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Antike und Abendland

Antike
und
Abendland
Beiträge zum Verständnis der Griechen und Römer
und ihres Nachlebens

herausgegeben von

Werner von Koppenfels · Helmut Krasser


Wilhelm Kühlmann · Peter von Möllendorff
Christoph Riedweg · Ernst A. Schmidt
Wolfgang Schuller · Rainer Stillers

Band LIII

2007

Walter de Gruyter · Berlin · New York


Manuskripteinsendungen werden an die folgenden Herausgeber erbeten: Prof. Dr. Werner von Koppenfels, Bo-
berweg 18, 81929 München – Prof. Dr. Helmut Krasser, Institut für Altertumswissenschaften, Universität, Otto-
Behaghel-Str. 10, Haus G, 35394 Gießen – Prof. Dr. Wilhelm Kühlmann, Universität Heidelberg, Germanistisches
Seminar, Hauptstr. 207–209, 69117 Heidelberg – Prof. Dr. Peter von Möllendorff, Institut für Altertumswis-
senschaften, Universität, Otto-Behaghel-Str. 10, Haus G, 35394 Gießen – Prof. Dr. Christoph Riedweg,
Kluseggstr. 18, CH-8032 Zürich – Prof. Dr. Ernst A. Schmidt, Philologisches Seminar, Universität, Wilhelm-
str. 36, 72074 Tübingen – Prof. Dr. Wolfgang Schuller, Philosophische Fakultät, Universität, Postfach 5560,
78434 Konstanz – Prof. Dr. Rainer Stillers, Institut für Romanische Philologie der Philipps-Universität Mar-
burg, Wilhelm-Köpke-Str. 6 D, 35032 Marburg. Korrekturen und Korrespondenz, die das Manuskript und den
Druck betrifft, sind an den Schriftleiter Prof. Dr. Helmut Krasser zu richten.
Buchbesprechungen werden nicht aufgenommen; zugesandte Rezensionsexemplare können nicht zurückge-
schickt werden.

Abstracts sind publiziert in / indexiert in:


Arts and Humanities Citation Index · Current Contents Arts and Humanities · Dietrich’s Index philosophicus ·
IBR – Internationale Bibliographie der Rezensionen geistes- und sozialwissenschaftlicher Zeitschriften-
literatur / IBZ – Internationale Bibliographie geistes- und sozialwissenschaftlicher Zeitschriftenliteratur

ISBN (Print): 978-3-11-019236-0


ISBN (Online): 978-3-11-019237-7
ISBN (Print + Online): 978-3-11-019238-4

ISSN 0003-5696

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Inhaltsverzeichnis

Jonas Grethlein, Freiburg


Variationen des «nächsten Fremden». Die Perser des Aischylos im
20. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
Gregor Vogt-Spira, Marburg
Secundum verum fingere. Wirklichkeitsnachahmung, Imagination und
Fiktionalität: Epistemo-logische Überlegungen zur hellenistisch-römischen
Literaturkonzeption . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
Thorsten Fögen, Berlin
Antike Zeugnisse zu Kommunikationsformen von Tieren . . . . . . . . . . . . 39
Giampiero Scafoglio, Napoli
Elementi tragici nell’episodio virgiliano di Sinone . . . . . . . . . . . . . . . . 76
Andreas Heil, Dresden
Christliche Deutung der Eklogen Vergils. Die Tityre-Initiale im Codex
Klosterneuburg CCl 742 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
Robert Porod, Graz
Von der historischen Wahrheit und dem Ende historiographischer Fiktionalität:
Überlegungen zu Lukians Schrift «  ¹

 . . . . . . 120
Angelika Starbatty, München
Kaiser und Gott in den Panegyrici Latini . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
Eckard Lefèvre, Freiburg
Daniel Heinsius über seine Liebesdichtung (Eleg. Juv. 1, 5) . . . . . . . . . . . 166
Florian Schaffenrath, Innsbruck
Ein angekündigtes Columbus-Epos im Xaverius viator. Niccolò Giannettasios
Verweise auf frühere und kommende Werke . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
Peter Habermehl, Berlin
Orfeus in Niedersaxn. Arno Schmidts Erzählung «Caliban über Setebos» . . . . 190
VI

Mitarbeiter des Bandes

Dr. Thorsten Fögen, Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Klassische Philologie,


Unter den Linden 6, 10099 Berlin

Prof. Dr. Jonas Grethlein, Department of Classics, Mail Code 3120,


University of California, Santa Barbara, CA 93106–3120

PD Dr. Peter Habermehl, Berlin-Brandenburgische-Akademie der Wissenschaften,


Jägerstraße 22/23, 10117 Berlin

Dr. Andreas Heil, Technische Universität Dresden, Fakultät Sprach-,


Literatur- und Kulturwissenschaften, Zeunerstraße 1e, 01062 Dresden

Prof. Dr. Eckard Lefèvre, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg,


Seminar für Klassische Philologie, Werthmannplatz 3, 79085 Freiburg

Prof. Dr. Robert Porod, Institut für Klassische Philologie der Karl-Franzens-Universität
Graz, Universitätsplatz 3/II, 8010 Graz, Austria

Prof. Giampiero Scafoglio, Via Manzoni 210, 80046 San Giorgio a Cremano (Napoli),
ITALIA

Dr. Florian Schaffenrath, Institut für Sprachen und Literaturen, Bereich Latinistik,
Universität Innsbruck, Innrain 52, 6020 Innsbruck, Austria

Angelika Starbatty, Schleißheimerstraße 60, 80333 München

Prof. Dr. Gregor Vogt-Spira, Seminar für Klassische Philologie der Philipps-Universität,
Wilhelm-Röpke-Straße 6, Block D, 35032 Marburg
Variationen des «nächsten Fremden». Die Perser des Aischylos im 20. Jahrhundert 1

Jonas Grethlein

Variationen des «nächsten Fremden»1.


Die Perser des Aischylos im 20. Jahrhundert

In seiner Dissertation über Aischylos und das Handeln im Drama schreibt Bruno Snell:
«Hiketiden und Perser wirken archaisch vor allem deswegen, weil sie nicht eine folgerichtige
Handlung aufbauen, sondern eine Reihe großer Bilder an uns vorüberziehen lassen. Ein
Plan der Handlung, dem sich auch das Geringste eingliedert, existiert nicht.»2 Ähnlich be-
schreibt Thomson die Perser: «A queen and a number of old men stand or move about
listening to bad news. [The Persians] is little more than a lamentation for the fall of great
and ancient Persia as a notable instance of God’s vengeance upon earthly pride.» 3 Es ließe
sich ein ganzer Chor von Philologen anführen, welche die Statik der Perser beklagen. 4
Und in der Tat, die erste uns vollständig erhaltene Tragödie glänzt nicht durch ein Über-
maß an «action». Vergegenwärtigen wir uns kurz die Handlung: In der Parodos singt der
Chor, bestehend aus alten Persern, vom Feldzug des Xerxes gegen Griechenland. Sie selbst
sind als Wächter in Susa zurückgeblieben und warten auf Nachrichten vom Schlachtfeld.
Der Chor rühmt die Stärke des Heeres, zugleich verrät er aber auch Sorge – alles mensch-
liche Handeln, auch das des Mächtigsten, kann scheitern.
Im ersten Epeisodion gesellt sich Xerxes’ Mutter, Atossa, dazu und erzählt von einem
schlimmen Traum. In ihm spannte Xerxes zwei Schwestern, eine in griechischem, die an-
dere in persischem Gewand, unters Joch. Die Griechin riß sich los und brachte Xerxes zu
Fall. Beunruhigt von diesem Traum, wollte Atossa opfern, wurde aber durch ein Vogelzei-
chen noch weiter verstört: ein Falke, der einen Adler jagt und bezwingt.
Kaum ist es den alten Männern gelungen, Atossa zu beruhigen, da kommt ein Bote, der
schreckliche Kunde bringt: Das persische Heer ist nicht nur bei Salamis unterlegen, son-
dern fast völlig aufgerieben worden. Nur wenige, unter ihnen Xerxes, haben die Schlacht
und den sich anschließenden Rückzug überlebt.
Im ersten Stasimon beklagt der Chor die Niederlage und den Schaden für das persische
Reich. Atossa bittet dann den Chor, den Geist ihres Mannes, des Dareios, zu beschwören,
den sie um Rat fragen will. Auf die Beschwörung im zweiten Stasimon hin erscheint der
Geist des Dareios und läßt sich von seiner Frau die Ereignisse erzählen. In scharfen Worten
verurteilt er das Tun seines Sohnes als Hybris und sieht in dem Desaster die unerwartet

1
Die Bezeichnung der Antike als das «nächste Fremde» stammt von Hölscher 1965, 81. Der Verfasser dankt
Bernhard Zimmermann sowie den Herausgebern von «Antike & Abendland», besonders Ernst A.
Schmidt, für Hinweise und Anregungen. Der griechische Text folgt, sofern nicht anders angegeben, der
Ausgabe von West 21998; die Übersetzungen basieren auf Schadewaldt 1964.
2
Snell 1928, 68. S. bereits v. Wilamowitz-Moellendorff 1914, 48: «Aber die Einheit der Handlung hat er noch
nicht erreicht. Es ist sehr beherzigenswert, daß Aischylos noch 472 eine Tragödie ohne jede Einheit der
Handlung bauen konnte.»
3
Thomson 1973, 77.
4
S. die Sammlung kritischer Urteile in Holtsmark 1970, 5–7.
2 Jonas Grethlein

schnelle Erfüllung eines alten Orakels. Schließlich prophezeit er die Niederlage von Salamis
und rät dem Chor, nie wieder gegen Griechenland zu ziehen.
Auf den Abgang von Dareios folgt das dritte Stasimon. In ihm schwelgen die alten Perser
in Erinnerungen an die Herrschaft des alten Königs – welch ein Kontrast zur gegenwärtigen
Misere! Das Ende des Stückes bildet dann die Rückkehr des Xerxes. Der in Lumpen ge-
hüllte König und der Chor stimmen im Wechselgesang eine Klage an.
Selbst für eine griechische Tragödie sind die Perser arm an äußerer Handlung. Trotz sei-
ner Statik hat Aischylos’ Stück eine ganze Reihe von neuen Übertragungen und deren In-
szenierungen angeregt.5 Im folgenden sollen einige dieser Adaptionen aus dem 20. Jh. vor-
gestellt werden. Dabei werden sowohl Übersetzungen als auch Übertragungen und deren
Aufführungen, in einem Fall sogar eine Ausstrahlung im Radio, herangezogen (I).6 Der Ge-
schichte der antiken Tragödie in der Gegenwart nachzugehen, ist nicht nur an sich ein loh-
nendes Unterfangen, sondern der Horizont moderner Übertragungen und Inszenierungen
erlaubt es uns auch, neue Fragen an antike Tragödien zu stellen.7 Dementsprechend sollen
zweitens die aischyleischen Perser im Lichte ihrer modernen Adaptionen betrachtet werden
(II). Abschließend wird auf die Poetik des Aristoteles zurückgegriffen, um die Beobachtun-
gen zu konzeptionalisieren. Der Reiz der Perser für die moderne Bühne, so wird sich zei-
gen, beruht auf dem gleichen Prinzip, das die Perser bereits im 5. Jh. interessant machte,
wenn auch in diametral entgegengesetzter Weise (III).

Im Jahre 1914 übersetzte Lion Feuchtwanger die Perser im «Mittelweg zwischen Philologie
und Dichtung»8. Er nutzte dafür eine vierwöchige Schonfrist, die ihm nach seiner Rück-
kehr aus Italien und Tunis vor seiner Einberufung gewährt wurde.9 Seine Übersetzung
erschien sogleich in der Zeitschrift «Die Schaubühne» und wurde in Teilen auch in der re-

5
Zu Aufführungen antiker Tragödien auf der modernen Bühne s. u. a. Walton 1987; Flashar 1991; Taplin
1991, 51–79; Colakis 1993; Hartigan 1995; die Beiträge in Hall et al. eds. 2000; 2004; Hall/ Macintosh, eds.
2005. Allgemein zur Rezeption der griechischen Tragödie s. v. Fritz 1962; Friedrich 1967; Mueller 1980;
Burian 1997; Hölzl et al. eds. 1998.
6
Es erscheint sinnvoll, zwischen Übersetzungen und Übertragungen zu differenzieren. Während Überset-
zungen vor allem dem Originaltext verpflichtet sind, sind Übertragungen stärker am Transfer in die Ge-
genwart interessiert. Beiden liegt aber ein «Übersetzungsvorgang» zwischen dem Horizont, in dem der
Text entstanden ist, und dem Horizont der Gegenwart zugrunde. Dieser «Übersetzungsvorgang» wird in
einer Inszenierung durch Bühnenbild, Requisiten etc. über den Text hinausgeführt. Als hermeneutisches
Modell sowohl für Übersetzung, Übertragung und Inszenierung kann Gadamers Kategorie der «Applika-
tion» dienen (61990, 312–346). Zur Übersetzung von griechischen Tragödien s. Burian 1997, 271–276, zur
Übersetzung von Dramen Upton, ed. 2000 und zu den Implikationen von Übersetzung im allgemeinen
Hardwick 2000.
7
Cf. Foley 1999; 2000/2001. Auch McDonald 1992, 10 f. plädiert für eine wechselseitige Befruchtung von
wissenschaftlicher Untersuchung und gegenwärtiger Aufführungspraxis.
8
Feuchtwanger 1984, 11.
9
Cf. v. Sternburg 1994, 134–136; 154 f. In Syrakus sah Feuchtwanger eine Aufführung des Agamemnon, die
er allerdings scharf kritisierte. V. Sternburg 1994, 155 f. interpretiert Feuchtwangers Übertragung der Perser
als eine «Frucht der Begegnung mit diesem griechischen Tragödiendichter im weiten Rund des Amphithea-
ters von Syrakus und seine erste literarische Reaktion auf die deutschen Zustände».
Variationen des «nächsten Fremden». Die Perser des Aischylos im 20. Jahrhundert 3

nommierten «Zukunft» abgedruckt.10 Die Uraufführung fand am Münchner Schauspiel-


haus unter Eduard Schorrer-Santer 1917 statt. Aufführungen in weiteren Theatern folgten.11
Die Rezeption der Aufführungen entsprach allerdings nicht Feuchtwangers Intention.
Die Kritiker lobten das «patriotische Werk», man identifizierte die Perser mit den Feinden
des Deutschen Reiches und verstand die Aufführungen deswegen als künstlerische Unter-
stützung der deutschen Politik.12 In der Tat hatte die aktuelle politische Situation Feucht-
wanger dazu angeregt, die Perser zu übersetzen,13 allerdings in ganz anderer Weise. Feucht-
wanger war entsetzt angesichts der Kriegs-Propaganda, die den Gegner auf jede
erdenkliche Weise verunglimpfte.14 Im Vorwort zu seiner Übersetzung schreibt er:
«Die Perser werden nicht geschmäht, es ist nirgends vom perfiden Persien die Rede: im
Gegenteil, sie sind tapfer; ja, selbst der göttertrotzende Übermut des Xerxes wird mit des
Königs Jugend entschuldigt, und der alte Dareios gar wird – gegen das bessere Wissen des
Dichters – als milder, erhabener, gottgleicher Herrscher geschildert. Es ist kein trunkenes
Hurra-Schreien in dem Stück, sondern überall starkes, stolzes, selbstverständliches Ver-
trauen in die Fügung der Götter.»15
Das menschliche Portrait des Gegners ließ die Perser Feuchtwanger als einen willkomme-
nen Kontrast zum «trunkenen Hurra-Schreien» seiner Zeit erscheinen.
Briefe aus späterer Zeit lassen erkennen, daß Feuchtwanger darüber hinaus auch Paral-
lelen zwischen dem persischen und dem deutschen Imperialismus sah.16 An Kantorowicz
schreibt er im Jahre 1943 über seine Tätigkeit während des 1. Weltkrieges:
«Auf verhüllte oder auch offene Art gegen die deutschen Eroberungspläne geschrieben.
Die ‹Perser› des Aischylos übersetzt, den ‹Frieden› des Aristophanes, ein Stück gegen den
Imperialismus geschrieben, ‹Warren Hastings›, das während der Krieges von den Englän-
dern scharf angegriffen und nach dem Krieg von ihnen gespielt wurde.»17

10
Feuchtwangers Übersetzung wurde außerdem 1915 vom Charlottenburger Verlag der Schaubühne und 1917
vom Georg Müller Verlag (München) gedruckt.
11
Auf Feuchtwangers Übersetzung wurde auch noch in der zweiten Hälfte des 20. Jhs. zurückgegriffen, bei-
spielsweise in einer Inszenierung in Stuttgart 1963, cf. Flashar 1991, 206 Anm. 26.
12
Cf. Dietschreit 1988, 7; v. Sternburg 1994, 175–177. Eine Ausnahme bildete die Besprechung von Eisner in
der linken Münchener Post.
13
Feuchtwangers Interesse an der Vergangenheit als Archiv, dessen Parallelen die Gegenwart beleuchten kön-
nen, zeigt sich noch deutlicher in seinen historischen Romanen, cf. Ongha 1982. Eine theoretische Refle-
xion über historische Analogieschlüsse findet sich in Feuchtwangers Rede beim Ersten Internationalen
Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur 1935 in Paris (s. Feuchtwanger 1956, 508 ff.)
14
Feuchtwanger waren aber patriotische Gefühle nicht fremd, cf. v. Sternburg 1994, 154 f.
15
Feuchtwanger 1984, 9.
16
Es ist nicht ganz einfach, sichere Anhaltspunkte für eine solche Interpretation in der Übersetzung zu fin-
den, die dem griechischen Text recht nahe ist. Für v. Sternburg 1994, 177 sind die folgenden Verse eine klare
Anspielung an die Situation des Kaisers, der unter den «Übervätern» Bismarck und Moltke litt, 33: «Es
lockte schlechter Freunde schlimmer Rat / Den Allzukühnen. Du, so sagten sie, / Du habest Reichtum dei-
nem Haus erkämpft, / Mit Schwertesschärfe; er indes, unmännlich, / Sei Krieger nur im eigenen Palast /
Und laß an Vaters Schätzen sich’s genügen. / So häuften sie ihm Schmach, bis ihn der Hohn / Zu diesem
Heerzug gegen Hellas trieb.» Da Feuchtwanger hier dem aischyleischen Text (753–758) recht genau folgt,
mag man bezweifeln, daß es sich um eine Anspielung handelt – was aber nicht heißt, daß Feuchtwanger
und zeitgenössische Leser und Zuschauer die Parallele, auf die v. Sternburg hinweist, nicht gesehen hätten.
17
Feuchtwanger 1991, II 202, Brief an Kantorowicz vom 21. 1. 1943. S. a. Feuchtwangers Brief an den Auf-
bau-Verlag vom 28. Januar 1952 (1991, I, 493 f.): «Freuen würde ich mich auch, wenn meine Versdramen
neu aufgelegt würden, ‹Vasantasena›, meine Bearbeitung des ‹Frieden› von Aristophanes und meine Nach-
4 Jonas Grethlein

Während die Kritiker in den Persern also die Gegner Deutschlands sahen, war für Feucht-
wanger das Scheitern der Perser eine Warnung an das Deutsche Reich.18
Die Offenheit der Perser für verschiedene politische Interpretationen zeigt sich in zwei
Aufführungen, die zwar fast zur gleichen Zeit stattfanden, aber entgegengesetzten Inten-
tionen folgten. Nachdem in den 30er Jahren in Deutschland nur ganz wenige griechische
Tragödien zur Aufführung gekommen waren, wurden während des 2. Weltkrieges neben
modernen Dramen mit antiken Gestalten verstärkt griechische Tragödien, vor allem von
Sophokles, auf die Bühne gebracht. Der Aias, die Trachinierinnen und die Elektra boten
sich an als Auseinandersetzungen mit Krieg, Leiden und Heldentum.19 1942 wurden in
Göttingen auch die Perser des Aischylos aufgeführt – angesichts der Situation an der Ost-
front bot die Niederlage der Perser einen Präzedenzfall für den erfolgreichen Kampf gegen
eine östliche Übermacht.
Einer ganz anderen Interpretation war die Radio-Übertragung der Perser in Murrays
Übersetzung vom britischen Home Service im Jahre 1939 gefolgt. 20 Hier war der persische
Expansionsdrang Spiegel für den deutschen Imperialismus. Die Perser wurden also im
2. Weltkrieg sowohl von Deutschen als auch Engländern in ihrem Sinne gedeutet – abhän-
gig von der Perspektive diente Xerxes mit seinem Heer als Chiffre entweder für russische
Truppen oder deutsche Angreifer.
Wenden wir uns einem weiteren Beispiel der Perser-Rezeption im 20. Jh. zu. Mattias
Braun verfaßte eine Übertragung, die 1960 am Berliner Schillertheater unter Hans Lietzau
uraufgeführt wurde und in den 60er Jahren immer wieder auf die Bühne kam. Braun geht
recht frei mit dem aischyleischen Stück um: Er spaltet den Chor in fünf Individuen auf und
führt als zusätzliche Figur einen Statthalter ein, der in Xerxes’ Abwesenheit über Susa
wacht.21 Dem Tyrannen Xerxes stehen die Choreuten als einfache Männer aus dem Volk,
sozusagen antike «Protoproletarier»,22 gegenüber. Nicht nur der Chor diskutiert die Frage,
wie man sich dem Tyrannen gegenüber verhalten soll – sich ducken oder ihn stürzen, son-
dern auch Atossa wird von Dareios’ Geist dazu aufgefordert, ihren eigenen Sohn zu töten,
um das Leben vieler zu retten.
Braun behält den antiken Hintergrund bei, aber die Gegenüberstellung von Volk und
Herrscher gibt seiner Adaption eine marxistische Färbung, und die Darstellung von Xerxes

dichtung der ‹Perser› des Aischylos. Ich glaube, die aktuelle Bedeutung gerade dieser letzten beiden Stücke
müßte von jedem verstanden werden.» Feuchtwanger 1963, 413 beschreibt die Perser als «jenes Werk, das
dem Feinde so großartig gerecht wird und welches auf der anderen Seite den Übermut des Machtgierigen
und die Strafe dieses Übermuts in so mächtigen Versen darstellt.»
18
Ein Übersetzungsversuch aus den 20er Jahren sei noch erwähnt: Borchardt arbeitete 1922 an einer Über-
setzung der Perser, die aber Fragment blieb (sie reicht bis Vers 444). Das Fragment wurde 1931 in der Zeit-
schrift «Corono» veröffentlicht (s. Borchardt 1958). Auch wenn Borchardts Übersetzung dem griechischen
Text sehr nahe ist, so läßt sich doch vermuten, daß sein Interesse an den Persern durch die Zeitgeschichte
angeregt wurde.
19
Cf. Flashar 1991, 168 f. Der Aias wurde aufgeführt am Bayrischen Staatsschauspiel München (1943), die Tra-
chinierinnen am Stadttheater Düren (1944) und die Elektra am Prinzregententheater in München (1941),
Stadtheater Guben (1941), Stadttheater Göttingen (1941), Schauspielhaus Düren (1941) und Staatsschau-
spiel in München (1944).
20
Cf. West 1984, 216. Während des 2. Weltkrieges wurden auch die Sieben gegen Theben in Murrays Über-
setzung im Radio ausgestrahlt.
21
Cf. Trilse 1975, 151 f. Nach Trilse entstand die Übertragung aus dem Versuch einer wortgetreuen Überset-
zung (145).
22
S. beispielsweise das Lob des einfachen Lebens in Braun 1969, 55 f.
Variationen des «nächsten Fremden». Die Perser des Aischylos im 20. Jahrhundert 5

erinnert an Adolf Hitler.23 Die Antike dient dazu, ganz im Brechtschen Sinne Diktatur und
Militarismus im 20. Jh. zu verfremden. Auf der Bühne wurde Brauns Stück zuerst als Pa-
rabel für Amerikas Intervention in Korea und dann in mehreren Aufführungen als Parabel
für den Vietnamkrieg inszeniert.24
Das letzte Beispiel, das hier vorgestellt werden soll, ist Peter Sellars’ Inszenierung der
Perser in der Übertragung von Robert Auletta, die zuerst im Rahmen der Salzburger Fest-
spiele 1993 und danach noch beim Edinburgh-Festival, im Mark Taper Forum in Los
Angeles und im Berliner Hebbel-Theater gezeigt wurde.25 Aulettas Übertragung folgt der
aischyleischen Handlung stärker als die Version von Braun und enthält immer wieder mehr
oder weniger getreue Übersetzungen von Passagen des griechischen Textes.26 Am stärksten
sind die Veränderungen der aischyleischen Vorlage am Ende in der Charakterisierung von
Xerxes, den Auletta ausgiebig über seine Kindheit reflektieren und sich damit ein von
Freud nicht unberührtes Psychogramm erstellen läßt. Außerdem wird der Kampf der Per-
ser gegen die Griechen mit dem der Iraker gegen die Amerikaner überblendet. So sind die
Kriegsbeschreibungen nicht nur aktualisiert, sondern evozieren Bilder des Golfkrieges.27 In
seiner Schlachtbeschreibung sagt der Bote beispielsweise (39):
For a long time there was nothing,
As we lay motionless in the desert …
Dug into trenches … sandbagged …
Surrounded by fields of landmines,
And moats of oil …
Darüber hinaus wird Athen auch unverhüllt als Amerika bezeichnet. Atossa beipielsweise
sagt (37):
I curse the name of America.
What she has taken from us –
Cutting from each Persian woman,
A living husband, or a son, or a father;
Or more; immeasurable, all immeasurable;
And now our city too is being bombed,
And the women themselves being killed.
In diesen Versen läßt sich in nuce Aulettas Umgang mit dem aischyleischen Text erfassen.
Werfen wir einen Blick auf die zugrundeliegenden Verse bei Aischylos, 286–289:
 
κ
 «α
    ,
³« P 
  « 
Κ
«   
# $
 «.28

23
Cf. Trilse 1975, 151.
24
Cf. Trilse 1975, 154–156.
25
Hartigan 1995, 104 Anm. 2 nennt weitere amerikanische Aufführungen aus den Jahren 1993/1994.
26
Hall 2004, 180 betont zudem, Auletta’s Adaption sei «absolutely faithful to the emotional register of the
original».
27
Das geringe Interesse von Sellars am ursprünglichen Kontext der Perser zeigt sich bereits, wenn er schreibt,
die Perser seien mehr als zehn Jahre nach der Schlacht von Salamis aufgeführt worden (1993a, 7).
28
Für den Text der Verse 288 f. folge ich der Ausgabe von Page 1972 mit den Konjekturen von Weil und
Boeckh.
6 Jonas Grethlein

Athen verhaßt den Unglückseligen!


Ja daran denken muß man,
Wie viele der Perserfrauen es –
Für nichts! –
Gemacht zu Witwen und männerlos.
Atossas Bemerkung, Athen sei seinen Feinden verhaßt, wird zu einem Fluch, und der Ver-
lust der Ehemänner wird durch den Verlust von Söhnen und Vätern variiert. Hier ver-
schärft Aulettas Übertragung also den aischyleischen Text. Das Bombardement der Stadt
ist dagegen hinzugefügt. Es evoziert nicht nur einen modernen Krieg, sondern erzeugt eine
Parallele zu den amerikanischen Angriffen auf Bagdad. Die Überblendung von Salamis und
Golfkrieg zeigt sich in den Ländernamen: Ganz unvermittelt treffen hier die Horizonte des
griechischen Originals und der Aktualisierung aufeinander, wenn dem zeitgenössischen
Amerika das antike Persien gegenübersteht.
In Aulettas Übertragung und Sellars Inszenierung bleibt der despotische Charakter von
Xerxes’ Herrschaft sichtbar, 29 aber der Fokus ist auf das Leiden der Perser bzw. Iraker ge-
richtet. Im Programmheft zur Aufführung bei den Salzburger Festspielen beklagt Sellars
die einseitige Dokumentation des Irakkrieges in den Nachrichtenmedien.30 Auch im Stück
selbst findet sich Medienkritik. So fragt der Chor (40):
Why don’t they put it all on television? –
The sight of our dead,
The screams of our agony,
And let the world see
The fruits of their labor?31
Angesichts dieser Situation sieht Sellars im Theater ein alternatives öffentliches Informa-
tionssystem. 32 Seine Perser-Inszenierung sei der Versuch, den Irakern eine Stimme zu ver-
leihen:
«What can’t be shown on television can be said on the stage. In America the war in Iraq
was shown with no Iraqis at all – dead or alive. So, in this evening, we’re saying come and
meet a few.»33

29
So werden Folter und Mord erwähnt, s. beispielsweise Atossa in 31 f.: «I’ve heard the cries. / I’ve always
known … you see, / What rulers must do … / Deep in the basements, / What really happens there – / Men
and women shackled … sound drifts … / Descending in the elevators … / Darius had to; / But somehow it
got much worse / In the rule of Xerxes … / The terror of it all … / … this palace built of human flesh, / And
veined with living blood.» S. a. 47 f. und 64. Cf. Hall 2004, 177–179.
30
Zu Sellars’ Medienkritik s. a. Sellars 1993b.
31
Im Stück wird nicht nur die mangelhafte Berichterstattung angeprangert, sondern auch eine Verbindung
zwischen Krieg und der Darstellung von Gewalt in Medien hergestellt, wenn der Bote sagt (45): «As a child
I’d love / To watch monster movies; / These Japanese made monsters / Seemed to jump right out / Of the te-
levision set, / And take me in their jaws, / Shaking me … filling me, / With this child terror, delighting me. /
But now … the monsters and terrors / Are suddenly real American made monsters – / Rambo, The Termi-
nators, / Torn from their Hollywood homes … / Fantasy screens … and set down upon us … / Given per-
mission for a true killing spree … / Breathing bullets … the true American way.»
32
Sellars 1993a, 8.
33
Sellars in einem Artikel von Pappenheim («The Greeks have a word for it») im Independent vom 16. August
1993.
Variationen des «nächsten Fremden». Die Perser des Aischylos im 20. Jahrhundert 7

Was fällt bei der Betrachtung der hier vorgestellten Perser-Adaptionen auf? Am verblüf-
fendsten ist wohl die Vielfalt der Perspektiven, in welche das Stück gestellt worden ist. Be-
reits bei unserer ersten Station, der Übersetzung von Feuchtwanger, konnten wir feststel-
len, daß der intendierten Warnung die Rezeption als patriotisches Stück gegenübersteht.
Während 1939 die Perser im britischen Radio als Spiegel für die Bedrohung durch das Deut-
sche Reich dienen, sind sie nur drei Jahre später in Deutschland Chiffre für eine asiatische
Übermacht. Diesen Adaptionen sowie der Übertragung von Braun ist aber gemeinsam,
daß Xerxes und die Perser Sinnbild für den Imperialismus sind.
Demgegenüber folgt Sellars Inszenierung einer anderen Interpretation. In ihr sind die
Perser vor allem Opfer und die Aufmerksamkeit gilt ihrem Leiden. Während die übrigen
Adaptionen die Perser als das problematische «andere» inszenieren, erregen sie in Sellars
Version das Mitleid der Zuschauer.
Ein zweiter Aspekt hängt eng mit der Vielfalt der Perspektiven zusammen. In allen von
mir vorgestellten Übersetzungen und Übertragungen besteht ein enger Zusammenhang
zwischen der antiken Handlung und der Gegenwart. Feuchtwanger dient die Schlacht von
Salamis als Spiegel für den 1. Weltkrieg. Braun gestaltet seinen Xerxes als einen persischen
Hitler und bei Auletta schiebt sich der Golfkrieg sogar vor die Schlacht von Salamis.
Oft verstärken Inszenierungen die Aktualisierungen, so daß auch mit einer nahe beim
aischyleischen Text bleibenden Übersetzung Gegenwart und Vergangenheit sich auf der
Bühne wechselseitig beleuchten können. Durs Grünbein etwa vermeidet in seiner Übertra-
gung aus dem Jahre 2001 weitgehend Annäherungen an die Gegenwart.34 Aber bereits bei
der Uraufführung seiner Perser im Schloßtheater Dresden unter Niels-Peter Rudolph brin-
gen Monitore, die links und rechts auf der Bühne Wüstenlandschaften zeigen, nicht nur
moderne Massenmedien ins Spiel, sondern evozieren auch den Golfkrieg.35 Die Perser,
so können wir zusammenfassen, wecken vor allem als Chiffre für zeitgenössische Kriege
Interesse.36

34
Für Grünbeins Übersetzung wirbt auf dem Buchrücken die Frage «Wo, um Himmels willen, liegt dieses
Athen?» Aber selbst Grünbeins Übersetzung spielt mit Parallelen. Beispielsweise übersetzt er das griechi-
sche  
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 (49 f.), von Schade-
waldt wiedergegeben mit «Und bereit stehn des heiligen Tmolos / Anwohner, um das Knecht-Joch / Hellas
aufzulegen» mit «Und die vom Tmolus, dem heiligen Fluß, / Drohten: Und morgen gehört uns Griechen-
land!», eine deutliche Anspielung an deutsche Kriegspropaganda.
35
Cf. Stephan 2002.
36
Cf. Hartigan 1995, 102 f.; Favorini 2003, 110. Als Beispiel für eine Inszenierung, die auf Aktualisierung weit-
gehend verzichtet, sei Dimiter Gotscheffs Aufführung der Perser am deutschen Theater in Berlin aus dem
Jahr 2006 genannt. Zwei jüngere extreme Adaptionen der Perser seien hier außerdem erwähnt: Wuttke ließ
2003 die Perser als «Naturschauspiel mit Live-Video-Projektion» im brandenburgischen Neuhardenberg
auf einem Flugzeughangar und Rollfeld aufführen (zugleich gezeigt als Fernsehadaption von ZDF und arte).
Die Schauspieler bewegten sich auf dem ganzen Areal, wobei sie gefilmt wurden, so daß das Publikum sie
von einer Tribüne aus sowohl realiter, wenn auch aus weiter Entfernung, als auch in Nahaufnahme auf
sechs Leinwänden betrachten konnte. Zugrundegelegt wurde die Übersetzung von Grünbein, allerdings
mit vielen Streichungen und zahlreichen Zusätzen, welche die Assoziationen durch den Ort, die Nähe zu
den Seelöwer Höhen und die frühere Nutzung als Regierungsflughafen der DDR, verstärkten und weitere
Assoziationen weckten. So wurde beispielsweise Ernst Jüngers «blumige, blutbetaute Wiesen» zitiert und
Wuttke ließ seine Schauspieler Karten spielen mit einem Set, das irakische Politiker zeigt. Burckhardt 2003,
39 bemerkt treffend: «The making of a B-movie oder Die Auflösung der Zentralperspektive. Die «Perser»
hätte es dafür nicht unbedingt gebraucht.»
Ist bei Wuttke bereits das «Spielfeld» erweitert, so überschritt 2003 die Düsseldorfer Künstlergruppe
«hobbypopMUSEUM» die Grenzen des Mediums Theaters und machte aus den Persern eine begehbare In-
8 Jonas Grethlein

II

Die beiden Beobachtungen, die so verschiedene Darstellung der Perser und die Tendenz
zur parabelhaften Aktualisierung, sollen jetzt an das griechische Original herangetragen
werden. Wenden wir uns zuerst den verschiedenen Interpretationen zu – Imperialismus-
Kritik oder Darstellung von Leiden? Die beiden Deutungen sind so verschieden, daß es
scheinen mag, nur eine von ihnen sei möglich, und es handle sich entweder beim verächt-
lichen Blick auf die Perser um eine chauvinistische Instrumentalisierung der Tragödie oder
Sellars Fokus auf die persischen Leiden entspringe einer gewollt boshaften Inversion der
Griechen-Barbaren-Antithese.
Gegen diesen Anschein soll die These entwickelt werden, daß nicht nur beide Interpre-
tationen sich auf den aischyleischen Text stützen können, sondern daß gerade die Span-
nung zwischen diesen Aspekten den Erfolg der Perser in der Antike ausgemacht hat. Die
Perser sind bei Aischylos sowohl das Fremde als auch das nächste.
Man wird im Stück nur schwerlich die Imperialismuskritik finden, die im Mittelpunkt
vieler moderner Adaptionen steht.37 So prangern weder der Chor noch Dareios eine ag-
gressive Außenpolitik an; ganz im Gegenteil, Dareios rühmt, wie er und seine seine Väter
das persische Reich groß und bedeutend gemacht haben, und im dritten Stasimon schwelgt
der Chor in der Erinnerung an Dareios’ Feldzüge.38 Kritisiert wird lediglich das Scheitern
von Xerxes.
Trotzdem können die modernen Adaptionen, in denen die Perser zu einem imperialis-
muskritischen Stück werden, bei Aischylos’ Stück anknüpfen. So wird Xerxes’ Zug gegen
Griechenland immer wieder als frevelhaft bezeichnet. Dareios verurteilt die Überbrückung
des Hellespont als einen Akt der Transgression und prangert das Schänden griechischer
Heiligtümer an. 39
Außerdem hat Hall eindrucksvoll aufgezeigt, wie die Perser in Aischylos’ Stück das
andere verkörpern. 40 Ein wichtiger Aspekt der Alterität ist ihr politisches System, das als
Tyrannis immer wieder der athenischen Demokratie gegenübergestellt wird. Im ersten Sta-
simon beispielsweise singt der Chor, 584–594:41

stallation, cf. den Bericht in Theater heute 1/2003, 15. Zu weiteren zeitgenössischen Aufführungen der Per-
ser s. Dreyer 2007.
37
Der Verfasser verdankt Ernst A. Schmidt den Hinweis auf eine Beobachtung von Uvo Hölscher 1994:
388 f., nach der bereits in der Antike die Rezeption mythischer Figuren von Vereinfachungen bzw. Verzeich-
nungen geprägt ist: «Schon die frühen Jahrhunderte nach Homer nehmen von ihnen nur noch das populär
Eingängige wahr, wandeln sie ins Charakteristische und Karikaturistische, und das ist, für ein aufgeklärtes
Publikum, das Negative. Es war damals wie auf dem heutigen Regisseur-Theater: die Figuren der griechi-
schen Mythen scheinen fast nur noch in der euripideischen Verzeichnung dem Publikum zugänglich.»
38
S. Dareios’ Ausführungen mit seiner Genealogie in 759–786, besonders 780 f.: $    
(  ) ), / $# * μ  +
 ,"  +-. Der Chor rühmt die Kriegszüge
und Herrschaft des Dareios in 857–903. Mit einer Imperialismuskritik vertragen sich auch schlecht die
Worte des Chores in 102–107:  +    M %# .-  / μ +, .,-/
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39
744–750; 807–815.
40
Hall 1989, 76–100, s. a. Hutzfeldt 1999: 24–96; Föllinger 2001.
41
S. a. das Unverständnis der Königin dafür, daß die Griechen keinem Herren folgen, in 241–244. Zur Ge-
genüberstellung von griechischer Demokratie und persischem Despotismus in den Persern cf. Paduano
1978, 101; Michelini 1982, 128; Goldhill 1988; Hall 1989, 93–98; Harrison 2000, 76–91.
Variationen des «nächsten Fremden». Die Perser des Aischylos im 20. Jahrhundert 9

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Doch die Völker der Asischen Erde
Lassen sich nicht mehr lange
Nach persischer Satzung regieren.
Nicht zollen sie mehr Tribute
Unter herrscherlichem Zwang,
Noch fallen sie nieder zur Erde,
Um sich befehlen zu lassen.
Denn, wahrlich! Die königliche, sie ist
Ganz vernichtet, die Kraft!
Und nicht mehr in Gewahrsam
Liegt die Zunge den Sterblichen.
Denn losgebunden ist das Volk,
Um frei zu reden,
Da gelöst ist
Das Joch der Macht.
Der despotische Charakter des persischen Reiches tritt klar zutage: Die Perser treiben von
ihren Untertanen Abgaben ein und verlangen eine gottgleiche Verehrung; die Freiheit der
Rede, so wichtig für die griechischen Poleis, gibt es nicht. Wenn die Darstellung des persi-
schen Frevels und Despotismus auch noch keine Imperialismuskritik ist, erzeugt sie doch
eine problematische Alterität, die in einer modernen Sicht leicht zu grundsätzlicher Kritik
an militärischer Aggression werden kann.
Wie sieht es auf der anderen Seite mit Sellars’ Aufführung aus, die dem irakischen Leiden
im Gewand des persischen die Aggression Athens alias Amerikas gegenüberstellt? Handelt
es sich hier um eine willkürliche Umdeutung im Dienste der Provokation?
In der Tat werden die Athener im aischyleischen Stück nicht als Aggressoren charakteri-
siert, sondern, gebrochen durch die persische Perspektive, gerühmt ob ihrer Tapferkeit.
Dennoch ist es nur schwer vorstellbar, daß das athenische Publikum sich am Leiden der
Perser auf der Bühne weidete und es nur als Spiegel des eigenen Erfolges wahrnahm.
Immer wieder legen Gnomen es nahe, das persische Desaster als Beispiel der menschlichen
Fragilität im allgemeinen zu sehen.42 So fragt etwa der Chor in der Parodos, 93–100:43

42
Dieser Aspekt wird betont beispielsweise von Broadhead 1960, xxviii-xxix; Vogt 1972; Said 1981.
43
Zu dieser und weiteren Stellen s. Grethlein 2007.
10 Jonas Grethlein


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Doch dem list-sinnenden Trug des Gottes:
Welcher sterbliche Mann entrinnt ihm?
Wer, der mit schnellem Fuß
Wohlbeflügelten Sprungs
Enteilte?
Denn freundlichen Sinnes schmeichelnd
Zuerst, verführt den Menschen
In ihre Netze Ate,
Die Göttin des Verderbens.
Daraus vermag entschlüpfend
Kein Sterblicher zu entrinnen.
Dadurch, daß die Niederlage der Perser in den Rahmen der condicio humana projiziert
wird, wird das athenische Publikum dazu angehalten, sie nicht nur als ihren eigenen Tri-
umph zu sehen, sondern auch das Leiden der Perser als solches wahrzunehmen. Die Ver-
blendung, welcher Xerxes anheimgefallen ist und unter deren Folgen die Perser zu leiden
haben, ist eine allgemeine Gefahr, von der Griechen nicht ausgenommen sind. Diesen
Aspekt, die mögliche Identifikation mit den Persern, hebt Sellars in seiner Inszenierung
hervor, indem er die Schrecken des Krieges aktualisiert und zusätzlich Athen bzw. Amerika
die Rolle der imperialistischen Großmacht zuweist.
Während also die Inszenierungen, welche eine Kritik an Imperialismus und Militarismus
in den Mittelpunkt stellen, auf die Darstellung Persiens als des anderen abheben, richtet
Sellars Version den Fokus auf das Leid der Perser im Horizont der condicio humana. Beide
Tendenzen lassen sich in nuce in einer Aussage von Dareios aufzeigen, 821–828:44
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Denn Überheblichkeit, herausgeblüht,
Setzt fruchtend an die Ähre der Verblendung,
Woher sie einen tränenreichen Herbst sich mäht.
Die ihr für diese solcherlei Vergeltung seht:
Denkt an Athen und Hellas! Und mag keiner,
Gering den Daimon achtend, welcher ihm gegeben,

44
Cf. Grethlein 2007.
Variationen des «nächsten Fremden». Die Perser des Aischylos im 20. Jahrhundert 11

Nach anderem begierig, ausschütten den großen Segen.


Wahrhaftig! Zeus, als Zuchtmeister, steht über
Den gar zu hoch hinaus lärmenden Sinnesarten,
Ein Einforderer schwerer Rechenschaft.
Auf der einen Seite räsoniert Dareios hier über das Desaster der Perser. Athen und Griechen-
land, die triumphiert haben, sollen den Persern eine Lehre sein! Zugleich ist seine Reflexion
aber allgemein formuliert: Zeus straft nicht nur persischen Frevel, sondern überhaupt Un-
recht; auch die Griechen unterliegen seiner Macht.
Zwei Punkte machen wahrscheinlich, daß das athenische Publikum oder zumindest Teile
von ihm45 die Warnung des Dareios auch auf sich selbst beziehen würden. Dareios richtet
seine Worte zwar auf der Bühne an die Perser, aber bei allgemeinen Aussagen kann der Im-
perativ der zweiten Person Plural, ohne die dramatische Illusion aufzuheben, leicht die
Grenzen zwischen innerem und äußerem Kommunikationssystem verwischen und bewir-
ken, daß die Zuschauer sich direkt angesprochen fühlen.46
Hinzu kommt, daß die Warnung, gegenwärtigen Segen nicht leichtfertig aufs Spiel zu
setzen, nicht nur allgemein ist, sondern mehr Sinn im äußeren als im inneren Kommuni-
kationssystem macht. Die Perser haben nach der Niederlage, wie Aischylos sie darstellt,
nicht mehr viel zu verlieren. Athen dagegen steht am Beginn eines Aufschwungs. Wir müs-
sen uns davor hüten, ex post in Dareios’ Worten eine Antizipation des athenischen Impe-
rialismus zu sehen; 47 aber es liegt nahe, daß das athenische Publikum die Warnung vor
Überheblichkeit auch auf sich bezogen hat.
Fassen wir kurz zusammen: Die gegensätzlichen Tendenzen in den modernen Versionen
der Perser fügen dem aischyleischen Original beide etwas hinzu: so enthalten die Perser
weder eine grundsätzliche Kritik am Krieg noch weisen sie den Athenern die Rolle eines
Aggressors zu. Zugleich können sich aber beide Ansätze auf Aspekte in Aischylos’ Stück
berufen. Dort steht der Stilisierung der Orientalen als des anderen die Betonung ihres Lei-
dens als Ausdruck der condicio humana gegenüber.48

Kommen wir zur zweiten Beobachtung zu den modernen Adaptionen. Die meisten Über-
tragungen und Inszenierungen der Perser sind, so hat sich gezeigt, um eine starke Aktua-
lisierung bemüht. In ihnen wird der Perserkrieg zum Spiegel für einen zeitgenössischen
Krieg, seien es nun die beiden Weltkriege, der Krieg in Vietnam oder der Golfkrieg.
In Aischylos’ Persern können wir eine gegenläufige Tendenz feststellen, nämlich eine Di-
stanzierung. Die Seeschlacht von Salamis wird in das projiziert, was Pat Easterling «heroic
vagueness»49 nennt. Die Handlung findet im fernen Susa statt und alle Charaktere sind Per-
ser. 50 Wie in den Grabreden und den Epigrammen zu den Perserkriegen wird kein einziger
Grieche namentlich erwähnt. Die Anonymität der Griechen dient nicht nur dazu, daß die

45
Pelling 1997, 17 f. betont zu Recht, daß man nicht von einer uniformen Wahrnehmung des Publikums aus-
gehen könne, sondern daß die Perser unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen haben dürften.
46
Dazu s. anhand eines Beispiels in den Eumeniden Grethlein 2003, 223 f.
47
Melchinger 1979, 36 geht hier wohl zu weit.
48
Zur Spannung zwischen der Stigmatisierung der Perser als des «anderen» und ihrer Rolle des tragischen
Helden, der Mitleid hervorruft, s. Gagarin 1976, 30; Michelini 1982, 109; Pelling 1997, 17; Hutzfeldt 1999,
79–81.
49
Cf. Easterling 1997. Zu den Persern in der Spannung zwischen Mythos und Geschichte s. Péron 1982.
50
Cf. Vernant 1988, 244 f.; Hutzfeldt 1999, 80 f.
12 Jonas Grethlein

Polis als handelnde Kraft erscheint, sondern bewirkt auch, daß das Ereignis von der Ge-
genwart weggerückt wird.
Die spatiale Entfernung wird durch eine temporale Distanzierung ergänzt. Bereits die in
der Tragödie übliche epische Färbung der Sprache51 bettet die Handlung in den Rahmen der
heroischen Vergangenheit ein. Darüber hinaus finden sich in den Persern weitere epische
Elemente; am auffälligsten sind wohl drei Listen persischer Soldaten. 52 In der Parodos zählt
der Chor Perser auf, die nach Griechenland gezogen sind (21–58), der Bote gibt eine Liste
der Gefallenen (302–330), und in der Exodos hat die gemeinsame Klage von Xerxes und
Chor die Form eines Katalogs. Diese drei Listen erinnern stark an epische Kataloge, vor
allem an den Katalog der Schiffe, in dem der Erzähler der Ilias die griechischen und trojani-
schen Helden auflistet.
Der Bericht des persischen Boten erinnert nicht nur durch die Katalogform ans Epos,
sondern evoziert grundlegender das Bild eines epischen Barden. In 429 f. reflektiert der
Bote auf die Grenzen seiner Berichterstattung:
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 1-  -, * ω 
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Der Übel Menge – und wollte ich zehn Tage
In einem fort erzählen, ich könnte sie dir nicht erschöpfen.
Wie Barrett ausgeführt hat, erinnert diese Reflexion an die folgende Bemerkung des Erzäh-
lers der Ilias in der Musen-Anrufung, 2, 488 f.:53

# * ω .Ω 3  *
# ? 3,
*
# @    ξ ), 
ξ +# ρ .
Die Menge freilich könnte ich nicht künden und nicht benennen,
Auch nicht, wenn mir zehn Zungen und zehn Münder wären.54
Der Bote verzeitlicht die Feststellung des epischen Erzählers, Vollständigkeit in einer Er-
zählung sei unmöglich, und macht aus ihr eine Reflektion über Erzählzeit und erzählte
Zeit. Selbst wenn die Erzählzeit länger ist als die erzählte Zeit – zehn Tage Erzählung für
eine eintägige Schlacht, kann eine Erzählung keine getreue Wiedergabe eines Ereignisses
sein. Mit diesen Anklängen stilisiert sich der Bote wie ein epischer Barde und entrückt das
zeitgeschichtliche Ereignis in die «heroic vagueness».
Während die unterschiedlichen Tendenzen in der Darstellung der Perser auf das griechi-
sche Original zurückgeführt werden konnten, ist jetzt festzustellen, daß der in allen Adap-
tionen beobachtbaren Aktualisierung die Distanzierung des Ereignisses im Stück gegenüber-

51
Zur epischen Sprache in den Persern s. Stanford 1942, 26; Sideras 1971, 98–200; 212–215; Said 1988, 326 f.
und Garner 1990, 22–24. Hall 1989, 79 und 1996, 24 vertritt die These, die epische Sprache helfe, die Perser
als fremd zu charakterisieren. Außerdem betont sie, daß epische Sprache in der Tragödie nicht nur kopiert,
sondern vielmehr transformiert werde (1996, 24).
52
Zur Verbindung der drei Kataloge s. Said 1988, 332 f., zum epischen Hintergrund s. Albini 1967,
256; Paduano 1978, 51–70; Michelini 1982, 15; 77; Said 1988, 329. Belloni 1982, 195 f. betont die Unter-
schiede zu epischen Katalogen. Hall 1989, 76 nennt «the cataloguing technique of Ionian logography»
als einen weiteren Hintergrund. Die persischen Namen sind erfunden, cf. Lattimore 1943, 82–87; Bacon
1961, 23 f.
53
Cf. Barrett 1995.
54
Die Übersetzung stammt von Schadewaldt 1975.
Variationen des «nächsten Fremden». Die Perser des Aischylos im 20. Jahrhundert 13

steht. Die Schlacht von Salamis, die moderne Übertragungen und Inszenierungen an die
Gegenwart heranholen, ist von Aischylos in ein mythisches Register distanziert worden.

III

Ein Aspekt der aristotelischen Rezeptionstheorie kann beide Beobachtungen erklären und
einen Grund sowohl für die eminente Bedeutung der Tragödie im 5. Jh. als auch für das In-
teresse an ihr in der Gegenwart geben.55 Wenden wir uns also in einem letzten Schritt Ari-
stoteles zu. Nach Aristoteles bewirkt die Tragödie bei den Zuschauern eine Katharsis, in-
dem sie Mitleid und Furcht hervorruft. 56 Das Empfinden von Mitleid sei aber an bestimmte
Voraussetzungen gebunden: der Leidende müsse schuldlos sein 57 und eine Ähnlichkeit
oder Nähe zum Rezipienten aufweisen.58 Dadurch könne sich der Rezipient mit dem Lei-
denden vergleichen und, indem er sich in ihn hineinversetzt, mitleiden.
Zugleich betont Aristoteles, daß Mitleid von Furcht verdrängt werde, wenn der Lei-
dende dem Rezipienten zu nahe stehe. Hier überlagert die Sorge um die eigene Person die
Anteilnahme am anderen. Mitleid und Furcht als Reaktion auf Tragödien setzen also eine
Balance von Nähe und Distanz des Rezipienten zum Leidenden voraus. Es muß ein Bezug
zum eigenen Leben möglich sein, der aber nicht so stark sein darf, daß sich die Sorge um
die eigene Person zu sehr in den Vordergrund schiebt. 59
Diese Formel, die Balance zwischen Nähe und Distanz, beschreibt genau die Spannung,
die wir in der Darstellung der Perser in modernen Versionen feststellen konnten. Die An-
dersartigkeit der Perser erzeugt die Distanz, welche das Mitleid voraussetzt. Das Leid der
Feinde ist nicht das eigene. Zugleich erzeugen die Gnomen und die Betonung der condicio
humana einen gemeinsamen Horizont und damit genügend Ähnlichkeit, daß ein atheni-
scher Zuschauer das Leid der Perser auf sich übertragen kann und von ihm gerührt wird.
Während die imperialismuskritischen Adaptionen die Distanz hervorheben, tritt bei Sellars
das menschliche Leiden und damit die Nähe in den Vordergrund.
Zwei Vergleiche, der erste werkimmanent, der zweite zu einer anderen Tragödie, können
die Balance zwischen Nähe und Distanz verdeutlichen. Der Chor fungiert in der ersten
Hälfte als ein «inneres Publikum».60 Genauso wie die Zuschauer warten die alten Perser in

55
Es sei ausdrücklich betont, daß es hier weniger um Aristoteles-Exegese als um die Nutzung von Aristoteles
für heuristische Zwecke geht. So wird nur ein Aspekt aus der komplexen Rezeptionstheorie des Aristoteles
herausgegriffen und mit einer gewissen Freiheit angewandt. Beispielsweise beschreibt Aristoteles mit der Ba-
lance von Nähe und Distanz die Identifikation der Rezipienten mit dem tragischen Helden, hier soll sie auch
auf das Verhältnis zwischen Gegenwart der Aufführung und Vergangenheit des Stücks bezogen werden.
56
Poet. 1449b24–28.
57
Poet. 1453a4–6, cf. Rhet. 1385b13 f.
58
Rhet. 1383a8–12; 1386a24–26. Dazu, daß Aristoteles in der Poetik Gleichheit nur als Voraussetzung für
Furcht nennt, s. Grethlein 2003b, 42 Anm. 5 mit weiterer Literatur.
59
Ausführlicher dazu Grethlein 2003b, 41–45. Zum Mitleid bei Aristoteles und in der Tragödie s. a. Halliwell
1986; 2002, 207–233; Belfiore 1992, 177–253; Lada 1993; Zierl 1994; Konstan 2001. Zum Mitleid in der An-
tike im allgemeinen cf. Burkert 1955.
60
Diese Feststellung greift nicht die alte These auf, daß der Chor als Kollektiv den Zuschauern als Identifika-
tionsfigur diene und ihre Rezeption präfiguriere. Wie u. a. Gould 1996 gezeigt hat, bestehen viele Chöre
aus «marginalen» Gruppen und laden athenische Bürger deswegen nicht zur Identifikation ein. Zum Chor
in den Persern s. a. Grethlein 2007.
14 Jonas Grethlein

der Orchestra auf Neuigkeiten aus Griechenland, und beide lauschen dann dem Bericht des
Boten. In ähnlicher Weise verfolgen Chor und Zuschauer als «inneres» und «äußeres» Pu-
blikum das Gespräch zwischen Atossa und Dareios. Dies wird besonders deutlich, wenn
die Charaktere Akte der sinnlichen Wahrnehmung erwähnen. In vv. 210 f. beispielsweise
sagt Atossa über ihren Traum:
… # .  
# # 4
%,
8% # $ &  …
… Dies sind Schreckgesichte, für mich zu sehen,
für euch zu hören …
Genauso wie der Chor hat das Publikum den Traum nicht gesehen, sondern nur Atossas
Bericht gehört.61 Vielleicht können wir folgenden Vers sogar als Ausdruck dieser Doppe-
lung des Publikums verstehen. Als der Bote naht, sagt der Chor in 248:
λ !,  !,«  » « .μ ν μ  %.
Und er bringt gewisse Kunde, gut oder schlecht zu hören.
Die Bestimmung «gut oder schlecht zu hören» ist natürlich der Tendenz des Griechischen
zu polaren Ausdrücken geschuldet. Hier markiert sie aber zugleich implizit die Doppelung
des Publikums, indem sie die Qualität der Neuigkeiten für beide benennt: Sowohl die Zu-
schauer als auch der Chor hören nun vom Boten die Kunde, die für die ersteren gut, für die
letzteren schlecht ist.
Wie dieses Beispiel zeigt, nehmen das «innere» und «äußere» Publikum die Schlacht von
Salamis aus entgegengesetzten Perspektiven statt. Für die Zuschauer im athenischen Thea-
ter handelt es sich um die Niederlage ihrer Feinde; sie haben genügend Distanz zum tra-
gischen Geschehen, um Mitleid und Furcht empfinden zu können. Der Chor in der
Orchestra dagegen hört von der eigenen Niederlage und dem Tod von Verwandten und
Landsleuten. Die alten Perser sind vom Leid zu sehr selbst betroffen, als daß sie mit Mitleid
und Furcht reagieren könnten. Legen wir also Aristoteles’ These zu Nähe und Distanz zu-
grunde, so können wir sagen, daß in die gelungene Tragödie für das athenische Publikum
die mißlungene Tragödie für die Perser eingebettet ist.
Diese Überlegung führt uns zum zweiten Vergleich, nämlich der Gegenüberstellung mit
einer anderen Tragödie, die sich mit den Ereignissen der Perserkriege auseinandersetzte. Im
Jahre 493 wurde Phrynichos’ Stück Halosis Miletou in Athen aufgeführt.62 Wie der Titel
zeigt, handelte die Tragödie von der Einnahme Milets durch die Perser. Nach dem Bericht
Herodots sorgte die Aufführung für einen Tumult und Phrynichos wurde bestraft.63 Als
Grund gibt Herodot an, die Einnahme Milets habe den Athenern 4 % , eigene
Übel, zugemutet. Die Milesier waren als Ionier stammverwandt, und Athen war auch
selbst in den Ionischen Aufstand involviert gewesen. Ebenso wie die Perser behandelt die
Halosis Miletou ein Ereignis aus dem Perserkrieg, doch während Aischylos ein persisches
Desaster auf die Bühne bringt, thematisiert Phrynichos eine griechische Niederlage. Die

61
S. a. 331 f. 4%, ) 9/
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843 f.: D   λ + λ , #  / =-# $ &« ""  3.
62
Cf. Rosenbloom 1993; Mülke 2004 mit weiterer Literatur in 234 Anm. 1.
63
Hdt. 6, 21, 2.
Variationen des «nächsten Fremden». Die Perser des Aischylos im 20. Jahrhundert 15

Reaktionen können als Bestätigung für Aristoteles’ Rezeptionstheorie verstanden werden:


Das Stück, welches das eigene Leid zeigt, fällt durch; das andere, welches Leiden in sicherer
Distanz vorführt, gewinnt den ersten Preis.
Übertragen wir die Forderung, Nähe und Distanz miteinander auszubalancieren, von
der Identifikation mit den Charakteren auf die zeitliche Ebene, so läßt sich mit ihr auch
die Gegenläufigkeit von Distanzierung und Aktualisierung in den Persern und ihren moder-
nen Adaptionen erfassen. Die Perser sind die einzige vollständig überlieferte und eine
von wenigen uns namentlich bekannten historischen Tragödien.64 Alle anderen Tragödien
haben mythische Sujets. Und auch wenn die Griechen nicht so scharf wie wir zwischen
Mythos und Geschichte unterschieden, so zog man für die Tragödien offensichtlich die
heroische Vergangenheit vor. Folgen wir Aristoteles’ Rezeptionstheorie, so können wir
vermuten, daß ein Grund dafür die Distanz war, welche der Mythos bot.65 So konnten
aktuelle Probleme und Spannungen in der «heroic vagueness» entfaltet werden, ohne für
Anstoß zu sorgen. 66
Dem entspricht die Beobachtung, daß die aischyleischen Perser ein zeitgeschichtliches
Ereignis in einen heroischen Rahmen projizieren. Zwischen der Schlacht von Salamis und
der Aufführung der Perser lagen nur acht Jahre. Erst die Entrückung in ein heroisches Re-
gister stellte die Distanz her, die nach Aristoteles für eine Tragödie notwendig war.67
Aber auch die gegenläufige Aktualisierung, die wir in den modernen Adaptionen fest-
stellen konnten, läßt sich mit der aristotelischen These zu Nähe und Distanz erklären. Die
Schlacht von Salamis ist für heutige Rezipienten weit entfernt. Der Konflikt zwischen Grie-
chen und Persern ist verblaßt und das Procedere in antiken Seeschlachten ist uns im Zeital-
ter der High-tech-Kriege fremd. Bringt man die Perser auf die moderne Bühne, so besteht
das Problem nicht in einem Mangel an Distanz, sondern es geht darum, Nähe zu er-
zeugen. 68 Erst die Aktualisierung ermöglicht die Balance von Nähe und Distanz, die nach
Aristoteles für eine Katharsis notwendig ist.69
Einen ähnlichen Mechanismus können wir in vielen Tragödien beobachten, die ein my-
thisches Sujet haben. Immer wieder wird die heroische Handlung an die Gegenwart des de-

64
S. beispielsweise Castellani 1986 und Hall 1996, 9 f. zu den historischen Tragödien. Wir wissen noch von
einer dritten Perser-Tragödie, den phrynicheischen Phoenissen, von denen sogar ein paar Fragmente erhal-
ten sind (TrGrF 3 Phrynichos fr. 8–12).
65
Für andere mögliche Gründe s. Castellani 1986.
66
Cf. Grethlein 2003, 63 f.
67
In einem anderen Aufsatz (Grethlein 2007) werden die Perser als eine Reflexion über die Tragödie als kom-
memoratives Medium interpretiert. Das dichte Netz von Reflexionen über Erinnerung auf der Handlungs-
ebene bildet eine Hermeneutik der memoria und läßt sich auf die Perser selbst als einen Akt der Erinnerung
übertragen. Es ist zu vermuten, daß das zeitgeschichtliche Thema, verschärft durch das Scheitern des Phry-
nichos mit seiner Halosis Miletou, zu einer derartigen Reflexion angeregt hat.
68
Cf. Burian 1997, 252 f., der Psychoanalyse und Anthropologie als zwei Filter nennt, durch welche antike
Mythen von modernen Schriftstellern fruchtbar gemacht werden.
69
Sellars’ Perser-Inszenierung mag als Beispiel dafür dienen, wie fragil das Gleichgewicht von Nähe und Di-
stanz ist. Auch in Europa wurden die Aufführungen nicht unkritisch aufgenommen, aber von der Entrü-
stung, die sie in den USA auslösten (s. die Liste von Rezensionen bei Favorini 2003, 110 n. 63), war nichts
zu spüren. Laut Lahr 1993, 103 verließen in Los Angeles jeden Abend mehr als hundert Zuschauer das
Theater vorzeitig. Folgen wir Aristoteles, so läßt sich vermuten, daß, während die Europäer die harsche
Kritik an der amerikanischen Außenpolitik nicht unmittelbar tangierte, für viele amerikanische Zuschauer
die nötige Distanz zu ihrer Lebenswelt nicht gewahrt war.
16 Jonas Grethlein

mokratischen Athen «herangezoomt».70 In Aischylos’ Hiketiden beispielsweise wird Athen


zwar vom König Pelasgos regiert, aber die Volksversammlung entscheidet, ob dem Hike-
siegesuch der Danaiden stattgegeben wird. Der Bericht über die Volksversammlung stellt
einen demokratischen Entscheidungsprozeß dar und enthält prägnante Termini aus der
zeitgenössischen athenischen Praxis.71 Dadurch wird die mythische Handlung an die Welt
des Publikums herangerückt.
Das «zooming» in den Tragödien und die Aktualisierungen im zeitgenössischen Theater
unterscheiden sich aber voneinander. Das «zooming» vollzieht sich auf der Ebene der Spra-
che – einzelne Begriffe blenden die Gegenwart ein. In modernen Übertragungen finden wir
manchmal ähnliches, beispielsweise in Aulettas Version der Perser, wo moderne Kriegstech-
niken oder sogar «Amerika» genannt werden. Zumeist wird aber die Gegenwart nicht auf
der sprachlichen Ebene, sondern durch die Requisiten eingeblendet, etwa wenn Xerxes
eine Nazi-Uniform trägt. In aristotelischen Kategorien hat sich der Schwerpunkt hier von
der ,6Γ zur ;/Γ, die Aristoteles bezeichnenderweise für das am wenigsten wichtige Ele-
ment der Tragödie hält,72 verschoben.
Fassen wir zusammen: Die aristotelische Reflexion über Nähe und Distanz bietet uns
eine Formel, mit der sowohl die Distanzierung der Schlacht von Salamis im Theater Athens
als auch ihre Aktualisierung auf der modernen Bühne erfaßt werden können. Beiden liegt
das gleiche Prinzip zugrunde, nämlich Nähe und Distanz der Bühnenhandlung zur Wirk-
lichkeit des Publikums auszutarieren, allerdings mit entgegengesetzten Tendenzen. Wäh-
rend das zeitgeschichtliche Ereignis distanziert werden muß, gibt erst die Aktualisierung
der antiken Handlung Relevanz in der Gegenwart.
Vielleicht ist dieser Ansatz über die Perser hinaus fruchtbar, und die von Aristoteles skiz-
zierte Spannung zwischen Nähe und Distanz ist – neben vielen anderen – ein Grund,
warum griechische Tragödien auch in der Gegenwart noch Interesse erregen. 73 Zwar ist die
Spannung zwischen Fremdheit und Aktualisierung bei den Persern besonders stark ausge-
prägt, aber ähnliches läßt sich für die Tragödie im allgemeinen feststellen. Die starren Kon-
ventionen der Tragödie, ihre stilisierte Sprache und ihre archaische Welt gewährleisten aus-
reichend Distanz zu unserer Wirklichkeit. Seidensticker nennt die Distanzierung – auf
ästhetischer, zeitlicher und räumlicher Ebene – als einen wichtigen Aspekt, warum wir
«Vergnügen an tragischen Gegenständen» haben.74 Die Fremdheit antiker Tragödien ver-

70
Zu diesem Terminus s. Sourvinou-Inwood 1989; Grethlein 2003a, 36–41.
71
Cf. Grethlein 2003a, 86–88 mit weiterer Literatur.
72
Cf. Poet. 1450b16–20.
73
Taplin 1991, 53 vermutet, «daß in den letzten zehn bis zwölf Jahren wahrscheinlich so viele Tragödien zur
Aufführung gelangten wie in keiner gleichen Zeitspanne seit der Antike.» Für das Interesse an der griechi-
schen Tragödie werden unterschiedliche Gründe genannt: Taplin 1991, 57 hebt die «Erfahrung der Überle-
bensfähigkeit» hervor, die der Tragödie in einer von Risiken belasteten Zeit Bedeutung verschaffe, s. a. Hall
2004, 45 f. McDonald 1992, 4 sieht in der Tragödie «the redemptive power of individual human suffering»,
das sie der elitenbildenden Funktion der Tragödie entgegenstellt. Laut Foley 1999, 3 erlaubt die griechische
Tragödie «a political response to irresolvable, extreme situations without being crudely topical». Sie weist
außerdem auf die Qualität der Plots und die dramatischen Möglichkeiten hin, welche die griechische Tra-
gödie Frauen biete (4 f.). Wertenbaker 2004, 366 meint, in einer Zeit, die erkenne, daß der Mensch nicht
verstanden werden könne und irrational sei, komme der Tragödie eine besondere Bedeutung zu. Rehm
2003, 141 sieht in der Tragödie «a potential form of cultural resistance against the temporal compulsion of
capitalism».
74
Cf. Seidensticker 2005, 225–232.
Variationen des «nächsten Fremden». Die Perser des Aischylos im 20. Jahrhundert 17

stärkt auf inhaltlicher Ebene dieses dem Drama inhärente Moment der Distanz. Können
wir die Funktion dieser Distanz noch weiter spezifizieren? Nach Hall erlaubt sie es uns, an-
sonsten nicht Zeigbares zu zeigen und nicht Sagbares zu sagen:
«We can’t bear to look upon the corpses of the Iraquis our own soldiers and pilots have
killed, nor on our own angry poor we have created by class war and unemployment, and
have great difficulty even imagining an art form adequate to the representation of the sub-
jectivity of the millions of dead victims of the Holocaust. But through the familiar,
ancient, formal lineaments of Greek tragedy, by peering, at first cautiously, through its
mask, even the pain on which our lives and society are predicated, even the countless for-
gotten people whose suffering we have permitted can be briefly remembered, be rendered
faintly visible and audible, at least for a little while.» s. Hall 2004, 194 f.
Diese Begründung wird jeden, der Zugang zu modernen Massenmedien hat, überraschen.
Die Berichterstattung über den Irakkrieg mag von einer Pressezensur eingeschränkt gewe-
sen sein, aber ansonsten leidet unsere Medienlandschaft sicherlich nicht an einem Mangel
an verstörenden Bildern und schon gar nicht ist nachzuvollziehen, wie eine Theaterauffüh-
rung mit den Schrecken von dem konkurrieren will, was in Nachrichten oder gar in fiktiven
Filmen gezeigt wird! Die Debatte um die Darstellbarkeit des Holocaust wiederum ist eine
ästhetische Diskussion, die nichts aussagt über die Bilder, die – mit welchem Repräsenta-
tionsanspruch auch immer – im Umlauf sind.
Die von Hall behauptete Funktion der Distanz, nämlich das Unsagbare zu sagen, mag in
Diktaturen mit einer restriktiv kontrollierten Öffentlichkeit von Bedeutung sein. So bot die
Antikenrezeption Schriftstellern der DDR wie Heiner Müller einen Rahmen, in dem sie
Kritik äußern konnten.75 In den westlichen Demokratien ist der Reiz, den antike Tragödien
ausüben, aber anders gelagert. So wird die Fremdheit durch Vertrautheit ausbalanciert, die
darauf beruht, daß die griechische Kultur eine wichtige Grundlage unserer Zivilisation ist –
eine Dialektik, die Hölscher mit dem Begriff des «nächsten Fremden» so treffend charak-
terisiert hat. Die Aktualisierungen können also an bereits in den Texten angelegte Verbin-
dungen anknüpfen, wobei Übersetzung und Inszenierung die Ventile bilden, welche die
Spannung zwischen Nähe und Distanz regulieren.
Über ihre Verfremdungsfunktion hinaus zeichnen sich die antiken Modelle dadurch aus,
daß sie eine gegenüber unserer Welt geringe Komplexität haben,76 aber zugleich keine ein-
fachen Antworten bieten, sondern Spannungsräume entwerfen. Zudem wird «klassischen»
Texten zwar keine überzeitliche Geltung mehr zugesprochen, sie genießen aber doch noch
eine gewisse Autorität. Welchem Regisseur es gelingt, ein aktuelles Problem in der Insze-
nierung einer griechischen Tragödie anzusprechen, der wird mehr Gehör finden als einer,
der das gleiche mit einem japanischen Noh-Drama tut.
Auch wenn die griechische Tragödie nicht benötigt wird, um das Unsagbare zu sagen, so
bietet sie sich doch als ein Rahmen der Verfremdung an, in der das nächste fremd wird und
im Fremden das nächste neu gesehen werden kann. Mit dieser Einladung zur Reflexion, die

75
Cf. Seidensticker 1991, 424–427; 1992, 351, der von der Beobachtung ausgeht, daß die Antike in der ost-
deutschen Nachkriegsliteratur eine wesentlich größere Rolle spielt als in der westdeutschen. Ein weiterer
Grund sei die Bedeutung der Antike bei Brecht, der die DDR-Literatur prägte (1992, 350). Für einen Über-
blick zur Antikenrezeption bei DDR-Schriftstellern s. Riedel 1984.
76
Cf. Seidensticker 1992, 363.
18 Jonas Grethlein

auf der bereits von Aristoteles formulierten Dialektik von Nähe und Distanz beruht, erfül-
len die Dramen von Aischylos, Sophokles und Euripides bei allen Unterschieden heute
noch eine Funktion, die ihnen bereits in der Antike zukam.

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Secundum verum fingere 21

Gregor Vogt- Spira

Secundum verum fingere

Wirklichkeitsnachahmung, Imagination und Fiktionalität: Epistemologische


Überlegungen zur hellenistisch-römischen Literaturkonzeption

Die griechisch-römische Antike hat ein Text- und Literaturkonzept ausgebildet, das in sei-
nen zentralen Kategorien für den literaturtheoretischen Diskurs bis heute ein Bezugspunkt
geblieben ist. Indes weist es eine Reihe von Zügen auf, die auf dem Hintergrund gegenwär-
tiger Gewohnheiten und Erwartungen schwer verständlich erscheinen. Zwar haben die
letzten Jahrzehnte die Einsicht in die Historizität von Text- und Literaturkonzepten erheb-
lich geschärft, gleichwohl ist die historische Spezifik der antiken Schriftkultur bislang ka-
tegorial noch wenig erschlossen.
Dabei gibt es Auffälligkeiten genug. Eine solche ist die Verhältnisbestimmung von Lite-
ratur und ‹Wirklichkeit›; in der Terminologie von Rhetorik und Poetik: das Verhältnis von
res und verba. Es scheint zum Grundbestand geläufiger Auffassungen über Literatur zu ge-
hören, daß dieses Verhältnis fiktional ist: Literatur kann Realität nie abbilden oder nachah-
men, und wenn sie das vermeint, muß es grundsätzlich mißlingen. Fiktionaliät ist seit dem
16. Jahrhundert nachgerade zur spezifischen Differenzqualität von Literatur avanciert; jün-
gere Arbeiten haben die Schlüsselrolle deutlich gemacht, die die Kommentierung der ari-
stotelischen Poetik seit Robortello dabei spielt.1 Wenn in der Folge als Problem ins Zentrum
tritt, daß die ‹Kluft› zwischen Text und ‹Wirklichkeit› nicht zu überwinden ist, erscheint
die Forderung konsequent, daß Literatur sich von der Fixierung auf eine ‹Nachahmung der
Wirklichkeit› zu lösen habe. Das führt schließlich bis zum Modell einer Literatur- und Äs-
thetikgeschichte, nach der die Überwindung von mimesis zu Ausweis und Telos literari-
scher Modernisierung avanciert.
Das Leitideal der ‹Lebensechtheit›, das die Antike durchzieht, geht indes in diesen Prä-
missen nicht auf. Auffallend ist zunächst, mit welcher Selbstverständlichkeit es zumal in
Hellenismus und Kaiserzeit den normativen Horizont bildet. Ein eindrückliches Zeugnis
liefert nicht zuletzt die Malerei, die sich ohne weiteres für literaturtheoretische Fragen her-
anziehen läßt, da entsprechend der Auffassung, daß Malerei und Dichtung austauschbar
seien, in zentralen Punkten dieselben Kriterien angesetzt werden.2 So leitet etwa der ältere
Plinius seine ‹Kunstgeschichte› mit dem Fall eines Freigelassenen Neros ein, der ein Fecht-
spiel zu Antium gegeben und dazu die Säulenhallen mit Darstellungen der ganzen spiel-
beteiligten Gladiatoren versehen habe: Malereien, so heißt es näher, auf denen die Bilder

1
Vgl. zuletzt Schönert / Zeuch (2004); hierin besonders Schmitt (2004).
2
Zur Rückwirkung der Literatur- auf die Kunstkritik Pollitt (1974). Zum systematischen Hintergrund Vogt-
Spira (2002).
22 Gregor Vogt-Spira

der Gladiatoren und Diener lebensgetreu wiedergegeben worden seien. Hierin, kommen-
tiert Plinius, habe bereits seit vielen Jahrhunderten der höchste Sinn der Malerei bestanden;
das Beispiel liefert dann nachgerade den Ausgangspunkt, ‹die berühmten Vertreter in dieser
Kunst durchzugehen›.3 Und in der Tat erweisen sich verum und veritas – in der weiten,
die Spanne von ‹Wahrheit› und ‹Wirklichkeit› umfassenden Bedeutung des lateinischen Be-
griffs – durchgängig als leitender Maßstab.4
Nicht minder als für die Kunst gilt dies für die literarische Seite; so liefert etwa Nach-
ahmung im Sinne einer möglichst wirklichkeitsgetreuen Darstellung einen der Haupt-
gesichtspunkte der kaiserzeitlichen Vergilkommentierung. 5 Geradezu als Mustergattung
für das Ideal der Lebensechtheit wird die Komödie betrachtet. Der locus classicus findet
sich in Ciceros De re publica; der dreigliedrige Ausdruck macht deutlich, daß die Tradition
eine gewisse Varianz der Formulierung für die Relation ausgebildet hat:6
Comoediam esse Cicero ait imitationem vitae, speculum consuetudinis, imaginem veritatis.
In ähnlichem Sinne rühmt später Quintilian an Menander, er habe ein vollständiges Bild des
menschlichen Lebens zum Ausdruck gebracht; 7 dahinter steht ein Dictum des Aristopha-
nes von Byzanz, der Menander zum vorzüglichsten Autor der ganzen griechischen Lite-
ratur nach Homer erklärt hatte:8 τ M λ , « Ν#  
$ ; Das Kriterium der Lebensechtheit wird dann schließlich so durchgängig,
daß es für die Komödienexegese der Kaiserzeit die maßgebliche Leitlinie liefert.9
Die Beispiele, die sich leicht vermehren lassen, zeigen, daß dieses Ideal die gesamte
Wirklichkeit, alle Dinge, die Natur oder wie der Formulierungen mehr sind, umfaßt. Die
Nachahmung läßt sich hierin also nicht auf einen bestimmten Gegenstand begrenzen wie
etwa ‹Handelnde› in der aristotelischen Poetik, vielmehr geht es um die Welt insgesamt: mit
späteren Schlagworten um imitatio rerum oder imitatio naturae.
Hier stößt man nun auf eine methodische Grundsatzfrage: Denn die Prämisse der histo-
rischen Erkenntnis, die für Werke der Kunst und Literatur nachgerade selbstverständlich
gilt, findet weit weniger Anwendung auf die ästhetischen Theorien, die zu ihnen überliefert
sind und die ihren Rahmen abgeben; im Gegenteil dominiert hier eine systematische
Perspektive, unter der die Theorien der Vormoderne als vorkritisch und damit gegenüber
heutigen Standards ungenügend erscheinen. Wenn indes jene Standards etwa auf Phäno-
mene aus der Antike angewandt werden, besteht Gefahr, daß dabei Vorannahmen zur Wir-
kung kommen, die historisch nicht zutreffen. Daher gilt auch für die Literaturtheorie, was
für die Künste längst geleistet ist, daß die ‹querelle des anciens et des modernes› in das Sta-
dium der Historisierung weiterzutreiben ist: Es bedarf mithin einer historischen Epistemo-

3
Plin. N. h. 35, 52: Libertus eius, cum daret Antii munus gladiatorum, publicas porticus occupavit pictura, ut
constat, gladiatorum ministrorumque omnium veris imaginibus redditis. Hic multis iam saeculis summus ani-
mus in pictura. […] nunc celebres in ea arte quam maxima brevitate percurram.
4
Für die Popularität dieser Anschauung stehe hier exempli gratia nur noch Vitr. De arch. 7, 5, p. 173, 19 f.:
Neque enim picturae probari debent quae non sunt similes veritati.
5
Einige gute Beobachtungen bei Lazzarini (1989), 100–104.
6
Cic. Rep. 4, 13: «Die Komödie, sagt Cicero, sei eine Nachahmung des Lebens, ein Spiegel der Gewohnheit,
ein Abbild der Wirklichkeit.» Dazu Blänsdorf (1983).
7
Quint. Inst. 10, 1, 69.
8
Men. Test. 32 K-Th = 83 K.-A.: «O Menander und Leben, wer von euch beiden hat den anderen nachge-
ahmt?»
9
Vgl. Jakobi (1996), 158–177, bes. 176 f.
Secundum verum fingere 23

logie, indem der Blick auf die Bezugssysteme zu lenken ist, innerhalb deren ein solches
Leitbild der möglichst lebensechten Wirklichkeitsnachahmung verständlich werden kann.
Ausgangs- und Angelpunkt der folgenden Überlegungen ist der für die gesamte Antike
gültige und weit über sie hinaus wirksame enge Konnex zwischen Sinneswahrnehmung
und Denken, zwischen physikalisch-physiologisch-neurologischer Welt und jener der Be-
deutungsgebung. Er hat seine Fundierung insbesondere im Seelenmodell des Aristoteles
gefunden, das in De anima entwickelt, in den einzelnen Philosophenschulen verschieden
facettiert und dabei zumal in der Spätantike einer reichen Kommentartätigkeit unterzogen
worden ist, doch in seinen wesentlichen Grundzügen konstant blieb. Der enge Konnex
zwischen Sinneswahrnehmung und Denken hat den Status eines allgemeinen Wissens er-
langt, das vielerlei Vorstellungen prägt, ohne daß es dabei im einzelnen immer der theore-
tischen Explikation bedürfte.
Dies gilt nun speziell für einige Grundannahmen im Bereich der Literatur. Es liegt auf der
Hand, daß die Annahme eines Konnexes zwischen Sinneswahrnehmung und Denken unmit-
telbar an die Frage nach dem Verhältnis von ‹Wirklichkeit›, also sinnlich erfahrbarer ‹Welt›,
und Texten rührt. Betrachtet man unter diesem Blickwinkel die zur Zeit geläufigen Annah-
men zur Fiktionalität von Literatur, wird deutlich, daß die epistemologischen Ausgangsvor-
aussetzungen und Vorannahmen grundlegend verschieden sind. Das zeigt paradigmatisch
schon das Kolloquium ‹Funktionen des Fiktiven› der Gruppe ‹Poetik und Hermeneutik›, das
als erster umfassender interdisziplinärer Konzeptionalisierungsversuch mit seinem Pro-
gramm, «aus der für die Neuzeit geltenden Opposition von Fiktion und Wirklichkeit» aus-
zubrechen, für die letzten beiden Jahrzehnte katalysatorisch wirkte.10 Dort wurde das Ver-
hältnis nunmehr offengelassen, wobei Gemeinsamkeit bestand in dem «Impuls, sich vor
einer Konzeptualisierung der Differenz zu hüten». Statt indes die Annahme der Differenz in
Frage zu stellen, wurde nur ihre statische Auffassung aufgelöst und dynamisiert; dabei erhielt
insbesondere die Kunst als Spezifikum zugewiesen, daß sich hier die Differenz zu einem un-
endlichen Spiel entfalte in einer «Oszillationsbewegung, die eine ästhetische Affektion er-
zeugt, in der wir nie ganz zur Ruhe kommen. Denn hier wird die Differenz als unabschließ-
barer Prozeß gegenwärtig gehalten, der alle im Spiel befindlichen Positionen in ein Anderes
ihrer selbst kippen läßt».11 In Wolfgang Isers Triade des Realen, Fiktiven und Imaginären
schließlich findet sich dieser Ansatz reich ausgeformt und in direkten Bezug zu der von Pla-
ton und Aristoteles ausgehenden mimesis-Debatte gestellt, wobei jedoch als Prämisse gilt,
daß das Textspiel als Transformation seiner Referenzwelten verlaufe und folglich keine der
Referenzwelten Gegenstand der Darstellung sein könne.12 Einmal also Differenz, das andere
Mal Verknüpfung von sinnlich erfaßbarer und kognitiver Welt: An diesem Beispiel ist schon
zu erkennen, inwiefern die darein jeweils gegründeten Literaturmodelle geradezu notwendig
voneinander abweichen, ohne unmittelbar aufeinander abbildbar zu sein.
Wir werden im folgenden den Focus auf Hellenismus und Kaiserzeit richten als einer
Scharnierzeit, in der unter den Bedingungen einer vollausgebildeten Schriftkultur antikes
Wissen schulmäßige Standardform erlangt und von daher weitertradiert wird. Insbeson-
dere in der frühen Neuzeit bleibt es für das poetisch-rhetorische Literaturmodell bestim-
mend, das dann bei der Überformung durch die Rezeption der aristotelischen Poetik die

10
Henrich / Iser (1983); Zitat 497 (Iser).
11
Zitate aus der zusammenfassenden Schlußbetrachtung Isers, ebd. 555.
12
Iser (1993); hier bes. 481.
24 Gregor Vogt-Spira

Basis bildet. Es wird daher um die Frage gehen, wie Literatur innerhalb dieses grundsätz-
lichen Konnexes von Wahrnehmung und Denken zu verorten ist.

II

In einem ersten Schritt seien einige charakteristische Züge des Modells entwickelt, das in
Scholien, Grammatiken und Sammelwerken in der Spätantike zu einem Basiswissen ge-
ronnen ist und von daher einen der über die Antike hinausreichenden Kontinuitätsfäden
darstellt. Auffallend ist dabei, welch große Rolle in konzeptionellen Äußerungen zu Lite-
ratur das Moment sinnlicher Wahrnehmung spielt. Deutlich wird dies etwa bei dem zen-
tralen Postulat der enargeia, das in der rhetorischen Theorie ausformuliert wird und ebenso
in die hellenistische Homerkritik eindringt, um dann zu einem Grundwissen für Textpro-
duktion und -rezeption zu avancieren.
Die Anforderung lautet, die Dinge so darzustellen, daß es ist, als sähe man sie deutlich
vor sich.13 Die Zielrichtung liefert ein ostendere, das sich als Steigerung und Überbietung
eines schlichten dicere versteht. Das Verfahren findet sich dabei unmittelbar mit den Sin-
nesorganen in Verbindung gebracht. So heißt es explizit, eine Rede leiste nicht genug und
übe ihre Herrschaft nicht gebührend aus, wenn ihre Kraft nur bis zu den Ohren reiche; als
summa virtus gilt vielmehr – hier paradigmatisch für den Fall der Gerichtsrede –, daß ein
Richter von dem, worüber er zu Gericht sitze, nicht glauben dürfe, es werde erzählt, viel-
mehr es werde herausmodelliert und zeige sich vor dem geistigen Auge.14
Jenes ‹geistige Auge› ist die Instanz der phantasia, der Imaginationskraft. Ihre Leistung
findet sich an einer Schlüsselstelle bei Quintilian kanonisch formuliert:15
Quas  « Graeci vocant (nos sane visiones appellemus), per quas imagines rerum
absentium ita repraesentantur animo, ut eas cernere oculis ac praesentes habere videa-
mur […].
Das findet sich nachfolgend am Beispiel dessen, der eine besonders reiche Einbildungskraft
besitzt, noch weiter veranschaulicht:16
Quidam dicunt   qui sibi res voces actus secundum verum optime finget:
quod quidem nobis volentibus facile continget; nisi vero inter otia animorum et spes ina-
nes et velut somnia quaedam vigilantium ita nos hae de quibus loquor imagines prosecun-
tur ut peregrinari navigare proeliari, populos adloqui, divitiarum quas non habemus usum
videamur disponere, nec cogitare sed facere.

13
Quint. Inst. 8, 3, 62.
14
Ebd.; die Wendung oculi mentis geht auf Platons μ « «  (Rep. 533 d 2) zurück.
15
Quint. Inst. 6, 2, 29: «[…] was die Griechen   nennen – wir können visiones dafür sagen –, wo-
durch die Bilder abwesender Dinge so im Geiste vergegenwärtigt werden, daß wir sie scheinbar vor Augen
sehen und sie wie leibhaftig vor uns haben […].» – Die Übersetzung aus Quintilian hier und im folgenden
nach H. Rahn.
16
Ebd. 30: «Manche nennen den  «, der sich Dinge, Stimmen und Vorgänge am wirklichkeits-
getreuesten vorstellen kann, und das kann uns, wenn wir wollen, leicht gelingen. Umgeben uns doch schon
in Zeiten der Muße, wenn wir unerfüllten Hoffnungen nachhängen und gleichsam am hellen Tage träumen,
solche Phantasiebilder so lebhaft, als ob wir auf Reisen wären, zu Schiffe führen, in der Schlacht stünden,
zum Volke redeten oder über Reichtümer, die wir nicht besitzen, verfügten, und das alles nicht nur in Ge-
danken, sondern es wirklich täten.»
Secundum verum fingere 25

Der Tagträumer liefert einen Extremfall, an dem sich der Mechanismus der phantasia
besonders eindrücklich veranschaulichen läßt. Strukturell beruht dies auf dem Grundge-
danken einer der üblichen gegenläufigen Bewegung: Statt vom Sinnesorgan zum Vorstel-
lungsvermögen verläuft der Prozeß vielmehr in Gegenrichtung auf das Telos einer Rück-
koppelung an die Sinne hin. Zentral ist die Junktur praesentes habere, in welcher die
rhetorische Schlüsselkompetenz des μ !" %,17 der hier das cernere oculis
entspricht, Verallgemeinerung erfährt. Wie geläufig dieser Gedanke ist, zeigt der Vergil-
kommentar des Servius, der für das vierte und fünfte Jahrhundert sogar im lateinischen Be-
reich einen geradezu selbstverständlichen Gebrauch des griechischen Terminus phantasia
bezeugt. So findet sich zur zweiten Ekloge, als der unglücklich in Alexis verliebte Hirt Co-
rydon jenen im Selbstgespräch anredet: quem fugis, a ! demens?, vermerkt: iterum per phan-
tasiam quasi ad praesentem loquitur.18 Damit findet sich die Vorstellung, daß phantasia die
Präsenz eines Abwesenden zu schaffen vermöge, auf der Ebene des Schulwissens wieder.19
Die Zielrichtung erhellt aus der etymologischen Deutung von Präsenz, die Isidor von Se-
villa in seinen Origines in dem Abschnitt zu den sensus corporis bietet:20 unde et praesentia
nuncupantur, quod sint prae sensibus. In Quintilians Behauptung steckt also nichts weniger,
als daß Worte, wenn sie Abwesendes gegenwärtig machen, es prae sensibus stellen. Daß dies
tatsächlich das Konzept ist, zeigt auch die Auffassung des Buchstabens, deren Quintessenz
in einer berühmten Definition wiederum bei Isidor gefaßt ist, in der dasselbe Phänomen
nicht unter visuellem, sondern unter akustischem Aspekt beschrieben wird:21
Litterae autem sunt indices rerum, signa verborum, quibus tanta vis est, ut nobis dicta ab-
sentium sine voce loquantur.
Das Leitmodell, daß Texte Abwesendes, Nicht-Vorhandenes sinnlich erfahrbar machen, es
prae sensibus stellen – wobei oft Augensinn oder Tastsinn als pars pro toto genannt werden,
wie in den Formulierungen ‹etwas vor Augen stellen› oder auch ‹etwas manifest werden
lassen› 22 –, findet eine programmatische Ausformung schließlich in der Gattung der Ek-
phrasis: Im Rahmen der Zielvorstellung einer Überbietung des Bildes durch das Sprachme-
dium beansprucht sie, potentiell alle Sinne einzubeziehen. So leitet Philostrat etwa eine
Bildbeschreibung mit der Bemerkung ein, die bloße optische Wahrnehmung vermittele den
Wohlgeruch eines Gartens noch nicht, mit den Worten hingegen würde auch der Duft von
Äpfeln zum Zuhörer gelangen.23 An anderer Stelle wird der Anspruch erhoben, daß der
Hörer oder Leser durch die Vermittlung der Worte auch den Duft von Rosen rieche, die
Geräusche einer Szene höre oder die Süße einer Marmelade schmecke.24

17
Arist. Rhet. iii 11, 1411 b 23.
18
Serv. Verg. E. 2, 60.
19
Vgl. Watson (1994), 4801 mit weiteren Beispielen; s. auch Lazzarini (1989), 100 f.
20
Isid. Etym. 11, 1, 19: «Woher es auch als gegenwärtig bezeichnet wird, weil es sich vor den Sinnen befin-
det» – was anschließend am Spezialfall der Augen näher erläutert wird: sicut prae oculis, quae praesto sunt
oculis.
21
Isid. Etym. 1, 3, 1: «Die Buchstaben indes sind Anzeiger der Dinge und Zeichen der Worte, denen so viel
Kraft innewohnt, daß sie die Worte Abwesender ohne Stimme zu uns sprechen lassen.»
22
Quint. Inst. 8, 3, 70.
23
Philostr. Eik. 1, 6, 1.
24
Ebd. 1, 2, 4; 1, 2, 5; 2, 26, 3.
26 Gregor Vogt-Spira

Fassen wir zusammen, so gründet das hier faßbare Textmodell in dem Leitideal, daß eine
von außen induzierte sowie eine durch Texte auf dem Weg über phantasia stimulierte Sin-
neswahrnehmung nicht als verschieden erlebt werden: Ziel und Leitbild ist die Aufhebung
der Differenzwahrnehmung – nicht die Differenz, sondern ihre Eliminierung und das Ab-
sehen von ihr organisiert das Modell. Viele Ungewißheiten lassen sich darauf zurückfüh-
ren, daß die uns geläufige Annahme von der Unhintergehbarkeit der Differenz als domi-
nanter Problemkonstellation auf die Antike zurückprojiziert wird.
Daß dem antiken Textmodell keineswegs ein Mangel an Reflektiertheit oder eine noch
ungenügende Kategorienbildung zugrundeliegt, wird im übrigen aus der Zweckbestimmung
deutlich, zu der der beschriebene Mechanismus der Vorstellungsbildung in der Rhetorik ein-
gesetzt wird. Denn es ist kein Zufall, daß Quintilian das Konzept der phantasia gerade in dem
Kapitel zu den Affekten einführt. Die Problemstellung lautet, wie es möglich sei, sich ergrei-
fen zu lassen, obwohl die Gemütsbewegungen doch nicht in unserer Gewalt stünden.25 Um
hier eine Methode aufzuzeigen, wird der Umweg über das Imaginationsvermögen mit seiner
Fähigkeit, Dinge wie leibhaftig vor Augen zu stellen, genommen, um daraus zu folgern:26 Has
quisquis bene ceperit is erit in adfectibus potentissimus. Denn mit der Erzeugung von Vorstel-
lungsbildern sei in entscheidendem Maße eine Disposition geschaffen, die die Auslösung von
Affekten begünstige; dies erhellt aus einem späteren Nachsatz zur Bestimmung der enargeia,
die nicht mehr in erster Linie zu reden, vielmehr das Gesehene anschaulich vorzuführen
scheine:27 […] et adfectus non aliter, quam si rebus ipsis intersimus, sequentur. Wenn die Ge-
fühlsregungen nicht anders folgen, als wären wir selbst zugegen, reicht die präsentische
Struktur, die sich als spezifische Leistung sprachlicher Darstellung erwiesen hatte, soweit,
daß sie über den Vorstellungsbereich hinaus in die Handlungssphäre hineinwirken kann.
Solches Leitbild der Aufhebung der Differenzwahrnehmung beruht nun auf einigen Vor-
annahmen; eine zentrale Rolle kommt hierbei dem Vermögen der phantasia zu supplemen-
tieren zu. In Plinius’ Kunstgeschichte heißt es einmal, man erkenne auf einem Bild immer
mehr, als gemalt sei.28 Quintilian beschreibt diesen Vorgang im Zusammenhang der Tech-
niken, die enargeia erzeugen, deren eine unter dem Oberbegriff der Vervollständigung
steht: Mit den Worten werde gewissermaßen ein vollständiges Bild der Dinge nachgezeich-
net. 29 Es handelt sich um eine Passage aus dem Schlußbuch von Ciceros Zweiter Rede gegen
Verres – mithin um eine ausdrücklich als solche gekennzeichnete Reaktion eines Lesers: 30
An quisquam tam procul a concipiendis imaginibus rerum abest ut non, cum illa in Ver-
rem legit: ‹stetit soleatus praetor populi Romani cum pallio purpureo tunicaque talari mu-
liercula nixus in litore›, non solum ipsos intueri videatur et locum et habitum, sed quae-
dam etiam ex iis quae dicta non sunt sibi ipse adstruat.

