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J. C. Ehrenthal et al.

Entwicklung des OPD -SFK

Entwicklung einer Zwölf-Item-Version des


OPD-Strukturfragebogens (OPD-SFK)
Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie downloaded from www.vr-elibrary.de by Universitätsbibliothek Heidelberg on October, 19 2015

Johannes C. Ehrenthal1, Ulrike Dinger1, Henning Schauenburg1, Lena Horsch1,


Reiner W. Dahlbender2, Benjamin Gierk3

Summary
Development of a 12-item version of the OPD-Structure Questionnaire (OPD-SQS)
Objectives: Screening for personality dysfunction is relevant to treatment planning in psycho-
therapy, psychosomatic medicine and psychiatry. This makes short versions of field-tested ap-
proaches such as the OPD Structure Questionnaire (OPD-SQ) necessary.
Methods: With the aim of developing a screening version, the original sample of the OPD-SQ
was divided into two subsamples. After developing a preliminary 12-item version in one sub-
sample, we used confirmatory factor-analysis in the second subsample as well as an indepen-
dent sample to test the factor structure.
Results: The analyses confirmed a structure of three correlating factors with adequate fit in-
dices. Other findings relating to the validity of the long version were replicated as well. In
For personal use only.

addition, data from an independent sample of psychotherapy inpatients confirmed the factor
structure and provided further evidence for its validity.
Conclusions: The OPD-SQS is a viable screening instrument for supporting clinical decision
making in stepped-care approaches in psychotherapy, psychosomatic medicine and psychiatry.
Z Psychosom Med Psychother 61/2015, 262–274

Keywords
Personality Disorders – OPD – DSM – Questionnaire – Levels of Personality Functioning

Zusammenfassung
Fragestellung: Das schnelle Erfassen struktureller Defizite der Persönlichkeit hat eine hohe
Relevanz für die Behandlungsplanung. Daher besteht ein Bedarf an Kurzversionen bestehen-
der Instrumente wie des OPD-Strukturfragebogens (OPD-SF).
Methode: Zur Entwicklung einer Kurzversion wurde die Originalstichprobe des OPD-SF in
zwei Substichproben aufgeteilt. Nach inhaltlichen und psychometrischen Kriterien wurde eine
vorläufige Zwölf-Item-Version erstellt und in der zweiten Substichprobe und einer weiteren,
unabhängigen Stichprobe überprüft.
Ergebnisse: Eine konfirmatorische Faktorenanalyse bestätigte die Struktur von drei miteinan-
der korrelierenden Faktoren mit adäquaten Fit-Indices. Befunde der Langversion zur Validität

1 Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Heidelberg.


2 Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Ulm.
3 Institut und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum
Hamburg-Eppendorf.
Z Psychosom Med Psychother 61, 262–274, ISSN (Printausgabe) 1438-3608, ISSN (online) 2196-8349
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wurden repliziert. Dieselbe Faktorstruktur zeigte sich in einer unabhängigen Stichprobe aus
einer psychosomatischen Klinik, ebenso weitere Hinweise auf Validität.
Diskussion: Mit dem OPD-SFK liegt eine Screeningversion des OPD-SF mit guten psycho-
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metrischen Eigenschaften zur Unterstützung der Behandlungsplanung in Psychotherapie, Psy-


chosomatik und Psychiatrie vor.

1. Hintergrund

Die Frage, ob ein Patient (aus Gründen der besseren Lesbarkeit verwenden wir im
weiteren Text das generische Maskulinum) eine komorbide Persönlichkeitspatholo-
gie aufweist, ist für die psychotherapeutische Behandlungsplanung hochgradig rele-
vant (Levy et al. 2014). In internationalen Diagnosesystemen werden Einschränkun-
gen struktureller Fähigkeiten der Persönlichkeit bisher über das Vorliegen oder
Nichtvorliegen einer Persönlichkeitsstörung eingeschätzt. Viele Patienten weisen
zwar in ihrem Erleben und ihren Interaktionsstilen Merkmale einer Persönlichkeits-
störung auf, überschreiten aber nicht die Schwelle des Vollbilds einer Persönlichkeits-
störung (Zimmermann et al. 2013c). Zudem bedingt das kategoriale Antwortniveau
einen für Forschungszwecke nachteiligen statistischen Informationsverlust.
Für die ICD-11 zeichnet sich ab, dass eine generelle Einschätzung der Persönlichkeits-
For personal use only.

