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Quelle des folgenden Auszuges: Kast/Neuner (Hrsg.

): Zur Analyse, Begutachtung und


Entwicklung von Lehrwerken für den fremdsprachlichen Deutschunterricht. - Langenscheidt,
1994 (Reihe: Fremdsprachenunterricht in Theorie und Praxis), S. 100 - 118

3. Lehrwerkbegutachtung und Lehrwerkkritik


3.1. Kriterienraster und Arbeitshilfen

Um den subjektiven Vorgang der Beurteilung von Lehrwerken stärker zu objektivieren, um


den Entscheidungsprozeß durchsichtiger und einsichtiger werden zu lassen, um Wege der
Entscheidungsfindung aufzuzeigen, sind immer wieder Vorschläge gemacht worden, anhand
welcher Kriterien Lehrwerke beurteilt werden könnten (Heuer/Müller/Schrey, 1973 ; Piepho,
1975; Reisener, 1978; Vielau, 1981; Koldijk, 1981; Bertoletti/Dalhet, 1984, um nur einige zu
nennen). Für Deutsch als Fremdsprache liegt mit den beiden Bänden des Mannheimer
Gutachtens die ausführlichste Lehrwerkkritik und das differenzierteste Kriterienraster zur
Analyse von Lehrwerken vor (Engel u. a., 1977, 1979).
Kriterienraster sind jedoch nicht problemlos. Sie werden schnell kanonisch, gaukeln
Objektivität vor, sind statisch, erheben den Anspruch auf wissenschaftliche Autorität. Alle
Kriterien bleiben jedoch relativ, ihre Gewichtung kann nur nach persönlichen Präferenzen
vorgenommen werden unter Berücksichtigung der Situation vor Ort: der fachdidaktischen
Kenntnisse der Kollegen, der Bedürfnisse der Lernenden, der Kompatibilität des neuen
Lehrwerks mit anderen Unterrichtsmaterialien oder eingeführten Lehrwerken auf anderen
Lernstufen usw. Kurz: Ein Raster sollte als Hilfestellung aufgefaßt werden, nicht als Korsett.
Wir bieten deshalb drei Raster mit jeweils unterschiedlicher Akzentuierung der Kriterien.
Bevor Sie die Kataloge auf ein oder mehrere Lehrwerke anwenden, überlegen Sie bitte
zusammen mit Ihren Kollegen, ob Fragen gestrichen, verändert oder ergänzt werden müßten:
Welche Fragen aus welchem Kriterienkatalog halten Sie und Ihre Kollegen für eine
Entscheidungsfindung für relevant?

Hans-Jürgen Krumm

3.1.1. Stockholmer Kriterienkatalog


a) Aufbau des Lehrwerks
Es sollen unbedingt vorhanden sein:
Textteil,
Arbeitsteil/Arbeitsbuch,
Grammatikteil (im Textbuch oder besonderes Grammatikbuch),
Wörterverzeichnis (im Textbuch mit phonetischen Angaben, wo nötig),
Tonband/Kassette.
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Gibt es zusätzlich noch ...?
Lehrerhandbuch mit zusätzlichem Material wie Bilderserien, Spiele, Tests, Liedertexte
etc.
Bildmaterial (Folien, Dias), zusätzliche Tonaufnahmen
(authentische Texte, Lieder, Lösungen zu den Aufgaben,
Tests.

b) Layout
Ist die äußere Aufmachung ansprechend?
Ist die Gestaltung der Lektionen und Lehrbuchseiten übersichtlich?
Ist die graphische Gestaltung (Fotos, Zeichnungen) motivierend?
Sind die Materialien gut verarbeitet und haltbar?
Sind Bild und Text pädagogisch aufeinander abgestimmt?

c) Übereinstimmung mit dem Lehrplan


Entspricht die Konzeption des Lehrwerks den Anforderungen des Lehrplans (z. B.
übergreifende Lernziele, kommunikative Lernziele) ?

d) Inhalte-Landeskunde
Soweit entsprechende Texte und Informationen im Lehrwerk vorhanden sind, ist zu fragen, ob
sie sachlich richtig sind, altersgerecht sind, ausgewogen sind, problemorientiert sind,
unterhaltend sind, abwechslungsreich gestaltet sind und ob kulturkontrastive Aspekte
berücksichtigt werden.

