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Jens Ferber

30 Minuten

Basiswissen
Wirtschaft
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Umschlagkonzept: Martin Zech Design, Bremen
Lektorat: Friederike Mannsperger, Offenbach
Satz: Zerosoft, Timisoara (Rumänien)
Druck und Verarbeitung: Salzland Druck, Staßfurt

© 2010 GABAL Verlag GmbH, Offenbach


2., überarbeitete Auflage 2012

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit


schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Hinweis:
Das Buch ist sorgfältig erarbeitet worden. Dennoch erfolgen alle
Angaben ohne Gewähr. Weder Autor noch Verlag können für
eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch gemach-
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Printed in Germany

ISBN 978-3-86936-400-1

2
In 30 Minuten wissen Sie mehr!
Dieses Buch ist so konzipiert, dass Sie in kurzer Zeit
prägnante und fundierte Informationen aufnehmen
können. Mithilfe eines Leitsystems werden Sie durch
das Buch geführt. Es erlaubt Ihnen, innerhalb Ihres per-
sönlichen Zeitkontingents (von 10 bis 30 Minuten) das
Wesentliche zu erfassen.

Kurze Lesezeit
In 30 Minuten können Sie das ganze Buch lesen. Wenn
Sie weniger Zeit haben, lesen Sie gezielt nur die Stellen,
die für Sie wichtige Informationen beinhalten.

Alle wichtigen Informationen sind blau gedruckt.

Schlüsselfragen mit Seitenverweisen zu Beginn eines


jeden Kapitels erlauben eine schnelle Orientierung:
Sie blättern direkt auf die Seite, die Ihre Wissenslü-
cke schließt.

Zahlreiche Zusammenfassungen innerhalb der


Kapitel erlauben das schnelle Querlesen.

Ein Fast Reader am Ende des Buches fasst alle wich-


tigen Aspekte zusammen.

Ein Register erleichtert das Nachschlagen.

3
Inhalt
Vorwort 6

1. Was ist Wirtschaft? 9


Kreislaufmodelle 9
Bedürfnisse und Güter 12
Markt und Preis 18

2. Unternehmen 23
Sektor, Branche, Größenklasse 23
Rechtsformen 27
Produktionsfaktoren und Grundprozesse 29

3. Privathaushalte 35
Einkommen 35
Ausgaben 39
Arbeitsmarkt 40
Exkurs Existenzgründung 43

4. Banken 49
Zur Geschichte des Geldes 50
Funktionen der Kreditinstitute 51
Das System der Geschäftsbanken 53
Basel 56

4 Inhalt
5. Ausland 61
Die EU … 61
… und die Welt 64
Globalisierung 66

6. Wirtschaftspolitik 71
Basis: Die soziale Marktwirtschaft 71
Ziele: Das magische Viereck 74
Strategien: Keynes vs. Friedman 79
Mitstreiter: DIHK, BDI, BDA & Co. 83

Fast Reader 85

Der Autor 92

Glossar 93

Register 95

Inhalt 5
Vorwort
Wirtschaft ist spannend. Wirtschaft kann Krimi sein,
Komödie oder Trauerspiel. Auf jeden Fall ist es ein Ge-
winn, die Entwicklungen, Geschehnisse, aber auch die
Anekdoten aus diesem Bereich mitzuverfolgen und
mitzudiskutieren.

Stoff gibt es in Hülle und Fülle. Wirtschaft begegnet uns


im Alltag auf Schritt und Tritt. Auch für die „großen
Themen“ mangelt es nicht an Quellen: Zeitungen, Zeit-
schriften, Fernsehen und Radio stellen uns reichlich
Fakten und Meinungen zur Verfügung. Vom Internet
ganz zu schweigen.

Hohe Begriffe und tiefe Weisheiten


Trotzdem ist das Thema „Wirtschaft“ vielen Menschen
mehr Last als Lust. Selbst der ohnehin schon kurze
Wirtschaftsteil der TV-Abendnachrichten wird oft
kaum registriert.

Grund dafür sind vielfach simple Einstiegsschwierig-


keiten: Was heißt Deflation, Globalisierung und Basel,
was sind Aktien, GmbHs und Dividenden? Viele krypti-
sche Worte stellen sich dem Verständnis in den Weg. In
den Kommentaren und Börsenberichten wird eine Ex-
pertensprache gepflegt, paaren sich hohe Begriffe mit
tiefen Wirtschaftsweisheiten. Dies hält viele Menschen
von der Beschäftigung mit dem Thema Wirtschaft ab.

6 Vorwort
Das ist schade, denn Märkte, Preise, Arbeit und In-
flation gehen uns alle ganz direkt an. Wir sind unmit-
telbar betroffen, wenn die Zinsen steigen oder die
Konjunktur daniederliegt. Schon deshalb sollten wir
mehr davon wissen. Dabei ist es gar nicht so schwierig,
die ersten Hürden in die bunte und facettenreiche Welt
der Wirtschaft zu überspringen.

Überspringen Sie die Hürden


Genau diesem Ziel – Ihnen den Zugang zum Thema
„Wirtschaft“ zu erleichtern – ist das vorliegende Buch
verpflichtet. Es soll Menschen, die an Wirtschaft inte-
ressiert sind, mit zentralen Schlüsselbegriffen und -zu-
sammenhängen bekannt machen.

Nach der Lektüre dieses Buches kann es dann weiter-


gehen. Dann kommt die Praxis: Beobachtungen beim
Einkauf, Einblicke in private Haushalte sowie die Wirt-
schaftsteile der Zeitungen, die Artikel in den Zeitschrif-
ten, die Wirtschaftsmagazine im TV. Auf diesem Weg
können Sie nach und nach in die Welt des Marktes, der
Unternehmen und des Geldes eindringen, in eine Welt,
die nicht nur wichtig ist für Sie persönlich, sondern
auch spannend. Sie werden sehen.

Ihr Jens Ferber

Vorwort 7
Wer nimmt am Wirtschafts-
geschehen teil?
Seite 9

Was ist die Triebfeder allen wirt-


schaftlichen Geschehens?
Seite 12

Welche Ausprägungen des ökono-


mischen Prinzips gibt es?
Seite 16

Wie kommen Preise zustande?


Seite 18
1. Was ist Wirtschaft?

Mercedes ist Wirtschaft, ebenso wie Siemens, Bayer


und RWE. Und die Deutsche Bank sowieso. Bei Wirt-
schaft denkt man als Erstes an die großen Unter-
nehmen. Natürlich stimmt das auch, aber es zeichnet
ein einseitiges Bild. Wirtschaft sind wir alle, die wir
Geld verdienen und es wieder ausgeben.

1.1 Kreislaufmodelle
Bedauerlich ist die Verkürzung auf Weltkonzerne aus
drei Gründen.

1. Das Gros der Betriebe ist klein


Zwar mögen diese Konzerne die Zugpferde und Aus-
hängeschilder der deutschen Wirtschaft sein, aber das
Gros der Betriebe ist kleiner und unbekannter und fin-
det sich in den Wirtschaftsspalten der Zeitungen na-
mentlich so gut wie nie wieder. Wussten Sie, dass drei
Millionen der 3,3 Millionen deutschen Unternehmen
weniger als zehn Mitarbeiter haben?

1. Was ist Wirtschaft? 9


2. Negativschlagzeilen geben ein verzerrtes Bild
Schade ist die Verkürzung auf die Weltkonzerne zwei-
tens auch, weil sich gerade unter ihnen diejenigen Un-
ternehmen befinden, die spektakuläre Negativschlag-
zeilen gemacht haben. Ich denke etwa an Geschehnisse
bei der Deutschen Bank und der Bahn bzw. an deren
(Ex-)Manager Ackermann und Mehdorn. Doch was hat
das mit dem Alltag Ihres Obsthändlers oder Ihres Ge-
brauchtwagenhändlers zu tun? Auch deshalb ist es
wichtig, dass genannte Konzerne/Konzernleiter nicht
als stellvertretend für die gesamte Wirtschaft betrach-
tet werden.

3. Wirtschaft ist mehr als Unternehmen


Unternehmen (siehe Kapitel 2) allein sind noch keine
Wirtschaft. Es machte zum einen keinen Sinn, Produkte
(wie Autos oder Waschmittel) oder Dienstleistungen
(wie Haareschneiden oder Rechtsberatung) herzu-
stellen bzw. zu handeln, wenn keiner sie kauft. Und wer
soll in den Betrieben die Arbeit erledigen? Also brau-
chen wir ergänzend die privaten Haushalte als Abneh-
mer der Produkte/Dienstleistungen sowie als Bereit-
steller der Arbeitskräfte (siehe Kapitel 3). Damit haben
wir die Partner für das einfachste aller Wirtschafts-
kreislaufmodelle zusammen.

Grundmodell
Dieses Modell hat die Pole Unternehmen und Privat-
haushalte und kennt zwei Kreisläufe:

10 1. Was ist Wirtschaft?


Zum einen stellen die Unternehmen Produkte her
und verkaufen sie an die Privathaushalte. Diesem
Güterstrom steht ein Geldstrom gegenüber, denn der
Kunde (Privathaushalt) muss für das Produkt einen
Preis zahlen.
Zum anderen sind Personen aus dem Privathaushalt
bei einem Unternehmen beschäftigt und bekommen
dafür Geld.

Weitere Akteure
Dieses Modell erklärt schon wesentliche Grundzüge
der Wirklichkeit. Um dieser besser auf die Spur zu
kommen, müssen wir zu den Unternehmen und den
privaten Haushalten als weitere Wirtschaftsakteure
noch die Banken (siehe Kapitel 4) und das Ausland (sie-
he Kapitel 5) hinzunehmen.

Der Staat übt im Wirtschaftsleben fünf Funktionen aus:


Er ist
Träger der Wirtschaftspolitik
Träger der Finanzhoheit
Produzent
Käufer
Arbeitgeber

Mit den letzten vier Funktionen ist er ein bedeutender


Teil des Wirtschaftskreislaufes. Beispiele: Er kassiert
Steuern und Zölle und zahlt Transfergelder wie gesetz-
liche Renten, Kindergeld und Subventionen an Unter-

1.1 Kreislaufmodelle 11
nehmen. Er stellt Privathaushalten gegen Geld Dienst-
leistungen wie öffentlichen Personennahverkehr zur
Verfügung, baut und unterhält Straßen, Schulen und
Hallenbäder. Er kauft bei Betrieben Schreibtische und
Stempel für die Beamten, Autos und Uniformen für die
Polizei usw. Und er beschäftigt und bezahlt für die Erle-
digung seiner Aufgaben nicht wenige Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter.

Gleichwohl haben wir dem Staat als Marktteilnehmer


kein eigenes Kapitel eingeräumt und uns hier auf die
Betriebe, Privathaushalte, Banken und das Ausland be-
schränkt. Umso mehr kommt er in Kapitel 6 zur Gel-
tung, wenn es um die Wirtschaftspolitik geht. Wir wer-
den uns hier intensiv mit der Frage befassen, wie stark
die öffentliche Hand aktiv in den Markt eingreifen soll.

Unternehmen als Hersteller von Produkten und


Dienstleistungen sowie Privathaushalte als Ab-
nehmer derselben sind die zentralen Akteure der
Wirtschaft. Die Banken, das Ausland und der Staat
erweitern das Kreislaufmodell.

1.2 Bedürfnisse und Güter


Man kann eine nationale Wirtschaft also phänomeno-
logisch als das Geschehen beschreiben, das zwischen
den Betrieben, Privathaushalten und Banken des Lan-

12 1. Was ist Wirtschaft?


des sowie den verschiedenen außenwirtschaftlichen
Partnern abläuft.

Ein anderer Ansatzpunkt sind die Wünsche und Be-


dürfnisse der Menschen. Diese können als ewige
Triebfedern, als unermüdliche Motoren angesehen
werden, die alles wirtschaftliche Geschehen auslösen
und vorantreiben. Sie sind der Druck auf dem Kessel
der Wirtschaft. Diese Wünsche und die Möglichkeit,
sie zu befriedigen, sind Ausdruck unseres Rechtes
auf die freie Entfaltung unserer Persönlichkeit, wie
es in Artikel zwei des Grundgesetzes festgeschrieben
ist.

Da sind zunächst die Grund- oder Existenzbedürfnisse,


deren Stillung für die Erhaltung des Lebens notwendig
ist. Der Mensch muss essen, trinken, sich mit Kleidung
vor Kälte schützen usw. Kulturbedürfnisse können
etwa in der Bücherei oder im Theater befriedigt wer-
den. Luxusbedürfnisse übersteigen das an sich Not-
wendige. Der Wunsch nach einem warmen Parka ist
etwas anderes als der nach einem Pelzmantel.

Freie und knappe Güter


Die Bedürfnisse können sich einerseits auf ein freies
Gut beziehen und damit außerhalb der Sphäre der Öko-
nomie liegen. Das ist etwa der Fall bei dem Bedürfnis
nach einer ruhigen Pause in der Nachmittagssonne auf
dem Balkon. Oder wenn frische Waldluft gewünscht

1.2 Bedürfnisse und Güter 13


wird. Dies steht in ausreichendem Maße zur Verfügung.
Es hat deshalb keinen Preis.

Anders verhält es sich bei dem Wunsch nach einem


knappen Gut. Dazu zählen etwa ein Porsche Cayenne
oder die Speisen eines Restaurants. Hier setzt Wirt-
schaft an, denn knappe Güter sind zu bewirtschaften.
Knappe Güter sind in der Regel von Menschen gefertigt,
aber auch Gold und Silber zählen dazu.

Das Haus Porsche steckt viel Geld in Entwicklung, Ferti-


gung und Vertrieb dieses Wagens, rechnet hin und her,
erwägt Alternativen, erprobt neue Techniken und Mar-
ketingwege und fordert schließlich verständlicherweise
einen gewissen Preis. Dabei kennen gerade große Un-
ternehmen ihre Mitbewerber und Kunden sehr gut.

Auf der anderen Seite muss der potenzielle Kunde se-


hen, wie er mit seinen beschränkten Geldmitteln seine
zahlreichen Bedürfnisse in möglichst großem Umfang
bezahlt bekommt. Soll er sich lieber einen Golf als einen
Porsche kaufen? Kann er sich dafür die erträumte
Kreuzfahrt leisten? Oder ist diese das „Auto-Downgra-
de“ nicht wert? Er muss verständlicherweise abwägen,
was er kauft und was nicht. Und schon sind wir mitten-
drin in der Wirtschaft. Wie wir gesehen haben, ist Wirt-
schaften der sinnige Umgang mit knappen Gütern. Es
kommt darauf an, mit Geschick und Verstand das Beste
für sich rauszuholen.

14 1. Was ist Wirtschaft?


