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Carl Werner Müller

EURIPIDES · PHILOKTET
TESTIMONIEN UND FRAGMENTE

WDE

G
TEXTE UND KOMMENTARE
Eine altertumswissenschaftliche Reihe

Herausgegeben von

Felix Heinimann und Adolf Köhnken

Band 21

2000
Walter de Gruyter · Berlin · New York
EURIPIDES • PHILOKTET
TESTIMONIEN UND FRAGMENTE

herausgegeben, übersetzt und kommentiert


von

Carl Werner Müller

2000
Walter de Gruyter · Berlin · New York
® Gedruckt auf säurefreiem Papier, das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

Die Deutsche Bibliothek — CIP-Einheitsaufnahme

Müller, Carl Werner:


Euripides: Philoktet : Testimonien und Fragmente / hrsg.,
übers, und kommentiert von Carl Werner Müller. — Berlin ;
New York : de Gruyter, 2000
(Texte und Kommentare ; Bd. 21)
ISBN 3-11-016348-9

© Copyright 2000 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, D-10785 Berlin
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Ver-
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gen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung
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Berlin. - Buchbinderische Verarbeitung: Lüderitz & Bauer-GmbH, Berlin.
Printed in Germany.
... έπεί και τα γ ν ώ ρ ι μ α ο λ ί γ ο ι ς γ ν ώ ρ ι μ ά εστίν

Aristoteles, Poetik
VORWORT

Den Anstoß zu einer Beschäftigung mit dem euripideischen


Philoktet hat, wie könnte es anders sein, ein Seminar zum Philoktet
des Sophokles gegeben. Das war im Wintersemester 1977/78. Ein
Gastvortrag an der Universität Bonn im Dezember 1980 bot die Ge-
legenheit, die gewonnenen Vorstellungen erstmals zusammenhän-
gend vorzutragen. Im Großen hat sich seitdem wenig geändert, im
Einzelnen ist manches dazugekommen. Mehrere Anläufe, den Plan
einer kommentierten Ausgabe der Zeugnisse zu realisieren, mußten
wegen vordringlicherer Verpflichtungen abgebrochen werden. Seit
1984 wurden Teilaspekte einer Rekonstruktion publiziert (AbhMainz
1984 [5], 4Iff.), und 1992 erschien als Zugriff auf das Ganze eine
Interpretation des Dramas unter dem Titel Patriotismus und Verwei-
gerung (RhM 135, 203ff.; Beiträge llff.). Manches, was dort im
Vertrauen auf seine innere Plausibilität dem Leser ohne Aus-
einandersetzung mit der bisherigen Forschung zugemutet wurde,
findet in der vorliegenden Publikation seine argumentative Absiche-
rung. Die bisher publizierten Beiträge zur antiken Rezeptions-
geschichte des euripideischen Philoktet sind, überarbeitet und
erweitert, inzwischen in einem eigenen Band erschienen (1997). Er
ist mehr als eine Ergänzung des Kommentars. Der Leser sollte beide
zusammen benutzen. Als Einfuhrung in die Beschäftigung mit der
Rekonstruktion der Tragödie sei die Lektüre der Analyse von Dions
59. Rede im dritten Kapitel der Beiträge empfohlen.
Mein Dank gilt an dieser Stelle Richard Kannicht (Tübingen) und
Kurt Sier (Leipzig). Der eine hat mir in selbstloser Weise seine Noti-
zen zum euripideischen Philoktet zur Verfugung gestellt, darunter
Wilamowitzens und Bruno Snells Eintragungen in ihren Handexem-
plaren von Naucks Tragikerfragmenten, der andere ist mir über die
Jahre hinweg ein kritischer Gesprächspartner gewesen; er hat das
Manuskript gelesen und wertvolle Verbesserungen angeregt. Bernard
Andreae danke ich für die Anfertigung von Umzeichnungen im
Deutschen Archäologischen Institut Rom, desgleichen Martin Boss
8 Vorwort

vom Archäologischen Institut Erlangen. Zu danken habe ich den


langjährigen Mitarbeitern am hiesigen Institut für Klassische
Philologie: Rosemarie Degen für ihre unermüdliche Hilfe beim
Bibliographieren und der Literaturbeschaffung, Anne Meyer und
Christian Rau, die die Druckvorlage erstellt haben, Maria Vasiludi
fur ihre Unterstützung beim Kollationieren und bei der Anfertigung
des Stellenregisters, Christoph Catrein für seine Beteiligung am
Korrekturlesen, Rüdiger Knaubert für fachkundigen Rat bei schwie-
rigen Komputerfragen, schließlich Brice Maucolin für seine Hilfe,
wo immer sie gebraucht wurde. Der Universitätsbibliothek Leiden,
der Bibliotheca Marciana, der Nationalbibliothek in Paris, der Biblio-
theca Vaticana sowie der Wiener Nationalbibliothek danke ich für
die Überlassung von Photokopien und Mikrofilmen, der Deutschen
Forschungsgemeinschaft für die Gewährung eines akademischen
Freijahrs (1995/96), dem Verlag Walter de Gruyter für die
verlegerische Betreuung. Mein besonderer Dank gilt den beiden
Herausgebern für die Aufnahme des Bandes in ihre Reihe.

Saarbrücken, im Januar 2000 C.W.M.


INHALT

Vorwort 7
Literaturverzeichnis 11
Einleitung 19
1. Vorbemerkung 21
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 25
3. Der Philoktet des Euripides 65
4. Rezeption und Nachwirkung in der Antike 72
5. Geschichte der Wiedergewinnung 83
6. Zu dieser Ausgabe 125
Testimonien und Fragmente. Text und Übersetzung 141
Kommentar 219
Hypotheseis. Frühe Erwähnungen. Dion 52 221
Prolog 292
Parodos 340
Erstes Epeisodion 344
Erstes Stasimon 350
Zweites Epeisodion 353
Zweites Stasimon 395
Drittes Epeisodion 397
Drittes Stasimon 414
Viertes Epeisodion 415
Viertes Stasimon 424
10 Inhalt

Fünftes Epeisodion 425


Exodos 442
Fragmenta incertae sedis 444
Nachträge und Indices 449
1. Nachträge zu den Philoktet-Beiträgen 1997 451
2. Index fontium 457

3. Nachweis der Abbildungen 459

4. Konkordanz 460

5. Register 461
LITERATURVERZEICHNIS

abgekürzt zitierte Titel

Aélion R. Aélion, Euripide héritier d'Eschyle I, Paris 1983.

Allen-Italie J. T. Allen - G. Italie, A Concordance to Euripides, Berkeley


1954.

Arnim 1882 I. de Arnim, De prologorum Euripideorum arte et interpolatione,


Diss. phil. Greifswald 1882.
Arnim Dionis Prusaensis quem vocant Chrysostomum quae exstant
omnia I/II. Edidit apparata critico instruxit J. de Arnim, Berlin
1893-1896.

Arnim 1898 H. v. Arnim, Leben und Werke des Dio von Prusa, Berlin 1898.

Austin Nova Fragmenta Euripidea in papyris reperta edidit Colinus


Austin, Berlin 1968.

Avezzù G. Avezzù, Il ferimento e il rito. La storia di Filottete sulla scena


attica, Bari 1988.

Barnes Ε ύ ρ ι π ί δ ο υ σωζόμενα α π α ν τ α ... Euripidis quae extant omnia:


Tragoediae nempe XX, praeter ultimam omnes completae: Item,
Fragmenta aliarum plus quam LX tragoediarum ... Opera et
studio Iosuae Barnes, Cambridge 1694.

Barrett Euripides, Hippolytos. Edited with Introduction and Com-


mentary by W. S. Barrett, Oxford 1964.
Beiträge C. W. Müller, Philoktet. Beiträge zur Wiedergewinnung einer
Tragödie des Euripides aus der Geschichte ihrer Rezeption,
Stuttgart-Leipzig 1997.

Bernabé Poetarum Epicorum Graecorum Testimonia et Fragmenta I.


Edidit Albertus Bernabé, Leipzig 1987 [M996].
Boissonade Euripides curante Jo. Fr. Boissonade V, Paris 1826.

Bothe Euripidis fabularum fragmenta recensuit et annotatione instruxit


Fridericus Henricus Bothe, Leipzig 1844.

de Budé Dionis Chrysostomi orationes I/II. Edidit Guy de Budé, Leipzig


1916-1919.

Butler Aeschyli tragoediae quae supersunt, dêperditarum fabularum


fragmenta et scholia Graeca ex editione Thomae Stanleii...
12 Literaturverzeichnis

Accedunt variae lectiones et notae ... quibus suas passim


intertexuit Samuel Butler, VIII, Cambridge 1816.

Calder W . M . C a l d e r III, Aeschylus' Philoctetes: GRBSt 11 (1970)


171-179.
Calder 2 W. M. Calder III, A Reconstruction of Euripides, Philoctetes, in:
O. Merkholm - Ν. M. Waggoner (Hrsg.), Greek Numismatics
and Archaeology. Essays in Honor of Margaret Thompson,
Wetteren 1979, 53-62.

Canter Variarum lectionum libri duo Theodori Canteri, Antwerpen


1574.
Casaubonus Isaaci Casauboni in Dionem Chrysostomum Diatriba
αυτοσχέδιος = Anhang zur Editio Morelliana (s. Morel).

Crosby Dio Chiysostom IV. With an English Translation by H. L.


Crosby, London - Cambridge/Mass. 1946.
Dain Sophocle III, Texte établi par Alphonse Dain, Paris 3 1974.
Datierung C. W. Müller, Zur Datierung des sophokleischen Ödipus,
AbhMainz 1984 (5).
Davies Epicorum Graecorum Fragmenta edidit Malcolm Davies,
Göttingen 1988.

Denniston J. D. Denniston, The Greek Particles, Oxford 2 1954.

Dindorf Δ ί ω ν ο ς του Χρυσοστόμου λόγοι. Dionis Chrysostomi


Orationes I/II. Recognovit et praefatus est Ludovicus
Dindorfius, Leipzig 1857.
Duchemin J. Duchemin, L' ά γ ώ ν dans la tragédie grecque, Paris 1945
[ 2 1968].

Emperius Dionis Chrysostomi Opera I/II. Graece e recensione Adolphi


Emperii, Braunschweig 1844.

Fraenkel Aeschylus, Agamemnon. Edited with a Commentary by Eduard


Fraenkel, I-III, Oxford 1950 [ 2 1962].

Friedrich W.-H. Friedrich, Exkurse zur Äneis II 2. Die Täuschung


Philoktets bei Euripides: Philologus 94 (1941) 157-164.
Friedrich 2 W.-H. Friedrich, Zur altlateinischen Dichtung (VI): Hermes 76
(1941) 121-128.
Gasda A. Gasda, Kritische Bemerkungen zu Dio Chrysostomus und
Themistius, Programm Lauban 1883.

Gataker T. Gatakeri Cinnus, sive Adversaria Miscellanea ..., London


Literaturverzeichnis 13

1651 [zitiert nach: T. Gatakeri ... Adversaria Miscellanea (cap.


10)... Edente Carlo, T. G. filio, London 1659].

Gataker 2 Μ ά ρ κ ο υ Ά ν τ ω ν ί ν ο υ τοΰ αϋτοκράτορος τ ώ ν εις εαυτόν


βιβλία ιβ'. Marci Antonini Imperatoris De Rebus suis ... Libri
XII ... Studio operaque Thomae Gatakeri, Cambridge 1652
[zitiert nach der Ausgabe London 3 1707],
Geel Dionis Chrysostomi Ό λ υ μ π ι κ ό ς . Recensuit et explicuit Iacobus
Geel, Leiden 1840.
Geffcken J. Geffcken, Griechische Literaturgeschichte I, Heidelberg 1926.

Gesner Κέρας Ά μ α λ θ α ί α ς 'Ιωάννου τοΰ Στοβαίου έκλογαί


ά π ο φ θ ε γ μ ά τ ω ν καί υποθηκών. Ioannis Stobaei Sententiae ex
thesauris Graecorum delectae ... a Conrado Gesnero Doctore
Medico Tigurino in Latinum sermonem traductae..., Basel M 549
[danach zitiert; 1543; Zürich 3 1559; Frankfurt 1581],

Grotius Dicta poetarum quae apud Io. Stobaeum exstant. Emendata et


Latino Carmine reddita ab Hugone Grotio, Paris 1623.
Grotius 2 Excerpta ex tragoediis et comoediis Graecis tum quae exstant,
tum quae perierunt: Emendata et Latinis versibus reddita ab
Hugone Grotio ... Paris 1626.

Haffner Das Florilegium des Orion. Herausgegeben und kommentiert


von Medard Haffner, Stuttgart 2000.

Härtung I. A. Härtung, Euripides restitutus I, Hamburg 1843.

Heath Β. Heath, Notae sive Lectiones ad tragicorum Graecorum


veterum Aeschyli Sophoclis Euripidis quae supersunt dramata
deperditorumque reliquias, Oxford 1762.

Hermann G.Hermann, De Aeschyli Philocteta dissertatio [1825]:


Opuscula III, Leipzig 1828, 113-129.
Hilberg I. Hilberg, Ein Bruchstück von Euripides' Philoktetes: WSt 13
(1891) 166f.

Jacobs C. F. Jacobs, Animadversiones in Euripidis tragoedias, Gotha-


Amsterdam 1790.

Jebb Sophocles. The Plays and Fragments IV. The Philoctetes. With
Critical Notes, Commentary, and Translation in English Prose
by Richard C. Jebb, Cambridge 2 1898.

Jouan F. Jouan, Euripide et les legendes des chants Cypriens, Paris


1966.

Kamerbeek The Plays of Sophocles. Commentaries by J. C. Kamerbeek,


VI. The Philoctetes, Leiden 1980.
14 Literaturverzeichnis

Kannicht Euripides, Helena. Herausgegeben und erklärt von Richard


Kannicht, I-II, Heidelberg 1969.

Kannicht-Snell/ Tragicorum Graecorum Fragmenta II, Fragmenta adespota.


K.-Sn. Editores Richard Kannicht et Bruno Snell, Göttingen 1981.

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Kieffer J. S. Kieffer, Philoctetes and Arete·. ClPh 37 (1942) 38-50.

Koolmeister- An Index to Dio Chrysostomus. Compiled by R. Koolmeister &


Tallmeister- Th. Tallmeister. Edited by J. F. Kindstrand, Uppsala 1981.
Kindstrand

Kühner-Blass R. Kühner - F. Blass, Ausführliche Grammatik der griechi-


schen Sprache I: Elementar- und Formenlehre I/II, Hannover
3
1890/92.

Kühner-Gerth R. Kühner - B. Gerth, Ausfuhrliche Grammatik der griechischen


Sprache II: Satzlehre I/II, H a n n o v e r 3 1 8 9 2 / 1 9 0 4 .

Lesky TrD A. Lesky, Die tragische Dichtung der Hellenen, Göttingen 1956
[ 3 1972],

Lesky GGL A. Lesky, Geschichte der griechischen Literatur, Bern 1957/58


[ 3 1971],

LexMyth W. H. Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und


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LSJ A Greek-English Lexicon, Compiled by H. G. Liddell &


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Luppe W . L u p p e , Die Hypothesis zu Euripides' ,Philoktetes':


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Luppe 2 W. Luppe, Der Umfang der euripideischen Papyrus-Hypo-


theseis: ZPE 72 (1988) 27-33.

Luppe 3 W. Luppe, Philoktets Aufenthalt unmittelbar nach seiner Ver-


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Luppe 4 W. Luppe, Nochmals zur ,Philoktetes'-Hypothesis: WüJb N.F.


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Luzzatto M. T. Luzzatto, Sul Filottete di Eschilo: StClOr 30 (1980)


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Luzzatto 2 M. T. Luzzatto, Tragedia greca e cultura ellenistica: L'or. LII


di Dione di Prusa, Bologna 1983.
Literaturverzeichnis 15

Luzzatto M. T. Luzzatto, Il 'Filottete' di Euripide: Prometheus 9 (1983)


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Mandel O. Mandel, Philoctetes and the Fall of Troy, Lincoln-London


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Matthiae Euripidis Tragoediae et Fragmenta IX. Recensuit ... Augustus


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Meursius Ioannis Meursi Aeschylus, Sophocles, Euripides. Sive de


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Milani L. A. Milani, Il mito di Filottete nella letteratura classica e


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Morel Δ ί ω ν ο ς τ ο ϋ Χ ρ υ σ ο σ τ ό μ ο υ λ ό γ ο ι π'. Dionis Chrysostomi


orationes LXXX. ... Ex interpretatione Thomae Nageorgi
accurate recognita et recentata et emendata Fed. Morelli Prof.
Reg. opera. Cum Is. Casauboni diatriba et eiusdem Morelli
scholiis animadversionibus et coniectaneis, Paris 1604.

Müller 1990 C. W. Müller, Der Palamedesmythos im Philoktet des Euripides:


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Müller 1991 C. W. Müller, Höhlen mit doppeltem Eingang bei Sophokles


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Mueller- Ch. Mueller-Goldingen, Untersuchungen zu den Phönissen des


Goldingen Euripides, Stuttgart 1985.

Munro H. A. J. Munro, On the Fragments of Euripides: JPh 10 (1877)


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Murray Euripides. Translated into English Rhyming Verse by G.


Murray, London 1902.
16 Literaturverzeichnis

Εύριπίδου τα σωζόμενα. Euripidis quae extant omnia ...


Musgrave
recensuit. Fragmenta Tragoediarum deperditarum collegit ...
Samuel Musgrave, III, Oxford 1778.
Euripidis Tragoediae, Fragmenta, Epistolae ex editione Iosuae
Musgrave 2
Barnesii nunc recusa. Tomus III continens Samuelis Musgravii
notas integras in Euripidem. Curavit Christianus Daniel Beckius,
Leipzig 1788 [die Fragmente mit Zusätzen versehen von Ch. D.
Beck, Praefatio p. V],
Nauck/N. 2 Tragicorum Graecorum Fragmenta. Recensuit Augustus Nauck,
Leipzig 2 1889 [1856],
Nauck-Snell Tragicorum Graecorum Fragmenta. Supplementum continens
nova fragmenta Euripidea et adespota apud scriptores veteres
reperta adiecit Bruno Snell, Braunschweig 1964.

Neumann W. Neumann, Die Entwicklung des Philoktet-Mythos mit beson-


derer Berücksichtigung seiner Behandlung durch Sophokles,
Programm Coburg 1893.
Olson S. D. Olson, Politics and the Lost Euripidean Philoctetes:
Hesperia 60(1991)269-283.
Petersen E. Petersen, De Philocteta Euripidea, Diss. phil. Erlangen 1862.
Pohlenz M. Pohlenz, Die griechische Tragödie, Göttingen 1930 [ 2 1954],
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Porson Euripidis Medea ... Edidit Ricardus Porson, Leipzig 1824
[Cambridge 1801],
Radt/R. Tragicorum Graecorum Fragmenta III. Aeschylus. Editor Stefan
Radt, Göttingen 1985.
Reiske Dionis Chrysostomi orationes ex recensione Ioannis Iacobi
Reiske cum eiusdem aliorumque animadversionibus I/II [hrsg.
von Ernestina Christina Reiske], Leipzig 2 1798.
Ribbeck O. Ribbeck, Die römische Tragödie im Zeitalter der Republik,
Leipzig 1875.
Ribbeck/R. 3 Tragicorum Romanorum Fragmenta. Tertiis curis recognovit
Otto Ribbeck, Leipzig 1897.

Robert C. Robert [Preller-Robert], Die griechische Heldensage III 2,1,


Berlin "1923.

Schmid W. Schmid, Der Atticismus in seinen Hauptvertretern I-IV,


Stuttgart 1887-1896.
Schmid GGL W. Schmid, Geschichte der griechischen Literatur I 3, München
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Literaturverzeichnis 17

Schneidewin F. W. Schneidewin, Coniectanea Critica. Insunt Orionis Thebani


Antholognomici tituli VIII, Göttingen 1839.

Schneidewin 2 F. W. Schneidewin, Sophokleische Studien II. Philoktetes:


Philologus 4 (1849) 645-672.

Schneidewin- Sophokles VII. Philoktetes, erklärt von F. W. Schneidewin,


Nauck besorgt von August Nauck, Berlin 9 1887 ( 10 1907, hrsg. von
L. Radermacher).

Schöll A. Schöll, Beiträge zur Kenntnis der tragischen Poesie der


Griechen I, Berlin 1839.

SE Supplementum Euripideum. Bearbeitet von H. v. Arnim, Bonn


1913.
Séchan L. Séchan, Etudes sur la tragédie greque dans ses rapports avec
la céramique, Paris 1926.

Seiden Notae et Emendationes Viri docti nescio cuius [i. e. John Seiden
(Emperius, Praef. XX)] ad exemplum Dionis Chrysostomi edit.
Paris, an. 1623 fol. adscriptae, quod extat in Biblioth. Bodlejana,
in: I. Ch. Wolf, Anecdota Graeca I, Hamburg 1722, 217-298.
Sier K. Sier, Die lyrischen Partien der Choephoren des Aischylos.
Text, Übersetzung, Kommentar, Stuttgart 1988.
Snell* Notizen in Snells Handexemplar von Nauck, TGF.
Snell-Kannicht / Tragicorum Graecorum Fragmenta I. Didascaliae tragicae,
Sn.-K. 2 Catalogi Tragicorum et Tragoediarum, Testimonia et Fragmenta
Tragicorum Minorum. Editor Bruno Snell. Editio correctior et
addendis aucta. Curavit Richard Kannicht, Göttingen 1986.

Sonny, A. Sonny, Zur handschriftlichen Überlieferung des Dion Chry-


Überlieferung sostomos: JbClPh 32 (1886) 95f.

Sonny, A. Sonny, Ad Dionem Chrysostomum Analecta, Kiew 1896.


Analecta

Stoessl Euripides. Die Tragödien und Fragmente I. Bearbeitet und


eingeleitet von Franz Stoessl, Zürich 1958.
Sylburg In Iustinum Märtyrern Notae Friderici Sylburg, in: Sancti Iustini
Philosophi et Martyris Opera, Heidelberg 1593 [zitiert nach der
Ausgabe Paris 1615].

ThLG Thesaurus Linguae Graecae (CD ROM), University of Cali-


fornia 1992.

TrGFS Tragicorum Graecorum Fragmenta Selecta. Edidit J. Diggle,


Oxford 1998.
18 Literaturverzeichnis

Valckenaer L. C. Valckenaer, Diatribe in Euripidis perditorum dramatum


reliquias, Leiden 1767.
W.-H. Ioannis Stobaei Anthologium. Recensuerunt Curtius Wachsmuth
et Otto Hense, I-V, Berlin 1884-1912.
Wagner Poetarum Tragicorum Graecorum Fragmenta edidit Fridericus
Guilelmus Wagner. Vol. II Euripidis Fragmenta continens,
Breslau 1844.
Wagner2 Fragmenta Euripidis iterum edidit, perditorum Tragicorum
omnium nunc primum collegit Fr. Guil. Wagner, Paris 1846.
Webster T. B. L. Webster, The Tragedies of Euripides, London 1967.
Wecklein Ν. Wecklein, Ueber fragmentarisch erhaltene Tragödien des
Euripides: SBMünchen 1888 (I), 87-139.
Wecklein2 N. Wecklein, Ueber die Stoffe und die Wirkung der griechischen
Tragödie [Festrede Akademie München], München 1891.
Welcker F. G. Welcker, Philoktetes oder liions Zerstörung, in: Zwey
Trilogieen des Aeschylus berichtigt: RhM 5 (1837) 466-496
[zitiert nach: Kleine Schriften IV, Bonn 1861, 180-209].
Welcker2 F. G. Welcker, Die griechischen Tragödien mit Rücksicht auf
den epischen Cyclus geordnet II/III, Bonn 1839/1841.
West* Briefliche Mitteilungen von M. L. West an Richard Kannicht
(Eintragungen in Snell» bis 1988).
Wilamowitz* Notizen in den Handexemplaren beider Auflagen von Nauck,
TGF [in der Umschrift von B. Snell]
Wilamowitz, U. v. Wilamowitz-Moellendorff, Euripides, Herakles I-III,
Herakles Darmstadt "1959 [M895],
Wilamowitz, Griechische Tragoedien. Übersetzt von Ulrich von Wilamowitz-
Philoktetes Moellendorff, IV: Sophokles, Philoktetes, Berlin 1923.
T. v. Wilamowitz T. v. Wilamowitz-Moellendorff, Die dramatische Technik des
Sophokles, Berlin 1917.

Im übrigen gelten die Abkürzungssiglen des Gnomon und der Archäologischen


Bibliographie.
EINLEITUNG
1. VORBEMERKUNG

Für die Euripidesforschung ist der Philoktet ein unbekanntes


Stück. Gewiß, er findet bei Behandlung der verlorenen Dramen des
großen Tragikers seine obligate Erwähnung, man kennt auch die
Dramatis personae mit ihren charakteristischen Unterschieden zu
Sophokles, und aus der Hypothesis zur Medea ist sogar das genaue
Aufführungsdatum des Stückes bekannt. Aber wenn es um die dra-
matische Kunst des Euripides geht, um bestimmte Paradigmen seiner
Technik und Verlaufsformen der Handlungsfuhrung, dann wird man
vergebens in der Literatur nach Belegen aus dem Philoktet suchen.
Seit Valckenaer hat es zwar nicht an Versuchen zur Rekonstruktion
des Dramas gefehlt, an denen - hätte es ihm, wie er gegenüber
Eckermann versicherte (31.1.1827), seine Zeit erlaubt - sogar Goethe
sich beteiligen wollte, aber da am Ende die gemachten Vorschläge
niemanden so recht zu überzeugen vermochten, ist es dabei geblie-
ben, daß der Philoktet als verloren gilt. Der Jüngere Wilamowitz
erklärte ihn für unrekonstruierbar (1913/17), und wer seitdem immer
noch das Gegenteil zu beweisen unternahm, hat die Vorzüge der
Epoché des Skeptikers im allgemeinen eher bestätigt als widerlegt.
Eine gewisse Halbherzigkeit ist wohl auch die Erklärung für den
befremdlichen Umstand, daß es bisher an einer umfassenden Inter-
pretation der antiken Zeugnisse zum euripideischen Philoktet, die
diesen Namen verdiente, fehlt. Dabei ist die Überlieferungslage so
günstig wie bei keinem anderen der nicht erhaltenen Stücke des
Dichters, und das Paradoxe ist, daß es zur Wiedergewinnung des
Handlungsrahmens und wichtiger Teile des Inhalts keines sensatio-
nellen Papyrusfundes bedurfte. Alles Wesentliche ist eigentlich
schon immer bekannt gewesen, oder hätte es doch sein können, sieht
man von dem in den zwanziger Jahren gefundenen Philoktetbecher
aus dem dänischen Hoby und der Schlußzeile einer Papyrus-Hypo-
thesis aus Oxyrhynchos einmal ab. Das soll nicht heißen, daß nicht
auch in der Vergangenheit zutreffende Details des Dramas erkannt
worden wären. Die Forschungslage ist gerade dadurch gekennzeich-
22 Einleitung

net, daß sich oft genug mitten unter absurden Mutmaßungen divina-
torische Goldkörner verstecken. Dazu gehören Welckers Zuordnung
von F 1 zum Prolog und Ribbecks Vermutung, die 59. Rede des Dion
enthalte mehr als nur die Paraphrase des euripideischen Prologs, oder
Hartungs Einsicht, daß Philoktet zunächst einmal Zeichen des Einge-
hens auf das verlockende Angebot der Trojaner gezeigt haben muß,
und nicht zuletzt Weckleins Annahme, daß der Bogendiebstahl durch
einen Bericht des Diomedes dem Zuschauer vermittelt wurde. Aber
da diese Erkenntnisse sich nicht in eine überzeugende Gesamtdeu-
tung des Dramas einfügten, galten sie als arbiträr, wurden nicht ernst
genommen und gerieten schnell wieder in Vergessenheit.
Nun mag die Wiedergewinnung eines verlorenen literarischen
Werkes aus der Geschichte seiner Rezeption grundsätzlich als ein
methodisch nicht unproblematisches Unterfangen erscheinen, weil
Rekonstruktionen historischer Kunstwerke leicht darüber hinweg-
täuschen, daß die Konzeption des vermuteten Originalzustandes sich
immer mehr oder weniger den eigenen Vorstellungen dessen, der
das ursprüngliche Ganze wiederzugewinnnen sucht, verdankt. Die
Rekonstruktion rückt damit in bedenkliche Nähe einer gutge-
machten Fälschung. Rigoristen und Moralisten werden daraus den
Schluß ziehen, auf Rekonstruktionen lieber ganz zu verzichten, weil
zwangsläufig Verfälschendes mit im Spiel sei, und je besser die
Rekonstruktion gelungen zu sein scheine, um so suggestiver und
unausweichlicher sei die Falle der Verfuhrung, sie für das Original
zu halten. Radikale Skepsis ist jedoch der historischen Forschung
nicht weniger abträglich als unreflektierte Zuversicht. Geschichtliche
Erkenntnis ist immer Rekonstruktion von Vergangenheit aufgrund
eines mehr oder weniger fragmentarischen Kenntnisstandes, von
anderen Einschränkungen eines unverstellten Blicks auf die
Geschichte ganz zu schweigen. Doch ohne ein (korrekturbedürftiges)
Vor-verständnis vom Ganzen kommt der Prozeß des Verstehens
nicht in Gang. Den gleichen methodischen Prämissen des hermeneu-
tischen Zirkels unterliegt die Rekonstruktion eines literarischen
Kunstwerks. Die Annäherung an das Original stellt sich als eine Ab-
folge konkurrierender Deutungsangebote dar. Die Entscheidung fällt
nach Maßgabe des historisch Wahrscheinlichen, der Menge der ab-
gedeckten Phänomene und der inneren Stimmigkeit des hergestellten
1. Vorbemerkung 23

Relationsgefüges der rezeptionsgeschichtlichen Befunde. Rekon-


struktionen des Verlorenen verstehen sich als Sinnentwürfe, die offen
sind für Modifizierung und Widerlegung. Das unterscheidet sie
von Original und Fälschung. Die suggestive Wirkung einer Rekon-
struktion bildet dabei mit ihrer erkennbaren Vorläufigkeit eine
gegenstrebige Fügung. Literarische Archäologie zu betreiben, vulgo
Quellenkritik genannt, ist ein mühsames Geschäft, und heute ein
verrufenes dazu. Einige der Gründe dafür sind (mutatis mutandis) im
ersten hippokratischen Aphorismus nachzulesen. Die Falsifizierungs-
anfälligkeit der Diagnosen ist frustrierend, die Ausflucht in eine ge-
nerelle Skepsis oder Marginalisierung der Ergebnisse verführerisch.
Doch sollte der Skeptiker aus Passion der Versuchung widerstehen,
aus der überlieferungsbedingten Not eine methodische Tugend
machen zu wollen. Es gibt eine hinreichende Zahl verifizierbarer
Analogiefälle, die einer methodischen Diskreditierung des quellen-
analytischen Erklärungsmodells im Wege stehen.
Die Festlegung, was ein Originalfragment ist, ist bei Dichtung im
allgemeinen unproblematischer als bei Zitaten der Prosaliteratur: Das
Unterscheidungsmerkmal der Versform sorgt für klare Verhältnisse.
Doch nur ausnahmsweise geben Dichterzitate wegen der situativen
Gebundenheit ihrer Herkunft einen Blick auf den ursprünglichen
Zusammenhang frei, und der neue Kontext läßt auch das korrekteste
Zitat noch in einem mehr oder weniger veränderten Zusammenhang
erscheinen. Es gilt Karl Reinhardts methodische Maxime zur Quel-
lenkritik, daß, wenn zwei das gleiche sagen, es nicht das gleiche ist.
Der Weg zurück fuhrt über eine Analyse des zitierenden Kontextes
mit seiner Verschmelzung von Verweisung und Verfremdung. Das
gilt erst recht für die Rezeption literarischer Texte in der bildenden
Kunst, und das nicht nur weil die beiden unterschiedlichen Medien
ihre eigenen Gesetze der Darstellung haben. Doch ist auch hier kein
Grund ersichtlich, warum auf eine Analyse des Bezugs zwischen
Text und bildlicher Realisation verzichtet werden sollte. Im Falle des
euripideischen Philoktet gibt es eine ikonographische Tradition, die
bis zur Aufführung der Tragödie im Jahre 431 zurückreicht.
Ist aber die Spurensuche nach dem verborgenen Ursprung nicht
auf eine unübersehbare Weise anachronistisch? Die moderne Litera-
turwissenschaft neigt zu einem ikonoklastischen Umgang mit der
24 Einleitung

Person des Autors. Wo aber Text gleich Text ist, verliert der Begriff
des Originals seine Bedeutung. Sein historischer Verlust (wie im
Falle des euripideischen Philoktet) scheint nur seine Entbehrlichkeit
zu bestätigen. Es gibt nichts mehr, was sich zu re-konstruieren lohnt,
und der Blick zurück auf eine Instanz des Authentischen, und sei
sie noch so relativ und selbstbezüglich, gilt, wenn schon nicht als
verboten, so doch als obsolet. Hinzu kommt die Faszination des
Fragmentarischen. Das Bruchstück bietet sich seiner Natur nach als
ein Mehrdeutiges an. Seine Überführung in die Eindeutigkeit im
Vorgang der Rekonstruktion des Ganzen erscheint als einengende
Festlegung, nicht selten als Trivialisierung. Nun sei nicht bestritten,
daß die Öffnung des Deutungspotentials eines Textes in seiner Los-
lösung von Autor und Autorintention neue Wege der Literatur-
betrachtung erschlossen und die Spielarten des Möglichen vermehrt
hat. Doch wird die historische Betrachtungsweise von Literatur damit
allein noch nicht außer Kurs gesetzt. Die Erschließung von Neuland
verlangt keine Umsiedlung für alle. Die Kategorie des Geschichtli-
chen generell auszublenden oder zu vernachlässigen, die Konsequen-
zen aus der empirisch gegebenen zeitlichen Abfolge von Texten
zu ignorieren und das Prinzip von Ursache und Wirkung zu suspen-
dieren, bedeutet keine Befreiung, sondern eine willkürliche Ein-
schränkung der Erkenntnismöglichkeiten der Literaturwissenschaft.
Und auch die Frage nach dem abhanden gekommenen Ganzen bleibt
eine legitime Frage des wissenschaftlichen Erkenntnisinteresses.
Die Möglichkeit eines Vergleichs des sophokleischen mit dem
euripideischen Philoktet muß jedem Unvoreingenommenen als
höchst wünschenswert erscheinen. Niemand kann damit in den Ver-
dacht geraten, das jüngere Drama gegenüber dem älteren als abkünf-
tig, das eine als Vorbild und das andere als seine Kopie erklären zu
wollen. Das Stück des Sophokles ist so eigenständig gegenüber dem
älteren des Euripides, daß man geglaubt hat, beide hätten, über die
Gemeinsamkeit des Sujets hinaus, so gut wie nichts miteinander zu
tun. Und doch sind sie auf eine höchst sublime und beziehungsreich
kontrastierende Weise miteinander verwoben, τα διαφέροντ' όραν
lautet, frei nach Euripides, die Devise des Interpreten. Dem Ziel, das
Unterschiedliche zu sehen, dient der im Folgenden unternommene
Versuch einer Wiedergewinnung der euripideischen Tragödie.
2. PHILOKTET AUF LEMNOS
IN DER LITERATUR VOR EURIPIDES

Philoktet trägt einen Namen, dessen Rätselhaftigkeit gerade in


seiner Durchsichtigkeit besteht: er ist der ,Besitzliebende'. Doch wie
paßt der Name zu dem auf Lemnos alleingelassenen und darbenden
Schmerzensmann? Erklärt man den Namen des Vaters Poias als den
Besitzer ausgedehnter Weideflächen 1 , so mag man in Philo-ktetes
eine Bezeichnung des Eigentümers großer Viehherden sehen, der
seinen Wohlstand im Namen trägt. Das aischyleische Drama beginnt
mit Philoktets Anrufung der rinderweidenden Wiesen am Flußlauf
des heimatlichen Spercheios 2 . Eine Brücke zum Inhalt des uns
bekannten Philoktetmythos schlägt diese genealogische Erklärung
des Namens freilich nicht. Angesichts von Philoktets Bogen läge es
näher, in ihm den Jäger zu sehen und seinen Namen als den
,Beuteliebenden' zu deuten, wenn es denn überhaupt einen ur-
sprünglichen Zusammenhang gibt zwischen Namen und Person des
Mythos 3 .

1
Zur Erklärung des Namens (zu π ο ί α ) vgl. die Literatur bei H. Kenner, Poias:
RE XXI (1951) 1188. Sohn des Poias heißt Philoktet seit Od. 3,190, dagegen ist
Demonassa als Name der Mutter erst bei Hygin bezeugt (Fab. 97,8; 102,1). Bei
Eustathios (II. 323,44) heißt sie Methone.
2
Aisch. Fr. 249 R. Vgl. unten S. 42f.
3
O. Gruppe, Griechische Mythologie und Religionsgeschichte II, München
1906, 1233 Anm. 6, verbindet Philoktets Namen mit Κερδώος als Epitheton des
Apollon in Thessalien. Er versteht die Epiklese als „Schützer alles Handelsgewinns".
Apollon ist wie Philoktet ein Bogenschütze (a.O. 1244 Anm. 2). Vgl. unten S. 35f.
Die Κερδωος-Hypothese wird wieder aufgegriffen in der ethnisch-antagonistischen
Spekulation M. Untersteiners: Gli "Eraclidi" e il "Filottete" di Eschilo, Florenz 1942,
103f. (Chryse ~ mediterran-vorgriechisch, Philoktet ~ griechisch-indoeuropäisch). -
Daß Philoktet seinen Namen der Anhänglichkeit an seinen Bogen, das Geschenk des
Herakles, verdanke (Simon wie S. 348, 16), kann sich zwar auf ein Wortspiel bei
Sophokles, Phil. 670-673, stützen (vgl. J. Daly, AJPh 103 [1982] 440ff.), erklärt aber
nicht den Namen des Heros vor seiner Verknüpfung mit dem Heraklesmythos.
26 Einleitung

Philoktet ist von Hause aus ein Heros ohne Lebenslauf. Die
homerischen Epen kennen die Ostküste Magnesias als Philoktets
Heimat und Poias als seinen Vater4. Was wir aber sonst über seine
Jugend als Liebling und Gefährten des Herakles5, als Teilnehmer der
Argonautenfahrt6 und über sein späteres Leben in Italien und seinen
Tod erfahren7, sind jüngere und ganz junge Erweiterungen. Der
Mythos, der sich mit seinem Namen verbindet, kennt in seiner
frühesten Form dagegen nur eine Episode aus seinem Leben, und
seine Aretalogie beschränkt sich auf eine einzige Tat: Philoktet, ohne
dessen Bogen die Griechen Troja nicht erobern können, tötet Paris
und macht damit den Weg frei zur Einnahme der Stadt8. Indes rela-
tiviert sich der Wert dieser Tat wiederum, weil Philoktets Leistung in
der Kleinen Ilias nur eine unter mehreren ist, die die Götter als Vor-
bedingung für die endgültige Eroberung der lange umkämpften Stadt
verlangen. Man gewinnt den Eindruck, daß seine Verbindung mit der
Trojasage als Bestandteil einer immer länger werdenden Liste von
Voraussetzungen, die die Griechen erfüllen müssen, eine sekundäre
Mythenverknüpfung ist9. Der literarische Ruhm des Philoktet besteht
denn auch in etwas ganz anderem: nicht in einer Tat, sondern im
Erleiden einer nicht heilen wollenden Verwundung und deren
schmerzlicher Folgen, die nicht weniger lange andauern als die
vergebliche Belagerung Trojas durch die Griechen10.
Die älteste Bezeugung des Philoktetmythos ist eine kurze Passage
im Schiffskatalog des zweiten Buches der Ilias mit einigen wenigen

4
Ii. 2,716f.;Od. 3,190.
5
Vgl. unten S. 33f.
6
Valerius Flaccus 1,391; Hygin, Fab. 14,22.
7
Vgl. H. H. Schmitt, Philoktet in Unteritalien, in: Bonner Festgabe Johannes
Straub, Bonn 1977, 55ff.
8
Erstmals bezeugt fur die Kleine Ilias (74 Bernabé, 52 Davies), aber bereits
II. 2,724f. vorausgesetzt. Der Telemachiedichter zählt Philoktet unter denjenigen auf,
die glücklich von Troja nach Hause zurückgelangten (Od. 3,190).
9
Innerhalb dieser Liste nimmt Philoktet freilich einen vergleichsweise frühen
Platz ein. Vgl. D. Fehling, Die ursprüngliche Geschichte vom Fall Trojas, Innsbruck
1991, 43f.
10
Der sophokleische Philoktet spricht von seinem τ ω ν κ α κ ώ ν κ λ έ ο ς (V. 251 ).
Vgl. V. 1421 f. und Ovid, Ep. ex Ponto 3,1,54 (magna Philoctetae vulnere fama suo
est).
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 27

Hinweisen und Andeutungen. V. 716ff. wird das Kontingent, das


Philoktet in das Heer der Trojafahrer eingebracht hatte, genannt. Mit
sieben Schiffen ist es das zweitkleinste dieses Feldzugs 11 . Die Krie-
ger sind wie ihr Anführer allesamt Bogenschützen, und sie kommen
von der Halbinsel Magnesia an der ostthessalischen Küste. Ihr augen-
blicklicher Anführer ist Medon, ein Sohn des Oileus. Über Philoktet
heißt es V. 72Iff.: „Der aber lag auf der Insel Lemnos, der hochheili-
gen, und litt übermächtige Schmerzen. Dort hatten ihn die Söhne der
Achaier zurückgelassen, da er an einer schlimmen Wunde litt von
einer verderbensinnenden Wasserschlange. Da lag er nun unter
Schmerzen. Bald aber sollten sich erinnern die Argeier bei den Schif-
fen des Herrschers Philoktetes." Die Verse der IIias sind nicht nur für
uns die älteste literarische Bezeugung des Philoktetmythos, sie waren
es auch für die Antike, jedenfalls seit dem sechsten Jahrhundert 12 . Sie
verweisen auf eine dem Iliasdichter vorliegende Sagenversion, die
aufs Ganze gesehen mit den späteren Fassungen übereinstimmt:
Verletzung durch den Biß einer Schlange, Unheilbarkeit der Wunde,
Unerträglichkeit der Schmerzen und der zehnjährige Aufenthalt auf
Lemnos. Abweichend von der jüngeren Sage scheint Lemnos auch
der Ort der Verwundung zu sein13. Das zweimalige κεΐτο 14 empfiehlt,
das Wort wörtlich zu nehmen und sich den leidenden Helden in
einem fortdauernden Martyrium daniederliegend vorzustellen. Die
abschließende ironisch-änigmatische Andeutung, daß die Griechen
sich bald wieder des zurückgelassenen Philoktet erinnern würden 15 ,
kann nur als Anspielung auf das (im Augenblick noch ausstehende)

11
Das kleinste Kontingent ist das des Nireus mit drei Schiffen (II. 2,671). Nur
bei den Kontingenten der Böoter und des Philoktet werden Angaben zur Stärke der
Besatzungen der Schiffe gemacht. Bei Philoktet sind es jeweils 50 Krieger (V. 719),
bei den Böotern 120 (V. 510). Thukydides (l,10,4f.) interpretiert diese Angaben als
die beiden Extremwerte der Schiffsbesatzungen der griechischen Flotte und berech-
net mit Hilfe des arithmetischen Mittels die Gesamtgröße des Heeres auf den 1200
Schiffen.
12
Vgl. Aristot. Poet. 4.1448b28f.
13
Vgl. E. Bethe, Homer II, Leipzig 1922, 238.
14
II. 2,721 f. (άλλ' ό μέν έν νήσο.) κ ε ΐ τ ο κρατέρ' άλγεα πάσχων / Λήμνω εν
ήγαθέη) und 724 ( ενθ' δ γε κειτ' άχέων).
15
II. 2,724f.: τάχα δέ μνήσεσθαι εμελλον / Ά ρ γ ε ΐ ο ι παρά νηυοί, Φιλοκτή-
ταο ανακτος.
28 Einleitung

Orakel verstanden werden, das die Teilnahme Philoktets am Kampf


vor Troja zur Voraussetzung der Eroberung der Stadt machte16. Auch
die früheste Sage kannte somit die Erlösung des Gequälten und Ver-
lassenen sowie seine Rolle als Retter der Griechen in auswegloser
Lage, und auch die Heilung, ob nun durch Machaon oder wen auch
immer, dürfte Bestandteil dieser ältesten erkennbaren Fassung der
Philoktetsage gewesen sein17; denn in der körperlichen Verfassung,
die in der Beschreibung des Schiffskatalogs vorausgesetzt wird, war
eine Teilnahme Philoktets am Kampf ausgeschlossen.

II

Selbständiger Bestandteil der epischen Erzählung werden


Philoktets Verwundung und seine Zurücklassung auf Lemnos in den
Kyprien. Anders als in der Fassung des Mythos, die allem Anschein
nach die Ilias voraussetzt, war Tenedos der Ort der Verwundung,
eine der Troas vorgelagerte Insel. Beim Mahl der Griechen biß eine
Wasserschlange Philoktet in den Fuß. Wegen des unerträglichen
Gestanks der Wunde trennte man sich von dem Kranken und
verbrachte ihn nach Lemnos, wo er zurückblieb18. Einige der Lücken
dieses überaus kargen Handlungsexzerpts in der Chrestomathie des

16
Vgl. W. Kullmann, Die Quellen der Ilias, Wiesbaden 1960, 337. - Kull-
manns Vorschläge, Motive der nachhomerischen Gestaltung des Philoktetmythos
bereits der vorhomerischen Sagenversion zuzuordnen, sind von unterschiedlicher
Plausibilität. Gegen die Annahme, II. 2,721ff. sei mit der Verwundung auf Tenedos
vereinbar (Kullmann 270), spricht die Geographie (Beiträge 1 lf. Anm. 2). Die Mög-
lichkeit einer voraischyleischen Verbindung von Philoktet und der Göttin Chryse
möchte ich nicht grundsätzlich bestreiten, doch Chryse als Ort der Verwundung
Philoktets für eine vorhomerische Alternativfassung zu halten (Kullmann 270. 372),
scheint mir die Intention dieser erstmals fur Aischylos zu erschließenden Version zu
verkennen (vgl. unten S. 41). Andererseits dürfte die Geleiterfunktion des Odysseus
bei der Abschiebung des Philoktet (Apollodor, Epit. 3,27) bereits eine Erfindung des
Kypriendichters sein und nicht erst auf die Tragiker zurückgehen, wie Kullmann 270
annimmt (Beiträge 1 lf. Anm. 2; 71 Anm. 5).
17
Vgl. Kullmann (wie Anm. 16) 338. - Die Odyssee-Scholien (Θ 220) sehen
auch in Od. 8,219f. einen Hinweis auf die Abholung Philoktets von Lemnos. - Od.
3,190 wird Philoktet unter denen genannt, die wohlbehalten (ευ) von Troja nach
Hause zurückkehrten.
18
41,50-51 Bernabé; 32,64-66 Davies.
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 29

Proklos lassen sich aus Apollodors Epitome 3,26f. ergänzen. Danach


fand das Mahl im Anschluß an ein Opfer am Altar des Apollon statt,
und die Verbringung des Verwundeten nach Lemnos, die so etwas
wie einen Rücktransport darstellte, übernahm Odysseus auf Anord-
nung Agamemnons19. Apollodor gibt eine Erzählfassung wieder, die
in dem Vorgang eine Strafe des Gottes sieht, da Achilleus bei der
Landung der Griechen auf Tenedos den Sohn des Apollon, Tenes,
getötet hatte, als er die Eindringlinge abwehren wollte. In Analogie
zur Warnung vor der Tötung Hektors hatte Thetis Achilleus gewarnt,
Tenes zu töten, sonst werde er selbst von der Hand Apollons sterben.
Wie bei den Bedingungen für das Gelingen der Eroberung Trojas, so
ist auch hier eine Kumulierung der Voraussetzungen für den Tod
Achills zu erkennen, wie sie für die nachhomerische Epik charakte-
ristisch ist. Doch die Strafe des Gottes trifft zunächst einmal
Philoktet. Daß dieser als ein temporäres Ersatzopfer verstanden ist,
dafür sprechen einige gegenläufige Übereinstimmungen zwischen
seinem Schicksal und dem des Achilleus. Bis zu Achills Tod ist die
Erwartung der Eroberung Trojas über zehn Jahre lang an dessen
Teilnahme am Kampf geknüpft. Diese Erwartung wird mit dem Tod
des Helden durch Paris beendet. Paris, der Bogenschütze, unterstützt
von Apollon, verwundet Achilleus tödlich am Fuß. Philoktet, durch
die Schlange, die Apollon auf Tenedos sendet, am Fuß unheilbar
verwundet, ist für die Kampfgefährten vor Troja gestorben: Zehn
Jahre vegetiert er auf Lemnos, von den Lebenden abgeschnitten, in
einer Felsenhöhle wie in einem Grab. Erst nach dem Tod des Achil-
leus kehrt er ins Leben zurück, wird von einem der Enkel des Gottes,
die als ,Asklepiaden' die genealogische Beziehung gegenwärtig hal-
ten20, geheilt, tötet mit seinem Bogen den, der Achilleus getötet hat,
und macht den Weg frei zur Eroberung Trojas. Auf der Erzählebene
der Kyprien scheint die Verschonung des eigentlich Schuldigen am
Tod des Apollonsohnes durch seine verspätete (oder auch gar nicht

19
Apollod. Epit. 3,26f. Vgl. Beiträge 11 Anm. 2; 71 f. Die Vorstellung, daß
Lemnos eine Station auf der „Weiterfahrt" der Griechen von Tenedos nach Troja war
(z.B. Mette, Aischylos 100), verkennt die geographischen Gegebenheiten.
20
Bei Sophokles wird daraus der Apollonsohn Asklepios (Phil. 1437f.), bei
dem hellenistischen Kyklographen Dionysios von Samos ist Apollon selbst an der
Heilung beteiligt (FGrHist 15 F 13).
30 Einleitung

erfolgte) Einladung zum Mahl erklärt worden zu sein21. Aber auch


diese Verspätung war ursächlich mit einem Geschehen verknüpft,
das Achills späteren Streit mit Agamemnon präludiert, der das Un-
glück, an dessen Ende der Tod Hektors und in dessen Folge Achills
Tod stehen wird, auslöst und mit dem die Ilias beginnt. Wo alles so
sorgfältig motiviert und mehrfach begründet war, fragt es sich, ob
nicht auch Philoktets Verwundung auf Tenedos eine Erklärung in
seiner Mitschuld am Tod des Tenes fand. Oder aber, daß Philoktet
seine Rolle, die er gegen den Willen des Gottes als Ratgeber beim
Sühneopfer an Apollon spielte22, zum Verhängnis wurde. Doch
darüber schweigen die Quellen.
Bei Sophokles23, vermutlich schon bei Aischylos24, erscheint
Achilleus als jemand, dem sich Philoktet freundschaftlich verbunden
fühlt. Das dürfte auch in den Kyprien schon so gewesen sein. Und
wenn Philoktets Verhältnis zu Odysseus und Agamemnon auch noch
nicht den Tiefstand der Tragödie des fünften Jahrhunderts erreicht
hat, so gab es doch auch im jüngeren Epos bereits Anlaß zu
Verstimmung und Distanz. Die Verbringung des Verwundeten nach
Lemnos, von Agamemnon angeordnet, von Odysseus ausgeführt, war
zwar noch nicht die brutale Aussetzung der attischen Philoktetdra-
men; vielmehr scheint eine Verbindung von Versorgung des Kranken
und Abschiebung des unerträglich Gewordenen beabsichtigt gewesen
zu sein. Aber im Ergebnis lief es auf das gleiche hinaus; denn aus der
erwarteten Pflege des Verwundeten wurde nichts25. Sich selbst über-
lassen, lebte Philoktet auf Lemnos allein und nährte sich von Vögeln,
die er mit seinem Bogen erlegte26. Wie es in den Kyprien zu dieser
Situation kam, wissen wir nicht. Möglicherweise verweigerten
die Lemnier die Pflege des unheilbar Kranken mit der übelriech-

21
και Ά χ ι λ λ ε ύ ς ύστερος κληθείς διαφέρεται προς 'Αγαμέμνονα (im
Anschluß an den Text oben Anm. 18). Nach Aristoteles, Rhet. 2,24.1401 bl7f. war
Achilleus überhaupt nicht eingeladen worden (δια γαρ το μή κληθηναι).
22
Daß das ,Mahl' der Griechen am Altar des Apollon auf Tenedos Teil des
Versöhnungsopfers für den Tod des Tenes war, ist eine naheliegende Vermutung
(nach Bethe Jouan 314).
23
Beiträge 69.
24
Beiträge 15 Anm. 9.
25
Beiträge 70f.
26
Apollodor, Epit. 3,27.
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 31

enden Wunde27. Daß Philoktet, wie in der Ilias, ein permanent


„Daniederliegender" war, wird man der Angabe des Apollodor über
seine ausschließliche Vogelnahrung entnehmen dürfen. Sie ergibt
allein bei einer erzwungenen Standortgebundenheit einen Sinn und
wird in der Folgezeit nur da aufgegeben, wo Philoktet sich freier,
wenn auch mit Mühe, bewegen kann28.
Die Rückholung des auf Lemnos Alleingelassenen wurde im
nachhomerischen Epos in der Kleinen Ilias erzählt. Wieder beruht
unsere Kenntnis auf dem mehr als dürftigen Auszug des Proklos29.
Immerhin sichert er unter dem Aspekt der weiteren Rezeptionsge-
schichte des Philoktetmythos wichtige Details fur die frühe Epik:
Abgeholt wurde Philoktet von Diomedes (und nicht von Odysseus,
der ihn zehn Jahre zuvor nach Lemnos gebracht hatte), und der
Zurückgeholte wurde bei seiner Ankunft vor Troja von Machaon
geheilt. Beides ist unter Berufung auf Pindars erste Pythie bestritten
worden30. In einem Preislied auf Hieron heißt es von dem sizilischen
Tyrannen, der sich in einer schwierigen politisch-militärischen
Situation befindet, zugleich aber auch von körperlichen Beschwerden
geplagt wird: „Jetzt freilich folgte er der Weise des Philoktet und zog
zu Felde. Unter dem Zwang der Umstände warb schmeichelnd
um ihn als Freund mancher, der auch selbst ein großer Mann. Sie
erzählen aber, daß den von einer eitrigen Wunde Aufgeriebenen von
Lemnos holen kamen göttergleiche Helden, den Sohn des Poias, den
Bogenschützen. Der zerstörte die Stadt des Priamos und ließ die
Mühen der Danaer zum Ziele kommen, mit krankem Körper einher-
schreitend; aber so war es bestimmt. So nun möge Hieron ein Gott in
künftiger Zeit aufrichtend zur Seite stehen, der ihm die Erfüllung

27
Vielleicht ist das der Hintergrund von Dion 52,[7]52-55; [8]61-69.
28
Beiträge 277f.
29
Proci. Chrest. 74,6-11 Bernabé; 52,6-13 Davies. - Es gibt kein Indiz für die
Annahme von A. Schnebele (Die epischen Quellen des Sophokleischen Philoktet,
Diss. Tübingen 1988, 109), daß die Rückholung Philoktets auch in der Iliupersis
beschrieben war, zumal auch Philoktets Tötung des Paris bereits in der Kleinen Ilias
stand.
30
Zu Odysseus, der in der Kleinen Ilias angeblich zusammen mit Diomedes
Philoktet von Lemnos abholt, vgl. Schnebele (wie Anm. 29) 118f.; dazu Beiträge 12
Anm. 3. Zu einem ungeheilt am Kampf wieder teilnehmenden Philoktet vgl. Marx
(wie unten Anm. 43) 679.
32 Einleitung

seiner Wünsche schenkt."31 Hierons Krankheit wird durch das mythi-


sche Paradigma überhöht und zugleich gedeutet. Das Paradoxon des
leidenden Helden, der von vielen umworben in den Kampf zieht und
von dem allein der Sieg erwartet wird, dient der vergleichenden
Beschreibung zeitgenössischer Ereignisse. Damit paßt sich aber die
Wiedergabe des Mythos nicht weniger dem Verglichenen an, als
dieses im mythischen Vergleich seine Deutung findet. Das gilt es
zu bedenken, wenn man das ,Zitat' richtig verstehen will und ihm
nicht Aussagen zu entnehmen sucht, die es nicht enthält. Pindars
„göttergleiche Helden" können nicht als Indiz dafür genommen
werden, daß bereits in der Kleinen Ilias (ganz sicher der literarische
Bezugstext) neben Diomedes, den Proklos allein nennt, wie in der
Tragödie des fünften Jahrhunderts auch Odysseus mit nach Lemnos
gekommen sei. Da Pindar keinen Namen nennt, ist sein Plural ein
periphrastischer Plural, wie ihn der hohe Stil, und nicht nur dieser,
bei Anonymität liebt. Im übrigen kam Diomedes natürlich in Beglei-
tung. Im pindarischen Kontext steht das Kollektiv der griechischen
Gesandtschaft für die vielen, die Hieron umwerben. Auf dessen
persönliche Situation zielt aber auch Pindars Ausblendung der Hei-
lung Philoktets, die durch Proklos für die Kleine Ilias gesichert ist.
Im zeitgenössischen Zusammenhang des kranken Herrschers kann
Pindar keinen geheilten Philoktet gebrauchen, und so lenkt er den
Blick auf den krank von Lemnos nach Troja kommenden Heros. Erst
so ergibt sich die intendierte Parallele zu Hierons Zustand und Lei-
stung. Doch dürfte mit οΰτω in V. 56 zusammen mit dem Sieg auch
Hierons Heilung als Wunsch und Erwartung angedeutet sein. Im
übrigen aber bestätigt Pindars Erzählung von der Rückholung Philo-
ktets den friedlichen Verlauf dieses Unternehmens in der Kleinen
Ilias, wie ihn auch die Beschreibung des Proklos nahelegt32. Im Epos
gab es offensichtlich keinen - oder keinen nennenswerten - Konflikt
zwischen dem dringenden Wunsch der Griechen nach einer Erneue-
rung der Kampfgenossenschaft mit Philoktet und dem nicht weniger
dringenden Wunsch Philoktets, aus seinem Iemnischen Exil und von
seiner Krankheit befreit zu werden.

31
Pyth. 1,50-57.
32
Beiträge 12f.
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 33

In der Ilias ist Magnesia die Heimat Philoktets, in der Tragödie ist
er in Malis an den Ufern des Spercheios zu Hause 33 . Seit dieser Um-
siedlung ist der Bogen Philoktets der Bogen des Herakles 34 . Beides -
der Wechsel der Heimat und die Verknüpfung von Philoktet- und
Heraklesmythos - stehen miteinander in Zusammenhang. Philoktet
erhält den Bogen von Herakles zum Geschenk, als er als einziger
unter den Freunden bereit ist, den Gequälten von seinen Leiden
zu befreien, indem er den Scheiterhaufen in Brand setzt. Ort der
Handlung ist der Berg Oita in Malis 35 . Das Motiv begegnet in der
bildenden Kunst erstmals auf attischen Vasenbildern um 460 v.Chr. 36
In der Literatur findet die Freundschaftstat an Herakles in den
drei Philoktetdramen des fünften Jahrhunderts Erwähnung 37 , und da
Aischylos seine Tragödienfabel der Kleinen Ilias entnommen hat38,
liegt es nahe, die Verschmelzung der beiden Mythenkreise auf dieses
Epos zurückzuführen 39 . Die dahinterstehende Idee ist, daß, wie
Herakles zuvor schon Troja erobert hatte, so auch die zweite Erobe-
rung der Stadt nur mit Hilfe seiner Wunderwaffe und ihres neuen
Besitzers Philoktet gelingen kann. Ob Philoktet bereits im Epos auch
als Begleiter des Herakles an dessen Fahrt gegen Troja teilgenom-

33
Aisch. Fr. 249 R.; Soph. Phil. 4. 664. 7 2 I f f . 1430.
34
Älteste erhaltene Bezeugung ist Euripides, Phil. Ρ 6,2 (vgl. auch Τ 4). Zur
Tragödie des Sophokles vgl. Beiträge 334 (s.v. Herakles).
35
Der Zusammenhang von Philoktets Heimat und dem Ort der Verbrennung
des Herakles wird Soph. Phil. 721-729 angesprochen.
36
Beiträge 12 Anm. 3.
37
Zu Euripides und Sophokles vgl. oben Anm. 33. 34. Für den Philoktet des
Aischylos ist die freundschaftliche Verbindung von Herakles und Philoktet zwar
nicht namentlich bezeugt, sie ergibt sich aber aus der Selbstverständlichkeit, mit der
sie in dem Philoktetdrama der beiden jüngeren Tragiker vorausgesetzt wird, sowie
aus der A n r u f u n g des Spercheios als Heimatfluß des Philoktet in Fr. 249 R.
38
Vgl.Aristot. Poet. 23.1459b4f.
39
Der Impuls dazu dürfte vom Philoktetmythos ausgegangen sein. Die
Heraklessage war autark und zog aus dieser Verknüpfung keinen erkennbaren
Nutzen. Es ist daher wenig wahrscheinlich, daß die Verbindung beider Sagenkreise
in der Oichalia erfolgte, wie Wilamowitz annimmt (Herakles II 80f.). Auch die
Trachinierinnen des Sophokles kommen ohne Philoktet oder eine Anspielung auf
seine Beteiligung aus. Zugleich zeigen sie die Austauschbarkeit dessen, der Herakles
den letzten Dienst erweist. Wann die Verbindung des Herakles mit der Trojasage
erfolgte, steht dahin. II. 20,145 wird sie bereits vorausgesetzt.
34 Einleitung

men hatte, ist wohl eher unwahrscheinlich, weil das Motiv aufs
engste mit der erst von Aischylos eingeführten Lokalisierung der
Verwundung Philoktets auf der Insel der Göttin Chryse verbunden
war40, während für die Kleine Ilias in diesem Punkte wohl die
Fassung der Kyprien mit Tenedos als Ort der Verwundung vorauszu-
setzen ist.
Es hat nicht an Versuchen gefehlt, in der epischen Erzählung
von Philoktets merkwürdigem Geschick die Geschichte hinter der
Geschichte aufzudecken 41 . Aufgrund der offensichtlichen Überein-
stimmungen mit der Verstoßung des Hephaistos aus dem Olymp,
dem Absturz des durch die Luft Geschleuderten auf Lemnos, w o sich
die Inselbewohner des Halbtoten annehmen, schließlich seiner Rück-
führung in den Olymp 42 , hat Friedrich M a r x in der Philoktetsage
einen abgesunkenen Göttermythos vermutet und hält Philoktet für
eine epichorische Gottheit des vulkanischen Lemnos 43 . Die Identität
von Philoktet und Hephaistos sah Marx in der Rolle Philoktets beim
Tod des Herakles bestätigt: Nur der Feuergott kann und darf den
Scheiterhaufen des Heros in Brand setzen. Aber auch Philoktets
Teilnahme am Kampf als Voraussetzung der Eroberung Trojas ließ

40
Beiträge 21 f.
41
Vgl. auch oben Anm. 3.
42
Frühestes Zeugnis II. 1,590-594; der ausdrückliche Zusammenhang von
Sturz und Lahmheit bei Apollod. Bibl. 1,3,5. - Die andere Version der Verstoßung
des Hephaistos aus dem Olymp, die der Iliasdichter im Σ erzählt, ist zwar nicht
mit der Insel Lemnos, sondern mit dem Meer und den Meergöttinnen Thetis und
Eurynome verbunden, die den vom Himmel Gestürzten aufnehmen (18,394-405),
aber im einzelnen zeigt diese Fassung andere deutliche Übereinstimmungen mit dem
Philoktetmythos. Die Mißgestaltung der Füße Hephaists veranlaßt seine Mutter Hera,
das verkrüppelte Kind aus dem Olymp zu werfen. Nach neunjähriger Abwesenheit
(18,400) wird Hephaistos im Olymp wieder benötigt, aber er weigert sich zurück-
zukehren. Erst durch die List des Dionysos, der ihn betrunken macht, gelingt es, ihn
in den Olymp zurückzubringen. Die Rückführung des trunkenen Hephaistos auf
einem Esel oder Maultier, begleitet von Dionysos, ist ein beliebtes Thema der früh-
griechischen Kunst (LexMyth I 2, 2 5 3 f f ) , besonders in der Vasenmalerei seit dem
6. Jh. (Françoisvase). Wann die Zusammenführung der beiden homerischen Sagen-
versionen (Lokalisierung der Verbannung auf Lemnos / Aufnahme des Verstoßenen
durch Thetis) erfolgte (Apollodor a.O.), wissen wir nicht, geschah aber vielleicht
schon in einem der kyklischen Epen.
43
Philoktet - Hephaistos: NJbb 13 (1904) 673ff. Zustimmend R. Pettazzoni,
Philoktetes - Hephaistos: RivFil 37 (1909) 170ff
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 35

sich mit der städtezerstörenden Wirkung des Feuers in Verbindung


bringen. Von einer Einbeziehung des Bogenmotivs in seine Herlei-
tung des Philoktetmythos sieht Marx ab44, und auch der Name des
Helden bleibt ungeklärt. Doch ergeben sich daraus keine wirklichen
Einwände. Der Bogen als das einzige technische Waffengerät der
archaischen Kriegergesellschaft ließe sich mit der Kunstfertigkeit des
göttlichen Schmieds 45 , der Flug des Brandpfeils mit dem durch die
Luft geschleuderten Feuergott in Zusammenhang sehen, und der
Name Philoktet bleibt so oder so ein Rätsel. Bedenklicher ist eher
schon die sekundäre Verknüpfung von Herakles- und Philoktet-
mythos, die einer originären Verbindung von Philoktet und Feuergott
im Wege zu stehen scheint. Doch wissen wir zu wenig, um im Motiv
des angezündeten Scheiterhaufens nicht die Aktivierung einer
ursprünglicheren Kraft des Bogenschützens sehen zu können 46 .
An den Namen Philoktetes und Chryse, dem ,Besitzliebenden'
und der ,Goldenen', sich orientierend, hat Ludwig R a d e r m a c h e r
vorgeschlagen, die Philoktetsage als eine Schatzräubergeschichte zu
interpretieren47. Dagegen spricht, daß nach unserem - freilich mehr

44
Marx hält Philoktet als Bogenschützen für ein sekundäres Sagenmotiv.
Ursprünglich bedürfe es nur der Präsenz des Helden zur Eroberung Trojas (678f.).
45
Der Dichter der pseudohesiodeischen Aspis macht Hephaistos zum Verferti-
ger des Heraklesbogens (Scut. 128-134). Das geschieht in Analogie zur homerischen
Hoplopoiie und ist sicher eine Erfindung des Verfassers. Aber die Möglichkeit der
Verknüpfung war in der Sache begründet.
46
Die Assoziierung mit einem bekannteren Mythos und die Herleitung der
Philoktetsage daraus hat auch zur Verbindung von Philoktet und Jason geführt
(Gruppe [wie Anm. 3] I 226. 635). Zu den gemeinsamen Bezugspunkten gehören die
Herkunft aus Thessalien, der Aufenthalt auf Lemnos, Jasons Stiftung des Altars der
Chryse (Philostrat, Imag. 17.419f. Kayser; aber doch wohl sekundäre Anbindung
Jasons an Herakles-Philoktet-Chryse), sein Drachenkampf und Philoktets Verwun-
dung durch die Schlange. Schließlich könnte man auch noch Jasons Aufenthalt in der
Waldhöhle des Pelion bei Chiron sowie die Unbeschuhtheit seines linken Fußes mit
Philoktets Fußwunde vergleichen. Die angebliche Verbindung von Jason mit dem
Namen ΦΙΛΟΚΤΕΤΕΟ auf der Hydria des Meidias-Malers im Britischen Museum
(O. Jahn, Archäologische Aufsätze, Greifswald 1845, 136f.) ist seit langem aufgege-
ben (vgl. die Literatur Beazley, ARV 2 1313,5; Addenda 2 361 f.). Bisher gibt es keine
befriedigende Erklärung für das Vorkommen Philoktets auf dem Vasenbild.
47
Zur Philoktetsage, in: ΠΑΝΚΑΡΙ1ΕΙΑ. Mélanges Henri Grégoire (Annuaire
de l'Institut de Philologie et d'Histoire orientales et slaves 9 [1949]) 503ff. Zustim-
mend Jouan 311.
36 Einleitung

als dürftigen - Kenntnisstand die Verbindung mit Chryse einer


jüngeren Entwicklungsstufe des Mythos angehört. In jedem Fall aber
bedürfte Radermachers Deutungsansatz, damit er einen Zugriff auf
das Ganze der überlieferten Sagenfassung ermöglicht, der Weiter-
dichtung: Danach stünden Schlange und Höhle für die Unterwelt 48 .
Die Goldene, eine Unterirdische 49 , gestattet zwar dem Hinabge-
stiegenen, den Schatz, von dessen Besitz Leben und Sieg abhängen,
heraufzubringen, aber um den Preis der Verwundung an Fuß oder
Schenkel. Der solchermaßen von der Gottheit Gezeichnete kehrt
zurück und wird zum Retter. In der heroischen Sagenversion wäre
das Gold, das aus der Unterwelt geholt werden muß, zum sieg-
verleihenden Bogen geworden 50 . In einer nachklassischen Fassung
erscheint die Unterweltsgöttin unseres virtuellen Mythos als
verschmähte Nymphe, Philoktets Verwundung als ihre Rache an
dem vergeblich Geliebten 51 . Nicht als wenn das Deutungspotential
des Philoktetmythos die skizzierte Version der Erzählung nicht
zuließe, aber wir müßten mehr über Chryse und die Herkunft ihrer
Verbindung mit Philoktet wissen, um über die Berechtigung der
hypothetisch gewonnenen Geschichte urteilen zu können 52 .
Entsprechend dem strukturalistischen Paradigmenwechsel der
jüngeren Forschung deutet Jan B r e m m e r den Philoktetmythos als

48
In der Verbindung mit Chryse ist nicht mehr wie in den Kyprien von einer
Wasserschlange (ΐ5δρος) die Rede. Aischylos Fr. 253 R. heißt die Schlange δράκων,
in der Euripides-Paraphrase des Dion 'έχιδνα (Ρ 6,8), bei Sophokles όφις (Phil.
1328). Auf bildlichen Darstellungen haust sie in einem Erdloch (Beiträge Abb. 2. 3).
Sophokles nennt sie den verborgenen Wächter des Heiligtums der Chryse. Das
würde zum chthonischen Charakter der Göttin passen. Zum chthonischen Ursprung
des Hirten Aktor (Euripides) vgl. unten S. 348f.
49
Zur eschatologischen Bedeutung des Goldes, das unter Lebensgefahr
beschafft werden soll, vgl. die beiden Mythen unten Anm. 52.
50
Vgl. die typologisch vergleichbare ägyptische Erzählung vom Schatzhaus
des Rhampsinit (Herodot 2,121), und dazu in: C. W. Müller, K. Sier, J. Werner
(Hrsg.), Zum Umgang mit fremden Sprachen in der griechisch-römischen Antike,
Stuttgart 1992, 46ff.
51
Schol. Soph. Phil. 194 (357 Papageorgiu).
52
Vgl. die typologischen Parallelen des Herakles, der die goldenen Äpfel der
Hesperiden, und des Jason, der das goldene Vlies bei Aietes holen soll, sowie die
Verbindung des Philoktet mit beiden Heroen. In allen drei Fällen wird das ,Gold'
von einer Schlange (Drachen) bewacht.
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 37

narrative Erscheinungsform eines Initiationsrituals53. Philoktets


Stigmatisierung durch die übelriechende Wunde am Fuß (Schenkel),
sein zeitlich begrenzter Ausschluß aus der Gesellschaft im Zustand
des sozialen Todes während seines Aufenthaltes auf Lemnos,
schließlich nach neunjähriger Prüfung die (Wieder-) Aufnahme in die
Gesellschaft, zeigen charakteristische Merkmale eines Übergangs-
und Initiationsrituals (rite de passage) vom sozialen Status des
Herangewachsenen zum Vollmitglied einer Gemeinschaft. Die auf-
gewiesenen Übereinstimmungen sind nicht ohne Plausibilität. Doch
wird man die epische Erzählung nicht als die narrative Spiegelung
eines bestimmten Rituals betrachten dürfen, als Dichtung im Dienst
eines sozialen Regelwerks, Kultlegende einer Kriegergesellschaft
oder eines Männerbundes. Sie ist vielmehr eine literarische Form
eigenen Rechts, die - gegebenenfalls - säkularisierte Handlungs-
elemente einer allgemeineren rituellen Struktur in sich aufgenommen
hat54.
Die poetischen Realisationen des Philoktetmythos vom achten
bis zum fünften Jahrhundert stehen von Anfang an in Opposition zu
einer Handlungsstruktur, die sich kraft ritueller Festlegung und sozia-
ler Kontrolle ihres Zieles sicher sein kann. Unproblematisch ist die
Zurücklassung Philoktets auf Lemnos nie, und sei es nur, daß die
Achaier Philoktet in seinem dortigen Elend ,vergessen' hatten. Diese
Vernachlässigung rügt schon - ironisch erinnernd - der Dichter des
Schiffskatalogs. Und auch die Aussendung des Diomedes in der
Kleinen Ilias, den Vergessenen und erst durch einen Orakelspruch
wieder in Erinnerung Gerufenen zurückzuholen, läßt erkennen,
daß der mit der Zurücklassung Philoktets auf Lemnos beauftragte
Odysseus nicht für die geeignete Person der Heimholung gehalten
wurde. Die attische Tragödie wird dann einen Helden auf die Bühne
bringen, der nichts vergessen hat und fest entschlossen ist, sich der
Wiedereingliederung in die Gesellschaft, die ihn ausgestoßen, zu
widersetzen - und das keineswegs als rituelles Spiel55.

53
Heroes, Rituals and the Trojan War: StStorRel 2 (1978) 9ff. Vgl. auch
Beiträge 81 Anm. 48.
54
Auch von Bremmer mit Nachdruck betont (a.O. 36).
55
P. Vidal-Naquet deutet den Philoktet des Sophokles als dramatische
Vergegenwärtigung des attischen Ephebenrituals. Dazu muß er aber - entgegen der
38 Einleitung

III

Die in der epischen Behandlung des Philoktetstoffs angelegte,


aber nur verhalten thematisierte Konfliktträchtigkeit zu einem
dramatischen Sujet gemacht zu haben ist das Verdienst des
A i s c h y l o s . Die Personenkonstellation seiner Philoktettragödie
bestimmt von da ab die Geschichte der literarischen Rezeption des
Mythos, freilich immer wieder mit Variationen, die einer erneuten
Annäherung an das Epos gleichkommen.
Das Auffiihrungsjahr des aischyleischen Philoktet ist unbekannt,
und auch nur annäherungsweise will eine Datierung nicht gelingen.
Das Drama kommt, wie die Sieben gegen Theben von 467 56 , mit zwei
Schauspielerrollen aus (Philoktet, Odysseus) 57 . Das könnte für einen

erkennbaren Intention des Dichters (unten S. 73) - Neoptolemos zum zentralen


Rollenträger des rituellen Spiels machen (Le «Philoctète» de Sophocle et l'éphébie,
in: J.-P. Vernant - P. Vidal-Naquet, Mythe et tragédie en Grèce ancienne, Paris
1986, 161 ff. [zuerst 1971]).
56
In den Sieben kommt Aischylos mit den Rollen des Eteokles und des
Spähers, der bei seinem zweiten Auftritt als Berichterstatter fungiert, aus. Die Auf-
teilung der Rolle des zweiten Schauspielers im Verzeichnis der Dramatis personae in
ά γ γ ε λ ο ς κ α τ ά σ κ ο π ο ς und κ ή ρ υ ξ ist künstlich und leuchtet nicht ein. Beide Rollen,
wenn es denn zwei sein sollten, wären vom Zuschauer auch nicht zu unterscheiden
gewesen. Der Schlußteil des Dramas mit Antigone und Ismene ist eine jüngere
Erweiterung (vgl. zuletzt K. Sier, Zwei Bemerkungen zu den .Sieben gegen Theben':
R h M 134 [1991] 15ff.).
57
So auch Jebb XV; Wecklein 2 7ff.; Neumann 9ff.; Meitzer 4f.; Mette,
Aischylos 103f.; Luzzatto 120. - Daß in jedem Dramenakt bei Aischylos eine neue
Person auftrete (Hermann 116), gilt für die Sieben nicht. Bei der Besonderheit jedes
der sechs erhaltenen echten Stücke ist es unmöglich, fur das ganze Werk des
Aischylos eine solche Regel aufzustellen. Wenn man aber so will, kann man den als
solchen erkannten Odysseus des dritten Epeisodions des aischyleischen Philoktet
auch als eine neue Person gegenüber dem für jemand anderen gehaltenen Odysseus
des zweiten Epeisodions verstehen. - Hermann rechnet neben Philoktet und Odys-
seus noch mit dem Auftritt der Athene und des Eurybates als Gefolgsmanns des
Odysseus (a.O.); Welcker 182. 190 und F. W. Schneidewin, Sophokles, Philoktet,
Berlin 3 1855, 159, mit Athene (am Anfang) und Herakles (am Schluß); Schneidewin-
Nauck [-Radermacher] 18 [16] am Anfang, Wilamowitz, Philoktetes 10, am Ende
mit einer dritten Rolle; desgleichen Calder 172 (vermutlich Athene). - Der aischyle-
ische Odysseus kommt allein nach Lemnos. Das ergibt sich eindeutig aus Dions
Vergleich mit der Tragödie des Euripides (52,[14]121f.). Gleichwohl finden sich
immer wieder Interpretationsvorschläge, die auf einen Begleiter des Odysseus (als
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 39

früheren Zeitansatz sprechen, aber schon im ältesten erhaltenen


Drama des Aischylos, den Persern von 472, treten zwei Schauspieler
in vier verschiedenen Rollen auf58, während andererseits selbst in den
späten Dramen nur sehr sparsam von der Möglichkeit des dritten
Schauspielers, den Sophokles eingeführt hatte, Gebrauch gemacht
wird. Seine Verwendung scheint in nicht unerheblichem Maße von
der Handlung des Stückes abhängig zu sein59, so daß die Beschrän-
kung auf die Zweizahl nicht nur der Schauspieler, sondern auch der
von ihnen übernommenen Rollen im Falle des Philoktet sich hinrei-
chend durch die Einfachheit der Dramenhandlung, die die Fabel
vorgibt, erklären läßt. Nicht einmal für einen Boten ist Platz, da kei-
ne Instanz in Sicht ist, die ihn schicken könnte. Bei Aischylos macht
Odysseus alles selbst. Ein Zeitindiz ist somit weder der Zahl der
Schauspielerrollen noch der Einfachheit der Handlungsführung ab-
zugewinnen60. Das Bild des Polygnot in der Pinakothek der Propylä-
en, das den Raub von Philoktets Bogen durch Odysseus zeigte, setzt
die Tragödie des Aischylos voraus61. Doch da es selbst undatiert ist,
hilft auch dieser potentielle Terminus ante quem wenig. Das Vasen-
bild eines Stamnos des Hermonax mit der Verwundung Philoktets
am Altar der Chryse scheint ebenfalls auf das aischyleische Stück
zurückzugehen und wird von der Vasenforschung auf 460/50 da-
tiert62; doch auch darauf ist kein Verlaß, weil das Vasenbild auf eine
ältere Vorlage zurückgehen63 oder aber der Reflex einer Wiederauf-
führung des Dramas nach dem Tode des Dichters sein könnte64.

Schauspielerrolle) auch bei Aischylos hinauslaufen (Beiträge 184 Anm. 19), von
seiner Identifikation mit Neoptolemos ganz zu schweigen (vgl. Calder 178f.).
58
Meitzers Überlegungen zur Frühdatierung des Philoktet (5) sind damit
hinfällig. Auch Calder 178f. führt nicht weiter.
59
Beiträge 67 Anm. 42.
60
Wilamowitzens Annahme „Ganz einfachen Bau dürfen wir voraussetzen"
(in Τ. v. Wilamowitz 315) verwechselt Sujet und Dramaturgie, es sei denn, er hielte
dies auch für eine zutreffende Beschreibung der Ökonomie der Sieben.
61
Pausanias 1,22,6; Beiträge 177ff.
62
Beiträge 155f. Vgl. unten S. 52ff.
63
Beiträge 14 Anm. 9.
64
Zu Wiederaufführungen der Tragödien des Aischylos als einem durch
Beschluß der Volksversammlung gewährten Privileg vgl. Vita Aesch. 12; Schol.
Aristoph. Ach. 10 (Did. C 8 Sn.-K. 2 ). - Daß die Behandlung des Philoktetmythos
in einem Dithyrambos des Bakchylides (Fr. 7 [p. 87] Sn.-M.) den Philoktet
40 Einleitung

Obgleich wir unter den Philoktetdramen der drei großen Tragiker


von der Tragödie des Aischylos am wenigsten wissen, reicht
das wenige aus, um die grundlegenden Änderungen des Stückes
gegenüber dem Epos und die wichtigsten Unterschiede gegenüber
Euripides und Sophokles erkennen zu können. Die folgenschwerste
Neuerung des Aischylos war, daß er in Anlehnung an das epische
Motiv vom Zorn des Achilleus Philoktets Weigerung, ins griechische
Heerlager zurückzukehren und am Kampf teilzunehmen, einführte
und die Griechen Odysseus statt Diomedes nach Lemnos schicken
ließ 65 . Mit der Wahl des Gegenspielers war die Unversöhnlichkeit
des Helden vorausgesetzt und die Überwindung seiner Verweigerung
durch List und damit verbundene Nötigung vorprogrammiert66.
Die zweite einschneidende Änderung gegenüber Kyprien und
Kleiner Ilias war die Lokalisierung von Philoktets Verwundung auf
einer Lemnos vorgelagerten Insel und der Zorn der namengebenden
Göttin Chryse statt Apollons Rache für die Tötung seines Sohnes
Tenes auf Tenedos 67 . Mit dem einen kehrte Aischylos zu der im
Schiffskatalog vermutlich vorausgesetzten Version des Mythos
zurück, wenn auch in modifizierter Form68. Und vielleicht war auch
Chryse statt Apollon keine radikale Neuerung. Wenn die von Rader-

des Aischylos voraussetze (Welcker 466), bleibt reine Spekulation und hilft in der
Datierungsfrage nicht weiter. - Aischylos siegte erstmals an den Dionysien von 484
und seitdem bei jeder Teilnahme am tragischen Agon (Datierung 74). Eine gewisse
Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß der Philoktet zu den Dramen dieser ununter-
brochenen Erfolgsserie gehört (vgl. unten S. 64 Anm. 144 und Nachträge S. 453).
65
Dion 52,[2]10ff.; [5]34ff.; [9/10]75ff. Es kann keine Rede davon sein, daß
Aischylos auf Diomedes (neben Odysseus) verzichtete, weil er nur zwei Schauspieler
zur Verfügung hatte (so nach den beiden Wilamowitz Calder 178). Hinter dieser
Vermutung steht, bewußt oder unbewußt, die irrige Annahme, daß auch in der
Kleinen Ilias Odysseus und Diomedes zusammen nach Lemnos kamen.
66
Beiträge 13 Anm. 5.
67
Das ergibt sich indirekt aus den Konstanten der Philoktethandlung bei
Euripides (Ρ 11,5-8; vgl. Beiträge 51) und Sophokles (Phil. 269f. 1326-1328). Ein
direktes Zeugnis ist die Darstellung auf dem Vasenbild des Hermonax (Beiträge
155f. mit Anm. 65; vgl. unten S. 52ff.). Die Einheitlichkeit des Sujets der Philoktet-
dramen der drei Tragiker ergibt sich auch aus der zweiten Hypothesis zum sopho-
kleischen Philoktet: κείται κ α ι π α ρ ' Αισχύλο) ή μ υ θ ο π ο ι ί α (Η 1 im App.)
68
Statt Lemnos selbst wird eine kleine Insel in der Nähe (Chryse), gleichsam
ein Annex von Lemnos, zum Ort der Verwundung.
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 41

mâcher beobachtete, in der Tat merkwürdige Verbindung der Namen


Philoktetes und Chryse wirklich auf eine alte Fassung der Philo-
ktetsage zurückverweist, dann wäre die Einfuhrung der Göttin keine
Erfindung des Aischylos gewesen, sondern der Rückgriff auf eine
parallele Sagentradition. Die Verbindung von Opfer und Lokalisie-
rung der Verwundung auf einer eigenen Insel (statt Lemnos) dürfte er
nach dem Vorbild der Kyprien vorgenommen haben. Die Identifizie-
rung dieser Insel mit einem kleinen Eiland in der Nähe von Lemnos,
dessen Lage den antiken Geographen Kopfzerbrechen bereitet hat69,
und vor allem die Verknüpfung der (chthonischen?) Göttin Chryse
mit der Troja- und Herakles-Sage war dagegen sicher eine Erfindung
des Aischylos70. Das von Tenedos nach Chryse verlegte Opfer wird
bei Aischylos zur Voraussetzung einer erfolgreichen Heerfahrt der
Griechen. Es ist für sie nach den Ereignissen in Aulis mit der Opfe-
rung der Iphigenie das zweite Hindernis, das es zu überwinden gilt.
Anders als Tenedos lag Chryse nahe bei Lemnos; beide Inseln waren
somit Stationen auf der Schiffahrtsroute des Heeres, und es bedurfte
keiner Rückkehr nach Lemnos wie in den Kyprien11. Als sicher darf
gelten, daß sich die Griechen wie im Epos wegen des unerträglichen
Gestanks der Wunde von Philoktet trennten. Unklar sind die genaue-
ren Umstände der Zurücklassung Philoktets im Drama des Aischylos:
Setzte man ihn bei der Vorbeifahrt auf Lemnos ab (Sophokles), oder
brachte man ihn eigens dorthin (so nach den Kyprien und vermutlich
der Kleinen Ilias Euripides) in der Erwartung, daß sich jemand seiner
annehmen werde, was dann aber nicht geschah? Jedenfalls muß es
für Philoktet einen eindeutigen Grund gegeben haben, mit dem Krieg
der Griechen gegen Troja nichts mehr zu tun haben zu wollen und
seinen Gefährten von einst Tod und Niederlage zu wünschen72.

69
Beiträge 21 Anm. 39.
70
Vgl. unten S. 52ff.
71
Beiträge 11 Anm. 2; 71 f. - Lemnos liegt in der poetischen Geographie des
Trojamythos außerhalb des Kampfgebietes. Lykaon, einer der Söhne des Priamos,
wird in der Ilias von Achilleus (in den Kyprien von Patroklos, 42,63-43,64 Bernabé;
32,83 Davies) nach Lemnos gebracht und dort verkauft. Als es ihm gelingt zurück-
zukehren, tötet ihn Achilleus (II. 21,34 ff.).
72
Dion 52,[10]81-85.
42 Einleitung

Prolog

Zentraler Blickfang des Bühnenbildes war die Öffnung einer


Höhle, von Bäumen flankiert. Ort der Handlung ist die Felsenküste
der Insel Lemnos 73 . Die Tragödie des Aischylos begann mit einem
Eröffnungsmonolog des Philoktet, der sich unter Schmerzen aus
seiner Höhle schleppte: „Spercheiosstrom und ihr rinderweidenden
Auen ... !"74 Der Vers ist als Selbstzitat des Dichters in den Fröschen
des Aristophanes überliefert (V. 1383). Er steht dort im Kontext
des Wettstreits zwischen Aischylos und Euripides um den Rang des
besten Tragödiendichters. Nachdem der bisherige Verlauf des Agons
keine Entscheidung gebracht hat, verlangt Aischylos nach einer
Waage, damit man die Gewichtigkeit der Worte und Verse beider
Kontrahenten feststelle. Euripides beginnt und wirft den Anfangsvers
der Medea in die Waagschale 75 . So liegt es nahe, daß auch der erste
Vers des Aischylos einem Dramenanfang entnommen ist. Die Sym-
metrie des Verfahrens und die Vergleichbarkeit des auf die Waage
gelegten Dichterwortes lassen dies erwarten76. Es ist aber auch für

73
Zu den Bäumen des Bühnenbildes vgl. Fr. 251 R. - Für eine Holzhütte
halten die Behausung des aischyleischen Philoktet Mette, Aischylos 106 (vgl.
Beiträge 14 Anm. 6) und Calder 171 Anm. 1. Calder geht auch für Euripides (mit
Wilamowitz, Philoktetes 11) von einer Holzbehausung aus. Nun dürfte für den
euripideischen Philoktet die Felsenhöhle feststehen (F 8; Beiträge 105f.). Aber auch
die theatertechnischen Bedenken Calders gegen eine Höhle als Kulisse im Drama
des Aischylos scheinen unbegründet zu sein. Es ist nicht einzusehen, warum die
Markierung einer Höhlenöffnung komplizierter gewesen sein sollte als die Bretter-
wand mit der Illusion einer Hausfassade. Dazu kommt die Requisitenfreudigkeit der
aischyleischen Bühnenausstattung. Eindrucksvolle Beispiele sind das Aufwiegen der
Leiche Hektors auf einer wirklichen Waage in den Phrygern und die Wägung der
Seelen von Achilleus und Memnon in der Psychostasie (vgl. K. Reinhardt, Aischylos
als Regisseur und Theologe, Bern 1949, 11). Aber auch auf der sachlogischen Ebene
der Dramenhandlung spricht nichts für eine Holzhütte. Ein natürlicher Wetterschutz
war für den ausgesetzten Krüppel mit dem Bogen als Waffe die einzige sich
anbietende Möglichkeit einer Behausung.
74
Fr. 249 R.: Σπερχειέ ποταμέ βούνομοί τ ' έπ ίστρο φαί.
75
Aristoph. Ran. 1382.
76
Aristoph. Ran. 1383. Für den Anfang des Dramas halten Fr. 249 R.
F. V. Fritzsche, Aristoph. Ranae, Zürich 1845, 422; Neumann 9; F. Leo, Geschichte
der römischen Literatur I, Berlin 1913, 396 Anm. 2; Wilamowitz, Philoktetes 9
Anm. 2 (anders in T. v. Wilamowitz 315 mit Anm. 2); Mette, Aischylos 103;
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 43

den Anfang des aischyleischen Philoktet kaum eine passendere


Drameneröffnung zu denken als die Anrufung der idyllischen
Heimatlandschaft angesichts der lemnischen Wildnis, in der der Zu-
rückgelassene krank und einsam leben muß. Doch die Aussagekraft
des Bildes der satten Weiden am Spercheios reicht noch weiter.
Philoktets Sehnsucht zielt nicht darauf ab, bei den Gefährten im
Heerlager vor Troja zu sein, sondern er träumt von den heimatlichen
Gefilden. Seine ersten Worte präludieren damit bereits den Konflikt
der folgenden Dramenhandlung. Zugleich ist die Anrufung des Sper-
cheios eine Art Homerzitat. Im 23. Buch der Ilias ist es Achilleus,
der den Fluß seiner Heimat Thessalien beschwört, wohin er nun, da
er, um Patroklos zu rächen, Hektor getötet hat, nicht mehr zurück-
kehren wird77. Mit der Anspielung auf den homerischen Achilleus
erscheint auch der aischyleische Philoktet als jemand, dem die
Aussicht auf die Heimkehr ein für allemal genommen ist.
Fr. 249 zeigt, daß der Philoktet des Aischylos mit einer Selbst-
vorstellung des Helden begann78. Deren bedarf es immer dann, wenn
eine Person erstmals die Bühne betritt und niemand anderer da
ist, der durch seine Anrede den Zuschauer über die Identität des
Hinzugekommenen informiert. Aber Selbstvorstellung in einem
dramatischen Prolog heißt mehr als namentliche Identifikation. Es ist
Offenlegung von Schicksal und Charakter. Erst recht mußte Aischy-
los, der im Unterschied zum Epos erstmals einen unversöhnlichen
Philoktet präsentierte, seinen Helden als einen Schmerzensmann
vorfuhren, dessen physische Qualen und seelische Verzweiflung so
gewaltig erschienen, daß sie den Zuschauer in eine sympathetische
Stimmungslage versetzten und er den Haß des alleingelassenen
Kranken gegenüber seinen Gefährten von einst verstehen und nach-
vollziehen konnte. Das Pathos der Anrufung des Spercheios, die alle

Luzzatto 109f. 115; für den Anfang von Philoktets erstem Auftritt Hermann 121 f.;
F. H. Bothe, Aeschyli dramatum fragmenta, Leipzig 1844, 100; Wecklein 2 7 Anm. 2;
Calder 173ff.; Fraenkel II 1 Anm. 1) und Radt (355 ad loc.) halten beides für mög-
lich. Philoktets Auftritt nach dem Bogendiebstahl, also erst dem Schlußteil der Tra-
gödie, weist Welcker 188 den Vers zu; ähnlich Meitzer 7; an beliebiger Stelle des
Dramas O. Taplin, The Stagecraft of Aeschylus, Oxford 1977, 429f.
77
II. 23,144f.
78
Im nächsten oder übernächsten Vers dürfte der Name des Vaters Poias
genannt worden sein. Vgl. die strukturelle Parallele II. 23,144f. sowie Soph. Phil. 4f.
44 Einleitung

Hoffnung aufgegeben hat, die thessalische Heimat jemals wieder-


zusehen, steigerte sich im Eingangsmonolog unter dem Ansturm der
Schmerzen zu dem Verstümmelungs- und Todeswunsch der Fr. 254
und 255: „O Fuß, ich will dich loswerden!"79 Und: „O Heiler Tod,
verschmähe mich nicht und komm! Denn allein du bist der Arzt von
unheilbaren Leiden, nichts aber kann der Schmerz dem Toten anha-
ben."80 Unter dem Eindruck des sophokleischen Philoktefix weist
man die Verse bisher einer Szene zu, in der auch der Philoktet des
Aischylos einen Krankheitsanfall erleidet und in deren Verlauf Odys-
seus den Bogen an sich bringt82. Die Verse selbst enthalten aber
keinen Hinweis auf eine solche Szene, und alles spricht dagegen, daß
es sie in der aischyleischen Tragödie überhaupt gab. Die offenkundi-
gen Übereinstimmungen mit Sophokles erlauben dagegen eine ande-
re Erklärung83, und genaugenommen bestätigt Sophokles die hier
gegebene Aischylos-Interpretation. Wenn der sophokleische Philo-
ktet V. 797f. ausruft: „Tod, o Tod, so rufe ich dich ständig Tag für
Tag, warum kannst du niemals kommen?"84, dann zitiert er damit
Fr. 255 der aischyleischen Tragödie und macht deutlich, daß es sich
nicht um eine gelegentliche Anrufung handelt, wenn die Krankheit
sich wieder einmal besonders schlimm austobt, sondern um ein

79
Fr. 254 R.: ώ πους, άφήσω σε. Allgemein als Frage verstanden („Werde ich
dich loswerden?"); doch bleibt der Sinn unklar, und der Kontext bei Máximos von
Tyros (Diss. 7,5) zwingt nicht dazu. Vgl. auch Bothe (wie Anm. 76) 101; Luzzatto
113 Anm. 44.
80
Fr. 255 R.: ώ θάνατε παιών, μή μ' άτιμάσης μολεϊν- / μόνος (γαρ) ει σό
των ανήκεστων κακών / ιατρός, άλγος δ' ουδέν απτεται νεκρού.
81
Soph. Phil. 747-750. 786. 797-803. - Der Tod als einziger Arzt der Leiden
Philoktets ist durch Aischylos zum Topos der Philoktet-Rolle geworden. Vgl. Soph.
Fr. 698 R. (aus dem sophokleischen Philoktet vor Troja)·, Accius, Phil. fr. XIX R.3
82
Seit Hermann 126f. gilt dies allgemein für eine ausgemachte Sache, und
zwar auch dort, wo man nicht (wie Hermann u.a.) sich auf Accius, Phil. fr. XIX R.3
beruft (vgl. Beiträge 262). Vorbehalte haben auch Jebb („perhaps", XV) und Neu-
mann (11), aber eine wirkliche Ausnahme ist allein Mette, Aischylos 103, freilich
ohne Begründung, und bereits Butler 216f. setzt Fr. 254 R. an den Anfang der
Tragödie. Auch νοσούντα Dion 52,[10]80 ist im Licht der anderen Argumente,
die dafür sprechen, als Bezeichnung eines Dauerzustands zu interpretieren.
83
Vgl. unten S. 47.
84
ώ θάνατε θάνατε, πώς άει καλούμενος / ο ί π ω κατ' ημαρ ού δύνη μολεϊν
ποτε;
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 45

tägliches Gebet, das um die Erlösung von einem ununterbrochen


andauernden Zustand unerträglicher Schmerzen bittet. Ebendies ist
die vorausgesetzte Situation der aischyleischen Eingangsszene.
Wer - anders als Sophokles und Euripides - das Drama mit dem
Auftritt des Philoktet und nicht mit dessen Gegenspieler eröffnen
wollte, mußte den Helden in der Unerträglichkeit seiner Schmerzen
und, darin begründet, im Haß gegen seine Gefährten zeigen, die ihn
verraten und im Stich gelassen hatten. Er mußte mit einem Fortissi-
mo des Leidens und Mitleidens beginnen, und der erste Eindruck des
gemarterten Philoktet begründete alles weitere. Eine spätere Steige-
rung dieser Pathosszene durch einen akuten Krankheitsanfall ergab
dramaturgisch keinen Sinn mehr. Um das Gebotene zu tun, brauchte
Aischylos nur die Vorgaben des Epos szenisch umzusetzen: Die
Ilias bot ihm einen Helden an, der permanent ein Leidender war.
Im Schiffskatalog ist von Philoktet als von jemandem die Rede, der
unter übermächtigen Schmerzen „daniederliegt" (zweimaliges κ ε ΐ τ ο ) ,
und so dürfte ihn auch der Dichter der Kleinen Ilias gesehen haben,
auf dessen Beschreibung des Elendszustandes des Kranken letztlich
die hellenistische Vorlage des Quintus von Smyrna zurückgeht: Ein
Krüppel, der sich kaum von der Stelle bewegen kann und der nur von
Vögeln lebt, die er mit seinem Bogen erlegt, die leicht aufzunehmen
sind, weil sie ihm vor die Füße fallen, und mit deren Federn er seine
Blöße deckt85. Das ist auch das Philoktetbild des Accius, und da
deutliche Spuren davon sich bei Sophokles nachweisen lassen, liegt
der Schluß nahe, daß es das Philoktetbild des Aischylos war, das er
aus der Kleinen Ilias als seinem literarischen Vorbild übernommen
hatte86. In der frühen Fassung des Mythos leidet Philoktet wie Prome-
theus ununterbrochen und in gleicher Stärke unter den Qualen seiner
Wunde. Auf der Bühne des Aischylos war das Thema noch frisch
und unverbraucht. Der Zuschauer erlebte einen Philoktet, der sich
langsam und unter Stöhnen aus seiner Höhle schleppte und sich in
dem ganzen Ausmaß seines Unglücks präsentierte. Der Tod bietet für
ihn die einzige denkbare Erlösung von seinen Qualen und Befreiung

85
Quint. Smyrn. 9,353ff.
86
Beiträge 277f. Der aischyleische Philoktet bot sich auch der Philosophie als
Fallbeispiel des dauerhaft Leidenden an (Fr. 250. 252. 254. 255 R.). Cicero konnte
dafür den Philoktet des Accius einsetzen (Beiträge 258f.).
46 Einleitung

aus seiner Hilflosigkeit. Am Ende des Prologs zog sich dieser in


seinen Schmerzen von allen verlassene Unglücksmensch wieder in
sein Felsenloch zurück. Die dramaturgische Intention zielte auf eine
gewaltige Erschütterung des Zuschauers gleich von Anfang an87.

87
Vgl. Beiträge 14. Die Philoktetstatue des Pythagoras in Syrakus aus der
ersten Hälfte des 5. Jhs. (G. M. A. Richter, The Sculpture and Sculptors of the
Greeks, New Haven 4 1970, 156f.) präsentierte einen Menschen, dessen Leiden den
Betrachter zu einem Mitleidenden machte (Plin. Nat. hist. 34,59). Plinius gibt dem
von Pythagoras dargestellten claudicans keinen Namen, aber seine Beschreibung der
Wirkung auf den Betrachter (cuius ulceris dolorem sentire etiam spectantes videntur)
spricht fur die allgemein akzeptierte Identifikation. J. Overbeck (Die antiken Schrift-
quellen, Leipzig 1868, 94 Nr. 505) sieht in der AP 16,112 beschriebenen Erzstatue
des Philoktet das Werk des Pythagoras. Das literarische Vorbild könnte der Philoktet
des Aischylos gewesen sein. Der Dichter hatte enge Beziehungen zum Hofe des
Hieron unterhalten und war mehrmals in Sizilien gewesen. Dabei ist es auch zu
Auffuhrungen seiner Dramen gekommen (Datierung 75). Ein besonderes Interesse
der Magna Graecia für den Philoktetmythos dürfen wir voraussetzen (vgl. oben
Anm. 7). Hier fügt sich auch die Philoktet-Komödie des Epicharm ein (Fr. 132-134
Kaibel), die eine Parodie der aischyleischen Tragödie gewesen oder zumindest
von dieser angeregt worden sein könnte. - Schon Butler 216f. weist Fr. 254 R.
dem Anfangsteil der Tragödie zu. Alle erhaltenen Tragödien des Aischylos beginnen
aus einsichtigen Gründen mit dem Auftritt eines vom Dramengeschehen mehr
oder weniger direkt Betroffenen: die persischen Alten in den Persern, Eteokles in
den Sieben, der Danaidenchor in den Hiketiden, der Wächter auf dem Palastdach,
der seit zehn Jahren auf nichts anderes als auf das Feuersignal aus Troja wartet, im
Agamemnon, Orest am Grabe seines Vaters in den Choephoren, Pythia, Apollon und
Klytaimestras Schatten mit jeweils unterschiedlicher Reaktion auf die schlafenden
Erynnien, die den Muttermörder im delphischen Heiligtum umringen, in den
Eumeniden. Der Chor des aischyleischen Philoktet ist dagegen ein distanzierter
Beobachter. Er hat sich zehn Jahre Zeit gelassen, bis er den Kranken in seiner Höhle
aufgesucht hat. Er weiß von dessen Schicksal vom Hörensagen, und er hat Mitleid
mit ihm. Ein Betroffener ist er nicht. Angesichts des Ausmaßes von Philoktets
Leiden ergäbe ein mit der Parodos dieses Chores einsetzendes Drama einen matten
Tragödienbeginn. Mit einem Monolog des Helden lassen das Drama beginnen Fritz-
sche (wie Anm. 76) 422; Neumann 9f.; Leo (wie Anm. 76) 396 Anm. 2; Wilamo-
witz, Philoktetes 9 Anm. 2 (anders in T. v. Wilamowitz 315 mit Anm. 2); Mette,
Aischylos 103; Luzzatto 115; unentschieden Fraenkel (II 1 Anm. 1) und Radt
(ad loc.). Hermann (116ff.) und Welcker (182ff.) gehen aufgrund des Anfangs des
accianischen Philocteta von einem anapästischen Prolog mit Athene und Odysseus
aus (zum Prolog des Accius, der aus anapästischen Dimetern und Senaren bestand,
Beiträge 262ff. 272ff.). Nach Härtung 360, Wecklein 2 7 und Aélion 65 fungiert
Odysseus als Prologsprecher. Mit der Parodos des Chores als Dramenanfang rechnen
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 47

Vom bühnenwirksamen Effekt der Drameneröffnung her gesehen,


sind Niobe und Phryger mit der schweigenden Mutter und dem
schweigenden Achilleus, der um Patroklos trauert, vergleichbar: Dort
tritt an die Stelle extremer Klage Sprachlosigkeit88.
Mit Odysseus als Prologsprecher bei Euripides wird das alles
anders. Der menschlich-soziale Konflikt von Philoktets Ausstoßung
und Riickholung steht von Beginn an im Zentrum der Handlung89. Im
Vergleich dazu tritt das Leiden Philoktets an seiner unheilbaren
Wunde in den Hintergrund. Nicht als wenn es gar nicht mehr bestün-
de, aber Philoktet hat gelernt, mit seiner Krankheit zu leben: Das
Leiden ist im Laufe der Zeit erträglich geworden, nur noch gelegent-
lich gibt es Anfälle der Krankheit, die ihn mit der alten Wucht
überfallen90. Wie stark der Aspekt des körperlichen Leidens zurück-
genommen ist, zeigt die Verlegung der Krankheit in den hinter-
szenischen Raum der Höhle. Nur noch im Bericht des erfolgreichen
Diebes Diomedes (nicht etwa des Philoktet selbst) ist sie fur den
Zuschauer gegenwärtig, und der Krankheitsanfall dient, statt eine
Vorstellung vom Leidenszustand des Gequälten zu vermitteln,
dramaturgisch allein dazu, den Bogenraub zu ermöglichen91. Sopho-
kles wird demgegenüber in einer für sein Spätwerk charakteristischen
Weise Motive der euripideischen Dramaturgie mit einer Rückkehr
zu Aischylos verbinden. Er übernimmt von Euripides den Krank-
heitsanfall, bringt ihn aber dem Zuschauer unmittelbar zu Gesicht,
und statt der euripideischen Instrumentalisierung zum Zwecke des

Meitzer 5 und Calder 174f., der einen Wechselgesang zwischen Chor und Odysseus
postuliert. Doch kann man sich hierfür nicht auf Dion 52,[7]54f. berufen (ó ô'
Α ι σ χ ύ λ ο ς α π λ ώ ς εισήγαγε τ ό ν χ ο ρ ό ν ) . Vgl. unten S. 266. Wenn Dion mit Nach-
druck betont, daß bei Euripides Odysseus das Drama eröffne (52,[1 l]95f.), dann ist
das im Gegensatz zum Philoktet des Aischylos gesagt. Das aber spricht gegen einen
Auftritt des Odysseus bereits im Prolog der aischyleischen Tragödie.
88
Aristoph. Ran. 91 Iff. (Radt 239. 265); Vita Aesch. 6.
89
Vgl. Ρ 6,5-10. 17.
90
Vgl. Ρ 13/14. Indirekt ergibt sich der unterschiedliche Gesundheitszustand
des aischyleischen und euripideischen Philoktet auch aus αυτός γ ο ΐ ν ó Ευριπίδης
κτλ. („sogar Euripides", sc. dessen Philoktet es doch sehr viel besser geht als dem
aischyleischen, Dion 52,[8]66ff.).
91
Beiträge 239. Vgl. jedoch unten S. 416f.
48 Einleitung

Bogendiebstahls gibt er der Darstellung des physischen Leidens die


Bedeutung zurück, die sie bei Aischylos besessen hatte 92 .
Ob auch Fr. 253 („ein Krebsgeschwür, das meines Fußes Fleisch
frißt" 93 ) in den Eingangsmonolog oder aber in die Schilderung
der Leiden Philoktets gegenüber dem Chor im ersten Epeisodion
gehört 94 , ist nicht zu entscheiden.
Der aischyleische Prolog muß mit Philoktets Klage zugleich zur
Anklage geraten sein gegenüber denen, die für ihn die Urheber seiner
verzweifelten Situation auf Lemnos waren. Sofern das Publikum aus
seiner mythologischen Vorkenntnis wußte, daß dieser unglückliche
Mensch entgegen aller Erwartung bald von den Griechen zurück-
geholt und aus seiner unerträglichen Lage befreit werden würde, ließ
Philoktets Haßausbruch den Zuschauer ahnen, daß es mit der Rück-
führung nicht so glimpflich ablaufen werde, wie er es vom Epos her
kannte. Mit Spannung sah er unter diesen Umständen dem Fortgang
der dramatischen Handlung entgegen 95 .

