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Redaktion ■ Ralf Straußberger ■ Nicola Uhde

Deutschlands Forstwirtschaft auf dem Holzweg

BUND-Schwarzbuch Wald
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ 2009

Inhalt

3 Vorwort 26 Horst- & Höhlenbäume gefällt


FFH- und Vogelschutzgebiet Sundern
6 Persilschein für Raubbau
Kernzone Biosphärenreservat 29 Biomasse um jeden Preis
Schorfheide-Chorin Elisenthal, Westertbachtal und Stromberg

9 Schwerwiegende Versäumnisse 33 Finanzloch schluckt Staatswald


Kernzone Biosphärenreservat Spreewald 60 Waldflächen, insbesondere in der Eifel

12 Kahlschlag im Stadtwald 37 Entwertung von Lebensräumen


Sommertalwald bei Meersburg Naturschutzgebiete Flotzgrün und
Schwarzwald bei Mechtersheim
14 Verkehrssicherung auf Vorrat
FFH-Gebiet Flanken des Naabdurch- 41 Plündern vor Abgabe
bruchtals zwischen Kallmünz und Ehemaliger Truppenübungsplatz
Mariaort Wentorfer Lohe

16 Verheerender Eingriff 44 Späte Einsicht


Spessart, Forstbetrieb Heigenbrücken Naturschutzgebiet Klüdener
Pax-Wanneweh
18 Schutzziele mit Füßen getreten
Naturschutzgebiete Schwarzbruch und 46 Deckmantel Verkehrssicherung
Pechgraben Naturpark Kyffhäuser

20 Bonsai-Buchen im Nationalpark 48 Fazit


Nationalparke Vorpommersche
Boddenlandschaft und Jasmund 55 Abkürzungsverzeichnis

23 Alter Laubwald kahlgeschlagen 56 Impressum


Naturschutzgebiet Holzurburger Wald
am Bederkesaer See

Das BUND-Schwarzbuch Wald finden Sie hier als PDF:


www.bund.net/schwarzbuch-wald
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Vorwort

Naturnahe Laubwälder, insbesondere Buchenwälder, sind das flächenmäßig bedeutendste


Naturerbe, das Deutschland zu bewahren hat. Aufgrund verschiedener historischer Entwicklun-
gen wurde die Waldfläche in Deutschland auf etwa ein Drittel der Landesfläche zurückgedrängt
und die ursprünglichen Laubwälder in Nadelholzforste umgewandelt. Die heutigen Wälder wer-
den fast auf der gesamten Fläche mehr oder weniger intensiv bewirtschaftet. Nur 0,5 Prozent
der Wälder unterliegen keiner forstlichen Nutzung.

Der Deutsche Forstwirtschaftsrat, die Waldbesitzerverbände und die staatlichen Forstverwal-


tungen behaupten, die derzeit praktizierte Waldwirtschaft genüge den gesetzlichen und natur-
schutzfachlichen Anforderungen. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen widerlegen
dies. Demnach sind viele Tier- und Pflanzenarten, die auf alte, naturnahe Wälder beziehungs-
weise Naturwälder als Lebensraum angewiesen sind, durch die Waldwirtschaft der Gegenwart
und der Vergangenheit bereits ausgestorben oder gefährdet. Immer wieder berichten Kreis- oder
Ortsgruppen des BUND oder anderer Naturschutzverbände von schwerwiegenden Eingriffen
und Schäden in deutschen Wäldern durch die Forstwirtschaft. Betroffen sind oftmals alte und
ökologisch wertvolle Laubwälder, sehr häufig auch in Schutzgebieten.

Mit dem Schwarzbuch Wald möchte der BUND der Öffentlichkeit und insbesondere den Ver-
antwortlichen in Politik und Verwaltung die derzeitigen Defizite in der deutschen Forstwirt-
schaft aufzeigen. Am Beispiel von 15 Fallstudien aus elf Bundesländern verdeutlicht der BUND,
dass es länderübergreifend ähnliche Fehlentwicklungen gibt.

Obwohl in allen Waldbesitzarten Negativbeispiele zu verzeichnen sind, konzentriert sich das


Schwarzbuch auf die öffentlichen Wälder und in erster Linie auf den Staatswald. Denn diesem
kommt eine Vorbildfunktion zu, er hat dem öffentlichen Wohl in besonderem Maße zu dienen.
Wenn Naturschützer diese Eingriffe kritisieren, wird von Seiten der Behörden in der Regel dar-
auf verwiesen, dass die forstlichen Maßnahmen keine Verstöße gegen Forst- und Naturschutz-
gesetze oder Vorgaben der EU darstellen. Dies belegt die dringende Notwendigkeit der Novel-
lierung der Waldgesetze mit verbindlichen Regelungen zur Beachtung der Ziele des Natur-
schutzes, vor allem in den öffentlichen Wäldern. Überfällig ist auch die zügige Umsetzung
bestehender EU-Richtlinien. Die hier dokumentierten Beispiele stellen leider keine Einzelfälle
dar. Ständig geben Aktive vor Ort neue Hinweise auf weitere Fälle an die Bundes-, Landes- und
Kreisgeschäftsstellen des BUND weiter.
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Vorwort

Mit dem Schwarzbuch Wald stellt sich der BUND nicht gegen die forstwirtschaftliche Nutzung
der Wälder, da Holz ein vielseitiger, nachwachsender und damit umweltschonender Rohstoff ist,
auf dessen nachhaltige Nutzung nicht verzichtet werden kann. Der Naturschutz im Wald und
die naturnahe Waldwirtschaft stehen jedoch unter erheblichem Druck angesichts zunehmender
Biomassenutzung und steigender Holzeinschläge, Forstreformen mit Personalabbau und
Gewinnmaximierung und der Verkehrssicherungspflicht. Gleichzeitig steigen aber auch Anfor-
derungen der Gesellschaft und des Naturschutzes an den Wald.

Deutschland hat sich auf der UN-Naturschutzkonferenz im Mai 2008 in Bonn für einen welt-
weit besseren Schutz der Wälder engagiert und dafür auch finanzielle Mittel zur Verfügung
gestellt. Nur wenn Deutschland auch im eigenen Land den Schutz der Wälder und deren nach-
haltige Bewirtschaftung ernst nimmt, erfüllt die deutsche Politik die nationalen gesetzlichen
Vorgaben der Naturschutzgesetze und ist damit auch im internationalen Kontext glaubwürdig.
So sind wir beim Waldschutz doppelt in der Pflicht. Ansonsten werden die berechtigten deut-
schen Forderungen zum Schutz der Regenwälder von betroffenen Ländern nicht ernst genom-
men.

Prof. Dr. Hubert Weiger


Vorsitzender des BUND
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Schwarzbuch Wald – 15 Fallbeispiele


■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Kernzone Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin

Persilschein für Raubbau


Kernzone Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin

Riesige Polter mit


ökologisch wert-
vollem Alt- und
Totholz

Bundesland: Brandenburg Art der Eremit festgestellt. Zusätzlich finden


Landkreis: Barnim sich in der Eichheide auch große Populationen
Waldbesitzart: Staatswald/Landeswald der FFH-Anhang II-Arten Hirschkäfer und Gro-
Verantwortlich für ßer Eichenbock sowie ein Restvorkommen des
Bewirtschaftung: Amt für Forstwirtschaft seltenen Körnerbock-Käfers, der ebenfalls auf
Eberswalde (jetzt Landes- Biotopholz angewiesen ist. Beim Körnerbock
betrieb Forst Brandenburg handelt es sich um das einzige Reliktvorkom-
– Betriebsteil Eberswalde) men in Mittel- und Norddeutschland. Das
– Oberförsterei Pechteich nächste bekannte Vorkommen liegt in Hessen.
Zeitraum: Sommer 2008 Der Einschlag erfolgte auf 44 Hektar in zwei
Forstabteilungen. Hauptziel war die Erschlie-
ßung mit Rückegassen gemäß den PEFC-
Tatbestand: Richtlinien. Etwa 2.000 Kubikmeter (circa
Verstoß gegen Bundesnaturschutzgesetz, Bun- 4.500 Stämme) Holz, überwiegend Eichen,
desartenschutzverordnung und gegen Prin- Birken, Buchen und uralte Kiefern, wurden bei
zipien einer pfleglichen Waldbewirtschaftung dem Eingriff geerntet, darunter eine große
durch Fällung wertvoller Alt- und Biotopbäu- Menge an ökologisch wertvollem Alt- und
me, Unterlassung einer FFH-Verträglichkeits- Totholz. Ein erheblicher Teil der Stämme wies
prüfung, Verstoß gegen NSG-Verordnung. klar erkennbar umfangreich verpilzte Areale,
Großhöhlen, große Mulmkörper und zum Teil
Details: deutlich erkennbare Larvengänge beziehungs-
Im Sommer 2008 fanden umfangreiche forst- weise Schlupflöcher des Körnerbocks auf.
liche Einschlagmaßnahmen im sogenannten Viele ältere Stammteile waren von Großhöh-
„Libanon“, dem Naturschutz- und FFH-Gebiet len bildenden Pilzen wie Schwefelporling und
„Kienhorst, Köllnsee, Eichheide“ in der inneren Eichenfeuerschwamm besiedelt. Zumindest
Schorfheide, statt. Neben vielen anderen Ur- eine vom Körnerbock besiedelte Altbuche
waldreliktarten wurde hier als prioritäre FFH- wurde eingeschlagen. Heruntergebrochene
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Kronenteile von Uraltbuchen wurden aus dem


Bestand gezogen und zum Abtransport bereit-
gelegt. Erschwerend kommt hinzu, dass das
Holz über mehrere Monate im Wald gelagert
wurde. Die riesigen Mengen an austrocknen-
dem und verpilzendem Holz übten im Sommer
2008 eine ungeheuere Anziehungskraft auf
zahlreiche holzbrütende und streng geschütz-
te Tiere aus und dienten als Bruthabitat. Fest-
gestellt wurden unter anderem Larven vom
Eremiten und Körnerbock. Der größte Teil des
Holzes wurde mitsamt der Brut der besonders
streng geschützten Arten aus dem Wald
abtransportiert, an das Holzkraftwerk Ebers-
walde abgegeben und somit vernichtet.

Kritik bzw. Rechtsverstoß:


Das damalige Amt für Forstwirtschaft Ebers- gegen die Försterei Pechteich. Einen Verstoß Bruthöhlen der
walde hat durch die Maßnahme eindeutig konnte aber weder die Staatsanwaltschaft prioritären FFH-
gegen § 41 und § 42 BNatSchG1 verstoßen, da Frankfurt (Oder) noch das Landesumweltamt Art Eremit fielen
die Großhöhlen, Larvengänge und Pilzkonso- feststellen. Im Oktober 2008 fand auf Grund- dem Eingriff zum
len eindeutig erkennbar gewesen sind und das lage dieser Anzeige eine Abschlussbespre- Opfer.
Vorkommen des Körnerbocks bekannt war. Es chung aller Verantwortlichen aus Forstwirt-
liegen außerdem massive Verstöße gegen die schaft und Naturschutz statt. Anwesend
FFH-Richtlinie sowie die Biosphärenreservats- waren dabei Vertreter des Amtes für Forst-
verordnung vor. Die Schutzvorschriften wur- wirtschaft, der Unteren Naturschutzbehörde,
den beim Verwaltungshandeln zu keinem Zeit- des Landesumweltamtes, des Ministeriums für
punkt angemessen berücksichtigt. Bei einer Ländliche Entwicklung, Umwelt und Verbrau-
Maßnahme im Schutzgebiet besteht die Ver- cherschutz sowie Sachverständige. Dabei
pflichtung, zuvor in geeigneter Weise zu prü- wurde als Ergebnis festgestellt: „Die Maßnah-
fen, ob geschützte Arten beeinträchtigt wer- men erfolgten nach den Prinzipien der ord-
den. Eine FFH-Verträglichkeitsprüfung wurde nungsgemäßen Forstwirtschaft (§ 4 LWaldG)“.
nicht durchgeführt. Obwohl das Landesumweltamt das Protokoll
Die Zerstörung des Körnerbock-Habitats ent- so nicht mittragen wollte und dagegen prote-
spricht außerdem einem klarem Verstoß gegen stierte, wurde es bis heute nicht korrigiert.
die BArtSchV.
Schlussfolgerungen bzw.
Konsequenzen des Eigentümers, Forderungen des BUND:
Wirtschafters bzw. der Behörden: Die Brandenburger Forst- und Naturschutz-
Im August 2008 erstatteten der Biologe Georg verwaltung ist offensichtlich weder fähig
Möller und der Eberswalder Waldökologe noch willens, eine Waldbewirtschaftung
Andreas Steiner wegen Verstoßes gegen das durchzuführen oder durchzusetzen, die in
Naturschutzgesetz Anzeige bei der Polizei hochrangigen Schutzgebieten des Landeswal-
sowie bei der Unteren Naturschutzbehörde des den naturschutzfachlichen Ansprüchen
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Kernzone Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin

Brennholzpolter
mit verpilzten
Arealen, Groß-
höhlen und
großem
Mulmkörper

und den gesetzlichen Vorgaben entspricht.


Dieser Fall offenbart, dass Forst- und Natur-
schutzverwaltungen hier reihenweise versagt
haben. Zuerst bei der Planung, dann bei der
Durchführung der Maßnahmen und abschlie-
ßend bei der Kontrolle. Diese Zustände sind
nicht tragbar und müssen sich ändern. Gerade
beim Vorkommen seltener Tier- und Pflanzen-
arten, insbesondere von Anhang II- und
Anhang IV-Arten nach der FFH- und SPA-
Richtlinie, muss darauf Rücksicht genommen
werden und die Naturschutzverwaltung ist vor
Durchführung der Maßnahme mit einzubezie-
hen. Der Höhepunkt des Skandals besteht
allerdings darin, dass bei der oben genannten
Abschlussbesprechung in großer Runde quasi
ein „Persilschein“ für den Raubbau bezie-
hungsweise für Verstöße gegen das Ver-
schlechterungsverbot der FFH-Richtlinie aus-
gestellt wurde. Hier müssen personelle Konse-
quenzen gezogen werden. Ebenso macht die-
ser Vorfall überdeutlich, dass eine ordnungs- 1 § 41, Abs. 1, Satz 2, Ziff. 3 BNatSchG: „…Lebensstätten nicht ohne vernünftigen

gemäße Forstwirtschaft im Sinne einer guten Grund zu beeinträchtigen oder zu zerstören.“§ 42, Abs. 1, Ziff. 1, BNatSchG: „Es
ist verboten, wild lebenden Tieren der besonders geschützten Arten nachzustellen,
fachlichen Praxis definiert werden muss.
sie zu fangen, sie zu töten oder ihre Entwicklungsformen, Nist-, Brut-, Wohn- oder
Zufluchtstätten der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören.“
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Schwerwiegende Versäumnisse
Kernzone Biosphärenreservat Spreewald
Im Naturschutz-
gebiet (Zone 2)
geschlagenes und
auf der Trasse
durch die nut-
zungsfreie Kern-
zone transpor-
tiertes Holz.

Bundesland: Brandenburg wiegender Verstoß gegen das Naturschutz-


Landkreis: Dahme-Spreewald recht zu sehen ist.
Waldbesitzart: Staatswald/Landeswald Im Revier Buchenhain wurde ein Verjüngungs-
Verantwortlich für hieb für den Unternehmereinsatz ausgeschrie-
Bewirtschaftung: Amt für Forstwirtschaft ben. Dabei sollte mittels Harvestereinsatz die
Lübben (jetzt: Landes- Holzmenge des kommenden Jahrzehnts in
betrieb Forst Brandenburg einem Eingriff entnommen werden, obwohl
– Betriebsteil Lübben) – das verbindliche Forsteinrichtungswerk die
Oberförsterei Krausnick Realisierung der Entnahmemenge über zwei
Zeitraum: Januar 2008 Eingriffe vorsah. Die Maßnahme lief letztlich
völlig aus dem Ruder, weil ein Fahrer des
beauftragten Forstunternehmens rund 1.200
Tatbestand: Kubikmeter Holz, meist Eschen- und Erlen-
Verstoß gegen Bundesnaturschutzgesetz, Bio- Industrieholz sowie Stammholzabschnitte,
sphärenreservatsverordnung und gegen Prin- mitten in die streng geschützte Kernzone I des
zipien einer ordnungsgemäßen und vorbildli- NSG Innerer Unterspreewald verfrachtete und
chen Waldbewirtschaftung (LWaldG) mit lagerte. In dieser Kernzone I sind keine forstli-
unpfleglicher Holzernte und Holzrücken sowie chen Maßnahmen erlaubt und das Betreten ist
massiven Bodenschäden nur für wissenschaftliche Zwecke oder mit
Ausnahmegenehmigung erlaubt, die jedoch
nicht vorlag.
Details: Darüber hinaus wurde ein hinderlicher Graben
Im Januar 2008 fand auf einer als Totalreser- einfach verrohrt, ein anderer verfüllt. Weil der
vat ausgewiesenen Landeswaldfläche des NSG Weg zugewachsen war und nachgab, wurden
Innerer Unterspreewald, welches Teil des entlang des Weges etwa 80 Bäume zur „Kor-
UNESCO-Biosphärenreservates Spreewald ist, rektur des Lichtraumprofils“ gefällt, wie es die
eine Hiebsmaßnahme statt, die als schwer- zuständige PEFC-Auditorin nannte. Der Fahrer
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Kernzone Biosphärenreservat Spreewald

Tief verwundete
Böden blieben in
der Kernzone
zurück.

hinterließ meterhohe Stöcke. Reisig und Prü- reservatsverordnung wurde ignoriert. Die
gel legte er zur besseren Lastverteilung über Bodenschäden widersprechen dem Boden-
den Weg, die Bildung von über einen Meter schutzgesetz und dem Landeswaldgesetz (§ 4,
tiefen Gleisen wurde aber trotz erkennbar Abs. 3, Ziff. 7, 8, 12). Die hohen Einschläge
angelegter Bänder nicht verhindert. und der Abbau der Altbestände widersprechen
Daneben klagen Naturschutzgruppen vor Ort insbesondere einer vorbildlichen und nachhal-
über zu hohe Nutzungen in den Naturschutz- tigen Bewirtschaftung unter vorrangiger
gebieten im Biosphärenreservat Spreewald. Beachtung der Schutz- und Erholungsfunktio-
Der zuständige Leiter des damaligen Amtes für nen (§ 26, Abs. 1 LWaldG).
Forstwirtschaft Lübben gibt zu, dass im Revier
Buchhain mit 9,9 Festmeter pro Hektar und Konsequenzen des Eigentümers,
Jahr deutlich mehr eingeschlagen wird als Wirtschafters bzw. der Behörden
nachwächst (7,5 Festmeter). Die „überalter- Nachdem der NABU-Kreisverband Spreewald
ten“ Bestände im inneren Spreewald sollen die Vorfälle aufgedeckt hatte, wies der Leiter
abgebaut werden. des damaligen Amtes für Forstwirtschaft Lüb-
ben die Vorwürfe zunächst als „überzogen und
Kritik bzw. Rechtsverstoß: pauschalisierend“ zurück (Lausitzer Rund-
Die verbotenen Eingriffe in das Totalreservat schau, 27.02.2008). Im Februar erstattete das
stellen klare Verstöße gegen die Biosphärenre- Amt für Forstwirtschaft jedoch Selbstanzeige,
servatsverordnung dar. Die notwendige Aus- disziplinarische Maßnahmen wurden eingelei-
nahmegenehmigung wurde nicht eingeholt. tet, ein Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen
Bei Vergabe von Leistungen an Unternehmer die beiden Waldarbeiter beim Umweltamt des
ist das Amt für Forstwirtschaft für genaue Landkreises Dahme-Spreewald eröffnet.
Einweisung, Durchführung und laufende Kon- Als direkte Konsequenz aus dem missglückten
trolle des Unternehmers zuständig. Die Vorga- Einsatz hat die Oberförsterei Krausnick ihre
ben aus der Forsteinrichtung wurden missach- PEFC-Zertifizierung verloren. Ein externer Gut-
tet (§ 26, Abs. 4 LWaldG) und die Biosphären- achter soll nun 2009 erneut eine Zertifizie-
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rungsprüfung für den Landeswald vornehmen.


