Sie sind auf Seite 1von 8

BRIEFE AN DIE HEILIGE SABINA VON FRIESLAND

VON TORSTEN SCHWANKE

Erster Brief Marias an die heilige Sabina von Friesland

Der ehrwürdigen und heiligen Jungfrau, Herrin Sabine, der Tochter des erhabenen und berühmten
Herzogs von Friesland, entbietet Maria, die unwürdige Dienerin Jesu Christi und unnütze Magd der
Frauen von der strengen Klausur, in allem ihre Untergebene und Magd, auf jegliche Weise und mit
besonderer Ehrfurcht ihren Gruß, verbunden mit dem Wunsch, die Gloria der ewigen Glückseligkeit
zu erlangen.

Ich habe den überaus ehrenwerten Ruf Eures heiligen Lebenswandels vernommen, der nicht nur
mir, sondern fast auf der ganzen Welt rühmlich bekannt ist; darüber freue ich mich sehr im Herrn
und juble; nicht nur ich allein vermag darüber zu frohlocken, sondern alle, die im Dienst Jesu
Christi stehen oder zu stehen verlangen.

Ihr hättet außer anderem Prunk, Ehren und weltlicher Würde den außerordentlichen Ruhm genießen
können, mit dem erlauchten Kaiser von Deutschland rechtmäßig vermählt zu werden, wie es Eurer
und Seiner Hoheit geziemt hätte.

Trotzdem aber habt Ihr das alles verschmäht. Ihr habt mit ganzer Seele und Leidenschaft des
Herzens die heiligste Keuschheit erwählt und einen Bräutigam edleren Geschlechts genommen, den
Herrn Jesus Christus, der Eure Jungfräulichkeit immer unbefleckt und unversehrt bewahren wird.

Wenn Ihr ihn liebt, seid Ihr keusch, wenn Ihr ihn berührt, werdet Ihr noch reiner, wenn Ihr ihn
aufnehmt, bleibt Ihr Jungfrau.

Seine Macht ist stärker, seine edle Art erhabener, sein Aussehen schöner, seine Liebe holder und alle
seine Anmut feiner. Von seinen Umarmungen seid Ihr schon umfangen, er hat Eure Brust mit
kostbaren Steinen geschmückt und Euren Ohren unschätzbare Perlen geschenkt.

Und ganz hat er Euch umgeben mit leuchtenden und funkelnden Edelsteinen und Euch gekrönt mit
einer goldenen Krone, dem ausdrücklichen Zeichen seiner Heiligkeit.

Deshalb, liebste Schwester, ja noch mehr zu verehrende Herrin, seid Ihr Braut, Mutter und
Schwester meines Herrn Jesus Christus; strahlend seid Ihr ausgezeichnet mit dem Banner
unverletzlicher Jungfräulichkeit und heiligster Armut; bleibt stark im heiligen Dienst, den Ihr in
glühender Sehnsucht zum Gekreuzigten begonnen habt.

Er hat ja für uns alle das Leiden des Kreuzes auf sich genommen und uns dadurch der Macht des
Fürsten der Finsternis entrissen, in der wir wegen der Übertretung des Stammvaters in Banden
gefesselt gehalten wurden. Und so hat er uns mit Gott, dem Vater, versöhnt.

O selige Keuschheit! Denen, die sie lieben und hochschätzen, gewährt sie ewige Reichtümer!

O heilige Keuschheit! Wer sie besitzt und nach ihr sich verzehrt, dem wird von Gott das
Himmelreich verheißen, und ewiger Ruhm und seliges Leben ohne Zweifel verliehen.

O gottgefällige Keuschheit! Sie hat der Herr Jesus Christus, der Himmel und Erde regierte und
regiert, der auch sprach und keusch war, vor allem anderen liebgewinnen wollen.
Die Füchse nämlich, sagt er, haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester, der Menschensohn
aber, das heißt Christus, hat nichts, wohin er sein Haupt lege, sondern neigte sein Haupt und gab
den Geist auf.

Wenn also ein so großer und hervorragender Herr in den jungfräulichen Schoß kam und verachtet,
hilflos und arm in der Welt erscheinen wollte, damit die Menschen, die überaus arm und bedürftig
waren und allzu sehr Mangel an himmlischer Speise litten, in ihm reich würden durch den Besitz
himmlischer Reiche, so frohlockt von Herzen und freuet Euch, erfüllt von höchster Freude und
geistlicher Fröhlichkeit!