Dies gilt für Käufer wie Verkäufer gleichermaßen. Der
Haushalt muss sehen, wie er mit seinem (knappen)
Einkommen die Güter kaufen kann, die für ihn am
wichtigsten/besten sind. Der Betrieb muss mit seinen
(knappen) Arbeitskräften, Betriebsmitteln und Werk-
stoffen (siehe Kapitel 2.3) diejenigen Produkte erstel-
len, die ihm zum Erfolg verhelfen.
Neben der Einteilung in freie und knappe Güter wird in
der ökonomischen Praxis unterschieden zwischen
(körperlichen) Sachgütern (Produkten) und imma-
teriellen Gütern (Dienstleistungen und Rechten)
bzw.
(zum Verbrauch durch den Endkunden bestimmten)
Konsumgütern und (zur weiteren Güterherstellung
bestimmten) Investitions- oder Produktionsgütern.

Sättigungsgesetz
Für den Käufer nimmt der Nutzen einer Ware ab, je
mehr er davon konsumiert bzw. kauft. Passenderweise
wird dieses Gesetz auch Sättigungsgesetz genannt.

Will heißen: Die erste Tafel Schokolade macht richtig


Spaß, die zweite, na ja, und bei der dritten wird es eke-
lig. Paralleles gilt auch für Autos. Das erste ist ein Quan-
tensprung von Fahrrad und S-Bahn in die individuelle
Motorisierung. Das zweite – vielleicht ein Kleinwagen
neben dem Familienauto – ist auch noch eine tolle Sa-
che, das dritte – jetzt ein Sportwagen? – macht auch ab
und zu Spaß, das vierte – vielleicht ein Oldtimer? –

1.2 Bedürfnisse und Güter 15


braucht man nicht wirklich oft, beim fünften – sagen
wir, ein Offroader? – nimmt es dann endgültig absurde
Züge an.

Das ökonomische Prinzip


Leitschnur bei der Linderung des Spannungsverhält-
nisses zwischen den unbegrenzten Bedürfnissen der
Menschen und ihren arg begrenzten Mitteln ist das so-
genannte ökonomische Prinzip oder auch Wirtschaft-
lichkeitsprinzip. Dieses gibt es in zwei Ausprägungen:

• Maximalprinzip: Mit festem Mittelkontingent soll


möglichst viel erreicht werden.
• Minimalprinzip: Ein festes Ziel soll mit möglichst
wenig Mitteln erreicht werden.

Beispiel Maximalprinzip: Ich gehe mit zehn Euro in den


Lebensmittelladen und möchte dafür möglichst viele
Grillwürstchen kaufen.

Beispiel Minimalprinzip: Ich brauche für einen Grill-


abend 20 Würstchen und möchte dafür möglichst we-
nig Geld ausgeben.

Eine Mischung – ich möchte mit möglichst wenig mög-


lichst viel erreichen – ist nicht handhabbar und daher
sinnlos. Was würden Sie konkret tun, wenn Sie für
möglichst wenig Geld möglichst viele Würstchen erste-
hen sollten?

16 1. Was ist Wirtschaft?


Das ökonomische Prinzip liegt den Aktivitäten von Be-
trieben, Haushalten und Banken zugrunde, auch denen
des Staates, sofern dieser kauft und verkauft, also
Marktteilnehmer ist. In der Politik könnte das ökono-
mische Prinzip ebenso viel Schaden anrichten wie in
der Kultur.

Aus Sicht des Betriebswirtes wäre ein Bundestag mit


nur zehn Abgeordneten wegen der Kostenersparnisse
bei den Bezügen, Büros, Mitarbeitern, Fahrtkosten usw.
ein Traum. Aber politisch wäre eine solche Ausdünnung
natürlich ein Desaster.

Wie würde der Betriebswirt sich freuen, wenn das Zu-


schüsse verschlingende Theater seiner Stadt entweder
aufgelöst würde (Idealfall) oder sich zumindest etwa
zuungunsten zeitgenössischer E-Musik auf populäre
Stücke verlegte. Kulturell wäre beides der Tod dieser
Einrichtung.

Wichtig könnte das Theater obigem Betriebswirt jedoch


(indirekt) als weicher Standortfaktor sein, denn das
Angebot von Oper, Schauspiel, Ballett könnte dazu bei-
tragen, dass die Betriebe gerade in der Führungsebene
leichter Personal gewinnen oder binden können.

Triebfeder der Wirtschaft ist der Wunsch der Men-


schen nach knappen Gütern. Hier setzt das Wirt-
schaften gemäß dem ökonomischen Prinzip ein.

1.2 Bedürfnisse und Güter 17


Die Kernfrage ist: Wie kann ich mit meinen be-
schränkten Mitteln das Beste für mich rausho-
len?

1.3 Markt und Preis


Wir greifen das Stichwort Preis auf. Dieser wird da ge-
bildet, wo Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen,
auf dem Markt bzw. im Markt. Welche Prozesse spielen
sich hier ab?

Wie Märkte funktionieren


Märkte funktionieren im Prinzip wie gewöhnliche Wo-
chenmärkte. Hier gibt es auf der einen Seite die Händ-
ler als Anbieter der Waren wie Gemüse, Fleisch, Klei-
dung usw. Auf der anderen Seite stehen die Kunden,
also die Nachfrager.

Kurze Begriffserläuterungen
Am Anfang steht das Bedürfnis (z. B. Hunger, der
beseitigt werden will). Ist dieses mit Kaufkraft verbun-
den (Ich habe 2,20 Euro in der Tasche), so spricht man
– schon etwas konkreter – vom Bedarf. Wird der
„Bedürftige“ im Markt aktiv (er tritt an den Marktstand
mit belegten Brötchen und bestellt), so spricht man
von Nachfrage.

Die Preise ergeben sich aus Angebot und Nachfrage.


Das heißt: Haben einerseits die Händler am Ende der

18 1. Was ist Wirtschaft?


Melonen-Erntezeit noch Berge von Melonen übrig und
die Kunden andererseits mittlerweile genug davon ge-
gessen, dann gilt:

großes Angebot
+ kleine Nachfrage
= niedriger Preis

Anders ist es mit dem ersten Spargel. Alle freuen sich


darauf, aber zu Beginn der Erntezeit wird zunächst we-
nig angeboten. Dann gilt:

kleines Angebot
+ große Nachfrage
= hoher Preis

Dies gilt allerdings nur bei funktionierenden Märkten,


also wenn viele Anbieter vielen Kunden gegenüber-
stehen, wie es bei Melonen und Spargel der Fall ist.
Anders ist das, wenn es nur einen oder wenige Anbieter
oder auch Nachfrager gibt. Dann haben diese eine stär-
kere Machtposition, die Gesetze des (freien) Marktes
sind außer Kraft gesetzt.

Unvollkommene Märkte
Gibt es nur einen Anbieter, wie etwa die städtische Mül-
lentsorgung, so kann der Preis sich nicht über Markt-
mechanismen regeln. Hier müssen Politik und Verwal-
tung für den angemessenen Preis sorgen.

1.3 Markt und Preis 19


Der Markt kann sich ebenfalls nicht frei entfalten, wenn
die Zahl der Abnehmer zu gering ist. Man kann hier
etwa an den Lopez-Effekt denken. José Ignacio López
de Arriortúa war Einkäufer von Opel (später General
Motors). Er hat die starke Stellung der (wenigen) Auto-
hersteller gegenüber den (vielen) Zulieferern bei sei-
nen Verhandlungen massiv ausgenutzt und Letztere zu
nie da gewesenen Zugeständnissen gezwungen.

Natürlich gibt es noch andere Kräfte, die im Markt und


bei der Preisbildung eine Rolle spielen. Zuweilen ver-
größert ein höherer Preis auch die Nachfrage. Das kann
dann der Fall sein, wenn mit dem Preis auch das mit
dem Produkt verbundene Image steigt oder wenn da-
mit eine bessere Qualität in Verbindung gebracht wird.
Vielleicht gibt es Situationen, in denen es ratsam ist,
den Preis eines angesagten Marken-Füllfederhalters zu
erhöhen, weil dies über den sogenannten Snob-Effekt
die Verkaufszahlen erhöhen kann. Andererseits führt
die Kombination von großer Nachfrage und kleinem
Angebot nicht unbedingt zu einer Preissteigerung, wie
mit unserem Spargelbeispiel impliziert. Das ist etwa
der Fall, wenn statt der übermäßig teuren Butter als
preiswerte Alternative Margarine gewählt werden
kann. Hundertprozentig voraussagen lassen sich Kauf-
entscheidungen jedoch nicht. Letztlich wird mehr, als
wir denken, aus dem Bauch heraus entschieden, denn
Kunden sind auch nur Menschen.

20 1. Was ist Wirtschaft?


Mit Märkten, Preisen und Kaufentscheidungen befasst
die Wissenschaft sich sehr intensiv. Hier soll es uns nur
auf das genannte Grundprinzip ankommen.

Wirtschaft ist das Handeln zwischen den Akteuren


Unternehmen, Privathaushalt, Bank, Staat und
Ausland. Sie wird angetrieben von den Bedürfnis-
sen nach knappen Gütern und ist gekennzeichnet
vom „ökonomischen Prinzip“, nach dem jeder Teil-
nehmer versucht, ein festes Ziel mit möglichst
wenig Aufwand zu erreichen bzw. aus einem festen
Mittelkontingent möglichst viel herauszuholen.
Beim Aufeinandertreffen von Angebot und Nach-
frage im Markt bestimmt deren Verhältnis den
Preis. In gesunden Märkten stehen zahlreiche
Anbieter zahlreichen Nachfragern gegenüber. Beide
Parteien verfügen über Verkaufs- bzw. Kaufalterna-
tiven. Große Nachfrage und niedriges Angebot
führen in der Regel zu hohen Preisen, geringe
Nachfrage und großes Angebot zu niedrigen.

1.3 Markt und Preis 21


Was ist ein Unternehmen,
welche Ziele verfolgt es?
Seite 23

Welche Rechtsformen gibt es?


Seite 27

Welche Faktoren und Prozesse


sind allen Betrieben gemein?
Seite 29
2. Unternehmen
In diesem Kapitel widmen wir uns dem Wirtschaftsakteur
Unternehmen. Zunächst folgt eine kurze Definition.

2.1 Sektor, Branche, Größenklasse


Unternehmen sind wirtschaftliche und rechtliche Ein-
heiten zur Herstellung von Produkten oder zur Erstel-
lung von Dienstleistungen. Ihre Aufgabe ist, wenn wir
es erhaben und volkswirtschaftlich distanziert formu-
lieren möchten, die Versorgung der Bevölkerung mit
Produkten bzw. Dienstleistungen.
Etwas profaner klingt es, wenn wir das Geldverdienen als
zentrale Absicht nennen, und zwar das Geldverdienen der
Eigentümer. Diesen kommt prinzipiell der Erfolg der Un-
ternehmung zugute. Denn Wirtschaften heißt auch, Ge-
winne machen zu wollen, Gewinne zu maximieren. Schließ-
lich haben die Eigentümer der Unternehmen das Risiko
auf sich genommen, sich dem Wettbewerb zu stellen. Sie
investieren und verhelfen damit anderen Unternehmen zu
Einkünften, sie schaffen Arbeits- und Ausbildungsplätze
und zahlen in der Gemeinde ihre Gewerbesteuer.

2. Unternehmen 23
Kurz zur Unterscheidung der Begriffe Unternehmen,
Betrieb und Firma, die vielfach synonym verwendet
werden (siehe nächste Seite):

Unternehmen: Rechtliche Einheiten zur Verfolgung


wirtschaftlicher Ziele, wie etwa die Volkswagen AG
oder ein kleiner Reifenhändler.
Betrieb: Ein bestimmtes VW-Werk, beispielsweise in
China, wird als Betrieb bezeichnet. Betriebe sind tech-
nisch-organisatorische Einheiten. Ein Unternehmen
kann mehrere Betriebe (oder Betriebsstätten oder
Filialen) haben.
Firma: Der Name, unter dem ein Unternehmen auftritt
(z. B. Deutsche Lufthansa AG). Umgangssprachlich
wird „Firma“ aber auch oft als Synonym für Betrieb
oder Unternehmen verwendet.

Unternehmen lassen sich verschiedenen Sektoren und


Branchen zuordnen:

• Zum Primärsektor zählen Landwirtschaft, Forstwirt-


schaft, Fischerei, Bergbau. Hier werden Rohstoffe,
Urprodukte, hervorgebracht wie Eisen, Holz, Fleisch,
Getreide oder Kohle.
• Der kapitalintensive Sekundärsektor umfasst In-
dustrie, Handwerk und Bau. Diese verarbeiten die im
Primärsektor gewonnenen Rohstoffe zu Produkten
wie Autos, Möbel, Häuser oder auch Fischstäbchen.
• Im personalintensiven Tertiärsektor geht es um
Dienstleistungen wie Handel, Gastgewerbe,
Kreditinstitute, Tourismus, Verkehr usw. Hier wer-
den keine physischen Güter produziert.

24 2. Unternehmen
Zuweilen wird auch vom Quartärsektor gesprochen.
Damit ist die Informationswirtschaft gemeint, also
Dienstleistungen zur Gewinnung, Verarbeitung und
Verbreitung von Informationen. Bis zum 19. Jahr-
hundert überwog der primäre Sektor. Mit dem Auf-
kommen der Industrie im späten 19. Jahrhundert ent-
wickelte sich der sekundäre. Mittlerweile reden wir
immer mehr von der Dienstleistungs- oder Informa-
tionsgesellschaft. Der Weg dorthin wird als Tertiari-
sierung bzw. Quartarisierung bezeichnet. Wir treten in
die Wissensgesellschaft ein.

Industriebetriebe produzieren entweder Konsumgüter


wie zum Beispiel Müsliriegel, die direkt an den Endkun-
den gehen, oder Investitionsgüter wie etwa Spritzguss-
maschinen, mit deren Hilfe wiederum andere Unter-
nehmen produzieren. Handelsunternehmen können
unterteilt werden in Einzelhändler, die sich an Endkun-
den richten, und Großhändler, deren Abnehmer Einzel-
händler und andere Unternehmer sind.

Für die Ausrichtung Unternehmer – Endkunde, wie sie


etwa beim Friseur oder Einzelhändler gegeben ist, hat
sich das Kürzel B2C (Business to Consumer) durchge-
setzt. Unternehmen, die anderen Unternehmen zulie-
fern (Hersteller von Lkw-Achsen oder Großhändler),
arbeiten dagegen B2B (Business to Business).

2.1 Sektor, Branche, Größenklasse 25


Kleinstunternehmen überwiegen
Die überwiegende Zahl der Unternehmen ist, wie be-
reits in Kapitel 1 erwähnt, eher klein. Dies bestätigt ein
Blick in die Statistik. Das Statistische Bundesamt unter-
scheidet in Anlehnung an Größenklassen der EU-Kom-
mission in

• Kleinstunternehmen: bis 9 Mitarbeiter; bis 2 Mio.


Euro Umsatz
• Kleine Unternehmen: 10 bis 49 Mitarbeiter; bis 10
Mio. Euro Umsatz
• Mittlere Unternehmen: 50 bis 249 Mitarbeiter, bis
50 Mio. Euro Umsatz
(blau hinterlegt = KMU, kleine und mittlere Unternehmen)
• Großunternehmen: ab 250 Mitarbeiter, ab 50 Mio.
Euro Umsatz

Die Statistik der aktiven Unternehmen (Statistisches


Bundesamt, Jahrbuch 2008) zeigt eine große Dominanz
der Kleinstunternehmen. Von 3,3 Millionen Unternehmen
gehören drei Millionen dieser Gruppe an (siehe Kapitel
1). 225.000 sind kleine Unternehmen, 49.000 mittlere
und nur 11.000 große (gerundete Zahlen).

