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SPRACHE U N D D E N K E N BEI W U N D T , P A U L U N D MARTY

EIN BEITRAG ZUR PROBLEMGESCHICHTE DER


SPRACHPSYCHOLOGIE

CLEMENS KNOBLOCH
Universität Siegen

0. Vorbemerkung

In den folgenden Abschnitten werde ich versuchen, die sprachpsycholo-


gische Kontroverse zwischen Wilhelm Wundt (1832-1920), Hermann Paul
(1846-1921) und Anton Marty (1847-1914) an einer ihrer zentralen Fragestel-
lungen zu rekonstruieren: an der psychologischen Auffassung des Verhältnis-
ses zwischen auGeren grammatischen Struktur- und Gebildegrößen und ihrer
Bedingtheit durch 'innere' seelische Vorstellungs- und Bewußtseinsprozesse.
Den Anspruch, die psychologische Erzeugung grammatischer Katego-
rien zu beleuchten, teilenAlledrei Autoren. Sie unterscheiden sich jedoch er-
heblich nach ihren weltanschaulichen und wissenschaftstheoretischen Prä-
missen. Marty ist über seinen Lehrer Franz Brentano (1838-1917) dem Neu-
Thomismus verpflichtet, Paul ist Junggrammatiker und Herbartianer, Wundt
schlieGlich Volkerpsychologe und Vertreter eines eigenen psychologischen
Systems. Alle drei wurzeln in den erlebnis-, bewußtseins- und vorstellungs-
psychologischen Paradigmen des vorigen Jahrhunderts, die in den Jahren der
fraglichen Kontroverse zusehends ins Wanken gerieten.
Der sprachphilosophische Teil des Humboldtschen Erbes war durch
Vermittlung Heymann Steinthals (1823-1899), des Mitbegründers der "Zeit-
schrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft", an stärker psycholo-
gisch orientierte Sprachforscher übergegangen. Wundt, Paul und Marty re-
präsentieren die wichtigsten Positionen jener Phase des sprachpsychologi-
schen Denkens, die sich neben der historisch-vergleichenden Hauptströmung
des 19. Jahrhunderts herausgebildet hatte.
Höhepunkt und Ende dieser sprachpsychologischen Tradition fallen

Historiographia Linguistica 11:3 (1984), 413-448. DOI 10.1075/hl.ll.3.06kno


ISSN 0302-5160 / E-ISSN 1569-9781 © John Benjamins Publishing Company
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zeitlich ungefähr zusammen mit dem (historiographisch ungleich besser do-


kumentierten) Ubergang von der historisch-vergleichenden zur systematisch-
strukturellen Sprachauffassung. Von den Protagonisten der psychologischen
Tradition haben sich im linguistischen Bewußtsein lediglich diejenigen gehal-
ten, die auch bei der Herausbildung der modernen Linguistik eine Rolle ge-
spielt haben, von den hier behandelten Autoren also bloß Hermann Paul.
Aber auch dieser ist sicherlich nicht für seine sprachpsychologischen Thesen
bekannt geblieben.
Mit der modernen Psycholinguistik hat das Verhältnis von (linguistisch
modellierter) Sprachstruktur und (psychologisch modelliertem) Sprechpro-
zeß wieder Konjunktur bekommen. Auch das Interesse an der 'alten'
Sprachpsychologie ist in diesem Zusammenhang wieder aufgelebt. Das doku-
mentieren z.B. die Arbeiten von Esper (1968) und Blumenthal (1970). Doch
hat man hier weit weniger den wirklichen Gang und die wirkliche Logik der
Argumentation zwischen Wundt, Paul und Marty rekonstruiert, als vielmehr
die Positionen gegenwärtiger Kontroversen in deren Argumentation hinein-
getragen. Einige der durch diesen Umstand bedingten Entstellungen und
Einseitigkeiten werde ich richtigzustellen versuchen.
Die Frage nach den Beziehungen zwischen Sprache und Denken hat bis
heute nichts von ihrer Faszination verloren. Sie ist weiterhin kontrovers und,
wie mir scheint, immer noch von den fatalen Verwechslungen und Gleichset-
zungen umgeben, die aus der Psychologie des vorigen Jahrhunderts herruh-
ren. Zum einen neigt und neigte man dazu, das Denken umstandslos mit der
'inneren' und semantischen Seite des Sprechens oder der Sprache gleichzuset-
zen (eine Neigung, die 'parallelistischen' Tendenzen aller Art selbstver-
ständlich entgegenkommt), zum anderen ist es die (immer noch aktuelle) Ge-
wohnheit, grammatischen Gebilderegeln eine unmittelbare mentale Realität
im Kopfe des Sprechers zuzubilligen. Diese durchlaufenden Probleme recht-
fertigen es, daß man einen neuen Blick auf die Diskussion des Problems
'Sprache und Denken' um die Jahrhundertwende wirft. Es ergeben sich von
dort aus auch neue Perspektiven für die gegenwärtige psycholinguistische
Diskussion.

1.0 Vorstellungspsychologie

Eine gemeinsame Grenze der Ansätze von Wundt, Paul und Marty be-
steht darin, daß ihre Psychologie es lediglich mit einem von der äußeren Tä-
tigkeit der Individuen abgekoppelten inneren Raum zu tun hat, mit einer von
WUNDT, PAUL UND MARTY 415

Vorstellungen wechselnder Provenienz bevölkerten Innenwelt, in der sich


mechanisch oder willentlich bestimmte Ordnungen herstellen lassen. Diese
Ordnungen können dann z.B. an der Struktur sprachlicher äußerungen 'ab-
gelesen' werden. Die Autoren unterscheiden sich darin, mit welchen psycho-
logischen Wesen sie diesen inneren Raum bevölkern, wie sie ihn erforschen
und welche dynamischen Vorgänge sie dort zur Aufführung freigeben wollen.
Die innere Bühne selbst ist aber alien gleichermaßen fraglose psychologische
Realität. Auf ihr (und nicht in der wirklichen Tätigkeit) spielt das psychische
Geschehen, das dann in gesprochenen Sätzen nach außen tritt.
Von hier ist es nur ein ganz kleiner Schritt zu den komplementaren Ent-
gleisungen einer durchgehenden 'Grammatikalisierung' der höheren psychi-
schen Prozesse und einer ebensolchen 'Psychologisierung' grammatischer
Satzstrukturen. Alle drei Sprachpsychologen haben diesen Schritt in ihrer
Richtung und auf ihre Weise getan. Erst auf der Basis dieser Gemeinsamkeit
kann ihre Kontroverse richtig verstanden werden.
Weiterhin machen Alle drei Autoren keinen scharfen Unterscheid zwi-
schen der Aktualgenese eines 'Sprachwerkes' (vgl. Bühler 1934:48ff.) und
der gesellschaftlichen Genese der Sprachmittel und Sprachgebilde. Lediglich
bei Marty findet sich der Ansatz zu einer klareren Unterscheidung beider Pro-
bleme. Ich werde zu zeigen versuchen, daß u.a. durch diesen Umstand Marty s
theoretischer Rahmen ergiebigere sprachpsychologische Fragestellungen zu-
läßt als der relativ sterile Parallelismus Wundts.
1.1 Wilhelm Wundt
Anders als seine sprachpsychologischen Vorläufer und Zeitgenossen er-
hebt Wundt den Anspruch, aus den Gesetzmaßigkeiten der sprachlichen Er-
scheinungen psychologische Erkenntnisse zu gewinnen und nicht eine fix und
fertige Psychologie auf den Umkreis sprachlicher Erscheinungen bloß äußer-
lich anzuwenden (Wundt 1901:6ff.). Dieses letztere Verfahren bemangelt er
an Steinthal und Pauk diese bedienten sich einfach der Psychologie Johann
Friedrich Herbarts (1776-1841), die aber auf einer völlig 'sprachlosen' und
metaphysischen Grundlage entstanden sei.
Herbarts Psychologie ist mechanistisch und individualistisch. Movens
seiner Psychologie ist das mechanische Eigenleben der 'Vorstellungen'; diese
"drängen oder verdrängen einander auf der Bühne des Bewußtseins" (Hehl-
mann 1967:132). Wundt dagegen legt großen Wert auf den willentlichen Cha-
rakter der sprachlichen Vorgänge.
Da ihm die höheren seelischen Funktionen — zumal die, welche gesell-
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schaftliche Voraussetzungen haben und darum von der 'Völkerpsychologie'


behandelt werden — der experimentellen Untersuchung nur sehr bedingt zu-
gänglich zu sein scheinen, nimmt Wundt die sprachlichen Erscheinungen als
äußere Indikatoren dessen, was sich an unzugänglichen höheren Denk- und
Vorstellungsprozessen im Individuum abspielt.
Die Sprache ordnet er insgesamt in den Umkreis der Ausdruckserschei-
nungen ein. Sie ist ihm ebenso Außenseite und Representation eines korrela-
tiven 'Innen' wie jeder nicht-sprachliche Gefuhlsausdruck auch, sie ist eine
Fortsetzung des Ausdrucksgeschehens mit anderen Mitteln. Die spezifisch
sprachßezogene Version der Wundt'schen Parallelenaxioms von der durch-
gehenden Bindung des äußeren, wahrnehmbaren Körpergeschehens an inne-
re seelische Vorgänge bildet den Generalnenner seiner Sprachpsychologie.1
Auch die Konstruktion eines strikten Parallelismus zwischen der grammati-
schen Struktur einer Äußerung und dem dynamischen Vorstellungsgesche-
hen, das diese Äußerung hervorbringt, hat hier ihre eigentlichen Wurzeln:
In allem, was ihr Wesen ausmacht, in Wortbildung, Satzfugung und Bedeu-
tungswandel, ist die Sprache nicht bloß ein äußerer Abdruck der allgemei-
nen Bewußtseinsvorgange, sondern deren notwendige Teilerscheinung
und die sprachlichen Erscheinungen sind zu verstehen
als Funktionen des menschlichen Bewußtseins, in denen die fundamentalen
Gesetze der Entwicklung dieses Bewußtseins zum Ausdruck kommen
(Wundt 1922 [1900] II, 657)
Im sprachlichen Ausdrucksgeschehen — so nimmt Wundt an — hat der Psy-
chologe das aufgeschlagene Buch der höheren Bewußtseinsvorgange, die er
nun von ihrer kenntlichen Außenseite her nach dem Parallelenaxiom auch als
innere konstruieren kann.
Ich werde in diesem Abschnitt zu zeigen versuchen, warum die Konse-
quenzen der Wundt'schen Sprachauffassung zirkulär sind und einer wissen-
schaftlichen Weiterentwicklung nicht fähig waren. Die Parallelismus-Annah-
me verfuhrt dazu, die äußeren grammatischen Kategorien einer Sprache ein-
fach aus der Empirie aufzugreifen und ihnen innere psychologische Entspre-
chungen zuzuordnen. Was faktisch nichts anderes ist als eine psychologische
Verdopplung der Grammatik, erscheint dann als Psychogenese dieser Gram-
matik, als Analyse ihrer 'inneren' Bedingtheit. Die Grammatik wird als Wir-
kung aufgefaßt und mit einer genau isomorphen psychologischen 'Ursache'
ausgestattet.
Weiterhin werde ich argumentieren, daß sich Hermann Paul, der Wundt
in den nach 1900 erscheinenden Auflagen seiner Prinzipien der Sprachge-
WUNDT, PAUL UND MARTY 417

