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Springer-Lehrbuch

Ulrich Harten

Physik
für Mediziner
Eine Einführung

11., völlig neu bearbeitete Auflage

Mit 385 teilweise zweifarbigen Abbildungen, 4 Farbabbildungen


und 15 Tabellen

13
Prof. Dr. Ulrich Harten
Fachhochschule Mannheim
Windeckstr. 110
68163 Mannheim
e-mail: u.harten@fh-mannheim.de

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Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

ISBN-10 3-540-25510-9
ISBN-13 978-3-540-25510-9

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Satz: medionet AG, Berlin
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Gedruckt auf säurefreiem Papier 15/2117rd – 5 4 3 2 1 0
V

Vorwort

Die Physik handelt von den Naturgesetzen, und die galten schon, als die Erde noch wüst und
leer war. Verstöße gegen die Naturgesetze werden nicht bestraft, sie sind gar nicht erst mög-
lich. Das gilt auch für organisches Leben und ärztliche Kunst. Herz und Lunge, Magen und
Darm, Auge, Ohr und das ganze Nervensystem, ob gesund, ob krank, agieren im Rahmen der
Naturgesetze. Ärzte ebenso.
Deshalb muss sich ein Medizinstudent, auch wenn es nicht seine Leidenschaft ist, mit
Physik befassen. Dieses Buch versucht, das Notwendige verständlich zu präsentieren, Hilfen
für das Physikpraktikum zu geben und die medizinischen Anwendungen aufzuzeigen.
In Vorbereitung dieser Auflage wurden mit freundlicher Unterstützung des Verlages vie-
le Medizinstudenten detailliert zum Nutzen des Buches befragt und die Anleitungen zum
Physikpraktikum von rund 20 Medizinischen Fakultäten ausgewertet. Daraus ergab sich ei-
ne größere Zahl von Ergänzungen: Lerntabellen am Kapitelende, Rechenbeispiele im Text,
neue Übungsaufgaben, Praktikums-Boxen und Klinische Boxen erläutern den Stoff. Auf der
schon bewährten, aber neu gestalteten Website zum Buch 7 www.lehrbuch-medizin.de/phy-
sik finden Sie weitere interessante und vor allem auch prüfungsrelevante Inhalte.
Das Buch erläutert weiterhin alle im Gegenstandskatalog (GK1) aufgeführten Lerninhal-
te. Welche Sie davon in der Prüfung an Ihrer Universität tatsächlich brauchen, müssen Sie
selbst herausfinden. Im zentralen Physikum wird keineswegs alles gebraucht. Im Inhaltsver-
zeichnis habe ich die besonders physikumsrelevanten Kapitel für Sie markiert. Die Lernta-
bellen und die leichteren Übungsaufgaben orientieren sich ebenfalls am Physikum. Weitere
Hinweise zur Prüfungsrelevanz finden sich auf der Internetseite.
Die Betreuung dieses Buches beim Verlag lag in den Händen von Rose-Marie Doyon und
Martina Siedler. Ihnen gilt mein besonderer Dank für die vielfältigen Hilfen.

Juli 2005 Ulrich Harten


VII

Biographie

Ulrich Harten

Diplom-Physiker, Dr. rer. nat., geboren 1955, Studium der Physik in Göttingen und Stuttgart,
ab 1987 Industrietätigkeit (BASF), 1993 Professor an der Fachhochschule Mannheim, u.a.
Vorlesungen und Praktika „Physik für Biotechnologen“.
Physik für Mediziner: das neue Layout
1 Einleitung: thematischer Einstieg Rechenbeispiele: schrittweise
ins Kapitel physikalische Zusammenhänge und
2 Rechnungen nachvollziehen

3
68 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper
4
> > Einleitung Rechenbeispiel 3.1: Mensch am Draht
5 1 Der „starre Körper“ ist eine Fiktion: Auch der härtes- 7 Aufgabe. Welchen Durchmesser muss ein Kup-
te „feste Körper“ lässt sich noch verbiegen und mit ferdraht mindestens haben, wenn er ohne plasti-
2 der nötigen Gewalt auch zerbrechen. Demgegenüber sche Verformung einen Menschen tragen soll? Be-
Leitsystem: Orientierung achte . Abb. 3.4.
6 über die Kapitel 1-9 und 3
passt eine Flüssigkeit ihre Form dem Gefäß an, in dem
sie sich befindet; sie behält aber ihr Volumen bei und 7 Lösung. Das Ende der Hooke’schen Gera-
bestimmt danach ihre Oberfläche. Ein Gas schließlich den befindet sich etwa bei der Grenzspannung
Anhang füllt (unter Laborbedingungen, nicht in astronomi- Tg = 13 · 107 N/m2. Wenn der Mensch ein Gewicht
7 4 schem Maßstab) sein Gefäß vollständig und gleichmä- von 690 N hat (entspricht 70 kg), so ergibt sich für
ßig aus. Eben weil Flüssigkeiten und Gase keine eigene die minimal erforderliche Querschnittsfläche:
5 Form besitzen, lassen sie sich etwa durch Strömung in F
Amin  G  5, 3 ¸106 m 2  1 4 dmin
Tg
2
¸

8 6
Röhren relativ leicht transportieren. Blutkreislauf und
Atmung nutzen dies aus. Also ist der minimale Durchmesser
dmin  2, 6 ¸103 m  2,6 mm.

9 Inhaltliche Struktur:
klare Gliederung durch
7
3.2 Festkörper Die inkompressible Flüssigkeit und das hoch-

alle Kapitel 8 kompressible ideale Gas markieren zwei mathe-

10 9
3.2.1 Struktur der Festkörper matisch einfache Grenzfälle, zwischen denen sich
die realen Substanzen herumtreiben. Bei ihnen
Kennzeichen des Festkörpers ist seine kristalline muss man empirisch bestimmen, um welchen Be-
Struktur. Sie verleiht ihm Formstabilität, macht trag %V das Ausgangsvolumen V abnimmt, wenn
11 Schlüsselbegriffe sind fett
10 ihn aber nicht starr. Der feste Körper lässt sich
elastisch (vorübergehend) oder plastisch (dauer-
man den äußeren Druck um %p erhöht. Eine Pro-
portionalität zu V darf man erwarten, eine zu %p
hervorgehoben 11 haft) verformen. nicht unbedingt. Es ist deshalb vernünftig, die

12 12
Im Kristallgitter herrscht Ordnung; jedem
Gitterbaustein wird ein fester Platz zugewiesen. Kompressibilität
1 dV
k  ¸
V dp
Kochsalz beispielsweise besteht aus elektrisch po-
sitiv geladenen Ionen des Natriums und aus den differentiell zu definieren (negatives Vorzeichen,
13 Verweise auf Abbildungen
13 negativen Ionen des Chlors. Im NaCl-Gitter sind
sie so angeordnet, dass jedes Na+-Ion sechs Cl–-
weil V mit p abnimmt). Der Kehrwert wird Kom-
pressionsmodul Q genannt. Für den Grenzfall des

und Tabellen: deutlich 14 Ionen als nächste Nachbarn hat und umgekehrt. inkompressiblen Fluides gilt k = 0.

14 herausgestellt und leicht


Das führt zu einer würfelförmigen Elementarzel-
le des Gitters, wie sie . Abb. 3.1 schematisch dar-
15 stellt. Sehen kann man einen solchen Würfel nicht; Klinik
zu finden
dazu ist er zu klein. Seine Kantenlänge beträgt ge- Der Patient am „Tropf“. Bei Patienten, die „ih-
15 16 rade ein halbes Nanometer. re Tropfen nehmen“, dient die Oberflächen-
spannung zur äDosierung von Medikamen-
ten. Dabei verlässt man sich darauf, dass al-
17
16 le vom Schnabel der Flasche fallenden Trop-
fen zumindest so ungefähr die gleiche Größe
18 Merke haben. In manchem Mediziner-Praktikum wird
so die Oberflächenspannung bestimmt (sie-
17 Merke: das Wichtigste auf
den Punkt gebracht, zum
19
Aggregatzustände:
5 fest: formstabil bis zur Festigkeitsgrenze he Kasten). Die Tropfengröße hängt auch ent-
scheidend vom Durchmesser des Rohres ab,
5 flüssig: nicht form-, wohl aber volumen-
aus dem die Flüssigkeit tropft. Eine Tropfflasche
Repetieren 20 stabil
18 5 gasförmig: weder form- noch volumenstabil mit beschädigtem Schnabel dosiert falsch.

19
20 Klinik-Box: der äAeskulapstab
schärft den Blick für die Klinik
Navigation: Seitenzahl und
Kapitelnummer für die schnelle
Orientierung

3.2 · Festkörper
69 3

Praktikum

Viskosität und Strömung (Stokes-Gesetz) – hier ist F der Anteil der Gewichts-
Es wird üblicherweise die Viskosität von Wasser und kraft, den das archimedische Prinzip (7 Kap. 3.3.3)
einer höher viskosen Flüssigkeit auf zwei Arten be- den Kugeln wegen ihres Dichteüberschusses gegen- Praktikum: wichtige
stimmt: über der Flüssigkeit noch lässt. Zusammen mit der
1) Strömung durch ein Rohr und Anwenden des Ha- Formel für die Auftriebskraft ergibt sich dann: Versuche aus dem Kurs
gen-Poiseulle Gesetzes: 2 ¸ r 2 SK  SFl
I anschaulich dargestellt
Q r 4 %p 9¸ g v0
I
8 l I .
wobei SK die Dichte der Kugel und SFl die Dichte der
Der Radius r des durchströmten Rohrs muss sehr Flüssigkeit ist.
genau gemessen werden, den treibenden Druck %p Rote Blutkörperchen haben Scheibchenform und
besorgt man sich als Schweredruck und den Volumen- sinken darum nach einem komplizierteren Gesetz zu
strom I misst man mit Messbecher und Stoppuhr. Boden. Man braucht es zum Glück nicht zu kennen,
um aus erhöhter Blutsenkungsgeschwindigkeit ei-
2) Fall einer Kugel. Kleine Kugeln (Radius r), sinken, ne Infektion zu diagnostizieren.
wenn sie sich gegenseitig nicht stören, mit der Ge-
schwindigkeit
F 2r 2
v0   g ¸ %S
6Q ¸ I ¸ r 9 ¸ I

In Kürze

Formel Größen [Einheit]

Elastische Verformung eines Festkörpers In Kürze: fasst in Lern-


%l %l: Längenänderung [m] tabellen die Quintessenz
Mechanische Dehnung
l0 l0: Anfangslänge [m]
zusammen
F
Mechanische Spannung T T: mechanische Spannung  ¡ N ¯°
A ¢ m2 ±
F: Kraft auf A [N]
2
A: Querschnittsfläche [m ]

Übungsfragen

t leicht; tt mittel; ttt schwer

Zur Strömung
t 10. Wie schnell strömt die Luft in Rechenbeispiel 3.7?
Übungsfragen: nach
ttt 13. Die mechanische Leistung P, die benötigt wird, um Schwierigkeitsgrad
einen Volumenstrom I durch ein Rohr zu drücken, ist P = I · %p,
wobei %p die Druckdifferenz zwischen Rohranfang und Roh- geordnete Fragen.
rende ist. Begründen Sie das.
tt 14. Welche mittlere mechanische Leistung muss das Herz Ausführliche Lösungen
eines Menschen liefern, wenn es bei einem Druck am Auslauf
. Abb. 3.1. Kristallgitter des NaCl (Kochsalz). Die dicken Cl–-
(Aorta) von 174 hPa eine mittlere Blutstromstärke von 6 l/min
finden Sie im Anhang
Ionen und die kleineren Na+-Ionen liegen dicht an dicht

Über 450 Abbildungen


veranschaulichen komplizierte Interaktiv lernen im Web
und komplexe Sachverhalte www.lehrbuch-medizin.de/physik
X Auf einen Blick: Werte und Einheiten

Wichtige Zahlenwerte
1
Q Q = 3,141592 …
2 e e = 2,718281 …

3 2 2 = 1,4142 …

ln 2 ln 2 = 0,6931 …
4 Fallbeschleunigung g = 9,81 m/s²

Lichtgeschwindigkeit (Vakuum) c = 2,99792458 m/s


5 x 3 · 108 m/s

Avogadro-Konstante NA = 6,022 · 1023 mol–1


6 Gaskonstante R = 8,31 J/(mol · K)

7 Volumen eines Mol Gas (Normalbedingungen) 22,4 l/mol

Dichte von Wasser SW = 1,0 kg/l


8 Spez. Wärmekapazität von Wasser 4,18 J/(g · K)

Schallgeschwindigkeit in Wasser 1480 m/s


9 Schallgeschwindigkeit in Luft 330 m/s

10 Elementarladung e0 = 1,602 · 1019 As

Faraday-Konstante F = 96484 As/mol

11
12 Energieeinheiten

1 Joule = 1 Newtonmeter = 1 Wattsekunde = 1 J = 1 N · m = 1 W · s


13
Kilowattstunde = 1 kWh = 3,600 ·106 J

14 Elektronvolt = 1 eV = 1,602 · 10–19 J

Kalorie = 1 cal = 4,184 J

15
16 Druckeinheiten

Pascal = 1 Pa = 1 N/m2; Luftdruck: 1,013 · 105 Pa = 760 mmHg x 10 Meter H2O


17
Bar = 1 bar = 1,000 · 105 Pa

18 mm-Quecksilber = 1 mmHg = 133,3 Pa

mm-Wasser = 1 mmH2O = 9,81 Pa


19 Atmosphäre = 1 atm = 1,013 · 105 Pa

20
XI

Inhaltsverzeichnis
! Besonders wichtige Kapitel zur Vorbereitung auf die IMPP-Fragen

1 Grundbegriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 2.3.5 Drehbewegungen ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59


1.1 Physikalische Größen und ihre Einheiten . . . . 2 2.3.6 Trägheitsmoment und Drehimpuls. . . . . . . . . 62
1.1.1 Physikalische Größen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
1.1.2 Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 3 Mechanik deformierbarer Körper . . . . . . . . 67
1.1.3 Länge, Fläche, Volumen ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 3.1 Die Aggregatzustände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
1.1.4 SI-Einheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 3.2 Festkörper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
1.2 Mengenangaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 3.2.1 Struktur der Festkörper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
1.2.1 Masse und Stoffmenge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 3.2.2 Verformung von Festkörpern ! . . . . . . . . . . . . 70
1.2.2 Dichten und Gehalte ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 3.2.3 Viskoelastizität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
1.3 Statistik und Messunsicherheit . . . . . . . . . . . . . 11 3.3 Druck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
1.3.1 Messfehler ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 3.3.1 Stempeldruck ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
1.3.2 Mittelwert und Streumaß ! . . . . . . . . . . . . . . . . 11 3.3.2 Schweredruck ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
1.3.3 Messunsicherheit ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 3.3.3 Auftrieb ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
1.3.4 Fehlerfortpflanzung ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 3.3.4 Manometer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
1.4 Vektoren und Skalare ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 3.3.5 Pumpen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
1.5 Wichtige Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 3.3.6 Kompressibilität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
1.5.1 Winkelfunktionen ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 3.3.7 Blutdruckmessung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
1.5.2 Exponentialfunktion und Logarithmus ! . . . 19 3.4 Grenzflächen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
1.5.3 Potenzfunktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 3.4.1 Kohäsion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
1.5.4 Algebraische Gleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 3.4.2 Adhäsion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
3.5 Strömung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
2 Mechanik starrer Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 3.5.1 Zähigkeit (Viskosität) ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
2.1 Bewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 3.5.2 Laminare Strömung ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
2.1.1 Fahrstrecke und Geschwindigkeit ! . . . . . . . . 28 3.5.3 Turbulente Strömung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
2.1.2 Überlagerung von Geschwindigkeiten . . . . . 30 3.5.4 Staudruck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
2.1.3 Beschleunigung ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
2.1.4 Drehbewegungen ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 4 Mechanische Schwingungen und
2.1.5 Bewegung von Gelenken . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 Wellen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
2.2 Kraft, Drehmoment, Energie . . . . . . . . . . . . . . . 37 4.1 Mechanische Schwingungen . . . . . . . . . . . . . 100
2.2.1 Kräfte ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 4.1.1 Oszillatoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
2.2.2 Gewichtskraft und Gravitation ! . . . . . . . . . . . 40 4.1.2 Harmonische Schwingungen ! . . . . . . . . . . . 100
2.2.3 Arbeit und Energie ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 4.1.3 Gedämpfte Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . 103
2.2.4 Kinetische Energie ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 4.1.4 Erzwungene Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . 104
2.2.5 Hebel und Drehmoment ! . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 4.1.5 Überlagerung von Schwingungen . . . . . . . . 105
2.2.6 Die Grundgleichungen des 4.2 Seilwellen ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
Gleichgewichts ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 4.3 Schallwellen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
2.2.7 Gleichgewichte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 4.3.1 Schallerzeugung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
2.3 Kraft und Bewegung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 4.3.2 Schallnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
2.3.1 Die Newton’schen Gesetze ! . . . . . . . . . . . . . . 51 4.3.3 Schallintensität und Lautstärke ! . . . . . . . . . 112
2.3.2 Reibung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 4.3.4 Schallausbreitung ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
2.3.3 Impuls ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
2.3.4 Trägheitskräfte ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
XII Inhaltsverzeichnis

5 Wärmelehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 6.4.4 Innenwiderstände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176


1 5.1 Temperatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 6.4.5 Hoch- und Tiefpass . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
5.1.1 Temperaturmessung ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 6.4.6 Kondensatorentladung und e-Funktion ! . 178
2 5.1.2 Ausdehnungskoeffizienten . . . . . . . . . . . . . . . 124 6.5 Elektrisches Feld. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
5.1.3 Das ideale Gas ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 6.5.1 Der Feldbegriff ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
5.1.4 Partialdruck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 6.5.2 Elektrisches Potential ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
3 5.2 Thermische Bewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 6.5.3 Das Potentialfeld ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
5.2.1 Wärme ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 6.5.4 Kräfte zwischen Ladungen ! . . . . . . . . . . . . . . 186
4 5.2.2 Molekularbewegung ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 6.5.5 Feld im Kondensator . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188
5.2.3 Wärmeleitung ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 6.5.6 Energie des elektrischen Feldes . . . . . . . . . . . 189
5 5.2.4 Diffusion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 6.6 Materie im elektrischen Feld . . . . . . . . . . . . . . 190
5.2.5 Osmose ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 6.6.1 Influenz und elektrische Abschirmung . . . . 190
5.3 Phasenumwandlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 6.6.2 Der elektrische Strom ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
6 5.3.1 Umwandlungswärmen ! . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 6.6.3 Dielektrizitätskonstante (Permittivität) ! . . 192
5.3.2 Schmelzwärme ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 6.6.4 Das freie Elektron. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
7 5.3.3 Lösungs- und Solvatationswärme . . . . . . . . . 139 6.6.5 Ruhemasse und relativistische Masse . . . . . 197
5.3.4 Verdampfung ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140 6.6.6 Gasentladung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198
8 5.3.5 Dampfdruck und Dampfdichte ! . . . . . . . . . 141 6.7 Elektrochemie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199
5.3.6 Luftfeuchtigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142 6.7.1 Dissoziation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199
5.3.7 Verdampfungsenthalpie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 6.7.2 Elektrolyte ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201
9 5.3.8 Zustandsdiagramme ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 6.8 Grenzflächen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
5.3.9 Absorption und Adsorption. . . . . . . . . . . . . . . 146 6.8.1 Membranspannung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
10 5.4 Wärmehaushalt des Menschen. . . . . . . . . . . . 147 6.8.2 Galvani-Spannung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
5.4.1 Konvektion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 6.8.3 Thermospannung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206
11 5.4.2
5.4.3
Temperaturstrahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
Transpiration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
6.9
6.9.1
Elektrophysiologie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207
Die Auswertung des EKG nach Einthoven . 207
5.5 Wärmenutzung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 6.9.2 Elektrische Unfälle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209
12 5.5.1 Die Sonderstellung der Energieform 6.9.3 Schutzmaßnahmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210
„Wärme“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 6.10 Magnetische Felder. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212
13 5.5.2 Zum Wärmehaushalt der Erde . . . . . . . . . . . . 153 6.10.1 Einführung ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212
6.10.2 Kräfte im Magnetfeld ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
6 Elektrizitätslehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 6.10.3 Erzeugung von Magnetfeldern ! . . . . . . . . . . 217
14 6.1 Die wichtigsten Messgrößen . . . . . . . . . . . . . . 159 6.11 Induktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219
6.1.1 Strom, Spannung, Ladung ! . . . . . . . . . . . . . . 159 6.11.1 Einführung ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219
15 6.1.2 Leistung und Energie ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162 6.11.2 Transformatoren ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222
6.2 Die wichtigsten Zusammenhänge. . . . . . . . . 163 6.11.3 Selbstinduktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
16 6.2.1 Elektrischer Widerstand ! . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 6.11.4 Induktiver Widerstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
6.2.2 Das Ohm’sche Gesetz ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 6.12 Elektrische Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . 226
6.2.3 Stromwärme ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 6.12.1 Der Schwingkreis ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226
17 6.2.4 Kapazität ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 6.12.2 Überlagerung von Schwingungen . . . . . . . . 229
6.2.5 Energie des geladenen Kondensators . . . . . 167 6.12.3 Geschlossene elektrische Feldlinien . . . . . . . 230
18 6.3 Wechselspannung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 6.12.4 Der schwingende elektrische Dipol. . . . . . . . 230
6.3.1 Effektivwerte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168
19 6.3.2 Kapazitiver Widerstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 7 Optik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
6.4 Elektrische Netzwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 7.1 Elektromagnetische Wellen . . . . . . . . . . . . . . . 238
6.4.1 Widerstände in Reihe und parallel ! . . . . . . . 171 7.1.1 Der strahlende Dipol . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
20 6.4.2 Spezifischer Widerstand (Resistivität). . . . . . 173 7.1.2 Spektralbereiche ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240
6.4.3 Spannungsteiler ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174 7.1.3 Wellenausbreitung ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241
XIII
Inhaltsverzeichnis

7.2 Geometrische Optik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243 8.2.7 Kernspaltung und künstliche


7.2.1 Lichtbündel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243 Radioaktivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 316
7.2.2 Spiegelung ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245 8.2.8 Antimaterie ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317
7.2.3 Brechung ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247
7.2.4 Dispersion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250 9 Ionisierende Strahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . 321
7.2.5 Linsen ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 9.1 Dosimetrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322
7.2.6 Abbildung durch Linsen ! . . . . . . . . . . . . . . . . 254 9.1.1 Energie- und Äquivalentdosis ! . . . . . . . . . . . 322
7.2.7 Abbildungsgleichungen ! . . . . . . . . . . . . . . . . 255 9.1.2 Ionendosis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323
7.2.8 Abbildung durch einfache Brechung . . . . . . 258 9.1.3 Aktivität und Dosis ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324
7.2.9 Das Auge. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258 9.2 Strahlennutzen, Strahlenschaden . . . . . . . . . 324
7.2.10 Fehlsichtigkeit und Brillen . . . . . . . . . . . . . . . . 260 9.2.1 Radioaktive Tracer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324
7.2.11 Optische Instrumente ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262 9.2.2 Strahlentherapie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325
7.3 Intensität und Farbe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265 9.2.3 Natürliche Exposition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326
7.3.1 Strahlungs- und Lichtmessgrößen . . . . . . . . 265 9.2.4 Zivilisationsbedingte Exposition . . . . . . . . . . 327
7.3.2 Optische Absorption ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 9.2.5 Strahlenschutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328
7.3.3 Temperaturstrahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
7.3.4 Farbsehen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 A Anhang. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331
7.4 Wellenoptik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275 A1 Antworten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332
7.4.1 Polarisiertes Licht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275 A2 Physikalische Formelsammlung . . . . . . . . . . . 345
7.4.2 Interferenz ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276 A3 Sachverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353
7.4.3 Kohärenz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278
7.4.4 Dünne Schichten und Beugungsgitter ! . . 279
7.4.5 Beugungsfiguren ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
„Physik lernen“ im Web unter:
7.5 Quantenoptik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283
www.lehrbuch-medizin.de/physik
7.5.1 Das Lichtquant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283
7.5.2 Energiezustände und Spektren ! . . . . . . . . . 285
7.5.3 Laser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287
7.5.4 Röntgenstrahlen ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289
7.5.5 Der Compton-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292
7.5.6 Röntgendiagnose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293
7.6 Elektronenoptik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295
7.6.1 Elektronenbeugung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295
7.6.2 Elektronenmikroskope. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295
7.6.3 Die Unschärferelation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297

8 Atom- und Kernphysik. . . . . . . . . . . . . . . . . . 301


8.1 Aufbau des Atoms . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302
8.1.1 Das Bohr’sche Atommodell ! . . . . . . . . . . . . . 302
8.1.2 Elektronenwolken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303
8.1.3 Das Pauli-Prinzip . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304
8.1.4 Charakteristische Röntgenstrahlung . . . . . . 305
8.2 Aufbau des Atomkerns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305
8.2.1 Kernspinresonanztomographie . . . . . . . . . . . 305
8.2.2 Nukleonen und Nuklide ! . . . . . . . . . . . . . . . . 307
8.2.3 Der Massendefekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308
8.2.4 Radioaktivität ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309
8.2.5 Nachweis radioaktiver Strahlung . . . . . . . . . . 311
8.2.6 Zerfallsgesetz ! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 314
1.1 ·
1 1

Grundbegriffe

1.1 Physikalische Größen und ihre Einheiten –2


1.1.1 Physikalische Größen –2
1.1.2 Zeit – 3
1.1.3 Länge, Fläche, Volumen –4
1.1.4 SI-Einheiten –8

1.2 Mengenangaben –8
1.2.1 Masse und Stoffmenge –8
1.2.2 Dichten und Gehalte –9

1.3 Statistik und Messunsicherheit – 11


1.3.1 Messfehler – 11
1.3.2 Mittelwert und Streumaß – 11
1.3.3 Messunsicherheit – 13
1.3.4 Fehlerfortpflanzung – 14

1.4 Vektoren und Skalare – 15

1.5 Wichtige Funktionen – 18


1.5.1 Winkelfunktionen – 18
1.5.2 Exponentialfunktion und Logarithmus – 19
1.5.3 Potenzfunktionen – 22
1.5.4 Algebraische Gleichungen – 22
2 Kapitel 1 · Grundbegriffe

> > Einleitung mehr – und dazu in der Aorta eben jenen Druck
1 Die Physik ist eine empirische und quantitative Wissen- aufrechterhält, der gebraucht wird, um den Blut-
schaft; sie beruht auf Messung und Experiment. Daraus strom durch die Adern und Kapillaren des Ge-
2 folgt eine intensive Nutzung mathematischer Überle- fäßsystems hindurchzubekommen. Nach die-
gungen, denn Messungen ergeben Zahlenwerte, und sen Forderungen müssen sich Konstruktion und
3 die Mathematik ist primär für den Umgang mit Zahlen
erfunden worden. Die Natur ist damit einverstanden.
Betriebsbedingungen des Herzens richten, also
Schlagvolumen, Muskelkraft und Schlagfrequenz.
Selbst rechnet sie zwar nicht, aber wenn der Mensch Präziser und anschaulicher als mit Worten
4 ihre Gesetzmäßigkeiten einfach und korrekt beschrei- lässt sich der Herzzyklus durch eine Raumkurve
ben will, dann tut er dies am besten mit Hilfe mathe- beschreiben, und zwar in einem dreidimensio-
5 matischer Formeln und Kalküle. nalen Diagramm, das z. B. den Druck der Herz-
kammer nach oben, das Kammervolumen nach
rechts und die Zeit nach hinten aufträgt. Dem
6 1.1 Physikalische Größen und ihre geschulten Betrachter braucht ein solches Dia-
Einheiten gramm nicht einmal als räumliches Modell prä-
7 sentiert zu werden, ihm genügt eine perspekti-
1.1.1 Physikalische Größen vische Zeichnung nach Art der . Abb. 1.1. Man
8 muss freilich schon sorgfältig und genau hinse-
Des Menschen liebster Muskel ist das Herz; kein hen, wenn man eine solche Darstellung richtig in-
anderes Organ wird ähnlich mit Gefühlswerten terpretieren will.
9 befrachtet. Anatomisch handelt es sich um einen Die Abbildung ist einem Lehrbuch der Physi-
Hohlmuskel, der ganz nach Art einer Kolbenpum- ologie entnommen. Sein Verfasser setzt als selbst-
10 pe durch periodische Änderung seines Kammer- verständlich voraus, dass jeder, der zu diesem
volumens den Blutkreislauf aufrechterhält. Vom Buch greift, ein solches ja nicht mehr ganz ein-
11 Herzen eines erwachsenen Menschen wird ver- faches Diagramm auch „lesen“ kann. Dazu gehö-
langt, dass es in der Minute etwa sechs Liter Blut ren räumliches Vorstellungsvermögen und eini-
umpumpt – bei körperlicher Belastung auch noch ge Kenntnisse der elementaren Geometrie. Vor al-
12
. Abb. 1.1. Druck-Volumen-Zeit-Dia-
13 s
1,5
Torr
gramm eines Herzzyklus (linker Vent-
rikel eines Hundes). Die blaue Kurve be-
1,0 100
14 Zeit
ginnt mit der Füllungszeit: Zunahme des
Volumens bei geringem Druck. Es folgt
0,5 die Anspannungszeit: rascher Druckan-
15 50
stieg bei konstantem Volumen (Herz-
klappen geschlossen). Sobald der dias-
0 tolische Aortendruck überschritten wird,
16 20
beginnt die Austreibungszeit: Volumen-
abnahme der Herzkammer bei weiter
kPa steigendem Druck. Die Austreibung en-
17 15
det, wenn der Maximaldruck erreicht
ist und die Klappe zur Aorta schließt. Es
folgt die Entspannungszeit: Druckab-
18
Druck

10 nahme bei konstantem Volumen. Das


Diagramm enthält noch die nächste Fül-
lungszeit. (Nach R. Jacob)
19 5

20 0
0 20 40 60 80 cm 3
Volumen
1.1 · Physikalische Größen und ihre Einheiten
3 1

lem aber muss man wissen, was mit den Worten 0 20 40 60 80


Druck, Volumen und Zeit gemeint ist. V
Volumen
Die drei Vokabeln werden hier genau im Sinne cm3
der Physik benutzt; sie bezeichnen physikalische
. Abb. 1.2. Beschriftung der Volumenachse der . Abb. 1.1
Größen. Gemeinsames Kennzeichen aller physika-
nach internationaler Empfehlung; die Achse wird dadurch zur
lischen Größen ist ihre Messbarkeit; eine jede von Zahlengeraden
ihnen ist, letztlich unabhängig von Worten und
Sprache, durch ihr spezielles Messverfahren defi-
niert. So unterschiedlich diese Verfahren im Ein- den zu machen. Die Volumenachse der . Abb. 1.1
zelnen auch sein mögen, grundsätzlich geht es bei wäre dann so zu beschriften, wie die . Abb. 1.2
jeder Messung um das gleiche Prinzip: um einen zeigt. So vorzugehen hat einige Vorteile und das
quantitativen Vergleich zwischen der Messgrö- vorliegende Buch verfährt so. In anderen Büchern
ße und ihrer Maßeinheit. Welchen Bruchteil oder findet man es aber auch anders.
welches Vielfache der Einheit stellt die zu mes- Zahlen ohne Einheiten bezeichnet man als „di-
sende Größe dar? Daraus folgt: Jede physikalische mensionslos“. Physikalische Größen sind deshalb
Größe ist das Produkt aus einer Zahl und einer durchweg „dimensioniert“; die Flughöhe des Dü-
Einheit – das Wort Produkt hier genau im Sinn der senclippers hat ebenso die Dimension einer Län-
Mathematik verstanden. Deshalb darf man auch ge wie der Durchmesser eines Haares.
mit den Symbolen der Mathematik schreiben: Die mittlere Volumenstromstärke I des Blu-
tes in der Aorta ist der Quotient aus dem durchge-
Merke flossenen Volumen %V und der dazu benötigten
Physikalische Größe = Zahl · Einheit. Zeitspanne %t; als Formel:
%V
I .
%t
Rechenoperationen wie Malnehmen und Teilen Hier stehen die Buchstaben für physikalische
sind ursprünglich nur für den Umgang mit Zah- Größen. Darum bezeichnet man eine solche For-
len erfunden worden. Dass man sie auch auf Maß- mel als Größengleichung. Sie beschreibt einen phy-
einheiten anwenden kann und, einschließlich der sikalischen Zusammenhang und macht keine Vor-
Differentiation und der Integration, sogar auf die schriften über die Einheiten, die bei einer konkre-
physikalischen Größen selbst, mag überraschen, ten Rechnung benutzt werden. Ob man die Zeit in
doch es ist so. Sekunden, Minuten oder Stunden misst, spielt für
Wollte man physikalische Größen mit ihrem die Größengleichung keine Rolle. Zuweilen wer-
vollen Namen in Formeln einsetzen, so würden den aber auch sog. Zahlenwertgleichungen aufge-
die Formeln unhandlich. Deshalb verwendet man schrieben. Bei ihnen stehen die Buchstaben nur
einzelne Buchstaben als Symbole, etwa p für den für Zahlenwerte, weshalb eine Zahlenwertglei-
Druck, V für das Volumen und t für die Zeit. Lei- chung ohne Angabe der Einheiten, für die sie gilt,
der gibt es aber weit mehr physikalische Größen sinnlos ist.
als Buchstaben, selbst wenn man das griechische
Alphabet dazunimmt. Eine in jeder Beziehung
eindeutige Zuordnung ist darum nicht möglich. 1.1.2 Zeit
Internationale Empfehlungen helfen, sind aber
nicht zwingend. Internationale Konvention emp- Alles, was geschieht, geschieht im Laufe der Zeit.
fiehlt auch, Buchstaben, die für Größen stehen, Das gilt auch für den Herzzyklus. Deshalb sind in
kursiv zu schreiben und Buchstaben, die für Ein- seinem Diagramm (. Abb. 1.1) Druck und Volu-
heiten stehen, gerade. men gegen die Zeit aufgetragen. Was ist das: Zeit?
Wenn man eine physikalische Größe durch ih- Wenn Goethe vom „sausenden Webstuhl der
re Einheit teilt, bleibt eine reine Zahl übrig. Das er- Zeit“ spricht und Schiller von der „schönen Zeit
laubt, die Achsen von Diagrammen zu Zahlengera- der jungen Liebe“, dann meinen beide gewiss
4 Kapitel 1 · Grundbegriffe

nicht dasselbe und schon gar nicht die physikali- ser Satz ist nicht ganz korrekt, denn die Nerven-
1 sche Größe Zeit. Es gibt eben mehr Begriffe in der leitung des Zeitnehmers braucht selbst ein wenig
Welt als Worte in der Sprache. Einigkeit darüber, Zeit, um das optische Signal vom Pulverdampf der
2 was mit benutzten Worten gemeint sein soll, ist Startpistole, auf der Netzhaut entstanden, in eine
Voraussetzung einer Verständigung. Die Methode Kontraktion des Daumenmuskels umzusetzen.
3 der Physik ist es, Größen in der Regel durch Mess-
verfahren zu definieren.
Dieser sog. persönliche Fehler beträgt, individuell
unterschiedlich, einige Zehntelsekunden; durch
Alkohol im Blut lässt er sich beträchtlich verlän-
4 Merke gern. Träte er am Ziel in exakt der gleichen Grö-
Zeit misst man mit Uhren, und Uhren zählen ße wieder auf, so würde die Laufzeit des Sprinters
5 periodische Vorgänge ab. schon richtig gemessen, wenn auch insgesamt ein
wenig zu spät. Darauf ist aber kein Verlass. Wenn
es um Rekorde geht, wird darum heutzutage auto-
6 Das können die Schwingungen eines Schwerepen- matisch, d. h. elektronisch gemessen, auf die Hun-
dels sein, wie bei Urgroßvaters Standuhr, oder die dertstelsekunde genau. Diese Präzision erreicht
7 eines Drehpendels, wie bei Großvaters Taschen- kein Mensch.
uhr, oder die eines sorgfältig geschliffenen Kris-
8 talls aus Quarz, wie bei der modernen Armband-
uhr, oder auch die bestimmter Moleküle, wie bei 1.1.3 Länge, Fläche, Volumen
der sog. „Atomuhr“. Die „biologische Uhr“ hinge-
9 gen ist keine Uhr im physikalischen Sinne. Das Le- Die Volumina und Oberflächen von Körpern und
ben auf der Erde hat sich lediglich und notwen- Hohlräumen werden von ihren linearen Abmes-
10 digerweise auf den Tagesrhythmus eingestellt, wie sungen bestimmt. Für geometrisch einfache Kör-
er von der Rotation der Erde seit Jahrmillionen per hält die Mathematik entsprechend einfache
11 praktisch unverändert vorgegeben wird. Formeln bereit, wie . Abb. 1.3 zeigt.
Das Bedürfnis, Zeiten zu messen, ist weit äl- Wo immer Kreise und Kugeln auftauchen, er-
ter als das Dezimalsystem; darum hat es sich nur scheint die Zahl Q, das Verhältnis von Kreisum-
12 noch bei den kurzen Zeiteinheiten unter der Se-
kunde durchsetzen können:
13 5 Jahr a x 365,24 Tage
5 Tag d = 24 Stunden
14 5 Stunde h = 60 Minuten
5 Minute min = 60 Sekunden
5 Sekunde s = SI-Einheit der Zeit
15
Derzeit dauert ein Jahr 31.556.926,6 s. Definiert
16 wird die Sekunde über die Schwingungsdauer des
Lichtes einer bestimmten Spektrallinie.
Uhren gibt es genug auf der Welt. Bahnhofs-
17 und Armbanduhren zeigen einen Zeitpunkt an,
die Tageszeit nämlich. Für physikalische Zusam-
18 menhänge hat sie wenig Bedeutung – Naturgeset-
ze gelten auch um Mitternacht. Wichtiger sind da-
19 rum Zeitspannen, also die Differenzen von Zeit-
punkten. Man misst sie z. B. mit Stoppuhren. Der
. Abb. 1.3. Geometrisch einfache Körper. Oberfläche A
Zeitnehmer beim 100-Meter-Lauf setzt die sei-
20 ne beim Startschuss in Gang und hält sie wieder
und Volumen V von: Quader mit den Kantenlängen a, b und
c; Kreiszylinder mit dem Radius r und der Höhe h; Kugel mit
an, wenn der Sprinter die Ziellinie erreicht. Die- dem Radius r
1.1 · Physikalische Größen und ihre Einheiten
5 1

fang und Kreisdurchmesser. Computer haben Q 5 h = 1,765 m


auf tausend Stellen hinter dem Komma ausge- 5 h = 176,5 cm
rechnet; physikalisch gibt das keinen Sinn, weil 5 h = 1765 mm
sich eine entsprechende Messgenauigkeit ja doch 5 h = 1,765 · 103 mm
nicht erreichen lässt. Auswendigzulernen braucht
man nur Q x 3,14; für Abschätzungen genügt es Alle vier Schreibweisen besagen dasselbe.
oft, Q x 3 zu setzen. Wollte man die Wellenlänge M derjenigen
In jeder Formel zur Berechnung eines Volu- Spektrallinie des Edelgases Krypton, die früher
mens erscheint das Produkt dreier Längen, sei es zur Definition des Meters diente, auch in Metern
nun als a · b · c, als r2 · h oder als r3 – allenfalls ist angeben, so hätte man zu schreiben:
noch ein Zahlenfaktor dabei. Demnach steht die
M = 0,0000006056 m.
physikalische Größe Volumen in engem Zusam-
menhang mit der physikalischen Größe Länge; das Die vielen Nullen sind weder handlich
Volumen hat die Dimension Länge hoch drei. Für noch übersichtlich. Darum weicht man gern
die physikalische Größe Fläche ergibt sich ganz in die Schreibweise mit Zehnerpotenzen aus:
analog die Dimension Länge hoch zwei. Daraus M = 6,056 · 10–7 m. Üblich ist aber auch, Einheiten
folgen wiederum feste Beziehungen zwischen den um ganze Dezimalfaktoren zu reduzieren oder zu
Einheiten. Bei der Länge hat man sich internati- erweitern und dies durch vereinbarte Vorsilben
onal auf die Einheit Meter geeinigt, abgekürzt m. und deren Abkürzungen anzuzeigen. Zentime-
Folglich ist die Einheit der Fläche Meterquadrat, ter und Millimeter wurden schon genannt, Kilo-
das man lieber Quadratmeter nennt und m2 ab- meter sind geläufig. Für die Wellenlängen sichtba-
kürzt, und die des Volumens „Meter hoch drei“, al- ren Lichtes ist das Nanometer (nm) angemessen;
so m3, durchweg Kubikmeter genannt. es entspricht 10–9 m:
Die Festlegung von Einheiten ist reine Will-
M = 605,6 nm.
kür; das beweisen all die vielen Meilen, Ellen und
Füße, die Kaufleuten noch im vorigen Jahrhun- Die international festgelegten Bezeichnungen
dert große und unnötige Mühe beim Umrechnen enthält die . Tabelle 1.1.
gemacht haben. Internationale Einigung bedeu-
tet hier schon für sich allein einen Fortschritt –
welche Einheit es dann trifft, ist im Grunde nicht . Tabelle 1.1 Erweiterung von Einheiten
mehr so wichtig.
Das Verfahren der Längenmessung ist be- Vorsilbe Kennbuchstabe Zehnerpotenz
kannt; jedermann weiß, wie man mit einem Zoll-
Pico p 10–12
stock umgeht: Man trägt ihn wiederholt längs der
zu messenden Strecke ab und zählt, wie oft das Nano n 10–9
geht. Im Allgemeinen wird freilich ein Bruchteil Mikro 10–6
N
vom Meter übrig bleiben; um auch ihn zu mes-
sen, ist der Zollstock unterteilt, in 100 größere Ab- Milli m 10–3
schnitte, die Zentimeter (cm), und 1000 kleinere, Zenti c 10–2
die Millimeter (mm).
Dezi d 10–1
Merke Hekto h 102

Messen heißt, die Messgröße mit ihrer Einheit Kilo k 103


vergleichen.
Mega M 106

Giga G 109
Wenn ein Mensch 1 m, 76 cm und 5 mm groß ist,
Tera T 1012
dann darf man für seine Länge h schreiben:
6 Kapitel 1 · Grundbegriffe

1 190

185

2
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
175
3
170

4 165

5
6 . Abb. 1.4. Messung der Körpergröße eines Menschen

1 mm
7
Hier erweist sich wieder einmal die Kürze des
8 Alphabets als lästig: Der Buchstabe „m“ muss in
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
Formeln die physikalische Größe Masse vertreten,
als Einheit das Meter und als Präfix den Faktor 10–3,
9 „milli“ genannt.
„Eine Länge misst man durch Abtragen ei-
10 nes Maßstabes.“ Wie aber misst man den Durch-
messer eines Fußballes? An die Länge, die gemes-
11 sen werden soll, kommt man ja mit dem Zoll-
. Abb. 1.5. Objektmikrometer. Pantoffeltierchen unter ei-
stock nicht heran. Deshalb klemmt man den Fuß- nem Mikroskop mit Skala im Okular
ball zwischen zwei parallele Latten und misst de-
12 ren Abstand. Nach dem gleichen Schema geht der
Arzt vor, wenn er die Körpergröße eines Patienten Kennt man von einem Gegenstand alle linea-
13 bestimmt (. Abb. 1.4); hier sorgt eine Mechanik ren Abmessungen, so kennt man auch seine Ober-
für die Parallelführung des Messfühlers. fläche, sagt die Mathematik, und im Prinzip hat
14 Ein Pantoffeltierchen kann man nicht zwi-
schen die Backen einer Schublehre klemmen; sei-
sie Recht. Handliche Formeln bietet sie freilich
wieder nur für wenige, geometrisch einfache Fälle
ne Länge wird unter dem Mikroskop bestimmt. an, wie sie die . Abb. 1.3 wiedergibt.
15 Dessen Okular besitzt hierfür ein Okularmikro- Eine unregelmäßig begrenzte, aber ebene Flä-
meter, eine Skala, die der Beobachter zugleich mit che bestimmt man am einfachsten dadurch, dass
16 dem Objekt scharf sieht (. Abb. 1.5, oberes Teil- man sie vergrößert, verkleinert oder auch natur-
bild – wie das möglich ist– wird im 7 Kap. 7.2.11 getreu auf Millimeterpapier überträgt und dann
besprochen). Damit kennt man die Länge des ganz stumpfsinnig die Quadratmillimeter aus-
17 Pantoffeltierchens zunächst einmal in Skalentei- zählt. Nahezu hoffnungslos wird es aber bei un-
len des Okularmikrometers (hier ca. 8 Skalentei- regelmäßig gewölbten Flächen. Man bestimmt
18 le). Welche Länge das Pantoffeltierchen nun hat, sie nicht mehr, man schätzt sie ab. Lungenbläs-
lässt sich bestimmen, wenn man das Pantoffel- chen z. B. sind nahezu Kugeln mit leidlich einheit-
19 tierchen gegen ein Objektmikrometer vertauscht, lichem Radius (ca. 0,14 mm beim Menschen, ab-
einen kleinen Maßstab, der in unserem Bild blau hängig natürlich davon, ob er gerade ein- oder
gezeichnet ist und 20 Teilstriche auf einem Milli- ausgeatmet hat). Kennt man ihre Anzahl n (beim
20 meter enthält. Nun sieht man, dass 8 Skalenteile Menschen ca. 3 · 108) und unterschlägt man all die
gerade einem Millimeter entsprechen. Röhrchen, die sie miteinander verbinden, so darf
1.1 · Physikalische Größen und ihre Einheiten
7 1

5
95 90

. Abb. 1.6. Ersatzzylinder. Er dient zur Abschätzung der Kör-


peroberfläche eines Menschen. Es ist nicht wesentlich, ob man
. Abb. 1.7. Messzylinder. Gefüllt mit 31 ml Flüssigkeit, die
den Umfang zu 97 cm oder zu 95 cm ansetzt
Messgenauigkeit ist bescheiden

man für die gesamte Lungenoberfläche AL nähe- von der Form des Gefäßes, in das man sie gießt –
rungsweise setzen: unter normalen Umständen jedenfalls. Ist das Ge-
fäß ein Hohlzylinder, so ist das Wasservolumen
AL x 4 Qr2 · n.
der Höhe des Wasserspiegels proportional, mit
Beim Menschen gibt das rund 70 m2; mit hin- der Grundfläche des Zylinders als Proportionali-
reichend feiner Unterteilung lässt sich auf wenig tätskonstante. Folglich kann man eine Skala längs
Raum viel Fläche unterbringen. seines Mantels statt in cm gleich in cm3 teilen und
Riskanter ist schon die folgende Abschätzung: so einen Messzylinder herstellen (. Abb. 1.7). Füllt
Ein erwachsener Mensch ist etwa 1,75 m groß (hM) man in ihn eine bestimmte Menge Wasser (Volu-
und hat einen Brust- und Hüftumfang UM von un- men V0) und taucht man den Probekörper (Vo-
gefähr 95 cm. Die Oberfläche seines Körpers wird lumen VK) hinein, so steigt der Wasserspiegel auf
dann wohl nicht wesentlich von der eines entspre- die Marke V1. Dann gilt
chenden Kreiszylinders abweichen (. Abb. 1.6).
VK = V1 – V0
Dessen Oberfläche lässt sich nach den Regeln der
Mathematik ausrechnen. – auch trivialen Zusammenhängen kann man
mit einer Formel einen Hauch von Wissenschaft-
Merke lichkeit geben. Zuweilen macht das Ablesen eines
Zum Umgang mit quantitativen Größen gehört Messzylinders etwas Schwierigkeiten: Die Oberflä-
zuweilen auch der Mut zur groben Schätzung, chenspannung (7 Kap. 3.4.1) kann das Wasser an
nicht immer muss präzise gemessen werden. der Wand ein wenig hochziehen. Man muss dann
mit dem Auge mitteln. Nach dem gleichen Prinzip
wie die Messzylinder arbeiten Pipetten und Bü-
Das Volumen eines unregelmäßig geformten Kör- retten, die recht genau abgemessene Flüssigkeits-
pers lässt sich meist einfacher und genauer be- mengen abgeben können. Oft findet man auf sol-
stimmen als seine Oberfläche. Taucht man ihn chen Geräten die Einheit Milliliter (ml) statt des
nämlich in Wasser oder eine andere Flüssigkeit, in cm3. Der Kubikmeter m3 ist im Labor eine zu gro-
der er sich nicht löst, so verdrängt er dort genau ße Einheit: Er enthält 1000 Liter und 106 cm3.
sein eigenes Volumen. Eine vorgegebene Wasser-
menge behält aber ihr Volumen bei, unabhängig
8 Kapitel 1 · Grundbegriffe

1.1.4 SI-Einheiten Einige häufiger gebrauchte SI-Einheiten bekom-


1 men eigene Namen, wie beispielsweise die Kraft-
3Die Festlegung von Einheiten ist reine Willkür. Es einheit Newton = N = kg · m/s2 oder die Druck-
2 empfiehlt sich aber, System in diese Willkür zu brin- einheit Pascal = Pa = kg/(m · s2). Auch durch Vor-
gen. Vor nicht langer Zeit waren Meter und Sekunde silbe erweiterte SI-Einheiten wie Mikrogramm
unabhängig voneinander definiert; das machte sie zu
3 Grundeinheiten des internationalen Maßsystems und
(µg) und Kilometer (km) gehören zu den SI-Ein-
heiten.
die zugehörigen Größen Länge und Zeit zu Grundgrö-
Die internationale Einigung auf das SI schließt
4 ßen. Der Präzisionsmesstechnik zuliebe hat man in-
zwischen das Meter über die Lichtgeschwindigkeit an die Empfehlung ein, tunlichst nur noch SI-Einhei-
die Sekunde angehängt; es ist der 299.792.458te Teil ten zu verwenden. Trotzdem wird man auch wei-
5 der Strecke, die das Licht im Vakuum in einer Sekun- terhin 86.400 Sekunden einen Tag nennen und in
de zurücklegt. Trotzdem behandelt man das Meter 24 Stunden unterteilen. Der Wetterbericht hat sei-
aus alter Gewohnheit als Grundeinheit. Im Maßsystem ne Angaben zum Luftdruck längst vom alten ehr-
6 kann man sich leichte Inkonsequenzen leisten. Es geht würdigen Torr und mmHg auf Hektopascal um-
um Zweckmäßigkeit, nicht um Physik. Am zweckmä- gestellt; die Medizin bleibt da konservativer. Einen
7 ßigsten ist aber dasjenige System, das von den meis- Druck kümmert das nicht. Er ist wie jede physika-
ten Staaten akzeptiert wird. Es heißt Système Interna- lische Größe unabhängig von der Einheit, in der
tional d‘Unités, abgekürzt SI; seine Einheiten sind die
8 SI-Einheiten. Es besitzt die sieben Grundgrößen Länge,
er gemessen wird. Ob 110 mmHg oder 146 hPa,
der Blutdruck ist der gleiche.
Zeit, Masse, elektrische Stromstärke, Temperatur, Stoff-
9 menge und Lichtstärke.
Merke
Merke Der Wert einer physikalischen Größe ist unab-
10 hängig von der Wahl der Einheit.
Die Grundgrößen und -einheiten des „Système
International d‘Unités“:
11 5 die Länge mit der Einheit Meter (m)
5 die Zeit mit der Einheit Sekunde (s) 1.2 Mengenangaben
12 5 die Masse mit der Einheit Kilogramm (kg)
5 die elektrische Stromstärke mit der Ein- 1.2.1 Masse und Stoffmenge
13 heit Ampère (A)
5 die Temperatur mit der Einheit Kelvin (K) Kein Backrezept kann auf Mengenangaben ver-
5 die Stoffmenge mit der Einheit Mol (mol)
14 5 die Lichtstärke mit der Einheit Candela
zichten: ¼ Ltr. Milch, 250 g Weizenmehl, 3 Eier.
„Ltr.“ steht hier für Liter. Bei Flüssigkeiten lässt
(cd) sich das Volumen am leichtesten messen. Größe-
15 re Objekte wie die Eier kann man einfach abzäh-
Alle anderen physikalischen Größen sind vom Ge- len. Beim Mehl bevorzugt man aber das Gewicht,
16 setzgeber zu abgeleiteten Größen erklärt worden. gemessen mit einer Waage. Jeder Kaufmann, jedes
Einer abgeleiteten Größe wird entsprechend ihrer Postamt benutzt Waagen. Wie sie funktionieren,
Definition eine abgeleitete SI-Einheit zugeordnet, wird in 7 Kap. 2.2.7 beschrieben werden. Dabei
17 z. B. wird sich herausstellen, dass die Umgangssprache
mit dem Wort „Gewicht“ die physikalische Grö-
18 Abgeleitete Größe Definition SI-Einheit ße Masse meint. Deren Eigenschaften werden in
Fläche Länge2 m2 7 Kap. 2.3.1 genauer behandelt. Jedenfalls ist die
19 Volumen Länge3 m3 Masse eine Grundgröße im SI und bekommt die
Volumenstromstärke Volumen/Zeit m3/s Einheit Kilogramm (kg). Für den Hausgebrauch
Dichte Masse/Volumen kg/m3 wird das Kilogramm hinreichend genau repräsen-
20 tiert durch die Masse von 1000 ml Wasser.
1.2 · Mengenangaben
9 1

Merke lekülarten, als dass man alle ihre Molmassen in ei-


nem dicken Tabellenbuch zusammenfassen könn-
Die Umgangssprache meint mit „Gewicht“ die te. Das ist aber auch nicht nötig, denn Molekü-
physikalische Größe Masse. le setzen sich aus Atomen zusammen, von denen
es nicht allzu viele verschiedene Arten gibt – die
Im Gegensatz zum Wasser bringt es ein Kilobar- der rund hundert chemischen Elemente nämlich.
ren Gold nur auf etwa 50 cm3. Sind die beiden Sub- Deren molare Massen lassen sich auflisten. Dann
stanzmengen nun gleich, weil ihre Massen gleich braucht man nur noch die chemische Formel ei-
sind, oder sind sie verschieden, weil ihre Volumi- nes Moleküls zu kennen, um seine molare Masse
na verschieden sind? Die Frage lässt sich nicht be- auszurechnen:
antworten, weil der Gebrauch der Vokabel „Sub- 5 Wasserstoffatom: M(H) = 1 g/mol
stanzmenge“ nicht eindeutig definiert ist. Die bei- 5 Sauerstoffatom: M(O) = 16 g/mol
den „Stoffmengen“ sind jedenfalls verschieden. 5 Wassermolekül: M(H2O) = 18 g/mol
Alle Materie besteht aus Atomen, die sich, von
wenigen Ausnahmen abgesehen, zu Molekülen zu- Merke
sammenlegen. Ein natürliches Maß für die Men- Die molare Masse M = m/n mit der Einheit g/
ge einer Substanz wäre die Anzahl N ihrer Mole- mol einer Molekülsorte ist die Summe der mo-
küle. Freilich, Moleküle sind klein und entspre- laren Massen der das Molekül bildenden Ato-
chend zahlreich; zu handlichen Mengen gehören me.
unhandlich große Anzahlen, weit über 1020. Um
sie zu vermeiden, hat man in das Système Inter-
national d’Unités eine spezielle, zu N proportio-
nale Grundgröße eingefügt: die Stoffmenge n mit 1.2.2 Dichten und Gehalte
der Einheit Mol („abgekürzt“ mol). Die Proportio-
nalitätskonstante heißt Volumen, Masse und Stoffmenge sind Kenngrö-
ßen einzelner Substanzproben, eines silbernen
Avogadro-Konstante NA = 6,0220 · 1023 mol–1.
Löffels etwa, eines Stücks Würfelzucker, einer As-
pirin-Tablette; sie sind keine Kenngrößen von
Merke Substanzen wie Silber, Saccharose oder Acetylsa-
Die Stoffmenge n ist ein Maß für die Anzahl der licylsäure. Zu solchen Kenngrößen gelangt man,
Teilchen in einer Probe. Ihre Einheit Mol ent- wenn man die Masse oder Stoffmenge auf das Vo-
spricht 6,0220 · 1023 Teilchen. lumen bezieht. Man spricht dann von einer Dich-
te. Den Kehrwert einer Dichte nennt man spezi-
fisches Volumen, auch wenn die Einheit natürlich
Damit ist das Problem aber zunächst nur verscho- Volumen durch Masse oder Mol ist. Die gängigs-
ben, denn niemand kann die Moleküle auch nur ten Größen sind in der . Tabelle 1.2 aufgelistet.
eines Sandkorns abzählen und durch NA dividie- Für die Verkehrstüchtigkeit eines Autofah-
ren, um die Stoffmenge zu bestimmen. Man legt rers spielt es eine erhebliche Rolle, ob er gerade
weiterhin seine Substanzproben auf die Waage, eine halbe Flasche Bier oder eine halbe Flasche
misst also ihre Masse m, und rechnet um mit der Schnaps getrunken hat. Jeder Doppelkorn enthält
sog. mehr Alkohol als das stärkste Bockbier. Was ist
Masse m damit gemeint? Spirituosen sind Mischungen, im
molare Masse M 
Stoffmenge n Wesentlichen aus Alkohol und Wasser; die wichti-
der beteiligten Moleküle (M wird auch Molmas- gen Geschmacksstoffe, die z. B. Kirschwasser von
se genannt – die Einheit ist g/mol). Dafür darf die Himbeergeist unterscheiden, spielen mengenmä-
Probe allerdings aus nur einer einzigen Molekül- ßig kaum eine Rolle. Zur Kennzeichnung eines
sorte bestehen, deren Molmasse man kennt. Wo- Gemisches dient der
her? In Natur und Technik gibt es viel zu viele Mo-
10 Kapitel 1 · Grundbegriffe

1 . Tabelle 1.2 Dichten und spezifische Volumen

Name Formelzeichen Einheit


2
Masse m kg
Dichte  S
Volumen V m3
3
Stoffmenge n mol
Molarität  Sn 
Volumen V m3
4
Teilchenanzahl N 1
Teilchenanzahldichte = SN 
Volumen V m3
5
Volumen 1 V m3
spezifisches Volumens   VS 
Masse Dichte m kg
6
Volumen V m3
Molvolumen  Vn 
Stoffmenge n
7 mol

Stoffmenge n mol
Molalität  cm 
Masse m kg
8
Teilmenge
9 Gehalt =
Gesamtmenge Rechenbeispiel 1.1: Schnaps
Klar vom Gehalt zu unterscheiden ist die Kon- 7 Aufgabe. Wie groß ist die Stoffmengendichte
10 zentration, die üblicherweise dieselbe Einheit wie des Alkohols in einem Schnaps mit 40 Vol.%? Die
die Dichte hat. Als Quotient zweier Mengen ist der Dichte des Äthylalkohols (C2H5OH) ist 0,79 g/ml.
11 Gehalt eine reine Zahl und lässt sich darum auch 7 Lösung. Die Stoffmengendichte des reinen Al-
in Prozent angeben. Beim Blutalkohol bevorzugt kohols kann zum Beispiel als Anzahl der Alkohol-
man das um einen Faktor 10 kleinere Promille, moleküle in Mol pro Liter Alkohol angegeben wer-
12 bei Spuren von Beimengungen das ppm; die drei den. Dazu muss die Massendichte durch die Mol-
Buchstaben stehen für „parts per million“, also masse M des Äthylalkohols geteilt werden. Laut
13 10–6. Hochentwickelte Spurenanalyse dringt be- Anhang ergibt sich die Molmasse zu:
reits in den Bereich ppb ein, „parts per billion“;
M(C2H5OH) = 2 · M(C) + 6 · M(H) + M(O)
14 gemeint ist 10–9, denn im Angelsächsischen ent-
x 24 g/mol + 6 g/mol + 16 g/mol = 46
spricht „billion“ der deutschen Milliarde (=109)
g/mol
und nicht der Billion (=1012). Die Summe aller
15 Gehalte einer Mischung muss notwendigerweise Die Stoffmengendichte des reinen Alkohols ist
1 ergeben. dann
16 Auf welche Mengenangabe sich ein Gehalt be-
n 790 l
g
mol
zieht, ist zunächst noch offen; man muss es dazu   17, 18 .
V 46 g l
sagen. Der
17 Masse des gelösten Stoffes
mol

Im Schnaps ist aber nur 40% des Volumens Alko-


Massengehalt =
Masse der Lösung hol, also ist hier die Stoffmengendichte um den
18 wird zuweilen als „Gew.%“ bezeichnet, als „Ge- Faktor 0,4 kleiner:
g
wichtsprozent“, und der n 790 l mol
 0, 4 ¸  6, 87 .
19 Volumen des gelösten Stoffes
V 46
g
mol
l
Volumengehalt =
Volumen der Lösung
20 als „Vol.%“, als „Volumenprozent“ also. Wenn man
es ganz genau nimmt, muss man ein wenig auf-
1.3 · Statistik und Messunsicherheit
11 1

passen: Die Teilmassen einer Mischung addieren Messfehler lassen sich in zwei große Gruppen ein-
sich präzise zur Gesamtmasse; die Volumina tun teilen: die systematischen und die zufälligen Feh-
dies nicht unbedingt. Allerdings ist die Volumen- ler. Wenn man sein Lineal auf ein Blatt Millimeter-
kontraktion oder -dilatation beim Mischen meist papier legt, sieht man zumeist eine deutliche Dis-
gering. Der krepanz zwischen den beiden Skalen; Papier ist
kein gutes Material für Längenmaßstäbe. Wer sich
Stoffmengengehalt trotzdem auf sein Blatt Millimeterpapier verlässt,
Stoffmenge des gelösten Stoffes macht einen systematischen Fehler, weil die Skala

Stoffmenge der Lösung nicht genau stimmt. Grundsätzlich gilt das für je-
de Längenmessung, für jede Messung überhaupt.
ist dem Teilchenanzahlgehalt gleich, denn die Auch Präzisionsmessinstrumente können Eichfeh-
Avogadro-Konstante steht im Zähler wie im Nen- ler ihrer Skalen nicht vollständig vermeiden. Um
ner, kürzt sich also weg. Einen Stoffmengenge- sie in Grenzen zu halten, müssen z. B. Händler
halt bezeichnet man auch als Molenbruch oder als ihre Waagen von Zeit zu Zeit nacheichen lassen.
„At.%“ (Atomprozent). ppm und ppb werden üb- Aber auch in Messverfahren können systemati-
licherweise nur bei Stoffmengengehalten verwen- sche Fehler implizit eingebaut sein. Hohe Tempe-
det (und nach neuester Empfehlung am besten raturen wird man oft etwas zu niedrig messen, da
gar nicht). der Messfühler seine Temperatur erst angleichen
muss und der Benutzer vielleicht nicht die Geduld
aufbringt, lange genug zu warten.
1.3 Statistik und Messunsicherheit
Merke
1.3.1 Messfehler Systematischer Fehler: prinzipieller Fehler des
Messverfahrens oder Messinstruments, z. B.
Kein Messergebnis kann absolute Genauigkeit für Eichfehler – reproduzierbar.
sich in Anspruch nehmen. Oftmals ist schon die
Messgröße selbst gar nicht präzise definiert. Wenn
ein Straßenschild in Nikolausberg behauptet, bis Systematische Fehler sind schwer zu erkennen;
Göttingen seien es 4 km, dann genügt das für die man muss sich sein Messverfahren sehr genau
Zwecke des Straßenverkehrs vollauf. Gemeint ist und kritisch ansehen.
so etwas wie „Fahrstrecke von Ortsmitte bis Stadt- Der zufällige Fehler meldet sich selbst, wenn
zentrum“. Wollte man die Entfernung auf 1 mm man eine Messung wiederholt: Die Ergebnisse
genau angeben, müsste man zunächst die beiden weichen voneinander ab. Letzten Endes rührt die-
Ortsangaben präzisieren, z. B. „Luftlinie von der se Streuung von Störeffekten her, die man nicht be-
Spitze der Wetterfahne auf der Klosterkirche von herrscht und zum großen Teil nicht einmal kennt.
Nikolausberg bis zur Nasenspitze des Gänseliesels
auf dem Brunnen vor dem alten Rathaus in Göt- Merke
tingen“. Der messtechnische Aufwand stiege be- Zufällige Fehler verraten sich durch Streuung
trächtlich und niemand hätte etwas davon. Bei al- der Messwerte.
len Messungen muss man Aufwand und Nutzen
gegeneinander abwägen.

