wie der
weise, die Finanzmittel terroristischer Orga- ­Mittelmeeroperation Sea Guardian und der
nisationen einzufrieren. Mit dem UN Office of NATO-Mission im Irak werden diese schrittwei-
Counter-Terrorism (UNOCT), dem UN Counter-­ se umgesetzt. Deutschland unterstützt die Maß-
Terrorism Centre (UNCCT) und dem beim VN- nahmen mit zivilen und militärischen Mitteln
Sicherheitsrat angesiedelten Counter-Terrorism und betont zugleich die Einhaltung wichtiger
Committee Executive Directorate (CTED) und Grundsätze, wie die vorrangige Zuständigkeit
der Terrorism Prevention Branch des United der Mitgliedstaaten im Anti-­Terror-Kampf und
Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) die Vermeidung von Duplizierung, sowie Kom-
arbeitet die Bundesregierung eng zusammen. plementarität mit bestehenden nationalen und
internationalen Initiativen.
In der Roma-Lyon-Gruppe der G7 pflegt
Deutschland mit seinen Partnern einen engen Für die Staaten der EU ist eine enge Zu-
Erfahrungsaustausch zur Terrorismusbekämp- sammenarbeit zwingend, um in der Abwehr
fung und zur transnationalen organisierten terroristischer Gefahren erfolgreich zu sein. Die
Kriminalität und stimmt gemeinsame Initiati- EU-Strategie zur Terrorismusbekämpfung setzt
ven in anderen Institutionen ab. dabei auf Prävention und Bekämpfung der
Ursachen, den Schutz der Bevölkerung, die Ver-
folgung und Aufklärung terroristischer Pläne,
bevor sie ausgeführt werden können, und eine
zügige und entschlossene Reaktion der Staaten,
falls Terroranschläge dennoch stattfinden. Die

67
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Abbildung 7
Militärische Einsätze der Bundeswehr für multilaterale Aufgaben

Truppenstärke: 40 Truppenstärke: 171

Truppenstärke: 600
Truppenstärke: 600
Truppenstärke: 64
Truppenstärke (beide Missionen): 220

Truppenstärke: 380
Truppenstärke: 1.023

Truppenstärke: 84
Truppenstärke: 198

Truppenstärke: 135
Personalstärke: 3

Personalstärke: 1

Truppen- MINUSMA: 941


stärke: EUTM: 103 Truppenstärke: 28

Personalstärke: 11

Truppenstärke: 160 2.000 km

über 400 Einsatzgleiche Verpflich-


tungen, Dauereinsatzauf- über 400
VN Mission NATO bis 400 Stand 14. April 2021,
  VN Mission     EU Mission     NATO     Internationale
Truppen- Anti-IS-Koalition
gaben sowie sonstige Quelle: BMVgbis 400
EU Mission Internationale Anti-IS-Koalition stärke: Verpflichtungen
bis 100
  Einsatzgleiche Verpflichtungen, Dauereinsatzaufgaben sowie sonstige Verpflichtungen   Truppenstärke:  Karte: AA PREVIEW
bis 100
Stand: 14. April 2021
Quelle: BMVg/Karte: AA Preview

Zusammenarbeit der juristischen und polizei­ Die Bekämpfung des Extremismus, der
lichen Strafverfolgung über Ländergrenzen Hasskriminalität und terroristischer Inhalte
hinweg ist dabei ein besonderes Anliegen, das im Internet hat Deutschland unter deutscher
die EU in den vergangenen Jahren über ver- EU-Ratspräsidentschaft deutlich vorange-
schiedene Rechtsakte zum verbesserten Infor- bracht. So hat die Bundesregierung auch mit
mationsaustausch, zum Beispiel von Fluggast- Personal dazu beigetragen, Expertise im Be-
daten, oder zur Terrorfinanzierung verfolgt hat. reich der Bekämpfung von Rechtsextremismus
im Rahmen der Internet Referral Unit aufzu-
bauen. Ein europaweiter Aktionstag gegen
Hasspostings in zehn europäischen Staaten
unter Einbindung von Europol führte zu rund

68
2.2 M
­ u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r  ­F r i e d e n u n d S­ i c h e r h e i t   d i e n t

Für einen sicheren Weltraum

140 Exekutivmaßnahmen gegen Personen, die Der freie Zugang zum Weltraum und die
im Verdacht standen, strafbare Hasspostings verlässliche Nutzung von Weltraumsystemen
im Internet verbreitet zu haben. und deren Anwendungen sind für moderne
Gesellschaften unverzichtbar.
Im Falle der Terrororganisation „Islamischer
Staat“ beteiligt sich Deutschland seit 2015 ge- Weite Bereiche der digital immer mehr ver-
meinsam mit seinen internationalen Partnern netzten Gesellschaften sind von satellitenge-
als Teil der internationalen Anti-IS-Koalition stützten Diensten abhängig. Die Verfügbarkeit
militärisch am Kampf gegen die Terrororgani- gesicherter Kommunikation und Navigation,
sation in Irak und Syrien. Deutschland leistet die Bereitstellung hochpräziser Zeitsignale
durch seinen Ko-Vorsitz in der „Arbeitsgruppe oder die Fähigkeiten zur Erdbeobachtung ba-
Stabilisierung“ der Koalition und sein weit- sieren auf Weltraumtechnologie. Nicht zuletzt
reichendes ziviles Engagement einen wesent- hängen deshalb auch die Handlungsfähigkeit,
lichen Beitrag zur Stabilisierung der vom der Schutz und die Verteidigung von Staaten
„Islamischen Staat“ befreiten Gebiete in Nord- von einem sicheren Zugang und einer verläss-
ostsyrien und im Irak. Zudem war und ist die lichen Nutzung des Weltraums ab.
Ertüchtigung durch Ausrüstung, Beratung und
Ausbildung der irakischen Streit- und Sicher- Weltraumsysteme sind durch das Verhalten
heitskräfte durch bilaterale Unterstützung anderer Weltraumnutzer zunehmend Risiken
sowie Fähigkeitsaufbau im Rahmen der inter- und Bedrohungen ausgesetzt. Fähigkeits- und
nationalen Anti-IS-Koalition und der NATO- Machtdemonstrationen im Weltraum haben
Mission im Irak ein wesentliches und erfolgrei- in jüngster Vergangenheit stetig zugenommen.
ches Instrument deutscher Sicherheitspolitik, Neue Waffensysteme, die die Nutzung von
komplementär zu den militärischen Beiträgen weltraumgestützten Diensten einschränken,
wie Luftbetankung. In Afrika beteiligt sich werden mit Hochdruck entwickelt, getestet
Deutschland als Unterstützer der Sahel-­ und kommen schon heute in zahlreichen
Koalition und der „Partnerschaft für Sicherheit Konflikten zum Einsatz. Fehlende Schutz-
und Stabilität“ am Kapazitätsaufbau und der und ­Abwehrmöglichkeiten machen Weltraum-
Ausbildung der Sicherheitskräfte, damit diese systeme aber besonders verwundbar und zu
terroristische Bedrohungen eigenständiger und einem potenziellen Ziel im Falle zukünftiger
nachhaltiger bekämpfen können. bewaffneter Konflikte.

69
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

In den kommenden Jahren ist zudem eine


immer intensivere Weltraumnutzung durch
staatliche und privatwirtschaftliche Akteure ab-
sehbar. Die dadurch entstehende höhere Anzahl
an Satelliten und die zusätzliche Entstehung
von Weltraumschrott verlangen nach Regulie-
rungen und Prinzipien, um das hohe Verkehrs-
aufkommen zu managen, eine nachhaltige und
sichere Nutzung des Weltraums zu ermöglichen
und Missverständnisse zu vermeiden.

Das existierende rechtliche und normati-


ve Regelwerk hat sich in der Praxis nicht als
ausreichend erwiesen, um Bedrohungen und
Risiken für die zivile wie auch die militärische
Nutzung im Weltraum umfassend und nach-
haltig einzudämmen. Erschwerend wirkt das
Fehlen eines grundlegenden internationalen
Konsenses darüber, welches Verhalten im Welt-
raum als verantwortungsvoll und welches als
riskant oder bedrohlich bewertet wird.

Zentraler Handlungsrahmen für die Ent- Die EU setzt sich ebenso wie Deutschland
wicklung international anerkannter Regeln für die Aufnahme von Verhandlungen für ein
im Weltraum sind die VN, insbesondere der freiwilliges Instrument zur Regelung von fried-
Ausschuss für die friedliche Nutzung des Welt- lichem und verantwortungsvollem Verhalten
raums COPUOS in Wien, die Abrüstungskonfe- im Weltraum und zudem für ein einheitliches
renz in Genf und der Ausschuss für Abrüstung Space Traffic Management ein. Die wachsende
und internationale Sicherheit (Erster Ausschuss) Bedeutung des Weltraums für die EU hat die
der VN-Generalversammlung. Die Bundesregie- Kommission mit ihrer Weltraumstrategie aus
rung befördert seit Anfang 2020 gemeinsam mit dem Jahr 2018 und zudem mit der Bündelung
gleichgesinnten Partnerländern unter der Füh- ihrer Aktivitäten in der „Generaldirektion für
rung des Vereinigten Königreichs einen Dialog Verteidigungsindustrie und Weltraum“ im Jahr
der internationalen Gemeinschaft, der auf die 2020 unterstrichen. Aus Sicht der Bundesre-
Eindämmung von Bedrohungen und Risiken gierung ist die Sicherheit europäischer Welt-
sowie eine Einigung auf verantwortungsvolles raumtechnologie und Weltrauminfrastruktur
Staatenverhalten im Weltraum abzielt. Die VN- eine Frage europäischer Resilienz und besitzt
Generalversammlung hat zu dieser Initiative strategische Relevanz.
im Dezember 2020 mit großer Mehrheit eine
Resolution angenommen.

70
2.2 M
­ u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r  ­F r i e d e n u n d S­ i c h e r h e i t   d i e n t

Für einen sicheren


Cyberraum

Durch die weltweite digitale Vernetzung hat


der Cyberraum in den letzten Jahren immer
mehr an Bedeutung gewonnen. Der freie Zu-
gang dazu und seine sichere Nutzung sind für
alle Gesellschaften eine wichtige Vorausset-
zung für die Teilhabe am globalen Handel, den
Zugang zu wissenschaftlichen Diskursen oder
zu Bildung und Kommunikation. Die Poten-
Computergeneriertes ziale und Anwendungsmöglichkeiten ziviler
Bild der ESA zeigt wie militärischer Cyberfähigkeiten gewinnen
Weltraummüll früherer gleichzeitig unter den Sicherheitsbedrohungen
Missionen, der neben
intakten Satelliten um die unserer Zeit stetig an Bedeutung. Aktivitäten
Erde kreist. und Bedrohungen im und durch den Cyber-
raum prägen zunehmend das Bild der interna-
tionalen Konfliktaustragung. Aufgrund dieser
Veränderungen haben die NATO-Staaten den
Cyberraum bereits vor fünf Jahren als eigen-
Die NATO widmet der Dimension Welt- ständige Dimension neben Land, Luft, See und
raum auch im Sinne der Operationsführung er- Weltraum anerkannt und sich gemeinsam
höhte Aufmerksamkeit und hat unter anderem mit den EU-Mitgliedstaaten verpflichtet, den
den Aufbau des NATO Space Centre in Ram- Schutz ihrer Infrastruktur gegen Cyberbedro-
stein als Koordinierungsplattform beschlossen. hungen zu verbessern. Unter deutscher Mitar-
Schwerpunkte werden die Koordinierung der beit haben NATO und EU in den vergangenen
Weltraumaktivitäten der Verbündeten, der Jahren beträchtliche Anstrengungen unter-
Informationsaustausch und die Einsatzunter- nommen, um ihre Systeme sicherer zu machen,
stützung aus dem Weltraum durch von den die Analysekapazitäten auszubauen und ihre
NATO-Staaten bereitgestellte Fähigkeiten sein. Mitgliedstaaten zu unterstützen. Ein Beispiel
sind die Cyber Response Teams der Allianz, die
Sowohl im neuen sicherheitspolitischen Staaten im Falle schwerer Cybervorfälle Sofort-
Grundlagendokument der EU, dem Strategi- hilfe leisten können.
schen Kompass, als auch in künftigen Strate-
gien der NATO sollen Weltraumfragen nach
Ansicht der Bundesregierung deshalb eine pro-
minente Rolle spielen. Deutschland wird in den
kommenden Jahren seine eigenen Fähigkeiten,
unter anderem zur Weltraumbeobachtung,
ausbauen und die eigenen Erkenntnisse und
Möglichkeiten in NATO und EU einbringen.

71
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Erforderlich ist darüber hinaus die Resilienz Normen für verantwortliches Staatenverhalten
der Gesellschaften, um selbstbestimmt und frei im Cyberraum ein. Entsprechend koordiniert
von ungewollter Einflussnahme von Dritten Deutschland seine Positionen in den zuständi-
im digitalen Umfeld handeln zu können. Das gen Arbeitsgruppen der VN sowie in der OSZE
heißt, nicht allein das Militär, sondern auch die mit gleichgesinnten Staaten.
zivilen Bereiche des Staates sowie die Wirt-
schaft müssen ihre Anfälligkeit von Störungen Besonders wichtig ist zudem die Weiter-
der IT-Infrastruktur und des Datenverkehrs entwicklung der EU Cyber Diplomacy Toolbox
ebenso wie mögliche Folgen daraus minimie- mit ihrem breiten Instrumentarium von prä-
ren und ihre digitale Souveränität stärken. ventiven, kooperativen, stabilisierenden und
restriktiven Unterstützungsmaßnahmen. Zu
Deutschland und seine europäischen Partner diesen gehören vertrauensbildende Maßnah-
teilen mit vielen weiteren Staaten die Überzeu- men ebenso wie der Aufbau von Kapazitäten
gung, dass das Völkerrecht, insbesondere die VN- und die Stärkung des Problembewusstseins
Charta und das humanitäre Völkerrecht, auch für in Partnerstaaten, Sanktionen und schließlich
den Cyberraum gilt, also offline wie online An- die gegenseitige Unterstützung bei der Selbst-
wendung finden muss. Gemeinsam mit der EU verteidigung gegen Cyberangriffe. Genauso
und weiteren Partnern setzt sich Deutschland wichtig ist die Gewährleistung einer glaubwür-
deshalb für die Fortentwicklung von freiwilligen digen Abschreckung gegen Cyberangriffe sowie

An der Live Fire Cyber-­


Abwehrübung Locked Shields
2019 des NATO Cooperative Cyber
Defence Centre of Excellence in
Tallinn/Estland nahmen 1.200
­zivile und militärische Expertinnen
und Experten aus rd. 30 Nationen
teil; hier Bundeswehrsoldatinnen
und -soldaten aus dem
Blue Team in Köln.

72
2.2 M
­ u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r  ­F r i e d e n u n d S­ i c h e r h e i t   d i e n t

deren Attribuierung. Regelwidriges Verhalten Gegen


im Cyberraum muss Konsequenzen haben. Die Desinformation
Bundesregierung arbeitet kontinuierlich an der
Stärkung der Resilienz und unterstützt andere
vorgehen
Länder dabei, z. B. durch Aufbau eines Netz-
werkes europäischer Cyberexpertise. Als Bau-
stein der EU Cyber Diplomacy Toolbox hat die Nachweislich falsche und irreführende In-
Bundesregierung zusammen mit ihren euro- formationen, die aus politischen Gründen und
päischen Partnern ein Cybersanktionsregime mit dem Ziel der vorsätzlichen Beeinflussung
geschaffen. Einreisesperren und das Einfrieren oder Täuschung der Öffentlichkeit verbrei-
von Vermögenswerten in der EU ermöglichen tet werden, stellen eine Herausforderung für
in Übereinstimmung mit geltendem Völker- liberale, demokratische Gesellschaftssysteme
recht eine deutliche, effektive und zielgerichte- und die internationale Ordnung dar. Denn im
te Antwort auf bösartiges Verhalten im Cyber- Erfolgsfall kann Desinformation Feindbilder
raum. 2020 hat die EU erstmals Maßnahmen kreieren oder verstärken sowie demokrati-
gegen Personen und Einrichtungen verhängt, sche Prozesse und Werte unterminieren. Sie
die an Cyberangriffen beteiligt waren. stört das Vertrauen zwischen und innerhalb
von Staaten und Gesellschaften und bedroht
Deutschland gehört zu den ersten Unter- dadurch den Zusammenhalt. Desinformation
stützern des Pariser Aufrufs für Vertrauen und schürt Misstrauen in die bestehende Informa-
Sicherheit im Cyberraum (Paris Call for Trust and tionslandschaft, die Legitimität politischer Ent-
Security in Cyberspace), der die Zusammenarbeit scheidungsstrukturen und der internationalen
von staatlichen und privaten Akteuren zur Erhö- Ordnung. Dies macht den Umgang mit Des-
hung der Stabilität im Cyberraum fördert. Die im information zu einer internationalen Aufgabe.
Rahmen der Allianz für den Multilateralismus
präsentierte Initiative erhält Unterstützung von Aufgrund der enorm gestiegenen Bedeu-
rund 80 Staaten, fast 400 Vertretern aus Nicht- tung digitaler Verbreitungswege haben das
regierungsorganisationen, Forschungsinstituten, Ausmaß, die Reichweite und die Verbreitungs-
Universitäten und der Zivilgesellschaft sowie geschwindigkeit gezielter Desinformation stark
von mehr als 700 Unternehmen und anderen zugenommen. Die Akteure hinter Desinfor-
Vertretern der Privatwirtschaft. Deutschland mationsstrategien sind zahlreich. Sie kommen
setzt sich für vertrauensbildende Maßnahmen aus dem In- und Ausland, sind staatlicher oder
im Rahmen der OSZE ein und unterstützt das nichtstaatlicher Natur und verfolgen teils indi-
Global Forum on Cyber Expertise, das als Teil der viduelle, teils sich überschneidende Zielsetzun-
World Bank Digital Development Partnership gen von großer Tragweite. So vielfältig wie die
Kapazitätsaufbau fördert. Produzenten von Desinformation sind auch
die von ihnen gewählten Ziele. In ihrem Fokus
steht die Diskreditierung, z. B. von Individuen
oder Unternehmen, von gesellschaftlichen
Gruppen, von Parteien, Parlamenten, Regie-
rungen und politischen Prozessen, von inter-
nationalen Organisationen wie der WHO, der
EU oder der NATO.

73
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Resilienz

Resilienz im Kontext des Weißbuchs Multilateralismus meint die Fähigkeit von


­Menschen sowie von gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen, akute Schocks
oder chronische Belastungen aufgrund von volatilen (instabilen) Situationen, Krisen,
gewaltsamen Konflikten oder extremen Naturereignissen zu bewältigen, sich anzu­
passen und sich rasch zu erholen, ohne mittel- oder langfristig Schaden zu nehmen.

Wie gefährlich die Verbreitung von Des- Solche Entwicklungen erfordern auch von
information sein kann, zeigt die COVID-19-­ Deutschland und Europa einen neuen Grad
Pandemie. Die WHO beobachtet eine regel- an gesellschaftlicher Widerstands- und Belas-
rechte Flut von falschen oder irreführenden tungsfähigkeit. Tatsächlich haben die EU, die
Informationen, die es den Menschen weltweit G7 und die NATO, wie auch deren Mitglied­
erschwert, auf vertrauenswürdige Informa- staaten, in den vergangenen Jahren Gegen-
tionen über die Krankheit selbst, über Schutz- maßnahmen ergriffen und ihre Fähigkeiten
möglichkeiten und den Impfstoff zuzugreifen. im Umgang mit Desinformation geschärft. Sie
alle beobachten gründlich Desinformations-
strategien, tauschen ihre Erkenntnisse aus und
beraten sich intensiv über den Umgang damit.
Gezielte Falschmeldungen zu NATO-Einsatz-
kontingenten in Einsatzländern beispielsweise
werden oftmals in wenigen Stunden aufge-
deckt und richtiggestellt. Das EU Intelligence
Analysis Center (INTCEN) wertet Desinforma-
tionspolitik anderer Staaten ebenfalls um-
fänglich aus und der Europäische Auswärtige
Dienst (EAD) reagiert mit faktenbasierter
Kommunikation.

74
2.2 M
­ u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r  ­F r i e d e n u n d S­ i c h e r h e i t   d i e n t

Soldat der
Schutzkompanie
im Nahbereich des
Feldlagers in Gao/Mali
im Rahmen der Mission
MINUSMA

2.2.3 Instrumente verbessern und sich reformieren


oder neue hinzugewinnen. Eine enge Zusam-
VN, NATO menarbeit dieser Institutionen untereinander
wird deren Effektivität verstärken.
und EU stärken,
­G7-Vorsitz nutzen
Die Vereinten Nationen
handlungsfähiger machen
Viele Institutionen und Organisationen
der internationalen Ordnung, die dazu bei-
tragen, bewaffnete Konflikte zu verhindern
sowie Frieden und Sicherheit zu schaffen, sind Der Sicherheitsrat der VN besitzt in Fra-
nicht so effektiv, wie sie sein könnten oder zur gen von Sicherheit und Frieden besondere
Wahrnehmung ihrer Aufgaben sein müssten. Kompetenzen und Verantwortung. In der
Die Ursachen dafür sind vielfältig. Sie reichen Vergangenheit waren Entscheidungen des
von politisch motivierten Blockaden einzel- VN-Sicherheitsrats, der aus fünf ständigen Mit-
ner Mitglieder über ein nicht ausreichendes gliedern mit Vetorecht und zehn für zwei Jahre
Instrumentarium bis hin zur schwerfälligen gewählten Mitgliedern ohne Vetorecht zusam-
Entscheidungsfindung in Organisationen mengesetzt ist, immer wieder Grundlage für
mit vielen Mitgliedern, Akteuren und Hand- die sicherheitspolitischen Beschlussfassungen
lungsebenen. Das Ziel der Bundesregierung ist internationaler Organisationen und Koalitio-
deshalb, dass internationale Organisationen nen, zum Beispiel für EU und NATO und auch
letztlich auf allen Ebenen handlungs- und hinsichtlich nationaler Mandatierungen von
durchsetzungsfähiger werden, dass sie ihre Auslandseinsätzen der Bundeswehr.

75
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

In den letzten Jahren war allerdings zu be- Deutschland schließt sich den Empfehlun-
obachten, dass der VN-Sicherheitsrat in wichti- gen der auf deutsche Initiative eingesetzten
gen Fragen von internationaler Sicherheit und Expertengruppe an, bis 2022 eine Aktualisie-
Frieden aufgrund unterschiedlicher Positionen rung des Strategischen Konzepts der NATO
der ständigen Mitglieder häufig blockiert war. vorzunehmen, um den jüngeren sowie abseh-
Dadurch konnte er seine Aufgabe nicht voll er- baren sicherheitspolitischen Entwicklungen
füllen, um beispielsweise das Leid der Menschen Rechnung zu tragen. Dabei wirbt Deutschland
in Bürgerkriegen, wie etwa in Syrien, zu ver- dafür, dass die Allianz an ihren Kernaufgaben
mindern. Deutschland gehört deshalb zu jenen festhält und der militärische Fokus der NATO
Staaten, die eine Reform des VN-Sicherheitsrats unverändert auf dem euro-atlantischen Raum
und seine Ausweitung um weitere Mitglieder liegt. Glaubwürdiges Eintreten für gemeinsa-
und eine ausgewogenere regionale Repräsenta- mes Handeln im Bündnis erfordert eine faire
tion unverändert für notwendig halten. Teilung der Lasten. Deutschland steht daher zu
seinen Zusagen gegenüber der Allianz und setzt
diese um. In Zukunft sollte die Allianz stärker
als Forum sicherheitspolitischer Konsultationen
unter ihren Mitgliedstaaten genutzt werden, um
Die NATO an zusätzliche so ihre Rolle und ihre politische Autorität als
Herausforderungen anpassen wertegebundene Akteurin in Fragen von Frie-
den und Sicherheit zu stärken. Angesichts der
Zunahme hybrider Bedrohungen, etwa durch
Russland oder China, muss das frühzeitige Er-
Die NATO schützt die Freiheit ihrer Mit- kennen und Analysieren von hybriden Kampa-
glieder und trägt zur Aufrechterhaltung der gnen, aber auch die Stärkung der Resilienz von
regelbasierten internationalen Ordnung und NATO-­Mitgliedstaaten und ihrer Gesellschaften
dabei speziell der euro-atlantischen Sicherheit in Zukunft eine größere Rolle spielen.
bei. Die Stärke des Bündnisses ist eine wesent-
liche Voraussetzung für ein stabiles interna- Mit Blick auf die verstärkte geopolitische
tionales System. Ihre drei Kernaufgaben – der Konkurrenz, die eng mit dem Aufstieg Chinas
Schutz ihrer Mitglieder durch Abschreckung verbunden ist, muss die NATO in Zukunft zu-
und kollektive Verteidigung, internationales dem globale sicherheitspolitische Entwicklun-
Krisen­management und kooperative Sicher- gen stärker in den Blick nehmen. Wichtig ist in
heit – kann die NATO vor allem deshalb effek- diesem Kontext, den Austausch und die Zu-
tiv wahrnehmen, weil sie sich immer wieder sammenarbeit mit Partnerstaaten der Allianz
erfolgreich an die neuen Herausforderungen sowie anderen multilateralen Organisationen
angepasst hat und dies weiterhin tut. zu intensiveren. Hierzu zählen insbesondere
auch die Wertepartner in der indo-pazifischen
Region und die EU.

