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Die Beschwingte Fläche

MAUERWERKSVERBÄNDE
ALS MUSTERKUNST
UND KOMPOSITIONSWERKZEUG

K OE N M UL DE R

Liebe deutschsprachigen Leserinnen und Leser,

Herzlich willkommen zu diesem seltsamen Buch. Mit all den Zeichnungen erscheint es vielleicht wie ein
Handbuch, aber das ist es nicht. Es behauptet selbst, dass es ein Traktat ist, das sein Thema skizziert, indem
es dies über Umwege streift, um so eine Kontur festzulegen. Und das stimmt in gewisser Weise. In dem
Buch geht es genau so um Fugen wie um Steine. Der Autor sucht vor allem die Ordnung, die den Dingen
innewohnt.

Was allerdings auch erwähnt werden muss, ist, dass Die Beschwingte Fläche die Übersetzung eines sehr
niederländischen Buches ist. Und das beinhaltet natürlich viel Maurerjargon, den die meisten Niederlän-
der auch nur noch aus Sprichwörtern und Redewendungen kennen und der kaum zu übersetzen ist. Wir
haben versucht, für solche Begriffe deutsche Äquivalente zu finden. Aber in dem viel größeren deutschen
Sprachgebiet gibt es mehr regionale Fachbegriffe. Und der Charakter deutscher Worte unterscheidet sich
oft gravierend von dem niederländischer: der niederländische ‚kop‘ (Kopf, Binder) verweist auf die Seite, das
Antlitz des Steins; der deutsche ‚Binder‘ hingegen verweist auf seine Funktion. Beim ‚Kopf‘ geht es um das
2D Muster, beim ‚Binder‘ um den 3D Zusammenhang. Einen Backstein in zwei Köpfe schneiden verdoppelt
ihn, ein durchgeschnittener Binder ist kein Binder mehr.
Auch haben wir uns Gedanken zur Übersetzung der Symbole in den Verbandsnotationen und Formeln
gemacht (K=Kop/Binder, S=Strek/Läufer, V=Voeg/Fuge, H=herhaling/Wiederholung, siehe Seiten 60, 62
und 76). Wir hätten sie natürlich übersetzen können, uns letztlich aber dagegen entschieden, weil das
Buch auch einen Link zu einer Muster-Software und Tabellenblättern beinhaltet. Es schien uns praktischer,
hier die gleiche ‘Codierung’ beizubehalten wie im Niederländischen, damit zukünftige Ergänzungen direkt
verfügbar und anwendbar sind.

Nicht umsonst ist ein ‚Holländer‘ im umgangssprachlichen Maurerdeutsch ein krummer, misslungener Stein.
Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen und vielleicht sogar beim Entwerfen.