Merke 1.3.2 Mittelwert und Streumaß


Messfehler: Differenz zwischen Messwert und
grundsätzlich unbekanntem wahren Wert der Wie groß ist eine Erbse? Diese Frage zielt auf die
Messgröße. „Erbse an sich“, nicht auf ein ganz bestimmtes
Einzelexemplar. Dabei spielt die Sorte eine Rolle,
der Boden, die Düngung, das Wetter. Aber auch in-
12 Kapitel 1 · Grundbegriffe

nerhalb einer Ernte von einem ganz bestimmten weil sie positive wie negative Vorzeichen haben
1 Feld streuen die Durchmesser verschiedener Erb- und sich zu Null aufaddieren; so ist letzten Endes
sen deutlich. Deshalb kann nur nach einer mittle- der Mittelwert definiert. Die Quadrate (xj – <x>)²
2 ren Größe gefragt werden. sind aber wie alle Quadratzahlen grundsätzlich
Nach alter Regel bestimmt man den Mittel- positiv. Wenn man sie addiert und durch n–1 teilt,
3 wert <x> einer Reihe von Messwerten xj dadurch,
dass man sie alle zusammenzählt und das Resul-
bekommt man die sog.

s2 
œ (x j  x )2 ,
tat durch ihre Anzahl n dividiert: Varianz
4 1 1 n
n 1
 x  (x1 ... xn )  œ x j . der Einfachheit halber sind hier die Grenzen der
n n j1
5 Summe nicht mitgeschrieben worden. Dass durch
Der Index j läuft von 1 bis n, er kennzeichnet n–1 und nicht durch n dividiert wird, liegt dar-
den einzelnen Messwert. Nun wird niemand alle an, dass man mindestens zwei Messwerte braucht,
6 zigtausend Erbsen einer Ernte einzeln ausmessen, um einen Mittelwert ausrechnen zu können. Ein
um den wahren Mittelwert <dw> des Durchmes- eigenes Buchstabensymbol bekommt die Varianz
7 sers zu bestimmen. Man begnügt sich mit einer nicht; sie ist das Quadrat der
Stichprobe. Zum Beispiel wurden bei n = 12 will-
Standardabweichung s  Varianz.
8 kürlich aus einer Tüte herausgegriffenen Erbsen
die Quotienten xj = dj/mm gemessen und in der Manche Taschenrechner erlauben, s mit einem
folgenden Wertetabelle zusammengestellt: einzigen Tastendruck auszurechnen.
9 x1 x2 x3 x4 x5 x6 x7 x8 x9 x10 x11 x12 s2 und s lassen sich grundsätzlich für je-
7, 5 7, 9 7, 6 8, 2 7, 4 8, 0 8, 0 7, 9 7, 6 7, 7 7, 2 7, 5 de Messreihe angeben. In Diagrammen wie der
10 . Abb. 1.8 wird man zunächst die Mittelwerte
Daraus errechnet sich der Mittelwert der
11 Stichprobe zu <x> = 92,5/12 = 7,71.
2,0
Elastizität des Blutes / mN

Merke
12
Mittelwert = Quotient aus Summe und Anzahl
der Messwerte: 1,5
13 1 1 n
 x  (x1 ... xn )  œ x j ;
n n j 1
14 bester Schätzwert des unbekannten wahren
Wertes. 0
1,0

15
1 4 7
Wie zuverlässig ist ein Mittelwert? Genau lässt vor Tage nach
16 sich das nicht sagen, aber die Wahrscheinlich- Beginn der Behandlung
keitsrechnung hilft weiter. So viel leuchtet ein: Der
Mittelwert der Stichprobe wird umso zuverlässi- . Abb. 1.8. Diagram mit Streubalken. Trombelastogramm
17 ger sein, je größer man den Umfang n der Stich- während einer Behandlung mit Heparin als Beispiel für ein
Diagramm mit Streubalken (in diesem Zusammenhang spie-
probe macht, und je weniger die einzelnen Mess-
18 werte streuen. n hat man selbst in der Hand, seine
len das Messverfahren und die medizinische Bedeutung der
Messwerte keine Rolle). Blaue Kreise und Fehlerbalken: Mittel-
Größe ist eine Frage des Aufwandes, den man trei- werte aus einer Beobachtungsgruppe von 28 Patienten mit
19 ben will. Benötigt wird aber noch eine Größe, die Standardabweichung; die Quadrate und Dreiecke gehören
zu zwei Mitgliedern der Beobachtungsgruppe: Einzelne Mess-
sagt, wie stark die Messwerte streuen, ein so ge-
werte können durchaus weit außerhalb des Standardabwei-
nanntes Streumaß. Die Differenzen xj – <x> zwi-
20 schen den einzelnen Messwerten und dem Mittel-
chung liegen. Die Dreiecke demonstrieren ein häufiges Dilem-
ma medizinischer Messungen: manche Patienten halten sich
wert können dieses Maß nicht unmittelbar liefern, nicht an die Norm
1.3 · Statistik und Messunsicherheit
13 1

auftragen (blaue Kreise). Weiterhin kann man zu Sehr oft wird man die Messunsicherheit einfach
jedem Messpunkt einen Streubalken zeichnen, der schätzen: Diesen Längenmaßstab kann ich auf et-
die Standardabweichung angibt. wa plus/minus einen Millimeter genau ablesen.
Bei Untersuchungen wie der in . Abb. 1.8 er- Besser ist es natürlich, wenn der Hersteller des
wartet man, dass sich die Messwerte entsprechend Messgerätes etwas über die Genauigkeit sagt, wie
der sog. Normalverteilung (auch Gauß-Verteilung dies bei Präzisionsmessgeräten immer der Fall
genannt) um ihren Mittelwert scharen. Dann ist.
können die Ergebnisse vielleicht noch mit ande- Ist man einigermaßen sicher, dass die Messun-
ren Untersuchungen korreliert werden, um weite- sicherheit im Wesentlichen auf zufälligen Mess-
re Aussagen zu gewinnen. Dies führt in das wei- fehlern beruht, helfen Mittelwert und Streumaß
te Feld der Biometrie, für die es eigene dicke Lehr- sehr viel weiter. Man kann dann die Messunsi-
bücher gibt. cherheit durch mehrfaches Wiederholen der Mes-
sung beträchtlich reduzieren und sie mit Hilfe des
Streumaßes sehr genau abschätzen.
1.3.3 Messunsicherheit Der beste Schätzwert für den wahren Wert der
Messgröße ist natürlich der Mittelwert, der umso
Wurde zum Beispiel im Physikpraktikum für Me- zuverlässiger wird, aus je mehr Einzelmessungen
diziner ein bestimmter Messwert x gemessen, so er gebildet wird. Die Wahrscheinlichkeitsrech-
ist die Frage zu stellen: Wie zuverlässig ist der nung sagt nämlich Folgendes:
nun? Beantwortet wird diese Frage mit der An- Sind die Messwerte tatsächlich zufällig verteilt,
gabe einer Messunsicherheit u(x). Damit sagt man so liegt der Mittelwert <x> mit einer Wahrschein-
Folgendes: Der unbekannte wahre Wert der Grö- lichkeit von 68% nicht weiter als eine Standardab-
ße liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen weichung des Mittelwerts von dem unbekannten
x – u(x) und x + u(x). Deshalb schreibt man z. B. wahren Mittelwert entfernt. Diese Standardabwei-
für eine Längenmessung hin: Der Abstand d be- chung des Mittelwertes erhält man dadurch, dass
trägt man die Standardabweichung s durch die Wurzel
der Zahl der Messungen n dividiert:
d  (10, 4 o 0, 2) cm.
s
s( x ) 
12,4 cm ist der Messwert und 0,2 cm ist die ab- n
solute Messunsicherheit. Man kann die Messunsi- Im Allgemeinen ändern sich Varianz und Stan-
cherheit auch auf den Messwert beziehen und be- dardabweichung nicht, wenn man die Zahl n der
kommt dann die relative Messunsicherheit: Messungen erhöht. Das heißt aber, dass die Stan-
u(d ) 0, 2 dardabweichung des Mittelwertes umgekehrt pro-
  0, 019. portional zu n kleiner wird. Durch Erhöhung
d 10, 4
der Zahl der Messungen kann also die Messun-
Diese wiederum kann man in Prozent ausdrü- sicherheit grundsätzlich beliebig klein gemacht
cken und dann schreiben: werden. Nur wächst der Aufwand leider quadra-
tisch mit dem Gewinn an Genauigkeit.
d  10, 4(1 o1, 9%) cm.
Merke
Merke
Standardabweichung des Mittelwertes: Schätz-
Messunsicherheit: Abschätzung des Intervalls, wert der sich aus zufälligen Messfehlern erge-
in dem der unbekannte wahre Wert wahr- benden Messunsicherheit.
scheinlich liegt.
Absolute Messunsicherheit u(x),
relative Messunsicherheit: absolute Messunsi- Reicht einem eine Wahrscheinlichkeit von 68%,
cherheit durch Messwert: u(x)/x. dass der wahre Wert im angegebenen Unsicher-
heitsintervall liegt, nicht, so kann man für die
14 Kapitel 1 · Grundbegriffe

Messunsicherheit zweimal die Standardabwei- Merke


1 chung des Mittelwertes ansetzen. Dadurch wird
die Wahrscheinlichkeit auf immerhin 95% er- Bei der Addition/Subtraktion von Messwerten
2 höht. addieren sich die absoluten Unsicherheiten.
In der Physik und im täglichen Leben macht
3 man sich meist nicht die Mühe, die Standardab-
weichung des Mittelwertes tatsächlich auszu-
Gewiss darf man darauf hoffen, dass sich bei ei-
ner Addition von Messgrößen die absoluten Mess-
rechnen. Die meisten Messverfahren sind für ih- fehler z. T. kompensieren, aber verlassen darf man
4 ren Zweck präzise genug, sodass sich Messwie- sich darauf nicht. Deshalb muss man immer mit
derholungen nicht lohnen. Trotzdem sollte man der Addition die absoluten Unsicherheiten ab-
5 die Messunsicherheit abschätzen und Zahlenwer- schätzen. Dieser Zusammenhang kann zu hohen
te grundsätzlich nicht genauer hinschreiben, als relativen Unsicherheiten führen, wenn sich die
man sie hat: Die letzte angegebene Dezimalstel- gesuchte Größe nur als (kleine) Differenz zwei-
6 le sollte noch stimmen. Wenn das Schild in Niko- er (großer) Messwerte bestimmen lässt. Wie viel
lausberg behauptet, bis Göttingen seien es 4 km, Nahrung ein Säugling beim Stillen aufgenommen
7 dann sollte die tatsächliche Entfernung näher bei hat, stellt man üblicherweise dadurch fest, dass
diesem Wert liegen als bei 3 km oder bei 5 km. man ihn vorher und hinterher wiegt, mitsamt
8 Darum sollte auch der mittlere Radius der Erd- den Windeln. Grundsätzlich könnte man auch die
bahn zu 149,5 · 106 km angegeben werden und Mutter wiegen, aber dann wäre das Resultat we-
nicht zu 149.500.000 km, denn für die fünf Nullen niger genau.
9 kann niemand garantieren. Umgekehrt sollte die
Länge des 50-m-Beckens in einem wettkampfge- Merke
10 eigneten Schwimmstadion durchaus 50,0 m, wenn Bei der Multiplikation/Division von Messwer-
nicht gar 50,00 m betragen. ten addieren sich die relativen Unsicherheiten.
11 Merke
Die Ableitung dieser nicht sofort offensichtlichen
12 Man sollte alle Dezimalstellen angeben, die
Regel soll hier ausgelassen werden. Sie gilt nähe-
man zuverlässig gemessen hat, nicht weniger,
aber auch nicht mehr. rungsweise, wenn die Unsicherheiten klein gegen
13 die Messwerte sind. In dem Rechenbeispiel mit
der Dichte wird diese Regel zur Anwendung kom-
14 1.3.4 Fehlerfortpflanzung
men.
Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt,
dass der funktionale Zusammenhang für die ab-
15 Oftmals werden Messergebnisse verschiedener geleitete Größe natürlich auch komplizierter sein
Größen kombiniert, um eine abgeleitete Größe kann als nur eine Kombination von Addition und
16 auszurechnen; dabei reichen sie ihre Messunsi- Multiplikation und zum Beispiel einen Sinus oder
cherheiten an diese abgeleitete Größe weiter. Im einen Logarithmus enthalten kann. Auch dann
unten folgenden Rechenbeispiel wird die Dichte gibt es eine Formel für die Fehlerfortpflanzung.
17 aus der Messung einer Kantenlänge eines Wür- Diese enthält die partiellen Ableitungen des funk-
fels und seiner Masse gewonnen. Für die Berech- tionalen Zusammenhangs.
18 nung der Messunsicherheit der abgeleiteten Grö-
ße (im Beispiel der Dichte) hat sich die Bezeich-
19 nung „Fehlerfortpflanzung“ eingebürgert, obwohl
es sich eben eigentlich um eine Messunsicher-
heitsfortpflanzung handelt.
20 Es gibt zwei wichtige Regeln, mit denen sich
die meisten Situationen meistern lassen:
1.4 · Vektoren und Skalare
15 1

Rechenbeispiel 1.2: Schwimmt der Bauklotz? 1.4 Vektoren und Skalare


7 Aufgabe. Es soll die Massendichte eines wür-
felförmigen Spielzeugbauklotzes aus Holz be- Wenn man zu einem Liter Wasser einen zweiten
stimmt werden. Dazu wird die Kantenlänge mit ei- hinzugießt, dann hat man zwei Liter Wasser. Wenn
nem Lineal zu a = (34,5 ± 0,25) mm gemessen. Da- man aber in New York vom Time Square aus die
bei wurde die Ablesegenauigkeit zu ± 0,25 mm ge- 42. Straße 450 m weit nach Osten geht und dann
schätzt. Die Masse wurde mit einer einfachen digi- die 5th Avenue 900 m weit downtown Manhat-
talen Laborwaage zu m = (30,0 ± 0,1) g gemessen. tan, dann hat man zwar 1350 m zurückgelegt, sich
Welchen Wert hat die Dichte und mit welcher Mes- aber nur 1 km von seinem Ausgangspunkt ent-
sunsicherheit ist dieser Wert behaftet? fernt, man hätte auch gleich den Broadway hinun-
7 Lösung. Das Volumen des Bauklotzes berech- tergehen können (. Abb. 1.9). Wege haben Rich-
net sich zu V = a3 = 41063,625 mm3. Hier wurden tungen und das ermöglicht Umwege.
aber sicher unsinnig viele Stellen angegeben. Die Die Mathematik bezeichnet Größen, die ei-
relative Messunsicherheit für die Kantenlänge ist: ne Richtung im Raum haben, als Vektoren, im Ge-
u(a) 0, 25mm gensatz zu den ungerichteten Skalaren. Sie hat un-
  0, 0072.
a 34, 5mm ter dem Stichwort Vektorrechnung besondere Re-
Da zur Berechnung des Volumens a zweimal mit chenregeln entwickelt, die von der Physik dank-
sich selbst multipliziert wird, ist die relative Unsi- bar übernommen werden.
cherheit des Volumens nach der zweiten Regel zur
Fehlerfortpflanzung dreimal so groß: Merke
u(V ) u(a) Vektor: physikalische Größe, die eine Richtung
 3¸  0, 022.
V a
im Raum hat; Skalar: ungerichtete physikali-
Die absolute Unsicherheit des Volumens ist also sche Größe.
u(V) = 893 mm3. Eine vernünftige Angabe des Vo-
lumens lautet also V = (41 ± 0,9) cm3.
Die Dichte ist Vektoren lassen sich durch Pfeile symbolisie-
m g ren, in der Länge dem (skalaren) Betrag der Grö-
S   0, 7306 3 .
V cm
Die relative Unsicherheit ergibt sich wieder aus ei-
6th Avenue

5th Avenue

ner Addition:
u(S ) u(m) u(V ) Times
  0, 0033 0, 022  0, 0253. Square
S m V
Die Unsicherheit der Dichte wird also im Wesent-
42nd Street
lichen durch die Unsicherheit des Volumens be-
stimmt. Die absolute Unsicherheit der Dichte ist
nun:
g g
u(S )  0, 0253 ¸ 0, 73 3  0, 019 3 .
cm cm 34th Street

So erhalten wir das Endergebnis:


g
S = (0,73 o 0,02) 3 .
cm
Die Dichte ist also kleiner als die von Wasser.
23rd Street
Bro
adw
ay

. Abb. 1.9. Stadtplan von Manhattan


16 Kapitel 1 · Grundbegriffe

ße proportional, in der Richtung ihr parallel. For- titative Rechnungen: Man kann sowohl den Lehr-
1 mal darf man deshalb einen jeden Vektor a als das satz des Pythagoras als auch die Winkelfunktionen
Produkt seines Betrages a und seines Einheitsvek- Sinus und Kosinus leicht anwenden. Dabei ist ei-
2 tors ea ansehen (in Formeln werden Vektorsym- nes zu beachten: Einfache Vektoren haben wirk-
bole durch einen übergesetzten Pfeil gekennzeich- lich nur eine Richtung im Raum, sie haben keine
3 net). Einheitsvektoren sind Vektoren mit dem Be-
trag eins.
Lage. Die sie symbolisierenden Pfeile dürfen be-
liebig auf dem Papier herumgeschoben werden,
allerdings nur parallel zu sich selbst.
4 Merke
Merke
Ein Vektor a ist das Produkt aus (skalarem) Be-
5 trag a und dem Einheitsvektor ea Vektoraddition: Aneinanderlegen der Vektor-
G G pfeile;
a  a ¸ ea
6 Komponentenzerlegung: Vektor als Summe
seiner Komponenten (z. B. parallel zu den Ach-
Addiert werden Vektoren durch Aneinanderhän- sen des Koordinatenkreuzes).
7 gen ihrer Pfeile: . Abbildung 1.10 entspricht also
der Gleichung
8 G G G
c  a b.
Die Multiplikation eines Vektors mit einem Ska-
lar ändert nur seinen Betrag, nicht seine Rich-
Diese Regel erlaubt, jeden Vektor in Kompo- tung. Bei diesem Satz muss man aufpassen: Multi-
9 nenten zu zerlegen, deren Summe er darstellt – plikation mit dem Skalar –1 kehrt das Vorzeichen
zwei Komponenten in der Ebene, drei im Raum des Betrages um und insofern auch das, was man
10 (. Abb. 1.11). Stellt man sie senkrecht aufein- landläufig „Richtung“ nennt. Im Sinn der Vektor-
ander, so bilden zusammengehörige Vektorpfei- rechnung haben aber zwei antiparallele Vektoren
11 le rechtwinklige Dreiecke; das vereinfacht quan- gleiche Richtung. Das mag an dieser Stelle etwas
abstrakt klingen; später im Buch werden physika-
c lische Beispiele für mehr Anschaulichkeit sorgen,
12 insbesondere auch für die jetzt noch zu bespre-
b chenden Vektorprodukte.
13 a c = a+b Vektoren darf man miteinander multiplizie-
ren, beispielsweise die beiden Seiten a und b eines
14 . Abb. 1.10. Vektoraddition. Vektoren werden zumeist
Rechtecks. Sie haben Richtungen, sind also Vekto-
ren, auch wenn davon in 7 Kap. 1.1.3 noch nicht
durch einen übergesetzten Vektorpfeil gekennzeichnet
die Rede war. Und wie ist es mit der Fläche selbst?
15 Die vier Wände eines Zimmers stehen senkrecht,
Boden und Decke liegen horizontal; alle sechs ha-
16 ben paarweise unterschiedliche Richtungen im
Raum. Insofern kann man Flächen als Vektoren
auffassen. Fragt sich nur, in welcher Richtung ih-
17 re Vektorpfeile gezeichnet werden müssen. Dazu
sagt die Mathematik: senkrecht zur Ebene, also in
18 Richtung der Flächennormalen (. Abb. 1.12). Die
Fläche Al des Rechtecks ist demnach das vektoriel-
19 le Produkt der beiden Vektoren a und b:
G G G
A1  a qb ,
20 . Abb. 1.11. Vektorzerlegung. Zerlegung des räumlichen
Vektors a in die drei senkrecht aufeinander stehenden Kom- es wird in Formeln mit einem Malkreuz gekenn-
ponenten ax, ay und az zeichnet und darum auch Kreuzprodukt genannt.
1.4 · Vektoren und Skalare
17 1

Beim vektoriellen Produkt dürfen die beiden


Vektoren nicht vertauscht werden, das gewohnte
Kommutativgesetz gilt nicht.
Wenn zwei Vektoren A und B vektoriell multi-
pliziert werden sollen, müssen sie nicht senkrecht
aufeinander stehen; der Winkel B darf von 90° ab-
weichen. Das hat keinen Einfluss auf die Richtung
des Produktvektors C, wohl aber auf seinen Be-
. Abb. 1.12. Vektorielles Produkt. Der Produktvektor (Flä- trag C. Beim Vektorprodukt gilt
chen A) steht senkrecht auf jedem der beiden Ausgangsvekto-
ren (den Kanten der Rechtecke). Zum Beispiel: a qc = A2
C = A · B · sin B.
Bei Quadern und Zylindern berechnet man
das Volumen nach dem Schema „Grundfläche mal
Höhe“. Ein Volumen hat keine Richtung im Raum;
bei dieser Multiplikation zweier Vektoren muss
G G
ein Skalar herauskommen: V  A¸ h . Man spricht
von einem Skalarprodukt und kennzeichnet es
durch einen Malpunkt. Üblicherweise definiert
man die „Höhe“ eines Zylinders durch den senk-
rechten Abstand seiner beiden Grundflächen; das
skalare Produkt gibt sich auch mit der Länge l des
Zylinders zufrieden, bezieht dann aber den Win-
kel C zwischen den beiden Vektoren A und l mit
ein:
. Abb. 1.13. Zur Rechte-Hand-Regel: Vektorprodukt A qB G G
V  A¸ l  A¸ l ¸ cos C .
= C; A (Daumen) weist nach oben, B (Zeigefinger) weist nach
hinten, C (abgewinkelter Mittelfinger) steht senkrecht auf A
und B
Hier muss die Winkelfunktion Kosinus stehen,
denn das Volumen ist beim senkrechten Zylinder
am größten, dann also, wenn A und l parallel lie-
Beim Quader hat es wenig Bedeutung, ob die gen (. Abb. 1.14).
Pfeile der Flächen aus ihm hinaus oder in ihn hi-
nein zeigen. Allgemein darf man aber nicht so
lässig sein. Dann gilt die sog. GRechte-Hand-Regel
G G
(. Abb. 1.13): Man denkt sich Aq B  C ; den Dau-
men der rechten Hand legt man dann in Richtung
von A, den Zeigefinger in Richtung von B. Der ab-
gewinkelte Mittelfinger hat dann die Richtung des
Produktvektors C. Dies hat eine auf den ersten
Blick überraschende Konsequenz. Für das Pro-
G G
dukt Bq AG ergibt sich die entgegen gesetzte Rich-
G
tung zu Aq B, da nun der Daumen in Richtung
von B und der Zeigefinger in Richtung von A ge-
legt werden muss (probieren Sie es aus). Die bei-
den Produktvektoren liegen antiparallel, sie ha-
ben entgegengesetzte Vorzeichen:
G G G G
Aq B ( Bq A).
. Abb. 1.14. Skalares Produkt zweier Vektoren am Beispiel
des Volumens eines Kreiszylinders
18 Kapitel 1 · Grundbegriffe

Merke
1
Vektormultiplikation:
2 skalares Produkt:
G G
C  A ¸ B  A ¸ B ¸ cos B,
3 vektorielles Produkt:
G G G . Abb. 1.16. Umrechnung von Winkelgrad in Bogenmaß
C  Aq B; C  A ¸ B ¸sin B,
4 C senkrecht auf A und B.
Länge s des Kreisbogens
Winkel B  .
5 Radius r des Kreises
1.5 Wichtige Funktionen
Als Quotient zweier Längen ist der Winkel ei-
6 1.5.1 Winkelfunktionen ne dimensionslose Zahl. Trotzdem wird ihm zu-
weilen die Einheit Radiant (rad) zugeordnet, um
7 Bei den Multiplikationen der Vektoren spielen die daran zu erinnern, dass diese Zahl einen Winkel
beiden Winkelfunktionen Sinus und Kosinus eine repräsentieren soll. Die Umrechnung von Winkel-
8 Rolle. Der Vollständigkeit halber sei hier an ihre grad in Bogenmaß ist leicht zu merken: 360° ent-
Definitionen im rechtwinkligen Dreieck erinnert: sprechen 2Q, d. h. 1° = 0,01745 (. Abb. 1.16).
5 Sinus = Gegenkathete/Hypotenuse Die Funktionen Sinus und Kosinus erlauben,
9 5 Kosinus = Ankathete/Hypotenuse Schwingungen mathematisch zu beschreiben.
5 Tangens = Gegenkathete/Ankathete Lässt man einen Punkt auf einer Kreisbahn um-
10 5 Kotangens = Ankathete/Gegenkathete laufen (. Abb. 1.17), so kann man den Fahrstrahl,
d. h. die Punkt und Zentrum verbindende Gerade,
11 Die Umkehrfunktionen zu den Winkelfunktionen als Hypotenuse der Länge A0 eines rechtwinkligen
werden Arkusfunktionen genannt. Beispielsweise Dreiecks mit dem Winkel B am Zentrum, der An-
gilt: wenn sin B = a, dann gilt B = arcsin a. kathete x2 und einer Gegenkathete mit der Länge
12 Winkel misst man üblicherweise fernab von x1 auffassen:
Dezimalsystem und SI in Winkelgrad: 90° für den
x1(B) = A0 sin B und x2(B) = A0 cos B.
13 rechten, 180° für den gestreckten und 360° für
den Vollwinkel „einmal herum“. Mathematik und Läuft der Punkt mit konstanter Geschwindig-
14 Physik bevorzugen aber das Bogenmaß. Man be- keit um, so wächst B proportional zur Zeit t:
kommt es, indem man um den Scheitel des Win-
B(t) = X · t
kels B einen Kreis mit dem Radius r schlägt. Die
15 Schenkel schneiden aus ihm einen Kreisbogen der mit der Folge
Länge s heraus (. Abb. 1.15), der sowohl zu B wie
x1(t) = A0 sin(X · t) und x2(t) = A0 cos(X · t).
16 zu r proportional ist. Dementsprechend definiert
man Die Proportionalitätskonstante X bekommt
den Namen Winkelgeschwindigkeit.
17 Anschaulich entstehen x1 durch horizonta-
le und x2 durch vertikale Projektion des umlau-
18 r
fenden Punktes in . Abb. 1.17. Zeichnet man die
α s Projektionen auf, so erhält man in beiden Fällen
19 fast identische Graphen einer einfachen Schwin-
r gung; sie unterscheiden sich lediglich durch den
Startwert bei t = 0, also B = 0: Der Sinus hat dort
20 einen Nulldurchgang, der Kosinus einen Maxi-
. Abb. 1.15. Winkel im Bogenmaß: B = s/r malwert. Einen Viertelumlauf später (B = Q/2) ist
1.5 · Wichtige Funktionen
19 1

x1 (t) . Abb. 1.17. Drehbewegung und Winkelfunktion.


Zusammenhang zwischen den Winkelfunktionen Si-
nus (rechts) und Kosinus (unten) und der Drehbewe-
A0 gung eines auf einer Kreisbahn umlaufenden Punktes.
x1 A0
Der Radius des Kreises bestimmt die Amplitude A0 der
α
x2 α = ωt Auslenkung, die Zeit für einen Umlauf bestimmt die
Schwingungsdauer T = 2Q/X

x2 (t)

A0

α = ωt

es umgekehrt. Nach einem vollen Umlauf (B = 2Q) rührten Sparguthabens mit Zins und Zinseszins;
wiederholt sich das Spiel von neuem. Gegen be- sie ist aber auch die Funktion (ungestörten) Ab-
liebig große Winkel hat die Mathematik eben- baus, etwa eines Medikaments im Organismus des
so wenig einzuwenden wie gegen negative. Eine Patienten oder von Atomen durch radioaktiven
Schwingung wiederholt sich nach Ablauf einer Zerfall. Bei diesen Beispielen handelt es sich um
Schwingungsdauer T. Daraus folgt für die Winkel- Funktionen der Zeit. Mathematische Allgemein-
geschwindigkeit gültigkeit verlangt aber, der e-Funktion zunächst
einmal die Zahl x als unabhängige Variable zuzu-
X = 2Q/T.
ordnen. Zwei Schreibweisen sind üblich:
Den Kehrwert der Schwingungsdauer be-
y(x) = ex = exp(x).
zeichnet man als
Die zweite empfiehlt sich vor allem dann, wenn
Frequenz f = 1/T.
der physikalische Zusammenhang die Zahl x zu
Die Konsequenz einem komplizierten Ausdruck werden lässt; die
erste Schreibweise lässt leichter erkennen, worum
X = 2Q · f
es sich eigentlich handelt. Der Buchstabe e steht
macht verständlich, dass X auch Kreisfrequenz ge- für eine ganz bestimmte Irrationalzahl, die Euler-
nannt wird. Zahl:

e = 2,718281828 …
1.5.2 Exponentialfunktion und (auch wenn es auf den ersten Blick anders aus-
Logarithmus sieht: e ist ein nichtperiodischer unendlicher De-
zimalbruch).
Wer die Exponentialfunktion kennt, begegnet ihr Auf Millimeterpapier aufgetragen, liefert ex ei-
in der Natur immer wieder. Sie ist die Funktion ne zunächst flach und dann immer steiler anstei-
des (ungestörten) Wachstums, etwa eines Embry- gende Kurve (. Abb. 1.18). Sie ist überall positiv,
os vor der Zelldifferenzierung oder eines unbe- liegt also stets oberhalb der Abszisse (ex > 0), und
20 Kapitel 1 · Grundbegriffe

y Eine der beiden Umkehrungen der Potenz ist der


1 4 Logarithmus (die andere ist die Wurzel). Ganz all-
y = ex
gemein gilt:
2 3
wenn a = bc, dann c = logb a
2
3 1
(gelesen: „c gleich Logarithmus a zur Basis b“).
Zur e-Funktion gehört der Logarithmus zur Ba-
sis e; er wird natürlicher Logarithmus genannt und
4 -4 -3 -2 -1 0 1 2 3 x ln geschrieben:
-1 wenn y = ex, dann x = ln y = loge y.
5
. Abb. 1.18. Die Exponentialfunktion Auch diese Zahlenwerte müssen mit dem Ta-
schenrechner ausgerechnet werden. Dort findet
6 man neben der Taste für den natürlichen Loga-
y
rithmus meist auch noch eine für den Logarith-
7 4
mus zur Basis 10, den dekadischen Logarithmus, lg
3 y = e-x oder log geschrieben:
8 wenn y = 10w, dann w = lg y = log10 y.
2
Dieser Logarithmus findet in der Messtechnik
9 1
beim Pegelmaß Anwendung (7 Kap. 4.3.2).

10 -3 -2 -1 0 1 2 3 4 x 3Der Logarithmus zu irgendeiner anderen Basis a


-1 kann wie folgt berechnet werden: Definitionsgemäß
gilt ja a = exp(ln a), also auch
11 . Abb. 1.19. Exponentialfunktion mit negativem Exponen-
ten y = aw = [exp(ln a)]w.

12 Nun potenziert man eine Potenz durch Multiplikation


der beiden Exponenten:
schneidet die Ordinate bei = 1 (jede Zahl, also e0
13 auch e, gibt in nullter Potenz die eins). Nach den y = exp(w · ln a).
Regeln des Potenzrechnens gilt e–x = 1/ex. Weil ex Daraus folgt aber
14 mit wachsendem x ansteigt, fällt e–x mit wachsen-
dem x ab; der Graph läuft asymptotisch auf die ln y = w · ln a = loga(y) · ln a
Abszisse zu, ohne sie je zu erreichen. Auch e–x und
15 bleibt stets positiv und schneidet die Ordinate bei log a y 
ln y
ln a
der eins (. Abb. 1.19). Mit positivem Exponenten
16 beschreibt die e-Funktion ungestörtes Wachstum, Die beiden Logarithmen unterscheiden sich also nur
um einen Zahlenfaktor
mit negativem ungestörtem Abbau.
17 Merke Merke

Der natürliche Logarithmus ist Umkehrfunkti-


Exponentialfunktion
18 on zur e-Funktion.
ex = exp(x),
19 positiver Exponent: Wachstumsfunktion,
negativer Exponent: Abbaufunktion. Aus mathematischen Gründen können Exponen-
ten nur reine Zahlen ohne physikalische Einheit
20 sein; analog lassen sich auch nur dimensionslo-
se Zahlen logarithmieren. Wenn eine Exponenti-
1.5 · Wichtige Funktionen
21 1

alfunktion nun aber Wachstum oder Abbau be- lg


pD
pD kPa
schreiben soll, dann muss die Zeit t mit einer ent- pD
kPa
kPa
sprechenden Einheit im Exponenten erscheinen. 100 2
Sie kann dies nur zusammen mit einem Divisor U, 200
der ebenfalls in einer Zeiteinheit zu messen sein 10 1
muss. Je nach den Umständen werden ihm Na- 100
men wie Relaxationszeit, Zeitkonstante, Elimina- 1 0
tionszeit oder Lebensdauer gegeben. Selbstver- 0
0 50 100 °C 0 50 100 °C
ständlich darf er durch einen Faktor M=1/U ersetzt
Temperatur
werden:
t
y(t ) = exp(t/U ) = exp(M ¸ t )  e U. . Abb. 1.21. Logarithmischer Maßstab. Dampfdruckkur-
ve des Wassers in linearem und in logarithmischem Maßstab
Nach Ablauf einer Zeitkonstanten, also nach (Einzelheiten im Text)

einer Zeitspanne %t = U, hat sich der Exponent x


gerade um 1 vergrößert. Die Wachstumsfunktion
exp(x) ist dann auf das e-fache ihres Ausgangs- punkt um einen festen Faktor abzufallen oder an-
wertes angestiegen, die Abklingfunktion exp(-x) zusteigen, ist Kennzeichen der e-Funktion.
auf den e-ten Teil abgefallen. Dieses Verhalten ist Eine wichtige Rolle spielt der Logarithmus in
nicht auf die Faktoren e und 1/e beschränkt. Die manchen Diagrammen. Im Anhang findet sich ei-
Schrittweite x½ = ln 2 halbiert den Wert der abfal- ne Tabelle für den Dampfdruck pD des Wassers in
lenden e-Funktion, gleichgültig, von welchem x Abhängigkeit von der Temperatur. Zeichnet man
aus dieser Schritt getan wird (. Abb. 1.20). Ent- diesen Zusammenhang in gewohnter Weise, d. h.
sprechend lässt sich die Lebensdauer U eines radi- in linearem Maßstab, auf Millimeterpapier, so be-
oaktiven Präparates leicht in die gebräuchlichere kommt man das linke Teilbild der . Abb 1.21. pD
steigt ab 50 °C rasch an, löst sich aber bei tiefe-
Halbwertszeit T½ = U · ln2 = 0,693U
ren Temperaturen kaum von der Abszisse. In sol-
umrechnen (davon wird in 7 Kap. 8.2.6 noch ge- chen Fällen empfiehlt es sich, längs der Ordina-
nauer die Rede sein). Die Eigenschaft, bei vorge- te nicht die Dampfdrücke pD selbst aufzutragen,
gebener Schrittweite unabhängig vom Ausgangs- sondern die (z. B. dekadischen) Logarithmen ih-
rer Maßzahlen {pD} (. Abb. 1.21, rechtes Teilbild,
rechte Skala).
Nun kann man nicht verlangen, dass jeder-
y
mann die Werte des dekadischen Logarithmus im
y0 Kopf hat. Deshalb ist es üblich, nicht sie an die Or-
dinate zu schreiben, sondern die Messwerte selbst
(. Abb. 1.21, rechtes Teilbild, linke Skala). Man
spricht dann von einer logarithmischen Skala und
y0 von einem Diagramm in einfach-logarithmischer
2 Darstellung, im Gegensatz zur doppelt-logarith-
mischen, bei der beide Achsen logarithmisch ge-
y1 teilt sind.
y1
2 Merke
x1/2 x1/2 x
Kennzeichen der Exponentialfunktion: Ände-
. Abb. 1.20. Charakteristik der e-Funktion. Die Schrittweite rungsgeschwindigkeit proportional zum Mo-
x½ ist eine für den Abfall der e-Funktion charakteristische Grö- mentanwert.
ße: sie halbiert die Ordinate unabhängig von dem Punkt, von
dem aus der Schritt getan wird
22 Kapitel 1 · Grundbegriffe

In einfach-logarithmischer Darstellung wird die Kehrwerte ganzer Zahlen im Exponenten


1 Dampfdruckkurve des Wassers fast zur Geraden. entsprechen Wurzeln. In der Näherungsformel
Damit signalisiert sie, dass der Dampfdruck fast für die Körperoberfläche eines Menschen von
2 exponentiell mit der Temperatur ansteigt. Wieso? 7 Kap. 1.1.3 erschien die Masse m mit dem Expo-
Der dekadische Logarithmus einer Exponential- nenten 0,425 = 17/40. Das bedeutet die 40. Wurzel
3 funktion entspricht bis auf einen konstanten Fak-
tor ihrem Exponenten und damit auch dessen un-
der 17. Potenz:
17
m0,425  m 40  40 m17 .
abhängiger Variablen:
4 Da muss man schon einen Taschenrechner zu
lg eax = a · x · lg e = a · x · 0,434 .
Hilfe holen.
5 Trägt man aber z = x · const. linear gegen x
Merke
auf, so erhält man eine Gerade. Folglich ergibt ei-
ne Exponentialfunktion in einfach-logarithmi-
6 scher Darstellung ebenfalls eine Gerade.
Wichtige Rechenregeln für Potenzen:

Wie in einschlägigen Schulbüchern nachzule- an ¸ am  an m


7 sen, gilt ganz allgemein für alle Logarithmen, also an

m
 an¸m
auch für die natürlichen zur Basis e: 1
an 
8 ln(a·b) = ln a + ln b; an
1 n
a n  a
einer Multiplikation zweier Zahlen entspricht die
9 Addition ihrer Logarithmen.

10 Merke

Wichtige Rechenregeln für den Logarithmus: 1.5.4 Algebraische Gleichungen


11 ln(e a )  a
Eine Gleichung bleibt als Gleichung erhalten,
ln(a ¸ b)  ln(a) ln(b) wenn man auf beiden Seiten das Gleiche tut, die
12 gleichen Größen addiert oder subtrahiert, mit
ln(ab )  b ¸ ln(a)
den gleichen Größen multipliziert oder poten-
13 ziert usw. Nach diesem Schema lassen sich Glei-
chungen umformen und nach einer gewünschten
14 1.5.3 Potenzfunktionen Größe auflösen. Definitionsgemäß ist der elektri-
sche Widerstand R der Quotient aus elektrischer
Ein Quadrat der Kantenlänge a besitzt die Flä- Spannung U und elektrischem Strom I:
15 che AQ = a², der entsprechende Würfel das Volu-
R = U/I.
men VW = a3. Bei den Potenzfunktionen steht die
16 unabhängige Variable in der Basis und nicht im Multiplikation mit I führt zu
Exponenten wie bei den Exponentialfunktionen.
U=I·R
Für die Potenzen selbst gelten aber die gleichen
17 Rechenregeln. (Auflösung nach U), anschließende Division
Generell gibt es zur Potenz zwei Umkehrfunk- durch R zu
18 tionen: den bereits besprochenen Logarithmus
I = U/R
und die Wurzel. Die Kantenlänge a ist die zwei-
19 te, die Quadratwurzel, der Fläche AQ des Quadrats (Auflösung nach I). Etwas schwieriger wird es,
und die dritte, die Kubikwurzel, des Würfelvolu- wenn die Größe, nach der aufgelöst werden soll,
mens VW: nicht nur in der ersten, sondern auch in der zwei-
20 1 1 ten Potenz vorkommt. Eine solche quadratische
a  AQ  AQ 2  3 VW  VW 3.
1.5 · Wichtige Funktionen
23 1

Gleichung bringt man zunächst in ihre Normal-


form

x² + p · x + q = 0.
Sodann subtrahiert man q :
x² + p · x = –q
und addiert die sog. quadratische Ergänzung
p²/4:
x² + p · x + p²/4 = p²/4–q.
Jetzt kann man nämlich nach dem Schema
(a+b)² = a² + 2ab + b²
die Gleichung auf der linken Seite umschreiben
zu
(x+p/2)² = p²/4–q
und anschließend die Wurzel ziehen
p p2
x o q
2 4
(auch negative Größen liefern positive Quadrate;
Quadratwurzeln sind deshalb beide Vorzeichen
erlaubt). Jetzt lässt sich nach x auflösen:

1 p2
x  p o  q.
2 4
Eine quadratische Gleichung hat demnach
5 zwei Lösungen, wenn p² > 4q,
5 eine Lösung, wenn p² = 4q,
5 keine Lösung, wenn p² < 4q (jedenfalls keine
reelle).
24 Kapitel 1 · Grundbegriffe

In Kürze
1
Formel Größen [Einheit]

2 Einheiten

Basiseinheiten Meter [m], Sekunde [s], Kilogramm [kg], Newton [N], Ampère [A], Kelvin[K],
3 Mol [mol], Candela [cd]

kg ¸ m
4 Abgeleitete Einheiten zum Beispiel Kraft:
s2
 N (Newton)

Messunsicherheiten
5 Absolute Messunsicherheit u(x); x: Messwert
Bedeutet: der wahre Wert der Größe befindet sich sehr wahrscheinlich zwischen
6 den Werten x – u(x) und x + u(x).

u( x )
Relative Messunsicherheit absolute Messunsicherheit geteilt durch Messwert
7 x
(dimensionslos)

Fehlerfortpflanzung Regel 1: bei Multiplikation oder Division von Messwerten addieren sich die re-
8 lativen Messunsicherheiten.
Regel 2: bei Addition oder Subtraktion von Messwerten addieren sich die abso-
luten Messunsicherheiten.
9
Exponentialfunktion

10 Exponentialfunktion y = ea·x a größer Null: ansteigend


a kleiner Null: abfallend

11 Beispiel:
radioaktiver Zerfall N(t) = N0 · e-t/U
N: Teilchenzahl
t: Zeit [s]
U : Zeitkonstante [s]
12 N0: Teilchenzahl bei t = 0

Halbwertszeit T1/2 = U · ln 2 [s]


13 Nach jeweils der Halbwertszeit halbiert sich die Teilchenzahl
1
Halblogarithmische Auftragung ln N (t )  ¸ t
U
14 In der halblogarithmischen Auftragung ergibt sich eine fallende Gerade mit
der Steigung –1/U.
15
t 5. Welche Massen haben 3,5 Mol Wasserstoffgas (H2) und
16 Übungsfragen
ein Molekül Äthylalkohol C2H5OH? Sie müssen die Tabellen im
Anhang zur Hilfe nehmen!
(t leicht; tt mittel; ttt schwer)
17 tt 6. Wie groß ist das Molvolumen des Wassers?

t 1. Für wissenschaftliche Vorträge gilt eine beherzigenswer-

18 te Regel: Rede niemals länger als ein Mikrojahrhundert. Wie


lange ist das?
Messunsicherheit
t 2. Welches Volumen steht dem Gehirn eines Menschen un- tt 7. Wenn der Zuckerfabrik ungewaschene Rüben angelie-

19 gefähr zur Verfügung? Zur Abschätzung sei angenommen,


dass der Schädel eine hohle Halbkugel von etwa 20 cm Durch-
fert werden, zieht sie vom gemessenen Gewicht einen Anteil
als Erfahrungswert ab. Systematischer oder zufälliger Fehler,
messer bildet. relativer oder absoluter Fehler?
20 t 3. Wie lang ist das Pantoffeltierchen der . Abb. 1.5?
t 4. Wie groß ist schätzungsweise die Körperoberfläche des
t 8. Der Radius eines Kreises ist mit einer relativen Messunsi-
cherheit von 0,5% bekannt. Was ist dann die Unsicherheit für
Griechen von . Abb. 1.6? die Kreisfläche?
Übungsfragen
25 1

t 9. Durch einen elektrischen Widerstand fließt bei einem


Spannungsabfall von 2 V ± 0,1 V ein Strom von 1 A ± 0,1 A. Wie
groß ist die relative Unsicherheit für die im Widerstand umge-
setzte Leistung?
t 10. Ein Vorgang dauert von t1 = 10 s bis t2 = 20 s. Beide
Zeitpunkte sind nur auf eine Zehntelsekunde genau gemes-
sen. Wie groß ist die absolute Unsicherheit für die Dauer des
Vorgangs?

Vektoren
t 11. Wann verschwindet das Vektorprodukt, wann das Ska-
larprodukt zweier Vektoren unabhängig von deren Beträgen?

Exponentialfunktion
tt 12. 1850 lebten auf der Erde 1,17 Milliarden Menschen,
1900 waren es bereits 1,61 Milliarden und 1950 2,50 Milliar-
den. Entsprechen diese Zahlen einer „Bevölkerungsexplo-
sion“, wenn man das Wort „Explosion“ mit exponentiellem
Wachstum gleichsetzt?
tt 13. Nimmt die Anzahl der Quecksilbertropfen in
. Abb. 3.27 exponentiell mit der Zeit ab? Wenn ja: welche
Zeitkonstante?
2.1 ·
27 2

Mechanik starrer Körper

2.1 Bewegung – 28
2.1.1 Fahrstrecke und Geschwindigkeit – 28
2.1.2 Überlagerung von Geschwindigkeiten – 30
2.1.3 Beschleunigung – 31
2.1.4 Drehbewegungen – 35
2.1.5 Bewegung von Gelenken – 36

2.2 Kraft, Drehmoment, Energie – 37


2.2.1 Kräfte – 37
2.2.2 Gewichtskraft und Gravitation – 40
2.2.3 Arbeit und Energie – 40
2.2.4 Kinetische Energie – 44
2.2.5 Hebel und Drehmoment – 46
2.2.6 Die Grundgleichungen des Gleichgewichts – 48
2.2.7 Gleichgewichte – 49

2.3 Kraft und Bewegung – 51


2.3.1 Die Newton’schen Gesetze – 51
2.3.2 Reibung – 54
2.3.3 Impuls – 55
2.3.4 Trägheitskräfte – 57
2.3.5 Drehbewegungen – 59
2.3.6 Trägheitsmoment und Drehimpuls – 62
28 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

> > Einleitung


1 Seit eh und je bildet die Mechanik die Grundlage der
Physik und gehört deshalb an den Anfang eines Lehr-
2 buches. Sie handelt von den Bewegungen der Kör-
per und den Kräften, die sie auslösen. Damit spielt sie
3 in alle Gebiete der Naturwissenschaften hinein, über
die Bindungskräfte der Moleküle in die Chemie, über
die Muskelkräfte in die Medizin, über die von Benzin-
4 und Elektromotoren entwickelten Kräfte in die Technik
usw. Wenn Kräfte nicht durch Gegenkräfte kompen-
. Abb. 2.1. Steigungsdreiecke. Zur graphischen Ermittelung
5 siert werden, haben sie Bewegungsänderungen zur
der Geschwindigkeit: Alle zu der gleichen Geraden gezeichne-
Folge, Beschleunigungen genannt. Dabei wird Energie ten Steigungsdreiecke sind einander ähnlich; die Quotienten
umgesetzt; sie ist eine der wichtigsten physikalischen
6 Größen überhaupt.
ihrer Katheten sind gleich

7 Wer eisern die 90 km/h durchhält, kommt


2.1 Bewegung demnach in der Sekunde 25 m weit, in der Minute
8 60 · 25 m = 1,5 km und in der Stunde eben 90 km.
2.1.1 Fahrstrecke und Geschwindigkeit Die Länge %s des zurückgelegten Weges ist der
Fahrzeit %t proportional (. Abb. 2.1):
9 Dem motorisierten Menschen ist die Vokabel „Ge-
%s = v0 · %t.
schwindigkeit“ geläufig, vom Tachometer seines
10 Autos nämlich; Lastwagen registrieren sogar mit Die Position als Funktion der Zeit ist eine Ge-
einem Fahrtenschreiber. Wie solche Geräte im rade mit konstanter Steigung (. Abb. 2.1). Die
11 Einzelnen funktionieren, interessiert hier nicht. Steigung einer Geraden ist die Geschwindigkeit
Im Grunde sind sie Drehzahlmesser: sie vermel- und man bestimmt sie mit Hilfe des Steigungs-
den, wie oft sich die Hinterachse des Fahrzeugs in dreiecks, eines rechtwinkligen Dreiecks, dessen
12 der Sekunde, in der Minute herumdreht. Physika- Hypotenuse ein Stück der Geraden ist und dessen
lisch korrekter: Drehzahlmesser messen die Katheten parallel zu den Achsen des Diagramms
13 Drehfrequenz f = %N/%t
liegen. Dabei spielt die Größe des Dreiecks keine
Rolle, denn der Quotient der Katheten, eben die
Anzahl der Umdrehungen %N
14 benötigte Zeitspanne %t
(mathematisch definierte) Steigung, ist davon un-
abhängig. Alle zu der gleichen Geraden gezeich-
-Einheit 1/s oder 1/min, denn die „Umdrehung“ neten Dreiecke sind einander „ähnlich“ im Sinn
15 ist keine Einheit, sie wird nur gezählt. Bei jeder der Mathematik (. Abb. 2.1). Diese Steigung ist
Umdrehung kommt das Fahrzeug einen Radum- immer die Geschwindigkeit:
16 fang sr weiter. Es fährt deshalb mit der
v0 
%s
%t
Geschwindigkeit v = f · sr
17 -Einheit 1 m/s oder, im Straßenverkehr üblicher, 1 Merke
km/h. Die Umrechnung ist einfach: Ein Kilome- Konstante Geschwindigkeit
18 ter hat 103 m, eine Stunde 3,6 · 103 s. Wer brav mit %s
90 km/h die Landstraße entlang fährt, hat zu rech- v ;
%t
19 nen:
km 90 ¸103 m m Fahrstrecke: %s = v · %t
v  90   25
h 3,6 ¸103s s
20 Dieses Schema funktioniert auch bei anderen Das gilt aber nur bei konstanter Geschwindigkeit,
Umrechnungen. in der Gleichung durch den Index 0 gekennzeich-
2.1 · Bewegung
29 2

. Abb. 2.2. Momentane Geschwindigkeit: Die Steigung ei-


ner Kurve ist die Steigung ihrer Tangente (Einzelheiten im
Text)

net. Im Verkehr kommt das nicht vor. Dort än-


dert sich die Geschwindigkeit ständig, sie wird ei-
ne Funktion der Zeit: v = v(t). Das Weg-Zeit-Di-
agramm ergibt in diesem Fall eine gekrümmte
Kurve (. Abb. 2.2).
Bei einer gekrümmten Kurve muss man die
Steigungsdreiecke so klein zeichnen, dass die
Krümmung ihrer „Hypotenusen“ nicht mehr . Abb. 2.3. Vorortzug. Weg-Zeit-Diagramm (oberes Teilbild)
und Geschwindigkeits-Zeit-Diagramm (unteres Teilbild) eines
auffällt, streng genommen also unendlich klein.
Vorortzuges; Einzelheiten im Text
Lässt man %t zum Differential dt schrumpfen, so
schrumpft auch %s zu ds. Das Verhältnis der bei-
den bleibt dabei als endlicher Wert erhalten: Der des Dreiecks an der Kurve anliegt. Die Tangente
Differenzenquotient %s/%t einer zeitlich konstan- ist eine Gerade, ihre Steigung kann also wie be-
ten Geschwindigkeit v0 geht in den Differential- sprochen mit einem Steigungsdreieck bestimmt
quotienten ds/dt über. Die momentane und zeit- werden (. Abb. 2.2). Auf diese Weise lässt sich
abhängige das ganze s(t)-Diagramm grundsätzlich Punkt
ds(t ) für Punkt in seine Ableitung, das v(t)-Diagramm
Geschwindigkeit v(t ) 
dt überführen. Die . Abb. 2.3 gibt ein Beispiel hier-
ist als Differentialquotient definiert. In der Mathe- für: Ein Vorortzug startet um 7.48 Uhr und be-
matik werden Differentiationen oft durch einen schleunigt auf eine Geschwindigkeit von 60 km/h.
nachgesetzten Strich (y’ = dy/dx) gekennzeichnet. Um 7.55 Uhr bremst er wegen einer Baustelle ab
In diesem Buch wird diese Kurzform aber nicht auf 30 km/h und bleibt um 8.00 Uhr am nächsten
verwendet. Bahnhof stehen. Das obere Teilbild zeigt die Po-
sition des Zuges als Funktion der Zeit, das untere
Merke Teilbild geometrisch betrachtet die Steigung des
Ungleichförmige Bewegung Graphen des oberen Teilbilds zu jedem Zeitpunkt.
momentane Geschwindigkeit: Den Verlauf der Geschwindigkeit kann man im
ds(t ) Prinzip ungefähr mit Lineal und Bleistift aus dem
v(t )  oberen Teilbild ermitteln. Man nennt so etwas
dt
graphisches Ableiten und manchmal ist das ganz
nützlich. Will man es genau wissen, muss man na-
Differentiell kleine Dreiecke kann man weder türlich zur Mathematik und formalen Differenti-
zeichnen noch ausmessen. Die Richtung der dif- ation greifen.
ferentiell kleinen Hypotenuse stimmt aber mit Es muss natürlich auch umgekehrt möglich
der Richtung einer Tangente überein, die am Ort sein, aus dem Geschwindigkeits-Zeit-Diagramm
30 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

Differentiation ist. Man kann also von Differen-


1 tiationsregeln auf Integrationsregeln schließen.
Computer integrieren aber numerisch. Das funk-
2 tioniert etwa so, wie wenn man den Funktions-
graphen auf Millimeterpapier malt und dann die
3 Kästchen unter dem Graphen auszählt. Je genau-
er man die Fläche wissen will, umso kleiner muss
man die Kästchen machen, umso mehr hat man
4 auch zu zählen. Computer können sehr schnell
zählen.
5 . Abb. 2.4. Graphische Integration. Bestimmung der Fahr-
strecke durch graphische Integration im Geschwindigkeits-
Zeit-Diagramm (Einzelheiten im Text) 2.1.2 Überlagerung von
6 Geschwindigkeiten
auf die zurückgelegte Strecke zu schließen. Wie
7 das geht, soll . Abb. 2.4 verdeutlichen. Besonders Wer im Boot einen breiten Fluss überqueren will,
einfach liegt der Fall im Zeitintervall %t2, in dem muss dessen Strömung berücksichtigen: Sie treibt
8 die Geschwindigkeit konstant 60 km/h beträgt. ihn flussabwärts. Von den vielen Möglichkei-
Die in diesem Zeitintervall zurückgelegte Strecke ten, die der Steuermann wählen kann, fallen zwei
beträgt: Grenzfälle heraus:
9 5 der Steuermann hält sein Boot ständig quer
%s2  60 km/h ¸ %t 2  60 km/h ¸ 5 min = 5 km
zum Strom und lässt es abtreiben (. Abb. 2.5,
10 Graphisch entspricht dies der blau schraffier- linkes Teilbild);
ten Fläche unter dem Geschwindigkeitsgraphen. 5 der Steuermann „hält gegen den Strom“, und
11 Der gesamte Abstand zwischen den Bahnhöfen zwar so, dass sein Boot das andere Ufer „auf
ergibt sich entsprechend aus der gesamten Fläche gleicher Höhe“ erreicht (. Abb. 2.5, rechtes
unter dem Geschwindigkeitsgraphen zwischen Teilbild).
12 7.48 Uhr und 8.00 Uhr. In dem etwas idealisier-
ten Diagramm der . Abb. 2.4 ist sie nicht schwer Welcher Weg ist der schnellere? Mit welcher Ge-
13 zu bestimmen. schwindigkeit fährt das Boot in beiden Fällen
Im Allgemeinen bezeichnet man eine solche „über Grund“? Um welchen Winkel muss das Boot
14 Flächenbestimmung als Integration, sein Ergeb-
nis als Integral. Im Diagramm wird es repräsen-
im zweiten Fall „vorhalten“, um welchen wird es

tiert durch die Fläche „unter der Kurve“, die Flä-


15 che zwischen Kurve und Abszisse. Ein konkreter
Zahlenwert lässt sich freilich nur angeben, wenn
16 die Fläche nicht nur oben und unten begrenzt ist,
sondern auch links und rechts. Das bestimmte In-
tegral
17 t1
%s  s(t1 )  s(t 0 )  ¨ v(t )dt
18 t0

liefert die Länge %s des Weges, der zwischen den


19 Zeitpunkten t0 und t1 – zwischen den sog. Inte- . Abb. 2.5a,b. Vektorielle Addition von Geschwindigkei-
ten: Ein Boot mit der Eigengeschwindigkeit vb überquert einen
grationsgrenzen – mit der Geschwindigkeit v(t)
Fluss (Strömungsgeschwindigkeit vf, Breite b). a Der Bootsfüh-
durchfahren wurde.
20 Ein wichtiger Satz in der Mathematik besagt,
rer lässt sich abtreiben; b Der Bootsführer „hält vor“. Die Ge-
schwindigkeit vg lässt sich mit Hilfe der Winkelfunktionen und
dass die Integration die Umkehroperation zur mit dem Satz des Pythagoras berechnen
2.1 · Bewegung
31 2

im ersten Fall abgetrieben? Die Antworten erhält Rechenbeispiel 2.1: Wie weit muss der Boots-
man durch Vektoraddition. Aus eigener Kraft be- führer vorhalten?
schafft sich das Boot eine Relativgeschwindigkeit 7 Aufgabe. Der Fluss fließe mit vf = 1 m/s. Das
vb gegenüber dem Wasser des Flusses. Dieses läuft Boot fährt mit vb = 3 m/s relativ zum Wasser. Es will
mit oder ohne Boot mit der Strömungsgeschwin- genau senkrecht übersetzen. Wie weit muss der
digkeit vf des Flusses; sie soll der Einfachheit hal- Bootsführer vorhalten und wie schnell fährt das
ber auf der ganzen Flussbreite als gleich ange- Boot über den Fluss?
nommen werden. Für den Beobachter am ruhen- 7 Lösung. Wir schauen auf das rechte Teilbild der
den Ufer, und damit auch über Grund, addieren . Abb. 2.5. Der Winkel, um den relativ zur senk-
sich die beiden Geschwindigkeiten vektoriell. rechten Fahrtrichtung vorgehalten werden muss,
Wie man am linken Teilbild der . Abb. 2.5 berechnet sich zu:
sieht, steht die Eigengeschwindigkeit vb des Boo- v
sin B  f  0, 33 º B  19, 5n
tes im ersten Fall senkrecht auf der Strömungs- vb
geschwindigkeit vf des Flusses. Ihre Vektorpfeile Die Geschwindigkeit gegen Grund ergibt sich aus
sind Katheten in einem rechtwinkligen Dreieck dem Satz des Pythagoras:
mit der Geschwindigkeit vg über Grund als Hy- vg  v b2  vf2  2, 83 m/s.
potenuse. Nach dem Satz des Pythagoras hängen
deshalb die drei Beträge folgendermaßen mitein-
ander zusammen:
2.1.3 Beschleunigung
vg2 = vf2 + vb2.
Den Driftwinkel B zwischen vf und vb liefert Im Sprachgebrauch des Alltags wird das Wort „be-
die Winkelfunktion Tangens: schleunigt“ meist lediglich im Sinn von „schnell“
oder „schneller werdend“ verwendet; im Sprach-
tan B  vf v .
g gebrauch der Physik ist jede Bewegung „beschleu-
nigt“, die ihre Geschwindigkeit ändert, ob sie nun
In diesem Fall hat die Strömung des Flusses schneller wird oder langsamer oder auch nur in
keinen Einfluss auf die Zeit T, die das Boot zum eine andere Richtung schwenkt. Die physikali-
Überqueren benötigt. Die Flussbreite b ist durch- sche Größe Beschleunigung a ist die Änderungs-
fahren in geschwindigkeit der Geschwindigkeit v. Sie ist al-
so der erste Differentialquotient der Geschwin-
T = b/vb.
digkeit nach der Zeit t und folglich der zweite des
Damit folgt für den Betrag x der Strecke, um Weges s:
die das Boot abgetrieben wird, G 2G
G dv (t ) d s (t )
a  .
x = T · vf. dt dt 2
Im rechten Teilbild hält der Bootsführer um Im Falle einer konstanten Beschleunigung be-
einen Winkel C zwischen vb und der Gesamtge- deutet das dann:
G
schwindigkeit vg vor, um senkrecht über den Fluss G %v
a
zu kommen. Für diesen Winkel gilt: %t
v Damit liegt auch ihre Einheit fest:
sin C  f
vb m/s
1  1 m/s2  1 m ¸ s-2 .
Wie man im Bild schon sieht, ist jetzt die Über- s
querungsgeschwindigkeit senkrecht zum Fluss vg Jede Beschleunigung hat eine Richtung, a ist
kleiner. also ein Vektor, der sich obendrein noch mit der
Zeit zu ändern pflegt: a(t). Der allgemeine Fall ist
immer denkbar kompliziert. Es gibt aber einfa-
che Grenzfälle. Hat die Beschleunigung die glei-
32 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

che Richtung wie die Geschwindigkeit, so ändert Keine Bahnbeschleunigung kann längere Zeit
1 sie nur deren Betrag, nicht deren Richtung; man unverändert anhalten; die Folge wären übergroße
nennt sie dann Bahnbeschleunigung. Im anderen Geschwindigkeiten. Für ein paar Sekunden geht
2 Extrem steht a senkrecht auf v und ändert als Ra- es aber schon, beim freien Fall zum Beispiel. Wenn
dialbeschleunigung nur deren Richtung, nicht den man die Luftreibung vernachlässigen darf, fallen
3 Betrag. Jede andere Beschleunigung lässt sich als
Vektor in eine radiale und eine tangentiale Kom-
alle Körper auf Erden mit der gleichen Erd- oder
auch Fallbeschleunigung g x 9,81 m/s2 zu Boden;
ponente zerlegen. sie führen eine gleichförmig beschleunigte Bewe-
4 gung aus.
Merke Weil g konstant ist, wächst die Fallgeschwin-
5 Beschleunigung: Änderungsgeschwindigkeit digkeit v(t) linear mit der Zeit, sie wächst sogar
der Geschwindigkeit proportional zur Zeitspanne t nach dem Loslas-
G 2G sen, wenn der Stein wirklich nur losgelassen und
6 G dv(t ) d s (t )
a  , nicht geworfen wird. Bei v = 0 zum Zeitpunkt
dt dt 2
SI-Einheit: 1 m/s2; t = 0 gilt
7 Bahnbeschleunigung: a parallel zu v, v(t) = g · t
Radialbeschleunigung: a senkrecht zu v.
8 (. Abb. 2.7, oberes und mittleres Teilbild). Al-
le im Nullpunkt des Koordinatenkreuzes begin-
Das Weg-Zeit-Diagramm des Vorortzuges von nenden Flächen unter der Geraden im v(t)-Dia-
9 . Abb. 2.3 sagt über Kurven im Bahndamm nichts gramm sind rechtwinklige Dreiecke mit den Ka-
aus, also auch nichts über etwaige Radialbeschleu-
10 nigungen; ihr kann nur die Bahnbeschleunigung
entnommen werden. Grundsätzlich muss man da-
15
m/s 2