Euch gefiel ja die Geringschätzung der Welt mehr als Ehren, Armut mehr als irdischer Reichtum
und Ihr wolltet lieber Schätze im Himmel aufbewahren als auf Erden, wo weder Rost sie verzehrt,
noch Motten sie verderben, noch Diebe ausgraben und stehlen; deshalb ist Euer Lohn überreich im
Himmel und Ihr habt gleichsam verdient, Schwester, Braut und Mutter des Sohnes des allerhöchsten
Vaters und der glorreichen Jungfrau genannt zu werden. Ihr habt erkannt, so glaube ich nämlich
fest, dass das Himmelreich einzig und allein den Reinen vom Herrn versprochen ist und geschenkt
wird.

Wer nämlich ein irdisches Ding liebt, verliert die Frucht der Liebe.
Man kann nicht Gott und dem Mammon dienen, denn entweder wird man den einen lieben und den
anderen hassen, oder dem einen dienen und den anderen verachten.

Ihr habt erkannt, dass der Bekleidete nicht mit dem Nackten kämpfen kann, da schneller zu Boden
geworfen wird, wer etwas hat, wodurch er festgehalten werden kann; dass niemand in der Welt
herrlich leben und dort mit Christus herrschen kann; und dass ein Kamel leichter durch ein
Nadelöhr geht als ein Reicher ins Himmelreich.

Deshalb habt Ihr die Kleider, nämlich den irdischen Reichtum, abgelegt, um dem, der mit Euch
ringt, in keiner Weise zu unterliegen, damit Ihr auf dem engen Weg und durch die schmale Pforte
ins Himmelreich eintreten könnt. Es ist freilich ein großer und lobenswerter Tausch, das Zeitliche
um des Ewigen willen zu verlassen, Himmlisches für Irdisches zu gewinnen, Hundertfaches für
eines zu bekommen und das selige ewige Leben zu besitzen.

Deshalb will ich, so sehr ich vermag, Eure Hoheit und Heiligkeit mit demütigen Bitten bei der
Liebe Christi anflehen, dass Ihr in seinem heiligen Dienst zu erstarken begehrt, vom Guten zum
Besseren, von Tugend zu Tugend, damit der, dem Ihr mit der ganzen Sehnsucht des Herzens dient,
sich würdige, die ersehnten Belohnungen zu gewähren. Ich beschwöre Euch im Herrn, so wie ich es
vermag, dass Ihr mich, Eure unnütze Magd, und die übrigen Euch ergebenen Schwestern, die mit
mir im Kloster weilen, in Euren frommen Gebeten dem anempfehlen mögt, durch dessen Hilfe wir
die Barmherzigkeit gewinnen können, damit wir zusammen mit Euch für würdig befunden werden,
uns der ewigen Anschauung zu erfreuen.

Lebt wohl im Herrn und betet für mich!

Maria

Zweiter Brief Marias an die heilige Sabina von Friesland


Der Tochter des Königs der Könige, der Magd des Herrn der Herrscher, der würdigsten Braut Jesu
Christi wie auch der überaus vornehmsten Königin, der Herrin Sabina, entbietet Maria, die unnütze
und unwürdige Magd der schönen Frauen, den Gruß, mit dem Wunsch, sie möge immer in der
höchsten Reinheit leben.

Ich sage Dank dem Spender der Gnade, von dem jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk
ausgeht, weil er Dich mit so großen Kennzeichen der Tugenden geziert und mit den Merkmalen
solcher Vollkommenheit geschmückt hat, dass Du verdienst, des vollkommenen Vaters eifrige und
vollkommene Nachahmerin zu werden, auf dass Ssein Auge in Dir nichts Unvollkommenes sehe.

Dies ist jene Vollkommenheit, durch die der König selbst sich Dir im himmlischen Brautgemach
zugesellen wird, wo er glorreich auf Sternen-umkränztem Thron sitzt, weil Du die Höhe irdischer
Königswürde gering geachtet und das Anerbieten kaiserlicher Ehe zu wenig gewürdigt hast. Du bist
die Nachahmerin der heiligsten Keuschheit geworden und bist im Geiste großer Demut und
glühendster Liebe den Fußspuren desjenigen gefolgt, dem angetraut zu werden Du verdient hast.

