Sie sind auf Seite 1von 8

WORT- UND FORMENLEHRE

Grundsätzliches

Wort und Wortform

Was ist ein Wort? Wörter sind die Bausteine, aus denen wir
24
Sätze bauen. Wörter trennen wir, wenn wir schreiben,
durch den Wortzwischenraum voneinander.
Aber genügt diese Bestimmung? Machen wir einen Test! Wie viele
Wörter sind in den folgenden Sätzen kursiv (schräg) gedruckt?
Die zwei Türme der Burg waren schon von weitem zu sehen.
Der niedrigere Turm war vierzig Meter hoch.
Wir sind auf den höheren Turm geklettert.
Die Mauern des Turms bestanden aus dicken Quadern.
Auf beiden Türmen wehten bunte Fahnen.

Handelt es sich hier um fünf verschiedene Wörter? Oder um vier?


Oder schließlich - da sie doch bei allen Unterschieden eng zusam-
mengehören: Handelt es sich um fünf Varianten eines einzigen
Wortes?

Wir legen fest: Es handelt sich in den fünf Sätzen um ver-


25
schiedene Wortformen ein und desselben Wortes. Wir unter-
scheiden also zwischen Wort und Wortjorm.
Einem Wort werden unterschiedliche Wortformen zugeordnet. Im
folgenden Schema stellen wir die acht Wortformen zusammen, die
zu dem Wort Turm gehören. Wir unterscheiden dabei Nennform
und übrige Wortformen:
Wort- und Formenlehre: Grundsätzliches

(der) Turm Nennform


(des) Turmes
(dem) Turm
(den) Turm
übrige
(die) Türme Wortformen
(der) Türme
(den)Türmen
(die) Türme

Die Nennform und die übrigen Wortformen sind grundsätzlich


gleichrangig. Die Unterscheidung zwischen ihnen rührt daher, dass
man »Wörter«, wenn man über sie sprechen will, zusammenfas-
send benennen muss. Dazu wählt man eine möglichst neutrale
Wortform, eben die so genannte Nennform. Es ist die Form, unter
der Wörter im Wörterbuch aufgeführt werden. Bei den Nomen
dient dazu die Wortform im Nominativ Singular, beim Adjektiv
die unflektierte Form (T 272 f.). Für das Adjektiv bietet sich zum
Beispiel folgendes Bild:
Nennform (ohne Endung): schön
Andere Wortformen (mit Endungen): ein xhön-er Tag, ein schön-es
Haus, im schön-st-en Augenblick, ein schön-er-es Foto

Im Gegensatz zu den Nomen und den Adjektiven hat die Nenn-


form der Verben eine Endung: Nennform ist hier der Infinitiv mit
der Endung -en oder -n:
Nennform (mit Endung -en): such-en
Andere Wortformen desselben Verbs: ich such-e, du such-st, er/sie
such-t

Im Zusammenhang mit den Begriffen Wort und Wortform


sind zwei weitere Begriffe von Bedeutung: Flexion und
Wortbildung:
1. Als Flexion bezeichnet man die Bildung der einzelnen Wortfor-
men eines Wortes. Sie werden daher auch Flexionsformen ge-
nannt.
2. Zur Wortbildung gehören alle Veränderungen, mit denen man
neue Wörter bildet.
Wort- und Formenlehre: Grundsätzliches 32

Im Folgenden befassen wir uns grundsätzlich mit der Flexion, also


mit der Bildung der einzelnen Wortformen eines Wortes. Auf die
Wortbildung werden wir in einem besonderen Kapitel später ge-
nauer eingehen (T 380 ff).

27 Übung

Wie heißen die Nennformen zu den Wortformen der folgenden Sätze?


1. Des Königs Kleider waren unsichtbar. 2. Gisela wusste mehr, als sie
ihren Freundinnen anvertraute. 3. Bei Tage kannst du von hier oben
die Berge sehen. 4. Nach langem Warten rief mich die Rektorin he-
rein. 5. Das Bessere ist der Feind des Guten. 6. Die Kinder rannten
dem Ausgang zu.

