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Bernhard Hebert (Hrsg.)

St. Johann im Mauerthale und


Ybbs an der Donau
Zwei neu entdeckte römische Militäranlagen am norischen Limes und ihre Nachfolgebauten
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau


Zwei neu entdeckte römische Militäranlagen am norischen Limes und ihre Nachfolgebauten

Die Reihe FOKUS DENKMAL präsentiert ausgewählte österreichische Denk-


male und Denkmalgruppen von geschichtlicher, künstlerischer und kultureller
Bedeutung und beleuchtet damit verschiedene Themen aus der Bau-,
Garten- und Kunstdenkmalpflege sowie aus Archäologie und Bauforschung.
Die monographischen Darstellungen beruhen in aller Regel auf neuen
Forschungsergebnissen, die im Rahmen von Konservierungs- und Restaurie-
rungsprojekten, bei archäologischen Maßnahmen oder im Zuge von
Unterschutzstellungen erzielt wurden. Sie erschließen bislang unbekannte
Dimensionen der Denkmale.

Die Einheit von Denkmalforschung und Denkmalpflege, also von wissen-


schaftlicher Untersuchung und Erhaltung der Substanz und der überlieferten
Erscheinung, gehört zum Kern des denkmalpflegerischen Auftrags. Nur das
Verständnis der Denkmale führt zu Wertschätzung, Anerkennung und Teilhabe
in der Öffentlichkeit. Damit erst entsteht die Grundlage für die gesellschaftliche
Zustimmung zur Bewahrung des kulturellen Erbes und zu dem notwendigen
öffentlichen Engagement für seine Erhaltung.

Ein kommendes UNESCO-Welterbe – der Donaulimes in Deutschland, Öster-


reich, der Slowakei und Ungarn – wirft weniger seine Schatten voraus, als dass
es bestimmte Denkmale ins Scheinwerferlicht rückt. Die dadurch fokussierte
Aufmerksamkeit der Forschung erlaubt erstaunliche Neuentdeckungen: In dem
neuen Licht geben sich Teile bestehender Gebäude plötzlich als bislang
unerkannte römische Militärbauten zu erkennen.
In St. Johann im Mauerthale ist die römische Substanz Stockwerke hoch,
in Ybbs an der Donau viel niedriger, dafür aber wirklich massiv.
Beide Male handelt es sich um zusätzliche Beispiele für die besonders im
niederösterreichischen Teil des norischen Limes so charakteristische Weiter-
und Neunutzung römischer Bauten bis in unsere Zeit hinein. Es erscheint fast
unglaublich, dass man abseits der mediterranen Welt derartig monumentale
und immer noch ›bewohnte‹ Römermauern finden kann.
Dieser über bald 2 Jahrtausende reichenden Weiternutzung der antiken
Denkmale folgt der vorliegende Band in seiner Zusammenschau bauhistorischer
und archäologischer, aber auch historischer und naturwissenschaftlicher Unter-
suchungen. Damit liegt der Fokus diesmal auch auf Transdisziplinarität und auf
der Methodenvielfalt, derer Denkmalforschung und Denkmalpflege im Umgang
mit dem kulturellen Erbe bedürfen.
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Bernhard Hebert (Hrsg.) | St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau
Zwei neu entdeckte römische Militäranlagen am norischen Limes und ihre Nachfolgebauten

Horn–Wien | 2019
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Reihe Fokus Denkmal herausgegeben vom Bundesdenkmalamt

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Bernhard Hebert (Hrsg.)

St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau


Zwei neu entdeckte römische Militäranlagen am norischen Limes
und ihre Nachfolgebauten

Mit Beiträgen von


Ronny Boch
Martin Dietzel
Oliver Fries
Michael Fröschl
Lisa-Maria Gerstenbauer
Martina Hinterwallner
Martin Krenn
Martin Obenaus
Ronald Kurt Salzer
Gábor Tarcsay
Karin Wiltschke-Schrotta
Michaela Zorko
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INHALT

Martina Hinterwallner und Martin Krenn


Vorwort 6

Der Limes 9

Martin Obenaus
Der römische Limes in Österreich 11

St. Johann im Mauertale 23

Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries


St. Johann im Mauerthale – römischer Burgus
und mittelalterliche Wallfahrtskirche 25

Michael Fröschl
Heiligenverehrung und Schifffahrt – historische Anmerkungen 71

Ronald Kurt Salzer


Die Inschriften der Kirche 79

Martin Obenaus
Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016 89

Karin Wiltschke-Schrotta
Anthropologischer Befund zu den Gräbern
bei der Filialkirche St. Johann 131
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Ybbs an der Donau 135

Martin Obenaus, Gábor Tarcsay und Michaela Zorko


Der Passauer Kasten in Ybbs und sein Umfeld
von der Frühgeschichte bis zur Neuzeit 137

Gábor Tarcsay und Michaela Zorko


Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte 145

Martin Obenaus, Gábor Tarcsay und Michaela Zorko


Der römische Vorgängerbau 189

Martin Obenaus
Archäologische Untersuchungen im Passauer Kasten
(Schnitte 2–4) 207

Martin Dietzel und Ronny Boch


Radiometrische Altersdatierung von historischem Kalkmörtel 229

Literaturverzeichnis 237

Abkürzungen 250

Abbildungsnachweis 251

Autorinnen und Autoren 252


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VORWORT

Die Intensivphase der Vorbereitungsarbeiten zur Einreichung des römischen Donau-


limes als Weltkulturerbe führte ab 2013/2014 zu einer deutlich erhöhten Beschäftigung
mit den einzelnen Objekten am Limes. In diesem Zuge wurden neben umfangreichen
geophysikalischen Untersuchungen (zum Beispiel in Lauriacum und Carnuntum) auch
einzelne archäologische Maßnahmen an wenig erforschten Fundstellen durchgeführt.
Bei diesen Arbeiten konnte unter anderem die exakte Lage und Größe des bis dahin nur
ungefähr verorteten Burgus Blashausgraben dokumentiert werden. Weiters wurden drei
bislang unbekannte Militärstandorte in Niederösterreich erfasst. In Stein bei St. Pantaleon-
Erla konnte mittels geophysikalischer Methoden ein neues Kastell im Bereich der seit
1908 bekannten Fundstelle definiert werden. Überraschenderweise wurden zwei weitere
militärische Objekte in städtischem beziehungsweise überbautem Gebiet identifiziert:
eine Befestigungsanlage in Ybbs an der Donau und ein neuer Burgus in der Kirche von St.
Johann im Mauerthale. Bedingt durch die Überprägungen und nur kleinräumigen Auf-
schlüsse musste bei diesen beiden Fundstellen neben der Archäologie in einem sehr hohen
Ausmaß auf die Methodenpalette der Bauforschung sowie der historischen Forschung
zurückgegriffen werden. Insofern stellen die in diesem Band vorgelegten Ergebnisse der
Projekte Ybbs an der Donau und St. Johann im Mauerthale nicht nur zwei neu entdeckte
römische Militärbauten am Limes vor, sondern sind gleichzeitig Musterbeispiele für die
interdisziplinäre Herangehensweise bei denkmalpflegerischen Fragestellungen.

In Ybbs an der Donau wurden in den 1980er-Jahren zahlreiche Projekte zur Altstadt-
sanierung in Gang gesetzt. Der Architekt Claudius Caravias verfolgte hier insbesondere
das Projekt »Fußgängeraufgang – Altes Stadtor«. Dabei sollte eine fußläufige Verbindung
zwischen Donaulände und Stadtzentrum im Bereich des Chordurchgangs geschaffen
werden. Im Jahr 1991 wurde der Durchgang unter dem Chor der Stadtpfarrkirche abgesenkt
und die Stadtmauer – trotz Negativbescheid des Bundesdenkmalamtes – abgerissen. Beim
Abtiefen des verbliebenen Erdreiches im Zwickel zwischen Stadtpfarrkirche und dem
»Passauer Kasten«, einem im Kern mittelalterlichen Gebäudekomplex, wurden eine um-
fangreiche Stratigrafie und Mauerzüge freigelegt. Aus den Akten des Bundesdenkmalamtes
ist ersichtlich, dass dabei keine archäologische Betreuung stattgefunden hat. Erst im Jahr
2013 führte eine Meldung, dass in diesem Bereich vorhandenes Mauerwerk durch massiven
Bewuchs geschädigt werde, zu einem Lokalaugenschein. Dabei konnte konstatiert wer-
den, dass der sichtbare Mauerzug auf jeden Fall älter als der Passauer Kasten sein muss.
Gemeinsam mit der Stadtgemeinde Ybbs an der Donau und der Diözese St. Pölten wurden
2014 erste Nachuntersuchungen durchgeführt, wobei festgestellt werden konnte, dass
es sich bei den Mauern um Überreste eines römischen Burgus handeln dürfte. In den
Folgejahren wurden diese Forschungen fortgesetzt und neben archäologischen Grabungen
in den Kellern des Passauer Kastens auch intensive bauhistorische und restauratorische
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7 Vorwort

Untersuchungen durchgeführt, die durch Analysen zur Altersbestimmung des eingesetzten


Kalkmörtels ergänzt wurden. Diese Forschungen ermöglichten letztlich die Darstellung der
höchst komplexen Nutzungsgeschichte des Areals des heutigen Passauer Kastens und der
Stadtpfarrkirche von Ybbs an der Donau vom spätantiken Militärbau über den Passauer
Amtssitz des 13. Jahrhunderts sowie die Kirche St. Laurentius und die anschließende
Stadtbefestigung bis hin zu den Nutzungsphasen des 19. und 20. Jahrhunderts.

In St. Johann im Mauerthale rückte eine Studienarbeit von Oliver Fries an der Donau-
universität Krems, in der er einen römischen Burgus in der südlichen Langhausmauer
wahrscheinlich machte, im Jahr 2015 die Kirche hl. Johannes der Täufer in den Fokus
der Forschung. Bis zur Entdeckung der romanischen beziehungsweise gotischen Wand-
malereien 1971 war dem kleinen Gotteshaus in St. Johann im Mauerthale wenig Aufmerk-
samkeit geschenkt worden. In der Literatur wurde dem Bau lediglich eine einphasige
Errichtung zugebilligt, die in die erste beziehungsweise zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts
datiert wurde. Adalbert Klaar, der im Auftrag des Bundesdenkmalamtes 1963 eine erste
Planaufnahme der Kirche anfertigte, erkannte zwar bereits, dass der Turm nicht recht-
winkelig zum restlichen Kirchenbau angeordnet ist, doch entging ihm der römische
Vorgängerbau. Eine erste Vermutung zu den römischen Ursprüngen äußerte Hannsjörg
Ubl – einer der besten Kenner des römischen Limes – in den 1980er-Jahren. Aber erst durch
die archäologischen Untersuchungen und vertieften bauhistorischen Analysen im Jahr 2016
gelang dann der eindeutige Nachweis eines römischen Burgus, dessen Nordmauer bis in
die Höhe des Dachraumes der Kirche erhalten geblieben ist. Als besondere Überraschung
stellte sich heraus, dass zwei Rundbogenfenster mit Originalfassung dieser Bauphase
zuzuordnen sind. Durch die weiteren archäologischen, geophysikalischen, historischen
sowie bau- und kunsthistorischen Untersuchungen konnten eine profane Nachnutzung
des römischen Turmes im Hochmittelalter, die auf eine gewisse Standortkontinuität
hinweist, sowie weitere Bauphasen der Kirche nachvollzogen werden. Die Bedeutung des
Bauwerks wird durch die um 1240 entstandenen Wandmalereien unterstrichen, die von
außergewöhnlicher Qualität sind.

Neben der Präsentation zweier neu erkannter römischer Militärstandorte am nieder-


österreichischen Limesabschnitt soll daher in diesem Band die Bedeutung und zwingende
Notwendigkeit der Zusammenarbeit unterschiedlichster Forschungszweige – insbesondere
der Archäologie, der Bauforschung sowie der zugehörigen Nachbarwissenschaften – im
Vordergrund stehen.

Martina Hinterwallner und Martin Krenn


Bundesdenkmalamt, Abteilung für Archäologie
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DER LIMES
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MARTIN OBENAUS

DER RÖMISCHE LIMES IN ÖSTERREICH


Ausgangslage und Arbeitsraum Peutingeriana genannten Ad Pontem Ises
wird diskutiert. 3 Die Bauforschung im
Die Fragestellungen der bauhistorischen Passauer Kasten und drei kleinere Fest-
und archäologischen Untersuchungen an stellungsgrabungen zwischen 2014 und
zwei Fundpunkten des norischen Lime- 20164 erbrachten Befunde und Fundma-
sabschnitts1 bezogen sich vor allem auf terial, die in Zusammenschau mit älteren
die genauere Einordnung der teilweise Zufallsfunden eine mittelkaiserzeitliche
bereits bekannten Befunde. Betroffen da- und spätantike Nutzung des Bereiches
von waren Baureste unter dem sogenann- um die Pfarrkirche und weiterer Teile des
ten Passauer Kasten und der Pfarrkirche Stadtgebietes nahelegen.
St. Laurentius in Ybbs an der Donau sowie
der von Oliver Fries 2015 erstmals vorge- Die römische Datierung von Teilen der
stellte2 römische Burgus in der südlichen Filialkirche St. Johann war hingegen bis
Langhausmauer der Filialkirche St. Johann vor kurzem weitestgehend unbekannt und
im Mauerthale. allenfalls nur von der heimatkundlichen
Forschung vermutet worden. Eindeutige
Der erste Fundpunkt, Ybbs an der Donau, Belege für eine spätantike Einordnung der
wird bereits seit Langem als Standort ei- Baureste konnten schließlich durch die be-
nes spätantiken Burgus geführt, dessen reits genannte Bauuntersuchung und die
Lokalisierung bislang allerdings unklar folgende Feststellungsgrabung im Jahr 20165
war. Als Beleg für den Burgus wurde eine erbracht werden.
Bauinschrift (CIL III 5670a, sogenannter
»Dreikaiserstein«) angeführt, die am Do- Diese beiden Fundpunkte definieren
nauufer bei Ybbs ausgegraben worden auch den Arbeitsbereich, nämlich einen
sein soll, im Jahr 1508 nach Wien ver- Abschnitt des ehemaligen norischen Li-
bracht wurde und dort 1622 beim Bau mes, dessen historische Entwicklung in
des Jesuitenklosters abhanden gekommen der Folge kurz dargestellt werden soll. Der
ist. Ihr Text ist nur noch durch eine Ab- zu betrachtende Raum liegt – von Westen
schrift des Humanisten Wolfgang Lazius kommend – zwischen den Kastellen Wall-
bekannt und nennt einen Burgus, der von see/Adiuvense/Locus Felicis (?), Pöchlarn/
»milites auxiliares Lauriacenses« unter der Arelape und Mautern/Favianis, wobei auch
Regierung der Kaiser Valentinian (364–375 den Kleinregionen um die beiden Fund-
n. Chr.), Gratian (375–383 n. Chr., zuvor punkte und ihren speziellen topografi-
Mitkaiser) und Valens (364–378 n. Chr.) schen Bedingungen Augenmerk geschenkt
errichtet worden ist. Die Inschrift wird werden soll. In der Region um Ybbs an der
in das Jahr 370 n. Chr. datiert. Auch alter- Donau ist noch das Kastell Mauer an der
native Standorte wurden für den Militär- Url/Locus Felicis (?) anzuführen, das 10 km
bau in Erwägung gezogen. Eine Gleich- südlich der eigentlichen Limesbefestigun-
setzung von Ybbs mit dem in der Tabula gen liegt.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 12

1
Militäranlagen des norischen Limesabschnittes in Österreich. 14 – Ybbs an der Donau, 18 – St. Johann im Mauerthale.

Historische Entwicklung nach der Einnahme, wurde Noricum eine


des norischen Limesabschnittes römische Provinz. Auch hier sind die Etap-
pen unklar. Als gesichert gilt, dass spätes-
Der Beginn der historischen Entwicklung tens ab Kaiser Claudius (41–54 n. Chr.) der
der späteren Provinz Noricum wird im Re- gesamte Verwaltungsapparat organisiert
gelfall bei den Alpenfeldzügen des Augustus war. So ist in dieser Zeit mit C. Baebius
im Jahr 15 v. Chr., die maßgeblich von seinen Atticus der erste Statthalter »in Norico«
Söhnen Tiberius und Drusus geleitet wur- greifbar.8 Im Lauf des 1. Jahrhunderts n. Chr.
den, angesetzt. Bereits zuvor bestand seit ist auch mit der Stationierung römischer
dem Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. ein Truppenkontingente an der norischen Do-
Freundschaftsvertrag Roms mit dem Regnum naugrenze zu rechnen, vorerst allerdings
Noricum, bei dem vor allem wirtschaftliche ohne Legionsbesatzung.
Interessen im Vordergrund standen. Ob-
wohl die Quellenlage unsicher ist, wird die Die Errichtung erster Legionslager und
angeblich weitgehend friedliche römische Kastelle in Holz-Erde-Bauweise entlang der
Annexion Noricums in die Zeit zwischen 15 Donau (zum Beispiel in Pöchlarn, Mautern,
v. Chr. und 9 n. Chr. gestellt.6 Grundsätzlich Traismauer, Zwentendorf und Tulln) sowie
sieht man heute die Sicherung der Alpen- der Ausbau der Limesstraße als West-Ost-
übergänge und der Verbindung nach Osten Verbindung fallen in die flavische Zeit
und weniger die Schaffung einer gesicherten (69–96 n. Chr.). Unter Domitian (81–96 n.
Nordgrenze als ausschlaggebendes Moment Chr.) scheinen bereits alle vorher über die
für diesen Schritt.7 Provinz verteilten Truppen an die Donau-
grenze vorgezogen worden zu sein.9 Als
Ebenfalls zu einem unbekannten Zeit- erste Legionslager im österreichischen Do-
punkt, vermutlich aber erst einige Zeit nauraum werden Carnuntum und Vindo-
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13 Martin Obenaus: Der römische Limes in Österreich

2
Ausschnitt aus der Tabula Peutingeriana mit einem Teilabschnitt des norischen Limes. Oben im Bild die Donau, am unteren Rand
zentral Aquileia. Darüber, unmittelbar an der Limesstraße, die Station Ad Pontem Ises, die derzeit mit großer Wahrscheinlichkeit
mit den Bauresten in Ybbs gleichgesetzt werden kann. Eine auf St. Johann im Mauerthale zu beziehende Nennung fehlt.

bona angenommen, die allerdings bereits regulierte und das Eindringen kleiner Räu-
in Pannonien liegen. Die Grenze zwischen berbanden verhindern sollte. Allerdings ver-
Noricum und Pannonien wird in dieser Zeit weist etwa Thomas Fischer13 zurecht darauf,
westlich von Klosterneuburg verortet.10 Die dass es sich beim sogenannten Donaulimes
Trasse der Limesstraße dürfte so knapp wie eigentlich um eine »ripa« (= Ufer) handelte;
möglich am südlichen Donauufer entlang- mit diesem Begriff wurden ›nasse Grenzen‹
geführt und den dortigen Geländegegeben- entlang eines Flusses bezeichnet. Diese
heiten angepasst worden sein.11 Legionsla- Sichtweise unterstützen auch Burgus-Bau-
ger und Auxiliarkastelle errichtete man ab inschriften aus dem pannonischen Raum
claudischer Zeit bis ins 3. Jahrhundert in aus der Zeit des Commodus, in denen die
Rechteckform mit abgerundeten Ecken Errichtung von Wachtürmen an der »ripa
(»Spielkartenschema«). Diese Bauwerke Danuvii« genannt wird.14
hatten bis in die mittlere Kaiserzeit die
Funktion befestigter Kasernen und waren Ab dem frühen 2. Jahrhundert n. Chr. wur-
nicht als langfristig verteidigungsfähige de unter Trajan (98–117 n. Chr.) mit dem
Festungen konzipiert. Wachtürme gewähr- Anlegen zusätzlicher neuer Kastelle in
leisteten die Kommunikation zwischen den Steinbauweise (zum Beispiel Wallsee und
militärischen Großbauten.12 Zeiselmauer) begonnen; bereits bestehende
Anlagen wurden in Stein ausgebaut. 15 Die-
Grundsätzlich hat sich in der Forschung für ser Trend nahm ab der mittleren Römischen
die militärisch kontrollierte und gesicherte Kaiserzeit (unter Hadrian) weiter zu, wie
Donaugrenze der Begriff »Limes« eingebür- etwa auch in Obergermanien und Britanni-
gert. Dieser bildete in Friedenszeiten ein en zu bemerken ist, wo ebenfalls ein Pro-
durchlässiges Kontrollsystem, das auch gramm zur Stärkung der Grenzverteidigung
den Handel mit den nördlichen Nachbarn verfolgt wurde.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 14

Der zunehmende Ausbau des Donaulimes die Aufwertung Noricums zu einer Einle-
soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, gionenprovinz mit sich. Zuvor waren dort
dass die ersten rund 150 Jahre nach der Ok- lediglich Auxiliareinheiten stationiert ge-
kupation von Noricum sowie der Einrich- wesen. Das Standlager der legio secunda Ita-
tung der Provinzen Raetien und Pannonien lica, der 2. italischen Legion, lag zunächst
verhältnismäßig ruhig verliefen. Bis ins 2. in Albing und später in Enns/Lauriacum.
Jahrhundert funktionierte das Klientelsys- Statthalter der Provinz war ab diesem Zeit-
tem mit den benachbarten germanischen punkt der Legionskommandant mit Sitz in
Stämmen, das sich sowohl im Warenver- Lauriacum, das als einzige Stadt Noricums
kehr (römische Luxuswaren nördlich der in der militärischen Limeszone lag.19 Nach
Donau) als auch in römischen Eingriffen den Markomannenkriegen dürften sich die
in die germanische Politik niederschlug. Größe des norischen Provinzheeres sowie
Als Beispiel wird gerne eine Münzemission die Anzahl der Lager nicht geändert haben.
des Antoninus Pius aus den Jahren 140 bis Die Zerstörungen in dieser Zeit20 nutzte
144 n. Chr. herangezogen, die am Revers die man unter Commodus (180–192 n. Chr.)
Legende »REX QUADIS DATUS« trägt und so- und Septimius Severus (193–211 n. Chr.) zur
mit die Einsetzung eines Quadenkönigs von weiteren Umgestaltung der meisten Lager
Roms Gnaden bezeugt.16 Zunehmende Un- in Steinbauweise.21
ruhen an der mittleren Donau und auch die
Bildung germanischer Koalitionen waren Unter Kaiser Septimius Severus, dem eins-
aber bereits erste Anzeichen für kommende tigen Legionskommandanten in Carnun-
Auseinandersetzungen, die mit derartigen tum und Statthalter von Pannonien, folgte
Aktionen im Zaum gehalten werden sollten. zumindest im norischen Limesabschnitt
Der Grund für die unruhige Situation wird wieder eine ruhigere Periode. Die legio
in größeren Bevölkerungsverschiebungen secunda Italica mit Standort Enns/Lauria-
von der Nord- und der Ostsee nach Süden cum verdiente sich durch die Unterstüt-
gesehen. Den betroffenen Stämmen wurde zung von Septimius Severus gegen andere
jedoch eine Aufnahme ins Imperium kon- ›Mitbewerber‹ den Beinamen fidelis (»die
sequent verweigert. Der Kaiser spricht hier treue«).22
von »armen und ertraglosen Völkern, die
ihm keinerlei Nutzen bringen könnten«; Meilensteine belegen zudem einen Aus-
zudem sollte das Imperium bewahrt wer- bau des Straßensystems im norisch-pan-
den, aber sich nicht uferlos ausbreiten.17 nonischen Grenzgebiet unter Septimius
Severus und Caracalla (211–217 n. Chr).23
Mit den Markomannenkriegen, die 166 n. Bereits durch Septimius Severus erfolgte
Chr. unter Kaiser Marc Aurel (161–180 n. eine Besserstellung der Armee mittels zahl-
Chr.) ausbrachen, eskalierte die Situation reicher Privilegien, die letztlich zu einer
vollends. Die Auseinandersetzungen, die Militarisierung der Gesellschaft führte. Die
anfangs auch Oberitalien (darunter Aqui- Trennung von Zivilbevölkerung und Mili-
leia) betrafen, werden in zwei große Etap- tär verschwamm zusehends, wie auch die
pen unterteilt, die als erster und zweiter Stellung der Provinzbevölkerung zuneh-
Markomannenkrieg (expedito Germanica mend an jene der römischen Bürger ange-
prima beziehungsweise secunda) bezeich- glichen wurde. Auch die neu rekrutierten
net werden. Ein Friedensschluss wurde Soldaten leisteten ihren Dienst nunmehr
erst unter Marc Aurels Nachfolger Com- meist in ihrer Heimatprovinz. Die Zuge-
modus (180–192 n. Chr.) im Jahr 180 n. Chr. ständnisse umfassten zunehmend auch
durchgesetzt.18 Eheschließungen während der Militärzeit,
und die Soldaten durften außerhalb ihres
Der langjährige Konflikt brachte schließ- Dienstes die Kasernen verlassen, um im
lich durch die Stationierung einer Legion Lagerdorf zu wohnen.24
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15 Martin Obenaus: Der römische Limes in Österreich

Auch germanischen Gruppierungen wurde Der Grenzbereich Raetiens musste geräumt


es im 3. Jahrhundert ermöglicht, sich in den werden. Zunehmend entstanden hier nun
Provinzen anzusiedeln, um Spannungen am befestigte Höhensiedlungen. Gallienus
mittleren Donauabschnitt abzubauen.25 Ob leitete in der Folge eine umfassende
die Alemanneneinfälle in Germanien und Heeresreform ein, um Gruppen, die den
Raetien auch Noricum betrafen, ist fraglich. Limes überschritten hatten, mit geringerer
Ebenso ungeklärt sind Brandschichten in zeitlicher Verzögerung stellen zu können.
Enns, die mit einem Einfall der Juthungen Eine mobile Eingreifreserve wurde aus
in Zusammenhang gebracht wurden.26 In den Grenzgarnisonen herausgelöst und im
severischer Zeit wurden die letzten grö- Hinterland sowie an bedeutsamen Routen
ßeren Lücken in der Kette von Militärbau- stationiert. Diese Änderungen nahmen
werken am norischen Limes geschlossen bereits spätere Reformen vorweg, die den
(Burgus Oberranna und Kastell Schlögen) stationären Truppenteilen an der Grenze
sowie durch Wachtürme verstärkt. Zusätz- (limitanei/riparienses) eine Eingreiftruppe
lich kam es zum Ausbau des Beneficiarier- (comitatenses) mit wechselnden Garniso-
systems, einer Art Militärpolizei, die vom nen zur Seite stellten.31
Provinzstatthalter für etwa sechs Monate
aus den Legionen rekrutiert wurde.27 271 erfolgten in Raetien, Noricum und
Pannonien Vorstöße der verbündeten Ale-
Mit den häufig wechselnden Soldatenkai- mannen, Juthungen und Markomannen,
sern, deren erster Vertreter Maximinus die bis nach Italien zogen. Ein erneuter
Thrax (235–238 n. Chr.) war, folgte innen- Einfall bedrohte 275 die Provinzgebiete
politisch eine unruhige, krisengeschüttelte selbst. Während in anderen Regionen die
Zeit. Außenpolitisch scheint es am norisch- Ereignisse des 3. Jahrhunderts n. Chr. durch
pannonischen Limes aber eine Phase friedli- Zerstörungshorizonte und Verwahrfunde
cher Koexistenz mit germanischen Gruppen belegt sind, ist dies im norischen Raum
gegeben zu haben, die bis in die Spätantike erst für die 70er-Jahre des 3. Jahrhunderts
keine größeren militärischen Einsätze nötig deutlicher fassbar (zum Beispiel in Enns/
machte, während in anderen Regionen der Lauriacum, Mautern/Favianis und St. Pöl-
äußere Druck wuchs. Dies verdeutlichen ten/Aelium Cetium).32
Funde römischer Güter nördlich der Donau,
aber auch in römischer Bauweise errichtete Der zunehmende Druck der germanischen
Gebäude, die als Sitze germanischer Eliten Stämme im Norden und der Sassaniden
gesehen werden und ab dem 4. Jahrhundert im Osten des Reiches erforderte verstärkte
n. Chr. immer häufiger werden (zum Bei- Abwehrmaßnahmen in den Grenzregionen.
spiel Stupava, Bratislava-Dúbravka).28 Am Beginn der spätantiken Entwicklung
stand, beginnend unter Kaiser Diokletian
Unter Gallienus (261–268 n. Chr.) fanden (283–305 n. Chr.), eine umfassende Reorga-
Kampfhandlungen mit Alemannen im nisation des römischen Reiches.33 Diokle-
raetischen Raum statt. Nach der Gefangen- tian, der den Osten für sich beanspruchte,
nahme und dem Tod seines Vaters Valerian setzte im Jahr 285 Maximianus als zweiten
(253–261 n. Chr.) in Edessa am östlichen Augustus für den Westen ein. Im Jahr 293
Kriegsschauplatz folgte dem Ursupator erfolgte die Ernennung zweier Caesares,
Ingenuus im Jahr 260 n. Chr. Regalianus Galerius und Constantius I., die Diokletian
(Ausrufung in Carnuntum), der aber noch und Maximianus zur Seite gestellt wurden.
in demselben Jahr ermordet wurde.29 Ein Das Reich wurde territorial zwischen den
späterer, unbekannter Autor beschreibt vier Regenten aufgeteilt, wobei die beiden
die Situation wie folgt: »[…] unter Kaiser Augusti die Oberherrschaft über das Ost-
Gallienus ging Raetien verloren, Noricum und das Westreich behielten (erste Tetrar-
und Pannonien wurden verwüstet […]«.30 chie). Für den norischen und pannonischen
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 16

Raum war Galerius zuständig, der die der Führung von Diokletian getroffen wur-
Diözese Illyricum erhielt und in Sirmium den, hatten folglich nicht lange Bestand;
beziehungsweise Thessaloniki residierte.34 die anschließenden Konflikte mündeten
schließlich in die Alleinregentschaft Con-
Die auffälligsten Punkte der Reform in den stantins des Großen (324–337 n. Chr.).37 Als
Provinzen waren die Trennung der zivilen eine der bekanntesten Errungenschaften
und der militärischen Verwaltung sowie seiner Herrschaftszeit gilt das Recht zur
die Teilung der Provinzen. Noricum zerfiel freien Religionsausübung, das im Mailänder
in Noricum ripense (Ufernoricum) und Edikt von 313 n. Chr. festgeschrieben wurde.
Noricum mediterraneum (Binnennoricum), Der eigentliche Auslöser dieses Erlasses war
während Pannonia superior in Pannonia das Christentum, das nun in den Provinzen
prima und Pannonia Savia unterteilt wurde. zunehmend erstarkte.38
Den neuen Verwaltungseinheiten entlang
des Limes stand militärisch ein dux Pan- Sonst war die constantinische Zeit von
noniae primae et Norici ripensis vor, der weitgehender Ruhe am norischen Limesab-
seinen Kommandostandort weiterhin in schnitt geprägt. Dennoch fielen auch in die-
der Provinzhauptstadt Lauriacum hatte. Die se Periode Heeresreformen beziehungsweise
Teilung in ein Grenzheer und ein mobiles deren Vollendung sowie Baumaßnahmen an
Einsatzheer, die unter Gallienus eingesetzt der Donau, die die Grenzverteidigung weiter
hatte, wurde in der Folge beibehalten. stabilisieren sollten.39 Die Grenzheere in den
Provinzen wurden reduziert und auf eine
Das norische Provinzheer blieb vollständig zunehmende Anzahl von Kleinkastellen und
in Noricum ripense, das mit der neuen legio Burgi aufgeteilt. In den bestehenden Kastel-
prima Noricorum zur Zwei-Legionen-Provinz len erfolgte ein Ausbau durch die Errichtung
aufgewertet wurde. Zumindest ein Teil der verstärkter Mauern sowie von Hufeisen- und
Legion zog in das ehemalige Hilfstruppen- Fächertürmen, der sich wohl über mehrere
lager in Mautern/Favianis, das ausgebaut Jahrzehnte während der constantinischen
wurde.35 Diese Phase, in Mautern als Periode Dynastie hinzog und als längerfristiges Bau-
5 bezeichnet, brachte im Lager eine deutli- programm angesehen wird.40 Zunehmend
che Änderung der Baustruktur mit sich, die drängte nun auch die Zivilbevölkerung in
zeitlich zwischen dem ausgehenden 3. Jahr- die schwächer besetzten Lager und es be-
hundert (diokletianisch) und etwa 360/370 n. gann die Entwicklung hin zu befestigten
Chr. angesetzt wird. An das Ende der voran- Städten in den spätantiken Kastellen.41
gegangenen Periode 4 werden massive Zer-
störungen datiert, die eine Neukonzeption, Im Westreich lag der militärische Ober-
teilweise noch unter Bezugnahme auf ältere befehl bei einem magister militum bezie-
Baustrukturen, nach einem möglicherweise hungsweise peditum, einem Heermeister
geringen Hiatus notwendig machten. In Pe- im Rang eines vir illustris. Die Grenzen
riode 5 wurde die Lagermauer zudem durch betreuten unterstellte duces oder comites,
Fächer- und Hufeisentürme verstärkt, eine deren Machtbereich sich auch über mehre-
Baumaßnahme, die auch in anderen Kastel- re Provinzen erstrecken konnte. Die klaren
len deutlich greifbar ist.36 Rangschemata und die Kommandostruk-
turen der frühen und mittleren Kaiserzeit
Nach der Abdankung Diokletians und Maxi- wurden zunehmend aufgeweicht.42
mians im Jahr 305 n. Chr. folgten die beiden
Caesares als Augusti und sollten ihrerseits Ab der Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr.
neue Caesares adoptieren. Dabei wurden folgten wieder zunehmend unruhige, von
jedoch die leiblichen Söhne übergangen. Bürgerkriegen sowie von Osten und Norden
Die Beschlüsse, die 308 n. Chr. auf der her eindringenden Völkerschaften – vor al-
Vierkaiserkonferenz in Carnuntum unter lem Sarmaten und Quaden – erschütterte
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17 Martin Obenaus: Der römische Limes in Österreich

Zeiten.43 Unter Kaiser Valentinian I. (364–375 Carnuntum. Der Historiograph Ammianus


n. Chr.) fand der letzte große Ausbauschritt Marcellinus beschreibt die Stadt damals als
des Donaulimes statt. Viele der kleineren verlassenen und schmutzigen Ort (»deser-
militärischen Bauten wie Klein- und Rest- tum quidem nunc et sqalens«)47, was unter
kastelle in den Ecken ehemals großer Lager anderem auf Zerstörungen durch ein Erd-
sowie Burgi wurden in dieser Zeit errichtet beben zurückzuführen ist. Er sei aber im-
oder ausgebaut.44 In diesen Zeitraum fällt mer noch von strategischer Bedeutung. In
auch das Kommando des dux Ursicinus, der valentinianischer Zeit wurden Teilbereiche
als magister militum beziehungsweise als zumindest notdürftig wiederhergestellt.48
magister peditum das weströmische Heer Im Rahmen des Aufenthalts Valentinians
befehligte. Er war wohl auch mit dem Aus- I. am pannonischen Limesabschnitt wird
bau des Donaulimes in der zweiten Hälfte auch die noch nach 350 n. Chr. luxuriös
des 4. Jahrhunderts betraut, wovon zahlrei- ausgebaute Villenanlage in Bruckneudorf
che mit »dux Ursicinus« beziehungsweise (Burgenland) als Station des Kaisers bezie-
mit »Ursicinus magister« gestempelte Ziegel hungsweise seiner Familie interpretiert.
Zeugnis ablegen.45 Daneben wurde dort auch schon eine Ein-
quartierung der Teilnehmer an der Vierkai-
In die genannte Periode fällt offensichtlich serkonferenz von 308 in Betracht gezogen.
auch der Bau der hier behandelten spätan- Mitunter wird dabei ins Rennen geführt,
tiken Anlagen in Ybbs an der Donau und dass diese Villa möglicherweise durch das
St. Johann im Mauerthale. In Ybbs ist die genannte Erdbeben weniger in Mitleiden-
archäologische Fund- und Befundlage noch schaft gezogen worden ist als Carnuntum
sehr undeutlich. Geringe Funde sind ins 4. selbst. Abgesehen von der hochwertigen
und 5. Jahrhundert zu datieren, während die Ausstattung gibt es aber keinen konkreten
älteste freigelegte Befestigungsmauer mit archäologischen Nachweis für diese Auf-
2,15 m Stärke kaum datierbar erscheint und enthalte, wenngleich eingebaute und nie
gesichert nur in vorhochmittelalterliche benutzte Heizanlagen als vorbereitende
Zeit gestellt werden kann. Allerdings exis- Maßnahmen für einen wichtigen Besuch
tiert die Abschrift einer heute verschollenen gewertet werden könnten.49 Abgesehen
Bauinschrift aus Ybbs. Sie berichtet über von den gut greifbaren valentinianischen
den Bau eines Burgus in valentinianischer Ausbauten am Donaulimes berichtet Ammi-
Zeit, der von einer Auxiliareinheit aus Lau- anus Marcellinus auch, der Kaiser habe im
riacum durchgeführt worden ist. Diese Auxi- Quadenland, also jenseits der Donau, eine
liareinheit der legio secunda Italica wird als »Schutzfeste« errichten lassen, »als wäre es
Bautrupp interpretiert, der mit der Instand- schon römisches Eigentum«.50 Jedenfalls
haltung und Neuerrichtung militärischer wird kolportiert, dass Valentinian I. im
Anlagen am pannonischen und norischen Rahmen der Friedensverhandlungen nach
Limes betraut war, was neben der genann- dem erfolgreichen Quadenfeldzug infolge
ten Bauinschrift auch durch Ziegelstempel eines Wutausbruches in Brigetio/Komárom
belegt ist.46 In St. Johann im Mauerthale verstorben ist.51
konnte hingegen ein Burgus mit etwa 12,4 m
Seitenlänge nachgewiesen werden, der an- Der folgende Zeitabschnitt ist letztendlich
hand des gleichfalls geringen Fundmaterials als Übergang zur Völkerwanderungszeit
in den Zeitraum von der zweiten Hälfte des zu sehen. An deren Beginn standen die
4. bis zum 5. beziehungsweise beginnenden Ereignisse im Limesabschnitt an der un-
6. Jahrhundert zu stellen ist. teren Donau, die durch das Ausgreifen
der hunnischen Macht in den Raum des
Im Zuge eines Feldzuges gegen die Qua- nördlichen Schwarzmeergebietes um 375
den war Valentinian 375 auch selbst im n. Chr. ausgelöst wurden. Teilgruppen
Grenzgebiet anwesend und kam sogar nach von Stämmen (Alanen, Ostgoten) zogen in
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 18

Richtung Westen und somit in das römi- stützten, die im Regelfall ›barbarischer‹ Her-
sche Reich. Bereits 376 n. Chr. wurden Go- kunft waren. Für das Westreich war der Van-
ten unter Valens (364–378 n. Chr.) im Reich dale Stilicho († 408 n. Chr.) verantwortlich,
aufgenommen. Zwei Jahre später, 378 n. der »magister peditum praesentalis« genannt
Chr., wurde das römische Heer von einer wird.57 In die Zeit von Stilichos Magister-
Allianz aus Goten, Alanen und Hunnen bei amt fallen Rekrutierungen unter den zuvor
Adrianopel, dem heutigen Edirne (Türkei), eingefallenen Markomannen.58 Im Feldzug
geschlagen; Valens selbst fiel.52 Auf dem gegen Alarich (397 n. Chr.) werden »Honoriani
Weg zur Unterstützung von Valens machte Marcomanni seniores« und »Honoriani Mar-
sein Mitkaiser Gratian (375–383 n. Chr.) 378 comanni juniores« unter den Gardetruppen
n. Chr. in Lauriacum/Enns Station.53 Eine erwähnt. In einem Briefwechsel zwischen
Münze dieses Herrschers fand sich auch im der Markomannenkönigin Fritigil und dem
Rahmen der Ausgrabungen 2016 im Burgus 397 verstorbenen Bischof Ambrosius von
von St. Johann im Mauerthale. Mailand rät ihr dieser, die römische Oberho-
heit anzuerkennen und sich in ihren Dienst
Theodosius I. (379–395 n. Chr.), der Nach- zu stellen. In Verbindung damit wird auch
folger von Valens, siedelte Teile der Sieger die Nennung eines »tribunus gentis Marco-
unter ihren Anführern Alatheus und Safrax mannorum« in der Notitia Dignitatum gese-
im östlichen Pannonien (Provinz Valeria) hen, der den Militärpräfekten der Provinz
an, was den Zusammenbruch des Limes in Pannonia prima unterstellt war.59 Denkbar
diesem Raum zur Folge hatte.54 Etwa um erscheint, dass hochrangige Föderaten in
diese Zeit lässt sich auch ein vermehrtes Herrschaftszentren in Höhenlagen residier-
Auftreten der sogenannten einglättverzier- ten, die nach spätantikem Geschmack errich-
ten Keramik feststellen, die mit der zuneh- tet wurden und aus Niederösterreich, Böh-
menden Anwesenheit von Föderaten in Zu- men, Mähren sowie der Südwestslowakei
sammenhang gebracht wird. In der ersten bekannt sind. Der nächstgelegene derartige
Hälfte des 5. Jahrhunderts n. Chr. entstand Baukomplex liegt auf dem Oberleiserberg
so eine spätantik-barbarische Mischkultur, bei Ernstbrunn (Niederösterreich) und wird
die auch entlang des norischen Limes ihre als spätsuebischer Herrenhof der zweiten
Spuren hinterlassen hat.55 Hälfte des 4. bis ersten Hälfte des 5. Jahrhun-
derts interpretiert.60
Nach dem Tod Theodosius’ I. kam es 395
n. Chr. zur endgültigen Reichsteilung, die 401 n. Chr. fielen Alanen und Vandalen
bereits unter Diokletian eingeleitet worden in Noricum und Raetien ein, die Stilicho
war. Die Hauptstadt des Westreiches, zu zurückdrängen konnte. Goten unter ihrem
dem auch Noricum und Pannonien gehör- König Alarich plünderten Norditalien und
ten, lag in Ravenna. Die Provinz Noricum kehrten danach in die ihnen zugestandenen
war zunehmend auf sich allein gestellt, was Wohnsitze in Illyricum zurück. Alanen und
zu Steuererhöhungen führte, um die Verwal- Vandalen erhielten einen Vertrag (foedus),
tung aufrechterhalten zu können. Ein daraus der ihnen auch die Ansiedlung in Noricum
resultierender Bevölkerungsaufstand wurde ermöglichte. Hier konnte in der Folge eine
430 n. Chr. militärisch niedergeschlagen. gewisse Grenzverteidigung aufrechter-
Deutlich zeigt sich diese Krisensituation in halten werden, während Pannonien und
dem massiven Rückgang des Geldumlaufes Raetien stark geschwächt wurden. Die
im archäologischen Kontext.56 romanisierte Bevölkerung dürfte sich nun
stärker auf Städte und feste Anlagen kon-
Die Nachfolge Theodosius’ I. traten seine zentriert haben, während die Föderaten
Söhne Honorius (395–423 n. Chr.) im Wes- im ländlichen Umland siedelten. Ebenso
ten und Arcadius (395–408 n. Chr.) im Osten ist eine religiöse Trennung in Arianer und
an, die sich zunehmend auf Heermeister orthodoxe Christen offensichtlich.61
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19 Martin Obenaus: Der römische Limes in Österreich

In die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts ist sich die jährlichen Tributzahlungen und
auch die – auf ältere Itinerarien zurückge- schließlich nahmen auch die Plünderungs-
hende – spätantike Letztversion der soge- züge der Hunnen und ihrer Verbündeten
nannten Tabula Peutingeriana zu datieren, wieder zu, die von Aëtius erst durch die
die in Form einer Kopie aus dem 12./13. Jahr- Schlacht auf den Katalaunischen Feldern
hundert überliefert ist.62 Sie stellt neben (bei Chalons-sur-Marne) 451 n. Chr. beendet
der Notitia Dignitatum, einem spätantiken werden konnten, im norischen Raum aber
Staatshandbuch, eine der wichtigsten Quel- praktisch keine Spuren hinterließen. Auf
len für diesen Zeitabschnitt dar. Die Nen- dem Rückzug des hunnisch-germanischen
nung und Zuordnung zahlreicher Orte im Heeres nach Pannonien wurde Norditalien
Arbeitsgebiet geht auf diese beiden Werke geplündert und Aquileia verwüstet, was in
zurück. der Folge zu Versorgungsengpässen auch im
Donauraum führte.65
Nach dem Tod Stilichos 408 n. Chr. en-
gagierte sich Alarich im weströmischen Verhandlungen am Attilahof, die nach der
Reich, wo er in Noricum, wahrscheinlich Verheerung der Donauprovinzen im Jahr
in der Gegend von Celeia/Celje, Quartier 449 n. Chr. abgehalten wurden, zeigen, dass
bezog, um Verhandlungen mit Honorius in Noricum auch während der Hunnenzeit
zu führen. Die ersten, nicht gewährten noch geringe Strukturen aufrechterhal-
Forderungen betrafen Siedlungsgebiet ten wurden. In dem Bericht werden drei
und Zahlungen; nach einem erneuten norische Beamte angeführt, der »Comes
Einfall in Italien umfassten sie Venetien, Romulus«, der »Praeses Promotus« und ein
Noricum und Dalmatien sowie Zahlungen »Romanus«, der »Anführer der Heerschar« ge-
und das Heermeisteramt. Als Reaktion auf nannt wird.66 Dennoch schien ab dieser Zeit
die Vorgangsweise Alarichs installierte man der kontinuierliche Zusammenbruch des
auf römischer Seite zwischen 408 und 409 (west)römischen Staates und somit auch
kurzfristig den Germanen Generidus als jener der Provinzverwaltung unaufhaltbar.
Kommandanten über die Truppenteile
in Raetien, Noricum und Pannonien, um Für die Epoche nach dem Tod Attilas (453 n.
die Grenzen wieder zu sichern.63 Erst nach Chr.) und des Aëtius (454 n. Chr.) ist die Vita
der Eroberung Roms und dem Abzug der Sancti Severini eine der wesentlichsten his-
Westgoten nach Südgallien im Jahr 412 war torischen Quellen für den norischen Limes-
die Bedrohung des Donaulimes wieder für bereich. Sie beginnt mit dem Satz: »Als Attila,
einige Jahre gebannt.64 der Hunnenkönig, gestorben war, befanden
sich die beiden pannonischen Provinzen und
Der Heermeister Aëtius hatte zu Beginn sei- die übrigen Länder an der Donau in einem
ner Amtszeit im Jahr 430/431 n. Chr. vorerst Zustand ständiger Unsicherheit.«67 Infolge
mit dem bereits genannten Bevölkerungs- des endgültigen Zerfalls des Hunnenreiches
aufstand in Raetien und Noricum zu kämp- nach der Schlacht am Nedao 454 n. Chr.
fen, der von einem Einfall der Juthungen wurden weitere Föderaten angesiedelt. Für
begünstigt wurde. In Ungnade gefallen, den Arbeitsraum sind vor allem die Rugier
strebte Aëtius 432 Verhandlungen mit den zu nennen, die nördlich der Donau im Be-
Hunnen in Pannonien an, die bisher zwi- reich von Favianis/Mautern verortet werden.
schen Donau und Theiß gesiedelt hatten. Auch mit ihnen musste Severin, der vor 467 n.
Dies führte zu seiner Wiedereinsetzung Chr. nach Noricum ripense gekommen war,
in das Heermeisteramt und einem foedus verhandeln, um Übergriffe zu verhindern.
mit den Hunnen, denen 433 n. Chr. die Daneben fand allerdings in Mautern ein wö-
Provinz Pannonien abgetreten wurde. Attila chentlicher Markt statt, der sowohl von der
wurde zum Heermeister »magister utrius- Provinzbevölkerung als auch von Germanen
que militiae« ernannt. Ab jetzt steigerten nördlich der Donau besucht wurde.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 20

Die Zivilbevölkerung lebte zu dieser Zeit der Romanen nach Italien zu organisie-
bereits weitestgehend in den Kastellen und ren, wobei der Leichnam des 482 n. Chr.
wirtschaftete auch von dort aus, wobei es verstorbenen Severin mitgeführt wurde.69
beständig zu Plünderungen und Übergrif- Als weitere Erklärung für diese Maßnahme
fen kam. Severin versuchte auch, die immer ist aber auch anzuführen, dass den Rugiern
wiederkehrenden Versorgungsengpässe zu und anderen Gentes keine Möglichkeit zum
beseitigen. Neben Lebensmittelknappheit Neuanfang auf der Basis ausbeutbarer Pro-
wird auch der Mangel an Kleidung erwähnt. vinzen gegeben werden sollte.70
In Teurnia/St. Peter in Holz wurden Kleider
für die ufernorische Bevölkerung gesam- In der Forschung ist heute unbestritten,
melt, die aber aufgrund der Belagerung dass nicht alle romanisierten Bevölke-
durch gotische Verbände nicht ausgeliefert rungsteile und anhängenden Gruppen aus
werden konnten und schließlich noch als dem Bereich des ehemaligen Ufernoricums
Teil der Zahlungen an die Goten eingezogen abgezogen sind. Eine Nachnutzung der
wurden. 468 n. Chr. konnte in Rom noch spätantiken Strukturen und Gebäude wird
einmal die Verteidigung von Noricum gegen angenommen, wobei oft nicht klar erkenn-
die Goten durch den Heermeister Rikimer bar ist, in welcher Form und welchem Zeit-
gefeiert werden.68 raum diese erfolgt ist (Stichwort »schwarze
Schicht«). In Favianis/Mautern wird sie als
Zusammengefasst ist in dieser Zeit mit die späteste Phase von Periode 7 bezeichnet,
einer zunehmenden Subsistenzwirtschaft in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts n.
im stetig zerfallenden Limesbereich zu Chr. datiert und in Zusammenhang mit zu-
rechnen. Möglicherweise hat auch die nehmender landwirtschaftlicher Nutzung
»schwarze Schicht«, die in zahlreichen Li- und Viehhaltung gesehen.71 In Arelape/Pöch-
mesbauwerken archäologisch beobachtet larn wird die »schwarze Schicht« in die Bau-
werden konnte, ihre Anfänge in dieser phase 6 gestellt, die als oberster Abschluss
Epoche. Sie geht mit einer Auflösung der der spätantiken Nutzung und Übergang zu
Bebauungsstrukturen in den Lagern sowie den Schichten jüngerer Perioden gesehen
einer oft nicht deutlich greifbaren Nachnut- und zwischen das spätere 5. Jahrhundert
zung bis ins Frühmittelalter einher. und die erste Hälfte des 6. Jahrhunderts
datiert wird. Eine ähnliche Befundlage ist
Nach diesem kontinuierlichen Auflö- auch aus zahlreichen anderen Limesbefes-
sungsprozess und dem Ende der Provinz- tigungen bekannt.72
verwaltung in der zweiten Hälfte des 5.
Jahrhunderts n. Chr. kam schließlich 476 n. Als ›Nachfolger‹ der Rugier (und auch
Chr. das Ende des Westreiches. Der letzte der Heruler) werden die Langobarden
Kaiser, Romulus Augustulus (475–476 n. gesehen, die ab dem späten 5. bis frühen
Chr.), wurde von dem Skirenfürst Odoaker, 6. Jahrhundert im Arbeitsraum greifbar
der von den Föderaten 476 n. Chr. zu ihrem werden. Langobardenzeitliche Gräberfel-
König erhoben worden war, abgesetzt und der, die nicht immer ethnisch eindeutig
verbannt. In Odoakers Regierungszeit fielen zugewiesen werden können, liegen im
die Rugier 482 noch einmal – finanziert vom niederösterreichischen Donauraum und
oströmischen Kaiser Zeno (474–491 n. Chr.) auch in Pannonien in größerer Anzahl
– in Ufernoricum ein und wurden schließ- vor. Möglich erscheinen hier auch weitere
lich in zwei Feldzügen 487 und 488 n. Chr. polyethnische Verbindungen, wie etwa
vertrieben. Mit diesem Schachzug fehlte zu Baiuwaren und Franken, die auch in
nun aber auch der Schutz Ufernoricums den Gräbern ihren Niederschlag fanden,
vor weiteren Übergriffen durch andere welche häufig um ehemalige römische
Gruppen, sodass Odoaker seinen Bruder Gebäude angelegt wurden. Aus Carnuntum
Hunwulf 488 n. Chr. anwies, den Abzug sind meist unstratifizierte Streufunde aus
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21 Martin Obenaus: Der römische Limes in Österreich

dieser Zeit zu nennen, die im Großteil des


ehemals besiedelten Areals vorkommen.73

Der vertraglich mit den Awaren vereinbar-


te ›Abzug der Langobarden‹ im Jahr 568 n.
Chr. in Richtung Italien74, der mit Sicher-
heit ebenfalls nicht vollständig war, setzte
letztendlich den Schlussstrich unter die
Völkerwanderungszeit im Arbeitsraum.

1 Vgl. Ployer 2018. 40 Gassner u. a. 2003, 308–311.


2 Fries 2015a, 282–288. 41 Gassner u. a. 2003, 305–306. – Gassner
3 Zabehlicky 1989a. – Gassner und Jilek 2005, und Jilek 2005, 38. – Ployer 2018, 14.
39. – Ployer 2015a. – Ployer 2018, 62. 42 Gassner u. a. 2003, 302–303.
4 Maßnahmennummern 14420.14.01, 43 Gassner und Jilek 2005, 38. – Ployer 2018, 14.
14420.15.01, 14420.15.03, 14420.16.01. 44 Gassner und Jilek 2005, 39–40. – Ployer 2018, 14.
5 Maßnahmennummer 12189.16.01. 45 Gassner u. a. 2003, 310.
6 Hameter 2015, 21–22. 46 Gassner u. a. 2003, 305. – Gassner und Jilek 2005, 39.
7 Gassner und Jilek 2005, 26. 47 Ammianus Marcellinus, Res gestae, XXX.5.2.
8 Gassner u. a. 2003, 82. 48 Gassner und Jilek 2005, 38–39. – Hameter
9 Ubl 2005d, 79. 2015, 25. – Kandler 2016, 132–135.
10 Hameter 2015, 23. 49 Zabehlicky 2004, 321–324.
11 Gassner u. a. 2003, 131–132. 50 Ammianus Marcellinus, Res gestae, XXIX.6.2.
12 Fischer 2015, 27. 51 Friesinger und Vacha 1988, 52. – Gassner u. a. 2003, 297.
13 Fischer 2015, 26. 52 Friesinger und Vacha 1988, 53. – Vetters 1989, 31. –
14 Fischer 2015, 26–27. Gassner und Jilek 2005, 40. – Ruß 2013, 275–276.
15 Gassner u. a. 2003, 131–133. 53 Hameter 2015, 25.
16 Gassner u. a. 2003, 155. – Hameter 2015, 23. 54 Vetters 1989, 31. – Gassner u. a. 2003, 334.
17 Dobesch 1994, 17–21. – Gassner u. a. 2003, 155–156. 55 Stuppner 2015, 124–125.
18 Dietz 1994, 7–11. – Weber 1994, 67–71. – 56 Gassner und Jilek 2005, 40. – Ployer 2018, 14.
Gassner u. a. 2003, 158–168. – Ruß 2013, 252–254. 57 Gassner u. a. 2003, 336.
19 Gassner u. a. 2003, 166–168. – Gassner und 58 Vetters 1989, 31.
Jilek 2005, 30–31. – Ubl 2005d, 78–79. – 59 Stuppner 2015, 123–124.
Hameter 2015, 24. – Ployer 2018, 14. 60 Gassner u. a. 2003, 343–344. – Stuppner 2015, 120–123.
20 Gassner u. a. 2003, 164–165. 61 Friesinger und Vacha 1988, 69. –
21 Gassner und Jilek 2005, 32–33. – Ployer 2018, 14. Gassner u. a. 2003, 336–337.
22 Gassner u. a. 2003, 240–241. 62 Weber 2016, 25, 37.
23 Gassner u. a. 2003, 249. – Gassner und 63 Vetters 1989, 31. – Gassner u. a. 2003, 337–
Jilek 2005, 33. – Hameter 2015, 24. 338. – Gassner und Jilek 2005, 40–41.
24 Gassner und Jilek 2005, 35. 64 Friesinger und Vacha 1988, 69.
25 Gassner u. a. 2003, 245–247. 65 Friesinger und Vacha 1988, 69–71. –
26 Gassner und Jilek 2005, 33. Vetters 1989, 31. – Gassner u. a. 2003, 338–
27 Gassner u. a. 2003, 249. 339. – Gassner und Jilek 2005, 42.
28 Gassner u. a. 2003, 280–281. – Stuppner 2015, 119. 66 Gassner u. a. 2003, 338–339.
29 Hameter 2015, 24. 67 Eugippius, Vita Sancti Severini, I.1. – Vgl. Friesinger
30 Gassner u. a. 2003, 273. und Vacha 1988, 72–73; Hameter 2015, 25.
31 Gassner u. a. 2003, 272–274. 68 Gassner u. a. 2003, 340–341.
32 Gassner u. a. 2003, 276–280. 69 Friesinger und Vacha 1988, 75. – Vetters 1989,
33 Hameter 2015, 24. 32. – Gassner u. a. 2003, 341–342. – Gassner
34 Gassner u. a. 2003, 289. und Jilek 2005, 43. – Hameter 2015, 25. –
35 Hameter 2015, 24. – Ployer 2018, 14. Stuppner 2015, 125–126. – Ployer 2018, 15.
36 Groh und Sedlmayer 2002, 559–560. – Gassner 70 Ruß 2013, 286. – Konrad 2016, 86.
2005, 210–212. – Zimmermann u. a. 2007, 586– 71 Groh und Sedlmayer 2002, 562–563.
589, 598. – Groh und Sedlmayer 2015, 206. 72 Konrad 2016, 57–58. – Mosser 2016, 116–
37 Gassner u. a. 2003, 290–292. – Gassner und 119. – Schmid 2017, 136–138.
Jilek 2005, 37. – Hameter 2015, 24. 73 Kandler 2016, 148–149.
38 Weber 2014, 16–27. 74 Friesinger und Vacha 1988, 77–88. – Gassner
39 Gassner u. a. 2003, 294. u. a. 2003, 347. – Ruß 2013, 286–289.
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ST. JOHANN IM MAUERTHALE


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3 (Doppelseite)
St. Johann i. Mauerthale.
Blick ins Donautal
Richtung Süden. Links
die Häuser von St.
Johann, rechts die
Kirche von Norden,
davor der Brunnen
mit Zwiebeldach
auf Pfeilern.
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25

LISA-MARIA GERSTENBAUER UND OLIVER FRIES

ST. JOHANN IM MAUERTHALE –


RÖMISCHER BURGUS UND
MITTELALTERLICHE WALLFAHRTSKIRCHE
Lage und Baugefüge vom Presbyterium ins Freie und damit
zum Brunnen öffnet. Dies könnte auf eine
Die dem hl. Johannes dem Täufer geweihte Einbeziehung des Brunnens in liturgische
Kirche liegt in dem nur aus vier Häusern Handlungen hinweisen. Konkrete Prakti-
bestehenden Ort St. Johann im Mauertha- ken, möglicherweise in Zusammenhang
le (Gst. Nr. .53/1, 375; KG Oberarnsdorf, MG mit der regen Wallfahrtstätigkeit, sind
Rossatz-Arnsdorf, VB Krems). Das kleine, allerdings nicht überliefert.1 Wie lange
genordete Gotteshaus befindet sich direkt der Brunnen bereits besteht, ist ebenfalls
an der Straße, die am rechten Wachauufer schwer festzustellen. Der Historiker Ger-
zwischen Donau und den Erhöhungen hard Floßmann hält es für möglich, dass es
des Dunkelsteinerwaldes verläuft. Da die sich um ein keltisches Brunnenheiligtum
Kirche am schmalen Ende einer der Land- gehandelt hat, das von den Christen über-
zungen liegt, die sich in diesem Bereich nommen wurde.2 Dafür gibt es allerdings
der Donau mit Steilufern abwechseln, ist keine stichhaltigen Hinweise. Die jetzige
das Flussufer nur ca. 50 m von der Kirche Gestalt des Brunnens mit Zwiebeldach auf
entfernt. Lediglich einige Bäume verstellen vier Pfeilern stammt jedenfalls aus dem 18.
den Blick zum Wasser und nehmen heute Jahrhundert.
die eindrucksvolle Sicht, die sich den Be-
trachtenden einst vom Fluss aus geboten Die Ausrichtung des Kirchengebäudes nach
haben muss. Norden ist unüblich, worauf später noch
genauer eingegangen werden soll. Der
Eine niedrige Umfriedungsmauer grenzt polygonale Chor mit Fünfachtelschluss
den Kirchhof von der Straße im Osten sowie befindet sich also nicht wie sonst im Os-
von einem kleinen Haus mit anschließen- ten, sondern im Norden der Kirche. Er ist
dem Garten im Süden und Westen ab. Im mit Strebepfeilern versehen und wird wie
Osten der Kirche wurde das Kirchhofareal das etwas niedrigere, einschiffige Langhaus
im Zuge der Verbreiterung der Bundesstraße von querrechteckigen Rundbogenfenstern
in den 1970er-Jahren verkleinert und die durchbrochen. Der Südteil der Kirche wird
Mauer zur Gänze neu errichtet. Nördlich von dem Kirchturm bestimmt, der im
begrenzt ein kleiner Bach, der dem soge- unteren Bereich einen annähernd quadra-
nannten Mauertal entspringt, das Kirchen- tischen Grundriss aufweist und erst über
areal, auf dem sich auch ein Brunnen be- der Traufe des Langhauses in ein Oktogon
findet. Der mit Zwiebelhelm überdachte übergeht. Das Schallgeschoß zeichnet sich
Brunnen liegt direkt in der Verlängerung durch je ein spitzbogiges Fenster an jeder
des Chorscheitels, wo sich auch eine Tür der acht Seiten aus. Den Abschluss bildet
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 26

Ausnahme bildet das fassadenhohe Wand-


bild des hl. Christophorus an der Westseite.
Leider ist es heute wegen nahe stehender
Bäume nicht gut einsehbar und auch in
zunehmend schlechtem Zustand. Von der
Donau aus war der Heilige für Reisende
früherer Zeiten allerdings umso besser
sichtbar und erfüllte so seinen Zweck: Hieß
es doch, dass einem Reisenden nichts zusto-
ßen könne, wenn er am selben Tag das Bild
des hl. Christophorus, des Schutzheiligen
der Reisenden, erblicken würde.

Das Innere des Gebäudes ist seit der Res-


taurierung 1970 nüchtern gehalten. Diese
Gestaltung ging mit der Entdeckung sowie
Freilegung romanischer und gotischer
4
ein steinerner Kegelhelm über Dreiecksgie- Wandmalereien einher, die sich über die
St. Johann i. Mauerthale.
Die Westfassade der beln mit Wasserspeiern. Diese sind aller- gesamte Langhauswestwand sowie beide
Kirche, vom anderen dings bereits so stark verwittert, dass keine Längswände des Chores erstrecken. Das
Donauufer aus gesehen. figürlichen Formen mehr zu erkennen sind. sonst weiß getünchte Langhaus besitzt eine
Heute verstellen Bäume
flache, schmucklose Decke, eine barocke
und Sträucher den
Blick auf die Kirche Die der Straße zugewandte Ostfassade ist Kanzel im Osten sowie eine klassizistische
vom Fluss aus. durch verschiedene Anbauten aufgelockert, Holzempore inklusive Orgel im Süden. Der
welche – von Norden nach Süden – die Sa- Emporenaufgang verschleiert, dass die
5
kristei, den Aufgang zur Kanzel und einen Südwand nicht im rechten Winkel zum
St. Johann i. Mauerthale. kleinen Lagerraum beherbergen. Auch der restlichen Bau steht, was im Grundriss so-
Blick auf den Eingang zur Kirche befindet sich hier, ge- fort zu erkennen ist. Unter der Empore ist
genordeten Chor
schützt durch ein von Säulen getragenes eine vergitterte Nische situiert, in der sich
und die Ostfassade;
im Vordergrund die Vordach. Die gesamte Kirche ist von bereits die Statue des hl. Adalwin (auch hl. Albinus)
Bundesstraße. verwittertem, rauem Putz überzogen. Eine befindet, jenes Heiligen, dessen Grabmal
ehemals in der Mitte des Kirchenraumes lag
und wohl den Hauptgrund für die rege Wall-
fahrt zur Kirche darstellte. Als das Grabmal
1862 abgetragen wurde, behielt man zumin-
dest die sagenumwobene Holzskulptur und
stellte sie in der Nische auf.

Über einen rundbogigen Triumphbogen


und drei Stufen erreicht man den einjochi-
gen gotischen Chor (Presbyterium) mit
5/8-Schluss. Das den Chor überspannende
Kreuzrippengewölbe entspringt polygo-
nalen Basen sowie Diensten und geht ka-
pitelllos ins Gewölbe über. Die gekehlten
Keilrippen sind ocker gefasst und heben
sich so von der weißen Wandfläche und den
Wandmalereien an beiden Längswänden
ab. An der Ostwand (rechts) befinden sich
zwei mit Maßwerk versehene Sitznischen
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27 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

sowie der Zugang zur Sakristei. Der baro-


cke Hauptaltar ist – im Gegensatz zu den
Seitenaltären – von Dislozierungen in den
1970er-Jahren verschont geblieben.
6
Die Ausrichtung nach Norden St. Johann i. Mauerthale.
Eine Besonderheit der Kirche von St. Jo- Langhaus der Kirche
hann stellt ihre Ausrichtung nach Norden (Blick Richtung
Norden/Chor).
dar. Jahrhunderte lang war es üblich, den
Chor christlicher Gotteshäuser in Richtung
der aufgehenden Sonne, die als Symbol für
die Auferstehung Christi gilt, zu orientie-
ren. Umso erstaunlicher ist, dass St. Johann
nur ca. 18° von der Nordachse in Richtung
Osten abweicht. Dasselbe Phänomen weist
auch die Kirche von Schwallenbach auf,
die direkt gegenüber am linken Donauufer 7
liegt. Die beiden Kirchen stehen mit ihrer St. Johann i. Mauerthale.
Langhaus der Kirche
ungewöhnlichen Ausrichtung allerdings
(Blick Richtung
nicht allein. Vielmehr scheint es sich um Süden/Orgelempore).
ein allgemeines Phänomen in der Wachau
zu handeln, wie bereits Peter Aichinger-
Rosenberger im Zuge seiner Beschäftigung
mit der Pfarrkirche von Spitz festgestellt
hat.3 Er kam zu dem Schluss, dass sich die 8
Mehrzahl der Kirchen in der Wachau – also Schwallenbach, Kirche
(Blick von Nordosten).
dem Gebiet zwischen Melk und Krems –
Der ins Oktogon
nicht an der Himmelsrichtung Osten be- übergehende Turm
ziehungsweise der aufgehenden Sonne, mit Zackenkranz und
sondern vielmehr am Verlauf der Donau gemauertem Turmhelm
ähnelt jenem von
orientiert. 4
St. Johann, ist aber
nicht zur gleichen
Verfolgt man den sich aus topografischen Zeit entstanden.
Gründen durch die Wachau schlängelnden
Lauf der Donau, ist dieser Beobachtung
absolut zuzustimmen. So biegt die Donau, ausgerichtet. Nach einem neuerlichen Rich-
die im Allgemeinen von Westen nach Osten tungswechsel bei Oberloiben pendelt sich
fließt, nach Melk in Richtung Norden ab. der Verlauf der Donau ungefähr in Richtung
In diesem Bereich liegen die annähernd Osten ein. Hier liegen die nur mehr einige
genordeten Kirchen von Aggsbach Markt, Grad nach Norden abweichenden Kirchen
Schwallenbach und St. Johann im Mauer- von Mautern, Stein und Krems.5
thale. Vor Spitz schwenkt der Fluss wieder
leicht nach Osten, was die nach Nordosten Als Grund für diese augenscheinliche Aus-
ausgerichteten Kirchen von Hofarnsdorf, richtung am Flusslauf können zunächst
Mitterarnsdorf, St. Michael, St. Lorenz, Wei- allgemeine topografische Überlegungen
ßenkirchen und den Chor von Spitz erklärt. herangezogen werden. So könnte argu-
Vor Dürnstein ändert die Donau ihre Rich- mentiert werden, dass in einigen Fällen
tung und fließt nun nicht mehr nach Nord- zwischen steil aufragenden Felsen, beste-
osten, sondern nach Südosten. So sind auch henden Straßen beziehungsweise Bebau-
alle drei Kirchen Dürnsteins nach Südosten ung und dem Donauufer oft nur begrenzter
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 28

9 Raum zur Verfügung stand. Bedenkt man, der Donau aus angelegt worden.7 In Zusam-
Kartenausschnitt
dass sich der Verlauf des Ufers aufgrund feh- menhang damit steht wohl auch die Mo-
mit den
Kirchenausrichtungen in lender Verbauung und Regulierung früher numentalmalerei des hl. Christophorus an
der Wachau nach Hochwassern viel stärker verändert der donauseitigen Fassade der Kirche von
(rot hervorgehoben: hat als heute, würde dies zum Beispiel auf St. Johann, die vom Fluss aus gut gesehen
St. Johann i. Mauerthale).
Deutlich ist erkennbar,
St. Johann, Schwallenbach, St. Michael, werden konnte.
wie sich die Kirchen St. Lorenz oder die ehemalige Stiftskirche
nach dem Verlauf von Dürnstein zutreffen. Dagegen spricht Im Rahmen seiner Überlegungen zur
der Donau richten. jedoch, dass zahlreiche Kirchen relativ weit Pfarrkirche von Spitz, die einen beson-
vom Donauufer entfernt und vollkommen ders ausgeprägten Achsknick zwischen
hochwassersicher auf Anhöhen liegen, wie Langhaus und Chor aufweist, stellt Peter
zum Beispiel die Kirchen von Spitz und Aichinger-Rosenberger überdies die These
Weißenkirchen sowie die ehemalige Pfarr- auf, dass die Ausrichtung von Kirchen am
kirche von Dürnstein. Die Ausrichtung zur Flusslauf erst in der Gotik üblich gewor-
Donau hin ist wohl eher auf das Bestreben den sei. Das Langhaus von Spitz, für das
zurückzuführen, die optische Wirkung der er einen romanischen Kernbau vermutet,
imposanten Gotteshäuser auf die am Fluss ist nämlich annähernd nach Osten ausge-
Reisenden zu verstärken.6 Die Donau stell- richtet, während der gotische Chor um 26°
te wohl als wichtigster Verkehrsweg den nach Norden verschwenkt ist.8 Tatsächlich
Hauptbezugspunkt für die Kirchen dar. Ge- handelt es sich bei jenen zwei Kirchen, die
rade jene Bauten, die in hochwassersicherer stark (über 30°) von der Ost-West-Achse ab-
Entfernung vom Ufer errichtet wurden, weichen und bereits in das 11./12. Jahrhun-
sind mit Bedacht auf ihre Fernwirkung von dert beziehungsweise die erste Hälfte des
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29 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

13. Jahrhunderts datiert werden, um St. Jo- auch die zahlreichen Sagen, überlieferten
hann und St. Lorenz, die beide einen römi- Wunder sowie Wallfahrtspraktiken rund
schen Wachturm in ihre Bausubstanz inte- um die Kirche eine wichtige Rolle.13
griert haben. Bei St. Lorenz dürfte die Lage
des Burgus tatsächlich ausschlaggebend für Die erste Planaufnahme der Kirche erfolgte
die Ausrichtung der Kirche gewesen sein, da 1963 durch Adalbert Klaar im Auftrag des
diese den römischen Baukörper rechtwink- Bundesdenkmalamtes. Er erkannte zwar,
lig – quasi als Westfassade – benutzt. Dies dass der Turm in keinem rechten Winkel
führte dazu, dass St. Lorenz etwas östlicher zum restlichen Kirchenbau steht, nicht
ausgerichtet ist, als es der Donauverlauf in aber, dass dies auf die gesamte Südwand
diesem Bereich vorgeben würde. Bei St. zutrifft. Dementsprechend gelangte er zu
Johann stellt sich dieser Umstand anders folgenden Bauphasen: »hochgot. Chorbau
dar. Hier wurde die Kirche nicht rechtwink- / spätgot. Turm / umgebautes Langhaus.«14
lig an den römischen Burgus angestellt, Klaar war damit jedoch der erste, der den
sondern weicht sogar noch weiter von der Bau des Presbyteriums nicht in die Spät-
West-Ost-Achse in Richtung Norden ab und gotik datierte. Den Turm stellte er jedoch
steht damit parallel zum Fluss. – wahrscheinlich aufgrund der Ähnlichkeit
mit Schwallenbach – immer noch in die
Spätgotik. Als Adalbert Klaar St. Johann in
Forschungsgeschichte den 1960er-Jahren besucht hat, muss sich
die Kirche in einem renovierungsbedürfti-
Die erste Beschreibung der Kirche in- gen Zustand befunden haben; zumindest
klusive bildlicher Darstellungen ist dem dürfte der Fassadenputz nicht mehr de-
Hofmeister Michael Stubenvoll zu ver- ckend vorhanden gewesen sein, da Klaar
danken, der 1637 St. Johann besuchte und im Süden der Langhauswestwand eine ver-
einen umfangreichen Bericht verfasste.9 mauerte gotische Tür eingezeichnet hat, die
Dieser beinhaltet auch eine Schilderung heute vollkommen unter Putz liegt.
des gemauerten Grabmals des hl. Adalwin
sowie eine Ansicht der Kirche von Osten So ist es nicht verwunderlich, dass bereits
und genaue Aufzeichnungen zweier Stif- 1970 eine umfassende Innen- und Außen-
terinschriften, die in späterer Zeit bereits renovierung in Angriff genommen wurde.
verloren waren.10 Beim Abschlagen des schadhaften Putzes in
den unteren Bereichen entdeckte man die
Bis zur Entdeckung der romanischen be- Fresken im Inneren der Kirche, wodurch
ziehungsweise gotischen Wandmalereien es in weiterer Folge zu einer völligen Neu-
1971 wurde dem kleinen Gotteshaus in bewertung der Baugeschichte kam. Das
weiterer Folge wenig Aufmerksamkeit ge- Vorhandensein von Wandbildern, die all-
schenkt. Die Mehrzahl der Autoren wies gemein um 124015 (Erstnennung der Kirche)
dem Bau eine einzige Bauphase zu, die in datiert wurden, stellte nicht nur das Alter
die erste beziehungsweise zweite Hälfte der Bausubstanz in ein neues Licht, son-
des 15. Jahrhunderts datiert wurde.11 Ins- dern war auch in Hinblick auf die spärlich
besondere wurde auf die Ähnlichkeit des erhaltenen Fresken aus dieser Zeit von
Turmes mit jenem von Schwallenbach – am besonderem kunsthistorischem Interesse.
gegenüberliegenden Donauufer gelegen – Wohl aufgrund dieser ›kleinen Sensation‹
hingewiesen, was Ignaz Keiblinger sogar verfasste Rudolf Diestelberger einen Restau-
zu der Annahme brachte, es ließe sich »mit rierungsbericht, der 1971 veröffentlicht wur-
Recht auf die gleichzeitige Erbauung bei- de.16 Auch Elga Lanc behandelte die Fresken
der Kirchen durch denselben Baumeister von St. Johann in ihrem 1983 erschienenen
schließen«12. Bei den vor 1971 erschienenen Corpus der mittelalterlichen Wandmalereien
Veröffentlichungen zu St. Johann spielten ausführlich.17
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 30

Die folgenden Publikationen18 datierten Diözesanblatt von 197719 beinhalten die


den Bau allerdings wieder einheitlich in erste Zusammenstellung des Quellen- und
die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts, ob- Inschriftenmaterials, darunter die für die
wohl Diestelberger wie Lanc einen Teil der Datierung des gotischen Chores wichtigen,
gotischen Fresken in das zweite Viertel lediglich durch einen Bericht aus dem Jahr
des 14. Jahrhunderts gestellt hatten. Die 1637 überlieferten Inschriften an einem
Geschichtlichen Beilagen zum St. Pöltner Bildfenster sowie bei der Ewiglicht-Stiftung

10
St. Johann i. Mauerthale.
Baualterplan der Kirche.
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31 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

an der Triumphbogenwand. Damals wur- 7 m erhalten. Diese Strukturen sind mittels


den die Inschriften aber fälschlicherweise bauhistorischer Befunde klar von späteren
in das Jahr 1470 datiert. Wie Andreas Zajic Bauteilen zu unterscheiden und müssen
200820 nachweisen konnte, beruhte diese als Vorgängerbau beziehungsweise Kern
Datierung auf der falschen Identifikation des heutigen Gebäudes angesehen werden.
eines Zeugen; er revidierte die Entste-
hung der Stifterinschriften auf die Zeit Bei Betrachtung des Grundrisses fällt zu-
»vor 1332«21. nächst auf, dass die Südmauer das Langhaus
nicht gerade abschließt, sondern um ca. 28°
Im Dehio-Handbuch von 200322 findet sich aus der Achse verschwenkt ist. Derselbe
zum Chor folgender Eintrag: »Im 1jochigen Achsknick ist auch zwischen Langhaus
Chor Kreuzrippengewölbe E. 14. Jh., an der und Turm zu beobachten. Zudem weist
W- und O-Wand auf älteren polygonalen die Südwand mit rund 1,60 m eine größere
Diensten der 1. H. des 14. Jhs. anlaufend […]«23; Mauerstärke im Vergleich zu den 0,80 m
der Turm wird als spätgotisch bezeichnet. der Langhausmauern auf. Der Sakralbau
wurde also nicht im rechten Winkel an den
Erst durch die Untersuchungen von Oliver Vorgängerbau im Süden angestellt, sondern
Fries gelang 201524 die Entdeckung des im weicht sogar erheblich – um fast 30° – von
Süden der Kirche integrierten römischen der Ausrichtung des Burgus ab. Die Gründe
Wachturms. Zudem konnte er erstmals den dafür lassen sich nicht eindeutig feststellen.
Chorbau – aufgrund der von Zajic neu datier- Möglicherweise orientierte man sich beim
ten Stifterinschriften – der Zeit vor 1332 und Bau der Kirche mehr am Lauf der Donau
die Errichtung des bislang als spätgotisch beziehungsweise an jenem der parallel dazu
bezeichneten Kirchturms – anhand von Bau- verlaufenden Donauuferstraße, die wohl
befunden – dem 14. Jahrhundert zuordnen. lagegleich mit der heutigen Bundesstraße
im Osten an der Kirche vorbeiführte.