76
2.2 M
­ u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r  ­F r i e d e n u n d S­ i c h e r h e i t   d i e n t

Deutschland wird sich auch weiterhin mit Die Europäische Union


bedeutenden Beiträgen an den laufenden als Akteurin stärken
Bündnisaufgaben, also an NATO-­Einsätzen
und Missionen sowie an einsatzgleichen
Verpflichtungen der Allianz beteiligen. Ins-
besondere wird Deutschland 2023 im Rahmen Die EU ist nicht zuletzt als enger Partner
der NATO Response Force bereits zum dritten von NATO und VN Stütze und Förderer einer
Mal die Führung der Schnellen Eingreif- multilateralen und regelbasierten Ordnung.
truppe (Very High Readiness Joint Task Force, Zusammengenommen setzen die Union und
VJTF) übernehmen. Insgesamt werden sich 22 ihre Mitgliedstaaten weltweit mit Abstand am
Nationen an den durch Deutschland geführten meisten Ressourcen für die Herstellung von
Einheiten beteiligen. Das deutsche Kontingent Frieden, Sicherheit und Entwicklungschancen
wird ca. 17.000 Soldatinnen und Soldaten sowie sowie humanitäre Hilfe in fragilen Kontexten
u. a. 120 Panzer und gepanzerte Fahrzeuge, 40 ein. Ihr Einfluss in der Welt ist immer dann am
Luftfahrzeuge und fünf Schiffe umfassen. größten, wenn sie inhaltlich geschlossen und
politisch kohärent auftritt.

„Ich erlebe Multilateralismus in meinem Alltag


durch meine Arbeit bei der European Union
Monitoring Mission (EUMM) und als Teil eines
internationalen Teams, das sich für Sicherheit und
Stabilität in Georgien und der Region stark macht.“
Christina Sell, amtierende Leiterin der Political, Analysis, Reporting and Communications (PARC)
Abteilung bei der zivilen europäischen Beobachtermission in Georgien (European Union Monitoring
Mission, EUMM)

77
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Auf deutsche Initiative hin wird bis Früh-


jahr 2022 in der EU der „Strategische Kompass“
erarbeitet. Er soll die Ausrichtung und das
Ambitionsniveau europäischer Sicherheits-
und Verteidigungspolitik durch konkrete
politische Vorgaben festlegen und dadurch
dazu beitragen, die Handlungsfähigkeit der EU integrale Bestandteile europäischer Sicherheit,
als sicherheitspolitischer Akteurin zu stärken. ergänzen sich gegenseitig und tragen dazu
Der Strategische Kompass soll in den Bereichen bei, durch die Zusammenarbeit von 36 Mit-
Krisenmanagement und Resilienz, aber auch gliedstaaten in Europa sowie mit den USA und
mit Blick auf Fähigkeiten und Partnerschaften Kanada die Sicherheit des euro-atlantischen
zu einem gemeinsamen Verständnis über Ziele Raumes zukunftsfest zu machen. Bereits in
und Interessen führen. Darüber hinaus soll den vergangenen Jahren ist der Katalog der
er dazu beitragen, fehlende Schnittstellen der EU-NATO-Zusammenarbeit auf 74 Maßnah-
GSVP zu Themenfeldern wie Resilienz, hybride men angewachsen. Sie reichen von der Abwehr
Bedrohungen, Cybersicherheit und neue Tech- ­hybrider und Cyber-Bedrohungen über Mili-
nologien herauszubilden. tärische Mobilität und Gesundheitsversorgung
bis zu gemeinsamen Übungen. Deutschland
Die neuen Herausforderungen, in denen setzt sich für eine noch engere, komplemen-
sich zivile und militärische Sphären zuneh- täre Zusammenarbeit ein und wirbt dafür, die
mend sowohl in den Bedrohungen wie in den beiden für 2022 avisierten Strategiedokumen-
Antworten darauf vermischen, erfordern eine te, das aktualisierte Strategische Konzept der
neue Qualität der Zusammenarbeit zwischen NATO und den Strategischen Kompass der EU,
EU und NATO. Beide Organisationen sind inhaltlich zu koordinieren.

78
2.2 M
­ u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r  ­F r i e d e n u n d S­ i c h e r h e i t   d i e n t

Den deutschen
G7-Vorsitz 2022
im Sinne des
Multilateralismus nutzen

Bestehende globale Herausforderungen


werden auch die deutsche G7-Präsidentschaft
im Jahr 2022 begleiten. Die deutsche G7-­
Präsidentschaft wird für deren Bewältigung
Impulse setzen und wichtige Themen auch in
den multilateralen Rahmen einbringen.

79
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

2.3
Multilateralismus,
der beim Menschen
­ankommt
80
2 . 3 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r   b e i m Me n s c h e n a­ n ko m m t

Ziel des Multilateralismus als Instrument Die COVID-19-Pandemie macht die Be-
und Grundprinzip der internationalen Ord- deutung eines umfassenden Multilateralis-
nung ist es, die Lebensqualität der Menschen mus besonders deutlich. Denn die Pandemie
weltweit nachhaltig zu verbessern und ihnen kennt keine Landesgrenzen, sie beeinflusst alle
ein Leben in Würde, Sicherheit und Selbst- Aspekte unseres Lebens und hat gravierende
bestimmung zu gewährleisten. Sichtbarer gesundheitliche, humanitäre und sozio-öko-
Ausdruck dieser Verpflichtung ist die 2015 von nomische Folgen. Sie erfordert daher eine
der VN-Generalversammlung verabschiedete nachhaltige Antwort, die nicht nur die wirt-
Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. schaftlichen, sondern auch die ökologischen
und sozialen Folgen der Krise in den Fokus
Angesichts der wirtschaftlichen, technologi- nimmt und Investitionen gezielt in diese Be-
schen und menschlichen Vernetzung der Welt reiche lenkt („Green and Better Recovery“).
bei gleichzeitig steigender Weltbevölkerung
v.a. auf dem afrikanischen Kontinent hängt das Multilateralismus anstelle nationaler Allein­
Wohlergehen von Individuen nicht nur von gänge ist aber nicht nur die Antwort auf die
der Regierung des eigenen Staates ab. Konkrete, aktuelle Krise, sondern entscheidend dafür,
nachhaltige und wahrnehmbare Ergebnisse für auch zukünftige Krisen zu verhindern und
den Menschen zu erzielen, erfordert vielmehr einen systemischen Wandel hin zu einer wider-
starke Kooperationen im Rahmen eines effek- standsfähigeren, nachhaltigeren und gerechte-
tiven und inklusiven Multilateralismus. Diese ren Welt für alle Menschen zu erreichen. Dabei
Zusammenarbeit geht über internationale Or- ist es nicht der Multilateralismus selbst, der die
ganisationen und Staaten hinaus. Sie schließt Probleme löst, aber er liefert die Werkzeuge,
Privatwirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissen- mit denen die internationalen Akteure ihre
schaft ein und verbindet die lokale, regionale, Interessen ausgleichen können.
nationale und internationale Ebene.

81
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Die Agenda 2030 für nachhaltige


­Entwicklung

Die Agenda 2030 hat zum Ziel, allen Menschen weltweit ein Leben in Würde zu er-
möglichen. Mit der Agenda 2030 hat sich die Weltgemeinschaft 17 Ziele (Sustainable
Development Goals, SDGs) für eine sozial, wirtschaftlich und ökologisch nachhaltige
Entwicklung gesetzt.

Die Agenda 2030 ist eine globale Partnerschaft mit universellem Anspruch: Sie löst die
Einteilung in „Geber“ und „Nehmer“ ab und formuliert die gemeinsame Verantwortung
aller Staaten und Akteure aus Politik, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft
für eine weltweite Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit. Gleichzeitig will sie die
unterschiedlichen Akteure in humanitärer Hilfe, Friedensförderung und Entwicklung
hinter gemeinsamen Zielen versammeln und damit kurz-­und langfristiges Handeln
kohärenter gestalten.

Zur nationalen Umsetzung in Deutschland wurde am 10. März 2021 die Neuauflage
der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie verabschiedet, welche die 17 Ziele in konkrete
und messbare nationale Ziele bzw. Indikatoren übersetzt.

© United Nations

82
2 . 3 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r   b e i m Me n s c h e n a­ n ko m m t

2.3.1 Humanitäre Hilfe und Entwicklungszu-


sammenarbeit sind für Deutschland Ausdruck
Leben retten, ethischer Verantwortung und internationaler
Solidarität sowie unseres aufgeklärten Eigen-
­Krisen ­bewältigen interesses. Humanitäre Hilfe dient dazu, das
Leid von Menschen in Not zu lindern, während
und ­vorbeugen Maßnahmen der Krisenvorsorge und der Ent-
wicklungszusammenarbeit helfen, humanitä-
re Bedarfe in der Zukunft zu verringern. Die
Verknüpfung von humanitärer Hilfe, Entwick-
Aktuell bedrohen über 40 inner- und lungszusammenarbeit und der Förderung von
zwischenstaatliche bewaffnete Konflikte welt- Frieden (sog. Humanitarian-D ­ evelopment-Peace
weit das Leben vieler Menschen. Sie sind ein Nexus bzw. HDP Nexus) durch die internatio-
wesentlicher Auslöser humanitärer Krisen. nale Gemeinschaft soll helfen, Krisen vorzu-
Menschen in Konfliktgebieten sind Gewalt, beugen und Notlagen effektiver zu bewältigen.
schlimmsten Menschenrechtsverletzungen In humanitären Krisen kommt es auf schnelle
und Verletzungen des humanitären Völker- Hilfeleistung an. Ohne effektive Koordinierung
rechts ausgesetzt. Bewaffnete Konflikte sind kommt es zu Versorgungslücken oder Doppe-
mitursächlich für gegenwärtig 80 Millionen lungen. Deshalb reichen bilaterale Maßnah-
Flüchtlinge und Vertriebene. Zudem nehmen men oft nicht aus. Je besser humanitäre Hilfe
infolge des Klimawandels extreme Wettereig- multilateral koordiniert ist, desto eher kann es
nisse zu. Stürme und Überflutungen lassen gelingen, Menschen weltweit aus akuten Not-
Überlebende oft obdachlos zurück, grassieren- lagen zu befreien.
de Trockenheit kann Ernteausfälle und Hun-
gersnöte hervorrufen. Die Auswirkungen der Das internationale humanitäre System, mit
COVID-19-Pandemie lassen die humanitären OCHA im Zentrum, spielt eine einzigartige
Bedarfe zusätzlich anwachsen. 2020 ging das Rolle bei der Koordinierung der humanitären
Büro der VN für die Koordinierung humanitä- Bemühungen. Das heutige System wäre nicht
rer Hilfe (OCHA) noch von 168 Millionen Men- funktionstüchtig ohne einen Konsens der
schen in 53 Ländern aus, die humanitäre Hilfe Staatengemeinschaft über die grundlegenden
und Schutz brauchen. Für 2021 rechnet OCHA Modalitäten internationaler humanitärer Hilfe.
pandemiebedingt mit 239 Millionen Betroffe- Multilaterale humanitäre Foren und Institutio-
nen, das ist einer von 33 Menschen weltweit. nen spielten und spielen eine zentrale Rolle bei
der Festlegung von Regeln und Grundsätzen,
der Harmonisierung von Normen und dem
Modus Operandi für internationale huma-
nitäre Maßnahmen. Das humanitäre Völker-
recht, das Flüchtlingsrecht, der Standard des
humani­tären Zugangs in Krisen- und Konflikt-
situationen und die humanitären Prinzipien
Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität
und Unabhängigkeit – sie alle sind Ergebnis-
se und Beispiele erfolgreicher multilateraler

83
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Humanitäre Not
der Menschen lindern,
in Prävention investieren

Konsensfindung. So sehr das humanitäre Sys- Humanitäre Hilfe wird von unabhängigen
tem Ausdruck eines funktionierenden Multi­ internationalen und lokalen humanitären
lateralismus ist, so sehr wäre es von dessen Organisationen mit finanzieller Unterstützung
Schwächung bedroht: Wenn in einer Pandemie von Deutschland und anderen Staaten durch-
die Lösung in nationalen Alleingängen gesehen geführt. Dazu gehören humanitäre und doppelt
wird, wenn humanitäre Helferinnen und Helfer mandatierte, also auch mit einem entwick-
aus politischen Gründen diffamiert oder gezielt lungspolitischen Mandat ausgestattete, VN-­
angegriffen werden, wenn humanitäre Prinzipi- Organisationen (z. B. UNHCR, WFP, UNICEF),
en nur noch selektiv angewendet werden, oder die Internationale Rotkreuz- und Rothalb-
wenn einzelne Staaten durch das Entziehen von mondbewegung (IKRK, IFRK, DRK und andere
Fördermitteln ganze humanitäre Schutzberei- nationale Rotkreuz- und Rothalbmondgesell-
che in ihrer Existenz bedrohen, dann erfordert schaften) sowie deutsche und internationale
das eine starke Allianz gegen solche Alleingänge humanitäre Nichtregierungsorganisationen.
und für multilaterale Lösungen. Diese Organisationen leisten Hilfe in aller Regel
nicht über staatliche Strukturen des betroffe-
nen Landes, sondern direkt an die Betroffenen.

Ein Mann in Jemen


erhält Hilfe durch das
Welternährungsprogramm.

84
2 . 3 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r   b e i m Me n s c h e n a­ n ko m m t

Abbildung 8
Flexible humanitäre Hilfe

%
40 37,2
dreifacher Wert von 2016
35
an deutscher humanitärer Hilfe

30
Anteil flexibler Mittel

24,4
25 zweifacher Wert von 2016 22,6

20 17,1

15
11,2
10

2016 2017 2018 2019 2020

Quelle: Auswärtiges Amt

Der große Anstieg humanitärer Bedarfe Deutschland leistet als weltweit zweitgröß-
stellt die internationale Gemeinschaft vor gro- ter Geber für humanitäre Hilfe einen wichti-
ße Herausforderungen. Regelmäßig verbleiben gen Beitrag dazu, diese Finanzierungslücke zu
große Lücken bei der Finanzierung humanitä- schließen und den Fortbestand des interna-
rer Hilfe. Diese Finanzierungslücke gefährdet tionalen humanitären Systems zu sichern. Für
die Funktionsfähigkeit des internationalen 2021 sind im Bundeshaushalt mehr als zwei
Systems der multilateralen humanitären Hilfe. Milliarden Euro für humanitäre Hilfe vorge-
Die gezahlten Beiträge liegen jedes Jahr weit sehen. Dabei stellt Deutschland seine Mittel
unter dem steigenden finanziellen Bedarf für so zur Verfügung, dass sie möglichst effektiv
humanitäre Hilfe. So waren 2019 laut OCHA eingesetzt werden können. Deutschland setzt
­lediglich 63,4 Prozent des Finanzierungsbedarfs dazu auf flexiblere und mehrjährige Förde-
gedeckt, 2020 betrug die Deckung angesichts rungen, welche vor allem in langanhaltenden
auch pandemiebedingt erhöhter Bedarfe sogar Krisenkontexten die Planungssicherheit für
nur 48,6 Prozent. die Organisationen stärken und eine schnellere
humanitäre Reaktion ermöglichen.

85
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Sich auf Krisen vorbereiten

Deutschland setzt sich gemeinsam mit Deutschland setzt sich für vorausschauende
anderen Gebern und humanitären Organisa- humanitäre Hilfe ein, um bei weltweit stei-
tionen für Reformen ein, die das internationale genden humanitären Bedarfen einen Beitrag
humanitäre System effektiver und effizienter zu effizienterem und effektiverem Einsatz
machen sollen. Als Beitrag zu dem als Grand begrenzter Mittel leisten und diese schon vor
Bargain bekannten humanitären Reformpro- Eintritt einer Notlage bereitstellen zu können.
zess hat Deutschland über die vergangenen Mithilfe datenbasierter Vorhersagen oder qua-
fünf Jahre den Anteil flexibler Mittel für huma- litativer Analysen können Frühwarnungen ge-
nitäre Hilfe mehr als verdreifacht. Deutschland troffen werden, die es ermöglichen, frühzeitig
verdoppelte zudem 2019 seine Kernbeiträge konkrete humanitäre Vorsorgemaßnahmen zu
für die humanitären Schlüsselorganisationen finanzieren und einzuleiten. Ein wichtiger An-
OCHA, das Flüchtlingskommissariat der Ver- satz ist die vorhersagebasierte humanitäre Hilfe
einten Nationen (UNHCR) und das Hilfswerk bei Extremwetterereignissen, die Deutschland
der VN für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) und zusammen mit dem Deutschen Roten Kreuz
war 2020 größter Geber des Zentralen Nothilfe­ (DRK) entwickelt hat.
fonds der VN (CERF).

Abbildung 9
Vorausschauende humanitäre Hilfe

M€
40
30,408
35
vorausschauende humanitäre Hilfe

30
Deutsche Ausgaben für

25

20

15

10 7,822
5,937
3,556 4,209
5
1,424
0,037
2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020

Quelle: Auswärtiges Amt

86
2 . 3 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r   b e i m Me n s c h e n a­ n ko m m t

Instrumente verzahnen

Um den humanitären Bedarf zu senken, müs-


sen alle Instrumente ineinandergreifen. Hierzu
setzt Deutschland auf die Stärkung des Zusam-
menhangs von humanitärer Hilfe, Entwick-
lungszusammenarbeit und Friedensförderung
in Form einer engeren Zusammenarbeit und
Koordination zwischen den Akteuren aus allen
drei Bereichen unter Berücksichtigung der unter-
schiedlichen Mandate (HDP Nexus). Deutschland
hat im Rahmen der Organisation für wirtschaft-
liche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
an der Entwicklung verbindlicher Empfehlungen
Kinder verbringen 2016 Freizeit in einem UNICEF- zur Umsetzung mitgewirkt. Auch multilaterale
Projekt im Flüchtlingscamp Debaga zwischen Erbil
Akteure wie das Kinderhilfswerk der Vereinten
und Mossul (Irak).
Nationen (UNICEF) und das WFP haben sich
2020 diesen Empfehlungen verpflichtet.

Deutschland hat seine Förderung für Die vorausschauende humanitäre Hilfe ist
vorausschauende humanitäre Hilfe zwischen mit einem umfassenden Katastrophenrisiko-
2014 und 2020 von 37.000 Euro auf über management durch die Entwicklungszusam-
30 Millionen Euro stark gesteigert. Deutsch- menarbeit verschränkt, etwa im Rahmen der
land fördert in ­diesem Bereich das DRK sowie Umsetzung des Sendai-Rahmenwerkes und der
die Internationale Föderation der Rotkreuz- Zusammenarbeit mit dem UN Office for ­Disaster
und Rothalbmondgesellschaften (IFRK), das Risk Reduction (UNDRR). Darüber hinaus in-
Welternährungsprogramm (WFP), die VN-­ vestiert die Bundesregierung zum Beispiel im
Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation Rahmen der strukturbildenden Übergangshilfe
(FAO) und Nichtregierungsorganisationen, in die Stärkung der Resilienz von Menschen und
insbesondere das Start Network. Deutschland Kommunen in fragilen Kontexten, in Koopera-
ist seit 2019 größter Geber von OCHA bei der tion mit WFP und UNICEF. Resilienzprogram-
Pilotierung vorausschauender humanitärer me helfen, Menschen Lebensperspektiven zu
Hilfe im Rahmen des CERF. Für die Zukunft erschließen, ihre Widerstandsfähigkeit gegen-
will Deutschland die Kapazitäten der voraus- über Krisen zu erhöhen und damit humanitäre
schauenden humanitären Hilfe mit Blick auf Bedarfe mittel- und langfristig zu reduzieren.
Ausbrüche von Krankheiten, Konfliktkontexte
sowie auf Krisen und Katastrophen in urbanen
Räumen weiter ausbauen.

87
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

2.3.2

Die i­ nternationale
Entwicklungs­
architektur zukunfts-
fähig m ­ achen

Für Deutschland ist die Frage globaler Ge- Multilaterale Organisationen wie die VN,
rechtigkeit politisches Leitmotiv. Hierzu leistet multilaterale, aber auch bilaterale Entwick-
Entwicklungszusammenarbeit einen wichtigen lungsbanken spielen eine Schlüsselrolle für
Beitrag. Mit der „Strategie für eine starke euro- die Umsetzung der Agenda 2030. Die VN sind
päische und multilaterale Entwicklungspolitik“ jedoch die zentrale Koordinationsinstanz für
unterstreicht Deutschland seinen europäischen internationale Zusammenarbeit. Wichtigstes
und multilateralen Ansatz in der Entwick- Forum und zentraler Akteur internationaler
lungspolitik. Entwicklungszusammenarbeit ist das Ent-
wicklungssystem der VN (UNDS); mit ihren
Deutschland setzt sich für die integrierte Unterorganisationen setzen die VN Entwick-
Umsetzung der Agenda 2030 ein und stellt sich lungspolitik um. Dabei spielen auch VN-­
Versuchen, die Agenda 2030 aufzuweichen Organisationen mit einem dualen ­Mandat,
und ihre universelle Geltung zu unterlaufen, das humanitäre Hilfe und Entwicklungs­
entschieden entgegen. Die Aktionsagenda von zusammenarbeit abdeckt, eine zentrale Rolle.
Addis Abeba für Entwicklungsfinanzierung ist
ein wichtiger Bestandteil der Agenda 2030. In Zusammenarbeit mit dem VN-System
kommt dem Development Assistance ­Committee
(DAC) der OECD die Rolle zu, Standards zu
definieren und so ein gemeinsames Verständ-
nis herzustellen, welche Maßnahmen als Bei-
trag zur SDG-Zielerreichung gewertet werden
können. Im Rahmen seiner Mitgliedschaft
im M­ ultilateral Organisation Performance
­Assessment Network (MOPAN) setzt Deutsch-
land sich dafür ein, dass die Leistungsfähig-
keit multilateraler Organisationen regelmäßig
­bewertet wird.

88
2 . 3 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r   b e i m Me n s c h e n a­ n ko m m t

Die Reform des


VN-Entwicklungssystems
unterstützen und
weiterentwickeln

Das UNDS muss effizienter und effektiver Deutschland tritt für eine bessere Harmo-
werden, um die Umsetzung der Agenda 2030 nisierung des UNDS ein und engagiert sich für
voranzutreiben. Deshalb fördert Deutschland ein geschlossenes Auftreten der VN als ent-
die aktuelle Reform des UNDS. Ein Schlüssel­ wicklungspolitischer Akteur. Mit seinen zahl-
element ist dabei der VN-Finanzierungspakt reichen, unabhängig voneinander agierenden
(UN Funding Compact). Als zweitgrößter Akteuren und Institutionen ist das VN-Ent-
Beitragszahler zum VN-Entwicklungssystem wicklungssystem institutionell fragmentiert.
unterstützt Deutschland dessen Ziel, den An- Die bessere Abstimmung zwischen den VN-
teil der Kernbeiträge aller Geber kollektiv auf Entwicklungsorganisationen insbesondere auf
30 Prozent der Gesamtbeiträge anzuheben, Länderebene ist daher ein weiteres Schlüssel-
um eine nachhaltige Finanzierung des UNDS element der VN-Reform. Deutschland trägt
zu erreichen. Über die vergangenen fünf Jahre mit jährlich mehr als zehn Millionen Euro zur
hat Deutschland seine Kernbeiträge für eine nachhaltigen Finanzierung des neuen ­Systems
Reihe von VN-Organisationen deutlich erhöht: lokaler UNDS-Repräsentanten bei. Diese
versiebenfacht für UNICEF, mehr als verdop- sogenannten Resident Coordinators sind die
pelt für das Entwicklungsprogramm der VN hochrangigsten Vertreterinnen und Vertreter
(UNDP) und verdoppelt für die Einheit der des VN-­Entwicklungssystems auf Länderebene
VN für Gleichstellung und Ermächtigung der sowie Ansprechpartnerinnen und Ansprech-
Frauen (UN Women) und nahezu verdoppelt partner für die nationalen Regierungen und
für den Bevölkerungsfonds der VN (UNFPA). somit Bindeglied zwischen diesen und den
In ­Reaktion auf die COVID-19-­Pandemie hat einzelnen Organisationen des UNDS.
die Bundesregierung zudem diesen UNDS-
Organisationen 105 Millionen Euro an zu-
sätzlichen Kernbeiträgen für eine flexible
Bearbeitung der Krise zur Verfügung gestellt.
Neben dem Ziel eines ausreichenden An-
teils an Kernbeiträgen setzt sich Deutschland
zur Umsetzung des VN-Finanzierungspaktes
auch dafür ein, den Anteil sogenannter weich
zweckgebundener Finanzierung zu erhöhen,
beispielsweise über die Einzahlung in gemein-
schaftliche und thematische Fonds. Damit
wird eine abgestimmte Zusammenarbeit im
UNDS gefördert.