9 2 Beiträge 239f. - Auf die Übereinstimmung von Sophokles und Aischylos in

der Darstellung des leidenden Philoktet weist der Aristoteleskommentator Aspasios


hin (In Eth. Nie. 7,8.1150b8ff. CAG X I X 1,133,6-10 Heylbut): Zuerst habe Philoktet
seine Schmerzen zu unterdrücken versucht, dann aber seien die Qualen übermächtig
geworden. Zu Sophokles vgl. Phil. 730ff. Für Aischylos bedeutet dies nicht, daß es
auch bei ihm einen Krankheitsanfall des Philoktet gab, sondern daß der Eingangs-
monolog des unter ständigen Schmerzen Leidenden, der mit der Anrufung des hei-
matlichen Spercheios begann (Fr. 249 R.), sich nach und nach zum verbalen
Schmerzausbruch der Fr. 255 und 256 R. steigerte. Eigentlicher Bezugstext ist
für Aspasios (wie für Aristoteles) der Philoktet des Theodektes, und schon der
Vergleich mit Soph. Phil. 732 zeigt, daß es im Unterschied zum Drama des
4. Jhs. in der sophokleischen Tragödie eine auch nur zeitweilig erfolgreiche Unter-
drückung der Philoktet überkommenden Schmerzen nicht gab. Der Vergleich des
Theodektes mit Sophokles und Aischylos im Kommentar des Aspasios (τον αύτόν
ôè τρόπον είσήγαγεν αύτόν και Σοφοκλής και Αισχύλος) darf nicht zu eng gese-
hen werden. Dagegen bleibt Euripides zu Recht ausgeschlossen (vgl. unten S. 66).
93 Fr. 253 R.: φαγέδαι,να(ν) η μου σάρκας έσθίει ποδός.
94 Vgl. unten S. 5Iff.
9 5 Es hat sich eingebürgert, , Spannung' nicht für eine Kategorie der griechi-

schen Tragödie zu halten, weil der Zuschauer aus seiner Kenntnis des Mythos bereits
über den Inhalt und vor allem den Ausgang des Stückes informiert gewesen sei.
Zudem seien immer wieder die gleichen, bekannten Dramensujets von den Tragikern
behandelt worden. Abgesehen davon, daß wir die mythologischen Kenntnisse des
attischen Publikums, vor allem in der Breitenwirkung, nicht überschätzen sollten
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 49

Parodos

Nach Philoktets Monolog und erneutem Rückzug in seine Höhle


zog der Chor, bestehend aus lemnischen Bürgern96, in die leere
Orchestra ein 97 . Das Einzugslied der Lemnier enthielt keine Begrün-

(vgl. Aristot. Poet. 9.1451b25f.) und es natürlich spannende und weniger spannende
Dramen auf der Athener Bühne gab, scheint mir diese verbreitete Ansicht auf einer
falschen Vorstellung der Bedingungen von Spannung zu beruhen. Spannung setzt
immer eine Verbindung von Wissen und Nichtwissen voraus. Das schiere Nicht-
wissen erzeugt keine Spannung, sondern nur Überraschung. Das gilt auch für den
Kriminalroman und seine Dramatisierungen. Das ,Wie' der Handlungsfuhrung und
das Offenhalten mehrerer Optionen sind dabei die wichtigsten Gestaltungsmittel des
Aufbaus von Spannung hinsichtlich der Erreichung des vorbestimmten Endes. Im
übrigen gibt es so etwas wie eine ,Theaterkonvention' des temporären Vergessens,
d.h. die Bereitschaft des Zuschauers, Vor-wissen auszublenden, sich ganz auf die
Imagination des szenischen Augenblicks einzulassen und Lösungen vorübergehend
für möglich zu halten, von denen er eigentlich weiß, daß sie ausgeschlossen sind.
Das Phänomen der dramatischen Spannung ist ein höchst komplexer Rezeptions-
vorgang. Im Falle des Philoktetstoffes zeigen sich alle drei großen Tragiker um eine
spannende Handlungsführung bemüht. Entsprechend gravierend sind die jeweiligen
Eingriffe in das vorgegebene mythologische Sujet: bei Aischylos gegenüber dem
Epos, bei Euripides gegenüber Aischylos, und im Drama des Sophokles kommt von
Anfang an sowieso alles anders als erwartet.
96
Dion 52,[7]50f.
97
In den erhaltenen Stücken des Aischylos, die mit einem Prolog beginnen,
ist die Orchestra beim Einzugslied des Chores leer. Die Parodos wird nicht in
Anwesenheit der Prologsprecher gesungen. Auch Philoktets Anwesenheit während
der Parodos ist auszuschließen. Zudem wissen wir, daß er im ersten Epeisodion den
Chor wie einen vollkommen Unwissenden behandelte (Dion 52,[9]71-75), während
dieser sich doch im Einzugslied durchaus als Informierter gezeigt hatte. Das ist an
sich nur sinnvoll, wenn Philoktet den Wissensstand des Chores nicht kannte, also das
vom Chor zuvor Gesagte nicht gehört hatte. Dafür spricht auch, daß der Chor seine
zu vermutende Kenntnis über das Helenosorakel nicht zweimal in Anwesenheit des
Philoktet geäußert hat (vgl. weiter unten). Nun könnte man freilich Dions psycho-
logische Erklärung von Philoktets Bericht gegenüber dem Chor im ersten Epeisodion
(Unglückliche und Kranke würden ihre Leiden zum wiederholten Mal auch vor
solchen erzählen, die diese längst kennten) so interpretieren, daß Philoktet durch die
Parodos gewußt habe, daß der Chor über sein Schicksal informiert sei. Dies ist wohl
auch die Überlegung Luzzattos 116, die sie zu der Annahme geführt hat, Philoktet
bleibe während des Einzugslieds des Chores auf der Bühne. Sollte Dion dies
wirklich angenommen haben, so wäre es ein leicht erklärbarer Irrtum des lesenden
Rezipienten. Es ginge dann daraus hervor, daß Philoktet seine Rückkehr in die Höhle
am Ende des Prologs nicht eigens angekündigt hatte, sondern sein erneutes Sich-
50 Einleitung

dung für ihr Kommen, und es gab auch keine Erklärung, warum
man sich bisher (immerhin mehr als neun Jahre lang) nicht um den
Kranken gekümmert hatte98. Andererseits hatte der Chor einige
Kenntnisse über den Zustand und das Schicksal Philoktets". Die
Parodos verarbeitete gleichsam theologisch den Eindruck und die
Erschütterung, die soeben dem Zuschauer widerfahren war. Zweifel-
los wurden die Götter als die letzten Urheber von Philoktets Unglück
bestimmt, zugleich muß aber auch schon das Problem seines eigenen
Schuldanteils zur Sprache gekommen sein100. Ob es auch bereits eine
Antwort darauf gab, wissen wir nicht, vermutlich fand sie sich erst
im ersten Stasimon nach Philoktets ausführlichem Bericht über die
Entstehungsgeschichte seiner Verwundung. Dagegen halte ich es fur
notwendig, daß zu diesem frühen Zeitpunkt die Aufmerksamkeit des
Zuschauers auf das Helenosorakel gelenkt wurde, die Ankündigung
also, daß die Griechen nur mit Hilfe des Heraklesbogens Troja er-
obern könnten und sie deshalb, wollten sie nach zehn Jahren endlich
zum Erfolg kommen, Philoktet zurückholen müßten101. Der Chor, mit
dem Wirken der Götter ohnehin beschäftigt, ist nach der Personen-
konstellation des aischyleischen Philoktet die einzige Rolle, die zu
diesem Zeitpunkt der Handlung eine entsprechende Mitteilung, und
seien Herkunft und Inhalt noch so vage, gemacht haben kann: Kunde
sei ihm gekommen, daß ... Ein Philoktet voller Haß und ein auf
Philoktet durch Götterspruch angewiesenes Heer der Griechen - der
dramatische Konflikt gewinnt für den Zuschauer zunehmend Kontur.

Verkriechen Teil der Präsentation des Leidenden war. Im übrigen muß, wer Philoktet
während der Parodos anwesend sein läßt, im ersten Epeisodion nicht nur diesen,
sondern auch den Chor (mit der Nachricht vom Helenosorakel) dem anderen bereits
Bekanntes (weil zuvor Gesagtes) wiederholen lassen.
98
Dion 52,[6]49f. Zu Parallelen in anderen Tragödien des Aischylos vgl.
Taplin (wie Anm. 76) 70.
99
Dion 52,[9]70-75. Vgl. unten S. 51 f.
100
Anders als in den Dramen des Euripides und Sophokles muß das Problem
der Schuld Philoktets als Ursache seiner Leiden bei Aischylos eine wichtige Rolle
gespielt haben. Vgl. Beiträge 22f. mit Anm. 42 sowie unten S. 55f. 64.
101
Daß der Chor bereits von der Ankunft des Odysseus weiß oder gar mit
diesem noch vor dem Auftritt des Philoktet in einem geheimen Einverständnis stehe
(Calder 174f.), ist eine kühne Vermutung, für die wenig spricht. Dahinter steht aber
die richtige Einsicht, daß der Chor, auf den Fortgang der Handlung bezogen, etwas
mehr wissen muß, als Philoktet wissen kann.
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 51

Das Einzugslied des Chores schloß mit dem Wunsch, den Bewohner
der Höhle zu sehen.

Erstes Epeisodion

Im ersten Epeisodion kam Philoktet aus seiner Felsenhöhle


und erzählte „dem Chor gegenüber wie einem Ahnungslosen die
Geschichte, wie er von den Achaiern verlassen worden und was ihm
sonst noch alles zugestoßen sei. Denn Menschen im Unglück pflegen
sich oft ihres Mißgeschicks auch vor solchen, die es längst wissen,
bis in Einzelheiten zu erinnern und behelligen sie, ohne daß sie es
hören wollen, mit ihren dauernden Erzählungen", sagt Dion zu Inhalt
und Interpretation dieses Dramenaktes 102 . Seine psychologische Er-
klärung ergibt aber nur einen Sinn, wenn sich der Chor zuvor bereits
in der Parodos als ein über Philoktets Schicksal Informierter gezeigt
hatte. Er muß aber auch zu Beginn ihrer Begegnung zu erkennen
gegeben haben, daß Philoktet kein Unbekannter für ihn ist. Nur so
erhalten der von Dion referierte Vorwurf der Kritiker und Dions
Verteidigung ihre Stimmigkeit. So kommt es zu Beginn der Tragödie
zu einer auf drei Stufen sich vollziehenden Unterrichtung des
Zuschauers: (1) im Prolog die Konfrontation mit dem unmittelbar
erfahrbaren Faktum des leidenden und alleingelassenen Philoktet,
(2) in der Parodos das, was man draußen in der Welt außerhalb des
engen Erlebnishorizontes des Isolierten und Abgeschnittenen über
ihn weiß und erzählt, und (3) die detaillierte Information über das
Unglück des Helden durch diesen selbst, über seine Vorgeschichte
und den weiteren Verlauf der Ereignisse bis zum gegenwärtigen
Zeitpunkt.
Aus der Rhesis Philoktets dürfte das Fr. 252 103 , vielleicht auch
Fr. 253 104 und vermutlich Fr. 250 stammen: „... wo der Wind einen
weder verweilen noch davonfahren läßt." 105 Der Vers ist zum

102
Dion 52,[9]71-75.
103
(δράκων)... ένφκι,σεν / όει,νην -(-στομάτων εμφυσιν, ποδός βλάβη ν.
104
Vgl. oben S. 48.
105
ενθ' ουτε μίμνειν άνεμος οΰτ' έκπλειν έα. Der Sinn des Verses wird
im allgemeinen mißverstanden und auf die Windverhältnisse von Lemnos bezogen
(z.B. Hermann 122; Bothe [wie Anm. 76] 101; Wecklein 2 8 Anm. 2; Mette, Aischy-
los 103).
52 Einleitung

Sprichwort geworden und bezeichnet jemanden, der zwischen zwei


Übeln zu wählen hat, sich aber nicht entscheiden kann106. Aus dem
Zitat bei Plutarch geht hervor, daß eines der Übel der Tod ist107. Da
Philoktet der Sprecher ist, kann mit dem anderen Übel nur das Leben
auf Lemnos gemeint sein. In diesem Vers kommt eine größere
Distanz zur eigenen Situation als in der Todessehnsucht des Prologs
zum Ausdruck. So dürfte das Zitat Philoktets Schilderung seines
Unglücks im ersten Epeisodion entnommen sein.
Philoktets großer Bericht ist der Bezugstext, der direkt oder indi-
rekt dem schon erwähnten Vasenbild des Hermonax zugrundeliegt108.
Es zeigt Philoktets Verwundung beim Opfer am Altar der Chryse.
Links befindet sich auf einem Sockel das Kultbild der Göttin, davor
ein Steinaltar, auf dem das Opferfeuer lodert, sowie die Schlange als
Wächterin des Heiligtums. Rechts vor dem Altar steht Agamemnon,
der offensichtlich das Opfer vollzogen hat und mit seinem Szepter
nach der Schlange stößt. Dem Opfer korrespondiert auf der rechten
Seite des Vasenbildes der zu Boden gesunkene Philoktet, dem sich
zwei der Gefährten zugewandt haben, Achilleus, der aber seinen
Blick noch nicht von der Schlange lösen kann und zurückblickt, und
Palamedes, der sich zu Philoktet herabbückt und fürsorglich die Ar-
me nach ihm ausstreckt. Hinter den drei jungen Männern (Achilleus,
Palamedes, Philoktet), deren Kopfhöhen eine fallende, sich auf Phi-
loktet zubewegende Linie bilden, stehen Diomedes und, rechts neben
ihm, Odysseus. Sie schauen wie Agamemnon nach der Schlange am
Altar; der vor ihnen auf dem Boden liegende Philoktet kümmert sie
nicht109. Die beiden erkennbar gegeneinander abgesetzten, zugleich

106 Vgl. die parömiographischen Fundstellen im Apparat bei Radt 355. Aber
schon Aischylos muß den beschriebenen Sachverhalt als Vergleich verwendet haben.
Da Philoktet auf Lemnos kein Schiff zur Verfügung hat und, generell auf Lemnos
bezogen, der Vers bedeuten würde, daß, wer einmal auf der Insel sitze, immer dort
sitzen bliebe, gibt eine andere als eine metaphorische Erklärung keinen Sinn.
107
Plutarch, Detranqu. an. 18.476AB.
108
Vgl. oben S. 39; Calder 175; Beiträge 155f.
109
Die Identifikation der dargestellten Personen ergibt sich zum einen aus den
zugefügten Namen, zum anderen aus dem ikonologischen Kontext. Agamemnon,
Achilleus, Philoktet und Diomedes tragen Namenbeischriften. Palamedes kümmert
sich angelegentlich um den verwundeten Philoktet, Odysseus steht neben Diomedes,
hebt abwehrend die Hand und betrachtet das Geschehen aus der Distanz ohne
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 53

miteinander verschränkten Dreiergruppen, bärtig und arriviert die


eine, unbärtig ephebenhaft die andere, spiegeln die Sympathien und
Antipathien wider, die Philoktet in seinem Bericht geäußert hatte:

Stamnos des Hermonax, Paris Louvre (Umzeichnung nach Milani)

Odysseus und Diomedes zeigen sich an Philoktets Unglück desinter-


essiert, Agamemnon als der dem Altar am nächsten Stehende ist nur
mit der Abwehr der Schlange beschäftigt. Allein Achilleus und vor
allem Palamedes wenden sich dem Verletzten zu. Daß dies keine
unzulässige Ausdeutung des ikonographischen Befundes ist, lehren
die literarischen Zeugnisse. Dion bezeugt, daß der aischyleische
Philoktet Agamemnon den Tod und Odysseus die Verurteilung

Beachtung dessen, was mit Philoktet geschehen ist. Zum Problem der Identifizierung
von Palamedes und Odysseus vgl. Beiträge 153 Anm. 62; 155f. Die Anwesenheit
der genannten Personen hat natürlich nichts mit den Dramatis personae der aischyle-
ischen Tragödie zu tun. Da es die Darstellung eines erzählten Geschehens ist, das der
Dramenhandlung zehn Jahre vorausliegt, gibt es keinen Anhalt zur Begrenzung der
von Aischylos erwähnten Trojafahrer beim Opfer am Altar der Chryse. Der Stamnos
des Hermonax kann daher, solange wir den literarischen Bezugstext nicht vor uns
haben, auch nicht als Beleg für eine freie Erweiterung des von Aischylos genannten
Personenkreises durch den Vasenmaler gelten.
54 Einleitung

als Hochverräter gönnt 110 . Diomedes als Komplize des Odysseus


ist bei Euripides eine Person des Philoktetdramas 111 , bei Sophokles
erscheint er als solcher im Bericht des falschen Schiffspatrons 112 .
Schon der aischyleische Philoktet dürfte Odysseus und Diomedes
als Geistesverwandte gesehen haben. Der Vasenmaler versieht den
jüngeren mit einem Bart als ikonographischem Zeichen, auf welche
Seite er gehört 113 . Was aber Palamedes und Achilleus als Freunde
Philoktets betrifft, so spielt der eine eine wichtige Rolle bei Euri-
pides, der andere bei Sophokles. Das entspricht der selektiven
Adaptation aischyleischer Motive in den beiden jüngeren Philoktet-
dramen 114 .
Besonderes Gewicht kam in der Erzählung Philoktets der Dar-
stellung vom Anfang und der Ursache seines Unglücks zu. Denn
nicht allein, daß der Chor darüber, wenn überhaupt, nur ein vages
Wissen haben konnte, auch der Zuschauer war ohne mythologische
Vorkenntnisse, begegnete doch die Verbindung von Philoktet und
Chryse weder bei Homer noch in der nachhomerischen Epik, und erst
recht war die besondere Fassung, die Aischylos dieser Beziehung
gab, ein neues Motiv der Mythopoiie. Der Tragiker führte das Orakel
ein, das für die Griechen ein Opfer am Altar der Inselgöttin Chryse
zur Voraussetzung einer erfolgreichen Heerfahrt machte. Da Philo-
ktet als einziger den Ort des Altars auf der einsamen Insel von seiner
früheren Trojafahrt als Begleiter des Herakles her kannte, weil sie
dort ebenfalls schon geopfert hatten, konnte er den Gefährten das
gesuchte Heiligtum der Chryse zeigen. Beim Opfer wird er von der
Schlange, der Hüterin des heiligen Ortes, gebissen 115 . So verknüpft

1,0
Dion 52,[10]81-85.
111
Dion 52,[14]121-123.
112
Soph. Phil. 591-594.
113
In den meisten bildlichen Darstellungen ist Diomedes unbärtig.
114
Beiträge 15 Anm. 9; 58ff. 68f.
115
Das ist zwar nicht direkt für Aischylos bezeugt, aber mit hinreichender
Sicherheit aus Euripides und Sophokles zu erschließen. Bei Sophokles spielt das
Opfer am Altar der Chryse nur noch andeutungsweise eine Rolle (Phil. 1326-1328).
Bei Euripides steht das patriotische Opfer des Philoktet und der Undank der
Griechen im Zentrum (Ρ 11,5-8; Τ 15c,2; vgl. Beiträge 22 Anm. 42). Die Logik der
Motiventwicklung und unsere Kenntnis der aischyleischen ,Theologie' verlangen,
daß bei ihm das Gewicht auf dem Opfer für Chryse mit seinen Voraussetzungen und
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 55

sich bei Aischylos der Aufenthalt der Trojafahrer auf Chryse, die
Verwundung Philoktets ebenda und seine Aussetzung auf Lemnos
erstmals zu einer durchgehenden Kausalkette. Das scheinbare
Paradoxon, daß derjenige, der ein von den Göttern gefordertes Opfer
ermöglicht, selbst zum Opfer einer göttlichen Strafe wird, löst sich
auf, wenn man die aischyleische Sicht des Trojanischen Krieges
zugrunde legt. Der Zug der Griechen gegen die Stadt des Ehe-
brechers und Verächters des Gastrechts Paris ist zwar eine gerechte
und von den Göttern gewollte Strafe, aber die, die diese Bestrafung
exekutieren, laden durch ihre kriegerische Aktion mit der Tötung
vieler unschuldiger Opfer nun ihrerseits neues Unrecht auf sich, das
nach Sühne verlangt. Das ist die theologische Grundlage der Parodos
des aischyleischen Agamemnon, und so dürfen wir es auch für den
Philoktet des Aischylos voraussetzen. Auf eine allgemeine Formel
gebracht, heißt dies: auf den Täter wartet Leiden " 6 . Die Ambivalenz
des Opfers am Altar der Chryse zeigt sich schon darin, daß der Altar
verborgen und damit eigentlich ein verbotener Ort ist. Indem Philo-
ktet das Opfer ermöglicht, das nicht schlechthin gefordert wird,
sondern nur als Bedingung der Eroberung Trojas erscheint, schließt
die Erfüllung dieser Bedingung neue Schuld ein, die Mordbrennerei
des Krieges und die Zerstörung einer Stadt. Darin besteht die Schuld
des aischyleischen Philoktet, so daß sein Unglück ihn nicht
ungerechtfertigt trifft. Doch die Aussetzung auf dem benachbarten
Lemnos, wo die Griechen den Hilflosen in der Erwartung zurück-
lassen, es werde sich schon jemand um ihn kümmern, ist eine neue
Verletzung von Recht und Billigkeit, diesmal an Philoktet begangen,
die denen, die sie begehen, wiederum keinen Nutzen bringen wird.
Man darf vermuten, daß diese Theodizee mit einer Kette
von Schuld und Strafe Gegenstand des ersten Stasimons war und

Folgen lag. Das Vasenbild des Hermonax bestätigt diese Annahme. - Jouan 315f.
und Luzzatto 116 denken an eine Übernahme der Kyprienversion durch Aischylos.
Alles spricht dagegen (vgl. oben S. 40f.). Jouan kombiniert diese These mit
Hygin, Fab. 102,1, Hera habe die Schlange, die Philoktet verwundete, geschickt
(Zuriickführung auf Aischylos schon bei Untersteiner [wie Anm. 3] 139ff.); Chryse
sei nur Heras Erftillungsgehilfin.
116
παθεϊν τόν ερξαντα· θεσμών γάρ (Aisch. Ag. 1564); δράσαντι παθεΐν-
τριγέρων μύθος τάδε φωνεΐ (Choeph. 313f.).
56 Einleitung

Gedanken vertiefte, die als Mutmaßung bereits in der Parodos zum


Ausdruck gebracht worden waren. Zuvor aber dürfte der Chor
Philoktet darüber unterrichtet haben, was ihm, wie schon in der
Parodos erwähnt, vom Orakel des Helenos zu Ohren gekommen war.
Er hat dies zweifellos als eine für Philoktet erfreuliche Nachricht
verstanden, zeichnete sich damit doch ein Ende von dessen unglück-
lichem Aufenthalt auf Lemnos ab. Doch bei Philoktet stößt der
Gedanke an Rückkehr ins Lager der Griechen nur auf Empörung und
Ablehnung. Im Verlauf des ersten Stasimons wird der Chor seiner
Erwartung Ausdruck gegeben haben, bald werde ein Abgesandter der
Griechen kommen, um Philoktet ins Heerlager nach Troja zu holen.

Zweites Epeisodion

Im zweiten Epeisodion trat das solchermaßen Erwartete und An-


gekündigte ein. Odysseus betrat die Orchestra; als wen er sich ausgab
und wie er sein Erscheinen auf Lemnos begründete, wissen wir nicht.
Daß er nicht als von den Griechen Verfolgter (Euripides) und auch
nicht als im Streit mit dem Heer Geschiedener (Neoptolemos bei
Sophokles) auftrat, ergibt sich aus dem Inhalt der Botschaft, die er
von Troja mitbrachte 117 . Seine geborgte Identität manifestierte sich
nur verbal, der Erscheinung nach war er der, der er war. Seine Funk-
tion bestand darin, daß er etwas vom Krieg um Troja zu erzählen
wußte. Fest steht, daß er unerkannt blieb 118 . Dem Chor der Lemnier
war er als Landfremder ohnehin unbekannt, aber auch Philoktet
erkannte ihn nicht. Daran hat die antike Literaturkritik, wie wir aus
Dion erfahren, Anstoß genommen. Dion selbst verteidigt Aischylos:
Die Länge der Zeit verbunden mit Unglück und Einsamkeit sei eine
hinreichende Erklärung. Doch neben diese psychologisierende Deu-
tung wird man noch eine andere Erklärung, die Dion bei der fehlen-
den Motivierung des Auftritts der lemnischen Choreuten anfuhrt 119 ,
stellen dürfen: Aischylos lasse den Chor eben einfach so kommen,
und das entspreche mehr dem Stil der Tragödie und sei eindrucks-
voller als jeder Versuch einer rationalen Begründung. Das wird auch

117
Vgl. D i o n 5 2 , [ 1 0 ] 8 1 - 8 5 .
118
Dion 52,[5/6]40-49.
119
Dion 52,[7]54f.
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 57

von den gehaltenen Augen des Philoktet gelten: Daß er Odysseus


nicht erkennt, wird einfach als Tatsache vorausgesetzt. Euripides und
Sophokles haben das anders gesehen und sich einiges einfallen
lassen, die archaische Unbekümmertheit des Aischylos durch Lösun-
gen, die auf rationaler Stimmigkeit beruhen, zu ersetzen120.
Der unbekannte Grieche brachte bei Aischylos frohe Nachricht
für den verbitterten Philoktet. Seine Trugrede zielte darauf ab, durch
die Erzählung vom Unglück seiner ehemaligen Gefährten dem
Leidenden Genugtuung zu verschaffen: Agamemnon sei tot, Odys-
seus als Hochverräter angeklagt121, das Heer der Griechen am Ende.
Philoktet reagiert mit Freude und nimmt den Fremden freundlich
auf 2 2 . Damit ist die Handlung, wenn auch trügerischerweise, vorerst
zu einem Ruhepunkt gekommen. Philoktet darf in der Botschaft des
Fremden die ausgleichende Gerechtigkeit der Götter am Werk sehen.
Der Zuschauer dagegen ist verunsichert. Die Demoralisierung des
Heeres und der Niedergang seiner Kampfkraft werden ihm einge-
leuchtet haben, was Dion bestätigt123: Nach zehnjähriger vergeblicher
Belagerung der Stadt, nach dem Rückzug des Achilleus vom Kampf-
geschehen und dem Vordringen Hektors bis zum Schiffslager, erst
recht nach Achills Tod und dem Selbstmord des Aias mußte ein
Bericht über das am Boden liegende Heer der Griechen glaubhaft
erscheinen. Doch was war mit dem Tod des Agamemnon und dem
Hochverratsprozeß gegen Odysseus? Da wußte auch das weniger
gebildete Publikum, daß dies nicht der Wahrheit entsprach. Wir
werden mit einer vergleichbaren Befindlichkeit des Zuschauers wie
bei der Begegnung von Agamemnon und Klytaimestra in der Orestie
rechnen dürfen, und der Chor dürfte, wodurch auch immer miß-
trauisch geworden, nach dem Abgang von Odysseus und Philoktet
Anzeichen der Unsicherheit und des Zweifels zu erkennen gegeben

120
Zu τό ά π λ ο ϋ ν / α π λ ώ ς τοις π ρ ά γ μ α σ ι χρήσθαι als allgemeinem Unter-
scheidungskriterium der Dramaturgie des Aischylos gegenüber Euripides und
Sophokles vgl. Dion 52,[ 11 ]91 ; [ 15] 131.
121
Vgl. unten S. 2 7 I f f .
122
Dion 52,[10]81-85. Welcker 187 geht davon aus, daß Odysseus Philoktet
nach dem angeblichen Tod von Agamemnon und Odysseus (!) zu bewegen suchte,
wieder ins griechische Heerlager zurückzukehren. Er stützt sich auf προσηγάγετο im
Text des Dion (52,[9]76), doch hat das Verb eine allgemeinere Bedeutung.
123
Dion 52,[10]85-88. Das gehörte zum Inhalt der Erzählung des Odysseus.
58 Einleitung

haben 124 . Insgesamt sagt Dion über das Erscheinungsbild des


aischyleischen Odysseus, er sei zwar schlau und trickreich aufgetre-
ten (δριμύς και όόλιος), aber frei von charakterlicher Schlechtigkeit,
und seine Reden seien einfach, überzeugend und einem Heros
angemessen gewesen 125 . Er muß also mit einer gewissen Selbst-
verständlichkeit und ohne die Raffinesse einer ausgeklügelten Intrige
aufgetreten sein 126 . Dabei zeigt seine Trugrede, daß er es von
vornherein auf einen schonenden Umgang mit Philoktet abgesehen
hat: Er macht ihm keine Angst vor einem allmächtigen Odysseus
(wie der euripideische Odysseus es tut), und die Botschaft vom
Unglück der Griechen, die Philoktet wieder an die Gerechtigkeit der
Götter glauben läßt, schafft für den Fortgang der Handlung insgesamt
ein günstigeres Klima als die Furcht vor einer durchsetzungsfähigen
Führungsclique, die keine Skrupel kennt.
Nach Dion war das gemeinsame Ziel der Intrige des Odysseus
in allen drei Philoktetdramen der Diebstahl des Bogens, um den
Kranken zum Mitkommen nach Troja zu nötigen 127 . Ohne daß es
ausdrücklich und vorab so gesagt würde, plant Odysseus bei Euripi-
des und Sophokles, sich des Bogens zu bemächtigen, sobald man
Philoktet auf das bereitstehende Schiff der Griechen gelockt hat,
angeblich um ihn nach Hause zu bringen, in Wirklichkeit um den
Wehrlosen nach Troja zu schaffen 128 . Der fur Odysseus bei Euripides
(und den sophokleischen Neoptolemos) überraschend eintretende

124
Calder 174f. geht davon aus, daß Odysseus vor seinem Auftritt bereits
Kontakt mit dem Chor aufgenommen und dieser in der Parodos den Zuschauer
darüber informiert hatte, Luzzatto 116, daß Odysseus (ohne den Chor zu bemerken)
sich und seinen Plan in einem Monolog dem Publikum vorstellte. Für beides gibt es
keinen Anhaltspunkt und auch keine Notwendigkeit, und die Wahrscheinlichkeit
spricht dagegen; denn im einen Falle müßte man mit einem Chor rechnen, der
mit Odysseus offen konspiriert, im anderen mit einem Odysseus, der es an Umsicht
und Vorsicht fehlen läßt (er übersieht die Anwesenheit des Chores), und mit einem
Chor, der sich vordergründig neutral verhält, in Wirklichkeit aber das Geschäft
des Odysseus besorgt, weil er Philoktet nicht warnt. Bei der Personenkonstellation
des aischyleischen Philoktet ist auf der Ebene der Intrige ein solches Verhalten des
Chores auszuschließen.
125
Dion 52,[5]34f. [9]75-79.
126
Vgl. Dion 52,[10]79.
127
Dion 52,[2] 10-17.
128
Zu Euripides Beiträge 26. 121f., zu Sophokles Beiträge 2 3 l f . 235.
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 59

Anfall der Krankheit erleichtert dann die Entwendung des Bogens


und macht den ursprünglichen Plan überflüssig. Wie es aber bei
Aischylos keinen Krankheitsanfall gab, so bedurfte es auch nicht
des falschen Angebots, Philoktet nach Griechenland bringen zu wol-
len 129 . Die List des aischyleischen Odysseus bestand von vornherein
darin, sich in Philoktets Vertrauen einzuschleichen und auf Lemnos
eine Situation herbeizuführen, in der er den Bogen an sich bringen
konnte, nicht um Philoktet wehrlos zu machen, sondern um ihn
seiner Lebensgrundlage in der lemnischen Einöde zu berauben und
so zum Mitkommen zu nötigen 130 . Auch hier zeigt sich wieder
die Verkomplizierung der Handlungsführung bei Euripides und die
Eröffnung neuer Möglichkeiten, die sich daraus für die Tragödie des
Sophokles ergaben.

Drittes Epeisodion

Im folgenden Epeisodion brachte Odysseus den Bogen an sich.


Wenn Dion 52,[2]11-13 vom gemeinsamen Sujet der drei Philoktet-
dramen des Aischylos, Euripides und Sophokles sagt, daß es um den
Diebstahl von Philoktets Bogen gegangen sei, und dann hinzusetzt:
„oder soll man es einen Raub nennen", dann paßt dieser Nachsatz
weniger zum euripideischen und schon gar nicht zum sophokleischen
Drama, wohl aber zu dem von Dion als heroisch-archaisch charakte-
risierten Stück des Aischylos 131 . Es gab, wie gezeigt, bei Aischylos
keinen Krankheitsanfall mit Bewußtlosigkeit des Helden. Philoktets
Schwäche und Leiden stellen einen Dauerzustand dar. Dion sagt zur
Verteidigung des ältesten der drei von ihm verglichenen Philoktet-
dramen, daß es bei einem kranken Mann und Bogenschützen, in
dessen Nähe man sich befinde, keiner besonderen geistigen oder
körperlichen Anstrengung bedürfe, sein Ziel zu erreichen 132 . Mit
anderen Worten, nachdem Philoktet Odysseus einmal bei sich aufge-
nommen hatte, konnte sich dieser nehmen, was er wollte. In Fr. 251
ist davon die Rede, daß der Bogen an einer Schwarzfichte aufgehängt

129
Mit einem solchen Angebot auch bei Aischylos rechnen Wecklein 2 7 und
Luzzatto 119.
130
Vgl. Dion 52,[10]79-81 (dazu unten S. 270f.).
131
Dion 52,[4/5]31-37. [9]75-79.
132
Dion 52,[10]79-81.
60 Einleitung

war 133 . Das kann sich natürlich auf mancherlei Situationen im Ver-
lauf des Dramas beziehen, aber Priorität kommt doch dem Vorgang
zu, in dem der Bogen zum beherrschenden Thema der Handlung
geworden war, eben dem Bogenraub durch Odysseus. In jedem Fall
aber bezeugt der Vers eine gewisse Sorglosigkeit des aischyleischen
Philoktet im Umgang mit seinem Bogen, die eine Entwendung zu
einem vergleichsweise unkomplizierten Unternehmen macht. Das
erlaubt es Aischylos, wie Dion mehrmals betont, auch Odysseus sei-
ne heroische Würde wahren zu lassen. Der euripideische und sopho-
kleische Philoktet dagegen wissen, als hätten sie ihren Aischylos
gelesen, was mit dem Bogen passiert, wenn man nicht aufpaßt. Aber
da der erhöhten Vorsicht eine raffiniertere Technik der Intrige kor-
respondiert, nützen die Vorsichtsmaßnahmen nichts, fuhren aber zu
einer radikalen Veränderung des Charakters des Odysseus in den
beiden jüngeren Dramen. Was Pausanias über das Bild des Polygnot
sagt, das den Diebstahl des Bogens nach Aischylos darstellte, unter-
stützt die Annahme, daß es sich dabei eher um einen Raub handelte,
will sagen um die Wegnahme des Bogens durch den, der sich in der
stärkeren Position befand, το Φιλοκτήτου τόξον (...) άφαιρούμενος
heißt es bei Pausanias; eine Darstellung des Palladionraubes durch
Diomedes war das Pendant 134 . Zwei italische Ringsteine des aus-
gehenden dritten oder frühen zweiten Jahrhunderts, die auf eine
Darstellung des Bogendiebstahls nach Aischylos zurückzugehen
scheinen und möglicherweise in einem entfernten Zusammenhang
mit dem Bild des Polygnot in der Athener Pinakothek stehen, zeigen

Italischer Ringstein. London Britisches Museum


(Umzeichnung nach A. Michaelis, Adi 29, 1857, Taf. Η 6)

133
κρεμάσας {J) τόξον πίτυος έκ μελανδρύου.
134
Paus. 1,22,6 (Beiträge 177ff.).
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 61

einen Philoktet, der in seiner Höhle liegt und damit beschäftigt ist,
mit einem Vogelflügel einen Mückenschwarm von der Wunde seines
Fußes zu verscheuchen. Währenddessen stiehlt Odysseus den Bogen,
der an oder bei der Höhle aufgehängt ist, ohne daß Philoktet dies
bemerkt135. Alles in allem wird man davon auszugehen haben, daß es
sich beim Bogenraub im aischyleischen Philoktet um ein einfaches,
unkompliziertes Wegnehmen des begehrten Gegenstandes handelte,
als Philoktet ganz mit sich und seiner Wunde beschäftigt war und auf
den abgelegten oder irgendwo aufgehängten Bogen nicht achtete;
aber auch als er bemerkte, was vor sich ging, war er durch seine
Schwäche nicht in der Lage, den Raub zu verhindern.
Eine offene Frage bleibt, ob der Diebstahl für die Zuschauer
sichtbar oder in einem Bericht des Odysseus, der sich gleichzeitig zu
erkennen gab, erfolgte. Sollte letzteres zutreffen, wäre zuerst mit
dem Auftritt des Odysseus zu rechnen, dann kam Philoktet hinzu.
In jedem Fall brachte das dritte Epeisodion vor allem die große
Konfrontation zwischen Philoktet und Odysseus, die mit der wieder-
holten Weigerung des Unversöhnlichen endete, Odysseus nach Troja
zu folgen136.

Viertes Epeisodion (Exodos)

Über den Schlußakt der Tragödie wissen wir nichts, außer daß
Philoktet sich am Ende umstimmen ließ und seine Verweigerung

135
Beiträge 179 mit Abb. 19 (typengleicher Ringstein im Museum of Fine
Arts Boston). Es ist diese Verbindung von Odysseus als Dieb des Bogens und einem
krank daniederliegenden, nicht bewußtlosen (Euripides, Sophokles), aber ganz mit
sich selbst beschäftigten Philoktet, die an Aischylos denken läßt. Das Fehlen eines
Baumes auf den beiden Gemmen spricht weder gegen ihre Beziehung zum ältesten
Philoktetdrama noch gegen die Annahme, daß in der aischyleischen Tragödie beim
Diebstahl des Bogens dieser an einem Baum bei der Höhle aufgehängt war, wie es
Fr. 251 R. nahelegt. Auch Wecklein 2 8, Milani 33 und Jebb XV gehen von letzterem
aus. Daß es bei Aischylos entgegen der Opinio communis keinen Krankheitsanfall
gab, ist oben S. 44ff. gezeigt worden. Allein schon deshalb ist Meitzers Annahme
abwegig, Philoktet habe wie bei Sophokles dem Neoptolemos, so bei Aischylos dem
Odysseus von sich aus den Bogen anvertraut (7).
136
Das dritte Epeisodion brachte wie das dritte Epeisodion der Sieben die
Präsentation der Katastrophe: Diebstahl des Bogens durch Odysseus und Philoktets
Weigerung mitzukommen.
62 Einleitung

aufgab. Dions gemeinsames Resümee aller drei Philoktetdramen


lautet: „Es ging nämlich um die Entwendung von Philoktets Bogen;
oder soll man es einen Raub nennen? Waffenlos aber war Philoktet
bekanntlich durch Odysseus geworden und er selbst nach Troja
verbracht, zwar eigentlich gegen seinen Willen, aber doch auch
durch eine Art nötigender Überredung, nachdem er seiner Waffen
beraubt war, welche ihm den Lebensunterhalt auf der Insel, die
Entschlossenheit zur Selbstbehauptung bei einer Krankheit wie
dieser und zugleich seinen Ruhm garantierten." 137 Auf den sopho-
kleischen Philoktet trifft diese Beschreibung erwiesenermaßen nicht
zu. Weder raubt Odysseus Philoktet den Bogen (im strengen Sinne
findet überhaupt kein Bogendiebstahl statt), noch ist an Philoktets
Entscheidung, mit nach Troja zu kommen, auch nur irgendeine Form
von Zwang beteiligt 138 . Dions Beschreibung des dramatischen Sujets
kann sich demnach nur auf die Tragödien des Aischylos und
Euripides beziehen. Für Euripides tut sie dies in der Weise, daß
Überredung und Zwang zwar verbunden, aber zwei getrennte
Vorgänge sind. Als die Überredung scheitert, zwingt Odysseus, der
sich im Besitz des Bogens befindet, Philoktet zum Mitkommen 139 .
Sichtbares Zeichen dieser Nötigung nach mißlungener Überredung
ist der vorenthaltene Bogen; erst im Heerlager vor Troja wird die
Aussöhnung stattfinden 140 . Alles spricht dagegen, daß Euripides in
diesem für die Deutung des Philoktetmythos zentralen Punkt einfach
nur die Fassung des älteren Dramas wiederholt hätte 141 . Der persua-
sive Zwang, der - wie Dion bezeugt - von dem gestohlenen Bogen
ausging, kann genau genommen nur für den Philoktet im Drama des
Aischylos gelten, der anders als der euripideische in den vergangenen
Jahren niemanden hatte, der sich um ihn kümmerte, und wegen
seiner Unbeweglichkeit in einer extremen Ausschließlichkeit auf
den Bogen angewiesen war. Die auslegungsbedürftige Junktur πειθώ
άναγκαία ist für den aischyleischen Philoktet in dem Sinne aufzu-
lösen, daß der ausgeübte Zwang ein Zwang der Argumente war und

137
Dion 52,[2] 12-19.
138
Beiträge 240. 252ff.
139
Τ 27; Beiträge 28ff. 49ff.
140
Vgl. Τ 29 (= Abb. 8) und dazu Beiträge 194.
141
Dies scheint die Vorstellung von Luzzatto 120 zu sein.
2. Philoktet auf Lemnos in der Literatur vor Euripides 63

am Ende das überzeugende Element den Ausschlag gab. Dafür


spricht auch Dions insgesamt wohlwollendes Urteil über den aischy-
leischen Odysseus, dessen Denkungsart er Größe und dessen Reden
er Überzeugungskraft zuschreibt 142 . Er tut das zwar im Zusammen-
hang seiner Trugrede, aber da es in Opposition zum Erscheinungsbild
des Odysseus bei Euripides gesagt wird, dürfte es doch insgesamt
und damit auch von den Reden am Ende des Dramas gelten. Von
Patriotismus wird nach allem, was geschehen, keine Rede gewesen
sein. Eine patriotische Kehre' hat es bei Aischylos ebensowenig
gegeben wie bei Euripides. Aber Nutzen und Ehre, verbunden
mit einem demonstrativ werbenden Wohlwollen von seiten des
Odysseus, dürften wie am Ende der Eumeniden, widerwillig und
zögerlich, schließlich doch angenommene Argumente gewesen sein.
Die Sequenz der drei Philoktettragödien ergibt ein zunehmendes Maß
an Verhärtung des Helden, die bei Sophokles ihren Höhepunkt
erreicht und nach dem Erscheinen des Herakles von absoluter Ver-
weigerung zur freiwilligen Heerfolge umschlägt. Wir kennen weder
die Tetralogie, zu der der Philoktet des Aischylos gehörte, noch
wissen wir, welche Stelle das Stück darin einnahm 143 . Doch legt
das Sujet des Dramas, wenn man nicht bewußt (wie im Philoktet
des Euripides) einen gegenläufigen Ausgang intendiert, eine letztlich
positive Horizonteröffnung und damit eine Schlußposition der Tra-
gödie nahe. Die Aussicht auf Philoktets Heilung und die Bestrafung

142
Dion 52,[4/5]31-37; [9]75-79. Zur πειθώ αναγκαία unten S. 254.
143
Die bisherigen Versuche einer Wiedergewinnung der Trilogie des Philoktet
(Welcker 191 ff.; Mette, Aischylos 99ff.; Jouan 315; Aélion 63; vgl. Radt 116) sind
wenig überzeugend ausgefallen. G. W. Nitzsch scheint mit seiner Argumentation
zugunsten einer thematisch nicht gebundenen Trilogie recht zu behalten (Die Sagen-
poesie der Griechen, kritisch dargestellt, Braunschweig 1852, 616ff.). Entgegen
der Mitteilung des Sophokles-Artikels der Suda, erst Sophokles habe die
thematische Verknüpfung der Tragödiensujets aufgegeben, sieht es so aus, als wenn
die trilogische oder gar tetralogische Einbindung der tragischen Mythopoiie erst eine
Errungenschaft des späten Aischylos war; frühestes datiertes Beispiel ist die thebani-
sche Tetralogie von 467. Die Tetralogie, mit der Aischylos 472 siegte und zu der die
Perser gehörten, kennt die Bindung nicht. Inwieweit die Unterscheidung aber ein
brauchbares Datierungskriterium abgibt, bleibt ganz unsicher; denn wir wissen we-
der, wann Aischylos mit der thematisch gebundenen Trilogie begann, noch ob er ab
einem bestimmten Zeitpunkt sich ausschließlich dieser dramatischen Großform
bediente.
64 Einleitung

dessen, von dem das trojanische Unheil seinen Ausgang genommen


hat, lassen Unrecht und Gewalttätigkeit an ein Ende kommen, jeden-
falls innerhalb der Philoktethandlung. Die Ambivalenz von Unrecht
und Wiedergutmachung, Schuld und Gerechtigkeit, Todesnähe und
Heilung dürften Gegenstand der Reflexion der Chorlieder gewesen
sein 144 . Mit dem Auftritt eines Deus ex machina sollte man lieber
nicht rechnen 145 . Dions Schweigen spricht dagegen, und die Kon-
stellation der beteiligten Charaktere kommt ohne ihn aus 146 . Und
noch ein Argument von außen: Den Herakles am Ende der Tragödie
des Sophokles hätte es vermutlich nie gegeben, wenn er in einem
der beiden älteren Philoktetdramen einen Vorläufer gehabt hätte.
Was ihm bei Aischylos entspricht, ist die am Ende doch erfolgreiche
πειθώ des Odysseus.

144
Der Chor war nicht neutral, wie Luzzatto 117 Anm. 51 meint. Unbeschadet
seiner theologischen Exegese hat er bei Aischylos durchaus seine Sympathien
und pflegt auf der Seite des Schwächeren und Unterlegenen zu stehen. Es kann gar
keinen Zweifel geben, daß die Sympathie auch des Chores im aischyleischen Philo-
ktet dem Kranken und Ausgesetzten galt. Das mußte ihn aber nicht daran hindern,
Philoktets Unglück in einen größeren Zusammenhang zu stellen und auch im
Unrecht, das Philoktet von Seiten des Odysseus und der Griechen widerfahren war,
die Gerechtigkeit des Zeus am Werk zu sehen. - In der oben S. 38f. offengelassenen
Datierungsfrage bietet vielleicht das Jahr 488/7 mit dem erstmals in Athen vollzo-
genen Ostrakismos einen Anhaltspunkt als Terminus post quem. Dazu an anderer
Stelle. Wirklich gewonnen ist freilich auch damit nichts; vgl. Nachträge S. 453.
145
So auch Jebb XV; Neumann 12; Meitzer 7; Schneidewin-Nauck [-Rader-
macher] 18 [16]; Mette, Aischylos 114; Aélion 76; Luzzatto 120. Für das Auftreten
eines Deus ex machina am Ende des Stückes sprechen sich aus: Hermann 127 („non
vi, sed vel precibus pollicitationibusque Ulissis, vel intervenientis cuiuspiam dei
admonitione victus"); Welcker 189f. (Herakles wie bei Sophokles); Wilamowitz,
Philoktetes 10 („doch wohl durch Eintreten einer anderen Person"); Calder 172f.
(„A Goddess [?]").
146
Welckers Bedenken (89) wären berechtigt, wenn der aischyleische Odys-
seus der Odysseus des Euripides und Sophokles wäre. Ebendies ist aber nach Dion
nicht der Fall.
3. DER ,PHILOKTET' DES EURIPIDES

Als Euripides im Frühjahr 431 beim Tragödienagon der Großen


Dionysien die aus Medea, Philoktet, Diktys und dem Satyrspiel
Die Schnitter bestehende Dramentetralogie zur Auffuhrung brachte1,
dürften unter den Zuschauern nur noch wenige gewesen sein, die
den Philoktet des Aischylos bei seiner ersten Aufführung gesehen
hatten. Aber es war nach dem Tod des Aischylos zu Wiederauffüh-
rungen seiner Tragödien gekommen2, möglicherweise darunter auch
der Philoktet, und für die Interessierten gab es Textbücher3. Wie
Aristophanes in den Fröschen des Jahres 405 die Kenntnis der
Anfangsszene des aischyleischen Philoktet bei den Zuschauern
voraussetzen durfte 4 , so schrieb auch Euripides sein Philoktetdrama
für ein kundiges Publikum5.
Hatte Aischylos die Zuschauer in erwartungsvolle Spannung
versetzt, indem er sie im Prolog und ersten Epeisodion darüber infor-
mierte, daß Philoktet, ungeachtet seiner verzweifelten Lage und
anders als im Epos erzählt, nicht bereit war, den Verrat der einstigen
Gefährten zu vergessen und ins Heerlager der Griechen zurück-
zukehren, daß aber die Griechen unter allen Umständen ebendies
zu erreichen versuchen würden, und steigerte sich diese Spannung
mit dem Auftritt des unbekannten Fremden - als der Odysseus kam -
und seinem halb wahren, halb erfundenen Bericht über die Lage der
Griechen vor Troja, so tat Euripides alles, um diese dramatischen
Qualitäten des aischyleischen Stückes noch zu überbieten. Die euri-

1
Arg. Medeae [Eur. Phil. H la].
2
Vgl. Vita Aesch. 12; Schol. Aristoph. Ach. 10 (DID C 8 Sn.-K. 2 ).
3
Euripides verdankt seine Kenntnisse des aischyleischen Stückes einer
eingehenden Lektüre des Textes (vgl. F I O - Aisch. Fr. 253 R. [Eur. Phil. H 3e]). Ob
er selbst unter den Zuschauern der Erstaufführung war, steht dahin.
4
Aristoph. Ran. 1383 (= Aisch. Fr. 249 R.) und dazu oben S. 42.
5
Das Folgende beschränkt sich auf die Darlegungen der wichtigsten Neue-
rungen des Euripides gegenüber Aischylos. Zur Interpretation der euripideischen
Tragödie sei auf die Beiträge verwiesen, vor allem auf deren erstes Kapitel (1 Iff.).
66 Einleitung

pideische Tragödie begann mit einem doppelten Überraschungs-


effekt. Aus Philoktets Höhle schleppte sich kein kranker Krüppel in
die Orchestra, sondern heraus kam (aller Wahrscheinlichkeit nach)
ein agiler, junger Mann 6 . Daß es nicht Philoktet sein konnte, war dem
Zuschauer zwar sogleich klar, aber seine Überraschung war kaum
mehr zu überbieten, als der Hervortretende sich als der von Athene
verwandelte Odysseus vorstellte. Im Unterschied zu Aischylos ist
Odysseus bei Euripides von Anfang an auf der Bühne präsent und
dominiert die Szene. Er kennt sich vor Ort aus, weiß die örtlichen
Gegebenheiten zu seinen Gunsten zu nutzen und bewegt sich in
Philoktets ureigenstem Bereich, als wäre er dort zu Hause. Eine
Reihe grundlegender Änderungen der Handlungsvoraussetzungen
ermöglicht diese Überraschung. Zum einen hat die Höhle Philoktets
zwei Eingänge, einen zum Theatron geöffneten und einen, der in den
hinterszenischen Raum fuhrt 7 . Odysseus war durch den rückwärtigen
Eingang von der Seeseite her eingedrungen. Der Auftritt aus der
Höhle Philoktets findet erst am Ende des Prologs eine Erklärung; bis
dahin darf der Zuschauer raten. Aber auch Philoktet ist bei Euripides
ein anderer geworden. Er ist nicht mehr der beständig unter uner-
träglichen Qualen Leidende und an die Höhle und ihre unmittelbare
Umgebung Gebundene. Trotz der lähmenden Fußwunde und der
Mühsal der Fortbewegung überwältigen ihn die Schmerzen der
Krankheit nur noch anfallsweise. In der Zwischenzeit kann er sich,
wenn auch mühsam, frei bewegen. Beim Auftritt des Odysseus ist er
auf der Jagd 8 . Er befindet sich damit gegenüber Odysseus in einer
ungleich günstigeren Position als der aischyleische Philoktet und
verhält sich auch so. Bei seiner ersten Begegnung mit Odysseus fährt
er diesen in barschem Ton an, und als Odysseus sich als einen der
Griechen vor Troja zu erkennen gibt, will er ihn töten. Der Zuschauer
verfolgt es mit wachsender Spannung. Doch trotz Mißtrauen und
Wachsamkeit dient Philoktets neugewonnene Unangreifbarkeit nur
dazu, die Überlegenheit des Odysseus um so eindrucksvoller in
Szene zu setzen. Seinen ersten und entscheidenden Erfolg erzielt er,
als es ihm gelingt, Philoktet glauben zu machen, er selbst befinde

6
Vgl. unten S. 295f.
7
F 5; Beiträge Kapitel 5 (bes. 104-108).
8
Ρ 10,1-4; Ρ 14; F 11.
3. Der Philoktet des Euripides 67

sich in einer ebenso verzweifelten Lage wie Philoktet. Der scheinbar


Hilflose bittet den tatsächlich Hilflosen um Beistand 9 .
Im Dienst einer spannungssteigernden Konfliktsituation steht
aber vor allem die dritte große Neuerung des Euripides, mit der die
Position des Philoktet gegenüber Odysseus so gestärkt wird, daß eine
echte Pattsituation entsteht: Es ist die Einfuhrung einer mit Odys-
seus konkurrierenden Gesandtschaft aus Troja, die durch kostbare
Geschenke, verlockende Zusagen und die Aussicht auf Rache an
den Griechen ihrerseits Philoktet zum Mitkommen bewegen will 10 .
Durch diese frühzeitige Vorinformation des Zuschauers (Odysseus
kündigt die Trojaner bereits im Prolog an 11 ) wird das Aufkommen
von Spannung nicht etwa unterbunden, sondern die notwendige
Mischung von Wissen und Nichtwissen ermöglicht sie allererst.
Jedem der beiden Antagonisten hat Euripides einen Helfer
und Begleiter zur Seite gestellt, Philoktet den lemnischen Hir-
ten Aktor, Odysseus den Diomedes. Auch diese symmetrische
Personenanordnung vermittelt den Eindruck eines tendenziell gleich-
gewichtigen Verhältnisses der beiden Antagonisten, das auch durch
Athenes Unterstützung des Odysseus, sichtbar an der Verwandlung
seines Äußeren, nicht aufgehoben, sondern eigentlich erst hergestellt
wird 12 .
Mit dem Auftritt der Gesandtschaft aus Troja im dritten Epeis-
odion und ihrem überwältigenden Angebot der Königsherrschaft über
Ilion eröffnet sich die Möglichkeit eines ganz anderen Handlungs-
verlaufs als durch den Mythos vorgegeben. Als Philoktet sich
beeindruckt zeigt von den trojanischen Geschenken und Zusagen,
vor allem aber von der Aussicht auf Rache an den Gefährten von
einst, denen sein ganzer Haß gilt, und er sich anschickt, ins Lager der
Feinde überzuwechseln 13 , erreicht die Spannung der Zuschauer ihren
Höhepunkt. Nicht nur die Philoktetepisode, auch ein so unverrückbar
im Bewußtsein des Publikums feststehendes Ereignis wie der Krieg

9
Ρ 11,9-16.
ίο x ]9-22.
11
Ρ 6,3-5. 15-18.
12
Ohne Athenes Hilfe hatte Odysseus dem Unternehmen keine Erfolgs-
chancen gegeben und seine Beteiligung daran verweigert (P 6,5-15; vgl. Ρ 10,4-6).
13
Beiträge 23ff. 117ff. 125f.
68 Einleitung

um Troja droht einen vollkommen anderen Ausgang zu nehmen, als


ihn alle kennen. Natürlich weiß der kundige Zuschauer, daß es soweit
nicht kommen wird, aber er sieht zu diesem Zeitpunkt auch noch
keinen Weg, wie es verhindert werden könnte. Daß es dann dem erst
jetzt in die Verhandlungen zwischen Philoktet und den Trojanern
eingreifenden Odysseus, der weiterhin unerkannt blieb und sich
als Flüchtling vor den Nachstellungen der griechischen Heerführer
ausgegeben hatte, im Folgenden gelang, das Angebot der Trojaner zu
diskreditieren, seine Grundlagen zu demontieren und Philoktet vom
Verrat an den ehemaligen Kameraden, von denen die meisten, so
seine Argumentation, unschuldig seien, abzubringen, das geriet zum
rhetorischen Bravourstück des euripideischen Dramas14.
Zwischen drittem und viertem Epeisodion erfolgte der von
Euripides eingeführte Krankheitsanfall Philoktets (dies war im
euripideischen Stück die Kehrseite der normalerweise geltenden
Erträglichkeit seines Leidens) und damit verbunden der Diebstahl des
Bogens. Beides ereignete sich im Innern der Höhle15. An die Stelle
der Selbstpräsentation des Schmerzensmannes im Prolog der Tragö-
die des Aischylos tritt im vierten Epeisodion des Euripides der
Bericht des Diomedes vom erfolgreichen Bogendiebstahl, der durch
Philoktets Bewußtlosigkeit im Verlauf des Ansturms der Krankheit
ermöglicht worden war. Das volle Ausmaß von Philoktets Leidens-
zustand erfährt der Zuschauer nicht von dem Kranken selbst, sondern
von einem Vertreter der Gegenseite im Augenblick ihres Triumphs16.
Der damit gegenüber Aischylos vollzogene Perspektivenwechsel
verbindet sich mit einer Instrumentalisierung des Krankheitsanfalls
im Dienst der erfolgreich durchgeführten Intrige.
Im letzten Epeisodion kehrt sich das Verhältnis von Zwang und
Überredung, wie es für die Tragödie des Aischylos zu erschließen ist,

14
Beiträge Kap. 6.
15
Beiträge 26. 106f. 146ff. Daß es bei Euripides keine Darstellung des unter
dem Anfall seiner Krankheit leidenden Philoktet auf der Bühne gab, bestätigt indi-
rekt auch seine Auslassung in der Reihe Theodektes - Sophokles - Aischylos im
Kommentar des Aspasios zur Nikomachischen Ethik (CAG XIX 1,133,6-10 Heylbut
[Radt 354,20ff.]: ώσπερ ó παρά τψ Θεοδέκτη Φιλοκτήτης ... τόν αυτόν δέ τρόπον
είσήγαγεν αύτόν και Σοφοκλής και Αισχύλος).
16
Beiträge 27. 107.
3. Der Philoktet des Euripides 69

um: Philoktet folgt nicht, weil der Dieb seines Bogens und seiner
Ehre ihn überzeugt hätte, Odysseus auf sein Schiff, sondern weil er
sich der Nötigung, die von dem gestohlenen Bogen ausgeht, beugt 17 .
Die theologische Deutung des dramatischen Geschehens wird
bei Euripides abgelöst durch dessen Ansiedlung auf der Ebene des
politisch-sozialen Konflikts 18 . Philoktet, der seine Gesundheit für das
Allgemeinwohl geopfert hat, wird zum verratenen Patrioten 19 . Was
mit der von Odysseus eingefädelten Aussetzungsintrige begonnen
hatte 20 , endet mit einem zweiten Betrug an dem sich selbst überlasse-
nen Krüppel, dem seine Hilfsbereitschaft erneut zum Verhängnis
wird 21 . Daß eine Göttin die Hände im Spiel hat, baut keine Brücke
zur Versöhnung und späten Sinngebung des unsinnigen Leidens,
sondern klärt lediglich die Machtverhältnisse 22 . In Athenes Hilfe, die
sie der Gegenseite zukommen läßt, manifestiert sich deren Durch-
setzungskraft, nicht die moralische Berechtigung ihres Tuns. Wenn
es eine Rechtfertigung des Odysseus gibt, dann ist es der Anspruch
der Polis, dem sich der Einzelne zu fügen hat, weil dessen Nutzen
vom Wohlergehen des Staates abhängt 23 .
Die Handlungskriterien des Odysseus sind seine absolute Erfolgs-
fixiertheit und die daraus folgende Ehre als Anerkennung durch
die Gesellschaft 24 sowie der Nutzen der Polis als Wohlstandsgarantie
der Bürger 25 . Die Relativität dieser Normen zeigt sich am Schicksal

17
Vgl. Τ 26-29.
18
Diesen Sachverhalt scheint bereits die antike Tragikerexegese gesehen zu
haben, wie der Vergleich der drei Philoktetdramen in der 52. Rede des Dion belegt
([11]92-95. 96f.; [14]126f.). Doch ist die Wiedergabe von π ο λ ι τ ι κ ό ς im Diontext
mit .politisch' irreführend (vgl. vor allem 52,[14]126f.). Das Wort bedeutet .bürger-
lich' und bezeichnet in dem hier gemeinten Sinn die Wirklichkeit der normalen,
bürgerlichen Lebenswelt. Als literaturwissenschaftlicher Begriff ist er ein Synonym
zu βιωτικός und bedeutet s.v.w. .realistisch'.
19
Beiträge 22f. 3Iff.
20
Beiträge 76. 83ff. (vgl. Ρ 15).
21
Beiträge 27ff.
22
Athenes Unterstützung dient der technischen Perfektionierung des Intrigen-
instrumentariums. Das Argument des .Willens der Götter' hat nur noch rhetorische,
keine theologische Bedeutung mehr.
23
Vgl. F 17.
24
Datierung 4Iff.; Beiträge 15f.
25
Vgl. F 17.
70 Einleitung

Philoktets. Auch er hat zunächst den gleichen Spielregeln der politi-


schen Interaktion zu folgen versucht, bis sie auf einmal für ihn nicht
mehr gelten und sich gegen ihn wenden: Die patriotische Tat hat den
Ausschluß aus der politischen Gemeinschaft zur Folge. Statt Genug-
tuung und Sanktionen gegenüber denen, die ihn gesellschaftlich
vernichtet haben26, nimmt man ihm zehn Jahre später, als er wieder
gebraucht wird, seinen Bogen, an dem für ihn Leben und Ehre hän-
gen, und zwingt ihn zu Dingen, in deren Verweigerung er die einzige
Möglichkeit sieht, seine Würde gegenüber den Repräsentanten der
Gemeinschaft, die ihn verstoßen hat, zu wahren. Doch seine Unver-
söhnlichkeit bringt auch alle diejenigen in Gefahr, die an seinem
Unglück keine oder nur eine indirekte Schuld tragen. So ergibt sich
am Ende eine für die euripideische Tragödie charakteristische
Verschränkung: Der, dem alle Sympathien gehören, trifft Ent-
scheidungen, die der Zuschauer zwar verstehen, aber letztlich nicht
billigen kann, während sich seine Gegner, ohne daß es sie sympathi-
scher machte, auf die konventionellen Verhaltensnormen berufen
dürfen27. Der Dichter verweigert sich, wie so oft, dem Wunsch des
Zuschauers nach eindeutiger Identifikation.
Der Philoktet des Aischylos war für das euripideische Drama
Vorbild und Herausforderung zugleich. Wie weit Euripides das
intertextuelle Spiel trieb, zeigt die für die Tragödie ungewöhnliche
wörtliche Übernahme des Verses F 10, bei dem nur das Prädikat
ausgetauscht und (als Folge) aus metrischen Gründen ein Plural
durch einen Singular ersetzt wurde28. Schon Dion macht aber auch
auf neue homerische Elemente im Philoktet des Euripides aufmerk-
sam29. Die Eingangsreflexion des Prologs setzt sich mit Kreons Lob
des unpolitischen Lebens im wenige Jahre zuvor aufgeführten sopho-
kleischen Ödipus auseinander30.

26
Also das, was der aischyleische Odysseus in seiner Lügenerzählung vor-
gaukelt (Dion 52,[10]81-85). Stattdessen quält der euripideische Odysseus Philoktet
mit einem Bericht von neuen, erfolgreichen Schandtaten seiner Gegner (P 10,27-39).
27
Beiträge 33.
28
Vgl. H 3e (Aristot. Poet. 22.1458019-24).
29
Dion 52,[5]38-40 (Athene verwandelt Odysseus); [14]121-123 (Diomedes
begleitet Odysseus).
30
Datierung 4Iff. - Zur Frage der Beeinflussung des euripideischen Prologs
durch das Odysseus-Bild des Epicharm vgl. unten S. 74.
3. Der Philoktet des Euripides 71

Alle drei Tragödien der euripideischen Trilogie von 431 lassen


sich als Variationen eines Themas interpretieren. Es geht um drei
unterschiedliche Schicksale von Menschen, die getrennt von ihrer
angestammten Gesellschaft leben. Medea hat ihre Familie und
Heimat verlassen, um Jason nach Griechenland zu folgen, Jason
verstößt Medea, um eine Griechin zu heiraten31. P h i l o k t e t wird von
den Griechen aus dem Heer ausgestoßen; nach zehn Jahren braucht
man ihn wieder und holt ihn gegen seinen Willen in die Gesellschaft
zurück. Der lemnische Chor entspricht in seiner Parteinahme für
Philoktet der Unterstützung der Frauen von Korinth für Medea.
Danae wird von ihrem Vater ausgesetzt, kommt nach Seriphos, wo
sie zu einer neuen Verbindung mit dem Herrscher des Landes
gezwungen werden soll. Der Helfer, den sie auf Seriphos gegen die
Nötigung des Königs findet, ist der Titelheld der Tragödie. Seine
Rolle gleicht der des Aktor im Philoktet. Leider läßt sich weder aus
den Fragmenten des Diktys noch aus den erhaltenen Kurzreferaten
des Danaemythos erkennen, was ihn zum tragischen Helden machte.
Alle bisherigen Rekonstruktionsvorschläge sind mehr als unbefriedi-
gend und geben vor allem auf die letzte Frage keine Antwort32.

31
Zum Verhältnis des Philoktet zur Medea Beiträge 33f.
32
Die Fragmente Nauck TGF 2 459ff. (Fr. 331-348). Ob Apollod. Bibl. 2,4,1-3
die Handlung des euripideischen Stückes mehr als nur partiell wiedergibt, halte
ich für zweifelhaft. Nach der ausgeschriebenen Apollodorperikope scheint auch
Nauck nicht davon ausgegangen zu sein, daß bei Euripides Diktys nach dem Tod
des Polydektes die Herrschaft in Seriphos übernahm. Davon ist auch im Referat des
Perseusmythos Schol. Apoll. Rh. 4,1515a (320 Wendel) keine Rede. Rekonstruk-
tionsversuche bei Welcker 2 668ff.; Härtung 365ff.; Wecklein 109ff.; Webster,
Euripides 61 ff.; Mette, Euripides 2 112ff. - Fr. 347 N. 2 setzt eine Absage an die alte
Heimat und einen Lobpreis auf den gegenwärtigen Aufenthaltsort voraus. Sprecher
und Handlungszusammenhang bleiben völlig unklar. - Zu Fr. 339 / 340 N. 2 vgl.
Verfasser, Fragmentarische Überlieferung, Interpretation und Texterstellung, in:
K. Gärtner - H.-H. Krummacher (Hrsg.), Zur Überlieferung, Kritik und Edition alter
und neuerer Texte, AbhMainz 2000 (2), 97.
4. REZEPTION UND NACHWIRKUNG IN DER ANTIKE

Wenn Euripides mit Medea und Philoktet wie so oft nur den
dritten Platz im tragischen Agon der Dionysien belegte 1 , so mag es
dafür besondere, aktuelle Gründe gegeben haben 2 . In der Folgezeit
aber gehört nicht nur die Medea zu den erfolgreichsten Stücken
des Dichters, auch sein Philoktet prägt mehr als das sophokleische
Drama die allgemeine Vorstellung von der Rückführung des auf
Lemnos Ausgesetzten bis weit in die Kaiserzeit. Der Zufall hat es
gewollt, daß über die antike Schulauswahl hinaus nicht die euripi-
deischen Tragödien mit dem Anfangsbuchstaben Φ, sondern die mit
H-I sich erhalten haben 3 . Wäre es anders, könnten wir die Rezeption
des Philoktet in Literatur und Kunst wohl in noch größerer Breite
verfolgen, als es so schon der Fall ist. Die ältesten Reflexe der
Auffuhrung von 431 sind ein Vasenbild des Euaionmalers 4 und eine
Anspielung in den Acharnern des Aristophanes aus dem Jahre 425 5 .
Euripides selbst hatte in seinem Satyrspiel Kyklops seine Philoktet-
tragödie als strukturelles Vorbild benutzt 6 . Doch das große Ereignis
in der Rezeptionsgeschichte des euripideischen Philoktet ist die
Behandlung des gleichen Dramensujets im Philoktet des S o p h o k l e s
von 409. Schon in den ersten Versen des Prologs macht Sophokles
deutlich, daß er seine Tragödie in der Nachfolge des Euripides
und zugleich als Gegenentwurf verstanden wissen will 7 . Während die

1
Arg. Medeae (Eur. Phil. H la).
2
Vgl. Beiträge 33f.
3
Vgl. B. Snell, Zwei Töpfe mit Euripides-Papyri: Hermes 70 (1935) 119f.
(Gesammelte Schriften 176Í). Zu den Φ-Titeln unten S. 238ff.
4
Beiträge 1 8 0 f f ; vgl. Τ 24.
5
Ach. 424 (vgl. Beiträge 29 Anm. 70 und unten zu H 3a). Ran. 2 8 2 ist eine
Parodie von F 3,1; vgl. H 3b.
6
Beiträge 108ff.
7
Beiträge 34ff. und vor allem Kapitel 10. - Es ist das gleiche Verhältnis, wie
es uns in den Dramatisierungen des Elektrastoffes der beiden Dichter entgegentritt.
Ohne daß sich die Priorität der Elektro des Euripides strikt beweisen läßt, gibt es
eigentlich nur Argumente dafür, und allein bei dieser zeitlichen Abfolge wahrt das
4. Rezeption und Nachwirkung in der Antike 73

euripideische Tragödie unter den Zeichen von Überlistung und Nöti-


gung steht, so daß Philoktet schließlich tut, was er nicht will, erweist
sich im Drama des Sophokles die Intrige des Odysseus als überflüs-
sig, die Anwendung von Gewalt als vergeblich. Neoptolemos, statt
Diomedes der Gefährte des Odysseus und Werkzeug seines Intri-
genplans, wechselt unter dem überwältigenden Eindruck der Persön-
lichkeit Philoktets und seines Schicksals die Fronten. Indem
Sophokles auf die Freiheit der Entscheidung setzt und die Selbstent-
zweiung des euripideischen Helden, der sich zwingen läßt, aufhebt,
kehrt er mit einer durch Handlungsumschwünge sich aufgipfelnden
Dramaturgie zur Lösung des nachhomerischen Epos zurück: Philo-
ktet wird am Ende von niemandem mehr zu etwas gezwungen und
geht aus freien Stücken nach Troja. Odysseus freilich ist in einem
ebenso wörtlichen wie übertragenen Sinn von der Bildfläche ver-
schwunden 8 . Neoptolemos ist nicht, wie man vielfach annimmt, der
heimliche Protagonist des Stückes, sondern die Funktion seiner Rolle
erfüllt sich für Philoktet in der Ermöglichung, der zu sein, der er ist.
Außer den Philoktetdramen der drei großen Tragiker gab es
im fünften Jahrhundert noch einen Philoktet des P h i l o k l e s , eines
Neffen des Aischylos und Zeitgenossen des Euripides 9 . Den Spott der
Alten Komödie über ihn kennen wir aus Kratinos, Telekleides und
Aristophanes 10 . Interessant macht ihn für uns vor allem die Mit-

euripideische Drama seinen innovativen literarischen Rang. Andernfalls bestünden


die schon früh erhobenen Vorwürfe der Mittelmäßigkeit im Vergleich zur Tragödie
des Sophokles zu Recht. Die spätantike Literaturkritik gab dem sophokleischen
Drama den Vorzug; so erklärt sich seine Erhaltung. Daß wir auch die euripideische
Elektro kennen, ist dagegen eine Laune der Überlieferung (vgl. oben Anm. 3). Ohne
die Hypotheseis des Aristophanes von Byzanz zu den beiden Philoktetdramen hätte
es auch hier Verwirrung in der Frage der zeitlichen Priorität gegeben. Wie leicht
Qualitätsurteile chronologische Indizien verdecken können oder gar vergessen
machen, was man eigentlich weiß, lehrt Gottfried Hermanns Praefatio zu seiner
Ausgabe des sophokleischen Philoktet (Leipzig 1824, XVIIf.): „Euripidem certe,
cuius Philoctetam post Sophocleum scriptum esse non dubium videtur, et inventione
argumenti, et descriptione morum, et dignitate orationis, et varietate ac vi canticorum
aliquanto inferiorem Aeschylo et Sophocle fuisse, facile vel ex iis, quae Dio et illa
oratione [LII4], et quinquagesima nona refert, cognosci potest."
8
Beiträge 253.
9
Philokles (I) 24 Τ 1/2 Sn.-K. 2
10
Philokles (I) 24 Τ 4-8 Sn.-K. 2
74 Einleitung

teilung, daß er in dem Agon siegte, an dem Sophokles mit dem König
Ödipus teilnahm 11 . Ob seine Philoktet-Tragödie älter als die des
Euripides oder jünger war, ist ebenso unbekannt wie der genaue
Gegenstand des Dramas 12 .
Auch die Komödie hat sich schon früh des Philoktetstoffs ange-
nommen. So sind Philoktet-Titel für E p i c h a r m , A n t i p h a n e s und
S t r a t t i s bezeugt 13 . Daß der Komödiendichter aus Syrakus durch die
Tragödie des Aischylos zu seiner Mythenparodie angeregt worden
war, wäre bei den engen Beziehungen des Tragikers zum syrakusa-
nischen Hofe denkbar 14 . Beeinflussung des euripideischen Prologs
durch Epicharms Odysseus als Überläufer15 ist dagegen wenig
wahrscheinlich. Wenn nicht alles täuscht, ist die Problematisierung
des politischen Ehrgeizes in der Eingangsreflexion des Odysseus eine
Reaktion auf Kreons Rechtfertigung des unpolitischen Lebens im
Ödipus des Sophokles 16 .
Das überraschendste Zeugnis der Philoktet-Rezeption in der
Literatur des vierten Jahrhunderts ist der ,bekehrte Odysseus' im
Er-Mythos des p l a t o n i s c h e n Staates. In einem zweiten Leben
möchte die Seele des Odysseus nur noch eines: ihre Ruhe haben und
das Leben eines Privatmannes fuhren, so wie es der euripideische
Odysseus im Prolog des Philoktet als wünschenswert und von
der Klugheit geboten, aber leider vom Ehrgeiz des Menschen
durchkreuzt dargestellt hatte 17 . Auch A r i s t o t e l e s beruft sich auf

11
Dikaiarch Fr. 80 Wehrli (Philokles [I] Τ 3a Sn.-K. 2 ). Vgl. Datierung 56f.
12
Τ 1 Sn.-K. 2 gibt als Titel Φιλοκτήτης an, doch könnte es sich dabei, wie
beim Philoktet des Achaios (20 F 37 Sn.-K. 2 ) und der zweiten Philoktet-Tragödie des
Sophokles (Fr. 697-703 R.), auch um einen Φιλοκτήτης έν Τροία gehandelt haben.
13
Epicharm Fr. 132-134 Kaibel; Antiphanes Fr. 218 K.-A. (wohl eher ein
Φιλοκτήτης έν Τροία, da Nestor der Sprecher zu sein scheint); Strattis Τ 1; Fr.
44/45 K.-A.
14
Vgl. Datierung 75. Auch die Philoktetstatue des Pythagoras in Syrakus
könnte durch die Aufführung aischyleischer Tragödien angeregt worden sein (vgl.
oben S. 46 Anm. 87).
15
Vgl. A. Barigazzi, Epicarmo e la figura di Ulisse ήσυχος: RhM 98 (1955)
133ff.
16
Soph. OR 583ff.; vgl. Datierung 4Iff.
17
Plat. Resp. 10.620c3-d2 (Eur. Phil. Τ 3). Vgl. Datierung 42; 44 Anm. 114. -
1984 war ich der Meinung, als erster dieses erlesene und abseits gelegene Zeugnis
der spätklassischen Rezeption des euripideischen Philoktet entdeckt zu haben (a.O.),
4. Rezeption und Nachwirkung in der Antike 75

den Anfang des Prologs in der Nikomachischen Ethik mit einem


vierzeiligen Zitat18, fuhrt in der Poetik das Kuriosum eines (fast)
wörtlichen Aischylosverses im Philoktet des Euripides an19 und
parodiert selbst, so wird überliefert, einen Vers der Tragödie zur
Rechtfertigung der Aufnahme der Rhetorik in sein philosophisches
Lehrprogramm, um dem Unterricht in der Schule des Isokrates Paroli
zu bieten: „Zu schweigen schimpflich wär's, doch zuzulassen, daß
Isokrates das große Wort hier führt."20 Inwieweit das Zitat in seiner
Zuschreibung an Aristoteles authentisch ist, muß dahingestellt
bleiben; jedenfalls bezeugt es den Bekanntheitsgrad des Redeagons
zwischen Odysseus und den Trojanern aus dem dritten Epeisodion
des euripideischen Philoktet. In der Folgezeit wird es zu einem festen
Bestandteil des Anekdotenschatzes des antiken Rhetorikunterrichts21.
Aristoteles kennt auch die anderen Philoktettragödien des fünften
und vierten Jahrhunderts22, doch lassen die Zitate bereits für seine
Zeit eine Dominanz des euripideischen Dramas vermuten, was
der generellen Bevorzugung des Euripides seit spätklassischer Zeit
entspricht23. Dem steht auch nicht entgegen, daß T h e o d e k t e s sich

um bald danach festzustellen, daß schon Wilamowitz darauf gestoßen war (Herakles
I 25 Anm. 44). Und dann ergab es sich, daß auch er nicht der erste gewesen war und
er in Valckenaer (118, danach Welcker 2 513 Anm. 1) einen Vorgänger gehabt hatte.
Nach ihm ist M. E. Hirst fündig geworden (The Choice of Odysseus: ClPh 35 [1940]
67f.), und so liegt die Anspielung Piatons weiterhin bereit, von Zeit zu Zeit von
einem aufmerksamen Leser neu entdeckt zu werden. - Noch unentdeckt scheint
die Beziehung von Plat. Symp. 208c und Xenoph. Cyr. 2,2,18-21 zur Reflexion des
Odysseus vom Anfang des euripideischen Philoktet zu sein (vgl. unten S. 312f. 321).
18
Aristot. EN 6,9.1142al-8 (Eur. Phil. H 3d mit F 2 und F 3,2).
19
Aristot. Poet. 22.1458bl9-24 (Eur. Phil. H 3e).
20
F 13,2. Vgl. unten S. 235f. (H 3f). - Auf die rhetorischen Qualitäten des
euripideischen Philoktetdramas weist auch Dion mit Nachdruck hin (52, [11]92-95;
[13]119-121). Die vier Verse von F 16 verdanken wir der Rhetorik des Anaximenes
von Lampsakos, der daran die rhetorische Figur der ,Antiprokatalepsis' erläutert
(18,15.1433bl0-16 [Eur. Phil. H 3g]).
21
Vgl. die Stellen zu F 13.
22
Aristot. Poet. 22.1458b23 (Aisch. Fr. 253 R.); EN 7,3.1146al8-21 (Soph.
Phil. 895-916; vgl. 7,10.1151bl7-21); EN 7,8.1150b6-9 (Theodekt. Fr. 5b Sn.-K. 2 ).
23
Der Theatergott Dionysos in den Fröschen des Aristophanes ist ein ausge-
sprochener Euripides-Enthusiast. Diesem Befund widerspricht Xenoph. Mem. 1,4,3
nur bedingt. Der dort wiedergegebene Meister-Kanon Homer (Epos) - Melanippides
(Dithyrambos) - Sophokles (Tragödie) - Polyklet (Bildhauerei) - Zeuxis (Malerei)
76 Einleitung

Sophokles anschloß mit Neoptolemos als Begleiter des Odysseus


und einem Chor, der aus der Schiffsmannschaft des Neoptolemos
bestand24. Denn wie seine Verlegung von Philoktets Wunde vom Fuß
an die Hand und die damit verbundene Wehrlosigkeit des Kranken
zeigen 25 , liebt er das Ausgefallene und Neue, und unter diesem
Aspekt stand der Philoktet des Euripides eher für das Bekannte und
Vertraute, um nicht zu sagen Triviale, während die Dramenfabel
des Sophokles das Besondere und Ungewöhnliche bot26. Für die
hellenistische Zeit27 und die frühen Vertreter der Zweiten Sophistik,
Plutarch und Dion von Prusa, stellt dann eindeutig die Tragödie
des Euripides die kanonische Gestaltung des Philoktetmythos dar28,

reflektiert die Präferenzen des letzten Drittels des 5. und frühen 4. Jhs. Maßgebend
für die Auswahl scheint u.a. die theoretische Beschäftigung mit der eigenen Techne
gewesen zu sein. Außerdem ist zwischen dem Klischee des ,Klassikers' einer
Gattung und der tatsächlichen Beliebtheit eines Autors beim Publikum zu unter-
scheiden.
24
Theod. Fr. 5b [I] Sn.-K. 2 Daß der Chor aus der Schiffsmannschaft des
Neoptolemos bestand, dürfte auch gelten, wenn man die Junktur τους περί τόν
Νεοπτόλεμου periphrastisch für τόν Νεοπτόλεμον versteht.
25
Theod. Fr. 5b [II] Sn.-K. 2 Vgl. Beiträge 79 Anm. 40.
26
Die älteste Bezeugung des sophokleischen Philoktet scheint eine Art Zitat in
den Ekklesiazusen des Aristophanes aus den neunziger Jahren des 4. Jhs. zu sein
(V. 562f. ~ Soph. Phil. 933). Wenn auch mit starken Unsicherheiten behaftet, könnte
die Philoktetdarstellung auf einer Gemme des frühen 4. Jhs. als Reflex auf die Auf-
führung von 409 erklärt werden (vgl. Nachträge S. 451).
27
Zum euripideischen Philoktet in der ersten Hälfte des 3. Jhs. v.Chr. vgl.
Beiträge 195 Anm. 56.
28
Plutarch zitiert zweimal den Philoktet des Aischylos (Fr. 250. 252 R., wohl
nach einer philosophischen Vorlage), siebenmal den des Euripides (F 2-4. 8. 9. 13.
18), das Drama des Sophokles keinmal. Für Dion ist Euripides ganz allgemein der
zur literarischen Bildung förderlichste unter den drei Tragikern (18,6f.; 52,[1 l]94f.).
Er fertigt eine Paraphrase des Prologs und des zweiten Epeisodions von dessen Phi-
loktet an (Or. 59). In seiner Synkrisis der Philoktetdramen der drei großen Tragiker
(Or. 52) steht die Tragödie des Euripides im Zentrum (und das nicht nur chrono-
logisch, vgl. unten S. 274ff.). Zu unserem Bedauern gibt er den Handlungsablauf nur
des sophokleischen Dramas wieder, während er die beiden verlorenen Stücke des
Aischylos und Euripides selektiv interpretierend behandelt. Abgesehen von formalen
Gründen der literarischen Gestaltung seines Essays (Variatio, Ausklang mit einer
Nacherzählung) und der Besonderheiten des sophokleischen Philoktet (vgl. S. 286f.),
läßt sich der Sachverhalt auch unter rezeptionsgeschichtlichem Aspekt erklären:
Den Inhalt der beiden anderen Dramen, vor allem den des euripideischen Philoktet,
4. Rezeption und Nachwirkung in der Antike 77

und die kaiserzeitliche Gnomologienliteratur, die auf ältere Samm-


lungen zurückgeht, bestätigt den Eindruck, daß die Kenntnis des
euripideischen Dramas in der allgemeinen Bildung ungleich ver-
breiteter war als die des sophokleischen Stückes29. Aber auch die
hellenistische und frühkaiserzeitliche Sophoklesexegese scheint den
Philoktet vernachlässigt zu haben30.
Geht man von der Dichte der erhaltenen Zitate aus, so waren die
Anfangsreflexion des Prologs (F 1-4), die erfolgreiche Auseinander-
setzung des Odysseus mit der Gesandtschaft aus Troja im dritten
Epeisodion (F 13-15) und der Schlußagon des fünften Epeisodions
(F 16-21) die am intensivsten gelesenen Teile des Dramas. Papyrus-
funde sind bisher nicht bekannt geworden. Das mag Zufall sein, aber
ganz ohne Bedeutung ist es auch nicht. Alle euripideischen Stücke
der spätantiken Auswahlsammlung sind durch Papyri vertreten, und
von den anderen die Mehrzahl ebenfalls. Das legt den Schluß nahe,
daß der Philoktet in der Gunst des Lesepublikums nicht zur obersten
Spitzengruppe unter den Dramen des Euripides gehört hat. Über das
zweite nachchristliche Jahrhundert hinaus läßt sich direkte Kenntnis
der Tragödie nicht mehr nachweisen, was natürlich nicht heißen
muß, daß es sie nicht gab. Gnomologien und Lexikographen31 repro-
duzieren das Wissen ihrer älteren Vorlagen. Anders verläuft die
Entwicklung beim Philoktet des Sophokles. Er wird in die kaiserzeit-

konnte Dion in groben Zügen bei seinen Lesern voraussetzen; die eigenwillige
Handlungsfuhrung des Sophokles bedurfte dagegen der nachzeichnenden Erinne-
rung. - Auch Lukian dürfte De parasite 10 den Philoktet des Euripides vor Augen
haben, wenn er die Rückholung Philoktets von Lemnos unter die großen Leistungen
des Odysseus zählt. Sophokles scheidet aus, und nur im Prolog des Euripides
erscheint das lemnische Unternehmen als ein Agon, den es erfolgreich zu bestehen
gilt (P 8). ό σοφώτατος των Ε λ λ ή ν ω ν (zum Text unten S. 308) sieht wie ein Euri-
pideszitat vom Anfang des Prologs aus (vgl. Ρ 1,2). Aelius Aristides (7,43. I 74,5
Dindorf: ούτοι [sc. o l Ά σ κ λ η π ι ά δ α ι ] δέ δέκα ετεσιν αύξηθεισαν |sc. την Φιλο-
κτήτου ν ό σ ο ν ] ιάσαντο) geht dagegen auf Soph. Phil. 258f. 1333f. zurück.
29
Bei Stobaios steht acht Zitaten aus Euripides (F .1 [2x]; 3,2f.; 4,1; 6; 14; 17;
19) nur ein einziges aus dem sophokleischen Philoktet gegenüber (V. 96-99: 3,13,28
[III 458,11-14 W.-H.]). Im Fragment des Florilegiums des Orion ist das Verhältnis
von Euripidesgnomen zu Sophoklesgnomen 41:11. Der euripideische Philoktet ist
durch den kostbaren Fund des F 21 vertreten (5,4 [Schneidewin 47; Haffner]).
30
Vgl. unten S. 287.
31
Vgl. oben Anm. 29. Hesych überliefert F 12. 22. 23; vgl. F 3,1.
78 Einleitung

liehe Auswahl des Dichters aufgenommen und behauptet im


Übergang zur byzantinischen Zeit das Terrain. Was hier Ursache und
was Wirkung einer veränderten Wertschätzung ist, ist schwer zu
entscheiden. Aufschlußreich für das dritte Jahrhundert ist der Um-
gang der P h i l o s t r a t o i , einer auf Lemnos beheimateten Literaten-
familie, mit dem Philoktetmythos. Im Heroikos des älteren Philostrat
gehen die eigenwilligen Veränderungen des Mythos von der epischen
Tradition aus. Aber wenn er Philoktet von Diomedes zusammen mit
Neoptolemos freiwillig nach Troja zurückgebracht werden läßt32,
zeigt er seine Kenntnis des sophokleischen Dramas. Der Jüngere
Philostrat erzählt im 17. Kapitel seiner Eikones die Geschichte des
Philoktet, im wesentlichen wohl nach Euripides, jedenfalls nicht nach
Sophokles, schließt aber die Bildbeschreibung des krank auf Lemnos
liegenden Philoktet mit einem Sophokleszitat33. Hier kündigt sich der
Paradigmenwechsel zugunsten des im spätkaiserzeitlichen Schul-
betrieb aufgehobenen sophokleischen Philoktet an.
Dem rezeptionsgeschichtlichen Bild, das die griechische Literatur
bietet, entspricht die Wirkungsgeschichte des euripideischen Phi-
loktet in Rom. Accius, der alle drei großen Philoktettragödien des
fünften Jahrhunderts kennt und auch der Entwicklung des Philoktet-
mythos in hellenistischer Zeit Rechnung trägt, folgt in der Hand-
lungsführung seines Philocteta einem nach Sophokles und Aischylos
überarbeiteten Euripides34. Cicero setzt auf einen Leserkreis, dem
die republikanische Philoktettragödie präsent ist35, und Ovid, der im
13. Metamorphosenbuch nach dem Vorgang eines hellenistischen
Autors Philoktets Schicksal in die Auseinandersetzung zwischen
Aias und Odysseus um die Waffen des Achilleus einbezieht, verweist
den römischen Leser an Accius, den griechisch Gebildeten unmittel-
bar an Euripides36. Vergil nimmt die Trugrede des Odysseus aus
dem zweiten Epeisodion des euripideischen Philoktet als Modell für
die Rolle des Sinon im zweiten Buch der Aeneis7·1. Daß die Tragödie

32
Philostr. Her. 5,3 (172,6-8 Kayser).
33
Philostr. iun. Imag. 17 (419f. Kayser). Zitiert wird 420,6f. K. Soph. Phil. 7.
34
Beiträge 272ff.
35
Beiträge 258ff.
36
Beiträge 285ff.
37
Vgl. unten S. 108; Beiträge 62.
4. Rezeption und Nachwirkung in der Antike 79

des Euripides zum Klassikerkanon der augusteischen Zeit gehört,


bestätigt der Philoktetbecher aus dem dänischen Hoby, dessen
Reliefs eine sorgfältige Lektüre des Dramentextes voraussetzen38. Er
gehört zu einem Becherpaar, das in sinnreicher Weise die Bildthe-
men Priamos vor Achilleus und Der Diebstahl von Philoktets Bogen
durch Odysseus und Diomedes verbindet39. Die Hobybecher sind
keine Einzelstücke, sondern Exemplare einer Werkstattproduktion.
Die zeitgenössische Verbreitung der Bildmotive wird durch andere
Funde hinreichend dokumentiert40; eine überraschende literarische
Bestätigung findet sich in den Tristien Ovids41. Die ikonologische
Motivverknüpfung begegnet auch auf einem stadtrömischen Girlan-
densarkophag der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts42.
Bogendiebstahl und Hektors Heimholung verheißen im Durch-
gang durch tödliche Beraubung und Vernichtung Heilung und Wie-
derherstellung43. In Philoktets zehnjährigem Unglück, das im Bogen-
diebstahl gipfelt, zeigt sich der Wille der Gottheit, den Menschen
durch Leiden zur Eudaimonie zu fuhren44. Die Traditionslinien dieser
für den Betrachter trostreichen Symbolik des Philoktetparadigmas
gehen über die kaiserzeitliche und hellenistische Dichtung zurück bis
zum Dramenschluß des Sophokles45. Die Eingängigkeit dieser Sinn-

38
Beiträge 143 ff.
39
Beiträge Kap. 7.
40
Beiträge 167ff.
41
Ovid, Trist. 5,4,1 lf. (dazu Beiträge 162f.).
42
Sarkophag Hever Castle im Antikemuseum Basel (Sammlung Ludwig).
Beiträge 187ff.
43
Beiträge 196ff.
44
Einen anderen Aspekt des Philoktetmythos untersucht G. W. Bowersock
in dem anregenden Kapitel The Wounded Savior seiner Sather Classical Lectures
(Fiction as History, Berkeley 1994, 55ff.), indem er Philoktet als den Typus des
leidenden Heilsbringers interpretiert. Wie oben S. 29. 31 f. gezeigt, dürfte dies vor
allem die Funktion des Philoktetparadigmas in der archaischen Dichtung (Epos,
Pindar) gewesen sein. - Eine psychologische Heilwirkung vom Anblick des Philo-
ktet auf der tragischen Bühne verspricht sich Timokles Fr. 6,15 K.-A.: Wer hinke
und das Unglück des Philoktet sehe, fühle sich schon halbwegs mit seinem eigenen
Schicksal versöhnt.
45
Beiträge 13 Anm. 4; 307f. Zum Philocteta des Accius ebenda 272. 281 f. Bei
Sophokles wird die versöhnliche Wende in den Dramenschluß hineingenommen.
80 Einleitung

gebung bestimmt die i k o n o g r a p h i s c h e Überlieferung des Motivs


und erklärt seine Beliebtheit auf allen Stufen der nachklassischen
Gebrauchskunst. Paradox erscheint freilich, daß den bildlichen Dar-
stellungen die Fassung des Mythos nach Euripides zugrunde liegt,
hatte doch Euripides selbst dem Zuschauer seines Philoktetdramas
die Möglichkeit optimistischer Sinnstiftung verweigert46. Doch gera-
de die deprimierende Radikalität des euripideischen Dramenendes
hatte im Kontext der sepulkralen Botschaft ihre eigene Stimmigkeit.
Nur sie zeigte jenes Maß an Härte, Unerbittlichkeit und Ausweglo-
sigkeit, das Philoktet zum Spielball eines von den Göttern ermöglich-
ten und unterstützten Intrigenplans machte, so daß der Leidende,
seines Bogens beraubt und von allen im Stich gelassen, sein lemni-
sches Elendsdasein am Ende nur unter Zwang verläßt. Mit der totalen
Entäußerung des eigenen Willens besaß allein die euripideische Tra-
gödie einen dem Durchgang des Todes vergleichbaren Schluß. Die
äußerste Erniedrigung des Helden (vergleichbar der Schändung von
Hektors Leichnam durch Achilleus) bildet die radikale Antithese
zu Heilung und Erhöhung, die ihn erwarten. Die Ambivalenz des
Gemeinten wird auf den beiden Reliefs eines heute verschollenen
kaiserzeitlichen Sarkophags exemplarisch ins Bild gesetzt47. Das eine
zeigt den Bogendiebstahl, das andere den Abtransport des Fußkran-
ken: dort der klagende Philoktet zwischen Odysseus und Diomedes,
der Hilflose zwischen List und Gewalt, hier Philoktet auf einem Wa-
gen wie ein gefangener Riese, bewacht von Diomedes und Odysseus,
der den Bogen in der Hand hält. Obgleich das Geschehen des zweiten
Reliefs für den zum Mitkommen Genötigten nicht weniger ernie-
drigend ist als das des ersten, symbolisiert für den Betrachter das
Nebeneinander von vorenthaltenem Bogen und menschenfreundli-
chem Gefährt die antithetisch verknüpfende Gegenüberstellung von
völliger Entäußerung und sich anbahnender Wiederherstellung.
Aufs Ganze gesehen dürfte es kaum eine griechische Tragödie
geben, die thematisch in solcher Breite wie der Philoktet des Euripi-

Den Umschwung vom Leiden zu Heilung und Sieg läßt die Rede des Herakles anti-
zipierend bereits Wirklichkeit geworden sein (V. 1418ff.).
46
Beiträge 29ff.
47
Τ 29 (Abb. 8). Der Girlandensarkophag, der römischer Provenienz ist, stand
zuletzt im Giardino della Gherardesca in Florenz. Vgl. Beiträge 192ff. 198f.
4. Rezeption und Nachwirkung in der Antike 81

des in der bildlichen Überlieferung der Antike ihre Spuren hinterlas-


sen hat, so daß außer dem Prolog auch jedes der fünf Epeisodien
repräsentiert erscheint. Ein italisches Vasenbild des frühen vierten
Jahrhunderts zeigt das Bemühen, das Ganze des Dramengeschehens
zur Darstellung zu bringen, darunter auch die Unterweisung des
Odysseus durch Athene, über die im Prolog berichtet wurde 48 . Die
vergeblichen Heilungsversuche des Arztes Machaon gleich nach der
Verwundung Philoktets auf der Insel Chryse, von denen im Prolog
und im zweiten Epeisodion die Rede war, finden sich auf dem ersten
Relief des Philoktetbechers aus Hoby dargestellt 49 . Im ersten Epeis-
odion trat der Hirte Aktor auf, der den auf Lemnos ausgesetzten
Philoktet von Zeit zu Zeit mit Lebensmitteln versorgte; er begegnet
auf dem zweiten Relief des Hobybechers 50 . Im zweiten Epeisodion
erzählte Philoktet von Palamedes als dem einzigen ihm verbliebenen
Freund, während die anderen Kameraden die Gesellschaft des Kran-
ken wegen des üblen Geruchs seiner Wunde mieden. Palamedes und
der von der Schlange gebissene Philoktet sind auf dem ersten Hoby-
relief, einem etruskischen Skarabäus 51 und einem Bronzespiegel aus
Etrurien dargestellt 52 . Die Spiegelzeichnung zeigt zudem, wie die
Griechen einen Herold zu Philoktet geschickt haben, der ihn dazu
überreden soll, sich von Odysseus nach Lemnos bringen zu lassen,
um dort, nachdem Machaon umsonst seine Kunst versucht hatte,
Heilung zu finden, ein Versprechen, das sich dann im nachhinein als
Aussetzung des Kranken am einsamen Strand der Insel erweist. Alles
dies erzählte Philoktet im zweiten Epeisodion. Die Handlung des
dritten Epeisodions - der Auftritt der Gesandtschaft aus Troja - ist
auf den Reliefs einer Serie von Aschenkisten aus Volterra zu sehen 53 .
Die beliebteste Darstellung aus dem euripideischen Philoktetdrama
war der Bogendiebstahl, über den Diomedes im vierten Epeisodion
berichtete. Er begegnet auf der zeitgenössischen Schale des Euaion-
malers und, am authentischsten, auf dem zweiten Relief des Philo-

48
Beiträge 202ff.
49
Beiträge 150ff.
50
Beiträge 145ff.
51
Beiträge 15 Iff.
52
Beiträge Kap. 4.
53
Beiträge Kap. 6.
82 Einleitung

ktetbechers aus Hoby, in freierer Darstellung auf einer Serie von


Volterraner Aschenurnen sowie auf zwei kaiserzeitlichen Girlanden-
sarkophagen und einer römischen Tonlampe54. Den Ausgang des
Schlußepeisodions mit dem von Odysseus und Diomedes weggeführ-
ten Philoktet zeigt das zuvor besprochene Relief des Florentiner
Sarkophags im Giardino della Gherardesca. So ergibt sich eine
lückenlose Bildsequenz aus Prolog und allen fünf Dramenakten.
*

Die literarische Rezeption des antiken Philoktetmythos in der


Neuzeit ist, wie nicht anders zu erwarten, im wesentlichen identisch
mit der Rezeption des sophokleischen Philoktet55. Die Beschäftigung
mit dem, was die Überlieferung an Nachrichten über das Philoktet-
drama des Euripides erhalten hat, bleibt auf die philologische
Forschung und ihre Versuche einer Wiederannäherung an das Origi-
nal beschränkt56. Erst seit den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts
führt auch die literarische Spurensuche zu zwar bescheidenen, aber
nicht uninteressanten Ergebnissen57.

54
Beiträge Kap. 8.
55
Jebb XXXIIIff.; K. Heinemann, Die tragischen Gestalten der Griechen in der
Weltliteratur II (Erbe der Alten IV), Leipzig 1920, lOlff.; St. Kaiser, Philoktet auf
Lemnos, in: Th. Baier - F. Schimann (Hrsg.), Fabrica [Festschrift Eckard Lefèvre],
Stuttgart-Leipzig 1997, 24ff.; H. Flashar (Hrsg.), in: Sophokles. Philoktet, Über-
tragen von W. Schadewaldt, Frankfurt/M. 1999, 107ff. - Eine Ausnahme ist die
Erzählung der Philoktetgeschichte im 15. Buch von Fénelons Télémaque, wo Philo-
ktet über seine Verwundung in der Version des Aeneiskommentars des Servius (Aen.
3,402) berichtet (Jebb XXXIII). Diese Fassung findet sich auch in den Philoktetdra-
men von Rudolf Pannwitz (1906) und Karl von Levetzow (1909). Vgl. E. Lefèvre,
Sophokles' und Karl von Levetzows Philoktet, in: Ch. Mueller-Goldingen - K. Sier
(Hrsg.), ΛΗΝΑΙΚΑ, Stuttgart-Leipzig 1996, 406; ders., Sophokles' und Rudolf
Pannwitz' Philoktetes: A & A 43 (1997) 37f. Daß Pannwitz (oder Levetzow) seine
Kenntnis der Lektüre des Serviuskommentars verdanken könnte, wird man aus-
schließen dürfen. Daß einer von ihnen die wissenschaftliche Philoktet-Literatur
konsultiert hat (z.B. Roscher), wäre immerhin denkbar. Am plausibelsten scheint mir
jedoch, daß sie Fénelons Télémaque gelesen hatten.
56
Vgl. unten S. 83ff.
57
Zum Verhältnis von Heiner Müllers Philoktet (1958/1964) zum Drama des
Euripides vgl. Beiträge 41f. Aber auch in Walter Jens' Fernsehspiel Der tödliche
Schlag (1974) und Oscar Mandéis The Summoning of Philoctetes (1961/1981) kann
man fündig werden.
5. GESCHICHTE DER WIEDERGEWINNUNG

Erste Fragmentsammlungen zum euripideischen Philoktet veröf-


fentlichten Meursius in einer Zusammenstellung der Fragmente des
Aischylos, Sophokles und Euripides (1619) 1 sowie Grotius in seinen
Excerpta zur dramatischen Dichtung der Griechen (1626) 2 . Beide
Ausgaben haben ihre Defizite und ihre Vorzüge. Daß die Grotiussche
Sammlung die gewichtigere ist, verdankt sie nicht zuletzt der Benut-
zung der ungedruckten Sammlung der Tragikerfragmente von Theo-
dor Canter 3 . Die Sammlung von Meursius dagegen kennt Grotius
nicht4. Doch liegt in den Excerpta bereits der Grundbestand der Phi-
loktetfragmente für die Folgezeit vor 5 . Die Euripidesausgaben von
Barnes (1694) und Musgrave (1778), die beide in der Nachfolge von
Grotius stehen, während auch sie die Sammlung von Meursius unge-
nutzt lassen, bringen demgegenüber nur einen geringen Zuwachs 6 .