25
Quint. Inst. 6, 2, 29.
26
Ebd. 30: «Jeder, der diese Erscheinung gut erfaßt hat, wird in den Gefühlsregungen am stärksten sein.»
27
Ibid. 6, 2, 32: «[…] und ihr folgen die Gefühlswirkungen so, als wären wir bei den Vorgängen selbst zu-
gegen.»
28
Plin. N. h. 35, 74.
29
Quint. Inst. 8, 3, 63: […] tota rerum imago quodam modo verbis depingitur.
30
Ebd. 64: «Oder ist jemand so unempfänglich für die Gabe, die Dinge bildhaft aufzufassen, daß er, wenn er
die Stelle in den Reden gegen Verres liest: ‹Da stand in seinen Pantöffelchen der Praetor des römischen Vol-
kes mit purpurnem Griechenumhang und bis zum Knöchel reichendem Leibrock auf sein Dämchen ge-
stützt am Gestade›, nicht nur meint, die Personen selbst vor sich zu sehen, die Örtlichkeit sowie ihre Auf-
machung, sondern sich auch manches von dem, was nicht gesagt worden ist, selbst hinzuergänzt?»
Secundum verum fingere 27

Wir befinden uns in der glücklichen Lage, daß Quintilian als Beispiel im folgenden auch
sein eigenes Supplementieren anführt:31
Ego certe mihi cernere videor et vultum et oculos et deformes utriusque blanditias et eo-
rum qui aderant tacitam aversationem ac timidam verecundiam.
Der eine ciceronische Satz hat mithin eine rege Ergänzungstätigkeit zu einer richtiggehen-
den kleinen Szene in Gang gesetzt, die in Abhängigkeit vom Träger und dessen Imagina-
tionskraft jeweils leicht unterschiedlich ausfallen kann. Dies ist im übrigen nicht mit der
Konzeption einer ‹logique supplémentaire› im Sinn einer Differenzlogik zu verwechseln:
Es geht nicht um die Frage, ob der ‹Supplementcharakter› von Wort oder Schrift vermeint-
lich sei oder nicht. 32 Im Gegenteil, gerade die Differenzaufhebung zur sinnlichen Wahrneh-
mung findet sich nachdrücklich markiert im Sinne der Definition der enargeia als & «
«  μ '« ()« Ν* ' +*. 33 Dafür stehe hier noch als Beispiel die
ciceronische Beschreibung eines üppigen Gastmahls: 34
videbar videre alios intrantis, alios autem exeuntis, quosdam ex vino vacillantis, quosdam
hesterna ex potatione oscitantis. Humus erat inmunda, lutulenta vino, coronis languidulis
et spinis cooperta piscium.
Quintilian zitiert dies mit dem anerkennenden Kommentar: Quid plus videret qui intras-
set? 35 Die sprachliche Darstellung biete also eben das, was ein realer Beobachter hätte sehen
können. In welchem Grade solcher Bezug leitend ist, dafür sei zuletzt Quintilians Urteil
über Vergils Darstellung des Faustkampfs zwischen Dares und Entellus bei den Leichen-
spielen für Anchises angeführt: Die Schilderung mache uns die Erscheinung der Boxer, wie
sie zum Schlag ansetzten, derart sichtbar, wie sie auch dem Zuschauer nicht deutlicher
hätte gewesen sein können. 36 Man muß sich die Konstellation genau vergegenwärtigen:
Der Hörer oder Leser wird also dem impliziten Zuschauer einer literarisch dargestellten
Szene parallel gesetzt und es wird dazu vermerkt, daß der innertextlich angenommene
visuelle Eindruck, der nach Maßgabe der ‹realistischen› Interpretation wie ein ‹live› erzeug-
ter behandelt wird, nicht stärker sei als jener, der durch den Text hervorgerufen werde. 37
Das ist eine Betrachtungsweise des Verhältnisses von ‹fiktionaler› und ‹realer› Welt, die

31
Ebd. 65: «Ich jedenfalls meine deutlich seinen Gesichtsausdruck vor meinen Augen zu sehen und die Au-
gen und die ekelhaften Zärtlichkeiten der beiden einerseits und auf der anderen Seite die stumme Gebärde
der Ablehnung bei den Anwesenden und ihre betretene Scheu.»
32
So stellt er sich unter der Disjunktion ‹signifiant – signifié› notwendig dar: Unter der Perspektive histori-
scher Wahrnehmungs- und Beschreibungsweise sind indes alle auf die Saussure’sche Opposition aufbauen-
den Modelle zunächst einmal nur eine von mehreren denkbaren Optionen, bei denen zuallererst zu prüfen
ist, unter welchen Bedingungen historisch welche Option realisiert worden ist. Die Uminterpretation an-
tiken Wissens in der frühen Neuzeit ist ein weites und aufschlußreiches Feld.
33
Dion. Hal. De orat. vet. Lys. 7: «eine Art Vermögen, die die Worte mit Wahrnehmungen unterlegt», die
dann im folgenden eben als gedanklich erzeugt bestimmt werden.
34
Cic. fr. orat. 6, 1 Sch. (= Quint. Inst. 8, 3, 66–67): «Ich meinte es zu sehen, wie die einen hereinkamen, an-
dere aber hinausgingen, manche vom Wein schwankten, manche vom gestrigen Zechen noch gähnten. Der
Boden war unsauber, von Weinlachen schmierig, bedeckt mit den verwelkten Kränzen und den Gräten der
Fische.»
35
Quint. Inst. 8, 3, 67.
36
Ebd. 8, 3, 63 mit Bezug auf Verg. Aen. 5, 426–460.
37
Ebenso etwa Schol. bT zu Hom. Il. 23, 362. Dazu auch v. Franz (1943), 21 und Lazzarini (1989), 101.
28 Gregor Vogt-Spira

dann die gesamte Aeneis-Kommentierung durchzieht und die den modernen Interpreten
vor das überraschende Fehlen manch vertrauter Kategorien stellt.38

III

Aus den vorstehenden Beispielen wurde deutlich, daß hier ein Leitkonzept zugrundeliegt,
nach dem Literatur eine Analogie zu Sinnesempfindungen auszulösen vermag bis hin zu
dem idealen Wert, daß Induktion durch Texte von einer solchen durch Außenwahrneh-
mung ununterscheidbar wird. Dieses Leitkonzept erhellt nun aus dem Kognitions- oder –
historisch zutreffender – Seelenmodell39, durch welches Beschreibungsoptionen für den
Zusammenhang von physisch-physiologischer Welt und jener des Denkens geschaffen
werden. Diese epistemologische Basis gilt es in ihrer systematischen Bedeutung zu erschlie-
ßen, zumal die erheblichen literaturtheoretischen Konsequenzen der hier grundgelegten
Annahmen auf der Hand liegen.
Verdeutlichen kann dies vorab ein Blick auf jene Instanz, der in Hinblick auf Literatur
eine Schlüsselrolle beigemessen wird: phantasia. Ihre Einführung in das Seelenmodell als
eine Art Zwischenglied, das die Verbindung zwischen sinnlicher Wahrnehmung einerseits
und Denken andererseits gewährleisten soll, stellt eine eigentümliche aristotelische Inno-
vation dar, die in ihren späteren Übertragungen als imaginatio, imaginazione, Imagination,
imagination, fancy, Einbildungskraft etc. in der Philosophiegeschichte – und über diese hin-
aus – außerordentliche Fortune erlebt hat und dabei auch für Literaturtheorien ein Bezugs-
punkt blieb. Doch wird in der seit etwa 30 Jahren intensiv geführten Debatte um das
aristotelische phantasia-Konzept fast einhellig und mit großem Nachdruck auf den tief-
greifenden Unterschied zu allen posthumeschen oder gar postkantischen Auffassungen
hingewiesen.40 Und dies völlig zurecht, denn ‹Phantasie / Imagination / Einbildungskraft›,
wie auch immer man übersetzen mag,41 haben eine ganz verschiedene Stellung, wenn sie
innerhalb eines Kontinuums, das von den Sinnesorganen bis zu dem höchsten noetischen
Vermögen reicht, angesiedelt oder als reine Geistestätigkeit unter Vorannahme einer un-
überwindbaren Grenze zu den sensorischen Vermögen aufgefaßt werden.
Die Konsequenzen, die sich für antike Literaturtheorie daraus ergeben, sind bislang nicht
hinreichend in den Blick genommen worden. 42 Dies dürfte nicht zuletzt daher rühren, daß
man sich auf die aristotelische Poetik konzentriert hat, in der eine Verknüpfung mit dem
Konzept der phantasia – möglicherweise schon aus chronologischen Gründen – ganz au-

38
Nicht zuletzt hat dies Konsequenzen für die Konzeption des Autors: vgl. dazu Vogt-Spira (2006).
39
Zum historischen Wandel vgl. Hagner (1997).
40
So bereits Schofield (1992), bes. 250 f. (zuerst 1975). Der Ansatz von Rosenmeyer (1986),   unter
der Rubrik «Vorgeschichte eines Leitbegriffs der europäischen Ästhetik» zu behandeln, ist daher – unge-
achtet teilweise vorzüglicher Einzelanalysen – mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten.
41
Es gibt einige Stimmen, die sich dagegen aussprechen, phantasia überhaupt mit dem durch die lateinische
Tradition eingeführten Terminus Imagination zu übersetzen: Schofield (1992) 250 f.; Frère (1996), 337 et alii.
Zur Übersetzungsgeschichte vgl. Rosenmeyer (1986), 197–199; speziell zur terminologischen Entwicklung
im Lateinischen Flury (1988). Indes liegt das Problem nicht in dem Begriff, der für die Übersetzung gewählt
wird, sondern in dem Konzept, das damit verknüpft wird.
42
Mit gutem Grund beklagt dies Jean Frère (1996), der neben einer phantasia aisthetike und einer phantasia
logike auch eine phantasia mimetike bzw. poietike unterscheiden möchte, ohne dies allerdings konzeptionell
klar durchzuführen.
Secundum verum fingere 29

ßerhalb des Horizonts liegt. Vielmehr findet sich die Instanz der Imagination von einem
anderen Ausgangspunkt her entwickelt: In De anima, der Hauptschrift zum Gegenstand,
geht es um die Unterscheidung seelischer Vermögen als Grundlegung für die naturwissen-
schaftlich-biologischen Schriften, ohne daß Literatur folglich im Blickfeld wäre.43 In jedem
Fall ist die Verbindung erst in der rhetorischen Theorie und dann der alexandrinischen
Literaturkritik, insbesondere der Homerexegese, hergestellt worden – dies läßt sich im
übrigen als Quelle Quintilians wegen seiner auffallenden Verknüpfung von phantasia, en-
argeia und Dichterzitaten wahrscheinlich machen44 – und dadurch zu einem Basiswissen
geworden, ohne dabei allerdings die scharfe Kontur einer übergreifenden Literaturtheorie
gewonnen zu haben.
Das Konzept der phantasia bildet die Scharnierstelle zwischen Sinnen und eigentlichem
Erkenntnisakt gemäß der Dreigliederung der Erkenntnisvermögen der Seele in aisthesis,
phantasia und noesis, deren Leistungen jeweils aufeinander aufbauen. Mit Aristoteles’ sy-
stematischer Begründung zeigt sich eine Reihe von Problemen verbunden; Malcolm Scho-
field hatte in seinem die folgenden Diskussionen auch im Widerspruch prägenden Beitrag
von 1975 in unnachahmlicher Weise konzediert:45 «I shall suggest […] that Aristotle can be
fairly interpreted as adopting different but complementary vantage-points on a more or less
coherent family of psychological phenomena. But it would be a triumph of generosity over
justice to pretend that he manages to combine his different approaches to phantasia with an
absolutely clear head.» Gleichwohl hat sich die Einführung von phantasia in das Seelenmo-
dell durchgesetzt und ist, wie die griechisch-lateinische Literatur- und Rhetoriktheorie
vom Hellenismus bis zur Spätantike zeigt, über den engeren philosophischen Rahmen hin-
aus auf die Ebene allgemeinen Wissens gelangt.
Warum zunächst ein solches Zwischenglied überhaupt als notwendig betrachtet werden
kann, erhellt aus der Überlegung, daß der Intellekt als solcher nur Nicht-Wahrnehmbares,
intelligible Formen denken kann, gleichwohl Bilder von Wahrnehmbarem benötigt, um bei
der Entscheidung, ob etwas wünschbar ist oder nicht, sich auf konkrete Situationen und
Gegenstände beziehen zu können. 46 Man kann daher, je nach Perspektive, phantasia ent-
weder als notwendiges Bindeglied oder, wie andere, als Grenzscheide zwischen Sinnen und
Intellekt auffassen. Charakteristisch ist jedenfalls, wie Aristoteles vielfach betont, daß
phantasia weder mit aisthesis noch mit dianoia identisch, gleichwohl Sinneswahrnehmung
notwendig für phantasia und diese notwendig für Denken ist. 47

43
Angesichts der notorischen Probleme der relativen Chronologie, die das Corpus Aristotelicum bietet, ist
zwar eine sichere Aussage über das zeitliche Verhältnis der beiden Schriften nicht möglich, doch hat es eine
gewisse Wahrscheinlichkeit, daß die nähere Ausfaltung des phantasia-Konzepts erst nach der Poetik er-
folgte. Wenn Frère (1996) versucht, einige Beobachtungen der Poetik als mit dem phantasia-Konzept kom-
patibel zu erweisen, so ist dies allerdings durchaus möglich.
44
Vgl. die Skizze bei Schryvers (1982).
45
Schofield (1992), 253.
46
Vgl. Frede (1992), 289 in allerdings nicht ganz scharfer Formulierung.
47
Arist. De an. iii 3, 427 b 6–16 und öfter. De anima iii 3, die einzige konzentrierte und ausführlichere
Diskussion des Gegenstands bei Aristoteles, in der es um die Schaffung eines «conceptual room for an
independent notion of phantasia, between thinking on the one side and sense-perception on the other»
(Schofield [1992], 254) geht, ist jedoch, worauf insbesondere Frede (1992), 281 hinweist, ungewöhnlich
flüchtig komponiert, was die Sache nicht einfacher macht.
30 Gregor Vogt-Spira

Zunächst zur Verbindung von phantasia und aisthesis. In seiner Rhetorik bezeichnet Ari-
stoteles phantasia sogar einmal als ,)- « « $)« was jedoch wohl einen früheren
und dann aufgegebenen Zugang darstellt. Denn in De anima wird mit Nachdruck betont,
daß beide nicht zusammenfallen. Ein wesentlicher Unterschied liegt in folgendem: Da ais-
thesis in einer Aufnahme der wahrnehmbaren Formen ohne Stoff besteht, zeigt sie sich an
einen auslösenden Reiz gebunden. 48 Phantasia hingegen beruht auf dem Verbleiben der
Wahrnehmungen in der Seele auch nach Entfernung der Wahrnehmungsgegenstände.49
Daraus resultiert also, um es vorweg zu nehmen, ihr besonderes Vermögen, Abwesendes
präsent zu machen – es prae sensibus zu stellen, um Isidors etymologische Deutung aufzu-
greifen;50 dies liefert den Schlüssel dafür, daß Texte ‹Abwesendes›, ‹Nicht-Vorhandenes›
sinnlich erfahrbar zu machen vermögen.
Für unseren Zusammenhang kommt es darauf an, daß phantasia, wenn sie sich auch ei-
nerseits als eine Form des Denkens bezeichnet findet, insgesamt doch der sinnlichen Wahr-
nehmung sehr nahe gerückt wird und mit dieser zusammen den untersten Seelenteil der
psyche aisthetike bildet. Daher konnte jüngst geradezu behauptet werden: 51 «The faculty of
phantasia is the same faculty as the perceptional faculty, although different in essence and
definition». Entscheidend ist die Funktion, die phantasia damit für die Erkenntnis erhält.
Ein durch die Jahrhunderte hindurch wirkungsreicher aristotelischer Satz lautet:52
9
 ξ - 9
 9
 ' " / ()  ". […]  
% Ν "« π .
Das läßt sich komplementär auch in der Gegenrichtung betrachten: mithin unter dem Ge-
sichtspunkt, was phantasia den aisthemata hinzufügt, um die Sinneswahrnehmungen dem
dianoetischen Seelenteil zugänglich zu machen. Dabei erweist sich, daß ihr geradezu die
Leistung der Semantisierung zugewiesen wird: 53
… % 1  ρ μ &  λ '  « « (- μ« *'
 « « 3λ π )
Die menschliche Stimmäußerung wird also als ein semantikos psophos definiert, physiolo-
gisch hervorgebracht und zugleich Bedeutung erzeugend, wobei die Bedeutungsgebung als
Tätigkeit der Seele speziell in der phantasia angesiedelt wird. 54 Dies erhält seinen Hinter-
grund eben aus der Annahme, daß alles Denken Visualisierung impliziere, da die Seele «nie
ohne Vorstellungsbilder denkt».55 Daher konnte geradezu erklärt werden, daß die Einfüh-
rung von phantasia und phantasmata in De anima iii 3 auf die spezifische Fähigkeit zur Vi-

48
Arist. De an. ii 12, 424 a 17–24.
49
Ebd. iii 3, 429 a 4–5; vgl. De an. iii 2, 425 b 24–25: μ λ $ +)  # )- 1 λ
  3 %« ()-- «.
50
Vgl. o. Anm. 20.
51
Modrak (2001), 234.
52
Arist. De an. iii 7, 431 a 14–17: «Für die Denkseele sind die Vorstellungsbilder wie Wahrnehmungsbilder.
[…] Die Seele denkt nie ohne Vorstellungsbilder.» – Die Übersetzungen aus De an. nach W. Theiler.
53
Ebd. ii 8, 420 b 31–33 mit Ross’ 1 für das überlieferte 1: «[…] das Anschlagende muß tö-
nend sein und eine bestimmte Vorstellung haben, ist doch der Laut ein Ton, der etwas bedeutet.»
54
Daraus wird zugleich klar, daß littera und vox in der Ars grammatica nicht zufällig verbunden werden, mit-
hin Textualität in der Sphäre des sinnlich Wahrnehmbaren verankert wird.
55
S.o. Anm. 52.
Secundum verum fingere 31

sualisierung abziele.56 Im übrigen zeigt sich auch schon die platonische mimesis-Auffassung
eng mit dem Begriff des Bildes verknüpft.57
Wir können dies hier nicht im einzelnen weiter verfolgen, sondern wollen zusammen-
fassend festhalten, daß phantasia als Schlüsselfähigkeit konzipiert ist, die den Lautbereich
mit Bedeutung versieht, und diese Semantisierung als eine Art Bildgestaltung vorgestellt
wird. Hinzu kommt komplementär, daß für aisthemata und phantasmata eine Ähnlich-
keitsbeziehung angenommen wird, was nichts anderes heißt, als daß das Denken, wenn
ihm das eine gleichwie das andere ist, von dem ontologischen Unterschied abzusehen ver-
mag. Das hat die Konsequenz, daß die naturalistische Frage, ob etwas dingliche Existenz
besitzt oder nicht, unter bestimmten Voraussetzungen unerheblich wird, und dies wie-
derum hat unmittelbare Folgen für die Gegenstände der Literatur.

IV

Das in unserem zweiten Abschnitt knapp umrissene rhetorisch-poetische Textmodell, das


Hellenismus und Kaiserzeit beherrscht, mit seinem Leitideal, daß eine von außen induzierte
sowie eine durch Texte auf dem Weg über phantasia stimulierte Sinneswahrnehmung nicht
als verschieden erlebt werden, zeigt sich damit umfassend verankert in einer geläufigen
Vorstellung, wie Wahrnehmen und Denken ablaufen. Daraus lassen sich Ansätze gewin-
nen, auch die Auffassung von Literatur näher zu beschreiben. Wir wollen uns daher nun-
mehr einigen Konsequenzen zuwenden, die sich daraus ergeben: zunächst, wie die Nach-
ahmungsrelation zwischen Text und ‹Wirklichkeit› näher bestimmt wird, sowie der Rolle
der Visualität; im letzten Abschnitt schließlich dem Stellenwert, den Fiktion hat.
Wählen wir als Beispiel zunächst Macrobius’ Saturnalien, eine implizite Poetik der Spät-
antike, die paradigmatisch für die grammatisch-rhetorische Textauffassung steht und die
ihrerseits wieder von maßgeblicher Wirkung gewesen ist. Hier findet sich eine charakteri-
stische Bestimmung der Relation von Literatur und Wirklichkeit: Mit Bezug auf die Aeneis
heißt es, der Dichter sei keiner anderen Führerin gefolgt als der Mutter aller Dinge selbst,
der Natur – Standardformel für das Verfahren der imitatio –, weshalb gelte:58
Quippe si mundum ipsum diligenter inspicias, magnam similitudinem divini illius et
huius poetici operis invenies.

56
Schofield (1992), 255. In welcher Weise dabei genauer phantasmata und aisthemata zusammengerückt wer-
den können, so daß «für die Denkseele die Vorstellungsbilder wie Wahrnehmungsbilder sind», mag eine
Passage aus De memoria verdeutlichen, in der eikon als explanatorischer Terminus ein Bild und ein vergan-
genes Ereignis in Relation setzt (Arist. De mem. 451 a 14–17):  ξ σ 3λ - λ μ --
&, ,-, Ρ "«, ³« ( « 7 ", 8:«, λ  «    3 π%,
Ρ ; < ()- ; λ = 9  ()). Die Erläuterung von Modrak (2001), 234 f.
und 237 zeigt gut, wie die Aristotelesforschung diese Beziehung zu fassen sucht: «The image is able to
represent the past event because the image is like the event», so daß sich als aristotelische Konzeption
formulieren lasse, «that a phantasma can function as a likeness that attaches the present mental state to an
object in the world.»
57
Vgl. Büttner (2004), 36–39.
58
Macr. Sat. 5, 1, 19: «Denn wenn du die Welt sorgfältig betrachtest, wirst du eine große Ähnlichkeit zwi-
schen jenem göttlichen und diesem poetischen Werk finden.»
32 Gregor Vogt-Spira

Es wird also ein imitatio-Verhältnis konstituiert und dies als Ähnlichkeitsrelation – simili-
tudo – zwischen res und verba, zwischen ‹Welt› und ‹Dichtung› näher expliziert. In Fort-
führung der hier angelegten Linie konnte deshalb Bernard Weinberg in einem grundlegen-
den Aufsatz zur Renaissancepoetik feststellen: 59 «[…] the Res of poetry is indistinguishable
from the Res of reality» – weshalb natura ihrerseits wieder an Texten exemplifiziert werden
kann, und je besser die Texte, desto wirkungsvoller geschieht dies. Dies gilt vorzugsweise
für Vergils Aeneis bis dahin, daß die durch den Dichter nachzuahmende Natur in vollkom-
mener Weise allein in der Dichtung gefunden werden könne. Um dafür nochmals eine
pointierte Formulierung von Weinberg aufzugreifen:60 «Thus the norm of nature, represen-
ted only imperfectly by objects in the real world, is represented perfectly by Vergil’s epic.
Vergil is nature.»
Jene von Macrobius konstatierte similitudo ist nun nichts anderes als eine verknappte
Formel für das oben entwickelte epistemologische Modell: den Prozeß, daß die durch den
Text in Gang gesetzten Vorstellungsbilder in Ähnlichkeitsrelation zu jenen Bildern stehen,
die durch die Wahrnehmung der Natur ausgelöst werden. Tatsächlich spricht einiges dafür,
daß das antike imitatio-Modell insgesamt in solcher Ähnlichkeitsbeziehung von aisthemata
und phantasmata, von über die Sinne Wahrnehmbarem und durch Kunst oder Texte er-
zeugten Vorstellungen begründet liegt.61 Hierzu sei ein prägnantes Beispiel aus Plinius’
Kunstgeschichte gewählt. Zu Apelles, der alle Vorgänger und Nachfolger übertroffen habe,
also als Gipfel der Disziplin statuiert wird, findet sich folgendes berichtet:62
Imagines adeo similitudinis indiscretae pinxit, ut – incredibile dictu – Apio grammaticus
scriptum reliquerit, quendam ex facie hominum divinantem, quos metoposcopos vocant,
ex iis dixisse aut futurae mortis annos aut praeteritae vitae.
Was macht die besondere Qualität des Bildes aus, die eine solche Auszeichnung veranlaßt?
Offensichtlich gilt es deshalb als Gipfel der Lebensechtheit, weil es nicht nur die äußere Er-
scheinung abbilde, sondern auch das ganze Schicksal des Dargestellten umfasse, welches
bei entsprechenden hermeneutischen Fähigkeiten daraus zu erschließen sei. Zwar mag die
Behauptung angesichts ihres Gewährsmannes einigem Zweifel unterliegen63 – ganz abgese-
hen von der prinzipiellen Einschätzung solcher Prognosefähigkeit eines Physiognomikers.
Gleichwohl, worauf es ankommt, ist das normative Ideal, das sich hier formuliert findet:
eine Nachahmung der tota vita im denkbar umfassendsten Sinne. Erhellend ist die Junktur
similitudo indiscreta: Es handelt sich damit um eine Ähnlichkeit, die so weit reicht, daß sie
ununterscheidbar ist. Es wird also nicht ein Zusammenfall in der Sache als virtuelles Ideal

59
Weinberg (1942), 348.
60
Ebd. 349.
61
Daraus erhellt im übrigen auch die dem rhetorisch-poetischen Gebrauch zugrundeliegende Erweiterung
des Gegenstandsbereichs gegenüber der auf pragmata begrenzten aristotelischen mimesis-Konzeption, die
durch ihren abstrakteren, nicht gegenstandsorientierten Ansatz indes eine Reihe von Problemen vermeidet.
62
Plin. N. h. 35, 88: «Er malte auch Bilder von so vollkommener Ähnlichkeit, daß – unglaublich zu sagen –
der Grammatiker Apion eine Schrift hinterließ, in der er berichtete, daß ein Mann, der nach dem Gesicht
wahrsagte – man nennt solche Leute Physiognomiker –, aus ihnen entweder das kommende Todesjahr oder
die Zahl der vergangenen Lebensjahre bestimmt hat.» – Übersetzung nach Plinius, Naturalis historiae libri /
Naturkunde Buch 35, hrsg. und übers. von R. König und G. Winkler, Düsseldorf – Zürich 21997.
63
Die communis opinio im Kommentar von König – Winkler (Anm. 62), 228, die die Aussage aus «der be-
kannten Lügenhaftigkeit des Autors» herleiten. Indes ist dieser Grammatiker und Lexikograph, den Plinius
selbst gehört hat, etwas vorsichtiger zu beurteilen: vgl. F. Montanari, Art. «Apion», DNP 1 (1996), 845–847.
Secundum verum fingere 33

angenommen – die Koinzidenz von Bezeichnendem und Bezeichneten wäre die moderne
Option, die zwangsläufig paradox ist –, im Blick steht vielmehr der Erkenntnisakt, insofern
Unterscheiden die genuine Tätigkeit des Denkens ist:64 Das Kunstwerk zielt auf das Er-
kenntnisvermögen des Betrachters bis dahin, daß dieser keine Unterscheidung mehr anstel-
len kann.
Ähnlichkeit bleibt die zentrale Relation im Nachahmungskonzept bis ins 16. Jahrhundert.
Das zeigt noch Julius Caesar Scaligers Poetik, die im Einleitungskapitel zum dritten Buch
die Frage verhandelt, was nachzuahmen sei. Hierbei findet sich die Dichotomie von res und
verba als vollständige Disjunktion vorgestellt und die Beziehung in folgender Weise kontu-
riert: 65 Die Wörter würden von den Dingen her ihre forma empfangen, indes nicht in dem
Sinne, daß die Wörter von den Dingen selbst kraft ihrer eigenen Natur geschaffen würden,
vielmehr würden statt der Dinge wir die Beschaffenheit und das Ausmaß der Rede der Be-
schaffenheit und dem Ausmaß der Dinge angleichen. Nachahmung findet sich somit in den
Rahmen eines triadischen Schemas ›res – verba – nos› gestellt, in welchem die entschei-
dende Rolle der Wahrnehmungs- und Denktätigkeit des Textproduzenten bzw. -rezipien-
ten beigemessen wird: Nicht der unterschiedliche ontologische Status von res und verba
sowie die Verweisrelation des einen auf das andere ist in dieser mimesis-Konzeption Gegen-
stand; zwischen Welt und Dichtung wird vielmehr eine Ähnlichkeitsrelation konstituiert,
die eines Erkenntnisaktes bedarf. Den Angelpunkt bildet damit eben jenes Modell, in wel-
chem die Denkseele Vorstellungsbilder und Wahrnehmungsbilder zusammenrückt:66 '
*' " —  ()" 3, +κ Ν ?+-«.
Daraus erhellt nun insbesondere ein Merkmal, das für die rhetorisch-poetische Textauf-
fassung überaus charakteristisch ist: die Verknüpfung von Nachahmungsmodell und visu-
ellem Bereich. Mit auffallender Frequenz wird auf den Begriff des Bildes rekurriert: Sermo
sei nichts anderes als imago; exuberant ist der Gebrauch des Begriffs pingere für dichten
oder überhaupt das Verfassen eines Textes – eine semantische Interferenz zu scribere, die
sich auch später noch durchzieht. 67 Daher avanciert Visualisierungsqualität in der Litera-
turkritik schließlich zu einem wesentlichen Kriterium für literarische Güte. Aufschlußreich
ist etwa der Vergleich zwischen homerischen Vorbildern und vergilischen Nachahmungen
in Macrobius’ Saturnalien. In einem Kapitel, in dem Vergil den Preis davonträgt, heißt es
einmal, dies habe Vergil wunderbar und gleichsam wie in Farbe gemalt: 68 Ein solches Urteil
reicht bereits aus zu begründen, warum die betreffende Vergilstelle der entsprechenden ho-
merischen überlegen sei.
Es sei hierbei nochmals an Quintilians Feststellung erinnert, daß ein Gesamtbild der
Dinge – tota rerum imago – in Worten abzuzeichnen sei, wofür als Meister Vergil und Ci-
cero zitiert werden. 69 Warum dies überhaupt anzustreben ist, findet sich in anschließenden
Überlegungen näher ausgeführt. Fallbeispiel liefert das Gefühl des Jammers bei der Ein-

64
Dazu Schmitt (1989); vgl. jetzt auch die große Synthese ders. (2003).
65
Julius Caesar Scaliger, Poetices libri septem. Sieben Bücher über die Dichtkunst, unter Mitwirkung von
M. Fuhrmann hrsg., übers., eingel. und erl. von L. Deitz und G. Vogt-Spira, 5 Bde., Stuttgart / Bad Cann-
statt 1994–2003, iii 1 (Bd. 2, 60, 14–26).
66
Arist. De an. iii 8, 432 a 9–10: «Denn die Vorstellungsbilder sind gleichsam Wahrnehmungsbilder, nur ohne
Materie».
67
Vgl. Wenzel (1995).
68
Macr. Sat. 5, 11, 11: hoc mire et velut coloribus Maro pinxit.
69
Vgl. o. Anm. 29.
34 Gregor Vogt-Spira

nahme von Städten: Zwar erfasse einer, der sage, die Stadt sei erobert worden, alles, was
ein solcher Schicksalsschlag enthalte, doch dringe es wie eine knappe Nachricht zu wenig
tief in unser Gefühl ein:70
At si aperias haec, quae verbo uno inclusa erant, apparebunt effusae per domus ac templa
flammae et ruentium tectorum fragor et ex diversis clamoribus unus quidam sonus, alio-
rum fuga incerta, alii extremo complexu suorum cohaerentes et infantium feminarumque
ploratus et male usque in illum diem servati fato senes: tum illa profanorum sacrorumque
direptio, efferentium praedas repetentiumque discursus, et acti ante suum quisque prae-
donem catenati, et conata retinere infantem suum mater, et sicubi maius lucrum est pugna
inter victores. Licet enim haec omnia, ut dixi, complectatur ‹eversio›, minus tamen est to-
tum dicere quam omnia.
Hier ist der Übergang von Redekunst zu Literatur mit Händen zu greifen, denn was vom
Redner gefordert wird, sind nachgerade literarische Qualitäten. Und in der Tat besteht einer
der Wege der lateinischen Literaturgeschichte – etwa jener der neronisch-flavischen Zeit –
darin, die Intensität solcher Darstellungen zu erhöhen. Der Bereich der Affekte, dem in der
Rhetorik aufgrund ihres Wirkungsziels eine Schlüsselrolle beigemessen wird, hat von daher
auch in der Literaturtheorie einen systematischen Platz erhalten71 – und dies meint man in
der Regel, wenn man von Wirkungsästhetik in Hinblick auf Literatur spricht. Doch ist dies
nicht alles. Es sei daran erinnert, daß Quintilian das Vermögen der phantasia in dem Kapitel
zu den Affekten aus dem Grunde einführt, weil sich nur durch Einwirkung auf das Vorstel-
lungsvermögen Gefühlsregungen steuern ließen. Die Tätigkeit der phantasia ist dabei im-
mer, wie gezeigt, als Kognitionsakt aufgefaßt, der Ähnlichkeiten erkennt bis hin zu dem
Idealwert einer similitudo indiscreta. Eine solche Konzeption von Literatur ist wirkungsäs-
thetisch in umfassenderem Sinne: sowohl in Hinblick auf Affekte wie auf Kognition.

Halten wir damit zusammenfassend fest, daß sich von verschiedenen Seiten her das prä-
senzschafffende ‹poietische› Vermögen der phantasia als Scharnierstelle in der Auffassung
von Literatur erweist, wie sie in der grammatisch-rhetorischen Tradition von Hellenismus
und Kaiserzeit kanonisiert und in der Folge tradiert worden ist. Angelpunkt bildet das
Konzept, daß mit der Interpretation von phantasmata als aisthemata etwas Vorgestelltes als
‹wirklich› erlebt werde; es gibt daher auch vielfach Anweisungen zu einem identifikatori-

70
Quint. Inst. 8, 3, 68–69: «Wenn du dagegen das entfaltetest, was alles das eine Wort enthielt, dann wird das
Flammenmeer erscheinen, das sich über die Häuser und Tempel ergossen hat, das Krachen der einstürzen-
den Dächer und das aus den so verschiedenen Geräuschen entstehende eine Getöse, das ungewisse Fliehen
der einen, die letzte Umarmung, in der andere an den Ihren hängen, das Weinen der Kinder und Frauen
und die unseligerweise bis zu diesem Tag vom Schicksal bewahrten Greise; dann die Plünderung der ge-
weihten und ungeweihten Stätten, die Beute, die die Eroberer wegschleppen, deren Umhereilen, um sie
einzutreiben, die Gefangenen, die jeder Sieger in Ketten vor sich hertreibt, die Mutter, die versucht, wenig-
stens ihr eigenes Kind festzuhalten, und wo es sich um größeren Beuteanteil handelt, der Wettstreit unter
den Siegern. Mag auch das Wort ‹Zerstörung› all das, wie gesagt, umfassen, so ist es doch weniger, das
Ganze auszusprechen als alles.»
71
Dies reicht bis dahin, daß etwa Ps.-Longin in der Wirkung auf die Gefühlsregungen das eigentliche Ziel
poetischer Vergegenwärtigungsleistung erblicken zu können glaubt (Ps.-Long. De subl. 15, 2).
Secundum verum fingere 35

schen Lektüremodus.72 Nun sind jene phantasmata jedoch dadurch bestimmt, daß sie ge-
rade nicht mit den aisthemata identisch sind, es sich vielmehr um einen durch die Denk-
seele vorgenommenen Akt der Identifizierung handelt, einen Mechanismus, der ein
‹poietisches› Potential bietet, den Literatur spezifisch nutzt: Sie fingiert.
Es sei an dieser Stelle nochmals an den Grund des rhetorischen Interesses für das Phäno-
men der phantasia erinnert: Die Erzeugung von Vorstellungsbildern wird als die entschei-
dende Zwischenstufe betrachtet, um Affekte auszulösen und zu steuern; der Mechanismus
lautet concipere imagines rerum et tamquam veris moveri, unabhängig, ob es sich dabei um
Wahrheit oder Fiktion handelt. 73 Als Beleg dient nicht zuletzt immer wieder das Theater:
Wenn schon bei Tragödien, bei denen man doch wisse, daß sie erdichtet seien, der Schau-
spielervortrag Zorn, Tränen, Besorgnis hervorzurufen vermöge, dann müsse das a fortiori
für Dinge gelten, die man aufgrund der Überzeugungskraft des Redners für wirklich
halte.74 Der zuvor benannte Wirkungsmechanismus zeigt indes, daß der unterschiedliche
Wirklichkeitsstatus für die Rezeption ganz unerheblich ist:75
Habet autem res ipsa [sc. actio] miram quandam in orationibus vim ac potestatem […]:
nam ita quisque, ut audit, movetur.
Dasselbe gilt im übrigen für den Bildbereich, wie Macrobius einmal im Zusammenhang
vergilischer Beschreibungskunst festhält: 76 Et imago […] idonea est movendis affectibus. Ea
fit cum aut forma corporis absentis describitur, aut omnino quae nulla est fingitur. Insofern die
Alternative geboten wird, daß es sich um akzidentielle oder um prinzipielle Abwesenheit
des betreffenden Körpers handelt – so im Falle, daß das entsprechende Wesen wie etwa
Skylla gar nicht existiere –, zeigt sich auch hier in aller Deutlichkeit: Kriterium für den Me-
chanismus der Vergegenwärtigung bildet nicht die Überprüfung der Referenz; die Wirk-
samkeit der Fiktionsanweisung wird vielmehr als anthropologisch gegeben vorausgesetzt.
Weiteren Aufschluß liefert in unserem Zusammenhang eine Passage aus Cicero, die dann
später von Quintilian als Beispiel für besonders virtuosen Einsatz der Technik der Imagi-
nationserzeugung angeführt wird.77 Es handelt sich um eine Rede, mithin um jene Gattung,
die aufgrund der Anforderung, ein weiteres Publikum zu überzeugen, Einblick in allgemei-
nes Wissen gibt. Der Zuhörer wird darin ausdrücklich zu einer Vorstellungstätigkeit auf-
gerufen mit dem Argument, die cogitationes – an dieser Stelle für den noch nicht ins Latei-
nische eingeführten phantasia-Begriff stehend78 – stünden in unserer Macht: 79

72
Repräsentatives Beispiel, das auf quintilianscher Pädagogik beruht und als kanonische Schullektüre bis über
das 18. Jahrhundert hinaus gewirkt hat, M. H. Vida, De arte poetica 1, 115–122.
73
Quint. Inst. 11, 3, 62; vgl. auch o. S. 26 mit Anm. 25.
74
Ebd. 11, 3, 5.
75
Ebd. 11, 3, 2: «Das Gemeinte selbst aber bedeutet in den Reden etwas ganz Erstaunliches an Kraft und
Macht […]: denn es wird ein jeder so, wie er sie hört, von der Rede gepackt.»
76
Macrob. Sat. 4, 5, 9: «Auch das Bild […] ist in der Lage, Affekte auszulösen. Es kommt zustande, indem
entweder die Gestalt eines abwesenden Körpers beschrieben wird, oder überhaupt eine Gestalt, die es gar
nicht gibt, ersonnen wird.»
77
Quint. Inst. 9, 2, 41.
78
Zu den verschiedenen Ansätzen der Übertragung bis zur Durchsetzung des Begriffs imaginatio Flury
(1988).
79
Cic. Pro Mil. 79: «Stellt euch vor – unsere Einbildungskraft ist ja unbeschränkt; sie kann sich jeden belie-
bigen Gegenstand ebenso lebhaft ausmalen wie wir das erkennen, was wir vor uns sehen […].» – Über-
setzung von M. Fuhrmann.
36 Gregor Vogt-Spira

Fingite animis – liberae sunt enim nostrae cogitationes et quae volunt sic intuentur ut ea
cernimus quae videmus […].
Die Tätigkeit des Fingierens wird offenkundig nicht als Gegensatz zur Wahrheit, Vorge-
stelltes nicht als Widerspruch zu tatsächlich gesehener Wirklichkeit behandelt, denn sonst
würde Cicero seine eigene Glaubwürdigkeit unterlaufen. Im Gegenteil gilt als nachgerade
selbstverständliche Leistung des Denkens, daß es Dinge genauso ‹manifest› werden zu las-
sen vermag, wie dies durch sinnliche Wahrnehmung geschieht.
Es handelt sich hier also um eine Fiktionslizenz. Sie könnte auffällig erscheinen, wenn
man auf die griechische Seite blickt, auf der die Diskussion durch die Antithese aletheia –
pseudos bestimmt ist. Auf lateinischer Seite allerdings wird diese Zweiteilung nie bestim-
mend; an ihre Stelle tritt vielmehr seit Beginn des ersten Jahrhunderts v. Chr. im Kontext
der Etablierung lateinischsprachiger Rhetorenschulen in Rom die Dreiteilung res verae – res
fictae – res fabulosae; dies läßt sich plausibel damit erklären, daß mendacium eine zu verein-
deutigende und im rhetorischen Zusammenhang untaugliche Übertragung von pseudos mit
seinem viel weiteren semantischen Spektrum wäre.80
Die ficta res findet sich nun dadurch charakterisiert, daß sie geschehen könne (quae tam
fieri potest): Sie ist zwar nicht wahr, doch wahrscheinlich (verosimile); dabei wird ihr die
Gattung der Komödie aufgrund ihres lebensweltlichen Stoffes und dem Ideal der Lebens-
echtheit zugeordnet. 81 Daß hier noch res fabulosae, mythische Stoffe, die weder wahr noch
wahrscheinlich seien, eigens abgegrenzt werden, erklärt sich aus der Genese der Dreitei-
lung im Zusammenhang der Theorie der narratio, also des erzählend-darlegenden Teils der
Gerichtsrede: Denn hier ist der Umstand, daß eine Sache sich tatsächlich so abgespielt ha-
ben könnte, für die Glaubwürdigkeit unabdingbar. Insofern jedoch fingere einer der geläu-
figen Begriffe für ‹dichten› ist, wird res ficta rasch zum Terminus, der den Gegenstand von
Literatur insgesamt bezeichnet. Hierbei fällt auf, daß Fiktionalität in Rom nicht in einen ge-
nuinen Zusammenhang mit Lüge gebracht wird: Anders als in Griechenland erlangt in der
römischen Kultur der Vorwurf der Lüge gegen die Literatur nie Konjunktur.82 Fiktionalität
wird nicht vorab unter dem Gesichtspunkt der Differenz zu Wirklichkeit wahrgenommen;
in der Spätantike kann man so weit gehen, die Dreiteilung res verae – res fictae – res fabu-
losae in eine Zweiteilung zu transformieren, bei der Historisches und Fiktives als synonym
behandelt und gemeinsam dem Fabulösen entgegengesetzt werden. 83
Damit dürfte deutlich geworden sein, in welch engem Zusammenhang Textkonzepte zu
Modellen stehen, in denen sinnliche Wahrnehmung und ihre Verknüpfung mit Kognition
beschrieben wird und inwiefern dies Konsequenzen für den Bereich literaturwissenschaft-
licher Modellbildungen hat. Denn die einzelnen Konzepte enthalten Vorannahmen, die ihre

80
Dazu näher Hose (1996), der die Konsequenzen daraus zieht, daß die Dreiteilung zunächst im lateinischen
Bereich begegnet.
81
Hauptquellen: Auctor ad Her. 1, 13; Cic. De inv. 1, 27; Quint. Inst. 2, 4, 2.
82
Pointiert dazu Hose (1996), 273. Dies muß in Zusammenhang mit der spezifischen Auffassung von Litera-
tur in Rom gesehen werden, die sich von der griechischen in mancherlei Hinsicht grundlegend unterschei-
det – was noch näherer Untersuchung harrt.
83
Serv. Aen. 1, 235 Th.-H. Dazu Lazzarini (1984), 120–126, die darin den «tono enunciativo di una formula
teorica» (121) erkennt, ohne daß sich allerdings Näheres zu den Quellen sagen ließe; bei allen scharfsinni-
gen Beobachtungen ist Lazzarini allerdings in ihrer Orientierung am «principio aristotelico della verosimi-
glianza» (133) nicht frei davon, die frühneuzeitliche Uminterpretation der ‹aristotelischen Wahrscheinlich-
keit› auf den kaiserzeitlichen Text zurückzuprojizieren.
Secundum verum fingere 37

Grundlage in jeweils gültigen Kognitionsmodellen finden; daß dies in besonders hohem


Maße für die Frage gilt, inwieweit Literatur ‹Nachahmung von Wirklichkeit› sein kann,
liegt auf der Hand.
Die römische Reflexion in Rhetorik, Literatur- und Kunsttheorie zeigt dabei einen Mo-
dus, Fiktionalität als konstitutives Merkmal von Literatur oder Kunst zu begreifen, ohne
daß dies in Widerspruch zur Orientierung an einer ‹Nachahmung von Wirklichkeit› treten
muß, die bis hin zu dem Idealwert einer ununterscheidbaren Ähnlichkeit reicht. Solche Ko-
härenz ergibt sich, wenn man nicht von einer binären Relation res – verba ausgeht, sondern
ein triadisches Modell anlegt, in dem die Beziehung zwischen Literatur und Wirklichkeit
immer durch einen Erkenntnisakt hergestellt und die Aufgabe des Literaten darin begriffen
wird, auf diese Erkenntnistätigkeit ebenso wie auf den Affekthaushalt des Hörers oder
Lesers einzuwirken. Indem die römische Kaiserzeit dieses Modell zu einem allgemeinen
Basiswissen gemacht hat, ist sie eine Scharnierstelle für eine langdauernde Textauffassung
geworden.

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Antike Zeugnisse zu Kommunikationsformen von Tieren 39

Thorsten Fögen

Antike Zeugnisse zu Kommunikationsformen von Tieren


«I was so fascinated by the animals with their little silent
ways, doing most of the things we humans do but lacking
the ability to tell us about it.»
Buchi Emecheta: Head Above Water (Kap. 14: The Zoo) 1

«(…) wer im Tierreich uns ähnelt, sei in Gnaden in unser


Herz aufgenommen.»
Günter Kunert: Der andere Planet 2

1. Einleitung

Sprache, wie auch immer sie konkret definiert sein mag, ist thematisch eng verknüpft mit der
Diskussion über menschliche Vernunftbegabung. So ist es ein wesentlicher Bestandteil anti-
ker Kulturentstehungstheorien, unter den besonderen Begabungen des Menschen vor allem
seine Sprachbefähigung zu nennen.3 Es braucht kaum hervorgehoben zu werden, daß das
Bedeutungsspektrum des griechischen Wortes « sowohl diese Vernunftbegabung als
auch Sprache einschließt. Dem Menschen mag ein natürlicher Schutz in Form eines Fells
oder Federkleides fehlen, er mag zu seiner Verteidigung und Nahrungssicherung auf keiner-
lei Krallen oder scharfe Schnäbel zurückgreifen können. Doch mit Hilfe seines « ist er
in der Lage, seinen Status eines Mängelwesens durch zahlreiche kulturelle Errungenschaften,
die Schaffung von Kulturtechniken, auszugleichen. Hinzu kommt die Selbstorganisation in
sozialen Gemeinschaften, die eine möglichst dauerhafte Selbsterhaltung gewährleisten sol-
len. Zivilisatorisches Bemühen, das sich in der Etablierung eines sozialen Bewußtseins und
zielgerichtetem politischen Handeln niederschlägt, wird dem Menschen jedoch erst durch
seine ausgeprägte Befähigung zu differenzierter Kommunikation ermöglicht. Die kulturstif-
tende Funktion menschlicher Sprache ist es, die in der Antike immer wieder als Grund für
die Absetzung des Menschen vom Tier, vom 9  Ν, angeführt wird.

1
Zuerst erschienen 1986; hier zitiert nach der Heinemann-Edition (Oxford 1994, 79).
2
Zuerst erschienen 1974; hier zitiert nach der Ausgabe des Aufbau-Verlags (Berlin & Weimar 31978, 43).
3
Zur Verbindung von menschlicher ratio und oratio u. a. Aristoteles, Pol. I 2 1253a7–18, Xenophon, Mem.
4.3.11 f., Diogenes Laertios 7.55–57, außerdem Isokrates, Ad Nic. (Orat. 3) 5–9 und Antid. (Orat. 15)
253–257, sowie Quintilian, Inst. orat. 2.16.12–19 und 2.20.9. Zu Sprache als kulturstiftender und gesell-
schaftsbildender Kraft vor allem Cicero, De orat. 1.30–34 und De inv. 1.1–5; siehe auch Sophokles, Ant.
354–356 und Horaz, Sat. 1.3.99–106. Weitere Stellen und Literatur bei Fögen (2000: 36); siehe außerdem
Dierauer (1977: bes. 32–35, 125–128, 225–227, 234–238), Sorabji (1993: 80–86) und Heath (2005: 6–17).
Überblicksdarstellungen zu antiken Kulturentstehungstheorien bieten Uxkull-Gyllenband (1924), Guthrie
(1957), Dierauer (1977: 25–38), Blundell (1986), Levine Gera (2003) und Müller (2003), ferner Spoerri
(1959), jeweils mit weiterer Literatur; besondere Akzentuierung sprachlicher Aspekte bei Ax (1986: 96–102).
40 Thorsten Fögen

Doch bedeutet dies nicht, daß Tieren nach antiker Vorstellung jegliche Form von Kom-
munikation fehlt. In der griechischen und römischen Literatur werden verschiedene For-
men tierischer Kommunikation thematisiert. In diesem Beitrag werden exemplarisch einige
Texte analysiert, in denen von «Tiersprache» die Rede ist. Dabei wird jeweils überprüft,
wie die Artikulationsformen von Tieren konkret gezeichnet sind. Für jeden Einzelfall soll
betrachtet werden, wie die Kommunikation konkret erfolgt, also wer was mitteilt und ver-
steht. Eingeschlossen werden Zeugnisse sowohl zu verbalen als auch zu non-verbalen Ver-
ständigungsformen.
Bevor allerdings eine Auswahl antiker Zeugnisse behandelt wird, bietet sich zunächst
eine kurze Skizze einiger Ergebnisse der modernen Natur- und Sozialwissenschaften zum
Thema «Kommunikation von Tieren» an. Daß dabei nur sehr selektiv vorgegangen werden
kann, versteht sich von selbst.

2. Einige Ergebnisse der modernen Forschung zu tierischer Kommunikation

Untersuchungen zur Kommunikation von Tieren werden in verschiedenen Disziplinen


durchgeführt, vor allem in der Verhaltensforschung. Die jeweiligen Forschungsperspekti-
ven und -absichten sind dabei keineswegs uniform. Es sollen hier lediglich zwei Ansätze er-
wähnt werden, die sich in ihrer Ausrichtung durchaus ähneln: die Zoosemiotik und die
Biokommunikationsforschung. Die Zoosemiotik analysiert artspezifische Kommunika-
tionssysteme einzelner Tierarten sowie die Eigenschaften von Kommunikation in biologi-
schen Systemen. Thomas A. Sebeok (1920–2001), der den Begriff «Zoosemiotik» bereits
1963 einführte (Sebeok 1963), hat wiederholt darauf hingewiesen, daß es dabei nicht allein
um das Studium tierischer Kommunikation geht, auch wenn der Terminus häufig so ver-
standen wurde:
«Human semiotic systems are of two kinds: anthroposemiotic, that is, species-specific
systems of man; and zoosemiotic, that is, those component sub-systems of human com-
munication that are found elsewhere in the animal kingdom as well» (Sebeok 1972: 163;
wiederaufgenommen in Sebeok 1977: 1056)
Des weiteren findet sich der Begriff «Biokommunikation», den der Verhaltensphysiologe
Günter Tembrock geprägt hat (Tembrock 31982: 8; ausführlicher Tembrock 2004) und mit
dem Formen der Nachrichtenübertragung zwischen Lebewesen bezeichnet werden. Es
geht insbesondere um die Fragen, was wie und weshalb kommuniziert wird und welche
Voraussetzungen Lebewesen dafür benötigen.
Da die Vielfalt der modernen Forschung zu tierischer Kommunikation, die sich je nach
Spezies auf verschiedenen Ebenen (optisch, akustisch, chemisch-olfaktorisch, taktil) voll-
zieht, hier unmöglich dokumentiert werden kann, sollen im folgenden einige Forschungs-
ergebnisse zu den Kommunikationsformen dreier ausgewählter Tierarten vorgestellt wer-
den, nämlich der Vögel, Bienen und Affen.4

4
Einen nützlichen und gut nachvollziehbaren Überblick über Kommunikationsformen bei Tieren vermittelt
der Katalog zur Ausstellung «Tiere lügen nicht», die u. a. im Berliner Museum für Kommunikation gezeigt
wurde (Kallinich & Spengler 2004; dort auch weitere Literatur). Knapp und informativ ist der Abschnitt
«Do animals have language?» bei Corballis (2002: 21–40).
Antike Zeugnisse zu Kommunikationsformen von Tieren 41

Zunächst einige Beispiele für sprachbegabte Vögel:5 Die Fähigkeit von Papageien zur
Imitation von Lauten ist allgemein bekannt. Als keineswegs außergewöhnlich erscheint der
Fall des Vasa-Papageis Jacob, der sich seit 1828 im Besitz Alexander von Humboldts befand
und über dreißig Jahre in dessen Wohnung lebte: Jacob bekam von Humboldt jeden Mor-
gen die Frage gestellt, wer von beiden wohl zuerst sterben werde, und antwortete stets mit
dem Satz «Viel Zucker, viel Kaffee, Herr Seifert». Herr Seifert war Alexander von Hum-
boldts Diener. Beachtlicher ist dagegen die Leistung des sprechenden Wellensittichs Sparkie
Williams, der von 1954 bis 1962 lebte: Sein Vokabular setzte sich aus zehn Kinderrei-
men, 383 Sätzen und 531 Wörtern zusammen. 1958 gewann er den europaweiten «BBC In-
ternational Cage Bird Contest» für sprechende Wellensittiche und machte zudem im
Radio Werbung für Vogelfutter. Noch erstaunlicher ist der folgende Fall: Mit dem Grau-
papagei Alex (Psittacus erithacus) beschäftigt sich die amerikanische Verhaltensforscherin
Irene Pepperberg bereits seit beinahe drei Jahrzehnten. 6 1977 begann sie, dem Vogel das
Sprechen beizubringen. Alex verfügt über einen Wortschatz von über 100 englischen Wör-
tern und ist in der Lage, auf einschlägige Fragen überwiegend (d. h. zwischen 75 und 85 %)
korrekte Antworten zu liefern. Ihm ist es möglich, fünfzig verschiedene Objekte zu benen-
nen und ihnen Eigenschaften wie Farbe, Material oder Form zuzuordnen. Zudem kann
er bis sechs zählen sowie die Kategorien «größer» vs. «kleiner» und «gleich» vs. «ungleich»
auseinanderhalten.
Sind die Laute von Vögeln unüberhörbar und auch durchaus als differenzierte Formen
der Verständigung einzuordnen, so mag man dies bei anderen Tierarten wie staatenbilden-
den Insekten wie Bienen, Wespen und Ameisen nicht sogleich vermuten. Nachdem der
österreichische Biologe Karl von Frisch (1886–1982) in seinen frühen Arbeiten aufzeigte,
daß Fische Farben wahrnehmen können und einen empfindlichen Hörsinn besitzen, wid-
mete er sich seit 1919 der Erforschung der Honigbiene (apis mellifera). Er fand heraus, daß
Bienen die Entdeckung und Lage von Futterquellen über tanzähnliche Bewegungen vermit-
teln. 7 Dabei signalisiert der sogenannte Rundtanz, daß die Nahrungsquelle sich bis maxi-

5
Siehe z. B. Kainz (1961: 54–86) und Sebeok (1968: 311–337). Zahlreiche Aufnahmen «sprechender» Vögel,
aber auch vieler anderer Tierarten sind in dem 1951 von Günter Tembrock begründeten Berliner Tierstim-
menarchiv zusammengetragen, das als Teil des Museums für Naturkunde dem Institut für Biologie der
Humboldt-Universität angegliedert ist. Zum Berliner Tierstimmenarchiv siehe Karl-Heinz Frommolt, Das
Tierstimmenarchiv am Fachbereich Biologie der Humboldt-Universität zu Berlin, in: Berliner ornithologi-
scher Bericht 3 (1993), 6–8, ferner Karl-Heinz Frommolt, The archive of animal sounds at the Humboldt-
University of Berlin, in: Bioacoustics 6 (1996), 293–296. Der Dokumentation von Forschungen zu Tierstim-
men widmet sich die seit 1988 bestehende Zeitschrift Bioacoustics: The International Journal of Animal
Sound and Its Recording. Überblicke über Methoden und Ergebnisse der Bioakustik bieten u. a. Tembrock
(31982), Tembrock (1996), Hopp & al. (1998) und Owings & Morton (1998).
6
Irene M. Pepperberg, The Alex Studies. Cognitive and Communicative Abilities of Grey Parrots, Cambridge,
Mass. 2000. Eine Kurzfassung ihrer Forschungen zu dem Graupapagei Alex bietet Pepperbergs folgender
Aufsatz: Kommunikation zwischen Mensch und Vogel. Eine Fallstudie zu den kognitiven Fähigkeiten eines
Papageis, in: Zeitschrift für Semiotik 15 (1993), 41–67; siehe dazu die kritische Stellungnahme von Günter
Tembrock, Verhaltensprogramme, unmerkliche Mitteilungen und prozessuales Lernen, in: Zeitschrift für
Semiotik 15 (1993), 68–72. Ein komplettes Literaturverzeichnis der Forschungen Pepperbergs findet sich im
Internet (http://web.media.mit.edu/~impepper/impcv.html). Kurzüberblicke z. B. bei Rogers & Kaplan
(2000: 67 f., 72), Hillix & Rumbaugh (2004: 237–253) und Anderson (2004: 300–304).
7
Karl von Frisch, Über die «Sprache» der Bienen. Eine tierpsychologische Untersuchung, in: Zoologische
Jahrbücher (Physiologie) 40 (1923), 1–186, ferner: Die Tänze der Bienen, in: Österreichische Zoologische Zeit-
schrift 1 (1946), 1–48. Spätere Zusammenfassungen seiner Forschungsergebnisse bilden die beiden Mono-
42 Thorsten Fögen

mal 100 Meter vom Bienenstock entfernt befindet; die Ergiebigkeit der Futterstelle wird
durch die Schnelligkeit des Tanzes angezeigt. Der am Sonnenstand orientierte Schwänzel-
tanz dagegen verweist auf eine Nahrungsquelle, die weiter als 100 Meter vom Stock ent-
fernt ist; mit Hilfe dieses kommunikativen Verfahrens kann selbst die Lage solcher Nah-
rungsquellen vermittelt werden, die bis zu 10 Kilometer vom Bienenstock entfernt sind.
Insgesamt verfügen Honigbienen über ca. zwanzig verschiedene Formen der Kommunika-
tion, vor allem über Pheromone. So ziehen Stachelpheromone, die in semiotischer Hin-
sicht der Signalfunktion einer Alarmglocke (im Sinne von «Gefahr!») gleichzusetzen wä-
ren, weitere Bienen an und verstärken deren Aggressivität.
Weitere Untersuchungen zu tierischer Kommunikation wurden vor allem für Men-
schenaffen vorgenommen. 8 Deren Sprachwerkzeuge sind für vokales Sprechen nicht hin-
reichend ausgebildet, so daß man versuchte, Schimpansen ausgewählte Bestandteile der
Amerikanischen Gebärdensprache (American Sign Language) zu vermitteln. Die Schim-
pansin Washoe lernte ab 1967, seit dem Alter von etwas mehr als einem Jahr, 132 ASL-Zei-
chen und vermochte es schließlich, einzelne Zeichen zu Bedeutungsverbindungen zusam-
menzufügen (z. B. will Beere, Zeit trinken, da Schuh). Für die Aneignung zweier Zeichen
benötigte Washoe jedoch allein ein halbes Jahr.9 Einige der im Zusammenhang mit den
Washoe-Experimenten aufgestellten Behauptungen wurden in der Forschung kontrovers
beurteilt, so z. B. daß die Schimpansin bei der Verständigung mit anderen Affen auf ASL
zurückgegriffen habe. Zum Teil wurde sogar der gesamte Ansatz verworfen, u. a. mit der
Begründung, daß die von Washoe verwendeten ASL-Zeichen nur eine verkümmerte Form
der bei Menschen üblichen Amerikanischen Gebärdensprache seien.
Die hier versammelten Beispiele belegen allesamt, daß die Formen der Kommunikation,
über die Tiere verfügen, entscheidende Unterschiede zur menschlichen Sprache,10 wie auch
immer man diese konkret definieren mag, aufweisen:

graphien Tanzsprache und Orientierung der Bienen (Berlin 1965) und Aus dem Leben der Bienen (Berlin
9
1977). Aus der neueren Forschung: Adrian M. Wenner & Patrick H. Wells, Anatomy of a Controversy. The
Question of a «Language» Among Bees, New York 1990. Kurzüberblicke finden sich z. B. bei Kainz (1961:
9–25), Sebeok (1968: 217–243) und Anderson (2004: 63–89); siehe auch Ingold (1998: 92–94) und Steiner
(2005: 245–250).
8
Aus den zahlreichen Veröffentlichungen zur Kommunikation bei Affen sei eine Publikation jüngeren Da-
tums herausgegriffen: Sue Savage-Rumbaugh, Stuart G. Shanker & Talbot J. Taylor, Apes, Language, and
the Human Mind, Oxford 1998 (mit weiterer Literatur). Überblicke z. B. bei Kainz (1961: 86–119), Sebeok
(1968: 466–522), Sebeok & Rosenthal (1981: 35–129), Bright (1984: 212–230), Lestel (1995, 1998), Rogers &
Kaplan (2000: 63–66), Hillix & Rumbaugh (2004: 55–66, 69–211, 255–267), Anderson (2004: 166–196,
264–300) und Steiner (2005: 238–242).
9
Zu Washoe siehe Beatrix T. Gardner & R. Allen Gardner, Two-way communication with an infant chim-
panzee, in: Allan M. Schrier & Fred Stollnitz (Hrsg.), Behavior of Nonhuman Primates. Modern Research
Trends (Vol. 4), New York & London 1971, 117–184, außerdem R. Allen Gardner, Beatrix T. Gardner &
Thomas E. van Cantfort (Hrsg.), Teaching Sign Language to Chimpanzees, Albany, New York 1989. – Zu
den andersgearteten Magnettafel-Experimenten mit Schimpansen siehe die folgenden Arbeiten: Ann J. Pre-
mack & David Premack, Teaching language to an ape, in: Scientific American 227 (1972), 92–99. – David
Premack, Intelligence in Ape and Man, Hillsdale, N. J. 1976. – David Premack & Ann J. Premack, The Mind
of an Ape, New York 1983.
10
Siehe beispielsweise Hockett (1959, 1960), Lenneberg (1967: 227–270), Ramsay (1969), Thorpe (1972),
Bright (1984: 231–234), Ingold (1998: 91 f., 95), Makepeace Tanner (1998: 128), Anderson (2004: 20–37,
49–62, 318–324) und Hillix & Rumbaugh (2004: 18–21, 28 f.), außerdem Steiner (2005: 18–36). Kainz
(1961: 1–9, 157–282) liefert einen gründlichen Forschungsüberblick. Eine knappe Zusammenfassung bietet
David Crystal, Die Cambridge-Enzyklopädie der Sprache, Frankfurt & New York 1995, 396 f.
Antike Zeugnisse zu Kommunikationsformen von Tieren 43

a) Natürliche Sprachen weisen eine «zweifache Gliederung» (double articulation) auf, wie
vor allem André Martinet betont hat.11 Dies bedeutet, daß sich sprachliche Ausdrücke
auf zwei unterschiedlichen Ebenen zerlegen lassen: zum einen in Morpheme (kleinste
bedeutungstragende Einheiten, bei Martinet «Moneme» genannt), also Segmente, die
aus Form und Bedeutung bestehen, zum anderen in Phoneme (kleinste bedeutungsun-
terscheidende Einheiten), die nur Form, aber keine Bedeutung aufweisen. Aus der
Strukturierung auf phonologischer Ebene, auf der zahlreiche verschiedene Laute nach
bestimmten Kombinationsregeln miteinander verknüpft werden, ergibt sich die Unend-
lichkeit natürlicher Sprachen. Laute wie Vogelrufe lassen sich dagegen nur in bedeu-
tungstragende Einheiten der ersten Ebene aufgliedern, jedoch nicht in kleinere bedeu-
tungsunterscheidende Segmente.
b) Was artspezifische Signale bedeuten, muß von den meisten Tierarten nicht erst erlernt
werden; das Wissen darüber ist ihnen offenbar bereits weitgehend, bei manchen Tierar-
ten sogar vollständig angeboren. So beruht auch der Schwänzeltanz der Bienen auf In-
stinkt.
c) Formen tierischer Kommunikation sind zumeist Reflexe auf äußere Signale, beruhen
also auf einem situationsgebundenen Reiz-Reaktions-Schema. Außerdem haben Tiere
nicht (oder wie im Falle von Schimpansen nur sehr begrenzt) die Möglichkeit, einzelne
Kommunikationselemente je nach Situation neu zu kombinieren.
d) Tieren fehlt die Möglichkeit zu sprachlicher Abstraktion und zu metasprachlichen Aus-
sagen, also mittels Sprache über Sprache zu reden. Dieser Umstand dürfte zugleich
kommunikative Aussagen über Vergangenheit und Zukunft ausschließen. Zudem kön-
nen Tiere begriffliche Verallgemeinerungen nicht durch Symbole ausdrücken.
e) Die Hervorbringung mancher tierischer Signale ist geschlechtsabhängig. So können z. B.
bei manchen Tierarten bestimmte Balzsignale nur von Männchen oder Weibchen einer
Tierart produziert werden, nicht aber von beiden.
Diskussionen derartiger Unterscheidungen zwischen menschlicher Sprache und tierischer
Kommunikation durchziehen die neuzeitliche Sprachwissenschaft. So hob beispielsweise
Jacob Grimm in seiner Akademierede «Über den Ursprung der Sprache» (1851) hervor,
daß zwar entwickeltere Tierarten ihre Empfindungen durch eine besondere lautliche Arti-
kulation zum Ausdruck brächten, diese Lautäußerungen aber nicht erlernt, sondern ange-
boren seien und zudem keinem Wandel unterlägen. Diese Charakteristika setzten Tierlaute
deutlich von menschlicher Sprache ab, deren Schaffung nicht auf einer göttlichen Offenba-
rung beruhe, wie häufig angenommen wurde, sondern allein auf der rationalen Fähigkeit
des Menschen.12

11
André Martinet, La linguistique synchronique. Études et recherches, Paris 1965 (Deutsche Fassung: Synchro-
nische Sprachwissenschaft, Berlin 1968).
12
Jacob Grimm, Über den Ursprung der Sprache. Gelesen in der Akademie am 9. Januar 1951, in: Ders.,
Selbstbiographie: Ausgewählte Schriften, Reden und Abhandlungen. Hrsg. und eingeleitet von Ulrich Wyss,
München 1984, 154–189, hier S. 160 f.: «jedem vollkommneren warmblutigen thier, vögeln wie säugenden,
ist immer ein ganz besonderer laut eigen, mit welchem es seine empfindungen wechselweise des behagens,
der lust und des schmerzes, lockend oder scheuchend kund thun kann; einigen unter ihnen und zwar nicht
den uns sonst verwandten vierfüßigen thieren, sondern voraus dem gevögel wurde ein klangvoller, mei-
stens anmutiger und herzerfreuender gesang zugetheilt. stehn alle thierlaute nicht der menschensprache
zur seite? Diese thierische in ihrer äußerung gleich der thiergestalt selbst manigfaltigste stimme ist aber
sichtbar von natur in jedes thier geprägt und wird von ihm hervorgebracht ohne sie erlernt zu haben. (…)
44 Thorsten Fögen

Die Differenzierungskriterien der Arbitrarität und Konventionalität betonte der ameri-


kanische Linguist William Dwight Whitney (1827–1894) in seinem 1875 erschienenen
Buch The Life and Growth of Language. Tierische Kommunikationsformen wichen so mas-
siv von menschlicher Sprache ab, daß man diese keinesfalls mit dem Begriff «Sprache» be-
zeichnen könne.13
Besonderes Interesse an Kommunikationsformen von Tieren zeigte auch Georg von der
Gabelentz (1840–1893) in seinem Buch Sprachwissenschaft, zuerst veröffentlicht im Jahre
1891. Im einleitenden Kapitel definiert er den Begriff der menschlichen Sprache und diskutiert
in diesem Zusammenhang auch die «Sprachen der stimmbegabten Thiere», deren rhetorische
Leistungsfähigkeit beachtlich sei. Tiersprachen glichen in vielerlei Hinsicht gestisch-mimi-
schen Elementen, doch fehle ihnen «der gegliederte Ausdruck des Gedankens durch Laute»;
daher falle deren Untersuchung auch nicht in den Zuständigkeitsbereich des Linguisten.14
Auf Gabelentz und dessen Bemerkungen zu den Grundlagen des menschlichen Sprach-
vermögens verweist rund drei Dezennien später Otto Jespersen (1860–1943) zu Beginn des
Kapitels «The Origin of Speech» in seiner Darstellung Language (1922). Dabei erinnert er
zugleich daran, daß der Mensch nicht als einziger über eine «Sprache» (bezeichnender-
weise in Anführungszeichen gesetzt) verfüge und manche Tiere möglicherweise sogar ein
vollendeteres Verständigungsmedium als der Mensch besäßen; doch räumt er ein, daß man
über tierische Kommunikation noch zu wenig wisse und daher Spekulationen über deren
Charakter wenig ertragreich seien.15 Die Anfänge menschlicher Sprache vergleicht er jeden-

darum bleibt die jeder thierart angewiesene stimme immer einförmig und unveränderlich: ein hund bellt
noch heute wie er zu anfang der schöpfung boll, und mit demselben tirelieren schwingt die lerche sich auf
wie sie vor vielen tausend jahren that. das angeschaffene hat weil es angeschaffen ist unvertilgbaren charak-
ter. (…) Die stimme, mit welcher die thierwelt für alle einzelnen geschlechter einförmig und unabänderlich
ausgestattet wurde, steht demnach in unmittelbarem gegensatz zur menschlichen sprache, die immer ab-
änderlich ist, unter den geschlechtern wechselt und stets erlernt werden muß. Was der mensch nicht zu ler-
nen braucht und alsobald in das leben tretend von selbst kann, das bei allen völkern sich gleich bleibende
wimmern, weinen und stöhnen oder jede anderen ausbrüche leiblicher empfindung, das allein könnte dem
schrei der thierischen stimme mit recht an die seite gesetzt werden, das gehört aber auch zu menschenspra-
che nicht, und läßt mit deren werkzeugen sich eben so wenig als der thierlaut genau ausdrücken, nicht ein-
mal vollständig nachahmen.»
13
William Dwight Whitney, The Life and Growth of Language. An Outline of Linguistic Science, New York
1875, 2 f.: «(…) man is the sole possessor of language. It is true that a certain degree of power of commu-
nication, sufficient for the infinitely restricted needs of their gregarious intercourse, is exhibited also by
some of the lower animals. (…) But these are not only greatly inferior in their degree to human language;
they are also so radically diverse in kind from it, that the same name cannot justly be applied to both.
Language is one of the most marked and conspicuous, as well as fundamentally characteristic, of the facul-
ties of man.» Ähnlich S. 281 f. und 305 f., bes. 282: «The essential difference, which separates man’s means
of communication in kind as well as degree from that of the other animals, is that, while the latter is in-
stinctive, the former is, in all its parts, arbitrary and conventional.»
14
Georg von der Gabelentz, Die Sprachwissenschaft. Ihre Aufgaben, Methoden und bisherigen Ergebnisse, Leip-
zig 21901 (repr. Tübingen 1969), 2–4. Ferner wichtig ist das Kapitel «Die Grundlagen des menschlichen
Sprachvermögens», darin vor allem der Abschnitt zu physischen und psychischen Grundlagen
(S. 304–313), in dem u. a. die Fähigkeit von Vögeln zur Lautimitation thematisiert wird.
15
Otto Jespersen, Language. Its Nature, Development and Origin, London 1922, 412: «(…) we must first of all
realize that man is not the only animal that has a ‹language›, though at present we know very little about the
real nature and expressiveness of the languages of birds and mammals or of the signalling system of ants, etc.
The speech of some animals may be more like our language than most people are willing to admit – it may
also in some respects be even more perfect than human language precisely because it is unlike it and has de-
veloped along lines about which we can know nothing; but it is of little avail to speculate on these matters.»
Antike Zeugnisse zu Kommunikationsformen von Tieren 45

falls mit den Balzlauten von Tieren und führt ihr Entstehen somit auf Emotionen und In-
stinkt zurück; zugleich unterstreicht er das spielerisch-musikalische Element, das dem
Frühstadium von Sprache innewohne.16 Es könne allerdings erst dann von Sprache im
eigentlichen Sinne die Rede sein, wenn es sich um eine ganz bewußte Mitteilung an andere
handelt und nicht lediglich um einen vokalen Gefühlsausbruch. Jespersens Ausführungen
laufen auf die Feststellung hinaus, daß der Mensch ungleich differenziertere Verständi-
gungsmöglichkeiten als das Tier besitze.17
Einen wichtigen ethischen Aspekt menschlicher Kommunikation hob Jan Baudouin de
Courtenay (1845–1929) im Rahmen einer 1923 in Kopenhagen gehaltenen Vortragsreihe
hervor: Nur mit Hilfe menschlicher Sprache könne man eine Untat wie einen Mord recht-
fertigen oder gar schönreden.18 Diese Absetzung des Menschen vom Tier nimmt bei Bau-
douin de Courtenay Züge einer Kulturkritik an, die sich vor allem gegen Euphemismen
und Mißbrauch der Rhetorik richtet.

3. Antike Zeugnisse zu Formen tierischer Kommunikation

3.1 Vorbemerkungen

Die nachfolgend diskutierten Quellen zu tierischen Kommunikationsformen stammen


zum einen aus Prosatexten (Ktesias, Aristoteles, Textausschnitte aus Lehrschriften der
Stoiker, Plinius der Ältere und Aelian), zum anderen aus dichterischen Werken (Homer,
Ovid und Statius). Über das dritte nachchristliche Jahrhundert geht die folgende Darstel-
lung schon aus Raumgründen nicht hinaus. Einige Zeugnisse wurden bewußt ausgeklam-
mert, so z. B. die späteren griechischen und römischen Grammatiker, insbesondere deren
für die hier verfolgte Fragestellung interessanten
λ «- bzw. de voce-Kapitel (dazu
Ax 1986: 15–58, 212–266). Damit wird deutlich, daß die hier betrachteten Texte, die eine

16
Jespersen (1922 [wie Anm. 15]: 434): «In primitive speech I hear the laughing cries of exultation when lads
and lasses vied with one another to attract the attention of the other sex, when everybody sang his merriest
and danced his bravest to lure a pair of eyes to throw admiring glances in his direction. Language was born
in the courting days of mankind; the first utterances of speech I fancy to myself like something between the
nightly love-lyrics of puss upon the tiles and the melodious love-songs of the nightingale.»
17
Jespersen (1922 [wie Anm. 15]: 437): «In the case of human language, communication is infinitely more full
and rich and elaborate».
18
Jan Baudouin de Courtenay, Einfluß der Sprache auf Weltanschauung und Stimmung, in: Prace filologiczne
14 (1929), 185–256, hier 190 f.: «Ein hungriges tier kann zwar ein anderes ihm ähnliches tier töten, um es zu
verzehren; wird aber nie seine mordtat mit schönklingenden heuchlerischen phrasen rechtfertigen. Um
eine solche heuchelei zu treiben, um unverschämt zu erklären, dass man im namen der freiheit, der macht
des vaterlandes, der kultur, der zivilisation, der revolution, der gerechtigkeit, des fortschritts, kurz und gut
im namen verschiedener schönklingenden losungsworte lebende wesen vernichtet und kulturschätze zer-
stört, dazu gehört die verblendung und die fälschungssucht eines mit dem sprachlichen denken ausgestat-
teten wesens, eines wesens, welches seine sogenannten ideen in wörter einverleibt und dieselben in seine
abgötze und moloche verwandelt.» Siehe auch Thorpe (1972: 33) zu «prevarication»: «This connotes the
ability to lie or talk nonsense with deliberate intent. It is highly characteristic of the human species and
hardly found at all in animals. Possible exceptions occur in the play of some mammals and a few birds,
where we see what appear to be gestures, feints, and ruses designed to mislead»; ferner Owings & Morton
(1998: 41 f., 204–211). – George Orwells Werk Animal Farm (1945), in dem Tiere einander durch Sprache
manipulieren, ist selbstverständlich eine Überspitzung, die sich aus der literarischen Allegorie ergibt.
46 Thorsten Fögen

begrenzte, aber dennoch durchaus repräsentative Auswahl aus der Vielzahl an antiken Do-
kumenten zu «Tiersprachen» darstellen, recht unterschiedlichen literarischen Gattungen
zuzuordnen sind. Genre-Konventionen und damit verbundene darstellerische Intentionen
haben in nicht unerheblichem Maße den Gehalt und Charakter der einzelnen Zeugnisse be-
einflußt. Neben einer kritischen Überprüfung des Aussagewerts der hier vorgestellten
Texte soll daher zugleich der Überlegung nachgegangen werden, inwiefern die Schilderun-
gen von «Tiersprachen» Rückschlüsse auf die Anlage, die Art und Weise der Stoffpräsen-
tation, die erzählerischen Strategien und den Gesamtcharakter eines Textes zulassen.

3.2 Aristoteles

Im ersten Buch seiner Historia animalium leistet Aristoteles eine generelle Systematisierung
der Tiere nach zahlreichen physiologischen, biologischen und sozialen Differenzierungs-
kriterien wie z. B. ihren Lebensweisen, Aktivitäten und Lebensräumen, ebenso nach ihren
charakterlichen Eigenschaften.19 In diesem Kontext nimmt er kurz eine Unterscheidung
von stummen und stimmbegabten Tieren vor, ohne jedoch ein hinreichend klares Bild über
Einzelheiten zu vermitteln.20 Erhellung liefert erst ein ausführlicherer Abschnitt im vierten
Buch derselben Schrift, der eigens der Stimme von Tieren gewidmet ist (Hist. anim. IV 9
535a26–536b23):21 Tiere haben nur dann  («Stimme»), wenn sie über einen be-
stimmten physiologischen Apparat verfügen, nämlich über Lunge und Pharynx. Was mit
anderen Organen hervorgebracht wird, ist nicht , sondern lediglich « («Laut»)
wie z. B. bei Insekten, die Laute durch Membrane erzeugen, und bei Fischen (535b12–32)
mit Ausnahme des Delphins, der dank seiner Lungen und Luftröhre  besitzt, wenn
auch wegen des Fehlens von Lippen keine gegliederte  (535b33–536a3).22 Zu den
Tieren mit Zunge und Lungen, die eine – wenn auch schwache –  haben, gehören
Schlangen, Schildkröten und Frösche. Das Quaken letzterer wird als eine Art Brunftschrei
beschrieben, der im übrigen auch anderen Tieren wie Ziegen, Schweinen und Schafen zu-
eigen sei (536a4–16).
Bei den Vögeln kommen diejenigen der Äußerung von Sprache am nächsten, die ent-
weder eine breite oder aber eine dünne, feine Zunge haben (536a20–32; ähnlich Part. anim.
II 17 660a29-b2). Aufschlußreich sind in den betreffenden Passagen die folgenden ergän-
zenden Bemerkungen: (1) Bei manchen Vogelarten haben Männchen und Weibchen die-

19
Zu Aristoteles als Zoologe, vor allem zu seiner Klassifikation von Tieren, siehe Pellegrin (1982) und Zucker
(2005a, 2005b), ferner die Kurzüberblicke bei Dumont (2001: 225–258), Bouffartigue (2002: 136–140) und
Giebel (2003: 61–68), jeweils mit weiterer Literatur. Siehe auch French (1994: bes. 42–53, 56–62).
20
Aristoteles, Hist. anim. I 1 488a32–488b2: λ  ξ ,  ξ Ν,  ξ , λ
  ξ   !   ξ $ , λ  ξ "  ξ #,  # & 9  
# Ν9 α
 ξ μ μ
λ « (! "« # Ν 9  λ  ).
21
Zum folgenden ausführlich Dierauer (1977: 125–128), Ax (1978; 1986: 119–138), Zirin (1980), Tabarroni
(1988: 111–113), Sinnott (1989: 23–28, 41–103), Labarrière (1993; 2004: 19–59) und Wille (2001: 814–998);
siehe auch Steiner (2005: 61–76, bes. 74 f.).
22
Zur Unterscheidung von « und  siehe auch De anima II 8 420b5–421a6, bes. 420b5–11: π ξ
κ « "« ,# ,!-α   $! ./ξ  ), $ /# ²  
 ), 0 .μ« λ   λ Ρ# Ν  $! $
# !  λ « λ  .
  , Ρ λ π κ 2# ! .
 ξ  9 3  . !-# , 0   Ν
λ  ," 4!/ « (λ 2# .«, 5
$ « "#"« "« ,# ² «).
Antike Zeugnisse zu Kommunikationsformen von Tieren 47

selbe Stimme, bei anderen verschiedene (geschlechtsspezifisches Kriterium). Eine ge-


schlechtsbezogene Differenzierung in bezug auf die Stimme wird im weiteren Verlauf auch
für alle anderen Tierarten zugrundegelegt. 23 (2) Die Größe eines Vogels ist entscheidend für
Klangvariation und Häufigkeit des Gesangs: je kleiner, desto polyphoner und sangesfreu-
diger (physiologisches Kriterium). (3) Während der Paarungszeit singt jede Vogelart am
meisten (zeitlich-saisonales Kriterium).24 (4) Bisweilen sind Äußerungen durch bestimmte
Anlässe wie einen Kampf motiviert (situationales Kriterium). Die anatomisch-physiologi-
schen Voraussetzungen hatte Aristoteles allerdings bereits im zweiten Buch der Historia
animalium etwas präziser gefaßt als an dieser Stelle: Die Fähigkeit, Laute zu äußern, sei
Vögeln vor allen anderen Tieren eigen, die in diesem Punkt gleich hinter dem Menschen
rangierten. Doch seien es vor allem Vögel mit einer breiten Zunge, die über diese Gabe ver-
fügten (Hist. anim. II 12 504a34-b3).
Eine «sprachliche» Äußerung ( «) ist für Aristoteles die Artikulation
( / #«) von  mit Hilfe der Zunge.25 Dabei werden Vokale mittels Stimme und
Larynx produziert, Konsonanten mit Hilfe einer hinreichend beweglichen Zunge und der
Lippen (Hist. anim. IV 9 535a31-b3; Part. anim. II 16–17 659b27–660a29). Des weiteren
bemerkt Aristoteles, daß die Stimme () sich vorrangig durch unterschiedliche Ton-
höhen unterscheide, ansonsten aber innerhalb einer Tierart konsistent sei. Die gegliederte
Stimme (π # , )« Ν / «, 6 Ν « —#
  5
 ) sei hingegen von
Tierart zu Tierart anders, und selbst die Vertreter derselben Tierarten verfügten je nach Ort
über verschiedene  ; damit existierten regionale Varianten von «sprachlichen»
Äußerungen derselben Tierarten, ähnlich wie beim Menschen (diatopisches Kriterium).
Als Beispiel werden Wachteln angeführt, deren Artikulation von einer Gegend zur anderen
divergiere (Hist. anim. IV 9 536b8–14). 26 Daß zudem  im Gegensatz zu der durch
Training formbaren  « von Natur aus (# ) gegeben sei, veranschaulicht Ari-

23
Hist. anim. IV 11 538b13–15: λ
λ « ,
  /  
  λ (7--
 ,
κ :«, Ρ# !  α ¹ ξ : « :   / ¹ /   $ .
Weiter ausgeführt in Hist. anim. V 14 544b32–545a21, allerdings ergänzt durch ein altersspezifisches Krite-
rium; siehe auch Gen. anim. V 7 786b7–788b2.
24
Siehe auch Hist. anim. IX 49B 632b14–633a28, woraus zumindest der Anfang (632b14–21) zitiert sei: 
# ( 
  :-#  « — « λ μ !  λ κ , 0 ² -«
$λ « 7/«, λ κ κ 5#!  $"α , ξ  9  /  Ν 9 , 2 ξ ! «

 ) λ /  / -: «.  :  ξ λ π "! μ ! α 2 ξ  ! «
  2 ξ / -«
" 
λ μ .! 5#! α κ  κ .ξ  : .
Auch in diesem Passus wird hervorgehoben, daß Vögel während der Paarungszeit am häufigsten und va-
riantenreichsten singen (633a10 f.).
25
Zu dem Terminus  / #« siehe Zirin (1980: 336): «The notion of  / #«, articulation, is to be
taken quite literally here. ; / #« is based upon Ν / , ‹joint›. Pure voice is indivisible, but speech
is voice which has been provided with ‹joints› in the form of consonants through the action of the tongue
and lips. The result of this ‹jointedness› is that speech is divisible into a series of discrete units.»
26
Der Aristoteles-Schüler Theophrast scheint sich mit diesem Aspekt näher befaßt zu haben. Für ihn ist
P λ < "« (9 3)  ²  als Titel eines zoologischen Werks überliefert (Diogenes
Laertios 5.43; Athenaios, Deipn. 9.43 390a). Auch Theophrast hat offenbar Wachteln als ein Beispiel für lo-
kale Lautvariation angeführt, wie Aelian in De nat. anim. 3.35 bemerkt: P " / ‘ .
#
ω $# « 4
, $ #  . λ #A/#"  ¹ ,
  2 K -
- Ν  !2#, λ ¹ ,
" Ν. "  ,# )« /#  (, , ) @  -
#«. , ξ 9  B"9  λ 9 $
 « E.
"9  ²"  4# λ ³« ω 5
 « ²
(ähnlich Athenaios, Deipn. 9.43 390a). Zu Einzelheiten siehe Sharples (1995: 43, 51–58).
48 Thorsten Fögen

stoteles am Beispiel einer Nachtigall, die ihr Junges im Gesang unterrichtet (Hist. anim. IV 9
536b17–19, siehe Anm. 58).
Es zeigt sich, daß nach der Darstellung der Historia animalium sowohl Menschen als
auch manche Vögel, die bestimmte anatomisch-physiologische Voraussetzungen aufwei-
sen, im Besitz von  « sind. Doch mögen gewisse Tierarten auch über Stimmen
verfügen, die auf eine differenziertere Kommunikation hindeuten, so handelt es sich gleich-
wohl nicht um Äußerungen, die der menschlichen Sprache («) in jeder Hinsicht
gleichkämen. «Sprechende» Vögel wie der Papagei, der allgemein als «mit einer mensch-
lichen Zunge ausgestattet» ($/ 
) bezeichnet werde, werden im weiteren
Verlauf der Schrift der Gruppe der Lebewesen zugeordnet, die eine imitative Begabung
() aufweisen (Hist. anim. VIII 12 597b25–28).27 Schon daran wird deutlich, daß
solchen Tieren keine menschliche Sprache im eigentlichen Sinne zugeschrieben wird, die
mit einer aktiven, selbständigen Generierung von Äußerungen verbunden wäre. Daß zu-
dem der Papagei nicht notwendigerweise auch selbst als $/ 
« eingestuft
wird, zeigt sich an dem Zusatz μ    («der allgemein so bezeichnete»).
Über tatsächliche Sprachbegabung verfügen laut Aristoteles ausschließlich Menschen,
allerdings nicht solche, die von Geburt an taub sind; zwar besäßen auch Gehörlose ,
jedoch keine Sprache ( «)28 – ähnlich wie Kinder, die noch keine Kontrolle über
ihre Zunge hätten. Zu der Sozialisation des Menschen gehöre der allmähliche Sprach-
erwerb, der als schrittweise Einübung der Zungenbewegung und damit als Überwindung
von unkontrollierter Artikulation ( " ,  -" ) zu sehen sei (Hist. anim. IV 9
536a33-b7).29
Hinzu kommt ein semiotischer Aspekt: Wie aus der Definition des C in De inter-
pretatione (2 16a19–29) und des #! ) in der Poetik (20 1456b22–25 und ff.) ersichtlich,
ist menschliche Sprache für Aristoteles zum einen aufgrund ihrer Konventionalität, zum
anderen wegen der Kombinationsfähigkeit sprachlicher Laute zu komplexeren Einhei-
ten von den Formen tierischer Kommunikation abzuheben. Er erkennt Tieren weder
( noch #: zu, auch wenn sie durchaus zu einem #"  imstande seien;
die Bedeutung tierischer Zeichen beruht allerdings nicht wie bei menschlichen #:
auf willkürlicher Zuordnung, sondern scheint gleichsam #  zu sein, so bei Äußerungen
von Emotionen.30

27
Es sei allerdings der Vollständigkeit halber angemerkt, daß die Echtheit des siebten bis zehnten Buches der
Historia animalium und damit auch der hier behandelten Stelle bezweifelt wurde; dazu Sharples (1995:
33–35), mit weiterer Literatur.
28
Hist. anim. IV 9 536a33-b7; siehe auch Gen. anim. V 7 786b20–22: #  « (i.e. )«
$/ 3
«)  κ  $
  π #«  9  9  ! #/ -«  9
3 ,
2 ξ - D ρ κ . Ähnlich Plinius, Nat. hist. 10.192: auditus cui hominum primo
negatus est, huic et sermonis usus ablatus, nec sunt naturaliter surdi, ut non iidem sint et muti.
29
Antike griechische Zeugnisse zu Sprachbehinderungen und Taubheit behandelt Martha L. Rose, The Staff
of Oedipus. Transforming Disability in Ancient Greece, Ann Arbor 2003, 50–78.
30
Dazu ausführlicher Ax (1978: 262–269; 1986: 129–137), der allerdings mit Recht darauf verweist, daß sich
die Sache nicht ganz eindeutig verhält – zumindest nicht bei Tieren mit  «. Vor allem der Passage
Hist. anim. IV 9 536b14–19 (siehe oben) lasse sich entnehmen, daß auch den " und   der
Vögel das Merkmal der Konventionalität innewohnt (Ax 1978: 265 f.; cf. Labarrière 1993: 254–256). An-
dererseits ist zu konstatieren, daß sich Inkongruenzen vor allem terminologischer Art auch für Aristoteles
nicht ausschließen lassen und somit die hier gezogenen Schlüsse nicht grundsätzlich in Zweifel zu stellen
sind.
Antike Zeugnisse zu Kommunikationsformen von Tieren 49

Daß « etwas spezifisch Menschliches ist, hat laut Aristoteles nicht nur physiolo-
gische und semiotische Gründe, sondern vor allem eine ethische Komponente, wie er zu
Beginn der Politik darlegt: Stimme (), die Emotionen wie Schmerz und Freude
anzeige, sei zwar auch anderen Lebewesen verliehen; doch über Sprache («), die einen
Austausch über Wertmaßstäbe wie Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit oder Nützliches und
Schädliches ermögliche, verfüge allein der Mensch. Diese Position impliziert, daß manche
Tiere wie Vögel zwar zur Übermittlung von Informationen durchaus in der Lage sind, also
über  « verfügen, 31 daß sie jedoch keine ethischen und damit politischen Inhalte dis-
kutieren. Es ist somit Sprache als kulturstiftende und gesellschaftsbildende Kraft, die den
Menschen in herausragender Weise zu einem 9 
 macht. 32 Damit verbunden
ist seine Fähigkeit zu rationaler Überlegung und zu nachhaltiger Erinnerung; zwar gebe es
Tiere, die über Gedächtnis () und Lernfähigkeit (!) verfügten, ein ausgepräg-
tes Erinnerungsvermögen sei jedoch dem Menschen vorbehalten.33 Das Gleiche gelte für
sittliche Einsicht (NE VI 13 1144b).