Flexion

Flexionsformen und grammatische Merkmale


Flexionsformen zeigen bestimmte grammatische Merk-
male eines Wortes an. Nach grammatischen Merkmalen
kann man Wörter gruppieren (t 29); grammatische Merkmale ma-
chen außerdem die Beziehungen zwischen Wörtern in einem Satz
deutlich:
Das ist Petra s Heft.
Die Endung -s zeigt, dass Petra im Genitiv steht. Der Genitiv drückt
hier aus, dass zwischen Petra und Heft ein Besitzverhältnis besteht:
Petra ist die Besitzerin des Heftes.

Die fünf Wortarten


Nicht bei allen Wörtern spielen die gleichen grammati-
schen Merkmale eine Rolle. Entsprechend ordnet man sie
verschiedenen Wortarten zu. Wir unterscheiden fünf Wortarten.
Dabei halten wir uns an die grammatischen Merkmale, die ihre
Flexionsformen aufweisen. Im Schema auf der folgenden Doppel-
seite geben wir die besonders typischen grammatischen Merkmale
der Wortarten an.
33 Wort- und Formenlehre: Grundsätzliches

Peter Handke: Das Wort Zeit

Die Zeit ist ein Hauptwort. Das Hauptwort bildet keine Zeit.
Da die Zeit ein Hauptwort ist, bildet die Zeit keine Zeit.
Wie das Hauptwort keine Zeit bildet, bildet das Hauptwort
keine Leideform. Die Zeit ist ein Hauptwort. Da die Zeit ein
Hauptwort ist, bildet die Zeit keine Leideform.
Die Leideform ist ein Hauptwort. Das Hauptwort bildet keine
Leideform. Da die Leideform ein Hauptwort ist, bildet die Lei-
deform keine Leideform. Aus demselben Grund bildet die Lei-
deform keine Zeit.
Wie das Hauptwort weder Zeit noch Leideform bildet, bildet
das Hauptwort keine Möglichkeitsform. Die Zeit ist ein Haupt-
wort. Da die Zeit ein Hauptwort ist, bildet die Zeit keine Mög-
lichkeitsform.
Die Möglichkeitsform ist ein Hauptwort. Das Hauptwort bildet
keine Möglichkeitsform. Da die Möglichkeitsform ein Haupt-
wort ist, bildet die Möglichkeitsform keine Möglichkeitsform.
Aus demselben Grund bildet die Möglichkeitsform keine Zeit.
Das Hauptwort bildet keine Leideform. Die Möglichkeitsform
ist ein Hauptwort. Da die Möglichkeitsform ein Hauptwort ist,
bildet die Möglichkeitsform keine Leideform. Aus demselben
Grund bildet die Leideform keine Möglichkeitsform.
Wort- und Formenlehre: Grundsätzliches Wort-und Formenlehre: Grundsätzliches

Wörter

nicht flektierbar

nach dem Tempus nach dem Kasus


flektierbar flektierbar

mit festem nach dem Genus


Genus flektierbar

ohne Komparations- mit Komparations-


formen formen

Verb Nomen Begleiter und


Adjektiv Partikel
Stellvertreter

Tempusformen: Festes Genus: Genusformen: Genusformen: Keine Flexions-


ich spreche der Löffel er, sie, es formen:
süßer Honig
ich habe gesprochen die Gabel der, die, das süße Marmelade mit, ohne, durch, auf
ich sprach das Messer dieser, diese, dieses süßes Gebäck und, aber, dass, wenn
ich hatte gesprochen nein, bitte, hallo
ich werde sprechen Kasusformen: Kasusformen: Komparationsformen wo, oben, gestern
ich werde gesprochen
der Löffel wer er süß
haben
des Löffels wessen seiner süßer
dem Löffel wem ihm am süßesten
den Löffel wen ihn
Wort- und Formenlehre: Grundsätzliches 36

Die sprachlichen Mittel der Flexion

Wir haben gesehen: Vier der fünf Wortarten nutzen be-


stimmte Arten der Flexion, das heißt der Bildung von ver-
schiedenen Wortformen. Im Deutschen stehen dafür recht unter-
schiedliche sprachliche Mittel zur Verfügung. Wir wollen sie im Fol-
genden kurz vorstellen. Dabei gehen wir immer von der Nennform
eines Wortes aus und untersuchen die Herleitung der übrigen
Wortformen von dieser Nennform.