89
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Mehrwert durch innovative Die Ausrichtung internationaler


Partnerschaften mit dem Finanzinstitutionen an der
multilateralen System Agenda 2030 vorantreiben

Deutschland unterstützt die Umsetzung der Neben der Steigerung von Wirksamkeit
VN-Reform und die verstärkte Zusammenar- und Effizienz bei den multilateralen Entwick-
beit innerhalb des VN-Systems auch durch die lungsbanken liegt der deutsche Schwerpunkt
Förderung gemeinsamer Programme mehrerer darauf, die Arbeit der Entwicklungs- und In-
VN-Partner. Bei solchen Programmen bringen vestitionsbanken am Pariser Klimaabkommen
mehrere VN-Organisationen ihre jeweiligen auszurichten, Sozial- und Umweltstandards
Stärken gemäß ihrer Mandate in die Vorhaben auf höchstem Niveau einzuhalten und Zu-
und deren Umsetzung ein. Lernerfahrungen kunftsthemen in den Programmen zu stär-
aus diesen konkreten gemeinsamen Ansätzen ken. Zusammen mit seinen Partnern konnte
helfen, die VN-Reform voranzubringen. Deutschland zum Beispiel erreichen, dass 2018
im Zuge der Kapitalerhöhung für die Internati-
Die Bundesregierung setzt insbesondere in onale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung
Krisenregionen verstärkt auf solche gemein-
samen Programme. Deutschland fördert zum
Beispiel die eng aufeinander abgestimmten
und ineinandergreifenden Vorhaben von WFP
und UNICEF in der Sahel-Region. Durch das
gemeinsame Maßnahmenpaket beider Orga-
nisationen für Ernährungssicherheit, Bildung,
Gesundheit, Landwirtschaft und Kinderschutz
sollen die Bevölkerung und Staaten im Sahel
widerstandsfähiger gegen Krisen werden.

90
2 . 3 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r   b e i m Me n s c h e n a­ n ko m m t

(IBRD), einer Organisation der Weltbankgrup- 2.3.3


pe, ehrgeizige Klimaziele beschlossen wurden.
Im Ergebnis wird die Weltbank ihre Mittel für Für gleichberechtigte
den Klimaschutz in den Jahren 2021 bis 2025
auf 200 Milliarden US-Dollar verdoppeln. Der Teilhabe weltweit
Internationale Währungsfonds (IWF) und die
Weltbankgruppe leisten zudem mit Unter-
stützung der Bundesregierung und der Euro-
päischen Union sowie im Zusammenspiel mit Ausgehend vom Diskriminierungsverbot
anderen multilateralen Entwicklungsbanken des Grundgesetzes, das auch in der EU-Grund-
entscheidende Krisenfinanzierung für Ent- rechtecharta und in der Allgemeinen Erklärung
wicklungsländer in der COVID-19-Pandemie. der Menschenrechte verankert ist, und gemäß
Deutschland setzt sich angesichts der welt- des Agenda 2030-Prinzips „Niemanden zurück-
weiten Bevölkerungsentwicklung auch für ein lassen“ setzt sich Deutschland weltweit gegen
verstärktes Engagement der Internationalen jedwede Form von Diskriminierung und struk-
Finanzinstitutionen ein, zum Beispiel bei der tureller Benachteiligung ein.
Entwicklung von Beschäftigungsperspektiven
für junge Menschen. Gleichberechtigung ist ein Menschenrecht
und ein zentrales Ziel der Agenda 2030. Alle
Menschen haben das Recht auf eine gleiche
und vollständige Teilhabe an politischen
Prozessen und in allen Bereichen der Gesell-
schaft. Dies gilt unabhängig von Geschlecht,
Herkunft, Behinderung, Religion und sexueller
Orientierung. Frauen, rassistisch diskriminierte
Personen, Menschen mit Behinderungen, An-
gehörige religiöser Minderheiten und lesbische,
schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlecht-
liche Menschen (LSBTI) gehören weltweit be-
trachtet zu den rechtlich und faktisch ­erheblich
benachteiligten Bevölkerungsgruppen. Im
März 2021 hat die Bundesregierung das Inklu-
sionskonzept für LSBTI-Personen beschlossen,
mit dem die Rechte und die Schutzbedürftig-
keit dieser Personengruppe explizit Bestand-
teil des außen- und entwicklungspolitischen
Engagements Deutschlands wird.

Bewohner des Dorfes Ankirikiriky in Südmadagaskar


forsten entwaldetes Land wieder auf.
Im Gegenzug erhalten sie Lebensmittelrationen
des Welternährungsprogramms.

91
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Ein besonderer Schwerpunkt deutscher


Außen- und Entwicklungspolitik ist die Förde-
rung von Geschlechtergerechtigkeit. Mehr als
zwei Drittel aller Menschen, die weltweit unter
Mangelernährung leiden, sind Frauen. Jede dritte
Frau weltweit ist von geschlechtsbasierter und
sexualisierter Gewalt betroffen. Mädchen haben
schlechtere Bildungschancen als Jungen, und
Soldatinnen der
in weiten Teilen der Welt werden Frauen allein Vereinten Nationen
aufgrund ihres Geschlechts deutlich schlechter in Monrovia/Liberia, 2015
bezahlt als Männer. Die COVID-19-Pandemie hat
vielfach bestehende Ungleichheiten offengelegt
und teilweise noch verschärft, erreichte Fort-
schritte wurden teils zunichtegemacht. In allen
Bereichen, von Wirtschaft über Sicherheit bis
zu sozialem Schutz und im Zugang zu sexueller
und reproduktiver Gesundheit und Rechten, sind
Frauen und Mädchen unverhältnismäßig stark
von der COVID-19-Pandemie betroffen.
Für Deutschland ist multilaterale Zu-
Die Benachteiligung von Frauen verstößt sammenarbeit ein wichtiges Instrument, um
nicht nur gegen ihre Grundrechte, sie ist auch sicherzustellen, dass der Schutz und die gerech-
in politischer, ökologischer und wirtschaft- te Teilhabe von Frauen systematisch in allen
licher Hinsicht kurzsichtig und gefährdet die Phasen und Ebenen von Friedens-, Sicherheits-
Umsetzung der Agenda 2030. Gesellschaften und Entwicklungsprozessen berücksichtigt
mit gleichberechtigter Teilhabe von Frauen werden. Darauf wirkt die Bundesrepublik mit
und Männern sind stabiler, friedlicher und vielen gleichgesinnten Partnern in den VN, im
wirtschaftlich erfolgreicher. Ohne die gleich- Menschenrechtsrat, im Sicherheitsrat, in der
berechtigte Teilhabe von Frauen können die Frauenrechtskommission sowie in der General-
globalen Herausforderungen unserer Zeit versammlung, aber auch außerhalb des VN-
daher nicht bewältigt werden. Systems in OSZE, NATO, G7 und G20 hin.

92
2 . 3 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r   b e i m Me n s c h e n a­ n ko m m t

zur Beendigung sexualisierter Gewalt in


Konflikten verpflichtet alle VN-­Mitgliedstaaten
zu Schutz und Unterstützung der Überleben-
den konfliktbezogener sexueller Gewalt durch
Gesundheitsversorgung, psychosozialen und
ökonomischen Beistand sowie durch Rechts-
beratung. Sie ist damit ein wichtiger Schritt für
den Schutz der Frauenrechte.

Die Bundesregierung wird sich weiterhin für


die Beteiligung von Frauen in der Krisenprä-
vention und an Friedensprozessen einsetzen. In
der NATO unterstützt sie die Arbeit der WPS-
Beauftragten dabei, die Agenda zum integralen
Bestandteil jeder Mission und jedes Einsatzes zu
machen und den Frauenanteil in den Missionen
und Einsätzen signifikant zu erhöhen. Deutsch-
Die Agenda „Frauen, land wird Überlebenden sexualisierter und
Frieden, Sicherheit“ geschlechtsspezifischer Gewalt auch in Zukunft
Unterstützung gewährleisten, ebenso wie in die
vorantreiben Prävention von Gewalt investieren.

Mit dem Ziel, die Agenda „Frauen, Frieden


Frauen kommt eine zentrale Bedeutung für und Sicherheit“ effektiv, systematisch und koor-
die Prävention von Krisen und bewaffneten diniert auf internationaler, regionaler und bila-
Konflikten zu. Ein besonderer Schwerpunkt teraler Ebene zu verankern, fördert Deutschland
von Deutschlands Mitgliedschaft im VN-­ beispielsweise in Partnerschaft mit UN Women
Sicherheitsrat 2019/2020 lag deshalb darin, die Beteiligung von Frauen in den Friedenspro-
die Agenda „Frauen, Frieden und Sicher­heit“ zessen in Syrien, Irak, Libyen und Jemen durch
(Women, Peace and Security, WPS) konsequent gezielte Fortbildung, Vorbereitung auf politische
voranzutreiben. Die WPS-Agenda basiert auf Gespräche und Beratung. Regional arbeitet
der VN-Resolution 1325 (2000), mit welcher der Deutschland eng mit der Afrikanischen Union
VN-Sicherheitsrat nicht nur die Bekämpfung zusammen und unterstützt unter anderem den
geschlechtsspezifischer Gewalt in humanitären Auf- und Ausbau der Afrikanischen Friedens-
Notsituationen und bewaffneten Konflikten, und Sicherheitsarchitektur (African Peace and
sondern gerade auch die Beteiligung von Frau- Security Architecture, APSA).
en in internationalen Friedens- und Sicher-
heitsprozessen zu einem integralen Bestandteil Deutschland will die Weiterentwicklung
seines Mandats machte. Die WPS-Agenda wur- und Umsetzung der WPS-Agenda auch national
de in neun Folgeresolutionen weiterentwickelt, vorantreiben. Vor diesem Hintergrund arbeitet
zu denen auch die von Deutschland während Deutschland daran, die WPS-Agenda in den
seines VNSR-­Vorsitzes im April 2019 einge- Strukturen, Fortbildungsmaßnahmen und der
brachte Resolution 2467 zählt. Diese Resolution Arbeit der Bundesregierung zu verankern. Den

93
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

2021 verabschiedeten dritten nationalen Aktions- 2.3.4


plan zur Agenda „Frauen, Frieden und Sicherheit“
des VN-Sicherheitsrats für den Zeitraum 2021 bis Weltweit für
2024 wird die Bundesregierung in engem Kon-
takt mit der Zivilgesellschaft umsetzen. ­Gesundheit

Globale Gesundheitsfragen und der Schutz


Frauen wirtschaftlich stärken des Menschenrechts auf Gesundheit sind nicht
zuletzt durch die COVID-19-Pandemie ins
Zentrum multilateraler Zusammenarbeit ge-
Um Frauen ein gleichberechtigtes, selbstbe- rückt. In der Agenda 2030 hat sich die Staaten-
stimmtes Leben zu ermöglichen und sie ins- gemeinschaft mit dem SDG 3 dazu verpflichtet,
besondere für und in Krisenzeiten resilienter zu allen Menschen ein gesundes Leben zu ermög-
machen, stärkt die Bundesregierung Frauen wirt- lichen. Die Bundesregierung macht sich für
schaftlich auch durch multilaterale Maßnahmen. die Sicherung globaler Gesundheit stark. Dies
beinhaltet für Deutschland jedoch nicht nur
So ist Deutschland größter Geber der die Abwehr grenzüberschreitender Gesund-
­ omen Entrepreneur Finance Initiative (We-Fi),
W heitsgefahren, sondern vor allem die Stärkung
einem Multi-Geber-Fonds in Verwaltung der von nationalen Gesundheitssystemen weltweit,
Weltbank, der Unternehmerinnen in Entwi- die Verbesserung des internationalen Gesund-
cklungs- und Schwellenländern den Zugang heitskrisenmanagements und insbesondere
zu Finanzdienstleitungen und das Überwin- die starke Unterstützung der Weltgesundheits-
den struktureller Hürden erleichtert. 2020 hat organisation (WHO).
Deutschland den Vorsitz der We-Fi übernom-
men, um aktiv an der weiteren Ausrichtung In ihrer „Strategie zur globalen Gesundheit“
und Zukunft des Fonds mitzuarbeiten. von Oktober 2020 beschreibt die Bundesre-
gierung Deutschlands Rolle im Bereich inter-
Im Generation Equality Prozess, der von UN nationaler Gesundheitspolitik bis 2030. Um die
Women administrativ gesteuert wird und neben gesundheitsrelevanten Nachhaltigkeitsziele zu
anderen Staaten und internationalen Organi- erreichen, setzt Deutschland auf multilaterale
sationen vor allem auch die Privatwirtschaft Zusammenarbeit im Rahmen der VN mit der
und die Zivilgesellschaft mit einbindet, bündeln WHO im Zentrum. Die WHO ermittelt mit
sich alle Kräfte in sechs Aktionsbündnissen, ihrem umfassenden Mandat die normative Ori-
um bedeutende Fortschritte beim SDG 5 zu entierung und gibt Richtlinien für Verbesserung
erzielen. Deutschland hat die Ko-Führung des der öffentlichen Gesundheit in den Mitglied-
Aktionsbündnisses Wirtschaftliche Rechte und staaten sowie der globalen Gesundheit vor. Sie
Gerechtigkeit übernommen und wird sich mit ist zudem zentrale Koordinationsstelle bei der
den anderen Akteuren auf konkrete Aktionen Reaktion auf globale Gesundheitskrisen. Gleich-
für die nächsten fünf Jahre verpflichten. zeitig ist sie richtungsweisend für die Arbeit der
anderen multilateralen, staatlichen und nicht-
staatlichen Akteure im Gesundheitsbereich,

94
2 . 3 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r   b e i m Me n s c h e n a­ n ko m m t

die Programme zur Verbesserung der globalen Internationale Kooperation und Koordina-
Gesundheit finanzieren und umsetzen. Dazu tion sind für Deutschland auch der Schlüssel
zählen vor allem der Globale Fonds zur Be- für eine wirksame globale Antwort auf die
kämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria COVID-19-Pandemie. Deutschland engagiert
(GFATM), der UNFPA als Hauptakteur im Be- sich daher seit Beginn in der multilateralen
reich der sexuellen und reproduktiven Gesund- Kooperationsplattform Access to COVID-19
heit und Rechte, die Impfallianz Gavi oder die Tools Accelerator (ACT-Accelerator), die sich
Global Financing Facility for Women, Children die beschleunigte Entwicklung, Produktion
and Adolescents (GFF) und das Gemeinsame und global gerechte Verteilung von COVID-
Programm der VN für HIV/AIDS (UNAIDS). 19-Impfstoffen, Medikamenten und Diagnosti-
UNAIDS gilt als einzigartiges Modell multi­ ka zum Ziel gesetzt hat. Deutschland ist derzeit
sektoraler Zusammenarbeit im VN-System, da der zweitgrößte Geber des ACT-Accelerators
es von elf VN-Organisationen mitgetragen wird und unterstützt die beteiligten Organisationen
und die globale HIV/AIDS-Antwort koordiniert. (u. a. Gavi, GFATM und WHO) mit bisher 2,1
Milliarden Euro in den Jahren 2020 und 2021.
Ein wichtiger Teil des ACT-A ist die Impfstoff-
plattform COVAX Facility, deren erstes Ziel es
ist, bis Ende 2021 Impfstoffe für mindestens
20 Prozent der Bevölkerung in den 92 ärmsten
Ländern der Welt zu beschaffen, dabei sollen
fünf Prozent der anvisierten Impfdosen für
humanitäre Zwecke zur Verfügung stehen.

Eine Impfstoffsendung
von COVAX/Team Europe
in den Kosovo wird am
28. März 2021 am Flughafen
Pristina entladen.

95
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Die globale Alte und neue Akteure in die


Gesundheitsarchitektur globale Gesundheitsarchitektur
reformieren integrieren

Deutschland setzt sich gemeinsam mit der Um globale Gesundheitspolitik erfolgreich


EU dafür ein, dass die leitende und koordinie- umzusetzen, muss die vielschichtige globale
rende Rolle der WHO in der internationalen Gesundheitsarchitektur mit ihren multilateralen
Gesundheitspolitik sowie ihre Unabhängigkeit Organisationen, globalen und regionalen Ini-
gestärkt und die Internationalen Gesundheits- tiativen und Partnerschaften besser koordiniert
vorschriften (IGV) als einschlägiges völker- werden und die Vielzahl nichtstaatlicher und
rechtliches Regelwerk weiterentwickelt und staatlicher Akteure auf allen Ebenen besser in-
ihre Implementierung verbessert werden. Ziel tegriert werden. Für Deutschland ist hierbei die
ist es, die Strukturen und Kernkompetenzen Rolle der WHO und ihrer Regionalbüros zentral.
der WHO zu verbessern und ihre technischen,
finanziellen und personellen Kapazitäten zu Die Stärkung der Koordinierungsfunktion
stärken, darunter auch das WHO-Notfallpro- der WHO bleibt auch Richtschnur für Deutsch-
gramm (WHO Health Emergency Programme, lands Engagement für Multi-Akteurspartner-
WHE) zur Vorbereitung und Reaktion auf schaften im Bereich globaler Gesundheit. Multi-
Gesundheitskrisen wie Pandemien. Akteurspartnerschaften bauen auf innovative
Kooperationsmodelle von Regierungen, Ge-
Als derzeit größter staatlicher Geber der sundheitseinrichtungen, Zivilgesellschaft und
WHO und bei weitem größter Beitragszahler gemeindebasierten Organisationen auf und
für den WHO-Notfallfonds (Contingency Fund nutzen ihre Partnerschaften mit der Wirtschaft.
for Emergencies, CFE) leistet Deutschland einen Eine wichtige Rolle spielt hier der „Globale
wichtigen Beitrag dazu, der WHO angemessene Aktionsplan für ein gesundes Leben und Wohl-
Finanzmittel bereitzustellen. Deutschland setzt ergehen aller Menschen“ (Global ­Action Plan for
sich dafür ein, dass die Mitgliedstaaten der Or- Healthy Lives and Well-being for All, GAP), den
ganisation eine flexiblere Finanzierung durch Deutschland, Ghana und Norwegen im April
einen höheren Anteil an zweckungebundenen 2018 initiiert haben. Mit ihm verpflichten sich
Mitteln ermöglichen. inzwischen dreizehn internationale Organi-
sationen aus den Bereichen Gesundheit und
Entwicklungszusammenarbeit, gemeinsam
Länder bei der Erreichung gesundheitsbezoge-
ner Nachhaltigkeitsziele zu unterstützen.

96
2 . 3 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r   b e i m Me n s c h e n a­ n ko m m t

Gesundheitsforschung
weltweit vernetzen

Europäische und internationale Vernetzung Gezielte multilaterale Forschungs- und


der biomedizinischen Forschung sind wesentli- ­ ntwicklungszusammenarbeit dient dazu,
E
cher Pfeiler erfolgreicher globaler Gesundheits- Material-, Finanz- und Personalressourcen zu
politik. Etwa zwei Drittel aller beim Menschen bündeln und damit den medizinischen Fort-
neu auftretenden Infektionskrankheiten schritt zu beschleunigen. Mit der Förderung
haben ihren Ursprung bei Tieren (Zoonosen). internationaler Forschungsplatt­formen wie der
Um diesen Gesundheitsgefahren vorzubeugen Coalition for Epidemic ­Preparedness Innovations
bzw. sie frühzeitig erkennen und effizient be- (CEPI) unterstützt Deutschland die Entwick-
kämpfen zu können, fördert Deutschland den lung von Impfstoffen gegen Infektionskrank-
One-Health-Ansatz. Um eine optimale Ge- heiten mit hohem Pandemiepotenzial. Im
sundheit für Menschen, Tiere und Umwelt zu Fokus stehen dabei Krankheiten, die die WHO
erreichen, arbeiten verschiedene Akteure auf als mögliche künftige Pandemien identifiziert
lokaler, nationaler und globaler Ebene zusam- hat oder für die durch die WHO ein inter-
men, von der Praxis über die Forschung bis zu nationaler Gesundheitsnotstand ausgerufen
den Behörden. Hierzu setzt sich Deutschland wurde. Zudem engagiert sich Deutschland in
gemeinsam mit Frankreich für die Stärkung der Global Research ­Collaboration for Infectious
der Zusammenarbeit zwischen den vier für die Disease Preparedness (GloPID-R), die anstrebt,
Weiterentwicklung dieses Ansatzes wichtigen die Rahmenbedingungen für Forschungs­
Organisationen, WHO, FAO, der Weltorganisa- kooperationen durch eine bessere Vernetzung
tion für Tiergesundheit (OIE) und dem Um- der Förderer zu stärken.
weltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP)
ein. Als erster Schritt ist die Einrichtung eines
One Health High Level Expert Panel geplant, das
bis zur Weltgesundheitsversammlung (WHA),
der Versammlung aller Mitglieder der WHO, im
Mai 2021 einsatzbereit sein soll.

Eine besondere Herausforderung ist die Ge-


sundheit der Menschen in Entwicklungs- und
Schwellenländern. Erkrankte haben regelmäßig
keinen Zugang zu Impfstoffen, Arzneimitteln
und anderer medizinischer Hilfe oder es fehlen
ihnen dafür die finanziellen Mittel. Angesichts
geringer marktwirtschaftlicher Anreize für die
forschende Pharmaindustrie gibt es für eine
Reihe von Krankheiten, die hauptsächlich in
einkommensschwachen Regionen auftreten,
weder Impfstoffe noch wirksame Arzneimittel.

97
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

2.3.5

Für ein selbst­


bestimmtes Leben
durch Bildung

Bildung ist ein Schlüsselbereich der deut- pandemiebedingt nicht mehr in die Schule
schen Entwicklungspolitik und mit dem SDG 4 zurückkehren werden. Die Weltbank sagt vor-
in der Agenda 2030 verankert. Um allen Men- aus, dass zusätzliche 72 Millionen Kinder und
schen den Zugang zu inklusiver, gleichberech- Jugendliche von Lernarmut betroffen sein wer-
tigter und qualitativ hochwertiger Bildung zu den. Soziale Ungleichheiten drohen verstärkt
ermöglichen, setzt Deutschland auf multilate- zu werden, vor allem für bereits marginalisierte
rale Zusammenarbeit. Bevölkerungsgruppen. Die COVID-19-Pande-
mie gefährdet durch das Aussetzen der Ausbil-
Bildung ist ein Menschenrecht und befä- dung in vielen Partnerländern auch die beruf-
higt Menschen, ihre politische, soziale, gesell- lichen Chancen einer ganzen Generation.
schaftliche und wirtschaftliche Situation zu
verbessern. Damit spielt Bildung eine zentrale
Rolle für ein selbstbestimmtes Leben, die Wert-
schätzung und Ausübung kultureller Vielfalt,
die Bewältigung globaler Herausforderungen, Multilaterale Bildungs­
einschließlich Bevölkerungswachstum, und für zusammenarbeit stärken
nachhaltige Entwicklung.

