Sie sind auf Seite 1von 14

Gewaltenteilung 1/580

Gewaltenteilung einer Dreiteilung unterworfen aus der sich


(siehe auch Gruppe 5/280) ein trialistischer Gleichklang mit den drei
Staatsfunktionen ergibt, die die moderne
Gewalt„en"(G.-)teilung innerhalb der Aus
Inhaltsübersicht übung der einheitlichen Staatsgewalt im-
terscheidet: Legislative, Exekutive (Guber-
A. Antike; Der Trialismus der Mischverfassung native/Administrative) und Judikative. So
B. Mittelalter/Frühe Neuzeit hat nach Aristoteles (vor 322 v. Chr., Politi-
I. Die real geteilten Herrschaftsgewalten ka) jede Verfassung drei Essentialia zu re
II. Absolutismus: Die Ablehnung einer Tei
geln: die Beratung der gemeinsamen Ange
lung der monarchischen Gewalt als Ge
fährdung staatlicher Souveränität
legenheiten, die Ämterorganisation und wer
C. Neuzeit; Die Geburt der modernen Gewalten
mit der Rechtspflege zu betrauen ist. Die
teilung beratende Gewalt (in Athen: Volksver
I. England — Die Geburtsstätte der Gewal sammlung) ist aber nicht auf die Gesetzge
tenteilung bung beschränkt, sondern umfaßt weitrei
1. Das Auffinden der Grundstruktur chende, aus heutiger Sicht dem Kembereich
2. Die politische Konturierung der Ge der Exekutive (hier: Regierung) und Judi
waltenteilung
kative zuzurechnende Funktionen: Ent
3. Die Gewaltenteilung als Doktrin
II. Vereinigte Staaten von Amerika — Das er scheidung über „Krieg und Frieden, Be
ste republikanische Modell der Gewalten gründung und Loslösung von Waffenbünd
teilung nissen, über Leben und Tod, Verbannung
III. Frankreich — Der kontinentaleuropäische und Vermögensentziehung und über die Re-
Prototyp einer auf Volkssouveränität und chenschaftsablegung" der Beamten. Diese
Gewaltenteilung beruhenden konstitutio aristotelische G.unterscheidung ist empi
nellen Monarchie
risch und beruht auf der systematisch-ver
IV. Deutschland — Die verspätete Rezeption
der Gewaltenteilung
gleichenden Deskription der Ämter und Be
1. Die deutschen konstitutionellen Mon
hörden in historisch sukzessiv gewachsenen
archien; Dominanz des monarchischen Verfassungen verschiedener Staaten. Orga
Prinzips nisatorische und personelle Trennungen
2. Die Verfassung des Deutschen Reichs; werden vor allem als Frage der zweckdienli
die versäumte parlamentarische Mon chen Arbeitsteilung gesehen. Sie entsprin
archie gen nicht dem rationalen Systementwurf
3. Weimarer Republik; Die Labilität ei
einer funktionalen G.trennung und -ver
nerhypertrophen Gewaltenbalance
4. Das geteilte Deutschland — Die Ge
schränkung, durch die die moderne G.tei-
waltenteilung als Demarkationslinie lung bereits bei der staatlichen Willensbil
der Verfassungssysteme dung zwischen verschiedenen Staatsor
ganen ein „potentielles Oppositionsverhält
nis" (D. Stemherger) entstehen lassen will,
um die staatliche Macht von innen heraus zu
A. Antike; Der Trialismus der Mischverfas begrenzen, bevor sie als staatliche Willens
sung äußerung in die Rechtssphäre des Individu
ums eindringt. Die Gewaltenunterschei
In der antiken Staatslehre {Piaton, Aristote dung dient Aristoteles zur Organisation der
les, Polybios, Cicero) ist die Mischverfas Mischverfassung: er will mit der „Politie"
sung prägendes Organisationsprinzip einer die „rechte Mitte" zwischen Oligarchie und
idealen Verfassung. Das regimen commix- Demokratie erreichen, um die Entartung
tum soll dem naturgesetzlichen Kreislauf dieser verbreiteten Staatsformen zur Ty
der Verfassungen (Anakyklosis, Polybios, rannei der wenigen „Reichen" oder vielen
um 200—120 V. Chr., im Anschluß an Pia „Armen" zu verhindern. Die sozial unglei
ton), der durch Entartung der reinen Staats chen Kräfte sollen durch die Mischverfas
formen entsteht (Monokratie-Tyrannis/ sung als politische Machtträger in den
Aristokratie-Oligarchie/Demokratie-Och- Staatsaufbau eingebunden und dort durch
lokratie), stabilisierend entgegenwirken „gegenseitigen Kräfteausgleich im Gleich
und den Untergang des Staates verhindern. gewicht" {Polybios) gehalten werden; im
Damit die Mischverfassung die klassischen Zentrum steht daher für Aristoteles die Re
drei Formprinzipien Monokratie, Aristo gelung der Ämterbesetzimg: wer darf wel
kratie und Demokratie gleichzeitig im che Ämter mit Personen aus welcher Klasse
Staatsaufbau integrieren kann, wird dieser in welche Ämter wie (Wahl/Los) besetzen?

t,dB61 JiiDuarl993
1/580 Gewaltenteilung
Diese Organisation der demokratischen schaftsgewalten übergeordnete, potentiell
Freiheit zum Staat als ausgleichende Teil auf sämtliche Lebensbereiche der Men
habe der sozialen Gruppen an der Staatsge schen einwirken könnte. Die politische Ord
walt kennzeichnet die antike Mischverfas nung des Ständestaates ist geprägt durch
sung. Die moderne G.teilung dagegen dient das Neben- und Gegeneinander mehrerer
nicht dieser gegenseitigen Durchdringung selbständiger Herrschaftsgewalten, die sich
von Staat und Gesellschaft: getragen vom in als nicht mehr voneinander abgeleitet ver
der Antike fehlenden Bewußtsein eines Ge stehen und keiner gemeinsamen Quelle zu
gensatzes zwischen Individuum (Gesell geordnet werden können. Diese nahezu ab
schaft) und Staat, bändigt sie die staatliche solut voneinander getrennten Gewalten im
Macht, um die liberale Freiheit vom Staat „Staat" stellen eine „reale" (H. Mitteis)
zu schützen. Verhinderung von Machtmo G.teilung dar. Sie entspringt nicht einer
nopolen, G.Unterscheidung und Balancie konstitutionellen, d. h. einmaligen, umfas
rung verschiedener Gewaltenträger sind al send kodifizierten und konstitutiv wirken
lerdings Gedanken, die die Mischverfas den Teilung einer einheitlichen Staatsge
sung und G.teilung als miteinander „ver walt. Die „reale" Teilung ist das Ende eines
wandt" (Hasbach) erscheinen lassen. fortschreitenden Werdegangs effektiven
Auseinanderstrebens, das nur an manchen
Wegstationen, nur bruchstückhaft in bezug
B. Mittelalter/Frühe Neuzeit auf einzelne Rechte und zumeist deklarato-
risch normiert wird (z. B. die Zusicherung
I. Die real geteilten Herrschaftsgewalten der bereits etablierten Territorialhoheit der
Reichsstände durch Reichsabschied 1654
Auch im Mittelalter fehlt der Dualismus gem. den Westfälischen Friedensverträgen
zwischen Individuum und Staat, der der 1648). Auch die Einwirkung der Landstän
freiheitssichemden Funktion der modernen de auf die Regierung des Fürsten z. B. durch
G.teilung zugrundeliegt: die Menschen im Steuerbewilligungsrecht oder Stimmrecht
13.—16. Jh. sind keine gleichgeordneten der Reichsstände z. B. im Bereich der
Untertanen, die als Inhaber gleicher Frei Reichsgesetze (vgl. Art. VIII § 2 Instrumen
heitsrechte einer einheitlichen Staatsge tarium Pacis Osnabrucense) entspricht
walt gegenüberstehen: sie sind in der ^ nicht dem Bild der modernen G.teilung.
Ständegesellschaft in hierarchisch geglie Zum einen widersetzt sich das Rechtsbe
derten, sich z. T. nach dem relativen Grad wußtsein im Mittelalter lange Zeit einer
der (Un)freiheit gegenüber konkreten Per abstrahierenden Unterscheidung von
sonen abgestuften Rechtsklassen eingefügt Staatsfunktionen, vor allem wenn man die
(z. B. Minderfreie). Die Menschen unterlie Herausbildung einer Gesetzgebung im mo
gen in erster Linie den verschiedenen Zwi dernen Sinn betrachtet: „Recht" ist über
schengewalten ihrer Region, ihres Standes wiegend altes (Gewohnheits-)Recht, das
und Rechtskreises Grund-, Landes-, nicht neubildend gesetzt, sondern in der
Stadt-, Kirchenherrschaft). Der mittelalter Rechtsprechung vorgefunden und in Geset
liche Staat ist geprägt durch die Dualismen zes weitgehend nur aufgeschrieben bzw.
starker Verbandsgewalten im Kampf um wiederhergestellt wird (vgl. Landrechtsre-
die Superiorität: —♦ Kaiser/^ Papst (Impe- foirnationen; Staat als „Rechtsbewahran
rium/Sacerdotium), Kaiser/Reichsstände stalt", F. Kern). Zum anderen stellt die
und Landesfürsten/Landstände. Im ^ Einwirkung der Reichs- und Landstände
Deutschen Reich gelingt es den ^ Kurfür keine G.teilung dar, weil weder Reichs-
sten das Königtum von den unteren Schich noch Landesgewalt ein Ganzes darstellen,
ten abzuschnüren: die unmittelbare verti das einer Teilung unterzogen werden könn
kale Herrschaftsbeziehung zwischen Kaiser te. Aus der Landesherrschaft ist die—» Lan
und gemeinen Mann wird auf ein Minimum deshoheit als ein „sich allmählich vergrö
einzelner Reservatrechte ohne eigentliche ßerndes Aggregat einzelner Hoheitsrechte"
Exekutivmacht zuiückgedrängt. In den (H. A. Zachariae) hervorgegangen, die eben
Territorien bilden die Stände mit eigenen so wie die Reichsgewalt des Kaisers eine nur
Behörden, Gerichten, Kassen etc. ein zwei auf die Person des Herrschers bezogene
tes Staatsgebilde neben dem werdenden Bündelung von Einzelrechten darstellt. De
Staat der Fürsten: auf Reichs- und Landes ren Zusammensetzung erwächst induktiv
ebene fehlt eine einheitliche, souveräne aus den Zufälligkeiten des historischen Ver
Zentralgewalt, die, als allen anderen Herr laufs; es fehlt die Souveränität, die einen