Baugeschichte Die im Sommer 2016 durchgeführten ar-


chäologischen Untersuchungen lieferten
Der Schwerpunkt der nachfolgenden weitere Informationen zu dem römischen
Darstellung liegt auf den bauhistorischen Bauwerk südlich der Kirche. Die Grabung
Befunden und den kunsthistorischen Ver- konnte die Vermutung, dass es sich um
gleichen, wobei auch die Ergebnisse der einen Burgus handle, bestätigen und er-
archäologischen Untersuchungen im Süden brachte auch weitere wichtige Hinweise
der Kirche sowie der Georadarmessung im zur Baugeschichte der Kirche.25 Unter ande-
Gebäude selbst und am Areal des Kirchho- rem konnte die Ost-West-Ausdehnung des
fes einbezogen werden. römischen Bauwerks geklärt werden. Die
Reste der Nordmauer des Burgus bilden die
Der spätantike Burgus heutige Südmauer der Kirche, während die
(zweite Hälfte 4. Jahrhundert n. Chr.) straßenseitige Ostmauer teilweise in den
Die beachtlichen Mauerreste des römischen Kirchturm integriert ist und danach unter
Wachturms befinden sich im Süden des ge- der Erde weiter in Richtung Süden verläuft.
nordeten Gotteshauses und bilden dort die Auch die donauseitige Westmauer konnte
gesamte Südmauer des auf die Romanik zu- ermittelt werden. Groß war die Überra-
rückgehenden Langhauses sowie die Nord- schung, als sich beim Ausgraben der inneren
und die Ostmauer des gotischen Turmes. nordwestlichen Ecke sowie der Innenkante
Römisches Mauerwerk ist im Bereich des der Westmauer herausstellte, dass die zuge-
Turmes bis in eine Höhe von beinahe 8 m hörige Mauerschale in der Böschungsmauer
und am Südgiebel – einsehbar vom Dach- zum angrenzenden Grundstück noch ca.
raum des Langhauses – bis in eine Höhe von 2 m hoch erhalten geblieben ist und lediglich
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 32

11 (links)
St. Johann i. Mauerthale.
Südfassade der Kirche
mit unregelmäßigen
Abtreppungen.
Die römische
Mauersubstanz ist
bis zur verdachten
Abtreppung unter dem
Giebelfenster erhalten.

12 (rechts)
St. Johann i. Mauerthale.
Aufriss der Südfassade
mit Teilansicht der
Ostfassade.
Die rote strichlierte
Linie markiert ungefähr
jene Höhe, auf der
sich eine ehemalige
Geschoßdecke
des römischen
Burgus befand.

unter dichtem Efeubewuchs verborgen war. Richtung Süden, wo die Böschungsmauer


Deutlich ist eine Baufuge zur nördlicheren zur Straße (Osten) hin abknickt, verliert
Böschungsmauer, die gleichzeitig auch die sich das römische Mauerwerk. Der Burgus
Umfriedungsmauer der Kirche bildet, zu besaß demnach eine West-Ost-Seitenlänge
erkennen, da diese lediglich aus trocken von rund 12,4 m. Nimmt man einen annä-
geschichteten Bruchsteinen besteht. In hernd quadratischen Grundriss an, dürfte er
vergleichbare Ausmaße wie die bekannten
römischen Wachtürme in der nächsten
13 (links) Umgebung aufgewiesen haben.26
St. Johann i. Mauerthale.
Putzaufschluss an der
Südfassade im Bereich
der mutmaßlichen
ehemaligen Öffnung.
Eine geputzte
und getünchte
Laibungskante (links)
zieht hinter die
Vermauerung (rechts).
Hier befand sich
wohl ein Fenster des
römischen Burgus.

14 (rechts)
St. Johann i. Mauerthale.
Südgiebel, vom Dach-
raum des Langhauses
aus gesehen (Blick
Richtung Süden).
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33 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

Die Südfassade weist unregelmäßige Rücksprung im Mauerwerk des Burgus


Abtreppungen und horizontale Rück- zurückzuführen, der dem Auflegen einer
sprünge auf, die bisher ignoriert oder als Geschoßdecke gedient hat (rote strichlier-
»Verstärkungsmauer«27 gedeutet wurden. te Linie). Dieser ursprünglich scharfkantige
Die oberste horizontale und vertikale Zäsur Rücksprung (und damit die Geschoßdecke)
(unter dem Dachfenster) markiert ungefähr befand sich ungefähr in jenem Bereich, in
den Bereich, bis zu dem römisches Mauer- dem die Böschung heute ansetzt (also in ca.
werk erhalten geblieben ist. Die geböschte 3,90 m Höhe). Der Rücksprung verfiel im
Abtreppung auf mittlerer Höhe ist auf einen Lauf der Zeit beziehungsweise wurde aus

15
St. Johann i. Mauerthale.
Steingerechte
Zeichnung des
Südgiebels, vom
Langhausdachraum
aus gesehen. Die
verschiedenen
Bauphasen sind
farblich voneinander
unterschieden.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 34

16
St. Johann i. Mauerthale.
Westliches Burgus-
fenster im Dachraum
des Langhauses;
lediglich der linke
Bogenansatz ist
erhalten. Es handelt
sich um ein gerade
geschnittenes
Rundfenster mit zwei
Faschengestaltungen.
Die primäre zeigt ein
Ritzmuster im Putz
(4. Jahrhundert),
die sekundäre eine
Gestaltung mit roten
und weißen Streifen (9.
bis 12. Jahrhundert).

17
St. Johann i. Mauerthale.
Östliches Burgusfenster
im Dachraum des
Langhauses; der
Bogen ist komplett
erhalten. Hier ist
nur die sekundäre
Faschengestaltung
sichtbar. Sie zeigt
ein rot-weißes
Zackenmuster (9. bis
12. Jahrhundert).

18
Raabs an der
Thaya, Pfarrkirche.
Romanisches
Obergadenfenster
an der Südseite im
Dachraum des südlichen
Seitenschiffs. Die
Faschengestaltung
zeigt Ähnlichkeiten
mit jener der
Zweitnutzungsphase
des Burgus in
St. Johann.
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35 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

19
St. Johann i. Mauerthale.
Römisches Mauerwerk
im 1. Turmobergeschoß
(Blick auf die
Nordmauer). Rechts
ist das römische
Mauerwerk verzahnt,
links steht das gotische
Mauerwerk des Turmes
über eine Baufuge an.

20
St. Johann i. Mauerthale.
Römisches Mauerwerk
im 1. Turmobergeschoß
(Blick auf die
Ostmauer). Links ist das
römische Mauerwerk
verzahnt, rechts steht
das gotische Mauerwerk
des Turmes über
eine Baufuge an.

21
St. Johann i. Mauerthale.
Römisches Mauerwerk
im 1. Turmobergeschoß
(Detail). Der Mörtel
wurde meist Pietra-
rasa-artig verstrichen
und verpresst. An
einigen Stellen wie
etwa dem abgebildeten
Ausschnitt findet sich
ein zarter Kellenstrich.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 36

konservatorischen Gründen bewusst ab- nicht nur Details der bauzeitlichen Gestal-
geschlagen. Beim rechteckigen Einschnitt tung des Burgus offenbaren, sondern auch
rechts (Osten) handelt es sich wohl um ein Indizien für eine Nachnutzung des römi-
bauzeitliches Trichterfenster, dessen Sturz schen Bauwerks im Zeitraum zwischen
zusammen mit dem darüberliegenden Mau- dem 9. und dem 12. Jahrhundert liefern, als
erwerk im Zuge des Verfalls des Bauwerks der Sakralraum noch nicht bestanden hat.
eingebrochen ist. Vergleicht man die Lage Da die archäologische Untersuchung kei-
dieses Fensters mit jener des römischen ne Anhaltspunkte für eine nennenswerte
Rundbogenfensters, das im Dachraum Nachnutzung des römischen Wachturms in
sichtbar ist, zeigt sich, dass beide nicht der Zeit des späten Frühmittelalters bezie-
direkt übereinanderliegen. Da sich das mut- hungsweise frühen Hochmittelalters liefern
maßliche Trichterfenster allerdings in der konnte, erscheint dieser Befund besonders
Mittelachse des romanischen Langhauses spannend.29
befindet, wäre auch an ein romanisches
Westfenster zu denken. Eine Sondage in Die beiden Fenster waren gleichmäßig an
diesem Bereich zeigte, dass die getrichterte der Nordfassade des Burgus positioniert
Laibung verputzt und getüncht war, ehe der und belichteten wohl das ehemalige erste
Bereich vermauert worden ist.28 Obergeschoß. Das vom Dachraum aus gese-
hen rechte Fenster (Westen) wurde durch
Betrachtet man den Südgiebel des Langhau- den Abbruch für den romanischen Giebel
ses vom Dachraum aus, ist zu erkennen, wie stark reduziert. Der Bogenansatz zeigt al-
das römische Mauerwerk für den flachen lerdings deutlich die gerade geschnittene
romanischen Giebel abgerundet worden ist. Laibung sowie zwei Gestaltungsphasen der
Direkt über dem heutigen Bodenniveau sind Fensterfaschen. Das Fenster war primär
die oberen Abschlüsse zweier römischer durch einen in den glatt gepressten Putz
Rundbogenfenster erhalten geblieben, die geritzten Bogen sowie radial um die Fens-
teröffnung angeordnete Striche/Streifen
gegliedert. Diese Oberflächengestaltung
lässt sich gut mit der römischen Mauer-
werksgestaltung im Turm vergleichen.
22
St. Johann i. Mauerthale. Über dem spätantiken Putz liegt eine
1. Turmobergeschoß, weitere Putzschicht, die weniger geglättet
Südostecke. Das ist und in die Laibung zieht. Diese weist
römische Mauerwerk
(links) ist im
einen farbigen Dekor aus abwechselnd
oberen und unteren roten und weißen, radial angeordneten,
Bereich sichtbar. streifenförmigen Segmenten auf. Die se-
Das Mauerwerk des kundäre Faschengestaltung ist auch beim
gotischen Turmes
(rechts) steht am linken Fenster (Osten) zu erkennen. Hier
römischen Mauerwerk handelt es sich allerdings um ein umlau-
an. Bemerkenswert fendes Zackenband in Rot und Weiß mit
ist die Abböschung,
zumindest einem roten Begleitstrich.
die mit dem gotischen
Mauerwerk verzahnt ist. Diese Art der Fensterdekoration mit rot-
Es handelt sich um eine weiß-roten Streifen oder Zacken war vom
Sicherungsmaßnahme 9. bis ins 12. Jahrhundert weit verbreitet.
für den wohl
schon verwitterten
Ein geografisch relativ nahe gelegenes
Geschoßrücksprung Vergleichsbeispiel sind die romanischen
des Burgus, die im (Mitte 12. Jahrhundert) Obergadenfenster
Zuge des Turmbaus
der Pfarrkirche von Raabs an der Thaya,
im 14. Jahrhundert
durchgeführt die heute im Dachraum der Seitenschiffe
worden ist. verborgen liegen.30 Die Fensterfaschen
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37 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

werden hier aus in den Putz geritzten Ein Großteil des erhaltenen römischen 23
Streifen und Zacken gebildet und sind Mauerwerks befindet sich im Kirchturm Lage der bekannten
römischen Wachtürme
alternierend rot-weiß gefasst. Auch die (Nord- und Ostmauer). Die Süd- und die in der Wachau (rote
Laibung war farblich gestaltet; hier konnte Westmauer des gotischen Turmes stehen Markierung) mit dem
sich das Pigment aufgrund der geschützte- mit eindeutigen Baufugen an dem spätan- Kastell Mautern im
Nordosten und dem
ren Position wesentlich besser erhalten.31 tiken Baukörper. Der Kirchturm aus dem
Burgus von St. Johann
14. Jahrhundert wurde also in die Nord- im Mauerthale im
Eine Nachnutzung des römischen Burgus ostecke des römischen Burgus gestellt und Südwesten.
im späten Frühmittelalter beziehungsweise überbaut diesen ab einer Höhe von ca. 8 m
frühen Hochmittelalter – also bevor die Kir- an allen Seiten. Aufgrund des unverputz-
che angebaut wurde – scheint durch diesen ten Zustandes im Inneren des Turmes ist
Befund gesichert. Eine genauere zeitliche die spätantike Mauerwerksstruktur hier
Einordnung ist allerdings aufgrund der besonders gut sichtbar. Es handelt sich um
nur sehr grob zu datierenden Detailformen lagerhaftes Bruchsteinmauerwerk mit zum
(Faschengestaltung) sowie der spärlichen Teil beachtlichen Steinformaten. Das Stein-
archäologischen Funde aus dieser Zeit material wurde nicht besonders sorgfältig
nicht möglich. Es ist anzunehmen, dass sortiert, allerdings achtete man darauf,
der spätantike Wehrbau in dieser Zeit als flache Steinköpfe an der Mauerschale zu
Sitz eines Gefolgsmannes der Salzburger versetzen. In einem zweiten Arbeitsschritt
Erzbischöfe, die das Gebiet um St. Johann wurden die Setzfugen mit Mörtel verschlos-
wohl seit dem 9. Jahrhundert besaßen, in sen und Pietra-rasa-artig über die Fugen ver-
Verwendung stand.32 strichen, sodass nur die Steinköpfe sichtbar
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 38

blieben. An einigen Stellen zeigt sich der römischen Wehrbauten der Wachau34 und
runde Abdruck der Kellenrückseite, mit der vergleicht sie mit jener des Burgus von St.
der Mörtel in die Fugen gepresst worden Johann, so fällt auf, dass die zwei durch
ist. Exakt in jener Höhe, in der sich heute die Schlingen des Flusses gebildeten Land-
der Sturz des sekundären Zugangs von der zungen (Sedimentationsflächen) in diesem
Empore in den Turm befindet, verläuft ein Bereich von Burgi quasi flankiert werden.35
Ankerbalkenkanal. Die Balken des hölzer- Die schmälere, auf der sich die Arnsdörfer36
nen Ringankers wurden im Baufortschritt befinden, wird im Westen unmittelbar dort,
mitvermauert und an den Ecken miteinan- wo das Steilufer endet und das flache,
der verbunden. Das Holz ist heute vollkom- nutzbare Land beginnt, durch den Burgus
men verrottet und lediglich als Negativ im von St. Johann gesichert. Am Ende dieser
Mauerkern erhalten. Ungefähr in derselben Sedimentfläche befindet sich der Burgus
Höhe (ca. 3,5 m über heutigem Bodenni- von Bacharnsdorf, ehe das Steilufer wieder
veau) befand sich eine ehemalige Geschoß- beginnt. Ähnlich stellt sich die Situation
decke des römischen Wehrbaus. Diese ist bei der breiteren Landzunge von Rossatz
durch die Anböschung an der Nord- und der dar. Der Burgus im Westen ist heute in die
Ostseite des Turmes gekennzeichnet und romanische Kirche St. Lorenz integriert,
setzt sich an der Südfassade der Kirche fort. während im Osten der Burgus »Windstall-
Diese Böschung kaschiert einen ehemali- graben« die nutzbare Landfläche sichert.
gen Mauerrücksprung, der zum Auflegen Zudem positionierte man die Wachtürme
der Deckenbalken genutzt wurde. Zum von St. Johann (Mauertal), Bacharnsdorf
Zeitpunkt des gotischen Turmbaus (erste (Kupfertal) und Windstallgraben jeweils am
Hälfte 14. Jahrhundert) muss sich der spät- Ausgang eines Tales, von dem aus römische
antike Burgus bereits in einem ruinösen Altwege von der im Dunkelsteinerwald lie-
Zustand befunden haben. Die wohl stark genden Limesstraße hinunter zur Donau
verwitterte Mauerkante wurde im Zuge führten.37 Seit wann eine durchgehende
der Bauarbeiten durch die Anböschung ge- Donauuferstraße in diesem Bereich bestan-
sichert, ehe man die römischen Mauerreste den hat, ist nicht ganz klar; noch im 17./18.
in den gotischen Turm integrierte. Wie die Jahrhundert mussten die Treidler in diesem
archäologische Untersuchung gezeigt hat, Abschnitt der Donau mehrmals das Ufer
wurden im Zuge dessen auch die übrigen wechseln, um ihre Pferdegespanne sicher
Reste des Wachturms abgetragen.33 flussaufwärts treiben zu können.

Zusammengefasst ist der spätantike Wehr- Ein bemerkenswerter Aspekt des Wach-
bau als annähernd quadratisches Bauwerk turms von St. Johann im Mauerthale ist die
mit einer Seitenlänge (Ost-West) von rund Integration eines Teils seiner Bausubstanz
12,40 m bei einer Mauerstärke von 1,60 m in einen romanischen Sakralbau, wobei
im Erdgeschoß zu beschreiben. Das Gebäu- auch noch beim Kirchturmbau in der ersten
de war über 8 m hoch und verfügte über Hälfte des 14. Jahrhunderts Mauerreste Ver-
mindestens zwei Geschoße (Erd- und Ober- wendung fanden. Im Hochmittelalter baute
geschoß). Das Erdgeschoß war wohl spärlich man die Kirche einfach an die Nordfassade
durch getrichterte Schlitzfenster beleuch- des Burgus an, sodass diese die Südfassade
tet. Das Obergeschoß besaß jedenfalls zwei des Langhauses bildete, und verzichtete
gerade geschnittene Rundbogenfenster an damit darauf, das Gotteshaus zu osten.
der Nordseite. Eine ähnliche Situation lässt sich wenige
Kilometer flussabwärts bei der Filialkirche
Der Burgus war parallel zur Donau, aber St. Lorenz feststellen: Auch hier nutzt ein
nahe den steil aufragenden Erhebungen des Sakralbau des 12. Jahrhunderts Teile eines
Dunkelsteinerwaldes positioniert. Betrach- mutmaßlichen römischen Wachturms, al-
tet man die Lage der restlichen bekannten lerdings auf etwas andere Weise als in St.
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39 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

24
Filialkirche St. Lorenz
(Gemeinde Rossatz),
Baualterplan. Auch
in die Kirche von St.
Lorenz wurde ein
römischer Wachturm
integriert, allerdings
auf andere Weise als in
St. Johann: Hier bildet
die Burgussüdmauer
die Kirchennordmauer.

Johann. Die Kirche wurde hier zwischen Kirche in der ersten Hälfte des 14. Jahrhun-
Burgus und (heutiger) Straße platziert derts gegen Norden erweitert wurde. Bei
und nutzte die donauabgewandte Seite Mauerwerksaufschlüssen an der West- und
des Wachturms als Langhausnordmauer.38 der Ostfassade konnte jeweils die Baufuge
Die Außenmauern des im Norden direkt zwischen dem quaderhaften romanischen
daran anschließenden Wohnhauses stam- Mauerwerk und der gotischen Erweiterung
men wohl ebenfalls noch vom römischen festgestellt werden. Die Georadaruntersu-
Gebäude.39 Die beiden Burgi könnten als chung im Innenraum der Kirche erbrachte
Ansitze Salzburger Gefolgsleute gedient Daten, die auf ein ehemaliges Chorquadrat
haben, woraufhin in weiterer Folge hier hinweisen: Zu erkennen sind hier eine
frühe Sakralbauten entstanden, die den Quermauer auf Höhe der befundeten Bau-
römischen Bestand integrierten.40 fugen sowie die rechte (östliche) Mauer des
mutmaßlichen Chorquadrates. Das Lang-
Der hochmittelalterliche Sakralraum haus der romanischen Kirche hatte dem-
(12. Jahrhundert) nach eine Länge von 13,90 m (Westen) bezie-
Die in der Romanik entstandene Kirche hungsweise 12 m (Osten); daran schloss ein
umfasste im Wesentlichen einen Großteil auf beiden Seiten um ca. 1 m eingezogenes
des heutigen Langhauses. Eine vertikaler Chorquadrat an, dessen exakte Länge un-
Mauerversprung sowie ein leichter Achs- klar bleibt. Die ursprüngliche Kirche war ca.
knick markieren jene Stelle, an der das 1,90 m niedriger als die heutige und besaß
romanische Langhaus endete, bevor die ein Satteldach mit einer für die Romanik
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 40

25
St. Johann i. Mauerthale.
Links: Putzfenster an
der Langhauswestseite
mit romanischem
Mauerwerk (rechts) und
gotischem Mauerwerk
der Erweiterung (links).
Rechts: Putzfenster an
der Langhausostseite
(Raum unter dem
Kanzelaufgang)
mit romanischem
Mauerwerk (links)
und gotischem
Mauerwerk (rechts).

typischen flachen Neigung von ca. 30°. Der Datierung der Mauerstruktur ist aufgrund
Neigungswinkel des hochmittelalterlichen der vollflächigen Verputzung der gesamten
Daches und die Aufzonung sind vom Dach- Kirche nicht möglich. Bedauerlicherweise
raum aus am Südgiebel des Langhauses zu wurden die Restaurierungsarbeiten der
erschließen.41 1970er-Jahre – in deren Verlauf der alte Fas-
sadenputz fast vollständig entfernt wurde
Die zeitliche Einordnung dieses ersten – nicht ausreichend dokumentiert, weshalb
Sakralraumes gestaltet sich schwierig. Als auch keine Fotografien des romanischen
Terminus ante quem muss die Erstnennung Mauerbestandes der Kirche zur Verfügung
1240 gelten.42 In diese Zeit werden auch die stehen. Im Rahmen der Bauforschung wur-
romanischen Wandmalereien an der Innen- de der Putz an kleinen Stellen (ca. 0,70 × 1,0
seite der Langhauswestmauer gestellt.43 Eine m) der Ost- und der Westfassade entfernt,

26
St. Johann i. Mauerthale.
Aufriss der Westfassade
mit Orthofoto des hl.
Christophorus. Die
grüne Linie markiert
die Baufuge zwischen
romanischem Langhaus
(rechts) und gotischer
Erweiterung (erste
Hälfte 14. Jahrhundert)
des Langhauses
(links). Die rote Linie
markiert die ungefähre
Höhe des Langhauses
bis zur Aufzonung
kurz nach 1415.
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41 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

um die Baufuge zwischen romanischem Das letzte und schmälste Bildfeld ist heute
und gotischem Mauerwerk eindeutig fest- so stark reduziert, dass die Identifizierung
zustellen. Die hier zum Vorschein gekom- des Bildthemas unmöglich erscheint.47
mene Struktur lässt sich als grobblockiges, An dieser Stelle befindet sich, wie bereits
in Einzellagen versetztes, quaderhaftes Rudolf Distelberger richtig erkannt hat,
Bruchsteinmauerwerk beschreiben, dessen eine Baunaht, die mit jener an der Fassade
Steinformate im hier befundeten Eckver- übereinstimmt; hier endete das romanische
band der ehemaligen Chorschulter zum Langhaus und somit auch die romanische
Teil erheblich sind (ca. 50 × über 45 cm). Wandmalerei. Es folgt ein über die heutige
Die Putzaufschlüsse lassen aber aufgrund Chorschulter reichender Bildstreifen, der
ihres geringen Umfangs keine detaillierte Christus zwischen den zwölf Aposteln zeigt
Beurteilung der Mauerstruktur zu, weshalb und um 1330/1340 entstanden ist.48
lediglich eine sehr weit gefasste Datierung
in das (11. beziehungsweise) 12. Jahrhundert Distelberger weist darauf hin, dass die go-
möglich ist.44 tischen Wandmalereien die romanischen
an keiner Stelle überschneiden beziehungs-
Die romanischen Wandmalereien weise überlagern.49 Die Malereischicht ist
Als man bei der Innenrestaurierung 1970 zwar trotz vollflächiger Aufspitzungen in
an der Langhauswestmauer romanische gutem Zustand50, die Darstellungen sind
Wandmalereien entdeckte, war die Begeis- aber durch zwei Fenstereinbrüche, eine
terung groß, da der diesbezügliche Denk- Türe sowie die Orgelempore stark beein-
malbestand Niederösterreichs gering ist.45 trächtigt. Der grobe, unebene Putz des 13.
Die allgemein in die Zeit um 1240 datierten Jahrhunderts fand sich laut Distelberger
Fresken wurden in weiterer Folge freigelegt an der Süd- und zum Teil an der Ostwand,
und restauriert.46 Auf die immer wieder ge- wo allerdings keine Malereien festzustel-
äußerten Zweifel an der Datierung sowie len waren. Auch die Baunaht zwischen
der Zusammengehörigkeit der Bilder soll romanischen und gotischen Bauteilen
am Ende des Kapitels ausführlich eingegan- konnte an dieser Langhausseite nicht do-
gen werden. kumentiert werden. Da die Baufuge aber
– belegt durch eine Sondage an der Au-
Die Richtung Chor stufenweise abfallende ßenseite – auch an der Ostseite der Kirche
und zum Teil gerahmte Bilderfolge beginnt vorhanden ist, besteht der Verdacht, dass
im Süden mit der Darstellung eines beritte- der Putz der Langhausostmauer bereits
nen Heiligen (wahrscheinlich der hl. Georg). zuvor großflächig ausgetauscht worden
Der untere Teil des Bildes ist allerdings war. Zudem waren wahrscheinlich auch
beim Einbau der Orgelempore zerstört die Ostwand sowie das heute nicht mehr
worden; diese schneidet den anschließen- vorhandene Chorquadrat im Norden mit
den hl. Christophorus in Brusthöhe. Es ist Bildwerken ausgestattet, wie es für diese
anzunehmen, dass Letzterer ursprünglich Zeit als üblich angesehen werden kann.51
bis zum Boden gereicht hat; die unteren Ein weiterer aus der Norm fallender As-
Partien sind nicht mehr erhalten. Direkt pekt der Malereien in St. Johann ist das
anschließend folgt ein gerahmtes Bildfeld Nebeneinander von autonomen Darstel-
mit der Kreuzigung Christi. Das nächste lungen. Soweit es die spärlichen Reste er-
Bildfeld beginnt ca. 0,70 m weiter unten kennen lassen, handelt es sich hier weder
und zeigte wohl Szenen aus dem Leben der um einen zusammenhängenden Zyklus
hl. Margareta, von welchen heute nur mehr noch um ein ausgeklügeltes theologisches
die Auffahrung ihrer Seele in den Himmel Programm. Die Tatsache, dass sowohl in
in der rechten oberen Bildecke erhalten der Legende des hl. Georg als auch in
ist. Die Seele der Heiligen wird in einem jener der hl. Margareta der Kampf mit
Tuch von zwei Engeln nach oben getragen. einem Drachen und damit der Sieg über
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 42

27 (oben) das personifizierte Böse überliefert ist, Christusträger wohl vom Boden bis zur
St. Johann i. Mauerthale. erscheint zu wenig stichhaltig, um einen Decke des Kirchenraumes reichte und so
Orthofoto der Malereien
an der Westmauer
gewollten Zusammenhang postulieren zu wortwörtlich jeden Rahmen sprengte.
des Langhauses. Links können.
die romanischen, Das Pferd des hl. Georg wird von der Seite
rechts die gotischen
Der hl. Georg und der hl. Christophorus gezeigt. In der Höhe des Bauches wird es
Wandmalereien.
wurden dicht nebeneinander und un- von der Empore geschnitten. Der auf dem
gerahmt dargestellt, was nach Rudolf Dis- Pferd sitzende Drachentöter hält einen
telberger und Elga Lanc ihren Realitäts- Speer, mit dem er von oben herab zum Stoß
28 (unten)
charakter im Vergleich zu den gerahmten ansetzt, in beiden Händen; seine Rechte ist
St. Johann i. Mauerthale. ›historischen‹ Szenen verstärken sollte.52 hinter dem Kopf erhoben. Aufgrund dieser
Längsschnitt durch Sie treten zudem in Beziehung mit der Haltung ist der von einem dunkelvioletten
Langhaus und Chor mit
Architektur, da der hl. Georg wahrschein- Umhang umschlungene Oberkörper des
Ansicht der Westmauer
sowie Abwicklung lich über einem ursprünglichen Portal Heiligen dem Betrachter frontal zugewandt.
der Wandbilder. angebracht war53 und der monumentale Der von ockerfarbenen Haaren umgebene
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43 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

Kopf wird im Dreiviertelprofil gezeigt. Um Darstellungen des berit-


die Schultern hat der Reiter einen großen tenen Drachentöters in
Dreieckschild geschnallt, der den gesamten der Monumentalmalerei
Oberkörper rahmenartig einfasst und vom nördlich der Alpen, da
Nimbus überschnitten wird. Die Silhouette dieses Motiv – aus dem
des Schimmels ist besonders im vorderen byzantinischen Raum kommend – frühes-
Bereich des Kopfes kaum zu erkennen. Das tens in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts
ockerfarbene Zaumzeug mit dunkelvioletten im Norden nachweisbar ist54 und erst durch
Akzenten hilft bei der Orientierung. Der Kopf die Schilderung der Begebenheit in der Le- 29 (unten)
St. Johann i. Mauerthale.
des Pferdes ist zur eigenen Brust gesenkt und genda aurea (1263–1273) weitere Verbreitung Schema der Malereien
berührt trotzdem beinahe die im Vergleich gefunden hat55. Wolfgang Volbach bezeich- an der Westwand
riesig wirkende Hand des Christophorus. net die oben geschilderte Handhabung des Langhauses.
Die Wandbilder
der Lanze durch den hl. Georg als »antike
werden von späteren
Beim hl. Georg von St. Johann handelt es Art«, die bereits ab ca. 1260 von der Variante Öffnungen sowie der
sich wohl um eine der ältesten erhaltenen mit eingelegter Lanze abgelöst worden ist. Orgelempore gestört.

1 2
3
4 5

Wandmalerei um 1240 Wandmalerei um 1330/1340 vermauerte gotische Fenster


1 – hl. Georg Christus und die Zwölf Apostel
2 – hl. Christophorus
Wandmalerei erste Hälfte 15. Jh. Baufuge zwischen romanischem Langhaus
3 – Kreuzigung
4 – Margaretenszene hl. Nikolaus und hl. Leonhard (links) und gotischer Erweiterung (rechts)
5 – nicht identifiziertes Fragment
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 44

30
St. Johann i. Mauerthale.
Fragment einer
Margaretenszene an
der Westwand mit
Aufnahme der Seele
der Heiligen in den
Himmel (um 1240).

Die letztgenannte Darstellungsweise »bleibt Ergebnisse. Der 22 Szenen umfassende Zy-


von da an in der deutschen Kunst bis zum klus der Lebensgeschichte des hl. Georg, der
Beginn des 15. Jahrhunderts fast die Regel«.56 sich im Chorquadrat der Kirche St. Georgen
Sie führt automatisch zu breit gelagerten ob Judenburg (Steiermark) erhalten hat, be-
Kompositionen, in denen der Drache – im inhaltet zum Beispiel den Drachenkampf
Gegensatz zu St. Johann – horizontal neben nicht, obwohl die Wandmalerei ebenfalls
dem Reiter positioniert wird. Der Dreieck- in die Zeit um 1240 datiert wird.58 Große
schild, den der Heilige umgehängt hat, Ähnlichkeiten mit der Darstellung in St.
stellt – im Gegensatz zum byzantinischen Johann zeigt allerdings ein Wandbild in S.
Rundschild – eine westliche Zutat dar.57 Pietro in Bosco bei Alfa (Südtirol), das heu-
te in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts
Aufgrund der sehr früh einzustufenden datiert wird.59 Die Komposition und die
Darstellung des Heiligen zu Pferd und Haltung des Reiters – die Lanze mit beiden
der allgemein spärlichen Überlieferung Händen haltend, die Rechte über dem Kopf
von Wandmalerei dieser Zeit brachte die erhoben – stimmen weitgehend überein,
31 Suche nach Vergleichsbeispielen wenige wobei der Heilige in S. Pietro den Schild
St. Johann i. Mauerthale. allerdings schützend vor den Körper hält.
Baufuge zwischen Die Darstellung wirkt allgemein weniger
romanischem Langhaus
mit Malereien der Zeit
detailliert und differenziert als jene von St.
um 1240 (links) und Johann, was auch der problematischen Res-
gotischer Erweiterung taurierungsgeschichte geschuldet sein mag.
mit Malereien der Zeit
um 1330/1340 (rechts).
Das nördlichste Bildfeld Der hl. Christophorus ist stark fragmen-
der romanischen tiert. Ursprünglich reichte der riesenhafte,
Wandmalerei ist so dem Betrachter streng frontal zugewandte
schlecht erhalten, dass
Heilige wohl vom Boden bis zur Decke;
eine Identifikation
des Bildinhaltes wegen des Einbaus der Orgelempore ist
nicht möglich ist. er heute nur mehr als Brustbild erhalten.
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45 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

32
St. Johann i. Mauerthale.
Orthofoto der
romanischen Malereien
(um 1240), die von der
Orgelempore aus zu
sehen sind. Von links
nach rechts: hl. Georg,
hl. Christophorus,
Kreuzigung.

Zusätzlich hat ein barockes Fenster die Die Gesichtszüge und der Bart sind mit
rechte Hälfte seines Gesichtes sowie den Ocker, Braun und Schwarz akzentuiert.
oberen Kopfbereich Christi zerstört. Dieser Christus ist als Pantokrator – mit Kreuz-
sitzt in Brusthöhe auf dem linken Arm des nimbus, zum Segensgestus erhobener
Heiligen. In seiner Rechten hält er einen rechter Hand und einem Buch in der linken
Stab mit fünf herzförmigen Blättern. Be- Hand – wiedergegeben, wie es bis ins 14.
kleidet ist der Christusträger mit einem Jahrhundert üblich war.60 Auch er ist mit
dunkelvioletten Mantel, der über der Brust einem Mantel bekleidet, allerdings befindet
mit einer Spange zusammengehalten wird. sich hier eine große Fehlstelle. Christus sitzt
Der bärtige Heilige besitzt braunes Haar auf dem gebauschten Mantel des Christo-
und einen ockerfarbenen Heiligenschein. phorus, den dieser in seinen Händen hält.

33
St. Johann i. Mauerthale,
Westwand. Hl. Georg im
Kampf mit dem Drachen
(um 1240). Das Pferd
wird im Brustbereich
von der Empore
geschnitten, weshalb
der untere Bereich des
Bildes mit dem Drachen
nicht mehr erhalten ist.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 46

34 Ein Finger und ein Teil der Hand sind direkt


S. Pietro in Bosco
über dem Bretterboden der Empore noch
bei Alfa (Südtirol),
Südwand. Hl. Georg zu erkennen. Rechts befindet sich der aus
im Kampf mit dem roten und ockerfarbenen Streifen gebilde-
Drachen (erste Hälfte te Rahmen des ersten Bildfeldes, das eine
13. Jahrhundert)
(nach Stampfer und
Kreuzigungsszene zeigt. Interessant ist hier,
Steppan 2008). dass der einfache Rahmen sowohl vom
Mantel des Christophorus als auch vom
Heiligenschein einer Assistenzfigur der
Kreuzigung geschnitten wird. Derartige,
meist aus zweifarbigen Streifen aufgebau-
te Rahmen, die teilweise vom Bildinhalt
geschnitten werden, waren in der ersten
Hälfte beziehungsweise Mitte des 13. Jahr-
hunderts üblich.61

Darstellungen des hl. Christophorus aus die-


ser Zeit finden sich nicht selten, und zwar
sowohl an Fassaden als auch in Kirchenin-
nenräumen.62 Gemeinsam ist ihnen nicht
nur die riesenhafte Größe, sondern auch
die strenge Frontalität des Christusträgers.
Christus selbst wird stets als Pantokrator –
mit Kreuznimbus, Buch und Segensgestus
35 – dargestellt. Meist ist der Heilige aber im
St. Johann i. Mauerthale, Gegensatz zu der Darstellung in St. Johann
Westwand. Fragment bartlos und trägt Christus nicht am Arm,
des hl. Christophorus
mit Christus am
sondern auf der Schulter. Lediglich der stark
Arm (um 1240). Das fragmentierte Christophorus im Dom zu
monumentale Wandbild, Trient hält Christus ebenfalls in Brusthöhe.
das ehemals wohl vom
Der von Rudolf Distelberger angeführte Ver-
Boden bis zur Decke
reichte, wird von der gleich mit dem Christophorus auf der Nord-
Empore beschnitten; fassade der Burgkapelle von Hocheppan,
der untere Bereich der Christus ebenfalls in Brusthöhe hält,
ist nicht erhalten.
ist insofern nicht mehr gültig, als bei einer
Restaurierung 1991 nachgewiesen werden
konnte, dass das Bild in reiner Seccotechnik
auf eine ältere Putzschicht gemalt wurde
und nicht wie ursprünglich angenommen
36 Anfang des 13. Jahrhunderts, sondern erst
St. Johann i. Mauerthale,
rund 100 Jahre später entstanden ist.63
Westwand. Fragment
einer Kreuzigungs-
gruppe (trauernde Die rechts anschließende, mehrfigurige
Frauen und Johannes; Kreuzigungsszene befindet sich in ca. 1,73 m
um 1240). Die Rahmung
der Bildfelder in Rot
Höhe und ist von einem Rahmen in Rot und
und Ocker wird Ocker eingefasst. Der linke Bereich wird
sowohl vom Nimbus von Boden und Brüstung der Orgelempore
einer Frauenfigur als
geschnitten, während der untere Teil des
auch vom Mantel des
hl. Christophorus Bildes beim Einbrechen eines Portals an
geschnitten. dieser Stelle sowie beim Austauschen des
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47 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

schadhaften Putzes abhanden gekommen 37


Dom von Gurk,
ist. Der Abschnitt rechts des Gekreuzigten
Querhaus, Nordwand.
ist heute zusätzlich durch eine Marien- Hl. Christophorus (Mitte
skulptur verstellt, die zu einer hier ange- 13. Jahrhundert).
brachten Figurengruppe – ebenfalls der
Kreuzigung – gehört.

Das Kreuz mit dem soeben Verstorbenen –


mit gesenktem Kopf und aus der Seitenwun-
de blutend – befindet sich im Zentrum der
Szene. Am Querbalken des Kreuzes hat sich
ein Engel niedergelassen. Links sind vier
Personen aus dem Gefolge Christi – trau-
ernde Frauen, Johannes, Maria – mit Heili-
genscheinen in Weiß und Ocker dargestellt,
rechts vier hintereinander angeordnete
Soldaten; vor diesen ist als Ganzfigur der
Centurio positioniert, der mit seiner rech-
ten Hand auf den Gekreuzigten deutet und
in seiner Linken eine Lanze hält. Laut Dis-
telberger befindet sich zwischen Centurio
und Christus eine weitere Figur mit einem
T-förmig endenden Stab, den er als Stepha-
ton identifiziert, jenen Soldaten, der Jesus
zuvor mit Hilfe eines Schwammes Essig Das folgende Bildfeld zeigt eine weibliche
zu trinken gegeben hatte.64 Diese Figur ist Heilige, die in einem Tuch von zwei Engeln
heute wohl vollkommen von der Maria der nach oben getragen wird. Die Darstellung
skulpturalen Kreuzigungsgruppe verdeckt. lässt sich durch die Beischrift »[MAR]GARE-
TA« als Margaretenszene identifizieren. Die 38 (links)
Rudolf Distelberger betont die Trennung heute noch erhaltene rechte obere Ecke Dom von Trient,
Querhaus, Südwand.
zwischen den ›guten‹, heiligen Gestalten auf stellt mit den emporfliegenden Engeln die
Fragment eines hl.
der linken und den ›bösen‹ auf der rechten Auffahrt der Heiligen in den Himmel dar. Die Christophorus (um
Seite, weshalb Maria und Johannes nebenei- Tuchenden sind scharfkantig und zackenar- 1250). Eines der
nander auf der linken Seite angeordnet sind, tig gestaltet, was auf den sich ankündigenden wenigen Beispiele
aus der Mitte des 13.
und bezeichnet dies als »weitaus seltenere »zackbrüchigen Stil« hinweist, der die zweite
Jahrhunderts, bei denen
Darstellungsweise«.65 Direkte Vergleichsbei- Hälfte des 13. Jahrhunderts geprägt hat. Das Christus nicht auf der
spiele hierfür sind schwer zu finden.66 östlichste Bildfeld ist so reduziert erhalten, Schulter, sondern in
Brusthöhe gehalten
wird (nach Stampfer
und Steppan 2008).

39 (rechts)
St. Johann i. Mauerthale,
Westwand. Fragment
einer Kreuzigungsszene
(um 1240). Links der
Gekreuzigte, rechts eine
Gruppe von Soldaten
sowie der Centurio. Die
Figur des Stephaton
wird von der weiblichen
Skulptur verdeckt.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 48

40
St. Johann i. Mauerthale.
Details der
Kreuzigungsszene
(um 1240).
Links: Centurio.
Rechts: Soldaten.

dass hier nicht weiter darauf eingegangen Der Umstand, dass der hl. Georg und der
werden soll. Distelberger vermutet eine Dar- hl. Christophorus ungerahmt neben den in
stellung der Vertreibung aus dem Paradies.67 Bildfeldern strukturierten szenischen Dar-
stellungen stehen, und die augenfälligen
Die in der Fachwelt mehrfach geäußerten stilistischen Unterschiede zwischen den Fi-
Zweifel an der Datierung sowie der Gleich- guren der Kreuzigung und den beiden Heili-
zeitigkeit der Darstellungen formulierte Wil- gen, die sich vor allem in der Modellierung
libald Sauerländer kurz und bündig so: »[...] der Gesichter zeigen, unterstützen auf den
das Datum 1240 erscheint eher als zu spät. ersten Blick die Annahme unterschiedlicher
Ist das Fragment einer Margarethenszene Entstehungszeiten. Diese Zweifel müssen
wirklich gleichzeitig oder nicht doch deut- allerdings bei eingehender Betrachtung
lich jünger?«68 Wie bereits erwähnt, weist »aufgrund der eindeutigen Zusammenge-
das in scharfen Zacken endende Tuch, mit hörigkeit der Wandbilder zurückgewiesen
dem die Seele der Heiligen in den Himmel werden«.69 Diese Zusammengehörigkeit
getragen wird, stilistisch in die zweite Hälf- der Komposition offenbart sich in einem
te des 13. Jahrhunderts und steht somit in bereits erwähnten Detail zwischen dem hl.
scheinbarem Widerspruch zu konservative- Christophorus und der Kreuzigungsszene:
ren Stilelementen der anderen Bilder. Diese Der Rahmen des Bildfeldes wird sowohl
Beobachtungen sind allerdings zu relativie- vom gebauschten Mantel des Christopho-
ren, denn die ›altertümliche‹ Wirkung wird rus als auch vom Heiligenschein einer
sicher vom teilweisen Fehlen der schwarzen Assistenzfigur der Kreuzigungsszene ge-
Binnenzeichnung verstärkt, die sich heute – schnitten, nimmt also auf beide Darstel-
als Negativ erhalten – in hellen Linien zeigt. lungen Rücksicht. Darüber hinaus wurden
Zudem endet auch der wehende Umhang des alle Bilder zum Teil in Freskotechnik auf
hl. Georg in scharfen Zacken, was allerdings derselben Putzschicht ausgeführt, müs-
kaum mehr zu erkennen ist. sen also demnach rein technisch gesehen
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49 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

gleichzeitig entstanden sein. Die erwähnten 41


St. Johann i. Mauerthale.
stilistischen Unterschiede sind wohl auf
Ansicht des Chorraums
zwei verschiedene Maler zurückzuführen, (Blick Richtung Norden).
wobei der eine den hl. Georg sowie den
Christophorus und der andere die Kreuzi-
gungsszene und wohl auch die restlichen
gerahmten Szenen geschaffen hat.

Bezüglich der zeitlichen Einordnung wur-


den die Anklänge des Zackenstils in der
Margaretenszene und beim Mantel des hl.
Georg bereits erwähnt. Eindeutig gegen
eine Frühdatierung spricht auch das Motiv
des berittenen hl. Georg, der – wie bereits
dargelegt – als frühestes Beispiel in der
Monumentalmalerei nördlich der Alpen
gelten muss. Die malerische Ausstattung
von S. Pietro in Bosco bei Alfa, wo sich das
nächste Vergleichsbeispiel zum hl. Georg in
St. Johann findet, wurde lange Zeit sogar
in das zweite Viertel des 12. Jahrhunderts
datiert. Die neueste Forschung legt aller-
dings überzeugend dar, dass die Malerei-
en, auch aufgrund der ikonographischen
Komponente des hl. Georg, in der zweiten Am Beginn der gotischen Bautätigkeit
Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden sein standen wohl die Verlängerung des roma-
müssen.70 nischen Langhauses und der Anbau des
polygonalen Chores. Wie die Baufugen
Betrachtet man zusammenfassend die an den Langhausmauern zeigen, wurde
genannten ikonographischen und sti- der eingezogene, einschiffige Chor nicht
listischen Merkmale, die zum Teil auf an das ältere Langhaus angebaut, sondern
das Repertoire des 12. Jahrhunderts zu- zuvor das Langhaus um ca. 7 m nach Nor-
rückgreifen, aber auch Entwicklungen den verlängert, wodurch sich die Lage des
vorwegnehmen, die erst in der zweiten Triumphbogens ebenfalls nach Norden
Hälfte des 13. Jahrhunderts größere Ver- verschob. Dies ist als unüblich einzustufen,
breitung finden, erscheint eine Datierung da für gewöhnlich die Triumphbogenebene
der Malereien in die Zeit der Erstnennung bei Kirchenumbauten und -ausbauten eine
der Kirche St. Johann im Mauerthale Konstante bildete, wobei man entweder das
(um 1240) beziehungsweise in die Mitte des Langhaus in Richtung Westen oder den
13. Jahrhunderts zutreffend. Chor nach Osten hin verlängerte. Grund
für diese unkonventionelle Vorgehenswei-
Der spätmittelalterliche Sakralraum se könnte die rege Wallfahrtstätigkeit zum
(14./15. Jahrhundert) Grab des hl. Albinus gewesen sein, die für
Die Bautätigkeit des 14. und des 15. Jahrhun- den gesamten gotischen Ausbau des Got-
derts in St. Johann betraf zunächst die Er- teshauses ausschlaggebend gewesen sein
weiterung in Richtung Norden (Chor) sowie dürfte. Das Hochgrab des Heiligen befand
den Anbau des Südturmes. In weiterer Folge sich nämlich direkt vor dem Chorquadrat
erhöhte man das Langhaus, errichtete neue der romanischen Kirche.71 Möglicherweise
Dachwerke, brach Fenster ein und erneuer- entschied man sich vor diesem Hintergrund
te die malerische Ausgestaltung der Kirche. dafür, den Raum um das Grab zu erweitern,
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 50

42
St. Johann i. Mauerthale.
Gewölbe des Chores
(Blick Richtung Norden).

um den reibungslosen Besuch größerer


Pilgerströme zu gewährleisten.

Das einjochige Presbyterium mit 5/8-Schluss


liegt drei Stufen erhöht und wird von ei-
nem Kreuzrippengewölbe abgeschlossen.
Die filigranen, einfach gekehlten Keilrippen
entspringen oktogonalen Trommelbasen
und führen kapitelllos ins Gewölbe, wo
sie in reliefierten Schlusssteinen enden.
Der Schlussstein des Polygons zeigt ein
Opferlamm, jener im Süden eine Rosette.
Die zarte Polychromierung – Rippen in
Ocker, Rosette in Rot – geht wohl auf die
Freilegung beziehungsweise Restaurierung
von 1970 zurück. An der Ostseite befindet
sich eine maßwerkgeschmückte zweiteilige
Sitznische. Ihr Pendant im Westen besitzt
kein Maßwerk und wird lediglich von ei-
nem einfachen Segmentbogen überfangen.
43
St. Johann i. Mauerthale.
Schlusssteine im Der oktogonale Südturm muss – den Be-
Chorjoch (Rosette, funden im Dachraum folgend – gemeinsam
oben) und im
Chorpolygon (Lamm
mit dem Chor beziehungsweise nicht lange
Gottes, unten) danach entstanden sein. Betrachtet man die
(um 1320/1340). beiden vom Dachraum des Langhauses aus
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51 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

sichtbaren Giebelwände, so fällt auf, dass Donauufer ausschlaggebend, dessen Erbau-


zunächst das flache Dach der romanischen ungszeit inschriftlich mit 1420 festgehalten
Kirche beibehalten und in Richtung des neu ist.73 Lediglich Adalbert Klaar und der Dehio
gebauten Chors verlängert worden ist. Man von 2003 datierten den Chor ins 14. Jahr-
begann auch schon den Bereich darüber hundert.74 Beide wiesen jedoch den Chor
(südlicher Abschluss des Chores) zu verput- und den Turm, der weiterhin wie jener
zen, weshalb sich der Verlauf des flachen von Schwallenbach in die Spätgotik datiert
Daches bis heute eindeutig abzeichnet. Am wurde, verschiedenen Bauphasen zu, was –
Südgiebel ist zu sehen, wie der Turm den wie bereits dargelegt wurde – aufgrund der
flachen Giebel des romanischen Langhau- baulichen Befunde ausgeschlossen werden
ses, der – wie oben ausgeführt – aus zum kann. Es muss also angenommen werden,
Teil abgetragener römischer Bausubstanz dass sich der Turm von Schwallenbach an
besteht, überbaut. Direkt über der ursprüng- dem wesentlich älteren Turm von St. Johann
lichen, flacheren Dachhaut geht er bereits orientiert hat. Leider war es nicht möglich,
ins Oktogon über. Auch der Turmbau muss das Lehrgerüst im gemauerten Turmhelm
schon so weit fortgeschritten gewesen von St. Johann dendrochronologisch zu
sein, dass man ihn verputzen konnte, als datieren75; jenes im ebenfalls gemauerten
man sich dazu entschied, dem Langhaus Turmhelm von Schwallenbach ergab eine
ein erheblich steileres Dach aufzusetzen. Erbauungszeit kurz nach 163876, also lange
Dabei handelte es sich wohl nicht um eine nach der Erbauungszeit der Kirche um 1420.
zeitlich differenzierte Baumaßnahme, son- Wahrscheinlich handelt es sich dabei um
dern vielmehr um eine Planänderung, da eine Reparatur.
die südliche Abschlussmauer des Chores
über dem Triumphbogen noch nicht fertig Über dem Triumphbogen befand sich bis
verputzt war, als man sich für das steilere ins 17. Jahrhundert eine Stifterinschrift,
Dach entschied.72 Eindeutig ist auch fest- die Leutold Eyczner und seine Frau Preid
zustellen, dass das steilere Dach ebenfalls (Brigitte) als Stifter nannte und sich wohl
unter der heutigen Traufzone endete und auf die Erbauung des Chores (sowie des
damit das Langhaus seine ursprüngliche Turmes) bezog.77 Die Inschrift wird auf-
(romanische) Höhe von ca. 4,5 m vorerst grund der Amtszeit eines angeführten
behalten hat. Warum man sich noch im Zeugen in die Zeit zwischen 1321 und 1332
Baufortschritt für ein steileres Dach ent- datiert78 und gibt damit den Zeitraum des
schieden hat, kann nicht eindeutig geklärt Baubeginns an.
werden, wahrscheinlich waren aber ästhe-
tische Überlegungen ausschlaggebend. Auch die wohl zur ersten malerischen Aus-
stattung der neuen gotischen Kirche gehö-
Damit waren die Baumaßnahmen der gro- renden Fresken stützen eine Datierung in
ßen Kirchenerweiterung, die heute relativ das zweite Viertel des 14. Jahrhunderts. Die
präzise in die Jahre zwischen 1320 und Wandbilder wurden ebenfalls im Zuge der
1340 datiert werden kann, abgeschlossen. Restaurierung 1970 entdeckt und freigelegt.
Ausschlaggebend dafür sind die malerische Es handelt sich dabei um eine Apostelreihe
Ausstattung im Inneren, Inschriften sowie mit Christus in der Mitte, die im Langhaus
stilistische Vergleiche zu dem Kreuzrippen- an der Baunaht zur romanischen Bausubs-
gewölbe im Chor. tanz beginnt und sich bis über die westliche
Chorschulter zieht – drei der zwölf Apostel
In der Sekundärliteratur wurde der Bau fanden dort Platz. Die Köpfe zweier Apostel
bislang meist in die Spätgotik datiert. Da- sowie jener des weiß gekleideten Christus
für war vor allem der Vergleich mit dem wurden durch Fenstereinbrüche gestört, ein
tatsächlich sehr ähnlichen Turm der Kirche weiterer Apostel fiel einem Fenster einer
von Schwallenbach am gegenüberliegenden späteren gotischen Bauphase (erste Hälfte
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 52

15. Jahrhundert) vollständig zum Opfer. Die Darstellung weitgehend und gibt als Datie-
als Ganzfiguren dargestellten Männer sind rung »um 1330/40«81 an.
in einem 1,40 m breiten und insgesamt 9,15
m langen, gerahmten Bildfeld auf hellrotem Ebenfalls in dieser Zeit entstand das groß-
Grund aneinandergereiht. Sie interagieren formatige Bild (3,3 × 1,7 m) des Marientodes
gestenreich und sind von Schriftbändern an der Westwand des Chores. Es ist dicht
begleitet, die sie benennen. Rudolf Distel- mit Aufspitzungsspuren übersät und auch
berger stellt frappante Ähnlichkeiten zur sonst in einem eher schlechten Zustand.
Biblia pauperum aus Klosterneuburg (um In der Mitte erkennt man das in die Fläche
1331)79 fest und schlägt daher eine Einord- geklappte Bett Mariens, das mit Maßwerk
nung der Apostelreihe von St. Johann »an geschmückt zu sein scheint. Die Apostel
den Anfang der dreißiger Jahre des 14. Jahr- mit Christus in der Mitte reihen sich rechts,
hunderts [...] und in die Klosterneuburger links und hinter dem Bett in einer Linie
Malerschule«80 vor. Elga Lanc folgt dieser auf; sie sind über den Köpfen beschriftet.82

+lOIWH-K
9HUODXIGHVHUVWHQ/DQJKDXVGDFKHV

+lOIWH-KE]ZYRUG
9HUODXIGHV]ZHLWHQ/DQJKDXVGDFKHV

NXU]QDFKG
GULWWHU/DQJKDXVJLHEHOQDFK(UK|KXQJGHU7UDXIH

/DQJKDXVWUDXIHYRUG

44
St. Johann i. Mauerthale.
Querschnitt des
Langhauses in
Richtung Norden
(Chor) mit Orthofoto
des nördlichen
Langhausgiebels. Die
farbige Kartierung zeigt
den ungefähren Verlauf
der verschiedenen
Dächer seit dem Bau
des Chores in der
ersten Hälfte des
14. Jahrhunderts.
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53 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

Darüber befinden sich Engel. Aufgrund des Rahmen mit Eckrosetten eingefasst; auffäl-
schlechten Erhaltungszustandes ist eine ge- lig ist der tiefrote Hintergrund. In der Mitte
naue zeitliche Einordnung nicht möglich, erleidet der Heilige sein Martyrium im Dorn-
Distelberger und Lanc sprechen sich aber busch, die Arme wie am Kreuz ausgebreitet.
übereinstimmend für eine Datierung ins Rechts und links sind seine Gefährten zu
zweite Viertel des 14. Jahrhunderts aus.83 Zu sehen, die auf Geheiß des Königs (am linken
einem anderen Schluss gelangen die beiden Bildrand) von dessen Gefolge ebenfalls in
bezüglich des Wandbilds der Achtiusmarter den Dornbusch geworfen werden. Die Ma-
auf der gegenüberliegenden Wand. Es misst lerei ist wie jene mit dem Marientod nur
3,3 × 2 m und wird von einem dekorativen sehr schlecht erhalten. Distelberger datiert

U¸PHU]HLWOLFK-K
1RUGIDVVDGH%XUJXV]XIODFKHP*LHEHODEJHUXQGHW

1. Hälfte 14. Jh.


gotischer Kirchturm

1. Hälfte 14. Jh. bzw. vor 1398 d


zweiter Langhausgiebel

kurz nach 1415 d


dritter Langhausgiebel nach Erhöhung der Traufe

Langhaustraufe vor 1415 d

45
St. Johann i. Mauerthale.
Querschnitt des
Langhauses in
Richtung Süden mit
Orthofoto des südlichen
Langhausgiebels. Die
farbige Kartierung zeigt
die zu einem flachen
Giebel abgerundeten
Reste der Nordfassade
des römischen Burgus,
Teile des beim Bau in
der ersten Hälfte des 14.
Jahrhunderts noch nicht
unter Dach befindlichen
Turmes sowie die
Giebel der beiden
darauffolgenden Dächer.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 54

46 dieses Wandbild ebenfalls in das zweite


St. Johann i. Mauerthale,
Viertel des 14. Jahrhunderts84, während Lanc
Westwand und linke
Chorschulter. Christus eine Entstehung am Beginn des 15. Jahrhun-
und die zwölf Apostel derts annimmt85. In jedem Fall unterstützt
(um 1330/1349). die stilistische Einordnung der ältesten
Die Wandmalerei
gehört wohl zur
gotischen Wandbilder von St. Johann eine
Erstausstattung der Datierung des gotischen Ausbaus in die Zeit
gotischen Erweiterung um 1330.
und zieht sich bis
über die westliche
Chorschulter. Betrachtet man das Kreuzrippengewölbe
des Chores näher, so fällt zunächst das
vollkommene Fehlen einer Kapitellzone

47
St. Johann i. Mauerthale,
Chorjoch Westwand.
Marientod (zweites
Viertel 14. Jahrhundert).
Die stark reduzierte
Malerei gehört wohl zur
Erstausstattung der
gotischen Erweiterung.

48
St. Johann i. Mauerthale,
Chorjoch Ostwand.
Achatiusmarter (Anfang
15. Jahrhundert).
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55 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

49 (links)
St. Johann i. Mauerthale.
Übergang vom
polygonalen Dienst
zum Gewölbe (Blick
Richtung Südwesten).
Die gekehlten Keilrippen
entspringen ohne
Kapitellzone aus
polygonalen Diensten.

50 (rechts)
Krems an der Donau,
Ursulakapelle. Blick
ins Gewölbe (um
1300). Auch die
Ursulakapelle besitzt
gekehlte Keilrippen,
die ohne Kapitellzone
in die Dienste
übergehen, allerdings
handelt es sich hier
um Dienstbündel.

auf. Die gekehlten Keilrippen entspringen kann für die um 1300 entstandene Ursula-
in oktogonalen Basen am Boden und lau- kapelle in Krems gelten, die ebenfalls ge-
fen ohne Unterbrechung ins Gewölbe, ehe pflockte Rippenanläufe am Boden besitzt.
sie im Scheitel beim Schlussstein enden. Größere Ähnlichkeiten bestehen zwischen
Vergleichbare Gewölbeformen finden sich den Gewölben von St. Johann und dem
in der näheren Umgebung etwa in der Hauptchor der Gertrudskirche in Gars. Die
Göttweigerhofkapelle in Stein, der Ursu- gekehlten Keilrippen – beziehungsweise
lakapelle in Krems, dem Hauptchor der Birnstabprofile – entspringen polygona-
Gertrudskirche in Gars am Kamp sowie der len Basen und führen kapitelllos bis zum
südlichen Seitenkapelle in Altpölla. Scheitel; Pflockungen sind hier – wie auch
in der Südkapelle von Altpölla – nicht vor-
Bei der Göttweigerhofkapelle wird das für handen. Außerdem finden sich bei allen
die frühe Gotik kennzeichnende Element dreien Schlusssteine mit Rosettenmotiv, die
der Pflockung – mangels Kapitellzone – auf einander stark ähneln. Die Südkapelle von
den Boden projiziert. Als Terminus ante Altpölla wird von Gerhard Seebach in die
quem für die Entstehung des Kapellenge- Zeit um 1300 datiert87; Elga Lanc setzt die
wölbes gilt die Datierung der malerischen Entstehung eines Wandbildes an der Nord-
Ausstattung zwischen 1305 und 1310. 86 wand der Kapelle, das die Mantelspende des
Aufgrund des altertümlichen Motivs des hl. Martin zeigt, in das erste Drittel des 14.
gepflockten Anlaufs wird das Gewölbe Jahrhunderts88. Der dreischiffige Chor der
wohl kurz vor beziehungsweise um 1300 Gertrudskirche in Gars am Kamp wird von
entstanden sein und damit einige Jahre vor Oliver Fries aufgrund stilistischer Verglei-
dem Chor von St. Johann, der bereits kei- che in die Zeit um 1290/1310 datiert.89 Die
ne Pflockungen mehr aufweist. Ähnliches Rippen in den Seitenchören weisen hier
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 56

51 (links)
Gars am Kamp,
Gertrudskirche.
Hauptchor (um 1300;
Blick Richtung Osten).
Hier führen Birnstab-
beziehungsweise
Keilrippen kapitelllos
über Dienstbündel
bis zu den Basen.

52 (rechts)
Altpölla, Pfarrkirche.
Südkapelle (um
1300; Blick Richtung
Osten). Die Birnstab-
beziehungsweise
Keilrippen laufen
gleichfalls kapitelllos
über Dienstbündel
bis zu den Basen.

53 (links)
Krems an der Donau,
Ursulakapelle. Basis
(um 1300; Blick
gegen Nordosten). Die
gekehlten Keilrippen,
die als Dienstbündel bis
zur Basis führen, weisen
dort Pflockungen auf.

54 (rechts)
Basen in den Chören
von St. Johann i.
Mauerthale (links)
und Gars am Kamp/
Getrudskirche (rechts).
Der keilförmige
Dienst geht bei
beiden Beispielen
ohne Pflockung in
die polygonale Basis
über; in Gars weist er
allerdings noch einen
zusätzlichen Wulst auf.
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57 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

noch gepflockte Anläufe auf. Auch das Maß- 55


Schlusssteine in den
werk der Sitznische in Gars ist einfacher
Chören von St. Johann
gestaltet als jenes in St. Johann. Es ist also i. Mauerthale (oben),
wahrscheinlich, dass auch der Chor von Altpölla/Südkapelle
Gars einige Jahre vor jenem in St. Johann Pfarrkirche (Mitte)
und Gars am Kamp/
entstanden ist.
Gertrudskirche
Nordchor (unten).
Zusammenfassend kann von einer Er-
bauung des Chores und damit auch des
Südturmes von St. Johann im Mauerthale
im Zeitraum zwischen 1320 und 1340 aus-
gegangen werden.

Die nächste Bautätigkeit an der Kirche von


St. Johann ist um 1400 zu fassen. Zum ei-
nen wurde der Dachstuhl des Chores kurz
nach 139890 neu errichtet und zugleich die
Traufe des Chores sowie dessen Giebel
leicht erhöht, zum anderen erneuerte
man kurz nach 141591 auch das Dachwerk
des Langhauses (siehe unten). Kurz zuvor
muss die Erhöhung der Langhausmauern
um ca. 1,90 m erfolgt sein, da sich der

56
St. Johann i. Mauerthale,
linke Chorschulter.
Hl. Nikolaus und hl.
Leonhard (um 1400).
Der hl. Nikolaus links ist
kaum mehr zu erkennen.
Die Gestaltung des
Triumphbogens mit
aufgemalten Quadern in
Ocker gehört ebenfalls
dieser Malschicht an.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 58

57 (links)
St. Johann i. Mauerthale,
Westfassade Langhaus.
Hl. Christophorus (um
1500 beziehungsweise
1508). Der obere Teil
des monumentalen
Wandbildes, der sich
im Bereich der etwas
zurückfallenden
Aufzonung des
Langhauses befindet,
ist wesentlich
besser erhalten.

58 (rechts)
St. Johann i. Mauerthale.
Holzskulptur des
hl. Albinus (15.
Jahrhundert). Die
sagenumwobene
Figur wurde ehemals
im Hochgrab des
Heiligen in einer
Nische präsentiert.

Datiert wird diese Schicht, zu der auch


die ockerfarbene Quaderung des ehemals
spitzbogigen Triumphbogens gehört, über
ein Fresko an der linken Chorschulter, das
den hl. Nikolaus und den hl. Leonhard
zeigt.

Am Ende der Gotik entstand das monumen-


tale Christophorusbild an der Westfassade
der Kirche, das weit über die Donau hin
sichtbar war. Es wurde ebenfalls im Zuge
Giebel des erhaltenen Dachstuhls als ers- der Restaurierungen in den 1970er-Jahren
ter auf die heutige Trauflinie bezieht. Mit freigelegt und ist heute – besonders in den
der Aufzonung des Langhauses ging wohl unteren, der Witterung ausgesetzten Berei-
auch eine Umgestaltung des Innenraumes chen – in einem sehr schlechten Zustand.
einher. Rudolf Distelberger geht aufgrund Der oberste Abschnitt, der den Kopf des
restauratorischer Befunde davon aus, dass Heiligen frontal sowie das Christuskind
alle drei vermauerten Spitzbogenfenster auf seiner Schulter zeigt, ist etwas zurück-
in der Westmauer zeitgleich in der ersten versetzt, da er sich auf der Langhausauf-
Hälfte des 15. Jahrhunderts entstanden zonung befindet. Außerdem wird er vom
sind, obwohl sie sich in Größe und Lage Ausbruch eines barocken Fensters gestört.
voneinander unterscheiden.92 Spätestens Die verschiedenen Ebenen des Malgrundes
mit der Aufzonung wurde also das Fresko verleiteten Elga Lanc dazu, zwei Versionen
der zwölf Apostel – das von den gotischen der Darstellung in »übereinanderliegenden
Fenstern gestört wird – zugunsten einer Schichten« zu sehen, wobei sie den oberen
Belichtung des Langhauses übertüncht. Bereich ans Ende des 14. Jahrhunderts und
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59 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

den unteren um 1500 datierte.93 Es handelt Haupt- beziehungsweise Bindergespärre


sich aber vielmehr um dasselbe Bild, das le- erfolgt durch hoch ansetzende Steig-
diglich aufgrund der Aufzonung im oberen bänder, die von den Bundtramen bis zur
Bereich zurückspringt, wo es auch durch ersten Kehlbalkenlage hochgeführt sind.
den Schutz des vorspringenden Daches in Diese Form der Steigbänder kann wohl
wesentlich besserem Zustand erhalten ist. als Vorstufe zu den bei späteren Dachtrag-
Eine nicht mehr vorhandene Inschrift mit werken zum Einsatz kommenden, spar-
der Jahreszahl 1508 macht die Entstehung renparallelen Streben bezeichnet werden.
zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich.94 Die beiden Kehlbalkenlagen sind mit den
Ebenfalls aus dem 16. Jahrhundert stammt Sparren überblattet. Alle Überblattungen
die Statue des hl. Albinus, die in einer vergit- sind als halbe Schwalbenschwänze ausge-
terten Nische an der Südwand aufbewahrt führt. Die Sparrendreiecke sind in einem
wird. Dieser farbig gefassten Holzskulptur regelmäßigen Abstand von 0,45 m dicht
werden in Zusammenhang mit der Vereh- aneinandergereiht. Die 7,70 m langen
rung des Heiligen zahlreiche Wundertätig- Bundtrame des Chors liegen auf einer
keiten zugeschrieben. Ehemals war sie im Mauerbank über den Chormauern auf und
Hochgrab des hl. Albin aufgestellt, das 1862 sind mit dieser überkämmt.
abgebrochen worden ist.
An den Stuhlsäulen und den längs verlau-
Die Dachstühle fenden Steigbändern haben sich mit Rötel
Die Dachkonstruktion des Chores be- markierte Abbundzeichen erhalten. Diese
steht aus zehn Gespärren, von welchen liegen in Form von unterschiedlichen Sym-
das zweite, das sechste und das zehnte bolen vor, deren System nicht eindeutig ge-
als Vollgespärre ausgeführt sind. Das klärt werden konnte. Die Abbundzeichen
gesamte Dachtragwerk wurde als zwei- der Stuhlsäulen entsprechen jenen der
geschoßiges Kehlbalkendach mit doppelt Steigbänder; Letztere unterscheiden sich
stehendem Stuhl in der ersten Geschoß- lediglich durch eine Abart der Form des
ebene errichtet. Die Stuhlsäulen sind mit Grundzeichens auf der zugehörigen Stuhl-
der Stuhlschwelle und dem Rähm verzapft säule. Bei einer Länge von 8,35 m erreicht
und mit Steigbändern in Längsrichtung das Dachtragwerk eine Höhe von 6,75 m
ausgesteift. Die Querversteifung der – die Dachneigung beträgt 60°.

59
St. Johann i. Mauerthale.
Querschnitte durch
die Vollgespärre von
Chor (rechts; nach
1398d) und Langhaus
(links; 1415d).
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 60

Die dendrochronologische Auswertung von statt; es wurden lediglich Anbauten ge-


elf beprobten Hölzern des Chordachstuhls schaffen, zudem wurde der Innenraum
ergab als Fälldatum 1397 beziehungsweise barockisiert und das Hochgrab des hl.
1398. Für einen Balkenkopf in der Mauerkro- Albinus abgetragen. Laut den Ergebnis-
ne, der nicht unmittelbar mit dem Dachtrag- sen der dendrochronologischen Untersu-
werk, jedoch mit der geringen Aufzonung chung muss der Glockenstuhl im Turm
der Chortraufe in Verbindung steht, wurde um die Mitte des 17. Jahrhunderts ausge-
das Jahr 1395 als Fälldatum bestimmt. tauscht worden sein.