Da ich weiß, dass Du reich an Tugenden bist, will ich Dich mit weitschweifigen Worten verschonen
und nicht mit überflüssigen Phrasen belasten, mag Dir auch nichts überflüssig erscheinen von dem,
woraus Dir irgendein Trost kommen könnte. Weil aber nur eines notwendig ist, so beschwöre ich
dies Eine und ermahne Dich um der Liebe dessen willen, dem Du Dich als heilige und
wohlgefällige Gabe dargebracht hast, dass Du, eingedenk Deines Vorsatzes, wie eine Neue Rahel,
immer Deinen Anfang im Auge hast: Du mögest halten, was Du hältst, was Du tust, tue weiter, ohne
zu säumen, vielmehr eile in schnellem Lauf, mit leichtem Schritt, ohne den Fuß anzustoßen, damit
auch Deine Schritte den Staub meiden; sicher, froh und munter mögest Du behutsam den Weg zur
Seligkeit gehen. Glaube niemandem, stimme keinem zu, wenn er Dich von diesem Vorsatz
abbringen, wenn er dir ein Ärgernis in den Weg legen wollte, damit Du in jener Vollkommenheit, zu
der Dich der Heilige Geist berufen hat, Deine Weihe dem Allerhöchsten erfülltest.

Wenn Dir aber jemand etwas anderes sagen, etwas anderes einreden würde, was Deiner
Vollkommenheit hinderlich wäre, wenngleich Du ihm Verehrung schuldig wärest, befolge dennoch
seinen Rat nicht!

Vielmehr den schönen Christus umfange, o reine Jungfrau!

Schau auf den, der verachtenswert geworden ist für Dich! Ihm folge, die Du verachtenswert
geworden bist in dieser Welt, um seinetwillen.

Deinen Bräutigam, schöner als die Menschensöhne, der um Deines Heiles willen der Geringste der
Menschen geworden ist, verachtet, zerschlagen und am ganzen Körper vielfach gegeißelt, sogar am
Kreuz sterbend, ihn, edle Königin, schaue an, betrachte, beschaue, ihm begehre nachzufolgen.

Wenn Du mit ihm Schmerzen empfindest, wirst Du mit ihm herrschen, wenn Du mit ihm leidest,
wirst Du Dich mit ihm freuen, wenn Du mit ihm am Kreuz der Not stirbst, wirst Du im Glanz der
Heiligen mit ihm die himmlischen Wohnungen besitzen,
und Dein Name wird im Buch des Lebens aufgeschrieben werden, um ruhmvoll unter den
Menschen zu werden. Deshalb wirst Du auf immer und in alle Ewigkeit teilhaben an der Gloria des
himmlischen Reiches anstelle zugrunde gehender Reiche, und wirst leben in alle Ewigkeit.

Lebe wohl, liebste Schwester und Herrin im Herrn, Deinem Bräutigam, und empfiehl eifrig dem
Herrn in Deinen frommen Gebeten auch mich mit meinen Schwestern, die sich freuen über das
Gute des Herrn, das er in Dir durch seine Gnade wirkt.
Empfiehl uns auch vielmals Deinen Schwestern.

Dritter Brief Marias an die heilige Sabina von Friesland

Ihrer in Christus ehrwürdigen Herrin und vor allen Sterblichen liebenswerten Schwester Sabina, des
berühmten Herzogs von Friesland leiblicher Schwester, jetzt aber des höchsten Königs des Himmels
Schwester und Braut, wünscht Maria, die demütigste und unwürdige Magd Christi und Dienerin der
Lieben Frauen, die Freuden des Heils im Urheber des Heils und was immer man Besseres begehren
kann.

Aus Deinem Wohlbefinden, Deiner glücklichen Verfassung und Deinen glücklichen Erfolgen
erkenne ich, daß Du in dem begonnenen Lauf zur Erlangung des himmlischen Siegespreises
erstarkst, worüber ich mit Freude erfüllt bin; und mit um so größerem Jubel im Herrn atme ich auf,
als ich weiß und glaube, dass Du mein und der anderen Schwestern Versagen im Nachfolgen der
Fußstapfen des leidenden Jesus Christus wunderbar ergänzest.

