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Die Mutter aller Probleme: Demokratiedefizit

Besorgte Bürger und Nazis gehen in Chemnitz für ein Opfer mit Migrationshintergrund auf die
Straße - und brüllen dabei "Ausländer raus". Was zeigt, wie naiv das Weltbild Rechter ist.

10Unsere Nazis haben es wirklich nicht leicht! Sie können sich noch so viele No-go-Areas
erkämpfen, richtig sicher sind sie vor ihrem Feindbild nie. Eine Freundin zum Beispiel hat als
Ärztin in einer Klinik in Brandenburg gearbeitet. Dort musste sie einen Mann für eine Operation
vorbereiten, auf dessen Bauch große SS-Runen tätowiert waren. Auf ihrem Kittel: ein Schild mit
ihrem türkischen Namen. Sehr peinlich. Für beide. Aber der Nazi hatte eben was an der Niere.
Und nachdem er von der Türkin für den Eingriff vorbereitet wurde, wurde er von einem
schwarzen Arzt operiert.

Das Perfide daran ist, es ist ein Teufelskreis: Je mehr SS-Fan-Patienten kommen, desto weniger
Leute wollen dort arbeiten - und desto mehr ist man auf Migranten angewiesen. Ironie des
Schicksals. Oder einfach: deutscher Alltag.
20Und dann die Geschichte in Chemnitz. Ein Deutscher wird nach einem Stadtfest von
Geflüchteten erstochen. Wir wissen nicht, was an dem Abend passiert ist, aber die Geschichte hat
mobilisiert. Am nächsten Tag demonstrierten 6000 Menschen, Neonazis, Hooligans und
Mitläufer - für den Schutz von Deutschen.
Dann kam raus, dass es sich bei dem Toten um einen schwarzen Deutschen handelt, genauer
gesagt um einen  mit kubanischem Migrationshintergrund. Die aufgebrachte Horde marschierte also
für jemanden, den manche unter anderen Umständen durch die Straßen gejagt hätten.
Doch der völkische Flashmob war längst in vollem Gange. Zu spät, dachten sich wohl die
Organisatoren, ist der Deutschkubaner eben Deutscher. Dann halt progressiv-aggressiv.  Es passt ja
auch gut zum ewigen Mantra: "Wir sind keine Rechten, wir sind nur politisch besorgte Bürger."
30Das unterscheidet die Neue Rechte nämlich von den klassischen Neonazis - die standen noch zu
ihrer Hitler-Liebe.
Die AfD und andere aber arbeiten hart an der Inszenierung ihrer Bürgerlichkeit. Klar, alles nur
Islamkritiker, Migrationsskeptiker oder abgehängte und vernachlässigte Bürger. Gleichzeitig
fordern sie "islamfreie Schulen" in Bayern und knüpfen problemlos an die Dreißigerjahre an.
Meine Universität in Nürnberg war im Nationalsozialismus sehr effektiv in Sachen "judenfreies"
Lernen.
"Ausländer raus" ergibt überhaupt keinen Sinn
Auch in Chemnitz brach sich das Braune im Mob irgendwann seine Bahn: Im Gleichschritt grölt
die Masse "Ausländer raus! Ausländer raus!" Das ist schockierend. Aber irgendwie auch herrlich
40naiv.
Liebe Nazis, heute gibt es mal ein wenig Heimatkunde für euch: "Ausländer raus" ergibt
überhaupt keinen Sinn. Wenn alle Ausländer abgeschoben, ausgewiesen und zwangsdeportiert
wurden, bleiben immer noch knapp zehn Millionen Deutsche "mit Migrationshintergrund". Im
Nazijargon: Passdeutsche. Die will natürlich auch niemand haben, die sind ja genau so
gefährlich, wegen der falschen Blutlinie - heute auch "Kultur" genannt.
Wir leben in einer Republik. Wenn Medien von "Ausländerhass" oder "Fremdenhass"
berichten, übernehmen sie die realitätsverneinende Sicht der Nazis. Oder richtet sich der Hass
wirklich nur gegen Menschen mit ausländischem Pass, Touristen und Neuzuwanderer? Nur mal
so als Beispiel, ein Teil der NSU1-Opfer, die von Rechtsterroristen ermordet wurden, waren
50Deutsche.
Was die Neonazis und ihre Mitläufer in Chemnitz wirklich meinten, war: "Deutschland den
weißen, rechtsradikalen Deutschen!" Denn auch alle Nicht-Rechtsradikalen, der Einfachheit
halber subsumiert unter "linkes Pack", gehören für sie entsorgt. Dazu zählen keineswegs nur
Leute aus der Antifa. Wenn es hart auf hart kommt, stehen Polizisten, Journalisten und alle
Politiker jenseits der AfD mit dem Rücken zur Wand. Für einen gestandenen Wutbürger sind sie

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NSU = Nationalsozialistischer Untergrund (rechtsextremistische terroristische Gruppe)
alle Establishment, Teil des Systems, das ihnen die bunte Misere eingebrockt hat. Egal, wie oft
man ihnen nach dem Mund redet.
Endlich Ruhe im Karton?
Trotzdem gab Ministerpräsident Michael Kretschmer2 das Mantra der Rechten wieder. Er will bei
60den Anti-Ausländer-Demos vor allem besorgte Bürger gesehen haben. Der Chef des
Bundesverfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, beteiligt sich an der Debatte, ob wirklich
"Hetzjagden" stattgefunden hätten und spricht von "gezielter Falschinformation". Nach dem
Motto: Rechte Aufmärsche? Linke Propaganda.
Dass die Veranstalter rechtsradikale und extreme Organisationen waren? Geschenkt. Dass der
Verfassungsschutz die Polizei gewarnt hat, weil Neonazi-Gruppen zur Teilnahme aufriefen?
Nicht so wichtig.
Der deutsche Innenminister kommt den besorgten Nazis und ihren Mitläufern so weit entgegen
zu sagen, "die Mutter aller politischen Probleme in diesem Land" sei Migration. Das ist etwa so,
wie wenn man einer Frau nach einer Vergewaltigung sagt, das Problem sei ihr Geschlecht. Hätte
70Merkel keine Migranten ins Land gelassen, gäbe es auch keinen "Fremdenhass". Logisch
eigentlich. Nur, was heißt das politisch zu Ende gedacht? Alle Menschen von Migrationsgeblüt
entsorgen, dann herrscht endlich Ruhe im Karton? Oder weniger radikal: Soll eine "Obergrenze"
das Problem richten? Oder ein komischer Masterplan?
Die Mutter aller Probleme heißt Demokratiedefizit und der Vater der Probleme heißt völkisches
Gedankengut. Dazu kommt die gute alte Faszination des Autoritären, die sich nicht nur in
Deutschland breitmacht. Wen das nicht alarmiert, der ist Teil des Problems.
Dagegen hilft nur radikale Bildung. Um flächendeckende Entnazifizierung unter Deutschen
hatten sich zuletzt die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg gekümmert. Diesmal müssen wir
es selbst richten. Heute nennt man das politische Bildung und davon brauchen wir offensichtlich
80mehr.
Und wir brauchen einen Sondergipfel der Regierung, der zum Beispiel, nur mal so als Idee, mehr
Geld für den Kampf gegen Rechtsextremismus bereitstellt. Und am besten noch Integrations-
und Wertekurse für Neonazis und Mitläufer beschließt. Lektion eins: Der Hitlergruß ist nicht
okay.

Spiegel Online, 08.09.2018

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Sachsens Ministerpräsident