11 zu s(t) zweimal nach der Zeit differenzieren oder


a

das Geschwindigkeits-Zeit-Diagramm im un-


Beschleunigung

10
teren Teilbild der . Abb. 2.3 einmal. Das Ergeb-
12 nis zeigt . Abb. 2.6: in den Bahnhöfen, auf frei-
er Strecke und in der Baustelle ist a = 0, überall 5

13 dort nämlich, wo sich die Geschwindigkeit nicht


ändert, ob der Zug nun steht oder nicht (v = kon- 0
15
14 stant.). Positiv wird die Beschleunigung nur in der
m/s
v

einen Minute des Anfahrens, negativ nur in den


Geschwindigkeit

beiden Bremsperioden vor der Baustelle und vor 10


15 dem Zielbahnhof, denn hier nimmt v ab.
5

16
m/s2

0
a

0,5
15
17
Beschleunigung

m
s

10
18
Position

0
5

19
750 755 800 0
Uhrzeit 0 1 2
20 . Abb. 2.6. Beschleunigungs-Zeit-Diagramm des Vorortzu-
Zeit t / s

ges von . Abb. 2.1 (nur Bahnbeschleunigung) . Abb. 2.7. Freier Fall (Einzelheiten im Text)
2.1 · Bewegung
33 2

theten t und g · t. Sie liefern für die Fallstrecke s 15

m/s2
a
die Beziehung

Beschleunigung
10
s(t) = ½ g · t2.
Graphisch ist das eine Parabel mit dem Schei- 5
tel bei s = 0 und t = 0 (. Abb. 2.7, unteres Teil-
bild): Die Messlatte für die Fallstrecke wird beim 0
Startpunkt angelegt.

m/s
v
Selbstverständlich müssen die hier aufgestell- 5

Geschwindigkeit
ten Behauptungen experimentell überprüft wer-
den. Die heutigen technischen Mittel erlauben das 0
mit guter Genauigkeit schon für den Schulunter-
richt. Galilei hatte es da schwerer; er besaß keine -5
Stoppuhr, schon gar nicht eine elektrisch steuer-
bare. Ein Stein durchfällt die ersten 2 m in 0,64 s. 10
Das war im Mittelalter nicht leicht zu messen.
Die bisher aufgestellten Gleichungen gelten m
s
5
Position

nicht allgemein, denn der Stein könnte ja zur Zeit


t = 0 schon mit einer gewissen Geschwindigkeit v0 0
gestartet sein. Dann wäre diese natürlich noch da-
zu zu zählen: -5
0 1 2
v(t ) g ¸ t v0 Zeit t / s
Es könnte auch noch sein, dass der Stein zum . Abb. 2.8. Senkrechter Wurf (Einzelheiten im Text)
Zeitpunkt t = 0 nicht bei s = 0 startet, sondern an
einer Stelle s0. Alles zusammen ergibt für die Po-
sition: In den bisherigen Formeln erschienen immer nur
g die Beträge von Weg, Geschwindigkeit und Be-
s(t )  t 2 v0 ¸ t s0 .
2 schleunigung. Dass es sich tatsächlich um Vek-
Die drei Graphen der . Abb. 2.8 stellen ei- toren handelt, wurde verschwiegen. Beim frei-
nen Wurf senkrecht nach oben dar, und zwar mit en Fall aus der Ruhe und beim senkrechten Wurf
v0 = 7,5 m/s. Man darf sich nicht darüber wun- ist das erlaubt, denn hier liegen alle drei Vekto-
dern, dass v(t) unter der Nulllinie beginnt und s(t) ren parallel. Aber wer wirft schon immer nur ver-
über eine negative Gipfelhöhe läuft. Wer der Fall- tikal? Sportler wie Artilleristen geben ein v0 vor,
beschleunigung g ein positives Vorzeichen gibt, das mit einem Winkel B gegenüber der Horizon-
muss die Richtung senkrecht nach oben negativ talen schräg nach oben zeigt (schiefer Wurf). Dann
zählen. addieren sich zwei Geschwindigkeiten vektoriell
und unabhängig voneinander: eine konstante ho-
Merke rizontale (Betrag vx = v0 · cos B; keine Beschleu-
Gleichförmig beschleunigte Bewegung: a ist in nigung, da keine Scherkraft in dieser Richtung)
Betrag und Richtung konstant und eine vertikale, die mit vz0 = v0 · sin B beginnt
In dieser Richtung gilt dann: und den Fallgesetzen unterliegt. Als Bahnkur-
ve kommt eine Wurfparabel heraus (. Abb. 2.9).
v(t )  a ¸ t v0
Auch der schiefe Wurf gehört zu den gleichför-
1 mig beschleunigten Bewegungen; solange man
s(t )  a ¸ t 2 v0 ¸ t s0
2 die Luftreibung vernachlässigen darf, gilt a = g =
konstant. unabhängig von den willkürlichen An-
fangsbedingungen v0 und s0.
34 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

er frei. Weil v aber schließlich konstant wird, biegt


1 sein Graph in eine Horizontale ein. Folglich geht
die Beschleunigung a(t) gegen null, während s(t)
2 a
v
nach anfänglicher Krümmung in eine ansteigen-
de Gerade übergeht (. Abb. 2.10). Auch kompli-
3 ziertere Situationen lassen sich graphisch relativ
leicht und übersichtlich darstellen, solange eine
qualitative Beschreibung genügt.
4 . Abb. 2.9. Wurfparabel. Geschwindigkeit v und Beschleuni-
gung a haben verschiedene Richtung Rechenbeispiel 2.2: Fall vom Turm
5 7 Aufgabe. Mit welcher Geschwindigkeit trifft ein
Stein, der von einem 10 m hohen Turm fallengelas-
sen wird, am Boden auf? Die Luftreibung kann hier
6
Beschleunigung a

vernachlässigt werden.
7 Lösung. Bei konstanter Beschleunigung und
7 Startgeschwindigkeit Null ist v = g · t. Zunächst
muss also die Fallzeit berechnet werden. Dazu be-
8 nutzen wir:
g 2 ¸10m
s 10 m = t 2 , also t   1, 43 s .
2 9, 81 m/s2
9
Geschwindigkeit v

Die Geschwindigkeit ist dann: v = 9,81 m/s2 · 1,43


s = 14,0 m/s.
10
11 Rechenbeispiel 2.3: Noch ein Wurf vom Turm
7 Aufgabe. Nun werde der Stein mit v0 = 15 m/s
horizontal vom Turm weggeworfen. Wie weit vom
12 Turm trifft er auf und mit welcher Geschwindig-
keit trifft er auf den Boden? Die Luftreibung sei ver-
13 nachlässigbar, die horizontale Geschwindigkeit al-
Position s

so konstant.
7 Lösung. Die senkrechte Fallbewegung läuft
14 völlig unabhängig von der horizontalen Bewe-
gung ab. Die Ergebnisse des vorherigen Rechen-
15 beispiels können also übernommen werden. Der
Zeit t
Stein ist wieder 1,43 s in der Luft. Wenn die Luft-
16 . Abb. 2.10. Fall unter Reibung (Einzelheiten im Text) reibung vernachlässigt werden kann, ist die hori-
zontale Geschwindigkeit konstant, die Wurfweite
Regentropfen fallen nicht frei. Sie werden also einfach:
17 durch die Reibung der Luft so stark gebremst, m
s  v0 ¸ t  15 ¸ 1,43 s = 21,45 m
dass sie schließlich mit konstanter Geschwindig- s
18 keit am Boden ankommen. Schwere Tropfen fal- Auch die senkrechte Geschwindigkeitskomponen-
len schneller als leichte (7 Kap. 3.5.1). Unter ide- te ist immer die gleiche wie im vorherigen Rechen-
19 alisierenden Annahmen kann man das rechnen, beispiel. Die gesamte Auftreffgeschwindigkeit er-
aber es ist mühsam und lohnt hier nicht. So viel gibt sich aus dem Pythagoras:
ist sicher: Die Wirkung der Reibung wächst mit
20 der Geschwindigkeit und verschwindet in der Ru- vges 
2 2
14, 0 ms
15, 0 ms
 20, 52
m
s
he. Darum fällt der Tropfen zu Beginn so, als falle
2.1 · Bewegung
35 2

2.1.4 Drehbewegungen ∆v

Die reine Bahnbeschleunigung ändert nur den


v
Betrag der Geschwindigkeit, nicht ihre Richtung.
Der freie Fall lieferte ein Beispiel. Die reine Radi-
albeschleunigung ändert nur die Richtung einer ∆α
Geschwindigkeit, nicht den Betrag; sie muss sich,
∆s
wenn sie Radialbeschleunigung bleiben will, ex- r
akt mit dem Vektor der Geschwindigkeit mitdre-
hen, um stets senkrecht auf ihm zu stehen. Für
. Abb. 2.11. Kreisbewegung. Der Körper läuft gegen den
den Sonderfall einer Radialbeschleunigung mit Uhrzeiger und befindet sich auf seiner Bahn rechts („3 Uhr“).
konstantem Betrag lässt sich das leicht erreichen. Der Vektor v der Bahngeschwindigkeit zeigt nach oben und
Sie führt nämlich zu einer Bahn mit konstanter läuft dem Radiusvektor r um 90° = Q/2 voraus. Beide dre-
Krümmung, zu einer Kreisbahn also, Beispiel Ket- hen sich in der (kleinen) Zeitspanne %t um den (kleinen)
tenkarussell (. Abb. 2.47). Wie dessen Fahrgäs- Winkel %B. Dazu müssen zu r das (kleine) Wegstück %s mit
%s = r · %B und zu v die (kleine) Zusatzgeschwindigkeit %v
te zu der notwendigen Beschleunigung kommen, mit %v = v · %B vektoriell addiert werden
kann erst in 7 Kap. 2.3.6 besprochen werden.
Läuft ein Körper mit konstantem Betrag v sei-
ner Geschwindigkeit v auf einer Kreisbahn mit ferentiell kleinen Kreisbogen zusammen, sodass
dem Radius r um, so legt er in der Umlaufzeit T man für den Betrag
den Kreisumfang 2Q · r zurück und durchläuft den
ds = r · dB
Drehwinkel 2Q (in Bogenmaß, vgl. 7 Kap. 1.5.1):
Winkelgeschwindigkeit X  2Q / T  const. schreiben darf. Ganz analog braucht der Ge-
schwindigkeitsvektor v eine zu ihm senkrecht zu
Betrag der Bahngeschwindigkeit addierende Zusatzgeschwindigkeit dv mit dem
v  2Q r / T  X ¸ r  const. Betrag
dv = v · dB.
X wird auch Kreisfrequenz genannt, der Kehrwert
der Umlaufzeit auch Drehfrequenz f; das zuweilen Das entspricht einer radialen, stets auf den
benutzte Wort „Drehzahl“ ist insofern nicht kor- Mittelpunkt der Kreisbahn gerichteten Beschleu-
rekt, als es sich nicht um eine dimensionslose Zahl nigung
handelt, sondern eine reziproke Zeit, die mit der SI- G G
ar  dv / dt
Einheit 1/s gemessen werden kann, in der Technik
aber auch gern in 1/min. Wenn der Zahnarzt bei mit dem Betrag
seinem Turbinenbohrer auf den Knopf „60.000“ ar  dv / dt  v ¸ dB / dt  v ¸ X.
drückt, dreht sich der Bohrkopf nicht 60.000-mal
in der Sekunde, sondern nur 1000-mal. Wegen v = r · X darf man dafür auch
Radiusvektor r und Bahngeschwindigkeit v ei- v2
ar  X 2 ¸ r 
nes kreisenden Massepunktes stehen stets senk- r
recht aufeinander und rotieren darum mit der schreiben. Wie sich die kreisende Masse diese
gleichen Winkelgeschwindigkeit X. Beide drehen ständig auf das Zentrum der Bahn zeigende Zen-
sich in der (kleinen) Zeitspanne %t um den glei- tralbeschleunigung besorgt, bleibt zunächst offen.
chen (kleinen) Winkel %B (. Abb. 2.11). Um r in Jedenfalls ist eine Kreisbewegung auch dann ei-
seine neue Lage zu bringen, muss ihm das (klei- ne ungleichförmig beschleunigte Bewegung (die
ne) Wegstück %s vektoriell addiert werden. %s Richtung der Beschleunigung ändert sich stän-
steht im Wesentlichen senkrecht auf r; es tut dies dig), wenn sie mit „konstanter Geschwindigkeit“
sogar streng, wenn man es differentiell klein wer- erfolgt: Nur der Betrag der Geschwindigkeit ist
den lässt. Dann fällt es auch mit dem ebenfalls dif- konstant, nicht der Vektor.
36 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

Merke gegeben und leicht zu erkennen. Grundsätzlich


1 kann sich ein Zahnrad so oft um seine Achse dre-
5 Kreisbewegung: reine Radialbeschleuni- hen, wie es will.
2 gung Auch bei den Scharnieren von Türen und
5 Bahnradius r Fenstern erkennt man die Drehachse leicht: ein
5 Umlaufzeit T
3 5 Drehfrequenz f = 1/T
fest mit der Tür verbundener zylindrischer Zapfen
steckt in einer fest mit dem Rahmen verbundenen
5 Bahngeschwindigkeit Hülse, einem Hohlzylinder mit praktisch gleichem
4 v = 2Q · r/T = 2Q · r · f = X · r Innendurchmesser. Drehachse ist die Zapfen und
5 Winkelgeschwindigkeit = Kreisfrequenz Hülse gemeinsame Zylinderachse. Im Gegensatz
5 X = dB/dt = 2Q · f
zum Zahnrad wird hier aber der mögliche Dreh-
winkel mechanisch begrenzt.
5 Radialbeschleunigung Es liegt nahe, Gelenke des menschlichen Ske-
6 v2 letts wie Ellbogen oder Knie als Scharniere anzu-
ar  X 2 ¸ r 
r sehen. Erlaubt ist das aber nur in grober Nähe-
7 rung. Die Anatomie zeigt nämlich, dass in solchen
äGelenken die Oberfläche des „Zapfen“ stärker

8 Rechenbeispiel 2.4: Kann es sein, dass sich die gekrümmt ist, einen kleineren Krümmungsradius
Erde dreht? besitzt, als die (meist nur unvollständig als Schale
7 Aufgabe. Wie groß ist die Winkelgeschwindig- ausgebildete) „Hülse“: Die beiden Zylinderflächen
9 keit der Erde? Welche Radialbeschleunigung er- haben weder gleichen Krümmungsradius noch
fährt ein Mensch am Äquator? (Radius der Erde: gleichen Krümmungsmittelpunkt. Ein solches
10 6,38 · 106 m) Gelenk kann weitaus flexibler reagieren als ein
7 Lösung. Die Erde dreht sich mit konstanter Win- Scharnier, es muss aber durch Sehnen und Bän-
11 kelgeschwindigkeit einmal am Tag um ihre Ach- der, durch Muskel- und Gewichtskräfte zusam-
se. Die Winkelgeschwindigkeit entspricht also der mengehalten werden. Ohne diesen Kraftschluss fie-
Kreisfrequenz: le es auseinander. Dafür wird es aber bei Überbe-
12 X
2Q

2Q
 7, 27 ¸105 s-1. anspruchung etwa durch einen Unfall nicht gleich
24 h 86400 s
zerstört, sondern meist nur ausgerenkt.
13 Daraus ergibt sich eine Bahngeschwindigkeit am Rein kinematisch und ohne Rücksicht auf
Äquator von v  X ¸ r  464 m/s  1670 km/h (also Möglichkeiten der Realisierung kann man für die
14 ganz schön schnell). Die Radialbeschleunigung ist
v2
Bewegung eines solchen Gelenkes zwei Grenzfälle
ausdenken (. Abb. 2.12):
ar   0,034 m/s2 .
r der Zapfen gleitet auf der Schale, d. h. der Be-
15 Sie ist zum Glück viel kleiner als die Fallbeschleu- rührungspunkt wandert nicht auf dem Zapfen,
nigung g. Wäre sie größer als g, so würde man da- sondern nur auf der Schale; deren Achse wird zur
16 vonfliegen (7 Kap. 2.5.2). Bevor Newton seine Me- Drehachse des Gelenkes (. Abb. 2.12a); sie bildet
chanik entwickelt hatte, galt es als schwerwiegen- den ruhenden Pol der Bewegung,
17 des Argument gegen eine Drehung der Erde, dass
man bei so hohen Geschwindigkeiten doch weg-
fliegen müsste. Drehachse
18
19 2.1.5 Bewegung von Gelenken a b

. Abb. 2.12a,b. Gelenkbewegung. Grenzfälle: a Ein fester


Jede Drehung erfolgt um eine Drehachse. In tech-
20 nisch einfachen Fällen wie etwa bei Zahnrädern
Punkt des Zapfens gleitet auf der Fläche der Schale – Drehach-
se = Schalenachse. b Die Fläche des Zapfens gleitet auf einem
ist diese als „Mechanikerachse“ konstruktiv vor- festen Punkt der Schale – Drehachse = Zapfenachse
2.2 · Kraft, Drehmoment, Energie
37 2

der Zapfen gleitet in der Schale, d. h. der Be- Merke


rührungspunkt wandert nicht auf der Schale, son-
dern nur auf dem Zapfen; jetzt bildet dessen Ach- Statisches Gleichgewicht: Kraft + Gegen-
se die Drehachse des Gelenkes, den ruhenden Pol kraft = 0.
(. Abb. 2.12b).
Die Natur entscheidet sich für Zwischenformen, Jede Gewichtskraft zieht nach unten; eine sie
mit überraschenden Konsequenzen: Die Drehach- kompensierende Gegenkraft muss mit gleichem
se bleibt während der Bewegung nicht als „ruhen- Betrag nach oben gerichtet sein. Kräfte sind dem-
der Pol“ am Ort, sie verschiebt sich und durchläuft nach Vektoren. Wie misst man ihre Beträge?
als momentane Drehachse eine Polkurve, die mögli- Wer sich ins Bett legt, braucht seine Gewichts-
cherweise weit außerhalb des Gelenkes liegt. kraft nicht mehr selbst zu tragen; er überlässt es
Darüber hinaus stellt die Natur ihre Zap- den Stahlfedern der Matratze, die nötige Gegen-
fen und Schalen nicht auf der Drehbank her und kraft aufzubringen, irgendwie. Je nach Konstruk-
braucht darum, im Gegensatz zur Technik, Teil- tion tun sie dies durch Stauchung oder durch
flächen rotationssymmetrischer Zylinder nicht Dehnung, auf jeden Fall also durch Verformung.
zu bevorzugen. Dadurch schafft sie sich eine zu- Solche Verformungen bleiben oft unerkannt. Wer
sätzliche Möglichkeit, ihren Polkurven raffiniert sich auf eine Bank setzt, biegt sie nicht merk-
zweckmäßige, leider aber oft nur schwer durch- lich durch, aber er biegt sie durch, und mit eini-
schaubare Formen zu geben. Nutzen lassen sich gem messtechnischen Aufwand lässt sich das auch
diese Möglichkeiten freilich nur mit einem ausge- nachweisen. Wenn man aufsteht, federt die Bank
feilten Regelsystem, das die Anspannung der be- wieder in ihre Ausgangslage zurück: Die Verfor-
teiligten Muskeln nach den Meldungen von Sen- mung war elastisch, im Gegensatz zu der bleiben-
soren in Muskeln, Sehnen und Gelenken sinn- den, der plastischen Verformung von Butter oder
voll steuert, ohne das Bewusstsein mit den Einzel- Kaugummi. Vater Franz biegt die Bank stärker
heiten zu belästigen. Die Gelenke der Wirbeltiere durch als Töchterchen Claudia; elastische Ver-
sind weit mehr als einfache Scharniere. formungen liefern ein verwendbares Maß für an-
greifende Kräfte. Besonders bewährt haben sich
Schraubenfedern (. Abb. 2.13).
2.2 Kraft, Drehmoment, Energie Wer einen Kraftmesser kalibrieren will,
braucht ein Verfahren zur Erzeugung definier-
2.2.1 Kräfte ter Kräfte; wer ihn obendrein noch eichen will,
braucht zusätzlich eine Krafteinheit. Es liegt nahe,
Der Mensch weiß aus Erfahrung, ob er sich einen für beides die allgegenwärtige Schwerkraft zu be-
Kartoffelsack aufladen kann oder ob er dies bes-
ser lässt; er hat ein recht zuverlässiges Gefühl für
Kraft seiner Muskeln. Hier verwendet der Sprach-
gebrauch des Alltags das Wort Kraft genau im
l0
Sinn der Physik.
An eine allgegenwärtige Kraft hat sich jedes
irdische Leben anpassen müssen: an die Schwer-
kraft, die Kraft des Gewichtes, die jeden materi- ∆l
ellen Gegenstand nach unten zieht. Wer ein Buch
vor sich in der Schwebe hält, um darin zu lesen, F
setzt die Muskelkraft seiner Arme gegen die Ge-
wichtskraft des Buches ein. Beide Kräfte müssen
. Abb. 2.13. Schraubenfeder. Eine Kraft F dehnt eine Feder
sich genau kompensieren, wenn das Buch in der der Ausgangslänge l0 um %l. Lineares Kraftgesetz herrscht,
Schwebe bleiben, wenn es zu keinen Bewegungen wenn %l und F zueinander proportional sind: F = D · %l
kommen soll. (D = Federkonstante)
38 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

nutzen. Vier Liter Wasser wiegen gewiss doppelt


1 so viel wie zwei Liter Wasser, und die Gewichts-
kraft eines Liters Wasser ließe sich grundsätzlich
2

Länge l
als Einheit verwenden. Das hat man früher auch
getan und ihr den Namen Kilopond (kp) gegeben.
l0
3 Den Anforderungen moderner Messtechnik ge-
nügt diese Einheit aber nicht mehr, denn leider
erweisen sich Gewichtskräfte als ortsabhängig: In
4 Äquatornähe wiegt ein Liter Wasser etwas weni- Kraft F
ger als in Polnähe. Die SI-Einheit der Kraft heißt
5 Newton, abgekürzt 1 N. Ihre Definition kann erst . Abb. 2.15. Lineares Kraftgesetz. Linearer Zusammenhang
zwischen Federlänge l und Kraft F
in 7 Kap. 2.3.1 besprochen werden.
Eine Schraubenfeder der Länge l0 dehnt sich
6 unter einer Zugkraft F mit dem Betrag F um %l
auf l(F) = l0 + %l(F). Geeichte Federwaagen fol-
7 gen dabei dem linearen Kraftgesetz
F = D · %l
8
oder auch
9 l(F) = l0 + F/D. F

Hier bezeichnet D die Federkonstante, eine


10 Kenngröße der jeweiligen Schraubenfeder. FG
F = FG
Federkonstante D; Einheit: 1 N/m
11 Längenänderung %l und ihre Dehnung %l/l0
der Feder sind also über die Federkonstante D der
angreifenden Kraft F proportional; im Diagramm . Abb. 2.16. Umlenken der Gewichtskraft FG: durch Seil und
12 gibt jede Proportionalität eine Gerade durch den
Rolle in eine beliebige Richtung. Der Betrag der Kraft bleibt
unverändert
Nullpunkt des Achsenkreuzes (. Abb. 2.14). Zwi-
13 schen F und der gesamten Länge l der Feder be-
steht hingegen keine Proportionalität, sondern durch den Nullpunkt, besitzt vielmehr einen Ach-
senabschnitt (. Abb. 2.15).
14 nur ein linearer Zusammenhang. Er gibt im Dia-
gramm ebenfalls eine Gerade; sie läuft aber nicht Die Schwerkraft (Gewichtskraft) zieht immer
nach unten; so ist „unten“ definiert. Durch Seil
15 und Rolle kann ihre Wirkung aber leicht in je-
de gewünschte Richtung umgelenkt werden, wie
16 . Abb. 2.16 zeigt. Kräfte sind eben Vektoren. Zwei
Längenänderung ∆l

entgegengesetzt gleiche horizontale Kräfte, nach


. Abb. 2.17, erzeugt durch zwei gleiche Gewichte
17 an den Enden eines Seiles, heben sich auf; das Sys-
tem bleibt in Ruhe, es herrscht Gleichgewicht. Das
18 System bleibt auch dann in Ruhe, wenn man das
eine Gewicht durch einen Haken in der Wand er-
19 Kraft F setzt (. Abb. 2.18). Jetzt müssen Haken und Wand
die zum Gleichgewicht nötige Gegenkraft auf-
. Abb. 2.14. Lineares Kraftgesetz. Schraubenfeder: Propor-
bringen, durch elastische Verformung.
20 tionalität zwischen Längenänderung %l und damit auch zwi-
schen Dehnung %l/l0 und Kraft F. Grundsätzlich kann eine Seile lassen sich nur auf Dehnung beanspru-
Schraubenfeder auch gestaucht werden (gestrichelter Teil) chen, nicht auf Stauchung. Infolgedessen können
2.2 · Kraft, Drehmoment, Energie
39 2

F1 = F2

. Abb. 2.17. Kraft = Gegenkraft


. Abb. 2.20. Wäscheleine. Eine straffe Wäscheleine seht un-
Fh = F ter hoher Spannung, damit die Gewichtskraft FG von der Vek-
torsumme (blau) der Kräfte in der Leine kompensiert werden
kann

FG F2
FG
F1
. Abb. 2.18. Gleichgewicht. Erzeugung der zum Gleichge-
wicht notwendigen Gegenkraft Fh durch Verformung von Ha-
ken und Wand . Abb. 2.21. Schiefe Ebene. Nur die Komponente F1 der Ge-
wichtskraft FG parallel zur Latte muss beim Schieben über-
wunden werden; die Komponente F2 wird von der Latte über-
nommen

Auch mehr als drei Kräfte können sich die


Waage halten, dann nämlich, wenn sich ihr Kräf-
tepolygon schließt: Zeichnet man die Kraftpfeile
hintereinander, so muss die Spitze des letzten mit
dem Anfang des ersten zusammenfallen. Die ers-
te Bedingung dafür, dass sich nichts bewegt, lässt
sich demnach kurz und allgemein schreiben als
G
œ Fi  0
. Abb. 2.19. Vektoraddition von Kräften. Beispiel der i
. Abb. 2.15. Die Kräfte FG und –F werden durch die Gegen- Bei unglücklicher Geometrie müssen auch ge-
kraft der Halterung der Rolle Fh kompensiert ringe Kräfte nur durch relativ große Gegenkräfte
gehalten werden. Musterbeispiel ist die Wäsche-
leine (. Abb. 2.20): Je straffer man sie spannt,
sie Kräfte nur in ihrer Längsrichtung übertragen. umso größer müssen die Kräfte in der Leine sein,
Werden sie wie in . Abb. 2.16 über eine Rolle ge- damit ihre Vektorsumme (blau) die Gewichtskraft
führt, so muss die Halterung der Rolle die Vek- es Handtuchs noch kompensieren kann. Auf der
torsumme der beiden dem Betrag nach gleichen anderen Seite spart eine schiefe Ebene Kraft: Über
Kräfte FG und –F aufnehmen und durch eine Ge- eine schräge Latte (. Abb. 2.21) kann der Arbei-
genkraft Fh kompensieren (. Abb. 2.19). Die drei ter eine Schubkarre auf das Baugerüst bugsieren,
Kräfte FG, –F und Fh bilden aneinandergesetzt ein obwohl er sie nicht hochheben könnte. Er muss
geschlossenes Dreieck, sie summieren sich also zu nur gegen die Komponente F1 der Gewichtskraft
Null, wie es im Gleichgewicht eben sein muss. FG parallel zur Latte anschieben. Die Komponente
40 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

F2 senkrecht zur Latte wird von den Verformungs- Die Gravitation der Erde wirkt weit hinaus in den
1 kräften der Latte kompensiert. Weltraum, sie wirkt aber auch auf alle Gegen-
stände im Lebensraum des Menschen. Dadurch
2 wird jeder Stein, jeder Mensch, jeder Kartoffel-
2.2.2 Gewichtskraft und Gravitation sack von der Erde mit seiner jeweiligen Gewichts-
3 Die Behauptung, eine Federwaage kompensiere mit
kraft FG angezogen und zieht seinerseits die Erde
mit der gleichen starken, aber entgegengesetzten
der elastischen Kraft ihrer Schraubenfeder die Ge- Kraft an! Das scheint auf den ersten Blick unplau-
4 wichtskraft der angehängten Last, sagt nur die hal- sibel. Aber die Erde hat ja eine viel größere Mas-
be Wahrheit. Um eine Feder zu dehnen, muss man se als der Sack und reagiert deshalb auf die Anzie-
5 an beiden Enden ziehen. Die Federwaage funkti- hungskraft praktisch nicht.
oniert nur, wenn sie am oberen Ende festgehalten Die Gewichtskräfte, an die der Mensch sich
wird. Dort überträgt sie ihre Federkraft (plus eige- gewöhnt hat, werden durch Masse und Radius
6 ne Gewichtskraft) auf die Halterung. Diese stützt der Erdkugel bestimmt und sind, dem Gravitati-
sich ihrerseits über Gestell, Tischplatte, Fußboden onsgesetz zufolge, der Masse m des Probekörpers
7 und Mauerwerk auf den Baugrund, überträgt also streng proportional. Einsetzen der Größen liefert
mit all den zugehörigen Gewichtskräften auch die im Mittel:
8 der Last an der Federwaage auf die Erde. Woher
FG = m · 9,81 N/kg.
nimmt diese jetzt die Gegenkraft?
Ursache aller Gewichtskräfte ist die Gravita- Die Konstante ist genau die Fallbeschleuni-
9 tion, eine in ihren Details noch nicht völlig er- gung g aus 7 Kap. 2.1.3. Das ergibt sich aus dem
forschte Eigenschaft der Materie, nur mit deren 2. Newton’schen Gesetz, das aber erst in 7 Kap. 2.3
10 Masse verknüpft, also mit der in Kilogramm ge- behandelt wird.
messenen physikalischen Größe, und nicht mit
Merke
11 der chemischen Natur der Materie oder mit ihrem
Aggregatzustand. Die Gravitation beherrscht die Schwerkraft = Masse mal Fallbeschleunigung
Himmelsmechanik, den Lauf der Planeten um die
12 Sonne, den Lauf der Sonne um das Zentrum der
FG  m ¸ g

Milchstraße, den Lauf der Wettersatelliten um die


13 Erde. Ihre Wirkung sind durch nichts beeinfluss-
3Wäre die Erde eine mathematische Kugel mit ho-
bare Kräfte, mit denen sich alle materiellen Kör- mogen verteilter Massendichte, so wäre die letzte Glei-
14 per gegenseitig anziehen.
Das Gravitationsgesetz besagt: Zwei Massen m1
chung überall auf der Erdoberfläche mit dem gleichen
Zahlenwert gültig. Tatsächlich gilt aber in Djakarta FG/
und m2 im Abstand r ziehen sich gegenseitig mit m = 9,7818 N/kg und am Nordpol FG/m = 9,8325 N/kg.
15 einer Kraft F parallel zu der Verbindungslinie zwi-
schen den Massen an, die zu beiden Massen pro-
16 portional ist und umgekehrt proportional zu r2: 2.2.3 Arbeit und Energie
m ¸m
FG  G 1 2 2 .
Es macht Mühe, eine Last zu heben; herunter fällt
17 r
Hier erscheint die sie von allein. Aber auch, wenn die Last wieder
Gravitationskonstante G = 6,68 · 10–11 Nm2/kg2. herunterfällt, war doch die Mühe des Anhebens
18 nicht ganz vergebens, denn beim Herunterfallen
Merke kann etwas bewirkt werden und sei es nur, dass
19 Gravitation: Massen ziehen sich an (Naturge-
die Last kaputtgeht. Die Physik beschreibt die-
se Vorgänge mit den Größen Arbeit und Energie.
setz). Gravitationskraft: Mensch oder Kran leisten beim Heben der Last
20 m ¸m
FG  G 1 2 2 Arbeit oder Hubarbeit, die von der Last als poten-
r tielle Energie gespeichert wird. Beim Herabfallen,
2.2 · Kraft, Drehmoment, Energie
41 2

-rollen oder -gleiten wird dann diese Energie wie-


der freigesetzt. Der Begriff Arbeit ist in der Physik
eine recht klar und einfach definierte Größe und
wird viel enger verstanden als in der Umgangs-
sprache. Die zu leistende Hubarbeit ist umso grö-
ßer, je höher die Hubhöhe %h ist, um die die Last
gehoben wird. Das Heben einer schwereren Last 1 2 3 4

mit größerer Gewichtskraft FG bedarf auch einer


größeren Arbeit. Es liegt also nahe, die Hubarbeit
W als das Produkt aus beidem festzulegen: s

W  FG ¸ %h

Hebt man die Last mit einem Flaschenzug an


(. Abb. 2.22), so spart man Kraft, Arbeit spart F
man nicht. Zwar ist die Kraft F, mit der gezogen
∆h
werden muss, aufgrund der trickreichen Rollen-
konstruktion geringer als die Gewichtskraft FG,
aber das Seil muss auch die längere Strecke s ge- FG
zogen werden. Das Produkt aus beidem bleibt
gleich:
. Abb. 2.22. Flaschenzug (Einzelheiten im Text)
W  F ¸ s  FG ¸ %h

3Im Flaschenzug verteilt sich die Gewichtskraft FG


dernen Alltag ist sie zu klein; dort benutzt man
der Last gleichmäßig auf die n Teilstücke des Seiles. Die lieber die Kilowattstunde (1 kWh = 3.600.000 J).
Gegenkraft F braucht deshalb nur die Teilkraft FG/n zu Sie hat einen Kleinhandelswert von etwa 12 Cent.
kompensieren. Zum Heben der Last um %h muss frei- Im Lebensmittelbereich taucht manchmal noch
lich jedes Teilstück des Seiles entsprechend verkürzt die Kalorie (cal) auf, in der Atomphysik das Elek-
werden, das gesamte Seil also um s = n · %h. tronenvolt (eV).

Die durch das Heben der Last hinzugewonnene Merke


potentielle Energie %Wpot entspricht gerade dieser SI-Einheit der Energie: Newtonmeter (Nm) =
geleisteten Hubarbeit. Man kann also auch schrei- Joule (J) = Wattsekunde (Ws)
ben: Weitere Einheiten:
%Wpot  FG ¸ %h. Kilowattstunde: 1 kWh = 3.600.000 J
Elektronenvolt: 1 eV = 1,602 · 10–19 J
Arbeit und Energie haben die gleiche Einheit Kalorie 1 cal = 4,184 J
und sind eng verwandt.

Merke Anders als Arbeit ist Energie ein recht komplizier-


Potentielle Energie beim Heben: ter und sehr vielschichtiger Begriff in der Physik.
%Wpot  m ¸ g ¸ %h Energie hat die bemerkenswerte Eigenschaft, in
mancherlei unterschiedlichen Formen auftreten
zu können und sich von der einen in die andere
Aus diesem Zusammenhang folgt, dass die Ener- überführen zu lassen; insofern ist sie wandelbar.
gie in der Einheit Newtonmeter (Nm) gemessen Sie kann aber weder geschaffen noch vernichtet
werden kann. Sie wird auch Joule (J) genannt und werden; insofern ist sie unwandelbar, ihr Betrag
ist per definitionem gleich der Wattsekunde (Ws), bleibt konstant.
der Einheit der elektrischen Energie. Für den mo-
42 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

Ohne elektrische Energie, leicht zugänglich be-


1

Energie W
reitgestellt von jeder Steckdose, kann sich man-
cher ein Leben gar nicht mehr vorstellen. Gewon-
2 nen wird sie überwiegend aus chemischer Energie,
durch Verbrennung von Kohle und Erdöl nämlich.
3 Auch Mensch und Tier decken den Energiebedarf
ihres Organismus aus chemischer Energie, enthal-
ten in der Nahrung. Pflanzen haben sie vorher ge-
4 speichert, aus von der Sonne stammender Strah- 0
lungsenergie. Die Sonne bezieht sie aus Kernen- Längenänderung ∆l

5 ergie, die grundsätzlich bei jeder spontanen Um- . Abb. 2.23. Potentielle Energie einer Feder. Zum linearen
wandlung von chemischen Elementen durch Ra- Kraftgesetz einer Schraubenfeder (. Abb. 2.13) gehört eine
dioaktivität, Kernspaltung oder Kernfusion frei
6 wird. Im Gedankenversuch auf dem Papier lässt
parabolische Abhängigkeit der potentiellen Energie von der
Dehnung (Stauchung gestrichelt)
sich Energie aus jeder Form vollständig in jede
7 andere Form überführen; in der Praxis bleibt frei-
lich stets mehr oder weniger Wärmeenergie übrig.
Fh
8 Die eben besprochene potentielle Energie beim α
Heben ist in dieser Liste nur eine Sonderform der
F
mechanischen Energie, die immer dann umge-
9 setzt wird, wenn irgendwer irgendwas gegen ir-
gendeine Kraft verschiebt, z. B. einen Wagen ge-
10 gen die Reibungskraft seiner Räder, das Ende ei- . Abb. 2.24. Ziehen: Nur die horizontale Komponente der
Zugkraft leistet Arbeit
ner Schraubenfeder gegen deren elastische Kraft
11 oder auch sich selbst die Treppe hinauf gegen die
eigene Gewichtskraft. gie der angehobenen Last auf die Oberkante des
Ist die Kraft F nicht konstant wie die Gewichts- Labortisches, auf Meereshöhe, auf das Zentrum
12 kraft FG beim Heben, sondern eine Funktion F(s) der Erde oder auf sonst ein Niveau bezieht. Ände-
der Position s, so genügt die einfache Multiplikati- rungen der potentiellen Energie werden von der
13 on zur Berechnung der Arbeit nicht mehr; die Flä- Wahl des Nullpunkts nicht beeinflusst.
che unter dem Funktionsgraphen F(s) muss durch Kräfte sind Vektoren, die Energie ist ein Skalar.
14 Integration bestimmt werden: Wer sich nach Art der . Abb. 2.24 vor einen Wa-
s2 gen spannt, zieht um den Winkel B schräg nach
W  ¨ F (s ) ¸ d s oben. Mit der vertikalen Komponente seiner Zug-
15 s1
kraft F entlastet er lediglich die Vorderachse sei-
Bei der Schraubenfeder mit ihrem linearen nes Wagens; nur die horizontale Komponente mit
16 Kraftgesetz F(s) = D · s (7 Kap. 2.2.1) ergibt sich dem Betrag
die potentielle Energie der zusammengedrückten
Fh = F · cos B
Feder analog zum freien Fall (7 Kap. 2.1.3):
17 dient dessen Bewegung. Sie allein zählt bei der Be-
Wpot (s) 1 2 D ¸ s 2 W0
rechnung der geleisteten Arbeit:
18 Als Graph kommt also eine Parabel heraus
W = F · %s · cos B.
(. Abb. 2.23).
19 Hier zeigt sich eine merkwürdige Eigenschaft Diese Formel lässt offen, ob man die Kompo-
der potentiellen Energie: Wpot lässt sich über- nente der Kraft in Richtung des Weges in sie ein-
haupt nur definieren bis auf eine willkürliche ad- gesetzt hat oder die Komponente des Weges in
20 ditive Konstante W0; es ist grundsätzlich gleichgül- Richtung der Kraft. Mathematisch handelt es sich
tig, ob man den Nullpunkt der potentiellen Ener- um das skalare Produkt der beiden Vektoren F und
2.2 · Kraft, Drehmoment, Energie
43 2

s (7 Kap. 1.4). Sind F und B nicht konstant, muss


integriert werden, und zwar über dieses skalare
Produkt zweier Vektoren. Es ergibt sich ein sog.
Linienintegral, das man sich nicht mehr so ohne
weiteres als eine Fläche unter einem Funktions-
graphen vorstellen kann. Es bedeutet, dass man
den Gesamtweg in viele kurze fast gerade Wegstü-
cke zerlegt und dann die auf diesen Wegstücken
geleistete Arbeit summiert. . Abb. 2.25. Keine Arbeit: Wer einen Mehlsack horizontal
Ohne Weg keine Arbeit! Als „Weg“ zählt aber über den Hof trägt, leistet keine mechanische Arbeit gegen
nur dessen Komponente in Richtung der Kraft. die Schwerkraft

Wer sich einen Mehlsack auf die Schultern lädt,


leistet Arbeit, Hubarbeit nämlich. Wer den Sack So wandelbar die Erscheinungsformen der
dann aber streng horizontal über den Hof trägt Energie sind, so unwandelbar ist ihr Betrag. Der
(. Abb. 2.25), leistet im Sinn der Mechanik keine „Satz von der Erhaltung der Energie“, der Energie-
Arbeit mehr. Dass er trotzdem ermüdet, ist seine satz also, gilt zuverlässig.
Ungeschicklichkeit: Hätte er einen Wagen gebaut
und sorgfältig alle Reibung vermieden, so hät- Merke
te er den Sack, einmal aufgeladen, mit dem klei- Energiesatz: Energie kann weder ins Nichts
nen Finger über den Hof schieben können, ohne verschwinden noch aus dem Nichts entstehen,
Arbeit, weil (praktisch) ohne Kraft. Weg und Ge- sie kann lediglich von einer Energieform in ei-
wichtskraft stehen senkrecht aufeinander, ihr ska- ne andere umgewandelt werden.
lares Produkt ist null.

Merke Keinem Naturgesetz ist so viel Aufmerksamkeit


gewidmet, keines ist so oft und so sorgfältig über-
„Arbeit = Kraft · Weg“: W  F ¸%s
prüft worden wie der Energiesatz. Schon bevor er
entdeckt wurde, haben zahlreiche Erfinder ver-
Klinik geblich versucht, ihn durch die Konstruktion ei-
Halten macht auch Mühe. Reine Haltebetäti- nes Perpetuum mobile experimentell zu widerle-
gung leistet keine mechanische Arbeit; der Weg gen. Darum darf man sich von häufig benutzen
fehlt. Für sie Energie einzusetzen, ist Verschwen- Vokabeln wie „Energieerzeugung“ oder „Energie-
dung, kann aber manchmal nicht verhindert verbrauch“ nicht irreleiten lassen.
werden. Das gilt zum Beispiel für äMuskeln. Wer arbeitet, leistet etwas; wer schneller arbei-
Sie können sich unter Kraftentwicklung zusam- tet, leistet mehr. Nach diesem Satz leuchtet die fol-
menziehen und dabei mechanische Arbeit leis- gende Definition der physikalischen Größe Leis-
ten, beim Klimmzug etwa oder beim Aufrichten tung unmittelbar ein:
aus der Kniebeuge. Ein Muskel muss aber auch Energie dW
dann Energie umsetzen, wenn er sich lediglich Leistung P ,
Zeitspanne dt
von einer äußeren Kraft nicht dehnen lassen
will. Die Natur hat Mensch und Tier so konstru- SI-Einheit ist Joule/Sekunde = Watt = W.
iert, dass im Allgemeinen nur wenig Muskelar-
beit für reine Haltebetätigung eingesetzt wer- Merke
den muss. Wer aufrecht steht, den trägt im We-
Leistung P  dW ,
sentlichen sein Skelett. Wer aber in halber Knie- dt
beuge verharrt, dem zittern bald die Knie. SI-Einheit 1 J/s = 1 Watt = 1 W.
44 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

Um die Reaktionen des menschlichen Organis- 2.2.4 Kinetische Energie


1 mus auf körperliche Belastung zu untersuchen,
benutzt der Sportarzt gern das sog. Fahrradergo- Lässt man einen Stein (der Masse m) fallen, so ver-
2 meter. Man setzt sich auf den Sattel eines stationä- liert er potentielle Energie. Wo bleibt sie, da Ener-
ren „Fahrrades“ und hält die Tretkurbel in Gang. gie doch nicht verschwinden kann? Lässt man ei-
3 Die dem Sportler dabei abverlangte Leistung wird nen Stein fallen, so gewinnt er Geschwindigkeit v;
von einer Elektronik auf voreingestellten Werten zu ihr gehört
konstant gehalten. 20 W, einer schwachen Nacht-
4 tischlampe entsprechend, sind leicht zu leisten;
kinetische Energie Wkin = ½ m v2.

100 W, notwendig für eine kräftige Arbeitsplatz-


3Dass diese Definition zumindest insofern vernünf-
5 beleuchtung, machen schon einige Mühe. 500 W
tig ist, als sie sich mit Energiesatz und Fallgesetz ver-
für einen Toaströster kann der Mensch nur für
trägt, sieht man leicht: Nach der Fallzeit %t hat der
kurze Zeit liefern. Wollte man die so gewonnene
6 elektrische Energie verkaufen, so käme man al-
Stein die Geschwindigkeit v = g · %t erreicht, die Stre-
cke %s = ½ g · %t2 durchfallen und die potentielle En-
lenfalls auf einen Cent Stundenlohn; der Mensch ergie
7 ist zu wertvoll, um als reine Muskelkraftmaschine m · g · %s = m · g · ½ · g · %t2 = ½ · m · g2 · %t2 = ½ · m · v2
verschlissen zu werden. Übrigens kann man auch in kinetische Energie umgesetzt.
8 ohne Ergometer die Leistungsfähigkeit seiner Bei-
Merke
ne überprüfen: Man muss nur mit der Stoppuhr in
der Hand eine Treppe hinauflaufen (. Abb. 2.26).
9 Kinetische Energie
Wkin = ½ m · v2
Rechenbeispiel 2.5: Kleinwagen
10 7 Aufgabe. Ein flotter Kleinwagen wiege 1000 kg
und habe eine maximale Motorleistung von 66 kW Ein Musterbeispiel für ständige Umwandlung ki-
11 (entspricht 90 PS). Wie schnell kann er günstigs- netischer Energie in potentielle und umgekehrt
tenfalls einen 500 m hohen Berg hinauffahren? liefert das Fadenpendel (. Abb. 2.27). Die erste
7 Lösung. Die zu leistende Hubarbeit ist Auslenkung von Hand hebt den Schwerpunkt der
12 W  h ¸ m ¸ g  500 m ¸1000 kg ¸ g  4, 9 ¸ 106 J. Leis- Kugel um die Hubhöhe %h an, erhöht also die po-
tet das Auto konstant 66 kW, so braucht es für die- tentielle Energie um
13 se Arbeit die Zeit
%Wpot = m g %h.
4, 9 ¸106 J
t  74, 3 s.
66 kW
14 Dieser Betrag ist dann voll in kinetische Ener-
gie umgewandelt worden, wenn das Pendel durch

15
16
17 ∆h

18
∆h
19
20 . Abb. 2.27. Energieerhaltung beim Fadenpendel. Beide
Umkehrpunkte liegen um die gleiche Höhe %h über dem
. Abb. 2.26. Leistung beim Treppesteigen Tiefstpunkt der Ruhelage
2.2 · Kraft, Drehmoment, Energie
45 2

seine Ruhelage schwingt; es tut dies mit der Ge- wandelt sie in Wärme um. Auch zur Wärme ge-
schwindigkeit v0: hört kinetische Energie, die der ungeordneten Be-
wegung einzelner Atome und Moleküle nämlich.
Wkin = ½ m · v02 = %Wpot.
Diese Unordnung hat aber eine so grundsätzliche
Daraus folgt Bedeutung, dass die Wärme mit vollem Recht als
v0  2 ¸ %Wpot / m  2 ¸ g ¸ %h eigene Energieform angesehen wird.

Hinter der Ruhelage wandelt sich kineti-


sche Energie wieder in potentielle um, und zwar
so lange, bis die Pendelkugel in ihrem Umkehr- Rechenbeispiel 2.6: Beschleunigung des flot-
punkt zur Ruhe kommt. Sie tut dies auf der Hö- ten Kleinwagens
he %h über dem Tiefstpunkt. Von nun an wieder- 7 Aufgabe. Unser Kleinwagen (m = 1000 kg, Mo-
holt sich das Spiel periodisch. Auf die Höhe %h torleistung 66 kW) beschleunige aus dem Stand
steigt die Kugel auch dann, wenn man ihrem Fa- 10 Sekunden lang mit maximaler Leistung. Welche
den ein Hindernis in den Weg stellt (Fangpendel Geschwindigkeit hat er dann erreicht? Reibung
– . Abb. 2.28). wollen wir in dieser Abschätzung vernachlässigen.
Die Geschwindigkeit v0, mit der das Pendel 7 Lösung. Die vom Motor geleistete Arbeit er-
durch seine Ruhelage schwingt, hängt nur von höht die kinetische Energie des Autos:
der Hubhöhe %h ab, nicht von der Masse, nicht 1 2
2 m¸v  66 kW ¸10 s
von der Fadenlänge, nicht von der Form der Bahn.
2 ¸ 66 kW ¸10 s
v0 stimmt mit der Geschwindigkeit eines Kör- º v  36, 3 m/s  130,8 km/h
1000 kg
pers überein, der die Strecke %h aus der Ruhe frei
durchfallen hat. Hier zeigt sich der Vorteil einer so
allgemein gültigen Beziehung wie der des Ener- Rechenbeispiel 2.7: Ein letzter Wurf vom Turm
giesatzes: das Kind auf der Schaukel, der Skisprin- 7 Aufgabe. Nun haben wir noch eine andere Art
ger am Schanzentisch, der Wagen der Achterbahn, kennen gelernt, wie wir im Rechenbeispiel 2.3 (ho-
der Apfel, der vom Baum fällt: für alle Geschwin- rizontaler Wurf vom Turm mit v0 = 15 m/s) die Auf-
digkeiten gilt das gleiche Gesetz … treffgeschwindigkeit auf den Boden berechnen
… sofern man die Reibung vernachlässigen können. Es geht auch mit dem Energiesatz. Wie?
darf. Reibung führt zu einer Kraft, die die Bewe- 7 Lösung. Der Stein startet mit der kineti-
gung abbremst (7 Kap. 2.3.2). Auch gegen diese schen Energie 1 2 m ¸ v02. Beim Fallen vom Turm
Reibungskraft muss Arbeit geleistet werden; frü- wird zusätzlich noch die potentielle Energie
her oder später zehrt sie die kinetische Energie m ¸ g ¸10 m in kinetische Energie umgewandelt.
jeder sich selbst überlassenen Bewegung auf und Die gesamte kinetische Energie beim Auftreffen
ist also: Wkin  1 2 m ¸ v 2  1 2 m ¸ v02 m ¸ g ¸10 m .
Daraus ergibt sich für die Geschwindigkeit v beim
Auftreffen:
v 2  v02 2 g ¸10 m
2
º v 15 ms
2g ¸10 m  20, 5 m/s.
Das hatten wir schon einmal herausbekommen.
Der Abwurfwinkel geht in diese Rechnung gar
∆h nicht ein. Die Auftreffgeschwindigkeit ist tatsäch-
lich immer gleich, unabhängig davon, in welche
. Abb. 2.28. Energieerhaltung beim Fangpendel. Auch
Richtung wir werfen. Nicht unabhängig vom Win-
jetzt liegen beide Umkehrpunkte auf gleicher Höhe und um kel ist natürlich die Wurfweite. Bei ihrer Berech-
%h über dem Tiefstpunkt nung hilft der Energiesatz nicht.
46 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

Kinetische Energie wandelt sich freiwillig in


1 Wärme um, immer und unvermeidlich: Vollkom-
men lässt sich Reibung nicht ausschalten. Zuwei-
2 len wird sie sogar dringend gebraucht, z. B. dann,
wenn ein schnelles Auto plötzlich abgebremst
3 werden muss, um eine Karambolage zu vermei-
den. Dann soll sich viel kinetische Energie rasch
in Wärme umwandeln: Die Bremsen werden heiß.
4 Gelingt dies nicht schnell genug, so entsteht die
l1
restliche Wärme bei plastischer Verformung von
l2
5 Blech.
. Abb. 2.29. Arm und Bizeps. Als einarmiger Hebel: Kraft und
6 2.2.5 Hebel und Drehmoment
Last greifen, auf die Drehachse (Ellbogengelenk) bezogen, auf
der gleichen Seite an; der Hebelarm des Muskels (l1 ~ 30 mm)
ist wesentlich kleiner als der Hebelarm (l2 ~ 30 cm) der Hantel
7 Die Skelette der Wirbeltiere bestehen aus einer
Vielzahl von Hebeln. Dazu gehört auch der linke Hebel zwei Bedingungen erfüllen, die sich im re-
8 Unterarm des Menschen (. Abb. 2.29). Hält man alen Experiment nur näherungsweise verwirkli-
ihn horizontal, in der Hand eine Hantel, so ver- chen lassen: Der Hebel soll einerseits starr sein,
sucht deren Gewichtskraft, das Ellbogengelenk sich also weder dehnen, noch stauchen, noch ver-
9 zu öffnen. Der Bizeps kann das aber verhindern. biegen lassen, und andererseits masselos, also kei-
Weil er dicht neben dem Ellbogen am Unterarm ne Gewichtskraft haben.
10 angreift, muss seine Muskelkraft allerdings deut- Dann spielt der Hebel in einer Situation, wie
lich größer sein als die Gewichtskraft der Hantel; sie . Abb. 2.30 darstellt, keine Rolle: Die Feder-
11 der Bizeps „sitzt am kürzeren Hebelarm“. In sei- waage muss so oder so die Gewichtskraft über-
ner einfachsten Form lautet das Hebelgesetz: nehmen. Man kann aber auch sagen, Kraftarm
und Lastarm seien gleich, und darum müssten es
12 Kraft mal Kraftarm = Last mal Lastarm.
Kraft und Last ebenfalls sein. Halbiert man den
Es liegt nahe, die Gewichtskraft der Hantel als Lastarm (. Abb. 2.31), so kommt die Federwaage
13 „Last“ zu bezeichnen und die Muskelkraft des Bi- mit der halben Kraft aus. Umgekehrt muss sie die
zepses als „Kraft“. Umgekehrt geht es aber auch. doppelte Kraft aufbringen, wenn man ihren He-
14 Länge des Hebelarms ist der Abstand zwischen belarm halbiert (. Abb. 2.32). Das Spiel lässt sich
dem Angriffspunkt der jeweiligen Kraft und der auf vielerlei Weise variieren. Was immer man tut,
Drehachse. Für den Bizeps sind das ungefähr im Gleichgewicht gilt das Hebelgesetz, das sich
15 30 mm (l1 in . Abb. 2.29), während der Unterarm jetzt auch mathematisch formulieren lässt. Nennt
etwa 30 cm lang ist (l2). man die Beträge der Kräfte von „Kraft“ und „Last“
16 F1 und F2 und die zugehörigen Hebelarme l1 und
Merke l2, so ist
17 Einfachste Form des Hebelgesetzes: l1 · F1 = l2 · F2
Kraft mal Kraftarm = Last mal Lastarm.
die Bedingung des Gleichgewichts, die Bedingung
18 dafür, dass der Hebel ruhig bleibt und sich nicht
Empirisch lässt sich das Hebelgesetz z. B. mit ei- bewegt.
19 ner Stange untersuchen, die am linken Ende dreh- Die letzte Gleichung ignoriert, dass Kräfte und
bar gelagert ist und in Längsrichtung verschieb- Hebelarme Vektoren sind; sie kann sich das leis-
bare Haken besitzt, nach unten zum Anhängen ten, weil sie nur einen Sonderfall zu beschreiben
20 von Gewichtsklötzen, nach oben zum Einhängen braucht: horizontale Hebelarme l und vertika-
von Federwaagen. Im Gedankenversuch soll der le Gewichtskräfte F, also rechte Winkel zwischen
2.2 · Kraft, Drehmoment, Energie
47 2

. Abb. 2.33. Bizeps. Im Allgemeinen greift der Bizeps schräg


am Unterarm an
. Abb. 2.30. Hebel 1. Die Federwaage kompensiert die Ge-
wichtskraft, ob der Hebel nun da ist oder nicht. Die blauen Pfei-
le zeigen die Kraftvektoren

. Abb. 2.34. Hebel 4. Auch die Federwaage kann schräg am


Hebel angreifen

. Abb. 2.31. Hebel 2. Hängt man die Last auf halben Hebel-
arm, so braucht die Federwaage nur die halbe Kraft aufzubrin-
gen. Die andere Hälfte liefert das Lager

Fv
FF

β
Fh

. Abb. 2.35. Komponentenzerlegung. Nur die Vertikalkom-


ponente FV der Federkraft FF hat Bedeutung für das Hebelge-
setz

. Abb. 2.32. Hebel 3. Wird der Kraftarm halbiert, so muss die


Kraft verdoppelt werden funktionen Sinus und Kosinus unmittelbar auszu-
rechnen:
l und F. Beim Unterarm gilt das nicht; selbst wenn
Fv = FF · sin C; Fh = FF · cos C.
er waagerecht gehalten wird, zieht der Bizeps, ab-
hängig von der Position des Oberarms, im Allge- Dadurch bekommt das Hebelgesetz die Ge-
meinen schräg nach oben (. Abb. 2.33). Im Mo- stalt
dellversuch kann man diesen Fall dadurch nach-
l1 · Fv1 = l2 · Fv2
bilden, dass man die Federwaage ebenfalls schräg
nach oben ziehen lässt, mit einem Winkel C zwi- und ausmultipliziert die Form
schen ihr und dem Hebelarm (. Abb. 2.34). Dann
l1 · F1 · sin C1 = l2 · F2 · sin C2.
hat nur die vertikale Komponente Fv der Feder-
kraft F Bedeutung für das Hebelgesetz, während Man kann den Sinus des Winkels zwischen
die horizontale Komponente Fh lediglich den He- Kraft und Hebelarm auch anders deuten, näm-
bel zu dehnen versucht und letztlich vom Achsla- lich durch die Definition eines sog. effektiven
ger aufgefangen werden muss (. Abb. 2.35). Das Hebelarms leff. Er ist der kürzeste Abstand zwi-
Kräftedreieck ist rechtwinklig und erlaubt darum, schen der Drehachse und der Kraftwirkungslinie
die Beträge der Komponenten mit den Winkel- (. Abb. 2.36), steht also senkrecht auf beiden:
48 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

G
1 Drehachse œT  0
l β
Mechanische Energie und Drehmoment wer-
2 leff den beide in Newtonmeter gemessen, denn sie
sind beide Produkte von jeweils einer Kraft und
3 Kraftwirkungslinie einer Länge, dem Schubweg bzw. dem Hebelarm.
Der Einheit sieht man nicht an, dass es sich beim
. Abb. 2.36. Effektiver Hebelarm. Zur Definition des effekti- Drehmoment um ein vektorielles, bei der Ener-
4 ven Hebelarms leff und der Kraftwirkungslinie
gie aber um ein skalares Produkt zweier Vektoren
handelt. Die Namen Joule und Wattsekunde blei-
5 leff = l · sin C. ben aber der Energie vorbehalten.