funktion auf einem Kontinuum von keiner Persönlichkeitsproblematik über ein gering
und moderat ausgeprägtes Level bis hin zu einer schweren oder komplexen Persönlich-
keitsstörung vorgenommen werden wird. Die ICD-11 Arbeitsgruppe stellt dabei grund-
sätzliche Schwierigkeiten im interpersonellen Bereich in den Vordergrund der Einschät-
zung (Tyrer et al. 2011). Für das amerikanische Diagnosemanual DSM-5 (APA 2013)
wurde ein Hybridmodell entwickelt, welches neben einem Prototypenrating und einer
Einschätzung von Persönlichkeitstraits die Levels of Personality Functioning Scale ein-
führte (LPFS; Skodol et al. 2011). Der LPFS liegt die Idee zugrunde, dass zusätzlich zu
grundsätzlichen Fähigkeiten oder Defiziten in der Interaktion mit Anderen (im DSM-5
Empathie und Nähe) Fähigkeiten bezogen auf das Selbst (im DSM-5 zusammengesetzt
aus Identität und Selbststeuerung) eine wichtige Rolle für Schweregrad, Prognose und
Therapieplanung spielen (Zimmermann et al. 2013a). Im DSM-5 wurde diese Neukon-
zeptualisierung zwar nicht in den Hauptkorpus, jedoch in Sektion III übernommen,
welche zukunftsweisende Konstrukte zur weiteren Überprüfung bereitstellt (Skodol
2012). Beide Modelle schlagen zudem eine weitere Einschätzung nach Persönlichkeits-
traits vor. Trotz mancher konzeptueller Unterschiede zwischen DSM-5 und ICD-11
stimmen die Ansätze darin überein, dass eine dimensionale Erfassung von genereller
Persönlichkeitsdysfunktion sinnvoll für Forschung und klinische Anwendung ist.

1.1. Die Strukturachse der OPD


Während zu den neu entwickelten Konstrukten in DSM-5 (Zimmermann et al. 2014)
und ICD-11 (Kim et al. 2014) kürzlich erste Befunde publiziert wurden, existiert im
deutschsprachigen Raum mit der Strukturachse der Operationalisierten Psychodyna-
mischen Diagnostik (OPD-2; Arbeitskreis OPD 2006) bereits seit über 20 Jahren ein
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Verfahren zur Abbildung zentraler Dimensionen von Persönlichkeitsfunktionen, das


gute Ergebnisse zu Validität und Reliabilität aufweist (Zimmermann et al. 2012). Die
OPD beschreibt Struktur als die „Verfügbarkeit über psychische Funktionen in der
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Regulierung des Selbst und seiner Beziehung zu den inneren und äußeren Objekten“,
und zwar mit den Subdimensionen Wahrnehmung, Steuerung, Kommunikation und
Bindung, jeweils in Bezug auf das Selbst beziehungsweise bedeutsame Objekte (Ar-
beitskreis OPD 2006, S. 225). Strukturelle Störungen dieser Funktionen werden als
„Handwerksstörungen“ verstanden, die sich im Rahmen von interaktionell eingebet-
teten aversiven Entwicklungskontexten herausbilden (Ehrenthal u. Grande 2014). Die
inhaltliche Nähe von DSM-5 LPFS und Strukturachse der OPD lässt sich auch empi-
risch nachweisen, wobei erste Ergebnisse darauf hindeuten, dass bei generell hoher
Übereinstimmung zwischen beiden Verfahren (Zimmermann et al. 2014) die OPD-
Strukturachse möglicherweise eine größere Differenzierungsfähigkeit bei schweren
strukturellen Störungen besitzt (Zimmermann et al. 2012).

1.2. Der OPD-Strukturfragebogen (OPD-SF)


Während die OPD-Strukturachse ein auf einem klinischen Interview basierendes Ex-
pertenrating liefert, existiert mit dem OPD-Strukturfragebogen (OPD-SF) zusätzlich
ein reliables und valides Selbsteinschätzungsinstrument zur Abbildung struktureller
For personal use only.

Einschränkungen. Er erfasst, ebenso wie das Expertenrating der Strukturachse der


OPD, acht Hauptdimensionen struktureller Fähigkeiten. Von den 24 Subskalen des
Expertenratings konnten dabei 21 abgebildet werden. Auch nach statistischer Kontrol-
le genereller negativer Affektivität bildet der OPD-SF Unterschiede zwischen nicht-kli-
nischen und klinischen Gruppen sowie zwischen Patienten mit und ohne Persönlich-
keitsstörung ab und korreliert erwartungskonform zum Beispiel mit Bindungsunsi-
cherheit (Ehrenthal et al. 2012). Empirisch zeigten sich ferner substanzielle
Überschneidungen mit dem Expertenrating von OPD-Interviews (r = 0.62; Dinger et
al. 2014). Sowohl OPD-SF-Score als auch OPD-Expertenrating sagten den Schwere-
grad der strukturellen Beeinträchtigung im Sinne der Anzahl von Persönlichkeitsstö-
rungen voraus. Da allerdings in der Untersuchung ein Modell mit beiden Instrumen-
ten am meisten Varianz aufklärte, kann gefolgert werden, dass der OPD-SF das Exper-
tenrating auf Basis des OPD-Interviews nicht ersetzen, wohl aber zusätzliche
diagnostische Hinweise auch für die Therapieplanung liefern kann (Ehrenthal 2014;
Schauenburg et al. 2012).

