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Gibt es einen gerechten Krieg?

Der Einsatz in Libyen wirft die Debatten des


Kosovo- und Irak-Kriegs wieder auf.

Wann ist es legitim, Krieg gegen einen souveränen Staat zu führen – auch
wenn es sich nicht um einen Verteidigungskrieg handelt? Seit Jahrhunderten
wird diese Frage diskutiert; heute ist sie besonders brisant. Denn die
Beschränkung des Rechts zum Krieg auf den Verteidigungsfall ist die
wichtigste Errungenschaft des modernen Völkerrechts. Wird sie aufgeweicht,
droht der Naturzustand unter Staaten zur Norm zu werden.

Andererseits bietet auch die Ideengeschichte des gerechten Kriegs


Anhaltspunkte zur moralischen Orientierung.

Noch für Cicero war der gerechte Krieg – bellum iustum – vor allem ein
Verteidigungskrieg. Christliche Theoretiker wie Augustinus1 und Hostiensis2
entwickelten dann die Idee, dass gerechte Kriege auch aus anderen Gründen
geführt werden könnten – etwa als Instrument der Christianisierung. Das
diente zur Legitimation der Kreuzzüge. Von damals stammt das negative
Ansehen dieser Idee.

Das Konzept von einem gerechten Krieg aus humanitären Motiven gibt es
dagegen erst seit der Renaissance. Es geht auf den spanischen
Rechtsphilosophen Francisco de Vitoria3 zurück. Vitoria gilt als geistiger Vater
der UN und als Begründer der Idee der humanitären Intervention. In seinen
Vorlesungen zur Entdeckung Amerikas von 1539 forderte er, die
Menschenopfer der Azteken durch ein europäisches Einschreiten zu
beenden.

Nach Vitoria besteht ein Verantwortungszusammenhang der Menschheit, der

1
http://de.wikipedia.org/wiki/Augustinus
2
http://de.wikipedia.org/wiki/Henricus_de_Segusio
3
http://de.wikipedia.org/wiki/Francisco_de_Vitoria
nicht an den Grenzen eines Staats halt macht. Das wesentliche Kriterium des
gerechten Kriegs ist für ihn eine Unrechtmäßigkeit gemäß dem Naturrecht,
die die Zivilbevölkerung erleidet. Naturrecht versteht er als das Schutzrecht
einer Person auf körperliche Unversehrtheit und ihr Anspruchsrecht darauf,
ökonomisch und politisch an dem Gemeinwesen teilzuhaben, in dem sie sich
befindet.

Das ist eine weite und auch gefährlich offene Definition, die viele Staaten
betreffen könnte. Er schränkt sie jedoch dahingehend ein, dass ein gerechter
Krieg ausschließlich dazu dienen dürfe, Unrecht zu beheben und nicht etwa
dazu, die Macht der Akteure zu vergrößern. Ein einmaliges Unrecht erfordert
dabei eine kurze Intervention, ein größeres ein entsprechend längeres
Einschreiten. Wenn ein Unrecht systematisch ist, etwa weil eine Regierung
den Bürgern grundsätzlich die politische und ökonomische Teilhabe
verweigert, ist es nach Vitoria Pflicht, diese Regierung von Außen zu stürzen.

Schon zu seinen Lebzeiten wurden Vitorias Argumente kritisiert, da sie dazu


missbraucht wurden, den spanischen Kolonialismus in Lateinamerika zu
rechtfertigen. Schließlich konnte den meisten indigenen Völker Vergehen in
der von ihm definierten Weise nachgewiesen werden.

In der Folgezeit mehrten sich innerhalb Europas Zweifel, die schon Vitoria
selbst angeführt hatte, ob ein Krieg nicht auch von beiden Seiten aus gerecht
sein könne. Besonders die konfessionellen Kriege des 16. und 17.
Jahrhunderts führten die Idee eines einseitig gerechten Kriegs ad absurdum.
Katholische und protestantische Mächte nahmen beide für sich in Anspruch,
ihren Anhängern in den Territorien der jeweiligen verfeindeten Konfession
beizustehen.

Aus den bitteren Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges entwickelte sich die
Ordnung des westfälischen Friedens von 1648: Eine internationale Ordnung
souveräner Staaten, die sich die Einmischung in ihre inneren
Angelegenheiten verbaten. Der Krieg wurde als bellum publicum, als
„öffentlicher Krieg“ verstanden – eine Auseinandersetzung zwischen
prinzipiell gleichberechtigten Staaten, in der die Situation der Zivilbevölkerung
oder ähnliche Motive keine Rolle spielten. Dabei setzte sich der
Verteidigungskrieg als einzige Form des legitimen Kriegs durch, was
insbesondere im Zuge der Französischen Revolution formalisiert wurde.