In dieser Interpretation schreibt sich das He- Rechenbeispiel 2.8: Oktoberfest


6 belgesetz 7 Aufgabe. Welche Kraft muss der Bizeps einer
Kellnerin auf dem Oktoberfest ungefähr entwi-
7 leff 1 · F1 = leff 2 · F2,
ckeln, wenn sie in jeder Hand sechs volle Maßkrüge
was ausmultipliziert zu dem gleichen Ergebnis trägt? Ein voller Krug hat eine Masse von etwa 2 kg.
8 führt. Mathematisch spielt es keine Rolle, ob man Die Maße der Arme entnehme man . Abb. 2.26.
den Sinus der Kraft zuordnet (Komponentenzer- 7 Lösung. Der Bizeps sitzt am kürzeren Hebel und
legung) oder dem Hebelarm (effektiver Hebel- muss die zehnfache Gewichtskraft aufbringen:
9 arm); nur darf man nicht beides zugleich tun. 30 cm
F ¸12 kg ¸ g  1177 N
30 mm
10 Merke

In der einfachsten Form des Hebelgesetzes


11 stehen entweder „Kraft“ und „Last“ für deren 2.2.6 Die Grundgleichungen des
Komponenten senkrecht zum Hebelarm oder Gleichgewichts
12 „Kraftarm“ und „Lastarm“ für die effektiven He-
Die Überlegungen des vorigen Kapitels unter-
belarme.
stellen als selbstverständlich, dass die Position
13 der Achse, um die sich ein Hebel drehen kann, im
Unabhängig von diesen beiden Deutungen bie- Raum unverrückbar festliegt. Wie man das tech-
14 tet die Mathematik ihr vektorielles Produkt zwei-
er Vektoren an. Die Physik folgt dem Angebot und
nisch erreicht, wurde nicht gesagt, in den Zeich-
nungen nur angedeutet. Mit etwas Phantasie kann
definiert eine neue physikalische Größe, das man etwa . Abb. 2.32 Folgendes entnehmen:
15 G G G Zwei quer am linken Ende des Hebels befestigte
Drehmoment T  l q F
Achsstummel stecken drehbar in passenden Lö-
16 Es steht senkrecht auf l und F und liegt dem- chern des Lagerklotzes, der selbst über eine nicht
zufolge parallel zur Drehachse. gezeichnete Halterung zunächst vermutlich mit
einem Tisch, am Ende aber mit dem Erdboden
17 Merke starr verbunden ist. Versucht nun eine von au-
Drehmoment: Vektorprodukt aus Hebelarm ßen angreifende Kraft den Hebel wegzuziehen, so
18 und Kraft hält der Lagerklotz den Hebel dadurch fest, dass
G G G er durch winzige elastische Verformungen auf die
T  l qF
19 Achsstummel die dort erforderliche Lagerkraft
ausübt. In . Abb. 2.32 ist diese Lagerkraft auch
Vom Hebel wird erwartet, dass er sich nicht dreht. eingezeichnet und nach unten gerichtet. Warum
20 Dazu müssen sich Drehmoment und Gegendreh- aber war es im vorigen Kapitel erlaubt, diese La-
moment gegenseitig kompensieren: gerkraft mit keinem Wort zu erwähnen?
2.2 · Kraft, Drehmoment, Energie
49 2

Wichtigste physikalische Größe beim Hebel ist 2.2.7 Gleichgewichte


das Drehmoment T, im vorigen Kapitel als Kreuz-
G G G aus Hebelarm l und Kraft F beschrieben:
produkt Regen Gebrauch vom Hebelgesetz macht zunächst
T  l q F . Der Hebelarm reicht von der Drehach- einmal die Natur, etwa bei den Skeletten der Wir-
se bis zur Kraftwirkungslinie. Nun greift eine La- beltiere und den zugehörigen Muskeln; regen
gerkraft allemal an der Achse an. Folglich liefert Gebrauch macht aber auch die Technik, z. B. bei
sie mangels Hebelarm kein Drehmoment; folglich den Balkenwaagen, die zwei von massenpropor-
kann das Hebelgesetz ohne Lagerkräfte formu- tionalen Gewichtskräften erzeugte Drehmomen-
liert werden. Damit der Hebel aber auch wirklich te miteinander vergleichen. Die Waage der Justi-
im statischen Gleichgewicht ist, muss auch noch tia, auch Apothekerwaage genannt (. Abb. 2.37),
das gelten, was in 7 Kap. 2.2.1 formuliert wurde: besitzt einen genau in der Mitte gelagerten zwei-
Die Summe aller an den Hebel angreifenden Kräf- armigen Hebel, den Waagebalken. Die Gleich-
te muss null sein. Die Summe der Kraft, die das heit der Hebelarme ist hier unerlässlich; jede Ab-
Gewicht ausübt und der Kraft, die die Federwaage weichung würde zu einem systematischen Feh-
ausübt, ist aber in . Abb. 2.32 keineswegs gleich ler führen. Das Waagegut wird dann mit passen-
null, da die Kraft der Federwaage doppelt so groß den Stücken aus einem Gewichtssatz verglichen.
ist. Also muss das Lager mit einer nach unten ge- Moderne Waagen freilich zeigen ihren Messwert
richteten Kraft, die hier genauso groß ist, wie die elektronisch an und verraten nicht, wie sie das
Kraft des Gewichts, für den Ausgleich sorgen. Tä- machen.
te das Lager dies nicht, so würde der Hebel nach Im Gleichgewicht geht die Apothekerwaage in
oben wegschlagen. Ruhestellung, Waagebalken horizontal. Unbelastet
Entsprechend sind in den . Abb. 2.31 bis 2.34 tut sie dies auch. Wieso eigentlich?
die Lagerkräfte eingezeichnet. Nur in der Situa- Hängt man irgendeinen Körper nacheinan-
tion von . Abb. 2.30 hat das Lager nichts zu tun der an verschiedenen Punkten auf und zieht man
(außer natürlich den Hebel zum Teil zu tragen, von jedem Aufhängepunkt eine Gerade senkrecht
aber dessen Gewicht sollte ja vernachlässigbar nach unten, so treffen sich alle Geraden in einem
sein). Punkt, dem Schwerpunkt (. Abb. 2.38). Bei der
Bei Kräften und Drehmomenten denkt man Gewichtskraft darf man so tun, als sei die gesamte
instinktiv immer auch an Bewegungen, die sie ja Masse eines Körpers in seinem Schwerpunkt kon-
grundsätzlich auslösen können, die in der Statik zentriert; man bezeichnet ihn deshalb auch als
aber ausdrücklich ausgeschlossen werden. Häu- Massenmittelpunkt. Er kann außerhalb des Kör-
ser und Brücken sollen schließlich stehen bleiben pers liegen, z. B. beim Hufeisen. Der Mensch kann
und nicht einstürzen. Dazu müssen sich alle Kräf-
te F und Drehmomente T gegenseitig aufheben:
G G
œ Fi  0 und œ Ti  0.
i i

Merke

Die Bedingungen der Ruhe: Nicht nur die Sum-


me der Drehmomente, auch die der Kräfte
muss Null sein:
G G
œ Fi  0; œ Ti  0
i i

. Abb. 2.37. Einfache Balkenwaage


50 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

1 U
A B
S
2 B A

S
3
4 . Abb. 2.38. Schwerpunkt. Der Schwerpunkt S eines frei
hängenden Körpers begibt sich unter den Aufhängepunkt
5 . Abb. 2.40. Apothekerwaage. Außerhalb des Gleichge-
wichtes liegt der Schwerpunkt S des Waagebalkens nicht un-
seinen Schwerpunkt sogar durch Körperbewegun-
6 gen verlagern, auch nach außen. Einem vorzügli-
ter dem Unterstützungspunkt U und erzeugt deshalb ein rück-
treibendes Drehmoment. Der Ausschlag der Waage und da-
chen Hochspringer gelingt es möglicherweise, ihn mit ihre Empfindlichkeit sind umso größer, je leichter der Bal-
7 unter der Latte hindurchzumogeln (. Abb. 2.39);
ken, je länger die Hebelarme und je kleiner der Abstand des
Schwerpunktes vom Unterstützungspunkt sind
das spart Hubarbeit.
8 Wenn es die Halterung erlaubt, versucht je-
der Schwerpunkt von sich aus, unter den Punkt zu Waagebalken durch kurzes Antippen aus, so führt
kommen, an dem das Objekt gehalten wird. Dann ihn das rücktreibende Gegendrehmoment wieder
9 hat die Gewichtskraft keinen effektiven Hebelarm in die Ausgangslage zurück, ob horizontal oder
mehr und erzeugt kein Drehmoment. Der Waa- schräg. Man spricht immer dann von einem sta-
10 gebalken der Balkenwaage wird deshalb so kon- bilen Gleichgewicht, wenn Störungen „von selbst“
struiert und aufgehängt, dass er dieses Ziel zu er- rückgängig gemacht werden.
11 reichen erlaubt und sich dabei waagerecht stellt. Ganz anders verhält sich ein Spazierstock, den
Dazu muss der Unterstützungspunkt über den man auf seine Spitze zu stellen versucht. Grund-
Schwerpunkt gelegt werden. sätzlich müsste es möglich sein, seinen Schwer-
12 Ein Waagebalken nimmt seine Ruhestellung punkt so exakt über den Unterstützungspunkt zu
auch dann ein, wenn beide Waagschalen gleiche bringen, dass auch jetzt mangels effektiven He-
13 Lasten tragen und mit ihnen entgegengesetzt glei- belarms kein Drehmoment auftritt (. Abb. 2.41).
che Drehmomente erzeugen. Hat aber z. B. die lin- Hier genügt aber die kleinste Kippung, der kleins-
14 ke Waagschale ein Übergewicht (. Abb. 2.40), so te Lufthauch, um ein Drehmoment zu erzeugen,
neigt sich der Waagebalken auf ihrer Seite und das die Auslenkung vergrößert: labiles Gleichge-
schiebt seinen Schwerpunkt nach rechts heraus. wicht; der Stock fällt um. Umfallen braucht aller-
15 Das bedeutet effektiven Hebelarm, Gegendreh- dings Zeit. Mit der nötigen Geschicklichkeit lässt
moment und neues Gleichgewicht. Durch seine sich der Unterstützungspunkt deshalb rechtzeitig
16 Schräglage zeigt der Waagebalken aber „Ungleich- nachführen; ein Jongleur kann ein volles Tablett
gewicht“ im Sinne von „Ungleichheit der Gewich- auf einer Stange balancieren und ein Seelöwe ei-
te“ in den beiden Waagschalen an. Lenkt man den nen Ball auf seiner Nase.
17
18
19
20 . Abb. 2.39. Fosbury-Flop. Bei einem optimal ausgeführten Fosbury-Flop rutscht der Schwerpunkt des Springers knapp un-
ter der Latte hindurch
2.3 · Kraft und Bewegung
51 2

S
S

. Abb. 2.43. Stabiles Gleichgewicht. Der Schwerpunkt S


liegt zwar über den Unterstützungspunkten, muss aber beim
Kippen angehoben werden (Bahnen gestrichelt): Erhöhung
der potentiellen Energie

. Abb. 2.41. Labiles Gleichgewicht. Der Schwerpunkt S fällt,


wenn er nicht exakt über dem Unterstützungspunkt liegt: Ab- den liegt. Wichtig: Sie berühren ihn in mehreren
gabe potentieller Energie Berührungspunkten, mindestens drei. Hier emp-
fiehlt es sich, mit Hilfe der Hubarbeit zu argumen-
tieren. Wer eine Kommode kippen will, muss ih-
ren Schwerpunkt anheben (. Abb. 2.43), also Hu-
S barbeit leisten, und mit ihr die potentielle Ener-
gie der Kommode erhöhen. Das gilt auch für den
Waagebalken. Es ist das Kennzeichen des stabi-
len Gleichgewichts. Beim Spazierstock liegt dem-
gegenüber der Schwerpunkt im Gleichgewicht
. Abb. 2.42. Indifferentes Gleichgewicht. Beim Rollen be- so hoch wie möglich. Die potentielle Energie be-
wegt sich der Schwerpunkt S exakt horizontal: kein Umsatz sitzt ihr Maximum und wird beim Kippen teil-
potentieller Energie weise freigesetzt: Kennzeichen des labilen Gleich-
gewichts. Die Kugel kann auf ihrer horizontalen
Auf der Grenze zwischen labilem und stabi- Ebene herumrollen, ohne die Höhe ihres Schwer-
lem Gleichgewicht liegt das indifferente Gleichge- punktes zu ändern: kein Energieumsatz, indiffe-
wicht, das man durch eine „Auslenkung“ gar nicht rentes Gleichgewicht. Dahinter steht ein ganz all-
verlässt. In ihm befindet sich z. B. eine Kreisschei- gemeines Naturgesetz: Jeder Körper, jedes „Sys-
be oder eine Kugel auf exakt horizontaler Ebene. tem“ möchte potentielle Energie, wenn möglich,
Symmetrische Massenverteilung vorausgesetzt, loswerden.
liegt der Schwerpunkt im Zentrum und damit ge-
nau über dem Unterstützungspunkt, dem Berüh- Merke
rungspunkt mit der Ebene (. Abb. 2.42): kein ef- Jedes „System“ versucht, potentielle Energie
fektiver Hebelarm, kein Drehmoment, Gleichge- abzugeben.
wicht. Daran ändert sich auch nichts, wenn man
die Kugel zur Seite rollt. Sie kehrt weder in die
Ausgangslage zurück, noch läuft sie weg.
2.3 Kraft und Bewegung
Merke

Gleichgewichte: 2.3.1 Die Newton’schen Gesetze


5 stabil: Verrückung erfordert Energiezufuhr
5 labil: Verrückung liefert Energie „Unten“ ist die Richtung der Fallbeschleunigung
5 indifferent: Verrückung lässt Energie un- ebenso wie die der Gewichtskraft. Sollte zwischen
verändert beiden ein ursächlicher Zusammenhang beste-
hen? Dann dürfte es kein Privileg der Schwerkraft
sein, Beschleunigungen auszulösen; andere Kräfte
Möbel stehen fest; offensichtlich befinden sie sich müssten dies, parallel zu ihren eigenen Richtun-
in stabilem Gleichgewicht, obwohl ihr Schwer- gen, ebenfalls können. Dann brauchte aber auch
punkt wie beim Spazierstock über dem Fußbo- ein Körper, auf den keine Kräfte wirken oder bei
52 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

dem die Summe der wirkenden Kräfte Null ist, nur Gleitbahn an den Positionen s Lichtschranken,
1 auf Beschleunigungen zu verzichten und nicht, die mit elektrischen Stoppuhren die Zeitpunkte t
wie in der Statik, auf jede Bewegung überhaupt. feststellen, zu denen der Gleiter bei ihnen vorbei-
2 Eine gleichförmige mit konstanter Geschwindig- kommt.
keit bliebe ihm gestattet. 1. Beobachtung: Wie immer man den Gleiter
3 im Einzelfall angestoßen hat, man findet %s _ %t,
Merke also konstante Geschwindigkeit, in Übereinstim-
mung mit dem 1. Newton’schen Gesetz.
4 1. Newton’sches Gesetz:
Ein Körper, auf den keine Kräfte wirken oder Um eine konstante Antriebskraft auf den Glei-
die Vektorsumme der wirkenden Kräfte Null ter auszuüben, lenkt man eine kleine Gewichts-
5 ist, behält seine Geschwindigkeit unverändert kraft über Faden und Rolle in Gleitrichtung um
bei. (. Abb. 2.44). Dabei muss man der Reibung im
Rollenlager einige Aufmerksamkeit schenken.
6 2. Beobachtung: Wie immer man den Versuch
Um diese Vermutung experimentell zu verifizie- im Einzelnen durchführt, wenn man den Gleiter
7 ren, muss man zunächst die Gewichtskraft des aus der Ruhe startet, findet man für die Abstän-
Probekörpers exakt kompensieren, ohne seine Be- de %s und die Zeitspannen %t ab Start die Bezie-
8 wegungsfreiheit allzu sehr einzuschränken. Das hung %s _ %t2. Nach den Überlegungen zum frei-
gelingt mit einer geraden Fahrbahn, die sich ge- en Fall entspricht das einer konstanten Beschleu-
nau horizontal justieren lässt, sodass von der Ge- nigung
9 wichtskraft keine Komponente in Fahrtrichtung a  2 %s 2 ,
übrig bleibt. Ferner muss man die bremsenden %t
10 Kräfte der Reibung vernachlässigbar klein ma- also eine gleichförmig beschleunigte Bewegung.
chen, indem man gut schmiert. Bewährt hat sich 3. Beobachtung: Wechselt man die Gewichte
11 ein hohler Vierkant als Fahrbahn; er wird auf ei- für die Antriebskraft F systematisch aus, so findet
ne Kante gestellt und bekommt in festen Ab- man eine Proportionalität zwischen a und F.
ständen feine Löcher in beiden oberen Flächen 4. Beobachtung: Erhöht man die Masse m des
12 (. Abb. 2.44). Luft, in den am andern Ende ver- Gleiters, indem man ihm zusätzliche Lasten zu tra-
schlossenen Vierkant eingepresst, kann nur durch gen gibt, so bemerkt man eine Trägheit der Mas-
13 diese Löcher entweichen und hebt einen lose auf- se: Der Gleiter kommt umso „schwerer“ in Bewe-
gelegten Metallwinkel so weit an, dass er den Vier- gung, je „schwerer“ er ist (das Wort „schwer“ in
14 kant nirgendwo berührt: Er gleitet praktisch rei-
bungsfrei auf einem Luftpolster. Um seine Be-
unterschiedlicher Bedeutung verwendet). Quanti-
tativ findet man bei konstanter Kraft F eine umge-
wegungen auszumessen, postiert man längs der kehrte Proportionalität zwischen Beschleunigung
15 und Masse, also a _ 1/m.
Alle Beobachtungen lassen sich zusammen-
16 fassen zu dem 2. Newton’schen Gesetz
Kraft F = Masse m · Beschleunigung a
17 Das Gesetz gilt vektoriell: F und a haben glei-
Pressluft che Richtung. Es ist von so grundlegender Bedeu-
18 tung, dass man es auch Grundgleichung der Mecha-
nik nennt.
19
20 . Abb. 2.44. Luftkissenfahrbahn. Aus den Löchern der hoh-
len Schiene wird Pressluft geblasen; sie hebt den Gleiter ein
wenig an
2.3 · Kraft und Bewegung
53 2

Merke Bei der Massenanziehung leuchtet das


3. Newton’sche Gesetz unmittelbar ein: Das Gra-
2. Newton’sches Gesetz, Grundgleichung der vitationsgesetz (7 Kap. 2.2.2) gilt für beide Mas-
Mechanik: sen, für m1 wie für m2. Die Erde zieht den Mond
Kraft = Masse mal Beschleunigung: mit einer Kraft FM und zwingt ihn damit auf ei-
G G
F  m¸a ne Bahn um den gemeinsamen Schwerpunkt. Mit
der entgegengesetzten Kraft FE = –FM zieht aber
auch der Mond die Erde an und zwingt sie eben-
Damit ergibt sich auch ein wichtiger Zusammen- falls auf eine Bahn um den gemeinsamen Schwer-
hang der Einheiten: punkt. Das fällt freilich kaum auf: Weil die Masse
der Erde sehr viel größer ist als die des Mondes,
Merke liegt der gemeinsame Schwerpunkt noch inner-
halb der Erdkugel. Bei dem Mann mit dem Bol-
kg ¸ m
Krafteinheit Newton: 1 N = 1 lerwagen vom 7 Kap. 2.2.3 muss man schon et-
s2
was genauer nachdenken. In . Abb. 2.24 ist (zu-
sammen mit ihren Komponenten) nur die Kraft F
Auch der freie Fall hält sich an die Grundglei- eingetragen, die der Mann auf den Wagen ausübt.
chung: Dass der Wagen die entgegengesetzte Kraft –F
auf den Mann ausübt, erkennt man allenfalls an
FG = m · g.
dessen Schräglage; nähme man –F plötzlich weg,
Warum aber hat die Masse eines fallenden indem man das Zugseil kappt, so fiele der Mann
Körpers keinen Einfluss auf die Fallbeschleuni- vornüber.
gung? Je schwerer ein Körper, umso größer die
Gewichtskraft; eine umso höhere Kraft wird aber Rechenbeispiel 2.9: Die Kraft auf den Kleinwa-
auch gebraucht, ihn zu beschleunigen. Das kom- gen
pensiert sich gerade. Man sagt auch „schwere 7 Aufgabe. Unser Kleinwagen aus Beispiel 2.6
Masse gleich träge Masse“ und meint damit, dass (m = 1000 kg) beschleunigt in 10 Sekunden von
im Gravitationsgesetz und im 2. Newton’schen Null auf 92 km/h. Welche Kraft wirkt dabei auf ihn?
Gesetz die gleiche Masse steht. 7 Lösung. Nach der Grundgleichung der Mecha-
Es gibt noch einen weiteren, keineswegs nik ist:
130,8 km/h
selbstverständlichen Tatbestand, den man be- F  m¸a  m¸
10 s
achten muss, wenn man sich mit Kräften befasst. 36,3 m/s
 m¸  3633 N
Wenn ein Körper auf einen anderen eine Kraft 10 s
ausübt, nach welchem Mechanismus auch immer, 7 Aufgabe. Was übt eigentlich die Kraft aus, die
so gibt ihm das keine Vorrechte: notwendigerwei- unseren Kleinwagen von eben beschleunigt?
se übt nämlich der andere Körper auf den einen 7 Lösung. Dumme Frage! Der Motor natürlich.
die gleiche Kraft aus, nur in entgegengesetzter Oder? Der Motor ist ja Teil des Autos und fährt mit.
Richtung. Man bezeichnet diesen Tatbestand als Würde er die das Auto beschleunigende Kraft aus-
3. Newton’sches Gesetz und subsumiert ihn zuwei- üben, wäre das so wunderbar wie der Graf Münch-
len unter dem Kürzel actio = reactio. hausen, der sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf
zieht. Die Kraft muss schon von außen kommen, al-
Merke so von der Straße. Der Motor übt über die Räder
3. Newton’sches Gesetz: actio = reactio. eine Kraft auf die Straße aus. Die Gegenkraft be-
Wenn zwei Körper Kräfte aufeinander ausü- schleunigt das Auto. Sie beruht auf der Reibung
ben, sind diese entgegengesetzt gleich. zwischen Rädern und der Straße. Auf eisglatter
Fahrbahn nützt der stärkste Motor nichts.
54 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

2.3.2 Reibung proportional zur Geschwindigkeit und die der


1 Gleitreibung so ungefähr konstant.
So sorgfältig die Reibung bei Messungen zur Wenn ein Auto anfährt, dann wird die vom
2 Grundgleichung der Mechanik auch als störend Motor entwickelte Antriebskraft FA zur Beschleu-
unterdrückt werden muss, im Alltag ist sie lebens- nigung des Wagens verwendet. Mit wachsen-
3 wichtig. Gehen kann der Mensch nur, wenn sei-
ne Füße fest genug am Boden haften, um die zur
der Geschwindigkeit wächst aber die Reibungs-
kraft FR und lässt immer weniger Beschleuni-
Bewegung notwendigen Kräfte zu übertragen. gungskraft FB übrig:
4 Übersteigen sie die Kräfte der Haftreibung, so glei- G G G
FB  FA  FR .
tet der Mensch aus. Gebiete verminderter Haft-
5 reibung gelten geradezu sprichwörtlich als Ge- Auf freier Strecke, bei konstanter Geschwin-
fahrenzonen: Man kann jemanden „auf ’s Glatteis digkeit, kompensiert der Motor nur noch die Rei-
führen“. bung. Beim Regentropfen ersetzt die Gewichts-
6 Ist die Haftreibung einmal überwunden, so kraft den Motor. Weil FG rascher mit dem Durch-
meldet sich beim ausgleitenden Menschen die messer wächst als FR, fallen dicke Tropfen schnel-
7 (geringere) Gleitreibung. In der Verkehrstech- ler als kleine (Stokes-Gesetz, 7 Kap. 3.5.1).
nik ersetzt man sie, um Antriebskraft zu sparen,
8 durch die (noch geringere) rollende Reibung der 3Reibungskräfte sind immer abhängig von wei-
teren Größen wie der Geschwindigkeit oder dem An-
Räder auf Straße oder Schiene. Schmiermittel
schließlich legen einen Flüssigkeitsfilm zwischen pressdruck. In diesen Zusammenhängen tauchen Kon-
9 Achse und Achslager und tauschen dort die Gleit- stanten auf, die Reibungskoeffizienten genannt wer-
den. Zwei Beispiele seien besprochen, da der Gegen-
reibung ein gegen die innere Reibung in Fluiden
10 wie Öl und Fett. Besonders gering ist die innere
standskatalog dies fordert (ob Sie das für eine Prüfung
wirklich brauchen, müssen Sie selbst entscheiden):
Reibung in Gasen; die Gleitbahn der . Abb. 2.44 Trockene Reibung zwischen Festkörpern. „Trocken“
11 nutzt dies aus, aber auch die Magnetschwebebahn meint, dass keine Schmiermittel wie Öl zwischen den
der Zukunft. Reibung hindert Bewegungen. Sie er- aneinander reibenden Flächen sind. Rutscht also zum
zeugt eine Reibungskraft, die bei der Haftreibung Beispiel die Schuhsohle über den Fußboden, so ist
12 der angreifenden Kraft entgegensteht und mit ihr die auftretende Gleitreibungskraft FR näherungswei-
wächst, bei den anderen Reibungen der Geschwin- se proportional zu der senkrecht wirkenden Gewichts-
13 digkeit entgegensteht und mit dieser wächst. kraft FN:
FR  NGl ¸ FN .
Merke
14 NGl ist der sog. Gleitreibungskoeffizient. Wenn der
Reibung behindert Bewegungen; Schuh schon rutscht, ist es oft schon zu spät. Er soll
15 Arten der Reibung: Haftreibung, Gleitreibung,
rollende Reibung, innere Reibung.
nicht rutschen, die Reibungskräfte sollen alle z. B.
beim Gehen auftretenden horizontalen Kräfte auffan-
gen. Dazu muss die maximale Haftreibungskraft FH im-
16 mer größer sein als diese horizontalen Kräfte. Auch sie
Verschiedene Reibungsarten können gleichzeitig hängt von der Gewichtskraft ab:
auftreten. Ein Auto lässt sich nur deshalb lenken, FH  NH ¸ FN .
17 weil seine Räder in Fahrtrichtung mit geringer
Der Haftreibungskoeffizient NH ist in der Regel etwas
Rollreibung rollen, quer dazu aber von der sehr
18 viel größeren Haftreibung in der Spur gehalten
höher als der Gleitreibungskoeffizient: wenn man erst
einmal rutscht, gibt es kein Halten mehr. Diese Rei-
werden. Tritt der Fahrer so heftig auf die Brem- bungskoeffizienten hängen natürlich von den Ober-
19 se, dass die Räder blockieren, dann gibt es nur flächeneigenschaften der aneinander reibenden Flä-
noch Gleitreibung ohne Vorzugsrichtung, und das chen ab, aber kaum von der Geschwindigkeit (im Fal-
Fahrzeug bricht aus. le von NGl) und erstaunlicherweise auch kaum von der
20 Für grobe Abschätzungen darf man so tun, als Auflagefläche.
sei die Kraft der Flüssigkeitsreibung so ungefähr
2.3 · Kraft und Bewegung
55 2

Eine Kugel fällt durch Sirup. Der Sirup umströmt hier- Ein Zwirnsfaden hält die Wagen zusammen;
bei die Kugel laminar (7 Kap. 3.5.1 und 3.5.2). Auf- er liefert die Gegenkräfte, die das ganze System in
grund der inneren Reibung im Sirup gibt es eine Rei- Ruhe halten. Brennt man den Faden mit der Flam-
bungskraft auf die Kugel, die in diesem Fall proportio- me eines Streichholzes durch, so fahren die Wa-
nal zur Geschwindigkeit v ist:
gen auseinander, für kurze Zeit beschleunigt, bis
FR  N ¸ v  6Q ¸ I ¸ r
¸ v die Feder entspannt herunterfällt:
G G G G
Auch dieser Proportionalitätsfaktor N wird zuweilen m1 ¸ a1  F1 F2 m2 ¸ a2
Reibungskoeffizient genannt. Er hängt vom der Visko-
sität I und dem Kugelradius r ab. Fällt die Kugel in Was- Die Kräfte fallen rasch auf null; Gleiches gilt
ser, wird die Strömung turbulent und die Formel kom- für die beiden Beschleunigungen. Doch wie de-
plizierter. ren zeitliche Verläufe auch immer aussehen, sie
führen zu einer gewissen Endgeschwindigkeit v.
Auf einen Körper der Masse m überträgt die Kraft
2.3.3 Impuls den
mechanischen Impuls p = m · v
Wer vor Freude in die Luft springt, gibt der Er-
de einen Tritt. Das macht ihr nichts aus, denn mit der Einheit kg · m/s; er ist ein Vektor.
sie besitzt die größte Masse, die in der Reichwei- Solange eine Kraft andauert, ändert sie den
te des Menschen überhaupt vorkommt. Ein star- Impuls des Körpers mit der „Änderungsgeschwin-
tendes Flugzeug kann sich nicht von der Erde ab- digkeit“
stoßen; es saugt Luft aus der Umgebung an und G
dp G
bläst sie in gerichtetem Strahl nach hinten weg.  F.
dt
Eine Mondrakete findet keine Luft mehr vor; sie
verwendet für den gleichen Zweck die Verbren- Da im Versuch der . Abb. 2.45 die auf die bei-
nungsgase ihres Treibstoffs. Wer immer seine Be- den Wägelchen wirkenden Federkräfte zu jedem
wegung ändern will, muss etwas haben, wovon er Zeitpunkt bis auf das Vorzeichen gleich waren,
sich abstoßen kann. gilt dies für die Impulse ebenfalls:
Für quantitative Überlegungen eignet sich der G G G
p1  m1 ¸ v1  p2 m2 ¸ v2 .
in . Abb. 2.45 skizzierte Versuch. Zwei Wägelchen
mit den Massen m1 und m2 stehen (reibungsfrei) Die Summe der beiden Impulse ist also null:
auf ebener Bahn, eine gespannte Sprungfeder zwi- G G
p1 p2  0
schen sich. Diese drückt auf die beiden Wagen mit
betragsgleichen, aber entgegengesetzt gerichteten Vor Beginn des Versuchs war sie das auch,
Kräften: denn da befanden sich beide Wägelchen in Ruhe.
G G Hinter dieser Feststellung steht ein Naturgesetz,
F1 F2
der Satz von der Erhaltung des Impulses (Impuls-

m1 m2 . Abb. 2.45. Zum Impulssatz (Ein-


F1 F2 zelheiten im Text)

v1 v2
56 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

satz); er besagt: In einem abgeschlossenen Sys-


1 tem kann sich die Summe aller Impulse, der Ge-
samtimpuls also, nicht ändern.
2
Merke

3 G G
Für den mechanischen Impuls p  m ¸ v gilt ein
Erhaltungssatz; er wird Impulssatz genannt.
4
Als „abgeschlossen“ bezeichnet man ein System,
. Abb. 2.46. Stoßpendel. Haben beide Kugeln gleiche Mas-
5 auf das keine äußeren Kräfte wirken: Aus
G se, so übernimmt die gestoßene von der stoßenden Impuls
G dp
œ F  œ dt  0 und kinetische Energie vollständig
6 folgt
G
7 œ p const.
Die Mitglieder eines abgeschlossenen Systems
8 können zwar Impuls untereinander austauschen,
sie können aber Impuls weder schaffen noch ver-
nichten.
9 Impuls wird bei jedem Stoß ausgetauscht, und
Stöße gibt es viele in der Welt, nicht nur beim Bo-
10 xen und beim Fußball. Röntgenquanten stoßen
mit Elektronen (Compton-Effekt, 7 Kap. 7.5.5),
. Abb. 2.47. Pendelkette. Auf der einen Seite fliegen stets
11 Elektronen stoßen mit Molekülen (Gasentladung, ebenso viele Kugeln ab, wie auf der anderen Seite auftreffen
7 Kap. 6.6.6), Moleküle trommeln auf die Wän- (gleiche Kugelmassen vorausgesetzt)
de ihres Gefäßes (Gasdruck, 7 Kap. 5.2.2). Beim
12 Compton-Effekt kann man im Einzelfall den Im-
pulssatz bestätigen; es ist ähnlich mühsam wie bei gel voll übernommen. Eine freundliche Spielerei
13 zwei Billardkugeln. Impulse sind ja Vektoren, die liefert die Pendelkette der . Abb. 2.47. Sie erlaubt,
in ihre Komponenten zerlegt werden wollen. Man mehrere Kugeln zur Seite zu ziehen und aufschla-
14 spart deshalb Rechenarbeit, wenn man sich auf
den zentralen Stoß beschränkt, bei dem nur ei-
gen zu lassen. Die Kugeln am anderen Ende wis-
sen genau, wie viele es waren: sie springen nach
ne einzige Bewegungsrichtung vorkommt. Expe- dem Stoß in gleicher Anzahl ab. Das ist kein Wun-
15 rimentell lässt sich dieser Fall hinreichend genau der. Man hat ja nur das erste Experiment mit ei-
durch zwei Stahlkugeln repräsentieren, die als lan- ner einzigen stoßenden Kugel mehrmals rasch
16 ge Fadenpendel nebeneinander hängen, und zwar hintereinander ausgeführt. Die Zeitspanne, in er
an Doppelfäden, die sich nach oben V-förmig sich zwei Stahlkugeln beim Stoß berühren, liegt
spreizen. Aus der Blickrichtung der . Abb. 2.46 in der Größenordnung Millisekunden; sie ist so
17 ist dies nicht zu erkennen. Jedenfalls erlaubt die kurz, dass mehrere Stöße allemal nacheinander
Spreizung den Kugeln nur eine Bewegung in der erfolgen.
18 Zeichenebene. Grundsätzlich wäre beim Stoß zweier Kugeln
Im einfachsten Fall bestehen die Kugeln aus ge- gleicher Masse der Impulssatz auch erfüllt, wenn
19 härtetem Stahl und haben die gleiche Masse. Lässt die stoßende Kugel nicht stehen bliebe, sondern
man jetzt die eine Kugel auf die andere, vorerst in wie von einer Wand abprallte; dann müsste aller-
Ruhe belassene, aufschlagen, so vertauschen sie dings die gestoßene Kugel den doppelten Impuls
20 ihre Rollen: Die stoßende bleibt stehen, die gesto-
G G G
übernehmen ( p 0  p 2 p ) und die vierfa-
ßene fliegt weg. Sie hat den Impuls der ersten Ku- che kinetische Energie (!), denn die wächst ja pro-
2.3 · Kraft und Bewegung
57 2

portional zu v2 und nicht bloß proportional zu v bei den besten Stahlkugeln geht immer noch ein
wie der Impuls. Woher aber soll die Energie kom- wenig kinetische Energie in Wärme über. Den Ex-
men? Der angenommene Fall ist gar nicht mög- tremfall auf der anderen Seite bezeichnet man als
lich. Stoßpartner müssen auf beide Erhaltungs- unelastischen Stoß, experimentell realisierbar bei-
sätze achten. Das lässt ihnen keine Wahlfreiheit. spielsweise durch ein Stückchen Kaugummi dort,
Ungleiche Stoßpartner machen die Rechnung wo sich die beiden Kugeln berühren. Nach dem
kompliziert; erst bei extrem ungleichen Stoßpart- Stoß können sie sich nicht mehr trennen, sie haf-
nern wird sie wieder einfach, denn dann braucht ten aufeinander. Die gemeinsame Geschwindig-
der schwere Partner keine Energie zu überneh- keit wird vom Impulssatz bestimmt; der Energie-
men: Der Ball, der beim Squash gegen die Wand satz legt dann fest, wie viel Wärme durch plasti-
gedonnert wird, kommt mit (praktisch) dem glei- sche Verformung des Kaugummis entwickelt wer-
chen Geschwindigkeitsbetrag und der gleichen den muss.
kinetischen Energie zurück.

3Zur Begründung: Als der fröhliche Mensch zu Be- 2.3.4 Trägheitskräfte


ginn des Kapitels der Erde einen Tritt gab, verlangte
der Impulssatz, wenn man die Beträge betrachtet, Ein Mensch, der im Bett liegt und schläft, meint,
M·V=m·v er sei in Ruhe. Tatsächlich rotiert er aber mitsamt
(große Buchstaben für die Erde und kleine für den Men- der Erde um deren Achse und läuft mit ihr um die
schen) mit der Konsequenz Sonne. Diese wiederum macht die Drehung der
m  V 1. Milchstraße mit, die als Ganzes vermutlich auf ei-
M v
ne andere Galaxis zuläuft. Eine „wahre“ Bewegung,
Daraus folgt für die kinetische Energie eine „absolute“ Geschwindigkeit gibt es nicht und
1 M ¸ V ¸ V  1 m ¸ v ¸ v.
2 2 zwar grundsätzlich nicht. Die Messung einer Ge-
schwindigkeit setzt eine Ortsbestimmung voraus
Bisher war stillschweigend angenommen wor- und diese verlangt ein Koordinatenkreuz als Be-
den, dass alle in den Stoß hineingesteckte kine- zugssystem. Jeder Beobachter bevorzugt das Sei-
tische Energie hinterher immer noch kinetische ne und behauptet gern, er befände sich mit ihm in
Energie ist, man spricht hier vom elastischen Stoß. Ruhe. Der Mensch neigt dazu, sich für den Mittel-
Streng genommen gibt es ihn gar nicht, denn auch punkt der Welt zu halten, in der Physik ist das in
Grenzen sogar erlaubt: Koordinatensysteme, die
sich mit konstanter Geschwindigkeit geradlinig
Rechenbeispiel 2.10: Zorniges Kind gegeneinander bewegen, haben keine Vorrechte
7 Aufgabe. Ein Kleinkind, das in einem leichtgän- voreinander; von jedem darf jemand behaupten,
gigen Kinderwagen sitzt (Gesamtmasse Kind plus es sei in Ruhe, aber natürlich nicht von zweien zu-
Kinderwagen: 10 kg) werfe seine volle Nuckelfla- gleich. Das gilt allerdings nicht mehr, wenn sich
sche (250 g) mit vN = 2 m/s in Fahrtrichtung aus die Geschwindigkeit eines Systems ändert, wenn
dem Wagen. Wenn der Kinderwagen zunächst in es z. B. rotiert, denn dann treten Trägheitskräfte
Ruhe war, welche Geschwindigkeit hat er nun? auf. Sie sind es, die Karussell und Achterbahn so
7 Lösung. Der Gesamtimpuls war vor dem Wurf attraktiv machen.
Null, also muss er es danach auch noch sein. Der Wenn ein Auto gegen einen Baum gefahren ist,
Wagen wird sich also entgegengesetzt zur Wurf- dann liest man zuweilen in der Zeitung, die Insas-
richtung mit einer Geschwindigkeit vW bewegen, sen (nicht angeschnallt!) seien durch die Wucht
für die gilt: des Aufpralls aus dem Wagen herausgeschleudert
250 g ¸ v N   10 kg ¸ v W worden, gerade so, als habe sie eine plötzlich auf-
0, 25 kg tretende Kraft von ihren Sitzen gerissen. Dies ent-
º vW  ¸ v  0, 05 m/s.
10 kg N spricht auch ihrem subjektiven Empfinden. Ein
Augenzeuge am Straßenrand könnte aber glaub-
58 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

haft versichern, zunächst sei das Auto mit hoher schwindigkeit beschleunigt werden. Dazu be-
1 Geschwindigkeit auf den Baum zugefahren, dann darf es einer nach oben gerichteten Kraft, die nur
sei es plötzlich stehen geblieben, die Insassen je- über die Waage auf ihn übertragen werden kann.
2 doch nicht. Nach dieser Darstellung sind sie ge- Prompt zeigt sie diese Kraft an, zusätzlich zu der
rade deshalb aus dem Wagen geflogen, weil keine des Gewichtes, die von der Waage ja auch durch
3 Kraft auf sie wirkte, um sie zusammen mit dem
Auto anzuhalten. Was ist nun „wirklich“ gesche-
eine nach oben gerichtete Federkraft kompen-
siert werden muss. Hat der Fahrstuhl seine vol-
hen? Existierte eine Kraft auf die Insassen, ja oder le Geschwindigkeit erreicht, so verschwindet mit
4 nein? der Beschleunigung auch die Zusatzkraft, und die
Die Frage ist falsch gestellt. Beide Formulie- Waage meldet dem Passagier wieder sein norma-
5 rungen beschreiben den Unfall durchaus zutref- les Gewicht. Beim Bremsen im Obergeschoss wird
fend, nur von verschiedenen Standpunkten aus, der Fahrstuhlkorb verzögert, d. h. nach unten be-
physikalisch gesprochen: aus verschiedenen Be- schleunigt und der Passagier auch. Die dazu not-
6 zugssystemen. Der Augenzeuge befindet sich in wendige Kraft lässt sich mühelos von seiner Ge-
dem gleichen Bezugssystem wie der Baum; ih- wichtskraft abzweigen; die Waage zeigt entspre-
7 nen gegenüber bewegen sich Auto und Fahrer chend weniger an. Sobald der Fahrstuhl steht, ist
zunächst gemeinsam. Der Wagen wird dann auf alles wieder beim Alten.
8 kürzeste Distanz bis zum Stillstand herunter-
Merke
gebremst; die dazu notwendigen hohen Verzö-
gerungskräfte hinterlassen deutliche Spuren an
9 Baum und Karosserie. Auf die nicht angeschnall-
Auch Verzögerungen (Bremsungen) sind Be-
schleunigungen.
ten Insassen können entsprechende Kräfte nicht
10 übertragen werden; folglich bewegen sie sich zu-
nächst einmal mit unverminderter Geschwindig- Der Passagier sieht von den Bewegungen sei-
11 keit in der alten Richtung weiter, wenn auch nicht nes Fahrstuhls nichts, der Korb hat keine Fenster.
lange. Wohl aber bemerkt der Mann auf der Waage de-
Die Insassen sehen es anders. Ihr Bezugssys- ren wechselnde Ausschläge. Er deutet sie als vo-
12 tem ist der Wagen, in ihm befinden sie sich in Ru- rübergehende Trägheitskräfte, die, wie er weiß,
he; dafür gleitet die Landschaft rasch an ihnen in beschleunigten Bezugssystemen auftreten. Er
13 vorbei. Plötzlich rast ein Baum auf sie zu und be- kann dessen Beschleunigung a sogar aus den Ab-
schleunigt ihr Bezugssystem in kürzester Zeit auf weichungen %FG der Waagenanzeige von dem
14 die Geschwindigkeit der Landschaft. In diesem
Moment treten starke Kräfte auf, die sie aus dem
Normalwert FG ausrechnen, denn er kennt das
Grundgesetz der Mechanik und seine eigene Mas-
Wagen schleudern. Sie empfinden diese Kräfte se m = FG/g. Gelten muss
15 höchst real und nennen sie Trägheitskräfte.
%FG = m · a.

16 Merke Könnte man den Fahrstuhl frei fallen lassen,


Trägheitskräfte werden nicht von anderen Kör- so wäre a = g, und die Trägheitskraft höbe die Ge-
wichtskraft auf: Der Passagier fühlte sich „schwe-
17 pern ausgeübt. Sie treten nur scheinbar in be-
relos“.
schleunigten Bezugssystemen auf.

18 3Astronauten erleben diese Schwerelosigkeit ta-


Ähnliches, wenn auch weit harmloser, gilt im ge- und monatelang, von dem Moment an nämlich, in
19 Fahrstuhl. Der Gedanke mag ausgefallen erschei- dem das Triebwerk der Trägerrakete abgeschaltet wird,
bis zum Wiedereintritt in die Erdatmosphäre, wenn die
nen, aber man kann auch dort die Gewichtskraft
Bremsung durch Luftreibung beginnt. In der Zwischen-
eines Menschen mit einer Federwaage feststellen.
20 Fährt der Fahrstuhl nun an, und zwar aufwärts,
zeit „fallen“ sie mitsamt ihrer Raumkapsel um die Erde
herum, mit einer so hohen Geschwindigkeit in der „Ho-
so muss der Passagier mit auf die Fahrstuhlge-
2.3 · Kraft und Bewegung
59 2

rizontalen“, dass ihre Bahn die Erde nicht erreicht und Rechenbeispiel 2.11: Wiegen im Aufzug
zur Ellipse um deren Zentrum wird. Alles in der Kap- 7 Aufgabe. Wir steigen tatsächlich mit der Perso-
sel, ob lebendig oder nicht, bewegt sich mit (praktisch) nenwaage unterm Arm in einen Aufzug und wiegen
gleicher Geschwindigkeit und (praktisch) gleicher Be- uns. Die Waage zeigt eine Masse an (70 kg), obwohl
schleunigung auf (praktisch) parallelen, gekrümmten
sie die Gewichtskraft misst. Der Hersteller hofft,
Bahnen. Im Bezugssystem der Kapsel fällt nichts zu Bo-
dass der Umrechnungsfaktor von 9,81 kg · m/s2
den, es gibt gar kein „unten“: Kennzeichen der Schwe-
relosigkeit. Das heißt keineswegs, dass Raumschiff schon stimmen wird. Nun fährt der Aufzug nach
und Inhalt der irdischen Schwerkraft entzogen wären; oben und beschleunigt dazu für kurze Zeit mit
alles bewegt sich lediglich so, dass sich Gewichts- und a = 1 m/s2. Auf welchen Wert erhöht sich für diese
Trägheitskräfte genau kompensieren. Zeit die Masse scheinbar?
Beim Start war das ganz anders. Dort zeigte die Be- 7 Lösung. Zu der Gewichtskraft m ¸ g tritt noch
schleunigung nach oben, die Trägheitskräfte addier- eine Trägheitskraft mit Betrag m ¸ a hinzu. Die
ten sich zu den Gewichtskräften und übertrafen sie um Waage rechnet aber natürlich unverändert mit ih-
etwa das Dreifache, entsprechend einer Startbeschleu- rem Umrechnungsfaktor, sodass sie eine scheinba-
nigung von 3 g. re Masse von
Ein Mensch, der ausgleitet und mit dem Hinter- ( g a)m
ma   77,1 kg
kopf aufschlägt, holt sich möglicherweise eine g
Hirnverletzung an der Stirn: Beim Aufprall wird anzeigt.
die Fallgeschwindigkeit des Schädels auf einer
Strecke von vielleicht nur wenigen Millimetern
abgebremst; das keineswegs starre Gehirn drückt 2.3.5 Drehbewegungen
sich am Hinterkopf zusammen und kann, wenn es
das Unglück will, an der Stirn von der Hirnschale Im Weltraum gibt es fast schon „Gedrängel“, aller-
abreißen. Mit anderen Worten: Die im Bereich der dings nur in einem schmalen Ring rund 36.000 km
Stirn auf Zug beanspruchte mechanische Verbin- über dem Äquator: Dort versammeln sich alle
dung zwischen Hirn und Schädel war den hohen Nachrichten- und Wettersatelliten der Erde. Man
Trägheitskräften beim Aufprall nicht gewachsen. nennt sie geostationär, weil ein jeder senkrecht
über seinem Punkt auf der Erde stehen bleibt,
Merke d. h. mit der gleichen Winkelgeschwindigkeit um
Bei Unfällen können hohe Beschleunigungen die Erde läuft, mit der sich diese selbst dreht. Wa-
zu hohen Kräften führen, die entsprechende rum Äquator, warum 3,6 · 107 m?
Verletzungen hervorrufen. Wer auf einer Kreisbahn laufen will, braucht
eine Zetripetalbeschleunigung az, die ständig zum
Mittelpunkt des Kreises zeigt, sich also mitdreht.
Trägheitskräfte sind wie Gewichtskräfte massen- . Kapitel 2.1.5 hatte für ihren Betrag
proportional. Darum bildet die Fallbeschleuni- 2
az  X 2 ¸ r  v r
gung g ein anschauliches Maß für die Beschleuni-
gung eines Bezugssystems. Während der 3 g beim ergeben (X = Winkelgeschwindigkeit, v = Bahn-
Start hat der Astronaut auf der Liege ein Gefühl, geschwindigkeit, r = Radius der Kreisbahn). Nach
als hockten 2 Menschen auf ihm herum. der Grundgleichung der Mechanik muss az von ei-
ner ebenfalls ständig zum Mittelpunkt des Kreises
zeigenden Kraft geliefert werden. Sie heißt Zentri-
petalkraft und hat den Betrag

Fz = m·az = m · X2 · r = m · v2/r.
Der Hammerwerfer auf dem Sportplatz muss
sie mit seinen Muskeln aufbringen und über das
Seil des „Hammers“ auf diesen übertragen.
60 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

Merke Dies ist eine Bestimmungsgleichung für r,


1 denn sie lässt sich nach r3 auflösen:
Kreisbahn: zur Zentripetalbeschleunigung az
r3  G¸ M .
2 gehört eine zum Zentrum hin gerichtete
XE 2
Zentripetalkraft mit Betrag:
v2 G ist eine Naturkonstante, M und XE sind fest
3 Fz  m ¸ az  m ¸
r
 m ¸ X2 ¸ r
vorgegeben, also kann die Bedingung „geostatio-
när“ nur von einem einzigen Bahnradius erfüllt
4 Die geostationären Satelliten können sich ihre werden. Die Satelliten müssen sich drängeln.
Zentripetalkraft nur von der Gravitation holen. Mit weniger Aufwand als eine Raumfäh-
5 Die aber zeigt zum Zentrum der Erde; deren Mit- re dreht ein Kettenkarussell seine Passagiere im
telpunkt ist Mittelpunkt der Kreisbahn, ob der Sa- Kreis herum. Dabei schwenken die Gondeln nach
tellit nun über die Pole läuft oder anderswo. Geo- außen; die Ketten, an denen sie hängen, können
6 stationär kann er sich freilich nur in einer Äqua- wie Seile nur Zugkräfte in ihrer eigenen Rich-
torbahn aufhalten; bei allen anderen Bahnen wür- tung übertragen (. Abb. 2.48). Der ruhende, au-
7 de er nicht konstant über einem Punkt der Erdo- ßenstehende Beobachter sagt dazu: Die Passagie-
berfläche bleiben. re brauchen für ihre Kreisbahn eine horizonta-
8 In Satellitenhöhe darf man für die Fallbe- le Zentripetalkraft Fz; die Ketten müssen sie lie-
schleunigung nicht mehr den erdnahen Wert g fern, mit der waagerechten Komponente ihrer
ansetzen, man muss das Gravitationsgesetz Zugkraft. Diese Komponente existiert nur, wenn
9 F = G · m · M/r2 bemühen (7 Kap. 2.2.2, G = Gra- die Gondeln nach außen schwenken, und die Ket-
vitationskonstante, M = Masse der Erde). Vom ten schräg nach oben ziehen (. Abb. 2.48, rechtes
10 geostationären Satelliten wird die Kreisfrequenz Kräftedreieck). Der Passagier hingegen sagt: Ich
XE = 2Q/24 h verlangt, mit der die Erde rotiert. sitze in einem rotierenden, also beschleunigten
11 Daraus folgt für den Betrag der Zentripetalkraft: Bezugssystem, auf mich wirkt außer meiner ver-
m¸ M tikalen Gewichtskraft FG eine horizontale Träg-
Fz  m ¸ XE 2 ¸ r  G . heitskraft, die Zentrifugalkraft Ff. Beide addieren
12 r2
sich zu einer schräg nach unten und außen ge-

13 . Abb. 2.48. Kettenkarussell. Links: Kräfte-


dreieck aus der Sicht des Passagiers; die Ket-
14 ten zeigen in Richtung der Resultierenden
aus Zentrifugalkraft Ff und Gewichtskraft FG.
Rechts: Kräftedreieck aus der Sicht des Zu-
15 schauers; die Kettenkraft liefert mit ihrer Ho-
rizontalkomponenten die zur Kreisbewe-
gung notwendige Zentripetalkraft Fz
16 Ff

17 FG

18 Fz

19
20
2.3 · Kraft und Bewegung
61 2

richteten Gesamtkraft, der die Ketten folgen müs- sion lassen sich im Schwerefeld der Erde von-
sen (. Abb. 2.48, linkes Kräftedreieck). Außerdem einander trennen, wie z. B. die Blutsenkung zeigt
wirkt auf mich noch die Kraft der Ketten (rechtes (7 Kap. 3.3.3). Das braucht aber Zeit und lässt
Kräftedreieck). Beides kompensiert sich gerade, sich wesentlich beschleunigen, wenn man für sei-
sodass ich in meinem beschleunigten Bezugssys- ne Probe die Gewichtskraft durch die Fliehkraft
tem in Ruhe bin. Fz und Ff haben die gleichen Be- einer Zentrifuge ersetzt. Auch sie ist massenpro-
träge, nach der gleichen Formel zu berechnen. portional. Mit hohen Drehzahlen können durch-
aus handliche Geräte Radialbeschleunigungen
Merke von mehr als 1000 g erzielen. Die eingesetzten Re-
Zentripetalkraft: nach innen gerichtete Zen- agenzgläser stehen dann bei laufender Zentrifu-
tralkraft; ge horizontal und sind nicht ganz ungefährlich.
Zentrifugalkraft: nach außen gerichtete Flieh- 1000 g bedeuten tausendfache Gewichtskraft; da
kraft im rotierenden Bezugssystem. darf es keine mechanischen Schwachstellen ge-
ben, sonst fliegt die Zentrifuge auseinander.

Wenn man die beiden Bezugssysteme nicht aus- Rechenbeispiel 2.20: Kettenkarussell
einander hält, kann man Fehlschlüssen aufsit- 7 Aufgabe. Mit ungefähr welcher Winkelge-
zen. In welcher Richtung fliegt der „Hammer“ schwindigkeit rotiert das Kettenkarussell in
weg, den der Hammerwerfer erst im Kreis herum- . Abb. 2.48?
schleudert und dann loslässt? Radial nach außen, 7 Lösung. Im Druck ist der zuschauende Fami-
in Richtung der Zentrifugalkraft. Der Werfer darf lienvater etwa 23 mm hoch. Wenn er tatsächlich
das in der Tat sagen; er dreht sich ja mit, er gibt 1,80 m groß war, beträgt der Abbildungsmaßstab
sein rotierendes Bezugssystem selber vor. Aber da ungefähr 1:80. Im Bild ist eine Gondel etwa 36 mm
ist er der Einzige im ganzen Stadion. Alle anderen von der vertikalen Drehachse entfernt, das ent-
müssen sagen: Da hält einer mit seinen Muskeln spräche in der Natur einem Bahnradius von ca.
den Hammer auf einer Kreisbahn, und plötzlich 3 m. Da aber der Vater näher an der Kamera stand
lässt er los; folglich fliegt der Hammer mit seiner als das Karussell, dürfte die Annahme r x 4 m kor-
momentanen Bahngeschwindigkeit ab, tangential rekter sein. Aus der Schräglage der Gondel ergibt
zum Kreis, wie die Funken von einer Schleifschei- sich für das Verhältnis von Zentripetalkraft zu Ge-
be (. Abb. 2.49). wichtskraft
Von den Fliehkräften rotierender Bezugssys- Fz  17  1, 2.
teme macht die Technik eifrig Gebrauch, auch im FG 14
ärztlichen Labor. Die Bestandteile einer Suspen- Das ist auch das Verhältnis der dazugehörigen Be-
schleunigungen. Die Radialbeschleunigung ist al-
so ca. ar 12 m/s2 . In 7 Kap. 2.1.4 haben wir ge-
lernt, dass
v2
ar   r ¸ X2.
r
Damit ergibt sich für die Winkelgeschwindigkeit:

X  ar r  1, 7 s-1 .

Das entspricht etwa 16 Umdrehungen pro Minute.

. Abb. 2.49. Keine Kreisbewegung ohne Zentripetalkraft.


Von einer Schleifscheibe tangential abfliegende Funken (nach
R.W. Pohl)
62 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

2.3.6 Trägheitsmoment und Drehimpuls Wie nach dieser Aufstellung zu erwarten, gibt es
1 als Gegenstück zum Impuls p und dem Impulser-
Auch in der Drehbewegung steckt kinetische En- haltungssatz auch den
2 ergie. Zwar rotieren alle Masseteilchen dm eines G
Drehimpuls L  I ¸X
G
Rades mit der gleichen Winkelgeschwindigkeit X,
3 ihres unterschiedlichen Abstandes r(m) von der
Drehachse wegen aber mit verschiedenen Bahn-
mit dem Drehimpulserhaltungssatz. Er sorgt z. B.
dafür, dass ein Kinderkreisel nicht umfällt und
geschwindigkeiten v(m) = X · r(m). Es hilft also ein Frisbee stabil in der Luft liegt; mit dem Vektor
4 nichts, Wkin lässt sich nur durch Summieren der L muss auch die ihm parallele Richtung der Dreh-
Beiträge aller Masseteilchen dm ermitteln. Mathe- achse erhalten bleiben.
5 matisch läuft dies auf eine Integration heraus: Ob sie ihn nun kennen oder nicht, Eistänzerin-
Wkin  12 ¸ ¨ v 2 (m)¸ dm  12 ¸ X 2 ¸ ¨ r 2 (m)¸ dm. nen und Kunstspringer nutzen den Drehimpuls-
erhaltungssatz auf recht raffinierte Weise. Achsen-
6 Das Integral bekommt einen eigenen Namen; ferne Massen tragen ja in weit höherem Maß zum
es heißt Trägheitsmoment bei als achsennahe; der Radius
7 Trägheitsmoment I  ¨ r 2¸ dm r geht quadratisch ein. Deshalb kann der Mensch
sein Trägheitsmoment (im Gegensatz zu seiner
8 und wird in kg · m2 gemessen. Leider hängt es Masse) beträchtlich verändern, wie . Abb. 2.50
nicht nur von der Masseverteilung des rotieren- an drei Beispielen zeigt. Will nun die Eistänzerin
den Körpers ab, sondern auch von der Lage der eine Pirouette drehen, so besorgt sie sich zunächst
9 Drehachse. Immerhin führt seine Definition aber mit
G dem G Fuß ein Drehmoment T, das ihr wegen
zu der einfachen Beziehung T  dL / dt einen Drehimpuls verschafft. Diesen
10 Wkin  12 I ¸ X 2 . übernimmt sie in einer Stellung mit hohem Träg-
heitsmoment (drittes Teilbild der . Abb. 2.50)
11 Demnach bedeuten Trägheitsmoment und und relativ kleiner Winkelgeschwindigkeit. Wenn
Winkelgeschwindigkeit für die Rotation, was Mas- sie sich jetzt aufrichtet und die Arme an den Kör-
se und Geschwindigkeit für die Translation be- per und damit an die vertikale Drehachse heran-
12 deuten. holt, nimmt ihre Winkelgeschwindigkeit merklich
Die Analogie reicht weiter. So kann die Grund- zu, denn anders kann der Drehimpuls bei vermin-
13 gleichung der Mechanik bei Drehbewegungen in dertem Trägheitsmoment nicht erhalten bleiben.
der Form Ähnliches tut der Kunstspringer beim Salto, nur
G G
dX
14 T I¸
dt
rotiert er um eine horizontale Achse. Nach dem
Absprung geht er in die Hocke, um I zu verrin-
geschrieben werden; Drehmoment T und Kraft F
15 entsprechen einander. Auch wenn es bisher nicht
G
erwähnt wurde: Winkelgeschwindigkeit X und
G
16 Winkelbeschleunigung dX / dt sind Vektoren, die
in Richtung der Drehachse zeigen. Ganz allge-
mein kommt man von den Formeln der Translati-
17 on zu denen der Rotation, wenn man ersetzt
5 Wegstrecke s durch Drehwinkel B
18 5 Geschwindigkeit v durch Winkelgeschwindig-
G
keit X
19 5 Beschleunigung a durch Winkelbeschleuni-
G 1,2 kg m2 2,3 kg m2 8 kg m2
gung dX / dt
5 Kraft F durch Drehmoment T
20 5 Masse m durch Trägheitsmoment I
. Abb. 2.50. Eistänzerin. Trägheitsmomente des Menschen
in verschiedenen Körperhaltungen bei Drehung um die verti-
kale freie Achse (Anhaltswerte)
2.3 · Kraft und Bewegung
63 2
G
gern und X zu erhöhen; am Ende des Sprunges
G
streckt er sich wieder, um bei kleinerem X mit
den Händen zuerst sicher in das Wasser einzutau-
chen. Dort gibt er dann seinen Drehimpuls an die
Erde zurück, von der er ihn beim Absprung vom
Turm ausgeborgt hatte.
Weil achsenferne Körperteile mehr zum Träg-
heitsmoment beitragen als achsennahe, gehen
z. B. Pferde auf Zehenspitzen: ihre kleinen und
schmalen Hufe entsprechen anatomisch Finger-
und Fußnägeln. Das ist schlecht im Sumpf, aber . Abb. 2.51. Auswuchten. Zusatzgewicht zum Auswuchten
gut zum raschen Laufen auf festem Boden: Die eines Autorades

Beine lassen sich rasch bewegen, ohne viel Mus-


kelkraft für hohe Drehmomente aufbringen zu Springer im Salto hat kein Lager, ihm bleibt nur
müssen, die hohe Trägheitsmomente anfordern eine freie Achse. Beim Rad des Autos soll sie mit
würden. der Mechanikerachse zusammenfallen.
Wer einen Salto springt, rotiert um eine sog.
freie Achse, im Gegensatz zum Geräteturner, der Merke
sich bei einer Riesenwelle die Reckstange als Für die Rotation bedeuten Drehmoment, Träg-
Drehachse vorgibt. Freie Achsen müssen immer heitsmoment und Drehimpuls das, was für die
durch den Schwerpunkt laufen, denn täten sie es Translation Kraft, Masse und Impuls ist
nicht, so durchliefe der Massenmittelpunkt eine
Kreisbahn: eine Zentrifugalkraft wäre die Folge.
Die aber kann nur von einer festen Achse aufge-
fangen werden (bei einer Riesenwelle biegt sich
die Reckstange ja auch ganz schön durch). Je-
des Rad eines Autos muss durch eine kleine Zu-
satzmasse „ausgewuchtet“ werden (. Abb. 2.51),
bis sein Schwerpunkt auf der konstruktiv vorge-
schriebenen „Mechanikerachse“ liegt. Andernfalls
„schlägt“ das Rad und reißt an seinem Lager. Der

In Kürze

Formel Größen [Einheit]

Lineare Bewegung (Machen Sie sich die Interpretation von Weg-Zeit- und Geschwindigkeits-Zeit-Diagrammen klar.)
%s
Konstante Geschwindigkeit v s: Weg [m]
%t
t: Zeit [s]
Weg v: Geschwindigkeit [m/s]
s(t) = v · t + s0
s0: Anfangsort [m]

%v
Konstante Beschleunigung a a: Beschleunigung [m/s2]
%t
v0: Anfangsgeschwindigkeit [m/s]
Geschwindigkeit v(t) = a · t + v0
a
Weg s( t )  t 2 v0 ¸ t s0
2
64 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

1 Kreisbewegung mit konstanter Geschwindigkeit

2Q
Winkelgeschwindigkeit X X: Winkelgeschwindigkeit [1/s]
2 T
T : Umlaufzeit [s]
Bahngeschwindigkeit v=X·r r : Radius [m]
v: Bahngeschwindigkeit [m/s]
3 Radialbeschleunigung ar 
v2
r
ar: Radialbeschleunigung [m/s2]
Fz: Zentripetalkraft [N], nach innen
gerichtet
4 Zentripetalkraft Fz  m
v2
r

5 Zentrifugalkraft Im beschleunigten Bezugssystem ist die Zentrifugalkraft entgegengesetzt


gleich der Zentripetalkraft.