1.3. Ziele der Studie


Auch wenn der OPD-SF nicht nur für Forschungszwecke, sondern auch zur Thera-
pieplanung verwendet werden kann, schmälert seine Länge mit 95 Items die Einsatz-
möglichkeiten zum Beispiel in Kohortenstudien. Ebenso benötigen manche Frage-
stellungen kein komplettes Profil struktureller Kompetenzen und Einschränkungen,
sondern nur einen Screeningwert in Bezug auf das mögliche Gesamtstrukturniveau.
Ziel der vorliegenden Untersuchung war daher die Entwicklung einer zum Struktur-
Screening geeigneten Kurzversion des OPD-Strukturfragebogens (OPD-SFK).
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2. Methoden
2.1. Stichproben und Vorgehen
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Drei Stichproben wurden untersucht. Zur Entwicklung des OPD-SFK wurde die Ori-
ginalstichprobe (N = 1110) der Evaluation des OPD-SF herangezogen: 204 stationäre
Psychotherapiepatienten, 172 Patienten in oder auf der Suche nach ambulanter Psy-
chotherapie und 734 Probanden, die sich zum Zeitpunkt der Studie nicht in psycho-
therapeutischer Behandlung befanden. Eine genauere Beschreibung findet sich bei Eh-
renthal et al. (2012). Diese Originalstichprobe wurde zufällig halbiert in eine Konstruk-
tionsstichprobe (Stichprobe 1) zur Entwicklung des OPD-SFK und in eine

Tabelle 1: Stichprobenbeschreibung Klinikstichprobe n = 210


Klinik-Stichprobe
M (SD) bzw. %
Alter 46.07 (9.91)
Geschlecht weiblich 78.1 %
in fester Partnerschaft 72.4 %
For personal use only.

höchster Schulabschluss
kein/sonstiger Abschluss 1.9 %
Sonder-/Hauptschulabschluss 34.1 %
Realschule/Mittlere Reife/politechn. Oberschule 39.7 %
Abitur/Fachabitur 23.9 %
Erwerbstätigkeit
arbeitssuchend gemeldet 12.0 %
nicht erwerbstätig (incl. Hausmann/-frau, Berentung) 11.1 %
teilzeitbeschäftigt (incl. Minijob, Ausbildung, Gelegenheitsarbeit, beschütztes 34.1 %
Arbeiten, Sonstiges)
voll erwerbstätig 42.8 %
Arbeitsunfähigkeit vor Aufnahme (Dauer in Wochen) 14.58 (25.66)
Anzahl Diagnosen ICD-10 aus Kapitel V 1.48 (0.74)
Anzahl vollstationäre oder tagesklinische Aufenthalte in psychosomatischer oder 1.17 (2.82)
psychiatrischer Klinik
Anzahl ambulanter Psychotherapieversuche vor Aufnahme 1.91 (3.59)
Medikamenteneinnahme bei Aufnahme ( % der Pat.) 44.8 %
ISR-Gesamtwert 1.05 (0.64)

Hinweis: ISR = ICD-10-Symptom-Rating (Tritt et al. 2008). Angegeben sind Mittelwert (M), Standardab-
weichung (SD) bzw. gültige Prozente. Bei einem Patienten fehlte die Angabe zum Schulabschluss, bei
zweien die Angabe zur aktuellen Erwerbstätigkeit.
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Überprüfungsstichprobe (Stichprobe 2) zur Überprüfung der gefundenen Kurzver-


sion.
Unabhängig davon wurde die daraus entwickelte Kurzversion dann an einer an-
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fallenden Stichprobe einer Psychosomatischen Rehabilitationsklinik (N = 210) hin-


sichtlich Faktorstruktur und Validität überprüft (Stichprobe 3). Die Patienten dieser
Stichprobe stimmten der wissenschaftlichen Auswertung der routinemäßig erhobe-
nen Daten zu. Das mittlere Alter lag bei 46 Jahren, drei Viertel waren weiblich, etwas
weniger berichteten von einer aktuell bestehenden festen Paarbeziehung. Weitere An-
gaben finden sich in Tabelle 1. Die Anzahl der psychischen Diagnosen bewegte sich
zwischen eins und sechs. Neunundsiebzig Personen hatten zwei Diagnosen, 22 Pa-
tienten drei oder mehr. Den größten Anteil der Erstdiagnose stellten mit 66.2 % de-
pressive Störungen. Weitere seelische Erkrankungen waren Anpassungs- und Belas-
tungsstörungen (11.9 %), Angststörungen (11 %), somatoforme und dissoziative
Störungen (5.3 %), und posttraumatische Belastungsstörungen (3.8 %). Die Zweit-
diagnose setzte sich zu ähnlichen Anteilen aus Angststörungen (19 %), somatofor-
men Störungen (16.5 %), depressiven Störungen (16.5 %), Anpassungs- und Belas-
tungsreaktionen (15.2 %), sowie posttraumatischen Belastungsstörungen (6.3 %),
und Essstörungen (3.8 %) zusammen. Weitere Diagnosen waren vor allem somato-
forme Störungen, Essstörungen, Z-Diagnosen, und Substanzmittelabusus. Überein-
For personal use only.

stimmend mit dem Behandlungsfokus der Abteilung der Klinik, die der Stichprobe
zugrunde lag, bekamen insgesamt 14 Patienten (6.7 %) mindesten eine gesicherte
Diagnose einer Persönlichkeitsstörung gestellt. Hier überwogen insbesondere emo-
tional-instabile und kombinierte Persönlichkeitsstörungen.