3.3 Die Stoiker

Der Stoiker Diogenes von Babylon (ca. 240–150 v. Chr.) ist der Verfasser einer Schrift
P λ «. Wie bei Diogenes Laertios überliefert, definiert Diogenes den Begriff 
als eine Erschütterung der Luft oder die dem Gehörsinn zukommende Wahrnehmung.34
Menschliche Stimme unterscheidet sich von der tierischen in zweierlei Hinsicht: Sie wird
zum einen nicht lediglich durch einen natürlichen Impuls (G
μ ² «) hervorgebracht,
sondern durch eine Verstandesleistung ($
μ «); zum anderen ist sie gegliedert
( / «). Interessant ist der Zusatz, daß sie ihre Reife mit dem Alter von vierzehn Jah-
ren erreicht; damit wird unterstrichen, daß der Mensch nicht von Geburt an über eine ar-

31
Der Begriff  « tritt in diesem Abschnitt bezeichnenderweise gar nicht auf; siehe dazu Zirin (1980:
344).
32
Pol. I 2 1253a7–18: ; ξ
μ ² Ν/ 
« 9  
#«  "« λ
μ« $ "-
93 - », . O./ξ  , ³« ,  π #«
 )α  ξ  Ν/ 
« ! 
 9 3 α π ξ σ κ 2 -
 2 λ π« ,#λ # ), μ λ )« Ν« G
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93 «α !   - π #« . ,-/ , 2 !  5#/# -
 2 λ π« λ
2 #"  $«α ² ξ « ,
λ 9  2 ,# μ #-  λ μ :: , —#
λ μ " λ μ Να 2 
μ« Θ 9   )« $/ 3
« 5, μ 
$/2 λ 2 λ "- λ $"- λ  Ν 5#/# ! α π ξ  "

 ) 4" λ
. Zum Fehlen einer Differenzierung von « und  in diesem Passus siehe
Sinnott (1989: 78): «Aristoteles berücksichtigt hier die in den biologischen Werken eingeführte Unterschei-
dung zwischen artikulierter und unartikulierter Stimme nicht, aber man kann wohl annehmen, daß die an
dieser Stelle genannte tierische Stimme die zwei Varianten – die artikulierte und die unartikulierte – enthält
und daß der Begriff von Sprache den artikulierten Ausdruck als eine Komponente umfaßt.»
33
Hist. anim. I 1 488b24–27: :- -μ ξ  Ν/ 
« ,#  9 3. λ « ξ λ
!«
  ), $# #/ # .ξ Ν 
κ Ν/ 
«. Ausführlicher
Met. A 1 980a27-b29. Siehe auch Mem. 449b28–30, 450a15–20 und 453a5–13; dazu Richard Sorabji, Ari-
stotle on Memory, London 1972, bes. 40 f., 77–79, ferner Sorabji (1993: 50 f., 94 f.).
34
Aus Raumgründen ist der nachfolgende Überblick zur Stoa sehr verknappt und vereinfacht. Es sei daher
auf die ausführliche Darstellung bei Ax (1986: 138–211) verwiesen, der zugleich ältere Literatur zum Thema
zu entnehmen ist. Einen Kurzüberblick gibt Gentinetta (1961: 94–102); siehe auch Dierauer (1977:
234–238).
50 Thorsten Fögen

tikulierte  verfügt, sondern in dieser wie in anderer Hinsicht einen Entwicklungs-
prozeß durchläuft.35 Von der  werden im weiteren Verlauf zwei Termini abgesetzt,
nämlich 7« und «. Eine aus Buchstaben zusammengesetzte und damit gegliederte
Stimme (κ , «) bildet im Gegensatz zu einem bloßen Schall (J!«) eine
Äußerung (7«). Doch ist nicht jede 7« bedeutungstragend (#«): Eine
gegliederte Lautäußerung wie z. B. :"-  hat keine Bedeutung und damit nicht den Sta-
tus eines «. Aus diesem Grunde ist eine Lautäußerung (
 #/) von einer be-
deutungstragenden Aussage ( ), die durch eine Verstandesleistung zustandekommt,
abzusetzen.36 Der Begriff  « tritt freilich auch in der von Diogenes Laertios refe-
rierten stoischen Lehre auf, hat aber aufgrund seiner enger gefaßten Definition als national-
und regionalsprachliche Varianten der 7« eine andere Bedeutung als in den zuvor disku-
tierten Passagen des Aristoteles.37
Zusammenfassend läßt sich folgendes feststellen: Der Mensch ist deshalb sprachbegabt,
weil er im Gegensatz zum Tier ein vernunftbegabtes Wesen ist. Tieren ist keine begriffliche
Vorstellung gegeben, so daß sie lediglich Laute hervorbringen, die durch natürliche
Impulse evoziert sind. Diese Konzeption von Sprache ist eine Konsequenz der stoischen
Anthropologie, die so nachdrücklich wie keine andere philosophische Schule der Antike
die Vernunftlosigkeit der Tiere postuliert und allein dem Menschen Vernunft zuschreibt.
Damit ist eine gegenüber Aristoteles eindeutigere grundlegende Trennung von mensch-
licher Sprache und tierischen Verlautbarungen gegeben, die aber (soweit ersichtlich) außer
acht läßt, daß Artikulation nicht allein auf die menschliche Stimme begrenzt ist; darüber
hinaus ist der von Aristoteles herausgearbeitete Aspekt des bedeutungshaften Charakters
(#" ) menschlicher wie auch tierischer Äußerungen ausgespart.
Eine vergleichbare Systematik findet sich bei Chrysippos von Soloi (ca. 280–208/04
v. Chr.), dem Lehrer des Diogenes von Babylon. Wie Varro im sechsten Buch seiner Schrift
De lingua Latina berichtet, seien für Chrysippos sowohl bestimmte Vögel wie Raben und
Krähen38 als auch Kinder nicht in der Lage, echte Wörter zu produzieren, da sie nicht wis-
sen, wie sie ihre Laute richtig anordnen sollen – oder anders gesagt: weil sie keine Syntax

35
Diogenes Laertios 7.55: # ξ κ $κ

« ν μ 5 4#/μ $«, —« #
;« ² B:-3« , 9  P λ « !9  . 9
3-  ,# κ $κ G
μ ² «


«, $/ 3
- # #  / « λ $
μ "« ,

, ³« ² ;«
#", M« $
μ   ##  ,   2.
36
Diogenes Laertios 7.56: 7«  ,#, —« # ;«, κ , «, 0 NH . «
 ,# κ #κ $
μ "« ,

, 0 NH  ,#. Weiter ausgeführt in 7.57:
  ξ κ λ 7«, Ρ κ ξ λ ² J!« ,#, 7« ξ μ  /  . 7« ξ
-  , Ρ « $ λ #« ,#, 7« ξ λ Ν#«, ³« π :"- , « ξ
.«.   ξ λ μ   2
 #/α
  ξ  ¹ ",  
ξ 
, ψ κ λ   -! .
37
Diogenes Laertios 7.56:  «  ,# 7«  !  ,/«  λ NE«, ν 7«

, -#
   , 0  ξ κ #A/" @,  ξ κ #I
NH . Dazu Gentinetta (1961: 100), Ax (1986: 201, 210) und Anna Morpurgo Davies, The Greek notion
of dialect, in: Thomas Harrison (Hrsg.), Greeks and Barbarians, New York 2002, 161 f. mit Anm. 18 (zuerst
in: Verbum 10 [1987], 7–27). Zu Recht verweist allerdings Ax (1986: 128 Anm. 45, 202) darauf, daß bereits
in Hist. anim. IV 9 536b8–14 (s. o.) der Begriff  « im Sinne einer diatopischen Sprachvarietät auf-
gefaßt wird.
38
Diese Vögel galten vor allem in der römischen Antike als besonders sprechfreudig, wie z. B. Plinius, Nat.
hist. 10.121–124 und Macrobius, Sat. 2.4.29 f. belegen. Dazu ausführlicher Keller (1893: bes. 5 f., 13) und
Schmidt (2002: bes. 130 f., 155), ferner Pollard (1977: 25–27) und Sauvage (1975: 185–191).
Antike Zeugnisse zu Kommunikationsformen von Tieren 51

haben. Vogellaute und die Laute von Kindern befinden sich demnach auf derselben Ebene:
in beiden Fällen handelt es sich nicht um ein wirkliches Sprechen (loqui ), sondern nur um
ein Quasi-Sprechen (ut loqui ), weil zum einen keine rationale Motivation hinter der Laut-
produktion steht und zum anderen kein Bewußtsein für die korrekte serielle Positionierung
des Lautmaterials existiert.39 Impliziert ist hierbei eine Trennung zwischen reiner stimm-
licher Äußerung («
 «) und sinnhafter, auf Rationalität beruhender innerer
Sprache (« ,/ «). Nur der vollentwickelte Mensch ist in der Lage, seine hör-
baren Lautäußerungen mit inneren Konzepten zu verknüpfen. Demgegenüber verfügen
Kinder wie auch Vögel lediglich über «
 «, nicht jedoch über « ,-
/ «. 40 Diese Differenzierung liegt auch in der bereits behandelten Passage bei Dioge-
nes Laertios vor, in der   von
 #/ abgehoben wird (7.57, siehe Anm. 36).
Auf einer primitiven Ebene verfügen Tiere jedoch nach stoischer Lehre durchaus über For-
men der Kommunikation, vor allem im Falle symbiotischer Verhältnisse. Wie Chrysippos
offenbar im fünften Buch seiner Schrift über das Gute und die Lust darlegte, wird die Steck-
muschel (
", lat. pina) vom Seekrebs durch einen Biß darauf aufmerksam gemacht, wann
sie ihre Schalen zuklappen soll, um die dazwischen befindlichen kleinen Fische zu fangen und
diese dann mit dem Krebs zu teilen. Eine solche gemeinsame Strategie der Nahrungsbeschaf-
fung sei, wie in dem bei Cicero berichteten Beispiel hinzugefügt wird, angesichts der Ver-
schiedenheit der beiden Tiere bemerkenswert. Darüber hinaus wird die Frage aufgeworfen,
ob diese Form der Symbiose von Natur aus (also schon immer) bestehe oder aber auf einer
Art Übereinkunft basiere und sich erst im Laufe der Zeit (modern gesprochen: der Evolution)
herausgebildet habe.41 Bei aller Bewunderung für verschiedene Einrichtungen innerhalb der
Tierwelt kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, daß für die Stoiker derartige Phänomene
nicht-lautlicher, non-verbaler Kommunikation bei Tieren mit Sprache nichts zu tun haben.
Seneca äußert sich später zu den entscheidenden Punkten folgendermaßen: Tiere verfügen
trotz ihrer fehlenden Sprachbegabung durchaus über Fähigkeiten, die der Lebenserhaltung
dienen (Epist. 121.24).42 Daß ihre Stimme nicht zu mehr als reinen Lautäußerungen imstande
ist, hat physiologische Gründe: ihre Zunge ist im Gegensatz zu der des Menschen nicht hin-
reichend beweglich. Ebenso ist ihr seelisches Zentralorgan (π , im Lateinischen
wiedergegeben als principale), das beim Menschen für das Zustandekommen sinntragender

39
Varro, De lingua Latina 6.56: Loqui ab loco dictum. Quod qui primo dicitur iam fari vocabula et reliqua verba
dicit ante quam suo quique loco ea dicere potest, hunc Chrysippus negat loqui, sed ut loqui: quare ut imago
hominis non sit homo, sic in corvis, cornicibus, pueris primitus incipientibus fari verba non esse verba, quod non
loquantur. Igitur is loquitur, qui suo loco quodque verbum sciens ponit, et is tum prolocutus, quom in animo
quod habuit extulit loquendo. Dazu u. a. Ax (1986: 182 f.) und Sorabji (1993: 81; 1997: 369 f.), letzterer mit
Verweis auf moderne Diskussionen über die Frage nach dem Vorhandensein von Syntax in «Tierspra-
chen», ferner Hellfried Dahlmann, Varro und die hellenistische Sprachtheorie, Berlin & Zürich 21964, 41 f.
(mit früherer Literatur).
40
Zu diesen beiden Termini siehe Mühl (1962: bes. 8–16), Matelli (1992), Glidden (1994: bes. 133–136) und
Labarrière (1997).
41
Cicero, De off. 2.123 f. (= SVF II 729): Pina vero – sic enim Graece dicitur – duabus grandibus patula conchis
cum parva squilla quasi societatem coit comparandi cibi; itaque cum pisciculi parvi in concham hiantem inna-
taverunt, tum admonita a squilla pina morsu conprimit conchas: sic dissimillimis bestiolis communiter cibus
quaeritur; in quo admirandum est, congressune aliquo inter se an iam inde ab ortu natura ipsa congregatae sint.
Siehe auch Athenaios, Deipn. 3 89d (= SVF II 729a): ² ξ
 « (…)   .κ —#

#", ferner Plutarch, De soll. 30 980a-b (= SVF II 729b).
42
Zum Instinktgedanken und zur Oikeiosis-Lehre bei den Stoikern siehe insbesondere Dierauer (1977:
199–224; 1998: 63–69) und Sorabji (1993: 122–133).
52 Thorsten Fögen

Sprache verantwortlich ist, zu wenig fein ausgebildet und entwickelt.43 Manche Tiere mögen
den Menschen durch ihre Stimmqualität übertreffen wie z. B. der Hund durch seine größere
Lautstärke, der Adler durch seine größere Schärfe, der Stier durch seine Stimmgewalt oder
die Nachtigall durch ihren anmutigen Klang; doch führt das Fehlen von Vernunft (ratio), die
den Menschen in die Nähe der Götter rückt und bei rechter Anwendung ein erfülltes Leben
bewirkt, bei diesen Tieren nie zum Besitz von echter Sprache (Epist. 76.9 f.).
Ein solches Konzept, das mit einer tiefgreifenden prinzipiellen Trennung von Mensch
und Tier einhergeht, blieb nicht unwidersprochen. Die folgenden Autoren haben beson-
ders eingehend zum Status des «
 « und des « ,/ « Stellung
bezogen:44 Plutarch (ca. 45–125 n. Chr.) vor allem in seinen Schriften De sollertia anima-
lium und Bruta animalia ratione uti, ferner Sextus Empiricus (fl. Ende des 2. Jh. n. Chr.)45
sowie Porphyrios (ca. 234–305 n. Chr.) im dritten Buch seines Traktats De abstinentia. Ex-
emplarisch sei hier lediglich eine Passage aus Plutarchs De sollertia animalium herausgegrif-
fen (19 973a-e): Stare, Krähen und Papageien, die sprechen zu lernen vermögen, seien ein
Beispiel dafür, daß auch sie über «
 « und eine gegliederte Stimme (κ
 / «) verfügen. Plutarch verweist auf Aristoteles’ Schilderung der Lernfähigkeit von
Nachtigallen (s. o.) und ergänzt eine Anekdote über einen Eichelhäher ("), der alle mög-
lichen Laute – und zwar menschliche Sprache ($/ 3
- T) ebenso wie Tierlaute
(/ " /-«) und den Klang von Musikinstrumenten (-« ( ) –
nachahmen konnte. 46 Nachdem dieser Vogel bei einem Begräbnis Trompetenmusik ver-
nommen hatte, sei er für geraume Zeit verstummt. Er habe jedoch, anders als zunächst an-
genommen wurde, keineswegs seine Stimme oder sein Gehör verloren, sondern während
der Phase seines Schweigens innerlich die Imitation des Trompetenklangs eingeübt, den er
nach einer Weile präzise wiedergab. Diese Geschichte sieht Plutarch als einen Beleg dafür
an, daß für eine solche Form der Selbstinstruktion die bloße Bereitschaft zum Lernen nicht
ausreicht, sondern eine rationale Leistung hinzukommen muß – und zwar eine Bewerk-
stelligung, die aufgrund einer bewußten Auswahl dessen, was geäußert wird, über blinde
Imitation hinausgeht. 47 Dieser Sichtweise zufolge ahmen Vögel also nicht beliebig Laute
nach, sondern stellen eine innere Reflexion darüber an, was sie konkret «äußern» wollen.
Plutarchs Position, daß auch Tiere Vernunft haben, steht der stoischen Lehre klar entgegen
und bringt eine Reihe von Konsequenzen mit sich, insbesondere für die Haltung und den

43
Seneca, De ira 1.3.7: Nulli nisi homini concessa prudentia est, providentia, diligentia, cogitatio nec tantum vir-
tutibus humanis animalia sed etiam vitiis prohibita sunt. Tota illorum ut extra ita intra forma humanae dissimilis
est; regium est illud et principale aliter ductum. Ut vox est quidem sed non explanabilis et perturbata et verborum
inefficax, ut lingua sed devincta nec in motus varios soluta, ita ipsum principale parum subtile, parum exactum.
44
Dazu u. a. Tabarroni (1988: 108–111), Sorabji (1993: 81–84), Glidden (1994: bes. 136–148) und Labarrière
(1997); siehe auch Steiner (2005: 100 f., 107 f.).
45
Siehe Sextus Empiricus, Pyrrh. hyp. 1.62–78 (bes. 1.73–77) und Adv. math. 8.275 f., 8.285–288.
46
Siehe auch Aristoteles, Hist. anim. IX 13 615b19 f.: π ξ " « ξ  : 
 "#«
(/# <#  ³« 4
) π  Ν $"#). Das Beispiel des Eichelhähers ist auch bei Sextus
Empiricus angeführt (Pyrrh. hyp. 1.73): (…) # ξ ²    ,
λ U ² «, λ
$/ 
"«
   «, ³« "« λ Ν .
47
Plutarch, De soll. 19 973d-e: (…) Ν##« ³«  λ $!3 #« 4« <-μ 2 2, /-

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Antike Zeugnisse zu Kommunikationsformen von Tieren 53

Umgang des Menschen mit Tieren.48 Dies schließt auf moralischer Ebene ein, daß sich der
Mensch Tiere durchaus zunutze machen kann, ihnen gegenüber jedoch keine Rücksichts-
losigkeit oder Grausamkeit anwenden soll.

3.4 Plinius der Ältere: Naturalis historia

Über Plinius den Älteren und seine in der Naturalis historia angeblich zum Ausdruck kom-
mende mangelnde Selbständigkeit und blinde Sammelwut las man lange Zeit geradezu ver-
nichtende Urteile (Bodson 1986: 107 f.), so beispielsweise bei Arthur Schopenhauer, Theo-
dor Mommsen oder Eduard Norden. Erst in den letzten Jahren hat man sich stärker darum
bemüht, die Eigenart der Darstellung des Plinius zu erfassen und ihn selbst weniger vor-
eingenommen zu sehen. 49 Kein zweiter römischer Autor hat jedenfalls ein so breites Spek-
trum an Wissensbeständen aus dem Bereich der Naturwissenschaften zusammengetragen
und vermittelt damit einen wichtigen Einblick in die Wissenskultur der frühen Kaiserzeit.
Zugleich durchzieht die Naturalis historia eine moralische Komponente. Aufschlußreich für
die hier verfolgte Fragestellung sind neben der in der sogenannten Anthropologie (Buch 7)
angesiedelten Debatte über den Menschen als Mängelwesen50 vor allem das achte Buch zu
Landtieren und das zehnte Buch zu Vögeln, aber auch das elfte Buch zu Insekten.
Unter die zumindest passiv sprachbegabten Tiere rechnet Plinius nicht allein diverse
Vogelarten, sondern auch Elefanten und Löwen. Mit einer umfangreichen Beschreibung
des Elefanten beginnt das achte Buch der Naturalis historia (8.1–34; siehe Scullard 1974:
208–218; French 1994: 216–218; Giebel 2003: 87–94; Mastrorosa 2003). Der Elefant sei das
größte unter den Landtieren und zudem dem Menschen an Sinn und Verstand am näch-
sten; daher verstehe er die in seinem Land gesprochene Sprache, sei folgsam und gelehrig
und verfüge sogar über gewisse moralische Tugenden.51 Plinius referiert unter Berufung auf

48
Siehe Newmyer (1992, 1999, 2005), Santese (1994), French (1994: 178–184), Dumont (2001: 350–365),
Giebel (2003: 198–208), Goguey (2003: 87–89, 92), Steiner (2005: 93–103) und Gilhus (2006: 44–52).
49
Hier kann, zusätzlich zu dem Hinweis auf Beagon (1992) und French (1994: 196–255), nur eine kleine Aus-
wahl zentraler Publikationen aufgeführt werden: Guy Serbat, Pline l’Ancien. État présent des études sur sa
vie, son œuvre et son influence, in: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt II 32.4 (1986), 2069–2200. –
Roger French & Frank Greenaway (Hrsg.), Science in the Early Roman Empire. Pliny the Elder, his Sources
and Influence, London & Sydney 1986. – John F. Healy, Pliny the Elder on Science and Technology, Oxford
1999. – Valérie Naas, Le projet encyclopédique de Pline l’Ancien, Roma 2002. – Trevor Murphy, Pliny the
Elder’s Natural History. The Empire in the Encyclopedia, Oxford 2004.
50
In bezug auf die menschliche Sprachbegabung heißt es in Nat. hist. 7.4 pointiert: hominem nihil scire sine
doctrina, non fari, non ingredi, non vesci, breviterque non aliud naturae sponte quam flere. Mit ungefähr sie-
ben Jahren sei der Mensch in der Lage, sich sprachlich voll zu artikulieren (Nat. hist. 11.174); seine Stimme
erreiche ihre volle Kraft mit vierzehn Jahren (Nat. hist. 11.270). Als bemerkenswert wird allerdings die Viel-
zahl der Sprachen hervorgehoben: sermones, tot linguae, tanta loquendi varietas, ut parvum dictu, sed in-
mensum aestimatione, tot gentium externus alieno paene non sit hominis vice (Nat. hist. 7.7).
51
Plinius, Nat. hist. 8.1: Maximum est elephans proximumque humanis sensibus, quippe intellectus illis sermonis
patrii et imperiorum oboedientia, officiorum, quae didicere, memoria, amoris et gloriae voluptas, immo vero,
quae etiam in homine rara, probitas, prudentia, aequitas, religio quoque siderum solisque ac lunae veneratio.
Zu ihrem Schamgefühl (pudor) siehe Nat. hist. 8.12 f., zu ihrem Gerechtigkeitsempfinden (iustitia) siehe Nat.
hist. 8.15. Von einer Art Gemeinsamkeit des Elefanten mit dem Menschen (quandam … cum genere humano
societatem) spricht Cicero, Ad fam. 7.1.3. Siehe auch French (1994: 217): «Pliny obviously approved of the
elephant and in projecting human traits to it made it almost a model Roman».
54 Thorsten Fögen

den früheren Konsul C. Licinius Mucianus einen Fall, bei dem ein Elefant das Schreiben in
griechischer Sprache erlernt haben soll (Nat. hist. 8.6 [= HRR fr. 12]), ohne dabei zu hin-
terfragen, wie dies rein anatomisch möglich gewesen sein soll; es ist nicht einmal angedeu-
tet, daß der Elefant zum Schreiben möglicherweise seinen Rüssel benutzt haben könnte.
Die Stelle ist ein Beispiel dafür, daß Plinius bisweilen recht unkritisch mit seinen Quellen
umgeht und Informationen ganz unterschiedlichen Charakters unkommentiert aneinan-
derreiht.
Für Löwen (Nat. hist. 8.41–58) berichtet Plinius, daß diese den Sinn menschlicher Bitten
und Besänftigungsversuche verstünden und Milde gegen Flehende zeigten, insbesondere
wenn es sich um Frauen handele. Dafür führt Plinius den Erfahrungsbericht einer nament-
lich nicht genannten Gefangenen an, die in Wäldern von Löwen angefallen worden sei und
diese erfolgreich mit dem Hinweis auf ihr schwaches Geschlecht besänftigt habe. Der sich
anschließende Kommentar zeigt jedoch, daß dieser eine Beleg Plinius nicht dafür ausreicht,
das Verhalten der Löwen in diesem konkreten Einzelfall als allgemeingültig zu bezeichnen;
da weitere empirische Belege fehlten, schließt er nicht aus, daß es sich genauso um einen
Zufall gehandelt haben könnte (Nat. hist. 8.48). Immerhin steht für ihn fest, daß man die
Stimmung (animus) von Löwen an ihrem Schwanz erkennen könne: keine Bewegung
bedeute Sanftmut, geringe Bewegung signalisiere Schmeichelei, heftiges Schlagen des
Schwanzes trete bei Wut auf (Nat. hist. 8.49; ähnlich 11.137 in bezug auf die Ohren von
Pferden und Lasttieren, die indicia animi seien). List und Argwohn seien ihnen fremd; da-
her trete bei ihnen auch kein schielender Blick auf (Nat. hist. 8.51 f.).
Einem letztlich nicht identifizierbaren Tier, das als leucrocota bezeichnet wird und dessen
Körperteile im einzelnen an Wildesel, Hirsch, Löwe und Dachs erinnern sollen (Nat. hist.
8.72), wird die Fähigkeit zur Nachahmung der menschlichen Stimme zugeschrieben. In
diesem Punkt hat die leucrocota eine Ähnlichkeit mit Hyänen, die ihrerseits ihre angebliche
imitative Gabe zu dem Zweck verwenden, Menschen aus ihren Behausungen zu locken
und sie dann zu zerreißen; die Sprachbegabung dieser Tiere hat also für den Menschen
etwas Bedrohliches. Doch leitet Plinius diese Darstellung mit dem Hinweis darauf ein, es
würde viel Seltsames (multa mira) über Hyänen erzählt, und stellt damit die Glaubwürdig-
keit derartiger Berichte in Frage (Nat. hist. 8.106). 52 In eine ähnliche Kategorie gehören
für Plinius auch die beiden Zeugnisse zu sprechenden Tieren als Vorzeichen (prodigia),
die in einem politischen Kontext stehen: Die Entthronung des Königs Tarquinius sei
u. a. durch einen sprechenden Hund und eine bellende Schlange angekündigt worden (Nat.
hist. 8.153). Als ein «Vorzeichen der Alten» (prodigiis priscorum) wird ein sprechender
Ochse aufgeführt; dieses prodigium habe den Senat veranlaßt, seine Sitzungen unter freiem
Himmel abzuhalten. 53 Eine solche Form der Sprechfähigkeit von Tieren im Rahmen von
Omina signalisiert geradezu eine Widernatürlichkeit, eine verkehrte Welt, in der ein Unheil
droht; derlei Ausnahmesituationen implizieren zugleich das Wirken übermenschlicher
Mächte.

52
Parallelstellen (dort aber [] , nicht leucrocota): Aelian, De nat. anim. 7.22; Dalion, FGrHist
666F1; Porphyrios, De abst. 3.4.5. Diodor 3.35.10 stuft den Bericht ebenfalls als abstrus ein; cf. Aelian, De
nat. anim. 7.22: 4 λ -/ « μ 4 .
53
Zu sprechenden Ochsen beispielsweise auch Livius 3.10.6, 24.10.10, 27.11.4, 35.21.4, ferner Valerius Ma-
ximus 1.6.5 und Tacitus, Hist. 1.86.1. Siehe auch Arnobius, Adv. nat. 7.9 (zum Kontext Gilhus 2006:
151–154).
Antike Zeugnisse zu Kommunikationsformen von Tieren 55

Zu den Tieren, die als auch aktiv sprachbegabt beschrieben werden, kommt Plinius in
seinem zehnten Buch, das der Beschreibung verschiedener Vogelarten54 gewidmet ist. Er
führt in der Buchmitte zunächst zwei Beispiele für Vögel an, die die Stimmen anderer Tiere
zu imitieren imstande sind: der sogenannte «Stier» (gemeint ist wohl die Rohrdommel),
der das Brüllen von Rindern nachahmt, sowie der anthos (vielleicht die Schafstelze; cf.
Robert 1911: 62 f.; Thompson 21936: 51 f.; Pollard 1977: 52 f.), der das Gewieher von Pfer-
den imitieren soll (Nat. hist. 10.116). Ausführlicher spricht Plinius dann über Vogelarten,
die die menschliche Stimme nachahmen und zum Teil sogar sprechen (der hier verwendete
Terminus ist sermocinari ) wie beispielsweise Papageien, Elstern und Raben (Nat. hist.
10.117–124). Als physiologischen Grund für diese Art der Sprachbegabung verweist Pli-
nius, offenbar in Anlehnung an Aristoteles (s. o.), auf die breiteren Zungen dieser Vögel.
Dafür, daß sie sich Wörter und zum Teil auch längere Wortgruppen aneigneten, sei jedoch
außerdem eine bestimmte Lehrmethode erforderlich: Das Sprechtraining solle idealerweise
an einem abgeschiedenen, ruhigen Ort erfolgen, an dem die Vögel nicht durch andere Stim-
men abgelenkt würden. Ein wiederholtes Vorsprechen der Wörter, die die Tiere lernen sol-
len, müsse von Belohnungen durch Futtergaben begleitet werden.
Auffällig ist bei Plinius, daß manche Tiere in seiner Darstellung geradezu vermenschlicht
sind. Hatte er den Elefanten bereits gewisse moralische Qualitäten zugeschrieben, die
sonst nur Menschen zueigen sind (s. o.), so sind seine Ausführungen zur Nachtigall55 (Nat.
hist. 10.81–85) nahezu durchweg von einer anthropomorphisierenden Herangehensweise
getragen. 56 Die Sangesleistung und Musikalität dieses Vogels sei, vor allem angesichts sei-
ner geringen Körpergröße, derart beeindruckend, daß man sie als ars bezeichnen müsse.
Dementsprechend geht Plinius davon aus, daß der Gesang von Nachtigallen in einem auf-
wendigen Verfahren erlernt wird, und unterstreicht diese Position mit der kurzen Schilde-
rung einer Gesangsstunde, bei der die Vogellehrerin ihre Schülerin tadele und die Schülerin
sich im Gegenzug um eine Verbesserung ihrer Leistung bemühe. Zudem fänden öffentliche
Gesangswettbewerbe statt, bei denen es hitzig zugehe.57 Auch Aristoteles bemerkt kurz,
daß man beobachtet habe, wie eine ältere Nachtigall ihr Junges im Gesang unterwies; doch
fehlt bei ihm jegliche Ausgestaltung dieses Berichts und ebenso eine Anthropomorphisie-
rung der Vögel.58

54
Zu Vögeln in der Antike, einschließlich ihrer Beliebtheit als Haustiere, siehe vor allem Keller (1913: 1–246),
ferner Giebel (2003: 129–134), Jennison (1937: 99–121), Toynbee (1973: 237–282) und Pollard (1977); cf.
auch Thompson (21936), Sauvage (1975: 101–290) und Rink (1997).
55
Zu Nachtigallen siehe die entsprechenden Kapitel bei Keller (1887: 304–320), Thompson (21936: 16–22),
Toynbee (1973: 276 f.), Pollard (1977: 42 f.) sowie Chandler (1934/35) und Sauvage (1975: 192–206), von de-
nen die beiden letzteren primär dichterische Texte behandeln.
56
Kurze Bemerkungen zur graduell unterschiedlichen Anthropomorphisierung von Tieren in den Schriften
des Plinius, Plutarch und Aelian finden sich bei Martini, Küppers & Landfester (2000: 134 f., allgemeiner
142–144).
57
Nat. hist. 10.83: certant inter se, palamque animosa contentio est. victa morte finit saepe vitam spiritu prius de-
ficiente quam cantu. meditantur aliae iuveniores versusque, quos imitentur, accipiunt; audit discipula intentione
magna et reddit, vicibusque reticent: intellegitur emendatae correptio et in docente quaedam reprehensio. Dazu
Chandler (1934/35: 78): «he (i.e. Pliny) strains our credulity when he tells us that the young take singing
lessons from their elders and that the birds engage in musical contests (…).»
58
Aristoteles, Hist. anim. IV 9 536b17–19: W # τ
 λ $Ω  μ
#-#, ³« .!
²"« #  « - Κ#« λ « «, $# , ! 
 #/ (Aelian, der
diese Stelle in De nat. anim. 3.40 kurz aufgreift, ignoriert interessanterweise das Passiv τ
 und unter-
stellt Aristoteles, er habe den von ihm beschriebenen Sachverhalt selbst gesehen:   ξ #A #«
56 Thorsten Fögen

Das elfte Buch der Naturalis historia ist den Insekten gewidmet, die trotz ihrer Kleinheit
eine beeindruckende Perfektion aufwiesen, was auf das kunstvolle Wirken der Natur zu-
rückzuführen sei (Nat. hist. 11.1 f.). Plinius geht hier nicht zuletzt auf die unterschiedlichen
Lautäußerungen von Insekten ein. In dem Abschnitt zu Bienen (Nat. hist. 11.11–70) greift
er manches auf, was sich bereits bei Aristoteles findet. Aufschlußreich sind seine Differen-
zierungen für die Laute von Zikaden (Nat. hist. 11.92–95; cf. Aelian, De nat. anim. 1.20,
5.9): Er unterscheidet stumme (mutae) von singenden (canorae), was zum einen arten-,
zum anderen geschlechtsspezifisch motiviert sei: Die kleinere Zikadenart ist im Gegensatz
zur größeren stumm, bei beiden Arten singen nur die männlichen Zikaden (mares canunt in
utroque genere, feminae silent). Bei den singenden gebe es graduelle Abweichungen. Auch
das geographische Vorkommen dieser Insekten hänge zusammen mit ihrer Sangesbega-
bung; so gebe es in manchen Gebieten Zikaden, die überhaupt keine Laute äußerten.
Die Art und Weise, in der Aristoteles und Plinius die Formen tierischer Kommunikation
behandeln, ist nur ein Beispiel für die deutlichen Unterschiede zwischen den beiden Auto-
ren. Physiologische Erklärungen nehmen bei Aristoteles einen weit größeren Raum ein als
bei Plinius. Die recht ausführliche Differenzierung zwischen Laut, Stimme und Sprache,
die bei Aristoteles ein wichtiges Kriterium für die Absetzung verschiedener Tierarten von-
einander bildet, fehlt bei Plinius. Überhaupt ist die Darstellung der Historia animalium sy-
stematischer, stringenter und nüchterner als die der Naturalis historia. Auf die wiederholte
Einflechtung von Paradoxa und Mirabilien hat Aristoteles zugunsten einer stark empirisch
orientierten Vorgehensweise verzichtet. Zwar kennzeichnet Plinius bestimmte Berichte als
unglaubwürdig, bezieht diese aber dennoch in seine Ausführungen ein. Die unterbliebene
Ausfilterung von Unbelegtem kennzeichnet zugleich den für Plinius recht geringen Stellen-
wert der Empirie. Sicher muß man den Römer – wie auch manche anderen Fachschriftstel-
ler seiner Epoche und auch späterer Zeiten – als einen Autor sehen, der Wissensbestände
weniger aus eigener Anschauung als vielmehr aus der umfassenden Lektüre bereits beste-
hender Werke offenbar recht unterschiedlichen Charakters zusammentrug. Doch ist zu
fragen, ob die Integration von Mirabilien wirklich allein zurückzuführen ist auf Plinius’
mangelndes Vermögen, diese von sachlichen Elementen zu trennen. Im Gegensatz zu
Aristoteles schrieb er nicht für einen begrenzten Kreis von Spezialisten, sondern wollte mit
seinem Werk durchaus ein breiteres Publikum erreichen. Plinius’ erklärte Absicht, interes-
sierte Laien anzusprechen (Nat. hist. praef. 6 f., 11), wird man nicht in Abrede stellen wol-
len, auch wenn die Vorworte zu antiken Fachschriften bestimmten Konventionen und Mu-
stern folgen und nicht jede Aussage in ihnen wörtlich genommen werden darf (Fögen 2003:
36 f., 38–42). Schon anders sieht es dagegen aus mit seinem Hinweis auf den bewußten Ver-
zicht auf Abschweifungen und Elemente des Wunderbaren, die für den Leser eine ange-
nehme Unterhaltung geboten hätten (Nat. hist. praef. 12 f.; siehe Bodson 1986: 110). Die
Präsentation des eigenen Werkes als sprachlich-stilistisch anspruchslose, rein um Sachdar-
stellung bemühte Schrift gehört zu der für Fachtext-praefationes üblichen Topik des Vorran-
ges der res über verba, die den Tatsachen oft zuwiderläuft. Wenngleich in diesem Punkt die

4 ) .μ«    « $« G


μ «  μ« #  Ν 9 ). An der Sache vorbei geht
die Bemerkung von Heironimus (1934/35: 297): «Pliny describes the teaching process more fully than
Aristotle; and if the details are added from his own observation, he is to be commended for its accuracy.»
Die Anthropomorphisierung, die Plinius gegenüber Aristoteles vornimmt, und damit auch der unter-
schiedliche Charakter der beiden Darstellungen sind hier übersehen. Richtig meint Goguey (2003: 86) in
bezug auf Plinius’ Schilderung: «Tout le vocabulaire humain est présent, discipula, audit, docente».
Antike Zeugnisse zu Kommunikationsformen von Tieren 57

Naturalis historia über das Programm ihres Verfassers hinausgeht, muß man andererseits
zugestehen, daß Plinius weit davon entfernt ist, ein Paradoxon an das andere zu reihen.
Auch das Element des Anekdotischen ist in der Buntschriftstellerei über Tiere und ihre Er-
lebniswelt stärker vertreten als bei Plinius, der insgesamt Belehrung über reine Unterhal-
tung setzt. So ist denn auch in denjenigen Partien seines Werkes, in denen er Formen tie-
rischer Kommunikation behandelt, eine Mischung aus Sachorientierung einerseits und
einem Hang zur Akzentuierung des Kuriosen andererseits zu konstatieren.

3.5 Claudius Aelianus: Pλ 9


 «

Eine im Vergleich zu Plinius dem Älteren weit stärker ausgeprägte Tendenz zur Wiedergabe
von Mirabilien weisen die «Tiergeschichten» (P λ 9 3 4«) des Claudius Aelia-
nus (ca. 170 bis ca. 222–230 n. Chr.) sowie einige Partien seiner «Bunten Geschichte»
(P" ¹# ") auf.59 Dies betrifft auch Passagen zum Thema «Tiersprachen», die bei
Aelian insgesamt wenig oder gar keine echte Sachinformation bieten.
In der Anekdote über den Karthager Hanno (Var. hist. 14.30) heißt es, er habe sich eine
große Anzahl Singvögel zugelegt und diese den Satz «Hanno ist ein Gott» gelehrt. Nach-
dem die Vögel diesen Satz beherrschten, habe Hanno sie freigelassen in der Hoffnung,
durch die Tiere seinen Ruhm zu verbreiten. Es kommt jedoch anders als geplant: Die Vögel
vergessen das Gelernte und singen wieder ihre eigenen Vogellieder. Daß es hier weniger um
einen Bericht über die stimmliche Begabung von Tieren geht, wird bereits im ersten Satz
der kurzen Erzählung deutlich. Mit dem Verweis auf Hannos Überhebung über die dem
Menschen gesetzten Grenzen zeigt sich die moralische Komponente des kurzen Textes, die
auch sonst bei Aelian häufig auftritt.
Auch an anderen Stellen, an denen Aelian den Gesang von Vögeln thematisiert, handelt
es sich nicht um mit Aristoteles vergleichbare zoologische Systematisierungsversuche mit
einer entsprechend differenzierten Terminologie, sondern eher um impressionistische Skiz-
zen. Über die Nachtigall heißt es lediglich, daß sie unter den Vögeln die hellste und musi-
kalischste Stimme besitze; dieser Aspekt wird jedoch nicht weiter verfolgt, sondern statt
dessen ergänzt, daß der Verzehr des Fleisches von Nachtigallen belebende Wirkung habe
(De nat. anim. 1.43). Erst in einem viel späteren Kapitel wird hinzugefügt, daß der Gesang
der Nachtigall wie auch der Amsel je nach Jahreszeit variiere (De nat. anim. 12.28). An an-
derer Stelle wird die Sangesbegabung der Nachtigall verbunden mit einer geradezu mensch-
lichen Eigenschaft, dem Streben nach Ruhm (7), das dafür verantwortlich sei,
daß ihr Gesang nur in Gegenwart anderer, vor allem in Gefangenschaft, einen hohen Grad
an Komplexität annehme, an einsamen Orten dagegen einfach sei (De nat. anim. 5.38).
Auch Raben verfügten über eine große Spannbreite an Lauten, deren Verwendung sich
nach der Stimmung der Vögel richte; zudem können sie es erlernen, die menschliche Spra-

59
Zu Aelian siehe besonders Jan Fredrik Kindstrand, Claudius Aelianus und sein Werk, in: Aufstieg und Nie-
dergang der römischen Welt II 34.4 (1998), 2954–2996 (mit weiterer Literatur); ferner Hübner (1984), French
(1994: 260–276) und Kullmann (1998: 135–137). Zur Varia historia jetzt auch Caroline Stamm, Vergangen-
heitsbezug in der Zweiten Sophistik? Die Varia Historia des Claudius Aelianus, Frankfurt am Main 2003. Der
kurze Abschnitt bei Dumont (2001: 419–429) geht über eine Zusammenstellung von Zitaten aus Aelian
nicht wesentlich hinaus.
58 Thorsten Fögen

che nachzuahmen (De nat. anim. 2.51). Besonders gut gelinge eine solche Imitation jedoch
den Papageien in Indien, was ihnen den Status heiliger Tiere eingebracht habe, vor deren
Verzehr die Inder zurückschreckten (De nat. anim. 13.18; cf. auch 16.2). Übertroffen würden
Papageien nur von dem indischen Beo (Mynah), der nicht nur gesprächiger ("# ),
sondern auch intelligenter (/-#3 ) sei (De nat. anim. 16.3).
Bei allen größeren Fischsorten hätten die Anführer eine Art Vorwarnsystem für Gefah-
ren; sie verwenden dazu bestimmte Kontaktsignale, mit denen sie ihren Schwarm warnen
(De nat. anim. 2.13). Darüber hinaus wendet sich Aelian gegen die These, daß Fische aus-
schließlich stumm seien. Als Gegenbeispiele führt er verschiedene Arten an, die Laute pro-
duzierten; dazu gehört auch der «Kuckuck» (-7), dessen Laute dem des gleichnami-
gen Vogels ähnelten (De nat. anim. 10.11). Mit diesem Hinweis bietet Aelian jedoch nichts
Neues, sondern greift lediglich einen Aspekt auf, der bereits bei Aristoteles erwähnt ist
(Hist. anim. IV 9 535b14–24) – und zwar in Verbindung mit einer von Aelian bezeichnen-
derweise ausgesparten physiologischen Erklärung für die Lauterzeugung bei Fischen.
Ein Beispiel für extreme Anthropomorphisierung eines Tieres ist die Geschichte über die
Elefantin Nikaia, die ganz in ihrer Rolle als Amme für einen Säugling aufging (De nat.
anim. 11.14). Dessen Mutter hatte ihn der Elefantin in indischer Sprache anvertraut, die
diese Tiere prinzipiell verstünden (cf. aber De nat. anim. 11.25). Die Gewissenhaftigkeit,
mit der sich die Elefantin um das Kind kümmerte, wird abschließend als etwas ganz Be-
sonderes hervorgehoben; es ist impliziert, daß es man sich an dem Verhalten des Tiers als
Mensch ein Beispiel nehmen kann.60 Die außergewöhnliche Rolle dieser Elefantin wird im
übrigen auch dadurch unterstrichen, daß sie im Gegensatz zu vielen anderen Tieren, die in
der antiken Literatur auftreten, einen eigenen Namen («Nikaia») trägt; es ist hier – anders
als sonst üblich – nicht allgemein von einer Spezies und deren Eigenschaften die Rede, son-
dern von einem ganz konkreten Einzelfall, der aus Aelians Sicht gleichwohl als durchaus re-
präsentativ für das Verhalten anderer Vertreter derselben Tierart gelten kann.
Wie schon bei Plinius haben in Aelians Darstellung Elefanten bemerkenswerte Eigen-
schaften, die sie in die Nähe des Menschen rücken. So verfügen sie neben ihrer Gelehrigkeit
und ihrem Gehorsam über Musikalität, einen Sinn für Rhythmus und Melodie sowie Tanz-
begabung, obwohl sie zu den 9  Ν /  gehörten; Aelian hat zudem selbst gesehen, 61
wie ein Elefant mit seinem Rüssel Buchstaben auf eine Tafel niederschrieb, wenngleich,
wie er einschränken muß, mit der Hilfe seines Trainers (De nat. anim. 2.11). Eine aktive
Sprachbegabung fehlt ihnen zwar, doch haben sie ihre eigenen Möglichkeiten, sich ver-
ständlich zu machen, vor allem dann, wenn es ihnen darum geht, ihr ethisches Bewußtsein

60
Zu Elefanten bei Aelian siehe Scullard (1974: 222–230).
61
Die Versicherung der ." tritt wiederholt auf, so z. B. in De nat. anim. 2.11, 5.26, 5.47, 11.40. Anson-
sten wird eine Fülle von Gewährsleuten angeführt, zu denen Prosaautoren ebenso wie Dichter zählen. Ge-
legentlich werden bestimmte Völker oder Volksgruppen als Zeugen genannt, so z. B. in De nat. anim. 7.20
(Ägypter), 7.27 (Araber), 9.21 (Ägypter), 11.11 (Ägypter), 12.32 (Inder), ferner 14.6 und 16.5 (indische
Brahmanen). Bisweilen erwähnt Aelian seine Gewährsleute nicht namentlich, apostrophiert sie aber trotz
ihrer Anonymität als Experten für das jeweils diskutierte Thema, so z. B. in De nat. anim. 6.59, 8.9,
9.14, 9.21, 10.33, 10.44, 13.13, 13.23 fin., 14.5 und 14.20. Zum Teil bleiben jedoch die Vorlagen ganz unbe-
stimmt, so z. B. in De nat. anim. 3.5 init., 3.7 fin. (—« #), 3.30 (—« #), 4.41 (³« $), 6.20
(

-# …
 " ξ Ν  9  … #"  «), 6.45 (

-#), 7.11 (… ,« σ« ,μ λ
, ) V ), 10.1 ($ # σ … χ ξ

-#, , ) ,#), 10.35 (… Ν -#) und
14.15 (
-/" … -# ξ .μ ρ / C).
Antike Zeugnisse zu Kommunikationsformen von Tieren 59

zu artikulieren: Ein Elefant, der jede Art von Übel haßte (#
 «), habe die neue
Frau seines Trainers nonverbal darauf aufmerksam gemacht, daß dieser seine wohlhabende
frühere Frau umgebracht habe, um an deren Geld heranzukommen. Mit seinem Rüssel
habe er die neue Gemahlin gleich bei ihrer Ankunft zu der Stelle geführt, an der die Ermor-
dete begraben lag, und mit seinen Stoßzähnen das Grab ausgehoben. Pointiert wird ab-
schließend bemerkt, daß in diesem Fall die Tat das Wort ersetzte: ψ 4
) .  ,
2 ,
 "- # .    (De nat. anim. 8.17).
Daß bei Aelian der Mensch in vielerlei Hinsicht den Eigenschaften und Fähigkeiten von
Tieren gegenübergestellt wird, zeigt sich an zahlreichen Passagen von De natura animalium.
Dies schließt den lautlich-sprachlichen Aspekt ein: Sowohl Menschen als auch Tiere
verfügten dank der Gabe der Natur über eine bunte Palette verschiedener Laute und
stimmlicher Äußerungen. Bei den Menschen sei dies an der Vielzahl der Einzelsprachen
erkennbar; Tiere hätten je nach Gattung die ihnen eigenen Laute, die hier mit einer Fülle
unterschiedlicher Verben und Substantive umschrieben werden.62 Mit dem Besitz von
Sprache geht die Entwicklung rhetorisch-persuasiver Mittel einher, die Aelian jedoch im
Gegensatz zu zahlreichen Zeugnissen, die die kulturstiftende und gesellschaftsbildende
Funktion der Sprache unterstreichen (siehe Anm. 3), nicht unbedingt als einen Vorteil an-
sieht: Während der Mensch sich und andere zu gutem Handeln und mutigem Verhalten
erst verbal anspornen müsse, komme das Tier ganz ohne solche Aufforderungen aus.63 Es
fällt im übrigen auf, daß bei Aelian im Gegensatz zu anderen antiken Autoren das Phäno-
men innereinzelsprachlicher Variation (z. B. in Form von Dialekten) überhaupt nicht the-
matisiert wird. Dies mag dadurch bedingt sein, daß der Verfasser die Kürze und Prägnanz
des betreffenden Abschnitts nicht durch präzisierende Zusatzbemerkungen durchbrechen
wollte, wie überhaupt seine Einzeldarstellungen nicht auf Vollständigkeit angelegt sind.
An solchen Partien wird deutlich, daß ein Leser, der vertiefende Information anstelle von
anekdotischer Unterhaltung sucht, zu einem anderen Werk greifen muß. Bei all dem muß
jedoch eingeräumt werden, daß Aelian sich zumindest an einer Stelle explizit von Erzäh-
lungen über tatsächlich (d. h. im menschlichen Sinne) sprechende Tiere distanziert: Pferden
Sprache zu verleihen, könne man Homer zugestehen, weil er ein Dichter sei, ebenso Alk-
man, der ihm darin gefolgt sei. Außerhalb der Poesie ließen sich jedoch Berichte, deren Un-
glaubwürdigkeit ganz offenkundig sei, schwerlich rechtfertigen.64

62
De nat. anim. 5.51: P- ξ  9   λ
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De nat. anim. 6.1:  ξ Ν/ 
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64
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60 Thorsten Fögen

In der Erzählhaltung Aelians hat Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff «[d]en Gipfel der
Abgeschmacktheit» sehen wollen,65 den Autor mit diesem Urteil jedoch reichlich verkannt.
Aelian ging es keineswegs um eine wissenschaftliche Zoologie oder um eine sachlich-prä-
zise Darstellung, sondern in erster Linie um die mit unaufwendiger Wissensvermittlung
verbundene Unterhaltung des Lesers, wie es für die Buntschriftstellerei typisch ist.66 So
folgt auch die Anordnung der einzelnen (zumeist recht kurzen) Erzählungen keinem strin-
genten Prinzip, sondern ist gleichsam aleatorisch (Bouffartigue 2002: 142). Eine zumindest
lose Verbindung zwischen einzelnen Kapiteln entsteht allerdings dadurch, daß eine zuvor
bereits behandelte Thematik an anderer Stelle wiederaufgegriffen wird.67 Diese Erzählstra-
tegie ist ein Indiz dafür, daß es Aelian nicht um eine logisch aufeinander aufbauende Dar-
stellung ging; das Gliederungsprinzip ist vielmehr das der variatio, mit dem er der Mono-
tonie vorbeugen will, wie er im übrigen auch selbst im Epilog zu De natura animalium
betont. 68 Der Stil seiner Schrift ist durch seine Einfachheit gekennzeichnet, in syntaktischer
Hinsicht vor allem durch kurze, sehr überschaubare Sätze und eine ausgeprägte Tendenz
zur Parataxe.
Mit der Unterhaltung ist eine ethische Komponente verbunden: Das Verhältnis von
Tieren und Menschen wird in einer Weise beleuchtet, die manchen Tieren gewisse morali-
sche Qualitäten zuschreibt und sie überhaupt an vielen Stellen stark anthropomorphisiert.
Das Besondere liegt für Aelian darin, daß Tiere trotz ihres Status als vernunftlose Wesen
(Ν) erstaunliche Leistungen vollbringen, und zwar in technischer, aber auch in ethischer
Hinsicht. 69 Dabei setzt die Natur als Verleiherin besonderer Gaben manche Tiere sogar
deutlich vom Menschen ab: Weder Elefanten noch Hunde bedienten sich zur Heilung
von Verwundungen einer elaborierten Technik (De nat. anim. 2.18, 7.45). In manchen Fäl-
len sei es sogar so, daß sich Menschen bestimmte Behandlungsmethoden von Tieren zu-
nutze gemacht hätten, so im Falle von Ziegen, die ihre Sehstörung dadurch heilen, daß sie
das kranke Auge in den Dorn eines Busches stoßen, ohne dabei die Pupille zu verletzen; in
ähnlicher Weise behöben Ärzte eine sogenannte G
!-#« durch «Starstich» (De nat.
anim. 7.14). Auch die Erinnerungsgabe () von Tieren basiere nicht auf einer ausge-

65
Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Die griechische Literatur des Altertums, in: Ders. & al., Die grie-
chische und lateinische Literatur und Sprache, Leipzig & Berlin 31912, 226.
66
Daher trifft es die Sache nicht ganz, wenn Lonsdale (1979: 158 Anm. 1) Aelian als einen «arm-chair zoolo-
gist» bezeichnet.
67
Als ein Beispiel diene der Nachtrag zu 13.18 in De nat. anim. 16.2: , #I)« / #\« C  «
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68
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λ 
7 κ #- .
69
Siehe z. B. De nat. anim. 2.11 (Elefant), 2.25 fin. (Ameise), 2.32 (Schwan), 3.10 (Igel), 3.23 (Storch), 5.22
(Maus), 6.23 (Skorpion: O0 ξ Ν  #"# λ )« #
"« π #«  2 λ
)# 5), 6.47 (Hase: #"9  λ -#9  μ / " \« $/ 3
-« ¹-3 $
#),
6.59 (Hund: #  Ρ κ # Ν!), 7.10 (Hund). Zum folgenden siehe auch Hüb-
ner (1984: 161 f.).
Antike Zeugnisse zu Kommunikationsformen von Tieren 61

klügelten Systematik (De nat. anim. 7.48: ! λ« « ,« .κ !«  λ #"«).70
Der nicht selten vermerkte moralische Vorbildcharakter mancher tierischer Verhaltensfor-
men (z. B. De nat. anim. 1.4, 7.11, 7.17, 11.31) läuft in einem Kapitel auf die Feststellung hin-
aus, daß der Mensch sich trotz seiner Sprach- und Vernunftbegabung häufig zu einer irra-
tionalen Lebensweise hinreißen lasse.71
An den hier diskutierten Sachverhalten zeigt sich für den Verfasser die wohlgestaltete
Ordnung der Welt, und eben dieses Faszinosum ist es, das Aelian seinen Lesern im Detail
vor Augen führen möchte, wie er im Vorwort zu den «Tiergeschichten» sagt;72 auch sonst
verweist er darauf, daß manche Geschichten über die Gaben oder das Verhalten von Tieren
Erstaunen hervorrufen.73 Aelians Weltsicht ist vor allem stoisch geprägt, doch für die bei
ihm auftretende Funktionalisierung von Tieren als moralische Vorbilder finden sich auch
Belege im Kynismus (cf. Sorabji 1993: 160 f.; Dierauer 1998: 59 f.). Seine Position faßt er
selbst am besten im Epilog zu De natura animalium zusammen: Tiere mögen im Gegensatz
zum Menschen weder über Vernunft noch über Sprache verfügen; doch bedeutet dies kei-
neswegs, daß sie einen unwürdigen Gegenstand darstellen, auf dessen gründliche Beleuch-
tung man leichthin verzichten könnte.74

3.6 Ktesias’ Indika, Ovids Amores 2.6


und Statius’ Silvae 2.4 über Papageien

3.6.1 Die Sprachbegabung von Tieren wird, wie bereits im letzten Abschnitt deutlich wurde,
auch in Texten thematisiert, die nicht der naturwissenschaftlich-zoologischen Literatur zuzu-
rechnen sind. Dazu gehören u. a. Reiseberichte über fremde Länder, deren Bewohner und
deren Fauna. Ein frühes Beispiel sind die nur fragmentarisch überlieferten Indika des Ktesias

70
Über den Unterschied zu Plinius siehe Beagon (1992: 138): «In comparison with (…) Aelian’s De Natura
Animalium, the HN has few of these superficial moralizing passages. Difference of purpose may be one rea-
son for this. Aelian lays more stress on the artistic than on the didactic aspect of his work. That the mora-
lizing tendency should appear in Pliny’s work at all is to be explained not only by the Stoic precedents but
also by the desire to introduce variety of tone into his narrative.»
71
De nat. anim. 7.17: . 42 ¹   $ 9 3  :2 « $3 .
72
De nat. anim. praef.: 5A/ 
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 -«  μ« λ /#«
. Auch bei Plinius
kommt allerdings wiederholt eine Faszination über die Wunder der Natur, wie sie sich konkret an Tieren
manifestierten, zum Ausdruck (Bodson 1997: 341).
73
So z. B. De nat. anim. 2.11 über Elefanten (2 « 4«   9 3  # λ
,
), 7.8 über Tiere als Wetterpropheten (,
7 ¹) und 10.1 ($ # σ , 

/« , , λ Ν7 /-# .); vergleichbar ist 10.13 in bezug auf die Fauna Arabiens.
74
De nat. anim. ep.: (…) λ κ  " , ³« 0  J 4
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 «  #"« ² #«  λ ² #--κ« ,7-# .
62 Thorsten Fögen

(5./4. Jh. v. Chr.),75 in denen er auch von sprechenden Papageien berichtet (FGrHist
688F45.8).76 In der betreffenden Passage, die durch Photios (Bibl. 72 45a34–40) überliefert
ist, heißt es, die von Ktesias in Indien angetroffene Papageienart, laut Bigwood (1993: 324 f.)
wahrscheinlich ein Pflaumenkopfsittich (Psittacula cyanocephala), sei so groß wie ein Habicht
( /« ξ Ρ# ¹ 7), verfüge über eine menschliche Zunge und Stimme (##
$/ 
" !  λ ) und eigne sich jede Sprache an, die man ihr vermittle, sei es
Indisch oder Griechisch ( #/ ξ .μ —#
Ν/ 
 #I#", ω ξ NE-
#λ /9 , λ NE#"). Photios ergänzt, daß Ktesias derartige Dinge mit eigenen Au-
gen beobachtet hatte oder sich zumindest auf Augenzeugenberichte verließ. Der betonte An-
spruch auf direkte oder indirekte ." findet sich jedoch in der griechischen
Historiographie recht häufig und ist noch kein Beweis für die Glaubwürdigkeit der Ge-
schichte.77 In jedem Fall scheint die Formulierung  #/ —#
Ν/ 
 eine
Übertreibung zu sein, da sie eine aktive Sprachproduktion aus eigenem Antrieb nahelegt, die
so bei Vögeln nicht gegeben ist. Andererseits wird in der antiken Literatur gerade die Nähe
der Artikulation von Papageien zu menschlicher Sprache immer wieder hervorgehoben.78

3.6.2 Eines der bekanntesten Beispiele für die Thematisierung sprechender Papageien aus
der römischen Dichtung ist Ovids Amores 2.6, ein Epikedion auf den verstorbenen Papagei
Corinnas, der Geliebten des elegischen amator. Gleich im ersten Vers des Gedichts wird die
imitative Fähigkeit dieses Vogels hervorgehoben (Am. 2.6.1: imitatrix ales), die sich nur auf
die Nachahmung von Stimmen beziehen kann, wie aus dem weiteren Verlauf des Textes
deutlich wird: Der Papagei wird als derart sprechfreudig apostrophiert, daß er kaum Zeit
zum Fressen gefunden habe. 79 Er war nicht nur in der Lage, eine ganze Skala von Tönen er-
klingen zu lassen (Am. 2.6.18: vox mutandis ingeniosa sonis), sondern konnte darüber hin-
aus auch menschliche Worte wiedergeben (Am. 2.6.23 f.):
Non fuit in terris vocum simulantior ales:
Reddebas blaeso tam bene verba sono.
Beachtenswert ist dabei in Vers 24 das Attribut blaeso, das das Fehlen einer wirklich sauberen,
einwandfreien Aussprache anzeigt. Das Wort blaesus (gr. :#«: gekrümmt, gewunden)
wird ansonsten zumeist auf das Sprechen von Betrunkenen oder von Kleinkindern bezogen.80

75
Zu Ktesias siehe u. a. Klaus Karttunen, India in Early Greek Literature, Helsinki 1989 (mit weiterer Litera-
tur). Zum Einfluß seiner Indika auf spätere Autoren siehe Klaus Karttunen, India and the Hellenistic World,
Helsinki 1997, passim.
76
Ausführlichere Diskussion bei Bigwood (1993) und Levine Gera (2003: 208–210).
77
In einem anderen Fall, nämlich in bezug auf den Bericht des Ktesias über das angeblich existierende indi-
sche Wildtier Martichoras, das dieser persönlich gesehen haben will, meldet selbst der sonst wenig kritische
Aelian gewisse Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Verfassers der Indika an (De nat. anim. 4.21 fin.). Siehe
aber bereits Aristoteles, Hist. anim. II 1 501a25-b1.
78
So noch bei Isidor, Orig. 12.7.24: Psittacus Indiae litoribus gignitur, colore viridi, torque puniceo, grandi lingua
et ceteris avibus latiore. Unde et articulata verba exprimit, ita ut si eam non videris, hominem loqui putes. Ex
natura autem salutat dicens ‹ have› , vel !) . Cetera nomina institutione discit.
79
Am. 2.6.29: plenus eras minimo nec prae sermonis amore / in multos poteras ora vacare cibos. Zuvor schon Am.
2.6.26: garrulus.
80
blaesus bezogen auf das Sprechen von Betrunkenen z. B. bei Ovid, Ars amat. 1.597–600 (Vortäuschung des
amator von Trunkenheit), Juvenal, Sat. 15.47 f. und Martial 9.87.2, von Kleinkindern z. B. bei Martial 5.34.8
(Epigramm für die verstorbene Erotion). Außerdem Carm. Priapea 7 (cum loquor, una mihi peccatur littera;
nam T / P dico semper blaesaque lingua mihi est.) und Ovid, Ars amat. 3.293 f.
Antike Zeugnisse zu Kommunikationsformen von Tieren 63

Gleichwohl wird er einige Verse darauf als «sprechendes Abbild menschlicher Stimme» be-
zeichnet und auf seine dadurch bedingte Besonderheit verwiesen (Am. 2.6.37–40). Die beson-
dere Pointe des Gedichts liegt darin, daß der schon ersterbende Papagei letzte Worte des Ab-
schieds hervorbringt, die an seine Besitzerin Corinna gerichtet sind.81 Die verbleibenden
vierzehn Verse (Am. 2.6.49–62) handeln von der Bestattung des psittacus auf einer Ruhestätte,
die den frommen Vögeln vorbehalten ist. Das Gedicht schließt mit einem zweizeiligen Epi-
gramm, das auf dem Grabstein des Papageis stehen soll und seine auch für Vögel ungewöhn-
liche Redegabe akzentuiert.82 Damit endet der Text mit demselben Aspekt, der schon zu Be-
ginn angeklungen war.
Daß Ovid mit Amores 2.6, das in mancher Hinsicht an Catulls Carmen 3 über den Tod
von Lesbias passer (siehe Herrlinger 1930: 75–81) erinnert, eine herkömmliche Totenklage
mit den zugehörigen Topoi parodiert, ist in der Forschung eingehend demonstriert wor-
den.83 Der Humor des Gedichts wird bereits zu Beginn deutlich, als der Sprecher die Vogel-
welt zur Totenklage um den Papagei Corinnas auffordert und ihnen dabei ein Verhalten
nahelegt, das den bei einem Bestattungsritual für einen Menschen üblichen Trauergesten
ähnelt, soweit dies Vögeln anatomisch überhaupt möglich ist (Am. 2.6.2–16). Es erhebt
sich die Frage, ob zu den parodistischen Elementen auch die wiederholt unterstrichene
Sprechfreudigkeit des Papageis gehört. Daß ihm mit dem Verweis auf seine letzten Worte
garrulitas bis in den Tod zugeschrieben wird, hat ohne jeden Zweifel eine komische Wir-
kung. Dies verwundert schon deshalb nicht weiter, weil in den Amores sehr häufig an sich
ernsthafte Szenen und Motive parodiert werden.84 Doch entbehrt das gesamte Gedicht
trotzdem nicht einer gewissen rührenden Note und setzt sich somit nicht vollständig von
herkömmlichen Tierepikedien ab. Echte Trauer um Tiere zeigt sich insbesondere an
Inschriften auf Tiergrabmälern (Bodson 2000: bes. 32 f.; ferner Herrlinger 1930: bes.
106–120; Sauvage 1975: 275–277), auf denen oft die besonderen Eigenschaften und Fähig-
keiten der verstorbenen Tiere hervorgehoben wurden, so z. B. ihre Sangeskunst und
«Sprachbegabung», ihre Schnelligkeit, Gelehrigkeit und Intelligenz, ebenso ihre Treue.

81
Am. 2.6.47 f.: nec tamen ignavo stupuerunt verba palato; / clamavit moriens lingua: Corinna, vale!
82
Am. 2.6.61 f.: colligor ex ipso dominae placuisse sepulchro; / ora fuere mihi plus ave docta loqui.
83
Zu wenigen Gedichten der Amores wurde mehr geschrieben als zu 2.6. Grundlegendes bei Herrlinger
(1930: 81–86), vor allem zu den parodistischen Elementen. Ferner (in Auswahl): Barbara Weiden Boyd,
The death of Corinna’s parrot reconsidered: Poetry and Ovid’s Amores, in: Classical Journal 83 (1987),
199–207. – Leslie Cahoon, The parrot and the poet. The function of Ovid’s funeral elegies, in: Classical
Journal 80 (1984), 27–35. – Jessica S. Dietrich, Dead parrots society, in: American Journal of Philology 123
(2002), 95–110. – L. B. T. Houghton, Ovid’s dead parrot sketch: Amores II.6, in: Mnemosyne 53 (2000),
718–720. – Megan I. Kim, A parrot and piety: Alcuin’s nightingale and Ovid’s Amores 2.6, in: Latomus 51
(1992), 881–891. – K. Sara Myers, Ovid’s tecta ars: Amores 2.6, «Programmatics and the Parrot», in: Echos
du Monde Classique 34 (1990) 367–374. – Viktor Schmidt, Corinnas psittacus im Elysium (Ovid, Amores
2,6), in: Lampas 18 (1985), 214–228. – Ulrich Schmitzer, Gallus im Elysium. Ein Versuch über Ovids
Trauerelegie auf den toten Papagei Corinnas (am. 2,6), in: Gymnasium 104 (1997), 245–270. – Elizabeth
Thomas, A comparative analysis of Ovid, Amores II.6 and III.9, in: Latomus 24 (1965), 599–609. Cf. auch
Yvan Nadeau, Catullus’ sparrow, Martial, Juvenal and Ovid, in: Latomus 43 (1984), 861–868, und Eckard
Lefèvre, Die Metamorphose des catullischen Sperlings in einen Papagei bei Ovid (Amores 2,6) und dessen
Apotheose bei Statius, Strozzi, Lotichius, Beza und Passerat, in: Werner Schubert (Hrsg.), Ovid: Werk und
Wirkung. Festgabe für Michael von Albrecht zum 65. Geburtstag, Frankfurt am Main 1999, 111–135.
84
Am Beispiel des Tränen-Motivs zeigt dies der Beitrag von Thorsten Fögen, Tränen in der römischen Lie-
beselegie, in: Zeitschrift für Semiotik 28 (2006), 239–269, in dem auch weiterführende Literatur zum Aspekt
des Humors bei Ovid aufgeführt ist.
64 Thorsten Fögen

Diesen Aspekt hat Ovid in seinem Gedicht eingehend berücksichtigt, wenngleich bei ihm
die Sprechfreudigkeit von Corinnas Papagei zu einem Bestandteil des parodistischen Zuges
von Amores 2.6 umfunktioniert wird. Durchaus vereinbar sind damit poetologische Deu-
tungen des Gedichts, die den Papagei bald als Symbol für einen alexandrinischen poeta doc-
tus einschließlich Ovid selbst (Boyd 1987, Myers 1990 [wie Anm. 83]), bald als Anspielung
an den verstorbenen Cornelius Gallus und seine im Vergleich zu dem Werk späterer Au-
gusteer noch nicht vollends ausgereifte Dichtung (Schmitzer 1997 [wie Anm. 83]) aufge-
faßt haben.

3.6.3 Ovids Gedicht war die Vorlage für Statius’ Silvae 2.4,85 ein Epikedion auf den ver-
storbenen Papagei seines Förderers Atedius Melior, 86 auf das hier nur kurz eingegangen
werden soll. Die Parallelen zu Ovid sind offensichtlich und haben zu dem freilich wenig
aussagekräftigen Urteil geführt, daß Statius’ Silve im Vergleich zu Ovid «turgid and pre-
tentious» sei.87 Allerdings handelt es sich keineswegs um eine einfallslose Imitation, die
Unterschiede zur Inspirationsquelle sind augenfällig:
(1) Zwar hebt auch Statius immer wieder die Sprechbegabung des Papageis hervor, doch
geht er bei der Anthropomorphisierung des Vogels noch einen Schritt weiter als
Ovid. Das Tier ist hier als ein vollwertiger Hausbewohner gezeichnet, der an den so-
zialen Ereignissen des Tages wie dem Mahl mit Selbstverständlichkeit teilnimmt. Für
die Anwesenden ist er Gesprächspartner, der selbst das Wort ergreift, auch wenn es
sich dabei nur um zuvor gelernte Sprachbrocken handelt (Silv. 2.4.4–10). Diese
Aspekte sind im dritten Teil des Gedichts aufgegriffen, wo der Papagei sogar als
amicus bezeichnet wird, in dessen Gegenwart sein Besitzer sich gerade aufgrund der
Redebegabung des Tiers niemals allein fühlte (Silv. 2.4.29–33). Außerdem wohnt
er nicht in einem gewöhnlichen Käfig, sondern in einer prachtvollen domus, einem
beatus carcer (Silv. 2.4.11–15).
(2) Die Sprachbegabung des Papageis wird noch deutlicher akzentuiert durch den Ver-
weis auf die durch den Tod entstandene Stille im Hause (Silv. 2.4.15).
(3) Ähnlich wie bei Ovid werden Vögel zur Teilnahme am Leichenbegängnis des Papa-
geis aufgerufen. Bei Statius sind sie jedoch auffälligerweise eigens als sprachbegabt
bezeichnet und damit gewissermaßen dem Verstorbenen kongenial (Silv. 2.4.16–23):

85
Neben Herrlinger (1930: 87–90) siehe folgende Arbeiten: Robert E. Colton, «Parrot Poems» in Ovid and
Statius, in: Classical Bulletin 43 (1967), 71 und 74–78, ferner Helmut Krasser, Poeten, Papageien und Pa-
trone. Statius Silve 2,4 als Beispiel einer kulturwissenschaftlichen Textinterpretation, in: Jürgen Paul
Schwindt (Hrsg.), Klassische Philologie inter disciplinas. Aktuelle Konzepte zu Gegenwart und Methode eines
Grundlagenfaches, Heidelberg 2002, 151–168, und Carole Newlands, Animal claquers: Statius Silv. 2.4 and
2.5, in: William W. Batstone & Garth Tissol (Hrsg.), Defining Genre and Gender in Latin Literature. Essays
Presented to William S. Anderson on His Seventy-Fifth Birthday, New York 2005, 151–173, sowie die Bemer-
kungen im Kommentar von Harm-Jan van Dam, P. Papinius Statius: Silvae Book II. A Commentary, Leiden
1984, 336–367.
86
Zu Atedius Melior, dem das gesamte zweite Buch der Silvae gewidmet ist, siehe Alex Hardie, Statius and
the Silvae. Poets, Patrons and Epideixis in the Graeco-Roman World, Liverpool 1983, 66 f.
87
Joan Booth, Ovid: The Second Book of Amores. Edited with translation and commentary, Warminster 1991,
45.
Antike Zeugnisse zu Kommunikationsformen von Tieren 65

Huc doctae stipentur aves quis nobile fandi


ius natura dedit: plangat Phoebeius ales,
auditasque memor penitus dimittere voces
sturnus et Aonio versae certamine picae,
quique refert iungens iterata vocabula perdix,
et quae Bistonio queritur soror orba cubili:
ferte simul gemitus cognataque ducite flammis
funera, et hoc cunctae miserandum addiscite carmen.
Detailfreude bei der Schilderung der Methoden einzelner Vögel, sich Sprachelemente
anzueignen, ist hier verbunden mit der Einflechtung mythischer Elemente. Daß die
Sprachbegabung der Tiere ihre Grenzen hat, wird deutlich an der Aufforderung, einen
neuen Gesang einzustudieren. Gleichwohl sind auch die Vögel, die an der Totenfeier
des Papageis teilnehmen sollen, in hohem Maße vermenschlicht, was im übrigen so-
wohl im Falle der picae als auch bei der Nachtigall eine Verankerung in deren mythi-
schen Metamorphosen von Menschen in Vögel hat. 88

Sicherlich fehlt auch bei Statius der parodistische Zug nicht.89 In seinem Vorwort zum
zweiten Buch der Silvae, das einen kurzen thematischen Überblick über die darin enthal-
tenen Einzelgedichte bietet, bezeichnet er Silv. 2.4 zusammen mit dem vorausgehenden
und nachfolgenden Gedicht als leves libelli und betont deren Nähe zum Epigramm.90 Doch
darf dabei nicht übersehen werden, daß die Darstellung des Papageis so angelegt ist, daß
zugleich auch ein Bild seines Besitzers Atedius Melior entsteht. Der reich ausgestattete Kä-
fig des Vogels deutet ebenso auf den aufwendig-kultivierten Lebensstil eines wohlhabenden
Mannes hin wie die am Schluß evozierte luxuriöse Einäscherung, für die assyrischer Kar-
damom, arabische Myrrhe und sizilischer Safran verwendet werden (Silv. 2.4.33–37). Das
Tierepikedion ist also zugleich eine implizite Hommage an den Gönner des Statius. Auch
wenn das Gedicht zweifellos eine ideale Patronagebeziehung veranschaulicht und der affek-
tiven Freundschaftsbekundung durch den Dichter dient, muß man deshalb nicht unbedingt
von einem «Modellfall kaiserzeitlicher Klientelpoesie» sprechen (Krasser 2002: 168). Für
die hier verfolgte Fragestellung ist entscheidend, daß die Beschreibung eines sprachbegab-
ten Tieres mit dem Portrait seines Besitzers eng verbunden ist, ja maßgeblich zu dessen an-
schaulicher Charakterisierung beiträgt. Der Vogel mit seiner außergewöhnlichen Redebe-
gabung, den sich sicher nur wohlhabende Haushalte leisten konnten, rundet den Eindruck
von der Exklusivität der Lebenswelt des Atedius Melior ab; der Papagei ist aufgrund seiner
verbalen Fähigkeiten etwas derart Besonderes, daß er kein Tier mehr zu sein scheint, son-
dern ein geradezu menschlicher «Freund des Hauses».

88
Zu den in picae verwandelten Pieriden siehe Ovid, Met. 5.294–331, und zu Philomela Ovid, Met. 6.412–674.
89
Laut Herrlinger (1930: 70) ist Silv. 2.4 «offensichtlich unter die parodistischen Gedichte einzureihen»,
wenngleich «der Stil (…) ernster gehalten als bei Ovid» sei (1930: 90). Siehe auch van Dam (1984: 339): «its
use of topics from the consolatio is parodistic, though not as burlesque as in Ovid; for that would have been
tactless to Melior.»
90
Statius, Silv. 2 praef.: In arborem certe tuam, Melior, et psittacum scis a me leves libellos quasi epigrammatis
loco scriptos.
66 Thorsten Fögen

3.7 «Tier»-Tier-Kommunikation in Homers Odyssee: Das Beispiel Polyphem

Zu den Abenteuern, von denen Odysseus den Phaiaken erzählt, gehört auch die Ge-
schichte über den Kyklopen Polyphem (Od. 9.105–566).91 Nach seiner Blendung binden
sich Odysseus und seine Gefährten unter den Bauch der Schafe, um am Morgen unbe-
merkt aus der Höhle des Kyklopen zu entkommen. Der blinde Polyphem betastet die
Tiere, als sie zum Weiden hinausgehen, und wundert sich darüber, daß sein Lieblingswid-
der, unter den sich Odysseus selbst gebunden hat, ganz im Gegensatz zu seiner sonstigen
Gewohnheit der letzte in der Reihe der Schafe ist (Od. 9.447–460, ed. Helmut van Thiel):

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Die Anrede an das Tier mit  ξ

 (Od. 9.447) zeigt, daß es Polyphem besonders ans
Herz gewachsen ist. Er unterstellt dem Widder, daß er mit ihm über seine Verletzung trau-
ert und, falls er Denk- und Sprachvermögen besäße, ihm bei der Rache an Odysseus helfen
würde (Od. 9.456 f.). Der stark affektive Zug dieser Worte wird jedoch in den sich anschlie-
ßenden Versen unterlaufen, in denen Polyphem sich in grausamster Weise die Vergeltung
ausmalt. Überhaupt kann angesichts seines sonstigen Verhaltens kaum Mitleid für den Ky-
klopen aufkommen, der im ganzen als ein Musterbeispiel der Unzivilisiertheit gezeichnet
ist: Schon am Anfang der Szene wird unterstrichen, daß die Kyklopen gesetzlos sind und
keinerlei soziale Institutionen haben, die ein Zusammenleben regeln. Diese erübrigen sich
ohnehin, da sie asozial sind: Jede Familie lebt für sich und hat ihre eigenen Regeln. Diesem
primitiven Entwicklungsstand entspricht ihre Art, in Höhlen und nicht in Häusern zu
wohnen, sowie das Fehlen jeglichen Bemühens um eine Kultivierung des Landes zu dessen
agrarischer Nutzung und um die Ausbildung handwerklicher Kenntnisse (Od. 9.106–115
und ff.). Polyphem selbst verwehrt Odysseus und seinen Gefährten in schändlicher Weise
das Gastrecht, um seine kannibalischen Gelüste zu stillen. Das Primitive des Kyklopen
kommt letztlich auch in seiner Wendung an den Widder zum Ausdruck, der zu dem Tier in
humanerer Weise spricht als zu seinen menschlichen Gästen. Neben dem Aspekt der Pri-
mitivität wird in der Kyklopen-Szene jedoch zugleich eine Stimmung evoziert, die an das
goldene Zeitalter erinnern mag; von einem bukolischen Paradies ist Polyphems Insel aber

91
Gute Bemerkungen zur Kyklopen-Episode bei Levine Gera (2003: 11–17), jedoch mit einer gewissen
Überakzentuierung des in diese Szene hineinspielenden Bildes eines goldenen Zeitalters. Siehe außerdem
Heath (2005: 79–84).
Antike Zeugnisse zu Kommunikationsformen von Tieren 67

gerade wegen der Unzivilisiertheit ihres Bewohners letztlich weit entfernt. Von daher hat
die Bemerkung des Homer-Scholiasten Eustathios, mit seiner Wendung an den Widder
spreche Polyphem von gleich zu gleich (Schol. in Od. 9.447), etwas für sich: Hier spricht
jemand, der die vollgültigen Qualitäten eines Menschen kaum für sich beanspruchen kann
und trotz seiner Sprachbegabung ein Barbar – oder anders gesagt: «the ultimate Other»
(Heath 2005: 79) – bleibt. Insofern ist es nur konsequent, daß er sich in einer Weise an den
Widder wendet, die suggeriert, daß hier jemand mit einem Tier kommuniziert, der selbst
nicht sehr weit, wenn überhaupt, über dem Status eines Tiers rangiert.92

4. Zusammenfassung

Der hier vorgestellte Überblick mußte sich auf die Diskussion einiger ausgewählter Zeug-
nisse beschränken. Ergänzen ließen sich dabei z. B. folgende Aspekte, die im folgenden nur
gestreift werden können:
a) Sprechende Tiere in der Komödie, wie sie beispielsweise in Krates’ Theria und Aristopha-
nes’ Vögeln auftreten, und die mit ihnen bisweilen verbundene Vorstellung vom goldenen
Zeitalter und einem friedlichen Zusammenleben von Mensch und Tier (Levine Gera 2003:
61–67, Heath 2005: 12–16; cf. Guthrie 1955: 63–79, Blundell 1986: 135–164).
In diese Rubrik ließen sich auch Zeugnisse von Menschen einordnen, die mit Tieren
zu kommunizieren imstande sind wie z. B. Pythagoras. Diese besondere – an Orpheus
erinnernde – Gabe des Pythagoras, mit der dieser Tiere zu besänftigen verstand, wird
ausführlicher in der Vita Jamblichs hervorgehoben (Vita Pyth. 60–62), die allerdings
mehrfach dessen Gottesnähe und damit sein übermenschliches Wesen betont (bes. Vita
Pyth. 31 und 255).
b) Sprechende Tiere in Fabel und Tierepos, wie z. B. der späthellenistischen Batrachomyoma-
chie, einer ca. 300 Verse umfassenden Epenparodie, die aus einer äsopischen Fabel (384
Perry [= 302 Hausrath]) entwickelt ist (Dumont 2001: 118–122). Für diese Literaturfor-
men läßt sich in Analogie zu Röhrichs Bemerkungen über Tiersprache im Märchen
([1953] 1973: 227–230) allgemein festhalten, daß dieses Phänomen außerhalb von Einlei-
tungen mit entsprechenden reflexiven Passagen häufig nicht weiter problematisiert wird:
Kommunikation von und mit Tieren erscheint als eine Selbstverständlichkeit, die zumeist
keiner umfassenden Erklärung bedarf.93 Allerdings wird in Vorworten zu Fabelbüchern
das Sprechen von Tieren durchaus als etwas Außergewöhnliches akzentuiert: Phaedrus
rechtfertigt es im Prolog zu seinem ersten Buch mit dem fiktionalen Charakter seines
Werks und dem Streben nach Unterhaltung des Lesers.94 Babrios bergündet in seiner Ein-
leitung die Sprachbefähigung der Tiere in der Fabel kurz mit dem Verweis auf deren Situ-

92
Das Tierische des Kyklopen Polyphem hat viel später auch Philostrat in seinen «Bildern» akzentuiert:
Ν  ξ ² 9 » λ G
/   /
 / "  $« π3  (Eikones 2.18.3).
93
Allerdings unterscheidet Röhrich ([1953] 1973: 229) für das Märchen verschiedene Phasen: «Erst in einer
späteren rationalistischeren Zeit scheint dann das sprechende Tier oder der tiersprachenkundige Mann als
etwas Außergewöhnliches neue Motive geprägt zu haben. Das Bewußtsein aber dafür, daß es einst einmal
eine gemeinsame Verständigungsmöglichkeit gegeben haben muß, ist in vielen Märchen erhalten.»
94
Phaedrus, Fab. 1 pr. 5–7: calumniari siquis autem voluerit, / quod arbores loquantur, non tantum ferae, / fictis
iocari nos meminerit fabulis.
68 Thorsten Fögen

ierung im goldenen Zeitalter, in dem Mensch und Tier, aber auch Bäume und Blätter pro-
blemlos kommunizieren konnten; dies sei in seiner eigenen Epoche, dem sogenannten
ehernen Zeitalter (π # "), nicht mehr möglich (pr. 1–13). Das Bild des goldenen
Zeitalters fehlt bei Phaedrus wie auch in Avians Widmungsschreiben an Theodosius.95
c) Formen tierischer Kommunikation im Kontext von Sprachursprungshypothesen, wie
sie insbesondere in Epikurs Brief an Herodot (Epist. ad Her. 75 f., p. 26.7–27.16 Usener)
und im fünften Buch von Lukrez’ De rerum natura (5.1028–1090) behandelt werden. 96
Hierbei ist aufschlußreich, daß Tierlaute oft an die Seite von Kleinkindersprache gestellt
werden, also einer Artikulationsform, die – wie schon an dem lateinischen Wort infans
deutlich wird – noch nicht richtig entwickelt ist und damit nicht den Status eines voll-
ständig ausgebildeten menschlichen « hat, wie u. a. Aristoteles (Hist. anim. IV 9
536a33-b7, s. o.), der Stoiker Diogenes von Babylon (Diogenes Laertios 7.55, siehe
Anm. 35) und auch Plinius der Ältere (Nat. hist. 7.4, 11.174, 11.270, siehe Anm. 50) her-
vorheben. Auch in intellektueller, physischer und moralischer Hinsicht befinden sich
Kinder nach antikem Denken nicht auf derselben Ebene und sind darin Tieren vergleich-
bar (Heath 2005: 206–209). Dabei handelt es sich freilich um eine vorübergehende
Phase, die durch entsprechendes Training überwunden werden kann.
d) Zeugnisse zu konkreten Tierlauten (im Sinne von kikeriki oder wauwau), die als charak-
teristisch für bestimmte Tierarten eingestuft und graphematisch erfaßt werden. Als Bei-
spiele ließen sich eine Passage über den Laut der Nachteule in Plautus’ Menaechmi (Men.
654: vin adferri noctuam, / quae ‹ tu tu› usque dicat tibi?) anführen oder auch eine Stelle
zum Krähen von Hähnen in Petrons Satyrica (Sat. 59.2: et tu, cum esses capo, coco coco).
Die Laute sind es auch, die zur Prägung bestimmter Tierbezeichnungen – vor allem für
Vögel – führen, wie z. B. -3, von Hesychios gleichgesetzt mit 27 (Eule), oder
ulula für den Kauz.97 Varro führt im fünften Buch von De lingua Latina einige vergleich-
bare Beispiele an, und zwar nicht allein für Vögel, sondern auch für den Namen des
Hundes (canis) und des Bären (ursus).98

95
Am Schluß von Avians Epist. ad Theod. heißt es lediglich: loqui vero arbores, feras cum hominibus gemere,
verbis certare volucres, animalia ridere fecimus.
96
Dazu u. a. Glidden (1994: 140–142) und Fögen (2001: 206 f.), mit weiterer Literatur. Zu ergänzen sind jetzt
Alexander Verlinsky, Epicurus and his predecessors on the origin of language, in: Dorothea Frede & Brad
Inwood (Hrsg.), Language and Learning. Philosophy of Language in the Hellenistic Age, Cambridge 2005,
56–100, sowie Catherine Atherton, Lucretius on what language is not, in: ibid., 101–138. Siehe auch
Brooke Holmes, Daedala lingua: crafted speech in De rerum natura, in: American Journal of Philology 126
(2005), 527–585, bes. 554–560.
97
Zu lateinischen Vogelnamen siehe André (1966, 1967). Bei André (1966: 146) heißt es: «Les formations
onomatopéiques constituent en latin près de 20 % des noms d’oiseaux. (…) près d’un oiseau sur trois doit
son nom – ou ses noms – à son cri. Cette proportion n’a d’équivalent dans aucun domaine lexical et
le monde des oiseaux est privilégié par rapport au reste de la faune.» Zu griechischen Vogelnamen siehe
Thompson (21936); bei Robert (1911) sind diejenigen Namen, die auf den Lauten von Vögeln basieren, so
gut wie gar nicht behandelt.
98
Varro, De ling. Lat. 5.75: Deinde generatim: de his pleraque ab suis vocibus ut haec: upupa, cuculus, corvus,
hirundo, ulula, bubo. Ferner 5.99: Catulus a sagaci sensu et acuto, !ut Cato" Catulus; hinc canis: nisi quod ut
tuba ac cornu, a!li"quod signum cum dent, canere dicuntur, quod hic item et noctuculus in custodia et in ven-
ando signum voce dat, canis dictus. Außerdem 5.100: Ursi Lucana origo vel, unde illi, nostri ab ipsius voce.
Aufschlußreich ist auch Isidor, Orig. 12.7.9: Avium nomina multa a sono vocis constat esse composita: ut grus,
corvus, cygnus, pavo, milvus, ulula, cuculus, graculus et cetera. Varietas enim vocis eorum docuit homines quod
nominarentur. Genauer ausgeführt in Orig. 12.7.14–18, 38 f., 42 f., 45, 48, 60, 63 f. und 66 f.
Antike Zeugnisse zu Kommunikationsformen von Tieren 69

e) In Verbindung damit stehen Umschreibungen für tierische Äußerungen, die je nach


Tierart differieren. So enthält Suetons fragmentarisch erhaltenes antiquarisches Werk
Pratum einen Abschnitt, in dem zahlreiche Verben aufgelistet sind, mit denen die jewei-
ligen Lautformen von Tieren bezeichnet werden (fr. 161 Reifferscheid, p. 247–254; cf.
auch fr. 161 c, p. 312; vergleichbar Aelian, De nat. anim. 5.51, siehe Anm. 62).99 Bei-
spielsweise wird für Schlangen sibilare genannt, für Rinder mugire, für Schweine grun-
nire, für Frösche coaxare. Für einige Tierarten werden sogar Varianten angegeben, so
z. B. für Löwen fremere und rugire, für Esel rudere und oncare sowie für Hunde latrare
und baubari. Von den hier aufgeführten Tieren nehmen Vögel mehr als die Hälfte des
Raumes ein, angefangen vom Raben (corvorum crocitare) bis hin zum Spatz (passerum ti-
tiare). In Varros De lingua Latina findet sich bereits ein Passus, in dem solche Verben zur
Bezeichnung tierischer Laute zusammengetragen sind, die zugleich für die Umschrei-
bung menschlicher Lautäußerungen, also im übertragenen Sinne verwendet werden
können.100 Vergleichbares Material versammelt dann später der Grammatiker und Lexi-
kograph Nonius Marcellus.101
Aus dem hier behandelten Material ergeben sich verschiedene Schlußfolgerungen: Antike
Beschreibungen von Formen tierischer Kommunikation sind in inhaltlicher und darstelle-
rischer Hinsicht in hohem Maße, wenn auch nicht ausschließlich, von den Konventionen
der literarischen Gattung geprägt, in deren Rahmen sie auftreten. Ohne allzu schematisch
verfahren zu wollen, läßt sich die These vertreten, daß diejenigen Informationen am sach-
lichsten präsentiert werden, die Bestandteile eines stark sachorientierten Textes sind. Zu
diesem Typus gehören Einzelheiten über tierische Kommunikation, wie sie Aristoteles in
seiner Historia animalium behandelt. Die Darstellung ist durch ein ausgeprägtes Bemühen
um Systematizität in der Abgrenzung tierischer Verständigungsformen von denen des
Menschen gekennzeichnet, und zwar auch in terminologischer Hinsicht. Das Streben nach
Empirie ist verknüpft mit dem Bemühen um physiologisch-anatomische Begründungen
bestimmter Sachverhalte. Je weiter ein Text zu tierischer Kommunikation von dieser Sach-
orientiertheit entfernt ist, desto mehr gesellen sich sekundäre Aspekte zu der Darstellung
von Fakten hinzu. Der Grad des Anekdotischen und die Tendenz zur Anthropomorphisie-
rung von Tieren nimmt zu, je mehr ein Text auf Unterhaltung des Lesers abzielt; dies
schließt die Einbindung moralischer Betrachtungen im Zusammenhang mit den Eigen-
schaften von Tieren nicht aus, wie das Beispiel Aelians zeigt. Im Gegenzug nimmt die
Suche nach rationalen Erklärungen bestimmter Phänomene der Sprachbegabung von Tie-
ren ab. Im Extremfall wird berichtet, ohne zu hinterfragen und zu begründen. Information
tritt zurück hinter Sensation, nicht selten auch hinter Humor und Parodie. Dafür jedoch
die betreffenden Autoren zu kritisieren, heißt, ihr jeweiliges darstellerisches Anliegen zu
verkennen. Die Verschiedenartigkeit der literarischen Thematisierung von Formen tieri-
scher Kommunikation ist primär bedingt durch die Unterschiede gattungsspezifischer

99
Zu Abhängigkeitsfragen in Verbindung mit dem «Tierstimmenkatalog» siehe Peter L. Schmidt, Suetons
‹Pratum› seit Wessner (1917), in: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt II 33.5 (1991), 3812 f.
100
Varro, De ling. Lat. 7.103 f.: In Aulularia: ‹ Pipulo te differam ante aedis› , id est convicio, declinatum a
pi!p"atu pullorum. Multa ab animalium vocibus tralata in homines, partim quae sunt aperta, partim obscura.
(…)
101
Siehe dazu Giuseppina Barabino, Le voces animalium in Nonio Marcello, in: Studi Noniani III, Genova
1975, 7–56.
70 Thorsten Fögen

Konventionen und Wirkabsichten. In manchen Fällen wird das Thema «Tiersprache» nicht
um seiner selbst willen behandelt, sondern in unterschiedlicher Weise funktionalisiert und
zur Akzentuierung anderer Aspekte herangezogen, so in den hier analysierten Partien aus
Ovid, Statius und Homer, aber ebenso bei Aelian.
Was das Spektrum der aus antiker Sicht sprachbegabten Tierarten anbelangt, so läßt sich
feststellen, daß in sämtlichen Texten, unabhängig davon, zu welchem literarischem Genre
sie gehören, eine Vielzahl von Beispielen für alle möglichen Spezies genannt wird. Meeres-
tiere sind dabei nicht ausgenommen: So meint beispielsweise Plinius, Delphine reagierten
aufgrund ihres Hörvermögens auf menschliches Rufen und ihre Stimme gleiche dem Stöh-
nen des Menschen (Nat. hist. 9.23). Das Seekalb äußere sich durch Blöken (mugitus), was
ihm auch seinen Namen (vitulus) eingebracht habe; es lasse sich aber so weit dressieren,
daß es sich eine Art Stimme aneigne und auf Befehl sogar grüße (Nat. hist. 9.41: accipiunt
tamen disciplinam vocemque pariter et iussu populum salutant). Über eine Fischart, den
exocoetus, berichtet Plinius, daß dieser in bestimmten Regionen angeblich keine Kiemen
hat und über eine Stimme verfügt (Nat. hist. 9.70: circa Clitorium vocalis hic traditur et sine
branchiis).102 In einem Punkt sind sich allerdings sämtliche Texte, in denen Formen tieri-
scher Kommunikation thematisiert werden, einig: Mögen auch Fische, Elefanten, Hyänen
und andere Tiere zu stimmlicher Artikulation in der Lage sein, so sind die bei weitem
sprachbegabtesten Tiere stets Vögel. Doch auch sie weisen lediglich eine besondere mime-
tische Gabe auf und produzieren nicht selbst etwas, das der menschlichen Sprache wirklich
vergleichbar wäre.
Die hier betrachteten Beispiele liefern zugleich Ansatzpunkte für die Rekonstruktion des
Sprachbewußtseins der Griechen und Römer sowie ihres anthropologischen Selbstver-
ständnisses. Im Rahmen der ausgeprägten Tendenz zum Denken in Oppositionspaaren las-
sen sich verschiedene Typen von Alteritätskonzepten ausmachen: Von dem «Normalzu-
stand» weichen nicht nur Fremde («Barbaren»), Sklaven, Frauen und Kinder ab, sondern
auch Tiere.103 Menschliche Gruppen, die als andersartig wahrgenommen werden und daher
marginalisiert sind, werden in ähnlicher Weise wie Tiere vielfach assoziiert mit physischen
Unterschieden, politischer Bedeutungslosigkeit, fehlender Bildung und Unwissen, einem
hohen Maß an Emotionalität und fehlender Zurückhaltung, nicht selten auch mit Amora-
lität. Angesichts solcher Divergenzen von der «Norm» ergibt sich eine fehlende Autorität
im öffentlichen Kontext. Daß die genannten Gruppen «keine Stimme» haben, ist wörtlich
zu nehmen und hat Auswirkungen auf die Art und Weise, in der ihre Kommunikations-
fähigkeit wahrgenommen wird. Voll artikuliert und redebegabt ist nach griechischer wie
römischer Auffassung in erster Linie der prototypische erwachsene männliche Sprecher.
Mit Tieren haben es Kinder und Barbaren gemeinsam, daß sie nicht «sprechen» können;

102
Siehe auch Oppian, Hal. 1.134 f. über den sogenannten Seepapagei: λ # , χ« κ 2« ,
4!/#
»# $« / /  4 κ (…). In dem langen Abschnitt über # 
im vierten Buch (Hal. 4.40–126) wird diese Gabe der Fische jedoch nicht noch einmal angesprochen – es
sei denn, man faßt das Vogelgleichnis am Ende der Partie (Hal. 4.120–126) als eine Anspielung auf die
Laute von Seepapageien auf.
103
Eine dreigliedrige Antithese von Mensch vs. Tier, Mann vs. Frau und Grieche vs. Fremder («Barbar») ist
laut Diogenes Laertios bereits für Thales von Milet belegt: Ng 

« # , )« B"« 4« 2


$  μ    G
 
λ ] -«. #  , #",    ` 
!  !  9  !9
 α
 ξ Ρ Ν/ 
« ,  λ . / ", ρ Ρ $κ  .
-,  " Ρ Ng λ . : : « (Diogenes Laertios 1.33).
Antike Zeugnisse zu Kommunikationsformen von Tieren 71

auch die Kommunikationsformen von Frauen werden als different aufgefaßt und gehören
somit in eine ähnliche, wenn nicht dieselbe Kategorie (Fögen 2004).
Die Grenzen zwischen der Norm und den davon abweichenden Bereichen sind jedoch
nicht durchweg klar gezogen. Sobald emotionale Aspekte hinzutreten, verliert das Tier bis
zu einem gewissen Grad seine Animalität, wenn auch fast nie vollständig (cf. Goguey 2003:
53–71). Ein höherer affektiver Bezug des Menschen zum Tier führt in der Regel zu einer
stärkeren Anthropomorphisierung und zugleich zu der Zuschreibung einer «Sprach»bega-
bung. Eine sympathisierende Sichtweise bringt es mit sich, manche Tiere als relativ kom-
plexe Wesen mit gewissen Fähigkeiten aufzufassen, die denen des Menschen ähneln; dies
sagt freilich mehr über subjektive menschliche Einstellungen als über die tatsächlichen Be-
gabungen und Eigenschaften des Tiers aus. Daß sich also ein «Abstand zwischen Mensch
und Tier (…) fortschreitend mit dem Wachsen der Kultur» ergibt, wie Radermacher (1918:
30) behauptet hat, ist für die griechisch-römische Welt so nicht haltbar. Der Gesichtspunkt
der Emotionalität in Mensch-Tier-Beziehungen zeigt vielmehr, daß das Gesamtbild weitaus
komplexer ist, als man zunächst vermuten mag. Die Kategorie der Alterität in bezug auf
Tiere wie auf menschliche Randgruppen ist zwar in der Antike sehr ausgeprägt, aber nicht
absolut. Hinzu kommt, daß nach antiker Vorstellung Sprachbegabung per se den Menschen
noch nicht zu einem ethisch verantwortungsbewußten Wesen machen; es kommt vielmehr
auf den richtigen Einsatz von Sprache an, wie vor allem Aristoteles und Cicero in ihren rhe-
torischen Werken betont haben.104

Literaturverzeichnis

Eine ausführliche Forschungsbibliographie (Stand: Mai 2006) zum Thema «Animals in Graeco-
Roman Antiquity and Beyond», die über den Aspekt der Kommunikation weit hinausgeht, ist
im Internet unter folgender Adresse zugänglich:
www.telemachos.hu-berlin.de/esterni/Tierbibliographie_Foegen.pdf

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104
Bei diesem Aufsatz handelt es sich um eine stark erweiterte Fassung eines Vortrags, den ich an der Uni-
versität Rostock (April 2005) und an der Humboldt-Universität zu Berlin (Juni 2005) gehalten habe;
einzelne Partien (vor allem zu Plinius d. Ä., Ovid und Statius) habe ich an der University of Illinois at
Urbana-Champaign (Januar 2006) zur Diskussion stellen können. Die vorliegende Ausarbeitung wurde
während meines Aufenthaltes am Washingtoner «Center for Hellenic Studies» der Harvard University er-
stellt. Douglas Frame (Harvard) und Annetta Alexandridis (Cornell) sei herzlich für eine kritische Lektüre
des Textes gedankt.
72 Thorsten Fögen

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76 Giampiero Scafoglio

Giampiero Scafoglio

Elementi tragici nell’episodio virgiliano di Sinone

È stato Heyne a evidenziare, per primo, il carattere eminentemente drammatico dell’epi-


sodio di Sinone (Aen. II, 57–198), sostenendo che il suo discorso ingannevole Graecarum
tragoediarum eloquentiam et acumen redolet1. Un giudizio confermato in modo implicito
dall’esame critico di Heinze2 e condiviso dai commentatori moderni a partire da Austin3.
Del resto da tempo è concordemente riconosciuto e cospicuamente studiato l’influsso tra-
gico in generale sul poema virgiliano, in particolare sul libro II4.
Nel secolo scorso l’episodio di Sinone è stato oggetto di svariati contributi, che ne hanno
sviscerato diversi aspetti stilistici e contenutistici: l’interesse si è appuntato soprattutto sul
lungo e articolato discorso del personaggio (un vero capolavoro, tanto coinvolgente e per-
suasivo quanto falso e inconsistente), di cui sono stati segnalati gli espedienti retorici e i
procedimenti ‹psicagogici› 5. Non è sfuggita neppure la presenza di incongruenze e contrad-
dizioni, che tuttavia passano inosservate e non infirmano la riuscita della finzione, grazie
all’eccellente costruzione complessiva6.
In questo studio intendo quindi soffermarmi nuovamente sugli elementi tragici presenti
nell’episodio (sia nella tecnica narrativa sia nell’intertestualità e nella forma dell’espres-
sione), alcuni dei quali ad oggi non sono stati adeguatamente approfonditi, nemmeno nei
volumi di Stabryla7 e Wigodsky8.