Schwerkraft
6
Schwerkraft FG = m · g FG: Schwerkraft [N, Newton]
m: Masse [kg]
7 g = 9.81 m/s2 : Fallbeschleunigung

Hebelgesetz
8 „Last mal Lastarm gleich Kraft F1 · leff1= F2 · leff2 F1: Last-Kraft [N]
mal Kraftarm“ leff1: Lastarm [m]
9 F2 , leff2: Kraft, Kraftarm

Drehmoment T = F · leff T: Drehmoment [Nm]


10 leff : effektiver Abstand des Angriffspunktes
der Kraft von der Drehachse [m]

11 Gleichgewicht Die Vektorsumme aller Kräfte und Drehmomente muss Null sein

Grundgleichung der Mechanik


G G
12 Jede Beschleunigung erfordert
G
F m¸a F : Kraftvektor [N]
eine resultierende Kraft m: Masse [kg]
G
a : Beschleunigungsvektor [m/s]
13
Arbeit

14 Arbeit gleich Kraft mal Weg W = F · %s W: Arbeit [J, Joule]


F: Kraft [N]
%s: Weg [m]
15 Energie

m 2
16 kinetische Energie Wkin 
2
v W: Arbeit, Energie [J, Joule]
(Bewegungsenergie) Wkin : kinetische Energie

17 potentielle Energie Wpot = m · g · %h Wpot : potentielle Energie


(Lageenergie) (im Schwerefeld der Erde)

18 Leistung P
dW
dt
 J
P: Leistung ¡  W,Watt °
s
¯
¢ ±

19 Impuls

Impuls p=m·v p: Impuls  ¡ kg ¸ m ¯°


20 ¢ s ±
Übungsfragen
65 2

Übungsfragen Energie und Leistung


t 14. Wie viel Zeit hat man, um seine 70 kg die 16 Stufen je
(t leicht; tt mittel; ttt schwer) 17 cm eines Stockwerkes hoch zu schleppen, wenn man dabei
500 W umsetzen will? Wer leichter ist, muss schneller sein.
t 15. Welche mechanische Arbeit leisten Sie ungefähr, wenn
Beschleunigung sie ein Stockwerk hinaufsteigen?
t 1. Ein Körper bewegt sich mit einer negativen Beschleuni- t 16. Ein Klotz mit einer Masse von 1 kg und einer Startge-
gung von –1 m/s². Seine Anfangsgeschwindigkeit ist 1 m/s. schwindigkeit von 1 m/s kommt durch Reibung zur Ruhe. Wel-
Nach welcher Zeit ist seine Geschwindigkeit Null? che Wärmemenge entsteht dabei?
t 2. Ein rasanter Sportwagen kommt in 6 Sekunden „auf Hun- tt 17. Jane, nach Tarzan Ausschau haltend, rennt so schnell
dert“ (100 km/h). Wie groß ist die mittlere Beschleunigung im sie kann (5,6 m/s), greift sich eine senkrecht herunterhängen-
Vergleich zum freien Fall? de Liane und schwingt nach oben. Wie hoch schwingt sie?
t 3. Sie lassen einen Stein in einen Brunnen fallen und hören Spielt die Länge der Liane eine Rolle?
es nach 2 Sekunden „platschen“. Wie tief ist der Brunnen?
t 4. Aus welcher Höhe muss man einen Dummy zu Boden
Zum Impulssatz
fallen lassen, wenn man den Aufprall eines Motorradfahrers si-
t 18. Was ist „schlimmer“: gegen eine Betonwand fahren
mulieren will, der mit 50 km/h auf eine Mauer fährt?
tt 5. Ein Mensch gleitet aus und schlägt mit dem Hinterkopf oder mit einem massegleichen Auto frontal zusammensto-
ßen, dass mit der gleichen Geschwindigkeit fährt?
auf den Boden. Dem Wievielfachen der Erdbeschleunigung ist
tt 19. Bei einem Verkehrsunfall fahren zwei massegleiche
der Schädel ausgesetzt? Zur Abschätzung sei angenommen:
Wagen aufeinander. Wie viel Energie wird bei unelastischem
freier Fall aus 1,5 m Höhe; konstante Verzögerung beim Auf-
Stoß durch verbogenes Blech in Wärme umgesetzt, wenn
schlag auf einer Strecke von 5 mm.
a. der eine Wagen auf den stehenden anderen auffährt?
b. beide Wagen mit gleichen Geschwindigkeiten frontal zu-
sammenstoßen?
Zusammengesetzte Bewegung
t 6. Wie muss der Bootsführer in . Abb. 2.5 steuern, wenn er
möglichst schnell ans andere Ufer kommen will? Trägheitskräfte
tt 7. Regentropfen, die auf die Seitenfenster eines fahren-
t 20. Wie reagiert der Abgleich einer Balkenwaage auf die
den Zugs treffen, hinterlassen eine schräg laufende Spur auf
Trägheitskräfte eines beschleunigten Bezugssystems?
dem Fenster. Ein durchschnittlicher Regentropfen fällt senk- tt 21. Ein Passagier in einem Flugzeug, das gerade auf Star-
recht mit etwa 8 m/s und die Spur auf dem Fenster habe ei-
terlaubnis wartet, nimmt seine Armbanduhr an einem Ende
nen Winkel von 60° zur Senkrechten. Wie schnell fährt der Zug,
und lässt sie senkrecht herunterbaumeln. Das Flugzeug be-
Windstille vorausgesetzt?
kommt die Starterlaubnis und beschleunigt. Dabei schwenkt
tt 8. Ein Känguru auf der Flucht macht 6 m weite und 1,5 m
die Uhr aus der senkrechten um ca. 25° nach hinten. Nach 18
hohe Sprünge. Wie groß ist die horizontale Fluchtgeschwin-
Sekunden mit etwa konstanter Beschleunigung hebt das Flug-
digkeit?
zeug ab. Wie groß ist seine Startgeschwindigkeit?

Kraft, Drehmoment Drehbewegung


t 9. Der statistische Einheitsmensch wiegt „70 Kilo“. Wie groß t 22. Welche Drehfrequenz und welche Kreisfrequenz, wel-
ist seine Gewichtskraft? che Bahngeschwindigkeit und welche Winkelgeschwindigkeit
t 10. Wie viel Kraft spart die schiefe Ebene der . Abb. 2.21 hat die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne? (Erdbahnradius im
quantitativ? Anhang).
tt 11. Angenommen, die Gewichtkraft des Flaschenzuges t 23. Um welchen Faktor erhöht sich die Zentrifugalbe-
von . Abb. 2.22 könnte gegenüber den 10 kN der Gewichts- schleunigung einer Zentrifuge, wenn man deren Drehzahl
kraft F1 der Last vernachlässigt werden. verdoppelt?
a. Welche Kraft F belastet die Decke, wenn das freie Ende des
Seiles senkrecht nach unten gezogen wird?
b. Wird die Decke stärker belastet, wenn man, wie gezeichnet,
schräg zieht, oder weniger stark?
tt 12. Sie machen auf einer Personenwaage schwungvolle
Kniebeugen. Wie ändert das Anzeige am Ende der Abwärts-
bewegung?
t 13. Ein Kind ist doppelt so schwer wie ein anderes. In wel-
chem Abstand von der Drehachse einer Wippe setzen sie sich
am besten, um gut wippen zu können?
3.1 ·
67 3

Mechanik deformierbarer Körper

3.1 Die Aggregatzustände – 68

3.2 Festkörper – 69
3.2.1 Struktur der Festkörper – 69
3.2.2 Verformung von Festkörpern – 70
3.2.3 Viskoelastizität – 73

3.3 Druck – 73
3.3.1 Stempeldruck – 73
3.3.2 Schweredruck – 75
3.3.3 Auftrieb – 77
3.3.4 Manometer – 79
3.3.5 Pumpen – 80
3.3.6 Kompressibilität – 81
3.3.7 Blutdruckmessung – 82

3.4 Grenzflächen – 83
3.4.1 Kohäsion – 83
3.4.2 Adhäsion – 86

3.5 Strömung – 88
3.5.1 Zähigkeit (Viskosität) – 88
3.5.2 Laminare Strömung – 89
3.5.3 Turbulente Strömung – 93
3.5.4 Staudruck – 95
68 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

> > Einleitung Vielfalt der Substanzen ist nur möglich, weil sich
1 Der „starre Körper“ ist eine Fiktion: Auch der härtes- die wenigen Atomsorten in den unterschiedlichs-
te „feste Körper“ lässt sich noch verbiegen und mit ten Kombinationen zu Molekülen zusammenle-
2 der nötigen Gewalt auch zerbrechen. Demgegenüber gen können. Wie sie dies tun, warum sie dies tun,
passt eine Flüssigkeit ihre Form dem Gefäß an, in dem ist Thema der Chemie. Deren Formeln sagen, wel-
3 sie sich befindet; sie behält aber ihr Volumen bei und
bestimmt danach ihre Oberfläche. Ein Gas schließlich
che Atome in welchen Anzahlen welche Moleküle
bilden. Die zugehörigen Bindungskräfte sind weit
füllt (unter Laborbedingungen, nicht in astronomi- schwächer als die Kernkräfte. Bei chemischen Re-
4 schem Maßstab) sein Gefäß vollständig und gleichmä- aktionen wird deshalb auch weit weniger Ener-
ßig aus. Eben weil Flüssigkeiten und Gase keine eigene gie umgesetzt als bei Kernreaktionen. Kohlekraft-
5 Form besitzen, lassen sie sich etwa durch Strömung in werke müssen wesentlich mehr Brennstoff ver-
Röhren relativ leicht transportieren. Blutkreislauf und feuern und entsorgen als Kernkraftwerke. Mole-
Atmung nutzen dies aus. küle sind klein, selbst Billionen liefern noch keine
6 sichtbaren Krümel. Makroskopische Körper ent-
stehen nur, weil sich Moleküle zu großen Komple-
7 3.1 Die Aggregatzustände xen zusammenlegen können. Die dabei auftreten-
den Bindungskräfte sind freilich so schwach, dass
8 Bei einfachen Substanzen wie H2O ist die Zuord- man sie mit Hammer und Meißel oder auch mit
nung zu den drei Aggregatzuständen fest, flüs- reiner Temperaturerhöhung überwinden kann.
sig und gasförmig nahe liegend und unproblema- Wenn Wasser verdampft, treten einzelne Mole-
9 tisch. Beim Fensterglas mag verwundern, dass es küle durch die Oberfläche der Flüssigkeit in den
zu den Flüssigkeiten gehört. Was aber macht man Dampfraum über. Auch diese Phänomene tragen
10 mit Kaugummi, Haut und Haaren? zur Vielfalt der Substanzen bei. Ob Nebel oder Re-
Die Materie dieser Erde besteht aus Atomen. gen, ob Hagelkorn, Tropfen oder Schneeflocke, ob
11 Jedes Atom besitzt eine lockere Elektronenhül- Pfütze, Raureif oder Glatteis, immer handelt es
le, die seinen Durchmesser bestimmt, und einen sich um die gleichen H2O-Moleküle, nur in ver-
vergleichsweise kleinen Atomkern, der seine Mas- schiedenen Aggregatzuständen. Ein Festkörper ist
12 se bestimmt. Der Kern enthält Protonen und Neu- formstabil; verbiegt man ihn nur leicht, so kehrt
tronen. Protonen sind positiv elektrisch geladen, er elastisch in seine Ausgangsform zurück. Über-
13 Elektronen negativ und Neutronen sind ungela- fordert man seine mechanische Festigkeit, so zer-
den (neutral); der Kern kann demnach seine Hül- reißt, zerbricht, zerkrümelt er. Eine Flüssigkeit be-
14 le durch elektrische Kräfte an sich binden. Diese
Kräfte würden aber die positiven Protonen aus-
sitzt keine eigene Form; sie passt sich dem Gefäß
an, in das sie eingefüllt wurde. Wasser braucht da-
einander treiben, wären da nicht die anziehen- zu allenfalls Sekunden, Kochkäse Stunden, anti-
15 den Kernkräfte zwischen ihnen und den Neutro- ken Gläsern haben zweitausend Jahre noch nicht
nen. Balance kann nur in bestimmten Kombinati- genügt, wider den Augenschein ist ein Glas kein
16 onen erreicht werden; Atome, Atomkerne existie- Festkörper in der strengen Definition der Aggre-
ren nur von den rund hundert chemischen Ele- gatzustände (s. dazu auch Ende 7 Kap. 5.3.1). Ei-
menten. ne vorgegebene Flüssigkeitsmenge kennt ihr Vo-
17 Bis zum Element Nr. 83, dem Wismut, gibt es lumen und behält es bei, wenn man sie umgießt.
stabile Atomkerne, ab Nr. 84 (Polonium) zerfal- Die Molekülabstände liegen in der gleichen Grö-
18 len alle Kerne nach einer gewissen Zeit in klei- ßenordnung wie bei Festkörpern, die Dichten also
nere, sind also radioaktiv. Elemente bis Nr. 92, auch. Ein Gas füllt dagegen jedes Volumen gleich-
19 dem Uran, kommen in der Natur vor, die Trans- mäßig aus, das man ihm als Gefäß anbietet (jeden-
urane müssen künstlich hergestellt werden. Sta- falls gilt das in irdischen Verhältnissen, solange
bile Atomkerne überdauern Jahrmilliarden; die die Schwerkraft keine nennenswerte Rolle spielt).
20 schweren Elemente der Erde sind irgendwann Im Gas treffen sich die Moleküle nur noch selten,
einmal im Innern eines Sternes entstanden. Die Kräfte zwischen ihnen können sich kaum auswir-
3.2 · Festkörper
69 3

ken. Die Abstände sind groß, die Dichten norma-


lerweise um Zehnerpotenzen geringer.

Merke

Aggregatzustände:
5 fest: formstabil bis zur Festigkeitsgrenze
5 flüssig: nicht form-, wohl aber volumen-
stabil
5 gasförmig: weder form- noch volumenstabil

. Abb. 3.1. Kristallgitter des NaCl (Kochsalz). Die dicken Cl–-


So ganz befriedigen kann die Einteilung in genau
Ionen und die kleineren Na+-Ionen liegen dicht an dicht
drei Aggregatzustände nicht. Was macht man mit
Haut und Haaren? Sie sind weder richtige Fest-
körper noch richtige Flüssigkeiten. Als man die
Aggregatzustände erfand, meinte man noch, Phy-
sik und Chemie brauchten und dürften sich nur
mit toter Materie befassen, denn „das Leben“ ha- 0,563 nm
be eine völlig andere Qualität. Insofern war es ei- Cl –
ne Sensation, als Friedrich Wöhler 1828 mit dem
Harnstoff zum ersten Mal eine den lebenden Or- Na+
ganismen zugeordnete Substanz in der Retor-
te herstellte. Aber da gab es die Aggregatzustän-
de schon. . Abb. 3.2. Kubisch-flächenzentriertes Gitter (NaCl); Model-
le dieser Art markieren nur die Lagen der Zentren der Gitter-
bausteine ohne Rücksicht auf deren Größe
3.2 Festkörper

3.2.1 Struktur der Festkörper Zeichnungen dieser Art stellen Gitterbaustei-


ne als Kugeln dar, die sich gegenseitig berühren.
Kennzeichen des Festkörpers ist seine kristalline Das ist halbwegs realistisch, aber nicht sehr über-
Struktur. Sie verleiht ihm Formstabilität, macht sichtlich, weil man nicht in das Gitter hinein-
ihn aber nicht starr. Der feste Körper lässt sich schauen kann. Insofern haben Zeichnungen nach
elastisch (vorübergehend) oder plastisch (dauer- Art der . Abb. 3.2 ihre Vorzüge. Sie sind Kristall-
haft) verformen. modellen nachempfunden, die man aus Holzku-
Im Kristallgitter herrscht Ordnung; jedem geln und Metallstäbchen zusammenbastelt, um
Gitterbaustein wird ein fester Platz zugewiesen. Symmetrien anschaulich darstellen zu können.
Kochsalz beispielsweise besteht aus elektrisch po- Nur darf man sich nicht täuschen lassen: Die
sitiv geladenen Ionen des Natriums und aus den Bausteine eines Kristallgitters sind wirklich kei-
negativen Ionen des Chlors. Im NaCl-Gitter sind ne kleinen Kugeln, die von Stäben auf Distanz ge-
sie so angeordnet, dass jedes Na+-Ion sechs Cl–- halten werden.
Ionen als nächste Nachbarn hat und umgekehrt. Im NaCl-Kristall liegen die Würfel der Ele-
Das führt zu einer würfelförmigen Elementarzel- mentarzelle dicht an dicht; das Gitter wieder-
le des Gitters, wie sie . Abb. 3.1 schematisch dar- holt sich identisch in allen drei Kantenrichtun-
stellt. Sehen kann man einen solchen Würfel nicht; gen. Aber auch bei einer Drehung um eine Wür-
dazu ist er zu klein. Seine Kantenlänge beträgt ge- felkante landen nach 90° alle Gitterplätze wieder
rade ein halbes Nanometer. auf Gitterplätzen; viermal bis zur vollen Drehung.
Die Kristallographen bezeichnen sie als „vierzäh-
70 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

1
2
3
4 0,1 nm

5
. Abb. 3.3. Diamant und Graphit. Zwei unterschiedliche Kristallmodifikationen des Kohlenstoffs.

6
lige Symmetrieachsen“ und reden von einem „ku- lassen die Bindungen zunächst nur geringe Ver-
7 bischen Gitter“. schiebungen zu und holen die Gitterbausteine
Die Atome des Kohlenstoffs bilden gern 6er- sofort in ihre Normallage zurück, sobald die äu-
8 Ringe. Mit chemisch gebundenem Wasserstoff gibt ßere Kraft nachlässt: Die Verformung ist elas-
das die ringförmigen Moleküle des Benzols, ohne tisch und verschwindet spurlos. Leicht untersu-
jeden Bindungspartner die 6-zählige, hexagonale chen lässt sich ein Sonderfall, die Dehnung eines
9 Kristallstruktur des Graphits (. Abb. 3.3 rechts). Drahtes unter Zug. Man darf ein lineares Kraft-
Graphit ist schwarz und so weich, dass man mit gesetz erwarten (7 Kap. 2.2.1): Proportionalität
10 ihm schreiben kann. Kohlenstoff kann aber auch zwischen Längenänderung %l und angreifender
kubisch kristallisieren. Dann ist er glasklar durch- Kraft F. Weiterhin wird %l mit der Ausgangslänge
11 sichtig und härter als jedes andere Mineral; man l0 zu- und mit der Querschnittsfläche A des Drah-
kann Glas mit ihm ritzen. Aus einleuchtendem tes abnehmen. Der Quotient %l/l0 bekommt den
Grund bezeichnet man die zugehörige Struktur Namen Dehnung, der Quotient F/A = T heißt (me-
12 als Diamantgitter (. Abb. 3.3 links). chanische) Spannung.
Die Eigenschaften eines Festkörpers hängen Sind Spannung und Dehnung einander pro-
13 nicht nur von der Natur seiner Bausteine ab, son- portional, so erfüllen sie das Hooke’sche Gesetz
dern auch von der Struktur des Kristallgitters.
T = E · %l/l0,
14 Dessen Bausteine müssen keine Atome sein wie
beim Diamanten oder Ionen wie beim Kochsalz, die Proportionalitätskonstante E heißt Elastizitäts-
ganze Moleküle sind ebenfalls erlaubt, wie bei- modul T. T und E haben die gleiche Einheit N/m2,
15 spielsweise bei Eis und Schnee. Auch die großen denn die Dehnung ist eine dimensionslose Zahl.
Moleküle des Insulins kann man mit einiger Mü- Die Elastizitätsmodule gängiger Metalle liegen in
16 he zu Kristallen zusammenlegen und sogar Viren, der Größenordnung 1011 N/m2.
die im Grenzbereich zur lebenden Materie ange-
siedelt sind. Merke
17
5 Mechanische Spannung
F (Kraft durch Querschnittsfläche)
18 3.2.2 Verformung von Festkörpern T
A
5 Dehnung = relative Längenänderung %l
l
19 Auch die starken Bindungskräfte im Kristall hal- 5 Hooke’sches Gesetz: Dehnung ist zur Span-
ten die Gitterbausteine nicht unverrückbar auf ih- nung proportional:
ren Plätzen fest, ein fester Körper ist noch kein F %l
20 starrer Körper. Er kann auch durch relativ schwa- A
 E¸
l
che äußere Kräfte verbogen werden. Allerdings
3.2 · Festkörper
71 3

20
107 N / mm2

Hooke'scher
Bereich
σ

15

10
Spannung

0
0 1 2 3 ·10-3 4
∆l
Dehnung
l0

. Abb. 3.4. Spannungs-Dehnungs-Diagramm vom Kupfer . Abb. 3.5. Stufenversetzung. In den oberen Teil des Kris-
talls hat sich, vier Gitterabstände weit, eine zusätzliche Net-
zebene vertikal eingeschoben; unter ihrem Ende ist das Git-
ter dadurch ein wenig aufgeweitet worden. Oberhalb und un-
Erhöht man die Spannung über die sog. Elastizi- terhalb der Zeichenebene setzt sich die Versetzung in gleicher
tätsgrenze hinaus, so nimmt die Dehnung über- Weise im Kristall fort: sie zieht sich wie ein Schlauch durch den
Kristall hindurch. Springen die beiden markierten Gitterbau-
proportional zu (. Abb. 3.4): Der Draht beginnt steine nach rechts, so verschiebt sich die Versetzung um einen
zu fließen und kehrt nach Entlastung nicht zur al- Netzebenenabstand nach links
ten Ausgangslänge zurück, er hat sich plastisch
gedehnt. Dem sind aber Grenzen gesetzt; irgend-
wann reißt der Draht. Manche Substanzen lassen durch den Kristall hindurchgewandert, so ist des-
sich fast gar nicht plastisch verformen; wird ih- sen unterer Bereich gegenüber dem oberen um ei-
re Elastizitätsgrenze überschritten, so brechen sie nen Atomabstand abgeglitten. Zur plastischen Ver-
wie Glas. Man nennt sie spröde. formbarkeit gehören demnach bewegliche Verset-
zungen. Diese können sich aber an anderen Git-
Merke terfehlern wie Fremdatomen oder Einschlüssen
Elastische Verformungen sind reversibel, plas- festhaken: Gusseisen ist spröde, es enthält meh-
tische irreversibel. rere Prozent Kohlenstoff, an denen die Versetzun-
gen hängen bleiben; schmiedbarer Stahl dagegen
meist weniger als 0,1%.
Bei plastischer Verformung müssen ganze Berei- Die Bruchfestigkeit hängt nicht nur von den
che eines Kristalls gegeneinander verschoben wer- Eigenschaften des Materials selbst ab. Schon win-
den. Das geht nur, wenn Gitternachbarn sich von- zige Kerben in der Oberfläche können sich ver-
einander trennen und mit neuen Nachbarn wie- hängnisvoll auswirken, weil nämlich die oberflä-
der zusammenlegen, ein schier unmöglicher Vor- chennahen Anteile einer Zugkraft ein Drehmo-
gang, wäre der Kristall perfekt gebaut. Tatsächlich ment auf die Kerbenspitze ausüben (. Abb. 3.6a).
springt ein Baustein innen nur in eine benachbar- Es wächst auch noch, je weiter es die Kerbe ein-
te Leerstelle, in einen aus irgendwelchen Gründen reißt. Dünne Stäbe, auf Stauchung beansprucht,
gerade nicht besetzten Gitterplatz. knicken ein. Wieder wirkt ein Drehmoment auf
Besondere Bedeutung haben hier linienför- die Knickstelle; wieder wächst es, je weiter das
mige Anordnungen gleichartiger Leerstellen der Material nachgibt, weil dann der effektive Hebel-
Art, wie sie . Abb. 3.5 etwas schematisch skiz- arm größer wird (. Abb. 3.6b).
ziert (man nennt das eine Stufenversetzung). Hier Knickung bedeutet Biegung. Ein gebogener
kann eine ganze Atomreihe senkrecht zur Zeiche- Stab wird auf der Außenseite gedehnt, auf der In-
nebene relativ leicht, z. B. nach rechts, in die Lü- nenseite gestaucht. Dazwischen liegt die neutra-
cke hineinspringen und so die Versetzung um ei- le Faser, die ihre Länge nicht ändert (. Abb. 3.7).
nen Atomabstand nach links verschieben. Ist nach Zur Biegesteifigkeit eines Stabes tragen die von
diesem Mechanismus eine Stufenversetzung quer der neutralen Faser am weitesten entfernten Teile
72 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

F
1
2
l
3 . Abb. 3.8. Doppel-T-Träger. Das von der neutralen Faser am
weitesten entfernte Material trägt am meisten zur Biegefestig-
a b keit bei
4
. Abb. 3.6 a,b. Instabilität durch Hebelwirkung beim Bruch.
F
5 Das Drehmoment (effektiver Hebelarm l mal Kraft F), das auf
die Spitze der Kerbe (a) oder die Knickstelle (b) wirkt, nimmt
F F

zu, je weiter die Kerbe einreißt bzw. der Stab einknickt


6
am meisten bei; man spart Material, wenn man sie
7 auf Kosten des Mittelteils verstärkt. Technisches
Beispiel: der Doppel-T-Träger (. Abb. 3.8). Liegt
8 die Richtung der Biegebeanspruchung nicht von . Abb. 3.9. Faseriges Material. Gegenüber gerichteter Belas-
vornherein fest, so empfiehlt sich ein kreisrundes tung hängt die Festigkeit faserigen Materials von der Richtung
Rohr mit relativ dünner Wand. Halme sind nach der Fasern ab
9 diesem Prinzip konstruiert, aber auch die hohlen
Knochen der Vögel.
10 Dehnung und Stauchung sind nicht die einzi- Winkel von 45° bilden, denn jetzt können die ein-
gen mechanischen Belastungen, denen festes Ma- zelnen Lagen des Holzes relativ leicht gegenein-
11 terial ausgesetzt sein kann. Eine Achse, die ein ander abgeschert werden wie schlecht verleimte
Drehmoment übertragen soll, wird auf Drillung Brettchen. Unter 45° erzeugt die stauchende Kraft
beansprucht, auf Torsion. Bei Tiefbohrungen kann eine besonders hohe Schubspannung, hier also in
12 es vorkommen, dass die Maschine am oberen En- Richtung der Fasern. Die dazu senkrechte Kom-
de des Bohrgestänges schon ein paar Umdrehun- ponente der Kraft führt zur Normalspannung, die
13 gen weiter ist als der Bohrkopf tief unten. vom Holz leichter aufgenommen werden kann.
Schließlich: die mechanischen Eigenschaf- Man sagt: die mechanischen Eigenschaften von
14 ten mancher Materialien sind nicht einmal in al-
len Richtungen gleich. Als Musterbeispiel kann
Holz sind anisotrop. Das Gegenteil von anisotrop
ist isotrop: ein isotropes Material verhält sich in
ein Holzklotz dienen, der gestaucht werden soll allen Richtungen gleich. Metalle sind in der Regel
15 (. Abb. 3.9). Liegen seine Fasern längs oder quer ein Beispiel hierfür.
zur Kraft, so besitzt er eine recht hohe Festigkeit.
16 Sie ist deutlich geringer, wenn die Fasern einen

17 te
ksei er
Druc rale Fas
e u t
n e
18 Zug
se i t

19
20
. Abb. 3.7. Neutrale Faser. Bei der Biegung ändert die neutrale Faser ihre Länge nicht
3.3 · Druck
73 3

Rechenbeispiel 3.1: Mensch am Draht


7 Aufgabe. Welchen Durchmesser muss ein Kup-

Last F
ferdraht mindestens haben, wenn er ohne plasti-
sche Verformung einen Menschen tragen soll? Be-
achte . Abb. 3.4.
7 Lösung. Das Ende der Hooke’schen Gera-
Zeit t
den befindet sich etwa bei der Grenzspannung
Tg = 13 · 107 N/m2. Wenn der Mensch ein Gewicht

Längenänderung ∆l
von 690 N hat (entspricht 70 kg), so ergibt sich für
die minimal erforderliche Querschnittsfläche:
F
Amin  G  5, 3 ¸106 m 2  1 4 dmin
2
¸
Tg

Also ist der minimale Durchmesser


dmin  2, 6 ¸103 m  2,6 mm.

Zeit t

3.2.3 Viskoelastizität . Abb. 3.10. Viskoelastizität. Längenänderung eines viskoe-


lastischen Stabes unter wechselnder Last, idealisiert
Leben ist an Wasser gebunden; es ist in den Welt-
meeren entstanden und hat sich in seiner Ent-
wicklung an dessen Zusammensetzung ange- ten. Man nennt sie viskoelastisch, denn sie können
passt. Auch menschliches Leben braucht Wasser; beispielsweise einer mechanischen Beanspru-
der Salzgehalt des Blutes ist dem der Meere nicht chung momentan und elastisch folgen, danach
unähnlich. In gewissem Sinn haben die Tiere, als aber viskos weiterkriechen. Manche ändern ihre
sie an Land gingen, ihre alte Umgebung mitge- Form unter konstanter Belastung noch nach Mi-
nommen, nur mussten sie nun sorglich einhüllen, nuten und Stunden. Hört die Belastung plötzlich
was vorher Umwelt gewesen war. Der starre Pan- auf, so kehren sie auf ähnlichem Weg mehr oder
zer der Insekten hat konstruktive Nachteile, z. B. weniger genau in ihre Ausgangsform zurück, wie
beim Wachsen, man muss sich häuten. Wirbeltiere dies . Abb. 3.10 recht grobschematisch andeutet.
verlegen darum ihr tragendes Skelett nach innen,
brauchen nun aber eine Haut, die schlagfest und
wasserdicht ist und trotzdem beweglich und bieg- 3.3 Druck
sam. Die technische Lösung heißt Hochpolymere.
Die chemische Industrie hat sich ihrer in großem 3.3.1 Stempeldruck
Umfang angenommen.
Unter Polymerisation versteht man das Zusam- Bei Flüssigkeiten und Gasen haben Drücke ähnli-
menlagern relativ „kleiner“ Moleküle der organi- che Funktionen wie Kräfte bei den Festkörpern.
schen Chemie zu größeren Komplexen, die dann Jede plastische Verformung eines Festkör-
viele Tausende von Atomen umfassen können. pers beruht auf Abgleitungen nach Art verleim-
Manche haben fadenförmige Struktur, sind in ter Brettchen. Durch die Struktur des Kristalls
sich selbst biegsam und lagern sich verhakelt und sind Gleitebenen vorgebildet, die Schubspannun-
verknäult ihrerseits zusammen. Dabei bleiben sie gen einen vergleichsweise geringen, aber immer
oftmals in weiten Grenzen gegeneinander ver- noch beträchtlichen Widerstand entgegensetzen.
schieblich, dürfen ihre Knäuel aufziehen, sich lo- Flüssigkeiten und erst recht Gase haben, zumin-
kal voneinander trennen und umlagern. Die Kör- dest im Idealfall, gar keine Schubfestigkeit, weil
per, die sie bilden, sind weder so formstabil wie sich ihre Moleküle grundsätzlich frei gegeneinan-
Kristalle noch so beweglich wie echte Flüssigkei- der verschieben können: Flüssigkeiten sind nicht
74 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

formstabil. Deshalb kann der Arzt ein flüssiges


1 Medikament aus der Ampulle in die Spritze sau-
A2
gen und dann durch die enge Kanüle seinem Pati- s2 = V
2 enten injizieren. A2

Die Injektion erfordert eine Kraft, als Mus- s1 F2


3 kelkraft vom Daumen auf den Kolben der Sprit-
ze ausgeübt. Der Kolben muss „dicht“ schließen,
A1
F1
d. h. die Querschnittsfläche der Spritze voll aus-
4 füllen, und trotzdem einigermaßen reibungsarm
gleiten. Dadurch gerät das flüssige Medikament
5 unter den
Kraft F
. Abb. 3.11. Hydraulische Presse. (Einzelheiten im Text)
Druck p  .
Fläche A
6 Hier steht die Kraft immer senkrecht auf der erzeugen; . Abb. 3.11 zeigt das Schema. Schiebt
Fläche, als Vektoren haben demnach F und A die man den kleinen Kolben (Fläche A1) mit der Kraft
7 gleiche Richtung und brauchen darum nicht vek- F1 um die Strecke s1 in seinem Zylinder vor, so
toriell geschrieben zu werden: Der Druck p ist ein pumpt man ein Flüssigkeitsvolumen V = A1 · s1
8 Skalar (deshalb stört nur wenig, dass er den glei- mit dem Druck p = F1/A1 in den großen Zylin-
chen Buchstaben trägt wie der Impuls p). der hinüber. Dessen Stempel rückt um die Strecke
Der Druck ist eine abgeleitete Größe mit der s2 = V/A2 vor. Auf ihn wirkt die Kraft
9 leider recht kleinen SI-Einheit
F2 = p · A2 = F1 · A2/A1.
1 Pascal = 1 Pa = 1 N/m2.
10 Sie ist um das Verhältnis der beiden Kolben-
Schon der normale Luftdruck am Erdbo- flächen größer als F1. Energie lässt sich so selbst-
11 den liegt in der Nähe von 105 Pa, einem Wert, der verständlich nicht gewinnen, denn was der große
auch Bar genannt wird. Meteorologen messen auf Kolben an Kraft gewinnt, verliert er an Schubweg:
ein Promille genau und darum in Hektopascal
12 (1 hPa = 100 Pa = 1 mbar). In der Medizin ist es
W2 = F2 · s2 = p · A2 · V/A2 = p · V
= p · A1 · V/A1 = F1 · s1 = W1.
üblich, arteriellen Blutdruck in mmHg = 1,33 hPa
13 (x Torr) anzugeben und venösen in 1 mmH2O Der Beziehung „Arbeit = Kraft mal Weg“ ent-
= 9,81 Pa. Diese beiden Einheiten stammen von spricht bei Flüssigkeiten die Beziehung „Arbeit =
14 Flüssigkeitsmanometern ab (. Kap. 3.3.4), sind Druck mal Volumenänderung“; sie wird Volumen-
aber keine gesetzlichen Einheiten. arbeit genannt. Bei variablem Druck muss man in-
tegrieren:
15 Merke V1
W  ¨ p(V )dV
Kraft F
16 Druck p 
Fläche A
V0
Das Herz des Menschen leistet Volumenar-
SI-Einheit: 1 Pascal = 1 Pa = 1 N/m2 beit.
17
Merke
18 Der Druck in einer ruhenden Flüssigkeit, der hy- Volumenarbeit: Druck mal Volumenänderung
drostatische Druck, ist allseitig gleich (solange man
W  p ¸%V
19 Gewichtskräfte vernachlässigen kann). In der In-
jektionsspritze wird er durch äußere Kraft auf den
Kolben, den „Stempel“ erzeugt. Deshalb nennt Volumenarbeit wird auch von den Turbinen eines
20 man ihn auch Stempeldruck. Seine Allseitigkeit Pumpspeicherwerkes geleistet (. Abb. 3.12).
erlaubt der hydraulischen Presse, große Drücke zu
3.3 · Druck
75 3

. Abb. 3.12. Pumpspeicherwerk. Nachts wird überschüssige elektrische Energie als Hubarbeit gespeichert, indem Wasser in
den oberen See gepumpt wird; sie kann in der Leistungsspitze am Tag durch Volumenarbeit des Wassers wieder in elektrische
Energie zurückverwandelt werden, freilich nur mit begrenztem Nutzeffekt

3.3.2 Schweredruck

Pumpspeicherwerke nutzen den Druck aus, den


Wasser durch seine Gewichtskraft erzeugt; er
heißt Schweredruck und nimmt mit der Wasser-
tiefe zu. Insofern bedarf der Satz von der Allsei-
tigkeit und Gleichheit des hydrostatischen Dru-
ckes einer Präzisierung: der Satz gilt nur für den
Stempeldruck im Zustand der Schwerelosigkeit. . Abb. 3.13. Schweredruck. Zur Herleitung der Formel: bei
Sobald Gravitations- oder Trägheitskräfte eine einer inkompressiblen Flüssigkeit (S= konstant) steigt er pro-
Rolle spielen, überlagert sich der Schweredruck. portional zur Wassertiefe h an
Dessen Abhängigkeit von der Wassertiefe h lässt
sich für den Sonderfall eines senkrecht stehen-
den zylindrischen Gefäßes relativ leicht ausrech- (. Abb. 3.13, rechtes Teilbild). In einer geschlos-
nen (. Abb. 3.13). Jede horizontale Wasserschicht senen Dose überlagert sich ihm ein etwa noch
der Dicke %h drückt auf die unter ihr liegenden vorhandener Stempeldruck ps. Der Gesamtdruck
Schichten mit der Gewichtskraft %FG. Hat der Zy- pg ist dann
linder die Querschnittsfläche A, so gehört zu der
pg(h) = S· g · h + ps
Schicht das
5 Volumen %V = A · %h, (. Abb. 3.14). In offenen Gewässern erzeugt
5 die Masse %m = S · %V = S · A· %h (S = Dich- schon die Lufthülle der Erde einen solchen Stem-
te der Flüssigkeit) und die peldruck.
5 Gewichtskraft %FG = g · %m = g · S· A %h (g =
Fallbeschleunigung). Die Kraft erzeugt den 3Etwas anders liegt es mit dem Schweredruck in
5 Druck %p = %FG/A = g S %h. Gasen, zum Beispiel mit dem Luftdruck in der Erdat-
mosphäre, der ja auf dem Gewicht der Atmosphäre
Mit steigender Wassertiefe summieren sich alle beruht. Da anders als bei Flüssigkeiten die Dichte ei-
nes Gases stark druckabhängig ist, variiert mit der Hö-
Beiträge zum Druck der einzelnen Schichten.
he beides: Druck und Dichte. Das führt dazu, dass der
Da Wasser praktisch inkompressibel ist, än-
Druck nicht linear mit der Höhe abnimmt, sondern ex-
dert sich die Dichte S mit der Tiefe nicht. Dann ponentiell (barometrische Höhenformel).
nimmt der Druck einfach linear mit der Wasser-
tiefe zu:
p(h) = S· g · h,
76 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

Klinik
1 F
Druck im Körper. Auch die Blutgefäße des Men-
schen bilden eine „geschlossene Dose“ im Sinn
2 0 der Überlagerung von Schwere- und Stem-
peldruck. Steht der Mensch aufrecht, so ist
Tiefe h
3 der äBlutdruck in den Füßen notwendiger-
weise höher als im Kopf; liegt er horizontal, so
sind beide Drücke ungefähr gleich. Das Gehirn
4 braucht für seine Funktion aber unbedingt eine
ps Druck p gleichmäßige Durchblutung; folglich muss ein
5 Regelsystem dafür sorgen, dass Druckschwan-
. Abb. 3.14. Stempeldruck. Dem Schweredruck überlagert kungen im Kopf, wie sie Lageänderungen zu-
sich ein etwa vorhandener Stempeldruck ps additiv
nächst hervorrufen, in wenigen Sekunden auf-
6 gefangen werden. Krankhafte Störungen kön-
Wer taucht, registriert den Schweredruck des Was- nen die Einstellung des Solldrucks merklich ver-
7 sers als Überdruck gegenüber dem Atmosphären- zögern oder gar Regelschwingungen auslösen
druck von rund 105 Pa, den er an Land gewohnt ist. (. Abb. 3.15).
8 Die Atemmuskulatur muss mit dem Überdruck
fertig werden, solange der Sportler mit „Schnor-
chel“ taucht, die Atemluft also unter Normaldruck
9 dicht über der Wasseroberfläche ansaugt. Das geht chen aus, sondern Ausschnitte aus einer Kugel-
nur in geringer Tiefe. Wer weiter hinunter will, oberfläche. Seeleute wissen das: Von einem entge-
10 muss eine Pressluftflasche mitnehmen und vor- genkommenden Schiff tauchen zuerst die Mast-
sichtig wieder auftauchen, denn sonst bekommt spitzen über der Kimm auf, und der Mann im
11 er Schwierigkeiten mit den im Blut gelösten Ga- Mastkorb entdeckt sie früher.
sen (Henry-Dalton-Gesetz, 7 Kap. 5.3.9). Immer-
hin steigt der hydrostatische Druck im Wasser al- Rechenbeispiel 3.2: Wasserturm
12 le zehn Meter um rund 105 Pa. 7 Aufgabe. In flachen Gegenden sieht man zu-
weilen einen Wasserturm in der Landschaft stehen.
13 Merke Er enthält im oberen Teil einen großen Wassertank.
Schweredruck: Zweck der Konstruktion ist es, am Fuße des Turms
14 von der Gewichtskraft einer Flüssigkeit (Dich- in den umgebenden Häusern einen Überdruck des
Wassers am Wasserhahn zu erzeugen. Wie hoch
te S) erzeugter Druck; er steigt mit der Tauch-
muss der Turm in etwa sein, damit der Überdruck
15 tiefe h:
das Dreifache des Luftdrucks beträgt?
p(h) = S · g · h.
7 Lösung. Es gilt die Faustformel: alle 10 m Was-
16 sertiefe steigt der Druck um ein Bar bzw. 1000 hPa.
Ideale Flüssigkeiten besitzen keine Scherfestig- Genaues Nachrechnen liefert:
keit, das heißt, sie lassen sich leicht verformen. In-
17 folgedessen müssen ihre freien Oberflächen im-
%p  Sw ¸ g ¸10 m  1000 kg/m 3 ¸ 9,81 m/s2 ¸10 m
 9,81¸104 Pa  981 hPa
mer horizontal stehen. Täten sie es nicht, bekäme
18 die Gewichtskraft eine Komponente parallel zur Der Wasserturm muss also etwa 30 m hoch sein.
Oberfläche, der die Flüssigkeit nachgeben müss- Man kann den Druck am Wasserhahn aber auch
19 te. Dies gilt auch, wenn in kommunizierenden Röh- mit einer Pumpe aufrechterhalten.
ren die Oberfläche durch Gefäßwände unterbro-
chen ist: Eine ruhende Wasseroberfläche liegt im-
20 mer senkrecht zu der angreifenden Schwerkraft.
Insofern bilden die Meere keine ebenen Oberflä-
3.3 · Druck
77 3

12 Merke
Torr
80 Auftrieb
10
70 FA = g · mf = Vk · Sf · g
a
8 60

100 Ein Körper, der mehr wiegt als die von ihm ver-
Blutdruck p / kPa

drängte Flüssigkeit, sinkt unter: Der Auftrieb


12 90
kann das Gewicht nicht tragen, wenn die (mittle-
80 re) Dichte des Körpers größer ist als die der Flüs-
10 sigkeit. Ist sie dagegen kleiner, so schwimmt der
b 70
Körper; er taucht gerade so tief ein, dass die ver-
drängte Flüssigkeit ebenso viel wiegt wie er sel-
110 ber: Ein leeres Schiff liegt höher im Wasser als ein
14 beladenes. Außerdem hat es auf hoher See einen
100
etwas geringeren Tiefgang als im Hafen, denn der
12 90 Salzgehalt gibt dem Meerwasser eine höhere Dich-
c te. Die Tauchtiefe eines Aräometers (. Abb. 3.16)
80
0 10 20 30 40 50 60 70 misst die Dichte der Flüssigkeit, in der es
Zeit t / s schwimmt. Man muss das Gerät nicht in g/cm³
eichen; teilt man es in „Grad Öchsle“, so misst
. Abb. 3.15 a-c. Regelstörungen beim Blutdruck. Die Ver- es als „Gleukometer“ das Mostgewicht zukünfti-
suchsperson wird auf einer horizontalen Liege festgeschnallt ger Weine; es heißt „Laktometer“, wenn man mit
und ohne eigene Muskelarbeit in die Vertikale gekippt. Da-
durch nimmt der Blutdruck im Oberkörper zunächst ab („das
ihm den Fettgehalt der Milch bestimmt, und „Uro-
Blut sackt in die Füße“). Beim Gesunden wird der Druck im Ge- meter“ bei den entsprechenden Fachärzten. Jede
hirn in weniger als einer halben Minute wieder auf den Nor- Branche entwickelt ihre Fachsprache.
malwert eingeregelt (a). Ein krankhaft gestörter Regelkreis
kann aber durch diese Belastung in eine gedämpfte (b) und
sogar in eine nahezu ungedämpfte (c) Regelschwingung ge-
raten
100 95 90 85 80 75 70 65 60 55 50 45 40

3.3.3 Auftrieb

Jeder Körper wird, wenn man ihn unter Wasser


taucht, von allen Seiten zusammengedrückt. Weil
aber der Schweredruck mit der Wassertiefe zu-
nimmt, übt er von unten eine größere Kraft auf
den Körper aus als von oben: die Differenz liefert
den Auftrieb, eine der Gewichtskraft entgegen, also
aufwärts gerichtete Kraft FA. Ihr Betrag entspricht
der Gewichtskraft g · mf der vom Tauchkörper ver-
drängten Flüssigkeit (archimedisches Prinzip), ist
also seinem Volumen Vk und ihrer Dichte Sf pro-
portional. Dies soll hier ohne Begründung einfach
nur festgestellt werden. Für geometrisch einfache
Sonderfälle lässt es sich leicht nachrechnen; es all-
gemein herzuleiten, bedarf allerdings einer Inte- . Abb. 3.16. Aräometer. Es taucht umso tiefer ein, je gerin-
gration. ger die Dichte der Flüssigkeit ist
78 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

Praktikum
1
Dichtebestimmung und so erhält man die Gesuchte Dichte der Flüssig-
(Dichte: 7 Kap. 1.2.2; Hebelgesetz und Balkenwaage:
2 7 Kap. 2.2.4 bis 2.2.6)
keit:
FL  FFl
SFl  SK .
1) Flüssigkeiten FL
3 Eine beliebte Methode ist die Mohr’sche Waage. Das
Diese Formel hat noch den Reiz, dass die Ge-
ist eine Balkenwaage, an deren einer Seite ein Glaskör-
wichtskräfte gar nicht absolut bestimmt werden müs-
per (Volumen VK, Masse mK) hängt, dessen Dichte SK
4 bekannt sein muss. Taucht man diesen Körper in die
sen, da es nur auf ein Verhältnis ankommt. Es reichen
abgelesene Skalenteile.
zu messende Flüssigkeit, so wirkt eine Auftriebskraft
Eine andere Methode ist der einfache Gewichts-
5 auf ihn, die proportional zur Dichte der Flüssigkeit ist.
vergleich zweier Flüssigkeiten gleichen Volumens mit
Diese wird mit der Waage ausgemessen. Das funktio-
der Balkenwaage. Ist die Dichte der einen Flüssigkeit
niert genauso wie das in . Abb. 3.16 dargestellte Arä-
6 ometer, lässt sich nur genauer ablesen.
bekannt, so kann die Dichte der anderen berechnet
werden.
Ist FL  mK ¸ g das Gewicht des Glaskörpers in
7 Luft und FFl sein Gewicht eingetaucht in der Flüssig-
keit, so ist die Differenz die Auftriebskraft:
2) Festkörper
Nimmt man eine Flüssigkeit bekannter Dichte (in der
FL  FFl  VK ¸ SFl ¸ g g
8 Regel Wasser mit SW 1 3 ), so kann man die obige
cm
Dann ist: Formel auch herumdrehen und die Dichte des einge-
FL  FFl VK ¸ SFl ¸ g SFl tauchten Körpers bestimmen.
9 FL

mK ¸ g

SK

10 3Einen solchen Vorgang nennt man Sedimentation.


Wer schwimmen will „wie ein Fisch im Was-
Die Sinkgeschwindigkeit v ist proportional zur Fallbe-
11 ser“, muss seine mittlere Dichte der Umgebung schleunigung g oder der Beschleunigung a, der man
genau anpassen, sonst treibt er auf oder geht un- das Reagenzglas eben aussetzt, zum Beispiel in einer
ter. Fische besitzen dafür eine Schwimmblase, die Zentrifuge:
12 sie mehr oder weniger weit mit Gas aufblähen v  sk · a
können. Damit ändern sie Volumen und Auftrieb, Den Propotionalitätsfaktor sk nennt man Sedimenta-
13 nicht aber Masse und Gewicht. tionskonstante. Sie hängt vor allem vom Dichteunter-
Der Mensch besteht im Wesentlichen aus Was- schied zwischen Teilchen und Flüssigkeit ab. Ihre Ein-
heit ist Grundsätzlich die Sekunde, sie wird aber in 10–13
14 ser; seine mittlere Dichte liegt nur wenig über 1 g/
cm3. Das erlaubt ihm, mit geringen Schwimmbewe- Sekunden = 1 Svedberg (S) angegeben.
gungen den Kopf über Wasser zu halten. Der Auf-
15 trieb trägt den Körper und entlastet das Rückgrat. Will man die Bestandteile des Blutes schnell tren-
nen und nicht lange warten, so bedient man sich
16 Klinik einer Zentrifuge. Die Sinkgeschwindigkeit vs pro-
Blut ist eine so genannte Suspension. In der portional zur Dichtedifferenz %S und der Fallbe-
Grundflüssigkeit Wasser befinden sich viele schleunigung:
17 nicht gelöste Bestandteile wie zum Beispiel die
vs _ %S · g
Blutkörperchen. Blut bleibt deshalb gut durch-
18 mischt, weil sich die Dichten dieser Bestandtei- In der Zentrifuge wird nun die Fallbeschleuni-
le und des Wassers nicht allzu sehr unterschei- gung durch die Radialbeschleunigung der Dreh-
19 den. Auftriebskraft und Schwerkraft halten sich bewegung bzw. die Schwerkraft durch die Zentri-
in etwa die Waage. Aber nicht ganz. Blutkörper- fugalkraft ersetzt (7 Kap. 2.3.5). Diese kann mehr
chen haben eine etwas höhere Dichte und sin- als 1000-mal höher sein. Dann geht es 1000-mal
20 ken deshalb ganz langsam nach unten ( äBlut- schneller.
senkung).
3.3 · Druck
79 3

Rechenbeispiel 3.3: Mondgestein


7 Aufgabe. Ein Geologe findet heraus, dass ein
Mondstein mit einer Masse von 8,2 kg eingetaucht
in Wasser nur noch eine scheinbare Masse von
6,18 kg hat. Wie groß ist die Dichte des Steins?
7 Lösung. Die Auftriebskraft ergibt sich aus der ∆h
Differenz zwischen realer und scheinbarer Masse
und ist FA  2, 02 kg ¸ g  19,8 N. Damit ergibt sich
sein Volumen:
FA 2, 02 kg
V   2020 cm3
SWasser ¸ g 0,001 kg/cm3
. Abb. 3.17. Flüssigkeitsmanometer. Auf dem linken Schen-
m kel lastet ein Überdruck
und die Dichte zu S   4,06 g/cm3 .
V

U gebogenen Glasrohr, so wie . Abb. 3.17 zeigt,


Die Krone des Hiëron muss der Gasdruck über dem linken Meniskus hö-
7 Frage. Der Sage nach hat Archimedes mit Hil- her sein als über dem rechten, und zwar um einen
fe seines Prinzips den Goldschmied des Betruges Betrag %p, der genauso groß ist wie der Schwere-
überführt, bei dem König Hiëron von Syrakus ei- druck einer Wassersäule der Höhe %h:
ne Krone in Auftrag gegeben hatte. Hiëron ließ da-
%p = S· g · %h.
für einen abgewogenen Klumpen reinen Goldes
aus seiner Schatzkammer holen und überzeug- Ein Flüssigkeitsmanometer lässt sich mit dem
te sich später durch Nachwiegen, dass die fertige Lineal oder auch mit hinterlegtem Millimeterpa-
Krone das richtige Gewicht besaß. Trotzdem hat- pier ablesen; in die Eichung gehen dann noch die
te der Schmied einen guten Teil des Goldes für sich Dichte S der Manometerflüssigkeit und die Fall-
behalten und durch zulegiertes Silber ersetzt; der beschleunigung g ein.
Krone sah man das nicht an. Archimedes wusste, Schließt man den einen Schenkel des Flüssig-
dass Silber „leichter“ ist als Gold, d. h. eine geringe- keitsmanometers und hält man ihn luftleer, so misst
re Dichte besitzt. Er wies den Betrug nach mit einer man den vollen Gasdruck auf der anderen Seite.
Waage, einem hinreichend großen, wassergefüll- Wäre dies normaler Luftdruck, so stiege Wasser
ten Bottich und einem zweiten Klumpen Gold, der rund 10 m hoch; höher kann auch die beste Saug-
so schwer war wie die Krone. Wie machte er das? pumpe auf dieser Erde Wasser nicht heben. Mit sei-
7 Antwort. Klumpen und Krone haben glei- ner großen Dichte verkürzt Quecksilber die Steig-
che Masse und bringen eine Waage ins Gleichge-
wicht. Die Krone hat wegen des Silbers eine kleine-
re Dichte und ein größeres Volumen; folglich ist ihr
Auftrieb im Wasser größer. Taucht man Klumpen
und Krone, während sie an der Waage hängen, ins
Wasser, so kommt die Waage aus dem Gleichge-
ca. 760 mm

wicht: die Krone erscheint leichter.

3.3.4 Manometer

Der Schweredruck erlaubt die Konstruktion tech-


nisch besonders einfacher Druckmesser, der Flüs-
sigkeitsmanometer. Steht Wasser in einem zum . Abb. 3.18. Quecksilber-Barometer
80 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

1
Ventile
2
3
. Abb. 3.20. Kolbenpumpe
4
. Abb. 3.19. Dosenbarometer. Der äußere Luftdruck biegt
5 den gewellten Deckel durch und staucht die Schraubenfeder;
nach ähnlichen Prinzipien lassen sich auch Manometer für ho- Ventile
he Drücke herstellen
6
höhe auf 760 mm (. Abb. 3.18). Erfunden wur-
7 de das Quecksilberbarometer 1643 von Evangelista . Abb. 3.21. Membranpumpe
Torricelli. Von ihm hat die Druckeinheit „Torr“ ih-
8 ren Namen, die praktisch mit der Einheit „mmHg“
übereinstimmt. Beide sind keine „guten“ Einheiten,
weil die Fallbeschleunigung vom Ort abhängt und
9 die Dichte des Quecksilbers von der Temperatur.
Wasser Gummiblase
(Lunge)
Flüssigkeitsmanometer lassen sich zwar leicht
10 herstellen, sind aber unhandlich; sie müssen
senkrecht stehen und können auslaufen. Darum
11 verwendet man lieber dünnwandige Hohlkörper,
die sich verbiegen, wenn eine Druckdifferenz zwi-
schen innen und außen besteht. Die Verbiegung
12 wird dann mechanisch oder auch elektrisch über- Expirationsstellung
tragen und gleich als Druck(differenz) angezeigt.
13 Abbildung 3.19 zeigt ein Beispiel.
Gummimembran
(Zwerchfell)
14 3.3.5 Pumpen

15 Mit einer Kammer, die periodisch ihr Volumen


ändert, kann man pumpen; zwei Ventile braucht . Abb. 3.22. Funktionsmodell der Lungenatmung (nach
16 man auch noch dazu. Technisch einfach ist die Hinzpeter, Einzelheiten im Text)
Kolbenpumpe (. Abb. 3.20), die abgesehen von
notwendigen Dichtungen ganz aus Metall gefer-
17 tigt werden kann. Die Ventile haben den zunächst Jeder Kolben braucht eine Dichtung gegen-
nur pendelnden Strom der Flüssigkeit oder des über seinem Zylinder, ein technisch keineswegs
18 Gases in eine Vorzugsrichtung zu steuern. Da- einfach zu lösendes Problem. Darum ersetzt man
zu muss ihre Bewegung mit der des Kolbens ko- zuweilen den Kolben durch eine biegsame Memb-
19 ordiniert werden, zwangsweise durch eine ent- ran, die hin und her gebogen wird (Membranpum-
sprechende Mechanik oder eleganter dadurch, pe, . Abb. 3.21). Nach ähnlichem Prinzip arbei-
dass die entsprechend konstruierten Ventile vom ten Herzen, nur verwendet die Natur weitaus raffi-
20 Strom des Fördergutes im richtigen Takt mitge- nierteres Baumaterial: Muskeln, die sich auf Kom-
nommen werden wie die Herzklappen. mando zusammenziehen.
3.3 · Druck
81 3

Klinik
Auch die Lunge pumpt. Die Lunge muss beim Ein- aus, wenn der Zug am „Zwerchfell“ nachlässt. Frei-
atmen Unterdruck erzeugen, um den Strömungs- lich funktioniert das Verfahren nur, wenn der Kas-
widerstand der Luftröhre zu überwinden. Für die ten absolut gasdicht ist und nirgendwo „Neben-
nötige Kraft sorgt die Atemmuskulatur. Sie darf luft“ ansaugen kann. Beim kleinsten Leck klappt die
aber nicht an den Lungenbläschen unmittelbar an- „Lunge“ zusammen. Besäße der Mensch nicht zwei
greifen, denn dazu sind diese viel zu zart und emp- mechanisch getrennte Lungenflügel, so wäre ein
findlich. Folglich werden sie außen in die interpleu- Lungendurchschuss momentan tödlich.
rale Flüssigkeit eingebettet, die sich selbst wieder Wie operiert man im Thorax? Öffnet man ihn oh-
in einem festen Hautsack befinden. Er ist gasdicht ne Vorsichtsmaßnahmen, so fällt mindestens eine
an der Luftröhre angewachsen, unten mit dem halbe Lunge aus. Deshalb hat der Geheimrat Sauer-
Zwerchfell abgeschlossen und stabil genug für ei- bruch seinerzeit zunächst versucht, den interpleu-
ne Verbindung mit den Muskeln. . Abbildung 3.22 ralen Unterdruck bei offenem Thorax dadurch auf-
zeigt ein Funktionsmodell der äAtmung. Eine rechtzuerhalten, dass er kurzerhand den ganzen
schlaffe Gummiblase vertritt hier die Lunge. Sie Operationssaal unter Unterdruck setzte, den Kopf
schwimmt, über eine Röhre mit der Außenluft ver- des Patienten aber, sorgfältig am Hals abgedich-
bunden, in einem wassergefüllten Kasten. Seinen tet, draußen ließ. Es ging, aber es war riskant. Ein
Boden bildet eine kräftige Gummischeibe, Ersatz plötzliches Leck irgendwo, ein Öffnen der Tür: der
für das Zwerchfell. In der Mitte hat sie einen kräf- Unterdruck entwich, das Versuchstier war tot. Phy-
tigen Haken, an dem die „Atemmuskulatur“ zie- sikalisch wird aber gar kein Unterdruck außerhalb
hen kann. Nun würde das Wasser allein durch sei- der Lunge verlangt, sondern nur eine Druckdiffe-
nen Schweredruck die „Lunge“ zusammenpressen, renz zwischen innen und außen. Man kann sie auch
wäre der Kasten nicht dicht und sorgte nicht das durch leichten Überdruck auf die Atemöffnungen
„Zwerchfell“ von vornherein für einen gewissen des Patienten erzeugen und dabei den Operations-
Unterdruck. Zieht man am „Zwerchfell“, so vergrö- saal so belassen, wie bei anderen Eingriffen auch.
ßert man das Volumen des „Thorax“. Wasser dehnt Das macht das technische Problem der Dichtung
sich nicht; nur die „Lunge“ kann das Zusatzvolu- einfacher und verringert die Gefahr für den Patien-
men liefern: sie atmet ein und sie atmet wieder ten.