Trotz des Bekenntnisses der Staatengemein-


schaft zu hochwertiger Bildung und lebenslan- Deutschland fördert Bildung entlang der
gem Lernen in der Agenda 2030 können nach gesamten Bildungskette – von der frühkindli-
Schätzungen der UNESCO weltweit etwa 773 chen Bildung bis zum Einstieg ins Berufsleben,
Millionen Jugendliche und Erwachsene nicht Primar- und Sekundärbildung, berufliche und
lesen und schreiben. Fast zwei Drittel davon Hochschulbildung – über bilaterale, regionale
sind Mädchen und Frauen. Bereits vor der und multilaterale Entwicklungszusammenar-
COVID-19-Pandemie hatten rund 260 Millio- beit. Schwerpunkte der Zusammenarbeit sind
nen Kinder und Jugendliche keinen Zugang zu die Stärkung von Bildungssystemen, Bildung
Bildung. Mehr als die Hälfte aller Kinder und im Kontext von Flucht und Krisen und insbe-
Jugendlichen in Entwicklungs- und Schwel- sondere der Zugang von Flüchtlingskindern zu
lenländern ging zur Schule, lernte jedoch Bildung, digitales Lernen und Qualifizierung
aufgrund mangelnder Bildungsqualität nicht für die neue Arbeitswelt, geschlechtergerechte
(„Lernarmut“). Die UNESCO rechnet damit, Bildung sowie Qualifizierung für ressourcen-
dass 24 Millionen Kinder und Jugendliche schonendes Wirtschaften.

98
2 . 3 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r   b e i m Me n s c h e n a­ n ko m m t

„In unserem Regionalprogramm arbeiten wir


gemeinsam mit Partnern in verschiedenen
Ländern Südostasiens daran, dass mehr Kinder
Zugang zu Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene in
Schulen haben. Das ist in Zeiten von COVID-19 besonders
wichtig. Dank des Lern- und Erfahrungsaustausches über
Ländergrenzen hinweg können wir gemeinsam gesteckte Ziele
schneller erreichen.“
Nicole Siegmund, Projektleiterin des Regionalprogramms „Fit for School“ bei der Deutschen
Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)

Die Bundesregierung wird das Leitbild des für nachhaltige Entwicklung national und
lebenslangen Lernens verstärkt multilateral international und unterstützt dazu etwa das
fördern. Dafür arbeitet sie vor allem mit den UNESCO-­Programm Education for Sustainable
globalen Bildungsfonds Global Partnership for Development – ­Towards achieving the SDGs in
Education (GPE) und Education Cannot Wait Kooperation mit der UNESCO. Als wichtiger
(ECW) zusammen. Auf institutioneller Ebene Beitragszahler hat Deutschland die Möglichkeit
kooperiert Deutschland zudem mit UNICEF, und die Verantwortung, die multilaterale Politik
der Organisation der Vereinten Nationen für im Bildungssektor in diesen Organisationen
Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommu- verstärkt mitzugestalten. Im Sinne eines effizi-
nikation (UNESCO), der United Nations Girls enteren Einsatzes multilateraler Mittel für Bil-
Education Initiative (UNGEI) sowie den multi- dungsförderung setzt sich Deutschland für die
lateralen Entwicklungsbanken. Für das Errei- Stärkung von Koordinierungsplattformen ein.
chen der SDGs fördert Deutschland Bildung

99
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Bildungschancen 2.3.6
für Frauen und Mädchen
stärken Für eine Welt
ohne Hunger
Deutschland fördert zudem gezielt die Bil-
dungschancen von Frauen und Mädchen. Dazu
unterstützt Deutschland die UNESCO-­Initiative Deutschland hat maßgeblich dazu beige-
Gender at the Centre (GCI), für die es sich ge- tragen, die nachhaltige Hungerbekämpfung
meinsam mit seinen Partnern auch im Rahmen auf die internationale Agenda zu setzen. Die
der Allianz für den Multilateralismus einsetzt. Mitgliedstaaten der G7 haben sich auf Deutsch-
Die im Frühjahr 2021 aufgelegte Mädchenbil- lands Initiative hin dazu verpflichtet, bis 2030
dungsinitiative „SHE –Support Her Education“, 500 Millionen Menschen aus Hunger und
die über die Globale Bildungspartnerschaft Mangel­ernährung zu führen. Die Beseitigung
(­Global Partnership for Education/GPE) umge- des Hungers und aller Formen der Mangel-
setzt wird, zielt darauf, mindestens einer Million ernährung bis 2030 ist mit dem SDG 2 in der
Mädchen zusätzlich einen Schulabschluss zu Agenda 2030 verankert.
ermöglichen Die digitalen Kompetenzen von
Mädchen und Frauen unterstützt Deutschland Hunger und Mangelernährung sind in
mit der im Rahmen der deutschen G20-Präsi- der heutigen Welt allerdings immer noch für
dentschaft initiierten Initiative #eskills4girls und viele Menschen Realität. Nach Angaben der
zusammen mit der Multi-Akteurspartnerschaft VN (State of Food Security and Nutrition in
EQUALS (The ­Global Partnership for Gender the World – SOFI-Report 2020) stieg die Zahl
Equality in the ­Digital Age). Deutschland hat mit chronisch unterernährter Menschen von 630
den G7-Staaten eine Initiative zur Förderung der Millionen im Jahr 2014 auf 690 Millionen im
beruflichen Bildung von Frauen und Mädchen Jahr 2019 und könnte bis 2030 auf 840 Millio-
in Entwicklungsländern auf den Weg gebracht, nen ansteigen. Das WFP befürchtet, dass sich
um deren Beschäftigungschancen zu verbessern. die Zahl der Menschen, deren Leben akut von
Bis 2030 soll die Anzahl von Frauen und Mäd- Ernährungsunsicherheit bedroht ist, infolge
chen in Entwicklungsländern, die durch Maß- der Corona-Pandemie innerhalb eines Jahres
nahmen der beruflichen Bildung qualifiziert von 135 Millionen auf 272 Millionen bis Ende
werden, um ein Drittel gesteigert werden. 2020 verdoppelt haben könnte.

Fehlende Ernährungssicherheit hat viele


Auswirkungen, die von globaler Relevanz sind.
Sie ist ein Faktor für generationenlange Armut,
birgt hohe Lasten für Gesundheitssysteme,
dämpft die Produktivität der Weltwirtschaft
und beeinflusst somit die Umsetzung der
Agenda 2030. Unzureichende Nahrungsversor-
gung führt häufig zu Konflikten, die in Gewalt
eskalieren und Menschen zur Flucht zwingen.

100
2 . 3 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r   b e i m Me n s c h e n a­ n ko m m t

Ernährungssicherheit ist somit nicht nur die VN-Sonderorganisationen


Angelegenheit einzelner Staaten, sondern eine mit Ernährungsmandat
Herausforderung für die Staatengemeinschaft,
die nur durch multilaterale Zusammenarbeit
stärken
zu bewältigen ist.

Die Bundesregierung ist entschlossen, die


weltweite Ernährungssituation mithilfe multi-
lateraler Zusammenarbeit vor allem in den in
Ernährungssicherheit Rom ansässigen VN-Sonderorganisationen zu
auf der internationalen verbessern. Die FAO ist nicht nur das zentrale
Forum für politische Verhandlungen von inter-
Agenda verankern nationalen Normen und Standards, sondern
berät als Wissensorganisation auch Regierun-
gen und Institutionen im Kampf gegen Hunger
Deutschland engagiert sich für die Ver- und Unterernährung und stellt technische
abschiedung völkerrechtlicher Normen und Expertise bereit. Deutschland fördert die FAO
Leitlinien, die den Referenzrahmen für na- als viertgrößter Zahler an Pflichtbeiträgen mit
tionales Regierungshandeln im Bereich Er- Mitteln in Höhe von jährlich ca. 23 Millionen
nährungssicherung bilden. Ein besonders Euro und zudem mit freiwilligen Beiträgen,
wichtiges Gremium in diesem Kontext ist der 2020 etwa in Höhe von rund 45 Millionen Euro.
bei der FAO angesiedelte Welternährungsaus-
schuss (Committee on World Food Security, CFS). Deutschland hat seine Zusammenarbeit mit
Im CFS entwickeln Regierungsvertreterinnen dem WFP, das humanitäre und entwicklungs-
und -vertreter gemeinsam mit relevanten VN-­ politische Maßnahmen der Ernährungssicher-
Organisationen, Zivilgesellschaft, Forschung heit durchführt, in den letzten zehn Jahren
und Wissenschaft, internationalen Finanzinsti- stark ausgeweitet. Deutschland ist seit 2016
tutionen, privatwirtschaftlichen Vereinigungen zweitgrößter Geber des WFP, 2020 betrug die
und Stiftungen Strategien, Politikempfehlun- Förderung insgesamt 1,05 Milliarden Euro.
gen und freiwillige Leitlinien. Die Förderschwerpunkte der Bundesregie-
rung liegen auf humanitärer Ernährungshilfe,
Deutschland will Fehlentwicklungen in den Resilienzstärkung, Verbesserung der Qualität
Ernährungssystemen entgegenwirken. Dazu der Nahrung und auf bargeldbasierten An-
bringt sich Deutschland intensiv in die Vorbe- sätzen sowie Innovation beim Kampf gegen
reitung des Weltgipfels der VN zu Ernährungs- Hunger. Unter anderem finanziert Deutschland
systemen (UN Food Systems Summit 2021, FSS) seit 2015 den WFP Innovation Accelerator in
ein und unterstützt diesen auch finanziell. München, der innovative Ideen zur Hungerbe-
kämpfung bis zur Anwendbarkeit begleitet.

101
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Durch den Internationalen Fonds für 2.3.7


landwirtschaftliche Entwicklung (Internatio-
nal Fund for Agricultural Development, (IFAD) Für ­Menschenwürde
unterstützt Deutschland die Minderung von
Fluchtursachen sowie den Kampf gegen Armut bei Flucht und
und Hunger. IFAD vergibt zinsgünstige Kredite
an Entwicklungsländer, teilt landwirtschaft- ­Migration
liches Fachwissen sowie Technologien und
unterstützt Innovationen. Der Fokus liegt auf
den ärmsten Zielgruppen und auf entlegenen,
fragilen Regionen, wo andere Akteure auf- Deutschland verfolgt bei seiner interna-
grund des erschwerten Zugangs nicht oder tionalen Migrations- und Flüchtlingspolitik
nur eingeschränkt aktiv sind. Die Bundes- einen kohärenten Gesamtansatz. Die Bundes-
regierung wird ihre finanzielle Unterstützung regierung mobilisiert dazu die gesamte Band-
für IFAD ausbauen. Zwischen 2019 und 2021 breite an diplomatischen, sicherheits- und
ist Deutschland einer der größten Geber von verteidigungspolitischen, wirtschaftlichen,
IFAD. Rechnet man Kernbeiträge und freiwilli- handels­politischen, entwicklungspolitischen
ge Zusatzbeiträge zusammen, ist Deutschland und humanitären Instrumenten. Dieser An-
in der laufenden dreijährigen Finanzierungs- satz umfasst die Minderung der Ursachen von
periode (IFAD 11) der größte Geber des Fonds. Flucht und irregulärer Migration, den Schutz
Mit einer Erhöhung des deutschen Beitrags von und die Unterstützung für Flüchtlinge,
für IFAD 12 (2022–2024) wird IFAD in die Lage Binnen­vertriebene und Gastgemeinden in den
versetzt, einen substanziellen Beitrag zum – Aufnahmeländern, die Nutzung der Potenziale
aktuell auch aufgrund der Corona-Pandemie von bestehenden legalen Migrationswegen, die
erschwerten – Kampf gegen Armut und Hun- aktive Gestaltung und Steuerung von Migra-
ger leisten zu können. tionsprozessen sowie die freiwillige Rückkehr
von Menschen und die Unterstützung von
nachhaltiger Reintegration im Herkunftsland.

Nach Angaben der Internationalen Organi­


sation für Migration (IOM) gab es 2019 mehr als
270 Millionen reguläre und irreguläre Migran-
tinnen und Migranten sowie Vertriebene welt-
weit, die – freiwillig oder unfreiwillig – ihren
Wohnsitz national oder grenzüberschreitend
verlagerten, was in etwa 3,5 Prozent der Welt-
bevölkerung entspricht. Laut UNHCR stieg die
Zahl der gewaltsam vertriebenen Menschen
auf nahezu 80 Millionen weltweit. Die Annah-
men des Globalen Pakts für Flüchtlinge (Global
Compact on Refugees, GCR) und des Globalen
Pakts für sichere, geordnete und reguläre
Migration (Global Compact for Safe, Orderly and

102
2 . 3 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r   b e i m Me n s c h e n a­ n ko m m t

Abbildung 10
Menschen auf der Flucht*

Millionen
80

70

60

50

40

30

20

10

1990 2000 2010 2019

80 % 40 % 85 %

1% aller Vertriebenen weltweit leben in aller Vertriebenen leben in Entwick-


der Weltbevölkerung Ländern oder Gebieten, die von akuter weltweit sind Kinder lungsländern
ist auf der Flucht Ernährungsunsicherheit oder
Unterernährung betroffen sind

* 79,5 Millionen Menschen auf der Flucht inkl. Asylsuchende und gewaltsam Vertriebene, davon ca. 45,7 Mio. Binnenvertriebene, ca. 26 Mio. Flüchtlinge
(ca. 20,4 Mio. unter UNHCR-Mandat und ca. 5,6 Mio. unter UNRWA-Mandat), ca. 4,2 Mio. Asylsuchende und ca. 3,6 Mio. Vertriebene aus Venezuela

Quelle: UNHCR Global Trends 2019

Regular Migration, GCM) 2018 durch die VN-


Generalversammlung sind wichtige Erfolge für
den Multilateralismus. Mit den beiden Pakten
hat sich die Staatengemeinschaft dazu bekannt,
dass Flucht und Migration globale Phänomene
sind, die nach multilateralen Lösungsansätzen
verlangen, und dabei einen menschenrechtsba-
sierten Ansatz in den Mittelpunkt gestellt.

103
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Fluchtursachen
bekämpfen und
irreguläre Migration
reduzieren

Schwere Menschenrechtsverletzungen, Fra- Deutschland beteiligt sich an Friedens-


gilität und Krisen, schlechte Regierungsführung, missionen und Projekten wie der Stärkung
Korruption, Diskriminierung, Straflosigkeit, Fol- lokaler Polizeistrukturen im Kongo oder
gen des Klimawandels, Ernährungsunsicherheit der Förderung des Versöhnungsprozesses in
und schlechte wirtschaftliche Rahmenbedin- Mali. Stabilisierungsprojekte in Konflikt- bzw.
gungen sind Beispiele für strukturelle Ursachen, Postkonfliktsituationen zielen darauf ab, ein
die Dynamiken von Flucht, Vertreibung und sicheres Umfeld, medizinische Grundver-
Migration auslösen oder verstärken. sorgung oder funktionierende Infrastruktur
wiederherzustellen und Flüchtlingen eine
Auf europäischer und multilateraler Ebe- Rückkehrperspektive in ihre Heimat zu geben.
ne setzt Deutschland sein diplomatisches Sie streben außerdem an, den Boden für eine
Gewicht dafür ein, akute und strukturelle belastbare Friedensordnung zu bereiten, in der
Fluchtursachen zu mindern. Maßnahmen der gesellschaftliche Konflikte friedlich bewältigt
humanitären Hilfe und der Entwicklungszu- werden können.
sammenarbeit tragen zu nachhaltiger Entwick-
lung, Krisenprävention, Konfliktbewältigung
und Stabilisierung sowie zur Einhaltung der
Menschenrechte bei. Mit seiner Entwicklungs­
zusammenarbeit stärkt Deutschland die
wirtschaftlichen und rechtlichen Strukturen in
Herkunftsländern und verbessert nachhaltig
und langfristig die dortigen Lebensbedingun-
gen. Dabei besteht bei der Fluchtursachenmin-
derung eine besonders enge Zusammenarbeit
mit multilateralen ­Organisationen.

Mütter warten in einem


Gesundheitszentrum in Mopti, Mali.

104
2 . 3 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r   b e i m Me n s c h e n a­ n ko m m t

Schutz bieten und


Zukunftsperspektiven
verbessern

Für Deutschland ist der internationale


Schutz von Flüchtlingen, Binnenvertriebenen
sowie Migrantinnen und Migranten ein wich-
tiges Anliegen. Um Risiken und Gefahren wie
jene durch kriminelle Schleuser und Menschen-
händler oder die Überquerung der Meere zu
vermindern, unterstützt Deutschland Transit-
Ein Mädchen aus Venezuela in einem UNHCR-Flüchtlingslager und Aufnahmestaaten und -gemeinden und
in Kolumbien
fördert eine enge multilaterale Zusammenarbeit
zwischen Herkunfts-, Transit- und Zielländern.

Deutschland ist zweitgrößter bilateraler


Geber des UNHCR, welches den Zugang zu
Asyl für Schutzsuchende sicherstellt und
Deutschland wird auf regionaler Ebene be- Flüchtlingen eine Grundversorgung bereit-
reits bestehende multilaterale Partnerschaften stellt, worunter unter anderem Trinkwasser,
ausbauen. Gemeinsam mit der Afrikanischen Nahrung, Notunterkünfte und medizinische
Union (AU) und den regionalen Mechanis- Hilfe fallen. Die Bundesregierung wird auch
men Afrikas arbeitet Deutschland daran, in Zukunft Flüchtlinge und ihre Aufnahme-
diese in ihren Bemühungen zur Reduzierung regionen unterstützen, um ihnen ein Leben in
der Ursachen irregulärer Migration, Flucht Sicherheit zu ermöglichen. Deutschland wird
und Vertreibung weiter zu stärken. Gemein- auch seine Kontingentaufnahmen Schutz-
sam mit UNFPA und der AU organisiert die suchender aus Drittstaaten aufrechterhalten.
Bundes­regierung einen Dialog afrikanischer Das in Kooperation mit dem UNHCR etablier­te
und asiatischer Staaten über den Umgang mit Wieder­ansiedlungprogramm wird im EU-­
der demografischen Herausforderung, der in Rahmen fortgeführt und ausgebaut. Ferner
die Schaffung eines Best Practice Guide der wird Deutschland weiter für die Erhöhung und
VN und der AU münden wird. Mithilfe des Einrichtung von Aufnahmekontingenten in
EU-Nothilfe-Treuhandfonds (European Union anderen VN-Mitgliedstaaten werben. Mit dem
Emergency Trust Fund, EUTF) für Afrika wird Globalen Pakt für Flüchtlinge erhielt UNHCR
die Zusammenarbeit der EU mit Herkunfts-, eine zentrale koordinierende Rolle bei der
Aufnahme- und Transitländern finanziert. Als Verknüpfung von humanitärer Hilfe, Entwick-
dessen größter bilateraler Beitragszahler trägt lungszusammenarbeit und Friedensförderung,
Deutschland dafür Sorge, dass bei der anste- wobei Deutschland einer der wichtigsten Part-
henden Überführung dieser Mittel in das neue ner ist. Im Rahmen einer strategischen Partner­
Außenfinanzierungsinstrument NDICI der EU schaft arbeitet Deutschland an der besseren
keine Finanzierungslücken auftreten. und frühzeitigen Verzahnung von humanitärer

105
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit vor Gemeinsam


Ort, der Unterstützung von Flüchtlingen und Verantwortung
ihrer Einbeziehung in nationale und lokale Pla-
nungen und Systeme sowie der systematischen
übernehmen
und nachhaltigen Unterstützung aufnehmen-
der Gemeinden.
Laut den aktuellsten Zahlen des UNHCR
Für langfristige Zukunftsperspektiven verteilten sich im Jahr 2020 nahezu 40 Prozent
und verbesserte Chancen auf eine erfolgreiche der Flüchtlinge auf nur fünf Länder. Um die
Integration und Beschäftigung im Aufnahme- Verantwortung auf mehr Schultern zu vertei-
land ist der Zugang zu Bildung und Ausbildung len, arbeitet Deutschland im EU-Verbund und
elementar. Fast die Hälfte aller Flüchtlinge im gemeinsam mit den VN daran, die Kooperation
schulpflichtigen Alter geht jedoch nicht zur mit Herkunfts-, Transit- und Aufnahmeländern
Schule. Nur drei Prozent aller Flüchtlinge welt- auszubauen und diese stärker zu ­unterstützen.
weit hat Zugang zu beruflicher Bildung oder Deutschland hat als großes Geber- und Auf-
Hochschulbildung. Deshalb unterstützt die nahmeland den Globalen Pakt für ­Flüchtlinge
Bundesregierung als einer der größten Geber (GCR) und den Globalen Pakt für ­sichere,
von UNHCR, UNICEF und dem E ­ ducation geordnete und reguläre Migration (GCM)
Cannot Wait (ECW) Fonds Aufnahmeländer maßgeblich mitgestaltet. Beide Pakte stehen
beim Auf- bzw. Ausbau ihrer Bildungssysteme beispielhaft für den Ansatz Deutschlands, auf
und setzt sich für die Integration von Flücht- globale Herausforderungen gemeinsame Ant-
lingen ein. Auch ist Deutschland größter Geber worten zu finden.
der Deutschen Akademischen Flüchtlingsini-
tiative Albert Einstein (DAFI), ein Stipendien- Ziel des GCR ist es, die Verantwortung und
programm des UNHCR, das Flüchtlingen in Last im Flüchtlingskontext international aus-
ihren Erstaufnahmeländern Zugang zu einem geglichener zu verteilen, die großen Aufnahme-
Hochschulstudium verschafft. länder, insbesondere in Krisenregionen, stärker
zu unterstützen, große, langanhaltende Flücht-
Zukunftsperspektiven müssen auch für lingskrisen zu lösen oder ihnen sogar vorzu-
rückkehrende Flüchtlinge und Migrantinnen beugen. Als Mitveranstalter des ersten Globalen
und M ­ igranten verbessert werden. Freiwillige Flüchtlingsforums (Global Refugee Forum, GRF)
Rückkehr zu ermöglichen, gehört zu den drei 2019 hat Deutschland eine zentrale Rolle bei
sogenannten dauerhaften Lösungen, die der das der Umsetzung des GCR übernommen. Das
VN-Flüchtlingshilfswerk anstrebt. Um das von erste Überprüfungstreffen (High Level Officials’
den VN formulierte Ziel einer Rückkehr in das Meeting) ist für Ende 2021 angesetzt.
­Heimatland in Sicherheit und Würde zu er-
reichen, hat Deutschland in den letzten Jahren
zusätzliche ­Vorhaben initiiert, wie beispielsweise
das Programm „Perspektive Heimat“ mit Bera-
tungszentren und Angeboten für Rückkehrende
und die lokale ­Bevölkerung in 13 Partnerländern.

106
2 . 3 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r   b e i m Me n s c h e n a­ n ko m m t

Abbildung 11
Haupt-Aufnahmeländer

Millionen
4,0
3,6 leben in fünf
3,5 39 %
Aufnahmeländern*
3,0

2,5

2,0 1,8

1,5 1,4 1,4


1,1
1,0

0,5

Türkei Kolumbien Pakistan Uganda Deutschland

* Daten enthalten Flüchtlinge unter UNHCR-Mandat sowie Vertriebene aus Venezuela


Quelle: UNHCR Global Trends 2019

Der GCM zielt darauf ab, die Zusammen-


arbeit zwischen Staaten im Bereich der inter-
nationalen Migration zu verbessern. Der
Migration Multi-Partner Trust Fund wurde von
den VN-Mitgliedstaaten als einer der im GCM
festgelegten Kapazitätsaufbaumechanismen
etabliert, um Gelder für die GCM-Umsetzung
bereitzustellen. Bei der Verwirklichung des
GCM durch den Treuhandfonds hat Deutsch-
land als Mitglied des Steuerungsgremiums
und als erster und größter Beitragszahler eine
zentrale Funktion. Darüber hinaus unterstützt
Deutschland das Sekretariat des VN-Migrati-
onsnetzwerks, angesiedelt bei der IOM in Genf,
in seiner Arbeit für den GCM.