1 Meursius 124f. Wörtlich zitiert werden F 22 (Hesych), F 15 (lustin. Mart. De


monarchia), F 12 (Hesych), F 23 (Hesych). Am Ende (p. 125) steht ein genereller
Verweis auf Stobaios: „Occurrit item apud Stobaeum non semel" [F 1, F 3, F 6, F 14,
F 17, F 19].
2 Grotius 2 413 (F 2, F 3,2-3, F 4, F 3,1, F 15, F 11, F 16, F 13,2) und 412 mit

einem Verweis auf die Stobaioszitate in Grotius (F 14, F 19, F 1,1, F 17, F 1,2, F 6).
3 Vor 1580 angelegt (Radt 9). Canters Sammlung dürfte Grotius F 2, F 3,2-3

und F i l , dessen Quelle (Dion 59,11) er nicht kennt, verdanken, vermutlich aber
noch mehr, darunter wohl auch die Ergänzung von βαρβάρους in F 13,2 (vgl.
Grotius 2 959). Er erwähnt Canters „dilligentissima collectio" in der Praefatio (Ende).
F 15 entnimmt Grotius der Justinausgabe von Sylburg (Paris 2 1615) mit dessen
Ergänzung λαβείν in V. 3 (Sylburg 12).
4 Das ergibt sich aus dem Fehlen der drei Hesychzitate F 12, F 22, F 23.
5 Sieht man von dem erst 1839 von Schneidewin publizierten Fr. 800 [F 21]
ab, so fehlen aus Naucks Sammlung die Fragmente 790 [F 9], 792 [F 10], 796,1
[F 13,1] sowie die drei Hesychzitate 801-803 [F 12, F 22, F 23],
6 Barnes 500f. Neu hinzugekommen gegenüber Grotius ist bei Barnes F 10
[V. 13], das er Gataker 88 verdankt, dem er auch die korrigierte Fassung von F 11
entnimmt. Dagegen bleiben Casaubonus 88 (F 12) und Meursius 125 (F 12, F 22,
F 23) ebenso unberücksichtigt wie Gataker 2 123 (F 9). Überschüssig sind V. 9 [Eur.
Fr. inc. 975 Ν. 2 ] und V. 14/15 [Fr. tr. adesp. 78 K.-Sn.]. - Musgrave 579f. Hinzuge-
kommen gegenüber Barnes sind F 13,1 [Fr. IX] und das umstrittene F 18 [Fr. XI].
84 Einleitung

Die Geschichte der Wiedergewinnung des Dramas im eigent-


lichen Sinne beginnt erst mit der Erkenntnis, daß die 59. Rede des
Dion von Prusa eine Paraphrase des Prologs der Tragödie enthält.
Obschon Canter (1574) in einem Kapitel seiner Variae Lectiones den
Nachweis des Zusammenhangs erbracht hatte7 und er in seiner
Fragmentsammlung aus dem Schluß der Paraphrase F 11 gewonnen
zu haben scheint8, blieb diese Einsicht bis auf weiteres ohne
Konsequenzen. Die forschungsgeschichtliche Situation ist auf länge-
re Zeit dadurch gekennzeichnet, daß die Linke nicht weiß, was die
Rechte tut. So ließ Casaubonus (1604) die Frage, ob das Drama des
Aischylos oder das des Euripides die Vorlage fur Dion abgegeben
habe, wieder offen, und nur Sophokles Schloß er mit Bestimmtheit
aus, weil dessen Philoktet vollständig bekannt ist9. Als Thomas
Gataker (1652) neue Beweise für die Beziehung zwischen dem Text
des Euripides und Dion 59 vorlegte10, fanden seine Beobachtungen
mit großer Verzögerung und dann nur selektiv Eingang in die
Literatur zu den Philoktetfragmenten, vermutlich weil der Publika-
tionsort thematisch weit ab von der griechischen Tragödie lag. So
übernahm Barnes, ohne den Zusammenhang durchschaut zu haben,
lediglich V. 32/33 seiner Sammlung ( F l l ) aus Gataker, die dieser
dem Schluß der Paraphrase des Dion abgewonnen hatte11. Und noch
Valckenaer mußte sich von Porson (1801) verspotten lassen, er habe
Gataker, den er mehrmals zitiere, nicht gründlich genug gelesen, weil
er zwei selbstgemachten Versen den Vorzug gebe vor dem (von ihm

7
Canter (I 2) 11-15. Canter geht erstmals, wenn auch nur in einem Detail, auf
die Handlung der euripideischen Tragödie ein, indem er unter Hinweis auf Schol.
Soph. Phil. 1 Odysseus (und nicht Philoktet, wie man gemeint hatte) als Sprecher
von Dion 59,1-4 und F 2/3 identifiziert.
8
Vgl. G r o t i u s 2 4 1 3 ( V . 13).
9
Casaubonus 92. Auch J. J. Scaliger (Conjectanea in Marcum Terentium
Varronem de lingua Latina [Paris 1565] 101) kennt Dion 52 nicht.
10
Gataker 88; Gataker 2 123. 129. 369. Für Gatakers Zeitgenossen und Lands-
mann John Seiden (1584-1654) gibt es keinen Zweifel am euripideischen Prolog als
Vorlage für Dion 59 (280).
11
Gataker 88 (Gataker 2 369), der damit Grotius (oder Canter?) korrigiert. -
Barnes 500f. nennt in einer Vorbemerkung zum Philoktet als Autoren, die für die
Bezeugung der euripideischen Tragödie von Bedeutung sind, Hygin und Philostrat,
nicht aber Dion. Gatakers Entdeckung von F 9 durch Vergleich mit Dion 59,11 ist
ihm entgangen.
5. Geschichte der Wiedergewinnung 85

übersehenen, aber schon von Gataker identifizierten) Originalvers


des Euripides12. Selbstverständlicher Bestandteil der Euripides-
forschung wird Dion 59 erst seit Benjamin Heath (1762) 13 . Damit
besaß man einen größeren Textzusammenhang zweier zentraler
Szenen des Dramas, die für das verlorene Original stehen konnten.
Nur wenig später befaßte sich Valckenaer (1767) im Anschluß an
Heath intensiv mit der Schrift des Dion unter dem Aspekt der
Wiedergewinnung der euripideischen Vorlage14. Sein vorrangiges
Ziel war dabei, dem kaiserzeitlichen Text möglichst viele Verse des
Originals abzugewinnen15. Nur beiläufig gibt es Vermutungen zur
Dramenhandlung16. Bei dieser textphilologischen Akzentuierung ist
es in der Folgezeit zunächst geblieben17. Doch stellt Musgraves
Fragmentsammlung (1778) insofern einen Schritt auf dem Weg der

12
Porson 30. Gemeint ist F 9 (vgl. die vorhergehende Anmerkung).
13
Heath 182. Heath scheint von Seiden, dessen Ansichten er durch Wolfs
Anecdota Graeca kannte, angeregt worden zu sein (vgl. oben Anm. 10). Sein Ver-
dienst ist durch das XI. Kapitel von Valckenaers bald darauf erschienener Diatribe
weitgehend in Vergessenheit geraten.
14
Valckenaer 114-128. Obwohl Heath und Valckenaer Gatakers Mark Aurel-
Kommentar kennen, haben beide seine Beobachtungen zu F 9 (~ Dion 59,11 )
übersehen.
15
Eine Umsetzung der gesamten Paraphrase in Trimeter haben in der Nach-
folge Valckenaers ein „Vir doctus" im Classical Journal 1 (1810) 345f. (Abdruck bei
Wagner 400-407) und Bothe (Berlin 1816, vgl. unten S. 94) vorgenommen.
16
Vgl. Beiträge 112 Anm. 13.
17
Vgl. vor allem die Ausgaben der Euripidesfragmente von Musgrave (1778)
579f. [M779, 464f. Ch. D. Beck] und Matthiae (1829) 275-289, der (bis auf das erst
1839 von Schneidewin publizierte Orion-Fragment) den Versbestand der Sammlung
Naucks (1856) verzeichnet. Von Musgrave 2 sind abhängig E. Zimmermann, Euripi-
dis Dramata IV, Frankfurt/M. 1815, 122-125 (Fr. 15 [F 9] muß Zimmermann einer
anderen Vorlage entnommen haben, vermutlich Porson 30) und Boissonade (1826)
369-371. Wenig förderlich ist die Fragmentsammiung von W. Dindorf in den Poetae
Scenici Graeci, Leipzig-London 1830, 116, die zwar die Ausgabe von Matthiae
benutzt hat, aber doch eher oberflächlich. So ist ihm Matthiaes Emendation in F 17,1
(tòv τυχόντ') entgangen, und daß Dions Paraphrase des Euripidestextes nicht in
dessen 52. Rede steht, muß er auch übersehen haben. Dasselbe Versehen auch bei
A. Witzel, Euripidis Tragoediae cum Fragmentis, Leipzig 1841, IV 274, bei Härtung
348 u.a. Dindorfs 5. Auflage der Poetae Scenici Graeci (Leipzig 1869) verdankt ihre
verbesserte Qualität der 1856 erschienenen Sammlung der Tragikerfragmente von
Nauck.
86 Einleitung

Rekonstruktion des Verlorenen dar, als er sich um eine durchgehende


Sprecherzuordnung der Fragmente bemüht18.
Angeregt durch eine Abhandlung Gottfried Hermanns zum
aischyleischen Philoktet (1825), erscheint dann Goethe als einer der
ersten, die sich Gedanken über die Dramenhandlung bei Euripides als
Ganzes machten19. Erhalten ist von solchen Erwägungen freilich nur

18
Musgrave I [F 2/3] und II [F 4] Odysseus als Prologsprecher, III [ F H ]
und IV [F 10] Philoktet, V [F 6] Chor, VI [F 14] „loquitur forte Troum legatus",
VII [F 15] Troer, IX [F 13] und X [F 19] Odysseus. - Musgraves Aufnahme von
Fr. tr. adesp. 10 K.-Sn. als Fr. XI [F 18] erfolgt zu Recht, auch wenn er damit außer
bei Zimmermann (wie Anm. 17) und Ribbeck (391) keine Nachfolge gefunden hat.
Vgl. Beiträge 28 Anm. 70. Die Notae von Heath zum Philoktet des Euripides hat
Musgrave nicht zur Kenntnis genommen, wie das Fehlen von F 12 beweist (Heath
182; vgl. schon Casaubonus 88), und auch F 9 bei Gataker 2 123 ist ihm entgangen.
Daß Musgrave Valckenaers Diatribe nicht kenne (H. Van Looy, Les Fragments
d'Euripide: AntCl 32 [1963] 172), ist dagegen nicht richtig. Was den Philoktet
betrifft, so zitiert er Fr. III und VI [ F i l , F 14] in der Textfassung von Valckenaer
und setzt sich mit dessen Emendation ά ρ χ ι κ ο ι ς (Fr. VI 1) auseinander. Musgrave 2
[Beck 465] berücksichtigt auch Heath und nimmt F 12 als Fr. XIV auf.
19
Gespräche mit Eckermann 31. Januar 1827: „Darin, fuhr Goethe fort, waren
nun wieder die Griechen groß, daß sie weniger auf die Treue eines historischen
Faktums gingen, als darauf wie es der Dichter behandelte. Zum Glück haben wir
jetzt an den Philokteten ein herrliches Beyspiel, welches Süjet alle drey großen
Tragiker behandelt haben, und Sophocles zuletzt und am besten. Dieses Dichters
treffliches Stück ist glücklicherweise ganz auf uns gekommen; dagegen von den
Philokteten des Aeschylus und Euripides hat man Bruchstücke aufgefunden, aus
denen hinreichend zu sehen ist, wie sie ihren Gegenstand behandelt haben. Wollte es
meine Zeit mir erlauben, so würde ich diese Stücke restaurieren, sowie ich es mit
dem Phaethon des Euripides gethan, und es sollte mir keine unangenehme und
unnütze Arbeit seyn. Bey diesem Süjet war die Aufgabe ganz einfach: nämlich den
Philoktet nebst dem Bogen von der Insel Lemnos zu holen. Aber die Art, wie dieses
geschieht, das war nun die Sache der Dichter, und darin konnte jeder die Kraft seiner
Erfindung zeigen und einer es dem anderen zuvorthun. Der Ulyß soll ihn holen, aber
soll er vom Philoktet erkannt werden oder nicht, und wodurch soll er unkenntlich
seyn? Soll der Ulyß allein gehen, oder soll er Begleiter haben, und wer soll ihn
begleiten? Beym Aeschylus ist der Gefährte unbekannt, beym Euripides ist es der
Diomed, beym Sophocles der Sohn des Achill. Ferner, in welchem Zustande soll
man den Philoktet finden? Soll die Insel bewohnt seyn oder nicht, und wenn
bewohnt, soll sich eine mitleidige Seele seiner angenommen haben oder nicht? Und
so hundert andere Dinge, die alle in der Willkür der Dichter lagen und in deren Wahl
oder Nichtwahl der eine vor dem andern seine höhere Weisheit zeigen konnte."
(Biedermann 2 , Goethes Gespräche III, 340f.; Grumach, Goethe und die Antike I, 262
5. Geschichte der Wiedergewinnung 87

eine vergleichende Skizze mit dürftigen Stichworten zu den von


Dion berücksichtigten Philoktetdramen sowie zum Philocteta des
Accius, den Hermann in die Nachfolge der aischyleischen Tragödie
gestellt hatte20.
In ein neues Stadium traten die Rekonstruktionsbemühungen mit
Welckers großangelegtem Versuch einer Enzyklopädie der griechi-
schen Tragödienstoffe (1839)21. Das Bild, das Welcker vom Philoktet
des Euripides entwirft, ist bestimmt von der Vorstellung eines Patri-
oten, der ungeachtet der Kränkungen, die er von den Griechen
erfahren hat, sich in der Stunde der Not der Bitte des Vaterlandes um
Hilfe nicht versagt und von dem verlockenden Gegenangebot der
Trojaner unbeeindruckt bleibt. Freiwillig kehrt er mit Odysseus ins
Heerlager der Griechen zurück. In der deutschen Forschung behält
diese Deutung bis hin zu Leskys Griechischer Literaturgeschichte
(1958, 31971 ) ihre Gültigkeit22. Aber auch sonst ist man, was
Methode und Zielsetzung betrifft, über Welcker nicht wesentlich
hinausgekommen. Die Vorschläge bescheiden sich mit einer
Nacherzählung des Erhaltenen, einer Skizzierung des mutmaßlichen
Handlungsgerüsts und, wenn es hoch kommt, einer Bewertung
der politischen Tendenz des Dramensujets. Welcker seinerseits ist
stark beeinflußt von der fast gleichzeitig erschienenen Philoktet-

fdanach der Text]). - Zum Phaethon des Euripides vgl. Goethes Versuch einer
Wiederherstellung in Bruchstücken (Hamburger Ausgabe XII 31 Off.). - Goethes
ausdrücklicher Verweis auf den Phaethon macht deutlich, daß seine ursprüngliche
Intention (oder das, was er dazu sagt) über den Versuch, aus Dions 59. Rede euripi-
deische Verse wiederzugewinnen, hinausgeht und aufs „restaurieren" der Ökonomie
des aischyleischen und euripideischen Philoktet abzielt. Anders U. Petersen, Goethe
und Euripides, Heidelberg 1974, 180, der mir die Formulierung im Philoktet, drei-
fach (vgl. die folgende Anmerkung) „woraus wir jedoch die ursprünglichen Trimeter
herauszufinden hofften" zu isoliert zu betrachten scheint.
20
Philoktet, dreifach. Sophienausgabe XLII 2, Weimar 1907, 461-465.
Artemisausgabe XIV, Zürich 1950, 702-705. Der Titel Philoktet, dreyfach stammt
nicht von Goethe, sondern von der Hand Eckermanns (Sophienausgabe 461). Der
Herausgeber der Artemisausgabe hat ihn - sachlich zutreffend - in Philoktet,
vierfach (702) geändert, da neben den drei attischen Tragikern auch das Philo-
ktetdrama des Accius berücksichtigt ist.
21
Welcker 2 II 512-522.
22
Beiträge 113f. Vgl. unten S. 109 Anm. 54.
88 Einleitung

Interpretation Adolf Schölls (1839) 2 3 . Schöll legte erstmals eine


Deutung des euripideischen Philoktet vor, die dem Rang der Tra-
gödie entspricht. Ihre direkte Wirkung erscheint begrenzt, aber durch
Welckers Vermittlung und nicht weniger durch ihre Aufnahme in
den Philoktetkommentar von Schneidewin 24 wird man ihre Breiten-
wirkung nicht unterschätzen dürfen.
Im Folgenden wird der Gang der Forschung seit Schöll
und Welcker in chronologischer Abfolge katalogartig skizziert. Die
einzelnen Rekonstruktionsentwürfe werden jeweils als ein Ganzes
vorgestellt. Nur so läßt sich über die Stimmigkeit der Details und die
Zuordnung der Fragmente urteilen. Zur Ergänzung sei auf den
Kommentar verwiesen.

SCHÖLL ( 1 8 3 9 ) 1 4 2 - 1 4 9

Schöll verzichtet weitgehend auf eine Rekonstruktion der äußeren Form


des Dramas und beschränkt sich auf eine Interpretation des dramatischen
Plots. Mit eindrucksvoller Konsequenz wird die dialektische Struktur

23
Welcker 2 522 Anm. 6. - Welckers abfällige Kritik an O. F. Gruppe,
Ariadne, Berlin 1834, 443ff., ist angesichts von Gruppes wenig sorgfältigem
Umgang mit dem, was durch Dion 52 und 59 feststeht, und der ungehemmten
Phantasie des Autors verständlich. Gruppe beschäftigt das Problem der List, durch
die Odysseus und Diomedes im euripideischen Drama Philoktet zum Mitkommen
nach Troja bewegen. Da er (zu Recht) der Meinung ist, Euripides habe sich im
Unterschied zu Aischylos etwas Besonderes einfallen lassen müssen, strengt er sich
an, nicht nur Odysseus, sondern auch Euripides auf die Schliche zu kommen. Seine
Idee, der verwandelte Odysseus habe sich - den Trojanern zuvorkommend - „mit
seinem Begleiter Diomedes für einen Abgesandten der Troer ausgegeben und den
Haß des Philoktet gegen die Atriden benutzt, sich mit seiner Wunderwaffe ihren
Feinden anzuschließen", ist zwar grotesk, aber sie bleibt doch, was Welcker
übersehen zu haben scheint, bei Gruppe nur ein Gedankenspiel, das, freilich zum
Bedauern des Autors, durch Dion 59 ausgeschlossen wird (443ff.). Da also am
Auftreten einer wirklichen Gesandtschaft aus Troja nicht zu zweifeln ist, postuliert
Gruppe die Anwendung physischer Gewalt von Seiten der Trojaner, so daß Philoktet
„bei dieser Gelegenheit in Odysseus und Diomedes seine Beschützer und Retter zu
finden glaubt" (446). Er warf sich Odysseus „in die Arme", und dieser brachte ihn,
ohne daß Philoktet etwas ahnte, ins Heerlager der Griechen vor Troja.
24
Auch ohne daß Schölls N a m e genannt wird, ist die Abhängigkeit, zum Teil
bis in die Wortwahl, offenkundig. Schneidewins Text (M855, 159ff.) ist in die von
Nauck bearbeiteten Auflagen unverändert übernommen worden ( 9 1887, 1 7 f f ) , und
auch Radermacher hat es fast ganz dabei belassen ( 1 0 1907, 16ff.).
5. Geschichte der Wiedergewinnung 89

der Handlung und ihrer Voraussetzungen herausgearbeitet. Das geschieht


nicht ohne eine gewisse Gewaltsamkeit, hat aber den Vorzug der inneren
Stimmigkeit für sich.
Schöll stellt ins Zentrum seiner Interpretation die besondere Fassung, die
Euripides dem Motiv der Verwundung Philoktets am Altar der Chryse gibt:
Die Griechen entledigen sich mit Philoktet nicht irgendeines ihnen zur Last
gewordenen Teilnehmers am Zug gegen Troja, sondern schließen den aus
ihrer Gemeinschaft aus, durch dessen Unglück die erfolgreiche Fortsetzung
ihres Feldzugs überhaupt erst ermöglicht worden ist und dem sie eigentlich
zu besonderer Dankbarkeit verpflichtet wären (Dion 59,9). Der Gegenschlag
erfolgt mit dem Helenosorakel: Der von der Stammesgemeinschaft Verra-
tene und Ausgestoßene erweist sich erneut als unentbehrlich fur den militäri-
schen Erfolg des Feldzugs. Zu den Paradoxien dieser Situation gehört, daß
die eigenen Leute im Bewußtsein ihrer Schuld auf List und Verstellung
glauben setzen zu müssen, während die Feinde es sich leisten können, offen
um die Sympathie des ehemaligen Gegners zu werben. Doch schlägt beides
beiden Seiten nicht zum Vorteil aus: Odysseus wird durch seine Intrige
diskreditiert, die Troer durch ihre allzu direkte Strategie, den Haß des
Schwergekränkten gegen seine Landsleute sich nutzbar machen zu wollen.
Dem naiven Vertrauen auf Gold und Macht auf Seiten der Trojaner, dem
Patriotismus des Ehrgeizes, wie ihn Odysseus zeigt, stellt Euripides einen
Philoktet entgegen, dem sich mit der realen Möglichkeit der Rache an seinen
Landsleuten die Gefühle des Hasses verflüchtigen, während durch die
aufdringliche Offerte des Landesfeindes das verdrängte Gefühl der Ver-
pflichtung gegenüber den eigenen Leuten freigesetzt wird. So ergibt sich die
Bereitschaft Philoktets, wieder ins Heerlager der Griechen zurückzukehren,
aus einer ganz persönlichen Entscheidung des Helden, die, ohne daß sie
an sich noch der Hilfe durch das Erscheinen einer Gottheit bedürfte, im
Vorgang der Epiphanie Athenes in ihrer Werthaftigkeit sanktioniert wird.

Der Philoktet des euripideischen Dramas zeigte sich weder resistent


gegenüber den Verlockungen aus Troja (Beiträge 118f. 125), noch gab er
von sich aus seine Zustimmung zum Mitkommen nach Ilion (Beiträge 29ff.
49ff.), und am Ende erschien auch nicht Athene, um dem Ganzen eine
überhöhende Bestätigung zu geben (Beiträge 30 Anm. 75). Und doch wird
mit Schölls Deutungsansatz ein dialektisches Grundmuster freigelegt, das
auch der euripideischen Tragödie eignet, dort aber zu einer gewaltsamen
Lösung des Konflikts führt und moralisch in der Aporie verharrt. Ohne daß
dies ausdrücklich gesagt würde, wirkt bei Schöll der Ausgang des sopho-
kleischen,Philoktet ' ein. In der vereinfachenden Übernahme durch Weicker
beeinflußt Schölls Interpretation die Philoktetforschung der Folgezeit, ohne
daß hier ihre gedankliche Präzision und Tiefe wieder erreicht würde. Auch
die antithetische Einbindung in die tr¡logische Sequenz mit Medea und
Diktys ist ein Gedanke, der nicht weiterverfolgt wurde, obwohl er für die
Beziehung des Philoktet zur Medea evident ist (Beiträge 33f).
90 Einleitung

Zu Einzelheiten der Rekonstruktion des Dramas äußert sich Schöll nur


beiläufig. Dazu gehört außer der Annahme eines Deus ex machina am Ende
des Dramas, die sich neben anderen im Philoktetkommentar von Schneide-
win-Nauck-Radermacher durchhält, auch die durch Welckers Vermittlung
lange nachwirkende Meinung, Odysseus habe während der Auseinander-
setzung mit der trojanischen Gesandtschaft „die Maske" ablegen müssen
(144 zu F13). Doch diese und andere Irrtümer schmälern nicht das
grundsätzliche Verdienst Schölls. In einer verkürzten Fassung hat er seine
Deutung wiederholt in: Gründlicher Unterricht über die Tetralogie des
attischen Theaters, Leipzig 1859, 60-62.

WELCKER (1839) 512-522

1. Prolog. Sprecher ist der von Athene verwandelte Odysseus, (a) Allge-
meine Reflexionen über den Ehrgeiz des Mannes, (b) Vorgeschichte der
Handlung, (c) Anlaß seines Kommens, (d) Erste Begegnung Odysseus-
Philoktet. Philoktets anfängliche Feindseligkeit wandelt sich unter der
Beredsamkeit des Odysseus. Er nimmt Odysseus bei sich auf. Dion 59.
F 2 (Od.), F 3 (Od.), F 1 (Od.), F 4 (Od.), F 17 (Od.), F 9 (Ph.).
2. Parados. Der aus Lemniern bestehende Chor entschuldigt sich gegen-
über Ph. wegen seines bisherigen Fernbleibens. Dion 52,8 [Τ 11],
3. Krankheitsanfall des Ph. Währenddessen bringt Od. den Bogen an sich.
F 10 (Ph.), Dion 52,2 [Τ 26].
4. Auftritt einer Gesandtschaft aus Troja. Um Ph. fur sich zu gewinnen,
bieten sie Gold (F 15) an und die Herrschaft über Troja (Τ 21). Ph.
lehnt ihre Berufung auf ein Orakel ab (F 14). Od. gibt die Rolle eines
Feindes der Griechen auf und spricht gegen die Barbaren zugunsten
des griechischen Heeres (F 13). Er läßt damit die Maske fallen und
redet offen. Erst jetzt erfährt Ph. „zu seinem Schrecken", daß ihm der
Bogen abhanden gekommen ist. Nun tritt auch Diomedes, der sich
bisher versteckt gehalten hat, als Verstärkung der griechischen Seite auf.
Od. findet versöhnliche Worte für Ph. (F 19), und auch Ph. zeigt sich
verständigungsbereit (Dion 52,2 [Τ 26] mit Welckers Textänderung
έκών statt ακων). Den Versuch der Troer, Ph. durch Erinnerung an das
Unrecht des Od. und der Griechen von einer Verständigung abzubringen,
weist Od. zurück (F 16). So steht am Ende des Stückes die Versöhnung,
nachdem Od. den Bogen zurückgegeben hat und ein freundliches
Wettschießen veranstaltet worden ist, das Ph. als Sieger zeigte (Himerios
48,1 [Colonna]). Seine Zufriedenheit mit dem Ausgang des Geschehens
äußert Od. in F 21 (Welcker2 III 1586).

Zu 1: Während der Prolog nach Dion 59,1-4 weitgehend korrekt wieder-


gegeben wird (nur Dion 59,3 [Ρ 6,5f] ist mißverstanden) und Welcker
5. Geschichte der Wiedergewinnung 91

zutreffend auch F1 der Eröffnungsrede des Od. zugeordnet hat (513),


unterliegt die Zuweisung der ersten Begegnung von Od. und Ph. (Dion 59,
5-11) zu einer zweiten Szene des Prologs dem Beiträge 52ff. aufgezeigten
Irrtum, der die Philoktetforschung seit ihren Anfängen beherrscht.
Zu 2: Da Ph. noch nicht aufgetreten ist, kann sich der Chor in der
Parodos auch nicht ihm gegenüber für sein bisheriges Fernbleiben
entschuldigen. Aber auch unter der Voraussetzung von Welckers Zuordnung
des zweiten Teils der Paraphrase des Dion zum Prolog ist beim Einzug des
Chores die Orchestra leer; Ph. und Od. befinden sich im Innern der Höhle.
Zu 3: Die Verbindung von Krankheitsanfall und Bogendiebstahl ist
korrekt, die Einordnung des Vorgangs an dieser Stelle der Tragödie aber
stellt die Logik der Dramenhandlung auf den Kopf: Der Diebstahl des
Bogens muß am Ende der Handlung, nicht an ihrem Anfang stehen. Ein
Philoktet ohne Bogen ist für die Trojaner kein Verhandlungspartner, und die
Gesandtschaftsszene verliert insgesamt nach erfolgtem Diebstahl ihre
dramaturgische Funktion.
Zu 4: Abgesehen von der Kuriosität der Voraussetzungen dieser Szene
(weder die Trojaner noch Ph. selbst wissen, daß Od. inzwischen den Bogen
in seinen Besitz gebracht hat), rechnet Welcker mit einem Philoktet, der
dem Angebot der Trojaner von vornherein skeptisch bis ablehnend gegen-
übersteht (F 14 weist er Ph. zu.). Des Od. Eintreten für die griechische
Sache kann er sich nur vorstellen, wenn dieser seine „ Maske " aufgegeben
hat. Aber so einfach ist das nicht. Od. trägt keine Maske, die er ad libitum
auf- und absetzen könnte, sondern er ist von Athene an Stimme und
Aussehen verwandelt worden. Die Rückverwandlung verlangt einen
erneuten göttlichen Eingriff, der nicht auf der Bühne erfolgt sein kann
und einen markanten Handlungseinschnitt voraussetzt. Was Welcker zur
Versöhnung zwischen Ph. und Od. sagt, ist nicht ohne Komik und hat mit
Euripides nichts zu tun. Die Himeriosstelle kann sich nicht auf die Handlung
des euripideischen ,Philoktet' beziehen, da Ph.s Bereitschaft mitzukommen
nach Dion 52,2 auf der Zwangslage beruht, in die er durch den Verlust des
Bogens geraten ist (vgl. Τ27, Τ29 = Abb. 8). Die Rückgabe der Waffe kann
erst nach der Rückkehr ins Lager der Griechen erfolgt sein. Es hängt mit der
besonderen Konzeption des sophokleischen Dramas zusammen, wenn dort
dem Helden bereits vor der Rückkehr das Seine zurückerstattet wird. Zu
anderen Mißverständnissen hinsichtlich der Himeriosstelle bei Welcker (und
seinen Nachfolgern) vgl. Schneidewin 658ff. Die Rollen des Diomedes und
des Aktor im Rahmen der Tragödienhandlung bleiben bei Welcker funktions-
los. Insgesamt entspricht die Einteilung der Haupthandlung (nach der
Parodos) in zwei Epeisodien nicht den formalen Gesetzen der euripideischen
Dramenökonomie. - Welcker berücksichtigt erstmals das kurz zuvor von
Schneidewin publizierte F 21 (1839, 47. 55) und ordnet es sinnvollerweise
(mit Schneidewin 78) der Schlußszene zu. Weniger überzeugend ist freilich
seine Annahme, der Sprecher sei Od.
92 Einleitung

HÄRTUNG ( 1 8 4 3 ) 3 4 8 - 3 6 5

1. Prolog. Nach Dion 59, mit F 2/3, F 4, F 9 und unter Einbeziehung von
Accius Fr. XIII R.3 Am Ende gehen Od. und Ph. gemeinsam in Ph.s
Höhle.
2. Parados. Der lemnische Chor zieht in die leere Orchestra ein. Seine
Entschuldigung ist nicht an Ph. gerichtet. Sein Kommen ist durch die
Ankunft der Gesandtschaft aus Troja im Hafen von Lemnos motiviert. Er
möchte Ph. darüber informieren, ihn bei dieser Gelegenheit aber auch
kennenlernen. Accius Fr. XX. VIII.
3. Erstes Epeisodion. Auftritt der trojanischen Gesandten unter Führung des
Paris. Accius Fr. III (Paris). Nach dem Auftritt des Ph. Accius Fr. inc.
sed. XXI (Ph.), Fr. inc. sed. XIV (Ph.), Cie. de fin. 5,32 (Ph.), Fr. V (Ph.),
IX (Ph.). Die Aufforderung des Paris zum Bündnis mit Troja (Accius Fr.
X V I I ) nimmt Ph. „non solum benigne, sed etiam humiliter" an und lädt
Paris in seine Behausung ein (Accius Fr. XV. XIV). Hier greift Od. ein,
der bisher geschwiegen hat, reklamiert für sich wie für Ph. den gleichen
Status eines Opfers des Od. und der Atriden, verwirft aber eine Rache zu
Lasten des ganzen Heeres (F 13). Ph. läßt sich von Od. überzeugen, der
ihn nach Griechenland zurückzubringen verspricht. Daraufhin versucht
es Paris mit dem Versprechen von Geld und Macht (F 15). Von Od. be-
stärkt, weist Ph. auch dies zurück und wirft Paris seine Schuld am Kriege
vor (Accius Fr. XVIII). Daraufhin verlassen die Trojaner die Orchestra.
4. Erstes Stasimon. Lob für Ph.s edles Verhalten (Dion 52,14 [Τ 23]). Hier-
her gehören auch die Verse Accius Fr. II.
5. Zweites Epeisodion. Auftritt des Aktor als Krankenpfleger Ph.s, der die
Intervalle kennt, in denen ein Krankheitsanfall zu erwarten ist. Dieser
. stellt sich denn auch pünktlich ein: Accius Fr. XI (Aktor), XII (Ph.), F 10
(Ph.), Lukian Tragodopod. 22-29 (Ph.), Accius Fr. XIX (Ph.). Nachdem
der Anfall seinen Höhepunkt erreicht hat, fällt Ph. in Schlaf.
6. Zweites Stasimon. Der Chor fürchtet um Ph.s Leben (F 12).
7. Drittes Epeisodion. Od. vertraut sich Aktor und dem Chor an und bittet
um ihre Hilfe. Da auch sie Griechen sind, kann ihnen das Wohl des
Heeres nicht gleichgültig sein. Aktor bewundert die Kühnheit des Od.
(Accius Fr. IV. VII) und liefert ihm den Bogen aus oder läßt doch zu, daß
Od. ihn an sich nimmt. Aktor übernimmt es auch, Diomedes über den
erfolgreichen Fortgang der Dinge zu informieren.
8. Drittes Stasimon. Der Chor beklagt einerseits Ph. (F 6), zum anderen
bewundert auch er wie Aktor die Tüchtigkeit des Od. (Accius Fr. I).
9. Viertes Epeisodion. Nachdem Ph. aus seiner Ohnmacht aufgewacht ist,
betritt der von Aktor informierte Diomedes die Bühne und eröffnet Ph.,
5. Geschichte der Wiedergewinnung 93

daß er von den Griechen geschickt worden sei, ihn zurückzuholen. Als
Ph. vom Orakel des Helenos hört, Troja könne nur durch den Bogen des
Herakles eingenommen werden, sieht er darin einen Widerspruch zu dem
früheren Orakel, das seine Aussetzung auf Lemnos empfahl. Schelte
der Orakeldeuter (F 14) und anhaltender Zorn auf Od. (Accius Fr. XVI).
Diomedes mahnt Ph., seinen Groll aufzugeben und um des Vaterlandes
willen sich versöhnlich zu zeigen (F 19, F 17); der Bogen des Herakles
sei nicht dazu bestimmt, Vögel auf Lemnos zu jagen, sondern das
Vaterland zu verteidigen (Accius Fr. X). Ph. weigert sich, sich noch
einmal Gefahr und Unglück auszusetzen (TRF adesp. LXXIV R.3).
Schließlich erklärt er sich zur Rückkehr bereit, wenn Od. aus dem Heer
entfernt werde. Dieser, von Athene zurückverwandelt, übernimmt
plötzlich selbst seine Verteidigung (F 16). Am Ende gibt Ph. nach und
vergleicht sich mit einem Seemann, der bei einem Sturm nie mehr aufs
Meer zu fahren geschworen habe, aber nach glücklicher Landung doch
wieder hinausfahre (F 1, dies nach Matthiae 288). Die von Welcker
herangezogene Himeriosstelle 48,1 [Colonna] bezeugt auch für Härtung
ein Wettschießen zwischen Ph. und Od. als Besiegelung der Versöhnung.
Mit F 21 gibt der Chor seiner Zufriedenheit Ausdruck über diese
Wendung der Dinge. Ph.s Auszug aus der Orchestra (Accius Fr. XXI,
Lukian Tragodopod. 57. 59. 63. 65).

Hartungs Rekonstruktion der Dramenhandlung stellt erstmals den


Versuch dar, die erhaltenen Testimonien und Fragmente des ,Philoktet' der
Ökonomie einer euripideischen Tragödie mit vier oder fünf Epeisodien
anzupassen. Darüber hinaus zeigt er gegenüber Welcker eine höhere
Sensibilität für die dramaturgischen Wahrscheinlichkeiten des Sujets.
Dazu rechnet vor allem die Umkehr der Abfolge von Diebstahlszene und
Gesandtschafisszene, aber auch Ph.s anfängliche Bereitschaft, auf das
Angebot der Trojaner einzugehen. Zutreffend ist ferner die Annahme, daß
der Chor in die leere Orchestra einzieht, daß Od. im Verlaufe der
Gesandtschaftsszene verspricht, Ph. nach Haus zu bringen, und daß Dions
Hinweis auf die Aufforderung zur Tugend als bevorzugten Gegenstand der
Chorlieder (52,14) sich vor allem auf das Stasimon, das der Gesandt-
schaftsszene folgte, bezogen haben muß.
Zu 1: Ein grundsätzlicher Einwand gegen Hartungs Rekonstruktion
betrifft seine ungeprüfte Einbeziehung der Fragmente des Accius ungeachtet
der Tatsache, daß Härtung mit seiner Annahme, Euripides sei das Vorbild
des Accius gewesen, dem Richtigen auf der Spur war (Beiträge 260ff). -
Dion 59,5-11 gehört nicht mehr zum Prolog (Beiträge 52ff).
Zu 2: Vgl. Kommentar 340ff
Zu 3: Der Verlauf der Handlung ist im ganzen zutreffend beschrieben, im
einzelnen gibt es manches Korrekturbedürftige (Beiträge 112ff.). Vor allem
trat Paris nicht als Führer der Gesandtschaft auf.
Zu 4: Einleuchtend (s.o.).
94 Einleitung

Zu 5-9: Vom zweiten Epeisodion ab ist die Rekonstruktion ein Phanta-


sieprodukt ohne jede Plausibilität. Das angeblich früher an die Griechen
ergangene Orakel, Ph. auf Lemnos auszusetzen, ist eine Erfindung
Hartungs. Der Versuch, die Nebenrollen des Aktor und des Diomedes in die
Handlung zu integrieren, führt zu lauter Absurditäten, wie dem Kranken-
pfleger Aktor mit prognostischen Fähigkeiten, die jedem hippokratischen
Arzt zur Ehre gereichen würden, dem konspirativen Aktor, der den Freund
an einen Fremdling verrät, dem als Vermittler auftretenden Diomedes, der
vorübergehend die Führung des Geschehens in die Hand nimmt und Ph.
zumindest halb überzeugt, schließlich dem (auf offener Bühne?) von Athene
zurückverwandelten Od., der dann die letzte Überzeugungsarbeit leistet, so
daß Ph. sich über seine eigene Inkonsequenz mokiert (F1). Zu dem von
Welcker eingeführten einvernehmlichen Preisschießen vgl. oben S. 91.

BOTHE (1844) 280-290

Bothe verzichtet auf eine Rekonstruktion der Dramenökonomie, vor


allem auf eine Einordnung des Bogendiebstahls in die Handlung, macht aber
Angaben zu den Rollen einzelner Dramenpersonen und zur Sprechervertei-
lung der erhaltenen Fragmente. Die mit Valckenaer beginnenden Versuche,
aus der Paraphrase des Dion einzelne Verse des Originals zurückzuge-
winnen, erreichen ihren formalen Höhepunkt in Bothes .Rückübersetzung'
des gesamten Textes der 59. Rede (282-286). Eine erste Fassung hatte er in
Opuscula critica et poetica, Berlin 1816, 45ff. vorgelegt (überarbeitet in:
L. de Sinner, Sophoclis Philoctetes, Paris 1838, 9Iff.). Charakteristisch,
wenn auch ein Extremfall, ist die Auslassung des euripideischen Original-
verses F 9 zugunsten einer eigenen, aus Dion gewonnenen Versfassung
(V. 107f.). Wenn er 1816 das Fragment noch nicht aus Porsons Medea-
Kommentar kannte (30), 1844 mußte er es aus Matthiaes Fragment-
sammlung (Fr. III) kennen.
Der Chor besteht aus Geronten (287). Diomedes tritt ohne alle Heim-
lichkeit auf und kommt als offizieller Abgesandter Agamemnons und des
griechischen Heeres (280 Anm.). Die Trojaner werden nicht von Paris
geführt, sondern repräsentieren eine antipriamidische Opposition in Troja
(ebenda).
Die Fragmente werden folgenden Szenen zugewiesen, zu deren Abfolge,
auch wo sie sich nicht von selbst versteht, wenig gesagt wird:
1. Die beiden Szenen der Paraphrase des Dion (Monolog des Od. und die
erste Begegnung von Ph. und Od.) werden als Einheit genommen.
2. Ph. beklagt gegenüber dem Chor sein Elend und wünscht sich den Tod
herbei (F 10). Der Chor preist demgegenüber ein Leben in Muße zu
Hause fern der Geschäftigkeit des Kaufmanns und des Kriegers (F 6,
F 1). Ph. sei an seinem Schicksal selbst nicht ganz unschuldig.
5. Geschichte der Wiedergewinnung 95

3. Diomedes vor Ph. (F 17 ?).


4. Gesandtschaftsszene: Rede der Trojaner in Anwesenheit des Od., in der
sie Ph. über das Orakel des Helenos informieren und ihn durch kostbare
Geschenke dazu zu überreden suchen, mit nach Troja zu kommen (F 15).
Rede des Ph., in der er gegenüber den Trojanern die Zuverlässigkeit des
Helenosorakels anzweifelt. Er erhebt Vorwürfe gegen die Könige, die
sich wie Seher gerieren, indem sie sich ein Wissen über die Pläne der
Götter anmaßen (F 14). Daraufhin bieten ihm die Gesandten die
Herrschaft über Troja an (T21), so daß Ph. unsicher wird, ob er den
treulosen Gefährten von einst oder den freigiebigen Troern helfen soll.
Daraufgreift Od. ein (F 13, F 19, F 16).

5. F 21 aus der Rede des ausgesöhnten Ph.


Daß der Chor aus älteren Bewohnern der Insel Lemnos besteht, ist eine
plausible Vermutung, desgleichen, daß die Gesandtschaft aus Troja nicht
von Paris gefuhrt wird. Für die Annahme einer innertrojanischen Oppo-
sition gibt es jedoch keinen Grund (widersprüchlich 288). Zutreffend ist
das anfängliche Schwanken Ph.s gegenüber dem Angebot der Troer, doch
paßt dazu nicht die prinzipielle Kritik des Orakelwesens (F14), ist doch das
Helenosorakel die Grundlage des trojanischen Angebots. Zu Diomedes:
Wäre er so aufgetreten, wie Bothe annimmt, wäre unverständlich, warum
Ph. ihn hätte anders behandeln sollen, als den ihm völlig unbekannten
(weil verwandelten) Od. (Dion 59,6f. [P 10,7-26]). Von den evidenten
Zuordnungen abgesehen, ist die Sprecherverteilung problematisch bei F 1
(Chor), F17 (Diomedes), F 14 (Ph.), F 21 (Ph.).

WAGNER ( 1844) 400-412

Wagner schließt sich (ohne seinen Namen zu erwähnen) im wesentlichen


der von Härtung vorgenommenen Rekonstruktion der Dramenhandlung an.
In der Zuweisung der Fragmente geht er freilich eigene Wege. So klammert
er die Acciusfragmente aus. F 6 wird der Parodos (nicht wie bei Härtung
dem dritten Stasimon) zugeordnet; die Abfolge von F 13 und F 15 wird
vertauscht, F 19 und F 17 werden Od. (statt Diomedes) zugewiesen und
nach F 16 eingeordnet. Bei F 21 läßt Wagner die Frage offen, ob die Verse
vom Chor (Härtung) oder von Od. (Welcker) gesprochen werden. Die
Himeriosstelle 48,1 [Colonna] nimmt er als Fr. XV auf, einschließlich
des Welcker-Hartungschen Preisschießens am Ende des Dramas (oben
S. 91). Die Möglichkeit wird erwogen, daß Athene als Deus ex machina am
Ende des Stückes erschien und Ph. die Heilung von seiner Krank-
heit versprach (412). So bereits Schöll (oben S. 89). - Eine Wiederholung
von Sammlung und Anordnung der Fragmente sowie zugrundeliegender
Rekonstruktion und begleitendem Text in Wagner 2 (1846) 809-815.
96 Einleitung

Die vorgenommenen Änderungen sind nur teilweise sinnvoll (wie die


Zuweisung von F 19 und F 17 an Od. in der Schlußszene). Im übrigen gelten
die gleichen Vorbehalte und Einwände wie gegen die Rekonstruktion von
Härtung.

NAUCK (1856) 4 8 1 - 4 8 8

Nauck äußert sich zwar nicht zur Rekonstruktion der Dramenhandlung,


aber aus der Reihenfolge, in der er die Fragmente anordnet und die auch
in der zweiten Auflage von 1889 bis auf die Einfügung von Fr. 796 [F 13]
unverändert bleibt, läßt sich auf seine Vorstellungen der Handlungssequenz
schließen.
Die Paraphrase des Dion weist er, wie allgemein üblich, zur Gänze dem
Prolog zu, entsprechend Fr. 785, 786, 787, 788 [F 2-4, F 9]. Fr. 789 [F 6]
gehört dem Chor. Auch wenn Nauck nichts über die genaue Einordnung
sagt, muß er die Verse (wie Matthiae und Wagner) doch der ersten Dramen-
hälfte, wenn nicht dem ersten Drittel, zugewiesen haben, also der Parados
oder dem ersten Stasimon. Fr. 790 [F 10] gehört zur Selbstdarstellung des
Ph. gegenüber einer der Dramenpersonen oder dem Chor zwischen Parados
und dem Auftritt der Trojaner. Der gleichen Szene scheint Nauck auch
Fr. 791 [ F l ] zugeordnet zu haben. Fr. 792 und 793 [F 15, F 14] schließen
sich wieder zu einer einheitlichen Szene zusammen, und zwar der Begeg-
nung von Ph. und Od. mit der Gesandtschaft aus Troja. Das in der ersten
Auflage ausgeklammerte F 13 wird in der zweiten (1889) ausdrücklich
und zu Recht Ph. zugewiesen (Fr. 796). Ob Nauck Fr. 794 [F 16] noch
der Troerszene zurechnet (Welcker, Bothe) oder dem Schluß des Dramas
(Härtung, Wagner), ist nicht erkennbar. Fr. 795, 796, 797 [F 17, F 19, F 21]
gehören dann eindeutig zum letzten Teil der Tragödie. Auf eine Einordnung
von Fr. 798 [F 12] wird ebenso wie der Ein-Wort-Fragmente 799 und 800
[F 22, F 23] verzichtet.
Insgesamt ist es eine behutsame Anordnung, wenn auch im einzelnen,
wie beim Stand der Überlieferung nicht anders zu erwarten, vieles
problematisch bleibt.

PETERSEN (1862)

1. Prolog. Nach Dion 59 mit F 2-4 und F 9.


2. Erstes Epeisodion. Od., den Ph. am Ende des Prologs als Gastfreund
aufgenommen hat, bezweifelt Ph.s Bogenkunst und brüstet sich mit
seiner eigenen Fertigkeit im Bogenschießen. Indem er Ph. zu einem
Wettschießen provoziert, gelangt der Bogen in seine Hände. Darauf
gibt sich Od. zu erkennen in der Erwartung, daß Ph. in der Einsicht,
ohne den Bogen nicht überleben zu können, zur Versöhnung bereit sei.
5. Geschichte der Wiedergewinnung 97

Ph. aber, erneut getäuscht, will lieber sterben als mitkommen. Der ein-
tretende Krankheitsanfall ist eine Folge von Wut und Verzweiflung. Ehe
Od. die Orchestra verläßt, kündigt er an, daß er zusammen mit Diomedes,
der ihn nach Lemnos begleitet habe, wiederkommen werde, um Ph. mit
oder gegen seinen Willen ins Lager der Griechen zurückzubringen.
3. Erstes Stasimon. Der Chor äußert sein Mitempfinden über das, was Ph.
soeben widerfahren ist (F 6). Den bewußtlos am Boden Liegenden hält
er für tot (F 12).
4. An das Standlied des Chores schließt sich eine Monodie des aufgewach-
ten Ph. oder ein Amoibaion zwischen Ph. und Chor an.
5. Zweites Epeisodion, erste Szene. Auftritt des Aktor. Ph. klagt dem lemni-
schen Freund sein neues Unglück. Dieser informiert ihn über die Ankunft
der Gesandtschaft aus Troja. Ph. fürchtet das Schlimmste; er scheint
nur die Wahl zwischen zwei Übeln zu haben: unbewaffiiet in die Hände
der trojanischen Feinde zu fallen oder sich den verhaßten Griechen
auszuliefern.
6. Zweites Epeisodion, zweite Szene. Auftritt der Trojaner unter Führung
des Paris. Die vermeintlichen Feinde erweisen sich wider Erwarten als
freundlich gesonnen und machen ihre verlockenden Angebote (F 15).
Doch Ph. zeigt sich edel und standhaft. Er betont seine Solidarität mit
dem griechischen Heer, auch wenn ihm Od. und die Atriden verhaßt
seien (F 13). In diesem Augenblick kehrt Od. zusammen mit Diomedes
(als κ ω φ ό ν πρόσωπον) zurück. In einem Redeagon zwischen Paris
und Od. vor Ph. wirft der Troer Od. sein an Ph. begangenes Unrecht vor.
Die Erwiderung des Od. wird mit F 16 eingeleitet. Ph. zeigt sich von den
Argumenten keiner der beiden Parteien überzeugt, macht aber Paris klar,
daß er auf gar keinen Fall auf die Seite der Trojaner überwechseln werde.
Diese reisen daraufhin ab. Gegenüber Od. und Diomedes zieht Ph.
die Wahrheit des Helenosorakels in Zweifel (F 14). Der Versuch des Od.,
Ph. umzustimmen (F 19), hat keinen Erfolg. Erst durch das Erscheinen
Athenes als Deus ex machina und deren autoritative Zusage kommt
es zur Versöhnung und Zustimmung Ph.s. Der Chor äußert seine
Zufriedenheit über die Lösung des Konflikts (F 21).

Petersens Dissertation ist eine kritische Auseinandersetzung mit Welcker


und Härtung, aber er kommt nicht über Modifikationen der von diesen
vorgegebenen Positionen hinaus. So berechtigt seine Kritik im einzelnen ist,
so -wenig bringt sie die Rekonstruktion des ,Philoktet' voran. Gegenüber
Härtung ist seine Rückkehr zu Welckers Zwei-Epeisodien-Drama und dessen
Plazierung der Krankheits- und Diebstahlszene vor dem Auftreten der
Gesandtschaft aus Troja ein entschiedener Rückschritt. Auch der Gedanke
des Wettschießens wird in Petersens neuer Version nicht überzeugender
als bei Welcker und Härtung. Der Vorschlag einer Klage-Monodie des Ph.
98 Einleitung

oder eines Kommos zwischen Ph. und dem Chor nach Ph. s Erwachen ist
bedenkenswert, in seiner Verbindung mit dem voraufgehenden Stasimon
aber unorganisch eingefügt. Aktor und Diomedes bleiben für die Dramen-
handlung funktionslos, beide könnten ebensogut fehlen. Der Troerszene fehlt
jede Spannung, da Ph. schon von vornherein auf Solidarität mit den Grie-
chen festgelegt wird. Der ganze Aufwand ist dramatisch wirkungslos. Die
Riickverwandlung des Od. hat keinen erkennbaren Platz in der Ökonomie
des Dramas; bei Petersen findet sie gar nicht statt. Gegen Athene als Deus
ex machina Beiträge 30 Anm. 75; 49.

RIBBECK ( 1 8 7 5 ) 3 7 7 - 4 0 1

Ribbeck kehrt zu Hartwigs These zurück, daß der Philoktet des Euripides
für Accius die Vorlage seines Philocteta gewesen sei, wenn auch nicht die
alleinige (377). Da es ihm jedoch primär um die Wiedergewinnung des
römischen Dramas geht, verzichtet er zu Recht (im Unterschied zu Härtung)
weitgehend darauf, die Acciusfragmente zur Rekonstruktion der Handlung
der euripideischen Tragödie heranzuziehen (Ausnahme 389), und sucht die
Übereinstimmungen im allgemeinen aus dem, was sich aus den Testimonien
zu Euripides erschließen läßt, wahrscheinlich zu machen. Er sieht auch von
einer Nachzeichnung der Ökonomie des griechischen Dramas als Ganzen ab
und äußert sich nur zu einzelnen wichtigen Punkten der Handlung.
Die Andersartigkeit der Handlungseröffnung in beiden Dramen wird
anerkannt, die Möglichkeit einer Euripidesnachfolge des Römers in der
Szene der ersten Begegnung des Od. mit Ph. wird aber dadurch gerettet, daß
Dion 59,5-11 nicht dem euripideischen Prolog, sondern einem der folgenden
Epeisodien zugerechnet wird (383). Obgleich Ribbeck von einem Beweis
seiner These absieht, hat er damit, was die Ökonomie der griechischen
Tragödie angeht, intuitiv das Richtige getroffen (Beiträge 52ff.). Zwischen
Prolog und der Begegnung mit Ph. setzt er ein informierendes Gespräch des
Od. mit Aktor an, den er (nach Hygin, Fab. 102) für den König der Lemnier
hält, oder mit dessen Hirten Iphimachos (380).
Im Hinblick auf die Troergesandtschaft, über die Od. schon vor seiner
Landung auf Lemnos informiert ist (Dion 59,4), nimmt Ribbeck an, daß der
Wissensvorsprung in der Weise genutzt wurde, daß Od. den Bogen schon
vor der Ankunft der Trojaner an sich brachte. Aus Dion 52,10 glaubt er
schließen zu können, daß die Intrige besonders aufwendig war und sich
„kleinlicher Berechnung" bediente (387); unter anderem rechnet er mit einer
Einbeziehung des „König Aktor", der, eingeweiht oder wie Ph. getäuscht,
eines seiner Schiffe zur Verfügung zu stellen bereit war, auf das Ph. im
Vertrauen auf seine Freundschaft mit Aktor gelockt werden sollte. Vielleicht
war dies aber auch nur vorgetäuscht und sollte Ph. in Wirklichkeit auf
das Schiff des Od. gebracht werden (388). Doch ehe es dazu kommt, macht
5. Geschichte der Wiedergewinnung 99

ein Krankheitsanfall den ausgeklügelten Plan zunichte; dafür schafft die


veränderte Situation die Möglichkeit, dem in Schlaf gesunkenen Ph. den
Bogen zu stehlen.
Inzwischen ist die Gesandtschaft aus Troja eingetroffen. Diomedes, der
sich bisher versteckt gehalten hat (384), meldet ihre Ankunft auf Lemnos.
Od., nunmehr im Besitz des Bogens, kann die „Maske" fallen lassen; Ph. ist
entsetzt, als er den Todfeind vor sich sieht. Die Aufforderung, ins Lager der
Griechen mitzukommen, lehnt er ab. In diesem Augenblick treten die Troja-
ner auf. In einem „Handgemenge oder irgendwie" gelingt es ihnen, Od. oder
Diomedes den Bogen und die Pfeile wieder abzunehmen (390). An den
folgenden Rededuellen beteiligte sich vermutlich auch Diomedes, dessen
„einfachere, ritterliche Denkungsart" der Mentalität des Ph. angemessener
war als die des ihm wesensfremden Od. Von den erhaltenen Fragmenten
weist Ribbeck F 15 dem Sprecher der Trojaner und F 16-19 dem Od. zu
(3 91 f.).
Ph. verharrt zunächst in Schweigen, dann kritisiert er Od. mit F 14 und
erteilt den Trojanern mit F 13 eine Abfuhr. Am Ende aber versöhnt er sich
zuerst mit Diomedes, dann auch mit Od. (393f.). Der Chor bringt in F 21
seine Erleichterung über die erfolgte Verständigung zum Ausdruck. Einen
Deus ex machina gab es nicht.
Ribbecks Beitrag zur Wiedergewinnung des euripideischen Dramas ist
von unterschiedlicher Qualität. Zutreffend ist seine Abtrennung von Dion
59,5-11 vom Prolog (Dion 59,1-4) und die Annahme, daß zwischen beiden
Szenen der Auftritt eines lokalen Informanten erfolgt sein müsse. Das
gleiche gilt von der Annahme, daß Diomedes sich bis zum Diebstahl des
Bogens versteckt gehalten habe, was ähnlich schon Welcker so gesehen
hatte. So berechtigt auch Ribbecks These ist, daß die Tragödie des Euripides
die Hauptvorlage des Accius gewesen sei, so ist sie doch seiner Rekon-
struktion sowohl des euripideischen ,Philoktet' wie auch des römischen
Dramas wenig hilfreich gewesen (Beiträge 260ff). Verdienstlich ist die
Einbeziehung der etruskischen Urnenreliefs aus Volterra, die bis dahin auf
den .Philoktet' des Sophokles zurückgeführt wurden (Beiträge 122ff. 184ff.).
Doch spricht wenig für Ribbecks Annahme, die Reliefs verdankten ihre
Kenntnis des euripideischen Dramas dem Philocteta des Accius (Beiträge
128 Anm. 79).
Richtig, wenn auch nicht neu, ist die Verbindung von Bogendiebstahl
und Krankheitsanfall sowie der Verzicht auf einen Deus ex machina. Alles
andere ist abwegig, wie der „König" Aktor als Freund des Ph. (aber dann
auch wieder Aktor als Komplize des Od.) oder die aufwendige Intrige zur
Entführung von Ph. und Bogen vor dem Eintreffen der Trojaner oder die
Schlußfolgerung, die Troer hätten den Bogen Od. und Diomedes erneut
abgejagt. (Warum, muß man fragen, haben sie ihn nicht gleich selbst behal-
ten und so die Eroberung ihrer Stadt verhindert?) Auch das Fallenlassen
der „ Maske " durch Od. ist leichter gesagt als getan, da es sich um eine von
100 Einleitung

Athene bewirkte Verwandlung handelt. Welcker war der gleichen gegen die
Dramaturgie der Tragödie verstoßenden suggestiven Vermutung Schölls
erlegen, und auch der Philoktet, der am Ende aus „Nationalstolz " und
„edlerem Selbstgefühl" (393) die Troer nach Hause schickt und sich mit
Diomedes und Od. aussöhnt, ist eine simplifizierende Variation der Deutung
Schölls bei Welcker.

MILANI ( 1 8 7 9 ) 3 3 - 4 1

1. Prolog. Dion 59; F 2-4, F 9.


2. Parados. Dion 52,7. F 6
3. Erstes Epeisodion, erste Szene. Dialog Ph.-Chor. Ph. wiederholt vor dem
Chor die Geschichte seiner Leiden.
4. Erstes Epeisodion, zweite Szene. Auftritt der trojanischen Gesandtschaft
unter Führung des Paris. Der nach Örtlichkeit und Verbleib des Ph.
befragte Chor verweist die Troer an den anwesenden Ph. In einer länge-
ren Rede sucht Paris Ph.s Haß gegen die Griechen zu schüren und ihn
durch Geschenke und Versprechungen zum Mitkommen nach Troja zu
bewegen (F 15). Als Ph. sich nicht abgeneigt zeigt, darauf einzugehen,
greift Od. ein (F 13), appelliert an Ph.s Patriotismus, empfiehlt sich selbst
als Beispiel und bringt Ph. dazu, das Angebot der Trojaner abzulehnen.
5. Erstes Stasimon. Der Chor rühmt die Tugend des Ph.
6. Zweites Epeisodion. Auftritt des Aktor, der weiß, daß Ph. in bestimmten
Abständen von einem Anfall seiner Krankheit heimgesucht wird. Kurzer
Dialog zwischen Aktor, Od. und Ph., der erste Anzeichen des Krank-
heitsanfalls zeigt (F 10). Als er bewußtlos niedersinkt, hält ihn der
Chor für tot (F 12). Od. und Aktor bemühen sich um den Bewußtlosen.
Währenddessen gibt Od. Diomedes, der sich in seiner Nähe aufhält, einen
Wink, und während die andern mit dem Kranken beschäftigt sind, bringt
dieser heimlich den Bogen an sich.
7. Zweites Stasimon. Der Chor äußert Bedenken und Beunruhigung über
das, was sich soeben ereignet hat.
8. Drittes Epeisodion. Ph. erwacht aus seiner Bewußtlosigkeit und sieht vor
sich Od. im Besitz des Bogens. Ph. fordert den Bogen zurück, Od. aber
läßt nunmehr die Maske fallen und klärt Ph. über das Geschehene auf.
Ph.s Zornausbruch erträgt er mit Gelassenheit (F 16) und eröffnet ihm
den wahren Zweck seines Kommens. Nach anfänglichem Sträuben (F 14)
läßt sich Ph. von den Argumenten des Od. (F 17, F 19) überzeugen. So
kommt es am Ende zu einer Versöhnung Ph.s mit Od. und den Griechen.
9. Drittes Stasimon. Der Chor lobt die vornehme Gesinnung Ph.s.
5. Geschichte der Wiedergewinnung 101

10. Exodos. Athene erscheint als Deus ex machina und besiegelt den ver-
söhnlichen Ausgang des Dramas. Der Chor zeigt sich zufrieden (F 21).
Verdienstlich ist Milanis Übernahme der realistischen Einschätzung der
Troerszene durch Härtung: die Notwendigkeit, daß Ph. noch im Besitz des
Bogerts sein muß (der Bogendiebstahl also erst nach der Gesandtschafts-
szene erfolgt sein kann), sowie Ph. s anfängliche Bereitschaft, auf das
verlockende Angebot aus Troja einzugehen. Durch Milanis Vermittlung
werden diese Einsichten an Wecklein (1888), Jebb (1890) und Séchan
(1926) weitergegeben. Auch die Beziehung von Dion 52,14 vor allem auf
den Inhalt des auf die Troerszene folgenden Stasimons ist sicher richtig.
Insgesamt ist Milanis Rekonstruktion um eine Gliederung der Handlung in
Übereinstimmung mit dem Aufbauschema einer attischen Tragödie bemüht.
Zu 1: Beiträge 52ff.
Zu 2: F 6 setzt einen fortgeschritteneren Informationsstand des Chores
über Ph. voraus, als er ihn nach Milani zu diesem Zeitpunkt haben kann.
Zu 3: Die Wiederholung dessen, was Ph. ausführlich bereits im Prolog
über sein Schicksal erzählt haben soll, ergibt eine unzulässige Doppelung.
Die (irrige) Zuordnung von Dion 59,5-11 zum Prolog und die postulierte
erste Szene nach der Parodos bedingen sich gegenseitig und schließen
gleichzeitig einander aus.
Zu 4: Zu Paris als Sprecher der Gesandtschaft (nach Härtung) Beiträge
H6f
Zu 6: Aktor in der Rolle des Medicus prognoscens und die Verbindung
seines Auftritts mit dem erwarteten Herankommen von Ph.s periodisch
auftretendem Krankheitsanfall übernimmt Milani von Härtung. Beides hat
nichts mit Euripides zu tun, ebensowenig die Degradierung des Diomedes
zum κωφόν πρόσωπον. Im übrigen bleibt unklar, wo Diomedes sich bisher
aufgehalten hat und wie er plötzlich auf einen Wink des Od. zur Stelle sein
kann. Daß er die ganze Zeit als Begleiter in dessen Nähe gewesen wäre,
wird durch Dion 59 ausgeschlossen.
Zu 8: Wie viele vor ihm spricht Milani vom , Fallenlassen der Maske ' des
Od. Das ist aus den schon mehrmals genannten Gründen auszuschließen.
Es muß eine Rückverwandlung durch Athene gegeben haben. Sie fand im
außerszenischen Raum statt.
Zu 10: Es gab keinen Deus ex machina in der Schlußszene (Beiträge 30
Anm 75; 49).

V. ARNIM (1882) 101-106

1. Prolog, erste Szene. Odysseus spricht den Eingangsmonolog. Als er Ph.


(und Aktor) herankommen sieht (Dion 59,5), versteckt er sich, um eine
günstige Gelegenheit für die Begegnung mit Ph. abzuwarten.
2. Prolog, zweite Szene. Ph. und Aktor treten gemeinsam auf. Ph. erzählt
102 Einleitung

sein Schicksal, Aktor berichtet von der Absicht der Lemnier, Ph. aufzu-
suchen, um ihm zu helfen; er selbst habe sie dazu veranlaßt.
3. Parados. Einzug des Chores. Er richtet die Entschuldigung wegen seines
langjährigen Säumens direkt an Ph., der während der Parados auf der
Bühne anwesend ist.
4. Erstes Epeisodion. Begegnung Ph.s mit Od. (Dion 59,6ff.).
Arnims Bemühungen um die Wiedergewinnung des euripideischen
Originals beschränken sich auf eine Analyse von Dions 59. Rede, also auf
den Anfang der Tragödie mit Prolog und Parodos. Die Zuordnung von Dion
59,6-11 zum ersten Epeisodion ergibt sich dabei von selbst als notwendige
Schlußfolgerung. Sie wird, wenn ich richtig sehe, nicht einmal ausdrücklich
ausgesprochen. Arnim kommt zu Recht zu dem Ergebnis, daß der kaiserzeit-
liche Autor keine vollständige Wiedergabe des euripideischen Textes beab-
sichtigte, sondern Kürzungen vornahm (wie die Erwähnung des Diomedes)
und ursprünglich Getrenntes verband. Erstmals gibt er Ribbecks zutreffen-
der Vermutung, die zweite Szene der Paraphrase Dions sei kein Bestandteil
des Prologs, eine einleuchtende Begründung: In keiner der Tragödien des
Euripides beginne die eigentliche Dramenhandlung bereits im Prolog (103).
Arnims weitere Argumentation geht zwar von der zutreffenden Überle-
gung aus, daß der Zuschauer seine ersten Informationen über Ph.s jetzige
Lage nicht erst in der Hauptszene mit Ph. und Od. erhalten dürfe, verknüpft
sie aber mit der falschen Schlußfolgerung aus Dion 52,7 (Ρ 9), der Chor
müsse die Entschuldigung für seine langjährige Vernachlässigung des kran-
ken Fremden gegenüber Ph. selbst vorgebracht haben (Kommentar S. 340).
Konsequenterweise setzt Arnim Ph.s ersten Auftritt in einer zweiten Prolog-
szene an, für die er in Dion 59,5 eine Bestätigung zu finden glaubt. Darauf
sich zu berufen ist aber fatal, weil 59,5 ganz sicher den unmittelbaren Über-
gang zur Begegnung Od.-Ph. darstellt, üm das ünikum zweier aufeinander
folgender Monologe im Prolog zu vermeiden, bereichert Arnim die von ihm
postulierte Philoktetszene im Prolog um die Person des Aktor. Der gemein-
same Auftritt von Ph. und Aktor (wo und wieso hat man sich eigentlich
unterwegs getroffen?) ist aber dramaturgisch ebenso überflüssig wie
unmotiviert. Für Arnim hat Aktor lediglich die Funktion, das selbstge-
schaffene Dilemma eines zweiten Expositionsmonologs loszuwerden. Da Ph.
über sich selbst Auskunft geben kann, bleibt für Aktor - so die Erfindung
Arnims - nur die Ankündigung vom baldigen Kommen der Lemnier. Eine
solch erklärende Vorankündigung des Chores gibt es in keiner erhaltenen
Tragödie des Eurípides. Als einzige Begründung für die Existenz einer
Dramenperson ist sie allemal zu dürftig. Damit ist Arnims Rekonstruktion
des Drameneinganges, scharfsinnig wie sie ist, gleichwohl hinfällig. Ihre
Schwächen dürften mit dafür verantwortlich sein, daß auch das Richtige,
das sie enthält, wenig Beachtung gefunden hat. - Kurzfassung in Arnim
(1898) 164f.
5. Geschichte der Wiedergewinnung 103

WECKLEIN ( 1 8 8 8 , 2 1 8 9 1 ) 1 2 7 - 1 3 9 , 9 - 1 3

1. Prolog. Nach Dion 59. Wecklein kehrt trotz Ribbeck zum Zwei-Szenen-
Prolog zurück (127f.): (a) Monolog des Od. mit F 2-4, einschließlich
der Mitteilung, daß Diomedes mit nach Lemnos gekommen sei, sich
versteckt halte und zu gegebener Zeit als Kaufmann verkleidet auftreten
werde, (b) Begegnung von Od. und Ph.
2. Parodos. Nach Dion 52,7. Unklar bleibt, ob Wecklein während des
Einzugsliedes des Chores Ph. anwesend sein läßt.
3. Erstes Epeisodion, erste Szene. Ph. unterrichtet den Chor über seine
Lage. Dabei erzählt er ihm auch von der Hilfe des Hirten Aktor, den
Wecklein nicht für eine Rolle des Dramas hält (21891, 12).
4. Erstes Epeisodion, zweite Szene. Auftritt der von Paris angeführten
Gesandtschaft. Od. ist anwesend. Nach anfänglichem Schweigen greift er
mit einer Rede ein, aus deren Anfang F 13 erhalten ist. Zu seiner Polemik
gegen Paris gehört F 16, wie Wecklein aus Accius Fr. XVIII R.3 sowie
den Volterraner Urnenreliefs mit Ph. und den Gesandten aus Troja glaubt
erschließen zu können (dies nach Ribbeck). Derselben Rede wird auch
die patriotische Parainese F 17 zugewiesen.
5. Zweites Epeisodion. Nachdem die Trojaner unverrichteter Dinge abge-
zogen sind, erfolgt der von Od. angekündigte Auftritt des Diomedes als
Handelsmann (F 1). Er erzählt Ph. von den Ereignissen vor Troja, unter
anderem auch von dem Orakel des Helenos, und erklärt sich auf Bitten
des Ph. und Od. bereit, beide auf seinem Schiff nach Griechenland
mitzunehmen (21891, 13). F 14 gehört zur ironischen Reaktion des
Ph. auf den Bericht über die Vorkommnisse im Lager der Griechen.
Insgesamt ist der Auftritt des falschen Kaufmanns eine Vorwegnahme
der Emporosszene im Philoktet des Sophokles.
6. Drittes Epeisodion. Im Innern der Höhle wird Ph. von einem Krankheits-
anfall heimgesucht. Während Od. den Kranken pflegt, stiehlt Diomedes
den Bogen. Der heraustretende Diomedes berichtet darüber (138).
7. Viertes Epeisodion. Der Beredsamkeit des Od. gelingt es, das geschehene
Unrecht vergessen zu machen und die Versöhnung mit Ph. herbeizufuh-
ren (F 19). Am Ende des Dramas trat ein Deus ex machina (vermutlich
Athene) auf. Darauf nimmt F 21 Bezug.

Zutreffend ist Weckleins Entscheidung für die Abfolge Troerge-


sandtschaft - Bogendiebstahl (nach Härtung und Milani). Neu ist seine
Vermutung, daß der Hergang des Diebstahls Gegenstand eines Berichts des
aus der Höhle kommenden Diomedes gewesen sei. Weckleins Begründung
ist freilich unzureichend (Kommentar S. 415f).
Die Rückkehr zur Opinio communis, Dion gebe in der 59. Rede insge-
104 Einleitung

samt den Inhalt des euripideischen Prologs wieder, ist angesichts des
Fehlens einer einleuchtenden Begründung bei Ribbeck zwar verständlich
(Arnims Stellungnahme scheint Wecklein nicht zu kennen), Weckleins eigene
Rechtfertigung, Dion 59,5 trage „so sehr dramatisches Gepräge", daß eine
Trennung der beiden Szenen ausgeschlossen sei (127), ist aber alles andere
als beweiskräftig. Mit Dion 59,5 setzt in jedem Fall eine neue Szene ein,
deren .Dramatik' für sich selbst steht und keine Schlüsse erlaubt auf eine
bestehende oder nicht bestehende Verbindung von 59,5ff. mit 59,1-4. Daß
man beide Szenen miteinander verbinden konnte, lehrt Dion, daß sie auch
bei Euripides verbunden waren, ist eine reine Hypothese (Beiträge 52ff.).
Die Eliminierung des Aktor aus dem Kreis der auftretenden Dramen-
personen ist zwar nach den unbefriedigenden Versuchen der Vorgänger,
Ph. s lemnischem Freund eine dramaturgisch sinnvolle Funktion zuzuweisen,
verständlich, ist aber mit Dion 52,8 nicht vereinbar.
Des weiteren hat Wecklein zwar richtig gesehen, daß Od. im Prolog
irgendetwas über seinen Gefährten Diomedes gesagt haben muß, doch daß
er dessen Auftritt als verkleideten Kaufmanns angekündigt habe, verlängert
nur die Kuriositätenliste der Rekonstruktionsgeschichte. Das Verwand-
lungsmotiv ist an Od. vergeben und nicht wiederholbar, wie Wecklein von
Ribbeck (384) hätte lernen können. Doch wird eine solche Motiwerdopp-
lung nicht nur aufgrund der dramatischen Ökonomie ausgeschlossen, auch
die innere Wahrscheinlichkeit steht dagegen, um derentwillen Euripides das
Wunder der Verwandlung des Od. durch Athene in Kauf genommen hatte.
Neben dem Äußeren läßt er die Göttin dabei auch die Stimme verwandeln,
wohlwissend, wie individuell und verräterisch die menschliche Stimme ist.
Was aber für Od. Geltung hatte, kann bei Diomedes, der Ph. von früher so
bekannt ist wie Od., nicht suspendiert sein. Doch damit nicht genug, der
verwandelte Diomedes macht die Rolle des Od. insgesamt überflüssig.
Diomedes soll, so will es Wecklein, das leisten, was Od. nach den Voraus-
setzungen seiner Lügengeschichte (Dion 59,10) nicht leisten kann, Ph. ein
seetüchtiges Schiff anbieten, um ihn angeblich nach Griechenland, in
Wirklichkeit aber nach Troja zu bringen. Doch warum trat dann Od. über-
haupt auf und nicht gleich Diomedes? Und vor allem, was veranlaßte Od.,
nicht selbst die Rolle des falschen Schiffspatrons zu übernehmen?
Die Rolle des Deus ex machina übernimmt Wecklein von Petersen,
Ribbeck und Milani. Insgesamt ergibt sein Rekonstruktionsentwurf keine in
sich stimmige Dramenökonomie. Auch hinsichtlich der Zuordnung strittiger
Fragmente überzeugt keiner seiner eigenen Vorschläge.
5. Geschichte der Wiedergewinnung 105

STILLSTAND UND SKEPSIS ( 1891 -1967)

Weckleins Rekonstruktionsentwurf bleibt bis auf weiteres der letzte ei-


genständige Versuch einer Wiedergewinnung des euripideischen Philoktet25.
D a s nächste dreiviertel Jahrhundert der Forschung ist dadurch bestimmt, daß
man sich entweder aus dem Reservoir der vorhandenen Entwürfe ad libitum
bedient oder aber die Möglichkeit einer Rekonstruktion mit grundsätzlicher
Zurückhaltung ansieht 2 6 . Sich auf eine Wiederherstellung des Ganzen
einzulassen wird eine Angelegenheit von Schulprogrammen. Dabei schließt
sich N e u m a n n ( 1 8 9 3 ) im wesentlichen Welcker (ergänzt aus Ribbeck) an 2 7 ;
Meitzer ( 1 9 0 7 ) kombiniert Wecklein mit Härtung, Ribbeck und Arnim 2 8 .
Meist begnügt man sich jedoch mit der Berücksichtigung von gesicherten
oder für sicher gehaltenen Teilaspekten der Dramenhandlung. Dazu gehört
vor allem der Prolog in der Paraphrase des Dion, ferner der durch Dion
bezeugte Auftritt einer Gesandtschaft aus Troja und schließlich Philoktets
vermeintliche patriotische Wende als Abschluß des Stücks 2 9 . Selbst Skepti-

25
Jebb (1890, 2 1898) XV-X1X schließt sich nach einer ausfuhrlichen Wieder-
gabe des Prologs (nach Dion 59) fur den eigentlichen Handlungsverlauf der Tragödie
Milani an. Nur bei der Frage des Deus ex machina bleibt er skeptisch (XVIII).
26
Vgl. O. Gruppe, Griechische Mythologie und Religionsgeschichte I, Mün-
chen 1906, 685 Anm. - Verachtung des Stücks aus Unkenntnis bei W. v. Christ -
W. Schmid, Geschichte der griechischen Litteratur I, München 5 1908, 320; 323 mit
Anm. 1.
27
Neumann 12-18. Aus Ribbeck stammt die Idee eines doppelten Bogendieb-
stahls (Neumann 15, vgl. dazu Beiträge 113 Anm. 18).
28
Meitzer 7-13. In vielen Punkten seiner Rekonstruktion folgt Meitzer Weck-
lein, einschließlich der Diomedes zugewiesenen Rolle als verkleidetem Kaufmann
(10f., zustimmend K. Löschhorn, WKlPh 24 [1907] 1110). Auf Arnim geht die
Parodos in Anwesenheit Ph.s (9) sowie Aktor als derjenige, der den Besuch des
Chores bei Ph. veranlaßt hat (8), zurück, auf Ribbeck die Einfügung eines ersten
Epeisodions mit Aktor (11) und die Ablehnung eines Deus ex machina am Ende des
Stücks (13), auf Härtung im wesentlichen der Ablauf der Troerszene (1 lf.). - J. Sulc,
Studie o Filoktetu Aischylovë, Euripidovë a Sofokleovë. Programm Neubudweis
1888, und J. Zeman, O Filoktetu Aischylovë a Euripidovë: Ceské Museum
Filologické 4 (1898) 115-146, waren mir nicht zugänglich (zitiert bei Luzzatto 106
Anm. 24; 99 Anm. 6).
29
Robert (1923) 1209-1212: Aktor meldet die Ankunft der Trojaner auf
Lemnos (Petersen), die Gesandtschaftsszene verläuft nach Härtung und Milani,
Auflösung des Dramenkonflikts wie Milani (aber ohne Deus ex machina). -
Geffcken (1926) 184: „der freie, edle Entschluß des heiß Umworbenen löste zuletzt
den Konflikt." - Pohlenz (1930) 272: „Aber als dann eine Gesandtschaft der Troer
Philoktet durch Angebot der Königskrone auf ihre Seite zu ziehen sucht, kann er
[Odysseus] sich nicht halten, wirft die Maske ab ... Und gerade daß der Kluge die
106 Einleitung

ker, wie die beiden Wilamowitz, stehen hier nicht zurück. Obgleich Tycho
v. Wilamowitz (1913/1917) den Handlungsablauf des Dramas für nicht
rekonstruierbar hält30, ist er sich beim Verlauf der Troerszene doch sicher,
daß sie „die Auflösung des Konflikts gebildet haben muß", daß Odysseus,
als er das Wort ergriff (F 13), „den Betrug aufgab" und daß Philoktet am
Ende aus „ganz freiem Entschluß" den Griechen folgte 31 . Das ist die Dra-
menkonzeption Welckers, und in ihrem Sinne ist es auch, wenn der Jüngere
Wilamowitz einen Diebstahl des Bogens nach diesem Ausgang der Gesandt-
schaftsszene für sinnwidrig erklärt. Die eigentliche Intrige des Odysseus
müsse vorausgegangen sein, doch - anders als bei Welcker - ohne daß sie
zum Ziel geführt habe. Das ist eine Neufassung des Ribbeckschen Versuchs,
die Szenenfolge Welckers zu retten32: statt eines doppelten Diebstahls nun
gar kein Diebstahl des Bogens! Damit wird auch Philoktets Krankheitsanfall
überflüssig. Auch den hat es bei Euripides nicht gegeben 33 . Es ist schon
erstaunlich, wie dieses gänzlich gegen die Überlieferung verstoßende Dra-
menkonstrukt das wissenschaftliche Überleben von Welckers Handlungs-
entwurf für die nächsten fünfzig Jahre gesichert hat34. Der Ältere

Klugheit vergißt, scheint den Ausschlag gegeben zu haben. Der Appell an das
Hellenengefuhl verfehlte die Wirkung nicht. Philoktet unterlag nicht wie Medea
seinem Dämon, überwand, so schwer es ihm wurde, seinen Groll, verhalf den
Griechen zum Siege." (Vgl. 345: „ ... und um des höheren Zweckes willen sich
in den Dienst seines Volkes stellte"). Fast unverändert übernommen 2 1954, I 264
(325). - Auch W. Schmid, GGL I 3 (1940) 374f., läßt den Sinneswandel des
Philoktet unmittelbar aus der Troerszene hervorgehen. - Duchemin (1945) 102 zur
Gesandtschaftsszene: Anführer der Trojaner ist Paris. Redeagon zwischen Paris und
Odysseus. Zur Rede des Paris gehört F 15, zu der des Odysseus F 13, F 17
(Wecklein), F 19 (Welcker), zur Antwort des Philoktet F 14 (Bothe). - Lesky TrD
(1956) 128: „Schließlich siegte sein hellenisches Fühlen über alle Verbitterung."
GGL (1957/58) 272: „Hier wurde der alte Stoff zum Träger nationalhellenischer
Problematik. Abgesandte der Troer und der Griechen ... warben um den Träger der
Wunderwaffe, er selbst stand zwischen Verbitterung und hellenischem Fühlen.
Diesem aber blieb der Sieg." So auch noch GGL Ί 9 7 1 , 332. Die inhaltliche
Kontinuität von Welcker zu Geffcken, Pohlenz, Schmid und Lesky ist schon
erstaunlich, nicht weniger die sprachliche zwischen den dreißiger (Pohlenz) und den
fünfziger Jahren (Lesky).
30
Τ. v. Wilamowitz 271. Konzipiert ist das Philoktet-Kapitel 1913 (vgl.
E. Kapp im Vorwort VI).
31
Ebenda 272.
32
Vgl. Beiträge 113 Anm. 18.
33
Τ. v. Wilamowitz 273.
34
Vgl. oben Anm. 29 und Beiträge 113. Hier ordnet sich auch Stoessl (1958)
145-155 ein, dessen Rekonstruktionsvorschlag ohne Krankheitsanfall und Bogen-
diebstahl auskommt und den Konflikt des Dramas mit der Troerszene zur Auflösung
5. Geschichte der Wiedergewinnung 107

Wilamowitz (1923) übernimmt es in der Einleitung zu seiner Übersetzung


der sophokleischen Tragödie 35 , und seinem Philoktet bleibt nicht nur ein
neuer Anfall der Krankheit und der Verlust seines Bogens erspart, er darf
auch, statt in einer Felsenhöhle hausen zu müssen, in einer Blockhütte
wohnen 36 . Bei aller sonstigen Zurückhaltung erinnern solche Autoschedias-
men wieder an den Einfallsreichtum der frühen Philoktetforschung.
Auch Gilbert Murray (1902) greift - im Unterschied zu Jebb - im
Anhang seiner englischen Euripidesübersetzung auf die Anfänge der Rekon-
struktionsgeschichte zurück und schließt sich im wesentlichen Härtung an 37 .
Von Härtung übernimmt er auch die Einbeziehung der Acciusfragmente 38 .
Beim Schluß der Tragödie geht er eigene Wege, freilich in den Bahnen sei-
nes Vorgängers. Wurde bei Härtung (nach Welcker) das Drama mit einem
einvernehmlichen Wettschießen der beiden ehemaligen Feinde beendet, bei
dem Philoktet den Sieg davonträgt, so läßt Murray seinen Odysseus nicht
nur den Bogen an Philoktet zurückgeben, Odysseus überantwortet auch sich
selbst Philoktet, dem es überlassen bleibt, sich mit ihm zu versöhnen oder
ihn zu töten. Soviel Selbstvergessenheit des erfolgsfixierten Odysseus kann
nur durch einen Gott behoben werden. Als Philoktet sich nicht entscheiden
kann, erscheint Athene und ordnet die Aussöhnung an 39 .
Mit Séchan (1926) holt die französische Altertumswissenschaft die Auf-
arbeitung der Forschungsgeschichte des vergangenen Jahrhunderts nach 40 .

bringt: Odysseus enthüllt „seine wahre Identität", und Philoktet, der Patriot, folgt
ihm, nachdem er das Angebot der Trojaner abgelehnt hat, aus freiem Willen ins
griechische Heerlager vor Troja. Mit Diomedes kann Stoessl eingestandenermaßen
nichts anfangen (148). - W. Strohm, Gn 32 (1960) 602 über Odysseus im Telephos:
„prächtig kommt des letzteren diplomatisch beschwichtigende Art heraus. (...) So
mag er auch im Philoktet von 431 gezeichnet gewesen sein."
35
Wilamowitz, Philoktetes 10-12 (eine Kurzfassung schon im nachgetragenen
VII. Kapitel des Sophoklesbuches von T. v.W. 315). Diomedes wird, wie bei Peter-
sen und Milani, zur „stummen Figur" (11).
36
Vgl. Beiträge 105f.
37
Murray VI.
38
Murray 338.
39
Murray 338f.
40
Séchan 486-488. Das wird man weder von H. Patin, Etudes sur les tragiques
grecs II (Sophocle), Paris 2 1858 [ 8 1913], noch von P. Decharme, Euripide et l'ésprit
de son théâtre, Paris 1893, sagen wollen, von denen der eine mal gerade Hartungs
(128 Anm.), der andere Welckers Rekonstruktion kennt (358 Anm. 1). Als Vermitt-
ler zwischen Deutschland und Frankreich in Sachen Philoktetforschung hatten in
der ersten Hälfte des 19. Jhs. der Schweizer L. von Sinner (oben S. 94) und F. W.
Wagner (oben S. 95) fungiert. Boissonades Ausgabe der Philoktetfragmente (1826,
369-371) liegt vor dem mit Schöll und Welcker beginnenden Neueinsatz der
Forschung zum euripideischen Philoktet.
108 Einleitung

Seine Rekonstruktion des euripideischen Philoktet folgt im wesentlichen


Jebb (Milani), hält sich aber fur das Dramenende mehrere Optionen offen 41 .
Von den beiden Vasenbildern mit Philoktetdarstellungen, die Séchan heran-
zieht, betrachtet er den Bezug zur Tragödie des Euripides bei dem einen als
möglich 42 , bei dem anderen als wenig wahrscheinlich 43 .
1941 nimmt sich Friedrich der von Ribbeck aufgestellten und von Arnim
modifizierten These an, daß Dion 59,5-11 nicht die zweite Prologszene
paraphrasiere, sondern eines der folgenden Epeisodien 44 . Ausgehend von
Heinzes Beobachtung, daß die vergilische Intrige des Sinon gegenüber den
Trojanern (Aen. 2,77ff.) die Trugreden des Odysseus gegenüber Philoktet
bei Euripides (Dion 59,6-11) zum Vorbild hat 45 , zeigt Friedrich offensicht-
liche Lücken in der Paraphrase des Dion auf und sucht sie aus Vergil zu
ergänzen 46 . Die eingewurzelte Auffassung der Prologparaphrase zu erschüt-
tern, gelingt auch ihm nicht 47 . Erstmals findet sich in einer philologischen
Publikation zum euripideischen Drama ein Hinweis auf die Darstellungen
des Philoktetbechers aus dem dänischen Hoby 48 . In einem weiteren Aufsatz
desselben Jahres erneuert Friedrich auch die (Härtung-) Ribbecksche These,
daß der Philocteta des Accius in wesentlichen Teilen auf Euripides zurück-
gehe. Der Wert der Abhandlung besteht vor allem darin, daß Friedrich die
Möglichkeit dieser Option wieder öffnet 49 . Seitdem ist die Bereitschaft
gewachsen, die Tragödie des Accius an das Philoktetdrama des Euripides
anzubinden, und hat sich inzwischen durchgesetzt 50 . Friedrich ist damit im
Falle des Accius der Durchbruch gelungen, der ihm bei der Beurteilung der
Paraphrase in Dions 59. Rede versagt blieb.

41
Ebenda 488: Wurde der Bogen Philoktet zurückgegeben oder nicht? Wurde
die Versöhnung durch Überredung und menschliche Vernunftgründe oder erst durch
das Einschreiten Athenes ermöglicht? Beide Alternativen lassen sich jeweils eindeu-
tig beantworten: Philoktet erhielt seinen Bogen auf Lemnos nicht zurück (T 25/26,
Τ 27), und schon allein deswegen kann es auf Lemnos keine Versöhnung gegeben
haben, weder durch Menschen noch durch einen Gott.
42
Vgl. Beiträge 207f. Abb 29.
43
Vgl. Beiträge 202ff. Abb. 28.
44
Friedrich 158. Grundsätzlich neigt Friedrich, was die Möglichkeit einer Re-
konstruktion des Ganzen betrifft, der Skepsis des Jüngeren Wilamowitz zu (157f.).
45
R. Heinze, Virgils epische Technik, Leipzig 3 1914, 8f. Zur Alternative, daß
Vergil statt Euripides den Philocteta des Accius benutzt haben könnte, vgl. Beiträge
280 Anm. 117.
46
Friedrich 159ff.
47
Beiträge 52.
48
Friedrich 157 Anm. 39; Beiträge 133ff.
49
Friedrich 2 121 ff.
50
Beiträge 261 Anm. 17; 272ff.
5. Geschichte der Wiedergewinnung 109

D i e erste publizierte Reaktion in Amerika auf die Forschungsdiskussion


des 19. Jahrhunderts erscheint 1942 in einem Aufsatz von J. S. Kieffer zum
Philoktet des Sophokles. Kieffer folgt in den Grundzügen der Dramenhand-
lung der Rekonstruktion von Härtung 5 1 . In seiner wissenschaftsgeschicht-
lichen Unbekümmertheit 5 2 zeigt sich, w i e unverbraucht das Thema für ihn
noch ist. Die Renaissance der Philoktetforschung in der englischsprachigen
Literatur kündigt sich an.
D i e 1962 veröffentlichten Bruchstücke einer Papyrushypothesis zum
euripideischen Philoktet ( H 2 ) bleiben zunächst ohne Auswirkungen auf
die inhaltlichen Vorstellungen v o m Drama des Euripides. Es besteht der
Eindruck, der Text enthalte nichts N e u e s 5 3 . Nur langsam setzt sich die Er-
kenntnis durch, daß die bisherigen Vermutungen zum Schluß der Tragödie
nicht mehr aufrecht zu halten sind 5 4 .

WEBSTER (1967) 57-61

1. Prolog. Dion 59. F 2, F 3, F 4 (Od.); F 9, F 8 (Ph.). Od. trat, von Athene


verwandelt, als junger Mann auf. Diomedes, der im Prolog erwähnt
worden sein muß, war eine stumme Rolle. A m Ende des Prologs gingen
Od. und Ph. in die Höhle.

2. Parodos. Zuordnung von F 6.

51
Kieffer 40ff.
52
Hartungs zuversichtliches Plädoyer für Paris als Führer der trojanischen
Gesandtschaft hat bei Kieffer offensichtlich die Meinung hervorgerufen, dies sei
ein in Dion 52 bezeugtes Faktum (40). Aus Murray VI scheint er den Eindruck
gewonnen zu haben, daß sich die Philoktetforschung des 19. Jhs. auf die beiden
Namen Härtung und Welcker reduziert. Für G. M. Kirkwood, Persuasion and
Allusion in Sophocles' 'Philoctetes': Hermes 122 (1994) 424, repräsentiert Kieffer
den gegenwärtigen Forschungsstand.
53
Austin (1968) 100 („Nil novi"); Luzzatto 3 201.
54
Bezeichnend sind die unterschiedlichen Reaktionen von Mette (1963),
Webster ( 1967) und Lesky ( 1972). Der papyrologisch kundige Mette reagiert sofort
nach Erscheinen der Hypothesis, aber ihr Inhalt stürzt den in der Welckerschen
Tradition Beheimateten in die Aporie, und er hält noch für unentschieden, was längst
entschieden ist (Aischylos 104f.). Der vorurteilsfreie und unbelastete Webster zieht
die einzig mögliche Schlußfolgerung (61). Der vorsichtige Lesky reagiert zunächst
überhaupt nicht (2. und 3. Auflage der GGL [1963, 1971] sowie 2. Auflage der TrD
[1964]), dann zieht er sich, wie Mette, auf die Position der Urteilsenthaltung zurück
(TrD 3 [1972] 239). Doch auch Calder (1979) nimmt die Schlußzeilen der Hypothesis
noch nicht ernst genug, und Luppe (1983) sucht durch Ergänzungen den Konse-
quenzen des Papyrustextes zu entkommen. Jouan (1966) 317 Anm. 3 erwähnt den
Schluß der Hypothesis nur beiläufig, ohne daraus Folgerungen zu ziehen.
110 Einleitung

3. Erstes Epeisodion. Aktor kommt zu Ph., um ihn mit Lebensmitteln zu


versorgen (T 12, Τ 14) oder weil er ihn über die Ankunft der trojanischen
Gesandtschaft informieren wollte, oder er tat beides.
4. Zweites Epeisodion. Auftritt der Troer. Ph. kommt zusammen mit Od.
aus der Höhle. Zum Angebot der Trojaner gehört F 15, zu Ph.s Antwort
F 14 (Hinweis auf seine schlechten Erfahrungen mit Orakeln, als es um
das Opfer am Altar der Chryse ging). Mit F 13 meldet sich Od. zu Wort;
mit F 16 attackiert er Paris als den Sprecher der Gesandtschaft. Mit F 19
und F 17 sucht er Ph. zu überzeugen, daß das Unrecht, das man ihm
angetan hat, nicht den Verrat des Vaterlandes an die Feinde rechtfertige.
Vermutlich berief sich Od. auf das Orakel des Helenos, so daß F 14 (Ph.)
wohl eher hierher gehört als der Antwort Ph.s an Paris zuzuordnen ist.
Aufgrund der Darstellung der Troerszene auf etruskischen Urnenreliefs
(T 22) geht Webster davon aus, daß Ph. Paris zu erschießen droht und
sich weder den Griechen noch den Trojanern anschließen will.
5. Drittes Epeisodion. Auftritt des Diomedes. Er hat entweder beim Schiff
des Od. gewartet oder ist von den Atriden Od. nachgeschickt worden. Als
ein Anfall der Krankheit Ph. überwältigt (F 10 [Ph.], F 12 [Chor]), stiehlt
Diomedes den Bogen, während Od. die Aufmerksamkeit des Kranken
ablenkt (etruskische Urnenreliefs).
6. Viertes Epeisodion. Od. gibt sich zu erkennen. Er stellt Ph. die Heilung
in Aussicht, doch dieser folgt ihm nur gezwungen nach Troja (Τ 27).
Ph. erscheint in der Tragödie als ein Opfer griechischer Intrigen, Od. als
der skrupellose Intrigant wie in den Troerinnen und im euripideischen
Palamedes.
Websters Skizzierung des Handlungsverlaufs auch Sophocles, Philo-
ctetes, Cambridge 1970, 3 ff. - Kamerbeek (1980) 4ff. übernimmt Websters
Rekonstruktion (5 Anm. 3) mit der kleinen Variante, daß er Diomedes auf-
treten läßt, als Ph. bereits in Ohnmacht gefallen ist.
Websters Vorschlag empfiehlt sich im allgemeinen durch Nüchternheit
und Realitätssinn. Seine Beurteilung des Tragödienendes (kein Deus ex
machina, keine Versöhnung zwischen Od. und Ph.) besteht zu Recht. Ein-
leuchtend ist seine Deutung des jungen Mannes auf einem unteritalischen
Vasenbild als von Athene verwandelten Od. (Beiträge 202ff.). Doch bleibt
genug Unwahrscheinliches, so daß sich insgesamt eine wenig konsistente
Dramenhandlung ergibt.
Zu 1: Bei der Wiedergabe von Od. ' Monolog (Dion 59,1-5) wiederholt
Webster (58) Welckers sprachliches Mißverständnis von 59,3, Od. habe
zunächst seine Kenntnis des Helenosorakels vor den Atriden geheimgehalten
(Welcker 513). Daß Diomedes nur ein κωφόν πρόσωπον sei, verträgt sich
nicht mit Websters Vorstellung vom dritten Epeisodion. Seine Einwände
gegen Friedrich (Od. als Prologsprecher und die Unwahrscheinlichkeit, daß
5. Geschichte der Wiedergewinnung 111

der Chor zu einer leeren Höhle komme, sprächen zugunsten der kontinuier-
lichen Szenenfolge der Paraphrase des Dion) sind Scheinargumente. Warum
soll es unwahrscheinlicher sein, wenn der Chor zu einer leeren Höhle
kommt, als wenn Od. dasselbe tut? Auch bei Sophokles finden Odysseus,
Neoptolemos und der Chor die Höhle leer. Was aber Od. als Prologsprecher
mit der Frage, wann er im Verlauf des Dramas auf Ph. trifft (ob im Prolog
oder erst später) zu tun haben soll, ist nicht zu erkennen.
Zu 2: Zu der Zuordnung von F 6 zur Ρ arodos oben S. 101 (zu Milani).
Zu 3: Weder das eine noch das andere Motiv noch beide zusammen sind
eine hinreichende dramaturgische Begründung für Aktors Rolle. Sie können
nur Anlaß seines Auftretens sein, aber sie rechtfertigen kein eigenes Epeis-
odion, und sie können es auch nicht sinnvoll ausfüllen. Argumente gegen die
Annahme, daß Aktor die Ankunft der Trojaner meldet, Beiträge 114f.
Zu 4: Dem Ablauf der Gesandtschaftsszene in Websters Rekonstruktion
fehlt es an innerer Konsequenz: Da Ph. (nach Webster) von Anfang an mit
Zurückhaltung auf das Angebot aus Troja reagiert, gab es für Od. keinen
Grund, seine Taktik des Schweigens aufzugeben und in die Debatte einzu-
greifen, schon gar nicht mit der Vehemenz von F 13. Auch eine Berufung auf
das Orakel des Helenos im Munde des Od. war gegenüber einem Ph., der
wenig Neigung zeigt, sich von den Versprechungen der Trojaner verführen
zu lassen, überflüssig, gegenüber einem Ph. aber, der vom Angebot der
Trojaner beeindruckt war, gefährlich. Od., nicht Ph., hätte ein Interesse
daran haben müssen, das Helenosorakel zu diskreditieren. Die Rolle des von
den Griechen verfolgten Flüchtlings verbietet ferner die Annahme, Od.
könne, wenn auch vergeblich, schon zu diesem Zeitpunkt Ph. dazu beredet
haben, sich dem Heer vor Troja anzuschließen. (Hier wirkt bei Webster die
Rekonstruktion Welckers nach.) Sein Ziel konnte es nur sein, ihn von einem
Paktieren mit den Trojanern abzubringen. Doch zeigt Ph.s aggressives
Verhalten gegenüber den Gesandten (nach Websters Interpretation der
Darstellung auf den Urnenreliefs aus Volterra), daß diese Gefahr gar nicht
bestand. Zur Fehldeutung der etruskischen Aschenkisten Beiträge 125, zur
angeblichen Rolle des Paris Beiträge 116f. Verfehlt ist auch die Zuordnung
von F 16 zu einer an Paris adressierten Rede des Od. (Kommentar S. 428f).
Zu 5: Diomedes' Auftritt und der Diebstahl des Bogens ergeben bei
Webster keine dramaturgisch sinnvolle Tragödienszene. Da er (im Falle von
Diomedes ' späterer Ankunft auf Lemnos) mit der Möglichkeit rechnet, daß
nicht einmal Od. über sein Kommen unterrichtet war, müßte der Ankömm-
ling, der einfach da ist, zumindest zu Anfang seines Auftritts etwas über
Umstände und Absicht seines Erscheinens gesagt haben. Doch wie soll der
Stumme (nach Webster) reden? Und wie soll er Ph. begegnen, ohne von ihm
erkannt zu werden? Kamerbeeks Nachbesserung würde wenigstens Ph. als
Zeugen des Gesprächs ausschalten, doch auf diese Weise wäre der Auftritt
des Diomedes und damit seine ganze Rolle noch überflüssiger; Od. hätte
auch selbst den Bogen an sich nehmen können. Die alte Crux der Phi-
112 Einleitung

loktetrekonstruktion, den Rollen des Aktor und Diomedes eine einleuchtende


Funktion zuzuweisen, wird in Websters Entwurf besonders deutlich.

CALDER ( 1 9 7 9 ) 5 3 - 6 2

1. Prolog. Auftritt des von Athene in einen jungen Mann verwandelten Od.
(Webster). Die Behausung des Ph. ist vermutlich eine Hütte, keine Höhle
(Wilamowitz). Erste Begegnung von Od. und Ph., der Od. am Ende des
Prologs in seine Behausung fuhrt.
2. Parados. F 6 (Milani, Webster).
3. Erstes Epeisodion. Auftritt Aktors mit rein exponierender Funktion
(Ribbeck, Meitzer, Webster). Ankündigung der in Lemnos eingetrof-
fenen Gesandtschaft der Trojaner. Ph. klagt über seine Wunde (F 10).
Aktor verläßt die Orchestra.
4. Zweites Epeisodion. Auftritt der von Paris angeführten Gesandtschaft.
Nach der mit Geschenken und Versprechungen werbenden Rede des Pa-
ris (F 15, F 18) ist Ph. bereit, auf das Angebot aus Troja einzugehen und
den Trojanern seinen Bogen zu übergeben (etruskische Aschenkisten).
Eingreifen des Od. (F 13, F 16, F 17). Der Redeagon zwischen Od. und
Paris geht unentschieden aus, da sich Ph. nunmehr sowohl gegenüber
Paris wie gegenüber Od. weigert mitzukommen und auf Lemnos bleiben
will. F 14 gehört zur Kritik des Ph. an beiden Kontrahenten.
5. Drittes Epeisodion. Krankheitsanfall (F 10) und Ohnmacht des Ph. (F 12)
mit anschließendem Diebstahl des Bogens. Od. hat den Ph. entglittenen
Bogen an sich genommen und reicht ihn an Diomedes weiter (Hoby-
becher). Diomedes bringt den Bogen in Sicherheit.
6. Drittes Stasimon. Der Chor äußert sein Mitleid über Ph.s Lage.
7. Exodos. Athene erscheint als Deus ex machina, gibt Od. seine natürliche
Gestalt zurück und versöhnt die beiden Gegner. Gemeinsam machen sich
beide auf den Weg nach Troja. Der Chor äußert seine Befriedigung über
die Lösung des Konflikts (F 21).
Zu 1 und 3: Die Verwandlung des Od. in einen jungen Mann übernimmt
Calder von Webster (mit ausführlicher Begründung in einem früheren
Artikel: E. Ch. Welskopf [Hrsg.], Hellenische Poleis III, Berlin 1974, 1384).
Gegen die Favorisierung von Ph.s Hüttenbehausung (Wilamowitz) erheben
sich dagegen ebenso Bedenken (Beiträge 105f.) wie gegen die Annahme
einer zweiten Prologszene. Von anderem abgesehen (Beiträge 52ff.), ist eine
Begegnung von Od. und Ph. bereits im Prolog nicht mit dem ausschließlich
informierend-exponierenden Charakter des ersten Epeisodions in Calders
Rekonstruktion vereinbar. Wenn Ph. im Prolog aufgetreten war und Od.
5. Geschichte der Wiedergewinnung 113

über seine Lage unterrichtet hatte, nachdem von diesem zuvor schon das
Kommen einer trojanischen Gesandtschaft angekündigt worden war, war
der Zuschauer authentischer informiert, als er es durch den begrenzteren
Kenntnisstand des Aktor je werden konnte. Eine Information des Chors
durch Aktor im ersten Epeisodion mußte demgegenüber in jedem Fall einen
Rückschritt bedeuten. Die Mitteilung des bloßen Faktums der Ankunft der
Trojaner, wenn sie denn wirklich durch Aktor erfolgte (dagegen Beiträge
114ff), hätte kein noch so kurzes Epeisodion füllen können. Unbeschadet
dieser Einwände, die sich aus einer irrtümlichen Vorstellung von der
Struktur des euripideischen Prologs ergeben, ist Calder auf dem richtigen
Weg, wenn er (in der Nachfolge Ribbecks) als erstes Epeisodion eine expo-
nierende Szene mit einem lokalen Informanten ansetzt und diese mit der
Rolle des Aktor verbindet, der so eine seinem Rang angemessene beschei-
dene, aber dramaturgisch sinnvolle Funktion erhält (Beiträge 54. 114f).
Zu 2: Gegen die Zuordnung von F 6 zur Parodos spricht die Über-
legung, daß die Verse einen informierteren Kenntnisstand des Chors
voraussetzen, als er ihn bei seinem ersten Auftritt haben kann.
Zu 4: So berechtigt die Annahme ist, daß Ph. das Angebot der Trojaner
zunächst positiv aufgenommen hat (Härtung, Milani u.a.), so wenig wahr-
scheinlich ist seine Bereitschaft, den Gesandten oder überhaupt irgend
jemandem seinen Bogen auszuhändigen (Beiträge 125 Anm. 73). Nichts
spricht ferner für einen unentschiedenen Ausgang des Redeagons zwischen
Trojanern und Od., zumal Calder völlig zu Recht eine Aufklärung über Od. '
falsche Identität noch während dieser Szene ablehnt. Die Aschenkisten aus
Volterra und der Philoktetbecher aus Hoby setzen ein freundschaftliches
Einvernehmen zwischen Od. und Ph. als Bedingung des anschließenden
Bogendiebstahls voraus. Od. geht als Sieger aus dem Agon mit den
Trojanern hervor. Zur Einordnung von F14 und F15 in den Verlauf der
Troerszene Beiträge 119ff. F16 gehört nicht in diesen Zusammenhang. Daß
Paris die Gesandtschaft aus Troja anführte, ist wenig wahrscheinlich
(Beiträge 116f). Dagegen ist Calders Skepsis gegenüber einem allzu affir-
mativen Patriotismus des Ph. (61), wie ihn Pohlenz in der Nachfolge
Welckers vertreten hatte, nur zu berechtigt.
Zu 5: Gegen eine Darstellung des Bogendiebstahls vor den Augen der
Zuschauer Beiträge 106f, Kommentar S. 415f. Das Becherrelief aus Hoby
empfiehlt die gegenteilige Annahme (Beiträge 146f). Zutreffend dürfte
Calders Erklärung sein, wie Od. in den Besitz des Bogens kommt. Daß
Diomedes den Bogen davon trug, ist zweifellos richtig, doch bleibt (wie
schon bei Milani) unklar, wie er überhaupt auf die Bühne und ins Spiel kam.
Zu 7: Zur Frage des Deus ex machina am Ende des Dramas Beiträge
30 Anm. 75; 49f. Wie soll die Rückverwandlung des Od. auf der Bühne
vonstatten gehen? Calders Option hat Luppe (1983) 196ff. zu einer
entsprechenden Ergänzung des Hypothesisschlusses POxy 2455 fr. 17,264f.
(H 2) verleitet.
114 Einleitung

MANDEL ( 1 9 8 1 ) 9 3 - 1 0 3

Nach einer Übersetzung von Dion 59 als Paraphrase des euripideischen


Prologs eröffnet Mandel seine Wiedergabe der weiteren Dramenhandlung
mit einem Bekenntnis zu Milani: „The reconstruction made a century ago by
L. A. Milani on the basis of the extant fragments has not been bettered"
(100). Und er ergänzt diese lapidare Feststellung in Anm. 6 durch eine
Schelte gegenüber Jebb, Murray, Kieffer und Calder, weil sie Milani ent-
weder nicht kennen oder ihn nicht nennen (beides gilt nicht für Jebb!) und
fugt hinzu: „But Milani's contributions to Philoctetes scholarship are wide-
ranging, and after a century they retain almost all their original importance.
He can also be recommended for his examination of German studies of
Philoctetes published in and before his time. In sum: a mistakenly forgotten
authority." Er selbst schließt sich eng an Milani an.

Wenn Mandéis Urteil über Milani in der Sache auch einseitig und
anfechtbar ist, so liest man es doch mit Sympathie. Entgangen ist ihm, daß
die attische Vase mit Milanis Titelbild, das er als Titelbild seines eigenen
Buches übernommen hat, inzwischen Bestandteil der Sammlungen des New
Yorker Metropolitan Museum of Art geworden ist (Beiträge 207).

AÉLION ( 1 9 8 3 ) 6 8 - 7 3

1. Prolog. Monolog des Od., Dialog Od. - Ph. (Dion 59, F 2-4, F 8/9).
2. Parados (Dion 52,7).
3. Erstes (?) Epeisodion. Gesandtschaft aus Troja, von Paris angeführt. Die
Gegenrede des Od. unterscheidet zwischen Schuldigen und Unschuldigen
im Heer der Griechen und appelliert an Ph.s Patriotismus. Od., der sich
als Verfolgter der Griechen ausgibt, empfiehlt sein eigenes Verhalten als
Vorbild (F 13-15, F 17, F 19). Ph. lehnt das Angebot der Trojaner ab.
4. Stasimon. Der Chor lobt Ph.s Entscheidung (Dion 52,14).
5. Zweites (?) Epeisodion. Auftritt des Diomedes. Alternativen: (a) D. hat
beim Schiff des Od. gewartet, (b) D. ist von den Griechen zur Unter-
stützung des Od. nachgeschickt worden (Webster).
6. Drittes (?) Epeisodion. Ph.s Krankheitsanfall (F 10, F 12). Od. bekundet
seine Sympathie für den Kranken; Diomedes bemächtigt sich des Bogens
(etruskische Urnenreliefs).
7. Viertes (?) Epeisodion. Ph. erwacht, Od. gibt sich zu erkennen und sucht
Ph. zu überreden, mit nach Troja zu fahren. Ph. weigert sich, aber da er
ohne Bogen wehrlos ist, wird er von Od. zum Mitkommen gezwungen
(T 27).
5. Geschichte der Wiedergewinnung 115

Aélion beschränkt sich auf das durch Dion und den Schluß der
Hypothesis Gesicherte. Soweit sie darüber hinausgeht, schließt sie sich
Milani, Jebb, Séchan und vor allem Webster an. Wichtige Fragen der
Handlungsführung und Dramenökonomie bleiben unbeantwortet. So ist
unklar, ob Aélion Aktor für eine Dramenrolle hält und wann er im Laufe der
Handlung auftritt oder ob er nur in der Erzählung des Ph. vorkam (70). Die
Aporien der Rolle des Diomedes sind nicht durchdacht. Unklarheit herrscht
auch über die Akteinteilung, und die Zuordnung eines größeren Teils der
Fragmente unterbleibt.
Zu 1: Beiträge 52ff.
Zu 3: Zur angeblichen Rolle des Paris Beiträge 116f. Die gegenläufigen
Bewegungen der Troerszene (anfängliche Zurückhaltung des Od., Signale
des Einverständnisses gegenüber den Trojanern von seifen Ph.s) bleiben
unberücksichtigt und manches andere unklar.
Zu 4: Eine zutreffende Vermutung (nach Séchan 487).
Zu 5: Vgl. obenS. 11 Of.
Zu 6: Aélion verkennt das Zusammenspiel von Od. und Diomedes beim
Bogendiebstahl auf den etruskischen Urnenreliefs. Beiträge 184ff.
Zu 7: Die Wiedergabe der Schlußszene ist, wenn auch stark verkürzt,
korrekt (nach Webster).

