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Januar 2018, 07:24 Uhr

Interview am Morgen
"Weil der Mensch glaubt, dass er es nächstes Mal schafft"

Mehr Sport, jetzt aber dann wirklich - spätestens im neuen Jahr.

Obwohl es nur selten gelingt, gute Silvester-Vorsätze länger durchzuhalten, versuchen viele es
alle Jahre wieder. Ein Psychologe erklärt im Interview am Morgen, woran sie wirklich scheitern.

Von Violetta Simon

Regelmäßig Sport, mehr Zeit für die Familie, weniger rauchen, eine neue Sprache lernen: so
viele gute Vorsätze - und alles nur, weil der 1. Januar ist. Dabei gelingt es nicht einmal der
Hälfte der Deutschen, länger als drei Monate durchzuhalten. Der Psychologe Marco Schneider
hat aus dieser menschlichen Schwäche eine Geschäftsidee entwickelt: die Motivationsplattform
Ansporner.

SZ: Herr Schneider, haben Sie schon ein paar Vorsätze fürs neue Jahr?

Marco Schneider: Ich versuche nach wie vor, nicht wieder mit dem Rauchen anzufangen. Das
gelingt mir immerhin seit zehn Jahren.
Die meisten Menschen erreichen ihr Ziel nicht, obwohl es ihnen ernst ist mit den guten
Vorsätzen. Woran scheitern sie?

Marco Schneider

(Foto: privat)

Die Messlatte wird häufig zu hoch angelegt. Der eine will von heute auf morgen 15 Kilo
abnehmen, der nächste sportlich werden, obwohl er es nie war. Dabei wird das Ziel recht
unkonkret formuliert, statt sich genau zu überlegen: Was müsste am Ende rauskommen, damit
ich sagen kann, ich habe mein Ziel erreicht. Oft ist auch der Zeitpunkt unpassend. Wenn ich jetzt
schon weiß, dass mir eine stressige Phase bevorsteht, sollte ich mir eingestehen: Die Chance, mit
dem Rauchen aufzuhören, ist danach größer.

Wäre es nicht sinnvoller, zu handeln, sobald die Waage zu viel anzeigt, der Raucherhusten
uns quält, die Beziehung den Bach runtergeht? Warum binden viele ihre Vorsätze an den
Termin an Neujahr?

Der Jahreswechsel steht für einen Neubeginn. Dass Handlungsbedarf besteht, weiß man
möglicherweise schon länger, doch aufraffen kann - oder muss - man sich erst zu diesem Datum.
Bis dahin kann man das Vorhaben noch ein bisschen aufschieben. Und sich einreden, dass man
voller Tatendrang sein wird, wenn es erst einmal so weit ist. Dabei wird die Herausforderung
und der damit verbundene Aufwand unterschätzt. Denn genau da wird es unangenehm: Man
müsste sich die Hürden vergegenwärtigen. Das ist menschlich, zugleich aber auch der Grund,
warum es letzten Endes nicht klappen wird.
Als würde ich mir im Oktober eine neue Hose eine Nummer zu klein kaufen, weil ich davon
ausgehe, dass ich Ende Januar weniger wiegen werde ...

Genau. Die Verdrängung beginnt bereits in dem Moment, in dem ich mir das Ziel vornehme. Das
ist typisch für die Prokrastination (Anm. d. Red.: Aufschieben). Manche untermauern ihre
Vorsätze mit Aktionismus, kaufen sich etwa neue Joggingschuhe, damit sie mehr Lust auf Sport
bekommen. Doch das schafft nur ein gutes Gefühl, nicht mehr. Denn was es wirklich für sie
bedeutet, rauszugehen und das Vorhaben umzusetzen - egal, ob bei schlechtem Wetter oder
wenn es wieder mal spät wurde - daran haben sie nicht gedacht.

Dennoch lernen viele nicht aus ihrem Scheitern - jedes Jahr nehmen sie sich wieder neue
Vorsätze vor.

Weil der Mensch daran glaubt, dass er es beim nächsten Mal schafft. Das ist Selbstbetrug.
Gelingen kann es erst, wenn er sich klarmacht, ob und warum das Erreichte ihn glücklicher
macht. Ein Instrument kann man zum Beispiel erlernen, um künftig gemeinsam mit Freunden zu
musizieren - und nicht einfach nur, um Gitarre zu spielen.

Ein beliebter Vorsatz lautet: nicht jede Verpflichtung annehmen, sondern öfter Nein sagen.
Wie wäre es damit, auch mal zu guten Vorsätzen Nein zu sagen - im Sinne von: Ich muss
gar nix!

Das halte ich für einen guten Ansatz: sich selbst so anzunehmen, wie man ist. Und zu prüfen, ob
es wirklich die eigenen Wünsche sind. Oder man lediglich getrieben ist von gesellschaftlichen
Vorstellungen oder Normen. Nur dann hat man die Stärke, seine Vorsätze auch zu realisieren.