107
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

2.3.8 Fortschritt und Digitalisierung wirken bereits


seit Jahrzehnten auf die Arbeitswelt, aber vor
Für eine menschen­ allem der Einsatz von Künstlicher Intelligenz
wird die Veränderung der Arbeit stark beschleu-
gerechte Sozial- und nigen. Klimawandel, globale Ungleichheiten
und demografische Entwicklungen wirken sich
Beschäftigungspolitik ebenfalls massiv auf die Arbeit von morgen aus.
Es entstehen dadurch neue Chancen, aber auch
neue Anforderungen an die Gestaltung fairer
Beschäftigungsverhältnisse, die in einer globa-
Deutschland macht sich weltweit für men- lisierten Welt nur durch multilaterale Abstim-
schenwürdige Arbeit, faire Arbeitsbedingungen mung einheitlich erfolgen kann.
und für die Bekämpfung arbeitsausbeuteri-
schen Menschenhandels stark. Menschenwür- Deutschland setzt auf multilaterale Zu-
dige Arbeit ist ein Menschenrecht, zu dessen sammenarbeit, um internationale Sozial- und
Verwirklichung sich die Staatengemeinschaft Beschäftigungspolitik zu verwirklichen und
im SDG 8 in der Agenda 2030 verpflichtet hat. internationale Arbeits- und Sozialstandards
In vielen Ländern der Welt ist menschen- zu fördern. Der zentrale Partner dabei ist die
würdige Arbeit dennoch nicht gewährleistet. Europäische Union. Denn einerseits hat die
Soziale Mindeststandards und ILO-Kernar- Einigung auf eine gemeinsame EU-Politik oder
beitsnormen, wie das Verbot von Zwangs- und EU-Standards Signalwirkung für Vereinbarun-
Kinderarbeit und Diskriminierung bei der gen auf internationaler Ebene und andererseits
Arbeit, werden missachtet. Beschäftigte erhal- unterstützt die EU gemeinsam mit gleichge-
ten häufig keinen angemessenen Lohn, der die sinnten Staaten multilaterale Lösungen.
Lebensgrundlage der Menschen sichern sollte.
Mangelnde Hygiene- und Arbeitsschutzstan- Gemeinsam verfolgen Deutschland und die
dards bergen ein höheres Erkrankungsrisiko. EU ihre Ziele in internationalen Organisationen
Viele Menschen weltweit arbeiten in prekären wie der Internationalen Arbeitsorganisation
oder informellen Arbeitsverhältnissen. Die (ILO), der zentralen internationalen Einrichtung
COVID-19-Pandemie und ihre Folgen haben in zur Realisierung multilateraler Ansätze unter
vielen Ländern der Welt soziale Ungleichheiten dem Dach der VN. Ein Beispiel ist das Vorhaben,
verschärft und bereits benachteiligte Gruppen dass sichere und gesunde Arbeitsbedingungen
und mehrfach diskriminierte Menschen be- in das ILO-Rahmenwerk grundlegender Prinzi-
sonders hart getroffen. pien und Rechte bei der Arbeit aufgenommen
werden. Damit wird menschenwürdige Arbeit
In einer globalisierten Welt wird eine Viel- weltweit gefördert und die Bedeutung für zu-
zahl von Produkten entlang internationaler künftige Entwicklungen unterstrichen.
Lieferketten von Arbeitenden in unterschied-
lichen Ländern hergestellt. Für Deutschland
ist klar, dass es nachhaltige Fortschritte für
gerechte Arbeitsbedingungen in Zeiten globa-
len Wirtschaftens nur in multilateraler Zu-
sammenarbeit geben kann. Technologischer

108
2 . 3 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r   b e i m Me n s c h e n a­ n ko m m t

Arbeiterinnen im Jahr 2017 in


einer von Deutschland geförderten
modernen Textilfabrik in
Addis Abeba, Äthiopien

Internationale Sozial-, Arbeits- und


Umweltschutzstandards entlang
globaler Lieferketten durchsetzen

Weitere wichtige Partner Deutschlands Zur Durchsetzung von internationalen


sind OECD, OSZE und der Europarat. Mit der Sozial-, Arbeits- und Umweltschutzstandards
Organisation der VN für industrielle Entwick- engagiert sich Deutschland multilateral für
lung (United Nations Industrial Development eine faire und nachhaltige Globalisierung.
­Organization, UNIDO) arbeitet Deutschland Zusammen mit seinen Partnern will Deutsch-
eng zu Fragen einer inklusiven und nachhal- land erreichen, dass Beschäftigte in aller Welt
tigen industriellen Entwicklung zusammen. Chancen auf eine gute und menschenwürdige
G7 und G20 sind ebenfalls wichtige Pfeiler der Arbeit erhalten.
multilateralen Zusammenarbeit für menschen-
gerechte Sozial- und Beschäftigungspolitik Während seiner G7-Präsidentschaft im Jahr
und setzen bei diesen Themen wichtige Im- 2015 hat Deutschland deshalb eine Initiative
pulse, die auch innerhalb der ILO und anderer zur effektiven Umsetzung und Einhaltung
internationaler Organisationen aufgegriffen sozialer und ökologischer Standards entlang
werden. Der Bundesregierung ist es ein stetiges globaler Lieferketten gestartet. Ein zentrales Er-
Anliegen, dass die Sozial- und Beschäftigungs- gebnis ist die Einrichtung des Vision Zero Fund
politik auf die Agenda der G7 und G20 gesetzt (VZF). Der VZF wird von der ILO umgesetzt und
wird und entsprechend starke Signale gesendet soll dazu beitragen, dass Unternehmen, Regie-
werden, beispielsweise durch die Abschluss- rungen und Sozialpartner gemeinsam Verant-
erklärungen der Staats- und Regierungschefs. wortung übernehmen, um den Arbeitsschutz

109
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Die Arbeit von morgen gestalten

in exportorientierten Sektoren in ärmeren Digitale und ökologische Transformations-


Produktionsländern zu stärken und dadurch prozesse verändern die Arbeitswelt grund-
die hohe Anzahl tödlicher Arbeitsunfälle welt- legend und über Ländergrenzen hinweg.
weit zu reduzieren. Zentrales Kriterium für die Deutschland möchte diese Entwicklungen mit
Förderung ist es, dass sich Regierungen, Ge- dem Anspruch gestalten, einen fairen und ge-
werkschaften und Arbeitgeber auf gemeinsame rechten Übergang zu einer Zukunft der Arbeit
Maßnahmen zur Verbesserung des Arbeits- sicherzustellen, die zur nachhaltigen Entwick-
schutzes in einem Land bzw. Sektor verständi- lung in ihrer wirtschaftlichen, sozialen und
gen. Der VZF findet aktuell auch zur Abfede- ökologischen Dimension beiträgt.
rung der Folgen der COVID-19-Pandemie sowie
zur zukünftigen Pandemie-Prävention, insbe- Dafür fördert Deutschland Innovationen
sondere im Bereich Arbeitsschutz, Verwendung. wie Künstliche Intelligenz (KI) mit Blick auf
Deutschland hat außerdem die Verabschiedung menschliche Bedürfnisse und legt dabei den
eines EU-Aktionsplans für verantwortungs- Schwerpunkt auf den Transfer von der For-
volles Unternehmenshandeln zur Umsetzung schung in die Praxis sowie den gesellschaft-
der VN-Leitlinien zu Wirtschaft und Menschen- lichen und sozialpartnerschaftlichen Dialog.
rechten vorangetrieben. Deutschland unterstützt zudem von Beginn an
aktiv den Aufbau und die Gestaltung der Global
Die VN haben das Jahr 2021 zum Interna- Partnership on Artificial Intelligence (GPAI), die
tionalen Jahr für die Beseitigung von Kinder- im Juni 2020 gegründet wurde. Diese Multi-
arbeit erklärt, sie wollen gemeinsam mit der Stakeholder-Initiative, die aus den G7 hervor-
ILO Bilanz über den Kampf gegen Kinderarbeit gegangen ist, bringt führende Expertinnen und
ziehen sowie zukünftige Maßnahmen gestal- Experten aus der ganzen Welt zusammen und
ten. Dieses Ziel wurde in der Agenda 2030 mit soll die Wissensbasis über KI-Anwendungen
dem SDG 8 festgeschrieben. In einer globalen und Systeme sowie deren Auswirkungen erhö-
Partnerschaft, der „Allianz 8.7“, wird Deutsch- hen, um Handlungsbedarfe und Gestaltungs-
land zusammen mit weiteren Regierungen, optionen für Regierungen offenzulegen.
Sozialpartnern, Nichtregierungsorganisationen
und anderen relevanten Stakeholdern die An- Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der
strengungen zur Beseitigung von Kinder- und arbeits- und sozialpolitischen Gestaltung der
Zwangsarbeit intensivieren. Plattformökonomie. Hier gilt es, auch im inter-
nationalen Kontext für neue grenzüberschrei-
tende, internetbasierte Arbeitsformen und
Arbeitsbeziehungen bewährte Arbeitsrechte
und soziale Schutzstandards durchzusetzen.

110
2 . 3 M u l t i l a t e r a l i s m u s , d e r   b e i m Me n s c h e n a­ n ko m m t

111
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

2.4
Multilateralismus
für ­nachhaltigen ­Wohlstand

112
2 . 4 M u l t i l a t e r a l i s m u s f ü r  ­n a c h h a l t i g e n ­W o h l s t a n d

Aufforstungsprojekt auf gerodeten


Flächen im Amazonas-Regenwald

In keinem anderen Politikfeld ist interna- Deutschland will Wohlstand erhalten und
tionale Zusammenarbeit so wichtig wie beim fördern und dabei anderen Staaten ihren
Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen legitimen Wunsch nach wirtschaftlichem
unseres Planeten. Wirtschaftliches Wachstum Aufstieg ermöglichen. Dabei ist nachhaltige
und Wohlstand mit dem Schutz von Klima und Entwicklung Leitprinzip der Politik der Bun-
Umwelt und vor dem Hintergrund des globalen desregierung. Der Fokus soll auf wirtschaft-
Bevölkerungswachstums zu vereinbaren, ist eine lichem Wachstum liegen, das die Belastbar-
der entscheidenden Herausforderungen unserer keitsgrenzen des Planeten Erde und soziale
Zeit. Dem Schutz von Klima und Umwelt ge- Belange berücksichtigt. Deutschland ist hier im
recht zu werden, erfordert globale multilaterale besonderen Maße in der Pflicht. Denn klassi-
Kooperation, um die Wirtschaft, Energie- und sche Industrienationen haben ihr Wohlstands-
Finanzsysteme sowie ökologische, ökonomische niveau überwiegend in einer Zeit erreicht, in
und soziale Nachhaltigkeit zusammen zu gestal- der die Auswirkungen auf den Lebensraum
ten. In einer globalisierten Welt mit diversifizier- und die Lebensbedingungen nachfolgender
ten Wertschöpfungsketten und weit vernetzten Generationen kein bedeutendes Kriterium wa-
Wirtschaftssystemen, aber sehr unterschied- ren. Deutschland will nun Vorbild für nachhal-
lichen ökologischen und sozialen Normen und tiges Wachstum sein und andere Staaten und
Standards, darf man diese Aufgabe nicht dem Gesellschaften dabei unterstützen, den Wandel
freien Spiel der Kräfte oder der Regelung allein zu einer nachhaltigeren Entwicklung zu be-
auf nationalstaatlicher Ebene überlassen. Es schleunigen. Dies gelang bei den Treibhausgas-
bestünde die Gefahr, dass sich rein nationale emissionen, die Deutschland bei gleichzeitigem
Interessen und Ambitionen gegenüber dem Wirtschaftswachstum durch konsequente
globalen Gemeinwohl durchsetzen und es zu Klimaschutzmaßnahmen erheblich senken
einem ungebremsten Klimawandel und einem konnte, nämlich um mehr als 40 Prozent im
fortschreitenden Verlust von Biodiversität käme. Jahr 2020 gegenüber 1990.

113
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Bereits seit 2002 hat Deutschland eine Um den schnellen Wandel zu nachhaltige-
kontinuierlich weiterentwickelte Nachhaltig- ren Konsum- und Wirtschaftsweisen voran-
keitsstrategie (neueste Fassung datiert vom zubringen, unterstützt Deutschland neben
März 2021) und strebt seither die Etablierung seiner engagierten Arbeit in den zahlreichen
von strengeren Nachhaltigkeitsregeln auf inter- multilateralen Umweltübereinkommen zu
nationaler Ebene an. Gleichzeitig fließen die auf unterschiedlichsten Themenbereichen auch
internationaler Ebene verhandelten Maßnah- entsprechende Initiativen des Umweltpro-
men wiederum in die nationale Gesetzgebung gramms der Vereinten Nationen (UNEP) und
ein. Mit der Verabschiedung der Agenda 2030 weiterer VN-Organisationen für eine sozial-
sowie dem Pariser Abkommen von 2015 besitzt und umweltverträglichere Ausgestaltung der
Deutschland feste Leitplanken für politisches Volkswirtschaften, insbesondere die Partner-
Handeln. Eine große Priorität liegt unter ande- ship for Action on Green Economy (PAGE). Auf
rem auf der Sozialverträglichkeit des notwendi- Betreiben Deutschlands wurde UNEP in den
gen Wandels durch einen gerechten Übergang letzten Jahren deutlich gestärkt: In der Welt-
(Just Transition). Deshalb arbeitet Deutschland umweltversammlung, UNEPs hochrangigem
zusammen mit vielen Ländern sowohl finan- Entscheidungsgremium (United Nations Envi-
ziell als auch technisch in konkreten Projekten ronment Assembly, UNEA), sind nun sämtliche
an der Umsetzung der Agenda 2030. Auch die VN-Mitgliedstaaten vertreten, was den UNEA-
Europäische Union setzt mit dem European Entscheidungen im System der VN besonderes
Green Deal auf ein nachhaltiges Wirtschaften, Gewicht gibt und den multilateralen Ansatz
um Ökologie, Ökonomie und soziale Gerechtig- der globalen Umweltpolitik nachhaltig stärkt.
keit gemeinsam voranzubringen.

Photovoltaik- und
Windkraftanlage in
Deutschland

114
2 . 4 M u l t i l a t e r a l i s m u s f ü r  ­n a c h h a l t i g e n ­W o h l s t a n d

2.4.1

Dem Klimawandel
­entgegentreten

Der letzte Synthesebericht des Weltkli- Temperaturanstieg zu begrenzen. Dies setzt


marats (Intergovernmental Panel on Climate multilateral abgestimmte Maßnahmen voraus
Change, IPCC) von 2014 hat noch einmal be- und gilt vor allem für Länder, die für große
stätigt, dass die globale Erwärmung seit 1950 ­Teile der globalen Treibhausgasemissionen
maßgeblich durch den Menschen verursacht verantwortlich sind oder die Nutzung fossiler
wurde. Heute ist es Aufgabe der Menschheit, Energieträger ausbauen. Ein besonderer Fokus
die Auswirkungen des Klimawandels abzu- liegt zudem auf den sogenannten Schwellen-
mildern und diesen zu bekämpfen. Denn die ländern. Denn durch das starke Wirtschafts-
globale Erderwärmung verändert die Lebens- wachstum sowie ein sich änderndes Konsum-
grundlagen in manchen Regionen der Erde verhalten und die teils wachsende Bevölkerung
bereits deutlich. Auch in Deutschland sind sind auch die Treibhausgasemissionen in die-
Auswirkungen, wie zum Beispiel Dürren und sen Ländern stark gestiegen. Die Bundesregie-
Waldsterben, spürbar. Härter trifft es jene rung ist sich weiterhin bewusst, dass seitens der
Länder und ganze Inselgruppen, die durch den internationalen Gemeinschaft mehr Anstren-
vorausgesagten Anstieg des Meeresspiegels gungen nötig sind, um das 2009 in Kopenhagen
in ihrer Existenz bedroht sind. Dies macht vereinbarte Klimafinanzierungsziel in Höhe
deutlich: Klimapolitik ist eine Frage globalen von 100 Milliarden USD zu erreichen. Dies ist
Gemeinsinns, bei der Menschen und Völker auf von zentraler Bedeutung, um auf Unterstüt-
weltweites und generationenübergreifendes zung angewiesene Länder einerseits bei der An-
solidarisches Handeln angewiesen sind. passung an den Klimawandel, andererseits bei
der Umsetzung des Pariser Übereinkommens
Mit dem Übereinkommen von Paris von zu unterstützen. Die Bundesregierung hat
2015 zeigt die Weltgemeinschaft, was sie mit dabei die im Jahr 2015 angekündigte Verdopp-
dem Willen zu Kompromiss und Zusammen­ lung der deutschen Klimafinanzierung auf
arbeit erreichen kann. Die Staaten der Welt 4 Milliarden Euro bereits im Jahr 2019 erreicht.
einigten sich in Paris auf das Ziel, die Erderwär- Einschließlich der mobilisierten öffentlichen
mung auf deutlich unter 2°C und möglichst Finanzierung und privaten Klimafinanzierung
auf 1,5°C zu begrenzen. Mit der Ratifizierung hat Deutschland im Jahr 2019 insgesamt rund
des Klimaschutzabkommens sind die ­Staaten 7,58 Milliarden Euro für die internationale
völkerrechtlich verpflichtet, Maßnahmen Klimafinanzierung zur Verfügung gestellt.
zur Erreichung der Ziele zu ergreifen. Jedoch
geschieht dies bisher nicht in ­ausreichendem
Maße. Vielmehr steigen die globalen
­Emissionen weiter an. Es bedarf weiterer und
massiverer Emissionssenkungen, um den

115
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Ausgetrocknete Böden im karibischen Antigua

Klima gemeinsam
mit europäischen
Partnern schützen

Multilaterale Abkommen leben davon, dass Deutsche Klimapolitik ist eng an die EU-
sie national umgesetzt werden. Deutschland Klimapolitik geknüpft. Die EU-Kommission
will hier Vorbild sein und hat sich mit dem ers- hat mit dem European Green Deal einen von
ten Klimaschutzgesetz weltweit zum Erreichen Deutschland unterstützten ambitionierten
seiner Klimaschutzziele verpflichtet. Es verfolgt Fahrplan vorgelegt, mit dem sich die EU das
dabei einen ressortübergreifenden Ansatz, um Ziel setzt, bis zum Jahr 2030 ihren Treibhaus-
die selbstgesteckten Ziele zur Emissionsmin- gasausstoß um mindestens 55 Prozent gegen-
derung von mindestens 55 Prozent gegenüber über 1990 zu verringern. Bis 2050 soll die EU
dem Niveau von 1990 bis zum Jahr 2030 und bis klimaneutral werden. Um diese Ziele effektiv
zum Jahr 2050 Klimaneutralität zu erreichen. und zu möglichst geringen Kosten zu errei-
chen, setzt sich Deutschland dafür ein, dass
der Emissionshandel europaweit auch in den
Sektoren Wärme und Verkehr zu einem Leit-
instrument der Dekarbonisierung wird.

116
2 . 4 M u l t i l a t e r a l i s m u s f ü r  ­n a c h h a l t i g e n ­W o h l s t a n d

Die Europäische Klimaschutzinitiative (EUKI)

Die von Deutschland aufgesetzte und finanzierte Europäische Klimaschutzinitiative


(EUKI) fördert Klimaschutzprojekte in und zwischen den Ländern der Europäischen
Union (EU) und dem Westbalkan. Die EUKI unterstützt und verbindet dabei Regierun-
gen, Kommunen, Zivilgesellschaft und Unternehmen. Indem staatliche und nichtstaat-
liche Akteure grenzüberschreitend zusammenarbeiten, einen Dialog führen, ihr Wissen
und ihre Erfahrungen austauschen und dadurch voneinander lernen und sich mitein-
ander vernetzen, soll die Umsetzung der Klimaschutzziele des Pariser Abkommens in
Europa vorangetrieben werden. Die EUKI trägt dazu bei, dass die EU beim Klimaschutz
immer enger zusammenwächst. Zudem bildet sie eine Brücke zu EU-Förderprogram-
men für den Klimaschutz. Insgesamt finanziert die EUKI Klimaschutzprojekte in acht
Schwerpunktthemen: Klimapolitik, Energie, Gebäudesektor und Kommunen, Mobili-
tät, Landwirtschaft, Boden und Wald, Bewusstseinsbildung, klimafreundliche Finan-
zierung und nachhaltiges Wirtschaften. Seit ihrer Gründung im Jahr 2016 konnte die
EUKI 128 Klimaprojekte in 25 EU-Ländern und vier Westbalkanländern anstoßen.

Der Mehrjährige Finanzrahmen (MFR) Ein weiterer Baustein ist das enge Zusam-
2021–2027 und das temporäre Aufbauinstru- menspiel zwischen Bevölkerung, Regierungen,
ment Next Generation EU legen fest, dass 30 Privatwirtschaft und Nichtregierungsorgani-
Prozent der Mittel – so viel wie noch nie – dem sationen, denn in gemeinsamer Kraftanstren-
Klimaschutz zugutekommen. Damit wird auch gung können wirksame und von der Bevöl-
das Ziel verfolgt, Wachstum und langfristige kerung mitgetragene Maßnahmen erarbeitet
Wettbewerbsfähigkeit durch Investitionen in werden. Damit diese Zusammenarbeit auch
eine nachhaltige Wirtschaft zu fördern; auch grenzüberschreitend wirkt, hat Deutsch-
die Kreislaufwirtschaft spielt dabei eine wichti- land die Europäische Klimaschutzinitiative
ge Rolle. Die restlichen Mittel, die nicht unmit- ins Leben gerufen. Hierüber werden Projekte
telbar dem Klimaschutz dienen, sollen auf eine gefördert, die den Austausch von guten Prak-
Weise eingesetzt werden, die mit den Zielen des tiken unterstützen, wie das BEACON-Projekt
Übereinkommens von Paris und dem Grund- (­Bridging European and Local Climate Action),
satz der Klimaverträglichkeit des European welches ambitionierte deutsche Kommunen
Green Deal (do no harm) im Einklang steht. Im mit europäischen Partnern vernetzt und da-
Rahmen ihrer Entwicklungspolitik unterstützt durch den innereuropäischen Erfahrungsaus-
die Bundesregierung die Umsetzung auch der tausch zum Klimaschutz fördert.
internationalen Aspekte des EU-Aktionsplans
Kreislaufwirtschaft mit bilateralen Förder­
instrumenten und in multilateralen Foren.

117
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

International für auch bei allen Aktivitäten der Stabilisierung


Ambitionssteigerungen werben von Regionen, der Konfliktnachsorge und der
humanitären Hilfe. Deutschland berät bei-
und Anpassung unterstützen spielsweise Regierungen zur pariskonformen
Transformation der Wirtschaft, wirbt für einen
Kohleausstieg gemeinsam mit Partnern der
Deutschland verfolgt eine umfassende Powering Past Coal Alliance und steht im fach-
Klima-Außenpolitik, die den Klimawandel lichen Austausch mit Experten in sogenannten
und seine Folgen bei allen Aspekten der aus- Schlüsselländern mit hohem Treibhausgasaus-
wärtigen Beziehungen berücksichtigt, um stoß unter anderem zu erneuerbaren Energien,
eine nachhaltige Entwicklung global voranzu- Wasserstoff und nachhaltiger Finanzwirtschaft.
treiben. Das gilt in Handlungsfeldern wie der Daneben thematisiert Deutschland seit langem
deutschen Europapolitik einschließlich der auch die sicherheitspolitischen Auswirkungen
Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspoli- des Klimawandels insbesondere im VN-Sicher-
tik, der Handels- und Wirtschaftspolitik, der heitsrat. In den Leitlinien zum Indo-Pazifik ist
multilateralen Arbeit im Rahmen der VN, aber Klimapolitik ein wesentliches Element.