LdR61 Januar 1993


Gewaltenteilung 1/580

inneren, funktionalen Zusammenhang be Iis" des Volkes/gemeinsame „maiestas per-


gründet, indem die sachliche Notwendig sonalis" von Monarch und Ständen) beruht.
keit einer einzigen höchsten Gewalt eine Die Person des Monarchen ist noch keiner
rationale Deduktion von Einzelrechten er Machtbalancierung mit anderen Organen
möglicht und jedes Einzelrecht in die Lage zugänglich („L'Etat c'est moi"): sie versteht
versetzt, Eindruck und Wirkung eines zu sich noch nicht als „le premier serviteur et le
sammengehörenden Ganzen zu vermitteln; Premier magistrat de l'Etat" {Friedrich der
die Einzelrechte des Kaisers wechseln in Große, 1752) und läßt sich nicht als Organ in
den Zeitläuften und die Landeshoheit der den Staat „eindeuten" (L. Waldecker). Die
Fürsten enthält nicht überall dieselben sich einer G.teilung widersetzende Unbe-
Rechte. Darum kommt die Verfassungsbe schränktheit der monarchischen Gewalt
schreibung der kaiserlichen und ständi wird als unabdingbare Voraussetzung der
schen Hoheitsrechte nicht über eine kata inneren Souveränität angesehen, ohne die
logartige Aufzählung von konkreten Ein kein Staat existieren kann. In Frankreich,
zelrechten hinaus (z. B. S. Pufendorf, De Spanien und Dänemark kann die monarchi
statu imperii Germanici, 1667/1706), die sche Herrschaftsgewalt die Konkurrenz der
noch nichts mit einer abstrahierenden funk zentrifugalen Verbandsgewalten (Stände,
tioneilen G.Unterscheidung gemein hat. Die Kirche) überwinden und die sich auflösende
Einwirkung der Reichs- und Landstände politische Einheit des Staates wiederher
bedeutet also nicht Teilung der Reichs- bzw. stellen. Im —> Deutschen Reich gelingt dies
Landesgewalt, sondern Teilung von be dem Kaiser nicht, sondern nur den sich
stimmten Einzcirechten, die zu den übrigen verselbständigenden Territorien, in denen
in keinem funktioneilen Zusammenhang sich die Lehre von der Fürstensouveränität
stehen. durchsetzt (z. B. Brandenburg-Preußen).

II. Absolutismus: Die Ablehnung einer Tei C. Neuzeit: Die Geburt der modernen
lung der monarchischen Gewalt als Ge Gewaltenteilung
fährdung staatlicher Souveränität.
I. England — Die Geburtsstätte der
Unter dem Eindruck des Staatszerfalls im G.teilung
Gefolge der französischen Religionskriege
eröffnet der Advokat J. Bodin (Lex six livres In England kann der Ständestaat im Gegen
de la Röpublique, Paris 1576) mit seiner satz zur kontinentalen Entwicklung die po
Souveränitätslehre die Epoche des moder litische Einheit bewahren; der König sieht
nen —* Staates: danach wird der Staat durch sich als Haupt, das zusammen mit den Stän
eine Regierung definiert, die mit der „puis- den (niederer/hoher Adel; Commons/Lords)
sance souveraine" ausgestattet ist. Bodin als Glieder im „Parliament" den „Body of
beschreibt die Souveränität als Machtvoll the whole Realm" bildet {Heinrich VIII.,
kommenheit, Gesetze für alle und jeden 1543). Der Kampf gegen die Verfestigung
einzelnen zu erlassen, ohne daß irgendwer der vom Kontinent vordringenden absoluti
zustimmen müßte. Der hier vorbereitete stischen Einflüsse läßt England zum ideel
Souveränitätsgedanke des monarchischen len und politischen Geburtsland der G.tei
—* Absolutismus entbindet den König sogar lung heranreifen.
von der Herrschaft positiver Gesetze: „prin-
ceps legibus solutus". Die Möglichkeit einer 1. Das Auffinden der Grundstruktur
gemischten Staatsform, die die monarchi
sche Herrschaftsgewalt konstitutionell be Bereits 1580 tritt der schottische Latinist
schränkt und die Gesetzgebung von der und Dichter G. Buchanan mit „De lure
Mitwirkung anderer Personen (Ständever Regni apud Scotus Dialogus" als ideenge
tretung, Parlament) abhängig macht, wird schichtlicher Vater der G.teilung hervor. Er
strikt abgelehnt {Bodin; Th. Hoööes.Levia- gehört zum reformatorischen Lager der
than, or the Matter, Forme, and Power of a Monarchomarchen, die in Anlehnung an die
Common-Wealth Ecclestical and Civill, demokratische Kirchenverfassung Calvins
1651) besonders wenn sie wie die Volkssou die Herrschaftsrechte vom Volkswillen ab
veränitätslehre (Niederlande, Deutschland, leiten (Volkssouveränität) und den Absolu
17. Jh.) auf der Konstruktion einer doppel tismus eines an kein {Hobbes) oder allenfalls
ten Souveränität (unteilbare „maiestas rea- an das ius divinum und ius naturale {Bodin)

LdECl Januar 1993


1/580 Gewaltenteilung

gebundenen Herrschers bekämpfen. Bu- gener Sache sein darf. Dieser schon im rö
chanan fordert die Unterwerfung des Kö mischen Recht vorzufindende Satz („nemo
nigs unter das positive Recht („leges"); die iudex in sua causa") wird zum Geburtshel
moderne G.trennung antizipierend, will er fer der G.teilung, die ihr organisatorisches
(1) die Königsgewalt auf eine Funktion als Grundmuster in der funktionalen Unter
Hüter und Vollstrecker der Gesetze be scheidung der „writs" im „common law"-
schränken („executor legum"), die (2) vom Prozeß findet (original writ: prozeßeinlei
Volk bzw. den Ständen erlassen und (3) von tender Befehl der königlichen Kanzlei/judi-
unabhängigen Richtern zu interpretieren cial writ: richterlicher Befehl vor und nach
sind. dem .Urteil/executive writ: königlicher
Vollzugsbefehl an den Sheriff). J. Sadler in
2. Die politische Konturierung der „Rights of the Kingdom" (1649): „The legis
G.teilung lative, judicial and executive power, should
be in distinct subjects by the law of nature.
Die Geburtsstunde der G.teilung schlägt im For if law-makers be judges of those that
England des 17. Jahrhunderts, das begleitet break their laws, they seem to judge in their
von religiösen Spannungslagen, besonders own cause: which our law, and nature itself
durch den englischen Verfassungskampf so much avoideth and abhorreth. So it see-
zwischen Parlament und Krone um die Sou meth also to forbid both the law-maker and
veränität im Staat seine Prägung erhält. the judge to execute . . .". Die neben der
Das Tor zum konstitutionellen Rechtsstaat Unabhängigkeit der common law-Richter
öffnend, fordert allen voran Richter E. Co- geforderte fundamentale Trennung zwi
ke, daß nur „by due process of law" in den schen Legislative und Exekutive richtet
Besitzstand der Untertanen eingegriffen sich aber nicht gegen den König, sondern
werden dürfe; dies ist der Beginn der Ein gegen die gewaltenmonistische Omnipotenz
bindung des Königs in die Suprematie des des „Langen" Parlaments, das nach der re
Rechts (Petition of right, 1629), vor allem volutionären Errichtung der Republik die
des—» „common fatü"-Rechts, das als unge höchste gesetzgebende, vollziehende und
schriebenes, in der Spruchpraxis der Rich richterliche Gewalt in sich vereinigt (2nd
terentwickeltes „caselaw" eine vermitteln Agreement of the People, 1649). Nach der
de Stellung zwischen dem ewigen —»Natur gewaltsamen Vertreibung dieses Parla
recht und dem positiv vom Parlament ge ments durch O. Cromwell erarbeiten seine
setzten „Statute law" einnimmt; mit der als Offiziere Europas erste und Englands einzi
Rechtsgrundsatz verstandenen Nomokratie ge geschriebene Verfassung: im „Instru
(Gesetzesherrschaft), die als politisch-ethi ment of Govemment" tritt 1653 zum ersten
sche Forderung bereits in der Antike von Mal eine G.teilung im modernen Sinn in
Piaton undAristoteles erworben wurde, soll Erscheinung. Die funktionelle Unterschei
der Absolutismus in seinem Lebensnerv ge dung zwischen Exekutive und Legislative
troffen werden. Die Idee eines „empire of hat den Zweck, eine institutionelle Tren
laws and not of men" {J. Harrington, 1659) nung der Funktionsträger herzustellen: das
kann sich aber nur als wirksame Willkür Parlament wird von jeglicher Exekutiv
schranke erweisen, soweit Errichtung und funktion femgehalten und sieht sich einer
Durchsetzung der Gesetzesherrschaft nicht geteilten Exekutive (Lord Protector/Coun-
in der Hand einer Person oder Interessen cil) gegenüber, die durch die Wahl ihrer
vertretung liegen: andernfalls steht demje Mitglieder auf Lebenszeit eine ausgeprägt
nigen, der die Gesetze durchführt alles of unabhängige Stellung einnimmt; die politi
fen, wenn er zuvor als Gesetzgeber seine sche Einheit des Staates wird gewahrt, weil
Eigeninteressen in Gesetzesform kleiden die mit einer absoluten G.trennung einher
konnte. Der Gedanke der Gesetzesherr gehende Auflösung der Staatsgewalt in zu
schaft verbindet sich so mit der Notwendig sammenhanglos nebeneinander wirkende
keit einer geteilten Rechtsmacht, die die Staatsgewalten durch eine G.verschrän-
Herrschaft einer Person von anderen Perso kung verhindert wird, die die Organe punk-
nen abhängig macht und so die selbstherrli tuell voneinander abhängig macht. Diese
che Durchsetzung von Eigeninteressen in gegenseitige Einwirkung („checks and con-
Schranken hält. Diese Erkenntnis hat ihren trols", S.-J. Bolingbroke; „checks and ba-
Ursprung in dem naturrechtlich begründe lances", R. Temple, 1660) wird erreicht ei
ten Fundamentalsatz des englischen nerseits durch das suspensive Gesetzesveto
Rechtsdenkens, daß niemand Richter in ei des Protektors und andererseits durch die