schichte so heftig und grundsätzlich kritisiert, eines Verfahrens bedient, das


auf die nämlichen unfruchtbaren Konsequenzen hinausläuft.2
Als erstes Beispiel mag Wundts Auffassung des Verhältnisses von 'inne-
rer' und 'äußerer' Sprachform dienen. Unter der äußeren Form einer Spraehe
versteht Wundt im wesentlichen das, was man heute als ihren morphologi-
schen Typus ßezeichnet: Werden die grammatischen Verhältnisse der Wörter
im Satz durch Flexion oder Agglutination an diesen selßst, durch eigenständi-
ge Funktionswörter oder gar nicht ausgedrückt? Verfährt die Wortmodifika-
tion prä- oder suffigierend? Gißt es morphologisch markierte Sußstantivklas-
sen? etc. (Wundt 1922 [1900] II, 436). Dieser äußeren, grammatisch-morpho-
logischen Bauart einer Spraehe (deren Einteilungen sich ganz im Rahmen der
Sprachtypologie des vorigen Jahrhunderts bewegen) wird nun die innere
Sprachform als Ensemble inhaltlicher Entsprechungen im Denken und Vor-
stellen gegenübergestellt. Jedes Detail der grammatischen Darstellungstech-
nik spiegelt vermeintlich eine ihm entsprechende Eigenheit der Verknüp-
fungs-, Auffassungs- und Begriffsbildungsweise im Sprecher, gilt sogar als de-
ren Erzeugnis und Wirkung. Bei der inneren Sprachform handelt es sich:
1. urn den in den äußeren Sprachformen sich verratenden Zusammenhang
des sprachlichen Denkens, 2. um die Richtung dieses Denkens, oderum die
Vorstellungsgebiete, denen es vorzugsweise zugewandt ist, und endlich 3.
um den Inhalt desselben, um die spezifischen Eigenschaften der Vorstellun-
gen und Begriffe, die in den äußeren Sprachformen ihren Ausdruck finden.
(Ibid., 443)
Was den inneren Zusammenhang des sprachlichen Denkens angeht, so soll
dieser namentlich in den Formen der Satzfugung zum Ausdruck kommen,
während die Wortformen Eigenschaften der Vorstellungen und Begriffe indi-
zieren sollen. Punkt zwei, die eigentumliche 'Richtung' des sprachlichen
Denkens, kommt von der Sache her einem Aspekt der Humboldt'schen 'in-
neren Sprachform' vielleicht am nächsten, weil letzterer auf die (sich im Ety-
mon eines Wortes gelegentlich noch bekundende) ursprungliche Auffas-
sungsweise, auf das 'Bild', unter dem ein Gegenstand sprachlich aufgenom-
men wird, verschiedentlich großes Gewicht gelegt hat. Wundt indessen bringt
(in seiner rubrizierenden Art) die unterschiedlichen sprachlichen Auffas-
sungsweisen auf vier wohldefinierte Klassen herunter (gegenständlich, zu-
ständlich, objektiv, subjektiv), wobei — man ahnt es schon — der ersten
Klasse Sprachen mit äußerlich entwickelter Nominalbildung, der zweiten
Sprachen mit entwickelter Verbalbildung entsprechen sollen.
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Auch in den Punkten 1. und 3. erhält der Parallelismus freien Lauf: dem
'fragmentarischen' sprachlichen Denken entspricht eine Satzstruktur, die in
strikter Nebenordnung aufgebaut ist und deren interne Relationen weder
durch Flexion noeh durch Funktionswörter grammatisch mitausgedruckt sind
(Wundt nennt als Beispiel eine Buschmannsprache); das 'synthetische'
sprachliche Denken hat den agglutinierenden Sprachbau zum Produkt und
zur Außenseite. Bei diesem Typus verschwimmen die Grenzen zwischen
Wort und Satz. Dem analytischen Denken dagegen sind einzelne Vorstellun-
gen klar voneinander separiert, und es kann auch die Beziehungen dieser
Teilvorstellungen zueinander relativ selbständig auffassen. Dem entspricht
erwartungsgemaß der eher isolierende Sprachtypus, in dem es noch kaum
oder kaum noch flexivische Abwandlung der Wörter gibt, sondern statt des-
sen spezialisierte Beziehungswörter zum grammatischen Ausdruck von Bin-
nenrelationen im Satz (Wundt 1922 [1900] II, 444ff).
Die gesamte Argumentation Wundts in dieser Frage lebt von der Prarnis-
se einer vollständigen Isomorphic zwischen dem Ensemble sprachlicher Aus-
drucks- und Darstellungsmittel auf der einen, den ausgedruckten Inhalten
des sprachlichen Denkens auf der anderen Seite. Das Denken ist hier sowohl
die 'innere Sprachform' selbst wie auch der unmittelbare Erzeuger der äuBe-
ren. 3
Man mag einwenden, es sei unfair, gerade ein dunkles Thema wie die 'in-
nere Sprachform' zum Prüfstein einer sprachpsychologischen Théorie zu
wählen, hat doch dieses Thema (dunkel und unklar schon bei Wilhelm von
Humboldt) nahezuAlleSprachforscher der romantischen Tradition zu speku-
lativen Weiterungen verleitet. Doch weisen bei Wundt auch andere Sachbe-
reiche die gleiche theoretische Achitektonik auf, wie weiter unten die

Das theoretische Verfahren erinnert insgesamt an die von Wundt und


seinen sprachpsychologischen Vorläufern vielfach geschmahte Praxis,
sprachliche Erscheinungen unter die Botmaßigkeit einer starren Logik zu
zwingen (vgl. besonders Steinthal 1855). Diesen vielgeschmahten Ahnen gait
die Grammatik für isomorph mit der Logik. Die ewigen und invarianten Ge-
setze des Denkens hatten sich in den grammatischen Kategorien der Sprache
ein vermeintlich gut sitzendes Kleid geschaffen, jede grammatische Größe er-
schien als Ausdruck einer korrespondierenden logischen. Dies ist vermutlich
nichts anderes als eine Mystifikation der gemeinsamen wissenschaftshistori-
schen Ursprünge von grammatischer und logischer Theorie und Terminolo-
gie. Wundt kehrt dieses Verfahren zwar um, bleibt ihm aber doch verpflich-
tet. Sein sprachlicher Relativismus ordnet nicht mehr jeder Sprache das Den-
WUNDT, PAUL UND MARTY 419

ken, sondern jeder Sprache ihr Denken zu. Sein Psychologismus ist dafür ver-
antwortlich, daß auf der 'Innenseite' der Sprache nicht mehr bloß Urteile und
Begriffe zu liegen kommen, sondern Gesamtvorstellungen und ihre bezieh-
baren Momente. Beide Prozeduren gleichen sich jedoch fundamental darin,
daß sie die Elemente der äußeren Sprachstruktur als 'innerlich' bewirkt und
hervorgebracht darstellen wollen. In beiden Fallen entpuppen sich die an-
genommenen inneren Ursachen als mehr oder minder verkleidete Doppel-
gänger des äußeren grammatischen Sprachbaus bzw. der Kategorien seiner
theoretischen Beschreibung.
Das soll noch einmal an Wundts Theorie der Satzfügung erörtert werden.
Ich habe diesen Abschnitt der Wundt'schen Sprachpsychologie gewahlt, weil
Blumenthal auf der Basis vordergrundiger Analogien glaubt, in der Wundt'-
schen Satzauffassung einen geistigen Vorläufer der transformationalisti-
schen gefunden zu haben (vgl. Blumenthal 1970:9ff.). Aus diesem Grunde ist
die Theorie der Satzfügung wohl das bekannteste Versatzstuck aus dem
sprachpsychologischen Denken Wundts. Dieser definiert den Satz
nach seinen objektiven wie subjektiven Merkmalen ... als den sprachlichen
Ausdruck für die willkurliche Gliederung einer Gesamtvorstellung in ihre in
logische Beziehungen zueinander gesetzten Bestandteile (Wundt 1922
[1900] II, 248).
Daß Wundt vom Satz* als dem eigentlich zentralen sprachlichen Gebilde aus-
geht und daß er im Inneren desselben ein System logischer Beziehungen ver-
mutet, muß ihn den Transformationsgrammatikern von vornherein sympa-
thisch machen. Doch geht die Affinität noch ein gutes Stuck weiter. Der Satz
als grammatisches Gebilde ist mit dem psychologischen Prozeß seiner Erzeu-
gung (als Analyse und sprachliche Synthese der ursprünglichen Gesamtvor-
stellung) in ganz ähnlicher Manier auf einen Ebene gezogen, wie in der Trans-
formationsgrammatik mit seiner logisch-algorithmischen 'Erzeugung'. Auch
für Wundt ist der Satz nur vordergrundig ein sukzessives Gebilde, eine bloße
Abfolge von Wörtern, die Innenseite ist ihm immer simultan und^sukzessiv
zugleich; simultan,
weil er in jedem Moment in seinem ganzen Umfang im Bewußtsein ist, wenn
auch einzelne Nebenelemente gelegentlich aus diesem verschwinden mö-
gen,
sukzessiv,
weil sich das Ganze von Moment zu Moment in seinem Bewußtseinszustand
verändert, indem nacheinander bestimmte Vorstellungen in den Blickpunkt
treten und andere dunkler werden (Ibid., 243).
420 CLEMENS KNOBLOCH

Die vorläufig letzte vordergründige Parallele zwischen Wundt und der


generativen Grammatik besteht darin, daß auch für Wundt die sogenannten
geschlossenen oder apperzeptiven Verbindungen im Satz (im Unterschied zu
den beliebig iterierbaren offenen oder assoziativen Beziehungen) nach dem
Schema der binären Verzweigung aufgebaut werden. Der Satz (bzw. dessen
Innenseite, die ursprungliche Gesamtvorstellung) wird als 'Subjekt und Prä-
dikat', das verbale Prädikat als 'Verb und Objekt', das Subjekt oder Objekt
als 'Nomen und Attribut' "neugeschrieben" bzw. expandiert (vgl. Wundt
1922 [1900] II, 321). Hier zeigt sich wieder die Kontur des oben skizzierten fa-
talen Verfahrens: die aus der traditionellen Grammatik einfach aufgegriffe-
nen satzsyntaktischen Kategorien (Subjekt, Prädikat, Objekt, Attribut) wer-
den psychologisch ein zweites Mal gesetzt. Als äußere bilden sie das gramma-
tische Gerüst des Satzes, als innere die logischen Beziehungen innerhalb der
Gesamtvorstellung, die der Satz apperzipiert. Demgegenuber bildet allés
das, was ausweislich seiner Stellung in der Satzstruktur an deren tragende
Elemente nur angelagert ist (und dementsprechend auch fortbleiben könn-
te), den Bereich der offenen und assoziativen Beziehungen zwischen Vorstel-
lungen, welche zum Kern der Gesamtvorstellung erst im Prozeß ihrer Gliede-
rung hinzugetreten sind (Ibid., 324ff. ). Es kommt also wieder zu der schon be-
kannten fuckenlosen Entsprechung zwischen grammatisch-strukturellen und
psychologisch-dynamischen Kategorien.
Wenn sich die grammatischen Kategorien in der Funktion erschöpfen,
bestimmte Vorgänge in der Analyse und Synthese von Gesamtvorstellungen
widerzuspiegeln, dann werden sie auf eine ganz eigentumliche Weise unpro-
duktiv. Was Steinthal über die von der alten Grammatik postulierte Einheit
von Sprechen und Denken zu sagen hat, gilt dann auch für die Konsequenzen
des Wundt'schen Verfahrens:
Ebenso müssen wir auch die Einheit von Sprechen und Denken schärfer fas-
sen. Gerade diese Einheit wurde zu alien Zeiten, und zwar in grundfalscher,
für die Grammatik verderblichster Weise behauptet. Denn durch diese Ein-
heit von Sprache und Gedanken wurde die Sprache an sich in Wahrheit ge-
dankenlos, und es blieb ihr eigentumlich nur ein System äußerlicher, lautli-
cher Bezeichnungsweise (Steinthal 1888 [1851]: 111).
Denn auch der harmonische Gleichlauf von Vorstellungsdynamik und Satz-
struktur entzieht der letzteren Alle produktiven Potenzen und läßt ihr nur de-
ren äußere Bezeichnung.
Die Erzeugung eines Satzes erscheint dann im Modell als Uberfuhrung
eines rein psychischen Gebildes in ein psychisch-sprachliches. Am Anfang
WUNDT, PAUL UND MARTY 421