Des Weiteren sind neue Handlungsanweisun-
gen ausgegeben worden und für bestimmte
Biotoptypen, wie etwa alte Laubwälder, soll
nun von der eher pauschalen 10-Jahres-Pla-
nung abgewichen werden, eine jährliche, fle-
xiblere Planung wird angestrebt.
Für die geplante Erweiterung der Totalreserva-
te im Spreewald auf eine Gesamtfläche von
drei Prozent haben sich sowohl das Biosphä-
renreservat als auch das Amt für Forstwirt-
schaft auf bestimmte Flächen geeinigt.

Schlussfolgerungen bzw.
Forderungen des BUND:
Der BUND honoriert, dass das Amt für Forst-
wirtschaft zumindest die Fehler im Totalreser-
vat einräumt und Besserungen verspricht. Kri- der Lage sind, dem Naturschutz im Wald aus- Fläche nach dem
tisiert wird allerdings, dass die Schäden allein reichend Rechnung zu tragen, sollten die Holzeinschlag im
mit einem Versagen der Waldarbeiter bezie- Staatswälder daher FSC- beziehungsweise NSG Innerer
hungsweise des Unternehmers begründet Naturland-zertifiziert werden. Unterspreewald
werden. Da hier Defizite bei Planung, Durch- (Zone 2)
führung und Kontrolle der Eingriffe offen-
sichtlich sind, liegen schwerwiegende Ver-
säumnisse in der Führung des Amtes für Forst-
wirtschaft beziehungsweise auf übergeordne-
ter Ebene vor. Es wird gefordert, dass alle per-
sonellen Ebenen der Waldbewirtschaftung
über die Naturschutzziele und deren Umset-
zung intensiv geschult werden.
In hochrangigen Schutzgebieten (Biosphären-
reservat, Naturschutzgebiet) ist die Natur-
schutzverwaltung vor Durchführung der Maß-
nahmen mit einzubeziehen. Gerade bei derart
ökologisch wertvollen Flächen muss der
Naturschutz Vorrang vor der forstlichen Nut-
zung haben. Die Ausweitung von Totalreser-
vatsflächen beziehungsweise Neuausweisung
von Flächen ohne forstliche Nutzung muss
daher das erklärte Ziel sein. In bewirtschafte-
ten Wäldern sind konkrete Ziele wie zehn Bio-
topbäume und 40 Festmeter Totholz pro Hekt-
ar vorzusehen und zügig umzusetzen. Da die
zu „weich“ gefassten PEFC-Kriterien nicht in
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Sommertalwald bei Meersburg

Kahlschlag im Stadtwald
Sommertalwald bei Meersburg

Sommertalwald
nach dem Kahl-
schlag, der mit
Verkehrssiche-
rung begründet
wurde

Bundesland: Baden-Württemberg Forsteinrichtungswerk für das laufende Jahr-


Landkreis: Bodenseekreis zehnt eigentlich zwei femelschlagartige Ein-
Waldbesitzart: Körperschaftswald griffe zur Förderung der vorhandenen Natur-
Verantwortlich für verjüngung vorgesehen.
Bewirtschaftung: Stadt Meersburg – Kreis- Im Winter 2007/2008 wurde am Ost-Trauf des
forstamt Bodenseekreis Waldteils Lichtengehau ein 40 bis 50 Meter
Zeitraum: 2006 bis 2008 breiter Altholzstreifen vorwiegend aus Buche
und einigen Eichen und Kirschen ebenfalls in
Form eines Kahlhiebes auf etwa einem Hektar
Tatbestand: geräumt und die hier ebenfalls bereits fast flä-
Verstoß gegen Prinzipien einer pfleglichen chig vorhandene Laubholz-Naturverjüngung
Waldbewirtschaftung, Beeinträchtigung des total vernichtet.
Landschaftsbildes und der Erholungsfunktion Beide Flächen sind in der Waldfunktionenkar-
durch Kahlschläge tierung als Erholungswald ausgewiesen. Beide
Eingriffe wurden ausschließlich mit dem über-
Details: raschend schlechten Gesundheitszustand des
Im Stadtwald Meersburg wurden in wichtigen Bestandes in Verbindung mit der Verkehrssi-
stadtnahen Erholungswäldern im Landschafts- cherungspflicht begründet. Die Kahlschläge
schutzgebiet Kahlschläge durchgeführt. beeinträchtigen das Landschaftsbild und die
Im Winter 2006/2007 wurden auf etwa drei Erholungseignung des Waldes massiv.
Hektar rund 700 Festmeter Holz in Form eines
Kahlschlages eingeschlagen. Dabei wurden Kritik bzw. Rechtsverstoß:
nur wenige ältere Bäume geschont und die Die Kahlschläge verstoßen gegen §§ 14, 15, 46
bereits vorhandene Laubholz-Naturverjün- LWaldG in Verbindung mit § 45, Abs. 1 LWaldG.
gung fast vollständig vernichtet. Ein Teil der Die Vorgaben der Forsteinrichtung wurden
Fläche wurde danach mit Douglasie aufgefor- ignoriert; somit liegt ein Verstoß gegen § 50
stet. Als Planung hatte das verpflichtende LWaldG vor. Die überwiegende Mehrzahl der
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Stöcke, wie auch der noch am Weg lagernden


Stämme, wurden durch zwei Gutachter im
Anschluss an die Maßnahme als „kerngesund“
im Sinne der Stabilität eingestuft. Eine einzel-
stamm- bis gruppenweise Durchforstung in
Anlehnung an die Vorgaben der Forsteinrich-
tung hätte ausgereicht, um eine ausreichende
Verkehrssicherung zu gewährleisten, und sie
hätte die ökologischen Schäden auf ein trag-
bares Maß reduziert.

Konsequenzen des Eigentümers,


Wirtschafters bzw. der Behörden:
Im Vorfeld des Kahlschlages protestierten der
BUND Meersburg und engagierte Bürger aus
Meersburg und Umgebung als „Bürgerinitiati-
ve gegen Kahlschlag im Sommertalwald“. Dies
brachte jedoch keine Einsicht bei der Stadt- angesichts der bestehenden Tatsachen- und Durch den Kahl-
verwaltung. Auch das anderslautende Forst- Rechtslage völlig überzogenes Sicherheitsden- schlag werden
einrichtungswerk und eine Begehung des ken gelten. das Landschafts-
Sommertalwaldes durch einen Forstsachver- Der BUND fordert deshalb, dass Verkehrssiche- bild und die
Erholungs-
ständigen, der den starken Eingriff in den rungsmaßnahmen immer einzelbaumbezogen
eignung
stadtnahen Wald als äußerst bedenklich ein- begründet und durchgeführt werden müssen. beeinträchtigt.
stufte, zumal es bei der Vielzahl der Buchen Die Maßnahmen müssen den aktuellen Erfor-
um Bäume ging, die kein Verkehrsrisiko dar- dernissen angemessen sein und dürfen nicht
stellten und die nur in einzelnen Fällen hätten „auf Vorrat“ oder „im Vorgriff“ durchgeführt
gefällt werden müssen, konnten den Kahl- werden. Kahlschläge und flächige Nutzungen
schlag nicht aufhalten. Anstelle der alten im Zuge der Verkehrssicherung sind nicht
Buchen wurden inzwischen obendrein auch zulässig. Grundsätzlich hält der BUND eine
noch standortfremde Douglasien auf einem gesetzliche Regelung der Verkehrssicherung
Teil der Fläche gepflanzt. Nachfolgend gab es für zwingend notwendig, mit der die Pflichten
keine Verbesserungen, im Gegenteil: 2008 der Waldbesitzer deutlich reduziert werden.
machte der zuständige Revierleiter mit einem Außerdem fordert der BUND eine Definition
neuen Kahlschlag weiter (siehe oben). der guten fachlichen Praxis für das Bundes-
waldgesetz und die Ländergesetzgebung mit
Schlussfolgerungen bzw. einem generellen Kahlschlagverbot.
Forderungen des BUND:
Nach übereinstimmender Ansicht zweier
unabhängig voneinander urteilender Forst-
sachverständiger können und müssen die bei-
den Hiebsmaßnahmen als Musterbeispiele für
einen völlig unsensiblen Umgang mit einem
wichtigen stadtnahen Erholungswald im
Landschaftsschutzgebiet und ebenso für ein
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ FFH-Gebiet Flanken des Naabdurchbruchtals zwischen Kallmünz und Mariaort

Verkehrssicherung auf Vorrat


FFH-Gebiet Flanken des Naabdurchbruchtals zwischen Kallmünz und Mariaort
Nach dem Kahl-
schlag wegen
„Verkehrssiche-
rungspflichten“
bleiben tiefe
Fahrrinnen und
flächige Boden-
schäden zurück.

Bundesland: Bayern Begründung von Verkehrssicherungspflichten


Landkreis: Regensburg sind zahlreiche Bäume, vor allem Buchen, der
Waldbesitzart: Staatswald Säge zum Opfer gefallen. Dabei wurde nicht
Verantwortlich für nur das Straßenbegleitgrün unmittelbar ent-
Bewirtschaftung: Bayerische Staatsforsten lang der Straße vollständig abgeräumt, son-
AöR – Forstbetrieb Burg- dern bis auf einzelne Bäume und Jungwuchs-
lengenfeld bestände auch die Hangbereiche bis in etwa
Zeitraum: Januar 2007 150 Meter (fünf Baumlängen!) Entfernung
oberhalb dieser Straße.

Tatbestand: Kritik bzw. Rechtsverstoß:


Verstoß gegen Prinzipien einer sachgemäßen Das betroffene Waldstück ist laut EU-Verord-
und vorbildlichen Waldbewirtschaftung und nung Teil des FFH-Gebiets „Flanken des Naab-
gegen das Waldgesetz durch Kahlschlag im durchbruchtals zwischen Kallmünz und Mari-
Rahmen von Verkehrssicherungsmaßnahmen aort bei Regensburg“. Die möglichen negativen
in einem Natura 2000-Gebiet ohne FFH-Ver- Auswirkungen der Hiebsmaßnahme wurden
träglichkeitsprüfung oder Einbeziehung der vorher trotzdem nicht geprüft.
zuständigen Naturschutzbehörde Zusätzlich ist der Wald laut Waldfunktions-
plan Bodenschutzwald. Diese Schutzfunktion
Details: ist durch den Kahlschlag massiv beeinträch-
Im Januar 2007 fand im Bereich der Westhän- tigt. Des Weiteren ist im Waldfunktionsplan
ge des Naabtals eine Hiebsmaßnahme durch an mehreren Stellen Wald mit der Bedeutung
den Forstbetrieb Burglengenfeld statt. Der als Biotop und damit als wichtiger Lebens-
Einschlag entspricht aus mehreren Gründen raum für verschiedene Tier- und Pflanzenarten
nicht den Vorgaben des Bayerischen Waldge- eingetragen, auch im Bereich der durchge-
setzes (vorbildlich nach Art. 18 und sachge- führten Maßnahme. Angrenzend ist das NSG
mäß nach Art. 4 und 14 BayWaldG). Mit der „Naabtalhänge bei Pielenhofen“ ausgewiesen.
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Ein solcher Eingriff im Verzahnungsbereich durchgeführt werden. Detaillierte Gutachten


kann zu negativen Entwicklungen im NSG müssen die Notwendigkeit des Vorgehens vor
führen. Die landschaftlich prägenden Hänge der Durchführung bestätigen. Zur Einschät-
des Naabtals wurden aufgerissen, das Land- zung der Stabilität beziehungsweise der Ver-
schaftsbild wurde dadurch außerordentlich kehrsgefährdung eines Baumes in Straßennä-
beeinträchtigt. Damit wird gegen die Verord- he ist eine detaillierte, einzelbaumweise Prü-
nung des Landschaftsschutzgebietes versto- fung notwendig. Nicht jeder Baum am Stra-
ßen, welches das Naabtal mit kleinen Neben- ßenrand ist ein Risiko. Denn dann dürfte es
tälern von Kallmünz bis zur Naabmündung in keinen Baum mehr in der Stadt geben. Ent-
die Donau umfasst. scheidend ist, das Risiko zu beurteilen. Dafür
gibt es die VTA-Methode, bei der der Baum
Konsequenzen des Eigentümers, nach verschiedenen Kriterien (zum Beispiel
Wirtschafters bzw. der Behörden: Kronenausformung, Verhältnis Krone-Stamm-
Die Vorwürfe wurden von der örtlichen BUND- Wurzel) beurteilt wird.
Gruppe an die Bayerische Staatsforsten, das Angesichts sich häufender Fälle von streifen-
Amt für Landwirtschaft und Forsten und an weisen bis flächigen Entnahmen entlang von
die Naturschutzbehörden herangetragen. Verkehrswegen ist zu befürchten, dass einzel-
Nachdem auch der Vorstand der Staatsforsten baumbezogene Verkehrssicherungsmaßnah-
damit befasst wurde, lenkte er ein. Der Eingriff men umgangen werden sollen, weil diese
sei stärker ausgefallen als ursprünglich ge- mehr Personal vor Ort im Wald und gegebe-
plant. Für künftige Hiebsmaßnahmen sollen nenfalls mehr Kosten verursachen. Deshalb
kürzere Abschnitte und kleinere Arbeitsfelder werden anscheinend mögliche „Problembäu-
gewählt werden, um die Auswirkungen auf me“ vorsorglich entnommen. Die Vorgaben des
Ökologie und Landschaftsbild so gering wie Waldgesetzes, der Waldfunktionspläne und für
möglich zu halten. Die entsprechenden Natur- die Bewirtschaftung von FFH-Gebieten müs-
schutzbehörden und auch die BUND-Gruppen sen in ihrer Gesamtheit eingehalten werden.
vor Ort werden nunmehr teilweise aktiver in Übergeordnetes Ziel sollte es nach BUND-Auf-
die Staatswaldbewirtschaftung mit einbezo- fassung allerdings sein, die Verkehrssiche-
gen, beispielsweise durch einen gemeinsamen rungspflichten der Waldbesitzer deutlich zu
Ortstermin vor der nächsten Maßnahme. reduzieren. So sollten die Waldbesitzer gegen-
über Waldbesuchern, Waldnutzern und
Schlussfolgerungen bzw. Angrenzern nicht für natur- oder waldtypi-
Forderungen des BUND: sche Gefahren haften, insbesondere nicht für
In derartigen ökologisch sensiblen Bereichen solche, die von lebenden oder toten Bäumen,
ist es geboten, die Waldbewirtschaftung so sonstigem Aufwuchs oder natürlichem Boden-
differenziert zu gestalten, dass der Wald all zustand, also von sogenannten „waldtypi-
seine Funktionen (unter anderem für das schen“ Gefahren, ausgehen.
Landschaftsbild, als Biotop, für den Boden-
schutz) dauerhaft erfüllen kann. Verkehrssi-
cherungsmaßnahmen dürfen nicht als Vor-
wand für sonst nicht zulässige Einschläge oder
flächige Nutzungen bis hin zum Kahlschlag
missbraucht werden. Sie dürfen auch nicht
„auf Vorrat“ für die nächsten Jahrzehnte
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Spessart, Forstbetrieb Heigenbrücken

Verheerender Eingriff
Spessart, Forstbetrieb Heigenbrücken
Ein ganzer
Hangwald fiel
der „Verkehrs-
sicherungs-
pflicht“ zum
Opfer.

Bundesland: Bayern bäume und durch Rückemaschinen zerfurchte


Landkreis: Aschaffenburg Waldböden aufgrund fehlenden Winterfrosts.
Waldbesitzart: Staatswald
Verantwortlich für Kritik bzw. Rechtsverstoß:
Bewirtschaftung: Bayerische Staatsforsten Durch die Zerstörung von Höhlenbäumen
AöR – Forstbetrieb Hei- wurde eindeutig gegen §§ 41 und 42 BNatschG
genbrücken verstoßen. Verstoßen wurde auch gegen
Zeitraum: Winter 2007/2008 Bestimmungen des Bayerischen Waldgesetzes,
etwa gegen Art. 18 (vorbildliche Bewirtschaf-
tung im Staatswald) und Art. 14 BayWaldG,
Tatbestand: nach dem Wald im Sinne des Waldgesetzes
Verstoß gegen Prinzipien einer sachgemäßen sachgemäß zu bewirtschaften und vor Schä-
und vorbildlichen Waldbewirtschaftung und den zu bewahren ist. Dabei sind die Wälder
gegen das Waldgesetz durch Kahlschlag, Ent- bedarfsgerecht und naturschonend zu er-
nahme von Biotopbäumen und Bodenschäden schließen und Kahlhiebe zu vermeiden (Art. 14
BayWaldG).

Details: Konsequenzen des Eigentümers,


Im Winter 2007/2008 fanden im Spessart im Wirtschafters bzw. der Behörden:
Bereich des Forstbetriebes Heigenbrücken, der Nachdem die Defizite aufgedeckt wurden, fan-
für 17.000 Hektar Staatswald verantwortlich den mehrere Gespräche zwischen dem Bund
ist, großflächige Hiebsmaßnahmen statt. Naturschutz und dem Forstbetrieb statt. Der
Die Bund Naturschutz Orts- und Kreisgruppen Forstbetrieb Heigenbrücken zog einige positive
kritisierten stark aufgelichtete Waldbestände Konsequenzen. So sollen Biotopbäume nun
bis hin zum Kahlschlag auf zwei Hektar der Flä- künftig deutlicher markiert werden, die Förster
che. Die Folgen dieses verheerenden Eingriffs wurden naturschutzfachlich geschult und die
waren außerdem reihenweise gefällte Biotop- Waldwege wieder instand gesetzt.
16 | 17

Ebenso wurde über eine Extensivierung der


Nutzung der alten Laubwälder diskutiert. In
der Folgezeit wurden einige weitere Kritik-
punkte an der Arbeit des Forstbetriebes Hei-
genbrücken geäußert, die teilweise auch von
den Naturschutzbehörden geprüft werden, so
zum Beispiel die Trockenlegung eines Erlen-
bruchs, das Befahren von moorartigen Flächen
(Fahrspuren) oder das Verfüllen von Laich-
gewässern zur Laichzeit (Quellgebiet mit
Feuersalamanderlarven!). Eine Reihe von
Bildern der verschiedenen Eingriffe sind unter
www.spessart-wald.de zu sehen.