3.3.6 Kompressibilität dungen, die ihren Bewegungsdrang einschränken,


üben die einen Druck dadurch aus, dass sie bei je-
Die Moleküle der Festkörper und Flüssigkeiten dem Stoß auf die Wand kurz eine Kraft ausüben.
kommen sich bis zur Berührung nahe; freien Platz Das geschieht umso öfter, je mehr sie sind, je grö-
zwischen ihnen gibt es kaum. Die Kompressibilität ßer ihre Anzahl N, genauer: ihre
ist gering, denn die Massendichte lässt sich durch
Anzahl N
äußeren Druck nur geringfügig erhöhen; sie liegt Anzahldichte n
Gasvolumen V
in der Größenordnung von einigen Tonnen/Ku-
bikmeter. ist. Damit hängt der Druck linear vom Kehrwert
Ganz anders bei einem Gas. Seine Dichte liegt 1/V des Volumens ab, beziehungsweise:
leicht um drei Zehnerpotenzen niedriger (norma-
p · V = konstant
le Zimmerluft: ca. 1,2 kg/m3). Die Moleküle halten
großen Abstand voneinander, zwischen ihnen ist Dieses sog. Gesetz von Boyle-Mariotte gilt aller-
viel Platz. Daraus folgt eine hohe Kompressibili- dings nur bei konstanter Temperatur. Anders ge-
tät. sagt: die Konstante ist temperaturabhängig. Au-
Gasmoleküle bewegen sich thermisch, oh- ßerdem gilt das Gesetz nur für sog. ideale Gase
ne eine Richtung zu bevorzugen. Auf Gefäßwan- (7 Kap. 5.1.3), zu denen Zimmerluft aber gehört.
82 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

Man muss es berücksichtigen, wenn man das Der Arzt müsste aber zur Blutdruckmessung ei-
1 Atemzugvolumen eines Patienten bestimmen will ne hinreichend große Ader öffnen, um einen Ka-
und der Druck im Spirometer nicht mit dem in theter einführen zu können, an dessen äußerem
2 der Lunge übereinstimmt. Wie hat man zu rech- Ende dann das Manometer sitzt. In Sonderfällen
nen? Man darf dem Gesetz von Boyle-Mariotte geschieht das tatsächlich, vor allem im Tierver-
3 auch die Form p1 · V1 = p2 · V2 oder V2 = V1 · p1/p2
geben.
such. Der Experimentator, der bei den Messun-
gen zu . Abb. 1.1 unbedingt den zeitlichen Ver-
Die inkompressible Flüssigkeit und das hoch- lauf des Druckes im linken Ventrikel eines Hun-
4 kompressible ideale Gas markieren zwei mathe- deherzens wissen wollte, hatte keine andere Wahl.
matisch einfache Grenzfälle, zwischen denen sich Dass sich dieses Verfahren aber für die Routine-
5 die realen Substanzen herumtreiben. Bei ihnen messung der ärztlichen Praxis verbietet, bedarf
muss man empirisch bestimmen, um welchen Be- keiner Begründung. Hier hat sich eine Methode
trag %V das Ausgangsvolumen V abnimmt, wenn durchgesetzt, die als Musterbeispiel einer schon
6 man den äußeren Druck um %p erhöht. Eine Pro- recht raffinierten indirekten Messung angesehen
portionalität zu V darf man erwarten, eine zu %p werden kann. Sie ist ohne einige Detailkenntnis-
7 nicht unbedingt. Es ist deshalb vernünftig, die se des Zusammenspiels von Herz und Aorta nicht
zu verstehen.
1 dV
8 Kompressibilität k  ¸
V dp
Ein Herz arbeitet nach dem Prinzip der Kol-
benpumpe: durch periodische Änderung des
differentiell zu definieren (negatives Vorzeichen, wirksamen Volumens wird Gas oder Flüssigkeit
9 weil V mit p abnimmt). Der Kehrwert wird Kom- verschoben; Ventile sorgen dafür, dass dies nur in
pressionsmodul Q genannt. Für den Grenzfall des einer Richtung geschieht, beim Herzen also die
10 inkompressiblen Fluides gilt k = 0. Herzklappen. Unvermeidlich erfolgt der Trans-
Eine solche Definition ist rein deskriptiv; sie port stoßweise. Freilich könnte kein Schweiß-
11 beschreibt einen Zusammenhang, ohne nach brenner ordentlich funktionieren, würden ihm
dessen Ursachen zu fragen. Deshalb kann man Brenngas und Pressluft stoßweise zugeführt. In
sie auch in einer ganz anderen Situation benut- der Technik lässt man deshalb die Pumpe zu-
12 zen, nämlich beim Einfüllen einer Flüssigkeit in nächst in einen Windkessel blasen, in einen dich-
ein dehnbares Gefäß, beim Einpumpen von Blut ten Topf mit hinreichend großem Volumen. Das
13 in die Aorta beispielsweise. Hier wächst das ein- mindert die Druckstöße beträchtlich und lässt
füllbare Volumen mit steigendem Druck, weil die das Gas einigermaßen gleichmäßig abströmen.
14 Wände nachgeben. Deshalb wird Q mit positivem
Vorzeichen definiert und bekommt einen anderen
Das gleiche Ziel verfolgt die Aorta, nur kann sie
es nicht als starres Gefäß tun, weil Blut inkom-
Namen: pressibel ist wie Wasser. Deshalb muss sich die
15 Volumenelastizitätsmodul Q  V
dp Aorta bei jeder Systole um das Herzschlagvolu-
dV men aufblähen. Dabei wird die Aortenwand ge-
16 Er hängt von der Form des Gefäßes ab, von dehnt und gibt während der Diastole, von Ring-
der Dicke der Wand und deren elastischen Eigen- muskeln unterstützt, das Blut bei nur wenig ab-
schaften. fallendem Druck in den Kreislauf. Die Aderwand
17 entspannt sich und macht sich für die nächs-
te Systole bereit. Den zeitlichen Verlauf des Dru-
18 3.3.7 Blutdruckmessung ckes, mit Kathetern im Herzen und an verschie-
denen Stellen im System der Arterien gemes-
19 Im Allgemeinen verlangt eine Druckmessung sen, zeigt . Abb. 3.23. Die druckstoßmindernde
mechanischen Anschluss des Manometers an äWindkesselfunktion der Aorta ist nicht zu über-
das Druckgefäß, kein Problem bei Dampfkes- sehen.
20 seln und Autoreifen: die notwendigen Flansche In allen Schlagadern schwankt der Blutdruck
und Ventile werden von vornherein vorgesehen. periodisch zwischen einem systolischen Maxi-
3.3 · Druck
83 3

kPa Torr
15 113

10 75

linke Herzkammer Aorta Bauch - Aorta Arter. iliaca


1s

. Abb. 3.23. Windkesseleffekt. Die starken Druckschwankungen in der Herzkammer werden zum großen Teil durch die Wind-
kesselfunktion der Aorta aufgefangen (nach Rein-Schneider)

mum ps und einem diastolischen Minimum pd hin öffnen. Deren anschließendes Zusammenschla-
und her. Nur diese beiden Grenzwerte werden bei gen unter dem Druck der Manschette liefert ein
der üblichen äBlutdruckmessung bestimmt, und unverkennbares Geräusch im Ellbogengelenk.
zwar am Oberarm des meist sitzenden Patienten. Es verstummt wieder, wenn p den diastolischen
Dazu wird ihm eine Manschette um den Arm ge- Druck pd unterschreitet, weil die Schlagader jetzt
legt, die unter einem nicht dehnbaren Gewebe ei- ständig offen bleibt. Über das akustische Signal
nen breiten und weichen Gummischlauch besitzt. können Arzt und Patient auf dem Manometer der
Dieser Schlauch wurde früher mit einem Gum- Manschette die beiden Grenzwerte ps und pd ab-
mibällchen von der Hand des Arztes aufgepumpt lesen (Blutdruckmessung nach äRiva-Rocci).
(. Abb. 3.24), heute bevorzugt man eine Motor- Dabei lässt sich allerdings ein systematischer
pumpe. Der Schlauch drückt dann Arm und Är- Fehler nicht vermeiden. Das Herz schlägt ja nicht
mel des Patienten zusammen und mit ihnen die gerade in dem Moment, in dem der Manschet-
Schlagader. Übersteigt der Manschettendruck p tendruck den systolischen unterschreitet. Beim
den systolischen Druck ps, so wird die Schlagader ersten hörbaren Pulsgeräusch liegt deshalb p be-
völlig abgequetscht und die Blutversorgung des reits etwas unter ps und entsprechend beim letz-
Unterarms unterbrochen: In der Beuge des Ell- ten Geräusch noch etwas über pd. Beide Mess-
bogengelenks, dort wo die Schlagader dicht un- werte rücken umso dichter zusammen, je schnel-
ter der Haut verläuft, ist mit Stethoskop oder Mi- ler die Luft aus der Manschette herausgelassen
krofon kein Pulsgeräusch mehr wahrzunehmen. wird.
Lässt man jetzt über ein kleines Ventil Luft aus der
Manschette heraus, so kann von dem Moment an,
in dem der Druck p den systolischen Blutdruck 3.4 Grenzflächen
ps unterschreitet, dieser für kurze Zeit die Ader
3.4.1 Kohäsion

Moleküle halten zusammen; zwischen ihnen herr-


schen „zwischenmolekulare Kräfte“ kurzer Reich-
weite, mit denen sie sich gegenseitig anziehen.
Dies nenn man Kohäsion. Diese Kräfte bekommen
besondere Bedeutung an den Grenz- und Oberflä-
chen der Flüssigkeiten.
Wenn ein Kristall schmilzt, nimmt norma-
lerweise die Dichte ab, aber nicht sehr. Auch in
der Schmelze liegen die Moleküle noch „dicht an
. Abb. 3.24. Blutdruckmessung nach Riva-Rocci (Einzel- dicht“; die zwischenmolekularen Kräfte existie-
heiten im Text, Zeichnung nach Rein-Schneider) ren nach wie vor, nur ist die Wärmebewegung so
84 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

1
2
3
. Abb. 3.25. Zerreißfestigkeit eines Ölfilms zwischen zwei . Abb. 3.26. Kohäsion. Die zwischenmolekularen Kräfte wir-
4 Metallplatten. Die obere trägt einen Randwulst, um ein Ab- ken im Innern der Flüssigkeit allseitig, behindern aber bereits
gleiten der unteren zur Seite zu verhindern. das Eintreten eines Moleküls in die letzte Lage unter der Ober-
5 fläche und vor allem den Übertritt in den Gasraum

heftig geworden, dass sich die Bindungen auf fes-


6 te Gitterplätze nicht länger aufrechterhalten las-
sen. Die Moleküle sind jetzt frei verschiebbar; die
7 Flüssigkeit hat keine Schubfestigkeit, für eine Zer-
reißfestigkeit reichen die Kräfte der Kohäsion
8 aber noch. Ein Ölfilm zwischen zwei Aluminium-
0s
platten von etwa 20 cm Durchmesser vermag ein 205 Tropfen
Kilogramm zu tragen (. Abb. 3.25); herzlich we-
9 nig, wenn man an den Kupferdraht der Frage 3.2
denkt.
10 Am deutlichsten verspüren die oberflächen-
10 s
78 Tropfen
nahen Teilchen die zwischenmolekularen Kräfte
11 der Kohäsion, denn diese versuchen nicht nur, Mo-
leküle zurückzuhalten, die in den Gasraum ausbre- 20 s
chen möchten, sie behindern schon deren Eindrin- 29 Tropfen
12 gen in die letzte Moleküllage (. Abb. 3.26). Mole-
küle meiden darum die Oberfläche und halten
30 s
13 sie so klein wie möglich: Die natürliche Form des 15 Tropfen
Tropfens, der keinen äußeren Kräften unterliegt,
14 ist die Kugel. Gießt man Quecksilber aus einem
feinen Röhrchen in ein Uhrglas, so bildet es zu- 40 s
5 Tropfen
nächst viele winzige Tröpfchen; sie schließen sich
15 aber rasch zu größeren zusammen, bis nur ein ein-
ziger übrig bleibt, denn dadurch verringern sie ih- 50 s
2 Tropfen
16 re gemeinsame Oberfläche. . Abbildung 3.27 zeigt
diesen Vorgang in einigen Momentaufnahmen.
Die Kräfte der Kohäsion wirken auf die Molekü-
17 le wie eine sie einschließende, gespannte Haut. Für
65 s
1 Tropfen
kleine Insekten kann sie lebensgefährlich werden;
18 nicht alle sind stark genug, sich aus einem Wasser- . Abb. 3.27. Oberflächenspannung. Hg-Tropfen verringern
tropfen zu befreien, der sie benetzt hat. Umgekehrt ihre gemeinsame Oberfläche, indem sie sich zu einem einzi-
19 können Wasserläufer sich auf der Oberfläche hal- gen Tropfen zusammenschließen. Momentaufnahmen in 10
Sekunden Abstand; der Vorgang wird durch ein Gemisch von
ten, indem sie die „Haut“ ein wenig eindellen.
Wasser und Glyzerin verlangsamt. Große Tropfen können un-
Vergrößert man die Oberfläche einer Flüssig-
20 keit, so müssen Moleküle, die sich anfangs noch
rund erscheinen, wenn sie im Moment der Belichtung noch
schwingen, weil sie kurz zuvor einen kleinen Tropfen aufge-
im Innern aufhalten durften, an die Oberfläche nommen haben (nach R. W. Pohl)
3.4 · Grenzflächen
85 3

gebracht werden. Das bedeutet Arbeit gegen die Rechenbeispiel 3.4: Binnendruck
Kräfte der Kohäsion; für jedes neue Flächenele- 7 Aufgabe. Wie groß ist der Binnendruck in ei-
ment A eine bestimmte Energie WA. Man defi- nem kugelförmigen Wassertropfen mit einem Zen-
niert die: timeter Radius? Die Oberflächenspannung saube-
Oberflächenenergie WA ren Wassers ist ca. 72 mN/m. Ist der Binnendruck
Oberflächenspannung T  in einer gleichgroßen Seifenblase kleiner oder grö-
Oberfläche A
ßer?
Sie hat die SI-Einheit 1 J/m2 = 1 N/m = 1 kg/s2. 7 Lösung. Die Oberflächenspannung trägt einen
Anteil:
Merke 144 ¸103 N/m
pT   14, 4 Pa
0, 01 m
Oberflächenspannung:
bei. Dazu kommt aber natürlich noch der äuße-
Oberflächenenergie WA
T re Luftdruck von ca. 1000 hPa. Bei der Seifenbla-
Oberfläche A
se trägt die Oberflächenspannung zwar doppelt
bei, da sie eine innere und eine äußere Oberfläche
hat. Durch die Seife im Wasser ist aber die Ober-
Klinik flächenspannung auf etwa 30 mN/m herabgesetzt,
Der Patient am „Tropf“. Bei Patienten, die „ih- so dass in der Summe der Binnenüberdruck in der
re Tropfen nehmen“, dient die Oberflächen- Seifenblase niedriger ist. Deshalb geht das Seifen-
spannung zur äDosierung von Medikamen- blasen Blasen mit reinem Wasser sehr schlecht: der
ten. Dabei verlässt man sich darauf, dass al- Binnenüberdruck ist viel höher und die Blase platzt
le vom Schnabel der Flasche fallenden Trop- zu leicht.
fen zumindest so ungefähr die gleiche Größe
haben. In manchem Mediziner-Praktikum wird
so die Oberflächenspannung bestimmt (sie-
he Kasten). Die Tropfengröße hängt auch ent-
scheidend vom Durchmesser des Rohres ab,
aus dem die Flüssigkeit tropft. Eine Tropfflasche
mit beschädigtem Schnabel dosiert falsch.

In einem Tropfen vom Radius r erzeugt die


Oberflächenspannung einen Binnendruck
p = 2 · T/r.

In einer Seifenblase ist er doppelt so hoch. All-


gemein gilt: Je kleiner Tropfen oder Blase, desto
größer der Binnendruck, gerade umgekehrt wie
bei einem Kinderluftballon.

. Abb. 3.28. Messung der Oberflächenspannung mit Hilfe


eines eingetauchtes Ringes und einer Federwaage; Einzelhei-
ten im Text
86 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

Praktikum
1
Messen der Oberflächenspannung che schaffen muss, und zwar für einen Zylinder mit
2 Es gibt im Wesentlichen drei Möglichkeiten, die Ober-
flächenspannung zu messen:
dem Umfang d · Q (. Abb. 3.29). Dazu gehört die
Kraft
Ringtensiometer: Ein leichter Ring wird an einer Fe- FT = Q · d · T
3 derwaage aufgehängt (. Abb. 3.28) und in die zu un-
tersuchende Flüssigkeit eintauchen. Zieht man ihn Der Tropfen reißt ab, sobald sein Volumen VT so groß
nun mitsamt der Waage vorsichtig nach oben, so zieht geworden ist, dass seine Gewichtskraft
4 er einen Flüssigkeitsfilm hinter sich her. Dieser hat FG = S · g · VT
die Form eines Zylindermantels und hält dank seiner
5 Oberflächenspannung den Ring fest, mit einer Kraft F, (S = Dichte der Flüssigkeit) die haltende Kraft FT er-
reicht hat. Ein vorgegebenes Volumen V0 der Flüssig-
die zusätzlich zur Gewichtskraft von der Waage ange-
zeigt wird. Man liest ihren Grenzwert FT in dem Mo- keit bildet also n = V0/VT Tropfen:
6 ment ab, in der die Kraft der Waagenfeder den Ring n
g
V
S
Q¸d 0 T
aus der Flüssigkeit herausreißt. Der Ring hat z. B. den
7 Durchmesser d, also den Umfang d · Q. Zieht er die zy-
lindermantelförmige Flüssigkeitshaut um das Stück-
Kennt man S und d, so kann man auf diese Weise auch
die Oberflächenspannung bestimmen:
chen %x weiter nach oben heraus, so vergrößert er g ¸V0 ¸ S
T
8 deren Oberfläche um Q ¸d ¸n
Steighöhe in einer Kapillare (siehe auch nächstes Ka-
%A = 2Q · d · %x.
9 Der Faktor 2 rührt daher, dass die Haut eine Haut
pitel): Die Kräfte zwischen Flüssigkeit und Rohrwand
(Adhäsionskräfte) heben die Flüssigkeit um eine Steig-
ist: sie hat nicht nur eine Oberfläche „nach außen“, höhe h an. Für eine kreisrunde Kapillare mit dem In-
10 sondern auch eine zweite (praktisch ebenso große) nendurchmesser 2 r lässt sich h leicht angeben. Ange-
„nach innen“, d. h. mit Blickrichtung zur Zylinderach- nommen, das Wasser benetze vollkommen, dann bil-
11 se. Die zur Schaffung der neuen Oberfläche %A nöti-
ge Energie %W beträgt
det seine Oberfläche in der Kapillare im Wesentlichen
eine Halbkugel mit dem Radius r (. Abb. 3.32). Die
Folge ist ein Druck mit Kräften in Richtung Kugelmit-
12 %W = T · %A = 2Q · T · d · %x.
telpunkt, erzeugt von der Oberflächenspannung T:
Für die Waage bedeutet dies eine Zusatzkraft pT = 2 · T/r.
13 FT = 2Q · T · d = %W/%x. An ihm kann sich der Flüssigkeitsfaden solange auf-
Die Messung von FT erlaubt also, die Oberflä- hängen, wie sein Schweredruck
14 chenspannung T zu bestimmen. Die Rechnung zeigt ps = S · g · h
zugleich, dass sich eine gespannte Flüssigkeitslamelle
nicht so verhält wie eine Gummihaut oder eine Feder: unter pT bleibt. Die Steighöhe vermag also einen
15 FT ist unabhängig von x, die Kraft wächst nicht mit der Grenzwert nicht zu überschreiten:
Dehnung. 2¸ T
h
16 Stalagmometer: Tropfen aus einem Rohr wie bei r ¸S¸ g
dem „Tropf“. An einem Röhrchen mit dem Außen- Leider muss man bei dieser Rechnung voraussetzen,
durchmesser d kann sich ein Tropfen festhalten, weil dass die Flüssigkeit die Rohrwand vollkommen be-
17 er beim Abfallen erst einmal zusätzliche Oberflä- netzt, was eher ausnahmsweise der Fall ist.

18
19 3.4.2 Adhäsion „benetzen“. Eine Flüssigkeit benetzt, wenn die Ko-
häsionskräfte, die ihre Moleküle aufeinander aus-
Jedes Gerät zur Bestimmung der Oberflächen- üben, geringer sind als die Adhäsionskräfte ge-
20 spannung enthält einen Bauteil aus einem festen genüber den Molekülen in der festen Oberfläche:
Körper, an dem die Flüssigkeit haftet: sie muss ihn die Adhäsion muss die Kohäsion übertreffen.
3.4 · Grenzflächen
87 3

. Abb. 3.31. Unvollkommener Benetzung. die Flüssigkeit


. Abb. 3.29. Der „Tropf“. Die Oberflächenspannung hält ei- bildet einen Winkel K mit der Gefäßwand
nen Tropfen am Röhrchen fest, weil dieser beim Abfallen zu-
nächst zusätzlich Oberfläche für einen Zylinder vom Röhr-
chendurchmesser schaffen müsste 2r 2r

h
a b

. Abb. 3.30 a,b. Benetzung. Benetzende (a) und nichtbenet-


zende (b) Flüssigkeit an einer Gefäßwand
. Abb. 3.32. Kapillaranhebung und -depression (Einzel-
heiten im Text)
Das tut sie oft, aber keineswegs immer. Man
braucht eine Glasplatte nur hauchdünn einzufet-
ten und schon perlt das Wasser, das vorher noch wirklich in der Oberfläche herumtreiben. Man-
benetzte, in dicken Tropfen ab: die zunächst hy- che Molekülsorten haben sich darauf spezialisiert.
drophile Oberfläche ist hydrophob geworden. Ob Wenige Tropfen eines modernen Spülmittels ge-
eine Flüssigkeit benetzt oder nicht, sieht man an nügen, um Wasser so zu „entspannen“, dass es ein
der Form ihrer Oberfläche: zieht sie sich an ei- Weinglas gleichmäßig benetzt, also keine Trop-
ner Gefäßwand hoch, so überwiegt die Adhä- fen bildet und damit beim Verdunsten auch kei-
sion; wird die Oberfläche heruntergedrückt ne Tropfränder. Eine Ente, in entspanntes Wasser
wie beim Quecksilber, so ist die Kohäsion stär- gesetzt, wundert sich sehr, weil sie nicht schwim-
ker (. Abb. 3.30). Sind Benetzung oder Nicht- men kann: das Wasser drängt sich zwischen ih-
benetzung vollkommen, so kommt die Oberflä- re sorgsam gefetteten Bauchfedern und vertreibt
che asymptotisch an die Gefäßwand heran, wenn dort das Luftpolster, dessen Auftrieb die Natur bei
nicht, so stoßen beide in einem bestimmten Win- der Konstruktion der Ente einkalkuliert hat. Spül-
kel aufeinander (. Abb. 3.31). mittel im Abwasser sind nicht unbedingt umwelt-
Stehen sich zwei Gefäßwände auf hinreichend freundlich, Spülmittel, vom Teller in die Nahrung
kurzem Abstand gegenüber, so kann sich eine be- gelangt, nicht unbedingt gesundheitsfördernd.
netzende Flüssigkeit an beiden zugleich hinauf-
hangeln und so im Gefäß aufsteigen. Besonders Merke
wirksam funktioniert dies in feinen Röhren: Bäu-
me transportieren mit Hilfe der Kapillarwirkung 5 Kohäsion: Wirkung zwischenmolekularer
Wasser von den Wurzeln zu den Blättern. Kräfte in einer Flüssigkeit
Benetzt die Flüssigkeit nicht, so kommt es zu 5 Adhäsion: Wirkung zwischenmolekularer
einer Kapillardepression (. Abb. 3.32, rechtes Kräfte zwischen Flüssigkeit und Festkör-
Teilbild). Auf sie muss man achten, wenn man ein per
Quecksilbermanometer abliest. 5 Benetzung: Adhäsion überwiegt
Bestimmt wird die Oberflächenspannung von
den vergleichsweise wenigen Molekülen, die sich
88 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

Rechenbeispiel 3.5: Loch im Blatt sind komplex, unübersichtlich im Detail und Mo-
1 7 Aufgabe. Bäume saugen Wasser aus den Wur- dellvorstellungen nur schwer zugänglich. Darum
zeln in die Blätter, wo es tagsüber in die Luft ver- fasst man sie für Flüssigkeiten zu einer recht sum-
2 dampft. Ein großer Baum verdampft leicht 200 l marischen Größe zusammen, Zähigkeit oder auch
pro Stunde. Der Saugdruck wird durch Kapillaref- Viskosität genannt. Sie ist eine Materialkenngrö-
3 fekt erzeugt: In Zellzwischenräumen (den Stomata)
bildet sich ein Wasserfilm, dessen Oberfläche ei-
ße, die zumeist deutlich mit steigender Tempera-
tur abnimmt. Ihre Definition merkt man sich am
nen hinreichend kleinen konkaven Krümmungs- leichtesten anhand eines Gedankenexperimentes,
4 radius (wie in . Abb. 3.32, linkes Bild) aufweisen das sich auf dem Papier ganz einleuchtend dar-
muss. Wie klein muss er sein bei einem 10 m ho- stellt, praktisch aber nur in abgewandelter Form
5 hen Baum? durchzuführen ist.
7 Lösung. Die Oberflächenspannung muss ein pT Gegeben seien zwei ebene Platten im Abstand
von etwa 1000 hPa aufbringen. Bei reinem Wasser d, zwischen ihnen die Flüssigkeit in einer solchen
6 hieße das für den Krümmungsradius: Menge, dass sie auf beiden Platten die Fläche A
2 ¸ 72 mN/m benetzt. Hält man nun die untere Platte fest und
7 r  1, 4 ¸106 m  1,4 µm .
105 N/m 2 zieht die obere mit einer Kraft F zur Seite, so glei-
tet diese ab, ganz am Anfang beschleunigt, bald
8 Da im Pflanzensaft Stoffe gelöst sind, die die Ober- aber wegen der inneren Reibung im Flüssigkeits-
flächenspannung herabsetzen, muss der Radi- film nur noch mit einer konstanten Geschwindig-
us eher noch kleiner sein. Diese Abmessung ent- keit v0. Als Folge der Adhäsion haftet der Film an
9 spricht in etwa der Größe der Zellen im Blatt. beiden Platten: unten bleibt er demnach in Ru-
he, oben bewegt er sich mit v0. Dazwischen glei-
10 ten ebene Flüssigkeitsschichten aufeinander und
bilden ein lineares Geschwindigkeitsprofil aus: v
11 3.5 Strömung steigt proportional mit dem Abstand x von der
unteren Platte an, bis es bei x = d den Wert v0 er-
3.5.1 Zähigkeit (Viskosität) reicht. Es stellt sich ein konstantes Geschwindig-
12 keitsgefälle
„Panta rhei“, sagte Heraklit, „alles fließt“. Wasser
dv/dx = v0/d
13 ist ein Ursymbol der Bewegung und des Lebens.
Ohne Wasser hätte sich irdisches Leben nicht ent- ein (. Abb. 3.33). Ändert man in einer Messreihe
14 wickeln können, jedenfalls nicht zu der heutigen
Form. Wasser transportiert bereitwillig alles, was
lediglich den Plattenabstand d, so wird man eine
Proportionalität zwischen v0 und d finden. Die be-
darauf und darin schwimmt, auch gelöste Mole-
15 küle. Pflanzen nehmen so ihre Nährstoffe aus dem
v0
Boden auf. Mit den Blättern verdunsten sie reines
16 Wasser; was zuvor darin gelöst war, dürfen sie für F
sich behalten. Mensch und andere Vertebraten ha-
ben das Verfahren technisch höher entwickelt. Sie
17 betreiben einen geschlossenen Blutkreislauf mit d
eigenem Pumpwerk und einem ungemein kom-
18 plizierten Röhrensystem. Das Pumpen ist sehr
wichtig, den die zwischenmolekularen Kräfte füh-
19 ren zu einer inneren Reibung in Flüssigkeiten. Oh-
. Abb. 3.33. Viskosität. Gedankenversuch zur Definition der
ne ständig treibendes Druckgefälle kommt ei-
Zähigkeit I für einen (übertrieben dick gezeichneten) Flüssig-
ne strömende Flüssigkeit bald zur Ruhe: Von der
20 Strömung wird Volumenarbeit in Reibungswär-
keitsfilm, der zwischen zwei parallelen Platten eine Fläche A
ausfüllt. Eine Scherspannung F/A führt zu einem linearen Ge-
me übergeführt. Die Vorgänge der Reibung aber schwindigkeitsgefälle dv/dx = v0/d = F/(I · A)
3.5 · Strömung
89 3

nötigte Kraft F ihrerseits wächst proportional zur 3.5.2 Laminare Strömung


benetzten Fläche A und vor allem zur Zähigkeit
I der Flüssigkeit: F = I· A · v0/d. Auflösen nach I Das Gedankenexperiment des vorigen Kapitels
gibt die Definitionsgleichung für die Zähigkeit: ist so übersichtlich, weil die einfache Geomet-
F ¸d rie für ein lineares Geschwindigkeitsprofil sorgt.
I Schon bei der Strömung durch Röhren wird es
v0 ¸ A
komplizierter: Auch hier haftet die Flüssigkeit an
Ihre SI-Einheit ist 1 Ns/m2; deren zehnter Teil der Wand und fließt dann konsequenterweise am
wird als Poise (P) bezeichnet (nach J.L. Poiseuil- schnellsten in der Röhrenachse. Im kreisrunden
le, 1799–1869). Rohr nimmt das Geschwindigkeitsprofil die Form
Gemessen wird die Zähigkeit in Viskosimetern, eines Rotationsparaboloides an (. Abb. 3.34).
technischen Geräten, die im Prinzip so ähnlich Die Strömungsgeschwindigkeit v liefert ein
funktionieren wie der Gedankenversuch. Im Me- detailliertes, für viele Zwecke aber unnötig detail-
diziner-Praktikum, wo es mehr auf den Lerneffekt liertes Bild einer Strömung. Integration über die
als auf Genauigkeit ankommt, wir die Strömung Querschnittsfläche A führt zur
durch ein Rohr oder der Fall einer Kugel vermes- dV Volumen
sen (siehe Kasten im nächsten Kapitel). Volumenstromstärke I 
dt Zeit

Merke und der mittleren Strömungsgeschwindigkeit


Zähigkeit = Viskosität; Maß für die innere Rei- <v> = I/A. Die SI-Einheit der Volumenstromstärke,
bung eines Flüssigkeit; Messung in geeichten 1 m3/s, passt zu Flüssen. Der Rhein bei Emmerich
Viskosimetern; Einheit: 1 Ns/m2. bringt es im Schnitt sogar auf etwa 2,3 · 103 m3/s,
der Blutkreislauf des Menschen aber nur auf rund
10–4 m3/s. Da führt eine kleinere Einheit zu hand-
Man kann es niemandem verargen, wenn er licheren Maßzahlen: Blutstromstärke Ib x 6 l/min.
Glas als Festkörper bezeichnet. Der Augenschein Wer stattdessen sagt, das „Herzminutenvolumen“
spricht dafür und der allgemeine Sprachgebrauch des Menschen betrage ungefähr 6 Liter, muss dar-
ebenfalls. Trotzdem handelt es sich streng genom- an denken, dass er von einer Volumenstromstärke
men um eine Flüssigkeit, wenn auch um eine ex- redet und nicht von einem Volumen.
trem zähe. Kristallographen stellen keine kristal-
line Struktur fest. Mit weniger Aufwand kann man Merke
sich aber auch selbst überzeugen, indem man ei- Volumenstromstärke:
nen Glasstab erhitzt: Er wird weicher und wei-
dV Volumen
cher, lässt sich schon bald plastisch biegen, da- I 
dt Zeit
nach zu einem dünnen Faden ausziehen und be-
ginnt schließlich wie eine richtige Flüssigkeit zu
tropfen. Mit steigender Temperatur nimmt die
Zähigkeit kontinuierlich ab. Ein Festkörper aber
schmilzt: bei einer ganz bestimmten Temperatur
bricht sein Kristallgitter plötzlich zusammen, die
Substanz wechselt am Schmelzpunkt abrupt vom
festen in den flüssigen Aggregatzustand und kehrt
später beim Abkühlen genauso abrupt wieder in
den festen Zustand zurück.

. Abb. 3.34. Geschwindigkeitsprofil einer wirbelfrei in einer


kreisrunden Röhre strömenden Flüssigkeit ist ein Rotationspa-
raboloid, dessen ebener Schnitt eine Parabel
90 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

Als Folge ihrer Viskosität entwickelt jede strömen-


1 de Flüssigkeit Reibungswärme; die Pumpe muss
53 %

Blutstromstärke V
sie als Volumenarbeit liefern. Ein Druckabfall %p

·
2 längs der Röhre wird gebraucht, um die Volumen- 18 %
stromstärke I gegen den
3 Strömungswiderstand R = %p/I

aufrechtzuerhalten (Einheit 1 Ns/m5). Den Kehr-


4 wert 1/R bezeichnet man als Leitwert.
Druckdifferenz ∆p
5 Merke
. Abb. 3.36. Strömungsverhalten von Blut. Stromstärke-
Strömungswiderstand:
Druckdifferenz-Diagramm des menschlichen Blutes, halb-
6 R
Druckdifferenz %p schematisch; Parameter ist der Hämatokrit (Volumengehalt
Volumenstromstärke I der Blutzellen)

7
In günstigen Fällen ist R vom Druck unabhän- ner Verzweigung die einfließenden und ausflie-
8 gig. Dann besteht mit R = konstant und I ·%p ßenden Ströme gleich sein müssen. Hier heißt das
eine formale Analogie zum Ohm’schen Gesetz Kontinuitätsgleichung. Auch bei der Flüssigkeits-
der Elektrizitätslehre (7 Kap. 6.2.2): Einen elek- strömung ergibt sich: Setzt man mehrere Wider-
9 trischen Widerstand, definiert als Quotient von standsstrecken hintereinander, so werden sie von
elektrischer Spannung und elektrischer Strom- der gleichen Stromstärke I durchflossen; dann
10 stärke, nennt man ohmsch, wenn er von Strom addieren sich die Druckdifferenzen bzw. elektri-
und Spannung unabhängig ist. Flüssigkeiten, die schen Spannungen und mit ihnen die Strömungs-
11 das Ohm’sche Gesetz der Strömung erfüllen, hei- widerstände:
ßen newtonsch (. Abb. 3.35). Blut gehört nicht zu
Rges = R1 + R2 + R3 + ... = œR.
ihnen; schließlich enthält es rote Blutkörperchen
12 mit einem beträchtlichen Volumengehalt (Häma- Entsprechend sind elektrischer wie Strö-
tokrit genannt). Folge: %p wächst überproportio- mungswiderstand der Länge eines homogenen
13 nal zu I (. Abb. 3.36). Drahtes bzw. Rohres proportional. Schaltet man
Die Analogie zwischen elektrischem Strom aber mehrere Widerstandsstrecken parallel, so
14 und Flüssigkeitsströmung reicht weiter als nur
zum (bedingt eingehaltenen) Ohm’schen Gesetz.
liegt über ihnen die gleiche Druckdifferenz (elek-
trische Spannung); es addieren sich die Ströme
Es gibt die Knotenregel, die besagte, dass an ei- und mit ihnen die Leitwerte:
15 1 1
Rges œ R


16
Stromstärke I = V
·

Merke
17
Parallelschaltung: Ströme und Leitwerte ad-
dieren sich;
18 Serienschaltung: Druckdifferenzen und Wider-
stände addieren sich
19
Druckdifferenz ∆p
Diese Analogien zwischen elektrischem und
20 . Abb. 3.35. Newton-Flüssigkeit. Stromstärke-Druckdiffe- Flüssigkeitsstrom kommen nicht von ungefähr:
renz-Diagramm einer Newton-Flüssigkeit, schematisch Bei beidem handelt es sich tatsächlich um einen
3.5 · Strömung
91 3

Strom vieler submikroskopischer Teilchen. Wenn

Strömungsgeschwindigkeit v (x)
man will, kann man für beide Ströme eine Teil-
vmax ∝r 2
chenstromstärke angeben, die besagt, wie viele
Teilchen pro Zeiteinheit an einem imaginären Be-
obachtungsposten vorbeilaufen.
In zwei Punkten unterscheiden sich die wan- v– =
vmax
2
dernden Teilchen beider Strömungen allerdings
markant voneinander: Elektronen sind sehr viel
kleiner als Moleküle und es gibt nur eine Sorte
von ihnen. Auf ihrem Marsch durch den Draht
0 r 0 r
stoßen die Elektronen so gut wie gar nicht mit
Abstand x von der Rohrachse
Artgenossen zusammen, sondern weit überwie-
gend mit den Gitterbausteinen des Metalls. Flüs- . Abb. 3.37. Gesetz von Hagen-Poiseuille. die mittlere
sigkeitsmoleküle stehen sich immer nur gegensei- Strömungsgeschwindigkeit beträgt bei parabolischem Ge-
tig im Weg. Das hat zwei Konsequenzen: Erstens schwindigkeitsprofil gerade die Hälfte der Maximalgeschwin-
hängt ein elektrischer Widerstand von einer Ma- digkeit in der Rohrachse
terialkenngröße des Drahtes ab, in dem die Elek-
tronen laufen (von dem spezifischen Widerstand
nämlich), ein Strömungswiderstand aber nicht Geschwindigkeit. Beide Effekte zusammen liefern
von einer Materialeigenschaft der Röhre, sondern einen Anstieg der Stromstärke mit dem Quadrat
der Flüssigkeit (von der Viskosität nämlich). Zum der Fläche und mit der vierten Potenz des Radius.
andern driften im Draht alle Elektronen mit der Den Zahlenfaktor bekommt man allerdings nur
gleichen Geschwindigkeit (ebenes Geschwindig- durch mathematisch-formale Integration.
keitsprofil); die elektrische Stromstärke ist dar- Die vierte Potenz im Zähler signalisiert ei-
um der Elektronenanzahl direkt proportional ne ungemein starke Abhängigkeit der Stromstär-
und damit auch der Querschnittsfläche des Drah- ke und des Widerstandes vom Radius der Röh-
tes, unabhängig von dessen Form; Flüssigkeits- re: Nur 20% Aufweitung verdoppeln schon Strom
moleküle haften an der Wand und driften umso und Leitwert!
schneller, je weiter sie von ihr weg sind: Maxima-
le und mittlere Strömungsgeschwindigkeit wach- Merke
sen mit dem Wandabstand, d. h. mit dem Rohr-
durchmesser. Für kreisrunde Röhren (Radius r, Länge l) gilt
Im einfachen Fall eines Rohrs mit der Länge l das Gesetz von Hagen-Poiseuille:
und einer kreisförmigen Querschnittsfläche vom Q r 4 %p
I ¸
Radius r gilt das Gesetz von Hagen-Poiseuille 8I l

Q r 4 %p A2 %p
I ¸  ¸
8I l 8Q ¸ I l
Dieses Gesetz gilt freilich nur für sogenannte la-
Die Gleichung leuchtet ein. Es kann nicht über- minare Strömung, die frei von Wirbeln und Tur-
raschen, wenn die Volumenstromstärke direkt bulenzen ist. Dazu darf die Strömungsgeschwin-
proportional zum Druckgefälle ist und umgekehrt digkeit nicht zu groß werden. Details erörtert das
proportional zur Zähigkeit. Weiterhin wächst die nächste Kapitel.
im Rohr vorhandene Flüssigkeitsmenge proporti-
onal zu dessen Querschnittsfläche und somit zum
Quadrat des Radius. Genau so wächst, des parabo-
lischen Geschwindigkeitsprofils wegen, aber auch
die maximale Strömungsgeschwindigkeit in der
Rohrachse (. Abb. 3.37) und mit ihr die mittlere
92 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

Praktikum
1
Viskosität und Strömung (Stokes-Gesetz) – hier ist F der Anteil der Gewichts-
2 Es wird üblicherweise die Viskosität von Wasser und
einer höher viskosen Flüssigkeit auf zwei Arten be-
kraft, den das archimedische Prinzip (7 Kap. 3.3.3)
den Kugeln wegen ihres Dichteüberschusses gegen-
stimmt: über der Flüssigkeit noch lässt. Zusammen mit der
3 1) Strömung durch ein Rohr und Anwenden des Ha- Formel für die Auftriebskraft ergibt sich dann:
gen-Poiseulle Gesetzes: 2 ¸ r 2 SK  SFl
I
4 I
Q r 4 %p
8 l I .
9¸ g v0
wobei SK die Dichte der Kugel und SFl die Dichte der

5 Der Radius r des durchströmten Rohrs muss sehr


genau gemessen werden, den treibenden Druck %p
Flüssigkeit ist.
Rote Blutkörperchen haben Scheibchenform und
besorgt man sich als Schweredruck und den Volumen- sinken darum nach einem komplizierteren Gesetz zu
6 strom I misst man mit Messbecher und Stoppuhr. Boden. Man braucht es zum Glück nicht zu kennen,
um aus erhöhter Blutsenkungsgeschwindigkeit ei-
2) Fall einer Kugel. Kleine Kugeln (Radius r), sinken, ne Infektion zu diagnostizieren.
7 wenn sie sich gegenseitig nicht stören, mit der Ge-
schwindigkeit
8 v0 
F

2r 2
g ¸ %S
6Q ¸ I ¸ r 9 ¸ I

9
10
Klinik
11 Das „Rohrsystem“ im Körper. Das Gesetz von Ha- weitert die Blutgefäße, wirkt also dem physiolo-
gen-Poiseuille erlaubt der Natur, mit kleinen Än- gischen Regelprozess entgegen. Obendrein ver-
derungen den Durchmesser von Kapillaren und schafft er den Thermorezeptoren in der Haut ein
12 die äDurchblutung des betroffenen Organs wirk- ungerechtfertigtes Wärmegefühl.
sam zu steuern. Bei der Haut ist das für die Rege- Das Gefäßsystem des Menschen ist ungemein ver-
13 lung der Körpertemperatur wichtig. Die vom Or- zweigt. Je feiner es sich verästelt, desto größer
ganismus entwickelte Wärme muss ja unbedingt wird seine gesamte Querschnittsfläche. Die Aor-
14 an die Umgebung abgegeben werden, und zwar
exakt und nicht nur einigermaßen, denn auf län-
ta ist noch ein einzelner dicker Schlauch von etwa
4,5 cm2; die Arterien bringen es schon zusammen
gere Zeit kann der Körper keine Wärme spei- auf x 20 cm2, die Arteriolen auf rund 400 cm2 und
15 chern. Darum ziehen sich die Blutgefäße der die Kapillaren schließlich auf etwa 4500 cm2. Ent-
Haut bei Kälte ein wenig zusammen, vermindern sprechend sinkt die mittlere Strömungsgeschwin-
16 kräftig die Durchblutung und senken so mit der digkeit, denn die gesamte Stromstärke muss ja
Oberflächentemperatur die Wärmeabgabe. Tä- konstant bleiben. Für Druckabfall und Strömungs-
ten sie es nicht, könnte der Mensch erfrieren. Die- widerstand gilt das keineswegs: Vom verfügbaren
17 se Gefahr besteht ganz ernsthaft für einen Be- Blutdruck beanspruchen Aorta und Arterien nur
trunkenen in kalter Winternacht, denn Alkohol er- wenig, die Arteriolen das meiste.
18
19
20
3.5 · Strömung
93 3

Rechenbeispiel 3.6: Wie schnell strömt das Blut? Rechenbeispiel 3.8: Viele kleine Rohre
7 Aufgabe. Die Hauptarterie im Körper hat einen 7 Aufgabe. Wenn ein kreisrundes Rohr vorge-
Durchmesser von ca. 2 cm und transportiert etwa gebener Länge und Querschnittsfläche aufgeteilt
6 Liter Blut pro Minute. Wie schnell strömt durch wird in 100 parallel geschaltete, ebenfalls kreisrun-
sie das Blut? de Röhrchen gleicher Länge, gleicher Gesamtquer-
7 Lösung. Die Querschnittsfläche der Aorta be- schnittsfläche und mit untereinander gleichen Ein-
trägt: A = Q · (1 cm)2 = 3,14 · 10–4 m2. A mal der Stre- zelquerschnitten, um welchen Faktor steigt der
cke s, die das Blut in einer Sekunde zurücklegt, ist Strömungswiderstand gegenüber einer newton-
das Volumen, das in einer Sekunde durch die Aorta schen Flüssigkeit?
fließt. Für den Volumenstrom gilt also: 7 Lösung. Nach Hagen-Poiseuille ist der Strö-
ds mungswiderstand umgekehrt proportional zur
I  A¸  A¸ v
dt Querschnittsfläche ins Quadrat: R · 1/A2 . Die Quer-
und für die Geschwindigkeit: schnittsfläche des Einzelröhrchens ist 100-mal klei-
104 m3/s ner als die des Rohrs, sein Stömungswiderstand al-
v  32 cm/s .
3, 14 ¸104 m 2 so 10.000-mal größer. 100 Röhrchen parallel ha-
ben dann einen 100-mal höheren Strömungswi-
derstand als das Rohr.
Rechenbeispiel 3.7: Lüftung
7 Aufgabe. Welchen Durchmesser muss ein 21 m
langes Lüftungsrohr haben, wenn durch dieses
Rohr in einem 9 m x 14 m x 4 m großen Raum al- 3.5.3 Turbulente Strömung
le 10 Minuten die Luft ausgetauscht werden soll?
Der Lüftungsventilator kann einen Überdruck am Im Laborversuch kann man strömendes Wasser
Ausgang von 0,71 hPa erzeugen. Die Viskosität von strichweise einfärben und so die Strombahnen
Luft beträgt 0,018 · 10–3 Pa · s. sichtbar machen. Eine laminare Strömung zeigt
7 Lösung. Die gewünschte Volumenstromstärke immer, auch wenn sie Hindernissen ausweichen
beträgt: muss, sorglich voneinander getrennte, parallel
504 m3 m3 verlaufende Stromfäden; . Abb. 3.38 bringt einige
I  0, 84
600 s s . Beispiele. Hinter scharfen Kanten, bei plötzlicher
Umformen der Gleichung von Hagen-Poisseu lie- Änderung des Strömungsquerschnittes und ganz
fert: allgemein bei hinreichend hohen Strömungsge-
8I ¸ l ¸ I schwindigkeiten können sich aber Wirbel bilden
Q¸r4  (. Abb. 3.39); die Strömung wird turbulent. Luft-
%p
8 ¸ 0, 018 ¸103 Pa/s ¸ 21 m ¸ 0, 84 m3/s wirbel hinter Masten lassen Fahnen im Winde
 flattern; Strudel in Flüssen bringen Gefahr nicht
710 Pa
 3, 58 ¸103 m 4 . nur für Schwimmer; Zyklone können ganze Land-
striche verwüsten.
Damit ergibt sich der Radius r = 18,4 cm und der Strudel rotieren um ihren Wirbelkern, aber
Durchmesser zu ca. 37 cm. nicht wie ein Rad mit überall gleicher Winkelge-
schwindigkeit, sondern innen schneller als außen.
Damit schaffen sie gegenüber laminarer Strömung
zusätzliche Reibungsflächen zwischen Flüssig-
keitsschichten und setzen so vermehrt kinetische
Energie in Wärme um. Wirbel bedeuten zusätzli-
chen Reibungswiderstand, zusätzlich zu dem, den
das Gesetz von Hagen-Poiseuille beschreibt. Dar-
um suchen Vögel, Fische, Verkehrsflugzeuge und
manche Autos durch Stromlinienform Wirbelbil-
94 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

1
2
3
4 . Abb. 3.38. Stromfäden laminarer Strömung um Hindernisse (nach R. W. Pohl)

5
tische Energie, die Beschleunigungsarbeit also,
6 quadratisch mit der Strömungsgeschwindigkeit,
die Reibungsarbeit aber im Wesentlichen nur li-
7 near. Schnelle Strömungen neigen also eher zur
Wirbelbildung.
8 Ähnliches gilt für Flüssigkeiten geringer Vis-
kosität: Ohne Zähigkeit keine Reibung, ohne Rei-
bung keine Reibungsenergie, ohne nennenswer-
9 te Reibungsenergie hohe Reynoldszahl, also Tur-
bulenz. Wiederum ein paradoxes Ergebnis: ge-
10 rade reibungsarme Flüssigkeiten mit kleinem I
neigen zu relativ hohen Strömungswiderständen,
11 . Abb. 3.39. Laminare und turbulente Strömung. Das Was-
weil zu Wirbeln. Blutkreislauf und Atmung bil-
den zwei nicht nur für den Warmblüter lebens-
ser wurde bei Eintritt in das Glasrohr in dessen Achse einge- notwendige Strömungen. Der Organismus ach-
12 färbt (nach R. W. Pohl)
tet sorglich darauf, dass sie normalerweise lami-
nar erfolgen.
13 dung am Heck zu vermeiden; der größere Teil des Die Definition der Reynold-Zahl als das Ver-
Luftwiderstands liegt hinter ihnen und nicht am hältnis zweier Energien (oder Leistungen) mag
14 Kopfende (das gilt allerdings nicht mehr für über-
schallschnelle Düsenjäger).
physikalisch halbwegs einleuchten; im prakti-
schen Einzelfall kann man mit ihr nicht so sehr
Wenn das Staubecken eines Pumpspeicher- viel anfangen, denn wie will man die beiden En-
15 werkes leer läuft, setzt es potentielle Energie, die ergien durch Messung oder Rechnung zuverläs-
zuvor als Hubarbeit am Wasser geleistet wurde, sig auseinander halten? Überschlagend kann man
16 zum Teil in Beschleunigungsarbeit um, die dann aber Folgendes sagen: Die Beschleunigungsarbeit
als kinetische Energie von den Turbinen weiter- findet sich als kinetische Energie wieder, ist also
verwendet werden kann, zum Teil aber eben auch zumindest lokal der Massendichte S des strömen-
17 als Reibungsarbeit in Wärme, die für die techni- den Mediums und dem Quadrat der Strömungs-
sche Nutzung verloren ist. Der Quotient der bei- geschwindigkeit v proportional. Die Reibungsar-
18 den Energien heißt Reynold-Zahl Re: beit wächst demgegenüber im Wesentlichen nur
Beschleunigungsarbeit linear mit v, außerdem aber auch noch mit der
Re 
19 Reibungsarbeit Zähigkeit I. Die Reynold-Zahl Re sollte also ih-
rerseits dem Bruch S· v/I proportional sein. Setzt
Erfahrungsgemäß muss man mit Turbulen- man hier die SI-Einheiten der drei Größen ein, so
20 zen rechnen, wenn Re einen kritischen Grenzwert stellt man fest: Dem Bruch kommt die Einheit 1/m
von etwa 1100 überschreitet. Nun steigt die kine- zu. Man muss ihn also noch mit einer Länge mul-
3.5 · Strömung
95 3

tiplizieren, um etwas Dimensionsloses wie die vom Volumen der Spritze mit der Quadratwurzel
Reynold-Zahl herauszubekommen. Deshalb darf aus dem Druck an:
man auch
v  2p / S
S ¸ v ¸l
Re  Der Arzt bringt es also ohne Mühe auf 25 m/
I
s und das Blut einer verletzten Arterie auf 5,5 m/
schreiben und l etwas sibyllinisch als eine für s (bei 160 hPa Systolendruck). Der Weltrekord im
die experimentelle Anordnung charakteristische Sprint liegt bei 10 m/s. Die Querschnittsfläche der
Länge bezeichnen. Bei einer kreisrunden Röhre Kanüle kommt in der Gleichung nicht vor; v ist
entspricht sie dem Radius und nicht etwa dem von ihr unabhängig, sofern die Reibung nicht zu
Durchmesser. Im Ernstfall, etwa bei besonders groß wird (feine Kanüle) und der Daumen genü-
turbulenzträchtigen, plötzlichen Querschnitts- gend Energie liefern kann, um den angenomme-
erweiterungen, erfordert die richtige Bestim- nen Druck auch wirklich aufrechtzuerhalten (gro-
mung der charakteristischen Länge das ganze be Kanüle).
Fingerspitzengefühl des gelernten Hydrodyna- In allen Düsen, in allen Engpässen muss ei-
mikers. ne Strömung Volumenarbeit in kinetische Ener-
gie umsetzen. Das hat eine überraschende Kon-
Rechenbeispiel 3.9: Reynold-Zahl in der Aorta sequenz. Flüssigkeiten sind meist inkompressi-
7 Aufgabe. Blut sollte besser laminar strömen. bel. Folglich fließt durch die Engstelle die glei-
Spricht die Reynold-Zahl für die Situation in der che Volumenstromstärke, quält sich durch sie in
Aorta (Beispiel 3.5) dafür? Die Viskosität des Blutes vorgegebener Zeit das gleiche Volumen hindurch
beträgt etwa I  4 ¸103 Pa ¸ s, die Dichte entspricht wie durch das weite Rohr. Das erfordert aber er-
etwa der des Wassers. höhte Strömungsgeschwindigkeit, also Erhöhung
7 Lösung. der kinetischen Energie. Diese kann nicht aus
1000 kg/m 3 ¸ 0, 3 m/s ¸ 0,01 m dem Nichts geschaffen, sondern nur aus der Vo-
Re   750. lumenarbeit pV genommen werden. Der Inkom-
4 ¸10-3 Pa ¸ s
pressibilität wegen kann sich aber V nicht nen-
Das ist tatsächlich noch gut unter 1000. nenswert ändern; folglich muss der Druck sin-
ken, um die Energie zu liefern: Im Engpass ist der
Druck keineswegs erhöht, wie man naiv erwarten
möchte, sondern ganz im Gegenteil vermindert
3.5.4 Staudruck (. Abb. 3.40); man kann auf diese Weise sogar
saugen. Der Zerstäuber des Floristen zeigt dies für
Ein Arzt spielt beispielsweise mit seiner Injekti- einen Luftstrom, der Wasser ansaugt und die Was-
onsspritze. Zwischen Daumen und Zeigefinger er- serstrahlpumpe für den umgekehrten Fall.
zeugt er leicht eine Kraft von 20 N (er kann näm-
lich mit dem Daumen ein Gewichtsstück von 2 kg
anheben). Bei einer Spritze mittleren Kalibers
(66 mm2 Kolbenfläche) bedeutet das einen Über-
druck p von 0,3 MPa. Vernachlässigt man die Rei- p1 p2 p1
bung, so wird Volumenarbeit pV vollständig in ki-
netische Energie ½ mv2 des ausgespritzten Was-
sers umgesetzt:
A1 A2 A1
p · V = ½ m · v2 = ½ S· V · v2
. Abb. 3.40. Hydrodynamisches Paradoxon. In der Quer-
(S= Dichte). V lässt sich auf beiden Seiten strei- schnittsverengung nimmt der statische Druck ab (die Zeich-
chen. Demnach steigt die Geschwindigkeit v, mit nung unterstellt, dass die innere Reibung der Flüssigkeit ver-
der das Wasser ausgeworfen wird, unabhängig nachlässigt werden kann)
96 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

Solange die Reibungsarbeit vernachlässigt


1 werden kann, lässt sich dieses hydrodynamische
Paradoxon leicht quantitativ beschreiben, denn
2 dann wird Volumenarbeit nur zur Erzeugung ki-
netischer Energie verwendet, und die Summe bei-
3 der Energien ist konstant:
p · V + ½ m · v2 = p · V + ½ S· V · v2 = konstant.
4 Daraus folgt die Bernoulli-Gleichung
. Abb. 3.41. Staurohr. Das Manometer misst den Staudruck
p0 + ½ S· v2 = pges = konstant.
5 als Differenz von statischem und Gesamtdruck; das umgeben-
de Medium strömt von links an. Der Staudruck ist ein Maß für
In Worten: seine Strömungsgeschwindigkeit
statischer Druck + Staudruck = Gesamtdruck.
6
Merke Der Druckminderung in Düsen entspricht ei-
7 ne Druckerhöhung in Rohrerweiterungen. Kann
Gesetz von Bernoulli: die Viskosität der Flüssigkeit nicht vernachlässigt
8 In der Engstelle einer Strömung ist der Druck
vermindert.
werden, so überlagert sich dem Effekt nach Bern-
oulli ein Druckabfall nach Hagen-Poiseuille.
9 Rechenbeispiel 3.10: Staudruck am Flugzeug
Auch das Produkt S· v2 hat die Dimension eines 7 Aufgabe. Welchen Staudruck wird ein Staurohr
10 Druckes. Den Namen Staudruck macht das Stau- an einem Passagierflugzeug, das mit 900 km / h
rohr verständlich. . Abbildung 3.41 zeigt es sche- fliegt, in etwa anzeigen?
11 matisch im Schnitt, der Luftstrom komme von 7 Lösung. Wir müssen die Dichte der Luft wissen.
links. Dann herrscht an den seitlichen Öffnun- Diese ist in verschieden Höhen sehr unterschied-
gen nur der statische Druck p0. Vorn am Stau- lich, den diese Dichte ist proportional zum Luft-
12 rohr wird aber die Strömungsgeschwindigkeit auf druck (Gasgesetz, 7 Kapitel 5.1.3). Der Luftdruck
null abgebremst, dort steht also der Gesamtdruck ist ein Schweredruck, der mit zunehmender Hö-
13 pges. Das Flüssigkeitsmanometer zeigt als Diffe- he exponentiell abnimmt. In 5 Kilometer Höhe ist
renz den Staudruck an. Flugzeuge können so ih- die Luftdichte etwa 0,5 kg/m3 und der Staudruck
p  12 S ¸ v 2  156 hPa .
14 re Geschwindigkeit messen und Physiologen auch
die Strömungsgeschwindigkeit des Blutes in einer
Vene (im Tierversuch, versteht sich).
15
In Kürze
16 Formel Größen [Einheit]

17 Elastische Verformung eines Festkörpers

%l %l: Längenänderung [m]


Mechanische Dehnung
l0
18 l0: Anfangslänge [m]
F
Mechanische Spannung T T: mechanische Spannung  ¡ N ¯°
19 A
F: Kraft auf A [N]
¢ m2 ±

A: Querschnittsfläche [m2]
20 %l   m2 ¯
Hooke’sches Gesetz l0
 E ¸T E: Elastizitätsmodul ¡¡ N °°
¢ ±
3.5 · Strömung
97 3

Druck

F  N ¯
Druck p p: Druck ¡ 2  Pa, Pascal °
A ¢m ±
105 Pa x 1 bar = 760 mmHg
F: Kraft [N]
A: Stempelfläche [m2]
  kg ¯
Schweredruck p  S¸ g ¸h S: Dichte der Flüssigkeit ¡ 3 °
¢m ±
 m¯
g: Fallbeschleunigung ¡ 2 °
¢s ±
h: Tiefe unter Oberfläche [m]

Auftrieb

Auftriebskraft F  VK ¸ Sfl ¸ g F: Auftriebskraft [N]


(gleich dem Gewicht der VK: verdrängtes Volumen [m3]
verdrängten Flüssigkeit)   kg ¯
Sfl: Dichte der Flüssigkeit ¡ 3 °
¢m ±
m
  ¯
g: Fallbeschleunigung ¡ 2 °
¢s ±

Strömung

%V   m3 ¯
Volumenstromstärke I I: Volumenstromstärke ¡¡ s °°
%t ¢ ±

Q ¸ r 4 ¸ %p l: Rohrlänge [m]
Gesetz von Hagen-Poiseuille I
8¸ I ¸l r: Rohrradius [m]
(Laminare Strömung durch
ein Rohr)   Ns ¯
I: Viskosität ¡ 2 °
¢m ±
%p: Druckdifferenz [Pa]

%p   Ns ¯
Strömungswiderstand R R: Strömungswiderstand ¡ 5 °
I ¢m ±
Für Strömungswiderstände gelten die gleichen Regeln wie für elektrische: Addi-
tion bei Reihenschaltung, Addition der Kehrwerte bei Serienschaltung

Gesetz von Bernoulli Gesamtdruck gleich statischer Druck plus Staudruck


1 pges: Gesamtdruck [Pa]
pges  p0 S ¸ v 2
2 p0: statischer Druck [Pa]
  kg ¯
S: Dichte ¡ 3 °
¢m ±
v: Strömungsgeschwindigkeit [m/s]

Oberflächen und Grenzflächen

Kohäsion Kräfte zwischen den Molekülen der Flüssigkeit


Adhäsion Kräfte zwischen Flüssigkeit und Wand
WA   J ¯
Oberflächenspannung T T: Oberflächenspannung ¡¢ 2 °±
A m
WA: Oberflächenenergie [J]
A: Fläche [m2]
98 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

Übungsfragen
1
t leicht; tt mittel; ttt schwer
2
Zur Elastizität
t 1. Ein Stahldraht mit einer Querschnittsfläche von 1 cm²
3 wird mit einer Kraft von 1 kN gedehnt. Welche Zugspannung
A1 A2 A1
in der Einheit N/m² herrscht im Draht?
2A2 = A1
4 t 2. Wie groß ist der Elastizitätsmodul des Kupfers? Siehe
. Abb. 3.4
t 3. Eine 1,6 m lange Klaviersaite aus Stahl habe einen Durch- . Abb. 3.42. Zu Frage 3.15
5 messer von 0,2 cm. Wie groß ist die Zugkraft, wenn sich die
Saite um 3 mm beim Spannen dehnt? Der Elastizitätsmodul
von Stahl sei 2 · 1011 N/m2. aufrechterhalten soll? Das Blut kommt aus der Vene ohne nen-
6 nenswerten Druck zurück.
tt 15. Wie hoch stehen die Flüssigkeitssäulen in den Röhr-
Zu Druck und Auftrieb chen der Abbildung, wenn eine zähe Flüssigkeit von links nach
7 tt 4. In einer Injektionsspritze muss der Kolben 15 mm vor- rechts durch das untere Rohr strömt?
geschoben werden, um 1 ml zu injizieren. Der Arzt drückt mit ttt 16. Wasser fließe mit 0,65 m/s durch einen Schlauch mit
15 N auf den Kolben. Mit welchem Druck wird injiziert? dem Innendurchmesser 3 cm. Der Durchmesser einer Dü-
8 t 5. Wie groß ist der Gesamtdruck in 1m Wassertiefe? se am Ende des Schlauches betrage 0,3 cm. Mit Welcher Ge-
t 6. Die Dichte von Eis ist 917 kg/m3 und die von Seewasser schwindigkeit tritt das Wasser aus der Düse aus? Die Pumpe
1,025 kg/m3. Wie viel Prozent des Volumens eines Eisberges auf der einen Seite und die Düse auf der anderen Seite des
9 schaut aus dem Wasser heraus? Schlauches befinden sich auf gleicher Höhe, der Strom wird
tt 7. Ein Eimer Wasser wird mit 3,5-mal der Fallbeschleuni- also nicht durch einen Schweredruck unterstützt. An der Aus-

10 gung nach oben beschleunigt. Wie groß ist die Auftriebskraft


auf einen 3-kg-Granitstein? Wird er schwimmen? Die Dichte
gangsseite der Düse herrsche Atmosphärendruck. Welchen
Druck muss die Pumpe erzeugen (reibungsfreie Strömung an-
von Granit ist 2,7 g/cm3. genommen)?
11
Zu Oberflächenspannung
12 tt 8. Ein Aluminiumring (50 mm Durchmesser, Masse 3,1 g)
wird entsprechend der . Abb. 3.28 in Wasser getaucht und

13 herausgezogen. Im Moment, in dem der Wasserfilm reißt,


zeigt die Waage 53 mN an. Wie groß ist die Oberflächenspan-
nung des Wassers?
14 tt 9. Wenn die „Füße“ eines Insekts einen Radius von 0,03
mm haben und das Insekt 0,016 g wiegt, würden Sie erwarten,
dass es mit seinen sechs Beinen auf der Wasseroberfläche ste-
15 hen kann (wie ein Wasserläufer)?