der Redeproduktion steht eine sprachlich noch völlig unberuhrte Gesamtvor-


stellung, die erst im ProzeG ihrer Zerlegung und anschließenden Synthese un-
ter die sprachliche Form der ihr adäquaten Satzstruktur gerät. Das fix und fer-
tige sprachliche Gebilde, der Satz, dient dann wiederum dazu festzustellen,
was von Anfang an zur Gesamtvorstellung gehört hat und was erst im Prozeß
der Analyse und Synthese assoziativ zu dieser hinzugetreten ist. Die gramma-
tische Satzstruktur dokumentiert ohne jede weitere Vermittlung die Aktge-
schichte des Prozesses der Redeerzeugung. Mehr tut sie nicht, und mehr kann
sie im ausdruckspsychologischen System Wundts auch gar nicht tun. Die
postulierten 'bewirkenden' Kräfte sind nichts als ein getreues Spiegelbild der
bewirkten, und im Umkreis der Gesamtvorstellungen wiederholt sich dyna-
misch, was in den grammatischen Kategorien statisch vorliegt.
In diesem Punkt verf ährt Wundt ungleich naiver als 15 Jahre vor Erschei-
nen des ersten Bandes der Völkerpsychologie Philipp Wegener (1848-1916),
der in seinen Untersuchungen über die Grundfragen des Sprachlebens (1885)
erstmals versuchte, die grammatischen Verhältnisse im Satz genetisch aus
den Notwendigkeiten von Verkehr und Verständigung abzuleiten, ohne ih-
nen ihre relative Selbständigkeit als Phanomene der Sprachstruktur zu neh-
men (vgl. Wegener 1885:32ff et pass.). Doch hat schon Bühler mit Recht be-
merkt, daß der Gesichtspunkt der Gesellschaftlichkeit und des sprachlichen
Verkehrs in Wundts volkerpsychologischer Behandlung der Sprache (wo er
doch eigentlich nahe gelegen hätte) nur im Vorwort vorkommt, während die
'Durchfuhrung' ganz und gar ausdrucks-, erlebnis- und individualpsycholo-
gisch bleibt (vgl. Bühler 1927:31ff.). Bleibt hinzuzufügen, daß schon die
Wundt'sche Einteilung der psychischen Prozesse in 'höhere', gesellschaftlich
bedingte und 'niedere', individuelle recht fragwürdig ist, enthält sie doch die
"unhaltbare Position, daß nur bestimmte psychologische Erscheinungen der
sozialen Wechselwirkung bedurften" (Arnold 1980:240).
Wenn auch die 'Gesamtvorstellung' nicht mehr ist als eine umgetaufte
Abspiegelung der grammatischen Satzstruktur in ihrer uberkommenen theo-
retischen Form, so enthält doch die Wundt'sche Analyse der Satzerzeugung
eine Fulle sprachpsychologisch interessanter Details. So ist die psychologi-
sche Relativität der Worteinheiten in der Redeerzeugung subtil aufgefaßt.
Wundt behandelt auch die Wörter noch als potentiell komplexe Vorstellungs-
größen und setzt sich damit von der vorstellungsatomistischen und naiven
Korrelation Wort = Einzelvorstellung, Satz = zusammengesetzte Vorstel-
lung (wie man sie in der Herbart-Nachfolge noch bei Hermann Paul findet)
vorteilhaftab:
422 CLEMENS KNOBLOCH

Das Wort grenzt in dem Ganzen des Satzes nur diejenigen Teile gegeneinan-
der ab, zwischen deren eigenen Bestandteilen ein relativ stabileres Verhält-
nis obwaltet, so daß sie in der gleichen Lautform auch regelmaßige Bestand-
teile anderer Sätze bilden können. Zugleich ergibt sich hieraus ein Verhalt-
nis von Wortform und Satzform, das indirekt wieder ein Kriterium für die
Unterscheidung von Wort und Satz werden kann. Der Satz kann sich unter
Umstanden in verschiedener Weise in die gleichen Worte gliedern, indem
dabei nur jedesmal dem einzelnen Wort eine andere Stellung angewiesen
wird. In dem einzelnen Wort bleibt dagegen das Verhältnis der Teile zuein-
ander unveränderlich. (Wundt 1922 [1900] II, 249)
Wenn es hier auch in dem für Wundt charakteristischen Halbdunkel bleibt,
ob bei den 'Bestandteilen' des Wortes an morphologische, semantische oder
an beide zu denken ist, so wird hier doch ein wichtiges Kriterium angedeutet,
mit dessen Hilfe psychologische Bauteile der Redeerzeugung definiert werden
können.
Ebenso trägt Wundt der Tatsache Rechnung, daB nur vom Sprecher erst-
mals produzierte Sätze den von ihm postulierten Erzeugungsgang luckenlos
durchlaufen müssen, während gewohnheitsmaßig eingeschliffene und auto-
matisierte Verknupfungen eine weniger komplexe Aktgeschichte aufweisen
können. 4
Dennoch bleibt das Wundt'sche Vorgehen insgesamt durch den Urn-
stand psychologisch und sprachwissenschaftlich gleichermaßen unproduktiv,
daß es den uberkommenen grammatischen Kategorien (außer einer zweiten
'dynamischen' Version derselben) nichts Neues hinzufugt. Daraus erklärt
sich auch Berthold Delbrucks (1842-1922) im Grunde vernichtende Stellung-
nahme zur Kontroverse zwischen Wundt und Paul, wonach man in alien
sprachwissenschaftlichen Fragen eigentlich mit beiden psychologischen Posi-
tionen ganz gut leben könne, weil beider Anwendung in der Praxis in alien
wesentlichen Punkten die gleichen Resultate zeitige (Delbruck 1901:42-44).
Wundt hat das Vernichtende an dieser Kritik des erfahrenen Sprachfor-
schers, wie seine Reaktion beweist (Wundt 1901:10-20), durchaus zur Kennt-
nis genommen (vgl. auch Bühler 1927:30).
1.2 Hermann Paul
Auch bei Hermann Paul findet man eine ähnliche Verdopplung gramma-
tischer Kategorien in die Psychologie hinein, doch hat dieses Verfahren im
Kontext Paul'schen Denkens geringfugig andere Konsequenzen als bei
Wundt. Im §180 der Prinzipien der Sprachgeschichte heiBt es lapidar:
WUNDT, PAUL UND MARTY 423

Jede grammatische Kategorie erzeugt sich auf Grundlage einer psychologi-


schen. Die erstere ist ursprunglich nichts als das Eintreten der letzteren in die
äußere Erscheinung. Sobald die Wirksamkeit der psychologischen Katego-
rie in den sprachlichen Ausdrucksmitteln erkennbar wird, wird sie zur gram-
matischen. Die Schöpfung der grammatischen Kategorie hebt aber die Wirk-
samkeit der psychologischen nicht auf. Diese ist von der Sprache unabhän-
gig. Wie sie vor jener da ist, wirkt sie auch nach deren Entstehen fort. Da-
durch kann die anfänglich zwischen beiden bestehende Harmonie im Laufe
der Zeit gestört werden. Die grammatische Kategorie ist gewissermaßen ei-
ne Erstarrung der psychologischen. (Paul 1909 [1880]:263)
Auf dieser Grundlage unternimmt es Paul im folgenden Abschnitt, den psy-
chologischen Hintergrund der grammatischen Kategorien Genus, Numerus,
Tempus und Genus Verbi zu entwickeln (wobei es selbstredend nicht ohne
Naturalismen abgeht: der naturliche Geschlechtsunterschied gilt z.B. als
Grundlage des grammatischen; daneben findet man aber auch viel solide lin-
guistische Argumentation, die auch heute nichts von ihrer Aktualität verlo-
renhat).
Ein 'theorietechnischer' Vorzug Pauls besteht darin, daß er zwar die
grammatischen Kategorien auf der Grundlage von psychologischen entste-
hen, sie aber mit diesen nicht zusammenfalien läßt. Eine psychologische Glie-
derung der Vorstellungen und Redeinhalte, die mit der äußerlich vorge-
schriebenen grammatischen nicht isomorph zu sein braucht, existiert neben
dieser und unabhängig von ihr. In Pauls Modell der Redeerzeugung (sofern
man aus den verstreuten Bemerkungen ein kohärentes Modell machen kann)
steht der Sprecher also vor der Aufgabe, aktuell-psychologisch gegliederte
Vorstellungsinhalte unter traditionell feste grammatische Formen und Funk-
tionen zu organisieren. Bei Wundt ist die psychologische Gliederung der Ge-
samtvorstellung exaktes Vor- oder besser Abbild der grammatischen Organi-
sation des Satzes, und der Sprecher operiert gleichsam nur auf einer Ebene
mit zwei isomorphen Seiten. Paul hingegen behandelt (1909 [1880]: 282-303)
unter dem Titel "Verschiebung der syntaktischen Gliederung" die Spannung
und Divergenz zwischen der psychologisch gebotenen Gliederung einer
'Nachricht' und der grammatisch fixierten Gliederung des 'Satzes' als Grund-
lage zahlreicher sprachlicher Erscheinungen. Dieses Kapitel, eingefugt in der
zweiten Auflage der Prinzipien von 1886, zeigt mit seiner Betonung der fort-
dauernden Wirkungen von Verkehr und Verständigung auf die grammati-
schen Strukturen den Einfluß Philipp Wegeners (1885).
Hingegen hat Wundt (1922 [1900] II, 268ff.) die überlegungen zu einer
424 CLEMENS KNOBLOCH

verständigungsbedingten Satzgliederung, die man vor Wegener auch schon


bei Georg von der Gabelentz (1840-93) findet (cf. Gabelentz 1869:378; 1891:
348-57), stets abgelehnt und, wie ich aus seiner Begrundung zu ersehen glaube.
gar nicht richtig verstanden.
Den Hauptvorzug der sprachpsychologischen Position Pauls (gegenuber
Wundt) sehe ich darin, daß neben den äußeren grammatischen Gebilderegeln
auch hörerseitige Verstehensbedingungen und sprecherseitige ' Vorstellungs-
bedingungen' einbezogen sind. Das Produkt der individuellen Sprechtatig-
keit muß Alle drei Bereiche ausgleichen und miteinander zur Deckung brin-
gen.
Wenn also Transformationsgrammatiker eher geneigt sind, Wundt in ih-
re Ahnengallerie aufzunehmen und Paul den Behavioristen zu uberlassen, so
ubersehen sie, daß trotz der unterschiedlichen Anspruche und Selbstauffas-
sungen beider Positionen sie sich doch beide in einer sprachpsychologisch
entscheidenden Frage des gleichen Verfahrens bedienen. Beide konstruieren
aus den vorgefundenen grammatischen Kategorien innere psychologische
äquivalente und lassen genetisch die ersteren aus den letzteren hervorgehen.
Der (freilich folgenreiche) Unterschied beider Positionen setzt erst im zwei-
ten Schritt ein: Wundt konstruiert 'realistisch' im Sinne seiner volkerpsycho-
logischen Pramisse und Paul konstruiert 'nominalistisch' im Sinne seines me-
thodischen Individualismus, der nur den 'Individualsprachen' Realität zuer-
kennt (denen gegenuber der Usus und erst recht die Gemeinsprache als mehr
oder minder nützliche und praktische Abstraktionen des Forschers gelten,
denen aber selbst keine Realität zukommt).
Bei Paul kommt das psychologische äquivalent der Grammatik als Sys-
tem einander assoziierter Wörter, Wortgruppen, Wortformen und Bedeu-
tungen im Kopf des Individuums zu liegen. Es wirkt dort weitgehend mecha-
nisch und ähnelt verbluffend den gewöhnlichen geschriebenen Grammatiken
in seinen Einteilungen. Einander assoziiert sind z.B. die verschiedenen Ka-
susformen des gleichen Nomens, die Tempora, Modi und Personen des glei-
chen Verbs, Wörter von gleicher Ableitung, von gleicher Funktion und von
gleicher Wortklassenzugehörigkeit. Im Kopf des Individuums ist all dies zu
stofflichen und formalen Gruppen geordnet:
Alle diese Assoziationen können ohne klares Bewußtsein zu Stande kom-
men und sich wirksam erweisen, und sie sind durchaus nicht mit den Katego-
rien zu verwechseln, die durch die grammatische Reflexion abstrahiert wer-
den, wenn sie sich auch gewöhnlich mit diesen decken. (Paul 1909 [1880] :27)
Grammatische Reflexion und psychologische Assoziation sollen also auf un-
terschiedlichen Wegen zum gleichen Résultat kommen.
WUNDT, PAUL UND MARTY 425