2.2. Datenanalyse

Die Itemauswahl für den OPD-SFK erfolgte anhand der Konstruktionsstichprobe


(Stichprobe 1). Berücksichtigt wurden Itemschwierigkeit, Itemstreuung, Verteilungs-
form (Schiefe, Kurtosis), korrigierte Trennschärfe und Passung in eine theoretisch
aussagekräftige und empirisch haltbare Faktorstruktur. Die Faktorstruktur wurde
zunächst mit exploratorischen Faktorenanalysen mit ML-Schätzung und schiefwink-
liger Oblimin-Rotation sowie mit konfirmatorischen Faktorenanalysen mit robuster
WLSMV-Schätzung untersucht. Als Abbruchkriterien bei der Faktorextraktion wur-
den der „Knick“ im Scree-Plot sowie Horns Parallelanalyse verwendet.
An der Überprüfungsstichprobe (Stichprobe 2) wurde der entwickelte OPD-SFK
dann hinsichtlich der Reproduzierbarkeit der Ergebnisse evaluiert.
Anhand der Originalstichprobe (Stichproben 1 und 2 zusammengenommen)
wurden Item- und Skalenstatistiken (Mittelwerte, Standardabweichungen, korrigier-
te Trennschärfe, Cronbachs α) für die finale Version des OPD-SFK berechnet. Wei-
terhin erfolgte mithilfe von Varianzanalysen mit Tukey Post-hoc-Tests sowie t-Tests
ein Vergleich der OPD-SFK Summenwerte zwischen Personen in stationärer Psycho-
therapie, in ambulanter Psychotherapie beziehungsweise auf Therapieplatzsuche
und Probanden sowie Patienten mit (n = 65) und ohne (n = 197) (Verdachts-) Di-
agnose Persönlichkeitsstörung.
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An der Stichprobe der Psychosomatischen Klinik wurde die Faktorstruktur mittels


konfirmatorischer Faktorenanalyse überprüft und Zusammenhänge zwischen OPD-
SFK-Werten und psychotherapeutisch-psychiatrischem Inanspruchnahmeverhalten
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vor Aufnahme berechnet. Als Indikator für das Inanspruchnahmeverhalten wurde


ein Summenscore aus stationären und tagesklinischen psychosomatischen bezie-
hungsweise psychiatrischen Behandlungen in der Vorgeschichte gebildet, der von 0
bis 22 mit einem Mittelwert von 1.17 (SD = 2.89) variierte. Aufgrund der deutlichen
Schiefe der Verteilung wurden drei Gruppen gebildet: eine Gruppe von Patienten
ohne jeglichen stationären beziehungsweise tagesklinischen Aufenthalt (69.9 %), ei-
ne Gruppe mit einem Aufenthalt (16.7 %) und eine mit mindestens zwei oder mehr
Aufenthalten (21.7 %). In einer multiplen Regression wurden Zusammenhänge zwi-
schen diesen mit 0, 1 und 2 codierten Inanspruchnahmegruppen und strukturellen
Beeinträchtigungen (OPD-SFK) berechnet. Neben dem OPD-SFK wurde routine-
mäßig die Summenskala des ICD-10-Symptom-Rating (ISR; Tritt et al. 2008) als Maß
für die symptomatische Gesamtbelastung verwendet. Um den Einfluss der reinen
Symptombeschwerde statistisch zu kontrollieren wurde der Gesamtwert des ISR in
die Regressionsanalyse einbezogen.
Als Schätzer der Effektstärke wurden η² und Cohens d bestimmt. Wir verwende-
ten ein Signifikanzniveau von α = 0.05. Die statistischen Analysen wurden mit SPSS
For personal use only.

20 und R 3.0.1 durchgeführt.

