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Öffentliches Recht | GrundR Kingreen, JURA (JK), 2021, S. 864, Art. 6 II 2, 19 III, 28 II, 93 I Nr.

 4 a), 103 I GG

Verfassungsbeschwerde eines Landkreises gegen familiengerichtliche Entscheidungen in einer


Sorgerechtsangelegenheit

https://doi.org/10.1515/jura-2021-2830 Als Gebietskörperschaft kann sich L »nicht auf materielle Grundrechte beru-
fen. Das Bestehen dieser Gebietskörperschaft ist Ausdruck des Staatsaufbaus und
Leitsätze (aus BeckRS 2020, 40977): 1. Wird mit der Verfassungsbeschwerde insbesondere nicht der freien Entfaltung hinter ihm stehender natürlicher Per-
eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör (Art. 103 I GG) geltend sonen, auf die ein ›Durchgriff‹ sinnvoll oder erforderlich erscheint. Ihr fehlt die
gemacht und erhebt der Beschwerdeführer keine Anhörungsrüge, obwohl sie statt- erforderliche Distanz zum Staat« (Rn. 35). L ist bei der Ausübung der Aufgaben des
haft und nicht offensichtlich aussichtslos wäre, hat das zur Folge, dass die Ver- Jugendamts auch keine juristische Person des öffentlichen Rechts (wie etwa eine
fassungsbeschwerde insgesamt unzulässig ist, sofern die damit gerügten Grund- öffentliche Rundfunkanstalt oder Universität, s. Rn. 34) »die einem durch be-
rechtsverletzungen denselben Streitgegenstand betreffen wie der geltend stimmte Grundrechte, hier dem Schutzanspruch des Kindes und das damit ver-
gemachte Gehörsverstoß. 2. Ein Bedarf für eine Prozessstandschaft durch den bundene staatliche Wächteramt (vgl. Art. 6 II 2 GG) geschützten Lebensbereich
Rechtsträger des Jugendamtes besteht nicht, wenn die Rechte des Kindes durch zugeordnet ist und den Kindern als Begünstigten des Schutzanspruchs zur Ver-
einen Ergänzungspfleger oder durch einen Verfahrensbeistand geltend gemacht wirklichung ihrer individuellen Grundrechte dient«. Das Jugendamt ist nämlich
werden können. 3. Aus dem staatlichen Wächteramt ergibt sich kein materielles nicht auf eine alleinige Interessenvertretung zugunsten des Kindes festgelegt; »es
Grundrecht oder grundrechtsähnliches Recht des Landkreises als Träger des Ju- unterstützt vielmehr die gesamte Familie (vgl. § 2 I SGB VIII)« (Rn. 36).
gendamtes. BVerfG, Beschl. v. 15.12.2020, 1 BvR 1395/19. bb) Folglich ist Art. 6 II 2 GG auch kein materielles Grundrecht des Staates
und seiner Behörden, sondern eine Kompetenz und Pflicht, das Kind in Situatio-
Sachverhalt: Im Zuständigkeitsbereich des Landkreises L lebt die 2007 geborene nen zu schützen, in denen es sich nicht selbst schützen kann (Rn. 39).
A mit ihrer allein sorgeberechtigten Mutter. Mit ihrer Tochter zog die Mutter im Jahr Hinweis 2: Schon mit diesem Argument hätte das BVerfG die eigene Beschwer-
2016 in den Haushalt ihres Lebensgefährten, der im Jahr zuvor wegen Sexual- defähigkeit von L im Hinblick auf Art. 6 II 2 GG verneinen können; der ausschwei-
straftaten zu Lasten von Kindern zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt fenden Darstellung seiner (zweifelhaften, s. Kingreen/Poscher, Grundrechte.
worden war. Am 24. 1. 2018 nahm das Jugendamt des L die A in Obhut und brachte Staatsrecht II, 36. Aufl. 2020, Rn. 215 ff.) Rechtsprechung zu Art. 19 III GG hätte es

sie in einer Jugendhilfeeinrichtung unter. Zudem regte es familiengerichtliche gar nicht bedurft.
Maßnahmen zum Schutz des Kindes nach § 1666 BGB an. b) Art. 6 II 2 GG kann auch eine Schutzpflicht des Staates entnommen wer-
Im Rahmen des familiengerichtlichen Verfahrens wurde für A eine Verfah- den, das Kind auch im verfassungsgerichtlichen Verfahren zu schützen (Rn. 23).
rensbeiständin bestellt. In diesem Verfahren entzog das Oberlandesgericht (OLG) Dieses eigene Recht des Kindes kann grundsätzlich auch Gegenstand einer Ver-
zunächst der Mutter unter anderem das Aufenthaltsbestimmungsrecht für ihre fassungsbeschwerde sein.
Tochter. Auf die zugelassene Rechtsbeschwerde der Mutter hob der Bundes- 3. Juristische Personen des öffentlichen Rechts können sich auf die justiziel-
gerichtshof (BGH) diese Entscheidung auf und verwies die Sache an das OLG len Grundrechte berufen und damit auch auf Art. 103 I GG (Rn. 32); denn sie
zurück. Nach weiterer Sachverhaltsaufklärung entzog dieses der Mutter das Sor- befinden sich im Hinblick auf diese Rechte in der gleichen Gefährdungslage wie
gerecht nicht, sondern gab ihr näher bezeichnete Maßnahmen auf, unter anderem natürliche sowie juristische Personen des Privatrechts.
einen Antrag auf Bewilligung von Hilfe zur Erziehung in Form der aufsuchenden II. Im Hinblick auf die Geltendmachung des Rechts von A aus Art. 6 II 2 GG
systemischen Familienberatung. durch L (s. oben I. 2. b)) ist die Prozessfähigkeit von L problematisch. Die im
L sieht in den Entscheidungen des BGH und des OLG eine Verletzung der BVerfGG nicht eigens geregelte Prozessfähigkeit bedeutet die Fähigkeit, Prozess-
Art. 6 II 2, 28 II und 103 I GG. Ist seine Verfassungsbeschwerde zulässig? handlungen selbst oder durch selbst bestimmte Bevollmächtigte vornehmen zu
lassen. L könnte also das eigene Recht von A aus Art. 6 II 2 GG im Wege der
Probleme: Die Zulässigkeit der Verfassungsbeschwerde (Art. 93 I Nr. 4a GG,
Prozessstandschaft für A geltend machen. Diese ist aber nur ausnahmsweise an-
§§ 90 ff. BVerfGG) ist unter mehreren Aspekten problematisch:
erkannt, »wenn ansonsten die Gefahr bestünde, dass die betroffenen Rechte über-