1
Cf. l’excursus dedicato proprio a Sinone nel commento di Heyne 18324, p. 305–306.
2
Heinze 1915 3, p. 8–12 = trad. italiana di Martina 1996, p. 38–41, 100–101, analizza l’apparato retorico
del discorso così come l’ethos dell’intero episodio.
3
A buon diritto Austin 1964, p. 57, afferma che «the whole manner of the speech shows the influence of the
Greek tragedy», al punto che «Euripides would have approved it».
4
Tra i contributi di più ampio respiro: Fenik 1960; König 1970. Un discorso di tipo programmatico è
svolto da Quinn 1968, p. 323–349; Pöschl; Hardie 1997. Utili le voci dell’Enciclopedia Virgiliana:
Eschilo, di Melandri, vol. II; Euripide, di Martina, ibid; Sofocle, dello stesso autore, vol. IV; Tragici
latini, di Zorzetti, vol. V. Cf. Conte 1999, p. 17–42; La Penna 2005. Sul libro II: Knox 1950,
p. 379–400; Mazzocchini 1992, p. 31–46; Fernandelli 1996; Idem 1997; S cafoglio 2001a; Idem
2001b.
5
Paoletta 1968 si sofferma in particolare sul linguaggio ingannevole di Sinone. Lynch 1980, sviluppa un
confronto di carattere stilistico, psicologico e sociologico tra il discorso del finto disertore e l’ammoni-
mento di Laocoonte, assimilando il primo a un modello di eloquio e costume corrotto di tipo greco-orien-
tale, il secondo all’ideale romano arcaico, concreto e virtuoso. Manuwald 1985 concentra la propria
attenzione sull’architettura e sulla strategia di questa parte dell’Eneide, confrontandola con le linee generali
della tradizione mitografica. Un utile resoconto d’insieme è delineato da C. Deroux, Sinone, in Enciclo-
pedia Virgiliana, vol. IV.
6
Molyneux 1986 conduce un attento esame del discorso e ne segnala i punti incoerenti, riconoscendo però
che non bastano a indebolirne il potere persuasivo.
7
Stabryla 1970 affronta la presenza della tragedia romana nell’Eneide in una trattazione sistematica,
cospicua e puntuale, ma non sempre rigorosa e non ancora esaustiva; il limite più grave del libro consiste
nel non tener conto dell’uso diretto dei modelli drammatici greci nel poema.
Elementi tragici nell’episodio virgiliano di Sinone 77

La tradizione mitografica

Il personaggio di Sinone è ignorato del tutto da Omero, che sembra attribuire a Odisseo
il compito di aprire il ventre del cavallo di legno, accettato dai Troiani come un pegno votivo
dopo un controverso dibattito9. Sinone esiste però fin dal più antico sostrato mitico, se
compariva in alcuni poemi del ciclo epico, segnatamente nell’Ilias parua di Lesche e nell’Iliu-
persis di Arctino, i cui contenuti sono noti per sommi capi dai riassunti compilati da Proclo
nella Crestomazia10. Omero si rifà a un filone mitico alternativo oppure compie lui stesso
un intervento innovativo per così dire ex silentio, eliminando Sinone o sostituendolo con
Odisseo11. È possibile che il poeta emargini il personaggio ed escluda volutamente il suo
ruolo per non insistere sull’inganno attuato dagli Achei (un espediente indegno, che non
avrebbe esaltato il loro valore bellico) o per attribuire a Odisseo il merito di aver favorito
l’approccio dei Troiani col cavallo o di averne dischiuso il ventre al momento opportuno12.
Per quanto riguarda il poema di Lesche, Sinone non è menzionato da Proclo, il quale for-
nisce un resoconto incompleto del ciclo13. Il suo ruolo è testimoniato però da Aristotele,
che lo include tra i contenuti di drammi veri o potenziali, pur non entrando nel merito
e non spiegando quale fosse concretamente il suo compito nel contesto del racconto (Poet.
1459a37-b7)14. La sua presenza nell’Ilias parua trova conferma nella Tabula Iliaca Capitolina
(un bassorilievo del periodo augusteo o giulio-claudio, che raffigura episodi del mito

8
Wigodsky 1972, p. 76–97, ha un approccio prudente, perfino scettico, in forza della frequente impossibi-
lità di distinguere l’imitazione della tragedia romana da quella greca. Sul problema degli ‹strati›, cioè dei
modelli sovrapposti, cf. l’esame dal valore esemplare svolto da Traina 1970 (19742), p. 181–186.
9
Cf. il canto dell’aedo Demodoco, dedicato al cavallo di legno, al banchetto dei Feaci (Od. VIII, 499–520)
e soprattutto lo spunto retrospettivo immediatamente precedente, pronunciato dal medesimo Odisseo,
il quale si arroga segretamente (senza cioè rivelare la propria identità) il merito di aver propiziato il fatale
inganno (vv.492–495).
10
Per i riassunti tracciati da Proclo cf. Severyns 1963, p. 89–93. Per i frammenti dei poemi del ciclo: Ber-
nabé 1987, p. 71–92; Davies 1988, p. 49–66; da ultimo West 2003, p. 118–152.
11
Questa non sarebbe l’unica variazione apportata dall’epica omerica alla tradizione mitologica precedente,
in funzione dell’impostazione ideologica o dell’economia narrativa. Basti pensare che, per presentare Odisseo
come un personaggio positivo, Omero tace i suoi misfatti, come l’omicidio di Palamede (cf. Pausania,
X, 31, 2; molto meno esplicito Proclo, 166 Severyns) e il tradimento nei confronti dell’amico Diomede
(Pausania, Att.  14; Esichio,  1881).
12
Si veda Jones jr. 1965, secondo cui il ruolo di Sinone, così come il suo carattere, apparteneva allo stesso
Odisseo in un antico filone del mito, riecheggiato nell’epos omerico.
13
I tagli nei riassunti sono stati operati da Proclo stesso per evitare gli elementi ripetitivi o, come vuole
Severyns 1928, p. 356–358, «par le grammairien qui détacha les résumés de la Chrestomathie pour les
mettre en tête d’un édition de l’Iliade»; oppure da un grammatico anteriore, attivo nel periodo ellenistico,
«concerned to produce a continuous, nonrepetitive narrative», come pensa West 2003, p. 12. Non si può
escludere però che Proclo leggesse questi poemi in uno stato redazionale tardo, frutto di un precedente
lavoro editoriale teso a snellire i testi, a selezionare e organizzare i contenuti, allo scopo di integrarli in
unum corpus, per tramandarli più agevolmente: cf. S cafoglio 2004b.
14
Ecco il testo aristotelico, curato da R. Kassel, Oxonii 1965: ¹ # Ν (scil. i poemi del ciclo, messi a con-
fronto con quelli omerici, dal profilo più compatto e coerente)  λ   λ  λ   
 λ   »  ,  ²  K   «  λ κ   #I .   ! ξ
#I«  λ #O «   9 $  %  & ' « ν   , ! ξ K $  λ
 λ «  »« #I« [' )*,  Ρ$  «, ,-«, N«,
E. «, $ , /  , #I ' «  λ $«  λ 1 $  λ T 9 $ «]. Questo
elenco è considerato interpolato da Kassel, persuaso da Else 1963 2, p. 580–593. Contra, Gallavotti
1974, p. 90–91, 191–193.
78 Giampiero Scafoglio

troiano tratti da Omero, dal ciclo epico e da Stesicoro)15: in un riquadro del settore infe-
riore, basato appunto sul poema di Lesche, è rappresentato il cavallo di legno trascinato da
un gruppo di Troiani, guidato da Priamo e preceduto da Sinone, spinto avanti da un soldato
a mo’ di prigioniero, con le mani legate dietro la schiena, in prossimità della porta Scea16.
Più chiaro il ruolo di Sinone nel poema di Arctino: secondo Proclo (252 Severyns), egli
si introduceva con l’inganno nel borgo fortificato e da qui inviava segnali luminosi agli
Achei, nascosti in mare17. In un altro ramo del mito (attestato dallo Pseudo-Apollodoro
nell’Epitome Vaticana e richiamato da Plauto nelle Bacchides) 18 il medesimo compito è
assolto da Sinone dal monumento funebre di Achille, fuori dalle mura della città: una
variante risalente forse anch’essa all’epica ciclica, la cui formazione stratificata (conse-
guente all’evoluzione diacronica della materia poetica, tramandata prima oralmente e pas-
sata successivamente per una fase intermedia di ‹auralità›) contemplava diverse versioni
delle stesse vicende19. Non sappiamo se Sinone comparisse nell’Iliupersis di Stesicoro o in
altri carmi riguardanti il mito troiano, composti ad esempio da Ibico e Simonide, nel pe-
riodo arcaico20.
La sua presenza è sospettata ragionevolmente nella tragedia attica, che riprende in larga
misura la panoramica mitologica dell’epica ciclica, pur interpretata in chiave innovativa. In
particolare, un Sinone è attribuito a Sofocle dal lessicografo Esichio, il quale ne riferisce tre
brevissimi frammenti (ciascuno consistente in un unico lemma), avulsi dai rispettivi conte-
sti e privi di senso21. L’esistenza di questa tragedia, che non è menzionata in nessun’altra
fonte, è messa in discussione, se non nettamente negata, da molta parte della critica: Sinone
sarebbe piuttosto un secondo titolo attribuito a un altro dramma di Sofocle, comprendente
ovviamente questo personaggio. Si è pensato quindi al Laocoonte, che trattava fatti avvenuti
nello stesso torno di tempo; purtroppo però nel sintetico resoconto di Dionisio di Alicar-
nasso (Ant. Rom. I, 48, 2), così come nei frammenti superstiti, non compare nessun

15
È una delle venti Tabulae Iliacae, conservate in diverse città, da Varsavia a New York. Si trova nel Museo
Capitolino a Roma, da cui prende nome. È descritta puntualmente, con ricchezza d’informazione biblio-
grafica, da Sadurska 1964, p. 24–37, con riproduzione fotografica, pl. I. La corrispondenza di tale raffi-
gurazione con le fonti letterarie greche è stata revocata in discussione (soprattutto per quanto riguarda Ste-
sicoro), anche in ragione di una presunta influenza dell’Eneide: Perret 1942, p. 84–89, 109–115;
Galinsky 1969, p. 106–113; specialmente Horsfall 1979. Il valore documentario del bassorilievo è
difeso però con validi argomenti da Debiasi 2004, p. 167–177; analogamente S cafoglio 2005.
16
La scena è accompagnata da una didascalia, che ne propizia la leggibilità: T $«  λ , «
$  μ 2 (scil. nelle mura della città); seguono i nomi di Priamo, Sinone e Cassandra (G. Kai-
bel, IG 14, 1284).
17
È possibile che il medesimo fine fosse perseguito da Sinone, lasciatosi appositamente catturare, nel poema
di Lesche. Ma non è da escludere neppure una uariatio: una strategia documentata pure per altre figure e
vicende compresenti, ma delineate in maniera studiatamente diversa, in queste due opere (ad esempio,
penso agli omicidi di Priamo e Astianatte).
18
Cf. Pseudo-Apollodoro, Epit. 5, 18; Plauto, Bacch. 938 (il servo Crisalo si paragona ai principali personaggi
del mito troiano, compreso Sinone, che avrebbe espletato il proprio scopo in busto Achilli). Il modello
diretto del commediografo romano può essere stato l’Equos Troianus di Livio Andronico o di Nevio: è pos-
sibile che i poeti tragici latini trovassero questo dato nel dramma ellenistico, che si rifaceva a un filone
mitico marginale, se non del tutto nuovo.
19
Sulla genesi peculiare dell’epica ciclica, cf. Burgess 2001, ch. 1 e 3, passim; S cafoglio 2004a.
20
Il poemetto di Stesicoro è ricostruito per quanto possibile da Bowra 19612, p. 101–106; i frammenti super-
stiti sono editi da: Davies 1991, p. 183–205; Campbell 1991, p. 100–121. Sui frammenti di Ibico e Simo-
nide riguardanti il tema troiano cf. quest’ultimo volume, p. 262–263 e 448–449.
21
Cf. Esichio, I, p. 77, 99, 289 Latte; Pearson 1963, p. 181–183; Radt 19992, p. 413–415.
Elementi tragici nell’episodio virgiliano di Sinone 79

accenno a Sinone22. Il personaggio non è nominato nemmeno da Euripide, nella rievoca-


zione retrospettiva della conquista di Troia, nelle lamentazioni corali intonate dalle prigio-
niere iliache nell’Ecuba (vv.905–913) e nelle Troiane (vv.511–576), dove gli avvenimenti
sono semplificati e ridotti al minimo, per lasciare spazio ai sentimenti e agli slanci di pathos.
Non sappiamo se Sinone comparisse ed eventualmente che ruolo svolgesse nel dramma
postclassico ed ellenistico. Servio testimonia che, in un imprecisato carme di Euforione,
Odisseo assolveva il medesimo compito attribuito da Virgilio a Sinone (ad Aen. II, 79) 23.
Torna in mente l’evocazione retrospettiva dell’Odissea appena discussa (VIII, 494–495), sia
che fosse una versione ancora più antica, risalente alla gestazione preletteraria dell’epica
greca, sia che fosse invece un’invenzione omerica, riscoperta in epoca ellenistica per la ten-
denza tipicamente alessandrina alla valorizzazione delle leggende peregrine e delle varianti
secondarie. Non è chiaro, peraltro, se l’Odisseo di Euforione (a prescindere dal fatto che
fosse o meno lo stesso di Omero) convincesse i Troiani ad accogliere il cavallo di legno
come un dono votivo, al modo del Sinone di Virgilio; o si limitasse a inviare segnali lumi-
nosi ai compagni, dopo essersi introdotto con l’inganno in mezzo ai nemici (secondo il
filone arcaico, tramandato per primo da Arctino). Non saprei nel caso specifico quanto cre-
dito meriti Servio, il quale è spesso impreciso nell’attribuire componimenti e argomenti agli
autori più antichi24.
Il personaggio di Sinone si trova poi nel dramma romano arcaico, in cui il mito troiano
sembra essere un tema privilegiato25. A dire il vero, non è documentato e non è dimostra-
bile, per quanto sia logicamente plausibile, che lui comparisse nei due Equi Troiani, com-
posti rispettivamente da Livio Andronico e Nevio26. Egli era presente di certo nel Deipho-
bus di Accio, di cui rimangono sei brevi frammenti, alcuni dei quali riguardanti appunto
questo personaggio27. Infatti, in un brano di due settenari trocaici (vv.253–254 Dangel) un
Troiano anonimo racconta di essere uscito in mare a pescare e di essersi spinto «alquanto
più a largo del solito», oppure «più avanti» lungo il lido (aliquanto solito … longius): sem-
brano le premesse, le coordinate spaziali e temporali di un’esperienza notevole e peculiare.
In un altro settenario (v.255 Dangel), lo stesso Troiano riferisce di aver catturato, con
l’aiuto dei compagni o di alcuni soldati venuti in aiuto, un misterioso personaggio, senz’al-
tro un Acheo, rimasto isolato e incontrato accidentalmente (nascosto in un canneto o nei
bassifondi fangosi, nei pressi del mare, a giudicare dal frammento precedente). I due passi

22
Sul Laocoonte di Sofocle cf. Nauck 18892 (rist. 1964), p. 211–213; Pearson 1963, p. 38–47; Radt 19992,
p. 330–334; Cadoni 1978; S cafoglio 2006a.
23
Dopo aver ricordato il rapporto genealogico e il legame di sangue tra Odisseo e Sinone, i quali consobrini
ergo sunt, Servio aggiunge: nec inmerito Vergilius Sinoni dat et fallaciam et proditionis officium ne multum dis-
cedat a fabula quia secundum Euphorionem Vlixes haec fecit. Cf. Thilo – Hagen 1881 (rist. 1961),
p. 253–254. Per il commento di Servio e per il Seruius auctus occorre tenere presente altresì l’editio Haru-
ardiana, curata da Rand-Savage 1946.
24
Cf. Goold 1970, che fornisce un cospicuo dossier degli errori commessi da Servio come dal Seruius auctus
(notizie incerte, citazioni imprecise, esagerazioni nelle segnalazioni della dipendenza virgiliana dalle fonti,
etc.). D’altro canto, se è opportuno riconoscere i limiti dei commentatori antichi, non si deve nemmeno
dimenticare il loro contributo documentario ed esegetico, spesso prezioso.
25
A riguardo cf. il mio studio: S cafoglio 2006c (con una revisione critica e una puntuale discussione delle
parti superstiti di varie opere).
26
Cf. Ribbeck 18973, p. 3, 9; Warmington 1936, p. 10–11, 116–117; Klotz 1953, p. 26, 34.
27
Edizioni: Ribbeck 18973, p. 176–177; Warmington 1936, p. 410–413; Klotz 1953, p. 211–212; con
commento: Franchella 1968, p. 77–84; D’Antò 1980, p. 84–85, 245–248; Dangel 1995, p. 158–159,
317–318.
80 Giampiero Scafoglio

sembrano appartenere al resoconto del ritrovamento di un nemico, catturato e condotto


poi al cospetto di un personaggio autorevole, che deve essere Priamo. Dal discorso dello
strano prigioniero provengono probabilmente altri due frammenti (vv.256–257 e 258–259
Dangel), su cui avrò modo di tornare più avanti: per adesso è sufficiente dire che l’io par-
lante fa riferimento a un personaggio sleale e infido, di cui lamenta l’atteggiamento perse-
cutorio; nel secondo segmento si scopre che si tratta di Ulisse, stigmatizzato violentemente
(ma non senza ostentazione) per il suo cinismo. Immediato e palesemente plausibile il con-
fronto col Sinone di Virgilio. Nel Deiphobus però il profugo greco, pur avanzando un di-
scorso mistificante sul proprio conto e presentando lo stesso Ulisse come un nemico torvo
e insidioso (come nel poema virgiliano), non serviva a favorire l’approccio dei Troiani col
cavallo di legno e nemmeno a rivelarne il carattere di pegno votivo. Tale funzione era esple-
tata da un’apposita iscrizione: Mineruae donum armipotenti abeuntes Danai dicant (v.260
Dangel). D’altronde, se è probabile che l’episodio di Sinone occupasse un posto di rilievo,
nondimeno al centro del dramma si doveva trovare il personaggio di Deifobo, protagonista
di fatti violenti e patetici durante l’attacco notturno28.
Al Deiphobus di Accio, se non a un modello comune, si collega probabilmente Igino nella
Fabula 108, che racconta la conquista di Troia, concedendo ampio spazio al cavallo di
legno29. A ben guardare, non pochi punti trovano riscontro nel racconto retrospettivo di
Enea, nel libro II del poema virgiliano: nell’ottica di una relazione di dipendenza è signifi-
cativa la corrispondenza linguistica ancor più che la somiglianza contenutistica, imputabile
alla condivisione di una determinata versione mitologica o di una precisa fonte letteraria30.
Il racconto di Igino però non procede direttamente ed esclusivamente da quello virgiliano,
rispetto a cui fa registrare uno scarto quantitativo e qualitativo notevole: elimina gli episodi
di Laocoonte e di Sinone; modifica qualche particolare (ad esempio, nominando Diomede
al posto di Epeo tra i guerrieri nascosti dentro il cavallo di legno); aggiunge un elemento a
sé stante, che sostituisce (in modo però nettamente riduttivo) il compito attribuito da Vir-
gilio al falso disertore: si tratta dell’iscrizione Danai Mineruae dono dant, che riproduce in
forma ametrica e appena più sintetica quella citata or ora della tragedia romana, da anno-
verare di conseguenza tra le fonti della Fabula.

28
Il ‹duello› di Deifobo con Menelao (attestato fin da Omero e dal ciclo epico) non poteva essere ignorato da
Accio, che doveva relegarlo nel resoconto di un messaggero, trattandosi di un fatto cruento. È plausibile
che egli fosse sorpreso nel sonno e aggredito da Menelao con l’aiuto di Ulisse, come nel rapido e incisivo
racconto retrospettivo delineato nell’Ade virgiliano (Aen. VI, 511–530), che probabilmente per il contenuto
e per il color tragicus è ispirato proprio al dramma di Accio. Cf. S cafoglio2004c.
29
Cf. il testo di Igino recensito e sinteticamente commentato da Rose 19672, p. 98; torna utile anche il di-
scorso introduttivo sui fontes (p. VIII–XII), pur lontano dall’esaurire il problema.
30
Nel racconto tracciato da Igino, Epeo costruisce monitu Mineruae un cavallo di legno mirae magnitudinis
(cf. Aen. II, 15, instar montis equum diuina Palladis arte); i Troiani si addormentano lusu atque uino lassi
(cf. Aen. II, 265: la città è definita somno uinoque sepultam); i soldati greci escono ex equo aperto a Sinone
(cf. Aen. II, 259, laxat clasutra Sinon) e uccidono i guardiani, mentre i compagni tornano dal mare (come ad
Aen. II, 265–267). Gli Achei chiusi nel simulacro equino sono gli stessi tranne Diomede, sostituito da Igino
a Epeo, l’ultimo a uscire nel racconto virgiliano (vv.261–264). Anche la profezia inascoltata di Cassandra
(id uates Cassandra cum uociferaretur, inesse hostes, fides ei habita non est) è comune all’Eneide, vv.246–247:
tunc etiam fatis aperit Cassandra futuris / ora dei iussu non umquam credita Teucris.
Elementi tragici nell’episodio virgiliano di Sinone 81

L’interpretazione virgiliana

Nel racconto di Virgilio, l’episodio di Sinone si inserisce nello iato tra il primo e il secondo
segmento riguardante Laocoonte31, tra il suo avvertimento (vv.40–56) e il suo conseguente
supplizio (vv.199–233)32. I fatti del finto disertore e dello sventurato principe troiano diven-
tano quindi interdipendenti sul piano funzionale e semantico, in quanto si integrano in un
comune sistema di significati, si completano e si illuminano reciprocamente, con risultati
notevoli e risvolti delicati. Infatti, il giavellotto scagliato da Laocoonte nel corso del suo
perentorio e accorato avvertimento si è appena infisso nel ventre del cavallo con un cupo
rimbombo rivelatore, fatalmente non compreso dai Troiani, quando entra in gioco il prigio-
niero greco, trascinato da un gruppo di pastori al cospetto di Priamo (vv.57 ss.). Al termine
del discorso di Sinone, mentre tutti sono ancora concentrati su di lui e su quanto ha ingan-
nevolmente rivelato, gli sguardi sono improvvisamente attratti da un tremendo prodigio,
che travolge Laocoonte e i figli in un atroce supplizio (vv.199 ss.). A propiziare il passaggio
da un episodio all’altro (in termini tecnici, a suturare l’incastro dei blocchi narrativi), due
segmenti di commento lirico, che esprimono i sentimenti dell’io narrante, sussumono il
senso del racconto e nel contempo ne accentuano il pathos (vv.54–56, 195–198).
Virgilio presenta Sinone sinteticamente, ma emblematicamente, anticipando lo scopo del
suo intervento (v.60, hoc ipsum ut strueret Troiamque aperiret Achiuis) e il suo stato d’animo
risoluto e pronto a tutto (vv.61–62, fidens animi atque in utrumque paratus / seu uersare dolos
seu certae occumbere morti ). Il significato paradigmatico dell’episodio, ovvero il suo mes-
saggio ideologico, è espresso anch’esso fin dall’inizio dal narratore consapevole (vv.65–66)33.
Il discorso di Sinone si divide in quattro parti, la prima delle quali, assai breve (vv.69–72),
assolve un ruolo meramente introduttivo, tesa com’è a suscitare l’interesse dei Troiani,
il loro coinvolgimento emotivo: si tratta infatti di una sequenza concitata di domande reto-
riche, che racchiudono in nuce tutta la sua storia e ne preannunciano la profonda sofferenza
(non senza una sottolineatura di enfatica ostentazione). Il prigioniero si presenta come un
esule apolide, estromesso e perseguitato dal proprio popolo. Ottenuto l’esito sperato, il
mutamento d’animo dei Troiani, che adesso si mostrano commossi e incuriositi, Sinone
intraprende il proprio racconto: rievoca il conflitto tra Ulisse e Palamede, quem falsa sub
proditione Pelasgi / insontem infando iudicio, quia bella uetabat, / demisere neci (vv.83–85).
E inserisce abilmente se stesso in questo contesto, dicendo di essere stato affidato a Pala-
mede dal padre indigente a mo’ di comes e consanguinitate propincus (quasi spinto dal biso-
gno a mettersi al servizio del famoso parente e a unirsi all’esercito, suo malgrado); quindi
racconta di aver condiviso gli onori di quello e di essere caduto poi nell’oblio, dopo il suo
tracollo; da ultimo ricorda di aver giurato di vendicare l’amico, suscitando l’odio di Ulisse,
il quale lo ha perseguitato e rovinato (vv.77–104). Il racconto si interrompe ex abrupto sul

31
È possibile che il poeta abbia tratto spunto dall’espediente ellenistico dell’incastro, quanto meno per l’in-
serimento di un episodio dentro l’altro. Tuttavia la realizzazione virgiliana è incommensurabile, per con-
catenazione e drammaticità, con la tecnica alessandrina, come dimostra Heinze 1915 3, p. 12–20 = trad.
ital. p. 42–49.
32
Sullo sviluppo e sul significato dell’episodio di Laocoonte, rielaborato da Virgilio in modo innovativo
rispetto ai dati mitici tradizionali, cf. Zintzen 1979.
33
Avrei voluto definire Enea narratore onnisciente, dal momento che conosce l’esito degli eventi, per averlo
già vissuto; ma si riscontra un dislivello di coscienza tra il lettore e l’io narrante, che non comprende pie-
namente il significato della propria esperienza.
82 Giampiero Scafoglio

nome di Calcante (v.100, donec Calchante ministro … con un costrutto dal valore logico
subordinato, che presuppone un prosieguo deliberatamente omesso): un nome dal suono
sinistro, gravido di presentimenti funesti (promananti dai trascorsi del personaggio, pre-
sentato fin dal mito arcaico come un   «), che gioca qui un ruolo decisivo,
lasciato studiatamente in sospeso, per suscitare l’accanimento degli ascoltatori, desiderosi
ormai di conoscere il seguito. Sinone conclude questa sezione del discorso col provocatorio
invito rivolto ai Troiani a ucciderlo, compiacendo in tal modo Ulisse e gli Atridi (vv.101–104):
un’affermazione iperbolica e paradossale, che comunica un’impressione invertita e stra-
volta della realtà. Va da sé che i Troiani non accennano minimamente a fargli del male, a
questo punto.
Tra una parte e l’altra del discorso, lo sguardo si allarga sul popolo circostante, di cui si
rende dal di dentro (dal punto di vista di Enea, che fa parte di loro) il comune sentire, che
consiste in un interesse crescente, partecipe fino a diventare gradualmente solidale, nei con-
fronti dello sventurato prigioniero (vv.105–106 e, più avanti, v.145). Poi Sinone riprende il
racconto, rivelando un susseguirsi di truci eventi, che muovono da alcuni prodigi nefasti e
da un macabro oracolo per arrivare a un sacrificio umano, all’ombra di una sanguinaria reli-
gione ancestrale, in cui la vendetta divina (scatenata dall’empietà e dalla profanazione)
è chiamata in causa strumentalmente e subordinata alla vendetta umana (vv.108–144). Gli
Achei, estenuati ormai dal lungo protrarsi del conflitto e determinati a rimpatriare, erano
trattenuti dai venti contrari, suscitati dagli dei ostili, da placare con l’olocausto di un sol-
dato greco, come prescritto dall’oracolo consultato da Euripilo. Chiamato da Ulisse a desi-
gnare l’uomo da immolare, Calcante aveva tentato di esimersi ed era rimasto per dieci
giorni in silenzio; poi aveva ceduto e si era accordato col perfido personaggio, il quale si era
servito di lui, dell’oracolo e del volere divino per vendicarsi di Sinone, il cui destino era pre-
sagito e vociferato da tutti, acconsenzienti per stornare da sé il pericolo. Quando il giorno
del sacrificio era prossimo ed erano stati già espletati i preparativi, Sinone era fuggito e si
era nascosto in un lago melmoso, dove era rimasto finché gli Achei non erano salpati. Il rac-
conto culmina e si conclude con un intenso sfogo di dolore: la consapevolezza di non poter
mai più tornare in patria né rivedere la famiglia (destinata forse a subire ritorsioni) è scatu-
rigine di ostentata sofferenza e funge da premessa per una richiesta di pietà e di grazia,
avanzata infine non senza invocare la divinità e le più nobili idealità, la verità e la fede. Inter-
pretando il sentimento comune dei Troiani, Priamo ordina di liberare il prigioniero, lo ras-
sicura e lo accoglie nel proprio popolo (vv.145–147).
Proprio il re gli dà l’agio di adempiere il suo compito fatale, interrogandolo sul cavallo di
legno (vv.150–152). Questo l’oggetto della quarta parte del discorso tenuto da Sinone, il
punto di arrivo di tutto il suo piano, che sta per andare in porto (vv.154–194). Un’invoca-
zione altisonante, che richiama nuovamente la mancata immolazione a guisa di formula
sacrale, introduce ancora una storia di empietà e di vendetta divina (indipendente da quella
precedente e, per singole circostanze, finanche incongruente con essa, ma partecipe della
medesima temperie di religiosità tenebrosa). Il furto del Palladio, perpetrato da Ulisse e
Diomede, aveva scatenato orrendi prodigi nel campo acheo: Atena, già patrona e alleata
dell’Ellade, si era adirata per la profanazione della propria immagine, toccata con mani
insanguinate. Gli Achei erano tornati in territorio greco per espletare riti catartici, come
prescritto da Calcante, che aveva ordinato pure di costruire il cavallo di legno come dono
votivo: se i Troiani lo avessero distrutto, in seguito sarebbero stati sconfitti e conquistati
dagli Achei, che sarebbero tornati da un momento all’altro; se invece lo avessero accolto
Elementi tragici nell’episodio virgiliano di Sinone 83

con religioso rispetto, sarebbero stati loro in futuro a prevalere e ad asservire tutto il mondo
greco. L’episodio è suggellato dal commento lirico, pronunciato dall’io narrante, che sot-
tolinea il peso dell’inganno ordito dal falso disertore, decisivo per l’esito del conflitto
(vv.195–198).
L’intervento di Sinone è racchiuso in uno schema circolare dal doppio episodio di Lao-
coonte, che ne potenzia l’effetto sul versante tecnico-narrativo e ne completa il significato a
livello ideologico. Il discorso del sedicente disertore in merito al cavallo di legno sembra tro-
vare un riscontro nel terribile supplizio, consumato all’improvviso sotto gli sguardi attoniti e
agghiacciati dei Troiani, i quali pensano che Laocoonte sia stato punito per aver profanato il
dono votivo e, spaventati piuttosto che entusiasti, si convincono ad accoglierlo. Si crea
quindi un circolo virtuoso tra gli episodi di Sinone e Laocoonte, che cooperano di fatto al
conseguimento del medesimo scopo (malgrado l’intento del principe iliaco sia diametral-
mente opposto). Questo aiuta a spiegare e, in una prospettiva valutativa, a giustificare il
comportamento autodistruttivo dei Troiani, che di per sé potrebbe sembrare eccessivamente
ingenuo e sprovveduto, se non che si sottrae a un tale giudizio, condizionato com’è dal dia-
bolico stratagemma degli Achei e perfino dall’intervento divino. Tutta la vicenda ispira anzi
una simpatia commossa e ammirata per la popolazione troiana, vittima in ugual misura della
propria generosità, della subdola falsità achea e dell’immotivata ostilità divina34.

Introspezione psicologica e strategia della finzione

Il discorso di Sinone contempla svariati espedienti concettuali e stilistici, tesi a simulare


l’ethos e a fomentare il pathos. La strategia di persuasione è tutta incentrata sulla capacità di
suscitare simpatia (concepita etimologicamente come partecipazione emotiva), ad onta di
eventuali incongruenze e contraddizioni. Un esempio lampante: Sinone racconta di essere
stato affidato dal padre al consanguineo Palamede a mo’ di comes, «assistente» più che
«compagno», quasi fosse un giovinetto uscito da poco dal nucleo familiare (vv.86–87); più
tardi però lui rimpiange di non poter rivedere i propri figli e paventa che il furore vendicativo
degli Achei si ritorca su di loro (vv.137–140). È stata notata l’incongruenza di queste e altre
affermazioni, considerate la spia di una debolezza della simulazione, che risulterebbe per-
fetta solamente in apparenza, mentre si rivelerebbe superficiale e approssimativa a un’analisi
attenta. Ma la verità è che la consequenzialità della narrazione è sacrificata alle esigenze con-
tingenti e all’efficacia della persuasione. Sinone si presenta come un giovinetto per spiegare
il proprio ruolo al fianco di Palamede e per deresponsabilizzarsi dal coinvolgimento nel con-
flitto con i Troiani; diventa poi un padre preoccupato per i figli, per far apparire più penoso
agli occhi dei nemici il suo stato di esule. Il coinvolgimento degli ascoltatori è perseguito con
ogni mezzo e ad ogni costo, perfino a danno del rigore interno del racconto.
La persuasione dunque si esplica tutta nella sfera emotiva, a cui appartengono le strategie
della miseratio sui e della captatio beneuolentiae. L’intera vicenda non è descritta esclusiva-
mente nella sua evoluzione concreta, esteriore, ma è esplorata pure nella dimensione inte-

34
L’innocenza della popolazione troiana è fissata definitivamente, a guisa di epigrafe tombale, nell’immagine
della città distrutta, nell’incipit del libro III: postquam res Asiae Priamique euertere gentem / immeritam uisum
superis, ceciditque superbum / Ilium et omnis humo fumat Neptunia Troia (vv.1–3); dove spicca l’aggettivo
immeritam (v.2).
84 Giampiero Scafoglio

riore mediante l’introspezione psicologica, condotta con tecnica raffinata sia nella rappre-
sentazione della condizione individuale di paura (simulata)35, sia nell’esternazione della
mentalità della massa36. Ma il rilievo più sottile riguarda lo stato d’animo di Sinone rispetto
al sacrificio, a cui egli finge di essersi sottratto quasi a malincuore, con un sentimento con-
troverso, combattuto tra il disperato desiderio di vivere e il rimorso: eripui, fateor, leto me et
uincula rupi (v.134), con l’inciso fateor dal significato pregnante, a rendere il forte disagio
legato al proprio comportamento, considerato evidentemente un nefas sul piano morale.
È ancora l’introspezione psicologica a compensare la contraddizione emergente tra la
necessità di propiziare la divinità anima Argolica («col sacrificio di un Acheo», come dice il
responso riferito da Euripilo, vv.116–119) e la successiva partenza della flotta per la Gre-
cia, avvenuta ugualmente, anche se la vittima designata è fuggita e la cruenta pratica rituale
non è stata adempiuta (v.180, nunc quod patrias uento petiere Mycenas). La contraddizione
non è dissimulata, ma viene riassorbita con disinvoltura in una fine notazione introspet-
tiva: nascosto nei bassifondi fangosi, rimasto all’oscuro dei fatti, Sinone esprime uno stato
d’animo sospeso e incerto, nell’attesa e anzi nella speranza della partenza della flotta,
non ritenuta sicura, ma auspicata con trepidazione (v.136, delitui, dum uela darent, si forte
dedissent).
La contraddizione più forte ed evidente riguarda ancora la partenza della flotta: in un
primo momento Sinone dice che gli Achei sono salpati definitivamente, stanchi e rassegnati
ad abbandonare il conflitto (vv.108–144); poi però racconta che essi sono ritornati in terri-
torio greco ad auspicium repetendum, decisi a riprendere al più presto il cimento bellico
(vv.154–194). Le due versioni sono funzionali rispettivamente alle esigenze dell’una
e dell’altra parte della simulazione, che si dipana in due fasi distinte sia ‹geneticamente›
(in base cioè alle fonti) sia strategicamente: la prima, soggettiva e biografica, appare subor-
dinata a sua volta alla seconda, che contempla la meta di tutta la vicenda.

Architettura e tecnica narrativa

Il carattere ‹tragico› dell’episodio di Sinone trova un primo, evidente riscontro nell’im-


pianto dialogico (quasi un discorso continuo, inframmezzato e scandito dagli interventi di un
interlocutore-ascoltatore): un personaggio conduce un racconto denso di pathos davanti a
un destinatario privilegiato, che lo interroga di tanto in tanto, con un gruppo di spettatori
partecipi e intensamente coinvolti, il popolo troiano, che non si limita ad assistere passiva-
mente, ma assume atteggiamenti ed esprime sentimenti a mo’ di un coro. Quest’ultimo nel
genere tragico rappresenta spesso un popolo, di cui impersona gli esponenti eminenti (ad
esempio, gli anziani consiglieri nei Persiani di Eschilo). Nell’episodio virgiliano però il
popolo non parla direttamente, come il coro in un dramma: è Enea a descrivere il sentire
dei propri concittadini, il loro incuriosirsi e commuoversi al racconto di Sinone (vv.63–64,

35
Cf. vv.67–68, conspectu in medio turbatus inermis / constitit, il cui soggetto è Sinone; v.107, prosequitur paui-
tans et ficto pectore fatur, con le due allitterazioni in funzione intensivo-patetica e con la connotazione agget-
tivale ‹rivelatrice›.
36
Si pensi al cambiamento dei sentimenti nei confronti del nemico, divenuto poi supplice (vv.105–106, 145);
si pensi al consenso accordato da tutti al responso di Calcante, per stornare il timore comune unius in miseri
exitium (vv.130–131).
Elementi tragici nell’episodio virgiliano di Sinone 85

73–75, 105–106, 145, 195–198). Enea stesso, tra un segmento e l’altro del discorso del falso
disertore, svolge un commento lirico, che incornicia e attraversa l’intero episodio, ne segue
lo sviluppo e ne anticipa l’esito, ne accresce il pathos e ne evince il significato ideologico: un
insieme di scopi senz’altro riconducibile a un coro tragico.
Vi è di più. Enea costituisce l’io narrante di tutto il libro (come del successivo): è stato para-
gonato a buon diritto a un Ν« proprio del dramma, rispetto al quale si riscontra però un
coinvolgimento molto più profondo nel racconto, dal momento che egli non è stato un sem-
plice testimone, bensì un protagonista dei fatti37. Proprio per il suo doppio ruolo di narratore
e protagonista, messo in risalto fin dall’incipit del libro, egli non si lascia assimilare tout court
a un Ν« tragico38. D’altro canto, egli non coopera attivamente all’episodio di Sinone, a
cui assiste e partecipa nell’insieme del popolo troiano. Egli rimane nondimeno l’io narrante,
l’interprete dello stato d’animo collettivo: diventa perciò, in questo tratto del libro, un
modello di messaggero tragico, che per di più congloba in sé anche l’investimento funzionale
del coro, se si vuole, il suo contenuto semantico: il commento lirico.
Oltre che Enea, lo stesso Sinone adempie il compito di Ν« per mezzo del proprio
racconto nel racconto, non tanto nelle prime tre parti del discorso, bensì nella quarta,
in cui egli ripercorre i trascorsi degli Achei, di cui è stato spettatore e non più protagonista.
A una 3« $ rimanda anche la struttura della narrazione, che si sviluppa rapida
e incisiva, con la gradazione crescente della tensione patetica nella descrizione dell’ira
divina (vv.172–175) e con esclamazioni incidentali passim (v.174, mirabile dictu, riguardo
ai prodigi seguenti al furto del Palladio; vv.190–191, quod di prius omen in ipsum / conuer-
tant, a proposito di Calcante, che ha previsto il magnum exitium del regno di Priamo).
L’atroce supplizio di Laocoonte, consumato al termine dell’episodio di Sinone, costituisce
anch’esso un degno oggetto per il resoconto di un messaggero tragico (di nuovo Enea, nar-
ratore in questo brano come nell’intero libro), per l’intervento dei draghi e in generale per
essere un fatto di sangue, che non sarebbe potuto avvenire sotto gli occhi degli spettatori in
un dramma.
Il carattere tragico dell’episodio di Sinone si rispecchia poi sul piano stilistico, in parti-
colare in un procedimento tipico del genere drammatico: l’anfibologia, vale a dire la comu-
nicazione ambigua e irrisolta, che dissimula ad arte la rivelazione di una verità nascosta o
l’anticipazione di una vicenda futura, inattesa oppure paventata. Un espediente, questo,
consistente in un discorso dal doppio significato: uno superficiale, rivolto a un interlocu-
tore inconsapevole o sprovveduto; uno profondo, adombrato con strumenti specifici (ri-
svolti semantici impliciti; diversivi; sottintesi) e opacizzato con appositi segnali allusivi,
indirizzato a un differente destinatario (presente o meno nel testo) e condiviso almeno i-
dealmente col fruitore del dramma (spettatore o lettore)39. Dall’anfibologia scaturisce l’iro-
nia tragica, appannata da un’impressione di ambiguità e da una venatura di amarezza,

37
Non a torto Austin 1964, p. 29, osserva che «the whole Book is a personal narrative, an eyewitness
account of the fall of Troy, told by a survivor. Virgil has adapted to Epic the technique of the Messenger’s
speech in Greek Tragedy». Un appropriato termine di paragone per il coinvolgimento diretto nei fatti nar-
rati sembra essere il superstite-messaggero nei Persiani di Eschilo: cf. Ussani jr. 1950.
38
Cf. il passo iniziale del racconto di Enea: Infandum, regina, iubes renouare dolorem / Troianas ut opes et
lamentabile regnum / eruerint Danai, quaeque ipse miserrima uidi / et quorum pars magna fui (vv.3–6).
39
Per una definizione dell’ironia legata all’anfibologia e connotata equivocamente, con esemplificazione tratta
da opere drammatiche, cf. Paduano 1983.
86 Giampiero Scafoglio

denominata così perché appartenente alla tragedia per antonomasia, ma probabilmente pre-
sente in questa parte della narrazione virgiliana40.
Doppi sensi e sottintesi nel discorso di Sinone sono rinvenuti occasionalmente fin dal
commento di Servio, il quale però non coglie pienamente il significato di tale procedi-
mento. Quest’ultimo non è sfuggito ad alcuni critici moderni (primo tra tutti, non per caso,
il grande poeta Giovanni Pascoli)41; non è stato però sviscerato in modo sistematico ed
esaustivo. D’altro canto, il fenomeno è stato ignorato e perfino negato da uno dei più pene-
tranti interpreti virgiliani, quale Richard Heinze42.
Sinone introduce così il racconto: cuncta equidem tibi, rex, fuerit quodcumque, fatebor /
uera, inquit, neque me Argolica de gente negabo (vv.77–78). Uno scolio del Seruius auctus
individua un paralogisma: uera inquit ut et falsa, quae postea dicturus est, uera credantur: ideo
primo a ueris coepit (ad Aen. II, 77). La capziosità verbale rispecchia tuttavia una strategia di
più ampia portata, messa in luce già in una chiosa precedente: de Palamede autem et de Iphi-
genia ad Troianos nihil pertinet, de quibus uera incipit et in falsa desinit; facile enim quae
sequuntur credibilia sunt, quae prima recognoscuntur (ad Aen. II, 69). È stata notata anche la
possibilità (ammissibile per la metrica, benché non immediatamente evidente) che la con-
notazione uera si riferisca ad Argolica gente invece che a cuncta, anzi, che si possa accostare
ambiguamente ad entrambe le parole, con conseguenze assai diverse (il rilievo è del Pa-
scoli). Neppure è sfuggita l’enigmaticità dell’espressione fuerit quodcumque, «qualunque
cosa accada» (scil. al medesimo Sinone, ma eventualmente anche a Priamo e al suo popolo);
tanto più che il pronome personale tibi, riferito al verbo fatebor, potrebbe essere retto $μ
  dal costrutto relativo-condizionale fuerit quodcumque. Se tutta l’espressione è
pregna d’ironia, spicca la frase culminante neque me Argolica de gente negabo: come
avrebbe potuto Sinone (già riconosciuto come un nemico dai Troiani e incatenato per que-
sto motivo) negare di appartenere al popolo acheo? La sua prima confessione, che in realtà
non rivela niente e non dimostra alcuna sincerità, suona come una derisione, una beffa, dis-
simulata e simultaneamente accentuata (a seconda della visuale assunta) dalle premesse
pompose e patetiche (vv.69–72). Tanto più che Sinone, appoggiandosi a quanto ha appena
detto, si presenta come un personaggio sventurato, ostinatamente e orgogliosamente sin-
cero e integro: hoc primum; nec, si miserum Fortuna Sinonem / finxit, uanum etiam menda-
cemque improba finget (vv.79–80). Il Pascoli ha osservato che l’iniziale nec non si riferisce
necessariamente al verbo finget, come pare di primo acchito e come Priamo stesso intende:
si potrebbe collegare nondimeno al precedente finxit, con un paradossale capovolgimento
del significato. È interessante soffermarsi poi sul verbo fingo, che non è soltanto un sino-
nimo di compono o formo (come vuole Servio ad loc.): vi è anche un’accezione riguardante
la simulazione, richiamata forse allusivamente (specialmente nella prima delle due occor-
renze), quasi a far intravedere la natura ingannevole della situazione, con un’implicita e sar-
donica provocazione.
Ma l’anfibologia si fa più consistente e tagliente nelle formule sacrali, deputate a sancire
la verità delle rivelazioni. Così il giuramento ai vv.141–144:

40
Lo hanno notato rapsodicamente numerosi studiosi, che non hanno condotto però un esame sistematico
del fenomeno. Cf. ad esempio Jackson Knight 1944, passim.
41
Cf. Pascoli 1958, p. 62 ss. passim. Il fenomeno è messo in giusto risalto da Paoletta 1968, che lo ricon-
duce al genere tragico e in particolare all’influsso di Sofocle.
42
Heinze 1915 3, p. 11, specialmente n. 1 = trad. ital. p. 40–41 e 101, n. 11, afferma infatti categoricamente di
non dare credito ai rilievi dei commentatori antichi e moderni su questo tipo di espedienti.
Elementi tragici nell’episodio virgiliano di Sinone 87

quod te per superos et conscia numina ueri,


per si qua est quae restet adhuc mortalibus usquam
intemerata fides, oro, miserere laborum
tantorum, miserere animi non digna ferentis.
Sinone invoca i numi consapevoli del uerum, che secondo i Troiani consiste appunto nel
suo racconto, per Virgilio e per il lettore accorto si tratta piuttosto dell’inganno in atto, di
cui gli dei sono al corrente: ne sono perfino ispiratori, complici43. La chiamata in causa
dell’intemerata fides, accompagnata dalla condizionale si qua est quae restet adhuc mortalibus
usquam, ad onta di una venatura di incertezza, sembra presupporre comunque una risposta
positiva, ossia che esiste ancora la «lealtà incontaminata». Ma la realtà è ben diversa: vi è
ragione di dubitare dell’esistenza della fides e, se pure non fosse revocata in discussione i-
dealmente, essa è profanata e calpestata sicuramente in questa circostanza. Di conseguenza
la formula stessa risulta inficiata, fondata com’è su una premessa surrettizia, sostanzial-
mente falsa. Ambigua pure l’espressione animi non digna ferentis, con la negazione abbinata
alla parola contigua digna; salvo che si potrebbe legare al participio ferentis, capovolgen-
done il significato. Il discorso si può estendere anche all’altro, più solenne giuramento
(vv.154–156):
‹uos aeterni ignes, et non uiolabile uestrum
testor numen› ait, ‹uos arae ensesque nefandi,
quos fugi, uittaeque deum, quas hostia gessi›.
Sinone si rivolge in primo luogo ai «fuochi eterni» (aut ararum quas fugit … aut certe Solem
et Lunam significat, precisa in margine Servio), poi all’apparato consacrato per il sacrificio
(gli altari, i coltelli e i paramenti rituali), personificato e quasi divinizzato per il suo valore
sacrale. Tiberio Claudio Donato ad loc. commenta a buon diritto che l’impostore richiama i
corpi celesti sine periculo periurii, dal momento che non sono stati testimoni di alcun sacri-
ficio; mentre le arae e le uittae non sono mai esistite, già inventate in funzione della simu-
lazione e ora invocate ad arte, a garanzia di verità per altre menzogne. La formula è vana,
perché basata su premesse immaginarie44.
Il tratto più efficace di questo procedimento si trova però nel punto culminante del rac-
conto, quando Sinone paventa il ritorno degli Achei, lo annuncia perfino come imminente,
per indurre i Troiani a stornarlo nell’unico modo possibile, accogliendo il cavallo e consa-
crandolo come un dono votivo (vv.180–182):
et nunc quod patrias uento petiere Mycenas,
arma deosque parant comites pelagoque remenso
improuisi aderunt. ita digerit omina Calchas.

43
Atena sostiene gli Achei, per empi e spergiuri che siano, nel corso di tutto il libro: Epeo costruisce il cavallo
di legno diuina Palladis arte (v.15); dopo aver trucidato Laocoonte e i suoi figli, i mostri marini spariscono
nel tempio della dea, ai piedi della sua statua (vv.225–227) – di qui l’interpretazione fuorviante dei Troiani
(vv.228–233). Non mente Sinone, quando afferma: omnis spes Danaum … Palladis auxiliis semper stetit
(vv.162–163).
44
È ambiguo inoltre il proposito espresso da Sinone poco dopo, nel costrutto condizionale si magna repen-
dam (v.161), il cui verbo significa «portare allo scoperto» in senso traslato, in riferimento ai segreti dei
Greci; potrebbe essere inteso però letteralmente, a indicare il gesto di liberare i guerrieri dal cavallo di
legno, come il finto disertore progetta e come poi farà (vv.258–259). Così leggono alcuni, secondo il Seruius
auctus ad loc. (uobis feram Graecis rependam).
88 Giampiero Scafoglio

Colpisce il sintagma improuisi aderunt, che annuncia il ritorno dei Greci in un futuro impre-
cisato, ma non lontano; nel contempo sembra anticipare a livello allusivo il loro attacco
notturno (questo, sì, veramente imminente): infatti essi giungeranno dal mare all’improv-
viso, poco tempo dopo, proprio come dice Sinone.
Sui brani qui addotti, non tutti ugualmente significativi, si potrebbe discutere a lungo.
Del resto, è normale e perfino ovvio che un fenomeno studiatamente sfumato e ambiguo
non si lasci verificare e descrivere in modo perspicuo e indubbio: è in gioco il suo stesso
esito, che in caso contrario sarebbe da considerare fallito. L’anfibologia è una performance
sottile e cerebrale per definizione, la cui riuscita dipende dalla sua stessa discrezione, cioè
dalla capacità di comunicare segretamente, selettivamente, in maniera percettibile esclusi-
vamente a una lettura scaltrita. È tuttavia difficile negare, nelle circostanze e nelle parole
citate, un’inquietante impressione di ambiguità, fonte di ironia tragica, degna della lezione
impartita dalla drammaturgia greca.

I rapporti con i modelli

Assai complessa e non ancora adeguatamente sviscerata la questione delle fonti e dell’in-
tertestualità. È singolare che l’episodio di Sinone (come quello concatenato e complemen-
tare di Laocoonte) non trovi riscontro nell’epos omerico, su cui è fondato complessiva-
mente il poema virgiliano45. Se la vicenda è stata volutamente emarginata dalle rievocazioni
retrospettive dell’Odissea, sorprende tuttavia che in quest’ultima e nell’Iliade non vi sia nep-
pure una singola scena, una situazione simile per la struttura complessiva o per una parte
limitata (pur nella diversità della materia), come accade invece quasi per la totalità dell’E-
neide, legata all’epica omerica ora per analogia, ora per antitesi, ora per continuità ed evo-
luzione di figure, immagini, idee46.
Un altro evidentemente è l’ipotesto di questo episodio; diverso il suo percorso genetico,
che muove dal ciclo epico e passa per il dramma greco e romano, così caro a Virgilio. Una
reminiscenza circoscritta, eppure significativa, si riconosce nella frase incipitaria cuncta
equidem tibi, rex, fuerit quodcumque, fatebor / uera (vv.77–78), che ricalca la formula ome-
rica  !*    # $ '$« $ $ (Od. XIV, 192 e passim) e la sua
variante  !*    # $ '$«   '$ (Od. XXIV, 303 e passim): in
questo modo Odisseo introduce i discorsi ingannevoli rivolti rispettivamente al porcaio
Eumeo e al padre Laerte. Un’allusione, questa, basata non casualmente sulla menzogna
(anzi sulla promessa di verità, puntualmente smentita) e finalizzata a segnalare un’analogia
più profonda, strutturale e funzionale, che affonda le radici nella tradizione letteraria.
Sinone è il cugino di Odisseo, secondo Servio (ad Aen. II, 79): di certo è un suo alter ego,
che riprende alcuni elementi del suo carattere (quale appariva però nel ciclo epico e poi nel

45
Sterminata la bibliografia sulle relazioni genetiche e intertestuali tra l’Eneide e l’epica omerica, talvolta indi-
viduate e variamente valutate già dalla critica antica. Il testo di riferimento rimane Knauer 19792, il quale
rinuncia a trovare un corrispettivo omerico per l’episodio virgiliano di Sinone.
46
Si pensi per esempio all’incontro di Enea con Didone nell’Ade (Aen. VI), modellato sull’episodio omerico
di Odisseo e Aiace (Il. X), differente nel contenuto ma simile nello schema di fondo e nello svolgimento.
Sull’approccio di Virgilio col suo auctor princeps, tra gli altri, cf. Barchiesi 1984; Rossi 2004. Un quadro
complessivo in Hardie 1998, p. 54–57; Suerbaum 1999, p. 141–149.
Elementi tragici nell’episodio virgiliano di Sinone 89

dramma)47 e svolge il ruolo attribuito a lui in un altro ramo del mito (documentato dallo
stesso Omero) 48.
Alla tragedia rimanda un’altra, emblematica reminiscenza. L’invito iperbolico rivolto da
Sinone ai Troiani affinché lo uccidano subito, facendo paradossalmente un favore gradito
agli Atridi e a Ulisse, che rappresentano ovviamente tutti gli Achei con procedimento me-
tonimico (vv.102–104, in particolare 104, hoc Ithacus uelit et magno mercentur Atridae),
ricorda un brano intonato dal coro nel vedere il tracollo dell’eroe impazzito nell’Aiace di
Sofocle (vv.955–960):
7H 3   * 4μ !56 8
 « $  ,
9
» ξ %!"   ' « Ν
: '$ , 5, 5,
  % 6 «
 « #A % .
L’intertesto si innerva sul richiamo agli Atridi (complici di Odisseo e corresponsabili perciò
del torto inflitto ad Aiace), formulato appropriatamente da Sofocle e introdotto da Virgilio
in modo non strettamente pertinente, a mo’ di segnale allusivo. Anche tale reminiscenza
riveste una funzione comparativa, che delinea tuttavia un’antitesi, quasi un’opposizione
speculare. Sinone riprende un concetto rivolto dal coro ad Aiace e lo usa come espediente
persuasivo, che però pone maggiormente in risalto il suo volgare cinismo, a confronto col
nobile e integro eroe di Sofocle.
Un altro possibile trait d’union col genere tragico è il personaggio di Palamede, il cui tri-
ste destino (narrato da Sinone ai vv.81–85, per essere inserito in un surrettizio intreccio con
i suoi immaginari trascorsi, nei versi successivi) era oggetto dei perduti drammi omonimi di
Eschilo, Sofocle, Euripide49. Essi sono però troppo poco noti per dire se ed eventualmente
come il racconto virgiliano, il quale peraltro procede molto rapidamente e si risolve in soli
cinque versi, possa averne subito l’influsso 50.
A un altro dramma perduto pare piuttosto che Virgilio abbia gettato lo sguardo nel flash-
back su Palamede e nel suo particolare riuso, messo in atto da Sinone ai fini dell’inganno: il
Filottete di Euripide51. Di questo interessa in particolare un segmento iniziale, parafrasato (dif-
ficile dire quanto fedelmente) nell’orazione 52, 6–10 di Dione Crisostomo52. Si tratta di un
controverso dialogo tra Filottete e Odisseo, il quale finge di essere appunto un amico di Pala-
mede per placare e persuadere l’interlocutore, che nutre un violento rancore nei confronti di

47
Sul profilo negativo, direi perfino demoniaco, rivestito da Odisseo nel ciclo epico e passato di qui nel
dramma attico, a dispetto del processo idealizzante messo in atto nell’epos omerico, cf. Stanford 1954
(19682), p. 90–117.
48
Cf. il discorso condotto supra, riguardo all’accenno retrospettivo di Odisseo, che si arroga il merito di aver
realizzato l’inganno del cavallo (Od. VIII, 492–495); su cui anche Jones Jr. 1965.
49
A riguardo: Stoessl 1966; S codel 1980, p. 43–63; Jouan – Van Looy 2002, p. 487–513 (sul Palamede
di Euripide, a partire dal mito).
50
D’altro canto il motivo dell’indignus exitus Palamedis era un tema topico, su cui si esercitavano i retori e i
loro allievi greci e romani, a partire da Gorgia, come testimoniano Platone (Apol. 41 b) e l’autore del trat-
tato ad Herennium (II, 28).
51
Su questo dramma cf. Webster 1967, p. 57–61; Müller 1997; Idem 2000.
52
Il primo a proporre un confronto tra il discorso di Dione e il testo virgiliano è stato Heinze 19153, p. 8–9
= trad. ital. p. 39 e 100, n. 6 e 7, che non ha mancato di individuare il modello comune nel Filottete di Euri-
pide. Cf. Luzzatto 1983.
90 Giampiero Scafoglio

tutti gli Achei e minaccia di ucciderlo. Così l’Odisseo di Dione, che è poi quello di Euripide,
chiama in gioco il tragico destino di Palamede, al fianco del quale coinvolge ipocritamente
anche se stesso, per mostrarsi ingiustamente contrariato dagli Achei e per conquistare il
favore di Filottete, in nome del comune risentimento. Al culmine del cinismo, l’ospite greco
critica duramente il responsabile dei mali di Palamede e dei suoi – vale a dire: Odisseo denigra
se stesso! Un comportamento simile al Sinone di Virgilio, al quale manca soltanto il sur-
rettizio ‹sdoppiamento› tra personaggio parlante e autore del delitto, salvo che tale feno-
meno si potrebbe considerare implicito nel carattere stesso del finto disertore, che è un
alter ego di Odisseo, come si è visto. Sta di fatto che tra il dialogo parafrasato da Dione e
il discorso di Sinone nel poema virgiliano si riscontrano punti di contatto concettuali e
verbali, che non sembrano dovuti al caso – difficilmente però risalgono a un rapporto
diretto tra l’oratore greco e il poeta 53. Si deduce perciò che Dione ha ripreso alquanto
fedelmente (almeno nei luoghi in esame) il dramma di Euripide, imitato liberamente da
Virgilio. D’altro canto, non si può escludere che vi sia stato un modello intermedio tra il
tragediografo ateniese e il poeta augusteo, magari nel periodo ellenistico (come ha tentato
di dimostrare Friedrich, partendo dall’esame comparativo tra il discorso di Dione e l’epi-
sodio virgiliano di Sinone) 54.
A uno sguardo d’insieme, da un lato è difficile negare un collegamento (diretto oppure
mediato) tra il Filottete e il discorso di Sinone; dall’altro lato è arduo definire i termini del
rapporto intertestuale, che si sottrae a un approccio analitico, mancando il riscontro del
dramma di Euripide. Di conseguenza, se può essere data per scontata l’imitazione virgi-
liana della scena tragica parafrasata nell’orazione greca, non risulta chiara la consistenza
quantitativa e qualitativa della rielaborazione.
Più forte sembra il legame dell’episodio virgiliano col dramma romano arcaico, in parti-
colare col Deiphobus di Accio, in cui compariva certamente il personaggio di Sinone, che si
intravede nei frammenti55. Al ritrovamento del finto disertore, nascosto nei bassifondi
costieri e catturato da un gruppo di Troiani, che lo portano al cospetto di Priamo, si rife-
risce il v.255 Dangel:
nos continuo ferrum eripimus, manibus manicas neximus.

53
Cf. l’ammissione di appartenenza al popolo greco da parte di Sinone (vv.77–80) e di Odisseo travestito,
nell’orazione di Dione Crisostomo (§ 7: $’ ;λ #A %« < !λ T   $ […] .
=   $«α < !’ 5I   $ #A < ρ  5-); il racconto su Palamede
svolto dal personaggio virgiliano (vv.81–85) e dal suo corrispettivo (§ 8: ρ    * μ
N   % P  - α .  κ < ! $ .ξ ) Ν«  ' Κ 9 <
 9 < Κ %« π. μ κ  Ν  ²  « < DE $ Ω '54 ).
Per qualche altro parallelo, più sfumato, cf. il commento di Austin 1964, p. 58–59.
54
Friedrich 1939 estende eccessivamente, ben oltre i limiti del paragone testuale consentito da Dione, il
presunto rapporto imitativo tra Virgilio ed Euripide: dal Filottete, o meglio, da un dramma ellenistico rical-
cato su di esso, deriverebbe un ampio tratto dell’episodio di Sinone, fino al v.144 (compreso il racconto del
sacrificio, che non poteva mancare nel discorso dell’Odisseo delineato da Euripide e ripreso in seguito da
un suo epigono): un ragionamento puramente deduttivo, privo di un solido fondamento, apprezzabile in
quanto coglie il carattere geneticamente composito del passo virgiliano, che «verknüpft eine Reihe von
Motiven, die in den griechischen Iliupersis-Dramen wirkliche Begebenheiten darstellen und dort, auch
wenn sie von den Tragikern nicht eigens erfunden, sondern aus älterer Dichtung (z. B. der kleinen Ilias)
entnommen waren, ihre bedeutendste Gestaltung erfahren hatten».
55
Cf. le edizioni e la bibliografia già citate (nota 27), nonché la ricostruzione della materia della tragedia avan-
zata da Ribbeck 1875, p. 410–411.
Elementi tragici nell’episodio virgiliano di Sinone 91

Il possibile contesto del frammento, che è il resoconto riguardante Sinone, è suggerito pro-
prio dal confronto con l’episodio virgiliano, del quale è opportuno citare un punto speci-
fico, quando Priamo ordina di liberare il misterioso prigioniero (vv.146–147):
ipse uiro primus manicas atque arta leuari
uincla iubet Priamus dictisque ita fatur amicis.
Ribbeck per primo ha notato l’uso del lemma arcaico manicas, comune ad Accio e a Vir-
gilio, il quale non lo impiega altrove ed evidentemente se ne serve qui a scopo di segnale
allusivo, per richiamare il contesto corrispondente del Deiphobus56. In questo brano Priamo
ordina di slegare Sinone, che è il medesimo personaggio incatenato nel resoconto delineato
nel frammento di Accio. Era lui a tracciare un ritratto fortemente negativo di Ulisse, defi-
nito malvagio e sleale, privo di sentimenti e di valori, proteso soltanto al proprio vantaggio,
ipocrita con gli amici e pronto a mettersi d’accordo con i nemici, in un altro frammento
(vv.258–259 Dangel)57. Un tale ritratto non era fine a se stesso: esso si inseriva piuttosto nel
disegno di un inganno, pressappoco analogo a quello dell’episodio virgiliano. Nel dramma
Sinone non si limitava a denigrare Ulisse per compiacere i Troiani: lo presentava come il
proprio persecutore, per far sembrare credibile e motivato un così forte rancore, ma soprat-
tutto per spiegare come e perché si fosse separato dall’esercito e fosse rimasto in territorio
iliaco, disposto a tradire gli Achei e a rivolgersi da supplice a Priamo.
Virgilio quindi deve aver mutuato da Accio lo schema di fondo dell’episodio di Sinone,
che muove dal ritrovamento apparentemente casuale e prosegue col discorso ingannevole
del finto disertore, con riferimento a Ulisse. Il poeta augusteo deve aver contaminato que-
sto schema col Filottete di Euripide, per quanto riguarda il destino di Palamede, a meno che
non sia stato Accio a imitare il dramma greco e a inserire, per primo, il racconto del crimine
di Ulisse nello stratagemma di Sinone. Ciò troverebbe un riscontro in un altro frammento
del Deiphobus, nel quale un personaggio lamenta di essere stato violentemente osteggiato
da qualcuno, con ingiurie e minacce (vv.256–257 Dangel):
uel hic qui me aperte effrenata impudentia
praesentem praesens dictis mertare institit.
Immediato il paragone col Sinone di Virgilio, che racconta di essere stato tormentato da
Ulisse in modo simile: hinc mihi prima mali labes, hinc semper Vlixes / criminibus terrere
nouis etc. (vv.97–99). Fin qui il parallelo col Deiphobus, in cui Sinone d’altro canto non
doveva svolgere un ruolo diverso da quello attestato nel mito fin dall’epos ciclico, consi-
stente nell’inviare segnali luminosi per richiamare gli Achei nascosti per mare; tutt’al più lui
poteva assolvere il compito di aprire il ventre del cavallo di legno per far uscire i compagni
(come ad Aen. II, 257–259). Nessun elemento documentario dimostra che, nel Deiphobus
di Accio o in qualunque altro testo anteriore a Virgilio, Sinone tenesse un discorso per in-

56
Cf. Ribbeck 1875, p. 410–411, da cui prende spunto Stabryla 1970, p. 92–96, per elaborare un profilo
ipotetico del dramma, basato proprio sull’episodio virgiliano di Sinone. Scettico Wigodsky 1972,
p. 83.
57
Ecco il testo, di icastico vigore: aut !ab" infando homine, gnato Laerta, Ithacensi exsule, / qui neque amico
amicus umquam grauis neque hosti hostis fuit (col doppio poliptoto amico amicus … hosti hostis e col termine
exsule, sostituito in modo volutamente improprio, a scopo denigratorio, a un appellativo indicante il titolo
regale).
92 Giampiero Scafoglio

gannare i Troiani segnatamente in merito al cavallo, per convincerli cioè ad accettarlo come
un pegno votivo58.
Al Deiphobus sembra risalire quindi il racconto avanzato da Sinone sul proprio conto
(Aen. II, 69–104), in cui convergono nondimeno spunti provenienti da qualche altro
modello. Lo stesso ritrovamento del profugo non è dovuto a un pescatore, come un fram-
mento fa pensare plausibilmente che avvenisse nel dramma di Accio (vv.253–254 Dangel),
bensì a un gruppo di pastori (vv.58–59), i quali peraltro si trovano fuori posto in un ter-
ritorio sgombrato da così poco tempo dall’esercito nemico: si è pensato perciò che questo
elemento, incoerente col successivo racconto di Sinone, che dice di essersi nascosto
limoso … lacu … obscurus in ulua (v.135), funga da segnale allusivo, indicante il provvisorio
distacco dall’ipotesto principale e il simultaneo approccio con un modello secondario, che
potrebbe essere l’Alessandro di Euripide o l’Alexander di Ennio59. In questi due drammi il
personaggio omonimo, destinato a rivelarsi fatale per il popolo iliaco, era trascinato al
cospetto di Priamo proprio da un gruppo di pastori60.
Un altro modello tragico seguito da Virgilio in questo episodio è richiamato da Macrobio
(Sat. VI, 1, 57), in margine al sonante preambolo di Sinone (vv.79–80):
hoc primum; nec, si miserum Fortuna Sinonem
finxit, uanum etiam mendacemque improba finget.
Macrobio cita un frammento del Telephus di Accio (a meno che non si tratti del testo di
Ennio con uguale titolo, come vuole Jocelyn, che pensa a un errore dell’erudito)61, in cui
parla il personaggio eponimo, rivolgendosi probabilmente agli Achei quando si accinge a
chiedere il loro aiuto (vv.88–89 Dangel):
… nam si a me regnum Fortuna atque opes
eripere quiuit, at uirtutem nec quiit.
Qualunque ramo del mito seguisse l’autore del dramma (Accio o Ennio, poco importa ai
fini dell’esame del segmento virgiliano), Telefo era un traditore: sia che ingannasse gli
Achei, travestito da mendicante o da re decaduto, per ottenere il loro aiuto; sia che si mo-
strasse sinceramente ad essi da sovrano spodestato e tradisse piuttosto i Troiani, alleandosi
con i loro nemici62. Va da sé che il paragone, delineato implicitamente dal rapporto inter-
testuale tra Sinone e un famoso traditore, appartenente anch’egli al mito iliaco, non è ca-
suale né privo di significato.
D’altro canto, se questi modelli si sovrappongono al Deiphobus nel flash-back del Sinone
virgiliano sul conflitto con Ulisse (vv.77–100), complessivamente diverso è il seguito del
suo discorso, riguardante l’oracolo di Apollo, il responso di Calcante e il sacrificio umano,

58
In questo dramma il cavallo annunciava da se stesso il proprio scopo (fittizio, funzionale all’inganno), come
dimostra un frammento tramandato dal Seruius auctus ad Aen. II, 17, cioè un’iscrizione con una dedica ad
Atena (v.260 Dangel): … Mineruae donum armipotenti abeuntes Danai dicant. Cf. anche Igino, Fab. 108.
59
Su questi drammi: Jocelyn 19692, p. 75–81, 202–234; S codel 1980, p. 20–42. L’influsso dell’Alexander
di Ennio sul poema virgiliano è documentato da Stabryla 1970, p. 74–79.
60
L’intertesto è stato segnalato da Albis 1993, che tende a subordinare l’archetipo greco al modello interme-
dio, l’Alexander di Ennio.
61
Cf. Jocelyn 1965, in particolare p. 128–129, secondo cui Macrobio cade in errore perché cita il frammento
insieme con altri versi di Ennio.
62
Sulle diverse versioni della leggenda e sulle opzioni della tragedia romana cf. Barabino 1965, p. 405–407;
Dangel 1995, p. 285–289.
Elementi tragici nell’episodio virgiliano di Sinone 93

da ricondurre evidentemente a un altro ipotesto (vv.108–144). Si tratta probabilmente


dell’Astyanax di Accio, che raccontava il triste destino del figlio di Ettore, trucidato dagli
Achei vincitori col pretesto di un macabro rito propiziatorio, prescritto da Calcante per
placare gli dei e per ottenere venti favorevoli per il viaggio di ritorno (secondo il sintetico
resoconto del Seruius auctus ad Aen. III, 489, riferito a mio avviso proprio a questo
dramma)63. Qui però il sacrificio non era che un motivo esteriore, addotto strumental-
mente per legittimare col crisma del timore religioso un delitto politico, deciso da Ulisse
per stornare il rischio incarnato da Astianatte per gli Achei, da adulto: eo quod si adoleuisset
fortior patre futurus, uindicaturus esset eius interitus (come attesta il Seruius auctus ad loc.).
A ritrovare il bambino, occultatum a matre, è proprio Ulisse, presentato come il responsa-
bile dell’infanticidio fin dal ciclo epico greco, come si è visto: perciò è probabile che fosse
lui nell’Astyanax l’ideatore del sacrificio, propugnato poi da Calcante, deputato istituzio-
nalmente ai riti religiosi. Un frammento testimonia infatti l’intervento coercitivo di un per-
sonaggio imprecisato sull’indovino, che prende tempo e rifiuta di rivelare un responso
tanto atteso, decisivo per il rimpatrio dell’esercito (vv.281–282 Dangel: un segmento cor-
rotto e tormentato dai filologi, citato qui secondo il mio restauro testuale)64:
nunc, Calcas, finem religionum fac, desiste exercitum
morari nec me ab domuitione arce tuo obsceno omine.
Intuitivo il confronto col racconto del Sinone virgiliano in merito al «braccio di ferro» tra
Ulisse e Calcante, trascinato in mezzo ai soldati e indotto insistentemente a parlare
(vv.122–129):
hic Ithacus uatem magno Calchanta tumultu
protrahit in medios; quae sint ea numina diuum
flagitat. et mihi iam multi crudele canebant
artificis scelus, et taciti uentura uidebant.
bis quinos silet ille dies tectusque recusat
prodere uoce sua quemquam aut opponere morti.
uix tandem, magnis Ithaci clamoribus actus,
composito rumpit uocem et me destinat arae.
Se il personaggio-antagonista di Calcante nel frammento drammatico è Ulisse, come mi
pare pressoché sicuro e come ho tentato di dimostrare nel libro citato, il contrasto riguar-
dante il sacrificio umano, usato come pretesto per giustificare un atto di sangue di fatto
diversamente motivato, è un interessante trait d’union tra l’Astyanax di Accio e l’episodio
virgiliano, dove però il bambino innocente è sostituito da Sinone, un vile impostore, il cui
racconto retrospettivo costituisce un micidiale inganno. L’intertesto quindi non opera sol-
tanto a livello architettonico e contenutistico, nel senso che aiuta a costruire l’impianto nar-
rativo, ne fornisce i cardini (il conflitto tra Ulisse e Calcante in merito al sacrificio; il tem-
poreggiamento e poi il cedimento dell’indovino; il delitto dissimulato e legittimato dal rito
religioso), ma dischiude un più profondo significato, in quanto istituisce un collegamento
tra il piccolo Astianatte e Sinone, che per questo risulta connotato ancor più sinistramente.

63
Ho tentato di ricostruire lo sviluppo del dramma, per quanto possibile, nel mio libro: S cafoglio 2006b,
p. 63–75 e passim.
64
Per un ampio apparato critico e per un commento puntuale, che rende conto del testo qui proposto,
rimando di nuovo al mio volume, p. 85–88.
94 Giampiero Scafoglio

Inoltre l’allusione vale pure come implicita anticipazione, a rievocare una vicenda tragica,
che è tra le più tristi conseguenze della conquista di Troia. Sinone stesso ne è in qualche
modo il responsabile indiretto, come Ulisse ne sarà il fautore. Del resto, come ho ricordato
ripetutamente, il finto disertore è un alter ego dello spregiudicato condottiero acheo.
L’Astyanax funge quindi da ipotesto per un segmento dell’episodio virgiliano, ispirato
al Deiphobus del medesimo Accio nel disegno d’insieme e in particolare nel punto iniziale,
il ritrovamento di Sinone e il suo approccio con Priamo. Ma alle spalle della tragedia
romana arcaica si intravede anche l’influenza di quella greca, in base a una tecnica specifica
dell’Eneide, ma presente già nelle Georgiche, consistente nella contaminazione di opere a
loro volta legate l’una all’altra da relazioni di dipendenza e imitazione. Un indizio in questo
senso si riscontra nell’oracolo di Apollo riferito da Euripilo (vv.116–119):
sanguine placastis uentos et uirgine caesa,
cum primum Iliacas, Danai, uenistis ad oras:
sanguine quaerendi reditus animaque litandum
Argolica.
Una struttura analoga, basata sulla corrispondenza tra la vittima già immolata e quella
ora nuovamente richiesta, si rinviene nelle parole di Calcante nelle Troades di Seneca
(vv.360–361):
dant fata Danais quo solent pretio uiam:
mactanda uirgo est Thessali busto ducis.
Facile pensare che Seneca abbia imitato Virgilio: non sarebbe un caso isolato. Se non che,
a uno sguardo attento, il concetto è più equilibrato e proporzionato nel brano del Cordo-
vese, con le due vittime opposte e speculari: due principesse vergini, una greca e l’altra
troiana. Nel passo virgiliano, il collegamento tra il sacrificio passato e quello futuro risulta
alquanto forzato: alla figlia di Agamennone fa da pendant una generica anima Argolica, una
figura indefinita e sbiadita, di qualsiasi età, famiglia, estrazione sociale, ma necessariamente
un uomo, non essendovi donne greche in terra iliaca. Un soldato, quindi, che in seguito
prende corpo in Sinone. Non è strano tanto il fatto che gli dei chiedano il sacrificio di un
legionario (unum pro multis … caput, dirà il poeta a proposito di Palinuro), quanto piuttosto
il richiamo al precedente olocausto, ovvero il parallelismo squilibrato tra il sangue versato
a quel tempo e il pegno preteso adesso. Friedrich, che per primo ha proposto l’esame com-
parativo tra l’oracolo virgiliano e il responso di Calcante in Seneca, ha pensato a un
modello greco comune, diversamente elaborato dai due autori (liberamente dal Manto-
vano, più fedelmente dal Cordovese): secondo lo studioso tedesco, questo modello sarebbe
il Filottete di Euripide, o meglio un dramma ellenistico da esso derivante65. Per quanto mi
riguarda, preferisco pensare al componimento di Sofocle quasi sicuramente seguito da
Accio nell’Astyanax, vale a dire la Polissena66. In questa tragedia la similitudine tra le due
giovani vittime regali, Polissena e Ifigenia, sarebbe stata perfettamente congruente: la for-
zatura riconosciuta nella formulazione virgiliana nasce dall’esigenza di piegare l’idea origi-

65
Il discorso è avviato da Friedrich 1933, p. 101; ma è più ampiamente sviluppato dallo stesso studioso in
un successivo contributo, 1939, p. 152–154.
66
Per un profilo di questo dramma cf. Calder III 1966; Radt 19992, p. 403–407; Scafoglio 2006b,
p. 29–36.
Elementi tragici nell’episodio virgiliano di Sinone 95

naria a finalità diverse. D’altronde, Virgilio non ha mutuato il paragone direttamente


dall’Astyanax: infatti Accio ha sostituito il sacrificio di Polissena (costituente il fulcro del
dramma di Sofocle preso a modello) con l’uccisione del figlio di Ettore.

***

È il momento di tracciare un bilancio, non soltanto sul significato dell’episodio di Sinone


nel contesto del libro II e nel quadro complessivo del poema. In particolare si deve consi-
derare il ruolo e il peso degli elementi tragici, nel loro ricco e complicato intreccio, ai fini del
contenuto, del messaggio veicolato dal testo.
L’influenza della tragedia greca e romana è operante in larga misura in questa sezione
dell’Eneide. Non si tratta esclusivamente dell’intertestualità (scene, immagini ed espres-
sioni di provenienza drammatica), ma anche dell’architettura (caratterizzata dalla struttura
dialogica e dalla mediazione di una voce superiore, in funzione corale) e della tecnica nar-
rativa (improntata a movenze e strategie tipicamente tragiche). Non passa inosservata nep-
pure l’anfibologia, scaturigine di ironia sottile e amara.
D’altro canto, se diversi aspetti dell’episodio rivelano indubbiamente l’influsso del genere
tragico, è ben più difficile risalire ai modelli usati da Virgilio e soprattutto individuare e cir-
coscrivere gli intertesti, che dipendono per lo più da drammi perduti, quali il Filottete di Euri-
pide, il Deiphobus e l’Astyanax di Accio, forse la Polissena di Sofocle. All’una o all’altra di que-
ste opere sembrano rimandare le singole parti della narrazione virgiliana, la cui compagine di
conseguenza risulta fortemente composita e dinamica, eppure non priva di coesione, creata
dalla tessitura stilistica, dalla temperie psicologica e dalla significazione ideologica, che pro-
mana dall’intera vicenda e a sua volta la illumina, la riconduce a una visione unitaria.
L’inganno di Sinone costituisce un nucleo compatto per lo svolgimento e per il percorso
‹genetico›, che muove da un dato mitico presente nel ciclo epico; non è però un episodio
autonomo o marginale, a mo’ di un excursus. Esso funziona, al contrario, come un ingra-
naggio formidabile nel meccanismo del racconto costruito da Virgilio: consente infatti di
superare uno snodo estremamente delicato e fa progredire il flusso degli eventi verso il
punto di arrivo, ovvero il crollo del regno di Priamo. Il diabolico espediente, insieme con
l’episodio correlato di Laocoonte, condiziona e nel contempo giustifica il comportamento
dei Troiani (di per sé non facile da concepire e spiegare). In questo modo il consenso da loro
accordato al cavallo di legno appare più realistico e plausibile, meno folle e paradossale.
L’assurdità della loro scelta è posta anzi in una luce positiva e, pur con qualche riserva, si
offre a una valutazione benevola in chiave morale, come una prova di generosità e inge-
nuità. Di contro, gli Achei sono connotati negativamente per il loro atteggiamento spregiu-
dicato, per il loro approccio spergiuro e sprezzante verso gli uomini e gli dei. Sinone
incarna, nello sviluppo dell’episodio e nel giudizio dell’io narrante, un paradigma di tutti i
Greci, un esempio del loro modo di pensare e di agire. Significante a riguardo il commento
preliminare di Enea: accipe nunc Danaum insidias et crimine ab uno / disce omnis (vv.65–66).
La loro vittoria ne risulta svilita e privata della gloria, sicuramente non meritata da
un’azione riuscita, sì, ma indegna e subdola, basata sull’astuzia e sulla viltà invece che
sull’abilità militare e sulla forza. Così i Troiani sono rovinati dall’inganno di Sinone, che
però li riscatta (almeno fino a un certo punto, se non del tutto) dal disonore solitamente
riservato agli sconfitti. Gli Achei vincono mediante un espediente tanto efficace quanto
meschino, che infirma il loro trionfo e smentisce il loro valore.
96 Giampiero Scafoglio

L’episodio non deve essere considerato però isolatamente: occorre inquadrarlo piuttosto
nel racconto di Enea, più specificamente nel contesto dello schema ad anello formato con
l’intervento di Laocoonte e col suo successivo supplizio. Le due vicende, non semplice-
mente giustapposte, ma intimamente concatenate nella trama narrativa e nella significa-
zione ideologica, rappresentano con forza emblematica le due concause della conquista di
Troia, l’astuzia umana e l’ostilità divina, che costituiscono in realtà le due facce della mede-
sima medaglia. I due episodi rimandano infatti a due ordini di eventi (quello terreno e
quello superno) paralleli e corrispondenti, correlati e operanti congiuntamente per il com-
pimento del destino. Questo il senso del commento di Enea al vacillare del cavallo sotto il
colpo di Laocoonte, quando il suono rivelatore emesso dal ventre gravido di guerrieri è
fatalmente ignorato dai Troiani (vv.54–56):
et, si fata deum, si mens non laeua fuisset,
impulerat ferro Argolicas foedare latebras,
Troiaque nunc staret, Priamique arx alta maneres.
Lo stesso Sinone non esita a chiamare ripetutamente in gioco gli dei nel suo racconto ingan-
nevole (l’oracolo di Apollo, vv.114–119; l’ira vendicativa di Atena, vv.162–175; i responsi di
Calcante, vv.128–129 e 176–194) come nel solenne giuramento (vv.154–156), dove l’anfibo-
logia non basta a sminuire l’empietà della menzogna, che profana pur sempre la sfera
sacrale. Nondimeno gli dei sono suoi complici: agiscono a monte, come ispiratori del
cavallo di legno, che poi richiede il lavoro di Sinone. I fata deum, che emergono aperta-
mente e orribilmente nel supplizio di Laocoonte, sono presenti in un modo più sottile e
sfumato, ma non meno efficace e significativo (come un ausilio costante e latente, per così
dire) nell’episodio di Sinone.
Il senso di questo segmento narrativo, così complesso e pregnante, viene messo in risalto
dagli elementi tragici fin qui considerati, che ne arricchiscono il contenuto e ne potenziano lo
stile. La struttura di questa parte dell’Eneide si accosta notevolmente alla tragedia, esasperando
una tendenza riscontrabile in maggior o in minor misura in quasi tutta l’opera. Si è infatti in
uno snodo cruciale del racconto (le premesse dirette della conquista di Troia), un momento
tanto importante quanto delicato, fatto rivivere in tutto il suo pathos con gli strumenti attinti
dal genere drammatico, il quale fornisce per di più alcuni spunti interpretativi ed elementi
distintivi per il personaggio centrale di Sinone, il cui profilo risulta perciò esaltato e incupito.
In definitiva, in questa sezione trova conferma, sia pur in una forma accentuata e comun-
que peculiare, un’impostazione già riconosciuta frequentemente in altre parti e nell’intera
Eneide: la rielaborazione della norma epica in direzione della tragedia. Il linguaggio rispec-
chia il carattere drammatico del contenuto: un cinico e vile inganno, che rovina un popolo e
ne infanga un altro con un indegno trionfo.