3. Ergebnisse
3.1 Entwicklung des OPD-SFK

3.1.1. Entwicklung der Screeningversion


Bei der Untersuchung der Faktorstruktur des OPD-SF zeigte sich weder ein am Ur-
sprungsfragebogen orientiertes Modell mit 21 noch eines mit acht korrelierten Sub-
skalen in den ersten Überprüfungen als ausreichend stabil. Daher wurde auf Basis
der oben genannten Itemstatistiken sowie theoretischer Überlegungen aus jeder der
ursprünglichen 21 OPD-SF-Skalen ein diese Dimension möglichst gut repräsentie-
rendes Item ausgewählt und in eine exploratorische Faktorenanalyse eingebracht,
wobei Scree-Plot und Horns Parallelanalyse die Extraktion von drei Faktoren nahe-
legten. Eine Dreifaktorstruktur mit korrelierten Faktoren klärte nur 36 % Varianz auf
und enthielt Items mit uneindeutigen Mehrfachladungen. Inhaltlich ließ sich erken-
nen, dass es in den Faktoren um die Themen Selbstwahrnehmung, Beziehungsmodell
und Kontaktgestaltung ging. Der Faktor Kontaktgestaltung wies die niedrigsten und
am wenigsten eindeutigen Ladungen auf. Mithilfe einer konfirmatorischen Fakto-
renanalyse wurde daraufhin ein spezifisches Modell mit drei korrelierten latenten
Dimensionen und ausschließlich eindeutigen Itemladungen generiert. Für die latente
Dimension Kontaktgestaltung suchten wir zur Optimierung der Modellstruktur im
Gesamt-Itempool des OPD-SF nach weiteren theoretisch passenden Items aus in-
haltlich ähnlichen Strukturdimensionen, die gleichzeitig hinsichtlich der Itemstatis-
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tiken akzeptable Werte und substantielle Korrelationen mit den deutlich auf dem
Faktor Kontaktgestaltung ladenden Items aufwiesen.
Diese Prozedur führte zu einer 12-Item-Lösung mit jeweils vier Items als Indikato-
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ren für die latenten Dimensionen Selbstwahrnehmung, Beziehungsmodell und Kontakt-


gestaltung. Dieses Modell erzielte in der konfirmatorischen Faktorenanalyse akzeptable
bis gute globale Fit-Statistiken (TLI = 0.95; CFI = 0.96; RMSEA [90 %-CI] = 0.08
[0.07–0.09]) [10]. Die Korrelationen zwischen den latenten Dimensionen lagen zwi-
schen r = 0.73 und r = 0.84. Alle standardisierten Itemladungen überstiegen β = 0.60.
Die interne Konsistenz aller Items zusammengenommen lag bei Cronbachs α = 0.88.

3.1.2. Erste Überprüfung der Faktorstruktur der Kurzversion


Anhand der Überprüfungsstichprobe wurde untersucht, inwieweit die theoretisch
wie empirisch abgeleitete Kurzversion einer empirischen Testung standhält. Eine
konfirmatorische Faktorenanalyse des Dreifaktormodells zeigte auch hier insgesamt
akzeptable bis gute Fit-Statistiken bei TLI und CFI sowie grenzwertig akzeptable
Werte bei RMSEA (TLI = 0.93; CFI = 0.95; RMSEA [90 %-CI] = 0.10 [0.09–0.11]
(siehe Abb. 1). Die interne Konsistenz aller Items zusammengenommen war hoch
(Cronbachs α = 0.87). Ein zur Kontrastierung mittels konfirmatorischer Faktoren-
analyse berechnetes Einfaktormodell, in dem alle Items auf einer einzigen latenten
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Dimension luden, wurde verworfen, da es wesentlich schlechtere Fit-Statistiken er-


zielte (TLI = 0.85; CFI = 0.88; RMSEA [90 %-CI] = 0.14 [0.13–0.15]).

Abbildung 1: Faktorstruktur des OPD-SFK in der Überprüfungsstichprobe (n = 555)

Hinweis: Konfirmatorische Faktorenanalyse mit robuster WLSMV-Schätzung. CI = Konfidenzin-


tervall; RMSEA = Root Mean Square Error of Approximation; TLI = Tucker-Lewis Index.
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3.1.3. Reliabilität und Validität in der Gesamtstichprobe

Tabelle 2 zeigt die auf der Originalstichprobe (N = 1110) beruhenden Item- und
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Skalenstatistiken des finalen OPD-SFK. Aufgrund der hohen Korrelationen zwischen


den latenten Dimensionen und der hohen internen Konsistenz (Cronbachs α = 0.88)