16 Zur Strömung
t 10. Wie schnell strömt die Luft in Rechenbeispiel 3.7?
t 11. Wie ist der Strömungswiderstand eines Rohres defi-
17 niert?
t 12. Wie erhöht sich die Volumenstromstärke einer laminar
strömenden Flüssigkeit in einem Rohr, wenn man den Radi-
18 us verdoppelt?
ttt 13. Die mechanische Leistung P, die benötigt wird, um
einen Volumenstrom I durch ein Rohr zu drücken, ist P = I · %p,
19 wobei %p die Druckdifferenz zwischen Rohranfang und Roh-
rende ist. Begründen Sie das.
20 tt 14. Welche mittlere mechanische Leistung muss das Herz
eines Menschen liefern, wenn es bei einem Druck am Auslauf
(Aorta) von 174 hPa eine mittlere Blutstromstärke von 6 l/min
4.1 ·
99 4

Mechanische Schwingungen
und Wellen

4.1 Mechanische Schwingungen – 100


4.1.1 Oszillatoren – 100
4.1.2 Harmonische Schwingungen – 100
4.1.3 Gedämpfte Schwingungen – 103
4.1.4 Erzwungene Schwingungen – 104
4.1.5 Überlagerung von Schwingungen – 105

4.2 Seilwellen – 107

4.3 Schallwellen – 110


4.3.1 Schallerzeugung – 110
4.3.2 Schallnachweis – 111
4.3.3 Schallintensität und Lautstärke – 112
4.3.4 Schallausbreitung – 115
100 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

> > Einleitung 4.1.2 Harmonische Schwingungen


1 Der Mensch informiert sich über den momentanen Zu-
stand seiner Umwelt mit Hilfe seiner fünf Sinne. Die Ein besonders einfach zu verstehendes schwin-
2 beiden am besten entwickelten Sinne benutzen zur In- gungsfähiges Gebilde in der Mechanik ist das Fe-
formationsübertragung Wellen: der Gesichtssinn die derpendel der . Abb. 4.1a. Es besitzt einen Klotz
3 elektromagnetischen des Lichtes, das Gehör die me-
chanischen des Schalls.
mit der Masse m, der längs einer Schiene (bei-
spielsweise nach Art des Luftkissenfahrzeugs
der . Abb. 2.43 von 7 Kap. 2.3.1) „reibungsfrei“
4 streng horizontal gleiten kann, dies aber zunächst
4.1 Mechanische Schwingungen nicht tut, weil er von einer Schraubenfeder in sei-
5 ner Ruhestellung x = 0 gehalten wird. Dort kann
4.1.1 Oszillatoren er bleiben, kräftefrei, denn die Feder ist entspannt,
und die Gewichtskraft wird von der Schiene auf-
6 Das Pendel einer alten Standuhr kann schwin- gefangen.
gen, eine Klaviersaite auch; beide sind dafür ge- Um das Pendel in Gang zu setzen, kann man
7 baut. Ein Dachziegel ist das nicht. Trotzdem kann den Klotz per Hand zur Seite ziehen (. Abb. 4.1b),
er sich lockern und, wenn er im Wind klappert, ihm also eine Auslenkung A0 entlang der x-Achse
8 eine Art von Schwingungen ausführen. Die Viel- verpassen. Dabei spannt man die Feder. Sie soll
falt all dessen, was da schwingen kann, ob es das dem linearen Kraftgesetz des 7 Kap. 2.2.1 gehor-
nun soll oder nicht, ist so groß, dass man bei allge-
9 meinen Betrachtungen gern auf die farblose Be- –A0 0 A0
zeichnung schwingungsfähiges Gebilde oder Oszil- x
10 lator ausweicht.
Das Pendel der Standuhr kann man schwin-
11 gen sehen. Eine Quarzuhr und auch Computer be-
a
kommen ihren Takt von einem kleinen schwin-
genden Quarzkristall vorgegeben. Der ist gut ver-
12 packt und nicht zu sehen. Aber nicht nur Gegen- F = – Dx
stände können schwingen, sondern auch zum Bei-
13 spiel der Luftdruck in einer Schallwelle oder das
b
elektromagnetische Feld in einer Lichtwelle. Die
14 Physik der Schwingungen kann durchaus kompli-
ziert werden.
Ein „schwingungsfähiges Gebilde“ besitzt ei-
15 ne wohldefinierte Ruhelage, in der es dauernd
verbleiben kann. Wird es aus ihr ausgelenkt, so c
16 versuchen rücktreibende Kräfte, das Pendel in
die Ruhelage zurückzuholen. Dort angekommen,
schwingt es wegen seiner Massenträgheit über die
17 Ruhelage hinaus. Kenngröße eines Pendels ist sei-
ne Eigenfrequenz, zusätzliche Kenngröße einer d
18 Schwingung deren Amplitude. Die einfachsten
Schwingungen, die so genannten harmonischen
19 Schwingungen, werden mathematisch durch die
Winkelfunktionen Sinus oder Kosinus beschrie-
ben. Kompliziertere Schwingungen können als e
20 Überlagerung solcher einfacher Schwingungen
aufgefasst werden. . Abb. 4.1. Federpendel. Ablauf einer Schwingungsdauer
4.1 · Mechanische Schwingungen
101 4

mer der gleichen Weise, in immer gleichen Zeit-


T
Auslenkung x

spannen.
A0 Diese Bewegung der Masse kann mit einer Si-
0
nusfunktion beschrieben werden:
2Q
T x(t )  A0 ¸ sin( ¸ t K0 )  A0 ¸ sin(X ¸ t K0 ),
T
Zeit t (. Abb. 4.2). Man könnte auch die Kosinusfunk-
tion nehmen. Eine solche Bewegung, die durch
. Abb. 4.2. Harmonische Schwingung mit der Amplitude A0 Kosinus oder Sinus beschrieben wird, nennt man
der Auslenkung A(t) und der Schwingungsdauer T
harmonische Schwingung.

chen, also entsprechend ihrer Federkonstanten D Merke


(Einheit 1 N/m) den Pendelkörper mit der Kraft Die Winkelfunktionen Sinus und Kosinus be-
F(x) = –D · x schreiben harmonische Schwingungen.

in Richtung Ruhelage zurückziehen: negati-


ves Vorzeichen, rücktreibende Kraft. Lässt man Für die Schwingungsdauer T eines Pendels ist es
den Klotz bei der Auslenkung A0 los, so ver- gleichgültig, ob man sie von Umkehrpunkt zu
langt die Grundgleichung der Mechanik, also das Umkehrpunkt (auf der gleichen Seite), von Null-
2. Newton’sche Gesetz (7 Kap. 2.3.1), dass sich der durchgang zu Nulldurchgang (in gleicher Rich-
Klotz nach links in Bewegung setzt, und zwar mit tung) oder irgendeiner Auslenkung dazwischen
der Beschleunigung zur nächsten gleichen danach zählt. Den Kehrwert
der Schwingungsdauer f = 1/T nennt man die Fre-
a0 = F(A0)/m = – A0 · D/m.
quenz der Schwingung. Sie gibt an, wie viele Pe-
Folge: Abnahme der Auslenkung x, mit ihr rioden in einer Sekunde ablaufen und hat die SI-
(des Betrages) der rücktreibenden Kraft F(x), Einheit 1/s = s–1. Es ist üblich, diese Einheit Hertz
aber Zunahme (des Betrages) der nach links ge- zu nennen und mit Hz abzukürzen.
richteten Geschwindigkeit v(t). Sie ist eine Funk-
tion der Zeit und wächst, bis der Pendelkör- Merke
per seine Ruhelage x = 0 erreicht. Dort bleibt er Einheit der Frequenz: 1 Hertz = 1 Hz = 1/s
aber nicht stehen, sondern läuft, für den Moment
kräftefrei, mit momentan konstanter Geschwin-
digkeit weiter nach links, als Folge seiner Träg- Da die Mathematiker der Sinusfunktion eine Pe-
heit (. Abb. 4.1c). Von da ab wird die Schrauben- riode von 2Q gegeben haben, steht in der Klam-
feder gestaucht, x und F wechseln ihre Vorzeichen, mer der Sinusfunktion nicht einfach die Frequenz
und die Kraft bleibt, jetzt nach rechts gerichtet, vor der Zeitvariable t, sondern Frequenz mal
rücktreibende Kraft. Sie bremst den Pendelkör- 2Q : X = 2Q · f. X wird Kreisfrequenz genannt. Die-
per ab, bis er im linken Umkehrpunkt der Schwin- se ist verwandt mit der Winkelgeschwindigkeit
gung, also bei –A0, momentan zur Ruhe kommt von 7 Kap. 2.1.5 und hat deshalb denselben Buch-
(. Abb. 4.1d). Dort hat die Kraft ihren (momen- staben. Vor der Sinusfunktion steht die Amplitu-
tanen) Höchstwert und beschleunigt den Pendel- de A0. Sie entspricht gerade der maximalen Aus-
körper, jetzt nach rechts. Wieder läuft er kräftefrei lenkung aus der Ruhelage x = 0, denn die Sinus-
durch die Ruhelage (. Abb. 4.1e) hindurch, jetzt funktion wird maximal 1. In der Klammer steht
weiter nach rechts, und dehnt die Feder, bis deren noch der Phasenwinkel K0, der bestimmt, wo die
rücktreibende Kraft ihn im rechten Umkehrpunkt Schwingung bei der Zeit t = 0 startet. Meistens in-
bei +A0 momentan zur Ruhe bringt. Eine Schwin- teressiert dieser Phasenwinkel nicht.
gungsdauer T ist abgelaufen. Von nun ab wieder-
holt sich der ganze Vorgang periodisch, d. h. in im-
102 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

Merke ter noch das 7 Kap. 6.12.2 gewidmet werden wird. Sie
1 wird durch eine Sinusfunktion x(t )  A0 ¸ sin(X ¸ t ) ge-
Harmonische Schwingung: löst (es darf auch der Kosinus sein und es darf auch
2Q
2 x(t )  A0 ¸ sin( ¸ t )  A0 ¸ sin(X ¸ t )
T
noch ein Phasenwinkel K0 in der Klammer stehen). Da-
von überzeugt man sich durch Ableiten und Einsetzen.
5 A0: Amplitude = Maximalausschlag Es gilt:
3 5 T: Schwingungsdauer wenn
5 Kreisfrequenz x(t )  A0 ¸ sin(X ¸ t )
2Q
4 X
T
 2Q ¸ f dann
dx(t )
5 Frequenz f = 1/T  A0 ¸ X ¸ cos(X ¸ t )
dt
5 und
dx(t )
 A0 ¸ X 2 ¸ sin(X ¸ t )  X 2 ¸ x(t )
Die Amplitude, mit der das Federpendel schwingt, dt
6 kann man offenbar frei wählen. Man startet die Den Faktor X bei jeder Ableitung schleppt die Ketten-
Bewegung eben mit einer mehr oder weniger regel der Differentiation herein.
7 starken Auslenkung. Die Schwingungsdauer sucht In der letzten Gleichung muss nun nur noch X 2  D
m
sich das Pendel aber selbst. Wie lange dauert nun gesetzt werden und die Schwingungsdifferentialglei-
chung steht da. Also löst die Sinusfunktion die Diffe-
8 eine Schwingungsdauer T? Soviel kann man sich
rentialgleichung wenn
denken: Je größer die Masse m des Pendelkörpers
ist, desto langsamer kommt sie in Bewegung und X  2Q T  D m
9 wieder heraus. In einer Formel für T wird man m
gesetzt wird.
über dem Bruchstrich erwarten. Umgekehrt, je
10 stärker die Feder, desto schneller die Schwingung:
In der Formel für T wird man die Federkonstante Das Federpendel schwingt gemäß einer Sinus-
11 D unter dem Bruchstrich vermuten. Dass freilich funktion, also harmonisch, weil die rücktreibende
Kraft proportional zur Auslenkung ist. Ohne die-
T  2Q ¸ m D
ses funktioniert die ganze Rechnung nicht. Eine
12 herauskommt, kann man sich auf solche Weise Schwingung kann dann zwar immer noch heraus-
nicht überlegen; da muss man rechnen. kommen, aber keine harmonische.
13 Eben deswegen ist das technisch so einfache
3Definitionsgemäß ist beim Federpendel die Be- Fadenpendel, also ein mit langem Faden irgend-
schleunigung a gleich der zweiten Ableitung d2x/dt2
14 der Auslenkung nach der Zeit. Die Formel für die rück-
wo aufgehängter Stein, genau betrachtet, kein har-
monisch schwingendes Gebilde. Das Fadenpendel
treibende Kraft F  D ¸ x führt zusammen mit der zweigt seine rücktreibende Kraft F von der Ge-
15 Grundgleichung der Dynamik (2. Newton’sches Ge-
wichtskraft FG der Pendelmasse ab, und da be-
setz) auf die Gleichung:
steht keine Proportionalität zum Auslenkwin-
d 2x  F m   D m ¸ x(t )
16 dt 2
kel B, sondern zu dessen Winkelfunktion sin(B)
Eine Gleichung, die neben der Variablen (hier x) auch
(. Abb. 4.3). Bei sehr kleinen Winkeln macht das
freilich nichts aus; sin(4,4°) = 0,076719 ist ge-
17 einen ihrer Differentialquotienten enthält, heißt Diffe-
genüber 4,4° im Bogenmaß (= 0,076794) erst um
rentialgleichung. Die Lösung einer solchen Gleichung
ist nicht einfach eine Zahl, sondern eine Funktion x(t). ein Promille zurückgeblieben, da darf man noch
18 Diese Lösungsfunktion beschreibt eben gerade die Be- sin(B) = B setzen. Für kleine Winkel schwingt
wegung des Pendels. Der Mathematiker löst eine Diffe- das Fadenpendel doch fast harmonisch und eine
19 rentialgleichung mit Scharfsinn, Phantasie und festen
Regeln; der mathematische Laie, auch der Physiker,
Rechnung entsprechend der obigen liefert:

schlägt die Lösung in entsprechenden Büchern nach. g


X
20 Im vorliegenden Fall geht es um die Schwingungsdif- l
ferentialgleichung in ihrer einfachsten Form, der spä-
4.1 · Mechanische Schwingungen
103 4

Rechenbeispiel 4.1: Fahrwerksfeder


7 Aufgabe. Eine vierköpfige Familie mit einer Ge-
samtmasse von 200 kg steigt in ihr Auto mit einer
Masse von 1200 kg. Das Auto senkt sich um 3 cm.
Wie groß ist die Federkonstante der vier Fahr-
α werksfedern zusammengenommen? Mit welcher
Frequenz beginnt das Auto zu schwingen, wenn es
l
durch ein Schlagloch fährt?
7 Lösung. Die zusätzlich Gewichtskraft beträgt
200 kg · 9,81 m/s2 = 1962 N. Die Federkonstante ist
m also:
1962 N
D  6, 54 ¸104 N/m.
F 3 ¸10-2 m
FG = m · g Bei einer Gesamtmasse von 1400 kg ist dann die Ei-
x = α·l
α genfrequenz des Autos:
1 D
f  1, 1 Hz.
2Q m
. Abb. 4.3. Fadenpendel. Die Gewichtskraft FG kann in zwei
zueinander senkrechte Komponenten zerlegt werden, von de-
nen die eine (F) rücktreibend wirkt und die andere vom Faden
aufgefangen wird. Bei kleinen Ausschlägen kann sinB = B ge- Beim Nulldurchgang ist die Feder momen-
setzt werden. Dann schwingt das Pendel harmonisch mit der tan entspannt: Wpot = 0. Folglich muss der Pen-
Schwingungsdauer T  2Q ¸ l g
delkörper die Schwingungsenergie ganz allein
tragen. Das kann er auch, denn er ist ja auf sei-
Bemerkenswerterweise hängt die Kreisfre- ner Höchstgeschwindigkeit ±v0. Die geht qua-
quenz also nur von der Pendellänge l und der dratisch in Wkin ein, folglich spielt die Richtung
Fallbeschleunigung g ab, aber nicht von der Mas- der Geschwindigkeit keine Rolle. In den Umkehr-
se m. punkten ist der Pendelkörper momentan in Ru-
In einem Experiment kann man sich leicht he: Wkin = 0. Folglich muss die Feder die Schwin-
überzeugen, dass die Schwingungsdauer bei gro- gungsenergie ganz allein tragen. Das kann sie
ßen Auslenkungswinkeln aber auch noch von der auch, denn sie ist ja mit der Amplitude ±A0 maxi-
Amplitude abhängt. Dies ist ein untrügliches Zei- mal gedehnt oder gestaucht. A0 geht quadratisch
chen für eine nichtharmonische Schwingung, in Wpot ein, folglich spielt das Vorzeichen kei-
denn bei der Sinusfunktion sind Amplitude und ne Rolle. Für die vier genannten Positionen darf
Frequenz völlig unabhängig voneinander. man also schreiben
Schwingungsenergie Ws0 = ½ m · v02 = ½ D · A02.
4.1.3 Gedämpfte Schwingungen Eine harmonische Schwingung erreicht im-
mer wieder die gleiche Amplitude A0; demnach
Wie sieht es mit der mechanischen Energie bei hat die Schwingungsenergie Ws zumindest alle
einer Schwingung aus? Wenn eine Masse m mit halbe Schwingungsdauer den genannten Wert. Da
der Geschwindigkeit v läuft, besitzt sie die kine- darf man erwarten, dass es zwischendurch nicht
tische Energie Wkin = ½m · v2.Wenn eine Feder anders ist und sich Wpot und Wkin bei jeder mo-
mit der Federkonstanten D um das Stück x ge- mentanen Auslenkung x(t) ständig zum gleichen
dehnt oder gestaucht wird, ändert sich die po- Ws addieren:
tentielle Energie um Wpot = ½D · x2. Folglich be-
Ws = Wkin(t) + Wpot(t)
sitzt ein Federpendel eine Schwingungsenergie
= ½ m · v2(t) + ½ D · x2(t) = konstant
Ws, die sich irgendwie aus Wkin und Wpot zusam-
mensetzt. Wie?
104 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

Mit anderen Worten: x


1 A0
Merke
2 Beim harmonisch schwingenden Oszillator
A0 · exp (– δ t)

wechselt die volle Schwingungsenergie stän-


3 dig zwischen der potentiellen Energie der Fe-
der und der kinetischen Energie des Pendel- t
4 körpers hin und her.

5 Die harmonische Schwingung hält ihre Amplitude


A = A0, der harmonische Oszillator seine Schwin-
gungsenergie Ws eisern konstant, auf immer und
6 ewig. Das ist graue Theorie. In der Wirklichkeit
. Abb. 4.4. Gedämpfte Schwingung. Die blau gezeichne-
te Kurve läuft durch die Maximalausschläge der Schwingung
schwingt ein Pendel aus, wenn die Uhr abgelaufen und ist eine Exponentialfunktion
7 ist: Jede folgende Amplitude bleibt um ein Stück-
chen %A kleiner als die letzte, die Schwingung ne Waage soll ihren Messwert ja möglichst rasch
8 ist gedämpft und verliert Schwingungsenergie. anzeigen und nicht lange um ihn herumpendeln.
Das darf man so sagen, obwohl Energie als sol- Die Instrumente im Armaturenbrett des Autos
che selbstverständlich nicht verloren gehen kann. müssen grobe Erschütterungen ertragen. Darum
9 Das verbietet der Energiesatz. Es wird lediglich dämpft man sie bis in den sog. Kriechfall, in dem
Schwingungsenergie in eine andere Energieform sie nur betont langsam auf den Messwert zumar-
10 umgewandelt, üblicherweise in Wärme. Unter be- schieren.
stimmten Bedingungen bleibt der Quotient %A/A Ein Kind, zum ersten Mal auf eine Schaukel
11 von Schwingung zu Schwingung konstant. Dann gesetzt, muss angestoßen werden und nach we-
fallen die Amplitude A(t) und die Schwingungs- nigen Schwingungen wieder. Es lernt aber bald,
energie Ws(t) exponentiell mit der Zeit ab, und durch geschickte Bewegung des Oberkörpers
12 zwar A mit der Dämpfungskonstanten –E: und der Beine, die Schaukel in Gang zu halten, al-
so verlorene Schwingungsenergie durch Muskel-
A(t) = A0 e–E · t
13 arbeit zu ersetzen, ohne im Geringsten zu verste-
und Ws, weil dem Amplitudenquadrat proportio- hen, wie das eigentlich funktioniert.
14 nal, mit –2E: Die rhythmische Energiezufuhr muss nicht
gefühlsmäßig oder gar durch Nachdenken besorgt
Ws(t) = Ws0 e–2E · t.
werden, eine rein mechanisch oder auch elektro-
15 . Abbildung 4.4 zeigt eine in dieser Weise ge- mechanisch vom Pendel selbst ausgelöste Selbst-
dämpfte Schwingung graphisch. Ihre Formel steuerung tut es auch, wie alle Uhren beweisen.
16 x(t) = A0 exp(–E · t) cos(X · t)
benutzt zwar weiter die Winkelfunktion Kosinus, 4.1.4 Erzwungene Schwingungen
17 um eine harmonische Schwingung handelt es sich
aber nicht mehr, nicht einmal um einen periodi- Die regelmäßige Energiezufuhr für eine unge-
18 schen Vorgang. dämpfte Schwingung muss nicht vom Pendel
Mit wachsendem E kommt das gedämpfte Pen- selbst ausgelöst werden, sie kann auch von einem
19 del immer schneller zum Stillstand, bis es schließ- unabhängigen Erreger ausgehen. Wird z. B. das
lich, ohne auch nur einmal durchzuschwingen, linke Ende der Pendelfeder in . Abb. 4.5 von ir-
auf schnellstem Weg in die Ruhelage zurückkehrt. gendeiner Mechanik periodisch hin und her ge-
20 Das ist der sog. aperiodische Grenzfall, um den sich zogen, so schwingt der Pendelkörper auch jetzt
vor allem die Instrumentenbauer bemühen. Ei- ungedämpft, allerdings nicht mit seiner Eigen-
4.1 · Mechanische Schwingungen
105 4

Eine genauere Untersuchung erzwungener


Schwingungen führt zu den Resonanzkurven
(. Abb. 4.6). Bei kleinen Frequenzen folgt der Os-
zillator dem Erreger unmittelbar, beide erreichen
. Abb. 4.5. Erzwungener Schwingungen. Das linke Ende
des Federpendels wird mit vorgebbarer Frequenz und Auslen-
ihre Maximalausschläge zum gleichen Zeitpunkt:
kungsamplitude sinusförmig hin- und herbewegt Sie schwingen in Phase, ohne Phasenverschiebung
also, d. h. mit dem Phasenwinkel K = 0. Erhöht
man die Frequenz des Erregers, so wächst im All-
gemeinen die Amplitude des Oszillators. Sie er-
reicht ihren Höchstwert so ungefähr bei dessen
Amplitude der Auslenkung

10 A 0 Eigenfrequenz und geht von da ab asymptotisch


auf null zurück. Erreger und Pendel schwingen
schließlich in Gegenphase (K = Q). In unglück-
lichen Fällen kann die Resonanzamplitude so
groß werden, dass der Oszillator dabei zu Bruch
5 A0 geht. Durch seinen Blechtrommler Oskar Matze-
rath, der gläserne Gegenstände aller Art „zersin-
gen“ kann, hat Günter Grass der Resonanzkatas-
trophe zu literarischem Ruhm verholfen. Physi-
1 A0
kalisch setzt sie Oszillatoren mit extrem geringer
0
π Dämpfung voraus. Bis in den Kriechfall hinein ge-
verschiebung

dämpfte Resonatoren sind zu einer Resonanzüber-


Phasen -

π höhung über die Amplitude des Erregers hinaus


2 gar nicht fähig.

0
0 1 f0 2 f0
4.1.5 Überlagerung von Schwingungen
Frequenz

. Abb. 4.6. Resonanzkurven. Der Oszillator hat die Eigenfre- Wenn man die momentanen Auslenkungen meh-
quenz f0 (sie ist zugleich Einheit der Abszisse). Einheit der Ordi- rerer gleichzeitig ablaufender Schwingungen ad-
nate ist die Amplitude A0 der Auslenkung bei kleinen Frequen- diert, so spricht man von einer Überlagerung von
zen. Mit stärkerer Dämpfung nimmt die Resonanzüberhöhung Schwingungen. Rein mathematisch geht es also
ab und die Phasenverschiebung zwischen Erreger und Reso-
um die Summe
nator zu. Das Maximum der Resonanzkurve verschiebt sich zu
kleinen Frequenzen (nach R.W. Pohl) x(t )  œ An ¸ sin(Xn ¸ t Kn ).
n
Der Phasenwinkel K schiebt die zugehörige
frequenz f0, sondern mit der Frequenz f des Er- Teilschwingung in die richtige Position auf der
regers: Das Pendel führt eine erzwungene Schwin- Zeitachse. Am besten lässt man sich die Summe
gung aus. Dabei hat es seine Eigenfrequenz frei- von einem Computer nicht nur ausrechnen, son-
lich nicht vergessen; zumeist schwingt es nämlich dern gleich als Kurve auf Papier oder Bildschirm
mit umso größerer Amplitude, je näher f und f0 aufzeichnen. Dabei handelt es sich keineswegs um
beieinander liegen. Nicht selten klappert ein altes eine mathematische Spielerei; die Überlagerung
Auto bei einer ganz bestimmten Geschwindigkeit von Schwingungen hat durchaus praktische Be-
besonders laut: Irgendein Stück Blech hat sich ge- deutung, wie sich noch herausstellen wird.
lockert, ist dadurch schwingungsfähig geworden In besonders einfachen Fällen kann man auch
und gerät in Resonanz, wenn seine Eigenfrequenz ohne Rechnung herausfinden, was bei einer Über-
vom Motor getroffen wird. lagerung von Schwingungen herauskommen
muss, etwa bei der Addition zweier Sinusschwin-
106 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

gungen gleicher Amplitude und Frequenz, d. h. x1


1 bei
x(t) = A0 {sin(X · t) + sin(X · t + K)}.
2 t
Hier darf der Phasenwinkel K auf keinen Fall
3 vergessen werden; er spielt eine entscheidende
Rolle. Bei K = 0 sind beide Schwingungen in Phase,
x2

ihre Auslenkungen stimmen zu jedem Zeitpunkt


4 nach Betrag und Vorzeichen überein. Demnach t
ist auch die Summe mit beiden Schwingungen in
5 Phase, hat aber doppelte Amplitude (. Abb. 4.7b); x1 + x2
man spricht hier von konstruktiver Interferenz. Bei
K = Q = 180° befinden sich die beiden Schwin-
6 gungen in Gegenphase; ihre Auslenkungen stim-
men nur noch im Betrag überein, haben aber ent-
7 gegengesetzte Vorzeichen. Folglich ist die Summe t
zu jedem Zeitpunkt null; die Schwingungen lö-
8 schen sich gegenseitig aus: destruktive Interferenz
(. Abb. 4.7a). Jeder andere Phasenwinkel führt zu
einem Ergebnis zwischen diesen beiden Grenzfäl- . Abb. 4.8. Schwebung: Überlagerung zweier Schwingun-
9 len; Abbildung 4.7c zeigt ein Beispiel. gen mit gleicher Auslenkungsamplitude und nahezu gleichen
Bemerkenswert ist die Überlagerung zweier Frequenzen
10 Schwingungen von nicht genau, aber fast gleicher
Frequenz: Sie führt zur Schwebung (. Abb. 4.8).
11 x1
Verstärken sich die beiden Schwingungen zu ir-
gendeinem Zeitpunkt, weil sie gerade gleiche
Phase haben, so wird ein Weilchen später die ei-
12 t ne Schwingung der anderen um genau eine hal-
be Schwingungsdauer davongelaufen sein: Bei-
13 x2 de geraten in Gegenphase und löschen sich aus.
Dieses Spiel wiederholt sich regelmäßig und zwar
14 t
mit der halben Differenzfrequenz, der halben Dif-
ferenz der beiden Einzelfrequenzen.
Etwas schwieriger zu übersehen ist die Über-
15 x1 + x2
lagerung zweier Schwingungen im Frequenzver-
hältnis 1:2. Auch hier hängt das Resultat wesent-
16 lich von der Phasenlage ab (. Abb. 4.9). Grund-
sätzlich darf man auch mehr als zwei Schwingun-
t gen einander überlagern. Treibt man es weit ge-
17 nug, so kann man grundsätzlich jeden periodisch
ablaufenden Vorgang, jede noch so komplizier-
18 a b c te Schwingungsform aus einzelnen Sinusschwin-
gungen zusammensetzen (Fourier-Synthese) oder
19 . Abb. 4.7a–c. Überlagerung zweier Schwingungen: mit
gleicher Frequenz und Amplitude der Auslenkung. a Auslö-
auch in sie zerlegen (Fourier-Analyse). In mathe-
matischer Strenge lässt sich beweisen: Die Fre-
schung bei Gegenphase, destruktive Interferenz; b Amplitu-
quenz f0, mit der sich ein beliebiger Vorgang pe-
20 denverdopplung bei Überlagerung in Phase, konstruktive In-
terferenz; c mittlere Amplitude und Phasenlage bei Fällen zwi- riodisch wiederholt, erscheint in der Analyse als
schen den beiden Extremen Frequenz der Grundschwingung. Ihr überlagern
4.2 · Seilwellen
107 4

x1 4.2 Seilwellen

Ein Federpendel schwingt harmonisch. Es hält


t sich an die Resonanzkurve, sobald seinem Fe-
derende eine sinusförmige Bewegung aufgezwun-
x2 gen wird. Was aber geschieht, wenn man zwei Fe-
derpendel so aneinander koppelt, wie . Abb. 4.10
das zeigt? Einem Pendelkörper macht es weiter
t nichts aus, wenn er statt von einer nun von zwei
Federn in die Ruhelage gezogen wird; für ihn ad-
x1 + x2 dieren sich lediglich die beiden Federkonstanten.
Stößt man zunächst nur ein Pendel an, so
glaubt es, zwischen zwei fest eingespannten Fe-
dern zu schwingen; der andere Pendelkörper
bleibt ja zunächst noch in Ruhe. Aus seiner Sicht
t
führt aber eines seiner Federenden eine sinusför-
mige Schwingung aus, und zwar genau in seiner
Eigenfrequenz. Folglich erinnert er sich der Reso-
nanzkurve und beginnt seinerseits zu schwingen.
. Abb. 4.9. Überlagerung zweier Schwingungen gleicher
Die dafür notwendige Energie kann ihm aber nur
Auslenkungsamplitude im Frequenzverhältnis 1:2. Die Pha-
senbeziehung ist wesentlich vom ersten Pendel geliefert werden; dessen Amp-
litude nimmt also ab. Wenn sie auf null angekom-
men ist, haben beide Oszillatoren ihre Rollen ver-
sich Oberschwingungen, deren Frequenzen ganz- tauscht; die Energie läuft zurück und das Spiel
zahlige Vielfache der Grundfrequenz f0 sind. Über wiederholt sich. Jedes der beiden Pendel führt die
die Phasenwinkel dieser sog. Harmonischen lässt Bewegung einer Schwebung aus (. Abb. 4.11), sie
sich Allgemeines nicht aussagen, sie hängen vom tauschen die Schwingungsenergie periodisch un-
Einzelfall ab. Dies gilt auch für die Amplituden, tereinander aus. Die Schwebungsfrequenz derar-
die allerdings normalerweise mit steigender Fre- tiger gekoppelter Pendel hängt wesentlich von der
quenz schließlich einmal monoton gegen null ge- Stärke der koppelnden Feder ab.
hen. Merklich anders verhält sich eine lange Ket-
Übersichtlich darstellen und mathematisch te gleicher Oszillatoren, zumal wenn sie relativ
einfach beschreiben lässt sich nur die rein har- stark gekoppelt sind (. Abb. 4.12). Hier gibt jedes
monische Schwingung, also die Sinusschwin- Pendel mit nur geringer Zeitverzögerung Schwin-
gung. Die Welt ist aber voll von anharmonischen gungsenergie bereits an seinen Nachbarn zur
Schwingungen. Das Fourier-Theorem versucht, Rechten weiter, während es noch weitere Ener-
den komplizierten allgemeinen Fall auf den ein- gie vom Nachbarn zur Linken aufnimmt: Die Er-
fachen zurückzuführen. regung läuft auf diese Weise von dem einen Ende
der Kette zum andern und möglicherweise auch
Merke wieder zurück. Das einzelne Pendel verlässt dabei
Anharmonische Schwingungen können als seinen Platz in der Kette nicht, es schwingt ledig-
Überlagerung harmonischer Schwingungen lich um seine Ruhelage. Materie wird nicht trans-
aufgefasst werden. portiert, sondern lediglich ein Erregungszustand,
repräsentiert durch lokale Pendelbewegungen
und die mit ihnen verbundene Schwingungsener-
gie: Entlang der Pendelkette läuft eine Welle.
108 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

1
2
x1 x2
3
. Abb. 4.10. Zwei gekoppelte Federpendel. Momentane Auslenkungen x1 und x2

4
x1
5
6 t

7
8 x2

9
t

10
11 . Abb. 4.11. Schwingungen gekoppelter Pendel: Die Schwingungsenergie wechselt mit der Schwebungsfrequenz zwischen
beiden Pendeln hin und her
12
13
. Abb. 4.12. Pendelkette

14
Merke Merke
15 Eine Welle läuft eine Kette gekoppelter Oszilla- longitudinale Welle: Oszillatoren schwingen in
toren entlang. Ausbreitungsrichtung;
16 Wellen transportieren Energie, aber keine Ma- transversale Welle: Oszillatoren schwingen
terie. quer zur Ausbreitungsrichtung.
17
Grundsätzlich sind den Oszillatoren der Pendel- Dabei übernimmt jedes einzelne Pendel den
18 kette beim Transport der Welle verschiedene ge- Schwingungsablauf von seinem Nachbarn: Die Wel-
meinsame Schwingungsrichtungen erlaubt. Man le läuft durch die ganze Kette, ob sie nun aus einem
19 unterscheidet zwei Grenzfälle (. Abb. 4.13): kurzen Impuls oder einem längeren Wellenzug be-
steht. Übrigens wird nicht verlangt, dass man Pen-
delmassen und Kopplungsfedern deutlich vonein-
20 ander trennen kann. Auch eine lange Schraubenfe-
der vermag Längs- und Querwellen zu transportie-
4.2 · Seilwellen
109 4

. Abb. 4.13. Längs- und Querwelle. „Momentaufnahmen“, schematisch

ren, sogar ein Seil, eine Wäscheleine; hier sind al- λ


lerdings nur Querwellen leicht zu erkennen.
Die Ausbreitungsgeschwindigkeit einer Welle t=0
hängt von den mechanischen Eigenschaften der x
Pendelkette, des „Mediums“ ab, in dem die Welle
läuft. Auf jeden Fall muss aber eine sinusförmige t = ¼T
x
Welle während einer Schwingungsdauer T um ge-
nau eine Wellenlänge fortschreiten (. Abb. 4.14).
Kehrwert von T ist die Frequenz f. Daraus folgt t = ½T
x
c = M · f.

Merke t = ¾T
x
Ausbreitungsgeschwindigkeit = Wellenlänge
mal Frequenz: t=T
x
c M¸ f

λ = c·T
3An diese Beziehung hält sich jede sinusförmi-
. Abb. 4.14. Welle. Sie läuft in der Schwingungsdauer T um
ge Welle, ob sie nun Seil-, Schall-, Licht-, Wasser- oder eine Wellenlänge L weiter: Fortpflanzungsgeschwindigkeit
sonst eine Welle ist. In manchen Fällen muss man aller- c=M·f
dings damit rechnen, dass die Ausbreitungsgeschwin-
digkeit von der Frequenz abhängt: c = c(f). Diese Dis-
persion spielt z. B. bei der optischen Abbildung durch
len gleicher Frequenz und Amplitude führt zu ei-
Linsen eine bedeutsame Rolle (7 Kap. 7.2.4). Ihre Fol-
ner stehenden Welle: Einzelne Oszillatoren bleiben
ge: Die Fourier-Komponenten eines Impulses laufen in
der Welle unterschiedlich schnell, ändern also ihre ge-
ständig in Ruhe, sie liegen in Schwingungsknoten;
genseitigen Phasenbeziehungen während der Laufzeit andere sind in maximaler Bewegung, sie liegen in
und damit auch die Form des Impulses. Wer es ganz Schwingungsbäuchen (. Abb. 4.15). Der Abstand
genau nimmt, muss deshalb zwischen der Phasenge- zwischen benachbarten Knoten oder Bäuchen be-
schwindigkeit der (unendlichen) Sinuswelle und der trägt eine halbe Wellenlänge, der zwischen Kno-
meist kleineren Gruppengeschwindigkeit eines be- ten und Bauch ein Viertel.
grenzten Wellenzuges unterscheiden.
Merke
Kommt eine Welle an das Ende der Pendelkette, Zwei gegenläufige Wellen gleicher Amplitude
so kann sie (unter geeigneten Bedingungen) re- und Frequenz liefern eine stehende Welle mit
flektiert werden und die Pendelkette zurücklau- ortsfesten Schwingungsbäuchen und -knoten.
fen. Die Überlagerung zweier gegenläufiger Wel-
110 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

hören; man nennt sie Hörschall. Schwingungen


1 kleinerer Frequenz werden als Bewegungen emp-
funden, unterhalb von 3 Hz lassen sie sich unmit-
2 telbar abzählen; in der Akustik nennt man sie In-
fraschall. Die obere Hörgrenze hängt vom Lebens-
3 alter ab und geht mit den Jahren zurück. Schall,
dessen Frequenz über der Hörgrenze liegt, heißt
Ultraschall.
4
Merke
5 Hörschall: Frequenzen zwischen ca. 16 Hz und
ca. 16 kHz,
6 Ultraschall: Frequenzen über dem Hörbereich.

7 Alles, was sich in Luft bewegt, erzeugt Schall; be-


wegt es sich periodisch und im Bereich des Hör-
8 schalls, so erzeugt es einen Ton oder einen Klang;
bewegt es sich nichtperiodisch, so gibt es nur ein
Geräusch. Die Zähne einer Kreissäge greifen peri-
9 odisch ins Holz und kreischen dementsprechend;
die Tonhöhe sinkt, wenn es dem Motor Mühe
10 λ macht, das Sägeblatt durchzuziehen. Auch Dreh-
2 bewegungen sind periodische Bewegungen; der
11 . Abb. 4.15. Stehende Welle. Zwei gegenläufige Wellen mit
Bohrer des Zahnarztes singt penetrant und dreh-
zahlabhängig.
gleicher Auslenkungsamplitude und gleicher Frequenz geben
Vielseitigste Form der Schallerzeugung ist die
12 eine stehende Welle mit ortsfesten Schwingungsknoten (Ru-
he) und ortsfesten Schwingungsbäuchen (maximale Amplitu- mit der Membran eines Lautsprechers: Sie vermag
de der Auslenkung) Stimmen von Mensch und Tier zu imitieren und
13 alle Musikinstrumente. Dazu wird eine meist ko-
nische Membran aus starkem Papier von einem
14 Rechenbeispiel 4.2: Was für eine Welle?
7 Aufgabe. Welche Ausbreitungsgeschwindig-
Elektromagneten gewaltsam hin und her gezo-
gen, und zwar im Takt eines Wechselstroms, den
keit hat eine Welle mit einer Frequenz von 1010 Hz ein elektronischer Verstärker liefert. Bewegt sich
15 und einer Wellenlänge von 3 cm? die Membran momentan nach rechts, so schiebt
7 Lösung. c  M ¸ f  3 ¸108 m/s. Das ist eine ziem- sie dort Luftmoleküle zusammen, erzeugt also ei-
16 lich hohe Geschwindigkeit, tatsächlich die höchs- nen (geringen) Überdruck; entsprechend führt
te, die es gibt: die von Licht im Vakuum. Es handelt eine Bewegung in Gegenrichtung zu einem Un-
sich wohl um eine elektromagnetische Mikrowel- terdruck. Über- wie Unterdruck breiten sich mit
17 le (7 Kap. 7.1). Schallgeschwindigkeit aus:

18 Merke
4.3 Schallwellen Schallwellen in Gasen und Flüssigkeiten sind
19 Druckwellen, also longitudinal.
4.3.1 Schallerzeugung

20 Mechanische Schwingungen im Frequenzbereich 3Edelste Form der Musikerzeugung ist die mit
von etwa 16 Hz bis etwa 16 kHz kann der Mensch der Geige. Ihre Saiten schwingen in der Form stehen-
4.3 · Schallwellen
111 4

. Abb. 4.16. Geigensaite. Die Grundschwingung und die


beiden ersten Oberschwingungen

p0

Druck
der Seilwellen. Da eine Saite an ihren Enden fest ein-
gespannt ist, müssen dort Schwingungsknoten lie-
gen. Sie haben den Abstand einer halben Wellenlän-
ge und liefern damit den einen bestimmenden Faktor
zur Grundfrequenz der Saitenschwingung. Diese Fre-
quenz lässt sich erhöhen, wenn man die wirksame Län- Länge
ge der Saite verkürzt: So werden Geigen gespielt. Die
Grundfrequenz steigt aber auch, wenn man die Saite . Abb. 4.17. Offene Pfeife (Blockflöte). Der Luftdruck p hat
straffer spannt, denn damit erhöht man die Fortpflan- an beiden Enden einen Knoten und schwankt im Schwin-
gungsbauch ein ganz klein wenig um den Barometerdruck p0
zungsgeschwindigkeit der Seilwelle: So werden Gei-
gen gestimmt. Die Forderung nach Knoten an den En-
den der Saite verbietet nicht, dass weitere Knoten auf- stoff an, steigt ihre Tonhöhe um mehr als eine Oktave.
treten, z. B. einer genau in der Mitte oder zwei auf je ei- Die für den Menschen wichtigste Form der Schaller-
nem Drittel der wirksamen Länge (. Abb. 4.16). Unter- zeugung ist die mit dem Kehlkopf. Dieser besitzt zwei
teilen können die Knoten ihre Saite aber nur in ganz- Stimmbänder, die er über den Stellknorpel willkürlich
zahligen Bruchteilen; die zugehörigen Frequenzen anspannen kann. Durch die Stimmritze zwischen ih-
sind demnach ganzzahlige Vielfache der Grundfre- nen wird beim Sprechen und Singen Luft gepresst. Die
quenz. Derartige Obertöne erzeugt jedes Musikinstru- in Grenzen einstellbaren Eigenfrequenzen der Stimm-
ment, sie machen seine Klangfarbe aus. Freilich, nicht bänder bestimmen die Tonlage, nicht aber den Laut,
die Saite bestimmt die Schönheit des Geigenklanges, der den Mund verlässt. Hier spielen Unterkiefer und vor
sondern der Geigenkörper. Die Saite allein kann des allem die bewegliche Zunge die entscheidenden Rol-
akustischen Kurzschlusses wegen so gut wie gar nicht len: Sie legen die momentane Form des Rachenrau-
abstrahlen, sie braucht den Geigenkörper als Reso- mes fest und damit die Eigenfrequenzen dieses Hohl-
nanzboden. Dessen ungeheuer zahlreiche Eigenfre- raumes, die von den Stimmbändern zu Resonanz an-
quenzen, von der Saite mehr oder weniger angeregt, geregt werden können.
machen den Klang einer Stradivari.
Nicht nur Festkörper haben ihre Eigenfrequenzen, son-
dern auch in Hohlräumen eingesperrte Gase. Der De- 4.3.2 Schallnachweis
tektiv klopft die Wände nach geheimen Fächern ab
und der Arzt den Brustkorb seines Patienten nach des-
Mikrophone haben die Aufgabe, ankommen-
sen Lunge. Die Resonanztöne signalisieren beiden die
de Schallschwingungen so getreu wie möglich in
Grenzen des Hohlraumes. Flöten geben ihm die Form
einer gestreckten Röhre und bilden damit die Verhält- synchrone elektrische Schwingungen zu übertra-
nisse der schwingenden Saite nach. Die Blockflöte ist gen, die dann elektronisch weiterverarbeitet wer-
an beiden Enden offen: Dort liegen die Schnellebäuche den. Dazu haben alle Mikrophone wie das Ohr
und Druckknoten einer stehenden Schallwelle, ihr Ab- eine Membran, die sich im Takt der Luftschwin-
stand beträgt eine halbe Wellenlänge des Grundtones gung mitbewegt und deren Bewegung meistens
(. Abb. 4.17, Schalldruck und Schallschnelle werden mit magnetischen Effekten in ein elektrisches Si-
im übernächsten Kapitel behandelt). Welche Frequenz gnal übertragen wird. Vollkommen kann das nie
zur Wellenlänge gehört, bestimmt die Schallgeschwin- gelingen, denn notwendigerweise bilden Memb-
digkeit der Luft; bläst man eine Blockflöte mit Wasser- ran und Elektronik schwingungsfähige Gebilde
112 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

Klinik
1 Das äOhr des Menschen. Das Organ, mit dem Schnecke befindet. Die Fläche des ovalen Fensters
der Mensch Schallschwingungen in Nervensigna- liegt deutlich unter der des Trommelfells; das ist
2 le überführt, ist das Corti-Organ, mechanisch ge- wesentlich für die Energieübertragung.
koppelt an die Basilarmembran in der Schnecke Das Trommelfell selbst ist nur insoweit schall-
3 des Innenohres. Als überaus empfindliches Häut-
chen kann die Basilarmembran nur in einer Flüs-
weich, als es auf beiden Seiten an Luft angrenzt, al-
so nicht dort, wo der Hammer ansetzt. Auf jeden
sigkeit aufbewahrt werden. Damit steht die Natur Fall muss aber der Luftraum des Mittelohres Ver-
4 vor dem im folgenden Kapitel bei der Sonographie bindung zur Außenwelt haben, denn sonst würde
angesprochenen Problem, Schallenergie, die über das Trommelfell auf jede langsame Änderung des
5 das schallweiche Medium Luft angeliefert wird, auf Luftdruckes reagieren wie die Membran eines Do-
die vergleichsweise schallharte Flüssigkeit zu über- senbarometers. Diese Verbindung besorgt die Eus-
tragen. Dem dient das zierliche Hebelsystem des tachi-Röhre. Sie ist nicht selten durch Flüssigkei-
6 Mittelohres, also die drei Gehörknöchelchen Ham- ten aus irgendeinem Katarrh verstopft. Dann spürt
mer, Amboss und Steigbügel (. Abb. 4.18). Sie man zuweilen bereits einen „Druck“ auf den Oh-
7 werden bewegt von dem eigentlichen Schallauf- ren, wenn man in einem Hochhaus mit dem Fahr-
nehmer, dem Trommelfell, einer dünnen, schall- stuhl fährt oder mit einem Auto den Berg hinun-
8 weichen Haut, die quer im Gehörgang steht; sie ter. Der Luftdruck fällt ja mit der Höhe über dem
geben ihre Bewegungen weiter an die Haut des Meeresspiegel. Schluckbewegungen helfen, den
ovalen Fensters, hinter der sich die Flüssigkeit der „Druck“ zu mindern.
9
10
11 Hammer mit Eigenfrequenzen und der Neigung zu Reso-
Amboß nanzüberhöhungen. Die technischen Tricks, mit
denen man gute und teure, oder auch nicht ganz
12 Steigbügel
so gute, dafür aber billigere Mikrophone herstellt,
ovales Fenster
brauchen hier nicht besprochen werden.
Dreh -
13 punkt Reissnersche
Membran

14 4.3.3 Schallintensität und Lautstärke


Basilar -
membran Der Überschallknall der Düsenjäger ist zumindest
15 unangenehm. Als ein Warnsystem, das auch im
rundes
Fenster Schlaf nicht abgeschaltet wird, hat das Gehör sei-
16 ne Empfindlichkeit bis an die Grenze des Sinnvol-
len gesteigert; noch ein wenig mehr und es müss-
te die thermische Bewegung der Luftmoleküle als
17 . Abb. 4.18. Mittelohr. Der Schall versetzt zunächst das
permanentes Rauschen wahrnehmen. Zum Hör-
schallweiche Trommelfell in Schwingungen; diese werden von
Hammer, Amboss und Steigbügel auf die (der nachfolgenden schall normaler Sprechlautstärke gehören Druck-
18 Flüssigkeit wegen) schallharte Haut des ovalen Fensters über- schwankungen, Schalldruck oder auch Schallwech-
tragen seldruck genannt, deren Amplituden in der Grö-
19 ßenordnung Zentipascal (10–2 Pa) liegen. Sie be-
deuten Schwingungen der Moleküle mit Ampli-
tuden im Bereich 10 nm und mit Geschwindig-
20 keitsamplituden von 0,1 mm/s. Man bezeichnet
sie als Schallschnelle. Sie hat mit der Ausbreitungs-
4.3 · Schallwellen
113 4

geschwindigkeit der Schallwellen nichts zu tun, nahe gelegenen Flugplatz, ist damit wenig ge-
wohl aber mit der von der Schallwelle transpor- dient. Schall stört nur, wenn man ihn hört: Ultra-
tierten Leistung, dem Energiestrom P  dW / dt schall macht keinen Lärm (was nicht heißt, dass
der Welle mit der Einheit Watt. Zu ihm gehört eine er harmlos ist). Auch im Hörbereich wertet das
Energiestromdichte mit der SI-Einheit W/m2, die Ohr Schall verschiedener Frequenzen höchst un-
auch Schallintensität oder Schallstärke genannt terschiedlich. Seine höchste Empfindlichkeit liegt
wird und den Buchstaben I bekommt. Sie ist ein bei 3 kHz; nicht ohne Grund brüllen Babys bevor-
rein physikalisches, vom menschlichen Gehör un- zugt auf dieser Frequenz: Hier hört die Mutter be-
abhängiges und darum auch für Ultraschall ver- reits eine Schallintensität von 10–12 W/m2. Schon
wendbares Maß für die Leistung, die ein Mikro- bei 1 kHz erfordert die Hörschwelle zehnfache
phon oder auch einOhr mit seiner Empfängerflä- Schallintensität. Den Frequenzgang des norma-
che aufnehmen kann: len menschlichen Gehörs versucht man durch ei-
Energiestrom P ne neue Messgröße zu berücksichtigen, durch die
Schallintensität I  .
Empfängerfläche A Lautstärke mit der Einheit Phon.
Im empfindlichsten Bereich des Gehörs lie-
3Zwischen ihr und der Schallschnelle v besteht der gen zwischen Hör- und Schmerzschwelle un-
Zusammenhang gefähr 12 Zehnerpotenzen der Schallintensität.
I = ½ S · c · v2. Kein Gerät mit linearer Skala kann einen der-
Herleitung: Jede Schallwelle besitzt eine Energiedich- art großen Bereich überdecken. Das gilt auch
te für Sinnesorgane. Folglich reagieren sie in et-
Energie W wa logarithmisch (Weber-Fechner-Gesetz). Es hat
F  .
Volumen V bei der Festlegung der Schallpegelskala und der
W setzt sich aus potentieller Energie und kinetischer Phonskala Pate gestanden, der das in der Technik
zusammen, muss aber im jeweiligen Maximum von je- übliche Pegelmaß zugrunde liegt. Es wird in Dezi-
der allein geliefert werden können. Daraus folgt für das bel (dB) angegeben.
Maximum der kinetischen Energie Wem das Dezibel nicht geläufig ist, dem kann
W = ½ m · v2 es Kummer bereiten. Der Name lässt eine Einheit
und nach Division durch das Volumen vermuten, tatsächlich handelt es sich aber eher um
F  12 S ¸ v2 eine Rechenvorschrift. Ist eine Energie W1 im Lau-
fe der Zeit auf irgendeine Weise auf W2 = 0,01 · W1
F wird mit der Schallgeschwindigkeit c transportiert.
Das bedeutet einen Energiedichtefluss F · c, eben die
heruntergegangen, so beträgt der Unterschied
Schallintensität I. der beiden Pegel 20 dB. Um das herauszufin-
den, bildet man zunächst den Bruch W1/W2,
logarithmiert ihn dekadisch und multipliziert
Erträglicher Schalldruck liegt um Zehnerpoten- anschließend mit 10. Das Ergebnis ist der Pegel-
zen unter dem Luftdruck. Der Schalldruck darf unterschied in Dezibel:
nicht mit dem Schallstrahlungsdruck verwechselt W1/W2 = 100; lg 100 = 2; 10 · 2 = 20; also 20 dB
werden, den eine Schallwelle auf jedes Hinder- Pegelunterschied.
nis ausübt, das ihr im Wege steht. Auch der Strah- Ein „Unterschied“ der Pegel von 0 dB bedeu-
lungsdruck ist gering; für den Effekt der Posau- tet W1 = W2, weil
nen von Jericho hat er gewiss nicht ausgereicht.
lg 1 = 0 = 10 · lg 1 ist.
Geräte zur Messung von Schallintensitäten be-
nötigen grundsätzlich ein Mikrophon, einen Ver- Bei linearem Kraftgesetz der Schraubenfeder
stärker und einen Anzeigemechanismus. Die Ei- ist die Schwingungsenergie W des Federpendels
chung in W/m2 macht im Prinzip keine Schwie- dem Quadrat der Amplitude A proportional:
rigkeiten. Dem Arbeitsphysiologen aber, der sich
W1/W2 = A12/A22.
für den Krach in einer Kesselschmiede interes-
siert oder die Störung der Nachtruhe durch den
114 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

Daraus folgt tional zum Logarithmus der Schallintensität. Bei


1 anderen Frequenzen hingegen folgt die Phonska-
10 lg(W1/W2) = 10 lg(A1/A2)2 = 20 lg(A1/A2).
la den blauen Linien im Diagramm, die jeweils zu
2 Man kann das Pegelmaß also auch aus dem einem bestimmten Phonwert gehören. Das Dia-
Amplitudenverhältnis bestimmen, aber dann ver- gramm stellt also die Empfindlichkeit eines offi-
3 langt die Rechenvorschrift einen Faktor 20 zum ziellen „Normalohrs“ dar. . Tabelle 4.1 fasst die
Logarithmus. Schallgrößen zusammen. Einige Anhaltswerte zur
So verfährt die Größe Schallpegel, auch Schall- Phonskala liefert die folgende Aufstellung:
4 druckpegel genannt: 5 Blätterrauschen 10 Phon
lg pS 5 Flüstern 20 Phon
5 Schallpegel Lp  20 ¸ 5 Umgangssprache 50 Phon
lg pS0
5 starker Straßenlärm 70 Phon
Hier ist pS der aktuelle Schalldruck und 5 Presslufthammer in der Nähe 90 Phon
6 pS0 = 2 · 10–5 Pa ein Bezugsschalldruck, der et- 5 Motorrad in nächster Nähe 100 Phon
wa der Hörschwelle entspricht. Die Bezeichnung 5 Flugzeugmotor 3 m entfernt 120 Phon
7 der Schallpegeleinheit ist 1 dB (SPL) (für „sound
pressure level“). Da ein Faktor 20 vor dem Loga- Lautstärken über 120 Phon schmerzen. Eine Laut-
8 rithmus steht, ist der Schallpegel ein logarithmi- stärke ist übrigens nur für den Ort des Empfän-
sches Maß der Schallintensität. Die Bezeichnung gers definiert, nicht etwa für eine Schallquelle.
Schalldruckpegel ist deshalb irreführend. Da
9 das Ohr für verschiedene Frequenzen verschie- Merke
den empfindlich ist, weicht die Lautstärkeska- Die Lautstärke mit der Einheit Phon ist ein an
10 la, die das Lautstärkeempfinden nachstellen soll die spektrale Empfindlichkeit des menschli-
und in Phon (oder dB(A)) gemessen wird, von der chen Gehörs angepasstes und im Wesentli-
11 Schallintensitätsskala in der Weise ab, wie es die chen logarithmisches Maß der Schallintensi-
. Abb. 4.19 darstellt. Bei 1000 Hz ist die Phonska- tät.
la identisch mit der Schallpegelskala und propor-
12
13
14
15
16
17
18
19
20 . Abb. 4.19. Spektrale Empfindlichkeit des menschlichen Gehörs. Töne gleicher Lautstärke (in Phon) werden als gleich laut
empfunden. Bei 1000 Hz ist die Lautstärke streng logarithmisch zur Schallstärke(intensität); dort bringt ein Faktor 100 in der
Schallstärkestärke einen Zuwachs von 20 Phon in der Lautstärke
4.3 · Schallwellen
115 4

. Tabelle 4.1 Schallmessgrößen

Name Weiterer Name Einheit Hörschwelle

Schalldruck Schallwechseldruck 1 Pa (Pascal) ~ 2 · 10–5 Pa

Schallintensität Schallstärke 1 W/m2 ~ 10–12 W/m2

Schallpegel Schalldruckpegel 1 dB SPL ~ 0 dB SPL

Lautstärke 1 Phon oder 1 dB(A) 4 Phon (dB(A))

Die Phonskala birgt Überraschungen für jeden, so in der Optik wieder, aber auch in der Kernphy-
dem der Umgang mit Logarithmen nicht geläufig sik. Seine Gültigkeit setzt freilich voraus, dass von
ist. Knattert ein Moped in einiger Entfernung mit dem Medium, in dem sich die Strahlung ausbrei-
62 Phon, so schaffen vier vom gleichen Typ zu- tet, keine Energie absorbiert wird. Tatsächlich set-
sammen nicht mehr als 68 Phon. Umgekehrt kann zen aber alle schallleitenden Substanzen einen
der Hersteller von Schalldämmstoffen schon ganz Teil der Schallleistung in Wärme um, im Ideal-
zufrieden sein, wenn es ihm gelingt, von 59 Phon fall entsprechend einer Exponentialfunktion. In
auf 39 Phon herunterzukommen, denn das bedeu- Luft ist diese Absorption relativ gering; eben des-
tet die Reduktion der Schallintensität auf 1%. wegen kann man sich auch noch auf einige Ent-
fernung etwas zurufen, eben deswegen kann aber
Rechenbeispiel 4.3: Schalldämmung auch Bau- und Straßenlärm so lästig werden. Ma-
7 Aufgabe. Eine Schalldämmmauer reduziert den terial zur Schalldämmung muss Schall absorbie-
Schallpegel von 70 dB auf 50 dB. Um welchen Fak- ren. Dazu muss es ihn aber zunächst einmal auf-
tor wird die Schallintensität reduziert? nehmen: Es darf ihn nicht reflektieren.
7 Lösung. Maßgeblich ist der Pegelunterschied Dichte S und Schallgeschwindigkeit c sind Ma-
von –20 dB. Es ist: terialkenngrößen einer jeden schallleitenden Sub-
20
I I  stanz. Ihr Produkt heißt Schallwellenwiderstand.
20dB  10 ¸ lg 1 º 1  10 10  0, 01.
I0 I0 Er ist groß in den als schallhart bezeichneten Me-
Am besten lernt man das auswendig: 20 dB sind tallen und klein in den schallweichen Gasen. Nur
ein Faktor 100. Substanzen mit gleichem Schallwellenwiderstand
können Schall reflexionsfrei voneinander über-

4.3.4 Schallausbreitung

Eine frei im Raum aufgehängte Schallquelle könn-


te grundsätzlich gleichmäßig nach allen Seiten
abstrahlen. Die von ihr ausgesandte Schallleis-
tung erfasst dann mit wachsendem Abstand r im-
mer größere Kugelflächen, die proportional zu r2
anwachsen. Die Schallintensität I nimmt dement-
sprechend ab:
r
I(r) _ 1/r2.
2r
Dieses quadratische Abstandsgesetz gilt auch
. Abb. 4.20. Quadratisches Abstandsgesetz. Die in einen
für eine gerichtete Strahlung, die nur einen be- festen Raumwinkel hinein abgestrahlte Leistung erfasst ei-
grenzten Raumwinkel erfasst (. Abb. 4.20), und ne Fläche, die mit dem Quadrat des Abstandes r vom Sender
es gilt für Strahlungen aller Art. Es findet sich al- wächst
116 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

Klinik
1 Ultraschalldiagnose. In der Medizin heißt das Ver- Chemiker benutzen den Ultraschall, um Emulsio-
fahren, das mit Ultraschallechos ortet äSonogra- nen herzustellen, also nichtmischbare Flüssigkei-
2 phie. Es muss mit dem Problem der Ankopplung ten fein ineinander zu verteilen.
fertig werden. Der Schallkopf mit Ultraschallsen- Hörschall muss zu seiner Wahrnehmung nicht un-
3 der und Mikrophon, mit dem der Arzt die Bauchde-
cke seines Patienten abtastet, ist relativ schallhart,
bedingt auf dem normalen Wege über Luft, Trom-
melfell und die Gehörknöchelchen auf das ei-
der akustisch im Wesentlichen aus Wasser beste- gentliche Sinnesorgan, die Basilarmembran in der
4 hende Patient ist dies auch. Ein schallweiches Luft- Schnecke des Innenohres, übertragen werden: Ei-
polster zwischen Schallkopf und Bauchdecke hät- ne Stimmgabel, unmittelbar auf die Stirn gesetzt,
5 te Reflexionen zur Folge, die den äUltraschall gar ist gut zu hören, allerdings nur vom Träger der
nicht erst in den Patienten hineinließen. Folglich Stirn selbst (Körperschall). Nicht nur Gase, son-
muss der Zwischenraum mit einem ebenfalls leid- dern auch feste, flüssige und viskoelastische Kör-
6 lich schallharten Gel ausgefüllt werden. Jede Ultra- per übertragen Schall, im Beispiel also die Schädel-
schalldiagnose beginnt deshalb mit dem Aufbrin- knochen. Verwunderlich ist das nicht. Die Atome
7 gen dieses Gels. eines Kristalls etwa können um ihre offiziellen Git-
. Abbildung 4.21 zeigt das aus Ultraschallechos terplätze herum schwingen. Dabei übertragen sie
8 rekonstruierte Bild vom Kopf eines Ungebore- ihre Bewegungen durch zwischenatomare Kräfte
nen. Einer Röntgenaufnahme hätte man mehr auf ihre Gitternachbarn. Alle zusammen bilden ein
Details entnehmen können, aber die Sonogra- dreidimensionales System von Pendelketten.
9 phie gilt als weniger schädlich. Ultraschall ge- Generell gilt: Je härter der Körper und je kleiner sei-
hört zwar nicht wie die Röntgenstrahlung zur ne Dichte, umso höher die Schallgeschwindigkeit.
10 sog. ionisierenden Strahlung (Abschnitt 9), bei In Gasen ist die Schallgeschwindigkeit c verhältnis-
hinreichender Intensität und Einwirkungsdau- mäßig klein, ca. 330 m/s in Luft gegenüber 1480 m/
11 er vermag aber auch er Chromosomenaberrati- s in Wasser und ungefähr 5 km/s in Aluminium.
onen, d. h. Genschäden im Zellkern, auszulösen.