Seither wird das Prinzip der Nicht-Einmischung von vielen vertreten. Noch in
seiner Friedensschrift von 17954 wies Kant darauf hin, dass die humanitäre
Intervention kein geeignetes Mittel sei, um den Weltfrieden zu erreichen. Die
Idee eines gerechten Kriegs setze nämlich eine Rechtsordnung voraus, die
über dem Einzelstaat stehe. Diese sei aber nicht gegeben.

Mit der Gründung der Vereinten Nationen von 1945 entstand genau jene
Rechtsordnung über dem Einzelstaat, deren Fehlen Kant festgestellt hatte.
Den negativen Erfahrungen mit der Idee des gerechten Kriegs entsprechend
setzte man jedoch vor allem auf diplomatische Mittel, um den Weltfrieden
dauerhaft zu sichern. Allerdings hatte das Vorgehen gegen Deutschland und
Japan auch gezeigt, dass Kriege notwendig und eben gerecht sein konnten,
wenn es darum ging, Menschenrechte zu schützen und eine Gefährdung des
Weltfriedens abzuwenden. Zu diesem Zweck räumt die Charta dem
Sicherheitsrat ein, erforderliche militärische Maßnahmen zu beschließen.

Damit war Vitorias Idee des gerechten Kriegs wieder zurück auf der
Bildfläche.

Wie aber ist der Libyen-Einsatz aus der Perspektive dieser Theorie zu
bewerten? Michael Walzer, der ein bekannter Anhänger Vitorias ist, sieht den
5
Einsatz als nicht gerechtfertigt an. Denn der bloße Wunsch, einen Diktator
4
http://www.korpora.org/Kant/aa08/341.html
5
http://derstandard.at/1297821064584/US-Philosoph-Diese-
loszuwerden, reiche nicht für einen gerechten Krieg aus. Nur schwere
Verbrechen gegen die Menschlichkeit, etwa ein Genozid, könnten das
legitimieren.

Aus der Perspektive Vitorias eigener Schriften ist dies anders. Ihm zufolge
rechtfertigt jeder Verstoß gegen die Menschenrechte eine Intervention, die
dieses Unrecht behebt. So argumentiert auch die betreffende UN-Resolution,
die sich in erster Linie darauf beruft, dass ein Flugverbot
Menschenrechtsverletzungen verhindern könne. Da die Schwere der
betreffenden Vergehen jedoch im internationalen Vergleich nicht extrem ist,
lässt sich hier zu Recht fragen, weshalb dann eigentlich nicht auch anderswo,
etwa in Zimbabwe, interveniert wird.

Wichtiger scheint der Teil der Resolution, der sich auf das bezieht, was die
Sonderstellung Libyens ausmacht: die Tatsache, dass das libyische Volk
höchste Risiken auf sich nahm, um seine legitimen Forderungen
durchzusetzen. Vitorias Schriften lassen nämlich genau eine Intervention für
den Fall zu, dass einer Bevölkerung keine angemessenen
Partizipationsmöglichkeiten zugestanden werden. Gerade die Durchsetzung
des Flugverbots scheint ein geeignetes Mittel, um Bewegungen aus dem Volk
eine faire Chance zu garantieren und das Anspruchsrecht auf politische
Mitbestimmung zu schützen.

Jedoch erwachsen aus der Theorie des gerechten Kriegs auch Zweifel an der
Legitimität des Vorgehens in Libyen: brüchig wird sie schon, wenn bei
Bombardements Zivilisten getötet werden. Oder durch die Tatsache, dass die,
die Gaddafi heute angreifen, vom Handel mit ihm profitierten. Oder wenn
westliche Firmen mit dem Wiederaufbau des Landes betraut würden und
einen günstigeren Zugang zu den Ölressourcen erhielten. Jede Art von Vorteil
der Akteure des gerechten Kriegs steht der Tradition dieser Idee zufolge

Intervention-ist-durch-nichts-zu-rechtfertigen
seiner Legitimität entgegen.

Nicht zuletzt sieht auch die UN-Charta keine Intervention zur Durchsetzung
positiver Menschenrechte vor, sondern beschränkt sich auf negative Kriterien.
Vor allem die Gefährdung des Weltfriedens ist ihr zufolge Grund für ein
Einschreiten. Von Gadhafis Regime geht aber akut keine aus.

Anstatt dem Krieg in Libyen seine Legitimität abzusprechen, ginge es darum,


auch Verstöße gegen das Recht der politischen Teilhabe formal als
Interventionsgrund festzulegen. Da Demokratien äußerst selten Krieg
gegeneinander führen, gibt es längerfristig kein besseres Mittel zur Sicherung
des Weltfriedens als vorhandene demokratische Bewegungen in ihren
Bemühungen zu unterstützen. Wie weit zu gehen dabei sinnvoll ist, wird der
Erfolg oder Misserfolg des Libyen-Einsatzes zeigen.

Der Autor ist freier Mitarbeiter bei der Zeit und Verfasser einer Dissertation zu
Vitoria, die im Sommer dieses Jahres als Buch erscheint.