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Vom Pragmatismus zur Chicago School

Charles Sanders Peirce William James


(*1839, †1914) John Dewey (*1842, †1910)
(*1859, †1952)
Albion W. Small George Herbert Mead
(*1854, †1926) William Isaac Thomas (*1863, †1931)
(*1863, †1947)
Robert E. Park
(*1864, †1944) Ernest W. Burgess
Nels Anderson (*1886, †1966)
(*1889 †1986)
Frederic M. Trasher
(*1892 †1970)
Everett C. Hughes Louis Wirth Herbert Blumer
(*1897, †1983) (*1897 †1952) (*1900, †1987)
Paul G. Cressey usw.

Anselm L. Strauss
Erving Goffman (*1916, †1996) Howard S. Becker
(*1922, †1982) (*1928)

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Handlungsmodell des
Pragmatismus
1. Handlungsgewohnheit
(praktisches Bewusstsein)

4. Bewährung und Legitimation 2. Handlungshemmung


(diskursives Bewusstsein) (Krisenbewusstsein)

3. Experiment
(intellektuelle Elaboration)

Lit.: Schubert, Hans-Joachim (Hg.): Pragmatismus zur Einführung. Hamburg 2010.

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Exkurs: Alfred Schütz (*1899 †1959)

• Sozial-/Mundanphänomenologie
• Alltagshandeln; natürliche Einstellung
• Sinnhafter Aufbau der sozialen Welt
• Unterscheidung von Handeln/Handlung
• Um zu- und Weil-Motive
• Typisierung, Relevanzsysteme
• Mannigfaltige Wirklichkeiten (Traumwelt,
Alltagswelt, Welt des Spiels, der Wissenschaft usw.)
• Problem der Intersubjektivität

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Theoriefelder des Pragmatismus

• Handlungstheorie; symbolischer Interaktionismus


(=symbolvermittelter) Interaktionismus
• Methodologie, z.B. Logik, Sprache und Erkenntnis;
Interpretatives Paradigma, Feldforschung (Park),
Grounded Theory (Glaser/Strauss)

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Drei Prämissen des Symbolischen
Interaktionismus
„Die erste Prämisse besagt, dass Menschen ‚Dingen‘
gegenüber auf der Grundlage der Bedeutungen
handeln, die diese Dinge für sie besitzen. […] Die
zweite Prämisse besagt, dass die Bedeutung solcher
Dinge aus der sozialen Interaktion, die man mit
seinem Mitmenschen eingeht, abgeleitet ist oder aus
ihr entsteht. Die dritte Prämisse besagt, dass diese
Bedeutungen in einem interpretativen Prozess, den
die Person in ihrer Auseinandersetzung mit den ihr
begegnenden Dingen benutzt, gehandhabt und
abgeändert werden.“ (Blumer 1981: 81)

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Interpretative und qualitative


Sozialforschung
• Thomas-Theorem: „Wenn die Menschen Situationen als
real definieren, so sind auch ihre Konsequenzen real.
(If men define situations as real, they are real in their
consequences)“
• „Go and sit in the lounges of luxury hotels and on the
doorsteps of the flophouses; sit on the Gold Coast
settees and on the slum shakedowns; sit in the
Orchestra Hall and in the Star and Garter Burlesque. In
short go and get the seat of your pants dirty in real
research.” (Robert E. Park, 1927)
• Verwandte Methodologien: Sozialphänomenologie
(Alfred Schütz; Peter L. Berger/Thomas Luckmann);
Ethnomethodologie (Harold Garfinkel) usw.