I . Die Menschen, die im Lehrwerk vorkommen


Gibt es Personen, mit denen sich die Schüler identifizieren können?
Gibt es Personen, für die sich die Schüler interessieren könnten?
Tauchen männliche und weibliche Personen zu ungefähr gleichen Anteilen im
Lehrwerk auf?
Werden Rollenklischees (z.B. Frau nur als Hausfrau) vermieden?

2. Der Alltag im Lehrwerk


Wird das Leben in der Stadt und auf dem Land vorgestellt?
Wird das Leben in Familie, Schule, bei der Arbeit und in der Freizeit thematisiert?
Tauchen Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten auf?
Wird das Alltagsleben in allen deutschsprachigen Ländern behandelt?
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3. Geographie und Wirtschaftsleben


Enthält das Lehrwerk Karten und Fotos zur Darstellung von Geographie und Wirtschaft
(Vielfalt der Landschaftstypen, Industrie etc.)?

4. Die Gesellschaft (politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Verhältnisse) Werden


die verschiedenen politischen Systeme der deutschsprachigen Länder vorgestellt?
Werden die verschiedenen wirtschaftlichen Systeme und Lebensbedingungen in den
deutschsprachigen Ländern behandelt?

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Enthält das Lehrwerk aktuelle Bezuge, z. B. Fragen der Umwelt, der Arbeitswelt
(Arbeitslosigkeit), der Computergesellschaft, der Handelsbeziehungen zwischen den
deutschsprachigen Ländern und dem Heimatland?

5. Kultur
Werden Feste, Sitten und Gebräuche vorgestellt?
Wie weit werden Kunst, Musik, Theater, Film etc. einbezogen?. Werden
auch Jugend- und Alternativkultur angesprochen?

6. Literatur
Werden im Lehrwerk auch literarische Texte (Gedichte, Kurzgeschichten etc.)
vorgestellt?

7. Geschichte
Werden auch wichtige geschichtliche Informationen vermittelt? (z.B. solche, die die
Beziehungen zwischen den deutschsprachigen Ländern und dem Heimatland
beeinflußt haben)

8. Darstellung des eigenen Landes


Bietet das Lehrwerk die Möglichkeit,
(a) die besonderen Beziehungen deutschsprachiger Länder zum eigenen Land zu
verhandeln?
(b) über Verhältnisse im eigenen Land, z.B. Sitten und Bräuche, Wirtschaft, soziale
Sicherung sich auf deutsch zu äußern?

e) Sprache
Orientiert sich das Lehrwerk an der Standardsprache?
Bietet das Lehrwerk Beispiele für die sprachliche Vielfalt, z. B. Umgangssprache,
Jugendsprache, Werbesprache, Fachsprache, literarische Sprache?
Ist die Sprache im Lehrwerk der Situation angemessen, und ist ein Kontext gegeben?
Enthält das Lehrwerk eine Vielfalt an Textsorten (Dialoge, erzählende Texte,
Sach/Fachtexte, Zeitungstexte usw.)?
Enthält das Lehrwerk genügend Material zur Rezeption (Hören und Lesen) und
Produktion (Sprechen und Schreiben) von Sprache?

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Ist die Sprache authentisch oder wirkt sie künstlich (Lehrbuchsprache)? Ist
die Sprache für die jeweilige Lernstufe zu schwierig (zu viele neue Wörter,
komplexer Satzbau) oder zu leicht (langweilig)?
Sind zusammenhängende Lesetexte vorhanden (ausgewogenes Verhältnis zwischen
Lang- und Kurztexten)?
Werden wichtige Redesituationen in Dialogen vorgeführt?
Werden unterschiedliche Sprechfunktionen verdeutlicht?
Regen die Lehrbuchtexte zur kreativen Weiterarbeit an (Diskussion, eigene Texte
schreiben. Dramatisieren und Rollenspiele)?
Führen die Texte auch die emotionalen Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache vor?

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(Dazu gehört auch das Vorhandensein von Spielen, Liedern, Reimen, aber auch
Ausdrücke für Freude, Wut, Angst etc.)
Werden Wörter und Ausdrücke genügend erklärt?
Werden sprachliche Verwandtschaften zur Lernerleichterung ausgenutzt?