Schlussfolgerungen bzw.
Forderungen des BUND:
Die Häufung und die Dimension der Verstöße
gegen Naturschutz- und Forstrecht lässt den Analog zum Nachbarforstbetrieb Rothenbuch Wertvolle
Schluss zu, dass Naturschutzbelangen nicht ist der Hiebsatz zu reduzieren, damit Natur- Höhlenbäume
der erforderliche Stellenwert eingeräumt, son- schutzziele umgesetzt werden können, ohne wurden im Zuge
dern ökonomischen Zielen untergeordnet wur- dass andernorts dies durch Übernutzungen der Maßnahme
den. Es tritt ein eklatantes Missverhältnis zwi- ausgeglichen werden muss. beseitigt.
schen den verkündeten Zielen der Bayerische Eine weitere Reduktion des Forstpersonals
Staatsforsten und der Umsetzung vor Ort zuta- muss unterbleiben. Bereits jetzt beträgt die
ge, die massiv im Widerspruch zu einer vor- durchschnittliche Reviergröße etwa 2.000
bildlichen Waldwirtschaft mit Optimierung des Hektar, was eine verantwortungsvolle Betreu-
Gesamtnutzens steht (Art. 18 BayWaldG). ung kaum mehr ermöglicht. Ein wirkliches
Besonders wird kritisiert, dass die Natur- Kontrollorgan für die Forstbetriebe fehlt. Die
schutzziele in vielen Forstbetrieben immer für die Forstaufsicht zuständigen Ämter für
noch nicht umgesetzt werden – und dies drei Ernährung, Landwirtschaft und Forsten sind
Jahre nachdem sie vom Vorstand verkündet aufgrund der Forstreform 2005 ebenfalls per-
wurden. Die Vorbildfunktion des Staatswaldes sonell häufig deutlich unterbesetzt, eine aus-
muss deshalb messbar und nachprüfbar reichende Kontrolle ist daher nicht möglich.
gemacht werden, um solche Fehler künftig Im Spessart konnte das zuständige Amt für
vermeiden zu können. Die im Waldgesetz fest- Landwirtschaft und Forsten erst bei einer
gesetzten Gemeinwohlziele müssen im Staats- Begehung nach dem Einschlag die widerrecht-
wald vorbildlich umgesetzt werden. Gewinn- liche Fällung der Biotopbäume feststellen und
maximierung (Hiebsatz: 130.000 Festmeter!) nicht schon zu einem früheren Zeitpunkt ein-
darf daher nicht oberstes Ziel sein. schreiten.
Die Sicherung der biologischen Vielfalt ist
bei allen Maßnahmen zu berücksichtigen, Bio-
top-, Nist- und Höhlenbäume dürfen nicht
genutzt werden.
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Naturschutzgebiete Schwarzbruch und Pechgraben

Schutzziele mit Füßen getreten


Naturschutzgebiete Schwarzbruch und Pechgraben
Eingeschlagene
dicke Altbäume
im Naturschutz-
gebiet
Pechgraben

Bundesland: Hessen ren durch bis zu 50 Zentimeter tiefe Gleisbil-


Landkreis: Offenbach dungen gekennzeichnet sind. Durch die Ent-
Waldbesitzart: Kommunalwald nahme großer Mengen an Althölzern wurde
Verantwortlich für das Biotopholzpotenzial im Gebiet deutlich
Bewirtschaftung: Landesbetrieb Hessen- verschlechtert. Darunter waren auch Höhlen-
Forst – Forstamt Langen bäume, die nicht gekennzeichnet waren und
Zeitraum: Ende 2008/Anfang 2009 insbesondere für Fledermäuse eine Habitat-
funktion hatten. Sogenannte „Biotopbauman-
wärter“ als Nachfolger der zum Teil deutlich
Tatbestand: älteren Biotopbäume sind entnommen wor-
Verstoß gegen die forstwirtschaftlichen Aufla- den.
gen der NSG-Verordnung und Abwertung des Zusätzlich wurden das gesamte Kronenmate-
FFH-Lebensraumtyps ohne FFH-Verträglich- rial und sogar teilweise die Wurzelstöcke von
keitsprüfung (betreffend den FFH-Lebens- der Waldfläche entfernt und auf die Seite
raumtyp 9160) geräumt. Durch Räumung einer größeren Teil-
fläche (knapp 0,5 Hektar) ist eine Freifläche
Details: fast ohne Bewuchs entstanden. Diese Fläche
Im Winter 2008/2009 wurden auf etwa elf wurde zwischenzeitlich eingezäunt, um eine
Hektar Waldfläche insgesamt 400 Festmeter Neubegründung mit Eichen zu beginnen. Hier-
Altbäume der Baumarten Eiche und Linde ent- zu ist gemäß NSG-Verordnung ausschließlich
nommen. Die betroffenen Waldabteilungen eine Verjüngung auf natürlichem Wege zuläs-
sind Bestandteile des FFH-Gebiets 5919-303 sig. Durch Belassen der Kronenreste hätte man
„NSG Schwarzbruch und NSG Pechgraben bei einer Naturverjüngung bessere Startchancen
Seligenstadt“. Zusätzlich ist das Gebiet als einräumen können, da sie einen natürlichen
NSG „Pechgraben bei Klein-Krotzenburg“ seit Schutz vor Wildverbiss bieten.
1995 geschützt. Dabei wurden im Gebiet teil-
weise Rückegassen angelegt, deren Fahrspu-
18 | 19

Kritik bzw. Rechtsverstoß:


Eine FFH-Verträglichkeitsprüfung ist nicht
erfolgt und die möglichen negativen Auswir-
kungen der Hiebsmaßnahme wurden vorher
nicht geprüft. Die Maßnahmen wie flächige
Räumung bis hin zum Kahlschlag, Bodenschä-
den und Entnahme der Altbäume widerspre-
chen der NSG-Verordnung, die explizite Aus-
sagen zu einer nur eingeschränkt und aus-
schließlich den Schutzzielen dienenden forst-
lichen Bewirtschaftung enthält. Dieser Schutz
ist durch die massive Entnahme von Altholz
und die dabei teilweise entstandene Freifläche
nicht mehr gegeben.

Konsequenzen des Eigentümers,


Wirtschafters bzw. der Behörden:
Das zuständige Forstamt und die Obere Natur-
schutzbehörde (!) sehen lediglich Probleme
und unzureichende Aktivitäten im Bereich der
Kommunikation mit Vertretern der Natur-
schutzverbände. Die Kommunikation soll in
Zukunft im Rahmen der jeweiligen Pflege-
planbesprechungen und vor Durchführung von
weiteren Maßnahmen verbessert werden.

Schlussfolgerungen bzw.
Forderungen des BUND:
Um derart gravierende Eingriffe in das ökolo-
gische Potenzial geschützter Waldbestände in
Zukunft wirksam zu verhindern, muss der
gesamte Waldbestand im Naturschutzgebiet,
der insgesamt nur eine Fläche von elf Hektar
ausmacht, aus der Nutzung genommen wer-
den. Dazu ist die NSG-Verordnung, die bislang oben: Wertvolle Biotopbäume für holzbewoh-
ohnehin nur noch kleinere und zielgerichtete nende Käfer, Fledermäuse und Vögel
forstliche Maßnahmen zulässt, zu ändern. So wurden beseitigt.
ist auf jegliche forstwirtschaftliche Nutzung
zu verzichten, eventuell kann die Natur- unten: Neben einem ausgeräumten Wald
schutzbehörde dem Wald dienende Maßnah- waren Bodenschäden das Ergebnis
men veranlassen. Hierbei sind Fällung und dieser forstlichen Maßnahme.
Entnahme von Bäumen auszusparen.
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Nationalparke Vorpommersche Boddenlandschaft und Jasmund

Bonsai-Buchen im Nationalpark
Nationalparke Vorpommersche Boddenlandschaft und Jasmund
Kaum Naturver-
jüngung durch
falsches Wildtier-
management im
Nationalpark
Vorpommersche
Boddenland-
schaft

Bundesland: Mecklenburg- Nationalpark Vorpommersche Boddenland-


Vorpommern schaft am 16.03.2006 wurden unter anderem
Landkreis: Rügen folgende Mängel festgestellt:
Waldbesitzart: Landeswald ■ Entnahme von Biotop- und Totholz sowie
Verantwortlich für dessen Aufarbeitung zu Brennholz
Bewirtschaftung: Nationalparkamt ■ tiefe und flächige Bodenbearbeitung mit
Vorpommern dem Paint-Plant-Verfahren zur Pflanzvor-
Zeitraum: 2005 bis 2009 bereitung
■ unzureichendes Wildtiermanagement
■ Pflanzung von nicht standortgerechten
Tatbestand: Pflanzen (zum Beispiel Roteiche und Haus-
Verstoß gegen die FSC-Richtlinien, die Natio- apfel)
nalparkverordnung, die Jagdverordnung, die ■ Einzelschutz von nicht standortgerechten
Waldbehandlungsrichtlinie sowie falsches Baumarten (zum Beispiel Strobe)
Wildtiermanagement in den Nationalparken ■ mangelhafte Öffentlichkeitsarbeit und Ein-
Vorpommersche Boddenlandschaft und Jas- beziehung der Interessengruppen
mund ■ fehlendes innerbetriebliches Monitoring
■ fehlende Aussagen der Forsteinrichtung
Details: über Totholz, Wild- und Rückeschäden
Mit Wirkung vom 01.01.2004 wurden die Lan- sowie zur Personalsituation
deswälder in den Großschutzgebieten in Das Zertifikat wurde daraufhin ausgesetzt.
Mecklenburg-Vorpommern mit dem FSC-Sie- Das Land hat die Mängel akzeptiert, worauf
gel (hier Gruppenzertifikat) zertifiziert. Im das Siegel kurz darauf wieder eingesetzt
November 2005 entdeckten Anwohner diverse wurde.
Verstöße gegen die FSC-Richtlinien, die Natio-
nalparkverordnung, die Jagdvorordnung und
die Waldbehandlungsrichtlinie. Beim Audit im
20 | 21

Beim Kontrollaudit am 17.07.2007 wurden in


beiden Nationalparken erneut erhebliche
Mängel festgestellt. Darunter waren:
■ Jagd und Wildtiermanagement: sieben
Verstöße, davon zwei schwere
■ Waldumbau: fünf Verstöße, davon zwei
schwere
■ Kommunikation: fünf Verstöße, davon zwei
schwere
■ Arbeitsschutz: ein schwerer Verstoß

Die sieben schweren Verstöße führten dann


wiederum zur Suspendierung des Zertifikates.
Zu ihnen zählten:
■ unzulässiger Laubholzeinschlag
■ unzulässige Bodenbearbeitung
■ Nichteinhaltung der Abschusspläne
■ mangelnde innerbetriebliche Kommunikation schaft, Umwelt und Verbraucherschutz und Bonsai-Niveau:
■ Mängel bei der Umsetzung der Arbeitssi- das Nationalparkamt sahen das Land durch die von großen Dam-
cherheit Öffentlichkeitsarbeit der NGOs zu den Sach- wildherden abge-
Das Zertifikat wurde daraufhin erneut länger- verhalten in ein schlechtes Licht gerückt. weidete Buchen-
fristig ausgesetzt. Anstatt die Mängel konsequent abzustellen, verjüngung im
ließ das Ministerium das FSC-Zertifikat zum Nationalpark
Laut FSC Deutschland ist es weltweit einmalig, 31.12.2008 auslaufen und erneuerte den Ver- Jasmund
dass ein Betrieb zweimal hintereinander mit so trag nicht.
tiefgreifenden Mängeln das Zertifikat verliert. Das derzeitige Hauptproblem ist das nicht
Es ist ein Skandal, dass es einem Nationalpark- nationalparkgerechte Wildtiermanagement in
amt nicht gelingt, die FSC-Standards einzuhal- beiden Nationalparken. Eine Arbeitsgruppe aus
ten, die in Schutzgebieten in erster Linie die Vertretern der zuständigen Abteilungen im
Einhaltung der eigenen Schutzgebietsverord- Ministerium, den Verbänden und Fachleuten
nungen und -richtlinien darstellen. hat in den letzten drei Jahren zum Thema zwar
ein umfangreiches Kompromisspapier erarbei-
Kritik bzw. Rechtsverstoß: tet, das von allen Seiten getragen wurde. Der
Nichteinhaltung der FSC-Richtlinien, der zuständige Minister, Till Backhaus, will es
Nationalparkverordnung, der Jagdverordnung jedoch in vier entscheidenden Punkten wieder
und der Waldbehandlungsrichtlinie aufweichen. Unter dem Blickwinkel der Natio-
nalparkzielstellung sind diese Punkte nicht
Konsequenzen des Eigentümers bzw. nachvollziehbar. So sollen die Jagd auf Präda-
Wirtschafters bzw. der Behörden: toren bei Gesellschaftsjagden erlaubt sein,
Auffällig war in allen Fällen, dass die Natio- zahlende Gäste die Möglichkeit der Teilnahme
nalparkverwaltung keinerlei Einsicht zeigte, an Gesellschaftsjagden haben, Kirrungen in
sondern immer wieder die von ihr durchge- Schilf- und Farngebieten zulässig sein sowie
führten Maßnahmen verteidigte. eine Aufweichung der vorgeschlagenen Jagd-
Das zuständige Ministerium für Landwirt- zeiten erfolgen.
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Nationalparke Vorpommersche Boddenlandschaft und Jasmund

Flächiges
Befahren zur
Anlage von
Pflanzrinnen
führt zu Boden-
und Wurzel-
schäden.

Das Nationalparkamt Vorpommern setzt kein den. Das Ministerium muss sich stärker vor Ort
konsequentes nationalparkgerechtes Wildtier- um die Durchsetzung der jagdlichen Vorgaben
management um. Trophäenschauen und kümmern. Das Nationalparkamt muss aus den
Schauen der Abwurfstangen vermitteln immer beiden Hegegemeinschaften herausgelöst wer-
wieder überholte Hegekriterien, die jeder den. Solange es keine adäquate externe Kon-
wildbiologischen Begründung entbehren. trollmöglichkeit gibt, sollte FSC grundsätzlich
Durch die Mitgliedschaft in den Hegegemein- wieder eingeführt werden.
schaften und deren Restriktionen für die Jagd Für die Nachfolge des amtierenden National-
werden darüber hinaus ausreichend hohe parkleiters, der im August 2010 in Ruhestand
Abschusszahlen und effektive nationalparkge- geht, muss eine Person gefunden werden, die
rechte Jagdmethoden blockiert. sich mit dem Nationalparkgedanken identifi-
Trotz erheblicher Verstöße und wiederkehren- ziert und hinter den Leitzielen des Schutzge-
der Mängel sowie fehlender grundsätzlicher bietes steht.
Einsicht in die Notwendigkeit der Veränderun-
gen gab es keine personellen Konsequenzen.

Schlussfolgerungen bzw.
Forderungen des BUND:
In den Nationalparken Vorpommersche Bod-
denlandschaft und Jasmund muss stärker auf
die konsequente Umsetzung der Nationalpark-
verordnung, der Jagdverordnung sowie der
Waldbehandlungsrichtlinie geachtet werden.
In die neue Jagdverordnung muss das von der
AG Wildtiermanagement erarbeitete Kompro-
misspapier ohne Abweichungen Eingang fin-
22 | 23

Alter Laubwald kahlgeschlagen


Naturschutzgebiet Holzurburger Wald am Bederkesaer See
Auf einer Fläche
von drei Hektar
wurden über 200
Jahre alte Eichen
und Buchen im
FFH-Gebiet
gefällt.

Bundesland: Niedersachsen ger Moor, Seen bei Bederkesa“ statt und hat
Landkreis: Cuxhaven den FFH-Lebensraumtyp „Eichen-Hainbu-
Waldbesitzart: Staatswald chenwälder“ betroffen. Das Gebiet ist heute
Verantwortlich für Naturschutzgebiet (NSG), zum Zeitpunkt der
Bewirtschaftung: Niedersächsische Maßnahme befand sich das NSG im Auswei-
Landesforsten – sungsverfahren, die rechtsverbindliche Erklä-
Forstamt Harsefeld rung stand noch aus. Die naturschutzfachliche
Zeitraum: Winter 2005/2006 Bedeutung war jedoch allseits bekannt.
Außerdem wurden weitere Einzelbäume
hohen Alters in der Umgebung entnommen.
Tatbestand:
Missachtung der Vorgaben der FFH-Richtlinie, Die Nutzung des Bestandes war nach Meinung
Verstoß gegen Prinzipien einer pfleglichen der Forstverwaltung notwendig, da eine
Waldbewirtschaftung durch Kahlschlag und beginnende Kernfäule festgestellt worden sei,
Entnahme von Alt- und Biotopbäumen die zu einer erheblichen Wertminderung des
wertvollen Rohstoffes Holz geführt habe. Dar-
Details: über hinaus sei die Maßnahme auch zur
Im Winter 2005/2006 führte die Revierförste- anschließenden künstlichen Verjüngung des
rei Holzurburg des Forstamtes Harsefeld der Bestandes durch Pflanzung notwendig gewe-
Anstalt Niedersächsische Landesforsten einen sen, da eine natürliche Verjüngung und klein-
ungefähr drei Hektar großen Kahlschlag im flächige Pflanzungen nach Aussage des Forst-
Holzurburger Wald bei Bad Bederkesa durch. amtes aufgrund von Wildverbiss und Brom-
Auf der Fläche stockten etwa 225-jährige beerwuchs verhindert worden sei. Folge der
Buchen und Eichen. Im Kahlschlagsgebiet Eingriffe war, dass der Mittelspecht, der das
blieb kein Baum stehen. Der Kahlschlag fand Gebiet gerade wieder neu besiedelt hatte,
innerhalb des FFH-Gebietes „Ahlen-Falkenber- wieder vertrieben worden ist. Dem Forstamt
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Naturschutzgebiet Holzurburger Wald am Bederkesaer See

Harsefeld, das in Folge der Forstreform erst kritisierte den „vollzogenen großflächigen
seit dem 01.01.2005 für die Bewirtschaftung Kahlschlag des bisher größten zusammenhän-
des Waldgebietes zuständig war, war das Mit- genden und ökologisch wertvollen Alteichen-
telspechtvorkommen nicht bekannt. bestands des Landkreises Cuxhaven im Holzur-
burger Wald. In Zukunft muss eine verbindli-
Kritik bzw. Rechtsverstoß: che Regelung bei Waldeinschlagmaßnahmen
Der Kahlschlag widerspricht § 12 NWaldG, getroffen werden. Gegenseitige Information,
nach dem Kahlschläge von mehr als einem Absprache und fachliche Zusammenarbeit von
Hektar anzeigepflichtig sind, und dem Grund- Forstverwaltung und der Unteren Natur-
satz Nr. 6 des LÖWE-Programms, der lediglich schutzbehörde des Landkreises Cuxhaven
eine einzelstamm- bis gruppenweise Nutzung müssen erfolgen. Auslichten der Altbestände
hiebsreifer Bestände vorsieht (Zielstärkennut- sollte vor großflächigen Kahlschlägen stehen.“
zung). (Niederschrift aus der Sitzung des Umwelt-
Die europäischen Vorgaben der FFH-Richtlinie ausschusses, 07.03.2006). Die Umsetzung die-
und der Vogelschutzrichtlinie wurden nicht ses Beschlusses lässt bis heute allerdings zu
eingehalten, da der Erhaltungszustand der zu wünschen übrig.
schützenden Lebensraumtypen verschlechtert,
Wohnstätten von der Vogelschutzrichtlinie Schlussfolgerungen bzw.
unterstehenden Arten zerstört und die bei Forderungen des BUND:
derartigen Eingriffen vorgeschriebene Ver- Der schwerwiegende Eingriff macht deutlich,
träglichkeitsprüfung nicht durchgeführt wur- dass es vordringlich ist, umgehend Manage-
den (Verstoß gegen § 34 NNatG). Da der Mit- mentpläne für die FFH-Gebiete aufzustellen.
telspecht eine nach Bundesnaturschutzgesetz Die Bewirtschaftung in FFH-Gebieten muss
besonders und streng geschützte Art ist, stellt auf aussagekräftigen Managementplänen
die Vernichtung seiner Brutstätten außerdem beruhen. Die Aufstellung dieser Pläne hat
einen Verstoß gegen § 42 BNatSchG dar. umgehend zu erfolgen. Es ist nicht akzeptabel,
dass nach Planung des zuständigen Nieder-
Konsequenzen des Eigentümers, sächsischen Ministeriums für Umwelt und
Wirtschafters bzw. der Behörden: Klimaschutz noch Jahre ins Land gehen sollen,
Nachdem BUND- und NABU-Gruppen sowie bis flächendeckend die Erstellung von
Politiker die Eingriffe kritisiert hatten, zeigte Managementplänen abgeschlossen sein soll.
sich das zuständige Forstamt überrascht und Bis diese vorliegen, muss die Forstverwaltung
räumte Kommunikationsdefizite ein. Im März durch geeignete Vorgaben sicherstellen, dass
2006 lenkte die Forstverwaltung ein. In einer es zu keinen negativen Eingriffen und schlei-
Anhörung im Umweltausschuss des Landkrei- chenden Entwertungen der FFH-Gebiete
ses Cuxhaven sagte die Forstverwaltung zu, kommt. Deshalb sollten in den ökologisch
zukünftig mit der Unteren Wald- und Natur- wertvollsten alten Laubwäldern die Nutzun-
schutzbehörde enger zusammenzuarbeiten gen zurückgestellt werden. Für die übrigen
und frühzeitiger über Maßnahmen zu infor- Bestände sind konkrete Ziele wie zehn Biotop-
mieren. Dennoch wurde an der Rechtmäßig- bäume und 40 Festmeter Totholz pro Hektar
keit des Handelns als ordnungsgemäße Forst- vorzusehen und zügig umzusetzen.
wirtschaft festgehalten. Die fehlende ökologische Sensibilität und die
Der Umweltausschuss des Landkreises nicht vorhandenen Kenntnisse über die
beschäftigte sich mit dem Sachverhalt und Besonderheiten des Gebietes machen zweier-
24 | 25

lei deutlich. Zum einen, dass die Forstreform


mit einem Wechsel der Zuständigkeiten
schädlich ist für eine vorbildliche Waldbewirt-
schaftung auf hohem ökologischen Niveau,
die fach- und ortskundiges Personal vor Ort
erfordert. Zum anderen zeigt sich, dass die
Forstämter bei der aktuellen Personalausstat-
tung und Zielsetzung mit der Bewirtschaftung
ökologisch besonders wertvoller Wälder
offensichtlich fachlich überfordert sind.