LdR 61 Januar 1993


Gewaltenteilung 1/580

nachträgliche Bewilligung der mit Einwilli sie gilt als unabhängig, weil die von der
gung des Staatsrats ergangenen protektora- Krone ernannten Richter des High Court
len Verordnungen durch das nicht standig „during good behaviour" nicht mehr nach
tagende Parlament. Politisches Ziel des Belieben des Monarchen abgesetzt werden
englischen Verfassungskampfes ist aber können, sondern nur durch eine Resolution
nicht die Herstellung einer Machtbalance beider Parlamentskammem im Falle tadel
der Stände durch eine Mischverfassung, hafter Amtsführung; eine funktionelle
sondern die Bewahrung der althergebrach G.verschränkung findet hier allerdings
ten Individualfreiheiten des common law nicht statt, da die Judikative noch nicht
durch eine mit der Nomokratie verbunde als unmittelbare Kontrollinstanz der Legis
nen G.teilung, gerichtet gegen die Willkür lative bzw. Exekutive verstanden wird.
einer absolutistischen Autokratie des Kö Nach 1701 erweist sich vor allem die Fi
nigs oder des Parlaments. Dazu paradigma nanzbewilligung des Parlaments als Weg
tisch die „Declaration of Parliament As- bereiter einer parlamentarischen Kabi
sembled at Westminster" (1660): . . all nettsregierung: auch wenn der König seine
proceedings touching the lives, liberties and Minister als allein ihm gegenüber verant
estates of all free people of this Commonwe wortlich ansieht, müssen die Minister des
alth, shall be according to the laws of the Königs ihre Politik vor dem Parlament be
land, and that Parliament will not meddle gründen. Der „First Lord of the Treasury"/
with ordinary admlnistration, or the execu- „Premier Minister" muß in das Unterhaus,
tive part of the law: it being the principal kann aber als Regierungsmitglied mit Po
care of this . . . to provide for the freedom of stenvergabe und Patronage eine Gefolg
the people against the arbitrariness in go- schaft um sich scharen, die die Durchset
vemment." Nach der Restauration der Mo zung der Regierungspolitik sicherstellt.
narchie (1660) entsteht im Gefolge der un Diese Entwicklung ist nur durch die Besei
blutigen Glorious Revolution (1688) mit der tigung der strengen Inkompatibilitätsregel
aus der königlichen Declaration of Rights des Act of Settlement (1701) möglich gewor
hervorgegangenen und später vom Parla den, weil nun die Amtsträger der Krone in
ment zum Gesetz erhobenen Bill of Rights das Unterhaus wählbar sind (Succession to
1689 die konstitutionelle Monarchie: die the Crown Act, 1705). So können die Finan
imgebundene Einwirkung der traditionel zen eine erste Annäherung zwischen Exeku
len königlichen Prärogative auf Legislative. tive und Legislative erzeugen, die sich spä
Exekutive und Judikative durch Sus- ter zur „gegenseitigen Abhängigkeit durch
pensiv- und Dispensgewalt (Aufschub und Integration" (Loewenstein) entwickelt und
Aufhebung von Urteilen; Befreiung be auch für das kontinentale parlamentarische
stimmter Personen von Gesetzen etc.) wird Regierungssystem typisch wird. Obwohl die
mit Ausnahme des praeter legem stehenden Frage nach der Souveränität im Staat zwi
Gnadenrechts unter den Vorbehalt des Par schen Monarch und Parlament unentschie
laments gestellt. Damit steht endgültig das den bleibt, geht in England, anders als auf
Recht über der Krone: der König ist nun dem europäischen Kontinent, mit dem aus
nicht mehr nur hinsichtlich der Gesetzge der Glorreichen Revolution hervorgehen
bungsfunktion als „King in Parliamant" den G.teilungssystem der Ständestaat ohne
(seit 1534), sondern fast vollständig in den absolutistische Zwischenstufe unmittelbar
Staat eingedeutet. Aufgrund seiner organ- in eine konstitutionelle Monarchie über.
schaftlichen Stellung verwandelt sich seine
persönliche Herrschaftsgewalt allmählich 3. Die G.teilung als Doktrin:
in eine der konstitutionellen Bändigung zu
gängliche, versachlichte Staatsgewalt; die a. Die G.teilung als Garant der Freiheit des
Krone wird zunehmend auf die Regierungs Individuums.
funktion zurückgedrängt (König als Exeku
tivspitze), während dem zweigeteilten Par aa. Locke:
lament (Oberhaus: House of Lords/Unter Mit der Revolution von 1688 sind bereits die
haus: House of Commons) ein faktisches Hauptforderungen des Arztes und Philoso
Gesetzgebungsmonopol zuwächst, das sel phen J. Locke nach einer institutionell-per
ten und zum letztenmal 1707 durch das sonellen G.trennung der funktionell unter
suspensive königliche Veto beeinträchtigt schiedenen Exekutive und Legislative er
wird. Mit dem Act of Settlement (1701) wird füllt. In „Two Treatises of Govemment"
die Judikative als dritte Gewalt anerkannt: (anonym, London 1690) abstrahiert Locke