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Werden kulturell-sprachliche Unterschiede berücksichtigt (z.B. Du-Sie-
Konventionen)?

1 . Aussprache und Intonation


Werden Fragen der Aussprache und Intonation systematisch behandelt?
Werden die kontrastiv schwierigen Laute besonders berücksichtigt? Werden
Intonationshilfen (z.B. Farbe, Fettdruck, Pfeile) gegeben?

2. Tonbänder/Kassetten
Klingen die Aufnahmen authentisch?
Werden auch Sprachvarianten vorgeführt (z.B. verschiedene Sprecher, eventuell
dialektale Färbung)?

f) Grammatik
Sind die Texte im Hinblick auf die Grammatik konstruiert?
Sind die Texte nach kommunikativen Gesichtspunkten ausgewählt?
Gibt es eine systematische Behandlung (Progression) der Grammatik im Laufe des
Lehrwerks? Wird auch die pragmatisch-kommunikative Grammatik berücksichtigt?
Ist die Progression flach oder steil?
Werden die grammatischen Probleme wiederholt und dabei vertieft („konzentrische
Progression")?
Gibt es im Lehrwerk eine systematische Grammatikübersicht (vor allem für die
Grundstufe) ?
Verweist das Lehrwerk auf eine umfassendere grammatische Darstellung? Werden
die Strukturen im Deutschlehrwerk so beschrieben und analysiert wie im Unterricht
der Muttersprache? (Welche Grammatiktheorie, welches Grammatik-, modell liegt
zugrunde?)
Wird dabei eine grammatische Terminologie benutzt, die den Schülern schon bekannt
ist?
Werden die grammatischen Begriffe erklärt, wenn sie zum ersten Mal erwähnt
werden?

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Werden grammatische Regeln gegeben? Mit Beispielen und Vergleichen zur


Muttersprache?

g) Übungen
1 . Arbeitsanweisungen
Sind die Arbeitsanweisungen eindeutig?
In welcher Sprache sind die Arbeitsanweisungen formuliert?
Wie werden die Lernenden angesprochen (Du/Sie-Anrede, Ton)?
Geben die Arbeitsanweisungen Hinweise auf die (Sprech-)Situation
(Regieanweisungen)?

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2. Fertigkeiten
Werden alle Fertigkeiten in ausgewogenem Verhältnis geübt?
3. Übungstypen
Welche Übungstypen kommen vor?
Sind die Übungen systematisch aufgebaut und ermöglichen sie eine schrittweise
Einübung nach dem Muster
1. Verstehen (Hören - Lesen)?
2. Reproduzieren (Sprechen - Schreiben)?
3. Sprechen und Schreiben in vorgegebenen Rollen und Situationen?
4. freie Äußerungen (mündlich und schriftlich)?

4. Übungsformen
Variieren die Übungsformen?
Werden kreative Übungen betont, z.B. altersgerechte SpAelubungen?
Fördern die Übungen die Zusammenarbeit der Schüler? Gibt es Partnertibungen und
Übungen, die für (Klein-)Gruppen geeignet sind?
Fördern die Übungen selbständiges Arbeiten und Lernen?

5. Zusammenhang
Besteht ein sprachlicher und thematischer Zusammenhang zwischen Textteil
Grammatik und Übungsteil?

6. Differenzierung
Gibt es genügend und verschiedenartige Übungen, um eine Differenzierung innerhalb
heterogener Gruppen zu ermöglichen?

7. Wiederholung
Gibt es systematische Wiederholungen?
Gibt es ein ausreichendes Angebot an Übungen?

h) Die Perspektive der Schüler


Abschließend sollte gefragt werden, wie das Lehrmaterial von den Schülern aufgefaßt wird.

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Stellen Sie sich aus der Sicht der Schüler folgende Fragen:
Werde ich überfordert durch insgesamt zu schwierige Inhalte, Sprache oder
Aufgabenstellungen?
Sind die Anforderungen insgesamt zu gering (keine Herausforderung, Langeweile) im
Hinblick auf Inhalt, Sprache oder Aufgabenstellungen?
Bieten die Inhalte, Textsorten, Übungen genügend Abwechslung?
Geben die Inhalte Möglichkeiten und Anstöße zu eigenständiger Weiterarbeit? Habe
ich die Möglichkeit, meine eigenen Gedanken und Erfahrungen einzubeziehen, die
eigene Perspektive zur Sprache zu bringen? Kann dies den Lernprozeß beeinflussen (z.
B. im Hinblick auf Auswahl von Themen, Texten)?
Sind für mich Lernziele und Lernfortschritte erkennbar?