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100 Andreas Heil

Andreas Heil

Christliche Deutung der Eklogen Vergils

Die Tityre-Initiale im Codex Klosterneuburg CCl 742*

Daß die ersten beiden Verse, ja mehr noch: daß bereits das erste Wort der ersten Ekloge
Vergils eine Reihe von poetologischen Implikationen enthält, ist in den letzten Jahren von
F. Cairns und J. B. Van Sickle gezeigt worden.1 Schon seit langem hat man gesehen, daß das
Anfangswort Tityre auf Theokrit, den aus Syrakus stammenden ‹Erfinder› der bukolischen
Dichtung, verweist: Ein Hirte namens ‹Tityrus› spielt in zwei seiner Eidyllia (3,2–4 und
7,72–82) eine gewisse, wenn auch nicht zentrale Rolle. Dieser Verweischarakter wird bestä-
tigt und spezifiziert durch die etymologische Deutung des Eigennamens: Das für die Bu-
kolik charakteristische Instrument, die bereits am Ende des zweiten Verses erwähnte Flöte
aus Schilfrohr (avena, eigentl. «Halm»), wird im dorischen Dialekt der Griechen Unterita-
liens als μ« 
« bezeichnet. 2 Vergil kontrastiert die im Namen ‹Tityrus› enthal-
tene dorische Bezeichnung des Instruments, die an die im dorischen Dialekt verfaßte Bu-
kolik Theokrits erinnert, mit einer von ihm neu geprägten lateinischen: Tityrus spielt auf
einer avena, und er tut dies sub tegmine fagi, im Schatten eines gerade in Oberitalien weit
verbreiteten, aber in der griechischen Bukolik nicht heimischen Baumes.3 Das Nebenein-
ander von μ« 
« und avena unterstreicht den Anspruch Vergils, der dorisch/
griechisch geprägten Gattung ein lateinisches Äquivalent entgegenzustellen. Die metony-
mische Bezeichnung der römischen Hirtenflöte als «Halm» – die Flöte des Tityrus besteht,
wie weiter unten deutlich wird, tatsächlich aus dem weit weniger zerbrechlichen Schilfrohr
(calamo: 10) – betont dabei zugleich die Schwierigkeit des Unternehmens und die ‹Kühn-
heit› des Dichters (vgl. audaxque iuventa: georg. 4,565).4 Je fragiler das Instrument, desto

1
* Für Hinweise und Kritik danke ich besonders Dr. Thomas Haffner, SLUB Dresden.
1
Cairns 1999. An Cairns knüpft mit Richtigstellungen und eigenen Vorschlägen Van Sickle 2004 an.
2
Athen. Deipn. 182d: ² ξ 
« μ« 
«   
«  #I9   …
Van Sickle 2004, 349 weist darauf hin, daß das etymologische Spiel bereits von Pier Vettori erkannt worden
ist (Petri Victorii Variarum Lectionum Libri XXV, Florenz 1553, 257). Schmidt 1987, 33 betont, daß mit
avena hier der «einfache Monaulos» gemeint sei, dessen Klang der Gedichtanfang nachahme: «Der musi-
zierende Hirt hieße Tityrus, weil er den 
« spielt. Das Gedicht beginnt ‹Tityre, tu› = ti – ty – re –
tu, weil es Tityrusmusik darstellt.» Allerdings bezeichnet der Singular calamus in Verg. ecl. 2,34 eindeutig
die aus mehreren Schilfrohren bestehende Syrinx (vgl. ecl. 2,32). Vgl. zu dieser Frage auch die ausführ-
lichen Bemerkungen von Henry (1873), Bd. 1, 66–89.
3
Vgl. Clausen 1994, 35.
4
Vgl. Van Sickle 2004, 352–353. Van Sickle sieht – neben dieser poetologischen Deutung – im dramatischen
Kontext ironische Untertöne in der Anrede des Meliboeus, die Tityrus in seiner Antwort zurückweise
(S. 348): «The dramatic point can be paraphrased as follows, with Tityrus imagined as objecting to Meli-
boeus’ initial slight, ‹No, I don’t practice with squeaky straw, as you put it, I play whatever I wish on sturdy
reed.› The contrast between materials and their metonymic range has been too often and lightly over-
looked.» Diese Interpretation kann so nicht richtig sein. Meliboeus betont ausdrücklich, daß er über die Si-
tuation des Tityrus staunt (Non equidem invideo, miror magis: 11). Das Wunder der Sicherheit, die Tityrus
genießt, wird für Meliboeus noch gesteigert durch die Zerbrechlichkeit des Instrumentes, auf dem dieser
Christliche Deutung der Eklogen Vergils 101

größer das Wagnis. So gedeutet, enthalten bereits die beiden ersten Verse der ersten Ekloge
in nuce das poetische Programm der Eklogendichtung Vergils.
Daß sich dieser Minimalismus noch weiter treiben läßt, zeigt eine in der zweiten Hälfte des
12. Jahrhunderts entstandene Vergil-Handschrift, die sich heute in der Stiftsbibliothek von
Klosterneuburg (CCl 742) befindet.5 Die T-Initiale des Anfangswortes Tityre ist hier beson-
ders kunstvoll ausgestaltet (1r, Abb. 1). Unter der Illustration, die mehr als zwei Drittel der
Seite füllt, ist nur noch Raum für die ersten fünf Verse der Ekloge, wobei der erste, in Aus-
zeichnungsschrift geschriebene Vers zwei Zeilen füllt.6 Rechts und links neben dem senkrech-
ten Balken (Schaft) des T sind auf teils grünem, teils blauem Grund zwei Figuren dargestellt.
Die Figur auf der rechten Seite (vom Kreuz aus gesehen7) erfaßt oder stützt mit ihrer rechten
Hand den waagerechten Balken des T, mit der linken hält sie ein Buch, die Figur links erfaßt
oder stützt mit ihrer linken Hand den Querbalken, mit ihrer rechten greift sie nach dem dar-
gebotenen Buch. Die rechte Figur trägt eine bis zu den Füßen reichende Tunica; darüber ist
ein Mantel geworfen. Die linke trägt eine kurze Tunica sowie eine hohe, zylindrische, oben
abgerundete Kopfbedeckung.8 An einem Gürtel um die Hüfte ist ein Schwert befestigt. Beide
Figuren stehen jeweils auf einem Tier: die rechte mit beiden Füßen auf Rücken und Hals des
Tieres, die linke nur mit dem linken Fuß auf dem Rücken. Bei den Tieren – sie haben die Vor-
derfüße von Raubtieren, lange, vielleicht mit einem Stachel versehene Schwänze und repti-
lienartige Körper – handelt es sich offenbar um Drachen.9
Initialen verhalten sich in unterschiedlicher Weise zu dem Text, dem sie angehören.
Grundlegend ist die Unterscheidung zwischen Initialen ohne Bezug zum Text (Ornament-
Initialen, Rankenkletterer-Initialen usw.) sowie solchen mit Bezug zum Text («historisierte
Initialen», zu mlat. historiare «mit Illustrationen versehen»), wobei natürlich fließende
Übergänge zwischen diesen beiden Typen nicht ausgeschlossen sind.10 Illustriert werden

spielt. Deshalb und nicht weil er die musikalische Begabung des Tityrus in Frage stellt, spricht er hyper-
bolisch von einer tenuis avena.
5
Die Handschrift (Pergament, 165 Bl., 320 × 175mm) enthält die Bucolica, Georgica und die Aeneis Vergils.
Vgl. Haidinger 1998, 17, Kat. Nr. 10 und Abb. 13. Die Initialen dieser Handschrift haben nach Haidinger
zwei verschiedene Künstler geschaffen (ebd.): «Die regelmäßig verlaufenden Ranken mit ihren großen ein-
fachen Blättern im Widmungsbild auf 1r begegnen in derselben Form auf 2v, 12r, 49v und 59v, während
jene auf 40r und 100r kleinteiliger gebildet sind und andere Endmotive zeigen. Diesem zweiten Zeichner
sind auch die figürlichen Darstellungen auf 40r (Berittener), 77v (Aeneas und Steuermann in einem Boot),
88v (Rankenkletterer), 100r (männliche Figur und Adler in Rankengeflecht) zuzuschreiben.» Vgl. Henry
(1873), XLIX: «A very beautiful MS. in the library of the Convent at Kloster-Neuburg near Vienna; the
handsomest, I think, of all the Virgilian MSS. I have ever seen …» Eine kurze, im Internet zugängliche In-
terpretation hat Ratkowitsch 1998 vorgelegt. Ratkowitsch deutet die Initiale als Fortführung der traditio-
nellen allegorischen Interpretation der 1. Ekloge. Zugleich verweist sie auf christliche Elemente.
6
Man könnte fast von einer «Initialzierseite» sprechen. Vgl. Jakobi-Mirwald 1997, 34–35.
7
Die Angaben ‹rechts› und ‹links› werden hier und im folgenden nicht aus der Blickrichtung des Betrachters
verwendet. Nur so lassen sich die mit den Seiten verbundenen allegorischen Bedeutungen entschlüsseln.
8
Hierbei handelt es sich vielleicht um einen Helm. Die linke Figur scheint vom T-Schaft überschnitten zu
werden. Allerdings führt sie ihren rechten Arm vor dem Schaft vorbei. Vielleicht wollte der Künstler nicht
zum Ausdruck bringen, daß die Figuren hintereinander stehen (so Ratkowitsch 1998), sondern daß die
linke Figur sich ganz eng an den Schaft anschmiegt.
9
Vgl. Engemann/Binding 1986 und Lucchesi Palli/Haussherr 1990. Zahlreiche Abbildungen von Drachen
finden sich auf der Internetseite «Dragons in Art and on the Web» (http://www.isidore-of-seville.com/dra-
gons/).
10
Jakobi-Mirwald 1997, 60–70 (Kap. 4.5). Vgl. Jakobi-Mirwald 1998, 75–79. Zu den Initialen in mittelalterli-
chen Handschriften siehe außerdem Schardt 1938, Gutbrod 1965 und Mazal 1985.
102 Andreas Heil

kann der Wortsinn ebenso wie allegorische Deutungen des Textes. Die Illustration kann
sich auf den gesamten Text, auf einzelne Elemente des Textes (z. B. Protagonistenbilder)
oder eine Auswahl von Elementen beziehen, die in ein Bild zusammengezogen werden. Zu
den Elementen des Textes gehören natürlich auch die Überschriften, die Angaben etwa
zum Verfasser (Autorenbild), zur Entstehung des Textes bzw. zu seiner Funktion in be-
stimmten Rezeptionszusammenhängen enthalten können.11
Zentraler Bestandteil der Tityre-Initiale ist eine Dedikationsszene12: Durch den Gestus
der Buchübergabe und die Attribute wird die Bestimmung der Figuren erleichtert. Die Per-
son, die das Buch weitergibt, ist aller Wahrscheinlichkeit nach Vergil. Der Empfänger wird
durch das Schwert und die hohe Kopfbedeckung als weltlicher Würdenträger (Feldherr
und/oder Herrscher) ausgewiesen. Hier dürfte es sich um Caesar Octavianus, den späteren
Augustus, handeln. Illustriert wird möglicherweise ein Passus aus der achten Ekloge
(11–12): accipe iussis / carmina coepta tuis … Der hier angesprochene Auftraggeber und zu-
gleich Empfänger des Eklogenbuches bleibt zwar anonym, wurde aber bereits in der Antike
u. a. (wie heute wieder) als Octavian identifiziert.13 Freilich kann es sich auch um die Illu-
stration einer weitverbreiteten allegorischen Deutung handeln. Die «zehn Äpfel», die Men-
alcas in der dritten Ekloge seinem Amyntas verspricht (71), wurden auf die zehn Eklogen
Vergils bezogen (Isid. etym. 1,37,22): aurea mala decem misi, id est ad Augustum decem eglo-
gas pastorum.14 Weitere Details der Illustration könnten durch eine Vergilstelle angeregt
sein, die sich zwar nicht in den Bucolica findet, aber durch ein Selbstzitat Vergils ausdrück-
lich mit dem Anfang des Eklogenbuches verknüpft ist. In der Sphragis, mit der die Geor-
gica schließen, stellt Vergil den Kriegstaten, die Caesar (Octavianus) an den Enden der Welt
vollbringt, selbstbewußt sein friedliches literarisches otium gegenüber (4,559–565):
Haec super arvorum cultu pecorumque canebam
et super arboribus, Caesar dum magnus ad altum
fulminat Euphraten bello victorque volentis
per populos dat iura viamque adfectat Olympo.
illo Vergilium me tempore dulcis alebat
Parthenope studiis florentem ignobilis oti,
carmina qui lusi pastorum audaxque iuventa,
Tityre, te patulae cecini sub tegmine fagi.

11
Beispiele nennt Jakobi-Mirwald 1998, 76.
12
Dedikationsbilder dieser Art sind in der mittelalterlichen Buchmalerei weit verbreitet. Vgl. Prochno 1929,
XXII: «Dedikation ist … im einfachsten Fall auf zwei Personen beschränkt. Der Empfänger sitzt frontal
oder seitlich dem Donator zugewendet. Dieser naht sich ihm auf demselben Niveau, ein Buch in der Hand.
Es finden sich aber auch von Anfang an nicht zur Handlung nötige Zeugen …; der Vorgang wird auch
schon in der Richtung kompliziert, daß der Donator von einer ihm übergeordneten Persönlichkeit emp-
fehlend begleitet wird … Die Zeit des 10. und 11. Jahrhunderts wandelt den Typus ab. Einerseits wird der
Abstand zwischen dem heiligen Empfänger und dem Stifter vergrößert. Mittel dazu ist Differenzierung der
Größe der beiden oder Zerlegung des Niveaus, so daß der Stifter das Buch zu dem Empfänger hinaufreicht.
Ferner tritt in der Richtung eine Abwandlung ein, daß auch der Empfänger stehend dargestellt wird.» Die
Tityre-Initiale zeigt den einfachen Typus: zwei Personen, auf demselben Niveau, beide stehend. Kompli-
ziert im wahrsten Sinne des Wortes wird die Buchübergabe in diesem Fall aber durch die wohl singuläre
Armhaltung der beiden Personen. Weiter unten soll der Versuch unternommen werden, den ‹Knoten› die-
ser rätselhaften Verschränkung der Arme mit dem Schaft des T zu lösen.
13
Vgl. Serv. ecl. 8,6 und Clausen 1994, 233–237.
14
Vgl. Serv. ecl. 3,71: et volunt quidam hoc loco allegoriam esse ad Augustum de decem eclogis: quod superfluum
est: quae enim necessitas hoc loco allegoriae?
Christliche Deutung der Eklogen Vergils 103

Ebenso begegnen sich in der Illustration Dichter und Herrscher (fast) auf Augenhöhe. Ein
Rangunterschied wird nur dadurch sichtbar, daß Vergil den Kopf leicht nach unten neigt.
Das lange Gewand, das Vergil trägt, steht für die vita contemplativa, während kurzes Ge-
wand und Schwert Augustus als Vertreter der vita activa kennzeichnen.15
Wichtige Bestandteile der Ausstattung der Tityre-Initiale lassen sich problemlos auf Text-
passagen in den Eklogen bzw. in den Werken Vergils beziehen, ohne daß natürlich zwin-
gend angenommen werden muß, daß der Illustrator gerade diese Textstellen vor Augen
hatte. Andere Elemente – die Drachen, die auffällige Armhaltung von Vergil und Augu-
stus – scheinen auf den ersten Blick keine Entsprechung im Text zu haben. Initialen
bestimmter Werke oder Werkteile wurden immer wieder und immer in ähnlicher Weise
ausgestaltet. Die ikonographischen Muster, die sich so herausbildeten, dürften Ausgestal-
tungen desselben Buchstabens in anderen Werken beeinflußt haben. Anzunehmen ist
weiterhin, daß mit den Formen und Motiven auch die mit ihnen verbundenen Sinnbezüge
weitergegeben wurden. Im folgenden soll gezeigt werden, daß die T-Initiale der Vergil-
Handschrift sich in ihrer Bedeutung erst dann ganz erschließt, wenn man sie mit der Te-igi-
tur-Initiale in den Sakramentaren und Meßbüchern zusammenstellt (Abb. 2).16 Mit den
Worten Te igitur, clementissime pater beginnt das Hochgebet (Eucharistiegebet; canon missae),
das den Höhepunkt der Messe, die Konsekration von Brot und Wein, einleitet. Die T-In-
itiale des Hochgebetes, die ja bereits durch die Buchstabenform Ähnlichkeit mit einem
Kreuz hat, wurde von den Illustratoren sukzessive immer nachdrücklicher zum Kreuz
Christi ausgestaltet.17 Schließlich wurden an der entsprechenden Stelle im Text ganzseitige
Kreuzigungsbilder, die sogenannten Kanonbilder, eingefügt:
«In langer Entwicklung wandelt sich das T vom Symbol des Kreuzes zum Kruzifix, das
zur Kreuzigungsszene mit Sol und Luna sowie Maria und Johannes unter dem Kreuz ver-
vollständigt wird. Dabei ist der Schriftzug Te igitur häufig noch dem Kreuzigungsbild bei-
gefügt … Allmählich wird die ornamentale Gestaltung des Kanonbeginns von der figür-
lichen Darstellung Christi am Kreuz geschieden. Das Bild des Gekreuzigten wird neben
den Kanon gesetzt und außerdem noch das T des Kanonanfangs ausgemalt … Das Kreu-
zigungsbild emanzipiert sich seit dem 12. Jahrhundert zunehmend vom Text, ehe in der
Gotik das unabhängige Kanonbild zur Regel wird …»18
Die Te-igitur-Initiale steht in einem doppelten Bezug zum Text des Hochgebets: Die Messe
wurde im Mittelalter in erster Linie verstanden als «Gedächtnisfeier des Opfers Christi»19
(memoria passionis). Alle Teile der Liturgie wurden allegorisch auf Christi Leben, Tod und
Auferstehung bezogen.20 Besonders gilt dies für das Hochgebet: Notandum autem per
totum Canonem Dominicae passionis commemorationem potissimum actitari. 21 Indem der
Illustrator die Initiale des Hochgebetes zum Kreuz ausgestaltet, verweist er auf diese Deu-
tung des Textes. Zugleich illustriert die Initiale in Kreuzform die allegorisch-typologische
Bedeutung des ihr zugrunde liegenden Buchstabens. Der Buchstabe T oder genauer gesagt:

15
Darauf weist bereits Ratkowitsch 1998 hin.
16
Zur Te-igitur-Initiale siehe besonders Gutbrod 1965, 17–73 und Suntrup 1980.
17
Zum Einfluß der Form des jeweiligen Buchstabens auf die Ausgestaltung von Initialen vgl. Jakobi-Mirwald
1998, 85–89.
18
Suntrup 1980, 281–282.
19
Dazu Suntrup 1980, 284.
20
Dazu Suntrup 1980, 284–289.
21
Bernold von Konstanz, Micrologus 16, PL 151. Dazu Suntrup 1980, 288.
104 Andreas Heil

sein hebräisches bzw. griechisches Äquivalent, der Buchstabe Taw/Tau, kommt bereits im
Alten Testament als Zeichen mit besonderer Funktion vor: Der Prophet Ezechiel sieht in ei-
ner Vision das Strafgericht Gottes über Jerusalem. Ein in Linnen gekleideter Mann wird
vorausgeschickt, der die Gerechten, die verschont werden sollen, mit dem Buchstaben
Taw/Tau markiert (Ez 9,4): et dixit Dominus ad eum / transi per mediam civitatem in medio
Hierusalem / et signa thau super frontes virorum gementium et dolentium / super cunctis abo-
minationibus quae fiunt in medio eius. 22 Nach jüdischer Deutung verweist das Taw auf die
Thora: Alle, die dieses Zeichen tragen, haben die in der Thora niedergelegten Gebote er-
füllt.23 Von den christlichen Bibelkommentatoren wurde das Tau-Zeichen (sowohl in seiner
älteren hebräischen wie in seiner griechischen Schreibung) typologisch24 auf das Kreuz
Christi bezogen (figura crucis).25 Vor dem Hintergrund der Ezechiel-Stelle interpretierte
man auch die apotropäischen Markierungen, die die Israeliten mit dem Blut des Passah-
Lammes an ihren Türen anbringen sollten (Ex 12), als Tau-Kreuze, obwohl hier expressis
verbis von einem bestimmten Zeichen keine Rede ist. Die Zusammenschau der beiden
Texte erklärt sich aus der identischen Funktion der Markierungen: Sie sollen die von Gott
Erwählten vor der Vernichtung schützen. Eine weitere wichtige Rolle spielt der Buchstabe
Tau bei der zahlensymbolischen Deutung der 318 Knechte Abrahams (Gen 14,14). Die Zahl
318 setzt sich in griechischer Schreibung aus den zugleich als Zahlzeichen fungierenden
Buchstaben Tau (300), Iota (10) und Eta (8) zusammen. Das Tau verweist auf das Kreuz,
mit den Buchstaben Iota und Eta beginnt der Name ‹Iesus›. 26
Für einen christlichen Rezipienten konnte es kein Zufall sein, daß gerade das Hochgebet
mit den Worten Te igitur beginnt: Noch bevor der Priester zu lesen beginnt, fällt sein Blick
auf das durch den Anfangsbuchstaben des ersten Wortes gebildete Taukreuz (crux com-

22
Biblia sacra iuxta Vulgatam versionem (ed. R. Weber, R. Gryson et al., 4.,verb. Aufl. 1994).
23
Hieronymus faßt die verschiedenen Bedeutungen des Taw/Tau-Zeichens in jüdischer und christlicher In-
terpretation zusammen (Commentarii in Ezechielem 3,9, CCSL 75, ed. F. Glorie, 1964): praecipitur ei …,
ut ponat signum super frontes virorum … pro ‹ signo› quod septuaginta, Aquila et Symmachus transtulerunt,
Theodotio ipsum hebraicum posuit ‹ tau› quae extrema est apud Hebraeos viginti et duarum litterarum, ut per-
fectam in viris gementibus et dolentibus scientiam demonstraret; sive ut Hebraei autumant, quia ‹ lex› apud eos
appellatur ‹ thora › quae hac in principio nominis sui littera scribitur, illi hoc accepere signaculum, qui legis prae-
cepta compleverant. et ut ad nostra veniamus, antiquis Hebraeorum litteris … extrema ‹ tau › littera crucis habet
similitudinem, quae Christianorum frontibus pingitur …
24
Zur Bedeutung der Typologie (Figuraldeutung) in der Bibelexegese vgl. Ohly 1976, 363 «Die Grundur-
kunde … liegt in der Bergpredigt: Nolite putare quoniam veni solvere legem et prophetas: non veni solvere sed
adimplere (Mt. 5, 17). Dies Wort setzt Altes und Neues Testament in ein schöpferisches Spannungsverhält-
nis der Steigerung des Alten in das Neue durch seine Erfüllung, nicht so freilich, wie eine Wortprophetie
durch Wahrwerden des Vorausgesagten ‹sich erfüllt›, sondern im Wortsinne von adimpletio, nach dem
nicht das leere, sondern das halbvolle Gefäß durch eine Hinzugabe adimpletur.»
25
Dazu ausführlich Suntrup 1980, bes. 289–303. Vgl. Rahner 1954.
26
So heißt es etwa bei Beda Venerabilis (In principium Genesis 3,14, CCSL 118A, ed. C. W. Jones, 1967):
Erant quippe trecenti decem et octo, quo nimirum numero signum victoriosissimae crucis et nomen salvatoris no-
stri Iesu Christi, per quem hoc in munimentum nostrae salutis consecratum est, designatur, siquidem apud Grecos
trecenti per tau litteram notantur, quae in crucis figuram aptatur. Nam si apicem in medio recepisset, non figura
crucis sed ipsum iam signum crucis manifeste cerneretur expressum. Decem vero et octo apud eos per I et H, quae
in nomine Iesu primae sunt litterae, notantur; et ideo cum trecenti decem et octo grece notantur, non multum di-
stat ab eo ut crux Iesu legi possit. Vgl. bereits Barnabae epistula 9,8b-c: T«
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Christliche Deutung der Eklogen Vergils 105

missa). Durch göttliche Vorsehung war so die Kreuzigung, die im Zentrum der Liturgie
steht, von Anfang an zeichenhaft präsent. Durandus von Mende (Guillaume Durand, gest.
1296) entwickelt diesen Zusammenhang, anknüpfend an ältere Deutungen (Honorius von
Autun, Innozenz III.)27, in aller Ausführlichkeit (Rationale divinorum officiorum 4,35,
CCCM 140, ed. A. Davril / T.M. Thibodeau, 1995–1998):
Recolitur enim ibi memoria eorum que gesta sunt per ebdomadam ante paschalem …
propter quod in plerisque sacramentariis, inter prefationem et canonem, ymago crucifixi
depingitur, ut, non solum intellectus littere, verum etiam aspectus picture, memoriam do-
minice passionis inspiret. Et forte divina factum est providentia, licet humana non sit indu-
stria procuratum, ut ab ea littera canon inciperet, scilicet a T, que hebraice thau dicitur, que sui
forma signum et misterium crucis ostendit et exprimit, dicente Domino per Ezechielem: Si-
gna thau in frontibus virorum dolentium et gementium super abominationibus Ierusalem,
quoniam per Christi passionem hec omnia in cruce impleta sunt et efficaciam habent.
Die Illustratoren der Meßbücher entfalten nur die im Text und mehr noch: die bereits im
ersten Buchstaben selbst enthaltene Botschaft: Die zum Kreuz ausgestaltete T-Initiale illu-
striert einerseits den Text des Meßbuches, die Messe verstanden als memoria passionis, sie
illustriert aber zugleich die allegorisch-typologische Interpretation des ihr zugrunde liegen-
den Buchstabens. Der Buchstabe T ist ein eigenständiger Bedeutungsträger, der für sich
genommen bereits auf das Kreuz verweist.28
Nicht jeder Text, der mit einem T beginnt, läßt sich auf das Kreuz beziehen. Besonders
bei Texten von heidnischen Autoren scheint sich eine Übertragung ikonographischer Mu-
ster der Te-igitur-Initiale von selbst zu verbieten. Nun hat aber das Eklogenbuch Vergils
einen besonderen Status. Seit der christlichen Deutung der vierten Ekloge durch Konstan-
tin wurde auf die göttliche Inspiriertheit des Dichters bzw. des Gedichtbuches mit verschie-
denen Akzentsetzungen immer wieder hingewiesen.29 Die Entdeckung, daß gerade am
Anfang dieses Textes ein Tau-Kreuz steht, dürfte auf einen christlichen Vergilleser wie eine
kleine Offenbarung gewirkt haben: Dieselbe göttliche Vorsehung, die dafür gesorgt hat,
daß das Hochgebet mit dem Kreuzzeichen beginnt, hat, so konnte er vermuten, auch das
Eklogenbuch Vergils mit der christlichen Signatur versehen. So interpretiert, ist die Initiale
eine zusätzliche Bestätigung für die Inspiriertheit des Dichters bzw. des Gedichtbuches.

27
Vgl. Suntrup 1980, 290. Das «Rationale» war der Standardkommentar zur Liturgie in dieser Zeit. Siehe
dazu Thibodeau 1992.
28
Suntrup 1980, 289: Die Te-igitur-Initiale «gibt ein sprechendes und reich belegtes Beispiel für den an einen
Kontext gebundenen Buchstaben als eigene Sinnträgergatttung.» Vgl. Gutbrod 1965, 73: «Eine tiefere Be-
deutung als das T an dieser Stelle kann wohl kein Buchstabe jemals erreichen. Seine Macht, die auf der
Ähnlichkeit mit dem Kreuze beruht, war so groß, daß es angebetet wurde. Das T war nicht nur Buchstabe
oder Zeichen, sondern lebendiges Symbol, das im Mittelalter Macht und magische Kraft des Kreuzes be-
saß. Als Kruzifixus wurde es Sinnbild oder bildhafte Vertretung der Herrlichkeit, des Leidens und des Op-
fertodes Christi. Größere Tatsächlichkeit konnte ein figurierter Buchstabe nicht erhalten: das Wort, der
Buchstabe war wirklich ‹Leib› geworden.»
29
Zur christlichen Deutung der vierten Ekloge vgl. Courcelle 1957, Chaffin 1975, Benko 1980 und Nazzaro
1983. Lactanz (inst. 7,24) und Augustin (civ. 10,27) interpretieren die vierte Ekloge christlich. Doch für
beide gibt Vergil ohne eigenes Verständnis nur das wieder, was die Sibylle prophezeit hat. Konstantin ist da-
gegen der Ansicht, daß Vergil selbst die Wahrheit erkannt, aber aus Angst nur in allegorischer Verhüllung
verkündet hat (Oratio ad sanctorum coetum 19,8–9, in: Eusebius’ Werke, Bd. 1, ed. I. A. Heikel, GCS 7,
1902). Hieronymus (epist. 53,7) weist jegliche christliche Interpretation Vergils entschieden zurück. Zur
Rede Konstantins vgl. Radke 1978, Wlosok 1983 und Bleckmann 1997. Zu Lactanz siehe Buchheit 1990.
106 Andreas Heil

Wenn man die Tityre-Initiale auf die Te-igitur-Initiale bezieht und als Kreuz Christi deu-
tet, lassen sich verschiedene Details der Darstellung besser verstehen:
1. In der Te-igitur-Initiale und auf den Kanonbildern erscheinen immer wieder Maria,
die Mutter Jesu, und der Lieblingsjünger Johannes unter dem Kreuz (vgl. Joh 19, 26–28).
Maria steht auf der rechten, Johannes auf der linken Seite des vertikalen Kreuzbalkens. Der
seit Irenaeus von Lyon mit dem Evangelisten Johannes identifizierte Jünger hält nicht selten
ein Buch (Abb. 3). 30 An die Stelle dieser Figuren treten in der Tityre-Initiale Vergil und Au-
gustus, wobei der «jungfräuliche»31 Vergil als Überbringer des Buches die Position der
Jungfrau Maria einnimmt.
2. Aus dem Querbalken des T sprießen in der Tityre-Initiale zur linken und zur rechten
Seite Ranken hervor, die in dreilappige Blätter auslaufen. Interpretiert man die Initiale als
Kreuz Christi, dann bekommen diese Ranken eine spezifische, über das Ornamentale hin-
ausgehende Bedeutung: Sie verweisen auf die Auffassung des Kreuzes als «Baum des Le-
bens» (arbor vitae).32 Diese Auffassung resultiert aus der typologischen Beziehung, die man
zwischen dem Kreuz und den Bäumen in der Mitte des Paradieses hergestellt hat (Gen 2,9;
3,22–24). Durch den Baum der Erkenntnis kam Sünde und Tod in die Welt, durch den
Baum des Kreuzes das Leben (Ps.Ambrosius, Sermones 45,2–3, PL 17): Eva nos damnari
fecit per arboris pomum, Maria absolvit per arboris donum; quia et Christus in ligno pependit,
ut fructus. Igitur sicut per arborem mortui, ita per arborem vivificati. Was der Baum des Le-
bens im Paradies nicht gewähren konnte, schenkte den Menschen das Kreuz Christi (Chro-
matius Aquileiensis, Sermones 38,29, SL 9A, ed. J. Lemarié, 1974): Denique quod praestare
homini tunc non potuit arbor uitae in paradiso, praestitit Christi passio; et recepit amissam
gratiam per arborem crucis, quam tunc per arborem uitae recuperare non potuit.33 Über diese
typologische Beziehung hinaus wurde auch eine materielle behauptet. Verschiedene Legen-
den berichten, daß das Holz des Kreuzes auf den Baum der Erkenntnis bzw. auf den Baum
des Lebens zurückgehen soll.34 Das weitverbreitete Motiv des lebendigen und lebensstif-
tenden Kreuzes findet sich auch in den Te-igitur-Initialen (Abb. 4).35
3. Drachen gehören zum üblichen dekorativen Apparat von Initialen. Vor dem Hinter-
grund der Te-igitur-Initiale läßt sich den Tieren in der Tityre-Initiale aber darüber hinaus
eine präzise Bedeutung zuweisen. Die Drachen sind mit ihren Schwänzen36 im gespaltenen
Schaft des T eingeschlossen.37 Bildlich dargestellt wird hier die Bindung des Teufels, die
Christus durch sein Leben und seinen Tod am Kreuz vollzogen hat.38 Auf diesen Sieg über
den Teufel wurde das Gleichnis von der Bindung des starken Mannes bezogen (Mt 12,29):

30
Vgl. Suntrup 1980, 371–377, Abb. 9–13 und 16–19.
31
Vgl. Serv. Aen. 1 pr. 7: adeo autem verecundissimus fuit, ut ex moribus cognomen acceperit; nam dictus est Par-
thenias.
32
Vgl. Bauerreiss 1938 und Mazal 1988, bes. 17 und 33–43.
33
Vgl. Hagemeyer 1954.
34
Bauerreiss 1938.
35
Suntrup 1980, 371, Abb. 9 und 378, Abb. 20/21.
36
Nach der Lehre der mittelalterlichen Bestiarien ist gerade der Schwanz der gefährlichste Körperteil des
Drachen (Aberdeen Bestiarium 66r; http://www.abdn.ac.uk/bestiary/translat/66r.hti): Huic draconi assi mi-
latur diabolus qui est immanissimus serpens, … vim non in dentibus sed in cauda habet, quia suis viribus perditis
mendacio decipit quos ad se trahit.
37
Der Form nach handelt es sich um eine «Spaltleisteninitiale», vgl. Jakobi-Mirwald 1997, 69. Der ebenfalls
gespaltene Querbalken ist in den Schaft des T eingeflochten.
38
Vgl. Lauretus 1681, s. v. draco, 365: «Dracones significare solent satanam, eiusque socios, ac membra.»
Christliche Deutung der Eklogen Vergils 107

aut quomodo potest quisquam intrare in domum fortis / et vasa eius diripere / nisi prius alliga-
verit fortem / et tunc domum illius diripiat. Auch der Engel, der in der Offenbarung «den
Drachen, die alte Schlange» bindet, wurde mit Christus gleichgesetzt (Offb 20,2): et adpre-
hendit draconem serpentem antiquum qui est diabolus et Satanas / et ligavit eum per annos
mille. 39 Ein besiegter Drache erscheint deshalb nicht selten auf Kreuzigungsdarstellungen. 40
Ein besonders eindrucksvolles Exemplar, dessen Maul vom Kreuzesstamm durchbohrt
wird, findet sich in einem zwischen 1215 und 1225 im Kloster Scheyern entstandenen Ma-
tutinalbuch (Bayerische Staatsbibliothek München, Clm. 17401, fol. 14v, Abb. 5).41 Auf
einem um 1100 in Belgien entstandenen Buchdeckel ist das Kreuz mit Kruzifixus auf dem
Rücken eines Drachen aufgerichtet, während Maria auf dem Kopf und Johannes auf dem
Schwanz des Tieres steht. 42 In einer Te-igitur-Initiale aus einem Breviarium aus Benevent
(12. Jh.) ist eine reich mit Ranken verzierte crux commissa dargestellt, die von einem knien-
den Mönch verehrt wird. Am Fuß- und Kopfende des Längsbalkens fesseln Ranken je ein
hundegestaltiges Tier. 43 Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß die Drachen der
Tityre-Initiale trotz ihrer Bindung noch einen gewissen Aktionsradius haben. Der beste
Kommentar dazu ist eine Predigt, die vielleicht von Caesarius von Arles stammt (Sermones
Caesarii uel ex aliis fontibus hausti, sermo 121, cap. 5, CCSL 103–104, ed. G. Morin, 1953):
Ante adventum enim Christi, fratres carissimi, solutus erat diabolus: veniens Christus fe-
cit de eo, quod in evangelio dictum est: nemo potest intrare in domum fortis, et vasa eius
diripere, nisi prius alligaverit fortem. Venit ergo Christus, et alligavit diabolum. Sed dicit
aliquis: si alligatus est, quare adhuc tantum praevalet? verum est, fratres carissimi, quia
multum praevalet; sed tepidis et neglegentibus et deum in veritate non timentibus domi-
natur: alligatus est enim tamquam innexus canis catenis, et neminem potest mordere, nisi eum
qui se ad illum ultro mortifera securitate coniunxerit.
Der Teufel ist angebunden wie ein Hund an einer Hundeleine. Er kann nur noch den Men-
schen gefährlich werden, die keinen festen Glauben haben und sich freiwillig mit ihm ver-
binden.
4. Erst die Bindung der Drachen macht es möglich, daß Vergil und Augustus auf dem
Rücken der Tiere Halt finden können. In Psalm 90(91),13 wird die Fähigkeit, gefahrlos über
wilde Bestien hinwegzuschreiten, demjenigen versprochen, der auf Gott vertraut: super
aspidem et basiliscum ambulabis et conculcabis leonem et draconem. Ebenso sagt Jesus zu den
72 Jüngern, die er in die Städte und Orte vorausschickt, die er besuchen will (Lk 10,19):
ecce dedi vobis potestatem calcandi supra serpentes et scorpiones / et supra omnem virtutem ini-

39
Primasius, Commentarius in Apocalypsin 5,20, CCSL 92, ed. A. W. Adams, 1985): Et tenuit draconem
illum serpentem antiquum, qui cognominatus est diabolus et satanas, et alligauit eum mille annis. Angelum de
caelo descendentem dominum nostrum Iesum Christum accipimus, qui magni consilii angelus nuncupatur, qui
que mortalium visitans regionem fortior alligare voluit fortem, ut eius vasa quae dudum irae fuerant vasa mi-
sericordiae perfecisset, hoc peragens opere quod ante promiserat praedicatione: Nemo inquiens potest domum
fortis intrare et vasa eius diripere nisi prius alligaverit fortem, id est diabolum.
40
Stauch 1959, 353–356.
41
Vgl. Kroos 1980: «Unter Mariae Füßen rollt sich der Schwanz des Höllendrachens … mit scharfer, von
ferne an den Stachel eines Skorpions erinnernder Spitze drohend, doch machtlos zusammen, wie sonst bei
Marienfiguren, die auf Drache oder Schlange treten.»
42
Goldschmidt 1972, Bd. 4, 13 und Abb. 21. Vgl. ebd., Bd. 3, 14 und Abb. 23 (Kreuzigung auf einem Buch-
deckel, Mitte 12. Jh., mit einem Drachen unter dem Fußbrett des Kreuzes) sowie Goldschmidt 1969, Bd. 2,
30–33 und Abb. 59.60.67.
43
Abbildung und Beschreibung in Gutbrod 1965, 70.
108 Andreas Heil

mici / et nihil vobis nocebit. 44 Mit der Darstellung der Tityre-Initiale vergleichbar ist eine Il-
lustration in der Handschrift Einsiedeln 176 (10. Jh.), die u. a. Bedas Kommentar zur Of-
fenbarung des Johannes enthält. Auf dem letzten Blatt des Kommentars (51v) erscheint
Christus übergroß zwischen zwei Personen (Abb. 6).45 Mit den Füßen tritt er auf die Köpfe
von Schlange und Löwe. Darunter erscheint als Beischrift der Text von Psalm 90(91),13.
Die beiden Personen stehen sicher auf den bezwungenen Tieren oder zumindest in der un-
mittelbaren Nähe der Tiere. Das gilt auch für Maria und Johannes auf dem bereits erwähn-
ten Buchdeckel mit der Kreuzigungsdarstellung (s. o. bei Anm. 42). Anders Vergil und Au-
gustus. Die Figuren in der Tityre-Initiale zeigen, wie wir bereits gesehen haben, signifikante
Unterschiede in ihrer Standsicherheit: Vergil steht mit beiden Füßen auf Rücken und Hals
des Ungeheuers. Zusätzliche Sicherheit verleiht ihm der obere Balken des Kreuzes, den er
mit dem stärkeren rechten Arm festhält. Augustus steht dagegen nur mit einem Fuß auf
dem Rücken des Tieres. Der Hals des Drachen reckt sich bedrohlich nach oben. Hinzu
kommt, daß er den Oberbalken nur mit dem linken, schwächeren Arm festhält. Offenbar
soll dadurch angedeutet werden, daß Vergil in seinem Vertrauen auf Gott gefestigter ist als
Augustus. Sein Status als Verfasser des göttlich inspirierten Eklogenbuches verleiht dem
Dichter eine Standsicherheit, die der Herrscher nicht oder noch nicht besitzt.
5. Der horizontale Balken gewährt Vergil und Augustus zusätzlichen Halt. Man könnte
aber auch sagen, daß sich beide nicht nur am oberen Balken festhalten, sondern diesen
zugleich stützen. Das Stützen des Kreuzes würde auf die Rolle verweisen, die Vergil und
Augustus bei der Erlösungstat Christi gespielt haben. Vergil hat die Geburt des göttlichen
Kindes in der vierten Ekloge angekündigt (so Konstantin).46 Augustus hat durch die Befrie-
dung der Welt die Voraussetzungen für die Verbreitung des christlichen Glaubens geschaf-
fen. Er hat darüber hinaus den Census im gesamten Imperium Romanum durchführen las-
sen. So konnte der menschgewordene Sohn Gottes auch von Amts wegen als Mensch
gezählt und eingeschrieben werden (Orosius, Historia aduersum paganos 6,22,5–6, ed.
H.-P. Arnaud-Lindet, 1990–1991):
Igitur eo tempore, id est eo anno quo firmissimam verissimamque pacem ordinatione Dei
Caesar conposuit, natus est Christus cuius adventui pax ista famulata est … Eodem quo-
que anno tunc primum idem Caesar quem his tantis mysteriis praedestinaverat Deus cen-
sum agi singularum ubique provinciarum et censeri omnes homines iussit, quando et
Deus homo videri et esse dignatus est. Tunc igitur natus est Christus, Romano censui sta-
tim adscriptus ut natus est.
Während Vergil Heilswahrheiten verkündet, ist Augustus für die politischen und verwal-
tungstechnischen Rahmenbedingungen zuständig. Diese unterschiedliche Funktion wird

44
Ebenso Röm 16,20: Deus autem pacis conteret Satanan sub pedibus vestris velociter. Im Hintergrund steht
hier Gen 3,15, eine Stelle, die auch auf Christus bezogen wurde (Isidor, Quaestiones in Vetus Testamen-
tum 5,7–8, PL 83, 221): Quidam autem, quod dictum est, Inimicitias ponam inter te et mulierem, de Virgine de
qua Dominus natus est, intellexerunt, eo quod illo tempore ex ea Dominus nasciturus, ad inimicum devincen-
dum, et mortem, cujus ille auctor erat, destruendam, promittebatur. Nam et illud quod subjunctum est: Ipsa con-
teret caput tuum, et tu insidiaberis calcaneo ejus, hoc de fructu ventris Mariae, qui est Christus, intelligunt; id
est; Tu eum supplantabis, ut moriatur. Ille autem, te victo, resurget, et caput tuum conteret, quod est mors. Sicut
et David dixerat ex persona Patris ad Filium: Super aspidem et basiliscum ambulabis, et conculcabis leonem et
draconem. Aspidem dixit mortem, basiliscum peccatum, leonem Antichristum, draconem diabolum.
45
Vgl. Prochno 1929, 23 und Abb. 23*.
46
Vgl. oben Anm. 29.
Christliche Deutung der Eklogen Vergils 109

möglicherweise dadurch veranschaulicht, daß Vergil den rechten, Augustus aber den linken
Arm zum Stützen des Kreuzes verwendet: Dextera manus, significare potest dignitatem, aut
vitam contemplativam, quae nobilior est, quam activa: ut dextera manus Jacob, & Joseph …47
6. Die Arme, die nicht den Querbalken des Kreuzes stützen, sind wie Einschlagfäden in
den gespaltenen Stamm des Kreuzes eingeflochten. Vergil führt seinen linken Arm nur ein-
mal durch den Stamm.48 Der Arm des Augustus ist in überaus künstlicher Weise zweimal
durch den zweigeteilten Stamm geflochten. Die Fixierung der Arme im Stamm des Kreuzes
erinnert an die Bindung der Drachen. Es besteht allerdings ein entscheidender Unter-
schied: Durch die Bindung an das Kreuz ist die Macht des Teufels gebrochen oder zumin-
dest entscheidend geschwächt. Die Bindung der Heiden an das Kreuz ist dagegen die Vor-
aussetzung für ihre Erlösung. Auch diese Metaphorik ist bereits in der patristischen
Bibelexegese vorgeprägt, und zwar in den Auslegungen zu Gen 49,11. Dort heißt es in dem
Segen Jakobs über seinen Sohn Juda von dem, «der geschickt werden wird»: «Er bindet am
Weinstock sein Fohlen fest, / seine Eselin an der Rebe» (ligans ad vineam pullum suum et ad
vitem o fili mi asinam suam). Diese Stelle verlangt geradezu nach einer allegorischen Inter-
pretation. Die Prophezeiung wurde auf Christus bezogen. Dieser wird Eselin und Esels-
fohlen, d. h. Juden und Heiden, zu einer Kirche vereinigen. Im Hintergrund steht hier die
allegorische Deutung der Tiere, mit denen Jesus in Jerusalem (Mt 21,2) einzog (Hierony-
mus, Commentarii in euangelium Matthaei 3,1201, CCSL 77, ed. D. Hurst, M. Adriaen,
1969): ergo cum historia vel inpossibilitatem habeat vel turpitudinem, ad altiora transmittimur
ut asina ista, quae subiugalis fuit et edomita et iugum legis traxerit, synagoga intellegatur, pul-
lus asinae lascivus et liber gentium populus … Das Eselsfohlen verweist auf die Heiden, weil
es anders als seine Mutter – die Synagoge – die Last des Gesetzes niemals getragen hat.
Rebe (vitis) und Weinstock (vinea) werden ausgehend von Joh 15,5 (ego sum vitis vos pal-
mites) auf Christus und die Apostel bezogen (Petrus Abaelardus, Sermones ad virgines pa-
raclitenses in oratorio ejus constitutas. Sermo VII: In ramis palmarum, PL 178, 432A): Ipse
quippe Dominus discipulis ait: Ego sum vitis, et vos palmites. Ad vitem itaque, hoc est ad teip-
sum, Domine Jesus, asina est ligata, et ad vineam pullus, hoc est ad palmites ipsius vitis: quia
tu, Domine, propria praedicatione primos ex Judaeis fideles tibi copulasti, per quos et postmo-
dum gentiles convertisti, et eis aggregasti, qui tuam minime viderunt in carne praesentiam. 49
Zunächst hat Christus durch die eigene Predigt die Apostel «an sich gebunden», durch

47
Lauretus 1681, s. v. dextera, dexter, 334.
48
Vergleichbar ist eine P-Initiale in einem Kommentar des Petrus Lombardus zu den Paulusbriefen (Kloster-
neuburg CCl 17, 3r, um 1200). Der im Binnenfeld des P dargestellte Paulus reicht einen Codex durch den ge-
spaltenen Schaft des Buchstabens. Vgl. Haidinger 1998, 19, Kat. Nr. 14 und Abb. 19. Die weitaus kompli-
ziertere Armhaltung von Vergil und Augustus in der Tityre-Initiale scheint mir aber einer besonderen
Erklärung zu bedürfen.
49
Daß gerade die Rebe (vitis) besonders zum Binden geeignet ist, betont mit Rückgriff auf eine etymologi-
sche Deutung Petrus Iohannis Olivi (Expositio in Canticum Canticorum, Collectio Oliviana 2, ed. J. Schla-
geter, 1999, 94): … consimiliter vitis habet vim ligativam, unde dicta est a vinciendo, acsi quaedam vitta seu
benda. Propter quod Genesis ultimo de Christo dicitur: ‹ Ligans ad vineam pullum suum et ad vitem, o fili mi,
asinam suam› . Ad caritatem enim Dei et proximi ligavit Christus ecclesiam suam. Der Weinstock ist auch auf
das Kreuz gedeutet worden (Iohannes de Forda, Sermo in dominica palmarum 273, CM 18, ed. E. Mikkers /
H. Costello, 1970): Vinea haec non incongrue dici potest crux Christi, cuius uino tunc potatus est Christus,
cum doloris absinthio inebriatus est. Et uere fertilis uinea, in qua botrus ille pependit de terra promissionis alla-
tus, de quo expressum est uinum nouum gaudium salutis aeternae. Ad hanc uineam ligauit Christus pullum
suum et asinam suam, quia in ea exuit mortalitatem suam et corruptibilitatem suam.
110 Andreas Heil

diese sind dann die Heiden bekehrt und mit den gläubigen Juden zu einer Kirche vereinigt
worden.50 Allerdings, so können wir hinzufügen, hat es auch unter den Heiden nach ver-
breiteter christlicher Auffassung zumindest einen Vermittler dieser Art gegeben, der das
Evangelium wenn auch in verhüllter Form verkündet hat: Vergil. 51 Diese Rolle des römi-
schen Dichters im Heilsgeschehen hat der Illustrator der Tityre-Initiale bildlich umgesetzt.
Vergil und Augustus können mehr oder weniger ungefährdet auf den Drachen stehen, nicht
nur weil diese gefesselt sind, sondern weil sie selbst eine enge Verbindung mit dem Kreuz
und d. h. mit Christus eingegangen sind. Die Übergabe des Buches ist Voraussetzung dieser
Bindung an das Kreuz: Vergil reicht das Eklogenbuch durch das aufgespaltene Kreuz zu und
Augustus nimmt es gewissermaßen als Vertreter des Heidentums auf der Gegenseite in
Empfang, indem er zweimal durch das Kreuz greift. Das göttlich inspirierte Gedichtbuch
stiftet so den ‹Knoten›, der das Heidentum mit Christus vereint.
Die Tityre-Initiale im Codex Klosterneuburg CCl 742 läßt sich vor dem Hintergrund der
Te-igitur-Initiale sinnvoll deuten. Elemente, die ohne Rückbezug auf dieses Vorbild auch als
rein ornamental beschrieben werden könnten (Ranken, Drachen, Verknotung der Arme),
bekommen eine präzise Aussagekraft. Der Illustrator gestaltet die Initiale nicht oder nicht
nur deshalb zum Kreuz aus, weil Vergil in der vierten Ekloge nach christlicher Auffassung
die Geburt Christi vorhergesagt hat. Für ihn ist vielmehr bereits der erste Buchstabe des
Textes ein eigenständiger Bedeutungsträger: Das Tau-Kreuz fordert als christliche Signatur
den Rezipienten von Anfang an auf, die verborgenen Mysterien des Eklogenbuches zu ent-
schlüsseln. Die «göttliche Vorsehung» hat das Hochgebet mit dem Buchstaben T beginnen
lassen, weil im Zentrum der Liturgie die Passion Christi steht. Ebenso dürfte, wenn wir die
Hinweise des Illustrators richtig deuten, auch das Eklogenbuch nicht nur die Geburt des
Erlösers thematisieren.52 Ist vielleicht auch die Passion Christi unter der Hülle des Buch-
stabens verborgen? Tatsächlich könnte man das Schicksal des Hirten Daphnis, dessen Tod
und Apotheose in der fünften Ekloge besungen wird, auf Tod und Himmelfahrt Christi be-
ziehen. Dann würde für das Eklogenbuch genau das gelten, was Innozenz III. für die Messe
ausführt (De sacro altaris mysterio, Prologus, PL 217, 773D): Hoc enim officium tam pro-

50
Ecclesia und Synagoge erscheinen an der Stelle von oder neben Maria und Johannes nicht selten auf Kreu-
zigungsdarstellungen. Dieser Bildtypus findet sich auch in den Te-igitur-Initialen. Vgl. Seiferth 1964 und
Jochum 1993.
51
Dante läßt dies seinen Stazio aussprechen, der durch die Erkenntnis der Übereinstimmungen zwischen der
vierten Ekloge und dem Evangelium zum Christen geworden ist (Purg. 22,64–80).
52
Nicht nur die vierte Ekloge wurde christlich gedeutet. Petrus Abaelard bezieht die Dreizahl, die bei den in
der achten Ekloge beschriebenen magischen Praktiken eine besondere Rolle spielt, auf die Trinität (Theo-
logia ‹Scholarium› 1,193, CM 13, ed. E.M. Buytaert / C.J. Mews, 1987): Qui etiam postmodum in alia
Egloga, divinam trinitatem non mediocriter innuens, ex cuiusdam ad alium persona dicit: ‹ Trina tibi haec pri-
mum triplici diversa colore | Licia circumdo ter que haec altaria circum | Effigiem duco. Numero deus impare
gaudet› . Vota quippe hic quidam sortilegi ritus ostendens, qui maximam vim habeat ad constringendum rebel-
lem, minatur dicens: tria fila eiusdem substantiae, id est de lana, sed diversa triplici colore tibi, in effigie vide-
licet tua, circumdo, ad te videlicet constringendum et capiendum, quasi illud Salomonis attendens: Funiculus
triplex difficile rumpitur. Et tunc, inquit, ipsam effigiem tui sic ligatam duco ter circum altaria. Denique cur vel
terna licia dixerit vel triplicem colorem sive trinum circuitum altaris, quasi in omnibus ternarii numeri magnam
vim attenderet ad celebrationem divinorum sacrorum, adiecit quia ‹ deus gaudet impare numero› , ac si diceret
quia hoc numero secundum personarum trinitatem describi vult sui perfectionem. Quae quidem personae cum
sint eiusdem substantiae sed proprietatibus diversae, bene tribus laneis filis diversorum colorum expressae uiden-
tur.
Christliche Deutung der Eklogen Vergils 111

vida reperitur ordinatione esse dispositum, ut quae per Christum gesta sunt et in Christum, ex
magna parte contineat, ex quo Christus de coelo descendit, usque dum ascendit in coelum; et ea
tam verbis, quam signis admirabili quadam specie repraesentat. 53
Wer nicht nur die Initiale, sondern die gesamte Textgestaltung auf der ersten Seite be-
rücksichtigt, findet eine weitere Bestätigung für die hier vorgetragene Interpretation. Der
Anfangsvers der ersten Ekloge ist durch die Schreibung in farblich alternierenden Majus-
keln hervorgehoben. Der Text ist scheinbar zufällig auf zwei Zeilen verteilt:

Durch die Trennung des Wortes re-cubans erscheinen am Zeilenanfang unmittelbar unter
der T-Initiale die Buchstaben I und C: die Abkürzung (Kontraktion) von Iesus.54 Es ist, als
ob der Illustrator bzw. Schreiber die Botschaft des Bildes durch diese Buchstabenkombina-
tion – diesmal sicher nicht divina providentia, sondern humana industria procuratum – noch
einmal bekräftigen wollte.

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53
Ein sehr interessanter Gegenstand stellt Vergils Eklogen in den Kontext der Liturgie: das flabellum von
Tournus (9. Jh.), heute im Museo Nazionale del Bargello in Florenz (Inv. 31/C). Hierbei handelt es sich um
einen rituellen Fächer, der während der Messe verwendet wurde, um Fliegen von den Hostien und vom
Priester fernzuhalten. Auf dem Elfenbein-Behälter sind Szenen aus verschiedenen Eklogen dargestellt, die
wohl nach dem Vorbild von Buchillustrationen angefertigt worden sind. Vgl. Gaborit-Chopin 1988, bes.
18–26 (mit Abbildungen und weiterer Literatur).
54
Diese Verbindung erinnert an die zahlensymbolische Deutung der 318 Knechte Abrahams: T (als Kreuz-
zeichen) und IH (als Anfangsbuchstaben des Namens Iesus). Bei den durch Kontraktion (Aussparung von
Buchstaben in der Wortmitte) abgekürzten nomina sacra wurde die griechische Schreibung beibehalten:
I (Iota) C (lunares Sigma). Buchstaben, die ein Akrostichon bilden, werden allerdings in der Regel vergrö-
ßert oder farblich hervorgehoben.
112 Andreas Heil

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Christliche Deutung der Eklogen Vergils 113

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114 Andreas Heil

Abb. 1 Klosterneuburg CCl 742, fol. 1r


Abbildung online zugänglich: http://www.ksbm.oeaw.ac.at/kln/images/07/0742/001r.jpg
Christliche Deutung der Eklogen Vergils 115

Abb. 2 Sakramentar aus Metz (2. H. 9. Jh.), Paris, Bibliothèque Nationale, Ms. Lat. 1141, fol. 6v
F. Mütherich (Hg.), Sakramentar von Metz: Fragment, Ms. Lat. 1141, Bibliothèque Nationale, Paris,
Graz: Akademische Druck- u. Verlagsanstalt 1972.
Abbildung online zugänglich:
http://www.library.nd.edu/medieval_library/facsimiles/litfacs/me tz/6v-1H.html
116 Andreas Heil

Abb. 3 Rituale Romanum (1. H. 14. Jh.), Universitätsbibliothek Salzburg,


M II 161, fol. 13v (Kanonbild)
Beschreibung und Abbildung online zugänglich:
http://www.ubs.sbg.ac.at/sosa/handschriften/MII161.htm
Christliche Deutung der Eklogen Vergils 117

Abb. 4 Missale aus Südböhmen (1391), Wien, Österreichische Nationalbibliothek,


Cod. S. N. 3516, fol. 225r
Abbildung online zugänglich: http://aeiou.iicm.tugraz.at/aeiou.history.docs/007358.htm
118 Andreas Heil

Abb. 5 Matutinal aus Scheyern, München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm. 17401, fol. 14v
H. Hauke, R. Kroos, Das Matutinalbuch aus Scheyern: Die Bildseiten aus dem CLM 17401 der
Bayerischen Staatsbibliothek, Wiesbaden, ohne Seiten
Christliche Deutung der Eklogen Vergils 119

Abb. 6 Einsiedeln, Stiftsbibliothek 176, fol. 51v (10. Jh.)


J. Prochno, Das Schreiber- und Dedikationsbild in der deutschen Buchmalerei, Leipzig 1929, 23–24
120 Robert Porod

Robert Porod

Von der historischen Wahrheit und dem Ende


historiographischer Fiktionalität:
Überlegungen zu Lukians Schrift «  ¹



Gedanken zu den Prinzipien historischer Forschung und historiographischer Darstellung


wurden von antiken Geschichtsschreibern traditionellerweise innerhalb von Proömien sowie
bei zu derlei Überlegungen Anlaß gebenden Gelegenheiten unterschiedlicher Art geäußert.
Insbesondere boten kritische und häufig zu polemischem Ton sich steigernde Auseinander-
setzungen mit Kollegen vom Fach und deren Werken die Ansatzpunkte, um die bei Recher-
che, Auswahl und Gestaltung befolgten Methoden zu begründen und so den eigenen
Standort und Stellenwert innerhalb etablierter Traditionen zu definieren1. Besondere literar-
historische Bedeutung kommt Lukians in die Form einer kynischen Diatribe gekleideten
Schrift «  ¹

 2 zu, handelt es sich bei dieser doch um die einzige
aus der Antike erhaltene3 Monographie mit zusammenhängend dargebotener geschichtsme-
thodologischer Aussage. Darin sind umfassend die aus Lukians Sicht zentralen gattungsspe-
zifischen Prinzipien inhaltlicher und darstellerischer Gestaltung dargelegt. Das Schweben der
Aussage zwischen den Polen von Tradition und Innovation läßt sich durch einen Vergleich
mit historiographischen, rhetorischen und anderen literarischen Traditionen vielfältiger Art

1
Maßgebliche Literatur zum Themenkomplex: Avenarius (1956), Marincola (1997), Fornara (1983), Geor-
giadou / Larmour (1994), Scheller (1911), Meister (1975), Sacks (1981), Luce (1989), Strasburger (1966),
Woodman (1988) und Wiseman (1979).
2
Textgrundlage: Macleod (1980). Kommentare: Hermann (1828), Homeyer (1965) und Macleod (1991),
Notes von Mestre / Gómez (2007). Lukian-Bibliographie bis 1994: Macleod (1994). Literatur zur Metho-
denschrift bzw. mit Relevanz dazu: Strobel (1994), Jones (1986), von Möllendorf (2000) und (2001),
Schmitt (1984), Hall (1981), Anderson (1976 a), ders. (1976 b) und (1980), Delz (1950), Walz (1921), Passow
(1854), Candau Morón (1976), Zecchini (1985), Bowie (1970) und Korus (1986).
3
Zu der mit den Peripatetikern Theophrast und dessen Schüler Praxiphanes beginnenden Schriftenreihe

λ  
« Homeyer (1965) bes. 46–49. Über den Inhalt dieser Monographien können nur Vermutun-
gen angestellt werden, da außer den Titeln (zu Theophrast Diog. Laert. V § 47, zu Praxiphanes Marcell.
vit. Thuc. § 29) nichts bekannt ist. Es ist aber wahrscheinlich, daß, sofern überhaupt das Thema die
Geschichtsschreibung war (so wohl zu skeptisch Schmid [1974] 68), der formal-stilistische Aspekt ebenso
wie in Theophrasts Schrift 
λ « im Vordergrund gestanden haben dürfte. Durch Cicero (or. 12,
§ 39) kennen wir Theophrasts Urteil über den Stil des Herodot und Thukydides, doch leider gibt dieser
nicht an, welcher Schrift Theophrasts er dieses Stilurteil entnommen hat. Andernorts läßt Cicero (de or. II
§ 62–64, bes. § 62) Antonius sagen, er kenne vonseiten der Rhetoren keine separate theoretische Behand-
lung der Geschichtsschreibung (historia). Dies muß nicht das Fehlen einer einschlägigen Monographie be-
deuten, sondern meint wohl eher den Umstand, daß die Geschichtsschreibung von den Rhetoren nicht
über allgemeine rhetorische Normen hinaus in ihrer gattungsspezifischen Besonderheit wahrgenommen
wurde. Eine kritische Diskussion des Forschungsstandes bei Walbank (1972) bes. 34–39. Etwas zu zuver-
sichtlich hinsichtlich einer Rekonstruktionsmöglichkeit des Inhalts von Theophrasts Schrift 
λ  
«
ist Wehrli (1947) 54–71, bes. 70–71.
Von der historischen Wahrheit und dem Ende historiographischer Fiktionalität 121

erschließen4. Die vorliegende Untersuchung greift aus diesem methodologischen Instrumen-


tarium einen für die Arbeit des Historikers wesentlichen Aspekt heraus und diskutiert den
nach Lukians Ansicht idealen Produktionsvorgang eines sachlich unanfechtbaren Geschichts-
werkes vor dem Hintergrund einschlägiger historiographischer und rhetorischer Traditio-
nen5. Dabei geht es um die Frage, unter welchen arbeitstechnischen Voraussetzungen und bis
zu welchem Grad von Evidenz ein Historiker in den sicheren Besitz zutreffender historischer
Daten gelangen könne. Nur eine einzige Stelle in vorliegender Schrift gibt Aufschluß darüber,
wie Lukian sich das kritische Verfahren der Wahrheitsermittlung sowie die auf diesem Wege
erzielbaren Resultate konkret vorstellt. Es handelt sich um den § 47, welcher den Passus über
den von sachlicher Recherche bis hin zum fertigen, stilistisch ausgefeilten Werk reichenden
historiographischen Produktionsvorgang (§ 47–48) einleitet:
T ξ 
    ³«    , $  ! «  λ   "

 « 
λ   $ 
 6,  λ  ξ 
!   λ #
  ,
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* 
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& ν 
,&  «   ! .
$  -, .'  λ   !« «  λ  ,μ«  - , 
 .
Diese präzise ausformulierte Theorie7 ist ihrem sachlichen Gehalt nach 8 zunächst vor dem
Hintergrund entsprechender Erklärungen, wie sie sich innerhalb von Historiographie und
Literaturkritik reichlich finden, zu betrachten. Zu diesem Zweck sind die einzelnen Teil-
aussagen gesondert mit den jeweils relevanten Äußerungen griechischer Historiker und
Rhetoren zu vergleichen9. Die Gegenüberstellung erfolgt aus diachroner Perspektive, soll

4
Eine umfangreiche Darstellung des gesamten Themenkomplexes werde ich in einem die vorlukianischen
literarischen Traditionen systematisch erfassenden Kommentar zu Lukians Methodenschrift, dessen Er-
scheinen für das Jahr 2009 geplant ist, geben. Darin wird zu zeigen sein, daß Lukian bei aller Traditions-
gebundenheit doch auch sich ihm bietende respektive von ihm erst erschlossene Freiräume für individuelle,
innovative Gestaltung nutzt.
5
Marincola (1997) 2, zur Zeit einer der besten Kenner der gesamten Thematik, erläutert seine darstellerische
Methode so: «I have avoided the tendency, sometimes seen, to begin with Lucian and then seek confirma-
tion in the historians before and after him. My own procedure has been to include him either at the end of a
section after the historians themselves have been examined, or in his proper chronological place». Die vor-
liegende Studie geht demgegenüber zunächst von den lukianischen Postulaten aus. Die Erklärungen von
Historikern und Rhetoren werden sodann nachgereicht, um die literarhistorischen Voraussetzungen für
Lukians Gestaltung auszuleuchten. Schließlich werden vor diesem Hintergrund diejenigen Momente her-
vorgehoben, welche Lukians Schrift ihr unverwechselbares Profil verleihen.
6
Die Überlieferung bietet als Alternativen die Formen $ 
 (Vat. 87 und 90, Harl. 5694) und
$ 
 (Marc. 434, Palat. 73). Ich folge entgegen der überwiegenden Mehrheit der modernen Her-
ausgeber dem Oxford-Text von Macleod (1980) 314, zum einen um den durch  « verstärkten dura-
tiven Charakter von $ 
 zu belassen, zum anderen um die Korrespondenz der Präsenspartizi-
pien ($ 
 , 
!  , #
  , 
  ) aufrechtzuerhalten.
7
Über den tatsächlichen Produktionsvorgang verraten antike Historiker in der Regel nichts. Cassius Dio (LXXII
= LXXIII 23, § 5) gibt wenigstens die Grundzüge seiner Arbeitsweise bekannt, dazu Millar (1964) 30–33.
8
In formaler Hinsicht verleihen besonders Verbaladjektive und Imperative (hier   und ) dem
didaktischen Teil der Schrift charakteristisches Gepräge.
9
Es wird häufig zu wenig bedacht, daß lateinische literarische Traditionen von relativ geringer Relevanz für
einen direkten Vergleich mit Lukian sind. In diesem Sinne stellt Macleod (1991) 283 im Prinzip richtig,
wenn auch wohl etwas zu überzeichnet, fest: «… Lucian was (or at least gave the impression of being)
completely ignorant of Latin literature and indeed only once admits to knowing any Latin at all». Macleod
zieht jedoch zu wenig in Rechnung, daß manchmal lateinische Traditionen in methodischer Hinsicht
durchaus von Wert sein können, um übergreifende literarische Phänomene zu illustrieren, nämlich dann,
wenn entsprechende griechische Quellen fehlen.
122 Robert Porod

doch die Entwicklungsgeschichte der einschlägigen Erklärungen sowie deren spezifischer


sprachlicher Gestaltung ausgehend von Herodot und Thukydides bis in die Zeit Lukians
hinein dokumentiert werden. Dabei wird es primär darum gehen, eher großflächig erkenn-
bare Traditionslinien nachzuzeichnen, als in jedem Einzelfall auf der Basis subjektiver Mut-
maßungen direkte Abhängigkeitsverhältnisse zu konstruieren. Über das engere Thema Lu-
kian hinaus wird zudem auch eine Einschätzung des auf sachliche Forschungsarbeit
bezogenen Selbstverständnisses antiker Historiker sowie der an diese jeweils von außen
herangetragenen Erwartungshaltungen erstrebt. Zu diesem Zweck wird das Quellenmate-
rial in größerer Fülle dargeboten, als dies für den unmittelbaren Vergleich mit Lukian al-
leine unbedingt nötig wäre.

I.

Das Verbum   10, um mit dem ersten Kolon zu beginnen, gehört zumindest seit
Polybios zum sprachlichen Standard in auf das Objekt Geschichtsschreibung bezogenen
literarkritischen Zusammenhängen. Bei Lukian bezeichnet es den im Arbeitsprozeß des
Historikers noch der Erstellung eines Rohentwurfs (/! ' )11 vorangehenden Vorgang
des Zusammentragens von relevantem historischem Faktenmaterial ( 
  ) sowie
dessen kritischer Prüfung. Aus diesem Verfahren der Sichtung, Auswahl und Bewertung
der zur Verfügung stehenden Informationen müsse, so Lukians Postulat, das mit ober-
flächlicher Recherche verbundene Zufallsmoment herausgehalten werden (  ³« 12
  ). Dieses zentrale Prinzip verantwortungsvoller historischer Forschungsarbeit
geht auf das bekannte methodische Verfahren zurück, wie es von Thukydides, auf den sich
Lukian in vorliegender Schrift wiederholt als maßgebliche Autorität beruft13, erstmals mit
paradigmatischer Prägnanz formuliert wurde. Thukydides14 hatte erklärt, daß er sich bei
der Darstellung der Ereignisgeschichte – im Unterschied zu der andersartige methodi-
sche Prinzipien erfordernden Gestaltung der Reden15 – weder an den erstbesten Informan-

10
Lukian verwendet die Verba   und $,
0 (§ 48) in bedeutungsidenter Weise, wie dies bereits
Polybios (XII 28 a:  ,
0 /   ) vor ihm getan hatte. Belege zu weiteren synonymen Begrif-
fen bei Avenarius (1956) 71–72. Dionysios von Halikarnass gebraucht das Verbum   bevorzugt im
Zusammenhang mit literarkritischen Äußerungen über andere Historiker (ant. Rom. I 11, § 1 Thuk. § 16,
ep. ad Pomp. § 6).
11
Auf den Rohentwurf (/! ' ) folgen im Arbeitsprozeß die Anordnung sowie die stilistisch-rhythmi-
sche Ausgestaltung (§ 48). Im satirischen Teil der Schrift (§ 16) wird dies anhand der Unterscheidung von
/! ' und ¹
erläutert.
12
Diese Formulierung verwendet auch Polybios (II 56, § 3) in seiner Kritik an der Methode des Phylarchos: …
  
# '
6 κ 
  %9 3  λ ³«  4
'.
13
Hinsichtlich der idealen Arbeitsweise des Historikers wird die Vorbildhaftigkeit des Thukydides aner-
kannt. Der § 42 beruft sich auf das thukydideische Methodenkapitel, und in § 39 wird von Thukydides
ebenso wie von Xenophon ausgesagt, beide hätten sie in ihrem Werk die subjektiven Motive von Haß und
Sympathie zugunsten der Wahrheit zurückgestellt. Der normative Rang des Thukydides gründet somit
nicht nur auf seinen einschlägigen programmatischen Äußerungen, sondern auch auf dem Geschichtswerk
als ganzem, aus dem Lukian wiederholt und aus unterschiedlichen Perspektiven Anschauungsmaterial be-
zieht.
14
Thuk. I 22, § 2.
15
Zu den Prinzipien, nach denen Reden in griechischer Historiographie gestaltet sind, Walbank (1985). Zu
der speziellen Frage der Zuordnung der Urkunden zum Bereich von !  oder 
 Müller (1997).
Von der historischen Wahrheit und dem Ende historiographischer Fiktionalität 123

ten16 gehalten habe, noch auch nach dem subjektiven Prinzip mutmaßender Imagination17
verfahren wäre:  #  - 
!  «  , ! «    
 , # ³«
# λ #!. Diese programmatische Erklärung läßt sich in ihrer Rezeption durch den At-
tizismus verfolgen, kraft dessen Normen setzender und durchsetzender Autorität Thuky-
dides erst als Klassiker von kanonischem Rang anerkannt wurde 18. So liegt eine Paraphrase
etwa vier Jahrhunderte später beim Rhetor und Historiker Dionysios von Halikarnaß vor,
der in seiner Doppeleigenschaft als attizistischer Theoretiker und Praktiker zugleich19, wie
kein anderer vor und nach ihm, das fugenlose Ineinandergreifen von historiographischer
und rhetorischer Terminologie bezeugt20. In seiner hinsichtlich der Wahl des Gegenstandes
ebenso wie vor dem Hintergrund konventioneller Bewertungen innovativen Thukydides-
Monographie21, welche mit in der Antike nie übertroffener Schärfe in der Kritik am großen
Vorgänger22 all die Verstöße des Thukydides gegen die von ihm, Dionysios, erhobenen
Normen mit pingeliger Akribie aufrechnet, konzidiert Dionysios23, denn er weiß durchaus

16
So Gomme (19502) 141: «not from the first person I chanced to meet». Es ist nötig, nachdrücklich auf dieses
natürliche Textverständnis hinzuweisen, da es in Frage gestellt wurde durch die polemische Untersuchung
von Egermann (1972) 575–602, bes. 586–89, der für ein adverbiales Verständnis von #  - 
!  «
im Sinne von ! «, ³«  plädiert, denn (587): «² 
" kommt nicht gleichbedeutend
mit ² " vor». Doch läßt sich diese apodiktische Behauptung kaum aufrechterhalten, da bereits eine
flüchtige Durchsicht der im Handwörterbuch von Passow verzeichneten Belege eine hinsichtlich des Text-
sinns unzweifelhafte Stelle bei Polybios (X 15, § 4) zutage fördert. Scipio, so heißt es hier, habe seine Män-
ner mit dem Auftrag ausgesandt, jeden, der ihnen über den Weg laufe, zu töten (  μ 
-
!  ). Das Verbum 
  kann hier nicht die Bedeutung von «eben, gerade dabeisein»
haben, wie sie von Egermann (587) als für die gesamte Gräzität verbindlich vorausgesetzt wird.
17
Zur Funktion derartiger Formeln (  bzw.     bei Herodot, ³« # λ   bei Thukydides)
die diluzide Studie von Marincola (1989) 216–23. Darüberhinaus läßt sich thukydideischer Einfluß bei
Polybios (XXIX 5, § 1–3) feststellen, der sich dafür rechtfertigen zu müssen glaubt, daß er seine Mutma-
ßung (μ   - ) über die antirömischen Geheimverhandlungen des Perseus und Eumenes niederschreibe
(der gesamte Passus reicht bis XXIX 9, § 13). Der rigoros formulierende Lukian (§ 8) gar bringt den Begriff
μ ! in expliziten Zusammenhang mit der nur in der Dichtung ( '&), nicht aber in der ganz an-
deren Normen verpflichteten Geschichtsschreibung (¹
) legitimen Freiheit phantasievoller Gestal-
tung.
18
Das einschlägige Material ist gesammelt von Strebel (1935).
19
Dazu Heath (1989) und Halbfas (1910).
20
Dionysios sucht mit seinen Erklärungen dem Erwartungshorizont eines ebenso rhetorisch wie historisch
interessierten Publikums nachzukommen. Der Attizismus, als dessen maßgeblicher Vertreter in Theorie
und Praxis Dionysios gelten kann, entdeckte die Geschichtsschreibung, welche bereits bald nach Thukydi-
des zu einer bevorzugten Domäne der rhetorischen Bildungstradition geworden war, nicht nur als Gegen-
stand praktischer Betätigung, sondern auch als Objekt theoretischer Betrachtung und literarkritischer Be-
wertung. Dionysios selbst belegt das neu erwachte Interesse an der Geschichtsschreibung als einem der
Rhetorik nahestehenden Sujet – abgesehen von seinem eigenen Geschichtswerk – u. a. dadurch, daß er sei-
nen Monographien über die attischen Redner eine solche über Thukydides an die Seite stellte. Ps. Longinos
wiederum zog in seiner rhetorisch-ästhetischen Schrift 
λ 8: « ausgewählte Passagen aus den Histo-
rikern heran, und zwar als Beleg für auch in anderen literarischen Gattungen gleichermaßen gültige litera-
rische Wertmaßstäbe. Schließlich berücksichtigte auch Ps. Demetrios’ 
λ ;
  « immerhin noch die
Werke der Historiker. Einschlägige Bewertungen von Geschichtswerken nach Inhalt und Form finden sich
zudem im Corpus der Rhetores Graeci. Generell wurde ja die Geschichtsschreibung implizit oder explizit
dem  « #! der Rhetorik zugerechnet.
21
Zu dieser Schrift vgl. den gründlichen Kommentar (mit Übersetzung) von Pritchett (1975).
22
Dionysios zeigt sich in § 2 seiner Thukydides-Monographie der Ungewöhnlichkeit des Unterfangens be-
wußt, Thukydides im Widerspruch zur übereinstimmenden Meinung von Allgemeinheit und Fachleuten
(Philosophen und Rhetoren) zu bewerten, für welch letztere er kanonischen Rang habe.
23
Dion. Hal. Thuk. § 6.
124 Robert Porod

auch manche Vorzüge der thukydideischen Methode und Darstellungskunst zu schätzen,


Thukydides, daß er im Unterschied zu seinen Vorgängern nicht aufgrund von beliebi-
gen mündlichen Informationen sein Werk konzipiert habe (  #  #! 
$  « 
«  , «), sondern aus eigener Anschauung ebenso wie in
Anlehnung an die bestinformierten Gewährsmänner. In seinem eigenen Geschichtswerk
gibt Dionysios24, wohl unter bewußter Bezugnahme auf eben diese Aussage des Thukydi-
des, wenn dies von ihm auch nicht explizit ausgesprochen ist, nun seinerseits die vorerst
allgemein gehaltene Erklärung ab, all diejenigen Geschichtsschreiber würden kein Lob ern-
ten, welche, mögen sie sich auch ganz im Einklang mit den elementaren Erfordernissen
von Geschichtsschreibung die vorzüglichsten Gegenstände als Objekte für ihre Werke
auswählen, bei der Durchführung im einzelnen mit planloser Willkür und sorglos (%9 3
ξ  λ <9 ,=«) verführen, indem sie ihre Darstellungen auf nach dem Zufallsprinzip
eingeholten Informationen (#  #!  $  ) basieren ließen. Einer
derart unselektiven Methode hätten sich, nun nimmt die Kritik des Dionysios25 konkretere
Gestalt an, bereits all diejenigen griechischen Historiker bedient, welche vor ihm die römi-
sche Frühgeschichte in flüchtiger, ungenauer Weise behandelt hätten (>  « … # 
#!  $   ,λ« $ 
: ), wie denn überhaupt fast alle Grie-
chen in Irrtümern über die Frühgeschichte Roms befangen seien26: !   ξ« … # 
#!  $  κ $
κ  ? -   @«   @« #' &  .
Ähnliche Kritik an unseriösen Forschungsmethoden wird von Josephos ausgesprochen,
dessen Formulierung eine Variation der bei Dionysios in Nachfolge des Thukydides vor-
liegenden darstellt27.
Ebenfalls auf Thukydides geht der Gedanke der Mühewaltung ( ! « bei Lukian)
als einer konstituierenden Bedingung ernsthafter historischer Forschungsarbeit zurück.
Trotz Anwendung der Methode von kritischer Auswertung eingegangener Informationen
als Alternative zum (nicht immer verfügbaren) Verfahren der Autopsie ließen sich, so
erklärt Thukydides28, die historischen Fakten nur mit Mühe aus sachlich unrichtigen Be-
hauptungen der Gewährsmänner herausfiltern: #! « ξ '/
 . Auch dieser
Dokumentation einer angestrengt um Erkenntnis ringenden intellektuellen Bemühung war
insofern kräftige Nachwirkung beschieden, als in der Nachfolge des Thukydides die Begriffe
von harter Arbeit (! «) sowie der Bereitschaft zu selbiger (  ) wiederholt eine
zentrale Rolle in Erklärungen von Historikern mit an sich sehr unterschiedlichen Zielset-
zungen spielen, bei Polybios29 und Josephos30 ebenso wie bei Dionysios31 und Diodor32.
Der elementare Unterschied derartiger Selbstbekenntnisse zum wesentlich intellektuell ak-

24
Dion. Hal. ant. Rom. I 1, § 4.
25
Dion. Hal. ant. Rom. I 6, § 1.
26
Dion. Hal. ant. Rom. I 4, § 2.
27
Josephos (bell. Iud. I 1, § 1) beklagt sich über die Sorglosigkeit all derer, die – an den Ereignissen persönlich
unbeteiligt – von bloßem Hörensagen willkürliche und widersprüchliche Berichte über den römisch-jüdi-
schen Krieg gesammelt hätten ($ 9 3  « %   λ $= '&  ).
28
Thuk. I 22, § 3.
29
Polyb. XII 26 e § 3–4 (Kritik an Timaios).
30
Joseph. bell. Iud. I praef. 5 § 15–16.
31
Dion. Hal. ant. Rom. I 1 § 2 (die Begriffe # und   beziehen sich wohl, wie § 4 zeigt, auf
die Forschungsmethode), ep. ad Pomp. § 6 (anerkennendes Urteil über die Methode des Theopomp).
32
Diod. I 4, § 1 (illustrativ), vgl. auch I 1, § 1 und I 3, § 6.
Von der historischen Wahrheit und dem Ende historiographischer Fiktionalität 125

zentuierten Ansatz des Thukydides ist allerdings klar durch den Umstand markiert, daß
bei späteren Historikern explizite Hinweise auf das Ertragen von Drangsal (  
)33,
Gefahr (  «) und Strapazen (  , ) häufig anzutreffen sind, sogar bei Auto-
ren von weit in die Vergangenheit zurückgreifender Universalgeschichte34. Verfasser von
Zeitgeschichte heben in derartigen Zusammenhängen zudem mit Vorliebe ihren um der
Wahrheitsfindung willen getriebenen finanziellen Aufwand (  ', $ "  ) her-
vor35. In dieser Hinsicht konnten sie sich nicht auf Thukydides berufen, der solches von
sich nicht behauptet hatte, wenn ihm auch eine derartige Arbeitsweise von der Markelli-
nos-Vita, wohl als Ergebnis sachlich anfechtbarer späterer Projektionen, singulär zuge-
schrieben wurde36. Auch Lukian spricht über die Notwendigkeit materieller Aufwendun-
gen nirgendwo, doch zeigen immerhin die von ihm verwendeten Begriffe  ! «37
und   "
« seine Vertrautheit mit nachthukydideischen Traditionen unzweifelhaft
historiographisch-rhetorischer Provenienz.
Das Verbum $ 
 bzw. das Substantiv $ 
«, welche nicht dem methodo-
logischen Begriffsrepertoir des Thukydides angehören, bezeichnen im an literarkritischen
Auseinandersetzungen reichen 12. Buch des Polybios38 wiederholt die Forschungsarbeit
des Historikers (μ 
λ « $ 
« 
«), welche als vorzüglichstes Element der
Geschichtsschreibung (
"  3« ¹
«) hervorgehoben wird. Dieser sei Timaios,
so die Ansicht des Polybios, überhaupt nicht gerecht geworden39: μ 
λ « $ 
«

« #
  
# 9  «. Eine direkte Benutzung oder auch nur Kenntnis

33
Der Begriff   
ist bereits bei Thukydides angelegt (I 20, § 3: 8« $  "
«  «
  « π 0&'« 3« $', « …), der ihn allerdings im Sinne einer intellektuellen Denkanstrengung
verstanden wissen will.
34
Polyb. XII 27, § 4–6, III 59, § 7 (geographische Erkundung), repräsentativ für den Universalhistoriker
Diod. I 4, § 1 (das Thema zieht sich durch das gesamte Proömium hindurch). Im allgemeinen Sprach-
gebrauch bezeichnen die Begriffe   , ,   « und   ' die mit militärischer Rüstung ver-
bundenen Belastungen jeglicher Art (so Polyb. XII 5, § 3).
35
Polyb. XII 27, § 6, Joseph. bell. Iud. I 5, § 16. Dionysios (ep. ad Pomp. § 6) berichtet solches über Theo-
pomp, und Athenaios (III 85 a) läßt es einen Sprecher (Demokritos: III 85 c) über Theopomp sagen.
36
Marcell. vit. Thuc. § 19–21: Thukydides habe, so wird hier berichtet, den Reichtum seiner thrakischen Frau
dazu aufgewendet, um athenische und spartanische Informanten sowie solche aus anderen Regionen für
ihre Informationen zu bezahlen. Zur Markellinos-Vita umfassend Maitland (1996).
37
Beim ! « handelt es sich um einen zentralen Wert der Kyniker, zu Diogenes SSR II F 292 (= Stob. III 7,
§ 17) und SSR II F 486 (= Stob. IV 36, § 10), zu letzterer Stelle vgl. SSR II F 91 = Krates, ep. 4. Die kynische
Metaebene in Lukians Lehrschrift werde ich in meinem Kommentar (Anm. 4) darstellen.
38
Polyb. XII 4c § 3, weitere Belege in Anm. 39. XII 27, § 6 bezeichnet Polybios die Forschungsaktivität mit
dem Terminus  
 = ', XII 25 e § 1 bestimmt er als die drei Teile der 
 κ ¹
1)
die Auswertung schriftlicher Quellen (/  &  ) 2) die topographische Anschauung (, ) und 3) die
politischen Handlungsakte (
«   ). Voraussetzung für sachgerechte Forschung seien die
durch Alexanders Herrschaft und die römische Suprematie stark verbesserten Reisemöglichkeiten in allen
Teilen der Welt (dazu der Exkurs III 58–59). Zu den Reisen des Polybios Walbank (1957) 1–6.
39
Polyb. XII 4 c § 3, dasselbe mit anderen Worten XII 4 d § 2: $  - … $
?« κ $&,
#0 , mit Bezugnahme darauf XII 27, § 3, vgl. auch XII 28a § 8–10. Timaios gilt Polybios als Vertreter
des Typus des Büchergelehrten, er bescheinigt ihm u. a. XII 25 h § 3 eine auf Bücher fixierte Mentalität
(?? κ >«). Timaios habe geglaubt, es genüge bei seßhafter Lebensweise (fast 50 Jahre lang in Athen,
vgl. XII 25 h § 1) ein bloßes Bücherstudium (XII 25 d § 1). Das sei freilich, so erklärt Polybios, eine reichlich
bequeme Arbeitsweise, bei der es 
λ«  =   λ    , « abgehe (XII 27, § 4–5). Zur poly-
bianischen Kritik an Timaios Weiler (2001) 317–33, bes. 323–33.
126 Robert Porod

des vom Attizismus40 in stilistischer Hinsicht geächteten Polybios, den Lukian in seinem
umfangreichen Oeuvre nicht zitiert 41, ist freilich eher unwahrscheinlich42. Es kann jedoch
nicht ausgeschlossen werden, daß Lukian sich hier auf eine von Polybios initiierte und von
späteren Historikern aufgegriffene Debatte bezieht, deren Existenz sich allenfalls hypothe-
tisch annehmen läßt. Es darf auch nicht übersehen werden, daß noch einige Jahrhunderte
nach Polybios die Seriosität von Forschung innerhalb der Gattung der Geschichtsschrei-
bung thematisiert wurde. Dabei wurden freilich andere Formulierungen verwendet als das
durch Polybios und Lukian repräsentierte Begriffsfeld $ 
 – $ 
«. In diesem
Sinne äußert Herodian43 mit an das thukydideische Methodenkapitel erinnernden Worten44
gestrenge Kritik an der überwiegenden Zahl derjenigen Historiker, welche auf darstelle-
rische Augenblickswirkung abzielten, sich des mythischen Elementes bedienten und bei
alledem doch mit ungebrochener Zuversicht hofften, der sachliche Gehalt ihrer Recherche
(μ $
?ξ« 3« #«) würde schon nicht auf den Prüfstand kommen und wider-
legt werden. Er selbst, so fährt Herodian mit selbstbewußter Bestimmtheit fort, habe dem-
gegenüber ausschließlich geprüfte Sekundärinformationen mit aller Umsicht ( '«
$
? «) gesammelt und aufgenommen.

II.