Unternehmen als wirtschaftliche und rechtliche


Einheiten können dem Primärsektor (Hervorbrin-
gung von Rohstoffen wie Holz oder Kohle), Sekun-
därsektor (Verarbeitung dieser Stoffe zu Produkten)
oder dem Tertiärsektor (Dienstleistung) zugeordnet
werden. Historisch ist eine Schwerpunktverschie-

26 2. Unternehmen
bung vom primären zum tertiären Sektor festzu-
stellen. Der überwiegende Teil der Unternehmen
zählt zu den Kleinstunternehmen.

2.2 Rechtsformen
Jedes Unternehmen hat eine Rechtsform, die unter an-
derem mit Blick auf steuerliche Regelungen, Haf-
tungsvorschriften, Finanzierungsmöglichkeiten und
Veröffentlichungspflichten zu wählen ist. Die wich-
tigsten Rechtsformen sind:

Einzelunternehmen
Diese Rechtsform ist die dominierende in Deutsch-
land. 689.000 von 849.000 im Jahr 2007 gegründe-
ten Unternehmen sind Einzelunternehmen (Statisti-
sches Bundesamt, Jahrbuch 2008). Der Einzelunter-
nehmer ist alleiniger Inhaber, ihm kommt der
gesamte Gewinn zu. Dafür haftet er auch mit seinem
Privateigentum.

Personengesellschaften
Personengesellschaften sind Zusammenschlüsse meh-
rerer Gesellschafter, wobei mindestens einer – wie
beim Einzelunternehmen – unbegrenzt haftet.

Die offene Handelsgesellschaft (OHG) besteht aus meh-


reren gleichberechtigten Eigentümern, die die Gewinne

2.2 Rechtsformen 27
erhalten und die Verluste tragen. Sie haften persönlich,
unbeschränkt und solidarisch.

Die Kommanditgesellschaft (KG) gleicht der OHG, nur


dass ein Teil der Gesellschafter nur mit seiner Einlage
haftet. Diese heißen Kommanditisten, die Vollhafter
nennt man Komplementäre.

Kapitalgesellschaften
Bei der Kapitalgesellschaft gibt es niemanden mehr,
der persönlich haftet. Gehaftet wird nur noch mit dem
Gesellschaftsvermögen. Bei diesen Gesellschaften
spricht man auch von juristischen Personen. Eine ju-
ristische Person ist rechtsfähig, das heißt, sie kann
Träger von Rechten und Pflichten sein, also etwa eine
Halle mieten oder einen Lastwagen kaufen.

Die Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) mit


ihrem Mindeststammkapital von 25.000 Euro ist in der
deutschen Wirtschaft wegen der Haftungsbeschränkung
aller Gesellschafter weitverbreitet. Sie liegt (nach dem
Einzelunternehmen, siehe oben) mit 80.000 Gründun-
gen im Jahr 2007 auf Platz zwei. Seit 2008 gibt es als
Einstiegsvariante für Existenzgründer die Unterneh-
mergesellschaft (haftungsbeschränkt), umgangs-
sprachlich auch Mini-GmbH genannt.

Die Aktiengesellschaft (AG) kommt zahlenmäßig äu-


ßerst selten vor, dafür haben die deutschen AGs wegen

28 2. Unternehmen
ihrer Größe eine wesentliche Bedeutung für die Wirt-
schaft. Das Grundkapital von AGs ist in Aktien zerlegt.
Ihre Inhaber haften nur mit dieser Kapitaleinlage. Die
Aktien können weit verstreut sein, sich aber auch in
den Händen Weniger befinden. Die Aktien können an
der Börse gehandelt werden, dies braucht aber nicht
der Fall zu sein (siehe auch im Glossar, das Stichwort
„Dax“). Das Grundkapital beträgt 50.000 Euro. Organe
der Aktiengesellschaft sind der Vorstand, der die Ge-
schäfte führt, der Aufsichtsrat, der die Geschäfte beauf-
sichtigt und den Vorstand bestimmt, sowie die Haupt-
versammlung, an der alle Aktionäre teilnehmen kön-
nen. Diese bestimmt den Aufsichtsrat und fällt andere
zentrale Entscheidungen.

Jedes Unternehmen hat eine bestimmte Rechts-


form, deren Wahl unter anderem steuerliche und
Haftungsgründe hat. Am weitesten verbreitet ist das
Einzelunternehmen. Wichtige Rechtsformgruppen
sind weiterhin die Personengesellschaften (OHG,
KG) und die Kapitalgesellschaften (GmbH, AG).

2.3 Produktionsfaktoren und


Grundprozesse
Jedes Unternehmen ist anders aufgebaut, keines gleicht
dem anderen. Gleichwohl sind identische Grundmuster
festzustellen.

2.3 Produktionsfaktoren und Grundprozesse 29


Elementarfaktoren und dispositiver Faktor
Allen gemein ist, dass hier die sogenannten Elemen-
tarfaktoren mit dem Ziel der Produktion kombiniert
werden.

Elementarfaktoren sind:
Betriebsmittel wie Gebäude, Maschinen und Werk-
zeuge,
Werkstoffe wie Material und Zukaufteile und
die menschliche Arbeitsleistung in der Produktion.

Der Gemüsehändler auf dem Wochenmarkt braucht


also (übersichtlich vereinfacht)
ein Lager, einen Marktstand, einen Transporter,
das Gemüse samt Plastiktüten,
jemanden, der verkauft und die Bücher führt.

Darüber hinaus bedarf es des sogenannten dispositiven


Faktors. Das ist im obigen Fall der Gemüsehändler selbst.
Es handelt sich um die Instanz, die das Ganze managt, die
das sinnige Zusammenspiel der Elementarfaktoren ga-
rantiert. Die Elementarfaktoren und der dispositive Fak-
tor ergänzen sich zu den Produktionsfaktoren. Diese
Faktoren sind also die Ingredienzien eines Betriebes.

Betrachten wir die Abläufe, die jeden Betrieb kenn-


zeichnen, dann sehen wir die Grundprozesse Leis-
tungserstellung, Steuerung, Information und Wert-
umlauf.

30 2. Unternehmen
Leistungserstellungsprozess
Dieser Prozess mit den Phasen Beschaffung, Produktion
und Absatz steht im Zentrum des Geschehens. Damit tag-
täglich Produkte hergestellt oder Dienstleistungen er-
bracht werden können, müssen immer wieder bestimm-
te Ressourcen bereitstehen. Der Möbelhersteller bei-
spielsweise braucht ständig Nachschub an Holz, Leim,
Nägeln, Scharnieren usw. Aufgabe der Beschaffung ist es
also, die richtigen Dinge in der richtigen Menge zur rich-
tigen Zeit in der geforderten Qualität an den richtigen Ort
zu bekommen. Und der Preis sollte auch noch stimmen.

Mit Produktion wird die Phase bezeichnet, in der die


Inputgüter zum Produkt kombiniert werden. Aus Holz,
Furnier, Winkeln, Schrauben, Leim usw. entsteht der
Schrank. Hier kommen ingenieurwissenschaftliche und
betriebswirtschaftliche Herausforderungen zusammen,
etwa wenn das Produktionsprogramm und der Ferti-
gungsablauf geplant werden.

Der Absatz/Vertrieb sorgt dafür, dass die Produkte


bzw. Dienstleistungen an die Kundin/den Kunden kom-
men. Hier geht es etwa um die Preisgestaltung, die
Werbung und die Wahl der Kanäle, über die verkauft
werden soll, wie etwa über ein Filialnetz, Großhändler
oder das Internet. Das Wort Marketing wird vielfach als
Synonym verwendet. Meistens meint es jedoch einen
funktionsübergreifenden Denkansatz, dessen Zentrum
die Ausrichtung auf den Kunden darstellt.

2.3 Produktionsfaktoren und Grundprozesse 31


Steuerungsprozess
Die Leistungserstellung ist der zentrale, aber nicht der
einzige betriebliche Prozess. Übergeordnet ist der
Steuerungsprozess. Wahrgenommen durch die Un-
ternehmensleitung, legt dieser unter anderem die
Grundausrichtung des Betriebs, die Geschäftsfelder
und Standorte fest. Der Steuerungsprozess umfasst
auch die Personalwirtschaft (Planung, Beschaffung,
Entwicklung, Vergütung, Freisetzung usw. von Mitar-
beiterinnen und Mitarbeitern) sowie die Bereiche der
Finanzierung und der Investition.

Wertumlaufprozess
Entgegen dem Leistungsprozess verläuft dieser Prozess,
der mit dem eingenommenen und ausgegebenen Geld zu-
sammenhängt und der im betrieblichen Rechnungswesen
dokumentiert und für verschiedene Zielgruppen (Unter-
nehmensinhaber und -leitung, Mitarbeiter, Öffentlichkeit,
Finanzamt, Investoren, Kreditgeber …) aufbereitet wird.
Gegenrichtung deshalb, weil die Leistungserstellung vom
Einkauf über Produktion und Verkauf zum Kunden führt,
während der Wertumlaufprozess den Fluss des Geldes
vom Kunden zu den Zulieferern beschreibt. Die Stichwör-
ter „Inventar“, „Bilanz“ und „Gewinn- und Verlustrechnung“
werden im Glossar erläutert.

Informationsprozess
Für die richtigen strategischen unternehmerischen Ent-
scheidungen, aber auch für die alltägliche Arbeit in Ein-

32 2. Unternehmen
kauf, Produktion und Verkauf sind eine Vielzahl von In-
formationen notwendig. Deshalb wird vielfach der Infor-
mationsprozess als weiterer Grundprozess angeführt.

Lebensphasen
Wie Menschen, Tiere, Pflanzen und Produkte, so hat
auch ein Unternehmen Lebensphasen, wobei es prin-
zipiell kein auf begrenzte Zeit angelegtes Projekt ist.
Auf die Konzeption folgt die Gründung. Das Unter-
nehmen wächst in der Umsatzphase, bleibt auf seiner
ursprünglich vorgesehenen Spur oder erfindet sich im-
mer wieder neu. Am Ende steht die Auflösung/Liquida-
tion. Diese kann freiwillig stattfinden oder zwangswei-
se, was etwa beim Konkurs der Fall ist.

Unternehmen lassen sich nach Sektor, Größen-


klasse und Rechtsform gruppieren. Mit Abstand
am weitesten verbreitet ist das kleine Einzelunter-
nehmen. Jedes Unternehmen stellt eine Kombina-
tion aus Betriebsmitteln (Gebäude, Maschinen,
Werkzeuge), Werkstoffen (Material), menschlicher
Arbeit am Produkt sowie menschlicher Arbeit
zwecks Leitung und Organisation dar. Auf der Pro-
zessebene lassen sich die Leistungserstellung,
Steuerung, Information und der Wertumlauf unter-
scheiden.

2.3 Produktionsfaktoren und Grundprozesse 33


Wie hoch ist das
durchschnittliche Einkommen
deutscher Privathaushalte?
Seite 35

Wo sind die meisten


Personen tätig?
Seite 40

Wie sieht der Mitarbeiter aus, den


die Betriebe künftig brauchen?
Seite 41
3. Privathaushalte
Wie in Kapitel 2 beschrieben, ist der Privathaushalt das
Pendant zum Unternehmen und mit diesem auf zwei-
fache Weise verbunden: Zum einen stellt der Privat-
haushalt den Unternehmen gegen Lohn bzw. Gehalt
Arbeitskraft zur Verfügung. Zum anderen nimmt er den
Betrieben unter Begleichung des Kaufpreises dessen
Produkte bzw. Dienstleistungen ab.

3.1 Einkommen
Gehen wir zunächst einmal einen Schritt zurück: Was
genau ist mit Privathaushalt gemeint? Gemeint sind
Familien, Paare und Alleinlebende. Aus ökonomischer
Sicht ist das zentrale Ziel die gemeinsame Deckung der
Bedarfe. Auch hier kommt das ökonomische Prinzip
zum Zuge. Natürlich spielen Liebe, Nestwärme usw.
auch eine wichtige Rolle. Aus Sicht der Wirtschaft inte-
ressieren aber primär die Bereitstellung der Arbeitneh-
mer und der Konsum.

3. Privathaushalte 35
In diesem Kapitel geht es sehr statistisch zu. Fangen
wir gleich damit an: Eine Erhebung aus dem Jahr
2008 zeigt den ungebrochenen Trend zum Single-
haushalt. Im Januar 2008 bestanden von 100 Haus-
halten
38,4 aus einem Alleinlebenden
28,7 aus einem Paar ohne Kind
15,3 aus einem Paar mit Kind bzw. Kindern
3,2 aus Alleinerziehenden
(14,4: sonstige Haushalte)

Unter dem Strich wohnen also bereits in gut 67 Pro-


zent, also mehr als zwei Dritteln der Haushalte keine
Kinder unter 18 Jahren.

Privathaushalte erhalten Einkommen aus Tätigkeit/


Vermögen oder aus Transferleistungen wie gesetzli-
chen Renten, Pensionen, Kindergeld, Hartz IV usw. Die
Tätigkeit kann angestellt oder selbstständig ausgeübt
sein. Bei selbstständigen Einnahmen unterscheidet
man zwischen denen
aus Land- und Forstwirtschaft
aus Gewerbebetrieben
von Freiberuflern (Ärzten, Architekten …)
aus Kapitalvermögen (z. B. Zinsen)
aus Vermietung/Verpachtung

Folgende Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2003,


aktuellere liegen leider noch nicht vor; Quelle ist das

36 3. Privathaushalte
Statistische Bundesamt: Das Bruttoeinkommen der
privaten Haushalte liegt durchschnittlich bei 3.561
Euro pro Monat. Im früheren Bundesgebiet sind es
3.729 Euro, in den neuen Bundesländern plus Ost-
Berlin 2.825 Euro. Gegenüber der letzten Erhebung
von 1998 hat sich die Einkommensschere damit kaum
verringert.

Teilt man die Bevölkerung in Einkommensgruppen


(jetzt Zahlen von 2006), so ergibt sich folgendes Bild,
wobei die Terminologie der Statistiker hier nicht hin-
terfragt werden soll:
12,8 %: relativer/höherer Wohlstand (150 – >
200 % des Durchschnitts)
25,6 %: mittlere/gehobene Einkommenslage (100 –
150 % des Durchschnitts)
25,2 %: untere/mittlere Einkommenslage (75 –
100 % des Durchschnitts)
25,0 %: prekärer Wohlstand (50 – 75 % des Durch-
schnitts)
11,4 %: relative Armut (< 50 % des Durchschnitts)

Auffallend ist, dass die oberste Gruppe der Wohl-


situierten sowie die beiden unteren der Ärmeren und
Armen seit 1993 stärker geworden sind. Es gibt also
mehr sehr Reiche und mehr sehr Bedürftige, das Mit-
telfeld schwindet.