LUZZATTO (1983) 199-220

1. Prolog, erste Szene. Monolog des Od. (Dion 59,1-4 mit F 2-4). Diomedes
wurde von Od. nicht erwähnt.
2. Prolog, zweite Szene. Auftritt des Ph. (Dion 59,5-11 mit F 9). Am Ende
der Szene lädt er Od. in seine Behausung ein.
3. Parados. Der Chor entschuldigt sich bei Ph., weil er ihn bisher nicht
besucht hat (Dion 52,7).
4. Erstes Epeisodion, erste Szene. Ph. erzählt (wie bei Milani) Od. und dem
Chor die Geschichte seines Unglücks (F 10).
5. Erstes Epeisodion, zweite Szene. Auftritt des Aktor, der sich in Ph.s
Höhle zurückzieht.
6. Zweites Epeisodion. Ankunft der Trojaner (Paris ist nicht ihr Anführer).
Aus ihrem Angebot an Ph. stammt F 15. Eingreifen des Od. (F 13, F 16).
Die Trojaner verlassen unverrichteter Dinge die Orchestra.
7. Drittes Epeisodion. Auftritt des Diomedes in der Rolle eines Schiffs-
patrons und Handelsherren (Wecklein, Meitzer), den es zufällig nach
Lemnos verschlagen hat (F 1). Er kommt ohne Vorankündigung. Dio-
medes bietet sich an, Ph. und Od. auf seinem Schiff mitzunehmen. Alle
drei betreten die Höhle, um Vorbereitungen für die Abreise zu treffen.
116 Einleitung

8. Viertes Epeisodion, erste Szene. Aktor kommt aus der Höhle und berich-
tet vom Diebstahl des Bogens im Innern der Höhle: Diomedes habe
den Bogen an sich genommen, während Od. den mit Reisevorbereitungen
beschäftigten Ph. ablenkte. Ein Krankheitsanfall Ph.s fand nicht statt
(Wilamowitz).
9. Chorlied (eingeschaltet?). Der Chor bezeugt sein Mitleid mit Ph.s neuem
Unglück (F 6).
10. Viertes Epeisodion, zweite Szene. Ph., der rückverwandelte Od. und
Diomedes kommen aus der Höhle. Nach einem heftigen Wortwechsel
sucht Od. vergeblich, Ph. zu versöhnen (F 19).
11. Exodos. Durch den Verlust des Bogens genötigt, folgt Ph. den beiden
Griechen zu ihrem Schiff. Der Chor äußert seine Befriedigung über den
Ausgang (F 21).
F 14 und F 17 können sowohl in den Agon der Troerszene wie in den
Schlußteil der Tragödie gehören.
Luzzatto setzt sich eingehend mit der bisherigen Forschung zum euri-
pideischen ,Philoktet ' auseinander. Ihre Kritik ist in den meisten Fällen
berechtigt. Die eigenen Rekonstruktionsvorschläge sindfreilich nur teilweise
überzeugend. Dazu gehört einmal die bisher vernachlässigte These Weck-
leins, der Bogendiebstahl sei von Euripides in den hinterszenischen Raum
der Höhle verlegt und in der Form eines Botenberichts den Zuschauern
vermittelt worden. Aktor als Berichterstatter ist freilich eine falsche
Entscheidung. Mit der Verlegung der Handlung ins Innere der Höhle wird
eine dramaturgisch einwandfreie Lösung für den notwendigen Masken-
tausch des rückverwandelten Od. geschaffen. Zutreffend ist vor allem
Luzzattos Auffassung vom Schluß der Tragödie. Hierin folgt sie Webster,
gibt aber eine über diesen hinausführende Begründung.
Zu 1: Die Argumente für eine Nichterwähnung des Diomedes im Mono-
log des Od. sind nicht stichhaltig (Kommentar S. 335).
Zu 2: Der Versuch, die Zugehörigkeit der Szenensequenz Dion 59,1-4/
5-11 zum Prolog des Euripides zu erweisen (211), ist nicht geglückt
(Beiträge 52 Anm. 3).
Zu 3: Luzzatto läßt (wie Arnim) die Apologie des Chores für seine
bisherige Säumigkeit direkt an Ph. gerichtet sein. Nachdem aber Ph. (nach
L.) am Ende des Prologs sich mit Od. in seine Höhle zurückgezogen hat, ist
es unwahrscheinlich, daß er während des Einzugs des Chores bereits wieder
auf der Bühne anwesend ist.
Zu 4: Die Szene ergibt bei der von Luzzatto angenommenen Szenenfolge
eine störende Dublette, da eine genauere Analyse von Dion 59,6ff. zeigt, daß
zur Person und Lebensgeschichte des Ph. bereits von diesem selbst alles
Notwendige gesagt worden sein muß (Beiträge 60f).
Zu 5: Die Kritik an den vergeblichen Versuchen, Aktor eine sinnvolle
5. Geschichte der Wiedergewinnung 117

Rolle innerhalb der Dramenhandlung zuzuweisen (213f.), ist berechtigt,


doch der neue Vorschlag nicht besser als die früheren. Der Auftritt Aktors
entbehrt zu diesem Zeitpunkt der Handlung jeder dramaturgischen Funk-
tion: Er erscheint nur, um sich sogleich in die Höhle zurückzuziehen und für
den Botenbericht im letzten Epeisodion (nach Luzzatto seine eigentliche
Aufgabe) bereitzuhalten. Und das soll der Inhalt eines eigenen Dramenaktes
gewesen sein?
Zu 6: Luzzatto hat keine klare Vorstellung vom Verlauf der Gesandt-
schaftsszene. Sie sagt nichts über Ph. s erste Reaktion auf das Angebot der
Trojaner, scheint also mit einer von Anfang an ablehnenden Haltung zu
rechnen. Dann bleibt aber das Eingreifen des Od. unmotiviert (Beiträge
118f). Andererseits verkennt sie Ph.s Wende unter dem Eindruck der Rede
des Od. Nach ihrer Auffassung vom Charakter des Ph. (216) kann es eine
solche Wende freilich auch nicht geben. Aber warum nimmt Ph. dann das
Angebot der Trojaner nicht an? - Falsch ist die Zuordnung von F16 an
den Odysseus der Troerszene (Beiträge 27f.), und auf einem Irrtum beruht
auch die Unentschiedenheit in der Zuordnung von F14. Die rhetorisch
aggressive Zurückweisung des Helenosorakels hat in der Troerszene ihren
genuinen Ort. In der Rede des Od. diente die Diskreditierung des Orakels
der Diskreditierung des Angebots aus Troja (Beiträge 120f.) In der
Schlußszene dagegen kann die Frage der Richtigkeit des Orakels nur noch
eine indirekte Rolle gespielt haben: Jetzt soll wahr sein, was Od. zuvor in
der Troerszene so nachdrücklich in Zweifel gezogen hatte (Kommentar
S. 441). Umgekehrt verhält es sich mit F17. Sein Platz kann nur in der
Schlußszene der Tragödie, nachdem Od. sich zu erkennen gegeben hatte,
gewesen sein. In der Troerszene gab es niemanden, der Ph. zum Anschluß
an das Heer der Griechen überreden wollte. Od. ist dort zufrieden, wenn er
ihn davon abbringt, sich mit den Trojanern einzulassen. Hier wirkt (durch
Webster) die Welckersche Rekonstruktion nach, in der Gesandtschaftsszene
und Schlußszene zusammenfielen.
Zu 7: Luzzattos Wiederbelebung der von Wecklein eingeführten Rolle des
Diomedes als verkleideten Kaufmanns ist nur schwer verständlich (vgl. oben
S. 103f). Es handelt sich um eine unbegründete Extrapolation aus
Sophokles, indem die Rollen des falschen Emporos und des Neoptolemos in
der Person des euripideischen Diomedes kontaminiert erscheinen.
Zu 8: Welcher Beschäftigung Aktor während der beiden letzten Epeis-
odien in Ph.s Höhle hätte nachgehen sollen, ist (wenn es denn wirklich so
bei Eurípides gestanden hätte) nicht die einzige Frage, die sich der antike
Zuschauer hätte stellen können. Warum ließ er den Raub des Bogens
geschehen, ohne Ph. wenigstens auf das Treiben des Diomedes aufmerksam
zu machen? Und wieso behält Ph. bei so vielen fremden Leuten in seinem
Hause seinen Bogen nicht bei sich? Warum ruft Aktor nicht gleich seine
Landsleute (Chor) zu Hilfe? Warum läßt er ihn jetzt im Stich? Oder zieht er
sich erneut in die Höhle zurück, um sich dort während der restlichen
118 Einleitung

Handlung des Dramas versteckt zu halten? Denn daß er nach seinem


Bericht sogleich wieder die Bühne verlassen muß, ergibt sich aus den
Handlungsvoraussetzungen bei Luzzatto, so daß für den Auftritt von Ph., Od.
und Diomedes alle drei Schauspieler benötigt werden. Die Liste der
Ungereimtheiten ließe sich verlängern. Unverständlich bleibt, wie Luzzatto
angesichts der archäologischen Zeugnisse ohne einen Krankheitsanfall im
euripideischen ,Philoktet' glaubt auskommen zu können (so schon die
beiden Wilamowitz). Die Scherbe des Euaionmalers und der Philoktetbecher
von Hoby (Beiträge 180f.) sowie die beiden Volterraner Urnenreliefs aus
dem Archäologischen Museum in Florenz (Beiträge 186) zeigen einen vom
Schmerz benommenen Philoktet und keinen, der mit Reisevorbereitungen
beschäftigt ist.
Zu 9: Als Reaktion des Chores auf Aktors Bericht vom Bogendiebstahl ist
F 6 unpassend. Die Verse setzen eine allgemeinere Unglückslage voraus als
das spezielle Ereignis des Bogenverlustes. Auf den Bogendiebstahl bezogen,
ist der Wunsch des Chores, lieber tot zu sein, als so etwas erleben zu
müssen, gerade aus seiner Sicht übertrieben, um nicht zu sagen, albern. F 6
erscheint dagegen als die natürliche Reaktion der Lemnier, wenn sie zu
Beginn des Dramas erstmals Genaueres über die desolaten Lebens-
bedingungen des ausgestoßenen und alleingelassenen Krüppels erfahren
haben: Einem solchen Leben würden sie für ihre Person den Tod vorziehen.
Zu 10 und 11: Luzzattos Auffassung vom Dramenausgang ist zutreffend.
Lediglich die Anwesenheit des Diomedes ist überflüssig, aber bei der
vorausgesetzten Dramaturgie nicht zu vermeiden. Zu der von ihr erwogenen
Plazierung von F14 in diese Szene vgl. zu 6.
Luzzattos negative Deutung der Charaktere des Od. und des Ph. ist
zwar nicht völlig ohne Anhalt in der Überlieferung, stellt aber doch eine
unzulässige Überzeichnung dar (Beiträge 3 I f f . 130).

AVEZZÙ ( 1 9 8 8 ) 1 2 4 - 1 3 1

1. Prolog. Nach Dion 59.


2. Parados. Dion 52,7.
3. Erstes Epeisodion. Ph. erzählt Od. und dem Chor seine Leidens-
geschichte (wie Luzzatto).
4. Zweites Epeisodion. Aktor, der Diomedes am Strand getroffen hat, betritt
mit diesem zusammen die Orchestra und informiert Ph., der aus der
Höhle kommt, über die Ankunft der Trojaner auf Lemnos. Mit dem
Auftritt des Diomedes kommt es zur Aufdeckung der wahren Identität
des Od. Doch Ph.s Zorn und Aggressivität werden durch das Eintreffen
der Trojaner zunächst einmal abgelenkt und auf diese umgeleitet.
5. Drittes Epeisodion. Auftritt der Gesandtschaft aus Troja. Ph. wendet sich
von vornherein gegen die Trojaner, bedroht Paris als ihren Anführer
5. Geschichte der Wiedergewinnung 119

mit seinem Bogen und weist zusammen mit Od. ihr Angebot zurück.
Redeagon zwischen Paris und Od., der seine Verstellung aufgegeben hat
und den wahren Zweck seines Kommens offenlegt. Diomedes figuriert in
dieser Szene als stumme Rolle.
6. Viertes Epeisodion. Krankheitsanfall des Ph., worauf sich F 6 bezieht.
Od. und ein weiterer Grieche bemühen sich um den Kranken und bringen
ihn in Schlaf. Der Gefährte des Od. (vermutlich Diomedes) nimmt den
Bogen an sich. Vermutlich fanden Krankheitsanfall und Bogendiebstahl
in der Höhle statt, und Aktor berichtete darüber (wie Luzzatto).
7. Exodos. Die Lösung des Konflikts führt die Göttin der Beredsamkeit
(Peitho) als Deus ex machina herbei (so deutet Avezzù die rechte
Frauengestalt auf dem Vasenbild des Dirkemalers, Beiträge 203ff.).

Zu 1: Beiträge 52ff.
Zu 3: zu Luzzatto oben S. 116 (zu 4).
Zu 4: Die Rollen des Aktor und Diomedes in dieser Szene sind eben-
so überflüssig, wie es das ganze Epeisodion ist. Und wozu der Aufwand von
Athenes Verwandlung des Od., wenn der Auftritt des Diomedes keine andere
Funktion hat, als Od. zu enttarnen, und das bereits zu diesem
frühen Zeitpunkt der Handlung, vom Intelligenzgrad dieses Diomedes ganz
zu schweigen? Konfus ist der vorausgesetzte Wechsel der Akteure auf der
Bühne. Kommt Od. zusammen mit Ph. aus der Höhle, was das Natürliche
wäre (denn Ph. wird den Fremden kaum allein in seiner Behausung
zurücklassen), dann müßte er als κωφόν πρόσωπον auftreten, da alle
Schauspieler beschäftigt sind - eine absurde Vorstellung, aber in Avezzùs
Rekonstruktion ist fast alles möglich. Wie aber haben wir uns diesen
Odysseus vorzustellen? Noch verwandelt, aber schon als der erkannt, der er
ist? Avezzù verfällt in den alten Fehler, die Rückverwandlung des Od. in
menschliches Belieben zu stellen. In den älteren Rekonstruktionen hatte das
,Fallenlassen der Maske' wenigstens noch einen Sinn. Der aber ist zu
diesem frühen Zeitpunkt der Dramenhandlung noch vor dem Auftritt der
Trojaner nicht zu erkennen. Unklar bleibt auch, in welcher Absicht im Laufe
des zweiten Epeisodions sich Aktor und Diomedes in Ph.s Höhle zurück-
ziehen sollen. Avezzù sagt zwar nicht ausdrücklich, daß sie dies tun, aber da
deren beide Schauspieler im nächsten Epeisodion für Od. und, Paris ' benö-
tigt werden, Diomedes nach Avezzù an der Troerszene als Statist teilnimmt
und Aktor im vierten Epeisodion aus der Höhle kommt, um über Krankheits-
anfall und Bogendiebstahl zu berichten, kann sich der hinterszenische
Rollentausch nur in der Höhle vollzogen haben. Vergegenwärtigt man
sich aber die Symbolkraft der Höhle als Ph.s ureigensten Bezirks, in den
eingelassen zu werden als Freund angenommen zu werden bedeutet, dann
ist es wenig glaubhaft, daß es dort wie in einem Taubenschlag zugegangen
sein soll und Freund und Feindfreien Zutritt haben.
Zu 5: Ganz unstrukturiert bleibt der Handlungsablauf der Troerszene.
120 Einleitung

Die Handlungsvoraussetzungen, die sich aus F13 erschließen lassen, sind


nicht erkannt, der Sinn von Ph. s Gestus gegenüber den Trojanern auf den
Urnenreliefs aus Volterra ist mißverstanden (Beiträge 118jf. 125). Im übri-
gen ist es eine Rückkehr zu Welcker, aber eine wenig durchdachte. Auf die
Idee, daß die Handlung nach dem Anagnorismos des Od. noch über zwei
Akte weiter geführt werden könne, ist bisher noch niemand gekommen.
Wieso tötet Ph. nach dem Weggang der Troer nicht Od. und Diomedes oder
vertreibt sie wenigstens, wie er es bei seiner ersten Begegnung mit dem
unbekannten Griechen vorhatte? Und nun läßt er beide sogar in seine
Höhle, obschon er weiß, was sie vorhaben.
Zu 6: Zur Einordnung von F 6 in diese Szene und Aktor als Bericht-
erstatter vgl. zu Luzzatto oben S. 118 (zu 9).
Zu 7: Für Peitho als Deus ex machina in einer euripideischen Tragödie
müßte, um als wahrscheinlich gelten zu können, erst noch eine Parallele
gefunden werden. Die Deutung des unteritalischen Vasenbildes, auf die sich
Avezzti stützt, ist unzutreffend (Beiträge 202ff).
So kontrovers auch die Forschungsdiskussion zum euripideischen
,Philoktet' in den vergangenen 150 Jahren verlaufen ist, sie bietet keine
Rechtfertigung für einen so verworrenen und unplausiblen Rekonstruktions-
vorschlag.

OLSON ( 1 9 9 1 ) 2 7 2 - 2 7 8

1. Prolog, erste Szene. Monolog des Od. (Dion 59,1-4).


2. Prolog, zweite Szene. Begegnung des Od. mit dem heimkehrenden Ph.
(Dion 59,5-11). F 12, F 9.
3. Parados. Der Chor besteht aus älteren Bürgern von Lemnos (wie Bothe).
F 6.
4. Erstes Epeisodion. Auftritt der trojanischen Gesandtschaft, möglicher-
weise unter Führung des Paris. Zum Angebot der Trojaner gehört F 15,
zur Replik des Od. F 13. Über den Verlauf der Debatte im einzelnen läßt
sich nichts sagen, aber sie endete mit einer Zurückweisung des Angebots
aus Troja.
5. Zweites Epeisodion, erste Szene. Auftritt des Diomedes als Schiffskapi-
tän, der Od. und Ph. anbietet, sie nach Griechenland zurückzubringen
(Wecklein, Luzzatto). Zu seiner Rede gehört F 1. Ph. weigert sich jedoch,
Lemnos zu verlassen.
6. Zweites Epeisodion, zweite Szene. Während eines Krankheitsanfalls
des Ph. (F 10) tritt Aktor auf. Od. (nicht Diomedes) stiehlt den Bogen.
Danach kann er seine wahre Identität offenbaren und sein bisheriges
Verhalten rechtfertigen. Zur Rede des Od. gehört F 19. Ihm antwortet
5. Geschichte der Wiedergewinnung 121

Aktor (F 16), der Ph. dazu zu bewegen sucht, sich der Argumentation
des Od. zu entziehen und sich nach dessen Schurkereien in der
Vergangenheit auf keine politische Verwicklung mehr einzulassen. Am
Ende setzt sich Od. durch, weil er durch den Besitz des Bogens die
zwingenderen Argumente hat.
Insgesamt ist Olsons Skizzierung des Handlungsverlaufs wohlüberlegt
und eher zurückhaltend. Ein bemerkenswerter Erkenntnisfortschritt im
Rahmen der bis dahin publizierten Philoktetforschung ist seine Deutung von
F16, das er der Schlußszene des Dramas zuordnet und gegen Od. gerichtet
sein läßt. Die Zuweisung an Aktor als Sprecher trifft freilich nicht zu. Auch
mit der Annahme, der Chor bestehe aus älteren Bürgern der Insel, dürfte
Olson im Recht sein. Auf die Rekonstruktion der Dramenhandlung folgt eine
vorzügliche Analyse des politisch-sozialen Selbstverständnisses der beiden
Antagonisten im Horizont der attischen Demokratie des 5. Jahrhunderts
(278ff).
Zu 1-3: Vgl. oben zu Calder S. 112f.
Zu 4: Die Plazierung des dramatischen Höhepunktes der Tragödie
in den ersten Akt verstößt gegen jede dramaturgische Vernunft. Im übrigen
ist Olson im Hinblick auf die Möglichkeit der Wiedergewinnung des
Handlungsablaufs der Troerszene zu skeptisch.
Zu 5: Zur Unmöglichkeit der vorgenommenen Rollenzuweisung an
Diomedes oben S. 103f. (zu Wecklein).
Zu 6: Aus der Zuordnung von F 10 zu Ph.s Krankheitsanfall geht hervor,
daß Olson die Krankheits- und Diebstahlszene für einen zur Darstellung
gebrachten Vorgang des Dramas ansieht. Dazu oben S. 103f. (Wecklein).
Wenn er den Diebstahl des Bogens Od. und nicht Diomedes zuweist, hat
er immerhin halb recht, wie die Darstellung auf dem Philoktetbecher aus
Hoby zeigt. Unangemessen ist dagegen Aktors Funktion in der Schlußszene.
Sie geht nicht nur über die bescheidene Nebenrolle des jungen lemnischen
Hirten hinaus, es gibt vor allem keinen Grund, diese letzte Aufrechnung und
Auseinandersetzung mit dem Erzfeind Odysseus nicht von Ph. selbst geführt
sein zu lassen.

MÜLLER ( 1 9 9 2 ) 1 0 4 - 1 3 4

1. Prolog. Der Teil des Dramas ,vor der Parados' wird auf Dion 59,1-4
eingeschränkt (F 1-5). Die Abtrennung von Dion 59,5-11, die bereits
Ribbeck als Möglichkeit ins Auge gefaßt hatte, wird dramaturgisch aus
der Ökonomie des Stückes, textimmanent durch eine Analyse der
Paraphrase des Dion gesichert (Müller 1990). Od., von Athene in einen
jungen Mann verwandelt, damit Ph. ihn nicht erkennt, ist alleiniger
Prologsprecher (T 1). Er stellt fest, daß Ph. nicht zu Hause ist, informiert
darüber, daß Ph.s Behausung zwei Eingänge hat (F 5; Müller 1991)
122 Einleitung

und daß Diomedes, der mit ihm zusammen auf Lemnos eingetroffen ist,
beim rückwärtigen Eingang der Höhle sich versteckt hält, um, wenn er
gebraucht wird, als Helfer zur Verfügung zu stehen. Als Od. den Chor
herankommen sieht, verbirgt er sich, doch so, daß er das im Folgenden
Gesprochene mithören kann.
2. Parados. Einzugslied des Chores, der aus Bürgern von Lemnos besteht
(T 10). Entschuldigung für die bisherige Vernachlässigung des kranken
Fremdlings (P 9).
3. Erstes Epeisodion. Auftritt des Aktor, der auch sonst von Zeit zu Zeit
nach Ph. sieht und ihm etwas zu essen bringt (T 11-13). Er unterrichtet
den Chor über Einzelheiten des Schicksals und der Lebensumstände des
Höhlenbewohners, nachdem er erfahren hat, daß Ph. nicht anwesend ist.
Dies ist auch der Grund, warum er die Orchestra alsbald wieder verläßt.
4. Erstes Stasimon. Der Chor bedauert erneut das Schicksal des Ph., von
dem er durch den Bericht des Aktor inzwischen mehr weiß, und wünscht
sich, nie in eine ähnliche Situation der Armut und Krankheit zu geraten
(F 6).
5. Zweites Epeisodion. Od. verläßt sein Versteck. Nach einer kurzen
Dialogszene des Od. mit dem Chor nähert sich der von der Jagd
heimkehrende Ph. Dialog Ph.-Od. (Dion 59,5-11; Müller 1990). Es
gelingt Od., der sich als einen Freund von Ph.s Freund Palamedes und als
einen Feind seines Feindes Od. ausgibt, Ph.s aggressives Mißtrauen zu
zerstreuen und seine Gastfreundschaft zu gewinnen (F 7-11).
6. Zweites Stasimon. Der Chor beklagt das Unrecht, das Ph. in der
Vergangenheit widerfahren ist, und den intriganten Prozeß, dessen Opfer
Palamedes geworden war (F 12) und von dem Od. zuvor erzählt hatte
(Dion 59,8).
7. Drittes Epeisodion. Auftritt der von Od. im Prolog angekündigten
Gesandtschaft aus Troja (Τ 19-22). Die Trojaner bieten Ph. nicht nur
kostbare Geschenke an, sondern auch die Königsherrschaft über Troja,
wenn er mit ihnen komme und Ilion durch den Bogen des Herakles vor
dem Untergang bewahre, wie es der Seher Helenos als einzige Möglich-
keit der Rettung vorausgesagt. Als Ph. sich nicht abgeneigt zeigt, das
Angebot anzunehmen, um sich aus seiner desolaten Lage zu befreien
und sich an den verräterischen Freunden zu rächen (Härtung u.a.), greift
Od. in das Gespräch ein. Da er sich angeblich in einer vergleichbaren
Situation wie Ph. befindet, kann er glaubhaft argumentieren, daß die
Feindschaft mit Od. und den Atriden noch nicht den Verrat am gesamten
Heer der übrigen Kampfgefährten rechtfertige (F 13). Im übrigen zieht
er die Richtigkeit des Helenosorakels in Zweifel (F 14) und verurteilt
den Bestechungsversuch der Trojaner als moralisch verwerflich. Diese
verteidigen ihre goldenen Geschenke als üblich im Umgang mit den
5. Geschichte der Wiedergewinnung 123

Göttern. Wenn Ph. sie annehme, tue er es nur den Göttern gleich (F 15).
Ph. läßt sich jedoch von Od. überzeugen. Die Trojaner verlassen unver-
richteter Dinge die Orchestra. Od. verständigt sich mit Ph. darauf, mit
dem Schiff des Od. sich nach Griechenland durchzuschlagen (Müller
1994). Ph. und Od. ziehen sich in die Höhle zurück.
8. Drittes Stasimon. Der Chor lobt Ph. als wahren Patrioten (T 23).
9. Viertes Epeisodion. Diomedes kommt mit Ph.s Bogen aus der Höhle und
berichtet, was sich drinnen in der Zwischenzeit ereignet hat: Ph.s Krank-
heitsanfall und Bewußtlosigkeit; die zuvor erfolgte Aushändigung des
Bogens durch Ph. an Od., damit er die Wunderwaffe für ihn aufbewahre;
die Weitergabe des Bogens an Diomedes, der durch den rückwärtigen
Eingang in die Höhle eingedrungen war (T 24/25), sie nunmehr durch
die vordere Öffnung verläßt und die Beute in Sicherheit bringt (Müller
1991). Daß Krankheitsanfall und Bogendiebstahl nicht auf der Bühne zu
sehen waren, sondern Diomedes über sie berichtete, zog bereits Wecklein
in Erwägung.
10. Kommos. Wechselgesang zwischen Ph. und Chor: Ph.s Klage über sein
Unglück und den erneuten Verrat der Griechen.
11. Fünftes Epeisodion (und Exodos). Od., der die Höhle durch den rück-
wärtigen Eingang verlassen hatte, kehrt in seiner natürlichen Gestalt in
die Orchestra zurück. Redeagon zwischen Ph. und Od. in zwei Gängen
mit dem Chor als moralischer Schiedsinstanz. Es gelingt Od. nicht, Ph.
versöhnlich zu stimmen (F 16-19); dieser bleibt bei seiner Weigerung,
freiwillig mit nach Troja zu kommen. Der Chor, der zwar den Diebstahl
verurteilt, in der Sache aber Od. zustimmt, sieht in dessen erfolgreicher
Aktion die Verwirklichung des Götterwillens, da ohne die von Athene
vorgenommene Verwandlung der Bogendiebstahl nicht möglich gewesen
wäre (F21). Ph. fühlt sich dagegen von allen verlassen (F20). Der
Wehrlose läßt sich zwar ohne Widerstand, aber ausdrücklich gegen
seinen Willen von Od. auf dessen Schiff bringen (T 26-28).
Zu 9: Korrigierte Fassung der Aneignung des Bogens durch Od. Bei-
träge 26f.; 106f. mit Anm. 40; 309ff.
Zu 10/11: Zur veränderten Sicht vom Auftritt Ph.s und des rückver-
wandelten Od. vgl. unten S. 207 und Kommentar S. 426f.

Es hat rund zweihundert Jahre gebraucht, bis mit der Euripi-


desausgabe von Matthiae (1829) die Sammlung der Fragmente des
Philoktet den Stand erreicht hatte, den sie eigentlich schon Mitte des
17. Jahrhunderts hätte erreichen können und an dem sich seitdem nur
124 Einleitung

noch wenig geändert hat55. Die Versuche der Annäherung an Form


und Inhalt des euripideischen Dramas seit 1839 bedurften eines nicht
weniger langen Atems. Von einem zielstrebigen Fortgang der For-
schung kann keine Rede sein. Das Ratespiel der Rekonstruktionen
treibt seltsame Blüten. Als nach einem dreiviertel Jahrhundert der
Ermüdung das Spiel von neuem beginnt, sind es immer noch die
alten Karten, und nur zaghaft entschließt man sich dazu, sie neu zu
mischen.
Mein eigener Versuch von 1992 geht auf einen Entwurf zurück,
der im wesentlichen ohne Kenntnis der langen Vorgeschichte der
Forschung konzipiert wurde.

55
1 839 kamen zwei Verse aus der von Schneidewin publizierten Gnomen-
sammlung des Orion hinzu (F 21 [p. 47. 55 Sehn.]), 1891 erfolgte Hilbergs Zuord-
nung von F 8 (Fr. tr. adesp. 389 N. 2 ) zum Philoktet des Euripides (166f.), 1894
Weckleins Attribution von F 20 (Soph. Fr. 733 Pearson = Eur. Fr. 799a Nauck-
Snell). Τ 30 hat erstmals Mette, Euripides 270 (Fr. 1126, vgl. zu Fr. 966a) ernst
genommen und dem Bestand des Philoktet zugewiesen. Man vermißt freilich eine
Stellungnahme, inwieweit von einem .Fragment' des Philoktet die Rede sein kann
(unten S. 445f.).
6. ZU DIESER AUSGABE

Der griechische Text setzt sich zusammen aus Testimonien (T)


mit Aussagen über den Philoktet des Euripides oder sachlichen
Mitteilungen, die direkt oder indirekt auf das euripideische Drama
zurückgehen, aus Paraphrasen (P) des authentischen Textes, wie sie
vor allem in der 59. Rede des Dion von Prusa überliefert sind, und
aus den erhaltenen Originalfragmenten (F). Diesen sind in Klammern
die Fragmentnummern der Ausgabe von Nauck (21889; Suppl. ed.
B. Snell 1964) hinzugefugt. Der Blick zurück in die Geschichte
der Fragmentsammlungen zum Philoktet des Euripides ergab die
eine oder andere überraschende Revision in der Zuschreibung von
Emendationen und Konjekturen. Vorangeschickt ist eine einleitende
Gruppe von Zeugnissen der literaturwissenschaftlichen Beschäf-
tigung mit dem euripideischen Philoktet in der Antike sowie von
frühen Bezeugungen der Existenz des Stückes (H).
Die deutsche Übersetzung will mehr sein als eine Verständnishilfe
des griechischen Textes. Sie steht im Dienst der Rekonstruktion
des Originals und hat die Aufgabe, den Zusammenhang der disiecta
membra des Ganzen sichtbar werden zu lassen. Ergänzungen des
Herausgebers im Übersetzungsteil zur Vergegenwärtigung des
erschlossenen gedanklichen Kontextes sind mit S und durch
Kursivdruck gekennzeichnet. Zur richtigen Einschätzung dieser
Ergänzungen, insbesondere der umfangreicheren, sei gesagt, daß sie
auf solche Fälle beschränkt bleiben, in denen ihr Inhalt durch
Hinweise der Testimonien, die Logik der Dramenhandlung und die
Charaktere der beteiligten Personen, schließlich durch die Konven-
tionen der euripideischen Theaterpraxis als gesichert oder zumindest
wahrscheinlich gelten darf. Der Kommentar gibt darüber Auskunft.
Ohne die beiden Schriften des Dion, die den Philoktet des
Euripides zum Gegenstand haben, wäre die Tragödie von 431 so
verloren wie die anderen nicht erhaltenen Dramen des Dichters.
Daher empfahl sich eine kritische Edition nicht nur der 59. Rede
mit der Paraphrase des euripideischen Prologs und des zweiten
126 Einleitung

Epeisodions, sondern auch der 52. Rede mit ihrer vergleichenden


Interpretation der Philoktetdramen der drei großen Tragiker.
Ungeachtet der Sophokles zugewiesenen Mittelstellung zwischen
Aischylos und Euripides (52,130) ist Euripides die Mitte und der
universelle Bezugspunkt der Synkrisis, und auch dort, wo er nicht
ausdrücklich genannt wird, ist das Gesagte vor dem Hintergrund
seines Philoktet zu verstehen.
Die Handschriften beider Reden, soweit sie für die Textkonstitu-
tion von Bedeutung sind, wurden neu verglichen1. Es sind dies für
die 52. Rede die Codices

U Urbinas Vaticanus gr. 124, f. 269v-272r, s. XI, membr.


Β Parisinus gr. 2958, f. 216v-219r, s. XIV fin. /XV init., chart.
M Leidensis BPG 2C, f. 242v-245v, s. XVI, chart.
H Vaticanus gr. 91, f. 219r-222v, s. XIII / XIV, bomb.
Ρ Palatinus Vaticanus gr. 117, f. 178r-180r, s. XIV, bomb.

Die alten Streitfragen der Dionüberlieferung, wie es zur Auf-


spaltung gekommen, ob eine Einteilung in zwei oder drei Klassen
angezeigt sei und welche von ihnen den Vorzug verdiene, sind
inzwischen entweder überholt oder können aufgrund der schmalen
Basis der beiden hier berücksichtigten und dazu noch relativ kurzen
Reden nicht oder nur bedingt Gegenstand der Untersuchung sein2.
Für die 52. Rede ist die erste Klasse durch die Handschriften UB, die
zweite durch M, die dritte durch HP vertreten.

1
Arnim hatte weder den Parisinus Β noch den Leidensis M selbst eingesehen.
Er gibt ihre Lesarten nach den Angaben von Emperius wieder (Prolegomena VII.
IX). Aber auch seine Angaben zu den anderen Handschriften bedürfen der Über-
prüfung. - Den unangenehmeren Teil des Kollationierens hat mir Maria Vasiludi
(Saarbrücken /Thessaloniki) durch ihre sorgfältige Vorarbeit abgenommen. Eine
Nachkollation des Urbinas (U), des Vaticanus (H) und des Palatinus (P) habe ich im
Juni 1996 in der Vaticana vornehmen können.
2
Vgl. außer der Praefatio von Emperius (1844) und Arnims Prolegomena
(1893) vor allem Sonny, Überlieferung 95f.; ders., Analecta (passim); W. Schmid,
RE V (1903) 875f.; E. Wenkebach, Die Überlieferung der Schriften des Dion
von Prusa: Hermes 79 (1944) 40ff. - Wenkebach geht von einem mit Varianten
versehenen Archetypus aus dem Besitz des Photios aus, dessen unterschiedlicher
Zustand jeweils zum Zeitpunkt der Abschrift der drei Hyparchetypi die Entstehung
der drei Handschriftenklassen erkläre (a.O. 43).
6. Zu dieser Ausgabe 127

U und die Vorlage von Β gehen auf einen gemeinsamen Über-


lieferungsträger (α) zurück3. Die Übereinstimmungen von Β und
U beziehen sich fast immer auf U 1 , selten auf LT 4. Β repräsentiert
somit die gleiche Überlieferung wie U vor seiner Korrektur durch U 2 .
Darüber hinaus bietet Β aber gegenüber U an einer Reihe von Stellen
den korrekten Text (dazu gehören auch die wenigen Übereinstim-
mungen mit U 2 ), oder anders formuliert: U (U 1 ) weist gegenüber Β
eine größere Anzahl von Trennfehlern auf5.
Die Korrekturen in U stammen nur ausnahmsweise von der Hand
des Schreibers6. Abgesehen von diesen bei der Niederschrift durch-
geführten Verbesserungen ist U in der 52. Rede von einem jüngeren
Corrector, der sich nicht nur durch seine Schrift, sondern vor allem
durch die Farbe der Tinte deutlich von U1 unterscheidet7, mit einem
Codex der dritten Klasse verglichen worden (U )8. Da man nicht
davon ausgehen kann, daß der Corrector die Variae lectiones
der verglichenen Handschrift vollständig berücksichtigt hat (ganz
abgesehen von den Fällen, in denen diese möglicherweise mit U
gegen HP übereinstimmte), ist eine genauere Bestimmung des
Verhältnisses von U 2 zu HP nur unter Vorbehalt möglich. Ungeachtet

3
Arnim nennt Β „Urbinatis 124 frater" (Prolegomena IX). Schmid formuliert
zurückhaltender: „Urbinas 124 ... für dessen Bruder Parisinus 2958 ... gilt" (RE V
875). Korrekter müßte, wenn man bei der genealogischen Metaphorik bleiben will, Β
wohl als ,Neffe' von U bezeichnet werden. Sonny hielt ursprünglich Β für abhängig
von U (Überlieferung 95f.), schloß sich aber Analecta 21 f. Arnim an.
4
Vgl. zur Erklärung der Siglen u ' und U 2 weiter unten.
5
Trenn- oder Sonderfehler von U gegenüber B: 52,67 " Ε κ τ ο ρ α ("Ακχορα);
52,71 om. την; 52,78 Έ ρ υ β ά τ ο υ (Εϋρυβάτου); 52,111 έ ν τ υ γ χ ά ν ο ν χ α (έντυχόντα);
52,145 om. ό; 52,147 om. και 2 ; 52,149 α ί σ θ α ν ο μ έ ν ο υ (αίσθομένου); 59,1 [Ρ 4,3]
δ ο κ ο ΰ ν τ α τ ο υ π λ ή θ ο υ ς (Wortstellung); 59,1 [zu F 3] δ ς (ώς); 59,2 [Ρ 6,4] δ ς (ώς);
59,7 [Ρ 10,19] ετι (om. BM); 59,9 [Ρ 11,9] Π α λ α μ ή δ ο υ (-δους); 59,11 [Ρ 12,4]
ά π ό (ύπό).
6
Vgl. die Hinzufügung von ν in εΰκλειαν 52,19. Die Vorlage verzeichnete
neben είίκλεια offensichtlich die Variante εΰκλειαν. Auch die Tilgung von κ α ι
(52,78) gehört bereits dem Hyparchetypus α an. U übernimmt die Auslassung unter
Berücksichtigung der in der Vorlage entstandenen Lücke.
7
Im Unterschied zur goldbraunen Farbe der Schrift von U (U 1 ) ist die Tinte
2
von U schwärzlich grau.
8
Der Corrector notiert nicht nur abweichende Lesarten (in margine und supra
lineam oder durch Änderungen des Textes), sondern verbessert daneben auch
Akzente und itazistische Fehler.
128 Einleitung

2
der weitgehenden Ubereinstimmung von U mit HP (einschließlich
einiger Bindefehler9) deuten immerhin drei Abweichungen auf
eine größere Selbständigkeit der von U2 benutzten Vorlage. Nur U2
hat 52,37 die sonst nicht überlieferte Variante μεγαλόφρονα (statt
μεγαλόφρονας), die im übrigen den richtigen Text wiederzugeben
scheint, 52,78 Εύρυβάτω (statt Εΰρυβάτη HP) sowie 52,107 das
singuläre ευφυής (verbessert aus εφυ), das auf ein als Varia lectio
mißverstandenes Interpretament in der Vorlage schließen läßt10.
Dies würde bedeuten, daß die Vorlage von U2 eine Handschrift mit
Varianten und erklärenden Glossen war.
2 '*
Die Selbständigkeit von HPU als Uberlieferungsträger gegenüber
der ersten und zweiten Klasse" legt schon der Befund nahe, daß sich
an einigen Stellen der 52. Rede allein in HP(U2) die korrekte Lesart
findet12. Hierbei handelt es sich zwar auch um Fälle, die eine nach-
trägliche Heilung durch Konjektur als möglich erscheinen lassen13,
doch gibt es drei Stellen, wo diese Erklärung zumindest unwahr-
scheinlich ist14. Das Verhältnis von Η und Ρ in der 52. Rede ist durch
eine weitgehende Übereinstimmung sowie eine Reihe von Sonder-
fehlern in Ρ gegenüber Η gekennzeichnet15. Die Unabhängigkeit
der jüngeren gegenüber der älteren Handschrift ist jedoch durch
Trennfehler auch in Η gesichert16. Die Mehrzahl dieser Fehler ist von

9
52,40 ίποίησεν (HPU 2 : om. U'BM); 52,67 ό (U'BM : om. HPU 2 ); 52,77
και (HPU 2 : om. U'BM); 52,163 τω (HPU 2 : τοϋ U'BM).
10
Vgl. kurz zuvor την των ε υ φ υ ώ ν και γενναίων άνδρών φιλοτιμίαν
(52,102f.).
11
Ursprünglich hatte Sonny die Codices der dritten Klasse der zweiten zuge-
ordnet (Überlieferung 95).
12
52,40. 42. 45. 51. 68. 77 (εύσχημονέστεροι). 80.
13
52,45 τοσούτος (τοιούτος UBM); 52,51 εποίησαν τόν (έποιήσαντο
U'BM, Emperius); 52,77 εύσχημονέστεροι (-ον UBM). Philologische Emendation
ist sicher 52,52 άπολογουμένους Η (-ος ceteri). - Die Handschriften der dritten
Klasse verraten des öfteren die regulierende Hand eines byzantinischen Philologen.
14
52,42 γι(γ)νωσκόμενος (συγγιγνωσκόμενος U'BM); 52,45 ετών (U 2 PH 2 :
ετη U'BM); 52,68 προσιόντα ( ιόντα U'BM).
15
Ρ besteht aus einem jüngeren Teil (s. XV, chart.) und einem älteren (s. XIV,
bomb.). Die Seiten mit der 52. Rede des Dion gehören zum älteren Teil des Codex.
Vgl. Sonny, Analecta 29ff.
16
52,43 τών (τοϋ); 52,45 'έτη (ετών); 52,68 προσιόντας (-ντα); 52,88 τό
(τόν); 52,163 κεχρισμένους (-νου).
6. Zu dieser Ausgabe 129

2
zweiter Hand (H ) korrigiert, und zwar nach einem Exemplar der
eigenen Klasse17. Die Vorlage von H (h) verzeichnete Varianten auch
der zweiten Klasse (M), die der Schreiber von H offensichtlich als
Korrekturen interpretierte und daher in seinen Text übernommen
hatte. Darauf deuten die - von H2 wieder rückgängig gemachten -
Übereinstimmungen von H mit M 52,45 (ετη), 52,88 (τό), 52,157
(μέχρι). Die Vorlage von Ρ (p) enthielt zum Titel der 52. Rede eine
erläuternde Randglosse (και Φιλοκλέους), die der Schreiber von Ρ als
Varia lectio zu και Σοφοκλέους mißverstand18.
Die zweite Klasse ist, da in der 52. Rede der Vaticanus gr. 99 (V,
s. XI) ausfällt, allein durch M repräsentiert19. Obschon M in Ortho-
graphie und Worttrennung äußerst fehlerhaft ist, ist sein Wert für
die Dionüberlieferung unbestritten. 59,8 [P 10,31] hat er allein das
korrekte δίκης (τύχης UB)20, im Aristophaneszitat 52,163 sogar das
authentische κεχριμένου bewahrt21. Bemerkenswert ist im selben Vers
das mit Β gemeinsame ol δ' (statt ό δ'/ öö' UHP), das gerade wegen
seiner offenkundigen Fehlerhaftigkeit Originäres bewahrt zu haben
scheint und hinter dem sich ein ursprüngliches ος δ' verbergen
dürfte22. In der 59. Rede ist M vom selben Schreiber nach einer
Handschrift der ersten Klasse (α), die U näher stand als B,
durchkorrigiert worden (Ausnahme άνάπλεφ 59,11 [Ρ 13,2]). Variae
lectiones sind am Rande oder durch Angaben supra lineam notiert

17
Das ergibt sich aus der Verbesserung von ετη in ετών, das primär nur in γ
2
(U P) überliefert ist, paßt aber auch zu den Verbesserungen 52,88. 163.
18
Der gelehrte Schreiber, Kommentator oder Besitzer von p wußte, daß es
außer von den drei großen, im Titel genannten Tragikern „auch von Philokles" eine
Philoktettragödie gegeben hatte (Suda φ 378 = TrGF 24 Τ 1 ).
19
M = Meermannianus nach seinem früheren Besitzer Meerman (vgl. Empe-
rius, Praefatio X). Die ältere Bibliothekssignatur des Codex lautet (Lugdunensis) 67,
die neue BPG 2C. Der Codex des 16. Jahrhunderts gehört zum Handschriftentypus
recentiores non deteriores. Die westliche Herkunft des Schreibers verrät sich bei
Fehlern wie Π ε ν ε λ ό π η (52,113). - Zur Beziehung von M zu V vgl. Arnim, Prolego-
mena Vff.
20
Ebenso 59,1 [P 1,1] ταύτην (αυτήν UB); 59,5 [Ρ 10,2] τη ξ υ μ φ ο ρ « (της
ξ υ μ φ ο ρ ά ς UB); 59,7 [Ρ 10,21] εφησθα (εφης UB); 59,9 [Ρ 11,4] οΰ (om. UB).
21
Daß κεχριμένου, von Cobet in Aristoph. Fr. 598 K.-A. konjiziert (Mn 5
[1856] 195), in M überliefert ist (κεχρειμένου : κεχρωσμένου UBH 2 P), wurde bisher
übersehen.
22
Vgl. unten S. 290.
130 Einleitung

oder aber durch Hinzufugung, Tilgung oder Änderung eines


Buchstabens im Text integriert. Im Unterschied dazu ist die Herkunft
der Korrekturen in der 52. Rede weniger eindeutig. Es gibt
Verbesserungen von offenbar falsch Abgeschriebenem 23 , aber auch
die Übernahme von Varianten in der Vorlage oder aus einer anderen
Quelle 24 . Stemmatisch steht M insgesamt UB näher als der dritten
Handschriftenklasse (HPU 2 ), wie neben zahlreichen Übereinstim-
mungen im Richtigen eine Reihe von Bindefehlern dokumentiert 25 .

Stemma codicum (or. 52)

U (b) (m)

(P)

Von den anderen Handschriften, die die 52. Rede enthalten,


bestätigten die Kollationen, daß der Marcianus 421 (T, s. XV) ein
indirektes Apographon von U ist26 und der Vindobonensis phil. gr. 12

23
Vgl. z.B. 52,6 (Nachtrag von ausgelassenem του). Die Änderung von
αρχαίων in άρχαΐον (52,36) dürfte dagegen der durchgehenden Korrektur zuzu-
rechnen sein, da sie auch in U (U 2 ) vorliegt.
24
Varianten liegen sicher vor in 52,78 (ι über ος in Παταικίωνος); ebenda
(Hinzufugung von και). Aber wohl auch 52,44 (τό in τόν geändert); 52,116 (δεησό-
μενον in -ην geändert); 52,136 (-γεν- in -γιν- geändert).
25
Vgl. oben Anm. 13 und 14.
26
So Arnim (Prolegomena XI. XXI), der Τ grundsätzlich U folgen läßt, in den
Reden aber, die auch in Ρ vorhanden sind, den Marcianus mit dessen Lesarten
6. Zu dieser Ausgabe 131

(s. XVI) von Ρ abhängt 27 . In der 59. Rede ist der Vindobonensis
eine direkte oder indirekte Abschrift des Marcianus T 28 . Über andere
Codices descripti der Dionüberlieferung mit Or. 52 und 59 infor-
mieren Arnims Prolegomena 29 .
Für die 59. Rede stehen die Handschriften U, Β und M sowie
Mitteilungen über einen verlorenen Codex (S) zur Verfugung 30 .
Die Lesarten von S, die Hemsterhuis in seinem Exemplar der
Dionausgabe von Morel (Paris 1604) notiert hatte31, wurden in der
Wiedergabe von Emperius benutzt 32 . Im Apparat sind sie nur in einer
kleinen Auswahl berücksichtigt. „Hoc initium fuit Septem veteris
membranae paginarum, quas contuli mecum ab amicissimo collega
P(etro) Burmanno communicatas." 33 Mit diesen Worten eröffnet
Hemsterhuis die Benutzung von S. Nimmt man die Variae lectiones
in S als bare Münze, so müßte der Codex einen Überlieferungszweig
repräsentieren, der aus der uns bekannten Filiation der Dion-
handschrifiten herausfällt. Schon Geel bemerkte, daß das Format des
Codex entweder besonders groß oder aber seine Schrift extrem klein
gewesen sein müsse, wenn alle Reden, zu denen Hemsterhuis ihn
zitiere, auf den genannten sieben Seiten untergebracht gewesen sein
sollten 34 . Die Vermutung liegt nahe, daß Hemsterhuis nur Exzerpte

kontaminiert sieht. Vgl. die Kontamination von είναι und ένδείκνυσθαι 52,134 (von
Morel und noch Emperius in den Text aufgenommen).
27
Vgl. Arnim, Prolegomena XXIIIf.
28
Wenn ich richtig sehe, von Arnim nicht konstatiert. Der Vindobonensis hat
alle Bindefehler von Τ und U 1 , dazu mit Τ gemeinsam die Fehler 59,3 [P 6,8] χίδνης
(έχίδνης) und 59,4 [Ρ 6,17] δια την (και δια την) sowie eine große Zahl von
Sonderfehlern gegenüber Τ. - Τ diente auch der Aldina als Vorlage (Sonny, Analecta
17).
29
Vgl. Prolegomena X-XIV. XXIII-XXV.
30
Urbinas gr. 124 (U), f. 283 r -284 v ; Parisinus gr. 2958 (B), f. 226 r -227 r ;
Leidensis BPG 2C (M), f. 257 r -258 v . Zu S vgl. unten Anm. 32.
31
Geel XXI. Hemsterhuisens Dionausgabe befindet sich in der Leidener
Universitätsbibliothek (Geel a.O.).
32
Emperius im Apparat zu Or. 59 (II 661-665).
33
Zitiert nach Geel XXI. Hemsterhuis beschließt die Benutzung mit der
Anmerkung: „Hue usque pertingebant pagellae Septem membranae veteris, quas
contuli" (Geel a.O.).
34
Um „pagellae", wie Hemsterhuis schreibt, könnte es sich aber auf gar keinen
Fall gehandelt haben.
132 Einleitung

vor sich hatte und seine Mitteilungen über das Alter der Handschrift
und die Kostbarkeit des Beschreibmaterials Informationen aus zwei-
ter Hand sind. Auch sonst spricht einiges dafür, daß die eigenwilligen
und eher originellen als originalen Angaben über S sich teils durch
einen großzügigen Umgang mit der handschriftlichen Vorlage 35 , teils
durch stillschweigende Emendationsversuche 36 der vermittelnden
Hand (Burman?) erklären. Läßt man die Autoschediasmen in den
Mitteilungen von Hemsterhuis beiseite, gehört S zur α-Klasse 37 . Die
Erwartung, daß sich mit seiner Hilfe Verderbnisse im Archetypus
unserer erhaltenen Dionhandschriften heilen und Lücken schließen
lassen könnten, ist methodisch verfehlt, έλκους in τελαμώνές τε
'έλκους άνάπλεοι (59,11 [Ρ 13,1]) ist nicht überliefert, sondern
durch Konjektur ergänzt. Gleiches gilt von πάντες 59,1 [zu F 3] statt
des überlieferten άπαντας (άπαντες Arnim 38 ) und von ούδενός 59,9

35
Vgl. vor allem die zahlreichen Wortumstellungen, Auslassungen, Simpli-
fizierungen (z.B. 59,1 [zu F 31 πάντες statt άπαντες; 59,4 [Ρ 6,16] civ statt εάν)
und Sorglosigkeiten (59,8 [Ρ 10,29] τί δήτα statt τί δη τοϋτο; 59,9 [Ρ 11,3] οΐμαι
statt άμέλει).
36
59,1 [zu F 3] πάντες; 59,2 [Ρ 6,4] δτε; 59,6 [Ρ 8,2] διαμαρτόντι; 59,6
[Ρ 10,10] ύβρισθέντα; 59,6 [Ρ 10,12] και ommissum; 59,7 [Ρ 10,22] πέφυκας; 59,7
[Ρ 10,25] το(ΰ) (zu τυγχάνεις); 59,8 [Ρ 10,30] έξήλασεν; 59,9 [Ρ 11,3] ούδενός;
59,10 [Ρ 11,11] ο ϋ τ ω δή; 59,10 [Ρ 11,16] <σ)εαυτοϋ; 59,11 [Ρ 13,1] ('έλκους).
37
59,4 [Ρ 8,1]; 59,8 [Ρ 10,31]. δτε 59,2 [Ρ 6,4] ist Emendation von δ ς (U :
ώ ς ΒΜ). Die Übereinstimmungen von S mit M in 59,6 [Ρ 10,14] und 59,11 [Ρ 12,4]
sprechen nicht dagegen, weil sie sich jeweils auch bei einem Vertreter der α-Klasse
finden. In 59,6 hat S die alte Lesart (χωρίς αιτίας), die in U nur verstümmelt
überliefert ist, erhalten. Dazu paßt das von Hemsterhuis, wenn auch wohl nur
indirekt, bezeugte hohe Alter des Codex. Eine Ableitung von S aus U (Arnim,
Prolegomena XIV; Sonny, Analecta 34) wird durch nichts nahegelegt. Vielmehr
gehen beide auf eine gemeinsame mit Varianten ausgestattete Vorlage zurück.
Während Β (b) 59,6 χάριν αιτίας, S χωρίς αιτίας auswählte, hat der Schreiber von
U zunächst χ ω ρ ί ς übernommen, sich anschließend aber für χ ά ρ ι ν entschieden und
den Text entsprechend korrigiert. Arnims Angabe im Apparat (ού χώρ::ναιτίας U
m. pr.) ist irreführend. U1 hatte eindeutig χ ω ρ ί ς αιτίας, ν gehört (wie α und ι in
χάριν) zur Selbstkorrektur von U 1 , und nur darüber mag man im Zweifel sein, ob der
Lenis auf dem α von αιτίας von U 2 nachgezogen wurde.
38
So schon - ohne Kenntnis von S* - Gataker 2 129 und Valckenaer 119,
der Gataker zitiert (118 Anm.). Vermutlich geht πάντες in S* auf Kenntnis der
Gatakerschen Konjektur zurück. Auch die Umstellung von σχεδόν verrät den
Emendationsversuch.
6. Zu dieser Ausgabe 133

[Ρ 11,3] statt ουδέν (codd.) 39 . Damit sind die Mitteilungen über den
Text von S zwar nicht wertlos, aber man sollte sie in der Form, in der
sie uns vorliegen, als das behandeln, was sie vornehmlich sind: mal
mehr, mal weniger ernstzunehmende philologische Beiträge zum
Verständnis von Dions Text.
Bei der 59. Rede sind die Verbesserungen in U im allgemeinen
orthographische Korrekturen. Die von U2 vorgenommenen Änderun-
gen betreffen ausschließlich itazistische Versehen (mit einer irrigen
Korrektur in 59,2 [P 6,5]40) oder Streichungen von ν ephelkystikon.
Daneben gibt es zuweilen auch wieder Selbstkorrekturen durch
den Schreiber des Codex41, darunter die einzige Berücksichtigung
einer echten Variante in 59,6 [P 10,14], wo die neue Textfassung
die zunächst getroffene Auswahl angesichts zweier Lesarten in der
Vorlage revidiert42.
Der Schreiber von M hat in der 59. Rede Lesarten einer Vorlage
der α-Klasse nachgetragen43.

Stemma codicum (or. 59)

U [S] (b) (m)

Β
(a).
\
M
S*

39
Es dürfte keine Bestätigung der Konjektur von Casaubonus 92 sein, sondern
eine Übernahme; desgleichen δτε 59,2 [Ρ 6,4]. Vgl. Anm. 37. - Auch die Tilgung
von ούτως 59,5 [Ρ 10,3] stammt von S* (vgl. unten S. 357).
40
ληφθείς U 1 : λειφθείς U 2 .
41
59,7 [P 10,17] ειμί, (aus ειμή).
42
Vgl. oben Anm. 37.
43
Vgl. oben S. 129.
134 Einleitung

Der Apparat zu den beiden Reden des Dion bemüht sich um


Vollständigkeit. Nicht berücksichtigt wurden jedoch Abweichungen
beim Gebrauch des ν ephelkystikon und, von wenigen Ausnahmen
abgesehen, in der Orthographie (itazistische Verschreibungen, Ver-
wechslungen von ε/αι44, ο/ω, Iota subscriptum u.a.). Die Schreibweise
von γιγν- / γιν- bei γίγνεσθαι und γιγνώσκειν variiert in den
Handschriften. Der Apparat gibt darüber Auskunft. In den Text
wurden, entsprechend der Gepflogenheit der Herausgeber seit
Emperius, die attischen Formen aufgenommen, obwohl es keine
Sicherheit gibt, daß Dion selbst immer konsequent verfahren ist45.
Der unterschiedliche Befund der Handschriften in der 52. und
59. Rede spricht eher dagegen 46 . Aber auch auf die Handschriften ist
kein Verlaß, wie der Überlieferungsbefund bei den älteren attischen
Autoren zeigt 47 . Auch die Varianten οϋιω / ούτως sind notiert. Die
Entscheidung im Text folgt der Regel: οϋτως vor Vokal und am
Satzende, sofern eine der Handschriften die betreffende Form
überliefert, was in der 52. und 59. Rede durchgehend der Fall ist48.
Der Gebrauch des ν ephelkystikon ist dagegen ohne Berück-
sichtigung der Überlieferung normalisiert.
Während sich in der 52. Rede auschließlich Formen mit συν- als
erstem Kompositionsglied finden 49 , dominieren in der 59. Rede die
altattischen Formen mit ξυν-50. Der übereinstimmende Befund der

44
Die häufig in mittelalterlichen Codices begegnende Verschreibung όίονται
für olóv τε findet sich 52,6 (M) und 52,83 (UBM).
45
52,102. 122. 136 las der Archetypus γιν-,
46
In der 59. Rede haben alle drei Handschriften (UBM) nur γιγν- (59,4
[Ρ 8,1]; 59,8 [Ρ 10,32. 39]; 59,9 [Ρ 11,8]).
47
Vgl. M. L. West, Aeschyli Tragoediae, Stuttgart 1990, XLVI.
48
Die Entscheidung, vor Vokal nicht μέχρις zu schreiben (52,157), bleibt
unsicher; denn die Tendenz, analog zu οϋτω(ς) so zu verfahren, ist in den
Handschriften unverkennbar, doch im einzelnen schwankend, ebenso wie die Praxis
der Herausgeber.
49
52,69. 72. 74. 82. 87. 89. 99. 124. 142. In beiden Reden begegnet ξυν / συν
nur in Komposita.
50
ξ υ ν - : αύτφ ξυγγενόμενον 59,3 [Ρ 6,14]; τη ξυμφορά 59,5 [Ρ 10,2]; τοις
ξυμμάχοις 59,9 [Ρ 11,3]; τη ξυμφορά 59,9 [Ρ 11,6]; μηχανήν, ξυμπροθυμηθείς
59,10 [Ρ 11,14]; ηκεις ξύμμαχον 59,11 [Ρ 12,1]; ήδύς ξυγγενέσθαι 59,11 [Ρ 13,2).
σ υ ν - : ol σύμμαχοι 59,1 [Ρ 1,1]; τοις συμμάχοις 59,2 [Ρ6,3]; άξιος συνέπλει
59,8 [Ρ 10,33]; και συντιθείς 59,9 [Ρ 11,4].
6. Zu dieser Ausgabe 135

Handschriften dürfte den Text des Archetypus der Photioszeit


wiedergeben. In Verbindung mit der unterschiedlichen Präferenz der
handschriftlichen Überlieferung der beiden Reden bei γιγν-/ γιν- 51
kann das kein Zufall sein, und alles spricht fur die Annahme, daß
Dion in der 59. Rede bei der Paraphrase eines attischen Tragödien-
textes bewußt den attischen Formen des 5. Jahrhunderts den Vorzug
gegeben hat. Nun begegnen ξυν-Formen nicht nur hier, sondern
in rund der Hälfte der 80 Reden des Attizisten Dion. Doch liegt
das zahlenmäßige Übergewicht im allgemeinen deutlich bei den
συν-Formen 52 . Die 59. Rede gehört dagegen zu den ganz wenigen
Schriften, in denen das Verhältnis von ξυν- und συν-Formen nicht
nur ausgeglichen ist53, sondern bei etwa 2:1 oder noch darüber liegt54.
Sie nähert sich damit dem Sonderfall der 72. Rede, in der den 12
ξυν-Komposita nur eine einzige συν-Form (72,11) gegenübersteht,
für die, wenn man sie als authentisch ansieht, es keine andere
Rechtfertigung gibt als die Unaufmerksamkeit des Autors. Ich
möchte diese »Ausnahme' daher eher für eine Nachlässigkeit
und Anpassung an die sprachliche Normalform im Verlauf der Dion-
Überlieferung gegenüber der Absicht des Autors, ausschließlich
ξυν-Formen zu verwenden, halten und gebe zu bedenken, ob nicht
auch die vier συν-Formen in der 59. Rede auf ebendiese Weise
zustandegekommen sind 55 .

51
Im Unterschied zur 52. Rede bieten in der 59. Rede alle Handschriften
übereinstimmend die attischen Formen (vgl. oben Anm. 46).
52
1 = 3:21; 2 = 3:23; 3 = 5:23; 4 = 7:45; 6 = 6:16; 7 = 11:41; 11 = 10:66;
12 = 38:36; 13 = 3:27; 15 = 3:12; 20 = 3:10; 21 = 1:1; 22 = 2:11; 24 = 2:2 [1 % S.];
26 = 1:3; 27 = 3:6; 30 = 7:16; 32 = 5:56; 33 = 14:21; 35 = 14:4; 36 = 16:30;
3 9 = 1:4; 4 0 = 3:26; 42 = 1:2; 44 = 2:5; 4 9 = 1:11; 53 = 1:3; 54 = 1:3; 55 = 10:9;
5 6 = 1:7; 57 = 4:5; 59 = 7:4; 61 = 2:13; 62 = 2:1 [2 Ά S.]; 66 = 1:13; 68 = 3:4;
72 = 12:1; 73 = 1:5; 74 = 1:31; 77/78 = 7:15; 80 = 2:5.
53
Klammert man die Reden mit weniger als drei Seiten (in der Ausgabe von
Arnim) aus, so ist dies in Or. 12 und 55 der Fall.
54
Or. 35,59 und 72.
55
In der 59. Rede sind die ξυν-Formen nicht weniger bewußt gewählt als
in der 72. Es gibt also hinsichtlich der Intention des Autors keinen rechten Grund
fur die abweichenden Formen. Um so unverständlicher wäre, wenn Dion seine
Rede gleichwohl zunächst mit zwei συν-Formen begonnen hätte (59,1 [P 1,1]; 59,2
[P 6,3]). Der naheliegende Einwand, daß auch der euripideische Bezugstext beide
Formen gekannt habe, ist nicht unberechtigt, läßt aber folgende Aspekte außer acht:
136 Einleitung

Ein vergleichbares Problem ist die Schreibweise σμικρόν / μικρόν


(52,7. 9. 88). Daß Dion σμικρός als Form des literarischen Attizis-
mus56 verwendet hat, darf aufgrund ihres Vorkommens im einzigen
bisher bekannten Dion-Papyrus (4. Jh.) als gesichert gelten57. Unklar
ist jedoch, welche Faktoren die Wahl der einen oder der anderen

Wie der Text des euripideischen Philoktet, den Dion benutzte, in diesem Punkte
wirklich aussah, wissen wir nicht. (Die einzige originale erhaltene Form ist ein
metrisch gesichertes συντυχίαν, F 6,2.) Die handschriftliche Euripidesiiberlieferung
der erhaltenen Dramen des Jahrzehnts zwischen 438 und 428 weist für die beiden
Tragödien Medea (431 zugleich mit dem Philoktet aufgeführt) und Hippolytos (428)
ein Zahlenverhältnis von 21 ξ υ ν zu 50 συν [15 metrisch bedingt] bzw. von 19 ξυν
zu 55 συν [26 metrisch bedingt] aus. Bei Alkestis (438) und Herakliden (428,
Datierung 63ff.) ist die Relation 7:44 (8) bzw. 4 : 5 6 (12); die Unterschiede hängen
möglicherweise damit zusammen, daß die Alkestis sicher, die Herakliden vermutlich
(M. Hinsberger-Boguski, Die Herakliden des Euripides, Diss. Saarbrücken) die
Stelle des Satyrspiels einnahmen und es zwischen Tragödie und Satyrspiel eben
doch, wenn auch nur feine, Unterschiede des sprachlichen Niveaus gab (vgl. Kyklops
4 : 2 2 [3]). Die Euripidesüberlieferung unterscheidet sich damit erkennbar von der-
jenigen des Aischylos und Sophokles (vgl. Kühner-Blass I 249). Auch wenn man
davon ausgeht, daß im Euripidestext des Dion ein paar ξυν-Stellen mehr zu lesen
waren als in den uns vorliegenden byzantinischen Handschriften, so dürfte doch aufs
ganze gesehen der Text von Dions Vorlage kaum einen Impuls für eine entschiedene
Dominanz von ξυν-Formen in der Paraphrase abgegeben haben. Wäre das Signal
zum Gebrauch von ξυν-Formen unmittelbar vom euripideischen Text ausgegangen,
so wäre es eine Empfehlung zu sparsamem Gebrauch gewesen. Zudem ist außer bei
συμφορά - einem Lieblingswort des Euripides - und vielleicht noch σύμμαχος bei
kaum einem anderen der ξυν-Komposita des Dion damit zu rechnen, daß sie an der
entsprechenden Stelle des euripideischen Philoktet vorkamen, weil Dion bemüht ist,
die vorgegebene Wortwahl zu variieren. Das aber bedeutet, daß die ξυν-Formen der
59. Rede nicht als Wiedergabe der authentischen Sprachform des euripideischen
Bezugstextes zu verstehen sind, sondern als Element einer historisierenden Stilform.
Es geht um Distanzierung von der Form des Ausgangstextes und um ein möglichst
reines Attisch. Beides gehört zu den rhetorischen Regeln der Technik der Paraphrase
(vgl. unten S. 304ff.).
56
Da die Form auf attischen Inschriften erst gegen Ende des 5. Jhs. und auch
da nur vereinzelt begegnet (K. Meisterhans - E. Schwyzer, Grammatik der attischen
Inschriften, Berlin 3 1900, 89 [10]; L. Threatte, The Grammar of Attic Inscriptions I,
Berlin 1980, 508), wird man sie für einen Jonismus der attischen Literatur zu halten
haben.
57
Or. 14,6 ού σμικρά (PBMus 2823 fr.2,71 in: H.J.M.Milne, JEA 16 [1930]
190).
6. Zu dieser Ausgabe 137

Form im Einzelfall bestimmt haben58 und, ganz allgemein, wie sich


die Frequenzen verteilten. Der Archetypus unserer Handschriften
kannte beide Formen mit einem deutlichen Übergewicht zugunsten
von μικρός59. Doch abgesehen davon, daß wir nicht wissen, wie
authentisch der Befund des Archetypus war60, sind die Angaben
der Handschriften nicht immer eindeutig, da es zahlreiche Stellen
mit gespaltener Überlieferung gibt. Vor allem zeigt Β eine deut-
liche Neigung zu σμικρός-Formen61 gegenüber einem restriktiveren
Gebrauch in M62. Bewahrt Β häufiger als andere Handschriften
das den byzantinischen Schreibern weniger geläufige σμικρός,
und unterläuft dem Schreiber von M bzw. seiner Vorlage öfter das
ihm vertraute μικρός, oder ist das häufigere σμικρός in Β der
Hyperattizismus eines kenntnisreichen Byzantiners63, während das
sparsamere Vorkommen in M eher den Sprachgebrauch des Dion
wiedergibt? Hier kann es im Einzelfall keine Sicherheit geben, da
immer mit beiden Möglichkeiten zu rechnen ist. In der 52. Rede habe
ich mich daher, wie die bisherigen Herausgeber, der jeweils am
breitesten bezeugten Lesart angeschlossen und 52,7 und 52,9 gegen
Β μικρόν, 52,88 gegen Μ σμικρόν (UBH) in den Text aufgenommen.

58
Meist tritt σμικρός nach auslautendem Vokal auf (35 von 41 Stellen in
Arnims Ausgabe). Doch kann dies nur bedingt als Kriterium der Wahl von σμ- im
Anlaut gelten, weil auch μικρός in der Mehrzahl der Fälle auf vokalischen Auslaut
folgt (83 von 132 Stellen).
59
Vgl. Koolmeister - Tallmeister - Kindstrand s.v.
60
Bei dem Phokylides-Zitat (Fr. 4 Diehl) in Or. 36,13 hat keine der Hand-
schriften das metrisch geforderte σμικρή überliefert, während es wenige Zeilen
weiter bei der Paraphrase des Dion alle haben.
61
Arnim verzeichnet (nach Emperius) im Apparat 33 zusätzliche σμικρός-
Formen in B. Weitere kommen hinzu (32,96; 52,[1]9), und das dürften noch nicht
alle sein. Verräterisch ist σμικρότατος 40,34, wo das ursprüngliche π ι κ ρ ό τ α τ ο ς zu
μικρότατος (UM) verlesen wurde und erst Β daraus ein σμικρότατος gemacht zu
haben scheint.
62
Arnim verzeichnet abweichend vom Text im Apparat μικρός-Formen in M
zu 30,21. 37; 38,23; 52,[10]88.
63
Der Schreiber von Β gibt in der Subscriptio f. 262 seinen Namen mit
Mazaris an. In der Forschung scheint Einigkeit darüber zu bestehen, daß es sich um
Mazaris Máximos, einen gelehrten Mönch der Paläologenzeit, handelt (vgl. Sp. P.
Lambros, Mazaris und seine Werke: ByzZ 5 [1896] 64; E. Trapp, Prosop. Lex. d.
Palaiologenzeit, Fasz. 7 [1985] Nr. 16116. 16122).
138 Einleitung

Mit dem Auftritt des Philoktet wird in allen Handschriften der


59. Rede ab § 6 Sprecherwechsel markiert, und zwar durch Doppel-
punkt (U), Spatium (B) oder Sprecherangabe (Φιλ. / Όδ. M). Die
Angaben sind freilich nicht immer korrekt, sei es daß sie bisweilen
die falsche Stelle markieren oder aber ganz unterbleiben 64 . Das hat
dazu gefuhrt, daß erst durch Wilamowitz (bei Arnim) die Sprecher-
wechsel nach Παλαμήδην und ήγεμόσιν (59,8) in die Dionausgaben
eingeführt wurden; erkannt hatte sie freilich schon Valckenaer,
gefolgt von Härtung 65 . Da sich ansonsten der Sprecherwechsel
eindeutig aus dem Kontext ergibt, ist im Apparat auf eine Notierung
der Abweichungen in den Handschriften verzichtet.
Abweichungen von den Angaben des Arnimschen Apparats sind
Korrekturen. Darauf wird im einzelnen nicht eigens hingewiesen.
Arnims Edition ist durch die beiden späteren Dionausgaben (de Budé
1916-1919, Cohoon-Crosby 1932-1951) nicht ersetzt worden. Das
gilt für die Dokumentierung der Überlieferung ohne Einschränkung.
Aber auch hinsichtlich der Textgestaltung bedeutet, jedenfalls für die
52. und 59. Rede, die ältere der beiden Ausgaben keinen nennens-
werten, die jüngere gar keinen Fortschritt.
Dem Text beider Reden ist die von Emperius eingeführte
Paragraphenzählung (fett) beigegeben, der 52. Rede auch Arnims
Seiten- und Zeilenzahlen. Sofern nach Zeilenzahlen zitiert wird,
beziehen sich die Angaben zur 52. Rede auf die Zeilenzählung der
vorliegenden Ausgabe (S. 148-160), zur 59. Rede entweder auf die
(Seiten- und) Zeilenzahl der Arnimschen Ausgabe (z.B. p. 131,13)
oder auf die der jeweiligen Paraphrasenperikope (P) dieser Ausgabe.
Die Abfolge der Textperikopen von Or. 59 ist die des Originals.
Abweichend von der Konvention kritischer Ausgaben beginnen
bei emendiertem Text die Angaben im Apparat mit der Überlieferung
der Handschriften. Damit soll der Vorrang der Überlieferung (auch
der korrupten), der konjekturale Charakter der Emendationen (auch
der plausibelsten) und der Unterschied zwischen beiden den ersten
Eindruck des Lesers bestimmen.

64
In M findet sich der letzte markierte Sprecherwechsel ( Ό δ . ) nach ετυχεν
(59,8 [Ρ 10,31]). - Die Editio Morelliana hatte auf die Angabe der Sprecherwechsel
ganz verzichtet.
65
Valckenaer 122; Härtung 351.
6. Zu dieser Ausgabe 139

Im Unterschied zu einem herkömmlichen Kommentar, der es


mit einem vollständigen Originaltext zu tun hat, wird im vorlie-
genden das Schwergewicht der Erklärung auf der Begründung der
Rekonstruktion liegen. Es werden somit manche typologische Selbst-
verständlichkeiten der dramatischen Verfahrensweise des Euripides
zur Sprache kommen, die normalerweise als gegeben und bekannt
vorausgesetzt werden dürfen. Der Kommentar, der dem Einteilungs-
schema einer attischen Tragödie folgt (Prolog, Parados, erstes
Epeisodion usw.), gliedert sich jeweils in zwei Abschnitte. A
begründet die Zugehörigkeit von F und Ρ zum Philoktet des
Euripides, die Rekonstruktion des Kontextes (S) sowie die
Einordnung von F und Ρ an der betreffenden Stelle des Dramas. Die
Zuordnung der Testimonien (T) erfolgt gesondert, ihre inhaltliche
Erklärung ist im allgemeinen in den Kommentar zu F und Ρ
integriert. Β gibt Hinweise zum Verständnis des Dramas, stellt also
den Versuch einer Interpretation des gewonnenen Zusammenhangs
dar. Es ist offenkundig, daß bei diesem Verfahren Rekonstruktion
und Interpretation sich in vielfacher Weise miteinander verschlingen
und die eine die andere zur Voraussetzung hat. Doch handelt es sich
dabei nur um einen extremeren Fall jeden philologischen Umgangs
mit dem überlieferten Textzustand und seiner Erklärung.
Nach Dion war die Ökonomie des euripideischen Philoktet
von höchster Stimmigkeit (52,89-92. 123-125). Der dabei angelegte
Maßstab unterscheidet sich nicht von unserer dramaturgischen Logik
(52,41-69). Dion kannte im Unterschied zu uns den vollständigen
Text des Euripides. Also dürften auch wir nicht ganz auf dem
falschen Wege sein, wenn wir ihm methodisch folgen.
Das methodische Prinzip der Rekonstruktion im Folgenden lautet:
Das Plausible als das hier und jetzt Wahrscheinliche ist mehr als
das nur Mögliche und bezieht seinen Geltungsanspruch aus der
Unterscheidung des Mehr und des Weniger. Sprechen gewichtige
Gründe zu seinen Gunsten und läßt sich kein anderes Argument
dagegen anführen, als daß es eben doch nur das Wahrscheinliche sei,
verliert es den Charakter der Beliebigkeit und muß bis zum
Gegenbeweis für das historisch Richtige gehalten werden. Skepsis,
pauschal und obenhin geäußert, ist kleidsam, aber ohne Wert.
TESTIMONIEN UND FRAGMENTE

ΕΥΡΙΠΙΔΟΥ

ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ
*

EURIPIDES

PHILOKTET
142 Testimonia et Fragmenta

H la
ΑΡΙΣΤΟΦΑΝΟΥΣ ΓΡΑΜΜΑΤΙΚΟΥ ΥΠΟΘΕΣΙΣ

( ή μυθοποιία κείται καί π α ρ ' Αίσχύλω εν Φιλοκτήτη και π α ρ ά


Σοφοκλεΐ εν τω ό μ ω ν ύ μ ω όράματι.
ή μέν σκηνή του δράματος υπόκειται έν Λήμνω, ό δέ χορός
συνέστηκεν έκ γερόντων έπιχωρίων. προλογίζει δ' 'Οδυσσεύς.)
έδιδάχθη επί Πυθοδώρου ά ρ χ ο ν τ ο ς Ό λ υ μ π ι ά δ ι πζ' ετει α', πρώτος
Εύφορίων, δεύτερος Σοφοκλής, τρίτος Ευριπίδης Μηδεία, Φιλοκτήτη,
Δίκτυϊ, θ ε ρ ι σ τ α ΐ ς σατύροις· ο ύ σώζεται.

1-4 supplevi argumenta secutus in mss. Euripideis Aristophani attributa | Philoctetae


Sophoclei argumentum II (Dain 8) ex argumento fabulae Euripideae conversum esse
suspicor: 'Απαγωγή Φιλοκτήτου έκ Λήμνου εις Τροίαν υπό {Νεοπτολέμου καί)
'Οδυσσέως (καί Διομήδους) καθ' Έλένου μαντείαν, δς κατά μαντείαν
Κάλχαντος, ώς είδώς χρησμούς συντελοΰντας πρός τήν της Τροίας αλωσιν, υπό
'Οδυσσέως νύκτωρ ένεδρευθείς, δέσμιος Ιηχθη τοις "Ελλησιν. ή δέ σκηνή έν
Λήμνω. ό δέ χορός έκ γερόντων (έπιχωρίων) |τών τ φ Νεοπτολέμω
συμπλεόντων), κείται καί παρ' Αίσχύλω (καί παρά Σοφοκλεΐ) ή μυθοποιία.
5-7 = argumentum Medeae (Diggle 90) 5 έπί DFP : ύπό Α | πυθιοδώρου codd. :
Πυθοδώρου Brunck (Medea 1779) 222 | όλυμπιάδι DF : όλυμπιάδος Ρ |
ετει+' Hn : ετ F : om. Ρ : ετει α' Matthiae VI (Notae in Medeam 1821) 422 adn. 9
7 δίκτι (δίκτης), θερισταί σάτυρος codd. : corr. Kirchhoff (Medea 1855) 144

Η lb
TA TOY ΔΡΑΜΑΤΟΣ ΠΡΟΣΩΠΑ

('Οδυσσεύς
χορός Λημνίων
"Ακτωρ
Φιλοκτήτης
Τρως
Διομήδης)
Hypotheseis (H 1) 143

H la
HYPOTHESIS DES GRAMMATIKERS ARISTOPHANES

Philoktet, der, von Odysseus ausgesetzt, zehn Jahre in der Ein-


samkeit auf Lemnos gelebt hatte, wurde von Odysseus und Diomedes
gegen seinen Willen nach Troja gebracht, nachdem sie ihm den Bo-
gen des Herakles gestohlen hatten, ohne den nach einer Weissagung
des von Odysseus gefangengenommenen Sehers Helenos Troja nicht
erobert werden konnte. Das Sujet findet sich auch bei Aischylos im
„Philoktet" und bei Sophokles im gleichnamigen Stück.
Der Ort der Dramenhandlung liegt auf Lemnos, der Chor besteht
aus einheimischen Alten*, den Prolog eröffnet Odysseus.
Aufgeführt wurde (das Drama) unter dem Archon Pythodoros im
1. Jahr der 87. Olympiade [432/1], Erster wurde Euphorion, Zweiter
Sophokles, Dritter Euripides mit ,Medea', ,Philoktet', ,Diktys' und
dem Satyrspiel ,Theristai'; (dieses) ist nicht erhalten.

H lb
PERSONEN DES DRAMAS

Odysseus
Chor lemnischer Bürger
Aktor
Philoktet
Gesandtschaft der Troer
Diomedes

* Hypothesis II zum , Philoktet' des Sophokles [ursprünglich zum euripideischen .Phi-


loktet']: Wegfiihrung des Philoktet von Lemnos nach Troja durch Odysseus und
Diomedes gemäß dem Seherspruch des Helenos, der gemäß dem Seherspruch des
Kalchas gefesselt zu den Griechen gebracht wurde, nachdem Odysseus ihm des
Nachts aufgelauert hatte, weil er die Orakel kannte, welche die Eroberung von Troja
ermöglichen würden. Der Ort der Dramenhandlung (liegt) auf Lemnos. Der Chor
(besteht) aus einheimischen Alten. Das Sujet findet sich auch bei Aischylos und bei
Sophokles.
144 Testimonia et Fragmenta

H 2
ΥΠΟΘΕΣΙΣ ΦΙΛΟΚΤΗΤΟΥ

initium deest

246a [το δ ' ελκοο ά ν ί α τ ο ν Μ α χ ά ω ν μάτην]


246b [έθεράπευοεν 'Αγαμέμνων δ' ήθέληςεν]
246 έ]ξ[ιλάςκεοθαι τήν θεάν αυ πάλιν

Ιερά [ποιή]οαο Φιλοκτ[ή]τ[ου συμβ]ου-


248 λεύ[οντο]ο έν τ ο ΐ ο τ [ ό ] π ο ι ο [εν ole εδ]ή-

χθη· περιαλγη δ' α[ΰτόν γενόμ]ενον


250 επί τήν παρακειμένην Λ[ή]μνον δια-
κ ο μ [ ί ο ] α ν τ ε ο ε'ίαοαν· ό δε τ ο ν δεκαετή
252 χ ρ ό [ ν ] ο ν δ ι έ ζ η ε ε ν ά τ υ χ ω ν ο'κ α ν βίον
εχ[ων] τον ελεον των έντυγχαν[ό]ντων·
254 ε[π]ε[ι]τα και "ΕλενοοείπεντοϊοΤρωρΙτρϊο
Ήρακλέο[υς] τόξοιο άοφαλίςαοθαίι] τήν πό-
256 λ ι ν [·] κ α ι λ [ η ] φ θ ε ί ο δ ' α ' ι χ μ ά λ ω τ ο ο τ ή ν αυ-
τήν ποιεΐοθ]αι ςυμμαχ[ία]ν π[αρέπ]ειοεν
258
τούο "Ελληναο] τον Φιλοκτ[ήτην άναγαγόν-
ταο. π ρ ώ τ ο ν δ ' ] Ό δ υ ο ε ε ΰ ς έ κ [ π ο δ ώ ν ε<πη·

POxy 2455 fr. 17,246-266. Ε. G. Turner, Oxyrh. Pap. XXVII (1962) 45. 65sq.;
C. Austin, Nova fragmenta Euripidea (1968) 100; W. Luppe, Anagennesis 3 (1983)
187sqq. (tab. IV); id.2 ZPE 72 (1988) 30; id.3 Tyche 7 (1992) 163sq.; id.4 WüJb 19
(1993) 47sqq.; R. Kannicht per litteras (1992); C. W. Müller, ZPE 98 (1993) 19sqq.;
id. Beiträge 43sqq.

246a-246 e.g. 246 .ξ Turner, Austin 247 ]cac Turner, confirmavit Kannicht :
pro [ποι/η] tentavit [ποη] Kannicht : [έ]|θερά[πευ]οαν Φιλοκτ[ή)τ[ην Luppe :
Φιλοκτ[ή]τ[ ca. 7 11.]ου Kannicht 247/248 ουμβ]ουλεύοντοο Luppe :
άνοκ]ω{ ι} χεύοντεΰ Luppe 3 248-257 Turner 248/249 ]ΗΙΧΘΗΙ | ΠΕΡΙΑΛΓΗΙ
251 IACAN 252 ΔΕΚΑΕΤΗΙ 253 ΕΛΑΙΟΝ 254 ε[π]ε[ι]τα Turner, Kannicht
256 λ[η]φθείχ Turner, confirmavit Kannicht ([ηι]) : ΰ[παχ]θείχ Luppe
257 ]ICEN (L pro ει) : ,[...].icev (π[ potius quam ε[) Kannicht : ε[πε]ιοεν
vel έ[θέοπ]ιοεν Turner 258 x o v e "Ελληνας litteris meis aeeeptis Luppe 4 1
Φιλοκτ[ήτην Turner 259 εκ[ Kannicht : εκ[ Turner, Austin
Hypotheseis (H 2) 145

H2

INHALT DES PHILOKTET

Anfang fehlt

Die Wunde, unheilbar wie sie war, behandelte Machaon vergeblich.


Agamemnon wollte die Göttin versöhnen und brachte erneut Opfer
dar, auf den Rat des Philoktet an dem Ort, wo er gebissen worden
war. Als er aber allzu beschwerlich wurde, brachten sie ihn nach dem
nahegelegenen Lemnos und ließen ihn dort zurück. Er aber überlebte
zehn Jahre hindurch im Unglück; denn seinen Unterhalt verdankte
er dem Mitleid derer, die ihn zu besuchen pflegten. Da nun geschah
es, daß Helenos sowohl den Trojanern sagte, sie würden ihre Stadt
durch den Bogen des Herakles sichern, als auch, gefangengenom-
men, die Griechen entgegen ihrer früheren Meinung veranlaßte, das
gleiche Kampfbündnis einzugehen und Philoktet herbeizuholen.
Zuerst aber hielt sich Odysseus aus der Sache heraus. Schließlich
146 Testimonia et Fragmenta

260 τέλοο δ' έο]τείλατο μεν εμφ[ανιοθείοης


κατ' δναρ] Άθηναο βου[λομένηο άλλάτ-
262 τειν την φω]νή[ν τε κα]ί το [slóoc ώ<πε
263 μή γνωοτόν έ<;]ε[ςθαι τώ(ι)] Φι[λοκτήτη(ι)·
263A [TOLC δέ τόξοιο εκεϊνοο δμωο αν άπέ-]
263b [κτεινεν αΰτόν ]

lacuna 10 fere linearum

264a [ό δ' Όδυςςεύο έκόντα μέν τον Φιλοκτή-]


264 την είο Τροίαν μάτην πα]ρεκάλ[ε](ο)εν
ελθείν Ικανός δ' ην 'έχων τ]ήν άοφάλει-
266 αν[·] άναγκάζει[ν á c τ η ν ν]αΰν ςυνακ[ο]λουθε!ν-

260 ένε]τείλατο Turner ]τε incertissimum Kannicht | μέν suprascr.


261 βου[λ Turner 262-263b e.g. 262 ].η Kannicht | ].το Kannicht : υτο Turner
263 Φι[λοκτήτ Turner 264a-265 (usque ad Ικανό c δ' ην) e.g.
264 ,EKA.[ 265 ôoi'c τ]ήν Turner 266 αν[·] άναγκάζει[ν Luppe | ele Luppe :
πρόο Turner | θ ε ΐ ν suprascr.

Η3
DE MEMORIA PHILOCTETAE EURIPIDEI VETUSTIORE

(a) Aristophanis Ach. 423sq. (Euripides loquitur)


ποίας ποθ' άνηρ λακίδας αιτείται πέπλων;
άλλ' ή Φιλοκτήτου τα του πτωχοί) λέγεις;

(b) Aristophanis Ran. 282 (parodia versus F 3,1)

(c) Piatonis resp. 10.620c3-d2 (vide Τ 3)

(d) Aristotelis eth. Nie. 6,9.1142al-8


και δοκεΐ ó τα περί αύτόν είδώς και διατριβών φρόνιμος είναι, ol δέ
πολιτικοί πολυπράγμονες· διό Ευριπίδης ... (F 2. F 3,2). ζητοϋσι γαρ
το αύτοΐς άγαθόν, και ο'ίονται τοΰτο δειν πράττειν.
2 πολυπράγμονες] φιλοπράγμονες L b O b

(e) Aristotelis poet. 22.1458b 19-24


οίον το αυτό ποιήσαντος ίαμβειον Αισχύλου και Εύριπίδου, εν δέ
Hypotheseis (H 2). Frühe Erwähnungen (H 3) 147

machte er sich zwar doch auf den Weg, nachdem ihm Athene im
Traum erschienen war, in der Absicht, seine Stimme und Gestalt zu
verändern, so daß er für Philoktet unkenntlich würde. Trotzdem hätte
dieser ihn mit seinem Bogen getötet

größere Lücke

Odysseus forderte Philoktet vergeblich auf freiwillig nach Troja zu


kommen. Doch da er (durch den Besitz des Bogens) vor ihm sicher
war, war er imstande, (ihn) zu nötigen, ihm auf sein Schiff zu folgen.

H 3
FRÜHE ERWÄHNUNGEN DES EURIPIDEISCHEN PHILOKTET

(a) Aristophanes, Acharner 423 f. (Euripides spricht)


Nach was für Kleiderfetzen verlangt denn der Mann?
Meinst du etwa das Zeug des Bettlers Philoktet?

(b) Aristophanes, Frösche 282 (Parodie von F 3,1)

(c) Piaton, Staat 10.620c3-d2 (= Τ 3)

(d) Aristoteles, Nikomachische Ethik 6,9.1142al-8


Es scheint, wer über seinen eigenen Nutzen Bescheid weiß und
diesen betreibt, verständig zu sein, die im politischen Leben Ste-
henden aber vielgeschäftig. Daher sagt Euripides ... (F 2. 3,2);
denn sie suchen das, was für sie selbst nützlich ist, und glauben,
dies müsse man tun.

(e) Aristoteles, Poetik 22.1458b 19-24


Wie zum Beispiel Aischylos denselben jambischen Trimeter
148 Testimonia et Fragmenta

μόνον ονομα μεταθέντος, άντί κυρίου είωθότος γλώτταν, το μεν


φαίνεται καλόν τό δ' ευτελές. Αισχύλος μεν γαρ εν τω Φιλοκτήτη
εποίησε
φαγέδαινα(ν) η μου σάρκας έσθίει ποδός,
ó δε άντί τοϋ εσθίει τό θοινάται μετέθηκεν (F 10).
2 μεταθέντος Β : μετατιθέντος Α 5 φαγάδαινα[ν ? ] Β : φαγάδενα Α :
φαγέδαιναν Hermann : φαγέδαινα(.) Radt 357 (Fr. 253)

(f) De Aristotelis parodia versus F 13,2 cf. Ciceronis de oratore


lib. 3,141

(g) Anaximenis rhet. ad Alexandrum 18,15.1433b 10-14


κέχρηται δε και Ευριπίδης ëv Φιλοκτήτη τεχνικώς τούτω τω ε'ίδει
(sc. τη άντιπροκαταλήψει) δια τοϋδε ... (F 16).
2 τοϋδε] τούτου Η1

(h) Catalogue librorum ab ephebis in bibliotheca gymnasii Piraei


dedicatorum. IG II/III2 2,2,2363,47sq. (fin. s. II vel init. s. I ante
Chr. n.)
Φιλοκτήτη[ο Φοι] | νιξ Φρίξοο Φ[ ]

Η 4
ΔΙΩΝ
ΠΕΡΙ ΑΙΣΧΥΛΟΥ ΚΑΙ ΣΟΦΟΚΛΕΟΥΣ ΚΑΙ ΕΥΡΙΠΙΔΟΥ
Η ΠΕΡΙ ΤΩΝ ΦΙΛΟΚΤΗΤΟΥ ΤΟΞΩΝ

(1 ρ. 104,13) Άναστάς σχεδόν τι περί πρώτην ώραν της ήμέρας και


δια την άρρωστίαν τοϋ σώματος και δια τόν άέρα ψυχρότερον οντα
(15) δια την 'έω και μάλιστα μετοπώρω προσεοικότα καίτοι
μεσοΰντος θέρους, έπεμελήθην εμαυτοϋ και προσηυξάμην. 'έπειτα
άνέβην έπί τό ζεύγος και περιήλθον εν τω Ιπποδρόμω πολλούς 5

codices: U B M H P . sigla: ω = consensus codicum, o = U B , α 1 = u ' b , V = H P U , c =


2

HP, U1 = manus prima, U2 = manus alterius correctiones ad exemplar tertiae classis,


1 1 2 2
M Η = manus prima, M = correctiones eiusdem manus, H = correctiones manus
alterius. inscriptio ω Photii bibl. 167a : Σοφοκλέους] Φιλοκλέους Ρ (corr. m.a.)
3 δια] και δια Ρ 4/5 'έπειτα άνέβην bri τό ζεΰγος om. Ρ
Frühe Erwähnungen (H 3). Dion 52. Rede (H 4) 149

gedichtet hat wie Euripides, dieser aber nur ein einziges Wort
austauschte, und zwar anstelle des üblicherweise gebrauchten ein
erlesenes: dieses wirkt poetisch, das andere gewöhnlich. Aischy-
los nämlich dichtete in seinem „Philoktet"
ein Krebsgeschwür, das meines Fußes Fleisch frißt,
Euripides aber hat „frißt" durch „sich zum Mahl bereitet" ersetzt
(F 10).

(f) Über die aristotelische Parodie des Verses F 13,2 Cicero, De


oratore 3,141
(g) Anaximenes, Rhetorik an Alexander 18,15.1433bl0-14
Es hat aber auch Euripides im ,Philoktet' kunstgemäß von dieser
Form (sc. der Antiprokatalepsis) Gebrauch gemacht in folgender
Weise... (F 16).