Pauls Ablehnung des völkerpsychologischen Realismus, seine Überzeu-


gung, daß die Sprache nur als Eigentum des Einzelnen (und in dessen Sprech-
tätigkeit) Realität habe, lenkt sein Augenmerk naturgemaß auf den Sprach-
verkehr der Individuen. Der namliche Umstand treibt aber auch die psycho-
logische Fundierung von Pauls Prinzipienlehre in eine methodische Sackgas-
se: Jeder Sprecher muß seine Sprache für sich neu erzeugen. Als System von
Bezeichnungs- und Verknupfungsmitteln ist die Sprache aber für Paul nicht
auf eine gesellschaftlich geteilte (Vorstellungs-) Welt bezogen, sondern auf
das private und unzugängliche Innenleben jedes Individuums. Dessen Vor-
stellungsinhalte sind aber 'unubertragbar' (1909 [1880]: 15), sie können nicht
kommuniziert werden. Da die Sprache als aktiver Faktor in der gesellschaftli-
chen Organisation und Uberformung der individuellen 'Vorstellungsinhalte'
nicht anerkannt wird (was sie ja als strikte Individualsprache per definitionem
nicht kann), bleibt ihr auch hier "eigentümlich nur ein System äußerlicher,
lautlicher Bezeichnungsweise" (Steinthal 1888 [1851]: 111). Eine private No-
menklatur für ebenso private innerseelische GröBen taugt aber bestenfalls zu
einem System von Merkzeichen; als Verständigungsgerät ist sie ebenso unge-
eignet wie als Instrument sozialisierten Denkens. Auch kann vermittels einer
solchen Privatsprache ein Individuum eigentlich nichts mehr lernen. Kommu-
nikation erzeugt dann bloß die Illusion von Verständigung.
Paul hat diese Verlegenheit sehr wohl bemerkt. Das Mittel, was er zu ih-
rer Behebung ersonnen hat, vermag aber nicht recht zu uberzeugen:
Fragen wir nun, worauf es denn eigentlich beruht, daß das Individuum, trotz-
dem es sich seinen Vorstellungskreis selbst schaffen muß, doch durch die Ge-
sellschaft eine bestimmte Richtung seiner geistigen Entwicklung erhält und
eine weit höhere Ausbildung, als es im Sonderleben zu erwerben vermöchte,
so mussen wir als den wesentlichen Punkt bezeichnen die Verwandlung indi-
rekter Associationen in direkte. (Paul 1909 [1880]: 15; Kursivierung im origi-
nal)
Paul ist peinlich darauf bedacht, daß allés, was man gewöhnlich zu den gesell-
schaftlichen Erscheinungen rechnet, seinen Ausgang vom Individuum neh-
me. Dieses selbst ist ihm fraglose, unbedingte Gegebenheit, letzter Bezug-
spunkt des sprachlichen Geschehens. Daß indessen ein Individuum von ei-
nem anderen das Résultat eines innerseelischen Prozesses einfach uberneh-
men könne, verträgt sich eigentlich nicht mit Pauls Ausgangsthese von der un-
aufhebbaren Privatheit der Vorstellungsinhalte.
Wundt hingegen hat durchaus ein Bewußtsein davon, daß 'Individuali-
tat' selbst ein Kulturprodukt ist, das hochentwickelte gesellschaftliche Diffe-
renzierungen voraussetzt. 5 Er weiß, daß Sprechen, Verhalten und Sitten in ei-
426 CLEMENS KNOBLOCH

ner Gesellschaft umso homogener sind, je weniger soziale Differenzierung


von Funktionen stattfindet. für ihn ist die Sprache eine gesellschaftliche Ob-
jektivation, die sich mit wechselnden Spielräumen für individuelle Variation
(je nach kulturellem Entwicklungsstand) gegenuber dem Einzelnen geltend
macht — freilich mit der oben erwähnten Einschränkung, daß auf die völ-
kerpsychologische Exposition bei Wundt eine individualpsychologische
Durchfuhrung folgt.
Paul hat demgegenuber nur den Ausweg, die Details der Sprachstruktur
unmittelbar auf die natürlichen seelischen Vorgänge im Individuum zu bezie-
hen. Deren Gleichförmigkeit ist ihm Garant regelmäßiger und beschreibba-
rer sprachlicher Erscheinungen (Paul 1909 [1880]: 19). Bei Wundt wächst die
Grammatik — grob gesagt — aus einer gesellschaftlichen Vorlage heraus in
die Individuen hinein, bei Paul wächst sie aus den natürlichen Individuen her-
aus. Im Denken des letzteren koexistiert eine mechanisch-assoziationisti-
sche 'Lerntheorie' mit der Vorstellung von einem im Grunde lernunfähigen
Monadenwesen.
Wundt resumiert die Paul'sche Abweisung der völkerpsychologischen
Sprachauffassung wie folgt:
Aus der unbestreitbaren und nie bestrittenen Gleichartigkeit des menschli-
chen Seelenlebens schließt er, auch der Inhalt desselben musse bei alien
menschlichen Individuen, welcher Rasse oder Nation sie angehören, der
gleiche sein; und aus dieser übereinstimmung der Individuen wird dann wei-
terhin deduziert, die Individuen als solche seien die Schöpfer aller Erzeug-
nisse gemeinsamer Kultur, während der Gemeinschaft, d.h. den durch die
Wechselwirkung der Individuen erweckten geistigen Kräften, kein wesentli-
cher Anteil an diesen Erzeuggnissen zukomme. Zuerst werden also den ge-
meinsamen 'Elementen' des Seelenlebens dessen Inhalte substituiert, und
dann wird daraus, daß die letzteren angeblich bei alien Individuen uberein-
stimmen, geschlossen, diese seien die alleinigen Urheber jener Inhalte.
(Wundt 1921 [1911]: 68)
Daß Wundt hier vehement für eine gesellschaftliche Grundlage der sprachli-
chen Erscheinungen streitet, hat ihn gleichwohl nicht daran gehindert, den
gesellschaftlichen Sprechverkehr zu ignorieren und die Sprache in den rigiden
Parallelismus der Ausdrucksbewegungen für Innerseelisches einzufugen.
So ergeben sich eigentlich für beide Forscher schillernde und wider-
spruchliche Positionen, wenn man ihre Gedanken unbefangen und ohne das
Bedurfnis betrachtet, sie einer 'behavioristischen' oder einer 'transformatio-
nalistischen' Tradition einzureihen. Beide haben ganz unterschiedliche psy-
chologische Glaubensbekenntnisse, aber in einigen Punkten durchaus ähnli-
WUNDT, PAUL UND MARTY 427

che Verfahren. Heute wurden die Behavioristen den Standpunkt der 'Gesell-
schaftlichkeit' und des 'Lernens' vertreten, während die Transformationali-
sten das Individuum eher so modellieren, daß es die in ihm naturlich angeleg-
te Sprache gleichsam aus sich herausspinnt. In diesem Punkt könnte man also
die vermeintlichen Traditionslinien ganz sorglos vertauschen, ohne dabei viel
Schaden anzurichten. Beide Varianten hätten freilich mit der wirklichen Ge-
schichte der Sprachpsychologie wenig zu tun.
Doch mag dies spitzfindig sein. Freilich entwickelt eine Wissenschaftsge-
schichte, die als krampfhafte Ahnensuche für das eigene Paradigma betrie-
ben wird, die fatale Tendenz, die eigenen Probleme und Lösungen den selbst
ernannten Vorläufern post festum unterzuschieben. Blumenthal ist dieser
Versuchung ebenso erlegen wie sein behavioristischer Vorgänger und Kon-
kurrent Esper. Der folgende Abschnitt soll zeigen, daß beide Wissenschafts-
historiker sich ein ausgewachsenes Kuckucksei ins Nest gelegt haben: Esper
(1968), als er den Brentano-Schuler Anton Marty zum Proto-Behavioristen
erklärte, Blumenthal (1970), als er Wundts Modell der Satzerzeugung trans-
formationalistisch interpretierte. 6
Der springende Punkt jedes sprachpsychologischen Modells der Redeer-
zeugung und -wahrnehmung liegt in der Auffassung des Verhältnisses von
Sprachstruktur und Sprechprozeß, von objektivierten sprachlichen Gebilden
(Grammatik und Lexikon) und psychologischen Strukturen von Sprechakten
bzw. Sprechhandlungen. 7 Wundt und Paul modellieren beide den Bereich der
Sprachstrukturen ak unmittelbaren Ausdruck und Niederschlag der psycho-
logischen Sprechprozesse und verwischen damit den kategorialen Unter-
schied zwischen 'festgestellten' Struktureinheiten und -regeln auf der einen,
deren eigengesetzlicher Produktion und Reproduktion auf der anderen Seite.
Darin mag man durchaus eine deutliche Parallele zur transformationalisti-
schen Psycholinguistik der 60er Jahre erblicken.
1.3 Anton Marty -
Wiewohl sich das sprachpsychologische und -philosophische Lebens-
werk dieses Autors in umfänglichen und weitgehend fruchtlosen Polemiken
gegen Wundt verzettelt hat, gebuhrt ihm doch das Verdienst, der strikten Pa-
rallelisierung von Inhalt und Ausdrucksmittel, von psychologischem Prozeß
und grammatischer Struktur einen entscheidenden Stoß versetzt zu haben.
Marty s persönliche Tragik besteht darin, daß er sich von seinem Widersacher
nicht lösen konnte und ihm ßis in die scholastischen Verästelungen seiner
Sprachauffassung (in kritischer Absicht) gefolgt ist, wo er ihn besser der Zeit
428 CLEMENS KNOBLOCH

und sich selbst überlassen hätte. Martys Kritik bleibt darum mit den Mängeln
seines Widersachers behaftet, und bei allem Gegensatz ist eine stille Affinität
beider Sprachauffassungen nicht zu verkennen. 8
Man muß wissen, daß Wundt — wie schon Steinthal vor ihm9 — den lästi-
gen und ausfallenden Kritiker Marty mit weitgehender Mißachtungg gestraft
hat. Dieser Umstand ist darum bemerkenswert, weil Wundt ansonsten keiner
Polemik aus dem Weg zu gehen pflegte. Martys besserwisserischer Ton und
sein penibel-steifer Stil haben zu einer wissenschaftlichen Selbstisolierung
und zu einer bis heute äußerst fragmentarischen Rezeption seiner Arbeiten
beigetragen.
Doch gibt es sicherlich auch einen inhaltlichen Grund für Wundts unubli-
che Schweigsamkeit: der radikale Kritiker Marty hat (anders als die zahlrei-
chen ubrigen Kommentatoren der Wundt'schen Sprachpsychologie10) die
Axt an die Wurzel gelegt. Stein des Anstoßes ist ihm das Parallelenaxiom
Wundts, die Annahme vom strikten Gleichlauf zwischen Struktur und Synta-
xe der Gedanken auf der einen, Struktur und Syntaxe der sprachlichen Zei-
chen auf der anderen Seite.11 Dieser vermeintliche Gleichlauf ist ihm nichts
anderes als eine irrefuhrende Konfusion von 'Ausdruck' und 'Ausgedruck-
tem'. Er trifft mit dieser Kritik — und das weiß er sehr wohl — die Schwächen
von Wundt und Paul gleichermaßen.
Bezeichnend für die Mischung von Affinität und Gegensatz zwischen
Wundt und Marty ist die Tatsache, daB letzterer aus der Kritik des Wundt'-
schen Parallelismus heraus in das Fahrwasser einer 'Allgemeinen Gramma-
tik' gerät und so einen gleichsam umgekehrten Parallelismus postuliert. Spie-
gelt für Wundt die äußere, grammatisch-morphologische Sprachstruktur un-
mittelbar analoge Denk- und Vorstellungsprozesse, so daß der morphologi-
sche Typus der Sprache den naturlichen Einteilungsgrund für die Denkwei-
sen aogeben kann (s.o. 1.1), so ist das Denken für Marty nur eines und mit den
fallweisen Variationen seines grammatischen Ausdrucks nicht identisch. In
der breiten Palette unterschiedlicher 'äußerer' und 'innerer' Sprachformen
musse sich lediglich ein grobes Gerust notwendiger grammatischer Differen-
zierungen nachweisen lassen, die den unterschiedlichen Funktionen und Mo-
di des einen Denkens Ausdrucksmöglichkeiten geben können. Darüber hin-
aus gebe es eine bunte Vielfalt grammatischer Kategorien, die im Sinne des
Denkens nicht notwendig seien (Marty 1908:86ff.). Man könne gar nicht sinn-
voll erwarten, daß die Details der Sprachstruktur eine planmaßige und syste-
matische Beziehung zu entsprechenden Details des Denkens oder Vorstel-
lens hätten, weil sich die Wechselfälle, ökonomie- und Abkurzungstenden-
WUNDT, PAUL UND MARTY 429

