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Einheit 1

Jeder zweite 14-Jährige raucht


Wettbewerb unter den Klassen 6, 7 und 8: Wer schafft ein halbes Jahr ohne Zigaretten? Nur die
Hälfte hielt durch.
Pech für Daniel. Er ist wieder in Versuchung gekommen und hat eine gequalmt. Zur Strafe heißt es: Drei
Felder zurück! Beim Nichtraucherspiel kommt eben nur der ans Ziel, der nicht raucht. Das Spiel mit oder
besser gegen den Zigarettenkonsum haben Daniel und seine Kameraden aus der achten Klasse der Rei-
nikendorfer Paul-Löbe-Schule selbst entworfen und gebaut. Als Beitrag zum dritten europaweiten Nichtrau-
cherwettbewerb der Europäischen Kommission, an dem sich knapp 80 Berliner Schulklassen der Stufen
6, 7 und 8 beteiligt haben.
Natürlich ist Daniel nur auf dem Spielfeld schwach geworden. In Wahrheit blieben er und seine Klassenka-
meraden standhaft. Ein halbes Jahr lang haben sie keine Zigarette angerührt - und sich damit in die Sie-
gerliste der Nikotin-Abstinenzler an Berlins Schulen vorgekämpft. So viel Durchhaltewillen haben wenige.
Die Hälfte der 79 Wettbewerbs-Klassen hat vor der Zeit aufgegeben.
Zu groß war das Verlangen nach der Zigarette. Rauchen ist schon unter Schülern eine Sucht - und die
Nikotinkonsumenten werden immer jünger. Bei einer Befragung von knapp 1400 Berliner Schülern kam
heraus, dass nahezu jeder zweite 14-Jährige bereits öfter als nur zu besonderen Gelegenheiten raucht.
Bei den unter 12-Jährigen ist es immerhin schon jeder Zehnte.
Je älter, desto mehr wird geraucht. Auf eine halbe Schachtel komme sie jeden Tag, sagt die 16-jährige
Nadine. Vor drei Jahren hat sie mit dem Rauchen angefangen. “Damals hatte ich Probleme zu Hause, die
anderen in meiner Clique haben auch geraucht.“ Sie hat schon öfter probiert aufzuhören, geschafft hat sie
es nie.
Heute steht sie jede Pause in der Raucherecke auf dem Schulhof der Paul-Löbe-Oberschule. Geraucht
werden darf hier erst ab 16 und nur mit Ausweis, unterschrieben von den Eltern.
Einen Raucherpass hat auch die Erich-Maria-Remarque-Oberschule eingeführt. Das Dokument muss von
den Eltern beantragt werden. Ganz könne die Schule das Rauchen nicht verbieten, darüber ist sich der
stellvertretende Schulleiter im Klaren. Dann werde eben heimlich gepafft. Wer illegal mit einer Zigarette
erwischt wird, bekommt einen Strafzettel. Bei drei Zetteln gibt es entweder eine Ermahnung oder das An-
gebot, den Fehlzug beim Hausmeister abzuarbeiten. “Manche arbeiten ständig ab”, sagt der Schulleiter.
“Kinder rauchen immer, wenn es etwas gibt, womit sie nicht fertig werden”, sagt eine Mitarbeiterin für
Suchtprophylaxe bei der Senatsschulverwaltung. Jugendliche, die ein Suchtverhalten entwickelten, hätten
zuvor häufig wenig Unterstützung oder Zuwendung von Erwachsenen erfahren. Dafür hat die Befragung
unter den Schülern Beweise geliefert: Jugendliche Raucher wurden im Gegensatz zu ihren nicht rauchen-
den Altersgenossen seltener gelobt, sie fühlen sich öfter ungerecht behandelt, sitzen länger vorm Fernseh-
gerät und lesen weniger.
Besser vorbeugen statt verbieten ist denn auch die Devise des Programms “Klasse 2005”, an dem sich
in Berlin mehr als 100 erste bis vierte Grundschulklassen beteiligten. Spielerisch sollen die Kinder lernen,
Nein zu sagen und ein Gefühl für einen gesunden Körper zu entwickeln. Rainer Gebhardt ist einer von
mehr als 20 Lungenfachärzten, die das Projekt unterstützen, auch finanziell. “Die schwer Asthma- oder
Bronchitiskranken, die ich in meiner Praxis sehe, haben fast alle mit 15 oder früher angefangen zu rauchen.
Deshalb müssen wir in den Schulen schon frühzeitig etwas tun.”
Be smart - don’t start wirbt denn auch der Nichtraucherwettbewerb, an dem sich Daniel und seine Klasse
so erfolgreich beteiligt haben. “Wir wollen mit Belohnungen Anreize schaffen, nicht zu rauchen”, erläutert
die Organisatorin. Allerdings fällt die Belohnung in Berlin eher dürftig aus. Gerade mal 500 Euro habe das
Land für die acht Gewinnerklassen des diesjährigen Wettbewerbs lockergemacht. Andere Bundesländer
wie Hamburg oder Sachsen seien da mit gesponserten Mammutfeten für die Schüler oder einem Klassen-
satz Eintrittskarten für Popkonzerte und Fußballspiele weitaus spendabler gewesen.
Daniels Klasse hat fürs Durchhalten 50 Euro bekommen. Man werde noch einmal so viel aus eigener
Tasche drauflegen und ein Eis essen gehen, sagt die Lehrerin. “Ein bisschen enttäuscht sind die Schüler
schon.”
Egal, ob nun ein kleiner oder großer Preis: Daniel weiß jedenfalls, dass er auch in Zukunft nicht wieder
rauchen wird. “Wozu?”

nach: Berliner Morgenpost

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