Herzliche Grüße,

Usch Engelmann & Koen Mulder

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INHALT
Backsteine und Die Beschwingte Fläche 59 Ausfüllen oder entwerfen 113 Verband verhüllen
3 Kontur 60 Formel 114 Der ‚göttliche‘ Fehler
4 Warum? 61 Verbandsformeln 116 Backstein ist doch kein Karton!
5 Zutaten: der Backstein 62 Das Backsteinlineal und die Tabellenkalkulation 117 Das verwebte Ornament
6 Mit zusammengekniffenen Augen 64 Rhythmen und Kettenverbände
7 Primäre und sekundäre Muster 65 Verschobene Kettenverbände Muster aus neuen Steinformaten
8 Die Beschwingte Fläche 66 Das Wiederholmaß – Systemmaße von Kettenverbänden 119 Der Schie-Stein?
10 Um die Ecke? 67 Wechselnde Linienmuster 120 Das Steinformat
11 Der Rand 67 Schlesischer oder Sussex Verband 122 Ist 4x2x1 einzigartig?
12 Weitere Ecklösungen 68 Sussex oder schlesischer Verband und Detaillösungen 123 Längere Steinformate
13 Die verzahnte Ecke – akzentuieren oder abschwächen 69 Die Maßsystematik und die Innenecke 124 Verbände mit 6x2x1-Stein
14 (Nach)Fugen 70 An der Ecke läuft‘s aus dem Raster 125 Verbände mit 8x2x1-Stein
15 Farbe, Schatten und Maß 71 Das ehrliche Flächenmuster der Schichtung 126 Verbände mit 10x2x1-Stein
16 Präzision 71 Verblenden oder Finish? 127 Formsteine
17 Muster und Fugen – nun an der Decke 128 Heis, dyo, treis, tetris...
18 Bedeutung oder Zeichen Neue Verbände und andere Schichtmuster 130 Steinform – Flächenfüllung aus Rasterpunkt und Konturlinie
19 Griechischer Verband oder römisches Schalmauerwerk? 73 Lager- und Stossfuge 132 Das fünfzehnte Fünfeck
75 Ein Abakus für Verbände 133 Fliesenformsammlung
Alte Backsteinverbände 76 Der Verband als Schraffurmuster
21 Beziehung zwischen Stein und Land 76 Flämische, märkische und englische Verschiebungen Muster mit neuen Techniken
22 Verband, Verbindung, Struktur 77 Kombinationsverbände – das kleinste gemeinsame Vielfache 135 Der Mauerwerksträger und der Status Quo
23 Übersicht Verbände – Eckabschluss mit 3/4-Stein 78 Muster und Figuren im Kombinationsverband 136 Ist die Dilatation dilettantisch?
24 Übersicht Verbände – Eckabschluss mit 1/4-Stein 79 Kombinationsverbände: Kreuz-, Block- und flämische Varianten 138 Die Scheinfuge und die Tradition
25 Übersicht Verbände – Der flache Abschluss 80 Varianten mit derselben Steinabfolge 139 Steinformen
26 Offene Verbände 81 Die Richtung der Linienführung 140 Kopf oder Viertelstein als Relief
27 Kreuzverband 82 Besondere Kettenverbände – einfach und kombiniert 141 Kopf oder Viertelstein durch Scheinfuge
28 Kreuzverband mit 3/4-Stein- und 1/4-Steinabschluss 83 Verkettungen mit Raute 142 Und zurück zur periodischen Mustereinheit
29 Kreuzverband flach und Details 84 Mit dem Motiv beginnen 143 Relief und Scheinfuge – Schicht für Schicht
30 Flämischer Verband 85 Verlegemuster als Motivvariation 144 Aufgeklebt
31 Flämischer Verband und die ersten Hohlwände 86 Weben, flechten und Mauern 146 Die Wiederholeinheit und der stranggepresste Block
32 Flämischer Verband mit 3/4-Stein- und 1/4-Stein-Ecklösung 87 Notation der Abfolge 147 Seite und Dachpfanne
33 Flämischer Verband flach und Details 87 Übergänge in Kombinationsverbänden 147 Der Verlege-Roboter
34 Blockverband 88 Ein runder Turm 148 Schaumstoffplatte und Abmessungen
36 Blockverband mit 3/4-Stein- und 1/4-Stein-Ecklösung 89 Zylinder oder Kegel? 149 intelligente, vertikale Teilung
37 Blockverband flach und Details 90 Pfeilermaß, bestimmt durch den Verband 150 Zu Feinkeramik und mechanischer Befestigung
38 Märkischer Verband mit 3/4-Stein- und 1/4-Stein-Ecklösung 92 Musterpsychologie 151 Click
39 Märkischer Verband flach und Details 93 Schichtmuster, Meta-Motiv, Relief und Schatten 151 Die Fuge wird zum Schatten
40 Läuferverband 94 Polymetrischer Verband und vertikale Wiederholmaße 152 3D-Drucker
41 Schleppender Läuferverband 95 Erhaben oder subtil? 152 Gussbackstein
42 ‚Einfacher’ wilder Verband 96 Gesims 153 Gläserner Gussstein
43 Auch hier muss gezeichnet werden 97 Verjüngen mit Relief und Muster 153 Maurer-Roboter
44 Systemfehler... 98 Zurück zur Formel 153 Drohnen sind die Zukunft
45 Der Kopf und die Treppenfuge 99 Altmodisches Maurerwerkzeug 154 Lego und Ministeck
46 Halbsteinverband 154 An der Schnur entlang
47 Flexibilität Die Flächenfüllung und das Verlegemuster 155 Das Leben und das Pixel
48 Köpfe schneiden? 101 Symmetriegruppen und Tapetenmuster
49 Exoskelett, Jacke, Kleid oder Maßanzug 102 Das verschachtelte Muster und die periodische Flächenfüllung
103 Periodische Muster 156 Glossar
Verband als Maßsystem 104 Ziermuster 158 Literaturliste
oder Kompositionswerkzeug 106 Windräder 159 Crowdfunder
51 Jazz 107 Eine Familie offener Windräder 159 Dank
52 Proportionslehre oder Maßsystem 108 Scheinbares Flechtwerk 159 Kolophon
54 Horizontal und vertikal 109 Durchgehende Randlinien
55 Beispiel – ein Maßsystem in französischem Verband 109 Variationen – Bänder oder Zellkonfiguration
56 Maßsystem: ein Beispiel in Blockverband 110 Flächenfüllungen
57 Der Verband als Ausdruck 111 Tympanum- oder Tableau-Füllung
58 Der Maurer, der Zeichner und der Computer 112 Penrose und die Topaki-Rolle