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Kann ich eigenständig Stoff nachholen und ohne direkte Hilfe durch den Lehrer
Lücken auffüllen?
Bin ich am Lernprozeß beteiligt?
Hermann Funk

3.1.2. Arbeitsfragen zur Lehrwerkanalyse

A Beschreibung
1. Welche Materialteile gehören zum Lehrwerk?
2. Welche Materialteile sind verbindlich? Welche sind Zusatzmaterialien?
3. Welche wären unter den gegebenen Bedingungen einsetzbar (Schülermaterial/
4. Lehrermaterial) ?
5. Wie paßt die Aufteilung des Materials zur eigenen Kursorganisation?

B Inhaltskonzeption
• Themen
1. Welche Themen werden in den Lehrwerk-kapiteln berücksichtigt? Kann man
Auswahlkriterien feststellen?
2. Sind im Lehrmaterial Bezüge zum Land/zur Situation der Lernenden angelegt?
3. Haben die gewählten Themen einen Bezug zur Alltagserfahrung Ihrer Lernenden?
4. Werden gesellschaftliche und soziale Realitäten von Zielkultur und Ausgangskultur
einbezogen?
5. Welche Themen, die für Ihre Lernenden wichtig/motivierend wären, fehlen?
6. Ist eine thematische Progression feststellbar (d. h., werden Themen auf einem
fortgeschrittenen sprachlichen Niveau wieder aufgegriffen)?

• Situationen
1. Sind die gewählten Situationen, Sprachhandlungen und Kommunikationsräume
alltagssprachlich angemessen?

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2. Sind sie realistisch gewählt in bezug auf gegenwärtige und zukünftige


Sprachbedürfnisse der Lernenden?
3. Sind einzelne Situationen verbunden/verzweigt/offen angelegt/ohne Aufwand
variierbar oder meistens in sich geschlossen?

• Rollenkonzeption
1. Ermöglichen Themen und Situationen den Lernenden „als sie selbst" sprachlich zu
agieren und Stellung zu beziehen, oder befinden sie sich ausschließlich in der Rolle
des „native Speakers" der fremden Sprache?
I l. Werden Anlässe zum Rollenspiel angeboten/vorbereitet?

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12. Enthält oder problematisiert das Lehrwerk Rollenklischees, z. B. in bezug auf die
Rolle der Frau in Beruf und Gesellschaft?

• Textsorten
13. Enthält das Lehrwerk authentische Texte (hier: Texte, die nicht zum Zweck des
Sprachunterñchts geschrieben wurden)? Welchen Charakter haben diese Texte (rein
illustrativ/fakultativ, Arbeitstexte)?
14. Ab wann wird mit authentischen Texten gearbeitet (von Anfang an/3. Lehrwerkband)?
15. Werden literarische Texte verwendet? Welche Textsorten? Ab wann?
16. Werden Verstehenshilfen, vorentlastende und verstehensüberprüfende Übungen mit
dem Text verbunden?
17. Ist das selbständige Erschließen von Texten durch die Lernenden explizites Übungsziel
?

• Gestaltung
18. Ist die Gestaltung von Lehrbuchseiten optisch ansprechend, übersichtlich und
abwechslungsreich ?
19. Ist die Nummerierung der Kapitel übersichtlich? Findet man leicht, was man sucht?
20. Bieten Zeichnungen und Fotos Sprechanlässe und Verstehenshilfen in Bezug auf
Texte?

C Grammatik
1. Welchen Stellenwert hat das Erlernen von Strukturen und Verbalisierungsmustern im
Lehrwerk (Anteil der Grammatikseiten und -Übungen an einem Lehrwerkkapitel)?
2. Gibt das Material Hilfen zur eigenständigen Erschließung einer Regel durch die
Lernenden?
3. Werden Strukturen nur einmal oder öfter systematisch aufgegriffen („zyklisch
wiederholt")?
4. Wird das Verstehen einer Regel visuell unterstützt? Auf welche Weise?
5. Gibt es in dem Material zusammenfassende Übersichten und andere Hilfen für die
Lernenden (muttersprachliche Hinweise)?

