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VI.

Anhang

1. Musterübersetzung

Anhand eines kurzen Textstücks aus dem Armen Heinrich Hartmanns


von Aue (V. 163–204) führen wir exemplarisch eine möglichst wörtliche
Übersetzung vor. In dem unten angeführten Apparat geben wir unter
Zuhilfenahme der großen mhd. Wörterbücher (Benecke/Müller/Zarnke
[kurz: BMZ] und Lexer, siehe Bibliographie) die jeweiligen zentralen
nhd. Bedeutungen der meisten mhd. Wörter an und weisen überdies auf
spezielle in der vorliegenden Einführung behandelte grammatische Ei-
genheiten und syntaktische Konstruktionen hin.

Ein wênic vreute1 er sich doch Ein bißchen freute er sich doch
von einem trôste2 dannoch3 , noch aufgrund einer freudigen Zuversicht.
165 wan4 im wart dicke5 geseit6 Denn ihm wurde oft gesagt,
daz diu selbe7 siecheit8 daß eben diese Krankheit
wære9 vil10 mislich11 sehr verschiedenartig verlaufe

1 vreute = vröute < vröuwete: Inf. vröuwen, sw. Verb, kurzwurzlig (siehe ahd. Infinitiv
frewen – 3. Sg. Prät. frewita). Erst im Mhd. wurde es sekundär langwurzlig (ahd. –ew- >
mhd. –öuw-).
2 trôst: st. M. (siehe Lexer, Bd. II, Sp. 1527; BMZ, Bd. III, S. 115a).
3 dannoch (= dennoch): wörtl. ‚damals noch‘, hier temporal. In adversativer Verwendung
hat dannoch die Bedeutung ‚dennoch‘ (siehe Lexer, Bd. I, Sp. 410; BMZ, Bd. II,1,
S.404a).
4 wan: hier Einleitung eines Hauptsatzes mit der Bedeutung ‚denn‘.
5 dicke: Adverb, zumeist mit der Bedeutung ‚oft‘, selten auch ‚dick, dicht‘ entsprechend
der Bedeutung des gleichlautenden Adjektivs (siehe Lexer, Bd. I, Sp. 423; BMZ, Bd. I,
S. 323b).
6 geseit = gesaget (zu den Kontraktionen über die inlautenden Mediae siehe Kap. II.1.2.3).
7 selp: Pronominaladjektiv (siehe Kap. II.7.3, S. 172).
8 siecheit: st. F., vgl. Adjektiv siech (siehe auch die Bedeutungen von mhd. kranc, Kap.
V., S. 208).
9 wære: Konj. Prät. steht hier aufgrund der mhd. Zeitenfolge (entspricht im Nhd. Konj. I).
10 vil:‚sehr‘. Im Mhd. wird vil häufig als Verstärkung eines Adjektivs oder Adverbs ver-
wendet.
11 mislich: Adjektiv. Im Mhd. hat mislich niemals die Bedeutung ‚mißlich‘ (siehe Lexer,
Bd. I, Sp. 2167).
210 Anhang VI.1

und etelîchiu12 genislich13 . und in manchen Fällen heilbar sein könnte.


des14 wart15 vil maneger16 slahte17 Deswegen waren seine Hoffnung und
170 sîn gedinge und sîn ahte18. seine Gedanken von vielerlei Art.
er gedâhte19 daz er wære Er dachte, daß er
vil lîhte20 genisbære21 vielleicht geheilt werden könnte,
und vuor22 alsô23 drâte24 und reiste eiligst,
nâch der arzâte25 râte26 um den Rat der Ärzte zu erlangen,
175 gegen Munpasiliere. nach Montpellier.
dâ27 vant er vil28 schiere29 Dort fand er sehr schnell
niuwan30 den untrôst31 nichts als den schlechten Trost,

12 etelîch: Indefinitpronomen. Im Sg. bedeutet es ‚irgendein, irgendwelch‘, im Pl. ‚einige,