(h) Katalog der von den Epheben in die Bibliothek des Piräus-
Gymnasions gestifteten Bücher. IG II/III2 2,2,23 63,47f. (Ende
des 2. oder Anfang des 1. Jhs. v. Chr.)
Philoktete[s Phoi] | nix Phrixos Ph[ ]

H 4
DION
ÜBER AISCHYLOS, SOPHOKLES UND EURIPIDES
ODER ÜBER DEN BOGEN DES PHILOKTET

(1) Etwa um die erste Stunde des Tages stand ich auf. Ursache
war das schlechte körperliche Befinden und die ziemlich kühle Luft
in der Morgenfrühe ganz so wie im Herbst; dabei war es mitten im
Sommer. Ich machte Toilette und sprach ein Gebet. Dann bestieg ich
den Wagen und fuhr etliche Runden im Hippodrom; das Gespann zog
150 Testimonia et Fragmenta

τινας κύκλους, πράως τε και άλύπως ώς οΐόν τε ύπάγοντος τοϋ


ζεύγους, και μετά ταύτα περιπατήσας άνεπαυσάμην μικρόν τινα
χρόνον.
(20) επειτα άλειψάμενος και λουσάμενος και μικρόν εμφανών
ενέτυχον τραγψδίαις τισίν. (2) σχεδόν δέ ήσαν άκρων άνδρών, ίο
Αισχύλου και Σοφοκλέους και Ε ύ ρ ι π ί δ ο υ , πάντων περί τήν
αύτήν ύπόθεσιν. (p. 105) ην γ α ρ ή τ ω ν Φ ι λ ο κ τ ή τ ο υ τ ό ξ ω ν
ε'ίτε κ λ ο π ή ε ί τ ε ά ρ π α γ ή ( ν ) δ ε ι λ έ γ ε ι ν - π λ η ν ά φ α ι -
ρ ο ύ μ ε ν ό ς γε τ ω ν δ π λ ω ν ην Φ ι λ ο κ τ ή τ η ς ύ π ό τ ο ϋ
' Ο δ υ σ σ έ ω ς κ α ι α υ τ ό ς εις τ ή ν Τ ρ ο ί α ν ά ν α γ ό μ ε ν ο ς , τ ό is
μέν π λ έ ο ν ά κ ω ν , τ ό δέ τ ι κ α ι π ε ι θ ο ι ά ν α γ κ α ί α , ε π ε ι δ ή
τ ω ν δ π λ ω ν ε σ τ έ ρ η τ ο , (5) S τ ο ύ τ ο μέν β ί ο ν α ύ τ ώ
π α ρ ε ΐ χ ε ν εν τή ν ή σ ω , τ ο ύ τ ο δέ θ ά ρ σ ο ς έν τή τ ο ι α ύ τ η
ν ό σ ω , ά μ α δέ ε ϋ κ λ ε ι α ν .
(3) ούκούν εύωχούμην της θέας και έλογιζόμην προς έμαυτόν 20
οτι τότε Άθήνησιν ών ούχ οΐός τ' αν ην μετασχειν των άνδρών
εκείνων ανταγωνιζομένων, άλλα Σοφοκλέους μέν προς Αισχύλον
νέου προς γέροντα, και προς Εύριπίδην (10) πρεσβυτέρου προς
νεώτερον άγωνιζομένου μετέσχον τινές- Εύριπίδης δ' άπελείφθη
κατά τήν ήλικίαν Αισχύλου· και άμα ού πολλάκις 'ίσως ή ούδέποτε 25
τω αύτώ δράματι άντηγωνίσαντο. αυτός δέ έφαινόμην έμαυτώ πάνυ
τρυφάν και της άσθενείας παραμυθίαν καινήν εχειν. (4) ούκούν
έχορήγουν εμαυτώ πάνυ λαμπρώς και (15) προσέχειν έπειρώμην,
ώσπερ δικαστής τών πρώτων τραγικών χορών, πλήν όμόσας γε ουκ
άν έδυνάμην άποφήνασθαι ούδέν, ου γε 'ένεκεν ούδείς αν ήττήθη 30
τών άνδρών εκείνων, ή τε γάρ τοϋ Αίσχύλου μεγαλοφροσύνη και τό
άρχαΐον, 'έτι δέ τό αύθαδες της διανοίας και φράσεως πρέποντα
εφαίνετο τραγωδία και τοις παλαιοΐς (20) ήθεσι τών ήρώων ούδέν
(εχουσιν) έπιβεβουλευμένον ούδέ στωμύλον ουδέ ταπεινόν. (5) επεί
τοι και τον 'Οδυσσέα εισήγε δριμύν και δόλιον ώς έν τοις τότε, 35

6 τοϋ] om. Μ : suprascr. Μ2 7 μικρόν UMc : σμικρόν Β 9 'έπειτα] 'έπειτα και


U1 : και erasum U21 μικρόν UMc : σμικρόν Β 13 κλοπή ...αρπαγή ω : άρπαγήν
Arnim : κλοπήν ... άρπαγήν Morel | άφαιρούμενος Μγ : άφηιρημένος α1 15 τήν
Τροίαν] τήν om. e 16 ακων ω : έκών Welcker RhM 5 (1837) 478 17 αΰτω βίον
Ρ 18 δέ] δέ και Ρ 19 νόσω] νήσα) u'P (η correctum?) 19 εϋκλειαν U (ν add.
m. pr. per correctionem) Me : ευκλεια Β 22 άνταγωνιζομένων] άγωνιζομένων Ρ
26 τφ αύτφ Μγ : τό αϋτό α 1 30 ούδέν ου] ούδέν (κάμ)οϋ Pflugk apud Emperium
: ούδέν, <ούδ' έμΧ)ϋ Arnim 32 'έτι δέ αΜ : 'έτι δέ και c 33/34 ούδέν (εχουσιν)
scripsi : ούδέν ('έχοντα) Hermann 113 : (ών) ούδέν Reiske : ούδ' έν(ην τι) Capps
apud Crosby 35 δριμύν] δριμύ Μ2 | ώς] om. c
Dion 52. Rede (H 4) 151

mich eigentlich bequem und ohne Beschwernis. Danach machte ich


einen Spaziergang und legte eine kurze Ruhepause ein.
Dann salbte ich mich und badete und nahm ein wenig zu mir. An-
schließend widmete ich mich der Lektüre einiger Tragödien. (2) Sie
stammten, darf man sagen, von Männern, die den allerersten Rang
einnehmen, von Aischylos, Sophokles und Euripides, die alle das
gleiche Sujet bearbeitet hatten. Es ging nämlich um die Entwendung
von Philoktets Bogen; oder soll man es einen Raub nennen? Waffen-
los aber war Philoktet bekanntlich durch Odysseus geworden und er
selbst nach Troja verbracht, zwar eigentlich gegen seinen Willen,
aber doch auch durch eine Art nötigender Überredung, nachdem er
seiner Waffen beraubt war, welche ihm den Lebensunterhalt auf der
Insel, die Entschlossenheit zur Selbstbehauptung bei einer Krankheit
wie dieser und zugleich seinen Ruhm garantierten.
(3) Ich genoß also das Festmahl des Schauspiels und überlegte bei
mir, daß, wenn ich damals in Athen gewesen wäre, ich keine Mög-
lichkeit gehabt hätte, an einem gemeinsamen Wettstreit jener Männer
teilzunehmen, sondern es höchstens Leute gab, die am Agon des
Sophokles gegen Aischylos, des jungen gegen den alten, und gegen
Euripides, des älteren gegen den jüngeren, teilgenommen hatten;
Euripides aber war gegenüber Aischylos viel zu jung dazu, und
gleichzeitig waren sie wohl nicht oft, wenn denn überhaupt, mit dem-
selben Dramenstoff gegeneinander angetreten. Ich fur meine Person
glaubte dagegen, ganz üppig zu tafeln und eine neue Form des Tro-
stes gegen die Krankheit zu haben. (4) Also richtete ich mir selbst die
prächtigste Theaterauffuhrung aus und versuchte genau aufzupassen
wie ein Richter bei der Ermittlung des Ersten unter den tragischen
Chören. Doch selbst wenn ich den Richtereid geleistet hätte, wäre ich
nicht imstande gewesen, etwas anzugeben, weswegen einer jener
Männer hätte unterliegen sollen. Denn die Hochsinnigkeit und
altertümliche Weise des Aischylos, ferner seine Eigenwilligkeit des
Denkens und Redens erschienen passend zur Tragödie und zu den
urtümlichen Charakteren der Heroen, denen nichts Hinterhältiges,
nichts Geschwätziges, nichts Gemeines anhaftete. (5) Denn natürlich
ließ auch er den Odysseus als schlau und trickreich auftreten, nach
152 Testimonia et Fragmenta

πολύ δέ άπέχοντα της νϋν κακοηθείας, ώστε τώ οντι άρχαΐον αν


δόξαι παρά τους νϋν απλούς είναι βουλομένους καί μεγαλόφρονα.
κ α ι ο υ δ έ ν γε ά λ λ α τ τ ο ύ σ η ς της 'Αθηνάς π ρ ο σ ε δ ε ή θ η
(25) π ρ ο ς το μη γ ν ω σ θ η ν α ι δ σ τ ι ς εστίν υ π ό του Φιλοκτή-
τ ο υ , κ α θ ά π ε ρ "Ομηρος κ ά κ ε ί ν ω δη έ π ό μ ε ν ο ς Ε υ ρ ι π ί δ η ς · ίο
ώστε τυχόν αν τις έγκαλέσαι των οΰ φιλούντων τον άνδρα, δτι
ουδέν αύτω έμέλησεν δπως πιθανός εσται ό 'Οδυσσεύς οΰ γιγνω-
σκόμενος (p. 106) ύπό του Φιλοκτήτου. (6) εχοι δ' αν άπολογίαν,
ώς έγωμαι, προς το τοιούτον ό μέν γάρ χρόνος τυχόν ουκ
í¡v τοσούτος, ώστε μη άνενεγκείν τον χαρακτήρα, δέκα ετών 45
διαγεγονότων, ή δέ νόσος ή τού Φιλοκτήτου καί κάκωσις καί τό εν
ερημία βεβιωκέναι τον (5) μεταξύ χρόνον ούκ άδύνατον τούτο
εποίει· πολλοί γαρ ήδη, ol μέν ύπό άσθενείας, ol δέ ύπό δυστυχίας,
επαθον αύτό. καί μήν ό χ ο ρ ό ς α ύ τ ω π α ρ α ι τ ή σ ε ω ς , ώ σ π ε ρ
ό τού Ε ύ ρ ι π ί δ ο υ , ο ύ δ έ ν έδεήθη· (7) ά μ φ ω γ α ρ έκ τ ω ν so
Λ η μ ν ί ω ν έ π ο ί η σ α ν τ ο ν χ ο ρ ό ν . ά λ λ ' ό μέν Ε υ ρ ι π ί δ η ς
εύθύς ά π ο λ ο γ ο υ μ έ ν ο υ ς π ε π ο ί η κ ε π ε ρ ί τής π ρ ό τ ε ρ ο ν
ά μ ε λ ε ί α ς , (10) δτι δη τ ο σ ο ύ τ ω ν ετών ούτε π ρ ο σ ε λ θ ο ι ε ν
π ρ ο ς τ ο ν Φ ι λ ο κ τ ή τ η ν ούτε βοηθήσειαν ο ύ δ έ ν αύτω. ό δ '
Α ι σ χ ύ λ ο ς ά π λ ώ ς εισήγαγε τ ο ν χ ο ρ ό ν , δ τω π α ν τ ί ss
τ ρ α γ ι κ ώ τ ε ρ ο ν καί ά π λ ο ύ σ τ ε ρ ο ν τό δ ' 'έτερον π ο λ ι -
τ ι κ ώ τ ε ρ ο ν καί ά κ ρ ι β έ σ τ ε ρ ο ν . καί γαρ ει μέν έδύναντο πάσας
διαφεύγειν τάς άλογίας εν ταΐς τραγφδίαις, 'ίσως αν ειχε (15) λόγον
μηδέ τούτο παραπέμψαι· νύν δέ πολλάκις εν μια ήμέρα
παραγιγνομένους ποιούσι τούς κήρυκας πλειόνων ήμερων όδόν. ω
(8) 'έπειτα ούδέ εξ άπαντος ην μήτε προσελθεϊν αύτω μηδένα
Λημνίων μήτε έπιμεληθήναι μηδέν δοκεΐ γάρ μοι, ούδ' αν
διεγένετο τα δέκα ετη μηδεμιάς τυγχάνων βοηθείας, άλλ' εικός

37 μεγαλόφρονα U 2 : μεγαλόφρονας a'Mc 39 γνωσθηναι (αυτόν) proposuit


Arnim 40 κάκείνω Μγ : κάκεΐνο α 1 | δή] δει U1 : δέ U 2 | Ευριπίδης ο'Μ :
Ευριπίδης έποίησεν γ 42/43 οΰ γινωσκόμενος γ : ού συγγιγνωσκόμενος α 1
(-γιν- U1) Μ 43 ύπό του] ύπό τών Η 44 πρός τό] πρός τόν U1 (corr. U 2 ) Μ2
45 τοσούτος c : τοιούτος αΜ | ετών γ (U2H2P) : 'έτη ο'ΜΗ 1 : δέκα 'έτη
διαγεγονότα Emperio duce proposuit Arnim 46 κάκωσις] ή κάκωσις Ρ
47 τοΰτο Μγ : τούτον α' 50 τών]'delendum?' Radt353 51 έποίησαν τόν γ :
εποιήσαντο ο'Μ 52 άπολογουμένους Η : -νος οΜΡ 53 δτι] ό:: U1 (corr. U 2 )
54/55 ό δ' Αισχύλος - αΰτφ (lege δ τω) per haplographiam om. Ρ
55 αύτω πάνυ ω : δ τφ παντί Emperius 60 παραγιγνομένους αΜΗ :
-γιν- Ρ 61/62 μηδέ - μηδέ ω : corr. Emperius 63 διεγένετο] διαγενέσθαι
Reiske
Dion 52. Rede (H 4) 153

den damaligen Maßstäben, doch weitgehend frei von der heutigen


Verderbtheit des Charakters, so daß Aischylos wirklich urtümlich zu
sein scheint im Vergleich zu den modernen Archaisten und hochge-
sinnt. Er benötigte auch wirklich keine Verwandlung durch Athene,
damit Odysseus von Philoktet nicht in seiner wahren Identität er-
kannt wurde, wie Homer und ihm folgend Euripides. Daher möchte
einer von denen, die dem Manne nicht gewogen sind, ihm vorwerfen,
daß er sich nicht um Glaubwürdigkeit des von Philoktet unerkannt
gebliebenen Odysseus bemüht habe. (6) Aber er hat, wie ich meine,
eine Entschuldigung gegen einen solchen Vorwurf. Zwar war die
Zeit vielleicht nicht lang genug, die Merkmale des Erscheinungs-
bildes nicht mehr in Erinnerung rufen zu können, nachdem erst
eine Spanne von zehn Jahren vergangen war. Aber die Krankheit
Philoktets und sein heruntergekommener Zustand und die in der Ein-
samkeit verbrachte Zeit dieser Jahre ließ ein solches Verhalten nicht
unmöglich erscheinen. Denn schon vielen, den einen infolge von
Krankheit, den anderen durch ein Mißgeschick, ist es so ergangen.
Erst recht bedurfte bei ihm der Chor keiner Entschuldigung wie der
des Euripides. (7) Beide nämlich ließen den Chor aus Lemniern be-
stehen. Aber bei Euripides entschuldigt er sich sogleich bei seinem
Auftritt für die zuvor versäumte Fürsorge, weil er nun mal während
so vieler Jahre Philoktet weder besucht noch ihm irgendwie geholfen
habe. Aischylos dagegen ließ den Chor ohne alle Umstände auftreten,
was in jeder Hinsicht der Tragödie angemessener wirkt und lapidarer.
Die andere Verfahrensweise kommt bürgerlichem Denken näher und
entspricht eher der Realitätserfahrung. Wenn man nämlich alle Un-
stimmigkeiten in der Tragödiendichtung vermeiden könnte, spräche
vielleicht einiges dafür, auch diesen Verstoß gegen die Wahrschein-
lichkeit nicht durchgehen zu lassen. Nun läßt man aber oft an einem
einzigen Tag die Herolde einen Weg von mehreren Tagen zurückle-
gen. (8) Ferner war es überhaupt unmöglich, daß von den Lemniern
niemand ihn besucht und keiner sich in irgendeiner Weise um ihn
gekümmert hat; denn ich bin der Meinung, er hätte auch die zehn
Jahre nicht überlebt, ohne irgendeine Hilfe zu finden, sondern wahr-
scheinlich ist, daß er welche fand, wenn auch selten und in beschei-
154 Testimonia et Fragmenta

μέν τ υ γ χ ά ν ε ι ν (20) α ΰ τ ό ν , σ π α ν ί ω ς δέ κ α ι ο ΰ δ ε ν ό ς
μ ε γ ά λ ο υ , κ α ί μηδένα α ί ρ ε ΐ σ θ α ι ο ι κ ί α ΰ π ο δ έ ξ α σ θ α ι κ α ι 65
ν ο σ η λ ε ύ ε ι ν δ ι α την δ υ σ χ έ ρ ε ι α ν της ν ό σ ο υ , α υ τ ό ς
γ ο ϋ ν ό Ε ΰ ρ ι π ί δ η ς τ ο ν "Ακτορα ε'ισάγει, ενα Λ η μ ν ί ω ν ,
ώς γ ν ώ ρ ι μ ο ν τ ω Φ ι λ ο κ τ ή τ η π ρ ο σ ι ό ν τ α κ α ί π ο λ λ ά κ ι ς
συμβεβληκότα.
(9) οΰ τοίνυν ουδέ Εκείνο δοκεΐ μοι δικαίως αν τις α'ιτιάσασθαι, 70
το (25) διηγείσθαι προς τον χορόν ώς άγνοοΰντα τα περί την
άπόλειψιν την τών 'Αχαιών καί τα καθόλου συμβαίνοντα αΰτψ· οί
γαρ δυστυχοΰντες άνθρωποι πολλάκις ε'ιώθασι μεμνησθαι τών
συμφορών καί τοις είδόσιν άκριβως καί μηδέν δεομένοις άκούειν
ένοχλοϋσιν άεί διηγούμενοι. καί μην ή άπάτη ή του 'Οδυσσέως 75
προς τον (p. 107) Φιλοκτήτην καί ol λόγοι, δι' ών προσηγάγετο
αΰτόν, οΰ μόνον εΰσχημονέστεροι τίρωι πρεπόντως, άλλ' ουκ
Εΰρυβάτου η Παταικίωνος, άλλ', ώς έμοί δοκοΰσι, καί πιθανώ-
τεροι. (10) τί γάρ (ε)όει ποικίλης τέχνης καί επιβουλής προς άνδρα
νοσοϋντα, καί ταΰτα τοξότην, (5) ω εί τις μόνον έγγΰς παρέστη, so
άχρεΐος ή άλκή αΰτοΰ έγεγόνει; καί τό άπαγγέλλειν δέ τάς τών
'Αχαιών συμφοράς καί τον 'Αγαμέμνονα τεθνηκότα καί τον
'Οδυσσέα επ' αιτία ώς οίόν τε αίσχίστη καί καθόλου τό στράτευμα
διεφθαρμένον οΰ μόνον χρήσιμον, ώστε εΰφράναι τον Φιλοκτήτην
καί προσδέξασθαι μάλλον (10) τήν τοΰ 'Οδυσσέως όμιλίαν, άλλ' 85
οΰδ' άπίθανα τρόπον τινά δια τό μήκος τής στρατείας καί διά τά
αυμβεβηκότα οΰ πάλαι κατά τήν όργήν τοΰ Άχιλλέως, δθ' "Εκτωρ
παρά σμικρόν ήλθεν εμπρήσαι τόν ναΰσταθμον.
(11) ή τε τ ο ΰ Ε ΰ ρ ι π ί δ ο υ σ ΰ ν ε σ ι ς κ α ί π ε ρ ί π ά ν τ α
ε π ι μ έ λ ε ι α , ώστε (15) μήτε ά π ί θ α ν ό ν τι κ α ί π α ρ η μ ε - 90
λ η μ έ ν ο ν έ ά σ α ι μήτε α π λ ώ ς τ ο ι ς π ρ ά γ μ α σ ι χ ρ ή σ θ α ι ,
ά λ λ ά μετά π ά σ η ς έν τ ω ε ι π ε ί ν δ υ ν ά μ ε ω ς , ώ σ π ε ρ ά ν τ ί -

67 ό α'Μ : om. γ | "Ακτορα] "Εκτορα U1 (corr. U2) 68 προσιόντα γ (-ας Η) :


ιόντα α'Μ 71 την] om. U (add. U2) 72 τήν] om. Ρ | τά γ : om. α'Μ 73/74 τών
συμφορών] της συμφοράς Ρ 75 ή2 οΜ : om. c 77 εύσχημονέστερον ηρωι
πρέποντες α'Μ : εΰσχημονέστεροι καί ηρωι πρέποντες γ : εΰσχημονέστεροι
ήρωι πρεπόντως scripsi 78 Εΰρυβάτου α' (ερυβάτου U1) Μ : ω supra ου
scriptum U : Εΰρυβάτη c | Παταικίωνος M1 : -ονος α 1 : Παταικίωνι γΜ 2 (ι
2

suprascr.) | καί cM2 : om. α (lacuna, non rasura videtur in U) M1 79 δει ω (δή
UM) : corr. Emperius 80 φ c : ώς αΜ 83 'Οδυσσέα (έαλωκότα) Sier : bt' αιτία
(δντα) Capps apud Crosby 84 εΰφράναι ω : εΰφραν(θην)αι Gasda 3 87 τοΰ ac :
τήν τοΰ Μ | δθ' α : δτε (δ τε) Μ : δταν c 88 σμικρόν αΗ : μικρόν MP |
τόν αΗ2Ρ : τό ΜΗ1 90 άπ(ε)ίθανόν τι α : άποθανόντι Μ : άποθανόντα c
Dion 52. Rede (H 4) 155

denem Maße, und daß keiner sich entschließen konnte, ihn zu Hause
aufzunehmen und zu pflegen, wegen der Widerwärtigkeit seiner
Krankheit. Immerhin läßt selbst Euripides den Aktor auftreten, einen
der Lemnier, der Philoktet wie ein vertrauter Freund besucht und oft
mit ihm zusammengekommen ist.
(9) Auch noch einen anderen Punkt macht man ihm wohl zu
Unrecht, wie ich meine, zum Vorwurf: Philoktet erzähle dem Chor
gegenüber wie einem Ahnungslosen die Geschichte, wie er von den
Achaiern verlassen worden und was ihm sonst noch alles zugestoßen
sei. Denn Menschen im Unglück pflegen sich oft ihres Mißgeschicks
zu erinnern und behelligen die, die längst bis in Einzelheiten
Bescheid wissen und ohne daß sie es hören wollen, mit ihren dauern-
den Erzählungen. Ferner die Täuschung des Odysseus gegenüber
Philoktet und die Reden, mit denen er ihn für sich gewinnt, sie sind
nicht nur würdiger auf eine Weise, die einem Heros angemessen ist
(und nicht die Worte eines Eurybates oder Pataikion), sondern, wie
mir scheint, sie sind auch überzeugender. (10) Denn was bedurfte es
einer vielseitig raffinierten Redekunst und einer Intrige gegen einen
Mann, der krank war, und dazu noch einen Bogenschützen, dem,
wenn einer nur nahe genug an ihn herankam, nutzlos seine Abwehr
geworden war. Und schließlich hatte seine Botschaft vom Unglück
der Achaier und vom Tod des Agamemnon und von der denkbar
schimpflichsten Anklage gegen Odysseus und insgesamt der kata-
strophalen Lage des Heeres nicht nur die zweckdienliche Wirkung,
daß sie Philoktet in eine freudige Stimmung versetzte und er
bereitwilliger die Gesellschaft des Odysseus akzeptierte, sondern
war auf ihre Weise auch nicht unglaubwürdig wegen der Länge des
Feldzugs und der noch nicht lange zurückliegenden Ereignisse im
Zusammenhang mit dem Zorn des Achilleus, als Hektor nur noch
wenig davon entfernt war, das Schiffslager in Brand zu setzen.
(11) Und nun der Scharfsinn des Euripides und seine Sorgfalt bis
ins Detail, so daß er weder etwas Unwahrscheinliches und mit
Nachlässigkeit Behandeltes zuläßt noch einfach die Fakten sprechen
läßt, sondern unter Einsatz des vollen rednerischen Könnens; darin
156 Testimonia et Fragmenta

σ τ ρ ο φ ό ς ε σ τ ι τή τ ο ΰ Α ι σ χ ύ λ ο υ πο(ιήσει, π ο ) λ ι τ Ι κ ω τ ά τ η
και φητορικωτάτη ο ί σ α και τοις έντυγχάνουσι πλεί-
στην ώφέλειαν π α ρ α σ χ ε ΐ ν δυναμένη, εύθύς γοΰν π ε π ο ί - 95
η τ α ι π ρ ο λ ο γ ί ζ ω ν α ύ τ ω ό ' Ο δ υ σ σ ε ύ ς (20) {καί} ά λ λ α τε
Ε ν θ υ μ ή μ α τ α π ο λ ι τ ι κ ά σ τ ρ έ φ ω ν εν έ α υ τ ώ κ α ί π ρ ώ τ ο ν
γε δ ι α π ο ρ ώ ν ύ π έ ρ α ύ τ ο ΰ , μή ά ρ α δ ο κ ή μ έ ν τ ο ι ς π ο λ -
λοίς σοφός τις είναι καί διαφέρων την σύνεσιν, η
δέ τ ο υ ν α ν τ ί ο ν . ( 1 2 ) ε ξ ό ν γ ά ρ α ύ τ ω ά λ ύ π ω ς κ α ί ιοο
ά π ρ α γ μ ό ν ω ς ζ η ν , ό δέ έ κ ώ ν ά ε ί εν π ρ ά γ μ α σ ι κ α ί
κ ι ν δ ύ ν ο ι ς γ ί γ ν ε τ α ι . τ ο ύ τ ο υ δέ φ η σ ι ν α ί τ ι ο ν ε ί ν α ι τ η ν
τ ω ν ε ύ φ υ ώ ν (25) κ α ί γ ε ν ν α ί ω ν ά ν δ ρ ώ ν φ ι λ ο τ ι μ ί α ν .
δόξης γαρ άγαθής έφιέμενοι καί τοΰ εύκλεεΐς π α ρ ά
π ά σ ι ν ά ν θ ρ ώ π ο ι ς είναι μέγιστους καί χ α λ ε π ω τ ά τ ο υ ς ios
έκόντες πόνους υφίστανται·
ο ύ δ έ ν γ α ρ ο ΰ τ ω γ α ΰ ρ ο ν ώ ς ά ν ή ρ ε φ υ [F 3,1].
'έπειτα σ α φ ώ ς καί α κ ρ ι β ώ ς δηλοΐ την τοΰ δ ρ ά μ α τ ο ς
ύ π ό θ ε σ ι ν κ α ί (p. 108) ο υ 'ένεκεν έ λ ή λ υ θ ε ν ε ι ς τ η ν Λ ή μ ν ο ν
(13) φ η σ ί τε ύ π ό τ η ς 'Αθηνάς ήλλοιώσθαι, ώστε no
ε ν τ υ χ ό ν τ α τ ω Φ ι λ ο κ τ ή τ η μή γ ν ω σ θ ή ν α ι ύ π ' αύτοΰ,
μιμησάμενος κατά τοΰτο "Ομηρον - καί γαρ εκείνος
τ ο ι ς τε ά λ λ ο ι ς κ α ί τ ω Ε ύ μ α ί ω κ α ί τη Π η ν ε λ ό π η π ε π ο ί -
η κ ε ν ε ν τ υ γ χ ά ν ο ν τ α τ ό ν (5) ' Ο δ υ σ σ έ α ή λ λ ο ι ω μ έ ν ο ν ύ π ό
τ η ς ' Α θ η ν ά ς - φ η σ ί τε π ρ ε σ β ε ί α ν μ έ λ λ ε ι ν π α ρ ά τ ω ν ns
Τρώων άφικνεΐσθαι προς τόν Φιλοκτήτην, δεησομένην
α ύ τ ό ν τε κ α ί τ α δ π λ α έ κ ε ί ν ο ι ς π α ρ α σ χ ε ΐ ν ε π ί τ η τ η ς
Τροίας βασιλεία, ποικιλώτερον τό δράμα κατασκευ-
ά ζ ω ν καί ά ν ε υ ρ ί σ κ ω ν λόγων ά φ ο ρ μ ά ς , κ α θ ' άς εις τα
ε ν α ν τ ί α έ π ι χ ε ι ρ ώ ν ε ύ π ο ρ ώ τ α τ ο ς κ α ί (10) π α ρ ' ό ν τ ι ν ο ΰ ν ΐ2ο
Ι κ α ν ώ τ α τ ο ς φ α ί ν ε τ α ι . (14) ( κ α ί ) ο ύ μ ό ν ο ν π ε π ο ί η κ ε τ ό ν
'Οδυσσέα π α ρ α γ ι γ ν ό μ ε ν ο ν , άλλα μετά του Διομήδους,

93 supplevi : άπλότητι Reiske 94 ουσα] οΰση Ρ 95 γοϋν] ουν Β 96 ό] om. Ρ |


καί αλλα ω : καί del. Wilamowitz apud Arnim 97 ενθυμήματα] εν ένθ. Β : τινα
ένθ. Morel (coni, pro τ' έν ένθ.?) 98 αΰτον U2 : αύτοΰ a'Mc 99 σοφός τις αΜ :
σοφιστής e 100 αύτω άλύπως] άλ. αύτω Ρ 102 γίνεται ω | φησιν] φασιν U1
[Τ] (corr. U2) Μ2 107 οϋτω BM2c : οΰτως UM11 εφυ] ευφυής U 2 111 εντυχόντα]
εντυγχάνοντα U 116 δεησομένην Μ2γ : δεησομένων O'M'(-OV) 117 αύτόν Ρ:
αύτόν αΜΗ 118 ποικιλώτερον] δέ add. Ρ 120 έπιχειρών] επιχειρεί Ρ :
έπιχειρεΐν Arnim i. app. 121 ού μόνον Μ : καί ού μόνον c : ού μόνον δέ α :
ού μόνον (τε) Arnim i. app. 122 παραγινόμενον ω | τοΰ Δ.] τοΰ om. Ρ
Dion 52. Rede (H 4) 157

ist seine Art das genaue Gegenteil zur poetischen Verfahrensweise


des Aischylos, indem sie ganz realistisch und rhetorisch ist und im-
stande, denen, die sich der Lektüre widmen, den höchsten Nutzen zu
gewähren. Sogleich nun zu Beginn des Prologs tritt bei ihm Odysseus
als Sprecher auf, der sich mit Gedanken, die das bürgerliche Leben
betreffen, im Selbstgespräch beschäftigt und dabei vor allem erst
einmal sich selbst in der Verlegenheit sieht, daß er zwar den meisten
ein kluger Mann zu sein scheint und hervorragend an Verstand, daß
aber das Gegenteil der Fall ist. (12) Denn obwohl es ihm möglich
wäre, unbehelligt und mühelos zu leben, gerät er freiwillig immer
wieder in Händel und Gefahren. Schuld daran, so meint er, sei das
Verlangen fähiger und edelgesinnter Männer nach Anerkennung.
Denn beim Streben nach edlem Ruhm und dem Wunsch, bei allen
Menschen in Ansehen zu stehen, nehmen sie freiwillig die größten
und schlimmsten Gefahren auf sich.

Nichts nämlich ist so ehrversessen wie seiner Natur nach


ein Mann.
Danach legt er deutlich und genau die Vorgeschichte der Dramen-
handlung dar und warum er nach Lemnos gekommen ist, (13) sagt
ferner, daß er von Athene verwandelt wurde, so daß er, wenn er Phi-
loktet begegnet, nicht von ihm erkannt wird, darin den Homer nach-
ahmend - denn auch dieser läßt Odysseus, wenn er neben anderen
mit Eumaios und Penelope zusammentrifft, von Athene verwandelt
sein - , und er sagt, daß eine Gesandtschaft, von den Trojanern
geschickt, zu Philoktet kommen werde mit der Bitte, sich und seine
Waffen ihnen zur Verfügung zu stellen, und zwar um den Preis der
Königsherrschaft über Troja. Auf diese Weise strukturiert Euripides
das Drama abwechslungsreicher und findet Redemöglichkeiten,
durch die er sich als versiert und unvergleichlich geschickt im dia-
lektischen Argumentieren erweist. (14) Er läßt Odysseus nicht alleine
kommen, sondern zusammen mit Diomedes, auch dies in der Art
158 Testimonia et Fragmenta

ό μ η ρ ι κ ώ ς και τ ο ΰ τ ο , και το δ λ ο ν , ώς εφην, δ ι ' δ λ ο υ


τ ο ΰ δ ρ ά μ α τ ο ς π λ ε ί σ τ η ν μ έ ν èv τ ο ι ς π ρ ά γ μ α σ ι σ ύ ν ε σ ι ν
κ α ι π ι θ α ν ό τ η τ α έ π ι δ ε ί κ ν υ τ α ι , ά μ ή χ α ν ο ν δέ κ α ι θ α υ - ' 25
μ α α τ ή ν εν τ ο ι ς λ ό γ ο ι ς δ ύ ν α μ ι ν , κ α ι τ ά τ ε Ι α μ β ε ΐ α
σ α φ ώ ς (15) κ α ι κ α τ ά φ ύ σ ι ν κ α ί π ο λ ι τ ι κ ώ ς έ χ ο ν τ α , κ α ι
τα μέλη ου μ ό ν ο ν ή δ ο ν ή ν , ά λ λ α καί π ο λ λ ή ν π ρ ο ς ά ρ ε τ ή ν
παράκλησιν.
(15) δ τε Σοφοκλής μέσος εοικεν άμφοιν είναι, ούτε το αϋθαδες no
καί άπλοΰν τό τοΰ Αισχύλου 'έχων ο ύ τ ε τ ο ά κ ρ ι β έ ς κ α ί δ ρ ι μ ύ
κ α ί π ο λ ι τ ι κ ό ν τ ό τ ο ΰ Ε ύ ρ ι π ί δ ο υ , σεμνήν δέ τινα καί μεγα-
λοπρεπή (20) ποίησιν τραγικότατα καί εύεπέστατα εχουσαν, ώστε
πλείστην είναι ήδονήν μετά ύψους καί σεμνότητος, τή τε διασκευή
των πραγμάτων άριστη καί πιθανωτάτη κέχρηται, ποιήσας τον 135
'Οδυσσέα μετά Νεοπτολέμου παραγιγνόμενον, επειδή ε'ίμαρτο
άλώναι τήν Τροίαν υ π ό τε τοΰ Νεοπτολέμου καί τοΰ Φιλοκτήτου
χρωμένου (25) τοις Ήρακλείοις τόξοις, καί αυτόν μέν άπο-
κρυπτόμενον, τον δέ Νεοπτόλεμον πέμποντα προς τον Φιλο-
κτήτην, ύποτιθέμενον αύτω α δει ποιεΐν. κ α ί τ ο ν χ ο ρ ό ν ο ύ χ MO
ώ σ π ε ρ ό Α ' ι σ χ ύ λ ο ς κ α ί Ε υ ρ ι π ί δ η ς εκ τ ώ ν έ π ι χ ω ρ ί ω ν
π ε π ο ί η κ ε ν , άλλα τών εν τή νηί συμπλεόντων τω Όδυσσεΐ καί τ ω
Νεοπτολέμω. (16) τά τε ήθη θαυμαστώς σεμνά (p. 109) καί ελευ-
θέρια, τ ό τε τ ο ΰ ' Ο δ υ σ σ έ ω ς π ο λ ύ π ρ α ό τ ε ρ ο ν κ α ί ά π λ ο ύ -
σ τ ε ρ ο ν ή π ε π ο ί η κ ε ν ó Ε ύ ρ ι π ί δ η ς , τό τε τοΰ Νεοπτολέμου ΐ45
υπερβάλλον άπλότητι καί εύγενεία, πρώτον μέν μή βουλομένου
δόλω καί άπάτη περιγενέσθαι τοΰ Φιλοκτήτου, άλλά ίσχύϊ καί εκ
τοΰ (5) φανερού- 'έπειτα πεισθείς υ π ό τοΰ 'Οδυσσέως καί
εξαπατήσας αύτόν καί τών τόξων εγκρατής γενόμενος, α'ισθομένου
εκείνου καί ώς εξηπατημένου σχετλιάζοντος καί άπαιτοΰντος τά >50
δπλα, ού κατέχει, άλλ' οιός τέ εστίν άποδιδόναι αύτά, καίτοι τοΰ
'Οδυσσέως έπιφανέντος καί διακωλύοντος, καί τέλος δίδωσιν
αύτά· δούς δέ (10) τω λόγω πειράται πείθειν έκόντα άκολουθήσαι
εις τήν Τροίαν. (17) τοΰ δέ Φιλοκτήτου μηδένα τρόπον ε'ίκοντος
μηδέ πειθομένου, άλλά δεομένου τοΰ Νεοπτολέμου, ώσπερ iss

124 τοΰ δράματος] om. c | δράμασι ω : πράγμασι Valckenaer 115 134 πλείστην
είναι - σεμνότητος αΜ : πλείστην ήδονήν μετά ϋψους καί σεμνότητος
ένδείκνυσθαι c 135 πιθανωτάτη] πιθανωτέρα Ρ 136 μετά] μετά τοΰ Ρ |
παραγινόμενον aM2c : παραγενόμενον Μ1 137 τε αΜ : om. c 141 ó Me :
om. a 145 ó] om. U 147 ίσχύι] ισχύει Μ | καί2] om. U 149 α'ισθομένου ]
α'ιοθανομένου U1 151 οΰ κατέχει ac : ούκ αν τείχει Μ : ούκ αντέχει, Gasda 3 |
αύτά] om. Ρ
Dion 52. Rede (H 4) 159

Homers, und insgesamt, wie ich schon sagte, zeigt er das ganze Dra-
ma hindurch bei der Handlung die größte Umsicht und Glaubwürdig-
keit, bei den Reden aber eine unwiderstehliche und bewundernswerte
Wirkung. Dabei machen die Sprechpartien einen klaren, natürlichen
und realistischen Eindruck, und die Chorlieder sind nicht nur ein
Genuß, sondern stellen auch eine nachdrückliche Aufforderung zur
Tugend dar.
(15) Sophokles scheint nun in der Mitte zwischen beiden zu
stehen, ohne die eigenwillige Originalität und lapidare Einfachheit
des Aischylos, aber auch ohne den Perfektionismus, den Scharfsinn
und den bürgerlichen Realismus des Euripides. Vielmehr zeigt
er eine besonders würdige und vornehme Verfahrensweise des
Dichtens, aufs beste der Tragödie angemessen und mit einer edlen
Sprache, so daß sich ein Höchstmaß an Geschmack mit Erhabenheit
und Würde verbindet. Der Aufbau der Handlung ist bei ihm vortreff-
lich und in sich vollkommen plausibel. Odysseus läßt er zusammen
mit Neoptolemos kommen, da das Schicksal bestimmt hatte, daß
Troja gemeinsam von Neoptolemos und Philoktet mit Hilfe des
Heraklesbogens erobert werden sollte. Er selbst hält sich verborgen
und schickt den Neoptolemos zu Philoktet, indem er ihn instruiert,
was zu tun ist. Den Chor läßt Sophokles nicht wie Aischylos und
Euripides aus Einheimischen bestehen, sondern aus der Schiffsmann-
schaft, die Odysseus und Neoptolemos begleitete. (16) Die Charak-
tere bewahren auf bewundernswerte Weise ihre Würde und sind ohne
Niedrigkeit. Der des Odysseus ist viel sanfter und aufrichtiger, als
ihn Euripides gestaltet hat, und der des Neoptolemos zeichnet sich
durch Aufrichtigkeit und Adel aus, wenn er sich zunächst weigert,
durch List und Täuschung zum Erfolg gegenüber Philoktet zu
kommen statt durch seine Kraft und in aller Offenheit. Dann aber, als
er sich von Odysseus hat überzeugen lassen, Philoktet getäuscht hat
und in den Besitz des Bogens gelangt ist, während jenem die Augen
aufgegangen sind, er über die Täuschung mit ihm hadert und seine
Waffen zurückfordert, da behält er sie nicht, sondern ist bereit, sie
zurückzugeben, obwohl Odysseus erscheint und es verhindern will,
und gibt sie ihm schließlich zurück. Danach aber versucht er, ihn
durch Argumente zu überzeugen, freiwillig mit nach Troja zu
kommen. (17) Als Philoktet unter gar keinen Umständen nachgeben
160 Testimonia et Fragmenta

ύπέσχετο, άπαγαγεΐν αυτόν ε'ις την Ελλάδα, ύπισχνεΐται και


ετοιμός έστι ποιείν τοΰτο, μέχρι επιφανείς Ηρακλής πείθει τον
Φιλοκτήτην έκόντα εις την Τροίαν (15) πλεύσαι. τά τε μέλη ουκ
'έχει π ο λ ύ το γ ν ω μ ι κ ό ν ουδέ π ρ ο ς άρετήν π α ρ ά κ λ η σ ι ν
ώ σ π ε ρ τα του Ε ΰ ρ ι π ί δ ο υ , ήδονήν δέ θαυμαστήν και μεγάλο- ν®
πρέπειαν, ώστε μή είκη τοιαύτα περί αυτού τον 'Αριστοφάνη
ε'ιρηκέναι-
ος δ' αυ Σοφοκλέους τού μέλιτι κεχριμένου
ώσπερ καδίσκου περιέλειχε το στόμα.

157 ποιεϊν τοΰτο ΑΜ : τοΰτο ποιείν C | μέχρι UMH'P : μέχρις ΒΗ2 |


επιφανείς] επιφανής U1 159 πρός άρετήν ΟΜ : τό πρός αρετής C : την πρός
άρετήν Morel 161 'Αριστοφάνη UM : -νην BE 163 OL δ' ΒΜ : ό δ' u ' P :
δδ' U H : δς δ' scripsi, nescio an δ' delendum | τοΰ α M : τφ γ | κεχρειμένου
Μ : κεχρισμένου ΑΗ2Ρ : κεχρισμένους Η1 : κεχριμένου Aristoph. fr. 598 Κ.-Α.
(coniecit Cobet Mn 5 [1856] 195) 164 καδίσκου αΜ : κεκαδίσκου c
Dion 52. Rede (H 4) 161

will und sich nicht überzeugen läßt, sondern Neoptolemos bittet,


wie er versprochen hat, ihn nach Griechenland zurückzubringen, da
verspricht er es ihm und ist bereit, es zu tun, bis Herakles erscheint
und Philoktet dazu überredet, aus freien Stücken nach Troja zu
fahren. Die Chorlieder enthalten nicht viele Merksprüche mit
Lebensweisheiten und auch keine Ermunterung zur sittlichen Tüch-
tigkeit wie die des Euripides, sind aber auf bewundernswerte Weise
ein Genuß und eine Pracht, so daß nicht ohne Grund Aristophanes
derartiges über ihn gesagt hat:
der wiederum den Mund des Sophokles, des honiggesalbten,
wie den eines Honigtöpfchens umschleckte.
162 Testimonia et Fragmenta

ΠΡΟΛΟΓΟΣ

Τ 1
(Schol. Soph. Phil. 1 p. 350 P.)

και παρά τούτω (sc. Σοφοκλεϊ) προλογίζει 'Οδυσσεύς καθά και παρ'
Εύριπίδη, εκείνο μέντοι διαφέρει παρ' δσον ό μέν Ευριπίδης πάντα τω
Όδυσσει περιτίθησιν, ούτος δέ τον Νεοπτόλεμον παρεισάγων δια
τούτου οικονομείται.

Τ 2
(Dio 52,[11-13]89-121)

(11) η τε του Εύριπίδου σύνεσις και περί πάντα επιμέλεια, (90) ώστε
μήτε άπίθανόν τι και παρημελημένον έάσαι μήτε απλώς τοις πράγμασι
χρήσθαι, άλλα μετά πάσης εν τω ειπείν δυνάμεως, ώσπερ άντίστροφός
εστι τή τοϋ Αισχύλου πο(ιήσει, πο)λιτικωτάτη και φητορικωτάτη ούσα
και τοις έντυγχάνουσι πλείστην (95) ώφέλειαν παρασχεΐν δυναμένη,
εύθύς γοΰν πεποίηται προλογίζων αύτώ ό 'Οδυσσεύς {και} άλλα τε
Ενθυμήματα πολιτικά στρέφων εν έαυτώ και πρώτον γε διαπορών ύπέρ
αύτοϋ, μη άρα δοκή μέν τοις πολλοίς σοφός τις είναι και διαφέρων την
σύνεσιν, η (100) δέ τούναντίον. (12) εξόν γάρ αύτώ άλύπως και
άπραγμόνως ζην, ό δέ έκών άεί εν πράγμασι και κινδύνοις γίγνεται.
τούτου δέ φησιν αίτιον είναι την τών ευφυών και γενναίων άνδρών
φιλοτιμίαν. δόξης γάρ άγαθής εφιέμενοι και τοϋ εύκλεεΐς παρά (105)
πάσιν άνθρώποις είναι μέγιστους καί χαλεπωτάτους έκόντες πόνους
ύφίστανται-
ούδέν γάρ οΰτω γαϋρον ώς άνήρ εφυ [F 3,1].
'έπειτα σαφώς και άκριβώς δηλοϊ την τοϋ δράματος ύπόθεσιν καί (13) ου
'ένεκεν ελήλυθεν εις την (110) Λήμνον φησί τε ύπό της 'Αθηνάς
ήλλοιώσθαι, ώστε έντυχόντα τω Φιλοκτήτη μη γνωσθήναι ύπ' αύτοϋ,
μιμησάμενος κατά τοΰτο "Ομηρον - καί γάρ εκείνος τοις τε άλλοις καί
τω Εύμαίω καί τη Πηνελόπη πεποίηκεν εντυγχάνοντα τον 'Οδυσσέα
ήλλοιωμένον ύπό (115) της 'Αθηνάς - φησί τε πρεσβείαν μέλλειν παρά
τών Τρώων άφικνεΐσθαι προς τον Φιλοκτήτην, δεησομένην αύτόν τε καί
τά δπλα έκείνοις παρασχεΐν επί τη της Τροίας βασιλεία, ποικιλώτερον
το δράμα κατασκευάζων καί άνευρίσκων λόγων άφορμάς, καθ' ας εις τά
εναντία έπιχειρών εύπορώτατος καί (10) παρ' όντινοΰν Ικανώτατος
φαίνεται, [vide Η 4]
Prolog 163

PROLOG

Bewaldete Felsenlandschaft der Insel Lemnos mit der Höhle des Philoktet. Die
Höhle hat zwei Eingänge, einen hinterszenischen, zum Meer zu gelegen, und einen
zum Theatron hin geöffneten. Diese Felsenöffnung bildet das Zentrum der Bühnen-
kulisse.
Von rechts nähert sich vorsichtig ODYSSEUS in Gestalt eines jungen Mannes. Als er
den Eingang zur Höhle erreicht hat, späht er ins Innere der Felsenbehausung. Er
stellt fest, daß niemand drinnen ist, und kehrt in die Orchestra zurück.

oder

ODYSSEUS erscheint im Eingang der Höhle, die er durch den rückwärtigen Eingang
betreten hat. Vorsichtig um sich blickend, steigt er zur Orchestra herab. Als er
feststellt, daß sich niemand in der Nähe befindet und er allein ist, beginnt er zu
sprechen.

Τ 1 Auch bei diesem (Sophokles) eröffnet den Prolog Odysseus ebenso wie bei
Euripides. Insofern aber besteht ein Unterschied, als Euripides a l l e s dem Odysseus
zuweist, dieser aber außerdem den Neoptolemos auftreten läßt und so (den Prolog)
gestaltet.
Τ 2 [Übersetzung oben S. 155-157]
164 Testimonia et Fragmenta

Τ 3
(Plat. resp. 10.620c3-d2)

κατά τύχην δέ την 'Οδυσσέως (sc. ψυχήν) λαχοΰσαν πασών ύστάτην


αίρησομένην 'ιέναι, μνήμη δέ των προτέρων πόνων φιλοτιμίας
λελωφηκυΐαν ζητείν περιιοϋσαν χρόνον πολύν βίον άνδρός ίδιώτου
άπράγμονος, και μόγις εύρειν κείμενόν που και παρημελημένον υπό των
άλλων, και ε'ιπεΐν ίδοΰσαν δτι τά αυτά δν 'έπραξεν και πρώτη λαχοϋσα,
και άσμένην έλέσθαι.

2 φιλοτιμίας] και φιλοτιμίας Proclus in remp. II 320 Kroll

Τ 4
(POxy 2455 fr. 17,254-263)
ε[π]ε[ι]τα και "Ελενοο ειπεν TOÎC Τρώα τοις | Ήρακλέο[υο] τόξοιο
άΰφαλίοαοθα[ι] την πό | λιν [•] και λ[η]φθείχ: δ' αίχμάλωτοο την αΰ | [την
ποιεΰ;θ]αι ουμμαχ[ία]ν π[αρέπ]ειοεν | [τους "Ελληνας] τόν Φιλοκτ[ήτην
άναγαγόν|ταο· πρώτον δ'] Όδυοςεύο έκ[ποδών εοτη, | τέλοο δ'
έο]τείλατο μέν έμφ[ανιοθείοηο | κατ' οναρ] Άθηνάο βου[λομένηο
άλλάτ|τειν την φω]νή[ν τε κα]ί τό [είδοο ώοτε | μη γνωοτόν εο]ε[οθαι
τώ(ι)] Φι[λοκτήτη(ι).] [vide Η 2]
cf. argumentum Soph. Phil. II (supra H la, in app.).

Τ5

Scyphus caelatus apud vicum Danicum q. v. Hoby repertus: Machaon


medicus frustra curans pedem Philoctetae (fig. 1, p. 172).

Τ 6
(POxy 2455 fr. 17,246a-251)
[τό δ' ελκοο άνίατον Μαχάων μάτην | έθεράπευοεν 'Αγαμέμνων δ'
ήθέληςεν | ε]ξ[ιλάοκεοθαι την θεάν αυ πάλιν] | Ιερά [ποιή]οαο
Φιλοκτ[ή]τ[ου συμβ]ου |λεύ[οντο]ο εν xoîc τ[ό]ποιο [εν ole εδ]ή|χθη·
περιαλγή δ' α[ΰτόν γενόμ]ενον | επί την παρακειμένην Λ[η]μνον
δια|κομι[ίο]αντεο ¿íacav. [vide Η 2]
Prolog 165

ODYSSEUS
Seit das Heer der Griechen die Stadt des Priâmes belagert - zehn
Jahre sind seitdem vergangen -, habe ich viele gefährliche Aufträge
der Feldherren im Dienste der gemeinsamen Sache übernommen und
erfolgreich ausgeführt. Schon oft meinte ich, nun sei es genug, das

Τ 3 Es habe sich aber so ergeben, daß die Seele des Odysseus, nachdem sie das Los
getroffen, als letzte gekommen sei, um zu wählen. In Erinnerung an ihre frühere
Mühsal sei sie, nunmehr befreit von ihrem Verlangen nach Ehre, lange Zeit herum-
gegangen und habe nach dem Leben eines Mannes gesucht, der ohne Amt und fern
jeder politischen Tätigkeit. Und als sie es, irgendwo herumliegend und von den
anderen mißachtet, schließlich doch noch gefunden habe, habe sie, als sie es sah,
gesagt, daß sie ebenso gehandelt hätte, auch wenn das Los (der Wahl) ihr als erste
zugefallen wäre, und habe sich freudig und zufrieden dafür entschieden.
Τ 4 Da nun geschah es, daß Helenos sowohl den Trojanern sagte, sie würden ihre
Stadt durch den Bogen des Herakles sichern, als auch, gefangengenommen, die
Griechen entgegen ihrer früheren Meinung veranlaßte, das gleiche Kampfbündnis
einzugehen und Philoktet herbeizuholen. Zuerst aber hielt sich Odysseus aus
der Sache heraus. Schließlich machte er sich zwar doch auf den Weg, nachdem
ihm Athene im Traum erschienen war, in der Absicht, seine Stimme und Gestalt zu
verändern, so daß er für Philoktet unkenntlich würde.
Τ 5 Relief des Philoktetbechers von Hoby: Der Arzt Machaon versucht vergeblich,
die Wunde an Philoktets Fuß zu heilen (Abb. 1, S. 172).
Τ 6 Die Wunde, unheilbar wie sie war, behandelte Machaon vergeblich. Agamem-
non wollte die Göttin versöhnen und brachte erneut Opfer dar, auf den Rat des
Philoktet an dem Ort, wo er gebissen worden war. Als er aber allzu beschwerlich
wurde, brachten sie ihn nach dem nahegelegenen Lemnos und ließen ihn dort zurück.
166 Testimonia et Fragmenta

Τ 7
(Dio 52,[5]38-40)

και ουδέν γε άλλαττούσης της 'Αθηνάς προσεδεήθη (sc. Αισχύλος) προς


τό μη γνωσθηναι όστις εστίν υπό τοϋ Φιλοκτήτου, καθάπερ "Ομηρος
κάκείνω δή έπόμενος Ευριπίδης, [vide Η 4]

Τ 8
(Dio 52,[14]121-123)

<καί) ού μόνον πεποίηκε τον 'Οδυσσέα παραγιγνόμενον, άλλα μετά του


Διομήδους, όμηρικώς και τοΰτο. [vide Η 4]
cf. Τ 21. 23. 24

Hygin. fab. 102,3: quibus postea responsum est sine Herculis sagittis
Troiam capi non posse, tunc Agamemnon Ulyssem et Diomedem
exploratores ad eum (sc. Philoctetam) misit. cf. Soph. Phil. 591-594;
Apollod. epit. 5,8; Quint. Smyrn. 9,325sqq.

Τ 9
(Dio 52,[14]123-127)

και τό δλον, ώς εφην, δι' δλου του δράματος πλείστην μεν έν τοις
πράγμασι σύνεσιν και πιθανότητα έπιδείκνυται, άμήχανον δε και θαυ-
μαστήν èv τοις λόγοις δύναμιν, και τά τε ίαμβεΐα σαφώς και κατά φύσιν
και πολιτικώς έχοντα, [vide Η 4]

ΟΔΥΣΣΕΥΣ ΠΡΟΛΟΓΙΖΩΝ

F 1 (793)

(ώστε ναύκληρος λέγων·)


'μακάριος δστις ευτυχών οίκοι μένει.'
έν γη δ' ό φόρτος, και πάλιν ναυτίλλεται.
Stob. 4,17,18 (IV 404,3-5. W.-H.) Εΰριπίδου Φιλοκτήτης (-η Μ) 'μακάριος -
ναυτίλλεται' | ν. 1 Stob. 3,39,13 (III 724,8sq. W.-H.) Εύριπίδου Φιλοκτήτη (S : εν
Φιλ. ΜΑ) ' μακ. - μεν.' | Clem. Alex, ström. 6,2,7 (GCS II 427,2) Εΰριπίδου ' - '
la e.g. 2 κοΰ πάλιν Gesner 375 : θ' ... και πόλιν Scott teste Gaisford (1822)
II 429
Prolog (F 1) 167

nächste Mal solle ein anderer Mühen und Gefahren auf sich nehmen.
Aber dann erging es mir [S1]
wie einem Kaufmann, der sagt:
„Glücklich, wer daheim bleibt und es sich gut sein läßt!"
Doch ist an Land die Ladung, fährt er auch schon wieder
aufs Meer. [F 1]
Man nennt mich Odysseus, den Sohn des Laertes, [S2] und alle

Τ 7 Er (Aischylos) benötigte auch wirklich keine Verwandlung durch Athene,


damit Odysseus von Philoktet nicht in seiner wahren Identität erkannt wurde, wie
Homer und ihm folgend Euripides.
Τ 8 Er (Euripides) läßt Odysseus nicht alleine kommen, sondern zusammen mit
Diomedes, auch das in der Art Homers.
Τ 9 Und insgesamt, wie ich schon sagte, zeigt er das ganze Drama hindurch bei
der Handlung die größte Umsicht und Glaubwürdigkeit, bei den Reden aber eine
unwiderstehliche und bewundernswerte Wirkung. Dabei machen die Sprechpartien
einen klaren, natürlichen und realistischen Eindruck.
168 Testimonia et Fragmenta

Ρ 1
( D i o 59,1 p. 1 3 1 , 1 3 - 1 5 )

(1) φοβούμαι μήποτε μάτην κατ' εμοΰ φανώσι ταύτην ol σύμμαχοι την
δ ό ξ α ν είληφότες ώς άριστου δη και σοφωτάτου των Ε λ λ ή ν ω ν .

codices UBM. sigla: ω = consensus codicum, α = UB, S* = variae lectiones codicis


perditi a Hemsterhuis in suo editionis Morel lianae exemplari adnotatae, M1 = manus
prima, M 2 = eiusdem manus correctiones fere ad exemplar primae classis. inscriptio
Φιλοκτήτης ω, Photii bibl. 167b : 'Οδυσσεύς ή ante Φ. Β (m.a.) : εστί δέ
παράφρασις post Φ. Μ : παράφρασις τοΰ κατά Φιλοκτήτην άτυχήματος έξ
'Οδυσσέως ό λόγος i. marg. α (και ό Φιλοκτήτης δέ παράφρασίς έστι τοΰ κατ'
αυτόν άτυχήματος Photius) 1 φανώσι ταύτην Μ : φανώσιν αΰτήν α |
σύμμαχοι ω : ξύμ- suspicor

Ρ 2
(Dio 52,[12]100-102)

(εξόν γάρ αύτώ άλύπως και άπραγμόνως ζην [~ F 2],) ό δέ έκών άεί εν
πράγμασι και κινδύνοις γίγνεται. [vide Η 4]

F 2 (787)

π ω ς δ' φρονοίην, ω παρην άπραγμόνως


εν τοϊσι π ο λ λ ο ί ς ήριθμημένω στρατού
'ίσον μετασχεϊν τω σοφωτάτω τύχης;

Plut, de laude ipsius 14.544C και τό 'πώς - τύχης;' | Aristot. ΕΝ 6,9.1142a2-5 διό
Ευριπίδης 'πώς - μετασχεϊν;' continuato F 3,2 | cf. Dionis paraphrasin Ρ 2 et Ρ 4
2 ήριθμημένω Plut., codd. Aristot. L b M b : ήριθμημένον codd. Aristot. K b r |
ίσον] 'ίσων cod. Aristot. M b : 'ίσου cod. Aristot. L b | σοφωτάτω] προφερτάτψ
Wecklein 128

Ρ 3
(Dio 52,[12]102sq.)

τούτου δέ φησιν α'ίτιον είναι τήν των ευφυών και γ ε ν ν α ί ω ν ά ν δ ρ ώ ν


φιλοτιμίαν. [vide Η 4]

Ρ 4
( D i o 59,1 p. 1 3 1 , 1 5 - 1 8 )

(καίτοι ποία τις ή τοιαύτη σοφία και φρόνησις [ ~ F 2 , 1 ] , ) δ ι ' ήν τ ι ς


Prolog (Ρ 1 . 2 . F 2. Ρ 3. 4.) 169

rühmen mich als den geschicktesten und klügsten unter den Grie-
chen, die nach Troja kamen. Doch ich furchte, daß meine Kampf-
gefährten offenbar ohne Grund von mir diese hohe Meinung haben.
[Ρ 1] Denn freiwillig begebe ich mich immer wieder in Händel und
Gefahren. [P 2]
Wie aber soll ich klug sein, dem es freigestanden hätte,
ohne besondere Anstrengung, eingereiht in die Masse
des Heeres,
den gleichen Anteil am Erfolg zu erhalten wie der
Tüchtigste? [F 2*]
Die Ursache für dieses Verhalten ist der Wunsch fähiger und edel-
gesinnter Männer nach Anerkennung. [P 3] Seinetwegen sieht einer

* Paraphrase des Dion [Ρ 2,1]: Denn obwohl es ihm möglich wäre, unbehelligt und
mühelos zu leben, ... [P 4] Doch was ist eine solche Klugheit und geistige Tüchtig-
keit wert, derentwillen sich einer genötigt sieht, mehr als die anderen an Mühen auf
sich zu nehmen für das Wohlergehen und den Erfolg aller, obwohl es ihm freisteht,
als einer aus der Menge zu erscheinen, aber keinem der Besten in seinem Anteil an
diesen Errungenschaften nachzustehen?
170 Testimonia et Fragmenta

άναγκάζεται πλείω των άλλων πονεΐν υπέρ της κοινής σωτηρίας και
νίκης, (εξόν ενα τοΰ πλήθους δοκούντα μηδενός ελαττον έν τούτοις εχειν των
άριστων; [~ F 2])

Dion 52,[12]104-106: δόξης γαρ άγαθής έφιέμενοι και τοΰ εύκλεείς παρά
πδσιν άνθρώποις είναι μέγιστους και χαλεπωτάτους έκόντες πόνους
υφίστανται, [vide Η 4]

[Dio 59] 2 Ελλήνων ω : άλλων Valckenaer 118 3 τοΰ πλήθους δοκούντα ΒΜ :


δοκούντα τ. πλ. U

F 3 (788)

ουδέν γαρ οϋτω γαϋρον ώς άνήρ 'έφυ·


τους γάρ περισσούς καί τι πράσσοντας πλέον
τιμώμεν οίνδρας τ' έν πόλει νομίζομεν.

Paraphrasis Dionis (or. 59,1) p. 131,18-21: άλλά γαρ ίσως χαλεπόν εύρεΐν
οϋτω μεγαλόφρον καί φιλότιμον ότιούν ώς άνήρ πέφυκεν. τους γαρ φανερούς
και πλειόνων άπτεσθαι τολμώντας σχεδόν τούτους δπαντας θαυμάζομεν καί τω
οντι ανδρας ήγούμεθα.
[F 3] ν. 1 Dio 52,[ 12] 107 'ουδέν - έφυ' | schol. Aristoph. Ran. 282 (ουδέν γαρ
οϋτω γαύρόν έσθ' ώς Ηρακλής) παρά τα έκ Φιλοκτήτου Εύριπίδου 'ουδέν -
'έφυ' I Plut, ad principem ineruditum 1.779D Πλάτωνα Κυρηναΐοι παρεκάλουν
νόμους τε γραψάμενον αύτοΐς άπολιπεΐν καί διακοσμήσαι την πολιτείαν, ó δέ
παρητήσατο φήσας χαλεπόν είναι Κυρηναίοις νομοθετεΐν οϋτως εύτυχούσιν·
'ουδέν γαρ οϋτω γαϋρον' καί τραχύ καί δύσαρκτον 'ώς άνήρ εφυ' εΰπραγίας
δοκούσης έπιλαμβανόμενος | Hesych. γ 214 (I 365 Latte) γαύρος· αυθάδης,
σεμνός, μεγαλοπρεπής, ή μετέωρος. Ευριπίδης Φιλοκτήτη | ν. 2/3 Stob. 3,29,15
(III 629,12-14 W.-H.) τοΰ αΰτοϋ (sc. Εύριπίδου) Φιλοκτήτη 'τούς γαρ -
νομίζομεν' (S : om. ΜΑ) | ν. 2 Aristot. ΕΝ 6,9.1142a2-6 διό Ευριπίδης
(F 2,1 -3a) 'τους γαρ - πλέον' | de cohaerentia versuum cf. commentarium p. 315
2 πράσσοντας] πράττοντας Stob.
[Dio 59] 2 οϋτω Β : οϋτως UM | μεγαλόφρον M1 : μεγαλόφρονα αΜ2 :
μεγαλόφρον α(μα) Seiden 280 | ώς ΒΜ : δς U 3 σχεδόν τούτους άπαντας ω :
σχ. πάντες S* : σχ. τούτους άπαντες Gataker2129

Ρ5
(Dio 59,2 p. 131,21-23)

(2) ύφ' ής φιλοτιμίας κάγώ προάγομαι πλείστα πράγματα εχειν καί ζην
έπιπόνως παρ' όντινοΰν (άεί τινα...)
Prolog (F 3. Ρ 5) 171

sich genötigt, mehr als die anderen an Mühen auf sich zu nehmen für
das Wohlergehen und den Erfolg aller. [P 4]
Denn nichts ist so ehrversessen wie seiner Natur nach
ein Mann.
Wir ehren nämlich die, die sich hervortun und etwas Beson-
deres leisten,
und halten sie fur Männer, die in der Stadt etwas gelten.
[F 3]*
Von diesem Verlangen nach Ehre lasse auch ich mich dazu bringen,
sehr viele Strapazen in Kauf zu nehmen und mehr als jeder andere
ein aufreibendes Leben zu führen. [P 5]

* Paraphrase des Dion: Indes ist es wohl kaum möglich, ein so hochgesinntes und
ehrversessenes Wesen zu finden, wie es ein Mann seiner Natur nach ist. Die Ange-
sehenen nämlich und die sich den Griff nach Höherem zutrauen, die bewundern wir
im allgemeinen alle und halten sie für wirkliche Männer.
172 Testimonia et Fragmenta

F 4 (789)
όκνώ(ν) δέ μόχθων των πριν εκχέαι χάριν
και τους πάρόντας ουκ άπωθοϋμαι πόνους.
Paraphrasis Dionis (or. 59,2) p. 131,23sq.: (... παρ' όντινοΰν) άεί τίνα προσ-
δεχόμενος καινόν κίνδυνον όκνών διαφθεΐραι την επί τοις 'έμπροσθεν γεγονόσιν
εΰκλειαν.

[F 4] Plut, de laude ipsius 14.544C και τό 'όκνώ<ν> - πόνους' | ν. 1 Stob. 3,29,16


(III 630,1 W.-H.) sine lemmate post F 3,2sq. (S : om. MA)
1 όκνώ Plut. Stob. : corr. Heath 181 2 παρόντας Stob., Plut. cod. D : πίπτοντας
ceteri codd. Plut.

Ρ 6
(Dio 59,2-4 p. 131,24-132,13)

νΰν (25) ουν κατά πρδξιν πάνυ έπισφαλη και χαλεπήν δεϋρο
έλήλυθα εις Λήμνον, δπως Φιλοκτήτην και τα Ηρακλέους τόξα
κομίζοιμι τοις συμμάχοις. ό γαρ δή μαντικώτατος Φρυγών
"Ελενος ό Πριάμου (p. 132) κατεμήνυσεν, ως ετυχεν αιχμάλωτος
ληφθείς, ανευ τούτων μήποτ' αν άλώναι την πόλιν. (3) πρός μέν δή 5
τους βασιλέας ούχ ώμολόγησα την πρδξιν, έπιστάμενος την του
άνδρός 'έχθραν, ω νε αυτός αίτιος εγενόμην καταλειφθήναι, δτε
δηχθείς 'ετυχεν ύπό χαλεπής και (5) άνιάτου έχίδνης. ουκ αν ουν
3 συμμάχοις ω : ξυμ- suspicor 4 ώς ΒΜ : δς U : δτε S*, Casaubonus 92
5 ληφθείς] vide supra p. 133 adn. 40

fig. 1 = Τ 5 /16b
Prolog (F 4. Ρ 6) 173

Aus Furcht, die Anerkennung fur die früheren Anstren-


gungen zu verspielen,
entziehe ich mich auch den Mühen nicht, die der gegen-
wärtige Augenblick verlangt. [F 4]*
Jetzt bin ich zu einer Unternehmung, die besonders gefahrlich
und schwierig ist, hierher nach Lemnos gekommen, um Philoktet und
den Bogen des Herakles, den dieser ihm zusammen mit den immer-
treffenden Pfeilen vor seinem Tod geschenkt hatte, [S3] den Kampf-
gefährten herbeizuschaffen. Helenos nämlich, den Sohn des Priamos,
den besten Seher der Phryger, war es gelungen gefangen zu nehmen.
Des Nachts hatte ich ihm aufgelauert und ihn in Fesseln den Grie-
chen vorgeführt. Es war der Rat des Kalchas, weil allein Helenos
wüßte, wie Troja eingenommen werden könne. [S4] Er nun ließ uns
wissen, daß ohne den Bogen die Stadt niemals erobert werden könne.
[P 6,1-5] Zunächst verstand ich mich gegenüber den Feldherren nicht
zu dem Unternehmen, da ich den Haß des Mannes kannte, der doch
auf mein persönliches Betreiben auf Lemnos zurückgelassen worden
war, als er von dem schlimmen und unheilbaren Schlangenbiß ver-
wundet wurde, [P 6,5-8] den er sich am Altar der Chryse zugezogen
hatte. Denn als die Griechen auf der Insel der Göttin gelandet waren,
ohne der geopfert zu haben die Eroberung Trojas nicht gelingen
konnte, zeigte Philoktet den Feldherren den Altar. Während des
Opfers biß ihn die Schlange in den Fuß. [S5] Vergeblich versuchte
der Arzt Machaon, die Wunde zu heilen, und auch erneute Opfer, die
Agamemnon auf den Rat des Philoktet am Altar der Göttin darbrin-
gen ließ, konnten diese nicht versöhnen. Als der Gestank der Wunde
für die Gefährten unerträglich wurde und wir keinen anderen Aus-
weg sahen, überredete ich mit Zustimmung der Atriden Philoktet zur
Überfahrt nach Lemnos, wo er heilkräftige Hilfe finden werde. Als
wir dort landeten, ließ ich den von der Krankheit Ermatteten und
in Schlaf Gesunkenen am Strand bei der Felsenhöhle hier zurück.
Denn ich konnte angesichts der Widerwärtigkeit seiner Wunde nicht
darauf hoffen, jemanden zu finden, der ihn in sein Haus aufnehmen

* Paraphrase des Dion: ... indem ich jeweils eine neue Gefahr auf mich nehme aus
Furcht, den Ruhm aus vergangenen Tagen zu zerstören.
174 Testimonia et Fragmenta

ψμην ουδέ πειθώ τοιαύτην έξευρεΐν, ύφ' ης αν ποτε εκείνος εμοι


πράως εσχεν άλλ' ευθύς άποθανεισθαι ωμην ύπ' αύτοϋ. ΰστερον ίο
δέ, της 'Αθηνάς μοι παρακελευσαμένης καθ' ϋπνους, ώσπερ ε'ίωθε,
θαρροϋντα επί τον ανδρα ίέναι· αυτή γαρ άλλάξειν μου το είδος και
την φωνήν, ώστε λαθειν (10) αύται ξυγγενόμενον οΰτω δή άφϊγμαι
θαρρήσας. (4) πυνθάνομαι δέ και παρά των Φρυγών πρέσβεις
άπεστάλθαι κρύφα, εάν πως δύνονται τον Φιλοκτήτην πείσαντες is
δώροις άμα και δια την εχθραν την προς ημάς άναλαβεΐν εις την
πόλιν αυτόν και τα τόξα.

12 μοι α : om. Μ 13 οΰτω Β : οΰτως UM 14 των] om. Härtung 349 17 αΰτόν


(τε) Härtung 349

Ρ 7
(Dio 52,[13]115-118)

(φησί τε [sc. 'Οδυσσεύς] πρεσβείαν μέλλειν παρά των Τρώων άφικνεΐσθαι προς
τόν Φιλοκτήτην, δεησομένην αύτόν τε καί τα όπλα έκείνοις παρασχειν) επί τη
της Τροίας βασιλεία, [vide Η 4]

Ρ 8
(Dio 59,4 p. 132,13-16)

τοιούτου προκειμένου άθλου πώς ού πάντα χρή ανδρα γίγνεσθαι


πρόθυμον; ώς διαμαρτάνοντι της πράξεως ταύτης πάντα τα πρότερον
ειργασμένα μάτην πεπονήσθαι εοικεν.
1 (... τόξα.) τοιούτου προκειμένου δθλου Μ1 : (... τόξα) τοϋ πρ. άθλου. αΜ 2
(i. marg.) | πάντα χρή άνδρα γίγνεσθαι α8*(π. ά. γ. χρή) : πανταχή ä. γίγ. δει Μ
2 διαμαρτάνοντι α : διαμαρτάνουσι Μ : διαμαρτόντι S*

F 5
δι' άμφιτρήτος τήσδε - x - u -

Eur. Cycl. 706sq.: ανω δ' έπ' δχθον ειμί, καίπερ ών τυφλός, / δ ι ' ά μ φ ι -
τ ρ ή τ ο ς τ ή σ δ ε προσβαίνωνποδί. | Soph. Phil. 15-19:άλλ''έργονήδησόντα
λοίφ' ΰπηρετεϊν, / σκοπεΐν θ' όπου 'στ' ένταϋθα δίστομος πέτρα / τοιάδ', ΐ ν ' έν
ψύχει μέν ήλιου διπλή / πάρεστιν ένθάκησις, έν θέρει δ' ϋπνον / δ ι '
ά μ φ ι τ ρ ή τ ο ς αΰλίου πέμπει πνοή.
Prolog (Ρ 7. 8. F 5) 175

werde. [S6] Ich hätte also niemals glauben können, auch jetzt so
überzeugende Worte zu finden, daß jener sich mir gegenüber ver-
söhnlich gezeigt haben würde. Vielmehr war ich der Meinung, sofort
von ihm, wenn er mich nur sähe, getötet zu werden. Später aber
stimmte ich doch zu, als mir Athene im Schlaf erschienen war und
wie gewohnt zugeredet hatte, Mut zu fassen und den Mann aufzu-
suchen; denn sie selbst werde mein Aussehen und meine Stimme
verändern, so daß ich unerkannt bliebe, wenn ich mit ihm zusammen-
träfe. So bin ich denn zuversichtlich hier eingetroffen [P 6,8-14] und
will ihn durch List auf mein Schiff locken, um ihn mit nach Troja zu
nehmen. [S7]
Ich höre aber, daß auch von den Phrygern heimlich Gesandte ab-
geschickt worden sind, um zu versuchen, Philoktet durch Geschenke
und zugleich aufgrund seines Hasses gegen uns zu überreden und ihn
und seinen Bogen, koste es, was es wolle, auf ihre Seite und in
die Stadt zu bringen, [P 6,14-17] sogar um den Preis der Königs-
herrschaft über Troja. [Ρ 7] Denn Helenos hatte auch den Trojanern
geweissagt, sie würden ihre Stadt durch den Bogen des Herakles
retten. [S8] Da nun ein solcher Kampfpreis ausgesetzt ist, wie
muß nicht jeder, der auf seine Ehre hält, willig bereit stehen! Denn
im Falle des Scheiterns dieser Unternehmung scheint alles bisher
Geleistete vergebliche Mühe gewesen zu sein. [P 8]
Die Höhle hier ist Philoktets Behausung. Er selbst ist zwar, wie
ich sehe, nicht zu Hause, aber die blutigen Binden, die dort herum-
liegen, zeigen an, daß er hier wohnt. Ich habe den Ort, wo ich ihn
damals zurückließ, auch nach zehn Jahren sofort erkannt. [S9]
Durch den auf zwei Seiten durchbohrten Felsen hier [F 5]
gelangt man auf kürzestem Weg über einen steilen Pfad zum Meer.
An diesem Eingang will ich auf den Sohn des Poias warten; in der
Nähe des anderen hält sich Diomedes versteckt, der als mein Helfer
mitgekommen ist. Wenn nötig, wird er zur Stelle sein. [S10]
Was nähern sich dort für Leute? Ehe ich nicht weiß, wer sie sind
und was sie vorhaben, wird es besser sein, ihnen aus dem Weg zu
gehen. Der Felsen da bietet mir Schutz. [S1 ']
176 Testimonia et Fragmenta

ΠΑΡΟΔΟΣ

Τ 10
(Dio 52,[6/7]49-51.54-57)

και μην ό χορός αύτω παραιτήσεως, ώσπερ ό του Εύριπίδου, ουδέν


εδεήθη. αμφω γαρ εκ των Λημνίων εποίησαν τον χορόν. (...) ό δ'
Αισχύλος απλώς ε'ισήγαγε τον χορόν, ο τω παντί τραγικώτερον και
άπλούστερον- το δ' ετερον πολιτικώτερον και άκριβέστερον. [vide Η 4]
cf. Dio 52,[15] 140-142

ΧΟΡΟΣ
Ρ9
(Dio 52,[7]51-54)

άλλ' ό μέν Ευριπίδης ευθύς άπολογουμένους πεποίηκε περί της


πρότερον άμελείας, δτι δη τοσούτων ετών οΰτε προσέλθοιεν προς τον
Φιλοκτήτην οΰτε βοηθήσειαν ουδέν αύτω. [vide Η 4]
Parados (Ρ 9) 177

PARODOS

Einzug des CHORES in die Orchestra. Er besteht aus älteren Bürgern der Insel
Lemnos.

CHOR
Kunde drang zu mir von dem einsamen Bewohner dieser Höhle
auch schon früher, von seiner schlimmen, unheilbaren Krankheit.
Philoktet, so heißt es, sei sein Name, er selbst ein gewaltiger Bogen-
schütze. Der beschwerliche Zugang und mein Alter hielten mich
bisher davon ab, in diese unwegsame, felsige Gegend der Insel zu
kommen. [S12] Doch es war nicht recht, sich um den Kranken so
lange nicht zu kümmern und ihn sich selbst zu überlassen, zumal die
Bewohner von Lemnos im Ruf stehen, gastfreundliche und hilfsbe-
reite Leute zu sein. Während so vieler Jahre aber haben wir Philoktet
weder besucht noch ihm sonstwie geholfen. [P 9] Doch jetzt soll das
Versäumte nachgeholt werden.

Τ 10 Erst recht bedurfte bei ihm der Chor keiner Entschuldigung wie der des Euri-
pides. Beide nämlich ließen den Chor aus Lemniern bestehen. ... Aischylos dagegen
ließ den Chor ohne alle Umstände auftreten, was in jeder Hinsicht der Tragödie
angemessener wirkt und lapidarer. Die andere Verfahrensweise kommt bürgerlichem
Denken näher und entspricht eher der Realitätserfahrung.
Τ 11 Ferner war es überhaupt unmöglich, daß von den Lemniern niemand ihn
besucht und keiner sich in irgendeiner Weise um ihn gekümmert hat; denn ich bin
der Meinung, er hätte auch die zehn Jahre nicht überlebt, ohne irgendeine Hilfe zu
finden, sondern wahrscheinlich ist, daß er welche fand, wenn auch selten und in
bescheidenem Maße, und daß keiner sich entschließen konnte, ihn zu Hause auf-
zunehmen und zu pflegen, wegen der Widerwärtigkeit seiner Krankheit. Immerhin
läßt selbst Euripides den Aktor auftreten, einen der Lemnier, der Philoktet wie ein
vertrauter Freund besucht und oft mit ihm zusammengekommen ist.
178 Testimonia et Fragmenta

ΕΠΕΙΣΟΔΙΟΝ A'

Til
(Dio 52,[8]61-69)

'έπειτα ουδέ εξ άπαντος ήν μήτε προσελθεϊν αΰτω μηδένα Λημνίων μήτε


έπιμεληθήναι μηδέν δοκεΐ γάρ μοι, ούδ' αν διεγένετο τα δέκα 'έτη
μηδεμιας τυγχάνων βοηθείας, άλλ' εικός μεν τυγχάνειν αύτόν, σπανίως
δέ και οΰδενός μεγάλου, και μηδένα αίρεΐσθαι ο'ικία ΰποδέξασθαι και
νοσηλεύειν δια την δυσχέρειαν της νόσου, αυτός γοϋν ό Ευριπίδης τον
"Ακτορα εισάγει, ενα Λημνίων, ώς γνώριμον τω Φιλοκτήτη προσιόντα
και πολλάκις συμβεβληκότα. [vide Η 4]

Τ 12
(Hygin. fab. 102,2)

quem expositum (sc. Philoctetam) pastor regis Actoris nomine


(IJphimachus Dolopionis filius nutrivit.
1/2 pastor regis Iphimachi nomine Actor Dolopionis filius Milani 34 ('non male'
Η. I. Rose) : p. r. Iph. Dolopionis filii nomine Actor Schneidewin 658 2 Phimachus
Dolophionis F : corr. Meineke Analecta Alexandrina (1843) 74

Τ 13

Scyphus caelatus apud vicum Danicum q. v. Hoby repertus: Actor


magnam avem captam exenterans (fig. 7, p. 206).

Τ 14
(POxy 2455 fr. 17,249-253)
περιαλγή δ' α[ύτόν γενόμ]ενον | επί, την παρακειμενην Λ[ή]μνον
δια|κομι[ίο]αντεο ε'ίαςαν ό δε τον δεκαετή | χρό[ν]ον διέζηοεν άτυχων
ώς άν βίον I εχ[ων] τον ελεον των εντυγχαν[ό]ντων. [vide Η 2]

ΑΚΤΩΡ (chorum de Philoctetae vita ac fortuna certiorem faciens)


Erstes Epeisodion 179

ERSTES EPEISODION

CHOR
Ich will sehen, ob der Mann zu Hause ist.
Der CHOR stellt fest, daß die Höhle leer ist.

AKTOR, ein junger Hirt, betritt die Orchestra.

CHOR
Da kommt Aktor, der Sohn des Dolopion, der die Herden seines
Vaters weidet. [S13]
AKTOR
Immer wieder, wenn ich mit meinen Herden zu den Weideplätzen in
diese abgelegene Gegend komme, suche ich den kranken Philoktet in
seiner Felsenhöhle auf, um ihm etwas zu essen zu bringen. Schon im
zehnten Jahr haust der Unglückliche in dieser unwirtlichen Höhle,
von Fichten umstanden, aber außer mir hat sich bisher niemand um
ihn gekümmert. [S14]
Nachdem der CHOR ihm mitgeteilt hat, daß Philoktet nicht zu Hause ist, legt AKTOR
das Mitgebrachte bei der Höhle ab und berichtet in einer längeren Rede, die von
einer Wechselrede mit dem CHOR abgeschlossen wurde, über die Lebensbedingun-
gen des Philoktet auf Lemnos. [S15]

AKTOR
Diesmal bin ich umsonst gekommen; länger zu warten, fehlt mir die
Zeit. Philoktet wird mit seinem Bogen zum Jagen unterwegs sein.
Auch ich muß weiter, um Fallen aufzustellen für die Vogeljagd. [S16]
AKTOR verläßt die Orchestra.

Τ 12 Nachdem Philoktet ausgesetzt worden war, brachte ihm ein Hirt des Königs
Aktor, Iphimachos mit Namen, der Sohn des Dolopion, zu essen. [Hygin vertauscht
die Namen des Aktor und des Königs Iphimachos.]
Τ 13 Relief des Philoktetbechers von Hoby: Aktor nimmt einen erlegten Vogel aus
(Abb. 7, S. 206).
Τ 14 Als er aber allzu beschwerlich wurde, brachten sie ihn nach dem nahegelege-
nen Lemnos und ließen ihn dort zurück. Er aber überlebte zehn Jahre hindurch im
Unglück; denn seinen Unterhalt verdankte er dem Mitleid derer, die ihn zu besuchen
pflegten.
180 Testimonia et Fragmenta

ΣΤΑΣΙΜΟΝ A'

ΧΟΡΟΣ

F 6(791)

άίλις, ώ βιοχά- πέραινε,


πρίν τινα συντυχίαν
ή κτεάτεσσιν έμοΐς η σα>ματι τωδε γενέσθαι.
Stob. 4,52,29 (IV [V] 1081,10-12 W.-H.) Εϋριπιδου Φιλοκτήτου (Α : Φιλ. om. S)
ΧΟ(Ρ.) 'άλις - γενέσθαι'
1 ΧΟ δλις S : μόλις A | nescio an <σύ> πέραινε 2/3 συντυχίαν ή S : συντυχία
μή Α 3 κτεάνεσσιν codd. : κτεάτεσιν Triclinius : corr. Gesner 600

ΕΠΕΙΣΟΔΙΟΝ Β'

Τ 15
De Philocteta Herculis amico

(a) Philostr. iun. imag. 17 (p. 419,19-22 Kayser): θεράπων δή γενέ-


σθαι τφ Ήρακλεΐ ό Φιλοκτήτης έκ νηπίου, δτε και φορεύς είναί ol των
τόξων, δ δή και ύστερον μισθόν λαβείν παρ' αύτοϋ της ε'ις τήν πυράν
ύπουργίας. cf. Soph. Phil. 670. 801-803. 1431-1433
1 (γαρ) δή Kayser

(b) ibid. 17 (p. 419,29-420,5 Kayser): άναπλέοντες ες Τροίαν ol


'Αχαιοί και προσσχόντες ταις νήσοις εμαστεύοντο τόν της Χρυσής
βωμόν, δν 'Ιάσων ποτέ Ιδρύσατο, δτε ές Κόλχους επλει, Φιλοκτήτης τε
εκ της ξύν Ήρακλεΐ μνήμης τον βωμόν τοις ζητοΰσι δεικνύς
έγχρίψαντος αϋτω τοϋ ϋδρου τον ιόν ες θάτερον τοΐν ποδοΐν ol μέν επί
Τροίαν ol 'Αχαιοί στέλλονται, ό δέ εν Λήμνω ταύτη κείται κτλ.
2 προσχόντες errato ut videtur typographico in ed. Kays. 4 έκ της (των) Kayser

(c) Argum. metr. Soph. Phil. 1-5 (p. 7 Dain):


εν Χρύση 'Αθηνάς βωμόν έπικεχωσμένον,
εφ' ουπερ Άχαιοΐς χρησθέν ην θΰσαι, μόνος
Ποίαντος |ίδει παις ποθ' Ήρακλεΐ ξυνών.
Erstes Stasimon (F 6). Zweites Epeisodion 181

ERSTES STASIMON

Das Schicksal des Philoktet als Paradigma extremen menschlichen Unglücks.

CHOR
Genug, o Leben! Nimm ein Ende,
bevor ein Unglück
meinem Besitz oder meinem Leib zustößt! [F 6]

ZWEITES EPEISODION

ERSTE SZENE

ODYSSEUS, der sich bisher, unbemerkt von Aktor und dem Chor, beiseite gehalten,
aber die Unterredung zwischen beiden mitverfolgt hat, tritt vor.

Kurzes Gespräch mit dem CHOR. ODYSSEUS stellt sich als Grieche vor und deutet
an, daß er auf der Flucht sei. Auf seine Frage nach dem Bewohner der Höhle hört
er, daß es Philoktet ist. [S17]

Τ 15a Gefährte des Herakles war Philoktet von Jugend an schon gewesen, als er
sein Bogenträger war. Den Bogen erhielt er dann auch später von ihm als Lohn für
seine Hilfe beim Anzünden des Scheiterhaufens.
Τ 15b Als die Achaier gegen Troja fuhren, auf den Inseln landeten und nach dem
Altar der Chryse suchten, den Jason einst auf der Fahrt nach Kolchis errichtet hatte,
da zeigte Philoktet den Suchenden in Erinnerung an seinen Zug mit Herakles den
Altar. Nachdem aber eine Wasserschlange ihr Gift in einen seiner Füße gespritzt
hatte, fährt die Flotte weiter, er aber bleibt hier auf Lemnos liegen.
Τ 15c Auf Chryse war ein Altar der Athene aufgeschichtet, auf dem zu opfern den
Achaiern von einem Orakel bestimmt war. Allein der Sohn des Poias kannte ihn aus
der Zeit, da er, noch ein Kind, Herakles begleitet hatte. Er suchte ihn und zeigte ihn
der Flotte. Von einer Schlange verwundet, wurde er krank auf Lemnos zurück-
gelassen.
182 Testimonia et Fragmenta

ζητών 0έ τοΰτον ναυβάτη δεΐξαι στόλω,


πληγείς ΰπ' εχεως, ελίπετ' εν Λήμνφ νόσων.
I έν χρυσή Άθηνφ L : fev χρυσής 'Αθηνάς GQ : corr. Musgrave (Phil. 1800)
II 103 I έπικοσμημένον Q 2 ουπερ L : ηπερ G : ου παρ' Q | μόνη G
3 τοθ' LQ : τότε G : ποθ' Triclinius | ζωών Q 4 τοΰτον om. G | ναυβάτη L :
ναυάτη GQ | στόλον codd. : corr. Turnebus
(d) Schol. Soph. Phil. 194 [b] (p. 357,9-11 Papageorgiu): 'έστι δέ και
πόλις Χρύση πλησίον Λήμνου, ενθα ύπό του οφεως εόήχθη τόν βωμόν
ζητών εν ω εθυσεν Ηρακλής ήνίκα κατά Τροίας έστράτευσεν.
(e) Vas pictum Atticum ('painter of London'): Hercules a Philocteta
adiutus sacra ad aram Chrysae facit Minerva praesente (fig.3, p. 190).

Τ 16
De Palamede Philoctetae amico

(a) Gemma Etrusca: Palamedes Philoctetam a vipera iam morsum


sustinet (fig. 2, p. 188).
(b) Scyphus caelatus apud vicum Danicum q. v. Hoby repertus:
Philoctetes vulnere affectus a Palamede sustinetur (fig. 1, p. 172).
(c) Speculum aenum Etruscum: Philoctetes cum Palamede et nuntio
ab Ulixe Atridisque misso (fig. 4, p. 192).

Τ 17
De Philocteta Lemni expósito nec non de Palamede
ex falso crimine interfecto

Ovid. met. 13,43-62 (Aiax de flagitiis Ulixis)


atque utinam aut verus furor ille aut creditus esset,
nec comes hic Phrygias umquam venisset ad arces
(45) hortator scelerum; non te, Poeantia proles,
expositum Lemnos nostro cum crimine haberet,
qui nunc, ut memorant, silvestribus abditus antris 5
saxa moves gemitu Laertiadaeque precaris,
quae meruit, quae, si di sunt, non vana precaris.
(50) et nunc ille eadem nobis iuratus in arma,
heu, pars una ducum, quo successore sagittae
Herculis utuntur, fractus morboque fameque io
Zweites Epeisodion 183

ZWEITE SZENE

PHILOKTET betritt die Orchestra durch die linke Parodos. Er nähert sich, von der
Jagd heimkehrend, seiner Höhle. Mühsam schleppt er sich vorwärts. [S18]

Τ 15d Es gibt auch in der Nähe von Lemnos eine Stadt Chryse, wo er (Philoktet)
von der Schlange gebissen wurde, wie er den Altar suchte, auf dem Herakles
geopfert hatte, als er gegen Troja zog.
Τ 15e Attisch rotfiguriges Vasenbild: Herakles opfert, von Philoktet (und Lichas)
unterstützt, am Altar der Chryse in Anwesenheit Athenes (Abb. 3, S. 190).
Τ 16a Etruskischer Ringstein: Palamedes stützt den soeben von der Schlange
gebissenen Philoktet (Abb. 2, S. 188).
Τ 16b Relief des Philoktetbechers von Hoby: Der verwundete Philoktet wird von
Palamedes gestützt (Abb. 1, S. 172).
Τ 16c Etruskischer Bronzespiegel: Philoktet mit Palamedes und einem von
Odysseus und den Atriden geschickten Boten (Abb. 4, S. 192).
Τ 17 Wäre doch jener (geheuchelte) Wahnsinn (des Odysseus) entweder echt oder
glaubhaft gewesen und dieser niemals als Gefährte zur festen Stadt der Phryger
gekommen, der Anstifter verbrecherischer Taten. Dann würde dich, Sohn des Poias,
nicht als Ausgesetzten Lemnos beherbergen durch unsere Schuld, der du jetzt, wie es
heißt, in einer Waldhöhle versteckt, die Felsen mit deinen Klagen rührst und dem
Sohn des Laertes wünschst, was er verdient hat, was, wenn es Götter gibt, du nicht
vergeblich wünschst. Jener, der auf die gleichen Waffen seinen Eid geleistet hatte
wie wir, j a einer der Heerführer, dem als Nachfolger des Herakles dessen Pfeile zu
184 Testimonia et Fragmenta

velaturque aliturque avibus volucresque petendo


debita Troianis exercet spicula fatis.
(55) ille tamen vivit, quia non comitavit Ulixen;
vellet et infelix Palamedes esse relictus:
viveret aut certe letum sine crimine haberet. 15

quem male convicti nimium memor iste furoris


prodere rem Danaam finxitfìctumque probavit
(60) crimen et ostendit, quod iam praefoderat, aurum.
ergo aut exilio vires subduxit Achivis
aut nece: sic pugnai, sic est metuendus Ulixes. 20

11 venaturque MU 2 15 om. MN 1 : del. Merkel 17 danaam MNW : danaum


EFPUe 18 iani\ clam Burman

cf. Quint. Smyrn. Posth. 5,189-199

ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ, ΟΔΥΣΣΕΥΣ
Ρ 10
(Dio 59,5-8 p. 132,16-133,16)

ΟΔΥΣΣΕΥΣ
(5) παπαΐ· πρόσεισιν ό άνηρ. αυτός δδε ό Ποίαντος παις, ουκ
άδηλος τη ξυμφορα, μόλις και χαλεπώς προβαίνων, ώ του χαλεπού
και δεινοΰ δράματος οΰτως· τό τε γαρ είδος υπό της νόσου φοβερόν
ή τε στολή άήθης· δοραί θηρίων καλύπτουσιν αύτόν. άλλα σύ
αμυνον, ώ δέσποινα 'Αθηνά, και μη μάτην φανης ήμΐν ύποσχομένη 5
την σωτηρίαν.
ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ
(6) τί δή βουλόμενος, δστις εΐ ποτε σύ, ή τίνα τόλμαν λαβών,
πότερον αρπαγής χάριν ηκεις επί τήνδε την δπορον στέγην η
κατάσκοπος της ήμετέρας δυστυχίας;
ΟΔΥΣΣΕΥΣ
οΰτοι γε όρας άνδρα ύβριστήν. ίο
ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ
ού μην ε'ιωθώς γε πρότερον δεΰρο ηκεις.

2 τη ξυμφορα Μ : της ξυμφορδς ο 3 οΰτως UM : οϋτω Β : om. S* | οΰτως· τό


τε γάρ ω : όράματος· οΰτως· U : ante οΰτως distinxit Morel : γαρ del.
Wilamowitz, Arnim : γαρ transposuit post δοραί Härtung 350 10 οΰτοι] οΰτι S*
ZweitesEpeisodion (PIO) 185

ODYSSEUS beiseite
O Jammer! Da kommt er heran. Er ist es wirklich, der Sohn des
Poias, unverkennbar in seinem Unglück. Nur mit Mühe und schwer
schleppt er sich vorwärts. Ach, ein so unerträglicher und furchtbarer
Anblick! Denn entsetzlich ist sein Äußeres, von der Krankheit
gezeichnet, und unnatürlich die Kleidung! Tierfelle umhüllen ihn.
Doch du hilf, Herrin Athene, und laß nicht deine Zusage der Rettung
sich als ein leeres Versprechen erweisen!
PHILOKTET
(... )
CHOR
<·.·> [S 19 ]
PHILOKTET
In welcher Absicht denn bist du, wer du auch seist, oder mit welchem
dreisten Plan zu dieser ärmlichen Behausung hier gekommen? Um
etwas zu stehlen oder um mein Elend auszuforschen?
ODYSSEUS
Du hast wirklich keinen Mann vor dir, der dich kränken will.
PHILOKTET
Aber bisher war es doch nicht deine Gewohnheit, hierher zu kom-
men.

Gebote stehen, gebrochen von Krankheit und Hunger, kleidet sich jetzt und nährt
sich von Vögeln und übt auf der Vogeljagd die Pfeile, die eigentlich dazu da wären,
Troja den Untergang zu bringen. Doch jener lebt wenigstens, weil er Odysseus nicht
begleitete. Wäre doch auch der unglückliche Palamedes zurückgeblieben! Er würde
noch leben oder wäre sicherlich ohne den Vorwurf eines Verbrechens gestorben.
Jener (Odysseus) erinnerte sich allzu sehr der Überführung des (gespielten) Wahn-
sinns und erfand auf üble Weise die Anklage, dieser habe die Sache der Danaer
verraten, und bewies das erfundene Verbrechen und zeigte das Gold, das er kurz
zuvor (im Zelt des Palamedes) vergraben hatte. Also entzog er den Achivern durch
Verbannung oder Mord ihre Kräfte. Das ist des Odysseus Art zu kämpfen, das, wes-
halb man ihn furchten muß.
186 Testimonia et Fragmenta

ΟΔΥΣΣΕΥΣ
ού γαρ ε'ιωθώς· έί<η) ôè και νϋν έν καιρώ άφίχθαι.
ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ
πολλήν εοικας φράζειν άλογίαν της δεϋρο όδοΰ.
ΟΔΥΣΣΕΥΣ
ευ τοίνυν'ίσθι ού χωρίς αιτίας με ηκοντα και σοί γε (φίλον και) ουκ
άλλότριον φανησόμενον. is
ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ
(7) πόθεν δή; τοϋτο γαρ πρώτον εικός με είδέναι.
ΟΔΥΣΣΕΥΣ
άλλ' ειμί Άργεΐος των έπί Τροίαν πλευσάντων.
ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ
πόθεν; είπέ πάλιν, ώς ειδώ σαφέστερον.
ΟΔΥΣΣΕΥΣ
ούκοϋν δεύτερον άκούεις· των έπ' "Ιλιον στρατευσάντων 'Αχαιών
είναι φημι. 20
ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ
καλώς δήτα 'έφησθα εμός είναι φίλος, όπότε γε τών εμοί
πολεμιωτάτων Άργείων πέφηνας. τούτων δή της άδικίας αύτίκα
μάλα ύφέξεις δίκην.
ΟΔΥΣΣΕΥΣ
άλλ' ώ προς θεών έπίσχες άφεΐναι τό βέλος.
ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ
ού δυνατόν, ε'ίπερ "Ελλην ων τυγχάνεις, τό μη άπολωλέναι σε έν 25
τήδε τη ήμέρα.
ΟΔΥΣΣΕΥΣ
(8) άλλα πέπονθά γε ύ π ' αύτών τοιαύτα, έξ ών δικαίως σοί μεν αν
φίλος ε'ίην, εκείνων δέ εχθρός.
ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ
και τί δή τοϋτό εστίν, ο πέπονθας ούτω χαλεπόν;

12 εί ω : ε'ίη Casaubonus 92 | και] om. S* 14 ού χωρίς U'm'S* : ού χάριν U


(m. pr. per correctionem) M2 (i. marg.) : ου χάριν Β | φίλον και addidi (cf. infra
v. 21) 16 τοϋτο] τό M1 19 δεύτερον ΒΜ : 'έτι δεύτερον UM2 (i. marg.) |
άκούεις α : άκούειν Μ : ακου<ε>· είς Bothe 284 21 'έφησθα Μ : έφης α
23 μάλιστα ω : μάλα Dindorf : μάλα σύ Wyttenbach ad Plut. De sera num. vind.
548C 25 "Ελλην ών M : 'Ελλήνων o 29 οΰτω Β : οΰτως UM
Zweites Epeisodion (Ρ 10) 187

ODYSSEUS
Nein. Aber hoffentlich bin ich auch jetzt noch zur rechten Zeit zur
Stelle.
PHILOKTET
Du zeigst eine Menge Dummheit, so scheint es, mit deinem Weg
hierher.
ODYSSEUS
Wisse wohl, nicht ohne Grund komme ich hierher, und es wird sich
noch zeigen, daß ich für dich ein Freund und kein Fremder bin.
PHILOKTET
Woher bist du denn? Denn das sollte ich zuerst erfahren.
ODYSSEUS
Ich bin ein Argiver von denen, die gegen Troja fuhren.
PHILOKTET
Woher? Sag's noch einmal, damit ich es ganz genau weiß!
ODYSSEUS
Also hörst du es ein zweites Mal. Von den Achaiern, die gegen Ilion
in den Krieg zogen, sage ich, bin ich einer.
PHILOKTET
Dann war's sicher richtig zu sagen, du seist mein Freund, als du
zugegeben hast, einer der Argiver zu sein, die meine schlimmsten
Feinde sind. Für deren Unrecht sollst du auf der Stelle büßen.
Philoktet legt den Bogen auf Odysseus an.

ODYSSEUS
Aber bei den Göttern, halt an und schieße den Pfeil nicht ab!
PHILOKTET
Unmöglich, wenn du ein Grieche, daß du nicht noch an diesem Tag
ein toter Mann bist.
ODYSSEUS
Aber ich habe doch von ihnen so schlimme Dinge erlitten, daß ich
wohl zu Recht dein Freund und ihr Feind bin.
PHILOKTET
Und was ist es, was dir so Schlimmes von ihnen widerfahren ist?
188 Testimonia et Fragmenta

ΟΔΥΣΣΕΥΣ
φυγάδα με ήλασεν 'Οδυσσεύς εκ τοΰ στρατού. 30

ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ
τί δέ 'έδρασας, εφ' δτφ τήσδε της δίκης ετυχες;
ΟΔΥΣΣΕΥΣ
οιμαί σε γιγνώσκειν τον Ναυπλίου παϊδα Παλαμήδην.
(ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ)
ού γαρ δη των επιτυχόντων ουδέ ολίγου άξιος συνέπλει οΰτε τω
στρατω οϋτε τοις ήγεμόσιν.
ΟΔΥΣΣΕΥΣ
τον δη τοιούτον ανόρα ό κοινός των Ελλήνων λυμεών διέφθειρεν. 35
ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ
πότερον έκ τοΰ φανερού μάχη κρατήσας η μετά δόλου τινός;
ΟΔΥΣΣΕΥΣ
προδοσίαν επενεγκών τοΰ στρατού τοις Πριαμίδαις.
ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ
ην δέ κατ' άλήθειαν οΰτως 'έχον ή (έ)πεπόνθει κατεψευσμένος;
ΟΔΥΣΣΕΥΣ

πώς δ' αν δικαίως γένοιτο των ύπ' έκείνου γιγνομένων ότιοΰν;


vide ad F 12
31 τί δέ UM : τί δαί Β | 'έδρασας Μ : 'έδρας aS* | δίκης Μ : τύχης α 32/33 inter
Παλαμήδην et οϋ γαρ personas non distinxit ω : ού γαρ - ήγεμόσιν Philoctetae
tribuit Valckenaer 122 33 συνέπλει ω : ξυν- suspicor 34/35 inter ήγεμόσιν et
τόν δή spatio vices personanim indicat Β, cf. Valckenaer 122 38 έχον BM 2 : έχων
UM'S* I πεπόνθει ω : έπεπόνθει Morel : πέπονθε Emperius | κατεψευσμένος α
(καταψ. U m. pr.) Μ 2 (i. marg.) : καταψευσάμενος M1

fig. 2 = T16a
Zweites Epeisodion (PIO) 189

ODYSSEUS
Zum Flüchtling machte mich Odysseus und trieb mich aus dem Heer.
PHILOKTET
Was hast du getan, daß dich diese Strafe traf?
ODYSSEUS
Ich nehme an, du kennst den Sohn des Nauplios, Palamedes.
PHILOKTET setzt den Bogen ab
Sicher; nahm er doch an der Fahrt teil nicht wie einer von denen, auf
die man allenthalben trifft, und galt nicht wenig im Heer und bei den
Feldherren.
ODYSSEUS
Und einen solchen Mann hat Odysseus, der allgemeine Verderber der
Griechen, vernichtet.
PHILOKTET
Im offenen Kampf obsiegend oder durch irgendeine Hinterlist?
ODYSSEUS
Indem er ihm Verrat des Heeres an die Priamiden vorwarf.
PHILOKTET
Hatte es damit seine Richtigkeit, oder war er ein Opfer von Verleum-
dung geworden?
ODYSSEUS
Wie möchte irgend etwas von dem, was jener tut, gerechterweise
geschehen! [P 10] Soeben erst hat er den Telamonier Aias in den Tod
getrieben, als er die Feldherren dazu überredete, statt jenem ihm
die Waffen des gefallenen Achilleus zu übergeben, die doch der Beste
im Heer nach dem Tod des Peliden hätte erhalten sollen. [S20] Am
schlimmsten aber ist es dem Sohn des Nauplios ergangen. Seit lan-
gem schon beneidete Odysseus ihn wegen seiner Klugheit und Tüch-
tigkeit. Für sich allein beanspruchte er den Ruhm, der Geschickteste
im Heer der Griechen zu sein. Vor allem aber konnte er nicht ver-
gessen, daß Palamedes es gewesen war, der seinen vorgetäuschten
Wahnsinn aufdeckte, durch den er sich der Teilnahme am Krieg hatte
entziehen wollen. So fälschte er klug einen Brief des Friamos an
Palamedes, in dem sich jener für die angeblich zugesagte Hilfe be-
dankte und eine schon früher übersandte Summe Goldes erwähnte.
190 Testimonia et Fragmenta

Pli
(Dio 59,9-11 p. 133,16-31)

ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ
(9) ώ μηδενός άποσχόμενος των χαλεπωτάτων, λόγφ τε και εργω
πανουργότατε άνθρώπων Όδυσσεϋ, οίον αυ τοΰτον ανδρα
άνήρηκας, ος ουδέν ήττον ώφέλιμος ην τοις ξυμμάχοις ηπερ οιμαι
σύ, τα κάλλιστα και σοφώτατα άνευρίσκων και συντιθείς-

ώσπερ άμέλει κάμέ έξέθηκας, ύπέρ της κοινής σωτηρίας τε και 5


νίκης περιπεσόντα τηδε τη ξυμφορα, δεικνυντα τον Χρυσής
3 ουδέν] ούδενός S*, Casaubonus 92 4 σύ Μ : τε Β : om. U | συντιθείς ω :
ξυν- suspicor

fig. 3 = Τ 15e
Zweites Epeisodion (Ρ 11) 191

Nachdem Odysseus eine gleiche Geldsumme wie die genannte im Zelt


des Palamedes versteckt hatte, übergab er den Brief einem troja-
nischen Gefangenen mit dem Auftrag, ihn zu Palamedes zu bringen.
Noch ehe der Troer seinen Auftrag ausführen konnte, tötete er ihn,
schickte nach Agamemnon und zeigte diesem den Brief, den man bei
dem Toten gefunden. Agamemnon rief die Griechen zusammen und
beschuldigte Palamedes des Verrats. Was nützte es dem fälschlich
Angeklagten, daß er seine vielen Verdienste um die Atriden und das
ganze Heer aufzählte1. Der Sohn des Sisyphos hieß die Feldherren im
Zelt des Palamedes nach dem Golde suchen. Als sie fanden, was er
dort zuvor versteckt hatte, wurde Palamedes, obgleich unschuldig,
für schuldig erklärt und als angeblicher Verräter vom Heer gestei-
nigt. So starb der Unglückliche wider jedes Recht und auf elende
Weise. [S21]
PHILOKTET
Der du von keinem noch so schlimmen Verbrechen läßt, in Wort und
Tat der größte Schurke unter den Menschen, Odysseus, wen hast du
da mit diesem Manne wieder aus dem Weg geräumt! Er war, meine
ich, von nicht geringerem Nutzen für die Kampfgefährten als du und
hat die schönsten und sinnreichsten Dinge erfunden und geordnet,
[P 11,1-4] wie Buchstaben und Zahlzeichen. Erst mit ihrer Hilfe
wurde es möglich, das gewaltige Heer zu überblicken und zu ordnen.
Doch mißgönntest du ihm sein Ansehen bei den Griechen. Daher hast
du ihn vernichtet, [S22] wie du ja auch mich ausgesetzt hast, als ich
um des gemeinsamen Wohles und Erfolges willen in mein jetziges
Unglück stürzte. [P 11,5f.] Denn wisse, Fremder, ich bin Philoktet,
der Sohn des Poias, und dies ist der berühmte Bogen des Herakles
mit den immertreffenden Pfeilen, den dieser mir bei seinem Tode
schenkte, weil ich als einziger der Freunde bereit war, ihm den
Scheiterhaufen anzuzünden und ihn von seinen entsetzlichen Qualen
zu befreien. Ich gehörte einst zum Heer der Griechen, das sich in
Aulis versammelt hatte, um gegen Troja zu fahren, genauso wie
Odysseus und all die anderen. [S23] Wir waren auf dem Weg nach
Ilion; da weissagte Kalchas, der Seher, den Griechen, [S24] nur nach
einem Opfer am Altar der Chryse sei es ihnen bestimmt, die Feinde
zu besiegen; andernfalls wäre die Heerfahrt umsonst unternommen.
[Ρ 11,6-8] Aber niemand kannte die Insel noch die Stelle, wo sich der
192 Testimonia et Fragmenta

βωμόν, ου θύσαντες κρατήσειν εμελλον των πολεμίων ε! δέ μή,


μάτην έγίγνετο ή στρατεία.

άλλα τί δή σοι προσήκον της Παλαμήδους τύχης;


ΟΔΥΣΣΕΥΣ
(10) εΰ 'ίσθι οτι επί πάντας τους εκείνου φίλους ήλθε το κακόν και ίο
πάντες άπολώλασιν, δστις μή φυγείν ήδυνήθη. οΰτω δέ κάγώ της
παροιχομένης νυκτός διαπλεύσας μόνος δεΰρο έσώθην. σχεδόν μέν
9 Παλαμήδους ΒΜ1 : -δου UM 2 11 ουτω Β : οΰτως UM

fig. 4 = Τ 16c
ZweitesEpeisodion ( P l i ) 193

von Jason aus Feldsteinen errichtete Altar der Göttin befand, außer
mir; denn ich war zuvor bereits mit Herakles dort gewesen, als wir
gemeinsam nach Troja zogen, um die Stadt zu erobern und ihren
wortbrüchigen König zu bestrafen. Schon als Knabe war ich sein
Begleiter und stand ihm als Bogenträger zur Seite. Damals opferte
Herakles, von Athene angewiesen, dort der Göttin. [S25] So zeigte ich
nun den Gefährten den Altar der Chryse. [P 11,6f.] Während des
Opfers aber erschien plötzlich eine Schlange, deren Biß mir sogleich
das Bewußtsein nahm. Als ich wieder zu mir kam, stützte mich Pala-
medes mit seinen Armen. Grausame Schmerzen quälten mich, und
aus der Wunde an meinem Fuß quollen Blut und übelriechender
Eiter hervor. Vergeblich versuchte Machaon, der Sohn des Asklepios,
seine Kunst. Die Gefährten aber konnten den widerwärtigen Gestank
der Wunde nicht ertragen. Abseits des Heeres lagerte ich, und nur
Palamedes, der mir freundlich gesonnen war, hielt bei mir aus,
sprach mir in meinem Unglück Mut zu und suchte mir Erleichterung
zu verschaffen. Da überredete Odysseus die Feldherren, mich auf die
nahegelegene Insel der Lemnier zu bringen: Es seien gastfreundliche
und heilkundige Leute, sagte er; dort würde ich wirksamere Hilfe
finden, als sie auf einem Kriegszug möglich wäre. Von ihm ließ ich
mich beschwatzen, der Fahrt nach Lemnos zuzustimmen. Als wir dort
ankamen, war ich, ermattet von der Überfahrt, in Schlaf gefallen. Bei
dieser Höhle setzte mich Odysseus aus und verließ mich heimlich.
[S26] So verdanke ich mein gegenwärtiges Elend seinen betrügeri-
schen Worten und dem Undank der Achaier, für deren erfolgreichen
Feldzug ich mit dieser furchtbaren Wunde habe zahlen müssen. Wie
oft habe ich seitdem zu den Göttern gebetet, den Urheber meines
Unglücks büßen zu lassen, was er mir angetan hat. Aber mein Gebet
war, wie ich jetzt sehe, umsonst. [S27]
Doch wer bist du, Fremder? Mit welchem Namen soll ich dich
nennen, und was in aller Welt hast du mit dem Schicksal des Pala-
medes zu tun? [P 11,9] Ich erinnere mich nicht, dich unter seinen
Gefährten gesehen zu haben, als die Flotte der Griechen von Aulis
ausfuhr. [S28]
194 Testimonia et Fragmenta

ουν εγωγε έν όση χρεία καθέστηκας αυτός, ει δ' ουν εχεις τινά
μηχανήν, ξυμπροθυμηθείς ήμιν περί τον ο'ίκαόε άπόπλουν ημάς τε
ευ πεποιηκώς εση και άμα οίγγελον άποπέμψεις προς τους 15
(σ)εαυτοΰ ο'ίκαδε των σοι προσόντων κακών.
ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ
(11) άλλ\ ώδύστηνε,
13 εγωγε έν όση ω : εν δση εγωγε Emperius 16 έαυτοΰ ω : σεαυτοϋ S* |
παρόντων ω : προσόντων Härtung 352

F 7 (adesp. 579)
(ημάς σύ δή)
εις άσθενοΰντας άσθενών έλήλυθας.
Zenob. 3,56 (CPG I 70,4sq.) 'εις - έλήλυθας'· επί των ομοια και παραπλήσια
πασχόντων | Greg. Cypr. cod. Mosq. 3,6 (CPG II 110,20sq.) | Sud. ει 231
la e.g. 1 άσθενών] άσθενώς Greg. | έλήλυθας Zenob. cod. Bodl., Greg. :
έλήλυθα Zenob. cod. Par., Sud.

Ρ 12
(Dio 59,11 p. 133,31-134,6)
(πρός τοιούτον 'έτερον ήκεις [~ F 7]) ξύμμαχον, αυτόν τε απορον και
ερημον φίλων επί τήσδε της άκτης ερριμμένον, γλίσχρως και μόλις
άπό τώνδε των τόξων πορίζοντα και τροφήν και εσθητα, ώς όρδς. η
γαρ ην ήμιν έσθής πρότερον, ύπό του χρόνου άνάλωται. ε'ι δέ δή
τοΰδ' έθελήσεις κοινα)νεΐν του βίου μεθ' ήμών ενθάδε, 'έ(ος αν έτέρα 5
σοι παραπέση σωτηρία ποθέν, ουκ äv φθονοιμεν.
4 ύπό ΒΜ 1 : άπό UM 2 S* | άνάλωται Μ : ήνάλωται α 6 φθονοιμεν α :
φθάνοιμεν Μ

F 8/9 (790a. 790)

ουκ εστ' έν αντροις λευκός, ώ ξέν', άργυρος.


*
δΰσμορφα μέντοι τανδον ε'ισιδειν, ξένε.
[F 8] Plut, de vitioso pudore 10.533A ó δ' άβελτερία και μαλακία πρός τόν
αιτούντα όυσωποΰμενος ειπείν 'οϋκ εστ' - άργυρος'
[F 9] Plut, de curiositate 12.521 Α άλλ' ούδ' ήδί' τό θέαμα • 'δΰσμορ<ρα - ξένε'
Zweites Epeisodion (Ρ 11. F 7. Ρ 12. F 8/9) 195

ODYSSEUS
gibt sich eine erfundene Identität, erklärt, warum er selbst am Unglück des Philoktet
unschuldig sei und dieser ihn nicht kennen könne. Er beschreibt sein freundschaft-
liches Verhältnis zu Palamedes. [S29] Dann fährt er fort:
Wisse wohl, daß über alle, die seine Freunde waren, das Verderben
hereinbrach und alle umgekommen sind, sofern einem nicht die
Flucht gelang. So bin auch ich, auf mich allein gestellt, in der ver-
gangenen Nacht ohne Unterbrechung gesegelt und habe mich hierher
gerettet. Nun befinde ich mich in einer fast gleichgroßen Notlage wie
du selbst. Falls du aber irgend ein Mittel kennst, betreibe mit mir
zusammen meine Heimfahrt! Du wirst mir damit einen Gefallen
getan haben und zugleich einen Boten des Unglücks, das dir wider-
fahren ist, zu den Deinen nach Hause senden.
PHILOKTET

Aber du Unglücksmensch, [P 11,10-17]


du bist zu mir
als Ohnmächtiger zu einem Ohnmächtigen gekommen,
[F 7]*
zu einem Bundesgenossen, der selbst hilflos und von Freunden
verlassen an diese Felsenküste geworfen ist, der kümmerlich und
nur mit Mühe mit diesem Bogen hier sich Nahrung und Kleidung
verschafft, wie du siehst; denn was ich früher an Kleidern besaß, ist
mit der Zeit zerschlissen. Wenn du aber dieses Leben mit mir teilen
willst, bis dir rettende Hilfe von anderswoher zuteil wird, so möchte
ich es dir nicht vorenthalten. [P 12] Doch überlege, was du tust!
Nicht gibt es, Fremder, in der Höhle glänzendes Silber. [F 8]
Nach wenigen Versen, die beschreiben, was noch alles an Ausstattungsgegenständen
einer richtigen Wohnung fehlt:

Abstoßend ist vielmehr das Innere anzusehen, Fremder;


[F 9]**

* Paraphrase des Dion [Ρ 12,1]: Du kommst zu einem zweiten, dem es so geht wie
dir...
** Paraphrase des Dion [Ρ 13,1]: Wirklich widerwärtig ist der Anblick im Innern
(der Behausung), Fremder.
196 Testimonia et Fragmenta

Ρ 13
(Dio 59,11 p. 134,6-9)
(δυσχερή γε μην τάνδον όράματα, ώ ξένε, F 9]) τελαμώνές τε α(1'ματος
ά)νάπλεω και αλλα σημεία της νόσου- αυτός τε ούχ ήδύς ξυγγενέσθαι,
δταν ή όδύνη προσπέση.
1 τε αίματος πλέοι Bothe 286 : τε έλκους S* : τε λύθρου Reiske : πύους van
Herwerden Mn 25 (1897) 352 2 άνάπλεφ Μ2 (ω suprascr.) : άνάπλεοι οΜ 1

F 10(792)
φαγέδαινα(ν) η μου σάρκα θοινδται ποδός.
Aristot. poet. 22.1458b23sq. cf. supra p. 148 ad H 3e

Ρ 14
(Dio 59,11 p. 134,9sq.)

καίτοι λελώφηκε τω χρόνω το πολύ της νόσου, κατ' άρχάς δέ ουδαμώς


άνεκτός ην.
cf. F 11
F 11 (?)
χ - , κατ' άρχάς δ' ουδαμώς άνεκτός ην.
Dio 59,11 p. 134,9sq. [Ρ 14,1 sq.]
νόσος· κατ' άρχάς δ' ουδαμώς Gataker 88 (Gataker2 369) : νόσος κατ' άρχάς
ουδαμώς Cantero duce, ut suspicor, Grotius2 413 (cf. 995)

ΣΤΑΣΙΜΟΝ Β'

Τ 18
(Dio 52, [ 17] 15 8-160)

τά τε μέλη (sc. fabulae Sophocleae) οΰκ 'έχει, πολύ το γνωμικόν ούδέ


προς άρετήν παράκλησιν ώσπερ τα του Εύριπίδου. [vide Η 4]
cf. Τ 23
Zweites Epeisodion (Ρ 13. F 10. Ρ 14. F 11). Zweites Stasimon 197

Binden mit Blut vollgesogen und andere Zeichen der Krankheit! Und
ich selbst bin kein angenehmer Hausgenosse, wenn mich ein peini-
gender Anfall überkommt. [P 13] Denn ich habe als Gast
ein Krebsgeschwür, das meines Fußes Fleisch sich zum
Mahl bereitet. [F 10]
Doch mit der Zeit hat die Übermächtigkeit der Krankheit nachge-
lassen, [P 14]
anfangs aber war sie auf gar keine Weise zu ertragen. [ F l l ]
Folge mir in die Höhle!
Philoktet und Odysseus gehen in die Höhle. [S 30 ]

ZWEITES STASIMON

CHOR
Allgemeine Lebenserfahrungen und Lebensweisheiten, verbunden mit der Auffor-
derung zur Tugend. Verurteilung des Verrats am Kampfgefährten. Klage über das

Τ 18 Die Chorlieder (des sophokleischen Philoktet) enthalten nicht viele Merksprü-


che mit Lebensweisheiten und auch keine Ermunterung zur sittlichen Tüchtigkeit
wie die des Euripides.
198 Testimonia et Fragmenta

ΧΟΡΟΣ

F 12(801)
(de Palamedis morte iniusta loquens)
άπέπνευσεν αιώνα
Hesych. α 2216 (I 80 Latte) Ευριπίδης δε Φιλοκτήτη αιώνα την ψυχήν λέγει·
'άπέπνευσεν αιώνα'

ΕΠΕΙΣΟΔΙΟΝ Γ'

Τ 19
(POxy 2455 fr. 17,254-259)
ε[π]ε[ι]τα και, "Ελενοο ειπεν τοις Τρακί tole | Ήρακλέο[υο] τόξοιο
άοφαλίοαοθα[ι] την πό | λιν [·] και λ[η]φθείο δ' αίχμάλωτοο την αύ|τήν
ποιεΐοθ]αι συμμαχ[ία]ν π[αρέπ]ειοεν | τούο "Ελληνας] τον Φιλοκτ[ήτην
άναγαγόν|ταο. [vide Η 2]

Τ 20
(Dio 59,4 p. 132,10-13)

πυνθάνομαι (Ulixes in prologo) δέ και παρά των Φρυγών πρέσβεις


άπεστάλθαι κρύφα, έάν πως δύνωνται τον Φιλοκτήτην πείσαντες
δώροις άμα και δια την εχθραν την προς ήμδς άναλαβειν εις την πόλιν
αυτόν και τα τόξα. [vide Ρ 6,14-17]

Τ 21
(Dio 52,[13]115-121)

φησί τε πρεσβείαν μέλλειν παρά των Τρώων άφίκνεϊσθαι προς τον


Φιλοκτήτην, δεησομένην αυτόν τε και τα δπλα έκείνοις παρασχεϊν επί
τη της Τροίας βασιλεία, ποικιλώτερον το δράμα κατασκευάζων και
άνευρίσκων λόγων άφορμάς, καθ' ας εις τά εναντία έπιχειρών
εΰπορώτατος και παρ' όντινοΰν ίκανώτατος φαίνεται, [vide Η 4]
Zweites Stasimon (F 12). Drittes Epeisodion 199

Schicksal des Philoktet und des Palamedes, der zu Unrecht und auf elende Weise

sein Leben aushauchte. [F 12]


Lob der Freundestreue und der Hilfsbereitschaft gegenüber dem unverschuldet in
Not Geratenen. Der Wunsch nach einer ausgleichenden Gerechtigkeit der Götter.
[S31]

DRITTES EPEISODION

ERSTE SZENE

Die von Odysseus im Prolog angekündigte GESANDTSCHAFT aus Troja betritt die
Orchestra (von rechts). Man fragt den CHOR nach Philoktet und erhält die Auskunft,
dies sei seine Behausung. Da kommen PHILOKTET und ODYSSEUS aus der Höhle.