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6. Wird in den Aufbaubänden zwischen eher verstehensrelevanten und produktiv zu


beherrschenden Strukturen unterschieden?
7. Welche Terminologie wird verwendet (lateinische Schulgrammatik/
Dependenzgrammatik/ Mischterminologie) ?
8. Wie verhält sich diese Terminologie zu der den Schülern bereits bekannten
Terminologie aus dem Muttersprachunterricht (deckungsgleich/stark abweichend)?
9. Wird den Lernenden durch Texte und Übungen Einsicht in die kommunikative
Funktion (Pragmatik) und Bedeutung einer Struktur ermöglicht?

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D Wortschatz
l. Wird eine Unterscheidung zwischen Lernwortschatz und passivem Wortschatz
getroffen? Ist sie für die Lernenden erkennbar?
2. Welche der folgenden Informationen enthält das Wortschatzverzeichnis/Glossar:
Belegstelle, Übersetzung, Beispielsatz, Artikelangabe, Pluralform, 'Wortakzent
(Betonung)?
3. Werden den Lernenden systematische Hilfen zur eigenständigen Wortschatzarbeit
gegeben?
4. Wird zu einem aktiven Gebrauch des Wörterbuchs angeleitet?
5. Bietet die thematische Verteilung der Kapitel Möglichkeiten der Erweiterung,
Systematisierung und Wiederholung von Wortfeldern?
E Methodik/Übungsformen
1. Sind differenzierende Übungsformen für schneller und langsamer Lernende im
Schüler-material (oder im Lehrerhandbuch) angelegt/kenntlich gemacht?
2. Ist die Abfolge von Kapiteln, Kapitelteilen, Texten und Übungen variabel oder
unabänderlich?
3. Sind die Übungen in sich geschlossen oder offen angelegt (d. h., ermöglichen sie eine
Weiterarbeit nach vorgegebenen Mustern)?
4. Wie ist das Verhältnis vorkommunikativen Übungen (d. h. sprachlichen Aktivitäten
„mit Sitz im Leben" - etwa „nach dem Weg fragen") und instrumentellen Übungen
(mit „Werkzeugcharakter", z.B. Grammatiktibungen?
5. Werden Anregungen zu über das Lehrwerk hinausgehenden Projekten und
Eigeninitiativen gegeben?
6. Enthält das Lehrmaterial systematische Übungen zur Entwicklung der
fremdsprachlichen Lesefähigkeit?
7. Wie hoch ist der Anteil von vorwiegend reproduktiven Übungen zur sprachlichen
Form?
8. Enthält das Material Übungen, die nur teilweise steuern und zum freieren Umgang mit
Sprache überleiten?
9. Gibt es Übungen, die einen spielerisch-kreativen Umgang mit. Sprache ermöglichen?
10. Wie sind die Übungen verbunden? Gibt es Übungsketten mit ansteigender
Schwierigkeit/Teilübungen zu einem übergeordneten Lernziel (z.B.
Informationsentnahme - Vorbereitung einer freien Äußerung - Anregung zu freier
Außerung)?

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F Medienkonzeption
1. Welche Angebote enthält das Material (Software)? Welche Technik ist dazu
erforderlich (Hardware)?
2. Sind die Medienangebote neben dem Lehrbuch fakultativ, d. h. unter Umständen
weglaßbar, oder integriert in das Unterrichtskonzept?
3. Sind die Informationen auf den verschiedenen Mediensystemen redundant (absolut
identisch), aufeinander bezogen (Beispiel: Begleittext im Buch und Foto auf Folie zu
einem Hörtext auf der Kassette) oder völlig separat zu behandeln?

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4. Ist die technische Qualität (Ton und Bild) in der gegebenen Unterrichtssituation (evtl.
Großgruppe) ausreichend?
5. Wird vorwiegend von einem rezeptiven oder von einem aktiven Mediengebrauch
(Anschauen/Anhören - Nachmachen oder Notizen, Informationsentnahme
selbständige Arbeit mit dem Kassettenrecorder, Produzieren von Hörtexten u. a.)
ausgegangen?