Tabelle 2: Item- und Skalencharakteristika des OPD-SFK in beiden Stichproben


Entwicklungs- und Klinik-Stichprobe
Überprüfungsstich- (N = 210)
probe (N = 1110)
OPD-SFK Item-Nr. OPD- M SD rit M SD rit
SF
Item-
Nr.
1 Ich erlebe mich manchmal wie eine fremde Per- 3 1.09 1.12 0.63 1.01 1.07 0.68
son.
2 Wenn ich viel über mich nachdenke, gerate ich 27 1.45 1.19 0.63 1.38 1.20 0.70
eher in Verwirrung.
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3 Wenn man andere zu nahe an sich heran lässt, 32 1.68 1.14 0.60 1.61 1.23 0.71
kann das gefährlich werden.
4 Ich kann mich anderen oft schwer verständlich 81 1.31 1.07 0.71 1.46 1.13 0.69
machen.
5 In mir herrscht oft ein solches Gefühlschaos, 41 1.34 1.24 0.73 1.91 1.22 0.72
dass ich es gar nicht beschreiben könnte.
6 Ich schätze manchmal falsch ein, wie mein Ver- 49 1.99 1.01 0.56 2.05 1.10 0.73
halten auf andere wirkt.
7 Wenn andere viel über mich wissen, fühle ich 50 1.56 1.19 0.64 1.81 1.35 0.68
mich oft irgendwie kontrolliert oder beobachtet.
8 Meine Gefühle sind manchmal so intensiv, dass 73 1.18 1.17 0.57 1.74 1.38 0.60
ich Angst bekomme.
9 Ich bin schon sehr verletzt worden, weil ich 78 2.07 1.34 0.49 2.61 1.37 0.48
mich in einem Menschen getäuscht hatte.
10 Es fällt mir schwer, zu anderen Kontakt aufzu- 79 1.23 1.08 0.49 1.56 1.23 0.57
nehmen.
11 Ich habe kein gutes Selbstbewusstsein. 40 1.77 1.23 0.64 2.27 1.22 0.50
12 Meine Erfahrung ist: Wenn man Menschen zu 90 1.64 1.23 0.70 2.42 1.26 0.68
sehr vertraut, kann man böse Überraschungen
erleben.
Summenwert (Cronbachs α = 0.88; 0.89) 18.32 9.16 21.82 9.93

Hinweis: OPD-SFK und entsprechende OPD-SF Item-Nummer, Mittelwert M, Standardabweichung SD,


korrigierte Trennschärfe rit. Antwortformat: trifft gar nicht zu (0), trifft eher nicht zu (1), teils / teils (2),
trifft eher zu (3), trifft völlig zu (4)
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beim Zusammenfassen aller 12 Items zu einer einzigen Skala scheint das Aggregieren
der einzelnen Itemwerte zu einem Summenwert gerechtfertigt.
Hinsichtlich der kriteriumsbezogenen Validität untersuchten wir Gruppenunter-
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schiede im OPD-SFK Summenwert zwischen Personen in stationärer Psychotherapie


(M = 26.49; SD = 8.70), in ambulanter Psychotherapie beziehungsweise auf Thera-
pieplatzsuche (M = 21.05; SD = 8.73) und Probanden (M = 15.41; SD = 7.71). Die
Gruppen unterschieden sich signifikant voneinander (F(2.1107) = 162.45; p < 0.0001;
η² = 0.23). Tukey HSD Post-hoc-Tests zeigten folgende Unterschiede: Personen in
stationärer Psychotherapie erzielten signifikant höhere Werte als Personen ohne The-
rapie (Cohens d = 1.35) oder in ambulanter Psychotherapie (Cohens d = 0.62). Per-
sonen in ambulanter Psychotherapie erzielten signifikant höhere Werte als Personen,
die sich nicht in psychotherapeutischer Behandlung befanden (Cohens d = 0.68).
Der OPD-SFK-Summenwert war ebenfalls signifikant höher bei Patienten mit der
(Verdachts-) Diagnose einer Persönlichkeitsstörung (M = 27.65; SD = 9.10) als bei
Personen ohne eine solche Diagnose (M = 24.30; SD = 9.28; t(260) = 2.53; p = 0.012;
Cohens d = 0.33).

3.2. Überprüfung des OPD-SFK an einer Stichprobe einer Psychosomatischen


Klinik
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3.2.1 Kennwerte und Faktorstruktur


Die Item- und Skalenstatistiken des OPD-SFK der unabhängigen Klinikstichprobe
finden sich in Tabelle 2. Interne Konsistenz der Gesamtskala (Cronbachs α = 0.89)
und Trennschärfe der Items (mittlere rit = 0.65) sind akzeptabel. Die Überprüfung
der Faktorstruktur mittels konfirmatorischer Faktorenanalyse mit WLSMV Estima-
tion zeigte akzeptable bis gute Fit-Statistiken bei TLI und CFI und grenzwertig ak-
zeptable Werte bei der RMSEA (TLI = 0.94; CFI = 0.95; RMSEA [90 %-CI] = 0.10
[0.09–0.12] für das Dreifaktormodell. Für Kennwerte der Items und des Gesamtfra-
gebogens siehe Tabelle 2.