„In der Indian Ocean Rim Association (IORA)


haben sich 23 Länder rund um den Indischen
Ozean zusammengeschlossen, von Südafrika bis
Australien. Ich unterstütze das IORA Sekretariat in
Mauritius mit dem Ziel, die Organisation insgesamt zu
stärken. Dabei liegt ein Schwerpunkt auf dem Zusammenhang
von Klimawandel und Sicherheit.“
Dr. Thomas Krimmel, Auftragsverantwortlicher des Projekts „Stärkung der Indian Ocean Rim
Association“ bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)

118
2 . 4 M u l t i l a t e r a l i s m u s f ü r  ­n a c h h a l t i g e n ­W o h l s t a n d

Im Schulterschluss mit der EU und anderen Einen wichtigen Stellenwert in der multila-
Staaten wirbt Deutschland im Rahmen des teralen Zusammenarbeit zur Klimafinanzierung
Hochrangigen Politischen Forums der VN und nimmt auch die NDC-Partnerschaft (­Nationally
im Rahmen weiterer Formate wie der G7, G20 Determined Contributions Partnership, NDCP)
und dem Petersberger Klimadialog für am- ein, der seit der Gründung 2016 über 113
bitioniertere Klimaziele. So haben einige der Länder, 42 multilaterale Organisationen,
größten Volkswirtschaften der Welt wie China, Entwicklungsbanken und 33 nichtstaatliche
Japan, Korea und Südafrika sich in den vergan- Akteure beigetreten sind. Ziel der Partnerschaft
genen Monaten zu neuen Klimalangfristzielen ist es, die Mitgliedsländer besser in die Lage zu
bekannt. Nach dem Regierungswechsel im Ja- versetzen, ihre Klima- und Entwicklungsziele
nuar 2021 formulieren nun auch die USA eine zusammenzuführen und mithilfe von bi- und
ambitionierte Klimapolitik mit dem Ziel der multilateralen Geberprogrammen sowie Geber-
Klimaneutralität bis 2050. Diese Entwicklungen koordinierung die nationalen Klimabeiträge
wecken Hoffnung auf eine erfolgreiche 26. VN- (NDC) umzusetzen und weiterzuentwickeln.
Klimakonferenz (COP 26) im November 2021. Mit der Economic Advisory Initiative der NDCP
unterstützt die Partnerschaft außerdem ins-
Über multilaterale Ansätze unterstützt gesamt 34 Mitgliedstaaten in der Entwicklung
die Bundesregierung Entwicklungs- und und Umsetzung von Maßnahmen für einen
Schwellenländer auf dem Weg zur Treibhaus- nachhaltigen und klimasensiblen Wirtschafts-
gas-Neutralität und verleiht der Anpassung an aufschwung nach der COVID-19-Pandemie.
den Klimawandel international mehr Gewicht.
Deutschland ist unter anderem drittgrößter Die Internationale Klimaschutzinitiative
Geber bei der ersten Wiederauffüllung des (IKI) Deutschlands ist ein wichtiges Instrument
Grünen Klimafonds (Green Climate Fund, GCF), der bi- und multilateralen Zusammenarbeit zur
der Länder bei ihrer Emissionsminderung und Finanzierung von Klimaschutz sowie Schutz und
Anpassung finanziell unterstützt. Deutschland Förderung von Biodiversität. Die IKI hat in den
ist zudem zweitgrößter Geber der Globalen letzten zwölf Jahren über 730 Projekte in mehr
Umweltfazilität (Global Environment Facility, als 60 Entwicklungs- und Schwellenländern mit
GEF) sowie viertgrößter Geber der Klimainves- 4 Milliarden Euro zugesagt und finanziert. Da
titionsfonds (Climate Investment Funds, CIFs). in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern
Beim Least Developed Countries Fund (LDCF) ist der Energiebedarf künftig weiter anwachsen
Deutschland bisher größter Geber. Um bei der wird, unterstützt die IKI insbesondere Prozesse
Überwindung der COVID-19-Krise von Beginn in Kohle­regionen in Südostasien und in Süd-
an auf Klimaschutz zu setzen, hat Deutschland afrika. Im Bereich der Anpassung stärken vor-
die Green Recovery Initiative mit der Weltbank ausschauende Klima- und Katastrophenrisiko-
initiiert. Durch strategische Beratung von finanzierungslösungen die Resilienz armer und
Finanzministerien und Zentralbanken werden ­vulnerabler Menschen gegenüber Klimaschocks.
Partnerländer bei „grünen“ Reformen unter- Die 2017 unter deutschem G20-Vorsitz ins Leben
stützt, damit die großen Wiederaufbaupro- gerufene InsuResilience Global Partnership vereint
gramme der Weltbank direkt in Klimaschutz rund 100 Staaten, Institutionen und Unterneh-
und den Abbau von Subventionen für fossile men hinter dem Ziel, Klimarisikoversicherungen
Brennstoffe fließen. und andere Risikotransferlösungen in Entwick-
lungsländern bis 2025 massiv auszubauen.

119
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Internationales Engagement
für nachhaltige Finanzierung
und emissionsarmen Waren- und
Personenverkehr

Mit Investitionen werden entscheidende ist eine stärkere Verankerung klimarelevanter


Weichenstellungen für Entwicklungen der Zu- Aspekte auch in den Finanzministerien, etwa
kunft vorgenommen. Die Ausrichtung globaler durch Erfahrungsaustausch und die Förderung
Finanzströme an Nachhaltigkeitsaspekten soll gemeinsamer Standards und Prinzipien.
zur Minderung der Treibhausgasemissionen
und zur Anpassung an den Klimawandel als Eine weitere multilaterale Herausforderung
den grundlegenden Zielen des Pariser Überein- ist es, den Luft- und Seeverkehr emissionsär-
kommens beitragen. Aus diesem Grund ist es mer und umweltfreundlicher zu gestalten, da
von besonderer Bedeutung, dass sich inter- die vom Verkehr verursachten CO2-Emissionen
nationale Finanzpolitik nicht nur auf Kern- seit 1990 nicht nur auf hohem Niveau geblie-
bereiche wie internationale Finanzstabilität ben, sondern in vielen Bereichen global fast
und das Funktionieren von Finanzmärkten durchgängig angestiegen sind. Deutschland
konzentriert, sondern auch Nachhaltigkeitsziele beteiligt sich über die Internationale Zivilluft-
einbezieht. Deutschland fördert Initiativen zu fahrt-Organisation (ICAO) und im Rahmen der
Sustainable Finance, damit soziale, ökonomi- Internationalen Seeschifffahrts-Organisation
sche und ökologische Nachhaltigkeitsaspekte (IMO) an verschiedenen Maßnahmen, die die
von Finanzmarktakteuren bei Entscheidungen Belastungen von Umwelt und Klima reduzie-
berücksichtigt werden können. Die Bundes- ren sollen. So ist etwa im Rahmen der IMO-
regierung setzt sich auf europäischer Ebene Auftaktstrategie zur Reduktion der Treibhaus-
für die Einführung von Regulierungen ein, gasemissionen von Schiffen eine Reduktion der
die bewirken, dass Nachhaltigkeitsrisiken von absoluten Treibhausgasemissionen von min-
Finanzakteuren stärker berücksichtigt werden. destens 50 Prozent bis 2050 im Vergleich zum
Die Berichterstattung von finanziellen Klima- Bezugsjahr 2008 vorgesehen.
risiken und Chancen kann dazu beitragen, dass
diese bei Finanzierungsentscheidungen besser
berücksichtigt werden können. Dadurch kön-
nen Kapitalflüsse zu nachhaltigen Investitionen
gelenkt werden. In der Coalition of Finance
Ministers for Climate Action (CFMCA), von
Deutschland mitgegründet und mit mittler-
weile 60 Mitgliedsländern, die für ca. 39 Prozent
der globalen Treibhausgasemissionen verant-
wortlich sind, finden sich Finanzministerinnen
und Finanzminister zusammen, um zu Lösun-
gen für den Klimawandel aus Perspektive der
Finanzressorts beizutragen. Ziel dieser Koalition

120
2 . 4 M u l t i l a t e r a l i s m u s f ü r  ­n a c h h a l t i g e n ­W o h l s t a n d

Neue Energien gewinnen Erneuerbare Energien machen inzwischen


fast 43 Prozent der gesamten Stromproduktion
in Deutschland aus. In der Nationalen Wasser-
Der Energiesektor ist weltweit für den größ- stoffstrategie hat die Bundesregierung einen
ten Anteil von Treibhausgasen verantwortlich. Handlungsrahmen für die Entwicklung dieser
Daher muss die globale Energiewende – vor al- Zukunftstechnologie festgelegt und forciert, die-
lem durch den Ersatz fossiler durch erneuerbare sen Energieträger wettbewerbsfähig zu machen
Energieträger und die Steigerung der Energie- und so als alternativen Energieträger möglichst
effizienz – einen entscheidenden Beitrag zum schnell zu etablieren, in Deutschland, Europa
Schutz des Klimas sowie für eine versorgungs- und weltweit. Ein wichtiges Element ist die enge
sichere und wirtschaftlich erfolgreiche Zukunft Kooperation mit Partnerländern in Europa und
leisten (SDG 7). Bereits heute ist der Energie- weltweit in Regionen mit günstigen klimatischen
sektor geprägt von rasanten technologischen Bedingungen für den Import von sogenanntem
Entwicklungen. Die Erzeugung erneuerbarer grünem Wasserstoff und seinen Derivaten, die
Energien wächst schneller als die jeder anderen mit erneuerbaren Energien erzeugt wurden.
Energieform. Durch Verbesserungen bei Spei- Die Nutzung emissionsarmer Produktionspro-
chertechnologien sowie durch biologische und zesse für die Herstellung grünen Wasserstoffs
synthetische Brenn- und Kraftstoffe wird es kann beispielsweise in den Partnerländern der
zudem möglich, die Energiewende auf verschie- deutschen Entwicklungszusammenarbeit einen
denste Transportmittel, Wärmegewinnung und Beitrag zu nachhaltiger sozio-ökonomischer
die Industrieproduktion auszuweiten. Entwicklung leisten und trägt darüber hinaus zur
Erreichung der globalen Klimaziele bei.

Abbildung 12
Anteil erneuerbarer Energien an der Bruttostromerzeugung

%
50
44,9

40
35,3
38,0
29,4
30 26,1
23,0 25,0 31,0
28,0
21,0 26,0
19,2 24,3
20 17,8 17,7 21,8 22,7
16,0 19,0 19,8
14,0
16,8
15,2
10 11,6

2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2020

  EU     Deutschland     Welt

Quelle: BP 2020, Grafik: RENAC, Auswärtiges Amt

121
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Der deutsche Beitrag zur multilateralen


Energie­politik zielt in erster Linie darauf ab,
Multiplikatoreffekte zu erzielen, um die Dyna­
mik hin zu einer globalen Energiewende zu be-
einflussen. Denn die überwiegende Mehrheit der
Treibhausgase wird außerhalb Europas erzeugt,
vor allem wegen der jeweiligen fossil dominier-
ten Energiemixe (Nutzung von Öl, Kohle, Gas).
Internationale Institutionen wie die Internatio-
nale Agentur für Erneuerbare ­Energien (Inter-
national Renewable Energy A ­ gency, IRENA) mit
nahezu globaler Mitgliedschaft und die Interna-
tionale Energieagentur (IEA), in der hauptsäch-
lich Industrienationen vertreten sind, sowie auch
die VN spielen hierfür eine Schlüsselrolle. Durch
ihre international stark beachteten Analysen
können diese Organisationen Handlungsbedarf
und Handlungsoptionen aufzeigen und so die
Erwartungshaltung und die Entscheidungs-
kriterien der politisch Verantwortlichen wie Angesichts der dringenden Herausforderun-
auch in der Wirtschaft hin zu einer nachhaltigen gen durch den Klimawandel und der großen
Energie­wende beeinflussen. Rolle des Energiesektors zu deren Bewältigung
ist es ein wichtiges Anliegen von Deutschland
Regionale Foren wie zum Beispiel die Nord- in den internationalen Foren, Diskussionen
seeenergiekooperation für Offshore-Wind- über Energie- und Klimapolitik sehr viel enger
energie oder die Ostseekooperation haben das miteinander zu verknüpfen, als dies in der Ver-
Potenzial, auf europäischer und internationaler gangenheit oft der Fall war. Deutschland wirkt
Ebene Vorbildcharakter einzunehmen und die darauf hin, dass gemeinsame internationale und
Förderung des grenzüberschreitenden Aus- europäische Standards für Zukunftstechnolo-
baus erneuerbaren Energien über die jeweilige gien entwickelt werden, Urheberschutz gewähr-
Region hinaus zu bewirken. Das Clean Ener- leistet und von protektionistischen Maßnahmen
gy M­ inisterial (CEM), ein globales Forum für abgesehen wird. Die Energiemärkte der Zukunft
Entscheidungsträgerinnen und -träger sowie sollen zudem für deutsche und europäische
Interessengruppen, bietet mittlerweile 26 In- Unternehmen offengehalten werden. Mit dem
dustrie- und Schwellenländern die Möglichkeit jährlich ausgerichteten Berlin Energy T
­ ransition
zum Austausch über die Förderung nachhaltiger Dialogue leistet Deutschland zudem direkt
Energieversorgung und -nutzung. Deutschland einen maßgeblichen Beitrag dazu, den multila-
ist zudem eine Triebfeder der European Battery teralen Austausch und die Zusammenarbeit zur
Alliance, die grüne Batteriespeichertechnologie globalen Energiewende anzutreiben.
in Europa vorantreibt.

122
2 . 4 M u l t i l a t e r a l i s m u s f ü r  ­n a c h h a l t i g e n ­W o h l s t a n d

2.4.2

Biodiversität e­ rhalten,
nachhaltig nutzen
und Ökosysteme
­wiederherstellen

Nicht allein die Erderwärmung gefährdet


Leben auf unserem Planeten. Auch die anhalten-
de Übernutzung der natürlichen Ressourcen des
Planeten ohne Rücksicht auf die Lebensräume
von Tieren und Pflanzen führt zu einem immer
rascher voranschreitenden Verlust von biologi-
scher Vielfalt. Der Weltbiodiversitätsrat (IPBES)
Das Prinzip der Just Transition spielt wegen unterstreicht in seinem Globalen Bericht zu Bio-
der unterschiedlichen Abhängigkeiten von fos- diversität und Ökosystemleistungen von 2019,
silen Energieträgern auch im EU-Kontext eine dass das Artensterben mindestens Dutzende, bis
Rolle. So hat die EU einen Just Transition Fund zu Hunderte Mal größer als im Durchschnitt der
eingerichtet und mit Mitteln von 7,5 Milliarden letzten zehn Millionen Jahre ist. IPBES warnt
Euro ausgestattet, um die noch stark karboni- davor, dass eine Million von geschätzten acht
sierten Mitgliedstaaten bei der Bewältigung der Millionen Tier- und Pflanzenarten vom Aus-
damit verbundenen besonderen Herausforde- sterben bedroht sind, viele davon bereits in den
rungen zu unterstützen. Daneben fördert auch nächsten Jahrzehnten. Dabei ist Biodiversität die
die EU über ihre Außeninstrumente den ge- Grundlage für intakte Ökosysteme und damit
rechten Übergang in nachhaltige Wirtschafts- mitentscheidend für die Produktion gesunder
modelle in ihrer Nachbarschaft. Nahrungsmittel, eine sichere Trinkwasserver-
sorgung und saubere Luft. Sie ist ein wichtiger
Zu solch einem auch sozial gerechten Über- Faktor für die Widerstandsfähigkeit von Land-
gang gehören die Eindämmung der negativen schaften gegenüber Naturkatastrophen und
Folgen des Klimawandels, Arbeitsschutz in den Klimawandel und eine der Grundlagen für nach-
relevanten Sektoren bei steigenden Tempera- haltige Entwicklung, weswegen ihre Erhaltung
turen, eine adäquate soziale Sicherung für alle und Förderung in einem engen Zusammenhang
in einer sich ändernden Arbeitswelt sowie die mit dieser gedacht werden müssen. Der Verlust
Unterstützung bei der Schaffung menschen- der biologischen Vielfalt muss nicht nur auf-
würdiger Arbeit und nachhaltiger und grüner gehalten, sondern nach Möglichkeit müssen
Arbeitsplätze. Nicht nur in der EU, sondern auch verloren gegangene oder beschädigte Ökosys-
in den VN und weiteren internationalen Foren teme wiederhergestellt werden – nicht nur in
macht sich Deutschland für diese Ziele stark. Deutschland, sondern weltweit.

123
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Ihren Ursprung haben Umweltverände- des Globalen Biodiversitätsausblicks (Global


rungen nicht nur im Ausstoß von Treibhaus- Biodiversity Outlook, GBO-5) von 2020 stellt
gasen, sondern auch in der Überfischung von fest, dass die Rate an Verlust, Degradierung
Gewässern, der Ausweitung von Agrarflächen und Fragmentierung von Lebensräumen in
und deren intensiver Nutzung, teilweise bedingt Wäldern und anderen Biomen anhaltend hoch
durch die stetig wachsende Weltbevölkerung. ist, insbesondere in den biodiversitätsreichsten
Zudem bringt der Rückgang der Lebensräume Ökosystemen in tropischen Regionen. Natur-
von Wildtieren mit sich, dass diese in häufigeren landschaftsgebiete und globale Feuchtgebiete
und engeren Kontakt mit Menschen kommen gehen weiter zurück. Zu den Hauptursachen
und sich so das Risiko für Tier-Mensch-Übertra- für den weltweiten Verlust der biologischen
gungen von potenziell gefährlichen Krankheits- Vielfalt gehören nach wie vor die Lebensmit-
erregern erhöht. Zu diesen gehört beispielsweise tel- und die landwirtschaftliche Produktion.
das SARS-CoV-2-Virus, der Verursacher von Pläne für eine nachhaltigere Produktion und
COVID-19. Ein Risiko der Übertragung von Er- nachhaltigeren Konsum werden nicht in der
regern vom Tier zum Menschen besteht darüber benötigten Größenordnung umgesetzt, die die
hinaus grundsätzlich sowohl im legalen als auch negativen Auswirkungen auf die biologische
im illegalen Wildtierhandel. Mit der Gründung Vielfalt einzudämmen vermag. Insgesamt
einer neuen internationalen Allianz zur Redu- wurden in den letzten zehn Jahren auch nur
zierung von Gesundheitsrisiken im Wildtier- wenige Fortschritte bei der Beseitigung, dem
handel durch Deutschland soll gemeinsam mit schrittweisen Abbau oder der Umgestaltung
anderen Partnern dazu beigetragen werden, den von Subventionen oder anderen für die biolo-
One-Health-Ansatz umzusetzen, der das Zu- gische Vielfalt schädlichen Anreizen erzielt. Das
sammenspiel von Mensch, Tier und Umwelt im Verfehlen der Biodiversitätsziele untergräbt
Bereich Gesundheit umfasst. damit gleichzeitig die Anstrengungen anderer
globaler Ziele wie die weltweite Ernährungs-
Das Übereinkommen über die biologische sicherheit und den Klimaschutz.
Vielfalt (Convention on Biological Diversity,
CBD) von 1992 haben mehr als 190 Länder
unterzeichnet. Zusammen mit zwei weiteren
völkerrechtlich verbindlichen Abkommen, dem
Cartagena-Protokoll (2000) und dem Nagoya-
Protokoll (2010), werden drei gleichrangige
Ziele verfolgt: die Erhaltung der biologischen
Vielfalt, ihre nachhaltige Nutzung und eine
gerechte Aufteilung der aus der Nutzung
genetischer Ressourcen gewonnenen Vorteile.
2010 wurden von den CBD-Vertragsparteien
für den Zeitraum bis 2020 zwanzig Ziele für
den globalen Arten- und Naturschutz, die
sogenannten Aichi-Ziele, beschlossen, von
denen bis 2020 keines vollkommen erreicht
wurde. Zwölf der Aichi-Ziele sind auch in der
Agenda 2030 verankert. Die fünfte Ausgabe

124
2 . 4 M u l t i l a t e r a l i s m u s f ü r  ­n a c h h a l t i g e n ­W o h l s t a n d

Deutschland arbeitet aktiv daran, multilate- Einen Großteil der biologischen Vielfalt
ral abgestimmte und effektive Regulierungen beherbergen Wälder. Zudem kommen rund
zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung elf Prozent der durch Menschen verursachten
der Biodiversität einzuführen. Im Rahmen der globalen Treibhausgasemissionen durch die
voraussichtlich 2021 stattfindenden 15. Ver- Rodung von Wäldern oder deren Degradierung,
tragsstaatenkonferenz der CBD wird Deutsch- insbesondere in den Tropen, zustande. Wälder
land bei den Verhandlungen über einen neuen schützen zudem die natürlichen Lebensgrund-
globalen Rahmen für die biologische Vielfalt lagen der Erde wie Boden, Wasser und Luft, sind
für die Zeit nach 2020 (Post-2020 Global Bio- bedeutende Rohstoff-, Ernährungs- und Ein-
diversity Framework) neben ambitionierteren kommensquelle für Millionen von Menschen
Zielen insbesondere für effektive Umsetzungs- und leisten wichtige Beiträge zur Erreichung
mechanismen eintreten. Die EU soll bei diesen fast aller internationalen Nachhaltigkeitsziele.
Verhandlungen eine Vorreiterrolle einnehmen.
Als Mitglied der Global Ocean Alliance wird Als einer der größten Geber für waldbe-
Deutschland für eine Ausweitung der Schutz- zogene Projekte weltweit engagiert sich die
gebiete von 7 auf 30 Prozent aller Meere und Bundesregierung daher neben ihrem bilateralen
Ozeane bis zum Jahr 2030 eintreten. Für dieses Engagement in einer Vielzahl multilateraler
Ziel strebt Deutschland den Abschluss eines Organisationen, Initiativen, Prozesse und Finan-
neuen VN-Vertrags zur Regelung des Erhalts zierungsmechanismen zur Erhaltung, nachhal-
und der nachhaltigen Nutzung der biologischen tigen Bewirtschaftung und Wiederherstellung
Vielfalt der hohen See an. Dieser Vertrag wäre von Wäldern, gegen den illegalen Holzeinschlag
das erste Umweltabkommen zum Schutz der sowie für entwaldungsfreie Produktion und
Biodiversität in den Weltmeeren. Deutschland Lieferketten bei Agrarrohstoffen. Neben den völ-
arbeitet zudem aktiv an zwei bedeutenden kerrechtlichen Verbindlichkeiten aus dem VN-
multilateralen Artenschutzübereinkommen Übereinkommen über die biologische Vielfalt
mit, dem Übereinkommen über den internatio-
nalen Handel mit gefährdeten Arten freileben-
der Tiere und Pflanzen (CITES, Washingtoner
­Artenschutzübereinkommen) sowie dem Über-
einkommen zur Erhaltung der wandernden
wildlebenden Tierarten (CMS, Bonner Konven-
tion). Darüber hinaus engagiert sich Deutsch-
land seit dem Jahr 2015 auf Ebene der VN für
ein gemeinsames multilaterales Vorgehen
gegen die Wilderei und illegalen Artenhandel.
Deutschland ist im internationalen Vergleich
einer der größten Geber in diesem Bereich.

125
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

gibt hierfür u. a. der Strategische Plan der VN Innerhalb Europas wird Deutschland seinen
für Wälder Orientierung. Wichtige multilaterale Vorsitz des Forest Europe-Prozesses, dem neben
Plattformen sind das VN-Waldforum (UNFF) den 27 EU-Staaten auch 19 weitere europäische
sowie die Kollaborative Waldpartnerschaft (CPF) Länder angehören, im Zeitraum von 2021 bis
aus 15 waldrelevanten internationalen Institu- 2024 nutzen, um die multilaterale Zusammen-
tionen und Organisationen, die seitens der Bun- arbeit insbesondere bei der Weiterentwicklung
desregierung auch zur Förderung abgestimm- von Standards der nachhaltigen Waldbewirt-
ter multilateraler Projekte genutzt werden. schaftung, der Anpassung der Wälder an die
Deutschland unterstützt zudem politisch und ­Klimarisiken und der Förderung von Green
finanziell die globale Aktionsplattform Bonn Jobs zu stärken. Darüber hinaus unterstützt
Challenge, deren Ziel es ist, Wälder und waldrei- Deutschland im Rahmen der Amster­dam
che Landschaften weltweit wiederherzustellen. ­Declaration Partnership, bestehend aus sieben
Deutschland fördert außerdem auf der ganzen EU-Ländern sowie dem Vereinigten Königreich
Welt Projekte, in denen Wissenstransfer und und Norwegen, die Ankündigung der Euro-
Kapazitätsaufbau im Vordergrund stehen. Ziel päischen Kommission, 2021 einen Legislativ-
ist es, handlungsfähige Forstwirtschaften in Ent- vorschlag zu entwaldungsfreien Lieferketten
wicklungsländern aufzubauen und Waldbauern vorzulegen sowie weitere produktions- und
und deren Selbsthilfeorganisationen dabei zu nachfragseitige Maßnahmen und Dialogplatt-
unterstützen, waldschonende Nutzungsweisen formen zur Eliminierung von Entwaldung
zu entwickeln, ohne dabei wirtschaftliche Pers- aus Agrarlieferketten.
pektiven zu zerstören.

Mit der Ausrufung der VN-Dekade für die


Wiederherstellung von Ökosystemen für die
Jahre 2021 bis 2030 hat sich die Staatengemein-
schaft zu einer gemeinsamen großen Anstren-
gung verpflichtet. Das Ziel ist, bis zum Jahr 2030
einen Paradigmenwechsel zu vollziehen hin zu
einem vollständig nachhaltigen Umgang mit
den natürlichen Ressourcen und ihren Leistun-
gen auf der Grundlage intakter, gesunder und
stabiler Ökosysteme. Deutschland unterstützt
hierfür die federführenden VN-Organisationen
UNEP und FAO, die multilaterale Bewegung
sowie konkrete Projekte und Maßnahmen zur
Wiederherstellung von Ökosystemen weltweit.

126
2 . 4 M u l t i l a t e r a l i s m u s f ü r  ­n a c h h a l t i g e n ­W o h l s t a n d

2.4.3

Die digitale
­Zukunft gestalten

Traditionelle Produktionsprozesse, Ge- Staat-Bürger-Interaktion. Digitale Technologien


schäftsmodelle, Handelsstrukturen und Lebens- können einen entscheidenden Beitrag zur Be-
weisen unterliegen durch die immer weiter wältigung gesellschaftlicher Herausforderungen
voranschreitende Digitalisierung einem grund- leisten. Um Chancen nutzen zu können, sind
legenden Wandel, der als „Vierte industrielle große Investitionen notwendig, beispielsweise
Revolution“ beschrieben wird. Diese rasante in die Entwicklung und Anwendung Künstlicher
technologische Entwicklung schafft neue Intelligenz. Die Digitalisierung schafft neben
Möglichkeiten für effizienteres Wirtschaften, einer Vielzahl an Möglichkeiten auch Hand-
eine effizientere öffentliche Verwaltung und lungsbedarf in unterschiedlichsten Politikbe-
eine Verbesserung der politischen Teilhabe und reichen, der sinnvoll teils nur auf multilateraler
staatlicher Dienstleistungen mittels digitaler Ebene angegangen werden kann.