Die Konstruktion des Langhausdachstuhls Ein von Pater Dückelmann (1739–1784)


ist mit jener des Chors eng verwandt. Das kopierter Bericht des Michael Stubenvoll
Dachtragwerk ist als zweigeschoßiger Kehl- – Hofmeister des Erzbistums Salzburg in
balkendachstuhl mit doppelt stehenden Arnsdorf – aus dem Jahr 1637 beinhaltet
Stühlen in beiden Ebenen zu bezeichnen. eine Zeichnung der Kirche von Osten so-
Die Konstruktion erstreckt sich über 18,5 m wie eine genaue Beschreibung des Albinus-
und erreicht dabei eine Höhe von 7,8 m von grabes im Inneren der Kirche.95 Die Kirche
der Bundtramlage bis zum First; die Dachnei- scheint damals bereits barockisiert worden
gung beträgt ebenfalls 60°. Das Dachtragwerk zu sein. Drei rundbogige Fenster – heute
besitzt insgesamt 26 Gespärre, von welchen sind es vier – durchbrechen die Ostfassa-
sieben als Vollgespärre ausgeführt sind. de; die gotischen Fenster des Chores sind
bereits vermauert, zeichnen sich allerdings
Insgesamt enden sechs dendrochronologi- noch unter dem Putz ab. Die Sakristei
sche Proben mit Waldkante im Jahr 1415. wurde zwischen die Chorschulter und den
Demnach wurde das Dachwerk über dem ersten Strebepfeiler gesetzt und besitzt ein
Langhaus kurz nach 1415 errichtet. Im Ge- Pultdach; sie wurde wohl im Lauf des 15.
gensatz zum Chor weist das Langhausdach beziehungsweise 16. Jahrhunderts errichtet.
überwiegend harte – in das Holz gekerbte Die Darstellung zeigt zudem einen kleinen
oder geschlagene – Abbundzeichen auf, Vorraum beim Eingang an der Ostfassade,
wobei im Süden mit gerötelten (weichen) der Aufgang zur Kanzel fehlt allerdings. Da
Zeichen begonnen worden ist. sich der Bericht über St. Johann lediglich
als Kopie aus der zweiten Hälfte des 18.
Die für beide Dachstühle verwendeten Jahrhunderts erhalten hat, ist nicht ein-
Fichten beziehungsweise Tannen weisen deutig festzustellen, welchen Zustand die
Spuren der Flößerei auf. So konnte eine Ansicht der Kirche von Osten wiedergibt
Vielzahl von im Holz verbliebenen Keilen beziehungsweise wie realitätsgetreu diese
für die Floßbindung entdeckt werden. Da- ist. Für eine Darstellung aus der zweiten
bei handelt es sich um flache, rechteckige Hälfte des 18. Jahrhunderts fehlt etwa der
Keile sowie runde Keile mit Resten von Aufgang zur Kanzel, der laut den Kirchen-
Wieden. Neben der einfachen Verkeilung rechnungen 1719 erbaut worden ist. Die
der Flöße war auch die sogenannte Wie- Abbildung dreier barocker Fenster sowie
denbindung verbreitet. Dabei wurden eines Portals mit Vorbau an der Ostfassade
verdrillte Nadelholzäste (Wieden) mit verleitet allerdings dazu, in der Skizze den
Holzkeilen rechteckigen Querschnitts in Bauzustand nach dem Einbau von sechs
Bohrlöchern verkeilt. Die Wieden dienten Fenstern und zwei Kirchentüren im Jahr
der Befestigung der Bäume an der Quer- 1692 und nicht jenen um 1637 – als Micha-
stange des Floßes. el Stubenvoll die Kirche besucht hat – zu
sehen.
Eingriffe des 17. bis 19. Jahrhunderts
In diesem Zeitraum fanden keine größe- Die Informationen über den Ausbruch
ren Veränderungen an der Bausubstanz sechs großer neuer Fenster und zweier
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61 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

neuer Kirchentüren im Jahr 1692 finden 60


St. Johann i. Mauerthale.
sich in den Kirchenrechnungen zu St. Jo-
Ansicht der Kirche
hann.96 Bei den angesprochenen Fenstern von Osten aus dem
handelt es sich wohl zum Teil um den heu- Bericht von Stubenvoll
te noch vorhandenen barocken Bestand, 1637 (Kopie aus der
zweiten Hälfte des
von welchem jeweils vier an der Ost- und 18. Jahrhunderts).
der Westseite situiert sind. Mit den Kir- Ob es sich bei der
chentüren sind wohl der jetzige Zugang Darstellung um den
baulichen Zustand
in der Ostfassade sowie das heute vermau-
der Kirche um 1637
erte Portal an der Westfassade – direkt ge- oder jenen der
genüber – gemeint. Die Neugestaltung der zweiten Hälfte des
Kirche in diesem Jahr beinhaltete auch das 18. Jahrhunderts
handelt beziehungs-
Einziehen der neuen Flachdecke im Lang-
weise wie realitäts-
haus sowie eine komplette Ausmalung. getreu die Ansicht
ist, lässt sich nicht
Im Jahr 1702 wurden die beiden neuen Sei- eindeutig klären.

tenaltäre in Blattgold und Schwarz gefasst;


dieser Auftrag ging an »Franz Anthonien
Oberrauch Mahler zu Emmerstorff«.97 Die
Altäre zeigen die Taufe Christi sowie den
hl. Leonhard und befinden sich seit der
Restaurierung in den 1970er-Jahren in der
Kartause Aggsbach. Bereits wenige Jahre
später (1709) erhielt die Kirche auch einen und links stehen – von Säulen flankiert
neuen Hochaltar.98 Das zentrale Altarbild – vergoldete Holzskulpturen des hl. Niko-
zeigt die Geburt Johannes des Täufers und laus und des hl. Rupert, darüber – auf den
darüber Gottvater im Mittelgiebel. Rechts Säulen – Figuren der hl. Katharina und

61
St. Johann i. Mauerthale.
Darstellungen des
Hochgrabs des hl.
Albinus aus dem
Bericht von Stubenvoll
1637 (Kopie aus der
zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts).
Links: Ansicht von
Norden und Grundriss.
Rechts: Ansicht von
Süden. Das Hochgrab
befand sich im Zentrum
des Langhauses. In der
dem Chor zugewandten
Nische wurde die
Skulptur des Heiligen
präsentiert. An der
gegenüberliegenden
Stirnseite der Tumba
befand sich eine kleine,
vergitterte Öffnung.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 62

62
St. Johann i. Mauerthale.
Links: Ehemaliger
linker Seitenaltar (1702)
mit Darstellung des
hl. Leonhard.
Rechts: Ehemaliger
rechter Seitenaltar
(1702) mit Darstellung
der Taufe Christi.
Die Altäre befinden sich
seit der Restaurierung
in den 1970er-Jahren in
der Kartause Aggsbach.

der hl. Barbara. Um den neuen, breiten 1719 entstand die neue Kanzel mit einem
Hochaltar richtig zur Geltung zu bringen, gemauerten Aufgang von der Sakristei und
wurde der enge gotische Triumphbogen einem »Waxcamerl« unter demselben. Den
zur heutigen Form ausgebrochen. Auftrag für die Bildhauerarbeiten an der
Kanzel führte »Andreen Khrüner Bürger
und Bildthauer zu Crembs« aus; mit der
farblichen Fassung sowie Vergoldung wur-
de »Mathiasen Pichler bürgerl. Mahler zu
Crembs« betraut.99 Im Jahr darauf bekamen
der Brunnen sowie der Kircheneingang im
Osten ein neues Dach auf gemauerten Säu-
len.100 Die Orgel samt Empore stammt aus
der Mitte des 18. Jahrhunderts (1745). Empo-
re und Orgelgehäuse zeigen frühklassizisti-
sche Elemente, während die Schnitzgitter
des Rokoko aus der Kirche in Hofarnsdorf
stammen.101

Im Jahr 1862 ließ der Pfarrer Johann Hamet-


ner das Grab des hl. Albinus abbrechen und
die dort platzierte Holzskulptur in einer Ni-
63 sche an der Südwand der Kirche aufstellen,
St. Johann i. Mauerthale.
Kanzel (1719). Bei der
wo sie heute noch aufbewahrt wird. Beim
Errichtung der Kanzel Abbau des Hochgrabes entdeckte man eine
wurde laut erhaltenen kleine gewölbte Gruft, die leer war.102 Das
Kirchenrechnungen
Aussehen des Grabes ist durch den Bericht
ein Aufgang an
die bestehende aus dem Jahr 1637 überliefert (siehe oben).103
Sakristei angebaut. Es war zentral im Langhaus positioniert und
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63 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

64
St. Johann i. Mauerthale.
Orgelempore (1745).
Die Orgel besitzt ein
frühklassizistisches
Gehäuse; die
Schnitzgitter mit
Rokokoelementen
stammen aus der
Kirche in Hofarnsdorf.

bestand aus einem länglichen Häuschen durch welche die Pilger heilsame Erde ent-
mit Satteldach und kleinen Öffnungen. An nehmen konnten.104
der Nordseite (zum Chor hin) befand sich
ein halbrunder Aufbau mit einer Nische, Die letzte große Renovierung (vor 1970)
in der die Holzskulptur des Heiligen prä- fand im Jahr 1894 statt.105 Aus dieser Zeit
sentiert wurde. An der anderen Seite gab es stammen auch die beiden runden De-
eine kleine, vergitterte spitzbogige Öffnung, ckenbilder (Öl auf Leinwand), die seit der

65 (links)
St. Johann i. Mauerthale.
Enthauptung des
hl. Johannes des
Täufers, ehemaliges
Deckengemälde
des Langhauses
(Franz Hölzl, Öl auf
Leinwand, 1894).
Das großformatige
Gemälde wurde im
Zuge der Restaurierung
1970/1971
abgenommen.

66 (rechts)
St. Johann i. Mauerthale.
Hl. Albinus, ehemaliges
Deckengemälde
des Langhauses
(Franz Hölzl, Öl auf
Leinwand, 1894).
Das Gemälde wurde
ebenfalls 1970/1971
abgenommen.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 64

Restaurierung 1970 zusammengelegt im über und unter den Fresken gerade abge-
Aufgang zur Kanzel lagern. Das größere Bild grenzt und dazwischen der alte Verputz
zeigt die Enthauptung Johannes des Täu- auch dort freigelegt, wo sich keine Bilder
fers und ist mit »Franz Hölzl in Melk 1894« befinden. Dadurch entstand eine einheitli-
bezeichnet. Das kleinere Gemälde stellt che Bildzone in der Wand, ein Bilderfries,
einen Bischof dar, bei dem es sich wohl der die alte Substanz verbindet. Da die
um den Salzburger Erzbischof Adalwin Kirche eine wertvolle barocke Einrichtung
handeln dürfte, auf den die Figur des hl. Al- besitzt, mußte auch auf die barocke Bau-
binus zurückgehen soll. Interessant ist die substanz Rücksicht genommen werden,
Darstellung des unkanonisierten Heiligen: so daß der mittelalterliche Verputz nicht
Er streift sich soeben das Bischofsgewand durchgehend in der ganzen Kirche freige-
ab, darunter kommt die typische Pilgerklei- legt werden konnte. In der Apsis wurde
dung zum Vorschein. Auf den Fotografien er an der ganzen Wand des Vorjoches bis
aus der Zeit vor der Restaurierung 1970 ist zum Gewölbe freigelegt, um den Bildern,
noch ein drittes Bild zu sehen, dessen Ver- welche die volle Jochbreite einnehmen,
bleib jedoch unbekannt ist. eine entsprechende Umgebung zu geben.
Es wurde also versucht, den Freskenfund
Die Restaurierung der 1970er-Jahre in den gewachsenen Zustand beziehungs-
Der Zustand des Innenraumes der Kirche weise die überlieferte Gesamterscheinung
von St. Johann direkt vor der Restaurie- der Filialkirche zu integrieren und nicht
rung im Jahr 1970 wurde fotografisch seinetwegen die späteren Gestaltungs-
festgehalten. Die Fotos zeigen ein relativ phasen zu liquidieren. Selbstverständlich
einheitliches barockes Erscheinungsbild, entsteht dadurch ein Zustand, der so nie
das von der letzten Renovierung im Jahr existiert hat; will man aber Fresken aus
1894 geprägt ist. Die Langhauswände sind dem 13., 14. und 15. Jahrhundert nebenein-
mit aufgemalten Säulen gegliedert und ander zeigen, die nie gleichzeitig zu sehen
die flache Decke des Langhauses mit den waren, wird die Wiederherstellung des ›ur-
drei Rundbildern sowie umlaufenden, sprünglichen‹ Zustandes von vornherein
gemalten Rahmen geschmückt. Die Bil- hinfällig.«107
der dokumentieren allerdings auch den
desolaten Zustand der Oberflächen; so Das Zitat macht das Dilemma deutlich, mit
hat sich ein Teil des Deckenputzes im dem man sich bei der Restaurierung des In-
Bereich der Orgel bereits gelöst. Beim nenraumes konfrontiert sah. Das Ergebnis
Abschlagen des beschädigten Putzes im kann als Kompromiss angesehen werden,
Sockelbereich stieß man auf die bereits der nicht immer zu optimalen Lösungen
ausführlich behandelten romanischen und geführt hat. Da sich die gotischen Malereien
gotischen Wandmalereien. Da es sich bei bis hinter die barocken Seitenaltäre zogen,
dieser Entdeckung – vor allem bezüglich wurden Letztere entfernt und befinden sich
der Malereien des 13. Jahrhunderts – um heute in der Kartause Aggsbach. Eine der
einen bedeutenden Neufund handelte, beiden Johannesschüsseln, die jeweils an
beschloss man, die Fresken freizulegen.106 der Predella der Seitenaltäre angebracht
Dies verlangte allerdings nach einer voll- waren, wurde über dem Scheitel des Tri-
ständigen Neukonzeption des Innenrau- umphbogens aufgehängt; die andere be-
mes. Distelberger beschreibt die damaligen findet sich heute im Diözesanmuseum St.
Überlegungen, die zur heutigen Gestaltung Pölten. Wohl um das Langhaus optisch zu
führten, wie folgt: beruhigen, entschied man sich dazu, die
runden Deckenbilder von 1894 abzunehmen
»Um die Bildfragmente nicht wie Briefmar- und die Decke weiß zu streichen.108 An der
ken an der Wand stehen zu lassen, wurde Westmauer, wo sich der Großteil der Fres-
der barocke Verputz in einigem Abstand ken befindet, wurden auch die vermauerten
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65 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

67
St. Johann i. Mauerthale.
Aufnahme des
Langhausinnenraumes
vor der Restaurierung
in den 1970er-Jahren
(Blick Richtung Süden).

gotischen Fenster teilweise freigelegt. Die unglücklich muss man die Neuaufstellung
Türöffnung unterhalb der Kreuzigungs- einer überlebensgroßen Kreuzigungsgruppe
szene ist verschlossen und ebenfalls weiß aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
gestrichen, wohl um eine optische Beruhi- bezeichnen, da sie einen Teil der romani-
gung der Westwand zu erzielen. Als etwas schen Wandmalerei verdeckt.

68
St. Johann i. Mauerthale.
Aufnahme des
Langhausinnenraumes
vor der Restaurierung
in den 1970er-Jahren
(Blick Richtung Norden).
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 66

Resümee Danach erfolgten nur mehr kleine bauliche


Eingriffe sowie eine Barockisierung, die bei
Der heutige Sakralbau St. Johann im der Restaurierung 1970/1971, bei der man die
Mauerthale nahm seinen Ausgangspunkt Wandmalereien entdeckte und freilegte,
in einem römischen Wachturm aus der teilweise rückgebaut wurde.
zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts. Die-
ser Burgus war südlich der Kirche situiert Die herausragende Stellung der Kirche von
und sicherte das Ende einer Landzunge am St. Johann im Mauerthale gründet sich wohl
südlichen Donauufer. Im späten Frühmit- auf ihre besondere topografische Position:
telalter beziehungsweise frühen Hochmit- Während sie heute abseits der Bundes-
telalter – bevor die Kirche angebaut wurde straße liegt, befand sie sich Jahrhunderte
– scheint der spätantike Wehrbau als Sitz lang direkt an einem der wichtigsten Ver-
eines Gefolgsmannes der Salzburger Erzbi- kehrswege Europas – der Donau. Schon die
schöfe, die das Gebiet um St. Johann wohl Lage des römischen Wachturms im Verlauf
seit dem 9. Jahrhundert besaßen, gedient des norischen Limes an dieser Stelle war
zu haben. nicht willkürlich gewählt, wurden doch die
wirtschaftlich nutzbaren Landzungen der
Wohl im 12. Jahrhundert wurde dem Turm Wachau rechts der Donau an ihrem Beginn
im Norden eine Kirche angebaut, die aus und Ende jeweils von einem Burgus gesi-
einem einfachen Langhaus mit Chorqua- chert. Die erwiesene profane Nachnutzung
drat bestand – heute sind davon lediglich des römischen Turmes im Hochmittelalter
die seitlichen Langhausmauern erhalten. weist auf eine gewisse Standortkontinuität
Als Besonderheiten dieses Baues sind einer- hin, die sich in der Integration der Burgus-
seits die Integration des römischen Burgus nordmauer in den romanischen Sakralbau
im Süden und andererseits die Ausrichtung manifestiert hat.
der Kirche nach Norden zu bewerten. An
der Westmauer haben sich im Inneren be- Die Ausstattung dieser Kirche mit Wandma-
deutende spätromanische Fresken aus der lereien von außergewöhnlicher Qualität in
Zeit um 1240 erhalten. der Zeit um 1240 unterstreicht ihren beson-
deren Rang. Möglicherweise bestand bereits
In den Jahren um 1330 erfuhr die Kirche damals eine Wallfahrt zum hl. Albinus, der
einen gotischen Ausbau, der wohl mit der in St. Johann verehrt wurde. Rege Pilger-
Verehrung des hl. Albinus, dessen Hoch- ströme gaben mit ziemlicher Sicherheit den
grab sich direkt vor dem Chorquadrat be- Anstoß für die groß angelegte Erweiterung
fand, in Zusammenhang stand. Dazu wur- (Verlängerung des Langhauses, Errichtung
de zunächst das Langhaus nach Norden von Chor und Turm) des Gotteshauses in
(Kirchenosten) verlängert und ein polygo- der Zeit zwischen 1320 und 1340. Ein Faktor
naler Chor angebaut. Aus dieser Bauphase für die große Beliebtheit St. Johanns bei den
haben sich ebenfalls Malereien im Inneren Gläubigen stellte wohl auch die besondere
erhalten. Der ins Oktogon übergehende Lage an der Donau dar, zogen doch die ihre
Südturm entstand gemeinsam mit dem Schiffe mit Pferden mühsam flussaufwärts
Chor beziehungsweise nicht lange danach. schleppenden Treidler direkt an der Kir-
Zu diesem Zeitpunkt muss der römische che vorbei. Möglicherweise wechselten
Bau bereits baufällig gewesen sein, da der die Treidler auch bei St. Johann – bevor
Kirchturm, der ihn auf zwei Seiten inte- das Steilufer beginnt – auf die andere Do-
grierte, auf einen gesicherten ruinösen nauseite; ein langwieriges und gefährliches
Zustand des Burgus aufbaute. Die nicht Unterfangen, für das es sich lohnte, um
in den Sakralbau integrierten römischen Zuspruch ›von oben‹ zu bitten. Die Darstel-
Baureste wurden im Zuge dieser Bauphase lungen des hl. Leonhard als Schutzpatron
geschleift. der Pferde in einer um 1400 entstandenen
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67 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

Wandmalerei an der linken Chorschulter


sowie am barocken Seitenaltar verweisen
auf den Zusammenhang des Pilgerzentrums
mit der Verkehrstätigkeit an der Donau,
insbesondere einer möglichen Überfahrt
an diesem Ort.

1 Siehe das Kapitel Heiligenverehrung und 14 Adalbert Klaar, Planaufnahme mit


Schifffahrt – historische Anmerkungen. Baualterskartierung, 1963.
2 Vgl. Grond und Trubel 2015, 47. 15 Distelberger 1971, 24. – Lanc 1983, 194.
3 Aichinger-Rosenberger 2006, 74. 16 Distelberger 1971.
4 Dieses Phänomen tritt nach derzeitigem 17 Lanc 1983, 192–194.
Wissensstand der Verfasser in keinem anderen, 18 Eppel 1975, 180–181. – Zotti 1983, 127–128.
topografisch vergleichbaren Bereich an der Donau 19 GB 1977, 566–568. Das Manuskript dieses
auf. Auch am Rhein und anderen Flüssen konnte Bandes entstammt jedoch der Feder des
keine vergleichbare Situation festgestellt werden. bereits 1937 verstorbenen Geistlichen
5 Eine Ausnahme bildet die Minoritenkirche in und Historikers Alois Plesser.
Stein, die nördlicher ausgerichtet ist als der 20 Zajic 2008.
Verlauf der Donau. Dies könnte allerdings auch 21 Zajic 2008, 22, Katnr. 18†.
mit den starken Veränderungen des Donauufers 22 Dehio 2003, 1926–1927.
in diesem Bereich zusammenhängen. Der 23 Dehio 2003, 1926.
Fund eines mittelalterlichen Donauhafens im 24 Fries 2015a.
Bereich der Baustelle der neuen Landesgalerie 25 Siehe das Kapitel Die archäologischen
Niederösterreich (gegenüber der Kunsthalle Untersuchungen im Jahr 2016.
Krems) würde darauf hinweisen: Achter 2017. 26 Burgus von Bacharnsdorf: 12,2 × 12,4 m; vgl. Ployer
6 Vgl. Aichinger-Rosenberger 2006, 74. 2018, 76. – Burgus Windstallgraben: Seitenlänge
7 Eine Ausnahme stellt hier die genordete Kirche der Ost-West 12,4 m; vgl. Zabehlicky 1989c, 134.
Kartause Aggsbach dar, die – in einem Tal gelegen 27 Tietze 1907, 75.
– von der Donau aus nicht einsehbar war. Die 28 Denkbar wäre auch ein bauzeitlicher Hocheingang,
ungewöhnliche Ausrichtung dieser Kirche geht wohl der aber eine Raumhöhe von ca. 2 m voraussetzen
auf spezifische topografische Gegebenheiten zurück, würde, die als zu niedrig einzustufen ist. Auch könnte
die nichts mit dem Verlauf der Donau zu tun haben. es sich um einen direkten Zugang zu einer möglichen
8 Vgl. Aichinger-Rosenberger 2006, 75. Empore der romanischen Kirche gehandelt haben.
9 StiB Göttweig, Cod. rot 895 (Dückelmann), fol. 73r–77r. Allerdings machen der Befund der getünchten,
10 Zajic 2008, Katnr. 18†, 19†. getrichterten Laibung sowie das Vorhandensein
11 Keiblinger 1868. – Tietze 1907. – Riesenhuber romanischer Wandmalerei im Bereich der postulierten
1923. Riesenhuber geht davon aus, dass das Empore diese Theorie sehr unwahrscheinlich.
Langhaus aus dem 18. Jahrhundert stammt. 29 Direkt über den spätantiken Schichten
12 Keiblinger 1868, XCIII. weisen lediglich geringe Keramikfunde in das
13 Hier sind besonders hervorzuheben: 11. bis 12. Jahrhundert; siehe das Kapitel
Heller 1875; Gugitz 1955, 168–171. Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 68

30 Vgl. Aichinger-Rosenberger und Fries 2009, 23. 54 Als älteste Darstellung nördlich der Alpen gilt das
31 Weitere Beispiele für ähnliche Fenster- Siegel der Kirche auf dem Georgenberg bei Goslar (um
beziehungsweise Bogengestaltungen finden 1230). Vgl. Volbach 1917, 38; Braunfels-Esche 1976, 87.
sich entweder gemalt oder aus alternierendem 55 Braunfels-Esche 1976, 22.
Steinmaterial gesetzt unter anderem an der 56 Volbach 1917, 39.
Klosterkirche von Müstair in der Schweiz (um 800), 57 Distelberger 1971, 14. – Lanc 1983, 193.
im Aachener Münster (um 800), im Essener Münster 58 Lanc 2002, 466–482.
(1039–1058), in St. Pantaleon in Köln (984–1000), in St. 59 Stampfer und Steppan 2008, 231.
Michael in Hildesheim (1010–1033), in St. Madeleine 60 Erst im Lauf des 14. Jahrhunderts setzt sich –
in Vézelay (um 1120 bis um 1150), in der Abteikirche inspiriert von den Schilderungen in der Legenda
in St. Albans (1077 bis um 1090) und an zahlreichen aurea – die Darstellungsweise des Christus als
weiteren Bauten. Datierungen aus: Fillitz 1969. Kind durch. Vgl. Lanc 1983, XXXV–XXXVI.
32 Siehe das Kapitel Heiligenverehrung und 61 Beispiele: hl. Christophorus im Gurker Dom
Schifffahrt – historische Anmerkungen. (Mitte 13. Jahrhundert); hl. Christophorus
33 Siehe das Kapitel Die archäologischen im Dom von Trient (um 1250).
Untersuchungen im Jahr 2016. 62 Beispiele: Gurk, Dom, Nordwand des nördlichen
34 Vom Burgus Blashausgraben (KG Seitenschiffs (Mitte 13. Jahrhundert); Trient,
Aggsbach) bis zum Kastell Mautern. Dom, Südquerhaus, Südwand (um 1250); Irschen,
35 Vgl. Fries 2015a, 288. Pfarrkirche (zweite Hälfte 13. Jahrhundert); St.
36 Ober-, Hof-, Bach- und Mitterarnsdorf sind Helena am Wieserberg, südliche Chorschulter
wahrscheinlich nach dem Salzburger Bischof (Fassade), im später angebauten Turm erhalten
Arn(o) benannt (785–821); vgl. Schuster 1989, 191. (erste Hälfte 13. Jahrhundert). Datierungen aus: Lanc
37 Fries 2015a, 288. 2002; Stampfer und Steppan 2008; Steppan 2009.
38 Aichinger-Rosenberger und Woldron 63 Landi u. a. 2011, 48.
2005. – Ployer 2018, 80–81. 64 Distelberger 1971, 18.
39 Da es sich bei dem Gebäude um ein privates 65 Distelberger 1971, 19.
Wohnhaus handelt, das noch keiner bauhistorischen 66 Distelberger 1971, 21: »Die einzelnen Motive
Untersuchung unterzogen worden ist, bleibt es hier unserer Kreuzigung sind vorwiegend
vorläufig bei einer Vermutung. Die Abmessungen byzantinischer [Engelbüste am Kreuzquerbalken,
des Gebäudes sowie die überdurchschnittlichen in der Mitte geknotetes Lendentuch]
Mauerstärken weisen jedoch eindeutig darauf hin. beziehungsweise italo-byzantinischer Herkunft,
40 Aichinger-Rosenberger und Woldron doch kann kein eigentliches Vorbild für die
2005. – Fries 2015a, 288. Gesamtkonzeption namhaft gemacht werden«.
41 Die genaue Höhe der Aufzonung aus dem 14. 67 Distelberger 1971, 21.
Jahrhundert ist sowohl an den Wandmalereien 68 Sauerländer 1985, 178.
im Inneren der Kirche als auch am Rücksprung 69 Lanc 1998, 447.
der oberen Bereiche der Westfassade abzulesen. 70 Stampfer und Steppan 2008, 447.
42 Es handelt sich um eine Schenkungsurkunde an 71 Die genaue Lage des Hochgrabes, das 1862
das Stift St. Peter, die unter anderem Weingärten, abgebrochen wurde, lässt sich durch die
(Obst-)Gärten und Äcker bei St. Johann anführt. Beschreibung Michael Stubenvolls aus
Vgl. Archiv Erzabtei St. Peter, Urk. 75. dem Jahr 1637 sowie die Ergebnisse der
43 Distelberger 1971, 24. – Lanc 1983, 192. – Zajic 2008, 6. Georadaruntersuchung im Jahr 2016 feststellen.
44 Vgl. zur hochmittelalterlichen Mauertechnik: Im Boden der Kirche zeichnete sich die Stelle des
Kühtreiber 2006a; Fries 2015c. ehemaligen Hochgrabes durch eine Verfärbung
45 Die erhaltene Monumentalmalerei in der Kehlheimerplatten in diesem Bereich ab.
Niederösterreich umfasst zwei Objekte des 12. und 72 Da primäre Lüftungsschlitze für den Dachraum
13 Objekte des 13. Jahrhunderts; von Letzteren sind des Chores heute unter der Dachhaut des
allerdings viele bereits in der zweiten Hälfte des Langhauses liegen, war wohl nicht von
Jahrhunderts entstanden. Vgl. Lanc 1983, XXI. vornherein ein steileres Dach geplant.
46 Distelberger 1971, 12. – Lanc 1983, 194. 73 Keiblinger 1868, XCIII. – Tietze 1907, 74. –
47 Distelberger 1971, 21 erkennt Teile einer Architektur, Riesenhuber 1923, 123. – Dehio 1973, 233. – Eppel
Pflanzen, ein Schwert, das von einer Hand gehalten 1975, 180. – GB 1977, 566. – Zotti 1983, 127.
wird, sowie ein Fragment eines Flügels und deutet 74 Planaufnahme von Adalbert Klaar aus
die Szene als Vertreibung aus dem Paradies. dem Jahr 1963: »hochgotisch«. – Dehio
48 Lanc 1983, 194. 2003, 1926: »Ende 14. Jahrhundert«.
49 Distelberger 1971, 12. 75 Die einzige Probe, die aufgrund schlechter
50 Distelberger 1971, 12: »Zum Teil bis zur Zugänglichkeit beziehungsweise geringer Eignung
obersten Schicht erhalten.« Daher wurden der verwendeten Balken genommen werden
keine Ergänzungen vorgenommen. konnte, ergab bedauerlicherweise kein Datum.
51 Stampfer und Steppan 2008, 7. 76 Aichinger-Rosenberger 2015, 324.
52 Distelberger 1971, 13. – Lanc 1983, 191. 77 Siehe dazu das Kapitel Die Inschriften der Kirche.
53 Adalbert Klaar verzeichnet in seinem Plan 78 Zajic 2008, 22, Katnr. 18†.
von 1963 an dieser Stelle eine »got[ische] Tür«. 79 Nationalbibliothek, Codex 1198.
Bei dem Putzaufschluss an der Westfassade 80 Distelberger 1971, 25.
konnte die nördliche Laibungskante einer 81 Lanc 1983, 194.
ehemaligen Öffnung sondiert werden. 82 Siehe dazu das Kapitel Die Inschriften der Kirche.
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69 Lisa-Maria Gerstenbauer und Oliver Fries: St. Johann im Mauerthale

83 Distelberger 1971, 25. – Lanc 1983, 195. 98 Diözesanarchiv St. Pölten, Pfarrarchiv Arnsdorf,
84 Distelberger 1971, 25. Kirchenrechnungen St. Johann, 1578–1955.
85 Lanc 1983, 196. 99 Diözesanarchiv St. Pölten, Pfarrarchiv Arnsdorf,
86 Lanc 1983, 300. Kirchenrechnungen St. Johann, 1578–1955.
87 Seebach 1982, 154. 100 Diözesanarchiv St. Pölten, Pfarrarchiv Arnsdorf,
88 Lanc 1983, 51. Kirchenrechnungen St. Johann, 1578–1955.
89 Fries 2015b, 490. 101 Dehio 2003, 1927.
90 Für vier der beprobten Hölzer des 102 Keiblinger 1868, XCIII.
Chordachstuhls konnte dendrochronologisch 103 StiB Göttweig, Cod. rot 895 (Dückelmann), fol. 73r–74r.
das Fälldatum 1398 ermittelt werden. 104 Heller 1875, 207.
91 Für drei der beprobten Hölzer des Chordachstuhls 105 Tietze 1907, 76.
konnte dendrochronologisch das Fälldatum 106 Die Freilegung der Malereien sowie deren
1415 ermittelt werden. Drei weitere Proben Restaurierung (hauptsächlich Kittung
sind ebenfalls in das Jahr 1415 zu datieren, der Aufspitzungen) erfolgten durch den
weisen allerdings keine Waldkante auf. Restaurator und akademischen Maler Hubert
92 Distelberger 1971, 11. Pfaffenbichler. Vgl. Distelberger 1971, 12.
93 Lanc 1983, 196. 107 Distelberger 1971, 12.
94 Siehe dazu das Kapitel Die Inschriften der Kirche. 108 Die Lagerung zweier dieser Ölgemälde in
95 StiB Göttweig, Cod. rot 895 (Dückelmann), fol. 73r–74v. zusammengelegtem Zustand im Aufgang
96 Diözesanarchiv St. Pölten, Pfarrarchiv Arnsdorf, zur Kanzel ist aus konservatorischen
Kirchenrechnungen St. Johann, 1578–1955. Gründen jedenfalls bedenklich.
97 Diözesanarchiv St. Pölten, Pfarrarchiv Arnsdorf,
Kirchenrechnungen St. Johann, 1578–1955.
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71

MICHAEL FRÖSCHL

HEILIGENVEREHRUNG UND SCHIFFFAHRT


– HISTORISCHE ANMERKUNGEN
Die Filialkirche St. Johannes der Täufer im Erzbistum schon bisher als Kirchengründer
kleinen Ort St. Johann im Mauerthale ist ei- aufgetreten war.5 865 soll sich Adalwin in
nes der vielen in der Donaulandschaft Wa- der Wachau aufgehalten und mehrere Kir-
chau gelegenen Gotteshäuser. Der Ort selbst chen und Kapellen geweiht haben.6 Sein
wurde schon von den Römern besiedelt. Im Name ist eine mögliche Erklärung für die
Frühmittelalter erlangten dann viele geist- Verehrung des hl. Albinus, eines nicht ka-
liche Institutionen Grundherrschaften in nonisierten Lokalheiligen, in St. Johann.7
der Wachau.1 Salzburg als Erzbistum war
neben seiner Rolle als Grundbesitzer auch In einem Privileg König Arnulfs, das ver-
hinsichtlich der Jurisdiktion für den Do- meintlich an einem 20. November zwischen
nauraum zuständig.2 Der Name »Wachau« 885 und 890 erlassen wurde8, ist erstmals
selbst findet sich erstmals in einer Urkun- von »Arnesdorf« die Rede. Die Urkunde ist
de Ludwigs des Deutschen vom 6. Oktober aber lediglich eine gefälschte Erweiterung
830; dort ist die Rede von einem »Ort, der des Privilegs von 860 und wurde wohl in
Uuahouua genannt wird«3, wenngleich hier der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts
noch nicht vom heutigen Flächenausmaß angefertigt.9 Dennoch war dieser Betrug
der Wachau ausgegangen werden darf. letztlich von Erfolg gekrönt, da die Erwei-
terung 977 von Kaiser Otto II. bestätigt
wurde.10 Die Herrschaft Arnsdorf umfasste
Ein kurzer Abriss insgesamt vier ›Arnsdörfer‹, nämlich Bach-,
der Besitzgeschichte Mitter-, Ober- und Hofarnsdorf, und dazu
noch St. Johann im Mauerthale.11 Ihr Name
In der Ära Erzbischof Adalwins wurden lässt sich mit Erzbischof Arn von Salzburg
dem Erzbistum Salzburg durch ein Privileg in Verbindung bringen.12 Sitz der Herrschaft
König Ludwigs des Deutschen am 20. No- war Hofarnsdorf, dessen Pfarrkirche durch
vember 860 mehrere Lehenhöfe in Eigengut ihr Rupertpatrozinium einen weiteren
umgewandelt; an der Donau waren dies Bogen zum Erzbistum schließt. Arn, ab 798
Melk, Arnsdorf, Loiben, Hollenburg und Erzbischof, dürfte sich am 20. Juni 799 in
ein wenig landeinwärts Traismauer.4 Diese der Gegend aufgehalten haben, als er in
Schenkung dürfte mit der angespannten Traismauer einer Synode vorsaß.13
politischen Lage im Reich in Verbindung
gestanden haben – mit ihr wurde wohl Die erste urkundliche Erwähnung von St.
auch eine Stärkung der Salzburger Positi- Johann im Mauerthale erfolgte 1240 im Zuge
on im Osten bezweckt. Das nunmehrige einer von Erzbischof Eberhard II. getätigten
Eigengut war bereits Teil der zahlreichen, Schenkung mehrerer Gründe in Arnsdorf an
verkehrsmäßig und strategisch günstig gele- das Stift St. Peter unter Abt Berthold.14 Die
genen Besitzungen Salzburgs, in denen das Schenkung umfasste Weingärten, (Obst-)
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 72

69
St. Johann i. Mauerthale.
Lithographie von
Jakob Alt (1826). Die
Lithographie zeigt die
Westfassade der Kirche
vom anderen Donauufer
aus (nach Kunike 1826).

Gärten und Äcker bei St. Johann. Laut einem wurden 200 Gulden des St. Johanner Kir-
Zehentverzeichnis von ca. 1250 erhielt das chenvermögens benutzt.18
Stift den Zehent von 57 Joch Weinbergen
und von sechs Äckern, die in Weingärten Die Salzburger Herrschaft in Arnsdorf – und
umgewandelt worden waren. 27 Personen damit auch St. Johann – endete 1803 mit
leisteten eine Abgabe für ihre Höfe und der Säkularisierung des Erzbistums. In der
Weingärten. Von 1272 bis 1366 verstärkte Folge wechselten die Besitzer rasch.19
sich die klösterliche Eigenbewirtschaftung
der Arnsdorfer Weingärten.15
Heiligenverehrung
Für die Zeit zwischen dem 14. und dem in St. Johann im Mauerthale
15. Jahrhundert sind noch einige private
Rechtsgeschäfte urkundlich überliefert.16 1875 legte Ambros Heller erstmals eine
Ab 1579 setzt die Überlieferung in den Hof- gedruckte Sammlung der Mehrzahl der
kammerprotokollen der erzbischöflichen St. Johann betreffenden Sagen vor; später
Kanzlei ein. In diesen ist auch der Schrift- folgten einige Ergänzungen durch andere
verkehr, den die Kanzlei mit den lokalen Forscher.20 In diesen Sagen spielt der hl.
Verwaltern des Salzburger Besitzes geführt Albinus oft eine tragende Rolle. Die Frage,
hat, enthalten. Beispielsweise kaufte das welche historische Persönlichkeit hinter
Erzbistum Salzburg 1622 für den Verwal- diesem Heiligen steckt, ist nicht leicht zu
tungsbezirk Arnsdorf das Landgericht.17 beantworten. Fest steht jedenfalls, dass
Am 10. Oktober 1690 hatte ein Sturm den keiner der drei kanonisierten Heiligen die-
Arnsdorfer Pfarrhof abgedeckt und dadurch ses Namens21 oder ein namensähnlicher
unbewohnbar gemacht. Zur Reparatur Heiliger22 mit dem St. Johanner Albinus
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73 Michael Fröschl: Heiligenverehrung und Schifffahrt – historische Anmerkungen

70
St. Johann i. Mauerthale.
Farbradierung von
Walter Prinzl (ca. 1930).
Die Ansicht zeigt die
Kirche von Nordwesten;
rechts im Vordergrund
der Brunnen mit
Zwiebeldach.

völlig übereinstimmt. Auch ein Blick auf Ein Bericht über Zeugenbefragungen aus
den Kultgegenstand ist wenig hilfreich, dem Jahr 1637 gibt Auskunft über die Legen-
da die verehrte Statue den hl. Albinus als den von St. Johann.25 Der Hofmeister von
Pilger darstellt, was auf keinen der ande- Arnsdorf, Michael Stubenvoll, befragte in
ren zutrifft, auch nicht auf den oft mit ihm Anwesenheit des Arnsdorfer Pfarrers Georg
identifizierten Erzbischof Adalwin.23 Landvogt und des Richters Hans Wintsch
vier ältere Einwohner zu den Wundern des
Hinweise auf die lokale Verehrung finden hl. Adalwinus, weil es hier früher eine große
sich ab dem 14. Jahrhundert. Schon vor 1332 Wallfahrt gegeben habe. Eine detaillierte
dürften ein Bildfenster mit einer Gebetsan- Schilderung dieser Befragungen muss hier
rufung Adalwins und eine zugehörige Ge- unterbleiben, doch lässt sich erkennen,
denkinschrift gestiftet worden sein, was auf dass die Legenden um St. Johann und die
eine lokale Verehrung hinweist.24 Statue des hl. Albinus mindestens auf die
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 74

71
St. Johann i. Mauerthale.
Mitte des 16. Jahrhunderts zurückgehen
Ansichtskarte mit
Kirche von Westen und die Verehrung schon wesentlich früher
(erste Hälfte stattgefunden hat.
20. Jahrhundert).

Das Grabmal des hl. Albinus in der Kirche


soll wegen seiner heilsamen Erde ebenfalls
Ziel der Verehrung gewesen sein.26 Auch
eine Orakelfunktion wird dem Heiligen
zugeschrieben.27 Das Grabmal wurde 1862
abgetragen, doch sind bildliche Darstellun-
gen davon überliefert.28 Noch 1835 war es
Ziel von Wallfahrten.29 Um 1870 gab es sechs
Beichtstühle rund um die Kirche.
72
St. Johann i. Mauerthale.
Ansichtskarte mit
Kirche von Südosten St. Johann und die Schifffahrt
(erste Hälfte
20. Jahrhundert).
Die Fotografie wurde
Der Wasserweg bot lange Zeit – bis zum Bau
aufgenommen, der Eisenbahnlinien – die einzige Kapazität
bevor die heutige für Massentransporte. Durch die Wachau
Bundesstraße errichtet
wurden unter anderem Holz, Salz, Eisen,
und der östliche Teil
der Umfriedungsmauer Baumaterialien und verschiedene gewerb-
geschleift wurde. liche Produkte stromabwärts transportiert,
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75 Michael Fröschl: Heiligenverehrung und Schifffahrt – historische Anmerkungen

73
St. Johann i. Mauerthale.
Ansichtskarte mit
Kirche von Nordosten
(erste Hälfte
20. Jahrhundert).
Im Chorscheitel ist
ein vermauertes,
spitzbogiges Fenster
zu erkennen.

während stromaufwärts besonders Wein vielleicht ein Fährrecht, bei Oberarnsdorf


und ab dem 16. Jahrhundert auch Getreide lag.32 In einer Erhebung von 1566 über den
verschifft wurde.30 Bestand von Schiffsleuten und Schiffen
findet sich jedoch keine Eintragung für
Oberarnsdorf, und damit auch das zugehö- Arnsdorf. 33 Stromaufwärts wurden die
rige St. Johann, war durch die donaunahe Schiffe von Pferden gezogen. Abhängig
Lage eher für das Schiffsgewerbe prädesti- von Flussverlauf und Uferverhältnissen
niert als die anderen Orte der Herrschaft.31 musste an gewissen Stellen die Seite ge-
So ist etwa in einem Urbar des 12./13. Jahr- wechselt werden, ein aufwändiges Verfah-
hunderts belegt, dass das Schifffahrtsrecht, ren, das durchaus einen ganzen Tag dauern
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 76

74
St. Johann i. Mauerthale.
Ansichtskarte mit
Kirche von Süden (erste
Hälfte 20. Jahrhundert).

konnte.34 Zwischen Wien und Passau war Mit den Schiffsführern kamen auch gewis-
dies neunmal der Fall.35 Ab Altenwörth se Sitten nach St. Johann. So war es etwa
bewegte sich ein derartiger Gegenzug auf üblich, dass Hufeisen der Schiffspferde an
dem linken Donauufer und blieb auf die- hölzernen Teilen der Kirche angebracht
sem bis Dürnstein. Dort wechselte man auf wurden.38 Derartige Opfergaben dürfte es
die rechte Seite nach Rossatz und reiste an Verkehrswegen öfter gegeben haben.39
dann unter anderem an St. Johann im Mau- Die Pferde wurden in St. Johann neu be-
erthale vorbei, bis man bei Aggsbach-Dorf schlagen; die Hufeisen sammelte man im
wieder die Donau überquerte.36 Die Eta- Dachraum der Kirche.40
blierung der Dampfschifffahrt ließ diese
Gegenschifffahrt mit dem ausgehenden Zwei Fresken im Innenbereich der
19. Jahrhundert letztlich ihr Ende finden.37 Kirche 41 sowie an deren donauseitiger
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77 Michael Fröschl: Heiligenverehrung und Schifffahrt – historische Anmerkungen

Außenwand42, die den hl. Christophorus nichts Schlimmes geschehen könne.43 Ein
zeigen, stehen gleichfalls in Verbindung weiterer wichtiger Heiliger für die Schiff-
mit der Schifffahrt. Derartige Darstel- fahrt war aufgrund seiner Rolle als Retter
lungen entlang des Flusses sind nicht aus der Seenot der hl. Nikolaus. Dieser
selten; Hintergrund war der Glaube, dass Heilige ist in der Kirche St. Johann durch
den Schiffsleuten an einem Tag, an dem eine Statue sowie eine in Resten erhaltene
sie ein Abbild des Christophorus sahen, Wandmalerei vertreten.44

1 Huber 1875, 287–321. – Winter 1980, 17. – Brunner einen Grund in der Tätigkeit Adalwins als
1994, 392. – Weber 1999, 88–90. – Scheibelreiter Missionar haben; vgl. Arnsdorf 1990, 38.
2010, 37–38. – Zum Weinbau der Klöster im 24 Zajic 2008, 22–23; Katnr. 18†, 19†.
Donauraum siehe: Weber 1999, 250–305. 25 Überliefert durch eine Abschrift aus den Jahren
2 Brunner 1994, 390–391. 1776/1777 (siehe StiB Göttweig, Cod. rot 895, fol. 73–77);
3 Im lateinischen Original: vgl. Heller 1875, 209–211. – Abschrift des Berichtes bei
»Id est locum qui nuncupatur Uuahouua.« Heller 1875, 293–297; Abschriften der Beschreibung der
– Siehe MGH DD LD Nr. 2, 2–3. Statue auch bei Gugitz 1955, 168 und Eppel 1975, 180.
4 Posch 1961, 243, 248–249. 26 Gugitz 1955, 170.
5 Dopsch 1981, 179–181. 27 Peez 1899, 128, Anm. 1.
6 Kalchhauser 1967b, 79. 28 Vgl. StiB Göttweig, Cod. rot 895, fol. 75.
7 Arnsdorf 1990, 38–39. – Zajic 2008, XLII. 29 Schmidl 1835, 413. – Dem widersprechend
8 MGH DD Arn Nr. 184, 281–282. Schweickhardt 1835, 215, demzufolge es sich 1835
9 Weber 1999, 90 sieht als Terminus nicht mehr um einen Wallfahrtsort gehandelt
ante quem das Jahr 982. habe; dies sei jedoch früher der Fall gewesen.
10 HHStA AUR 0977 X 01. 30 Chaloupek u. a. 2003, 91. – Daneben gab es auch
11 Becker 1885, 78–79. eher kuriose Transportgüter, die sicherlich nicht in
12 Becker 1885, 79. großen Mengen verfrachtet wurden. 1681 schreibt der
13 Wolfram 1995, 175. Arnsdorfer Pfleger an die Salzburger Hofkammer, dass
14 Archiv Erzabtei St. Peter, Urk. 75. er wegen der hohen Kosten nicht die öffentliche Post
15 Weber 1999, 367. Die Handschriften, auf die Weber sich benützen, sondern stattdessen den Schiffsleuten die
bezieht, sind jene von 1250 (Archiv Erzabtei St. Peter, Briefe mitgeben möchte; vgl. Buchinger 1936, 12–13.
Hs.B 421), 1272 (Archiv Erzabtei St. Peter, Hs.B 2, f. 16r) 31 Becker 1885, 79.
und 1366 (Archiv Erzabtei St. Peter, Hs.B 413, f. 1v). 32 Kalchhauser 1967b, 81.
16 Vgl. HHStA AUR 1357 XI 23, AUR 1381 I 13, AUR 33 Vangerow 1985, 486.
1436 X 28, HHStA AUR 1488 X 13, AUR 1532 I 03, 34 Friedl 2017, 508.
Archiv Erzabtei St. Peter Urk. 1736 und 1776. 35 Chaloupek u. a. 2003, 93.
17 Buchinger 1936, 2. 36 Meißinger 1975, 34–36.
18 Buchinger 1936, 18. 37 Meißinger 1975, 41–42.
19 Becker 1885, 79. – Zotti 1983, 126. – Arnsdorf 1990, 51. 38 Meißinger 1975, 47.
20 Heller 1875, 207–209. – Nachgedruckt, aber zum 39 Steininger 1969, 12–13.
Teil auch durch neue Sagen ergänzt: Wichner 40 Alker 1952, 224.
1912, 64–67; Wichner 1916, 67–72; Kießling 1924, 65– 41 Distelberger 1971, 15–18. – Lanc 1983,
66; Kießling 1926, 95–98; Plöckinger 1926, 45–49; 191. – Lanc 1998, 446–447.
Kießling 1927, 72–73; Kießling 1928, 44–45, 72. 42 Lanc 1983, 191. – Zajic 2008, Katnr. 140†, 154.
21 Keiblinger 1868, 93. – Trubel 2015, 42. 43 Aichinger-Rosenberger 2006, 74.
22 Büttner 1949. 44 Lanc 1983, 194–196. – Arnsdorf 1990,
23 Zajic 2008, XLII. – Die Pilgerdarstellung soll 39–40. – Friedl 2017, 509.
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79

RONALD KURT SALZER

DIE INSCHRIFTEN DER KIRCHE


Die 1240 erstmals urkundlich erwähnte Bei dem ältesten epigraphischen Nachweis
Filialkirche hl. Johannes der Täufer in St. handelt es sich um die Beischrift einer
Johann im Mauerthale, eine Filiale der Pfar- fragmentierten Wandmalerei im Süden
re St. Rupert in Hofarnsdorf, ist aufgrund der Langhauswestwand der nach Norden
ihres Alters, ihrer verkehrsgünstigen Lage ausgerichteten Kirche. Die im Jahr 1970
zwischen Donau und Uferstraße sowie ih- freigelegte und restaurierte Wandmalerei,
rer Bedeutung als Wallfahrtsort mit einer die in einem Bildfeld von 85 cm Höhe und
Reihe von Inschriften ausgestattet.1 Diese 110 cm Breite die Aufnahme der Seele der
75
St. Johann i. Mauerthale.
sind von Andreas Zajic bereits bis zum hl. Margareta in den Himmel zeigt, weist
Wandmalerei an der Jahr 1650 aufgearbeitet worden, weshalb infolge des nachträglichen Einbaus eines
Langhauswestwand. der vorliegende Abriss nicht nur inhalt- gotischen Fensters sowie einer Tür starke
Detail der Margareten-
lich, sondern auch hinsichtlich der Editi- Fehlstellen sowohl an der rechten oberen
szene mit Namens-
beischrift (zweites onsrichtlinien im Wesentlichen besagter Ecke als auch im Bereich der Inschrift auf.
Viertel 13. Jahrhundert). Publikation2 folgt. Sie ist stilistisch in das zweite Viertel des
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 80

13. Jahrhunderts zu datieren und gehört Stifterehepaars vielmehr »Eyczner« in


damit gemeinsam mit weiteren, an der Betracht zu ziehen.8 Diese Zuschreibung
westlichen Langhauswand befindlichen gründet auf der Tatsache, dass sich Leutold
und ebenfalls durch spätere Eingriffe be- der Eyczner von Ober(ar)n(s)dorf9 unter den
schädigten, jedoch inschriftenlosen Darstel- Zeugen einer im Jahr 1332 in Arnsdorf aus-
lungen3 höchstwahrscheinlich zur Erstaus- gestellten Urkunde befand, in der Bruder
stattung des Gotteshauses. Die unter der Wolfhard, Salzburger Pfleger (des Unteren
Margaretenszene situierte, bruchstückhafte Hofs beziehungsweise Niederhofs in Mit-
Namensbeischrift »[MAR]GAࣴ RETA« wurde terarnsdorf) und Richter im Tal zu Arnsdorf,
mit schwarzer Farbe in der Schriftart einer die Seelgerätstiftung seines leiblichen Bru-
Romanischen Majuskel aufgemalt, wobei ders Konrad, Pfarrer in St. Lorenz »auf dem
die ca. 7 cm großen Buchstaben unziale Hengstperch« (in der Wachau?), bestätigte.10
Formen zeigen und die Buchstaben A und Entsprechend dürfte es sich bei dem einen
R durch einen Nexus litterarum verbunden Zeugen der Gedenkinschrift, »Heinrich
zu sein scheinen.4 von Haid«, um den ca. 1337 verstorbenen
Heinrich von Hard handeln, der zwischen
Die nächsten beiden Inschriften sind zwar 1321 und 1332 als Hofmeister (des Oberen
verloren, jedoch durch einen von Pater Hofs) in (Hof-)Arnsdorf fungierte und des-
Hartmann Dückelmann5 (1739–1784) kopier- sen Amtszeit somit den entscheidenden
ten Bericht des Michael Stubenvoll, eines Datierungsrahmen für die Inschrift liefert.
erzbischöflich-salzburgischen Hofmeisters Ferner scheint es plausibel, den anderen
in Arnsdorf, aus dem Jahr 1637 überliefert.6 erwähnten Zeugen, Bruder »Wilhelm«, mit
dem urkundlich mehrfach belegten Bruder
Gemäß dieser Quelle war zu jener Zeit an Wolfhard zu identifizieren. Diese Gedenkin-
der Chormauer über dem Triumphbogen schrift ist insofern bemerkenswert, als sie
noch folgende Inschrift zu lesen: zum einen an die beiden – allem Anschein
nach nicht dem Adel angehörigen11 – Stifter-
»Ich Leodold der Ewner von / Oberndorf und personen und deren Stiftung unmittelbar
mein Hausfrau / Preid Tun chunt an der Stätte ihrer Verwirklichung erin-
mäniglich, / das wir gestifft haben auf / un- nerte, zum anderen durch die Wiedergabe
sern Haus ein Chertzen, / ze geben der zugrundeliegenden Stiftungsurkunde
ewigleich hintz Sand / Johans durch unser samt Anführung der Verpflichtungen und
Seelen und / auf unser Vodern Seelen der Sanktionen bei Nichterfüllung für die
willen: / wer das haus kauft oder / nach uns Stifter und deren Nachfolger sowie die Nen-
innhatt, wann / er das nicht thuet nung der Zeugen einen wichtigen Beitrag
am Sant / Johans Tag ze Sümerten / das soll zur Rechtssicherung vor Ort leistete.12
er in vierzehen Tägen / allweeg
wandeln mit / ein pfund wachse Sant / Jo- Die bereits erwähnte barocke Kompilation
hans, und der ist unser / Zeug herr beschreibt im Kirchenraum noch einen
Heinrich von Haid / Chorherr ze Salzburg, anderen Inschriftenkomplex, der auf eine
und / hofmeister das das Arnstorff / weitere, ungefähr zeitgleiche Stiftung des
bruder, Wilhelm der Richter in dem [– – –.«7 Leutold Eyczner und seiner Gemahlin zu-
rückgeht. Gemäß dieser Schilderung besaß
Diese Stiftergedenkinschrift ist offensicht- die Kirche 1637 noch ein polychromes Bild-
lich nicht nur unvollständig, sondern auch fenster, in dem zuoberst der hl. Oswald und
mit einigen Lesefehlern in der kopialen der hl. Koloman13, gefolgt von Johannes dem
Überlieferung auf uns gekommen. Zajic Täufer und Johannes Evangelist, dargestellt
zufolge ist nämlich als tatsächlicher Fa- waren. Auf den beiden untersten Scheiben
milienname des als »Leodold Ewner« und des vermutlich zweibahnigen, dreizeiligen
dessen Frau »Preid« (Brigitte) bezeichneten Fensters waren einerseits der hl. Matthias
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81 Ronald Kurt Salzer: Die Inschriften der Kirche

sowie zu dessen Füßen eine kniende männ- in der Aufzeichnung Dückelmanns nur
liche Stifterfigur und ein von deren Mund »Preid« in Großbuchstaben, die beiden
ausgehendes Spruchband mit der Inschrift anderen Inschriften hingegen in normaler
»Ora pro me Leutold«, andererseits der nie Textschrift wiedergegeben sind, dürften alle
kanonisierte Lokalheilige Adalwin14 in Pil- drei Inschriften des Glasfensters zeittypisch
gerkleidung mit Tasche und Pilgerstab in in der Schriftart der Gotischen Majuskel
der Hand samt der darüber befindlichen ausgeführt gewesen sein. Auch die Kon-
Beischrift »S(an)ct(us) Adelwinus« sowie zu traktionskürzung »Sct« ist ahistorisch und
dessen Füßen wiederum eine weibliche dürfte weniger dem Original entsprechen
Stifterfigur knielings mit der Beischrift als vielmehr frühneuzeitlichen Gepflogen-
»PREID« abgebildet.15 heiten geschuldet sein. Wahrscheinlich
waren sämtliche Heilige des Bildfensters
Da ein Heiliger namens Leutold nicht exis- mit Tituli versehen, die von Michael Stu-
tiert, dürfte sich die Gebetsanrufung nicht benvoll zwar zur Identifizierung herange-
auf diesen – im Bildfenster im Gegensatz zogen, aber in seinem Bericht nicht explizit
zur kopialen Überlieferung wohl räumlich als Inschriften ausgewiesen wurden.16 Unter 76
St. Johann i. Mauerthale.
klar abgetrennten – Namen, sondern auf der Annahme, dass die beiden Stiftungen
Wandmalerei an
den hl. Matthias bezogen haben. Dement- des Ehepaars Eyczner entweder gleichzeitig Langhauswestwand
sprechend handelt es sich sowohl bei »Leu- oder in geringem chronologischem Abstand und Triumphbogen.
told« als auch bei »Preid« um selbstständige erfolgt sind, können die zwei Inschriften Detail der Darstellung
von Christus und den
Namensbeischriften, die auf die beiden am Triumphbogen und im Bildfenster
zwölf Aposteln mit
Stifter Leutold Eyczner von Oberndorf und in den Zeitraum zwischen 1321 und 1332 Tituli (zweites Viertel
dessen Gattin Preid verweisen. Obwohl gestellt werden. 14. Jahrhundert).
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 82

77
St. Johann i. Mauerthale.
Wandmalerei an der
Chorwestwand. Detail
der Darstellung des
Marientodes mit
Namensbeischriften
(zweites Viertel 14.
Jahrhundert).

Darüber hinaus haben sich noch weitere Bildfeld die in ihren Farbschichten und
Inschriften bei zwei aus kunsthistorischer Binnenzeichnungen schon stark reduzier-
Sicht in das zweite Viertel des 14. Jahrhun- te Darstellung des Marientods angebracht.
derts zu datierenden Wandmalereien im Diese setzt sich aus dem zentralen Bett
Kircheninneren erhalten, die 1970 freigelegt Mariens, dem die Seele der Gottesmutter
und restauriert worden sind. empfangenden Christus unmittelbar da-
hinter, den zu beiden Seiten angeordneten
Im nördlichen Abschnitt der Langhaus- Aposteln und vier halbfigurigen bezie-
westwand sowie am Triumphbogen findet hungsweise aus Wolkenbändern herab-
sich die Darstellung von Christus und den fliegenden Engeln zusammen. Über den
zwölf Aposteln. Der im Zentrum des ca. Köpfen der Apostel sind, von links nach
140 cm hohen und an der Langhauswand rechts, in roter Farbe mit 5 cm bis 6 cm
etwa 740 cm sowie am Triumphbogen ca. großen Buchstaben in Gotischer Majuskel
175 cm breiten Bildfeldes abgebildete Chris- nachstehende Namensbeischriften aufge-
tus wird darin von je sechs untereinander malt, die teils den Konturen der Nimben
gestikulierenden Aposteln samt Attributen folgen, teils zeilenförmig gestaltet sind:
und Spruchbändern flankiert. Durch späte- »MAT[HEVS]«, »· TOM/AS [·]«,»· JAC/OBV/S«,
re Fenstereinbauten wurden nicht nur die »· PAV/LUS ·«, »PET[R]VS«, »JOHANNES«,
Malereien, sondern auch die Tituli teilweise »SV/MO/N«, »· JACOBVS ·«, »· T//AT/EV/S«,
zerstört, sodass nur vier schwarz aufgemal- »· P//ART(HOLOMEVS)« und »· PH/ILJP/PVS«.18
te, stark verblasste und beschädigte Tituli
in Form von etwa 5 cm bis 6 cm großen Ferner waren außen an der westlichen, der
Buchstaben in Gotischer Majuskel über- Donau zugewandten Langhausseite des
dauert haben: »MATH(E)[VS]«, »ANDREAS«, Sakralbaus ehemals Inschriften vorhanden,
»[P]AVLUS« und »· SYMON ·«.17 die im Zusammenhang mit einer aufgemal-
ten, an der Oberfläche stark beschädigten
An der Chorwestwand ist zudem in einem und zudem durch einen in der Barockzeit
ca. 165 cm hohen und 330 cm breiten vorgenommenen Fenstereinbruch stark
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83 Ronald Kurt Salzer: Die Inschriften der Kirche

78
St. Johann i. Mauerthale.
Detail der ehemals
vorhandenen Graffiti
an der westlichen
Langhausaußenwand
(um 1606) (nach
Kalchhauser 1967a).

fragmentierten Christophorusdarstellung, Zur Innenausstattung der Kirche St. Johann


welche wohl den Jahren um 1500 entstammt, im Mauerthale gehören zwei ursprünglich
stehen. Auf der dunkelbraunen Rahmung des jeweils an der Predella der beiden Seiten-
ca. 600 cm hohen und etwa 225 cm breiten altäre aufbewahrte Johanneskopfschüsseln
Bildfeldes war ehedem ganz unten eine mit des späten 15. Jahrhunderts aus bemaltem
weißen, 5 cm großen Ziffern aufgemalte Jah- Holz mit einem Durchmesser von 37 cm.
reszahl »· 1 · 5 · 0 · 8« zu erkennen, die heute Beide Schüsseln bergen auf der Vorderseite
spurlos verschwunden ist.19 Zwischen dem in das reliefierte und polychromierte Haupt
der linken unteren Ecke befindlichen, eine des Johannes und weisen an der vormals
Fackel tragenden Einsiedler und dem seit- goldgrundierten Rückseite eine schwarze
wärts gerichteten Fuß des Heiligen waren des Restaurierungsinschrift auf. Die Funktion
Weiteren noch etwa Mitte der 1960er-Jahre von Johannesschüsseln ist ungeklärt. Wäh-
zahlreiche zum Großteil bereits damals unle- rend die kunsthistorischen Interpretatio-
serliche, heute jedoch schon völlig verblass- nen von einem Reliquiar oder Andachtsbild
te Graffiti sichtbar, darunter die in Kurrent bis hin zu einem Requisit im geistlichen
angebrachte Kritzelinschrift »Hanns Ibbsser Spiel reichen21, sollen Gustav Gugitz zu-
von Arnstorff« sowie die Jahresangabe »A(nn)o folge die beiden betreffenden Stücke der
1606«. Mit diesen Graffiti dürften auch die Wachauer Wallfahrtskirche angeblich einst
beiden darunter abgebildeten Fassbinder- dem Auffinden von Ertrunkenen gedient
werkzeuge Klopfholz und Klöpfel in Zusam- haben.22
menhang stehen.20 Die Christophorusfigur
wird zudem bis heute in Höhe der Unter- Das noch 1959 an der Predella des östlichen
schenkel auf jeder Seite von einem gelehnten Seitenaltars vorhandene Exemplar, das
Wappen in Tartschenform aus der Zeit um nach zwischenzeitlicher Verwahrung im
1500 begleitet. Die beiden wahrscheinlich auf Pfarrhof von Mitterarnsdorf um 2000 wie-
Stifter hinweisenden Wappen sind allerdings der in die Filialkirche zurückgekehrt und
so schlecht erhalten, dass sie sich einer he- seitdem am Scheitel des Triumphbogens
raldischen Bestimmung vollends entziehen. angebracht ist, trägt folgende Inschriften:
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 84

79 als Leihgabe der Filialkirche ausgestellte


St. Johann i. Mauerthale.
Johannesschüssel trägt ebenfalls zwei
Rückseite der in der
Kirche verbliebenen Inschriften: Einerseits die in Fraktur mit
Johannesschüssel 1 cm großen Buchstaben am Rand aufge-
mit Restaurierungs- malte Umschrift »Die Schissl, sambt S(anc)t
inschriften (1612).
Johanis Haubt, hat Christophen Hallers,
ehewierthin Maria RENOVIERN lassen«,
andererseits die in der Mitte platzierte,
vierzeilige und in Kapitalis mit ca. 1,5 cm
großen Buchstaben gehaltene Inschrift
»· 1612 · / G(EORG) H(ÄSCHPICHLER)
M(ALLER) G(ESELL)«.24

Zu den auf den beiden Objekten inschrift-


lich genannten Personen ließen sich kei-
ne weiteren Informationen eruieren. Ob
ein Zusammenhang zwischen dem hier
erwähnten Arnsdorfer Hauptmann und
Ratsbürger Matthias Ybbser und dem in der
Kritzelinschrift aus dem Jahr 1606 an der
Außenmauer dokumentierten Hans Ybbser
besteht, ist unbekannt.

Bei dem jüngsten epigraphischen Denk-


mal handelt es sich um eine innen an der
80 Langhauswestseite unter der Orgelempore
St. Johann i. Mauerthale.
Rückseite der heute
befindliche, 160 cm hohe und 80 cm breite
im Diözesanmuseum Wappengrabplatte aus (Adneter oder Hal-
St. Pölten befindlichen leiner?) Rotmarmor. Auf der Vorderseite
Johannesschüssel mit
ist mit 6,5 cm bis 8 cm großen Buchstaben
Restaurierungs-
inschriften (1612). folgende Inschrift in Fraktur eingemeißelt:

»Allhie ligt begraben der Ehrn= /


tugentsame Junge Gesöll Johannes / Vbel
Am Rand in etwa 1 cm großen Fraktur- seines handwerchs ein Bindter, / so am
buchstaben die Umschrift »Die schissl . Hochfürstl(ichen) Saltzburg(ischen) Hoff /
sambt S(anc)t Johanns Haubt Darinen, hat in die · 20 · Jahrlang Hoffbindter= / gesöll
die Tugenthaft Fraw, Elisabetha des Ehr- gewesen · Ist gestorben Zu Arn= / storff den
nuessten Herrn Mathias ybbsers Haubt- · 29 · / Aprilis / 1 · 6 · //· 8 · 6 · «.25
ma(n)s vn(d) Rattsburger(n) Zu Arnstorf.
uxor Renouier(en) lassen«, gefolgt von der Darunter steht, ebenfalls in Fraktur, die
im Zentrum aufgemalten, vierzeiligen gereimte Gebetsbitte:
Inschrift »· 1612 · / Georg Häschpichler · / ·
maller Gesell · / Reno(viert) (et cetera)« in Mi- »Lieber Christ Ich bitte dich,
nuskelantiqua (Humanistischer Minuskel) Gehst vorbey, so bett fur mich,
mit ca. 1,5 cm großen Buchstaben.23 Deßgleichen will ich wider thun,
vnd fur dich bitten Gottes Sohn,
Die desgleichen 1959 an der Predella des Daß er vnß woll nach disem leben,
westlichen Seitenaltars befindliche, nun dorten darfur daß ewig geben ·
aber im St. Pöltener Diözesanmuseum Amen«.26
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85 Ronald Kurt Salzer: Die Inschriften der Kirche

81
St. Johann i. Mauerthale.
Grabplatte des
Johannes Ubel (1686).
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 86

Das zentrale Wappenmedaillon von 38 cm Instandhaltung der Weinfässer zuständig,


Durchmesser enthält in einem Kartuschen- konnten bei einigen Herrschaften aber auch
schild ein Fass mit darüber aufgesetztem mit dem Amt des Kellermeisters betraut
Reißzirkel, das von Klöpfel und Klopfholz sein.28 Dennoch ist die Tatsache, dass einem
beseitet wird. Dieses Wappen mit Fass und Hofbindergesellen am erzbischöflich-salz-
Binderwerkzeugen verweist auf die Profes- burgischen Hof in Hofarnsdorf eine derart
sion des Verstorbenen. Entsprechend der aufwändige Grabplatte gewidmet worden
sozioökonomischen und kulturellen Prä- ist, äußerst bemerkenswert. Möglicher-
gung der Wachau durch den Weinbau und weise genoss die Wallfahrtskirche von St.
der damit einhergehenden Bedeutung des Johann, auf deren Außenseite – wie bereits
Fassbinderhandwerks sind in der näheren erwähnt – neben dem Christophorusbildnis
Umgebung mehrere inschriftliche Beispiele auch im Zusammenhang mit Graffiti des
in Verbindung mit Fassbinderwerkzeugen frühen 17. Jahrhunderts stehende Fassbin-
belegt.27 Zu dem 1686 verstorbenen Johan- derwerkzeuge gekritzelt waren, daher nicht
nes Ubel fanden sich allerdings in anderen nur bei Schiffern, sondern auch unter Fass-
Quellen keine weiteren Spuren. Hofbin- bindern eine besondere Verehrung.
der waren allgemein für die Pflege und

1 Zajic 2008, XLII. – Fries 2015a, 282–285. abgetragenen Adalwin-Grabmals finden sich in StiB
2 Zajic 2008, XI–XII. Göttweig, Cod. rot 895 (Dückelmann), fol. 73r–74r.
3 Siehe das Kapitel St. Johann im Mauerthale – – Zu dem in St. Johann verehrten hl. Adalwin/
römischer Burgus und mittelalterliche Wallfahrtskirche. Albin vgl. Gugitz 1955, 168–171; Zajic 2008, XLII.
4 Zajic 2008, 5–6, Katnr. 2, Abb. 2. – Vgl. Lanc 15 StiB Göttweig, Cod. rot 895 (Dückelmann), fol. 76v.
1983, XXVIII (um 1240); 190–194, Abb. 329. 16 Zajic 2008, 22–23, Katnr. 18†.
5 Zum Göttweiger Kämmerer, Archivar und 17 Zajic 2008, 24–25, Katnr. 21; Abb. 16. – Vgl. Lanc 1983,
Bibliothekar Pater Hartmann Dückelmann 190–192, 194 (um 1330/1340); Abb. 332–334, Abb. 337.
und insbesondere zu seinen beiden großteils 18 Zajic 2008, 25–26, Katnr. 22; Abb. 18. – Vgl. Lanc 1983,
um 1776/1777 entstandenen dokumentarisch- 190–196 (zweites Viertel 14. Jahrhundert); Abb. 335.
antiquarischen Schriften, die in der Stiftsbibliothek 19 Zajic 2008, 154, Katnr. 140†. – Vgl. Lanc 1983,
Göttweig verwahrt sind: Zajic 2008, L–LI. 190–192, 196 (um 1500). – Siehe das Kapitel
6 StiB Göttweig, Cod. rot 895 (Dückelmann), fol. 75r–77r St. Johann im Mauerthale – römischer Burgus
(Kurzer Bericht oder Relacion etc. de Anno 1637). und mittelalterliche Wallfahrtskirche.
7 StiB Göttweig, Cod. rot 895 (Dückelmann), fol. 76v–77r. 20 Kalchhauser 1967a, 59 (mit Foto der Graffiti und
8 Zajic 2008, 22, Katnr. 18†. ungenauer Lesung »Hanns Ybbser von Arnstorf«).
9 Vgl. die Oberarnsdorf zugewiesenen 21 Geml 2009, 59–61.
Oberndorf-Nennungen in HONB 1, 69. 22 Gugitz 1955, 168.
10 Wilhelm 1916, 24–25, Nr. 26 (Arnsdorf, 1332 IV 5). 23 Bei der Umschrift am Rand sind lediglich die Worte
11 Zajic 2008, XLIX. »uxor Renouier« in Minuskelantiqua gehalten:
12 Zajic 2008, 22–23, Katnr. 18†, 19†. Zajic 2008, 398–399, Katnr. 401; Abb. 171.
13 Dückelmann hat die in seiner Vorlage verwendete 24 Zajic 2008, 399, Katnr. 402; Abb. 171.
Bezeichnung »Sct. Salomannus Rex« zwar 25 Die Jahreszahl von Wappenmedaillon
gewissenhaft notiert, aber zu unterbrochen; »Aprilis« in Minuskelantiqua;
»Sct. Colomannus Rex« uminterpretiert. StiB quadrangelförmige Trennzeichen.
Göttweig, Cod. rot 895 (Dückelmann), fol. 76v. 26 »Amen« in Minuskelantiqua;
14 Die Darstellung des Heiligen auf dem Glasfenster tildenartiges Trennzeichen.
soll laut dem Bericht von 1637 in ihren Farben 27 Vgl. Zajic 2008, 174, Katnr. 164: Mittelberg, Fußweg
und Attributen mit jener spätgotischen, ca. 105 nach Lengenfeld, Bildstock (»Binderkreuz«) mit
cm großen Schnitzfigur Adalwins (Pilgerstatue in Jahreszahl »1519« und reliefiertem Wappenschild
rotem Kleid und blauem Mantel mit schwarzem mit den Binderwerkzeugen Klopfholz, Klöpfel
Hut und Pilgerstab sowie schwarzen Stiefeln) und Reißzirkel; ebd., 224, Katnr. 222: Dürnstein
übereingestimmt haben, die ursprünglich in Nr. 12, Wandmalerei an der Gebäudeaußenseite
einer Sockelnische vor dessen Tumba stand und mit Bauzahl »1546« sowie Wappenschild
eine wichtige Rolle im Wallfahrtskult spielte. mit gekreuzten Binderwerkzeugen und
Eine zeichnerische Darstellung der heute hinter Reißzirkel; ebd., 290, Katnr. 295†: Rossatz Nr.
einem Eisengitter in einer Rundbogennische 14, eingeritzte Bauzahl »1578« über gekreuzten
unter der Orgelempore aufgestellten Statue Binderwerkzeugen im Dachboden des Gebäudes.
Adalwins sowie Pläne und Ansichten des 1862 28 Feigl 1998, 221.
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87 Ronald Kurt Salzer: Die Inschriften der Kirche


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89

MARTIN OBENAUS

DIE ARCHÄOLOGISCHEN
UNTERSUCHUNGEN IM JAHR 2016
Die Filialkirche hl. Johannes der Täufer in deren Bereich die römischen Baureste
liegt heute auf einer durch spätere Ein- liegen, fließt der Mauertalbach vorbei, der
griffe stark veränderten und überprägten, aus dem Mauertal kommt, welches hier
leicht nach Westen abfallenden Hochter- ins Donautal einbindet. Diese Lage am
rasse1 in 211 m Seehöhe am orografisch Ausgang des Tales, das auch heute noch
rechten Ufer der Donau, die hier in Süd- eine Verbindung zu den Hochflächen des
Nord-Richtung vorbeifließt. Etwa 50 m Dunkelsteinerwaldes gewährleistet, bildet
nördlich der heutigen Kirchensüdfront, somit einen nahezu ›klassischen‹ Standort

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82      
St. Johann i. Mauerthale. 
Spätantike Baubefunde !� �     
und topografische !� � ��     �
Lage der Filialkirche St. !� � !�
Johann im Mauerthale. !� �!�
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 90

für ein kleineres römisches Militärbau- Ende im Bereich von Bacharnsdorf liegt, wo
werk entlang des norischen Limes, wie ebenfalls ein spätantiker Burgus seit dem
auch weitere Vergleichsbeispiele in der 19. Jahrhundert vermutet und 1970 durch
Region deutlich machen. archäologische Untersuchungen an der
Eimündung des verkehrsgünstigen Kupfer-
tales bestätigt werden konnte.4 Die Donau
Topografische fließt hier vorerst in Süd-Nord-Richtung
und historische Grundlagen und biegt schließlich bei Oberarnsdorf nach
Nordosten ab. Nördlich und südlich dieser
Unmittelbar östlich des einstigen Kirchho- Schwemmfläche fallen die Höhen des Dun-
fes führte die ehemalige Donauuferstraße kelsteinerwaldes auf längere Strecken wie-
entlang, die in der zweiten Hälfte des 20. der steil zur Donau hin ab und lassen somit
Jahrhunderts partiell weiter nach Westen kaum Platz für eine intensivere Nutzung
verlegt, begradigt und zur Aggsteiner Bun- beziehungsweise weitere Befestigungswer-
desstraße B 33 verbreitert wurde. Dieser ke im Rahmen des norischen Limes.
Aktion fiel auch die östliche Kirchhofmau-
er zum Opfer, die später in gerader Linie Eine zweite, topografisch sehr ähnliche Si-
entlang der Straße wiederaufgebaut wurde. tuation ergibt sich etwa 3,2 km nordöstlich
Auch ein südlich an den Kirchhof anschlie- von St. Johann, am westlichen und östli-
ßendes Haus mit einem Wirtschaftsgebäu- chen Ausgang der breiten Sedimentations-
de musste dem Straßenbau weichen, wobei fläche im Bereich der Gleithangsituation
man wahrscheinlich auch ältere Bauteile zwischen St. Lorenz und der Gegend um
beseitigte und das Gelände zu einer Ein- Rossatzbach. Auch hier sind der Beginn und
fahrt abtiefte. das Ende der Gunstlage mit jeweils einem
nachgewiesenen Militärbau versehen. Es
Aus geologischer Sicht stehen im nähe- handelt sich dabei im Westen um den
ren Umfeld der Filialkirche St. Johann Burgus im Bereich der Pfarrkirche von St.
im Mauerthale Paragneise und Amphi- Lorenz5 und im Osten um den Burgus im
bolite des Moldanubikums an2, die vor Bereich der Einmündung des verkehrsgüns-
allem an den mitunter später veränderten tigen Windstallgrabens6.
Steilabbrüchen des Dunkelsteinerwaldes
zutage treten (Steinbrüche und Straßener- Weiter donauaufwärts folgen diesen Mili-
weiterung). Mit diesen Baumaterialien sind täranlagen, von St. Johann im Mauerthale
auch die Kirche sowie der spätantike Mili- aus gesehen, die bekannten Burgi im Blas-
tärbau größtenteils errichtet worden. hausgraben7 und in Melk-Spielberg8 sowie
das Kastell Arelape/Pöchlarn9. Unmittelbar
Bezüglich der Kirche fallen vor allem deren donauabwärts des Burgus Windstallgraben
Nordausrichtung, der Achsknick zwischen liegt das Kastell Favianis/Mautern.10 Es
der Ostmauer des Langhauses und dem ergibt sich somit das Bild einer – mögli-
spätmittelalterlichen Kirchturm, die deut- cherweise auch noch nicht vollständig be-
liche Verschwenkung in der Südmauer des kannten – Kette an Kleinbefestigungen im
Baues und die abgeschrägten Abtreppungen Streckenabschnitt zwischen den zwei zuvor
in der Südmauer auf; vor der jüngst durch- genannten Kastellen, die beide bereits in
geführten Bauuntersuchung konnten diese die frühe Kaiserzeit zurückreichen und bis
Phänomene nicht schlüssig erklärt werden.3 in die Spätantike/Völkerwanderungszeit
besetzt waren.
Insgesamt bildet die Gegend von St. Johann
im Mauerthale das südliche Ende der teil- Aus der Gruppe der Burgi des besagten
weise breiten Sedimentationsflächen am Limesabschnitts zwischen Pöchlarn und
Gleithang des Stromes, deren nördliches Mautern sticht vor allem jener an der
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91 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