3.2.2 Struktur und Inanspruchnahmeverhalten


Der OPD-SFK war systematisch mit dem Inanspruchnahmeverhalten assoziiert (β
= 0.24, F(1.208) = 12.48, p = 0.001, korrigiertes R2 = 0.05). Um den Einfluss der
reinen Symptombelastung zu kontrollieren, die in der Stichprobe zu r = 0.51 (p <
0.0001, Pearson, 2-seitig) signifikant mit dem OPD-SFK korreliert war, gaben wir in
einem zweiten Schritt den ISR-Gesamtscore in die Analyse mit ein. Das Gesamtmo-
dell blieb signifikant (F(2.207) = 8.44, p < 0.0001) und klärte etwa zwei Prozent mehr
Varianz auf (korr. R2 gesamt = 0.07, p = 0.04). Die β-Koeffizienten lagen für den
OPD-SFK bei 0.16 (p < 0.05) und ISR-Gesamtwert bei 0.16 (p < 0.05). Dieser Effekt
ist dabei nicht durch die Variable Alter zu erklären. Es gab keinen signifikanten Zu-
sammenhang zwischen Alter und dem Inanspruchnahmeverhalten (r = –0.03), Ge-
samtzahl der Tagesklinik- oder Klinikaufenthalte (r = –0.05), OPD-SFK (r = –0.09)
oder ISR-Gesamtwert (r = –0.01).
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Entwicklung des OPD-SFK 271

4. Diskussion

Anhand der Original-Evaluationsstichprobe des OPD-SF wurde in mehreren Schrit-


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ten eine Zwölf-Item-Kurzversion mit drei hochkorrelierten Subskalen Selbstwahr-


nehmung, Beziehungsmodell und Kontaktgestaltung entwickelt. Die Faktorstruktur
konnte mit akzeptablen bis guten Fit-Statistiken bestätigt werden. Ebenso wurden
die Ergebnisse der Originalstudie in Bezug auf Unterschiede zwischen Menschen
ohne, in ambulanter und in stationärer Psychotherapie, aber auch zwischen Patienten
mit versus ohne Persönlichkeitsstörungen repliziert. In einer zweiten, unabhängigen
Stichprobe aus einer Psychosomatischen Klinik wurde die Dreifaktorstruktur bestä-
tigt. Außerdem hing ein höherer Wert im OPD-SFK signifikant mit einer höheren
psychosomatisch-psychiatrischen Inanspruchnahme zusammen, auch nach statisti-
scher Kontrolle des Gesamtniveaus der Symptombeschwerden.
Methodisch ist die Qualität der Faktorenlösung vergleichbar den Ergebnissen von
Zimmermann et al. (2013b) für die 16-Item-Version des Inventars der Persönlich-
keitsorganisation (CFI = 0.91, TLI = 0.96, RMSEA = 0.07). Andere international
eingesetzte Fragebögen, wie zum Beispiel der Severity Indices of Personality Problems
(Verheul et al. 2008), sind mit 118 Items in der Lang- beziehungsweise 60 Items in
der Kurzversion bisher deutlich länger.
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Inhaltlich umfasst die Subskala Selbstwahrnehmung Items, die in der Langfassung


des OPD-SF aus den Bereichen Identität, Selbstreflexion, Affektdifferenzierung und
Affekttoleranz stammen, und verbindet damit Aspekte des Selbst mit strukturellen
Fähigkeiten der Emotionsregulation. Die Subskala Beziehungsmodell stellt Bezüge zu
objektbeziehungstheoretischen Modellen her (Levy u. Scala 2012), die sich zum Bei-
spiel in der Bindungstheorie (Levy et al. 2011) oder Schemakonzepten (Jacob u.
Arntz 2011) wiederfinden. Sie nutzt Items aus den Bereichen Internalisierung, Selbst-
Objekt-Differenzierung und Realistische Objektwahrnehmung und bildet die Reprä-
sentation von Beziehungserfahrungen ab, verbunden mit entsprechenden Erwartun-
gen an neue Beziehungen. Die Subskala Kontaktgestaltung integriert Items aus den
Bereichen Selbstwertregulation, Antizipation, Kontaktaufnahme und Affektmitteilung.
Hier stehen auf das Gegenüber gerichtete interpersonelle Fähigkeiten im Vorder-
grund, verbunden mit Aspekten von Selbstunsicherheit. Inhaltlich passen die Skalen
des OPD-SFK gut zum Konzept der LPFS des DSM-5 (s. o.). Die dreifaktorielle
Struktur wirft allerdings die Frage auf, inwiefern die Dichotomisierung der Struk-
turachse der OPD wie auch der LPFS in Bezug auf das Selbst und signifikante Andere
eher eine klinische Heuristik darstellt, auch da sich in anderen Studien zeigte, dass
beide Bereiche empirisch gemeinsam variieren (z. B. Hopwood et al. 2013).
Die Replikation der Ergebnisse zur Differenzierungsfähigkeit des OPD-SFK zwi-
schen verschiedenen nicht-klinischen und klinischen Gruppen, aber auch zwischen
Patienten mit versus ohne Persönlichkeitsstörung aus der Gesamtstichprobe und der
Zusammenhang mit Inanspruchnahmeverhalten sind weitere Hinweise für die Vali-
dität des OPD-SFK. Der Befund, dass eine stärkere strukturelle Beeinträchtigung mit
mehr Inanspruchnahme des Gesundheitssystems einhergeht, ist nicht nur gesund-
heitsökonomisch wichtig, sondern weist auch darauf hin, dass das Einschätzen struk-
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272 J. C. Ehrenthal et al.