manche‘ (siehe Kap. II.7.6).
13 genislich: Adjektiv zum st. Verb (ge)nesen ‚gesunden, geheilt werden, am Leben bleiben‘
(siehe Lexer, Bd. I, Sp. 856; BMZ, Bd. II,1, S. 379b-382a).
14 des: ‚deshalb, deswegen‘, erstarrter adverbieller Genitiv (siehe Kap. IV.1.2).
15 wart: hier liegt Numerusinkongruenz vor (Sg. statt Pl., siehe Kap. IV.3).
16 manec: Indefinitpronomen (siehe Kap. IV.7.6). Laut Lexer, Bd. I, Sp. 2026f. und BMZ,
Bd, II,1, S. 58b in der Bedeutung ‚manch, viel‘. Hier liegt jedoch, wie in den meisten
Fällen, die zweite Bedeutung vor.
17 slaht(e): st. F. ‚Geschlecht, Gattung, Art‘ (siehe Lexer, Bd. II, Sp. 961; BMZ, Bd. II,2,
S. 388b). Die ursprüngliche Bedeutung lautet ‚Trieb eines Stammes, der ausschlägt‘ (vgl.
mhd. slahen).
18 aht(e): st. F. ‚Meinung, Bedeutung‘ (siehe Lexer, Bd. I, Sp. 30). Angesichts der Vielfalt
ist hier der Plural ‚Gedanken’ vorzuziehen.
19 gedâhte: Inf. denken (siehe Kap. II.3.1.2, S. 107f.).
20 vil lîhte: Grundbedeutung ‚sehr leicht‘, dann auch ‚möglicherweise‘ und schließlich
‚vielleicht‘ mit allmählicher Erweiterung der Bedeutung ins Hypothetische noch im
klassischen Mhd. (siehe Lexer, Bd. I, Sp. 1919). Welche Bedeutung hier vorliegt, ist
nicht ganz sicher.
21 genisbære: Ableitung vom Verb (ge)nesen mit dem Suffix –bære (wörtl. ‚tragend‘ zum
Verb bern ‚tragen‘), vgl. genislich (siehe Anm. 13).
22 vuor: Prät. des st. Verbs varn, VI. AR varn wird im Mhd. in allgemeiner Bedeutung, wie
engl. to go, verwendet.
23 alsô: nicht in der Bedeutung ‚also‘, sondern verstärktes sô. Hier wird es zur Verstärkung
des Adverbs drâte verwendet.
24 drâte: Adverb zu dræte (siehe Kap. II.6.4).
25 arzât: st. M., Lehnwort aus griech.-lat. archiater. Neben der vollen Form hat sich schon
früh die abgeschwächte Form arzet (Genitiv arztes) ausgeprägt.
26 nâch râte: die Präposition nâch drückt hier wie häufig die ausgeprägte Vorstellung eines
zu erreichenden Zieles aus.
27 dâ: reines Lokaladverb im Unterschied zu dem Temporaladv. dô ‚da, damals‘.
28 vil (siehe Anm. 10).
29 schiere: die nhd. Bedeutung ‚fast, beinahe‘ entwickelte sich erst im Spätmhd.
30 niuwan < niu + wan: vor /w/ ist die nwgerm. Senkung/Brechung /eu/ > /eo/ nicht ein-
getreten, so daß *neu- nicht wie sonst zu ahd. nio > mhd. nie wird (siehe auch Kap.
II.1.1.3, S. 51ff.).
31 untrôst: siehe trôst (siehe Anm. 2), hier mit der Verneinungspartikel un-.
VI.1 Musterübersetzung 211

daz er niemer würde erlôst32 . daß er niemals erlöst werden würde.


daz hôrte33 er ungerne Das hörte er ungern
180 und vuor34 engegen Salerne und reiste nach Salerno
und suochte35 ouch dâ durch36 genist37 und suchte auch dort um seiner Heilung willen
der wîsen arzâte list38 . die Kunst der weisen Ärzte auf.
den besten meister39 den40 er dâ41 vant, Der beste Meister, den er dort fand,
der sagete im dâ zehant der teilte ihm da sogleich
185 ein seltsæne42 mære43, einen seltsamen Umstand mit,
daz er genislich44 wære45 nämlich, daß er geheilt werden könnte
und wære doch iemer ungenesen46 . und dennoch immer ungeheilt bleiben werde/
keine Heilung finden werde.
dô47 sprach er:‘wie mac daz wesen? Da sprach er: ‚wie kann das sein?
diu rede48 ist harte49 unmügelich. Die Sache ist ganz unmöglich.
190 bin ich50 genislich51 , sô genise52 ich; Bin ich heilbar, so werde ich geheilt werden;

