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Spektrum | Unter Druck

Streifzug durch die Mediengeschichte

Buchstaben unter
Druck – von Gutenberg
zum E-Book
Über fünfeinhalb Jahrhunderte liegt Johannes Guten-
bergs Erfindung des Buchdrucks zurück. Seither gera-
ten die Buchstaben immer stärker unter Druck. Dank
erfinderischer Meisterleistungen sind sie bis heute en
vogue geblieben. Wohin die Reise nach E-Book und
iPad geht, weiss niemand. Oder doch? | Daniel Ammann

«Was darf es denn sein?», fragt der re, bis richtige Tageszeitungen in Um- neut das Rennen und übertrumpft selbst
diensthabende Bot im Cyberantiquariat lauf kommen. Erst im 18. und vor allem Mauerfall und Wiedervereinigung.
am Rande der Galaxis. «Tontafel, Schrift- im 19. Jahrhundert entwickeln sie sich
rolle, Buch?» Für einen flüchtigen Mo- zum institutionellen Massenmedium. Mechanisierung der Schrift
ment wird sein Gesicht zum zwinkern- Durch die fortschreitende Alphabetisie- Kaum ein medientechnisches Ereignis
den Zitronensmiley. Mitten im Raum rung steigen mit den Leserzahlen auch hat seit der Erfindung der Schrift vor
entfaltet sich ein holografisches Cinera- die Auflagen der neuen Druckerzeugnis- 5000 Jahren so tief greifende Folgen ge-
ma. Illuminierte Manuskripte, Inkuna- se. Zeitungen können günstiger herge- zeitigt. Aber Gutenbergs Erfindung mar-
beln und in Leder gebundene Folio- und stellt werden und versorgen bald breite kiert nur eine Station auf dem langen
Quartbände schweben zum Greifen nah Massen mit Informationen aus aller Weg ins industrielle Medienzeitalter.
vorüber. Als die Zeitleiste vom Mittelal- Welt. Die Einführung der Alphabetschrift in
ter in die Neuzeit wechselt, scheint in Der kanadische Medienphilosoph Griechenland 800 v. Chr. schafft dafür
einem Pop-up-Fenster kometenhaft die und Visionär des elektronischen Zeital- die wichtigste Voraussetzung. Die Redu-
B-42 auf. «Von der Gutenberg-Bibel», ters Marshall McLuhan prägt 1962 den zierung zahlloser Schrift- und Bildzei-
kommentiert der Cyberbot, «existieren in Begriff der «Gutenberg-Galaxis» und be- chen auf zwei Dutzend Buchstaben für
diesem Universum noch 48 Exemplare.» schwört bereits das Ende des Buchzeit- Konsonanten und Vokale bedeutet ei-
alters herauf. Aber Johannes Gens- nen Quantensprung und leitet die digi-
«Man of the Millennium» fleisch, genannt Gutenberg, feiert an tale Kodierung der Sprache ein.
Die Segnungen der Wissensgesellschaft der Jahrtausendwende noch einmal Tri- Die Mechanisierung der Schrift durch
gehen nicht auf dieses eine Buch zu- umphe. Das amerikanische Nachrich- Gutenbergs Buchdruck bringt auf einen
rück, aber es wird zum Meilenstein für tenmagazin Time kürt ihn in der Ausga- Schlag das, was Medien heute kenn-
das anbrechende Medienzeitalter. Als be vom 31. Dezember 1999 zum «Man zeichnet: schnelle Reproduktion und
Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahr- of the Millennium». Auch auf der Liste Verbreitung. Erstmals können Texte ma-
hunderts den Buchdruck mit bewegli- der 100 einflussreichsten Personen des schinell in identischer Form und grosser
chen Lettern erfindet, ebnet er dem Jahrtausends, die der US-amerikanische Masse produziert und einem breiten Pub­
geschriebenen Wort den Weg. Mit Setz- Kabelsender A&E durch 360 Journalis- likum zugänglich gemacht werden. Mit
kasten und Druckstock hat er Geschich- ten und Wissenschaftler aufstellen der neuen Vervielfältigungstechnik ent-
te geschrieben. Aber Schlagzeilen macht lässt, schwingt Gutenberg obenauf. Und steht ein wirkmächtiges Verbreitungs-
seine Erfindung nicht, denn die Schlag- als das Fernsehpublikum 2009 über die medium. Das Prinzip Reproduktion er-
zeile muss noch erfunden werden. grösste Sternstunde der Deutschen ab- fasst später auch die optischen und
Es dauert weitere zweihundert Jah- stimmt, macht der Mann aus Mainz er- akustischen Medien und löst mit der