Künstliche Intelligenz gemeinsam


mit europäischen Partnern
fortentwickeln

Die Entwicklung und Anwendung von


Künstlicher Intelligenz (KI) ist zentrales An-
liegen Deutschlands. In vielen Bereichen ist mit
den wachsenden Einsatzmöglichkeiten von di-
gitalen Zukunftstechnologien wie KI ein großer
wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und indivi-
dueller Nutzen verbunden. KI wird in Zukunft

Lichtmikroskopische
Aufnahme eines
Mikrochips

127
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung Förderung der Digitalwirtschaft


beitragen und kann in verschiedensten Berei- und digitaler Fähigkeiten
chen dem Wohl der Allgemeinheit dienen, etwa
in Geschäftsmodellen der Datenwirtschaft, in
der Optimierung von Produktion und Logistik,
bei der Behandlung von Krankheiten oder bei Deutschland ist in vielfältiger Weise ak-
der Reduzierung der Umweltbelastung in der tiv, um im multilateralen Kontext einen
Landwirtschaft. Eine starke Positionierung nachhal­tigen Einsatz digitaler Technologien
Europas bei Entwicklung und Einsatz dieser in der Wirtschaft und in der Entwicklungs-
Schlüsseltechnologie ist die Grundlage für zusammenarbeit zu fördern. Deutschland
Innovationsfähigkeit und Wohlstand. Ziel muss hat im Rahmen seiner EU-Ratspräsident-
es daher sein, die Entwicklung mitzugestalten, schaft 2020 die Gründung des Europäischen
neue Trends und Chancen zu antizipieren und ­Digital4Development (D4D) Hub initiiert, ein
Innovationsschübe, die mit digitalen Technolo- Forum des strukturierten multilateralen Ein-
gien einhergehen, umfassend zu nutzen. Neben satzes von elf Mitgliedstaaten, der EU-Kommis-
einer Stärkung digitaler Kompetenzen und sion und dem Privatsektor sowie Partnern aus
Ressourcen sind eine strategische und voraus- dem globalen Süden zur Förderung einer nach-
schauende Positionierung entscheidend, um haltigen Digitalwirtschaft in Europa und in
den digitalen Wandel nach unseren Vorstellun- anderen Partnerländern. Gemeinsam mit der
gen gestalten zu können. Eine konkrete Initia- Weltbank und der Smart-Africa-Allianz werden
tive in diesem Zusammenhang ist GAIA-X. Mit im Rahmen der Initiative „Digitale Wirtschaft
GAIA-X wird eine vernetzte Datenstruktur für für Afrika“ (DE4A) Kapazitäten für die Regulie-
ein europäisches digitales Ökosystem geschaf- rung der digitalen Wirtschaft gestärkt.
fen, das für internationale Partner offen ist.
Deutschland setzt sich seit langem für die Um-
setzung ethischer Prinzipien und den Schutz
der Menschenrechte bei der Anwendung auto-
matischer Entscheidungssysteme ein. Während Regelungslücken schließen
der deutschen EU-Ratspräsidentschaft gelang
es, zukunftsweisende Präsidentschaftsschluss-
folgerungen zu Grundrechten im Kontext von Regelungslücken bestehen beispielsweise
KI und digitalem Wandel zu verabschieden. beim Umgang mit Datenströmen und ande-
ren grenzüberschreitenden Fragen, die un-
bedingt in möglichst breiter internationaler
Abstimmung und im Austausch mit weiteren
Stakeholdern geschlossen werden sollen.
Deutschland strebt internationale Daten-
räume gleichen Rechts an, die gemeinsamen
Regeln, Standards und Normen unterliegen.
Zu den wirtschafts- und finanzpolitischen
Herausforderungen mit globaler Reichweite
gehört, dass ein Großteil der digitalen Wert-
schöpfung bei einigen wenigen internationalen

128
2 . 4 M u l t i l a t e r a l i s m u s f ü r  ­n a c h h a l t i g e n ­W o h l s t a n d

Technologiekonzernen konzentriert ist, die Mit der EU-Datenschutz-Grundverord-


globale Gestaltungsmacht entwickeln. Neben nung (DSGVO) existiert ein wirkungsvolles
global agierenden Großunternehmen sind Instrument, das durch die Marktmacht der EU
auch immer mehr kleine und mittelständische weltweit beispielgebend für den Datenschutz-
Unternehmen international und digital aktiv. standard wurde. Im Dezember 2020 wurde das
Allerdings gibt es bisher keinen einheitlichen EU Digital Services Act Package vorgelegt. Das
multilateralen steuerpolitischen Rechtsrahmen Paket hat zum Ziel, die Rechte von Nutzerin-
für grenzüberschreitende digitale wirtschaft- nen und Nutzern digitaler Dienstleistungen zu
liche Aktivitäten. Dies führt dazu, dass Unter- schützen, die Verantwortung von Online-Platt-
nehmen ihre Steuern teilweise nicht in den formen und Informationsdienstleistern für
Ländern zahlen, in denen sie einen Großteil das Management von dort geteilten Inhalten
ihrer Einnahmen erzielen, sondern Gewinne zu stärken, die Regulierung von „Torwächter“-
gezielt in Länder mit sehr niedrigen Steuer- Plattformen zu verbessern und faire Wettbe-
sätzen verlagern. Daneben werden personen­ werbsbedingungen in der gesamten EU und da-
bezogene Daten häufig in Länder mit niedri- rüber hinaus herzustellen. Deutschland arbeitet
gem Datenschutzniveau verarbeitet, was die auch konstruktiv an einem Regulierungsvor-
Durchsetzung europäischer datenschutzrecht- schlag zur Künstlichen Intelligenz mit, der im
licher Standards erschwert. Die Bundesregie- ersten Halbjahr 2021 veröffentlicht wurde.
rung unterstützt hier die Europäische Kom-
mission bei der Verhandlung angemessener Deutschland arbeitet im Rahmen der WTO
datenschutzrechtlicher Bedingungen. Joint Statement Initiative (JSI) zu E-Commerce
in Genf darauf hin, ein Regelwerk für digitalen
Deutschland will gemeinsam mit Partnern Handel zu schaffen, das den digitalen Handel
und Verbündeten bewährte Verfahren der erleichtern und Rechtssicherheit für Unter-
internationalen Zusammenarbeit im Bereich nehmen gewährleisten soll. Gemeinsam mit
Digitalisierung sichern und weiterentwickeln europäischen Partnern engagiert Deutschland
und auf dieser Basis die internationale Stan- sich intensiv für einen möglichst schnellen Ab-
dardsetzung stärken, Regelungslücken bei der schluss der Verhandlungen über ein Regelwerk
Besteuerung der digitalen Wirtschaft schließen zur Besteuerung der digitalisierten Wirtschaft,
und den Rechtekanon schützen. Damit soll insbesondere im Hinblick auf die Neuvertei-
sichergestellt werden, dass ethischen Standards lung zwischenstaatlicher Besteuerungsrechte
und Menschenrechten auch in der digitalisier- sowie auf die deutsch-französische Initiative
ten Welt Geltung verschafft werden kann und für eine effektive globale Mindestbesteuerung.
dass auch fairer Wettbewerb und Innovation Oberstes Ziel ist es, zu einem multilateralen
möglich bleiben und gefördert werden. Dies Abkommen bei den OECD BEPS (Base Erosion
­erfordert internationale Zusammenarbeit, zu and Profit Shifting)-Verhandlungen bis Mitte
der insbesondere im digitalpolitischen Bereich 2021 zu gelangen.
die Einbeziehung staatlicher und nichtstaat-
licher Akteure gehört.

129
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

2.4.4

Weltweiten ­Handel
und ­Investitionen zum
Nutzen ­aller ­fördern

Deutschlands Industrieproduktion und


Wirtschaftskraft hängen wesentlich vom inter-
nationalen Handel und vernetzter Produktion
ab. Es ist daher ein zentrales Anliegen deut-
scher Politik, den Welthandel nach mit anderen
Staaten gemeinsam entwickelten einheitlichen Containerterminal im größten deutschen Seehafen in Hamburg
Regeln zu liberalisieren, grenzüberschreitende
Investitionen zu erleichtern, Märkte für Waren
und Dienstleistungen offen zu halten, Han-
delshemmnisse abzubauen, Protektionismus
zu bekämpfen und dabei die Gleichheit der
Wettbewerbsbedingungen zwischen Anbietern
aus unterschiedlichen Ländern zu erhalten.
Handelspolitik meint heutzutage jedoch mehr und fairere Globalisierung sowie die Stärkung
als nur Vereinbarungen über den Austausch der Fähigkeiten der EU, in ihren Handelsbezie-
von Waren. Sie kann vielmehr auch Beiträge hungen ihre Interessen zu verfolgen und ihre
dazu leisten, eine nachhaltige Entwicklung zu Rechte durchzusetzen.
begünstigen. Außerdem spielt die Resilienz und
Diversifizierung von Lieferketten eine immer Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der
größere Rolle, da hohe Abhängigkeiten von EU und den USA bleiben für die Bundesregie-
einzelnen Handelspartnern unter anderem rung von herausragender Bedeutung. Auch
sicherheitspolitisch relevant werden können. mit Antritt der von Präsident Biden geführten
US-Regierung unterstützt die Bundesregie-
Deutschland wird als Teil des EU-Binnen­ rung nachdrücklich die Ziele einer positiven
markts in der EU-Handelspolitik von der Handelsagenda der EU mit den USA, um eine
EU-Kommission vertreten. Im Februar 2021 Erneuerung der transatlantischen Wirtschafts-
hat die Europäische Kommission ihre neue beziehungen zum beiderseitigen Nutzen zu
Handelsstrategie vorgelegt. Hauptziele sind die erreichen sowie parallel gemeinsame Arbeiten
Unterstützung der wirtschaftlichen Erholung zur Stärkung des multilateralen Handelssystems,
nach der Pandemie und die grundlegende WTO-Reform und Durchsetzung vereinbarter
Transformation der EU-Wirtschaft im Ein- internationaler Regeln vor allem auch im Hin-
klang mit den Zielen für den ökologischen und blick auf das marktverzerrende Verhalten nicht-
digitalen Wandel, Regeln für eine nachhaltigere marktwirtschaftlicher Staaten voranzubringen.

130
2 . 4 M u l t i l a t e r a l i s m u s f ü r  ­n a c h h a l t i g e n ­W o h l s t a n d

Abbildung 13
Handelsanteil wichtiger Regionen an deutschen Exporten und Importen

% %
Importe
85 16
Eurozone
14
80 Exporte
12
75 10
Importe
8
70 Exporte 6
4
65
Europa 2
60 (ohne Eurozone)
2000 2020
55

50

45

40
Asien
35

30
Kanada
25 USA
Mexiko
20

15

10
Subsahara-
restl. Naher Osten
Afrika
5 Amerika und Nordafrika Australien
und Ozeanien

2000    Importe     Exporte              China     Russland     Indien


2020    Importe     Exporte              Brasilien    Südafrika

Quelle: BMWi (Statistisches Bundesamt; eigene Berechnungen)

131
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Welthandelsorganisation
reformieren

Die Welthandelsorganisation (WTO) bildet Deutschland setzt sich dafür ein, aktuelle
für ihre 164 Mitglieder, auf die ca. 98 Prozent Verwerfungen innerhalb des regelbasierten
des weltweiten Warenverkehrs entfallen, den multilateralen Welthandelssystems zu lösen
Ordnungsrahmen für einen offenen und regel- und die WTO zu reformieren. Denn die WTO
basierten Handel. Sie soll die Schlichtung von bietet durch ihre Inklusivität, ihren rechts-
Streitfragen ermöglichen und für die Schaf- sicheren und verlässlichen Regelungsrahmen,
fung von allgemein anerkannten Regeln sowie die Gewährleistung offener und regelgebunde-
deren Fortentwicklung und Überwachung der ner Märkte und die Integration der Entwick-
Einhaltung sorgen. Dieses System steht aller- lungsländer in die Weltwirtschaft eine ideale
dings zunehmend unter Druck durch Protek- Plattform für den Ausgleich von Handelsinter-
tionismus, unilaterale Maßnahmen außerhalb essen zwischen Staaten.
des WTO-Regelwerks, marktverzerrendes Ver-
halten, handelspolitische Spannungen und die Entsprechend unterstützt Deutschland die
politische Instrumentalisierung des Handels- von der EU-Kommission als handelspolitische
instrumentariums zur Verfolgung geostrategi- Priorität verfolgten Vorschläge zur Reform der
scher Interessen. Ein jahrelanger Stillstand in WTO, welche die Funktionsfähigkeit der Streit-
den Verhandlungen um die Weiterentwicklung schlichtung garantieren und die Überwachung
der Regeln der WTO führt zu Regelungslücken, von Handelsregeln stärken sollen. Gleiches gilt
beispielsweise für grenzüberschreitende Daten- für die von der EU vorgelegten oder vorange-
ströme. Der Streitschlichtungsmechanismus ist triebenen Initiativen zur Modernisierung des
seit Ende 2019 teilweise blockiert. Die multi- WTO-Regelwerks zu grenzüberschreitenden
lateralen Handelsregeln müssen angepasst Datenströmen und Digitalisierung, verbesser-
werden, um den sich verändernden ökonomi- ten Regeln insbesondere für Subventionen,
schen und geopolitischen Realitäten gerecht erzwungene Technologietransfers, marktver-
zu werden. Handlungsbedarf besteht auch zerrendes Verhalten staatlicher Unternehmen
bezüglich der Sonder- und Vorzugsbehandlung sowie der Förderung von fairen und nachhal-
für Entwicklungsländer. Diese beruht derzeit tigen globalen Handelsregeln, die eine Klima-
allein auf dem Prinzip der Selbstdeklarierung, wende unterstützen. Die Europäische Kommis-
unabhängig von den konkreten Bedürfnissen. sion setzt sich zusammen mit Gleichgesinnten
für entsprechende WTO-Reformen ein, bei-
spielsweise in der Trilateralen Kooperation mit
den Vereinigten Staaten und Japan zur Schaf-
fung fairer Wettbewerbsbedingungen oder im
Rahmen der von Kanada für diesen Zweck ins
Leben gerufenen Ottawa-Gruppe.

132
2 . 4 M u l t i l a t e r a l i s m u s f ü r  ­n a c h h a l t i g e n ­W o h l s t a n d

Freihandelsabkommen als Baustein


des Multilateralismus

Die Agenda zur Reform des multilateralen eines regelbasierten, multilateralen Handels-
Handelssystems, die die EU im Rahmen der systems, weiteren Marktöffnungen und zur
WTO verfolgt, benötigt zur Verabschiedung in Erreichung von EU-Nachhaltigkeitszielen.
vielen Fällen den Konsens aller WTO-Mitglie-
der. Verhandlungen innerhalb der WTO sind Mit Inkrafttreten der derzeit zu finalisieren-
meist langwierig und geprägt von Beschlüssen, den Abkommen mit Mexiko, Chile und dem
die einen Ausgleich zwischen den Interessen MERCOSUR-Staatenverbund aus Argentinien,
verschiedenster Länder darstellen – nicht Brasilien, Paraguay und Uruguay würde die EU
untypisch für die multilaterale Alltagspraxis. ihr Netzwerk von Wirtschafts- und Assoziie-
Deutschland verfolgt deswegen parallel im rungsabkommen mit Lateinamerika mit ambi-
Rahmen der EU-Handelspolitik eine Agenda, tionierten Handelsregeln und Nachhaltigkeits-
die auch auf den Abschluss von ehrgeizigen standards voranbringen. Deutschland arbeitet
Freihandelsabkommen mit ambitionierter auch angesichts der Verschiebung wirtschaftli-
Marktöffnung, starken Wettbewerbsregeln und cher Gravitationszentren und der Einigung auf
hohen Verbraucher-, Umwelt- und Sozialstan- große Freihandelsabkommen, wie zuletzt das
dards mit einzelnen Ländern oder Regionen Regional Comprehensive Partnership Agreement
abzielt. Auch solche Abkommen mit einem (RCEP), auf eine aktivere bilaterale Handels­
oder mehreren Staaten tragen bei zur Stärkung politik der EU im Indo-Pazifik hin. Moderne

Die MSC Rifaya kommt am 7. April 2021


im Hafen von Rotterdam als erstes
Containerschiff nach der Suezkanal-
Blockade an.

133
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

und umfassende Freihandelsabkommen mit Ja-


pan, Korea, Vietnam und Singapur sowie auch
das fertig verhandelte Investitionsabkommen
mit China stärken die Wettbewerbsgleichheit
und fördern den regelbasierten internationalen
Handel ebenso wie unsere Nachhaltigkeitsziele.
Dabei setzt sich Deutschland im EU-Rahmen
für robuste Streit- und Durchsetzungsmecha-
nismen ein, damit eine Umsetzung dieser Ziele
sichergestellt ist.

Daher unterstützt Deutschland auch den


zügigen Abschluss von Freihandelsabkommen Beiträge der Handelspolitik zur
mit den Partnern Australien und Neuseeland. nachhaltigen Entwicklung
Im Rahmen der Strategischen Partnerschaft
zwischen der EU und dem Verband Südostasiati-
scher Nationen (ASEAN) sieht Deutschland auf-
bauend auf Abkommen mit einzelnen ASEAN- Die EU-Handelspolitik soll durch Markt-
Mitgliedstaaten auch Perspektiven für ein öffnung und Diversifizierung von Lieferketten
zukünftiges EU-ASEAN-Freihandelsabkommen. einen wesentlichen Beitrag zur wirtschaftli-
Als wichtiger Baustein dafür sollen die noch chen Erholung nach der COVID-19-Pandemie
zwischen der EU und Indonesien laufenden leisten. Die Nachhaltigkeit des Welthandels mit
Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen Blick auf Umwelt- und Klimaherausforderun-
abgeschlossen werden. Darüber hinaus strebt gen sowie Arbeits- und Sozialstandards nimmt
Deutschland den Wiedereintritt in Verhandlun- dabei ebenfalls eine wichtige Rolle ein.
gen über Freihandelsabkommen mit Thailand
und Malaysia an und hat perspektivisch Inter- Weiterhin soll die Aid-for-Trade-I­ nitiative
esse an der Fortführung der Verhandlungen mit im Rahmen der WTO von der Pandemie be-
den Philippinen. Auch die zügige Wiederauf- sonders betroffene Entwicklungsländer bei der
nahme von Verhandlungen zu Freihandels- und wirtschaftlichen Erholung durch Integration
Investitionsschutzabkommen zwischen der EU in den internationalen Handel und bei der
und Indien wird von Deutschland unterstützt. Einbettung in globale Lieferketten unterstüt-
zen. Dabei legt Deutschland ein besonderes
Daneben unterstützt Deutschland das Ziel Augenmerk auf die Umsetzung der Agenda
der EU, auch handelspolitisch enger mit Län- 2030. Deutschland arbeitet darauf hin, dass
dern der südlichen Nachbarschaft und Afrikas eine Verlängerung des Ende 2023 teilweise aus-
zusammenzuarbeiten – aufbauend auf die laufenden Allgemeinen Präferenzsystems (APS)
Zusammenarbeit bei Freihandels- und Wirt- der EU, das Entwicklungsländern präferenziel-
schaftspartnerschaftsabkommen wie auch der len Zugang zum europäischen Markt gewährt,
Afrikanischen Freihandelszone (AfCFTA). Dies Ziele der nachhaltigen Entwicklung und ver-
steht im Einklang mit dem langfristigen Ziel antwortungsvollen Staatsführung angemessen
eines Kontinent-zu-Kontinent-Handelsabkom- berücksichtigt und solide Überprüfungs- und
mens mit Afrika. Durchsetzungsmechanismen enthält.

134
2 . 4 M u l t i l a t e r a l i s m u s f ü r  ­n a c h h a l t i g e n ­W o h l s t a n d

2.4.5

Internationale
­Finanzarchitektur
­stützen und ausbauen

Die Finanzkrise von 2007/2008, aber ebenso


die ökonomischen Auswirkungen der COVID-
19-Pandemie haben mit Nachdruck deutlich
Die geschäftsführende Direktorin des IWF, Kristalina Georgieva, gemacht, wie wichtig ein stabiles europäisches
während der virtuellen Frühjahrstagung von IWF und Weltbank
und internationales Finanz- und Währungssys-
im April 2021
tem für den Wohlstand und sozialen Frieden
ist. Die COVID-19-Pandemie hat die größte
Die EU-Kommission hat unterstützt von globale Rezession seit dem Ende des Zweiten
Deutschland einen strukturierten Dialog- Weltkriegs ausgelöst. Die Staatengemeinschaft
prozess zum Thema „Handel und nachhaltige hat in ihrer Gesamtheit – angeführt von der
Entwicklung“ im WTO-Kontext mitinitiiert. In G20 als zentrales Forum für die internationale
diesem Rahmen soll unter anderem die Libera- wirtschaftliche Zusammenarbeit – ein gewalti-
lisierung des Handels mit umweltfreundlichen ges Stabilisierungspaket für die Weltwirtschaft
Gütern und Dienstleistungen vorangetrieben geschnürt und damit Schlimmeres verhindert.
werden, etwa mit Blick auf Waren, die zur Eine besondere Bedeutung kommt hierbei dem
Erreichung von Umwelt-, Klimaschutz- und Beschluss der G20 vom Frühjahr 2020 zu, den
Energiezielen beitragen, beispielsweise zur Er- 73 ärmsten Ländern ein Schuldenmoratorium
zeugung erneuerbarer Energie oder zur Verbes- anzubieten, welches anlässlich der Frühjahrs-
serung der Energie- und Ressourceneffizienz. tagung von IWF und Weltbank letztmalig bis
zum 31. Dezember 2021 verlängert wurde.
Ebenfalls sieht Deutschland dem Vor- Außerdem hat sich die G20 im November 2020
schlag der Europäischen Kommission zu einem auf ein Rahmenwerk geeinigt, das fallweise
CO2-Grenzausgleichsmechanismus entgegen, Schuldenrestrukturierungen für die ärmsten
welcher der Verlagerung von Emissionen aus Länder ermöglicht und welches es nun umzu-
der EU in Drittstaaten mit niedrigerem Am- setzen gilt. Gleichzeitig hat die Krise nationale
bitionsniveau im Klimaschutz vorbeugen und Alleingänge herbeigeführt und damit einerseits
so zur globalen Emissionsreduktion beitragen die Fragilität der Weltwirtschaft deutlich ge-
soll. Dabei setzt Deutschland sich dafür ein, macht und andererseits gezeigt, wie wichtig ein
dass ein solcher Mechanismus fair, transparent, multilateraler Ansatz zur effektiven Krisenbe-
WTO-konform und administrativ umsetzbar ist, wältigung ist. Außerdem arbeiten die Finanz-
ausschließlich Klimaziele verfolgt, ohne Protek- minister in der G20 eng zusammen, um unter
tionismus zu fördern, und auf Entwicklungsbe- anderem eine gerechte Besteuerung der digi-
lange besondere Rücksicht nimmt. talen Wirtschaft zu erreichen, die Versorgung

135
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

aller Menschen mit Finanzdienstleistungen zu Stability Board zu, das nach der Finanzkrise
verbessern oder internationale Standards für von 2008/2009 auf Anregung der G20 geschaf-
die Finanzierung von Infrastrukturprojekten fen wurde und in dem die G20-Staaten sowie
zu entwickeln. weitere Institutionen wie die Weltbank, der
IWF, aber auch die Europäische Kommission
Damit IWF und Weltbankgruppe und die vertreten sind. In der EU waren die Einführung
weiteren multilateralen Entwicklungsbanken einer europäischen Bankenaufsicht und die
ihren vielzähligen Aufgaben nachkommen kön- Einrichtung des Europäischen Ausschusses für
nen, müssen sie finanziell gut ausgestattet und Systemrisiken wichtige Erfolge im Bemühen,
durch die konstruktive Mitarbeit der Anteils- das internationale Finanzsystem zu stützen.
eigner gestärkt sein. Deutschland leistet hierbei
seinen Anteil, beispielsweise als viertgrößter An-
teilseigner des IWF. Weiterhin sollen die interna-
tionalen Finanzinstitutionen einen entscheiden-
den Beitrag zur Umsetzung der Agenda 2030 des 2.4.6
Pariser Klimaabkommens und der Addis-Agenda
leisten. In diesem Sinne arbeitet Deutschland Internationale
darauf hin, dass die internationalen Finanzinsti-
tutionen stärker in die Pflicht genommen wer- ­Impulse für Forschung
den, öffentliche Güter noch stärker und gezielter
zu finanzieren. Darunter fällt insbesondere die und Innovation setzen
Förderung von Klima- und Nachhaltigkeitsmaß-
nahmen genauso wie die Pandemieprävention
und der Zugang zu Bildung.
Die Wissensgesellschaft ist global und die
Deutschland ist zudem Mitglied in der von in ihr gewonnen Erkenntnisse grundlegend
China im Jahr 2015 gegründeten Asiatischen für unseren Wohlstand weltweit. Internatio-
Infrastruktur-Investitionsbank (AIIB). Diese nale Forschung und Entwicklung sind ent-
Institution steht als neue multilaterale Ent- scheidend, um zügig Antworten auf weltweite
wicklungsbank neben der Weltbank und der Herausforderungen wie die COVID-19-Pande-
Asiatischen Entwicklungsbank ADB. Deutsch- mie, die Weiterentwicklung gesellschaftlicher
land setzt sich in der Eurozonenstimmrechts- Resilienz, die Bekämpfung des Klimawandels,
gruppe dafür ein, dass sich die neue Finanzin- die Erreichung qualitativ hochwertiger Bildung
stitution gemäß internationaler Standards als für alle, den Einsatz für die Wissenschafts-
transparente multilaterale Entwicklungsbank freiheit sowie die Unterstützung von Open
entwickelt. Die Bank arbeitet zudem bereits in Science und mehr Digitalisierung zu finden.
vielen Bereichen mit den anderen multilatera- Die internationale Zusammenarbeit ist von
len Entwicklungsbanken zusammen. zentraler Bedeutung, um diesen Wissensschatz
zu erschließen und die eigene und die europäi-
Besondere Bedeutung misst Deutschland sche Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit
der Stärkung der internationalen Finanz- als Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort
marktregulierung und Finanzaufsicht bei. langfristig sicherzustellen.
Diese Aufgabe fällt insbesondere dem Financial

136
2 . 4 M u l t i l a t e r a l i s m u s f ü r  ­n a c h h a l t i g e n ­W o h l s t a n d

Am CERN in der Schweiz


betreiben Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler aus
aller Welt physikalische
Grundlagenforschung,
unter anderem mit Hilfe
des leistungsstärksten
Teilchenbeschleunigers der Welt.