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PRIMÄRE UND SEKUNDÄRE MUSTER
Manche Menschen denken, dass Kreuzverband so heißt, weil ein Eine besondere Verschiebung war mir aus Skandinavien bekannt. Das das Zickzack aus fünf diagonal geschichteten Läufern zu bestehen,
Strich mit einem Strichlein darüber und darunter eine Art Kreuz for- Foto stammt von Wikipedia und wurde in Solna, Schweden aufge- anstatt von vieren. Aber wer genau hinsieht, erkennt, dass die primä-
men; eigentlich mehr ein Plus-Zeichen. Aber dann könnte man den nommen. Das prächtige Zickzack-Motiv, gekennzeichnet durch eine re Schichtung hier eine andere ist: die Grundlage ist nicht der Märki-
Flämischen oder Blockverband auch Kreuzverband nennen. Ich glau- liegende Zahnung, verschleiert die Sicht auf die primäre Schichtung sche Verband, sondern die eben beschriebene Twent’sche Variante.
be, dass ein Verband einen Namen wegen eines Musters bekommt, der Steine. Und doch beginnt dieses Muster in erster Instanz mit dem
das ich sekundär nenne. Mit zusammen gekniffenen Augen sieht Legen von Schichten aus Binder und Läufer auf Art des Märkischen BEGEGNUNG
man ein Muster aus sich kreuzenden Linien: kreuzende Stoßfugen, Verbands. Der Maurer muss nur aufpassen, wo genau er mit der fol- ‚Begegnung’ illustriert die zwei verschiedenen Designaspekte des
fallenden Zahnlinien, Treppenlinien. Wenn dieses Muster gestört genden Schicht beginnt. Mauerwerksverbands, die Unterschiede zwischen der primären
wird, ergibt das eine Unregelmäßigkeit im Bild, die sich erst nach In Twente gibt es einen Verband, der dem Märkischen Verband auf Schichtung und dem sekundären Linienspiel oder Motiv. Vielleicht
längerer Betrachtung einfangen lässt. den ersten Blick ähnelt. Er ist zum Beispiel in der Langstraat zu se- ist sie gut, die unterschiedliche Herangehensweise zwischen Maurer
hen, neben dem Rathaus von Enschede. Ich würde ihn gerne den und Architekt. Der Maurer ist gezwungen, aus dem kleinsten Element
Im Fall von Kreuzverband ist es also einerseits das primäre und an- Twent’schen Verband nennen. Die regelmäßigen, vertikalen Kettenli- heraus zu denken, das er in Schichten aufeinander legt. Der Architekt
dererseits das sekundäre Muster, die dem Verband seinen Namen nien springen einem gleich ins Auge. Bei näherem Hinsehen scheint geht in seinem Denken vom Ganzen aus, das aus allen Elementen
geben. Bei einem Märkischen Verband jedoch muss es das sekundäre der Verband auf abwechselnd einer Läuferschicht und einer Schicht aufgebaut werden muss.
vertikale Linienmuster aus Bindern umringt von Stoßfugen sein, die aus abwechselnd Binder und Läufer zu basieren. Die nebeneinander Irgendwo in der Mitte begegnen sie sich beim sekundären Muster.
man als Kettenlinie erkennt. Handbücher vom Beginn des zwanzigs- gelegenen Kettenglieder sitzen hier immer auf derselben Höhe. Der Wenn der Maurer bei seinen gewohnten Schichtfolgen den Anfangs-
ten Jahrhunderts waren für Maurer bestimmt. Es steht selten etwas Verband ist ganz klar eine Mischung aus dem Flämischen Verband punkt einer Schicht verändert, stößt er ab und zu auf ein besonderes
über solche Musterkunst darin. Allerdings wird oft die konstruktive und dem Kreuzverband: populäre Verbände in der umliegenden Muster. Wenn der Entwerfer größere Strukturen – ein zusammenge-
Lösung an Ecke oder Rand erklärt. (Manchmal sogar in Varianten, die Region. setztes Parallelogramm, ein Fischgrätmuster, eine Raute – mit Steinen
gar nicht so musterrein sind.) Das Verhältnis zwischen der Linien- und Im Twent’schen Städtchen Ootmarsum entdeckte ich einen Verband, in die Mauer zeichnet, resultiert daraus eine spezielle Wiederholung
Musterwirkung und dem Gebäude als Ganzem wird nie dargelegt. Es der dem Motiv aus Solna stark ähnelt. Auf den ersten Blick scheint von Schichten in einer festen Reihenfolge.
scheint, als richten sich die Handbücher mehr auf das primäre Schich- .
ten als auf das endgültige Fassadenbild.
Dieses Bild ist während des Bauens meist auch schwierig zu sehen, da
das Baugerüst es größtenteils verdeckt. Das Verhältnis zwischen dem
Ganzen und dessen Teilen oblag der Verantwortung des Architekten.
Der Architekt hatte die Übersicht auf Papier – wenn man dabei auch
bedenken muss, dass das komplette Mauerwerksmuster –die Com-
puterschraffur – vor Beginn der Zeichnung auch noch nicht verfügbar
war. Die Zeichenkapazität des Architekten war begrenzt und er wuss- Sekundäres Zickzackmuster aus Solna, Schweden. Sekundäres Zickzackmuster aus Ootmarsum, Twente.
te genau, auf welche Handwerkskunst des Maurers er sich verlassen
konnte. Oft konnte er sich auf das Zeichnen der Lagen, die Angabe
des Verbandes und das Detail eines Ornamentes beschränken. Daher
ging es in der Ausführung allerdings auch manchmal schief, wenn
der Maurer innerhalb des Verbands mit einem etwas abweichenden
Stein nicht hinkam.