zen des sprachlichen Verkehrs in der Sprachstruktur derart geltend machten,


daß die Sprache zum Ausdruck des Denkens ein unsystematisches Instrument
werde:
Wie denn, wenn die Sprache nicht eine innerlich notwendige, sondern eine
absichtlich zum Zwecke der Verständigung, aber planlos und unsystema-
tisch (und auf Grund einer mangelhaften Gabe, das eigene psychische Leben
und seine Inhalte aufzufassen) herbeigefuhrte Darsteilung der Gedanken-
welt ware? (Marty 1908:86)
Theoriearchitektonisch unterscheidet sich Marty von Wundt darin, daß er
nicht von der Sprache zur Psychologie der höheren seelischen Funktionen
kommt, sondern umgekehrt von der Psychologie (seines Lehrers und Freun-
des Franz Brentano) zur Sprache. Marty hat vornehmlich Brentanos psycho-
logische Einteilungen des Seelenlebens in die vorgefundene Sprachstruktur
hineingebildet. für Wundt verkörperte Brentano den Inbegriff einer schola-
stischen Reflexionspsychologie (vgl. Wundt 1922 [1900] II, 224 Anmerk.),
die ihre Urteile angesichts der introspektiven Betrachtung psychischer Phä-
nomene diesen selbst als ihre Grundlage unterschiebt. Diese Charakterisie-
rung ist sicherlich nicht ganz unzutreffend.
Uber die zahlreichen Fälle, da Martys Kritik an Wundt nur offene Turen
einrennt, will ich hier nicht berichten. Der Interessierte kann sie bei Broens
(1913) nachlesen. Docri die Kritik der Parallelismus-These, die einzige an den
Kern der Sache gehende, hat Broens, der im Ganzen Wundt gegen Marty ver-
teidigt, geflissentlich ubergangen.
Marty legt erheblichen Wert auf die saubere Unterscheidung zwischen
Form und Funktion der Sprachmittel, ebenso darauf, daß Fragen der Des-
kription und des Funktionierens sprachlicher Mittel von Fragen ihrer Genese ge-
nauestens unterschieden werden (Marty 1926: 22 bzw. 31). Darin rechnet er
durchaus zu den Vorgängern und Wegbereitern einer modernen Sprachauf-
fassung. Er glaubt, daß man den funktionierenden Zusammenhang einer
Sprache durchaus ohne Rucksicht auf die äußere und innere Geschichte ihrer
Ausdrucksmittel beschreiben könne.
Statt z.B. der 'inneren Sprachform' als einer urspriinglichen Auffas-
sungs- und Anschauungsweise der Sprache historisch nachzuspuren (oder sie,
wie Wundt, einfach als Spiegelbild der äußeren im Vorstellungsprozeß anzu-
nehmen), versucht Marty eine empirische Beschreibung der bildlich-figurli-
chen und der konstruktiven (durch Art und Inhalt syntaktischer Fugungen ge-
gebenen) Hilfsmittel, die den Sprecher/Hörer beim Auffinden oder Kon-
struieren der gemeinten Bedeutungen anleiten oder unterstutzen. 'Innere
430 CLEMENS KNOBLOCH

Sprachform' ist ihm das Ensemble dieser Hilfsmittel, die den Weg zur Bedeu-
tung sprachlicher Ausdruckseinheiten weisen, aber mit der jeweiligen Be-
deutung nicht zusammenfallen.
Die Leistungen, welche Marty von seinen psychologischen Vorausset-
zungen her als Kern der grammatischen Variabilität aufsuchen muß, entspre-
chen Brentanos seelischen Grundfunktionen 'vorstellen', 'urteilen' und
'wunschen'. Sprachliche Gebilde zum Ausdruck eben dieser Funktionen bil-
den den universalgrammatischen Kern in Martys Sprachauffassung: Vorstel-
lungssuggestive, Aussagen/Urteile und Interesseheischende Ausdrucke
bzw. Emotive müssen dem äußeren Form- und Strukturreichtum jeder Spra-
che zugrundeliegen. Brentanos logisch-psychologisches Seelenschema ist
ihm das, was den Universalgrammatikern 'die' Logik und 'das' Denken war
und was den Transformationsgrammatikern die Tiefenstruktur ist.
Zuruck zur Kritik am Wundt'schen Parallelismus. Marty halt es für eine
irrige Auffassung des Zeichenmechanismus, daß einer diskreten Einheit auf
der Seite des Ausdrucks eine ebensolche Einheit auf der Seite des Ausge-
druckten an die Seite gestellt wird. Man habe aus der Erfahrung heraus, daß
Namen (Vorstellungssuggestiven in Martys Terminologie) tatsächlich Vor-
stellungen zur Bedeutung hätten, ganz voreilig die allgemeine Schlussfolge-
rung gezogen, jedes Wort entspreche einer Vorstellung, und zwar so, daß
man den Wortarten Vorstellungsarten korrespondieren lieB, der Flexion
Vorstellungsmodifikationen usw. durch allé grammatischen Kategorien
(Marty 1926: 44-45). Hingegen könne, was auf der Ausurucksseite zusam-
mengesetzt ist, nach seinem Inhalt durchaus einfach sein und umgekehrt. Am
Beispiel kontakt- und distanzgefugter Wortzusammensetzungen zeigt er, daß
es einen grundsätzlichen inhaltlichen Unterschied beider Darstellungstechni-
ken nicht gibt. Es steckt ein Stuck ökonomie des Zeichenverkehrs (des 'inne-
ren' im Denken und Vorstellen wie des 'äußeren') darin, daß sprachlich ein
komplexer und vielschichtiger Inhalt durch ein äußerlich einfaches Zeichen
repräsentiert und verfugbar gemacht werden kann, daß aber unmgekehrt im
Bedarfsfalle ein einfacher Inhalt auch sprachlich auseinandergelgt werden
kann (Marty 1925: 39ff.). Das spricht Marty nicht wörtlich aus, es ist aber
wohl die Quintessenz seiner Darlegungen zu diesem Thema.
Hatte also Wundt den Einheiten der äußeren Sprachstruktur rigoros 'in-
nere' Einheiten zugeordnet (und die Möglichkeit einer Diskrepanz beider
Seiten nur sehr begrenzt zugelassen), so ist nun zu fragen, woran Marty sich
seinerseits halt, wenn er von den 'inneren' Einheiten des Vorstellens, Wol-
iens, Urteilens spricht (außer an die bereits erwähnte Psychologie Brenta-
WUNDT, PAUL UND MARTY 431

nos). Marty ist Erlebnispsychologe mit empiriokritizistischem Glaubensbe-


kenntnis. Evident sind ihm einzig die Tatsachen der inneren Erfahrung: "Mit
unmittelbarer Sicherheit weiß ich von keinen anderen Tatsachen als von mei-
nen eigenen psychischen Zuständen" (1926: 90). Das Alltagswissen von der
realen Existenz der Außenwelt wird als naiv denunziert, als "blind waltender
Instinkt" (ibid.) der feineren empiriokritizistischen Agnostik gegenüberge-
stellt. Evident sind hernach nicht die erfahrenen Gegenstände und Sachver-
halte, sondern einzig meine Empfindungen von ihnen, meine psychischen
Zustände in der eigenen inneren Erfahrung; die letzteren mussen als einzig si-
chere Basis nicht nur der wissenschaftlichen Psychologie, sondern auch der
Naturforschung herhalten. 12 Ich will mich bei den bekannten Aporien dieser
Erkenntnistheorie nicht aufhalten, sondern nur die sprachpsychologische
Nutzanwendung geben, welche Marty von ihr macht.
Was die Sprachzeichen ausdrucken, und zwar in erster Linie für die Be-
dürfnisse von Verkehr und Verständigung, gehort in jedem Falle den erleb-
nispsychologisch validierten Phanomenklassen der 'Vorstellungen', 'Aussa-
gen/Urteile' oder 'Wunsche/Interessen' an. Die Phänomene des inneren Er-
lebens selbst gelten im wesentlichen als spraehfrei konstituiert. Das Wort ist
Erinnerungsmittel (mnemonisches Zeichen) des Gedankens, Mittel zur Be-
herrschung und Steuerung des Denkverlaufs und gelegentlich auch kompak-
tes Kürzel, Stellvertreter des Gedankens in einer Folge von geistigen Opera-
tionen (vgl. Marty 1926:79ff). Zugestanden wird, daß die uberlieferten Na-
men in der kindlicheft Begriffsbildung eine organisierende und helfende Rol-
le spielen, daß in den Bezeichnungsweisen der Sprache einfache empirische
Klassifikationen ßewahrt sind und mit praktischem Nutzen über die Sprache
tradiert werden. Dennoch ist das Denken für Marty weder Abbild noch Ur-
bild des Sprachbaues. Hierin ist er kein Universalgrammatiker. Was Wundt
als EigentÜmlichkeiten des Denkens der 'inneren Sprachform' zurechnet und
zur bewirkenden Ursache der äußeren hochstilisiert, das sind für Marty (und
hierin hat er auch heute noch zweifellos recht) nur die Bestandteile und Eigen-
tümlichkeiten des äußeren Sprachbaues selbst, der einzelsprachlichen Dar-
stellungstechnik. Diesen Teil seiner Pointe argumentiert Marty in extenso
durch allé Details der Wundt'schen 'inneren Sprachform'. Ich gebe hier nur
ein Beispiel aus der Kasuslehre: Im Bereich des Unterschiedes zwischen (vor-
wiegend) analytischer und synthetischer Kasusmorphologie muß Wundt etwa
schließen (und das tut er auch explizit; vgl. Wundt 1922 [1900] II, 445 et pass.),
daß analytisch gebildeten Kasus (durch Präpositionen also) eine getrennte
Apperzeption der jeweiligen Beziehungsbegriffe entspricht, während bei
432 CLEMENS KNOBLOCH

synthetischer Kasusmorphologie eine solche separate Auffassung der Bezie-


hung, unabhängig von dem Gegenstand, an dem sie gerade realisiert wird,
nicht stattfinde. Es liegt auf der Hand, daß es hier lediglich urn einen Unter-
schied in den Ausdrucksmitteln geht, um eine Variation der sprachlichen
Darstellungstechnik, die man erheblich uberfolgert, wenn man detaillierte
und durchgehende innere Entsprechungen annimmt.
Damit soll nichts gegen die Wundt'sche Kasustheorie insgesamt gesagt
sein. Sie ist vielleicht das fruchtbarste Stuck sprachwissenschaftlichen Den-
kens, das Wundt hinterlassen hat. Bühler hat später (1934:236ff.) den ratio-
nalen Kern in der Wundt'schen Unterscheidung zwischen 'Kasus der inneren
Determination' und solchen der 'äußeren Determination' freigelgt (vgl. Un-
geheuer 1981). Broens (1913:61-64) hat gezeigt, daß die weitergehenden Ein-
wände Martys gegen die Kasuslehre (der Marty (1910) gleichfalls ein pole-
misch gegen Wundt gerichtetes Werk gewidmet hat) nicht stichhaltig sind.
Deutlich wird jedoch, daß der parallelistische Systemzwang Wundt auf
Abwege bringt, die, modern formuliert, auf eine Gleichsetzung von Tiefen-
und Oberflächenstrukturen sprachlicher Ausdrucke hinauslaufen. Ganz an-
ders Marty, für den das ausgedruckte Denken, Urteilen, Wollen immer nur
eines und immer auf seine Weise vollständig ist, gleich ob es nun fragmenta-
risch, analytisch oder synthetisch ausgedruckt wird (Marty 1926: 74ff.). So
notiert Marty:
Es mag ja gerechtes Staunen erwecken, wie es zu begreifen sei, daß es bei
gleichem ausgedrucktem Inhalt oft zu so großen und mannigfachen Unter-
schieden nicht bloß in den speziellen Lautformen der Beziehungsmittel, son-
dern auch im ganzen Stil ihrer Struktur und Bildungsweise kommen konnte,
und die Antwort darauf zu finden ist gewiß eine der interessantesten, aber
auch schwierigsten Aufgaben für die Zusammenarbeit des historischen
Grammatikers und Sprachpsychologen. Allein die Aporie aus der Welt
schaffen zu wollen, indem man leugnet, daß hier die verschiedenen Sprachen
in weitem Umfang dasselbe durch merkwurdig verschiedene Ausdrucksme-
thoden bezeichnen, m.a.W. diese verschiedenen Bezeichnungsformen kur-
zer Hand dadurch erklären zu wollen, daß man sie als Unterschiede in das
Ausgedruckte hineinträgt (also z.B. für das fragmentarische Sprechen kurz-
weg ein 'fragmentarisches' Denken, für die analytische und synthetische
Sprechweise wieder kurzweg ein 'analytisches' und 'synthetisches' Denken,
das darin ausgedruckt ware, postuliert), das ist zwar eine sehr bequeme, aber
in Wahrheit die allerunglücklichste Méthode zur Lösung des Problems
(Ibid., 77-78)

Alles drängt also zu der heiteren Konsequenz, daß der 'Protobehaviorist'


Marty (Esper 1968:129) in dieser Frage den Vorstellungen der modernen
WUNDT, PAUL UND MARTY 433