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Fotos: flickr: VancityAllie, chrisdejabet, NYC Wanderer; Cosmopolitat, Lizenz: cc-sa-3.0; Frank da Cruz
Hauptdarsteller unserer Mediengeschichte: E-Book, BlackBerry, Kindle, Steve Jobs mit «seinem» iPad, Johannes Gutenberg,
Xerox-Kopiergerät, Sholes & Glidden-Schreibmaschine, Gutenberg-Bibel (von oben links im Uhrzeigersinn).

Elektrifizierung der Welt eine medien- und TV. druckt. Bis die praktischen Miniatur-
technische Revolution aus. Im 19. Jahr- Wenige Jahrzehnte später erweist druckereien aber auf den Markt kom-
hundert werden Lithografie, Fotografie, sich Pross’ Einteilung bereits als über- men und sich für den privaten Einsatz
Telegrafie, Grammofon und das Kino er- holt. Die wachsende Verschmelzung anbieten, müssen noch ein paar Hür-
funden. Das 20. Jahrhundert greift mit multimedialer und digitaler Technologi- den genommen werden.
Radio, Fernsehen, Computer, Internet en bringt es mit sich, dass Produktions- Nach einem Vorläufer mit vier Ty-
und Mobilfunk noch drastischer ins ge- und Speichermedien, Ausgabe- und penhebeln für phonetische Schnell-
sellschaftliche und kulturelle Leben ein. Übermittlungsfunktionen auf ein und schrift, dem «Schnellschreibclavier»,
demselben Gerät vereint werden. Selbst entwickelt der Deutsche Drais von Sau-
Nur noch Softcopy traditionelle Printmedien wie Buch und erbronn um 1829 eine erste Schreibma-
Der im März dieses Jahres verstorbene Zeitung oder fotografische Aufnahmen schine mit 25 Tasten. Es ist dann aber
Publizistikwissenschaftler Harry Pross werden am Bildschirm genutzt: als E- der Drucker Christopher Latham Sholes
hat 1972 eine grundlegende Einteilung Book, Online-Journal und digitale Bild- aus Milwaukee, der mit seiner Querty-
von Medien aufgrund des jeweiligen datei. Vermehrt existieren Texte und Tastatur (benannt nach den ersten sechs
Technikeinsatzes vorgeschlagen. Primä- bildliche Darstellungen nur noch als Buchstaben der obersten Buchstaben-
re Medien kommen gemäss dieser Typo- Softcopy – bleiben virtuell und diffus. reihe) einem serienreifen Modell zum
logie ohne technische Hilfsmittel aus. Ein gegenständliches Original in Form Erfolg verhilft. Die Firma Remington &
In die Kategorie fällt zum Beispiel die von Druckplatte oder belichtetem Nega- Sons, die bis anhin nur Waffen und
direkte Kommunikation mittels Sprache tivfilm existiert nicht mehr. Nähmaschinen produziert hat, steigt
oder nonverbaler Mittel. Sekundäre Me- ins Geschäft ein und bringt zwischen
dien wie Bücher oder Fotografien wer- Mark Twains Schreibmaschine 1874 und 1878 rund 5000 Exemplare
den zwar mit technischer Unterstützung Die vielbeschworene Medienkonvergenz des «Sholes & Glidden Type-Writer» auf
hergestellt, können aber auf Seiten der bahnt sich schon mit der Entstehung den Markt.
Empfänger/innen ohne Apparate ge- der Schreibmaschine an. Gutenbergs Mit ihren lieblichen Blumenorna-
nutzt werden. Zu den tertiären Medien Lettern sind nun an beweglichen Ty- menten mutet die erste Ausführung
schliesslich gehören all jene Medien, penhebeln befestigt, und durch einfa- noch kurios an. Das Schreibgerät ist auf
die auch in der Nutzung technische Ge- chen Tastendruck werden die Buchsta- einem Nähmaschinentisch montiert
räte verlangen, also Telefon, Tonträger ben mittels Farbband aufs Papier ge- und der Wagenrücklauf wird per Fuss-