Einmündung des Windstallgrabens heraus, soll hier auch eine Einbeziehung der klei-
da in der Südostecke dieses spätantiken nen Wasserläufe ins Befestigungskonzept
Bauwerkes ein Wachturm des 2./3. Jahr- zur Diskussion gestellt werden. Man hätte
hunderts als Vorgängerbau nachgewiesen somit – eine nutzbare Wegmöglichkeit ent-
werden konnte.11 Alle übrigen bekannten lang der Schmalstellen der Donau voraus-
Anlagen dieses Bereiches werden beim der- gesetzt – erst den Burgus passieren müssen
zeitigen Kenntnisstand ausschließlich als und wäre danach mit den eingeschnittenen
spätantik angesehen und dem valentinia- Bachläufen vor einem weiteren Hindernis
nischen Limesausbau in der zweiten Hälfte in Richtung der erweiterten Sedimentati-
des 4. Jahrhunderts n. Chr. zugewiesen. onsflächen gestanden, das im Notfall auch
befestigt hätte werden können. Fraglich ist
Bei den im Bereich der zuvor genannten allerdings die Situation der Burgi im Rah-
Sedimentationsflächen gelegenen Be- men der Verbindungen vom Dunkelsteiner-
festigungswerken fällt auch auf, dass sie wald herab, da eine gesicherte Wegführung
immer an den donauaufwärts beziehungs- in römischer Zeit derzeit kaum bekannt ist.
weise -abwärts liegenden Ausgängen der
verbreiterten Gunstflächen entlang der Mit einer Nutzung der Limesorte und
Abfälle des Dunkelsteinerwaldes situiert Militärbauten nach der letzten großen
sind. Hier münden auch in allen Fällen – Neubefestigungskampagne unter Valenti-
mit Ausnahme des Burgus von St. Lorenz nian I. (364–375) wird, unter anderem auch
– verkehrsgünstige Einschnitte ins Donau- historisch begründet, zumindest noch bis
tal ein, die dieses mit der Hochfläche des ins 5. Jahrhundert (488 n. Chr.) gerechnet.
Dunkelsteinerwaldes und in weiterer Folge Im Burgus Windstallgraben konnte durch
mit der hier im Hinterland verlaufenden Li- die archäologischen Untersuchungen der
messtraße verbinden. Hier ist wiederum zu 1970er- und 1990er-Jahre Fundmaterial des
bemerken, dass die betreffenden Burgi (St. 5. Jahrhunderts belegt werden.12 Ob die
Johann/Mauertal, Bacharnsdorf/Kupfertal Kleinbefestigungen auch noch über die
und Windstallgraben), von den Schmalstel- Wende zum 6. Jahrhundert hinaus genutzt
len im Donautal aus gesehen, immer noch worden sind, wie dies unter anderem für
vor der Abzweigung der Täler liegen und das nächste Kastell Favianis/Mautern13 zur
diese somit scheinbar noch im Vorfeld der Diskussion gestellt wurde, ist zurzeit nicht
breiteren Sedimentationsflächen schützen. eindeutig belegbar, für St. Johann im Mau-
Zuletzt ist festzuhalten, dass bei den drei erthale aber ebenfalls denkbar.
zuletzt genannten Anlagen jene Bachläufe,
die aus den besagten Tälern austreten und Nach der ausgehenden Spätantike und der
in die Donau entwässern, von der ange- beginnenden Völkerwanderungszeit wird
nommenen Zugangsseite an den Schmal- die historische Quellenlage für den Arbeits-
stellen des südlichen Flussufers (zumindest raum erst wieder im Frühmittelalter dichter.
teilweise nutzbarer Donaubegleitweg) aus Das Hinterland des Dunkelsteinerwaldes
betrachtet gleichsam hinter dem Burgus wird erstmals in der Gründungsurkunde des
vorbeifließen. Klosters Kremsmünster von 777 als »[…] ad
Crvnzwitim […]« (im Grunzwitigau) gelegen
Da bisher bei keinem der vier Burgi zu- und zusammen mit einem zinspflichtigen
sätzliche Befestigungswerke, etwa in Form Slawen genannt.14 828 wird von Ludwig dem
von Gräben oder Palisaden, nachgewiesen Frommen und Lothar I. ein Gebiet »[…] in
werden konnten (was aber möglicherwei- pago Grvnzwiti iuxta montem Svmerberch
se auch auf die starke rezente Bebauung […]« an Kremsmünster gegeben. Hier wird
und Überformung des Geländes sowie die zwischen zinspflichtigen und freien Slawen
daraus resultierenden fehlenden Untersu- unterschieden; die Eigengüter Letzterer
chungsmöglichkeiten zurückzuführen ist), sind von der Schenkung ausgenommen.15
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 92

Die in der Folge zunehmend wichtiger wieder ein Hof erwähnt (wohl im Bereich
werdende Salzburger Besitzgeschichte des Hofarnsdorf).23
Gebietes um die »Arnsdörfer« vom Früh-
mittelalter bis in die Neuzeit wird in dem Aufgrund der archäologischen Befundlage
Beitrag von Michael Fröschl ausführlich im Bereich der Filialkirche von St. Johann
abgehandelt.16 im Mauerthale ist eine Nachnutzung der
heute in den Kirchenbau integrierten
Dem Frühmittelalter entstammen noch spätantiken Strukturen wohl bereits ab
zwei weitere Quellen, die den Grunzwiti- diesem Zeitraum anzunehmen. Zumindest
gau erwähnen. Die ältere von 885/887 be- das Untergeschoß des ehemaligen Burgus
trifft eine Schenkungsbestätigung Kaiser erbrachte knapp über den spätantiken Stra-
Karls III. an seinen Getreuen Witigowo ten geringe Keramikfunde, die grob in den
über die Curtis Grunzwita ([…] hoc est cur- Zeitraum vom 11. bis zum 12. Jahrhundert
tem quae vocatur Grunzwita cum mansis zu datieren sind. Es ist wohl anzunehmen,
XV […]«).17 In der nur geringfügig jüngeren dass der Militärbau im frühen Hochmit-
und sicher auch bekannteren Quelle, dem telalter noch so weit erhalten war, dass er
sogenannten »Heimo Diplom« aus dem Jahr einer neuen Nutzung zugeführt werden
888, überträgt Arnulf von Kärnten seinem konnte; diese Funktion dürfte er spätes-
»[…] ministerialis nomine Heimo […]« die tens im 14. Jahrhundert mit dem Neubau
Gerichtsbarkeit auf dessen Eigengut im des heute bestehenden Kirchturmes ver-
Grunzwitigau (»[…] in pago Grunzuuiti […]«), loren haben. In diesem Zusammenhang
regelt weitere Gerichtskompetenzen und ist auch der Zeitpunkt des Anbaues der ro-
erlegt ihm auf, eine Fluchtburg zu bauen.18 manischen Kirche nördlich des Burgus we-
Heimo wird meist als Sohn des Witigowo sentlich. Aufgrund der bauhistorischen und
angesehen. Weiters wird eine baldige Be- geophysikalischen Untersuchungsergeb-
sitznachfolge der Salzburger Erzbischöfe nisse wird mit einem wesentlich kürzeren
in diesem Raum angenommen, da die bei- romanischen Sakralbau gerechnet, dessen
den Diplome in ihrem Archiv aufbewahrt Langhaus im Spätmittelalter in Richtung
worden sind.19 Norden bis zum heutigen Triumphbogen
und dem daran anschließenden Chor er-
Archäologisch sind aus dem unmittelba- weitert worden ist.24
ren Arbeitsraum südlich der Donau keine
frühmittelalterlichen Funde bekannt; die- In weiterer Folge werden in der ersten Hälf-
se treten erst wieder im nächstgelegenen te des 12. Jahrhunderts Angaben zum Raum
ehemaligen Kastellort Favianis/Mautern um Arnsdorf mit direkter Ortsnennung
stromabwärts sowie im südlichen und häufiger. Es handelt sich in erster Linie um
östlichen Umland des Dunkelsteinerwal- Schenkungen und Tauschhandlungen un-
des bis in die Gegend von Melk deutlich ter der Regierung von Erzbischof Eberhard
hervor.20 Als nahe gelegene Funde sind I. von Salzburg, meist zugunsten seiner
ein Ulfberht-Schwert aus der Donau bei Stifte und Klöster Admont, Nonnberg und
Aggsbach21 sowie nördlich des Stromes St. Peter. Sie werden in den Zeitraum zwi-
Grabfunde aus Joching22 zu nennen. schen 1117 und 1148 datiert.25 Die Filialkirche
St. Johann im Mauerthale selbst findet erst-
Die nächste historische Quelle ist dann mals 1240 Erwähnung und gehörte damals
erst in die Jahre 1074 bis 1088 zu datie- zur Pfarre St. Rupert in Hofarnsdorf.26
ren. Erzbischof Gebhard von Salzburg
überträgt mit dieser Urkunde dem – als Spätestens ab 1332 ist in St. Johann auch
Salzburger Eigenkloster gegründeten – mit der volkstümlichen Verehrung des hl.
Stift Admont verschiedene Besitzungen Albin(us) beziehungsweise hl. Adelwinus zu
in Arnsdorf. Auch hier wird unter anderem rechnen.27 Dieser war ein wichtiger, wenn
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93 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

auch nicht der erste Vertreter Salzburgs bei als dortiger Bürger ausgewiesen wird:
der Missionierung der slawischen Gebiete28 »[…] civis ad S:Joannem in Maurthal [sic!]
sowohl im baierischen Ostland als auch & filiale Ecclesia ibidem sepultas, matre
in Pannonien, Karantanien und dem so- Elisabetha.«34
genannten Großmährischen Reich29. Mög-
licherweise gründet sich die Darstellung
des hl. Albinus/Adelwinus als Pilger auf die Die archäologischen
Reise Adalwins nach Rom, um die Ernen- Untersuchungen 2016
nung zum Erzbischof entgegenzunehmen.
Denkbar wären aber auch seine Reisen zu Den grundlegenden Ausschlag zu den
zahlreichen Kirchenweihen in Pannonien kleinflächig gehaltenen archäologischen
und im Rahmen der weiteren Missionstä- Untersuchungen südlich der Filialkirche
tigkeit Salzburgs, die dann jedoch durch St. Johann im Mauerthale gaben die bauhis-
die Aktivitäten der ›Slawenapostel‹ Cyrill torischen Untersuchungen, die von Oliver
und Method einen Einbruch erfuhr; Adal- Fries im Rahmen seiner Masterthesis an
win wurde sogar kurzfristig abgesetzt und der Donauuniversität Krems durchgeführt
sollte nach Rom beordert werden, was er wurden; die umfangreichen Ergebnisse
allerdings nicht mehr erlebte.30 sind Teil des vorliegenden Bandes.35

Zu den archäologisch nachgewiesenen mit- In weiterer Folge galt es, die ursprüngli-
telalterlichen und vor allem neuzeitlichen che Funktion und eine nähere Datierung
Bestattungen im heutigen Kirchhof konn- des großteils abgebrochenen ältesten Ge-
ten kaum historische Quellen aufgefunden bäudeteiles der Filialkirche abzuklären.
werden. Lediglich in dem zwischen 1694 Zur Beantwortung dieser Fragen wurden
und 1784 angelegten Sterbebuch der Pfarre seitens der Abteilung für Archäologie des
St. Rupert in Hofarnsdorf ist ausdrücklich Bundesdenkmalamtes eine archäologische
auch von Begräbnissen um die Filialkirche Untersuchung (Firma SILVA NORTICA)36 so-
St. Johann im Mauerthale die Rede. Meist wie eine geophysikalische Prospektion im
scheint die Beerdigung auch Einwohner Innenbereich der Kirche und im Kirchhof
des Ortes betroffen zu haben. Im Tauf-, (Firma ARDIG)37 in Auftrag gegeben.
Trauungs- und Sterbebuch von 1625 bis
1651 sowie im Sterbebuch von 1784 bis 1839 Die archäologische Grabung wurde vom
ist wohl eher der Sterbeort, nicht aber der 20. Juni bis 15. Juli 2016 durchgeführt.
Bestattungsort angegeben.31 Die Fragestellung betraf vor allem den
weiteren Verlauf der abgebrochenen Mau-
Jedenfalls lässt die Quellenlage zumindest erbereiche des als römischer Militärbau
für den Zeitraum zwischen 1695 und 1755 interpretierten, bis zu 7 m hoch erhaltenen
den Schluss auf einen regulären Kirchen- älteren Baukörpers in der Südmauer des
friedhof zu, der möglicherweise sogar bis bestehenden Kirchenbaues. Weiters be-
1776 belegt worden ist. So ist zum Beispiel stand die Hoffnung, durch Fundmaterial
für die erste nachgewiesene Bestattung der aus ungestörten Schichtzusammenhängen
Maria Hofferin (?) am 12. März 1695 ange- das mutmaßlich römische Mauerwerk auch
geben: »[…] sepulta est ad Sanctus Joannes archäologisch näher datieren zu können.
[…].«32 Bei Susanna Singerin, die am 18. April
1714 bestattet wurde, wird festgehalten: »[…] Unmittelbar südlich des bestehenden
Paupercula vidua a Sto Joanne […] sepulta Sakralbaues wurden zwei kleinflächige
etia ibidem in eodem cöemeterio St:i Joannis Untersuchungsschnitte angelegt. Schnitt
[…].«33 Zuletzt sei noch das Begräbnis des 1 (2 × 1,20 m) lag südlich des im Spätmit-
Kleinkindes Joannes Holzmayr am 29. Mai telalter eingestellten, zum Langhaus leicht
1738 erwähnt, dessen Vater Adam Holzmayr verschwenkten Kirchturmes und folgte
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 94

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83 dem Verlauf seiner östlichen Front. Hier Im Rahmen der Auswertung der Befund-
St. Johann i. Mauerthale. war im unverputzten Innenraum des Tur- lage konnten sechs archäologische Nut-
Vereinfachter
Übersichtsplan der
mes deutlich zu erkennen, dass sich die zungsphasen (ANP) unterschieden werden.
Befundlage in den älteren Mauerzüge nach Süden fortgesetzt
Schnitten 1 und 2 haben müssen. Vorbauzeitliche Befunde
südlich der Kirche. (Archäologische Nutzungsphase/ANP 1)
Schnitt 2 wurde etwa L-förmig um die Neben einer mächtigen, Holzkohleflitter
Südwestecke des Langhauses angelegt, enthaltenden Schicht (SE 108=111=124=125),
um die möglichen weiteren Verläufe der in die das Fundament des spätantiken Mi-
dort abgebrochenen älteren Südmauerbe- litärbaues (ANP 2) eingetieft worden war
reiche erfassen zu können. Ursprünglich und auf der auch ein Mörtelabstrichkeil
betrugen seine Maße (um die Ecke) 3,6 lag, ist dieser Phase lediglich ein kleiner
× 2,6 m in West-Ost-Richtung. Nach der Rest eines pyrotechnischen Befundes zu-
Aufdeckung eines Mauerbefundes, der in zuweisen (SE 118, IF 122, SE 120, SE 121, SE
die östliche Schnittgrenze lief (Mauer 2), 123, IF 126), der ebenfalls vom Nordfun-
wurde Schnitt 2 in Absprache mit dem dament des Gebäudes geschnitten wurde.
Bundesdenkmalamt rund 1 m nach Süden Der Restbefund wurde erst erkennbar,
und Osten erweitert. Seine Abmessungen nachdem die darüberliegenden, vorbur-
betrugen daher letztendlich 4,7 ×3,6 m. guszeitlichen Überlagerungen aus san-
In der Südwestecke wurde zudem ein etwa digem Lehm abgetragen worden waren.
1 × 1 m messender Erdsockel belassen, Die Feuerstelle stellte sich als halbrunde,
um eine Starkstromleitung nicht völlig muldenförmige verziegelte Grube mit
freizulegen. einer Auskleidung aus angebrannten
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95 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

Steinplatten dar, in der auch deutliche 84


Holzkohlenreste vorhanden waren. St. Johann i. Mauerthale.
Befundlage der
Zeit vor dem
Wann und wie die starken sandigen spätantiken Burgusbau
Lehmüberlagerungen mit geringer Holz- (archäologische
kohlebeimengung darüber entstanden Nutzungsphase 1;
rot hinterlegt).
sind, ist fraglich. Denkbar erscheint
in erster Linie ein Kolluvium, da auch
steinige, Nordost-Südwest ausgerichtete
Sandlinsen (Wasserrisse) eingeschlossen
waren, was annähernd dem ehemaligen     
  �
Hangverlauf in Richtung Donauufer ent-  �  
sprechen dürfte. 
  
 �   �
 �

85
St. Johann i. Mauerthale.
Vom Burgusfundament
geschnittener Befund
einer Feuerstelle mit
Steinumstellung.

Aus dieser Phase ist abgesehen von einzel- Der spätantike Militärbau (ANP 2)
nen, sehr kleinteiligen Keramikfragmenten Grundsätzlich haben die bauhistorischen
kein datierbares Fundmaterial vorhanden. Untersuchungen von Oliver Fries gezeigt,
Die handgefertigten und teilweise nachge- dass spätantikes Mauerwerk entlang der
glätteten Scherben entziehen sich völlig verschwenkten Südmauer des Langhau-
einer Zuordnung. Lediglich ein kleines ses sowie in der daran anschließenden
Stückchen weicher, oranger Drehschei- Ostmauer des spätmittelalterlichen Kirch-
benware könnte mit Vorbehalt in die spä- turmes integriert worden ist. Es handelte
te Eisenzeit oder in die mittlere Römische sich somit offensichtlich um die Nordost-
Kaiserzeit gestellt werden. Eine Datierung ecke des Militärbaues, die sich aufgrund
der Feuerstelle wäre somit nur über die der steinsichtig belassenen Bereiche im
Holzkohle (SE 118) möglich. Dachgeschoß des Langhauses sowie im
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 96

Kirchturminneren als älterer Bauteil deut- Es wäre gut möglich, dass die Umrisse die-
lich abzeichnete.38 ses Grundstücks noch Geländemerkmale
oder erhaltene Reste zitierten, bevor die
Erst im Lauf des Spätmittelalters wurden Kirchhofmauer verlegt wurde. Das besagte
– wohl im Zuge des Einbaues eines Kirch- Haus wurde nach Angaben der Anrainer
turms in die Nordostecke des spätantiken in den 1960er-Jahren abgerissen. Heute
Baukörpers – die nicht mehr benötigten befindet sich an seiner Stelle (Gst. Nr. .56)
Teile des römischen Bauwerks abgetragen. die abgeböschte Einfahrt zu einem Wohn-
Die Fundamente blieben teilweise unter haus (Gst. Nr. 373). Mit weiteren erhaltenen
dem heutigen Bodenniveau und in der spätantiken Bau- oder Schichtbefunden
westlichen Kirchhofmauer erhalten. In ist hier aufgrund des Niveauunterschiedes
diesem Bereich (in Richtung Gst. Nr. 373) nicht mehr zu rechnen.
zeigte sich nach der Entfernung des Efeube-
wuchses an der Maueraußenseite deutlich Die ehemalige Außenschale des spätanti-
die Baufuge zwischen der Nordwestecke ken Baues besteht aus lagerhaftem Bruch-
des spätantiken Baues und der nördlich da- steinmauerwerk mit einer Pietra-rasa-artig
ran anschließenden Kirchhofmauer. Somit gestalteten Oberfläche und stellenweise
konnte zumindest die West-Ost-Seitenlänge eingeritztem Fugennetz; dieser Befund
des Gebäudes mit rund 12,4 m bestimmt zeigte sich auch bei den archäologischen
werden. Untersuchungen im ehemaligen Innen-
raum des Burgus (Schnitt 2). In der südli-
Aufgrund der weiteren Grabungsergebnisse chen Langhausmauer sind noch die Reste
kann angenommen werden, dass annä- zweier vermauerter Rundbogenfenster zu
hernd die Nordhälfte des Militärbaues – ei- erkennen. An der Außenfassade der Lang-
nen quadratischen Grundriss vorausgesetzt haussüdmauer – der ehemaligen Innenseite
– aufgehend beziehungsweise zumindest der nördlichen Burgusmauer – zeigen sich
im Fundamentbereich erhalten ist. Zu zwei horizontale Abtreppungen westlich
welchem Zeitpunkt die südliche Bauhälfte, des Kirchturmes, die anhand der Ergeb-
die außerhalb der heutigen südlichen Kirch- nisse der Bauforschung als ehemalige Ge-
hofmauer lag, komplett abgetragen worden schoßabtreppungen des Militärbaues zu
ist, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit werten sind. Im unteren Absatz lässt sich
beantworten. zudem noch eine tiefer reichende, heute
vermauerte Öffnung erkennen, bei der es
Eine von einer Anrainerin übergebene sich eventuell auch um einen Hocheinstieg
Fotografie aus den 1950er- bis 1960er- in den spätantiken Turm gehandelt haben
Jahren zeigt südlich der Kirchhofmauer könnte.40
ein Wohnhaus mit im Westen angesetz-
tem, steingemauertem Wirtschaftsteil. Die bei der archäologischen Grabung 2016
Berücksichtigt man die Perspektive der festgestellte bauliche Befundlage zeigte
Aufnahme, so könnte die Westmauer des sich im Anschluss an jene der bauhistori-
Wirtschaftsgebäudes noch die Ostmauer schen Untersuchung wie folgt: In Schnitt
des spätantiken Baukörpers integriert oder 1 (südlich des bestehenden Kirchturmes)
zumindest zitiert haben. Eine ähnliche Si- konnte die weiterlaufende Abbruchober-
tuation ist auch schon in der Aufnahme des kante der Ostmauer des spätantiken Mi-
Franziszeischen Katasters von 1821 evident. litärbaues (Mauer 1) bereits in einer Tiefe
Hier ist hinter dem Haus Conscr. Nr. 56 – von rund 0,5 m – wenngleich durch jüngere
im Bereich der vermuteten Südhälfte des Eingriffe gestört (siehe unten) – angetroffen
Burgus – ein kleines, nicht nummeriertes werden. Die spätantike Mauer 1 (IF 26, SE
Grundstück eingetragen, das offensichtlich 28) zeichnete sich durch gut gemörteltes
noch zu Gst. Nr. 375 (Kirchhof) gehört hat.39 Schalenmauerwerk aus. Die Innenschale
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97 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

86
St. Johann i. Mauerthale.
In Schnitt 1 freigelegter
Abschnitt der Ostmauer
des spätantiken Burgus
(Mauer 1; IF 26, SE 28)
am Ende der Grabung.

bestand aus lagerhaft versetzten Bruchstei- Nordwestecke des Burgus, wie dies anhand
nen, während die Außenschale aufgrund der der Ergebnisse der Bauforschung und der
geringen Schnittdimension nicht dokumen- Radarmessungen vermutet worden war41,
tiert werden konnte. Die Steindimensionen sondern lief vorerst noch in der Flucht der
der Mauerschalen wichen kaum von jenen heutigen Langhaussüdmauer nach Westen
der Mauerspeise ab, weshalb diese nur un- weiter. Im Westprofil von Schnitt 2 konnte
deutlich voneinander abzugrenzen waren. schließlich die nordwestliche Innenecke
Offensichtlich wurde das Steinmaterial für des Baues dokumentiert werden. Der nicht
die steinsichtig ausgelegten Schauseiten vor untersuchte Bereich von der Innenkante der
allem aufgrund der qualitativ höherwerti- spätantiken Westmauer bis zur westlichen
gen Oberflächenbeschaffenheit ausgewählt. Außenkante der heutigen Kirchhofmauer
Es erscheint auch durchaus denkbar, dass entsprach etwa der gängigen Mauerstärke
die Mauerschalen im Baufortschritt nicht von 1,6 m und wies auch einen leichten
allzu hoch – möglicherweise nur ein- bis Knick im relevanten Abschnitt auf. Unter
zweilagig – aufgezogen worden sind, bevor dichtem Efeubewuchs konnte in der Folge
man die Mauerspeise eingebracht hat. Mau- eine deutliche vertikale Baufuge lokalisiert
er 1 wies eine durchschnittliche Breite von werden, die die nordwestliche Außenecke
rund 1,6 m auf und wurde auf einer Länge des spätantiken Baues wiedergibt.
von 1,15 m freigelegt. Mit ihrer Erhaltung
unter dem heutigen Niveau ist etwa bis an Zusammengefasst stellten sich die ausge-
die südliche Kirchhofmauer zu rechnen. grabenen Teilbereiche von Mauer 3 sehr
ähnlich wie jene von Mauer 1 dar. Sie waren
In Schnitt 2 (südwestliche Langhausecke) lediglich höher erhalten und wurden teil-
fand sich die Abbruchoberkante der Bur- weise bis unter die Fundamentoberkante
gusmauer (Mauer 3) in rund 0,4 m bis 0,6 m freigelegt, was auch nähere Aussagen zur
Tiefe. Auch hier waren jüngere Störungen Fundamentierung ermöglichte. Es handelte
festzustellen. Die Mauer bildete in die- sich ebenfalls um Schalenmauerwerk von
sem Bereich noch nicht unmittelbar die durchschnittlich 1,6 m Mauerstärke, dessen
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 98

87
St. Johann i. Mauerthale.
Westliche Fortsetzung
der nördlichen
Burgusmauer (Mauer 3;
IF 128, SE 129), deren
Reste noch in deutlicher
Höhe in der südlichen
Langhausmauer
der Kirche erhalten
sind. Im Westprofil
des Schnittes 1 ist
auch die Innenkante
der Westmauer des
Baues zu erkennen.

Abbruchoberkante auf einer Länge von werden. Die Innenansicht der Westmauer
maximal 2,17 m freigelegt wurde. Die Innen- lag im westlichen Schnittprofil auf einer
ansicht der spätantiken Nordmauer konnte Länge von 0,9 m frei.
– abgesehen von den Bereichen der ange-
stellten jüngeren Baureste (Mauer 2, 4) – auf Die Mauerschalen wirkten hier etwas groß-
der gesamten Schnittlänge dokumentiert teiliger und gleichfalls lagerhaft, wobei

88
St. Johann i. Mauerthale.
Innenansicht des
westlichen Abschnittes
der nördlichen
Burgusmauer in
Schnitt 2 (Mauer 3;
IF 128, SE 129).
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99 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

89
St. Johann i. Mauerthale.
Innenansicht des
östlichen Abschnittes
der nördlichen
Burgusmauer in
Schnitt 2 (Mauer 3;
IF 128, SE 129) mit
erhaltenen Resten der
Pietra-rasa-artigen
Oberflächengestaltung.

offensichtlich ebenfalls auf glatte Schausei- Die Mauerspeise bestand aus ähnlich gro-
ten der Bruchsteine geachtet worden war. ßem Steinmaterial, wobei hier – aufgrund
In einem kleinen Teilbereich zwischen den der Störung durch das barocke Grab 1 – auch
angestellten Mauern 2 und 4 hatte sich auch stellenweise ein Opus-spicatum-artiger Ver-
im ehemaligen Gebäudeinneren die Pietra- satz der Füllung festgestellt werden konn-
rasa-artige Oberflächengestaltung erhalten. te. Ähnliche Versatzmuster ließen sich in

90
St. Johann i. Mauerthale.
Innenansicht
des freigelegten
Abschnittes
der westlichen
Burgusmauer in Schnitt
1 (Mauer 3; IF 128,
SE 129) im Bereich
der nordwestlichen
Innenecke. Deutlich
erkennbar sind die
Reste des anhaftenden
Mörtelabstrichkeiles,
eine Ausgleichslage
aus Steinplatten,
ein Opus-spicatum-
artiger Versatz im
Fundamentbereich
sowie Spuren von
Brandeinwirkung.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 100

kleineren Abschnitten auch im Fundament- m (die allerdings in der neueren Literatur


bereich erkennen. An der Innenseite der mit 9 × 9 m meist falsch angegeben wird)44
Westmauer fand sich zudem – etwa 0,4 m bei einer Mauerstärke von etwa 1,5 m auf45.
über der Fundamentoberkante – noch eine Die Abmessungen des Burgus von St. Lorenz
Ausgleichslage aus dünneren Steinplatten, sind aufgrund der bis heute bestehenden
die sich auch geringfügig in die Nordmauer Nachnutzung weitgehend unklar. Allerdings
fortsetzte. weist das bestehende, annähernd quadrati-
sche Gebäude, an das im Süden die roma-
Ein mehrschichtiger Mörtelkeil (SE 103–105, nische Filialkirche angebaut ist, ähnliche
SE 107, SE 109), der vor allem in der nord- Abmessungen wie die vorgenannten spät-
westlichen Innenecke des Burgus nur antiken Militärbauten auf. Es deutet somit
gering gestört war, markierte mit seiner vieles auf eine ähnliche Situation wie in St.
Unterkante wohl das bauzeitliche Innen- Johann im Mauerthale hin (nachgenutzter
niveau der Spätantike. Die Oberkante kor- Burgus mit Kirche), wobei das annähernd
respondierte hingegen annähernd mit jener quadratische Gebäude hinter der Kirche
der noch zu behandelnden »schwarzen zumindest noch die Fundamente des Mili-
Schicht« (SE 85=86). Der Fundamentbereich tärbaues zu integrieren scheint.
war direkt in einen Graben gesetzt worden
und wies daher zwischen den teilweise ge- Aufgrund des topografischen Naheverhält-
schichteten (Opus spicatum), aber auch wirr nisses der beiden erstgenannten Militär-
hineingeworfen wirkenden Bruchsteinen bauten am Beginn und am Ende der bereits
stellenweise keine gute Ausfüllung mit beschriebenen Gunstlage am Gleithang der
Mörtel auf; er verjüngte sich nach unten. Donau zwischen St. Johann und Bacharns-
dorf sind eine weitgehend gleichzeitige
In Summe zeigte sich im Bereich der aus- Errichtung sowie die Einbeziehung in ein
gegrabenen spätantiken Mauerbefunde spätantikes Konzept am norischen Limes-
das Bild eines in eine ehemals leichte, zur abschnitt sehr plausibel. Ähnlich wirkt
Donau abfallende Hanglage/Terrassenkante auch die Situation bei den Burgi von St.
gesetzten Bauwerks. So ist die Ostmauer Lorenz und am Ausgang des Windstallgra-
deutlich seichter fundamentiert als der bens. Denkbar wäre dabei ein Schutz der
weitere Verlauf der Nordmauer und die in Zugangsengstellen zur breiteren, günstig
der Kirchhofmauer noch erkennbare West- nutzbaren Sedimentfläche entlang der
mauer. Dieser Sachverhalt wird auch in den Donaubegleitwege, die zwar noch bis ins
Radarbildern deutlich.42 18. Jahrhundert nicht durchgehend nutzbar
waren, aber streckenweise wohl dennoch
Die erhaltene Seitenlänge der Nordmauer existiert haben. Die zweite Schutzfunktion
(12,4 m) sowie die Mauerstärken lassen sich betrifft die genannten Altwege durch das
am besten mit jenen des donauabwärts ge- Kupfertal, das Mauertal und den Windstall-
legenen Burgus von Bacharnsdorf verglei- graben auf die Höhen des Dunkelsteiner-
chen. Für diesen werden eine Grundfläche waldes beziehungsweise zur Limesstraße.46
von 12,2 × 12,4 m und eine Mauerstärke von
durchschnittlich 1,5 m bis 1,7 m angegeben; Abgesehen von den Bauresten des spät-
er wird in die Zeit des valentinianischen antiken Militärbaues von St. Johann im
Limesausbaues in der zweiten Hälfte des Mauerthale konnten in seinem kleinflä-
4. Jahrhunderts datiert. Auch hier ist eine chig untersuchten Innenraum nur noch
hochmittelalterliche Nachnutzung archäo- geringfügige Relikte eindeutig bauzeitli-
logisch evident.43 Nicht zuletzt weist auch cher Straten angetroffen werden. Besser
die spätantike Bauphase des Burgus am Aus- fassbar erscheinen hingegen die jüngsten
gang des Windstallgrabens bei Rossatzbach spätantiken/völkerwanderungszeitlichen
eine erhaltene Seitenlänge von rund 12,4 Befunde und Schichten. Der Grund für
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101 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

91
St. Johann i. Mauerthale.
Kleinräumig
aufgeschlossene
verfalls- oder
nachnutzungszeitliche
Schicht SE 23 im
Burgusinneren
in Schnitt 1.

dieses weitgehende Fehlen ist vor allem eingetieft worden war. Diese Oberfläche mit
in den Störungen durch vier jüngere Gru- den darunterliegenden vorbauzeitlichen
benobjekte und das mutmaßlich hoch- bis Schichten konnte auch in Schnitt 2 doku-
spätmittelalterliche Grab 4 zu suchen. mentiert werden.
Durch diese Bodeneingriffe wurden die äl-
teren Nutzungsniveaus, aber auch mögliche In Schnitt 2 wurde der bereits erwähnte,
spätantike Zerstörungs- beziehungsweise mehrschichtige Mörtelkeil (SE 103–105, SE
Verfallsschichten weitgehend beseitigt. 107, SE 109) in der nordwestlichen Innenecke
Ebenso stammt das meist kleinteilige, ein- des Militärbaues, der das ebene Bauniveau
deutig spätantike Fundmaterial häufig aus
Schichtzusammenhängen, die bereits umge-
lagert worden sind. Somit konnte zwar die
spätantike Datierung der bis zu 7 m hoch
erhaltenen Baureste und die Zuordnung zu
einem Militärbau auch aus archäologischer
Sicht bestätigt werden, doch erscheint eine
feinchronologische Einordnung aufgrund 92
St. Johann i. Mauerthale.
der Befundlage und des meist relativ insig- SE 103 als oberste der
nifikanten Fundmaterials derzeit nur sehr Mörtelschichten entlang
bedingt möglich. der Innenkante der
Nordmauer des Burgus.

In Schnitt 1 lag unmittelbar unter den ab-


bruchzeitlichen Mörtelschuttschichten des
Spätmittelalters (ANP 4) mit der kleinräu-
mig erschlossenen SE 23 ein dunkles, stark
mit Steinen und spätantikem Ziegelbruch
durchsetztes Stratum, das wohl der Verfalls-
zeit des spätantiken Militärbaues angehört. 93
Tiefer folgte nur noch SE 24, deren Oberkan- St. Johann i. Mauerthale.
Brandschicht SE
te das bauzeitliche Niveau beziehungsweise
79 entlang der
Nutzungsniveau des Gebäudes markierte, nordwestlichen
dessen Fundamentbereich in diese Schicht Innenecke des Burgus.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 102

markierte, als spätantiker Schichtrest ange- die »schwarze Schicht« (Bauperiode 6) vor
sprochen. Beim Mörtel scheint es sich auf- allem durch spätantike Keramik, aber auch
grund seiner unterschiedlichen Konsistenz völkerwanderungszeitliches Fundmaterial
nicht nur um ein Ablagerungsereignis ge- gekennzeichnet. Geringfügig tritt auch
handelt zu haben. So erscheint es plausibel, frühmittelalterliche und spätere Keramik
die unteren und an der Mauer anhaftenden auf, die aber als Intrusion erachtet wird.
härteren Lagen als ›echten‹ bauzeitlichen Sebastian Schmid datiert den Befund in
Mörtelabstrich zu definieren, der auch Pöchlarn in die Periode zwischen 370/380
geringfügige Holzreste und Abdrücke und der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts47,
(Hackscharten) beinhaltete. Die jüngeren, also ähnlich wie die »schwarze Schicht« im
lockeren Lagen könnten hingegen aus aus- Burgus von St. Johann im Mauerthal.
gewittertem, spät- oder nachnutzungszeitli-
chem Mörtel gebildet worden sein. Im Kastell Favianis/Mautern entspricht die-
ser Zeithorizont etwa den Perioden 6 und
Unmittelbar darüber lag, ebenfalls bereits 7 nach Stefan Groh und Helga Sedlmayer,
von Grubenobjekten und Grab 4 gestört, die absolut zwischen 370/380 bis 450 und
eine deutliche Brandschicht (SE 79). Man- 450 bis 480/500 gestellt werden. In diesen
gels einordenbaren Fundmaterials ist eine Abschnitten wird mit zunehmender Subsis-
spätantike Datierung nicht geklärt, allen- tenzwirtschaft der Bevölkerung gerechnet.48
falls aus stratigrafischer Sicht wahrschein- Für die Grabungen in der Essigfabrik in Mau-
lich. An der inneren Mauerschale fanden tern können ebenfalls die Perioden 6 und
sich hier deutliche Spuren von Hitzeeinwir- 7 herangezogen werden, deren Übergang
kung in Form von Rot- und Schwarzfärbung durch Auflösung älterer Lagerbebauungs-
sowie hitzebedingter Absandung. strukturen und eine weiter eingeschränkte
Siedlungstätigkeit definiert wird.49
Teilweise wurde der Mörtelkeil auch von
der bereits erwähnten, nachnutzungszeitli- Südlich von Grab 4 (IF 82=83) und östlich
chen »schwarzen Schicht« (SE 85=86) über- der Grube IF 92 lag unter der »schwarzen
lagert, die annähernd mit seiner Oberkante Schicht« der Rest einer älteren spätantiken
abschloss und neben wenig hochmittelal- Nutzungsphase, dessen oberste Schicht
terlichem Keramikmaterial auch solches der (SE 97) mit hoher Wahrscheinlichkeit aus
Spätantike/Völkerwanderungszeit enthielt. einer Verfallszeit beziehungsweise einer
Ihre Oberkante ist somit als hoch- bis spät- Phase nach der intensiven Nutzung des ei-
mittelalterliches Nutzungsniveau noch vor gentlichen Militärbaues stammt und wohl
dem Abbruch der Burgusreste im Spätmit- mit SE 87 zu korrelieren ist, die durch den
telalter zu definieren. Die Ablagerung muss Sockel unter Mauer 2 davon getrennt war.
demnach zwischen dem 5. beziehungsweise Diese Straten waren, ähnlich wie SE 23 in
beginnenden 6. Jahrhundert n. Chr. und der Schnitt 1, mit Steinen, Mörtel und spätan-
hochmittelalterlichen Nutzungsphase statt- tikem Ziegelbruch durchsetzt. Ähnliches
gefunden haben. gilt auch für den kleinräumigen Bereich
zwischen den Störungen durch die Gruben
Derartige Schichtpakete werden häufig IF 92 und IF 93. Hier lag mit SE 103 des oben
mit einer Nachnutzung (Landwirtschaft/ besprochenen Mörtelkeiles ebenfalls eine
Tierhaltung) in Kastellen und Lagern in mutmaßlich verfallszeitliche Schicht vor.
Zusammenhang gebracht und mit der end-
gültigen Auflösung militärischer Strukturen Unter den Verfallsschichten lagen mit SE
parallelisiert. Sie versiegeln im Regelfall 102 und SE 106 zwei mit Mörtelbröckchen
die spätantiken Bauphasen nach oben durchsetzte nutzungs- beziehungsweise
und bilden einen Übergangshorizont zu bauzeitliche Niveaus, die sich mit SE 88
späteren Perioden. In Arelape/Pöchlarn ist jenseits von Mauer 2 korrelieren lassen. Ein
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103 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

Estrich wurde nirgendwo angetroffen. Dar- größere zentraler lag und in die südwestliche
unter war nur noch eine dünne schottrige Schnittkante lief. Der Umriss dieser Gruben
Sandschicht (SE 110) erkennbar, möglicher- war rund beziehungsweise unregelmäßig ge-
weise eine bauzeitliche Ausgleichsschicht/ rundet und ihre Durchmesser betrugen 0,47
Planierung. m und 0,92 m, bei erhaltenen Tiefen zwi-
schen 0,24 m und 0,68 m. Die Flanken waren
Als relativchronologisch jüngste spätantike/ nur zum Teil leicht unterschnitten und die
völkerwanderungszeitliche Befunde sind Sohlen muldenförmig. Am ehesten sind sie
zuletzt vier Grubenobjekte zu nennen, die somit als kleine ›Speichergruben‹ für die
unter der »schwarzen Schicht« lagen und Lagerhaltung in dem noch in Verwendung
alle älteren spätantiken Straten – inklusive stehenden Untergeschoß des spätantiken
jener, die als verfallszeitlich interpretiert Militärbaues zu interpretieren.
werden – störten. Diese Befunde wurden
zunächst50 als frühhochmittelalterliche Unter dem bereits mehrfach genannten
Objekte des 11. Jahrhunderts angesprochen Mörtelkeil (SE 103–105, SE 107, SE 109) und
(siehe auch ANP 3), doch weist die Neube- SE 110 folgte schließlich, ähnlich wie in
wertung des Fundmaterials sie nun einer Schnitt 1, das bau-/vorbauzeitliche Niveau,
spätantiken/völkerwanderungszeitlichen das durch die Oberkante der Schichten SE
Nutzung zu, worauf im Rahmen der Kera- 108=111=124=125 gebildet wurde; der Fun-
mikdiskussion (handgeformte Ware) näher damentgraben der Burgusmauern war in
eingegangen wird. Die Gruben SE 89/IF 92 diesen Horizont eingetieft worden.
und SE 90/IF 93 waren ab ihrer mutmaß-
lichen Oberkante erhalten, während die Das nutzungszeitliche Fundmaterial des
Gruben SE 95/IF 98 und SE 96/IF 99 bereits spätantiken Militärbaues stammt größten-
deutlich von dem jüngeren Grab 4 (IF 82=83) teils bereits aus Schichten, die im Zuge der
gestört waren. Die kleineren Objekte waren letzten spätantiken/völkerwanderungs-
unmittelbar am inneren Fundamentfuß der zeitlichen Nutzung des Baues umgelagert
Burgusmauer angelegt worden, während das worden sind.

94
St. Johann i. Mauerthale.
Links im Vordergrund
die Grube IF 92, die
bereits das östlich
danebenliegende
verfallszeitliche
Schuttpaket des
Burgus stört. Im
Hintergrund die durch
Grab 4 geschnittenen
Grubenverfüllungen
SE 95 und SE 96
an der Innenkante
der Nordmauer des
spätantiken Baues.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 104

95
St. Johann i. Mauerthale.
Gruben in Schnitt 2. Im
Vordergrund nochmals
IF 92 mit der östlich
davon sichtbaren
bau- beziehungsweise
nutzungszeitlichen
Schicht SE 102. Im
Hintergrund die Gruben
IF 98 und IF 99. An der
Sohle der Grube IF 98
ist bereits die durch
das Burgusfundament
gestörte Feuerstelle
SE 101 zu sehen.

kleinen Zwickel in Schnitt 2 (SE 97) ließ die


höhere Ziegeldichte an primären Versturz
des Burgus denken. Aus SE 23 ist lediglich
ein Fragment spätantiker grauer Drehschei-
benware zu nennen.

Keramik, die in das 4. bis 5. Jahrhundert zu


datieren ist, fand sich auch in Schnitt 2 in
Form von kleinteiligen Wandstücken grau-
er Drehscheibenware, die mitunter Reste
von linearer Glättung aufweisen. Rand- und
Bodenfragmente fehlen, weshalb keine nä-
heren Aussagen zu den Gefäßformen oder
eine exaktere Datierung möglich sind. Ge-
gebenenfalls entsprechen sie jenen Typen,
96
St. Johann i. Mauerthale. die laut Keramikanalysen um Mautern
Grube IF 93 in der beziehungsweise in der Region des Dun-
nordwestlichen kelsteinerwaldes hergestellt worden sind.
Innenecke des Burgus.
Aus dem ostnorischen Gebiet gelangten sie
unter anderem auch in das Legionslager
Vindobona/Wien.51
An erster Stelle sind hier kleinteilig zer-
brochene Fragmente der Dachdeckung Ein Boden- und ein Randfragment von
(Tegulae und Imbrices) zu erwähnen, die grünbraun glasierten Reibschüsseln lassen
in keinem Fall eine Stempelung aufweisen. sich ebenfalls dem Zeitraum ab der zwei-
Sie stammen in Schnitt 2 größtenteils aus ten Hälfte des 4. Jahrhunderts zuordnen.
gestörten Schichten, aber auch aus verfalls- In großer Anzahl sind derartige Gefäßreste
zeitlichen Straten. Vor allem in einem sehr auch aus dem nahe gelegenen Kastell in Fa-
kleinflächigen Ausschnitt an der Mauerin- vianis/Mautern bekannt.52 In Arelape/Pöch-
nenkante von Mauer 1 (SE 23) und einem larn treten glasierte Reibschüsseln ab der
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105 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

97
St. Johann i. Mauerthale.
Spätantike
Drehscheibenware,
partiell mit linearer
Glättung, aus unter-
schiedlichen, teils
sekundär gestörten
Schichtzusammen-
hängen. 1 – SE 86,
2 – SE 89, 3 – SE
97, 4 – SE 103.

spätantiken Bauphase 5.1 auf, die absolut ab werden sie von der zweiten Hälfte des
270/280 angesetzt wird. Die folgende Bau- 4. Jahrhunderts bis ins 5. Jahrhundert 98
phase 5.2 würde grob der Errichtungszeit datiert. St. Johann i. Mauerthale.
Fragment eines
des Burgus von St. Johann ab der zweiten Faltenbechers mit
Hälfte des 4. Jahrhunderts entsprechen. Weiteres spätantikes Keramikmaterial Rollrädchenverzierung
Danach kommen glasierte Reibschüsseln schien vorerst zu fehlen. Erst durch die und Fragmente
glasierter
bis in Schichten der Bauperiode 6 vor, die teilweise Rekonstruktion des Teilprofils
Reibschüsseln.
in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts eines Gefäßes aus der »schwarzen Schicht« 1 – SE 85, 2 – SE
endet.53 Eine nähere Einordnung des vorlie- (SE 85=86) ergab sich eine Neubewertung 88, 3 – SE 89.
genden Randstückes kann aufgrund seiner
Fragmentierung kaum getroffen werden.54

Ein rollrädchenverziertes Stück grauer


Drehscheibenware aus SE 85 ist wohl einer
Kanne oder eher einem großen Faltenbe-
cher zuzuordnen. Ähnliche Faltenbecher
stammen unter anderem aus Grab 7 des
Gräberfeldes West von Zwentendorf55, wo
sie mit Stücken aus Mautern56 und Potten-
brunn57 verglichen werden. In diesen Fällen
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 106

99
St. Johann i. Mauerthale.
Fragment eines
handgeformten
spätantiken/völker-
wanderungszeitlichen
Gefäßes mit tief
sitzendem Umbruch
und Bodenmarke. Die
Fragmente stammen
größtenteils aus der
»schwarzen Schicht«
beziehungsweise dem
Übergangsbereich
zum darüberliegenden
Abbruchschutt.
1–4 – SE 64/86/88,
5 – SE 86/87.

einiger Funde, die zuvor ins frühe Hoch- die verrundet ›doppelkonisch‹ wirkende
mittelalter gestellt worden waren (siehe Gestaltung des Gefäßkörpers mit tief lie-
oben). Bei dem ausschlaggebenden Gefäß- gendem Bauchumbruch, relativ breiter
rest handelt es sich um das Fragment eines Standfläche und mehrzeiliger Rillenzier
groben und dickwandigen, handgeformten auf der Schulter dar.
Topfes mit unbekannter Randgestaltung.
Die Keramik ist sandig bis steinchenhaltig Vergleichbare Formen sind dem Verfasser
mit geringem Glimmeranteil, innen stark aus dem mitteleuropäischen ›slawischen‹
›schuppig‹ abgewittert und wirkt auf den Frühmittelalter oder dem frühen Hochmit-
ersten Blick ›frühmittelalterlich‹. Nach- telalter praktisch nicht geläufig. Denkbar
drehspuren sind aufgrund der schlechten wäre eine Ableitung von spätantik-völ-
Erhaltung der Oberfläche nicht erkennbar, kerwanderungszeitlichen Knickwandge-
wobei aber dennoch anzunehmen ist, dass fäßen, die an der Schulter meist Einglätt-
das Gefäß zumindest außen langsam über- verzierungen aufweisen. Handgeformte
dreht worden ist. Als Bodenmarke findet Gefäßfragmente bleiben in spätantiken
sich ein ›hausförmiges‹ Symbol, das vor Fundkomplexen – im Unterschied zur
der Restaurierung ausschlaggebend für die scheibengedrehten ›romanischen‹ Ware –
anfängliche Spätdatierung war. Das rele- meist weitgehend unbeachtet oder werden
vanteste Merkmal für eine Neueinordnung eben nur grob zwischen ausgehender Spät-
in die Spätantike/Völkerwanderungszeit antike und Frühmittelalter eingeordnet.58
(5. bis frühes 6. Jahrhundert) stellt jedoch Weiters weist die handgeformte spätantike/
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107 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

völkerwanderungszeitliche Keramik einen Ausklingen antiker Töpfereitraditionen in


relativ überschaubaren Formenschatz auf, Zusammenhang gebracht.64 Dennoch zitie-
der aber regional eine hohe Variabilität ren sie den spätantiken Formenkanon noch
zeigen kann, wodurch eine Datierung bei teilweise weiter.
geringem Fundaufkommen ebenfalls er-
schwert wird. Im Raum Regensburg und Straubing
sprechen Gefäße vom Typ Friedenhain/
Im Regelfall werden derartige Gefäße Föde- 3ĜHãĢRYLFH für sich, deren Verbreitung im
raten zugeschrieben, die in norischen Li- 5. Jahrhundert mit Föderatengruppen aus
meskastellen und Gräberfeldern zumindest dem heutigen böhmischen Raum erklärt
noch im späteren 5. und im beginnenden wird. Daneben ahmte man auch ›germa-
6. Jahrhundert greifbar sind59, daneben nische‹ Keramik in römischer Technologie
aber auch als Besatzungen von Burgi der nach.65 Die Untersuchungen im Legionsla-
Spätzeit gesehen werden60. Allerdings muss ger von Regensburg (vor allem im Bereich
nicht ausschließlich an eine militärische Niedermünster) zeigten allerdings, dass der
Nutzung gedacht werden. Das vereinzelte Großteil derartiger ›germanischer‹ Keramik
Vorkommen von plastisch erhabenen Bo- erst in Straten vorkommt, die nach der teil-
denmarken ab der ausgehenden Spätantike/ weisen Zerstörung spätantiker Baustruktu-
beginnenden Völkerwanderungszeit ist un- ren ab der Mitte und in der zweiten Hälfte
ter anderem aus dem nahe gelegenen Mau- des 5. Jahrhunderts abgelagert worden sind.
tern sowie aus Klosterneuburg oder dem Diese »schwarze Schicht«, die auch in an-
Gräberfeld von Maria Ponsee bekannt.61 deren Limesorten angetroffen wird, versie-
Erst später, im Früh- und Hochmittelalter, gelte hier die spätesten römischen Befunde
erfreuten sich derartige Symbole wieder nach oben. Die Beobachtung, dass der un-
deutlicher Beliebtheit. tere Bereich dieser ›Verschlussschicht‹ noch
spätantiken Bauschutt führte, während der
Gerade in der Frage der Nachnutzung an- obere aus humosem Material bestand66,
tiker Bauwerke am Übergang vom 5. zum deckt sich mit dem Befund in St. Johann.
6. Jahrhundert ist auf die Affinität lango-
bardenzeitlicher Grabfunde zu römischen Derartig deutliche Typen (Friedenhain/
Strukturen am ehemaligen norischen Limes 3ĜHãĢRYLFH) fehlen beim derzeitigen Kennt-
und in dessen Umland hinzuweisen.62 Eine nisstand entlang des ostnorischen Limes.
unmittelbare Nutzung der Bauten ist aller- Dennoch ist auch im frühbajuwarischen
dings im archäologischen Befund häufig Siedlungsgebiet, also im heutigen Bun-
nicht zu belegen. Ein ähnliches Nahever- desland Oberösterreich, eine Keramikkon-
hältnis zu spätantiken Strukturen findet tinuität über den Abzug der Romanen im
sich auch in Pannonien.63 Jahr 488 hinaus durchaus greifbar.67 Analog
zur frühbajuwarischen handgeformten
Als nächstgelegene Parallelen für das vorlie- Keramik, die im 5. Jahrhundert am westno-
gende Keramikfragment bieten sich neben rischen und rätischen Limesabschnitt auf-
Vergleichsstücken aus dem frühbajuwa- tritt, ist im ostnorischen und panonnischen
rischen Gebiet vor allem auch solche aus Teil sowie nördlich davon mit Formen zu
dem ›langobardisch‹ dominierten Raum an. rechnen, die der langobardischen Expansi-
Aus dem sogenannten »Rugiland« nördlich on zugerechnet werden. Diese Vergleichs-
der Donau sind derartige Typen noch we- stücke sind am ehesten für besagten Fund
niger bekannt. Die oben genannten, häufig aus dem Burgus von St. Johann im Mau-
handgeformten Knickwandtöpfe mit tief erthale heranzuziehen, wenngleich sie im
liegendem Umbruch können auch ›beutel- Regelfall unverziert ausfallen und teilweise
förmig‹ ausfallen. Ihr vermehrtes Aufkom- auch höher liegende Umbrüche besitzen.
men ab dem 6. Jahrhundert wird mit dem Daneben sind auch Überschneidungen im
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 108

Fundmaterial zwischen den beiden völker- mährischen Brandgräberfeldern auf, wo


wanderungszeitlichen Sphären durchaus sie Jaroslav Tejral in den Horizont D1 (um
geläufig.68 400) stellt.74 Ähnlich – in die erste Hälfte
des 5. Jahrhunderts – werden handgeformte
Gefäße, die formal mit dem Fragment aus Töpfe mit etwas höher liegendem Umbruch
dem Burgus von St. Johann im Mauer- aus Devín und Maiersch-Ziegelofenäcker
thale in Zusammenhang gebracht werden eingeordnet.75 Gut vergleichbare unverzier-
können, sind auch in Bestattungsplätzen te Parallelen mit breiter Standfläche und
keine Einzelerscheinung und streuen grob tief sitzendem Umbruch sind auch aus den
zwischen dem 5. und dem 7. Jahrhundert. Gräbern 3/92 und 17/92 von Postoloprty im
Stellvertretend soll hier nur auf einige heutigen Nordwestböhmen bekannt. Hier
Vertreter zurückgegriffen werden, die den werden sie an den Beginn des 6. Jahrhun-
besagten Raum abdecken. derts datiert.76

Im bajuwarischen Siedlungsgebiet stehen Das Exemplar aus St. Johann kann auf-
qualitätvollen Töpfen mit Oberflächenglät- grund seiner Fragmentierung keinem der
tung und dichter Stempelzier69 auch gröbere zuvor genannten Keramiktypen definitiv
Stücke gegenüber, die unverziert ausfallen zugeordnet werden, wodurch eine ge-
können und häufig eine breite Standfläche nauere zeitliche Einordnung erschwert
besitzen. Meist werden sie in die Zeit ab wird. Ebenso fehlt auch näher datierbares
dem 6. Jahrhundert datiert. Daneben sind Begleitmaterial aus diesen spätesten Nut-
vereinzelt auch formal ähnliche, handge- zungsschichten. Es bleibt somit vorerst
formte Krüge70 zu nennen. Dem fränkischen nur, das Gefäßfragment aus stratigrafischen
Bereich entlehnte Röhrenkannen wirken und typochronologischen Überlegungen
den Dimensionen nach oft ähnlich, sind in die letzte spätantik-völkerwanderungs-
aber meist qualitätvoller hergestellt.71 Im zeitliche Verwendungszeit des Burgus von
späteren 6. und im 7. Jahrhundert erschei- St. Johann im Mauerthale zu stellen, die
nen auch Flaschen mit Henkelösen (zum absolutchronologisch ab der ersten Hälfte
Beispiel im Gräberfeld von Dittenheim).72 des 5. Jahrhunderts anzusetzen wäre. Ver-
Diese zeigen eine dem Stück aus St. Johann gleichbare Keramikformen sind den eben
vergleichbare Gestaltung der unteren Ge- geschilderten Überlegungen zufolge aber
fäßpartie und werden auf fränkische Kon- auch noch im 6. Jahrhundert geläufig. So
takte zurückgeführt. stammen ein handgeformtes bikonisches
Gefäß und weitere derartige Fragmente
Aus dem nahe gelegenen, zunächst suebisch auch aus der »schwarzen Schicht« (Bau-
dominierten und später elbgermanisch- periode 6) des Kastells Arelape/Pöchlarn.
›langobardischen‹ Siedlungsraum in Süd- Hier wird eine Datierung in die erste
mähren stammt ein Vergleichsstück aus Hälfte des 6. Jahrhunderts vorgeschlagen
Grab 9 des Gräberfeldes von Velké Pavlo- und die Fragmente werden in die Zeit
vice. Die Belegungszeit wird von der zwei- der Ansiedlung langobardischer Gruppen
ten Hälfte des 5. bis zur zweiten Hälfte des im ostnorisch-westpannonischen Raum
6. Jahrhunderts angegeben, wobei der Topf gestellt, wobei eine ethnische Zuordnung
aufgrund der Vergesellschaftung mit einem des Stückes offen gelassen wird.77
stempelverzierten beutelförmigen Gefäß in
eine späte Phase gestellt wird. Ein weiterer Aus St. Johann sind noch weitere hand-
gedrungener handgeformter Topf liegt auch geformte Wand-, Rand- und Bodenfrag-
aus Borotice vor.73 mente erhalten, die gemeinsam mit grau-
toniger Scheibenware aus umgelagerten
Bereits zuvor treten grobe doppelkonische Schichten geborgen wurden. Die klein-
Töpfe mit tief liegendem Umbruch in teiligen Randfragmente wirken ebenfalls
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109 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

›frühmittelalterlich‹, wobei auch hier auf


die Randgestaltung bei spätantik-völker-
wanderungszeitlichen scheibengedrehten78
und handgeformten Töpfen hinzuweisen
ist79. Letztere können bei hohem Fragmen-
tierungsgrad kaum von späteren Stücken
des 7. bis 9. Jahrhunderts unterschieden
werden. Bei einigen Exemplaren fällt die
sehr grobe Randgestaltung auf, die bei
frühmittelalterlichen Töpfen meist durch
Nachdrehen überformt worden ist. Ein
Stück besitzt eine Rille/Kehlung in der
Randlippe, wie sie auf scheibengedreh-
ten spätantiken Gefäßen, aber auch auf
einem Henkeltopf aus Grab 37 von Maria
Ponsee zu bemerken ist.80 Spuren vom Insgesamt schließen sie sich den handge- 100
St. Johann i. Mauerthale.
Überdrehen oder Verzierungen sind nicht formten ›germanischen‹ Stücken an. Ein
Randfragmente und
zu beobachten. Meist ist die sandige und Wand- sowie ein Randfragment aus SE 103 ein Bodenbruchstück
glimmerhaltige Keramik nur verstrichen. (Mörtelkeil) könnten zu einem Gefäß mit spätantik-völker-
Die weitgehende Verzierungslosigkeit ist of- gerundet-doppelkonischem Umbruch und wanderungszeitlicher
handgeformter Keramik
fensichtlich ein weiteres Merkmal der spät- schwach ausladendem Rand gehört haben.
aus unterschiedlichen
antik-völkerwanderungszeitlichen hand- Derartige Keramik ist unter anderem aus Schichtzusammen-
geformten Gebrauchskeramik.81 der Region um Znojmo bekannt und wird hängen. 1 – SE 64,
ins späte 5. bis 6. Jahrhundert gestellt.84 2–3 – SE 67, 4 – SE
86, 5 – SE 89, 6 – SE
Von den wenigen Bodenfragmenten weisen Im heutigen niederösterreichischen Raum 102, 7–8 – SE 103.
zwei eine ausladende Bodenzone auf, die liegen weitmündige Schüsseln aus lango-
in einem Fall sogar als umlaufender Wulst bardenzeitlichen Gräberfeldern vor, die im
gestaltet ist. Derartige Bodenformen sind Regelfall verziert sind; allerdings ist auch bei
ebenfalls im Frühmittelalter kaum geläu- den kleinteiligen Fragmenten aus St. Johann
fig und weisen auf die Imitation von – vor eine ehemals lockere Verzierung nicht aus-
101
allem scheibengedrehten – spätantiken zuschließen.85 Ein letztes, verhältnismäßig
St. Johann i. Mauerthale.
Henkelgefäßen hin.82 Auch aus dem Raum dünnwandiges Keramikfragment aus der Spätantik-völker-
nördlich der mittleren Donau liegen sie in »schwarzen Schicht« (SE 85=86) könnte mit wanderungszeitliche
deutlicher Zahl bei handgeformten Gefäßen Vorbehalt einem handgeformten Becher handgeformte
Keramikfragmente
ab der frühen Völkerwanderungszeit vor.83 oder einer steilwandigen Schale zugewiesen mit Spuren von
werden. Der Fragmentierungsgrad lässt hier Oberflächenglättung.
Es erscheint somit naheliegend, auch diese keine genauere Parallelisierung zu. 1 – SE 89, 2–3 – SE 103.
insignifikanten Keramikfragmente aufgrund
der Stratigrafie und ihrer Vergesellschaftung
in die Spätantike beziehungsweise begin-
nende Völkerwanderungszeit zu stellen. Sie
kennzeichnen die letzte spätantik-völker-
wanderungszeitliche Nutzungsphase des
Burgus von St. Johann im Mauerthale.

Einzelne Scherben aus besagtem Kontext


sind zwar handgeformt, weisen aber eine
Oberflächenglättung auf. Die ursprüngliche
Gefäßform kann aufgrund des Fragmen-
tierungsgrades nicht eingegrenzt werden.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 110

Die vorgestellte Situation offenbart die sind derzeit – wie beschrieben – aus dem
Problematik der Datierung einzelner, heutigen mährischen, niederösterreichi-
häufig insignifikanter frühgeschichtlicher schen und ostslowakischen Raum beizu-
Keramikfragmente beziehungsweise -kom- bringen, wo sie vorwiegend mit dem Ende
plexe, selbst wenn Befunde dazu vorliegen. der geschlossenen suebischen und dem
Oft bleibt – falls in mehrphasigen Siedlun- Beginn der elbgermanischen und somit
gen überhaupt die Trennung unverzierter frühlangobardischen Besiedlung in Zusam-
Fragmente von urgeschichtlichen Keramik- menhang gebracht werden.87
typen möglich ist – unklar, ob es sich
um spätantik-völkerwanderungszeit- Das mit Abstand feinchronologisch aussage-
liche oder bereits frühmittelalterliche kräftigste Fundstück stellt eine spätantike
Stücke handelt.86 Hinsichtlich der jüngs- Buntmetallmünze aus Schnitt 2 dar, die
ten spätantik-völkerwanderungszeit- allerdings unstratifiziert geborgen wur-
lichen Keramik-fragmente aus dem Burgus de. Es handelt sich um eine Prägung des
von St. Johann im Mauerthale wird einer Kaisers Gratian (Mitkaiser 367, Kaiser 375–
Datierung ab dem späteren 5. bis ins begin- 383), die somit die Datierung der wenigen
nende 6. Jahrhundert der Vorzug gegeben. und insignifikanten spätantiken Keramik-
Die besten Parallelen zu diesen Stücken funde der zweiten Hälfte des 4. und des 5.
Jahrhunderts ergänzt.88

Da bis auf ein fragliches Keramikfragment


102
St. Johann i. Mauerthale.
keine älteren kaiserzeitlichen Funde be-
Prägung Kaiser Gratians kannt wurden, ist die Errichtung des Mi-
aus der Zeit zwischen litärbaues von St. Johann im Mauerthale
367 und 375. mit großer Sicherheit in die Zeit des valen-
tinianischen Limesausbaues in der zweiten
Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Chr. zu stellen.

An Metallfunden ist – neben nicht näher


ansprechbaren Eisenfragmenten – nur ein
Bleiartefakt fraglichen Verwendungszwecks
anzuführen. Es handelt sich um einen grob
rechteckigen, dicken Bleistreifen mit einsei-
tig gerundeten Kanten. Eine Schmalseite ist
eingerollt, die andere leicht verdickt und
abgewinkelt. Zwei schwach erkennbare
Rillen sind wegen späterer Beschädigungen
kaum mehr deutbar (Länge 3,1 cm, Breite
1,2 cm, Stärke 0,35 cm).

Aus dem beschriebenen, wenig umfang-


reichen Fundmaterial geht abschließend
dennoch deutlich hervor, dass zumindest
der untersuchte Bereich des Burgus von St.
Johann im Mauerthale zu jenen Bauwerken
103 am norischen Limes gezählt werden kann,
St. Johann i. Mauerthale. die um die Zeit des valentinianischen Aus-
Bleiobjekt unbekannter
baues in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhun-
Funktion aus der
»schwarzen Schicht« derts errichtet worden sind. Hinweise auf
SE 86=85. Vorgängerbauten existieren derzeit nicht.
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111 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

Eine spätere Weiternutzung des Gebäudes Mauer 2 überlagert wurden (Länge 2,03 m,
ist neben der Stratigrafie auch durch hand- maximale Breite 0,81 m). Bei der Bestattung
geformte, allerdings kaum aussagekräftige (SE 70=80) handelte es sich um einen ma-
Keramikfragmente evident. Sie verweisen turen Mann89, der West-Ost ausgerichtet
auf eine Verwendung des Burgus noch bis in Rückenlage beigesetzt worden war. Die
ins 5. Jahrhundert, ohne diese jedoch dezi- Arme waren seitlich angelegt, der Schädel
diert eingrenzen zu können. Ebenso könn- war nach Süden verrollt. Aufgrund der
te das geringe Fundmaterial auch noch in Überlagerung durch Mauer 2 konnten die
Richtung des 6. Jahrhunderts verweisen. unteren Extremitäten ab dem Kniebereich
nicht geborgen werden. In der Verfüllung
Die hoch- bis spätmittelalterliche des Grabschachtes fand sich neben umge-
Nutzung des Burgus und die Errichtung lagertem spätantikem Fundmaterial auch
des romanischen Kirchenbaues (ANP 3) grafithaltige Keramik, die grob ins Hoch-
Als jüngster Befund unter dem abbruch- mittelalter gestellt werden kann.
zeitlichen Schuttpaket SE 64=68 des Spät-
mittelalters ist Grab 4 zu nennen, dessen Grab 4 störte das inhomogen wirkende
Grubenverfüllung unmittelbar nach dem Schichtpaket SE 85=86, das ebenfalls unter
Abtragen des Schutts erkennbar wurde. Das Mauer 2 verlief und mit seiner Oberkante
Grab (SE 67=77, SE 70=80, IF 82=83) besaß die letzte hoch- bis spätmittelalterliche
eine annähernd langovale, West-Ost ausge- Oberfläche im Burgusinneren vor der Zeit
richtete Grabgrube mit ebener Sohle, die seines Abbruches markierte. Insgesamt
unmittelbar an der südlichen Langhaus- be- können diese Straten wohl als jüngste Ab-
ziehungsweise nördlichen Burgusmauer lag lagerungen während der Nutzungszeit, aber
und auch hochmittelalterliche Schichten vor allem nach der Aufgabe des spätantiken
störte. Grabschacht und Bestattung wurden Militärbaues interpretiert werden (»schwar-
nicht komplett ausgegraben, da sie von der ze Schicht«; siehe ANP 2). In diesem weit-
in situ belassenen spätmittelalterlichen gehend eben abgelagerten Horizont war

104
St. Johann i. Mauerthale.
Ausgewählte Befunde
des spätantiken Burgus

 �
 und seiner Nutzungszeit
 �� sowie das später
angelegte, wohl hoch-
 � �
bis spätmittelalterliche
  �
� � Grab 4 (archäologische
�    � �  � Nutzungsphasen 2
� und 3; rot hinterlegt).
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 112

105
St. Johann i. Mauerthale.
Westlicher Ausschnitt
der Bestattung
SE 70=80 in Grab
4. Aufgrund der
darüberliegenden
Mauer 2 konnte
sie nicht komplett
dokumentiert und
entnommen werden.

wenig Fundmaterial (grafithaltige Keramik) – wie auch diese selbst – nun der archäolo-
wahrzunehmen, das neben der spätantiken/ gischen Nutzungsphase 2 (ANP 2) zugewie-
völkerwanderungszeitlichen Nutzung auch sen. Dem können auch die meist kleinteili-
eine hochmittelalterliche Nachnutzung – gen, handgeformten und maximal schwach
wohl des 11. bis 12. Jahrhunderts – nahelegt. überdrehten sowie leicht glimmerhaltigen
und sandigen Gefäßfragmente angeschlos-
Nach der Neubewertung des Fundmateri- sen werden, die gemeinsam mit den schei-
als (siehe oben) werden die unterhalb der bengedrehten Stücken ab der »schwarzen
»schwarzen Schicht« gelegenen Objekte Schicht« vorkommen. Es ist zwar noch

106
St. Johann i. Mauerthale.
Die nachnutzungs-
zeitliche »schwarze
Schicht« des Burgus
(SE 85=86), die neben
spätantik-völker-
wanderungszeitlichem
Fundmaterial auch
geringfügig solches
des Hochmittelalters
enthielt.
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113 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

107
St. Johann i. Mauerthale.
Strukturelle
Interpretation der
Ergebnisse der
Georadarprospektion
2016.

immer nicht ganz von der Hand zu weisen, Beobachtungen zur Baugenese ergaben sich
dass die Gruben erst im frühen Hochmittel- dennoch im Zuge der Neuvermessung des
alter angelegt worden sind und das ältere Kirchengrundrisses während der archäolo-
Fundmaterial seinen Weg erst durch Um- gischen Maßnahme von 2016. So konnte in
lagerungsprozesse dorthin gefunden hat, der Westmauer des heutigen Langhauses ein
doch erscheint dies eher unwahrscheinlich. schwacher Absatz (Baufuge) aufgenommen
werden, an den – mit einem kaum wahr-
Die wenigen vorhandenen Belege für eine nehmbaren Achsknick – der verlängerte
neue Nutzung des Burgus im Hochmittel- heutige Langhausbestand anschließt. Dieser
alter leiten nahezu zwangsläufig zur Fra- Befund kann im Moment nur von bauhisto-
ge nach der Errichtungszeit des ältesten rischer Seite gelöst werden. Putzsondagen
Kirchenbaues von St. Johann im Mauer- durch Oliver Fries erbrachten hier deutlich
thale über. Aus archäologischer Sicht kann die Mauer des romanischen Langhauses, die
mangels entsprechender Grabungsdoku- sich ab besagtem Knick (Chorschulteran-
mentationen der um 1970 durchgeführten satz) als spätmittelalterliches Mauerwerk
Ausgrabungen90 hier nur spekuliert werden. fortsetzt. Ein vergleichbarer Befund konnte
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 114

auch in der – durch spätere Zubauten ver- war – offensichtlich unter dem Kirchen-
unklärten – Langhausostmauer angetroffen boden (Gruft) und wurde wohl erst später
werden.91 Diese Beobachtungen decken sich überbaut. In Frage käme hier die Bauphase,
nicht zuletzt auch mit der Wandmalerei- in der das romanische Langhaus verlängert
ausstattung (spätestens erste Hälfte 13. Jahr- und der Chorbereich, der von Oliver Fries in
hundert) im südlichen Langhaus, die vor die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts gesetzt
dem genannten älteren Chorschulteransatz wird96, nach Norden angesetzt wurde. Der
abbricht und durch jüngere Darstellungen Memorialbau (Hochgrab) lag danach zent-
in Richtung Chor fortgesetzt wird. Es ergibt ral im Langhaus und blockierte somit nicht
sich somit ein kunsthistorisch greifbarer mehr den romanischen Triumphbogen. Es
Terminus ante quem für den Kirchenbau, erscheint somit denkbar, dass ein älteres,
der demzufolge vor oder in der ersten Hälf- vor dem Chor der romanischen Kirche si-
te des 13. Jahrhunderts angesetzt werden tuiertes Grab (beziehungsweise eine Gruft)
muss.92 im Zuge des spätmittelalterlichen Ausbau-
es angefahren und zu einem Hochgrab,
Bestätigung findet der Befund eines ehe- das dem nicht kanonisierten hl. Albinus/
mals kürzeren romanischen Langhauses Adelwinus zugeschrieben wurde, umgestal-
durch die Ergebnisse der Radarmessungen, tet worden ist. Dies begründete spätestens
die seitens der Firma ARDIG (Volker Lin- in der Folgezeit eine – zumindest regional
dinger, Alexander Gorbach) im Innenraum nicht unwesentliche – Wallfahrtstätigkeit.
der Kirche vorgenommen worden sind.
In der Höhe des beschriebenen leichten Insgesamt scheint sich somit für das Hoch-
Absatzes konnten hier Baureste aufgenom- mittelalter und wohl noch bis zur spät-
men werden, die als ältere Chorschultern mittelalterlichen Kirchenneugestaltung
interpretiert werden. Die Breite des mut- das Bild eines nachgenutzten spätantiken
maßlichen Triumphbogens wird mit 1,7 Militärbaues mit angestelltem hochmit-
m angegeben. Eine an der Ostseite nach telalterlichem Sakralbau zu ergeben, wie
Norden verlaufende Struktur ist als Rest es bereits Oliver Fries postuliert hat; eine
des ehemaligen Chores zu sehen. Weitere, ähnliche Situation ist für die Kirche in St.
kleinteiligere Baustrukturen entziehen sich Lorenz belegt.97 In welcher Form der spät-
einer Zuordnung. antike Bauteil nachgenutzt wurde und in
welchem Ausmaß seine aufgehende Sub-
Auffällig ist noch der Rest einer West-Ost stanz noch unbeschädigt vorhanden war,
ausgerichteten, rechteckigen Struktur, die lässt sich freilich nicht mehr beantworten.
unmittelbar vor dem mutmaßlichen roma- Die südlichen, spätantiken Teile des Burgus
nischen Triumphbogen liegt. Denkbar wäre wurden laut Grabungsbefund im Zuge der
hier eine gemauerte Gruft – höchstwahr- gotischen Kirchenumgestaltung und des
scheinlich die Reste des Memorialbaues dabei erfolgten Kirchturmeinbaues weitest-
für den hl. Albinus.93 Im Fundbericht der gehend abgetragen. Somit ist spätestens ab
Untersuchung von Herma Stieglitz (um dem beginnenden 14. Jahrhundert nur mehr
1970) wird das entdeckte Mauerwerk dem mit dem Sakralbau zu rechnen.
1862 abgetragenen Grabbau zugeordnet und
als nicht römerzeitlich klassifiziert.94 Der nachgenutzte spätantike Turm mit an-
gebauter romanischer Kirche könnte wohl
In einer Beschreibung des 17. Jahrhunderts am ehesten als Sitz eines Gefolgsmannes
wird ein Überbau in Form eines Hochgra- der Salzburger Erzbischöfe interpretiert
bes genannt, unter dem aber auf Kirchen- werden. Seine erhaltene Seitenlänge von
bodenniveau kein Pflaster, sondern »rogle« 12,4 m ließe, zum Quadrat ergänzt, jeden-
(also lockere, ›rohe‹ Erde) zu finden sei.95 falls eine beträchtliche Größe erkennen,
Die Bestattung lag somit – so sie vorhanden die durchaus auch einem repräsentativen,
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115 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

palasartigen hochmittelalterlichen Bau Dem sind wenige, kaum aussagekräftige


Genüge getan hätte. grafithaltige Wand- und Bodenfragmente
anzuschließen.
Das Fundmaterial aus der hochmittelalter-
lichen Nachnutzungszeit des Burgus vor Zuletzt liegen noch zwei schwach gra-
dessen Abbruch ist nicht sehr zahlreich fithaltige Wandstücke aus der Grubenver-
und besteht vor allem aus einzelnen Rand- füllung SE 89 vor, die sonst nur spätantikes/
und Wandbruchstücken. Die meisten der völkerwanderungszeitliches Fundmaterial
anfänglich hochmittelalterlich datierten, enthielt. Möglicherweise gelangten diese
eher insignifikanten Fundstücke wurden durch spätere Manipulationen in den obers-
im Rahmen einer Neubewertung der vo- ten Bereich der Verfüllung. Insgesamt sind
rangehenden spätantiken/völkerwande- sie kaum aussagekräftig. Bei dem stärkeren
rungszeitlichen Nutzung zugewiesen (siehe Wandfragment mit vereinzelten Grafit-
oben). körnchen scheint eine Einordnung ins 12./
beginnende 13. Jahrhundert angezeigt.
Das hochmittelalterliche Fundmaterial
lässt sich durch die unterschiedlich star- Die spätmittelalterlichen
ke Grafitbeimengung von der übrigen, Umbaumaßnahmen (ANP 4)
meist leicht glimmerhaltigen älteren Die drei barocken Gräber in Schnitt 2 (siehe
Keramik abgrenzen. So stammen aus der ANP 5) wurden in Straten eingetieft, die teil-
Schachtverfüllung von Grab 4 mehrere weise als Planierungsschichten angespro-
grafithaltige Bodenfragmente mit Spu- chen werden können. Im Fall von SE 48 ist
ren einer Bodenmarke, die wohl ins 12. an eine ehemalige Oberfläche zu denken,
bis 13. Jahrhundert zu datieren sind. Aus die sich über dem Abbruchschutt (SE 64=68)
der sogenannten »schwarzen Schicht«, im Innenraum des spätantiken Gebäudes,
deren Oberkante das jüngste Nutzungs- aber auch über der Abbruchoberkante sei-
niveau vor dem Abbruch der Burgusreste ner nördlichen Mauerteile gebildet hatte.
während des spätmittelalterlichen Kirch- Alle drei Gräber störten zudem entweder
turmneubaues bildete, verweisen zwei den Abbruchschutt, die Abbruchoberkante
schwach grafithaltige Randstücke in den der spätantiken Mauerreste oder die später
Zeitraum vom 11. bis zum 12. Jahrhundert. eingestellte Mauer 4.