Vielleicht stammt daher die Neigung, sich bei der Anwendung traditi-
oneller Verbände einer Ecke eher mit mehr als weniger Stoßfugen zu
nähern. So wird das sekundäre Muster am wenigsten gestört und es
entsteht am Rand kein toter Fleck. Beim Kreuzverband läuft das dia-
gonale Kreuzmuster auf diese Weise durch bis zur Ecke oder von ei-
ner geschlossenen Mauerfläche in schmale Fassadensäulen zwischen
den Fenstern.

PRIMÄRES SCHICHTUNGSMUSTER UND


SEKUNDÄRES MOTIV
Die Abbildungen zeigen gute Beispiele von diesem Unterschied zwi-
schen primärer Schichtung und sekundärem Linienmuster oder Mo-
tiv. In den Niederlanden kennen wir den Märkischen Verband unter
den Bezeichnungen Noors oder Noords kettingverband. Beide Namen
werden verwendet, weil man nicht weiß, ob damit ein Verband aus
Nordeuropa gemeint ist, oder ob es ein direkter Verweis auf Norwe-
gen als Herkunftsland ist. Im Englischen wird er monk bond genannt,
und der Begriff wird auch für alle Varianten gebraucht, bei denen ab-
wechselnde Schichten von Binder und Doppelläufer auf verschiedene
Art gegeneinander verschoben sind. Dazu später mehr.