Transformationalisten bedeutend näher steht als der von dieser Seite so heftig
umarmte Wundt — der namliche Marty, der die Disjunktion 'Nativist'-'Em-
pirist' für die Sprachpsychologie erfunden hat und der die Benennung 'Nati-
vist' polemisch-pejorativ gegen Wundt, Paul und Steinthal brauchte (mit wel-
chem Recht, ist eine zweite Frage). Marty kennt keinen absoluten Gleichlauf
zwischen Inhalten und sprachlichen Ausdrucksmitteln. Sein Ziel ist die syste-
matische und historische Rekonstruktion der Beziehungen zwischen einem
psycho-logisch vorformatierten Innenleben und den einzelsprachlich varia-
blen Ausdrucksrepertoires, in deren Formen das Innenleben zu Verständi-
gungszwecken gegossen werden muß. Wundts theoretische Pramissen geben
hingegen für eine transformationalistische Interpretation keinerlei Handha-
be, weil sein Modell von vornherein feste Entsprechungen zwischen 'außen'
und 4innen' etabliert und darum keiner komplexen Ubersetzungsmechanis-
men bedarf.
Martys Versuch, die (angeblichen) Tatsachen der inneren Erfahrung,
des inneren Erlebens unter eine logisch handhabbare Form zu bringen und sie
zur allgemeinen Folie der sprachlichen Erscheinungen zu machen, verhilft
ihm jedoch auch zu einigen Ungereimtheiten. Er verwechselt beständig dar-
stellungstechnische Leistungen der Sprache und reflexionspsychologische
Größen des Innenlebens, er vermengt die logisch-begrifflichen Implikatio-
nen der Inhalte mit den Konstruktionsregeln der Ausdrucksseite. So könne
niemand einen Inhalt denken, ohne sich dabei zwangsläufig auf dessen logi-
sche und relational^ Implikate in all ihrer Ausgiebigkeit einzulassen. Wer
"Vater' 1 denke, der musse auch die implizierte Relation zu Kindern mitden-
ken, "wer denkt c schreiben\ denkt ebenso notwendig mit: den allgemeinen
Begriff von jemandem, der schreibt, von etwas, was und von etwas worauf ge-
schrieben wird" (Marty 1925: 22). Beide Beispiele zielen (in unterschiedli-
cher Weise) auf den Tatbestand einer logisch-semantischen Valenz von Wör-
tern im Unterschied zu ihrer formell-syntaktischen Fugepotenz. Gebraucht
wird das Argument jedoch nicht als Ansatzstelle für sprachliche Darstellungs-
techniken (wie das einige Jahre später Bühler mit der 'connotatio' von Wör-
tern und Wortklassen, mit ihren 'Leerstellen' tut), sondern mit Bezug auf die
Implikationen nicht-sprachlicher Denkinhalte. Weil das ganze Geschehen
hier zwischen den Erlebnisinhalten der inneren Erfahrung spielen muß, ent-
steht für Marty der Systemzwang, dieser Erlebnisseite eine Vollständigkeit
und Explizitheit (gegenuber dem korrekt als immer fragmentarisch einge-
schätzten Ausdruck) anzudichten, für die es keinerlei Evidenz gibt.
434 CLEMENS KNOBLOCH

Daß ungefähr zur gleichen Zeit, da die sprachpsychologische Kontrover-


se zwischen Wundt und Marty spielt, die Denkpsychologen aus dem Umkreis
der 'Wurzburger Schule' — Oswald Kulpe (1862-1915) und seine Mitarbei-
ter13 — beginnen, die Denkproblematik experimentell mehr problemlosungs-
als vorstellungsbezogen zu reformulieren (freilich zunächst, indem sie erleb-
nispsychologische Pramissen experimentell auf die Spitze treiben und sie auf
diesem Umwege auflosen), ist sicher ebensowenig ein Zufall, wie der Urn-
stand, daß auch dieses Unterfangen zu einer heftigen und ausgiebigen Kon-
troverse mit Wundt fuhrt (vgl. Ungeheuer 1981). Nach ihrer Verwurzelung in
der Bewußtseins- und Erlebnispsychologie des vorigen Jahrhunderts sind
Wundt und Marty sicherlich weit weniger von einander entfernt, als es den
Anschein hat (wenngleich Wundt als Begründer der experimentellen Psycho-
logie natürlich auch zur Uberwindung der Erlebnispsychologie beigetragen
hat).
Daß Marty dem äußeren grammatisch-morphologischen Sprachbau die
Widerspiegelung einiger universaler Unterscheidungen (auf der Grundlage
seiner Psychologie) zumutet und ihm ansonsten einen weiten Umkreis dar-
stellungstechnischer Freiheiten zugesteht, gibt seiner Sprachauffassung in
diesem Punkt sicherlich vor der Wundt'schen den Vorzug großerer Sachhal-
tigkeit, auch wenn das psychologische Fundament Marty s just die reflexions-
psychologischen Schwächen aufweist, die Wundt kritisiert hat. Brentanos
Psycho-Logik taugt zur Grundlage einer Allgemeinen Grammatik ebensowe-
nig wie rein logische Systeme.
Was das Verhältnis von universalen und einzelsprachlich relativen Kom-
ponenten im grammatisch-semantischen Bau der verschiedenen Sprachen
anbetrifft, so hat Marty die ursprungliche Humboldt'sche Auffassung dieses
Zusammenhangs in den Grundlinien (wohlgemerkt nicht in den Einzelhei-
ten!) wiederhergestellt. Wundt markiert hier den ersten Höhepunkt einer
psychologistischen und relativistischen Humboldt-Rezeption, die mit Stein-
thal ihren Anfang genommen hat. In dieser Rezeptionslinie ist die sprachlogi-
sche Komponente Humboldts (die immerhin so stark war, daß er sich in Ein-
zelheiten mit einem Karl Ferdinand Becker (1775-1849) durchaus vertragen
konnte!) fast gänzlich untergepflügt worden zugunsten der sprachrelativisti-
schen, der einzigen, die (naturgemäß) von den sprachnationalistischen Neo-
Humboldtianern in diesem Jahrhundert wiederbelebt wurde. 14
Deren romantische Zauberformel von der 'inneren Sprachform' er-
scheint bei Marty entzaubert und alien sprachnationalistischen Verwertungs-
möglichkeiten entzogen. äußere und innere Sprachform rechnen hier zu den
WUNDT, PAUL UND MARTY 435

Mitteln des Ausdrucks und der Verständigung, nicht zum ausgedruckten


Denken oder zur Organisation der Vorstellungsinhalte wie bei Wundt. Zwi-
schen der Bedeutung eines Ausdrucks (aufgefaßt als seine Entsprechung im
Bereich der psychischen Elementarphanomene ; dazu weiter unten mehr) und
der inneren Sprachform, die als Hilfsvorstellung an der Konstruktion dieser
Bedeutung beteiligt ist, möchte Marty klar unterschieden wissen. Auch Hum-
boldt wirft er in dieser Frage — nicht ganz zu unrecht — Konfusion vor (vgl.
Funkel924:lllff.).
Das, was Marty zur inneren Sprachform rechnet, ist die dynamische und
produktive Seite der Sprache. Es sind diejenigen ihrer Eigenschaften, die es
ihr gestatten, mit einem begrenzten Symbol- und Verknupfungsvorrat qua
Analogie und Ubertragung unbegrenzt neue Darstellungen zu erzeugen. Daß
eine begrenzte Zahl von lexikalischen Einheiten und syntaktischen Konstruk-
tionstypen die Fähigkeit erlangt, mit einer prinzipiell offenen Klasse psychi-
scher Phanomene doch darstellerisch im Ganzen befriedigend fertig zu wer-
den, das ist nach Marty Verdienst der inneren Sprachform.
Es ist offenkundig, daß aus der Wundt'schen Version des Verhältnisses
von 'innerer' und 'äußerer' Sprachform jede derartige Dynamik gewichen ist.
Sprachfunktionen im Dienste der Verständigung sind in der Wundt'schen
ausdruckspsychologischen Sprachauffassung ohnehin an den Rand ge-
drängt15 und anstehV einer psychologisch produktiven Dynamik steht hier
bloß eine spekulativ gefaßte Verursachung äußerer Struktureigentümlichkei-
ten der Sprachen dufch hypostasierte Eigenschaften des Denkens.
Ebenso offenkundig ist Marty in dieser Frage 'modern'. Er teilt mit den
Transformationalisten die Ausgangsfrage, wie es möglich sei, daß beständig
'neue' Kombinationen von Sprachzeichen spontan produziert und verstan-
den werden können.
Wundt hat sich gegenuber der Sprachwissenschaft seiner Zeit im wesent-
lichen bloß rezeptiv verhalten. An ihren Einteilungen und Prinzipien hat er
nicht geruttelt. So sind auch Wundts Polemiken mit den angeseheneh Sprach-
wissenschaftlern seiner Zeit, z.B. mit Delbrück und Sütterlin, weit weniger
heftig als beispielsweise der Streit mit Bühler uber die 'Ausfragemethode' in
der Denkpsychologie (vgl. Wundt 1907). Die Sprachwissenschaftler konnten
Wundt bestenfalls vorwerfen, daß er in Einzelheiten ungenau sei, daß es pro-
blematisch sei, Zeugnisse aus schlecht erforschten und unzuverlässig be-
schriebenen Sprachen beizuziehen, von der psychologischen Verdopplung
ihrer Grammatiken war jedoch ihr eigentliches Geschäft wenig berührt, und
so uberwiegt eigentlich der verhaltene Beifall für Wundt von dieser Seite.
436 CLEMENS KNOBLOCH

Das verhalt sich für Marty gerade umgekehrt. Er muBte mit jedermann
aneinandergeraten, weil er von seinen psychologischen Anschauungen her
den gesamten uberkommenen Begriffsapparat (in den sich Sprachwissen-
schaftler und -psychologen bis dato bruderlich geteilt hatten) umsturzen woll-
te. Auch das hat sicherlich dazu beigetragen, ihn nicht eben popular werden
zu lassen.
Es ist nun noch zu zeigen, inwiefern Marty und Wundt in ihrer psycholo-
gischen Auffassung des Verhältnisses von Sprach- und Denkstrukturen bei al-
ler Differenz doch auf dem Boden der gleichen Paradigmatik stehen, der er-
lebnispsychologischen namlich. Bühler schlägt in seiner Krise der Psychologie
(1927: 30ff.) das ganze Wundt'sche sprachpsychologische Unternehmen dem
'Erlebnisaspekt' zu. Er bemangelt, daß bei Wundt nur das Innenleben der
Sprachbenutzer zum 'Ausdruck' komme, wahrend der strukturpsychologi-
sche oder Gebildeaspekt, die Auffassung der Sprache als einer eigengultigen
gesellschaftlichen Objektivation ebenso grundlich ausgelassen werde wie der
fundamentale Gesichtspunkt der gegenseitigen Steuerung sinnvollen Beneh-
mens durch Sprachzeichen in gesellschaftlich koordinierter Tätigkeit, welche
man als Ausgangspunkt sprachlicher Semantik anzusehen habe.
Man ist daher mit recht ein wenig uberrascht, wenn man bei Funke
(1927:56) liest:
Auch seine [d.i. Wundts: C.K.] sprachpsychologischen Lehren beruhen
nicht auf Erlebnispsychologie, sondern (insbesondere, wo es sich um kom-
plizierte seelische Strukturen handelt) auf Rückschlüssen aus der äußeren
sprachlichen Formgebung.