108
St. Johann i. Mauerthale.
SE 48, die jüngste
Schicht, die noch
vor das Anlegen des
barocken Friedhofes
gestellt werden kann.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 116

109
St. Johann i. Mauerthale.
Spätmittelalterliche
Befunde in den
Schnitten 1 und 2
(archäologische
Nutzungsphase 4; rot
hinterlegt). Neben dem
Fundamentabsatz des
Kirchturmes in Schnitt
1 und den Mauerresten
in Schnitt 2 sind vor
allem die flächigen
Mörtelschuttschichten
im ehemaligen
Innenraum des
Burgus zu nennen. Sie
rühren vom Abbruch   � 
der spätantiken   � ���
Baureste im Zuge des
spätmittelalterlichen

�  � ��
Kirchturmeinbaues her.   � 
  �
   �

Aufgrund dieser Beobachtungen stellt sich des spätantiken Baues. Dieser wird bauhis-
die Frage nach dem Zeitpunkt des Abbru- torisch derzeit ins 14. Jahrhundert gestellt;
ches der nicht in die Kirche integrierten für die Hölzer des Chordachstuhles wurden
Teile des spätantiken Militärbaues sowie Fälldaten um 1397d/1398d ermittelt, wobei
des Einbaues der qualitativ schlechteren auch der Langhausdachstuhl idente Kon-
Mauern 2 und 4. Die Abbruch- und Bau- struktionsmerkmale aufweist und wohl
maßnahmen sind aus rein stratigrafischen ähnlich zu datieren ist. Die auf dem spät-
Überlegungen in die Zeit vor dem Bele- antiken Mauerwerk mit dem älteren, fla-
gungsbeginn des barocken Friedhofes zu cheren Giebelbereich aufgesetzte südliche
stellen. Rechnet man auch überlagernde Giebelmauer des Langhauses bindet den
Planierungs- und Humusschichten ein, damals offensichtlich bereits bestehenden
scheint sich ein gewisser zeitlicher Abstand Kirchturm ein.98 Alle älteren und funktions-
zwischen diesen beiden Nutzungsphasen losen, möglicherweise bereits auch ruinö-
zu ergeben. Aufgrund mehrerer Überlegun- sen Mauerreste, die dem Ausbau der Kirche
gen bietet sich für den teilweisen Abbruch im gotischen Stil entgegenstanden, wurden
der spätantiken Bauteile eine spätmittel- nun offenbar abgetragen.
alterliche Datierung an. Am plausibels-
ten erscheint dieses Modell: Nach dem Weitere Überlegungen aus stratigrafischer
Funktionsverlust des hochmittelalterlich und bautechnischer Sicht unterstützen
nachgenutzten spätantiken Militärbaues dieses Denkmodell: In Schnitt 1 konnte
wurde dieser zugunsten der Neugestaltung festgestellt werden, dass die Oberkante des
der angestellten spätromanischen Kirche spätmittelalterlichen Fundamentabsatzes
großteils geschleift. der Kirchturmsüdmauer mit der Abbruch-
oberkante der Ostmauer des spätantiken
Für den Untersuchungsbereich südlich Bauwerks (Mauer 1) korrespondiert. Weiters
des Langhauses stellt sich somit neben der ist in der Südmauer des Kirchturmes die
Frage nach dem Abbruch auch jene nach vertikale Abbruchkante der teilintegrierten
dem Einbau des spätmittelalterlichen spätantiken Ostmauer nicht zu erkennen.
Kirchturmes in die nordöstliche Innenecke Sie wurde vielmehr – soweit feststellbar
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117 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

110
St. Johann i. Mauerthale.
Durch einen
Kabelgraben gestörtes
Abbruchniveau der
östlichen Burgusmauer
(Mauer 1, IF 26, SE 28)
in Schnitt 1. Westlich
daran anschließend der
spätmittelalterliche
Fundamentabsatz des
Kirchturmes (SE 21) und
der Abbruchschutt (SE
22), die das damalige
Bauniveau markieren.

– mit identem, kleinteiligerem Steinma- Eine ähnliche Situation findet sich an der
terial wie der übrige spätmittelalterliche abgefasten Südwestecke des Langhauses in
Turmbau ausgemauert. Eine Baufuge ist Schnitt 2. Die vertikale Abbruchkante der
von außen nicht sichtbar, sodass mit einer Nordmauer des spätantiken Baues wurde
Aufmauerung des Kirchturmes unmittel- ebenfalls mit kleinteiligerem Steinmaterial
bar nach dem Abbruch der Burgusreste zu ausgeflickt. In geringem Maß wurde hier of-
rechnen ist. fensichtlich auch mit Ziegeln nachgebessert.

111
St. Johann i. Mauerthale.
Aufgehende
spätmittelalterliche
Südmauer des
Kirchturmes (SE 35) in
Schnitt 1. Die vertikale
Abbruchkante des
ehemaligen Burgus ist
im spätmittelalterlichen
Mauerwerk nicht
zu erkennen.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 118

112 Die Mörtelschuttschicht SE 64=68 in


St. Johann i. Mauerthale.
Schnitt 2 setzte unmittelbar in der Höhe der
Die Abbruchoberkante
der spätantiken Abbruchoberkante der spätantiken Mauer
nördlichen Burgusmauer 3 an. Weiters korrespondierte sie auch mit
(Mauer 3; IF 128, SE 129) den Oberkanten der jüngeren, eingestellten
mit Einbindung in
die südwestliche
Mauern 2 und 4 beziehungsweise überla-
Langhausecke in gerte Letztere teilweise. Aufgrund dieser
Schnitt 2. Die vertikale Beobachtung und der Ähnlichkeit des
Abbruchkante ist auch
Mörtels mit jenem der erhaltenen Reste
hier aufgrund der
spätmittelalterlich- des spätantiken Baues wird SE 64=68 als
neuzeitlichen Abbruchschutt des alten Bauteiles gesehen.
Ausmauerung nicht Auffällig dabei ist, dass die Schuttschicht
zu erkennen.
von 0,20 m bis 0,30 m Stärke nahezu
ausschließlich aus Mörtelresten und nur
wenigen kleinteiligen Bruchsteinen be-
stand. Dies legt nahe, dass das gewonnene
Steinmaterial abgeschlagen und wohl beim
Kirchturmbau verwendet worden ist. Dafür
spricht auch das geringe Fundmaterial, von
dem zumindest ein Randfragment in das 13.
Jahrhundert datiert werden kann.
113
St. Johann i. Mauerthale.
Der flächige Ähnlich verhielten sich die Mörtelschutt-
Mörtelschutt SE 64=68 schichten (SE 20, SE 22) in Schnitt 1, die
in Schnitt 2 markiert
das abbruchzeitliche
annähernd mit dem Abbruchniveau der
Niveau der spätantiken spätantiken Mauer 1 abschlossen, aber auch
Baureste und das noch auf dem spätmittelalterlichen Funda-
bauzeitliche Niveau des
mentabsatz des Kirchturmes auflagen. Hier
spätmittelalterlichen
Kirchturmes. bot sich somit das Bild, dass der Bau des
Kirchturmes und die Ablagerung der Mörtel-
schuttschicht parallel gelaufen waren. Die
Bauabfolge entspräche folgendem Muster:
Abbau der spätantiken Mauerteile, parallel
dazu Hochziehen des Kirchturms, begleitet
von der Aufbereitung des wiederverwende-
ten Steinmaterials. Diese Abfolge hätte eine
ständig wachsende Schicht von abgeschla-
genem Mörtel ergeben, die schließlich auch
114 über das Niveau des Fundamentabsatzes des
St. Johann i. Mauerthale. Kirchturmes reichte.
Die Mörtelschutt-
schichten SE 20 und
SE 22 im Westprofil Die letzte diesbezügliche Beobachtung be-
von Schnitt 1 (durch trifft die beiden angestellten, eher schlecht
Kabelgraben gestört). gefügten Mauern 2 und 4. Sie schlossen an
SE 22 reicht bis
zur Oberkante des
die Innenkante der spätantiken Nordmauer
Fundamentabsatzes an und verliefen von dort in südliche Rich-
(SE 21) des tung. Während Mauer 4 tiefer fundamen-
spätmittelalterlichen
tiert war, einen Fundamentabsatz aufwies
Kirchturmes, während
SE 20 diesen bereits und vom abbruchzeitlichen Schutt über-
überlagert. lagert wurde, war Mauer 2 bereits in den
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119 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

115
St. Johann i. Mauerthale.
Die beiden etwa Nord-
Süd verlaufenden Reste
von Mauer 2 (IF 72, SE
75) und Mauer 4 (IF
71, SE 73, SE 74), die
als spätmittelalterliche
Terrassierungs-/
Stützmauern für
den im Zuge des
Kirchturmbaues
angelagerten,
lockeren Mörtelschutt
gedeutet werden.

Schutt fundamentiert oder während dessen Der Abbruch großer Teile des spätantiken
Ablagerung eingestellt worden. Für den Baues und der Einbau des spätmittelal-
letzteren Fall spricht die auf Sicht gesetzte terlichen Kirchturmes sind somit in den
Westseite, während die unregelmäßige Ost- zeitlichen Rahmen des 14. Jahrhunderts
seite eine Futtermauer indiziert. zu stellen, aus bauhistorischen Überle-
gungen heraus allenfalls in die Zeit vor
Es ergibt sich somit eine Bauabfolge, bei 1398/1399. Eine Datierung der hölzernen
der Mauer 4 vor Mauer 2 errichtet worden Lehrgerüstteile des Turmhelms steht der-
ist. Denkbar wäre, dass es sich bei Mauer 4 zeit noch aus.99 Für die Verlängerung des
um eine Stützmaßnahme für den lockeren Langhaus-/Chorbaues legt eine überliefer-
Schutt rund um den in Bau befindlichen te Stifterinschrift Leutold Eyczingers im
spätmittelalterlichen Kirchturm gehandelt heutigen Triumphbogen einen Terminus
hat. Höchstwahrscheinlich nur wenig spä- ante quem von 1332 nahe.100 Denkbar ist
ter wurde – wohl aus ähnlichen Gründen somit auch der Turmbau bereits um diese
– Mauer 2 in den lockeren Mörtelschutt Zeit. Ebenso wird das Wandbild des »Ma-
gestellt, eventuell als eine Art weitere Ter- rientodes« im Chorbereich in das zweite
rassierung um das noch nicht konsolidierte Viertel des 14. Jahrhunderts datiert, was
Bauplatzumfeld. Die erhaltenen Oberkan- die gotische Umgestaltung der romani-
ten der beiden Bauteile korrespondieren schen Kirche ebenfalls vor dieser Zeit
mit geringfügigen Abweichungen wieder voraussetzt.101
mit der Abbruchoberkante des spätantiken
Baues sowie dem Fundamentabsatz des Aus dem Zeitraum des Abbruches großer
spätmittelalterlichen Kirchturmes, was Burgusteile und des weitgehend gleichzei-
einen Niveauausgleich während der Um- tigen Einbaues des spätmittelalterlichen
baumaßnahmen nahelegt. Kirchturmes ist ausgesprochen wenig
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 120

Diese äußerst geringen keramischen Funde


stehen somit der angeführten Datierung
des gotischen Turmeinbaues und Ausbau-
es der Kirche, begleitet vom Abbruch der
Burgusreste, bereits in die erste Hälfte des
14. Jahrhunderts zumindest nicht im Wege.

Der neuzeitliche Friedhof um die Kirche


(ANP 5)
Hinweise auf den – in den Arnsdorfer
Sterbebüchern belegten – neuzeitlichen
Friedhof um die Filialkirche hl. Johannes
der Täufer fanden sich lediglich in Schnitt 2.
Die drei verhältnismäßig seicht liegenden
Gräber 1, 2 und 3 gehören anhand des Fund-
materials und aus stratigrafischen Erwä-
gungen dem barocken Bestattungsbereich
an. Ihre relativ seichte Lage dürfte sich
mit späteren Niveauänderungen im Kirch-
hofbereich erklären lassen, denen wohl
auch die ehemalige Friedhofsoberfläche
zum Opfer gefallen ist. Daraus resultiert
auch, dass die Grabschächte erst nach dem
Entfernen mehrerer jüngerer Planierungs-
schichten, die auch Fundmaterial des 19.
und 20. Jahrhunderts enthielten, erkannt
werden konnten. Die ersten Schichten des
Spätmittelalters bis zur frühen Neuzeit, in
die die neuzeitlichen Gräber eingetieft wor-
den sind, scheinen somit SE 41 und SE 45
gewesen zu sein, die mit darunterliegenden
116 datierbares Fundmaterial vorhanden. Meist Straten ein ursprünglich leichtes Gefälle
St. Johann i. Mauerthale. handelt es sich um umgelagerte ältere Ob- nach Westen andeuteten.
Hoch- und
spätmittelalterliche
jekte der spätantiken/völkerwanderungs-
Keramikfunde der zeitlichen Nutzungsphase wie kleinteilige Ab wann und in welchem Umfang der
archäologischen Keramik und Ziegelbruch in den Mörtel- Friedhof um die Filialkirche St. Johann
Nutzungsphasen schuttschichten in Schnitt 1. im Mauerthale genutzt worden ist, bleibt
3 und 4 sowie ein
umgelagertes spätantik-
weitgehend unklar, da Letztere ab ihrer
völkerwanderungs- Aus der von zwei neuzeitlichen Bestat- Erstnennung 1240 nur eine Filiale der Pfarre
zeitliches Fragment. tungen gestörten Schuttschicht SE 61 in St. Rupert in Hofarnsdorf war. Historisch
1 – Schuttschicht SE 64,
Schnitt 2 sind zwei winzige Randbruchstü- ist eine Bestattungstätigkeit zwischen dem
2–3 – Verfüllung
Grab 4 (SE 67), cke vorhanden, die mit Vorbehalt ins 13./14. späten 17. und zumindest der ersten Hälfte
4–5 – »schwarze Jahrhundert gestellt werden können. Aus des 18. Jahrhunderts belegt (siehe oben).
Schicht« (SE 85=86). der Schuttschicht SE 64=68 stammt – ab- Eine stratigrafisch ältere Bestattung, die nur
gesehen von umgelagertem Material – nur grob ins Hoch- bis beginnende Spätmittel-
ein oxidierend gebranntes Randfragment, alter gestellt werden kann, liegt mit Grab
das wohl dem 13. Jahrhundert angehört. 4 vor, das bereits genannt wurde. Soweit
Ein stark korrodiertes Hohlglasfragment nachvollziehbar, wurde der Friedhof vor
und ein Eisenobjekt entziehen sich einer allem von Bewohnern der kleinen Kirchen-
näheren Einordnung. ortschaft selbst genutzt.
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121 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

Insgesamt zeigte sich, dass alle drei Gräber


erst deutlich nach dem spätmittelalterli-

chen Abbruch der südlichen Burgusteile
angelegt worden waren. Sie lagen zum Teil
im Abbruchschutt der spätmittelalterlichen
Umbaumaßnahmen und störten sowohl
spätmittelalterliche Mauerbefunde als auch
die Abbruchoberkante der Nordmauer des
spätantiken Bauwerkes. In allen Gräbern
konnten keine Hinweise auf Särge oder 
sonstige Totenumhüllungen festgestellt
werden. Zumindest bei den erwachsenen

Individuen aus den Gräbern 1 und 3 scheint
aufgrund der Enge und Unregelmäßigkeit
der Grabschächte auch ein Leichentuch
denkbar. Weiters zeigte sich, dass die Be-
stattungen keine einheitlichen Ausrich-    
tungen aufwiesen, sondern sich vielmehr  �
›platzsparend‹ an den Langhausmauern 
 
orientierten. Ein weiterer möglicher Grab- 
schachtteil (SE 52, IF 55) wurde an der  �  ����
  �
Südgrenze von Schnitt 2 dokumentiert.
Eine Bestattung konnte dort aufgrund des
kleinen Ausschnittes nicht angetroffen
werden, wodurch der unsichere, wenn auch zum Becken lagen zahlreiche verrollte 117
St. Johann i. Mauerthale.
stratigrafisch zuordenbare Befund nicht in beinerne Rosenkranzperlen (Paternoster-
Befunde des
die Nummerierung der Gräber aufgenom- und Ave-Perlen) sowie ein stabförmiger, neuzeitlichen
men wurde. längs- und quergelochter Bestandteil des (barocken) Friedhofs
Credo-Kreuzchens. Diese waren teilweise (archäologische
Nutzungsphase 5)
Grab 1 (SE 19, SE 25, SE 37, SE 38, IF 44) besaß durch das Skelett ›durchgerutscht‹ und wur- in Schnitt 2.
eine annähernd langrechteckige Grabgrube den erst beim Aussieben der sehr lockeren
mit gerundeten Kanten und unebener Soh- Grabverfüllung gefunden. Eisenreste und
le (IF 44). Die Grube schnitt Überlagerungen eine deutliche Grünfärbung im Bereich
der abgebrochenen spätantiken Mauer 2 des linken Schlüsselbeines sowie der Brust
und störte deren Abbruchsoberfläche. Im stellten sich bei der Entnahme des Skelettes
Bereich des gestörten Mauerrestes waren als ebenfalls stark verrutschte Eisenringe
die Flanken des Grabschachtes relativ un- mit Textilanhaftungen, die derzeit als Reste
regelmäßig (Länge 2,0 m, maximale Breite eines Ringrosenkranzes oder eher als
0,75 m; an der Sohle: Länge 1,9 m, Breite 0,55 Miederösen interpretiert werden, und ein
m). In der Verfüllung des Grabschachtes Buntmetallblechstreifchen dar. Mehrere
fanden sich vor allem umgelagerte spätmit- Eisenringe fanden sich auch noch beim
telalterliche, geringfügig aber auch innen Sieben der Grabverfüllung. Als Elemente
glasierte neuzeitliche Keramikfragmente des Totengewandes sind schließlich noch
(17. bis 18. Jahrhundert). Die Bestattung zwei geschlossene Buntmetallhafteln zu
(SE 25), eine mature Frau102, fand sich an- nennen, die im oberen Brustbereich gefun-
nähernd Süd-Nord ausgerichtet in Rücken- den wurden.
lage, die Unterarme rechtwinkelig unter
der Brust verschränkt, mit aufgeklapptem Grab 2, eine »Traufbestattung« im lockeren
Unterkiefer. Im Bereich der verschränkten Schutt (SE 58, IF 60), zeigte sich als unregel-
Unterarme und beim linken Ellbogen bis mäßig viereckige, im lockeren Mörtelschutt
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 122

118
St. Johann i. Mauerthale.
Die vier in Schnitt
2 dokumentierten
Gräber. Grab 1 bis
Grab 3 gehören
dem neuzeitlichen
Friedhof an, während
Grab 4 bereits vor
dem Teilabbruch
der Burgusreste
beziehungsweise Grab 2
vor dem Bau des
spätmittelalterlichen
Kirchturmes angelegt
worden sein muss.

Grab 1

Grab 4

Grab 3 0 0.5m
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123 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

119
St. Johann i. Mauerthale.
Grab 1 des
barockzeitlichen
Friedhofes mit
Bestattung SE 25.

120
St. Johann i. Mauerthale.
Grab 2 des
barockzeitlichen
Friedhofes mit
seicht liegender
Traufbestattung eines
Fetus (SE 58) im
lockeren Abbruchschutt.

121
St. Johann i. Mauerthale.
Grab 3 des
barockzeitlichen
Friedhofes mit
Bestattung SE 66.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 124

122
St. Johann i. Mauerthale.
Reste eines
gedrechselten
beinernen Rosenkranzes
aus Grab 1.

kaum erkennbare, muldenförmige und Grab 3 (SE 66, IF 69) störte die Mauer 4
seicht liegende Grabgrube mit gerundeten und wies daher eine sehr unregelmäßi-
Kanten (Länge 0,35 m, Breite 0,25 m). Die ge Form und Sohle des Grabschachtes
Bestattung (SE 58) war annähernd Nordost- auf. Lediglich das Nordwestende lag im
Südwest ausgerichtet; es handelte sich um lockeren Abbruchschutt und war daher
eine auf dem Rücken liegende Hockerbe- regelmäßiger gerundet. Die Bestattung (SE
stattung (Embryonalstellung) eines Fetus 66) lief in das östliche Profil von Schnitt 2
im 7. bis 8. Schwangerschaftsmonat.103 (ausgegrabene Länge 1,16 m, maxima-
Die unteren Extremitäten waren stark le Breite 0,64 m). Es handelte sich um
angewinkelt, während die Arme nur leicht einen senilen Mann 104, der annähernd
abgewinkelt seitlich des Oberkörpers la- Westnordwest-Ostsüdost ausgerichtet in
gen. Der Schädel war teilweise durch die Rückenlage beigesetzt worden war. Die
Grabungsarbeiten disloziert worden (locke- Unterarme waren unterhalb der Brust an-
rer Schutt). Hier wurden keine Beifunde nähernd rechtwinkelig verschränkt; der
geborgen. Schädel mit aufgeklapptem Unterkiefer
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125 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

123
St. Johann i. Mauerthale.
Eiserne Miederösen
oder Ringrosenkranz-
fragmente mit
Textilanhaftungen
aus Grab 1.

124
St. Johann i. Mauerthale.
Streifchen aus
Buntmetallblech (1)
und Buntmetallhafteln
(2) aus Grab 1.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 126

zeigte deutliche Kauleisten. Auch hier gab der Bekleidung oder weiterer Totenaus-
es keine Beifunde. stattung gebildet haben. Im Auffindungs-
zustand ist es zweifach gefaltet (Länge ca.
Aufgrund der enthaltenen Beifunde ist 2,5 cm, Breite 1,6 cm) und knapp vor den
lediglich Grab 1 chronologisch näher ein- Enden jeweils mit einem dünnen, durch-
zugrenzen. Eine zeitnahe Datierung der geschlagenen Loch versehen. Die beiden
beiden beifundlosen Gräber 2 und 3 ist Buntmetallhafteln aus Grab 1 bestehen
ausschließlich anhand stratigrafischer Be- jeweils aus einer Öse und einem Häkchen,
obachtungen möglich. die ineinandergehängt sind. Die Elemente
entsprechen der bis heute gängigen Form:
Bei den gedrechselten, beinernen Rosen- einer Ω-förmigen Drahtöse mit zwei end-
kranzfragmenten aus Grab 1 handelt es sich ständigen kleinen Befestigungsösen ist
um insgesamt 49 kleine, ovale bis kugelige ein ähnlich aufgebautes, aber zusammen-
unverzierte Perlen (Ave-Perlen) und ein gedrücktes Hakenende eingehängt (Breite
abgeplatztes Scheibchen einer solchen. rund 0,8 cm, Länge der ineinanderhängen-
Ihr Durchmesser beträgt rund 0,6 cm. den Elemente etwa 1,8–2 cm).
Von den großen kugeligen Perlen, die je-
weils mit zwei umlaufenden Rillen verziert Die Datierungsansätze für Grab 1, die sich
sind (Paternoster-Perlen), sind noch sechs aus den beschriebenen Funden ergeben,
Stück mit einem Durchmesser von rund 0,9 können nicht sehr präzise sein, da es sich
cm erhalten. Dazu kommt noch der längs- bei den Objekten um Gegenstände handelt,
und quergelochte Querbalken des mehrtei- die im mitteleuropäischen Raum vom
lig aufgefädelten Credo-Kreuzchens. Seine Spätmittelalter bis in die Neuzeit in Ver-
Länge beträgt etwa 1,5 cm, sein Durchmes- wendung standen und kaum Änderungen
ser rund 0,55 cm. unterworfen waren.

Die eisernen Ringrosenkranzfragmente Beispiele für gedrechselte Rosenkränze in


(Paternoster) oder wohl eher Miederösen der auch heute noch geläufigen Grundform
aus Grab 1 umfassen 13 vollständige Eisen- mit mehrteilig aufgefädeltem Credo-Kreuz
ringe und zehn Fragmente von solchen. Die können etwa aus Holz, Gagat, Bernstein, Ko-
Stücke sind stark korrodiert und weisen ralle oder auch häufig aus Bein beigebracht
meist nur einseitig anhaftende Textilres- werden. Falls keine näher eingrenzbaren
te auf (leinenbindiges Gewebe). Sowohl Buntmetallmedaillen oder -kreuze beilie-
komplette als auch fragmentierte Exem- gen, können diese Objekte bereits in die
plare besitzen einen einseitigen Fortsatz, Zeit ab dem Spätmittelalter und der frühen
der wohl der Befestigung auf der textilen Neuzeit eingeordnet werden. So ist unter
Unterlage gedient hat. Zur genauen Herstel- anderem ein in seinem Aufbau vergleich-
lungsweise der Ringe können aufgrund der bares Exemplar aus Holz aus dem Wrack
auf ihnen belassenen Textilreste und der des 1545 gesunkenen Flaggschiffs Heinrichs
starken Korrosion keine näheren Angaben VIII. von England, der Mary Rose, bekannt.105
gemacht werden. Im wahrscheinlichsten Die Exemplare aus den Bestattungen in
Fall handelt es sich um einfache Drahtringe der Laienkirche der ehemaligen Kartause
mit abgedrehter kleinerer Befestigungsöse Mauerbach werden anhand stratigrafischer
(maximale Durchmesser im korrodierten Gesichtspunkte und gestützt durch dend-
Zustand ca. 1,6 × 1,9 cm bis 1,8 × 2,5 cm). rochronologische Daten in die Zeit vor
beziehungsweise während der barocken
Das im Nahbereich der zuvor beschriebe- Neustrukturierung der Kirche gesetzt. Eine
nen Eisenringe gefundene Streifchen aus Einordnung ist somit vom Spätmittelalter
dünnem Buntmetallblech mag ebenfalls bis wohl eher in die erste Hälfte des 17.
einen Bestandteil des Ringrosenkranzes, Jahrhunderts möglich.106
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127 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

Aufgrund mehrerer weiterer Vergleichsbei- Interpretation der Ringe. Heute finden


spiele aus Ostösterreich sind die Fragmen- sich ähnliche Gebetshilfen als Lestowka
te aus Grab 1 aber am ehesten dem späte- im altorthodoxen Glauben.
ren 17. Jahrhundert und der ersten Hälfte
des 18. Jahrhunderts zuzuordnen. So wird Eine Ansprache als Reste eines Ringrosen-
ein Beinrosenkranz aus dem Grab 16/1 von kranzes würde auch die Frage aufwerfen,
Kleinmariazell über ein mitgefundenes Ca- warum zwei Gebetshilfen in unterschied-
ravacakreuz ins 17. Jahrhundert datiert.107 licher Lage ins Grab mitgegeben worden
Zwei weitere Exemplare aus Klosterma- sind. Aufgrund der verstreuten, nicht
rienberg (Grab 86, Grab 378) stellt man primären Fundlage im Brustbereich lässt
aufgrund eines Benediktuspfennigs und sich aber genauso wenig klären, ob es sich
eines Breverls mit dem hl. Nepomuk ins vielleicht um Ösen einer Kleidungsver-
18. Jahrhundert.108 schnürung (»Miederösen«) gehandelt hat,
wie sie auch noch bis ins 18. Jahrhundert
Zusammengefasst handelt es sich bei hinein gebräuchlich war. Die Stücke aus
den beinernen Rosenkranzteilen aus St. St. Johann würden dann allerdings etwas
Johann im Mauerthale offensichtlich von der gängigen Form abweichen, die zu-
um ein nahezu komplettes Exemplar je- mindest in der Zeit um 1746 einer leicht
nes Typs, der etwa ab dem beginnenden vergrößerten Haftelöse gleicht.112
17. Jahrhundert auftrat; der Rosenkranz
enthielt damals fünf mal zehn Ave-Perlen, Im Großen und Ganzen sind die beiden
die durch eine Paternoster-Perle getrennt Hafteln und das noch weniger datierbare
waren. Am Endstück mit dem Credo-Kreuz Blechstreifchen dieser chronologischen
fanden sich weitere drei Ave-Perlen und Einordnung anzuschließen. Hafteln in
zwei Paternoster-Perlen.109 der noch heute gängigen Form erscheinen
etwa ab 1300 im Fundmaterial, wo sie im
Die Eisenringe mit Textilanhaftungen wer- 15. Jahrhundert zahlreicher werden. In der
den derzeit als Reste eines Ringrosenkran- frühen Neuzeit sind sie vorwiegend in
zes oder aber eher als Miederösen interpre- der Frauentracht vertreten, bis sie im 17.
tiert. Ringrosenkränze beziehungsweise und 18. Jahrhundert und darüber hinaus
sogenannte Paternoster gehören neben an- auch in der männlichen Tracht häufiger
deren Typen grundsätzlich zu den eher al- vorkommen und bis heute in Verwendung
tertümlichen Gebetsschnurformen, die vor stehen.113
der beginnenden Vereinheitlichung im 16.
und vor allem im 17. Jahrhundert gebräuch- Eingriffe des 19./20. und 21. Jahrhunderts
lich waren.110 Ein Belegexemplar ist unter (ANP 6)
anderem aus Grab 2 des Minoritenklosters Sowohl in Schnitt 1 als auch in Schnitt
in Tulln bekannt und besteht aus 42 gleich 2 konnten nach dem Humusabtrag im
großen Beinringen; in besagtem Zusam- Bereich des Kirchhofes, der bereits durch
menhang wird es ins Spätmittelalter da- Gestaltungsmaßnahmen des 20. Jahrhun-
tiert. Eine bildliche Darstellung findet sich derts (?) verändert erschien (Verkleinerung
auf den Stifterbildern des alten Hochaltars und Planierung des Kirchhofes im Rahmen
der St. Georgskirche von Nördlingen, der des Straßenbaues der 1960er-Jahre, Sanie-
um 1462 eingeordnet wird. Darstellungen rung der Kirchhofmauer etc.) deutliche
belegen, dass die Ringe schuppenförmig Störungen durch Künettenabschnitte
auf einem geschlossenen Textil- oder Le- beobachtet werden. Diese stellten sich
derstreifen angebracht waren.111 Die – im als Kabelgräben einer Starkstromleitung
Vergleich zu dem barockzeitlichen Grab 1 (Kirchenbeleuchtung) heraus, die – dem
aus St. Johann im Mauerthale – frühen Da- verwendeten Material nach – im begin-
tierungen widersprechen aber eher dieser nenden 21. Jahrhundert verlegt worden
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 128

ist. In Schnitt 1 störte die Künette bereits Der Großteil des datierenden Fundmate-
deutlich die Abbruchoberkante von Mauer rials aus Störungen und Planierungshori-
1 des spätantiken Militärbaues im Bereich zonten entstammt dem 20. Jahrhundert.
der Kirche. Stellvertretend seien hier Fragmente von
bemalten Porzellantassen und Weingläsern,
Ein weiterer junger Eingriff wurde im Be- Kronkorken, die Achse eines Spielzeugautos
reich der Südwestecke des Langhauses in und Schmelzsicherungen genannt.
einem kleinen Ausschnitt dokumentiert.
Derzeit verläuft hier ein Fallrohr der Dach-
rinne, das damit in Zusammenhang zu
stehen scheint.

1 Die Terrasse wird ähnlich wie jene im Bereich 28 So sind bereits für 799 erste bayerische
von Rossatz und Rührsdorf zu den aufgrund Provinzialsynoden zur Mission östlich der Enns
der speziellen topografischen Situation noch genannt. Zumindest bei der in Reisbach, wenn nicht
nicht erodierten, höheren und somit älteren auch bei jener in Traismauer war auch Arn von
Fluren des jüngeren Anteiles (Postglazial) Salzburg anwesend. Eine weitere Quelle spricht von
der heutigen Talböden an der Donau gezählt Priwina, dem vertriebenen Fürsten von Nitra, der
(Gleithangsituation): Matura und Heinz 1989, 40. 833 in der Martinskirche des Salzburger Hofes in
2 Schnabel u. a. 2002, 45. Traismauer getauft wurde. Bereits davor, um 827/828,
3 Siehe das Kapitel St. Johann im Mauerthale – hatte Erzbischof Adalram von Salzburg eine Kirche
römischer Burgus und mittelalterliche Wallfahrtskirche. in Nitra geweiht. Vgl. Wolfram 2003, 225; 229–230.
– Zum alten Forschungsstand vgl. Tietze 1907, 75. 29 Wolfram 2003, 231–232.
4 Zabehlicky 1989b, 130–132. – Ubl 2005a, 203–206. 30 Wolfram 2003, 183–184, 231–232.
– Ployer 2015b, 200–201. – Ployer 2018, 76–79. 31 TTSB Arnsdorf 1625–1651. – SB Arnsdorf 1784–1893.
5 Ubl 2005b, 206–207. – Ployer 2015c, 32 SB Arnsdorf 1694–1784, Tod_0004.
202. – Ployer 2018, 80–81. 33 SB Arnsdorf 1694–1784, Tod_0029.
6 Zabehlicky 1989c, 133–134. – Ubl 2005c, 207– 34 SB Arnsdorf 1694–1784, Tod_0071.
208. – Ployer 2015d, 203. – Ployer 2018, 82–83. 35 Siehe das Kapitel St. Johann im Mauerthale
7 Zuletzt Ployer 2015e, 199. – römischer Burgus und mittelalterliche
8 Zuletzt Ployer 2015f, 198–199. Wallfahrtskirche. – Vgl. Fries 2015a, 282–288.
9 Hinterwallner und Schmid 2015, 194–198. 36 Maßnahmennummer 12189.16.01. – Vgl. Obenaus 2016.
10 Zuletzt Groh und Sedlmayer 2015, 37 Lindinger und Gorbach 2016.
204–209; Ployer 2018, 84–91. 38 Siehe das Kapitel St. Johann im Mauerthale –
11 Zabehlicky 1989c, 133–134. – Ubl 2005c, 207– römischer Burgus und mittelalterliche Wallfahrtskirche.
208. – Ployer 2015d, 203. – Ployer 2018, 82–83. 39 Franziszeischer Kataster Oberarnsdorf 1821, Blatt 2,
12 Zabehlicky 1989c, 133–134. – Ubl 2005c, 207– Niederösterreichisches Landesarchiv-Findbuch, FK
208. – Ployer 2015d, 203. – Ployer 2018, 82–83. Mappen OW 27_2, 1821, http://www.noela.findbuch.
13 Groh und Sedlmayer 2001, 186. – Wewerka 2004, 419. net/php/view.php?ar_id=3695&link=464b204d6170706
– Pieler und Obenaus 2005, 420–426. – Obenaus 2006, 56ex859#&contrast=0&path=&brightness=0.5&posY=-
585. – Zimmermann u. a. 2007, 589–590, 599–600. 0.2295238685349597&posX=-0.08914073071718538&rota
14 NÖUB I, Nr. 1, 4. tion=0&zoom=0.678235294117647 [Zugriff: 13. 11. 2017].
15 NÖUB I, Nr. 1a, 6–7. 40 Siehe das Kapitel St. Johann im Mauerthale –
16 Siehe das Kapitel Heiligenverehrung und römischer Burgus und mittelalterliche Wallfahrtskirche.
Schifffahrt – historische Anmerkungen. 41 Fries 2015a, Abb. 2; 287. – Lindinger
17 NÖUB I, Nr. 6a, 75. und Gorbach 2016, Abb. 15; 17.
18 NÖUB I, Nr. 6b, 77–78. 42 Lindinger und Gorbach 2016, Abb. 7–9.
19 NÖUB I, Kommentar Nr. 6–6b, 80–81. 43 Zabehlicky 1989b, 131. – Ubl 2005a, 204–205.
20 Sedlmayer 2013, Abb. 5. – Ployer 2015b, 200. – Ployer 2018, 77.
21 Szameit 1992, 215–221. 44 Die 9 m beziehen sich dabei auf die nicht mehr
22 Friesinger 1971/74, 49; Taf. 4. vollständig erhaltene Ost- und Westmauer. Vgl. Ubl
23 NÖUB I, Nr. 35b, 424. 2005c, 207; Ployer 2015d, 203; Ployer 2018, 82, Abb. 47.
24 Siehe das Kapitel St. Johann im Mauerthale – 45 Zabehlicky 1989c, 134 (Nachmessung der
römischer Burgus und mittelalterliche Wallfahrtskirche. konservierten Befunde durch Franz Perschl).
25 NÖUB II/1, Nr. 48–413; 141–147; Nr. 428; 161–162; Nr. 46 Klammer 2012, 41. – Fries 2015a, 288.
+51; 173–174; Nr. 55–59; 179–186; Nr. 511; 190–192, Nr. 47 Schmid 2017, 137–138.
527; 211–213; Kommentar Nr. 51–537; 233–239. 48 Groh und Sedlmayer 2002, 561–563.
26 Fries 2015a, 282–283. 49 Zimmermann u. a. 2007, 589–590, 599–600.
27 Siehe das Kapitel Heiligenverehrung und 50 Obenaus 2016, 232–235.
Schifffahrt – historische Anmerkungen. 51 Mosser 2016, 115.
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129 Martin Obenaus: Die archäologischen Untersuchungen im Jahr 2016

52 Friesinger und Kerchler 1981, Abb. 9–10. 87 Tejral 1990, 28–34.


53 Schmid 2017, 135–138. 88 Römisches Reich, Kaiser Gratian (367 Mitkaiser,
54 Schmid 2017, 194–195. 375–383). Datierung: 14. Aug. 367–17. Nov. 375 n.
55 Gorbach 2016, 35, Abb. 18/6; Taf. 8/1. Chr. Münzstätte: Siscia. AE 3; 17,7 mm; 2,17 g; 1 h.
56 Ubl 1982, 88; Abb. 8. – Pollak 1993, 55; Taf. 4/62/2. Avers: D N GRATIANVS P F AVG; Büste des Kaisers
57 Hölbling 2008, 76; Taf. 51/259. mit Perldiadem, Drapierung und Panzer nach
58 Vgl. Grünewald 1979, 81–82; Taf. 88. rechts. Revers: GLORIA ROMANORVM; Kaiser steht
59 Groh und Sedlmayer 2001, 186. – Hofer 2001, 195–200. nach rechts, sich umblickend, hält in der Rechten
– Wewerka 2004, 419. – Pieler 2005, 397–399, Abb. 15. knienden Gefangenen, in der Linken labarum;
– Pieler und Obenaus 2005, 420–426. – Obenaus 2006, F – R/(C auf R) // [...]. RIC IX 1951, Siscia 14c; 147.
585. – Zimmermann u. a. 2007, 589–590, 599–600. Bestimmung: M. Baer, Institut für Numismatik
60 Fischer 1988b, 30; 36–46. – Leitz o. J., und Geldgeschichte der Universität Wien.
92. – Moosleitner 1988, 213. 89 Siehe das Kapitel Anthropologischer Befund zu
61 Friesinger und Kerchler 1981, Abb. 46. – Severin 1982, den Gräbern bei der Filialkirche St. Johann.
546; Taf. 45. – Pollak 1993, Taf. 7; Taf. 51; Taf. 54. 90 Stiglitz 1966/70, 317.
62 Friesinger und Adler 1979, 42. – Vida 2008, 91 Siehe das Kapitel St. Johann im Mauerthale –
88, Abb. 17. – Benedix 2016, 59–61. römischer Burgus und mittelalterliche Wallfahrtskirche.
63 Heinrich-Tamaska 2008, 102–104. 92 Lanc 1983, 192–194. – Fries 2015a, Anm. 11.
64 Leitz o. J., 92. 93 Lindinger und Gorbach 2016, Abb. 16; 16–17.
65 Fischer 1988a, 41–43. – Fischer 1988b, 84. 94 Stiglitz 1966/70, 317.
66 Konrad 2016, 55–67. 95 Siehe das Kapitel St. Johann im Mauerthale –
67 Tovornik 1996, 52. römischer Burgus und mittelalterliche Wallfahrtskirche.
68 Fischer 1988b, 128. 96 Fries 2015a, 283–284.
69 Die Herkunft dieser Typen wird unter anderem aus 97 Fries 2015a, 287–288.
dem elbgermanischen Formenschatz abgeleitet: 98 Fries 2015a, 284–285, Abb. 4. – Siehe das Kapitel
Ladenbauer-Orel 1960, Taf. 42–43. – Reiß 1994, St. Johann im Mauerthale – römischer Burgus
159. – Hampel und Höglinger 2014, Abb. 20. und mittelalterliche Wallfahrtskirche.
70 Leitz o. J., 92, Abb. 110. – Menghin 1990, Taf. 99 Fries 2015a, 284–285, Abb. 4.
8; Taf. 26. – Tovornik 1996, 53–54, Abb. 3. 100 Zajic 2008, Katnr. 18.
71 Reiß 1994, Taf. 48/A7. 101 Lanc 1983, 194.
72 Menghin 1988, Abb. 65. – Menghin 1990, Taf. 33/unten. 102 Siehe das Kapitel Anthropologischer Befund zu
73 Langobarden 2008, 251–253. den Gräbern bei der Filialkirche St. Johann.
74 Tejral 1988, Abb. 3/6–7. 103 Siehe das Kapitel Anthropologischer Befund zu
75 Tejral 1990, 32–33, Abb. 17–18. den Gräbern bei der Filialkirche St. Johann.
76 Blažek 1997, 12; Abb. 1/6; Abb. 2/1. 104 Siehe das Kapitel Anthropologischer Befund zu
77 Schmid 2017, 137–138; Taf. 287-6/360. den Gräbern bei der Filialkirche St. Johann.
78 Menghin 1990, Taf. 33/oben. 105 Childs 2007, 81.
79 Grünewald 1979, 81–82; Taf. 88. 106 Kreitner 1999, 419, 430, Abb. 508.
80 Friesinger und Kerchler 1981, Abb. 46/7. 107 Farka 2000, Katnr. 28.15.
81 Tejral 1990, Abb. 1–18. 108 Farka 2000, Katnr. 28.46, 28.64. – Weitere
82 Vgl. Friesinger und Kerchler 1981, Abb. 15–25; Vergleichsexemplare ebd., 296–309.
Friesinger 1984, Abb. 12/4; Tovornik 1996, Abb. 5. 109 Farka 2000, 292. – Walser 2009, 118–121.
83 Tejral 1990, Abb. 4–18. 110 Farka 2000, 292. – Walser 2009, 118–121.
84 Kovárník 1997, 45–48, Abb. 2/6–8. 111 Farka 2000, 292; Katnr. 28.4, 28.09.
85 Friesinger und Adler 1979, 38–39, Abb. 112 Liotard 1746.
3–4. – Langobarden 2008, 268, 271. 113 Walser 2009, 102. – Krabath 2001, 201–
86 Siehe zu dieser Problematik auch: 204. – Reitmaier 2007, 241.
Preinfalk u. a. 2013, 38–45.
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131

KARIN WILTSCHKE-SCHROTTA

ANTHROPOLOGISCHER BEFUND
ZU DEN GRÄBERN
BEI DER FILIALKIRCHE ST. JOHANN
Die menschlichen Überreste aus der Gra- Femurschaft sind robuster ausgebildet;
bung bei der Filialkirche St. Johann wur- Frau.
den der Anthropologischen Abteilung des
Naturhistorischen Museums Wien zur Sterbealtersbestimmung: Die Zahnabrasion
wissenschaftlichen Befundung übergeben. entspricht nach Brothwell 1981 einem Ster-
Die Skelette stammen aus Grab 1, Grab 2 bealter von 45 bis 50 Jahren; die Oberfläche
und Grab 3 (Archäologische Nutzungsphase der Facies symphysealis deutet ebenfalls
5) sowie Grab 4 (Archäologische Nutzungs- ein fortgeschrittenes Alter von 45 bis 50 Jah-
phase 3).1 Nach der Reinigung der Skelette ren an. Die Schädelnähte sind endocranial
(Horst Kitzmüller) wurden diese im Zuge verschlossen, ectokranial noch sichtbar.
eines osteologischen Praktikums nach Alles zusammen lässt auf ein Sterbealter in
den gängigen Methoden anthropologisch der maturen Altersklasse zwischen dem 45.
befundet.2 und dem 50. Lebensjahr schließen.

Anmerkung: Auffällig ist ein verkürzter


Grab 1 Femurhals mit einem sehr steilen Winkel
(> als 126°); die rechte erste Zehenphalanx
Frau, 45–50 Jahre, matur. Erhalten ist ein zeigt degenerative Veränderungen. Es sind
annähernd vollständiges Skelett, welches zusätzliche, nicht zu diesem Individuum
nur teilweise Erosionsspuren an der Kno- gehörende Knochen (Talus) und Keramik-
chenoberfläche erkennen lässt. scherben vorhanden.

Stomatologischer Befund: Es liegen noch


20 Zähne im Kiefer vor, die anderen sind Grab 2
postmortal in Verlust geraten. An den Mo-
laren des Oberkiefers und des Unterkiefers Fetus, 7.–8. Fetalmonat. Erhalten ist ein fast
sind kleine Karieskavitäten zu beobach- vollständiges Skelett einer Frühgeburt; es
ten, die Zähne zeigen fortgeschrittene sind kaum Erosionsspuren vorhanden.
Zahnabrasion.
Stomatologischer Befund: Drei kleine
Geschlechtsbestimmung: Die meisten Milchzahnanlagen sind erhalten.
geschlechtsbestimmenden Merkmale
sind weiblich ausgebildet. Lediglich die Geschlechtsbestimmung: Aufgrund des
Muskelansatzstellen im Nackenbereich kindlichen Alters sind keine geschlechtsbe-
und der Processus mastoideus sowie der stimmenden Merkmale ausgeprägt.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 132

Sterbealtersbestimmung: Der Mineralisa- Grab 4


tionsgrad der Zahnanlagen und die Länge
der Diaphysen (Humerus 92 mm, Femur 57 Mann, 40–60 Jahre, matur. Erhalten ist ein
mm, Radius 37 mm, Ulna 42 mm, Tibia 48 annähernd vollständiges Skelett, die Unter-
mm, Fibula 46 mm) deuten auf ein Sterbe- schenkelknochen (die unter einer Mauer
alter zwischen 7,5 und 8,5 Lunarmonaten lagen) fehlen. Die Schädelbasis und der
hin. Gesichtsschädel sind beschädigt, die Kno-
chenoberfläche kaum bis leicht erodiert.
Anmerkung: Das Skelett lag in einer leich-
ten Hockerstellung im Grab. Stomatologischer Befund: Es sind 22 Zäh-
ne erhalten, die in den Alveolen stecken;
teilweise sind Zähne postmortal in Verlust
Grab 3 geraten. Der rechte zweite untere Mahl-
zahn ist schon zu Lebzeiten ausgefallen,
Mann, älter als 60 Jahre, senilis. Erhalten die Alveole ist verheilt. Eine Karieskavität
ist ein – abgesehen von dem Bereich unter- ist am linken ersten oberen Mahlzahn
halb des Beckens – annähernd vollständiges vorhanden. Deutliche Zahnsteinauflage-
Skelett. Die Knochenoberfläche ist deutlich rungen sind zu sehen. Die Zähne zeigen
erodiert. einen fortgeschrittenen Abrasionsgrad mit
Sekundärdentinbildung.
Stomatologischer Befund: Sämtliche Zähne
sind bereits intra vitam ausgefallen und Geschlechtsbestimmung: Mit Ausnahme
die Alveolen dementsprechend zurückge- der Facies auricularis und der Ausprägung
bildet (Greisenspange); ein abgebroche- der Glabella sind alle geschlechtsbestim-
ner Eckzahn lag verlagert in der linken menden Merkmale männlich ausgeprägt.
Gaumendachhälfte.
Sterbealtersbestimmung: Die fortgeschritte-
Geschlechtsbestimmung: Die geschlechts- ne Zahnabrasion, die Ausprägungen an der
bestimmenden Merkmale sind alle männ- Facies symphysealis und der vollständige
lich ausgeprägt. endokraniale Nahtverschluss lassen auf ein
älteres Individuum schließen. Die sichtba-
Sterbealtersbestimmung: Der vollständige ren ectokranialen Schädelnähte, die kaum
Zahnverlust, die sowohl endo- als auch vorhandenen degenerativen Veränderun-
ectokranial weitgehend verschlossenen gen an den Gelenken und die Robustheit
Schädelnähte und die stark umgebaute der Knochen schränken das Sterbealter auf
Facies symphysealis lassen auf ein älteres eine mature Altersklasse zwischen dem 40.
Sterbealter schließen. Die degenerativen und dem 60. Lebensjahr ein.
Gelenksveränderungen unterstreichen die
Sterbealtersschätzung von über 60 Jahren. Anmerkungen: Am rechten Os parietale
ist ein kleines Osteom ausgebildet. Klei-
Anmerkungen: Am Schädeldach, im Bereich ne Nahtknochen sind in der Lambdanaht
des Bregma, ist eine kreisrunde Delle zu erkennbar. Auffällig ist auch eine Verknö-
erkennen, die möglicherweise von einem cherung der Lendenwirbel L2 bis L4, wobei
stumpfen Trauma stammt. An zwei rech- nur die Längsbänder betroffen sind, was
ten Rippen sind verheilte Frakturen zu eventuell auf eine DISH-Erkrankung schlie-
erkennen. ßen lässt.
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133 Karin Wiltschke-Schrotta: Anthropologischer Befund zu den Gräbern bei der Filialkirche St. Johann

Zusammenfassung

Bei den im Jahr 2016 geborgenen Skeletten


aus der Filialkirche St. Johann im Mauer-
thale handelt es sich um eine Frühgeburt
(Grab 2; 7.–8. Lunarmonat) und drei ältere
erwachsene Individuen. Davon war das
Individuum aus Grab 1 eine mature Frau
(45–50 Jahre), jenes aus Grab 4 ein maturer
Mann (40–60 Jahre) und jenes aus Grab 3
ein seniler Mann (älter als 60 Jahre). Die
Knochen sind durchwegs gut erhalten.

1 Siehe das Kapitel Die archäologischen


Untersuchungen im Jahr 2016.
2 Ubelaker 1978. – Ferembach u. a. 1980. – Szilvássy 1988.
– Kósa 1989. – Bruzek 2002.
– Leitung Praktikum:
Karin Wiltschke-Schrotta, Margit Berner;
Teilnehmer und Teilnehmerinnen: Viktoria
Baric, Stefanie Hofer, Sabina Kirnbauer, Michael
Muthsam, Victoria Oberreiter, Daniel Orth, Sonja
Ramauf, Florian Stampfer, Nina Tuschill.
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YBBS AN DER DONAU


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125 (Doppelseite)
Ybbs an der Donau.
Stadtansicht. Die
durchgehende
Gebäudefront schließt
die Stadt Richtung
Nordosten ab. Der
Passauer Kasten ist
links von der Pfarrkirche
St. Laurentius situiert.
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137

MARTIN OBENAUS, GÁBOR TARCSAY UND MICHAELA ZORKO

DER PASSAUER KASTEN IN YBBS


UND SEIN UMFELD VON DER
FRÜHGESCHICHTE BIS ZUR NEUZEIT
Der sogenannte »Passauer Kasten«, der im den zur Donau gewandten, nordöstlichen
Zentrum der hier vorgestellten bauhistori- Abschluss eines heterogenen Gebäudekom-
schen und archäologischen Untersuchun- plexes (Hauptplatz Nr. 8, Kirchenplatz Nr. 2,
gen der Jahre 2014 bis 2016 stand, befindet Donaulände Nr. 7), welcher im Nordwesten
sich in der Mitte der zur Donau orientierten an den Kirchenplatz und im Südwesten an
Stadtfront von Ybbs an der Donau (Gst. Nr. den Marktplatz anschließt. Zur Donaulände
.10/1, .115; KG Ybbs, SG Ybbs an der Donau, ist auch die Schauseite des spätromanisch-
VB Melk, Niederösterreich) und hebt sich frühgotischen, zweigeschoßigen Saalbaues
– neben der im Nordwesten angrenzenden gerichtet, der in die erste Hälfte des 13. Jahr-
Pfarrkirche St. Laurentius – durch seine hunderts (um 1220/1230) datiert wird.
architektonische Gestaltung und die aus
der Häuserflucht des Bauensembles ragen- Eine frühe Nennung der Region Ybbs er-
de Position hervor. Gleichzeitig bildet er scheint in einer Schenkung Ludwigs des

126
Ybbs an der Donau.
Ausschnitt der
Stadtansicht mit
dem zur Donaulände
gewandten
Bauensemble. Im
linken Bildabschnitt
der Passauer Kasten,
anschließend die
erhöht auf einem
Geländeplateau
liegende Pfarrkirche
St. Laurentius und die
Reste der St.-Michaels-
Kapelle (rechts).
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 138

Deutschen an das Erzbistum Salzburg aus Am gegenüberliegenden Donauufer ist mit


dem Jahr 837 (»[…] quoddam territorium in Persenbeug (ab 863 »Biugin«, später »Persin-
Sclauinia in loco nuncupante Ipusa juxta piugun« und 1067 »Bersinbvge«) ebenfalls
Ipusa flumen […]«). Bereits zuvor ist die Tä- ein frühmittelalterlicher bis frühhoch-
tigkeit Salzburgs unter Erzbischof Adalram mittelalterlicher hochherrschaftlicher
(831–836) überliefert, der am Unterlauf der Burgenstandort bezeichnet, der bis 1045
Ybbs eine Kirche errichten ließ. Der Bau im Besitz der Grafen von Ebersberg war,
wird mit den archäologisch erschlossenen die bereits früh auch im Raum nördlich
Strukturen unter der Pfarrkirche hl. Rupert der Donau kolonisatorisch tätig waren.11
in Winklarn (Schafferfeld) identifiziert.1 Dieser Standort wird auch häufig mit der
Ybbsburg gemeinsam genannt. Nach dem
Den ehemaligen Standort der Burg veror- Aussterben der Ebersberger in männlicher
ten die meisten Autoren im Bereich des Linie fiel der Besitz an das salische Kö-
Plateaus um die heutige Stadtpfarrkirche nigshaus und kam danach in landesfürst-
St. Laurentius und setzen ihn in der Regel lichen (babenbergischen) Besitz.12 Über
auch mit der ab 893 in den Quellen evi- den exakten Zeitpunkt des Besitzwechsels
denten »Eporespurh« gleich2, wofür derzeit schweigen die schriftlichen Quellen, dem
allerdings die archäologischen Quellen Fürstenbuch von Enenkel (Ende 13. Jahr-
fehlen3. Diese Burg und offensichtlich hundert) zufolge soll aber Markgraf Leo-
auch die wichtige Donaumaut wurden da- pold III. (1073–1136) seine Tochter Bertha
mals den letzten beiden Grenzgrafen der anlässlich ihrer Heirat mit dem Burggrafen
Wilhelminerfamilie wegen Untreue von Heinrich III. von Regensburg unter ande-
König Arnulf (von Kärnten) entzogen und rem mit dem Markt Ypsburg ausgestattet
an Kremsmünster geschenkt.4 Auch in der haben.13 Nach ihrem Tod soll ihr Besitz
sogenannten »Raffelstettener Zollordnung« wieder an die Hauptlinie der Babenberger
(902/903–907) erscheint »Eperæspurch« als zurückgefallen sein.14
wichtiger Zollort im Salzhandel entlang der
Donau.5 Es folgt eine Nennung von »Epa- Mit dem Herrschaftswechsel gingen wahr-
respurch« im Rahmen eines Gerichtstages scheinlich auch größere Einschnitte im
Herzog Heinrichs II. von Baiern bezüglich Siedlungsbild – der Beginn einer Urbani-
der Rechtsstellung Passaus in der Mark Le- sierung – einher; so wird in der Forschung
opolds I., die zwischen 976 und 991 datiert die Neuanlage einer »ansatzweise regel-
wird.6 mäßigen Siedlung auf halbkreisförmigem
Grundriss«15 zu Beginn des 13. Jahrhunderts
1058 wurde eine Schenkungsurkunde Kö- durch die Babenberger diskutiert. In den
nig Heinrichs IV. an das Stift St. Pölten Jahren zwischen 1239 und 1240 hielt sich
in Ybbs ausgestellt. Dieses Mal bereits in Herzog Friedrich II. über einen längeren
der Schreibweise »Ibese«7, womit mögli- Zeitraum in Ybbs auf; dies wird vor allem
cherweise auch die Stadt und nicht die durch mehrere in Ybbs unterzeichnete Ur-
Burg gemeint sein könnte. Die Ybbsburg kunden deutlich.16 Parallel dazu werden in
erscheint danach wieder als »Ibisbvrch« be- der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, kon-
ziehungsweise »Ibisibvrch« und »Ybespurch« kret in den Jahren 123217 und 124718, »Hein-
in Stiftungen Bischof Altmanns von Passau ricus de Ibês/Heinrico deb Ibs« sowie ohne
aus dem Jahr 1067 gemeinsam mit Persen- Datierung »Ulricus de Ibs«19 urkundlich
beug, wobei auch Güter der Kaiserin Agnes genannt; ihre Zuordnung zu dem näheren
miteinbezogen sind.8 Es folgen 1111 die Nen- Umfeld der Babenberger – möglicherweise
nung »Ibisiburch«9 und 1136 »Ibseburch«10. als Stadtministeriale – erscheint aufgrund
Alle letztgenannten Quellen stehen in der zeitlichen Nähe wahrscheinlich.20 Nach
Zusammenhang mit dem von Altmann dem Aussterben der Babenberger im Jahr
gestifteten Kloster St. Nikola. 1246 (mit dem Tod Friedrichs II.) und dem
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139 Martin Obenaus, Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Der Passauer Kasten in Ybbs und sein Umfeld

127
Geländemodell
der Stadt Ybbs
an der Donau. Die
unterschiedlichen
Farben und
Höhenschichten geben
die topografischen
Verhältnisse wieder.
Deutlich erkennbar sind
das erhöhte Plateau im
Westen sowie der die
Altstadt begrenzende
Graben der Stadtmauer.
Zur Donau (Richtung
Nordosten) fällt
das Gelände um
mehrere Meter ab.

Tod Ottokars II. fiel das Erbe der Babenber- dem Habsburger von Ersterem ab) dürfte in
ger den Habsburgern zu. den folgenden Jahren und Jahrzehnten – vor
allem auch dank der Zuwendung Herzog
Das gegenüber König Rudolf von Habsburg Friedrichs des Schönen – zu einer positiven
offene Verhalten der Stadt21 im Jahr 1278 Entwicklung und einem Aufstieg geführt ha-
(Ybbs wandte sich in der Auseinanderset- ben; diese Vermutung wird durch diverse an
zung zwischen König Ottokar II. 3ĜHP\VO und die Stadt verliehene Privilegien bestätigt.22
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 140

Der Kernbereich der Stadt Ybbs mit der schließlich noch der teilweise massiv
mutmaßlichen Ybbsburg an der Donau ausgeprägte, halbkreisförmige Graben der
liegt am orografisch rechten Donauufer. mittelalterlichen Stadtbefestigung.
Der Strom beschreibt hier eine deutliche
Schlinge, in deren Prallhang – rund 1,5 km
nordwestlich der Ybbsmündung – mit der Römische Spuren in und um Ybbs
Pfarrkirche, dem Kirchenplatz sowie der
vermuteten, zumindest babenbergerzeitli- Bereits seit dem frühen 16. Jahrhundert ist
chen landesfürstlichen Burg das Zentrum der Altertumswissenschaft ein Beleg für
der Altstadt liegt. die römische Präsenz in Ybbs bekannt. Es
handelt sich um den sogenannten »Dreikai-
Die ehemalige topografische Situation ist serstein« (CIL III 5670a), eine Bauinschrift
in diesem Bereich aufgrund der dichten aus dem Jahr 370 n. Chr., die einen Burgus
Bebauung und der mittelalterlichen bis nennt, der in der Regierungszeit der Kaiser
neuzeitlichen Überprägung nur mehr Valentinian, Valens und Gratian von »milites
schwer zu erahnen. Dennoch zeichnet sich auxiliares Lauriacenses« unter der Aufsicht
in diesem nordwestlichen, höher gelegenen ihres Kommandanten Leontius errichtet
Altstadtbereich einer der bezüglich des Ge- worden ist. Angeblich wurde der Stein am
ländereliefs interessantesten Punkte für ei- Donauufer bei Ybbs24 ausgegraben und laut
nen repräsentativen Wehrbau unmittelbar den Humanisten Wolfgang Lazius und Pe-
über der Donau ab. Dabei handelt es sich trus Apianus von Johannes Fuchsmagen
um den östlichsten Ausläufer des Plateaus, – einem Gefolgsmann Kaiser Maximilians
der mit seinen deutlich überhöhten Kanten I. – um 1508 nach Wien gebracht. Aufgrund
in Richtung des Stromes und der südöstli- des angegebenen Fundzeitraumes könnten
chen Altstadt nahezu einen rechten Win- die damals vorgenommenen, umfassenden
kel bildet. Auf dieser breiten ›Spornlage‹ spätgotischen Umbauarbeiten an der Pfarr-
befindet sich die heutige Stadtpfarrkirche, kirche St. Laurentius als Auffindungsanlass
während an ihrem Abhang jene Mauerzüge in Frage kommen. So wurde das Netzgewöl-
und der Passauer Kasten situiert sind, die be in dem mutmaßlich auf einen älteren Ge-
im Mittelpunkt dieses Kapitels stehen. bäudeteil zurückgehenden Chorbereich in
den Jahren zwischen 1502/150325 und 151226
Aus geologischer Sicht handelt es sich im errichtet, während jenes des Langhauses
besagten Bereich (Passauer Kasten) um erst 1521 geschlossen wurde27. Der Inschrif-
Flussablagerungen des jüngeren Holozäns, tenstein scheint bereits 1622 beim Bau des
die den jüngsten Talboden im Ybbstal bil- Jesuitenklosters verlorengegangen zu sein.
den. Ab diesem Bereich steigt das Gelände Dennoch existiert eine Abschrift, die nach
langsam in Richtung Nordwesten an. Hier, Andreas Hofeneder28 folgendermaßen zu
im Arbeitsgebiet, liegt »Älterer Schlier« übersetzen ist:
aus dem Egerium (sandiger bis toniger, ge-
schichteter Schluff) unter den holozänen »Auf heilbringenden Befehl unserer Herren,
Ablagerungen.23 der stets regierenden Kaiser Valentinianus,
Valens und Gratianus, haben diesen Burgus
Die Beschreibung als Plateau beziehungs- von den Fundamenten an bis zum äußers-
weise Spornlage soll aber nicht darüber ten Dachfirst aufgrund des Auftrags des vir
hinwegtäuschen, dass nur etwa 4,5 m bis clarissimus, des comes und Heermeisters
5 m Höhenunterschied zwischen dem heu- beider Truppenteile, Equitius sowie unter
tigen Niveau des Passauer Kastens (ca. 219 Aufsicht des Kommandanten Leontius die
m Seehöhe) und jenem der Pfarrkirche St. dessen Befehl unterstellten Auxiliarsoldaten
Laurentius (ca. 223,5–224 m Seehöhe) be- von Lauriacum im dritten Konsulat der oben
stehen. Um die gesamte Altstadt verläuft genannten Herren und Fürsten errichtet.«29
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141 Martin Obenaus, Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Der Passauer Kasten in Ybbs und sein Umfeld

Neben der Bauinschrift fanden sich in den 128


Abschrift der nicht
letzten Jahrhunderten im Stadtgebiet sowie
mehr erhaltenen
in dessen näherem Umfeld vereinzelt Arte- Bauinschrift aus Ybbs,
fakte, die der Römischen Kaiserzeit zuge- die die Errichtung
ordnet und als Hinweise für eine römische eines Burgus in
valentinianischer Zeit
Ansiedlung interpretiert werden können. In
nennt (nach Gassner
die mittlere Kaiserzeit wird das Fragment und Jilek 2005).
eines Grabreliefs datiert (200–250 n. Chr.),
das beim Heizungsbau in der Pfarrkirche im
Jahr 1971 entdeckt wurde und heute auch
dort ausgestellt ist.30 Eine Bronzestatuette,
die sich 1842 im Oberösterreichischen Lan-
desmuseum befand, gilt hingegen heute als
verschollen.31

Unter den römischen Fundobjekten sind


auch einige Zufallsfunde von Münzen zu
nennen. So wurden in der Flur Ortsried
vier Münzen des Licinius I. (308–324)
und des Valentinianus I. (364–375) beim
Hausbau gefunden.32 Aus dem Bereich der
Landesheil- und -pflegeanstalt ist eine
Prägung der Faustina Augusta (147–176) zu
nennen.33 Weiters liegen Prägungen des
Hadrian (117–138) von der Flur Klosterfeld 129
und weitere Münzen von unbekannten Ybbs an der Donau.
Fragment eines
Fundorten vor.34
römischen Grabreliefs
(200–250 n. Chr.),
Aus dem Bereich des Hauses Wiener Straße 1971 in der Pfarrkirche
Nr. 20 und jenem des Hauses Hauptplatz St. Laurentius
entdeckt und heute
Nr. 6 (Gst. Nr. 144) sind römische Ziegel- dort ausgestellt.
fragmente bekannt. Von letztgenanntem
Fundpunkt, der im unmittelbaren Umfeld
des Passauer Kastens liegt, ist auch ein Zie-
gelstempel der ersten norischen Legion Gräberfeld- und Siedlungszonen im Bereich
(FIG. IVES. LEG. I. NOR. = Figulina Ivesianae der Fluren Schleifmühl und Auhoffeld be-
Legio Prima Noricorum) erhalten.35 Für die legt, deren Datierung allerdings unklar ist.37
durch den Stempel fassbare legio Prima
Noricorum wird eine spätantike Neuaufstel- Auch unter der Filialkirche in Sarling
lung angenommen, höchstwahrscheinlich (etwa 2,5 km ostsüdöstlich von Ybbs) ist
unter Diokletian (284–305) oder Constantin ein römisches Gebäude nachgewiesen, das
I. (306–337). Zumindest Teile der Legion als Wachturm oder Heiligtum interpretiert
sind auch im Kastell Favianis/Mautern wird. Auf Letzteres könnten drei Altäre
nachgewiesen.36 vor der Kirche hinweisen, deren Fundort
allerdings unsicher ist.38 Für den Wachturm
Zusammengefasst ist also aus Ybbs ein von Neumarkt an der Ybbs (etwa 4 km
noch nicht sehr deutliches Fundspek- südwestlich von Ybbs) wurde bereits öfters
trum bekannt, das zumindest von der die Gleichsetzung mit dem in der Tabula
Zeit Hadrians bis in die Spätantike reicht. Peutingeriana genannten Ad pontem Ises
Weiters sind durch Luftbildprospektionen vorgeschlagen.39
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 142

Die bisher bekannt gewordenen römischen zur der bereits vorgeschlagenen Rekon-
Funde aus Ybbs und seiner Umgebung wer- struktionsmöglichkeit als Kastellecke45, wie
fen die Frage nach der Bedeutung dieser sie bei Lagergrundrissen im sogenannten
Gegend in der Römerzeit und möglichen Spielkartenformat (rechteckige Grundform
Namensnennungen auf. Zuletzt wurden mit abgerundeten Ecken) vorkommt, fehlen
das in der Notitia dignitatum40 genannte bislang weitere Untersuchungsergebnisse.
Adiuvense, aber auch das in der Tabula
Peutingeriana41 angeführte Ad pontem Ises Aufgrund der eher unregelmäßig-gerundet
zur Diskussion gestellt. Adiuvense wird je- bis polygonal wirkenden Form mit recht-
doch ebenso häufig mit dem Kastell Wallsee winkeliger Mauerecke im Südosten käme
gleichgesetzt, während für Ad pontem Ises aber auch ein spätantikes Kleinkastell in
auch der Wachturm bei Neumarkt an der Frage. Derartige verkleinerte Bauten zeich-
Ybbs in Frage kommt (siehe oben).42 nen sich neben rechteckigen bis quadra-
tischen Grundrissen (meist bei sogenannten
Hier stellt sich vor allem die Frage, welche Rest- beziehungsweise Binnenkastellen)
Lokalitäten überhaupt in der nur noch auch häufig durch ihre ›unkonzipiert‹ wir-
als Abschrift des 12./13. Jahrhunderts er- kende, oft massivere und vielfach deutlich
haltenen Tabula Peutingeriana43 vermerkt dem Gelände angepasste Bauweise aus46,
beziehungsweise als wichtiger Wegpunkt wodurch sie sich von älteren, strenger ge-
erachtet worden sind. Für das jüngste, über planten und größeren Kastellen abheben.
das Mittelalter bis heute tradierte Exemplar Kleinkastelle dieses Bautyps wurden neben
wird als Vorbild eine spätantike Überarbe- den turmartigen Gebäuden offensichtlich
itung auf Basis älterer Grundlagen (Itinera- synonym als Burgus bezeichnet.47 Diese Be-
rium Antonini) angenommen, da bereits der festigungen gingen mit der Verkleinerung
Name Constantinopolis verwendet wird. des fest stationierten Grenzheeres (limita-
Als Herstellungszeitraum wäre somit zum nei/riparienses) konform, mit der ab der
Beispiel das frühe 5. Jahrhundert n. Chr. constantinischen Heeresreform gerechnet
denkbar.44 wird. Diesem stand ein Bewegungsheer
(comitatenses) in wechselnden Garnisonen
Betrachtet man die von der Forschung heute gegenüber. In den nun in weit geringerem
lokalisierten und anerkannten Namen, so Ausmaß genutzten alten Lagern wurde auch
fällt auf, dass neben übergeordneten Sied- die Zivilbevölkerung untergebracht.48
lungen, Lagern und Kastellen etc. nicht
genügend Lokalitäten überbleiben würden, Falls somit die Deutung als spätantikes
um auch alle kleineren Anlagen benennen Klein-/Restkastell respektive als Lager im
zu können. Denkbar wäre somit, dass Spielkartenformat zutrifft, die in geringem
Bauwerke wie Wachtürme und Burgi gar Ausmaß auch durch umgelagertes Fundma-
keine Beachtung gefunden haben, sondern terial gestützt wird, wäre es durchaus denk-
beispielsweise nur größere Standorte mit bar, dass es sich bei Ybbs an der Donau um
etwaiger Möglichkeit einer Quartiernahme. das in der Tabula Peutingeriana genannte
und 8 Meilen von Arelape/Pöchlarn ent-
Hinsichtlich der Baubefunde im Passauer fernte Ad pontem Ises handelt. Ein Burgus im
Kasten ist derzeit ein Wachturm bezie- Sinn eines Wachturmes (wie zum Beispiel in
hungsweise Burgus in seiner klassischen Neumarkt an der Ybbs) wäre wohl in dem
Form auszuschließen. Der freigelegte Mau- Kartenwerk nicht berücksichtigt worden.
erzug der Bauphase I.1 ist – falls die postu- Nach der Messung der genannten Weg-
lierte römerzeitliche/spätantike Datierung strecke in rezenten Kartenwerken würde
zutrifft – gerundet bis polygonal ausgeführt Ybbs an der Donau ebenfalls besser ins Bild
und besitzt einen Mauerfuß mit einer Stärke passen als Neumarkt an der Ybbs. So liegt
von bis zu 2,15 m. Für eine konkrete Aussage Ersteres – trotz Unkenntnis der genauen
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143 Martin Obenaus, Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Der Passauer Kasten in Ybbs und sein Umfeld

Wegführung – etwa 12,2 km (rund 8,2 Meilen) Zieht man diese Indizien und auch die Lage
von Pöchlarn entfernt, während nach Neu- im weiter gefassten Mündungsbereich der
markt an der Ybbs zumindest eine Distanz Ybbs in die Donau in Betracht, scheint es
von rund 13,8 km (9,3 Meilen) überwunden somit durchaus plausibel, Ad pontem Ises
werden muss. Somit läge die mögliche mit Ybbs an der Donau gleichzusetzen.
Lokalisierung in dem Bereich um die heu- Spätestens im Hochmittelalter wurde der
tige Pfarrkirche St. Laurentius näher an der Standort des postulierten spätantiken
angegebenen Distanz als jene in Neumarkt. Militärbaues als Burgstandort wieder-
Auffällig dabei ist allerdings, dass beide genutzt (Ybbsburg), was möglicherweise
möglichen Lokalisierungen von Ad pontem durch eine massive, hangaufwärts ge-
Ises (»bei der Isesbrücke [Ybbsbrücke?]«) in legene Quadermauer und weitere Bauten
deutlicher Entfernung zum heutigen Verlauf (Michaelskapelle sowie der im Kern der
der Ybbs liegen. Diese Distanz beträgt bei Pfarrkirche St. Laurentius erhaltene Bau-
der Fundstelle in Neumarkt rund 1,24 km körper) belegt werden könnte.
und beim vermuteten Bereich in Ybbs etwa
1,45 km.