Die Rückkehr zu großflächigen Kahlschlägen


als Verjüngungsverfahren für Eichen bedeutet
eine Abkehr von einer naturnahen Forstwirt-
schaft. Als Gründe für das „Misslingen“ klein-
flächiger Verjüngungsverfahren nennt das
Forstamt Wildverbiss und Brombeerwuchs.
Damit ist klar, dass zu hohe Wildbestände die
eigentliche Ursache darstellen, die eine natür-
liche Verjüngung der Eichen verhindert und zu
einer „Verunkrautung“ der Flächen mit Gras
und Brombeere führt. Deshalb gilt es, die
ungelöste Wald-Wildfrage anzugehen und die
überhöhten Schalenwildbestände abzubauen.
Kahlschläge sind kein probates Mittel zur
Waldverjüngung und daher gesetzlich generell In der weiteren
zu verbieten. Naturverjüngung ist anderen Umgebung wur-
Verjüngungsverfahren vorzuziehen. Waldbe- den außerdem
stände über 200 Jahre sind grundsätzlich aus viele alte Biotop-
der Nutzung zu nehmen. bäume entnom-
Bei Maßnahmen in Waldnaturschutzgebieten men, darunter
diese alte Eiche
sind vorab die zuständigen Naturschutzbehör-
den zu beteiligen und die Öffentlichkeit sowie
die Naturschutzverbände zu informieren. LÖWE-Programm: Die Landesregierung hat
1991 das niedersächsische Programm zur
langfristigen ökologischen Waldentwicklung
in den Landesforsten (LÖWE) beschlossen und
damit den Landeswald stärker in die Verant-
wortung genommen als andere Waldbesitzar-
ten. Sie hat der Landesforstverwaltung damit
ein zukunftsorientiertes, in 13 Grundsätzen
prägnant dargestelltes Instrumentarium forst-
lichen Wirkens als verbindliche Richtschnur an
die Hand gegeben.
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ FFH- und Vogelschutzgebiet Sundern

Horst- & Höhlenbäume gefällt


FFH- und Vogelschutzgebiet Sundern

Altbestände von
Hainsimsen-
Buchenwäldern
sowie Stern-
mieren-Eichen-
Hainbuchen-
wäldern vor
dem Eingriff

Bundesland: Niedersachsen dermaus, Mopsfledermaus, Springfrosch,


Landkreis: Helmstedt Kammmolch, Mittelspecht, Rotmilan und
Waldbesitzart: Staatswald Kolkrabe. Schutzgut sind überwiegend Hain-
Verantwortlich für simsen-Buchenwälder sowie Sternmieren-
Bewirtschaftung: Niedersächsische Eichen-Hainbuchenwälder. Als Schutzziel
Landesforsten – wurde festgelegt, dass die Altbestände als
Forstamt Wolfenbüttel Lebensraumtyp erhalten werden sollen.
Zeitraum: 2005 bis 2008 Unter anderem wurde Mitte April 2005, in der
Brutzeit, in einem Eichenaltholz (etwa 180
Tatbestand: Jahre) ein 0,8 Hektar großer Kahlschlag
Missachtung der Vorgaben der FFH-Richtlinie, durchgeführt. Die Fläche wurde ganzflächig
Verstoß gegen Prinzipien einer pfleglichen befahren, sodass 40 Zentimeter tiefe Boden-
Waldbewirtschaftung durch Entnahme von gleise entstanden sind. Ein Bussardhorst mit
Alt- und Biotopbäumen sowie Überschreitung Gelege wurde gefällt, ebenfalls drei Eichen mit
des Nachhaltshiebsatzes durch zu hohe Ein- Schwarzspechthöhlen.
griffstärken Die Holzeinschläge in den Altbeständen über-
schritten deutlich die Planvorgaben der
Details: Betriebsinventur, die einen Planungszeitraum
Im den letzten Jahren führte das Forstamt von 2001 bis 2011 umfassen. Bereits 2005
Wolfenbüttel der Niedersächsischen Landes- überschritten die Holznutzungen die im
forsten mehrere Einschläge im FFH-Gebiet Betriebswerk angesetzten Hiebsmassen um
Sundern durch. das 1,4 bis 2,7-Fache. Die radikale Auflichtung
Der Sundern gehört zu dem Waldsystem bewirkte durch Belichtung und Erwärmung
„Braunschweiger Eichen-Hainbuchenwälder“, eine Stickstofffreisetzung und als Folge eine
das fast vollständig als FFH-Gebiet und flä- spontane Veränderung der Krautvegetation
chengleich als Vogelschutzgebiet ausgewiesen von Stermieren-Teppichen zur großflächigen
ist. Leittierarten im Gebiet sind Bechsteinfle- Dominanz der Großen Brennnessel. Totholz,
26 | 27

das bereits mehrere Jahre lag, wurde mit dem


neu anfallenden Kronenholz vollständig zu
Brennholz aufgearbeitet. Weder existierte ein
Managementplan oder eine Strukturanalyse,
noch gab es außer Erfassungen des BUND fau-
nistische Daten.
In die Altbestände wurden in dichter Folge
Kahlschläge von 0,6 bis 1,8 Hektar Größe
getrieben. In den schmalen belassenen Alt-
holzbestandsstreifen zwischen den Kahlschlä-
gen wurde alles Derbholz über sieben Zenti-
meter vollständig für Brennholzzwecke ent-
nommen. Nachweislich mindestens 22 Höh-
lenbäume wurden gefällt. Stehendes Totholz
wurde fast vollständig geerntet und auf dem
Wertholzplatz Wendhausen angeboten. Die
Kahlschläge wurden flächig befahren. In die
Neukulturen wurden teilweise Roteichen ein- ■ Die Fällung der Horstbäume von Rotmilan Kahlschlag im
gebracht. Durch eine Bestandserfassung 2008 und Bussard sowie der zahlreichen Höhlen- Eichenaltholz
wurde festgestellt, dass sich die Mittelspecht- bäume unter anderem von Schwarz- und mitten in
population innerhalb von vier Jahren deutlich Grauspecht stellen klare Verstöße gegen der Brutzeit,
verringert hat. Ein Milanhorst und eine mehr- § 42 BNatSchG in Verbindung mit der begleitet von
jährig genutzte Bruthöhle des Grauspechtes BArtSchV dar. 40 Zentimeter
fielen Kahlschlägen zum Opfer. ■ Die teilweise flächige Entnahme von ste-
tiefen Boden-
gleisen
hendem und liegendem Totholz verstößt
Kritik bzw. Rechtsverstoß: gegen den Grundsatz Nr. 7 des LÖWE-
■ Wald ist im Sinne des BWaldG ordnungs- Programms, der fordert, einen ausreichen-
gemäß und nachhaltig zu bewirtschaften den Anteil an Alt- und Totholz im Wald zu
und vor Schäden zu bewahren. Im Nieder- belassen (gezielter Nutzungsverzicht muss
sächsischen Waldgesetz wird diese Ord- verstärkt werden, um Mangel an Alt- und
nungsmäßigkeit sogar genauer bestimmt. Totholz vorzubeugen).
So sind unter anderem nach § 11 NWaldLG ■ Die Erschließung der Bestände hat
Holzproduktion und die Sicherung von bestands- und bodenschonend zu erfolgen.
Lebensräumen als gleichwertig anzusehen. Eine flächige Befahrung und die Boden-
■ Die zahlreichen Kahlschläge widersprechen schäden verstoßen gegen § 11 NWaldLG
zentralen Grundsätzen des BWaldG, des und sind auch nach den Vorgaben des
NWaldLG, des PEFC und des LÖWE-Pro- PEFC nicht zulässig.
grammes, nach dem Kahlschläge vermie- Die oben geschilderten Eingriffe beeinträchti-
den werden sollen (Grundsatz Nr. 5). Im gen den Zustand des FFH-/SPA-Gebietes mar-
Grundsatz Nr. 6 ist lediglich eine einzel- kant und stellen deshalb einen Verstoß gegen
stamm- bis gruppenweise Nutzung hiebs- die FFH- und SPA-Richtline dar. Die europäi-
reifer Bestände vorgesehen (Zielstärken- schen Vorgaben der FFH-Richtlinie wurden
nutzung). nicht eingehalten, Verträglichkeitsprüfungen
nicht durchgeführt.
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ FFH- und Vogelschutzgebiet Sundern

Fortbildung in ökologischen Belangen auf


allen Ebenen, ein Kahlschlagsverbot, Verträg-
lichkeitsprüfungen für FFH-Gebiete, Abspra-
che mit Naturschutzbehörden und Informati-
on der Öffentlichkeit vor den Eingriffen in
Schutzgebieten, umgehende Erstellung der
Managementpläne für FFH-Gebiete und kon-
krete ökologische Zielvorgaben für die Wirt-
schafter vor Ort.

Durch radikale Konsequenzen des Eigentümers,


Auflichtung Wirtschafters bzw. der Behörden:
erfolgte eine Bei einem Treffen mit Vertretern des Natur-
spontane Verän- schutzes sagte das Forstamt zu, weitere Maß-
derung der
nahmen künftig mit der Unteren Naturschutz-
Krautvegetation
behörde und an einem Rundem Tisch abzu-
von Stermieren-
Teppichen zur stimmen. Diese Zusage wurde jedoch nicht
großflächigen eingehalten.
Dominanz der
Großen Brenn- Schlussfolgerungen bzw.
nessel. Forderungen des BUND:
Die zahlreichen, teils schwerwiegenden und
wiederholten Eingriffe in das staatliche FFH-
Gebiet Sundern decken die naturschutzfachli-
chen Defizite der Staatswaldbewirtschaftung
im Forstamt Wolfenbüttel auf. Da hier alle
personellen Ebenen von der Amtsleitung über LÖWE-Programm: Die Landesregierung hat
den Revierförster bis hin zum Waldarbeiter 1991 das niedersächsische Programm zur
versagt haben, liegt hier wohl kein zufälliger langfristigen ökologischen Waldentwicklung
Fehler Einzelner vor, sondern ein Systemfehler. in den Landesforsten (LÖWE) beschlossen und
Anscheinend werden Naturschutzbelange den damit den Landeswald stärker in die Verant-
ökonomischen und rein forstlichen Belangen wortung genommen als andere Waldbesitzar-
auch in einem hochrangigen Schutzgebiet klar ten. Sie hat der Landesforstverwaltung damit
untergeordnet. Dies muss abgestellt werden. ein zukunftsorientiertes, in 13 Grundsätzen
Deshalb bedarf es von ministerieller Seite prägnant dargestelltes Instrumentarium forst-
einer Änderung der Weichenstellung. Im Ein- lichen Wirkens als verbindliche Richtschnur an
zelnen bedeutet dies eine Intensivierung der die Hand gegeben.
28 | 29

Biomasse um jeden Preis


Elisenthal, Westertbachtal und Stromberg
Stromberg: Kahl-
schlag aus „Ver-
kehrssicherungs-
gründen“ und
zur Begründung
eines Niederwal-
des

Bundesland: Nordrhein-Westfalen Umbau Elisenthal/Gemeinde Windeck, Rhein


Landkreis: Rhein-Siegkreis Sieg Kreis:
Waldbesitzart: Staatswald Bei der Maßnahme im Elisenthal erfolgte nach
Verantwortlich für Darstellung des verantwortlichen Revierleiters
Bewirtschaftung: Landesbetrieb Wald und eine umfassende Beseitigung der Nadelbäume
Holz NRW – Regional- mit der Zielsetzung, naturnahen Buchenwald
forstamt Rhein-Sieg-Erft anzupflanzen oder entstehen zu lassen. Bei
Zeitraum: laufend der Aktion wurde der gesamte Nadelwald im
Tal unter Einsatz einer 23,5 Tonnen schweren
„Restholzbündelmaschine“ (mit entsprechen-
Tatbestand: der Bodenverdichtung!) weitgehend beseitigt,
Verstöße gegen Prinzipien einer ordnungsge- wobei bei einem Pressetermin ausdrücklich die
mäßen Waldbewirtschaftung durch Kahl- Verarbeitung sämtlicher Restholzmengen
schläge (Äste, Zweige, Kronenabschnitte), die bisher
im Wald liegen geblieben waren, zu „Biomas-
Details: se“ als Vorteil der maschinellen Verarbeitung
Allen Beispielen aus dem Rhein-Siegkreis ist herausgestellt wurde. Sämtliche Restholzbün-
gemeinsam, dass hier mit rigorosen Mitteln im del wurden nach ursprünglichen Angaben zum
Übermaß Biomasse aus dem Wald entnom- Abtransport für die Biomasseverarbeitung in
men, Wald kahl geschlagen und umgewandelt ein Wärmekraftwerk nach Hachenburg bereit-
wurde, entweder mit dem vorgeblichen Ziel gestellt.
einer Gefahrenbeseitigung (Verkehrssiche- Bei der Aktion wurde des Weiteren entlang
rungspflicht) oder der erklärten Umwandlung des Elisenthalbaches das gesamte bachbeglei-
eines Wald- oder Landschaftsbestandteiles in tende Ufergehölz inklusive größerer Weiden
eine andere Nutzungsform (Niederwald, Neu- und Erlen beseitigt. Im Ergebnis ist der Bach
anpflanzung), die als Naturschutzmaßnahme jetzt schon im dritten Jahr von vorerst kahler
deklariert wurde. Landschaft umgeben, das heißt im Sommer
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Elisenthal, Westertbachtal und Stromberg

chige Umwandlungsmaßnahmen eingeleitet


werden, zumal zeitgleich die energetische Nut-
zung von Niederwäldern in Plantagenform für
die von RWE geplanten Biomasseheizkraftwer-
ke in der Umgebung propagiert wurde.

Kahlschlag bei Stromberg:


Ein landschaftsprägender Buchen-Eichenwald
wurde auf mehreren Hektar Fläche komplett
gefällt, auch hier mit der Begründung von Ver-
kehrssicherungspflichten. Weil es in Straßen-
nähe einige instabile Bäume gegeben haben
soll, hat man aus Sicherheitserwägungen den
ganzen Bestand auf mehreren Hektar Fläche
mit Unterstützung des zuständigen Regional-
forstamtes kahl geschlagen.

Ein landschafts- weitgehend unbeschattet, mit entsprechenden Kritik bzw. Rechtsverstoß:


prägender Auswirkungen auf den ökologischen Zustand ■ Die Maßnahmen stehen klar im Widerspruch
Buchen-Eichen- eines normalerweise durchgehend beschatte- zu den Vorgaben für die nachhaltige und
wald wurde auf ten Waldbaches. ordnungsgemäße Forstwirtschaft in § 1a und
mehreren Hektar
§ 1b LFoG und den Vorgaben des § 2 LFoG.
Fläche komplett
Kahlschläge/Rodungen an der B 256 von Win- ■ Die Fällaktion im Elisenthal ist eine massi-
gefällt.
deck-Rosbach bis Spurkenbach (Westert- ve Beeinträchtigung des Gewässers und
bachtal): des Uferbereiches und verstößt gegen § 31
Der Kahlschlag an den östlichen Hängen ent- BNatSchG und gegen § 2 LFoG.
lang der Bundesstraße 256 wurde vom zustän- ■ Die oben geschilderte Umwandlung eines
digen Forstamt der Öffentlichkeit gegenüber als Altbestandes in einen Niederwald und die
„hochwertige Naturschutzmaßnahme“ auf nachfolgend angestrebte Biomassenutzung
Basis eines landschaftsökologischen Gutach- widerspricht mehreren zentralen Vorgaben
tens dargestellt, mit der Zielsetzung, wieder des LFoG wie § 1b, Ziff. 3 (Vermeidung
einen „wesentlich artenreicheren“ und früher großflächiger Kahlhiebe), Ziff. 6 (pflegliches
im Siegerland weit verbreiteten Niederwald zu Vorgehen, insbesondere bei Verjüngungs-
entwickeln. Mit der „Niederwaldentwicklung“ maßnahmen), Ziff. 11 (ausreichender
könnten unter anderem für den selten gewor- Umfang von Alt- und Totholzanteilen zur
denen Eichenzipfelfalter oder für das Hasel- Sicherung der Lebensräume wildlebender
huhn neue Biotope geschaffen werden. Tiere, Pflanzen und sonstiger Organismen),
Darüber hinaus habe dies auch Vorteile für die § 10, Abs. 1, Satz 2 (Waldboden und seine
Hangstabilität und diene der Verkehrssiche- Fruchtbarkeit sind zu erhalten) und § 31,
rung, da höher wachsende Bäume zunehmend Abs.1 (Ertragskraft erhalten, Wald vor
sturzgefährdet seien. Schäden bewahren).
Nach weiteren Kahlschlägen an den benach- ■ Die Kahlschläge verstoßen gegen § 2c, Abs.
barten Hängen war zu befürchten, dass unter 5 Landschaftsgesetz und §§ 1b und 10
dem Begriff „Niederwaldentwicklung“ großflä- LFoG.
30 | 31

Konsequenzen des Eigentümers,


Wirtschafters bzw. der Behörden:
Zu der Verwertung der im Elisenthal angefalle-
nen Holzmengen teilte das zuständige Ministe-
rium für Umwelt und Naturschutz, Land-
wirtschaft und Verbraucherschutz zwischen-
zeitlich auf Anfrage und ohne Angabe von
Gründen mit, dass die Restholzbündel im Wald
verblieben seien. Wir gehen davon aus, dass die
öffentliche kritische Auseinandersetzung mit
der erhöhten, maschinell unterstützten Bio-
masseentnahme aus den Wäldern in NRW zu
einer gewissen Zurückhaltung beigetragen hat.