CHOR
Eben kommt er selbst, nach dem ihr fragt. [S32]

ZWEITE SZENE

TROER
Werbende Anrede an Philoktet und Selbstvorstellung. In einer großen Rede sucht der
Sprecher der Gesandtschaft, Philoktet zur Mitfahrt nach Troja zu bewegen. Er be-
richtet vom Orakel des Helenos, daß nur mit Hilfe des Heraklesbogens die Stadt
gerettet werden könne, rühmt Philoktets Heldentum und beklagt sein Unglück. Er
bietet die Freundschaft der Troer an und stellt die Rache am gemeinsamen Feind in
Aussicht. Dem Verrat der Griechen an Philoktet setzen die Troer entgegen, was
ihnen Philoktets Kampfgenossenschaft wert ist: eine beträchtliche Summe Goldes,
die sie, sozusagen als Anzahlung, gleich mitgebracht haben, und die Zusage, ihn, da
Hektor gefallen sei, nach Priamos ' Tod zum König von Troja zu machen. [S33]

Τ 19 Da nun geschah es, daß Helenos sowohl den Trojanern sagte, sie würden ihre
Stadt durch den Bogen des Herakles sichern ...
Τ 20 Ich höre aber, daß auch von den Phrygern heimlich Gesandte abgeschickt
worden sind, um zu versuchen, Philoktet durch Geschenke und zugleich aufgrund
seines Hasses gegen uns zu überreden und ihn und seinen Bogen, koste es, was es
wolle, auf ihre Seite und in die Stadt zu bringen.
Τ 21 Er (Odysseus) sagt, daß eine Gesandtschaft, von den Trojanern geschickt, zu
Philoktet kommen werde mit der Bitte, sich und seine Waffen ihnen zur Verfugung
zu stellen, und zwar um den Preis der Königsherrschaft über Troja. Auf diese Weise
strukturiert Euripides das Drama abwechslungsreicher und findet Redemöglich-
200 Testimonia et Fragmenta

Τ 22
P r o s t y p o n urnae V o l t e r r a n a e : P h i l o c t e t e s et l e g a t o s inter T r o i a n o s et
U l i x e m D i o m e d e m q u e ( f i g . 5, p. 2 0 2 ) .

ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ, ΤΡΩΕΣ, Ο Δ Υ Σ Σ Ε Υ Σ

F 13 ( 7 9 6 )

ΟΔΥΣΣΕΥΣ
ύ π έ ρ γε μέντοι π α ν τ ό ς Ε λ λ ή ν ω ν σ τ ρ α τ ο ύ
α ί σ χ ρ ό ν σ ι ω π ά ν , ( β α ρ β ά ρ ο υ ς ) δ' ε ά ν λέγειν.

Plut. adv. Colot. 2.1108Β 'ύπέρ γε - στρατού' ... 'αίσχρόν σιωπάν' | ν. 2 Philod.
rhet. 35,21-36,5 (II 50 Sudh.) έπιφωνήσας (sc. Αριστοτέλης) '[αί]σχρόν σιωπάν,
Ίσοκρά[τη]ν δ ' εάν λέγειν' | ibid. 39,20-40,7 (II 55 Sudh.) | Cie. de orat. 3,141 ille
(Philocteta) enim 'turpe sibi ' ait 'esse tacere, cum barbaros ', hic autem (Aristoteles),
cum 'Isocraten pateretur dicere ' | Cie. ad Att. 6,8,5 'αίσχρόν σ ι ω π ά ν ' | Quint, inst,
or. 3,1,14 Aristoteles ... noto quidem ilio ut traditur versu ex Philocteta frequenter
usus: 'turpe est tacere et Isocraten pati dicere ' | schol. Hermog. rhet. IV 298,4sq.
Walz ' - Ίσοκράτην - ' | Diog. Laert. 5,3 ' - Ξενοκράτην - '

2 βαρβάρους ex Cicerone inseruit Grotius 2 413. 959 (nescio an Cantero duce)

F 14 ( 7 9 5 )

ΟΔΥΣΣΕΥΣ
τί δήτα θώκοις ά ρ χ ι κ ο ΐ ς ενήμενοι
σ α φ ώ ς ό ι ό μ ν υ σ θ ' είδέναι τ α δ α ι μ ό ν ω ν ;
o l τώνδε χ ε ι ρ ώ ν α κ τ ε ς ά ν θ ρ ω π ο ι λ ό γ ω ν

iόστις γαρ αΰχεΐ θεών


,επίστασθαι }πέρι,
ο υ δ έ ν τι μ ά λ λ ο ν ο ί δ ε ν η πείθει(ν) λέγων.

Stob. 2,1,2 (II 3,11-16 W.-H.) Εϋριπίδου Φιλοκτήτη 'τί - λέγων'

1 θώκοις codd. : θάκοις Dindorf (Poet. seen. Gr. 1830) 116 | άργικοΐς codd. :
άρχικοΐς Valckenaer 116 : μαντικοΐς Musgrave 580 | ενήμενοι] έφήμενοι
Wecklein 137 2 τά FP : των L 3 ante Nauck (Heath 181 excepto) v. 3 sine
distinctione copulatus est cum versibus antecedentibus | οί codd. : ού Nauck :
τοιώνδε Hense Jen. Litt. Zt. 2 (1875) 621 | άνθρωποι] άνθρώποις Meineke |
lacunam indicavi post v. 3 5 η πείθει codd. : ή πείθειν Musgrave 580 : εί πείθει
Munro 246sq., Sier
Drittes Epeisodion (F 13. 14) 201

PHILOKTET
zeigt sich beeindruckt von der Rede der Trojaner. Nachdem Fragen gestellt und
zusätzliche Erklärungen und Bekräftigungen gegeben worden sind, neigt er zur
Annahme des Angebots. [S 34 ]

Das ist der Augenblick, in dem ODYSSEUS, der bisher geschwiegen hat, in das
Gespräch eingreift.

ODYSSEUS an Philoktet gewandt


Zugunsten des Schurken Odysseus würde ich mich nicht einmischen,
und auch das undankbare Verhalten der Atriden will ich nicht
beschönigen. Mögen sie alle umkommen! [S35]
Doch um des Wohls des ganzen Heers der Griechen willen
zu schweigen schändlich wär's, das Wort zu überlassen
den Barbaren. [F 13]
Er zeigt, daß Philoktet mit einer Annahme des trojanischen Angebots sich nicht nur
an der kleinen Clique um Odysseus und die Atriden rächen, sondern auch die große
Zahl der unschuldigen Kameraden im Heer der Griechen ins Unglück stürzen würde.
Werde er das Gold aus Troja annehmen und sich den Leuten des Priamos und Paris
anschließen, so erweise er sich als bestechlich und als Vaterlandsverräter und werde
das wirklich tun, was der Intrigant Odysseus dem unschuldigen Patrioten Pala-
medes, Philoktets Freund, fälschlicherweise vorgeworfen habe. [S 36 ] Dann zieht
Odysseus die Grundlage der Mission der Trojaner - das Orakel des Helenos - in
Zweifel und sucht es als eine Erfindung des Sehers zu entlarven. Emphatisch richtet
er sich direkt an die Zunft der Orakeldeuter:

Was schwört ihr denn, die ihr wie Herrn auf Thronen sitzt,
genau zu wissen, was die Götter wollen?
Die kunstvoll solche Worte machen, Menschen,
sind außerstande, sie in Taten umzusetzen.
Wer nämlich darauf pocht, er kennne aus sich mit den
Göttern,
versteht nicht mehr als redend zu beschwatzen. [F 14]

keiten, durch die er sich als versiert und unvergleichlich geschickt im dialektischen
Argumentieren erweist.
Τ 22 Urnenrelief aus Volterra: Philoktet, zwischen einer Gesandtschaft aus
Troja und Odysseus mit Diomedes, signalisiert den Trojanern seine Bereitschaft, ihr
Angebot anzunehmen, während hinter seinem Rücken Odysseus gerade ansetzt zu
intervenieren (Abb. 5, S. 202).
202 Testimonia et Fragmenta

F 15 (794)
ΤΡΩΣ
όρατε 6' ώς κάν θεοΐσι κερδαίνειν καλόν,
θαυμάζεται δ' ό πλείστον εν ναοΐς εχων
χρυσόν. τί δητα και σέ κωλύει (λαβείν)
κέρδος, παρόν γε κάξομοιοΰσθαι θεοΐς;
Iustin. Mart, de monarchia 5 (152/154 Otto) εν Φιλοκτήτη· 'όρατε- θεοις; '
1 όρατε δ' ώς] όρας γ' δπως Valckenaer 115 : δρα τ' εθ' ώς Musgrave 580 : δρα
δέ γ' ώς Welcker2 517 : alii alia 3 λαβείν add. Sylburg 12

fig. 5 = Τ 22
Drittes Epeisodion (F 15) 203

Die Verfahrensweise der Trojaner diskreditiert er als moralisch bedenklich, durch


Bestechung und Verfiihrung zum Landesverrat statt durch militärische Tüchtigkeit
den Krieg entscheiden zu wollen. Vollends verwerflich aber sei es, einen solchen
bestochenen Verräter auch noch zum König machen zu wollen. Ihre Worte verrieten
eine falsche Auffassung vom Wert eines Mannes, der nicht auf Gewinnsucht und
Reichtum beruhe, sondern auf seiner Tüchtigkeit und Ehre. [S37]
TROER
Geld zu nehmen und Reichtümer zu sammeln sei nicht unehrenhaft, wie das Verhal-
ten der Götter zeige.
Seht, wie auch bei Göttern als ehrenhaft Gewinn zu machen
gilt.
Es wird bewundert, wer das meiste Gold in seinen Tempeln
hat.
Was also hindert dich, Gewinn zu nehmen,
erlaubt dir's doch, den Göttern sogar gleich zu werden.
[F15]
Für die Zuverlässigkeit des Helenosorakels spreche im übrigen, daß auch Odysseus,
wie man erfahren habe, mit einem Schiff unterwegs sei, um Philoktet nach Troja zu
holen, weil auch die Griechen von dem Orakel wüßten, seitdem sie den Helenos
gefangengenommen hätten. Wenn Philoktet nicht mit ihnen komme, werde er unwei-
gerlich in die Hände seines Feindes Odysseus fallen, der ihn nicht so freundlich
bitten werde wie sie, sondern, wenn er ihm nicht freiwillig folge, ihn mit Gewalt ins
griechische Lager bringen werde. [S38]
ODYSSEUS
weist den dubiosen Vergleich mit den Göttern zurück; die Rede der Troer verrate die
Denkweise der Barbaren. Er fordert PHILOKTET auf, ihm auf sein Boot zu folgen, so
unzureichend es auch sei, oder nach einer besseren Schiffspassage Ausschau zu
halten, um dem drohenden Anschlag des Odysseus zu entgehen. Auf diese Weise
werde er sich seinen Feinden unter den Griechen entziehen, ohne seine Ehre aufs
Spiel zu setzen und zum Vaterlandsverräter zu werden.
PHILOKTET
stimmt Odysseus zu und lehnt das Angebot der Trojaner nunmehr ab. [S39]

Die TROER verlassen die Orchestra.

DRITTE SZENE

PHILOKTET und ODYSSEUS verständigen sich über Möglichkeiten und notwendige


Vorbereitungen zur Überfahrt nach Griechenland. Beide ziehen sich in die Höhle
zurück. [S40]
204 Testimonia et Fragmenta

ΣΤΑΣΙΜΟΝ Γ'

Τ 23
(Dio 52,[14]127-129)
... 'έχοντα, και τα μέλη ον μόνον ήδονήν, άλλα και πολλήν προς άρετήν
παράκλησιν. [vide Η 4]
cf. Τ 18

ΧΟΡΟΣ

ΕΠΕΙΣΟΔΙΟΝ Δ'

Τ 24

Phiala pietà Attica ('Euaionmaler'): Ulixes Philoctetam animo


relictum in spelunca sedentem observât. Diomedes a tergo appropin-
quavit manu in umerum Ulixis imposita (fig. 6, infra).

Τ 25

Scyphus caelatus apud vicum Danicum q. v. Hoby repertus: Philo-


cteta vi morbi oppresso Ulixes Diomedi clam tradii arcum (fig. 7,
p. 206). cf. Τ 8

ΔΙΟΜΗΔΗΣ (specu egressus arcum secum portans narrat, quomodo


furtum sit factum)

fig. 6 = Τ 24
Drittes Stasimon. Viertes Epeisodion 205

DRITTES STASIMON

CHOR
Verurteilung von Bestechlichkeit und Habgier. Aufforderung zur Solidarität mit den
Kampfgefährten auch bei ungerechter Behandlung durch die Repräsentanten der
Macht. Rühmung der Tugend des Patrioten. [S41]

VIERTES EPEISODION

PHILOKTET aus dem Innern der Höhle


Schmerzensschreie und Stöhnen
CHOR
Erschrecken und Vermutungen über einen Krankheitsanfall Philoktets. Umbruch der
euphorischen Stimmung des voraufgehenden Stasimons.
DIOMEDES kommt aus der Höhle, Philoktets Bogen und Köcher in den Händen.
[S42]

DIOMEDES
klärt in einem , Botenbericht1 den Chor über seine und des Odysseus wahre Identität
und Absichten auf und berichtet, was sich soeben im Innern der Höhle zugetragen
hat: Philoktet habe einen Anfall seiner Krankheit erlitten, der ihm das Bewußtsein
raubte. Während sich Odysseus um den Kranken bemühte, habe er selbst (Diomedes)
am anderen Ausgang der Höhle auf der Lauer gelegen und sei auf die gräßlichen
Schreie hin, die der von Schmerzen Gequälte ausgestoßen habe, herangeschlichen.
Odysseus habe Bogen und Köcher, als sie der Hand des Bewußtlosen entglitten
seien, an sich genommen und an ihn weitergereicht, damit er den Heraklesbogen in
Sicherheit bringe. Nunmehr seien sie ihrem Ziel nahe, denn dem wehrlosen Philoktet
werde keine andere Wahl mehr bleiben, als mit ihnen nach Troja zu kommen.
DIOMEDES verläßt die Orchestra, um den Bogen auf das Schiff des Odysseus zu
bringen. [S 43 ]

Τ 23 ... und die Chorlieder sind nicht nur von poetischem Reiz, sondern stellen auch
eine nachdrückliche Aufforderung zur Tugend dar.
Τ 24 Attisch rotfigurige Schale ('Euaionmaler'): Odysseus beobachtet den bewußt-
losen Philoktet, der in seiner Höhle sitzt. Diomedes, der sich herangeschlichen hat,
legt von hinten die Hand auf die Schulter des Odysseus (Abb. 6, S. 204).
Τ 25 Relief des Philoktetbechers von Hoby: Während Philoktet von einem Anfall
der Krankheit überwältigt wird, reicht Odysseus heimlich den Bogen an Diomedes
weiter (Abb. 7, S. 206).
206 Testimonia et Fragmenta

fig. 7 = T 13/25

(ΣΤΑΣΙΜΟΝ Δ')

ΧΟΡΟΣ

ΕΠΕΙΣΟΔΙΟΝ Ε'

Τ 26
(Dio 52,[2] 10-19)
σχεδόν δέ ήσαν άκρων άνδρών, Αισχύλου και Σοφοκλέους καί Εΰριπί-
δου, πάντων περί την αυτήν ΰπόθεσιν. ήν γαρ ή των Φιλοκτήτου τόξων
είτε κλοπή είτε άρπαγήν δει λέγειν· πλήν άφαιρούμενός γε των δπλων
ήν Φιλοκτήτης υπό του 'Οδυσσέως και αυτός εις τήν Τροίαν
άναγόμενος, το μέν πλέον ακων, το δέ τι καί πειθοι άναγκαία, επειδή
των δπλων εστέρητο, α τοϋτο μέν βίον αύτω παρεΐχεν εν τη νήσω, τοϋτο
δέ θάρσος έν τη τοιαύτη νόαω, αμα δέ εϋκλειαν. [vide Η 4]

Τ 27
(POxy 2455 fr. 17,264a-266)

[ό δ' Όδυοοεύο έκόντα μέν τον Φιλοκτή]|την eie Τροίαν μάτην


πα]ρεκάλ[ε](ο)εν | ελθεϊν Ixavòc δ' ήν 'έχων τ]ήν άοφάλει|αν[·]
άναγκάζει[ν eie τήν ν]αϋν ουνακ[ο]λουθεΐν. [vide Η 2]
cf. Τ 29
Viertes Stasimon. Fünftes Epeisodion 207

(VIERTES STASIMON)

CHOR
kommentiert mißbilligend das soeben Gehörte.

FÜNFTES EPEISODION

PHILOKTET und ODYSSEUS (rückverwandelt in seine natürliche Gestalt) treten aus


der Höhle.
Eingangsstichomythie: PHILOKTET ist empört über den Betrug des falschen
Freundes und verzweifelt über den Verlust des Bogens, ODYSSEUS sucht ihn zu
beruhigen, der CHOR äußert seine Betroffenheit. [S44]

ODYSSEUS
stellt sich dem Chor nicht ohne Stolz als der vor, der er wirklich ist, bekennt den
Diebstahl des Bogens, bedauert das Philoktet angetane Unrecht, entschuldigt es
aber mit seiner Verpflichtung gegenüber dem Heer der Griechen und seinen Anfuh-
rern. Zudem sei es der Wille der Götter, Philoktet zusammen mit dem Bogen
des Herakles nach Troja zu bringen, wie nicht nur der Orakelspruch des Helenos,
sondern vor allem die Hilfe Athenes beweise, die für alle in der Verwandlung seines
Äußeren sichtbar geworden sei. Ohne diese Hilfe hätte er nie in den Besitz des
Bogens gelangen können. Er fordert Philoktet auf, sich in das von den Göttern
Gewollte und Herbeigeführte zu fugen und mit nach Troja zu kommen, wo ihn, wie
Athene verheißen, Heilung von seiner Krankheit durch Machaon und der Ruhm des
Eroberers der Stadt erwarteten. Dort erhalte er auch seinen Bogen zurück. [S45]
CHOR
verurteilt den Diebstahl des Bogens, findet aber den Ratschlag, den Odysseus am
Ende seiner Rede Philoktet gegeben hat, nicht unvernünftig. [S46]

Τ 26 Sie stammten, darf man sagen, von Männern, die den allerersten Rang
einnehmen, von Aischylos, Sophokles und Euripides, die alle das gleiche Sujet
bearbeitet hatten. Es ging nämlich um die Entwendung von Philoktets Bogen; oder
soll man es einen Raub nennen? Waffenlos aber war Philoktet bekanntlich durch
Odysseus geworden und er selbst nach Troja verbracht, zwar eigentlich gegen seinen
Willen, aber doch auch durch eine Art nötigender Überredung, nachdem er seiner
Waffen beraubt war, welche ihm den Lebensunterhalt auf der Insel, die Entschlos-
senheit zur Selbstbehauptung bei einer Krankheit wie dieser und zugleich seinen
Ruhm garantierten.
Τ 27 Odysseus forderte Philoktet vergeblich auf freiwillig nach Troja zu kommen.
Doch da er (durch den Besitz des Bogens) vor ihm sicher war, war er imstande, (ihn)
zu nötigen, ihm auf sein Schiff zu folgen.
208 Testimonia et Fragmenta

Τ 28
(Dio 52,[16] 144-145)

τό τε τοΰ 'Οδυσσέως (apud Sophoclem) πολύ πραότερον και


ά π λ ο ύ σ τ ε ρ ο ν η π ε π ο ί η κ ε ν ó Ευριπίδης.

ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ, Ο Δ Υ Σ Σ Ε Υ Σ , ΧΟΡΟΣ

ΟΔΥΣΣΕΥΣ
(...)

F 16(797)

ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ
λ έ ξ ω δ' εγώ, κ α ν μ ο υ δ ι α φ θ ε ΐ ρ α ι δοκή
λ ό γ ο υ ς ΰ π ο σ τ ά ς α υ τ ό ς ήδικηκέναι·
ά λ λ ' έξ έ μ ο ΰ γ α ρ τ ά μ α θαυμάση κ λ ύ ω ν ,
ó δ' α υ τ ό ς α ύ τ ό ν έ μ φ α ν η θήσει λέγων.

Anaxim. rhet. ad Alex. 18,15.1433bl0-14 κέχρηται δέ και Ευριπίδης έν


Φιλοκτήτη τεχνικώς τούτα) τ ω εΐδει (sc. τη προκαταλήψει) δια τούδε- 'λέξω -
λέγων'
1 διαφθείρας codd. : διαφθεΐραι Munro 247 : (μοι) διαφθεΐραι iam Wurm apud
Kayser RhM 16 (1861) 70 2 ΰποστάς] ύποφθάς Η. Weil ZfA 6 (1848) 586 :
ΰφιστάς Ribbeck 392 n. 2 3 μάθηση codd. : θαυμάση scripsi : locus diu
desperatus (cf. Nauck necnon Fuhrmann in app.) | κλύων codd. : κλυών Mette
Euripides 268 4 έμφανιεΐ σοι codd. (-ιεΐ σοι ex -HÖHCEI) : corr. Jacobs 128
(έμφανη στήσει iam Musgrave 580)

ΟΔΥΣΣΕΥΣ

Ρ 15

(de Philocteta loquens)


nec me suasisse negabo
ut se subtraheret bellique viaeque labori
temptaretque feros requie lenire dolores,
paruit - et vivit.

Ovid. met. 13,313-318 (Ulixes ad duces Graecorum) nec Poeantiaden quod habet
Vulcania Lemnos, / esse reus merui factum defendite vestrum, / consensistis enim)
nec me - vivit [315-318]
3 lenire] finire FPh | dolores EW 3 pv : labores FN 2 PUh
Fünftes Epeisodion (F 16. Ρ 15) 209

PHILOKTET mit wechselnder Anrede an Odysseus und an den Chor


An den Chor gerichtet

Ich will mir aber das Reden nicht abnehmen lassen, auch
wenn er meinen Worten dadurch bereits
ihre Wirkung genommen zu haben scheint,
daß er von sich aus sein Unrecht zugegeben hat.
Doch du wirst staunen, wenn du von mir hörst,
was ich erlebt,
der aber wird selbst durch seine Reden schon offenlegen,
was er für einer ist. [F 16]
Es folgt eine Beschreibung des Anfalls der Krankheit aus der Sicht des Betroffenen
und seines Aufwachens aus der Bewußtlosigkeit, der falschen Fürsorglichkeit des
Fremden zuvor und der überraschenden Erscheinung des rückverwandelten Odys-
seus und seines völlig veränderten Verhaltens danach; sodann eine Aufrechnung des
Unrechts, das Philoktet von Seiten der Griechen in Vergangenheit und Gegenwart
erfahren hat. Der Rekurs auf den Willen der Götter wird als heuchlerisch zurück-
gewiesen. Als es Odysseus und den Atriden seinerzeit bequem erschien, den lästig
gewordenen Kranken abzuschieben, habe man sich nicht um die Götter gekümmert,
dem hilflosen Krüppel mit trügerischen Versprechungen die Zustimmung zur
Verbringung nach Lemnos abgelistet und ihn in dieser Einsamkeit ausgesetzt. Seine
Erfahrung - so schließt PHILOKTET - verbiete es ihm, den jetzigen Versprechungen
des Odysseus Glauben zu schenken und von ihm etwas anderes als Verrat und neues
Unrecht zu erwarten. [S47]
ODYSSEUS mit wechselnder Anrede an den Chor und an Philoktet
( )
Als ich Philoktet nach der unheilbaren Verwundung durch den Biß
der Schlange am Altar der Chryse auf diese Insel brachte, da war
das nicht meine Tat allein. Im Rat der Fürsten hatte man dem Vor-
schlag zugestimmt. Ich will aber nicht bestreiten, daß ich ihn über-
redete, sich der Anstrengung des Krieges und der Weiterfahrt zu
entziehen und zu versuchen, in Ruhe die wilden Schmerzen zu
lindern. Er ließ sich überzeugen - und lebt! [P 15] Ist es das, was
man mir heute vorwirft?

Τ 28 Der Charakter des Odysseus (bei Sophokles) ist viel sanfter und aufrichtiger,
als ihn Euripides gestaltet hat.
210 Testimonia et Fragmenta

F 17(798)

πατρίς καλώς πράσσουσα τον τυχόντ' άεί


μείζω τίθησι, δυστυχοϋσα δ' άσθενη.
Stob. 3,40,1 (III 734,13-15 W.-H.) Εύριπίδου Φιλοκτήτη 'πατρίς - άσθενη'
1 πράσσουσα] πράττουσα Α | εύτυχοϋντ' codd. : corr. Matthiae 288 2 δυσ-
τυχούσα cod. Par. 1985 teste Gaisford (1822) II 78 : δυστυχοϋντα ceteri codd.

F 18 (adesp. 10)

τις Ô' αν σε νύμφη, τις δέ παρθένος νέα


δέξαιτ' αν; ευ γοΰν ώς γαμειν 'έχεις, τάλας.
Plut, an seni 9.789Α ώσπερ γάρ ó γαμειν παρασκευαζόμενον γέροντ'
έστεφανωμένον και μυριζόμενον άποτρέπων και λέγων τά πρός τόν Φιλοκτήτην
'τις - τάλας' οΰκ άτοπος έστι. | ν. 2 Plut. vit. Solon. 20,8 άλλα γέροντι νέαν
άγομένω φαίη τις αν Εμμελής άρχων ή νομοθέτης τό πρός τόν Φιλοκτήτην 'ευ -
τάλας'

F 19 (799)

ώσπερ δέ θνητόν και τό σώμ' ήμών 'έφυ,


οΰτω προσήκει μηδέ την όργήν εχειν
άθάνατον δστις σωφρονεϊν επίσταται.
Stob. 3,20,17 (III 542,6-9 W.-H.) Εύριπίδου Φιλοκτήτου 'ώσπερ - επίσταται'
Fünftes Epeisodion (F 17. 18. 19) 211

( )
Die Wohlfahrt des Staates hat Vorrang vor dem Interesse des Einzel-
nen, und der Verständige weiß:
Geht es dem Vaterland gut, dann läßt es jeweils auch
den einzelnen
kräftiger werden; geht es ihm aber schlecht, folgt Schwäche
auch für ihn. [F 17]

( )
Wenn du mit nach Troja kommst und geheilt wirst, hast du selbst den
größten Vorteil davon. Im Falle der Verweigerung aber schadest du
nicht nur dem Heer der Griechen, sondern am meisten dir selbst. Du
schließt dich damit auf Dauer aus jeder menschlichen Gemeinschaft
aus. Niemand wird mit dir zusammenleben wollen. [S48]
Welche Braut, welches junge Mädchen
möchte dich nehmen? In trefflichem Zustand befindest
du dich zum Heiraten, Unglücklicher. [F 18]

( )
Auch wird niemand mehr in Zukunft Mitleid mit dir haben, da du
selbst den einzigen Weg zu deiner Rettung und Heilung verweigert
hast. [S49]
( )
Nicht ich bin unmenschlich und maßlos, der ich dich zu deiner
Rettung überreden möchte, sondern du selbst in deiner Unversöhn-
lichkeit.
Ebenso aber wie unser Körper vergänglich ist,
so steht auch kein ewigdauernder Groll dem an,
der gelernt hat, Vernunft und Maß zu bewahren. [F 19]

( )
Ohne deinen Bogen aber wirst du nicht überleben können in dieser
Einsamkeit und Wildnis und bei der Unheilbarkeit deiner Wunde.
Und wenn du auch überlebtest, so wirst du doch nach dem Verlust
des Bogens ein Nichts sein - beruhen doch dein Ruhm und deine
Ehre auf dem Besitz von Herakles ' immertreffendem Bogen. [S50]
212 Testimonia et Fragmenta

F 20/21 (799a. 800)

ΧΟΡΟΣ

ΟΔΥΣΣΕΥΣ

(κάμοί γ' άπιστων τοΐσδε σοΐς πιθοΰ φίλοις.)


ΦΙΛΟΚΤΗΤΗΣ
άνδρός κακώς πράσσοντος εκποδών φίλοι.
ΧΟΡΟΣ
φεΰ, μήποτ' ε'ίην άλλο πλην θεοΐς φίλος,
ώς πάν τελοϋσι, κάν βραδύνωσιν, χρόνω.
[F 20] schol. Eur. Phoen. 402 (I 296,7sq. Schwartz) παρά Φιλοκτήτη (codd. : (τό>
Φιλοκτήτου Schw.) 'άνδρός - φίλοι' | schol. Soph. El. 188 (112,26 Papageorgiu)
il Εκείνο ' - ' I schol. Eur. Andr. 975 (II 309,22sq. Schw.) και γαρ ' - '| Men. mon.
34 Jaekel (cf. ibid. 71) | schol. Aristid. Ill 85,23-25 Dindorf Σοφοκλέους öv έν
Οίδίποδι τούτο εις παροιμίαν επεκράτησε τό 'φίλου κακώς πράξαντος εκποδών
φίλοι' I ibid. III 681,33sq. D. | de memoria paroemiographica cf. Nauck ad Soph,
fr. 667 (fr. 733 Pearson), Papageorgiu ad schol. Soph. El. 188
άνδρός] φίλου schol. Aristid. (cf. Aristid. Panathen. I 29,10 Lenz-Behr) |
πράσσοντος] πράξαντος schol. Aristid. (cf. Aristid. Panathen. I 29,10 L.-B.;
palinod. ad Smyrn. II 21,18-20 Keil)
[F 21] Orion, anthol. 5,4 (Schneidewin 47, Haffner) έκ τοΰ Φιλοκτήτου 'φεΰ -
χρόνψ' I ibid, append. Eur. 1 (Schneidewin 55, Haflher) 'φεΰ - χρόνω' | Suda
μ 875
1 φεΰ, μήποτ' Orion : μηδέν ποτ' Suda | θεοΐς Orion : θεώ Suda 2 πάντ'
'έχωσι cod. : corr. Nauck : 'έχουσι Schneidewin
Fünftes Epeisodion (F 20 / 21 ) 213

CHOR
versichert Philoktet erneut seiner Sympathie, stimmt aber in der Sache Odysseus zu
und empfiehlt Philoktet die Rückkehr ins Lager der Griechen. Dies sei auch der
Wille der Götter, wie in Athenes Unterstützung der Unternehmung des Odysseus
offenbar geworden sei. [S51]
PHILOKTET
verwahrt sich erneut gegen den Versuch des Odysseus, die Aussetzung auf Lemnos
zu rechtfertigen. Daß er noch lebe und nicht längst umgekommen sei, sei nicht das
Verdienst des Odysseus. Den vermeintlichen Anspruch an die Loyalität des Patrioten
weist er zurück: Ausgerechnet Odysseus, der selbst sich der Heerfahrt zu entziehen
versucht habe und nur gezwungen, als Palamedes seine Verstellung aufgedeckt habe,
mit nach Troja gekommen sei, wolle ihn, der von Anfang an ein zuverlässiger
Kampfgefährte gewesen, darüber belehren, was Vaterlandsliebe sei. Die Griechen
aber hätten ihn in seinem Unglück im Stich gelassen und den Verrat des Odysseus
geduldet, einige, wie die Atriden, sogar gebilligt und seien damit selbst zu Verrätern
an dem geworden, der für sie seine Gesundheit geopfert habe. Empört verbittet
er sich moralische Empfehlungen zu Vernunft und Mäßigung, habe er doch auf
das Angebot der Trojaner, sich an seinen Feinden zu rächen, aus freien Stücken
verzichtet. [S52]
Es schließt sich eine Stichomythie oder ein Redewechsel mit Abschnitten weniger
Verse zwischen ODYSSEUS und PHILOKTET an.
ODYSSEUS
Auch wenn du mir nicht glaubst, so hör auf deine
Freunde hier. [S53]
PHILOKTET
Wenn es einem Manne elend geht, verschwunden sind die
Freunde. [F 20]
CHOR
Ach, niemals möchte ich etwas anderes als den Göttern
freund sein;
denn sie vollenden alles, auch nach langem Zögern, im
Ablauf der Zeit. [F21]
214 Testimonia et Fragmenta

ΕΞΟΔΟΣ

Τ 29

Prostypon sarcophagi Romani: Philoctetes Lemno profíciscens


Troiam deducitur a Diomede atque Ulixe Herculis arcum sagittasque
secum ferente (fig. 8, infra),
cf. Τ 27

ΧΟΡΟΣ

fig. 8 = Τ 29
Exodos 215

ODYSSEUS
bekräftigt die Übereinstimmung seines Tuns mit dem Plan der Götter und droht,
Philoktet, wenn er es nicht anders wolle, unter Zwang nach Troja zu führen.
PHILOKTET
bleibt bei seiner Ablehnung, dem Ansinnen des Odysseus freiwillig zuzustimmen, und
klagt über sein Geschick, das ihm gleichwohl keine andere Wahl lasse, als sich dem
Willen seines ärgsten Feindes zu fügen und ihm auf sein Schiff zu folgen. Er ruft die
Götter zu Zeugen an, daß er gezwungen werde zu tun, was er nicht wolle, und bittet
sie, dem wieder einmal von allen im Stich Gelassenen zu helfen und Genugtuung zu
verschaffen. [S54]

EXODOS

PHILOKTET folgt ODYSSEUS zu seinem Schiff [S55]

CHOR
Vieler Dinge Verwalter ist Zeus im Olymp,
vieles vollenden wider Erwarten die Götter,
und was man wähnte, wird nicht erfüllt.
Doch für das Unerwartete findet einen Weg der Gott.
So ist auch der Ausgang dieser Geschichte. [S56]

Τ 29 Römisches Sarkophagrelief: Odysseus und Diomedes bringen Philoktet von


Lemnos nach Troja. Odysseus fuhrt den Bogen und die Pfeile des Herakles mit sich
(Abb. 8, S. 214).
216 Testimonia et Fragmenta

FRAGMENTA INCERTAE SEDIS

F 22 (802)

αίρεΐ(ς)

Hesych. α 2068 (175 Latte) αΐρεϊ(ς)' δοξάζεις, ήγη. Ευριπίδης Φιλοκτήτη

F 23 (803)

άκριβές

Hesych. α 2569 (191 Latte) άκριβές· άκρον. Ευριπίδης Φιλοκτήτη

F 24

δριμύς
Eur. Cycl. 103 /104: ΟΔ. "Ιθακος 'Οδυσσεύς, γης Κεφαλλήνων ίίναξ. / ΣΙ. οίδ'
δνδρα, κρόταλον δ ρ ι μ ύ , Σισύφου γένος. | Dion. or. 52,[5]35: έπεί τοι και τόν
'Οδυσσέα εισήγε (i.e. Aeschylus in Philocteta non secus atque Euripides) δ ρ ι μ ύ ν
και δόλιον.

TESTIMONIUM INCERTUM

Τ 30

Schol. RV Aristoph. Ran. 1400a (1093 Köster) βέβληκ' Άχιλλεύς δύο κύβω και
τέτταρα] Άρίσταρχός φησιν άδεσπότως τοϋτο παραφέρεσθαι, ώς Εύριπίδου
πεποιηκότος κυβεύοντας έν τφ Τηλέφω, ους και περιεϊλε· μήποτ' ούν εκείθεν
ί|ν. μάλλον δέ έσχεδιακώς äv ε'ίη ό 'Αριστοφάνης· ούδέ γαρ τόν Εύριπίδην
(τοϋτο) προφερόμενον, άλλα τόν Διόνυσον χλευάζοντα. τινές δέ, ό'τι έν τω
Φιλοκτήτη í¡v ó τόπος· ol δέ έν τή Ίφιγενείςι τη <έν) Αύλίδι.
Nicht einzuordnende Fragmente (F 22. 23. 24) 217

NICHT EINZUORDNENDE FRAGMENTE

du meinst [F 22]

äußerst /höchst [F 23]

schlau [F 24]

UNBESTIMMTES TESTIMONIUM

„Achilleus hat zwei und vier gewürfelt" [Dionysos] (...) Einige aber sind der Mei-
nung, daß die Stelle im Philoktet stand. (...) [T 30]
KOMMENTAR
HYPOTHESEIS

H la

Die Aristophanes von Byzanz (ca. 257-180 v.Chr.) zugeschriebenen


Tragödienhypotheseis gehen auf die Tragikerausgabe des alexan-
drinischen Philologen zurück. Sie waren jedem einzelnen Drama
vorangestellt und folgten einem festen Schema, das sich in unserer
handschriftlichen Überlieferung trotz vielfaltiger Verstümmelung,
Erweiterung oder Umgestaltung noch deutlich erkennen läßt:
1. Inhaltsangabe der jeweiligen Tragödie in ein oder zwei Sätzen.
2. Angabe, ob das Dramensujet noch von einem der beiden
anderen großen Tragödiendichter des fünften Jahrhunderts
behandelt worden war.
3. Angabe des Spielortes, der Identität des Chores und des ersten
Sprechers des Prologs.
4. Aufführungsjahr (Archon Eponymos, Olympiadenjahr).
5. Plazierung der drei Teilnehmer beim Tragödienagon sowie
Nennung der Dramentetralogie, mit der der Autor am Agon
teilgenommen hatte.
Die einzige erhaltene Tragödienhypothesis des aristophanischen
Typs, die alle fünf Punkte in der genannten Reihenfolge berücksich-
tigt, ist die zur Medea. Wegen des stark formalisierten Stils (mit
Ausnahme des 1. Punktes) kann man davon ausgehen, daß der
didaskalische Teil der Philoktet-Hypothesis (4. und 5. Punkt) mit
der Hypothesis zur Medea identisch war. Punkt 2 und 3 lassen
sich annähernd ergänzen. Vgl. im übrigen zur 2. Hypothesis des
sophokleischen Philoktet unten S. 222. - Zu den auf Aristophanes
zurückzuführenden Hypotheseis vgl. D. Page, Euripides. Medea,
Oxford 1938 [21952], LUIff.; G. Zuntz, The Political Plays of Euri-
pides, Manchester 1955 [21963], 131 (mit der älteren Literatur 130
222 Kommentar

Anm. 3); R. Pfeiffer, Geschichte der klassischen Philologie von den


Anfängen bis zum Ende des Hellenismus, Hamburg 1970, 239f.
[Oxford 1968, 192ff.].
(ή μυθοποιία κείται): Zum Philoktet des Aischylos Einleitung
S. 38ff., zur »Hypothesis' des aischyleischen Dramas Fr. 451 w,6 R.
Beiträge 178 Anm. 5; zum Vergleich der drei Philoktetdramen vgl.
Dions 52. Rede (H 4, unten S. 244ff).
έκ γερόντων (έπιχωρίων): Vgl. unten S. 341f. (zu Τ 10). - προ-
λογίζει δ' 'Οδυσσεύς: Zu Odysseus als Prologsprecher und zur
Wortbedeutung von προλογίζειν (,den Prolog eröffnen') unten
S. 293f.
Arg. Soph. Phil. II: Daß die erste Hypothesis zum Philoktet des
Sophokles (T 15c) eigentlich den Inhalt des euripideischen Dramas
wiedergibt, hat zuerst P. Corssen gesehen (Der ursprüngliche Ver-
bannungsort des Philoktet: Philologus 66 [1907] 354f.; Dain 8).
Gleiches scheint aber auch für die zweite Hypothesis zu gelten, mit
Ausnahme des Schlußsatzes zur Datierung, die der von Aristophanes
vermittelten Didaskalien-Überlieferung entnommen ist. Die Hypo-
thesis gehört zum Typus der aristophanischen Drameneinleitungen,
ist aber stilistisch (wie auch sachlich) umgearbeitet. Im Hinblick
auf das sophokleische Drama enthält sie zwei unkorrekte Angaben:
Philoktet wird nicht von Neoptolemos und Odysseus nach Troja
gebracht, sondern nach der Intention des Dramenschlusses allein
von Neoptolemos mit Unterstützung des Herakles (Beiträge 253ff.).
Vor allem aber besteht der Chor nicht aus Greisen. Hier ist die
Kontamination der Überarbeitung mit Händen zu greifen, wenn die
Schiffsmannschaft des Neoptolemos zu γέροντες wird. Auf den
Philoktet des Euripides bezogen, lassen sich beide Angaben leicht
korrigieren: Dort wird Philoktet von Odysseus und Diomedes nach
Troja gebracht, und der Chor besteht aus lemnischen Alten (zu Τ 10).
Ein weiteres Argument kommt hinzu. Bei der vergleichenden An-
gabe über das Dramensujet der beiden anderen Tragiker wird nur
Aischylos genannt. Bergk hatte και παρά Ευριπίδη hinzugefügt
(1858, 297). Das ist zwar folgerichtig, wenn die Hypothesis von
vornherein für das sophokleische Drama bestimmt war, ungeklärt
bleibt nur, warum es der Schreiber wegließ, es sei denn aus Nachläs-
Hypotheseis (H 1) 223

sigkeit. Anders steht es dagegen, wenn die Hypothesis ursprünglich


dem Philoktet des Euripides galt. Dann kann der ausgefallene Name
nur der des Sophokles gewesen sein. Dessen Auslassung aber ergab
sich zwangsläufig bei der Umformung zur Sophokles-Hypothesis.
Im Unterschied zu Euripides und Aischylos sind die Spuren der
Aristophanes-Überlieferung in den Hypotheseis zu Sophokles ver-
schwindend gering (Elektro, Antigone, Ödipus auf Kolonos). Sie
beschränken sich alle auf den 3. Punkt des aristophanischen Schemas
(oben S. 221). Zur Dürftigkeit der Philoktet-Scholien unten S. 287.
έπί Πυθοδώρου: Zum Archon Eponymos des Jahres 432/1 vgl.
Thuk. 2,2,1; Diod. 12,37,1. In die letzten Monate seines Archontats
fällt der Beginn des Peloponnesischen Kriegs. Der Philoktet wurde
an den Großen Dionysien 431 aufgeführt (Ende März/Anfang April),
zwischen dem Überfall der Böoter auf Plataiai und dem Einfall der
Peloponnesier in Attika (Beiträge 34). - Όλυμπιάδι πζ': Ob 'Ολυμ-
πιάδος (mit Ρ, Snell-Kannicht2 DID C 12 und den meisten Editoren)
oder Όλυμπιάδι (mit DF und Diggle), ist eine Frage der Einschät-
zung von L und P. Man würde gern den Genetiv für eine syntaktische
Verknüpfung von Olympiade und Jahreszahl halten, aber gerade in Ρ
fehlt die Jahresangabe, so daß er eher wie eine vom Schreiber vorge-
nommene assoziative Angleichung an den vorhergehenden Genetiv
aussieht („a careless copyist", Diggle, Euripidea, Oxford 1994, 304).
Der Dativ wird durch die Überlieferung der Datierungsangabe im
Arg. Eur. Hipp, und Arg. Aesch. Ag. gestützt. - ετει α': Die Stelle
der Jahreszahl ist nur im Hauniensis Hn durch ein Zeichen (+)
besetzt. Matthiae war sich seiner Korrektur nicht sicher („fortasse
'έτει πρώτω", Euripidis Tragoediae et Fragmenta VI, Leipzig 1821,
422 Anm. 9). Sie ist aber durch das Archontat des Pythodoros
gesichert. - Λίκτυϊ: Zum Diktys des Euripides Nauck2 459ff.
(Fr. 331-348); zur Trilogie Medea - Philoktet - Diktys Einleitung
S. 71. - θερισταίς σατύροις· ού σώζεται: Zum Verlust des
Satyrspiels Die Schnitter, dessen Text nicht in die alexandrinische
Bibliothek gekommen ist und vermutlich schon im 4. Jh. verloren
war, vgl. R. Kannicht, Zum Corpus Euripideum, in: Ch. Mueller-
Goldingen -K. Sier [Hrsg.], ΛΗΝΑΙΚΑ, Stuttgart-Leipzig 1996, 28;
N. Pechstein, Euripides Satyrographos, Stuttgart-Leipzig 1998,
284ff.
224 Kommentar

H lb

Die dramatis personae werden durch Dions 52. Rede fur den
Philoktet des Euripides bezeugt: Τ 2 (Odysseus, vgl. auch Τ 1); Τ 10
(Chor); Τ 11 (Aktor); Τ 20/21 (Troergesandtschaft); Τ 8 (Diomedes).
Die Reihenfolge ihres Auftritts ergibt sich aus der Rekonstruktion
der Handlungsführung. Von den drei zur Verfugung stehenden
Schauspielern übernahm der Protagonist die Rolle des Titelhelden,
der Deuteragonist die des Odysseus, der Tritagonist die Rollen des
Aktor (1. Epeisodion), des Sprechers der Trojaner (3. Epeisodion),
des Diomedes (4. Epeisodion).

Η 2

Die narrative Hypothesis POxy 2455 fr. 17,246-266 ist Teil


einer späthellenistischen oder friihkaiserzeitlichen Sammlung von
Inhaltsangaben sämtlicher Tragödien des Euripides, welche die alex-
andrinische Ausgabe des Dichters umfaßte (Kannicht wie S. 223).
Der Erzählung gingen Titel und Anfangsvers des betreffenden
Dramas voraus. Seit wann es solche erzählenden Hypotheseis gab, ist
umstritten (Beiträge 95f. Anm. 116; 128). Zuntz ging davon aus, daß
die Sammlung im Unterschied zu den aristophanischen Hypotheseis
nicht dazu bestimmt gewesen sei, den Leser in die Tragödien des
Euripides einzuführen, sondern an deren Stelle zu treten, und für ein
Publikum gedacht war, das sich mehr für Mythologie als fur Dich-
tung interessierte (wie S. 221, 135). Der griffige Titel The Tales from
Euripides, den er dem Werk gab und der sich seitdem allgemeiner
Akzeptanz erfreut, bringt diese Einschätzung pointiert zum Aus-
druck. Ich halte sie gleichwohl für falsch und den ,Titel' für
irreführend. Allein schon die alphabetische Anordnung der Werke
zeigt ihre bewußte Rückbindung an die Gesamtausgabe des Dichters.
Daß die kanonische Euripidesausgabe alphabetisch geordnet war,
hat Snell aus dem Befund unserer außerhalb der spätantiken Aus-
wahlsammlung überlieferten Stücke erschlossen (Einleitung S. 72
Anm. 3). Es wird bestätigt durch die Euripidesexzerpierung in den
Gnomologien, deren älterer Typus durch das Fragment des Orion
repräsentiert wird (Haffner, Einleitung). Dem gleichen Anordnungs-
prinzip folgt auch die Sammlung der Hypotheseis. Vgl. die leicht
Hypotheseis (H 2) 225

modifizierte Anordnung des Katalogs POxy 2456 sowie die Inschrift


aus dem Gymnasion im Piraeus unten S. 238ff. Erst recht aber sah
sich der Leser auf den Text des Euripides verwiesen, wenn auf jeden
Tragödientitel der Anfangsvers des Dramas folgte. Dann erst begann,
eingeleitet durch die Formel ή δ' ύπόθεσις, eine gedrängte Wieder-
gabe des Dramensujets. Mit ύπόθεσις orientierte sich der Verfasser
an der literaturwissenschaftlichen Terminologie (Dion 52,[2]12.
[12]108f.). Die Rezeption der Sammlung durch die spätantike und
byzantinische Überlieferung des Euripides verbindet nicht, wie Zuntz
annimmt, zwei bisher prinzipiell gesonderte Gattungsbereiche,
sondern beweist nur die Zugehörigkeit der narrativen Hypotheseis
zur Tradition der antiken Beschäftigung mit der euripideischen
Tragödie. Sie stehen von Anfang an im Dienst des Euripideslesers,
indem sie die Lücke schließen, welche die überaus knappen Angaben
zum Inhalt der Dramen in den Hypotheseis des Aristophanes
gelassen hatten, die jeweils der betreffenden Tragödie vorangingen.
Im Unterschied zu diesen besaß die Sammlung der narrativen
Hypotheseis den Charakter eines geschlossenen Werkes, das den
Leser nicht nur in die Lektüre einführte, sondern ihm auch ein
Kompendium der euripideischen Drameninhalte bereitstellte, das er
während und nach der Lektüre ständig zu Rate ziehen konnte. Wer
weiß, wie flüchtig die erinnernde Vergegenwärtigung von Dramen
ist, wird am praktischen Nutzen einer solchen Sammlung keinen
Zweifel haben. Gerade unter diesem Aspekt erklärt sich auch die
ausschließliche Beschränkung auf die Wiedergabe von Vorgeschich-
te und Tragödieninhalt (ohne Berücksichtigung der dramatischen
Technik oder moralische Bewertungen). Der Vergleich mit den Fa-
bulae des Hygin zeigt den Unterschied zu einem mythographischen
Kompendium, ungeachtet der Brauchbarkeit der Sammlung der
Euripides-Hypotheseis als Quelle für die mythologische Literatur.
Die Schrift war nicht ohne literarische Ambition (Attizismus, Hiat-
vermeidung), aber das entsprach dem Adressatentypus des gebildeten
Euripideslesers.

Die Philoktethypothesis stammt aus einer Papyrushandschrift des


frühen 2. Jhs. n.Chr. Luppe hat für die einzelnen Hypotheseis einen
Umfang zwischen 33 und 42 Zeilen errechnet, einschließlich der 3
Titelzeilen. Für die Philoktethypothesis kommt er auf 38-40 Zeilen
226 Kommentar

(ZPE 72 [1988] 30). Die folgende Berechnung weicht davon


geringfügig ab. Als Basis der Umfangsberechnung dient die gleiche
Zeilenhöhe von Z. 247 und Z. 266 (Schlußzeile), d.h. zwischen
beiden gibt es einen Abstand im Umfang einer Kolumne. W. S. Bar-
rett berechnet die Größe einer Kolumne im POxy 2455 auf 35 Zeilen,
einschließlich der drei Titelzeilen (C1Q 15 [1965] 66 Anm. 5). Da
zwischen Z. 247 und Z. 266 die Titelzeilen entfallen, ergibt sich
ein Abstand von 35 / 36 Textzeilen. (Der Abstand der Titelzeilen
beansprucht einen etwas größeren Raum.) Bei 23 erhaltenen Zeilen
beträgt somit die Lücke zwischen Z. 263 und 264 1 2 / 1 3 Zeilen (ca.
13 Zeilen Turner, ca. 17 Austin). Die Angabe oben im Text („lacuna
10 fere linearum") ist abzüglich der ergänzten Z. 263a/b und 264a zu
verstehen. Komplizierter ist eine ungefähre Berechnung des fehlen-
den Anfangs der Hypothesis. Luppes Annahme, vor Z. 247 hätte
es nur noch 2 / 3 Textzeilen gegeben, unterschätzt den Umfang der
notwendigen Informationen, die der Anfang der Hypothesis enthalten
haben muß: die Griechen auf der Fahrt nach Troja; durch Orakel
verordnete Notwendigkeit des Opfers am Altar der Chryse, den
nur Philoktet kennt, weil er bereits mit Herakles dort geopfert hat,
und den er den Griechen zeigt; während des Opfers Verwundung
durch die Schlange. Alle diese Punkte berücksichtigt die metrische
Hypothesis zum sophokleischen Philoktet (in V. 1-5), die auf einer
Hypothesis zum Drama des Euripides basiert (vgl. oben S. 222). Ein-
schließlich der beiden ergänzten Zeilen wird man mit ca. 7 / 8 Zeilen
für den verlorenen Anfang zu rechnen haben, was zusammen mit den
3 Titelzeilen einen Gesamtumfang von etwa 46 Zeilen ergibt. Der
erhaltene Text setzt nach der Verwundung Philoktets auf der Insel
Chryse ein. So bruchstückhaft der Papyrustext und unsicher die vor-
geschlagenen Ergänzungen auch sind, so wenig zweifelhaft ist doch,
was in den verschiedenen Abschnitten vom Inhalt des euripideischen
Dramas gestanden hat. Weit mehr als die Hälfte der etwa 43 Zeilen
der Hypothesis entfiel auf die komplizierte Vorgeschichte (15
Zeilen) und die der Dramenhandlung unmittelbar vorhergehenden
Ereignisse (10 Zeilen). Innerhalb des Stückes berichteten darüber
ausführlich Odysseus im Prolog (Dion 52,[12]108f.) und Philoktet im
2. Epeisodion (Beiträge 60f.; unten S. 373ff.). Die verbleibenden
ca. 16 Zeilen entfielen auf die vergleichsweise einfache Handlung
Hypotheseis (H 2) 227

der Tragödie: erfolgreiche Trugrede des verwandelten Odysseus bei


seiner ersten Begegnung mit Philoktet, der Auftritt der Gesandtschaft
aus Troja und deren Mißerfolg infolge der Beredsamkeit des Odys-
seus, Philoktets Krankheitsanfall und der Diebstahl des Bogens
während seiner Bewußtlosigkeit durch Odysseus und den bis dahin
versteckt gebliebenen Diomedes. Es folgten die beiden sinngemäß
ergänzten Zeilen mit dem vergeblichen Überredungsversuch des
Odysseus, Philoktet freiwillig zum Mitkommen zu bewegen (Z. 264a
/264), und schließlich der ausgeübte Zwang, der Philoktet Odysseus
auf sein Schiff folgen läßt, in den beiden letzten Zeilen der Hypo-
thesis (Ζ. 265 / 266). Daß der Hirt Aktor als Philoktets lemnischer
Freund (Dion 52,[8]67-69) erwähnt wurde, ist unwahrscheinlich,
weil dort, wo man seinen Namen erwartet, ein unbestimmter Plural
steht (Z. 253). Die quantitative Disproportionalität von Vorgeschich-
te und Dramenhandlung hängt mit den besonderen Gegebenheiten
der Mythopoiie des Philoktetstoffs zusammen. Vergleichbar sind die
Hypotheseis zu Hippolytos, Hekabe und Troades.
initium deest: [Φιλοκτήτης ου άρχή· /.../... (versus primus tragoediae).
ή δ' ύπόθεσις·] Außer den 3 Titelzeilen fehlen einschließlich der
beiden sinngemäß ergänzten (246a/b) ca. 7/8 Zeilen. Zu Umfang und
Inhalt des verlorenen Anfangs oben S. 226f.
246a-248: Zu Ergänzung und Inhalt Beiträge 43ff. - [έ]ξ[ιλάσκε-
σθαι]: Die Reste des von Turner und Austin gelesenen ξ haben
Luppe und Kannicht nicht erkennen können. Auf der Photographie
bei Luppe glaube ich Spuren der unteren Schräghaste davon zu
sehen, die mit dem ξ in Φρίξος (Ζ. 267) zusammenstimmen. Die
Entscheidung kann wohl nur eine neue Vergleichung des Papyrus
bringen. Zu εξιλάσκεσθαι vgl. Arg. Eur. Andr. I (275,5 Diggle).
248f. έν τοϊς τ[ό]ποις [έν οις έδ]ήχθη: Zuvor muß die Insel Chryse
genannt worden sein. Mit τόποι ist nicht die Insel gemeint, sondern
der Ort auf der Insel, wo sich Philoktets Unglück ereignete. Zur
Bedeutung der Ortsidentität von Verwundung und Sühneopfer Bei-
träge 45f. mit Anm. 6.
250f. έπί την παρακειμένην Λ[ή]μνον: Mit der Bezeugung der
Nähe der beiden Inseln fur das Philoktetdrama des Euripides ist dies
das früheste definitive Zeugnis für die veränderte Lokalisierung des
228 Kommentar

Ortes von Philoktets Verwundung in der Tragödie gegenüber dem


frühen Epos (Beiträge 51, zu Aischylos Einleitung S. 40f.). - διακο-
μ[ίσ]αντες: Der Autor liebt διά-Komposita (Luppe 193 Anm. 7). Es
handelt sich um ein zielgerichtetes und sorgfältig vorbereitetes
,Verbringen' (im Unterschied zum Philoktet des Sophokles), dem
Philoktet zugestimmt hatte (P 15; Beiträge 76ff.). Die von den Göt-
tern angeordnete Rückholung wird sowohl bei Sophokles (Phil. 841)
wie bei Euripides (Ρ 6,3) als κομίζειν bezeichnet. - εΐασαν: Subjekt
sind ol "Ελληνες (aus dem fehlenden Anfang zu ergänzen; Beiträge
44). Damit wird die Mitverantwortlichkeit des gesamten Heeres
für das Schicksal Philoktets auf Lemnos, die für die Tragödie des
Euripides von Bedeutung ist, zum Ausdruck gebracht. Vgl. Ρ 10,
17-26; Ρ 15 (mit App.).
252f. ώς αν: Kausal mit Partizip; den hellenistischen Parallelen bei
Luppe 190 Anm. 4 lassen sich hinzufügen Vita Archilochi SEG XV
517 col. II 57 ώς αν όψέ της ημέρας [οντος] (Fabula 33 [1992] 104
Anm. 11 [Kleine Schriften 123]); je nach Interpretation Sext. Emp.
Adv. math. 7,118 ώς αν συναγωγόν τι έχούσης (...) της (...) όμοιότητος
(nach Poseidonios über Demokrit [Β 164]; zur Mehrdeutigkeit der
Stelle Gleiches zu Gleichem, Wiesbaden 1965, 76ff.). - βίον εχ[ω]ν
τον ελεον τών έντυγχαν[ό]ντων: „derer, die ihn zu besuchen pfleg-
ten". Nach Dion 52,[8]66-69 war es der Lemnier Aktor, der Philoktet
Hilfe zukommen ließ (vgl. Τ 11 /12). Beiträge 87 Anm. 86 wurde
versucht, Hypothesis und Dion komplementär miteinander zu ver-
knüpfen. Das ist zwar eine mögliche, aber nicht die nächstliegende
Interpretation des Befundes (vgl. unten S. 268 zu Dion 52,[8]66-69).
Die Hypothesis zeigt, in Übereinstimmung mit Dion, wie wichtig
Aktors Hilfe für das Überleben Philoktets auf Lemnos war. Natürlich
lebt auch der euripideische Philoktet vor allem von der Beute, die er
mit seinem Bogen erlegt (P 12,3).
254 ε[π]ε[ι]τα: Turner, von Austin in Zweifel gezogen, von Kamer-
beek (4 Anm. 1) und Kannicht (brieflich) verteidigt.
254f.: Zur Weissagung des Helenos an die Trojaner und zum Bogen
des Herakles unten S. 322f.
256 λ[η]φθείς δ' αιχμάλωτος: Der Verfasser folgt dem Prolog des
Philoktet-, vgl. Dions Paraphrase des euripideischen Textes (59,2;
Hypotheseis (H 2) 229

Ρ 6,4f.): ώς ετυχεν αιχμάλωτος ληφθείς, ληφθείς αιχμάλωτος ist


vermutlich ein wörtliches Zitat (vgl. unten S. 323f.).
257 π[αρέπ]εισεν: ,überreden' = ,zu einem anderen Entschluß
bringen' (als ihn die Griechen bei ihrer Trennung von Philoktet
gefaßt hatten). Wenn Kannichts Lesung eines π vor der Lücke (statt
ε Turner) zutrifft, kann die Ergänzung nur so lauten wie hier vorge-
schlagen. X für ει wie Z. 251 'ίασαν statt ε'ίασαν. παραπείθειν bedeutet
bei Homer ,überreden', ,umstimmen' (II. 23,37; Od. 24,119) oder
,überreden', ,bereden' (Od. 14,290; 22,213) oder ,umstimmen',
,besänftigen' (II. 7,120; 13,788; 23,606). In der Tragödie nur Eur.
Suppl. 60 (,veranlassen'). In der Prosa des 4. Jhs. Plat. Leg. 10.892d3
(,bereden'); Aristot. De lin. insec. 969bl7 (.beeindrucken'); Theophr.
De caus. pl. 4,4,7 (,verleiten'). Kaiserzeitliche Belege Strabon 4,4,2
(195); Philon, De migr. Abr. 194; Flav. Ioseph. De bello lud. 2,47
(,überreden'); seit dem 2. Jh. stark zunehmend (ThLG).
258 [τους "Ελληνας] τον Φιλοκτ[ήτην άναγαγόντας]: Mein brief-
licher Ergänzungsvorschlag τους "Ελληνας vom Herbst 1992 von
Luppe4 49 übernommen. - άνάγειν: wie Dion 52,[2]15; Lukian, De
parasito 10,19. Luppe4 49 ergänzt: τον Φιλοκτ[ήτην δ' εχειν ταϋτα]
(sc. Ηρακλέους τόξα). Doch bedurften die Griechen vor Troja einer
solchen Belehrung durch das Orakel nicht.
259 [πρώτον δ'] 'Οδυσσεύς έκ[ποδών εστη]: Sinngemäße Ergän-
zung nach Dion 59,3 (Ρ 6,5-10). Vgl. Eur. Ale. 634 (σύ Ô' εκποδών
στάς); Plut. Dio 22,1 (αυτοί) μέν Πλάτωνος εκποδών Ισταμένου).
260-263: Ergänzung nach Dion 59,3 (Ρ 6,10-13). Zu Ζ. 261 weist
Turner 66 zu Recht auf Athenes Verwandlung des Odysseus hin. -
[έσ]τείλατο: στέλλομαι ,sich anschicken', ,fahren', meist medio-
passiv; medialer Aorist Plut. Animine an corporis äff. 501D; De soll,
an. 970C; Ael. Aristid. 31,18 (216,23 Keil); vgl. Hesych ς 1698
στειλάμενοι· πλεύσαντες; Suda ς 1078 στείλασθαι· ύδεϋσαι, πλεϋσαι.
Turners Ergänzung [ένε]τείλατο mit Odysseus als Subjekt ist wenig
wahrscheinlich. Die Rolle des Odysseus im Philoktetmythos der
Tragödie ist die des Ratgebers und Anstifters oder die des Ausfuh-
renden. .Befehlen' ist Sache des Agamemnon oder ,der Atriden'. -
μεν (260) - [όμως]: Die einzige nennenswerte Opposition zur Reise
mit göttlicher Hilfe ist, daß Odysseus auch Athenes Unterstützung
230 Kommentar

nichts geholfen hätte ohne seine Trugrede. Erst die Verbindung


von göttlichem Wunder und menschlicher Tüchtigkeit fuhrt zum
Erfolg. - έμφ[ανισθείσης κατ' οναρ] 'Αθηνάς: Daß ihm Athene im
Traum erschienen sei, sagt Odysseus Ρ 6,11. Die Epiphanie eines
Gottes wird in den Euripides-Hypotheseis, soweit erhalten, immer
mit επιφαίνεσθαι bezeichnet (POxy 2455 fr. 5,45; fr. 7,96; Arg. Andr.
275, 16 Diggle; Arg. Or. 187,18 D.; Arg. Bac. 289,16 D.; vgl. Dion
52, [17] 157). εμφανίζεσθαι von ,Gesichten' und Traumerscheinungen
Sotion bei Diog. Laert. 1,7; vgl. Mt 27,53.
263a/263b: Ergänzung nach Dion 59,7 (Ρ 10,17-26).
lacuna 10 fere linearum: Zu Umfang und Inhalt der Lücke vgl. oben
S. 226f.
264a-266: Zu den Ergänzungen Beiträge 49ff. - [εχων τ]ήν άσφά-
λειαν: Arg. Eur. Heracl. 158,5 Diggle 'Ιόλαος ... εσχε τήν άσφάλειαν.
Vgl. Dion 52,[6]43 (Η 4): εχοι δ' äv άπολογίαν, 52,[7]58 αν είχε
λόγον. άσφάλειαν bezieht sich nicht, wie Turner, Austin, Webster
(61) meinen, auf die Philoktet gemachten Zusagen, sondern auf
die Sicherheit, in der sich Odysseus fühlen darf, seitdem er im Besitz
des Bogens ist. - άναγκάζειν: Zur Interpretation unten S. 439f.
(zu Τ 27).

Η 3a

Die Acharner kamen an den Lenäen des Jahres 425 zur Auffuhrung
(Arg. I). Da Euripides der Sprecher ist, liegt die Vermutung
nahe, daß Aristophanes an den euripideischen Philoktet denkt. Seit
dessen Erstaufführung waren sechs Jahre vergangen, offenbar kein
Hindernis für den Komödiendichter, seinem Publikum zuzutrauen,
die Anspielung zu verstehen. In den Rittern von 424 (V. 1251 f.)
findet sich ein parodierendes Zitat aus der Alkestis (V. 181 f.) von 438
ohne erinnernden Hinweis auf Werk oder Autor. Aus der Tetralogie
des gleichen Jahres enthalten die Acharner ein umfängliches drama-
turgisch-strukturelles Telephoszitat (Ach. 430ff.). Wodurch auch
immer die Kenntnis der großen Tragiker des 5. Jhs. dem attischen
Theaterpublikum über einen längeren Zeitraum hinweg vermittelt
wurde, ob durch Wiederaufführungen außerhalb der dramatischen
Agone oder durch Textbücher, die aristophanischen Komödien
Frühe Erwähnungen (H 3) 231

beweisen, daß der Dichter mit einer breitgestreuten Rezeption und


dauerhaften Präsenz im Bewußtsein des Publikums rechnen konnte
(Nachträge S. 451 f.). In den Acharnern erhält Philoktet seinen Platz
innerhalb einer ansteigenden Reihe von Unglücksmenschen: Oineus -
Phoinix - Philoktet - Bellerophontes - Telephos. Aus der Paraphrase
des Dion wissen wir, daß die Frage der Kleidung des Titelhelden im
Philoktet des Euripides eine Rolle spielte (P 10,4; Ρ 12,3f.). Eine
Diskrepanz, weil dort von Tierfellen, hier von Kleiderfetzen die Rede
ist, besteht nur scheinbar. Die Lumpen des Philoktet wurden sprich-
wörtlich. Pollux 4,117 dürfte wegen der Verbindung von Philoktet
und Telephos die Aristophanesstelle vor Augen haben: ράκια όέ
Φιλοκτήτου και Τηλέφου ή στολή.

Η 3b
In der Katabasis der Frösche tappen Xanthias und Dionysos (als
Herakles kostümiert) durch das Dunkel der Unterwelt und sehen
nichts (V. 268ff.). Auf die Frage des Dionysos, was sie machen
sollen, antwortet Xanthias V. 277-279:
Das beste für uns ist, einfach weiterzugehen;
denn hier ist der Ort, wo sich die wilden Tiere,
die zum Fürchten, aufhalten, so sagte er.
Der gemeinte Informant ist Herakles, den Dionysos als Zweiter
Herakles vor seinem Abstieg in den Hades um sachkundigen Rat für
seine gefahrliche Reise gebeten hatte. Nun überspielt Dionysos seine
Furcht mit kräftigen Sprüchen (V. 279-284):
Daß ihm das Zähneklappern käme!
Er schnitt auf, um mir Angst zu machen.
Er weiß ja, daß ich ein Draufgänger bin, selbst voller Ehrgeiz;
denn nichts ist so ehrversessen wie ein Herakles.
Ich wünschte mir, auf jemanden zu treffen
und mich mit ihm anzulegen, daß sich der Weg gelohnt hat.
Im Mittelpunkt der Aufschneiderei steht der V. 282: ουδέν γαρ οΰτω
γαϋρόν εσθ' ώς Ηρακλής. Das Philoktetzitat F 3,1 mit einer parodie-
renden Variation in der zweiten Vershälfte ruft die Identifikation von
Herakles und Dionysos in Erinnerung. Die Herakles-Maskerade mit
Löwenfell und Keule (V. 45-47) reicht allein auf Dauer nicht aus; der
232 Kommentar

Zuschauer gewöhnt sich an sie (der Leser vergißt sie ohnehin), also
muß sie in ihrer Paradoxie immer wieder im Wort aktiviert werden.
Das geschieht V. 281 f.: Herakles wisse, daß er (Dionysos) eine
Kämpfernatur (μάχιμος) sei. Wieso soll oder kann Herakles das wis-
sen? Nach V. 42ff. ist das Gegenteil zu erwarten. Die Antwort enthält
in nuce das nachgeschobene φιλοτιμούμενος: Herakles ist selbst
voller Ehrgeiz. Doch die zugrundeliegende Logik bleibt zunächst
noch kryptisch. Erst der folgende Vers bringt die Aufklärung: Ehr-
geiz ist für einen Herakles habituell. (Der Euripidesvers hatte von der
Natur des „wahren Mannes" gesprochen.) Was aber für den ,ersten'
Herakles gilt, gilt auch für den ,zweiten'. Herakles ist Herakles, auch
wenn es nur ein imitierter ist. Und wer weiß besser als der wirkliche
Herakles, was für ein Kerl er ist. Die beiden abschließenden Verse
führen dann einen Herakles-Dionysos vor, der vor Ehrgeiz den
Kampf gar nicht erwarten kann. Das Identitätsspiel mit den beiden
Ήρακλεΐς in V. 281 f. wird oft mißverstanden, wie die Übersetzungen
von φιλοτιμούμενος und γαύρος im Sinne von ,eitel' zeigen (zuletzt
K. Dover, Aristophanes. Frogs, Oxford 1993, 229; Α. Sommerstein,
Aristophanes 9. Frogs, Warminster 1996, 61. 180). Beide Begriffe
sind der Sache nach neutral, in der Intention des Sprechers aber posi-
tiv besetzt. Zu F 3,1 unten S. 315f. Der gnomische Euripidesvers
scheint um 405 bereits sprichwörtliche Qualität gehabt zu haben. -
φιλότιμος eindeutig positiv verstanden und von einem Arzt gesagt
in der Bedeutung ,auf seine Reputation bedacht' und daher ,sich
ordentlich verhaltend' IG II/III2 1,1,483,15-17 (304/3 v.Chr.).

Η 3c
Zu Piaton, Resp. 10.620cd vgl. Datierung 42; Einleitung S. 74; unten
S. 234f. Zur Geschichte der ,Entdeckung' von Piatons Anspielung
auf den Prolog des euripideischen Philoktet oben S. 75 Anm. 17.
Die Piatonforschung zum Staat hat bisher keine Kenntnis davon
genommen.

Η 3d
Die Berücksichtigung des Euripideszitats in den Aristoteleskommen-
taren zu EN 6,9.1142a3ff. ist unzureichend. Es dominieren
Mißverständnisse und die Mitteilung von Dingen, die wenig zur
Frühe Erwähnungen (H 3) 233

Sache beitragen. Es handelt sich im Aristotelestext um zwei Zitate,


beide unvollständig, das zweite aber in seiner Verkürzung hart an der
Grenze der Sinnentstellung. Folgendes ist der Kontext (1141b23ff.):
Aristoteles unterscheidet im Vorhergehenden zwischen der πολιτική
φρόνησις, d.i. die Vernunft, die sich im Handeln des Menschen als
ζφον πολιτικόν bewährt und die den Namen φρόνησις zu Recht trägt,
und φρόνησις περί αυτόν και ενα, die gemeinhin (μάλιστα) fur
.Vernunft' gehalten wird und in der ausschließlichen Wahrnehmung
des individuellen Interesses besteht. Zwischen beiden Auffassungen
von φρόνησις sieht Aristoteles einen großen Unterschied (εχει
όιαφοράν πολλήν). Es folgt der ausgeschriebene Text von Η 3d.
Gegenübergestellt werden der Vertreter des Individualinteresses und
diejenigen, die sich um das Gemeinwohl kümmern (οι πολιτικοί).
Der erste erhält das Attribut des Verständigen, Vernünftigen
(φρόνιμος), letztere werden als πολυπράγμονες, als Aktionisten
und Gschaftlhuber abqualifiziert. Die beiden Euripideszitate werden
als Belege dieser Auffassung von φρόνησις verstanden. Das erste
charakterisiert die Gleichsetzung von Vernunft und Eigeninteresse
(F 2,1-3a), das zweite beschreibt die πολιτικοί πολυπράγμονες
(F 3,2). Beide zusammen aber geben - so Aristoteles - die land-
läufige Ansicht von φρόνησις wieder, die nicht die des Philosophen
ist. Wie nun verhält sich die aristotelische Euripidesinterpretation zu
dem, was Odysseus (er ist bei Euripides der Sprecher) im Prolog des
Philoktet meint? In der euripideischen Tragödie geht es um das Para-
doxon, daß im Krieg derjenige, der sich besonders einsetzt, und der,
der in der Masse des Heeres mitläuft, gleichermaßen in den Genuß
des militärischen Erfolgs kommen. Unter diesem Aspekt erscheint
das risikoreiche Engagement des Tüchtigen als unvernünftig. Odys-
seus, den alle für den Klügsten unter den Griechen vor Troja halten,
leidet unter der Diskrepanz zwischen seinem Ruf und der eigenen
Beurteilung seines Verhaltens. Das zweite Zitat ist der Erklärung
dieses Widerspruchs entnommen. Daß dies die Absicht des Sprechers
ist, geht bei Aristoteles verloren. In der Beschränkung auf den Vers
F 3,2 verleitet das Zitat den Leser zu einem Mißverständnis (Ζευς
μισεί, ergänzt der Schreiber von Heliodors Aristoteleskommentar im
Codex h [CAG XIX 2,123,33], und Dirlmeier übersetzt: „Denn wer
zu hoch hinaus will und zuviel betreibt" [Aristoteles, Nikomachische
234 Kommentar

Ethik, Berlin-Darmstadt 1956, 131]). Im euripideischen Kontext aber


sind mit τους περισσούς καί τι πράσσοντας πλέον die „fähigen und
edelgesinnten Männer" (Ρ 3) gemeint, nicht die der Umtriebigkeit
oder gar der Hybris verfallenen, sondern die, die mehr tun als der
große Haufen und deren Lohn allein in der Anerkennung durch ihre
Mitbürger besteht. Der Sprecher ist bei Euripides ein πολιτικώτατος
άνήρ, der sich nach άπραγμοσύνη sehnt. Aristoteles kehrt die Zuord-
nung der Positionen um: Die Einstellung aller bei Euripides macht
er zur Ansicht des Philosophen, während die von ihm verworfene
Meinung der Vielen bei Euripides die Ansicht eines Einzelnen, des
„Weisesten der Griechen" (Ρ 1), ist. Wie Η 3c (Piaton) nahelegt, hat
es eine Diskussion des Philoktetprologs in der Akademie gegeben
(vgl. unten S. 321). Danach ist der euripideische Odysseus ein
φιλότιμος wider Willen, der sich bei freier Wahl für das Leben eines
Privatmannes ohne Amt entscheiden würde. Piatons Sympathie
für diesen Gegenentwurf zum episch-homerischen Odysseusbild
ist offensichtlich. Daß er die Ansicht von der Irrationalität des
politischen Engagements in der Sache gebilligt hätte, wird man
freilich bezweifeln dürfen. Aristoteles steht in der Tradition dieser
Akademiediskussion, die eine Erklärung anbietet für seine Vertau-
schung der Positionen der Vielen und des Einen. Die Faszination, die
von der Reflexion des Odysseus auf die intellektuellen Adepten des
βίος θεωρητικός in der Akademie ausging, dürfte der Hintergrund der
aristotelischen Gleichsetzung des Odysseus mit der antidemokrati-
schen Kritik gewesen sein, Politik sei die Sache von πολυπράγμονες,
der Verständige kümmere sich dagegen um sich selbst. Vgl. den
Kommentar zu F 17. Zur Beziehung des Aristotelestextes zum
platonischen τα έαυτοΰ πράττειν als Inhalt der Gerechtigkeit vgl.
Dirlmeier 458.

H3e
Im 22. Kapitel der Poetik behandelt Aristoteles das Verhältnis von
Alltagssprache und poetischer Kunstsprache. Die eine ist leicht ver-
ständlich, neigt aber zur Trivialität, die andere ist erlesen, aber nicht
selten änigmatisch. Poetische Mittel der sprachlichen »Verfremdung'
(τοις ξενικοΐς χρήσθαι) sind vor allem Glossen und Metaphern
(1458a21ff.). Der Begriff der γλώττα umfaßt alle Wörter, die
Frühe Erwähnungen (H 3) 235

außerhalb des normalen attischen Sprachgebrauchs stehen und


erklärungsbedürftig sind (I. Bywater, Aristotle on the Art of Poetry,
Oxford 1909, 281). Beim Vergleich der beiden fast identischen
Philoktetverse (Einleitung S. 70) des Aischylos (Fr. 253 R.) und
Euripides (F 10) bezeichnet Aristoteles εσθίει (Aischylos) als κύριον
ε'ιωθός, das euripideische θοινάται als γλώττα. Dazu Bywater a.O.
300: „Though κύριον and ε'ιωθός are often used as synonyms, there is
a certain difference between them ... έσθίει... is a word in general use
(το είωθός), but it is a metaphor, and therefore not a κύριον δνομα ...
in the stricter sense of the term. But in the comparison with θοινάται,
however, it is a κύριον ονομα. Aristotle gets out of the difficulty by
terming it the κύριον ειωθός ... because it has by custom and
use come to be treated as a κύριον ονομα, and is no longer felt to
be a metaphor." θοινάται kann als γλώττα gelten, weil es nicht zum
Wortschatz der attischen Prosa gehört und Aischylos, Sophokles und
die Komödie es meiden. ([Aisch.] Prom. 1025 [bc6.] könnte von
Euripides beeinflußt sein, der das Simplex häufig verwendet.)
Außerdem hat es im Vers des euripideischen Philoktet metaphorische
Bedeutung. Aristoteles nennt dessen Wortwahl καλόν (,gelungen',
eindrucksvoll', .poetisch'), die des Aischylos εύτελές (gewöhnlich',
,trivial', vgl. Poet. 4.1448b26). - G. Hermanns Textherstellung
φαγέδαινα(ν) (Aristotelis de arte poetica liber, Leipzig 1802, 61. 168;
wiederholt Hermann 122) ist nicht mit der Selbstverständlichkeit
aufgenommen worden, die ihr zukommt. Zwar findet sie sich in
Butlers Fragmentsammlung des Aischylos (VIII [1816] 217), und
durch Kassel (1965) steht sie in der heutigen Standardausgabe der
Poetik, aber noch Radt 357 ist unentschieden, obwohl die Ergänzung
eines anderen Konsonanten als ν eher eine Verlegenheitslösung (γ')
oder aber ganz unwahrscheinlich wäre (δ' paßt nicht wegen der zu
vermutenden Schlußposition des Verses im Satzgefüge, desgleichen
τ' wegen der Einzigartigkeit des Gegenstandes).

H3f
Der rhetorische Höhepunkt des euripideischen Dramas war die
Auseinandersetzung zwischen Odysseus und einer Gesandtschaft aus
Troja im 3. Epeisodion, in der jede der beiden Seiten versuchte,
Philoktet für sich zu gewinnen (Dion 52,[12]115-121). F 13,2 ist
236 Kommentar

dieser Szene entnommen und markiert den Augenblick, da Odysseus


in den Dialog zwischen Philoktet und den Trojanern, die gerade
dabei sind, den Besitzer des Heraklesbogens zum Mitkommen zu
bewegen, eingreift (Beiträge 118f.). Es scheint der bekannteste Vers
des Dramas gewesen zu sein (Quintilian, Inst. or. 3,1,14: noto quidem
ilio ... versu ex Philocteta), jedenfalls wird er am häufigsten zitiert,
freilich nicht in der Originalfassung, sondern in einer boshaften
Parodie, die Aristoteles zugeschrieben wird. Danach war in αίσχρόν
σιωπάν, βαρβάρους Ô' εάν λέγειν der zweite Halbvers durch Ίσο-
κράτην δ' εάν λέγειν ersetzt. Die besondere Malice bestand darin, daß
die Vertauschung der beiden Akkusative eine Gleichsetzung von
,Isokrates' und ,Barbaren' insinuierte, und das bei einem Mann, der
als der bedeutendste griechische Redelehrer seiner Zeit gelten konn-
te, sein Bildungsprogramm als φιλοσοφία verstand (H. Wersdörfer,
Die φιλοσοφία des Isokrates im Spiegel ihrer Terminologie, Leipzig
1940) und das Kriterium des alten Gegensatzes von Hellenen
und Barbaren im Besitz der Bildung sah (4,50). Ob die Parodie des
Euripidesverses wirklich von Aristoteles stammte oder ihm nur
zugeschrieben wurde, muß dahingestellt bleiben (alle Testimonien
gehen auf eine gemeinsame Quelle zurück); sicher ist, daß sie ein
Dokument der Rivalität von Akademie/Peripatos und der Schule des
Isokrates ist. Das schließt nicht aus, daß es sich um einen ingeniösen
Einfall erst der Aristotelesbiographie handelt, der Eingang in die
Wissenschaftsgeschichte der antiken Rhetorik gefunden hat. Die
Übertragung auf die Konkurrenz zwischen der neugegründeten
Schule des Aristoteles zur Akademie unter Xenokrates (Diog. Laert.
5,2f.) ist sekundär, λέγειν in der Euripidesparodie ist nicht zu trennen
vom rhetorischen Erfolg der Trojaner im Philoktetdrama, der erst
durch die noch größere Überredungskunst des Odysseus zunichte
wird. Der umgedichtete Vers des Odysseus ist bei Philodem (Rhet.
35,21-36,5), Cicero (De orat. 3,141; vgl. Tusc. 1,7), Quintilian (Inst,
or. 3,1,14) und in den Hermogenesscholien (IV 297f. Walz) mit dem
Entschluß des Aristoteles verknüpft, das Feld des Rhetorikunterrichts
nicht Isokrates allein zu überlassen; λέγειν gewinnt somit eine
prägnante Bedeutung im Sinne von ,reden lehren'. Eingebunden ist
diese Mitteilung in die Überlieferung, daß Aristoteles im täglichen
Lehrplan des Peripatos der Rhetorik die Zeit des späten Nachmittags
Frühe Erwähnungen (H 3) 237

für ein erweitertes Publikum einräumte, während der Vormittag


dem philosophischen Unterricht vorbehalten blieb. Der Hermogenes-
scholiast verbindet dies mit der Unterscheidung von λόγοι άκροα-
ματικοί und λόγοι εξωτερικοί (298,5-8 W.). Vgl. zu diesem in der
Aristotelesforschung vieldiskutierten Gegensatzpaar W. Wieland,
Aristoteles als Rhetoriker und die exoterischen Schriften: Hermes 86
(1958) 323ff.; K. Gaiser, Exoterisch/esoterisch: Hist. Wb. d. Phil. II
(1972) 866; H. Flashar, Aristoteles, in: Die Philosophie der Antike
III, Basel-Stuttgart 1983, 180f. Cicero gibt diesem Gegensatz an der
zitierten Stelle eine metaphorische Bedeutung, indem er mit ihm
zwei Seiten des literarischen Werks bei Aristoteles bezeichnet sein
läßt. Der Zeugniswert der Cicerostelle ist im übrigen ambivalent.
Zum einen verdanken wir ihm die Kenntnis des originalen Wortlauts
von F 13,2 (βαρβάρους statt Ίσοκράτην), zum anderen weist er den
Vers irrtümlich Philoktet als Sprecher zu, was für nachhaltige
Verwirrung gesorgt hat (Beiträge 25 Anm. 52; 118 Anm. 45; 258).
Die Gemeinsamkeit der literarischen Quelle beweist eine Über-
einstimmung im Detail bei Quintilian und dem Scholiasten zu
Hermogenes: Aristoteles habe den Vers (aus dem euripideischen
Philoktet) ständig im Munde gefuhrt {frequenter usus, συνεχώς
έπεβόα). Der Autor der Vorlage muß dem Euripideszitat die Funktion
eines stets präsenten Mottos des aristotelischen Rhetorikunterrichts
zugewiesen haben. Ein bemerkenswerter Unterschied besteht zwi-
schen den griechischen und den lateinischen Testimonien. Während
die griechischen nur die Parodie des Euripidesverses zitieren,
weil sie bei ihren Lesern die Kenntnis des Originals oder einer aus-
führlicheren Fassung der Aristotelesanekdote voraussetzen dürfen,
paraphrasiert Cicero auch den Originalvers und teilt den (freilich
irrtümlichen) Namen des Sprechers mit (Philoktet statt Odysseus),
um seinem römischen Publikum zum Verständnis der Pointe
eine Vorstellung von den Änderungen der Parodie gegenüber
dem Original mitzuteilen. Quintilian, dessen Leser wiederum Cicero
kennen, kann sich damit begnügen, dessen Fehler zu korrigieren
und ,Philoktet' als Dramentitel zu erklären. Beide dürften eine aus-
führlichere griechische Quelle benutzen, soweit sie nicht aus eigener,
bei Cicero nicht ganz fehlerfreier, Erinnerung an Euripides schreiben
(Beiträge 258; 260 Anm. 9).
238 Kommentar

H 3g
Das Philoktetzitat in der Rhetorik des Anaximenes (18,15 [19.1433b
12ff.]) ist ein frühes Beispiel der Verwendung des euripideischen
Dramas im Rahmen des Rhetorikunterrichts. Vgl. zu H 3f. Auf den
besonderen Nutzen des Philoktet für den Redner weist Dion hin
(52,[11]93-95. [13]119f.). Es handelt sich an der vorliegenden Stelle
um die empfohlene Reaktion auf ein zuvor vom Gegner angewandtes
rhetorisches Mittel, der anderen Seite den Wind aus den Segeln zu
nehmen, indem er den gegen ihn erwarteten Angriff vorweggenom-
men und im voraus zu entkräften versucht hatte. Der Terminus für
die Verfahrensweise des Gegners ist προκατάληψις (vgl. R. Volk-
mann, Die Rhetorik der Griechen und Römer, Leipzig 21885, 139.
279; H. Lausberg, Handbuch der literarischen Rhetorik, München
1960, § 855). Im Philoktet des Euripides hatte sich ihrer Odysseus
vor dem lemnischen Chor gegenüber Philoktet bedient (zu F 16,If.).
Philoktet reagiert darauf mit einer Technik, die man als
άντιπροκατάληψις bezeichnen könnte (das Substantiv ist nicht belegt,
vgl. aber 1433bl άντιπροκαταληπτέον εστίν). Was Anaximenes zu
ihrer Beschreibung sagt, ist eine Paraphrase dessen, was Philoktet
eingangs auf die Rede des Odysseus antwortet. Als Beispiel aus den
Rednern führt L. Spengel Demosthenes 18,1 Of. an (Anaximenes, Ars
rhetorica, Leipzig 1847, 180f.).

Η 3h

M. Burzachechi, Ricerche epigrafiche, RendLinc VIII 18 (1963) 93;


J. Platthey, Sources on the Earliest Greek Libraries, Amsterdam
1968, 135f.; TrGF I CAT Β 1 Sn.-K.2 - Nach allgemein gebilligter
Ansicht des Erstherausgebers Kumanudis (1872) handelt es sich
bei der Inschrift IG II/IIP 2363 um ein Verzeichnis der von den
Epheben in die Gymnasionsbibliothek des Piräus gestifteten Bücher.
Wilamowitz bezieht die eingefügten Namen attischer Demen auf die
Herkunft der Stifter (IG a.O.). Die aufgelisteten Titel des Euripides
sind in alphabetischen Gruppen zusammengefaßt in der Reihenfolge
Σ, Θ, Δ, Π, Φ, A, E. Innerhalb dieser Gruppen ist das alphabetische
Prinzip nicht über den ersten Buchstaben hinaus weitergeführt. Die
Buchstaben Σ, Θ, Δ, Π sind komplett vertreten, die Titel des Buchsta-
bens Φ so gut wie komplett. Inwieweit dies auch von den A-Titeln
Frühe Erwähnungen (H 3) 239

und den Ε-Titeln gilt, läßt sich nicht mehr sagen, da die Inschrift
in der Aufzählung abbricht. Die Ε-Titel scheinen in die A-Titel
eingeschoben zu sein. Was die Φ-Gruppe betrifft, so würde man die
Abfolge der Titel Φιλοκτήτης - Φοίνιξ - Φρίξος gerne als Spuren einer
konsequenteren Alphabetisierung interpretieren, wenn nicht alles für
einen Zufall spräche. Nichts deutet darauf hin, daß in der alexandri-
nischen Euripidesausgabe die Alphabetisierung über den ersten
Buchstaben hinausging. Gleichwohl muß es in der kanonischen
Ausgabe der Antike eine festgelegte Reihenfolge der Stücke
auch innerhalb der einzelnen Buchstaben gegeben haben. Daß
es neben oder vor der alphabetischen Ordnung des Aristophanes
wie im Werkverzeichnis des Sophokles (Arg. Ant.: λέλεκται δέ τό
δράμα τοΰτο τριακοστόν δεύτερον) eine Durchnumerierung der
euripideischen Tragödien gab, beweist die Angabe in der zweiten
Alkestis-Hypothesis τό όραμα έποιήθη ιζ' [17]. G. Zuntz, An Inquiry
into the Transmission of the Plays of Euripides, Cambridge 1965,
251 Anm. 6, fuhrt sie auf die Pinakes des Kallimachos zurück. Die
Formulierung (εποιήθη) legt ein chronologisches Ordnungsprinzip
nahe, wobei die Zahl 17 für die Alkestis sich nur auf eine Zählung der
in Alexandria erhaltenen Stücke beziehen könnte. Möglicherweise ist
auch Aristophanes innerhalb der einzelnen Buchstaben chronologisch
verfahren. Die Datierungsangaben seiner jeweiligen, dem Text
vorausgeschickten Hypotheseis erlaubten jedenfalls ein solches Ord-
nungsprinzip, das auch die Trennung der beiden Phrixos-Tragödien
(I, II) in der späthellenistisch-frühkaiserzeitlichen Sammlung narrati-
ver Hypotheseis erklären würde (POxy 2455, vgl. dazu oben S. 224f.
und den Katalog POxy 2456 mit einer leicht abweichenden
Anordnung). Diese Sammlung scheint im Prinzip der Anordnung der
kanonischen Euripidesausgabe zu folgen. Dagegen dürfte die
Zusammenstellung der Titel im Stiftungskatalog aus dem Piräus die
Reihenfolge wiedergeben, in der die einzelnen Rollen der Φ-Pentade
zur Bestandsaufnahme aus ihrem Behälter (τεΰχος, κιβωτός) heraus-
genommen worden waren. Der Befund bestätigt Snells Annahme,
daß die antike Gesamtausgabe des Euripides aus Einzelrollen mit je
einer Tragödie, die in Pentaden zusammengestellt waren, bestand
(Einleitung S. 72 Anm. 3; vgl. Turner [zu POxy 2455] 32f.). Denn
der Katalog nennt nur 5 der insgesamt 6 euripideischen Φ-Stücke
240 Kommentar

(Φαέθων, Φιλοκτήτης, Φοίνιξ, Φοίνισσαι, Φρίξος α', Φρίξος β').


Die Vermutung liegt nahe, daß die betreffende Stiftung aus einem
Behälter mit 5 Rollen bestand und das fehlende Drama (Φοίνισσαι?
Φρίξος β' ?) der folgenden oder vorhergehenden Pentade (Φαέθων ?)
angehörte.
Η 4

Bibliographie: Arnim (1898) 160ff.; M. Valgimigli, Contributi alla storia della cri-
tica letteraria in Grecia I, La critica letteraria di Dione Crisostomo, Bologna o. J.
(1913), 59ff.; F. Focke, Synkrisis: Hermes 58 (1923) 339ff. (bes. 342); L. Lemar-
chand, Dion de Pruse. Les œuvres d'avant l'exil, Paris 1926, 12ff.; Crosby 336f.;
J. W. H. Atkins, Literary Criticism in Antiquity II, London 1952 [zuerst 1934],
33 Iff; J. Moling, Dion von Prusa und die klassischen Dichter, Diss. Innsbruck 1959,
163ff. (masch.); G. M. A. Grube, The Greek and Roman Critics, London 1965,
330f.; W. Elliger, Dion Chrysostomos. Sämtliche Reden, Zürich 1967; M. Szarmach,
Esej Diona ζ Prusy o tragediach osnutych na temacie tuku Filokteta: Meander 33
(1978) 339ff. (mit polnischer Übersetzung); Luzzatto2; M. C. Giner Soria, Acotacio-
nes a un ensayo de Dión Crisòstomo: Helmantica 35 (1984) 391ff.; D. A. Russell -
M. Winterbottom, Classical Literary Criticism, Oxford 1989, 188ff. (englische Über-
setzung); G. W. Bowersock, Fiction as History, Berkeley 1994, 55ff.; C. J. Classen,
Rhetorik und Literarkritik, in: La philologie grecque à l'époque hellénistique et
romaine, Entretiens XL, Vandœuvres 1994 [1993], 319ff.

Die Entstehungszeit der 52. Rede des Dion ist umstritten. Arnim hält
sie für eine Frühschrift der rhetorisch-sophistischen Phase des Ver-
fassers, da ihm der moralisch-philosophische Aspekt gegenüber dem
ästhetisch-literaturkritischen zu kurz zu kommen scheint. Wegen der
übereinstimmenden Thematik in der 59. Rede weist er beide Schrif-
ten dem gleichen Lebensabschnitt zu und sieht in der Paraphrase von
Teilen der euripideischen Philoktettragödie eine Musterschrift des
rhetorischen Unterrichts. Nach anderen (vgl. J. L. Moles, JHS 98
[1978] 81) haben Elliger (XIVf.) und Luzzatto 2 (26) berechtigte
Zweifel an der strengen chronologischen Trennung einer sophistisch-
rhetorischen Frühphase und einer philosophischen Mittel- und
Spätphase im Leben des Dion angemeldet, so daß sich darauf keine
Datierung gründen läßt (inkonsequent Elliger XVIIf.). Dion selbst
hebt zu Beginn von 22,1 den Unterschied von φήτωρ und φιλόσοφος
auf. Doch auch wenn man Arnims biographische Unterscheidung in
der Nachfolge des Synesios akzeptiert, muß dies nicht für eine frühe
Entstehung beider Schriften sprechen. Synkrisis und Paraphrase sind
Dion 52. Rede (H 4) 241

zwar beliebte literarische Formen der kaiserzeitlichen ,zweiten


Sophistik', aber sie sind es auch unabhängig vom rhetorischen
Unterrichtsbetrieb. Vgl. Plutarch, De comparatione Aristophanis et
Menandri; Gellius, Noct. Att. 2,29,3-16. Am ehesten noch würde
Arnims Zuordnung für die Paraphrase der 59. Rede gelten können,
doch auch hier ist eine andere Erklärung möglich. Dion 52 aber über-
schreitet die bekannten Vergleichsmuster der Synkrisis-Literatur, und
zwar in einer Weise, daß eine chronologische Festlegung aufgrund
typologischer Kriterien ausgeschlossen erscheint. Verfehlt ist auch
Arnims Annahme, die Schrift sei eigentlich ein mündlicher Vortrag
und für einen mit den Lebensumständen des Autors vertrauten Zuhö-
rerkreis bestimmt. Ähnlich Giner Soria 396. Das sind unzulässige
Extrapolationen aus der fiktionalen Selektion von Realität in der
Einleitung. Gleichwohl lassen sich der Selbstdarstellung des Autors
52,1-27 einige Datierungsindizien abgewinnen. Sie sprechen eher für
einen späteren Zeitpunkt der Entstehung. Dazu paßt die veränderte
Gewichtung im Urteil über die Tragödie des 5. Jhs. gegenüber der
18. Rede: In Dion 52 steht der moralisch-ästhetische Aspekt gleich-
berechtigt neben Nützlichkeitserwägungen der rhetorischen Praxis,
und aufs Ganze gesehen behauptet er sogar den Vorrang. Euripides,
bei dessen Behandlung der Nutzen für den Leser zur Sprache kommt
(52,92-95), bildet zwar den Bezugspunkt für die vergleichende Beur-
teilung des Aischylos und Sophokles, aber zugleich werden doch
auch beide gegen Euripides energisch in Schutz genommen, so daß
sich (nach dem Willen des Autors, 52,29-31) in der Tat nicht sagen
läßt, wem von den dreien der Vorzug gebührt. Darüber hinaus aber
gipfelt auch die Behandlung des Euripides in einem moralischen
Urteil: „und die Chorlieder sind nicht nur ein Genuß, sondern
stellen auch eine nachdrückliche Aufforderung zur Tugend dar" (52,
127-129). Wer kulturpessimistische Äußerungen der philosophisch
orientierten Lebensphase des Dion zuweist (W. Schmid, RE V [1903]
859; vgl. jedoch G. A. Seeck, Gegenwart und Vergangenheit bei
Dion von Prusa, in: M. Flashar u.a. [Hrsg.], Retrospektive, München
1997, 121f.), müßte in 52,35f. (ώς εν τοις τότε ... της νυν κακοηθείας)
ein Indiz für eine Spätdatierung sehen. Die Wahl des Philoktetthemas
in der 59. und 52. Rede deutet auf eine besondere Beziehung des
Verfassers zum Gegenstand. Es liegt nahe, darin einen Reflex der
242 Kommentar

eigenen langjährigen Verbannung unter Domitian zu vermuten


(Friedrich 158 Anm.; Crosby 337). Die Lebensumstände des Erzäh-
lers in Dion 52 sind aristokratisch. Der Autor ist Herr im Hause und
seiner Zeiteinteilung (so will es der Text); den Luxus, den der
erkennbare Wohlstand eines sommerlichen Villenaufenthaltes bietet,
ordnet ein diszipliniertes Tagesprogramm. Nichts spricht fur Dion als
Gast, und Arnims Vermutung, daß er auf ärztliche Anordnung so
früh aufstehe (162), wird durch den Text widerlegt. Das alles ist
deutlich unterschieden von den Einschränkungen und Widrigkeiten
des kynischen Wanderlebens während der Verbannungszeit (vgl.
Schmid, RE V 852f.). Die angegriffene Gesundheit erscheint als
Dauerzustand. Auch das erklärt sich am einfachsten als Folge des
Exils. Die 59. Rede mit der Paraphrase von Prolog und 2. Epeisodion
des euripideischen Philoktet ist mehr als ein Übungsstück; dem
Verfasser ist am Inhalt gelegen. Statt der rhetorisch glanzvollsten
Szene der Tragödie (Auftritt einer troischen Gesandtschaft und Agon
zwischen dieser und Odysseus, Dion 52,115-121) sind zwei Szenen
ausgewählt, von denen die erste den menschlichen Ehrgeiz für
eine Torheit erklärt und auf die Spielregeln des männlichen Sozial-
prestiges zurückführt (Prolog), während die zweite den aus der Ge-
sellschaft ausgestoßenen Philoktet zeigt, der ein Opfer dieser Regeln
geworden ist und nunmehr nur noch an Rache denkt (2. Epeisodion).
Es geht dem Autor der Paraphrase um menschliche Konfliktsitu-
ationen und moralphilosophische Fragen, nicht um Euripides als
rhetorisches Exempel. Die großen Reden des 2. Epeisodions sind
entweder ausgespart oder auf wenige Sätze reduziert. Nichts steht
einer Spätdatierung auch dieser Schrift im Wege. Ich gehe von einer
Entstehung beider Reden nach dem Jahre 96 aus.

Dion sieht seinen Vergleich der drei Philoktettragödien unter dem


Bild des tragischen Agons an den Dionysien. Es ist ein vom Autor als
Leser imaginierter Agon; denn nie haben sich Aischylos und Euri-
pides an einem Dionysienfest gegenübergestanden, und noch weniger
ist es je mit dem gleichen Dramensujet zu einem Wettstreit von
zweien oder gar dreien der großen Drei gekommen (52,20-31). Das
klassische Vorbild eines solchen Agons ist der Wettstreit des
Aischylos und Euripides in den Fröschen des Aristophanes
(V. 830ff.); Sophokles hatte von sich aus zugunsten des Aischylos
Dion 52. Rede (H 4) 243

auf eine Teilnahme verzichtet (V. 786-794; RhM 138 [1995] 107f.).
In der aristotelischen Poetik ist der kontrastierende Vergleich unter
den drei Tragikern eine stets präsente Denk- und Argumentations-
form. Das setzt sich im Peripatos fort (Herakleides Pontikos Fr. 179
Wehrli), und so dürfte es auch in den literaturwissenschaftlichen
Traktaten der hellenistischen Zeit gewesen sein, deren Tradition in
den Klassizismus der attizistisehen Renaissance seit dem ersten
vorchristlichen Jahrhundert einmündet. Die nächstliegenden Paral-
lelen zu Dion 52 finden sich bei einem der frühen Repräsentanten
dieser Bewegung, bei Dionysios von Halikarnaß (De imit. 2), sowie
bei Dions Zeitgenossen Quintilian (Inst. or. 10,1,66-68). Die Tragö-
die wird hier ausdrücklich auf die drei großen Tragiker beschränkt,
deren Charakterisierung unverkennbare Anklänge an die Beurtei-
lungsmerkmale des Dion aufweist, doch überwiegen bei genauerem
Hinsehen die Unterschiede. Daß es im allgemeinen Urteil über die
Hauptvertreter der attischen Tragödie des 5. Jhs. einen vielfachen
Konsens in der antiken Literatur gab, kann nicht überraschen und ist
ebenso in einer langen literarischen Tradition wie in der Sache selbst
begründet. Indem aber Dion den Vergleich der drei Tragiker an den
Vergleich ihrer drei Philoktetdramen bindet, eröffnet sich ihm die
Möglichkeit einer einzigartigen Konkretisierung seiner Aussagen,
und hier beweist er Sachkenntnis und ein eigenständiges Urteil. Es
gibt keinen Hinweis, daß Dion fur seine Philoktet-Synkrisis eine
Vorlage benutzte. Sein begriffliches Instrumentarium ist, wie nicht
anders zu erwarten, das der antiken Literaturwissenschaft, aber er
handhabt es ungleich differenzierter als alle Tragikerinterpretationen,
die wir sonst aus der Antike kennen, und der Begriff des Archa-
ischen, wie er am aischyleischen Philoktet in Opposition zum Drama
des Euripides entwickelt wird, findet erst im 19. Jh. eine weiter-
gehende Vertiefung. (Wilamowitzens Urteil, „selbst Dion weiß dem
[aischyleischen] Philoktet wirklich kaum etwas Besonderes abzuge-
winnen", zeugt von einer kaum mehr als oberflächlichen Kenntnis-
nahme oder Erinnerung; Aischylos, Berlin 1914, 234.) Dion ist mit
der Chronologie der attischen Tragödie des 5. Jhs. vertraut. Entgegen
der biographischen Abfolge ihrer Verfasser (52,22-25) weiß er, daß
der sophokleische Philoktet das jüngste der drei Philoktetdramen ist.
Die dialektische Abfolge (52,92f. 130) gründet in der chronologi-
244 Kommentar

sehen. Dion 52 beschäftigt sich nicht nur mit anspruchsvoller Litera-


tur, die Schrift ist selbst ein literarisches Kabinettstück mit einer
beachtlichen stilistischen Variationsbreite (von Arnim 161f. ver-
kannt). Imitationen des Anfangs liegen Plin. Ep. 9,36 und Ps.-Dion,
Κόμης εγκώμιον (II 307,1-3 Arnim) vor. Sie bezeugen das Ansehen
der Schrift in der Antike.
Arnim, gewohnt, in literarischen Gattungen zu denken, hatte in
Dion 52 eine Kreuzung aus Prolalia und Synkrisis gesehen, in der
richtigen Erkenntnis, daß die literarische Form der Schrift etwas
Besonderes darstellt und das Eigene in der Mischung des Verschie-
denen besteht. Luzzatto lehnt die Beziehung zu Lalia und Synkrisis
ab, behält aber die Idee einer Verknüpfung zweier Herkunftsbereiche
bei. Für sie ist die Schrift eine Verbindung von rhetorischer
und grammatischer Tragikerexegese. Beides hat nichts mit der
literarischen Form von Dion 52 zu tun, dergegenüber Luzzatto sich
merkwürdig desinteressiert zeigt. Die Beziehung von Dion 52 zur
Synkrisis als Literaturform zu bestreiten ist verfehlt; ob die Lalia
(λαλιά, Volkmann [wie S. 238] 360f.) für Dion ein formales Vorbild
war, mag bezweifelt werden, aber Luzzattos Auseinandersetzung
mit Arnim geht an der Sache, die dieser im Blick hatte, vorbei. Was
Gegenstand und verarbeitetes Material der Schrift betrifft, so hat
es, ungeachtet unterschiedlicher Akzentuierung (vgl. Valgimigli 60),
nie einen Zweifel daran gegeben, daß Dion in der Tradition der
antiken Tragikerinterpretation steht, die von Aristoteles ihren
Ausgang nimmt (auch fur Dion 53,1). Es ist das Verdienst von
Valgimigli, diesen Sachverhalt mit Entschiedenheit betont zu haben;
Luzzattos Arbeit hat es erneut und ausführlicher dokumentiert. Dion
kennt sich auf allen Ebenen der Beschäftigung mit der Tragödie
aus und ist auf der Höhe der literaturwissenschaftlichen Diskussion
seiner Zeit. „And if, as has been said, comparison and analysis are
the chief tools of criticism, then Dio has made a good use of the best
of instruments" (Atkins II 336). Sein Vergleich der drei Philoktet-
dramen ist mehr als ein Feuilletonartikel für interessierte Laien,
obschon auch diese bei ihm nicht leer ausgehen. Aber das volle Ver-
ständnis der Schrift erschließt sich erst dem, der erheblich mehr an
Vorwissen über die Tragödie und die drei behandelten Dramen
mitbringt, als im Text explizit gesagt wird. Wir besitzen keine
Dion 52. Rede (H 4) 245

kenntnisreichere Tragödien interpretai ion aus der Antike als Dions


52. Rede. Daß Dion angesichts der Identität des Gegenstandes und
einer traditionsreichen Beschäftigung mit diesem sich in der allge-
meinen Beurteilung der drei Tragiker nur in Nuancen von seinen
Vorgängern unterscheidet, ist kaum anders zu erwarten; daß er aber
darüber hinaus nichts Eigenes zu bieten habe, bleibt bis auf weiteres
eine unbewiesene Hypothese. Doch selbst wenn dem so sein sollte,
was folgte daraus nach einem halben Jahrtausend der Tragikerexege-
se schon für das literarische Judiz eines Kenners! Unberührt bleibt
ohnehin Dions Verdienst, mit sicherem Gespür den geradezu idealen
Gegenstand eines solchen Tragödienvergleichs ausgewählt zu haben.
Wir kennen kein anderes Dramensujet, das die Einfachheit der
gemeinsamen Handlungsstruktur mit einer solch ausgeprägten
Unterschiedlichkeit der Binnendifferenzierung verbindet.