32 erlôst: Prät. zu dem sw. langwurzligen jan-Verb erlœsen mit sog. Rückumlaut.
33 hôrte: Prät. zu dem sw. langwurzligen jan-Verb hœren mit sog. Rückumlaut.
34 vuor (siehe Anm. 22).
35 suochte: Prät. zu dem sw. langwurzligen jan-Verb suochen. Hier ist (ausgehend vom
Obd.) vor /ch/ der Umlaut auch im Präsens unterblieben.
36 durch: in kausaler Verwendung ‚wegen, um ... willen‘, bisweilen mit ausgeprägter Vor-
stellung eines zu erreichenden Zieles (vgl. nâch Anm. 26).
37 genist: st. F., Verbalabstraktum mit germ. Suffix –ti- zum st. Verb (ge)nesen (siehe Anm.
13).
38 list: st. M./F., Verbalabstraktum mit germ. Suffix –ti- zum st. Verb lêren (siehe Kap. IV.5,
S. 208).
39 meister: st. M., Lehnwort aus lat. magister. Hier: ‚Lehrer an einer hohen Schule, speziell
der Medizin‘.
40 den besten meister den: hier liegt Kasusverschiebung vor (Akk. statt Nom.). Viel häufiger
begegnet aber der umgekehrte Fall (Nom. statt Akk.).
41 dâ (siehe Anm. 27).
42 seltsæne: Adjektiv. Im Nhd. hat es sich den zahlreichen mit –sam ‚gleich‘ zusammen-
gesetzten Adjektiven (vgl. mhd. arbeitsam usw.) angeglichen.
43 mære: st. N. (daz mære!) ‚Kunde, Erzählung, Gegenstand der Erzählung, Sache‘ (siehe
Lexer, Bd. I, Sp. 2045f.; BMZ, Bd. II,1, S. 68a).
44 genislich: Adjektiv (siehe Anm. 13).
45 wære (siehe Anm. 9).
46 ungenesen: Part. Prät. zum st. Verb (ge)nesen (siehe Anm. 13). Hier als Adjektiv mit
Verneinungspartikel un-.
47 dô: Temporaladverb (siehe Anm. 27).
48 rede: st. F., rede bezeichnet auch den Gegenstand der Rede (vgl. mære Anm. 43).
49 harte: Adverb zum Adjektiv herte ‚hart, fest, dicht, schwer‘ (siehe Kap. II.6.4). Das
Adverb wird meist nur in verstärkender Funktion verwendet (vgl. vil Anm. 10).
50 genislich (siehe Anm. 13).
51 bin ich ...: einleitungsloser Konditionalsatz, hier im Realis (Wirklichkeitsfall). Der nach-
folgende Hauptsatz wird wie im Nhd. mit sô angeschlossen.
52 genise: st. Verb (ge)nesen (siehe Anm. 13).
212 Anhang VI.1

wan53 swaz54 mir vür wirt geleit55 denn was auch immer mir
von guote56 ode57 von arbeit58 , an Geld oder Mühe auferlegt wird,
daz trûwe59 ich volbringen.‘ das traue ich mir zu, zu vollbringen.‘
‚nû lât60 den gedingen61‘, ‚Nun laßt die Hoffnung sein‘
195 sprach der meister62 aber63 dô64, erwiderte der Meister daraufhin.
‚iuwer65 sühte66 ist alsô67 : ‚Mit eurer Krankheit steht es folgendermaßen:
– waz vrumet68 daz ich ez iu kunt tuo69? – – Was nützt es, wenn ich es euch kundtue? –
da70 hœret71 arzenîe zuo, dazu gehört eine Arznei,
der72 wæret ir genislîch73. von der könntet ihr geheilt werden.

53 wan (siehe Anm. 4).


54 swaz: verallgemeinerndes Relativpronomen (siehe Kap. II.7.5).
55 geleit: kontrahierte Form neben mhd. geleget (siehe Kap. II.1.2.3). Das finite Verb wirt
steht entgegen der üblichen Wortstellung vor dem Partizip.
56 guot: st. N. ‚das Gute‘ oder ‚das Gut‘ (= ‚Besitz/Geld‘).
57 ode: verkürzte Nebenform von oder.
58 arbeit: st. F. (siehe Kap. V., S. 205).
59 trûwe: etymologisch verwandt mit triuwe; ‚sich getrauen, sich etwas zutrauen, etwas
zu können glauben, hoffen, erwarten‘ (siehe Lexer, Bd. III, Sp. 1553; BMZ, Bd. III,
S. 109a). Der davon abhängige Infinitiv steht stets ohne die Präposition ze (‚zu‘).
60 lât: kontrahierte Form neben mhd. lâzet (siehe Kap. II.4.5.2). Der Inf. lân/lâzen bedeutet
‚ablassen, sein lassen, unterlassen, zulassen, loslassen, verlassen‘ (siehe Lexer, Bd. I, Sp.
1843f.; BMZ, Bd. I, S. 944a-949b).
61 gedinge: sw. M. ‚Hoffnung‘. Ursprünglich die Hoffnung, in einem Gerichtsverfahren (mhd.
dinc) die Oberhand zu behalten (siehe Lexer, Bd. I, Sp. 772; BMZ, Bd. I, Sp. 339b).
62 meister (siehe Anm. 39).
63 aber: ‚abermals, aber, hingegen‘. Hier drückt aber nur den Sprecherwechsel aus.
64 dô (siehe Anm. 47).
65 iuwer: Possessivpronomen, verkürzte Form aus iuwerer. Im Nhd. Ausfall des intervo-
kalischen /w/ (siehe Kap. I.5.2) und Synkope des ersten schwachtonigen /e/ (siehe Kap.
I.5.1).
66 sühte: Genitiv zum st. F. suht, Substantivabstraktum zu siech (ahd. sioh < germ. *seuk-
mit Grundstufe im Gegensatz zur Schwundstufe in germ. *suhti mit PBE). Im Mhd. ist
suht das geläufige Wort für ‚Krankheit‘ (siehe hingegen die Bedeutungen von kranc,
Kap. V., S. 208). Die Konstruktion des Verbums sîn mit einem Adverb und einem Sub-
stantiv im Dativ bedeutet ‚mit etwas verhält es sich, um etwas ist es bestellt‘ (siehe BMZ,
Bd. I, S. 128b).
67 alsô (siehe Anm. 23).
68 vrumet: sw. Verb, Inf. vrumen/vrümen zum Substantiv vrume (‚Nutzen‘), hier unpersön-
lich verwendet.
69 tuo: 1. Sg. Präs. Konj. zum Wurzelverb tuon (siehe Kap. II.4.4.2), hier Potentialis (Mög-
lichkeitsform).
70 da: verkürzte Nebenform zu dâ, hier in Kombination mit dem davon in der Wortfolge
getrennten zuo.
71 hœret: daneben existiert auch die seltenere Form gehœret.
72 der: Genitiv des Bezuges (genitivus relationis).
73 genislich (siehe Anm. 13).
VI.2 Lösungen zu den Übungsaufgaben 213