Als bevorzugte Quelle ( ) für historische Informationsgewinnung nennt Lukian


die persönliche Teilhabe bei den zu berichtenden Ereignissen, die Autopsie (
!   λ
#
  ). Als zweitbeste Ressource habe sich dieser die Auswertung von Berichten der
Unparteiischeren unter den Informanten zur Seite zu stellen. Auf letztere Weise sei jedoch
lediglich ein Näherungswert an die Wahrheit erreichbar, weil die jeweils verfügbaren Infor-
manten mehr oder weniger stark bestimmte Tendenzen (
μ« 
 ν $, )45 ver-

40
Dion. Hal. de comp. verb. § 4 nennt Polybios unmittelbar nach Phylarchos und Duris als Vertreter all der-
jenigen hellenistischen Historiker, welche die erstrangig wichtige = ,« als nicht notwendig vernach-
lässigt hätten, weshalb es auch niemand fertigbringe, deren Werke zu Ende zu lesen.
41
Mit Ausnahme von makrob. § 22 (die Echtheit wird jedoch weitgehend angezweifelt): Polybios sei im Alter
von 82 Jahren nach einem Sturz vom Pferd gestorben.
42
Zuversichtlicher hinsichtlich einer direkten Benutzung des Polybios durch Lukian äußern sich Georgiadou
/ Larmour (1994) 1449, welche auch die bisher in dieser Frage vertretenen Standpunkte auflisten (1449–53).
In jedem Fall können die häufigen Kongruenzen zwischen Lukian und Polybios nicht bestritten werden,
welche erstmals hier (1450–78) umfassend dargestellt wurden.
43
Herod. I 1, § 1 und § 3.
44
Zur Gestaltung des Proömiums Sidebottom (1998) bes. 2776–80, zu Herodians historischer Methode und
seinem tatsächlichen Verhältnis zur Wahrheit ebd. 2813–22, eine Einschätzung der sachlichen Forschungs-
leistung aus moderner Sicht auch bei Zimmermann (1999).
45
Diese Formulierung ist das Scharnier, welches Forschungsarbeit und Ethos des Historikers miteinander
verknüpft: 1) Die Forschungsleistung (§ 47) besteht im richtigen Umgang mit den Tendenzen der Gewährs-
männer 2) Das historiographische Ethos (§ 38–41) ist dann gegeben, wenn der Historiker sich selbst frei-
hält von tendenziöser Berichterstattung. Zwischen (1) und (2) bestehen Anklänge in Motivik und Termi-
nologie. So fordert Lukian im Passus über das Ethos (§ 38) vom Historiker, er solle sich von Furcht und
Hoffnung freihalten, da er sonst bestechlichen Richtern ( = «   « 
μ« 
 ν $,
#λ ,9  0  ) gliche. Der ideale Historiker sei unbestechlich ($  «), ein gerechter Rich-
ter, welcher dem Prinzip ausgewogener Gewichtungen folge (§ 41), wie dies der Fall sei bei Xenophon und
Thukydides (§ 39). Das Verbum #
» (überschauen) in § 47 ist in diesem Sinne gewählt, um den erhöh-
ten Standpunkt objektiver, gleich gewichtender Betrachtung zu bezeichnen, wie § 49 mit der Anspielung
Von der historischen Wahrheit und dem Ende historiographischer Fiktionalität 127

folgten, aus welchen über das einzig mögliche Verfahren der Mutmaßung (% ) 46
bloß unterschiedliche Grade an Wahrscheinlichkeit ( - , 
) zu erzielen seien.
Das hier angesprochene Verfahren der Wahrheitsermittlung geht auf ein bekanntes zwei-
teiliges historiographisches Gliederungsschema47 zurück. Als erster Historiker unterschied
Herodot mit konsequent durchgehaltener Methode zwischen Autopsie und Sekundärin-
formationen und verfeinerte damit am Objekt der Geschichtsschreibung ein an sich bereits
seit Homer bekanntes Differenzierungsinstrumentarium48. Für die als erstrangig erachtete
Autopsie 49 stehen bei ihm regelmäßig die Begriffe des Sehens (²
» ), der visuellen Wahr-
nehmung (B:«) und der Teilhabe als Augenzeuge ( !'«). Die Sekundärquellen be-
zeichnet er ebenso regelmäßig mit den Termini des Hörens ($ = ,  , , ), der
Kunde ($ &) und der Berichte (! , ! ), unter denen diejenigen von Augen-
zeugen an Bedeutung voranstünden. Mit diesem selektiven Verfahren der rangmäßigen Be-
stimmung seiner Quellen50 hatte Herodot ebenso wie mit seiner Beurteilung sekundärer

auf den homerischen Zeus (Il. 13, bes. 3–5) zeigt. Die Formulierung 
μ« 
 ν $,
$ 
& ν 
,&  «  ! verrät rhetorische Provenienz. Zu vergleichen ist, was
Dionysios von Halikarnass (Thuk. § 8) nach dem übereinstimmenden Zeugnis fast aller Fachleute für
Thukydides bezeugt: … Ρ 3« $', « …  ' # &  
!  , Κ 
,λ«
 « 
  ξ χ κ    Κ $ 
 . Mit leicht verändertem Wortlaut sagt Josephos
(bell. Iud. I 10, § 26) über seine Methode: ξ Κ $ 
! « Κ 
,λ«  «

 «.
46
Das Verbum %0 diente bereits den Sophisten als einschlägige Bezeichnung für das Verfahren des
Wahrscheinlichkeitsschlusses. Als erster Historiker gebrauchte Herodot wiederholt den Begriff μ %!«
zur Bezeichnung des Kriteriums der Wahrscheinlichkeit (Belege bei Müller [1981] 307–8). Von großer Be-
deutung für die Etablierung des Begriffes %0 innerhalb späterer historiographischer Terminologie
war der Umstand, daß er von Thukydides als häufig wiederholter und die Argumentation wesentlich be-
stimmender Kernbegriff verwendet wurde, sowohl da, wo er aus auktorialer Perspektive spricht (I 9, § 4, I
10, § 2, VIII 46, § 5), als auch da, wo er einem Redner seine Worte in den Mund legt (IV 126, § 3, V 9, § 3,
VI 92, § 5). Als Stützen für das Verfahren des %0 galten Thukydides &
 (erstmals program-
matisch I 1, § 1–3) und ' (I 21, § 1 werden beide Begriffe genannt). Polybios (XII 7, § 4) billigt Ti-
maios und Aristoteles zu, sie hätten beide   μ %! ! ihre Untersuchung über die Grün-
dungsgeschichte von Lokroi geführt, doch lägen mehr Wahrscheinlichkeiten ( « , !'«) in
der aristotelischen Version. Eine besondere Vorliebe für den Begriff %0 zeigt Dionysios von Halikar-
nass, besonders da, wo der Quellenwert unterschiedlicher Autoritäten zur Debatte steht (ant. Rom. II 38,
§ 3). Lukian schließlich verwendet das Verbum %0 ein weiteres Mal in vorliegender Schrift, nämlich
da, wo er die Anweisung erteilt, der Historiker dürfe für einen von ihm allenfalls berichteten -, « keine
Gewähr übernehmen, sondern müsse die Entscheidung darüber dem Wahrscheinlichkeitsschluß des Rezi-
pienten überlassen (§ 60). Arrian (anab. I prooem. § 1) erklärt – mit leichter Variation im Ausdruck – er be-
richte da, wo seine maßgeblichen Quellen Aristobulos und Ptolemaios nicht übereinstimmten, das, was
ihm in höherem Grade glaubwürdig zu sein scheine ( !
# λ   ! ).
47
Nicht berücksichtigt ist hier das von Herodot seltener angewandte Verfahren des Ableitens von Unbekann-
tem mittels Erfahrung und Wahrscheinlichkeitsschluß, weil es innerhalb der nachherodoteischen Theorie
keine prominente Rolle spielt. Die einschlägige Terminologie für diese Methode und primäre Belege bei
Müller (1981) bes. 310–13.
48
Telemachos fragt Nestor nach Odysseus (Od. III 93–95): … 4   B « / F,     , ν
Ν  -, $ = « /  0  . Ähnlich klingt das Lob des Odysseus an Demodokos, er singe:
—«    ν μ« 
Ω ν Ν  $ = « (Od. VIII 491). Hier wird vom Spender des Lobes als In-
spirationsquelle die Muse oder Apollon namhaft gemacht (488), womit die Einleitung zum Schiffskatalog
zu vergleichen ist (Il. II 484–92), dazu Marincola (1997) bes. 63–64.
49
Zur Thematik der Autopsie Nenci (1955), Pretzler (2007, im Druck: chapter 4).
50
Eine Auswahl signifikanter Stellen: Her. I 183, § 2–3, II 29, § 1, II 99, § 1, II 123, § 1, II 147, § 1, II 148, § 5–6,
IV 16, § 1–2.
128 Robert Porod

Informationen nach dem Kriterium des Wahrscheinlichen (μ %!«)51 der kritischen Hi-
storiographie wichtige Impulse gegeben. Die von Herodot auf einen weite Zeiträume um-
greifenden Stoff angewandte Methode wurde innerhalb der Antike zum anerkannten Stan-
dard für die in ihrer Zahl überwiegenden Verfasser von Zeitgeschichte in griechischer und
lateinischer Sprache52. Nachwirkung der herodoteischen Methode zeigt sich im gleicher-
maßen knappen wie inhaltlich dichten Programm des Thukydides53, der seine Methode der
Informationsgewinnung bestimmte durch die bekannte Erklärung, er beschreibe: … H« 
μ« 
3  λ 
  Ν Ρ  μ $
? 9 
λ ;  #-
," . #! « ξ '/
 , ! ¹ 
! «  « 
 « ; «   

λ    , $# ³« ; 
 «  « ν  &'«  . Dieser pro-
grammatische Satz, dessen erster Teil zumal aufgrund seiner sogar autoptischer Wahrneh-
mung, welcher Herodot den unbedingten Vorzug zuerkannt hatte, gegenüber eingehalte-
nen Distanz54 kaum adäquat durch eine Übersetzung wiedergegeben werden kann55,
vermittelt eine Vorstellung von der Ernsthaftigkeit und Würde, ja von dem verhaltenen
Stolz, der aus diesen schlichten Worten spricht. Mit anderen Worten ist hier die aus Hero-
dot bekannte zweiteilige Methode von Autopsie und kritischer Verwertung von Sekundär-
informationen in einer auf den Gegenstand von Zeitgeschichte applizierten Form als histo-
risches Grundsatzprogramm formuliert, als Manifest gewissermaßen einer deklariert
vorgetragenen Einstellung, welche unter äußerster Anspannung aller Kräfte dem konkre-
ten Objekt gültige Aussagen abzuringen sucht56. Die Parteilichkeit der Gewährsmänner,

51
Belege bei Müller (1981) 307–8.
52
Einen Überblick gibt Marincola (1997) 63–95, zu den weniger klar bestimmbaren Methoden der Vergan-
genheitsgeschichte ders. 95–117.
53
Thuk. I 22, § 2–3.
54
In dieser Hinsicht stimme ich mit Egermann (1972) 592 überein, der übersetzt: «nachdem ich sowohl das,
wo ich selbst dabei war, wie auch das von den anderen Berichtete … bezüglich jeder Einzelheit durch-
forscht hatte». Bezeichnend für dieses Verfahren ist der Kommentar des Thukydides (VII 44, § 1) zur
nächtlichen Schlacht bei Epipolai. Selbst bei Tag, so die Aussage der Stelle, könne der einzelne nur Aus-
schnitte aus dem Kampfgeschehen wahrnehmen, und auch das nur in unvollkommener Weise. Sehr ähnlich
klingen die Worte des Theseus in den Hiketiden des Euripides (855–56). Derartige Relativierungen des
prinzipiellen Erkenntniswertes autoptischer Erfahrung finden sich ansonsten innerhalb antiker Historio-
graphie nicht. Auch Polybios (XII 28 a § 10) ist keine Ausnahme, da er nicht den Erkenntniswert der Aut-
opsie an sich in Frage stellt, sondern lediglich voraussetzt, daß nur praktische Erfahrung das von einem Be-
obachter vor Ort Wahrgenommene adäquat zu erkennen in der Lage sei. Anzumerken ist, daß Thukydides
an dafür geeigneter Stelle einen Hinweis auf selbst gemachte Erfahrung und Autopsie gibt. So beruft er sich
in der Einleitung zur Pestschilderung (II 48, § 3) auf seine eigenen Beobachtungen: !«  & «  λ
μ« %Ω Ν «   «. Zu sieben möglichen Hinweisen auf Autopsie im Werk des Thukydides
übersichtlich Sonnabend (2004) 55–58.
55
Zur stilistischen Gestaltung des Methodensatzes Wille (1965) 53–77 = (Nachdruck 1968) 683–716. Wille
bezieht den Methodensatz in seine die antiken Stilurteile umfassend berücksichtigende Untersuchung des
thukydideischen Stils ein und spricht allgemein von «einer gelegentlich absichtlich verhüllenden Darstel-
lungsweise», sowie – mit speziellem Bezug zum Methodensatz – von «Weite und Elastizität seiner Formu-
lierungen» (Zitate nach dem Nachdruck [1968] 689 und 716 = Schlußsatz).
56
In den letzten Jahrzehnten hat sich die bedenkliche Tendenz geltend gemacht, für antike Historiographie
generell den Anteil von Forschung zugunsten legitimer rhetorischer und fiktionaler Elemente zu minima-
lisieren. Hier können nur zwei Vertreter mit jeweils einem wirkungskräftigen Buch genannt werden, näm-
lich Wiseman (1979) und Woodman (1988). Woodman 23 bestimmt die literarische Strategie des Thukydi-
des so: «Thucydides has eliminated almost all traces of the difficulties he encountered and in doing so has
created an impression of complete accuracy … he has thereby misled the majority of modern scholars, who
have mistaken an essentially rhetorical procedure for scientific historiography at its most successful».
Von der historischen Wahrheit und dem Ende historiographischer Fiktionalität 129

deren Sympathie (Κ  )57 für die eine oder andere Seite, wird von Thukydides als ein
prinzipiell die Wahrheitsfindung erschwerender Faktor namhaft gemacht. Ein weiteres
Manko bestehe in deren unterschiedlich stark ausgeprägter Erinnerungsfähigkeit ( &'),
ein Faktor, welcher von Lukian zugunsten seiner einseitigen Konzentration auf das ethische
Moment völlig unberücksichtigt bleibt58. Unter solchen Voraussetzungen könne selbst der
gründlich recherchierende Historiker, als welchen Thukydides sich selbst bezeichnet wis-
sen will59, lediglich einen Näherungswert60 an die Wahrheit (Ρ  μ ) erbringen, zu
deren Bezeichnung er im Unterschied zur überwiegenden Mehrheit seiner Nachfolger den
wohl als allzu verpflichtend bewerteten Begriff der Wahrheit ($&, ) vermeidet61. Damit
setzt er sich, wie Herodot62 vor ihm, mit Entschiedenheit von der Tendenz der Masse ab,
mündlich zugegangene Informationen über Ereignisse der Vergangenheit ($ « 

 '  ) ungeprüft ($?  «) voneinander zu übernehmen, sei doch
die Mehrheit sogar über nicht durch die Zeit der Erinnerung Entzogenes in irrigen Meinun-
gen befangen63. Damit markiert Thukydides die dem Verständnishorizont der Allgemein-
heit scharf gezogene Grenze. Zugleich aber, und auch dies läßt sich zwischen den Zeilen
herauslesen, verschafft sich für einen kurzen Moment das gehobene Selbstgefühl des Ge-
schichtsdenkers Thukydides unübersehbare Geltung. Dieses gründet wesentlich in der un-
bedingten Bereitschaft, dem an sich in geringerem Grade problematischen Objekt der
Zeitgeschichte mehr methodische Sorgfalt zuzuwenden, als dies der Fall sei bei denjenigen,
welche es selbst bei der ungleich weniger Evidenz versprechenden Vergangenheitsge-
schichte an der nötigen Kritikfähigkeit fehlen ließen.
Bei Xenophon ist kein auch nur annähernd vergleichbarer Versuch einer Begründung der
von ihm verfolgten Methode feststellbar64. Demgegenüber liefert das Problem der Wahr-

57
Lukian stellt die Κ  in enge Beziehung zur    (§ 11 und § 40), vom Historiker fordert er, dieser
solle ein unparteiischer Richter sein, ein Κ « Ϊ  Ν
  - κ , 
9   $     -
  « (§ 41). Demgegenüber bescheinigt Dionysios von Halikarnass (ep. ad Pomp. § 3) Thukydides
einen Mangel an athenfreundlicher Κ  .
58
Der hier zur Debatte stehende § 47 spricht einzig über 
« und $, als Ursachen für vorsätzliche
Verzerrung der Tatsachen. Zur Bedeutung dieses Umstandes für Lukians individuelle Gestaltung vgl.
Anm. 45.
59
Im zweiten Proömium (V 26 § 5) gibt Thukydides an, daß er nach seiner Verbannung die Möglichkeit zu
Recherchen bei beiden kriegsführenden Parteien hatte.
60
Bei Lukian erfüllt der Komparativ  - , 
 die vergleichbare Funktion, den approximativen Cha-
rakter der durch kritisches Nachforschen erreichbaren Wahrheit zu bezeichnen.
61
In V 74, § 3 betont Thukydides bezeichnenderweise die Schwierigkeit, die Wahrheit (κ $&, ) in Er-
fahrung zu bringen, vgl. Anm. 63.
62
Her. II 45, § 1 (  ξ    λ Ν $ « ¹ 6E' «). Der Zusammenhang: Es wird
im Passus über Herakles (II 43–45) die Unwissenheit der Griechen illustriert.
63
Thuk. I 20, § 1 und § 3. Vgl. auch das Resümee zu Ende des § 3: 8« $  "
«  «   «
π 0&'« 3« $', «  λ #λ  ;  » 
  . Dies ist eine der seltenen Stellen
(vgl. V 74, § 3, Anm. 61), an denen Thukydides den hochangesetzten Begriff der $&, gebraucht,
spricht er hier doch lediglich von der Suche (0&'«) nach der Wahrheit, und auch dies bloß mit Be-
zug auf die sorglose Forschungsleistung der Masse. Für sein eigenes Werk freilich nimmt er die bescheide-
neren Parameter des  « (I 9, § 2, I 22, § 4) und des $
?« (I 10, § 1, I 22, § 1–2: $
? ) in
Anspruch.
64
Xenophons spärliche Erklärungen zu der von ihm verfolgten Methode sind verzeichnet bei Breitenbach
(1950) 17–28. Von besonderem Interesse sind die 23–26 aufgelisteten Belege über Xenophons Umgang mit
widersprüchlichen Aussagen unterschiedlicher Gewährsmänner.
130 Robert Porod

heitsfindung dem im Vergleich zum bedeutend zurückhaltenderen Thukydides65 überaus


mitteilsamen Polybios hinreichend Stoff zu Reflexionen über die historiographischer For-
schung zugrunde liegenden Prinzipien. Als Anlaß zu derartigen sich mitunter zu kleineren
Exkursen ausweitenden Betrachtungen benutzt Polybios häufig die bei Kollegen, aus seiner
Sicht zumindest, feststellbaren methodischen Mängel66. In Auseinandersetzung mit den
längst schon von gelehrten Kritikern67 diagnostizierten allseitigen methodischen Defekten
des auf seine Forschungsleistung erklärtermaßen stolzen Timaios68 präzisiert Polybios die
Wertigkeit beider Methoden der Wahrheitsermittlung. In der explizit ausgesprochenen
Nachfolge des Heraklit69, der die Augen zu exakteren Zeugen als die Ohren erklärt hatte,
bestimmt Polybios70 in erkenntnistheoretischer Hinsicht den Primat der unmittelbaren An-
schauung (Ρ
«) vor der mittelbaren Kunde ($ &), eine Unterscheidung, wie sie bei
ihm andernorts71 ohne die Notwendigkeit einer theoretischen Begründung als selbstver-
ständlich vorausgesetzt ist. Die mit dem dritten Buch einsetzende Darstellung der griechi-
schen Geschichte von 220 v. weg72 begründet er, abgesehen von dem Umstand, daß hier die
Hypomnemata des Aratos von Sikyon73 endeten, damit, daß er von nun an über Ereignisse
schreibe, welche er teils als Augenzeuge miterlebt (
  ), teils von Augenzeu-

65
Marincola (1997) 9 formuliert dies etwas überspitzt, aber im Prinzip durchaus zutreffend: «he (sc. Thucy-
dides) does not, like Herodotus, want the emphasis to be on his tracking down to sources, but on the fi-
nished product: the reader is to be concerned not with the process of research, but rather with the result».
66
Eine systematische Untersuchung der polybianischen Polemiken bei Meister (1975) und Walbank (1962)
1–12 = deutsche Fassung (1982) 377–404.
67
Unter den zahlreichen antiquarischen Schriften des Kallimacheers Istros (FGH III B 334) aus der Mitte des
3. Jh.s v. findet sich auch eine Gegenschrift ($ 
 ) gegen Timaios nach dem Zeugnis des Athenaios
(VI 272 b), der auch zu berichten weiß, daß Timaios, wohl wegen seiner scharfen Polemiken, von Istros als
² #E   « bezeichnet wurde (Polyb. XII 11, § 4 klassifiziert ihn als einen 
!« und $
' «
#'κ«   «). Unter den Streitschriften des vielseitigen Periegeten Polemon von Ilion, einem
wahrscheinlich etwas älteren Zeitgenossen des Polybios, ist auch eine gegen Timaios gerichtete (
μ«
T   ) bekannt, welche mindestens 12 Bücher umfaßt haben muß, denn Athenaios (XV 698 b) zitiert
aus dem 12. Buch.
68
Dabei habe Timaios doch, so vermerkt Polybios (XII 10 = 11, § 4), κ #  « 
! «  λ  « $ -

 « #   3« $
? «  λ κ 
λ  - μ 
« # mit Bezug auf sein eige-
nes Geschichtswerk hervorgehoben.
69
Polyb. XII 27, § 1 = DK I 22 B 101 a: F,  λ 
 K $
?
 

«. Die differen-
zierte Position Heraklits in der Frage der Bewertung des erkenntnistheoretischen Ranges sinnlicher Erfah-
rung kann durch den Vergleich von DK I 22 B 55 = Hippol. IX 9 (Ρ B:« $ κ ,'«,  - #Ω

) mit DK I 22 B 107 = Sext. Emp. VII 126 (  λ 

« $ ,
"  F,  λ  λ
τ ?
?
« :« #!  ) illustriert werden. Zur vorsokratischen Position in dieser Frage Ma-
rincola (1997) 64–66 und Müller (1981) 299–302. Polybios ist unter den griechischen Historikern eine der
seltenen Ausnahmen, insofern er wenigstens vereinzelt auf die Philosophie Bezug nimmt. Timaios nennt er
einen unphilosophischen, ungebildeten Schriftsteller (XII 25, § 6: $! !« #  λ &?'
$  « 
=«), den bithynischen König Prusias II. kritisiert er wegen dessen Unerfahrenheit in
Bildung und Philosophie (XXXVI 15, § 5), und auch sonst nennt er eine Reihe von Philosophen namentlich,
so Platon, Aristoteles, Demetrios von Phaleron und Straton von Lampsakos (Belege bei Walbank [1972]
32–33).
70
Polyb. XII 27, § 1, vgl. XX 12, § 8.
71
Polyb. XV 36, § 3.
72
Als Ausgangspunkt der aus dem Mittelteil des zweiten Buches aufgegriffenen griechischen Geschichte
nennt Polybios (IV 1, § 3) die 140. Olympiade (= 220–216 v.).
73
Die Memoiren des Aratos finden bei Polybios (II 40 § 4) hinsichtlich ihres Wahrheitsgehaltes anerkennende
Bewertung ( $', @«  λ  « … /  '  =«).
Von der historischen Wahrheit und dem Ende historiographischer Fiktionalität 131

gen vernommen habe (


  ;
! $'  )74. Weiter, so fährt er fort,
zeitlich zurückzugreifen, sei ihm als ein zu unsicheres Unterfangen erschienen, denn da
könne man bloß mündliche Mitteilung aufgrund von mündlicher Mitteilung niederschrei-
ben ($ κ # $ 3« 
 ). Ephoros und Timaios wirft er dementsprechend einen
Mangel an unmittelbarer Anschauung ($
 ) und Erfahrung vor75. Gleichwohl ist sich
Polybios durchaus bewußt, daß ein einzelnes Individuum unmöglich von allen für den Hi-
storiker relevanten Schauplätzen aus eigener Anschauung Kenntnis haben könne. Unter
diesen Umständen bleibe zumeist notwendigerweise lediglich die Methode der Befragung
möglichst vieler Gewährsmänner als zweitbeste Alternative übrig. Doch bedürfe dieses
Verfahren einer kritischen Selektion und Überprüfung der jeweils zugegangenen Informa-
tionen76: #κ 
¹ ξ 
« Ϊ   9 3   -  , 
  ξ μ
μ #   ! «   μ μ  
μ $=  , ² «  κ #
!'  ,       κ %  ' !  λ  #  «
! « % μ >  ! ,       , ,  ξ ³« 

  , = ξ  « $ «  «, 
κ # ρ   
!  κ
 ! . Zum Erweis seiner methodischen Exaktheit gibt Polybios bei besonderen Gelegen-
heiten mit explizitem Vermerk an, wenn er über autoptisches Wissen oder sekundäre In-
siderinformationen verfügt77.
Einen zentralen Stellenwert spielen Autopsievermerke bei Josephos. Aufgabe des Histo-
rikers sei es, so erklärt dieser in der apologetischen Schrift contra Apionem78, die von ihm
dargestellten Handlungen genau zu kennen, entweder durch Teilhabe daran oder durch Er-
fragen vonseiten derer, die darüber Bescheid wüßten (…  μ Ν « 
 

 $',  / = μ #  ,   = « 
!
$
?«,
ν 
'  ,'!  «  ! ν 
  %!  , ! ). Er selbst
habe sich in beiden Schriften, der Jüdischen Archäologie und dem Jüdischen Krieg, an die-
ses Prinzip gehalten. Zu Beginn der Jüdischen Geschichte79 hatte Josephos seine historio-
graphische Kompetenz damit begründet, daß er anfänglich gegen die Römer gekämpft und

74
Polyb. IV 2, § 2.
75
Polyb. XII 25 g § 4 (die $
 des Timaios), XII 25 f § 3 (Ephoros sei in Landschlachten  «
Ν
«  λ $!
 «    = ). Dasselbe treffe neben Timaios auch für Theopomp zu (XII 25 f
§ 6–7).
76
Polyb. XII 4c § 4–5. Genau an dieser Kritikfähigkeit fehlte es Josephos (bell. Iud. I 1, § 1) zufolge all denen,
welche von bloßem Hörensagen willkürliche und widersprüchliche Berichte unselektiv sammelten ($ 9 3
 « %   λ $= '&  ).
77
Polyb. XXII 19 = 14, § 2 (
! : Autopsie), XXIX 8, § 10 (,, : sekundäre Insiderinformation).
78
Joseph. c. Ap. I 10 § 53–54.
79
Joseph. bell. Iud. I 1 § 3. Innerhalb des ausgedehnten Proömiums (I 1, § 1–12 § 30) findet sich ein weiterer
Autopsievermerk (I 8, § 22: …  $
? «, ³« ρ ν  , ,  ). Sachkundigen Augenzeu-
gen ( « #  «  
   λ 
 - 9   9  ) habe er jedenfalls mit seiner Dar-
stellung keinen Ansatzpunkt für Tadel oder Anklage geliefert (I 12, § 30). Andere Historiker dieses Krieges
hingegen wären entweder bei den Ereignissen gar nicht zugegen gewesen und hätten daher auf der Basis
mündlicher Informationen ($ 9 3) beliebige und widersprüchliche Berichte verfaßt, oder sie hätten, sofern
sie dabeigewesen wären, in prorömischem Sinne tendenzlastige Berichte vorgelegt (I 1 § 1–2). Andernorts
(c. Ap. I 8 § 46) spricht Josephos manchen Historikern des Jüdischen Krieges topographische Kenntnisse
ebenso ab, wie er ihnen vorwirft, nicht nahe genug an die Ereignisse herangekommen zu sein. Lediglich
aufgrund von beliebigen mündlichen Informationen (# 
  ) hätten sie ihre das Ansehen
der Geschichtsschreibung schamlos diskreditierenden Berichte verfaßt. Seinem Kritiker Iustos aus Tiberias
bescheinigt Josephos u. a. einen Mangel an Autopsie und Sekundärinformationen (vit. 65 § 357–58).
132 Robert Porod

sodann an den weiteren Ereignissen notgedrungen teilgenommen habe ( !«  N-


 «  & «  
  λ  « 8

Ω # $ '«). Dem-
entsprechend läßt er denjenigen Ereignissen die eingehendste Behandlung zuteil wer-
den, an denen er selbst als aktiv Handelnder beteiligt gewesen war. Die Militärakten
(/  &  ) der Kaiser Vespasian und Titus nennt er erst in den Schriften späteren Da-
tums80. Im Jüdischen Krieg hingegen hatte er weder darüber noch über sonstige schriftliche
Quellen etwas verlauten lassen81, wohl deshalb, um nicht die Autorität der von ihm pro-
grammatisch verkündeten Autopsie zu mindern82.
Polybios und Josephos sind nicht die einzigen Historiker von Militärgeschichte, bei de-
nen das durch Thukydides entscheidend angeregte Methodenbewußtsein in seiner Nach-
wirkung nachgewiesen werden kann. Noch Prokopios begründet in der Persergeschichte83
seine Kompetenz als Historiker damit, daß er in der Eigenschaft eines Beraters Belisars bei
fast allen Ereignissen zugegen gewesen sei. Selbst bei Verfassern von Universalgeschichte
spielen die beiden als verpflichtend empfundenen Parameter von Autopsie und kritischer
Quellenauswertung eine nicht unwesentliche Rolle, in methodologischen Selbstbekennt-
nissen ebenso wie in kritischen Stellungnahmen zu den Leistungen früherer Historiker84.
Dasselbe trifft für Verfasser römischer Kaisergeschichte zu, für Herodian und Cassius
Dio 85.
Im übrigen wird von keinem griechischen Historiker dermaßen starke Skepsis an den
prinzipiellen Möglichkeiten historischer Wahrheitsermittlung geäußert wie von Cassius
Dio, und zwar da, wo er in seiner Darstellung die Prinzipatszeit betritt. Die von oben her
dekretierte Blockierung des Informationsflusses, so erklärt er, lasse ihm keine andere Mög-
lichkeit, als alles so zu berichten, wie es nun eben mal veröffentlicht worden sei, unabhän-
gig vom Wahrheitsgehalt (4# B « 8« 4  λ ;
« ). Nur soweit es ihm
möglich sei, werde er ein gewisses Maß an Mutmaßung (   ) hinzufügen86. Diese
Aussage ist zu verstehen als die spezifische Reaktion des Autors auf die für wahrheitsge-

80
Joseph. vit. 65 § 342 und § 358, c. Ap. I 10 § 56.
81
Zu den Quellen des Josephos für das bellum Iudaicum Thackeray (1927, repr. 1989) XIX–XXVII.
82
Es ist wahrscheinlich, aber nicht sicher zu beweisen, daß Josephos die kaiserlichen commentarii
(  &  )
 bereits bei der Abfassung des Jüdischen Krieges zur Verfügung hatte. Zum Problem Feld-
man (1984) bes. 840 mit Literatur.
83
Prokop. /ξ
   I 1, § 3.
84
Diodor gibt im Proömium zum Gesamtwerk (I 4, § 1) an, er habe unter viel Not und Gefahren einen
großen Teil Asiens und Europas bereist: O  $     λ   
 ! 
 ', . Als sein erklärtes Ziel bestimmt er, topographische Unkenntnis auszuschalten, welche selbst
bei erstrangigen Historikern schon viele Irrtümer verursacht habe. Ansonsten tritt er nur gelegentlich und
für Details mit explizit markiertem Wissen aus erster Hand hervor, besonders mit Bezug auf Ägypten, das
er, wie er selbst erklärt (I 44, § 1) in der 180. Olympiade (= 60–56 v.) besucht hat. Beispiele dafür sind I 83,
§ 8–9 (ein Römer, der unvorsätzlich eine Katze getötet hat, wird von der aufgebrachten ägyptischen Menge
gelyncht) und I 38, § 7–8 (Kritik an Ephoros’ als unzureichend bewerteter Erklärung der Nilschwelle). In
beiden Fällen wird präzise zwischen Autopsie und Information aus zweiter Hand unterschieden.
85
Herodian (I 2, § 5 und II 15, § 7) erklärt, er habe die Handlungen der in seine Lebenszeit fallenden Kaiser
aufgrund von Autopsie und Sekundärinformationen beschrieben. Seine Qualifikation begründet er mit
kaiserlichen und öffentlichen Diensten. Dazu ausführlich Whittaker (1969) XIX–XXIV und Zimmermann
(1999) 302–19. Cassius Dio (LXXIII 4, § 2 und LXXIII 18, § 3–4) begründet seine genauen Kenntnisse
Commodus betreffend nach dem bekannten Verfahren, welches er auch anwendet, um seinem ethnogra-
phischen Wissen über die Pannonier Glaubwürdigkeit zu verleihen (XLIX 36, § 4: er war dort Statthalter
gewesen).
86
Cass. Dio LIII 19, § 6.
Von der historischen Wahrheit und dem Ende historiographischer Fiktionalität 133

treue Darstellung von Innenpolitik wenig Raum lassende geschlossene Gesellschaft der
römischen Kaiserzeit87. Dieses besondere Phänomen ist für die Zwecke der vorliegenden
Untersuchung aber weniger von Bedeutung, da, wie die im satirischen Teil der Schrift vor-
gebrachten Beispiele zeigen, Lukians Anweisungen auf die Behandlung aktueller Kriegs-
geschichte zielen88, welche wohl weithin als das vorzüglichste Objekt historiographischer
Betätigung erachtet wurde89.

III.

Das aus der Historiographie bekannte und von der Literaturkritik aufgegriffene90 metho-
dische Instrumentarium von Autopsie und Sekundärinformationen kann als selbstver-
ständlicher Besitz des literarisch Gebildeten91 vorausgesetzt werden, und zwar für Lukians
Rezipienten ebenso wie für den Autor Lukian selbst. Vor diesem Hintergrund ist es zu ver-
stehen, wenn Lukian in mehreren anderen Schriften die traditionelle Zweiteilung in Aut-
opsie und sekundäre Zeugenbefragung um der jeweils intendierten Pointe willen in neue,
unerwartete Zusammenhänge stellt. Dieses auf Überraschungseffekt und Verfremdung
berechnete literarische Spiel setzt als Rezipienten einen Literaturkenner voraus, welcher
aufgrund seines Vorwissens in der Lage ist, die dabei sich auftuenden Paradoxa in einer den
Intentionen des Verfassers kongenialen Weise wahrzunehmen und adäquat zu würdigen92.
Unter diesen Voraussetzungen kann Lukian im Proömium zu den in engen motivischen
Beziehungen zur Methodenschrift stehenden Verae historiae93 den phantastischen Schilde-
rungen seines als Parodie94 zu verstehenden utopischen Reiseromans den explizit ausge-
sprochenen Auftrag an den Leser voranstellen, dieser möge bei allem, was er nun zu hören
bekommen werde, seinen Worten keinen Glauben schenken, denn: «ich schreibe also über
Dinge, die ich nicht gesehen und erfahren habe, und die ich auch nicht von anderen in
Erfahrung gebracht habe»95:
   
P Q & ρ &  , ' 2 
#
Ν #,!' . «Ferner (schreibe ich) über Dinge, die es überhaupt nicht gibt und die

87
Die Reaktion griechischer und römischer Historiker auf die veränderten Rahmenbedingungen unter dem
Prinzipat ist dargestellt von Marincola (1997) 86–95.
88
Luk. «  § 5 nennt in der Zukunft mögliche Kriege zwischen Kelten und Geten oder Indern gegen
Baktrier, nicht ohne schalkhaft hinzuzufügen, daß die Unterwerfung aller einen Krieg gegen die Römer
nicht erwarten lasse.
89
Dies gilt auch für die römische Geschichtsschreibung. Tac. ann. IV 32 sieht die Notwendigkeit, den gering-
fügig scheinenden Dingen, welche er über die Verhältnisse unter dem unkriegerischen Tiberius zu berich-
ten habe, Bedeutung zu verleihen. Mit der neuen Zeit seien jedoch die großen Stoffe republikanischer Ge-
schichtsschreibung ausgegangen.
90
Dazu die positiven Kritiken des Dionysios von Halikarnass (ant. Rom. VII 71, § 1, ep. ad Pomp. § 6 und
Thuk. § 6).
91
Der literarisch Gebildete ist der   « (§ 44, ironisch § 2), der Ungebildete heißt %"'« (§ 16)
und die Ungebildetheit % bzw. $
  (§ 27). Ein ähnliches Unterscheidungskriterium fin-
det sich de dom. § 2, wo die %  den    gegenübergestellt sind.
92
Zu einem differenzierteren Lukianverständnis, welches zugleich auch eine Aufwertung des Autors Lukian
mit sich brachte, gab Nesselrath (1985) den Anstoß.
93
Zu den engen Beziehungen zwischen den beiden Schriften Georgiadou / Larmour (1994) passim, zur Ge-
staltung der Einleitungskapitel von Möllendorf (2000) 30–61.
94
Dazu ausführlich Georgiadou / Larmour (1998) 22–44.
95
Luk. ver. hist. I § 4.
134 Robert Porod

sich von vornherein gar nicht ereignen können»:  ξ & Ρ« B  & κ
$
κ  ,     96. «Deshalb dürfen die Leser alledem keineswegs Glauben
schenken». Und diesen pointierten Aussagen ist die Erklärung vorangestellt: «… da ich
nichts Wahres ('ξ $',ξ«) zu berichten (¹
 ) hatte, denn schließlich habe ich
gar nichts Nennenswertes erlebt, wandte ich mich der Lüge (:- «) zu …». In diesem
Zusammenhang wird die ganze Gattung der paradoxographischen Wunderliteratur, mit
der man sogar Herodot in Verbindung bringen konnte97, pauschal auf die Berichte des ho-
merischen Odysseus vor den Phäaken zurückgeführt. Bei Odysseus als Archegeten und
Lehrmeister der Gattung wären in Folge andere Schriftsteller gelehrig in die Schule gegangen.
So hätte sich denn in diesem Genos neben Iambulos98 namentlich auch der – von der anti-
ken Literaturkritik ohnedies nicht gerade wegen besonderer Wahrhaftigkeit geschätzte99 –
Ktesias von Knidos betätigt. Letzterer habe über Indien geschrieben, was er weder selbst
gesehen noch von einem objektiv berichtenden Informanten gehört habe: ψ & μ«
ρ & Ν  $',=  « .  100. Die beabsichtigte Pointe wird in ihrem vol-
len Ausmaß verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, mit welch stolzem Selbst-
bewußtsein Ktesias selbst die von ihm in den Indika verfolgte Methode bewertet hatte101.
Der eine ausführliche Inhaltsparaphrase gebende byzantinische Gelehrte Photios weiß
nämlich zu berichten, Ktesias habe den deklarierten Wahrheitsgehalt seines Berichtes einzig
aus Autopsie und aus über Autopsie verfügende Informanten abgeleitet. Tatsächlich jedoch
habe er, besonders in den Indika, unter reichlichem Einsatz von Pathos (μ  ,'! )
und unerwarteter Wendung ($
!' ) seine Darstellung bunt verziert und damit

96
Das erinnert an eine Stelle in einer anderen Schrift Lukians (Hermot. § 72), wo von sich über die Kate-
gorien von Realität und Möglichkeit hinwegsetzenden Phantasieprodukten die Rede ist, wie sie Träume
eingeben sowie Dichter und Maler frei imaginieren (…  I   =
  λ X
  λ
V
!  …  λ Ρ Ν B 
  λ  ' λ  λ 
« #=,
 B « $  
Κ  ! "  Κ  ,    ). Lukian kommt mehrfach auf das Thema der un-
eingeschränkt gültigen Freiheit poetischen Schaffens zu sprechen («  § 8, pro imag. § 18, Hes. § 5),
wofür die lateinische Rhetorik den Begriff der poetarum licentia kennt (Belege bei Lausberg § 983).
97
Diodor (I 69, § 7) wirft Herodot ein 
    vor, welches die $&, zugunsten des =, «
 vernachlässige.
98
Wie bei Euhemeros finden sich auch bei Iambulos (Quelle ist Diodor II § 55–60) Reminiszenzen aus dem
homerischen Phäakenland (Diod. II § 56 zitiert die in der Odyssee VII 120–21 vorliegende Beschreibung
des Phäakenlandes), dazu Ferguson (1975) 124–29, bes. 126. Repräsentativ für die Einschätzung des Iam-
bulos im aktuellen Forschungstrend Holzberg (1996) bes. 621–28. Eine Horizonterweiterung bringt ein
durch die Kenntnis der indischen Primärquellen wertvoller Beitrag von Schwarz (1982).
99
Bezeichnend ist das Urteil Plutarchs (Artax. 1, § 2): … =, $,   λ 
!
 #??'
%«  ??    κ  , vgl. ebda 6, § 6:  « ² ! «  - 
μ« μ ,«
 λ 
 μ #
! « 3« $', «. Aristoteles (hist. an. VIII 28, 606 a 8 = Didot III 169 Z. 7
= FGH III C 688 F 45 k) nennt ihn nicht glaubwürdig (K' «   % $! «). Weitere explizite
Belege aus Aristoteles sowie kritische Bezugnahmen auf Ktesias bei Arrian sind verzeichnet von Bigwood
(1989) 303. Anerkennend werden lediglich die stilistischen Qualitäten des Schriftstellers Ktestias hervor-
gehoben, so von Ps. Demetr. 
λ ;
'  « IV § 215, der ihn mit Fug und Recht als  '&« klassifi-
ziert wissen will, da er lebensechte Anschaulichkeit zu schaffen verstehe (#
 « ' 
!«).
100
Luk. ver. hist. I § 3.
101
FGH III C 688 F 45 § 51:  - 
  λ ,   K' «  $',  
 ,
# ³«  ξ μ« %Ω 
 ,  ξ 
#   ,Ω  %!  . Vgl. T 8 = Phot.
bibl. 72 p. 35 b 35 zur Methode der Persika. Eine Charakteristik der Indika geben Bigwood (1989) und
Lendle (1992) 121–24.
Von der historischen Wahrheit und dem Ende historiographischer Fiktionalität 135

nahe an das rein geschichtenerzählerische Element (#@«  - ," «102) herange-


führt103. Das schreiende Mißverhältnis zwischen solch aufreizend unbescheidenem An-
spruch und der tatsächlichen Leistung104 des Ktesias, wie man sie in der Antike bewertete,
liefert Lukian einen willkommenen Ansatzpunkt für seinen an die Adresse von literari-
schen Kennern gerichteten Spott. In den thematisch verwandten Philopseudeis105 scheut er
nicht einmal davor zurück, ähnlich wie dies bereits Strabon106 in allem Ernst getan hatte,
Ktesias Herodot an die Seite zu stellen, und zwar als Beispiel für einen Geschichtsschreiber,
dessen Lügenberichte sich nicht unterschieden von den abstrusen mythischen Fiktionen
Homers. Nur kindliche Gemüter, so erklärt Lukian weiter, wären in der Lage, all diese
absonderlichen Wundergeschichten (  $!   λ 
 ,  ) für bare
Münze zu nehmen. Es liegt auf der Hand, daß hier, wie häufig bei Lukian, die Pointe in
ihrem Selbstzweckcharakter verstanden und gewürdigt sein will. Im satirischen Teil der
vorliegenden Schrift107 verspottet Lukian einen Autor, der, obgleich er niemals auch nur
einen Fuß aus seiner Heimatstadt Korinth gesetzt hätte, seine inkompetente Schilderung
der Ereignisse in Syrien und Armenien mit der unfaßbar großspurigen – und innerhalb an-
tiker Historiographie ohne Parallele dastehenden – Ankündigung eingeleitet hätte: «Die
Ohren sind weniger glaubwürdig als die Augen; so schreibe ich denn, was ich gesehen,
nicht, was ich gehört habe»: 7[ F,  $!
. 
   ψ ρ ,
 ψ .  108. Mag sich ein derart zugespitzter Beglaubigungstopos auch für Berichts-
formen innerhalb der das Element pathetischer Überhöhung gezielt als Kunstmittel einset-
zenden Tragödie109 eignen oder allenfalls als Einleitung zu einer zwischen den Polen von

102
Bereits Thukydides (I 22, § 4) hatte das Element des ,« für sein eigenes Werk abgelehnt (mit Bezug
darauf Lukian, «  § 42).
103
FGH III C 688 T 13 = Phot. bibl. 72 p. 45a 10–15.
104
Der Versuch einer gerechten Würdigung aus heutiger Sicht wurde von Bigwood (1989) mit Erfolg unter-
nommen. Dieser untersucht die Inhaltsparaphrase des Photios und stellt abschließend fest (316): «this was
a work very similar in structure and content to earlier Greek descriptions of far-off lands. It was not
entirely the confused jumble of paradoxes which critics have claimed». Für eine angemessene Beurteilung
des Werkes ist zu beherzigen, was sich über den unhistorischen Inhalt der sich auf indische Lebensweise
und Geographie konzentrierenden Indika aussagen läßt (313): «There is no trace of history in any of the
fragments of Ctesias’ Indica and most probably the original description contained none».
105
Luk. Philops. § 2. Dazu \I]O_EYaEIb H APIbT[N (2001). Das Verhältnis dieser Schrift zu den
verae historiae ist erklärt von Anderson (1976 b) bes. 23–33.
106
Strab. XI 6 § 3 = C 507: Ktesias, Herodot (durch die kopulativen Partikeln  …  λ verbunden), Hella-
nikos und andere von dieser Art hätten, nach dem Vorbild erklärter , 
  einzig auf darstelleri-
sche Wirkung bedacht, # ¹
« &  gesagt, ψ '  ρ 'ξ '  ,% .  
 
%! . Strabo gebraucht die beiden Parameter von Autopsie und Sekundärinformation auch in seiner
Kritik an sachlich unzureichenden Berichten über das Land Indien (XV 1 § 2 = C 685).
107
Luk. «  § 29.
108
Gar nicht zu reden davon, daß es sich beim ersten Kolon unverkennbar um ein in Rhetorenkreisen wohl-
bekanntes Herodotzitat handelt (Her. I 8, § 2: τ 
  $ ,
"  #!  $!
F,-
 . Bezugnahme auf diese Worte des Kandaules an Gyges bei Dionys. Hal. ars rhet. XI § 4 = Us. /
Rad. VI 2, 378, Z. 7–8 und bei Lukian, de dom. § 20.
109
Euripides und Sophokles bedienen sich derartiger sprachlich frei variierbarer Topoi. Bei Eur. Suppl. 684
sagt der Bote: = ξ  -   = , vgl. Iph. Taur. 901 und Soph. Tro. 746–47, Hinweis bei
Russell (1992) 109. In § 25 verspottet Lukian einen Autor, der die angebliche Kunde vom tragisch insze-
nierten Selbstmord Severians mit einem Schwur bekräftigen zu müssen glaubte (#   «, g κ
$ -  « …).
136 Robert Porod

Faktizität und Fiktionalität110 schillernden Erzählung (&'«) vom Typus des dioni-
schen Euboikos111. Innerhalb der Geschichtsschreibung, so ist Lukians Kritik zu verstehen,
nimmt sich eine derartige Beteuerung ganz unpassend aus, zumal wenn ein Historiker evi-
dentermaßen gerade das Gegenteil von dem mit großtuerischer Attitüde Angekündigten
leistet.

IV.

Es ist an der Zeit, die wichtigsten Ergebnisse zusammenzufassen.

I) Zu Lukians Definition der wissenschaftlichen Arbeitsweise des Historikers:

1) Es hat sich ergeben, daß Lukian sich in der Frage nach den Möglichkeiten historischer
Wahrheitsfindung nicht nur mit dem thukydideischen Methodenkapitel vertraut zeigt, auf
welches er sich andernorts112 als auf eine ideale Vorgabe bezieht, sondern auch mit den spä-
teren Entwicklungsstadien der dort angelegten Prinzipien und Formulierungen, wie sie sich
im Medium von Historiographie und Rhetorik nachweisen ließen113. Er repräsentiert somit
denjenigen Standard, welcher für die historiographische Debatte und deren Rezeption in-
nerhalb rhetorischer Theorie und Praxis zu seiner Zeit vorausgesetzt werden kann. 2) Den
bei Thukydides angelegten Gedanken der Κ  der Gewährsmänner weitet Lukian in
einer die Problematik des Umgangs mit tendenziöser Berichterstattung kräftig ins Zentrum
stellenden Weise aus114. Diese gegenüber Thukydides modifizierte und an die politischen
Verhältnisse der eigenen Zeit angepaßte115 Schwerpunktverlagerung steht in inhaltlichem
und motivischem Zusammenhang mit Lukians Definition von Intellekt (§ 34) und Ethos
(§ 38–41) des Historikers. Letzterer Gesichtspunkt wird an anderer Stelle weiterführend
aufzugreifen sein116. 3) Lukians souveräne Beherrschung konventioneller Elemente117 er-
laubt es ihm auch, diese in anderen Schriften zu satirisch-parodistischen Zwecken einzu-
setzen. Dieses dementsprechend informierte Rezipienten voraussetzende Verfahren läßt
einen unverstellten Blick auf die in dieser Frage gültigen antiken Standards zu.

110
Charakteristisch für diese moderne Sichtweise ist die letzte umfassende Untersuchung von Krause (2003)
61 und erläuternd dazu 21–24, zu beachten ist auch Anderson (2000) bes. 145–50.
111
Dio Chrys. or. VII. Der Einleitungssatz (§ 1) lautet: T! κ μ« %" ,  
# ;
 $ = «,
'&  .
112
Luk. «  § 42.
113
Dieser Umstand wird in der Regel unterschätzt, so von Macleod (1991) 288–89, auch Homeyer (1965)
260–61 bietet keine systematische Erfassung der Traditionsschichten. Generell werden Lukians Quellen-
kenntnise häufig zu gering angesetzt, zuletzt Whitmarsh (2001) 33: «… some authors (such as Lucian)
seem to have encountered canonical texts primarily in well-known excerpts».
114
Dazu Anm. 45.
115
Das Problem des Umgangs mit tendenziöser Berichterstattung unter monarchischen Regierungsformen
war erstmals unter den politischen Bedingungen des 4. Jh.s v. und besonders unter Alexander aktuell ge-
worden, für kaiserzeitliche Historiker ist es eine ständig präsente Gegebenheit.
116
Vgl. dazu die Einleitung zu meinem geplanten Kommentar zu Lukians Methodenschrift (Anm. 4).
117
Zu den oben genannten Belegen kann die Herodotimitatio in der Schrift de dea Syria hinzugefügt werden,
bes. § 1: …  $'    ξ  : 9 '  ," ,  ξ 
  ¹
 #' , ²! #! 
#- 
?=
#Ω ¹
, dazu Lightfoot (2003) 289–90. Bei der Schrift als ganzer handelt es sich
wohl um ein Pasticcio, so Lightfoot 198.
Von der historischen Wahrheit und dem Ende historiographischer Fiktionalität 137

II) Zu den sich für die antike Sichtweise ergebenden Konsequenzen:

Das zum Vergleich mit Lukians Gestaltung vorgelegte primäre Quellenmaterial zeigt zu-
verlässig die Richtung an, wie das auf sachliche Forschungsarbeit bezogene Selbstverständ-
nis antiker Historiker sowie die von diesen erwartete Leistung einzuschätzen ist. Es ist not-
wendig, auf diesen Sachverhalt mit Nachdruck hinzuweisen, da die durch Wiseman und
Woodman vertretenen Positionen in den letzten beiden Jahrzehnten einen die Primärquel-
len selektiv heranziehenden und deren Aussagewert verkürzenden Forschungstrend ausge-
löst haben118. Es ist an der Zeit, einseitige moderne Einschätzungen der Gattung Ge-
schichtsschreibung und der innerhalb dieser anerkannten Forschungsmethoden mit Blick
auf den eindeutigen Befund einschlägiger antiker Zeugnisse, welche die Vorstellung einer
innnerhalb der Historiographie als legitim erachteten Fiktionalität119 nicht kennen, zu kor-
rigieren. In diesem Sinne versteht sich vorliegende Untersuchung über das engere Thema
Lukian hinaus auch als Beitrag zu einem von zeitgenössischen Vorurteilen unbelasteten
Verständnis griechischer Historiographie.

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118
Vgl. Anm. 56. Es soll nicht unkritisch eine Identität von jeweiligem Programm und tatsächlicher For-
schungsleistung behauptet werden. Hier wird lediglich darauf hingewiesen, daß es einen Konsens darüber
gab, daß die Gattung der ¹
eine wahrheitsgetreue Wiedergabe von real Geschehenem zu leisten
habe. Auch Lukian weist in Übereinstimmung mit der gängigen Sichtweise wiederholt darauf hin, daß es
die Aufgabe des Historikers sei, über Tatsachen zu berichten (§ 7 und § 59: ¹
   ' /

 ), denn (§ 39):  - κ 
« 
 > – ³« #
,' % , was durch das
anschauliche Spiegelgleichnis (§ 51) erläutert wird. Dies ist auch der Sinn einer bekannten Erklärung des
ansonsten kaum an Geschichtsschreibung interessierten Aristoteles (poet. 9, 1451 a 36–1451 b 11), welche
besagt, daß die auf das Allgemeine hin orientierte Dichtung nach den Parametern von Wahrscheinlichkeit
und Notwendigkeit auf das Mögliche (   bzw. H ω   ) abziele, während der Geschichts-
schreiber über das real Geschehene (  ! ) zu berichten habe, wofür als Beispiel angeführt wird:
 #A?'« 
 ν   , . Woodman (1988) 26–27 läßt demgegenüber die Grenzen zwi-
schen Realität und Fiktion verschwimmen, indem er die Historiker von einem hard core of apparently
reliable knowledge ausgehen läßt, um welchen herum sie a set of rules based on their own and their readers’
expectations of what was likely to have happened in a given situation strukturierten. Es ist zwar nicht zu be-
zweifeln, daß ein derartiges Verfahren nicht selten in der Praxis tatsächlich angewandt wurde, aber dabei
handelte es sich eben nach allgemeinem Verständnis um unstatthafte Verstöße gegen die gattungsimma-
nenten Prinzipien, welche von Kritikern immer auch als solche namhaft gemacht wurden. Von einer legi-
timen Vermischung der Ebenen von Realität und Fiktion kann daher innerhalb der Gattung der ¹

nicht ausgegangen werden. Einen ähnlichen Standpunkt vertritt Cornell (1982) in seiner lesenswerten Re-
zension zu Wisemans Buch.
119
So Woodman (1988) 26–27, vgl. Anm. 118.
138 Robert Porod

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Kaiser und Gott in den Panegyrici Latini 141

Angelika Starbatty

Kaiser und Gott in den Panegyrici Latini

Unterschiedliche Aspekte der XII Panegyrici Latini haben das Interesse der althistorischen
Forschung auf sich gezogen, wobei sich die Wissenschaft insbesondere auf einzelne Reden
konzentriert hat.1 Die Beschäftigung mit dem gesamten Corpus2 hingegen stand häufig in
Zusammenhang mit Arbeiten über die Spätantike, welchen diese Reden als wertvolle Quel-
len dienten.3 Ferner stellten die gattungsspezifischen Merkmale solcher epideiktischen Re-
den sowie die Frage nach der Darstellung des Kaisers in den Panegyrici Latini wesentliche
Forschungsschwerpunkte dar.4

1
Vgl. etwa die Arbeiten zu Plinius’ Panegyricus auf Trajan: U. Häfele, Historische Interpretationen zum Pa-
negyricus des jüngeren Plinius, phil. diss. Freiburg 1958; W. Kühn, Plinius der Jüngere. Panegyricus. Lob-
rede auf den Kaiser Trajan, Darmstadt 1985; J. Mesk, Zur Quellenanalyse des Plinianischen Panegyricus,
WS 33, 1911, 71–100; K. Strobel, Zu zeitgeschichtlichen Aspekten im Panegyricus des jüngeren Plinius:
Trajan – «imperator invictus» und «novum ad principatum iter», in: J. Knape und K. Strobel (Hrsgg.), Zur
Deutung von Geschichte in Antike und Mittelalter, Plinius d. J. «Panegyricus», «Historia apocrypha» der
«Legenda aurea», Bamberg 1985, 9–112. Mit der Rede aus dem Jahr 307 n. Chr. beschäftigte sich C. E. V.
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(307), Historia 42, 1993, 229–246. Panegyricus VI war für B. Müller-Rettig, der Panegyricus des Jahres 310
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gyrique VI, in: M. Renard et R. Schilling (Hrsgg.), Hommages à J. Bayet (Collection Latomus, Vol. LXX),
Brüssel-Berchem 1964, 697–706 Gegenstand der Forschung. R. C. Blockley, The Panegyric of Claudius
Mamertinus on the Emperor Julian, AJPh 93, 1972, 437–450; H. Gutzwiller, Die Neujahrsrede des Konsuls
Claudius Mamertinus vor dem Kaiser Julian: Text, Übersetzung und Kommentar, Basel 1942 und C. E. V.
Nixon, The «Epiphany» of the Tetrarchs? An Examination of Mamertinus’ Panegyric of 291, TAPA 111,
1981, 157–166 befassten sich mit dem Panegyricus von Claudius Mamertinus. Die Lobrede auf Theodosius
erforschten A. Lippold, Herrscherideal und Traditionsverbundenheit im Panegyricus des Pacatus, Histo-
ria 17, 1968, 228–250 und C. E. V. Nixon, Pacatus: Panegyric to the Emperor Theodosius, Liverpool 1987.
2
Als die beiden maßgeblichen Textausgaben sind E. Galletier, Panégyriques latins, Bd. 1–3, Paris 1949–55
sowie C. E. V. Nixon/B. Saylor Rodgers, In Praise of Later Roman Emperors. The Panegyrici Latini.
Introduction, Translation, and Historical Commentary with the Latin Text of R. A. B. Mynors, Berkeley
u. a. 1994 zu nennen.
3
Siehe dazu F. Kolb, Herrscherideologie in der Spätantike, Berlin 2001; S. MacCormack., Art and Ceremony
in Late Antiquity, Berkeley 1981; A. Straub, Vom Herrscherideal in der Spätantike, Stuttgart 1939, Reprint.
1964.
4
Vgl. etwa L. K. Born, The Perfect Prince according to the Latin Panegyrists, AJPh 55, 1934, 20–35; F. Bur-
deau, L’empereur d’ après les Panégyriques Latins, in: F. Burdeau u. a.(Hrsgg.), Aspects de l’empire
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XII Panegyrici Latini and the Perfect Prince, Aclass 15, 1972, 71–76.
142 Angelika Starbatty

Den Aspekt der Religion im Corpus der XII Panegyrici Latini haben in den siebziger und
achtziger Jahren des letzen Jahrhunderts Jean Béranger, John H. W. G. Liebeschuetz und
Barbara Saylor Rodgers beleuchtet. 5 Dabei setzten sie sich in erster Linie mit der außerge-
wöhnlichen Beziehung zwischen Herrschern und Gottheiten auseinander. Dieser gilt auch
in diesem Aufsatz das Hauptinteresse, jedoch wird hier, in Abgrenzung zu den bisherigen
Arbeiten, die Auffassung vertreten, dass alle Panegyriker – die Darstellung des Verhältnis-
ses von Kaiser und Gott betreffend – ihre Reden in Anlehnung an Diokletians Konzeption
eines theokratischen Herrschaftssystems verfasst haben.6

I.

In der Antike war es seit jeher Brauch den Herrscher mit einer numinosen Ausstrahlung zu
versehen.7 Römische Herrscher hatten beispielsweise schon immer die Schirmherrschaft
eines bestimmten Gottes für sich beansprucht. Dabei spielten Jupiter und Hercules seit Be-
ginn des Principats eine hervorragende Rolle. 8 Horaz präsentierte Augustus als den irdi-
schen Stellvertreter Jupiters und bezeichnete ihn als praesens divus, welcher auf der Erde
herrsche, während jener im Himmel regiere.9 So kam unter Augustus die Vorstellung auf,
dass der Princeps von den Göttern erwählt und vorausbestimmt worden sei, um Jupiter auf
der Erde zu vertreten.10 Diese Vorstellung steigerte sich im Laufe der Jahre noch, indem
dem Kaiser in zunehmendem Maße Attribute der höchsten Gottheit zugeschrieben wurden
und jener sich so immer mehr Jupiter annäherte. Dies hatte zur Folge, dass es in der Lite-

5
Siehe J. Béranger, L’expression de la divinité dans les Panégyriques Latins, MH 27, 1970, 242–254;
J. H. W. G. Liebeschuetz, Continuity and Change in Roman Religion, Oxford 1979; dies., Religion in the
Panegyrici Latini, in: F. Paschke (Hrsg.), Überlieferungsgeschichtliche Untersuchungen, Berlin 1981,
389–398 und B. Saylor Rodgers, Divine Insinuation in the Panegyrici Latini, Historia 35, 1986, 69–104.
6
Sowohl Liebeschuetz als auch Saylor Rodgers nehmen eine Zweiteilung der Panegyrici Latini vor. Dabei
unterscheidet Saylor Rodgers in einem ersten Teil zwischen «early» (V–XI) und «late» (II–IV) Panegyrici
und stellt Unterschiede in der Terminologie fest: «The orator’s terminology has changed by the end of the
fourth century. In the later panegyrics, especially in the last three, the speakers rarely attribute superhuman
qualities to the emperor, […].» (74) In einem zweiten Teil erörtert sie für die jeweilige Rede die Gesichts-
punkte der Sakralisierung des Herrschers, um diese abschließend miteinander zu vergleichen. Liebeschuetz
grenzt die Panegyrici Latini, die während der Ersten Tetrarchie entstanden sind, von den anderen ab. Für
ihn ist eine eindeutige Wende auszumachen: «In the speeches written after 306 and the end of the first
tetrarchy, the religious atmosphere changed. […] There is a return to the tradition of treating government
as an essentially secular activity.» (396) Béranger untersucht jede Rede des Corpus für sich genommen in
chronologischer Reihenfolge – mit dem Panegyricus von Plinius beginnend, wobei er insbesondere auf die
Verwendung von religiöser Sprache eingeht und darlegt, inwiefern sich im Verhältnis von Kaiser und Gott
«la pensée religieuese» (242) der Zeit widerspiegelt. Die Frage, ob es in den Werken der Panegyriker hin-
sichtlich der Beziehung von Kaiser und Gottheit Aspekte gab, die allen Reden gemeinsam waren, wird von
Béranger nicht thematisiert.
7
Vgl. A. Alföldi, Die monarchische Repräsentation im römischen Kaiserreiche, Darmstadt 1970, 186 ff.;
F. Burdeau, L’empereur d’après les Panégyriques Latins, 10 ff. bes. 30 f.; J. R. Fears, Princeps a diis electus:
The Divine Election of the Emperor as a Political Concept at Rome, Rom 1977.
8
Vgl. F. Kolb, Diocletian und die Erste Tetrarchie. Improvisation oder Experiment in der Organisation mo-
narchischer Herrschaft?, Berlin, New York 1987, 89 mit Anm. 263.
9
Hor. carm. 3, 5,1–4: «Caelo tonantem credidimus Iovem / regnare: praesens divus habebitur / Augustus
adiectis Britannis / imperio gravibusque Persis.»
10
Vgl. J. R. Fears, RAC XI, 1981, 1103–1159, s. v. Gottesgnadentum (Gottkönigtum), 1121.
Kaiser und Gott in den Panegyrici Latini 143

ratur des 3. Jahrhunderts n. Chr. ein locus communis war, die Macht des Herrschers als von
Jupiter gegeben darzustellen. Eine letzte Zuspitzung erfuhr diese Ansicht durch Diocleti-
ans Konzeption der Herrschaft.
Diese enge Verbindung des römischen Herrschers zu den Göttern, insbesondere Jupiter,
kam durch mehrere Faktoren zu Stande. Einen bedeutenden Aspekt nahm die pietas ergo
deos ein. Diese pflichtmäßige, respektvolle Gesinnung den Göttern gegenüber zeigte sich
daran, dass der Herrscher ihnen mit Ehrfurcht begegnete, indem er ihnen zum Beispiel
Tempel und Altäre errichtete sowie Weihgeschenke darbrachte. Eine solche Reverenz
wurde durch Wohlwollen der Götter gegenüber dem Kaiser gewürdigt, das sich in seiner
felicitas äußerte. Diese wiederum brachte dem Herrscher militärische Erfolge ein und
führte in Verbindung mit seiner Tapferkeit zu seiner Unbesiegbarkeit.11 In seinem Werk Pro
lege Manilia schrieb Cicero Pompeius eine gottgegebene felicitas zu12 und Vergil berichtete
in der Aeneis von der göttlichen Gunst, die Augustus in der Schlacht bei Actium zum Sieg
verholfen habe.13
Die felicitas bedeutet einerseits, dass ihr Träger selbst Glück hat, und andererseits dass er
dieses verleihen kann. In diesem Sinne meint felicitas imperii den glücklichen Zustand des
Reiches, der durch den Herrscher hervorgerufen wird. Aufgrund seiner felicitas ist dieser
nämlich unbesiegbar (invictus), was wiederum zu Frieden und Eintracht im Imperium
führt. Somit resultiert aus der felicitas das aureum saeculum. Der Herrscher ist Dank seiner
felicitas und seiner virtutes in der Lage, dem römischen Volk salus zu bringen. Er hat die
notwendige Macht und Begabung sowie die erforderliche Gunst der Götter, um seinem
Volk zu geben, was es braucht. Demnach übernimmt er die Rolle eines Wohltäters. Nach
griechisch-römischer Vorstellung konnte ein Mensch, der seinen Mitmenschen zum Wohl-
ergehen verhalf, göttlich verehrt werden.14
Unter Augustus wurde der Kult seines genius sowie seines numen eingeführt.15 Somit
wurden seinem genius, so wie demjenigen jedes pater familias im privaten Rahmen, öffent-
lich Opfer dargebracht. Die numina bezeichneten für die Römer die Eigenschaften, genauer

11
Siehe dazu L. K. Born, The Perfect Prince according to the Latin Panegyrists, AJPh 55, 1934, 20–35;
F. Burdeau, L’empereur d’ après les Panégyriques Latins, in: F. Burdeau u. a.(Hrsgg.), Aspects de l’empire
romain, Paris 1964, 1–60; S. MacCormack, Latin Prose Panegyrics, in: T. A. Dorey (Hrsg.), Empire and
Aftermath, Silver Latin II, London/Boston 1975, 143–205; dies., Latin Prose Panegyrics: Tradition and
Discontinuity in the later Roman Empire, REAug 22, 1976, 29–77; M. Mause, Die Darstellung des Kaisers
in der lateinischen Panegyrik, Stuttgart 1994; G. Sabbah, De la Rhétorique à la communication politique:
les Panégyriques latins, BAGB 4, 1984, 363–388; R. Seager, Some Imperial Virtues in the Latin Prose Pa-
negyrics, The Demands of Propaganda and the Dynamics of Literary Composition, in: F. Cairns (Hrsg.),
Papers of the Liverpool Latin Seminar, Fourth Volume, 1983, Liverpool 1984, 129–165; R. H. Storch, The
XII Panegyrici Latini and the Perfect Prince, Aclass 15, 1972, 71–76.
12
Cic. Manil. 16,47.
13
Verg. Aen. VIII 675–713.
14
Vgl. M. P. Charlesworth, Some Observations on Ruler-Cult especially in Rome, HarvTheolRev 28, 1935,
9.; Fears, Gottesgnadentum, 1131. Er fügt hinzu: «Die griech.-röm. Vorstellung vom Gottkönigtum ist
weitgehend geprägt von dem allgemeineren Phänomen der Vergottung von Wohltätern.»
15
Siehe dazu Béranger, L’expression de la divinité, 245. Er sagt, dass der genius sozusagen das zweite geistige
Ich repräsentiere, während das numen eine Wirkungskraft sei, die auf den Lebenden wirke.; P. A Brunt,
Divine Elements in the Imperial Office, JRS 69, 1979, 168; Burdeau, L’Empereur d’après les Panégyriques
Latins, 21 f.; Charlesworth, Observations on Ruler-Cult, 22.; J. R. Fears, RAC XIV, 1988, 1047–1094, s. v.
Herrscherkult, 1061; ders., Gottesgnadentum, 1152; D. Fishwick, Genius and Numen, HarvTheolRev 62,
1969, 356–367.
144 Angelika Starbatty

gesagt, die Wirkungskräfte der Gottheiten. Demzufolge verehrte man die göttlichen We-
senszüge, die sich im Kaiser offenbarten und erkannte seinen charismatischen Charakter
offiziell an. Der Kult des Numen Augusti wurde zu einem offiziösen Teil der römischen
Staatsreligion und folglich auch von Priestern zelebriert. Die Untertanen konnten den
Princeps dadurch als Gott verehren, obwohl er zu Lebzeiten nicht unter die Götter des
römischen Staates gezählt wurde. Auch wenn er selber kein Gott war, so konnte er den-
noch den göttlichen Willen vermitteln.
Nach Auffassung der Griechen und Römer waren die Götter ein Teil ihrer eigenen Welt
und sie standen nicht darüber oder außerhalb davon.16 Folglich bestand zwischen Men-
schen und Göttern nach antiker Vorstellung keine unüberwindliche Barriere; die göttliche
Sphäre wurde also nicht für unerreichbar gehalten. Man ging davon aus, dass ein Mensch
zum Gott werden konnte. Überdies war die Erscheinung des Göttlichen für die Römer
nichts Außergewöhnliches. Dass man sich die Götter als bei jeder Handlung anwesend
dachte, war eng an den Glauben daran gebunden, dass Wohlergehen und Erhalt des römi-
schen Reiches von der Gunst der Götter abhängig seien. In diesem Zusammenhang steht
die sakrale Aura, von welcher der römische Kaiser umgeben war. In seinen Taten konnte
sich der göttliche Wille zeigen, durch ihn manifestierte sich das Wohlwollen der Götter.

II.

Dieser Tradition der Sakralisierung des Herrschers schlossen sich die Verfasser des Corpus
der Panegyrici Latini an, wobei sie die Kaiser jedoch in viel stärkerem Maße sakral über-
höhten, als es je zuvor geschehen war. Das Corpus der XII Panegyrici Latini enthält elf Lob-
reden auf verschiedene Kaiser aus den Jahren 289–389 und den Panegyricus von Plinius dem
Jüngeren, der an der Spitze dieser Auswahl steht. In seiner Funktion als Musterrede wurde
er von den nachfolgenden Lobrednern als Hilfsmittel konsultiert. Durch die Zugehörigkeit
dieser Reden zum genus demonstrativum, zur Gattung der Prunk- und Festreden, waren die
rhetorischen Vorschriften vorgegeben. So bestand die Hauptaufgabe eines Panegyrikers
darin, seinem Auditorium Vergnügen zu bereiten 17 und Anerkennung zu erlangen18. Dies
versuchte er, einerseits durch eine kunstvolle sprachliche Ausgestaltung zu erreichen; an-
dererseits war er besonders darauf bedacht, sich des Wohlwollens des Adressaten, also des
Herrschers, zu versichern. Dieser setzte sozusagen den Maßstab für die rednerische Auf-
gabe des delectare.
Seit den Anfängen der epideiktischen Beredsamkeit in Athen im 5. Jh. v. Chr. hatte sich
eine Topik entwickelt, die den Verfassern der spätantiken Panegyrici Latini zur Verfügung
stand. Dadurch konnte der Aufbau des Werks schon mehr oder weniger festgelegt sein.
Einen besonderen Beitrag dazu hatten zum einen Plinius mit der bereits erwähnten gratiarum
actio auf den Kaiser Trajan aus dem Jahr 100 n. Chr. und zum anderen Menander Rhetor

16
Zum Folgenden vgl. Burdeau, L’Empereur d’après les Panégyriques Latins, 11; J. Martin, Zum Selbst-
verständnis, zur Repräsentation und Macht des Kaisers in der Spätantike, Saeculum 35, 1984, 115. 117.
17
Vgl. Cic. part. 4, 11. Er sagt, dass der Redner einer epideiktischen Rede sich als Ziel die delectatio in exor-
natione setzt und 21,72 äußert er, dass in einer solchen Rede «omnis ratio fere ad voluptatem auditoris et ad
delectationem refertur».
18
Quint. Inst. III 8, 7: «nec mirum, cum etiam in panegyricis petatur audientium favor, ubi emolumentum
non utilitate aliqua, sed in sola laude consistit.»
Kaiser und Gott in den Panegyrici Latini 145

geleistet. Diesem ist die Abhandlung Pλ 


 , über die epideiktischen Reden,
aus dem 3. Jh. n. Chr. zu verdanken, in der an erster Stelle das Herrscherlob, der  μ«
« behandelt wird. Die Panegyrici Latini hatten folglich einen konventionellen und tra-
ditionellen Charakter. Dieser zeigte sich auch daran, dass die Individualität der Herrscher-
persönlichkeit kaum eine Rolle spielte.19
Betrachtet man die Panegyrik aus rhetorischer Sicht, so dürfen die kommunikativen
Rahmenbedingungen, das sogenannte Setting,20 nicht unbeachtet bleiben. Im argumentati-
ven Kontext geht es dabei um Aspekte wie den Ort, die Persönlichkeit des Redners, den
Anlass, die Absicht, das Auditorium oder den zeitgeschichtlichen Hintergrund. Das rheto-
rische Geschick bestand darin, einen Bezug zu jenem Kontext herzustellen und diesen ge-
konnt zu verwenden. Ein Panegyricus gehörte stets als fester Bestandteil zu einem Zere-
moniell. Dieses konnte aufgrund zahlreicher Anlässe begangen werden, wie etwa wegen
eines Jahrestages, Regierungsjubiläums oder eines kriegerischen Erfolges. In diesem Rah-
men war es für den Redner angemessen, sich religiöser Sprache zu bedienen sowie den
Herrscher mit einer sakralen Aura zu umhüllen.

III.

Dieser Anspruch wurde in den einzelnen spätantiken Panegyrici Latini zwar auf unter-
schiedliche Art und Weise umgesetzt, jedoch haben sich in letzter Konsequenz alle Reden
auf die tetrarchische Tradition einer Theokratie gestützt. Dies gilt auch für diejenigen, die
nach Constantins Hinwendung zum Christentum entstanden sind. Hinsichtlich des Ver-
hältnisses zwischen Kaiser und Gottheit scheint sich nämlich die Sichtweise innerhalb der
Panegyrici Latini nicht wesentlich verändert zu haben, obwohl der historische Kontext der
jeweiligen Reden stark variieren konnte, wie im Folgenden noch zu sehen sein wird.
Jene Beziehung zwischen Herrschern und Göttern basierte in allen spätantiken Panegy-
rici Latini auf drei Komponenten:
1. Die Kaiser wurden von den Göttern bestimmt.
2. Die Kaiser wurden mit bestimmten Göttern verglichen oder sogar gleichgesetzt.
3. Die Panegyriker wiesen den Herrschern die numina dieser Götter zu, was bedeutete,
dass sie die Kaiser als mit den göttlichen Qualitäten und Wirkungskräften ausgestattet,
darstellten.
Erstmals findet sich diese Art der Sakralisierung der Kaiser in den Panegyrici Latini der
Ersten Tetrarchie. Folglich in den Reden X und XI, die in den Jahren 289 und 291 n. Chr.,
also während der Dyarchie der beiden Augusti Diocletian und Maximian, entstanden, so-
wie in den Panegyrici Latini VIII und IX, die nach der Ernennung der beiden Caesares Cons-
tantius Chlorus und Galerius im Jahr 293 n. Chr., nämlich 297 oder 298, verfasst wurden.
Von besonderer Bedeutung sind in diesem Kontext die sakralen Cognomina Iouius
und Herculius. Diocletians Konzeption der Herrschaft basierte auf der Schaffung einer gött-
lichen Familie (domus divina).21 Mitglieder derselben waren zunächst ab 286 die beiden Au-

19
Vgl. MacCormack, Art and Ceremony, 6.
20
Siehe dazu: J. Knape, Was ist Rhetorik?, Stuttgart 2000, 87 ff.
21
Zum Folgenden vgl. Kolb, Diocletian, 90 ff.; ders., Herrscherideologie, 22. 27 f. 35 ff.167 ff.
146 Angelika Starbatty

gusti, also Diocletian selbst und sein Mitregent Maximian. Dieser wurde als Bruder ( frater)
Diocletians in dessen Familie adoptiert. Er nahm das Cognomen Herculius an, während
Diocletian zum Iouius wurde. Seit 293 gehörten auch die beiden Caesares, die einerseits in
brüderlichem Verhältnis zueinander standen und andererseits Söhne ( filii ) der Augusti wa-
ren, zu dieser göttlichen Familie.
Zu Söhnen der Augusti wurden sie zum einen aufgrund ihres Amtes und zum anderen
durch Adoption. So adoptierte Diocletian den Galerius und Maximian den Constantius.
Die beiden Caesares erhielten jeweils den Beinamen ihres Adoptivvaters.22 Folglich wurde
Constantius zu einem Herculius und Galerius zu einem Iouius. Dadurch, dass die Caesares
jeweils die Tochter ihres Vaters heirateten, wurde die verwandtschaftliche Beziehung unter-
einander noch enger verknüpft. Damit war beispielsweise Maximian gleichzeitig Vater und
Schwiegervater von Constantius sowie Onkel des Galerius. Zu dieser domus divina gehörten
lediglich die vier Herrscher, jegliche Blutsverwandte derselben waren ausgeschlossen. Damit
versuchte Diocletian den Kampf um die Herrschaft innerhalb der Familie zu vermeiden. Der
Rivalität der Familienmitglieder sollte so vorgebeugt werden. Im Jahr 291 n. Chr. äußerte
sich der Panegyriker in seiner Rede zum Geburtstag des Kaisers Maximian folgendermaßen:
Quos quidem, sacratissime imperator, quotiens annis uoluentibus reuertuntur, uestri pariter ac
uestrorum numinum reuerentia colimus, siquidem uos dis esse genitos et nominibus quidem
uestris sed multo magis uirtutibus approbatis. […] cognouimus quae causa faciat ut numquam
otio adquiescere uelitis. Profecto enim non patitur hoc caelestis ille uestri generis conditor uel
parens. Nam primum omnium, quidquid immortale est stare nescit, sempiternoque motu se
seruat aeternitas. Deinde praecipue uestri illi parentes, qui uobis et nomina et imperia tribue-
runt, perpetuis maximorum operum actionibus occupantur.23
Die Kaiser beweisen also laut Redner einerseits durch ihre Namen, Iouius und Herculius,
andererseits noch viel mehr durch ihre Qualitäten (uirtutes), dass sie von den Göttern
Jupiter und Hercules gezeugt worden sind. Dementsprechend können sie als deren Söhne
bezeichnet werden. Aus der Annahme der göttlichen Vaterschaft resultiere, dass sie von
Geburt an die Wirkungskräfte ihrer Väter besäßen und somit eben auch deren Qualitäten,
die sich in ihren Handlungen zeigten. So teilt sich der Herrscher mit der Gottheit be-
stimmte göttliche Attribute, wie zum Beispiel die Unsterblichkeit beziehungsweise Ewig-
keit. Die Kaiser werden hier vom Panegyriker den Göttern angeglichen. Wenn die Götter
ununterbrochen mit Taten von größter Bedeutung beschäftigt sind, so zeichnen sich folg-
lich auch die Herrscher durch unermüdliche Tätigkeit aus.
Die Panegyriker bezeichnen die Herrscher aber auch unabhängig von einem Vergleich
mit den Göttern als unsterblich.24 Die aeternitas der tetrarchischen Herrschaft sollte außer-
dem durch die Nachfolgeregelung gewährleistet sein. Wenn es nämlich immer zwei Caesa-
res gäbe, die im direkten Anschluß an die freiwillige Abdankung des Herrscherpaares der
Augusti nachfolgten und dann ihrerseits neue Caesares ernannten, wäre die Unsterblichkeit
und Ewigkeit dieses Herrschaftssystems garantiert.

22
Vgl. Pan. Lat. IX 8,1: «Credo igitur, tali Caesar Herculius et aui Herculis et Herculi patris instinctu tanto
studium litterarum fauore prosequitur». Mit Caesar Herculius ist hier Constantius gemeint, sein Vater ist
demnach Maximian und sein Großvater Hercules. Die Panegyrici Latini werden zitiert nach Nixon/Saylor
Rodgers, In Praise of Later Roman Emperors.
23
Pan. Lat XI 2,3–4 und 3,1–3.
24
Vgl. z. B. ebd. VIII 3,2. 13,3; IX 16,4.
Kaiser und Gott in den Panegyrici Latini 147

Aus der Tatsache, dass Jupiter als Begründer beziehungsweise Vater uestri generis be-
zeichnet wird, lässt sich entnehmen, dass die Iouii und Herculii ein und demselben Ge-
schlecht entstammen. Die Herrschaft wurde Diocletian und Maximian von ihren parentes
verliehen, womit Jupiter und Hercules gemeint sind, wie aus der anschließenden Darstel-
lung offensichtlich wird.25 Das bedeutet, dass Jupiter einerseits der Vater der Iouii und an-
dererseits der Urheber des einen Geschlechts ist, das sich sowohl in die Iouii als auch die
Herculii, die Hercules zum Vater haben, aufteilt. Daher wird im Panegyricus X 4,2 auch
von tuus Hercules hingegen aber von Iouis uester gesprochen. Insofern ist in der Herrschafts-
konzeption Diocletians alle Macht auf Jupiter zurückzuführen, er ist der auctor deus und
der summus pater. 26 Die Mitglieder der domus divina haben ihre Herrschaft also von ihm er-
halten und herrschen nicht nur Dank seiner Gnade und Gunst, sondern auch weil sie an
seiner Göttlichkeit beziehungsweise derjenigen des Hercules teilhaben.
Im Panegyricus X 11,6–7 wird die Handlungsweise des Iouius Diocletian und Herculius
Maximian und deren Verhältnis zueinander in Entsprechung zu Jupiter und Hercules
gesetzt. Dabei bezeichnet der Panegyriker die beiden Götter als summi auctores, wobei er
Jupiter als rector caeli charakterisiert und Hercules als pacator terrarum darstellt. 27 Analog
dazu wird gesagt: «[…], sic omnibus pulcherrimis rebus, etiam quae aliorum ductu gerun-
tur, Diocletianus †facit, tu tribuis effectum.» Leider ist der Satz gerade an der Stelle zer-
stört, die hauptsächlich zu seinem sicheren Verständnis beitragen würde. Dennoch lässt
sich auch unter Berücksichtigung des Kontextes und mittels der vorgeschlagenen Ergän-
zung eine Interpretation wagen.28
Während Diocletian die Taten hervorbringt, verleiht Maximian ihnen Erfolg. Ergo be-
ginnt der eine etwas, was der andere zu Ende bringt. Sogar Dinge, die unter Führung an-
derer verrichtet wurden, sind letztlich auf Diocletian und Maximian zurückzuführen, aber
nicht auf Ersteren allein. Denn sie sind doch beide Sohn und Besitzer der Wirkungsmächte
jeweils eines der zwei höchsten Urheber aller himmlischen und irdischen Dinge. Jupiter
und Hercules stehen gemeinsam über den anderen göttlichen Wesen (diuersa numina). Sie
arbeiten zusammen und ergänzen sich in ihren Qualitäten und Handlungen. Dasselbe gilt
laut Panegyriker auch für Diocletian und Maximian. Indem der Redner anschließend auf
Maximians felicitas verweist, liefert er ein erklärendes Moment für dessen Rolle als pacator
terrarum.
Die Vorstellung von zwei summi auctores des Olymps entspricht zwar nicht der traditio-
nellen Auffassung der griechisch-römischen Religion, jedoch macht der Anlass dieser Rede
eine solche Anschauung verständlich. Warum sollte nämlich in einer Geburtstagsrede ge-
rade die untergeordnete Stellung des ‹Geburtstagskindes› hervorgehoben werden, wo es

25
Ebd. XI 3,4–6: «Ille siquidem Diocletiani […] Maximiane, Herculis !tui uir" tus.»
26
auctor deus: ebd.; summus pater: IX 15,3.
27
Hercules als pacator: vgl. ebd. XI 3,6: «dum inter homines erat terras omnes et nemora pacauit».
28
Es sind in der Forschung unterschiedliche Ansichten hinsichtlich dieser Stelle vertreten worden. So inter-
pretieren die einen sie als Beleg für eine Unterordnung Maximians gegenüber Diocletian. Sie sehen nämlich
in deren Beinamen ein Indiz dafür, dass das Verhältnis der Herrscher zueinander entsprechend demjenigen
der Götter zu verstehen ist. Wie z. B. W. Enßlin, Gottkaiser und Kaiser von Gottes Gnaden, München
1943, 48–50; Fears, Princeps a diis electus; Liebeschuetz, Religion, 392; W. Seston, Dioclétien et la tétrar-
chie, Paris 1946, 232 oder F. Taeger, Charisma, Studien zur Geschichte des antiken Herrscherkultes, Band 2,
Stuttgart 1957–1960, 460. Hingegen ist Kolb, Diocletian, 96 ff. der Überzeugung, dass nirgendwo in den
Panegyrici der Ersten Tetrarchie eine Unterordnung Maximians unter Diocletian auftaucht und dass die
hier behandelte Textstelle nicht auf eine Subordination Maximians schließen lässt.
148 Angelika Starbatty

doch Ziel eines solchen Werkes ist, den Laureaten zu lobpreisen und dadurch zu erfreuen?
Überdies wird in diesem Panegyricus vor der hier behandelten Textstelle die Eintracht der
beiden Herrscher intensiv thematisiert. Zunächst werden Diocletian und Maximian als fra-
tres bezeichnet, die man eigentlich verdientermaßen conditores Roms nennen könnte, da sie
nämlich restitutores seien, was Gründern sehr nahe käme (1,5). Der Beginn ihrer gemeinsa-
men Herrschaft markiert die Anfänge der salus.
Maximian wird anschließend nicht nur mit Hercules verglichen, sondern auch mit Jupi-
ter.29 Folglich hat nicht nur Diocletian Zugriff auf dessen Fähigkeiten, Maximian ist eben-
falls im Besitz mancher der Qualitäten Jupiters. Denn schließlich sind sie uirtutibus fratres.
Das bedeutet: sie sind nicht nur durch Adoption brüderlich miteinander verbunden, son-
dern gleichen sich auch in ihrem Charakter so sehr, dass sie ihre Fähigkeiten betreffend
Brüder sind: «ambo nunc estis largissimi, ambo fortissimi atque hac ipsa uestri similitudine
magis magisque concordes et, quod omni consanguinitate certius est, uirtutibus fratres.»30
Auf dieser großen Ähnlichkeit basiert ihre Harmonie und Eintracht (concordia), die wie-
derum ein ungeteiltes Reich sicherstellt. Die beiden Augusti garantieren demzufolge durch
ihre Einmütigkeit den Zusammenhalt des Imperiums sowie das Fortbestehen des tetrarchi-
schen Systems.31
Aufgrund ihrer doppelten Göttlichkeit vergrößern sie die herrscherliche maiestas.32 Indem
die Herrschaft von zwei numina ausgeht, die sich in ihren Qualitäten entweder gleichen oder
ergänzen, wird die kaiserliche Erhabenheit gestärkt. Daher sei Maximian auch von Diocetian
angefleht worden, den Staat wiederherzustellen: «te, cum ad restituendam rem publicam a
cognato tibi Diocletiani numine fueris inuocatus, plus tribuisse beneficii quam acceperis.»33
Diocletian war laut Panegyriker auf dessen Hilfe angewiesen. Dadurch, dass Maximian sein
Teil der Macht gegeben wurde,34 empfing er keine Wohltaten, sondern gewährte sie.
[…], sed cum ad restituendam eam post priorum temporum labem diuinum modo ac ne id
quidem unicum sufficeret auxilium, praecipitanti Romano nomini iuxta principem subiuisti
eadem scilicet auxilii opportunitate qua tuus Hercules Iouem uestrum quondam Terrigenarum
bello laborantem magna uictoriae parte iuuit probauitque se non magis a dis accepisse caelum
quam eisdem reddidisse.35
Die Unterstützung eines einzigen göttlichen Wesens habe nicht ausgereicht, um das Ge-
meinwohl zu kurieren und so sei Maximian an der Seite des Princeps Diocletian dem römi-
schen Namen zu Hilfe gekommen, als dieser dabei gewesen sei, ins Verderben zu stürzen.
Der Panegyriker vergleicht daraufhin Maximians Hilfeleistung mit derjenigen des Hercules
gegenüber Jupiter, als dieser sich mit den Giganten im Krieg abgemüht habe. Auf diese
Weise stellt er Maximian mit einem Hercules auf die gleiche Stufe, der zu einem großen Teil
zum Sieg beigetragen und damit bewiesen habe, dass er den Himmel nicht eben von den
Göttern erhalten, sondern ihnen diesen vielmehr zurückgegeben habe.

29
Vergleiche mit Jupiter: Pan. Lat. X 2,4–5: «An quemadmodum educatus […] uera sunt, imperator.»; 6, 4:
«Bona uenia deum […] sumpto thorace mutasti».
30
Ebd. 9,3.
31
Ebd. 11,2: «utilitatem imperii singularis consentiendo retinetis.»
32
Ebd.: «quamuis maiestatem regiam geminato numine augeatis».
33
Ebd. 3,1.
34
Ebd. 3,3: «impartito tibi imperio».
35
Ebd. 4,2.
Kaiser und Gott in den Panegyrici Latini 149

Es ist in diesem Panegyricus wohl nicht die Rede von einem Rangunterschied der beiden
Augusti hinsichtlich ihrer staatsrechtlichen Stellung. 36 Der Panegyriker differenziert zwar
zwischen ihnen, wenn er sagt: «[…], tu fecisti fortiter, ille sapienter» (4,1), dabei urteilt er
aber nicht über den Wert, sondern über die Art ihrer jeweiligen Handlungsweise. Es wird
sogar erwähnt, dass Diocletian Maximian imitiere.37 Wollte der Redner jedoch eine quali-
tative Unterlegenheit Maximians zum Ausdruck bringen, würde er wohl kaum von einer
Nachahmung desselben seitens Diocletian sprechen. Überdies wird ausdrücklich hervorge-
hoben, dass es keinerlei Unterschied zwischen ihnen gebe und dass sie wie die Dioskuren,
ihrem Rang nach völlig gleich, das römische Reich regierten.38
In den Panegyrici Latini der Ersten Tetrarchie lag der Schwerpunkt der Sakralisierung der
Herrscher darin, diese und ihre Fähigkeiten in Analogie zu den Göttern darzustellen sowie
die irdische Welt mit der himmlischen zu vergleichen: «[…] etiam illa Iouis et Herculis
cognata maiestas in Iouio Herculioque principibus totius mundi caelestiumque rerum simi-
litudinem requirebat.» 39 Die Herrscher Iouius und Herculius stehen nach Ansicht des Pan-
egyrikers als Vermittler zwischen den Menschen und den Göttern. In ihnen spiegeln sich
Jupiter und Hercules, sie sind sozusagen ein Abbild dieser beiden Gottheiten. Durch ihre
Herrschaft kann die irdische Welt der himmlischen gleichkommen. Iouius und Herculius
setzen als Stellvertreter der Götter auf Erden, die gewissermaßen durch sie regieren, deren
Fähigkeiten zum Wohl aller ein.
Der Redner von Panegyricus VIII 4,2–4 zieht eine Parallele zwischen den vier Herr-
schern und den Dingen, die jeweils vierfach im Universum enthalten sind, wie z. B. den
Elementen oder Jahreszeiten. Dadurch macht er jene zu einem festen Bestandteil der ewi-
gen Ordnung der Natur und lässt sie den gesamten Kosmos beherrschen. Ihr Herrschafts-
bereich ist nämlich nicht durch irdische Grenzen eingeschränkt. 40
Im Panegyricus IX 18,5 hebt der Redner hervor, dass das goldene Zeitalter nun unter den
ewigen Auspizien von Jupiter und Hercules wiedergeboren sei: «Adeo, ut res est, aurea illa
saecula, […], nunc aeternis auspiciis Iouis et Herculis renascuntur.» Unter der Herrschaft
der Iouii und Herculii, in denen sich der göttliche Wille stets manifestiert, ist ein neues
aureum saeculum angebrochen. Die Sicherheit der ganzen Welt ist wiederhergestellt und die
Menschen haben himmlische Wohltaten empfangen.41 Die Macht sakralisiert die Herrscher,
die immer wieder beweisen, dass sie die Wirkungskräfte ihrer Götterväter besitzen, also an
deren Göttlichkeit teilhaben.
Im Zusammenhang mit der Schilderung des aduentus von Diokletian und Maximian
in Mailand im Jahr 290 n. Chr. beschreibt der Panegyriker XI 10, 5 die außerordentliche

36
Vgl. Pan. Lat. XI 14,4: Quid enim mirum si, cum possit hic mundus Iouis esse plenus, possit et Herculis?»
Auch diese Stelle legt eine Gleichheit von Iouius und Herculius nahe.
37
Vgl. ebd. 7,7: «sed inuicem uosmet imitamini,» wo von einer gegenseitigen Nachahmung seitens der Herr-
scher gesprochen wird.
38
Ebd. X 9,4: «neque ullum inter uos discrimen esse patiamini, sed plane ut gemini illi reges Lacedaemones
Heraclidae rem publicam pari sorte teneatis.»
39
Ebd.VIII 4,1; vgl. auch X 10,2: «non inuenire me ex omni antiquitate quod comparem uobis, nisi Herculeae
gentis exemplum.»
40
Vgl. ebd. X 10,1: «Vos uero, qui imperium non terrae sed caeli regionibus terminatis».
41
Ebd. X 14,4: «cum uos totius orbis securitate composita»; 14,5: «Vides, imperator, quanta uis sit tuorum in
nos caelestium beneficiorum:»
150 Angelika Starbatty

Reaktion auf die Ankunft der Herrscher. Altäre seien angezündet, Weihrauch aufgestellt,
Wein als Trankopfer gespendet, Opfertiere geschlachtet worden und alles sei von Freude
entbrannt gewesen. Jeder habe unter Applaus im Dreischritt getanzt und den unsterblichen
Göttern sei Lob und Dank gesungen worden. Im Anschluß wird die Erklärung für solch
eine unermeßlicher Freude der Menschen geliefert: «non opinione traditus sed conspicuus
et praesens Iuppiter cominus inuocari, non aduena sed imperator Hercules adorari.» Dio-
cletian werde nämlich nicht als jemand, von dem aufgrund von Einbildung berichtet wor-
den sei, sondern als sichtbarer und persönlich anwesender Jupiter angerufen sowie Maxi-
mian nicht als Fremdling, sondern als der Herrscher Hercules verehrt. Folglich werden sie
als praesentes dei dargestellt. Als anwesenden Göttern kommt ihnen laut Panegyriker mit-
hin eine göttliche Behandlung zu. Daher führen die Untertanen rituelle Handlungen für sie
aus. Die Freude der Menschen ist besonders dadurch so groß, dass die Herrscher verfügbar
sind. Aufgrund ihrer Präsenz können sie direkt Einfluss auf die menschlichen Geschicke
nehmen und diesen hilfreich zur Seite stehen.
Dass den unsterblichen Göttern Dank ausgesprochen wird, verdeutlicht jedoch eine gra-
duelle Abstufung zwischen diesen und den praesentes dei, es wird eine Unterordnung
suggeriert. Die beiden Herrscher verdanken ihre Position den unsterblichen Göttern. Mit
Jupiters Wahl des Diocletian zum Herrscher und dessen Ernennung des Maximian zum
Mitregenten wurde deren göttliches Wesen offenkundig, das ihnen schon von Geburt an
eigen war. Eine Epiphanie vollzog sich. Die Vergleiche, welche die Panegyriker zwischen
einerseits Iouius und Herculius, andererseits Jupiter und Hercules anstellten, bedeuten in-
folgedessen keine Gleichstellung, was auch die Cognomina verdeutlichen. Erst die Wir-
kungskräfte und der Beistand ihrer Schutzgötter versetzen die Herrscher in die Lage, ihren
Untertanen zu helfen.
Weitere wichtige Aspekte der Sakralisierung der Herrscher in den Panegyrici Latini
der Ersten Tetrarchie sind deren pietas und felicitas. Darüber wird im Panegyricus XI 18,5
sehr ausführlich gesprochen. Der Redner formuliert den Zusammenhang der beiden fol-
gendermaßen: «felicitatem istam, optimi imperatores, pietate meruistis!» Die felicitas resul-
tiere folglich als Verdienst aus der pietas. Er geht davon aus, dass die Herrscher mit diesen
beiden, im Gegensatz zu allen anderen Qualitäten, schon von Geburt an versehen worden
seien.42 Auf ihre piae mentes und imperatoriae fortunae seien der Beginn ihrer sanctitas und
jeglicher Erfolg zurückzuführen, weil gute und freundliche Sterne gesehen hätten, dass sie
zur Unterstützung des Menschengeschlechts geboren würden: «Gemini ergo natales pias
uobis mentes et imperatorias tribuere fortunas, atque inde sanctitatis uestrae omniumque
successuum manat exordium quod nascentes uos ad opes generis humani bona sidera et
amica uiderunt.»43
Somit hängen pietas und felicitas der Herrscher also auch direkt mit dem Wohl der Men-
schen zusammen. Die pietas zeigt sich einerseits gegenüber den Göttern, andererseits im
Umgang der Herrscher miteinander. Die pietas erga deos besteht laut Panegyriker darin,
dass die Götter durch Altäre, Statuen, Tempel sowie Weihgeschenke geehrt werden. Da die
Verehrung von den Herrschern ausgehe, würden die Götter noch verehrungswürdiger, und

42
Ebd. XI 19,2–3: «Etenim ceterae uirtutes et bona cetera processu aetatis eueniunt: […]. Solae cum nascen-
tibus pariter oriuntur pietas atque felicitas; naturalia sunt enim animorum bona et praemia fatorum.»
43
Ebd. 19,3.
Kaiser und Gott in den Panegyrici Latini 151

die Menschen verstünden erst jetzt wirklich, welche Macht die Götter besäßen, seitdem sie
in solchem Ausmaß von Diocletian und Maximian verehrt würden. 44
Die pietas, mit der sie einander ehren, wird eingehender behandelt. Einleitend fragt
der Redner im Panegyricus XI 6,3: «Quae enim umquam uidere saecula talem in summa
potestate concordiam?» Damit möchte er die hervorragende Eintracht der Herrscher be-
tonen. Aus dieser zeige sich schließlich deutlich, dass die Seelen der übrigen Menschen erd-
gebunden und vergänglich, die ihren aber himmlisch und unvergänglich seien.45 Weiter
folgert er: «Ita duplices uobis diuinae potentiae fructus pietas uestra largitur: et suo uterque
fruitur et consortis imperio.» (6,7) Deshalb kommen die Herrscher aufgrund ihrer concor-
dia, die auf ihrer jeweiligen pietas basiert, in den doppelten Genuss göttlicher Macht.
Die auxilia deorum haben sie folglich ihrer pietas zu verdanken. Die Götter sorgen dafür,
dass den Kaisern alles gelingt. In diesem Zusammenhang steht die Sieghaftigkeit der Herr-
scher. Die unsterblichen Götter sind sozusagen ihre Garanten des Sieges: «Enimuero, Cae-
sar inuicte, tanto deorum immortalium tibi est addicta consensu omnium quidem quos
adortus fueris hostium […].»46 Aufgrund ihrer Hilfe sind die Herrscher inuicti, die sich
durch Tapferkeit sowie militärische Leistungen auszeichnen,47 sie siegen allein durch ihre
felicitas.48 Eine weitere Folge der kaiserlichen felicitas ist die felicitas temporum. So wie die
Götter sich um die felicitas der Herrscher kümmern, sorgen diese dann mit Hilfe derselben
für das aureum saeculum. Aufgrund ihrer pietas erwerben die Herrscher für sich einen An-
spruch auf felicitas, welche ihnen verdientermaßen durch die Hilfe ihrer Schutzgötter ga-
rantiert wird. Dadurch sind sie in der Lage, für das Wohlergehen der Menschen zu sorgen,
indem sie ihr Glück auf alle anderen übertragen.
Auch in den Panegyrici Latini VII, VI und V, die in der Zeit der Zweiten Tetrarchie ent-
standen sind, lassen sich die hier festgelegten drei Bestandteile der kaiserlich-göttlichen
Beziehung wiederfinden. Die Reden sind alle an Constantin gerichtet, unterscheiden sich
jedoch hinsichtlich ihres historischen Kontextes sehr. Das trifft besonders für die Darstellung
Maximians zu. Während dieser in dem an ihn und an Constantin gerichteten Panegyri-
cus VII aus dem Jahr 307 n. Chr. sehr positiv präsentiert wurde, hatte sich die Situation im
Jahre 310 n. Chr. deutlich geändert.49 Im Panegyricus VII, der anlässlich der Hochzeit
Constantins mit Fausta und der Verleihung des Augustus-Titels an ihn gehalten wurde, ist
die concordia der vorherrschende Aspekt des Verhältnisses von Constantin und Maximian.
Bei der Konferenz in Carnuntum im Jahre 308 n. Chr. war Maximian ein zweites Mal von
Diocletian dazu gebracht worden, auf die Herrschaft zu verzichten. Dies machte er jedoch
310 wieder rückgängig, indem er sich erneut zum Kaiser erheben ließ. Daraufhin begab sich
Constantin, in dessen Herrschaftsbereich Maximian sich aufhielt, mit seinem Heer nach
Arles und zwang diesen zu kapitulieren. Panegyricus VI entstand wohl kurz nach Maximi-

44
Ebd. 6,1–2: «Nam primum omnium, […] simulacris templis donariis, […] ornastis, sanctioresque fecis-
tis […] colantur a uobis.»
45
Ebd. 6,3: «Ex quo profecto […] caelestes et sempiternas.»
46
Ebd. VIII 17,1.
47
Vgl. ebd. X 7,6: «tu autem, imperator inuicte, […] debere quod uindicas.»; 9,3: «Sed neque illum […] bel-
lica uirtute reuocarunt»; VIII 1,4: «cum tot postea […] undique barbarae nationes»; IX 20,2: «et cotidie
spectet […] aut terrore deuinciunt.»
48
Ebd. XI 18, 1: «felicitate uincitis sola»
49
Zum Folgenden vgl. K. Piepenbrink, Konstantin der Große und seine Zeit, Darmstadt 2002, 31 f.
152 Angelika Starbatty

ans Tod50 und ist von einem sehr negativen Bild desselben geprägt. Nach seinem ‹Selbst-
mord› ließ Constantin ihn zum Staatsfeind erklären und die damnatio memoriae über ihn
verhängen.51
In den Panegyrici Latini der Zweiten Tetrachie wird der Aspekt der Erwählung des Herr-
schers durch die Götter mit dem dynastischen Prinzip in Verbindung gebracht, denn dieses
trat an die Stelle des tetrarchischen Ideals von der Adoption der Besten und Verdientesten.
Schon im Panegyricus VII, der hinsichtlich des Vokabulars und der Vorstellungen am
ehesten mit dem tetrarchischen System übereinstimmt, wird vom Redner eine zukünftige
neue Dynastie angepriesen, die durch Constantins Heirat mit Maximians Tochter Fausta
begründet worden sei:
Maximas itaque uobis, aeterni principes, publico nomine gratias agimus, quod suscipiendis
liberis optandisque nepotibus seriem uestri generis prorogando omnibus in futurum saeculis
prouidetis, ut Romana res olim diuersis regentium moribus fatisque iactata tandem perpetuis
domus uestrae radicibus conualescat, tamque sit immortale illius imperium quam sempiterna
suboles imperatorum. 52
Im Gegensatz zu früher, als es um die römische Sache noch schlecht gestanden habe, weil
die Regenten hinsichtlich ihres Charakters oder Schicksals völlig verschieden gewesen
seien, sorgten die beiden Principes jetzt dafür, dass der römische Staat basierend auf der
neuen Familie und deren Nachkommen erstarke. Indem sie eine neue Dynastie gegründet
hätten, sollte der Erhalt des Imperiums so unsterblich sein, wie die Nachkommenschaft der
Herrscher immer während sei. Der Panegyriker verspricht sozusagen das Bestehen des
Römischen Reiches, indem er sich auf eine erbliche Nachfolge stützt.
Damit scheint er eine konträre Position zu den Panegyrikern der Ersten Tetrarchie einzu-
nehmen, welche die natürliche Familie der Herrscher für gewöhnlich außer Acht ließen, so
wie es der Herrschaftskonzeption Diocletians entsprach. In Paragraph 5,3 spielt der Redner
zwar ebenfalls auf einen erblichen Herrschaftsanspruch an, indem er erwähnt, dass Cons-
tantius seinem Sohn das imperium zurückgelassen habe. Allerdings wird dieser Anspruch
dem tetrarchischen System ausdrücklich untergeordnet: «Siquidem ipsum imperium hoc
fore pulchrius iudicabas, si id non hereditarium ex successione creuisses, sed uirtutibus tuis
debitum a summo imperatore meruisses.» Es sei schöner die Herrschaft aufgrund seiner uir-
tutes als Belohnung von dem summus imperator verliehen zu bekommen. Dies verdeutlicht,
dass der Panegyricus VII tatsächlich nicht unerheblich mit den Prinzipien der Ersten Tetrar-
chie übereinstimmt und somit nur scheinbar eine gegensätzliche Ansicht von dem Redner
vertreten wird. Dieser musste schließlich auch dem Anlass der Rede gerecht werden, wes-
halb er die Nachkommenschaft aus einer solchen glücklichen Verbindung anpries.
Das religiöse Programm der Tetrarchie zeigt sich sehr deutlich, wenn davon gesprochen
wird, dass die Herrscher das Fortbestehen des Staates nicht durch einen plebejischen
Sprössling, sondern durch kaiserliche Abkunft verlängert hätten, so dass die Zügel des ge-
meinsamen Wohlergehens nicht durch neue Familien übergeben worden seien und somit in
allen Zeiten fortdauern würden. Dann wird noch angefügt: «imperatores semper Hercu-

50
Siehe dazu Nixon/Saylor Rodgers, In Praise of Later Roman Emperors, 212.
51
M. J. Maurice, Les discours des Panegyrici Latini et l’évolution religieuse sous le règne de Constantin,
CRAI, 1909, 168.
52
Pan. Lat. VII 2,2.
Kaiser und Gott in den Panegyrici Latini 153

lii.»53 Hercules wird hier also als Schutzgott der neuen Dynastie gepriesen.54 Solange die
Herrschaft bei den Herculii bleibt, ist die salus für alle Zeiten gewährleistet.
Ein weiterer Bezug zu Hercules wird in Paragraph 8,2 hergestellt. Der Redner legt Cons-
tantin dar, wie sehr ihn die Verwandtschaft mit Maximian schmücke. Denn dieser habe ihm
den Namen gegeben, den er von dem Gott, dem Ersten seiner Familie, empfangen habe. Er
habe bewiesen, dass er ein progenies Herculis sei und zwar nicht durch fabelhafte Schmeiche-
leien, sondern indem er ihm an uirtutes gleich gekommen sei.55 Implizit scheint hier die Auf-
forderung an Constantin mitzuschwingen, sich ebenfalls als würdiger Abkömmling des
Hercules zu zeigen. Ferner beruft sich der Panegyriker auf tetrarchische Ideale, wenn er for-
muliert, dass diese Heirat die salus sicherstelle, indem sie zu der pristina concordia und der
perpetua pietas der beiden Herrscher hinzukomme.56 Desweiteren geht der Redner auf die
Aufgabenteilung der beiden Herrscher ein (14,1). Dabei wird Maximian als derjenige präsen-
tiert, der die Entscheidungen trifft, Constantin dagegen als derjenige, der diese umsetzt.
Hier scheint der Panegyriker seinem Vorgänger aus dem Jahre 289 n. Chr. gefolgt zu sein,
der das Verhältnis des Iouius Diocletian und des Herculius Maximian beschrieben hatte. Die
Verwendung einer solchen Vorlage zeigt erneut, wie sehr dieser Panegyricus noch von te-
trarchischen Vorstellungen geprägt war. Eine dieser Vorstellungen bestand darin, die Ab-
dankung Maximians mit der pietas fraterna von ihm und Diocletian zu erklären.
Der Redner erwähnt einen einst gefassten Plan und brüderliches Pflichtgefühl als Gründe
für einen freiwilligen Rücktritt aus dem Herrscheramt. Aus Loyalität zu seinem lebenslan-
gen Partner sei Maximian Diocletian gefolgt.57 Jedoch habe sich herausgestellt, dass der
Staat gestützt auf ihn Bestand gehabt habe, ohne ihn und jene continua felicitas der letzten
zwanzig Jahre allerdings nicht bestehen könne.58 Daher habe Roma selbst ihm befohlen,
die Herrschaft wieder aufzunehmen: «Imperasti pridem rogatus a fratre, rursus impera ius-
sus a matre.»59 Der Redner macht anschließend darauf aufmerksam, dass Jupiter Maximian
die Herrschaft nicht geliehen habe, sondern sie ihm für immer übergeben habe und folglich
nicht zurücknehme (12,6). Daraufhin wird mittels Lichtmetaphorik die Rettung des Staates
angekündigt, die Maximians Wiederaufnahme der Herrschaft mit sich bringen werde: «Sta-
tim igitur ut praecipitantem [ut] rem publicam refrenasti et gubernacula fluitantia recepisti,
omnibus spes salutis inluxit» (12,7). Demzufolge wird hier Maximians pietas gegenüber
Diocletian derjenigen erga Iouem untergeordnet, weil in diesem Fall laut der impliziten
Aussage des Panegyrikers zwar die pietas gegenüber Jupiter, aber nicht gegenüber Diocle-
tian das Wohlergehen aller garantierte.60 Überdies belegt diese Textstelle Maximians Er-
wählung durch Jupiter.