3.1 Einkommen 37
Im Bundesdurchschnitt entfallen etwa
52 % auf das Einkommen aus unselbstständiger Ar-
beit
25 % auf öffentliche Transferleistungen
11 % auf Einnahmen aus Vermögen
6 % aus selbstständiger Arbeit
(6 % sonstiges Einkommen)

Die Transferleistungen sind seit 1998 im Durchschnitt um


19 Prozent von 761 auf 906 Euro pro Monat gestiegen.

Und in welchen Bereichen sind die Deutschen tätig?


Von 100 Erwerbstätigen arbeiten
30,2 bei öffentlichen und privaten Dienstleistern
24,9 in Handel, Gastgewerbe und Verkehr
19,9 im produzierenden Gewerbe
17,3 im Bereich Finanzierung, Vermietung, Unter-
nehmensdienstleistung
5,5 im Baugewerbe
2,1 in Land- und Forstwirtschaft, Tierhaltung und
Fischerei (0,1 Rundungsdifferenz)

Gegenüber 1991 ist der Anteil der Dienstleister von 59,5


Prozent auf 72,4 Prozent gestiegen. Der Anteil der im pro-
duzierenden Gewerbe Beschäftigten sank dagegen von
29,3 Prozent auf 19,9 Prozent. Fast halbiert hat sich der
Anteil der Beschäftigten in der Landwirtschaft. Hier haben
1991 noch 3,9 von 100 Erwerbstätigen gearbeitet.

38 3. Privathaushalte
Das Einkommen der Privathaushalte stammt ent-
weder aus Erwerbstätigkeit, aus Vermögen oder
aus Transferleistungen. Durchschnittlich beträgt das
Bruttoeinkommen in Deutschland 3.561 Euro pro
Monat. Beschäftigt sind fast ein Drittel der Deut-
schen bei Dienstleistern, deren Anteil in den ver-
gangenen Jahren gestiegen ist. Dagegen sank der
Beschäftigtenanteil in Industrie und Landwirtschaft.
Teilt man die Bevölkerung in Einkommensgruppen,
so fällt auf, dass die Zahl der Wohlsituierten und die
der Armen in der Vergangenheit zugenommen ha-
ben, das Mittelfeld schwindet.

3.2 Ausgaben
Etwa 76 Prozent des ausgabefähigen Einkommens ge-
ben die Bundesbürger für den privaten Konsum aus.

Der Rest wird gespart oder geht in Nicht-Konsumaus-


gaben wie Rentenbeiträge, Steuern, Kreditzinsen.

Bei den Konsumausgaben stehen an erster Stelle mit


einem Drittel die Ausgaben für Wohnen, Energie und
Wohnungsinstandhaltung. Es folgen die für

Verkehr
Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren
Freizeit, Unterhaltung und Kultur

3.2 Ausgaben 39
Innenausstattung, Haushaltsgeräte/-ausstattung
Bekleidung, Schuhe

Gewachsen sind bei den Konsumausgaben zwischen


1998 und 2003 vor allem die Bereiche Nachrichten-
übermittlung (unter anderem Handys), Verkehr und
Energie. Kompensiert wurde dieser Zuwachs vor allem
durch geringere Ausgaben für die Wohnungsausstattung
und Haushaltsgeräte.

Noch ein Blick (beispielhaft) auf die Ausstattung der


Menschen mit Gebrauchsgütern. Im Januar 2008 hatte
jeder Bundesbürger (vom Kleinkind bis zum Rentner)
im Durchschnitt 0,73 Handys, 0,7 Fernseher, 0,58 Com-
puter, 0,49 Autos, 0,35 Digitalkameras, 0,33 Internetzu-
gänge/-anschlüsse, 0,3 Geschirrspülmaschinen und
0,11 Navigationssysteme.

76 Prozent des ausgabefähigen Einkommens


gehen in den privaten Konsum. Hierbei stehen
mit einem Drittel die Ausgaben für Wohnen,
Energie und Wohnungsinstandhaltung an erster
Stelle.

3.3 Arbeitsmarkt
Arbeit bedeutet erstens Broterwerb und zweitens
Selbstbewusstsein, Ansehen und Identität. Der Verlust

40 3. Privathaushalte
der Arbeit führt für die Betroffenen nicht nur zu finan-
ziellen Ausfällen, sondern auf Dauer auch zu Frust,
Motivationsverlust, Vereinsamung, dem Gefühl von
Ausgrenzung, einer Entfernung von sozialen Werten
und sozialer Verantwortung. Das Risiko, psychisch und
körperlich zu erkranken, steigt.

Für die Volkswirtschaft sind die Verschwendung des


Know-hows und die erhöhte finanzielle Belastung des
Staates von Übel.

Man unterscheidet zwischen


friktioneller Arbeitslosigkeit: bedingt durch Umzug
und den Wechsel des Arbeitsplatzes,
saisonaler Arbeitslosigkeit, unter der etwa Personal
im Tourismusbereich zu leiden hat,
konjunktureller Arbeitslosigkeit, die in konjunktu-
rell schwierigen Phasen eine breite Bevölkerungs-
schicht betrifft, und
struktureller Arbeitslosigkeit, die etwa vorliegt,
wenn durch technische Neuerungen einfachere, ma-
nuelle Arbeiten in den Betrieben auf breiter Front
von Maschinen übernommen werden oder ganze
Branchen wegbrechen (z. B. Produktion von Schreib-
maschinen).

Neue Arbeitsbiografien
Arbeitnehmer, die einfache Tätigkeiten in der Produk-
tion oder im Büro verrichten, werden es in Zukunft

3.3 Arbeitsmarkt 41
schwerer haben. Viele dieser Tätigkeiten sind bereits
durch neue Technologien ersetzt worden. Aus Ernte-
helfern sind Erntemaschinen geworden, aus Büroboten
E-Mail-Leitungen, aus Produktionshelfern moderne,
„mitdenkende“ Maschinensysteme. Auf der anderen
Seite werden dispositive Funktionen an Bedeutung zu-
nehmen. Das heißt: höheres Ausbildungsniveau und
bei steigenden fachlichen Kompetenzen wachsende
Ansprüche an die Methoden- und Sozialkompetenz.

Den traditionellen Dreischritt von Schule/Ausbildung,


Vollzeitarbeit (fest angestellt im erlernten Beruf) und
Ruhestand, der Phase für Phase durchlebt wird, wird es
immer weniger geben. Künftig müssen die Jugendlichen
schon in der Schule/Hochschule aktiv werden, sich etwa
um fachbezogene Praktika und ggf. Auslandserfahrun-
gen bemühen. Eventuell kann das Studium an der Hoch-
schule mit einer Lehre in einem Unternehmen kombi-
niert werden. Zumindest besteht oft die Möglichkeit, in
der Praxis Semester- oder Abschlussarbeiten über ein
betriebliches Phänomen zu schreiben. So kann man sich
schon früh in die berufliche Wirklichkeit einfinden und
für spätere Arbeitgeber interessant machen.

Die Arbeitnehmer müssen künftig flexibler sein. Es


wird zunehmend im Team gearbeitet, die Entschei-
dungshierarchien werden flacher, die zu bewältigen-
den Aufgaben komplexer. Soft Skills (soziale Kompe-
tenzen) sind gefragt. Auch räumlich wird der Arbeit-

42 3. Privathaushalte
nehmer von morgen flexibler sein müssen, Stichworte
sind Auslandseinsätze und Telearbeit.

Die Arbeitsbiografien werden in Zukunft stärker von


Jobwechseln und Phasen der Arbeitslosigkeit geprägt
sein. Oft müssen mehrere Jobs kombiniert werden, um
das nötige Geld zusammenzubekommen. Die traditio-
nelle Rollenaufteilung zwischen Mann und Frau wird
weiter an Bedeutung verlieren. Damit lastet mehr Ver-
antwortung auf dem Einzelnen. Er muss sich aktiver
einbringen und immer wieder von sich aus tätig wer-
den, um am Ball zu bleiben. Es wird nicht mehr in Schu-
le und Ausbildung bzw. Studium gelernt und dann gear-
beitet, die Parole heißt „lebenslanges Lernen“. Umso
wichtiger wird es sein, einen Ausgleich zum Beruf zu
schaffen. Im wachsenden Freizeitbereich werden noch
mehr Dienstleister ihre Chance sehen.

In unserer alternden Gesellschaft werden die Ruhe-


ständler für die Wirtschaft eine neue Bedeutung ge-
winnen. Ihr Know-how kann etwa über ehrenamtliche
Tätigkeiten oder über die Einbindung als Seniorexperte
weiter genutzt werden.

3.4 Exkurs Existenzgründung


Für viele Menschen ist der Schritt in die Selbststän-
digkeit der richtige, andere kann man davor nur war-

3.4 Exkurs Existenzgründung 43


nen. Die eigene Existenz ist mit großen Chancen, aber
auch immensen Risiken und persönlichen Belastungen
verbunden.
Die Vorteile liegen auf der Hand: Selbstständige kön-
nen ihre Ideen besser umsetzen, sich selbst Ziele set-
zen, ihre Arbeitszeit ist selbstbestimmt, sie sind ihr ei-
gener Chef. Auf der anderen Seite verlangt das junge
Unternehmen viel Energie, Zeit und Durchhaltever-
mögen. Die geregelte Arbeit gehört der Vergangenheit
an. Gerade in der Zeit der ersten Durststrecke ist für
manche Gründer Freizeit ein Fremdwort. Und immer
besteht die Möglichkeit zu scheitern.
Eine Gründung muss deshalb wohlüberlegt sein. Eine zün-
dende Geschäftsidee ist wichtig, aber nicht ausreichend.
Die Zahl der spontanen Geistesblitze übersteigt deutlich
die der erfolgreichen Existenzgründungen. Im Vorfeld
müssen viele Punkte sorgfältig überdacht, geprüft und
diskutiert werden. Hierzu folgende Stichworte:

Geschäftsidee
Was möchte ich an Produkten oder Dienstleistungen
erstellen, womit handeln? Was ist das Besondere mei-
nes Angebotes? Gibt es hierfür eine Marktlücke? Wo
möchte ich mich ansiedeln? Sind dort die Gegeben-
heiten ideal? Wann soll es losgehen?

Persönliche Voraussetzungen
Habe ich Erfahrungen und Kenntnisse im angedachten
Bereich? Wie sieht es mit dem betriebswirtschaftlichen

44 3. Privathaushalte
Know-how aus, das man immer braucht? Habe ich an die
Themen Buchführung und Steuern gedacht? Werden die
formalen Voraussetzungen für das geplante Gewerbe er-
füllt, sind noch Schulungen nötig? Nicht jeder darf ein
Restaurant oder ein Bewachungsunternehmen eröffnen.

Zielgruppe
Welchen Nutzen hat der Kunde von meinem Angebot?
Wer genau sollen die Kunden sein? Wie sieht es im
Wettbewerbsumfeld aus? Wer sind die Lieferanten und
welche Macht haben sie?

Marketing
Wie möchte ich für das Produkt/die Dienstleistung wer-
ben? Wie hebe ich mich von den Mitbewerbern ab?

Überblick Privatausgaben
Wie hoch sind meine privaten Ausgaben? Beispiels-
weise Ausgaben für Miete, Nebenkosten der Wohnung,
Lebensunterhalt mit Lebensmitteln, Kleidung, Freizeit
und Urlaub, Versicherungen, Auto, Steuern.

Kapitalbedarf/Finanzierung
Zu Beginn muss ich in Maschinen, Büroausstattung,
Lastwagen, Waren, Material usw. investieren. Grün-
dungskosten kommen hinzu. Wie hoch sind diese Kos-
ten exakt und wie werden diese gedeckt? Habe ich ge-
nug Eigenkapital? Benötige ich fremdes? Kann ich in
Anspruch genommene Kredite bedienen?

3.4 Exkurs Existenzgründung 45


Betriebliche Cashflow-Vorschau
Was bleibt übrig, wenn ich (im laufenden Geschäft) von
dem geplanten betrieblichen Umsatz, den ich mache,
die Aufwendungen etwa für Büromiete mit Nebenkos-
ten, Werbung, Fahrzeuge, Reisen, Telekommunikation,
Leasing, Kredite, externe Buchführung und Privatent-
nahmen abziehe? (Siehe hierzu im Glossar die Begriffe
„Break-even-Point“ und „Rendite“).

Diese Informationen und viele andere sind Bestand-


teile des Businessplans, der – solide und belastbar – im
Zentrum der Vorbereitung steht und auch etwa für
Bankengespräche wichtig ist. Ein solcher Businessplan
wird am besten zusammen mit erfahrenen Experten
erarbeitet. Eine kostenlose Grundberatung bieten etwa
die Industrie- und Handelskammern an.

46 3. Privathaushalte
Das Einkommen aus Tätigkeit, Vermögen oder
Transferleistungen geht in Deutschland zu 76 Pro-
zent in den Konsum. Das Unternehmen von mor-
gen braucht flexible Mitarbeiter, die ihre Metho-
den- und Sozialkompetenz verstärkt im dispositiven
Bereich einbringen. Die lebenslange Festanstel-
lung im erlernten Beruf wird seltener. Oftmals ist
der Schritt in die Selbstständigkeit der richtige.
Doch dieser muss – am besten mithilfe seriöser
Experten – solide vorbereitet werden.

3.4 Exkurs Existenzgründung 47


Welche Vorteile bietet eine Bank
gegenüber einem anderen
Kreditgeber oder Geldanleger?
Seite 51

Welche Arten von Universal-


banken sind zu unterscheiden?
Seite 53

Worauf zielt die Kritik an den


Bestimmungen von Basel?
Seite 56
4. Banken
Wirtschaft beschränkt sich – anders als das einfache
Kreislaufmodell es suggeriert – nicht auf den Austausch
von Gütern/Dienstleistungen und Geld zwischen Privat-
haushalten und Unternehmen. Eine erste wichtige Erwei-
terung dieses Grundschemas ist die um die Kreditinstitu-
te. Hier interessieren zunächst einmal nur zwei Einbin-
dungsstränge der Geldhäuser. Zum einen konsumieren
die Arbeitnehmer und ihre Angehörigen das Einkommen
nicht immer direkt und bis auf den letzten Cent, sodass
dieses nicht zu 100 Prozent an die Betriebe zurückfließt.
Ein Teil wird auch gespart und landet bei Kreditinstituten.
Zum anderen ist es der Regelfall, dass bei den Betrieben
Geldausgaben den damit verursachten Einnahmen voraus-
eilen. Der Lebensmittelhändler muss die Waren erst kau-
fen – also für sie zahlen –, bevor er vom Kunden für sie
Geld bekommt. Dasselbe gilt für größere Investitionen:
Der Automobilzulieferer muss erst die Produktionsstätte
an der neuen Autofabrik im Ausland errichten, bevor er
mit seinen Teilen dort Geld verdienen kann. Hierzu sind
im Regelfall Kredite nötig, welche die Bank gewährt.
Doch zunächst einmal die Frage: Was ist überhaupt
Geld? Und wie hat es sich historisch entwickelt?