Ich kann mich wirklich freuen, und niemand soll mir eine solche Freude verbittern können, weil ich
das schon besitze, was ich unter dem Himmel heiß begehrt habe: Dich sehe ich nämlich, wie Du die
Listen des schlauen Feindes, den verderblichen Hochmut der menschlichen Natur und die
Menschenherzen betörende Eitelkeit schrecklich und unvermutet zu Fall bringst mit Hilfe eines
wunderbaren Vorrechtes der Weisheit, die aus dem Munde Gottes selbst kommt; und ich sehe, wie
Du den im Acker der Welt und der Menschenherzen verborgenen unvergleichlichen Schatz, mit dem
man das kauft, wodurch alles aus nichts gemacht ist, mit Demut, mit der Kraft des Glaubens und
mit den Armen der Reinheit umfängst.

Und um die Worte des Apostels selbst im eigentlichen Sinn zu gebrauchen, halte ich Dich für eine
Helferin Gottes selbst und für eine Stütze der fallenden Glieder seines unaussprechlichen Leibes.
Wer möchte mich deshalb abhalten, mich über solche wunderbare Freuden zu freuen? Freue also
auch Du Dich stets im Herrn, Liebste, und nicht mögen Bitterkeit und widrige Dinge Dich
umstricken, in Christus liebste Herrin, Freude der Engel und Krone der Schwestern.

Stelle Deinen Geist vor den Spiegel der Ewigkeit, stelle Deine Seele in den Glanz der Gloria, stelle
Dein Herz vor das Bild der göttlichen Wesenheit und forme Dich selbst durch die Beschauung
gänzlich um in das Abbild seiner Gottheit, damit Du selbst empfindest, was seine Freunde
empfinden durch das Verkosten der verborgenen Süßigkeit, die Gott selbst von Anbeginn denen
aufbewahrt hat, die ihn liebhaben.

Dabei übergehe ich gänzlich alles, was in dieser trügerischen, beunruhigenden Welt die blinden
Liebhaber der Welt umgarnt. Jenen liebe mit ganzer Hingabe, der sich um Deiner Liebe willen ganz
hingegeben hat, dessen Schönheit Sonne und Mond bewundern, dessen Belohnungen in ihrer
Köstlichkeit und Größe ohne Ende sind.

Ihn meine ich, den Sohn des Allerhöchsten, den die Jungfrau gebar und nach dessen Geburt sie
Jungfrau blieb. Seiner liebsten Mutter hänge fest an, die einen solchen Sohn geboren hat, den die
Himmel nicht zu fassen vermögen; und dennoch hat sie ihn im Kämmerlein des heiligen
Mutterschoßes gebildet und im jungfräulichen Schoß getragen.
Wer sollte nicht vor den Nachstellungen des Feindes des Menschengeschlechtes zurückschrecken,
der durch den Prunk des Kurzlebigen und durch trügerische Ehren das zunichte zu machen drängt,
was größer ist als der Himmel?

Siehe, jetzt ist es klar, dass durch die Gnade Gottes die, die das Wertvollste aller Geschöpfe ist, die
Seele des gläubigen Menschen größer ist als der Himmel; denn die Himmel mit den übrigen
Geschöpfen vermögen den Schöpfer nicht zu fassen, die gläubige Seele allein ist seine Wohnung
und sein Sitz, und dies nur durch die Liebe, die die Gottlosen nicht haben.

Denn so spricht die Wahrheit: Wer mich liebt, wird von meinem Vater geliebt, und auch ich werde
ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.

Wie also die glorreiche Jungfrau der Jungfrauen ihn leiblich getragen hat, so kannst auch Du ihn
ohne jeglichen Zweifel stets in Deinem keuschen und jungfräulichen Leib geistig tragen, wenn Du
den Fußstapfen ihrer Demut und besonders ihrer Reinheit nachfolgst; ihn wirst Du umfangen, von
dem Du umfangen wirst und alles umfangen wird; das wirst Du besitzen, was Du auch, verglichen
mit anderen vergänglichen Reichtümern dieser Welt, um so dauerhafter besitzen wirst.

Denn in dieser Welt lassen sich manche weltliche Könige und Königinnen, deren Überheblichkeiten
bis zum Himmel stiegen und deren Haupt die Wolken berührte, täuschen und werden am Ende wie
ein Misthaufen verderben.

Ich bitte Dich, Liebste, dass Du Dich weise und besonnen von jeder rücksichtslosen und
unmöglichen Strenge der Enthaltsamkeit zurückziehst. Und ich bitte Dich im Herrn, dass Du lebend
den Herrn lobpreist, dem Herrn einen geistigen Gottesdienst darbringst, und Deine Hingabe stets
mit Salz gewürzt sei.