53
Ebd. 2,5: «Qui non plebeio germine sed imperatoria stirpe rem publicam propagatis ut, […], ne mutatoria
per nouas familias communis salutis gubernacula traderentur, id ex omnibus duret aetatibus».
54
Wie bereits erwähnt, war Hercules der Schutzgott Maximians. Constantius, der Vater Constantins, wurde
von dem Herculius Maximian adoptiert und somit selber zu einem Herculius. Folglich wendete sich der
Redner von Panegyricus VII ausschließlich an Mitglieder des Zweiges der Herculier.
55
Pan. Lat. VII 8,2: «Hic est qui […] aequatis uirtutibus comprobauit.»
56
Ebd. VII 1,4: «Quid rebus humanis […] filiam conlocauerit imperator?»
57
Pan. Lat. VII 9,2: «sed consilii olim, […] nouae laudi cederes.»
58
Ebd. 10,1: «ut illa uiginti […] stare non posset.»
59
Ebd. 11,4.
60
Der Redner musste wohl in Kauf nehmen, dass die pietas Maximians seinem ehemaligen Mitregenten ge-
genüber als hinderlich für das Allgemeinwohl erschien, wenn er nicht wollte, dass die Zuhörerschaft bei
Maximians Wiederaufnahme der Herrschaft an eine Usurpation dachte.
154 Angelika Starbatty

In den Panegyrici Latini VI und V wird in Bezug auf Constantins Machtübernahme


ebenfalls von einer göttlichen Wahl gesprochen. So schildert der Redner aus dem Jahre
310 n. Chr. Constantius’ Aufnahme in die Versammlung der Himmlischen, wo Jupiter
selbst ihm die Hand gereicht habe und ihn dann sofort nach seiner Meinung gefragt habe,
wem er die Herrschaft zuerkenne. Daraufhin habe dieser seinen Sohn Constantin ausge-
wählt. Dieser Meinung seien alle Götter schon seit langer Zeit gewesen, hätten sie aber erst
in voller Versammlung bestätigt.61 Demzufolge wurde Constantin also einstimmig von den
Göttern zur Herrschaft auserkoren, allerdings setzten sie die Wahl erst dann fest, als die
Versammlung durch den gerade vergöttlichten Constantius vollständig war.62 Jedoch be-
stand dieser consensus omnium deorum über die Erwählung Constantins ebenso wie der dy-
nastische Aspekt bereits von dessen Geburt an.
In Kapitel 2 des Panegyricus VI geht der Redner ausführlich auf Constantins Abstam-
mung ein. So berichtet er zunächst «a primo […] originis tuae numine» (2,1). Die erste Gott-
heit in Constantins Familie sei der Divus Claudius gewesen, mit welchem eine Verbindung
durch Blutsverwandtschaft bestanden habe.63 Nachdem dessen Verdienste für das römische
Reich gelobt wurden, wird betont, dass er ein deorum comes sei. Dann fügt der Redner
an: «[…], iam tamen ab illo generis auctore in te imperii fortuna descendit» (2,3) Schon
von jenem Ahnherrn seines Geschlechtes sei das günstige Los zur Herrschaft auf ihn her-
abgekommen und nicht erst am offiziellen Herrschaftsantritt, als ihm erstmals die Insignien
angelegt worden seien.
Als zweite Person in der dynastischen Linie wird Constantins Vater Constantius ins Feld
geführt, der ebenfalls vergöttlicht worden war. Demnach war Constantin «post duos fami-
liae tuae principes tertius imperator»64. Und er war nicht nur Nachfolger zweier Kaiser,
sondern auch zweier Divi. Daraus schließt der Panegyriker Folgendes: «Inter omnes, in-
quam, participes maiestatis tuae hoc habes, Constantine, praecipuum, quod imperator es
!natus", tantaque est nobilitas originis tuae ut nihil tibi addiderit honoris imperium nec
possit Fortuna numini tuo imputare quod tuum est» (2,5). Unter allen Teilhabern an seiner
kaiserlichen Würde habe Constantin diesen Vorzug, als Herrscher geboren worden und
von so hoher adeliger Herkunft zu sein, dass ihm die Herrschaftsübernahme nichts an Ehre
hinzugefügt habe und Fortuna sich seiner göttlichen Schickung gegenüber nicht das als Ver-
dienst anrechnen könne, was sein eigen sei.
Hier wird Constantins Vorrangstellung innerhalb der Tetrarchie betont, die er aufgrund
seiner kaiserlichen Geburt habe. Schon in Paragraph 1,4 hatte der Redner zwar das tetrar-
chische Ideal von einer einigen und einander verbundenen maiestas aller Herrscher gewür-
digt, aber dennoch angekündigt, sich nur Constantins Hoheit zu widmen.65 Laut Panegy-

61
Pan. Lat. VI 7,3–4: «Vere enim profecto […] sit firmata consilio?»
62
Vgl. dazu Müller-Rettig, Der Panegyricus des Jahres 310, 126.
63
Pan. Lat. VI 2,2: «Ab illo enim diuo Claudio manat in te auita cognatio» dies wird auch in V 2,5 bestätigt:
«diuum Claudium parentem tuum».
64
Vgl. ebd. VI 2,4.
65
Ebd. 1,4: «cum omnes uos, inuictissimi principes, quorum concors est et socia maiestas, debita ueneratione
suspiciam, hunc tamen quantulumcumque tuo modo, Constantine, numini dicabo sermonem.» Siehe auch
8, 2, wo ebenfalls die Einhaltung formaler Aspekte der tetrarchischen Herrschaftsauffassung demonstriert
wird, indem Constantin bei den rangälteren Herrschern nach deren Entscheidung hinsichtlich der Leitung
des Staates gefragt hatte: «quamquam tu ad […] fieri placeret rettulisses» und 15,4 ff., wo die tetrarchische
Nachfolgeregelung Diocletians angepriesen wird.
Kaiser und Gott in den Panegyrici Latini 155

riker ist dessen Herkunft so bedeutend, dass die Übernahme der Herrschaft – und damit
die offizielle Anerkennung verbunden mit der Verleihung des Caesar- bzw. Augustustitels –
keinerlei Steigerung hinsichtlich seiner Ehre erfahren hat. Aufgrund von Constantins kai-
serlicher Abstammung ist ihm gegenüber seinen Mitregenten eine erhöhte Position sicher,
denn das Recht der Geburt ist dem einer willkürlichen Wahl überlegen, die auf einer fortuita
hominum consensio basiert.66 «Quod quidem mihi deorum immortalium munus et primum
uidetur et maximum, in lucem statim uenire felicem et ea quae alii uix totius uitae laboribus
consequuntur iam domi parta suscipere» (3,2). Die Herrschaft schon in die Wiege gelegt zu
bekommen, ohne sich erst ein Leben lang darum bemühen zu müssen, wird als erstes und
größtes Geschenk der Götter bezeichnet. An dieser Stelle bescheinigt der Redner Constan-
tin sozusagen von Geburt an felicitas, indem er die Götter für seinen glücklichen Zustand
verantwortlich macht und somit beweist, dass sie ihm gewogen sein müssen.
Weil die Götter wussten, dass er in der Lage sein würde, den Staat zu heilen67 und für
felicitas und salus der Menschen zu sorgen, haben sie ihn zur Herrschaft erwählt und vom
Himmel als Imperator auf die Erde gesendet.68 Daher ist die recusatio imperii für Constan-
tin auch keine Möglichkeit. Seine maiestas ist «Iouis sublata nutu», kann also nicht abge-
lehnt werden. Zudem wurde sie den Schwingen der Göttin Victoria anvertraut, was Cons-
tantin Sieghaftigkeit für die Zukunft garantierte.69
Nach den Ereignissen des Jahres 310 n. Chr. konnte Constantin seine Herrschaft nicht
mehr von Hercules herleiten, weil er die Verbindung zum Familienzweig der Herculii
aufgrund der Auseinandersetzungen mit Maximian auflösen musste.70 Daraufhin wurde im
Panegyricus VI von einer Vision Constantins berichtet, die sehr deutlich machte, dass
Apollon sein neuer Schutzgott war. Der Redner legte nämlich dar, dass Constantin, um
seine Gelübde einzulösen, einen Tempel des Apollon aufgesucht habe. Dort habe er Apol-
lon gesehen, der ihm in Begleitung der Victoria Lorbeerkränze dargereicht habe: «Vidisti
enim, credo, Constantine, Apollinem tuum comitante Victoria coronas tibi laureas offeren-
tem» (21,3–4). Constantin sind folglich zwei Götter erschienen, die ihm mittels der Lor-
beerkränze Sieghaftigkeit und Erfolg auf Dauer in Aussicht stellten. Die Verwendung des
Possessivpronomens «tuus» lässt auf eine besondere Verbindung zwischen Constantin und
Apollon schließen und sagt aus, dass Constantin diesen als seinen persönlichen Schutzgott
erachtet haben muss. Auf diese besondere Verbindung wird im Anschluss noch genauer
eingegangen:
uidisti teque in illius specie recognouisti, cui totius mundi regna deberi uatum carmina diuina
cecinerunt. Quod ego nunc demum arbitror contigisse, cum tu sis, ut ille, iuuenis et laetus et
salutifer et pulcherrimus, imperator. […] Di immortales, quando illum dabitis diem, quo
praesentissimus hic deus omni pace composita illos quoque Apollinis lucos et sacras aedes et an-
hela fontium ora circumeat? […] Miraberis profecto illam quoque numinis tui sedem […].71

66
Ebd. 3,1: «Non fortuita hominum […] imperium nascendo meruisti.»
67
Vgl. ebd. V 11,5: «O diuinam, imperator, tuam in sananda ciuitate medicinam!»
68
Ebd. VI 9,5: «Sacratiora sunt profecto […] ubi terra fintur.»
69
Ebd. 8,5: «illa, inquam, illa […] caelo missa perueniunt?»
70
Vgl. Turcan, Images solaires dans le Panégyrique VI, 698. Er spricht von Constantin als dem «vainqueur de
la subversion herculienne».
71
Pan. Lat. VI 21,5–22,1.
156 Angelika Starbatty

Sie bestehe hauptsächlich in einer äußeren Gleichartigkeit, weshalb sich Constantin in des-
sen Gestalt wiedererkannt habe, denn er sei ebenso wie Apollon ein junger Mann, froh und
sehr schön.72 Eine weitere Übereinstimmung zwischen den beiden sei in ihrem Wesen als
Heilbringer vorhanden, worauf in der Rede Bezug genommen wird, wenn der Panegyriker
seine Erwartungen hinsichtlich der liberalitas und pietas Constantins gegenüber seiner Hei-
matstadt Augustodunum formuliert (22,3–7). Nach den göttlich inspirierten Gesängen der
Dichter zu urteilen, sei Apollon derjenige, dem die Herrschaft über die ganze Welt zustehe.
Aufgrund der Ähnlichkeit zwischen Constantin und dem Gott geht der Panegyriker davon
aus, dass sich diese Prophezeiung der Weltherrschaft erst jetzt bewahrheitet habe. Mit dem
Verweis auf Vergils vierte Ekloge, 73 in der ein junger Apollon angekündigt wird, der als
Kosmokrator ein neues Goldenes Zeitalter herbeiführen soll, spielt er auf Constantin an.
Demnach ist nicht Augustus, sondern erst Constantin derjenige, der die Erfüllung dieser
Weissagung realisierte. Bereits Augustus hatte nämlich Apollon als seinen persönlichen
Schutzgott propagiert, der ihm in der Schlacht bei Actium zum Sieg über Antonius verhol-
fen habe und dessen besonderer Fürsorge er sich sicher sein durfte.74 Constantin repräsen-
tierte Apollon, er war sozusagen die Verkörperung dieses Gottes und besaß dessen Wir-
kungskraft. Diese Vorstellung entsprach der panegyrischen Tradition und lehnte sich an die
theokratische Herrschaftsauffassung der Tetrarchie an. So konnte der Redner Constantin
auch als «praesentissimus hic deus» bezeichnen, weil das Auditorium unmittelbar die An-
wesenheit eines Gottes zu spüren bekam, dadurch, dass Apollons numen in der Person
Constantins enthalten war. Man sah den Kaiser als sichtbaren Garanten für das neue au-
reum saeculum an, was seine bisherigen Wohltaten für den Ort der Rede bewiesen.
Selbst in den vier Panegyrici Latini, die nach Constantins Sieg über Maxentius an der Mil-
vischen Brücke im Jahr 312 n. Chr. verfasst wurden, fand noch eine Sakralisierung der
Herrscher statt, die sich von der tetrarchischen Tradition herleitete. Panegyricus XII ent-
stand im Jahr 313, also kurz nach diesem bedeutenden Ereignis, das Constantin den Chris-
tengott als seinen Helfer anerkennen ließ und somit eine Entwicklung einleitete, welche die
römische Staatsreligion allmählich durch das Christentum ersetzte. 75 Allerdings war sich
Constantin bewusst, dass er über ein großes heidnisches Reich herrschte und folglich einen
Kompromiss finden musste. Das Versprechen der Religionsfreiheit, welches er bei der
Konferenz in Mailand gegeben hatte, löste er ein76 und die traditionellen öffentlichen Riten
in Rom wurden beibehalten. Erst nach seinem Sieg über Licinius im Jahr 324 sprach Cons-
tantin offen über seine Hinwendung zum Christentum.77

72
Vgl. ebd. 17, 2 f.: Hier kommt das griechische Bildungsideal der Kalokagathie Constantins zur Sprache, wo-
bei er mit Alexander dem Großen und Achilleus verglichen wird. Aus der Vorstellung der körperlichen und
geistigen Vollkommenheit resultierte für den Panegyriker, dass sich anhand von Constantins Schönheit auf
seinen himmlischen Geist schließen lasse.
73
Verg. Ecl. IV 4 ff.
74
Siehe dazu auch J. Bleicken, Augustus. Eine Biographie, Berlin 19982, 297 f.; Kolb, Herrscherideologie, 64
erwähnt, dass Constantin «mit seinem Selbstverständnis als Epiphanie des jugendlich schönen Apollon auf
das Vorbild Augustus’» zurückgriff, «dessen Porträt er in jenen Jahren imitierte.»
75
Siehe dazu J. Straub, Konstantins christliches Sendungsbewusstsein, in: H. Berve (Hrsg.), Das neue Bild
der Antike, Bd. II: Rom, Leipzig 1942, 393. Er vertritt die Ansicht, dass «das Christentum nicht nur die
endgültige Gleichstellung mit den heidnischen Kulten, sondern die bevorzugte Förderung und damit den
Aufstieg zur ausschließlichen Geltung» Constantin zu verdanken habe.
76
Vgl. ders. 390; Maurice, Les discours des Panegyrici Latini, 174.
77
Siehe Kolb, Herrscherideologie, 67.
Kaiser und Gott in den Panegyrici Latini 157

Nazarius schrieb seinen Panegyricus IV im Jahr 321 zur Quinquennalienfeier von Cons-
tantins Söhnen Crispus und Constantius, die im Jahr 317 zu Caesares ernannt worden wa-
ren. Allerdings steht Constantin trotz des Anlasses im Mittelpunkt der Rede, und was die
Darstellung seiner Unternehmungen angeht, unterscheidet sich dieser Panegyricus kaum
von dem vorangegangenen Panegyricus XII. 78 Die gratiarum actio des Claudius Mamerti-
nus für das Konsulat aus dem Jahr 362 war an den heidnischen Kaiser Julian Apostata ge-
richtet. Wie der Name schon sagt, zeigte sich dieser im Bezug auf den christlichen Glauben
als ein Abtrünniger. Er erließ das Restitutionsedikt, in welchem befohlen wurde, dass man
die Tempel wiedereröffnete, den heidnischen Kult wiederbelebte und das seit Constantin
eingezogene Tempelgut rückerstattete.79
Der im Jahr 389 von Pacatus anlässlich Theodosius’ Sieg über den Usurpator Maximus
im Jahr 388 gehaltene Panegyricus II entstand dagegen in einer Zeit, als der Glaubenszwang
Staatsgesetz geworden war. Im Jahr 380 hatte nämlich Theodosius den Katholizismus für
alle Untertanen zum obligatorischen Glauben erhoben und diese Vorschrift vom zweiten
ökumenischen Konzil 381 in Konstantinopel bestätigen lassen. Damit begann auch die
Unterdrückung des Heidentums, die unter anderem beinhaltete, dass die Kulte Roms ab-
geschafft wurden. 80
Diese Entwicklung führte dazu, dass die in jenen Panegyrici verwendete Terminologie
hinsichtlich der religiösen Aspekte eher ungenau und abstrakt war. Die Redner bemühten
sich um eine möglichst neutrale religionspolitische Stellungnahme. Zwar wurde der Herr-
scher noch als diuinus princeps bezeichnet und mit Qualitäten ausgestattet, die mit Attri-
buten wie diuinus oder caelestis geschmückt wurden, jedoch handelte es sich dabei wohl
eher um die übliche Redensart, die zu festen Formeln erstarrt in dem traditionellen Sprach-
gebrauch der epideiktischen Beredsamkeit Fuß gefasst hatte. 81 So fanden beispielsweise
Hercules oder Mars meist nur Erwähnung als mythologische Metaphern. 82 Indem sich die
Panegyriker zweideutig ausdrückten und nicht auf konkrete religiöse Vorstellungen fest-
legten, versuchten sie einen möglichst großen Teil des Auditoriums zufriedenzustellen, da
auf diese Weise weder heidnische noch christliche Zuhörer in ihrer Einstellung brüskiert
wurden.
Demzufolge sind die Bezeichnungen für die oberste Gottheit in den Panegyrici Latini XII,
IV, III und II mannigfaltig und spiegeln eine gewisse Unsicherheit der Redner wieder. Dies
wird in dem Panegyricus aus dem Jahr 313 besonders deutlich:
Quamobrem te, summe rerum sator, cuius tot nomina sunt quot gentium linguas esse uoluisti
(quem enim te ipse dici uelis, scire non possumus), siue tute quaedam uis mensque diuina es,
quae toto infusa mundo omnibus miscearis elementis, et sine ullo extrinsecus accedente uigoris
impulsu per te ipse mouearis, siue aliqua supra omne caelum potestas es quae hoc opus tuum ex
altiore Naturae arce despicias: […]. 83

78
Siehe. Nixon/Saylor Rodgers, In Praise of Later Roman Emperors, 338.
79
Vgl. H. Gutzwiller, Die Neujahrsrede des Konsuls Claudius Mamertinus, 19.
80
Siehe dazu Liebeschuetz, Religion, 398.
81
Vgl. Kolb, Herrscherideologie, 66 und Taeger, Charisma, 654.
82
Siehe Béranger, L’expression de la divinité, 251 und. Pan. Lat. IV 16,6. 36,2 (Hercules) sowie ebd. 7,1. 30,4
(Mars).
83
Pan. Lat XII 26,1.
158 Angelika Starbatty

Hier stellt der Redner Überlegungen hinsichtlich der Beschaffenheit und Qualitäten des
höchsten Schöpfers aller Dinge an, wobei es für ihn zwei Möglichkeiten zu geben scheint.
Es könnte sich nämlich entweder um eine gewisse Kraft und göttliche Einsicht handeln, die
auf der ganzen Welt verbreitet und mit allen Elementen vereinigt sei und sich ohne jeden
Einfluss von außen aus eigenem Antrieb heraus bewege, oder um eine Macht, die über dem
ganzen Himmel throne und ihr Werk von oben herab betrachte. Das bedeutet, dass der
Panegyriker einerseits eine immanente Göttlichkeit in Betracht zieht, die allen Dingen in-
newohnt und somit allgegenwärtig ist oder andererseits eine transzendente Gottheit vor
Augen hat, die sich außer- und oberhalb der menschlichen Welt befindet und aus dieser
übernatürlichen Position die Geschicke auf Erden lenkt.84
Hinsichtlich der Namensgebung dieses summus rerum sator ist die Verlegenheit des Red-
ners am offensichtlichsten. Diese kommt besonders dadurch zum Ausdruck, dass er sagt,
nicht wissen zu können, wie Constantin selbst diesen bezeichnet haben wolle. Nachdem er
nämlich unter dem Zeichen des Christengottes, dem Christusmonogramm, gesiegt hatte,
kurze Zeit vorher jedoch noch Apollon als seinen persönlichen Schutzgott hatte propagie-
ren lassen, war es für die Panegyriker vorerst unmöglich, Constantins religiöse Vorstellun-
gen klar zu erkennen.
An anderer Stelle wird gefragt, wer den Kaiser beraten habe, wenn nicht ein diuinum nu-
men.85 Als mögliche Antwort gibt der Panegyriker Folgendes vor: «An illa te ratio ducebat
(sua enim cuique prudentia deus est)». Hier wird die göttliche Führung mit der eigenen
Einsicht des Kaisers gleichgesetzt und angemerkt, dass die eigene Klugheit eines jeden
Menschen die Gottheit sei. Auf ähnliche Art und Weise drückt sich der Redner in Para-
graph 4,5 aus: «In tam diuersa causarum ratione diuino consilio, imperator, (hoc est,
tuo) […] numerasti.» Das diuinum consilium ist folglich ein Constantin eigener Antrieb,
aufgrund dessen er seine Entscheidungen trifft. Diesen Antrieb, der an anderer Stelle auch
als diuinus instinctus bezeichnet wird,86 besitzt Constantin wegen seines diuinum numen,
also weil er über die göttliche Wirkungskraft verfügt. Hier stellt sich erneut heraus, dass
Constantin noch der tetrarchische Tradition der Theokratie verhaftet war.
Trotz einiger Ungewissheit werden allerdings auch konkrete Aussagen über die Bezie-
hung jener mens diuina zu Constantin gemacht. So wird davon berichtet, dass sie die Sorge
um alle anderen Menschen den niedrigeren Göttern zugeschrieben habe und allein würdig
sei, dem Constantin zu erscheinen, mit dem sie irgendein Geheimnis teile.87 Es zeigt sich
folglich eine hierarchische Anordnung des Göttlichen. Überdies stellt der Redner des
Panegyricus XII den «deus ille mundi creator et dominus» mit einem Blitzbündel dar und
vergleicht ihn mit Constantins numen.88 Ferner wird zwar erwähnt, dass Constantin gegen

84
Vgl. Kolb, Herrscherideologie, 65 mit Anm. 135. Er äußert, dass an dieser Stelle «die Alternative eines
Gottesbildes im neuplatonischen und im eher traditionellen Sinne» geboten werde. Straub, Konstantins
christliches Sendungsbewusstsein, 386. Er sagt auch, dass dieser Redner der Neuplatonischen Philosophie
sehr nahe gestanden sei, «welche die Existenz der vielen Götter nicht leugnete, sie jedoch in der himm-
lischen Hierarchie in aufsteigender Reihe auf den obersten Gott hinordnete, der aller Sinnenwelt entrückt
der wirkliche Herr des gesamten Universums war.»
85
Pan. Lat. XII 4,1–2: «dic, quaeso, quid in consilio nisi diuinum numen habuisti?»
86
Ebd. 11,4.; IV 17,1.
87
Ebd. XII 2,5: «Habes profecto aliquod […] tibi dignatur ostendere.»
88
Ebd. 13,2.
Kaiser und Gott in den Panegyrici Latini 159

die Warnung der Haruspices gehandelt habe (2,4), implizit wird damit aber auch ausgesagt,
dass er diese überhaupt konsultierte.
Zusammen mit der Tatsache, dass die oberste Gottheit mit einem Attribut Jupiters aus-
gestattet wurde und neben dieser noch kleinere Gottheiten Erwähnung fanden, zeigt sich,
dass im Jahr 313 durchaus noch polytheistische Merkmale im kaiserlichen Zeremoniell vor-
handen waren. Da die Redner ihre Werke sicherlich nicht unabhängig vom Kaiserhof for-
muliert haben werden, lässt sich somit auf Constantins Glauben schließen, der demnach
noch nicht monotheistisch gewesen sein kann. 89
Im Panegyricus IV aus dem Jahr 321 dagegen scheint eher eine monotheistische Ansicht
vertreten worden zu sein. Hier wird von einem «rerum arbiter deus» gesprochen, einem
Gebieter über die Dinge, der aus der Höhe beobachte, dem keine der menschlichen Ange-
legenheiten entgehe und der niemals aufhöre für die Menschen Sorge zu tragen. 90 Es ist also
nur von einem allmächtigen Gott die Rede, der allerdings nicht benannt wurde, so dass für
das Auditorium offen blieb, ob es sich um eine heidnische oder christliche Gottheit han-
delte. Auch Claudius Mamertinus legt sich in seiner Rede nicht auf eine bestimmte Gottheit
fest, indem er dieser etwa einen Namen gibt. Jedoch spricht er von dem immortalis deus,
den er zum Zeugen anrufe (3,2). Daraus wird zumindest ersichtlich, dass es wiederum nur
um eine einzige Gottheit geht.
Pacatus schließt sich, was die Bezeichnung der obersten Gottheit betrifft, seinen Vorred-
nern an. Auch er äußert sich vage und unbestimmt, wenn er diese «supremus ille rerum fa-
bricator» (4,2), jenen höchsten Erzeuger der Dinge, nennt.
Ob die Redner nun einen heidnischen oder einen christlichen Gott vor Augen hatten,
wird aus keinem der Panegyrici Latini nach 312 ersichtlich. Einigkeit herrscht hinsichtlich
der Allmacht dieses höchsten Herrschers über alle Dinge und darüber, dieser Gottheit kei-
nen Namen zu geben sowie sich religionspolitisch neutral zu äußern.
In den Reden nach Constantins Hinwendung zum Christentum wurde der Topos der Er-
wählung durch die Götter zwar nicht so sehr betont, wie in den früheren Panegyrici Latini,
dennoch spielten die späteren Verfasser indirekt darauf an. Hinter dem Bericht über die
göttliche Hilfe verbirgt sich nämlich die Vorstellung, dass die Götter nur einen Herrscher
unterstützten, dessen Machtübernahme sie bereits gefördert hatten, für dessen Herrschaft
sie folglich eingetreten waren. Dem Aspekt der auxilia deorum wird demnach in allen vier
Panegyrici Beachtung geschenkt, wobei Nazarius ihn besonders hervorhebt. So sagt dieser
beispielsweise: «Illa igitur uis, illa maiestas fandi ac nefandi discriminatrix, quae omnia me-
ritorum momenta perpendit librat examinat, illa pietatem tuam texit, illa nefariam illius ty-
ranni fregit amentiam, illa inuictum exercitum tuum […] iuuit» (7,4) Jene Kraft und Hoheit,
die zwischen Recht und Unrecht unterscheide, schütze Constantins pietas, zerbreche den
frevelhaften Wahnsinn des Tyrannen Maxentius und helfe dem unbesiegbaren Heer Cons-
tantins.
Indem der Redner als besondere Qualität der obersten Macht hervorhebt, dass diese
sozusagen zwischen Gut und Böse abwäge und gerecht beurteile, verdeutlicht er, dass

89
Vgl. Kolb, Herrscherideologie, 65.
90
Pan. Lat. IV 7,3: «Spectat enim nos ex alto rerum arbiter deus et, quamuis humanae mentes profundos
gerant cogitationum recessus, insinuat tamen sese totam scrutatura diuinitas; nec fieri potest ut, cum spi-
ritum quem ducimus, cum tot commoda quibus alimur diuinum nobis numen impertiat, terrarum se curis
abdicauerit, […].»
160 Angelika Starbatty

Constantin die göttliche Hilfe im Gegensatz zu Maxentius verdient habe. Dies wird auch in
Paragraph 15,3 ersichtlich, wo er die diuina ops Constantins uirtutes zuschreibt und erneut
in Paragraph 15,7. An dieser Stelle betont Nazarius ausdrücklich, dass Constantin der au-
xilia deorum würdig sei, was er anschließend noch genauer erklärt:
Adesse tibi in omnibus summam illam maiestatem quae te circumplexa tueatur, coniectura
mentium tenebamus, etsi nondum ad finem patebat oculorum. Etenim cum mens tua mortali
contagione secreta, pura omnis, funditus sincera, ubique se promerendo deo praestet, cum glo-
ria tua humanum modum supergressa sit, quis est omnium quin opitulari tibi deum credat,
cum id et uita mereatur et rerum gestarum magnitudo testetur? 91
Da Constantins Charakter von sterblichem Einfluss abgesondert, ganz rein sowie völlig
unverdorben sei, und sich überall beweise, und weil sein Ruhm außerdem menschliches
Maß überschritten habe, werde ihm von Gott geholfen, was sowohl sein Leben verdiene als
auch die Größe seiner Taten bezeuge. Constantin wird also einerseits göttliche Hilfe zuteil,
weil er sozusagen übermenschlich ist oder sich zumindest hinsichtlich seines Charakters,
seiner Sittlichkeit, seines Ruhmes und seiner Taten von den Menschen abhebt. Andererseits
befindet er sich genau dadurch, dass die höchste Gottheit ihm unterstützend zur Seite
steht, auf einer höheren Stufe als die normalen Sterblichen. Der Herrscher wird hier als ein
Wesen präsentiert, das zwischen den Menschen und Göttern angesiedelt ist.
Claudius Mamertinus schildert ebenfalls ein enge Verbindung zwischen dem Herrscher
und der Gottheit, wenn er hinsichtlich Julians Entscheidung über die Vergabe des Konsu-
lats sagt: «Quid secutus sit, ipse scit et quaecumque consilia eius gaudet formare diuinitas»
(15,2). Nur Julian selbst und die Gottheit, der es beliebe, jeden seiner Pläne hervorzu-
bringen, wüssten, was er verfolge. Infolgedessen wird der Kaiser in seinen Handlungen
von der Gottheit beeinflusst, die laut Panegyriker auch für seine außerordentliche felicitas
verantwortlich ist. 92 Dass der Herrscher sich der göttlichen Hilfe bewusst war, wird in
Paragraph 27,4 ersichtlich. Dort formuliert der Redner nämlich: «Sed imperator, quam-
quam caelesti ope salutem rei publicae propagatam uideret […].» Er habe gesehen, dass
das Wohlergehen des Staates mit himmlischer Hilfe fortgesetzt worden sei. Dabei spielt
der Herrscher sozusagen die Rolle des Mittlers. Deshalb wird im Panegyricus XII 3,1 auch
geäußert: «cum tua conservatio, salus nostra sit» und in Paragraph 10,2 derselben Rede ge-
sagt, dass die Furcht vor der Gefährdung des Kaisers schwerwiegender sei, als die Freude
über einen Sieg von ihm. 93 Der Herrscher bringt Rettung für alle,94 er ist der Garant des
aureum saeculum.95
Wenn Pacatus in Panegyricus II 3, 6 von Theodosius’ «forma diuina», dessen göttlicher
Gestalt spricht oder ihn sogar als einen deus praesens vorstellt (4,5): «deum dedit Hispania
quem uidemus,» dann ist zu bemerken, dass selbst im Jahr 389 n. Chr. noch die tetrarchi-
sche Tradition einer Theokratie fortgesetzt wurde.

91
Ebd. 16,1–2.
92
Pan. Lat. III 27,1: «Cuius umquam diuinior felicitas fuit?»; siehe auch XII 22,6: «consilium tuum sequitur
fortuna.» Hier wird erneut die Sieghaftigkeit des Kaisers in Zusammenhang mit Fortuna gebracht.
93
Ebd. XII 10,2: «sed tuta, grauiorque metus est periculi tui quam laetitia uictoriae.»
94
Vgl. z. B. ebd. II 43,4: «ne oculos istos omnibus salutares homo funebris impiaret».
95
Ebd. III 10,1.
Kaiser und Gott in den Panegyrici Latini 161

IV.

Betrachtet man die Panegyrici Latini im Rahmen der Herrscherideologie, so ist zunächst
festzustellen, welche Aufgaben die Verfasser solcher Reden zu erfüllen hatten. Als Autoren
eines Elements der offiziösen Legitimation waren die Panegyriker verpflichtet, sich lobend
über die kaiserliche Politik zu äußern. Es gehörte zu ihren Verpflichtungen, den Herrscher
so darzustellen, wie er in der Öffentlichkeit gesehen werden wollte. Man kann demnach
davon ausgehen, dass ein Panegyricus zumindest vom Kaiser genehmigt worden ist, wenn
er diesen nicht sogar selbst in Auftrag gegeben hatte. Folglich konnten sich in diesen Reden
keine Äußerungen befinden, die von dem Standpunkt des Herrschers und seiner Regierung
abwichen. 96 Allerdings ist im Hinblick auf die Wirkung der Aussagen der Lobredner fest-
zuhalten, dass es sicherlich effizienter war, wenn die Verkündung der Herrscherideologie
von einer Person ausging, die zumindest nach außen den Eindruck erweckte, ihre persön-
lichen Ansichten freiwillig darzulegen, als wenn die Herrschaftsauffassung direkt aus der
offiziellen Kanzlei hervorgegangen wäre.97
In rhetorischer Hinsicht war es sozusagen eine Forderung des aptum, der Angemessen-
heit, dass die formulierten Gedanken zu den Auffassungen und sittlichen Grundsätzen
der Menschen passten. 98 In dem speziellen Fall des Panegyricus auf den Kaiser sollte also
die Tendenz der Rede mit derjenigen der Herrschaftsauffassung korrespondieren.99 In die-
sem Sinne übernahmen beispielsweise die Panegyriker unter Diocletian die Ideologie der
Tetrarchie, während die Lobredner unter Constantin dessen dynastische Konstruktion re-
zipierten.100 Indem die Redner das Selbstverständnis und die Weltanschauung des Princeps
vertraten, versuchten sie den Zuhörern dessen Regentschaft und Macht zu erklären.101
Überdies erläuterten sie dem lokalen Auditorium die aktuellen Prinzipien der kaiserlichen
Politik, verkündeten das Herrschaftsprogramm oder informierten die Zuhörer über geplante
Unternehmungen.102 Der Panegyricus konnte außerdem auch ein Mittel sein, dem Kaiser
Bitten und Wünsche seiner Untertanen zu vermitteln. Eine weitere mögliche Aufgabe des
Redners bestand darin, ein Bild des Herrschers zu entwerfen, das diesen als Vorbild für die
Bevölkerung, seine Soldaten oder zukünftige Regenten erscheinen ließ. Dadurch stellte der
Panegyriker nicht nur den Menschen ein exemplum vor Augen, sondern forderte auch in-
direkt den Herrscher auf, diesem gerecht zu werden.103
Die Hauptfunktion der Panegyrici Latini bestand schließlich darin, die Herrschaft des
Kaisers ideologisch zu untermauern und zu legitimieren, diesen also als rechtmäßigen
Inhaber der Macht darzustellen. Dies geschah, indem man die Herrschaft theokratisch zu
begründen suchte. Der Princeps musste folglich eine Position innehaben, die «als gottge-
wollt, sakral, von weltlichen Gewalten unabhängig»104 galt. Er regierte also durch Gottes

96
Vgl. Kolb, Herrscherideologie, 169 f.
97
Siehe Straub, Herrscherideal in der Spätantike, 148.
98
Quint. Inst. VIII 3,43: «sententias vel graves vel aptas opinionibus hominum ac moribus».
99
Vgl. Liebeschuetz, Religion, 389 f.
100
Siehe Portmann, Geschichte in der spätantiken Panegyrik, Basel 1988, 220.
101
Siehe J. M. Schulte, Speculum Regis. Studien zur Fürstenspiegel-Literatur in der griechisch-römischen
Antike, Münster 2001, 258.
102
Vgl. MacCormack, Latin Prose Panegyrics, 150. 162.
103
Siehe Mause, Darstellung des Kaisers, 26. 225 f.
104
Kolb, Herrscherideologie, 140.
162 Angelika Starbatty

Gnaden, war von diesem zur Herrschaft erwählt worden und hatte somit auch seine Be-
rechtigung und Macht von ihm.
Folglich war von einer Befähigung des Kaisers zur Herrschaft auszugehen und kein Zwei-
fel an seiner Qualifikation möglich, was die Panegyriker zudem durch ihre Darstellung un-
termauerten. Dadurch, dass die Herrscher in den Panegyrici Latini so sehr charismatisch
überhöht und sakralisiert wurden, konnten sie mit einer religiös gesicherten Loyalität ihrer
Untertanen rechnen.105 Die Göttlichkeit oder zumindest die Nähe zum Göttlichen, mit
welcher die Principes ausgestattet wurden, «bedeutete zugleich die Transzendierung der
Institution des Kaisertums und damit der von ihm repräsentierten res publica Romana in
eine sakrale Sphäre, in welcher Gott und das römische Kaisertum die kosmische Ordnung
garantierten.»106 Infolgedessen waren die Herrscher also als Garanten der allgemeinen salus
zur Herrschaft berechtigt. Dies herauszustellen, kann als Hauptanliegen der Panegyriker
bezeichnet werden.
Den Panegyrici Latini kamen überdies Funktionen zu, die nicht direkt zu einer Legi-
timierung, jedoch zu einer Sicherung und Stabilisierung der Herrschaft beitrugen. Indem
die Redner die Herrscher sakralisierten und eine numinose Aura um sie herum schufen,
machten sie diese zu unnahbaren und unantastbaren, übermenschlichen Wesen. Daraus
erwuchs gesteigerter Respekt und wahrscheinlich auch eine gewisse Ehrfurcht vor dem
Oberhaupt,107 was wiederum die Person des Kaisers schützen und Usurpationen vor-
beugen sollte. Damit wurden jegliche gegen den Kaiser gerichteten Handlungen zu einem
Sakrileg. So stellte beispielsweise der Redner im Panegyricus XII Maxentius als illegitimen
Sohn Maximians dar,108 weil dieser die Heiligkeit Constantins in Frage gestellt hatte. Auf
diese Weise entzog der Panegyriker dem Feind des Kaisers die Herrschaftsberechtigung.109
Damit waren die Panegyrici Latini also ein Medium zur Stärkung und Sicherung der Stel-
lung des Herrschers. Außerdem bestätigten diese Reden innerhalb des Zeremoniells den
anwesenden Kaiser in seiner Funktion. Auch die Präsenz des Auditoriums war eine Form
der öffentlichen Zustimmung zu dessen Herrschaft.110 Falls die Wirkungsabsicht der Stabi-
lisierung der Herrschaft erreicht wurde und die Untertanen bereit waren, den Kaiser zu
verehren, war es unwesentlich, ob diese an eine Göttlichkeit desselben glaubten oder ihn
‹nur› für einen gotterwählten Stellvertreter und Mittler hielten, der in der Lage war, das Im-
perium Romanum zu retten und zu erhalten.111

V.

Zusammenfassend kann hinsichtlich der Darstellung des Verhältnisses von Kaiser und
Gott in den Panegyrici Latini folgendes festgehalten werden: In den Lobreden der Ersten
Tetrarchie werden die Kaiser als Söhne der Götter Jupiter beziehungsweise Hercules prä-

105
Vgl. ders., La Tétrarchie. Chronologie und Ideologie der Tetrarchie, AnTard 3, 1995, 28.
106
Ders., Herrscherideologie, 140.
107
Vgl. Mause, Darstellung des Kaisers, 227.
108
Pan. Lat. XII 4,4: «illum, ut falso generi non inuideamus, impietas».
109
Siehe D. Lassandro, Sacratissimus Imperator. L’imagine del princeps nell’ oratoria tardoantica, Bari 2000,
37 f.
110
Siehe MacCormack, Latin Prose Panegyrics, 158 f.
111
Vgl. Enßlin, Gottkaiser und Kaiser von Gottes Gnaden, 49 f.
Kaiser und Gott in den Panegyrici Latini 163

sentiert. Als solche tragen sie die sakralen Cognomina Iovius und Herculius und verfügen
seit ihrer Geburt über die numina ihrer Götterväter, die sich aber erst zusammen mit ihrem
Herrschaftsantritt offenbaren. Da die Herrscher im Besitz der göttlichen Wirkungskräfte
sind, können die beiden Götter Jupiter und Hercules durch ihre irdischen Söhne regieren.
In deren Taten manifestiert sich das Göttliche. Konsequenterweise sind Iovius und Hercu-
lius jederzeit mit Jupiter und Hercules zu vergleichen. Dadurch sind Herrscher und Götter
nicht identisch, da die eigentliche Macht immer noch von den Göttern herrührt. Jupiter ist
derjenige, der Diocletian die Herrschaft übertragen hat, folglich ist dieser in gewisser Weise
von dem Gott abhängig und schuldet ihm pietas. Jupiter hingegen entlohnt diese dadurch,
dass er ihn mit felicitas versieht. Daraus resultieren für den Herrscher wiederum Sieg-
haftigkeit und Erfolg in jeder Beziehung. Somit wird der Kaiser für seine Untertanen zum
Garanten des aureum saeculum, warum sie ihn auch als praesens deus wahrnehmen. Er
ist nämlich einerseits anwesend und sichtbar und andererseits aufgrund seiner väterlichen
Wirkungskräfte bereit, seine Göttlichkeit unter Beweis zu stellen.
Die Verfasser der Panegyrici Latini VII, VI und V sakralisieren die Herrscher auf eine ähn-
liche Art und Weise, indem sie sich derselben Topoi bedienen, diese jedoch aufgrund des
veränderten historischen Kontextes anders präsentieren. So weisen sie ausdrücklich darauf
hin, dass Constantin von den Göttern zur Herrschaft erwählt wurde, wobei sie als zusätz-
lichen Stabilisierungsfaktor sowohl seiner Stellung als auch des Imperium Romanum Cons-
tantins dynastische Linie aufzeigen. Während Constantin in Panegyricus VII noch zu der
Familie der Herculii gezählt wird und somit offensichtlich mit dem numen von Hercules
ausgestattet ist, vertreten die beiden späteren Redner die Ansicht, dass Constantin eine In-
karnation Apollons sei. Im Unterschied zu den Panegyrici der Ersten Tetrarchie lassen sich
Herrscher und Gott hier auch äußerlich vergleichen. Constantin ist also im Besitz der Wir-
kungskräfte Apollons, woraus sich ebenfalls ableiten lässt, dass er Dank dieses Vermögens
für Wohlergehen und Heil sorgt. Er wird nicht nur als praesens deus, sondern sogar als prae-
sentissimus hic deus bezeichnet.
Auch in den Panegyrici Latini, die nach Constantins Hinwendung zum Christentum ent-
standen sind, wird stets die besondere Beziehung des Kaisers zur Gottheit erwähnt, die
sich hauptsächlich durch die göttliche Hilfe offenbarte. Aus dieser Unterstützung lässt sich
schließen, dass die Götter die Herrschaft gutgeheißen haben müssen, was einen Hinweis
auf die göttliche Erwählung des Kaisers liefert. Daraus resultiert auch hier eine kaiserliche
Garantie für das aureum saeculum. Das wird ebenfalls von Pacatus verdeutlicht, wenn die-
ser Theodosius als deus praesens darstellt. Überdies setzte der Panegyriker des Jahres 313
n. Chr. Constantin beziehungsweise sein numen mit dem deus ille mundi creator et domnius
gleich und bescheinigte dem Herrscher einen diuinus instinctus, den er seiner göttlichen
Wirkungskraft zu verdanken habe.
Am Ende dieser Ausführungen ist folglich festzustellen, dass tatsächlich in allen spätan-
tiken Panegyrici Latini die Kaiser als von den Göttern zur Herrschaft bestimmt, dargestellt
wurden; dass sie außerdem stets mit bestimmten Göttern verglichen oder sogar gleich-
gesetzt wurden, wie zum Beispiel Diocletian mit Jupiter, Constantin mit Hercules sowie
wenig später mit Apollon oder, nach 312 n. Chr., mit einer, neutral formuliert, obersten
Gottheit und zuletzt, dass die Panegyriker den Herrschern in sämtlichen Reden göttliche
Wirkungskräfte zusprachen. Demzufolge haben alle Verfasser – hinsichtlich der Beziehung
zwischen Kaiser und Gott – ihre Panegyrici in Anlehnung an Diokletians Konzeption eines
theokratischen Herrschaftssystems verfasst.
164 Angelika Starbatty

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166 Eckard Lefèvre

Eckard Lefèvre

Daniel Heinsius über seine Liebesdichtung


0
(Eleg. Juv. 1, 5)*

Ernesto Schmidt septuagenario


collegae docto optimo amico
carminum amatoriorum sive
antiquorum sive recentiorum
peritissimo

In der von den Neulateinern gepflegten Liebesdichtung nehmen die Niederländer eine be-
sondere Stellung ein. Ein hervorragendes Dreigestirn sind Johannes Secundus (1511–1536),
Janus Dousa (1545–1604) und Daniel Heinsius (1580–1655). Den ersten, der, «obwohl jung
verstorben, unter den lateinisch schreibenden Dichtern der Neuzeit früh zum Klassiker ge-
worden» ist,1 haben die beiden letzten nicht mehr erlebt. Sie haben ihn und auch einander
hoch geschätzt.
Seine Dichtungsposition bestimmt Heinsius in der Elegie 1, 5 der Elegiae Juveniles, in der
er auf Secundus und Dousa als die neueren Vorbilder ebenso Bezug nimmt wie auf die alten
griechischen und lateinischen Liebesdichter. Sie ist bereits in der ersten Ausgabe der Ele-
gien von 1603 enthalten, als Einleitungsgedicht zum dritten Buch mit ‹programmatischem
Charakter›. 2 Ab der vierten Auflage von 1613 wird sie mit vielen anderen den Elegiae Juve-
niles zugewiesen, weil sich Heinsius’ Geschmack inzwischen gewandelt hat. In der Vorrede
an den Amicus Lector sagt er, er habe die frühen Gedichte teilweise der Zensur unterzogen
und dabei einige verworfen, andere, die ihm nicht gänzlich mißfielen oder, die Wahrheit zu
gestehen, anderen in Anbetracht seiner Jugend, wie es scheine, gefallen könnten, getrennt
an das Ende gestellt.3 Sicher spielt Heinsius’ künstlerisches Urteil eine Rolle. Der Haupt-
grund scheint jedoch ein anderer zu sein, wenn er einräumt, er habe ‹gespielt›, aber auf
anständige und züchtige Weise, wie sie durch alle Zeiten autorisiert und beispielhaft vor-
gegeben sei.4 Es ist die lockere und unbekümmerte Art, die nicht mehr unbedingt der sich
wandelnden Auffassung von Wesen und Aufgabe der Dichtung entspricht; «he did not
want to disassociate himself altogether from the concept of poetic art as a means towards
moral edification, a concept which had become very powerful again through the Reforma-
tion and Counter-Reformation.»5 So ist es zu erklären, daß sich unter den Elegiae Juveniles
Gedichte finden, die zu den besten des Autors gehören. Es sind eher taktische Gründe, die

0
* Jürgen Blänsdorf und Eckart Schäfer werden wertvolle Ratschläge verdankt.
1
Schäfer 2004, 9.
2
Ellinger 1933, 173.
3
Quæ ætate prima dederamus, partim ad censuram reuocauimus; quædam, penitus eiecimus, nonnulla, si quæ
non omnino displicebant, aut, ut verum dicam, pro ætatis ratione alijs placere posse videbantur, seorsim exhi-
buimus in fine (1613, xx III).
4
Lusimus porro; cæterum ingenue ac pudice, omnium ætatum vel auctoritate vel exemplo (ebendort).
5
Meter 1984, 36.
Daniel Heinsius über seine Liebesdichtung (Eleg. Juv. 1, 5) 167

ihn von ‹Jugendelegien› sprechen lassen, denn seit 1603, dem Entstehungsjahr von De Musis
suis, ist er immerhin Professor für Poesie an der renommierten Universität Leiden. 6
In der achten und letzten Auflage der Poemata von 1649 figuriert die Programmelegie als
Eleg. Juv. 1, 5:7
De Musis suis.
Regia, quam cernis nullo se tollere cultu,
Inscriptam Musis qua patet ipsa, mea est.
Ambitio tristis fastusque hinc exulat omnis,
Curaque in hac partem non habet ulla suam.
5 Heinsius hic habitat. jocus hunc hilaresque lepores,
Et posita parvus cuspide cingit Amor.
Totaque Musarum domus est. hac lætus in aula
Innocuos ducit, nec sine laude, dies.
Vanaque despecti contemnit præmia vulgi,
10 Et dubios casus, & grave mortis onus.
Imperii Rex ille sui est, doctisque libellis
Imperat & chartis, nec minus ipse sibi:
Et quoties blandos circumspicit ordine cives,
Gaudet, & à populo nil timet ille suo.
15 Perlegit hic docti genium lususque Catulli,
Perlegit hic numeros, culte Tibulle, tuos.
Battiadenque suum, patriis qui ludit in Umbris,
Quique suis Grajis cognitus ante fuit.
Hic levibus curis par ludit Teïus: illic
20 Simichides Siculas carmine mulcet oves:
Hic lepidos Moschus calamis invitat Amores;
In choreas parvos dum docet ire Deos.
Scilicet hos cives habet Heinsius: Heinsius illic
Cum Phœbo & Musis regna beata tenet.
25 Nec cuiquam debere potest, nec supplicat ulli,
Nec trepidat duras judicis ante fores.
Et regni sibi causa sui est, nil credulus ulli,
Et tantum menti deditus ipse suæ.
Gaudentem doctæ circumstant undique Musæ,
30 Hinc mihi spes omnis, hinc mihi fama venit.
Hæc domus, hæc res tota mea est. plorate tyranni,
Invideasque opibus, regia turba, meis.
Si mihi non ficti circundant atria vultus,
Gensque terit nostras ambitiosa fores:
35 Sed secura quies pascit noctesque beatæ,
Semotum à populo, grataque vita sibi.
Sunt & opes opibus placide caruisse: nec ullum
Pauperies Musis addita crimen habet.
Iupiter angustas penetravit Baucidis ædes

6
Becker-Cantarino 1978, 9; Meter 1984, 24; Van Dam 2005, 622.
7
Text nach Heinsius 1649, 439–440. In der Übersetzung wird die Interpunktion des Originals teilweise mo-
dernem Gebrauch angepaßt.
168 Eckard Lefèvre

40 Exiguo fultas stipite: Dousa meas.


Ille sub hoc tantum submittit culmine civem,
Et Musas audit, vel canit ipse, meas.
Iupiter ille mihi est, nec enim pia sacra domumque,
Aut tenues Heinsi præterit ille lares.
45 Vulgus abi sterilesque animæ. mihi sacra quotannis
Solvere sic genio, maxime Dousa, tuo,
Tum quoque, quod nolim, si te vis invida fati
Surripiat nobis, munera grata feram.
Instituam festos, tumuli certamina, ludos,
50 Et similis nobis cura Secundus erit.
Illius ad tumulum pariter, vir magne, tuumque
Iunget amatori pulchra puella latus.
Hic qui purpureis melius premet ora labellis,
Pluraque figet ovans basia, victor erit.
55 Scilicet hos novit mea quondam Græcia ludos,
Et sua defunctis basia munus erant.
sic juvenum pulchræ cinxere Dioclea turmæ,
Qui docuit pueros basia prima suos.
Interea, mea gens, lepidi salvete libelli,
60 Tuque domus, Musis regia facta meis.
Heinsius hic nullum defendit mœnibus hostem,
Nec sibi consortem nec gemit esse parem,
Divitiasque suas tacitus miratur amatque,
Et loquitur populo, vel sine voce, suo.
Über seine Musen.
Die Königsburg, die du ohne Prunk sich erheben siehst, ist
den Musen geweiht und, soweit sie sich erstreckt, die meine.
Finsterer Ehrgeiz und Hochmut sind ganz von hier verbannt,
und keine Sorge hat darin ihren Teil.
5 Heinsius wohnt hier. Scherz und heitere Anmut
und der kleine Amor ohne seine Pfeilspitze umgeben ihn.
Das ganze Haus gehört den Musen. In diesem Hof lebt er
heiter unschuldige Tage, nicht ohne Ruhm, dahin.
Die leeren Belohnungen des verachteten Volks gelten ihm nichts,
10 auch nicht unsichere Zufälle und die schwere Last des Tods.
Er ist der König seines Reichs und Herrscher über seine gelehrten
Bücher und Papiere, nicht weniger über sich:
Sooft er die schmeichelnden Bürger der Reihe nach anschaut,
freut er sich und fürchtet nichts von seinem Volk.
15 Er studiert hier den Geist und das Spiel des gelehrten Catull,
er studiert hier deinen Versbau, gebildeter Tibull,
und seinen Kallimachos, der im heimatlichen Umbrien tändelt
und der vorher seinen Griechen bekannt war.
Hier scherzt überlegen mit leichten Sorgen Anakreon: dort
20 bezaubert die sizilischen Schafe mit dem Lied Theokrit.
Hier lädt die lieblichen Eroten mit der Flöte Moschos ein,
indem er die kleinen Götter im Chorreigen zu gehen lehrt.
Das sind die Bürger, die Heinsius hat: Heinsius besitzt dort
mit Phoebus und den Musen ein glückliches Reich.
Daniel Heinsius über seine Liebesdichtung (Eleg. Juv. 1, 5) 169

25 Er kann in niemandes Schuld stehen, keinen bittet er um etwas,


noch zittert er vor der harten Tür eines Richters.
Er ist die Ursache seines Reichs, er baut auf niemanden,
er ist nur dem eigenen Denken verpflichtet.
Er freut sich, daß ihn überall die gelehrten Musen umgeben,
30 von ihnen kommt mir alle Hoffnung, von ihnen mir Ruhm.
Dieses Haus, dieser Besitz gehört mir ganz. Jammert, Tyrannen,
und, königliche Schar, neide meine Schätze!
Wenn meine Halle nicht verstellte Mienen umgeben
und ehrgeizige Menschen nicht meine Tür abnutzen,
35 nähren mich doch sichere Ruhe und glückliche Nächte,
der ich dem Volk fern bin, und ein Leben in Zufriedenheit.
Es gleicht Schätzen, Schätze ruhig zu entbehren: keinen Makel
hat die Verbindung von bescheidener Lebensweise und Kunst.
Iupiter kam in Baucis’ enges Haus, das von einem
40 kleinen Pfahl getragen wurde: Dousa in meines.
Er legt unter diesem Dach den so angesehenen Bürger ab
und hört meine Dichtung an oder trägt sie selbst vor.
Er ist für mich Iupiter, denn nicht geht er an der frommen Stätte
und dem Haus oder dem dürftigen Herd vorüber.
45 Volk und stumpfe Gemüter, verschwindet. Mir sei vergönnt,
jährlich deinem Genius so zu opfern, größter Dousa.
Auch dann, wenn, was ich nicht wünsche, dich uns das neidische
Geschick entreißt, werde ich dir willkommene Gaben bringen.
Ich werde Festspiele, Wettkämpfe an deinem Grab, veranstalten
50 und werde in gleicher Weise für Secundus sorgen.
An seinem und deinem Grab zugleich, großer Mann,
wird sich ein schönes Mädchen an den Liebhaber schmiegen.
Wer hier den Mund besser auf purpurne Lippen drücken und
mehr Küsse frohlockend anbringen wird, wird Sieger sein.
55 Dieses sind die Spiele, die mein Griechenland einst kannte,
und seine Küsse waren die Gabe für die Toten.
So umringten schöne Jünglingsscharen Diokles,
der seine Knaben die ersten Küsse lehrte.
Indessen, mein Volk, ihr anmutigen Bücher, seid gegrüßt
60 und du, Haus, durch meine Musen zur Königsburg gemacht.
Heinsius hält von diesen Mauern keinen Feind fern und
klagt nicht, daß er einen Mitherrscher oder Konkurrenten hat.
Er bewundert und liebt schweigend seinen Reichtum
und spricht auch ohne Stimme zu seinem Volk.
Heinsius charakterisiert seine Dichtung mit dem Adjektiv lepidus. Moschos’ Liebesge-
dichte (amores) sind lepidi (21) ebenso wie Heinsius’ eigene Bücher (lepidi libelli, 59). Das
ist ein stilkritischer Terminus, 8 wie er programmatisch in Catull 1, 1 cui dono novom
lepidum libellum begegnet. lepidi libelli stehen in der Tradition des kallimacheischen Stil-
ideals der M  
, der ‹feinen› Muse. 9 Catull spricht an anderer Stelle von sei-

8
Syndikus 1984, 73–74; Schmidt 1985, 128–130; Lefèvre 1999, 227.
9
Aitia-Prolog, Fr. 1, 24 Pf.
170 Eckard Lefèvre

nem lepidus versus; 10 Gedichte, wie er sie mache, sollten lepos haben.11 So ist es konsequent,
daß hilares lepores in Heinsius’ Haus wohnen (5). In diesem Sinn wird von Catull und
Heinsius das Deminutivum libellus / libelli gebraucht (11, 59), das auf Kallimachos’ Devise

 
 12 verweist.13
In De Musis suis spricht Heinsius nicht davon, daß seine Dichtung lusus sei, aber in der
programmatischen Einleitungselegie der ersten Sammlung von 1603 empfiehlt er Scaliger
seine innocui lusus Musarum,14 und im Vorwort zu der Edition der Poemata von 1613 sagt er:
En tibi denuo, Amice Lector, lusus nostros, sed cum cura emendatos neque parum auctos.15 Es
hat also Gewicht, daß er unter den Vorbildern die lusus Catulli nennt (15). Heinsius will
wohl andeuten, daß seine (Liebes-)Dichtung ‹Spiel› sei. ludere = ‹dichten› ist antik. Catull
gebraucht den Terminus 50, 2 und 5.16
Was die Alten betrifft, ist es die alexandrinische und in ihrer Nachfolge die neoterische
und augusteische ‹kleine› Dichtung Roms, deren Stil sich Heinsius zum Vorbild nimmt.
Dementsprechend will er ein Poeta doctus sein, der unter dem Schutz der doctae Musae
steht (29). Er studiert den Genius und die spielerischen Gedichte des doctus Catullus (15)
und ist, wie es heißt, Herr über docti libelli und chartae (11–12). Damit dürften sowohl die
Bücher der alten Autoren als auch die eigenen gemeint sein.
In Heinsius’ Haus wohnen nicht nur Apollo und die Musen, sondern auch der parvus
Amor. Dieser verzichtet aber auf einen Schuß mit seinem Pfeil (posita cuspide, 6).17 Wie sich
am Ende zeigt, hat der Dichter keinen Anlaß, über einen Mitherrscher oder Konkurrenten
zu seufzen (62). Er ist autark und glücklich. Trotzdem verschreibt er sich der Liebesdich-
tung. Aber von einer Geliebten ist nicht die Rede. Auch in der ersten Elegie der Sammlung
von 160318 wird Rossa nicht erwähnt. Sie ist als Person kaum zu fassen, sie ist weitgehend
«a projection of the poet’s amorous feelings, a personification of love and poetry».19 In die-
ser Elegie wird das ganz deutlich. Man denkt an Ovids erste Elegie der Amores, in der er
sich als Liebesdichter präsentiert, der ohne Geliebte ist. Wie Naso20 kann auch Heinsius
spielen: Beiden erscheint Amor, der für die Liebesdichtung steht, aber sie haben keine Ge-
liebte. Bei ihnen geht nicht der Weg von der Liebe zur Liebesdichtung, sondern umgekehrt
von der Liebesdichtung zur (Darstellung der) Liebe.
Ähnlich wie Properz in 2, 34, 85–94 oder Ovid in Tristia 4, 10, 51–54 nennt Heinsius
seine Vorbilder. culte Tibulle (16) ist ein Zitat aus Ovids Amores 1, 15, 28. Besonders liebe-
voll wird Properz umschrieben. Heinsius sagt, daß Kallimachos, der Battiade (Battos’
Nachkomme), seine spielerische Dichtung in Umbrien verfertige (17). Damit ist der aus

10
Cat. 6, 17.
11
Cat. 16, 7.
12
Fr. 465 Pf.
13
Syndikus 1978, 73; Schmidt 1985, 73; Lefèvre 1999, 226.
14
= Eleg. Juv. 2, 1, 23 (1649, 463).
15
1613, xx III.
16
ludere hat mehrere Nuancen: Catull ‹spielt› anders als Ovid. Heinsius steht eher dem lusor amorum Ovid
nahe (Trist. 4, 10, 1).
17
Die Junktur ist antik, z. B. Ov. Fast. 6, 655 (sic posita Tritonia cuspide); Stat. Theb. 7, 10 (atque ibi seu posita
respirat cuspide Mavors): Die Krieger ruhen vom Kampf.
18
= Eleg. Juv. 2, 1 (1649, 463–464).
19
Becker-Cantarino 1978, 70.
20
Lefèvre 1987, 129–134.
Daniel Heinsius über seine Liebesdichtung (Eleg. Juv. 1, 5) 171

Assisi stammende Properz gemeint, der sich als Callimachus Romanus in 4, 1, 64 bezeichnet
(Umbria Romani patria Callimachi ).21 So pointiert die Formulierung ist: Ironie ist von
ihr fernzuhalten. Kallimachos (18), Anakreon aus Teos in Kleinasien (19), Theokrit und
Moschos aus Syrakus in Sizilien (20–21) werden zu Recht genannt. Heinsius hat eine glän-
zende Kenntnis der griechischen Literatur, wie es für die Humanisten nicht durchaus üblich
ist. Er dichtet sowohl spielerisch wie Kallimachos und Anakreon als auch bukolisch wie
Theokrit (Simichidas ist dessen Spiegelbild in dem siebten Eidyllion) und erotisch wie
Moschos (5E« 
«). Von Theokrit übersetzt er die Eidyllia 7 (Thalysia), 8
(Boukoliastai ), 13 (Hylas) und 23 (Erastes) in das Lateinische. 22 Andererseits dichtet Hein-
sius in altgriechischer Sprache. Er wird zwei Sammlungen hinterlassen: Peplus Graecorum
Epigrammatum; 23 Graeca Reliqua, et quae e Graecis sunt conversa.24 Mit Recht kann er von
‹seinem› Griechenland (mea Graecia) sprechen (55). Es ist erstaunlich, wie genau schon der
junge Heinsius sein Schaffensgebiet bestimmt.
Die Elegie lebt von dem Paradoxon, daß der Dichter sein bescheidenes Haus als regia
(programmatisch das erste Wort) bezeichnet, weil es den Musen geweiht ist. Dementspre-
chend ist er Rex imperii sui, aber er befiehlt (imperat) nur seinen Büchern und Schriften
(11–12). Mit Apollo und den Musen hat er regna beata (24). Am Ende wird das Bild wieder
aufgenommen: Durch die Musen ist das Haus zur regia geworden (60). Seine Bürger (cives,
13) bzw. sein Volk (populus, 64) sind die Bücher. Ihnen befiehlt er (imperat, 12), zu ihnen
spricht er – auch ohne Stimme (vel sine voce, 64): Er steht mit ihnen in einem inneren Dia-
log. Daß der Weise der wahre König sei («, rex), ist altes stoisches Denken. Hein-
sius kann mit dem Chor in Senecas Thyestes sagen, König sei der, der keine Furcht und
keine Übel eines schrecklichen Herzens kenne, den nicht übermäßiger Ehrgeiz und die
stets schwankende Gunst des wankelmütigen Volks rühre – dieses Reich könne sich jeder
selbst geben (348–352, 390):
rex est qui posuit metus
et diri mala pectoris;
350 quem non ambitio impotens
et numquam stabilis favor
vulgi praecipitis movet

390 hoc regnum sibi quisque dat.

In diesem Sinn liegen Heinsius ambitio (3, 34), cura (4), praemia vulgi (9) und Furcht (nil
timet, 14) fern, vor allem ‹gibt er sich selbst dieses Königreich› (regni sibi causa sui est, 27).
Daß er sich selbst befiehlt (imperat […] ipse sibi, 12), beschreibt stoisches Denken geradezu
musterhaft. Auch die paradoxe Formulierung, es sei Reichtum, des Reichtums zu entbeh-
ren (37), entspricht den beliebten Paradoxa Stoicorum.25

21
Der niederländische Dichter und Philologe Janus Broukhusius (1649–1707) bemerkt zu Romani Callimachi:
«hoc est Propertii, eum apud Romanos numerum obtinens, quem Callimachus apud Graecos. id nunc
etiam pueri sciunt: nec tamen semper sciverunt viri» (1727, 381).
22
1649, 598–610.
23
1649, 508–538.
24
1649, 539–629.
25
Seneca sagt, es sei (inneres) Glück, (äußeren) Glücks nicht zu bedürfen, non egere felicitate felicitas […] est
(De prov. 6, 5).
172 Eckard Lefèvre

Aber natürlich ist Heinsius kein stoischer Weiser. Er benutzt nur die popularphilosophi-
schen Maximen. Sein Denken beherrschen in ganz unstoischer Weise Venus und Amor –
und die Musen. Das ist die Welt der hellenistischen Dichter, der römischen Neoteriker und
Elegiker. Auch die horazische pauperies26 klingt an (38).
Unter Heinsius’ Freunden wird Janus Dousa (1545–1604), der erste Kurator der 1575 eröff-
neten Leidener Universität, herausgestellt (maxime Dousa, 46), der es nicht verschmähe,
das bescheidene Haus des Jüngeren zu betreten (wie einst Iupiter Baucis’ Hütte), wo sie
sich gegenseitig ihre Gedichte vortragen27 – wie es einst die Neoteriker taten. Es ist ein eli-
tärer Zirkel. Heinsius ruft das Verdikt aus: vulgus abi sterilesque animae (45), so wie einst
Horaz ebenfalls in künstlerischem Sinn ausrief: odi profanum vulgus et arceo. 28 Später be-
kennt sich Heinsius auch in seiner niederländischen Dichtung zu dieser Devise, wenn er
das gemeene volck ablehnt.29
Dousas «begeistertes Lob gilt der Poesie einer Reihe von Dichterfreunden; es steigert
sich am höchsten Daniel Heinsius gegenüber.»30 Umgekehrt preist dieser den anerkannten
Älteren in mehreren Gedichten, so in Eleg. Juv. 2, 5 Ad Ianum Dousam, 31 die mit dem Be-
kenntnis schließt: ingenium sequimur, maxime Dousa, tuum (56). Damit ist dessen Vorbild-
haftigkeit betont. Nur zu bald stirbt Dousa, und Heinsius widmet dem Toten den Zyklus
Manes Dousici, 32 den er später dem zweiten Buch der Elegiae Juveniles zuweist.33
Mit Secundus (50) ist Johannes Secundus gemeint (1511–1536), «l’icône poétique du cer-
cle savant de Leyde», dem Heinsius in seinen frühen Elegien «en imitation ouverte» folgt34
und für den schon Dousa eine ‹unbedingte Verehrung› erkennen läßt: mihi Secundus unus
instar omnium est.35 Heinsius betrachtet beide als seine neueren Vorbilder und huldigt ihnen
mit dem folgenden Kuß-Motiv, war doch Secundus der Poet der berühmten Basia36 und
dichtete auch Dousa eine Sammlung dieses Namens. 37
Die Elegie wird in die Zeit kurz vor dem Tod des offenbar kränkelnden Dousa gehören,
da sie von den ‹Spielen› spricht, die Heinsius zu Ehren des Toten veranstalten will (47–58).
An Secundus’ und seinem Grab werde er nach dem Vorbild des Gedenkens an den Heros
Diokles aus Megara Wettkämpfe durchführen. Die Nachricht über diesen eigentümlichen
Agon kann Heinsius Theokrits 12. Eidyllion Aites entnehmen, das an einen Jungen gerich-
tet ist. An dessen Ende wird darauf angespielt, daß Diokles, der in einer Schlacht einen ge-
liebten « mit seinem Schild gedeckt haben und selbst gefallen sein soll, nach dem Tod
auf anspielungsreiche Weise geehrt wurde (27–34):

26
Lefèvre 1993, 206.
27
Über Dousas Liebesdichtung Ellinger 1933, 116–119.
28
Carm. 3, 1, 1. Vgl. Lefèvre 1993, 155.
29
Becker-Cantarino 1978, 32.
30
Ellinger 1933, 128.
31
1649, 472–474.
32
Ellinger 1933, 193–194.
33
1649, 485–502.
34
Van Dam 2005, 628.
35
Ellinger 1933, 126–127.
36
Schmidt 1995, 70.
37
Ellinger 1933, 118–119; Schmidt 1995, 70.
Daniel Heinsius über seine Liebesdichtung (Eleg. Juv. 1, 5) 173

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Megarer von Nisaia, die ihr euch durch die Ruder auszeichnet,
mögt ihr glücklich leben, weil ihr den Fremden aus Attika
vor anderen geehrt habt, Diokles, der Knaben liebte.
30 Immer wetteifern im ersten Frühling, an dessen Grab versammelt,
die Jünglinge, um den Preis im Küssen davonzutragen.
Wer die süßesten Lippen auf Lippen drückt,
kehrt, mit Kränzen beschwert, zur Mutter zurück.
Glücklich, wer bei jenem Küssen der Jungen Schiedsrichter ist.
Heinsius legt damit ein Bekenntnis ab, daß er weiterhin in Secundus’ und Dousas Art dich-
ten wolle. Er überträgt den Agon aus der Sphäre der Knabenliebe in die Welt von Mädchen
und Jünglingen. Das entspricht dem Inhalt seiner Liebesdichtung.
Der Bezug auf Theokrit ist für Heinsius ebenso bezeichnend wie dessen Umdeutung.
Die griechische Dichtung ist ihm durchweg präsent (Anakreon, Moschos, Theokrit). Ihre
Motive verwendet er, wie es die römischen Vorgänger taten. Überdies folgt er ihnen darin
nach, daß er sie pointiert umwertet und in neue Zusammenhänge stellt. An Catulls Car-
men 51, das das von Sappho an ein Mädchen ihres Kreises gerichtete Lied auf ein Eifer-
suchtsverhältnis zwischen Mann und Frau überträgt, braucht nur erinnert zu werden.
Eine enge Parallele bietet Vergil, der in der zweiten Ekloge das Vorbild, Theokrits Kyklops,
aus dem Bereich der Liebe zwischen Mann und Frau in den zwischen Mann und Knaben
hinüberspielt – also umgekehrt vorgeht als Heinsius.
In einem weiteren Punkt nimmt sich der junge Niederländer die antiken Meister zum
Vorbild. So wie er in seine Elegie einen Passus aus Theokrit einschmilzt, gruppiert Catull
die bekannte Klageelegie an Allius (Carm. 68) offenbar um eine (verlorene) griechische Ele-
gie über das betrübliche Schicksal von Protesilaos und Laodameia. 38 Die gebildeten Rezi-
pienten verstehen jeweils den souveränen Umgang mit berühmten Vorbildern, die sich die
gelehrten Dichter unterwerfen. Hier wie dort können die Poetae docti mit Auditores bzw.
Lectores docti rechnen. Es geht ja in ihren Gedichten nicht nur um die auffälligen Anspie-
lungen auf frühere Autoren, sondern auch, wie die in Rede stehende Heinsius-Elegie zeigt,
um eine glückliche Formulierung von E. A. Schmidt zu gebrauchen, deren ‹unauffällige
Präsenz›. 39

Dousa stirbt 1604. Eleg. Juv. 2, 9 ist In obitum Iani Dousæ überschrieben. Es schließen sich
die Manes Dousici an, ein Zyklus von zunächst neun Gedichten,40 denen noch einmal 12 Ge-
dichte auf Dousa folgen. 41 Das siebte des zweiten Teils trägt die Überschrift Iano Dousæ,

38
Lefèvre 1991, 314–319.
39
1995, 45.
40
1649, 485–492.
41
1649, 492–502.
174 Eckard Lefèvre

Venerum & Cupidinum sacerdoti. 42 Es preist den Liebesdichter Dousa. Aus dem Anfang
geht hervor, daß er nicht plötzlich starb, sondern dahinsiechte (1–5):
Cum Dousa victus ægro
Languesceret dolore,
Et membra jam supremo
Sopore concidissent,
5 Perfusa […].
Als Dousa, besiegt von den
Schmerzen der Krankheit, dahinsiechte
und seine Glieder zusammenbrachen,
schon vom letzten Schlaf
5 übergossen […].
Treffend will also Heinsius nach Dousas Tod des Venerum & Cupidinum sacerdos43 geden-
ken. Die certamina, die dann ausgetragen werden sollen (Eleg. Juv. 1, 5, 49), könnten
bedeuten, daß auch andere Freunde Dousas sich dieses Themas ‹um die Wette› annehmen –
so wie es bald darauf nach Justus Lipsius’ Tod 1606 geschehen wird. 44 Die gegenseitige
Verbundenheit der beiden Autoren gerade durch die Poesie kommt in dem letzten Gedicht
des ersten Teils der Manes Dousici zum Ausdruck, das den für die Würdigung eines anderen
paradoxen Titel Ad Musas s u a s trägt:45
Ad Musas suas.
Heinsi deliciæ decusque, Musæ,
Quas plus Dousa suis amabat olim,
Non illis oculis, profana Parca
Quos jam condidit abstulitque nobis,
5 Sed Musis propriis, suis Camœnis,
Camœnis tenerisque lacteisque,
Plenis nectare Cyprio favisque
Et superstitibus suo poëtæ,
Quas primis satur ebriusque flammis
10 Idæ dulcibus hausit è labellis;
Vobis inferiasque lacrymasque
Solvit Heinsius, Heinsius superstes
Et Dousæ simul, & suis Camœnis.
Actum est ilicet: ilicet valete.
15 Quis vos jam colet expetetque Musæ?
Quis vos postmodo deperibit unquam,
Heinsi deliciæ decusque Musæ?
An seine (eigenen) Musen.
Heinsius’ Entzücken und Zierde, ihr Musen,
die Dousa einst mehr als die eigenen liebte,
nicht nur mit jenen Augen, die die ruchlose Parze
schon schloß und uns fortnahm,

42
1649, 496–499.
43
Horaz bezeichnet sich als Musarum sacerdos (Carm. 3, 1, 3). Vgl. Lefèvre 1993, 155.
44
Lefèvre 2007, 203–205.
45
1649, 491–492.
Daniel Heinsius über seine Liebesdichtung (Eleg. Juv. 1, 5) 175

5 sondern mit seinen eigenen Musen, seinen Kamönen,


seinen zarten und reinen Kamönen,
die voll von kyprischem Nektar und Honig sind
und ihren Dichter überleben,
die er von seinen ersten Flammen erfüllt und trunken
10 von den süßen Lippen der Göttin vom Ida saugte;
euch bringt das Totenopfer und Tränen
Heinsius, Heinsius, der Dousa
und zugleich seine eigenen Kamönen überlebt.
Es ist aus: Es ist aus, lebt wohl!
15 Wer wird euch pflegen und auf euch warten, ihr Musen?
Wer wird künftig noch in euch sterblich verliebt sein,
Heinsius’ Entzücken und Zierde, ihr Musen?
Die Hendekasyllaben in Catulls Art und Geist klagen um die nun beendete Gemeinschaft
der beiden Dichter im Blick auf ihre Werke. Dousa habe Heinsius’ Kunst so geschätzt, daß
er sie mit seiner Kunst aufnahm – ganz in der Weise der römischen Neoteriker. Umgekehrt
heißt es, daß der Überlebende – des Freunds oder besser: der Kunst des Freunds, die ihn
anregte, beraubt – selbst nicht mehr dichten könne. Es sei ein Geben und Nehmen ge-
wesen.
Daß Dousa tatsächlich von Heinsius’ jugendlicher Liebesdichtung beeindruckt war, geht
aus zwei Elegien hervor, die er dem 25 Jahre Jüngeren widmete: In Poëmata Dan. Heinsii,
Iani Dousæ Elegia und Idem de iisdem.46 Die zweite, kürzere der beiden möge das belegen:47
Idem de iisdem.
Ganda, inter Flandras quondam pulcherrima Nymphas,
At nunc hosti etiam vel miseranda suo,
Cæsareis quanvis cunis se vendidit, Heinsî
Ingenio majus nil tulit illa sui.
5 At grave quid, Batavis exsul si degat in oris?
Plus patriam domina non amat ille sua.
An patria est, ubi cuique bene est? laus debita Rossæ hæc,
Heinsiadi patrios quæ facit una Lares.
Immo urbs Heinsiacos quæcunque tenebit amores,
10 Hæc domus, hæc vati Ganda futura meo.
Janus Dousa über Daniel Heinsius’ Gedichte
Die Stadt Gent, einst unter Flanderns Nymphen die schönste,
doch jetzt sogar ihrem Feind bemitleidenswert,
obwohl sie sich dem kaiserlichen Heer verkauft hat, brachte
nichts Größeres als ihres Heinsius’ Ingenium hervor.
5 Aber was ist es schlimm, wenn er als Flüchtling in Batavien lebt?
Nicht liebt er die Heimat mehr als seine Herrin.
Ist nicht dort für jeden die Heimat, wo es ihm gut geht? Das Lob gebührt Rossa,
daß sie allein für Heinsius einen heimatlichen Herd bedeutet.
In welcher Stadt auch immer Heinsius’ Geliebte sein wird,
10 sie ist gewiß das Haus, sie das künftige Gent meinem Dichter.

46
Abgedruckt bei Heinsius 1649, 634–638.
47
Zitiert nach Heinsius 1649, 637–638.
176 Eckard Lefèvre

Heinsius ist 1580 in Gent, auf dessen mythologischen Ursprung angespielt wird, geboren.
Da er protestantisch ist, kann er nicht in der Heimatstadt leben, die sich 1584 den katholi-
schen Spaniern unter dem Feldherrn Alessandro Farnese ergeben hat. Seine Familie flieht
bereits 1583. Nach dem alten Sprichwort ubi bene ibi patria48 ist, sagt Dousa, für Heinsius
dort die Heimat, wo seine Geliebte Rossa (mit ihm) wohnt. Das ist in den protestantischen
Niederlanden (Batavien) der Fall, also in Leiden, wo er seit 1598 mit einer Unterbrechung
wohnt. 49 Dousa ruft keinen wohlfeilen rhetorischen Trost Heinsius zu. «Any bitter-
ness […] over this fate gave way to gratefulness for his new homeland in the North».50
Worauf es in dem hier verfolgten Zusammenhang ankommt, ist das Lob, das der ange-
sehene Dousa dem aufstrebenden Heinsius spendet (ingenium), und zwar als Liebesdichter
(domina, Rossa, amores).

Der junge Heinsius erweist sich mit der Elegie De Musis suis bereits als gekonnter Vertreter
der neulateinischen Lyrik. Es geht, wie G. Manuwald über Johannes Secundus grundsätz-
lich gesagt hat, nicht darum, «eine klar definierte antike Vorlage zu imitieren und an-
spruchsvoll zu variieren, sondern daß aus verschiedenen Quellen genommene Elemente so
in einen neuen Kontext gebracht werden, daß das Auffinden und Wiedererkennen für den
humanistischen Leser einen Teil des Lesevergnügens ausmacht. Der neue Kontext steht un-
ter der Idee, daß antike Liebesdichtung von solcher Qualität ist, daß sie durch Rezeption
immerwährend weitere Dichtung hervorbringen kann; damit wird das Motiv der von anti-
ken Dichtern geäußerten Hoffnung auf ewige Dauer ihrer Werke umgewandelt in das eines
literarischen Prozesses.» 51 In diesem Prozeß stehen Secundus, Dousa und Heinsius an be-
deutender Stelle.

Literaturverzeichnis

Ausgaben und Kommentare sind durch ein Sternchen (*) bezeichnet.


Becker- Cantarino, B., Daniel Heinsius, Twayne’s World Authors Series 477, Boston 1978.
*Broukhusius, J., Sex. Aurelii Propertii Elegiarum libri quatuor, Ad fidem veterum membra-
narum, curis secundis Jani Broukhusii, sedulo castigati, Amstelaedami 1727.
Ellinger, G., Geschichte der neulateinischen Lyrik in den Niederlanden vom Ausgang des
fünfzehnten bis zum Beginn des siebzehnten Jahrhunderts (= Geschichte der neulateinischen
Literatur Deutschlands im sechzehnten Jahrhundert, III, 1), Berlin 1933.
*Danielis Heinsii Poemata emendata […] et aucta. Editio quarta, Lugduni Batavorum 1613.
*Danielis Heinsii Poemata Latina Et Græca; Editio post plurimas postrema, longe auctior [8. Auf-
lage], Amstelodami 1649.
Lefèvre, E., Ovidius: Alter ab illis. Die literaturgeschichtliche Bedeutung von Am. 1, 1, in: De
Virgile à Jacob Balde. Hommage à Mme Thill, Bull. de la Fac. de Lettres de Mulhouse 15,
Univ. de Haute Alsace, Mulhouse 1987, 129–134.
Lefèvre, E., Was hatte Catull in der Kapsel, die er von Rom nach Verona mitnahm? Zu Aufbau
und Aussage der Allius-Elegie, RhM 134, 1991, 311–326.
Lefèvre, E., Horaz. Dichter im augusteischen Rom, München 1993.

48
Otto 1890, 268.
49
Becker-Cantarino 1978, 9.
50
Becker-Cantarino 1978, 14.
51
2004, 174 (zu Eleg. 3, 3).
Daniel Heinsius über seine Liebesdichtung (Eleg. Juv. 1, 5) 177

Lefèvre, E., Catulls alexandrinisches Programm (C. 1, 3), in: G. Vogt-Spira / B. Rommel
(Hrsg.), Rezeption und Identität. Die kulturelle Auseinandersetzung Roms mit Griechenland
als europäisches Paradigma, Stuttgart 1999, 225–239.
Lefèvre, E., Daniel Heinsius, Manes Lipsiani (Sylvae 3) nebst einer Betrachtung von Joseph
Scaligers Epicedium auf Lipsius, in: E. Lefèvre / E. Schäfer (Hrsg.), Daniel Heinsius, Klassi-
scher Philologe und Poet, Neo Latina, Tübingen 2007, 203-248.
Manuwald, G., Die lebendigen Bücher antiker Dichter. Zur Kunstauffassung in Secundus’
Elegie 3, 3, in: Schäfer 2004, 157–175.
Meter, J. H., The literary theories of Daniel Heinsius. A study of the development and back-
ground of his views on literary theory and criticism during the period from 1602 to 1612 (Res-
publica literaria neerlandica 6), Assen 1984.
Otto, A., Die Sprichwörter und sprichwörtlichen Redensarten der Römer, Leipzig 1890.
S chäfer, E. (Hrsg.), Johannes Secundus und die römische Liebeslyrik, NeoLatina 5, Tübingen
2004.
S chmidt, E. A., Catull, Heidelberg 1985.
S chmidt, E. A., Stationen der Wirkungsgeschichte Catulls in deutscher Perspektive, Gymna-
sium 102, 1995, 44–78.
*Syndikus , H. P., Catull. Eine Interpretation. I: Die kleinen Gedichte (1–60), Darmstadt 1984.
Van Dam, H.-J., Daniel Heinsius, poète-philologue, in: La philologie humaniste et ses repré-
sentations dans la théorie et dans la fiction, sous la direction de P. Galand-Hallyn / F. Hallyn /
G. Tournoy, II, Genève 2005, 621–635.
178 Florian Schaffenrath

Florian Schaffenrath

Ein angekündigtes Columbus-Epos im Xaverius viator

Niccolò Giannettasios Verweise auf frühere und kommende Werke

Einleitung

Einem der fruchtbarsten neulateinischen Dichter im Italien des 17. Jahrhunderts, Niccolò
Parthenio Giannettasio (1648–1715), ist in letzter Zeit wieder vermehrte Aufmerksamkeit
von Seiten der Forschung geschenkt worden.1 Den Kern des poetischen Schaffens des Jesui-
ten stellt didaktische Poesie über Schifffahrt, Kriegstechnik und Fischfang dar. Der Grund
dafür, warum dieser interessante und gewitzte Dichter bis vor kurzem nicht behandelt
wurde, liegt einerseits in der lange betriebenen Vernachlässigung neulateinischer Texte;
andererseits ist uns Heutigen das Verständnis für lateinische Lehrdichtung und ihren Sitz
im Leben völlig abhanden gekommen. In einem Aufsatz über Fracastoros medizinisches
Lehrgedicht Syphilis drückt Yasmin Haskell diesen Umstand pointierter aus: «Fiction is
sexy, didactic poetry not so sexy»2.