Aufgrund der vorgebrachten Kritik und einer in


den Medien geführten Auseinandersetzung der
lokalen Naturschutzgruppen zu der Maßnah-
me im Westertbachtal gab es eine Veranstal- Schlussfolgerungen bzw. Im Elisenthal
tung der Naturschützer mit dem zuständigen Forderungen des BUND: wurde das
Revierförster, bei der die Maßnahme diskutiert, Die Kahlschläge bis in einen Abstand von gesamte bachbe-
aber auch die historische Niederwaldnutzung mehreren Baumlängen zu den Straßen sind zur gleitende Uferge-
in einem Referat dargestellt wurde. Hier Verkehrssicherung nicht notwendig gewesen. hölz entnommen
bestand der Eindruck, dass die vorgebrachte Es ist fraglich, ob Hangsicherung erreicht und damit das
Kritik durchaus positive Effekte zeigte. wurde, da Erosion und Rutschungen am kahl biologische
Gleichgewicht
Klare Aussage war jetzt, dass die Schaffung geschlagenen Hang zu beobachten waren.
des Baches
von Niederwald-Bereichen nur eine Ausnahme Trotz des Kahlschlages sah sich das Straßen- gefährdet.
sei und nur in der Form von Trittsteinbiotopen bauamt zur Anlage einer mehrere hundert
an einzelnen geeigneten Hangbereichen Sinn Meter langen, extrem aufwändigen Zaunsiche-
mache. Niemand denke daran, im großen Stil rung am Hang veranlasst.
Hochwald umzuwandeln. Zeitgleich kam die Insgesamt drängt sich der Eindruck auf, dass
Meldung, dass RWE die Idee aufgegeben habe, der Wald im Rhein-Sieg-Kreis unter hohen
Niederwald-ähnliche Kurzumtriebsplantagen Nutzungsdruck geraten ist, weil RWE in Trois-
(KUPs) im Wald einzurichten, da diese nicht dorf – also im direkten Einzugsbereich,
maschinell bearbeitet werden könnten. Hierzu umringt von FFH-Waldschutzgebieten – zwei
passte dann auch der Vortrag zur „Siegerlän- Biomassekraftwerke verwirklichen will, die
der Haubergswirtschaft“, der klar machte, dass nach bisherigen Planungen im Wesentlichen
diese extrem arbeitsintensive Nutzform heute auf der Nutzung von Holz aus dem Wald basie-
nur noch in kleinen, musealen Bereichen ren sollten. 50.000 Tonnen Pellets werden pro
denkbar wäre. Hinzu käme, dass sich für eine Jahr für eine Anlage gebraucht, das entspricht
Niederwaldnutzung in NRW gerade mal 0,6 etwa 100.000 Festmeter Holz. Aufgrund
Prozent der Waldfläche eignen. Damit dürfte erhöhter Widerstände und Bedenken aus dem
die Idee „Niederwald als ideale Nutzform für Naturschutz wurde zwischenzeitlich zusätz-
Naturschutz und Biomassegewinnung“ aus lich die Anlage von Kurzumtriebsplantagen in
dem Rennen sein. landwirtschaftlichen Bereichen avisiert.
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Elisenthal, Westertbachtal und Stromberg

Neben den Sägeresthölzern aus der Industrie zu können, sollte aber der Zuwachs hochge-
sieht der Staatswalddezernent des Regional- halten werden, so wie das in vorratsreichen
forstamtes vor allem in der Weiterverarbei- Wäldern der Fall ist. Niederwald ist dagegen
tung von Baumkronen, die bei der Holzernte extrem vorratsarm. Mögliche zur Umwand-
anfallen, großes Nutzungspotenzial. Den lung geeignete Bestände müssen daher einer
Nährstoffentzug für die Waldböden schätzt er genauen Bewertung unterzogen werden.
dabei nicht als Problem ein. Darüber hinaus
biete die Nutzung von bislang „brachliegen- Im Bundeswaldgesetz ist ein Kahlschlagsver-
den“ ehemaligen Niederwäldern weitere Mög- bot aufzunehmen. Die bisherige Regelung im
lichkeiten für die Holznutzung und könne LFoG zur Vermeidung „großflächiger Kahl-
durch die mögliche Wiederansiedlung von schläge“ bleibt wirkungslos.
Niederwaldarten zusätzlich einen wertvollen
Beitrag zum Naturschutz liefern. Bei allen dargestellten Fällen stand ursprüng-
lich die Erzielung maximaler Profite vor dem
Der naturschutzfachliche Wert des neu ange- Hintergrund guter Preise für Buchen- und
legten Niederwaldes ist insgesamt zweifel- Eichenstammholz sowie der zusätzlichen Bio-
haft, vor allem auch vor dem Hintergrund der massevermarktung in der Region im Vorder-
angestrebten intensiven Nutzung. Die ange- grund. Offensichtlich versuchte man durch die
führte Niederwaldleitart Haselhuhn dürfte die Verknüpfung mit anderen Zielsetzungen (Ver-
Niederwaldstreifen entlang der Bundesstraße kehrssicherung, Naturschutz) Synergien dar-
256 nicht besiedeln. Es ist zu begrüßen, dass zustellen, die nur begrenzt sinnvoll und tat-
offensichtlich eine Zwangs-Umwandlung von sächlich gegeben waren. Nach Einschätzung
Hoch- in Niederwald in größerem Stil nicht des BUND wäre in allen Fällen eine maßvolle-
mehr beabsichtigt zu sein scheint. Diese re, besser abgestimmte und vorsichtigere Her-
würde nach Auffassung des BUND den Grund- angehensweise möglich gewesen, die zu bes-
sätzen und Zielsätzen einer nachhaltigen seren Ergebnissen, mehr Akzeptanz und zu
Forstwirtschaft widersprechen. einem günstigeren Kosten-Nutzen-Verhältnis
Vor weiteren Umwandlungen im Sinne von geführt hätte.
„Trittsteinbiotopen“ für die vom Niederwald
profitierenden Arten sollte anhand intensiver
Begleituntersuchungen dies kritisch überprüft
und bewertet werden. Im Prinzip handelt es
sich hierbei um eine künstliche Waldform, die
für fast alle waldtypischen Arten keinen Platz
mehr bietet; insbesondere nicht für die Höh-
lenbewohner, seien es Spechte oder xylobion-
te Käferarten. Das gilt ebenso für die an star-
kes Totholz gebundenen Pilzarten. Nieder-
wald-Bewirtschaftung führt zur Degradation
der Waldböden. Das hat zur Folge, dass der
Zuwachs in solchen Wäldern dramatisch
absinkt, im Gegensatz zum Hochwald, der das
Drei- bis Vierfache an Zuwachs hat (je nach
Standort). Um den Wald als CO2-Senke nutzen
32 | 33

Finanzloch schluckt Staatswald


60 Waldflächen, insbesondere in der Eifel
Das Land Nord-
rhein Westfalen
verkauft sogar in
Schutzgebieten
wertvolle Wälder,
um seinen Haus-
halt zu sanieren.

Bundesland: Nordrhein-Westfalen Details:


Landkreise: Kreis Euskirchen Der Landesbetrieb Wald und Holz hat insge-
und weitere samt fast 60 Waldflächen in NRW zum Ver-
Waldbesitzart: Staatswald kauf ausgeschrieben. Darunter befinden sich
Verantwortlich für viele kleine Splitterbesitzparzellen, aber auch
Bewirtschaftung/ große zusammenhängende Waldflächen. Ganz
Verkauf: Landesbetrieb Wald und besonders betroffen ist der Kreis Euskirchen.
Holz NRW/Land NRW Hier stehen insgesamt etwa 2.700 Hektar in
Zeitraum: laufend fünf Gebieten zum Verkauf an. Darunter auch
ökologisch wertvolle Gebiete wie die Natura
2000-Flächen Weyerer Wald im Mechernicher
Tatbestand: Stadtgebiet und Stromberg im Bereich der
Verstoß gegen Landesforstgesetz, Bundesna- Gemeinde Blankenheim. Als größter Käufer ist
turschutzgesetz, Programm Ahr 20001 und die Bofrost-Stiftung im Gespräch, aber auch
Liegenschaftskonzept des Landes Nordrhein- verschiedene kommunale Körperschaften
Westfalen haben Interesse an den Flächen bekundet. Der
Verkaufserlös, rund 25,5 Millionen Euro, soll
der Haushaltskonsolidierung dienen.
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ 60 Waldflächen, insbesondere in der Eifel

ermöglichen“. Das Landesforstgesetz weist


dem Wald in öffentlichem Eigentum somit
eine besondere Bedeutung für die Erholungs-
funktion zu. Diese besondere Zweckbindung
ginge mit einem Verkauf an Private verloren.

Die jetzt im Kreis Euskirchen zum Verkauf ste-


henden Flächen sind in weiten Teilen (47 Pro-
zent) Schutzgebiete (NSG und FFH), unter
anderem sind Kalkbuchenwälder, orchideen-
reicher Magerrasen sowie wertvolle Auenbe-
reiche geschützt. Mit dem Schwarzstorch, der
Wildkatze und verschiedenen Spechtarten
sind in vielen Gebieten auch zahlreiche
besonders schützenswerte Arten der europäi-
schen Natura 2000-Anhanglisten zu finden.
Gerade hier sind besondere Sensibilität und
Das Land trägt Kritik bzw. Rechtsverstoß: der Schutz einer schonenden Bewirtschaftung
Verantwortung Im Landeswaldgesetz (§§ 31 ff LFoG) sind eine durch die öffentliche Hand von herausragen-
gegenüber den Reihe von besonderen Vorschriften für den der Bedeutung.
künftigen Gene- Staatswald und öffentlichen Waldbesitz auf-
rationen – auch
geführt, die der besonderen Gemeinwohlver- In vielen der Gebiete greift das von der EU
im Wald!
pflichtung des öffentlichen Waldes Rechnung vorgeschriebene Verschlechterungsverbot und
tragen sollen und die für den Privatwald nicht die Verpflichtung, die Gebiete im Natur-
gelten. Eine Privatisierung von Staatswäldern schutzsinne weiterzuentwickeln, da es sich
bedeutet demnach eine Absenkung der um FFH-Gebiete handelt. Da das Land NRW
gesetzlichen Vorgaben für die betroffenen trotz Flächenverkauf für die gemeldeten
Wälder. Dies betrifft die Verpflichtungen im Natura 2000-Gebiete verantwortlich bleibt,
Staatswald, die Wohlfahrtswirkungen des sind Sanktionszahlungen des Landes an die EU
Waldes zu sichern, in besonderem Maße die in Millionenhöhe zu erwarten, sollte sich der
Erholung der Bevölkerung zu ermöglichen, Zustand der Schutzgebiete und der gefährde-
den Wald vor Schäden zu bewahren und wis- ten Arten nachhaltig verschlechtern.
senschaftliche Forschung zu ermöglichen. Der geplante Verkauf von rund 2,3 Prozent der
NRW weist als bevölkerungsreichstes Bundes- Gesamtstaatswaldfläche an die Bofrost-Stif-
land mit nur 14 Prozent den geringsten Wald- tung (oder an einen anderen privaten Unter-
anteil aller Bundesländer auf. Zusätzlich sind nehmer) widerspricht somit den Vorgaben des
nur 120.000 von 900.000 Hektar der Waldflä- Landesforstgesetzes im Hinblick auf die Erfül-
che in öffentlicher Hand und dienen deshalb lung der Schutz- und Erholungsfunktionen in
der Bevölkerung zur Erholung in besonderem allen Punkten.
Maße. Ein Verkauf würde deshalb einen Ver- Der Verkauf ist auch problematisch im Hin-
stoß gegen § 31 LFoG darstellen: „Die betrau- blick auf § 7 BNatSchG zu sehen. Dieser for-
ten Stellen haben die Wohlfahrtswirkungen dert bei der Bewirtschaftung von Grundflä-
des Waldes zu sichern und in besonderem chen im Eigentum oder Besitz der öffentlichen
Maße die Erholung der Bevölkerung zu Hand, dass die Ziele und Grundsätze des
34 | 35

Naturschutzes und der Landschaftspflege in


besonderer Weise berücksichtigt werden. Für
den Naturschutz besonders wertvolle Grund-
flächen sollen in ihrer ökologischen Beschaf-
fenheit nicht nachteilig verändert werden.
Eine Privatisierung würde auch hier eine
Absenkung der gesetzlichen Standards bedeu-
ten (siehe oben).

Der Verkauf steht zudem dem forstfiskalischen


Liegenschaftskonzept des Landesbetriebes
entgegen, wonach große arrondierte Waldge-
biete in den Staatswaldkernregionen die wirt-
schaftliche Basis des landeseigenen Forstbe-
triebes bilden sollen. Ziffer 2.1. des Konzepts
sieht als Ziel die „Sicherung und Vermehrung
der landeseigenen Waldfläche und anderer
ökologisch wertvoller Flächen“ vor. Unter Zif- schlüssigen Argumenten klar und deutlich Das Schicksal
fer 2.3 wird ausdrücklich auf die Förderung gegen den Staatswaldverkauf aus. Nachdem dieser schönen
der Wertigkeit des Waldes für den Tourismus die Regierungsmehrheit versuchte, über den alten Eiche ist
in den ländlichen Räumen sowie auf die Erhal- Beschluss des Nachtragshaushalts auch den nach dem Ver-
tung von Arbeitsplätzen im ländlichen Raum Waldverkauf zu legitimieren, kam es nach hef- kauf genauso
hingewiesen. Deshalb soll nur Streubesitz von tigem Streit in nichtöffentlichen Sondersit- ungeklärt, wie
geringer wirtschaftlicher Größe verkauft wer- zungen des Umweltausschusses und des das vieler anderer
Bäume.
den. Bei über 2.700 Hektar, verteilt auf ledig- Unterausschusses für Landesbetriebe und
lich fünf Waldorte, kann aber keinesfalls mehr Sondervermögen, der ein Unterausschuss des
von Streubesitz gesprochen werden. Die Ver- Haushaltsausschusses ist, doch noch zu einer
kaufspläne widersprechen auch Aussagen von Debatte und einem gesonderten Beschluss des
Forstminister Uhlenberg, der 2005 zusagte, Landtages. Als Käufer soll jetzt doch die
dass weder eine Privatisierung des Staatswal- Bofrost-Stiftung fungieren und nicht die
des noch ein Verkauf zugunsten des Landes- Waldverwertungs-GmbH in Verbindung mit
haushaltes geplant sei.2 der Silva NRW GbR. Damit soll der Wider-
spruch zwischen Anbieter im Submissionsver-
Konsequenzen des Eigentümers, fahren und Käufer beseitigt werden.
Wirtschafters bzw. der Behörden: Trotz massiver öffentlicher Proteste hat der
Am 06.02.09 fand im Plenum des Düsseldorfer Landtag am 06.05.09 mit 91 gegen 82 Stim-
Landtags die Expertenanhörung zum Staat- men den Staatswaldverkauf beschlossen.
waldverkauf statt. Neben den Vertretern der Damit hat erstmals in der Geschichte des Lan-
Forst- und Umweltverbände nahmen auch die des NRW eine Landesregierung Staatswald
Bürgermeister der betroffenen Eifelgemeinden mit dem Argument der Sanierung der Staats-
sowie rund 150 Bürger teil. Mit Ausnahme des finanzen veräußert. Bisher bestand immer
Leiters des Privatforstbetriebes Fürst zu Für- unter allen im Düsseldorfer Landtag vertrete-
stenberg und des Sprechers des Waldbauern- nen Parteien vor dem Hintergrund der gerin-
verbandes sprachen sich alle Experten mit gen landeseigenen Waldfläche der Konsens,
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ 60 Waldflächen, insbesondere in der Eifel

die Staatswaldfläche zu mehren oder minde- für oder gegen den Wald bestimmen.
stens zu erhalten. Erlöse aus bisherigen Ver- Die vier anerkannten Naturschutzverbände
käufen wurden immer wieder in neue Wal- (BUND, NABU, LNU, SDW) lehnen deshalb in
dankäufe zur Arrondierung oder aus natur- einer gemeinsamen Stellungnahme den
schutzfachlichen Gründen investiert. Bemer- Staatswaldverkauf ab.
kenswert ist der erhebliche Protest der betrof- Sollte das Land trotz seiner selbst gestellten
fenen Bürger. Innerhalb weniger Wochen Vorgaben vom November 2008 zusammen-
wurden über 4.000 Unterschriften gesammelt hängende Waldstücke veräußern, bleibt für
und dem Umweltminister übergeben. Zwi- den BUND und die anderen Naturschutzver-
schenzeitlich haben einzelne betroffene Eifel- bände Voraussetzung, dass ein solcher Verkauf
Kommunen (Blankenheim, Nettersheim) nur an die öffentliche Hand und/oder eine
beschlossen, bestimmte Naturschutzflächen gemeinnützige Natur- und Umweltstiftung
auf ihrem Gebiet, die in diesem Verkaufspaket erfolgt. Angesichts der geringen Staatswald-
enthalten sind, über den Kreis Euskirchen, der quote des Landes NRW ist allerdings ein Ver-
hierfür ein Vorkaufsrecht hat, zu erwerben. kauf an (andere) kommunale Körperschaften
Damit wären zumindest einige Kernzonen der nur als zweitbeste Lösung gegenüber dem
Bofrost-Fläche weiter für die öffentliche Hand Verbleib beim Land zu sehen. Wie in Umfragen
gesichert. immer wieder bestätigt wird, lehnt es die ganz
überwiegende Mehrheit der Bürgerinnen und
Schlussfolgerungen bzw. Bürger ab, Staatswald als Wald aller Bürgerin-
Forderungen des BUND: nen und Bürger zu verkaufen.
Die vom Landtag beschlossenen großflächigen
Verkäufe zeigen aus Sicht des BUND die
geringe Wertschätzung der derzeitigen Regie-
rung des Landes Nordrhein-Westfalen im Hin-
blick auf die vielfältigen Gemeinwohlfunktio-
nen des Staatswaldes. Viele für den Natur-
schutz und die Erholung besonders wertvolle
Flächen befinden sich im Staatswald, dem
Bürgerwald. Die öffentliche Hand ist national
und international zahlreiche Verpflichtungen
zum besseren Schutz der Wälder eingegan-
1 Eine Machbarkeitsstudie zeigte Anfang der 90er Jahre, dass der Oberlauf der Ahr
gen. Diese Vorgaben müssen zuerst in staatli-
hervorragende Bedingungen für den Schutz und die Entwicklung eines typischen
chen Wäldern umgesetzt werden. Im Staats- Fließgewässers im Mittelgebirge aufwies. So wurde im Jahr 1993 das Naturschutz-
wald sind also verstärkt jene Aufgaben zu Großprojekt Ahr 2000 aus der Taufe gehoben. Projektträger ist der Kreis Euskirchen.
erfüllen, die im Privatwald nicht erfüllt wer- Die weitere finanzielle Förderung erfolgte über den Bund (Bundesamt für Natur-

den, weil sie mit den wirtschaftlichen Interes- schutz), das Land Nordrhein-Westfalen (Ministerium für Umwelt und Naturschutz,
Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen) und die
sen nicht übereinstimmen. Der Staat darf sich
Nordrhein-Westfalen-Stiftung für Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege. Für die
hier nicht aus den Gemeinwohlverpflichtun- Wälder wurde die Zielsetzung formuliert, den Anteil naturnah bewirtschafteter
gen zurückziehen und diese Verpflichtungen Laubwälder im Gebiet zu erhöhen. Zur Erhöhung der Artendiversität und zur Schaf-
auf den Privatwald abschieben. Gerade wenn fung naturnaher Waldlebensräume sollen Teilbereiche der altholzreichen Buchen-

die Flächen derartige Bedeutung für die biolo- wälder dauerhaft aus der forstlichen Nutzung genommen werden.

gische Vielfalt haben, darf nicht das fehlende


2 AGRA-EUROPE 37/05 vom 12. September 2005: Staatswald in Nordrhein-West-
Geld in der Haushaltskasse die Entscheidung falen wird nicht zerschlagen (30)
36 | 37

Entwertung von Lebensräumen


Naturschutzgebiete Flotzgrün und Schwarzwald bei Mechtersheim
Gefällte
Altbuche mit drei
Schwarzspecht-
höhlen aus dem
Bestand -
Verkehrssiche-
rungspflicht kann
nicht als Recht-
fertigung gelten

Bundesland: Rheinland-Pfalz Eingriffe registriert und dokumentiert, die zu


Landkreise: Germersheim, Ludwigsha einem erheblichen Teil den Habitatschutz
fen und kreisfreie Stadt nach Maßgabe der FFH-Richtlinie verletzen1.
Speyer Das Gesamtgebiet umfasst 2.063 Hektar und
Waldbesitzart: Staatswald, Gemeindewald ist sowohl als FFH- als auch als SPA-Gebiet
Lingenfeld, Stadtwald ausgewiesen.
Speyer, Bundeswald (Was-
ser- und Schifffahrtsamt Exemplarisch werden im Folgenden zwei
Mannheim) Sachverhalte, die den 2005 definierten Erhal-
Verantwortlich für tungszielen für das FFH-Gebiet eindeutig
Bewirtschaftung: Landesforsten Rheinland- widersprechen, näher beleuchtet.
Pfalz – Forstamt Pfälzer
Rheinauen und Bundes- 1. Entwertung der Restbestände des reifen
forstverwaltung Albers- Stieleichen-Feldulmen-Auenwaldes (LRT 91F0)
weiler durch fortwährende Entnahme alter Bäume:
Zeitraum: laufend seit 1992 Viele Eichen-Altgehölze wurden stark aufge-
lichtet, weshalb sich im Unter- und Zwischen-
stand vor allem die Esche immer mehr durch-
Tatbestand: setzt. Auf diese Weise findet so zwangsläufig
Zahlreiche Verstöße gegen Erhaltungsziele eine allmähliche Überführung von Alteichen-
beziehungsweise das Verschlechterungsverbot Beständen in Eschen-Wirtschaftswald statt.
der FFH-Richtlinie Unter naturschutzfachlichen Gesichtspunkten
sind schon viele Altgehölze stark entwertet.
Details: Ein Nutzungsverzicht auf Anraten des BUND
Seit Inkrafttreten der FFH-Richtlinie im Jahr wurde von der Leiterin des Forstamts Pfälzer
1992 wurden in der rezenten Aue zwischen Rheinauen abgelehnt.
Speyer und Mechtersheim rund 120 forstliche
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Naturschutzgebiete Flotzgrün und Schwarzwald bei Mechtersheim

Eichen-Hain-
buchen-Bestand,
in dem im Winter
2007/08 etwa die
Hälfte der Bäume
entnommen
wurde.