LdB61 Januar 1993


1/580 Gewaltenteilung
im holländischen Exil (1683—89) aus der hat zur Folge, daß im Rahmen der G.ver
vorrevolutionären englischen Verfassungs schränkung die Legislative auf den perso
lage das Idealbild einer vierfach funktionel- nellen Bestand der Exekutive und Föderati
ien G.Unterscheidung, die über eine zweifa ve einwirken kann, indem sie — mit der bei
che institutionell-personelle G.verteilung Locke nicht erwähnten, weil selbstver
nicht zu einer gleichordnenden, sondern ständlichen Ausnahme des Königs („the
hierarchischen G.verschränkung führt: Ex king can do no wrong" ,1701) — die entspre
ekutive, Föderative (Auswärtiges: Ent chenden Personen durch Ernennung und
scheidung über Krieg und Frieden, Verträge Entlassung in die politische Verantwortung
mit anderen Staaten etc.) und Prärogative oder durch die parlamentarische Staatsan
(bei Locke neben Notstandsbefugnissen für klage gegen Regierungsbeamte in die straf
gesetzlich nicht geregelte Fälle noch das rechtliche Verantwortung nimmt (impeach-
1689 beschränkte Dispensrecht umfassend) ment). Mit dieser Konstruktion der G.ver
werden dem König vorbehalten; das Legis schränkung nimmt Locke eine Verfassungs
lativorgan bleibt streng von diesen Funktio entwicklung (1782-—1832) vorweg, aus der
nen getrennt. Nach der anthropologischen die britische Sonderform des parlamentari
Sichtweise von Locke „it may be too great a schen Regierungstyps, die Kabinettsregie
temptation to human frailty, apt to grasp at rung hervorgeht. Locke will die Nomokratie
power, for the same persons who have the (rule of law) der Obhut des Parlaments an
power of making laws to have also on their vertrauen, indem die Fesselung der Staats
hands to execute them, whereby they may gewalt an das Recht durch die parlamenta
. . . suit the law, both in its making and rische Gesetzgebung (Statute law) erfolgen
execution to their own private advantage". soll. Eine solche Parlamentssouveränität
Im Naturzustand ist die Macht des Indivi konnte sich aber im englischen Rechtskreis
duums über andere begrenzt auf die Selbst nie gegenüber der Rechtsschöpfung durch
erhaltung der Freiheit, die von Locke, den die common law-Richter durchsetzen, denn
individualistischen Freiheitsbegriff des -» das Statute law wird stets im Geiste des
LiberalismtLS prägend, als „property" i. S. v. common law ausgelegt, es ist „hineinverwo-
„life, liberty and estate" beschrieben wird. ben in das einheitliche Gewebe des Common
Diese natürliche Machtgrenze bleibt im hi Law" {Radbruch). Ungeachtet dieses in der
storisch gedeuteten Gesellschaftsvertrag englischen Verfassungswirklichkeit stets
als limitierender Staatszweck erhalten: Die starken Beitrags der Judikative zur Nomo
Staatsgewalt ist auf den allseitigen Erhalt kratie enthält das G.teilungssystem von
und Genuß der Freiheit gerichtet und be Locke keine von der Exekutive organisato
grenzt (Idee der Menschenrechte als vor risch gesonderte rechtsprechende Gewalt.
staatliche, unantastbare u. unveräußerliche Für die „Execution of Law" fordert er ledig
Grundrechte). Dies steht im schroffen Wi lich „indifferent and upright judges". Wäh
derspruch zur unregelmäßigen und unbe rend „über allen Gewalten die Volkssouver
stimmten Ausübung der Willkürmacht des änität" steht (O. V. Gierke), löst Locke in
Absolutismus: der auf die Freiheit des Indi nerhalb des G.verschränkungssystems die
viduums ausgerichtete Staatszweck kann politische Frage nach der Organsouveräni-
nur durch geschriebene und öffentlich ver tät zugunsten des Königs: obwohl der König
kündete Gesetze erreicht werden; diese Ge nicht die Legislative als höchste Gewalt
setze müssen als bezweckte Selbstbe ausübt, kann ohne seine Zustimmimg kein
schränkung von Personen erlassen werden, Gesetz ergehen; ungeachtet der Bedeu
die vom Volk gewählt und ermächtigt sind. tungslosigkeit dieses Vetorechts in der eng
Die Legislative kann vom Volk jederzeit lischen Verfassungspraxis folgert Locke
abberufen werden, da die Gesetzgebung nur daraus, daß der König, der zudem als Spitze
„treuhänderisch" für das Volk ausgeübt der Exekutive über eine im Gegensatz zum
wird, bei dem die staatskonstituierende, periodisch tagenden Parlament ständige
höchste Gewalt verbleibt (Volkssouveräni Einrichtung verfügt, „is properly enough in
tät); inhaltlich auf das öffentliche Wohl i. S, this sense Supream".
der Erhaltung des „property" begrenzt, bb. Montesquieu
dürfen nur parlamentarische Gesetze die Im Gegensatz zur vierfachen G.unterschei-
Freiheit einschränken; darum bezeichnet dung bei Locke geht der Jurist Baron de la
Locke die Legislative als höchste Gewalt: Brede et de Montesquieu) von einer allge
alle übrigen Gewalten sind von ihr abgelei meinen Dreiheit aus („De Tesprit des lois",
tet und ihr untergeordnet. Diese Hierarchie Genf 1748): „II y a, dans chaque Etat, trois

LdRGl Januar 1993


Gewaltenteilung 1/580

sortes de pouvoirs: la puissance legislative, die Freiheit aber nicht durch tyrannische
la puissance executrice des choses qui de- Gesetze gefährdet wird, muß der Gesetzge
pendent du droit des gens (d. i. auswärtige ber daran gehindert werden, seine Gesetze
Gewalt) et la puissance ex6cutrice des cho entsprechend tyrannisch durchzuführen:
ses qui dependent du droit civil (d. i. „la die institutionell-personelle G.teilung zwi
puissance de juger": Straf- u, Ziviljustiz)." schen Legislative und Exekutive bildet da
Mit dieser nur im Ansatz systematisch mit den ersten Eckpfeiler der englischen
durchgeformten G.unterscheidung kommt Freiheit; den zweiten bildet die Trennung
Montesquieu dem modernen Bild einer Re der richterlichen (Zivil- und Straf-)GewaIt
gierung und Verwaltung umfassenden Ex von der Exekutive und Legislative: die Ju
ekutive etwas näher, wenn er an anderer dikative ist die bedrohlichste Macht, da sie
Stelle zur Exekutive nicht nur die mit der im Gegensatz zur Legislative und Exekuti
auswärtigen Gewalt benannte Regierungs ve, die den Gemeinwillen bilden und voll
funktion, sondern auch die Gesetzesausfüh ziehen, gegen die Einzelperson angewandt
rung zählt und von „exäcuter les rösolutions wird und diese durch Sonderbeschlüsse zu
publique" spricht. Wie für Locke ist für grunde richten kann. Abgesehen von parla
Montesquieu zentrales Anliegen die Bewah mentarischen Sondergerichten (z. B. Adels
rung der Freiheit durch eine Verfassungsor gericht) wird die Judikative nur Personen
ganisation, die Vorkehrungen gegen die zugewiesen, die nach einem gesetzlich fest
menschliche Neigung trifft, staatliche gelegten Verfahren aus dem ganzen Volk
Macht zu mißbrauchen. Freiheit bedeutet ausgewählt werden und so der unmittelba
hier trotz der Bezeichnung ,,liberte poli- ren Einwirkung durch die Exekutive und
tique" kein demokratisches Teilhaberecht, Legislative entzogen sind. Von den ordentli
sondern, in Annäherung an den bürgerlich chen Gerichten wiederum geht keine politi
liberalen Freiheitsbegriff, alles zu tun, was sche G.kontrolle aus: der Richter ist nur „la
die Gesetze gestatten. Nicht die Staatsform, bouche qui prononce les paroles de la loi", er
selbst wenn es sich um eine Aristokratie kann die Strenge des Gesetzes nicht mil
oder Demokratie handelt, kann nach Mon dern. Damit legt Montesquieu der G.teilung
tesquieu den freiheitsbedrohenden Macht eine fast absolute Trennung („Separation")
mißbrauch verhindern; dies gelingt nur mit der Judikative von Exekutive und Legislati
einer Regierungsform, die „gemäßigt" ist, ve zugrunde. Die Gerichte sind zudem nicht
weil „par la disposition des choses, ie pou- ständig eingerichtet und die ausgewählten
voir arrMe le pouvoir": wenn wie in den Richter müssen aus demselben Stand kom
Stadtrepubliken Italiens anstelle einer men wie der Angeklagte: die richterliche
G.teilung ein Machtmonopol besteht, Macht ist politisch aus sich selbst heraus
kommt eine „despotische" Herrschaft zum neutralisiert. Montesquieu kann daher im
Vorschein, die weniger Freiheit zuläßt, als Hinblick auf den politischen Machtkampf
in den meisten Königreichen Europas vor die Judikative als „invisible et nulle" bzw.
handen ist; in diesen Staaten regieren die „en quelque fagon, nulle" kennzeichnen und
Monarchen „maßvoll", da sie die Ausübung die machtbalancierende und -hemmende
der dritten Gewalt (Judikative) den Unter G.verschränkung dem Verhältnis von Ex
tanen überlassen. Allerdings besitzt nach ekutive und Legislative vorbehalten. Hier
Montesquieu nur die englische Monarchie spricht sich Montesquieu resolut gegen jeg
eine Verfassung, die die Freiheit zum direk liche hemmende Einwirkung („facult# d'ar-
ten Ziel hat: nur dort stößt man auf eine reter") der Legislative auf die Exekutive
dreifache G.verteilung („les trois pouvoirs aus: das gesetzgebende Parlament ist ein
. . . sont distribuös"), die das Fundament für Ort der Diskussion, wohingegen die Exeku
das in England theoretisch mögliche tive als Regierung mit „choses momenta-
Höchstmaß an Freiheit bildet. Das G.tei- näes" konfrontiert wird; dies erfordert das
lungssystem von Montesquieu orientiert unverzügliche Handeln einer einzelnen Per
sich dabei an den Leitgedanken der engli son in Gestalt des Monarchen. Der Legisla
schen Verfassung, ohne eine exakte Wieder tive wird eine funktioneile Einwirkung le
gabe der Verfassungswirklichkeit zu beab diglich als Aufsicht über die Gesetzes
sichtigen. Für Montesquieu unterscheiden durchführung gestattet, indem eine be
sich die maßvoll regierten Länder von Des schränkte personelle Einwirkung auf die
potismus dadurch, daß dort nach positiven Exekutive durch eine parlamentarische
Gesetzen und nicht nach der gesetzlosen Staatsanklage gegen die beratenden Mini
Willkür eines Menschen regiert wird. Damit ster des Königs möglich ist. Ansonsten muß