Der Xaverius viator

Giannettasios früheste Dichtung war jedoch kein Lehrgedicht, sondern ein Epos über die
Missionsreisen des Heiligen Franz Xaver: Xaverius viator seu Saberis. Dieses Jugendwerk3
wurde zu Giannettasios Lebzeiten nicht veröffentlicht und erschien erst sechs Jahre nach
seinem Tod im Druck als dritter Band der Antonio Rambaldo gewidmeten Gesamtausgabe
der lateinischen Dichtungen in Neapel.4 Das Epos besteht aus 7675 Hexametern, aufgeteilt
auf zehn Bücher, wobei das zehnte Buch schon nach 21 Versen abbricht und das Werk
somit unvollendet lässt. Nicht das ganze Leben des Hl. Franz Xaver wird dargestellt, son-
dern nur die Zeit von seiner Einschiffung nach Indien 1541 bis kurz vor seiner Landung auf
Japan 1549. Die für den Jesuitenorden so wesentliche Zeit vor 1541, in der Franz Xaver der
Gruppe um Ignatius von Loyola angehörte und an der Gründung des Ordens wesentlich
beteiligt war, wurde möglicherweise deshalb nicht behandelt, weil diese Geschehnisse be-
reits in lateinischen Epen festgehalten worden waren.5 In für das Epos typischen histori-

1
Hofmann 1993, S chindler 2001, Klecker 2002.
2
Haskell 1999, 77.
3
Die Biographien sind nicht sehr detailliert in der Einordnung der Werke in bestimmte Lebensphasen (vgl.
Tarzia 2000). Der Xaverius wird immerhin als «fruit de la jeunesse de l’auteur» ( Michaud XVI 404) be-
zeichnet und fällt somit in die Zeit des unsteten Umherwanderns, wie es für junge Jesuiten üblich ist.
4
Nicolai Parthenii Giannettasii SJ Xaverius viator seu saberidos carmen posthumum, Neapel 1721.
5
Die berühmtesten Ignatius-Epen sind die Ignatias des Antonio Figueira Durao (Lissabon 1632) und die
Ignatias des Laurent le Brun (Paris 1661). Zu Figueira vgl. Klecker 2003, zu le Brun vgl. Gärtner 2004.
Ein angekündigtes Columbus-Epos im Xaverius viator 179

schen Rückblenden und Ausblicken kommt jedoch auch Ignatius im Xaverius viator eine
wichtige Rolle zu.
Im ersten Buch wird zunächst die Geschichte Indiens aufgerollt, seine historische Bedeu-
tung und die ersten Kontakte mit dem Christentum, v. a. durch den Hl. Thomas. Bevor der
Held des Epos noch erscheint, lernt der Leser dessen Gegenspieler Pluto, den Höllenfürs-
ten, kennen. Bereits hier zeigt sich, wie sehr sich Giannettasio als imitator der vergilischen
Aeneis sieht, denn auch dort gehört die erste größere Szene nach dem Proömium Iuno,
die sich über die Erfolge der trojanischen Flotte ärgert und Aeolus auf ihre Seite zieht. Im
Xaverius freut sich Pluto, dass es ihm in der Zeit nach dem Wirken des Hl. Thomas in
Indien gelungen ist, das Land wieder für sich zu gewinnen. Eine Prophezeiung hat ihm
jedoch angekündigt, dass ein Jesuit dereinst Indien für das Christentum zurückgewinnen
wird. Wiederum mit augenfälligen Parallelen zu Vergil erregt er (nach einer beherzten Rede
vor seinen Unterweltsdämonen) einen Seesturm gegen die inzwischen aus Lissabon ausge-
laufene Flotte, die Franz Xaver nach Indien bringen soll. Mitten im schlimmsten Toben des
Sturmes meditiert Franz Xaver – wohl eine Anspielung auf Jesus, der während eines See-
sturmes an Bord des bedrohten Schiffes schläft (Mt 8,23–27) – und kann dann die Winde
besänftigen, indem er das Kreuz vor sich hält.
Am Anfang des zweiten Buches landet die Flotte an der Küste Afrikas, um notwendige
Reparaturen durchzuführen und um sich von den Strapazen des Sturmes zu erholen. Wäh-
rend einer Meditation wird Franz Xaver in den Himmel entrückt, von wo aus er die ganze
Erde überblicken kann, bis er die Besinnung verliert.6 Nachdem die Fahrt wieder aufgenom-
men wurde, macht sich nach der Überquerung des Äquators eine verheerende Windstille
breit, die den Ausbruch von Seuchen an Bord begünstigt. Mit größter Hingabe kümmert
sich Franz Xaver um die Kranken. Als die Fahrt endlich weitergeht, werfen sich den Schif-
fen bald gewaltige Untiere entgegen, zuletzt sogar ein riesiger Wal, den Franz Xaver jedoch
mit göttlicher Hilfe vertreiben kann.
Im dritten Buch landet die Flotte auf der Insel Madagaskar, die von König Tamarus re-
giert wird. Dort werden die Ankömmlinge vom portugiesischen Statthalter Martinus emp-
fangen. Franz Xaver verbringt die Nacht in der Kirche, wo er sich in frommer Kasteiung
geißelt. Am Morgen nähert sich ihm ein Engel, der ihm von seinen künftigen Erfolgen in
Indien kündet. Das Volk strömt zum Gottesdienst zusammen; während Franz Xaver die
Messe liest, erstrahlt sein Haupt und Himmelschöre ertönen. Einige Zeit später nimmt die
Flotte ihre Reise wieder auf.
Am Beginn des vierten Buches prophezeit Franz Xaver die Ankunft in Goa für den
nächsten Tag und behält Recht. Ein Zwischenproömium (3,121–147) zeigt, dass hier der
erste Teil des Epos, der die Reise nach Indien beinhaltet, abgeschlossen ist. Franz Xaver ge-
langt nach Milispara zum Grab des Heiligen Thomas, wo er vom regierenden Fürsten
Apheldes willkommen geheißen wird. Nach einem Gottesdienst besucht Franz Xaver den
örtlichen Bischof Albucherius, der ihn und die Jesuiten in ihrer Missionsabsicht unterstüt-
zen will. Franz Xaver beginnt sein Werk und kann die ersten Heiden taufen.
Das fünfte Buch beginnt mit der Gründung eines Jesuitenkollegs in Goa. Als im Frühling
das Meer wieder schiffbar wird, setzt Franz Xaver seine Reise fort. Er landet in Colchinum,

6
Dieses Motiv ist wohl ursprünglich von Ciceros Somnium Scipionis inspiriert. Im neulateinischen Epos
spielte es zunächst in Petrarcas Africa (v. a. im ersten und zweiten Buch) eine wichtige Rolle, vgl. Visser
2005, 16–145.
180 Florian Schaffenrath

wo es ihm gelingt, viele Menschen zum Christentum zu bekehren. Auf der Weiterreise ge-
langt die Flotte durch Gottes Hilfe sicher durch einen Seesturm; am Strand ereignet sich
um Franz Xavers Haupt ein Flammenprodigium. In Tucurinum hilft er einer Frau, die in
den Wehen liegt. Ihre Niederkunft geht gut vonstatten, nachdem sie sich taufen ließ. Einen
kürzlich Verstorbenen kann er wieder zum Leben erwecken. Der Ruf von Franz Xavers
Heiligkeit verbreitet sich in vielen Ländern.
Das sechste Buch zeigt, dass man sich auch in Europa von Franz Xavers großen Taten er-
zählt. Ignatius von Loyola schickt weitere Jesuiten nach Indien. In der Hölle ist Pluto ent-
setzt über die Erfolge der Jesuiten und beruft ein Höllenkonzil ein. Dort beauftragt er die
Furie Allecto, sich in Lycas zu verwandeln, den Vater des Lytrisar, König der Badager, um
ihn zum Krieg gegen Franz Xaver anzustacheln. Allecto führt ihren Auftrag aus und sta-
chelt zudem die anderen Eumeniden zum Kampf gegen die Jesuiten auf. Noch in der Nacht
stellt Lytrisar seine Armee auf und marschiert gegen die Stadt Travancoris, wo sich Franz
Xaver gerade aufhalten soll. Dort bereitet König Acas alles zur Verteidigung der Stadt vor;
aufgrund eines Traumes von Königin Phylias wagt er jedoch keinen Ausfall gegen die Ba-
dager. In der ersten Schlachtphase ist das Glück auf der Seite Lytrisars, doch ein gewaltiger
Wolkenbruch zwingt ihn, sich in sein Lager zurückzuziehen. Am nächsten Morgen greift
Franz Xaver, den ein Engel dazu aufgefordert hat, in die Schlacht ein. Er zieht vor die Stadt
auf einen nahen Hügel, wo er sich plötzlich in eine riesige Gestalt verwandelt, um die he-
rum es blitzt und donnert. Die Badager fliehen.
Wiederum mit einem Zwischenproömium (7,1–19) beginnt das siebte Buch, in dem eben-
falls von Kämpfen die Rede ist. Seit dem Wirken des Hl. Thomas hängt die perlenreiche In-
sel Manaria dem christlichen Glauben an. König Lysarus eroberte die Insel und zwang die
Einwohner, zum Islam überzutreten. Nur Oaxes weigerte sich und flüchtete in die Wildnis,
wo ihm in einem Traum ein Gigant erschien, der einst die Rückkehr des christlichen Gottes
einleiten sollte. Zudem erscheint ihm der Hl. Thomas, der ihm seinen Traum deutet. Am
Strand sieht Oaxes dann als erster die nahende Flotte der Jesuiten. In der Hauptstadt ge-
lingt es Oaxes und den Missionaren, die Bevölkerung zum Sturz der Götzenaltäre zu über-
reden. Der grausame König Orabis aber rüstet gegen den Eindringling zum Kampf und be-
lagert die Hauptstadt Manarias. Die Mauern fallen bald nach intensivem Bombardement,
Orabis’ Truppen dringen in die Stadt ein und richten ein Blutbad an. Viele Bewohner der
Hauptstadt sterben den Märtyrertod. In der Zwischenzeit tobt ein Seesturm um die Flotte,
die die von Ignatius jüngst entsandten Jesuiten nach Indien bringen soll. Gott schickt den
Erzengel Michael, um den Sturm zu besänftigen.
Im achten Buch erreicht Franz Xaver die Stadt des Hl. Thomas. Während einer Medita-
tion in der Kirche wird Franz Xaver in himmlische Regionen entrückt und erblickt dort
das Himmlische Jerusalem, dessen Beschreibung weiten Raum einnimmt. Der Hl. Thomas
erscheint und führt Franz Xaver im Himmel herum. In einer Heldenschau treten zunächst
die bereits verstorbenen Vorkämpfer des Christentums auf. Der sehr früh verstorbene
Diego Hoces, ein Priester aus Malaga, nähert sich Franz Xaver und kündet ihm in einem
langen Katalog die Reihe der künftigen Jesuiten, als deren letzter der Japanmissionar Mar-
cellus Franciscus Mastrillus erscheint, wie ja auch Marcellus den Endpunkt der vergilischen
Heldenschau im sechsten Buch der Aeneis markiert. Dann führt der Hl. Thomas Franz Xa-
ver auf die Erde zurück.
Zu Beginn des neunten Buches liest Franz Xaver eine Messe und treibt Dämonen aus
Besessenen aus. In der Hölle beschließt Pluto, nun selbst ins Geschehen einzugreifen und
Ein angekündigtes Columbus-Epos im Xaverius viator 181

macht sich auf den Weg zu Franz Xaver, der gerade in der Kirche meditiert. Dämonen erfül-
len das Gotteshaus, Pluto nimmt wie Proteus verschiedene furchterregende Gestalten an,
doch Franz Xaver bleibt unbeeindruckt. Als er die Jungfrau Maria zu Hilfe ruft, müssen sich
die Dämonen zurückziehen. Er lässt die Flotte für die Weiterreise nach Japan bereit machen.
Um die lange Fahrt etwas erträglicher zu machen, zeigt Olletes eine von ihm verfertigte Welt-
karte und beschreibt die einzelnen dargestellten Länder. Endlich landet die Flotte auf Tapro-
bane. Das zehnte Buch bricht nach einem Zwischenproömium ab, in dem der Dichter die
Muse um Unterstützung für die letzte Anstrengung (ultimus … labor 10,19) bittet.

Ankündigungen

Während Elisabeth Klecker 2001 bereits auf den kreativen Umgang Giannettasios mit
seinem Vorbild Vergil im Bereich der Dido-Rezeption eingegangen ist, sei im Folgenden auf
ein anderes Phänomen der Vergilnachfolge hingewiesen, nämlich die Vergil nachahmende
Verknüpfung der Werke untereinander.7
Giannettasio ist ein «ankündigungsfreudiger» Dichter; er liebt es, in seinen Werken
einerseits auf seine früheren Werke hinzuweisen, andererseits künftige geplante Werke an-
zukündigen.8 Diese Tendenz ist bereits in seinen ersten veröffentlichten Gedichten – der
Xaverius blieb ja lange Zeit unveröffentlicht – zu beobachten: 1685 gibt er in Neapel seine
Eklogen und sein Lehrgedicht Nautica heraus, von diesen Gedichten folgen weitere teils
stark erweiterte Auflagen.
Mit seinen 14 Fischereklogen tritt Giannettasio thematisch in die Fußstapfen seines
Landsmannes Sannazaro, der seinerseits wieder in Vergil-Nachfolge fünf Fischereklogen
geschrieben hat. 9 Giannettasio verdoppelt die Zahl der Eklogen des Sannazaro nicht nur,
wie er die vier Bücher der Georgica durch acht Bücher Nautica verdoppelt hat, sondern er
schreibt bedeutend mehr Eklogen. Allein in diesen 14 Gedichten finden sich zwei Ankün-
digungen von größeren Epen: Der Tityrus der ersten Ekloge, der allegorisch für Giannet-
tasio selbst steht,10 preist Kaiser Leopold I. für seinen Sieg über die Türken und verspricht
ihm, wenn er ihn nur persönlich sehen könnte, seinen Namen und seine Taten Moeonio …
cantu (ecl. 1,96), also in einem epischen Gedicht zu feiern. Am Ende der 14. Ekloge ver-
spricht Giannettasio seinem Mäzen und Förderer, dem Grafen Carolo Cardenio,11 ein pa-
negyrisches Epos (ecl. 14,95–105):

7
Korenjak hat vor kurzem aufgezeigt, dass Vergil der erste war, der nicht nur Einzelwerke geschreiben hat,
sondern seine Werke dem Konzept eines Gesamtwerkes untergeordnet hat, vgl. Korenjak 2005, 219.
8
Das aus der Antike übernommene Motiv der Werkankündigung, v. a. von geplanten panegyrischen Epen
für amtierende Herrscher, wurde in der neulateinischen Literatur intensiv rezipiert. Einer der bedeutends-
ten Epiker des 15. Jahrhunderts, Tito Strozzi, kündigt in seinem Epyllion Lucilla (Verse 17–24) etwa ein
panegyrisches Epos auf das Haus d’Este und auf Markgraf Leonello im Besonderen an. Strozzi folgt hier
seinerseits wieder Giovanni Marrasio, der in einer Elegie ein Este-Epos ankündigte (vgl. Ludwig 1977,
17 f.).
9
Grundlegend zu Sannazaros Fischereklogen mit weiterführender Literatur Kidwell 1993, 130–138.
10
In der Auflösung der allegorischen Bedeutung der Figuren, die dem Gedicht vorausgeht, heißt es «per
Tityrum poetam».
11
Über ihn vgl. S chindler 2001, 147, Anm. 5.
182 Florian Schaffenrath

Tunc genus antiquum regali e sanguine regum


cantabo, stirpisque tuae primordia dicam,
magnanimos addam heroas regesque superbos,
quos Tagus auriferis regnantes vidit arenis
et quos dives Iber niveaque incinctus oliva
Baetis et umbrosa coluit cervice Pyrene,
quos et Parthenope titulis maioribus auxit.
Noster et in viridi miratus saepe recessu
Pausilypus fovitque suas Euplaea per undas.
Non taceam tua facta, mihi si pulcher Apollo
et digna Actiades concedant carmina Musae.
(«Dann werde ich das alte Königsgeschlecht aus königlichem Blut besingen, werde von
den Ursprüngen deiner Familie berichten und die großherzigen Helden und stolzen Kö-
nige anführen, die der Tagus an seinem goldführendem Strand, der reiche Ebro und der
von hellen Oliven gesäumte Baetis herrschen sahen, die das Pyrene-Gebirge mit seinem
schattigen Haupt verehrte und die Neapel mit noch bedeutenderen Titeln erhöhte. Auch
unser Pausilyp bewunderte dieses Geschlecht oft in seiner grünen Abgeschiedenheit,
Euplaea war ihm in ihren Wellen gewogen. So will ich deine Taten nicht verschweigen,
wenn mir nur der schöne Apollon und die heimischen Musen würdige Gesänge zuge-
stehen.»)
Beide hier angekündigten Epen, das für Kaiser Leopold I. sowie das für Graf Cardenio, wur-
den nie geschrieben. Etwas anders verhält es sich mit der Ankündigung eines Columbus-
Epos, das zwar auch nie geschrieben, jedoch in anderer Form in Angriff genommen wurde:

Kontext

Im neunten Buch des Xaverius viator ist Franz Xaver nach unzähligen Abenteuern in
Indien wieder in See gestochen und will nach Chrysaea (wohl Japan) segeln, um auch dort
den christlichen Glauben zu verbreiten. Während die einzelnen Stationen dieser Seereise
nur kurz angedeutet werden, verwendet Giannettasio viel Mühe auf die Beschreibung
des Kompasses12 einerseits und einer Weltkarte andererseits13. Erzähltechnisch nicht unge-
schickt lässt Giannettasio Olletes, den Zeichner bzw. Verfasser dieser Weltkarte, auftreten
und sein Werk in einer sehr langen Partie (vv. 9,355–745) beschreiben. Er beginnt mit Erd-
regionen, die entlegener sind, um im letzten Teil auf Europa einzugehen. Hier wiederum
steht Italien am Schluss, und innerhalb der Beschreibung Italiens Giannettasios Heimat
Neapel.

12
Auch in seinem später entstandenen Lehrgedicht «Nauticorum libri VIII» findet sich eine sehr detaillierte
Beschreibung des Kompasses (Naut. 4,60–93).
13
In seiner Prosaeinleitung zu den Nautica hebt Giannettasio hervor, wie sehr sich die moderne Schifffahrt
vor der antiken auszeichnet. Neben verbesserten mathematischen Kenntnissen sind es gerade die hier ge-
nannten Hilfsmittel, Kompass und Karten, die diesen Fortschritt gebracht haben («Haec vero tempestate
ope pyxidis mapparumque Geographicarum, necnon et summa mathematicae disciplinae peritia, id praestitum
est, ut non per Mediterraneum modo, sed longe lateque per Oceanum tutissima ac brevissima sit nobis naviga-
tio» Giannettasio, Opera omnia poetica, Neapel 1715, 46).
Ein angekündigtes Columbus-Epos im Xaverius viator 183

Interpretation

Am Beginn der Beschreibung entlegenerer Erdteile steht Amerika (vv. 9,358–403), das sich
im Gegensatz zu den alten Erdteilen Asien, Europa und Afrika auf der linken Seite der
Karte befindet und «Neue Welt» genannt wird (9,358–361):

Cernite, qui dextra pictus protenditur orbis


terra vetus, Libyam Europenque Asiamque figurat,
qui vero ad laevas spectat, novus ille vocatur
orbis

(«Schaut euch die alte Welt an, die sich auf der rechten Seite abgebildet findet, Libyen,
Europa und Asien. Was aber hier links liegt, das wird Neue Welt genannt.»)

Lange Zeit war dieser Erdteil nicht bekannt, da er durch große Ozeane (den Atlantik im
Osten und den Pazifik im Westen) nicht zugänglich war. Dabei ist er sehr groß und er-
streckt sich sowohl auf der Nord- als auch auf der Südhalbkugel. Als erstem ist es Chris-
toph Columbus, einem Ligurer und der Zierde seines Geschlechtes, gelungen, die Welt der
Antipoden zu betreten und sich so großen Ruhm zu erwerben (9,365–368). Amerigo Ves-
pucci hingegen hat als erster die Städte und Völker Amerikas erforscht und wurde so zum
Namensvetter des neuen Kontinents (9,369–372):

Sed melius Tusca veniens Americus ab ora


circuit et mores populorum vidit et urbes.
Illius hinc nostri Ammeriam de nomine dicunt
facti haud immemores

(«Dann aber kam Americus aus der Toskana, reiste herum und lernte die Sitten und
Städte dieser Völker kennen. Wir heutigen erinnern uns genau an diese Taten und benen-
nen den Erdteil nach ihm Ammeria.»)

Die Formulierung et mores populorum vidit et urbes (v. 370) ist eine wörtliche Übersetzung
aus dem Proömium der Odyssee, in dem es von Odysseus heißt  2 $
 
  Ν  λ   (Od. 1,3). Wenn in dieser Passage der Unterschied und die un-
terschiedliche Bedeutung von Columbus und Vespucci herausgearbeitet werden soll und
wenn bei Vespucci deutlich auf Homers Odyssee Bezug genommen wird, drängt sich die
Frage auf, ob man in der Darstellung des Columbus Verweise auf das andere homerische
Epos, die Ilias, finden kann. Wenn auch nicht so deutlich wie das wörtliche Zitat, so kann
man den Hinweis auf den Ruhm, den sich Columbus durch seine Taten erworben hat, mit
einem der wichtigsten Motive der Ilias, den  $ , in Verbindung bringen. Später
wird noch zu zeigen sein (s. u.), dass Giannettasio für sein Werk ein vergilisches Konzept
hat. Wie die Aeneis eine Synthese aus Ilias und Odyssee darstellt, hat Giannettasio hier er-
kannt, dass der Columbus- bzw. Entdeckerstoff eine ähnliche Synthese zulässt und somit
für sein Werkkonzept fruchtbar gemacht werden kann.
In der unterschiedlichen Bewertung von Columbus und Vespucci gibt Giannettasio ers-
terem den Vorzug. Er greift dabei das Motiv des ersten, der einen Weg beschreitet, auf und
wertet Vespucci als reinen Nachfolger ab. Das Motiv des primus ist in der Columbus-Epik
sehr beliebt, sodass noch einer der letzten Autoren, die sich des Themas in einem lateini-
schen Epos annehmen, Ubertino Carrara SJ, sich im Proömium seines Columbus (Rom
184 Florian Schaffenrath

1715) rühmt, ein Meer zu besegeln, auf dem ihm noch keiner vorangesegelt ist (obwohl es
vor ihm schon einige Columbus-Epen gab).14
Olletes ruft nun aus, dass es sich Columbus in der Tat verdient hätte, von einem lateini-
schen Dichter besungen und so verstirnt worden zu sein. Er beschreibt sich selbst als Dich-
ter, dessen Werke einige Bedeutung haben, und kündigt an, gleich nach seiner Rückkehr in
seine Heimatstadt Neapel einen Tempel zu errichten, um (den Dichtergott) Apollon darin
zu feiern und ihm als Priester zu dienen, eine poetische Chiffre für ein Epos über Colum-
bus (9,377–385):
Hunc merito Typhim superis adscribere signis
debuerant Latii divino carmine vates.
Hunc ego (si quod habent decus et mea carmina possunt;
quippe nec ignoro Pymplaeas scandere rupes
currentem et docto distinguere gnomone Phoebum)
cum primum incolumis Campanas labar in oras
atque iterum reducem excipiet me patria Syren
pertaesum pelagi, celebrabo et culmina Pindi,
Phoebe, colam et novus ingrediar tua templa sacerdos.
(«Diesen zweiten Typhis hätten die lateinischen Dichter mit vollem Recht in einem gött-
lichen Gedicht unter die Sterne versetzen müssen. Wenn meine Gedichte schön sind
und etwas vermögen – denn ich vermag die pympläischen Felsen zu erklimmen und mit
gelehrtem Zeiger auf den eilenden Phoebus zu zeigen – will ich diesen, sobald ich unbe-
schadet nach Kampanien zurückgekehrt bin und mich meine Heimat Neapel sicher vom
Meer zurückgekehrt aufgenommen hat, feiern, ich will die Gipfel des Pindus feiern, oh
Phoebus, und als neuer Priester deinen Tempel betreten!»)
Dass Giannettasio mit den Aussagen des Olletes hier auf sein eigenes künftiges Schaffen an-
spielt, macht die Angabe der Heimat deutlich: Wie Olletes ist auch Giannettasio ein Kind
Kampaniens und Neapels. Die seltene Formulierung patria Siren für Neapel wiederholt
Giannettasio wörtlich in der Sphragis seine Nautica (patria Siren 8,1168) zur Angabe seiner
eigenen Heimat. Wie Olletes gerade fern seiner Heimat ist, so schreibt auch Giannettasio
den Xaverius in einer Zeit, da er sich nicht in Neapel, sondern zu Studien in Süditalien
aufhält.15 Dieser Aufenthalt des Dichters in Süditalien spiegelt sich auch in der Figur des
Aegon der 11. Fischerekloge, unter der man sich Giannettasio vorstellen soll.16 Über diesen
Aegon heißt es dann in einer Parenthese (ecl. 11,20 f.)
Aegon Euboici quondam maris accola, ponto
tunc Siculo errabat, patris procul exul ab oris
(«Aegon wohnte einst am Euböischen Meer, wanderte aber dann am Sikulischen Meer,
verbannt fern von der Heimaterde»)

14
Die entsprechende Passage aus dem Proömium des Columbus (1,22–27) lautet: «Magnum opus aggredior
neque minor arbitror orbis / posse repertorem comprendere versibus, orbem / quam reperire fuit, ne persequar
omnia, certe / invia commentis peragro loca, nullus Homerus, / nullus et Hesiodus, qui nobile fecerit ante, / quod
calcamus iter», zitiert nach Martini 1992.
15
Zu Giannettasios Biographie vgl. Anm. 3.
16
Die Allegorien der Fischereklogen Giannettasios sind am Beginn stets aufgelöst. So heißt es am Beginn von
Ekloge 11: «Per Aegonem poetam intellige, qui Rhegii hanc eclogam conscripsit, cum severiori Minervae
operam daret».
Ein angekündigtes Columbus-Epos im Xaverius viator 185

Giannettasio befindet sich also nicht in der Heimat, wo er die notwendige Ruhe für das
Abfassen eines umfangreichen Columbus-Epos hätte. Wie seine Figur Olletes will er aber
nach seiner Rückkehr in seine Vaterstadt ein Epos über Columbus schreiben.
Mit dem Bild des Tempels, den er errichten will, um darin als Priester zu dienen, greift
Giannettasio eine der berühmtesten Ankündigungen eines Epos auf: Im Proömium des
dritten Georgica-Buches kündigt Vergil ein künftiges Epos über Kaiser Augustus an. Er
wählt dazu das Bild eines marmornen Tempels, den er am Ufer des Mincio errichten will
(georg. 3,13–15):
et viridi in campo templum de marmore ponam
propter aquam, tardis ingens ubi flexibus errat
Mincius et tenera praetexit harundine ripas
(«Ich will auf grüner Au nahe am Fluss einen Tempel von Marmor errichten, wo der ge-
waltige Mincius in trägen Windungen irrt und seine Ufer mit zartem Schilf säumt.» Über-
setzung Otto Schönberger)
Die bisher gezeigten Züge der gewollten Vergil-Nachfolge Giannettasios sind stark und
werden im Folgenden noch deutlicher: Giannettasio löst seine Ankündigung eines Colum-
bus-Epos ebenso (nicht) ein, wie Vergil sein angekündigtes Augustus-Epos (nicht) einlöst.
Das Columbus-Epyllion, das sich im achten Buch von Giannettasios Nautica in den Versen
649–1060 findet ist zwar kein Großepos, wie man es sich aufgrund der Ankündigung er-
warten könnte, hat aber so viele Eigenschaften eines Epos, dass es Heinz Hofmann (1993,
229) mit Recht als «Columbeis in nuce» bezeichnen kann.
Wieder ist es ein geographischer Kontext, in den die Passage über Columbus fällt: Im
achten Buch der Nautica beschäftigt sich Giannettasio mit den Ozeanen des Ostens und des
Westens. Während die Schifffahrt auf den östlichen Meeren aus der Sicht des allwissenden
Erzählers dargestellt wird, wählt Giannettasio für den Atlantik die Darstellungsform des
Epyllions, um so die seit dem Aristaeus-Epyllion der Georgica Vergils begründete Tradi-
tion fortzusetzen.17 Dieses Epyllion ist von Hofmann intensiv erforscht worden und
braucht hier nicht mehr im Detail behandelt zu werden. Interessant ist aber, dass nicht die
Fahrten des Columbus oder die erste Fahrt im Speziellen Thema der Einlage sind, sondern
vielmehr Columbus’ Jugend und Erziehung durch seine Mutter, die Nymphe Urania, die
ihm seine künftigen Heldentaten kündet und ihn auch während eines Aufenthaltes der
Flotte auf Teneriffa in den Himmel entrückt, um ihm von dort die Neue Welt zu zeigen. Die
eigentliche Leistung Columbus’ wird in zwei Versen kurz berichtet (Nautica 8,1059 f.)
Atque novi gentes urbesque et litora mundi
laetus adit iungitque aliis commercia terris.
(«Und freudig hat er die Völker, Städte und Strände der Neuen Welt aufgesucht und sie
durch den Handel mit den restlichen Ländern verbunden.»)
Somit wird klar, dass das Columbus-Epyllion nicht das angekündigte Columbus-Epos des
Xaverius ist. Genausowenig ist aber die Aeneis das in den Georgica angekündigte Augus-
tus-Epos. Giannettasios imitatio Vergilii besteht auch darin, das angekündigte Thema in
seinem nächsten Werk zwar zu behandeln, es jedoch nicht ins Zentrum zu stellen.

17
Allgemein dazu Hofmann 1993.
186 Florian Schaffenrath

Vergil hat sich bestimmter Techniken bedient, um seine Werke untereinander zu ver-
binden.18 In der Sphragis seiner Georgica etwa nimmt der letzte Vers (georg. 4,566 Tityre,
te patulae cecini sub tegmine fagi ) den ersten Vers der ersten Ekloge (ecl. 1,1 Tityre,
tu patulae recubans sub tegmine fagi ) auf, womit eine Klammer für die beiden Werke her-
gestellt ist. Ebenso zitiert der letzte Vers der Nautica Giannettasios (Naut. 8,1172 Tityre,
te vitreas cecini Crateris ad undas) nicht nur das vergilische Vorbild, sondern noch viel kon-
kreter den ersten Vers seiner Fischereklogen (ecl. 1,1 Tityre, quid vitreas recubans Crateris ad
undas). Zudem ist diese erste Fischerekloge, wie die erste Ekloge Vergils, der geeignete Ort
des Kaiserlobes: Giannettasios Tityrus sing ein Loblied auf Kaiser Leopold I., dem es ge-
lungen ist, Wien von den Türken zu befreien (ecl. 1,42–104).

Chronologie

Zwei Probleme stellen sich jedoch, wenn man das Schaffen von Vergil und Giannettasio
parallelisieren will: (1) Vergil schrieb sein Epos nach dem Lehrgedicht. (2) Die chronologi-
sche Einordnung des Xaverius ist problematisch, da er zwar als Giannettasios Jugendwerk
gilt, jedoch erst sechs Jahre nach seinem Tod in Neapel 1721 veröffentlicht wurde. Ob die
Parallele, dass auch Vergils Aeneis zu Lebzeiten des Dichters nicht veröffentlicht wurde und
unvollendet blieb, reiner Zufall oder Absicht ist, lässt sich nicht sagen. Es ist jedoch auffal-
lend, dass auch andere Verfasser neulateinischer Epen, die sich in direkter Vergilnachfolge
sehen, diese zu Lebzeiten nicht veröffentlichen, etwa Petrarca, dessen Africa zwar seinen
Dichterruhm begründete und ihm sogar die Dichterkrönung auf dem Kapitol in Rom ein-
brachte, seinen Zeitgenossen jedoch, von kurzen Passagen abgesehen, nicht bekannt war.19
Dieses Problem der relativen Chronologie zwischen Xaverius und Nautica wird noch
eklatanter, wenn man eine Stelle vom Anfang des achten Buches der Nautica betrachtet:
Hier kommt Giannettasio bei der Beschreibung der östlichen Meere auch auf Franz Xaver
zu sprechen. Inbrünstig wünscht sich der Dichter, die Taten dieses Heiligen in einem wür-
digen Lied (carmine digno 8,77) feiern zu dürfen, wenn er dereinst am Strand seiner Heimat
Ruhe und Muse finden wird (Naut. 8,76–88):
O mihi tanti
facta viri liceat celebrare et carmine digno
egregiam palmam et clari monimenta triumphi
Pieria ad virides umbras subtexere lauro.
Spero equidem pelago servatam ad litore puppim
vertere, laetus ubi descendit in aequora molli
Pausilypus clivo et sub tegmine rupis opaco
stant vatis sedes et cognita rura Camoenis.
Hic ego, dum tremuli vicino ab litore ponti
aspirant lenes Zephyri et vaga murmuris aura
Aoniam motat silvam, sacro incitus oestro
alta trophaea viri atque illustria facta sub ortu
et victos dicam populos regesque subactos.
18
Zum Folgenden vgl. S chindler 2001, 155.
19
Zu Petrarcas Dichterkrönung vgl. Suerbaum 1972, zum Problem der Unbekanntheit der Africa zu Petrar-
cas Lebzeiten vgl. Amaturo 1971, 106 und Hoffmeister 1997. Zum Konzept der Vergilnachfolge im
«vergilischen Dreischritt» (Eklogen – Lehrgedicht – Epos) vgl. Korenjak 2005, 220 f.
Ein angekündigtes Columbus-Epos im Xaverius viator 187

(«Ach möge es mir doch vergönnt sein, die Taten dieses großen Mannes in einem würdi-
gen Lied zu feiern, seine Siegespalme und das Denkmal seines berühmten Triumphes im
Schatten von Bäumen mit pierischem Lorbeer zu umkränzen. Ich hoffe, dass sein Schiff
heil vom Meer zu dem Strand zurückkehrt, wo sich der Pausilyp glücklich in sanftem Ab-
hang ins Meer neigt und unter einem schattigen Felsvorsprung das Haus des Dichters und
die berühmten Güter der Camoenen liegen. Während von der nahen Küste des zitternden
Meeres sanfte Zephyrwinde heranwehen und ein sanft murmelnder Hauch den aonischen
Wald in Bewegung versetzt, will ich, von heiliger Begeisterung entfacht, die großen Tri-
umphe dieses Mannes, seine berühmten Taten im Osten und die Völker und Könige, die
er besiegt und unterworfen hat, besingen.»)
Die Ankündigung eines Epos über Franz Xaver ist nicht an und für sich überraschend;
überraschend ist die Tatsache, dass dieses Epos über Franz Xaver bereits geschrieben, nur
noch nicht veröffentlicht wurde. Das zeitgenössische Publikum wusste noch nichts von
Giannettasios Jugendwerk Xaverius. Es war Giannettasios Absicht, seine Werke, mit denen
er Vergil nachfolgen wollte, untereinander eng zu verbinden: So finden sich im Xaverius
Vorverweise auf das Columbus-Epyllion der Nautica, umgekehrt in den Nautica Ankündi-
gungen eines Franz-Xaver-Epos, an die sich die Beschreibung einer idyllischen Landschaft
anschließt.
Die Beschreibung dieser idyllischen Landschaft, die sich der Dichter an beiden Stellen als
Umfeld für sein künftiges poetisches Schaffen wünscht, stellt gleichsam das Bindeglied zwi-
schen den Nautica und den Fischereklogen her: Eine frappierende Zahl gleicher und ähn-
licher Motive erweist Naut. 8,73–156 als direkte Anspielung auf ecl. 14,21–56: sanft we-
hende Zephyrus-Winde (ecl. 14,21 Ä Naut. 8,85), herrliche Gärten (ecl. 14,29 Ä Naut.
8,110 f.), liebreizender Duft (ecl. 14,30 f. Ä Naut. 8,114), sprudelnde Quellen (ecl. 14,33 f. Ä
Naut. 8,95), angenehmer Schatten unter Felsen (ecl. 14,41–43 Ä Naut. 8,120), Chöre der
Meernymphen (ecl. 14,45 f. Ä Naut. 8,134), im Wasser spielende Delphine (ecl. 14,47 Ä
Naut. 8,132) und das Bild abrundende Zephyrwinde wie jeweils am Anfang (ecl. 14,53 Ä
Naut. 8,129).
Vergil-Imitation in der Werkfolge ist kein Phänomen, das erst in der neulateinischen
Dichtung auftaucht. Bereits Ovid unternimmt den «vergilischen Dreischritt», um später
ein anderes Werkkonzept zu entwickeln, vergiltreuer sind Grattius und Nemesian. 20 Gian-
nettasios Besonderheit ist jedoch, dass das Konzept bei ihm, dadurch dass der Xaverius be-
reits vorlag, kein Wunsch bleiben, sondern vorprogrammiert aufgehen musste.

Literatur

Amaturo 1971: Amaturo, Raffaele: Petrarca, Rom/Bari 1971 (Literatura italiana Laterza, 6).
Gärtner 2004: Gärtner, Thomas: Die Ignatias des Laurentius Le Brun. Ein Jesuitenepos über
den Ordensgründer Ignatius von Loyola, in: NlatJb 6 (2004), 17–49.
Haskell 1999: Haskell, Yasmin: Between Fact and Fiction. The Renaissance Didactic Poetry of
Fracastoro, Palingenio and Valvasone, in: Haskell, Yasmin / Hardie, Philipp (Hg.): Poets and
Teachers. Latin Didactic Poetry and the Didactic Authority of the Latin Poet from the Re-
naissance to the Present, Bari 1999, 77–103.

20
Vgl. Korenjak 2005, 220 f. (bes. Anm. 57).
188 Florian Schaffenrath

Hoffmeister 1997: Hoffmeister, Gerhart: Petrarca, Stuttgart 1997.


Hofmann 1993: Hofmann, Heinz: Variations of an Ending. Scipio, Aristaeus, and the Dream
of Columbus, in: RPL 16 (1993), 227–238.
Kidwell 1993: Kidwell, Carol: Sannazaro and Arcadia, London 1993.
Klecker 2002: Klecker, Elisabeth: «Liebe verleiht Flügel». Ein neulateinisches Epos über die
Missionsreisen des Heiligen Franz Xaver, in: Haub, Rita / Oswald, Julius (Hg.): Franz Xa-
ver – Patron der Missionen. Festschrift zum 450. Todestag, Regensburg 2002, 151–181.
Klecker 2003: Klecker, Elisabeth: «Imperium Minervae». Jesuitische Bildungspropaganda in
der Ignatias des António Figueira Durao, in: Briesemeister, Dietrich / Schönberger, Axel
(Hg.): Imperium Minervae. Studien zur brasilianischen, iberischen und mosambikanischen
Literatur, Frankfurt a. M. 2003, 179–209.
Korenjak 2005: Korenjak, Martin: Abschiedsbriefe. Horaz’ und Ovids epistolographisches
Spätwerk II, in: Mnemosyne 58 (2005), 218–234.
Ludwig 1977: Ludwig, Walter: Die Borsias des Tito Strozzi. Ein lateinisches Epos der Renais-
sance, München 1977.
Martini 1992: Martini, Mario (Hg.): Ubertino Carrara. Columbus, Sora 1992.
Michaud: Michaud, Louis Gabriel: Biographie universelle, ancienne et moderne ou Histoire,
par ordre alphabétique, de la vie publique et privée de tous les hommes qui se sont fait remar-
quer par leurs écrits, leurs actions, leurs talents, leurs vertus ou leurs crimes, 85 Bd.e, Paris
1811–1862.
S chindler 2001: Schindler, Claudia: Nicolò Partenio Giannettasios Nauticorum libri VIII. Ein
neulateinisches Lehrgedicht des 17. Jahrhunderts, in: NlatJb 3 (2001), 145–176.
Suerbaum 1972: Suerbaum, Werner: Poeta laureatus et triumphans. Die Dichterkrönung
Petrarcas und sein Ennius-Bild, in: Poetica 5 (1972), 293–328.
Tarzia 2000: Tarzia, F.: Giannettasio, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 51, Roma
2000, 448 f.
Visser 2005: Visser, Tamara: Antike und Christentum in Petrarcas Africa, Tübingen 2005
(NeoLatina, 7).

Anhang

Cernite, qui dextra pictus protenditur orbis


terra vetus, Libyam Europenque Asiamque figurat,
qui vero ad laevas spectat, novus ille vocatur 360
orbis, qui tumidis circumfluus undique lymphis
iamdudum nostris latuit dissectus ab oris.
Inter Atlantaeum se tendit et inter Eoum
ingentem Oceanum geminosque excurrit ad axes.
Hunc prior appetiit Ligurum de gente Columbus21, 365
Ausoniae decus eximium, quem Fama superstes
clara sub Antipodas pernicibus intulit alis
ad caelum victrix mox tentatura volatus.
Sed melius Tusca veniens Americus22 ab ora
circuit et mores populorum vidit et urbes. 370

21
Christophorus Columbus Genuensis Americam primus detexit anno 1492.
22
Vespuccius Americus Florentinus, a quo nomen Ammeria sortita est 1497.
Ein angekündigtes Columbus-Epos im Xaverius viator 189

Illius hinc nostri Ammeriam de nomine dicunt


facti haud immemores, sed gloria tota Columbi est.
Sternere nam primum dumosa ad culmina callem
non tenuis labor et tenuis non gloria surgit,
monstratam calcare viam, vestigia prima 375
exiguus labor, exiguo laus parva labori est.
Hunc merito Typhim superis adscribere signis
debuerant Latii divino carmine vates.
Hunc ego (si quod habet decus et mea carmina possunt;
quippe nec ignoro Pymplaeas scandere rupes 380
currentem et docto distinguere gnomone Phoebum)
cum primum incolumis Campanas labar in oras
atque iterum reducem excipiet me patria Syren
pertaesum pelagi, celebrabo et culmina Pindi,
Phoebe, colam et novus ingrediar tua templa sacerdos. 385
Sed nunc inceptum detecta per aequora cursum
ocius, Eoo quam nostrae gurgite puppes
aeratae fugiant, animos revocate, sequamur!
(Giannettasio, Xaverius viator 9, 358–388)
190 Peter Habermehl

Peter Habermehl

Orfeus in Niedersaxn

Arno Schmidts Erzählung «Caliban über Setebos»

«Es ist eine sehr alte Bemerkung,


daß fast jeder Schriftsteller
in seinen Büchern nur sein Ich schreibt.»
J.G. Seume, Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802

Platterdings unspektakulär – auf den ersten Blick zumindest – mutet Schmidts 1964 er-
schienener Erzählband «Kühe in Halbtrauer» an. Zehn harmlose Geschichten aus dem
Alltag der Celler Ostheide erzählen von den kargen Freuden und herben Nöten älterer
Herrschaften von respektabler Bildung und gehörigem Ressentiment (die «Halbtrauer» der
Wiederkäuer ist mehr als nur graphisches Ornament). Es dauerte seine Zeit, bis die Kritik –
nicht zuletzt das legendäre Bargfelder «Dechiffrier-Syndikat» – den «Palimpsestcharakter»
(um einen Begriff der Schmidt’schen Karl-May-Exegese zu entlehnen), die tiefere zweite
Sinnebene unter der Textoberfläche der Geschichten zu entschlüsseln begann und dabei
u. a. nachweisen konnte, daß sie zum überwiegenden Teil, wenn nicht gar zur Gänze,
mythisch unterfüttert sind. In «Kundisches Geschirr» betritt eine moderne Metamorphose
der ägyptisch-hellenistischen Isis die Bühne, in «Großer Kain» wallfahren Aphrodite,
Persephone und Adonis zum Heiligtum des großen Pan, in «Die Abenteuer der Sylvester-
nacht» sticht ein ergrauter Odysseus erneut in See, genauer: die hohe See der Kunst – um
drei prägnante Beispiele zu nennen.
Keiner der Texte jedoch darf solchen mythischen Unterbau mehr für sich in Anspruch
nehmen als die vorletzte Erzählung des Bandes, «Caliban über Setebos».1 Dies signalisieren
bereits ihre neun Kapitel, die nach dem Vorbild Herodots2 die Namen der neun Musen als
Überschriften tragen (wobei jedes Kapitel in mitunter schlagender Weise an die Zuständig-
keiten seiner Muse erinnert),3 und das Motto, das als Echo eines klassischen Musenanrufs

1
Der Text entstand April/Mai 1963. Zitate nach der «Bargfelder Ausgabe», Werkgruppe I (Romane, Erzäh-
lungen, Gedichte, Juvenilia), Bd. 3, Zürich 1987, 475–538.
2
Die Einteilung der «Historien» in neun Bücher dürfte allerdings auf den alexandrinischen Philologen Ari-
starch von Samothrake zurückgehen (vgl. K. Meister s. v. Herodotos [1], in: Der Neue Pauly, Bd. 5,
Stuttgart 1998, 470). Daß Herodots neun Bücher nach den Musen benannt sind, erwähnt erst die Suda
(s. v. H«, ed. A. Adler, Bd. ii, 588,25). Das in Anm. 4 zitierte anonyme kaiserzeitliche Distichon
setzt sie allerdings bereits voraus.
3
Dies hat zuerst Andersch 346 f. vermutet. – Der Verdacht liegt nahe, die Erzählungen der «Kühe in Halb-
trauer» seien insgesamt den Musen zugeordnet (ausgenommen die zehnte Erzählung, «Piporakemes!», das
Satyrspiel des Bandes, in dem als zehnte Muse – wie einstens Sappho – ein leibhaftiger Arno Schmidt die
Bargfelder Bühne betritt). «CüS» wäre demnach der Thalia geweiht, der komischen Muse. – Daß die
«Bargfelder Ausgabe» mit der wohldurchdachten Anordnung der Texte in den «Kühen in Halbtrauer»
bricht, ist ein editorisches Unding.
Orfeus in Niedersaxn 191

ein dem Herodot gewidmetes Distichon der Anthologia Graeca auf den Protagonisten der
Erzählung überträgt. 4 Denn bei genauerer Lektüre entpuppt «Caliban über Setebos» (im
Folgenden «CüS») sich als die alte Mär von Orpheus’ Höllenfahrt und Ende.
Bei Arno Schmidt braucht dies nicht zu überraschen. Auch wenn einer seiner Ich-Erzäh-
ler (und die sind bei Schmidt immer alter ego des Autors) einmal knapp und bündig urteilt:
«undiskutabler Tinnef, diese ganze Antike!»5 – der Alte Orient, Hellas, Rom sind in sei-
nem Œuvre allgegenwärtig. 6 Vier seiner Texte kleiden sich sogar in antikes Gewand. Zum
Frühwerk rechnen die drei zwischen 1946 und 1948 entstandenen Erzählungen «Enthyme-
sis», «Gadir» und «Alexander», die sämtlich in hellenistischer Zeit spielen.7 Bei aller Ver-
läßlichkeit des historischen Rahmens verwenden sie die Antike als Folie für ausgesprochen
zeitgenössische Anliegen. Anders der in den Fünfziger Jahren verfaßte «Kosmas»; hier malt
Schmidt eine atmosphärisch treue wie inspirierte Szenerie aus der ausgehenden Antike.8
«CüS», nach verbreitetem Urteil unter Schmidts opera minora das literarische Meister-
stück, unterscheidet sich von den vier vorausgegangenen antiken Texten gleich in mehr-
facher Hinsicht. Als einziger hat er die Gegenwart zum Schauplatz, das Niedersachsen
der Adenauerära. 9 Und als einziger Text Schmidts transskribiert er in Gänze einen antiken
Mythos: den des Orpheus. Als große «Fingerübung» vor der Niederschrift von «Zettels
Traum» umkreist «CüS» Themen, die dort zentral werden; zugleich wird die Geschichte
aber auch zum Blick zurück (das alte Orpheus-Motiv), zur Bestandsaufnahme und
Rechenschaft des Autors vor seinem Einstieg ins Spätwerk der Typoskripte.10 Denn wo der
archetypische Dichter die moderne Bühne betritt, wird unweigerlich die Kunst selbst zum
Gegenstand der Kunst.11 Mit anderen Worten: in «CüS» geht es um die Rolle des Autors.

4
Anthologia Graeca IX,160 #H« M
« 
α 9  # Ν#   | $λ  «
  !
 («Als Herodotos einst gastfreundlich die Musen bewirtet, reichte als Dankesgeschenk
jede der Neun ihm ein Buch.» Übers. H. Beckby). Das Motto: «georg düsterhenn entertäind se
Mjußes – (tschieper Bey se Lump) – ietsch Wonn of semm re=worded him for hiss hoßpitällittitie wis Sam
Bladdi mäd=Teariels.» «Inhaltlich unterhöhlt der Vorspruch die vordergründige Handlungsebene durch
den Verweis auf die Musen, die den Bezug zur griechischen Mythologie andeuten; die Benutzung der eng-
lischen Sprache verweist auf den polyglotten Charakter des Textes, und die Transskription ins Phonetische
auf die Mehrfach-Bedeutungen, die hinter jedem Wort vermutet werden müssen.» (Blumenthal 194). Die
Verschreibung «re=worded» (statt «rewarded») spielt zudem auf die ‹Neufassung› des Mythos an. – Auch
für seinen neuen Lyrikband plant Düsterhenn neun Bücher (vgl. Anm. 57).
5
Arno Schmidt, «Großer Kain», in: «Bargfelder Ausgabe» I/3, Zürich 1987, 354.
6
Den nach wie vor besten Überblick über das Material bietet Herzog.
7
«Enthymesis oder W.I.E.H.» (entstanden 1946), «Gadir oder Erkenne dich selbst», «Alexander oder Was
ist Wahrheit» (beide entstanden 1948). – Zu dem ersten Text vgl. P. Habermehl, ‹Seltene Schützen im Sand-
meer›. Anmerkungen zu Arno Schmidts erster Erzählung, «Enthymesis oder W. I. E. H.», in: Der Alt-
sprachliche Unterricht 37, 1994, Heft 2, 69–79.
8
«Kosmas oder Vom Berge des Nordens» (1954).
9
Daß sich hinter dem Ort der Handlung, dem Dorf Schadewalde, auch (wie so oft) Schmidts Domizil Barg-
feld verbirgt, verraten mehr oder minder verborgene Anspielungen, bes. auf die beiden Nachbarorte Ha-
bighorst [514] und «Endewold» (i. e. Endeholz) [516].
10
Wohlleben 10 f. deutet «CüS» als «eine Art Fingerübung oder Entwurfsskizze» für «Zettels Traum», «der es
mit seiner bewußt herausgearbeiteten Transparenz dem Leser ermöglichen soll, sich die (für «Zettels
Traum») erforderlichen Lesetechniken zu erwerben».
11
Erste Einblicke in die unerschöpfliche Rezeption des Orpheus-Mythos in der abendländischen Kunst, Musik
und Literatur vermitteln D.C. Kochan, Literarische Spuren einer Symbolfigur. Orpheus zum Beispiel, in:
W. Wunderlich (Hrsg.) Literarische Symbolfiguren. Von Prometheus bis Švejk, Bern 1989, 37–63; Heinz
Hofmann, Orpheus, in: ders. (Hrsg.), Antike Mythen in der europäischen Tradition, Tübingen 1999,
153–198; Wolfgang Storch (Hrsg.), Mythos Orpheus. Texte von Vergil bis Ingeborg Bachmann, Leipzig 1997.
192 Peter Habermehl

An der Oberfläche lesen wir den Bericht eines erfolgreichen älteren Literaten über einen
Wochenendausflug in die niedersächsische Provinz. Auf der Suche nach poetischer Inspi-
ration und einer langverschollenen Jugendliebe reist der Lyriker und Icherzähler Georg
Düsterhenn nach Schadewalde, ein tristes Nest unweit der Zonengrenze, wo er gegen
Abend eintrifft und im einzigen Gasthof vor Ort ein Zimmer nimmt. Wir erleben ihn in der
Wirtsstube und beim Spaziergang durchs Dorf, bei der Beobachtung der Natur und des
Landvolks, und bei entsprechend inspirierten lyrischen Versuchen. Im Gasthaus nimmt er
später auch das Abendessen ein und ersteht einen antiken Krug. Bei einem zweiten nächt-
lichen Rundgang lernt er einen Handelsreisenden in Gummiwaren kennen, der mit seiner
Limousine über die Dörfer fährt.12 In den Gasthof zurückgekehrt, begegnet er endlich sei-
ner langersehnten Liebe – nur um sie im Handumdrehen wieder zu verlieren. Geknickt
stiehlt er sich aus dem Wirtshaus davon und wird zum heimlichen Zeugen einer lesbischen
Orgie, deren Teilnehmerinnen ihn entdecken und hetzen. Mit Hilfe besagten Vertreters,
der wie ein deus in machina in die wilde Jagd platzt, entkommt er mit knapper Not ihrer
mörderischen Rache.
Was diese Inhaltsangabe allenfalls ahnen läßt, machen etliche, über den ganzen Text ver-
streute Anspielungen deutlich: «CüS» ist nichts Geringeres als eine moderne Neufassung
des Orpheusmythos.13 Auf einer zweiten Ebene liest Düsterhenns Ausflug aufs Land sich
als Orpheus’ Fahrt in die Unterwelt, auf der Suche nach Eurydike, seine Rückkehr mit lee-
ren Händen, und sein Ende von der Hand rasender Mänaden. Das gesamte mythische Per-
sonal finden wir im Text versammelt: Georg Düsterhenn, der sich mehrfach selbst Orje
nennt, ist Orpheus; statt der Leier trägt er seinen Peregrinus Syntax unterm Arm, das be-
rühmte Reimlexikon der Goethezeit.14 Eurydike, hier Rieke geheißen, gehört zum Gesinde
des Gastwirts. Dessen Name, O. Tulp, ergibt rückwärts gelesen Pluto. Auch die Gattin des
Unterweltsfürsten ist zugegen, Persephone.15 Charon tritt auf («Der erste Schiffer»),16 Ker-
beros («Kirby»),17 die Mänaden (die vier jungen «Jägerinnen»), die drei Unterweltsrichter,18
aber auch der Flußgott Hebros, der Orpheus’ Haupt ins Meer trägt (der Vertreter H. Levy).
Daß Düsterhenn in Schadewalde (in dem Ortsnamen verbergen sich anglisierte ‹Schatten›

12
Wie Düsterhenn ist Levy (den zwei Andeutungen [bes. 537] als Überlebenden des Konzentrationslagers zu
erkennen geben) ein Außenseiter in der Schattenwelt von «CüS». Andersch 346 sieht Levy als Abbild des
«Ewigen Juden». Sein Name zitiert v. a. den Librettisten von J. Offenbachs «Orphée aux Enfers», L. Ha-
lévy.
13
Einen substantiellen Teil der antiken Elemente hat Wohlleben entschlüsselt.
14
Sein Name erlaubt zwei Deutungen: die ‹düstere Henne› zeigt den alternden Dichter als ‹Kapaun› (dazu
unten mehr; Anfang der 50er Jahre beschrieb Arno Schmidt sich selbst wiederholt als «düster»). Zugleich
spielt er gelehrt mit der antiken Etymologie des Namens, der von griech. "« abgeleitet wurde («dun-
kel, düster»); die zweite Silbe evoziert das sizilische Henna, wo Hades Persephone in die Unterwelt ent-
führte. – Seine Eltern heißen «Vater A. Paul Düsterhenn & Mutter Moosedear» [486]: Apollon und die
‹liebe Muse› Kalliope, die Schirmherrin der Dichtung, die als Mutter des Orpheus galt (vgl. u. a. Apollo-
nios von Rhodos 1,23–5; Apollodor 1,3,2).
15
Einmal ruft Tulp sie «Oll=sche» [484], Anagramm zu ‹Scheol›, der jüdischen Unterwelt. Bei ihrem ersten
Auftritt hält sie «ein triefendes Talglicht in der schmutzigen Faust» [484], die Fackel der eleusinischen My-
sterien (Wohlleben 4).
16
Er trägt aber auch Züge Silens (Dunker 11).
17
«Hätte Arno Schmidt nichts geschrieben als die Schilderung dieses Wirtshaushundes, er wäre schon unser
aller Sprachmeister» (Andersch 344).
18
«Drei Archetypen, Dall Damb & Aggli» (englisch zu betonen) [498] – ein rustikales Trio in der Gaststube.
Orfeus in Niedersaxn 193

und ein anagrammatischer ‹Hades›) die Unterwelt betritt, wird von den ersten Zeilen an si-
gnalisiert.19
Bei noch genauerem Hinsehen gerät Schmidts Doppelbödigkeit freilich zum veritablen
Treibsand. Düsterhenn besitzt auch Züge des Götterboten und Seelenführers Hermes.20
Seine Rieke, die er gelegentlich Fiete nennt, ist zugleich Aphrodite. Mit Herakles, der als
Knecht Tulps dient, vereint sie sich im Wirtschaftshof (von Düsterhenn heimlich beobach-
tet) zum «kosmokomischen Eros» [498] (danach legt Herakles am Misthaufen «stöhnend»
das Weltei der orphischen Kosmogonie).21 Hades, «der große Wirt», ist auch Dionysos, der
in seiner Gaststube die «Anthesterien» ausruft.22 Und einer seiner Stammgäste, der betagte
Philatelist, ist niemand anderes denn Kronos.
Die Orgie der «Jägerinnen» endlich präsentiert uns wie eine toll gewordene Drehbühne
gleich vier höchst diverse Szenarien auf einmal. Als Mänaden feiern sie ihre bacchische In-
itiation und reißen dabei Düsterhenn-Pentheus ‹zu Tode›. Zugleich sind sie die Erinnyen,
die wie einst den Orest nun Orpheus hetzen. 23 Die gefahrvolle Voyeurszene erinnert aber
auch an Aktaion, dem die badende Artemis zum Verhängnis wird.24 Zuguterletzt finden
wir uns im klassischen Hexensabbat der Walpurgisnacht wieder, bei dem die Jägerinnen in
die Rolle der Hexen schlüpfen, und Düsterhenn zum Mephisto mutiert.25
Dank solcher und ungezählter anderer Verschlüsselungen und Zitate – die die Lektüre
zum reizvollen Parcours geraten lassen – liest sich der ganze Text als fürwitziges Spiel mit
dem antiken und europäischen Bildungserbe. In seinem vielzitierten Brief an Jörg Drews
spricht Schmidt von den «3000 Fiorituren & Pralltrillern», die er in «CüS» verwoben habe

19
Daß Schmidt bei der Wahl des Namens auch einen Tübinger Gräzisten im Ohr hatte, ist nicht abwegig.
Dank seiner Auftritte in Funk und Feuilleton war kaum ein anderer Altertumswissenschaftler der Adenau-
erzeit so prominent wie Wolfgang Schadewaldt. – Als Tartaros ist der Innenhof gezeichnet [497], in dem
Rieke sich mit ‹Herakles› verlustiert.
20
Manchen Fingerzeig gibt z. B. seine Kleidung [478], oder sein verstohlenes Auftreten [496 u. ö.].
21
Drews 50. – Der «kosmokomische Eros» natürlich frei nach Platons «Symposion».
22
Bes. 501 und 504. Die Ende Februar in Athen begangenen Anthesterien feierten den Gott Dionysos, aber
auch den Frühling und den neuen Wein. Am ersten der drei Tage, den ‹Pithoigien› («Öffnen der Fässer»),
wurde der neue Wein verkostet. Am zentralen zweiten Tag, den ‹Choen› («Krüge»), hob ein weinseliger
Karneval die vertraute Ordnung auf; sogar die Toten kehrten zurück, und mit ihnen die dämonischen Ke-
ren. Am ruhigen dritten Tag, den ‹Chytren› («Töpfe»), brachten die Athener Opfer dar (vgl. M.P. Nilsson,
Geschichte der griechischen Religion Bd. I, München 31967, 586–9. 594–7; W. Burkert, Griechische Reli-
gion der archaischen und klassischen Epoche, Stuttgart 1977, 358–64). Angespielt wird auch auf die Libe-
ralia [500], das altrömische Frühlings- und Fruchtbarkeitsfest zu Ehren des mit Dionysos identifizierten
Gottes Liber (vgl. K. Latte, Römische Religionsgeschichte, München 1960, 70), und auf den «Schlauch-
tanz» [505], eine Belustigung, die wohl v. a. zu den ländlichen Dionysien in Attika zählte (L. Deubner,
Attische Feste, Hildesheim 31969, 135). – Wenn Düsterhenn den Gästen Tulps aus dem frisch erstandenen
Krug Brandwein ausschenken läßt [507 f.], wird er zu Odysseus, der an der Schwelle der Unterwelt
das «Schattnvolk, ohne Geist & Be=Sinnung» [493], mit Blut bewirtet – ohne daß die Schatten diesmal ihr
Bewußtsein zurückerlangten.
23
Zu ihren hermaphroditischen Zügen vgl. Dunker (bes. 17). Lene wird zudem als Silen gezeichnet [501]:
«Sie, Lene».
24
So ist der «Diana-Dip» [530] zu verstehen, das ‹Dianenbad›.
25
Auf drei Vorbilder vor allem greift Schmidt hier zurück: Goethes «Faust», die Voyeurszene im «Mime»-
Kapitel in Joyce’ «Finnegans Wake», und auf dessen Quelle, das Gedicht «Tam O’Shanter» des schotti-
schen Frühromantikers Robert Burns (vgl. Dunker). Im Hintergrund stehen die beiden Voyeurszenen am
Anfang von Prousts «Sodome et Gomorrhe» und im «Nausicaa»-Kapitel des «Ulysses».
194 Peter Habermehl

(legt man die «Bargfelder Ausgabe» zugrunde, ergäbe dies gut eine Verschlüsselung je
Zeile – eine Zahl, die man getrost beim Wort nehmen darf).26
Doch wäre es ein arges Mißverständnis, Schmidts «Orfeus» (so der Arbeitstitel der Er-
zählung) auf Burleske und Travestie zu reduzieren. Vor allem zwei Lesarten erlauben es,
unter der flirrenden Oberfläche Sinn auszumachen: eine psychologische, und eine mytho-
logisch-literarische. Beide Lesarten sind tatsächlich unlösbar miteinander verbunden; der
Klarheit halber möchte ich jedoch nacheinander auf sie eingehen. Beginnen wir mit der
psychologischen.27

Wie Düsterhenn seine Leser wissen läßt, begibt er sich aus zwei Gründen auf diese Suche
nach der verlorenen Zeit: er will frische Eindrücke sammeln für einen neuen Gedicht-
band, 28 und er hofft, seiner großen, damals nur aus der Ferne angeschmachteten ersten
Liebe wiederzubegegnen – auch der erhofften Inspiration halber.
«Ich hatte […] vor, mich durch den Anblick einer Jugendliebe entscheidend & unwider-
stehlich schmalzig zu stimmen.» [479] «Nach überdreißich Jahren sie wieder zu sehen!
Also wenn das […] meiner Lyriek nich zugute kam: amo amas amat.» [521]
Wie Düsterhenn jedoch bald bewußt wird, ist das wahre Motiv seiner Reise weit weniger
künstlerisch-romantisch, als er sich und uns eingangs glauben machen will. Kein göttlicher
Eros beseelt diesen modernen Orpheus; er sucht nicht die verstorbene Gattin aus dem Toten-
reich zu erlösen, oder zumindest seine Rieke aus der ‹Unterwelt› ihrer ruralen Existenz – ihm
steht der Sinn nach profaneren Zielen. Auf seine alten Tage will er sich für das in jungen Jah-
ren Versäumte an seinem Jugendschwarm schadlos halten. Die einst ätherisch Verehrte wird
zur physisch Begehrten.29 Sexuelle Erfüllung und poetische Ernte sollen Hand in Hand gehen.
Hier lauert bereits die erste Enttäuschung. Nicht einmal die alten Gefühle für Rieke be-
stehen vor Düsterhenns kritischem Auge:
«Mein hatt’ich Die damals angehimmelt! Mit 18, als ich noch Prinz war von Arkadien.»
[479] «Bis mir endlich einfiel […]: daß das=damals ja mit ‹Liebe› überhaupt nichts zu tun
gehabt hatte! […] schönfarbige Gedankenspiele waren das, nichts weiter; durch Zuphall
an Zu=Felligem befesticht» [526].
(Schmidts Orthographie, die in «CüS» Kapriolen schlägt wie nie zuvor – aber oft danach –,
trägt ihr Teil bei zur Veranschaulichung der Botschaft.)30 Soweit, so schlecht das Ergebnis
dieser ‹education sentimentale›.

26
Als kleine Einstimmung auf die Rätsel des Textes notierte Schmidt am Rand seines Typoskripts Margina-
lien, die postum publiziert wurden (Fiorituren & Pralltriller. Arno Schmidts Randbemerkungen zur ersten
Niederschrift von «Caliban über Setebos», Zürich 1988). Höchst willkommen wäre ein philologisch-lite-
rarischer Zeilenkommentar. Zu den musikalischen Anspielungen in dem Text, auf welche die «Fiorituren &
Pralltriller» gleichfalls verweisen, vgl. Kaiser 2–5.
27
Zu diesem Thema bsd. Thomé; Hink.
28
Auch in Wilhelm Buschs «Balduin Bählamm» sucht der Lyriker auf dem Land Inspiration (und wiederum
spielen eine «Rike (Mistelfink)» und ein mit ihr liierter Knecht eine höchst fatale Rolle).
29
Düsterhenns wahre Absichten verraten sich am ehesten in spontanen Äußerungen: «„Ä= …: zeigen Sie mir’s
doch bitte –“ .–/ (: das waren die aller=ersten Worte, Mann, die ich überhaupt mit Ihr wechselte! Und natür-
lich gleich von auserlesener Zwei=Deutigkeit)» [522 f.]; «Aber dies ging ja doch wohl zu weit, daß ich den
Hintersassen & Dammwärtel eines stinkenden Knechtes […]? ([…] Ämäss äMätt, Ei läid her flätt)» [522].
30
Schmidts Warnung an den Verleger betreffs «CüS» war gerechtfertigt: «Schärfen Sie dem (bedauernswer-
ten; aber es steht nicht zu ändern) Setzer ein: nie anzunehmen, daß ich mich verschrieben haben könnte!
Orfeus in Niedersaxn 195

Doch damit nicht genug: selbst die Hoffnung auf eine späte Befriedigung reifer Gelüste
wird herb enttäuscht. Das verklärte Bild der «Rose von Schadewalde» [522], wie er sie ein-
mal nennt, zerschellt jäh an der Realität, als er Rieke wiedererkennen muß in jener walkü-
renhaften Magd Tulps, die er just beim Verkehr mit ‹Herakles› beobachten durfte.31 Wie er
ernüchtert festhält, hat das obskure Objekt seiner Begierden jeglichen Liebreiz verloren
und ist zur triebhaften, schollenfesten Matrone hinabgesunken.32 Zynisch zieht er Bilanz:
«anmutig ist’s, der Jugendlieb’ begegnen. […] Vor allem, wenn die Heirat unterblieben!»
[527]33
So erweisen die Umstände sich seinem Vorhaben zwar als günstiger, als er je zu hoffen
gewagt hätte – Hades, der Wirt, gibt ihm Rieke gleichsam in die Hand, in der frohen Er-
wartung, den betuchten Gast mit solch rustikaler Kost einige Tage an sein Haus zu binden;
und Rieke selbst sieht solchem Handel mit kalter Gelassenheit entgegen. Doch sein Ansin-
nen, sich ihr faunisch zu nahen, weist Düsterhenn nun entschieden von sich.
Ihre Metamorphose und ihr bukolisches Liebesleben allein sind kaum Grund genug für
diese Abkühlung. Was genau geht in Düsterhenn vor? Ein Versprecher beim Abschied von
Rieke enthüllt seine tieferen Gefühle: «Ich wollte ihr nach rufen, im Sinne von ‹Erinnyen
Sie sich=nich –?›» [524]. Aus dem Erinnern werden die Erinnyen – Düsterhenn hat Angst.
Angst färbt bereits seine Beschreibung Riekes, die von martialischen Metaphern nur so
wimmelt (kaum jedoch im Sinn der römischen Elegiker). Auch Riekes Verkehr mit ‹Hera-
kles› untermalen kriegerische Bilder; «und es ist keine Frage, welcher Seite der Sieg zu-
fällt»: «‹Wie sie sich wälzt’ & rächte. Und ihn entstellt’ & schwächte!›» [497] (Daß hier wie
in einem Cento Verse aus Rilkes «Sonette an Orpheus» kolportiert werden, gehört zum
boshaften Witz der Passage.)
Als er hinter Rieke die Treppe emporsteigt und ihr Gesäß studiert, gibt er sich «wirklich
alle Mühe, was wie’n steatopyges Gelüst in mir zu erzeugen . . . . .: aber unter den voraufge-

Er soll das volle Opfer des Intellekts bringen; (im stillen für meschugge halten darf er mich immer): wenn
ich statt ‹drollig› ein ‹drolling› setze, dann ist mit nichten der Suff oder meine adler mit mir durchgegan-
gen; sondern es handelt sich um den Maler kaspar drolling, der auch einen ‹O[rpheus]› gemalt hat.»
(Brief an Ernst Krawehl vom 8. 1. 1964; zit. nach dem Beiheft «Zur Zürcher Kassette», Zürich 1985, 23).
31
In dieser Szene trägt Eurydike ihren Namen aus der spätmittelalterlichen Ballade «Sir Orfeo»: «Heurodis»
[497] (Suhrbier 45).
32
Ihre Physis steht der des ‹Herakles› in nichts nach: «Der Große Preis der Vierschrötigkeit wäre nicht leicht
zu verleihen gewesen: selbst unter Berücksichtigung der terrestrischen Refraktion war die Schulterbreite
bei Beiden wahrhaft polizeiwidrig, ob Mäil ob Vieh=Male, […]; und einen Dispens vom Papst, das dicke
Ende der Beine nach unten zu tragen […], schien auch Jede(r) zu besitzen» [497]. Ganz anders früher: «ich
erkannte Sie schon allmählich; Stück für Stück, mit Mühe, nach & nach: Schwanenhals Busen Bauch &
Tschinellen: warum weine ich so sehr?» [522] – Vermutlich hat Schmidt hier auch Cervantes vor Augen.
Die von Don Quixote verklärte Dulcinea ist in Wirklichkeit eine Sancho Pansa wohlvertraute Bauerndirne:
«Ich kenne sie ganz gut und kann sagen, daß sie im Spiel die Eisenstange so kräftig wirft wie der stärkste
Bursche im ganzen Ort. (…) Was Teufel hat sie für eine Kraft am Leibe, was hat sie für eine Stimme! (…)»
(«Don Quixote» I 25; Übers. L. Braunfels).
33
«Düsterhenns Lernprozeß ergibt aber auf dem Gebiet der Liebe die starrste Lektion, die unabänderlichsten
Maximen: Sind Mann und Frau gleichaltrig, so hat der Mann bald eine häßliche Frau, die er loswerden will;
das wäre Düsterhenns Geschick geworden / gewesen mit der Jugendliebe Rieke […]. Ist die Frau aber we-
sentlich jünger, so wird der Mann früher oder später kujoniert (das ist der Fall bei Tulp und seiner Frau);
bleibt der Mann Junggeselle, wie Düsterhenn, hat er gar nichts, aber eben auch keinen Ärger. Böse misogyn
scheint aber auch die Lehre aus Riekes Geschick bzw. Verhalten: Frauen wollen nicht von Dichtern erlöst,
sondern von Stallknechten gevögelt werden.» (Drews 61).
196 Peter Habermehl

gangenen Um=Ständen konnte ich doch garantiert nich!» [523].34 Und wenn er später, al-
lein in der Kammer, angeregt-desillusioniert über Rieke sinniert, muß er erbittert feststel-
len, daß korrespondierende physiologische Reaktionen ausbleiben: «nichts ! Er dachte
nich daran, sich zu entrunzln» [524]. Was ihn angesichts einer als übermächtig und bedroh-
lich erlebten Frau umtreibt, ist die unterschwellige Angst vor einem sexuellen Versagen, die
sich unter der Hand (und wie die nächste Episode zeigt, berechtigterweise) zum Schreck-
bild der Entmannung auswächst. 35
So schlägt sein Plan fehl, und er muß Rieke – der er sich wohlgemerkt nicht zu erkennen
gibt – unabdingbar verlieren:
«Wecken Sie mich bitte. Morgn Früh um Sex.» Sie horchte 1 Moment dem Klang der Zif-
fer nach […]; nickte dann geschäftsmäßig. Wandte sich. Da machte die verflicksDe Funzl
ihren Um=Riß überscharf. Begabte sie auch zusätzlich mit einer (lachhaft kurzn)
Schattn=Schleppe; die hinter ihr her rukkte […]: ich verlor sie, sie verlor sich, die (lein-
ölfarbenen) Stufen hinunter: ! . ; , –. . . . .» [524].36
Düsterhenns letzter Versuch, sich im «toten Zonengrenzgebiet» einer wankenden Männ-
lichkeit zu vergewissern, ist grandios gescheitert. Aus dem «Schadewalde» seiner erlö-
schenden Sexualität retten ihn keine Rieke und kein Gott.
Ein drittes, gänzlich unterschwelliges Motiv, das ihm Rieke vergällt, sind Düsterhenns so
latente wie massive homoerotische Anwandlungen, die er allein auf der verschlüsselten
Traum-Ebene auslebt.37 Auch in dieser Hinsicht mausert seine Katabasis sich zur Reise in
Grenzbezirke. Von einem strengen Über-Ich kontrolliert, müht er sich nach Kräften, alle
einschlägigen Gelüste zu verdrängen und auf dem «rechten» Weg zu bleiben. Zuguterletzt
erst, wenn er im stillen Eingeständnis seiner Impotenz das Joch des Über-Ich abschüttelt
(dazu unten), kommt es in der Verschiebung des Traumbildes zum symbolischen homo-
erotischen Akt mit dem Kondomverkäufer – Düsterhenn wirft sich ins offene Hinterteil
des Levy’schen Automobils:
«Neue Kraft! … ich hechtete einfach röchelnd […] mittn zwischn die Überzieherkartongs
hinein … röch: › weck!› – … […] (er hatte das trübleuchtende Hinterteil, mitsamt mir=
darin, erstmal einfach offen gelassen). «Danke», hörte ich ihn sagen. […] «Danke –»» [537].

34
Solch herkulischer Konkurrenz gegenüber zieht Düsterhenn eindeutig den Kürzeren. – Der Neologismus
«steatopyg» ist gebildet aus griech. μ 
, «festes (tierisches) Fett», und π &'(, «Steiß, Hintern».
35
Zu den vielfältigen Metaphern der Impotenz im Text vgl. Hink 6. Angst vor venerischen Krankheiten spielt
freilich auch hinein («um mir se Cläpp zu hohlen, hätte es nicht unabdinglich einer Fahrkarte einmalerster
nach Schadewalde bedurft!» [523]).
36
Augenfällige Brüche trennen die Szene von der kanonischen Version des Mythos: Nicht Düsterhenn führt
Rieke, sondern sie ihn; nicht er dreht sich nach ihr um, sondern sie nach ihm (vgl. Drews 49; Hink 4 f.). Und
letztlich entkommt er der Unterwelt, weil er sich ihr nicht zu erkennen gibt. Die Goldmünze, die Düsterhenn
für Rieke liegen läßt, zeigt mehrere Facetten. Sie spielt an auf Offenbachs «Orphée aux Enfers» (Wohlleben 11
Anm. 9). Sie läßt den Schriftsteller zum Zeus werden, der Danae mit seinem Goldregen beglückt, und unter-
streicht als negative Folie zugleich sein fehlendes sexuelles ‹Vermögen› (Hink 6). Und sie gewinnt skatologi-
sche Qualität: Düsterhenn hinterläßt Rieke nicht sein ‹Bestes›, sondern im Gegenteil seine Exkremente: im
Nachttopf seinen Urin, und auf dem Tisch (in der psychoanalytischen Metaphorik der Goldmünze) seinen
Kot (vgl. Drews 57). Defätistischer könnte Düsterhenns Abschiedsgruß an Rieke kaum ausfallen.
37
Diese Neigung zeigt sich in etlichen verdeckten Anspielungen, namentlich in «Kalliope», «Urania» und
«Thalia». Vgl. Hink 7–14.
Orfeus in Niedersaxn 197

Nicht nur Düsterhenns Angst vor der Impotenz bewahrheitet sich – auch die Angst vor der
eigenen Homosexualität.

«Ä ßädder änd ä ueiser Männ» [527],38 stiehlt Düsterhenn sich fort vom Ort seiner nächt-
lichen Schlappe, um seine versiegenden Triebe fortan nur noch als scharfer Beobachter zu
befriedigen. Die lesbische Orgie bietet ihm dazu so unerhofft wie reichlich Gelegenheit. 39
Doch nicht ungestraft versucht Düsterhenn sich nun als Voyeur; als die vier Mänaden ihn
entdecken, muß er um sein Leben rennen.
An der Oberfläche der Erzählung entkommt er den vieren, wenn auch um Haaresbreite.
Umso Schlimmeres widerfährt ihm darunter. «›mit den zähnen entmannt!› ich sah
die Schlagzeile förmlich […] nur gut daß an mir so viel nich mehr zu entmann’n war»
[537] – so schießt es dem flüchtenden Düsterhenn durch den Kopf. Seine Kastrationsäng-
ste, die bereits auf der allerersten Seite der Erzählung ihre Spuren hinterlassen, um dann
in immer klareren Bildern wiederzukehren, werden nun Wirklichkeit – wenn auch nur in
bildlicher Verschiebung. Gleich dreifach variiert der Text das Motiv: (i) Zu Beginn der
Flucht verstaucht Düsterhenn sich den rechten Fuß; den Händen der Mänaden entkom-
men, stellt er «den fein=schneidenden Schmerz im rechten Fußknöchel» [538] fest: «auch
das noch! Da würde ich in den nächsten 4 Wochen einen solennen Bluterguß nörsn
könn’n» [538]. In der Traummetaphorik der Psychoanalyse steht der Fuß jedoch bekann-
termaßen für das männliche Genital. (ii) Dem ihm gleichfalls nachsetzenden Kirby wirft
Düsterhenn zur Ablenkung einen Wurstzipfel hin: «meine Linke schlenkerte kümmerlich
das Ende Wurst nach hintn weg» [536], in der Enallage also das ‹kümmerliche Ende
Wurst› – «des Sengers Phall» [535]. (iii) Insbesondere aber der Verlust der ‹Leier› symbo-
lisiert die Entmannung: «Ich ließ blutenden Herzens den köstlichen syntax mitsamt
Täschchen fallen […] welch treuer Diener seines Herrn» [536 f.]. 40
Doch nicht nur die Kastration, auch sein mythischer Sängertod findet sich in der Ver-
schiebung dreifach abgebildet. (i) Als ihn unerwartet von hinten der harte Schlag einer Mä-
nade trifft, faßt Düsterhenn seine Panik in die Worte: «ich verlor gleich den Kopf!» [535].41
(ii) Ein weiterer Hieb reißt ihm die Mütze herab, die in den Bach stürzt «und ihn nun zwei-
fellos in alle Zukunft hinuntertreiben würde» [536] – eine Anspielung auf den Mythos,
in der die Kopfbedeckung das poetische Haupt vertritt, und der dörfliche Wasserlauf den
thrakischen Hebros. (iii) In Levys Wagen schließlich sitzt Düsterhenn auf dem «Todessitz»
[538]; und was von ihm gerettet ist, hören wir im allerletzten Satz: «nu wenn schonn: bei
einem anständigen Menschen lebt am Ende nur noch der Kopf!» [538]
Düsterhenns verschobene Kastration und der symbolische Exitus von Mänadenhand
verbildlichen das Erlöschen seines Sexus. Umgekehrt nehmen seine Impotenz und die
mythische Zerreißung sein reales Ende vorweg. Der angedeutete sexuelle und mythische
Tod geraten zur erschreckenden Vorschau auf das nahe leibliche Hinscheiden. 42 Nicht

38
Eine Zeile aus dem wohl berühmtesten Gedicht von Samuel Coleridge, «The Rime of the Ancient Mariner».
39
Gänzlich unberührt läßt das Schauspiel Düsterhenn offenbar nicht: «auch diesmal reekte sie [eine der
«Jägerinnen»] ihren Stern mir zu; und jenes so oft mir schon Gekommene schien mir wieder zu kommen
wie Neues» (533; notabene eines der bösesten Rilke-Massaker in dem Text).
40
«syntax mitsamt Täschchen» stehen selbstredend für Phallos und Hoden. Aus dem Täschchen zaubert
Düsterhenn seine Goldmünzen hervor, Bild seiner versiegenden Zeugungskraft (vgl. Anm. 36).
41
Seine Flucht verläuft «unterm blutigen Schaffott des Monz» [536].
42
Vor allem das Schlußbild zeigt seine Impotenz als Präfiguration des Todes: allein der Geist überlebt.
198 Peter Habermehl

von ungefähr spielt die Geschichte zwischen Dämmerung und Nacht, an der Schwelle
zum Winter, und somit mit der metaphorischen Symmetrie von Jahreszeit und Lebenszeit.43
Sein gescheitertes Abenteuer führt Düsterhenn zu düsteren Reflexionen über seinen
physischen Verfall. Wenn nach Riekes Abgang sein Blick in den Spiegel fällt, sieht er wie ein
zweiter Dorian Gray unerbittlich seinem Alter und seinen inneren Abgründen ins Auge.44
«Ich verzook angewidert den Mund, op des wullstijen Bocks=dorrt : ! (dessen ‹Gesicht›
darob jedoch einen derart quasi=modrijen Ausdruck annahm, daß ich ihm freiwillich das
Feld räumte)» [524].
Der Spiegel entlarvt ihn als lüsternen Pan-Mephisto45 so gut wie als einen dem Vermodern
geweihten Quasimodo.
Welche Rolle ihm jetzt noch bleibt, gerade als Autor, nimmt Düsterhenn in dem Pseud-
onym vorweg, unter dem er sein neues opus publizieren will: «Georg von Hagenau» oder
auch «Die Nachtigall von Hagenau».
«‹Georg Düsterhenn› vor lürischen Gedichten (ist) unmöglich: volkstümlich sein?, das
heißt verständlich & sonnig sein, heiterdiekunst. ‹v. Hagenau›, hm hm; Georg; hierzu-
lande hätte man mich ‹Schorse› gerufen, an der Mauer ‹Orje›: ‹Orje von haargenau +
Nackt=y=gail›» [483].
In dem verballhornten «haargenau» verbirgt sich das Konzept eines anderen, präzise ob-
servierenden Realismus. «Orje» und die «Nachtigall» verweisen auf Düsterhenns mytho-
logisches alter ego, Orpheus, den Autor schlechthin (daß an Orpheus’ Grab die Nachtigal-
len am süßesten schlagen, erzählt man in Thrakien).46 Die Verschreibung «Nackt=y=gail»
aber (samt dem in diesem Licht eindeutigeren «haargenau») antizipiert den schonungslosen
Chronisten des Nackten und Geilen «an der Mauer», im Grenzland des seelisch Unterbe-
wußten.47 Was Düsterhenn bleibt, ist die Rolle des impotenten Voyeurs.

An dieser Stelle tut ein Blick über «CüS» hinaus not, auf Schmidts späte und eigenwillige
Entdeckung Freuds und der Psychoanalyse, die seine Weltsicht revolutioniert.48 Das pes-
simistische Menschenbild, das Schmidts Erzählungen von Anfang an prägt (im frühen
«Leviathan» heißt es einmal: «Denken Sie an die Weltmechanismen: Fressen und Geilheit.
Wuchern und Ersticken.»), 49 wird ihm nun zur unumstößlichen und gleichsam wissen-
schaftlich fundierten Gewißheit: was den Menschen umtreibt und beherrscht, sind im
Grunde allein die nur mühsam gezügelten Triebe.50

43
Die Geschichte ist offenbar vierzehn Tage nach St. Martin angesiedelt (vgl. 495). Sie spielt also Ende No-
vember. Düsterhenn ist zum Zeitpunkt der Erzählung wohl Anfang fünfzig (bes. 485), wenige Jahre älter
als Schmidt zum Zeitpunkt der Niederschrift.
44
«Die Helden der späteren Arbeiten Schmidts (sehen) das Wesen der Welt, den eigenen physischen Verfall
und die eigene Psyche nicht nur abstrakt pessimistisch, sondern konkret hautnah und schonungslos.»
Drews 54.
45
Vgl. Dunker 14 f.
46
Pausanias 9,30,7.
47
Thomé 200 f.
48
Vgl. Thomé 185–218; Drews 57 f. Zu Schmidts aus der vierten Instanz erwachsenen ‹Etym›-Theorie und
seinen Verweisen auf «CüS» in «Zettels Traum» vgl. Herzog 16–8; Thomé 206 f.
49
«Bargfelder Ausgabe» I/1, Zürich 1987, 48.
50
Schmidt hat «die Psychoanalyse nicht zuletzt auch als eine Lehre von jenen psychischen Invarianten auf-
gefaßt […], die uns alle bestimmen und die jeder nur leise variieren kann.» (Drews 58).
Orfeus in Niedersaxn 199

Der Urgewalt der Naturkräfte ist auch der Schriftsteller unterworfen. Doch es gibt einen
Punkt, so Schmidts kühne (und psychologisch schwerlich haltbare) These, an dem es
einigen wenigen genialisch veranlagten Charakteren gelingen kann (zu ihnen rechnet er
v. a. Sterne, Joyce und, in aller Bescheidenheit, Schmidt selbst), diese Fessel zu sprengen:
die Zeit jenseits der Potenz. Bei diesen happy few entwickle sich mit dem Ende ihres akti-
ven Sexuallebens neben Freuds ‹Es›, ‹Ich› und ‹Über-Ich› – genauer: in einer Art Symbiose
des Unterbewußten und des Über-Ichs – eine sog. «vierte Instanz», die souverän über den
Dingen steht und mit sardonischem Lächeln oder homerischem Gelächter das Wesen der
menschlichen Natur durchschaut, nämlich deren fundamentale sexuelle Ausrichtung bis
ins Mark der Sprache hinein. Entscheidend aber ist: ihr höheres Wissen um unser unter-
leiblich fixiertes Denken und Sprechen vermag die vierte Instanz in der Kunst bewußt
schöpferisch umzusetzen – weniger in Freud’scher Sublimation als in Schmidt’scher Sub-
version.
Die «Geburt der Vierten Instanz aus dem Geist der Impotenz», wie ein Interpret treffend
formuliert hat, führt laut Schmidt zur souveränen Handhabung dieser (man darf sagen:
mutmaßlichen) sexuellen Doppelbödigkeit der Sprache.51 Es ist nicht das geringste Ziel des
«CüS», die Sprache als Spiegel unseres triebhaften Unterbewußten sichtbar, und damit
Schmidts psychologische Theorie in der mythischen Erzählung Fleisch und Blut werden zu
lassen. Im Grunde geschieht dies vom Beginn der Erzählung an, die ja als innerer Monolog
Düsterhenns angelegt ist. Zur Peripetie des Textes wird jedoch das mißlungene Tête-à-tête
mit Rieke. Düsterhenns unfreiwilliger Abschied von der Sexualität setzt die vierte Instanz
in ihm frei. Bei der Beschreibung der lesbischen Liebesspiele schwillt seine Feder sichtlich
an, ja explodiert in einem nüchternen Rausch der Silben und Worte, in einer veritablen
Sprachorgie, die seine Feststellung – «die ganze Sprache ist ja irgendwie sexuell superfoe-
tirt!» [535] – aufs Sinnenfälligste durchbuchstabiert.52
Die Erlebnisse mit Rieke und den Mänaden öffnen Düsterhenn die Augen für seinen
neuen Status und dessen Konsequenzen. In einer Art Initiation (die stets eine Todeserfah-
rung bedeutet), in einer Reise ins Schattenreich der Seele, schüttelt Düsterhenn die Fesseln
ab, die ihn bislang gefangen hielten, und ist am Ende «frei» [537]: «frei von der Frau und
ihrer fordernden Sexualität, frei vom Druck der eigenen, aktiven Sexualität» – und damit
von den Heimsuchungen des ‹Es› –, «aber auch frei vom Zwang des Über-Ichs.»53 Die
Skylla des Unterbewußten und die Charybdis des Über-Ichs unterjochen ihn nicht länger;
er stellt sie in seiner Kunst bloß und überwindet sie damit. Von nun an kann er dem Ver-
drängten und Unterdrückten bewußt Raum geben und es künstlerisch gestalten. Dieser
moderne Orpheus befreit nicht Eurydike – «er befreit sich selbst.» 54

51
Dunker 18.
52
«Der Zettelkasten [Schmidts legendäres Arbeitsinstrument] wird zur Zettel-Trommel, und diese läuft auf ho-
hen Touren. Eine Metaphern-Suite, ein Höllenreigen von Nomenklatur-Varianten zwischen Fachsprachen
und Rotwelsch, ein berechneter Einsatz von Aspirata und Kehltönen, Labiallauten und Diphthongen,
Bauchrednerkunst und Aphasie in einem.» (Andersch 355). Schmidt gelingt dies in so schlagender Weise,
daß der Klassische Philologe sich mit Bedauern fragt, warum der Bargfelder Solipsist Cooper, Collins oder
Poe übertragen hat, nie aber z. B. Aristophanes. Wer hätte ihm hier das Wasser gereicht?
53
Hink 16.
54
Drews 49. «Daß es in der Erzählung in der Tat auch um das Verhältnis von Unbewußtem und Über-ich
geht, macht der Titel klar: ‹Caliban› steht für das personifizierte Unbewußte, ‹Setebos› für die Autorität
des Über-Ichs» – die nun überwunden wird. «Die Kunst zwischen den Zwängen des Unbewußten und den
Verboten des Über-Ichs ist eines der zentralen Themen von «CüS». Es geht um die Neubestimmung ihrer
200 Peter Habermehl

An dieser Stelle mündet die psychologische Stimme der Orpheus-Erzählung zurück ins
mythologisch-literarische Leitmotiv.
Arno Schmidt war an einer Wegscheide angelangt. Sein großes Formexperiment, der drei
Jahre zuvor publizierte ‹zweistimmige› Roman «Kaff», war von der Kritik kaum beachtet,
geschweige denn verstanden worden («die Nicht-Teilnahme der Leserschaft übertraf die
kühnsten Erwartungen»);55 die Arbeit an «Zettels Traum» stand vor ihrem Beginn. An die-
ser Wegscheide denkt er nach über die Rolle des Schriftstellers und die Möglichkeiten und
Aufgaben der Literatur, auch und gerade im Licht der eben dargelegten psychologischen
Einsichten.
Zwei prinzipielle Möglichkeiten künstlerischer Äußerung begegnen uns in der Erzäh-
lung. Bereits in Düsterhenns erstem kunsttheoretischen Bekenntnis tauchen sie auf:
«Was mir fehlt, ist eindeutig die naive, intime Einzelbeobachtung, plastisch & elementar in
den Grenzen des Schicklichen, rein & wahr. Und faltete doch schon wieder skeptisch den
blassen Mund […]: ‹rein & wahr›; was […] die Menschen sich so lebenslänglich für
Blauen Dunst vormachen! Denn wenn es je ein Entweder=Oder gab, so war das ja hier
der Fall» [489].
Es gibt also – so ließe sich folgern – eine Scheinkunst, die die Wirklichkeit ins aseptisch
‹Reine› verfälscht und damit der (Selbst-)Täuschung erliegt; und eine wahre, die sie unge-
schminkt und unbestechlich kartographiert. 56 Düsterhenn wird sich im Lauf der Erzählung
in beiden Formen bewegen, als Lyriker und als Prosaiker.
Den Lyriker Düsterhenn (eine fast schon Wilhelm-Busch-reife Karikatur des Dichter-
lings) treibt der Hunger nach gesellschaftlicher Anerkennung und gesichertem Auskom-
men. Beides erfordert freilich, wie er erfahren muß, Konsessionen an Geschmack und
Moral des Publikums. Dem Geld und dem Erfolg zuliebe paßt Düsterhenn sich den Ver-
hältnissen an; er produziert populäre, seichte, mit einem Wort: «schöne» Kunst. Als Volks-
dichter von erlesener Plattheit redet er der Menge nach dem Mund; in bewußter Selbstzen-
sur geht er aber auch jedem Konflikt mit der Obrigkeit aus dem Weg und schlägt sich auf
die Seite der Mächtigen. «‹Unser Kanzler liebt die Rosen!›: das hatte mir seinerzeit Geld
wie Mist gebracht! Wenn man bloß schon genau wüßte, was der Außnminister liebt.» [500]
Solche affirmative Panegyrik täuscht das Ideal einer besseren Welt nur vor und verhöhnt es
im Grunde bewußt. «Wenn es mir doch bloß nochma gelänge, so gansgans sinnich=einfäl-
tich zu werden! ’n paar Mal waren mir daja herrliche Schlager geraten.» [484; vgl. 499]
Und trotzig setzt er hinzu: «Man dachte noch vielzuviel: ‹dumm & geil›, das ist das Rezept
des Erfolges.» [507].57
Zu welcher Kunst diese Haltung führt, erleben wir mit, wenn wir Zeugen seines poeti-
schen Schöpfungsprozesses werden – weniger eine dichterische Stern- denn «Düsterhenns
Dunkelstunde»:

Position zwischen diesen beiden Polen (…), und es geht um die Konsequenzen, die sich aus dieser Ver-
änderung für die Kunst und den Künstler ergeben.» Hink 17.
55
Arno Schmidt, Trommler beim Zaren, Karlsruhe 1966, 276.
56
Beide Spielarten der Kunst werden auch von ihrer politischen Wirkkraft her definiert.
57
Dies drückt sich auch in den Untertiteln aus, die Düsterhenn für die neun «Unter=Bücher» (die neun Mu-
sen!) seines opus magnum plant [484], u. a. «Trautes Heim» [484], «Landlust» [489], «Wanderlieder»
[490], «Trinklieder» [499]. Auf die satten Einkünfte, die seine Lyrik abwirft, spielt Düsterhenn zu wieder-
holten Malen an [bes. 479; 499].
Orfeus in Niedersaxn 201

«„Ich saß im lieben, trauten Stübchen“,


da=dámm da=dámm da=dámm da=dámm: ‹Bübchen› ! :
„mein – – ä – –“
(nee; ‹lieb & traut› nich noch ma) – –
„mein kleines süßes Herzens=Bübchen“
klar, Mensch! ([…] rann=jetz mit den populären Adverbien!):
„schlang seine –“
hm ‹Arme› oder ‹Ärmchen›? Kann das Volk, unser Volk, mein Volk, noch’n
Diminutiv verdauen? Ich möchte meinen – ‹ja› […]:
„schlang seine Ärmchen warm um mich.“
[…] (Moment. Wie sah denn das bis hierhin aus –):
„Ich saß im lieben, trauten Stübchen,
......................................
mein kleines süßes Herzens=Bübchen
schlang seine Ärmchen warm um mich.“
Logischerweise hätten noch’n paar nähere Bestimmungen von Zeit & Ort da rein gehört,
kwommodo kwanndo […]
„grad, als der Tag dem Abend wich=Punkt.“» [485 f.]
Daß diese schwül vibrierenden Schmachtverse aus der Feder Karl Mays stammen, macht
die Sache kaum besser, wohl aber pikanter (im Vorjahr war Schmidts Studie «Sitara» er-
schienen, die seine plausibel untermauerte These von der latenten Homosexualität im
Werk des sächsischen Barden, die dessen Bücher dem deutschen Leser so lieb & teuer ma-
che, unter ein ungläubiges Volk trug).
Indem er Karl May (oder in etlichen centoartigen Zitaten auch Rilke) als Meister trivialer
Illusion vorführt (im doppelten Sinn des Wortes), parodiert und diffamiert Schmidt den
Typus traditioneller Dichtung, der die Wirklichkeit stilisiert und pathetisch überhöht.58
Damit nicht genug: unter der unschuldigen Oberfläche solcher Kunst zeichnet sich für