Das NSG Flotzgrün (202 Hektar) besaß 5,2 Hainbuchen-Bestand wird, gewollt oder nicht,
Hektar naturnahe Alteichen-Gehölze, bevor in einen Eschen-Ahorn-Wirtschaftswald über-
im Januar 2006 östlich der Entenlache auf führt. Durch den Eingriff wurden die Habitate
mehr als zwei Hektar weit über die Hälfte der zahlreicher Fledermausarten wie Höhlenbäu-
80- bis 90-jährigen Stieleichen (91F0) gefällt me beeinträchtigt beziehungsweise gefällt
wurden. Auf den Flächen verblieben in erster und damit zerstört. Großer Abendsegler, Klei-
Linie Bergahorn sowie einige Buchen und ner Abendsegler, Rauhhautfledermaus, Mük-
Eschen. Die kleinen Eichenwäldchen waren kenfledermaus, Wasserfledermaus, Fransen-
sehr unterholzreich, die Waldbodenvegetation fledermaus, Braunes Langohr (Anhang lV-
typisch ausgeprägt. Massenhaft kamen Wald- Arten) und Bechsteinfledermaus (Anhang ll-
veilchen, Maiglöckchen und Scharbockskraut und lV-Art) konnten vorher dort beobachtet
vor, und auch die Einbeere trat relativ häufig beziehungsweise nachgewiesen werden.
auf. Im August 2006 war die biotoptypische Daneben verursachte eine intensive Holznut-
Waldbodenvegetation bereits überwiegend zung in Kulturpappelbeständen nach Kahl-
von Sumpfsegge und Indischem Springkraut schlag auch massive Bodenschäden durch
verdrängt. tiefe Gleisbildung in den Rückegassen und
durch flächiges Befahren.
2. Holzernte mit zu hoher Eingriffsstärke in
einem Eichen-Hainbuchen-Bestand (LRT Kritik bzw. Rechtsverstoß:
9160): Es liegen mehrfache Verstöße gegen die FFH-
In der Altaue im NSG Schwarzwald bei Mech- Richtlinie und SPA-Richtlinie vor:
tersheim (Staatsforst) wurde auf einer Fläche ■ Entwertung der Restbestände des reifen
von rund vier Hektar im Winter 2007/2008 Stieleichen-Feldulmen-Auenwaldes (LRT
etwa die Hälfte der Bäume entnommen. Im 91F0) durch fortwährende Entnahme alter
Unterstand hat sich eine üppige, nahezu Bäume
gleichaltrige Naturverjüngung von Esche, ■ Entwertung des Lebensraumtyps Eichen-
Berg- und Spitzahorn etabliert. Der Eichen- Hainbuchen-Bestand (LRT 9160) durch
38 | 39

Holzernte mit hoher Eingriffsstärke und ■ Die Bodenschäden durch Holzernte- und
Entnahme von Biotopbäumen Rückemaschinen und das flächige Befah-
■ Verhinderung der Neuansiedlung von Sil- ren der Waldbestände widersprechen dem
berweiden-Auenwäldern (LRT *91E0) durch Bodenschutzgesetz, § 5, Abs. 1 LWaldG
erneute Bestockung mit Kulturpappel nach sowie den PEFC-Richtlinien.
Nutzung hiebsreifer Bestände auf Weich-
holzaue-Standorten Konsequenzen des Eigentümers,
■ Zerstörung des prioritären Lebensraumtyps Wirtschafters bzw. der Behörden:
*91E0 durch Kappung von Baumweiden Auf Anregung des BUND-Landesverbandes
■ Durch starke, teilweise viel zu frühe Auf- Rheinland-Pfalz fand am 05.09.2008 ein
lichtung wurde und wird eine flächige gemeinsamer Ortstermin mit Vertretern von
Ausbreitung von Neophyten (Kahle Goldru- Forst- und Naturschutzbehörden statt. Wenn-
te, Drüsiges Springkraut) gefördert und gleich die Forstverwaltung eingeräumte, dass
infolgedessen eine Naturverjüngung ver- im Einzelfall die Entnahme zu hoch sei, soll
hindert. die generelle Wirtschaftsweise beibehalten
■ Erhebliche Beeinträchtigung durch Ent- werden. Auf den Einsatz von Vollerntemaschi-
wertung der Lebensräume folgender Arten nen (Harvester) im Auwald wird aufgrund
nach Anhängen der FFH-/VS-Richtlinien: einer diesbezüglich erfolgreichen FSC-
Bechsteinfledermaus, Hirschkäfer, Grau- Beschwerde seit dem Jahr 2003 generell ver-
specht, Mittelspecht und Schwarzspecht zichtet.
■ Die flächigen Entnahmen sind als Kahl- Die umfangreichen Fällungen in der Altaue im
schlag zu werten, werden aber nach dem NSG Schwarzwald bei Mechtersheim begrün-
Landeswaldgesetz als ordnungsgemäß deten die Forstbehörden mit Verkehrssiche-
bezeichnet2. rungsmaßnahmen und Hallimaschbefall. Dies
■ Die Fällung von Höhlenbäumen wird als wurde von BUND-Vertretern vor Ort über-
Verstoß gegen § 25 LWaldG und § 28 prüft. Dazu wurde jedoch keine für Hallimasch
LNatSchG gewertet. typischen Kennzeichen festgestellt. Verkehrs-
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Naturschutzgebiete Flotzgrün und Schwarzwald bei Mechtersheim

jekt für andere FFH-Gebiete in Rheinland-


Pfalz fungieren.
Unabdingbar ist außerdem die Integration der
FFH-Vorgaben in die aktuelle Waldbewirt-
schaftung und vor allem in die künftige Forst-
einrichtung. Der alte Forstwirtschaftsplan
trägt den neuen Vorgaben noch keine Rech-
nung. Bis ein Managementplan vorliegt, müs-
sen wesentliche Aspekte der Natura 2000-
Vorgaben und -Ziele bei der Waldbewirtschaf-
tung berücksichtigt werden. Baldige Gesprä-
che zwischen Oberer Naturschutzbehörde,
Forstverwaltung und den Naturschutzverbän-
den sind erforderlich.

Das Drüsige sicherungsmaßnahmen sind für flächige


Springkraut Hiebsmaßnahmen, die vor allem im Inneren
(Impatiens glan- der Waldbestände durchgeführt werden,
dulifera) ist nach schlicht nicht notwendig.
der Entnahme
fast sämtlicher
Schlussfolgerungen bzw.
Alteichen die
Forderungen des BUND:
dominierende
Krautpflanzenart Die Wirtschaftsweise in den Natura 2000-
im Eichen-Wäld- Wäldern südlich von Speyer verschlechtert
chen des NSG laufend deren naturschutzfachlichen Wert.
Flotzgrün Dies steht im Widerspruch zu der FFH- bezie-
1 Dokumentiert von Bernhard Glaß, biologisch-technischer Assistent am Institut für
geworden. hungsweise Vogelschutz-Richtlinie und zu
Zoologie der Universität Heidelberg. Er erstellte in den letzten Jahren einen Über-
zentralen Punkten des Landeswaldgesetzes. blick über die gravierendsten Verstöße der Forstwirtschaft gegen Erhaltungsziele
Ein Management- oder Bewirtschaftungsplan beziehungsweise das Verschlechterungsverbot in den Rheinauenwäldern südlich
für das FFH-Gebiet Germersheim-Speyer wie von Speyer. Dieser Bericht ist unter anderem Gegenstand der von Glaß 2009 erho-

für sehr viele weitere FFH-Gebiete im gesam- benen „Beschwerde an die Kommission der europäischen Gemeinschaften wegen
Nichtbeachtung des Gemeinschaftsrechts, (…).“
ten Bundesgebiet existiert auch 2009 noch
Im Dezember 1990 wurde er für beispielhafte Leistungen mit dem Umweltpreis
nicht. Nach Auskunft der Oberen Natur- der Stadtverwaltung Speyer ausgezeichnet. Als Beauftragter für Landespflege war
schutzbehörde ist nicht absehbar, wann für er ab dem Jahr 2001 ehrenamtlich für die Stadt Speyer tätig. Aus Protest gegen
das Gebiet überhaupt ein Plan erstellt werden die Bewirtschaftungsweise des Speyerer Auwaldes legte er im Jahr 2005 sein auf

kann. fünf Jahre befristetes Ehrenamt vorzeitig nieder. Veröffentlicht in: Die Rheinpfalz
vom 18.03.2005, Speyerer Morgenpost vom 22.03.2005, SWR4-Radiobeitrag vom
Um die Vielfalt und Eigenart dieses Gebiets
05.12.2005, SWR3-Fernsehbeitrag vom 19.04.2005 und 26.04.2006.
auch zukünftig erhalten zu können, ist es aber
dringend notwendig, die Umsetzung der EU- 2 Nach § 5 (1) LWaldG sind Absenkungen bis 0,4 des Bestockungsgrades erlaubt;
Vorgaben voranzutreiben. So könnte die Kahlschläge in gleichaltrigen Reinbeständen sind bis zwei Hektar erlaubt. Der

Managementplanung für den Auwald zwi- größte bisher beobachtete Kahlhieb lag bei 1,5 Hektar nach Entnahme von
Hybridpappeln im NSG Schwarzwald bei Lingenfeld.
schen Germersheim und Speyer als Pilotpro-
40 | 41

Plündern vor Abgabe


Ehemaliger Truppenübungsplatz Wentorfer Lohe
Drei nebeneinan-
der stehende
Eichen wurden an
einer Sackgasse
gefällt, die nicht
von den Besu-
chern begangen
wurde.

Bundesland: Schleswig-Holstein schen Vielfalt in Deutschland als „Nationales


Landkreis: Herzogtum Lauenburg Naturerbe“ dauerhaft in hoher naturschutz-
Waldbesitzart: Bundeswald fachlicher Qualität sichergestellt werden sollen.
Verantwortlich für Obwohl das Gebiet derzeit noch auf der Nach-
Bewirtschaftung: Bundesforst rückerliste steht, ist der naturschutzfachliche
Zeitraum: Winter 2007/2008 Wert unbestritten. Das Bundesumwelt- und das
Bundesfinanzministerium (mit der Bundesan-
Tatbestand: stalt für Immobilienaufgaben BIMA) hatten
Verstoß gegen Prinzipien einer ordnungsge- schon 2006 vereinbart, diese Flächen sofort zu
mäßen Waldbewirtschaftung entsprechend sichern und in ihrem Naturschutzwert zu erhal-
einer guten fachlichen Praxis unter anderem ten. Diese sollen dann als „gesamtstaatlich
durch Entnahme von Alt- und Biotopbäumen, repräsentative Naturschutzflächen des Bundes“
insgesamt zu hohe Eingriffstärken, unsachge- an die Landesstiftung Naturschutz Schleswig-
mäße Ausführung des Holzeinschlages Holstein übergeben werden. Die Lohe stand
jahrelang zum Verkauf, fand aber keinen
Details: Abnehmer.
Im Winter 2007/2008 fanden umfangreiche
Holzfällungen in der Wentorfer Lohe statt. Die Der Bundesforst hat dort im Winter 2007/2008
Lohe ist ein ehemaliger Standortübungsplatz Eingriffe durchgeführt, bei denen insgesamt
der Bundeswehr, der etwa 240 Hektar groß ist über 1.000 Bäume, darunter vorwiegend wert-
und sich im Besitz des Bundes befindet. Er ist volle Eichenstämme, gefällt wurden. Zusätzlich
seit 1997 beliebtes Naherholungsgelände für wurde Buschwerk entlang der Wege zu Hack-
Walker, Jogger, Spaziergänger und Reiter. gut verarbeitet, etwa 3.000 Kubikmeter. Das
Die Wentorfer Lohe gehört zu der 125.000 Stammholz ist fast ausschließlich an den
Hektar großen Tranche bundeseigener Flächen, Wegen und den Waldrändern geschlagen wor-
die nach Beschluss der Bundesregierung als den. Im Bestandesinneren der Forstflächen
vorbildlicher Beitrag zur Sicherung der biologi- wurde so gut wie nichts entnommen.
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Ehemaliger Truppenübungsplatz Wentorfer Lohe

Zum Teil sind auch Naturdenkmäler und Bio- kehrssicherung nicht als Kahlschlag. Da je-
topbäume gefällt worden. Das Schreddergut doch die Verkehrssicherungspflichten außer-
wurde zunächst tonnenweise gelagert, ehe es halb von öffentlichen Verkehrsstraßen im
nach Dänemark abgefahren wurde. Die mit Landeswaldgesetz 2004 aufgehoben wurden,
Birken und Eichen besäumten Wege haben entsprechen Abholzungen entlang von Wegen
durch die Entnahme von rund 80 Prozent der und ehemaligen Knicks Kahlschlägen (§ 5
Randbäume eine völlige Entwertung erfahren. LWaldG).
Nach dem Motto: „schnell, schnell“ sind die
Stämme beim Fallen teilweise aufgerissen, Konsequenzen des Eigentümers,
kniehohe Stubben sind stehen geblieben. Die Wirtschafters bzw. der Behörden:
beauftragten Fremdfirmen wurden mit dem Ein erster verhängter Einschlagstopp wurde
entnommenen Holz bezahlt. ignoriert, erst nach weiteren Protesten stopp-
Die Holzeinschläge wurden mit der Verkehrs- te der Bundesforst die Arbeiten komplett. Bei
sicherung begründet, da es sich aufgrund der einem Ortstermin im Februar 2008 teilte der
Naherholung um ein stark frequentiertes Bundesforst mit, den Einschlag fortzuführen,
Gebiet handelt. Allerdings wurden sehr viele da das Bürgerliche Gesetzbuch über das
junge, vitale Bäume, wie zum Beispiel 100- Waldgesetz zu stellen sei. Eigentümer von
jährige Eichen flächig bis streifenweise ent- Grundstücken sind demnach verpflichtet,
lang der Wege gefällt. Aufgrund ihrer Vitalität Schaden von anderen Menschen abzuwenden,
und des geringen Alters stellen sie in der alle alten Eichen müssten rigoros entfernt
Regel keine bis geringe Gefährdung der Ver- werden. Der Bundesforst begründete die Fort-
kehrssicherheit dar. Eine akute Gefahr ging setzung der Maßnahme neben der Verkehrssi-
somit nicht von allen Bäumen aus. Es hätte cherung auch damit, dass es keinen binden-
deshalb zwingend eine einzelbaumweise Prü- den Vertrag für Flächen des „Nationalen
fung der Verkehrssicherheit und dann gegebe- Naturerbes“ gäbe. Immerhin rettete die Zu-
nenfalls eine Entnahme erfolgen müssen, um rückweisung des angeblichen Knickschutzes
den Vorgaben zur Verkehrssicherung gerecht durch die Naturschutzbehörde einige hundert
zu werden. Eichen.
Die Fällung wurde teilweise auch als „Revita- Inzwischen haben die Gemeinden beschlos-
lisierung" vormals vorhandener Knicks1 be- sen, die Lohe als Landschaftsschutzgebiet
zeichnet. An den hinterlassenen Stubben wird auszuweisen. Die Vorarbeiten werden von der
aber wegen unsachgemäßer Fällung kein neu- Unteren Naturschutzbehörde vorgenommen.
er Bewuchs ausschlagen. Eine Revitalisierung
ist ohne menschliches Zutun (wie zum Bei- Schlussfolgerungen bzw.
spiel Neuanpflanzung) ausgeschlossen. Forderungen des BUND:
Die Art und Weise der Durchführung der Maß-
Kritik bzw. Rechtsverstoß: nahme lässt den Schluss zu, dass die BIMA
Die Entnahme von Biotopbäumen stellt einen mit ihrer Sparte Bundesforst noch vor der
Verstoß gegen § 42 BNatSchG (Schutzvor- Abgabe der Fläche den größtmöglichen finan-
schriften für besonders geschützte und be- ziellen Nutzen aus den Waldflächen ziehen
stimmte andere Tier- und Pflanzenarten) und wollte. Hier wurde offensichtlich unter dem
§§ 1 und 11 BWaldG (ordnungsgemäße und Vorwand der Verkehrssicherung versucht, in
nachhaltige Bewirtschaftung des Waldes) dar. der Wentorfer Lohe flächig, schnell und billig
Nach § 5 LWaldG gelten Maßnahmen zur Ver- möglichst viel Holz einzuschlagen, bevor das
42 | 43

Waldgebiet unentgeltlich als „Nationales


Naturerbe“ an das Land übergeht. Damit wird
sogar die Übernahme als „Nationales Natur-
erbe“ gefährdet. Für diese derart flächig aus-
geführten Verkehrssicherungsmaßnahmen
gibt es keinen sachlichen Grund, da hier auch
Bäume entnommen wurden, die gesund waren
und von denen keinerlei Gefährdung ausging.
Genauso wenig zutreffend ist das Argument
„Knickpflege“, da es sich bei den Waldrändern
um Bäume mit einem Alter von 100 Jahren
und mehr nicht mehr um Knicks handelte.
Durch diese Maßnahme lassen sich diese
Knicks auch nicht revitalisieren.
Damit die für das „Nationale Naturerbe“ vor-
gesehenen Flächen für die Überführung ihr
Aussehen wahren, wurde zwischen Bundes-
amt für Naturschutz (BfN) und BIMA verein-
bart, dass diese Flächen nicht entwertet wer-
den dürfen. Sinnvolle Verkehrssicherung ist
also durchaus zulässig, profitorientiertes
Abholzen jedoch nicht.

1 Knicks sind heckenförmige, für die schleswig-holsteinische Kulturlandschaft cha- oben: Komplett beseitigter Traufebereich
rakteristische und prägende Landschaftselemente. Im optimalen Pflegezustand
eines Buchen-Eichenwaldstücks
sind sie reich strukturiert und naturnah ausgebildet. Zu den in § 15b Abs. 5
LNatSchG vom 16.06.96 näher bezeichneten Knicks zählen auch natürlich mit
unten: Zwischengelagertes Schreddergut vor
Gehölzen bewachsene Grenzreihen. Knicks im Wald sind Bestandteile des Waldes.
dem Abtransport nach Dänemark
Für Knicks am Waldrand gelten auch die Bestimmungen des Landeswaldgesetzes.
In der Neufassung des Landesnaturschutzgesetzes von März 2007 ist der Schutz-
status der Knicks erhalten geblieben, auch wenn durch eine Änderung der Pflege-
bestimmungen und Ausnahmeregelungen schärfere Eingriffe möglich sind. Diese
kommen in den Maßnahmen in der Lohe nicht zum Tragen.
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Naturschutzgebiet Klüdener Pax-Wanneweh

Späte Einsicht
Naturschutzgebiet Klüdener Pax-Wanneweh
Wohn- und Brut-
stätten der elf im
Gebiet nachge-
wiesenen Fleder-
mausarten und
verschiedener
Vogelarten wur-
den zerstört.