Wobei das 'auch' Wundt in eine Reihe mit Humboldt und Steinthal stellt, wel-
che Funke als 'romantische Gruppe' der Sprachphilosophie zusammen-
schlieBt und von einer empirisch-psychologischen Gruppe abtrennt, zu der er
Paul, Marty und Bühler rechnet. Nun ist Otto Funke (1885-1973) als der (na-
hezu einzige) Gefolgsmann Martys sicherlich kein unvoreingenommener
Zeuge in Fragen der Wundt'schen Sprachpsychologie. Was für ihn und Marty
radikale Analyse des inneren Erlebens und Erfahrens war, das gait Wundt für
schlechte scholastische Reflexionspsychologie. Funkes (m.E. unbegrundete)
Gegenuberstellung lost sich auf, wenn man bedenkt, daß Wundt und Marty
nicht Erlebnispsychologen im gleichen Sinne des Wortes waren. Bei Wundt
sind die 'Tatsachen' der inneren Wahrnehmung nicht Ausgangspunkt und si-
chere Mitte des psychologischen Raisonnements, sie sind vielmehr die eigent-
lich erklärungsbedürftige Zielgröße desselben. Der Experimentator Wundt
weiß sehr wohl, daß inneres Erleben ebenso wie einfache seelische Vorgänge
WUNDT, PAUL UND MARTY 437

durch äußere Parameter variiert und in gewissem Maße auch kontrolliert wer-
den kann. Als letzte psychologische Gewißheiten kommen also die Erlebnis-
prozesse für ihn nicht in Betracht. Bühlers feine Beobachtung, wonach
Wundts ausdruckspsychologisches System eigentlich nichts anderes sei als ei-
ne umgedrehte Eindruckspsychologie, deute ich in diesem Sinne.16
Aus der Kovariation sensorischer Eindrücke mit äußeren Reizgrößen
(die sich experimentell bearbeiten und erweisen läßt) hat Wundt durch Um-
kehrschluß das ausdruckspsychologische Parallelenaxiom gemacht. Züge des
gleichen Verfahrens finden sich, wie oben gezeigt, auch in Wundts Behand-
lung des sprachlichen Ausdrucks von 'Gesamtvorstellungen'. Auch hier argu-
mentiert er nur scheinbar von 'innen' nach 'außen', faktisch aber durchgängig
von 'außen' auf eine erlebnispsychologisch relativ plausibel konstruierte in-
nere Entsprechung, also analog den 'Eindrucken', welche grammatische Ka-
tegorien dem Vorstellungsleben aufprägen müßten, wären sie 'psychologisch
real'. In diesem Sinne erscheint die Erlebnispsychologie bei Wundt spiegel-
verkehrt. Das Erleben ist nicht letzte Gegebenheit, sondern Problem. Den-
noch spielt sich auch bei Wundt das ganze 'Geschehen' eines Satzes nur zwi-
schen den im Kopf eingeschlossenen Vorstellungen und der grammatischen
Struktur ab, kennt seine Sprachpsychologie nur ein Innenleben und dessen
symptomhaltigen, deutbaren Ausdruck.
Bei Marty ist die*Sprache ganz und gar psychisch. Sie hat sich den intro-
spektiv gewonnenen Kategorien der inneren Erfahrung zu beugen. Aufge-
brochen wird der eftebnispsychologische Monismus jedoch durch die Ver-
kehrsfunktion, die der Sprache von Anfang an zugestanden wird. Martys Mo-
dell der Sprachfunktionen ist darum um eine Dimension armer als Bühlers
Organonmodell (Bühler 1934:24ff.), aber um eine Dimension reicher als
Wundts Ausdrucksaxiomatik. Es kennt die Kundgabe und die 'Kenntnisnah-
me' des inneren Lebens durch sprachliche Zeichen, nicht aber die geordnete
Darstellung von Gegenständen und Sachverhalten: "Die Bedeutung der
Sprachmittel sind die psychischen Phanomene, die im Hörer waehgerufen
werden oder werden sollen" (Funke 1927: 136-37).
Primarer Zweck der Rede ist bei Marty immer die Beeinflussung der Psy-
che des Hörers. Der Ausdruck der eigenen seelischen Phanomene ist nur Mit-
tel zu diesem Zweck. Die Signalbeziehung auf den Hörer (hier ist allerdings
kein Verhaltens-, sondern ein Vorstellungs-, Urteils- oder Gefuhlssignal ge-
meint) dominiert also das Fundament der Zeichenrelationen. Kraft seiner
Beziehung auf den Hörer hat das Sprachzeichen 'Bedeutung', kraft seiner Be-
ziehung zum Sprecher ist es 'Ausdruck':
438 CLEMENS KNOBLOCH

Doch diese Weise des Zeichenseins, die Kundgabe des eigenen psychischen
Lebens ist nicht das Einzige und nicht das Primare, was beim absichtlichen
Sprechen intendiert ist. Das prirnar Beabsichtigte ist vielmehr eine gewisse
Beeinflussung oder Beherrschung des fremden Seelenlebens im Hörenden.
Absichtliches Sprechen ist eine besondere Art des Handelns, dessen eigentli-
ches Endziel ist, in anderen Wesen gewisse psychische Phanomene hervorzu-
rufen. (Marty 1908: 284; vgl. auch S.490 et pass.)
Marty verdoppelt die erlebnispsychologischen Prämissen, setzt sie im Spre-
cher und im Hörer an, und läßt die sprachlichen Ausdrucksmittel kraft ihrer
ihrer Beziehung auf die seelischen Elementarfunktionen das Erleben des Ei-
nen steuern durch das ausgedruckte Erleben des Anderen. Das ist eine Radi-
kalisierung der Erlebnispsychologie, die sicherlich Bühlers Steuerungsmeta-
pher in der Krise der Psychologie (1927: 37-46 u. 82-106) mit vorbereiten half.
Die sprachlichen Ausdrucksmethoden haben ihr Entwicklungs-, Differenzie-
rungs- und Formatierungsmotiv an den 'Eindrucken', die sie im sprachlichen
Verkehr zu machen vermogen. Das liegt auch durchaus auf der Linie von Phi-
lipp Wegeners Grundfragen (1885).
Hier werden die Grunde für Martys eigentumliche Zwischenstellung
sichtbar. Es gibt Anhaltspunkte, die es erlauben, ihn sowohl als 'Wegbereiter
des Behaviorismus' oder aber als psychologistischen Vertreter einer Univer-
salgrammatik einzuordnen. Beide Kennzeichnungen sind für sich genommen
unzureichend. 17 Sie mussen geradezu umgekehrt werden, will man Marty als
Ubergangsfigur in Sprachforschung und Psychologie gerecht werden. Als
Psychologe war Marty ganz einem neu-thomistischen Erlebnisparadigma ver-
pflichtet (auf welches der Wundt'sche Scholastik- und Reflexionspsycholo-
gie-Vorwurf im Großen und Ganzen zutrifft) und Alles andere als ein Beha-
viorist. Nach dieser seiner psycholoischen Seite gehört er ganz ins 19. Jahr-
hundert. Als Sprachforscher ist er jedoch darin 'modern' (und dem 20. Jahr-
hundert zugehörig), daß er einer Trennung genetischer und deskriptiver Ge-
sichtspunkte das Wort redet, daß er auf einer systematischen Beschreibung
der Sprachmittel nach ihren Funktionen besteht (Marty 1926), daß er die Ge-
nese der Sprachmittel nur insoweit einbeziehen will, als sie für ihr Funktionie-
ren eine Rolle spielt (1940:94-95 et pass.). Daß auch die Trennung von Gene-
se und Funktion in dieser Version auf Brentano zurückgeht, ändert nichts an
ihrer sprachwissenschaftlichen Fruchtbarkeit. Wer paradoxe Formulierun-
gen liebt, der könnte sagen, Marty sei als Psychologe Universalgrammatiker
gewesen, als Sprachforscher aber Funktionalist.
Aus der Koexistenz solcher schwer vereinbarer Orientierungen folgen
die sattsam bekannten Selbstwidersprüche und Unschärfen in Martys Sprach-
WUNDT, PAUL UND MARTY 439

auffassung: Wenn die 'Bedeutung' eines sprachlichen Mittels dessen inden-


dierte Wirkung auf den Hörer im Bereich der psychischen Elementarphano
mené (Vorstellung, Urteil, Emotiv) ist, dann rechnet auch die innere Sprach-
form zur Bedeutung, und Martys scharfe Unterscheidung beider Sphären ver-
schwimmt (darauf hat schon Stern 1931 hingewiesen). Der Bedeutungsbegriff
schwankt insgesamt zwischen den Lesarten Tunktion/Leistung' des sprachli-
chen Mittels und 'Entsprechung im inneren Erleben des Hörers'. 18
Diese Uneinheitlichkeit tritt schon in Martys Erstling Überden Ursprung
der Sprache (Marty 1875), der sich im ubrigen von den romanhaften Schwär-
mereien zu diesem Thema durch nuchternen Sinn vorteilhaft abhebt, krass
zutage. Die Sprachanfänge werden durchaus funktionalistisch als praktische
Leistungs- und Verstandigungsprobleme eingefuhrt, deduziert wird dann
aber von der Grundlage fix und fertiger 'Seelenwesen', die einander ihre inne-
ren Regungen und Zustände nahebringen wollen.

2. Zusammenfassung

Der strikte Wundt'sche Parallelismus zwischen Vorstellungsdynamik


und grammatischer Satzstruktur leidet unter inharentem Mangel an theoreti-
schen Entwicklungsmöglichkeiten. Das imposante System Wundts hat daher
die Sprachpsychologén der unmittelbaren Folgezeit in Epigonen (z.B. Ditt-
rich 1903 u. 1913) und sehr grundsätzliche Kritiker (Marty, Bühler) polari-
siert. Eine eigentliche Weiterentwicklung hat es hingegen als 'summa' und
Abschluß eines Paradigmas nicht zugelassen. Die Parallele Ausdruck-Ausge-
drucktes ist eigentumlich unproduktiv, weil eigentlich nur die äußere Sprach-
struktur vorliegt, aber ihre innere Entsprechung immer 'schon da' zu sein
scheint, wenn man die Gebildeordnungen auf die Struktur der Sprechhand-
lungprojiziert.
Das Wundt'sche System konnte darum nicht reformiert und modifiziert,
sondern nur umgesturzt werden. Marty hat diesen Umsturz versucht, sich
aber entschieden zu weit auf das Terrain seines Gegeners hinubergewagt und
sich dort verzettelt. Als 'Kritiker Wundts' ist er rezipiert worden. Naturge-
mäß ist mit dem Intéresse an Wundt auch das Interesse an Marty weitgehend
erloschen.
Bleibt das nur scheinbar paradoxe Faktum zu konstatieren, daß die völ-
kerpsychologischen Sprachforscher von Steinthal bis Wundt zur Erforschung
der gesellschaftlichen Funktionen und Entwicklungsbedingungen der Spra-
che weit weniger beigetragen haben als die methodischen und psychologi-
440 CLEMENS KNOBLOCH

schen Individualisten Paul, Marty und vor allem Wegener. Nur im Bezugs-
rahmen der letzteren konnte Verkehr und Verständigung zum theoretischen
Problem werden. Die völkerpsychologische Prämisse lokalisiert das Sprach-
problem im unmittelbaren Kontakt des Einzelnen mit der gesellschaftlichen
Objektivation Sprache. Deren Gesellschaftlichkeit besteht dann vermeint-
lich nur darin, daß sie einer Gemeinschaft angehört und das höhere Seelenle-
ben des Einzelnen uberformt und bahnt. Daß sie diese Funktion aber nur
uber den Verkehr und Austausch der Individuen ausfuhren kann, ist den Vol-
kerpsychologen kein Problem, weil sie die 'Volksseele' (eine mystifizierte
Form des gesellschaftlichen Zusammenhangs) entweder als eigenständiges
Wesen (Steinthal) oder als präformierten Bewußtseinszusammenhang des
Einzelnen (Wundt) einfach hypostasieren, an den (methodologischen) An-
fangstellen.
Fängt man dagegen wie Wegener, Paul und Marty mit einem Monaden-
wesen an, so hat man Veranlassung, uber die "Wechselwirkung des Sprechens
und des Verstehens des Gesprochenen" (Wegener 1902:402) nachzudenken,
während man bei den Völkerpsychologen naturgemaß dazu neigt, "die durch
den menschlichen Verkehr bedingten sprachlichen Funktionen außer Auge
zusetzen" (Ibid., 403).19
Vor die Aufgabe gestellt, ein psychologisches Organisationsprinzip der
satzförmigen sprachlichen Gebilde aufzustellen, ist Wundt wieder—wie vor
ihm und nach ihm unzählige andere — auf Logik und Denkgesetzte verf alien,
freilich auf einzelsprachlich relativierte. Wer den Prozeß der sprachlichen
Verständigung aus seinen Uberlegungen ausklammert, wird nie eine andere
Tiefenstruktur' finden.
Marty hat zwar das monologische Modell Wundts durch einen Hörer er-
gänzt, hat aber an den erlebnispsychologischen Voraussetzungen weitgehend
festgehalten. Im Parallelismus Wundts ist die Frage nach der Bedeutung der
Sprachmittel tautologisch. Marty ist in dieser Frage—wie gezeigt — ganz un-
einheitlich. Soweit ihm die Bedeutung der Sprachmittel bloße Erlebnisent-
sprechung in einer neu-scholastisch aufgeräumten Hörerseele ist, teilt er die
Schwächen Wundts. Als Teilnehmer einer deskriptiv-funktionalistischen
Tradition geht er weit uber dessen Schranken hinaus.
WUNDT, PAUL UND MARTY 441