INHALT

1-10 Narrativer Rahmen


10-31 Überleitung und thematische Einführung: fiktiver
Theateragon mit abschließendem Schiedsspruch
31 -164 Begründung
31-88 Philoktet des Aischylos
89-129 Philoktet des Euripides
130-164 Philoktet des Sophokles

Titel: Der Doppeltitel bringt die beiden konkurrierenden Aspekte der


Schrift zum Ausdruck: die Unterschiedlichkeit der drei Tragiker und
die Identität der drei Dramensujets. - Σοφοκλέους: Zur Lesart Φιλο-
κλέους in Ρ vgl. oben S. 129.
1-10: Die Schrift beginnt wie eine Tagebucheintragung. Anfänge, die
die betreffende Schrift als Bericht über ein persönliches Erlebnis
erscheinen lassen, gibt es nicht viele unter den erhaltenen Reden des
Dion. Sieht man von dem Sonderfall von Or. 7 ab, so sind es Or. 19,
28, 30 (nach Art eines platonischen Dialogs), 36. Doch nirgendwo
gewinnt das Persönliche wie hier die Qualität des Intimen. Keine der
detaillierten Angaben hat die Funktion, den Leser auf eine außerhalb
der Schrift gegebene Realität zu verweisen, sondern konstituiert die
Wirklichkeit des literarischen Ichs, das hier spricht. Es gibt auch kein
246 Kommentar

Wissen, das zu supplieren wäre, um den Text zu verstehen (wie


Arnim meinte). Alles, was der Leser über die persönliche Situation
des Sprechers wissen soll, wird gesagt. Das gilt für den gesamten
Einleitungsabschnitt 1-10. Auf der anderen Seite aber gibt es im
ganzen Dion keine Passage, die realitätsgesättigter wäre als die
Einleitung der 52. Rede. Der knappe Stil des Diariums, verbunden
mit der Fülle an Einzelfakten, verleiht dem Gesagten den Charakter
des Authentischen.
1-4: Die λέξις είρομένη des Eingangssatzes ist mit besonderem
Raffinement strukturiert. Ein Höchstmaß an Einfachheit und Kürze
(άναστάς [...] επεμελήθην εμαυτοΰ και προσηυξάμην) wird aufgehoben
durch eine umfängliche Sperrung von einleitendem Partizip und
abschließendem doppelten Prädikat mittels einer fünfteiligen Reihe
adverbialer Bestimmungen, die Zeitpunkt und Ursache des Aufste-
hens festlegen. Erst vor dem kontrastierenden Hintergrund dieser
Reihe, die in sich wieder eine komplexe Struktur bildet, kommt die
lapidare Kürze des Hauptsatzes zur Wirkung. Die Reihe der kurzen
Kola beginnt, abgemildert durch ein σχεδόν τι, mit einer präzisen
Zeitangabe („um die erste Stunde des Tages"), gefolgt von einem
begründenden Dikolon (Schlaflosigkeit als Krankheitssymptom,
Kühle der Luft), dessen zweites Glied wiederum eine doppelte
Erklärung erfahrt (Morgenkühle, Herbstlichkeit) mit einer erneuten
Erweiterung des zweiten Gliedes, die in einem paradoxen Rück-
schwung das assoziative Gleiten der Reihe zum Stehen bringt (καίτοι
μεσοϋντος θέρους). Gegenüber der Zufälligkeit und einmaligen Kon-
stellation des im Vordersatz beschriebenen Sachverhaltes signalisiert
der brachylogische Hauptsatz die Konstanz eines Lebensprogramms.

1 άναστάς: Vgl. den Anfang von Or. 28 (Άναβάντες άπό τοΰ


λιμένος). Zum gleichlautenden Anfang des von Synesios Dion
zugeschriebenen „Lobs des Haares" (Κόμης έγκώμιον) unten zu
επεμελήθην κτλ. (4). - σχεδόν t i : Nach dem Vorbild der attischen
Prosa beliebte Junktur des kaiserzeitlichen Attizismus. Schmid I 137
zählt 34 Beispiele bei Dion. Nur σχεδόν 10. - περί πρώτην ώραν της
ημέρας: Die Stundenzählung des Tages begann in der Antike mit
Sonnenaufgang und endete mit Sonnenuntergang. „Mitten im Som-
mer" bedeutet die Zeitangabe „um die erste Stunde" etwa gegen
5 Uhr (E. Bickermann, Chronologie [Gercke-Norden, Einleitung],
Dion 52. Rede (H 4) 247

Leipzig 1933, 3 [21962, 4]; Chronology of the Ancient World, New


York 1968, 15); nach anderer Berechnung (nach Bilfinger [1888]
W. Kubitschek, Grundriß der antiken Zeitrechnung, München 1928,
183) begann die Zählung 1 Stunde nach Sonnenaufgang, so daß die
erste Stunde im Sommer in Prusa und in Rom etwa um 6 Uhr
begann. Literarische Zeugnisse mit Zeitangaben von Frühaufstehern
bei K. F. Hermann - H. Blümner, Lehrbuch der griechischen Privatal-
terthümer, Freiburg i. Br. 31882, 123; J. Marquardt, Das Privatleben
der Römer I, Leipzig 21886, 258ff. Danach scheint das Aufstehen mit
Sonnenaufgang in Griechenland das Übliche, vor Sonnenaufgang in
Rom nichts Ungewöhnliches gewesen zu sein. Die Verhältnisse im
Athen des 4. Jhs. gibt der Anfang des platonischen Protagoras an-
schaulich wieder. Der junge Hippokrates weckt den noch schlafenden
Sokrates in der Morgendämmerung (310a), während ihres Gesprächs
geht die Sonne auf (311a; 312a). Der Zeitpunkt des Besuches gilt als
zu früh. Sieht man einmal von individuellen Unterschieden ab, so
setzt der Diontext eher griechische als römische Gegebenheiten vor-
aus. Zu Plin. Ep. 9,36,1 vgl. unten zu 10 (ενέτυχον τραγφόίαι,ς τισίν).
2 δια την άρρωστίαν τοϋ σώματος: Die angegriffene körperliche
Verfassung (άρρωστία nur an dieser Stelle bei Dion) erscheint wie
eine feste, bekannte Größe. Sie ist keine akute Attacke, die den von
ihr Befallenen aufs Krankenlager wirft, sondern eine anhaltende
Schwäche des Körpers (άσθένεια 27), wie sie 48,8 (vgl. 39,7f.) auf
die Strapazen der Verbannungszeit zurückgeführt wird (vgl. auch
45,2). Dem Autor der 52. Rede verursacht sie Schlaflosigkeit und
Empfindlichkeit gegenüber den Stößen der Wagenfahrt. Nach einem
Spaziergang ist eine kurze Ruhepause angezeigt. Geschwächte
Gesundheit und gesicherte Lebensverhältnisse des Autors können als
Datierungsindizien für die Zeit nach 96 gewertet werden.
3 μάλιστα: Bei Maß- und Zeitangaben ,genau', ,gerade' (Kühner-
Gerth I 315). - καίτοι: Beim Partizip in der gleichen Bedeutung wie
καίπερ. Zum Sprachgebrauch im Attischen LSJ s.v. III. Zu Dion vgl.
unten 151f.; ferner 2,1; 30,2; 45,5 u.ö.
4 έπεμελήθην έμαυτοϋ καί προσηυξάμην: Die uralte Verbindung
von Reinlichkeit und Frömmigkeit; für die Antike H. Braune, Περί
ευχής. Veterum de precibus sententiae, Diss. Marburg 1935, 14ff.
Zur morgendlichen Körperpflege in Griechenland Hermann-Blümner
248 Kommentar

123, aus medizinischer Sicht Diokles bei Oreibasios IV 141,18-142,5


Raeder (Wilamowitz, Griechisches Lesebuch II 279,8-280,19). Vgl.
Dions Basisprogramm der Lebensgestaltung in 44,10 (σωφροσύνη τη
περί τον καθ' ήμέραν βίον, τω μήτε των σωμάτων άμελεΐν μήτε της
ψυχής). - Einer der wenigen Belege für paganes Morgengebet als
feste Gepflogenheit (soweit ich sehe, sonst nicht berücksichtigt).
Morgen- und Abendgebet Plat. Leg. 10.887de; Horaz C. 4,5,37-40
(nur bedingt zu verallgemeinern, weil Fürbitten für Augustus). Vgl.
auch das Morgengebet des Sokrates Plat. Symp. 220d. - Auffallige
Übereinstimmungen mit dem Anfangssatz von Or. 52 zeigt der Be-
ginn einer Schrift Κόμης έγκώμιον, die Synesios im 3. Kapitel seines
„Lobs der Kahlköpfigkeit" mitteilt (193-195 Terzaghi) und die er als
Werk des Dion Chrysostomos ausgibt (190,3; 195,14 T.): Άναστάς
εωθεν και τους θεούς προσειπών δπερ ε'ίωθα, έπεμελούμην τής κόμης-
και γαρ έτύγχανον μαλακώτερον τό σώμα εχων (II 307,1-3 Arnim; 193,
1-3 T.). Arnim (1898) 154f. hat die Echtheit der Schrift angezweifelt,
und seine Bedenken gegen ihre Qualität bestehen zu Recht. Irritiert
hat ihn in seinem Urteil nur die Übereinstimmung des Anfangs mit
Dion 52. Doch gerade sie liefert den Beweis, daß wir es mit der
Dion-Imitation einer pseudepigraphischen Schrift zu tun haben. Es
gibt keinen vergleichbaren Fall einer Selbstimitation bei Dion. Der
komplizierte Anfang der 52. Rede wird zu άναστάς εωθεν verkürzt,
προσηυξάμην paraphrasierend erweitert und durch ein ebenso verrä-
terisches wie unangemessenes δπερ ε'ίωθα gleichsam zitiert. Es folgt
sachwidrig die Morgentoilette erst nach dem Gebet und ein-
geschränkt auf das Kämmen des Haares, weil dies das Thema des
Traktats ist. Die Erwähnung der geschwächten Gesundheit dient der
Erklärung, warum das Haar seit längerem in einem ungepflegten
Zustand ist. Man könnte diese Albernheit für eine Dionparodie
halten, wenn nicht statt eines Paignions eine ernsthaft gemeinte
Abhandlung über die Bedeutung des Haares für den Menschen folg-
te. Die schülerhafte Schrift mag durch Äußerungen Dions über die
Pflege des Äußeren im allgemeinen (44,10) und des langen Haares
von Bürger und Philosoph im besonderen (47,25; 72,2) angeregt sein.
Die Friktionen, in die gerät, wer die Schrift für echt hält, zeigt Moles
(wie S. 240) 92, der sie aufgrund der Übereinstimmung des Anfangs
mit 52,1 nach Dions Rückkehr aus der Verbannung ansetzt. Luzzatto 2
Dion 52. Rede (H 4) 249

33 Anm. 11 sieht in dem Elaborat eine Schrift des jungen Dion.


J. R. Asmus, Synesius und Dio Chrysostomus, ByzZ 9 (1900) 119ff.,
plädiert für Unechtheit („ingenious, but unconvincing", urteilt
ohne Gegenargumente G. Highet, Mutilations in the Text of Dio
Chrysostom, in: The Classical Papers, New York 1983, 90).
4-10: Die drei auf den Eröffnungssatz folgenden Sätze variieren das
parataktische Grundschema. Dabei verbindet sich eine zunehmende
Reduktion des Satzumfangs mit einem ausgewogenen Verhältnis der
syntaktischen Binnenstruktur: (1) Zwei Prädikate mit wachsenden
nominalen Erweiterungen werden ausbalanciert von einer absoluten
Partizipialkonstruktion gleichen Umfangs mit einer zweigliedrigen
Erweiterung. (2) Participium coniunctum und Prädikat in Iuxtaposi-
tion werden chiastisch flankiert von zwei Zeitbestimmungen. (3) Auf
drei Participia coniuncta, von denen die beiden ersten als ύστερον
πρότερον zu einer Einheit zusammengebunden werden und das letzte
durch ein Adverb erweitert ist, folgen Prädikat und Objekt; mit letz-
terem findet der Autor zum eigentlichen Thema der Schrift (ένέτυχον
τραγψδίαις τισίν). Wie im Eröffnungssatz ist auch bei den drei fol-
genden Sätzen der Einleitung das Verhältnis von Verbum finitum
und Partizipialphrase von einer inhaltlichen Kontrastierung beider
bestimmt: viele Runden im Hippodrom - bequemes Fahren des
Gespanns; Bewegung - Ausruhen; Baden und Essen - Lesen in
der Bibliothek. Das Gleichmaß der Parataxe verschränkt sich mit
der Gegensätzlichkeit der Aussage, aus der die Spannung der
sprachlichen Fügung resultiert. Verkannt wird die Absichtlichkeit der
stilistischen Gestaltung von Luzzatto 2 26.
4-6 επειτα: Der Charakter des Tagesplans wird durch die Sequenz
der Zeitadverbien markiert: 'έπειτα - μετά ταΰτα - επειτα. Es herrscht
der Eindruck einer maßvollen, disziplinierten, fast asketischen
Lebensführung. Die herrschaftlichen Fahrten im Hippodrom zeigen,
daß es eine freiwillige Selbstbeschränkung ist. - άνέβην έπί το
ζεύγος: Das „Gespann" schließt den Wagen mit ein; in 7 sind nur die
beiden Zugtiere gemeint, ζεύγος als Zeichen des Wohlstandes Dion
10,15. - περιήλθον έν τω ίπποδρόμφ: Luzzattos Argumentation
zugunsten eines römischen Villenaufenthaltes (24f.) ist nicht
zwingend. Ob es sich bei dem Hippodrom um eine private oder eine
öffentliche Einrichtung oder um ein Element der Fiktionalität
250 Kommentar

handelt, bleibt eine offene Frage; vgl. Dion 20,10; 47,17. - πολλούς
τινας κύκλους: Das Indefinitpronomen mit steigernder Wirkung
(,ziemlich viele'). Vgl. 132 (unten S. 284). Die Übersetzung „etliche"
lehnt sich an den kolloquialen Sprachgebrauch im Deutschen an
(= ,eine ganze Menge'). - πράως τε και άλύπως: Die wünschens-
werten Bedingungen der Trainingsrunden mit dem Zweigespann
deuten auf die geschwächte Gesundheit des Fahrers. Gleichwohl
unterzieht er sich dieser Übung, weil sie offensichtlich Bestandteil
eines festen Tagesprogramms ist, das es einzuhalten gilt.
7f. και (...) άνεπαυσάμην μικρόν τινα χρόνον: Die Kürze der
Ruhepause wird ebenso wie nachher die Geringfügigkeit der Mahl-
zeit betont. Es handelt sich bei der Ruhepause um die Mittagspause
und bei dem anschließenden Essen um die erste veritable Mahlzeit
des Tages.
9 επειτα άλειψάμενος και λουσάμενος και μικρόν έμφαγών: Das
Homoioteleuton (Isokolon) assoziiert die Gleichförmigkeit der täg-
lichen Wiederholung von Waschen und Salben. - Seit Homer gilt
die Abfolge Waschen (Baden) - Salben - Essen (II. 10,576ff;
Od. 6,96f.). Belege für die spätere Zeit bei Hermann-Blümner (wie
S. 247) 40f. Wie selbstverständlich die Abfolge Waschen - Salben
war, zeigt Plut. Sept. sap. conv. 148B: ... άφικόμεθα προς την ο'ικίαν,
και λούσασθαι μέν ó Θαλής ουκ ήθέλησεν, άληλιμμένοι γαρ ήμεν. Es
handelt sich somit bei Dion um ein ΰστερον πρότερον, das stilistisch
begründet ist und aus dem formalen Trikolon ein inhaltliches Diko-
lon werden läßt (vgl. oben S. 249). Plinius (Ep. 9,36,3) behält die
Reihenfolge bei (ungor, .... lavor), formalisiert' sie aber durch ein
dazwischengeschobenes exerceor. Vor der sportlichen Übung ist das
Salben unanstößig (zur Abhängigkeit der Pliniusstelle von Dion 52
unten S. 251 f.). Den Ausfall eines γυμνασάμενος και (vgl. Xenoph.
Symp. 1,7) im Text des Dion wird man aus stilistischen Gründen
ausschließen dürfen. Zur Mahlzeit am Mittag (άριστον, aber auch
δεΐπνον) vgl. Hermann-Blümner a.O. 128 Anm. 1 und 2. Einen
genauen Zeitpunkt scheint es nicht gegeben zu haben. Im kaiserzeit-
lichen Rom findet das nachmittägliche Essen in der 10. Stunde statt
(4 Uhr [nach Bilfingers Zählung 5 Uhr]; vgl. Martial 4,8,7ff.), wohl
etwas zu spät fur Dions Tageseinteilung.
Dion 52. Rede (H 4) 251

10 ένέτυχον τραγωδίαις τισίν: Vor dem Hintergrund der täglich


sich wiederholenden Wiederkehr des Gleichen wirkt das thematische
Stichwort der „Tragödie" wie ein Paukenschlag. Dramatisches - und,
wie sich zeigen wird, Einzigartiges - kündigt sich an. - εντυγχάνω
für die ,Begegnung' mit und das ,Sich-Einlassen' auf Literatur Plat.
Symp. 177b5; Dionys. Hai. De imit. 2 (II 205,23 Us.-R.); Dion 18,6.
10; ol εντυγχάνοντες (,die Leser') Polyb. 1,3,10; [Longin], De subì.
1,1; ,studieren' Schmid IV 651; vgl. 94. Jebb XIV setzt die Lektüre
zu Recht in den Nachmittagsstunden an („a summer afternoon"),
ebenso Arnim 162; Valgimigli 60. Bowersock 55 verkürzt die
Zeitrelation unzulässig. - Der jüngere Plinius hat Ep. 9,36 aus der
Einleitung von Dion 52,1-10 eine als Brief stilisierte literarische
Darstellung seines Tagesablaufs während des Sommeraufenthalts auf
seinem tuskulanischen Landsitz gemacht. Ep. 9,40 schickt er einen
kurzen Bericht über das Tagesprogramm im Winter nach. Der Adres-
sat ist ein junger Mann, Fuscus Salinator d. J., von dem Plinius Ep.
6,26,1 sagt: ipse studiosus, litteratus, etiam disertus, puer simplici-
tate, comitate invenís, senex gravitate - in der Sprache der antiken
Laudationstopik ein idealer Schüler. Die pädagogisch-protreptische
Absicht der beiden Briefe des 9. Buches (so wie in Ep. 7,9) ist
offensichtlich. Die Darstellung von Ep. 9,36 versteht sich nicht als
Stereotyp eines konventionellen Tagesablaufs der kaiserzeitlichen
römischen Oberschicht (wie Luzzatto2 24f. meint), dann erübrigten
sich nämlich Anfrage des Jüngeren und Antwort des Älteren, sondern
als Unterrichtung des Autors über seine als vorbildlich gedachte
Einteilung des Tages. Das Verhältnis von Verfasser und Adressat ist
ähnlich zu sehen wie das von Vestricius Spurinna zu Plinius, der sich
die Ordnung des Tagesablaufs des Älteren, die auch nicht selbst-
verständlich war, zum Vorbild genommen hatte (Ep. 3,1,1 f.). Die
Übereinstimmungen von Ep. 9,36 mit Dion 52,1-10 gehen so weit,
daß sie kaum zufällig sein dürften. Plinius verbindet römische
Auctoritas (das praktische Vorbild des Spurinna) und das literarische
Exemplum des griechischen Autors. Dions Tagebuchstil der Einlei-
tung wird nachgeahmt, aber zugleich verselbständigt sich, was in der
griechischen Vorlage nur Vorspiel ist, thematisch zum eigentlichen
Gegenstand der literarischen Darstellung und weitet sich entspre-
chend aus. Der Eindruck der festgelegten Gleichförmigkeit wird
252 Kommentar

immer wieder zurückgenommen durch Hinweise auf die Freiheit zu


Alternativen. Auf der anderen Seite werden Nützlichkeitsbegründun-
gen für angebracht gehalten, und das Aufstehen um die erste Stunde,
von Dion als zu früh detailliert begründet, wird von dem römischen
Autor - geflissentlich korrigierend - für keineswegs verfrüht erklärt
(plerumque ... saepe ante, tardius raro). Natürlich handelt es sich bei
Plinius ebenso wie bei Dion im einzelnen um Elemente einer ge-
meinsamen aristokratischen Lebensform, aber die Zusammenstellung
und Abfolge der dispositio diurna versteht sich doch als individuelle
Ausgestaltung von σχολή und otium. Auch wenn übereinstimmende
Formulierungen sich aus der Sache ergeben, wirken sie in der
Summe wie bewußt gewählte Anspielungen auf das literarische
Vorbild: evigilo ... circa horam primam / άναστάς σχεδόν τι περί
πρώτην ώραν, vehiculum ascendo / άνέβην επί το ζεύγος, paulum
redormio, dein ambulo / περιπατήσας άνεπαυσάμην μικρόν τινα
χρόνον, ungor, exerceor, lavor. cenanti mihi ... liber legitur /
άλειψάμενος και λουσάμενος και μικρόν έμφαγών ενέτυχον τραγφδίαις
τισίν. Dion liest selbst, Plinius läßt sich beim Essen vorlesen. Dar-
über und über andere Unterschiede wäre eingehender zu reden. Der
20 Jahre ältere Dion war der berühmteste griechische Redner seiner
Zeit, unterhielt persönliche Beziehungen zu den Kaisern Nerva und
Trajan, und auch Plinius ist ihm spätestens während seiner bithyni-
schen Amtszeit als Legatus Augusti im Range eines Prokonsuls
begegnet (Ep. 10,81), vermutlich aber schon früher in Rom. Es darf
als sicher gelten, daß der gebildete Römer mit den Schriften Dions,
soweit sie publiziert waren, vertraut war. Ep. 7,9 (ebenfalls an Fuscus
gerichtet) zeigt thematisch eine gewisse Ähnlichkeit mit Dion 18.

10-12 σχεδόν δέ ήσαν άκρων ανδρών: Zum Sprachgebrauch von


άκρος Dion 18,10; 20,20. Es ist gleichbedeutend mit των εξαίρετων
Dionys. Hal. De imit. 2 (II 206,1 Us.-R.). - περί την αύτήν ύπό-
θεσιν: Wie stößt man auf drei themengleiche Dramen? Sammlungen
von Tragödien verschiedener Autoren mit demselben Sujet sind für
die Antike nicht bezeugt und eher unwahrscheinlich. Aber die Hypo-
theseis der Tragikerausgaben des Aristophanes (H la) machten auf
die Behandlung des gleichen Gegenstandes unter den drei großen
Tragikern aufmerksam. Dion selbst gibt 10-12 den entsprechenden
Hinweis: σχεδόν δέ ήσαν άκρων άνδρών, Α'ισχύλου και Σοφοκλέους και
Dion 52. Rede (H 4) 253

Εΰριπίόου, πάντων περί την αυτήν ϋπόθεσιν. Dion zeigt sich uns als
Leser, der sich in den Ausgaben der klassischen Autoren auskennt.
Zu den drei Tragikern unten S. 256. Den Umfang seiner Lektüre auf
die Zahl der nachweisbaren Zitate einzugrenzen (Kindstrand), ist ein
Kurzschluß (Seeck wie S. 241, 119). Seiner Vaterstadt stiftet Dion
eine öffentliche Bibliothek; politische Gegner diffamieren die
Stiftung als Denkmal zu Ehren des Stifters und seiner Familie
(Plin. Ep. 10,81,2).
12f. ήν γαρ ή τών Φιλοκτήτου τόξων είτε κλοπή είτε άρπαγή(ν)
δεϊ λέγειν: Weder der zweifache Nominativ κλοπή / αρπαγή (ω,
Emperius, Dindorf, Crosby) noch der doppelte Akkusativ κλοπήν /
άρπαγήν (Morel) können richtig sein, κλοπήν ist nicht mit dem
Artikel ή, αρπαγή nicht mit είτε δει λέγειν zu vereinbaren. Den Kon-
struktionswechsel mit είτε - είτε zu verbinden (Arnim, de Budé), ist
die plausibelste Lösung. Vgl. Aisch. Cho. 1074 (Hinweis Sier). - Die
Frage, was Dion zur Auswahl gerade dieses Tragödienthemas ver-
anlaßt hat (statt des Elektra- oder Ödipusstoffs), bleibt letztlich eine
offene Frage. Doch spricht einiges dafür, daß es ebenso formale wie
inhaltliche Gründe waren. Die Einfachheit der Fabel und die relative
Homogenität ihrer dramatischen Bearbeitung bei den drei Tragikern
waren ideale Voraussetzungen für einen Vergleich. Inhaltlich dürfte
die allgemeine Faszination des Philoktetmythos, wie sie in seiner
Verbreitung auf allen Stufen der antiken Gebrauchskunst zum
Ausdruck kommt und sich in Dions intensiver Beschäftigung mit
dem Philoktet des Euripides in der 59. Rede zeigt, eine Rolle gespielt
haben, nicht zuletzt aber auch der ganz persönliche Bezug des Autors
zum Themenkreis von Verbannung, Krankheit und Intrigen der
eigenen Stadt gegen ihren Wohltäter.

13-15 πλην (... γε): Adversativ (,aber', ,doch', ,indes') und fortfüh-
rend (,aber', ,also', ,nun', ,ferner'), mit oder ohne γε als Satzanfang
bei Dion (29; 8,29; 14,2; 31,20. 53; 33,33. 63; 47,17). Wohl erst
hellenistisch (Polybios; Theokrit 5,84) und kaiserzeitlich (Plut.
Perici. 34,1; Cons. ad Apoll. 33.119D). - αφαιρούμενος γε τών
δπλων ήν Φιλοκτήτης ύπό τοϋ Όδνσσέως και αύτός εις τήν
Τροίαν αναγόμενος: Kopula mit erweitertem Partizip als Prädikati-
vum. Das Partizip bezeichnet in diesen Fällen eine Eigenschaft oder
254 Kommentar

einen Dauerzustand, so 146 υπερβάλλον άπλότητι και εΰγενεία (mit


Ellipse der Kopula, vgl. unten S. 286). An der vorliegenden Stelle
ist es der Zustand Philoktets als Rolle der genannten Dramen. Zur
Geschichte des periphrastischen Sprachgebrauchs G. Björck, HN
ΔΙΔΑΣΚΩΝ, Uppsala 1940, 25ff. Es wäre zu überlegen, ob der vorlie-
gende Fall nicht als eine Variante des von Björck 16 beschriebenen
Sachverhalts (Rollendarstellung, Bildbeschreibung) einzuordnen
ist. - Odysseus wird hier erstmals genannt. Der Artikel meint
den allbekannten Odysseus' oder ,Odysseus, wie ihn jeder kennt'.
Dion verfährt allerdings ziemlich frei mit dem Artikelgebrauch bei
Eigennamen. Bei Personen des Mythos setzt er ihn mit zwei
Ausnahmen (Hektor 87, Herakles 157) immer, auch bei dem nur im
euripideischen Philoktet vorkommenden Aktor (67). Bei den drei
Tragikern steht der Artikel regelgerecht erst ab der Zweiterwähnung
(Ausnahme Euripides 40 und durch den Kontext bedingt 141), bei
Aristophanes auch bei der ersten (und einzigen) Erwähnung (161),
bei Homer dagegen an keiner Stelle (40.112).
15f. tò μέν πλέον άκων: Zum Erfolg von Welckers Konjektur Ικών
und zur Verteidigung der handschriftlichen Überlieferung Beiträge
29 Anm. 71; 114 Anm. 21. - το δέ τι και πειθοϊ αναγκαία: Zur
Junktur vgl. Plat. Soph. 265d7: νΰν αν τω λόγω μετά πειθούς
άναγκαίας έπεχειροΰμεν ποιεΐν όμολογεϊν, dort positiv verstanden:
,zwingend' im Sinne seiner immanenten Logik; anders im Timaios
(48a), wo πειθώ und άνάγκη als kosmogonische Gegensätze
fungieren (Gleiches zu Gleichem, Wiesbaden 1965, 183f.). άνάγκη =
,zwingendes Argument', Hippokr. De morb. IV 34 (VII 548,7 Littré)
u.ö.; άναγκάζειν = ,argumentativ nötigen' Plat. Gorg. 472b4 (vgl.
ferner K. Sier, Die Rede der Diotima, Stuttgart-Leipzig 1997, 64).
Der Nomos wirkt Resp. 7.519e4 πειθοϊ τε και άνάγκη. Zu Πειθώ und
Άναγκαίη als den beiden mächtigsten Schutzgöttern des themi-
stokleischen Athen Herod. 8,111,2. Zur Gleichung Odysseus ~
Themistokles Beiträge 37 mit Anm. 95.
Die Inhaltsangabe trifft auf den aischyleischen Philoktet in vollem
Umfang zu (Einleitung S. 62ff.), auf die Tragödie des Euripides in
modifizierter Form, was das Verhältnis von Zwang und Überredung
betrifft (H 2,266: ... άναγκάζειν εις την ναϋν αυνακολουθεΐν, vgl.
S. 439ff.), auf das Drama des Sophokles überhaupt nicht; denn weder
Dion 52. Rede (H 4) 255

wird dem sophokleischen Philoktet der Bogen im eigentlichen Sinne


gestohlen (außerdem erhält er ihn, ungeachtet seiner fortbestehenden
Weigerung, mit nach Troja zu kommen, ohne Vorbedingungen
zurück), noch wird er selbst zur Fahrt nach Troja gezwungen, son-
dern kommt am Ende aus freien Stücken mit, und alles das geschieht,
ohne daß Odysseus am Ausgang der Dramenhandlung den geringsten
Anteil hätte, vielmehr scheidet er vor dem letzten Akt ziemlich
unehrenhaft aus (Beiträge 24Iff.). Trotzdem ist Dions Formulierung
gleichsam der virtuelle Nenner aller drei Philoktetdramen, weil sie
die gemeinsame Ausgangsbasis beschreibt und mit πειθώ άναγκαία
das zentrale Problem der drei Tragödien begrifflich festlegt. Das
gilt vor allem, wenn man das Verhältnis von Verweigerung und
Überredung zeitlich auf die Dramenhandlung verteilt versteht. Zur
Aufhebung der άναγκαία πειθώ am Ende des sophokleischen Dramas
vgl. 157f.
17-19 βίον - θάρσος - ευκλειαν: Die Trias der Güter, die Philoktet
unter den Bedingungen des Aufenthaltes auf Lemnos seinem Bogen
verdankt, bildet eine Klimax, die von der elementaren Nahrungs-
sicherung über den Lebensmut der Selbstbehauptung des kranken
Krüppels in seiner ausweglosen Lage bis zur Bewahrung seines
heroischen Selbstwertgefuhls reicht; denn der Ruhm, Besitzer des
Heraklesbogens zu sein, kann auch dem aus der menschlichen
Gesellschaft Ausgestoßenen nicht genommen werden. Die drei
Tragödien differieren jeweils spezifisch, inwieweit sie einen Philo-
ktet vorführen, der sich nach dem Verlust des Bogens von diesen drei
Momenten unter Druck setzen läßt: bei Aischylos zur Gänze, bei
Euripides nicht argumentativ, doch ohne sich am Ende der Nötigung
des Odysseus zu entziehen, bei Sophokles überhaupt nicht.
20f. ούκοϋν: Nach klassischem Vorbild (Xenophon) bei Dion belieb-
te Einleitungspartikel eines fortführenden Satzes (,also...', vgl. 27). -
ευωχούμην της θέας: Mit Genetiv wie Plat. Resp. 1.352 b3 (εΰωχοϋ
τοϋ λόγου). Meist mit Akkusativ, auch in übertragener Bedeutung.
Zum weiten Feld der Speisemetaphorik vgl. E. R. Curtius, Europä-
ische Literatur und Lateinisches Mittelalter, Bern 21954, 144ff. Dion
sieht das Erlebnis eines Tragödienagons der drei großen Tragiker
unter dem Bild eines üppigen Mahls (ευωχία). Aischylos wurde das
Wort zugeschrieben, er betrachte seine Tragödien als Portionen von
256 Kommentar

den Festmählern Homers (των Όμηρου μεγάλων δείπνων, Athen.


8.347D). Für Pindar ist Honigseim die angemessene Metapher seiner
Lieder (F. Dornseiff, Pindars Stil, Berlin 1921, 61; J. H. Waszink,
Biene und Honig als Symbole des Dichters und der Dichtung
in der griechisch-römischen Antike, Opladen 1974, 6ff.), und Kalli-
machos verwendet Quellwasser (H. 2,11 Off.) und Tautropfen (Aet. fr.
l,33f. Pf.) als Bilder der spirituellen Nahrung seines Dichtens (Ery-
sichthon, AbhMainz [13] 1987, 39). Shakespeare nennt zu Beginn
von Was ihr wollt Musik „the food of love". - έλογιζόμην προς
έμαυτόν ότι: Nach dem Vorbild der attischen Redner (Andok. 1,52;
Demosth. 20,61.163; 45,48; 48,6; ferner Alexis Fr. 191,1 K.-A.;
Menand. Fr. 333,3 K.-A.).
21-25 Σοφοκλέους: Vor 496-406 (RhM 138 [1995] 97ff. [Kleine
Schriften 196ff.), erste Aufführung 470 (DID D 3 Sn.-K.2, Datierung
60). - Αίσχύλον: 524/3-456/5, erste Aufführung 500/499 (Datierung
76). Gemeinsame Auffuhrungen von Aischylos und Sophokles sind
bezeugt durch DID C 6 Sn.-K.2 (465/460, Datierung 74) und -
irrtümlich - für 468 (Datierung 70ff.). - Εύριπίδην: Um 480-406,
erste Aufführung 455 (DID C 9 Sn.-K.2). Gemeinsame Aufführungen
von Sophokles und Euripides sind bezeugt für Ol. 83 (447-444, TrGF
20 Τ 1), 438 (DID C 11 Sn.-K.2), 431 (H 1 = Arg. Med.). Das über
Aischylos und Euripides Gesagte gilt freilich nur, wenn man die
Wiederaufführungen aischyleischer Dramen nach dem Tod des
Dichters (Vita Aesch. 12) ausklammert. Oder darf man aus Dion
schließen, daß es (zufällig oder absichtlich) keine Wiederauf-
führungen gegeben hat, wenn Sophokles und Euripides sich am
Agon beteiligten? Eine solche Regelung wäre im letzten Drittel des
Jahrhunderts ja durchaus sinnvoll gewesen.
25f. καί αμα ov πολλάκις ίσως: Zu nachgestelltem'ίσως Dion 1,48
(αύθις ποτε 'ίσως); 4,66 (μικρψ δέ ύστερον 'ίσως); 7,117 (και πολλάκις
λεγόμενον 'ίσως) u.ö. - τω αύτω δράματι: Dions Aussage ist nach
allem, was wir wissen, korrekt und setzt eine gute Kenntnis
der Chronologie der attischen Tragödie voraus. Seine vorsichtige
Formulierung οΰ πολλάκις 'ίσως ή ουδέποτε ist nicht nur eine Sache
des Stils, sie demonstriert auch sein Bemühen um wissenschaftliche
Redlichkeit. Die Einzigartigkeit des Erlebnisses von Dions Tragiker-
agon ist dem Leser hinreichend klar gemacht und gleichsam
Dion 52. Rede (H 4) 257

wissenschaftlich dokumentiert. Er nimmt daran in der Weise eines


erinnernden und reflektierenden Berichtes teil.
27 τρυφάν: Vom schwelgerischen Genuß des Zuschauers Plut. Luc.
2,9 σχολάζοντος γαρ είναι ταύτα θεατοΰ και τρυφώντος. Im weiteren
Sinne gehört es zum Bereich der Speisemetaphern (vgl. zu 20). - της
ασθενείας παραμυθίαν καινήν: Dichtung als medicina mentis (und
darum geht es hier, nicht um Heilung einer Krankheit, sondern um
Aufmunterung in der Trübsal einer dauerhaft geschwächten Gesund-
heit) ist ein alter und zeitloser Topos. Das älteste literarische Beispiel
ist Achilleus, der sich in seinem Groll gegen die Griechen vergräbt
und, statt zu kämpfen, abseits in seinem Zelt sitzt (allein Patroklos ist
bei ihm und schweigt). Als einziges Mittel, „sein Herz zu erfreuen",
ist ihm das Lied zur Phorminx geblieben. So trifft ihn die Gesandt-
schaft der Griechen an (II. 9,186ff). Zum Lied als Heilmittel bei
Pindar Dornseiff (wie S. 256) 61. Über der Eingangstür zur Kloster-
bibliothek in St. Gallen steht die Inschrift ΠΑΡΑΜΥΘΙΑ Ψ Υ Χ Η Σ .
„Neu" (~ ,einmalig') bei Dion ist das agonale Arrangement der
Tragikertrilogie.
28 έχορήγονν έμαυτώ πάνυ λαμπρώς: Der χορηγός finanzierte die
Aufführung, die Choregie war eine Angelegenheit der λαμπρόιης
(vgl. die metaphorische Bedeutung des Verbs ,reichlich ausstatten').
Der Name des Choregen wurde in der didaskalischen Eintragung vor
dem des Dichters genannt. Die Autarkie des Lesers läßt den lesenden
Dion zum Choregen und zum Schiedsrichter (29) werden; damit
vereinigt er in sich die beiden angesehensten Funktionen bei einer
Dramenaufführung.
29 ώσπερ δικαστής των πρώτων τραγικών χορών: Die Nennung
der Chöre erklärt sich aus dem Terminus technicus für die Antrag-
stellung und Bewilligung, ein Drama zur Aufführung zu bringen:
χορόν αίτεΐν / διδόναι; zu χορηγεΐν 28. Dies hängt mit der ursprüng-
lich zentralen Bedeutung des tragischen Chores zusammen, ol πρώτοι
χοροί meint den jeweils ersten Chor (von den ersten tragischen
Chören im Verlauf des 5. Jhs.). - δικαστής: Zum Kollegium der
zehn Richter (κριταί), von denen aber nur fünf Stimmen gewertet
wurden, vgl. Datierung 71 f. - όμόσας γε: Es läge nahe, die Partikel
(,wirklich') inhaltlich mit dem Partizip zu verbinden, doch scheint es
sich wie 13f. (πλην άφαιρούμενός γε) um die formelhafte Verbindung
258 Kommentar

πλην ... γε zu handeln. Zur Eidesformel der Schiedsrichter bei den


dramatischen Agonen vgl. Pherekrates Fr. 102 K.-A.; Aristoph. Eccl.
1160. Der Bezug von όμόσας zu δικαστής ist von Crosby und Elliger
verkannt. - Die Präferenzen für die drei Tragiker im erhaltenen Werk
des Dion verteilen sich wie folgt: Euripides ist der bei weitem am
häufigsten genannte und zitierte Tragiker. Sophokles wird außerhalb
von Or. 52 in 7,102 und 66,6 zusammen mit Euripides erwähnt; 60,1
behandelt eine Szene der Trachinierinnen. Aischylos kommt nur in
der 52. Rede vor.
30f. ου γε ενεκεν: Zu limitativem γε beim Relativpronomen Denni-
ston 141 f. - ουδείς: „valet h.l. idem atque τις" (Reiske II 267).
Die Konjekturen von Pflugk und Arnim heben die Hypotaxe des
überlieferten Textes auf, um die Negation zu retten. Doch dessen
bedarf es nicht. Es liegt der Fall eines ,pleonastisch' negierten
abhängigen Aussagesatzes nach einem Verb des Bestreitens, Bezwei-
feins, Leugnens vor (Kühner-Gerth II 209f.). ου ενεκα wird hier
analog wie ότι / ώς behandelt. - (ονδείς) αν ήττήθη των ανδρών
έκείνων: Das ist das Ergebnis des Agons, dessen Richter der Autor
ist. Was folgt, die Synkrisis der drei Philoktetdramen, ist gleichsam
sein Rechenschaftsbericht oder die Begründung des Urteils. Damit
ist die Gleichwertigkeit der drei Tragiker in diesem Agon die Ziel-
vorgabe des folgenden Vergleichs. Was hier für die dramatische
Behandlung des Philoktetmythos begründet wird, strahlt freilich auf
das Gesamtwerk der Dichter aus, und es wird eine Haltung deutlich,
die die vorrangige Aufgabe des Interpreten im Verstehen, nicht in der
Kritik von Dichtung sieht. Bei Aischylos ist es evident, weil Dion
sich mit den Kritikern des Dichters auseinandersetzt. Aber es gilt
auch fur Euripides, von dem er 18,7 einräumt: του μέν τραγικοί;
άναοτήματος και άξιώματος τυχόν ουκ αν τελέως εφικνοΐτο. Vgl.
Quint. Inst. or. 10,1,67, der sich auf die Diskussion, ob Sophokles
oder Euripides der bessere Dichter sei, nicht einlassen möchte.
31f. ή τε γαρ toi) Α'ισχύλου μεγαλοφροσύνη καί t ò άρχαΐον:
Aischylos ist der am ehesten Gefährdete, wenn es darum geht, einen
der drei Tragiker gegenüber den anderen unterliegen zu lassen.
Deshalb schließt das positive Urteil über ihn begründend (γάρ)
unmittelbar an das vorweggenommene Endergebnis an. Angriffs-
punkte sind die Einfachheit und das Alter des Aischylos im Sinne des
Dion 52. Rede (H 4) 259

Veralteten, von der Entwicklung der Tragödie Überholten (Quint.


Inst. or. 10,1, 66). Doch davon will Dion nichts wissen. Dionysios
von Halikarnaß hatte die Kategorie des Archaisch-Einfachen bei
Aischylos ignoriert (De imit. 2). Wo andere ,Einfachheit' sehen,
erkennt er .Vielfältigkeit' (II 206,7f. Us.-R.). Die Aischylosvita
bietet, wie Horaz gegenüber Lucilius Sat. 10,64ff., eine Apologie, die
indirekt die Schwächen des ,Alten' und ,Einfachen' bestätigt (16).
Dion dagegen ist um einen positiven Zugang zur Einfachheit
des Archaischen bemüht. Ausgehend von der traditionellen Würdi-
gung der aischyleischen Verbindung von Altertümlichkeit und
,hohem Sinn' (Dionysios; Quintilian; Vita Aesch. 5), sieht Dion das
Eigentümliche beim ältesten der drei Tragiker nicht in einer entwick-
lungsbedingten Unvollkommenheit, die gleichwohl zu ihrer Zeit eine
große Leistung war (Quintilian; Vita 16), sondern in einem anderen
Menschenbild. - τε als satzverbindende Partikel, im Attischen
vor allem von Thukydides verwendet, wuchert bei den Attizisten
(Schmid I 179); vgl. 89. 115. 130. 143. 144. 145. 158. Doch wie
89 läßt sich τε auch mit nachfolgendem καί verbinden, und wegen
γάρ ist (trotz der Parallelen Denniston 536) dieser Verbindung der
Vorzug zu geben. - ετι δέ t ò αϋθαδες της διανοίας και φράσεως:
Die ,Eigenwilligkeit' löst das Phänomen des Archaischen bei
Aischylos aus dem relativierenden Zusammenhang des historischen
Vergleichs, versteht es typologisch und billigt ihm seine eigene
Norm zu, an der es zu messen ist. Die konstatierte Einheit von
Denken und Reden macht deutlich, daß es ebenso um die Sprache
des Dichters wie um den Charakter seiner Dramenpersonen geht.
Die ihnen attestierte Eigengesetzlichkeit schwebt nicht in der Luft,
sondern hat ihren legitimen Ort: Sie ist in eigentümlicher Weise der
Tragödie angemessen und passender Ausdruck ihres heroischen
Menschenbildes. Dion steht damit freilich nicht allein, wie man
aus der Vita Aesch. 5 wiedergegebenen Beurteilung schließen darf.
Dort wird das Archaische wie bei Dion mit dem ήρωικόν verbunden,
und auch die Opposition zu Euripides findet sich, ohne daß dessen
Name genannt würde, angedeutet, wenn es von Aischylos heißt:
το δέ πανοϋργον κομψοπρεπές τε καί γνωμολογικόν άλλότριον της
τραγωδίας ήγούμενος. Letzten Endes führt diese Sicht zum Agon der
aristophanischen Frösche zurück, αυθάδης als poetischer Terminus
260 Kommentar

Dion 12,66 (των ποιητών τέχνη μάλα αυθάδης και άνεπίληπτος); vgl.
auch 36,42. Zur Charakterisierung des Aischylos begegnet er bereits
bei Aristophanes. Im Munde des Euripides (Ran. 837 αύθαδόστομον)
und Dionysos (Ran. 1020 μηδ' αύθάδως σεμνυνόμενος χαλέπαινε) ist
er kritisch gemeint. Der Chor dagegen bewundert Aischylos als „den
bakchischen König" (V. 1257ff.). Was Dion mit αυθάδης bezeichnet,
umschreibt Dionysios mit πολλαχοϋ δέ καί αυτός δημιουργός και
ποιητής ιδίων όνομάτων καί πραγμάτων (De imit. 2 [206,5ff. Us.-R.]).
32-34 πρέποντα έφαίνετο τραγωδία καί τοίς παλαιοίς ηθεσι των
ηρώων ούδέν (εχουσιν) έπιβεβουλευμένον ούδέ στωμύλον ουδέ
ταπεινόν: Mit der Verbindung von Einfachheit, hohem Sinn und
Eigenwilligkeit erscheint Aischylos unter den drei Tragikern als
derjenige, der die Idee der Tragödie am reinsten realisiert. Die drei
Negativeigenschaften als eine Beschreibung der aischyleischen
Tragödiencharaktere e contrario bilden eine fallende Reihe mit der
fur Dion charakteristischen Verschränkung von Trikolon und
Dikolon: Das erste Kolon wiegt quantitativ und inhaltlich die beiden
folgenden auf, die sich durch das anaphorische ούδέ - ούδέ zu einer
Einheit zusammenschließen, ούδέν εχουσιν έπιβεβουλευμένον trägt
das ganze moralische Gewicht der Aussage und legt Geschwätzigkeit
und Niedrigkeit der Gesinnung gemeinsam auf die dahinterstehende
Betrugsabsicht fest, ταπεινόν bezeichnet in der aristotelischen Poetik
die Vulgarität der Sprache, die mit der Natur der Tragödie nicht zu
vereinbaren ist (22.1458al8. 20. 32). - Hermanns Ergänzung 'έχοντα
(von H. J. Mette, Die Fragmente der Tragödien des Aischylos, Berlin
1959, 145 und Radt 353 übernommen) bezieht die Prädikationen des
Hinterhältigen, Geschwätzigen und Niedrigen auf die vorhergehende
Reihe μεγαλοφροσύνη, το άρχαιον, το αΰθαδες. Das erscheint wenig
sinnvoll, da es sich bei diesen zum einen um positive Begriffe han-
delt, die nicht der Versicherung bedürfen, nichts Negatives zu enthal-
ten; zum anderen beziehen sie sich zunächst einmal auf die poetische
Verfahrensweise des Aischylos, dann erst auf seine Dramenpersonen.
Diese Identitätsbeziehung führt im Folgenden zur Charakterisierung
der παλαιά ηθη des Heroenzeitalters durch Abwesenheit der genann-
ten Untugenden. Sier möchte aus Gründen der stilistischen Sym-
metrie εχόντων ergänzen; doch auch 143 werden die qualifizierenden
Attribute sinnvollerweise den ήθη der Dramenpersonen zugeordnet.
Dion 52. Rede (H 4) 261

Capps Emendationsvorschlag reißt die beiden Dative τραγωδία und


τοις παλαιοϊς ^θεσι auseinander.
34f. έπεί τοι καί τον 'Οδυσσέα εισήγε δριμύν και δόλιον: Zum
Beweis des Gesagten taugt keine Rolle besser als die des Odysseus
im Philoktet des Aischylos. Gerade die moralische Ambivalenz sei-
nes Tuns macht die Andersartigkeit gegenüber den Schurkenrollen
der jüngeren Intrigendramen deutlich. Der aischyleische Odysseus,
das dürfen wir Dion entnehmen, bleibt bei aller auf Durchsetzung des
eigenen Interesses gerichteten Schlauheit (δριμύς) und einem den
anderen überlistenden Einfallsreichtum (δόλιος) eben doch ein
Heros, so wie die δολόμητις άπάτη θεού (Pers. 93) der Gottheit nichts
von ihrer Göttlichkeit nimmt. Die beste Erläuterung zu diesem Odys-
seusbild sind Athenes Worte Od. 13,291-295: κερδαλέος κ' ε'ίη καί
επίκλοπος, δς σε παρέλθοι/έν πάντεσσι δόλοισι, καί εί θεός άντιάαειε. /
σχέτλιε, ποικιλομήτα, δόλων αατ\ ούκ αρ' εμελλες, /ovó' εν ση περ έών
γαίτι, λήξειν άπατάων / μύθων τε κλοπίων, ο'ί τοι πεδόθεν φίλοι είσίν.
δριμύς nennt der Silen Odysseus im euripideischen Kyklops (οίδ'
ίίνδρα, κρόταλον δριμύ, Σισύφου γένος, V. 104), vermutlich eine
Anspielung auf den Philoktet des Euripides (F 24). Die Konnotation
des moralisch Suspekten (Plat. Theaet. 173a δριμύς von der
Schlauheit des Sklaven) hebt Dion durch den folgenden Zusatz auf.
Sie entspricht im übrigen nicht Dions sonstigem Sprachgebrauch.
Vgl. zu 131. In übertragener Bedeutung, auf die Verstandesschärfe
bezogen, gebraucht er δριμύς immer positiv (20,18; 33,1; 44,10).

35f. ώς έν τοις τότε, πολύ δέ απέχοντα της νυν κακοηθείας: Der


aischyleische Odysseus zeigt auch als δριμύς καί δόλιος weder eine
niedrige Gesinnung, noch ist er ein Schurke. - Zur Gegenüberstel-
lung von τότε - νυν oben S. 241.
37 παρά τους νυν άπλοϋς είναι βουλομένους: Das ,Einfache' ist
ein Synonym des ,Archaischen' (31f.). Gemeint sind die zeitgenössi-
schen Archaisten. Vgl. den Gegensatz τω οντι άρχαΐον (36) sowie die
Charakterisierung des Aischylos durch Zusammenstellungen wie τό
άρχαΐον und τό αύθαδες (31f.), τό αϋθαόες καί απλούν (130f.), τραγι-
κώτερον και άπλούστερον (56). Zum ,Einfachen' bei Aischylos Vita
Aesch. 16. Zur Ambivalenz der Kategorie des Einfachen im Bezug
auf Handlungsstruktur und Mythos vgl. Aristot. Poet. 13.1452b30ff;
262 Kommentar

1453al2f. - μεγαλόφρονα: Die Variante in U2 (= γ, vgl. oben


S. 127f.) bietet den authentischen Text. Das μεγαλόφρονας der übri-
gen Hss. erklärt sich dagegen als Angleichung an das vorhergehende
βουλομένους. και μεγαλόφρονα schließt sich an τω οντι άρχαΐον (36)
an und nimmt ή μεγαλοφροσύνη και το άρχαΐον aus 31f. wieder auf.
Das dort über den Dichter Gesagte wird hier auf Charakter und
Verhalten seines Odysseus übertragen. Die gleiche Identifikation von
Dichter und Dramenperson findet sich bei der Beschreibung der euri-
pideischen Philoktettragödie und der Rolle des Odysseus (108-121).
Was die kaiserzeitlichen Archaisten betrifft, so gilt: ,Einfachheit'
kann man nachzuahmen versuchen,,hochgesinnt' ist man.
38: Zur Verwandlung des Odysseus „an Gestalt und Stimme" durch
Athene Ρ 6,10-14 (Dion 59,3). - καί (...) γε: Zum attischen Gebrauch
der Hervorhebung des eingeschlossenen Wortes Denniston 157f. -
προσεδεήθη: Gegenüber dem Simplex (vgl. 50) mit intensivierter
Bedeutung (,wirklich benötigen'), vgl. Xen. An. 6,1,24; Cyrup. 1,3,
17; Hell. 7,4,35. Daneben gibt es bei Dion wie im Attischen die Be-
tonung auf der Präposition (7,76; 35,1; 44,2), aber auch synonymen
Gebrauch mit dem Simplex (12,69).
40 καθάπερ "Ομηρος: Vorbild für die Verwandlung des Odysseus
im Philoktet des Euripides ist Od. 13,397-403. 429-438 bzw., wie aus
112-115 hervorgeht, die Bücher 14, 16 (172-176. 454-459) und 19
der Odyssee. - Ευριπίδης: Das έποίησεν der γ-Klasse geht auf den
Wunsch nach Verdeutlichung zurück. Dion verwendet den Indikativ
der Nebentempora nur in Verbindung mit Aischylos, bei Euripides
und Sophokles dagegen Präsens und mit Vorliebe Perfekt (vgl. unten
S. 273 zu 88).
41f. τις (...) των ov φιλούντων τον άνδρα: Eine etwas maliziöse
Formulierung für die Beurteilung des Aischylos, wie sie Quintilian,
Inst. or. 10,1,66, wiedergibt: tragoedias primus in lucem Aeschylus
protulit, sublimis et gravis et grandilocus saepe usque ad Vitium,
sed rudis in plerisque et incompositus. Vgl. auch die Kritik des Ps.-
Longin, De subì. 3,1, an Fr. 281 R. - ούδέν αύτφ έμέλησεν δπως
πιθανός εσται ό 'Οδυσσεύς: Der Vorwurf gegen die Dramaturgie
des Aischylos ist ein doppelter: Zum einen verstößt sie gegen die
Wahrscheinlichkeit und innere Stimmigkeit. Darüber hinaus aber läßt
Dion 52. Rede (H 4) 263

sie eine allgemeine Unbekümmertheit und einen Mangel an Sorgfalt


erkennen, πιθανόν und εικός sind auch Beurteilungskriterien der
aristotelischen Poetik. Doch weiß Aristoteles um die Paradoxie des
Glaubwürdigen; das eigentlich Unmögliche kann glaubwürdiger sein
als die Wirklichkeit (24.1460a26f.; 25.1461bl lf.), und es entspricht
der Wahrscheinlichkeit, daß manches gegen sie geschieht (18.1456a
24f.: εικός γαρ γίνεσθαι πολλά και παρά τό εικός). Zu Euripides
vgl. 90. 125. Dion unternimmt im Folgenden eine psychologische
Rettung der Stimmigkeit (43-47).
42f. ού γιγνωσκόμενος: συγγιγνωσκόμενος in α und M, durch Ditto-
graphie von ού entstanden, zeigt die Nähe der ersten und zweiten
Handschriftenklasse. Vgl. Einleitung S. 130 (mit S. 128 Anm. 13.14).
43 εχοι δ' αν «πολογίαν: Aristot. Rhet. 1,12.1372a31 ; Zenon SVF
I 230 (= SVF III 494). Vgl. 58.
45 μή άνενεγκεϊν τον χαρακτήρα: άνενεγκεϊν ,in Erinnerung rufen'
(Isokr. 5,32: ήν άνενέγκης αυτών τάς πράξεις), χαρακτήρα hier die
,Prägung' als Erscheinungsform des Gesichts, aber auch der ganzen
Gestalt eines Menschen.
45f. δέκα έτών διαγεγονότων: Im Zusammenhang mit der Rück-
holung Philoktets von Lemnos ist dies die einzige Stelle, die eine
genaue Jahreszahl für die Dauer der Aussetzung angibt. Sie dürfte
auf einer Angabe im Text des Aischylos beruhen. Natürlich ist es die
Dauer des Trojanischen Kriegs. Nach II. 2,295 fallen die Ereignisse
unserer Ilias ins neunte Kriegsjahr, die Eroberung der Stadt erwartet
man nach dem Sperlingsorakel in Aulis bei der Ausfahrt der Flotte
im zehnten Jahr (II. 2,326-329), und so ist es nach den Anfangs-
worten der Parodos des Agamemnon auch geschehen (δέκατον μεν
'έτος τόδ' έπεί κτλ., V. 40). Die Ereignisse der Kleinen Ilias, die
unmittelbar bis an die Eroberung Trojas heranführen und zu denen
auch die Rückholung Philoktets gehört, fallen somit ins zehnte
Kriegsjahr. - Da der Archetypus διαγεγονότων schrieb und dazu
keine Variante verzeichnete, muß ετών die zugehörige Lesart des
Textus receptus gewesen sein, wie sie die dritte Handschriftenklasse
überliefert. Der Archetypus las aber vermutlich έτη und verzeichnete
dazu die Variante ετών. ετη erklärt sich in der Verbindung mit
dem vorausgehenden δέκα als voreilig assoziierter Akkusativ der
264 Kommentar

Zeitdauer. Emperius und Arnim liebäugeln mit der Angleichung des


Partizips an ετη, bleiben aber im Text dann doch beim Genetiv.
47 ούκ αδύνατον τούτο έποίει: Im allgemeinen darf das .Mögliche'
auch als das glaubwürdige' gelten. Daß es (nicht nur im wirklichen
Leben) auch anders sein kann, sagt Aristoteles in der Poetik (oben
zu 41f.).
49-69: Der zweite Punkt der Aischylos-Kritik betrifft das Auftreten
des Chores und sein Verhältnis zu Philoktet. Hier bietet sich ein
Vergleich beider Dramen an, weil der Chor jeweils aus Bewohnern
der Insel Lemnos besteht. Der Vorwurf lautet, Aischylos lasse es im
Unterschied zu Euripides an einer Motivation für das Kommen des
Chores fehlen. Zum Auftritt des Chores bei Euripides unten S. 340f.
(zu Ρ 9). Dions Verteidigung des Aischylos sucht aufzuzeigen, daß er
bei seiner Art zu dichten der akribischen Motivierungen des euripi-
deischen Dramas nicht bedurfte. Das „einfach" (απλώς) Geschehene
ist das Selbstverständliche, d.h. indem es so geschieht oder als
geschehen vorausgesetzt wird, trägt es seine Berechtigung in sich
selbst. Das Einfache ist das Unbedingte und damit für Dion das
der Tragödie Angemessenere (τραγικώτερον), er könnte auch sagen
das Heroischere (vgl. 32f.). Er verdeutlicht das Gemeinte durch die
beiden Gegenbegriffe des „Bürgerlichen" und „Erfahrungsgemäßen"
(πολιτικώτερον και άκριβέστερον), womit er die dramaturgische Ver-
fahrensweise des Euripides charakterisiert (56f.). Als Beleg für einen
der Gattungskonvention der Tragödie eigenen Verstoß gegen Realität
und Erfahrung (άλογία) nennt er die Verkürzung der Bühnenzeit
gegenüber der erzählten Zeit von außerszenischen Vorgängen (59f.).
Was den besonderen Fall des aischyleischen Philoktet angeht,
so sieht Dion in der Handlungskonstellation eines zehn Jahre auf
sich selbst gestellten, so gut wie bewegungsunfähigen Krüppels,
der gleichwohl ohne jede fremde Hilfe überlebt, einen solchen
Widerspruch zur Realität. Ein erneuter Vergleich mit dem Realisten
Euripides schließt sich an: Obgleich dessen Philoktet sich gesund-
heitlich in einem sehr viel besseren Zustand befindet als der des
Aischylos (66), wird ihm ein hilfreicher Freund an die Seite gestellt
(61-69), womit Dions Einwand bestätigt und zugleich behoben wird.
Das 61-67 Gesagte ist möglicherweise von den nicht eingehaltenen
Versprechungen angeregt, die Odysseus im euripideischen Drama
Dion 52. Rede (H 4) 265

Philoktet gemacht hatte, um den Kranken zur Überfahrt nach Lemnos


zu bewegen (Beiträge 84ff.). Die hier von Dion angesprochene
άλογία gilt nicht nur für Aischylos, sondern weitgehend auch für
Sophokles, dessen flüchtige Besucher des menschenleeren Lemnos
(Phil. 307-309) kein Ersatz für die Rolle des euripideischen Aktor
sind.
49f. και μην: Zur Einführung eines neuen Argumentes oder Diskus-
sionspunktes (vgl. 75), ein eindeutiger Attizismus (ζ. B. Aristoph.
Ran. 1198; Denniston 351f.). - παραιτήσεως (...) ούδέν έδεήθη:
Außer im Titel von Or. 49 (und dort in anderer Bedeutung) begegnet
das Substantiv bei Dion nur hier. In der Bedeutung ,Entschuldigung',
,Bitte um Entschuldigung' ist das Wort wohl erst hellenistisch
(Polyb. 16, 17,8; 39,1,5).
50f. έκ τών Αημνίων: Vgl. έκ των έπιχωρίων (141). Die von Radt
erwogene Tilgung des Artikels ist unbegründet und findet auch in
μηδένα Λημνίων (61f.) keine Stütze. Der Gebrauch des Artikels bei
Völkernamen ist semantisch neutral und daher arbiträr. Er scheint
sich nach stilistischen und satzrhythmischen Gesichtspunkten zu
richten (z.B. 59,1 σοφωτάτου τών Ελλήνων, 59,2 ό γαρ δή μαντικώ-
τατος Φρυγών, 59,4 παρά τών Φρυγών).
52 εύθυς άπολογουμένους πεποίηκε: Die Formulierung (εΰθύς)
verweist auf die euripideische Parodos. Es kann sich nur um eine
Aussage des ersten Chorliedes handeln. - Der Acc. plur. bezieht sich
sinngemäß auf das Kollektiv τον χορόν (51).
53f. ότι δή: „weil ja bekanntlich" (Kühner-Gerth II 131; Denniston
234), hier: „weil (sie) nun mal". Vgl. Dion 4,93; 6,58; 40,33. - οΰτε
προσέλθοιεν (...) οΰτε βοηθήσειαν: Der Optativus obliquus nach
einem Haupttempus (άπολογουμένους πεποίηκε, 52) erklärt sich als
syntax-unabhängiges Versatzstück im attizistischen Optativgebrauch.
Die Zahl solcher Fälle bei Dion ist relativ gering. B. Jaekel, De opta-
tivi apud Dionem Chrysostomum et Philostratos usu, Diss. Breslau
1913, 25, zählt insgesamt 6 Beispiele (davon 11,8 wohl zumindest
strittig; irrtümlich rechnet er 52,53f. zum Optativus obliquus nach
Praeteritum, 24). „Elegantem tantum Atticorum scriptorum stilum
im itatos esse statuo" (26). Ungeachtet der Sprachwidrigkeit spricht
gegen eine vollkommene Beliebigkeit dieses Hyperattizismus im
266 Kommentar

Optativgebrauch des Dion eine Gemeinsamkeit aller einschlägigen


Stellen: Es sind Aussagen der Vergangenheit über Vergangenes
(Mythologie, Dichtung, die Meinung der alten Philosophen). Dion
11,20 lese ich είρήκει (ε'ίρηκεν ω, edd.).
54f. ό δ' Αισχύλος απλώς εισήγαγε τον χορόν: Zur nicht ausge-
sprochenen Begründung des Auftritts des Chores bei Aischylos
O. Taplin, The Stagecraft of Aeschylus, Oxford 1977, 70; ein
komplizierterer Fall Cho. 23ff. (Sier 13 Anm. 12).
55f. δ τω παντί τραγικώτερον και άπλούστερον: Die Emendation
des überlieferten αΰτώ πάνυ von Emperius ist evident, τω παντί +
Komparativ oder komparativisches Verb (,in jeder Hinsicht') ist eine
bei Dion besonders beliebte Phrasierung (ö τω παντί βέλτιον 31,120;
insgesamt 44mal [ThLG]), die weder Piaton noch einer der Redner
des 4. Jhs. verwendet. Eindeutiges Vorbild ist Xenophon (Hell. 2,3,
23; insgesamt lOmal; vgl. Dion 18,14ff.), danach wohl auch Polyb.
7,7,8. Während Plutarch die Junktur meidet, findet sie sich bei
Ps.-Longin De sublimitate in einer proportional vergleichbaren
Häufigkeit wie bei Dion (2,1; insgesamt 4mal), aber schon Dionysios
verwendet sie (Ant. Rom. 6,52,3 u.ö.). - Zum Begriff des ,Einfachen'
im Zusammenhang mit Aischylos (31f. 37. 131) vgl. die Kontroverse
Vita Aesch. 16. Die Zurückweisung der größeren Einfachheit des
Aischylos (Dionys. De imit. 2 [II 206,6-8 Us.-R.]) trifft nicht die
Interpretation des Dion, der die mögliche negative Konnotation des
Begriffs durch das vorangehende τραγικώτερον aufhebt. Rationale
Begründungen trivialisieren das Tragische. Zum Verhältnis des
,Einfachen' zum ,Tragischen' oben S. 264.
56f. πολιτικώτερον και άκριβέστερον: πολιτικός zur Charakterisie-
rung der Dichtkunst des Euripides 93. Das Wort bedeutet in diesem
Zusammenhang nicht politisch', sondern bürgerlich', realistisch'
(LSJ s.v. V) und ist als literaturkritischer Terminus gleichbedeutend
mit βιωτικός (,lebensnah', realistisch'). 126f. wird der Begriff auf
die Sprechpartien des euripideischen Dramas bezogen: (τα ίαμβεια)
σαφώς και κατά φύσιν καΐ πολιτικώς έχοντα. Dionysios (De imit. 2 [II
206,11 Us.-R.]) meint das gleiche und bezeichnet es mit άληθές και
προσεχές τω βίω τω νϋν. πολιτικός bezeichnet die Erfahrungswelt der
bürgerlichen Wirklichkeit, άκριβής die sachlogische Stimmigkeit von
Handlungsführung und Reden.
Dion 52. Rede (H 4) 267

58f. άλογίας: Zur Wortgeschichte unten S. 362. Zu den άλογίαι


der antiken Tragödienkonvention oben S. 264f. Zum αλογον in der
Tragödie Aristot. Poet. 15.1454b6f. (αλογον δέ μηδέν είναι εν τοις
πράγμασιν, εί δέ μή, 'έξω της τραγωδίας). - αν είχε λόγον: Vgl. 43
(εχοι δ' αν άπολογίαν). - παραπέμψαι: In der Bedeutung über-
gehen', ,unbeachtet lassen' erst hellenistisch nachweisbar (Polyb.
10,5,9; 38,10,5).
61-69: Vgl. Beiträge 85f. (mit Anm. 76) und oben S. 264f.
61-63 επειτα: Setzt Dion damit die Kritik an Aischylos oder seine
Verteidigung fort? („Then, too, there was the apparent inconsistency
in the choice of a Lemnian Chorus, seeing that no effective aid had
been given by the Lemnians to Philoctetes during the ten long years",
Atkins 332f.) Doch es sieht eher so aus, als sei Dion der Meinung,
daß es überhaupt keiner besonderen Begründung für das Kommen
des Chores bedurfte, weil dieser Philoktet ohnehin von Zeit zu Zeit
aufzusuchen pflegte; andernfalls hätte der kaum bewegungsfähige
Kranke, als der sich Philoktet bei Aischylos darstellte, gar nicht
überleben können. Für die Richtigkeit seiner Vermutung beruft er
sich anschließend auf die Parallele der Einfuhrung des Aktor im
euripideischen Drama (66f.). - έξ άπαντος: ,in jedem Fall', ,unter
allen Umständen'. Außer zwei Sophoklesstellen (Ant. 312; OC 807)
finden sich keine Belege in der Literatur des 5. und 4. Jhs. Verbrei-
teter Gebrauch in der Kaiserzeit (Plutarch, Ps.-Longin, Epiktet u.a.);
bei Dion insgesamt 13mal (ThLG). - μήτε - μήτε: Emperius. Die
Lesart des Archetypus μηδέ - μηδέ erklärt sich als Angleichung an das
voraufgehende ουδέ. - δοκεί γάρ μοι, ούδ' αν διεγένετο: Reiskes
Emendationsvorschlag διαγενέοθαι (II 269) ist bedenkenswerter, als
man allgemein zu glauben scheint; denn er orientiert sich am
Sprachgebrauch des Dion. Ein mit δοκεΐ μοι beginnender Satz mit
nachfolgendem Infinitiv ist eine dionische Standardformel. Immerhin
gibt es bei Dion ein weiteres Beispiel für parenthetisches δοκεΐ μοι
am Satzanfang mit ähnlicher Strukturierung (δοκεΐ δέ μοι, και...,
32,68). Doch auch die Mehrdeutigkeit des Modus im Falle von αν
διαγενέοθαι spricht zugunsten der Überlieferung. Reiskes Alternativ-
vorschlag δοκεΐν γάρ μοι, schon von ihm selbst als weniger wahr-
scheinlich abgestuft, findet am Satzanfang keine Parallele bei Dion. -
268 Kommentar

εικός: Der Begriff der Wahrscheinlichkeit gehört seit dem 6. Jh.


v. Chr. zum Instrumentarium der literarischen Kritik (Hekataios).
64f. ούδενός μεγάλου: Zur Einebnung des Gebrauchs der Negatio-
nen in der kaiserzeitlichen Gräzität unten 146. Der Wechsel ούδενός/
μηδένα dürfte an der vorliegenden Stelle stilistische Gründe haben.
66-69: Danach gab es in den vergangenen Jahren vor dem Auftritt
der Choreuten keine andere Hilfe als die, die Aktor Philoktet zukom-
men ließ. Dions Angabe ist eindeutig; H 2,252f. wird kein Name
genannt, aber ol έντυγχάνοντες sind „die, die Philoktet aufsuchten"
(Theophr. Char. 1,3; Polyb. 9,42,8). Gemeint sind offensichtlich die
regelmäßigen Besuche des Aktor. Vgl. oben S. 228. Zur Rolle des
Aktor im Drama des Euripides Τ 11-13.
66f. ούτος γούν ό Ευριπίδης: „selbst Euripides", d. h. Euripides, der
doch seinen Philoktet in einen erträglicheren Krankheitszustand
versetzt (Einleitung S. 47). Von Crosby und Elliger mißverstanden,
γουν mit Dominanz des γε limitierend. Es ist ein instruktives
Beispiel dafür, daß Dion beim Leser genauere Kenntnis sowohl
des aischyleischen wie des euripideischen Philoktet voraussetzt
(Einleitung S. 43ff. 66). - τον "Ακτορα: Die umgekehrte Verschrei-
bung wie in U1 ("Εκτορα) findet sich in der Überlieferung von Ovid,
Trist. 1,10,17 {ab Actoris urbe A al.).
70-75: Der nächste Anstoß betrifft Philoktets ausführlichen Bericht
über seine Leidensgeschichte gegenüber dem Chor. Auch hier rettet
Dion die Stimmigkeit der aischyleischen Dramaturgie durch eine
psychologische Erklärung. Zu Aischylos Einleitung S. 5Iff.
70 ού τοίνυν ούδέ έκείνο: τ. ~ ,ferner' (,well then', Denniston 568),
hier: „ein anderer Punkt".
71f. τα (...) τα: „aut ego erravi aut Emperius" (Arnim ad loc.).
Arnims Angabe ist die zutreffende.
72f. oi γαρ δνστυχοΰντες άνθρωποι πολλάκις είώθασι: Zur
Psychologie der Unglücklichen Schol. Eur. Med. 57; Hippol. 177.
672, zur Motivation der Wiederholung Schol. Soph. Ai. 572;
OR 1023.
75-88: Die Kritik an der Glaubwürdigkeit des Erfolgs der Intrige ist
vor dem Hintergrund der aufwendigen Gestaltung des Handlungs-
Dion 52. Rede (H 4) 269

motivs bei Euripides und Sophokles zu sehen. Dions Entgegnung


stützt sich auf drei Argumente: den heroischen Charakter des
aischyleischen Odysseus, der Vertrauenswürdigkeit suggeriere, die
Schwäche des kranken Krüppels und taktische Benachteiligung
des Bogenschützen, schließlich die Plausibilität der Trugrede wegen
ihrer Übereinstimmung mit der tatsächlichen Situation der Griechen
vor Troja.
75 καί μην ή απάτη: Vgl. oben zu 49.
76f. οί λόγοι, δι' ών προσηγάγετο αύτόν, ού μόνον εΰσχημονέ-
στεροι ήρωι πρεπόντως: Der Text ist in zwei Fassungen überliefert,
von denen die eine (εύσχημονέστερον) in α 1 und M vorliegt, die
andere (εύσχημονέστεροι καί) in γ. Keine der beiden Varianten läßt
sich aus der jeweils anderen ableiten, vielmehr stellt jede von ihnen
einen eigenen Versuch dar, eine suspekte Überlieferung zu heilen.
Arnim hat zu Recht εύσχημονέστεροι {και} ηρωι πρέποντες als die
Textfassung hergestellt, die beiden Varianten zugrundeliegt. Doch
die Fassung des Autors war es sicher nicht. Ob es die Lesung des
Archetypus war, steht dahin; möglicherweise wies er bereits beide
Emendationsversuche auf. In der Tat ist die Reihe εύσχημονέστεροι
(...) πρέποντες (...) καί πιθανώτεροι bedenklich, und vermutlich
enthielt das Erscheinungsbild des Textes noch andere Hinweise, die
eine Korrektur nahelegten. Beide Verbesserungsvorschläge scheinen
dabei ein Element des authentischen Textes bewahrt zu haben: γ den
Nominativ εύσχημονέστεροι, α und M die Auslassung von καί und die
Einsicht, daß von den beiden unverbunden nebeneinander stehenden
Adjektiven eines ein Adverb gewesen sein muß. Daß die Wahl auf
das falsche Wort fiel (εύσχημονέστερον), ist dabei von geringerer
Bedeutung. Auslöser der Verwirrung war die Verschreibung von
πρεπόντως zu πρέποντες. - άσχημονέστερον (statt εύσχημονέστερον) in
der Editio Morelliana (550C) lebt fort in der Adnotatio άσχ. BM, die
Arnim aus Emperius übernimmt. UBM haben alle εύσχημονέστερον
Zur Bedeutung von εύσχήμων vgl. Schol. Soph. Ai. 421.

78 Εύρυβάτου ή Παταικίωνος: Der Genetiv wird von der Recensio


(α 1 , M) gestützt. Der Dativ in γ ist nach ηρωι (77) Lectio facilior
und gegenüber dem Genetiv sekundär: Niemand hätte einen Dativ
in einen Genetiv korrigiert. Die Genetive korrespondieren dem vor-
270 Kommentar

hergehenden του 'Οδυσσέως (75). Die Herausgeber vor Arnim folgen


der γ-Überlieferung, ebenso zuletzt wieder Radt 353. Aber auch in-
haltlich verdient der Genetiv den Vorzug. Wenn Odysseus redet,
dann spricht nicht Eurybates oder Pataikion, d. h. der Heros Odysseus
ist als solcher glaubwürdig, auch wenn er lügt, während den Gaunern
Eurybates und Pataikion niemand Glauben schenkte, selbst wenn
sie ausnahmsweise einmal die Wahrheit sagen sollten. Der Ton von
Dions Argumentation liegt auf dem Charakter der Redenden, nicht
auf dem ihrer Reden. Odysseus ist ein Heros, deshalb spricht er wie
ein Heros; Eurybates ist ein Gauner, deshalb spricht er wie ein Gau-
ner. Auf diesem Unterschied beruht die Glaubwürdigkeit des
aischyleischen Odysseus. - Eurybatos (oder -tes) als Name eines
sprichwörtlichen Betrügers begegnet erstmals im Daidalos des Ari-
stophanes (Fr. 198 K.-A.) und im platonischen Protagoras (327d).
Aischines (3,137) nennt ihn einen Zauberer und Scharlatan (μάγος
και γόης) und erwähnt in derselben Rede auch den Pataikion, ohne
daß die Art seiner Schlechtigkeit näher angegeben würde (189).
Bei Plutarch heißt er in einem Apophthegma des Diogenes κλέπτης
(De aud. poet. 2IF); die Parömiographen überliefern das Sprichwort
Παταικίωνος συκοφαντικότερος (Apóstol. 14,13 [CPG II 607]) und
das Verb εύρυβατεύεσθαι (Diogen. 4,76 [CPG I 243]). Zu den unter-
schiedlichen Identifizierungen des sprichwörtlichen Eurybatos (-tes)
vgl. CPG a.O. Stellensammlung bei H. Wankel zu Demosth. 18,24
(Heidelberg 1976, 236f.); Kassel-Austin (PCG III 2,119f.). Die alter-
native Namensform Eurybates leitet sich von der Inkorporierung
des Herolds des Odysseus in das typologische Paradigma des betrü-
gerischen Eurybatos her. Euripides hatte ihn möglicherweise in die
Vorbereitung der Aussetzung des Philoktet auf Lemnos einbezogen
(Beiträge 88 mit Anm. 89; 95 mit Anm. 114; unten S. 377 zu
Τ 16c = Abb. 4). Hermann weist Eurybates eine Rolle als Begleiter
des Odysseus im Philocteta des Accius zu (116).

79-81 τί γάρ (ε)δει ποικίλης τέχνης και έπιβουλής προς άνδρα


νοσούντα: Dion beschreibt damit indirekt die Vorgehensweise des
euripideischen und sophokleischen Odysseus. In der Tat besteht
deren Begründung in der Voraussetzung der Unangreifbarkeit Philo-
ktets, solange er im Besitz des Bogens ist. Das Kunststück der Intrige
ist dabei nicht die Aneignung des Bogens, der beide Male durch
Dion 52. Rede (H 4) 271

günstige Umstände bedingt und nicht durch List oder Gewalt den
Besitzer wechselt, sondern die Art und Weise, wie es Odysseus
gelingt, sich in das Vertrauen Philoktets einzuschleichen und ihn von
seiner Hilfe abhängig zu machen. Bei Aischylos dagegen, das legt
Dions Argumentation nahe, diente der Bogendiebstahl dazu, den
kranken Philoktet, der in der lemnischen Einsamkeit ohne Bogen
nicht überleben konnte, zum Mitkommen zu nötigen, nicht aber, ihn
wehrlos zu machen, was er (so Dion) für den in seiner Nähe sich
aufhaltenden Odysseus mit und ohne Bogen war. Der Heraklesbogen
befindet sich denn zur Zeit des Raubs bei Aischylos auch nicht in den
Händen Philoktets, sondern hängt an einem Baum in der Nähe der
Höhle (Einleitung S. 58ff.). - καί ταύτα τοξότην, ω ε'ί τις μόνον
έγγύς παρέστη, αχρείος ή αλκή αυτού έγεγόνει: Vgl. Dion 58,1. 3.
Zu Aischylos im Unterschied zu den beiden jüngeren Tragikern in
diesem Punkt Einleitung S. 59ff.; unten S. 424f.; Beiträge 218.
81 καί TÒ άπαγγέλλειν δέ: Einleitung des letzten Gliedes einer Rei-
he (ov τοίνυν ουδέ εκείνο ... καί μην ή άπάτη ... καί το άπαγγέλλειν Ôè);
Denniston 202.
82f. καί tòv 'Οδυσσέα έπ' αιτία ώς olóv τε αίσχίστη: „Odysseus
auf der Anklagebank wegen eines Verbrechens, das schlimmer nicht
sein könnte." Die Stelle wird meist mißverstanden, indem man
aus 82 sinngemäß τεθνηκότα ergänzt, so als sei auch Odysseus wie
Agamemnon bereits tot (Morel 550D; Hermann 115; Welcker 187;
Neumann 10; Meitzer 4. 6; Ribbeck 384; Milani 33; Schneidewin-
Nauck 18; Wecklein2 8; Jebb XV; Wilamowitz, Philoktetes 9; Robert
1209; Luzzatto 117 Anm. 52; Russell-Winterbottom 190). Korrekt
dagegen Crosby 346 (wenn auch mit überflüssiger Textergänzung);
Mette, Aischylos2 104; Elliger 639; Calder 175. Die Aufzählung der
συμφοραί der Griechen formt sich zu einem Trikolon, dessen Glieder
eine Klimax des Unglücks ergeben: Agamemnon tot - Odysseus ein
Verräter - das Heer am Ende. Die Reihe verschränkt sich mit einer
zwei-mal-zwei-gliedrigen Struktur der Inhaltsangabe von Odysseus'
Lügenerzählung, die einen formalen Parallelismus mit einem
inhaltlichen Chiasmus verbindet: τάς των 'Αχαιών συμφοράς (Akk. +
Genetivattribut) - τον 'Αγαμέμνονα τεθνηκότα (Akk. + Partizip) : τον
'Οδυσσέα επ' αιτία ώς οΐόν τε αίσχίστη (Akk. + adverbiales Attribut) -
καθόλου το στράτευμα διεφθαρμένον (Akk. + Partizip); Gesamtheer -
272 Kommentar

Einzelschicksal : Einzelschicksal - Gesamtheer. Die Ergänzung von


οντα nach έπ' αιτία (Capps) wäre gegenüber den anderen inhalts-
trächtigen Partizipialattributionen nur ein Füllwort. Bedenkenswert
ist dagegen Siers Vorschlag 'Οδυσσέα (έαλωκότα). Das aufdringliche
Homoioteleuton des Parallelismus και τον 'Αγαμέμνονα τεθνηκότα και
τον 'Οδυσσέα έαλωκότα wäre dann als die rhetorischen Hammer-
schläge des Unglücks, das die Griechen getroffen, in der Trugrede
des Odysseus zu verstehen. Zur Ellipse eines prädikativen Partizips
bei adverbieller Ergänzung llf.: ... Αισχύλου και Σοφοκλέους και
Εύριπίδου, πάντων περί την αυτήν ΰπόθεσιν.
84f. ώστε εύφράναι τον Φιλοκτήτην και προσδέξασθαι μάλλον:
Der Subjektswechsel entspricht dem Wechsel des Aktionsträgers im
Ablauf der Handlungsverknüpfung. Wer will, kann ihn durch die
Ergänzung eines αυτόν hinter μάλλον mildern; ihn zu beseitigen
(wobei Gasdas εΰφραν(θήν)αι Reiskes μάλλον (ποιήσαι) [II 270] vor-
zuziehen wäre), scheint mir bedenklich.
87f. "Εκτωρ: Im O und Π der Ilias dringen Hektor und die Trojaner,
da Achilleus sich dem Kampf verweigert, bis zum Schiffslager der
Griechen vor und werfen Feuer in die Schiffe. Aias verhindert zwar
zunächst noch das Schlimmste, aber es scheint nur eine Frage der
Zeit, bis auch sein Widerstand gebrochen ist. Gegen Dions Verteidi-
gung der Überzeugungskraft der Trugrede ließe sich einwenden, daß
Philoktet über die Lage vor Troja ohnehin nicht informiert und es
daher gleichgültig sei, was der Fremde ihm erzähle. Dieser Einwand
vergißt aber den Chor, und auch für den Eindruck auf den Zuschauer
hat ein möglichst geringer Anteil an Unwahrheit im Rahmen der
Trugrede des Odysseus seine Vorzüge. Doch auch die Wirksamkeit
der Botschaft vom Unglück der Griechen auf Philoktet verteidigt
Dion zu Recht, wenn auch mit dem falschen Argument. Nicht weil
die Botschaft wahr ist, zeigt sich Philoktet beeindruckt, sondern weil
er wieder an die Gerechtigkeit der Götter glauben kann und seine
Feinde bestraft sieht (Einleitung S. 58). - ήλθεν: Die Aussagen über
den aischyleischen Philoktet benutzen Vergangenheitsformen (Aorist
[35. 38. 42. 50. 51. 55. 76. 88], Imperfekt [33. 45. 47. 79], Plusquam-
perfekt [81]), während bei Euripides und Sophokles ausschließlich
Haupttempora (Präsens, Perfekt) Verwendung finden. Aischylos
steht für eine Welt und Weltsicht, die es so nicht mehr gibt (το
Dion 52. Rede (H 4) 273

άρχαΐον), Euripides und Sophokles fur die Gegenwart. - τον ναύ-


σταθμον: Im Attischen Neutrum (Thuk. 3,6,2); das Maskulinum ist
wohl erst hellenistisch (Polyb. 5,19,6), dann aber allgemein üblich.
Es besteht kein Grund zu der Annahme, daß Dion allein die beiden
jüngeren Dramen vor sich gehabt und gelesen, Aischylos dagegen
nur aus der Sekundärliteratur gekannt haben sollte. Die detaillierte
Verteidigung des aischyleischen Philoktet, die eng mit der Lektüre
des Euripides verknüpft ist, setzt eine ähnlich genaue Kenntnis
des Aischylos voraus. Das Aischyloskapitel ist der interpretatorisch
eigenständigste Teil der Synkrisis. Das abschätzige Urteil Mandéis
97 ist unangebracht, verteidigt doch gerade Dion die aischyleische
Ignorierung der Frage, wieso Philoktet Odysseus nicht erkennt,
während auf der anderen Seite sowohl Euripides als auch Sophokles
das Problem sehr ernst genommen und sich einiges zu seiner Lösung
haben einfallen lassen. - Bei aller Bemühung um den Nachweis der
Gleichwertigkeit des aischyleischen Philoktet kann keine Rede davon
sein, daß für Dion Aischylos der eigentliche Sieger des Agons wäre
(Arnim 163; Meitzer 3; Lemarchand 14f.).

Dions Angaben über die Tragödie des Aischylos lassen sich wesent-
liche Informationen über die Dramenhandlung entnehmen: (1)
Der augenblickliche Krankheitszustand Philoktets muß schlimmer
gewesen sein als in den beiden jüngeren Dramen [79-81, Einleitung
S. 42ff.]. (2) Der erste Dialog fand zwischen Philoktet und dem
lemnischen Chor statt [50f. 71]; der Chor gab keine Erklärung
für sein Kommen, er war „einfach" da [55]. Philoktet berichtete
ausführlich über sein bisheriges Schicksal [71f.]. Da der Chor aber
bereits über das Wesentliche unterrichtet war [74f.], muß dies zuvor
in der Parodos zum Ausdruck gebracht worden sein [Einleitung
S. 50f.]. (3) Odysseus reichte es aus, sich als jemand anderen aus-
zugeben, um von Philoktet nicht erkannt zu werden [38f.]. Er gewann
Philoktets Vertrauen, indem er ihm eine Lügengeschichte vom
Unglück der Griechen vor Troja erzählte, worauf er freundlich auf-
genommen wurde [75-85], (4) Nachdem Odysseus den Bogen an sich
gebracht hatte, gelang es ihm nach mehreren vergeblichen Versuchen
am Ende doch, durch seine nötigende Überredung Philoktet zum
Mitkommen nach Troja zu bewegen [12-19].
274 Kommentar

89-129: Das Euripideskapitel steht formal und inhaltlich im Zentrum


der Schrift. Abgesehen von der allgemeinen Feststellung, Euripides
sei der Antipode des Aischylos, verzichtet Dion auf jeden expliziten
Vergleich mit einem der beiden anderen Tragiker, während Euripides
fur diese zum Bezugspunkt wird. Euripides dagegen wird nur zu
Homer in Beziehung gesetzt (112. 123), was auf eine poetologische
Nobilitierung hinausläuft. Das Euripideskapitel ruht, wie es sich für
einen Mittelpunkt gehört, in sich. Entsprechend abgerundet und in
sich geschlossen ist auch der formale Aufbau. Es beginnt mit einer
allgemeinen Aussage über die dramatische Kunst des Dichters und
ihre besonderen Vorzüge (89-95), und es schließt mit eben einem
solchen Abschnitt, auf den konkreten Fall der Philoktettragödie
bezogen (123-129). Dazwischen steht die inhaltliche Behandlung des
Dramas (95-123). Sie konzentriert sich im wesentlichen auf den
Prolog, dies aber in einiger Ausführlichkeit (95-118). Die Beschäfti-
gung mit dem Prolog eröffnet einen Blick auf wichtige Teile des
Ganzen. Es schließen sich kürzere Hinweise zum 3. und 4. Epeisodi-
on an, die aber auch schon im Prolog erwähnt wurden (117-122). Das
5. Epeisodion hat bereits bei der Angabe des gemeinsamen Sujets
aller drei Philoktetdramen Berücksichtigung gefunden (13-19). Der
Abschnitt über Euripides als Dokument hoher Wertschätzung ist der
persönlichste Teil der Schrift. Dion will gerade auch die moralische
Seite bei Euripides gewürdigt sehen (128f. 159Í). Natürlich weiß er
(so gut wie Quintilian), daß es andere Einschätzungen gibt (18,7).
89-95: Die Charakteristik der poetischen Verfahrensweise des Euri-
pides ist nicht auf seine Prologtechnik beschränkt (H. Erbse, Studien
zum Prolog der euripideischen Tragödie, Berlin 1984, 6), auch wenn
sich eine Beschreibung des Philoktet-Prologs unmittelbar anschließt,
sondern bezieht sich auf das gesamte dramatische Werk des Dichters.
89 ή τε τον Εύριπίδου σύνεσις: Zu τε oben S. 259. - Rationalität
und Beherrschung des Metiers sind seit Aristophanes Markenzeichen
des jüngsten der drei Tragiker, σύνεσις gehört zu den persönlichen
Gottheiten, zu denen Euripides betet (Ran. 893). Bei Dion fehlt dem
Begriff die negative Konnotation des moralisch Ambivalenten.
32,101 meint σύνεσις μουσικής den ,musikalischen Sachverstand'.
89-91 καί περί πάντα επιμέλεια, ώστε μήτε άπίθανόν τι καί παρ-
ημελημενον έάσαι μήτε απλώς τοίς πράγμασι χρήσθαι: Nach
Dion 52. Rede (H 4) 275

σύνεσις hat επιμέλεια epexegetische Funktion und beschreibt die


korrekte Umsetzung des vom Sachverstand Geforderten. Verstöße
gegen die Wahrscheinlichkeit und Vernachlässigung von Hand-
lungsmotivationen waren Gegenstand der wichtigsten Vorwürfe
gegen die aischyleische Dramaturgie gewesen, ohne daß Dion sie
billigte oder sie als Manko gelten lassen wollte. Aber den von den
Verächtern des Aischylos beschriebenen Sachverhalt stellt auch
er nicht in Frage und bestätigt ihn erneut, wenn an diesen Punkten
die andere Verfahrensweise des Euripides festgemacht wird. Zum
πιθανόν (εικός) als Maßstab der Literaturkritik vgl. zu 41f. 61ff.,
ferner die Indices zu den Iliasscholien (J. Baar, Baden-Baden 1961)
und zu den Sophoklesscholien (Papageorgiu). Dions Auffassung von
Euripides als dem Meister der dramaturgischen Stimmigkeit (124f.)
war nicht unumstritten (Schol. Andr. 229. 330. 362; Tro. 634. 975).
Daß sein positives Urteil nicht nur für den euripideischen Philoktet,
sondern darüber hinaus auch allgemeine Geltung hatte, zeigt 18,7
ή τε Εύριπίδου προσήνεια και πιθανότης.
92 μετά πάσης έν τω ειπείν δυνάμεως: Für den Euripides der ari-
stophanischen Frösche ist die Zunge der Gott, zu dem der Tragiker
betet (V. 892). Dions Urteil über Euripides als Vorbild des Redners
ergibt sich aus 18,6f. und läßt sich an seinem eigenen Umgang
mit dessen Werk ablesen. Er steht damit nicht allein, wie Quint. Inst,
or. 10,1,67 zeigt (illud quidem nemo non fateatur necesse est, his, qui
se ad agendum comparant, utiliorem longe fore Euripiden, d. h. als
die beiden anderen Tragiker). Vgl. auch Dionys. De imit. 2 (II 206,
17f. Us.-R.).
92-94 ώσπερ αντίστροφος έστι τη του Αισχύλου πο(ιήσει): Für
intakt halten die Überlieferung trotz Reiskes Bedenken (II 271)
Emperius, Dindorf, Crosby. Doch worauf sollen sich die Nominative
άντίστροφος und πολιτικωτάτη και ρητορικωτάτη ούσα και... δυναμένη
beziehen, wenn nicht auf η τε του Εύριπίόου σύνεσις και... επιμέλεια ?
Damit aber verträgt sich nicht die Ellipse τη του Αισχύλου. An
Reiskes Annahme einer Lücke fuhrt also kein Weg vorbei. Sein
Ergänzungsvorschlag άπλότητι (ebenso wie αύθαδεία, Capps bei
Crosby) legt nicht nur die poetische ,Machart' des Aischylos zu
einseitig fest, sie ergibt auch eine Tautologie. Die vorgeschlagene
Ergänzung vermeidet beides, erklärt den Textausfall und ist eine
276 Kommentar

gängige Formulierung (vgl. 133; Aristot. Poet. 22.1458a20: ή Κλεο-


φώντος ποίησις). - Ή φητορική εστίν άντίστροφος τη διαλεκτική,
beginnt das l.Buch der aristotelischen Rhetorik (1,1.1354al). -
(πο)λιτικωτατη καί ρητορικωτάτη ούσα: Auch wenn der Philoktet
des Euripides ein politisches Drama ist, bedeutet πολιτικός an dieser
wie an anderen Stellen in Dion 52 nicht »politisch'; vgl. oben zu 56f.
Ρητορικός bezieht sich auf die rhetorischen Qualitäten des euripi-
deischen Dramas (vgl. 118-121. 125f.). Aristot. Poet. 6.1450b7f. sind
πολιτικώς und φητορικώς Gegensätze: ol μέν γαρ άρχαΐοι π. εποίουν
λέγοντας, ol δε νυν φ. In welchem Sinn Aristoteles hier πολιτικώς
λέγειν verwendet, ist umstritten. Seit längerem neigt man zu einer
politischen oder ethischen Deutung (Bywater u.a.), doch nach wie
vor scheint mir eine Erklärung im Sinne eines Redens und Denkens,
das von der bürgerlichen Lebenserfahrung geprägt ist, näherliegend,
φητορικώς λέγειν ist demgegenüber ein gemachtes', ,von der Rede-
kunst überformtes' Reden. Die Gegenüberstellung von οί μεν άρχαΐοι
und ol δε νυν weist Euripides, zumindest chronologisch, den πολιτι-
κώς λέγοντες zu.
94f. τοίς έντυγχάνουσι πλείστην ώφέλειαν παρασχείν δυναμένη:
Das entspricht Dions Urteil vom Nutzen des Euripides fur den
Redner 18,6f. Vgl. Quint. Inst. or. 10,1,67 (utiliorem longe fore
Euripiden). Die Kategorie des Nutzens hat für Dion nichts
Abwertendes. 17,8 heißt Euripides „keinem der Dichter an Ruhm
nachstehend". Zu ωφέλεια als literaturkritischem Begriff vgl. Horaz,
Ep. 2,1,161-163 (... quid Sophocles et Thespis et Aeschylos utile
ferrent). Die Tragikertrias korrespondiert der Komikertrias Sat. 1,4,1;
die Prosodie des Namens Euripides verweigert sich dem Hexameter,
dafür tritt Thespis ein, eine Übersteigerung des Aischylos. Damit
kommt das Uranfangliche der Tragödie in den Blick, und für
den Klassizisten gerät die prosodische Not augenzwinkernd zur
Tugend. - οί εντυγχάνοντες ,die Lesenden' (vgl. 10), so zu Recht
Valgimigli 64 Anm. 1.
95-107: Nach den allgemeinen Aussagen über die dramaturgischen
Qualitäten des Euripides folgt eine eingehende Inhaltsangabe des
Prologs, die das Herzstück des Euripideskapitels ausmacht. Dion
bezeugt eine Zweiteilung des Prologs in allgemeine politische'
Reflexionen zu Beginn (πρώτον), auf die als zweiter Teil (επειτα) ein
Dion 52. Rede (H 4) 277

detaillierter Bericht über die (weiter zurückliegende) Vorgeschichte


des Dramas und den Anlaß für das Kommen des Odysseus sowie die
näheren Umstände der Handlung folgte (108-118). Die Zweiteilung
des Prologs deckt sich mit der Paraphrase Dion 59,1-4 ( P I , Ρ4,
[F 3*], Ρ 5, [F 4*], Ρ 6, Ρ 8). Die Wiedergabe der Eröffnungs-
reflexion des Odysseus schließt mit einem wörtlichen Euripideszitat
(F 3,1). Der Text ergänzt in Details (P 2/3) die Paraphrase 59,lf. Aus
der Darstellung Dions läßt sich bereits indirekt vermuten, was Τ 1
ausdrücklich bestätigt, daß der gesamte Prolog ein Monolog des
Odysseus war. Vgl. zu S1 unten S. 296f. Zum Verhältnis des Dion-
textes zum Text des Euripides vgl. unten S. 303ff.
95 ευθύς γούν: Fortführendes γούν (~ ουν). Wie ευθύς άπολογου-
μένους (52) vom Auftritt des Chores. Vgl. Τ 1; Ρ 1.
96-98 προλογίζων (...) ό 'Οδυσσεύς {και} άλλα τε ένθυμήματα
πολιτικά στρέφων (...) καί πρώτον γε διαπορών: προλογίζων ,den
Prolog eröffnen'. Zwar wäre hier von der Sache her auch die andere
Bedeutung ,den Prolog sprechen' möglich, doch gibt es keinen
Grund, vom üblichen Sprachgebrauch der Aristophanes-Hypotheseis
abzugehen (vgl. unten S. 293f.). - Die Athetese des καί (Wilamo-
witz) entspricht dem syntaktischen Verhältnis der drei Partizipien.
Der gleiche Überlieferungsfehler Plat. Apol. 21e3. - Die Textfassung
in der Ed. Morell. uva ενθυμήματα nimmt sich wie der Versuch aus,
die in Β überlieferte Dittographie τε εν Ενθυμήματα zu korrigieren.
Die Vorlage der Morelliana hängt zwar hauptsächlich von U ab,
erweist sich aber als auf vielfältige Weise kontaminiert. - διαπορών
μή ist wie ein Verbum timendi konstruiert und entspricht dem
φοβούμαι μή zu Beginn der Paraphrase (Ρ 1). Vgl. S. 307. πρώτον
korrespondiert dem folgenden επειτα (108) und meint generell den
ersten Teil des Prologs.

98-100 μή άρα δοκή μεν τοις πολλοίς σοφός τις είναι καί διαφέ-
ρων την σύνεσιν, ή δέ τουναντίον: Von Elliger 639 mißverstanden
und auf das Publikum und dessen Irreführung bezogen. Vgl. die
Paraphrase Ρ 1.
100-107: Alternative Paraphrase Ρ 1 und Ρ 4/5. Vom Original sind
erhalten die Verse F 2-4; vgl. unten S. 307ff. Zum Unterschied der
Paraphrasierung in Or. 52 und Or. 59 unten S. 304.
278 Kommentar

107: Das wörtliche Zitat setzt ein Authentizitätssignal; zugleich ist es


ein Juwel im stilistischen Dekor des Euripideskapitels. Diese Funk-
tion ist um so augenfälliger, als es sich um das einzige Verszitat aus
einem der drei Philoktetdramen handelt und der Trimeter inhaltlich
das zuvor 102f. Gesagte wieder aufnimmt und in einer allgemeingül-
tigen Gnome pointiert abrundet. Sieht man von F 13,2, bei dem die
Mehrzahl der Zitate auf eine gemeinsame Zwischenquelle zurück-
geht, einmal ab, so ist F 3,1 der am häufigsten zitierte Vers des
euripideischen Philoktet. Er scheint noch während des 5. Jhs. sprich-
wörtlich geworden zu sein (oben S. 231 f. zu H 3b) - εφυ: Zur Lesart
ευφυής in U2 vgl. Einleitung S. 128.
108-118: Im zweiten Teil seiner Inhaltsangabe des Prologs
beschränkt sich Dion auf Stichworte: Odysseus referiert detailliert
die Handlungsvoraussetzungen des Dramas - warum er nach Lemnos
gekommen sei - seine Verwandlung durch Athene, damit Philoktet
ihn nicht erkenne (Dion vergleicht die Begegnung des homerischen
Odysseus mit Eumaios und Penelope im 14. und 19. Buch der Odys-
see, vgl. 40) - die Ankündigung einer Gesandtschaft aus Troja, die
Philoktet und seinen Bogen für sich gewinnen will. Vgl. Ρ 6, Ρ 7 und
den Kommentar zu Τ 2.
108f. σαφώς καί ακριβώς δήλοι την τοϋ δράματος ύπόθεσιν: Die
„Hypothesis des Dramas" ist hier nicht die Inhaltsangabe des Stücks,
sondern seine Grundlage im Sinne der Handlungsvoraussetzungen,
also die Vorgeschichte der Tragödie, und zwar, wie üblich bei
Euripides, die fernere und die dem Beginn des Dramas unmittelbar
vorhergehende. Zur Wortbedeutung vgl. Schol. Soph. Ai. 38; OR
447.
110 φησί τε: Vgl. Ρ 6,10-14.
112-115 (δηλοί) (...) μιμησάμενος (...) φησί τε: Hier tritt der gleiche
Subjektswechsel von Dramenrolle (Odysseus) und Autor (Euripides)
ein wie zuvor bei Aischylos (36f.). Zu satzverbindendem τε oben
S. 259.
116 δεησομένην: Lange vor Bekanntwerden von M und der γ-Klasse
hatte Casaubonus 88 das Richtige konjiziert, ohne freilich auf
Zustimmung zu stoßen.
Dion 52. Rede (H 4) 279

117-121 έπί τή της Τροίας βασιλεία: Die Ankündigung der Troer-


gesandtschaft durch Odysseus im Prolog läßt Dion übergehen in die
Szene ihres Auftritts im 3. Epeisodion. Das Angebot der Königsherr-
schaft über Troja scheint aber auch schon im Prolog erwähnt worden
zu sein (unten S. 331 f.). - ποικιλώχερον t ò δράμα κατασκευάξων
κτλ.: Der Wechsel von Autor und Dramenperson im Vorhergehenden
setzt sich fort; von Wilamowitz verkannt, der φανεΐται (121) konji-
ziert (bei Arnim). - Das Zwei-Personen-Sujet des Aischylos wird
von Euripides nicht nur rein quantitativ durch die Einfuhrung der
Rollen des Aktor und des Diomedes erweitert, sondern vor allem
strukturell ausgebaut durch den Auftritt der Gesandtschaft aus Troja
(Beiträge 11 Iff.). Dion verwendet dazu den Begriff des ,Bunten',
,Abwechslungsreichen'. Dionysios von Halikarnaß hatte damit das
aischyleische Rollentableau gegenüber Euripides und Sophokles
charakterisiert: ποικιλώτερος ταϊς των προσώπίον έπειααγωγαΐς (De
imit. 2 [II 206,7f. Us.-R.]). Die Sophoklesvita verwendet den Begriff
ebenfalls im positiven Sinne der nuancenreichen Charakter-
darstellung des Dichters (ήθοποιεϊ τε και ποικίλλει, 20). Vgl. Schol.
Soph. El. 328: Sophokles stelle gegensätzliche Charaktere einander
gegenüber wie Elektra und Chrysothemis, Antigone und Ismene
ενεκα τοϋ διαποικίλλειν ταΐς άντιρρήσεοι τα δράματα, ποικιλία auf die
Handlung (bzw. das Sujet) bezogen begegnet schon bei Aristoteles
(Poet. 23.1459a34), verbunden mit dem synonymen Begriff καταπε-
πλεγμένον, hier freilich im Sinne der Übertreibung. Dagegen hatte er
im 10. Kapitel von der Notwendigkeit gesprochen, daß der Mythos
nicht άπλοϋς, sondern καταπεπλεγμένος sein müsse. - άνευρίσκων
λόγων αφορμάς, καθ' ας εις τα έναντία έπιχειρών κτλ.: Erstmals
konkretisiert Dion an dieser Stelle die Nützlichkeit des Euripides für
die rhetorische Ausbildung. Die Neuerung der Gesandtschaftsszene
erlaubt ihm, seinen (nach Dion) unübertroffenen Erfindungsreichtum
im disserere in utramque partem vorzuführen. F 14/15 lassen ahnen,
wie dies geschah (Beiträge 118ff.). Daß der Redeagon im 3. Epeis-
odion des euripideischen Philoktet ein rhetorisches Kabinettstück
war, darf man auch der Rolle entnehmen, die F 13 in der antiken
Geschichte der Rhetorik spielt (vgl. oben S. 235ff. zu H 3f). -
Arnims Änderungsvorschlag έπιχειρεϊν liegt nahe, ist aber unnötig.
Die Sonderlesart in Ρ επιχειρεί hat keinen Überlieferungswert. Das
280 Kommentar

Partizip vertritt einen Modalsatz, εΰπορώτατος und Ικανώτατος sind


prädikativ mit φαίνεται zu verbinden.
121 <καί> ού μόνον: Die Lesarten in α und c beruhen auf Konjektur
(so richtig Arnim, der selbst ού μόνον <τε) vorschlägt). Partikelloser
Satzanfang wäre zumindest ungewöhnlich. Am nächsten liegt die von
c (oder γ ?) vorgenommene Ergänzung eines και (vgl. 7. 38. 81. 140),
dessen Ausfall sich durch Haplographie nach voraufgehendem φαίνε-
ται erklärt.
122f. αλλά μετά τού Διομήδους, όμηρικώς και τούτο: Am
berühmtesten war der von Odysseus und Diomedes gemeinsam
durchgeführte Raub des Palladions in der Kleinen Ilias (75,17f.
Bernabé; 52,23f. Davies), auch eine der Voraussetzungen der Erobe-
rung Trojas (75,2f. Bernabé). In den Kyprien ging die Ermordung des
Palamedes auf das Konto von Odysseus und Diomedes (Fr. 30 B.;
20 D.). Auch die Dolonie im 10. Buch der Ilias kennt die Kampf-
genossenschaft der beiden. Mit der Erwähnung des Diomedes als
Begleiters des Odysseus beendet Dion seine Mitteilungen über die
Dramenhandlung und geht zu einer abschließenden Würdigung von
Werk und Autor über. Irritierend ist dies nur für den neuzeitlichen
Leser, weil er die Tragödie des Euripides nicht mehr vor sich hat.
Für Dion stellte sich die Sache anders dar: Mit Diomedes war die
Hauptrolle des 4. Epeisodions genannt; er berichtete dem Chor vom
erfolgreichen Bogendiebstahl. Den Inhalt des 5. und letzten Aktes
aber hatte Dion bereits vorab als gemeinsamen Bestandteil aller drei
Philoktetdramen mitgeteilt (12-19).
123f. και t ò όλον, ώς εφην, δι' όλου τού δράματος: Mit einem
Rückverweis auf die Eingangsbeschreibung der dramatischen Kunst
des Euripides kommt Dion abschließend zu einem allgemeinen Urteil
über die Philoktettragödie des Dichters. Er gebraucht dabei die
gleichen Begriffe (σύνεσις, πιθανότης, εν τοις λόγοις δύναμις kom-
plementär zu έν τοις πράγμασι), steigert ihre Wirkung aber durch
Superlative (πλείστην) und Attribute mit superlativischer Bedeutung
(το δλον δι' δλου, άμήχανον, θαυμαστήν). Der Schlußsatz ist rheto-
risch sorgfältig stilisiert. In einem gleitenden Übergang erfolgt der
Wechsel von einer Detailangabe (über den Auftritt des Diomedes)
zum abschließenden Gesamturteil (και το δλον κτλ.), das sich zu einer
Dion 52. Rede (H 4) 281

Fontäne rühmender Substantive und Adjektive steigert, strukturiert


durch Chiasmus, Antithesen, Parallelismen und den Wechsel von
Dikola und Trikolon. Der sprachlichen Stilisierung entspricht eine
inhaltliche Klimax, hinter der die kanonische Trias des Nützlichen,
Angenehmen und Guten steht: Nützlich ist die rhetorische Qualität
der euripideischen Sprechverse (τά τε ιαμβεΐα), angenehm sind die
Lieder des Chores (καί τα μέλη), die im Philoktet zugleich eine nach-
drückliche (,wiederholte' oder .starke') Aufforderung zur Tugend
enthalten (πολλήν προς άρετήν παράκλησιν, 128f.). Zu letzterem vgl.
den Kommentar zu 158-160.
124 εν τοϊς πράγμασι: Zu Valckenaers evidenter Emendation
(δράμασι ω) vgl. die Antithese εν τοις λόγοις (126) und den gleichen
Gegensatz von τοις πράγμασι χρήσθαι und ëv τώ ε'ιπεΐν 91f. Der
Fehler ist durch das voraufgehende δράματος und die Ähnlichkeit der
Buchstabenfolge zustande gekommen.
126f. τά τε 'ιαμβεΐα σαφώς καί κατά φύσιν καί πολιτικώς έχοντα:
Die Charakterisierung der euripideischen Sprechverse bringt jeweils
einen anderen Aspekt des gleichen Sachverhalts zum Ausdruck:
Verständlichkeit, Natürlichkeit und lebenswirkliche Normalität. Sie
formuliert positiv, was bei Dionysios als Trivialisierung der poe-
tischen Sprache erscheint (De imit. 2 [II 206,20f. Us.-R.]); vgl. den
Vorwurf des ,Plaudertons' der euripideischen Verse (λαλιά) bei Plut-
arch, De aud. poet. 45B.
128 τά μέλη: Vgl. unten 158ff.
130-164: Das über Sophokles Gesagte ist ähnlich strukturiert wie das
Euripideskapitel. Einleitungs- und Schlußabschnitt gehören zu den
rhetorisch durchgeformtesten Teilen der Schrift. Ihre Wertungen
tragen am erkennbarsten konventionellen Charakter. Die besonderen
Stärken des Sophokleskapitels liegen im Mittelteil. Hier zeigt
sich der aufmerksame Leser und verständnisvolle Interpret am Werk,
der die Vorgaben der antiken Sophoklesexegese am Philoktet zu
verifizieren versteht.
130 ο τε Σοφοκλής μέσος εοικεν άμφοϊν είναι: Die Mittelstellung
des Sophokles erlaubt es Dion, das letzte Kapitel seiner Schrift
mit einer Zusammenfassung des bisher zu Aischylos und Euripides
Dargelegten zu beginnen. Die Kategorie des Mittleren findet sich
282 Kommentar

auch bei Dionysios, dort auf die Stilhöhe der sophokleischen Tragö-
diensprache bezogen: δ δέ οΰτε υψηλός εστίν ούτε μήν λιτός, άλλα
κεκραμένη μεσότητι της λέξεως κέχρηται (De im it. 2 [II 206,21-23
Us.-R.]; vgl. De comp. verb. 24 [II 121,12-17]). Sophokles
wird damit indirekt von Aischylos, unmittelbar aber von Euripides
abgesetzt, dem ein uneinheitlicher Stil mit Schwankungen zwischen
hohem Pathos und privatem Unterhaltungsstil zum Vorwurf gemacht
wird. Mit der systematischen Mittelstellung zwischen den beiden
anderen Tragikern weist auch Dion Sophokles rein formal einen
bevorzugten Platz zu. Die dialektische Abfolge läßt ihn als Synthese
des zuvor beschriebenen Gegensatzes Aischylos - Euripides erschei-
nen. Es ist eine Abwandlung der Vorzugsposition, die Sophokles
sonst in der attizistischen Literaturkritik als repräsentativem Ver-
treter der Tragödie zugewiesen wird (Dionysios, De comp. verb. 24
[II 121,16f.]; Ps.-Longin, De subì. 33,5). Doch gemeint ist etwas
anderes. Dion sagt ausdrücklich zu Beginn der Schrift, daß in der
dramatischen Behandlung des Philoktetstoffes jeder der drei Tragiker
auf seine Weise gleich vorzüglich sei und keiner hinter dem anderen
zurückstehe (29-31). Es geht somit darum, die besonderen Qualitäten
jeder der drei Tragödien im Verhältnis zueinander zur Geltung zu
bringen, ohne eine Rangfolge herzustellen. Auch die für Sophokles
charakteristische Mitte hebt ihn nicht über die beiden anderen
Tragiker hinaus. Dion verbindet den Ehrentitel eines όμηρικός mit
Euripides (40. 112. 123), nicht mit Sophokles (Vita Soph. 20; Τ 115 /
116 Radt). Seine Würdigung des Sophokles ist die rhetorisch effekt-
vollste, zugleich aber die mit der größten Distanz geschriebene. Sie
erinnert in manchem an die Probleme, die das nachklassizistische 19.
Jahrhundert mit Sophokles hat. - Reiske II 272 schlägt ό δέ Σοφοκλής
vor. Vgl. jedoch 89.