Bundesland: Sachsen-Anhalt Fließgewässern und Traubenkirschen-Erlen-


Landkreis: Altmarkkreis Salzwedel, Eschenwäldern aufgeführt.
Landkreis Börde
Waldbesitzart: Staatswald Kritik bzw. Rechtsverstoß:
Verantwortlich für Es liegen Verstöße gegen das Bundes- und
Bewirtschaftung: Landesforstverwaltung Landesnaturschutzgesetz, das Bundes- und
Sachsen-Anhalt Landeswaldgesetz vor.
Zeitraum: Winter 2007/2008 ■ Durch den Einschlag eines baumhöhlenrei-
chen Altbestands sind in einem erheblichen
Umfang Baumhöhlen unterschiedlichster
Tatbestand: Art zerstört worden. Von diesen Maßnah-
Verstoß gegen Erhaltungsziele und Ver- men sind unter anderem die elf im Gebiet
schlechterungsverbot der FFH-Richtlinie und nachgewiesenen Fledermausarten und ver-
gegen Schutzziele des Naturschutzgebiets schiedene Vogelarten betroffen. Damit lie-
gen Verstöße gegen § 48 LNatSchG LSA
Details: und § 42 BNatSchG vor.
Im Winter und Frühjahr 2007/2008 führte der ■ Durch die Beseitigung dieses FFH-Lebens-
Landesforst mehrere Kahlschläge zwischen 1,2 raumtyps und der Lebens- und Aufzucht-
und 5,6 Hektar Größe unter Belassung von stätten von Arten nach Anhang II und IV
Überhältern durch. Zusätzlich wurden zahlrei- ist ein Verstoß gegen das Verschlechte-
che Höhlenbäume gefällt. Das Gebiet ist als rungsverbot der FFH-Richtlinie erfolgt.
Naturschutzgebiet ausgewiesen und als FFH- ■ Der Kahlschlag verstößt gegen §§ 7 und 22
Gebiet „Klüdener Pax-Wanneweh östlich Cal- WaldG LSA und außerdem gegen die
vörde“ von der EU bestätigt. Als zu erhaltende Schutz- und Entwicklungsziele der Verord-
Lebensraumtypen sind unter anderem Stern- nung des NSG „Klüdener Pax-Wanneweh“
mieren-Eichen-Hainbuchenwald, Erlen- und (NSG-Verordnung vom 17.11.1997).
Eschenwälder und Weichholzauenwälder an
44 | 45

Konsequenzen des Eigentümers, Das Wasserrechtsverfahren für die Anlage


Wirtschafters bzw. der Behörden: eines neuen Kranichbiotops ist mittlerweile
Der Landesforstbetrieb Sachsen-Anhalt räumte eingeleitet und die Baumaßnahme soll höchst-
nach der Maßnahme und vielfältigen öffentli- wahrscheinlich im August 2009 beginnen.
chen Reaktionen einen Verstoß gegen den
Naturschutz und das Forstrecht ein. Der Leiter Schlussfolgerungen bzw.
des Landesforstbetriebes kündigte daraufhin Forderungen des BUND:
an, mit der Naturschutzverwaltung Maßnah- Es wird anerkannt, dass der Landesforstbetrieb
men abzustimmen, um den Schaden zu begren- die Fehler einräumt und konkrete Maßnahmen
zen und Ausgleichsmaßnahmen vorzubereiten. ergriffen hat, um diese künftig zu vermeiden.
Als Folge dieser Verstöße wurden nach Aussa- Es ist im Bundeswaldgesetz ein grundsätzli-
ge der Landesregierung die Bediensteten der ches Verbot von Kahlschlägen durchzusetzen.
Landesforstverwaltung durch das Landesver- Bei den Forstbehörden sind verstärkt Schu-
waltungsamt und das Landesamt für Umwelt- lungsangebote zur Bedeutung der und zum
schutz im Umgang mit den Vorschriften der Umgang mit Natura 2000-Gebieten durchzu-
FFH- und Vogelschutz-Richtlinie im Wald ein- führen. Forstliche Maßnahmen in Natur-
gehend geschult. Damit sollen derartige Vor- schutzgebieten und Natura 2000-Gebieten
fälle künftig vermieden werden. Der Landes- sind immer vorab mit den zuständigen Natur-
forstbetrieb will die kahl geschlagenen Flächen schutzbehörden abzustimmen. Es ist umge-
wieder aufforsten. Dabei sollen die den FFH- hend ein FFH-Managementplan zu erstellen,
Lebensraumtypen entsprechenden Baumarten dessen Ergebnisse in die jährliche und periodi-
angepflanzt werden. Darüber hinaus soll der sche Forstplanung zu integrieren sind. Bis der Zerstörung der
Landesforstbetrieb im FFH-Gebiet zusätzlich Managementplan vorliegt, sind die natur- FFH-Lebens-
raumtypen
zu den fünf Habitatbäumen je Hektar, die schutzfachlich wertvollsten Teile vorüberge-
Sternmieren-
ohnehin dort vorgesehen sind, fünf weitere hend aus der Nutzung zu nehmen und für die
Eichen-Hainbu-
Habitatbäume je Hektar im Umfeld ausweisen bewirtschafteten Waldflächen sind als Ziele chenwald und
und dauerhaft erhalten. Die Bäume müssen zehn Biotopbäume und 40 Festmeter Totholz Erlen- und
besondere Habitatqualitäten besitzen und sol- pro Hektar anzustreben. Eschenwälder
len in Abstimmung mit den Naturschutzbehör- durch Kahlschlag
den festgelegt werden. Weiterhin ist die Anla-
ge eines Kleingewässers als Kranichhabitat zur
Sicherung der Kohärenz vorgesehen.
Auf drei betroffenen Flächen wurden 45.000
Eichen, 3.000 Eschen und 1.300 Roterlen sowie
Bergahorn gepflanzt. Alle drei Flächen wurden
mit Zäunen gegen Wildschäden geschützt. Die
Kulturen zeigen gute Anwuchserfolge und sind
in einem gepflegten Zustand. Der Landesforst-
betrieb hat sich generell verpflichtet, in FFH-
Gebieten je Hektar fünf Habitatbäume vorzu-
halten. Hier sollen nun für die sieben vom Ein-
griff betroffenen Hektar weitere fünf Habitat-
bäume pro Hektar im Umfeld ausgewiesen
werden.
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Naturpark Kyffhäuser

Deckmantel Verkehrssicherung
Naturpark Kyffhäuser
Über mehrere
hundert Meter
sensibles, mit
Altbuchen
bestocktes Hang-
gelände fiel dem
Kahlschlag zu
Opfer. Begründet
wurde die Maß-
nahme mit Ver-
kehrssicherung.

Bundesland: Thüringen Nutzungen. Der Kyffhäuser Wald ist ein


Landkreis: Kyffhäuserkreis beliebtes Naherholungs- und Tourismusgebiet
Waldbesitzart: Staatswald und naturschutzfachlich äußerst wertvoll.
Verantwortlich für Neben den Schutzkategorien Landschafts-
Bewirtschaftung: Landesforstverwaltung schutzgebiet und Naturpark sind im Kyffhäu-
Thüringen ser Gebirge fünf Naturschutzgebiete ausge-
Zeitraum: Winter 2007/2008 wiesen. 1997 wurde das „Naturschutzgroß-
projekt von gesamtstaatlich repräsentativer
Bedeutung Kyffhäuser“ bestätigt. Große Teile
Tatbestand: sind als Vogelschutz- und FFH-Gebiet ausge-
Verstöße gegen Erhaltungsziele und Ver- wiesen. Die Eingriffe bedeuteten so gravieren-
schlechterungsverbot der FFH-Richtlinie so- de Nachteile für das Landschaftsbild, dass
wie gegen Schutzziele in Naturschutzgebiet, Kommunalpolitiker negative Auswirkungen
Naturpark und Landschaftsschutzgebiet auf den Tourismus befürchteten.

Details: Kritik bzw. Rechtsverstoß:


Im Winter 2007/2008 führte der Thüringer Die mehrfachen Kahlschäge sind als Verstöße
Landesforst massive Holzeinschläge an ver- gegen § 5, Abs. 5 BNatSchG, §§ 18 und 19
schiedenen Stellen im Kyffhäuser Wald durch, ThürWaldG in Verbindung mit § 24, Abs. 3
unter anderem im Hangbereich entlang der ThürWaldG zu werten. Auch an der B 85 sind
B 85 zwischen Bad Frankenhausen und Kyff- derart großflächige Maßnahmen aus Ver-
häuser. Die Kahlschläge, die mit Verkehrssi- kehrssicherungsgründen keinesfalls notwen-
cherung begründet wurden, erstreckten sich dig. So stimmte die Obere Naturschutzbehör-
über mehrere hundert Meter des sensiblen de bei dem zuvor abgehaltenen Lokaltermin
Hanggeländes, das auch mit Altbuchen den Maßnahmen nur zu, „wenn die Entnahme
bestockt war. Zusätzlich gab es an weiteren einzelner Stämme westlich der Straße im Rah-
Stellen mehrere Kahlschläge und flächige men der regulären Durchforstung der Abwehr
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einer akuten Gefährdung der Verkehrsteilneh- die Ergebnisse der Revision besprochen. Wich-
mer auf der B 85 dient.“ tigstes Ergebnis: Die Zahlen für den laufenden
Außerdem wurde keine FFH-Verträglichkeits- 10-Jahres-Plan wurden reduziert, acht bis
prüfung durchgeführt, obwohl die Forstver- zehn Hektar Kahlfläche sollen in den nächsten
waltung bei einem zuvor abgehaltenen zwei bis drei Jahren wieder aufgeforstet wer-
Begang von den Naturschutzbehörden auch den. Außerdem soll die Bürgerinitiative künf-
auf die Vorgaben und Erhaltungsziele des FFH- tig im Vorfeld informiert werden, wenn Maß-
beziehungsweise SPA-Gebietes hingewiesen nahmen in Altbeständen geplant sind.
wurde. Unter anderem sollen Hirschkäfer,
Bechsteinfledermaus und Mopsfledermaus Schlussfolgerungen bzw.
geschützt werden. Unwissenheit über die Forderungen des BUND:
Wertigkeit des Gebietes bestand also zu kei- Es wird positiv gewertet, dass die Forstverwal-
nem Zeitpunkt. tung aus den zahlreichen und massiven Ver-
stößen Konsequenzen gezogen und Verände-
Konsequenzen des Eigentümers, rungen auf den Weg gebracht hat. Inwieweit
Wirtschafters bzw. der Behörden die naturschutzfachlichen Standards in der
Als Folge der gravierenden Eingriffe gründete Praxis zukünftig umgesetzt werden, wird man
sich die Bürgerinitiative „Kyffhäuserwald“ und abwarten müssen. Aber nicht nur in der Kom-
suchte den Dialog mit den Verantwortlichen. munikation nach außen bedarf es der Verbes-
Zunächst beharrte die Forstverwaltung auf der serung, sondern auch in der Kommunikation
Richtigkeit ihrer Handlungen und gab an, alle nach innen, wenn in der Sache etwas verbes-
entscheidenden Behörden beteiligt zu haben. sert werden soll. So müssen alle Waldarbeiter
Ministerpräsident Althaus und Bundesum- und Förster über die Naturschutzziele infor-
weltminister Gabriel wurden ebenfalls durch miert und über deren Umsetzung in der Praxis
die Bürgerinitiative kontaktiert, im April 2008 geschult werden. Die Naturschutzziele müssen
kam es zu einem gemeinsamen Ortstermin der in Planung, Durchführung und Kontrolle von
Interessengruppen. Dies hatte zur Folge, dass Maßnahmen insbesondere in ökologisch wert-
die Einschlagsmaßnahmen im Kyffhäuser end- vollen Wäldern und Schutzgebieten integriert
gültig beendet wurden, auch wenn damit die werden. In hochrangigen Schutzgebieten
Planzahlen nicht erreicht wurden und eine (Naturschutzgebiete, Natura 2000-Gebiete)
vorgezogene Revision der Einschlagspläne ist die Naturschutzverwaltung vor Durchfüh-
eingeleitet wurde. rung der Maßnahmen mit einzubeziehen. In
Die Forstverwaltung hat auch personelle Kon- FFH-Gebieten sind vor Eingriffen Verträglich-
sequenzen gezogen. Zwei Revierleiter wurden keitsprüfungen durchzuführen. Die FFH-
umbesetzt, aus drei Revieren im Kyffhäuser Managementplanung muss umgehend einge-
wurden zwei gemacht. Darüber hinaus fanden leitet werden und Bestandteil der Forstein-
umfangreiche Schulungen für alle Revierleiter richtung werden.
statt.
Ein erster Anfang zur Verbesserung der Kom-
munikation wurde am 5. und 6. Dezember
2008 gemacht. In Bad Frankenhausen fand
eine Tagung zum Thema „Forstwirtschaft und
Naturschutz“ statt, zu der die Landesforstver-
waltung eingeladen hatte. Dabei wurden auch
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Fazit

Fazit

Zusammenfassung der Ergebnisse

Die aus elf Bundesländern zusammengetrage-


nen 15 Fallstudien beinhalten etwa 50 Ein-
griffe, die gegen geltende Gesetze und Vor-
schriften verstoßen beziehungsweise aus
naturschutzfachlicher Sicht massiv zu kritisie-
ren sind. Die häufigsten Verstöße waren Kahl-
schläge, die in elf der 15 Fallstudien vorka-
men. Sechs dieser Kahlschläge wurden mit
Verkehrssicherungspflichten begründet. In
zwei Drittel der Fallstudien wurden Verstöße
gegen die FFH- beziehungsweise SPA-Richtli-
nie festgestellt. In mehr als der Hälfte der
Fälle wurden Biotopbäume verbotenerweise
gefällt. In drei Fällen wurde dabei auch die
Brut beziehungsweise Nachzucht von beson-
ders geschützten Arten zerstört. Eine größere
Bedeutung hatten außerdem überstarke
Eingriffe in die Altbaumausstattung sowie
Bodenschäden durch Holzerntemaschinen.

Die Studie zeichnet damit ein erschreckendes


Bild der deutschen Waldwirtschaft in den
öffentlichen Wäldern diverser Bundesländer.
Dabei zeigen sich erstaunliche Parallelen,
Handlungs- und Begründungsmuster in ver-
schiedenen Bundesländern über die unter-
schiedlichen öffentlichen Waldbesitzarten
hinweg. Eines der bemerkenswertesten Ergeb-
nisse ist, dass die in der Fallstudie kritisierten
Eingriffe von verantwortlicher Seite vielfach
nicht als kritikwürdig beziehungsweise nicht
als Verstoß gegen Vorschriften betrachtet
werden. Weiterhin ist auffällig, wie oft die
Verkehrssicherungspflicht als Deckmantel für
massive Eingriffe missbraucht wird.
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Schlussfolgerungen und Forderungen des 4. Verbot von Kahlhieben


BUND – im Überblick Kahlhiebe grundsätzlich verbieten

Mit dem Schwarzbuch Wald will der BUND 5. Umfassende Nachhaltigkeit der Holznut-
indes nicht pauschal die deutsche Forstwirt- zung sicherstellen
schaft anprangern, sondern auf verbreitet Holznutzung im öffentlichen Wald muss
ablaufende Fehlentwicklungen hinweisen. Um vorbildlich Arten- und Klimaschutzbelange
diese zu stoppen, fordert der BUND die Verant- beachten
wortlichen aus Forstwirtschaft, Politik und Ver-
waltung zum Handeln auf: Eine Novelle des 6. Hochrangige Schutzgebiete stärken
veralteten Bundeswaldgesetzes ist unerlässlich Naturschutzbehörden bei Eingriffen in
und überfällig. Die Umsetzung der FFH- und hochrangige Schutzgebiete umfassend ein-
Vogelschutz-Richtlinien drängt. Die konse- binden; Verstöße verfolgen und ahnden
quente Umsetzung der Ziele der Nationalen
Biodiversitätsstrategie durch alle Ressortpoliti- 7. FFH- bzw. SPA-Gebiete naturschutzfachlich
ken muss erfolgen. Die letzten Fragmente alter kompetent managen
Laubwälder müssen jetzt für die Zukunft Managementpläne für FFH- bzw. SPA-
bewahrt werden. Mit Blick auf die Ergebnisse Gebiete zeitnah erstellen und konsequent
des Schwarzbuch Wald fordert der BUND für umsetzen
die zukünftige Waldwirtschaft insbesondere:
8. Rahmenbedingungen der Forstwirtschaft
1. Eine „gute fachliche Praxis“ definieren verbessern
und verankern Kritische Überprüfung der Forstreformen
Eine allseits verbindliche Definition und die in Hinblick auf Erfüllung der ökologischen
gesetzliche Verankerung von Standards der Nachhaltigkeit sowie Korrektur des Perso-
„guten fachlichen Praxis“ auf Länder- ins- nalabbaus; Forstpersonal naturschutzfach-
besondere aber auf Bundesebene lich fortbilden

2. „Urwälder von morgen“ schaffen – 9. Zertifizierung des öffentlichen Waldes nach


Artenvielfalt umfassend bewahren FSC- bzw. Naturland-Standards, Ausstieg
Mittelfristig Stilllegung (Prozessschutz) von aus PEFC
mindestens 5 Prozent der Waldfläche in Öffentlichen Wald aufgrund seiner Vorbild-
Naturwaldreservaten und Kernzonen von funktion nach FSC- beziehungsweise
Großschutzgebieten, im öffentlichen Wald Naturland-Standards zertifizieren; aus
wegen der Vorbildfunktion 10 Prozent; Er- PEFC aussteigen
gänzung durch prozessgeschützte Trittstei-
ne auf weiteren 5 Prozent der Waldfläche 10. Angepasste, waldverträgliche Schalenwild-
dichten
3. Reduzierung der Verkehrssicherungspflich- Modernes Wildtiermanagement anstelle
ten der Waldbesitzer in den Wäldern von Trophäenjagd. Angepasste Wilddich-
Befreiung der Waldbesitzer von der Ver- ten nach dem Grundsatz „Wald vor Wild“
kehrssicherungspflicht in den Wäldern im
Hinblick auf natur- oder waldtypische
Gefahren
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Fazit