200 nu74 enist aber nieman sô rîch75 Nun ist aber niemand so reich
noch von sô starken sinnen76 noch von so großer Klugheit,
der77 si müge78 gewinnen. daß er sie beschaffen könnte.
des79 sît ir iemer80 ungenesen81 , Deshalb bleibt ihr für immer ungeheilt,
got enwelle82 der arzât wesen83.‘ es sei denn, Gott wollte der Arzt sein.‘

2. Lösungen zu den Übungsaufgaben

Lösungen zu den Übungsaufgaben in Kap. I:

zu 1.)
– lat. gens (‚Geschlecht‘) – ndl. kint: Die Verschiebung von idg. /g/ zu
germ. /k/ ist Bestandteil der 1. LV (Media-Tenuis-Wandel).
– engl. ape – nhd. Affe: germ. /p/ wird in der 2. LV inlautend nach kur-
zem Vokal zur Doppelspirans ahd. /ff/ verschoben (Tenuis-Spirans-
Wandel).
– idg. *kerd- (vgl. lat. cordis, mit e/o-Ablaut) > germ. *hert- (vgl.
engl. heart): idg. /k/ wird in der 1. LV zu germ. /h/ verschoben (Te-
nuis-Spirans-Wandel).
– as. holt – nhd. Holz: germ. /t/ wird in der 2. LV nach Konsonant zur
Affrikata /tz/ verschoben (Tenuis-Affrikata-Wandel).
– engl. pipe – nhd. Pfeife: Ein im Anlaut stehendes germ. /p/ wird in
der 2. LV zur Affrikata /pf/ verschoben (Tenuis-Affrikata-Wandel),
inlautend nach kurzem Vokal wird germ. /p/ hingegen zur Doppel-
spirans /ff/ verschoben. Nach Langvokal bzw. Diphthong wird sie
zur einfachen Spirans /f/ verkürzt (vgl. mhd. pfîfe).

74 nu: verkürzte Nebenform zu nû.


75 rîch(e): ‚mächtig, gewaltig, reich‘. Hier liegt eindeutig die letzte Bedeutung vor.
76 sin (st. M.): 1. ‚Sinn, Sinngehalt, Bedeutung‘; 2. ‚Sinn, Gesinnung, Verstand, Verstan-
deskraft‘ (oft im Plural); 3. ‚Sinn im physiologischen Sinne‘ (meist im Plural) (siehe
Lexer, Bd. III, Sp. 926f.; BMZ, Bd. II,2, S. 311b-316a).
77 der: Einleitung eines Relativsatzes mit konsekutivem Nebensinn.
78 müge: 3. Sg. Präs. Konj. von mugen (siehe Kap. II.4.6), hier in irrealer Verwendung.
Wegen der Zeitenfolge steht aber im Mhd. Präsens (siehe auch Anm. 9).
79 des (siehe Anm. 14).
80 iemer: Adverb, hier in Bezug auf die Zukunft verwendet.
81 ungenesen (siehe Anm. 46).
82 got enwelle ....: negativ exzipierender Satz (siehe Kap. IV.4.2, S. 200f.).
83 wesen: Suppletivform neben sîn.