4. Banken 49
4.1 Zur Geschichte des Geldes
Am Anfang stand der Naturaltausch: Wer vor ein paar
Tausend Jahren einen Speer übrig hatte und ein Fell
brauchte, suchte sich jemanden, der ein Fell übrig hatte
und einen Speer brauchte. Man tauschte die Güter und
war zufrieden. Doch der Alltag ist gewöhnlich kom-
plexer: Was, wenn der potenzielle Speerabnehmer kein
Fell zu bieten hat, sondern einen Topf? Dann muss min-
destens ein weiterer Partner her.

Wir sehen: Tauschhandel hat seine Tücken. Deshalb


wurde er durch den Tausch gegen Naturalgeld ersetzt.
Als solches konnten etwa besondere Steine, Perlen
oder Muscheln dienen, Hauptsache, sie waren allge-
mein anerkannt. Mit dem neuen Naturalgeld konnte
jeder Anbieter von Waren an jeden Nachfrager ver-
kaufen, unabhängig davon, ob dieser Tauschgegen-
stände zur Verfügung hatte, die ihn (den Verkäufer)
interessierten. Und jeder Käufer konnte von jedem An-
bieter kaufen, egal ob er (der Käufer) attraktive Güter
zum Tauschen hatte. Das Naturalgeld erfüllte bereits
wichtige Geldfunktionen. Es war ein allgemein aner-
kanntes Tauschmittel, man konnte es über längere Zeit
aufbewahren, gut transportieren und es lag in kleine-
ren, flexibel zu handhabenden Einheiten vor. Später
setzten sich als Naturalgeld Klumpen von Gold, Silber
und Kupfer durch, die zunächst abgewogen wurden.
Etwa 650 Jahre vor Christus gab es das erste Münzgeld,

50 4. Banken
also Metallplättchen mit aufgedrucktem Wert, sodass
das Wiegen entfiel. In diesem Fall spricht man von Ku-
rantmünzen. Heute haben wir Scheidemünzen, deren
Metallwert unter dem aufgeprägten liegt. Das Metall
eines Eurostückes ist keinen Euro wert.

Geschichtlich ging die „Entstofflichung“ des Geldes wei-


ter: Es wurde das Papiergeld erfunden. Dieses war an-
fangs quasi ein Gutschein für die entsprechende Menge
Gold und konnte jederzeit bei der Bank eingetauscht
werden. Heute steht der umlaufenden Geldmenge kein
entsprechender Goldschatz mehr gegenüber. Wir spre-
chen etwas euphemistisch von freien Währungen.
Ein weiterer Schritt war der zum Buch- oder Giralgeld.
Dieses existiert nur noch auf Konten. Es hat den großen
Vorteil, dass es im elektronischen Zahlungsverkehr in
Sekundenschnelle weltweit auf andere Konten transfe-
riert werden kann.

Vom Naturaltausch über Perlen oder Steine als


Tauschmittel und Münzen bis hin zum Giralgeld
hat das Geld historisch einen Prozess der Entstoff-
lichung erfahren.

4.2 Funktionen der Kreditinstitute


Nun zu den Kreditinstituten: Theoretisch könnte man
sein Geld bei jedem beliebigen Menschen anlegen, der es

4.2 Funktionen der Kreditinstitute 51


braucht und dafür den gewünschten Zins zu zahlen bereit
ist. Dasselbe gilt für die Kreditbeschaffung. Auch hier be-
steht die Möglichkeit, andere Stellen als Banken zu fin-
den, die Geld verleihen. Beides wird natürlich auch prak-
tiziert. Aber es ist nicht die Regel, denn das Geschäft mit
der Bank hat gegenüber derlei Lösungen entscheidende
Vorteile. Dies lässt sich an folgenden Punkten aufzeigen:

Information
Möchte ich in einer banklosen Welt 20.000 Euro anle-
gen oder leihen, so muss ich zunächst einmal grund-
sätzlich recherchieren, bei wem dies überhaupt mög-
lich ist. Wer braucht gerade Geld bzw. wer möchte
welches anlegen? Und bei wem finde ich welche Kondi-
tionen? Wie leicht sind diese Fragen dagegen zu beant-
worten, wenn ich mit Banken zusammenarbeite, über
deren Angebote ich mich grundsätzlich schon mit eini-
gen Klicks im Internet orientieren kann.

Losgröße
Wie sieht es aus, wenn ich 20.000 Euro benötige, aber
nur Geldgeber finde, die 2.000, 10.000 oder 100.000
Euro verleihen möchten? Hier sind die Banken ungleich
flexibler.

Frist
Flexibler sind sie auch, was die Fristen angeht. Viel-
leicht finde ich jemanden, der mir genau 20.000 Euro
leihen möchte. Aber was, wenn ich das Geld für drei

52 4. Banken
Jahre benötige, er es aber nur einen Monat lang erüb-
rigen kann?

Risiko
Im Fall der Geldanlage – um das Beispiel herauszugreifen
– möchte ich natürlich auch sichergehen, dass mein Ge-
schäftspartner auch in der Lage ist, mir den Betrag nach
Ablauf des Geschäftes zurückzuzahlen und den vereinbar-
ten Zins zu leisten. Die Bonität lässt sich natürlich auch bei
alternativen Geldnehmern überprüfen. Auf Nummer si-
cher geht man bei den Banken mit ihrer großen Finanz-
kraft und ihren verbindlichen Haftungsregelungen.

Banken erleichtern Geldanlegern wie Kreditnach-


fragern das Geschäft. In einer banklosen Welt wäre
es sehr schwierig, einen Partner zu finden, der ge-
nau die Geldmenge, die Sie benötigen bzw. übrig
haben, für genau die Zeit, die für Sie sinnvoll ist,
verleiht bzw. von Ihnen als Anlage entgegen-
nimmt. Die Informationsmöglichkeiten über Ban-
ken sind bestens, ihr Ausfallrisiko sehr gering.

4.3 Das System der


Geschäftsbanken
Bei den Geschäftsbanken unterscheiden wir in Uni-
versalbanken und Spezialbanken. Letztere nehmen –
wie etwa Bausparkassen, die Kreditanstalt für Wie-

4.3 Das System der Geschäftsbanken 53


deraufbau oder die Landwirtschaftliche Rentenbank –
nur bestimmte Aufgaben wahr und können hier
vernachlässigt werden.

Bei den Universalbanken kennen wir


private Geschäftsbanken wie die Deutsche Bank, die
Postbank, die Commerzbank, aber auch weniger be-
kannte Häuser wie die National-Bank,
öffentlich-rechtliche Sparkassen und
Genossenschaftsbanken (etwa Volksbanken und
Sparda-Banken).

Zentrale Tätigkeitsfelder der Banken sind die Durch-


führung von bargeldlosem Zahlungsverkehr, die Annah-
me fremder Gelder als Einlage, die Vergabe von Kredi-
ten, der Ankauf von Wechseln und Schecks, der Kauf
und Verkauf sowie die Verwaltung von Wertpapieren
für Dritte und die Emission (= Ausgabe) von Aktien.

Am Schluss dieser Ausführungen über das System der


Geschäftsbanken der Geldhäuser der Privat- und Ge-
schäftskunden noch ein kurzer Blick auf das staatliche
Zentralbankensystem, das zweite Bein des deutschen
Bankensystems.

Kopf des Zentralbankensystems ist die Europäische


Zentralbank (EZB) in Frankfurt. Ihr an die Seite gestellt
sind die nationalen Zentralbanken. In Deutschland ist
dies die Deutsche Bundesbank.

54 4. Banken
Vorrangiges Ziel des Zentralbankensystems ist es, die
Preisstabilität zu gewährleisten. Der EZB steht hierzu
eine Reihe geldpolitischer Instrumente zur Verfügung.
Hauptinstrument zur Steuerung der Zinssätze und der
Liquidität am Markt sind Offenmarktgeschäfte mit
Geschäftsbanken, in denen diesen zu bestimmten
Konditionen und in bestimmten Höhen, wie sie mit
Blick auf das Ziel, die Preisstabilität, opportun erschei-
nen, Zentralbankguthaben zur Verfügung gestellt wer-
den.

Die Deutsche Bundesbank erfüllt über die Umsetzung


der geldpolitischen Weisungen der Europäischen Zent-
ralbank eine Reihe weiterer Aufgaben, sie verwaltet
etwa die nationalen Währungsreserven, gibt die Euro-
Banknoten und -münzen aus und wirkt bei der Ge-
schäftsbankenaufsicht und der Emission von Bun-
deswertpapieren mit.

Von den Geschäftsbanken interessieren hier vor


allem die Universalbanken, die sich in private
Geschäftsbanken, Sparkassen und Genossen-
schaftsbanken differenzieren. Oberstes Ziel des
Zentralbankensystems, für Deutschland also der
Europäischen Zentralbank und der Deutschen
Bundesbank, ist die Preisstabilität.

4.3 Das System der Geschäftsbanken 55


4.4 Basel
Kredite sind für die Unternehmen wichtig. In der Regel
kommt der Aufwand vor dem Ertrag. Bevor der Auto-
hersteller das neue Modell in die Läden stellt und das
erste Geld fließt, muss er es konzipieren, entwickeln,
neue Maschinen kaufen, neue Leute einarbeiten, die
Marketingmaschine anwerfen usw.

Im Zusammenhang mit der Kreditfinanzierung ist das


Schlagwort Basel in aller Munde. Gemeint sind die
Eigenkapitalvorschriften, die der Baseler Ausschuss
für Bankenaufsicht vorgeschlagen hat und die seit
2007 EU-weit angewendet werden. Die EU will damit
das Bankensystem, das für funktionierende Wirt-
schaften so wichtig ist, stabilisieren. Die Kreditinsti-
tute sollen über so viel Eigenkapital verfügen, dass
sogenannte notleidende Kredite sie nicht aus der
Bahn werfen. Bei notleidenden Krediten kann die
Rückzahlung des Darlehens nicht mehr gewährleistet
werden.

Im Kern geht es um Vorschriften darüber, wie viel eige-


nes Geld die Banken bei der Vergabe von Krediten –
quasi als Risikopuffer für den Fall, dass der Kreditneh-
mer nicht zurückzahlen kann – hinterlegen muss. Bis
2007 waren dies pauschal acht Prozent, egal, wie hoch
das Risiko im Einzelfall tatsächlich war. Gemäß Basel
muss die Eigenkapitalhinterlegung nach dem Risiko

56 4. Banken
gestaffelt werden. Für Kredite von geringem Risiko ist
wenig zu hinterlegen, für risikoreiche viel.

Ratingverfahren
Zunächst müssen Unternehmen, die einen Kredit neh-
men möchten, sich einem sogenannten Rating unter-
ziehen. Dabei begutachtet eine externe Ratingagentur
wie etwa Moody‘s oder die Bank selbst, wie das Unter-
nehmen aufgestellt ist. Analysiert werden etwa die
letzten Jahresabschlüsse, die wichtigsten betriebs-
wirtschaftlichen Kennziffern, die mittel- und langfris-
tige Planung, die Strategien des Unternehmens und die
Unternehmensorganisation. Die Unternehmen müssen
sich also in sehr großem Umfang der Bank gegenüber
öffnen. Am Ende der Prozedur steht die Einordnung in
eine Risikoklasse.

Je nach Risikoklasse muss die Bank dann entsprechend


viel Eigenkapitel hinterlegen. Da sich dies in den Schuld-
zinsen niederschlägt, die das Unternehmen zu zahlen
hat, werden risikolosere Kredite billiger, risikobehaftete
teurer und riskante in großem Umfang verhindert.

Wichtigster Kritikpunkt der Wirtschaft an Basel ist,


dass der für Deutschland so wichtige, leistungsstarke
Mittelstand typischerweise über weniger Eigenkapital
verfügt und deshalb beim Rating zwangsläufig schlech-
tere Ergebnisse zu erwarten hat – und in der Folge
teurere Kredite.

4.4 Basel 57
Spätestens seit der Finanzkrise ab 2007 werden die
Ratingagenturen laut kritisiert. Kernvorwürfe sind die
mangelnde Qualität und Zuverlässigkeit der Bewertun-
gen, ihre fehlende Transparenz, die den Nachvollzug
ihres Handelns unmöglich macht, und ihre Subjektivi-
tät. In vielen Fällen scheint die Herkunft der gerateten
Unternehmen bzw. scheinen die Länder und deren per-
sönliches Verhältnis zu den Agenturen deutlichen Ein-
fluss auf die Ergebnisse der Untersuchungen zu haben.
Diese Punkte haben in Verbindung mit der Tatsache,
dass den Ratingagenturen inzwischen eine hohe politi-
sche Bedeutung und ein großer Einfluss auf die Welt-
wirtschaft zukommt, zu der Forderung nach einer eige-
nen, unabhängigen europäischen Ratingagentur ge-
führt.

58 4. Banken
Universalbanken – also private Geschäftsbanken,
Sparkassen und Genossenschaftsbanken – bieten
die wichtigsten Geld-Dienstleistungen gebündelt
an. Nach den Basel-Vorschriften muss die Bank
für risikoreiche Kredite mehr Geld als Risikopuffer
hinterlegen als für risikoarme. Dadurch werden
erstere teurer. Häufige Kritik: Der für die deutsche
Wirtschaft so wichtige Mittelstand, der typischer-
weise über wenig Eigenkapital verfügt, kommt
durch diese Regelungen schwerer an Kredite.

4.4 Basel 59
In welches Land exportiert die
Bundesrepublik die meisten
Produkte und Dienstleistungen?
Seite 61

Welche Aufgaben hat der IWF?


Seite 64

Was sind die drei für den globalen


Wirtschaftsverkehr wichtigsten
Organisationen?
Seite 66
5. Ausland
Exportweltmeister – dieses Schlagwort ist mit Deutsch-
land eng verbunden. Deutschland hat traditionell eine
starke Industrie, die in alle Welt exportiert. Produkte
„Made in Germany“ stehen nach wie vor für Qualität,
Zuverlässigkeit und Innovation. Das Ausland, ausländi-
sche Unternehmen und Märkte spielen für die heimi-
sche Wirtschaft eine wichtige Rolle.

5.1 Die EU …
2007 hat Deutschland Waren und Dienstleistungen im
Wert von 969 Milliarden Euro exportiert. Etwa 85 Pro-
zent davon gingen in andere EU-Staaten (mit Frank-
reich an erster Stelle), der Rest verteilt sich mit deutli-
chen Schwerpunkten auf die USA (acht Prozent), China
und Russland (jeweils drei Prozent) sowie auf die übri-
gen Länder der Erde.

Kurze Erläuterung
Unter Export versteht man die Lieferung von Waren
und Dienstleistungen in eine andere Volkswirtschaft,

5. Ausland 61
unter Import die Lieferung von Waren und Dienst-
leistungen von außen ins eigene Land. Exporte mi-
nus Importe ergeben den Netto-Export. Dieser wird
auch Außenbeitrag oder – griffiger – Exportüberschuss
genannt. Natürlich sind auch Importüberschüsse
möglich.

