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Die digitale Weltbibliothek

Wie sich das Publikationswesen im Internet verändert. Ein Resümee

Von Dieter E. Zimmer


4. Mai 2000

AUS DER ZEIT NR. 19/2000 [h p://www.zeit.de/2000/19?

wt_zmc=fix.int.zonpme.zeitde.wall_abo.premium.packshot.cover.zei&utm_medium=fix&utm_source=ze

itde_zonpme_int&utm_campaign=wall_abo&utm_content=premium_packshot_cover_zei]

Das Internet löscht die räumliche Entfernung und mit ihr jede Geografie. Ob eine Quelle gleich
um die Ecke oder am andern Ende der Welt entspringt, merkt man am Bildschirm nicht mehr.
Auch mit der Zeit stellt das Netz Merkwürdiges an. Im Kleinen, beim Warten auf die
Rückmeldung eines Servers, scheint sie langsamer zu vergehen als sonst im Leben, im Großen
aber sehr viel schneller. Die Zeit vor dem World Wide Web, vor 1993: sagenhafte Vorgeschichte.
Die Anfänge des Web, bis etwa 1996: schlecht dokumentiertes Mittelalter. Erst danach beginnt
die Neuzeit.

Am Ende der Frühzeit, im Sommer 1997, versuchte ich eine Art Inventur. Ich wollte erst mir
und dann den Lesern der ZEIT einen Überblick verschaffen, wie der Computer die Bibliothek
verändert hatte und wahrscheinlich weiter verändern würde, welche Kataloge sich online
abfragen ließen, welche elektronischen "Volltexte" im Internet und auf CD-ROM zu finden
wären, inwieweit die wissenschaftliche Fachzeitschrift den schon lange prophezeiten Übergang
vom Papier in die Computernetze geschafft hatte - und auch über die mutmaßlichen Grenzen
der anbrechenden digitalen Ära.

Eins der notorischen Probleme des Internet ist die Beweglichkeit und Kurzlebigkeit der Web-
Seiten: Sie müssen ihre Inhalte ständig verändern, aktualisieren, sonst veralten sie,
verwahrlosen und gehen ganz ein. Die durchschnittliche Lebensdauer eines Web-Dokuments
beträgt heute 44 bis 70 Tage. Bei jeder Suche im Web stößt man auf umgezogene Seiten und
gänzlich tote Links zuhauf. Jeden Navigator in den bewegten Ozeanen des Web begleitet der
Verdacht, dass er die glücklich erreichte Informationsinsel nie wiedersehen wird.

Bestätigen die Momentaufnahmen im Dreijahresabstand solchen Verdacht? Der Link-Katalog


begann 1997 mit 65 Links. Davon waren ein Jahr später, im Oktober 1998, vier zu streichen,
weil sie verwahrlost oder ganz versiegt waren; andererseits kamen 50 neu hinzu. Von den
damaligen 111 Links entfielen jetzt aus den gleichen Gründen etwa 20, dafür wurden 60 neu
aufgenommen. Die attrition rate war also hoch, aber nicht so haarsträubend hoch wie sonst im
Web - vermutlich darum, weil der Katalog von vornherein nur Adressen verzeichnet hatte,
denen einige Dauerhaftigkeit zuzutrauen war. (Einfache Adressenänderungen gab es natürlich
sehr viele mehr.) Die "Auftritte" haben sich in diesen drei Jahren nur manchmal und mäßig
verändert und nicht immer zu ihrem Vorteil, vor allem dadurch, dass etliche Websites
inzwischen mit Werbung zugewuchert sind. Die Inhalte dagegen haben sich so gut wie immer
verändert - und manchmal stark. Es ist alles mehr geworden. Sehr viel mehr?

Angeblich verdoppelt sich die Zahl der Web-Seiten alle halbe Jahre. Zurzeit soll es zwischen
500 und 800 Millionen geben - nachgezählt hat niemand. Die Zahl der Websites betrug Ende
1996 eine Viertelmillion, heute sind es über 13 Millionen - eine Verfünfzigfachung in drei
Jahren, wie beim Börsenwert mancher Internet-Firmen. Hat die online verfügbare Information
rund um das Thema "Digitale Bibliothek" sich ebenfalls verfünfzigfacht?

Keineswegs. Die Digitale Bibliothek wächst wesentlich langsamer als das übrige Web.
Verwunderlich ist es nicht: Sie braucht substanzielle Inhalte und lässt sich nicht mit dem
bunten Schaumstoff füllen, der das expandierende Web so verschwenderisch und nichtig
auspolstert.

Die Hauptveränderung seit 1997 besteht darin, dass heute tatsächlich ein Großteil der
wissenschaftlichen Fachzeitschriften online erscheint. Aber so hatten die Herolde des Online-
Fachpublikationswesens eigentlich nicht gewettet. Die Masse der eJournals ersetzt heute nicht
etwa die papierenen von anno dazumal; vielmehr tritt das online abrufbare eJournal neben
seine Papierfassung, die aus zwingenden Gründen einstweilen weiterlebt. Gleichzeitig
bekommt damit aber die verhängnisvolle Preisspirale einen neuen Kick. Die elektronische
Parallelfassung verteuert das Abonnement einer Zeitschrift noch weiter, als es sich ohnehin
verteuern würde, und das in einer Zeit schrumpfender Bibliotheksetats. Zeitschriften werden
abbestellt, die Auflagen sinken, die Preise steigen, wodurch die Auflagen weiter sinken - und so
fort, bis das ganze gegenwärtige System eines Tages zusammenbricht. Dass es
zusammenbrechen muss, scheint heute eher sicherer als vor drei Jahren.