1 NÖUB I, Nr. 7, 92. – Zehetmayer 2007, 141–142. 24 Daneben wurde auch immer wieder Lauriacum/
2 NÖUB I, Nr. 3d, 34. Enns als Fundort der Inschrift in Betracht gezogen.
3 Kühtreiber 2017, 156–157. 25 Klaar 1961, 95.
4 NÖUB I, Nr. 3d, 34. 26 Bauinschrift über dem Triumphbogen, der
5 NÖUB I, Nr. 13, 157. das Langhaus vom Presbyterium trennt.
6 NÖUB I, Nr. 12g. 27 Klaar 1961, 95. – Dehio 2003, 2758.
7 NÖUB I, Nr. 29. 28 Ployer 2015a, 192.
8 NÖUB I, Nr. +32 und Varianten, 29 Übersetzung: Andreas Hofeneder.
408. – Kühtreiber 2017, 157. 30 Ebner und Ubl 1971, 87. – Eckhart 1976, 66, Nr. 97.
9 NÖUB II/1, 131–132. 31 Fleischer 1967, Nr. 205, 63.
10 NÖUB II/1, 135. 32 Moßler 1967, 18.
11 Obenaus 2017, 155. 33 Pink 1920/33, 29 Nr. 1.
12 Kühtreiber 2017, 156–157. – Obenaus 2017, 155–156. 34 Fundstellendatenbank der Abteilung für
13 Büttner 1985, 628. Archäologie des Bundesdenkmalamtes,
14 Deák 1982, 346. Fundplätze 14420.13 und 14420.26.
15 Reichhalter und Schicht 2007b, 392. 35 Moßler 1967, 18. – Genser 1986, 228–
16 Labuda 2008. – Zur Urkunde des Jahres 1239 siehe 231. – Zabehlicky 1989a, 122–123.
auch: Diözesanarchiv Graz-Seckau, Pfarrurkunden 36 Groh und Sedlmayer 2002, 560. – Gassner u. a.
II-4, http://monasterium.net/mom/AT-DAGS/ 2003, 310. – Hameter 2015, 24–25. – Ployer 2018, 14.
Pfarrurkunden/II-101_/charter [Zugriff: 3. 9. 2016]. 37 Fundstellendatenbank der Abteilung für
17 St. Pölten, Augustiner Chorherren (976– Archäologie des Bundesdenkmalamtes,
1668), 1232, http://monasterium.net/mom/ Fundplätze 14420.28, 14420.29 und 14420.30.
StPCanReg/1232/charter [Zugriff: 4. 12. 2017]. 38 Ployer 2015g, 193. – Ployer 2018, 119.
18 Oberösterreichisches Landesarchiv, Urkunden 39 Ployer 2015h, 191. – Ployer 2018, 60–61.
Garsten (1082–1778), 1247 III 13, http://monasterium. 40 Notitia dignitatum occ., XXXIV.40.
net/mom/AT-OOeLA/GarstenOSB/1247_ 41 Tabula Peutingeriana, segm. III.5.
III_13/charter [Zugriff: 4. 12. 2017]. 42 Ployer 2015a, 192.
19 Wiener Stadt- und Landesarchiv, Hauptarchiv – 43 Weber 2016, 23–26.
Urkunden (1177–1526) 2, http://monasterium.net/mom/ 44 Weber 2016, 37.
AT-WStLA/HAUrk/2/charter [Zugriff: 4. 12. 2017]. 45 Wie sie beispielsweise im nahe gelegenen Locus
20 Reichhalter und Schicht 2007b, 393. Felix (?)/Mauer an der Url (Steigberger 2015, 188–
21 1276 scheint Ybbs erstmals mit der 190; Ployer 2018, 58–59) sowie in Arelape/Pöchlarn
Bezeichnung »civitas« auf. Vgl. Reichhalter (Hinterwallner und Schmid 2015; Ployer 2018,
und Schicht 2007b, 393; Dehio 2003, 2754. 66), Schlögen (Ployer 2018, 22–23), Lauriacum/
22 Verleihung des Uferrechts im Jahr 1314, Verleihung Enns (Ployer 2018, 34–37) und Albing (Gugl 2015,
des Blutbanns im Jahr 1317: Dehio 2003, 2754; Labuda 178; Ployer 2018, 42–45) dokumentiert wurden.
2008. – Verleihung des Überfuhrrechts (Urfahr) im Jahr 46 Als Beispiele am norischen Limes sind die spätantiken
1319: Labuda 2008. – Bestätigung diverser Privilegien Kastelle von Boiotro/Passau und das Kleinkastell von
und des Burgfriedens innerhalb der angegebenen Stanacum (?)/Oberranna zu nennen: Moosbauer 2015,
Grenzen durch die Brüder Albrecht III. und Leopold 128–130; Ployer 2015i, 138–139; Ployer 2018, 20–21.
III. im Jahr 1377: Chmel 1838, 13–15; Labuda 2008. 47 Hock 2001, 143–144.
23 Schnabel u. a. 2002, 20, 28. 48 Fischer 2015, 35–36. – Ployer 2018, 13–15.
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145

GÁBOR TARCSAY UND MICHAELA ZORKO

BAUHISTORISCHE FORSCHUNGEN
UND BESITZGESCHICHTE
Im Anschluss an die in den Jahren 2014 bis beziehungsweise zu falsifizieren, war zuvor
2016 durchgeführten archäologischen Gra- bereits im Rahmen mehrerer Grabungs-
bungen fand 2016 – auf Initiative des Bun- kampagnen erfolgt, deren Ergebnisse im
desdenkmalamtes – eine bauhistorische Anschluss vorgestellt werden.1
Untersuchung im Bereich des sogenannten
Passauer Kastens statt. Im Fokus der Arbei-
ten stand die Erfassung und Erforschung Die Besitzgeschichte
des historischen Baubestandes sowie seiner des Passauer Kastens
Besitz- und Nutzungsgeschichte. Besondere
vom Mittelalter bis zur Neuzeit
Berücksichtigung fand dabei auch die Frage
nach möglichen römischen Siedlungsresten
im Passauer Kasten beziehungsweise sei- Die Besitzgeschichte des heute unter dem
nem näheren Umfeld. Ein erster Versuch, Namen »Passauer Kasten« bekannten Ob-
die Existenz eines römischen Burgus oder jektes wird in der einschlägigen Literatur
Kastells in Ybbs an der Donau zu verifizieren unterschiedlich dargestellt: So finden sich

130
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Ansicht der
Nordostfassade
(Hauptfassade
Richtung Donau).
Der zweigeschoßige
Saalbau grenzt
rechts direkt an
den Ostabschluss
der Pfarrkirche St.
Laurentius. Links
im Bild schließt das
Gebäude Hauptplatz
Nr. 6 an (Blick Richtung
Südwesten).
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 146

131
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Ansicht der Nordost-
und der Südostfassade.
Der Baukörper
springt aus der
Bebauungsflucht der
zur Donau gerichteten
Häuserzeile vor.
Im Hintergrund
die Pfarrkirche St.
Laurentius und die St.-
Michaels-Kapelle (Blick
Richtung Westen).

die Angaben, dass das Objekt ursprünglich aus kirchengeschichtlicher Sicht, so zeigt
als Palas der urkundlich 1073 genannten sich zudem, dass das Hochstift Passau – mit
Ibseburch errichtet2 worden ist und sich – Ausnahme des von der Forschung postu-
gemeinsam mit dem im Südwesten angren- lierten Passauer Kastens – in Ybbs an der
zenden und als Passauer Hof (Hauptplatz Donau keinen Besitz hatte. In den Urbaren
Nr. 8) interpretierten Gebäude – seit dem 13. des 13. und 14. Jahrhunderts fehlt jeglicher
Jahrhundert3 bis in das Jahr 1822 im Besitz Hinweis, der »auf einen bischöflichen Be-
des Hochstiftes Passau befunden hat. Die sitz in der Stadt schließen ließe. Lediglich
Nutzung als Keller- und Kastenamt wird im Verzeichnis der Kirchenlehen in Nieder-
dabei seit dem 13. Jahrhundert angenom- österreich wird Ybbs genannt«.6 Bei diesem
men.4 Dem steht die These gegenüber, dass predium ecclesie handelt es sich um ein Re-
das Gebäude durch das Hochstift Passau im gister niederösterreichischer Kirchenlehen,
frühen 13. Jahrhundert als repräsentativer welches die Verhältnisse um die Mitte des
Verwaltungssitz erbaut und nach einem 13. Jahrhunderts darstellt, inhaltlich aber
Bedeutungsverlust im Lauf des 13./14. Jahr- teilweise auf ein älteres Schriftstück (mög-
hunderts als Speicher adaptiert worden ist.5 licherweise aus den Jahren um 1236) zu-
Beide angeführten Varianten weisen jeden- rückgreift.7 Im Fall von Ybbs an der Donau
falls seit dem 13. Jahrhundert das Hochstift wurde die Kirche durch den Herzog (dux)
Passau als Eigentümer des Objektes aus. vergeben – er verfügte über das Patronats-
recht der Kirche –, während der Pfarrbezirk
Im Zuge der Recherchen konnte der ange- dem Passauer Bischof zugesprochen wur-
führte mögliche Besitzwechsel des Saal- de; den Zehnt des Pfarrbezirkes bezogen
baus im 13. Jahrhundert zugunsten des die Passauer Kanoniker.8 Dieser Umstand
Hochstiftes Passau nicht bestätigt werden; unterstreicht den Einfluss der Babenberger
bis dato fehlen generell eindeutige Quel- in der Stadt Ybbs im 13. Jahrhundert, der es
len, die Informationen zur frühen Besitzge- dem Hochstift unmöglich gemacht haben
schichte des Objektes liefern könnten. Be- dürfte, sich dort zu entfalten. Im Gegen-
trachtet man die historische Entwicklung satz dazu war es Passau aber möglich, im
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147 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

132
Urkunde aus dem Jahr
1445 mit vier Siegeln.
Hans Feuchter verkauft
dem »Capitel des
Tumbs zu Passau« seine
beiden in der Stadt
Ybbs gelegenen Häuser.

Umfeld der Stadt Besitzungen und Rechte Jahr 1445 aus dem Besitz von Hans Feuchter
zu erwerben.9 in jenen des Hochstiftes Passau übergegan-
gen ist, eine Interpretation, die auch mit
Die älteste für die Autoren fassbare schrift- den Erkenntnissen Martin Hofbauers13 zu
liche Quelle, welche sich auf das Objekt den Herrschafts- und Besitzverhältnissen
Donaulände Nr. 7 (Passauer Kasten) und des Hochstiftes Passau im 13. und 14. Jahr-
den zum Hauptplatz gewandten Gebäude- hundert korreliert.
abschnitt (Hauptplatz Nr. 8, Kirchenplatz
Nr. 2) bezieht, stellt eine Verkaufsurkunde Eine Bestätigung dieses Besitzwechsels
zwischen »Hans Feuchter Pfarr[er] zu Ra- findet sich auch im Vetus Urbarium (um
velspach [...] Chastn[er] zu Ybs« und dem 1510–1520) des Domkapitels zu Passau, wel-
»Capitel des Tumbs zu Passau« (dem Dom- ches neben Zehnten in »Pesenpewg« und
kapitel zu Passau) aus dem Jahr 144510 dar. In »Krantz bey Ibbs« auch ein »haws zu Ybbs an
dieser verkauft Hans Feuchter seine beiden den freithof14« gelegen anführt; ein Passauer
in der Stadt Ybbs gelegenen Häuser, welche Kasten in Ybbs an der Donau wird im Rah-
im Siedlungsgefüge beieinander »zunagst men der Urbare des Passauer Domkapitels
zwischen dem freithof und Wolfgangen des vom 12. bis 16. Jahrhundert15 nicht explizit
Purchstaler hause [...] dem hinderm hause genannt.
gelegen auf die Tunau und stösst mit ei-
nem ozth an den Thor der Kirchen [...] dem Demgegenüber muss an dieser Stelle jedoch
vorderen hause das da ligt hinaus an den auf »Hanns Soher, Bürger und Stadtschrei-
Markcht«11 zu verorten sind. Aufgrund der ber zu Ybbs und des Passauer´schen Capi-
detaillierten Lagebeschreibung erlaubt die tels Kastner zu Ybbs«16 hingewiesen werden,
Urkunde mutmaßlich eine Identifizierung welcher in einer Quelle des Jahres 1552
mit den heute zu einem Gebäudekomplex aufscheint. Diese Nennung deutet bereits
zusammengewachsenen Baukörpern12 im auf das Bestehen eines Passauer Kastens
Südosten des Kirchenplatzes. Dies würde in Ybbs an der Donau um die Mitte des
bedeuten, dass der Passauer Kasten erst im 16. Jahrhunderts hin. Aufgrund des bereits
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 148

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133 erwähnten Umstands, dass diese Bezeich- nachgewiesen werden. Neben der Nennung
Ybbs an der Donau,
nung in den Urbaren des Domkapitels aus eines Kastenhauses des Domkapitels von
Passauer Kasten.
Baualterplan des besagtem Zeitraum in Ybbs an der Donau Passau in einem Ratsprotokoll der Stadt
Erdgeschoßes. Saalbau nicht aufscheint, ist die Aussagekraft der Ybbs aus dem Jahr 160818 haben sich ein
mit spätmittelalterlicher Quelle jedoch zu hinterfragen. Im Rah- Steuerbuch des Passauer Kastenamts Ybbs
Erweiterung und den im
men der gegenständlichen Untersuchung für das Amt Struden19, welches den Zeitraum
Nordwesten liegenden
beziehungsweise konnte die Originalurkunde nicht ausfindig zwischen den Jahren 1637 und 1675/1676 er-
teilweise integrierten gemacht werden; sie lag den Autoren nur fasst, ein Zehentbuch des Domkapitels von
Mauerzügen der aus einem Regest des 19. Jahrhunderts vor. Passau über das Kastenamt zu Ybbs20 aus
Bauphasen I.1 und I.2.
Dasselbe gilt auch für die Nennung eines dem Jahr 1657 sowie ein Zehentbuch des
»Elias Wibmer, Passauischen Kastners zu passauischen Kastenamtes Ybbs21 von 1663
Stein und Ybbs und Zehentamtsverwalters (das den Getreidezehnt in und um Ybbs
zu Krems«17 im Jahr 1587. beinhaltet) erhalten. Dass es sich bei dem
Getreidespeicher – einem Passauer Kasten
Gesichert kann das Bestehen eines Passauer – um den im Fokus dieser Untersuchung
Kastenamtes in Ybbs an der Donau erst- stehenden Baukörper am »freithof« handelt,
mals ab dem Beginn des 17. Jahrhunderts kann aufgrund der bereits dargestellten
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149 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

Besitzverhältnisse des Domkapitels Passau 134


Ybbs an der
in der Stadt Ybbs sowie der Ergebnisse der
Donau, Passauer
Bauforschung – die eine Nutzung als Lager Kasten. Ansicht der
ab der frühen Neuzeit unterstützen – ange- Nordwestfassade mit
nommen werden. primären und sekundär
eingebrochenen (?)
Ausstattungs-
Aus dem 18. Jahrhundert sind das Zehent- elementen. Im Bereich
buch des passauischen Kastenamts Ybbs22 des Erdgeschoßes
wird der Mauerzug
der Jahre 1703 bis 1705, ein Rechnungsbuch
der Bauphase I.1 in
des Passauer Kastenamtes Ybbs von 173523 den Baukörper des
sowie eine Urkunde aus dem Jahr 174924, Saalbaus integriert.
welche über eine Sperre des Körnervertrie- Das bauzeitliche
Rundbogenfenster
bes informiert, überliefert.
berücksichtigt bereits
den Verlauf der
Aufgrund der kirchenpolitischen Entwick- Befestigungsmauer
lungen des 18. Jahrhunderts – 1722/1723 (Blick Richtung
Südosten).
wurde das Bistum Wien zum Erzbistum
erhoben, in weiterer Folge die Josephini-
sche Diözesanregulierung eingeführt – ver-
zichtete der Passauer Fürstbischof Joseph
Graf von Auersberg im Jahr 1784 auf alle
Bischofsrechte in Österreich. Gleichzeitig
kam es zur Erweiterung des Erzbistums
Wien, zur Verlegung des Bistums Wiener hindurch erhalten; lediglich der Abschluss
Neustadt nach St. Pölten sowie zur Grün- des Obergeschoßes zum Dachraum hin ist
dung der Diözese Linz.25 Gegen Ende des im Zuge neuzeitlicher Umbaumaßnah-
18. Jahrhunderts verlor das Hochstift Pas- men (siehe Bauphase VII) ersetzt worden.
sau – auch als Bistum – seine Bedeutung im Über die Erbauungszeit und die erste Nut-
Erzherzogtum Österreich.26 Zu Beginn des zungsphase des Saalbaus geben neben den
19. Jahrhunderts wechselte dann auch das Baubefunden im Aufgehenden auch die
Kastenamtshaus den Besitzer; 1822 wurde Grabungsergebnisse Aufschluss.29
es zunächst an den Kameralfonds und nur
wenige Jahre später – 1825 – an eine Pri- Zur primären, wandfesten Ausstattung des
vatperson, welche es in weiterer Folge als traufständig zur Donaulände orientierten
Magazin nutzte, verkauft.27 Gebäudes zählen an der nordöstlichen Fas-
sade im Erdgeschoß fünf Rundbogenfens-
ter und ein dezentrales Rundbogenportal
Der bauhistorische Befund28 (bei den Steingewänden dieser Mauer-
öffnungen handelt es sich allerdings um
Ein Saalbau am Übergang von der Ergänzungen einer Sanierungsmaßnahme
Romanik zur Gotik (Bauphase II.1) der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts)
Die Bauphase II.1 umfasst die Errichtung sowie zwei Biforien (Zwillingsfenster)
eines regelmäßigen, rechteckigen Baukör- und ein profiliertes Rundbogenportal im
pers (Außenabmessungen 10,00 × 24,80 m). Obergeschoß. Das im Erdgeschoß situierte
Dieser befand sich südlich (außerhalb) der Rundbogenportal, das auch auf dem Kup-
Befestigungsmauern der Bauphase I.1 und ferstich von Matthäus Merian 164930 darge-
nutzte diese teilweise als Unterkonstrukti- stellt ist, erlaubte seit der Errichtung des
on für seine Nordwestfassade. Bis heute hat Gebäudes einen direkten Zugang von der
sich das mittelalterliche Gebäude der Bau- Donaulände. Das historische Begehungs-
phase II.1 im Grundriss über alle Geschoße niveau im Außenbereich vor dem Passauer
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 150

Abb. 135
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Ansicht der
Nordostfassade.
Die repräsentative,
der Donaulände
zugewandte
Hauptfassade weist eine
Vielzahl von primären
Ausstattungselementen
sowie sekundär
eingebrochenen
Fensteröffnungen
auf (Blick Richtung
Südwesten).

Kasten dürfte – im Vergleich zum aktuellen Portals im Giebeldreieck – keine primären


Zustand – jedoch deutlich tiefer gelegen Architekturelemente beobachten. Ähnlich
sein.31 gestaltet sich das Bild an der ehemals der
Siedlung/Stadt32 zugewandten Südwest-
Die heute die Fassade gliedernden Recht- fassade, die infolge der Errichtung eines
eckfenster wurden sekundär eingebrochen Zubaus um die Mitte/zweite Hälfte des
und können unterschiedlichen Umbau- 15. Jahrhunderts (siehe Bauphase IV) ihre
phasen (beispielsweise Bauphase VI) zu- Funktion als Gebäudehülle verloren hat.
geordnet werden. An der Südostfassade Von ihrer primären Fassadengliederung
Abb. 136 (links)
ließen sich zum Zeitpunkt der Untersu- haben sich mit Ausnahme eines im Erd-
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten. chung – mit Ausnahme eines einfachen geschoß liegenden Portals (das die Räume
Primäres Rundbogen-
portal im Bereich der
Nordostfassade, das die
direkte Erschließung
des Saalbaus über
die Donaulände
ermöglichte. Das
Steingewände ist einer
Sanierung des Objektes
in der zweiten Hälfte
des 20. Jahrhunderts
zuzuordnen (Blick
Richtung Südwesten).

Abb. 137 (rechts)


Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Innenansicht
des primären
Rundbogenportals
in Raum 0.02.
Die Türnische ist
gleichzeitig mit dem
Saalbau entstanden, die
partielle Vermauerung
erfolgte sekundär (Blick
Richtung Nordosten).
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151 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

138 (links)
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Wandfläche in
Raum 1.04 mit
einem als Auflager
einer Balkendecke
(Tramdecke?)
interpretierten
Mauerrücksprung. Im
linken Bildabschnitt die
nach unten verlängerte
Türnische eines
Rundbogenportals
(Blick Richtung
Nordosten).
0.03 und 0.05 verbindet), welches das Ge- Wie bereits die primären Architekturdetails
bäude von der zur Siedlung – der späteren (Fenstergliederung und Portale) der zur
Stadt Ybbs – gewandten Seite erschloss, Donau gerichteten Fassade vermuten las-
sowie eines einzelnen Baubefundes in sen, verfügte das Gebäude in seiner ersten
139 (rechts)
Form einer Tür- oder Fensternische im Nutzungsphase über zwei Geschoße (Erdge- Ybbs an der Donau,
Obergeschoß keine sichtbaren Elemente schoß und 1. Obergeschoß). Die Form der die Passauer Kasten.
erhalten. Im Bereich der Nordwestfassade Geschoße trennenden Deckenkonstruktion Wandfläche in
Raum 1.05 mit
befindet sich im Erdgeschoß ein weiteres, kann angesichts fehlender respektive stark einem als Auflager
noch nicht restauriertes Rundbogenfens- überprägter Befunde nicht gesichert rekon- einer Balkendecke
ter. Zur ursprünglichen Ausstattung des struiert werden. Ein in den Räumlichkeiten (Tramdecke?)
interpretierten
Innenraums kann mutmaßlich nur ein des 1. Obergeschoßes (Raum 1.02–1.05) etwa
Mauerrücksprung (Blick
weitgehend zerstörtes Portal im Bereich auf gleicher Höhe erkennbares Auflager Richtung Nordosten).
der Zwischenmauer des 1. Obergeschoßes erlaubt jedoch die Vermutung, dass es
gezählt werden. sich um eine Nordost-Südwest gespannte

140
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Geschoßeinteilung
in der Bauphase II.1
(Nordwest-Südost
verlaufender Schnitt
durch den Saalbau).
6FKQLWW)) Der Saalbau war
ursprünglich in zwei
Geschoße geteilt.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 152

141
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Ansicht der ehemaligen
Südwestfassade des
Saalbaus, die heute die
Räume 0.03 und 0.08
trennt. Das lagerhafte
Bruchsteinmauerwerk
in der Bildmitte stellt
die Bauphase II.1 dar.
Im linken Bildabschnitt
ist ein Teil des in den
Saalbau integrierten
Mauerzuges der
Bauphase I.1 erkennbar
(Blick Richtung
Nordosten).

Balkendecke – in Form einer Tramdecke Raum (Innenmaße) im Südosten geteilt.


(?) – gehandelt hat. Die Raumhöhe des Erd- Die Raumgliederung findet sich sowohl
geschoßes betrug mindestens 3,60 m; jene im Erdgeschoß als auch im Obergeschoß
des ursprünglichen Obergeschoßes ist auf- der Bauphase II.1, wobei der nordöstliche
grund des fehlenden Raumabschlusses im Abschnitt (heute Raum 0.01, 0.02, 0.03) und
Bereich des Saales (im 2. Obergeschoß heute der südwestliche Abschnitt (Raum 0.04) des
Raum 2.01, 2.02, 2.03) nur auf Basis einzelner Erdgeschoßes zunächst durch eine beina-
Baubefunde im südöstlich anschließenden he die gesamte Raumbreite einnehmende
Raum zu erschließen und kann mit mindes- Maueröffnung (Bogenkonstruktion) ver-
tens 3,40 m angegeben werden. bunden waren.

Der Grundriss des rechteckigen Baukörpers Der Bauzustand zum Zeitpunkt der Unter-
wird durch eine massive Zwischenmauer suchungen erlaubte unter anderem eine
in einen 15,90–16,06 × 8,00 m großen Raum Beurteilung der Mauerwerksstruktur im
(Innenmaße) im Nordwesten sowie ei- Bereich der ehemaligen Südwestfassade
nen kleineren, 5,70 × 8,00–8,07 m großen (Raum 0.05, 0.08) und des Giebels (Raum
142 3.04). Die ausgeführte Versatztechnik33 ist
Ybbs an der Donau, für die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts ty-
Kirchendurchgang. pisch. Eine Betonung der Gebäudeecken in
Dokumentation im
Form von großformatigen Quadern, wie sie
Zuge der Erdarbeiten
im Jahr 1991. Die in diesem Zeitraum häufig auftritt34, kann
spätmittelalterliche im Fall des Passauer Kastens zumindest für
Stadtmauer wurde das Erdgeschoß ausgeschlossen werden35.
bereits teilweise
abgebrochen; im
Vordergrund die In der Nordostfassade des Obergeschoßes
Mauerzüge der (der Hauptfassade) hat sich ein profiliertes
Bauphasen I.1 und I.2,
Rundbogenportal erhalten, welches ur-
im Hintergrund der
Saalbau. Eine Betonung sprünglich den Zugang zu einem Balkon,
der nördlichen einer Freitreppe oder einer Altane ermög-
Gebäudeecke durch licht habe dürfte. Die Anläufe des Portals
großformatige
sind als »Hornanläufe« ausgeführt und
Mauersteine ist nicht
erkennbar (Blick konnten auch bei den Fenstergewänden
Richtung Südosten). der Biforien und den Gewänderesten des
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153 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

143
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Ansicht der
Nordostfassade mit
den im Bereich des
1. Obergeschoßes
erhaltenen primären
Ausstattungselementen
(Blick Richtung
Westen).

144 (links)
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Das erhöht liegende
Portal im Bereich
der Nordostfassade
in der Zwischenmauer des 1. Obergescho- Rundbogenportale gezählt werden und ist ermöglichte die
ßes situierten Portals beobachtet werden. eng mit dem Portal des Karners der ehema- Erschließung einer
Aufgrund der stilistischen Ausführung (in ligen Pfarrkirche St. Martin in Hainburg an Freitreppe oder eines
Balkons im Bereich
Form eines durch Wulst und Kehle profi- der Donau (Niederösterreich) – datiert in des 1. Obergeschoßes.
lierten Gewändes mit Hornanläufen nur die ersten Jahrzehnte des 13. Jahrhunderts36 Kennzeichnend für das
wenige Zentimeter über der Türschwelle – verwandt. Einen weiteren Vergleich, der Rundbogenportal sind
die Profilierung durch
sowie mit einem ohne Kämpfer zum Rund- jedoch über mehrere Gewändestufen ver-
Wulst und Kehle, die
bogen übergehenden Abschluss) kann es fügt, bieten das Nord- und das Südportal Hornanläufe sowie der
zur Gruppe der kapitell- und kämpferlosen der im Jahr 1213 gestifteten37 und in Folge kapitell- und kämpferlos
ausgeführte Übergang
zum Rundbogen (Blick
Richtung Südwesten).

145 (rechts)
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Ansicht des die
Räume 1.05 und
1.06 verbindenden
Portals. Die Gestaltung
des erhaltenen
Steingewändes (im
Zuge der Veränderung
der Türöffnung
großteils zerstört) ist
ident mit jener des
Rundbogenportals in
der Nordostfassade
(Blick Richtung
Südosten).
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 154

146 Säulen setzen sich aus einer quadratischen


Ybbs an der Donau, Plinthe, einem weit ausladenden Teller mit
Passauer Kasten.
Detail des erhaltenen
aufgesetztem Ring als Basis, einer schlan-
Hornanlaufes. Das ken Marmorsäule als Säulenschaft sowie
Steingewände ist an einem Kelchknospenkapitell zusammen.
der dem Raum 1.05
Parallelen zur Kapitell- beziehungsweise
zugewandten Seite
abgeschlagen (Blick Säulenform sind aus dem Kreuzgang der Zis-
Richtung Südosten). terzienserabtei Zwettl (Niederösterreich)39
bekannt. So finden sich unter den formen-
reichen frühgotischen Kapitellen speziell
im Bereich des Brunnenhauses40 Beispiele
für schlichte/reduzierte Knospenkapitelle,
und auch die Bildung der Arkaden durch
profilierte Spitzbögen kann hier beobachtet
werden. Die in die Jahre zwischen 1220 und
1240 datierten Kreuzgänge der Zisterzien-
neu- oder umgebauten Pfarrkirche Maria serabteien Lilienfeld41 und Heiligenkreuz
Himmelfahrt von Bad Deutsch-Altenburg38. (beide Niederösterreich)42 verfügen zwar
Der Portaltyp kann der romanischen Bau- gleichfalls über schlanke Rotmarmorsäulen
kunst zugeordnet werden und zeigt stilis- mit Knospen- und Blattkapitellen, doch ist
tisch enge Verbindungen zu Portalen des deren Aufbau mehrschichtiger respektive
12. Jahrhunderts. vielteiliger. Bis zu welchem Grad die im Ost-
trakt des um die Mitte des 13. Jahrhunderts43
Diesem Befund sind die an der Nordostfas- erbauten Dominikanerklosters in Krems
sade des Obergeschoßes noch partiell erhal- an der Donau (Niederösterreich) situierten
tenen Biforien gegenüberzustellen, welche Biforien einen Vergleich boten, kann –
anhand typologischer Aspekte dem frühgo- bedingt durch das Fehlen der Mittelsäule
tischen Formenspektrum zugewiesen wer- – heute nicht mehr eruiert werden. Die
den können. Die Biforien werden aus zwei formale Ausführung der Fensteröffnung,
spitzbogig überfangenen Fensteröffnungen das profilierte Steingewände und die far-
mit profiliertem Gewände, getrennt durch bige Gestaltung der Architekturoberfläche
147 (links)
Hainburg an der Donau, eine schlanke Mittelsäule, gebildet. Die (weiße Quadermalerei auf rotem Grund) des
Karner der ehemaligen
Pfarrkirche St. Martin.
Das Portal zeigt
deutliche Parallelen zu
den primären Portalen
des Passauer Kastens
in Ybbs an der Donau.

148 (rechts)
Bad Deutsch-Altenburg,
Pfarrkirche Maria
Himmelfahrt. Auch
dieses Portal zeigt –
trotz der Ausführung
mit mehreren
Gewändestufen – große
Ähnlichkeit zu den
primären Portalen des
Passauer Kastens in
Ybbs an der Donau.
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155 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

149 (links)
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Primäre Fensteröffnung
in Form eines Biforiums.
Kennzeichnend für das
Zwillingsfenster sind
die zwei spitzbogig
überfangenen
Öffnungen mit
profiliertem Gewände,
die durch eine
schlanke Mittelsäule
getrennt sind.

150 (rechts)
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Innenraumes erinnern jedoch markant an – mit einem nahezu exakten, jedoch nur Detail des oberen
Abschlusses der
die im Passauer Kasten befundete Situation. noch als Rekonstruktion50 erhaltenen Ver- Fensteröffnung.
Bei allen genannten Beispielen lassen sich gleichsbeispiel an. Bei der übrigen Gestal- Über der Mittelsäule
zudem – wie bei den Architekturdetails des tung der das Obergeschoß des Sommerpalas schließt ein
Kelchknospenkapitell
Passauer Kastens – profilierte Werksteine gliedernden Triforien lässt sich hingegen
(Knospen sind
mit Hornanläufen beobachten, ein Gestal- keine Übereinstimmung zu den Fenster- bereits abgebrochen)
tungselement, welches als Leitmotiv geho- befunden des Passauer Kastens von Ybbs an, darüber folgt
bener frühgotischer Baukunst gilt.44 beobachten. der Kämpfer mit
Hornanläufen.

Neben den angeführten Parallelen ist auch Der dargestellte Baubestand der Bauphase
eine Verwandtschaft mit einer Gruppe von II.1 – dazu zählt neben dem Baukörper in
Fensterformen landesfürstlicher Saalbau- Grund- und Aufriss auch die Bauplastik – ist
ten, deren Kapitelldekor den frühgotisch- mit einer Gruppe landesfürstlicher Saalbau-
französischen Typ repräsentiert45, erkenn- ten (sogenannter Hofresidenzen) in städti-
bar. Das Biforium der Babenberger Residenz schen Zentren wie Krems an der Donau51,
von Wiener Neustadt46 bietet aufgrund der Wiener Neustadt52 und Klosterneuburg53
erhaltenen Säulenkomposition wohl den
treffendsten Vergleich, wenngleich das
Kelchknospenkapitell durch den zusätz-
lichen Blattdekor von jenen des Passauer
Kastens zu unterscheiden ist. Fragmente
eines weiteren Kelchknospenkapitells mit
aufgesetzten Ahornblättern sowie Reste
eines schlanken Säulenschaftes wurden
aus Schuttschichten des 15. Jahrhunderts
im sogenannten Herzogshof in Krems an 151
der Donau geborgen.47 In beiden Fällen wur- Wiener Neustadt,
de bereits von den Bearbeitern48 die enge Biforium aus der
Propstei (heute
Beziehung zu den blattbesetzten Knos-
im Stadtmuseum
penkapitellen der »Capella Speciosa«49 in Wiener Neustadt).
Klosterneuburg herausgearbeitet. Direkt an Der Kapitelldekor
die Capella Speciosa grenzen die baulichen repräsentiert
ein Beispiel des
Reste des sogenannten Sommerpalas – ei- frühgotisch-
nes Teils der babenbergischen Herzogspfalz französischen Typs.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 156

eindeutig verwandt. Ihre Erbauungszeit Friedrich II. – findet im Baubestand des


fällt in die ersten Jahrzehnte des 13. Jahr- Passauer Kastenkomplexes jedoch keine
hunderts, als Bauherr wird bei allen Bei- Parallelen.
spielen Herzog Leopold VI. angeführt. Bei
einem detaillierten Vergleich mit den im Der nahezu vollständig erhaltene Saalbau
Bereich des Passauer Kastens erhaltenen diente in seinen ersten Nutzungsphasen
architektonischen Kleinformen werden vorwiegend repräsentativen Zwecken;
jedoch stilistische Unterschiede erkenn- wehrhafte Elemente waren nicht festzustel-
bar, wie die Gestaltung der Fenster zeigt. len. Die architektonischen Details – neben
Die Ausführung der Biforien des Passauer Elementen, die einen Rückgriff auf den
Kastens (mit den durch profilierte Spitz- romanischen Stil darstellen, finden sich
bögen überfangenen Öffnungen und den bereits auch frühgotische Formen – unter-
einfachen Knospenkapitellen der Rotmar- streichen die herausragende Bedeutung des
morsäulen) zeigt jedoch enge Analogien zu Objektes. Die für die Verwaltung, Lagerung
den architektonischen Kleinformen des und Verarbeitung von Gütern wie bei-
Kreuzgangs von Zwettl, bei dem wiederum spielsweise Getreide und Wein errichteten
von kunsthistorischer Seite54 der Einfluss Speicherbauten des 12. und 13. Jahrhunderts
Herzog Leopolds VI. auf die Baukunst eben- aus dem klösterlichen Bereich zeigen hinge-
falls betont wird. gen weder eine mit den Befunden von Ybbs
an der Donau vergleichbare Ausstattung
Da schriftliche Quellen zur Errichtung des noch die charakteristische Raumsituation.
Passauer Kastens fehlen, ist eine Datierung Es handelt sich vielmehr um gänzlich un-
ausschließlich durch Vergleichsbeispiele gegliederte Saalbauten mit einem für die
möglich, und auch über den Bauherrn wirtschaftliche Nutzung optimierten Kel-
kann bestenfalls spekuliert werden. Fasst ler- und/oder Erdgeschoß. Eine Ausnahme
man die Ergebnisse der bauhistorischen könnte der in der zweiten Hälfte des 13.
Untersuchung zusammen, so ist von ei- Jahrhunderts in Klosterneuburg errichte-
ner Errichtung des Saalbaus in der ersten te Passauer Hof darstellen; für diesen als
Hälfte des 13. Jahrhunderts auszugehen; Wohn- und Wirtschaftsgebäude genutzten
möglicherweise lässt sich die Bauzeit auf Baukörper ist eine Raumgliederung des
die Jahre 1220/1230 näher eingrenzen. Die Obergeschoßes durch eine archäologische
Architektur scheint dabei stark von der Grabungen belegt.56
›Baukunst der Babenberger‹ – vor allem
hinsichtlich der Herzog Leopold VI. zu- Die Frage nach dem Bauherrn des Passauer
geschriebenen Bauwerke – beeinflusst Kastens muss somit nach derzeitigem For-
worden zu sein. Aufgrund der Quellenlage schungsstand offen bleiben. Das Hochstift
ist es jedoch nicht möglich, eine direkte Passau kann aufgrund der Besitzgeschichte
Verbindung herzustellen; Leopold VI. be- jedoch als Erbauer ausgeschlossen werden.
fand sich – im Gegensatz zu seinem Nach- Der Übergang in den Besitz Passaus ist erst
folger Friedrich II. – nicht nachweislich für das Jahr 1445 nachgewiesen57 und eine
in Ybbs an der Donau. Friedrich II. dürfte Nutzung als Speicherbau erst ab dem späten
sich hingegen in den Jahren zwischen 1239 16. beziehungsweise frühen 17. Jahrhundert
und 1240 über einen längeren Zeitraum in (siehe Bauphase VI) belegbar.
Ybbs aufgehalten haben, wie aus mehreren
in der Stadt unterzeichneten Urkunden
hervorgeht.55 Der dem Herzog Friedrich II.
in der aktuellen Forschung zugeordnete
Bautypus – speziell die Anwendung des
Kastellschemas und die Verwendung von
Buckelquadern in Anlehnung an Kaiser
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157 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

Exkurs: Grundrisstypus Saalbau

Der Bautypus des Passauer Kastens entspricht einem Saalbau, im engeren Sinn einem
Saalgeschoßbau.58 Eine Ansprache als Palas wird aufgrund der möglichen Assoziation
des Objektes mit der im Bereich der Pfarrkirche St. Laurentius vermuteten Burganlage59
bewusst vermieden, da die Zugehörigkeit des Passauer Kastens zu einer Burg in ›klassischer‹
Form bis dato nicht geklärt ist. Architekturelemente mit wehrhaftem Charakter konnten
im Zuge der bauhistorischen Untersuchung des Objektes – wenngleich nicht überraschend
– nicht beobachtet werden.

Betrachtet man die Abmessungen60 und die Raumgliederung, so zeigt der Passauer Kasten
deutliche Parallelen zu Saalbauten des frühen 13. Jahrhunderts im städtischen Umfeld,
wie sie beispielsweise aus Krems an der Donau (Herzogshof)61 und Hainburg an der Do-
nau (Haus der Theodora)62 bekannt sind. Bis zu welchem Grad die baulichen Reste der
Babenbergerresidenz (Propstei) in Wiener Neustadt63 ein Vergleichsbeispiel darstellen,
ist aufgrund des nur partiell erhaltenen Grundrisses nicht gewiss. Die Baubefunde lassen
aber zumindest einen 6,5 × 8,6 m großen Raum64 sowie den Ansatz eines weiteren Raumes
im Südwesten der Anlage rekonstruieren.

Der »Winterpalas« in Klosterneuburg65 ist durch seine Raumteilung in zwei annähernd


gleich große Abschnitte nur bedingt vergleichbar. Dem Baukonzept der angeführten
Hofanlagen ist gemein, dass es sich um Baukomplexe ohne wehrhafte Elemente – ein
wesentliches Unterscheidungskriterium zur Burgenarchitektur – handelt, bestehend aus
einem frei stehenden Saalbau beziehungsweise einem großen Sommer- und einem klei-
neren Winterpalas in unmittelbarer Nähe eines Kapellen- oder Kirchenbaus. Der Saalbau
zeichnet sich durch seine repräsentative Gestaltung, die durch den Einsatz von aufwändig
gearbeiteten Bauplastiken betont wird, sowie das Vorhandensein einer Freitreppe oder
eines Laufganges im Bereich des Hauptgeschoßes (Obergeschoß) aus.66

Neben den genannten Analogien – dabei handelt es sich ausschließlich um landesfürstliche


(babenbergische) Besitzungen – erscheint auch ein Vergleich mit romanischen bezie-
hungsweise frühgotischen Lesehöfen interessant, da der Passauer Kasten in der jüngeren
Literatur67 als solcher interpretiert beziehungsweise bezeichnet wird.

Guts- und Lesehöfe dienten gleichermaßen als Sitz von Funktionsträgern sowie Zentren
der Verwaltungstätigkeit und als Wirtschaftsgebäude zur Lagerung und Verarbeitung des
Erntegutes – von der Weintraube bis hin zum Wein, einem bereits im Mittelalter bedeuten-
den Wirtschaftsgut. Errichtet wurden sie vorwiegend durch Klöster, aber ebenso durch den
Adel und die Landesfürsten. Ihr Vorkommen lässt sich nicht nur in den Weinbaugebieten
selbst, sondern auch in den nahe gelegenen Städten beobachten.68 Charakteristisch für
diesen Bautyp ist der zweigeschoßige Saalbau, welcher im Kellergeschoß als Lager- und
Arbeitsraum, im Obergeschoß für Wohn- und Repräsentationszwecke genutzt wurde.69
Neben den Saalbau treten diverse Nebengebäude, die den Baukomplex im Lauf der Zeit
ergänzen (etwa Toranlagen, Türme oder Umfassungsmauern). Auch das Vorkommen von
Kapellen, speziell bei Anlagen im Klosterbesitz, ist mehrfach belegt.70

Als frühes Beispiel kann unter anderem der Göttweigerhof in Stein an der Donau (Nie-
derösterreich) genannt werden. Der Baukomplex verfügt über einen ungegliederten Saal
mit Außenabmessungen von 21,2 × 8,6 m. Kunsthistorisch wird der vermutlich bereits als
Speicher konzipierte Bau in die Jahre um 1200 beziehungsweise in das 13. Jahrhundert
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 158

152
Stein an der Donau,
Göttweigerhof. Ansicht
des Saalbaus (Blick
Richtung Nordwesten).

datiert.71 Ein ähnliches Bild zeigt das stark umgebaute Granarium (Korn- und Getreide-
speicher) im Bereich des Dominikanerklosters von Krems an der Donau: Der im Nordtrakt
der Klosteranlage integrierte, ungegliederte Speicherbau72 soll im 12. Jahrhundert73 als
Passauer Kasten74 entstanden sein. Nur wenige Meter östlich schließt der Gebäudekomplex
des im 12. Jahrhundert75 beziehungsweise um 130076 errichteten Passauerhofes (heutiger
Pfarrhof) an, der Franz Biberschick zufolge aus Wohn- und Wirtschaftsgebäuden sowie
einer Hauskapelle bestand. Zu den Wohn- und Wirtschaftsgebäuden ist auch ein in einer
Länge von 37 m und einer Breite zwischen 7,75 m und 9 m errichteter Saalbau zu zählen;
die primäre Gliederung des Gebäudes sowie seine bauzeitliche Ausstattung finden bei
Biberschick keine Erwähnung.77 Ebenfalls diesem Bautypus zugehörig, jedoch nur teilweise
archäologisch erfasst ist der in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erbaute Passauer
Hof in Klosterneuburg.78 Auch hier konnte ein rechteckiger, durch »Schwibbögen« in drei
Joche79 unterteilter Saalbau (rekonstruierte Außenabmessungen 29,4 × 9,7 m) freigelegt
werden.

Die Dimensionen der vermutlich bereits bauzeitlich zur Lagerung von Wein und Getreide
genutzten Objekte sind mit jenen des Passauer Kastens von Ybbs an der Donau vergleichbar,
während die Gliederung in zwei ungleiche Raumabschnitte im Erd- und im Obergeschoß
(!) sowie die herausragenden Architekturdetails – falls nicht durch spätere Umbauten zer-
stört – bei den angeführten Beispielen der Lesehöfe keine Erwähnung finden. Eine große
Einfahrt im Erdgeschoß, die für einen Lesehof unabdingbar war, konnte wiederum am
Passauer Kasten von Ybbs an der Donau nicht beobachtet werden. Der ab 126380 urkundlich
genannte Passauer Hof (Großer Passauer Hof81 und Kleiner Passauer Hof82) in Stein an der
Donau sowie eine Reihe von weiteren Lesehöfen in Niederösterreich83 wurden aufgrund
des Baualters nicht als direkte Vergleichsbeispiele herangezogen, wenngleich diese die
bauliche Tradition hinsichtlich Grundrisstypus und Funktionalität fortzusetzen scheinen.
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159 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

153
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Baualterplan des
Erdgeschoßes. Saalbau
(Bauphase II.1) mit
'RQDXOÇQGH
dem im Südwesten
anschließenden
Nachbargebäude
Kirchenplatz Nr.
2 (Bauphase II.2),
dem im Südosten
anschließenden
Nachbargebäude
Hauptplatz Nr. 6
(Bauphase III) sowie
der Erweiterung
(Bauphase IV).

,QQHQKRI
(UGJHVFKR˜
.LUFKHQSODW]

Die Entstehung des zweiten Kirchenplatz Nr. 2 dar. Eine bauhistorische


Baukörpers im Südwesten Untersuchung dieses Abschnittes wurde bis
(Bauphase II.2) dato nicht durchgeführt.
Ebenfalls im 13. Jahrhundert, jedoch ohne
direkte stratigrafische respektive konst- Aufgrund des derzeitigen Forschungsstan-
ruktive Verbindung zum Baubestand der des erfolgt die Datierung des Objektes aus-
Bauphase II.1, erfolgte die Errichtung eines schließlich über die sichtbaren Mauerwerks-
Nordost-Südwest orientierten, rechteckigen strukturen im Erdgeschoß (Raum 0.08) des
Baukörpers auf der südwestlich des Saal- Gebäudekomplexes Passauer Kasten, also
baus angrenzenden Fläche. Im Zuge der Er- in jenem Raum, in dem auch die archäolo-
richtung dieses Objektes könnte die Fortset- gischen Grabungen stattgefunden haben.
zung einer der älteren Befestigungsmauern Die Versatztechnik kann sowohl im Auf-
(siehe Bauphase I.1 beziehungsweise I.2) in gehenden als auch im Fundamentbereich
das Erdgeschoß einbezogen beziehungs- als lagerhaft bezeichnet werden. Letzterer
weise als Substruktion genutzt worden wird aus unregelmäßigen, kleinformatigen
sein.84 Die nordöstliche Außenmauer des Bruchsteinen gebildet. Auffällig ist, dass
mutmaßlich rechteckigen Gebäudes wurde diese zum Großteil hochgestellt und bis an
im Zuge einer in die Mitte/zweite Hälfte die Wand der Baugrube versetzt wurden.
des 15. Jahrhunderts datierten Erweiterung Im Gegensatz dazu wechseln einander
(Bauphase IV) in den Baukomplex des im aufgehenden Mauerwerk Einzellagen
Passauer Kastens integriert. Heute stellen aus groß- und kleinformatigen, zum Teil
die der Bauphase II.2 zugeordneten Räum- hammerrecht bearbeiteten Mauersteinen
lichkeiten einen Teilbereich des Gebäudes ab. Ob sich der Wechsel in der Lagenhöhe
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 160

154
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Ansicht der ehemaligen
Nordostfassade des
Objektes Kirchenplatz
Nr. 2, die heute das
Nachbargebäude
von Raum 0.08
trennt. Das lagerhafte
Bruchsteinmauerwerk
stellt die Bauphase
II.2 dar; im oberen
Abschnitt wird die
Wandfläche durch das
Gewölbe der Bauphase
VI verdeckt (Blick
Richtung Südwesten).

weiter nach oben fortsetzt oder auf die (Kompartimente). Die Mauerwerksstruktur
Sockelzone beschränkt ist, kann aufgrund spricht für eine zeitliche Einordnung in die
der Befundsituation nicht beurteilt werden; erste Hälfte des 13. Jahrhunderts. Die zeit-
möglicherweise handelt es sich bereits liche Abfolge der Errichtung des Objektes
um eine Vorstufe von Ausgleichslagen der Bauphase II.2 und des Passauer Kastens

155
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Ansicht der ehemaligen
Nordostfassade des
Objektes Kirchenplatz
Nr. 2. Im Zuge der
archäologischen
Grabung wurde auch
der Fundamentbereich
freigelegt; die
unregelmäßigen
Bruchsteine wurden in
einzelnen, annähernd
horizontalen Lagen
versetzt (Blick Richtung
Südwesten).
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161 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

156
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Ansicht der ehemaligen
Nordwestfassade des
Objektes Hauptplatz
Nr. 6, die heute das
Nachbargebäude von
Raum 0.05 trennt (Blick
Richtung Südosten).

(Bauphase II.1) ist anhand der typologischen Periode mit dem heute zum Gebäude Haupt-
Merkmale nicht beurteilbar, doch spricht platz Nr. 6 zählenden nordöstlichen Trakt
die unterschiedliche Ausführung des Mau- (der Donaulände zugewandter Gebäudeab-
erwerks im Fundamentbereich sowie im schnitt) partiell bebaut. Der Baukomplex
Aufgehenden gegen eine Gleichzeitigkeit.
Diese Interpretation wird auch durch die
archäologischen Befunde bestärkt.85

Eine Rekonstruktion des Grundrisses und


der Funktion des Gebäudes ist mangels
weiterer Informationen derzeit nicht mög-
lich. Auffallend erscheint jedoch, dass man
bereits in der ersten Hälfte des 13. Jahrhun-
derts mit zwei Steingebäuden – also einer
relativ dichten Bebauung des Areals – rech-
nen muss. Ob das die Bauphase II.2 bilden-
de Objekt und der Saalbau der Bauphase II.1
zu einem einheitlichen Gebäudekomplex
(Hofanlage?) gezählt werden können, ist
derzeit nicht gesichert, erscheint aber auf- 157
grund der räumlichen und zeitlichen Nähe Ybbs an der Donau,
durchaus wahrscheinlich. Passauer Kasten. Detail
der Baufuge zwischen
der ehemaligen
Die Bebauung der südöstlich Nordwestfassade des
angrenzenden Parzelle (Bauphase III) Objektes Hauptplatz Nr.
6 und der südwestlichen
Die südöstlich an den Baukomplex anschlie-
Außenmauer des
ßende Parzelle (Gst. Nr. .114) wurde vermut- Raumes 0.05 (Blick
lich in der als Bauphase III definierten Richtung Süden).
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 162

Hauptplatz Nr. 6 war allerdings nicht Teil errichtet wurde. In welcher Form sich die
der bauhistorischen Untersuchung, weshalb Adaptierungen der Bauphase IV auch im
keine gesicherte Aussage zur Baugeschichte Bereich der südwestlich liegenden Gebäu-
des Gebäudes getroffen werden kann. detrakte (Hauptplatz Nr. 8, Kirchenplatz Nr.
2) fortgesetzt hat, ist derzeit ungewiss. Die
Die zeitliche Einordnung beruht auf den im einheitliche Gestaltung der Hoffassaden
Bereich des Erdgeschoßes der spätmittelal- sowie das von Südwesten nach Nordos-
terlichen Erweiterung des Passauer Kastens ten geführte Erschließungssystem lassen
(Bauphase IV, Mitte/zweite Hälfte 15. Jahr- aber ein übergeordnetes Konzept, welches
hundert) sichtbaren Baubefunden, welche den gesamten Baukomplex umfasste,
für eine Errichtung in der Zeit von der vermuten.
zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts bis zum
14. Jahrhundert sprechen. Als datierendes Über den nordwestlichen Abschluss der an
Element ist das Kompartimentmauerwerk den Saalbau grenzenden Erweiterung kann
mit einer Kompartimenthöhe von bis zu mangels entsprechender Befunde derzeit
0,60 m zu nennen. Der in der Mitte/zweiten nur spekuliert werden: Die heute fassbare
Hälfte des 15. Jahrhunderts erfolgte Anbau Zwischen-/Außenmauer im Nordwesten
(siehe Bauphase IV) ist deutlich durch eine gehört zum Baukörper der angrenzenden
die Gebäude trennende Baufuge nachvoll- Pfarrkirche (Bauphase V), weshalb spätes-
ziehbar; die ehemalige Außenmauer des tens zu diesem Zeitpunkt eine ältere Lö-
Objektes Hauptplatz Nr. 6 dient seitdem sung – falls ein Raumabschluss in diesem
als Zwischenmauer zum Gebäudekomplex Abschnitt überhaupt vorhanden war und
des Passauer Kastens. der Bereich nicht als Innenhof genutzt
wurde – ersetzt worden sein muss. Eine
Die Erweiterung Möglichkeit wäre, dass ein Teil der Befes-
im Spätmittelalter (Bauphase IV) tigungsmauer (wie im Bereich des Saalbaus
In der Bauphase IV erfolgte erstmals eine aus Bauphase II.1) im Zuge der Umbauar-
Erweiterung des Saalbaus, indem parallel beiten in Bauphase IV als Außenmauer
zur Südwestfassade (Bauphase II.1) ein verwendet worden ist; diese Interpretation
rechteckiger Baukörper angefügt wurde. würde aber das Bestehen derselben zum
Dieser mutmaßlich im Erd- und 1. Oberge- damaligen Zeitpunkt über die heute erhal-
schoß in zwei Räume geteilte Anbau nahm tene Höhe voraussetzen. Die archäologi-
in seiner Planung und Ausführung auf die schen Befunde, konkret die Überlagerung
bereits bestehende Bebauung im Bereich der Mauerkrone der Bauphase I.1 durch die
von Gst. Nr. .115 (Saalbau aus Bauphase II.1, Planierungsschicht SE 36/12286, bieten ei-
Gebäude aus Bauphase II.2) und Gst. Nr. nen groben Terminus ante quem. Dadurch
.114 (Objekt Hauptplatz Nr. 6, Bauphase III) kann der Zeitraum des Mauerabbruchs vor
Bezug. Im Übergang zum Nachbargebäude beziehungsweise mit dem 15./16. Jahrhun-
Hauptplatz Nr. 6 (Bauphase III) wurde die dert eingegrenzt werden und würde somit
ehemalige Außenmauer als Zwischenmau- der vorgeschlagenen Interpretation nicht
er genutzt; ein Versatz im Verlauf der Par- widersprechen.
zellengrenze um wenige Meter in Richtung
Südosten war die Folge. Die Geschoßgliederung dürfte sich – den
Indizien durch die Baubefunde folgend
Die südwestliche Außenmauer der Erwei- – an der bereits bestehenden Einteilung
terung wird im ›nördlich‹ gelegenen Ab- und Raumhöhe des Saalbaus der Bau-
schnitt von der ehemaligen Außenmauer phase II.1 orientiert haben; demnach ist
des Baukörpers der Bauphase II.2 gebildet, von einer Gliederung des Anbaus in ein
während der ›südliche‹ Abschnitt als (dem Erd- und ein Obergeschoß auszugehen.
Innenhof zugewandte) Hoffassade neu Von der primären Deckenkonstruktion
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163 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

158
Ybbs an der
Donau, Passauer
Kasten. Ansicht der
Südwestfassade,
die den zum
Innenhof gewandten
Abschluss der
spätmittelalterlichen
Erweiterung (Bauphase
IV) bildet. Die
Fassadenfläche wird
durch zwei spitzbogige
Wandöffnungen
durchbrochen (Blick
Richtung Nordosten).

haben sich im Erdgeschoß (Raum 0.05) Konstruktionsweise einer möglicherweise


punktuell bauliche Reste in Form ei- der Bauphase IV zuzuordnenden Geschoß-
nes Spitztonnengewölbes erhalten (der einteilung hin. Alternativ wäre es auch
Scheitelbereich wurde sekundär durch denkbar, dass die Befunde einer jüngeren,
eine Betondecke ersetzt). Bau- (darunter nicht weiter fassbaren Umbauphase an-
die Lage der Türen/Wandöffnungen) re- gehören und der nordwestliche Abschnitt
spektive Putzbefunde in dem heute als im Spätmittelalter als Innenhof weiterge-
1. und 2. Obergeschoß definierten Ab- nutzt beziehungsweise adaptiert worden
schnitt weisen hingegen nur indirekt auf ist. Vor beziehungsweise mit der Errich-
die zu rekonstruierende Position und tung des der Bauphase V zuzuordnenden

159
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Nordwestliche
Wandfläche in Raum
0.08. Seit den
Umbaumaßnahmen der
Bauphase V wird der
Raumabschluss durch
die Substruktion des
Kirchenchores gebildet.
Eine mögliche ältere
Außenmauer muss
spätestens zu dieser
Zeit abgebrochen
worden sein.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 164

160 Nordwestabschlusses des Gebäudes am – diesem gegenüberliegend – ein nur über


Ybbs an der Donau, Beginn des 16. Jahrhunderts muss jedoch Indizien fassbares Portal gezählt werden.
Passauer Kasten.
Südwestliche
eine bauliche Lösung mit einer Teilung des Die Wandöffnungen in Form zweier
Wandfläche in Raum Baukörpers in zwei Geschoße und einer spitzbogiger Arkaden im Bereich der Süd-
1.08 mit horizontal Nutzung als Innenraum bestanden haben. westfassade (der Siedlung zugewandte
verlaufenden Zäsuren
Seite) ermöglichten dabei den Zugang
und unterschiedlichen
Putzsystemen, die Zu den zur Bauphase IV gehörigen Ausstat- in den Baukörper. Die Erschließungs-
auf die Position einer tungselementen können neben den zwei achse wurde in weiterer Folge über den
älteren Geschoßlösung im Erdgeschoß situierten Durchgängen in diesem Abschnitt situierten Innenhof
hinweisen (Blick
auch ein sekundär in den Saalbau ein- mit einem zum Hauptplatz weiterfüh-
Richtung Südwesten).
gebrochenes Schulterbogenportal sowie renden Durchgang (Durchfahrt) gebildet.

161
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Eine von insgesamt
zwei spitzbogigen
Wandöffnungen in
Raum 0.05, welche
die Erschließung des
Gebäudekomplexes
über den Innenhof
erlaubten. Eine im
Bereich des Objektes
Hauptplatz Nr. 8
situierte, Nordost-
Südwest verlaufende
Durchfahrt ermöglichte
in weiterer Folge den
Zugang zum heutigen
Hauptplatz (Blick
Richtung Südwesten).
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165 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

Durch Adaptierungen im Gebäudeinneren


(Überarbeitung des primären Portals sowie
Einbruch eines sekundären Portals in die
ehemalige Außenmauer des Saales) war
trotz der Umbauarbeiten in Bauphase IV
die Zugangsmöglichkeit zum Saalbau (Bau-
phase II.1) weiterhin gegeben. Im ehema-
ligen 1. Obergeschoß bildet das sekundär
eingebrochene Schulterbogenportal mit
der im Südwesten liegenden Türöffnung
sowie dem direkt anschließenden Lauf-
gang ebenfalls eine Nordost-Südwest
orientierte Erschließungsachse.

Negativabdrücke zweier Gewölbejoche


an der den Raum 1.08/2.06 im Südosten
begrenzenden Wandfläche weisen zudem
darauf hin, dass die über das 1. Oberge- 162
schoß geführte Zugangssituation über eine Ybbs an der
Donau, Passauer
Gewölbekonstruktion verfügte und sich
Kasten. Sekundär
dadurch von dem im Nordosten angrenzen- eingebrochenes
den Raumabschnitt abhob. Die Ausbildung Schulterbogenportal,
eines gewölbten Flures, möglicherweise das ursprünglich den
Zugang in den Saalbau
eines Arkadenganges im 1. Obergeschoß,
der Bauphase II.1
ist anzunehmen. Dieser Befund wirft er- über die südöstlich
neut die Frage auf, ob der im Nordwesten angrenzende
angrenzende Raumabschnitt als Innenhof Erweiterung
der Bauphase IV
ausgeführt sein hätte können. ermöglichte. Heute
ist das Portal durch
Für die zeitliche Einordnung des Umbaus die das 1. und das 2.
Obergeschoß trennende
können neben der relativen Bauabfolge
Deckenkonstruktion
auch kunsthistorische Datierungen heran- geteilt (Raum
gezogen werden. Diese betreffen das im 1.08, 2.06).
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 166

des Zwickelmauerwerks – in Teilbereichen


ist der Einsatz von Ziegelfragmenten zu
konstatieren – ist eine Datierung ab dem
14. Jahrhundert87 möglich. Dank der mess-
baren Ziegelformate und Herstellungsspu-
ren kann der Zeitraum für die Errichtung
auf das 15. und frühe 16. Jahrhundert 88
eingegrenzt werden. Fasst man die Bau-
befunde zusammen, ergibt sich daher eine
zeitliche Einordnung der Bauphase IV in
das 15. Jahrhundert und die erste Hälfte des
16. Jahrhunderts.

Neben den Ausstattungselementen hat


sich im ehemaligen 1. Obergeschoß auch
großflächig ein der Bauphase IV zuzuord-
  nendes Putzsystem erhalten, dessen geglät-
tete/polierte Oberfläche als aufwändiges
Gestaltungselement zu interpretieren ist
und indirekt Rückschlüsse auf die Nutzung
des Bauwerks ermöglicht.

Der anhand der Baubefunde erarbeite-


te Zeitrahmen kann durch die Analyse
der schriftlichen Quellen mutmaßlich
noch genauer eingegrenzt werden. Kon-
kret ist eine Verkaufsurkunde aus dem
Jahr 1445 erhalten89, welche den Besitz-
wechsel zweier Gebäude (wohl mit dem
,QQHQKRI Saalbau aus Bauphase II.1 und dem zum
Hauptplatz gerichteten Nachbargebäude
2EHUJHVFKR˜ aus Bauphase II.2 zu identifizieren) in
Ybbs an der Donau an das Hochstift
Passau belegt. Die Erweiterung respek-
tive Vereinigung/Adaptierung der bis zu
diesem Zeitpunkt baulich getrennten
163 Obergeschoß erhaltene Schulterbogenpor- Gebäude dürfte die Reaktion auf den
Ybbs an der Donau, tal, die im Erdgeschoß partiell sichtbare Verkauf dieser Häuser an das Hoch-
Passauer Kasten.
Baualterplan des
Mauerwerksstruktur (Raum 0.05) sowie stift Passau gewesen sein. Die Befund-
1. Obergeschoßes die im Bereich der Architekturdetails situation und -interpretation widerspricht
(Ausschnitt). Die (Spitztonnengewölbe, Portal und Arkaden) dabei der bisherigen Forschungsmeinung,
Nordost-Südwest
versetzten Mauerziegel. Die Gestaltung dass der Saalbau (Bauphase II.1) bereits ab
verlaufende
Erschließungsachse ist des Portals, das sich durch das verstäbte dem 13./14. Jahrhundert seine Bedeutung
farblich hervorgehoben. Gewände mit dem filigran (rudimentär) verloren hat und seither als Speicher (da-
ausgeführten Schulterbogen auszeichnet, her auch der Name Passauer Kasten) durch
erlaubt eine zeitliche Einordnung in das das Hochstift Passau genutzt worden ist.90
15. Jahrhundert und die erste Hälfte des Auch nach dem Besitzwechsel im Jahr
16. Jahrhunderts, wobei der reduzierte 1445 ist eine reine Nutzung als Speicher-
Schulterbogen als Indiz für eine späte Da- bau aufgrund der teilweise aufwändigen
tierung gewertet werden könnte. Anhand Gestaltung der Architekturoberfläche in
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167 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

164 (oben)
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Südöstliche Wandfläche
in Raum 2.06 mit
Negativabdrücken
eines Gewölbes und
unterschiedlichen
Putzsystemen,
die auf eine ältere
Geschoßlösung
hinweisen (Blick
Richtung Südosten).

165 (links)
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Südöstliche Wandfläche
in Raum 2.06
(Detailaufnahme). Die
nach dem Abbruch des
Gewölbes entstandenen
Fehlstellen wurden
sekundär ausgebessert.
Der geglättete Putz
der Bauphase IV
hat sich zwischen
der ehemaligen
Deckenkonstruktion
erhalten (Blick
Richtung Südosten).

166 (rechts)
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Detail des sekundär
eingebrochenen
Schulterbogenportals
Frage zu stellen, vielmehr ist lediglich von
im Obergeschoß. Der
einer Teilnutzung als Lagerraum im Spät- Schulterbogen ist
mittelalter auszugehen. bereits stark reduziert;
dies könnte als
Hinweis für eine späte
Der Umbau der Pfarrkirche
zeitliche Einordnung
St. Laurentius (Bauphase V) gewertet werden (Blick
Der Rechteckchor der im Westen angren- Richtung Nordosten).
zenden Pfarrkirche St. Laurentius bildet
die Bauphase V des Passauer Kastens. Im
Nordwesten des Erdgeschoßes (Raum 0.08)
überlagert der Mauerabschnitt der Baupha- 167 (unten)
Ybbs an der Donau,
se V partiell die rudimentär erhaltenen Bau- Passauer Kasten.
befunde der Befestigungsmauern (Bauphase Detailaufnahme
I.1, I.2). Seine Fortsetzung im 1. und im 2. des der Bauphase
IV zugeordneten
Obergeschoß (Raum 1.08, 2.07) ist aufgrund
Putzsystems.
der erhaltenen Putzflächen nur indirekt – Charakteristisch ist die
durch die Grundrisssituation – belegbar. Der geglättete Oberfläche.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 168

'RQDXOÇQGH




,QQHQKRI
2EHUJHVFKR˜
.LUFKHQSODW]

168 Mauerzug der Bauphase V wurde an die Au- nur wenige Zentimeter großen Steinen
Ybbs an der Donau, ßenmauer des im Südwesten angrenzenden aufgefüllt. Vereinzelt zu beobachtende Zie-
Passauer Kasten.
Baualterplan des
Nachbargebäudes Kirchenplatz Nr. 2 (Bau- gelfragmente könnten auch sekundär – als
1. Obergeschoßes. phase II.2) angestellt. Die im Erdgeschoß Ausbesserung – eingesetzt worden sein. In
Saalbau (Bauphase (Raum 0.08) erkennbare relative Bauabfolge der sich heute präsentierenden Form han-
II.1) mit Erweiterung wird jedoch durch die in diesem Bereich zu delt es sich um eine Mauerwerkstechnik,
der Bauphasen IV und
V im 1. Obergeschoß. rekonstruierende Gebäudeecke des Objek- die ab dem 14. Jahrhundert regional bis in
Die Bauphase V wird tes Kirchenplatz Nr. 2 verunklärt. das 20. Jahrhundert zu beobachten ist.
durch den Umbau
der Pfarrkirche St.
Neben den angeführten Superpositionen Aufgrund des bekannten Mauerverlaufs,
Laurentius gebildet,
die gleichzeitig den erlaubt auch hier wieder die Struktur des der Grundrisssituation und der typologi-
nordwestlichen Mauerwerks eine grobe zeitliche Einord- schen Aspekte ist eine Zuordnung zum
Abschluss des Raumes nung. In diesem Fall handelt es sich um ein Kirchengebäude, konkret als Ostabschluss
1.09 darstellt.
Zwickelmauerwerk, dessen Gefüge durch des Rechteckchors, möglich. Die massive
den regellosen Versatz von mittel- bis Mauerstärke im Erdgeschoß lässt sich (wie
großformatigen Bruchsteinen geprägt ist. bereits angeführt) auf die Integration der
Die zwischen den einzelnen Mauersteinen Befestigungsmauern der Bauphasen I.1 und
liegenden Fugen wurden vorwiegend mit I.2 sowie möglicherweise eines postulierten
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169 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

169
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Nordwestliche
Wandfläche in Raum
0.08. Im unteren
rechten Bildabschnitt
ist ein Teil der
Befestigungsmauer
der Bauphase I.1 und
möglicherweise der
Bauphase I.2 erkennbar.
Die darüber sowie
links anschließende
Wandfläche stellt
die Substruktion
des spätgotischen
Kirchenchores
(Bauphase V) dar (Blick
Richtung Nordwesten).

170 (links)
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten. Eine
Turm- oder Torbaus91 zurückführen. Im 1. Kirchendurchgang und dem darüberliegen-
Nordost-Südwest
und im 2. Obergeschoß trennt die Außen-/ den Presbyterium). verlaufende Baufuge
Zwischenmauer die Erweiterung der trennt den Baukörper
Bauphase IV vom westlich angrenzenden Der Chor der Pfarrkirche St. Laurentius des Objektes
Kirchenplatz Nr. 2
Kirchengebäude (im Detail betrachtet vom wurde im Zuge von Umbauarbeiten am (Bauphase II.2) vom
Beginn des 16. Jahrhunderts errichtet be- Ostabschluss des
ziehungsweise verändert. Der genaue Zeit- Kirchengebäudes
(Bauphase V). Der
punkt der Maßnahmen wird auf Basis der
Befund wird durch
schriftlichen Quellen unterschiedlich dar- die Ausbildung einer
gestellt: Sowohl bei Hans Tietze92 als auch Gebäudeecke des
bei Adalbert Klaar93 findet sich die Angabe, Objektes Kirchenplatz
Nr. 2 in besagtem
dass »das Presbyterium vom kaiserlichen
Abschnitt verunklärt
Mautner Hans Geier von Ochsenburg«94 in (Blick Richtung Süden).
den Jahren 1502 bis 1503 ausgeführt worden
ist. Über dem Triumphbogen – der den Chor

171 (rechts)
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten
und Pfarrkirche St.
Laurentius. Der Saalbau
schließt direkt an
den Ostabschluss
des Kirchengebäudes
(rechts) an. Unterhalb
des Presbyteriums ist
ein Südwest-Nordost
orientierter Durchgang
erkennbar (Blick
Richtung Südosten).
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 170

172 Die Frage, ob im Zuge der Umbautätigkei-


Ybbs an der Donau,
ten an dem Kirchengebäude (Bauphase V)
Passauer Kasten.
Übergang zwischen der bis zu diesem Zeitpunkt bestehende
dem Baukomplex Nordwestabschluss des Passauer Kasten-
Passauer Kasten und komplexes (Bauphase IV beziehungsweise
der Pfarrkirche St.
Laurentius. Die beiden
I.1 und I.2) ersetzt worden ist, kann anhand
Baukörper grenzen der erhaltenen Befunde nicht eindeutig be-
direkt aneinander. Beim antwortet werden; die relative Bauabfolge
Passauer Kasten ist
würde diese Hypothese jedoch unterstüt-
ein rezent adaptiertes
Portal (ermöglicht zen. Parallel zur Errichtung/Überprägung
die Erschließung des der den Baukomplex des Passauer Kastens
Objektes vom westlich sowie das Kirchengebäude trennenden Au-
gelegenen Kirchenplatz)
ßen-/Zwischenmauer wurde auch ein neuer
und unterhalb des
Presbyteriums ein Zugang in das 1. Obergeschoß geschaffen.
Südwest-Nordost Das in der Nordwestecke situierte Portal er-
orientierter Durchgang laubte die direkte Erschließung des Objek-
erkennbar (Blick
Richtung Nordosten).
tes vom westlich gelegenen, der Siedlung
zugewandten Kirchenplatz.

Der Umbau zum Speicher


(Bauphase VI)
Unter dieser Bauphase wurden die Ein-
richtung einer neuen Geschoßeinteilung
zwischen dem Erdgeschoß und dem 1.
Obergeschoß sowie der Einbau einer neuen
Deckenkonstruktion zwischen dem 1. und
vom Langhaus baulich trennt – ist heute dem 2. Obergeschoß zusammengefasst.
eine Bauinschrift mit der Jahreszahl »1512« Diese Baumaßnahme dürfte die bis zu die-
dargestellt, die als Datum der Fertigstellung sem Zeitpunkt genutzte Balkendecke der
(Weihedatum) interpretiert werden könnte. Bauphase II.1 sowie die mit der Erweiterung
Das Gewölbe des Mittelschiffes wurde hin- der Bauphase IV errichteten Decken ersetzt
gegen erst 1521 geschlossen.95 haben. Von der das 2. Obergeschoß zum
Dachraum abschließenden Deckenkons-
Die Errichtung der spätgotischen Pfarr- truktion der Bauphase VI haben sich auf-
kirche erfolgte nicht als Neubau, sondern grund jüngerer Umbauten (siehe Bauphase
unter Einbeziehung älterer Baustrukturen, VII und IX) keine Holzelemente erhalten.
die sich beispielsweise aus der Romanik
im Bereich des Westturms und des Lang- Die das Erdgeschoß abschließende Decken-
hauses/Mittelschiffes erhalten haben. Die konstruktion setzt sich im Bereich des Saal-
Hypothese, dass der heutige Rechteckchor baus aus einem auf massiven Mauerpfeilern
den Baubestand eines älteren Turms der und Wandvorlagen ruhenden Ziegelgewöl-
Ybbsburg einbezieht96, konnte wegen der be (Raum 0.01, 0.02, 0.03) zusammen. Im
vorgeschriebenen Wahrung des Erschei- Zuge des Einbaus des Gewölbes erfolgte ein
nungsbildes anlässlich der bauhistorischen Wechsel in der Gewölbekonstruktion von
Untersuchung nicht überprüft werden.97 einem Kreuzgrat- zu einem Tonnengewöl-
Die im Erdgeschoß (Raum 0.08) sichtbare be mit versetzt angeordneten Stichkappen.
Mauerwerksstruktur kann anhand ihrer Dieser Wechsel resultierte mutmaßlich aus
typologischen Merkmale lediglich den der Berücksichtigung der primären Fens-
Umbaumaßnahmen am Beginn des 16. ter- und Türöffnungen sowie der durch die
Jahrhunderts zugeordnet werden. Mauerpfeiler/Wandvorlagen vorgegebenen
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171 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

173
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Deckenlösungen
von Bauphase II.1
bis Bauphase VII
(Nordwest-Südost
verlaufender Schnitt
durch den Saalbau).
Der Saalbau war ab
Bauphase VI in drei
Geschoße geteilt.

6FKQLWW))

Jochabstände. Der im Südosten angren- der Bauphase IV zu beobachten: Der durch


zende Raum 0.04 wird hingegen durch ein die Arkaden erschlossene Raum 0.05 verfügt
Nordwest-Südost gespanntes Tonnengewöl- heute über ein Kreuzgratgewölbe respek-
be abgeschlossen. Eine ähnliche Befundsi- tive Tonnengewölbe mit versetzten Stich-
tuation ist auch im Bereich der Erweiterung kappen. Der im Nordwesten des Saalbaus

174
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Das Erdgeschoß des
Saalbaus wird seit
Bauphase VI von
einem Ziegelgewölbe
überspannt. In der Mitte
des ehemaligen Einzel-
raumes tragen massive
Mauerpfeiler (rechts) die
Gewölbekonstruktion
(Blick Richtung
Nordwesten).
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 172

angrenzende Bereich (Raum 0.06, 0.07, 0.08) auch der Raumhöhe) sowie der Spannrich-
besitzt hingegen eine Südwest-Nordost ge- tung möglich. Eine ähnliche Situation ist
spannte Ziegeltonne. auch im Bereich der ehemaligen Decken-
lösung zum Dachgeschoß des Saalbaus zu
Parallel zur Deckenkonstruktion zwischen beobachten: Diese wurde am Beginn des
dem Erd- und dem 1. Obergeschoß dürfte 18. Jahrhunderts im Zuge der Bauphase VII
auch die sekundär eingezogene Decken- ersetzt.
konstruktion zwischen dem 1. und dem 2.
Obergeschoß in Form einer Balkendecke Im Rahmen der neuen Geschoßlösung
entstanden sein. Zur Konstruktionsweise wurden nachweislich auch insgesamt
im Bereich des ehemaligen Saales (Raum sechs Fensteröffnungen eingebrochen
175 1.01–1.05/2.01–2.03) kann wegen der verklei- beziehungsweise die vorhandenen Aus-
Ybbs an der Donau,
deten Deckenuntersicht sowie des im 2. stattungselemente an die neuen Gege-
Passauer Kasten.
Ausschnitt aus Obergeschoß flächig erhaltenen Bodenbe- benheiten angepasst. Zur Belichtung der
dem »Plan zur lags keine Aussage getroffen werden. In Räumlichkeiten des 1. Obergeschoßes wur-
Tieferlegung einer dem im Südosten situierten Raum und den beispielsweise an der Nordostfassade
Tramdecke« (1944).
Der als Abbruch
der südwestlich angrenzenden Erweite- drei Fenster eingebrochen, während die
definierte Bestand ist rung (Bauphase IV) wurde die Deckenkon- Türlaibung des Rundbogenportals nach
gelb gekennzeichnet; struktion im Zuge jüngerer Umbauten unten – im Sinn eines Lichtschachtes
dazu zählte unter
(Bauphase VIII, IX) zerstört. Aufgrund der – erweitert wurde. Im südöstlich angren-
anderem die neu-
zeitliche Balkendecke Befundsituation ist aber zumindest die zenden Raum 1.06 überarbeitete man ein
der Bauphase VI. Rekonstruktion der Position (und somit bereits bestehendes Ausstattungselement
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173 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

176
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Nordwestliche
Wandfläche des
Raumes 2.04 mit
unterschiedlichen
Kanten/Zäsuren in der
Oberflächengestaltung,
die unter anderem
durch den Abbruch
der neuzeitlichen
Deckenkonstruktion
der Bauphase VI im
Jahr 1944 verursacht
wurden (Blick Richtung
Nordwesten).

und brach zwei weitere Fensteröffnungen Gleichzeitig bietet die Bauabfolge aufgrund
ein (eine in der nordöstlichen und eine in der absolutchronologischen Datierung der
der südöstlichen Außenmauer). Im 2. Ober- Bauphase V (siehe oben) einen Terminus
geschoß des ehemaligen Saales wurde die post quem von 1502/1503 beziehungsweise
im Nordwesten gelegene Fensteröffnung 1512 für die zeitliche Einordnung der Bau-
vermutlich neu geschaffen, während es sich phase VI. Die verwendeten Ziegelformate99
bei den Ausstattungselementen in Raum liefern hingegen nur einen sehr groben
2.03 um die primäre, partiell überarbeitete Datierungsansatz, da sie sich aufgrund
Fenstergliederung handelt. Der im Südos- ihres – im Gegensatz zu den Mauerziegeln
ten angrenzende Raum 2.04 verfügte in der Bauphase IV – deutlich homogeneren
der Bauphase VI über keine eigenständige Erscheinungsbildes und anhand von Ver-
Belichtung. gleichsfunden/Befunden100 lediglich in den
Zeitraum vom 16. bis zum 19. Jahrhundert
Die im Raum 0.08 des Erdgeschoßes erkenn- einordnen lassen. Auffällig ist jedoch, dass
bare stratigrafische Beziehung zwischen der die Ziegelstärke (meist 5,0–5,4 cm) unter dem
Deckenkonstruktion der Bauphase VI und Durchschnitt der Vergleichsobjekte liegt.
den angrenzenden Bauelementen98, spe-
ziell die Bauabfolge zum nordwestlichen Als weiteres Datierungskriterium können
Raumabschluss, erlaubt eine relativchrono- einfache Putzgrate, wie sie im Bereich der
logische Einordnung nach der Bauphase V. Gewölbeflächen des Saales im Erdgeschoß

177
Ybbs an der
Donau, Passauer
Kasten. Ansicht der
Nordostfassade. Bei
feuchter Witterung
zeichnen sich
die sekundären
Durchbrüche und
ihre Ausbesserungen
deutlich vom primären
Mauerwerk des
Saalbaus ab (Blick
Richtung Südwesten).
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 174

178
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Nordöstliche
Wandfläche der Räume
1.06 und 2.04. Die
Fensteröffnungen
beziehen sich auf
die Geschoßhöhe
der Bauphase VI und
werden durch die
rezente, das 1. und
das 2. Obergeschoß
trennende
Deckenkonstruktion
der Bauphase IX
geteilt (Blick Richtung
Nordosten).