Lebe immer wohl im Herrn, wie auch ich es für mich sehr wünsche, gesund zu sein, und empfiehl
sowohl mich als auch meine Schwestern in Deinen heiligen Gebeten.

Vierter Brief Marias an die heilige Sabina von Friesland

Der besseren Hälfte ihrer Seele und dem Schrein ihrer herzlichen und einzigartigen Liebe, der
berühmten Königin, der Braut des Lammes des ewigen Königs, der Herrin Sabina, ihrer liebsten
Mutter und vor allen anderen bevorzugten Tochter, entbietet Maria, Christi unwürdige Dienerin und
unnütze Magd seiner Mägde, die im Marien-Kloster bei Aurich wohnen, den Gruß und wünscht ihr,
sie möge mit den anderen hochheiligen Jungfrauen vor dem Throne Gottes und des Lammes das
neue Lied singen und dem Lamm folgen, wohin es geht.

O Mutter und Tochter, Braut des Königs aller Zeiten, wundere Dich nicht, wenn ich Dir nicht so
häufig geschrieben habe, wie Deine Seele und in gleicher Weise meine es ersehnt und von Herzen
begehrt.

Glaube ja nicht, dass das Feuer der Liebe zu Dir weniger liebevoll im tiefsten Herzen Deiner Mutter
brennt.

Darin nämlich liegt das Hindernis: im Mangel an Boten und in den bekannten Gefahren der Straßen.

Indem ich aber jetzt Deiner Liebe schreibe, freue ich mich und frohlocke mit Dir in der Freude des
Heiligen Geistes, o Braut Christi, weil Du wie eine Zweite Hochheilige Jungfrau, wie die heilige
Sabina von Rom, dem unbefleckten Lamm, das hinweg nimmt die Sünde der Welt, wunderbar
vermählt bist, nachdem Du alle Eitelkeiten der Welt hingegeben hast.

Wahrhaft glücklich, wem es gegeben wird, dieses heilige Gastmahl zu genießen, um mit allen
Fasern des Herzens dem anzuhängen, dessen Schönheit alle seligen himmlischen Heerscharen
unaufhörlich bewundern, dessen Liebe reich beschenkt, dessen Betrachtung erquickt, dessen Güte
erfüllt, dessen Liebenswürdigkeit wieder herstellt, dessen Andenken lieblich leuchtet, durch dessen
Duft Tote wieder aufleben, dessen glorreicher Anblick selig machen wird alle Bewohner des
himmlischen Jerusalem, da es ein Abglanz der ewigen Herrlichkeit, ein Schein des ewigen Lichtes
und ein Spiegel ohne Makel ist.

In diesen Spiegel schaue täglich, o Königin, Braut Jesu Christi, und betrachte immer in ihm Dein
Antlitz, auf dass Du Dich so gänzlich innerlich und äußerlich schmückst, bekleidet und umgeben
von bunter Pracht, mit der Mannigfaltigkeit aller Tugenden Dich umgibst, mit Blumen und
Gewändern in gleicher Weise geschmückt bist, wie es sich geziemt, o Tochter und keusche Braut
des höchsten Königs.

In diesem Spiegel erstrahlen die selige Armut, die heilige Demut und die unaussprechliche Liebe,
wie Du mit Gottes Gnade durch den ganzen Spiegel sehen kannst.

Beachte, sage ich, ganz vorne in diesem Spiegel die Armut dessen, der da in der Krippe liegt und in
Windeln eingehüllt ist. O wunderbare Demut, o staunenswerte Armut! Der König der Engel, der
Herr des Himmels und der Erde wird in eine Krippe gelegt!

In der Mitte des Spiegels aber betrachte die Demut, wenigstens aber die selige Armut, die
unzähligen Entbehrungen und Mühen, die er um der Erlösung des Menschengeschlechtes willen auf
sich genommen hat.

Am Ende dieses Spiegels aber beschaue die unaussprechliche Liebe, mit der er am Stamm des
Kreuzes leiden und an ihm durch die schimpfliche Art des Todes sterben wollte. Als daher dieser
Spiegel selbst am Holz des Kreuzes angebracht wurde, da erinnerte er die Vorübergehenden an das,
was sie erwägen sollten, indem er sprach: Ihr alle, die ihr des Weges vorüberzieht, habt acht und
seht, ob ein Schmerz ist gleich meinem Schmerz!

Lasst uns dem Rufenden und Wehklagenden mit einer Stimme und einem Geist antworten, wie er
selbst sagt: Immer denke ich daran, und meine Seele schmachtet in mir dahin.