Engagement in multilateralen
Foren verstärken

Eine intensive Zusammenarbeit mit Schwel- Die Strategie Deutschlands zur „Interna-
len- und Entwicklungsländern ist für Deutsch- tionalisierung von Bildung, Wissenschaft und
land ein weiterer wichtiger Baustein. Neben Forschung“ bildet die Grundlage deutschen
dem Austausch mit dortigen Wissenschaftle- Engagements für eine stärker vernetzte inter-
rinnen und Wissenschaftlern stärkt sie zudem nationale Zusammenarbeit. Diese findet auf
die Entwicklungsperspektiven der Partner und europäischer Ebene und auch in den VN statt,
kann dazu beitragen, dass die Nachhaltigkeits- insbesondere bei der UNESCO, sowie im Rah-
ziele der Agenda 2030 weltweit erreicht werden. men der G7, der G20 und der OECD. Aus Sicht
Regierungen unterstützen diese Vernetzung, um der Bundesregierung besitzen dabei die Nach-
grenzüberschreitende Forschung zu stärken und haltigkeitsziele eine besondere Bedeutung,
die weltweite Suche nach neuen wissenschaft- unter anderem durch erneuerbare Energien,
lichen Erkenntnissen voranzutreiben. So ist die Open Science, Wissenschaftsfreiheit, For-
multilaterale Zusammenarbeit der Regierungen schungsinfrastrukturen, Gesundheitsforschung
ein wichtiger Treiber, um Forschungsaktivitäten sowie lebenslanges Lernen und Bildung für
zu verstärken und globale Forschungsagenden nachhaltige Entwicklung.
mitzugestalten.
Für Europa strebt Deutschland danach, den
europäischen Forschungsraum dynamischer,
resilienter und noch leistungsfähiger zu ge-
stalten und die bestehenden Kompetenzen im
Bereich der Künstlichen Intelligenz zu stär-
ken. Über das Europäische Strategieforum für

137
0 2   ­  D E N M U LT I L AT E R A L I S M U S S TÄ R K E N

Forschungsinfrastrukturen wirkt Deutschland internationale Forschungs-, Wissenschafts- und


aktiv mit an gemeinsamen Lösungen für die Bildungskooperationen. Über ihre Bildungs-
Gestaltung einer europäischen und interna- und Wissenschaftsdiplomatie leistet die Bun-
tionalen Forschungsinfrastruktur-Landschaft. desregierung hierbei aktiv Hilfestellung und
Herausragende internationale Forschungs- trägt damit zur Lösung globaler Herausforde-
zentren wie die Europäische Organisation für rungen bei. Dabei strebt die Bundesregierung an,
Kern­forschung (CERN), die Europäische Süd- den Aufbau von Partnerschaften voranzutreiben
sternwarte (ESO) und das Teilchenbeschleu- („Connect“), eine wissensbasierte Politikbera-
niger-Zentrum (FAIR) werden maßgeblich bei tung zu ermöglichen („Inform“) und fördernde
Aufbau und ­Weiterentwicklung unterstützt. Bedingungen für freie Wissenschaft, Forschung
und Lehre zu schaffen („Enable“). Wissenschafts-
kommunikation, Wissenschaftsfreiheit, Open
Science und Partizipation sind dabei wichtige
Elemente der Strategie.
Internationale Vernetzung mit
Science Diplomacy vorantreiben Deutschland hat sich während der deut-
schen EU-Ratspräsidentschaft 2020 für den
Schutz der Wissenschafts- und Forschungsfrei-
heit in der internationalen Zusammenarbeit
Multilaterale Wissenschafts- und For- stark gemacht. Der kontinuierliche Einsatz
schungskooperation lebt von der internationa- für das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit
len Vernetzung führender Wissenschaftlerinnen wurde vor allem auch in der Bonner Erklärung
und Wissenschaftler. Denn kluge Köpfe treiben zur Forschungsfreiheit verankert, die nicht nur
unabhängig von ihrer Nationalität gemeinsam von allen EU-Mitgliedstaaten und der Euro-
Innovationen und Problemlösungen voran. päischen Kommission unterzeichnet wurde,
Staaten schaffen hier Rahmenbedingungen für sondern auch von Partner wie Kanada, Israel,

Teleskope der Europäischen


Südsternwarte in der
Atacamawüste in Chile

138
2 . 4 M u l t i l a t e r a l i s m u s f ü r  ­n a c h h a l t i g e n ­W o h l s t a n d

Wissenschaftsförderung als
Klima- und Entwicklungspolitik

Viele afrikanische Länder verfügen nur


über unzureichende wissenschaftliche Struk-
turen, um eigene Ansätze zum Umgang mit
dem Klimawandel zu entwickeln. Bis 2024
sollen regional und international anerkannte
wissenschaftsbasierte Klima- und Umwelt-
dienstleistungszentren im westlichen und
Das VN-Klimasekretariat hat seinen südlichen Afrika etabliert werden. Hierfür
Sitz am VN-Standort in Bonn. arbeitet Deutschland bereits heute mit mehre-
ren besonders vom Klimawandel betroffenen
afrikanischen Ländern in konkreten Projekten
zusammen, die das Ziel haben, wissenschaftliche
Strukturen aufzubauen. So können diese Staaten
eigenständig und vor Ort wissenschaftlich
fundierte Entscheidungen etwa im Hinblick auf
Landnutzung und Wasserversorgung treffen.
Mexiko, Norwegen und der Schweiz unterstützt
wird. Im Europäischen Hochschulraum wird Weiterhin werden starke Partnerschaften
neben einem umfassenden Monitoringsystem mit Ländern mit mittleren und niedrigen
auch der Dialog mit allen 49 beteiligten ­Staaten Einkommen im Bereich der Gesundheitsfor-
gestärkt. Deutschland trägt zudem durch schung gepflegt, um zu einer Verbesserung der
den VN-Standort Bonn zur Vernetzung von dortigen Gesundheitssituation beizutragen,
Wissen­schaft, internationalen Organisationen beispielsweise durch Förderung der Initiative
und VN-Organisationen sowie zur gemeinsa- „Forschungsnetzwerk für Gesundheitsinnova-
men Lösung von globalen Problemen bei. Die tionen in Subsahara-Afrika“.
25 Büros und Sekretariate von Organisationen
der VN bilden zusammen mit den 150 Nicht­
regierungsorganisationen und Universitäten
ein Ökosystem für Innovation in den Themen-
bereichen Klima, Umwelt und Nachhaltigkeit.

Deutschland wird weiterhin die Zusam-


menarbeit in Wissenschaft, Forschung und
Bildung aktiv fördern, um gute Rahmenbedin-
gungen für exzellente internationale Koope-
ration zu gestalten. Dies wird umgesetzt auf
Ebene von OECD, UNESCO, EU, G7 und G20.

139
Gemeinsam für die Menschen  Weißbuch Multilateralismus der Bundesregierung

Ausblick:
Multilateralismus
für die Zukunft

140
Au s b l i c k : M u l t i l a t e r a l i s m u s f ü r d i e Zu k u n f t

Die Herausforderungen, auf die multilatera- Diesen veränderten Rahmenbedingungen


les Handeln Antworten geben muss, haben sich und gestiegenen Erwartungen muss die multi-
durch die globale wirtschaftliche Integration, laterale Ordnung stärker Rechnung tragen.
die Digitalisierung und zuletzt die Erfahrung Deutschland unterstützt den Erhalt und die
einer weltweit ausgreifenden Pandemie verän- Weiterentwicklung einer wertebasierten multi­
dert. Der ökonomische Aufstieg und die fried- lateralen Zusammenarbeit, die sich an den
liche Entwicklung vieler Staaten waren nur auf grundlegenden Prinzipien der Demokratie,
Basis verbindlicher Regeln des internationalen der Rechtsstaatlichkeit und des Schutzes der
Systems und einer offenen Wirtschaftsordnung Menschenrechte orientiert. Das hier vorgelegte
möglich. Umso mehr werden für die Zukunft Weißbuch zeigt einen Ausschnitt dieses Enga-
nachhaltiger Wohlstand, Sicherheit und dauer- gements und vermittelt so einen Eindruck von
hafter Frieden von einer funktionierenden dessen Breite und Vielfalt.
internationalen Ordnung abhängen.
Deutschland wird auch in Zukunft für einen
Auch die Anforderungen an Legitimität und wertebasierten, inklusiven und effektiven Mul-
Leistungsfähigkeit der multilateralen Ord- tilateralismus eintreten. Das deutsche Engage-
nung sind im Wandel begriffen. Mehr Länder ment für die Bewahrung und Fortentwicklung
als jemals zuvor erheben legitime Ansprüche des Multilateralismus in seinen vielfältigen
auf Mitsprache und Mitgestaltung der inter- Ausprägungen orientiert sich dabei an vier
nationalen Ordnung. Auch die Zivilgesellschaft grundsätzlichen Leitlinien:
fordert ihre stärkere Beteiligung. Gleichzeitig
führen geopolitische Verschiebungen zu Span- → Die multilaterale Ordnung darf nicht bei
nungen und Konflikten, die zunehmend auch Bewährtem und Bekanntem stehen bleiben,
in multilateralen Organisationen ausgetragen sondern muss sich weiterentwickeln. Ent-
werden und dadurch gemeinschaftliches Han- scheidendes Kriterium für Initiativen und
deln und Kompromissfindungen bei Herausfor- Vorschläge zur Weiterentwicklung des Mul-
derungen von globaler Bedeutung erschweren. tilateralismus ist deren Beitrag zur Stärkung
der Effektivität multilateraler Institutionen
sowie die Vereinbarkeit mit den Grundnor-
men und Prinzipien der multilateralen Ord-
nung, in deren Mittelpunkt die friedlichen
Beziehungen der Staaten, der Schutz der
Menschenrechte, die Orientierung an den
Prinzipien von Demokratie und Rechtsstaat-
lichkeit sowie Nachhaltigkeit als Kerndi-
mension für weltweiten Wohlstand stehen.

141
Gemeinsam für die Menschen  Weißbuch Multilateralismus der Bundesregierung

→ Der Aufstieg neuer Akteure und Gestaltungs- → Mit der Rückkehr der USA in das Pariser
mächte stellt die multilaterale Ordnung vor Klimaabkommen und in weitere zentrale
erhebliche Herausforderungen. Die Bundes- Foren multilateraler Zusammenarbeit hat
regierung tritt dafür ein, diese Dynamik auch sich die Ausgangslage für eine regelbasierte
als Chance zu begreifen. Lasten und Verant- und wertegeleitete Gestaltung der globalen
wortung für den Erhalt der multilateralen Ordnung der Zukunft erheblich verbessert.
Ordnung können und müssen auf mehr Deutschland ist überzeugt, dass eine enge
Schultern verteilt und zugleich unterschied- Zusammenarbeit insbesondere zwischen
liche Perspektiven und Erfahrungen in die Europa und den USA in multilateralen
Gestaltung und Fortentwicklung dieser Foren wesentliche Beiträge zur nachhalti-
Ordnung einbezogen werden. gen Stärkung der regelbasierten Ordnung
leisten wird. Deutschland wird dieses Mo-
→ Die Bundesregierung tritt für einen aktive- mentum nutzen, um bei globalen, aber auch
ren und effektiveren Multilateralismus ein. regionalen Herausforderungen multilatera-
Flexible Formate für Zusammenarbeit und le Ansätze gemeinsam mit den USA sowie
Unterstützung im multilateralen Rahmen, mit seinen Partnern in EU und NATO, aber
informelle Zusammenschlüsse und Bera- auch weltweit, entschieden voranzutreiben.
tungsforen, breite Koalitionen von Staaten,
Regionen, nichtstaatlichen Organisationen, Dieses Weißbuch skizziert die nächsten
privatwirtschaftlichen Akteuren und Indivi- Schritte auf diesem Weg und will zugleich eine
duen sind Ausprägungen dieses Verständnis- Einladung zu Mitarbeit, zur Diskussion und zur
ses von Multilateralismus. Durch die Allianz Entwicklung weiterer Ideen und Vorschläge für
für den Multilateralismus, neue Ansätze in einen aktiven Multilateralismus sein.
der Rüstungskontrolle und der Friedens-
erhaltung, die Vernetzung europäischer
Kommunen beim Erfahrungsaustausch
über Klimaschutz und zahlreiche weitere in
diesem Weißbuch beschriebene Initiativen
wird Deutschland diese Form von Multi-
lateralismus auch in den nächsten Jahren
weiterentwickeln und mit Leben füllen.
Gleichzeitig wird Deutschland weiterhin
Verantwortung innerhalb der bestehenden
Institutionen der multilateralen Ordnung
übernehmen: Deutschland kandidiert für
einen Sitz im VN-Sicherheitsrat 2027/28 und
wird als Mitglied im Menschenrechtsrat, als
Vorsitz der G7 im Jahr 2022 sowie weiterhin
als einer der wichtigsten Geldgeber inner-
halb des VN-Systems Flagge zeigen.

142
Au s b l i c k : M u l t i l a t e r a l i s m u s f ü r d i e Zu k u n f t

143
Gemeinsam für die Menschen  Weißbuch Multilateralismus der Bundesregierung

Abkürzungsverzeichnis

ADB  Asian Development Bank – Asiatische Entwicklungsbank


AEMR  Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
AfCFTA African Continental Free Trade Area – Panafrikanische Freihandelszone
AIIB  Asian Infrastructure Investment Bank – Asiatische Infrastruktur- und Investitionsbank
APSA  African Peace and Security Architecture – Afrikanische Friedens- und Sicherheitsarchitektur
ASEAN  Association of Southeast Asian Nations – Verband Südostasiatischer Nationen
AU  Afrikanische Union
BCSC  Berlin Climate and Security Conference – Berliner Konferenz zu Klima und Sicherheit
BEACON  Bridging European and Local Climate Action
BEPS  Base Erosion and Profit Shifting – Gewinnkürzung und Gewinnverlagerung
BWÜ  Übereinkommen über das Verbot biologischer Waffen
CBD  Convention on Biological Diversity – Übereinkommen über die biologische Vielfalt
CEM  Clean Energy Ministerial
CEPI  Coalition for Epidemic Preparedness Innovations
CERF  Central Emergency Response Fund – Zentraler Nothilfefonds der Vereinten Nationen
CERN  Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire – Europäische Organisation für Kernforschung
CFE  Contingency Fund for Emergencies
CFMCA  Coalition of Finance Ministers for Climate Action
CFS  Committee on World Food Security – Ausschuss für Welternährungssicherung
CIF  Climate Investment Funds
COPUOS  Committee on the Peaceful Uses of Outer Space – Ausschuss für die friedliche Nutzung
des ­Weltraums
CTED  Counter Terrorism Committee Executive Directorate
CWÜ  Übereinkommen über das Verbot chemischer Waffen
DAC  Development Assistance Committee – Entwicklungsausschuss der OECD
DRK  Deutsches Rotes Kreuz
DSGVO  EU-Datenschutz-Grundverordnung
EAD  Europäischer Auswärtiger Dienst
ECW  Education Cannot Wait
EGMR  Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte
EMRK  Europäische Menschenrechtskonvention
EPF  European Peace Facility – Europäische Friedensfazilität
ESO  European Southern Observatory – Europäische Südsternwarte
EU  Europäische Union
EuGH  Gerichtshof der Europäischen Union
EUTF  EU Emergency Trust Fund for Africa – EU Nothilfefonds für Afrika

144
A b k ü r z u n g s s ve r ze i c h n i s

EUV  Vertrag über die Europäische Union


EQUALS  Global Partnership for Gender Equality in the Digital Age
EU INTCEN  EU Intelligence Analysis Centre
FAIR  Facility for Antiproton and Ion Research – Anlage zur Forschung mit Antiprotonen und Ionen
FAO  Food and Agriculture Organization of the United Nations – Ernährungs- und Landwirtschafts­
organisation der Vereinten Nationen
FATF  Financial Action Task Force
FSS  Food Systems Summit – Welternährungsgipfel
G7  Informelles Forum der Staats- und Regierungschefs aus sieben Industrieländern
G20  Informelles Forum der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer
GAP  Global Action Plan for Healthy Lives and Well-being for All – Globaler Aktionsplan für ein
­gesundes Leben und das Wohlergehen aller Menschen
GCF  Green Climate Fund – Grüner Klimafonds
GCI  Gender at the Centre Initiative
GCM  Global Compact for Safe, Orderly and Regular Migration – Globaler Pakt für sichere,
­geordnete und reguläre Migration
GCR  Global Compact on Refugees – Globaler Pakt für Flüchtlinge
GFATM  Global Fund to Fight Aids, Tuberculosis and Malaria – Globaler Fonds zur Bekämpfung von AIDS,
Tuberkulose und Malaria
GFF  Global Financing Facility for Women, Children and Adolescents
GG  Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
GIZ  Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GmbH
GloPID-R  Global Research Collaboration for Infectious Disease Preparedness
GPAI  Global Partnership on Artificial Intelligence
GPE  Global Partnership for Education – Globale Part­nerschaft für Bildung
GSVP  Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik
HDP Nexus  Humanitarian-Development-Peace Nexus – Verknüpfung von Humanitärer Hilfe,
­Entwicklungszusammenarbeit und der Förderung von Frieden
KI   Künstliche Intelligenz
IAEA  International Atomic Energy Agency – Internationale Atomenergie-Organisation
IBRD  International Bank für Reconstruction and Development – Internationale Bank für Wiederaufbau
und Entwicklung
ICAO  International Civil Aviation Organization – Internationale Zivilluftfahrtorganisation
IEA  International Energy Agency – Internationale Energieagentur
IFAD  International Fund for Agricultural Development – Internationaler Fonds für landwirtschaftliche
Entwicklung

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Gemeinsam für die Menschen  Weißbuch Multilateralismus der Bundesregierung

IFRK  Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften


IGH  Internationaler Gerichtshof
IKI  Internationale Klimaschutzinitiative
IKRK  Internationales Komitee vom Roten Kreuz
ILO  International Labour Organization – Internationale Arbeitsorganisation
IMO  International Maritime Organization – Internationale Seeschifffahrts-Organisation
INF-Vertrag Intermediate Range Nuclear Forces Treaty – Vertrag über nukleare Mittelstreckensysteme
IOM  International Organization for Migration – Internationale Organisation für Migration
IPBES  Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services – Zwischenstaatliche
­Plattform für Biodiversität und Ökosystem-Dienstleistungen (auch Weltbiodiversitätsrat)
IPCC  Intergovernmental Panel on Climate Change – Zwischenstaatlicher Ausschuss für
­Klimaänderungen (auch Weltklimarat)
IRENA  International Renewable Energy Agency – Internationale Agentur für Erneuerbare Energien
IStGH  Internationaler Strafgerichtshof
IWF  Internationaler Währungsfonds
JCPoA  Joint Comprehensive Plan of Action – Wiener Nuklearvereinbarung
JSEC  Joint Support and Enabling Command
JSI  Joint Statement Initiative on E-Commerce
LSBTI  Lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen
LDCF  Least Developed Countries Fund – Klima-Anpassungsfonds für die am wenigsten
­entwickelten Staaten
MERCOSUR Mercado Común del Sur – Gemeinsamer Südamerikanischer Markt
MOPAN  Multilateral Organisations Performance Assessment Network
NATO  North Atlantic Treaty Organization – Nordatlantische Allianz
New START Strategic Arms Reduction Treaty
NDCP  Nationally Determined Contributions Partnership – Partnerschaft zur Umsetzung
der ­nationalen Klimabeiträge
NDICI  Neighbourhood, Development and International Cooperation Instrument – Instrument
für ­Nachbarschaft, Entwicklungszusammenarbeit und internationale Zusammenarbeit
NVV  Nuklearer Nichtverbreitungsvertrag
OCHA  Office for the Coordination of Humanitarian Affairs – Amt der Vereinten Nationen
für die ­Koordinierung humanitärer Angelegenheiten
ODIHR  Office for Democratic Institutions and Human Rights – Büro für Demokratische Institutionen
und Menschenrechte
OECD  Organization for Economic Co-operation and Development – Organisation für wirtschaftliche
­Zusammenarbeit und Entwicklung

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A b k ü r z u n g s s ve r ze i c h n i s

OHCHR  Office of the High Commissioner for Human Rights – Büro des Hochkommissars
für ­Menschenrechte
OSZE  Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
OVCW  Organisation für das Verbot chemischer Waffen
PBF  Peacebuilding Fund – Friedensförderungsfonds der Vereinten Nationen
RENAC The Renewables Academy AG
SDG  Sustainable Development Goals – Ziele für nachhaltige Entwicklung
SMM  Special Monitoring Mission – Sonderbeobachtungsmission
UNAIDS  Joint United Nations Programme on HIV/AIDS – Gemeinsames Programm der
­Vereinten ­Nationen für HIV/AIDS
UNCCT  UN Counter-Terrorism Centre
UNDP  United Nations Development Programme – Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen
UNDS  United Nations Development System – Entwicklungssystem der Vereinten Nationen
UNEP  United Nations Environment Programme – Umweltprogramm der Vereinten Nationen
UNESCO  United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization – Organisation der Vereinten
Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation
UNGEI  United Nations Girls Education Initiative
UNFPA  United Nations Population Fund – Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen
UNHCR  United Nations High Commissioner for Refugees – Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen
UNICEF  United Nations Children’s Fund – Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen
UNOCT  UN Office of Counter-Terrorism
UN WOMEN United Nations Entity for Gender Equality and the Empowerment of Women
VN  Vereinte Nationen
VNSR  Sicherheitsrat der Vereinten Nationen
VZF  Vision Zero Fund
WFP  World Food Programme – Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen
WHE  WHO Health Emergency Programme
WHO  World Health Organization – Weltgesundheitsorganisation
WPS  Women, Peace and Security – Frauen, Frieden und Sicherheit
WTO  World Trade Organization – Welthandelsorganisation
ZMSBw Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften

147
Herausgeber

Auswärtiges Amt
Werderscher Markt 1
10117 Berlin
Tel.: +49 30 1817 0

www.auswaertiges-amt.de
poststelle@auswaertiges-amt.de

Stand
Mai 2021

Gestaltung
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