179
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Nordöstliche
Wandfläche in Raum
2.03 mit der im
nördlichen Abschnitt
liegenden, sekundär
(in Bauphase
VI) überformten
Fensteröffnung (Blick
Richtung Nordosten).
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175 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

180
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten. Das
Tonnengewölbe in
Raum 0.08 läuft stumpf
an die nordwestliche
Wandfläche an. Das
Gewölbe dürfte somit
nach der Errichtung
des nordwestlichen
Raumabschlusses
(Bauphase V)
eingezogen worden
sein (Blick Richtung
Nordwesten).

(Raum 0.01, 0.02) punktuell erhalten geblie- Verwendung der Räumlichkeiten als Lager-
ben sind, genannt werden. Ihr Vorkommen und Speicherbau (als sogenannter Kasten),
ist für den Zeitraum vom späten 15. bis zum beispielsweise für Getreide und Korn, durch
frühen 17. Jahrhundert belegt.101 Einen Ter- das Domkapitel Passau würde die Notwen-
minus ante quem liefert die Ansicht des Pas- digkeit einer größeren Nutzfläche erklären.
sauer Kastens am Kupferstich von Matthäus Aufgrund der schriftlichen Quellen lassen
Merian (1649), der bereits die neuzeitliche sich dieser Funktionswechsel und der da-
Fenstergliederung (und somit die Teilung mit mutmaßlich einhergehende Umbau des
in drei Geschoße im Zuge der Bauphase VI) Objektes auf die zweite Hälfte des 16. und
wiedergibt. Die Umbauten müssen auf Basis den Beginn des 17. Jahrhunderts eingrenzen.
der Baubefunde im Zeitraum vom frühen Das Bestehen eines »Passauischen Kastens«
16. Jahrhundert bis zur ersten Hälfte des 17. in Ybbs an der Donau ist ab der zweiten
Jahrhunderts (konkret zwischen den Jahren Hälfte des 16. Jahrhunderts zu vermuten
1512 und 1649) durchgeführt worden sein. (siehe oben, Besitzgeschichte) und ab den
Jahren 1608102 beziehungsweise 1637 durch
Die Bauphase VI, welche durch die Teilung ein erhaltenes Steuerbuch des Passauer Kas-
des ehemals zweigeschoßigen Baukom- tenamts Ybbs für das Amt Struden103 (dieses
plexes (Bauphase II.1, IV) in drei Geschoße gibt Auskunft über die Abgaben zwischen
gekennzeichnet ist, könnte als bauliche den Jahren 1637 und 1675/1676) sicher belegt.
Reaktion auf eine geänderte Nutzung Trotz der beiden mutmaßlichen urkundli-
(oder geplante Umnutzung) interpretiert chen Nennungen eines Passauer Kastners
werden. Standen in den Bauphasen II.1 bis zu Ybbs aus den Jahren 1552 und 1587 finden
V noch die Verfügbarkeit von repräsenta- sich für das 16. Jahrhundert keine Hinweise
tiven Räumlichkeiten (speziell der Saal) in den Urbaren des Domkapitels, die auf das
im Obergeschoß und Lagerräumen im Erd- Vorhandensein eines Speichers in der Stadt
geschoß im Vordergrund, so wurde nun hindeuten würden, sodass eine Errichtung
die Einteilung zugunsten einer größeren des Kastenamtes erst zu Beginn des 17. Jahr-
Nutzfläche aufgegeben. Die ausschließliche hunderts wahrscheinlich ist.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 176

181
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten. Im
Bereich des den Raum
0.02 überspannenden
Gewölbes sind entlang
der Stichkappen
applizierte Putzgrate
erkennbar (Blick
Richtung Nordwesten).

Die Identifizierung mit dem hier behan-


182
delten Objekt Donaulände Nr. 7 erfolgt
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten. Die aufgrund der rekonstruierten Besitzver-
Wandflächen des hältnisse des Domkapitels von Passau in
Raumes 2.04 weisen Ybbs an der Donau sowie der baulichen
im unteren Abschnitt
(bis zur Unterkante der
Charakteristika des Gebäudes. Neben den
zu rekonstruierenden Lagerräumen konnte im 1. Obergeschoß
Balkendecke der (Raum 1.06, 2.04) ein Raum mit großen
Bauphase VI) eine
Fensteröffnungen sowie einer über die
aufwändige Gestaltung
der Oberfläche auf folgenden Jahrhunderte hinweg aufwän-
(Blick Richtung dig ausgeführten Oberflächengestaltung
Nordwesten). dokumentiert werden. Da es sich um den
einzigen repräsentativen Raum des Objek-
tes handelt, liegt die Vermutung nahe, dass
dieser nicht für die Lagerung verwendet
worden ist, sondern als Räumlichkeit des
Kastners beziehungsweise des Kastenge-
genschreibers (eines Kontrollbeamten) zu
interpretieren ist. Ein schriftlicher Beleg
für diese Baumaßnahmen könnte sich in
183
Ybbs an der Donau,
dem Ratsprotokoll der Stadt Ybbs vom
Passauer Kasten. Detail 27. April 1611 finden: Demnach wurde »vom
der neuzeitlichen Rathe dem Passauischen Kastner Philipp
Oberflächengestaltung
Prändl verboten, für die Erbauung eines
in Raum 2.04. Im
Vergleich zu den Zimmers im Kastenhaus den ›ausswendi-
anderen Räumlichkeiten gen‹ Maurermeister Kaiser von Wieselburg
des Objektes hebt sich zu nehmen«.104 Von besonderer Bedeutung
der Raum 1.06/2.04
ist dabei die explizite Nennung des geplan-
deutlich durch seine
Gestaltung hervor (Blick ten Baues eines Zimmers im Kastenhaus,
Richtung Nordwesten). eine Maßnahme, welche sich sehr gut mit
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177 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

den Befunden im Baubestand in Überein- Bauphase zu stellen ist eine Oberflächenge-


stimmung bringen lässt. staltung mit Malereien in Kalkseccotechnik,
die in dem repräsentativ gestalteten Raum
Die bis dato in der Forschung vorherrschen- des Obergeschoßes (Raum 2.04; siehe oben)
de Annahme, es handle sich beim Passauer befundet werden konnte.108 Das Putzsystem
Kasten in Ybbs an der Donau um ein seit konnte – ohne die aufwändige Gestaltung
dem 13. Jahrhundert105 im Besitz des Dom- durch Malereien – auch im benachbarten
kapitels von Passau befindliches Gebäude, Raum 2.03 dokumentiert werden.
welches seit dieser Zeit beziehungsweise
dem 13./14. Jahrhundert106 oder gar »seit Wie bereits erwähnt, wurden die Umbau-
Jahrhunderten«107 als Kornspeicher verwen- maßnahmen – soweit ersichtlich – aus-
det worden sei, muss aufgrund der vorlie- schließlich in Ziegelmauerwerk ausgeführt,
genden Erkenntnisse revidiert werden. wobei das Format der Mauerziegel109 einen
groben Datierungsansatz zwischen dem
Die Reparaturmaßnahmen nach dem 16. und dem 18. Jahrhundert110 ergibt. Weit-
Stadtbrand von 1716 (Bauphase VII) aus exakter ist die Datierung anhand der
Die das 2. Obergeschoß und das Dachge- dendrochronologischen Untersuchung
schoß des Saalbaus trennende Deckenkon- der Decken- und Dachstuhlkonstruktion:
struktion in Form einer Nordost-Südwest Diese ergab für die verbauten Hölzer ein
gespannten Tramdecke sowie der heute Fälldatum zwischen den Jahren 1700 (ohne
noch erhaltene Dachstuhl bilden den Kern Waldkante)111 und 1715 (mit Waldkante)112.
der Bauphase VII. Vermutlich zeitgleich kam Das Ergebnis der dendrochronologischen
es zu mehreren kleinflächigen Umbaumaß- Untersuchung korreliert mit jenem der
nahmen, welche keine oder nur vereinzelte ebenfalls beprobten Pfarrkirche St. Lauren-
stratigrafische Verbindungen zueinander tius113 und spricht daher für eine Verbauung
aufweisen; so wurde beispielsweise der den der Hölzer nach dem Jahr 1715/1716. Ein
Baukörper der Bauphase I.1 im Nordwesten Vergleich mit historischen Aufzeichnun-
und Südosten abschließende Giebel erhöht. gen erlaubt den Schluss, dass es sich um
Kennzeichnend für alle Umbaumaßnahmen notwendige Reparaturmaßnahmen an Pas-
ist die ausschließliche Verwendung von sauer Kasten und Pfarrkirche St. Laurentius
Ziegeln als Baumaterial. Ebenfalls in diese infolge des verheerenden Stadtbrandes

184
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Deckenuntersicht
in Raum 2.03.
Die Balkendecke
(Tramdecke) trennt
das 2. Obergeschoß
vom Dachgeschoß;
in der Mitte der
Spannrichtung ist ein
Unterzug erkennbar
(Blick Richtung Norden).
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 178

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185 im Jahr 1716114 – bei dem neben der Kirche Die Baumaßnahmen des 19. Jahrhunderts
Ybbs an der Donau, (Bauphase VIII)
53 Häuser zerstört worden sein sollen115 –
Passauer Kasten.
Baualterplan des gehandelt hat. Die Baubefunde bestätigen Trenn- oder Zwischenwände aus Ziegel-
Dachgeschoßes eine Teilzerstörung der Pfarrkirche St. Lau- mauerwerk gliedern heute das ehemals
mit eingetragenem rentius und des Passauer Kastens. offene Raumgefüge des Baukomplexes im
Hauptgespärre.
Erdgeschoß in kleinere Abschnitte (Raum
Die unterschiedliche Gestaltung der Wand- 0.01, 0.02, 0.03); im 1. und 2. Obergeschoß
flächen im Obergeschoß (siehe Raum 2.03, konnten – mit Ausnahme der Trennwand
2.04) unterstreicht erneut die Annahme zwischen Dachboden (Raum 2.05) und Raum
einer differierenden Nutzung der Räum- 2.06 – keine vergleichbaren Umbaumaßnah-
lichkeiten. So unterstützt die malerische men beobachtet werden. Eine bauliche Ver-
Ausstattung des südöstlichen Raumes in bindung zwischen den einzelnen Einbauten
Kalkseccotechnik dessen Verwendung als ist nicht vorhanden, sodass ihre Zuordnung
Zimmer des Kastners, wohingegen die ge- zur Bauphase VIII ausschließlich anhand
ringe Anzahl an Kalktünchen im benach- der rekonstruierten Baugeschichte erfolgte.
bartem Raum die Funktion des nordwest-
lichen Gebäudeabschnittes als Lagerraum Bedingt durch fehlende absolutchronolo-
unterstreicht. gisch datierbare Befunde gibt die relative
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179 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

186
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Übersichtsaufnahme
des Raumes 3.04
mit dem barocken
Dachstuhl (dendro-
chronologisch
datiert 1715/1716)
der Bauphase VII.
Im Bildhintergrund
ein rezenter Einbau
(Wohneinheit; Blick
Richtung Nordwesten).

187
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Detail der barocken
Dachstuhlkonstruktion
mit Abbundzeichen
(Blick Richtung
Nordwesten).

Bauabfolge einen der wenigen Anhalts- in das 19. Jahrhundert spricht hingegen
punkte für die zeitliche Einordnung. Im der Umstand, dass keine Planunterlagen
Bereich des Erdgeschoßes liefert die strati- zu diesen Baumaßnahmen archiviert sind
grafische Beziehung zur Bauphase IX einen (im Gegensatz zu jenen des 20. Jahrhun-
Terminus ante quem von 1962 (Einbau von derts, die im Bauamt der Stadtgemeinde
Raumteilern für Propangasflaschen); eine Ybbs an der Donau aufliegen). Die Trenn-
Errichtung der Zwischenwände in der ers- wand zwischen den Räumen 2.05 und
ten Hälfte des 20. Jahrhunderts wäre daher 2.06 kann hingegen aufgrund der ver-
möglich. Für eine zeitliche Einordnung wendeten Ziegelformate116 (sogenanntes
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 180

188 altösterreichisches Format, belegt ab dem zum sogenannten Kameralfonds (einem


Ybbs an der Donau, 19. Jahrhundert) dieser Bauphase zugeord- Teil der kaiserlichen Kammer- beziehungs-
Passauer Kasten.
Nordöstliche
net werden. weise Finanzverwaltung) sowie der Ver-
Wandfläche des kauf des Objektes nur wenige Jahre später
Raumes 0.03. Zwischen Die baulichen Veränderungen stellen im (1825) an eine Privatperson117 ist mit den
den Mauerpfeilern der
Wesentlichen Adaptierungen des Raum- Umbaumaßnahmen nicht eindeutig zu ver-
Bauphase VI wurden
in der Bauphase VIII gefüges dar; massive Zäsuren oder ein Ab- binden, doch wäre aufgrund der zeitlichen
Zwischenwände bruch des historischen Baubestandes der Nähe der Ereignisse ein Zusammenhang
(Ziegelmauern) älteren Bauphasen I.1 bis VII konnten nicht denkbar. Die geringfügigen Änderungen im
eingestellt. Das
festgestellt werden. Der im Jahr 1822 er- Baubestand weisen – trotz des Besitzwech-
ehemals offene
Raumgefüge wurde folgte Besitzwechsel vom Hochstift Passau sels – auf ein ähnliches Nutzungskonzept
zugunsten der heute
noch bestehenden
Raumgliederung
aufgegeben (Blick
Richtung Nordosten).

189
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Sekundär eingestellte
Zwischenwand
(Ziegelmauer) der
Bauphase VIII, welche
die Räume 2.05 und
2.06 trennt (Blick
Richtung Nordwesten).
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181 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

hin; so wurde der Passauer Kasten seit 1825 Obergeschoß seit der Bauphase VI getrennt
als Magazin118 verwendet. hatte. Gleichzeitig erfolgten der Einbau ei-
ner rund 0,80 m tiefer liegenden Tramdecke
Die jüngsten Umbauten sowie – wegen der Veränderung der Raum-
(Bauphase IX) höhe – die Adaptierung der Erschließungs-
Unter Bauphase IX wurden die jüngsten, situation und der bis zu diesem Zeitpunkt
meist punktuellen Baumaßnahmen des 20. bestehenden Fensternischen. Die neue
Jahrhunderts – trotz ihrer über das gesamte Position der Decke erlaubte eine bessere
Jahrhundert verteilten Umsetzung – zusam- Nutzbarkeit des Raumes 2.04, welcher bis
mengefasst; größere Um- und Ausbauten zu diesem Zeitpunkt lediglich eine Raum-
erfolgten nicht mehr. Die zeitliche Abfolge höhe von etwa 1,40 m besessen hatte.
der einzelnen Maßnahmen ist durch die
erhaltenen Planunterlagen und Protokol- 1943/1953 wurde in die südliche Gebäudeecke
le/Verhandlungsschriften im Bauamt der im Auftrag der Firma Leopold Lauffenthaler
Stadtgemeinde Ybbs an der Donau bezie- jun. ein elektrisch betriebener Lastenaufzug
hungsweise die dendrochronologische eingebaut, der eine Verbindung des Erdge-
Altersbestimmung belegt. schoßes zum 1. und 2. Obergeschoß schuf.
Wie der Aufschrift an der Aufzugstür zu ent-
Zu den ältesten fassbaren Umbautätigkei- nehmen ist, war jedoch das Mitfahren von
ten dieser Phase zählt die Gliederung des Personen verboten (»Vorsicht – Lastenauf-
1. Obergeschoßes in Form von einfachen, zug Mitfahren Verboten! Tragkraft 350 kg«).
nicht tragenden Zwischenwänden, die den Die Nutzung des »Gebäudetraktes« als Ma-
ehemaligen Saal in einzelne Raumabschnit- gazin wird in der Verhandlungsschrift von
te (Raum 1.01/1.02, 1.03, 1.04, 1.05) teilen. Die 1953 nochmals ausdrücklich erwähnt.
dendrochronologische Altersbestimmung
der Bauhölzer119 lässt die Durchführung der Der Einbau einer Ölfeuerungsanlage im Jahr
Umbaumaßnahme in den späten 1920er- bis 1962 (Planunterlagen und Verhandlungs-
1930er-Jahren vermuten. schrift 1962) in Raum 0.03 des Erdgeschoßes
sowie die Umnutzung des Raumes 0.02 zu
Nur wenige Jahre später – 1944 – kam es im einem Öl- und Propangasflaschenlager zäh-
südöstlich gelegenen Raum des Saalbaus len zu den jüngsten Umbaumaßnahmen in
zum Abbruch jener Balkendecke (zwischen diesem Geschoß. Von dieser Nutzungsphase
Raum 1.06 und 2.04), die das 1. und das 2. haben sich im Raum 0.02 noch Reste des
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 182

190
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
»Plan zur Tieferlegung
einer Tramdecke«
aus dem Jahr 1944.
Der geplante Abbruch
der neuzeitlichen
Balkendecke (Bauphase
VI) ist gelb, die neu
geplante Tramdecke
(Bauphase IX) rot
dargestellt.

191
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten. Wand-
und Deckenfläche in
Raum 1.06. Die im Jahr
1944 eingereichten
Umbaumaßnahmen
können im heutigen
Baubestand exakt
nachverfolgt werden.
Auch die im historischen
Einreichplan
nachträglich
hinzugefügte Säule
wurde umgesetzt (Blick
Richtung Süden).
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183 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

192
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Ansicht des im Jahr
1953 errichteten,
elektrisch betriebenen
Lastenaufzugs
(Raum 0.04), der
die Räumlichkeiten
vom Erd- bis zum 2.
Obergeschoß verbindet
(Blick Richtung Süden).

›Auffangbeckens‹ für ein 200-Liter-Fass Bauphase IV, das Einziehen einer neuen Ge-
(den Tagesbehälter) in Form eines in der schoßteilung (trennt heute die Räume 1.08
Südostecke situierten Betonbeckens und und 2.06 voneinander) sowie der Einbau
eines an den Längswänden liegenden Ein- einer Kaffeeröstanlage der Firma Emmeri-
teilungssystems zur Lagerung jener Propan- cher Maschinenfabrik von Gimborn & Co.
gasflaschen, welche für die im Obergeschoß K.G. (Typ Junior LG 5) in der Südostecke
(Raum 2.06) betriebene Kaffeeröstanlage des nun als 2. Obergeschoß definierten
notwendig waren, erhalten. Niveaus (Raum 2.06). Betrieben wurde die
Kaffeeröstanlage im Passauer Kasten durch
Parallel dazu wurden auch bauliche Verän- die Firma Lauffenthaller, einen Gemischt-
derungen im Obergeschoß durchgeführt: So warenhandel. Die Verwendung der übrigen
erfolgten in der südwestlichen Erweiterung Räumlichkeiten des 2. Obergeschoßes als
(Raum 1.08, 2.06) mutmaßlich der Abbruch Lagerplatz ist auf den eingereichten Plan-
der historischen Deckenkonstruktion der unterlagen – durch den Raumstempel
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 184

193
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Südöstliche Wandfläche
in Raum 0.03. Der Wand
ist ein Rohrsystem,
das den Standort
der nicht erhaltenen
Ölfeuerungsanlage
markiert, vorgelagert
(Blick Richtung
Südosten).

194
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Wandfläche in Raum
0.02. Entlang der
Längswände ist ein
Einteilungssystem
für die Lagerung von
Propangasflaschen
situiert. Der
Raum wurde
zuletzt als Öl- und
Propangasflaschenlager
genutzt (Blick
Richtung Norden).
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185 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

– eindeutig ausgewiesen. Ob die Ausstat- Der Einbau des in der Nordwestecke situ-
tung des 1. Obergeschoßes (es haben sich ierten Stiegenhauses, welches noch heute
Einbauten erhalten, die auf einen Verkaufs- den Zugang in das 1. und das 2. Obergeschoß
raum sowie eine Wohneinheit schließen ermöglicht, sowie der partielle Ausbau des
lassen) zeitgleich mit den angeführten Dachgeschoßes als Wohnfläche erfolgten
Umbaumaßnahmen entstanden ist, kann ebenfalls in der zweiten Hälfte des 20.
nicht mit Sicherheit beantwortet werden. Jahrhunderts. Seit 1. September 1990120 wird
Ihre Datierung in die zweite Hälfte des 20. der Passauer Kasten an die Stadtgemeinde
Jahrhunderts ist aber anzunehmen. verpachtet.

1 Siehe die Kapitel Der römische Vorgängerbau 11 Wie Anm. 9. – Als »Thor der Kirchen« wird dabei
und Archäologische Untersuchungen im nicht der Westturm, sondern der den heutigen
Passauer Kasten (Schnitte 2–4). Ostabschluss des Kirchenbaus bildende Durchgang
2 Dehio 2003, 2765. – Vgl. Büttner 1985, 627; (welcher – wenn auch nicht in allen Details –
Caravias 1994, 32–34. – Eine ähnliche Auslegung Adalbert Klaar zufolge auf einem älteren Torbau
findet sich auch im Österreichischen aufbauen könnte) gedeutet: Klaar 1961, 95–96.
Städteatlas (siehe Labuda 2008). 12 Donaulände Nr. 7 (Passauer Kasten),
3 Im historischen Städteatlas wird Kirchenplatz Nr. 2 und Hauptplatz Nr. 8.
das Jahr 1222 genannt. 13 Hofbauer 2005.
4 Labuda 2008. – Büttner 1985, 627 und Caravias 14 Maidhof 1939a, 302.
1994, 37 geben ebenfalls an, dass das Gebäude im 15 Maidhof 1939a. – Maidhof 1939b.
Lauf der Zeit in den Besitz des Bistums Passau 16 Weiglsperger 1885, 83–84.
gewechselt sei, nennen jedoch keinen Zeitpunkt. 17 Weiglsperger 1878, 133.
5 Reichhalter und Schicht 2007a, 394. 18 Am 16. Dezember 1608 beschloss »der Rath von
6 Hofbauer 2005, 275. Ybbs beim Kaiser um Abstellung der Cassierung der
7 Maidhof 1933, 202–203, Anm. 1662. Salva Quardia, die das Domkapitel zu Passau für
8 Maidhof 1933, 239: »Item ecclesiam in Jbs contulit das hiesige Kastenhaus erworben« hatte, zu bitten.
dux, que iam episcopo vacat Pataviensi, et termini Vgl. Rathsprotokoll (Band 1605–1609) im Stadtarchiv
pertinent ad eundem et decime ad canonicos.« Ybbs an der Donau: Fuchs 1903, 252, Anm. 4).
9 Zu den Besitzungen im Gerichtsbezirk 19 AT-OeSTA/HHStA HS R 174.
Ybbs siehe: Hofbauer 2005, 275–279. 20 AT-OeStA/HHStA HS R 160.
10 München, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, 21 AT-OeStA/HHStA HS R 192.
Hochstift Passau, Urkunden (802–1808), 1815, 22 AT-OeStA/HHStA HS R 173.
http://monasterium.net/mom/DE-BayHStA/ 23 AT-OeStA/HHStA HS R 191.
HUPassau/1815/charter [Zugriff: 14. 9. 2016]. – Die
Verfasser danken Gerhard Floßmann herzlich für die
Unterstützung bei der Transkription der Urkunde.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 186

24 Der Bischof von Passau informiert Josef Ruprecht, 51 Herzogshof; Datierung nach Reichhalter
seinen Kastengegenschreiber zu Ybbs, über eine u. a. 2009, 256 um 1220/1230.
angekündigte Sperre des Körnervertriebes über die 52 Babenberger-Residenz (Propstei von Wiener
Donau; siehe Niederösterreichisches Landesarchiv, Neustadt); Datierung nach Schicht und
Hardegger Urkunden – Herrschaftsarchiv Seefeld, Kaltenegger 2016a, 54 um 1220/1230.
Hardegger Urk 2203, http://monasterium.net/ 53 Herzogspfalz; Datierung nach Schwarz
mom/AT-NOeLA/HA_Seefeld-HardeggerUrk/ 1998d, 312–313 zwischen 1198 und 1222.
Hardegger_Urk_2203/charter [Zugriff: 12. 11. 2017]. 54 Schwarz 2013, 140.
25 Tropper 2003, 329–339. – Hofbauer 2005, 12. 55 Labuda 2008. – Zur Urkunde des Jahres 1239 siehe
26 Hofbauer 2005, 12. auch Diözesanarchiv Graz-Seckau, Pfarrurkunden
27 Espig 1839, 43. – Labuda 2008. II-4, http://monasterium.net/mom/AT-DAGS/
28 Zu Bauphase I siehe das Kapitel Pfarrurkunden/II-101_/charter [Zugriff: 5. 9. 2016].
Der römische Vorgängerbau. 56 Koch 1999.
29 Siehe das Kapitel Archäologische Untersuchungen 57 München, Bayerisches Hauptstaatsarchiv,
im Passauer Kasten (Schnitte 2–4). Hochstift Passau, Urkunden (802–1808), 1815,
30 Merian 1649. http://monasterium.net/mom/DE-BayHStA/
31 Vgl. die aktuelle Geländesituation im HUPassau/1815/charter, [Zugriff: 5. 9. 2016].
Bereich des Durchgangs »Sandtörl« im 58 Zur uneinheitlichen Terminologie und der damit
nördlichen Abschnitt der Donaulände. verbundenen Diskussion siehe Krause und Reichhalter
32 1276 scheint Ybbs erstmals unter der 2009, 139–140 (mit weiterführender Literatur).
Bezeichnung »civitas« auf. 59 Klaar 1961, 91–98. – Caravias 1994, 28
33 Es herrschen lagerhaft versetzte, klein- bis –29, 32–34. – Dehio 2003, 2765.
mittelformatige Bruchsteine vor, wobei auch 60 Außenabmessungen Passauer Kasten:
abschnittsweise der Übergang von einer Lage zu 24,15–24,80 × 9,80–9,97 m.
zwei niedrigeren Einzellagen zu beobachten ist. 61 Außenabmessungen 10,95 × 30 (?) m (Längsseite
34 Zur Datierung von Mauerwerksstrukturen nicht vollständig erhalten); Datierung nach
in Ostösterreich: Kühtreiber 2006a. Reichhalter u. a. 2009, 256 um 1220/1230.
35 Die Fotodokumentation des Jahres 1991 (Fotoarchiv 62 Außenabmessungen 10,92 × 23,19 m (Petznek
Bundesdenkmalamt) und die heute noch 2012, D535); Datierung nach Pils und Scholz
ersichtlichen Befunde im Erdgeschoß erlauben eine 2002 erste Hälfte/Mitte 13. Jahrhundert.
Ersteinschätzung. So ist am Übergang zwischen Erd- 63 Außenabmessungen 8,30 × (?) m (Längsseite nicht
und Obergeschoß der Nordostecke ein einzelner vollständig erhalten); Datierung nach Schicht
Quaderstein erkennbar; ob eine Fortsetzung im und Kaltenegger 2016a, 54 um 1220/1230.
Obergeschoß gegeben ist, kann aufgrund des 64 Schicht und Kaltenegger 2016a, 46.
flächigen Verputzes nicht beantwortet werden. 65 Außenabmessungen 12,70 × 26 (?) m (Längsseite
36 Datierung nach Dehio 2003, 687–688: um 1220. nicht vollständig erhalten); Datierung
– Nach Pils und Scholz 2002 »[...] am ehesten nach Gröninger 2011, 81 um 1220.
noch unter Leopold VI. erbaut [...]«. 66 Schicht und Kaltenegger 2016a, 49.
37 Dehio 2003, 114. – Schwarz 2013, 200. 67 Reichhalter und Schicht 2007a, 394. –
38 Datierung der Rundbogenportale erfolgt nach Dehio Krause und Reichhalter 2009, 141.
2003, 115: um 1230. – Schwarz 2013, 201 spricht sich 68 Krause und Reichhalter 2009, 135–136. – Weitere
hingegen aufgrund der historischen Quellen für Überlegungen zu (Lese-)Höfen, speziell des
eine Datierung des Baus in das Jahr 1213 aus. Hochstiftes Passau, bei Kühtreiber 2016, 80–105.
39 Schwarz 1998a, 313: Datierung zwischen 1204 und 1227. 69 Krause und Reichhalter 2009, 137.
40 Die Errichtung des Brunnenhauses zählt zum 70 Göttweigerhof in Stein an der Donau, Passauerhof in
zweiten Bauabschnitt des Kreuzganges und Krems an der Donau, Passauerhof in Klosterneuburg;
erfolgte nach der Fertigstellung des Nordflügels; vgl. Krause und Reichhalter 2009, 137.
die Ausführung wird einem neuen Bautrupp 71 Kühnel 1983, 4. – Dehio 1990, 608.
zugeordnet: Schwarz 2013, 139–140. 72 Die heute den Baukörper gliedernden
41 Schwarz 1998b, 303–304: Baubeginn Zwischenwände dürften sekundär eingestellt
nach 1222, Vollendung vor 1230. worden sein: vgl. Kühnel 1971, Falttaf. 5; Dehio
42 Schwarz 1998c, 328–329: Baubeginn 1990, 562–564. – Die Außenabmessungen werden
nach 1226, Vollendung vor 1240. mit 31 × 10 m angegeben: Kühnel 1971, 138.
43 Die Klosteranlage entstand nach Dehio 1990, 564 73 Dehio 1990, 562–564. – Kühnel 1991.
zeitgleich mit dem Kirchenbau um 1240 bis 1265. 74 Kühnel 1971, 138. – Kühnel 1991.
44 Schicht und Kaltenegger 2016b, 92. 75 Gründung erfolgte im Jahr 1146: Biberschick 1993, 74–75.
45 Schicht und Kaltenegger 2016a, 49–50, 54. 76 Kühtreiber 2016, 101.
46 Zur Babenberger Residenz in Wiener Neustadt 77 Biberschick 1993, 74–75, 77/Abb.
siehe: Schicht und Kaltenegger 2016a, 46–54. 78 Als Errichtungszeit wird die zweite Hälfte des
47 Obenaus und Pieler 2005, 403–405. 13. Jahrhunderts angegeben: Koch 1999.
48 Obenaus und Pieler 2005, 403–405. – 79 Die Funktion der Gurtbögen wird durch eine
Schicht und Kaltenegger 2016a, 49–50. mögliche Raumgliederung im Obergeschoß
49 Zur Capella Speciosa siehe: Schwarz 2013, 96–133. erklärt (zur Lastableitung von darüberliegenden
50 Inwieweit die Rekonstruktion dem Originalbestand Zwischenwänden): Koch 1999.
entspricht, ist den Autoren nicht bekannt. 80 Dehio 1990, 602.
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187 Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Bauhistorische Forschungen und Besitzgeschichte

81 Das heutige Erscheinungsbild wird durch eine 98 Hierzu zählen der Baubestand des Saalbaus
Erweiterung der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts (Bauphase II.1), die gotische Erweiterung
geprägt, im Kern aus drei Einzelobjekten des (Bauphase IV) und die Umbauphase des
15. und 16. Jahrhunderts: Dehio 1990, 602. – angrenzenden Sakralbaus (Bauphase V).
Siehe auch Biberschick 1993, 289–291. 99 Die im Erdgeschoß der Bauphase VI zugeordneten
82 Der rechteckige Speicherbau wurde in der Ziegelgewölbe verfügen über Formate mit einer
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts errichtet hohen Schwankungsbreite (28–30 × 14,3–17,5 [?]
(bezeichnet 1573): Dehio 1990, 602. × 5,0–6,0 cm); die Stärke der Ziegel variiert meist
83 Krause und Reichhalter 2009, 124–175. zwischen 5,0 cm und 5,4 cm. Idealformate der Neuzeit
84 So konnte durch eine Teilvermessung der wären bei Mauerziegeln 27 × 13,5 × 6 cm und bei
nordöstlichen Raumsituation eine 2,10 m starke, Gewölbeziegeln 24 × 16 × 7 cm (Mitchell 2013, 66).
das Gebäude zum Kirchenplatz abschließende 100 Mitchell 2009, 223.
Außenmauer (Nordwestfassade) dokumentiert 101 Kühtreiber 2014, 333, Anm. 48.
werden. Der Verlauf und die Mauerstärke 102 Wie Anm. 18.
erlauben die Vermutung, dass es sich um die 103 AT-OeSTA/HHStA HS R 174.
Fortsetzung der Befestigungsmauer handelt. 104 Rathsprotokoll (Band 1610–1613) im Stadtarchiv
85 Siehe Archäologische Nutzungsphase 3. Ybbs an der Donau: Fuchs 1903, 252, Anm. 5.
86 Siehe Archäologische Nutzungsphase 4. 105 Labuda 2008.
87 Kühtreiber 2006a, 197, 202. 106 Reichhalter und Schicht 2007a, 394.
88 Die Ziegelformate (Arkade: 28–28,5 × ? × 4,5–4,6 107 Büttner 1985, 627. – Caravias 1994, 37.
cm, Ziegelform sehr unregelmäßig; Portal: 27– 108 Die restauratorische Untersuchung wurde von
28 × 14 × 4,5 cm, Ziegelform sehr unregelmäßig) Herwig Menner (Firma Preis & Preis) durchgeführt.
weisen aufgrund ihrer Abmessungen deutliche 109 Ziegelformat: 25,5–28 (?) × 16,4–16,8 × 5,4–6,5 cm.
Parallelen zu den in der Kremser Burg im Bereich 110 Mitchell 2009, 221, 223.
des Arkadenganges dokumentierten Ziegeln (28– 111 Probe 11a, Dachstuhl Passauer Kasten (Fichte, 1700
29 × 15 × 4,5–5 cm) auf, die nach Mitchell 2009, + min. 3 Jr., keine Waldkante, datiert mit AvnPA).
220–221 um 1448 datiert werden. Einen weiteren 112 Probe 6a, Dachstuhl Passauer Kasten (Fichte,
Vergleich bieten Befunde (Ziegelformat: 25,5– 1715, mit Waldkante, datiert mit SbHPA);
28,5 × 14–16,5 × 4–5,5 cm) in der Wehrkirche St. Probe 7a, Dachstuhl Passauer Kasten (Fichte,
Michael in der Wachau (Niederösterreich), deren 1715, mit Waldkante, datiert mit SbHPA).
Errichtung in den Zeitraum vom ausgehenden 113 Probe 20a, Dachstuhl Pfarrkirche St. Laurentius
15. Jahrhundert bis in das erste Viertel des 16. (Fichte, 1716, mit Waldkante, datiert mit AvnPA).
Jahrhunderts gestellt wird: Mitchell 2013, 66. 114 Dehio 2003, 2754.
89 München, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, 115 Labuda 2008, Anm. 65.
Hochstift Passau, Urkunden (802–1808), 1815, 116 Ziegelformat: 28,8 × 14,2–14,4 × 7–7,1 cm
http://monasterium.net/mom/DE-BayHStA/ (altösterreichisches Format). Aufgrund der
HUPassau/1815/charter [Zugriff: 5. 9. 2016]. Ziegellänge in den Zeitraum ab dem 19.
90 Caravias 1994, 37. – Reichhalter und Jahrhundert datiert: Mitchell 2009, 223.
Schicht 2007a, 394. – Labuda 2008. 117 Espig 1839, 43. – Labuda 2008.
91 Klaar 1961, 93, 95. – Büttner 1985, 627. – Dehio 118 Espig 1839, 43. – Labuda 2008.
2003, 2757. – Die Interpretation einer direkten 119 Probe 13a, Unterzug Passauer Kasten (Fichte,
Verbindung vom Kirchenplatz zur Donaulände 1927, keine Waldkante, datiert mit OstPA);
über eine Toranlage wird von den Autoren nicht Probe 14a, Unterzug Passauer Kasten (Fichte,
geteilt; weder die Baubefunde der Bauphasen I.1 1910, keine Waldkante, datiert mit OstPA).
und I.2 noch die mittelalterliche Stadtmauer haben 120 Freundliche Mitteilung Wolfgang Anzenberger
in diesem Bereich über einen Durchgang verfügt. (Baudirektor der Stadtgemeinde Ybbs an der Donau).
92 Tietze 1909, 439.
93 Klaar 1961, 95.
94 Klaar 1961, 95. – Dehio 2003, 2758.
95 Datierung des Westturms auf Basis des Triforiums
um 1230: Dehio 2003, 2757. – Das Erscheinungsbild
des Mauerwerks (Betonung des Eckbereichs
durch großformatige, relativ exakt bearbeitete
Quader in Kombination mit lagig versetzten,
hammerrecht bearbeiteten Bruchsteinen) stellt eine
typische Entwicklung um 1200 beziehungsweise
in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts dar:
Kühtreiber 2006a, 197–198; Zorko 2013, 33–34.
96 Klaar 1961, 93, 95–96. – Büttner 1985, 627.
– Dehio 2003, 2757, 2758–2759.
97 Um dies zu klären, wären Sondagen im unteren
Abschnitt des Objektes – im Bereich des
Durchganges sowie dem darüber anschließenden
Mauerwerk – notwendig gewesen.
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189

MARTIN OBENAUS, GÁBOR TARCSAY UND MICHAELA ZORKO

DER RÖMISCHE VORGÄNGERBAU


Der sogenannte Passauer Kasten und sein insgesamt fünf linearen und punktuellen
Umfeld waren bereits vor den aktuellen Bodeneingriffen statt, die von der Firma
Maßnahmen der Jahre 2014 bis 2016 von Ing. Oberleitner durchgeführt wurden. Der
Bodeneingriffen betroffen, die zwar nicht Bericht über diese Arbeiten2 besagt, dass
als reguläre archäologische Grabungen be- in Graben 1 (Nordostecke der Sakristei
wertet werden können, aber dennoch in- bis Stadtmauer) knapp vor der Sakristei
teressante Aufschlüsse zur Baugeschichte hochmittelalterliches Quadermauerwerk
dieses Objekts erbracht haben. Im Rahmen angefahren wurde. In Bezug auf die heute
des gegenständlichen Publikationsprojek- noch in diesem Abschnitt als Rekonstrukti-
tes wurden auch die Ergebnisse dieser Son- on überlieferte mittelalterliche Stadtmauer
dierungen in die Aufarbeitung einbezogen. wurde festgehalten, dass diese nach ihrem
teilweisen Einsturz im frühen 20. Jahrhun-
dert in Betonbauweise wiederhergestellt
Ein Altstadtsanierungsprojekt worden war. Diese Beobachtung erhärtete
und der Durchbruch eines sich auch in Graben 2 an der Stadtmauer.
Die Punktgrabungen 3 und 4 ergaben neben
»Neuen Stadttores«
Pflasterniveaus auch Hinweise auf den ehe-
Im Rahmen umfangreicher Altstadtsanie- maligen Friedhof um die Kirche und laut
rungsprojekte in den 1980er- und 1990er- Bericht auch im Bereich des Kirchendurch-
Jahren wurde auch ein Fußgängerweg gangs. Ob im Rahmen der Sondagen auch
zwischen dem Altstadtkern und der Do- vollständige Gräber angetroffen wurden,
naulände geplant. Den Kern des Projektes geht aus den Unterlagen nicht hervor. In
»Altes Stadttor« bildete die Ergänzung des Graben 5 konnte unter Aufschüttungen, die
Durchganges unter dem heutigen Presby- ins 18. Jahrhundert datiert wurden, ebenso
terium der Stadtpfarrkirche St. Laurentius ein Pflasterniveau angetroffen werden.
195 durch ein neues Stadttor im Bereich der
Ybbs an der Donau.
spätmittelalterlichen Stadtmauer. Zu den Zusammenfassend wurde 1989 festgestellt,
Ideenskizze für die
Neugestaltung des vorgelegten Entwürfen zählte unter ande- dass die Laibung des Torbogens nicht auf
Kirchendurchganges rem jene Variante, bei der das Niveau unter dem vermuteten mittelalterlichen Durch-
aus dem Jahr 1989 dem spätgotischen Torbogen – durch Pla- fahrtsniveau endete, auf das der gesamte
(Grundriss).
nierungen hatte sich die Durchgangshöhe Bereich abgetieft werden sollte, sondern
über die Jahrhunderte auf etwa 2 m redu- laut Bericht auf Anschüttungen des 15. Jahr-
ziert – abgesenkt und eine mit einem Glas- hunderts ruht, die wahrscheinlich im Zuge
196
dach versehene, aufwändige Treppenanlage des Kirchenneubaues des frühen 16. Jahr-
Ybbs an der Donau. durch die spätmittelalterliche Stadtmauer hunderts entstanden sind. Fraglich ist, ob
Ideenskizze für die geführt werden sollte.1 die gesamte Durchfahrt erst in dieser Zeit
Neugestaltung des
durch den älteren Baukörper gebrochen
Kirchendurchganges
aus dem Jahr Bereits am 19. Jänner 1989 fanden stati- worden ist oder damals nur ihr derzeitiges
1989 (Schnitt). sche Voruntersuchungen in Form von Erscheinungsbild erhalten hat.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 190

beziehungsweise eine Begleitung der Bau-


arbeiten durch archäologische Fachkräfte
fand nicht statt.

Die heute zur Verfügung stehenden Unter-


lagen wurden von der Stadtgemeinde Ybbs
und dem Bundesdenkmalamt übermittelt
und bestehen aus einzelnen fotografischen
Aufnahmen, die während der Bautätigkei-
ten angefertigt worden sind, sowie der
planlichen Darstellung der mutmaßlich
abgeschlossenen Umbauarbeiten aus dem
Jahr 1993. Die Situation vor Ort präsentiert
sich nach wie vor in dem im Jahr 1993
hergestellten Zustand: Die abgerissene
Stadtmauer wurde mit einem schmalen
Durchgang neu errichtet, während die 1991
197 Eine wesentliche Erkenntnis der Vorunter- freigelegten Mauerzüge wieder beschüttet
Ybbs an der Donau,
Kirchendurchgang/
suchungen war allerdings, dass die Nord- wurden. Lediglich der am höchsten erhal-
Passauer Kasten. Der ostecke3 des spätgotischen Kirchenbaus tene Rest der die Bauphase I.1 bildenden
Mauerzug der Bauphase auf einem älteren (früh- bis hochmittel- Bruchsteinmauer wurde an jener Stelle, wo
I.1 wurde in das neue
alterlichen) Baukörper – einem »älteren diese unter die nordwestliche Mauer des
Erschließungskonzept
eingebunden. Die Turmgeschoß aus der Entstehungszeit Passauer Kastens verläuft, saniert und in
Stiegenanlage, welche der Ybbser Stadtburg«4 – ruht (wenngleich die Stiegenanlage einbezogen.
die Donaulände mit diese Einordnung nach der Neubewertung
dem Kirchenplatz
der Unterlagen teilweise revidiert werden Die baulichen Reste
verbindet, nimmt
auf den erhaltenen muss) und somit im Fall einer Abtiefung einer Befestigungsmauer (Bauphase I.2)
Mauerabschnitt Bezug. keine statische Gefährdung gegeben ist. Die in dem Bericht des Jahres 1989 enthal-
tenen Angaben können – nach der voll-
Im Jahr 1991 begann die Umsetzung des ständigen Freilegung des Abschnittes um
geplanten »Neuen Stadttores«, eine Maß- den Kirchendurchgang im Jahr 1991 und
nahme, die massive Bodeneingriffe im ausweislich der erhaltenen Fotos eines Lo-
Areal des Kirchendurchgangs und des kalaugenscheines durch das Bundesdenk-
nordöstlich anschließenden Abschnitts malamt – nur teilweise bestätigt werden.
sowie den (Teil-)Abbruch der spätmittelal- Die 1989 angefertigte Dokumentation (eine
terlichen Stadtmauer zur Folge hatte. Im Skizze sowie wenige fotografische Aufnah-
Zuge dieser Arbeiten wurden auch zwei men) zeigt eine polygonale, von Nordwes-
Nordwest-Südost/Süd verlaufende Mauer- ten nach Süden/Südwesten verlaufende
züge (Bauphase I.1, I.2) freigelegt, die bereits Mauer. Ihre Bausubstanz ist bereits durch
bei den Voruntersuchungen des Jahres 1989 jüngere Veränderungen wie die Errichtung
punktuell angeschnitten worden sein dürf- des Nordschiffes beziehungsweise der im
ten. Aufgrund der Ausmaße der Eingriffe in Nordosten liegenden Sakristei der Pfarr-
die historische Bausubstanz veranlasste die kirche St. Laurentius stark beeinträchtigt.
Abteilung für Niederösterreich des Bundes- Entgegen der Formulierung im Bericht des
denkmalamts einen Baustopp und setzte Jahres 1989 zeigt die fotografische Doku-
ein Abbruchverbot für den historischen mentation, dass lediglich der rechteckige
Mauerbestand sowie die Umsetzung einer Chorbereich mit dem spätgotischen Durch-
abgeänderten respektive abgeschwächten gang – im Grundriss leicht schräg versetzt
Variante durch.5 Eine detaillierte Doku- – auf dem offensichtlich älteren Mauerab-
mentation der Befund- und Fundsituation schnitt ruht.
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191 Martin Obenaus, Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Der römische Vorgängerbau

Trotz massiver Umbaumaßnahmen blieb 198


Ybbs an der Donau,
die der Donau zugewandte äußere Mau-
Kirchendurchgang/
erschale weitgehend intakt; sie bestand Passauer Kasten.
aus klein- bis mittelformatigen Mauerstei- Dokumentation der
nen, die in einem lagigen System versetzt Mauerzüge (Bauphase
I.1 und I.2) im Zuge der
worden waren. Die einzelnen Lagehöhen Erdarbeiten des Jahres
variieren; neben dem Versatz von ham- 1991. Im Bildhintergrund
merrecht bearbeiteten Bruchsteinen sind werden diese vom
Saalbau (Bauphase II.1)
auch sogenannte Nonnen (Orthostaten) zu
und dem Baukörper
konstatieren. Der Mauerkern zeichnet sich des Kirchenchores
hingegen durch den vermehrten Einsatz der Pfarrkirche St.
von Rundlingen aus. Über die Qualität des Laurentius überlagert.
Die Mauerzüge laufen
Setzmörtels können derzeit keine Aussage Raumes 0.08 zu gering. Eine zweifelsfreie
nicht parallel, sondern
getroffen werden, eine Detailaufnahme Ansprache als Fortsetzung des Mauerzugs der dazwischenliegende
der äußeren Mauerschale zeigt aber deut- der Bauphase I.2 kann daher nicht erfol- Abstand verringert sich
lich, dass dieser zumindest im Bereich der gen, auch wenn die Versatzart, der im Jahr (Blick Richtung Süden).

Lager- und Stoßfugen nicht mehr erhalten 1991 dokumentierte Verlauf sowie dessen
war. Von der inneren Mauerschale waren – rekonstruierte Fortsetzung als Argumente
mit einer möglichen Ausnahme im Bereich für eine Gleichsetzung der Mauerabschnitte
des Kirchendurchgangs – zum Zeitpunkt angeführt werden können. Mit dieser Pro-
der Dokumentation keine Überreste er- blematik ist auch jene der Datierung der
sichtlich, weshalb die Mauerstärke nur mit Befestigungsmauer aus Bauphase I.1 eng
einem Mindestwert von 1,80 m bis 2,10 m verbunden (siehe unten).
angegeben werden kann.
Sowohl die Mauerstärke und der dokumen-
Ob der Befund im Innenraum des im Süden tierte Verlauf als auch die rekonstruierte
anschließenden Gebäudekomplexes Passau- Fortsetzung des Mauerzuges in Richtung
er Kasten (Raum 0.08, nordwestliche Wand- Süden/Südwesten (hypothetisch als Sub-
fläche) eine mögliche Fortsetzung dieses struktion des Kirchenchores, den Raum
Mauerzuges darstellt, wurde eingehend dis- 0.08 im Nordwesten begrenzend und im
kutiert; beim derzeitigen Forschungsstand Bereich des Gebäudes Kirchenplatz Nr. 2
kann diese Hypothese jedoch weder verifi- fortlaufend) erlauben die Interpretation
ziert noch falsifiziert werden. Im Detail be- als Befestigungsmauer. Die weiterführen-
trachtet zeigt der nordwestliche Abschluss de Frage nach der Art und dem Zweck
des Raumes 0.08 einen mehrphasigen dieser Befestigung (handelt es sich um 199
Wandaufbau. Der älteste Mauerabschnitt eine Umfassungsmauer der im Bereich der Ybbs an der Donau,
Kirchendurchgang/
wird der Bauphase I.1 zugeordnet; darüber Pfarrkirche St. Laurentius vermuteten Burg-
Passauer Kasten.
schließen mehrere Lagen aus klein- bis anlage, einen Teil der hochmittelalterlichen Dokumentation der
mittelformatigen Mauersteinen an, die dem Mauerzüge (Bauphase
Erscheinungsbild der Befunde im Bereich I.1 und I.2) im Zuge der
Erdarbeiten des Jahres
der Grabungsfläche ähneln. Bedingt durch 1991. Detail der äußeren,
jüngere Überbauungen (für den Außenbe- lagigen Mauerschale
reich ist der Chor, für den Innenraum die der Bauphase I.2. Im
Bildhintergrund die
als Substruktion definierte Bauphase V zu
Ostecke des nördlichen
nennen) war keine direkte stratigrafische Seitenschiffes
Verbindung gegeben respektive erkennbar; der Pfarrkirche
auch für eine eindeutige Identifizierung St. Laurentius,
möglicherweise mit
beziehungsweise Gleichsetzung anhand
einem zugehörigen
der Mauerwerksstruktur erscheint der Fundamentgraben (Blick
Abschnitt der Wandfläche im Bereich des Richtung Westen).
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193 Martin Obenaus, Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Der römische Vorgängerbau

Presbyteriums7 belegt erscheint, im Zuge 201


Ybbs an der Donau,
der aktuellen Untersuchungen aber nicht
Passauer Kasten.
verifiziert werden konnte. Adalbert Klaar Detail des nördlichen
datiert den älteren Baubestand der Pfarrkir- Abschlusses von
che (Bereich Chor und rund um den heuti- Raum 0.08. Das
Mauerwerksgefüge
gen Turm) um die Mitte des 13. Jahrhunderts zeichnet sich durch
und ordnet diesen zwei unterschiedlichen unterschiedliche
Bauwerken zu.8 Versatzarten aus (Blick
Richtung Westen).

Stützt man sich auf diese Erkenntnisse,


so müsste die Befestigungsmauer der Bau- 202
phase I.2 vor der Errichtung des Torbaus Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
beziehungsweise des heute noch fassbaren
Baubefunde
Ostabschlusses der Pfarrkirche angelegt Archäologie. Bauphase
worden sein. Mangels einer detaillierten I.1 und Bauphase I.2
Dokumentation zu Schichtanschlüssen und (Befestigungsmauern)
im Bereich des
Fundmaterial kann der Versuch einer nähe- Passauer Kastens, des
ren zeitlichen Einordnung nur auf Basis der Kirchendurchgangs
typologischen Merkmale des Mauerwerks sowie der nordwestlich
angrenzenden
erfolgen. Betrachtet man die Mauerwerks-
Freifläche (bis zur
struktur der Außenschale, so ergeben sich spätmittelalterlichen
zwei kontroverse Datierungsansätze: Stadtmauer).

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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 194

203
Ybbs an der Donau,
Ansicht der Pfarrkirche
St. Laurentius mit der
unter dem Presbyterium
(Rechteckchor)
geführten Durchfahrt.

Zum einen wäre eine Errichtung im Zeit- ein ähnliches Bild, etwa bei der »Burkhard-
raum 12. Jahrhundert bis erste Hälfte des 13. schen Stadtmauer« in Basel (Schweiz).14
Jahrhunderts denkbar. Ein Zusammenhang
mit der im Areal der Pfarrkirche St. Lauren- Zum anderen ist auch die Interpretation
tius vermuteten babenbergerzeitlichen Ibi- des Baubefundes als abgerundete bezie-
siburch9 oder auch Ibseburch10 – konkret als hungsweise polygonale Ecke einer rö-
Teil eines die Burganlage nach Nordosten mischen Lagermauer zu diskutieren, vor
hin abschließenden Berings – wäre dabei allem, wenn man das Fundmaterial der
naheliegend, doch ist auch die Interpre- Grabungskampagnen der Jahre 2015 und
tation als Rest einer älteren ›Stadtmauer‹, 2016 berücksichtigt. Unterstützt wird diese
welche die hochmittelalterliche Siedlung Hypothese durch die erhaltene Mauerstär-
umgeben hat, in Betracht zu ziehen. Der ke. Der bekannte Verlauf des Mauerzuges
heute bekannte Verlauf ermöglicht hier sowie die Versatzart finden sich sowohl bei
keine priorisierte Zuordnung. Mit einer hochmittelalterlichen Befestigungsbauten
Mauerstärke von mindestens 1,80 m bis als auch bei römischen Kastellen, beispiels-
2,10 m liegt der Baubefund in Ybbs an der weise in Carnuntum. Im letztgenannten
Donau jedoch über vergleichbaren Bei- Fall würde die Mauerwerksstruktur aber für
spielen von Befestigungsmauern des 12. eine Zeitstellung im 2. bis 3. Jahrhundert
und der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts n. Chr. sprechen und wäre somit älter als
in Ostösterreich. Als Beispiele verhältnis- der Mauerzug der Bauphase I.1 einzuord-
mäßig stark ausgeführter Beringmauern nen. Verfolgt man diese These weiter, so
von Burganlagen können beispielsweise ergibt sich ein Widerspruch zwischen der
Lichtenfels11, Ottenstein12 und Rastenberg Datierung und dem als mögliche Super-
(alle Niederösterreich)13 angeführt werden, position zwischen den Bauphasen I.1 und
während für die Stadtmauern als regionaler I.2 interpretierten Mauerbefund im Raum
Vergleich die Befestigung von Hainburg an 0.08; zudem würde dieser eine gleichzeitige
der Donau (Niederösterreich) zu nennen Nutzung der Befestigungsmauern – wie sie
ist; aber auch überregional zeigt sich bei etwa aus dem römischen Lager Arelape/
den Stadtmauern des 11. bis 12. Jahrhunderts Pöchlarn15 bekannt ist – ausschließen.
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195 Martin Obenaus, Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Der römische Vorgängerbau

Dies bedeutet zusammengefasst für diesen darf bezüglich der Schädigung durch die
Bauabschnitt, dass das aufgedeckte Quader- zu diesem Zeitpunkt starke Vegetation
mauerwerk mit gerundetem beziehungs- gemeldet hatte.
weise polygonalem Verlauf zumindest vor
der Mitte des 13. Jahrhunderts errichtet Die erste kleinflächige Nachuntersuchung
worden sein muss. Die Struktur und der des Areals wurde im Juli 2014 in einem
Verlauf des Mauerwerks würden sowohl Bereich von ca. 17 m2 (Schnitt 1) mit finan-
die Interpretation als hochmittelalterliche ziellen Mitteln des Bundesdenkmalamtes
Befestigungsmauer als auch eine Ansprache in Zusammenarbeit mit der Firma Tarcsay/
als Restbestand einer kaiserzeitlichen La- Zorko (Fachbüro für Bauforschung, histo-
germauer im »Spielkartenformat« erlauben. rische Archäologie und Denkmalpflege)
Ein gesichertes Ergebnis werden wohl erst durchgeführt. Dabei konnte bestätigt wer-
künftige Untersuchungen im Stadtzentrum, den, dass eine Superposition des Passauer
speziell im Areal um die Pfarrkirche St. Lau- Kastens zu dem genannten, 2,15 m breiten
rentius, liefern können. Mauerzug der Bauphase I.1 besteht und
Letzterer somit eindeutig älter sein muss
als der in der ersten Hälfte des 13. Jahrhun-
Die archäologischen Grabungen derts (um 1220/1230) errichtete17 Saalbau.
in den Jahren 2014 bis 2016 Aufgrund der restlosen Entfernung aller
anschließenden Schichten, die zu einer
Die Mauerreste der Bauphase I.1 boten genaueren Datierung des Baubefundes
schließlich auch den Anlass für die archäo- hätten herangezogen werden können, bei
logischen Untersuchungen ab 201416, da der den Eingriffen im Jahr 1991 blieb die Zeit-
Ybbser Kulturverein OKAY Handlungsbe- stellung des anhand seiner Gestalt keiner

204
Ybbs an der Donau,
Kirchendurchgang/
Passauer Kasten.
Schnitt 1 mit dem
Mauerzug der Bauphase
I.1 vor Beginn der
archäologischen
Untersuchungen
im Jahr 2014.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 196

205
Ybbs an der Donau,
Kirchendurchgang/
Passauer Kasten.
Archäologische
Untersuchung im
Jahr 2014. Die bis zu
2,15 m breite Mauer
der Bauphase I.1 wird
vom Baukörper des
Saalbaus (Bauphase
II.1) überlagert (Blick
Richtung Südwesten).

206
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Schnitt 2/2014 in Raum
0.08. Bereits in der
kleinflächigen Sondage
konnte die Fortsetzung
des Mauerzuges
der Bauphase I.1
freigelegt werden.

Epoche sicher zuweisbaren Mauerwerks Untergeschoß des Passauer Kastenkomple-


fraglich.18 xes auszudehnen, wo im Innenraum des
Saalbaus – konkret im Bereich der west-
Aus diesem Grund wurde beschlossen, lichen Gebäudeecke (heute Raum 0.03) –
die Untersuchungsfläche auch in das sowie in einer später südwestlich an den
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197 Martin Obenaus, Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Der römische Vorgängerbau

207
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Schnitt 3 am Ende der
Grabungskampagne im
Jahr 2015. Der Schnitt
stellte die Erweiterung
des Schnittes 2 in
Raum 0.08 dar.

208
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Schnitt 4 am Ende der
Grabungskampagne
im Jahr 2016. Dieser
Schnitt bildete die
Erweiterung des
Schnittes 3 und nahm
etwa die halbe Fläche
des Raumes 0.08 ein.

Saalbau angesetzten Erweiterung ebenfalls des Raumes die Fortsetzung der Mauer
Reste der teilweise integrierten Mauer zu erwarten ist. Aufgrund des unübli-
sichtbar waren (Schnitt 2, Raum 0.08). chen Grundrissrestes und der Massivität
Die kleinflächige Sondage (1,70 × 0,80 m) der ältesten Mauer im besagten Bereich
ergab, dass auch unter dem Bodenniveau wurde ein ›klassischer‹ Burgus mit großer
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 198

'RQDXOÇQGH

P

Schnitt 1
P

A
P

P P
A

P

P

P
P

Schnitt 4
221.87 m

221.21 m

219.98 m

(UGJHVFKR˜

209
Ybbs an der Donau,
Kirchendurchgang/
Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen und zeigte sich bereits, dass der hier in der
Passauer Kasten. Die eine mögliche Interpretation als Kastell Raummitte abrupt endende Mauerzug teil-
Bauphasen I.1 und I.2 beziehungsweise (eher) spätantikes Klein-/ weise von dem als Substruktion des Cho-
(Befestigungsmauern) Restkastell angedacht.19 res interpretierten Baubestand überlagert
im Bereich des
Passauer Kastens, des
wird. Auf die derzeit nicht zu klärende Pro-
Kirchendurchgangs 2015 wurde deshalb die Grabung auf einen blematik, ob der Chorunterbau (Bauphase
sowie der nordwestlich Streifen in der vollständigen nordwestli- V) auch Teile der Quadermauer (Bauphase
angrenzenden
chen Raumbreite von Raum 0.08 (entlang I.2) integriert, die somit wiederum die
Freifläche (bis zur
spätmittelalterlichen des Chorunterbaues der Pfarrkirche St. Mauer der Bauphase I.1 überlagern wür-
Stadtmauer). Laurentius) ausgedehnt (Schnitt 3). Dabei den, wurde bereits im vorangegangenen
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199 Martin Obenaus, Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Der römische Vorgängerbau

Kapitel ausführlich eingegangen (siehe 210


Ybbs an der Donau,
oben). Diese unbefriedigende Situation
Kirchendurchgang/
führte zur letzten Schnitterweiterung in Passauer Kasten.
Raum 0.08, sodass Schnitt 4 schließlich Dokumentation
die gesamte nordwestliche Raumhälfte der Mauerzüge der
Bauphasen I.1 und I.2 im
einnahm. Die Arbeiten in diesem Bereich Zuge der Erdarbeiten
wurden im Winter 2015/2016 durch die des Jahres 1991. Im
SILVA-NORTICA Archäologische Dienst- Bildhintergrund scheint
das Mauerwerk der
leistungen OG durchgeführt, womit die
Bauphase I.1 von der
archäologischen Untersuchungen im Be- spätmittelalterlichen
reich des Passauer Kastens abgeschlossen Stadtmauer überlagert
wurden. zu werden. Die
Mauer der Bauphase
Soweit der Mauerzug durch die Grabungstä-
I.2 bricht vor dem
Mögliche Reste einer römischen tigkeiten der Jahre 1989 bis 1991 und 2014 bis Kirchengebäude
Befestigungsmauer (Bauphase I.1) 2016 erfasst werden konnte, verläuft er von unregelmäßig ab (Blick
Einer der bedeutendsten Befunde der Norden/Nordwesten kommend entlang der Richtung Norden).

›Entschuttungsarbeiten‹ 1991 war der po- natürlichen Geländekante und wird mög-
lygonal bis gerundet verlaufende, massive licherweise als Unterkonstruktion der zur
Mauerzug der Bauphase I.1 (Bruchstein- Donaulände gerichteten spätmittelalterli-
mauerwerk), welcher im Bereich zwischen chen Stadtmauer genutzt. Wenige Meter
dem Kirchendurchgang, der im Nordosten nördlich des Passauer Kastens ändert sich
verlaufenden Stadtmauer sowie dem im – annähernd bogenförmig – die Richtung
Südosten angrenzenden Passauer Kasten des Mauerzuges nach Südwesten, wo sie
situiert ist. Schnitt 1 wurde daher im Jahr in Folge vom Saalbau überlagert wird. Die
2014 genau in diesem Bereich angelegt Fortsetzung im Erdgeschoß des Passauer
(siehe oben). Kastens (Raum 0.03) ist deutlich durch

211 (links)
Ybbs an der Donau,
Kirchendurchgang/
Passauer Kasten.
Dokumentation
der Mauerzüge der
Bauphasen I.1 und
I.2 im Zuge der
Erdarbeiten des Jahres
1991. Deutlich ist der
polygonale Verlauf der
Mauern zu erkennen
(Blick Richtung Süden).

212 (rechts)
Ybbs an der Donau,
Kirchendurchgang/
Passauer Kasten. Die
im Jahr 2014 erhaltene
Befundsituation
der Bauphase I.1;
der Mauerzug der
Bauphase I.2 wurde
nicht angeschnitten
(Blick Richtung Süden).
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 200

213 Bauphase V überlagert. Die Mauer umgibt


Ybbs an der Donau,
somit in dem im Jahr 2014 untersuchten Be-
Kirchendurchgang/
Passauer Kasten. reich den rechtwinkelig umbiegenden Fuß
Befestigungsmauer der des bereits beschriebenen Geländeplateaus,
Bauphase I.1. An der das heute die Pfarrkirche St. Laurentius und
äußeren Mauerschale
ist im unteren
den Kirchenplatz mit den westlich daran
Abschnitt (knapp anschließenden Gebäuden (etwa die ehe-
über dem heutigen malige Michaelskapelle) trägt.20
Außenniveau) ein
Rücksprung erkennbar.
Der nördliche Abschluss Das Mauerwerk selbst ist als Schalenmauer-
wurde im Zuge der werk mit kleinteiligem Mauerkern zu klas-
Sanierungsmaßnahmen sifizieren. Die bis zu einer Höhe von 1,40
stark überprägt (Blick
m freigelegte Außenschale ist partiell la-
Richtung Südwesten).
gerhaft bis unregelmäßig ausgebildet und
Zäsuren – die für eine sekundäre Redukti- besitzt teilweise Ausgleichslagen aus fla-
on des Mauerabschnittes sprechen – in der cheren Steinplatten sowie auch netzartige
Südwestecke sowie durch die Befundsitu- Auszwickelungen. Der Mauerzug wurde
ation an der ehemaligen Südwestfassade aber in den 1990er-Jahren restauriert, wo-
(heute Raum 0.08) des Saalbaus erkennbar. durch das Bild geringfügig verfälscht wor-
Im Zuge der archäologischen Grabungen den sein könnte. Auch an der Innenschale
in den Jahren 2015 und 2016 in Raum 0.08 wird diese Bauweise aufgrund des heute
wurde der an die Südwestfassade anschlie- fehlenden Fugenmörtels deutlich. Die gro-
ßende Mauerabschnitt (SE 55, SE 203, SE ßen, weitgehend unregelmäßigen Bruch-
205) freigelegt; dieser endet nach rund steine der Schauseiten der Mauer wirken
2 m abrupt beziehungsweise bildet eine – ähnlich wie in St. Johann im Mauerthale
90°-Wendung Richtung Westen aus und – sortiert im Hinblick auf eine verhältnis-
wird möglicherweise durch die Mauer der mäßig ›glatte‹ Oberfläche. Daneben sollte
Bauphase I.2, gesichert aber durch jene der offensichtlich auch ein möglichst zügiger

214 (links)
Ybbs an der Donau,
Kirchendurchgang/
Passauer Kasten.
Befestigungsmauer der
Bauphase I.1. An der
inneren Mauerschale
ist knapp unter dem
Abbruchniveau der
Mauer ein 0,80 m
breiter Vorsprung
zu erkennen (Blick
Richtung Osten).
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201 Martin Obenaus, Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Der römische Vorgängerbau

und statisch unkomplizierter Baufort- 215 (rechts)


Ybbs an der Donau,
schritt erreicht werden, bei dem die Scha-
Passauer Kasten.
len nicht allzu hoch aufgezogen wurden, In Schnitt 3 wurde
bevor man sie mit der Mauerspeise füllte. die Südostansicht
des Mauerzuges
der Bauphase I.1 (SE
Weitere auffällige Baudetails sind der 203=205) bis zur
feldseitige sowie der hofseitige ›Mauer- Fundamentunterkante
vorsprung‹, wobei aufgrund des seit 1991 aufgedeckt.
fehlenden Schichtanschlusses nicht klar
ist, wie weit diese in ihrer Nutzungsphase
respektive Nachnutzung sichtbar waren.
Der äußere Vorsprung ist mit etwa 0,15 m
Breite und einem tieferen Ansatz deutlich
weniger ausgeprägt als der innere, welcher
eine Breite von 0,8 m besitzt. Die weiteren werden, welche bis zur Mauerecke in Rich-
aufgehenden Mauerteile zeigen nur noch tung Süden ansteigt und somit wohl einen
eine Stärke von rund 1,20 m. Die Ausbildung älteren Hangverlauf zitiert. Daraus lässt sich
des äußeren Mauerrücksprungs könnte auf die Überlegung ableiten, dass die weiter in
die Berücksichtigung der topografischen Richtung Donau gelegene Mauer SE 9 noch
Situation (Richtung Nordost-Südost abfal- deutlich tiefere Fundamente aufweisen
lende Geländekante) in Zusammenhang müsste. Als letztes Detail in der feldseitigen
mit der Errichtung einer der Hangneigung Mauerschale ist ein rundes Rüstloch mit 8
folgenden Böschungsmauer zurückzufüh- cm Durchmesser zu nennen.
ren sein; demnach würde es sich um eine
rein baukonstruktive Lösung handeln. Die Ansprache des Mauerzuges als Be-
Derartige Befundsituationen sind sowohl festigungsmauer erscheint aufgrund des
von römisch-spätantiken Bauten wie dem Verlaufs und der Mauerstärke von bis zu
nahe gelegenen Burgus Hirschleitengraben 2,15 m durchaus legitim. Die Vermessung
(Oberösterreich)21 als auch von frühmittelal- des südöstlich des untersuchten Gebäude-
terlichen Befestigungen22 belegt. Ein ähnli- abschnittes angrenzenden Raumes (eines
cher Interpretationsansatz bietet sich auch Teilbereichs des Gebäudes Kirchenplatz
für den massiven Mauerrücksprung an der
Innenseite an: So könnte es sich – sofern
das Begehungsniveau des Plateaus zum
Zeitpunkt der Errichtung mit der Oberkante
des Rücksprungs korrelierte – um eine Ver-
jüngung des aufgehenden Mauerabschnittes
(und zugleich Reduktion der Eigenlast) über
dem geböschten, statisch stark beanspruch-
ten Mauerfuß gehandelt haben.

Die eigentliche Fundamentunterkante des


Mauerzuges SE 9 konnte 2014 im Außenbe-
reich nicht erfasst werden, sodass sich Über- 216
Ybbs an der Donau,
legungen zur Fundamentierung beziehungs-
Passauer Kasten.
weise zur erhaltenen Höhe des ehemals Mörtel Steine Steingerechte
aufgehenden Mauerwerks erübrigen. Ledig- Umzeichnung der
lich in den Schnitten 3 und 4 im Inneren des Südostansicht

Baukomplexes des Passauer Kastens konnte 0 1 2m des Mauerzuges


der Bauphase I.1
2015 die Fundamentunterkante konstatiert (SE 203=205).
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 202

Nr. 2) ließ zudem deutliche Parallelen gefasster Zeitrahmen für die Errichtung
zwischen der Nordwestmauer (die dem definiert werden: So liefert das stratigrafi-
Kirchenplatz zugewandte Fassade weist sche Verhältnis zwischen dem im Zentrum
eine Mauerstärke von 2,10 m auf) und dem stehenden Mauerrest (SE 9, Bauphase I.1)
Abschnitt der Befestigungsmauer weiter und der Nordwestmauer (SE 11a+11b) des
nordöstlich erkennen. Eine stratigrafische Saalbaues (Bauphase II.1), welcher die Be-
Verbindung konnte jedoch nicht festge- festigungsmauer in der ersten Hälfte des
stellt werden, da der Mauerzug der Baupha- 13. Jahrhunderts überlagerte, einen Termi-
se I.1 (SE 9) in Raum 0.08 abrupt abbricht. Es nus ante quem für die Errichtung der Bau-
kann daher nicht mit Gewissheit von einer phase I.1. Dies erlaubt die Schlussfolgerung,
Fortsetzung der Bauphase I.1 im südwest- dass der Mauerzug zur Zeit der Errichtung
lich angrenzenden Gebäudetrakt ausgegan- des Saalbaues zumindest in der auch heute
gen werden, zumal auch die Möglichkeit in noch erhaltenen Höhe sichtbar gewesen
Betracht gezogen werden muss, dass es sich sein muss und in den Neubau integriert
um die Fortsetzung der Umfassungsmauer worden ist. Ein kleines Rundbogenfenster
der Bauphase I.2 handeln könnte. Analog in der Nordwestfassade nimmt ebenfalls
zum Mauerzug der Bauphase I.2 stellt sich Bezug auf ihn.23 Die Superposition im Be-
auch hier die Frage nach Art und Funkti- reich des mehrphasigen Nordwestabschlus-
on der Befestigungsmauer, wobei auch in ses von Raum 0.08 – der Mauerzug der
diesem Fall eine nähere Zuordnung erst Bauphase I.1 hat sich in diesem Abschnitt
mit einer – bislang nicht erfolgten – gesi- in der Sockelzone erhalten, direkt darüber
cherten Datierung möglich wäre. schließt möglicherweise das Mauerwerk der
Befestigungsmauer der Bauphase I.2, gesi-
Durch den Einsatz unterschiedlicher chert aber jenes der spätgotischen Bauphase
Methoden konnte zumindest ein breit V an – kann derzeit nicht zufriedenstellend

217
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Übersicht der
Grabungsbefunde der
Bauphase I.1 und der
Mauer 3. Die Bauphase
I.1 endet abrupt im
ersten Drittel des
Raumes 0.08. Im
Nordwesten wird sie
vom Mauerwerk der
Bauphasen I.2 (?)
und V überlagert.
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203 Martin Obenaus, Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Der römische Vorgängerbau

aufgelöst werden (siehe oben). Die Mauer- Fundaments ließen sich ebenfalls Paralle-
werksstruktur – partiell regelmäßiges bis len finden. So wies die äußere Wehrmauer
unregelmäßiges, in Kalkmörtel versetztes von Arelape/Pöchlarn, die bis zu 1,20 m bis
Bruchsteinmauerwerk – entspricht nicht 1,37 m29 starke Lagermauer (LM1), im Fun-
den typologischen Merkmalen des Mauer- damentbereich sowie am Übergang zum
werks im 11. oder 12. Jahrhundert, sodass aufgehenden Mauerwerk einen Rücksprung
eine frühere Zeitstellung anzunehmen ist. auf; die Wehrmauern (es handelt sich ei-
gentlich um eine Doppelmauer) werden »in
Als mögliche Interpretation wird derzeit die erste Hälfte des 2. Jhs. n. Chr.«30 bezie-
folgende Hypothese aufgestellt: Die Bau- hungsweise »vor 170/180«31 datiert. Auch der
befunde könnten als Teil einer im Eckbe- nahe gelegene Burgus Hirschleitengraben32
reich abgerundeten Lagermauer – wie sie weist mehrere Mauerrücksprünge auf (sie-
beispielsweise in Locus Felix (?)/Mauer an he oben).
der Url24, Arelape/Pöchlarn25, Schlögen26,
Lauriacum/Enns27 und Albing28 befundet Falls es sich bei dem freigelegten Bereich
wurden – gedeutet werden. Diese Bauweise der Bauphase I.1 tatsächlich um die Reste
ist unter der Bezeichnung »Spielkartenfor- einer römischen Lagerbefestigung handelt,
mat« bekannt und zeichnet sich durch eine stellt sich auch die Frage, ob diese mit dem
rechteckige Grundform mit abgerundeten Baukörper der Bauphase I.2 möglicherweise
Ecken aus. Die Struktur des Mauerwerks eine Doppelmauer – wie in Arelape/Pöch-
und die Mauerstärke der Bauphase I.1 larn – gebildet hat. Die Befunddokumenta-
sind mit jenen römischer Baubefunde aus tion zeigt in Ybbs an der Donau zwei neben-
Ostösterreich durchaus vergleichbar. Zur einander verlaufende Mauerzüge, wobei
Ausbildung mehrerer Mauervorsprünge im sich der Abstand zwischen den Baukörpern
Bereich des Mauerfußes beziehungsweise deutlich in Richtung Süden verringert.