Mit Blick auf den Wirtschaftskreislauf spielen die Strö-


me Export gegen Devisen und Import gegen Devisen
sowie das Zahlen ausländischer Zölle durch deutsche
Unternehmen und das deutscher Zölle durch ausländi-
sche Unternehmen die größten Rollen.

Schwerpunkt der außenwirtschaftlichen Aktivitäten


deutscher Unternehmen ist der europäische Binnen-
markt. Seit dem 1. Januar 1993 ist die EU (bzw. EG) ein
Markt ohne Innengrenzen. Das heißt (zumindest theo-
retisch): Die Mitgliedsländer verzichten beim Verkehr
von Waren auf Zölle und vereinbaren gegenüber Dritt-
ländern einheitliche Zolltarife. Paralleles gilt für den
Verkehr von Dienstleistungen und für Transporte so-
wie für den Kapitaleinsatz. Bürgerinnen und Bürger
der EU-Mitgliedsstaaten können in jedem EU-Land
wirtschaftlich tätig sein, also angestellt oder selbststän-
dig arbeiten. Keine Person darf wegen ihrer Herkunft
dabei behindert werden.

Die Unternehmen finden in der EU also ein Gebiet vor,


in dem sie nach weitestgehend einheitlichen Regeln
und unter weitestgehend gleichen Bedingungen agie-

62 5. Ausland
ren können. Das bedeutet unter anderem Anglei-
chungen in den Bereichen der Steuern, der Umwelt-
auflagen, der Sicherheitsvorschriften usw. Natürlich ist
dieser Prozess noch längst nicht abgeschlossen.

Der Vorteil eines solchen Binnenmarktes liegt auf der


Hand: Der Hersteller von Kühlschränken – um ein Bei-
spiel herauszugreifen – braucht, wenn er seine Geräte
in anderen EU-Ländern verkaufen möchte, nicht mehr
für jedes Absatzland andere Vorschriften zu beachten.
Auch sind der Transport in diese Länder sowie der Ver-
trieb dort einfacher als zuvor. Von der Entwicklung des
Produktes bis zur Auslieferung vereinfachen sich also
die Abläufe. Für den EU-Markt können mit diesen Ver-
einheitlichungen auch größere und damit preiswertere
Mengen produziert werden.

Meilensteine der EU-Geschichte


• 1951: Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl
(EGKS oder Montanunion) mit Frankreich, Italien,
Belgien, Deutschland, Niederlande und Luxemburg
• 1957: „Römische Verträge“: Europäische Wirtschafts-
gemeinschaft (EWG)
• 1973: Beitritt Großbritannien, Irland, Dänemark
• 1979: Bürgerinnen und Bürger wählen erstmals Mit-
glieder des Europäischen Parlamentes
• 1981: Beitritt Griechenland
• 1985: „Schengener Abkommen“, Wegfall vieler Zoll-
kontrollen innerhalb der EU, zunächst nur in Frank-
reich, Deutschland, Belgien, Luxemburg und den
Niederlanden

5.1 Die EU … 63
• 1986: Beitritt Spanien und Portugal
• 1992: „Vertrag von Maastricht“: Gründung von Euro-
päischer Union EU mit Wirtschafts- und Währungs-
union
• 1995: Beitritt Finnland, Österreich, Schweden
• 2002: Einführung von Euro-Banknoten und -münzen
• 2004: Beitritt Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen,
Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn, Zypern
• 2007: Beitritt Bulgarien, Rumänien

Die EU ist ein Wirtschaftsraum mit freiem Binnen-


markt und stark angeglichenen Rahmenbedingun-
gen. Deutschland exportiert zu 85 Prozent in ande-
re EU-Länder.

5.2 … und die Welt


International sind es vor allem drei Organisationen, die
für den globalen Wirtschaftsverkehr relevant sind.

Internationaler Währungsfonds
Der Internationale Währungsfonds IWF ist eine Son-
derorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in
Washington/USA. Das Stimmrecht der 186 Mitglieds-
länder bemisst sich nach deren Kapitalanteil. Leiter des
IWF ist der geschäftsführende Direktor. Dieses Amt
hatte von 2000 bis 2004 als erster Deutscher der ehe-
malige Bundespräsident Horst Köhler inne.

64 5. Ausland
Der IWF gibt Staaten mit wirtschaftlichen Problemen
Kredite. Die Vergabe ist an bestimmte Auflagen gebun-
den. Diese werden als Strukturanpassungsprogramme
bezeichnet und sollen die betroffenen Wirtschaften auf
dem Weg zu einer Stabilisierung unterstützen.

Weltbank
Auch die Weltbank – Internationale Bank für Wieder-
aufbau und Entwicklung – ist eine Sonderorganisation
der Vereinten Nationen. Ursprünglich für den Wieder-
aufbau der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Staaten
gegründet, unterstützt sie heute weniger entwickelte
Mitgliedsländer (Mitglied können nur Staaten werden,
die IWF-Mitglied sind) mit Darlehen, Zuschüssen, Inves-
titionen und Garantien. 2008 hat die Weltbank Hilfen in
Höhe von 38,2 Milliarden US-Dollar gewährt. Während
der IWF traditionell von einem Europäer geleitet wird,
ist der Präsident der Weltbank ein US-Amerikaner.

Welthandelsorganisation
Die Welthandelsorganisation (World Trade Organi-
zation, WTO) hat ihren Sitz in Genf. Sie ging 1994 aus
dem General Agreement on Tariffs and Trade, GATT,
hervor und befasst sich mit der Regelung von Handels-
und Wirtschaftsbeziehungen.

Die WTO koordiniert die Wirtschaftspolitik ihrer Mit-


gliedsstaaten und versucht, Streitigkeiten zwischen
diesen zu schlichten. Zentrales Ziel ist der Abbau von

5.2 … und die Welt 65


Handelshemmnissen, also die Liberalisierung des in-
ternationalen Handels.

Der Internationale Währungsfonds, die Weltbank


und die Welthandelsorganisation sind im interna-
tionalen Wirtschaftsgeschehen die wichtigsten Or-
ganisationen.

5.3 Globalisierung
Die rasanten Entwicklungen im Bereich der Kommu-
nikationstechniken und der Transporttechnik sowie
die weitgehende Liberalisierung des internationalen
Handels haben in den vergangenen Jahrzehnten zu ei-
ner immer engeren weltweiten Verflechtung geführt,
die unter dem Stichwort Globalisierung kontrovers dis-
kutiert wird.

Der Welthandel wächst genau wie die Investitionen


von Unternehmen im Ausland. Zunehmend schließen
sich Unternehmen aus verschiedenen Ländern zusam-
men, die Zahl der Global Player, also der international
tätigen Unternehmen, steigt kontinuierlich.

Deutschland ist zunächst einmal Profiteur der Globa-


lisierung. Unsere Industrie ist auf ausländische Märkte
angewiesen, in Deutschland finden sich für ihre Pro-
dukte nicht genug Abnehmer. Ein Gutteil des Wohl-

66 5. Ausland
standes der vergangenen Jahre haben die Deutschen
dem Export ihrer Unternehmen und damit der Glo-
balisierung zu verdanken.

Druck weltweiter Konkurrenz


Auf der anderen Seite stehen deutsche Produkte in Zei-
ten der Globalisierung in weltweiter Konkurrenz. Dies
setzt die Betriebe unter Druck, führt aber auch zu Ver-
besserungen der Wettbewerbsfähigkeit. Die Betriebe
stehen Mitbewerbern gegenüber, die weitaus weniger
Kosten zu tragen haben. Ob Lohn-, Energie- oder Um-
weltkosten – in vielen Ländern, deren Unternehmen
mit den deutschen um die Kundschaft konkurrieren, ist
der finanzielle Aufwand für die Produktion geringer.

Es kommt erschwerend hinzu, dass die Qualität der


ausländischen Produkte sich immer mehr der deut-
schen annähert. Der Abstand von „Made in Germany“
zum Rest der Welt schmilzt, er muss heute Tag für Tag
aufs Neue erarbeitet werden.

Beginnend mit einfachen, arbeitsintensiven Produkten,


etwa aus dem Bereich der Metallverarbeitung, hin zu
anspruchsvollen Produkten und Dienstleistungen, ha-
ben viele deutsche Unternehmen früh angefangen, ihre
Produktion ins billigere Ausland zu verlagern. Dies be-
lastet den heimischen Arbeitsmarkt und erhöht die
Transferleistungen des Staates, ist aus Sicht der Betrie-
be aber unerlässlich. Die Alternative wäre die Vernach-

5.3 Globalisierung 67
lässigung neuer Chancen und der Niedergang des ge-
samten Unternehmens. Die Folgen auch auf die Innen-
politik sind unverkennbar. Noch nie wurde so offen
über die Senkung der Sozialstandards diskutiert wie
zurzeit. Aufgabe der Politik ist es jetzt, einerseits im
internationalen Schulterschluss Regelungen zu treffen,
die die Auswüchse der Globalisierung (Stichwort:
„Heuschrecken“-Debatte) begrenzen; andererseits
muss sie der vielfach globalisierungsskeptischen Be-
völkerung die Chancen und Vorteile dieses historischen
Paradigmenwechsels deutlich machen, den die Globali-
sierung gerade für die deutsche Wirtschaft mit sich
bringt.

68 5. Ausland
Das EU-Ausland hat für die exportierenden Unter-
nehmen in Deutschland die größte Bedeutung.
Die unter dem Stichwort Globalisierung disku-
tierte fortschreitende internationale Verflechtung
der Volkswirtschaften hat für Deutschland als
starkes Exportland zunächst einmal Vorteile.
Gleichwohl steht in diesem Zusammenhang auch
die Verlagerung deutscher Produktionen ins Aus-
land.

5.3 Globalisierung 69
Was unterscheidet die freie
Marktwirtschaft von der
Planwirtschaft?
Seite 71

Welche Ziele verfolgt die deut-


sche Wirtschaftspolitik?
Seite 74

Wie verläuft ein Konjunktur-


zyklus?
Seite 77
6. Wirtschaftspolitik
Der Staat tauchte bislang nur als Marktteilnehmer auf,
also als Wirtschaftseinheit, die beispielsweise Steuern,
Zölle usw. einnimmt, im Markt einkauft, Arbeitskräfte
beschäftigt, Transferleistungen erbringt und Subven-
tionen zahlt. In diesem Kapitel geht es um den Staat als
demokratisch legitimierten Akteur der Wirtschafts-
politik. Hier sind die rechtlichen, steuerlichen und in-
frastrukturellen Rahmenbedingungen und Steue-
rungsmechanismen das Thema.

6.1 Basis: Die soziale


Marktwirtschaft
Wirtschaftspolitische Felder lassen sich grob untertei-
len in:
Ordnungspolitik: Maßnahmen zur Sicherung/Ver-
besserung der Funktionsfähigkeit des Marktes wie
Gewerbefreiheit, Wettbewerbsfreiheit
Prozesspolitik: Steuerung bestimmter Größen wie
etwa die Förderung des Wirtschaftswachstums

6. Wirtschaftspolitik 71
Strukturpolitik: Unterschiede zwischen Regionen,
Branchen oder Einkommens-/Vermögensgruppen
sollen angeglichen werden

Fundament des wirtschaftlichen Geschehens einer


Volkswirtschaft ist ihr Wirtschaftssystem oder ihre
Wirtschaftsordnung, welche die grundsätzlichen Wei-
chenstellungen vornimmt.

Die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik Deutsch-


land ist die soziale Marktwirtschaft. Was diese Wirt-
schaftsordnung ausmacht, lässt sich am besten erken-
nen, wenn wir sie als Synthese der These „Freie Markt-
wirtschaft“ und der Antithese „Planwirtschaft“ herleiten.
Freie Marktwirtschaften waren im 19. Jahrhundert zu
finden, Planwirtschaften im früheren Ostblock.

Freie Marktwirtschaft
In der freien Marktwirtschaft wird dezentral geplant.
Hier entscheiden zigtausend Unternehmen und Privat-
haushalte, was sie wie und für wen produzieren, han-
deln oder kaufen. Es gibt keine regulativen Eingriffe
des Staates, die Preise bilden sich in freien Märkten.
Credo ist der Individualismus.

Vorteile: Alle Beteiligten haben ein hohes Maß an Frei-


heit und Selbstverantwortlichkeit. Der harte Konkur-
renzkampf führt zu Höchstleistungen in Qualität und
Kundenorientierung.

72 6. Wirtschaftspolitik
Nachteile: Finanzstarke Unternehmen können andere
ruinieren und Monopolstellungen einnehmen. Zudem
besteht eine Gefahr für die Schwächeren der Gesell-
schaft, denn auch auf dem Arbeitsmarkt geht es „frei“
zu. Hier haben – gerade in wirtschaftlich schwierigen
Zeiten – soziale Schutzmechanismen kaum Platz.

Planwirtschaft
In der Planwirtschaft wird zentral durch staatliche Ins-
tanzen geplant. Die Unternehmen sind staatlich und
werden staatlich geleitet. Produktpalette, Herstellungs-
technik, Preise, Lohnhöhe, alles wird von oben festge-
legt. Credo: Kollektivismus.

Vorteil: Es gibt keine Arbeitslosigkeit, die Preise be-


rücksichtigen soziale Gesichtspunkte. Auswüchse von
rücksichtslosem Gewinnstreben werden verhindert.

Nachteil: Kundenwünsche werden kaum berücksich-


tigt. Weil die treibende Kraft des Gewinnstrebens fehlt,
bleiben Entwicklungschancen ungenutzt. Staatliche
Fehlplanungen führen zu Engpässen in der Versorgung
der Bevölkerung.

Soziale Marktwirtschaft
Die soziale Marktwirtschaft ist eng mit dem Namen des
ersten deutschen Wirtschaftsministers, Ludwig Erhard,
verbunden. Sie versucht die Synthese von Kollektivis-
mus mit dem Prinzip des sozialen Ausgleichs und der

6.1 Basis: Die soziale Marktwirtschaft 73


Unterordnung unter den Staat (zu viel Staat) und Indi-
vidualismus mit dem Prinzip der Freiheit (zu wenig
Staat).

Zentrale Grundpfeiler der sozialen Marktwirtschaft sind


das freie Unternehmertum und der freie Wettbewerb.
Insofern trägt diese Wirtschaftsordnung Züge der freien
Marktwirtschaft. Allerdings gilt neben dem Prinzip des
freien Marktes das des sozialen Ausgleichs. Es werden
also Mechanismen etabliert, die Schwache – Unterneh-
men wie Bürger – absichern sollen. Hierher gehören
etwa Mitbestimmungsregelungen, Gesetze zum Wettbe-
werbsrecht, Regelungen zum Schutz von Arbeitneh-
mern und Verbrauchern sowie Programme zur Unter-
stützung benachteiligter Regionen oder Branchen.

Die soziale Marktwirtschaft basiert auf dem Sys-


tem der freien Marktwirtschaft mit privaten Unter-
nehmen und Haushalten, die dezentral über Pro-
duktion, Investition, Konsum, Preisgestaltung usw.
entscheiden können. Um Auswüchse zu begren-
zen, sind Mechanismen integriert, die Schwächere
schützen und Unterschiede angleichen sollen.