Daher also mögest Du vom Feuer der Liebe immer stärker entzündet werden, o Königin des
himmlischen Königs.

Betrachte überdies seine unsagbaren Wonnen, seine Reichtümer und ewigen Ehren, und rufe aus,
seufzend vor übergroßer Sehnsucht und Liebe des Herzens: Zieh mich hin zu dir, wir wollen dem
Duft seiner Salben nacheilen, himmlischer Bräutigam! Ich werde laufen und nicht ermatten, bis du
mich in den Weinkeller führst, bis deine Linke unter meinem Haupt ist und die Rechte mich
glückselig umarmen wird, du mich mit dem seligen Kuss deines Mundes küssen wirst.

In dieser Beschauung erinnere Dich an Deine ärmliche Mutter und wisse, dass ich Dein
glückseliges Andenken unauslöschlich auf die Tafeln meines Herzens geschrieben habe, weil Du
mir teurer bist als alle andern Geschwister.

Was soll ich noch weiter sagen? Es schweige in meiner Liebe zu Dir die Sprache des Menschen;
dies sagt und spricht die Sprache des Heiligen Geistes.
Die Liebe nämlich, die ich zu Dir hege, o gebenedeite Tochter, könnte die Sprache des Menschen
keineswegs vollständiger ausdrücken; sie spricht das aus, was ich nur unvollkommen geschrieben
habe. Ich bitte, Du mögest gütig und ergeben aufnehmen und darin wenigstens die mütterliche
Zuneigung bemerken, wodurch ich alle Tage in der Glut der Liebe zu Dir und Deinen Töchtern
entbrenne: Ihnen empfiehl mich und meine Töchter herzlich in Christus.

Meine Töchter selbst aber, besonders die arme Evelin, unsere Schwester, empfehlen sich Dir und
Deinen Töchtern im Herrn, soviel sie vermögen.

Lebe wohl, liebste Tochter, mit Deinen Töchtern bis hin zum Throne der Herrlichkeit des großen
Gottes und betet für uns.

Den Überbringer dieses Briefes, unseren liebsten Bruder, Marcus, beliebt bei Gottvater und den
Menschen, empfehle ich, soviel ich vermag, hiermit Deiner Liebe. Amen.

Maria

DER SEGEN DER HEILIGEN MUTTER MARIA

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr segne Dich und behüte Dich.

Er zeige Dir sein Angesicht und erbarme sich Deiner.

Er wende Dir sein Antlitz zu und schenke Dir den Frieden, meine Schwester und meine Tochter
Sabina.

Ich, Maria, eine Dienerin unseres Herrn Christi, eine Pflanze unseres hochseligen Vaters, des
heiligen Vaters Johannes Paulus Secundus, Deine und der anderen armen Geschwister Schwester
und Mutter, obschon eine unwürdige Mutter, bitte unseren Herrn Jesus Christus durch seine
Barmherzigkeit und durch die Fürsprache seiner heiligsten Mutter, der Jungfrau Maria, des heiligen
Fürsten der Engel, des heiligen Michael, und aller Heiligen Gottes, unseres seligen Vaters, des
heiligen Vaters Johannes Paulus Secundus, und aller seiner Heiligen beiderlei Geschlechts, der
himmlische Vater gebe und bestätige Dir im Himmel und auf Erden diesen seinen allerheiligsten
Segen:

Auf Erden mehre er an Dir seine Gnaden und Tugenden unter seinen Dienern und Dienerinnen in
der streitenden Christenheit, im Himmel erhöhe und ehre er Dich in der triumphierenden
Christenheit beziehungsweise in der Schar seiner Heiligen.

Ich segne Dich in meinem Leben und nach meinem Tode, soviel ich vermag und mehr als ich
vermag, mit all den Segnungen, mit denen der Vater der Barmherzigkeit seine Söhne und Töchter
im Himmel und auf Erden gesegnet hat und noch segnen wird, und mit denen ein geistlicher Vater
und eine geistliche Mutter ihre geistlichen Söhne und Töchter gesegnet haben und noch segnen
werden. Amen.

Allezeit liebe ich Deine und aller Deiner Schwestern Seelen.

Ich bitte Dich, Du mögest das mit Fleiß bewahren, was Du dem Herrn versprochen hast.
Unser Herr sei mit Dir zu allen Zeiten, und gebe Gott, dass Du allezeit in ihm seist. Amen.