Schlussfolgerungen und Forderungen des 2. „Urwälder von morgen“ schaffen –


BUND – mit Hintergrund Artenvielfalt umfassend bewahren
Mittelfristig Stilllegung (Prozessschutz)
1. Eine „gute fachliche Praxis“ definieren und von mindestens 5 Prozent der Waldfläche
verankern in Naturwaldreservaten und Kernzonen
Eine allseits verbindliche Definition und die von Großschutzgebieten, im öffentlichen
gesetzliche Verankerung von Standards der Wald wegen der Vorbildfunktion 10 Pro-
„guten fachlichen Praxis“ auf Länder- ins- zent; Ergänzung durch prozessgeschützte
besondere aber auf Bundesebene Trittsteine auf weiteren 5 Prozent der
Waldfläche
Die im Schwarzbuch aufgezeigten negativen
Entwicklungen zeigen, dass es unumgänglich Wissenschaftliche waldökologische Untersu-
ist, allseits gesetzlich verbindliche Regeln chungen belegen, dass auch eine naturnah
einer „guten fachlichen Praxis“ für eine nach- ausgerichtete Forstwirtschaft die Biodiversi-
haltige Waldwirtschaft zu definieren. Viele tät der alten Laubwälder nicht umfassend
Sachverhalte sind in den Gesetzen bislang erhalten kann. Deshalb ist es aus Sicht des
nicht oder nicht hinreichend genau definiert. BUND unabdingbar, mittelfristig mindestens 5
Eine Definition und verbindliche Verankerung Prozent der Waldfläche aus der Nutzung zu
des Standards einer „guten fachlichen Praxis“ nehmen (Nullnutzung), im öffentlichen Wald
ist insbesondere in der dringend erforderli- wegen der Vorbildfunktion 10 Prozent. Die
chen Novelle des Bundeswaldgesetzes von ökologisch wertvollsten Waldgebiete sollen
Nöten. als Naturwaldreservate beziehungsweise
Kernzonen von Großschutzgebieten ausge-
Angesichts der verbreiteten Bodenschäden wiesen werden. Damit soll ein repräsentatives,
fordert der BUND, dass die Holzerntetechnik alle wichtigen Standorte und natürlichen
an die Zielvorgaben eines boden- und Waldgesellschaften umfassendes System an
bestandsschonenden Maschineneinsatzes an- Wald-Prozessschutzgebieten aufgebaut wer-
gepasst wird. Ein bodenschonender Maschi- den. Dieses soll durch prozessgeschützte Tritt-
neneinsatz erfordert einen sofortigen Stopp steine auf weiteren 5 Prozent der Waldfläche
der Befahrung, bevor es bei nasser Witterung ergänzt werden. Die Trittsteine sollen über die
zu Bodenschäden kommt. Dazu ist ein ver- Waldfläche verteilt, vor Ort markiert und
bindlicher Kriterienkatalog zur bodenscho- möglichst als kleine Naturwaldreservate
nenden Holzernte und deren flächiger Umset- geschützt werden. Aus der Nutzung genom-
zung einzuführen. Als Vorbild kann das ein- mene, ökologisch hochwertige Waldränder
schlägige Merkblatt der Bayerischen Landes- werden angerechnet.
anstalt für Wald und Forstwirtschaft dienen.
Gerade bei ökologisch sehr wertvollen Flächen
muss der Naturschutz Vorrang vor der forstli-
chen Nutzung haben. Nur eine natürliche Ent-
wicklung auf einem Teil der Waldfläche ohne
Nutzung kann sicherstellen, dass die Arten-
vielfalt unserer Wälder umfassend bewahrt
wird. Eine deutliche Ausweitung von Totalre-
servatsflächen beziehungsweise Neuauswei-
50 | 51

sung von Flächen im öffentlichen Wald ohne sein und dürfen nicht „auf Vorrat“ durchge-
forstliche Nutzung muss das erklärte Ziel sein, führt werden. Kahlschläge und flächige Nut-
wenn das Ziel der Nationalen Biodiversitäts- zungen im Zuge der Verkehrssicherung sind
strategie bis 2020 erreicht werden soll, 10 nicht zulässig. Angesichts sich häufender Fälle
Prozent des öffentlichen Waldes der natürli- von streifenweisen bis flächigen Entnahmen
chen Entwicklung zu überlassen. Derzeit sind entlang von Verkehrswegen ist zu befürchten,
nur 0,5 Prozent der Waldfläche bundesweit dass einzelbaumbezogene Verkehrssiche-
dauerhaft aus der Nutzung genommen und rungsmaßnahmen umgangen werden sollen,
auch diese kleine Fläche ist – wie im Schwarz- weil dies mehr Personal vor Ort im Wald und
buch aufgezeigt - nicht wirklich gesichert. Im gegebenenfalls mehr Kosten verursacht. Des-
internationalen Vergleich rangiert Deutsch- halb werden offensichtlich mögliche „Pro-
land am Ende der Staatengemeinschaft hin- blembäume“ vorsorglich entnommen.
sichtlich der aus der Nutzung genommenen
Waldflächen. Grundsätzlich hält der BUND eine gesetzliche
Neuregelung der Verkehrssicherung für zwin-
gend notwendig, mit der die Pflichten der
3. Reduzierung der Verkehrssicherungspflich- Waldbesitzer deutlich reduziert werden. Der-
ten der Waldbesitzer in den Wäldern zeit haften die Waldbesitzer in hohem Maße
Befreiung der Waldbesitzer von der Ver- für Schäden, die in der Regel aus waldtypi-
kehrssicherungspflicht in den Wäldern im schen Gefahren in ihren Wäldern entstehen.
Hinblick auf natur- oder waldtypische Dies betrifft Straßen, Siedlungen, Wanderwege
Gefahren oder landwirtschaftliche Nutzungen, die erst
nachträglich in oder an Wäldern entstanden
Viele Eingriffe in Waldrandbereiche, aber auch sind. So sollten die Waldbesitzer gegenüber
im Inneren von Wäldern werden mit Verkehrs- Waldbesuchern, Waldnutzern und Angrenzern
sicherungspflichten begründet. Davon sind nicht für natur- oder waldtypische Gefahren
leider oftmals ökologisch sehr wertvolle haften, insbesondere nicht für solche, die von
Strukturen betroffen. Während ein Teil dieser lebenden oder toten Bäumen, sonstigem Auf-
Eingriffe sicher notwendig und nachvollzieh- wuchs oder dem natürlichem Bodenzustand,
bar ist, belegen die Fallstudien und auch viele also von sogenannten „waldtypischen“ Gefah-
weitere Berichte aus den Bundesländern, dass ren ausgehen. Waldbesucher, Waldnutzer und
viele Eingriffe zu stark und flächig bis hin zu Angrenzer sollen selbst die Schäden tragen,
Kahlschlägen geführt werden. Oftmals wur- die ihnen durch Bäume und andere Gefahren
den auch Bäume entnommen, die gesund entstehen, die von Wäldern ausgehen. Der
waren und von denen keinerlei Gefährdung BUND fordert eine entsprechende Änderung
ausging, oder Bäume, die weit abseits von den im Bürgerlichen Gesetzbuch.
zu schützenden Objekten standen.

Der BUND fordert deshalb, dass Verkehrssi-


cherungsmaßnahmen einzelbaumbezogen
begründet und durchgeführt werden müssen,
unter weitestgehender Berücksichtigung der
Naturschutzbelange. Die Maßnahmen müssen
nur den aktuellen Erfordernissen angemessen
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Fazit

4. Verbot von Kahlhieben Den besten Beitrag im Kampf gegen die dro-
Kahlhiebe grundsätzlich verbieten hende Klimakatastrophe und für den Erhalt der
Biodiversität kann der Wald leisten, wenn der
Kahlhiebe sind Holznutzungen, die zu Frei- Vorrat an alten Bäumen und damit die Holz-
landklima führen und den Waldcharakter biomasse in naturnahen Wäldern insgesamt
langfristig zerstören. Als Kahlhiebe gelten weiter steigen. Eine intensive Holz-Biomassen-
auch die Absenkung des Vorrats auf weniger utzung aus dem Wald ist wegen der negativen
als 50 Prozent der Ausgangssituation sowie Wirkungen auf die Kohlenstoffvorräte der
Nutzungen, die eine erhebliche Beeinträchti- Waldböden kein Beitrag zum Klimaschutz. Bei
gung des Bodens und der Bodenfruchtbarkeit, der nachhaltigen Nutzung kommt dem öffent-
des Wasserhaushalts oder sonstiger Wald- lichen Wald aufgrund seiner Vorbildfunktion
funktionen befürchten lassen. und hierbei insbesondere dem Staatswald
(Landeswald = Bürgerwald) eine besondere
Bedeutung zu. Um Nährstoffentzug zu vermei-
5. Umfassende Nachhaltigkeit der Holznut- den, ist Vollbaumnutzung auf mittleren und
zung sicherstellen ärmeren Standorten auszuschließen.
Holznutzung im öffentlichen Wald muss
vorbildlich Arten- und Klimaschutzbelange
beachten 6. Hochrangige Schutzgebiete stärken
Naturschutzbehörden bei Eingriffen in
Die derzeitige überzogene Biomassenutzung hochrangige Schutzgebiete umfassend ein-
gefährdet die Artenvielfalt - Tendenz steigend. binden; Verstöße verfolgen und ahnden
Bis zum Jahr 2020 sollen EU-weit 20 Prozent
der Energie aus regenerativen Energien stam- Auffällig ist, dass die im Schwarzbuch zusam-
men. Dabei bildet Energie aus „nachwachsen- mengetragenen Verstöße auch in hochrangigen
den“ Rohstoffen einen wesentlichen Pfeiler des Schutzgebieten wie Natura 2000-Gebieten,
Konzepts. Der ungezügelte Boom bei Holzkraft- Naturschutzgebieten und sogar in Totalschutz-
werken, Pelletheizungen und Hauskaminen gebieten vorkommen. Etwa drei Viertel der Fall-
droht auf Kosten der Artenvielfalt in den Wäl- studien betreffen diese Schutzgebietskatego-
dern zu gehen. Um den Hunger nach Holz zu rien. Die schutzgebietswidrigen Eingriffe und
stillen, herrscht in vielen deutschen Wäldern, schleichenden Verschlechterungen müssen
insbesondere in den Landeswäldern, Hochbe- gestoppt werden. Bislang erweisen sich Schutz-
trieb – das ganze Jahr ohne Rücksicht auf die gebiete oftmals nur als zahnlose Tiger. Da für
Brut- und Aufzuchtzeiten und auch rund um eine Reihe von Schutzgebieten nur veraltete
die Uhr, sogar an Wochenenden. Vom Einschlag Schutzgebietsverordnungen vorliegen, müssen
betroffen sind auch immer häufiger ältere, für diese umgehend überarbeitet werden.
den Naturschutz besonders wertvolle Laubwäl-
der. Damit einhergehend wird der durch die In hochrangigen Schutzgebieten wie Natur-
FFH-Richtlinie und das Bundesnaturschutzge- schutzgebieten, Natura 2000-Gebieten oder
setz geforderte Schutz von Habitat-, Horst- Totalschutzgebieten sind alle waldbaulichen
und Höhlenbäumen oft nicht beachtet. Das Fäl- Maßnahmen vor der Durchführung mit den
len von Höhlenbäumen ist dabei mehr als nur zuständigen Naturschutzbehörden abzustim-
der „Einzelfall“. Somit werden Grundprinzipien men. In die Naturschutzbehörden sind „Forst-
einer umfassenden Nachhaltigkeit missachtet. experten“ zur Beurteilung von Eingriffen im
52 | 53

Wald zu integrieren. Gravierende Verstöße wie 8. Rahmenbedingungen der Forstwirtschaft


Kahlschläge, massive Bodenschäden, schutz- verbessern
gebietswidrige Eingriffe oder Zerstörung der Kritische Überprüfung der Forstreformen
Nachzucht von besonders geschützten Arten in Hinblick auf Erfüllung der ökologischen
sind in den Landeswald- und Landesnatur- Nachhaltigkeit sowie Korrektur des Perso-
schutzgesetzen als Ordnungswidrigkeiten mit nalabbaus; Forstpersonal naturschutzfach-
Geldbußen zu belegen. Als Ausgleich für gra- lich fortbilden
vierende Verstöße wie Kahlschläge sollen öko-
logisch besonders wertvolle Wälder bezie- Um unser Naturerbe in der Fläche zu sichern,
hungsweise Teil der Schutzgebiete als Natur- fordert der BUND Rahmenbedingungen für die
waldreservate ausgewiesen werden. Forstwirtschaft in Deutschland, die es den
Förstern, Waldarbeitern und Waldbauern
ermöglichen, die Bewirtschaftung der Wälder
7. FFH- bzw. SPA-Gebiete naturschutzfachlich Deutschlands umfassend naturnah und nach-
kompetent managen haltig zu gestalten. In nahezu allen Bundeslän-
Managementpläne für FFH- bzw. SPA- dern wurden die Bewirtschaftung der Staats-
Gebiete zeitnah erstellen und konsequent wälder und die Forstverwaltungen umfassend
umsetzen zulasten der Waldqualität reformiert. Es darf
nicht sein, dass gut ausgebildete Förster und
Von den Ländern fordert der BUND eine Waldarbeiter infolge der verschiedenen Forst-
schnellere Umsetzung der europäischen FFH- reformen und dem damit verbundenen Perso-
und Vogelschutz-Richtlinien im Wald durch nalabbau immer mehr Fläche betreuen und die
verbindliche und konkrete Managementpläne Forstbetriebe gleichzeitig immer höhere finan-
durch die Landesnaturschutz- beziehungswei- zielle Erträge erbringen müssen.
se Landesforstbehörden und die Ausweisung
der Gebiete als formale Schutzgebiete gemäß Der BUND kritisiert mit diesem Schwarzbuch
Art. 4 der FFH-Richtlinie. Die Ergebnisse der also weniger die verantwortlichen Förster, son-
Managementpläne sind in die jährliche und dern die verantwortliche Politik. Letztere for-
periodische Forstplanung zu integrieren. Bei dert der BUND auf, die Erfüllung der vielfälti-
den Forstbehörden und Forstbetrieben sind gen Gemeinwohlfunktionen in den Mittelpunkt
verstärkt Schulungsangebote zur Bedeutung der Bewirtschaftung öffentlicher Wälder zu
und zum Umgang mit Natura 2000-Gebieten stellen und dies auch dementsprechend finan-
durchzuführen. Bis die Managementpläne ziell wie personell zu sichern. Der BUND fordert
vorliegen, sind die naturschutzfachlich wert- eine kritische Überprüfung der Forstreformen
vollsten Teile vorübergehend aus der Nutzung im Hinblick auf die Erfüllung der ökologischen
zu nehmen und die Nutzung in öffentlichen Nachhaltigkeit und eine Korrektur des Perso-
Wäldern, die über 160 Jahre alt sind, ist nalabbaus. Denn nur durch eine ausreichende
grundsätzlich einzustellen. Ansonsten sind Zahl engagierter und motivierter Förster und
zehn Biotopbäume und etwa 40 Festmeter Waldarbeiter können die gesellschaftlichen und
Totholz pro Hektar anzustreben. In FFH-Gebie- naturschutzfachlichen Anforderungen an den
ten sind vor Eingriffen Verträglichkeitsprüfun- Wald dauerhaft erfüllt werden.
gen durchzuführen.
Für eine nachhaltige und den Anforderungen
des Naturschutzes gewachsene Forstwirt-
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Fazit

schaft ist Fortbildung in Sachen Naturschutz BUND die verantwortlichen Politiker in Bund,
unerlässlich. So müssen alle Waldarbeiter und Ländern und Kommunen auf, sich für eine Zer-
Förster über die Naturschutzziele informiert tifizierung des öffentlichen Waldes nach FSC-
und über deren Umsetzung in der Praxis beziehungsweise Naturland-Standards einzu-
geschult werden. Bei den Forstbehörden und setzen und aus der Zertifizierung nach PEFC-
Forstbetrieben sind verstärkt Schulungen zur Standards angesichts der großen Defizite aus-
Bedeutung und zur Waldwirtschaft in Natura zusteigen.
2000-Gebieten durchzuführen.

10. Angepasste, waldverträgliche Schalenwild-


9. Zertifizierung des öffentlichen Waldes nach dichten
FSC- bzw. Naturland-Standards, Ausstieg Modernes Wildtiermanagement anstelle
aus PEFC von Trophäenjagd. Angepasste Wilddich-
Öffentlichen Wald aufgrund seiner Vorbild- ten nach dem Grundsatz "Wald vor Wild"
funktion nach FSC- beziehungsweise
Naturland-Standards zertifizieren; aus An den Grundsatz „Wald vor Wild“ angepass-
PEFC aussteigen te Wilddichten sind eine wesentliche Voraus-
setzung für eine naturnahe Forstwirtschaft
PEFC-Zertifizierung ist Verbrauchertäuschung. und die natürliche Verjüngung der Wälder. Der
Bei nahezu allen von den im Schwarzbuch BUND fordert die Verpflichtung der Forstbe-
vorgestellten Fallstudien handelt es sich um triebe, darauf hinzuwirken, dass die Verjün-
Wälder, die nach PEFC zertifiziert sind. Nur in gung des Waldes und die Entwicklung der
einem Fall, bei einem besonders schwerwie- Waldbodenpflanzen ohne künstliche Schutz-
genden verbotenen Eingriff in ein Totalschutz- maßnahmen wie beispielsweise Zäune mög-
gebiet, wurde bekannt, dass das Zertifikat ent- lich sind. Die Bejagung des Schalenwildes ist
zogen wurde. In allen anderen Fällen hatten am Grundsatz „Wald vor Wild“ auszurichten.
die Verstöße nach Kenntnisstand des BUND Konkret fordert der BUND dazu eine Anglei-
keine erkennbaren Konsequenzen für die chung der Schusszeiten des männlichen Scha-
PEFC-Zertifizierung. Entweder lag nach offi- lenwildes an die des weiblichen Schalenwil-
zieller Darstellung kein Verstoß gegen die des, ein Fütterungsverbot sowie die Abschaf-
Standards vor, der Verstoß ließ sich nach den fung der Trophäenschau und den Ersatz der
Regularien nicht ahnden oder der Verstoß lag Abschusspläne durch Mindestabschusspläne.
zwar vor, wurde aber nicht bemerkt oder Die zuständige Behörde beziehungsweise der
geahndet. In jedem Fall belegt dies, dass PEFC Forstbetrieb soll über die Entwicklung der
ein ungeeignetes Zertifizierungsinstrument Waldverjüngung in den einzelnen Jagdrevie-
ist, weil PEFC den Verbrauchern und Händlern ren jährlich die Öffentlichkeit informieren.
vortäuscht, dass Holz glaubwürdig nach PEFC-
Standards naturnah und nachhaltig erzeugt
wurde.

Der öffentliche Wald trägt eine besondere


Verantwortung und hat Vorbildfunktion. Dem
sollte er durch eine vorbildliche Bewirtschaf-
tung gerecht werden. Deshalb fordert der
54 | 55

Abkürzungsverzeichnis

AöR - Anstalt öffentlichen Rechts NSG - Naturschutzgebiet


BArtSchV - Bundesartenschutzverord- NWaldLG - Niedersächsisches Gesetz
nung über den Wald und die Land-
BayWaldG - Waldgesetz für Bayern schaftsordnung
BfN - Bundesamt für Naturschutz PEFC - Programme for Endorsement
BIMA - Bundesanstalt für Immobi- of Forest Certification Sche-
lienaufgaben mes
BN - Bund Naturschutz RWE - Rheinisch-Westfälisches Elek-
BNatSchG - Bundesnaturschutzgesetz trizitätswerk AG
BWaldG - Bundeswaldgesetz SDW - Schutzgemeinschaft Deut-
EU - Europäische Union scher Wald
FFH - Fauna-Flora-Habitat SPA - Special Protected Area
FSC - Forest Stewardship Council ThürWaldG - Thüringer Waldgesetz
GbR - Gesellschaft bürgerlichen UNESCO - United Nations Educational,
Rechts Scientific and Cultural
KUP - Kurzumtriebsplantage Organization
LFoG - Landesforstgesetz VS - Vogelschutz
(Nordrhein-Westfalen) VTA - Visual Tree Assessment
LNatSchG - Landesnaturschutzgesetz WaldG LSA - Waldgesetz für das Land
(Schleswig-Holstein) Sachsen-Anhalt
LFoG - Landesforstgesetz
LNatSchG - Landesnaturschutzgesetz
LNU - Landesgemeinschaft Natur-
schutz und Umwelt
LÖWE - Programm zur langfristigen
ökologischen Waldentwick-
lung in den Landesforsten
LRT - Lebensraumtyp
LWaldG - Landeswaldgesetz
(Baden-Württemberg, Bran-
denburg, Schleswig-Holstein)
LWaldG - Landeswaldgesetz
NABU - Naturschutzbund
Deutschland
NatSchG LSA - Naturschutzgesetz für das
Land Sachsen-Anhalt
NGO - Non-Governmental
Organisation
NNatG - Niedersächsisches Natur-
schutzgesetz
NRW - Nordrhein-Westfalen
■ BUND-Schwarzbuch Wald ■ Impressum

Impressum
Herausgeber:
Bund für Umwelt und Naturschutz
Deutschland e.V. (BUND)
Friends of the Earth Germany

Am Köllnischen Park 1
10179 Berlin

Fon 030/ 275 86-40


Fax 030/ 275 86-440

info@bund.net
www.bund.net

Redaktion:
Ralf Straußberger, Nicola Uhde

Dank für Unterstützung:


Der BUND-Bundesverband bedankt sich für die tat-
kräftige Unterstützung der Landesverbände bzw. der
Kreis- und Ortsgruppen sowie der Arbeitskreise des
BUND. Des Weiteren dankt er Christiane Unger und
dem Nabu Kreisverband Spreewald.

Layout und Bildbearbeitung:


Natur & Umwelt GmbH

Bildautoren:
Thomas Stephan (5), Dr. Andreas Steiner (6, 7, 8),
Harald Schneider (9, 10, 11), Gerhard Maluck (12, 13),
Bund Naturschutz (14, 16, 17), Jörg Nitsch (18, 19),
BUND (4, 20, 21, 22), Dr. Eike Rachor (23, 25),
Karl-Friedrich Weber (26, 27, 28), Paul Kröfges (Titel,
29, 30, 31), Christine Fischer-Ovelhey (33, 34, 35),
Bernhard Glaß (37, 38/39), Klaus Tormählen (41, 43),
Dr. Joachim Müller (44, 45), Familie Triebel (46),
Dr. Heidrun Heidecke (Rückseite)

V.i.S.d.P.:
Dr. Norbert Franck

© Berlin im Juli 2009


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tionen die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten wollen. Zukunft mitgestalten - beim
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