tureller Beeinträchtigungen auch unterhalb der Diagnoseschwelle einer Persönlich-


keitsstörung von Relevanz sein kann – wie von der OPD seit langem praktiziert und
nunmehr auch im DSM-5 und ICD-11 angedacht. Allerdings weist die insgesamt
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geringe Varianzaufklärung darauf hin, dass hier weitere Faktoren eine tragende Rolle
spielen.
Mögliche Einschränkungen der Studie liegen in mehreren Bereichen. Die Ent-
wicklung des OPD-SFK erfolgte in einem Teil der Originalevaluationsstichprobe der
Langfassung, sodass sich theoretisch systematische Effekte der Stichprobe auch auf
die Entwicklung des OPD-SFK auswirken könnten. Unsere Herangehensweise stellt
jedoch ein Standardverfahren in der Fragebogenkonstruktion dar (siehe z. B. Zim-
mermann et al. 2013b). Gleichzeitig konnte die in der Konstruktionsstichprobe ge-
fundene Faktorstruktur in der Überprüfungsstichprobe bestätigt werden. Zudem
fanden sich fast identische Ergebnisse in einer unabhängigen Klinikstichprobe. Dies
deutet auf darauf hin, dass die Ergebnisse wahrscheinlich als relativ stabil einzuschät-
zen sind.
Die Befunde zum Inanspruchnahmeverhalten sind retrospektiv erhoben worden.
Eine genaue Überprüfung der Patientenangaben anhand von Krankenkassen- oder
Rentenversicherungsdaten war nicht möglich. Es wurden alle Vorbehandlungen mit
eingeschlossen, nicht nur solche im Zeitfenster der letzten zwei Jahre, also des Zeit-
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raumes, der im Sinne des OPD-2 Manuals (Arbeitskreis OPD, 2006) für die Struk-
turdiagnostik besonders relevant ist. Andererseits ist nicht ersichtlich, inwiefern dies
zu einer systematischen Über- oder Unterschätzung der vorangegangenen Aufent-
halte führen sollte, da Patienten zum Beispiel weder Vor- noch Nachteile durch das
Benennen oder Weglassen früherer Aufenthalte hatten. Zur weiteren Untersuchung
des Zusammenhanges zwischen OPD-SFK-Werten und Inanspruchnahmeverhalten
sind letztlich prospektive Studien unter der Kontrolle weiterer Variablen notwendig.
Die Diagnosen wurden klinisch nach sorgfältiger Prüfung durch das Behandlungs-
team gestellt, jedoch nicht auf Basis eines strukturierten Interviews. Insbesondere die
Erst-Diagnose einer Persönlichkeitsstörung wurde in der Klinikstichprobe sehr kon-
servativ vergeben, insofern liegt möglicherweise die reale Anzahl der Patienten mit
Persönlichkeitsstörungen höher. Im Gegensatz zur Konstruktionsstichprobe wurden
jedoch keine diagnosebezogenen Hypothesen getestet, sodass den Diagnosen über
eine Beschreibung der Stichprobe hinaus keine besondere Rolle zukommt.
Der OPD-SFK stellt somit ein reliables Screeninginstrument zum Erfassen gene-
reller struktureller Einschränkungen der Persönlichkeit dar. Primär wird empfohlen,
den Globalwert zu verwenden, explorativ können auch die drei korrelierten Subska-
len Selbstwahrnehmung, Beziehungsmodell und Kontaktgestaltung ausgewertet wer-
den. Stärken des Instrumentes liegen in seiner Kürze, seinen guten psychometrischen
Kennwerten und seiner soliden inhaltlichen Fundierung mit Bezügen zu aktuellen
Theorien dimensionaler Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen. Ebenso ist er
durch die Bildung von Summen- anstelle von Mittelwerten leichter auszuwerten als
die Vollversion des OPD-SF. Bedacht werden sollte, dass der OPD-SFK eher ein glo-
bales Screening als ein differenziertes Profil ermöglicht und weder die Langversion
des Fragebogens noch das klinische OPD-Interview ersetzen kann (Ehrenthal 2014).
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Entwicklung des OPD-SFK 273

Insgesamt liegt mit dem OPD-SFK ein aus der OPD heraus entwickeltes, an aktuelle
Diskussionen um dimensionale Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen anschluss-
fähiges, psychometrisch akzeptables Screening-Instrument zum Erfassen strukturel-
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ler Schwierigkeiten der Persönlichkeit vor. Folgestudien zur Erhebung von Norm-
werten, zur Überprüfung der Faktorstruktur in unabhängigen Stichproben, zur
Kreuzvalidierung mit verwandten Instrumenten sowie der Anwendung in der klini-
schen Praxis sind erforderlich.

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Korrespondenzadresse: Dr. phil. Dipl.-Psych. Johannes C. Ehrenthal, Klinik für


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Thibautstr. 2, 69115 Heidelberg,
E-Mail: johannes.ehrenthal@med.uni.heidelberg.de

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