I. Beschwerdefähigkeit. Gem. § 90 I BVerfGG kann »jedermann« Verfas- haupt nicht mit der Verfassungsbeschwerde geltend gemacht werden könnten«
sungsbeschwerde erheben. Da die Verfassungsbeschwerde die Rüge der Verlet- (Rn. 22). Das ist hier aber nicht der Fall, denn es besteht rechtlich die Möglichkeit
zung von Grundrechten oder grundrechtsgleichen Rechten beinhaltet, setzt die sowohl der Bestellung eines Ergänzungspflegers (§ 1909 I 1 BGB) als auch der
Beschwerdefähigkeit nur voraus, dass der Beschwerdeführer überhaupt in Grund- Geltendmachung der Rechte des Kindes durch die bereits im fachgerichtlichen
rechten oder grundrechtsgleichen Rechten verletzt sein kann. Verfahren bestellte Verfahrensbeiständin. Dass diese keine Verfassungsbeschwer-
1. Eine Verletzung des Rechts auf kommunale Selbstverwaltung (Art. 28 II de erhoben hat, ist unerheblich, weil sie anders als zur Prüfung einer Verfassungs-
GG) wegen einer Beschränkung seiner jugendhilferechtlichen Entscheidungs- beschwerde unwillige Eltern eine eigene Prüfung vornimmt (Rn. 28).
befugnisse kann L nicht im Wege der Verfassungsbeschwerde geltend machen, III. Die Verfassungsbeschwerde könnte damit allenfalls im Hinblick auf die
weil es nicht zu den rügefähigen Rechten i. S. v. Art. 93 I Nr. 4 a GG gehört.
     
behauptete Verletzung von Art. 103 I GG statthaft sein. Insoweit war aber der
Hinweis 1: Auch eine Kommunalverfassungsbeschwerde käme nicht in Be- Rechtsweg nicht erschöpft, denn die hier nach § 44 FamFG mögliche Anhörungs-
tracht, weil sich diese nach Art. 93 I Nr. 4 b GG, § 91 S. 1 BVerfGG nur gegen Gesetze

rüge an das Fachgericht gehört zu dem Rechtsweg, von dessen Erschöpfung die
und nicht gegen Gerichtsentscheidungen richten kann (Rn. 16). Zulässigkeit einer Verfassungsbeschwerde gem. § 90 II 1 BVerfGG im Regelfall
2. Beschwerdefähigkeit aus Art. 6 II 2 GG. a) Fraglich ist, ob L eigene Rechte abhängig ist (Rn. 18).
aus Art. 6 II 2 GG geltend machen kann. aa) Dagegen spricht, dass L insoweit nicht Hinweis 3: Wird die Anhörungsrüge versäumt, ist die Verfassungsbeschwerde
nach Art. 19 III GG grundrechtsfähig ist. »Die Grundrechte sollen in erster Linie insgesamt, d. h. auch im Hinblick auf die anderen gerügten Grundrechtsver-
die Freiheitssphäre des Einzelnen gegen Eingriffe der staatlichen Gewalt schützen letzungen unzulässig, weil die Anhörungsrüge auch dazu dient, diese anderen
und ihm insoweit zugleich die Voraussetzungen für eine freie aktive Mitwirkung gerügten Verstöße zu beseitigen. Das gilt aber nur, soweit die materiellen Grund-
und Mitgestaltung im Gemeinwesen sichern. Von dieser zentralen Vorstellung her rechtsverletzungen den gleichen Streitgegenstand betreffen wie der geltend ge-
ist auch Art. 19 III GG auszulegen und anzuwenden. Sie rechtfertigt eine Einbezie- machte Gehörsverstoß (Rn. 18). Das BVerfG sieht in der Entscheidung des OLG
hung der juristischen Personen in den Schutzbereich der Grundrechte nur, wenn nach der Zurückverweisung durch den BGH zwar einen neuen Streitgegenstand
ihre Bildung und Betätigung Ausdruck der freien Entfaltung der natürlichen Per- (Rn. 19 f.). Die unterlassene Anhörungsrüge wäre also insoweit unschädlich, wenn

sonen sind, besonders, wenn der ›Durchgriff‹ auf die hinter den juristischen Per- sich L gegen die Entscheidung des OLG nur auf materielle Grundrechte beruft.
sonen stehenden Menschen dies als sinnvoll oder erforderlich erscheinen lässt[…]. Diese Prüfung erübrigt sich aber, weil ein solches Recht nach dem Ergebnis der
Der Staat und seine organisatorischen Untergliederungen hingegen sind grund- Prüfung nicht existiert.
sätzlich als Träger materieller Grundrechte ausgeschlossen« (Rn. 33). Ergebnis: Die Verfassungsbeschwerde von L ist unzulässig.