LdRfil Januar 1993


1/580
Gewaltenteilung

zwischen Legislative und Exekutive eine allein der notwendige Fortgang des Staats
strenge personelle G.trennung bestehen; im lebens die G.träger zum Zusammenwirken
Gegensatz zur Konzeption bei Locke, ist im zwingt: „eUes sont contraintes d'aller, eile
Rahmen der G.verschränkung die Heraus seront forcees d'aller de concert". Im Ge
bildung einer parlamentarischen Regie gensatz zur heutigen Reduzierung der G.tei
rungsform scheinbar unmöglich, denn Mon lung auf eine rechtliche Kompetenzvertei
tesquieu spricht von einer freiheitsbedro- lung innerhalb der staatlichen Sphäre dient
henden G.vereinigung: „Que s'il n'y avait sie Montesquieu auch als politisches Vertei-
point de monarque, et que la puissance lungspriuzip, das die konkurrierenden
exöcutrice füt confi4e ä un certain nombre Kraftzentren der damaligen Gesellschaft in
de personnes tiröes du corps lögislatif, il n' y eine ausgeglichene Teilhabe an der staatli
aurait plus de liberte; parce que les deux chen Macht einbinden soll: die Exekutive ist
puissances seraient unies". Die sich an die monarchisch ausgerichtet und die Legisla
sem Ausspruch noch heute orientierende tive wird Volk und Adel gleichberechtigt
Charakterisierung der parlamentarischen zugewiesen. Im Vordergrund steht aber we
Regierung als „Durchbrechung" der G.tei- niger die politische Stabilität des Staates
lung erweist sich als ungenau; zutreffend ist durch eine Mischverfassung, als die Bewah
sie nur bei demjenigen Typus der parlamen rung der individuellen Freiheit vor der
tarischen Regierungsform, der die Regie G.vereinigung von Exekutive, Legislative
rung mangels Befugnis zur Parlamentsauf und Judikative. Im Gegensatz zu Locke fin
lösung oder Herbeiführung eines Volksent det die politisch brisante Frage der Volks
scheides etc. dem Parlament völlig unter souveränität im G.teilungssystem des von
ordnet und die Regierung zum „Parla der Zensur bedrohten Montesquieu keine
mentsausschuß" verkümmern läßt („unech Erörterung. Kultun-elativistisch geleitet
ter" Parlamentarismus i. S. Redslob). Zwei vom individuell ausgeprägten Gemeingeist
felhaft ist die Charakterisierung dort, wo der Völker, bezeichnet er für sein eigenes
die Regierung dem Parlament übergeordnet Heimatland Frankreich nicht die englische
ist (vgl. englische Kabinettsregierung) oder G.teilung als Heilmittel gegen den Absolu
wo innerhalb einer dualistischen Gleich tismus, sondern die konstitutionelle Stär
ordnung die Parlamentsauflösung durch die kung der geschwächten adligen, geistlichen
Regierung und das parlamentarische Miß und städtischen Zwischengewalten („pou-
trauensvotum wie „Kolben und Zylinder voirs intermädiaires"). Der Name Montes-
einer Maschine" (K. Loewenstein) ineinan quieus, meist nur mit seinem berühmten
dergreifen können. Bleibt nach Montes Englandkapitel verknüpft, hat die G.tei
quieu die Legislative von der Ausübung der lung zwar nicht erfunden, aber seine For
Exekutivfunktion ausgeschlossen, besitzt mulierungen sind Doktrin geworden: eben
umgekehrt die monarchische Exekutivspit so wie die Ausführungen Lackes stellen sie
ze zur Wahrung ihrer Prärogative ein be eine „Abstraktion aus dem Vergangenen,
schränktes, d. h. negatives Teilhaberecht an ein Ideal für seine Epoche und zugleich ein
der Gesetzgebung in Form eines absoluten Programm für die Zukunft" (L. v. Ranke)
Vetos („facult^ d'empecher"). Zwischen der dar.
vom Volk gewählten Legislative und dem
regierenden Monarchen muß eine Balance b. Die G.teilung als Feind der Freiheit des
durch eine dritte Kraft angestrebt werden. Volkes: Rousseau
Dies geschieht durch eine „Gewalt-Tei
lung" {Wolff/Bachof) der Legislative, die In der Lehre der unmittelbaren Demokratie
neben die Volkskörperschaft eine auf erbli von J. J. Rousseau (Du contrat social; ou
cher Mitgliedschaft beruhende Adelskör principes du droit politique, Amsterdam
perschaft treten läßt; letztere nimmt teils 1762) erwächst der G.teilung ein neuer dog
negativ (Veto, wenn eigene Sonderrechte matischer Gegner: Rousseau „stellt sich auf
betroffen), teils positiv („facultee de statu- die Schultern der von Hobbes inaugurierten
er") an der Gesetzgebung teil. Kommt es absoluten Doktrin" (O. v. Gierke) und er
durch die gegenseitige Hemmung der G.trä- setzt den Monarchen durch den zweiten
ger zum Stillstand des Staatslebens? Die „Anwärter des Absolutismus" (Radbruch):
sem später noch häufig gegen die G.teilung die Majorität des Volkes. Der dem Gesetz
vorgebrachten Einwand einer Zersplitte unterworfene Untertan („sujet") und der an
rung der politischen Einheit begegnet Mon der Souveränität teilhabende Einzelne sind
tesquieu mit dem schlichten Hinweis, daß nach Rousseau identisch, vereinigt im Be-

LdR 61 Januar 1993


Gewaltenteilung 1/580

griff des „citoyen". Dieses Identitätsver whom Heaven has favoured with an oppor-
ständnis widerstrebt der nach Kompeten tunity of deliberating upon, and choosing
zen gegliederten Ausübung der Staatsge the forms of govemment under which they
walt durch besondere Staatsorgane, die das should live. All other constitutions have
Volk als einziges Staatsorgan des Gemein derived their existence from violence or
willens verdrängen. Die G.teilung wird auf accidental circumstances, and therefore
der abstrakten Ebene der Dogmatik strikt probably more distant from their perfec-
abgelehnt: sie verträgt sich nicht mit der tion" (J. Jay, 1776). Die aus den Kolonien
Unteilbarkeit der Volkssouveränität. Aber entstehenden Staaten geben sich geschrie
auch Rousseau leugnet nicht Gefahren und bene —* Verfassungen: sie enthalten eine
Schwierigkeiten eines demokratischen Ab dem Wortlaut nach zur absoluten Trennung
solutismus: „II n' est pas bon que celui qui neigende G.teilung, die ausdrücklich in den
fait des lois les exöcute, ni que le corps du Dienst des nomokratischen Ziels gestellt
peuple d^toume son attention des vues g6- wird: „In the govemment of this Common
närales pour la donner aux objekts particu- wealth the legislative department shall ne-
liers." So kommt Rousseau auf der konkre ver exercise the executive and judicial pow-
ten Ebene der Organisation nicht umhin, ers or either of them; the executive shall
eine absolut gedachte Trennung zwischen never exercise the legislative and judicial
dem gesetzgebenden Volk und einer Exeku powers or either of them; the judicial shall
tive vorzunehmen, die als Moment der Kraft never exercise the legislative and executive
den vom Volk geäußerten Willen in eine powers or either of them; to the end it may
Staatshandlung umsetzt. Die Regierung ist be a govemment of laws and not of men."
nur „le Corps intermödiaire ^tabli entre les (Part the first, Art. 30, Constitution of Mas
sujets et le Souveraine pour leur mutuelle sachusetts, 1780 March 2). Aus der ur
correspondance" und hat den Auftrag, die sprünglich nur mit der Verfassungsrevision
Gesetze im Namen des Volkes durchzufüh der Konföderation beauftragten Philadel
ren und die Freiheit zu erhalten. Die Regie phia Convention (1787) geht unter der Füh
rung steht in einem ständigen Abhängig rung von G. Washington, J. Madison, A.
keitsverhältnis zum Volk: „les döpositaires Hamilton und B. Franklin die bundesstaat
de la puissance ex6cutive ne sont point les liche Constitution of the United States
maitres du peuple mais ses officiers, qu'il (1787) hervor. In den Beratungen dieser
peut les ätablir et les destituer quand il lui „Verfassungsrevolution" erweist sich neben
plait." Die Regierung verkümmert in der dem geistigen Einfluß von Locke und W.
Perspektive Rousseaus zu einem Arbeits Blackstone (Commentaries on the Laws of
ausschuß des Volkes „ohne eigene politische England, 1765—69) Montesquieu in der
Existenz" (W. Kägi). Frage der G.teilung als spürbare Leitfigur.
Die Bundesverfassung unterscheidet drei
Staatstätigkeiten und weist dem Kongreß
II. Vereinigte Staaten von Amerika — Das (zwei Kammern: Repräsentantenhaus/Se
erste republikanische Modell der G.tei nat) die „legislative powers" (Art. I), einem
lung Präsidenten die „executive power" (Art. II)
und den Gerichten die „judicial power"
In England hat der Gedanke der G.teilung (Art. III) zu. Durch eine stark betonte Tren
im unmittelbaren Kampf gegen die absolu nung zwischen Exekutive und Legislative
tistischen Gelüste der Krone nur langsam entsteht eine präsidiale Regierungsform,
und etappenweise seine verfassungsrechtli die durch eine wechselseitige Unabhängig
che Gestalt gewinnen können; in den ent keit von Präsident und Kongreß gekenn
fernten englischen Kolonien Nordamerikas zeichnet ist: es fehlt die personelle G.ver-
dagegen kann die sich zwischen dem könig schränkung des parlamentarischen Regie
lichen Gouverneur und der kolonialen Le rungstyps, in dem Auflösungsbefugnis bzw.
gislativversammlung abzeichnende Tren Mißtrauensvotum eine weitreichende ge
nung von Exekutive und Legislative von genseitige Einwirkung ermöglichen und die
Anfang an deutlichere Konturen gewinnen die Regierung als dem Parlament gegenüber
als im Mutterland. Mit der im englisch verantwortlich erscheinen läßt. Der Präsi
amerikanischen Bürgerkrieg (1775—83) er dent dagegen ist dem Kongreß politisch
folgten Unabhängigkeitserklärung (1776) nicht verantwortlich; nur auf Grund straf
erfüllt sich ein Traum des Konstitutionalis rechtlicher Verantwortung (Landesverrat
mus: „The Americans are the first people etc.) kann er vom Kongreß seines Amtes ent-