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pedal bedient. Kleinbuchstaben und reader. Xerox makes everybody a pub- zeichnet. Die handlichen Leichtgewich-
direkte Sicht auf das Getippte kommen lisher.» te speichern Hunderte von Büchern und
erst später hinzu, aber die von Sholes bieten dank Vernetzung und interakti-
eingeführte Tastenbelegung kann sich E-Books und ihre Reader ver Benutzeroberfläche unzählige Vor-
international als Norm durchsetzen und Bücher gibt es nach wie vor. Aber die teile. Man kann unterwegs rasch neue
prägt noch heute das Erscheinungsbild Buchstabenwelten sind nicht auf ewig Angebote herunterladen, in den Texten
des Computers. ans Papier gebunden. Schon heute er- persönliche Notizen und Lesezeichen
Zu den frühesten Besitzern eines scheinen viele Titel nicht nur mit fes- anbringen, Dokumente durchsuchen
Remington-Modells zählt auch der tem oder kartoniertem Einband, als und Bildschirmdarstellung oder Schrift-
Schriftsteller Mark Twain. Er nimmt für Broschur oder gelumbecktes Taschen- grösse den Sichtverhältnissen anpas-
sich sogar in Anspruch, der Erste zu buch (wie die Klebebindung nach ih- sen. Die fortschrittliche Bildschirmtech-
sein, der die Schreibmaschine nicht nur rem Erfinder Emil Lumbeck genannt nologie verspricht eine papierähnliche
zum Tippen von Briefen, sondern für wird). Das Buch als genialste Benutzer- Anzeige, selbst bei hellem Sonnenlicht.
literarische Zwecke verwendete. Die oberfläche seit Erfindung der Medien Wie immer, wenn Innovationen den
Abenteuer des Tom Sawyer soll er sei- bekommt Konkurrenz durch mobile Markt unter Druck setzen, gilt es nun
nem Verleger 1874 als erstes maschi- Bildschirmgeräte wie Handy, BlackBerry, abzuwarten, welches die besten Model-
nengetipptes Buchmanuskript abgelie- portable Konsolen, Ogo, PDA, iPod, E- le und die kompatibelsten Formate
fert haben. Book und iPad. Mit der passenden Soft- sind.
Dank Kohlepapier können auf der ware verwandelt sich das Smartphone
Schreibmaschine bereits mehrere Durch- in ein elektronisches Buch. Bald werden Als das holografische Panorama die
schläge erzeugt werden. (Ein Überbleib- wir nur noch ein einziges Gerät benöti- irdische Gegenwart überschreitet, ver-
sel der Carbon Copy ist in der Abkürzung gen, um Bücher, Fotos, Filme, Musik und neigt sich der Cyberbot und löst sich in
«CC» unserer E-Mail-Programme erhal- andere Dokumente stets griffbereit zu seine Pixel auf. Die bunten Punkte for-
ten.) Höhere Auflagen werden aber erst haben. mieren sich zu animierten Bücher-
durch einfache Umdruckverfahren mit «E-Book» bezeichnet nach Duden ein Icons. Aus dem Pop-up-Fenster flattert
der «Schnapsmatrize» und schliesslich «tragbares digitales Lesegerät in Buch- ein virtueller Werbeflyer und bietet ein
mit dem Aufkommen bürotauglicher format, in das Texte aus dem Internet kostengünstiges Reprint der Gutenberg-
Kopiergeräte möglich. 1977 führt Xerox übernommen werden können». Da der Bibel feil – als bibliophiles E-Book-Fak-
den ersten Laserdrucker vor und Mar- Begriff gleichzeitig für die Titel selbst simile für den E-Reader im Lederetui.
shall McLuhan zieht den treffenden Verwendung findet, wird das Gerät bes-
Schluss: «Gutenberg made everybody a ser als E-Reader oder E-Book-Reader be- Daniel Ammann, Redaktion ph|akzente

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