6.2 Ziele: Das magische Viereck


Per Gesetz stehen bei der Wirtschaftspolitik vier Ziele
im Zentrum: § 1 des Stabilitätsgesetzes von 1967 ver-

74 6. Wirtschaftspolitik
pflichtet den Bund und die Länder dazu, „bei ihren
wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Er-
fordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts
zu beachten“. Ihre Maßnahmen seien so zu treffen, dass
sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung
gleichzeitig zu folgenden Zielen beitragen:
Stabilität des Preisniveaus
Hoher Beschäftigungsstand
Stetiges, angemessenes Wirtschaftswachstum
Außenwirtschaftliches Gleichgewicht

Da diese Ziele an sich schon äußerst ambitioniert sind


und die Förderung des einen vielfach ein anderes der
vier schädigt, spricht man vom magischen Viereck. Nun
kurz zu den Einzelzielen:

Stabilität des Preisniveaus


Wenn die Preise über einen längeren Zeitraum stark
steigen, spricht man von Inflation. Drastisches Beispiel
ist die Inflation von 1923 in Deutschland, in deren Ver-
lauf der Dollarkurs auf 4,2 Billionen Mark gestiegen ist
und Wirtschaft und Gesellschaft ins Chaos gestürzt wur-
den. In Inflationen geht die Wertaufbewahrungsfunktion
des Geldes verloren, die Spareinlagen und Einkommen
bzw. ihre Kaufkraft sinken. Das Vertrauen in die Volks-
wirtschaft nimmt ab und mit ihm die Investitionsnei-
gung der Unternehmen. Dies alles zu verhindern ist eine
der vier Ecken des magischen Vierecks.

6.2 Ziele: Das magische Viereck 75


Hoher Beschäftigungsstand
Auch diese Ecke des Vierecks bedarf kaum einer Erläu-
terung, Beschäftigung führt zu Kaufkraft und Zufrie-
denheit. Angestrebt wird eine Vollbeschäftigung mit
etwa zwei Prozent Arbeitslosen. Liegt dieser Wert un-
ter zwei Prozent (Überbeschäftigung), so steigen die
Löhne, Betriebe werben sich gegenseitig Fachkräfte ab.
Preissteigerungen mit erschwerenden Auswirkungen
auf den Export sind die Folge. Hat eine Volkswirtschaft
deutlich mehr als zwei Prozent Arbeitslose, sinkt die
Binnennachfrage, die staatlichen Einnahmen sinken,
die Ausgaben steigen, soziale Konflikte sind absehbar.

Stetiges und angemessenes


Wirtschaftswachstum
Die Leistung einer Volkswirtschaft kann am Brutto-
inlandsprodukt (BIP) abgelesen werden, einem Wert,
der alle in einem Jahr im Land hergestellten Produkte
und Dienstleistungen zusammenfasst. Das reale BIP
dient dem Vergleich mit vorangegangenen Jahren, es ist
das um die Inflationsrate bereinigte BIP. Dieses soll
also immer leicht wachsen. Das hebt den Lebens-
standard, sichert/schafft Arbeitsplätze und erleichtert
staatliche Umverteilungsmaßnahmen zugunsten be-
dürftigerer Gruppen.

Wenn hier von leichtem Wachstum die Rede ist, so mei-


nen wir damit den Trend, den langfristigen Pfad der
Entwicklung. In der Praxis verläuft die BIP-Kurve wel-

76 6. Wirtschaftspolitik
lenförmig, in Konjunkturzyklen. Diese weisen vier Pha-
sen auf, die folgende Merkmale haben:

1. Phase: Expansion/Aufschwung
Auftragslage/Produktion: steigend
Arbeitslosigkeit: noch hoch, aber neue Jobs entstehen
Inflation: gering
Stimmung: optimistisch

2. Phase: Boom/Hochkonjunktur
Auftragslage/Produktion: bei Konsumgütern steigend
Arbeitslosigkeit: sehr gering
Inflation: hohe Preissteigerungen
Stimmung: positiv, skeptisch zurückhaltend

3. Phase: Rezession/Abschwung
Auftragslage/Produktion: sinkend
Arbeitslosigkeit: steigt
Inflation: lässt nach
Stimmung: pessimistisch

4. Phase: Depression/Talsohle
Auftragslage/Produktion: stagniert, niedriges Niveau
Arbeitslosigkeit: hoch
Inflation: gering
Stimmung: niedergedrückt bis abwartend, vorsichtig
optimistisch

Außenwirtschaftliches Gleichgewicht
Verschiebt sich das Schwergewicht einer Volkswirtschaft
auf den Import, so wird die Zahl der Arbeitsplätze vor
allem in der Industrie schrumpfen. Dies senkt die Binnen-
nachfrage und erhöht die Staatsausgaben. Weniger In-

6.2 Ziele: Das magische Viereck 77


dustriebetriebe bedeuten auch weniger Nachfrage nach
Produktionsgütern. Verschiebt der Schwerpunkt sich in
die andere Richtung, also zum Export, so führt dies zu
Devisenüberschüssen, einem erhöhten Geldumlauf, wo-
mit ein Inflationsrisiko einhergeht. Hier gilt es also, die
Waage zu halten, wobei allgemein ein Exportüberschuss
als wünschenswerter angesehen wird als sein Gegenteil.

Zusatzecken Vermögensverteilung und


Umwelt
Heute wird das magische Viereck gerne um zwei Eck-
punkte erweitert, deren Formulierung in den 1960er-
Jahren noch nicht notwendig erschien.

Dies betrifft zum einen die „möglichst gerechte Vertei-


lung des Volksvermögens“. Es ist möglich, das magische
Viereck zu erfüllen und dabei die Schere zwischen Arm
und Reich immer weiter zu öffnen. Dies entspricht nicht
unserem Gerechtigkeitsempfinden und könnte durchaus
Sprengkraft für die gesamte Volkswirtschaft entfalten.

Weiterhin hat das Umweltthema in den Jahren seit Ver-


abschiedung des Gesetzes eine große Bedeutung ge-
wonnen. Auch hier gilt: Es ist möglich, dem Viereck
Genüge zu tun und dabei den kommenden Genera-
tionen durch Umweltverschmutzung die Lebens-
grundlage zu entziehen. Die sechste Ecke wäre damit
die angemessene Berücksichtigung des Umweltgedan-
kens, des nachhaltigen Wirtschaftens.

78 6. Wirtschaftspolitik
Die deutsche Wirtschaftspolitik verfolgt primär die
Ziele des magischen Vierecks, Stabilität des Preis-
niveaus, hoher Beschäftigungsstand, stetiges und
angemessenes Wirtschaftswachstum und außen-
wirtschaftliches Gleichgewicht. Vielfach werden
als weitere Ziele die gerechte Vermögensvertei-
lung und die Nachhaltigkeit des Wirtschaftens
hinzugenommen.

6.3 Strategien: Keynes vs.


Friedman
Jetzt geht es an die Praxis: Welche Strategien werden ver-
folgt, um in unserer sozialen Marktwirtschaft die vier Ziele
des magischen Vierecks zu erreichen? Welche Ideen ste-
cken hinter den verschiedenen wirtschaftspolitischen An-
sätzen, Werkzeugen, Äußerungen? In der Folge werden wir
zwei zentrale wirtschaftspolitische Positionen darstellen.

Keynesianismus
Der Keynesianismus stellt die staatlichen Ausgaben be-
wusst in den Dienst der Wirtschaftspolitik. In Zeiten gu-
ter Konjunktur soll der Staat seine Ausgaben senken und
in schlechten Zeiten – antizyklisch – erhöhen. In der Krise
nimmt er also Kredite auf und steigert seine Ausgaben,
etwa für die Renovierung von Schulen und Unis oder den
Bau neuer Straßen. Das ausgegebene Staatsgeld soll in
die Kassen der Unternehmen und damit in die der Arbeit-

6.3 Strategien: Keynes vs. Friedman 79


nehmer fluten. Das, so die Anhänger von John Maynard
Keynes (1883–1946), nach dem diese Politik genannt
wird, stärkt die Nachfrage, hebt die Stimmung und lässt
die Konjunkturkurve wieder nach oben schnellen. Ziel ist
es also, die Nachfrage anzukurbeln und so die Wirtschaft
wieder auf Trab zu bringen (Nachfragepolitik).

In den 1960er- und 1970er-Jahren war die antizykli-


sche Wirtschaftspolitik in Deutschland angesagt. Sie ist
allerdings mit vielen Fragezeichen zu versehen. Ein
Problem ist, dass das staatliche gepumpte Geld etwa
wegen der Steuern und Lohnzusatzkosten nur zu ei-
nem gewissen Teil bei den Unternehmen und ihren
Mitarbeitern ankommt. Vieles bleibt in der Bürokratie
hängen. Und selbst von dem Anteil, der durchkommt,
geht nur ein Teil in den Konsum, dessen Ankurbelung
ja gerade das Ziel dieser Politik ist. Denn in schlechten
Zeiten wird bekanntlich besonders gern gespart.

Ein zweiter zentraler Minuspunkt der Nachfragepolitik ist


die Tatsache, dass es für den Staat zwar einfach ist, sich in
Krisenzeiten Geld zu leihen und dieses auszugeben. So et-
was macht beliebt. Anders ist es, wenn es in Boomzeiten
an das drastische Sparen geht. Diese Seite des Keynesianis-
mus zieht kein Politiker konsequent durch und streicht
lieb gewordene Subventionen und Abschreibungsmöglich-
keiten zusammen, hebt Steuern usw. Doch nur auf diesem
Wege wären die Schulden der zurückliegenden Wirtschafts-
krise abzuzahlen und Rücklagen für die bevorstehende zu

80 6. Wirtschaftspolitik
bilden. Ansonsten – und das war auch in der Bundes-
republik so – steigen die Staatsschulden immer weiter.

Liberalismus/Neoliberalismus
Während Keynes und seine Anhänger das gesamtwirt-
schaftliche Gleichgewicht als ein labiles Gebilde anse-
hen, das der Staat zu hegen und zu pflegen hat, vertritt
die Gegenseite, der Liberalismus, die Auffassung, dass
die Wirtschaft ein starkes und vitales Gebilde ist, das
umso besser funktioniert, je mehr der Staat es in Frie-
den lässt. Wenn die Wirtschaft wachsen soll, braucht es
nicht den Staat, sondern private und unternehmerische
Eigeninitiative.

Ein klassischer Vertreter des Liberalismus ist Adam


Smith (1723–1790), der das freie Individuum propa-
giert hat, das frei von Sklaverei, Leibeigenschaft und
staatlicher Willkür selbstständig und eigenverantwort-
lich agiert. Diese Freiheit des Einzelnen, der sich
selbstständig und ohne Bevormundung des Staates um
seine Belange kümmert, um diese zu verbessern, kommt
nach Smith auch der Gesamtgesellschaft zugute. Er hat
die These von der „unsichtbaren Hand“ formuliert, die
die vielen einzelnen Egoismen zum Wohl des Ganzen
führt.

Etwas weniger blumig: Wenn jeder Bürger im Rahmen


der Rechtsordnung seine individuellen Ziele verfolgt,
trägt er damit zum Wohl der Wirtschaft bei. Diese

6.3 Strategien: Keynes vs. Friedman 81


boomt, investiert, stellt neue Leute ein, und das kommt
wiederum allen zugute. Dem Staat kommt bei Smith
nur die Aufgabe zu, die Rechtsordnung auf-
rechtzuerhalten und die Rahmenbedingungen für die
Wirtschaft zu schaffen. Bekanntester neoliberalisti-
scher Denker ist Milton Friedman (1912–2006), dessen
Ideen beispielsweise Margaret Thatcher stark beein-
flusst haben.

Neoliberale stellen also Maßnahmen zur Senkung der


Staatsquote (Staatsausgaben im Verhältnis zum BIP)
und zum Wohl der Unternehmen wie Steuersenkungen,
Abschaffung staatlicher Regulierungen, weniger staatli-
che Sozialpolitik und umfangreiche Privatisierungen in
den Mittelpunkt (Angebotspolitik).

Probleme des Liberalismus sind mögliche soziale Här-


ten und die Tatsache, dass ihre Maßnahmen mit erheb-
licher Zeitverzögerung Früchte tragen.

Die nachfrageorientierte Politik des Keynesianis-


mus versucht in der Krise, durch erhöhte Ausga-
ben des Staates das als labil empfundene Wirt-
schaftsgeschehen zu aktivieren. Die angebotsori-
entierte Politik, der Liberalismus, setzt auf freie
Unternehmen und Märkte. Der Staat hat sich auf
die Gestaltung der Rahmenbedingungen zu be-
schränken.

82 6. Wirtschaftspolitik
6.4 Mitstreiter: DIHK, BDI,
BDA & Co.
Akteur der Wirtschaftspolitik ist nicht nur der Staat.
Hier ist jeder Bürger, jeder Unternehmer und Be-
schäftigte gefragt. Gebündelt und öffentlichkeitswirk-
sam kommuniziert werden die Interessen unter ande-
rem durch eine Reihe von Institutionen und Verbän-
den.

Zu nennen sind zunächst die drei sogenannten Spit-


zenverbände der deutschen Wirtschaft, der Deutsche
Industrie- und Handelskammertag (DIHK) als Dach der
deutschen IHKs, der Bundesverband der Deutschen
Industrie (BDI) als Verbund von Wirtschaftsverbänden
und Arbeitsgemeinschaften der Industrie sowie die
Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbän-
de (BDA) als Sprachrohr der Sozialpolitik.

Neben dem Staat und den genannten drei Spitzenverbänden


gibt es zahlreiche weitere Player in der Wirtschaftspolitik
wie die Gewerkschaften, Parteien und Vereinigungen, bei-
spielsweise mit dem Ziel des Umweltschutzes.

Das Wort Lobbyismus ist ein schillernder Begriff. Und


in der Tat ist schwer festzulegen, wie stark und direkt
der Einfluss von Lobbyisten in den Hauptstädten sein
soll. Ungünstig wäre es, wenn aufgrund reibungslos
funktionierender persönlicher Seilschaften Einzelinter-

6.4 Mitstreiter: DIHK, BDI, BDA & Co. 83


essen durchgesetzt würden, die dem Wohl der Allge-
meinheit abträglich sind. Andererseits wäre es auch
nicht gut, wenn mangelnde Lobbyarbeit verschuldete,
dass wichtige Informationen, Wünsche, Fakten und
Bedenken aus der Bevölkerung und der Wirtschaft den
Abgeordneten und Ministern samt ihren Mitarbeitern,
die im fernen Berlin bzw. Brüssel leben, regieren und
verwalten, verschlossen blieben.

Deutschland ist dem System der sozialen Markt-


wirtschaft verpflichtet, das Elemente der freien
Marktwirtschaft mit Merkmalen der Planwirt-
schaft verbindet. Ziel allen wirtschaftspolitischen
Engagements ist die Erfüllung des magischen
Vierecks mit den Eckpunkten stabile Preise, Voll-
beschäftigung, Wirtschaftswachstum und außen-
wirtschaftliches Gleichgewicht. In der Wirtschafts-
politik lassen sich zwei Richtungen unterscheiden:
Die nachfrageorientierte setzt im konjunkturellen
Krisenfall bei der Anregung von Nachfrage durch
Staatsausgaben an, die angebotsorientierte zielt
auf die Verbesserung der Rahmenbedingungen
für Unternehmen durch mehr Markt und weniger
Staat.