LdR61 Januar 1993


1/580 Gewaltenteilung

hoben werden {impeachment). Die Tren verweigerte. Die berühmte Begründung des
nung zwischen Exekutive und Legislative Chief Justice J. Marshall ist geradezu ein
spiegelt sich auch im Unterschied der Wahl Brennspiegel des englischen Rechtsden
körper wider: jedes der obersten Staatsor kens, das die antike Leitidee der Gesetzes
gane erhält eine eigenständige Legitima herrschaft mit dem Satz, niemand könne
tionsgrundlage (Präsident: Wahlmänner Richter in eigener Sache sein, verbindet und
kollegium/Repräsentantenhaus : Gesamt daraus das Urprinzip der G.teilung hervor
volk; Senat: Legislativorgane der Bundes gehen läßt: Nach Marshall ist das „govem-
staaten, seit 1913 Volk der Bundesstaaten). ment of laws, and not of men" verloren,
Eine strikte Inkompatibilität verschärft die wenn die Gesetze kein Mittel gegen die
Trennungslinie zwischen Exekutive und Rechtsverletzungen bereitstellen; durch die
Legislative: Staatsamt und Parlamentssitz schriftliche Verfassung „the powers of the
sind unvereinbar (Art. 1 sec. 6). Jedoch ste legislature are defined and limited." Diese
hen beide Säulen des Staates nicht völlig verfassungsrechtliche Begrenzung der
isoliert nebeneinander. J. Madison, ein glü Herrschaft der Legislative würde aber weg
hender Verehrer Montesquieus, stellt klar, fallen, „if these limits may . .. be passed by
daß „Montesquieus Theorie" keine absolute those intended to be restrained". Daher ist
Trennung von isolierten Gewalten bedeutet, es die „Pflicht" der Judikative auszuspre
sondern, „that where the whole power of chen, welche von zwei sich widersprechen
another department is exercised by the same den Normen gültig ist. Schon vor dieser
hands which possess the whole power of Entscheidung hat der Jurist und Justizmini
another department, the fundamental prin- ster North Carolinas J. Iredell diesen Weg
ciples of a free constitution are subverted" geebnet (1786): die Verfassung als „funda
(Föderalist No. 47). Nach J. Madison ist die mental law" ist nicht von der Legislative
„Separation of powers" durch die innere abänderbar und im Falle des Widerspruchs
Struktur des Regierungssystems so gestal eines neuen Gesetzes mit der Verfassung sei
tet, daß dessen konstitutionellen Elemente es null und nichtig. Die Richter würden
in ihrer wechselseitigen Beziehungen selbst ohne rechtliche Vollmacht handeln, wenn
zum Mittel werden, den jeweils anderen Teil sie einem solchen Gesetz Geltung verschaf
in seine Schranken zu verweisen (Fed. No. fen. Indem die amerikanische Judikative
51). Nach dem Wegfall der Krone wird im sich unter Berufung auf die Verfassung zum
republikanischen Regierungswesen die Le kontrollierenden und hemmenden Hüter
gislative als die dominante Kraft angese der Verfassung kürt, wächst sie neben Exe
hen. Darum kann man Madison zufolge kutive und Legislative endgültig zum drit
nicht jeder der drei Gewalten gleich viel ten politischen Machtfaktor empor.
Macht zur Selbstverteidigung geben (Fed.
No. 51). Eine die Balance zwischen Legisla
tive und Exekutive anstrebende Reduzie III. Frankreich — der kontinentaleuropäi
rung der parlamentarischen Übermacht er sche Prototyp einer auf Volkssouve
folgt zunächst durch die „Gewalt-Teilung" ränität und G.teilung beruhenden kon
des Parlaments in zwei Kammern. Bedeu stitutionellen Monarchie
tend ist die einseitige funktionelle G.ver-
schränkung, die dem Präsidenten ein sus- Ohne eine konkrete Formgestaltung der
pensives Vetorecht gegenüber den Geset G.teilung zu beschreiben, erhebt die franzö
zen des Kongresses einräumt: da das Veto sische „Erklärung der Menschen- und Bür
nur durch eine nicht leicht zu erreichende gerrechte" (1789) das Prinzip der G.teilung
Zweidrittelmehrheit beider Häuser zu zum konstitutionellen Fundamentalsatz:
überwinden ist, kann der häufige Gebrauch „Toute sociötä dans laquelle la garantie des
des Vetos dem Präsidenten einen erhebli droits n'est pas assurec, ni la Separation des
chen Einfluß auf die Gesetzgebungsfunk pouvoirs däterminee n'a point de constitu
tion des Parlaments zuwachsen lassen. Ob tion" (Art. 16). Abbe E. J. Sieyes, in der
wohl in der Verfassung nicht ausdrücklich Nationalversammlung Abgeordneter des
vorgesehen, entsteht von der Seite der Judi- Dritten Standes, spricht in seinen politi
kative her eine weitere Machtbegrenzung schen Reden und Schriften dem Volk die
der Legislative, nachdem der Supreme Verfassungsgebende Gewalt („pouvoir con-
Court erstmals im Fall Marbury v. Madison stituant") als höchste und unteilbare Ge
1 Cr. 137 (1803) einem als verfassungswidrig walt zu (erste Ebene); aus diesem Willen der
erkannten Bundesgesetz die Anwendung „Nation", die als Synonym für das Volk in

10 LdRSl Januarl993
Gewaltenteilung 1/580

seiner transzendenten Eigenschaft als ein Fürsten und freien Städte" sieht Art. 13 der
heitliche, politisch-kulturelle Wertgemein Wiener Bundesakte (1815) eine landständi
schaft steht, gehen die von der Verfassung sche Verfassung vor. Dies bedeutet in der
gegebenen Gewalten („pouvoirs constitu- authentischen Interpretation des Art. 57
es") hervor (zweite Ebene). Innerhalb des der Wiener Schlußakte (1827) die Institutio
alle Gewalten umfassenden „Etablissement nalisierung des Monarchen als alleinigem
public" ist nun eine G.teilung möglich, wel Träger der Staatsgewalt (monarchisches
che die als Souveränität gedeutete verfas- Prinzip): es „muß ... die gesamte Staats-Ge
sungsgebende Gewalt unberührt läßt: .. walt" in dem Oberhaupte des Staates ver
unitE toutc seule est despotisme, division einigt bleiben, und der Souverain kann
tout seule cst anarchie, division avec unitE durch eine landständische Verfassung nur
donne la garantie sociale." Analog zum in Ausübung bestimmter Rechte an die Mit
Wollen und Handeln muß dann auf dieser wirkung gebunden werden". Die während
zweiten Ebene eine Trennung zwischen der monarchischen Restauration von den
„vollziehender" u. „gesetzgebender" Ge Fürsten nach dem Vorbild der französi
walt vorgenommen werden. So kann die schen Chartre constitutionelle (1814) ok
erste aus der Revolution hervorgehende troyierten bzw. die mit den Ständen pak
monarchische Verfassung vom 3. Sept. 1791 tierten (z. B. Württembergische Verfassung
an der unteilbaren und unveräußerlichen 1819) landständischen Verfassungen grei
Volkssouveränität festhalten (Titre III, Ar- fen die vorgefundene reale G.teilung zwi
1.1: „La souverainite est une, indivisible, schen Ständen und Fürsten nicht als Rechts
inaliEnable et imprescriptible; eile appar- prinzip auf: die Zustimmung der Stände
tient ä la Nation: aucune section du peuple wird nach damaliger Auffassung nicht als
ni aucun individu ne peut s'en attribuer „Gewaltteilhabe verstanden, da sie keine
l'exercice.") und zugleich eine G.teilung Mitregierung darstelle" (H. Boldt). Die Ge
vornehmen (III/Art. III—V), soweit es sich setze werden „nicht durch das Parlament",
um die Ausübung der „delegierten" Staats sondern „nur nicht ohne das Parlament"
gewalt geht (in/Art. II 1: „La Nation, de qui erlassen {R. Herzog). In Deutschland ist es
seule Emanent tous les pouvoirs, ne peut les der Kampf um den sog. demokratischen
exercer que par dElEgation"). Der Monarch Gesetzesbegriff, mit dem die königliche
wird auf die Exekutivfunktion (Regierung/ Macht auf die Exekutive beschränkt wer
Verwaltung) zurückgedrängt, aber gewal den soll: es wird versucht, neben der Steuer
tenverschränkend mit einem suspensiven bewilligung den allgemeinen Gesetzesvor
Veto ausgestattet. In diesem französischen behalt über den Bereich des Eingriffs in die
Prototyp einer auf Volkssouveränität und „Freiheit der Person und die Gebahrung mit
G.teilung beruhenden konstitutionellen dem Eigenthume" (§ 27 Verf. Sachsen 1831)
Monarchie tritt das Parlament dem Monar hinaus auf andere Gegenstände auszudeh
chen als zweiter gleichberechtigter Reprä nen. Der G.teilung steht die deutsche
sentant der „Nation" gegenüber: „La con- Staatsrechtslehre überwiegend ablehnend
stitution frangaise est reprEsentative; les re- gegenüber, wenn auch zumindest die „reale
presentants sont le Corps lEgislatif et le Vemünftigkeit" (G. F. Hegel, 1821) der
Roi." (Iii/Art. II 2). Die Konstitution hat G.Unterscheidung anerkannt wird; ohne die
über den Absolutismus des Ancien rEgime einheitsbewahrende Wirkung der G.ver-
gesiegt, auch wenn am Ende der Revolution schränkung zu berücksichtigen, die durch
mit dem Staatsstreich Napoleons (1799) der das System gegenseitiger Einwirkung ne
Absolutismus des Empire (1804) die G.tei ben dem hemmenden Gegeneinander die
lung erneut aus der politischen Wirklichkeit Alternative eines einheitlichen Miteinander
verbannen wird. der Staatsorgane eröffnet, deutet die
Rechtslehre z. T. die Idee der G.teilung im
rv. Deutschland — Die verspätete Rezep Sinne absolut getrennter, d. h. völlig von
tion der G.teilung einander unabhängiger Gewalten: danach
1. Die deutschen konstitutionellen Mon
bewirkt die G.teilung in den Augen vieler
archien: Dominanz des monarchischen eine „Theilung der Souveränität" (J. Held,
Prinzips 1856) bzw. „Zersplitterung der Staatsge
walt in drei voneinander getrermt und un
Für die nach dem Ende des Reiches (1806) abhängige Gewalten", die den „Organismus
im Deutschen Bund nur noch völkerrecht des Staates, die Einheit in die Vielfalt"
lich verbundenen „deutschen souveränen auflöst, zur „Anarchie und Zerrüttung" (R.