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GRIECHISCHER VERBAND ODER RÖMISCHES SCHALMAUERWERK?
Das Verhältnis zwischen Konstruktion, Form und Fassadenmuster Allerdings beschreibt Vitruv2 die Anwendung von ganzen und halben
wird noch häufiger zurückkommen. Aber hier schon mal ein Auf- Steinen in einem ‚Halbsteinverband‘ bei den Griechen. Diese Steine
maß, eine historische Randzeichnung. In den Diskussionen über Leib wurden noch nicht gebrannt, sondern im Frühjahr oder Herbst ge-
und Haut, über Konstruktion und Bekleidung nimmt der römische formt, sodass sie langsam und gleichmäßig trocknen konnten, laut
Backstein als ‚Bekleidung‘ einen besonderen Platz ein. Der Unter- Vitruv am besten zwei Jahre lang. Er unterscheidet drei Steinformate.
schied zwischen Konstruktion und Bekleidung ist sehr diffus, weil die Zum ersten der Lydische Stein von ein Mal anderthalb Fuß, der von
konstruktiv zusammengesetzte Mauer aus verschiedenen Materialien den Römern eingesetzt wurde. Daneben kannten die Griechen das
besteht. Der römische Backstein war kein Kleid, sondern ein unter- rechteckige Format Pentadoron, dass fünf Handbreiten breit ist (im
stützendes Korsett, an das sich der Gebäudekörper anschmiegte. alten Rom, 5 x 74 mm = ca. 370 mm) und das Tetradoron mit vier
Als man hierzulande noch riesige Findlinge zu Grabhügeln schleppte, Handbreiten (298 mm). Pentadoron wurde für öffentliche Gebäude
bauten die Bewohner von dem, was nun der Irak ist, bereits sehr gebraucht, Tetradoron für private. Vitruv beschreibt, wie hiervon eine
feine Mauern. Bei wichtigen babylonischen und sumerischen Bau- Mauer gebaut wird, indem immer an einer Seite mit ganzen und an
werken bestand der Kern der Mauer aus ungebranntem Lehmstein, der anderen Seite mit halben Steinen gearbeitet und diese abwech-
während die Außenhaut aus kostbaren Ziegeln in göttlich präzisen selnd in Verband gelegt wurden: mit der Mitte des Steins über der
Maßen hochgezogen wurde. Der Stein war buchstäblich die Einheit Stoßfuge der darunterliegenden Schicht. „So wird die Mauer stärker
des Maßes, und damit das lesbare Maß der Bauwerke. Die Grie- und bekommt an beiden Seiten einen nicht unansehnlichen Anblick.“
chen und später die Römer folgten diesem Beispiel, vergaßen aber Und so entsteht ein konstruktiv ehrlicher ‚gemischter Ganz- und
das Brennen und sahen in der Präzision der Steine nicht länger eine Halbsteinverband‘ für Mauern mit einer Dicke von anderthalb Steinen.
Verbindung zum Göttlichen. Der auf hoher Temperatur gebrannte Verständlich wird das erst, wenn man es aufzeichnet. Und hier wird
Stein wurde eine Seltenheit. Erst ab Julius Cäsar kommt der Brenno- es für diese Studie interessant. Wie endet die Mauer, was passiert
fen wieder in Mode. Von Süditalien aus verbreitet sich der gebrannte an der Ecke? Wie überlappen die Steine? Was für Verbände mit die-
Stein dann durch das ganze Reich. Gemäß Vitruvi1 füllen die Grie- ser Kombination von Steinformen sind möglich? Warum bekommt
chen die Außenhaut noch sehr präzise mit Lehmsteinen, Erde, Schutt die regelmäßigste Eckschichtung doch wieder das Oberflächenmus-
und Felsbrocken, manchmal mit Kalk gebunden. Bei der griechischen ter des gewöhnlichen Halbsteinverbandes? Welche Maße gehören
Schichtungsmethode für gewöhnliches Mauerwerk gibt es zur Ver- dazu? Für mich ist es unwichtig, ob die Römer dies nun wirklich so
steifung noch Schichten und Präzision, wobei die gebrannten Steine gemacht haben; ich werde es nie herausfinden. Es geht mir um die
von der Vorder- zur Rückseite durchliefen und damit auch das Muster Anwendungslogik, die sich in den Steinformen selbst verbirgt..
an beiden Seiten zu sehen war. Die Römer sind pragmatischer; bei ih-
2 V-HB, Buch II-3.3/4, S. 62
nen fungiert die Hülle als reine ‚verlorene Verschalung‘. Ihre Mauern
wurden mit Natursteinbrocken befüllt, mit Tras-gebundenem Schutt
oder Beton (opus caementitium) basierend auf Puzzolanerde aus der
Umgebung des Vesuvs. Diese Art des Mauerns nennt man Schal-
mauerwerk. Eine Verbindung zwischen Vorder- und Rückseite gibt
es nicht. Die Backsteinmauer wird auch oft mit Naturstein verkleidet.
Die Mauer wird ein Sandwich – die Außenhülle hat vor allem eine
schützende und ästhetische Funktion. Hier abgebildet ist eine Über-
sicht römischer Mauerwerkstypen: Zierde oder Konstruktion?
Bei der gewöhnlichen opus latericum Mauer wurden die flachen
rechteckigen Steine über die Diagonale gebrochen, um so einen nach
innen gezahnten Außenrand für eine gute Verbindung mit der ge-
stampften und gehärteten Füllung zu erzielen. An der Außenseite
entstand ein scheinbarer ‚Läuferverband‘, oft mit minimaler Stoßfu-
ge, jedoch mit einer Lagerfuge, die bis zu 3 cm dick sein konnte.
Das Resultat waren Mauern mit stark horizontaler Linienführung. Die
Steindicke war deutlich festgelegt und unterschied sich innerhalb ei-
ner Partie nicht wesentlich. Aber wie sah es mit dem Läufer aus?
Es kam vor, dass ein diagonal gebrochener Stein präziser war als
ein normal gebranntes Exemplar, weil Abweichungen in Länge und
Breite des nicht gebrochenen Steins etwas ausgemittelt wurden. Viel
größer scheint mir die Möglichkeit, dass das Brechen eine zusätzliche
Ungenauigkeit verursachte. Für diese römische Schichtungstechnik
machte es nichts aus. In der opus latericum Mauer ist die senkrecht
hochstehende Seite des gebrochenen Steins oft nicht so glatt und
gerade, weil es eine Bruchkante ist. Die präzise Stoßfuge spielt im
Muster eine wichtige Rolle.