Anschrift des Verfassers:

Clemens Knobloch
Fachbereich 3 (Sprach- und Literaturwissenschaften)
Universität-Gesamthochschule Siegen
Adolf-Reichwein-Straße
D-5900 SIEGEN 21
Bundesrepublik Deutschland

ANMERKUNGEN
1) Wie eng und unzureichend eine Einordnung der Sprache unter die Ausdruckserscheinungen
ist, hat Bühler in seiner 'Krise der Psychologie' (1927:30ff.)gezeigt. AufdiesenGesichtspunktwer-
de ich nicht weiter eingehen. Bühler hat auch herausgestellt, daß der ausdruckspsychologische Pa-
rallelismus Wundts aus dessen System des psychophysischen Parallelismus nicht notwendig folgt.
Auch dieser Gesichtspunkt bleibt im Folgenden unerörtert; vgl. hierzu Arnold (1980:88ff.) und
Ungeheuer(1981).
2) Von Anfang an wendet sich Paul gegen die Völkerpsychologie von Steinthal und Moritz La-
zarus (1824-1903). In der 1909 erschienenen vierten Auflage der Prinzipien, die ich im Folgenden
verwende, kommt dann die Polemik gegen Wundt hinzu, dessen Hauptwerk Die Sprache seit 1900
vorliegt. Es ist weiterhin zu beachten, daB Paul und Steinthal sich zwar beide zur Psychologie Her-
barts bekennen, daß sich aber nicht nur ihre Sprachauffassungen untereinander stark unterschei-
den, sondern auch beide mit der Sprachauffassung Herbarts selbst wenig oder nichts gemein ha-
ben. Diese letztere ist durchaus nüchtern und pragmatisch. Sie gehört der Sache nach eher in die
Traditionslinie von Whitney (vgl. Misteli 1880) und Wegener; bei Herbart ist das Sprechen prakti-
sches Handeln, bezogen auf geteilte Bedurfnisse und Erwartungen der Sprechenden.
3) An diesem Punkt setzt auch Anton Martys Kritik ein; vgl. dazu weiter unten (1.3).
4) Vgl. hierzu auch Delbruck (1901:139-40); Delbruck notiert auch (ibid., 150ff.), daß Wundts
Modell der Satzerzeugung dem bereits von Heyse in seiner Deutschen Grammatik (1849II, 28 ff.)
aufgestellten darin sehr ähnlich sei, daß esAlleErweiterungen des einfachen Satzes als eigentlich
selbst satzformig behandele. Weiterhin bemangelt Delbruck (1901: 153-54), daß Wundts binärer
Schematismus in der Satzgliederung den sprachlichen Vorgängen außerlich bleibe und diese nur
undeutlicher mache.
5) Vgl. Wundt (1921 [1911]:72ff.); auf Seite 77 heißt es: "Eine Horde Zusammenlebender hat
eine einzige Sprache, innerhalb deren die individuellen Unterschiede ebenso verschwinden, wie
die Unterschiede der Sitte und des Kultus."
6) Auf weitere Wirrheiten und Irrtümer beider geannter Arbeiten werde ich im Folgenden nicht
eingehen; vgl. hierzu die Rezension von Blumenthal (1970) in HL 1.111-16 (1974) von Wilbur A.
Hass.
7) Vgl. hierzu das 'Axiom C in Bühlers Sprachtheorie (1934:48-68); vgl. auch Bierwisch
(1979:4-5).
442 CLEMENS KNOBLOCH

8) Vgl. hierzu Broens (1913); der Alitor zeigt, daß zahlreiche Polemiken Martys eine Überein-
stimmung in der Sache (nicht jedoch in der Terminologie) nur vordergründig überdecken. Biogra-
phisches zu Anton Marty findet man in Oskar Kraus' Einleitung zu den Gesammmelten Schriften
(Marty 1916-20 I, 1-68); zur Einfuhrung in das Sprachdenken Martys, vgl. Funke (1924), Porzig
(1928) und Landgrebe (1934).
9) So heißt es in der Vorrede zur vierten Auflage von Steinthals Ursprung der Sprache
(1888: VII) lapidar: "So hatte ich gar keine Veranlassung, des Herrn Marty zu gedenken, bei der
vorigen Auflage nicht und auch bei der gegenwärtigen nicht...".
10) Vgl. z.B. Delbruck (1901), Sutterlin (1902), Dittrich (1913), van Ginneken (1907).
11) Vgl. hierzu besonders Marty (1926); diese Arbeit liegt in einer neuen Auflage von 1950 vor.
Sie umfaßt Manuskripte aus Martys Nachlaß, die zwischen 1900 und 1907 entstanden sind; zur Edi-
tion der nachgelassenen Schriften Martys vgl. Otto Funke in Marty (1940).
12) Marty (1926:89ff.); Wundt, dem selbst Lenin (bei allem philosophischen Vorbehalt auchge-
gen Wundts eigene Position) eine grundliche Kenntnis und Kritik des Empiriokritizismus beschei-
nigt hat (vgl. Lenin 1972:53 et pass.), konnte von seinem empirisch-experimentellen Hintergrund
her mit solcher Agnostik wenig anfangen.
13) Als Glanzstuck der Würzburger Denkpsychologie gilt zu recht Bühler (1907/8); der darauf
entbrannte Streit mit Wundt drehte sich in erster Linie um die Frage, ob experimentell kontrollier-
te Introspektion in der Denkpsychologie möglich sei; vgl. hierzu Hehlmann (1967:276-80), außer-
dem Humphrey (1951).
14) Vgl. zu dieser Frage die Bemerkungen von Kaznelson (1974:17ff.); auch Cassirer
(1964:103ff.) weist darauf hin, daß die facettenreiche Sprachauffassung Humboldts auch die wech-
selnd enge Übereinstimmung des Sprachbaus mit den Kategorien des Denkens kennt.
15) Das hat Bühler verschiedentlich bemangelt; vgl. hierzu auch Wegener (1902) und Ungeheu-
er(1981).
16) Vgl. Bühler (1933:10); hierzu auch Ungeheuer (1981:16); Wundts Einschätzung von Intro-
spektion und Experiment als Mittel zur Erforschung der höheren psychologischen Funktionen ist
sich nicht immer gleich geblieben. Was er in der Auseinandersetzung mit Bühler (über die Ausfra-
gemethode in der Denkpsychologie) scharf ablehnt, das hat er weniger radikal in einem Aufsatz
von 1888 selbst gefordert (vgl. Wundt 1888): Introspektion mit experimenteller Kontrolle ihrer Be-
dingungen zu verbinden. Obwohl diese Kontroverse mit Bühler in den gleichen Sachzusammen-
hang (der Radikalisierung und Auflösung erlebnispsychologischer Prämissen) gehört, kann sie
hier nicht weiter verfolgt werden. Was die Kontroverse Wundt-Marty angeht, so mußte eigentlich
auch Brentanos Versuch herangezogen werden, zwischen 'innerer Wahrnehmung' (als einziger
Evidenzquelle der Psychologie) und 'innerer Beobachtung' (als psycho-logischer Unmoglichkeit)
eine scharfe Grenze zu ziehen. Zu Wundts schwankender Auffassung in diesem Punkt vgl. auch
Arnold (1980:224ff.)
17) Arens neigt dazu, Marty mit universalgrammatischen Bestrebungen in Verbindung zu brin-
gen; in der ersten Auflage (1955:386ff.) kommt Marty mit einem eigenen Textstuck zu Wort, in der
zweiten Auflage (1969) nicht mehr. Ivic (1965) rechnet ihn zu den 'Psychologen' und vermeidet
weitergehende Einschätzungen, bei Esper (1968) ist Marty, wie schon erwähnt, protobehaviori-
stisch.
18) Vgl. hierzu Kronasser (1952:46), der 'Funktion' apodiktischzur richtigen Lesart erklärt und
Martys Selbstwiderspruch so ein wenig gewaltsam glättet; Funke tut das ebenfalls, bevorzugt aber
WUNDT, PAUL UND MARTY 443

die andere Lesart, wonach ausschließlich die 'psychische Entsprechung' die Bedeutung ausmachen
soll (vgl.Funke 1927:136-37).
19) Diese kurze Besprechung (Wegener 1902) ist zweifellos das Schlussigste, was zur Debatte
zwischen Wundt, Paul und Delßrück geäußert worden ist; ich habe sie gleichwohl in der Sekundär-
literatur noch nie erwähnt, geschweige zitiert gefunden. Zu Wegeners Stellung in der Geschichte
des sprachpsychologischen Denkens vgl. auch Knobloch (1984); Weiterentwicklung der überaus
fruchtbaren Gedanken Wegeners zum Verhältnis von Verständigungsprozeß und Sprachstruktur
findet man bei Gardiner (1951 [1932]) und bei Bühler (1934).

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SUMMARY

The paper recaptures, on the basis of one of the central issues of the dis-
cussion, namely, the relationship between thought and speech, the psychlin-
guistic controversy between Wilhelm Wundt (1832-1920), Hermann Paul
(1846-1921), and Anton Marty (1847-1914) at the turn of this century. The ba-
sic tenets of all three theories are presented, their assumptions analysed, and
their respective fruitfulness (or lack of it) put forward. After redressing the dis-
torted picture of Wundt's position in the recent historiography of psycholingu-
istics, it is shown that Wundt's model of an expression-oriented approach,
which in effect identifies categories of linguistic surface structure with those of
an inner psychological nature, remains circular and not amenable to fürther
development. Hermann Paul, though making use of a similar procedure, is
opposed to Wundt's (as well as Heymann Steinthal's (1823-1899) social psy-
WUNDT, PAUL UND MARTY 447

chology or Völkerpsychologie), favouring instead the individual as the locus of


linguistic events (and hence linguistic analysis), thereby playing down the
importance of linguistic intercourse and communication in language acquisi-
tion and historical development. Finally, in Marty's theories the contradiction
between his reliance on 19th-century event-directed psychology and a rather
modern functional conception of language is most evident. Marty wants, un-
like Wundt and Paul, to distinguish clearly between genetic and systematic ques-
tions. But while recognizing the complementarity of event expression and
control of comprehension on the part of the hearer, he does not do so in the
case of the linguistic representation of 'objects and events'. In an attempt to es-
cape from the naive homology of thinking and grammar, Marty argues in fa-
vour of a complete separation of the two mental activities. The paper argues
that the common psychological premisses of these authors must be considered
if the differences between them are to be understood, since it is just these par-
ticular premises that lie in the way of an adequate comprehension of problems
of semantics and of communication.

RÉSUMÉ

L'article reconstitue la controverse qui s'établit en matiere de psycholo-


gie du langage entre Wilhelm Wundt, Hermann Paul et Anton Mary ä propos
d'une de leurs problématiques centrales: la relation entre langue et pensée,
dont chacun des trois eut une Theorie différente. Partant de l'accueil partial
réservé aux auteurs par les historiographes les plus récents, l'article montre
que le systeme d'expression psychologique adopté par Wundt ne pouvait que
rester stérile au niveau scientifique puisqu'il se contente de considérer les ca-
tégories de la construction extérieure du langage comme étant également in-
térieures et psychologiques. Hermann Paul, lui, recourt certes ä un procédé
similaire, mais son individualisme psychologique (et son aversion pour la psy-
chologie des peuples) l'amenent, ä la différence de Wundt, ä tenir compte de
la communication verbale et de la compréhension. Chez Anton Marty, la con-
tradiction interne entre une psychologie événementielle introspective (qui
appartient entierement au XIXe siecle) et une Theorie fonctionnaliste moder-
ne qui veut que les questions génétiques soient nettement distinguées des que-
stions systématiques s'exprime de la maniere la plus aiguë. Marty reconnaît
donc l'expression événementielle et la maîtrise de la compréhension de l'au-
diteur comme fonctions langagieres complémentaires, mais pas la représenta-
448 CLEMENS KNOBLOCH

tion langagiere d'objets et de situations. Marty se dégage du dilemne de la


simple relation établie entre pensée et grammaire en acceptant une pensée
entierement indépendante de la langue. L'hypothese de cette étude est qu'on
doit plus fortement tenir compte des préalables psychologiques communs aux
trois auteurs si l'on veut comprendre leurs différences, car les préalables qu'ils
posent en matiere de psychologie événementielle empêchent une compréhen-
sion adéquate des problemes de signification et de compréhension.

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