LdB61 Januarl993 11
1/580 Gewaltenteüung

V. Mohl, 1855) und am Ende zur „Zertrüm monarchischen Zuständigkeit ausgefüllt


merung des Staates" {Hegel) führt: Die „po wird (anders Anschütz, der das Fehlen einer
litische" Souveränität im Staat (G. Jelli- Rechtsfrage annimmt: „Das Staatsrecht
nek), die nach dem die politische Einheit hört hier auf").
widerspiegelnden höchsten Organ fragt
(„Organsouveränität" der Volksvertretung 2. Die Verfassung des Deutschen Reichs:
oder des Königs), wird nicht von der inneren die versäumte parlamentarische Monar
Souveränität des Staates („Staatssouve chie.
ränität") unterschieden, die die Staatsge
walt als höchste Herrschaft im Staatsgebiet In der —» Bismarckschen Reichsverfassung
ausweist. Der sich nach der gescheiterten (1871) werden die drei, die Gründung des
Revolution von 1848 herausbildende deut Bundesstaates bewirkenden, „realen politi
sche Typus der konstitutionellen Monarchie schen Machtfaktoren" zu einer „Trias der
enthält dennoch erste normative Ansätze zu Organe" geformt (Anschütz): Bundesrat
einer G.teilung: in der vom König als Ver (Regierungen der Länder), Kaisertum
fassungsgeber „oktroyierten" preußischen (preußischer König) und Reichstag (deut
Verfassung (1848/50) wird „die gesetzge sches Volk); es entsteht dadurch aber keine
bende Gewalt gemeinschaftlich durch den „freiheitliche" (i. S. Esmein), bürgerlich-
König und durch zwei Kammern ausgeübt" rechtsstaatliche Verfassung; wie auch das
(Art. 62) und „die richterliche Gewalt . . . Fehlen eines Grundrechtskatalogs zeigt, hat
durch unabhängige . . . Gerichte" (Art. 86). die Verfassung nicht wie die englische Ver
Dennoch macht es das Festhalten des deut fassung in der Sicht Montesquieus die poli
schen Konstitutionalismus am „gewalten tische Freiheit des Staatsbürgers zum un
vereinigenden monarchischen Prinzip" (Ä. mittelbaren Gegenstand und Zweck, son
Thoma) unmöglich, eine echte G.teilung zu dern die Machtteilimg zwischen Reich und
verwirklichen. Nach dem monarchischen Länder (Lehre der Doppelsouveränität von
Prinzip wird die staatliche Macht des Kö Reich und Gliedstaat). Das Verhältnis zwi
nigs nicht durch die Verfassung zugeteilt. schen Staat und Bürger wird weitgehend
Die Verfassungsgebung ist keine Neuord den Verfassungen der Gliedstaaten überlas
nung der Staatsgewalt; die monarchische G. sen: im Mittelpunkt steht daher nicht die
gilt als unbegrenzt, solange sich der König horizontale, sondern die einheitsbewahren-
nicht durch die Verfassung partiell in kon de vertikale G.teilung, verkörpert durch die
kreten Punkten selbst beschränkt hat exekutive „Dyarchie" (J?. Thoma) zwischen
(„Scheinkonstitutionalismus", F. Lasalle, Bundesrat und Kaiser bzw. die verschrän
1862); die formale Suprematie des (Verfas- kende „Gewalt-Teilung" der Legislative
sungs-)Rechts über die Krone bleibt so in zwischen Bundesrat und Reichstag; die da
ihrer materiellen Reichweite lückenhaft: mals herrschende Staatslehre ordnet daher
diese unechte G.teilung umfaßt nicht die zu Recht die Verfassung von 1871 nicht dem
gesamte Staatsgewalt, sondern läßt Sach gewaltenteilenden Typus zu. Der deutschen
bereiche offen, in denen ein einzelner konstitutionellen Monarchie bleibt bis zur
Machtträger, ungehindert von den anderen, Verfassungsänderung vom 28. 10. 1918,
über die gesamte Staatsgewalt verfügen kurz vor der Ausrufung der Republik (9. 11.
kann, ohne die Verfassung zu verletzen. Die 1918), der Weg zur parlamentarischen Mo
umfassende Machtfülle der Staatsgewalt narchie versperrt, in der der Monarch voll
fällt damit ungeteilt der souverän gebliebe ständig in die G.teilung einbezogen ist; all
nen Krone zu, wenn es in Einzelfällen zu gemein wird in der parlamentarischen Mo
einem Konflikt zwischen nicht kompromiß narchie {F. J. Stahl, 1849: „liberaler Konsti
bereiten Machtträgern kommt: die G.träger tutionalismus") die Dominanz des monar
sind nicht durch den notwendigen Fortgang chischen Prinzips zugunsten des demokra
des Staatslebens „forcees d'aller de con- tischen Prinzips zurückgedrängt: Der „par
cert" (i. S. Montesquieu); dies wird deutlich lamentarische König kann sich nicht, wenn
im preußischen Verfassungskonflikt sein Parlament zu funktionieren versagt,
(1862—66) um die Heeresform: trotz der auf seine Staatsgewalt zurückziehen" {M. v.
Budgetverweigerung des Landtags gilt die Seydel, 1887), er ist nur noch ein „organisa
budgetlose Regierung als nicht verfassungs torisches Element der G.balancierung" (C.
widrig, indem das Vorliegen einer Verfas Schmitt); dem Parlament gegenüber nicht
sungslücke behauptet wird {Bismarck), die verantwortlich, bildet er als „chef d'Etat",
durch die Vermutung der unbegrenzten neben den von ihm ernannten und dem