218
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten. Detail
des nordwestlichen
Raumabschlusses
von Raum 0.08. Die
innere Mauerschale der
Bauphase I.1 wurde in
die Bauphasen I.2 (?)
und V (Substruktion
des Kirchenchores)
integriert (Blick
Richtung Norden).
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 204

219
Ybbs an der Donau.
Rekonstruktion eines
hypothetischen
Lagerverlaufes auf
Basis des Befundes
der Bauphase I.1.

Eine zeitgleiche Nutzung mit einer dazwi- nennen. Hinzu kommt, dass Kleinkastelle
schenliegenden Freifläche erscheint somit neben den charakteristischerweise aus
unwahrscheinlich. Die stark voneinander einem turmartigen Gebäude bestehenden
abweichenden Mauerwerksstrukturen der Militärbauten manchmal synonym als Bur-
beiden Mauern scheinen diese Vermutung gus bezeichnet wurden.35
zu bestätigen. Der als mögliche Superposi-
tion interpretierte Befund im Bereich des Neben der Interpretation als kaiserzeitli-
Nordwestabschlusses von Raum 0.08 (siehe ches beziehungsweise spätantikes Bauwerk
unten) spricht nicht nur für eine divergie- kommt zuletzt noch die Ansprache als früh-
rende Zeitstellung, sondern auch für eine mittelalterlicher Befestigungsabschnitt aus
frühere Entstehungszeit des Baukörpers der relativchronologischer Sicht gleichermaßen
Bauphase I.1 als jenes der Bauphase I.2. Die in Frage. Nach derzeitigem Forschungsstand
Deutung, dass beide Mauerzüge römisch spricht das vereinzelt im Grabungsbereich
sind, wäre unter Berücksichtigung der – wenn auch sekundär verlagert – sowie
Mauerwerksstrukturen nur dann möglich, bereits in der Vergangenheit in und um
wenn sich die Superposition in Raum 0.08 die Stadt Ybbs geborgene römische Fund-
falsifizieren ließe. material eher für eine Zuordnung in die
Spätantike, da bislang keine Funde früh-
Ebenso denkbar ist, dass ein Teilbereich mittelalterlicher Zeitstellung beobachtet
eines spätantiken Kleinkastells freigelegt werden konnten.
worden ist, da sich gerade diese Anlagen –
wie bereits weiter oben ausgeführt – durch Resümierend kann die Mauer der Bau-
einen unregelmäßigen Grundrissverlauf phase I.1 mangels erhaltener Schichtzu-
von älteren, mehrheitlich streng geomet- sammenhänge oder stratifizierten Fund-
risch errichteten römischen Militärbauten materials allein aufgrund ihrer Struktur
unterscheiden. Als Beispiele am norischen im diskutierten Zeitrahmen kaum näher
Limes wären die Kleinkastelle von Boiotro/ datiert werden. Die Überbauung durch
Passau33 und Stanacum (?)/Oberranna34 zu den Passauer Kasten in der ersten Hälfte
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205 Martin Obenaus, Gábor Tarcsay und Michaela Zorko: Der römische Vorgängerbau

des 13. Jahrhunderts erlaubt lediglich eine des Mauerabschnittes der Bauphase I.1 im
Einordnung vor diesem Zeitabschnitt, doch ausgehenden 7. und der ersten Hälfte des
erscheint eine Errichtung im 11. und 12. 8. Jahrhunderts nahelegen, was aus archäo-
Jahrhundert aufgrund der für diesen Zeit- logischer Sicht jedoch eher unwahrschein-
abschnitt untypischen Mauerwerksstruktur lich ist. Grundsätzlich haben die bisherigen
eher unwahrscheinlich. Beprobungen mehrheitlich ein deutlich zu
junges Alter der untersuchten Strukturen
Aufgrund der dargelegten Datierungsproble- angezeigt, während zu alte Datierungen
matik wurden mehrere Proben des Setzmör- nicht vorkommen. Denkbar wäre, dass diese
tels dieses Mauerzuges vom Bundesdenkmal- Diskrepanz mit den langen Aushärtungszei-
amt zur Altersbestimmung an das Institut ten des Mörtels im Mauerkern – gerade bei
für Angewandte Geowissenschaften der dicken Mauern – zusammenhängt. Somit
Technischen Universität Graz (Martin Dietzel ist im Rahmen einer jedenfalls vorhochmit-
und Ronny Boch) und in Folge an die BETA telalterlichen Einordnung des Baubefundes
Analytic Inc. übermittelt. Die Ergebnisse der aus Ybbs eher einer (spät)antiken Datierung
Analyse36 unterliegen einer großen Schwan- der Vorzug zu geben.39
kungsbreite37. Bedingt durch die Qualität der
Proben ist das Ergebnis von Sample 1174-3 Die detaillierte Darstellung der gesamten
(655 bis 720 AD und 740 bis 765 AD, 2 Sigma) Befund- und Fundsituation im Bereich der
am wahrscheinlichsten einzustufen38; die Schnitte 2, 3 und 4 im Gebäudekomplex des
naturwissenschaftliche Analyse des Setz- Passauer Kastens erfolgt im anschließenden
mörtels würde demnach eine Errichtung Kapitel.

1 Caravias 1994, 53–55, 133–136. 18 Auf die Problematik der Zuordnung allein auf
2 Die folgenden Angaben entstammen dem Bericht über Basis typologischer Aspekte des Mauerwerks
die Grabung am Ybbser Kirchenplatz: Oberleitner 1989. wird weiter unten eingegangen.
3 Im Bericht fälschlicherweise Nordwestecke. 19 Hinterwallner u. a. 2014.
4 Oberleitner 1989. 20 Klaar 1961, 95. – Schicht 2017.
5 Hinterwallner u. a. 2014. 21 Ployer 2018, 26, Abb. 5. Die Beschreibung im Text
6 Klaar 1961, 93, 95–96. – Büttner 1985, weicht von den in der Grabungsdokumentation
627. – Dehio 2003, 2757–2759. dargestellten Baubefunden ab; die Angaben
7 Klaar 1961, 93, 95–96. – Dehio 2003, 2757–2759. des vorliegenden Beitrags beziehen sich auf
8 Klaar 1961, 95–96. die abgebildete Befunddokumentation.
9 Nennung einer »Ibisiburch« im Jahr 22 Vergleiche hierzu die Befestigung von
1111: NÖUB II/1, 131, 132. Nabburg: Hensch 2016, 273–275.
10 Nennung einer »Ibseburch« im Jahr 1136: NÖUB II/1, 135. 23 Hinterwallner u. a. 2014.
11 Abmessungen gemäß dem Bauphasenplan 24 Steigberger 2015, 188–190. – Ployer 2018, 58.
in Kühtreiber und Reichhalter 2009, 594. Die 25 Hinterwallner und Schmid 2015, 194–
Umfassungsmauer misst im Süden 0,95 m, im 197. – Ployer 2018, 66, Abb. 32.
Norden 1,25 m und an der Feldseite 1,50 m; sie wird 26 Ployer 2018, 23, Abb. 03.
in das ausgehende 12. Jahrhundert oder in die erste 27 Ployer 2018, 36.
Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert (ebd., 594–595). 28 Gugl 2015, 178. – Ployer 2018, 43–44.
12 Abmessungen gemäß dem Bauphasenplan in 29 Schmid 2017, 32.
Reichhalter 2009a, 423. Die Umfassungsmauer misst 30 Hinterwallner und Schmid 2015, 196.
im Osten 1,15 m und im Westen zwischen 1,53 m und 31 Schmid 2017, 37.
1,75 m; sie wird dem 12. Jahrhundert zugeordnet (ebd.). 32 Wie Anm. 21.
13 Durchschnittlich 1,80 m starker Bering, datiert 33 Moosbauer 2015, 128–130.
um 1200 (aufgrund der dendrochronologischen 34 Ployer 2015i, 138–139. – Ployer 2018, 20–21.
Beprobung nach 1193): Reichhalter 2009b, 426–429. 35 Hock 2001, 143–144.
14 Die Mauerstärke der Burkhardschen Stadtmauer 36 Siehe das Kapitel Radiometrische Altersdatierung
variiert im Aufgehenden zwischen 0,9 m und 1,20 von historischem Kalkmörtel.
m; sie wird in das vierte Viertel des 11. Jahrhunderts 37 Kalibriertes Kalenderalter Sample 1174-1b: 895 bis
datiert: D’Aujourd’hui und Helmig 1996, 41–46. 1020 AD (2 Sigma). – Kalibriertes Kalenderalter
15 Zur Datierung und Nutzung der Doppelmauer Sample 1174-3: 655 bis 720 AD und 740 bis 765
in Arelape siehe Schmid 2017, 36–37. AD (2 Sigma). – Kalibriertes Kalenderalter
16 Maßnahmennummern 14420.14.01, Sample 1174-5: 4030 bis 4025 BC (2 Sigma).
14420.15.01, 14420.15.03 und 14420.16.01. 38 Freundliche Mitteilung von Ronny Boch.
17 Schicht 2007, 393–395. 39 Freundliche Mitteilung von Bernhard Hebert.
– Vgl. Hebert und Steinklauber 2015.
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207

MARTIN OBENAUS

ARCHÄOLOGISCHE UNTERSUCHUNGEN
IM PASSAUER KASTEN (SCHNITTE 2–4)

Nach der zusammenfassenden Diskussion bauhistorischen Phasen korreliert werden


der römischen Befunde aus den Altgrabun- (spätere Niveauveränderungen, Klein-
gen und den aktuellen Untersuchungen der räumigkeit der Grabungsschnitte). Aus
Jahre 2014 bis 2016 werden im folgenden diesem Grund werden die archäologisch
Abschnitt die gesamten Ergebnisse der nachgewiesenen Befundeinheiten zur Ab-
Schnitte 2, 3 und 4 der letztgenannten grenzung von den bauhistorischen Phasen
Kampagnen ausführlich vorgelegt. als »Archäologische Nutzungsphasen (ANP)«
angesprochen; soweit es möglich war, er-
folgte eine Korrelation mit den Bauphasen.
Die Grabungen im Passauer Kasten

Die drei in Raum 0.08 des Untergeschoßes Interpretation


des Passauer Kastens situierten Schnitte der Grabungsbefunde
bildeten eine zusammenhängende Fläche,
die rund die Hälfte der Raumfläche (ca. 20 Die ältesten, mutmaßlich spätantiken
m2) einnahm. Hier waren im Gegensatz zu Befunde (Archäologische Nutzungs-
Schnitt 1 Schichten erhalten, die von der phase/ANP 1, Bauphase I.1)
Bauzeit des Passauer Kastens in der ersten Die älteste Phase, die bei den Arbeiten in
Hälfte des 13. Jahrhunderts bis ins 21. Jahr- Raum 0.08 greifbar wurde, ist chronolo-
hundert reichten. Eine deutliche Umgestal- gisch schwer einzuordnen, da der Großteil
tung des Bereiches (ehemalige Hanglage) der älteren fundführenden Schichtzusam-
dürfte mit der Einebnung beziehungsweise menhänge – wie bereits erwähnt – offenbar
Planierung im Zuge der Baumaßnahmen für beim Bau des Passauer Kastens und seiner
den spätromanisch-frühgotischen Saalbau Nebengebäude ab der ersten Hälfte des 13.
und seine südwestlichen Nebengebäude Jahrhunderts beseitigt worden ist. Somit
einhergegangen sein. Daneben waren aber können nur der älteste Mauerbefund (Bau-
mit dem weiteren Verlauf der Mauer SE phase I.1) sowie der in der Nordostecke von
9 aus Schnitt 1 und einer mutmaßlichen Schnitt 4 angeschnittene mutmaßliche
Grabenflanke (IF 200) auch ältere Befunde Grabenbefund und seine Verfüllung mit
vorhanden. Diese dürften – zieht man alle Sicherheit in die Zeit vor der Errichtung
Mauersuperpositionen in Betracht – zumin- des spätromanisch-frühgotischen Saal-
dest in das 12. Jahrhundert oder wohl noch baues gesetzt werden. Ob sich die Qua-
älter zu datieren sein. dermauer, die 1989/1991 freigelegt wurde
und ebenfalls als Befestigungsmauer zu
Die aufgedeckten archäologischen Schich- charakterisieren ist, in der spitzwinkelig
ten können somit nicht immer mit den einbindenden, stark ausgezwickelten
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 208

220
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Ausgewählte
archäologische
Befunde der Schnitte
1 bis 4 (2014–2016).

Nordwestmauer von Raum 0.08 (Chor- Als Indizien für eine mögliche spätanti-
unterbau Pfarrkirche; SE 19) fortsetzt, ist ke Zeitstellung zumindest von Mauer 1
derzeit nicht zufriedenstellend zu klären. (Bauphase I.1) und dem mutmaßlichen,
Das geringe vorhandene Fotomaterial lässt davorliegenden Graben sind wenige, meist
jedenfalls mehrere Denkvarianten zu. Da sekundär verlagerte Keramik- beziehungs-
somit der weitere Verlauf der Quadermau- weise Tegulafragmente anzuführen, die
er unklar bleibt, ist derzeit fraglich, ob sie den Zeitraum von der zweiten Hälfte des
Mauer 1 (Bauphase I.1) überlagert und so- 4. bis zum beginnenden 5. Jahrhundert n.
mit jünger wäre. Chr. abdecken.
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209 Martin Obenaus: Archäologische Untersuchungen im Passauer Kasten

Die Mauer der Bauphase I.1 (IF 206, SE 221


 Ybbs an der Donau,
203=205) konnte in Raum 0.08 nur in ei-
Passauer Kasten.
nem verhältnismäßig kleinen Ausschnitt Mauerbefunde
erschlossen werden. Sie stellte aufgrund und mutmaßlicher
der Mauertechnik und ihrer Flucht die Fort- Grabenausschnitt im
Bereich der Schnitte
setzung der auch außerhalb des Passauer 2 bis 4. Die dunkelblau
Kastens freigelegten Befestigungsmauer SE eingetragene Mauer 1
9 dar, die bereits zuvor besprochen worden und die Grabenflanke
in der südöstlichen
ist. In diesem Bereich ist sie noch in aufge-
Schnittecke stellen wohl
hend erhaltenem Zustand in die Südwest- spätantike Befunde dar.
mauer des spätromanisch-frühgotischen Der angesetzte hell-
Saalbaues (SE 49) integriert, während sie blaue Fundamentrest
von Mauer 2, deren
im weiteren Verlauf in Richtung Süden ei-
weiterer Verlauf
nem spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen durch einen linearen
Nutzungsniveau (Oberkante von SE 36=122) Fundamentgraben-
angeglichen und teilweise abgebrochen bereich markiert wird,
ist hingegen ins aus-
worden ist. gehende Hochmittel-
alter beziehungsweise
  � beginnende Spätmittel-
Etwa in Raummitte schien Mauer 1 (Bau-
  �� alter zu stellen.
phase I.1) in einem rechten Winkel nach
Westen umzubiegen und mit ihrer Ab-     ��
bruchoberkante (IF 206) unter das Funda-   �� �
ment der mehrphasigen Westwand von 
 �� �
Raum 0.08 (SE 19), die als Unterbau für den
Chor der Pfarrkirche anzusprechen ist, zu
laufen. Anfangs ging man davon aus, dass zu einer deutlichen stumpfwinkeligen Kan-
der nördliche Abschnitt von Mauer SE 19 bis te, ebenfalls etwa in Raummitte gelegen,

222
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Überblicksaufnahme
der in Schnitt 1
aufgedeckten
polygonalen
Mauerstruktur SE 9, die
vom Passauer Kasten
integriert wird und sich
in Raum 0.08 fortsetzt.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 210

223
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten. Der
in den Schnitten 2 bis
4 freigelegte Abschnitt
der Mauern 1 und 2.

die Verlängerung jener massiven Quader- Erklärungsmodelle an, von welchen beim
mauer von etwa 1,80 m bis 2,10 m Mauerstär- aktuellen Kenntnisstand der Befundlage
ke bilden würde, die 1989/1991 im Bereich keinem der Vorzug gegeben werden kann:
des Kirchendurchganges angeschnitten Neben einer Einordnung als Militärbau
worden war (Bauphase I.2). Im Rauminne- (Lagerecke) der Römischen Kaiserzeit, dem
ren war die mögliche ehemalige Außenscha- später die mutmaßlich spätantike Mauer
le allerdings durch Auszwickelungen derart der Bauphase I.1 vorgelagert wurde, käme
verunklärt, dass keine klaren Aussagen ge- auch eine hochmittelalterliche Errichtung
troffen werden konnten. Denkbar ist auch, innerhalb der spätantiken Befunde in Fra-
dass es sich bei den in SE 19 verwendeten ge. In letzterem Fall könnte es sich dabei
Quadern lediglich um spoliertes Bauma- um einen hochmittelalterlichen Bauteil der
terial handelt. Der südliche Abschnitt von ehemaligen Burganlage gehandelt haben,
Mauer SE 19 – ab dem genannten Knick der ebenso wie die Mauer der Bauphase I.1
– war jedenfalls als stark ausgeprägtes die nordöstliche Spitze des Plateaus, das
Zwickelmauerwerk ausgeführt und kann heute die Pfarrkirche trägt, umschloss. Erst
somit als Neubau oder Ausbesserung aus später wurde der rund 4 m tiefer liegende,
der Zeit des spätgotischen Kirchenbaues im hochwertige Saalbau des Passauer Kastens
frühen 16. Jahrhundert angesehen werden errichtet.
(Bauphase V).
Mangels entsprechender Schichtan-
Der Quadermauerabschnitt der Bauphase schlüsse mit datierbarem Material kann
I.2, der nur aus Fotografien von 1991 bekannt die Erbauung der beiden Mauerbefunde
ist, kann somit vorläufig nur bauhistorisch jedenfalls nur sehr allgemein ab der Rö-
beurteilt werden. Weitgehend unbestritten mischen Kaiserzeit/Spätantike bis spätes-
scheint eine Errichtung noch vor dem Bau tens im frühen Hochmittelalter angesetzt
des Passauer Kastens, obwohl keine direk- werden. In Sondage 3 an der Feldseite von
te Superposition nachgewiesen werden Mauer 1 konnte – neben zwei schmalen
konnte. Es bieten sich somit zurzeit zwei Absätzen – auch die Fundamentunterkante
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211 Martin Obenaus: Archäologische Untersuchungen im Passauer Kasten

224
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Profil durch die
Planierungsschichten
mit spätmittelalterlich-
frühneuzeitlicher
Störung (SE 123, IF
129) des mutmaßlichen
Befestigungsgrabens
in der Südostecke
von Schnitt 4. Im
Vordergrund ist die
Grabenflanke (IF
200) im anstehenden
Schotter zu erkennen.

ausgegraben werden. Hier wurde deutlich, Aufgrund des ins frühe 13. Jahrhundert zu
dass diese dem ehemaligen, nach Norden datierenden Fundmaterials aus SE 184, die
abfallenden Hanggefälle gefolgt war. Die vom Fundament der Mauer 2 überlagert
erhaltene Höhe von Mauer 1 (SE 203=205) wurde, jedoch an die ältere Mauer 1 lief, ist
betrug maximal 1,8 m. Hofseitig waren der Fundamentrest als späterer Anbau zu
aus statischen und räumlichen Gründen klassifizieren. Möglicherweise fand dieser
keine weiteren Sondierungen möglich. Die weitgehend zeitgleich mit dem Bau des Pas-
Breite der Abbruchoberkante von Mauer sauer Kastens um 1220/1230 statt. Zu dieser
1 (Bauphase I.1) könnte nahelegen, dass – Zeit war, wie bereits erwähnt, der Bestand
analog zum Mauerbefund außerhalb des von Mauer 1 noch soweit erhalten, dass er
Passauerkastens (SE 9) – nur ein auf dem weitergenutzt beziehungsweise integriert
Fundament aufsitzender schmälerer Mau- werden konnte.
erabschnitt angefahren wurde. Gegen eine
durchgehende, breite Innenstufe, wie sie Als zweiter Befund aus der Zeit vor dem Bau
im Außenbereich (Schnitt 1) dokumentiert des Passauer Kastens ist eine in der Nord-
werden konnte, sprechen allerdings die Ni- ostecke von Schnitt 4 gelegene Böschungs-
veauunterschiede. Denkbar ist auch, dass kante anzuführen, die in einem Winkel von
es sich lediglich um die Außenschale des ca. 45° nach Südwesten abfiel (IF 200). Da
Mauerzuges handelte, dessen Kern durch eine natürliche Böschung in diesem Winkel
die spätere Errichtung des nordwestlichen im anstehenden Schotter kaum denkbar er-
Raumabschlusses (SE 19) gestört worden scheint, liegt hier die Vermutung einer Gra-
ist. benflanke nahe, die in einem Abstand von
etwa 1,5 m vor Mauer 1 lag. Setzt man die
Südlich der rechtwinkeligen Ecke der – nicht belegbare – Zusammengehörigkeit
wesentlich tiefer fundamentierten Mauer von Mauer und Graben voraus, so wären
1 (Bauphase I.1) schloss mit Mauer 2 (SE der Befestigungsmauer in besagtem Bereich
204) ein nur noch sehr seichter Funda- eine Berme und ein Graben unbestimmten
mentrest an, der sich deutlich absetzte. Ausmaßes vorgelagert gewesen.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 212

Aufgrund der Störung der Grabenver- Mauer 1 (Bauphase I.1) näher eingrenzen
füllung durch die spätmittelalterlich- könnte, in situ enthielten. Es bleibt also
frühneuzeitliche Grube IF 129 konnten vorerst nur, e silentio Schlüsse aus jenen
Verfüllungsschichten des Grabenbefundes wenigen Funden zu ziehen, die älter als
nur in einem äußerst kleinen Ausschnitt der Saalbau vom Beginn des 13. Jahrhun-
am Südostprofil von Schnitt 4 untersucht derts datiert werden können. Abgesehen
werden. Ihr oberster Abschnitt (SE 183) von einem Randfragment, das mit Vorbe-
war verhältnismäßig fein geschichtet und halt ins 11./12. Jahrhundert zu stellen ist,
erbrachte – abgesehen von einem winzi- gehört die einzige ›größere‹ Fundgruppe
gen spätmittelalterlichen Wandstück und der Spätantike an. Mit Ausnahme des mög-
einem Glasfragment – kaum datierbare licherweise bereits in der Nutzungszeit im
Funde. Hervorzuheben ist allerdings ein Grabenbereich abgelagerten Tegulafrag-
spätantikes Tegulafragment, das direkt über ments handelt es sich in allen Fällen um
der Grabenflanke (IF 200) aus dem Profil umgelagertes Fundmaterial aus jüngeren
entnommen wurde. Möglicherweise gibt Schichten vom ausgehenden Hochmittel-
dieser Fund einen Anhaltspunkt bezüglich alter bis zur Neuzeit.
der frühesten Ablagerungen im Graben ab
spätantiker Zeit. Die ›stärkste‹ Häufung war dabei in der
spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Gru-
Die sehr undeutliche Befundlage mit unre- benverfüllung SE 123 zu bemerken, welche
gelmäßig gerundeter bis polygonaler Befes- die Grabenverfüllung SE 183 schnitt. Even-
tigungsmauer (Mauer 1, Bauphase I.1), die tuell stammen die vier aufgefundenen spät-
offensichtlich zumindest vorhochmittel- antiken Keramikfragmente also aus dem
alterlich zu datieren ist und mit einem bereits verfüllten Graben, möglicherweise
vorgelagerten Graben versehen war, scheint aus nachgerutschten Randbereichen. Es
anhand von Analogien auf ein spätantikes handelt sich dabei um ein graues schei-
Militärbauwerk hinzuweisen. Auf unregel- bengedrehtes Bodenfragment und eine
mäßige beziehungsweise stark dem Gelände handgeformte, leicht überglättete Rand-
angepasste Kleinkastelle dieser Zeitstellung scherbe ›germanischer‹ Machart, die typo-
wurde bereits weiter oben hingewiesen. logisch nicht genauer anzusprechen sind.
Für eine genauere Bewertung der Mauer Klarer einzuordnen sind hingegen zwei
und ihres weiteren Verlaufs wären weitere Fragmente von Schüsseln mit Wandknick,
Aufschlüsse im Bereich nördlich der Pfarr- wie sie auch aus anderen Befunden des 4./5.
kirche St. Laurentius beziehungsweise in Jahrhunderts in größerer Zahl bekannt sind.
bestehenden Gebäuden hilfreich. Denkbar Bei einem Stück handelt es sich um gröbere
wäre auch eine spätere Nachnutzung, mög- graue Drehscheibenware1, während das an-
licherweise im Frühmittelalter bis frühen dere Fragment feiner gearbeitet ist und im
Hochmittelalter (Eparesburg/Ybbsburg?), Innenbereich spärliche Reste von Einglätt-
von welcher aber das Fundmaterial fehlt. verzierung2 aufweist. Im Kastell von Arela-
Ungestörte Schichtzusammenhänge könn- pe/Pöchlarn liegt die Masse an derartigen
ten hier nur noch nördlich der Kirche oder Keramikformen ab den Bauphasen 5.2 bis
aber im Bereich des Kirchenplatzes ange- 5.5 und in Bauperiode 6 vor. Letztere stellt
troffen werden. bereits eine Planierungsschicht (»schwarze
Schicht«) dar, die ähnlich wie in anderen
Da abgesehen vom Grabenbereich alle Kastellorten mit der Aufgabe militärischer
älteren Schichten offensichtlich vor dem Strukturen in Zusammenhang gebracht
Bau des Passauer Kastens in den 1220er-/ wird. Die Datierung dieser letzten Nutzungs-
1230er-Jahren abgetragen worden sind, phase ist schwer zu greifen und wird für das
waren auch keine Schichten erhalten, die Kastell Arelape in der Zeit zwischen etwa
älteres Fundmaterial, das den Bau von 370/380 und der ersten Hälfte des 6. Jahr-
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213 Martin Obenaus: Archäologische Untersuchungen im Passauer Kasten

225
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Detailaufnahme eines
runden Rüstloches
in der Füllung der
Schalenmauer SE
9 in Schnitt 1.

hunderts angesetzt. Vereinzelt kommt auch Eine kleine, handgeformte Scherbe, die auf-
frühmittelalterliche Keramik vor, die als grund ihrer wirren Oberflächenrauung an
Intrusion gewertet wird. Zwei Exemplare spätantike Horreumware erinnert, stammt
stammen auch aus einem Grubenbefund, aus der umgelagerten Schotterschicht SE
der der Bauphase 5.1 zugeordnet wird, wo- 198, direkt am Übergang zum anstehenden
bei seine Verfüllung anhand einer Münze Schotter. Hier könnte an eine primäre
des Gratian oder Valentinian II. erst im letz- Lagerung im Bereich der Berme gedacht
ten Viertel des 4. Jahrhunderts erfolgt ist.3 werden. Möglicherweise handelt es sich bei

226
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Zwei Tegulafragmente
aus Schnitt 4. 1 – SE
142, 2 – SE 183.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 214

227
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Scheibengedrehte
spätantike Keramik,
teils mit Glättungen,
sowie grün glasierte
Reibschüsselfragmente
aus unterschiedlichen
Befunden. 1–3 – SE
123, 4 – SE 160, 5 –
SE 53, 6 – SE 189.

228
Ybbs an der
Donau, Passauer
Kasten. Spätantike,
handgeformte
›germanische‹ Keramik
aus unterschiedlichen
Befunden. 1 – SE 69,
2 – SE 198, 3 – SE 123.
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215 Martin Obenaus: Archäologische Untersuchungen im Passauer Kasten

dem kleinteiligen Fragment um sogenannte befundes sowie des Grabens ins 4. Jahr-
»späte Horreumkeramik«, die als typisch für hundert n. Chr. nicht eindeutig belegen,
die Periode 7 des Kastells Favianis/Mautern würde eine solche aber durchaus zulassen.
erachtet wird und ihre spätesten Parallelen Dazu ist noch einmal die vorläufig unklare
im langobardenzeitlichen Gräberfeld von chronologische Einordnung der Quader-
Maria Ponsee findet.4 mauer zu nennen, die 1991 im Bereich des
Kirchendurchganges freigelegt worden ist.
Die wenigen weiteren Fundstücke spätan- Diese Befund- und Fundlage lässt bei aller
tiker Zeitstellung sind in allen Fällen als Lückenhaftigkeit die Möglichkeit, im Be-
umgelagerte Altstücke in mittelalterlichen reich des Plateaus der Pfarrkirche St. Lau-
bis neuzeitlichen Schichten anzusehen. Zu rentius und des Passauer Kastens zumindest
nennen sind zwei grünbraun glasierte Reib- ein spätantikes Militärbauwerk zu vermu-
schüsselfragmente aus SE 53 und SE 160=162, ten, dessen Befestigungsmauer teilweise in
die typologisch nicht näher angesprochen die ehemalige Hanglage gebaut worden ist.
werden können, sich aber in den spätanti- Über eine mögliche ältere kaiserzeitliche
ken Zeitrahmen ab der zweiten Hälfte des Bauphase, die durch besagte Quadermauer
4. Jahrhunderts einordnen. Ebenso wenig markiert werden könnte, kann derzeit nur
genauer datierbar ist ein scheibengedrehtes spekuliert werden.
Bodenfragment aus SE 189.
Hochmittelalterliche Schichten bis zum
Ein einzelnes handgeformtes Bodenfrag- Bau des Passauer Kastens
ment mit »baumförmiger« Ritzmarke (ANP 2, Bauphase I.1/I.2–II.1)
auf der Standfläche aus SE 69 ist wieder Das deutlichste Indiz für ein bauzeitliches
dem Dunstkreis der spätantiken ›germa- Niveau des eigentlichen Passauer Kastens,
nischen‹ Ware zuzuordnen. Derartige der um 1220/1230 datiert wird, stellte ein
einfache Markierungen sind – wie auch durchlaufendes Mörtelabstrichband (IF 146,
plastisch erhabene Bodenmarken – sel- SE 47=139) dar, das in der gesamten Länge
ten, aber dennoch geläufig. Belege dafür der Grabungsfläche an der südwestlichen
existieren ab der mittleren Römischen Außenmauer des Saalbaues dokumen-
Kaiserzeit5, aber auch aus der Spätantike/ tiert werden konnte. Darüber lag mit SE
Völkerwanderungszeit. Eine Schüssel mit 130 noch ein deutlicher schottriger, aber
andreaskreuzförmiger Marke stammt aus fundloser Planierungskeil über der offen-
Grab 10 des Gräberfeldes des 5. Jahrhun- sichtlich ehemals schrägen Hanglage hinter
derts von Grafenwörth.6 dem Bauwerk, die erst nach der Errichtung
gänzlich ausgeglichen wurde.
Zuletzt ist noch auf ein zweites, sekundär
umgelagertes Tegulafragment aus SE 142 Unter dem genannten bauzeitlichen Mörtel-
hinzuweisen, für das wohl ebenfalls eine abstrich folgten ältere Planierungen aus der
spätantike Zeitstellung angenommen wer- Zeit vor oder während des Baues (SE 46=133,
den darf. Auf weitere spätantike Ziegelfrag- SE 61=140), die die ehemalige Hanglage zu-
mente aus dem unmittelbaren Umfeld des nehmend verflachten. Die randliche, von
Passauer Kastens (Hauptplatz Nr. 6, Gst. Nr. der spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen
144), von denen eines den Stempel der 1. no- Grube IF 129 geschnittene Verfüllung SE
rischen Legion trägt, wurde bereits weiter 141 enthielt nur geringes Fundmaterial, das
oben hingewiesen. Sie belegen offensicht- allgemein ins Hoch- bis beginnende Spät-
lich eine wohl militärische Bebauung im mittelalter zu stellen ist. Sie überlagerte wie
Nahbereich der behandelten Fundstelle. auch SE 152 die viereckige, trocken gesetzte
Steinlage IF 173, SE 176, die mit Vorbehalt
Die nicht allzu üppige Fundlage der Spät- als Fundamentrest (eines Pfeilers?) anzu-
antike kann eine Datierung des Mauer- sprechen ist.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 216

229
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten. In der
rechten Bildhälfte die an
die Südwestmauer des
Passauer Kastens
anlaufende Planierungs-
schicht SE 133 aus der
Bauzeit beziehungs-
weise der Zeit knapp
vor Errichtung des
Repräsentationsbaues.
Entlang der Mauer
ist darüber das
Mörtelabstrichband
SE 139 zu erkennen.
Offensichtlich wurde
mit dieser und den
darunter folgenden
Planierungen das
ehemalige Hanggefälle
in Richtung Donau
ausgeglichen.

Unter den folgenden, meist dünnen bau-


beziehungsweise vorbauzeitlichen Straten
 von SE 159 bis SE 163 wurden schließlich
vier große Pfostengruben in der Mittel-
achse des Raumes erkennbar (SE 165/IF
170, SE 166/IF 171, SE 169/IF 172, SE 175).
Aufgrund dieser stratigrafischen Situation
kann kaum, wie zunächst angedacht, ein
Lehrgerüst für die neuzeitliche Einwölbung
von Raum 0.08 angenommen werden. Die
Pfostengruben müssen demnach vor oder
im Zuge des Baues des Passauer Kastens
angelegt worden sein. Denkbar wären zu-
sätzliche Einrüstungsmaßnahmen oder ein
Arbeitsplateau während des Baufortschritts,
da ein hölzernes Nebengebäude im ehemals
schrägen Gelände kaum sinnvoll erscheint.
230
Ybbs an der Donau, Unter diesem Niveau in leichter Nordost-
Passauer Kasten.
Befundlage aus der Zeit
hanglage folgten zunehmend Schichten,
  �
vor beziehungsweise die mehr Holzkohleflitter, dafür aber kaum
  
während der Errichtung noch Mörtelreste enthielten. Möglicher-
des Passauer Kastens.   ��
weise markiert es somit den Baubeginn
Die mit Sicherheit 
  ��
älteren Mauerbefunde des Passauer Kastens, im Zuge dessen das
     Niveau im Fundamentbereich kontinuier-
sind zwecks besserer
Übersicht ausgeblendet.    lich bis zum Mörtelabstrich IF 146/SE 47=139
planiert und erhöht worden ist. Letzterer
würde demnach den Bau des aufgehenden
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217 Martin Obenaus: Archäologische Untersuchungen im Passauer Kasten

231
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Südöstlicher Bereich
von Schnitt 4 mit der
Steinlage SE 176 und
der zentralen Reihe
von bereits zum
Teil ausgegrabenen
Pfostengruben (IF 170,
IF 171, IF 172, SE 175).

Mauerwerks bezeichnen. In diese frühen Wie lang die Mauern 1 und 2 nach den Bau-
Schichten schnitt auch bereits die zuvor arbeiten noch sichtbar waren und welche
genannte Steinlage IF 173/SE 176 ein. Funktion sie in dieser Phase erfüllten, lässt
sich derzeit kaum beantworten. Ob der
Die ebenfalls nur dünnen, stärker holzkoh- nördliche Abschnitt des Chorunterbaues
lehaltigen Straten (etwa SE 174, SE 177, SE der Pfarrkirche (Nordwestmauer von Raum
178, SE 180, SE 181, SE 185) könnten somit 0.08) die Fortsetzung der 1991 freigelegten
eine vorbauzeitliche Humus- oder Kultur- Quadermauer bildet, ist derzeit ebenfalls
schicht darstellen, die größtenteils direkt nicht zufriedenstellend zu klären (siehe
auf beziehungsweise am Übergang zu dem oben). Auf jeden Fall überlagerte die Mauer
anstehenden Schotter lag und die ältere des Nordwestabschlusses von Raum 0.08
Grabenverfüllung SE 183 überlagerte. auch deutlich die Mauer 1 (Bauphase I.1),
die in diesem Bereich rechtwinkelig umbog.
Nicht damit in Zusammenhang stand Entweder wurde die Nordwestmauer somit
die Steinschuttschicht SE 184 südlich der über die bereits schadhafte Mauer 1 gesetzt
Mauern 1 und 2. Diese Schicht, die eben- oder es erfolgte ein Teilabbruch der älteren
falls noch Keramik des 12./13. Jahrhunderts Substanz.
enthielt, könnte während des Baues des
Passauer Kastens beziehungsweise im Zuge Wann der Fundamentrest von Mauer 2
des Abbruches von Teilbereichen der älte- abgetragen wurde, ist weitgehend unklar.
ren Mauer 1, an deren Fundamentbereich Allerdings wurde er bereits von einer spät-
sie anlief, entstanden sein. Dagegen zog sie mittelalterlichen Grube in der Südwestecke
unter den offensichtlich später angesetzten von Raum 0.08 gestört. Hier war auch noch
und wesentlich seichter fundamentierten der Rest eines Ausrissgrabens beziehungs-
Rest von Mauer 2, die somit auch in einen weise einer inhomogen verdichteten Flä-
ähnlichen Zeitrahmen wie der spätroma- che (SE 189/IF 194), die in Richtung Süden
nisch-frühgotische Saalbau zu datieren ist bis ans Nachbargebäude weiterlief, unter
(siehe oben). dem Fundament von Mauer 2 zu erkennen.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 218

232 Ein Abtragen der Reste ist somit im Rah-


Ybbs an der Donau,
men der Errichtung dieses Bauteils des
Passauer Kasten.
Detailaufnahme von SE 13. Jahrhunderts (Bauphase II.2) oder der
180 mit zweireihigem begleitenden Einebnungsmaßnahmen in
Beinkamm in situ. diesem Bereich anzunehmen.

Während die Planierungsschicht SE 130,


die über dem bauzeitlichen Mörtelabstrich-
band lag, kein Fundmaterial enthielt, war
in den darunterliegenden, ebenfalls das
Hanggefälle zunehmend ausgleichenden
Straten ab SE 133 wenig Fundmaterial vor-
handen. Neben wenig aussagekräftigen
Stücken sind ab diesem Horizont bereits
vermehrt Fragmente von Bügelkannen
oder einer Lampenschale sowie auch meist
nur schwach grafithaltige Ware zu nennen.
Als Datierungsrahmen sind wohl das späte-
re 12. Jahrhundert und vor allem die erste
Hälfte des 13. Jahrhunderts anzugeben.

233 Neben weiteren, fundarmen Schichten


Ybbs an der Donau, ist vor allem SE 152 hervorzuheben. Aus
Passauer Kasten. Reste
ihr liegen neben Wandscherben (teils mit
der Steinschuttschicht
SE 184, die an der Grafitbeimengung) vor allem Fragmente
älteren Mauer 1 anliegen, von oxidierend gebrannten, glimmer- be-
aber unter den seichter ziehungsweise leicht grafithaltigen Bügel-
fundamentierten
Rest von Mauer 2
kannen vor. Ein Henkelfragment weist mit
ziehen. Mauer 2 kann Kämmen und Spateln eingestochene Ver-
somit nach Aussage zierungen beziehungsweise eine Kreuzmar-
des Fundmaterials
ke auf. Ein Bodenfragment zeigt verschlif-
aus SE 184 erst im
späten Hochmittelalter fene Reste einer plastischen Bodenmarke.
errichtet worden sein. Ein Randfragment mit deckelfalzartigem
Schwung ist bereits leicht untergriffig. Hier
wird ebenfalls eine Datierung ab dem spä-
ten 12. Jahrhundert bis in die erste Hälfte
des 13. Jahrhunderts vorgeschlagen.7 Dem
234 ist auch eine grafithaltige Wandscherbe aus
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten. Rest
SE 53=151 anzuschließen, die ein ›netzartig‹
eines Ausrissgrabens mit einem Kamm eingestochenes Muster
beziehungsweise einer aufweist. Aus derselben Schicht stammt
inhomogen verdichteten
ein sekundär verlagertes kleines Frag-
Fläche (SE 189/IF 194)
unter dem Fundament ment einer grün glasierten spätantiken
von Mauer 2. Reibschüssel.

Grob ins 13. Jahrhundert zu stellen sind Vor-


ratsgefäßränder8 aus SE 159, die wohl mit
der von einem jüngeren Befund (SE 132) ge-
schnittenen SE 136 gleichzusetzen ist. Ihnen
können auch die wenigen aussagekräftigen
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219 Martin Obenaus: Archäologische Untersuchungen im Passauer Kasten

235
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Fragmente von
Bügelkannen des
Hochmittelalters
bis beginnenden
Spätmittelalters aus
unterschiedlichen
Befunden. 1 – SE 184,
2–3 – SE 152, 4–5 –
SE 140, 6 – SE 68.

236
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Keramikfragmente
des Hochmittelalters
bis beginnenden
Spätmittelalters aus
unterschiedlichen
Befunden. 1 – SE 34,
2 – SE 42, 3 – SE 53.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 220

237
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Zweireihiges
Einlagenkämmchen
aus der
hochmittelalterlichen
Kulturschicht SE 180.

Keramikfragmente (Randbruchstücke) aus späteren 12. Jahrhundert bis in die erste


SE 160=162 und SE 163 angeschlossen wer- Hälfte des 13. Jahrhunderts nahe.
den.9 Aus SE 160=162 ist auch ein sekundär
verlagertes spätantikes Reibschüsselfrag- Dem würde sich als einziger mäßig aussage-
ment zu nennen. Noch weniger Aussage- kräftiger Kleinfund ein vollständig erhalte-
kraft besitzen die Wandbruchstücke aus ner, zweireihiger beinerner Einlagenkamm
den Pfostengrubenverfüllungen SE 169 aus SE 180 anschließen, der eine gröbere
und SE 175, die somit wohl ebenfalls dem und eine feinere Zähnung aufweist (Höhe
Zeithorizont der ersten Hälfte des 13. Jahr- 3,6 cm, Breite 3,1 cm, Stärke 0,4 cm). Die
hunderts anzuschließen sind. Griffplatte ist beidseitig mit vier grob li-
near angeordneten größeren (dreiteiligen)
Die Steinschuttschicht SE 62=184, die an und ohne Ordnung eingebohrten kleine-
Mauer 1 anlief und von Mauer 2 überlagert ren (zweiteiligen) Kreisaugen verziert. Der-
wurde, enthielt wenig Keramik des frühen artige Kämmchen, die wie im vorliegenden
13. Jahrhunderts, unter der die Fragmente Fall aus Bein oder auch aus Holz (Buchs-
einer Bügelkanne und einer steilwandigen baum) gefertigt sein können, werden im
Schale zu nennen sind.10 Regelfall ins Hochmittelalter datiert. Zu
nennen sind unter anderem vier Exemp-
Alle bisher genannten Schichten sind so- lare aus Schleswig, für die als Zeitstellung
mit wohl der Bauzeit beziehungsweise der das 11./12. Jahrhundert angegeben wird.11
frühesten Phase der Nutzungszeit des Pas- Aus der befestigten Siedlung Colletière bei
sauer Kastens als repräsentativer Saalbau Charavines (Burgund) liegt ein etwas grö-
zuzuordnen. Aus den mutmaßlich vorbau- ßeres Stück aus Buchsbaumholz vor, das
zeitlichen (oder bauvorbereitungszeitli- man in diesem Zusammenhang bereits in
chen), stärker holzkohlehaltigen dünnen die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts stellt.12
Straten, die meist am Übergang zum anste-
henden Schotter lagen (SE 174, SE 177–181, Als verlagerter Altfund ist mit Sicherheit
SE 185), stammt ausgesprochen wenig aus- auch ein kleinteiliges Randfragment aus SE
sagekräftige Keramik. Meist handelt es sich 42 anzusehen. Es ist schwach grafithaltig,
um Wandstücke. Ein Randfragment aus ausladend geformt, nachgedreht und weist
SE 180 legt wieder eine Datierung ab dem auf der Randinnenseite ein zweizeiliges
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221 Martin Obenaus: Archäologische Untersuchungen im Passauer Kasten

umlaufendes Wellenband auf, das eine Sie wurde offensichtlich angelegt, um ein
grobe Datierung ins 11./12. Jahrhundert noch bestehendes Nordosthanggefälle in
ermöglicht. Richtung der Außenmauer des Saalbaues
einzuebnen. Hangaufwärts, in Richtung des
Die Beobachtung, dass die ältesten fund- südwestlich von Raum 0.08 anschließenden
führenden Schichten – abgesehen von dem Gebäudes, fehlte diese Planierung bereits,
bereits angesprochenen Grabenbefund in war also offensichtlich zu einem späteren
der Nordostecke von Schnitt 4 – nahezu Zeitpunkt abgetragen worden (spätmittel-
unmittelbar auf dem anstehenden Schotter alterliche Einebnung der Fläche). In diesem
beziehungsweise Schluff/Wellsand lagen, Bereich ist nur noch SE 128 zu nennen, die
lässt an eine Überformung des ehemaligen neben älteren Stücken auch eindeutig
Hangverlaufes bereits im Zuge des Baues spätmittelalterliches Material enthielt
des Passauer Kastens denken. Dabei wurden und in Richtung des Saalbaues – wie auch
offensichtlich alle älteren, auf dem Hang der genannte Mörtelabstrich – die bau-
abgelagerten Kulturschichten bis auf den beziehungsweise vorbauzeitliche Planie-
anstehenden Boden abgetragen. Erhalten rungsschicht SE 133 überlagerte. Darunter
blieben nur deutlich eingetiefte Befunde lag noch SE 132, die ebenfalls reduzierend
wie die Grabenverfüllungen/Planierungen gebrannte spätmittelalterliche Keramik
ab SE 183. enthielt.

Spätmittelalterliche bis Stratigrafisch schwieriger einzuordnen sind


frühneuzeitliche Befunde einige seicht erhaltene Befunde in der ehe-
(ANP 3, Bauphase III–V) mals hangaufwärts gelegenen Südwesthälf-
Unter der flächigen Planierungsschicht SE te der Grabungsfläche, da hier aufgrund der
36=122 folgten kleinflächige Straten, die mit späteren Einebnung keine Schichtzusam-
Vorbehalt als Planierungsmaßnahmen von menhänge mit den bauzeitlichen Schichten
seichten Mulden gewertet werden können des Passauer Kastens erhalten waren. Sie
(SE 124–126). Als echte Grubenverfüllung sind wohl als nutzungszeitlich in Bezug
ist hingegen SE 123 (IF 129) zu werten, die auf den Saalbau von 1220/1230 anzusehen,
unmittelbar an der südwestlichen Außen- wurden aber offensichtlich bereits vor
mauer des Passauer Kastens angelegt wur- dem Bau des südwestlich davon anschlie-
de, mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem ßenden spätmittelalterlichen Gebäudes
Zeitpunkt, als noch keine Einwölbung des eingebracht. Zu nennen sind die Gruben-
Raumes 0.08 existierte. Die Grube selbst verfüllungen SE 131 und SE 37=142=144, die
konnte nur teilweise untersucht werden, wenig deutliche Keramikreste des 13. und
da sie über die Südostgrenze des Schnittes 14. Jahrhunderts und ein verlagertes, wohl
4 hinauslief. Sie störte auch deutlich das spätantikes Tegulafragment enthielten.
wohl bauzeitliche Mörtelabstrichband des Weiters ist auch ein spätmittelalterliches
spätromanisch-frühgotischen Saalbaues (IF Randfragment mit kreuzförmiger Stem-
146, SE 47=139) und die bereits erwähnte pelmarke erwähnenswert. Diese in der
mutmaßliche Grabenflanke beziehungs- Südwestecke von Raum 0.08 liegende,
weise -verfüllung. offensichtlich spätmittelalterliche Grube
störte die seichten Fundamentreste von
Der langovale Grubenausschnitt (SE 123, IF Mauer 2, die offensichtlich bereits im Zuge
129) schnitt in gleicher Weise die fundlose der Einebnung der südwestlichen Bereiche
Planierungsschicht SE 44=130, die wiede- der Böschung beseitigt worden war.
rum unmittelbar das bereits genannte
Mörtelabstrichband (IF 146, SE 47=139) über- Zwei Pfostengruben (SE 138/IF 145, SE 148/IF
lagerte und somit in diesem Bereich die 154), die unmittelbar an der Südwestmauer
älteste Schicht nach dessen Bau darstellte. von Raum 0.08 lagen, sind wohl der Bauzeit
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 222

238 �   �  
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Ausgewählte römische
bis spätmittelalterlich-
frühneuzeitliche
Befunde in den
Schnitten 2 bis 4.





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239 (links)

Ybbs an der Donau,

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Passauer Kasten.
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Die Verfüllung (SE 123)
der spätmittelalterlich-
frühneuzeitlichen
Grube.

240 (rechts)
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Die ausgenommene
spätmittelalterlich-
frühneuzeitliche Grube
IF 129 am südlichen
Abschluss von Schnitt 4.
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223 Martin Obenaus: Archäologische Untersuchungen im Passauer Kasten

241
Ybbs an der
Donau, Passauer
Kasten. Auswahl
spätmittelalterlicher
Keramikfragmente aus
unterschiedlichen, teils
umgelagerten Straten.
1–3 – SE 15, 4 – SE 36,
5 – SE 37, 6 – SE 122.

des anschließenden Gebäudetraktes im sind zwei Fragmente von Schüsseln mit


Spätmittelalter zuzuordnen. In SE 124 fand Wandknick, ein Bodenfragment sowie ein
sich neben Ziegelfragmenten auch wenig handgeformtes Randbruchstück.
aussagekräftiges spätmittelalterliches
Keramikmaterial, das grob dem 14. bis 15. Auch in SE 128 fanden sich neben älteren
Jahrhundert zuzuordnen ist. SE 126 enthielt Stücken des 13. Jahrhunderts auch solche,
nur eine oxidierend gebrannte Scherbe des die bereits eindeutig in jüngere Phasen
beginnenden Spätmittelalters. des Spätmittelalters zu stellen sind, aber
aufgrund ihrer Kleinteiligkeit kaum eine
Die Grubenverfüllung SE 123, die neben genauere Datierung zulassen. Aus den
Keramik auch viel Mörtel, Ziegelbruch teilweise gestörten Straten SE 136 und SE
und Bruchsteine enthielt, ist anhand des 159 stammen wenige großteilige Fragmen-
Fundmaterials in das späte 15. beziehungs- te von Vorratsgefäßen des ausgehenden
weise ins 16. Jahrhundert zu stellen. Dies Hochmittelalters beziehungsweise des
würde wiederum grob dem Bauzeitraum beginnenden Spätmittelalters. Auf die Da-
der spätgotischen Teile der Pfarrkirche ent- tierungsproblematik weiterer Befunde und
sprechen. Daneben waren hier aber auch Schichten, die wohl in die Zeit zwischen
die meisten Fragmente von umgelagerter dem Bau des Passauer Kastens und der Er-
spätantiker Keramik enthalten, was mögli- richtung seines südwestlich anschließen-
cherweise auf die bereits genannte Störung den Nebengebäudes sowie der späteren
eines älteren (spätantiken) Grabenbefun- Planierung des Bereiches zu datieren sind,
des zurückzuführen ist. Erwähnenswert wird noch hingewiesen.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 224

242
Ybbs an der
Donau, Passauer
Kasten. Fragmente
spätmittelalterlicher
Vorratsgefäße aus
teilweise gestörten
Schichten. 1 – SE
136, 2–3 – SE 159.

Steckenlöcher und eine den Steckenlöchern im nordwestlichen


mögliche Hofnutzung Raumteil erkennen; hier lagen sie grob li-
(ANP 4, Bauphase V–VI) near, etwa Südwest-Nordost ausgerichtet,
Nach der Entnahme des Unterbaues ei- während die anderen Bereiche nur eine
nes überlagernden Rollsteinpflasters (SE wirre Anhäufung ergaben.
18=34=69) waren deutliche Häufungen von
runden Steckenlöchern, die sich vor allem Eine zentral verlaufende Schuttplanierung
in der Nordwest- und der Südostecke der (SE 70) mit viel Mörtel und Ziegelbruch
Grabungsfläche gruppierten, in einem könnte eine Ausbesserung eines eingesat-
scheinbar öfters planierten Nutzungsni- telten, stärker genutzten Bereichs des Hofes
veau zu erkennen. In allen Fällen waren gebildet haben. Auch unter ihr konnten
sie offensichtlich in den Boden geschlagen noch vereinzelte Steckenlöcher festgestellt
worden, besaßen einen Durchmesser von werden.
rund 5 cm bis 6 cm und waren – soweit
erkennbar – entweder zugespitzt oder Eine Deutung dieser unklaren Strukturen
zumindest konisch einziehend. Teilweise steht derzeit noch aus. Der Befund ist
waren noch Holzmullreste der Stangen zeitlich wohl noch vor die bestehende
enthalten. Eine Struktur ließ sich nur bei Einwölbung einzuordnen. Denkbar ist
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225 Martin Obenaus: Archäologische Untersuchungen im Passauer Kasten

somit eine frühere Nutzung des heutigen 243


Raumes 0.08 als Hofbereich oder mit einer Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
anderen Deckenkonstruktion sowie einem  Neuzeitliche
unbefestigten Gehhorizont, der durch die Steckenlochsysteme
Oberkante der flächigen Planierung SE unbekannter
36=122 gebildet wurde. Auffällig ist auch, Verwendung im
ausgegrabenen Bereich
dass sich das Nutzungsniveau an der Höhe von Raum 0.08.
der Abbruchoberkanten der Mauern 1 und 2
(IF 206) orientierte. Es ist anzunehmen, dass
die aufgehenden Mauerteile im Zeitraum
der Nutzung dieses Gehniveaus abgebro-
chen wurden oder bereits geschleift waren.

Da die zahlreichen Steckenlöcher kein da-


tierendes Fundmaterial enthielten, bleiben
zur Einordnung dieser Befunde lediglich
die Materialien aus der Schuttplanierung
SE 70 und dem flächigen Planierungs- bezie-
hungsweise Nutzungshorizont SE 36=122.
Beide Horizonte enthielten neben einigen   �
älteren Fragmenten vor allem Keramik, die  
grob dem 14. bis 15./16. Jahrhundert zuzu- 
  ��
ordnen ist und wohl ebenfalls bereits in    ��
umgelagertem Zustand in die Schichten ge-
langt ist. Dafür spricht unter anderem auch
das deutliche Vorhandensein spätmittelal-
terlich-frühneuzeitlicher Ziegelfragmente.
Möglicherweise handelt es sich somit um
ein Gehniveau, das um die Zeit der Er-
richtung des spätgotischen Neubaues der
Pfarrkirche St. Laurentius in Verwendung
244
war. Damals kann das derzeitige Gewölbe Ybbs an der Donau,
noch nicht bestanden haben, da es an das Passauer Kasten. Die
deutliche Netzmauerwerk im Nordwesten Verfüllungen SE 74
von Raum 0.08, das den Unterbau des Cho- bis SE 79 der in einer
Reihe angeordneten
res bildet, anschließt. Steckenlöcher
im Nordwesten
Als verlagerter keramischer Altfund in die- von Schnitt 4.
sen spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen
Schichten ist das Fragment eines Herdrin-
ges erwähnenswert, das wohl ins 13. Jahr-
hundert gestellt werden kann.

Ein neuzeitliches Rollsteinpflaster


mit Unterbau
(ANP 5, Bauphase VI–VII)
245
Aufgrund des geringen und kaum aussa-
Ybbs an der Donau,
gekräftigen Fundmaterials fällt auch die Passauer Kasten.
Datierung der Verlegung des flächigen Roll- Der neuzeitliche
steinpflasters (IF 67, SE 30=68) in Raum 0.08 Gehhorizont SE 36=122.
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 226

246
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Das Rollsteinpflaster
(IF 67/SE 68) in Schnitt
4. Die nordwestlichen
Bereiche (im Bild oben)
wurden bereits beim
Anlegen der Schnitte
2 und 3 abgetragen.

schwer. Es wurde aus hochkant gestellten Aus dem Rollsteinpflaster beziehungs-


Flusskieseln in deutlich getrennten Strei- weise dessen Unterbau ist kaum deutlich
fen (Arbeitsfortschritte) in den Unterbau datierendes Fundmaterial vorhanden. Die
SE 34=69 gesetzt und wies mit Ausnahme keramischen Fragmente streuen zwischen
weniger nachgesunkener Bereiche praktisch der Spätantike und der frühen Neuzeit. Da
keine Fehlstellen auf. Die Abschnitte waren ins Pflaster aufgrund seiner langen Nut-
sowohl Nordost-Südwest als auch Nordwest- zungszeit auch jüngere Funde eingetreten
Südost ausgerichtet. Der schluffige Unterbau worden sein könnten, wird bezüglich der
zeigte eine deutliche Häufung von Ziegel- Frage nach dem Errichtungszeitraum eher
und Mörtelbröckchen, die Hinweise auf wei- den Funden aus dem Unterbaubereich der
tere Baumaßnahmen noch vor der Verlegung Vorzug gegeben. Damit lassen sich zumin-
des Pflasters zu geben scheinen. Dabei wäre dest die stratigrafischen Beobachtungen be-
vor allem an die Einwölbung von Raum 0.08 stätigen. Das jüngste Fundmaterial verweist
mit einer Ziegeltonne, die aus bauhistori- auf einen Zeitraum zwischen dem ausge-
scher Sicht bereits das Netzmauerwerk des henden Spätmittelalter beziehungsweise
15./16. Jahrhunderts in der Nordwestmauer der Frühen Neuzeit und spätestens dem 17.
überlagert, zu denken. Mit der Einwölbung (oder 18.?) Jahrhundert, wobei alle Stücke
sowie der Verlegung des Pflasters ist somit aus dem Unterbau als sekundär verlagert
frühestens ab dem 16./17. Jahrhundert zu anzusehen sind. In einem Schuttzwickel in
rechnen. Spätestens zu dieser Zeit, wahr- der spitzwinkeligen Nordecke des Raumes
scheinlich aber schon früher, wurden auch 8 (SE 28), der bereits das Rollsteinpflaster
die letzten aufgehenden Reste von Mauer überlagerte, fanden sich zudem grün glasier-
1 (Bauphase I.1) bis auf das Bauniveau des te Kachelfragmente, die wohl in die zweite
Rollsteinpflasters abgetragen. Hälfte des 16. Jahrhunderts zu datieren sind.

Auf die vier in der Scheitelachse des Ton- Eingriffe und Schichten des 19./20.
nengewölbes liegenden und zwei weitere, und 21. Jahrhunderts
randständige Pfostengruben wurde bereits (ANP 6, Bauphase VIII–IX)
hingewiesen. Anfangs interpretierte man Als jüngste Befunde, die in Raum 0.08 des
sie als Hinweise auf ein Lehrgerüst von der Passauer Kastens angetroffen wurden, sind
Einwölbung des Raumes, was aber nach vor allem die Überreste von Tankstellen-
genauerer Sichtung der stratigrafischen infrastruktur (Zapfanlagen, Werbeschilder
Situation nicht mehr haltbar ist. etc.) zu nennen, die hier gelagert wurden.
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227 Martin Obenaus: Archäologische Untersuchungen im Passauer Kasten

247
Ybbs an der Donau,
Passauer Kasten.
Frühneuzeitliche
Kachelfragmente
aus SE 28.

Auch umgelagerter Schutt und Hochwasser-


sediment des Jahres 2002 (SE 26=66) fand
sich in deutlichem Ausmaß.

Diese rezente Befundlage überlagerte in di-


rekter Folge das offensichtlich bis in jüngste
Zeit hinein genutzte Rollsteinpflaster (IF 67,
SE 30=68) sowie mögliche Unterlegsteine
einer älteren, aus dem Befund nicht datier-
baren Raumnutzung (19./20. Jahrhundert).

Das meist großteilige Fundmaterial dieser


Zeitstellung besteht in erster Linie aus
eingelagertem ›Tankstellenschrott‹ und
Bauschutt des späten 20. und frühen 21. Jahr-
hunderts, der vor Beginn der Grabung erst
beseitigt werden musste. Nach Aussagen
Ortskundiger hat im Bereich der Donaulän-
de bis zu deren Sanierung tatsächlich eine
Tankstelle bestanden.

1 Grünewald 1979, 76–81; Taf. 72–73. –


Friesinger und Kerchler 1981, Abb. 2–3. 7 Obenaus und Pieler 2005, 406–408, Abb. 23–
2 Grünewald 1979, 76–81; Taf. 71. – Friesinger 24. – Kühtreiber 2006b, 101; Abb. 6/5, 8.
und Kerchler 1981, Abb. 2–3. 8 Kühtreiber 2006b, 115, Abb. 15/A26.
3 Schmid 2017, 137–138, 197. 9 Kühtreiber 2006b, 115, Abb. 15.
4 Groh und Sedlmayer 2002, 367–368. 10 Obenaus und Pieler 2005, 406, Abb. 24.
5 Pollak 1980, Taf. 126/1. 11 Salier 1992, 46–47; Raum 1, Katnr. 87; Abb. 87/a, d.
6 Friesinger und Kerchler 1981, Abb. 45/8; 250. 12 Salier 1992, 41–42; Raum 1, Katnr. 55; Abb. 55.
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229

MARTIN DIETZEL UND RONNY BOCH

RADIOMETRISCHE ALTERSDATIERUNG
VON HISTORISCHEM KALKMÖRTEL
Einleitung dem Brennprozess erzeugtes Kalziumoxid
(CaO) reagiert anschließend mit Wasser zu
Historische Bauten sind zumeist aus kom- Kalziumhydroxid (als Mineral Portlandit;
plexen Verbundsystemen von Materialien Ca[OH]2), dem sogenannten gelöschten
unterschiedlicher natürlicher wie synthe- Kalk. Die erneute Verfestigung basiert auf
tischer Herkunft aufgebaut.1 Kalkmörtel der Reaktion der wässrigen Paste gelösch-
haben die Funktion, Fragmente natürli- ten Kalks mit atmosphärischem Kohlendi-
cher Gesteine oder künstlich hergestellter oxid und der Kristallisation von Kalzium-
Festkörper (zum Beispiel Ziegel) möglichst karbonat (als Mineral hauptsächlich Kalzit;
dauerhaft zu verbinden. CaCO3), welches den Kalkzement (Bindemit-
tel) des Gemenges durch die Vernetzung
Die Zusammensetzung von historischen neugebildeter Kalzitkristalle bildet. Der
Mörteln ist mineralogisch-chemisch viel- letztgenannte Mechanismus führt zur suk-
fältig und hängt im Wesentlichen von zessiven Verfestigung des Kalkmörtels und
Faktoren wie regionaler Verfügbarkeit der kennzeichnet den Abbindeprozess.
Ausgangsstoffe, Transportwegen, techno-
logischer Entwicklung und spezifischer
Verwendungsabsicht ab. Dennoch stellt der Auswahl von geeignetem Kalk-
Brand von Kalkstein bei ausreichend hoher mörtel zur Radiokarbondatierung
Temperatur die Grundlage aller verwen-
deten Kalkmörtel dar. Die anschließende Entscheidend für eine erfolgreiche Radio-
(Wieder-)Verfestigung dieses Mörteltyps ist karbondatierung von Kalkmörtel ist die Aus-
an den Abbindeprozess, also die Aufnah- wahl von geeignetem Probenmaterial. Eine
me von CO2 aus der Atmosphäre in sich Vorauswahl solcher Proben erfolgt über die
bildenden Kalziumkarbonat-Kristallen, ge- strukturelle, mineralogische und geochemi-
bunden. Die Radiokarbonanalyse an gezielt sche Charakterisierung des zur Verfügung
ausgewählten Kalkmörtelproben kann den stehenden Kalkmörtelmaterials, etwa aus
vergangenen Zeitraum dieses Abbindepro- Mauerresten. Makroskopische (visuelle
zesses angeben. Begutachtung) und mikrostrukturelle Un-
tersuchungen mittels Durchlicht-/Auflicht-
mikroskopie an Kalkmörteldünnschliffen
Prinzip der Herstellung und ermöglichen die Identifizierung von Anrei-
Anwendung von Kalkmörtel cherungshorizonten des Kalkbindemittels
für punktuelle Probenentnahmen, häufig
Kalkzement (Branntkalk) wird grundsätz- mittels eines feinen Handbohrers. Die ali-
lich durch die sogenannte Kalzinierung quoten Pulverproben (ca. 10–50 mg) sind
von natürlichem Kalkstein hergestellt. Aus sodann über Röntgendiffraktometrie (XRD)
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 230

248
Übersicht der wesent-
lichen Arbeitsschritte
hinsichtlich radio-
metrischer Alters-
datierung von Kalk-
mörtel. Die Punkte
1 bis 4 umfassen
die Probenahme,
die mineralogisch-
geochemische Proben-
charakterisierung
und -auswahl sowie
deren massenspektro-
metrische Radio-
karbondatierung.
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231 Martin Dietzel und Ronny Boch: Radiometrische Altersdatierung von historischem Kalkmörtel

und/oder Infrarotspektroskopie betreffend ausgeschieden, das etwa als Zuschlag bei


ihres Gehalts an Kalzit zu untersuchen. Ide- der Herstellung des Kalkmörtels einge-
alerweise werden ausschließlich aus CaCO3 bracht worden ist, aber auch anteiliges
(Kalzit) bestehende Proben für die weitere Kalkbindemittel, welches zu einem späten
Analyse der stabilen Isotopenzusammen- Zeitpunkt des Abbindeprozesses gebildet
setzung des Kohlenstoffs und Sauerstoffs oder auch nachträglich durch Auflösung
im Karbonat mittels konventioneller Mas- und Fällungsreaktionen verändert worden
senspektrometrie (CF-IR-MS)2 ausgewählt. ist. In der Tabelle sind beispielhaft einige
geeignete Kalzit-Bindemittelproben mit
Die finale Auswahl von potenziell ge- indikativen Isotopendeltawerten (įin Pro-
eigneten, anorganischen Proben für die mille – bezogen auf das Referenzmaterial
Radiokarbonanalyse erfolgt schließlich VPDB) angegeben.
durch die präzise Messung der relativen
Isotopenverteilung des Kohlenstoffs und
des Sauerstoffs im Karbonatmineral. Die- Radiokarbonanalyse
ses Verfahren beruht chemisch betrachtet
auf der Aufnahme von atmosphärischem Die Radiokarbonanalyse beruht auf dem
Kohlendioxid (CO2) in die (stark) alkalische regelmäßigen radioaktiven Zerfall des
Paste gelöschten Kalks, die mit komplexen Kohlenstoffisotops 14C unter Abgabe eines
Diffusionsprozessen und der unmittelbaren Elektrons (Betastrahlung) zu 14N. Dieser Zer-
Hydroxylierung von CO2 hin zu verfügbaren fall kann durch ein Zeitgesetz beschrieben
Karbonatanionen in der wässrigen Lösung werden, wobei sich eine konstante Halb-
verbunden ist. Beide Prozesse führen zu ei- wertszeit für das 14C-Isotop von 5568 ± 30
ner ausgeprägten sogenannten kinetischen Jahren ergibt. Mit Blick auf die Mörtelda-
Fraktionierung der stabilen Kohlenstoff- tierung wird 14C aus der Erdatmosphäre mit
und Sauerstoffisotope im neu gebildeten den anderen und häufigeren C-Isotopen
Mörtelkarbonat.3 (12C, 13C) in einem nahezu konstanten Ver-
hältnis über die Aufnahme von CO2 im Kal-
Die Analyse der Isotopensignaturen des zit des Kalkbindemittels fixiert. Vereinfacht
Kalzitbindemittels ermöglicht Rückschlüs- ergibt sich über die Messung des – nach
se auf die ursprüngliche Zusammensetzung einer bestimmten Zeit verbliebenen –
des atmosphärischen Kohlendioxids und 14
C im Karbonat des Mörtels der verstri-
seines Diffusionsverhaltens in der aus- chene Zeitraum seit der Aufnahme und
härtenden Mörtelpaste. Auf diese Weise Fixierung des CO2 im Kalzit und somit der
können der Abbindeprozess sowie mögli- Zeitpunkt des Abbindens des Kalkmörtels
che sekundäre Alterationen geochemisch in der Vergangenheit.
rekonstruiert werden. Die Analyse dieser
indikativen Isotopensignale ermöglicht es Der geringe 14C-Anteil wird mittels Be-
ganz wesentlich, den für die Datierung anvi- schleuniger-Massenspektrometrie (AMS-14C:
sierten Kalzit – der praktisch ausschließlich Accelerator Mass Spectrometry) für Aliquo-
aus der Aufnahme von atmosphärischem te von etwa 10 mg bis 100 mg Kalzit der
CO2 entstanden ist – von anderen, für eine gepulverten Probe aus der vorangehenden
Datierung ungeeigneten Karbonatquellen mineralogischen Analyse gemessen. Die ge-
wie Kalksteinzuschlägen zu unterscheiden. messenen Alterswerte werden dann nach
Reiner Kalzit des Bindemittels ist durch standardisierten Verfahren korrigiert und
deutlich negative (zum Beispiel 13C stark in Before Present (Jahre vor 1950) oder re-
abgereichert gegenüber 12C), sogenannte lativ zu Christi Geburt (BC/AD) angegeben.
į13C- und į18O-Isotopenwerte im Karbonat Herausfordernd ist bei diesem radiome-
gekennzeichnet. Durch diese essenti- trischen Datierungsverfahren, möglichst
elle Vorauswahl wird folglich Material reines Kalkbindemittel mit ausschließlich
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St. Johann im Mauerthale und Ybbs an der Donau 232

atmosphärisch absorbiertem CO2 und kein Putzen, Brücken, Fundamenten, Sockeln


14
C-freies Karbonatmaterial (dead carbon), von Statuen und Wasserleitungen der
etwa ungebrannte Anteile von primärem Antike und römischen Ära bis hin zum
Kalkstein und/oder Kalksteinzuschläge, zu Mittelalter und der Neuzeit. Exemplarisch
messen, um verlässliche Abbindealter des werden im Folgenden drei Fallstudien kurz
Kalkmörtels zu erhalten. vorgestellt, bei denen mittels der oben be-
schriebenen mineralogisch-geochemischen
Voranalysen geeignetes Probenmaterial für
Interpretation der Radiokarbon- die anorganische Radiokarbondatierung
analysen von Kalkmörtel von Kalkmörtel ausgewählt worden ist.
Die vergleichsweise aufwändige Radio-
Grundsätzlich wird bei Radiokarbonanaly- karbondatierung von Kalkmörtel kommt
sen von Kalkmörtel – wie erwähnt – anor- bevorzugt in Frage, wenn keine organi-
ganischer Kohlenstoff aus der Atmosphäre schen Relikte beziehungsweise Fragmente
datiert. Im Gegensatz dazu gibt die Radio- für die 14C-Datierung zur Verfügung stehen
karbonanalyse von organischem Material beziehungsweise auch dann, wenn eine Al-
in Baumaterialien (zum Beispiel Holzreste terseinstufung mit einer zweiten Methode
oder Holzkohlenfragmente) das Alter der abgesichert werden soll.
Entstehung des jeweiligen organischen
Materials (etwa der Pflanze) wieder. Die erste Fallstudie umfasst die Altersda-
tierung von Kalkbindemittel aus der römi-
Folglich liefert die Radiokarbondatierung schen Siedlung Flavia Solva (Steiermark),
von Kalkmörteln ein Minimalalter eines die in Übereinstimmung mit anderen
Bauwerks oder von historischen Restaurie- archäologischen Befunden ein Abbindeal-
rungsarbeiten, in welchem der Zeitraum ter von 1940 ± 25 Jahren BP nachgewiesen
des Abbindens des Karbonats von einigen hat.4 In diesem Fall wurde zudem für kleine
Monaten bis zu mehreren Jahren berück- Anteile von organischem Material im Kalk-
sichtigt werden muss. Die Radiokarbonda- zement ein etwas höheres Alter von 2140 ±
tierung von organischen Komponenten, 30 Jahren BP ermittelt. Somit konnte für
mitunter auch in Kalkmörteln, zeigt demge- das untersuchte Kalkbindemittel aus der
genüber ein Maximalalter an, bei welchem römischen Siedlung Flavia Solva ein Mi-
beispielsweise die Wachstumszeit eines nimal- und Maximalalter für die Bauzeit
Baumes sowie die mittel- bis langfristige beziehungsweise Herstellung des Mörtels
Verwendung als Baumaterial oder auch angegeben werden.
entsprechende Recyclingaspekte zu berück-
sichtigen sind. Für einen Kalkmörtel aus der gotischen Kir-
che in Niederhofen (Steiermark)5 wurde ein
14
C-Alter von 510 ± 25 Jahren BP gemessen,
Fallstudien welches eine präzisere Datierung ermög-
lichte, als es die archäologischen Befunde
Radiokarbondatierungen von Kalkmörteln erlaubten.
kommen insbesondere zum Einsatz, wenn
›klassische‹ archäologische Methoden zur Die dritte Fallstudie betraf die Radiokar-
Bestimmung des Alters eines Mörtelbau- bondatierung von Kalkmörtel der soge-
werks, wie die Beurteilung des Baustils nannten Römerbrücke in Oberzeiring
oder des archäologischen Kontextes, nicht (Steiermark).6 Die Datierung von zwei
möglich sind. Bisherige und erfolgreiche ar- voruntersuchten und anschließend aus-
chäologische Fallstudien zur Radiokarbon- gewählten Proben ergab Abbindealter
datierung von Kalkmörteln befassen sich von 749 ± 75 und 707 ± 30 Jahren BP. Die
etwa mit der Datierung von Stützmauern, innerhalb der analytischen Genauigkeit
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233 Martin Dietzel und Ronny Boch: Radiometrische Altersdatierung von historischem Kalkmörtel

liegenden Radiokarbondatierungen dieser mit Beimengungen von Quarz und Dolomit.


Mörtelproben vermitteln, dass die entnom- Eine Isotopenanalyse des Karbonats zeigte
menen Proben nicht der römischen Epoche stark abgereicherte (negative) Isotopensig-
entstammen. Das beprobte Material könnte naturen – sowohl für den Kohlenstoff als
späteren Ausbesserungsarbeiten oder auch auch für den Sauerstoff – sowie ein hin-
einer tatsächlichen Erbauung der ›Römer- sichtlich der Quelle des CO2 für den rein
brücke‹ ab etwa 1300 n. Chr. entstammen. atmosphärischen Abbindeprozess typisches
Verhältnis der Isotopenwerte. Die Datierung
Geochemisch-mineralogisch aussichtsrei- des folglich aussichtsreichen Kalkzements
che Kalkanteile konnten schließlich auch ergab ein konventionelles Radiokarbon-
aus Mauerresten in Ybbs an der Donau alter von 1320 ± 30 Jahren BP, das einem
gewonnen werden.7 In einem optisch vor- kalenderkalibrierten 14C-Alter (1 Sigma) von
untersuchten und sodann weiter zerteilten, etwa 660 bis 685 n. Chr. entspricht. Für die
kalkig-sandigen Handstück konnte ein Be- Einordnung in die Römische Kaiserzeit
reich mit auffallender Kalkanreicherung erscheint dieses Alter deutlich zu jung;
lokalisiert werden, aus dem Pulvermaterial mögliche historische Gründe hierfür (etwa
gebohrt wurde. Die mineralogische Analyse spätere Bauarbeiten) wären nebst geoche-
ergab einen überwiegenden Anteil an Kalzit mischen Erklärungen zu diskutieren.8

Probe �13C �18O 14


C-Alter
Kirche Niederhofen -18,57 -22,16 510 ± 25
Flavia Solva -16,44 -20,00 1940 ± 25
Flavia Solva* - - 2140 ± 30
Römerbrücke_1 -20,13 -21,84 749 ± 75
Römerbrücke_2 -21,78 -23,66 707 ± 30
Ybbs an der Donau -26,10 -18,79 1320 ± 30

Indikative Signaturen stabiler Kohlenstoff- (į13C in ‰ VPDB) und Sauerstoff-Isotope (į18O


in ‰ VPDB) sowie AMS-Radiokarbondatierungen (konventionelle 14C-Alter in Jahren vor
heute [BP = 1950 n. Chr.]) an ausgewählten Kalkmörtelproben (* – organisches Material).
Datenquellen: Kirche Niederhofen und Flavia Solva: Kosednar-Legenstein u. a. 2008; Rö-
merbrücke (Probe 1 und 2): Dietzel 2008; Ybbs an der Donau: Dietzel und Boch 2016.

1 Die Autoren danken Bernhard Hebert


(Bundesdenkmalamt, Abteilung für Archäologie) für
die Bereitstellung und archäologische Einordnung 4 Kosednar-Legenstein u. a. 2008.
der Proben sowie für die finanzielle Unterstützung 5 Kosednar-Legenstein u. a. 2008.
im Rahmen eines Forschungsprojektes. 6 Hebert und Steinklauber 2015.
2 Dietzel u. a. 2015. 7 Dietzel und Boch 2016.
3 Detaillierte Diskussion in: 8 Siehe dazu den Kommentar im Kapitel
Kosednar-Legenstein u. a. 2008. Der römische Vorgängerbau.
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