1 V-HB, Buch II-8.7

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KREUZVERBAND MIT 3/4-STEIN- UND 1/4-STEINABSCHLUSS

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stehend

sitzend

liegend

o eon nd d e De n t on de eter
Große Morphothek mit 120 Formen. Thematismos
Das Verhältnis zwischen dem Abstand Nabel - Boden und
dem Abstand Nabel - Kopf liegt gemäß Leonardo da Vinci
beim idealen Menschen bei 1,62.

Wenn das größte Maß 1 ist,


ist das kleinste 1 : 1,62 = 0,62.

Napoleon, auf der Suche nach einer universellen


Maßeinheit, hat dieser Verhältniszahl eine Länge
zugewiesen, seine eigene Länge.
Er machte den Abstand von seinem Nabel zum Boden zur
Maßeinheit, eins, und diesen 1 Meter genannt.
Napoleon war ungefähr 1,63 Meter groß.

John Körmeling, 1994, Een Goed Boek

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DIE RICHTUNG DER LINIENFÜHRUNG
Es sollte inzwischen deutlich geworden sein, dass
die Richtung eines sekundären Musters benutzt
werden kann, um die architektonische Mauer-
fläche zu beeinflussen. Ein perspektivischer Blick
entlang der Mauer kann die Linienführung zum
Himmel hoch oder zur Erde hinunterführen. Von
schräg betrachtet kann sogar der Eindruck ent-
stehen, dass eine Mauerfläche nach vorne oder
hinten fällt. Hierbei kann der Verband auch noch
an den gegenüberliegenden Seiten des Bauwerks
gespiegelt werden. Die hier gezeigten Verbände
sind gegeneinander gespiegelt. Die Variante in
der Mitte ist oft ein ganz anderer Verband, der
ein verwandtes Spiel von Köpfen oder Motiven
zeigt. Die Musterlinien sind dann eher diagonal,
gekreuzt also, wodurch die Fläche keine dominan-
te Richtung mehr aufweist. Auch kann man einen
verwandten Verband wählen, der sich durch star-
ke vertikale oder horizontale Linien auszeichnet.
Die systematische Beschreibung beginnt also mit
dem 1. Kopf der Steinabfolge in der 1. Schicht
an Position 0. Dann wird die Viertelsteinposition
in der folgenden Schicht notiert und so weiter bis
die Reihenfolge beginnt, sich zu wiederholen. Die
Länge einer Steinabfolge oder der Mustereinheit
sagt bei diagonaler Linienführung etwas über die
Beschreibung eines gespiegelten Verbandes aus.
Einige Beispiele: die oben gezeigte Variante eines
Französischen Verbandes hat eine Reihenfolge von
zwei Köpfen und einem Läufer. Das sind 4 Köpfe
und damit 8 Viertelsteinpositionen. Die systemati-
sche Beschreibung ist: KKS-0-3-6-1-4-7-2-5. Wenn
nun stets die Viertelsteinposition von 8 abgezogen
wird, entsteht die gespiegelte Variante von selbst:
KSS-(8)0-5-2-7-4-1-6-3. Das gleiche gilt natürlich
auch für einen Kombinationsverband: K0-KS1-K0-
KS3-K0-KS5 hat eine Mustereinheit, die 3 Köpfe
= 6 Viertelsteinpositionen lang ist. Die gespiegelte
Variante wird dann: K0-KS5-K0-KS3-K0-KS1.

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