12 LdR 61 Januar 1993


Gewaltenteilung 1/580

Parlament politisch verantwortlichen Mini ten), sondern zwischen zwei Organen aufge
stem (Kabinett), Teil der Exekutive: der teilt wird: der Reichsregierung und dem
König soll dabei, wie der Vater des französi Reichspräsidenten. Der Reichspräsident,
schen Liberalismus, der Schriftsteller und „das seltsamste politische Lebewesen,
Politiker B. Constant de Rebecque sagt, „au das die deutsche Erde je betreten hat" (L.
milleu de de ces trois pouvoirs (L^gislatif, Wittmayer, 1923), soll — legitimiert durch
ex6cuti£, judiciaire) autorit6 neutre et inter- die Volkswahl — der Allmacht des Parla
mödiaire" sein (Cours de politique constitu- ments gegenübergestellt werden und so ei
tionelle, 1816 ff.). Die königliche Macht (po- nen gewaltenhemmenden Dualismus zwi
testas) soll sich so zu überparteilichen Auto schen „einander wesentlich ebenbürtigen
rität (auctoritas) entwickeln können, die höchsten Staatsorganen" (H. Preuß, 1919)
sich dann als ausgleichendes Element der entstehen lassen; während der Reichspräsi
G.balance darstellt: „Le roi regne, les mini- dent mit der Auflösung des Reichstages
stres gouvement" {Thiers, 1829: dieser ide (Art. 25) über eine scharfe Waffe verfügt,
altypische Zustand findet eine historische erweist sich die Absetzung des Reichspräsi
Annäherung im Verfassungsleben unter der denten durch Volksabstimmung auf Antrag
französischen Verfassung des „Bürgerkö des Reichstages (Art. 43 II) in der Staatspra
nigtums" von 1830 bzw. der belgischen Ver xis nicht als gleichwertiges Gegenstück.
fassung von 1831), Der schwelende Dualis Zwischen Reichspräsidenten und Reichstag
mus zwischen Volk und Monarch wird aller bildet die Reichsregierung (Reichskanzler/
dings durch den dogmatischen Formelkom Reichsminister) eine „Brücke, die auf bei
promiß einer „Souveränität der Verfas den Ufern aufliegt" (W Apelt): die Reichs
sung" nur unzureichend überdeckt. regierung ist sowohl vom Reichstag abhän
gig (Mißtrauensvotum, Art, 54) als auch
3. Weimarer Republik: Die Labilität einer vom Reichspräsidenten, der unabhängig
hypertrophen G.balance. von einem parlamentarischen Mißtrauens
votum die Reichsregierung entlassen kann
Eine echte G.teilung in Deutschland findet (Art. 53). Nach einer verbreiteten Theorie
sich endlich in der, erstmalig auf der verfas- soll der Reichspräsident als „republikani-
sungsgebenden Gewalt des deutschen Vol sicrter Monarch der parlamentarischen
kes beruhenden —» Weimarer Verfassung Monarchie" (C. Schmitt) eine vermittelnde,
von 1919 (Gr. 5/850): präsidiale und parla überparteiliche Gewalt (pouvoir neutre)
mentarische Regierungsformen mischend, darstellen. Jedoch gibt die Kumulation von
integriert die WRV neben Reichspräsiden Volkswahllegitimation, Befugnis zur Parla
ten, Reichstag, Reichsregierung und Reichs mentsauflösung und Ernennung des Reichs
rat das Volk (i. S. Aktivbürgerschaft) als kanzlers dem Reichspräsidenten bereits ei
zusätzlichen mit dem Parlament konkur- ne derartige Rechtsmacht an die Hand, daß
rienden (str.) G.träger (außerordentliche es nur noch von seinem politischen Selbst
Gesetzgebung durch Volksentscheid); es verständnis abhängt, ob er die Führung des
kommt hinzu, daß sich die Judikative selb Reiches übernimmt. Unter der Regierung
ständig zu einem in Deutschland neuen po Brüning (1930—32) zeigt sich die Anfällig
litischen Machtfaktor der G.balance ent keit der G.balance gegenüber Parteien, die
wickelt: nachdem sich die Reichsgerichte im Staat nur ein Instrument ihres Kampfes
(seit 1925: RGZ Iii, 320) für befugt halten, um die Vormacht sehen: durch den radikali-
inzidenter die Verfassungsmäßigkeit von sierten Antagonismus der großen Weltan
Gesetzen zu prüfen, können sie als selbster schauungsparteien (KPD/NSDAP) ist die
nannte „Hüter der Verfassung" im gewissen Bildung einer positiven Parlamentsmehr
Umfang eine gewaltenhemmende Kontrolle heit zum Erlaß der notwendigen Gesetze
über die Legislative ausüben. Insgesamt ebensowenig möglich, wie die negative
entsteht ein von klassischen Mustern ab Mehrheit eines Mißtrauensvotums: das Par
weichendes, labyrinthisches System der lament ist gelähmt. Das Minderheitenkabi
G.verteilung und -verschränkung, das E. nett des Kanzlers Brüning gerät in die Ab
Vermeil 1923 treffend als „lourd et embar- hängigkeit des Reichspräsidenten: dessen
ass6" bezeichnet. Die Verfassung wird da kommissarische, „reichsverfassungsmäßige
durch geprägt, daß die gesamte Exekutive Diktatur" {H. Preuß) muß in Gestalt des
nicht bei einer Person konzentriert wird gesetzesvertretenden Notverordnungs
(wie z. B. beim amerikanischen Präsiden rechts (Art. 48) die ausgefallene Legislativ-

LdR6! Januarl993 13
1/580 Gewaltenteilung

funktion wahrnehmen. Spätestens mit der Literatur


Entlassung Brünings durch Hindenburg
(1932) und der Einsetzung des Kabinetts v. G. Casper An Essay in Separation of Powers:
Papen geht die unter Brüning bestehende Some Early Versions and Practices, William and
„parlamentarisch tolerierte Präsidialregie Mary Law Review 30 (1989), 211 ff.; H. Fenske
rung" in eine „reine Präsidialregierung" Gewaltenteilung, in: O. Brunner/W. Conze/R. Ko
über {K. D. Erdmann). Der „präsidiale Exe selleck (Hrsg.). Geschichtliche Grundbegriffe (Hi
storisches Lexikon zur politisch-sozialen Spra
kutivstaat" (G. Dahm) mit seinem perma che in Deutschland). Bd. 2, 1975, S. 923 ff.; E.
nenten Ausnahmezustand kann schließlich Forsthoff Gewaltenteiiung, in: R. Herzog/H.
mit der legalen Selbstentmachtung des Par Kunst/K. Schlaich/W Schneemelcher (Hrsg.),
laments beinahe nahtlos in den Beginn der Evangelisches Staatslexikon, 3. Aufl. 1987, Bd. I,
gewaltenmonistischen Diktatur Hitlers Sp. 1126 ff.; W. Hasbach Gewaltentrennung, Ge
übergeführt werden: am 23. 3.1933 wird die waltenteilung und gemischte Staatsform, Viertel
Reichsregierung durch Gesetz ermächtigt, jahresschrift f. Sozial- u. Wirtschaftsgeschichte
xm (1916), 562 ff.; E. R. Huber Die Einheit der
Reichsgesetze (auch mit verfassungsän-
Staatsgewalt, DJZ 1934, 950 ff.; M. Imboden
demden Inhalt) zu erlassen; die Präsidial
Montesquieu und die Lehre der Gewaltentren
diktatur wird durch eine anfangs nur tem nung, 1959; G. Jellinek Allgemeine Staatslehre,
porär gedachte Regierungsdiktatur ausge 3. Aufl. 1913, 3. Buch, 14. Kap. (HI/l); 18. Kap.;
wechselt. Im nationalsozialistischen Staat W. Kägi Zur Entstehung, Wandlung und Proble
—* Nationalsozialistisches Recht) sinkt die matik des Gewaltenteilungsprinzipes, 1937; M.
G.teilung zu einer bloßen organisatorischen Joly Ein Streit in der Hölle (Gespräche zwischen
Einteilung der hierarchischen Kompetenz Machiavelli und Montesquieu über Macht und
pyramide herab, an deren Spitze der Füh Recht), dt. 1990/91 (Brüssel 1864); E. Klimowsky
Die englische Gewaltenteilungslehre bis zu Mon
rerwille steht, der in Abgrenzung zum ita tesquieu, 1927; K. Kluxen Die Herkunft der Lehre
lienischen Fascismo nicht als vierte Gewalt, von der Gewaltentrennung, Festschrift f. G. Kal
sondern „über und zwischen und in" den ten, 1957, S. 219 ff.; G. Krauss Die Gewaltenglie
drei Gewalten wirken soll, um so die verlo derung bei Montesquieu, Festschrift f. C. Schmitt,
ren geglaubte Einheit der Staatsgewalt wie 1959, S. 103 ff.; U. Lange Teilung und Trennung
derherzustellen (E. R. Huber, 1934). der Gewalten bei Montesquieu, Der Staat 19
(1980), 213 ff.; D. Merten (Hrsg.), Gewaltentren
nung im Rechtsstaat (Zum 300. Geburtstag von
4. Das geteilte Deutschland — Die G.tei Charles de Montesquieu), 1989; F. Neumann In-
troduction to Montesquieu, The Spirit of Laws,
lung als Demarkationslinie der Verfas
1949 (dt.: ders. Demokratischer und autoritärer
sungssysteme Staat, hrsg. v. H. Marcuse, 1986, S. 142 ff.); R.
Redslob Die Staatstheorien der französischen Na
Hielten die Verfassungen der Deutschen tionalversammlung von 1789,1912; H. Rehm All
Demokratischen Republik am Leitbild der gemeine Staatslehre, 1899, §§ 56 ff., 73 ff.; A. Ri-
G.einheit fest, um dem Willen einer einzigen klin Montesquieus freiheitliches Staatsmodell.
Partei (SED) ungehindert Geltung zu ver Die Identität von Machtteilung und Mischverfas
sung, Politische Vierteljahresschrift 1989, 420 ff.;
schaffen, blieb es dem Grundgesetz der
C. Schmitt Verfassungslehre, 1928, §§ 4 1/2, 12 I,
Bundesrepublik Deutschland bis zur Wie 15; K. Stern Das Staatsrecht der Bundesrepublik
dervereinigung (1990) allein vorbehalten, Deutschland, Bd. II, 1980, § 36 (umfassende Lit.);
den Gedanken der G.teilung in Deutschland 77i. T^atsos Zur Geschichte und Kritik der Lehre
am verfassungsrechtlichen Leben zu halten. von der Gewaltenteilung, 1968.

Dierk Thümmel

14 LdB 6t Januar 1993