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George Herbert Mead (1863-1931)
 lehrte von 1894 bis zu seinem Tode
Philosophie und Sozialpsychologie in
Chicago, befreundet mit John Dewey
(Pragmatismus  Chicago School)
 Ausgangspunkt: Sozialbehaviorismus
 Abgrenzung der menschlichen Gattung über die
Sprache (gegenüber der Gestenkommunikation im
Tierreich  einfaches Reiz-Reaktions-Schema)
 Begründer des „symbolischen Interaktionismus“
(bewusste, weil geteilte Bedeutung macht aus den
Gesten oder Lauten signifikante Symbole)
 Hauptwerk: „Mind, Self and Society“ (posthum 1934,
basierend auf Vorlesungsmitschriften)

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Theorie der sprachlichen


Interaktion
 Soziale Reiz-Reaktions-Beziehungen (z.B.
Hundekampf):
 zwei Organismen in einer Interaktionssituation
 Problem der Verhaltenskoordination (doppelte
Kontingenz)
 Lösung: Gestenkommunikation
 Verhaltenssequenz als soziale Gesamthandlung mit
objektiver Bedeutung aus Beobachtersicht
 Frage: Wie werden Gesten zu signifikanten
Symbolen?
 objektive Bedeutung der Gesten muss aus Sicht der
Teilnehmer verfügbar (bewusst) sein! (z.B. Boxkampf)

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Theorie der sprachlichen
Interaktion
 Besonderheiten der Lautgeste: Ego hört sich selbst 
Verinnerlichung von Reaktionstendenz
 Ausbildung von Verhaltenserwartungen
(Antizipationen der Anschlusshandlung)
 Geste bekommt über Eigenschaften des Reizes hinaus
Zeichencharakter, sie steht für die Gesamthandlung
(signifikantes Symbol)
 Sprachliche Interaktion gewinnt durch die
Verwendung von signifikanten Symbolen
Freihheitsgrade (Ja-/Nein-Stellungnahmen)
 Wie bilden sich soziale Erwartungsstrukturen?

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Stadien der Übernahme von Rollen


 Play (kindliches Spiel):
 Interaktionsmodus: nachahmendes Rollenspiel
 Bezugspunkt der Perspektivenübernahme: ein
individueller anderer (signifikanter Anderer)
 Orientierung an antizipierten Handlungen/Reaktionen
 Game (Wettkampfspiel):
 regelgeleitete Kooperation
 begrenzte Gemeinschaften (generalisierter Anderer)
 gemeinschaftsspezifische Normen
 Ideal-role-taking (Moralentwicklung):
 diskursive Verständigung
 universeller Anderer (menschliche Gesellschaft)
 Universalitätsprinzip als Prinzip der Normbegründung

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Phasen der Identität: Das „Me“

 Durch Perspektivenübernahme wird das eigene


Selbst zum Objekt
 Das Individuum wendet die Erwartungen der
anderen auf sich selbst an
 Die so entstehenden Selbstbilder (also antizipierten
Fremdbilder) bezeichnet Mead als „Me“
 Das Individuum ist mit verschiedenen Erwartungen
(„Me“s) konfrontiert, die zueinander im Konflikt
stehen können

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Phasen der Identität: Das „I“

 Das „I“ ist die Spontaninstanz, verankert im


Organismus
 es reagiert auf die Erwartungen (aber nie unter
völlig gleichen Umständen)
 Das „I“ muss Unsicherheit reduzieren (Handlungs-
/Entscheidungsdruck)
 Auf diese Weise verändert sich das „Me“ (normative
Selbstbilder werden modifiziert)

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Identitätsbildung
verinnerlichte
Erwartungen „Me“

Reaktion:
Spontaninstanz
„I“

verinnerlichte
Handeln Erwartungen „Me“

usw.

Bildung des Selbst (Identität) als


Vermittlung zwischen „I“ und „Me“

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Theoriefelder

• Methodologie, z.B. Logik, Sprache und Erkenntnis;


Interpretatives Paradigma, Feldforschung (Park),
Grounded Theory (Glaser/Strauss)
• Handlungstheorie; symbolischer Interaktionismus
(=symbolvermittelter) Interaktionismus
• Theorie der modernen Gesellschaft (Chicago als Labor
der Moderne: Industrialisierung, Subkulturen)
• Zeitdiagnose: Orientierung an den drängenden
Problemen (Kriminalität, ethnische Konflikte; Wege
der gesellschaftlichen Krisenbewältigung zentraler
Forschungsfokus  Perspektiven der Demokratie)

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