G Lehrerhinweise
enthalten die Lehrerhinweise
l. Aussagen zur didaktischen und methodischen Konzeption des Lehrwerks?
2. einen übersichtlichen, praktikablen und abwechslungsreichen Unterrichtsfahrplan?
3. Hinweise auf alternative Vorgehensweisen?
4. Übungsvorschläge für schnellere und langsamere Lernende?
5. landeskundliche Hintergrundinformationen?
6. Zusatztexte für den Unterricht?
7. Informationen über die Erprobung des Materials vor dessen Veröffentlichung?

• Einige Nachbemerkungen zur Arbeit mit Fragenkatalogen m der Lehrerausbildung


und im Fortbildungsveranstaltungen

3.1.2.1. Die Zwangsläufigkeit des Defizitbefundes


Fragenkataloge zur Analyse und Begutachtung von Lehrwerken gehören zum
Standardrepertoire in der Lehreraus- und -fortbildung. Dementsprechend zahlreich sind die
Fragenkataloge, die von einzelnen Fachdidaktikern vorgelegt wurden (Piepho, 1976; Engel
1981; Neuner, 1979; Stockholmer Kriterienkatalog 3.1.1., um nur einige zu nennen). Der
Bedarf zur Analyse von Lehrwerken entstand in Wissenschaft und Praxis in den letzten 30
Jahren jeweils als Folge methodischer Innovation (zur theoretischen Begründung:
Heuer/Müller, 1973 und 1975; das Mannheimer Gutachten ist ebenfalls ein Beispiel dafür)
oder gesellschaftlicher Veränderungen (s. Mainzer Gutachten, 1980, als Reaktion auf die
Arbeitsmigration). Dies mu13 erwähnt werden, da auf diese Weise der Defizitbefund als
Ergebnis der Lehrwerkanalyse vorprogrammiert ist. Daß in der Regel die Entwicklung allein
der Basisteile eines Grundlehrwerks etwa 3—5 Jahre dauert und die Zeit, bis es
wahrgenommen und verbreitet ist,

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noch einmal die gleiche Zeit in Anspruch nimmt, macht die „Trägheit" des Mediums, seine
begrenzte, zeitversetzte Fähigkeit, auf didaktische Innovationen und gesellschaftliche
Veränderungen zu reagieren, deutlich. Für die Praxis der Lehrwerkanalyse und -begutachtung
bedeutet das: Ein defizitäres Ergebnis der Lehrwerkanalyse ist weder überraschend noch
entmutigend, sondern ein Hinweis auf die persönliche fachliche Weiterentwicklung der
„Analytiker" bzw. für den fachdidaktischen Fortschritt insgesamt. Der Defizitbefund in einer
praxisbezogenen Lehrwerkbegutachtung ist also ein positives und wünschenswertes Ergebnis.
Alarmierend wäre eher ein gegenteiliger Befund. In der Diskrepanz zwischen Soll- und
IstZustand bei den Lehrwerken wird ein Fortschritt erkennbar. In ihr sind die eigentlichen
Themen von Lehrerfortbildung bestimmbar.
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3.1.2.2. Vom Sinn und Unsinn der Kriterienkataloge
Jede Analyse braucht Kriterien. In ihrer Zusammenstellung in Form einer Liste werden sie
übersichtlich und damit anwendbar. In dieser Form gewährleisten sie eme relative
Vergleichbarkeit der Ergebnisse ihrer Anwendung auf unterschiedliche Werke. Objektivität
und Reliabilität sind damit aber keineswegs zwangsläufig verbunden. An dieser Stelle ist
jeweils zuerst nach dem Zweck einer Analyse oder Begutachtung zu fragen. Auch dieser
Zweck bestimmt letztlich das Ergebnis. Der erste Begriff, die Analyse, ist wohl eher mit einer
wissenschaftlichen Untersuchung von Lehrwerken auf der (ausgesprochenen oder
unausgesprochenen) Grundlage einer bestimmten Methode verbunden, der zweite Begriff, die
Begutachtung, bezeichnet ein Verfahren mit dem möglichen Ziel, sich für die Einführung
eines der untersuchten Produkte im Unterricht zu entscheiden. Beide Varianten der
Untersuchung bedingen unterschiedliche Kriterienkataloge, Analyseverfahren und Ergebnisse

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