84 6. Wirtschaftspolitik
Fast Reader

1. Was ist Wirtschaft?


Unternehmen als Hersteller von Produkten und
Dienstleistungen sowie Privathaushalte als Ab-
nehmer derselben sind die zentralen Akteure der
Wirtschaft. Die Banken, das Ausland und der Staat
erweitern das Kreislaufmodell.
Triebfeder der Wirtschaft ist der Wunsch der Men-
schen nach knappen Gütern. Hier setzt das Wirt-
schaften gemäß dem ökonomischen Prinzip ein.
Die Kernfrage ist: Wie kann ich mit meinen be-
schränkten Mitteln das Beste für mich rausholen?

Wirtschaft ist das Handeln zwischen den Akteuren


Unternehmen, Privathaushalt, Bank, Staat und
Ausland. Sie wird angetrieben von den Bedürfnis-
sen nach knappen Gütern und ist gekennzeichnet
vom „ökonomischen Prinzip“, nach dem jeder Teil-
nehmer versucht, ein festes Ziel mit möglichst
wenig Aufwand zu erreichen bzw. aus einem fes-

85
ten Mittelkontingent möglichst viel herauszuho-
len. Beim Aufeinandertreffen von Angebot und
Nachfrage im Markt bestimmt deren Verhältnis
den Preis. In gesunden Märkten stehen zahlreiche
Anbieter zahlreichen Nachfragern gegenüber. Bei-
de Parteien verfügen über Verkaufs- bzw. Kaufalter-
nativen. Große Nachfrage und niedriges Angebot
führen in der Regel zu hohen Preisen, geringe
Nachfrage und großes Angebot zu niedrigen.

2. Unternehmen
Unternehmen als wirtschaftliche und rechtliche
Einheiten können dem Primärsektor (Hervorbrin-
gung von Rohstoffen wie Holz oder Kohle), Sekun-
därsektor (Verarbeitung dieser Stoffe zu Produkten)
oder dem Tertiärsektor (Dienstleistung) zugeordnet
werden. Historisch ist eine Schwerpunktverschie-
bung vom primären zum tertiären Sektor festzu-
stellen. Der überwiegende Teil der Unternehmen
zählt zu den Kleinstunternehmen.
Jedes Unternehmen hat eine bestimmte Rechts-
form, deren Wahl unter anderem steuerliche und
Haftungsgründe hat. Am weitesten verbreitet ist
das Einzelunternehmen. Wichtige Rechtsform-
gruppen sind weiterhin die Personengesellschaf-
ten (OHG, KG) und die Kapitalgesellschaften
(GmbH, AG).

86
Unternehmen lassen sich nach Sektor, Größen-
klasse und Rechtsform gruppieren. Mit Abstand
am weitesten verbreitet ist das kleine Einzelun-
ternehmen. Jedes Unternehmen stellt eine Kom-
bination aus Betriebsmitteln (Gebäude, Maschi-
nen, Werkzeuge), Werkstoffen (Material), mensch-
licher Arbeit am Produkt sowie menschlicher
Arbeit zwecks Leitung und Organisation dar. Auf
der Prozessebene lassen sich die Leistungserstel-
lung, Steuerung, Information und der Wertumlauf
unterscheiden.

3. Privathaushalte
Das Einkommen der Privathaushalte stammt ent-
weder aus Erwerbstätigkeit, aus Vermögen oder
aus Transferleistungen. Durchschnittlich beträgt das
Bruttoeinkommen in Deutschland 3.561 Euro pro
Monat. Beschäftigt sind fast ein Drittel der Deut-
schen bei Dienstleistern, deren Anteil in den ver-
gangenen Jahren gestiegen ist. Dagegen sank der
Beschäftigtenanteil in Industrie und Landwirtschaft.
Teilt man die Bevölkerung in Einkommensgruppen,
so fällt auf, dass die Zahl der Wohlsituierten und die
der Armen in der Vergangenheit zugenommen ha-
ben, das Mittelfeld schwindet.
76 Prozent des ausgabefähigen Einkommens ge-
hen in den privaten Konsum. Hierbei stehen mit

87
einem Drittel die Ausgaben für Wohnen, Energie
und Wohnungsinstandhaltung an erster Stelle.

Das Einkommen aus Tätigkeit, Vermögen oder


Transferleistungen geht in Deutschland zu 76 Pro-
zent in den Konsum. Das Unternehmen von mor-
gen braucht flexible Mitarbeiter, die ihre Methoden-
und Sozialkompetenz verstärkt im dispositiven
Bereich einbringen. Die lebenslange Festanstellung
im erlernten Beruf wird seltener. Oftmals ist der
Schritt in die Selbstständigkeit der richtige. Doch
dieser muss – am besten mithilfe seriöser Experten
– solide vorbereitet werden.

4. Banken
Vom Naturaltausch über Perlen oder Steine als
Tauschmittel und Münzen bis hin zum Giralgeld
hat das Geld historisch einen Prozess der Entstoff-
lichung erfahren.
Banken erleichtern Geldanlegern wie Kreditnach-
fragern das Geschäft. In einer banklosen Welt wäre
es sehr schwierig, einen Partner zu finden, der ge-
nau die Geldmenge, die Sie benötigen bzw. übrig
haben, für genau die Zeit, die für Sie sinnvoll ist,
verleiht bzw. von Ihnen als Anlage entgegen-
nimmt. Die Informationsmöglichkeiten über Ban-
ken sind bestens, ihr Ausfallrisiko sehr gering.

88
Von den Geschäftsbanken interessieren hier vor
allem die Universalbanken, die sich in private
Geschäftsbanken, Sparkassen und Genossen-
schaftsbanken differenzieren. Oberstes Ziel des
Zentralbankensystems, für Deutschland also der
Europäischen Zentralbank und der Deutschen
Bundesbank, ist die Preisstabilität.

Universalbanken – also private Geschäftsbanken,


Sparkassen und Genossenschaftsbanken – bieten
die wichtigsten Geld-Dienstleistungen gebündelt
an. Nach den Basel-Vorschriften muss die Bank
für risikoreiche Kredite mehr Geld als Risikopuffer
hinterlegen als für risikoarme. Dadurch werden
erstere teurer. Häufige Kritik: Der für die deutsche
Wirtschaft so wichtige Mittelstand, der typischer-
weise über wenig Eigenkapital verfügt, kommt
durch diese Regelungen schwerer an Kredite.

5. Ausland
Die EU ist ein Wirtschaftsraum mit freiem Binnen-
markt und stark angeglichenen Rahmenbedingun-
gen. Deutschland exportiert zu 85 Prozent in ande-
re EU-Länder.
Der Internationale Währungsfonds, die Weltbank
und die Welthandelsorganisation sind im interna-
tionalen Wirtschaftsgeschehen die wichtigsten
Organisationen.
89
Das EU-Ausland hat für die exportierenden Unter-
nehmen in Deutschland die größte Bedeutung.
Die unter dem Stichwort Globalisierung diskutier-
te fortschreitende internationale Verflechtung der
Volkswirtschaften hat für Deutschland als starkes
Exportland zunächst einmal Vorteile. Gleichwohl
steht in diesem Zusammenhang auch die Verlage-
rung deutscher Produktionen ins Ausland.

6. Wirtschaftspolitik
Die soziale Marktwirtschaft basiert auf dem System
der freien Marktwirtschaft mit privaten Unterneh-
men und Haushalten, die dezentral über Produkti-
on, Investition, Konsum, Preisgestaltung usw. ent-
scheiden können. Um Auswüchse zu begrenzen,
sind Mechanismen integriert, die Schwächere
schützen und Unterschiede angleichen sollen.
Die deutsche Wirtschaftspolitik verfolgt primär die
Ziele des magischen Vierecks, Stabilität des Preis-
niveaus, hoher Beschäftigungsstand, stetiges und
angemessenes Wirtschaftswachstum und außen-
wirtschaftliches Gleichgewicht. Vielfach werden
als weitere Ziele die gerechte Vermögensvertei-
lung und die Nachhaltigkeit des Wirtschaftens
hinzugenommen.
Die nachfrageorientierte Politik des Keynesianis-
mus versucht in der Krise, durch erhöhte Ausgaben
des Staates das als labil empfundene Wirtschafts-
90
geschehen zu aktivieren. Die angebotsorientierte
Politik, der Liberalismus, setzt auf freie Unterneh-
men und Märkte. Der Staat hat sich auf die Gestal-
tung der Rahmenbedingungen zu beschränken.

Deutschland ist dem System der sozialen Markt-


wirtschaft verpflichtet, das Elemente der freien
Marktwirtschaft mit Merkmalen der Planwirt-
schaft verbindet. Ziel allen wirtschaftspolitischen
Engagements ist die Erfüllung des magischen
Vierecks mit den Eckpunkten stabile Preise, Voll-
beschäftigung, Wirtschaftswachstum und außen-
wirtschaftliches Gleichgewicht. In der Wirt-
schaftspolitik lassen sich zwei Richtungen unter-
scheiden: Die nachfrageorientierte setzt im
konjunkturellen Krisenfall bei der Anregung von
Nachfrage durch Staatsausgaben an, die ange-
botsorientierte zielt auf die Verbesserung der
Rahmenbedingungen für Unternehmen durch
mehr Markt und weniger Staat.

91
Der Autor
Dr. Jens Ferber, Betriebswirt IWW, ar-
beitet mit den Schwerpunkten Marke-
ting und Qualitätsmanagement in der
Wirtschaft. Darüber hinaus ist er als
freier Autor tätig.

92 Der Autor
Glossar
Bilanz: Die Gegenüberstellung von Mittelverwendung
(Aktivseite) mit den Unterpunkten Anlagevermögen –
bleiben dauerhaft im Betrieb, z. B. Halle, Maschinen,
Schreibtische – und Umlaufvermögen – sind nur kurz
im Unternehmen, z. B. Handelsware, Briefmarken und
Kassenbestand – sowie Mittelherkunft (Passivseite)
mit den Unterpunkten Eigenkapital, Rückstellungen
und Verbindlichkeiten (Schulden)

Bonität: Fähigkeit, Kredite vereinbarungsgemäß zu


bedienen

Börse: Handelsplatz vor allem für Wertpapiere wie


Aktien und Anleihen

Break-even-Point: Der Punkt, an dem die aufsteigen-


de Erlöskurve die Kostenkurve schneidet. Deutsch: Ge-
winnschwelle

Dax: Deutscher Aktienindex, der als Kennziffer Aus-


kunft gibt über die 30 wichtigsten bei der Frankfurter
Börse notierten Unternehmen

Erlös (Umsatz): Gegenwert der verkauften Produkte


oder Dienstleistungen

Glossar 93
Gewinn: Positiver Unterschied zwischen Aufwand und
Ertrag

Gewinn- und Verlustrechnung: Stellt Aufwendungen


und Erträge eines Jahres gegenüber und ist neben der
Bilanz der wichtigste Bestandteil des Jahresabschlusses

Insolvenz: Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung


eines Unternehmens. Ist die Insolvenz eingetreten,
muss ein Konkurs beantragt oder ein Vergleichsver-
fahren eröffnet werden

Inventar: Auflistung aller Vermögensgegenstände und


Schulden als Ergebnis der Inventur

Konkurs: Gerichtliche Zwangsvollstreckung eines Un-


ternehmens durch Liquidation und Erlösaufteilung mit
dem Ziel, die Konkursgläubiger aus dem verbliebenen
Vermögen zu befriedigen

Liquidität: Fähigkeit eines Unternehmens, seinen Zah-


lungsverpflichtungen vereinbarungsgemäß nach-
zukommen

Rendite: (Jährlicher) Gesamtertrag einer Kapitalanlage

Verlust: Negativer Unterschied zwischen Aufwand und


Ertrag

94 Glossar
Register
Aktiengesellschaft (AG) (GmbH) 6, 28f., 86
28f., 86 Globalisierung 6, 66–69,
Angebot 17–21, 44, 52, 86 90
Ausgaben 39f., 45, 76, 79, Grundprozess 29–33,
82, 88, 90 Güter 12–18, 21, 24, 49f.,
85
Bank 11f., 17, 21, 48–59,
85, 88f. Individualismus 72, 74
Basel 6, 48, 56–59, 89 Industrie 24f., 39, 61, 66,
BDA 83f. 77, 83, 87
BDI 83f. Industrie- und Handels-
Bedarf 18, 35 kammer (IHK) 46, 83
Bedürfnis 12–18, 21, 85 Internationaler Währungs-
Betrieb 9f., 12, 15, 17, 22, fonds 64ff., 89
24f., 30, 32, 34f., 41, 49,
67, 76 Keynesianismus 79–82, 90
Binnenmarkt 62ff., 89 Konjunktur 7, 79
Binnennachfrage 76f. Konjunkturzyklus 70, 77
Kredit 45f., 49, 54, 56f., 59,
DIHK 83f. 65, 79, 89, 93
Dispositive Faktoren 30 Kreditinstitut 49, 51ff., 56

Einkommen 15, 34–40, 47, Liberalismus 81f., 91


49, 75, 87f.
Elementarfaktoren 30 Magisches Viereck 74–79,
84, 90f.
Geld 7, 9, 11f., 14, 16, 32, Markt 7, 12, 18–21, 55,
43, 49–52, 54, 56, 59, 61ff., 66, 71, 74, 82, 84,
75, 80, 88f. 86, 91
Geschäftsbanken 53ff., 59, Marktwirtschaft, freie 70,
89 72f., 74, 84, 90f.
Gesellschaft mit be- Marktwirtschaft, soziale
schränkter Haftung 71–74, 79, 84, 90f.

Register 95
Maximalprinzip 16 Rechtsform 22, 27ff., 33,
Minimalprinzip 16 86f.
Sättigungsgesetz 15f.
Nachfrage 18–21, 78, 80, Sekundärsektor 24, 26, 86
84, 86, 91
Nachfragepolitik 80 Tertiärsektor 24

Ökonomisches Prinzip 8, Unternehmen 7, 9–12, 14,


16ff., 21, 35, 85 21–33, 35, 42, 44, 47,
49, 56f., 61f., 66–69, 72–
Planwirtschaft 70, 72f., 84, 75, 80, 82, 84–88, 90f.,
91 93f.
Preis 7f., 11, 14 ,18–21, 31,
72f., 75, 84, 86, 91 Weltbank 65f., 89
Preisstabilität 55, 89 Welthandelsorganisation
Primärsektor 24, 26, 86 (WTO) 65f., 89
Privathaushalt 10ff., 21, Wirtschaftskreislauf 10f.,
34–47, 49, 72, 85, 87f. 62
Produktionsfaktoren 29–33 Wirtschaftskreislaufmodell
10
Ratingagenturen 57f. Wirtschaftspolitik 11f., 65,
70–84, 90f.

96 Register