130-133: οΰτε (...) και (...) οΰτε (...) και (...) και: Die durch καί
verbundenen Glieder werden als Einheit verstanden (Kühner-Gerth
II 291, die auf Thuk. 1,23,2 verweisen). Nach dem Gesetz der
wachsenden Glieder erhält Aischylos zwei Attribute (το αΰθαδες
καί απλούν), Euripides drei (το ακριβές και δριμύ καί πολιτικόν),
Sophokles vier (σεμνός, μεγαλοπρεπής, τραγικώτατος, εύεπέστατος).
Den beiden negierten Satzteilen, die auf Aischylos und Euripides
entfallen (οΰτε - οΰτε), entsprechen zwei positive Kola, die die Quali-
Dion 52. Rede (H 4) 283

täten des Sophokles beschreiben (σεμνήν δέ τινα και μεγαλοπρεπή


ποίησιν τραγικώτατα και εύεπέστατα εχουσαν, ώστε κτλ.), wobei der
ώστε-Satz die abschließende Wertung mit der sich gegenseitig
begrenzenden und ergänzenden Verbindung von Genuß (ήδονή) und
Würde enthält, beides im Superlativ. Das charakteristische Merkmal
der sophokleischen Dichtung ist aber die von ihr ausgehende ηδονή
(hier zu Beginn und abschließend 160). Sophokles erfüllt die Gesetze
der Tragödie am vollkommensten (τραγικώτατα). Das steht nur
scheinbar im Gegensatz zu Aristoteles (Ευριπίδης ... τραγικώτατός γε
των ποιητών φαίνεται, Poet. 13.1453a29f.) und paßt zur Rangordnung
der Attizisten. Alle genannten Qualitäten beziehen sich auf die
Form der sophokleischen Tragödie. Man liest oder sieht sie mit dem
höchsten Genuß, aber mehr anfangen läßt sich mit Euripides. Er ist
der nützliche, und zwar unter dem dreifachen Gesichtspunkt der
Lebensweisheit (γνωμικός), der dialektischen Schulung und des
moralischen Appells. Sophokles ist der poetischste unter den dreien,
Euripides der nützlichste, Aischylos der exotisch-rätselhafteste, aus
der Sicht seiner Gegner mit lauter Mängeln behaftet (41), die gleich-
wohl gewaltig beeindrucken (vgl. Quint. Inst. or. 10,1,66: sublimis
et gravis et grandilocus saepe usque ad Vitium). - t ò αϋθαδες και
απλούν: Vgl. oben S. 259ff. - το ακριβές και δριμύ και πολιτικόν:
Vgl. oben S. 266f. (zu 56f.) und 274f. (zu 89). δριμύς ist hier das
adjektivische Äquivalent zu σύνεσις (89. 124) in der Bedeutung
scharfsinnig', ,von scharfem Verstand'; vgl. Dion 44,10 (το δριμύ
και το άνδρεΐον τής φύσεως και την σύνεσιν); 30,23 (τούς κομψούς τε
και δριμεΐς); 50,2 (συγγνώμην εχέτωσαν οί πάνυ δριμεΐς, hier nicht
ohne Ironie gesagt). - σεμνήν δέ τινα και μεγαλοπρεπή ποίησιν:
μεγαλοπρέπεια und ύψος (134) werden von Dionysios mit Aischylos
verbunden (De imit. 2 [II 206,2f. Us.-R.]). Von Sophokles sagt er (im
Vergleich zu Aischylos), daß er „die Würde der Personen wahre" (τύ
των προσώπων άξίωμα τηρών, 206,10) und (im Vergleich zu Euripi-
des) „edle und großgeartete Charaktere" (γεννικά και μεγαλοφυή τών
προσώπων ηθη) gestalte (206,13 f.). Zu σεμνός (Gegensatz ταπεινός,
εύτελής) vgl. Aristot. Poet. 4.1448b5f. (vom Charakter); 22.1458a21f.
(von der Sprache der Tragödie); Rhet. 3,2.1404b3-8. Das Indefinit-
pronomen mit steigernder Wirkung: ,besonders' (Kühner-Gerth I
663f.). Zur literarischen Kategorie der μεγαλοπρέπεια vgl. Markeiii-
284 Kommentar

nos, Vit. Thuc. 56f., der den Reden des Thukydides in Opposition
zu Demosthenes einen χαρακτήρ μεγαλοπρεπής zuweist. - ποίησιν
τραγικότατα καί εύεπέστατα εχουσαν: Das erste Adverb nimmt
die beiden vorhergehenden Attribute auf und legt sie auf die
Tragödiengattung fest, das zweite Adverb verbindet damit eine
gegenstrebige Eigenschaft, den Genuß des sprachlichen Wohlklangs.
134 πλείστην είναι ήδονήν μετά ΰψους καί σεμνότητος: In
chiastischer Wortfolge, substantivisch gewendet, folgt nun die
gleiche Verbindung des vorhergehenden komplementären Gegen-
satzes von Genuß und Würde. - Statt είναι überliefert c am Ende des
Kolons ενδείκνυσθαι. Die Entscheidung zugunsten des unscheinbaren
είναι fällt aus stilistischen Gründen: Alle Betonung liegt auf
den Nomina, das Prädikat hat nur Hilfsfunktion. Was είναι darüber
hinaus leistet, ist die Sperrung von Attribut und Beziehungswort,
ενδείκνυσθαι macht sich nur funktionswidrig am Ende des Satzes
breit. Seine Einfügung verdankt es vermutlich dem Verlust von είναι
in γ. Zur Kontamination beider Varianten in Τ (πλείστην είναι ...
ενδείκνυσθαι) und ihrem Fortleben in den Dionausgaben vor Dindorf,
der sich aber irrtümlich (wie vor ihm schon Reiske II 272) für
ενδείκνυσθαι entscheidet, vgl. Einleitung S. 130 Anm. 26.
134f. τη τε διασκευή των πραγμάτων αρίστη καί πιθανωτάτη
κέχρηται: Obwohl Dion die dramaturgische πιθανότης in besonderer
Weise mit Euripides verbindet (90. 125), hebt er zu Recht das hohe
Maß an Glaubwürdigkeit und Stimmigkeit in der Handlungsfuhrung
des sophokleischen Philoktet hervor, die gegenüber Aischylos und
Euripides vor allem durch die neue Rolle des Neoptolemos als
Ausfuhrenden der Intrige zustandekommt (Beiträge 36f. 218f.). Die
vorzügliche Oikonomia der sophokleischen Dramenhandlung wird
auch in den Sophokles-Scholien immer wieder betont, θαυμαστή ή
ο'ικονομία του ποιητοϋ (Schol. Soph. El. 1098; δαιμονίως Arg. Ai.);
Stellensammlung bei A. Trendelenburg, Grammaticorum Graecorum
de arte tragica iudiciorum reliquiae, Bonn 1867, 92ff. Daß der
Aufbau der Handlung (ή των πραγμάτων σύστασις) bei der Tragödie
die Hauptsache sei, sagt Aristot. Poet. 6.1450al5.
135-140: Die Einführung des Neoptolemos als Begleiters des Odys-
seus mit der Aufgabe, als Träger der Intrige zu fungieren, ist die
Dion 52. Rede (H 4) 285

folgenschwerste Neuerung in den Handlungsvoraussetzungen des


sophokleischen Dramas, wie sie im Prolog in einem exponierenden
Gespräch zwischen Odysseus und Neoptolemos entwickelt werden
(Phil. 1-122). Wichtige andere Unterschiede stehen damit in Zusam-
menhang. Die mythographische Legitimierung für diese Neuerung
findet Sophokles, wie Dion richtig sieht, in der vom Orakel des
Helenos geforderten gemeinsamen Teilnahme von Philoktet und
Neoptolemos am Kampf um Troja als Bedingung der Eroberung der
Stadt. So stand es in der Kleinen Ilias (74,6-11 Bernabé; 52,6-13
Davies), und so übernimmt es Sophokles (Phil. 114f. 1334-1341.
1433-1437), freilich in engerer ursächlicher Verknüpfung und in
umgekehrter Reihenfolge. Zur komplementären Verbindung von
Philoktet und Neoptolemos vgl. auch Dion 11,115. Bei Euripides
(Ρ 6,3-5; Τ 4) - und sicher auch bei Aischylos - war dagegen alles
auf Philoktet, den Besitzer des Heraklesbogens, und seine Teilnahme
am Kampf als alleinige Voraussetzung der Einnahme von Troja
konzentriert.
142f. τών έν tfj νηί συμπλεόντων τω Όδνσσεϊ και τω Νεο-
πτολέμφ: Die Angabe ist korrekt, aber es ist das Schiff und die
Schiffsmannschaft des Neoptolemos. Die Annahme, Odysseus sei
mit seinem eigenen Schiff gekommen, hat keine Stütze im Text des
Sophokles (Beiträge 253). Dion hat seinen Sophokles besser gelesen
als mancher moderne Interpret.
143-146: Die ίίθη der Dramenrollen des Sophokles finden das Inter-
esse und den Beifall der antiken Literaturkritik. Dionys. Hai. De imit.
2 (II 206,8-14 Us.-R.): Σοφοκλής ôè εν τε τοις (ήθεσι καί τοις) πάθεσι
διήνεγκεν, το τών προσώπων άξίωμα τηρών· Ευριπίδη (...) ουχί τα γεν-
νικά καί μεγαλοφυή τών προσώπων ηθη καί πάθη καθάπερ Σοφοκλής
κατώρθωσεν. Vgl. Vita Soph. 20f. Dion nennt die Charaktere im
Philoktet θαυμαστώς σεμνά καί ελευθέρια (143f.). Schol. Soph. Ai.
485 heißt es von der Rede der Tekmessa: το μέν γαρ αΰτοΰ (sc. τοΰ
λόγου) γεννικόν καί ελευθέρων δια την παρρησίαν τής φύσεως (...) το
δέ συναρμόζον τοις καιροις, δι' όλου δέ την φιλοστοργίαν έμφαΐνον.
Nach Aristoteles, Poet. 25.1460b33f., soll Sophokles gesagt haben,
er stelle die Menschen dar, wie sie sein sollten, Euripides, wie sie
seien (vgl. auch 3.1448a25-27: Homer und Sophokles ahmten edle
Charaktere nach). Dion zielt natürlich in erster Linie auf Philoktet
286 Kommentar

und Neoptolemos (τό τε τοϋ Νεοπτολέμου υπερβάλλον άπλότητι και


εΰγενεία, 145f.). Die Verbindung beider Begriffe erinnert an die
Feststellung des Thukydides in der Pathologie des 3. Buches (83,1):
και τό εΰηθες, ου τό γενναΐον πλείστον μετέχει. Für den Sophisten
Hippias in Piatons Kleinem Hippias verbinden sich in Achilleus die
Eigenschaften des άριστος und des άπλούστατος και άληθέστατος
(364c-e). Aber auch die Rolle des Odysseus wird in diese Bewertung
miteinbezogen, wenn Dion ihn positiv vom Odysseus des euripi-
deischen Philoktet abhebt (τό τε τοϋ 'Οδυσσέως πολύ πραότερον καί
άπλούστερον η πεποίηκεν ό Ευριπίδης). An ihm gemessen, ist selbst
der Odysseus des Sophokles noch ein Ehrenmann, was fur uns, die
wir allein den sophokleischen Philoktet kennen, nur bedingt nach-
vollziehbar ist; aber es ist ja auch nur bedingt gesagt (Beiträge 32;
246 Anm. 166). Möglicherweise ist Dion aber auch vom Odysseus-
bild des Aias beeinflußt (vgl. Schol. Soph. Ai. 80: μέτριον διεφυλάχθη
τό τοΰ 'Οδυσσέως ήθος δια τό μή έντρυφαν τοις κακοις). Doch beide
Odysseus-Rollen haben wenig miteinander zu tun. - πραότερον:
(öv) erwägen Arnim (im App.) und Radt (TrGF IV 78). Die Ergän-
zung des Partizips erübrigt sich, wenn man die Ellipse der Kopula
auch für das zweite und dritte Kolon annimmt und υπερβάλλον
prädikativ versteht. Zur Verbindung von Adjektiv und Partizip als
Praedicativa vgl. Björck (zu 14f.) 32.
146-158: Warum referiert Dion den Inhalt des sophokleischen
Philoktet, während er zu unserem Leidwesen von den beiden anderen
(verlorenen) Dramen nur Teilaspekte der Handlung berücksichtigt?
Weil allein in der Wiedergabe des Ablaufs der Handlung als ganzer,
einschließlich ihrer komplizierten Umschwünge, sich der Charakter
des Neoptolemos angemessen zur Darstellung bringt. Vgl. Aristot.
Poet. 6.1450a21f. (τά ηθη συμπεριλαμβάνουσι [sc. die Dramenperso-
nen] δια τάς πράξεις); 15.1454al7-19. Das ist der fruchtbarste Aspekt
in Dions Behandlung des dritten Philoktetdramas. Außerdem bietet
die sophokleische Tragödie das Neue, vom Vorgegebenen am
meisten Abweichende, vielleicht auch das dem Leser des Dion am
wenigsten Vertraute (Einleitung S. 76). Bei Sophokles gibt es keine
πειθώ άναγκαία des Odysseus (16), das Schlüsselwort, mit dem über
den Ausgang der Philoktettragödien des Aischylos und Euripides
das Wichtigste gesagt ist. So muß bei Sophokles genauer angegeben
Dion 52. Rede (H 4) 287

werden, wie es am Schluß zur Wende kommt. Auch das ist ein
Grund, warum Dion über den Handlungsverlauf hier präzisere
Angaben macht als bei den beiden anderen Dramen. Unsere
Philoktetscholien zeichnen sich durch besondere Dürftigkeit aus.
Gelehrsamkeit zeigt sich nur in den Angaben zu V. 1 und 194, und
die beziehen sich auf den Philoktet des Euripides. Die Vermutung
drängt sich auf, daß die alexandrinische und frühkaiserzeitliche
Sophoklesexegese den Philoktet vernachlässigte. Erst der Schul-
betrieb der Spätantike nahm sich seiner wieder an. Die beiden
Hypotheseis unserer Handschriften sind aus der Euripides-Tradition
übernommen (vgl. oben S. 222f.). Nur das Auffuhrungsdatum dürfte,
auf welchen Wegen auch immer, aus der von Aristophanes vermittel-
ten Didaskalien-Überlieferung des Sophokles stammen.

145-148: Wiedergabe von Soph. Phil. 86-91: εγώ μέν ους αν των
λόγων άλγώ κλύων, / Λαέρτιου παΐ, τούσόε και πράσσειν στυγώ- / εφυν
γαρ ουδέν εκ τέχνης πράσσειν κακής, / οΰτ' αυτός οϋθ', ώς φασιν,
ούκφύσας έμέ. / άλλ' ε'ίμ' έτοιμος προς βίαν τάν ανδρ' αγειν / και μή
δόλοισιν.
146 μή: Zur Aufhebung des Unterschieds von ού und μή zugunsten
des Gebrauchs von μή bei kaiserzeitlichen Autoren Schmid I 99ff.;
IV 623.
147f. έκ τού φανερού: Vgl. 59,8 (Ρ 10,36).
148 επειτα πεισθείς ύπό τού 'Οδυσσέως: Soph. Phil. 96-120.
148f. και έξαπατήσας αυτόν και των τόξων έγκρατής γενόμενος:
Soph. Phil. 240-906.
149f. αίσθομένου έκείνου και ώς έξηπατημένου σχετλιάζοντος:
Soph. Phil. 907-962.
150f. και απαιτούντος τα δπλα: Soph. Phil. 967-973.
151 ού κατέχει, αλλ' οιός τέ έστιν αποδιδόναι αυτά: Soph. Phil.
974-981. - Gasdas Konjektur ουκ άντέχει aufgrund des Buchstaben-
befundes in Μ (ουκ αν τείχει) ist zwar bestechend, trifft aber den
Sachverhalt weniger gut als der überlieferte Text. Neoptolemos
widersetzt sich nicht nur nicht den Bitten Philoktets, er will zu
diesem Zeitpunkt von sich aus den Bogen nicht mehr behalten
(Beiträge 246. 248ff.).
288 Kommentar

151f. καίτοι τού 'Οδυσσέως έπιφανέντος καί διακωλύοντος:


Soph. Phil. 981-1069. - Zu καίτοι, vgl. zu 3.
152f. καί τέλος δίδωσιν αύτά: Soph. Phil. 1261-1292.
153f. δούς δε τω λόγω πειράται πείθειν έκόντα άκολουθήσαι εις
τήνΤροίαν: Soph. Phil. 1308-1347.
154-157 τοΰ δέ Φιλοκτήτου μηδένα τρόπον εΐκοντος μηδέ πειθο-
μένου, άλλα δεομένου τού Νεοπτολέμον, ώσπερ ΰπέσχετο, άπ-
αγαγείν αύτόν εις την Ελλάδα, ΰπισχνεϊται καί ετοιμός έστι
ποιείν τούτο: Soph. Phil. 1348-1408. - Zum Gebrauch von μηδένα /
μηδέ (statt οΰδένα/οΰδέ) vgl. zu 146. μηδένα τρόπον ε'ίκειν entspricht
der allgemeinen Devise sophokleischer Helden (H. Diller, Über das
Selbstbewußtsein der sophokleischen Personen [1952], in: Kleine
Schriften, München 1971, 276ff.).
157f. μέχρι επιφανείς 'Ηρακλής πείθει τον Φιλοκτήτην έκόντα
εις την Τροίαν πλεύσαι: Soph. Phil. 1409-1468. - Zu μέχρι/μέχρις
vgl. Einleitung S. 134 Anm. 48. Zugunsten von μέχρι spricht auch
die Vermeidung des dreifachen Schluß-Sigma. - Mit πείθειν und
έκών nimmt Dion die Thematik des zentralen Begriffs der άναγκαία
πειθώ vom Anfang der Schrift (16) wieder auf und sieht ihn im
sophokleischen Drama aufgehoben. Einleitung S. 62ff.; Beiträge
252ff.
158-160 τά τε μέλη ούκ εχει πολύ το γνωμικόν (...) ώσπερ τα τού
Ενριπίδου: Die Vorliebe des Euripides fur Gnomisches, die von den
antiken Gnomologien bestätigt wird, ist nach Dion 18,7 einer der
Gründe fur seine Aufnahme in den rhetorischen Lektürekanon als
Repräsentanten der Tragödie. Die literarische Kritik hat freilich auch
Anstoß an Gnomen zur Unzeit genommen (Schol. Phoen. 388: ούκ
έν δέοντι δέ γνωμολογεΐ ... τοιούτος δέ πολλαχοΰ ó Ευριπίδης). Den
Anhängern des Aischylos galt das γνωμολογικόν insgesamt als
verdächtig und für die Tragödie unpassend (Vita Aesch. 5, oben
S. 259f.). Daß dies nicht für die Art des Sophokles gehalten wurde,
ergibt sich aus der Begründung für die Verdächtigung der Schluß-
verse des König Ödipus (Schol. OR 1523). Bemerkenswert ist,
daß Dion das gnomische Element hier in besonderem Maße den
Chorliedern des euripideischen Philoktet zuschreibt. Doch wird es
verständlich, wenn man diesem Bereich jede Art von Reflexion über
Dion 52. Rede (H 4) 289

das Leben zurechnet, και γνώμας προς άπαντα ωφελίμους καταμίγνυσι


τοις ποιήμασιν, ατε φιλοσοφίας ουκ άπειρος ών, heißt es Dion 18,7
von Euripides. Grube 331 zeigt sich überrascht, daß nach Dion
die Chorlieder des euripideischen Philoktet moralischer seien als die
des sophokleischen Dramas. Doch dessen Chorlieder kennen wir,
und Dion ist vollkommen im Recht. Der Chor des Sophokles zeigt
Mitleid mit Philoktet, aber zugleich fordert er Neoptolemos auf,
die Intrige erfolgreich zu einem Ende zu bringen (V. 827ff.). Die
Chorlieder des Euripides kennen wir nicht, aber moralische Appelle
der Choreuten, entsprechend dem Selbstverständnis des attischen
Bürgers, sind bei ihm keine Seltenheit (M. Hose, Studien zum Chor
des Euripides I, Stuttgart 1990, 3 3 f.).
160-164 ήδονήν δέ θαυμαστήν και μεγαλοπρέπεια ν: Dion nimmt
zum Abschluß des Sophokleskapitels, wie auch bei Euripides (128),
mit der Verbindung von ,Anmut und Würde' zentrale Begriffe des
Anfangs wieder auf, verschiebt aber den Akzent zugunsten der ήόονή,
so daß er Kapitel und Schrift abschließend sich in einem zweizeiligen
Aristophaneszitat über den honigmundigen Sophokles aufgipfeln
lassen kann. Die ,Süße' der sophokleischen Dichtung ist in der
antiken Sophoklesliteratur sprichwörtlich (προσηγορεύθη 6έ μέλιττα
δια το γλυκύ, Suda; Vita 20; weitere Testimonien Radt TrGF IV
74f.). Zur persönlichen Charis des Dichters Vita 7.
161 'Αριστοφάνη: Ein Fall zum Würfeln. Kein Zweifel, daß in der
Dion-Überlieferung (wie auch in der attischen Literatur des 4. Jhs.)
die Mehrzahl der Fälle von Eigennamen der S-Stämme im Akkusativ
der Α-Deklination folgt, aber es gibt eine Reihe von Beispielen mit
gespaltener Überlieferung (2,20; 8,2. 31) und sogar mit eindeutiger
Präferenz der Endung auf -η ('Αριστοτέλη 2,79; 'Αριστομένη 35,3). An
der vorliegenden Stelle haben die beiden Handschriften mit dem
geringsten Verdacht auf den Eingriff byzantinischer Gelehrsamkeit
die Form 'Αριστοφάνη (UM), während Β und c (PH), bei denen stär-
ker mit der Möglichkeit regulierender Änderungen gerechnet werden
darf, vermutlich zur Hiatvermeidung die Endung der A-Deklination
bieten. Doch Dion 52 verfahrt in der Hiatvermeidung durchaus
großzügig. Ganz ähnlich liegen die Dinge 157 bei μέχρι (UMH'P)
und μέχρις (BH2 [vermutlich aus älterer Überlieferung der eigenen
Klasse, Einleitung S. 128f.]). Vielleicht darf man aus der Tatsache,
290 Kommentar

daß U2 (γ) -η in U nicht korrigiert hat, schließen, daß auch γ 'Αριστο-


φάνη las.
163 ος δ' αύ: ol ist nicht nur die Lesart in Β (Arnim nach Emperius),
sondern auch in M, dessen Zuverlässigkeit in der Überlieferung
des Aristophaneszitats (Fr. 598 K.-A.) durch die Bewahrung von
κεχριμένου (κεχρειμένου) erwiesen ist (Einleitung S. 129). Hinter der
Buchstabenverbindung ol kann sich nur ein ursprüngliches δς ver-
bergen. Vertauschung von (adskribiertem) I und (langgestrecktem) C
auch 18,6 (επιμελείας Emperius : έπιμελείαι UM); 59,5 (τήι ξυμφοράι
M : της ξυμφορδς α). Die Lesarten in U und c sind leicht durchschau-
bare Korrekturversuche des unverständlichen ol. Zur Junktur Rela-
tivum + Ô' αυ Eur. El. 1103f.; Bac. 443; vgl. Soph. Ai. 1293 (Ατρέα
δ' δς αυ). Trotzdem scheint mir δ' suspekt. Vor dem folgenden A
ließe sich Δ als Dittographie oder die Ergänzung als Folgefehler der
Korrektur des überlieferten ol zu ό erklären. - Das Aristophaneszitat
muß ein fester Bestandteil der Sophoklesliteratur gewesen sein. Vgl.
Vita 22 und Anecdota Graeca (ed. J. A. Cramer, Oxford 1839) I 19
(TrGF IV Τ 117 Radt). Daß Euripides gemeint sei, der Sophokles
nachahme, wie Bergk und Meineke glaubten (Kassel-Austin zu
Fr. 598), wird durch die vorgebrachten Argumente nicht gestützt und
durch den Kontext des Dion nicht wahrscheinlicher. Eine solch her-
absetzende Metaphorik zur Charakterisierung der Abhängigkeit eines
der drei Tragiker von einem der anderen widerspräche dem Ziel, ihre
vollkommene Gleichwertigkeit aufzuzeigen. Wenn aber Dion, was
durchaus möglich ist, nur noch das Zitat und nicht mehr seinen
originalen Zusammenhang kannte, so wäre er als Zeuge ebenfalls
unbrauchbar. Doch davon abgesehen, auch der Vergleich der uns
bekannten Tragödien beider Dichter spricht nicht für Bergks These.
Vor den beiden anderen Belegen des Aristophanesfragments hat
Dion voraus, daß er die Verse vollständig und korrekt zitiert. - Das
abschließende Aristophaneszitat läßt sich über die Konvention des
Sophokles-Lobs hinaus bei einem Autor vom Rang des Dion als eine
Erinnerung an den literarischen Ursprung der Tragikersynkrisis (auch
ohne daß die Verse aus den Fröschen stammen) und als Einordnung
der eigenen Schrift in eine illustre Traditionskette deuten. Immerhin
nennt er Aristophanes, ihn dezent bestätigend (μή εική), mit Namen,
ohne daß dies unbedingt geboten gewesen wäre. Abschluß einer
Dion 52. Rede (H 4) 291

Schrift mit einem Dichterzitat (ohne Namensnennung) findet sich am


Ende der Reden 12 (Od. 24,249f.) und 73 (Eur. Antiop. fr. 188,6
N. 2 ). Ein Sonderfall ist der Trimeter, in den die Euripides-Paraphrase
der 59. Rede ausläuft: Zum Abschluß kehrt der Autor der Prosa-
paraphrase zur metrischen Form des Ausgangstextes zurück. Ob er
auch das Wort zurück an den Dichter gibt, steht dahin. - Davon, daß
Sophokles fur Dion der eigentliche Sieger der Synkrisis sei (Focke
242; Pohlenz II2 135; Moling 171. 185), kann keine Rede sein.
PROLOG [I]

Text: Τ 1-3. Ρ 1-5. F 1-4 - Ergänzungen: S'-S 2

Zuordnung von Τ1-3


T I : Scholiast. Τ 2 : Dion. Τ 3 : Ergibt sich aus der gemeinsamen
Thematik mit dem Prolog (I) und dem Schlüsselbegriff άπράγμων
(F 2,1; Τ 2 [52,(12)101]).

Spielort und Bühnenbild

Die Insel Lemnos, auf der Philoktet von Odysseus zu Beginn des
trojanischen Heerzuges ausgesetzt worden war, ist Ort der Handlung
( T 6 ; Ρ 6; Ρ 11,5). Das Bühnenbild stellt eine Felsenhöhle als
Behausung Philoktets dar (P 10,7-9; Ρ 12,If.; F 8/9; Beiträge 105f.).
Blickfang ist, wie bei Aischylos, die große Öffnung der Höhle. Sie
nimmt die Stelle ein, die sonst der Haupteingang des Königspalastes
oder der Tempelfassade innehat. Zum zweiten Zugang von der
Seeseite her Beiträge Kap. 5. Es gibt also nicht nur zwei Eingänge
zur Höhle, sondern man gelangt auch auf zwei Wegen vom Meer
dorthin: einmal auf einem bequemeren, aber weiteren Weg von der
Seite der rechten Parodos (nach der attischen Theaterkonvention) und
auf einem direkteren, kürzeren, aber ungewöhnlichen ,Schleichweg'
durch den seewärts gelegenen Höhleneingang. Daß die Seeküste
Gegenstand des Bühnenbildes war (A. W. Pickard-Cambridge, The
Theatre of Dionysus in Athens, Oxford 1946, 53), ist wenig wahr-
scheinlich. Chor und trojanische Gesandtschaft treten von der rechten
Seite auf - die Lemnier, weil sie von der ,Stadtseite', die Trojaner,
weil sie von der mit dieser identischen ,Seeseite' kommen. Philoktet
dagegen kommt von der ,Landseite' her, d.h. von links, vermutlich
auch Aktor. Den rückwärtigen (,konspirativen') Höhlenzugang haben
Odysseus und Diomedes vor ihrem Bühnenauftritt benutzt. Die Um-
gebung der Höhle ist mit Bäumen bestanden. So war es bei Aischylos
Prolog [I] 293

(Fr. 251 R.), und so wird es auch später dargestellt (vgl. die etruski-
schen Urnenreliefs Τ 22 [Abb. 5]; Beiträge 122; Τ 17,5). Zu Fr.
adesp. 393 K.-Sn. unten S. 383.

T1

προλογίζει: ,den Prolog eröffnen' (falsch LSJ s.v. ,speak a prolo-


gue'). Terminus der auf Aristophanes von Byzanz zurückgehenden
Dramenhypotheseis zur Bezeichnung des Sprechers der ersten Dra-
menverse (Arg. Aesch. Pers., Lai. [Radt 231,7], Sept. [Smith II 9],
Ag., Soph. Ai., Ant., El., OC, [Eur.] Rhes., Aristoph. Eq., Thes., Ran.
[Koster IV 3,703], Plut., übernommen von Olympiodor, In Plat.
Gorg. 8,3 Norvin). Nur scheinbar bedeutet προλογίζειν in den Arg.
Eur. Ale., Med., Andr., IT, Phoen., Or., Aristoph. Nub. ,den Prolog
sprechen' in dem Sinne, daß allein der erste, monologische Teil des
Prologs als solcher gemeint sei. Im Schema der aristophanischen
Hypotheseis erfolgt die Nennung des προλογίζων unter Punkt 3 an
dritter Stelle nach dem Ort der Handlung und der Identität des Cho-
res (vgl. oben S. 221). Im Unterschied zu den voraufgehenden und
nachfolgenden literaturhistorischen und didaskalischen Mitteilungen
der Hypothesis dienen diese drei Angaben der unmittelbaren Vor-
bereitung des Lesevorgangs. Der Leser, der im Unterschied zum
Zuschauer im Theater ohne visuelle Informationssignale wie Kostüm
und Bühnenbild auskommen muß, erhält die notwendigsten Vor-
kenntnisse. Im hellenistisch-frühkaiserzeitlichen Text gibt es nur
Markierungen für Sprecherwechsel, aber keine Sprecherangaben. Zu
wissen, wer die ersten Verse spricht, noch ehe ihm der Dichter die
Gelegenheit gegeben hat, sich vorzustellen, ist daher eine wichtige
Verständnishilfe für den Leser. Auch in Τ 1 bedeutet προλογίζειν
,den Prolog eröffnen' und nicht ,den Prolog sprechen'. Die Angabe
des Scholiasten zu V. 1 des sophokleischen Philoktet (Τ 1), die in
Übereinstimmung mit dem üblichen Sprachgebrauch der Hypotheseis
steht, ergibt nur so einen Sinn (unten S. 294). Erst sekundär scheint
aus dieser gleichsam technischen Verwendung die Bedeutung
,Prologsprecher sein' hervorgegangen zu sein. Auch sie begegnet
vereinzelt in den Dramenhypotheseis in der Weise, daß die beiden
Dialogsprecher des Prologs angegeben werden (Arg. Aristoph. Eq.,
Pax). Zu Dion 52,[11]96 (T 2) unten S. 294.
294 Kommentar

πάντα τφ Όδυσσεϊ περιτίθησιν: Gerade weil der Scholiast in Τ 1


προλογίζειν wie in den Hypotheseis üblich verwendet (,erster
Sprecher sein'), bezeugt er durch die ausdrückliche Opposition zum
Philoktet des Sophokles für den euripideischen Philoktet Odysseus
als ,Prologsprecher': (Euripides) ,weist alles dem Odysseus zu'.
Seine Angabe wird durch Dion (52,[1 l]95ff. = Τ 2) bestätigt. Es gab
also keinen anschließenden Dialog des Odysseus mit einer inzwi-
schen aufgetretenen Person und erst recht nicht mit Philoktet, wie es
die herkömmliche Auffassung von Dion 59,5-11 (Ρ 10-14) will. Vgl.
Beiträge 52ff. - Zu περιτίθησιν vgl. Schol. [Eur.] Rhes. 210; Vita
Aesch. 5.
οικονομείται: ,organisieren', ,anordnen', wie οικονομία von der
,gestaltgebenden Organisation' des literarischen Werkes gesagt. Die
Metapher begegnet zuerst Aristot. Poet. 13.1453a29 (ο'ικονομεΐ).
Meist im Aktiv, das Medium Lukian, Quomodo hist, conscr. 51.

Der Auftritt des Odysseus

Von den beiden skizzierten Möglichkeiten des Auftritts des Odysseus


verdient die zweite den Vorzug: Odysseus kommt aus der Behausung
Philoktets, die er durch den rückwärtigen Eingang betreten hat.
(1) Dafür spricht zum ersten die Logik der Sache. Wer übers Meer
kommt, sich vor Ort so gut auskennt wie Odysseus und in der Nähe
der Höhle landet, benutzt den kürzesten Weg. Es gibt keinen Grund,
daß Odysseus einen anderen Eingang zur Höhle wählen sollte, als es
Diomedes tun wird, den er beim seewärts gelegenen Zugang postiert
hat. Der rückwärtige Zugang ist der Eingang der Konspiration, der
vordere der der Offenheit. Ihn wird Diomedes im 4. Epeisodion
benutzen, wenn er Trug und Diebstahl offenlegt, und der rückver-
wandelte Odysseus im 5. Epeisodion tut desgleichen. Sophokles wird
die Lage der zwei Eingänge, die bei Euripides einander gegenüber-
liegen, so verändern, daß beide im Blickfeld des Zuschauers liegen
(Beiträge lOlf.). (2) Im Unterschied zu Sophokles läßt Euripides
seine Prologsprecher, von den Götterprologen einmal abgesehen, in
den erhaltenen Dramen immer aus der Skene, also aus einem Gebäu-
de (Palast, Hütte, Tempel), hervortreten. Dafür steht im Philoktet die
Höhle. (3) Bei Sophokles ist die Doppeltürigkeit das charakteristi-
P r o l o g [I] 295

sehe Merkmal der Behausung Philoktets, das der Zuschauer durch


das Bühnenbild nicht nur ständig vor Augen hat, sondern das ihm
auch über die Spieldauer hinweg in Erinnerung gerufen wird
(Phil. 15-19. 159. 952). Aber sie bleibt ohne dramaturgische Funk-
tion (Beiträge 99ff.). Im euripideischen Drama, auf das sich die
Verweisung des doppelten Höhleneingangs bei Sophokles bezieht,
war das anders. Für den Auftritt des Diomedes im 4. Epeisodion
waren die beiden Zugänge eine notwendige Voraussetzung, und da
ihre Existenz schon im Prolog zur Sprache kam (unten S. 334), liegt
es nahe, daß auch ihre bühnentechnische Funktion bereits im Prolog
wirksam wurde; denn für den Zuschauer des euripideischen Dramas,
der den zweiten Eingang nicht sehen konnte, war seine Präsenz
konkret nur erfahrbar, wenn Odysseus selbst sich seiner bedient
hatte. Aber auch der detaillierte Bericht des Odysseus im sophokle-
ischen Prolog über die Doppeltürigkeit der Höhle bekommt unter
dieser Voraussetzung einen eindeutigen intertextuellen Hintergrund.
(4) Schließlich ist des Odysseus Kommen aus der Behausung
Philoktets der effektvollere Auftritt und fügt sich in das Bündel der
Paradoxien und Überraschungen, das sein Erscheinen darstellt (vgl.
unten S. 318f.). Der Zuschauer kommt aus dem Staunen nicht
heraus, und die Spannung hält an bis zum Ende des Prologs, wo der
Auftritt in der Doppeltürigkeit der Höhle seine Erklärung findet.
Seine Umkehrung am Ende des Kyklops (Polyphem verläßt die
Bühne durch den vorderen und dann durch den imaginierten rück-
wärtigen Höhleneingang) ist in der Dürftigkeit seiner sprachlichen
Andeutung nahezu unverständlich für den Zuschauer, wenn er ihn
nicht vor dem Hintergrund der entsprechenden Auftritte im Philoktet
sieht. Es muß freilich dahingestellt bleiben, inwieweit der Auftritt
des Odysseus in seinem Ablauf (direkt oder indirekt) am Text ables-
bar oder eine Sache der Regie war, die man in der einen oder der
anderen Weise handhaben konnte. Anders als der Ulixes des Accius,
der erst während der Spielhandlung von Minerva verwandelt wird
(Beiträge 262ff.), trat Odysseus bei Euripides bereits „an Gestalt und
Stimme" verwandelt auf (P 6,12f.; Τ 2). Daß er als junger Mann kam,
hat zuerst Webster 57 Anm. 36 vermutet. Calder hat die beiden
Alternativen der Verwandlung unter den Bedingungen der attischen
Theaterpraxis (alter oder junger Mann) und die Vorzüge der zweiten
296 Kommentar

aufgezeigt (Die Technik der Sophokleischen Komposition im


,Philoktet', in: E. Ch. Welskopf [Hrsg.], Hellenische Poleis III,
Berlin 1974, 1384). Daß es mehr als eine bloße Annahme ist, ergibt
sich aus der Prämisse von Philoktets Begegnung mit Odysseus: Die
Verwandlung macht aus Odysseus einen der Griechen vor Troja, den
aber Philoktet nicht kennen darf. Das ist nur möglich, wenn er erst
nachträglich zum griechischen Heer gestoßen ist, so wie Sinon im
2. Buch der Aeneis, der sich als junger Verwandter des Palamedes
ausgibt (Aen. 2,86f., dazu Beiträge 62 Anm. 25). Glaubwürdig war
die alleinige Rettung und fluchtartige Überfahrt von Troja nach
Lemnos auch nur für einen jungen Mann, nicht für einen Greis. Das
Motiv des vermeintlich ,unschuldigen' Jünglings als Kalküls der
Intrige nimmt Sophokles mit der Rolle des Neoptolemos auf. Zur
Deutung des von Athene instruierten Jünglings auf dem Vasenbild
des Dirkemalers (Syrakus 36.319) Beiträge 202ff. mit Abb. 28.
[S1] Daß Dions Paraphrase des Prologs sachliche Auslassungen
gegenüber dem Inhalt der euripideischen Vorlage aufweist, ergibt
sich sowohl aus den Konventionen der Gattung wie aus Dions
eigener Beschreibung des Prologinhalts in der 52. Rede. Der
exponierende Monolog des Odysseus muß nicht nur eine Selbst-
vorstellung des Sprechers, sondern auch einen Hinweis auf das
trojanische Unternehmen der Griechen als allgemeinen Hintergrund
der folgenden Tragödienhandlung enthalten haben. Dion konnte
beides ausklammern, weil es für seinen Leserkreis pure Selbst-
verständlichkeiten waren und er nicht an die dramaturgischen Bedin-
gungen des Theaterprologs gebunden war. Doch davon abgesehen,
sagt er auch selbst, daß er nicht alles wiedergibt: Τ 2 (52,[1 l]96f.)
αλλα τε ένθυμήματα πολιτικά στρέφων έν έαυτώ και πρώτον γε
διαπορών υπέρ αύτοϋ, μή αρα... (Odysseus, „der sich mit Gedanken,
die das bürgerliche Leben betreffen, im Selbstgespräch beschäftigt
und dabei vor allem erst einmal sich selbst in der Verlegenheit sieht,
daß ..."). Die Formulierung des Typs αλλα τε ενθυμήματα ... και
πρώτον γε besagt zwar zunächst nicht mehr, als daß es dem Autor
,vor allem anderen' auf das zweite Satzglied ankommt (άλλως τε καί)
und das erste nur dazu dient, das zweite vorzubereiten und als einzig
erwähnenswert hervorzuheben. Dabei ist oft schwer zu entscheiden,
ob das ,andere' nur eine gedachte Möglichkeit oder in der Realität
Prolog [I] (F 1) 297

wirklich gegeben ist. So sind die ενθυμήματα πολιτικά inhaltlich als


eine Prolepse zunächst einmal auf das zweite Satzglied zu beziehen,
und auch den Plural αλλα ενθυμήματα wird man nicht pressen dürfen.
Aber sie deshalb als bloße rhetorische Floskel anzusehen, wäre
ebenfalls bedenklich. Es muß bei Euripides eine Art sprachlich-
gedanklicher Vorbereitung und Einbettung dessen gegeben haben,
was Dion inhaltlich für mitteilenswert hält und das er auch in seiner
Prosaparaphrase des Prologs allein berücksichtigt (P 1-5). - Seit das
Heer der Griechen die Stadt des Priamos belagert: Da die kritische
Reflexion des Odysseus über sich selbst ohne den Zusammenhang
mit der trojanischen Heerfahrt nicht verständlich ist und in Ρ 1,1 die
σύμμαχοι genannt sind, muß zuvor bereits das Stichwort ,Troja'
gefallen sein.

Fl
Zuordnung: Stobaios
la (ώστε ναύκληρος λέγων): Daß der Sprecher von V. 1 ein Kauf-
fahrer ist, ergibt sich sachlich aus εν γη Ô' ό φόρτος (V. 2), syntak-
tisch aus dem medialen Prädikat ναυτίλλεται (V. 2), das als Subjekt
den Schiffspatron verlangt. - Direkte Rede innerhalb einer Rhesis bei
Euripides, eingeleitet durch ein Verbum dicendi, Ale. 162ff; 176ff.;
954ff.; Med. 873. 1151; Hipp. 1240; Heracl. 28ff.; El. 329f. 793.
804f. 814f. 83Of. 834. 847f. 930f. u.a.
1 μακάριος όστις: Zur Makarismos-Formel bei Euripides vgl.
Fr. 256,1; 1057,1 N.2; Or. 542 (ζηλωτός δστις). - ευτυχών οίκοι
μένει: Anspielung auf einen Vers, der Clem. Alex. Strom. 6,2,7 dem
Aischylos (Fr. 317,1 R.), Stob. 3,39,14 dem Sophokles (Fr. 934 Radt)
zugeschrieben wird: οίκοι μενειν χρή (όεΐ) τον καλώς εΰόαίμονα. Der
offenkundig berühmte Vers liegt in verschiedenen Brechungen in der
Neuen Komödie vor (Menand. Fr. 82,1 K.-A.; Fr. com. adesp. 140
K.-A.) und ist in die parömiographische Tradition eingegangen
(Diogen. 7,35 [CPG I 292,4]). Die parodische Variation oder Erwei-
terung vorgegebener Loci classici ist Komödienstil. Das hat dazu
gefuhrt, auch F 1 entweder überhaupt oder wenigstens in seiner
zweizeiligen Form für ein Komödienzitat zu halten (Th. Gomperz,
Beiträge zur Kritik und Erklärung griechischer Schriftsteller III:
SB Wien, Phil.-hist. Cl. 83 [1876] 578f.; Kassel-Austin VIII 262
298 Kommentar

[Fr. adesp. 897]; kaiserzeitlich nach A. Elter, De Gnomologiorum


Graecorum historia ..., Universitätsprogramm Bonn 1897, 20). Doch
auch Euripides sind ,Zitate' aus den beiden älteren Tragikern nicht
fremd (vgl. unten zu F 10 sowie Mueller-Goldingen 319ff.).
2 έν γή δ' ό φόρτος, καί πάλιν: Die stilistische Verknappung durch
Ellipse der Kopula unterstreicht den abrupten Umbruch. Zur
hypothetischen Parataxe (von Mette, Euripides 290 mißverstanden)
vgl. Kühner-Gerth II 233f., die aus Euripides Andr. 334 anfuhren
(τέθνηκα τη ση θυγατρί καί μ' άπώλεσεν). Vgl. Soph. OC 51: σήμαινε,
κούκ άτιμος εκ γ' εμού φανη. Plat. Theaet. 149b: έννόησον δή το περί
τάς μαίας άπαν ώς εχη, καί φαον μάθηση δ βούλομαι. Κ. Sier weist
mich auf Aisch. Cho. 327f. hin: ότοτΰζεται δ' ό θνησκων, / άναφαίνε-
ται δ' ό βλάπτων. Beliebt in rhetorischer Prosa. Ein älteres Schweizer
Straßenschild, mißverständlich wegen des ausgefallenen ,und',
fordert auf: ,Fahre rechts, die Straße wird breiter!' Gegen die Auf-
fassung des καί als καί inversum (dazu E. Bruhn, Anhang zu
Schneidewin-Nauck, Berlin 1899, 84f.; Denniston 290 [10]) spricht
das logische Satzverhältnis von Voraussetzung und Folge. - Gesners
Konjektur κού πάλιν, von Grotius 227f. übernommen und gelegent-
lich ihm auch zugeschrieben, hat mehr Anklang gefunden, als sie
verdient (Musgrave 580; Wecklein 136f.; ders.2 13; Meitzer 10;
Luzzatto3 212 Anm. 40). Auch M. L. Wests Konjektur Θ'... καί πόλιν
ist von Gesner inspiriert (Tragica VI: BICS 30 [1983] 78); dazu
weiter unten. - ναυτίλλεται: Das Verb (med.) ist der frühen Dichter-
sprache nicht fremd (Od. 4,672; 14,246), begegnet aber in der
Tragödie nur je einmal bei Sophokles (Ant. 717) und Euripides
(hier). Auch die Komödie meidet es.
Stobaios ordnet F 1 unter zwei unterschiedlichen Kapitelüber-
schriften ein: 3,39 περί πατρίδος (F 1,1) und 4,17 περί ναυτιλίας καί
ναυαγίου (F 1,1+2). Das Doppelzitat hat für Irritationen gesorgt, und
da Clemens Alexandrinus ebenfalls nur F 1,1 als euripideisch zitiert,
lag der Schluß nahe, dies sei das Ursprüngliche, und nur der erste
Vers des Fragments stamme aus dem euripideischen Philoktet. Elter
hat vermutlich recht, wenn er unterschiedliche Herkunft der beiden
Stobaios-Zitate für unwahrscheinlich hält, aber er hat sicher unrecht,
wenn er F 1,2 für eine Parodie hält, die selbst jünger als die gnomo-
Prolog [I] (Fl) 299

logische Vorlage des Stobaios sein müsse und den gnomologischen


Eintrag von V. 1 voraussetze (a.O. 20). Denn V. 2 legt den Sprecher
von V. 1 auf die Rolle des seefahrenden Kaufmanns fest, ohne dies
ausdrücklich zu sagen. Der Vers setzt also Kenntnis des im Gnomo-
logion ausgesparten und aus V. 1 allein auch nicht zu erschließenden
Kontextes voraus. Da V. 2 aber auch keinen aus sich allein heraus
verständlichen Rahmen konstituiert, wird deutlich, daß erst beide
Verse zusammen einen extrapolierenden Schluß auf die zugrunde-
liegende Sprechsituation erlauben. Das vollständige Fragment unter
dem Stichwort περί ναυτιλίας findet eine Parallele in Philemon Fr. 51
K.-A. (Diod. Sic. 12,14,1 (ε'ις) τους πολλάκις ναυτιλλομένους, bei
Stobaios nicht verzeichnet): τεθαύμακ', ουκ επεί / πέπλευκεν, άλλ' ει
δις πέπλευκε. Nicht auszuschließen ist, daß Philemon sich von Euri-
pides, den er schätzt (Fr. 153 K.-A.), hat anregen lassen und
die Stelle aus dem Nothos eine Variation der Philoktetverse ist. Nicht
die zweizeilige Fassung von F 1, sondern die Beschränkung auf den
ersten Vers ist erklärungsbedürftig. Die antike Literaturkritik sah in
dem oben zitierten Vers des Aischylos (oder Sophokles) das Vorbild
fur F 1,1 (Clem. Alex. a.O. spricht polemisch von Plagiat). Das
ist vermutlich richtig, darf aber nicht dazu führen, den Unterschied
zwischen beiden Versen zu übersehen. Die Aussage von Aisch.
Fr. 317,1 / Soph. Fr. 934 R. lautet: Der wahrhaft Glückliche kann nur
in der Heimat leben. Das ist halb Forderung, halb Feststellung eines
Tatbestandes. Von einer Anbindung an die Situation dessen, der im-
mer wieder aufs neue zur See fahrt, kann keine Rede sein. In F 1,1
wird daraus: Glücklich, wem ein behagliches Leben in der Heimat
gegeben ist. Solche Seligpreisungen sind eher Wunschvorstellungen
als Realitätsaussagen des Sprechers, und genauso ist der Vers
im Kontext zu verstehen. Für sich isoliert, wird daraus ein Lob der
Heimat (Stob. 3,39,13), oder es erscheint als Aischylosimitation
(Clem. Alex. a.O.). Im ursprünglichen Zusammenhang aber, der sich
aus der Verbindung mit F 1,2 erschließen läßt, ist es ein Zeugnis für
die Ängste und Wunschvorstellungen des Seefahrers sowie seine
Unfähigkeit, das Wünschenswerte in die Tat umzusetzen. Dem ver-
danken wir mit der Einreihung unter dem Stichwort περί ναυτιλίας
den Erhalt der beiden Verse und die Kenntnis des originären Kon-
textes. - Der Unterschied zwischen den beiden Zweizeilern Aisch.
300 Kommentar

Fr. 317 R. und Eur. Phil. F 1 besteht darin, daß der unverändert über-
nommene Aischylosvers Fr. 317,1 um eine sarkastische Pointe
(317,2), vermutlich von einem Komödiendichter (Fr. com. adesp.
140 K.-A.), erweitert ist, während die beiden Verse von F 1 von
vornherein eine Einheit bilden, in der V. 1 eine modifizierende
Variation von Aisch. Fr. 317 (Soph. Fr. 934 Radt) darstellt, die dem
neuen Sinngefüge adaptiert ist. Nichts steht der Annahme entgegen,
daß - wie von Stobaios überliefert - beide Verse aus dem euripi-
deischen Philoktet stammen. Die Gegenposition nimmt Amphion in
der Antiope ein (Fr. 194 N.2). - Gesners Konjektur κον πάλιν ναυτίλ-
λεται hebt das widersprüchliche Verhalten des Kauffahrers auf. Sie
geht von einem Menschenbild bürgerlicher Rationalität aus, die der
Belehrung durch Erfahrung zugänglich ist. Der Text verliert damit
seine Spannung und Pointe. Wests Änderungsvorschlag (και πόλιν v.;
Aisch. Sept. 652 ναυκληρείν πόλιν [πα POxy 2333 : πάλιν Dawe :
πάτραν Roberts] liegt die in F 1 vollkommen abwegige Metapher
des Staatsschiffs vor) folgt in der Sache Gesner (,,καί πάλιν is
obviously wrong. Gesner's emendation is feeble, though it has the
merit of recognizing that the lucky man is the one who does not go to
sea", a.O. 78), bemüht sich aber um eine neue Pointe (wenn auch der
Wortwitz frostig ausfallt). Doch die rationalistische Einebnung des
überlieferten Textes bleibt und wird durch die Änderung von δέ in τε
noch verstärkt (sinngemäß so schon Grotius 228/230: „Beatus ille,
qui domi felix manet, / Solidoque merces locat et a ponto abstinet"),
von dem nunmehr anstößigen Subjektswechsel (Seefahrer - Ladung
- Seefahrer) ganz abgesehen. Nach Gaisford (Oxford 1822, II 429)
zu Stob. 4,17,18 hat bereits Scott („Scottus apud Grotium in mss.")
και πόλιν konjiziert, ebenso W. Headlam, JPh 20 (1892) 308. Nur der
Kuriosität halber sei Housmans ποδοΐν erwähnt (Classical Papers III
1254 [zuerst 1890]). - Zum Gedanken vgl. außer der oben zitierten
Philemon-Stelle Horaz, C. 1,1,15-18 und Epode 2. Für die Zeitlosig-
keit des Exempels spricht Sindbad der Seefahrer in Tausend und eine
Nacht: „die Leute staunten ob meiner gefahrlichen Abenteuer und
wünschten mir Glück zu meiner sicheren Heimkehr. (...) Dennoch
riet mir meine Seele von neuem, zu reisen und die Welt zu schauen,
und sie sehnte sich danach, Handel zu treiben, Geld zu verdienen und
Gewinn zu haben" (Inselausgabe IV 126f.).
Prolog [I] (F 1) 301

Zuordnung zum Prolog


Die Einordnung von F 1 in den Ablauf der Dramenhandlung ist
umstritten. Nur darin scheint man sich seit Härtung einig, daß die
Verse nicht (wie Welcker 2 513 meinte) in den Prolog gehören. Die
konkurrierenden Alternativen sind (1) die Zuweisung zu einem
Dialog zwischen Chor und Philoktet nach der Parados und vor der
Troerszene; Sprecher ist der Chor (Bothe 287; vermutlich Nauck
[Einleitung S. 96]); oder (2) zu einer Szene nach dem Abgang der
Troer, als Diomedes in der Rolle eines Schiffsherren auftritt
(Wecklein 136; ders 2 13; Meitzer 10; Luzzatto 3 212; Olson 276);
Sprecher ist Diomedes (Einleitung S. 103. 115); oder (3) die Plazie-
rung in der Schlußszene des Dramas mit Philoktet als Sprecher
(Matthiae 288; Härtung 358f.; Wagner 2 815; Dindorf, Poet. seen.
Gr. 117; vermutlich Mette, Euripides 2 290 [ohne Sprecherangabe]).
Keine dieser Zuordnungen ist haltbar: die erste nicht, weil F 1 als
Vorwurf des Chores gegenüber Philoktet keinen Sinn ergibt, die
zweite und dritte nicht, weil sie auf falschen dramaturgischen Prä-
missen beruhen (Diomedes kommt nicht als verkleideter Kaufmann
[Einleitung S. 104]; Philoktets Entschluß, sich wieder den Griechen
anzuschließen, erfolgt nicht freiwillig [T 27]). Aber auch wenn die
Prämissen zutreffend wären, das Räsonnement von F 1 in der Ver-
bindung mit Diomedes (als Schiffspatron) bliebe ganz äußerlich; im
Munde eines einlenkenden Philoktet am Ende des Stückes zur
Demonstration seiner eigenen Inkonsequenz wirkte es geradezu
komisch. Für das gleichsam kollektiv befolgte Denkverbot der nahe-
liegenden Verbindung von F 1 mit der selbstkritischen Reflexion des
Odysseus im Prolog gibt es nur einen plausiblen Grund: die Nichtbe-
rücksichtigung der Verse in der Paraphrase des Dion. Die Möglich-
keit einer solchen Verbindung galt daher als ausgeschlossen (vgl.
Wecklein 137). Allein Welcker war unvoreingenommen (oder unbe-
kümmert) genug, das scheinbar Ausgeschlossene für möglich zu
halten, weil es das Selbstverständliche ist und die einzig stimmige
Zuweisung darstellt. Er diskreditierte freilich seine Zuordnung von
F 1 dadurch, daß er die Verse als Abschluß des ersten Prologteils an
der falschen Stelle einsetzte. Dem steht in der Tat die durch Dion
festgelegte Gedankenfolge entgegen. Dagegen passen die Verse ge-
nau in den Zusammenhang des Ausgangspunktes der Überlegungen
302 Kommentar

des Odysseus zur Inkonsequenz menschlichen Verhaltens. Sie bieten


ein eindrucksvolles Exempel dafür, daß der Mensch immer wieder
bereit ist, Dinge zu tun, die er eigentlich nicht tun will, weil das Risi-
ko zu groß ist. Die Verse gehören in den Teil der Befunderhebung,
nicht der Erklärung des Phänomens. Bei Euripides standen sie vor
den Versen, mit deren Paraphrase Dions 59. Rede beginnt.
[S2] Man nennt mich Odysseus, den Sohn des Laertes: Vgl. Τ 1/2.
Namentliche Selbstvorstellung des Prologsprechers ist bei Euripides
der Normalfall (vgl. Aristoph. Ran. 946f.). An ihre Stelle kann auch
eine mit anderen Personennamen verbundene genealogische oder
biographische Beziehung treten, so daß die Identität des Sprechers
nicht zweifelhaft ist (Apollon: Ale. Iff.; Medeas Amme: Med. 6 f f ;
Agamemnon: IA 2 [50]; Diomedes: Oen. fr. 558,3 N.2). Odysseus,
von Athene verwandelt mit dem Ziel der Unerkennbarkeit, kann die
Zuschauer nur kurze Zeit über seine wahre Identität im Unklaren
gelassen haben. Bei der Diskrepanz des Erscheinungsbildes war die
Überraschung um so größer, je unmißverständlicher seine Angabe
war. Das empfiehlt eine Selbstvorstellung vom Typ ,ich heiße ...'
(θεά κέκλημαι Κύπρις, Hipp. 2; Ελένη δ' έκλήθην, Hei. 22), ,man
nennt mich ...' (καλοΰσι δ' Ίοκάστην με, Phoen. 12; Τήλεφον δ'
έπώνυμον καλοΰσί μ' άστοί Μυσίαν κατά χθόνα, Teleph. prolog. 1 If.
[Fr. 102 Austin]; καλοΰσι Μελανίππην (με), Mel. Soph, prolog. 13
[SE 26]).

Ρ 1-P2-F2-P3-P4-F3-P5-F4
Zuordnung zum Prolog

Über diesen Abschnitt des Prologs sind wir durch Dions Paraphrase
in der 59. und seine Inhaltsangabe in der 52. Rede sowie durch die
Überlieferung von 8 Originalversen des Euripides so gut informiert
wie über keinen anderen Teil der Tragödie.
Es hat lange gedauert, bis sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, daß
der Anfang von Dions 59. Rede eine Paraphrase des euripideischen
Prologs ist (Einleitung S. 84ff). Casaubonus (92) mochte sich nicht
entscheiden, ob es sich bei dem paraphrasierten Text um die Philo-
ktettragödie des Aischylos oder des Euripides handelte, obgleich der
Zusammenhang mit Euripides sich eindeutig aus der 52. Rede des
Prolog [I] (Ρ 1-5. F 2-4) 303

Dion, die er selbst kommentiert hatte, erkennen läßt (52,[11]95-107


mit F 3,1). Die Zuordnung von F 2-4 ergibt sich aus der inhaltlichen
Übereinstimmung mit der Paraphrase. Der Kontext von F 2 sichert
unabhängig davon Euripides als Autor, der von F 3 die Zugehörigkeit
zu dessen Philoktet.
Dions Technik der Paraphrase
Zur Paraphrase als Übung des rhetorischen Unterrichts Quintilian,
Inst. or. 10,5,4f. (neque ego paraphrasin esse interpretationem tan-
tum volo, sed circa eosdem sensus certamen atque aemulationem);
ders. zur Paraphrasierung von metrischen Äsopfabeln 1,9,2 (versus
primo solvere, mox mutatis verbis interpretari, tum paraphrasi auda-
cius vertere, qua et breviare quaedam et exornare salvo modo poetae
sensu permittitur). Hermogenes, Meth. 24 (440,8-13 Rabe): τοΰ
ταύτα λέγοντα η έαυτψ η αλλιο τινί μή δοκεΐν τα αΰτά λέγειν διπλή
μέθοδος- (...) ή δέ αυτή και τοΰ παραφράζειν μέθοδος· ή γαρ την τάξιν
μεταβάλλεις, ηπερ εκείνος εχρήσατο, η το μέτρον· ε'ίπερ γαρ δια μακρών
εκείνος, ταΰτα έν βραχέσι συνελών λέγεις η το εναντίον. Vgl. Progym.
3f. (8-11 Rabe). Die aufgestellten Regeln der Paraphrase betreffen
die Verfremdungstechnik der Form gegenüber der Identität des
Inhalts. Vgl. die systematische Zusammenstellung bei H. Lausberg,
Handbuch der literarischen Rhetorik, München 1960, 530ff. - Ein
vergleichbares Beispiel mit literarischem Anspruch wie die 59. Rede
des Dion ist in der lateinischen Literatur Gellius, Noct. Att. 2,29,3-16
mit der Paraphrase einer Satire des Ennius (21-58 Vahlen). Der
Text des Gellius endet (17-20) mit einem Verszitat des Originals
(MusHelv 33 [1976] 200f. [Kleine Schriften 536f.]). Auch der Text
des Dion schließt mit einem Trimeter. Ob es freilich ein Vers der
euripideischen Tragödie war, steht dahin (unten S. 390). Unter den
Werken des jüngsten der drei in der Suda erwähnten Philostratoi
(φ 423) wird eine Paraphrase der homerischen Schildbeschreibung
genannt. - Zur Datierung oben S. 241 f.
Versuche, aus dem Text des Dion das Original zur Gänze (Bothe)
oder auch nur in Teilen (Valckenaer) wiederherzustellen, sind
gescheitert. Sie sind nicht mehr als geistreiche philologische Exer-
citia (Einleitung S. 85. 94). Wäre es anders, hätte Dions Paraphrase
ihr Ziel verfehlt. Das auffälligste Unterscheidungsmerkmal der
304 Kommentar

Paraphrase zum Original sind neben der Umsetzung der jambischen


Trimeter in Prosa die Verkürzungen gegenüber dem Text des Euripi-
des (Beiträge 55ff.). Nichts setzt den Autor der Paraphrase eindeuti-
ger in Opposition zum Verfasser der Vorlage. Dagegen steht das, was
den positiven Inhalt der Paraphrase ausmacht, in einem Spannungs-
verhältnis von verweisender Übernahme und distanzschaffender
Verfremdung. Nur bei einem kurzen Abschnitt der Paraphrase
(59,1 f.) haben wir eine vergleichsweise zuverlässige Kontrolle durch
den Originaltext (F 2-4).
Die Möglichkeiten der Variation des Vorgegebenen reichen von
einer annähernden Beibehaltung des euripideischen Wortlauts bis
zur weitgehenden Neuformulierung des Gedankens und pendeln
zwischen Erweiterung und Verkürzung:
- Übernahme der euripideischen Wortwahl; sie hält sich in sehr
engen Grenzen: σοφωτάτου (vgl. zu F 2,3), οΰτω (...) ώς άνήρ πέφυκεν
F 3,1), τους γαρ (F 3,2), ανδρας (~ F 3,3), όκνών (~ F 4,1).
Aufschlußreich ist ein Vergleich mit der Paraphrase 52,[12]100-106,
wo Dion aus F 2,1 das bedeutungsträchtige άπραγμόνως zum
Hendiadyoin άλύπως και άπραγμόνως erweitert und aus F 4,2 das
ebenfalls sinntragende πόνους übernimmt. Der Unterschied ist wohl
darin begründet, daß es sich in Or. 52 um eine zitierende Paraphrase
handelt, die Paraphrase Or. 59 aber eine Literaturform mit dem
Anspruch auf sprachliche Eigenständigkeit ist.
- Bewahrung des Wortstamms: ποία/πώς, φρόνησις /φρονοίην
(~ F 2,1), πλειόνων/πλέον (F 3,2)
- Wechsel der Wortart: Adjektiv statt Adverb, Nomen statt Verb
(F 2,1); oder des Numerus (άρίστων ~ σοφωτάτω [F 2,3], πλειόνων ~
πλέον [F 3,2])
- Erweiterung des euripideischen Wortbildes: Hendiadyoin (σοφία
και φρόνησις ~ φρονοίην [F 2,1], άριστου δή και σοφωτάτου ~ σοφω-
τάτω [vgl. zu F 2,3], οϋτω μεγαλόφρον και φιλότιμον ~ οΰτω γαϋρον
[F 3,1], vgl. oben zu Dion 52,[12]100ff.), inhaltliche Verdeutlichung
(τους γαρ ... σχεδόν τούτους απαντας ~ τους γαρ ... [F 3,2], τω οντι
ανδρας ~ ανδρας [F 3,3])
- Synonymenersatz und synonymische Paraphrase: εξόν ~ παρην
(F 2,1), ενα τοϋ πλήθους δοκοΰντα ~ εν τοΐσι πολλοίς ήριθμημένω
Prolog [I] (Ρ 1-5. F 2-4) 305

(F 2,2), των άριστων ~ τώ οοφωτάτω (F 2,3), οΰτω μεγαλόφρον καί


φιλότιμον ~ οΰτω γαϋρον (F 3,1), φανερούς ~ περισσούς, πλειόνων
άπτεσθαι τολμώντας ~ τι πράσσοντας πλέον (F 3,2), θαυμάζομεν και...
ήγούμεθα ~ τιμώμεν ... τε ... νομίζομεν (F 3,3)
- Verkürzung: der Text zwischen F 2 und F 3, der inhaltlich Ρ 3 und
Ρ 4 umfaßte und den Dion auf den versetzten Relativsatz δι' ην τις
κτλ. reduziert.

Dion 59,If. F 2 - F 4

(1) φοβούμαι μήποτε μάτην κατ' έμοϋ


φανώσι ταύτην ol σύμμαχοι την δόξαν
είληφότες ώς άριστον δη καί σοφωτά-
τον των 'Ελλήνων, κ α ί τ ο ι π ο ί α τ ι ς πώςδ'ιϊνιρρονοίην,
ή τοιαύτη σοφία καί φρόνησις,
δι' ην τις άναγκάζεται πλείω των άλ-
λων πονεϊν ύπέρ της κοινής σωτηρίας
καί νίκης, εξόν 'ένα τον π λ ή θ ο ν ς (ό παρην άπραγμόνως
δ ο κ ο ν ν τ α μ η δ ε ν ό ς ε λ α τ τ ο ν έν tv τοϊσι πολλοίς ήριθμημίνω οτρατον
τ ο ύ τ ο ι ς ε χ ε ι ν τ ω ν άρίστα>ν; ιοον μιταοχίϊν τω σοφωτάτω τύχης;

III ά λ λ α γ α ρ 'ίσως χ α λ ε π ό ν ε ύ ρ ε ΐ ν
οΰτω μεγαλόφρον καί φιλότι- ούόένγαρ oto«γαϋρον ΐι>ςάνήρεφν
μ ο ν ό τ ι ο ν ν ώς άνήρ πέφνκεν.
IV τους γαρ φ α ν ε ρ ο ύ ς κ α ί π λ ε ι ό - τούς γάρ περιοοονς καί τι πράοσοντας πλίον
νων άπτεσθαι τολμώντας σχεδόν τιμωμτνάνόραςτ'évπόλΕΐνομίζομΕν.
τούτονς απαντας θανμάζομεν
κ α ί τ ω ο ν τ ι άνδρας ήγούμεθα.
V (2) ύφ' ής φιλοτιμίας κάγώ προάγομαι
πλείστα πράγματα 'έχειν καί ζην
έπιπόνως παρ' όντινονν άεί τ ι ν α
προσδεχόμενος καινόν κίνδννον
όκνων δ ι α φ θ ε ΐ ρ α ι την επί τ ο ι ς όχνώ<ν;όέμόχθωνxGnπρινίκχίαιχάριν
'έμπροσθεν γ ε γ ο ν ό σ ι ν ε ΰ κ λ ε ι α ν . καίτονςπαρόνταςοΰκώκϋθοϋμαιπόνους.

(I) Da der Bezugstext fehlt, entzieht sich der Eingangssatz weitge-


hend der Kontrolle. Keines der sinntragenden Wörter ist uneuripi-
deisch, aber nur von einem (αοφωτάτου) läßt sich mit einer gewissen
Zuversicht sagen, daß es im Originaltext vorgekommen sein dürfte.
306 Kommentar

Es gibt kein anderes Wort, das die gemeinte Arete des Odysseus
sachlich zutreffender und sprachlich korrekter bezeichnen könnte.
Dafür spricht auch Dions Hendiadyoin άριστου δή και σοφωτάτου,
das nach einer interpretierenden Erweiterung aussieht und eine
Brücke schlägt zu άριστων, mit dem Dion das erklärungsbedürftige
euripideische σοφωτάτψ (F 2,3) ersetzt und auslegt, das seinerseits
auf ein voraufgehendes σοφώτατος Bezug zu nehmen scheint. Dage-
gen gibt es für των Ελλήνων eine Reihe von denkbaren Äquivalenten
im Text des Euripides (unten S. 364).
(II) Der folgende Satz schließt sich zwar an die syntaktische Struktur
von F 2 an und behält auch die Frageform bei, erweitert aber das
vorgegebene Satzgefüge durch die Zwischenschaltung eines Relativ-
satzes (δι' ην τις άναγκάζεται πλείω των άλλων πονεϊν ϋπέρ της κοινής
σωτηρίας και νίκης), der aus dem folgenden Kontext der Vorlage
entnommen ist und inhaltlich nicht zu dem Bezugswort, von dem er
in Dions Paraphrase abhängt, paßt (σοφία και φρόνησις). Den persön-
lichen Bezug zur Klugheit des Odysseus bei Euripides ersetzt Dion
durch eine abstrakte nominale Formulierung, wodurch die Verknüp-
fung mit dem späteren Versatzstück erst möglich wird.
(III) Der nächste Satz tauscht nur die Wörter aus, erweitert die
Wortbilder und zitiert am Ende wörtlich mit einer kleinen Variation
der Verbform (ώς άνηρ πέφυκεν ~ ώς άνηρ εφυ [F 3,1]).
(IV) Was für den dritten Satz gilt, gilt auch für den vierten. Mit
dem Original haben beide auch die Beibehaltung des anfänglichen
γάρ gemeinsam. Damit darf als gesichert gelten, daß F 3,1 und F 3,2
auch bei Euripides unmittelbar aufeinander folgten. Zur gedanklichen
Verknüpfung unten S. 308f. 313f. 316.

(V) Die Einleitungsworte (ύφ' ης φιλοτιμίας κτλ.) resümieren die


Auslassung von Ρ 3, die drei Verse von F 3 und die versetzte Para-
phrase Ρ 4. Syntax und Logik der Vorlage werden im Folgenden
verändert: Das Partizip bleibt zwar erhalten (όκνών), aber es tauscht
seinen Platz mit dem regierenden Verb, das seine übergeordnete
Funktion behält, dessen finite Form aber zum Partizip wird, während
sein Inhalt nunmehr positiv formuliert wird (άεί τινα προσδεχόμενος
καινόν κίνδυνον).
Prolog [I] (Ρ 1) 307

Nur vereinzelt begegnet in 59,1 f. ein Wort, das bei Euripides nicht
belegt ist (μεγαλόφρων [auch bei keinem anderen der Tragiker],
ότιοΰν /όντινοΰν [betontes Prosa-Signal], προάγειν [ΙΑ 1550 in L,
umstritten], 'έμπροσθεν [Hipp. 1228 v.l.]). Vgl. unten S. 356. Aber
nur ausnahmsweise ergibt sich aus dieser allgemeinen lexikali-
schen Übereinstimmung eine Übereinstimmung im Wortlaut des
sinngleichen Satzes. Von einer Beibehaltung des euripideischen
Textes kann eigentlich nur an einer Stelle die Rede sein: ώς άνήρ
πέφυκεν ~ ώς άνήρ εφυ (F 3,1; vgl. δστις άρτίφρων πέφυκ' άνήρ, Med.
294).

PI
1 φοβούμαι μήποτε: και πρώτον γε διαπορών (sc. Odysseus) ύπερ
αύτοϋ, μή άρα κτλ. (Τ 2 [52,(1 l)97f.]). Vgl. oben S. 277f. Damit steht
fest, daß der Teil des euripideischen Prologs, den Or. 59 paraphra-
siert, gedanklich so begann, wie Dion ihn beginnen läßt. - μάτην: ή
δέ τουναντίον (Τ 2 [52,(1 l)99f.]). Es ist nicht zu entscheiden, welche
Formulierung sich enger an den Text des Euripides anschließt.
lf. ταύτην οί σύμμαχοι την δόξαν είληφότες: δοκή μεν τοις
πολλοίς (Τ 2 [52,(1 l)98f.]). Als (logisches) Subjekt des Nebensatzes,
ob nun im Nominativ oder einem anderen Kasus, scheint ol σύμμαχοι
dem euripideischen Text näher zu stehen als τοις πολλοίς, das F 2,2
begegnet und damit im vorliegenden Kontext bereits vergeben ist.
Zur Schreibweise ξύμμ. /σύμμ. bei Dion und Euripides oben S. 134f.
- Zur Problematik der δόξα Med. 292f. (οΰ vöv με πρώτον άλλα
πολλάκις, Κρέον, / έβλαψε δόξα μεγάλα τ' ε'ίργασται κακά).
2 ώς αρίστου δη και σοφωτάτου των Ελλήνων: Die Junktur
Superlativ + δή ist bei Dion (vgl. Ρ 6,3) und auch sonst in der attizi-
stischen Literatur beliebt (Schmid I 184). Vorbild ist die attische
Prosa des 5. (Thukydides) und 4. Jhs. (Denniston 207). Obschon bei
Homer belegt (II. 6,185; Od. 12,258), findet sich die Verbindung in
der Tragödie nur vereinzelt bei Euripides (κάλλιστα δή, Heracl. 794).
Zum Namen der ,Griechen' bei Euripides unten S. 364. - σοφός
τις είναι και διαφέρων τήν σύνεσιν (Τ 2 [52,(11)99]). Die inhaltliche
Umschreibung des Rufes des Odysseus im Heer der Griechen dürfte
in der Paraphrase von Or. 52 mit ihrer Beschränkung auf die intellek-
308 Kommentar

tuelle Arete dem Originaltext näher stehen als der Wortlaut in Or. 59;
denn um den Ruhm seiner Verstandeskraft und Geschicklichkeit geht
es Odysseus im vorliegenden Zusammenhang. Lukian, De parasito
10 (τω σοφωτάτψ των Ελλήνων ree. : φιλοσοφωτάτφ των δλων β :
σοφωτάτω των λόγων γ) scheint ein Euripideszitat zu sein (Einleitung
S. 77 Anm. 28). Mit dem Hendiadyoin ώς άριστου και σοφωτάτου
των Ελλήνων legt Dion den Euripidestext sinngemäß aus. Odysseus
ist als der Klügste zugleich auch der Beste (oder versteht sich zu-
mindest selbst so). Vgl. zu σοφώτατος in F 2,3. - Der Katalog der
Superlative in Verbindung mit den Griechen vor Troja sieht in
Achilleus den Besten (in Aias den Zweitbesten), in Protesilaos den
ersten Gefallenen, in Nireus den Schönsten, in Odysseus den Klüg-
sten oder - bei Differenzierung des Begriffs - den Gewandtesten
(πολυτροπώτατος) und in Nestor den Weisesten (σοφώτατος, Plat.
Hipp. 2,364c).

Gedankenfolge P1-P2-F2-P3-P4-F3-P5-F4

(1) Der Ruf des Odysseus, der Weiseste der Griechen zu sein, trifft
nicht zu (Ρ 1 ~ Τ 2 [52,(11)96-100]).
(2) Denn er nimmt freiwillig Mühen und Gefahren im Dienst des
griechischen Heeres auf sich (P 2).
(3) Wie aber kann weise sein, wer Mühen übernimmt, die ihm keinen
Vorteil gegenüber den Vielen einbringen, die solche Strapazen nicht
übernehmen (F 2)?
(4a) Grund ist der Ehrgeiz der Edlen (P 3), sich vor anderen auszu-
zeichnen (P 4).
(4b) Denn nichts ist so ehrgeizig wie ein richtiger Mann (F 3,1), weil
nur, wer mehr tut als die anderen, bei den Mitbürgern in Ansehen
steht (F 3,2f.).
(5) So erklärt sich auch das Verhalten des Odysseus (Ρ 5).
(6) Er übernimmt immer neue Aufgaben, um nicht den Ruhm, den er
seinen früheren Leistungen verdankt, zu verlieren (F 4).
Die Abfolge F 2 - F 3 - F 4 ist unbestritten, doch folgten die Verse
F 2 / F 3 nicht unmittelbar aufeinander, wie man aufgrund der Satz-
folge in der Paraphrase des Dion seit Valckenaer und vor Nauck
angenommen hat. Aufgrund der Verknüpfung von F 2,1-3a mit F 3,2
Prolog [I] (Ρ 1. 2) 309

in der NE hatte bereits Grotius 2 413, gefolgt von Barnes 501, F 2 mit
F 3,2f. zu einem zusammenhängenden Text verbunden. Doch Aristo-
teles zitiert Fragmentstücke sowohl von F 2 als auch von F 3, die
nicht aneinander anschließen. Die Verbindung bei Dion aber wird
erst dadurch möglich, daß er das begründende γάρ des Originals
durch ein adversatives άλλα γάρ ersetzt, an die Stelle der 1. Person
des Odysseus eine neutrale Formulierung treten läßt und einen not-
wendigen Gedanken des Zwischentextes als Relativsatz vorzieht
(φρόνησις, δι' fjv τις). Steht somit die Sequenz F 2 - P 4 - F 3 fest, so
bleibt die Frage, wie sich die Inhaltsangabe (teilweise Paraphrase)
des ersten Prologteils in Or. 52 dazu verhält. Enthalten Ρ 2 und Ρ 3
selbständige Aussagen des Originals, die in Or. 59 ausgespart sind,
oder handelt es sich nur um versetzte Textvarianten oder Zusammen-
fassungen von Aussagen der übrigen Textzeugen?

Gedankenfolge Or. 52,100-107 (Τ 2)


εξόν - άπραγμόνως ζην (~ F 2)
ó δέ έκών - κινδύνοις γίγνεται (Ρ 2 = Ρ 4 oder Ρ 5?)
τούτου δέ - φιλοτιμίαν (Ρ 3 = F 3,1?)
δόξης γαρ άγαθής - πόνους υφίστανται (~ F 3/4)
F 3,1 (Originalzitat)

Ρ 2
Während der erste Teil der stark verkürzenden Paraphrase eine Wie-
dergabe von F 2 ist, bezieht sich der Hauptsatz inhaltlich auf keinen
der erhaltenen Verse. Er scheint aber auch keine Entsprechung in
Or. 59 zu haben. Auch wenn man versucht sein könnte, in ihm eine
Variation von Ρ 4 zu sehen, so wird dies doch durch die gegensätz-
lichen Schlüsselbegriffe έκών und άναγκάζεται ausgeschlossen. Ρ 2
konstatiert ein allseits bekanntes Faktum (άεί), Ρ 4 gehört dagegen,
wie άναγκάζεται zeigt, in eine Begründung des paradoxen Befundes:
Die Freiwilligkeit gilt nur scheinbar, in Wirklichkeit ist es ein
zwanghaftes Verhalten; der Edle kann gar nicht anders. Zur Frage
der Authentizität von Ρ 4 unten S. 314f. Weniger eindeutig ist das
Verhältnis von Ρ 2 zu Ρ 5, das die Schlußfolgerung aus der zuvor
gegebenen allgemeinen Erklärung für Odysseus persönlich zieht. Ρ 5
macht aber Ρ 2 nicht überflüssig und ist auch keine bloße Wieder-
310 Kommentar

holung, vielmehr verhalten sich beide zueinander wie Anfang


und Schlußglied einer'ringkompositorischen Gedankenfolge. Dabei
entspricht προάγομαι (Ρ 5) dem άναγκάζεται in Ρ 4, nicht έχων in
Ρ 2. Zugunsten der Eigenständigkeit von Ρ 2 spricht ferner, daß F 2
nicht unmittelbar an den Gedanken von Ρ 1 anschließt, sondern als
Zwischenschritt der Hinweis erforderlich ist, wie sich denn Odysseus
tatsächlich verhalten hat. In Or. 59 löst Dion das Problem durch den
vorgezogenen Relativsatz nach φρόνησις (Ρ 4).

F2

Alle drei Verse sind vollständig bei Plutarch überliefert, das Zitat
bei Aristoteles bricht in der Mitte des 3. Verses ab. Zur Deutung
der Verse durch Aristoteles oben S. 232ff. (H 3d). Plutarch
exemplifiziert mit den beiden Zitaten F 2 und F 4 aus dem Anfangs-
monolog des Odysseus eine Taktik, die davor bewahrt (φάρμακα),
daß Eigenlob Mißgunst provoziert. Er erklärt dies wie folgt: „Denn
wie Haus- und Grundbesitz, so neiden die meisten auch Ansehen
und Tugend denen, die sie umsonst und leicht zu besitzen scheinen,
nicht aber denen, die sie unter vielen Mühen und Gefahren erkauft
haben."
1 άπραγμόνως: Nicht zu trennen vom Gegenbegriff des πολυ-
πράγμον (πολλά πράττειν, vgl. unten zu F 3). Wie das Substantiv
άπραγμοσύνη (Thuk. 1,32,5; Aristoph. Nub. 1007) Bestandteil der
politischen Sprache des 5. Jhs. (Antiphon, Tetr. 2,2,1; Thuk. 1,70,8;
2,40,2; Eup. Dem. fr. 99,26 K.-A.; Aristoph. Eq. 261). Die beiden
Eskapisten Euelpides und Pisthetairos in den Vögeln des Aristopha-
nes sind auf der Suche nach einem τόπος άπράγμων (V. 44). Von den
Tragikern gebraucht das Wort, soweit wir sehen, allein Euripides,
und auch er nur hier und in einem Fragment der Antiope. Es spricht
Amphion, der Vertreter der Vita contemplativa, in einem ähnlichen
Zusammenhang wie an der Philoktetstelle: δστις δέ πράσσει πολλά μή
πράσσειν παρόν, / μωρός, παρόν ζην ήόέως άπράγμονα (Fr. 193 Ν.2).
Zum ,bekehrten' Odysseus, der nur noch der άπραγμοσύνη anhängt,
Τ 3 (Platon). Hinter diesem Odysseusbild dürfte auch Odysseus als
Verweigerer der Heerfolge zu Beginn des trojanischen Feldzuges
stehen, ein Ereignis, das an anderer Stelle im Philoktet erwähnt
wurde (unten S. 370).
Prolog [I] (Ρ 2. F 2) 311

2 έν τοϊσι πολλοίς: Zum Gegensatz ol πολλοί - σοφώτατος vgl. die


als paradox verstandene Charakterisierung des Landmanns Eur. El.
382: έν τοις δέ πολλοίς ών άριστος ηύρέθη. - ήριθμημένω: Aus
der Übereinstimmung von Plutarch mit einem Teil der Aristo-
teleshandschriften läßt sich erschließen, daß dies die Lesart der
alexandrinischen Euripidesiiberlieferung war. Aristoteles selbst las
offensichtlich ήριθμημένον, jedenfalls ist es die primäre Aristo-
telestradition, die auch der antiken Exegese zugrunde liegt (Heliodor
CAG XIX 2,123,31; Eustratios CAG XX 340,7). Heliodor zitiert
im übrigen die drei Verse korrekt, der Codex h ergänzt darüber
hinaus die zweite Hälfte von V. 3, aber nicht aus dem Euripidestext,
wie das unzutreffende Interpretament Ζευς μισεί zu F 3,2 zeigt. Für
φ - ήριθμημένω spricht auch, daß die konzinne Fassung in der
Tragödie die übliche syntaktische Figur ist. Die Beispiele, die
E. Bruhn im Anhang zum Sophokles-Kommentar von Schneidewin-
Nauck (Berlin 1899, 67,10-23) anführt, betreffen Stellen, an denen
der Akkusativ des Partizips einen Hiat vermeidet (z.B. Eur. Med.
814f. 1237f.). Dagegen scheint der inkonzinne Sprachgebrauch nach
vereinzelten Beispielen bei Herodot und Thukydides erst in der Prosa
des 4. Jhs. wirklich heimisch geworden zu sein (vgl. die Beispiele
aus Piaton bei Bruhn a.O. und aus den Rednern und Xenophon
bei Kühner-Gerth II 24f.). So erklärt sich auch die Textfassung des
Aristoteles. - έν τοϊσι γενναίοισιν ήριθμημένος / δούλοισι Eur. Hei.
729f. Obgleich άριθμεΐν in den homerischen Gedichten mehrmals
vorkommt und auch bei Pindar begegnet, scheint es erst durch Euri-
pides selbstverständlicher Bestandteil des Tragödienwortschatzes
geworden zu sein. Aischylos meidet es, bei Sophokles kommt
άριθμεΐν nur einmal vor (Fr. 681 Radt). - στρατού: Entsprechend
der Kriegssituation vor Troja geht Odysseus von militärischen Ver-
hältnissen aus. Das Gesagte zielt aber, wie das Folgende zeigt (F 3),
auf das allgemeine politische Verhalten der Bürger einer Demokratie.
Der Konflikt, um den es im Philoktet geht, betrifft ein Problem
innerhalb der Bürgerschaft.
3 ίσον: Adverbial oder als Objekt mit τύχης zu verbinden. - τω
σοφωτάτω: „wie der Klügste/Geschickteste/Tüchtigste (als den
man mich bezeichnet)". Im Munde des euripideischen Odysseus
kann der άριστος nur der σοφώτατος sein. Der Odysseus des Sopho-
312 Kommentar

kies weiß zu differenzieren, lockt aber Neoptolemos mit der


Aussicht, nach erfolgreich durchgeführter Intrige gegen Philoktet
heiße er klug und tüchtig in einem (σοφός τ' αν αυτός κάγαθός κεκλη'
άμα, V. 119). Der Anstoß, den Bothe 282 (εξοχωτάτω) und Wecklein
128 (προφερτάτω) an der Überlieferung nehmen, ist zwar verständ-
lich, spricht aber nur für die Erklärungsbedürftigkeit der Stelle, nicht
für eine Änderung des Textes. Odysseus ist durch den Anfang des
Prologs (Ρ 1) auf den Ruf des σοφώτατος των Ελλήνων festgelegt.
Damit gehört er auch zum Kreis der άριστοι. Beide Begriffe werden
gern als eine Art Hendiadyoin zusammengenommen; so schon
Theogn. 790 (άντ' άρετής σοφίης τε), dann vor allem seit der
,Sophistik': Herod. 8,110,3 (άνήρ δέ των συμμάχων πάντων άριστος
και σοφώτατος, von Themistokles; das könnte auch von Odysseus
gesagt sein; zur Gleichsetzung beider vgl. Beiträge 37); Dissoi Logoi
6 (περί τάς σοφίας και τάς άρετάς); Plat. Prot. 319e 1 (ol σοφώτατοι
και άριστοι των πολιτών); Men. 91a3 (ταύτης της σοφίας και άρετής);
[Plat.] De virt. 376c2-3; Eryx. 398al-2; zur Gleichsetzung von σοφός
und άριστος auch Pind. Pyth. 2,88. Die sokratische Bindung der
Tugend an das Wissen wurzelt in allgemeinem griechischen Denken.
Bemerkenswert ist, was der Scholiast Med. 665 (σοφοΰ Πανδίονος)
zum inflationären Gebrauch von σοφός bei Euripides sagt: Er ver-
wende es als Füllwort (ώσπερ παραπληρώματι χρήται τη λέξει), wenn
kein anderes Epitheton zur Verfügung stehe. Das Urteil ist überzogen
und verkennt, daß der „kluge Pandion" für die „Klugheit" Athens
(Med. 827) steht. Immerhin beweist die Notiz des Scholiasten, daß
σοφός ein Lieblingswort des Dichters ist. Zur Ambivalenz der σοφία
des Odysseus unten S. 319ff. - τύχης: ,Erfolg'. - Zu Beginn des
Prologs der Herakliden beschreibt der greise Iolaos seine prekäre
augenblickliche Situation ganz ähnlich, indem er der Fürsorge
für die Herakles-Kinder, die er um seines guten Rufes willen auf
sich genommen hat, den geruhsamen Lebensabend gegenüberstellt,
den er verdiente und den zu genießen ihm durchaus freigestanden
hätte.
Im Bann der Problematik von F 2 steht die Diskussion über das
unterschiedslose ίσομοιρεΐν im Kriege Xen. Cyr. 2,2,18-21: εννοώ ότι
συνεξεληλύθασι μέν ήμΐν ol μέν και βελτίονες, ol δέ και μείονος άξιοι-
ην δέ τι γένηται άγαθόν, άξιώσουσιν ούτοι πάντες ίσομοιρεΐν. Im
Prolog [I] (F 2. Ρ 3) 313

Folgenden geht es darum, ob und wie dieser mißlichen Gegebenheit


beizukommen sei. Xenophon hat die Anfangsreflexion im Prolog des
Odysseus vor Augen, δστισπερ άνήρ (21) ist ein Anklang an F 3,1b.
Doch das von Odysseus bei Euripides Gesagte gilt nur unter den
Bedingungen des Bürgerheeres der Polis, nicht dagegen für die
Rangfolge der homerischen Könige im Heer vor Troja und auch nicht
für das persische Heer des historischen Kyros. Zu anderen Bezügen
zum Philoktet-Prolog Ch. Mueller-Goldingen, Untersuchungen zu
Xenophons Kyrupädie, Stuttgart-Leipzig 1995, 22 Anm. 80; 174 mit
Anm. 5.

Ρ 3

Dion bezeichnet den Text ausdrücklich als Zitat (φησίν). Gegen


die Annahme, es handle sich um eine Paraphrase von F 3,1, könnte
sprechen, daß Dion diesen Vers zum Abschluß wörtlich zitiert (T 2
[52,(12)107]). Der unmittelbar vorhergehende Text (52,[12] 104-106)
ist eine ausgeweitete Paraphrase von F 3,2f. Die Frage ist, ob
das Verszitat stilistisch eine pointierte Abrundung, inhaltlich aber
lediglich eine Reprise darstellt, oder ob nicht ein gedanklicher
Unterschied zwischen beiden Formulierungen besteht. Wenn in der
S. 309 skizzierten Gedankenfolge von letzterem ausgegangen ist,
dann deshalb, weil F 3,1 die Begründung einer zuvor gemachten
Aussage über männliches Verhalten ist (γάρ). Es muß also zumindest
der Sache nach bereits vom Ehrgeiz die Rede gewesen sein. Daß es
der Ehrgeiz der Edlen im Unterschied zur Zurückhaltung der Vielen,
gegen deren ,Klugheit' die ,Torheit' des Odysseus abgesetzt worden
war, gewesen sein muß, ergibt sich eindeutig aus F 2,2 (εν τοΐαι
πολλοίς). F 3,1 führt diesen Unterschied dann auf die Naturanlage
des (wahren) Mannes zurück. Zu dieser Argumentationsweise findet
sich aber auch in Or. 59 eine Parallele (P 4 + Paraphrase von F 3).
Die Abfolge der Stichworte im euripideischen Kontext dürfte dem-
nach wie folgt gelautet haben: angebliche Torheit des Odysseus (F 2)
- Verhalten der Edlen (P 3), die immer mehr tun als die anderen
(P 4) - Erklärung: so ist eben die Natur des wahren Mannes (F 3,1).
Auf das Schlüsselwort des ,Edlen' läßt sich in dieser Gedankenreihe
nicht verzichten. Es bildet die Brücke zwischen der ,Torheit' des
Odysseus und der Natur des Mannes. Eine andere Frage ist, ob auch
314 Kommentar

das Stichwort der φιλοτιμία (φιλότιμος o.ä.) bereits hier vorkam und
es sich bei Dion nicht um eine Vorwegnahme des γαϋρον handelt. -
Der Prolog zeigt die Übertragung der bürgerlichen Verhältnisse der
attischen Demokratie des 5. Jhs. auf das epische Sujet des Heroen-
mythos. Vgl. Datierung 41 und oben S. 311. 313.

Ρ 4

2f. των άλλων: Das überlieferte Ελλήνων kann nicht richtig sein.
Der Begriff der ,anderen' ist als Ergänzung zu ,mehr als' notwendig.
Valckenaers Konjektur verdient den Vorzug vor der Alternative των
(άλλων) Ελλήνων (so Datierung 41 Anm. 106). Die Korruptel ist
durch eine irrtümliche ,Auflösung' des originären Buchstabenbefun-
des zustande gekommen. - ύπέρ της κοινής σωτηρίας και νίκης:
Die auffällige Phrase verwendet Dion noch einmal Ρ 11,5f. (unten
S. 373f.). Authentisch scheint der Begriff des ,Gemeinsamen' zu
sein. Zur Beziehung zum Text des Euripides weiter unten.
3 μηδενός: Dions Paraphrase von F 2 gibt dem Sinn des Originals
eine negative Form und spitzt die Aussage antithetisch zu: 'ένα του
πλήθους - μηδενός των άριστων. Zu erwägen wäre eine Worttrennung
des überlieferten μηδενός (μηδ' ένός). Sie ergäbe eine noch pointier-
tere Wiedergabe des euripideischen σοφωτάτω („keinen geringeren
Anteil [...] als auch nur ein einziger der Besten"). Zu μηδενός ελαττον
κτλ. vgl. Dion 17,8: Ευριπίδης, ούδενός ήττον ένδοξος ων των ποιη-
τών. - έν τούτοις: Gemeint sind die beiden zuvor genannten Erfolge
(σωτηρία und νίκη). Reiske II 304 tilgt εν τούτοις oder möchte εν
πάσιν lesen.
Dion hat den Inhalt in einen vorgezogenen Relativsatz umgeformt
(oben S. 306 zu Satz II). Dabei nimmt σοφία das σοφώτατος aus Ρ 1
auf, φρόνησις (nach φρονοίην aus F 2,1 ) neutralisiert den positiven
Begriff, so daß er nun als Vox media ironisch auch die άφροσύνη und
μωρία (Eur. Fr. 193 Ν. 2 ) des Umtriebigen umfassen kann. - πλείω
των άλλων πονεΐν dürfte sinngemäß dem Wortlaut des Originals ent-
sprechen. Inwieweit dies auch von dem folgenden υπέρ της κοινής
σωτηρίας και νίκης gilt, ist weniger sicher. Es handelt sich in jedem
Fall um eine stilistische Ausgestaltung Dions. Doch spricht Xen. Cyr.
2,2,20 (eine Stelle, die sich mit der Eingangsthematik des euripi-
Prolog [I] (Ρ 4. F 3) 315

deischen Prologs auseinandersetzt, oben S. 312f. zu F 2 ) dafür, daß


nach πονεϊν zumindest der Begriff des κοινόν bei Euripides vorkam
(τον πλείστα και πονοϋντα και ώφελοΰντα το κοινόν, Xenoph.). Noch
verwirrender wird der Sachverhalt durch die Verwendung der glei-
chen Formulierung Ρ 11,5f., und es ist bei unserem Wissensstand
schwer zu entscheiden, ob diese Wiederholung für oder gegen die
inhaltliche Authentizität des Diontextes spricht. Vgl. z. St. unten
S. 373f.

F3
Unverändert ist V. 1 nur bei Dion überliefert. Er paraphrasiert
zugleich den euripideischen Kontext. Aristophanes (oben S. 231 f.)
und die Piatonanekdote bei Plutarch deuten jeweils auf ihre Weise
das Original um, indem sie den Wortlaut verändern (Aristoph.) oder
erweitern (Plut.). Für beide hat sich die Gnome des Euripides bereits
aus ihrem Zusammenhang gelöst und verselbständigt. Das Schlüssel-
wort γαϋρος hat die Lexikographen beschäftigt (außer dem Hesych-
Testimonium vgl. Anecd. Graec. (ed. I. Bekker, Berlin 1814) I 230,
26; Suda γ 77/78). Stobaios zitiert V. 2/3 in Folge. Der unmittelbare
Anschluß an V. 1 ist aufgrund der gedanklichen Verbindung in der
Paraphrase des Dion erschlossen (Valckenaer 118). Die Zusammen-
fügung von F 2 und F 3 zu einem fortlaufenden Text (ebenfalls
aufgrund der Paraphrase Dions) war dagegen ein Irrtum, den erst
Nauck wieder rückgängig gemacht hat (oben S. 308f.; merkwürdiger
Rückfall bei Mette, Euripides 2 288).

1 ουδέν γ α ρ οΰτω γαϋρον: Der begründende Anschluß führt das


zwanghafte Verhalten der Edlen, mehr für das Allgemeinwohl zu tun
als die Vielen, auf eine Eigenschaft der männlichen Natur zurück,
γαΰρος hat an der vorliegenden Stelle eine wertneutrale Bedeutung.
Das ergibt sich aus dem voraufgehenden und dem folgenden Kon-
text, und so hat auch Dion die Stelle verstanden, wenn er γαϋρον mit
μεγαλόφρον και φιλότιμον ότιοϋν paraphrasiert. Hesych umschreibt
das Bedeutungsfeld mit ,selbstbewußt' (αυθάδης), ,stolz' (σεμνός),
,auf sein Ansehen bedacht' (μεγαλοπρεπής), ,hochfahrend' (μετέω-
ρος). Von den genannten Synonymen sind σεμνός und μεγαλοπρεπής
im allgemeinen eher positiv besetzt, γαϋρος ist erstmals bei Archi-
lochos belegt (Fr. 114,2 West; 60,2 D.), wo man die Pointe verdirbt,
316 Kommentar

wenn man das Wort mit ,eitel' statt mit ,stolz' wiedergibt. Danach
finden sich erst bei Euripides semasiologisch brauchbare Belege, von
denen Suppl. 217. 862; Fr. 52,8; 285,11 N. 2 eine neutrale und nur
Phoen. 127 eine negative Bedeutung nahelegen. τί σεμνομυθεϊς; und:
Besser ist die rettende Tat ή τοΰνομ' ω σύ κατθανη γαυρουμένη, sagt
die Amme zu Phaidra, die den selbstgewählten Tod als einzigen Weg
sieht, ihre Ehre zu retten (Hipp. 490. 502). Das ist die praktische,
lebenstüchtige Sicht der kleinen Leute gegenüber dem Ehrbegriff der
Großen, dessen Abträglichkeit nicht in einem moralischen Defizit,
sondern in seiner Lebensfeindlichkeit gesehen wird. Die φιλοτιμία
des γαΰρος ist ein sensibler Bestandteil des tragischen Charakters.
Negativ bewertet wird die φιλοτιμία des Odysseus ΙΑ 527 (φιλοτιμία
μέν ενέχεται, δεινω κακω). Im Philoktet resultieren die grund-
sätzlichen Bedenken gegenüber dem Streben nach Ruhm aus der
Irrationalität des Antriebs (Beiträge 15f.). Vgl. die Verbindung von
φιλοτιμία und άλογία Plat. Symp. 208c (dazu Sier wie S. 254, 250). -
ώς άνήρ εφν: άνήρ ~ ό όντως άνήρ Soph. Ai. 520. Vgl. unten zu V. 3.
Ob εφυ Prädikat des Vergleichssatzes ist oder άπό κοινοΰ steht, ist
schwer zu entscheiden. Die Paraphrase des Dion (59,1) versteht es
als Prädikat des Nebensatzes und beläßt dem Wort seine volle Bedeu-
tung. Doch auch wenn εφυ nur das Gewicht einer Ersatzform der
Kopula haben sollte, ändert sich im Grunde nichts an der Aussage;
sie wäre nur weniger explizit.

2 τους γαρ περισσούς: Das zweite γάρ in aufeinander folgenden


Versen ist unanstößig (Ale. 300-302; vgl. Sier 46 Anm. 18). Die
kausale Verknüpfung von V. 2/3 mit V. 1 ist so zu verstehen, daß
der in seiner Natur angelegte Wunsch des Mannes nach sozialer
Anerkennung durch das Verhalten der Gesellschaft bestätigt und
befriedigt wird. Die Edlen drängt es zur πολυπραγμοσύνη, und die
,Vielen' klatschen Beifall. Für Piaton ist im 1. Buch des Staates die
Ehre (τιμή 347a5) das dem handwerklichen Lohn entsprechende Ent-
gelt für das politische Amt der Regenten (Medizin, Effizienz und
Ökonomie im griechischen Denken der klassischen Zeit, SBLeipzig
133 [5], 1994, 24 [Kleine Schriften 323f.]). - περισσοί sind die
über das normale Maß sich Erhebenden (περισσών παρά φωτών, Bac.
429). Dion gibt es mit τους γαρ φανερούς wieder. Zur aristotelischen
Prolog [I] (F 3. Ρ 5) 317

Deutung des Verses oben S. 232ff. (H 3d). Zur Polypragmosyne


V. Ehrenberg, JHS 67 (1947) 46ff.
3 άνδρας τ' έν πόλει: Hier wieder im prägnanten Sinne von
,Männern, die in der Stadt etwas gelten', τω οντι άνδρας (Dion).
Die Paraphrase des Dion behält die beiden γάρ aus V. 1 und 2 bei,
gibt aber dem ersten in Verbindung mit άλλά einen adversativen
Sinn. Das definitive „es gibt nichts" des Originals wird zu einem
vorsichtigeren „es ist wohl schwierig zu finden". Die Annahme einer
Lücke nach χαλεπόν (Casaubonus 92) ist unbegründet. Zur Para-
phrase von V. lb oben S. 304. 306. - σχεδόν τούτους άπαντος θαυ-
μάζομεν: Das einschränkende σχ. ist mit &t. zu verbinden. Das ist
sinnvoll aber nur beim Akkusativ; denn es scheint angemessener, die
Fälle der Bewunderten und nicht die Zahl der Bewunderer einzu-
schränken. Gatakers Konjektur άπαντες, die vielfach Zustimmung
gefunden hat (Valckenaer 119; Matthiae 277; Dindorf [πάντες];
Arnim; Crosby), wird nicht von S* (σχεόόν πάντες) als Textvariante
bestätigt, sondern alles spricht dafür, daß der Schreiber der Mit-
teilungen über den verlorenen Codex S Gatakers Änderung
übernommen (Einleitung S. 13Iff.) und σχεδόν sinngemäß umgestellt
hat. Die Junktur τούτους άπαντας ist unbedenklich (Dion 15,2; 73,3
u.a.).
Zum Verhältnis von eigenem und öffentlichem Interesse aus einer
anderen Sicht F 17 (auch hier ist der Sprecher Odysseus). Begrifflich
begegnet der Gegensatz erstmals Od. 4,314 (δήμιον ή 'ίδιον). Vgl.
unten S. 433f.

Ρ5

1 κάγώ προάγομαι: προάγεσθαι wie άναγκάζεσθαι (Ρ 4). - Odysseus


war zunächst von seiner Erfahrung mit sich selbst ausgegangen, hatte
dann die Erklärung des paradoxen Befundes auf einer allgemeinen
Verhaltensebene gesucht und kehrt jetzt wieder zu sich selbst zurück.
In Dions verkürzter Wiedergabe des euripideischen Gedankengangs
52,(12)100-107 [T2] weicht der Autor von der Reihenfolge des
Originals ab, stellt um oder zieht Aussagen, die dort getrennt sind,
zusammen.
318 Kommentar

F4

1 όκνώ(ν): Die Emendation stammt nicht erst von Cobet (Mn [n.s.] 5
[1877] 268 [Collectanea critica 228]), sondern bereits von Heath,
wenn auch mit falscher Begründung; denn nicht όκνών in Dions
Paraphrase rechtfertigt die Änderung, sondern die Bedeutung des καί
in V. 2. - όκνών προδοϋναι am Versanfang Heracl. 28.
l f . έκχέαι