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THEODOR STORM PAUL HEYSE

Verteidigung der Novelle (1881) Novellentheorie (1871)


Nach einer Zeitungsnotiz hat neuerdings einer unserer gelesensten […] Denn von einer Novelle, der wir einen künstlerischen Wert zuerkennen,
Romanschriftsteller bei Gelegenheit einer kürzeren, von ihm als „Novelle“ verlangen wir wie von jeder wirklichen dichterischen Schöpfung, daß sie uns ein
bezeichneten Prosadichtung die Novelle als ein Ding bezeichnet, welches ein bedeutsames Menschenschicksal, einen seelischen, geistigen oder sittlichen
Verfasser dreibändiger Romane sich wohl einmal am Feierabend und Konflikt vorführe, uns durch einen nicht alltäglichen Vorgang eine neue Seite der
5 gleichsam zur Erholung erlauben könne, an das man aber ernstere 5 Menschennatur offenbare. Daß dieser Fall in kleinem Rahmen energisch abge-
Ansprüche eigentlich nicht stellen dürfe. grenzt ist, wie der Chemiker die Wirkung gewisser Elemente, ihren Kampf und das
Ob die so eingeleitete Arbeit einer solchen Herabsetzung ihrer Gattung endliche Ergebnis „isolieren“ muß, um ein Naturgesetz zur Anschauung zu
bedurfte, vermag ich nicht zu sagen. Indessen sei es mir gestattet, […] hier bringen, macht den eigenartigen Reiz dieser Kunstform aus, im Gegensatz zu dem
zur Novellistik, als der Dichtungsart, welche die spätere Hälfte meines weiteren Horizont und den mannigfaltigen Charakterproblemen, die der Roman vor
10 Lebens begleitet hat, auch meinerseits ein Wort zu sagen. 10 uns ausbreitet. Je gehaltvoller die Aufgabe ist, je tiefere Probleme in dieser
Die Novelle, wie sie sich in neuerer Zeit, besonders in den letzten äußeren Beschränkung gelöst werden, desto ergreifender und nachhaltiger wird
Jahrzehnten, ausgebildet hat und jetzt in einzelnen Dichtungen in mehr oder die Wirkung sein, desto wichtiger aber auch die Sorge des Dichters, keinen
minder vollendeter Durchführung vorliegt, eignet sich zur Aufnahme auch des störenden Zug in das kleine Bild hineinzubringen. […]
bedeutendsten Inhalts, und es wird nur auf den Dichter ankommen, auch in Was zunächst die Qualität des Stoffes betrifft, der als spezifisch novellistisch
15 dieser Form das Höchste der Poesie zu leisten. Sie ist nicht mehr, wie einst, 15 betrachtet werden kann, will ich nur an das erinnern, was ich in der Einleitung zum
„die kurzgehaltene Darstellung einer durch ihre Ungewöhnlichkeit fesselnden Deutschen Novellenschatz geäußert habe, und was seitdem vielfach als meine
und einen überraschenden Wendepunkt darbietenden Begebenheit“; die „Falkentheorie“ zitiert worden ist: daß man sich fragen müsse, ob die zu
heutige Novelle ist die Schwester des Dramas und die strengste Form der erzählende Geschichte eine starke, deutliche Silhouette habe, deren Umriß, in
Prosadichtung. Gleich dem Drama behandelt sie die tiefsten Probleme des wenigen Worten vorgetragen, schon einen charakteristischen Eindruck mache, wie
20 Menschenlebens; gleich diesem verlangt sie zu ihrer Vollendung einen im 20 der Inhalt jener Geschichte des Decamerone vom „Falken“ in fünf Zeilen berichtet
Mittelpunkte stehenden Konflikt, von welchem aus das Ganze sich sich dem Gedächtnis tief einprägt. […]
organisiert, und demzufolge die geschlossenste Form und die Ausscheidung Darauf aber wird es ankommen, daß der Erzähler bei jeder einzelnen Aufgabe sich
alles Unwesentlichen; sie duldet nicht nur, sie stellt auch die höchsten frage, auf welche Weise aus dem fruchtbaren Motiv möglichst alles zu machen
Forderungen der Kunst. […] wäre, was darin an psychologisch bedeutsamem Gehalt im Keim vorhanden ist.
25 Im übrigen geht es mit der Novellistik wie mit der Lyrik; alle meinen es zu 25 Freilich vollzieht sich die Entwicklung eines novellistischen Grundmotivs so wenig
können, und nur bei wenigen ist das Gelingen, und auch dort nur in wie die eines musikalischen Themas mit so unfehlbarer, organischer Notwendig-
glücklicher Stunde. keit, wie aus einem Pflanzenkeim immer nur das einzige in ihm vorgebildete
Gewächs hervorsprießt. Nach den verschiedenen geistigen und künstlerischen
FRIEDRICH THEODOR VISCHER Anlagen des Individuums werden die verschiedensten dichterischen oder musika-
Über die Novelle (1857) 30 lischen Gebilde aus demselben Motiv entspringen. Doch neben diesen berechtig-
ten subjektiven Unterschieden, die u. a. dazu führen, daß dieselben vier Takte von
Die Novelle verhält sich zum Romane wie ein Strahl zu einer Lichtmasse. Sie dem einen Komponisten in Dur, von dem andern in Moll weiterentwickelt werden,
gibt nicht das umfassende Bild der Weltzustände, aber einen Ausschnitt derselbe Novellenstoff hier zu einer tragischen, dort zu einer versöhnenden oder
daraus, der mit intensiver, momentaner Stärke auf das größere Ganze als selbst humoristischen Lösung gelangt, ist doch die Forderung ganz allgemein
Perspektive hinausweist, nicht die vollständige Entwicklung einer Persönlich- 35 unerläßlich, das Möglichste an dichterischer oder musikalischer Wirkung dem
5 keit, aber ein Stück aus einem Menschenleben, das eine Spannung, eine Thema abzugewinnen. In den meisten Fällen wird auch der Kreis dieser
Krise hat und uns durch eine Gemüts- und Schicksalswendung mit scharfem Möglichkeiten nur beschränkt sein, und ein Zeugnis für die gereiftere Kraft des
Akzente zeigt, was Menschenleben überhaupt ist. Man hat sie einfach und Künstlers ist die Sicherheit, mit der er diejenige Durchführung wählt, die das
richtig als eine Situation im Unterschied von der Entwicklung durch eine innerste Wesen des Motivs am schlagendsten zur Anschauung bringt. […]
Reihe von Situationen im Romane bezeichnet. […]

Arbeitsauftrag: Lies dir die Texte konzentriert durch, unterstreiche Wichtiges und notiere dir Stichpunkte zum Inhalt.

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