Flexionsformen können durch Anfügung eines unselbst-


ständigen Elementes, das heißt einer Flexionsendung (eines
Flexionssuffixes), hinten an den Wortstamm gebildet werden:
der Tag
—> des Tages, die Tag e
breit
—>ein breiter Graben, eine breite Straße

Bei den Verben gewinnt man den Stamm dadurch, dass man an der
Nennform, dem Infinitiv, die Endung -en oder -n abstreicht:
Infinitiv: suchen
—> Stamm: such-
—> Andere Flexionsformen: ich such e, du suchst, er/sie such t

(Zu Verben mit Präfix oder Verbzusatz T 58.)


Manchmal kann man an eine Flexionsform mit einer Endung eine
weitere Endung anhängen:
breit das Kind
—> breiter —> die Kinder
—> eine breitere Straße -> den Kindern

Flexionsformen können auch gebildet werden, indem man


Veränderungen im Stamm vornimmt. Man spricht hier von
innerer Abwandlung. Die wichtigsten Arten von innerer Abwandlung
sind Ablaut und Umlaut.
37 Wort-und Formenlehre: Grundsätzliches

Beim Ablaut wird ein Grundvokal (a, e, i, o, u; ei, au, eu) durch einen
anderen Grundvokal ersetzt:
sprech-en lauf-en
—> Stamm: sprech- —> Stamm: lauf-
—>Ablaut: ich spr a ch —> Ablaut: ich lief

Ein Grundvokal kann aber auch durch einen Umlaut (ä, ö, ü; du) er-
setzt werden. (Achtung: Das Wort »Umlaut« bezeichnet sowohl
einen bestimmten Typ Vokalwechsel als auch einen bestimmten
Typ Vokal.)
der Nagel die Tochter
—» die N ä gel —> die T ö chter

Auch hier weisen viele Flexionsformen außer dem Umlaut noch


eine Flexionsendung auf:
der Turm ' an g
—»die T ü r m e —»länger

Nur beim Verb wird bei einer Flexionsform, dem Partizip


II, vorn ein Element angefügt, nämlich ge-. Man spricht hier
von einem Flexionspräfix. Daneben weist das Partizip II immer auch
eine Flexionsendung auf:
stell-en seh-en
—»Stamm: stell- —»Stamm: seh-
—»gestellt —»gesehen

Manche Wörter haben Flexionsformen, die sich nur in


ihren grammatischen Merkmalen, nicht aber in ihrer Form
unterscheiden. So unterscheiden sich bei manchen Nomen die For-
men des Plurals äußerlich nicht von denen des Singulars:
der Balken das Muster
—> die Balken —» die Muster

Achtung: Präfixe, Suffixe (Endungen) und innere Abwand-


lung treten nicht nur in der Flexion auf, sondern auch in
der Wortbildung. Von Wortbildung spricht man, wenn aus bestehen-
den Wörtern neue gebildet werden (t 380, 395-407).
Wort- und Formenlehre: Grundsätzliches 38

Präfixe in der Wortbildung (Wortbildungspräfixe):


schreien —> Geschrei trauen -» misstrauen
klar —> unklar alt —> uralt

Suffixe in der Wortbildung (Wortbildungssuffixe):


Fenster —> Fensterchen dunkel -» Dunkelheit
sprechen —> Sprecher Sprecher —> Sprecherin

Innere Abwandlung in der Wortbildung:


sprechen —» Spr u ch stechen —> St i ch

Peter Lehner: rezept

ein bisschen miss im kredit


eine spur dis in die sonanz
ein wenig ab in der art
ein sprutz im in der potenz
ein gran un in dem sinn
ein bier in den ernst
einen schnaps in die idee