12
nehmen. Täfelt man einen Raum lückenlos an
13 Wänden, Decke und Boden mit Kupferplatten, so
kann er den Schall kaum noch loswerden, weil er
14 ihn ständig reflektieren muss. Miteinander spre-
chen kann man in einem solchen Hallraum kaum:
Die erste Silbe klingt noch nach, wenn die vier-
15 te gesprochen wird. Der Nachhall großer Kirchen-
schiffe zwingt den Pfarrer zum pastoralen Ton.
16 Fehlt der Nachhall, so klingt der Raum „tro-
cken“, bis zum Extrem des eigens für raumakusti-
sche Untersuchungen konstruierten reflexionsfrei-
17 en Raumes.
Das menschliche Gehirn ist nicht nur in der
18 Lage, Lautstärke wahrzunehmen, sondern auch
den Laufzeitunterschied der Schallwellen zu den
19 beiden Ohren. Das dient zum Richtungshören. Be-
sonders ausgeprägt nutzen die Fledermäuse das
Richtungshören zur Orientierung: Sie senden kur-
20 . Abb. 4.21. Sonogramm. Der Kopfes eines ungeborenen ze Ultraschallimpulse scharf gerichtet aus und be-
Kindes (Aufnahme: Prof. Dr. M. Hansmann, Bonn) stimmen aus der Ankunftszeit des Echos die Ent-
4.3 · Schallwellen
117 4

fernung des Reflektors. Nach dem gleichen Prin-


zip, aber mit Wasserschall, arbeitet das „Sonarsys-
tem“ der Marine zur Ortung von Unterseebooten.
Schallwellen sind Druckwellen, also Wellen ei-
nes Skalars, auf den sich die Begriffe „longitudi- B
nal“ und „transversal“ gar nicht anwenden lassen.
Die Druckwelle löst aber geringe Molekülbewe-
gungen in Richtung der Fortpflanzungsgeschwin-
digkeit aus. Insofern sind Schallwellen in Was-
ser und Luft longitudinale Wellen und in massi- . Abb. 4.22. Dopplereffekt. Wenn sich die Schallquelle auf
den Beobachter B zubewegt, registriert dieser eine erhöhte
ven Festkörpern meistens auch. Sie transportie-
Schallfrequenz
ren zwar keine Materie, sind aber an Materie ge-
bunden. Vakuum ist absolut „schalltot“.
Im Prinzip breiten sich Schallwellen nach den Klinik
gleichen Gesetzen aus wie sichtbares Licht: Wel- äDopplerultraschalldiagnostik. Auch der
le ist Welle. Schallwellen zeigen alle Erscheinun- Dopplereffekt wird zur medizinischen Diagno-
gen der Beugung, Brechung und Interferenz, die se benutzt, zur Bestimmung der Strömungs-
im 7 Kap. 7.4 für Licht ausführlich besprochen geschwindigkeit des Blutes in Adern nämlich.
werden; nur verlangen die vergleichsweise gro- Blut emittiert von sich aus zwar keinen Ultra-
ßen Wellenlängen größere Apparaturen. Für die schall, und die zahllosen Zellen, die in ihm he-
Schallreflexion des Echos nimmt man am besten rumschwimmen, sind viel zu klein für eine so-
gleich eine ganze Bergwand; für echten Schatten- nographische Ortung, aber sie streuen den
wurf sind normale Häuser schon zu klein. Immer- Schall ähnlich diffus wie die Schwebeteilchen
hin dringt der tiefe, d. h. langwellige Ton der gro- in diesiger Luft das Sonnenlicht. Als Streuzen-
ßen Trommel einer Militärkapelle leichter in Sei- tren werden die Zellen zu unselbständigen Se-
tenstraßen ein als die hohen Töne der Querpfei- kundärstrahlern. Weil sie so viele sind, alle von
fen. der gleichen Welle angeregt werden und mit
Normalerweise hört das Ohr einen Ton mit gleicher Geschwindigkeit in gleicher Richtung
eben derjenigen Frequenz, mit der ihn die Schall- nebeneinander herlaufen, geben sie zusam-
quelle ausgesandt hat. Das muss aber nicht so sein. men eine beobachtbare, dopplerverschobene
In dem Moment, in dem die Feuerwehr an einem Schallwelle ab.
vorbeifährt, sinkt die Tonhöhe des Martinshorns,
für den Passanten auf der Straße, nicht für die mit-
fahrenden Feuerwehrmänner. Die Ursache dieses Merke
Dopplereffekts liegt in der Relativbewegung der Als Dopplereffekt bezeichnet man die Fre-
Schallquelle gegenüber Luft und Hörer. Fährt die quenzverschiebung %f, die eine Relativge-
Quelle auf einen zu, so treffen die Druckmaxima schwindigkeit zwischen Wellenquelle und
das Ohr in rascherer Folge, als sie vom Horn aus- Wellenempfänger erzeugt:
gesandt werden, denn der Schallweg wird immer %v
%f  f0
kürzer. Folge: Man hört einen zu hohen Ton. Das c
Umgekehrte tritt ein, wenn sich die Schallquelle
fortbewegt (. Abb. 4.22). Näherungsweise ist die Wer mit mehr als Schallgeschwindigkeit durch die
Frequenzänderung %f proportional zur Frequenz Luft fliegt, kann nach vorn keinen Schall mehr ab-
f0 der Schallquelle und zur Relativgeschwindigkeit strahlen. Dafür erzeugt er einen Druckstoß, den
%v zwischen Quelle und Empfänger: er als kegelförmig sich ausbreitende Kopfwelle
%v hinter sich her zieht (. Abb. 4.23). Eine plötzli-
%f  f0 .
c che Druckänderung empfindet das Ohr als Knall.
c ist hier die Schallgeschwindigkeit. Überschallflugzeuge lösen mit ihrer Kopfwelle ei-
118 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

Rechenbeispiel 4.5: Erdbebenstärke


1 7 Aufgabe. Die Intensität einer Erdbebenwelle
100 km von der Quelle entfernt sei
2 c·t I1 = 1,0 · 106 W/m2.
Wie hoch ist sie 400 km von der Quelle entfernt?
7 Lösung. Die Intensität sinkt mit eins durch Ab-
3 stand ins Quadrat, also:
100 km 2 6
4
I2 
400 km
¸10 W/m 2  6, 2 ¸104 W/m 2

5 v·t Rechenbeispiel 4.6: Dopplerverschiebung


7 Aufgabe. Die Beute bewege sich mit 3 m/s auf
. Abb. 4.23. Kopfwelle eines mit der Geschwindigkeit v nach unseren Delphin zu. Welche Frequenzverschie-
6 links fliegenden Überschallflugzeuges (c = Schallgeschwindig-
bung ergibt das im reflektierten Signal, wenn die
keit). Die Kopfwelle ist die einhüllende der vom Flugzeug stän-
dig ausgesandten Kugelwellen Schallwelle eine Frequenz von 5000 Hz hat?
7 7 Lösung. Tatsächlich gibt es hier zwei Doppler-
verschiebungen: An der Beute hat die Welle eine
8 nen zumindest lästigen Überschallknall aus, und höhere Frequenz, da die Beute sich auf die Quelle
zwar nicht in dem Moment, in dem sie die Schall- zu bewegt. Die Beute reflektiert die Welle auch mit
geschwindigkeit überschreiten („die Schallmau- dieser höheren Frequenz. Sie ist dann selbst wie-
9 er durchbrechen“), sondern von da ab. Sie zie- der eine bewegte Quelle, deren Signal am Ort des
hen eine Knallschleppe hinter sich her, solange sie Delphins frequenzerhöht wahrgenommen wird.
10 schneller sind als der Schall. Also bekommen wir:
3 m/s
%f  2 ¸ f0 ¸  20, 3 Hz.
1480 m/s
11 Rechenbeispiel 4.4: Echolot
7 Aufgabe. Delphine benutzen Schallwellen, um
ihre Beute zu lokalisieren. Ein 10 cm großes Objekt
12 kann er so auf 100 m Entfernung wahrnehmen.
Wie lange war eine Schallwelle zum Objekt und zu-
13 rück dann unterwegs?
7 Lösung. Die Schallgeschwindigkeit im Was-
14 ser beträgt etwa 1500 m/s. Für 200 m braucht ein
Schallpuls also etwa 0,13 Sekunden. Ein moder-
nes Ultraschalldiagnosegerät kann aus dieser Lauf-
15 zeit die genaue Distanz des Objekts und aus einer
eventuellen Frequenzverschiebung aufgrund des
16 Dopplereffektes auch noch die Geschwindigkeit
des Objekts in Sichtrichtung bestimmen.

17
18
19
20
4.3 · Schallwellen
119 4

In Kürze

Formel Größe [Einheit]

Harmonische Schwingungen

Harmonische Schwingungen x t
 A0 ¸ sin 2TQ ¸ t
A0: Amplitude [m]
f: Frequenz [Hz (Hertz)]
 A0 ¸ sin 2Q ¸ f ¸ t

T = 1/f : Schwingungsdauer,
 A0 ¸ sin X ¸ t
Periodendauer [s]
Tritt bei der Schwingung ein X = 2Q¸ f : Kreisfrequenz [1/s]
Energieverlust ein, so liegt
eine gedämpfte Schwin-
gung vor (Abb. 4.4)

Harmonische Wellen (Schall, Licht)


 m¯
Phasengeschwindigkeit c=M¸f c: Phasengeschwindigkeit ¡ °
¢s±
M: Wellenlänge [m]
f: Frequenz [Hz]

Polarisation Transversal – Auslenkung senkrecht zur Ausbreitungsrichtung der Welle


Longitudinal – Auslenkung parallel zur Ausbreitungsrichtung der Welle
  J ¯
Intensität Intensität I einer Welle: Energiestromdichte ¡ °
¢ m 2s ±
Schall

Für die Schallausbreitung L: Schallpegel [dB (SPL)]


gilt weitgehend das Glei-   J ¯
che wie in der Optik für Licht I: Intensität ¡ 2 °
¢m ¸s±
(Brechungsgesetz, Reflexi-
onsgesetz). Aber: Schall ist
eine longitudinale Welle.

I
Schallpegel L  10 ¸ lg
Bezugsintensität

Lautstärke Mit der Ohrempfindlichkeit [Phon]


gewichteter Schallpegel

Pegelmaß (Dezibel) Eine Intensitätserhöhung um den Faktor 100 entspricht einer Erhöhung des
Pegels um 20 Dezibel (dB).
1   J ¯
Abstandsgesetz I~ I: Intensität ¡ 2 °
r2 ¢m ¸s±
Startet eine Welle von einer
r: Abstand [m]
punktförmigen Quelle, so
vermindert sich ihre Intensi-
tät mit dem Quadrat des
Abstandes

Dopplereffekt Bewegen sich Quelle und Empfänger aufeinander zu, so erhöht sich die Fre-
quenz beim Empfänger, entfernen sich beide voneinander, so erniedrigt sich
die Frequenz.
120 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

Übungsfragen
1
(t leicht; tt mittel; ttt schwer)
2
Schwingungen
tt 1. Die Amplitude einer ungedämpften harmonischen
3 Schwingung betrage 5 cm, die Schwingungsdauer 4 s und der
Phasenwinkel Q/4. Welchen Wert besitzt die Auslenkung und
4 die Geschwindigkeit zum Zeitpunkt t = 0. Welche maximale
Beschleunigung tritt auf?
t2. Als Sekundenpendel bezeichnet man ein Fadenpendel,
5 das genau eine Sekunde braucht, um von einem Umkehr-
punkt zum anderen zu kommen. Wie groß ist seine Pendel-
länge?
6 tt3. Eine kleine Fliege (0,15 g) wird in einem Spinnennetz ge-
fangen. Dort schwingt sie mit etwa 4 Hz. Wie groß ist die effek-
tive Federkonstante des Netzes? Mit welcher Frequenz würde
7 ein Insekt mit einer Masse von 0,5 g schwingen?
tt 4. Zwei Federpendel haben gleiche Masse und schwingen
mit der gleichen Frequenz. Wenn eines die 10fache Schwin-
8 gungsenergie des anderen hat, wie verhalten sich dann ihre
Amplituden?

9
Wellen
10 t 5. Die Schallquellen der Ultraschallgeräte beim Arzt arbei-
ten meist bei Frequenzen in der Größenordnung 1 MHz. Wie
groß ist die zugehörige Wellenlänge im Gewebe? [Zur Ab-
11 schätzung darf die Schallgeschwindigkeit im Gewebe der des
Wassers (ca. 1500 m/s) gleichgesetzt werden]. Nur Objekte,
die größer sind als die Wellenlänge, können von einer Welle
12 gut wahrgenommen werden.
t 6. Warum muss bei einer Ultraschalluntersuchung Gel zwi-

13 schen Ultraschallkopf und Körper geschmiert werden?


t 7. Für ein Taschenlampenbirnchen wird in 10 cm Abstand
eine Lichtintensität von 1 W/m² gemessen. Wie groß ist die In-
14 tensität in 20 cm Abstand?
t 8. Wenn jeder der 65 Sänger eines Chores für sich allein
den Chorleiter mit 65 Phon „beschallt“, mit welcher Lautstär-
15 ke hört der Chorleiter den ganzen Chor?
tt 9. Was ergibt 0 dB + 0 dB?
tt 10. Sie gehen mit einer Tasse Kaffee (Durchmesser der
16 Tasse: 8 cm) die Treppe hinauf und machen dabei in jeder Se-
kunde einen Schritt. Der Kaffee schaukelt sich in der Tasse auf
und nach ein paar Schritten kleckert er Ihnen auf die Schuhe.
17 Welche Geschwindigkeit haben die Oberflächenwellen auf Ih-
rem Kaffee?
tt 11. Sie stehen zwischen zwei Musikern, die beide den
18 Kammerton A spielen. Einer spielt ihn richtig mit 440 Hz, ei-
ner falsch mit 444 Hz. Mit welcher Geschwindigkeit müssen

19 Sie sich auf welchen Musiker zu bewegen, um beide Töne mit


gleicher Tonhöhe zu hören?

20
5.1 ·
121 5

Wärmelehre

5.1 Temperatur – 122


5.1.1 Temperaturmessung – 122
5.1.2 Ausdehnungskoeffizienten – 124
5.1.3 Das ideale Gas – 125
5.1.4 Partialdruck – 127

5.2 Thermische Bewegung – 127


5.2.1 Wärme – 127
5.2.2 Molekularbewegung – 130
5.2.3 Wärmeleitung – 132
5.2.4 Diffusion – 133
5.2.5 Osmose – 135

5.3 Phasenumwandlungen – 137


5.3.1 Umwandlungswärmen – 137
5.3.2 Schmelzwärme – 138
5.3.3 Lösungs- und Solvatationswärme – 139
5.3.4 Verdampfung – 140
5.3.5 Dampfdruck und Dampfdichte – 141
5.3.6 Luftfeuchtigkeit – 142
5.3.7 Verdampfungsenthalpie – 143
5.3.8 Zustandsdiagramme – 144
5.3.9 Absorption und Adsorption – 146

5.4 Wärmehaushalt des Menschen – 147


5.4.1 Konvektion – 147
5.4.2 Temperaturstrahlung – 149
5.4.3 Transpiration – 151

5.5 Wärmenutzung – 151


5.5.1 Die Sonderstellung der Energieform „Wärme“ – 151
5.5.2 Zum Wärmehaushalt der Erde – 153
122 Kapitel 5 · Wärmelehre

> > Einleitung sung herangezogen werden. Ein bewährter Effekt


1 Wärme ist eine Form der Energie. Wird sie einem Kör- ist die thermische Ausdehnung: Von ganz weni-
per zugeführt, so erhöht er normalerweise seine Tem- gen Ausnahmen abgesehen, nimmt die Dichte ei-
2 peratur. Lediglich bei Phasenumwandlungen, insbe- ner Substanz mit wachsender Temperatur ab, ihr
sondere beim Wechsel des Aggregatzustandes, wird spezifisches Volumen also zu. Der Effekt ist ge-
3 Energie ohne Temperaturänderung als latente Wärme
aufgenommen oder abgegeben. Als Warmblüter muss
ring; man muss schon einen Glaskolben mit an-
geschmolzener Kapillare bis zum Rand mit ei-
der Mensch seine Körpertemperatur konstant halten, ner Thermometerflüssigkeit (z. B. Quecksilber)
4 d. h. für einen ausgeglichenen Wärmehaushalt seines füllen, in die allein sie sich thermisch ausdehnen
Organismus sorgen. Aber auch der Wärmehaushalt der kann. Der kleine Kapillarquerschnitt A übersetzt
5 Erde darf vom Menschen nicht ernsthaft gestört wer- eine geringe Volumenausdehnung %V in eine re-
den, weil sonst klimatische Veränderungen mit unab- lativ große Längenänderung %l = %V/A des Flüs-
sehbaren Folgen einträten. Energie anderer Form kann sigkeitsfadens. Damit man ihn besser sehen kann,
6 immer leicht in Wärme umgewandelt werden, um- bekommt das Kapillargefäß oft die Form einer als
gekehrt ist das viel schwieriger. Deshalb produzieren Lupe wirkenden Zylinderlinse. Wichtig ist dabei
7 Kraftwerke so viel Abwärme. natürlich, dass die thermische Ausdehnung nor-
maler Flüssigkeiten größer ist als die der Gläser.
8 Fieberthermometer älterer Bauart (. Abb. 5.1)
5.1 Temperatur funktionieren so.
9 5.1.1 Temperaturmessung Merke

Thermische Ausdehnung: Mit steigender Tem-


10 Als Warmblüter muss der Mensch seine Körper- peratur nimmt die Dichte einer Substanz ab
temperatur recht genau konstant halten. Aber was und das spezifische Volumen zu.
11 ist das eigentlich: Temperatur?
Das Système International d’Unités ernennt
die Temperatur zur Grundgröße und weist ihr die Moderne elektronische Fieberthermometer nut-
12 nicht sehr bekannte Einheit Kelvin (K) zu. Im All- zen einen anderen Effekt zur Temperaturmes-
tag messen die Angelsachsen in Grad Fahrenheit
13 (°F) und der Rest der Welt in Grad Celsius (°C). Die
Frage ist damit nicht beantwortet.
14 Die Atome und Moleküle, aus denen alles zu-
sammengesetzt ist, halten nicht still, sondern füh-
ren eine ständige Wimmel- und Zitterbewegung
42

15 aus. In dieser Bewegung ist kinetische Energie ge-


41

speichert. Die Temperatur ist ein Maß für diese ki-


40

16 netische Energie der Atome und Moleküle.


39
38

Merke
17
37

Die Temperatur ist ein Maß für die thermische


36

Wimmelbewegung.
18
35

19 . Abschnitt 5.2.2 geht noch genauer auf diese Be-


wegung ein. Wie misst man nun die Temperatur?
Die meisten Eigenschaften der meisten Sub-
20 stanzen hängen ein wenig von der Temperatur ab
und können deshalb grundsätzlich zu deren Mes- . Abb. 5.1. Fieberthermometer
5.1 · Temperatur
123 5

sung. Bei fast allen leitfähigen Materialien steigt


mit der Temperatur der elektrische Widerstand
(7 Kap. 6.4.2), und zwar oft genau proportional
zur Temperatur. Der Vorteil ist, dass der elektri- ∆h
sche Widerstand leicht elektronisch erfasst und
das Thermometer so mit Mikroprozessorintel-
ligenz ausgestattet werden kann. Ein modernes
Fieberthermometer piept, wenn es fertig gemes-
sen hat.
Wer ein Thermometer benutzt, verlässt sich
darauf, dass es die Temperatur seiner Umgebung
annimmt, denn die soll schließlich gemessen wer-
den. Etwas Zeit kostet dieser Temperaturaus-
gleich; ein Fieberthermometer braucht üblicher-
weise etwa zwei Minuten dazu. Aber dass der Aus-
. Abb. 5.2. Gasthermometer (Einzelheiten im Text)
gleich erfolgt, gehört zum Wesen der Temperatur.

Merke mischlauch angeschlossen, sodass man ihn he-


Zwei Körper, die in thermischem Kontakt ste- ben und senken kann. Dadurch lässt sich der lin-
hen, gleichen ihre Temperaturen an. ke Meniskus auf eine feste Marke bringen und das
Gasvolumen auf einem festen Wert halten. Mess-
reihen ergeben, dass die Art des Gases keine Rol-
Die Celsius-Skala hält sich an zwei Fixpunkten le spielt, solange man sich an „vernünftige“ Ga-
fest: Unter dem normalen Luftdruck von 1013 hPa se wie Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff oder He-
erstarrt reines Wasser bei 0 °C und siedet bei lium hält. Verbindet man die bei 0 °C und 100 °C
100 °C. Der Bereich dazwischen wird in einhun- gemessenen Drücke mit einer Geraden und ex-
dert „gleiche“ Teile geteilt, mit diesen werden die trapoliert sie zu tiefen Temperaturen, so schnei-
außen liegenden Bereiche aufgefüllt. den sie die Abszisse bei –273,15 °C (. Abb. 5.3).
Dort liegt der absolute Nullpunkt der Tempera-
Merke tur, bei dem die Wimmelbewegung der Atome er-
Fixpunkte der Celsius-Skala: stirbt. Kälter geht es nicht und dieser Nullpunkt
Gefrierpunkt des Wassers (Eispunkt): 0 °C kann grundsätzlich nicht unterschritten werden.
Siedepunkt des Wassers: 100 °C Von ihm aus zählt die Kelvin-Skala. Ihre Teilstri-
(beide bei 1013 hPa Luftdruck) che haben den gleichen Abstand wie die der Celsi-
us-Skala: Die Differenz der beiden Fixpunkte be-
trägt nicht nur 100 °C, sondern auch 100 K. Beide
In begrenzten Bereichen lässt sich die thermody- Skalen sind um 273,15 Einheiten gegeneinander
namische Temperaturskala recht gut mit einem versetzt. Das macht die Umrechnung einfach: Die
Gas als Thermometersubstanz reproduzieren. Maßzahl der Kelvin-Skala ist um 273,15 größer als
Das Gesetz von Boyle-Mariotte (7 Kap. 3.3.6) bie- die der Celsius-Skala:
tet dazu zwei Möglichkeiten: Entweder misst man
{TK} = {TC} + 273,15.
in Abhängigkeit von der Temperatur das Volumen
einer Gasmenge bei konstantem Druck oder den Korrekt lässt sich dieser Zusammenhang nur
Druck bei konstantem Volumen. Das Gasther- als Zahlenwertgleichung schreiben. Zuweilen liest
mometer der . Abb. 5.2 geht den zweiten Weg. man freilich auch
Eine gasgefüllte Glaskugel geht in eine Kapilla-
T = 273 + t
re über, die in einem Flüssigkeitsmanometer en-
det. Dessen rechter Schenkel ist über einen Gum-
124 Kapitel 5 · Wärmelehre

5 Körpertemperatur des Menschen: 310 K =


1 37 °C = 99 °F;
5 Siedepunkt des Wassers (1013 hPa): 373 K =
2 100 °C = 212 °F.
Druck

3 Der Einsatz von Flüssigkeitsthermometern ist be-


grenzt auf den Bereich zwischen Schmelzpunkt
und Siedepunkt der Thermometersubstanz, zwi-
4 schen –35 °C und 350 °C beim Quecksilber bei-
- 300 - 200 -100 0 °C 100
spielsweise. Bei elektrischen Widerstandsthermo-
5 Temperatur metern ist der Einsatzbereich nach unten gar nicht
und nach oben durch den Schmelzpunkt des Me-
. Abb. 5.3. Messungen mit dem Gasthermometer. Die ver- talls gegeben (1773 °C bei Platin).
6 schiedenen Geraden gehören zu verschiedenen Gasmengen
(Einzelheiten im Text)

7 5.1.2 Ausdehnungskoeffizienten
mit der Anmerkung, T sei die „absolute Tempe-
8 ratur“ und t die „Celsius-Temperatur“. Wer Be- Auch Festkörper dehnen sich bei Erwärmung aus;
scheid weiß, kann sich das leisten. Tatsächlich gibt Drähte und Stäbe werden in erster Linie länger.
es aber nur eine einzige Temperatur und die ist, Bei hinreichend kleinen Temperaturänderungen
9 wie jede andere messbare Größe auch, unabhän- %T darf man erwarten, dass die Längenänderung
gig von der Maßeinheit. %l sowohl zu %T wie zur Ausgangslänge l0 pro-
10 portional ist:
Merke
%l = B · l0 · %T.
11 Die Kelvin-Skala zählt vom absoluten Null-
punkt der Temperatur aus. Man erhält ihre Die Proportionalitätskonstante B wird line-
arer Ausdehnungskoeffizient genannt. Er erweist
12 Maßzahl, indem man die der Celsius-Skala um
sich, wenn man sehr genau misst, als etwas tem-
273,15 erhöht.
peraturabhängig. Bei Metallen liegt er in der Grö-
13 ßenordnung 10–5 K–1. Das ist nicht viel. Trotzdem
Weil der absolute Nullpunkt nicht unterschritten lässt sich die thermische Ausdehnung der Metal-
14 werden kann, gibt es keine negativen Temperatu-
ren, wohl aber eine negative Maßzahl in der Celsi-
le zur Temperaturmessung verwenden, z. B. da-
durch, dass man zwei Bleche mit unterschiedli-
us-Skala, die ihren eigenen Nullpunkt willkürlich chem B aufeinander schweißt. Ein solcher Bime-
15 auf 273,15 K legt. Die Fahrenheit-Skala versuchte tallstreifen krümmt sich bei Erwärmung nach der
um 1700 herum, negative Vorzeichen zu vermei- einen und bei Abkühlung nach der anderen Seite
16 den; aber damals wusste man noch nicht, wie kalt
es grundsätzlich werden kann. Darum ist es nur
für den Wetterbericht einigermaßen gelungen:
17 0 °F entsprechen –18 °C und 100 °F ungefähr der
Körpertemperatur des Menschen:
18 {TF} = 1,8 · {TC} + 32.

19 Einen gewissen Überblick über die Tempera-


T1 < T2 < T3
turskalen geben die folgenden Werte (unter Ver-
zicht auf Stellen hinter dem Komma):
20 5 Absoluter Nullpunkt: 0 K = –273 °C = –460 °F;
. Abb. 5.4. Bimetallstreifen. Er biegt sich bei Änderung der
Temperatur wie gezeichnet, wenn sich das linke Metall stärker
5 Eispunkt: 273 K = 0 °C = 32 °F; ausdehnt als das rechte
5.1 · Temperatur
125 5

(. Abb. 5.4). Er ist kräftig genug, um einen elek- gen auf seinem Grund die 4 °C auch dann noch
trischen Kontakt zu öffnen oder zu schließen und bei, wenn er oben zufriert: Das kältere Wasser ist
so beispielsweise die Temperatur eines Bügelei- „leichter“ und sinkt nicht nach unten. Diese Ano-
sens oder eines Kühlschranks zu regeln. malie hat übrigens nichts damit zu tun, dass Eis-
Selbstverständlich dehnt sich ein homogener schollen schwimmen. Die Besonderheit, sich beim
Draht prozentual in seiner Längsrichtung ther- Erstarren auszudehnen, ist nicht auf Wasser be-
misch nicht stärker aus als quer dazu. Mit der Län- schränkt.
ge nimmt auch das Volumen V zu:
Merke
%V = C · V0 · %T;
Anomalie des Wassers: größte Dichte bei 4 °C.
für den Volumenausdehnungskoeffizienten C gilt
generell:
C = 3B.
Rechenbeispiel 5.1: Stahlbrücke
Wieso? Für den Sonderfall eines Würfels mit 7 Aufgabe. Das freitragende Teil einer Stahlbrü-
der Kantenlänge a und dem Volumen V = a3 lässt cke sei bei 20 °C 200 m lang. Wie viel Längenspiel
es sich leicht zeigen. Bei der Temperaturerhöhung müssen die Konstrukteure einplanen, wenn die
%T wächst V auf Brücke Temperaturen von –20 °C bis +40 °C aus-
gesetzt ist? Der Ausdehnungskoeffizient von Eisen
V(1 + C · %T) = a3(1 + B · %T)3
beträgt 12 · 10–6 K–1.
= a3[1 + 3B · %T + 3(B · %T)2
7 Lösung. Da die Kelvin-Skala die gleiche Grad-
+ (B · %T)3].
einteilung hat wie die Celsius-Skala könnte man
Nun ist aber B · %T allemal klein gegen die die Einheit des Ausdehnungskoeffizienten auch in
eins. Seine höheren Potenzen sind es erst recht °C–1 schreiben. Die Schrumpfung der Brücke im käl-
und können nach den Überlegungen zur Fehler- testen Fall wäre: %l  B ¸ 200 m ¸ (-20nC)  -4,8 cm
rechnung (7 Kap. 1.3) vernachlässigt werden: , die Ausdehnung %l  B ¸ 200 m ¸ 40nC  9,6 cm.
Es muss also insgesamt ein Spielraum von 14,4 cm
1 + C · %T ~ 1 + 3B · %T.
eingeplant werden.
Für Flüssigkeiten kann nur der Volumenaus-
dehnungskoeffizient angegeben werden. Auch er
ist klein, liegt aber meist ein bis zwei Zehnerpo- 5.1.3 Das ideale Gas
tenzen über denen der Metalle. Einige Werte fin-
den sich im Anhang. Festkörper und Flüssigkeiten sind praktisch in-
kompressibel; unter Druck ändern sie Dichte, Vo-
Merke lumen und Ausdehnungskoeffizienten fast gar
Thermische Ausdehnung: nicht. Anders sieht es bei den Gasen aus. Nach
linearer Ausdehnungskoeffizient B: dem Gesetz von Boyle-Mariotte (7 Kap. 3.3.6) sind
ihre Dichten dem Druck proportional, ist das Pro-
%l = B · l0 · %T;
dukt Druck mal Volumen konstant:
Volumenausdehnungskoeffizient C = 3B:
p · V = konstant
%V = C · V0 · %T.
Das Gasthermometer (7 Kap. 5.1.1) postuliert
für dieses Produkt eine Proportionalität zur Tem-
Generell können Ausdehnungskoeffizienten peratur T:
von der Temperatur abhängen. Wasser zeigt ei-
p · V _ T.
ne markante Anomalie: Es hat seine größte Dich-
te bei 4 °C. Für Fische kann dies überlebenswich- Nun leuchtet ein, dass die doppelte Men-
tig sein, denn ein Teich hält an kalten Winterta- ge Wasserstoff auch den doppelten Platz bean-
126 Kapitel 5 · Wärmelehre

sprucht; p · V ist auch der Gasmenge proportio- Hat man ein Gas nicht auf Normalbedingungen,
1 nal. Nimmt man die Masse des eingesperrten Ga- so kann man mit dem Gasgesetz leicht auf die-
ses als Maß für dessen Menge, so bekommt man se umrechnen, denn es verlangt bei einer abge-
2 für jede Gasart eine andere Proportionalitätskon- schlossenen Gasmenge, dass p · V proportional
stante. Rechnet man aber mit der Anzahl N der zu T, dass also p · V/T konstant sein muss. Daraus
3 eingesperrten Moleküle, so gilt für alle Gase die
gleiche Konstante. Sie bekommt den Buchstaben k
folgt zum Beispiel für die Umrechnung des Volu-
mens in zwei Zuständen 1 und 2:
oder kB und den Namen T2 p1
4 –23
V2  V
T1 p2 1
Boltzmann-Konstante kB = 1,38 · 10 J/K.

5 Gase, die sich tatsächlich an die hier skizzier-


ten Gesetzmäßigkeiten halten, werden „ideale Ga- Rechenbeispiel 5.2: Wie viel Moleküle in ei-
se“ genannt. Für sie gilt die Zustandsgleichung der nem Atemzug?
6 idealen Gase, das Gasgesetz also: 7 Aufgabe. Ungefähr wie viele Moleküle atmet
man bei einem 1-Liter-Atemzug ein?
7 p · V = N · k · T.
7 Lösung. Luft unter Normalbedingungen ist in
Dahinter steht eine bemerkenswerte Tatsache: guter Näherung ein ideales Gas. Das Molvolumen
8 Überall dort, wo das Gasgesetz gilt, spielt nur die (6,02 · 1023 Moleküle) ist als 22,4 l. Man atmet al-
Anzahl N der Moleküle eine Rolle, nicht deren Na- so etwa
men, nicht deren chemische Natur. 1l
9 Man kann das Gasgesetz auch auf die von 22,4 l
¸ 6 ¸1023  2, 7 ¸1022 Moleküle ein.

den N Molekülen repräsentierte Stoffmenge n be-


10 ziehen. Dazu muss man, wie in 7 Kap. 1.2.1 be-
schrieben, N durch die Avogadro-Konstante NA Rechenbeispiel 5.3: Reifendruck
11 (= 6,02 · 1023 mol–1) dividieren, danach aber zum 7 Aufgabe. Ein Reifen ist bei 10 °C auf einen Über-
Ausgleich die Boltzmann-Konstante mit NA multi- druck von 200 kPa aufgepumpt. Nachdem das Au-
plizieren. Dieses Produkt bekommt den Namen to 100 km gefahren ist, ist die Reifentemperatur
12 auf 40 °C gestiegen. Welcher Überdruck herrscht
Allgemeine Gaskonstante
J nun im Reifen?
13 R  N A ¸ k  8, 31
mol ¸ K 7 Lösung. Das Volumen des Reifens bleibt in et-
wa konstant. Wir haben also:
p1 p2
14 und gibt dem Gasgesetz die Form  .
T1 T2
p · V = n · R · T.
Um diese Formel nutzen zu können, müssen wir
15 Der Quotient V/n ist das Molvolumen Vn. zwei Dinge tun: die Temperaturen in absolute
Unter Normalbedingungen, d. h. einem Druck Temperaturen umrechnen (273 K addieren) und
16 p = 1013 hPa und der Temperatur T = 0 °C, be- zum Überdruck den Luftdruck (101 kPa) addieren,
trägt das Molvolumen eines idealen Gases 22,4 l/ um auf den Gesamtdruck zu kommen. Dann be-
mol. kommen wir:
17 313 K
p2  ¸ 301 kPa  333 kPa.
Merke 283 K
18 Gasgesetz (Zustandsgleichung der idealen Ga- Das entspricht dann wieder einem Überdruck von
se) 232 kPa. Das ist ein Anstieg um immerhin 15%.
19 p·V=N·k·T=n·R·T
Deshalb soll man Reifendrücke immer im kalten
Zustand messen.
k = kb = Boltzmann-Konstante = 1,38 · 10–23 J K–1
20 R = allgemeine Gaskonstante = 8,31 J mol–1 K–1
5.2 · Thermische Bewegung
127 5

5.1.4 Partialdruck Merke

Dass sich Luft im Wesentlichen aus Stickstoff und Wärme ist die mit der thermischen Molekular-
aus Sauerstoff zusammensetzt, dass diese Ele- bewegung verbundene Energie.
mente zweiatomige Moleküle bilden, die Atome Temperaturerhöhung erfordert Energiezufuhr.
der Edelgase aber für sich allein bleiben, küm-
mert das Gasgesetz wenig: Ihm sind alle Moleküle In leidlicher Näherung ist die erzielte Tempera-
gleich und Atome hält es auch für Moleküle. Ihm turerhöhung %T (zu messen in Kelvin) der zuge-
geht es nur um deren Anzahl N. Bei einem Gasge- führten Wärme Q (zu messen in Joule) proportio-
misch aus n Komponenten darf man deren Mo- nal. Die Beziehung
lekülanzahlen N1 bis Nn darum einfach aufaddie-
Q = C ·%T
ren: n
p ¸V  (N1 N 2 ... N n )¸ kT  kT ¸ œ N i definiert die Wärmekapazität C eines bestimm-
i1 ten festen, flüssigen oder auch gasförmigen „Kör-
Auch das Produkt aus Druck p und Volumen V pers“. Zu ihr gehört die Einheit J/K. Ein Kanin-
auf der linken Seite der Gleichung darf man den chen ist kleiner als ein Elefant; für die Wärmeka-
Komponenten zuordnen. Dies tut man vor allem pazitäten der beiden gilt das auch. Bezieht man C
für den Druck: n auf die Masse m des Körpers, so erhält man die
( p1 p2 ... pn )¸V  kT ¸ œ N i C
spezifische Wärmekapazität c 
i1 m
Jeder Molekülsorte steht das gesamte Volu- J
Einheit: 1 ;
men V zur Verfügung; also trägt jede Komponen- kg ¸ K
te mit dem Partialdruck pi ihren Anteil zum Ge- bezieht man C auf die Stoffmenge n, erhält man
samtdruck p bei: n
die
p  p1 p2 ... pn  œ pi . C
molare Wärmekapazität cn 
i1 n
Definitionsgemäß stehen die Partialdrücke J
Einheit: 1 .
untereinander in den gleichen Verhältnissen wie mol ¸ K
die Molekülanzahlen: Die beiden werden zuweilen nicht ganz kor-
rekt, aber kürzer „spezifische Wärme“ und „Mo-
p1 : p2 : p3 = N1 : N2 : N3.
lenwärme“ genannt.

Merke
5.2 Thermische Bewegung 5 Wärmekapazität
J
5.2.1 Wärme C = Q/%T Einheit: 1
K
5 spezifische Wärmekapazität
Ein Tauchsieder soll Wasser erwärmen, also des- J
sen Temperatur erhöhen. Dazu holt er elektri- c = C/m Einheit: 1
kg ¸ K
sche Energie „aus der Steckdose“, setzt sie in Wär- 5 molare Wärmekapazität
me um und gibt sie an das Wasser weiter, in dem J
sie mikroskopisch betrachtet als kinetische Ener- cn = C/n Einheit: 1
mol ¸ K
gie in der Wimmelbewegung der Atome gespei-
chert wird.
Wärmemengen bestimmt man im Kalorimeter;
man misst die Temperaturänderung einer be-
kannten Wärmekapazität. Favorisierte Kalori-
metersubstanz ist das Wasser, in abgemessener
128 Kapitel 5 · Wärmelehre

I
1

U
2 +

3
4
. Abb. 5.5. Dewar-Gefäß (Thermosflasche), doppelwandi-
5 ges Gefäß mit guter Wärmeisolation. Der Zwischenraum zwi-
schen den beiden Wänden ist evakuiert, um Wärmeverluste
durch Wärmeleitung zu reduzieren (7 Kap. 5.2.3); die Wände
6 sind verspiegelt, um Wärmeverluste durch Strahlung zu re-
duzieren (7 Kap. 5.4.2). Dewar-Gefäße können „implodieren“
7 und gehören deshalb in einen stabilen Behälter
. Abb. 5.6. Versuchsanordnung zur Bestimmung der spezi-
fischen Wärmekapazität des Wassers
8 Menge eingefüllt in ein Gefäß mit guter Wärmei-
solierung. Bewährt haben sich die Dewar-Gefäße
(sprich: Djuar), doppelwandige Glasflaschen mit In keinem Physikpraktikum für Mediziner
9 evakuierter Wandung (. Abb. 5.5): Als thermi- fehlt ein Kalorimeterversuch. In der Regel wird
sche Bewegung von Molekülen ist Wärme an Ma- die Wärmekapazität einer Substanz bestimmt.
10 terie gebunden, Vakuum unterbindet jede Wär- Entweder wird elektrisch mit einem Tauchsieder
meleitung. Im Haushalt bezeichnet man Dewar- eine bestimmte Wärmemenge zugeführt und die
11 Gefäße als Thermosflaschen. Temperaturerhöhung gemessen. Oder es wird ei-

12 Klinik
Energie zum Leben. Leben braucht Energie; es Mensch und Tier beziehen die zum Leben notwen-
13 setzt Energie um und das nicht nur, wenn man sich dige Energie aus der Nahrung, also aus komplizier-
bewegt, also mechanische Arbeit produziert. Auch ten organischen Molekülen. Diese bestehen aber
14 im Schlaf hat der Mensch noch einen äGrundum-
satz von etwa 80 W, also ungefähr 7 MJ/Tag oder
im Wesentlichen aus Atomen des Kohlenstoffs (C)
und des Wasserstoffs (H). Letzten Endes werden sie
auch 1650 kcal/Tag. Er ist erforderlich, um lebens- in Kohlendioxid (CO2) und in Wasser (H2O) überge-
15 wichtige Funktionen wie Atmung und Herzschlag, führt, d. h. mit Sauerstoff (O) aus der Atmung oxydi-
aber auch um die Körpertemperatur aufrechtzuer- ert. Der Weg der chemischen Umsetzung ist kompli-
16 halten. Der Mensch besitzt ferner eine Wärmeka- ziert und läuft in vielen Einzelschritten ab; zu jedem
pazität; da er im Wesentlichen aus Wasser besteht, gehört eine Energieumwandlung. Schließlich und
darf man bei 70 kg Körpermasse getrost schrei- endlich wird aber immer Wärme daraus, und zwar
17 ben: insgesamt genau so viel wie bei schlichter Verbren-
nung in der Retorte; auf den Energiesatz ist Verlass.
18 C(Mensch) ~ 70 kcal/K ~ 0,3 MJ/K.
Deshalb kann man ganz unabhängig von einem le-
Das heißt nun wieder: Könnte man einen Men- benden Organismus den äBrennwert von Nah-
19 schen völlig wärmeisolieren, so würde ihn sein rungsmitteln im Laboratorium messen, den Betrag
Grundumsatz mit einer Geschwindigkeit von etwa der chemischen Energie also, die bei der Oxydation
1 K/h aufheizen. Viel schneller kann Fieber aus rein z. B. eines Pfeffersteaks frei wird; Beispiele: 2300 kJ
20 wärmetechnischen Gründen nicht steigen. bei 100 g Schokolade, 188 kJ bei 100 g Bier.
5.2 · Thermische Bewegung
129 5

Praktikum

Kalorimeter bekannt, so können die Wärmekapazitäten ande-


Es geht darum, die Energiemenge zu ermitteln, die rer Substanzen nach folgendem Schema ausgemes-
benötigt wird, um eine feste oder flüssige Probe um sen werden: Man hängt z. B. einen Kupferring (Mas-
eine gewisse Temperaturdifferenz zu erwärmen, also se mK) zunächst in siedendes Wasser (Temperatur T3)
um die Bestimmung einer Wärmekapazität. und bringt ihn dann in das Kalorimeterwasser; des-
Für alle Messungen braucht man ein gut gegen sen Temperatur steigt dadurch von T1 auf T2. Die da-
Wärmeaustausch isoliertes Gefäß, ein Kalorimeter. für notwendige Wärme muss der Ring durch Abküh-
Auch bei guter Isolation hat das Kalorimeter (+ Ther- lung geliefert haben. Der Kupferring liefert also die
mometer + Rührer) selbst eine bestimmte Wärmeka- Wärmemenge:
pazität CW, die bei der Rechnung berücksichtigt wer- QK  mK ¸ cK ¸ (T3  T2 )
den muss. (Man nennt CW auch Wasserwert: Wenn
man in Kalorien (statt Joule) pro Kelvin rechnet (was Wasser und Kalorimeter erhalten die Wärmemenge:
man aber nicht mehr tut), gibt der Wasserwert an, wie QW  (m(H2O) ¸ c(H2O) CW )¸ (T2  T1 )
vielen Gramm Wasser das Kalorimeter entspricht.)
Es gibt dann zwei Messmethoden: Im thermischen Gleichgewicht sind diese beiden
1. Man führt einer Flüssigkeit (Masse mFl) mittels ei- Wärmemengen gleich:
nes Tauchsieders (elektrischen Widerstandes) eine be- QW  QK
stimmte elektrische Energie zu wie in . Abb. 5.6 dar-
Das lässt sich dann nach der spezifischen Wärme-
gestellt.
kapazität von Kupfer ck auflösen:
Legt man für die Zeitspanne %t eine elektrische
Spannung U0 an den Tauchsieder, so fließt der Strom (c (H2O) ¸ m (H2O) C W )¸ (T1  T2 )
ck  .
I0 und setzt (wie in 7 Kap. 6.1.2 erläutert werden wird) mk (T 2 T3 )
die elektrische Energie Die Mischtemperatur T2 berechnet sich gemäß:
W = U0 · I0 · %t c k ¸ mk ¸ T3 (c (H2O) ¸ m (H2O) C W ) ¸ T1
T2  .
in die Wärmemenge Q um. Diese heizt die Flüssigkeit c k ¸ mk c (H2O) ¸ m (H2O) C W
entsprechend ihrer spezifischen Wärmekapazität cFl Das Angleichen der Temperatur kann etwas dau-
bis zur Endtemperatur T1 auf: ern. Verliert das Kalorimeter in dieser Zeit doch etwas
%Q = mFl · cFl · (T1–T0). Wärme, so muss man den Temperaturverlauf auftra-
gen und extrapolieren.
Allerdings hat das Kalorimeter selbst (Gefäß +
Rechenbeispiel 5.5 gibt ein Beispiel zum Einsatz
Thermometer + Heizwendel) auch eine gewisse Wär-
dieser Formeln.
mekapazität CW, die bei genauer Rechnung berück-
Wenn man schon mal ein Kalorimeter und einen
sichtigt werden muss:
Tauchsieder bei der Hand hat, kann man natürlich
Q = (mFl · cFl + CW) · (T1 – T0). auch noch die Schmelzwärme (7 Kap. 5.3.2) zum Bei-
Im Rechenbeispiel 5.4 wird das am Beispiel des spiel von Wasser messen, in dem man einem Wasser-
Wassers durchgerechnet. Eis-Gemisch bei 0 °C so lange Wärmeenergie zuführt,
2. Ermittelung einer Mischtemperatur bis das ganze Eis geschmolzen ist.
Ist die spezifische Wärmekapazität des Wassers, näm-
lich
c(H2O) = 4,18 J/(g · K),

ne Mischungstemperatur bestimmt. Näheres be-


1 cal = 4,1840 J.
schreibt die Praktikumsbox.
Im Zusammenhang mit Wärme und der in Le- Sie gehört nicht zu den SI-Einheiten und ver-
bensmitteln enthaltenen Energie taucht zuweilen schwindet deshalb allmählich von der Bildfläche.
noch eine alte Energieeinheit auf, die dem c(H2O)
angepasste Einheit Kalorie (cal), definiert zu:
130 Kapitel 5 · Wärmelehre

Rechenbeispiel 5.4: Nachgemessen Rechenbeispiel 5.6: Schlankwerden auf die


1 7 Aufgabe. Wasser wird mit einem Tauchsie- harte Tour
der im Dewar-Gefäß aufgewärmt. Im Experiment 7 Aufgabe. Ein Student isst ein Mittagessen, des-
2 wurden die folgenden Werte ermittelt: m = 200 g, sen Brennwert mit 2000 Kilokalorien angegeben
U0 =10 Volt, I0 = 4,7 Ampere, %t = 50 s, T1 = 18,3 °C, worden ist. Er will das wieder abarbeiten, indem er
3 T2 = 21,1 °C. Kommt der Wert für die Wärmekapazi-
tät des Wassers c(H2O) tatsächlich wie oben ange-
eine 50-kg-Hantel stemmt. Sagen wir, er kann sie
2 m hoch heben. Wie oft muss er sie heben, um die
geben heraus? Der Wasserwert des Kalorimeters 2000 kcal wieder los zu werden?
4 sei vernachlässigbar. Anmerkung: Ein Voltampere 7 Lösung: 2000 kcal = 8,37 · 106 J. Der Student leis-
entspricht einem Watt. tet bei N–mal Stemmen die Arbeit W  N ¸ m ¸ g ¸ h.
5 7 Lösung. c(H O)  %Q  U 0 ¸ I 0 ¸ %t
2 m ¸ %T m(T2  T1 )
Also ist:
8, 37 ¸106 J
N  8532.
47 W ¸ 50 s J 50 kg ¸ 9,81 m/s2 ¸ 2 m
6 
200 g ¸ 2,8 K
 4, 2
g¸K
Rechenbeispiel 5.7: Im Saloon
7 Rechenbeispiel 5.5: Kalorimeter 7 Aufgabe. Ein Cowboy schießt mit seiner Pisto-
7 Aufgabe. Eine Probe mit einer Masse von mP = le eine 2-g-Bleikugel mit 200 m/s in die Holzwand,
8 46 g und einer Temperatur von TP = 100 °C wird in wo sie stecken bleibt. Angenommen, die freiwer-
ein Kalorimeter, das 200 g Wasser bei 20 °C enthält, dende Energie bleibt vollständig in der Kugel. Wie
geworfen. Der Behälter ist aus Kupfer und hat ei- heiß wird sie dann? (Wärmekapazität von Blei:
9 ne Masse von 100 g. Es stellt sich eine Mischtem- c(Pb) = 0,13 J/g · K)
peratur von 23,6 °C ein. Wie groß ist die spezifische 7 Lösung. Die frei werdende Energie ist
10 Wärmekapazität cP der Probe? 1 m ¸ v 2  40 J.
Sie brauchen die spezifischen Wärmekapazitäten 2

11 von Wasser (4,18 J/gK) und von Kupfer (0,39 J/gK) Wir bekommen also die Temperaturänderung:
7 Lösung. Die von der Probe abgegebene Wär- Q 40J
%T    154 K.
memenge muss gleich der von Wasser und Behäl- m ¸ c 2 g ¸ 0,13 J/g ¸ K
12 ter aufgenommenen Wärmemenge sein, also
War die Zimmertemperatur 20 °C, so bedeutet dies
cP ¸ mP ¸ (TP  TM )  cP ¸ 46g ¸ 76,4 K
13 = 200 g ¸ 4,18 J/gK ¸ 3,6 K
174 °C.

+ 100 g ¸ 0,39 J/gK ¸ 3,6 K = 3139 J


14 Nach cP auflösen ergibt: 5.2.2 Molekularbewegung
3139 J
15 cP 
46 g ¸ 76,4 K
 0,893 J/gK.
Wo bleibt die Energie, die einem Körper bei Er-
Das könnte Aluminium sein. wärmung zugeführt wird? Verloren gehen kann
16 sie ja nicht. Sie wird in der thermischen Bewe-
gung der Moleküle gespeichert, denn zu jeder Be-
wegung, ob geordnet oder nicht, gehört zumin-
17 dest kinetische Energie.
Von der thermischen Bewegung kann man
18 sich durch Augenschein überzeugen. Zwar ver-
mag kein Lichtmikroskop einzelne Moleküle dar-
19 zustellen, wohl aber die in verdünnter Tinte aufge-
schwemmten Pigmentteilchen. Sie sind klein ge-
nug, um die Stöße der Wassermoleküle, die von al-
20 len Seiten auf sie einrennen, als unregelmäßig zu
empfinden, und zittern und torkeln unentwegt hin
5.2 · Thermische Bewegung
131 5

und her (Brown’sche Molekularbewegung). Erst ge-


genüber größeren Flächen mitteln die Stöße zu ei-
ner (scheinbar) konstanten Kraft, einem (schein-
bar) konstanten Druck.
Die thermische Molekularbewegung hält un-
entwegt an, sie wird mit steigender Tempera-
tur heftiger und mit sinkender langsamer. Weni-
ger als gar keine Bewegung kann es nicht geben;
es leuchtet ein, dass ein absoluter Nullpunkt der
Temperatur existiert.
Ein Gasmolekül glaubt die meiste Zeit seines
Lebens, es sei allein auf der Welt. Zwar stößt es in
. Abb. 5.8. Zweiatomiges, hantelförmiges Molekül. Es be-
Zimmerluft ungefähr jede Nanosekunde mit ei- sitzt zwei Achsen, zwei Freiheitsgrade, in denen es Rotationse-
nem Artgenossen zusammen, aber diese mittlere nergie unterbringen kann
freie Flugzeit ist groß gegen die eigentliche Stoß-
zeit und die mittlere freie Wegstrecke groß gegen
den Moleküldurchmesser. . Abbildung 5.7 ver- 3Atome können sich geradlinig in die drei Raum-
sucht, den Zickzackweg eines Moleküls darzustel- richtungen bewegen. Man sagt: sie haben drei Frei-
len, grobschematisch, weil er gewiss nicht in einer heitsgrade. Die zweiatomigen Moleküle des Stick-
Ebene bleibt. Edelgase gehen keine chemischen stoffs (N2) bilden dahingegen Hanteln, die auch noch
um zwei zueinander senkrechte Achsen rotieren kön-
Verbindungen ein, auch nicht mit sich selbst; ihre
nen (. Abb. 5.8); Drehung um die Hantelachse bringt
Atome sind zugleich ihre Moleküle. Als kleine Ku-
mangels Trägheitsmoment keine Rotationsenergie un-
geln können sie thermisch nur geradeaus laufen ter: zwei zusätzliche Freiheitsgrade, zusammen fünf.
bis zum nächsten Stoß. Die Moleküle einer Flüs- Dreiatomige Moleküle besitzen für Achsen in allen drei
sigkeit hingegen stehen ständig in „Tuchfühlung“; Raumrichtungen Trägheitsmomente: ein zusätzlicher
sie spüren ständig die von ihren Nachbarn aus- Freiheitsgrad, zusammen sechs. Komplizierter wird es,
gehenden, anziehenden Kräfte der Kohäsion. Sie wenn ein Molekül auch noch in sich schwingen kann;
können sich kaum besser bewegen als Autos im jede Möglichkeit bringt gleich zwei Freiheitsgrade, ei-
Stau. Die Moleküle eines Festkörpers schließlich nen für die kinetische, einen für die potentielle Energie
sind an ihre Gitterplätze gebunden; ihre thermi- der Schwingung. Das gilt dann auch für die Schwingun-
sche Bewegung beschränkt sich auf Schwingun- gen der Gitterbausteine eines Kristalls: Atome im Kris-
tall haben sechs Freiheitsgerade. Hinzu kommen dann
gen um ihre Ruhelagen.
noch die Regeln der Quantenphysik, welche Rotatio-
nen und Schwingungen im Einzelfall überhaupt aus-
geführt werden dürfen. Wenn aber ein Freiheitsgrad
angeregt ist, dann hat er nach dem wichtigen Gleich-
verteilungssatz Anspruch auf eine mittlere thermische
Energie <F> = ½ kT für jedes Molekül. Für ein einato-
miges Gas bedeutet das eine molare Wärmekapazität
cm  3 2 R , für einfache Kristallgitter wie zum Beispiel in
Metallen cm  6 2 R (Regel von Doulong-Petit).

Merke
0,1 µm
Die Temperatur ist ein Maß für die Energie
. Abb. 5.7. Bahn eines Stickstoffmoleküls in Zimmerluft. der thermischen Wimmelbewegung. Sie ist
Bei Zimmertemperatur wäre das Molekül die gezeichnete proportional zur kinetischen Energie in der
Strecke in ungefähr 50 ns (5 · 10–8 s) abgelaufen (aber natür- Schwerpunktbewegung der Moleküle
lich nicht in der Zeichenebene geblieben)
132 Kapitel 5 · Wärmelehre

2· 10-3
1 20°C N2
1,5 · 10-3
s/m
H

2
Häufigkeit

1· 10-3
500°C
3 0,5 · 10-3

4 0
0 500 1000 1500 2000
v
5 Geschwindigkeit
m/s

. Abb. 5.9. Geschwindigkeitsverteilung von Stickstoffmo-


6 lekülen für zwei Temperaturen (Maxwell-Geschwindigkeits-
verteilung). Als Ordinate ist die Häufigkeit H aufgetragen, mit
der Moleküle in einem Geschwindigkeitsintervall der Breite
7 %v zu erwarten sind. Stecken in dem Intervall %N Moleküle,
. Abb. 5.10. Demonstrationsversuch zur Wärmeleitung.
Ein Kupfer- und ein Eisenstab mit gleichen Abmessungen tau-
so haben die an der Gesamtanzahl N den Anteil %N/N und die
chen gleich tief in flüssigen Stickstoff. Reifbildung markiert
8 Häufigkeit H = %N/(N · %v). Wegen des Geschwindigkeitsin-
tervalls unter dem Bruchstrich kommt der Häufigkeit hier die
den langsam nach oben kriechenden Eispunkt, er kriecht im
Kupfer schneller als im Eisen
Einheit s/m zu
9
Kein Gasmolekül läuft exakt mit der Geschwin- Merke
10 digkeit, die ihm nach dem Gleichverteilungssatz
zusteht. vth ist nur der Mittelwert, um den sich Wärmeleitung: Wärmetransport ohne Materie-
transport.
11 die wirklichen (momentanen) Geschwindigkei-
ten mehr oder weniger eng gruppieren. Jede Tem-
peratur hat ihre charakteristische Geschwindig- Durch die thermische Bewegung wird eine
12 keitsverteilung (Maxwell’sche Geschwindigkeits-
Wärmemenge Q,
verteilung, . Abb. 5.9).
13 gemessen in Joule, fortgeleitet in einem
Wärmestrom I  dQ / dt Einheit: 1 Watt,
14 5.2.3 Wärmeleitung
er repräsentiert eine Leistung. Ein Wärmestrom
Lange bevor sich ein Gasmolekül in der thermi- braucht, um fließen zu können, eine Querschnitts-
15 schen Bewegung ernsthaft von seinem Ausgangs- fläche A, zu ihm gehört deshalb eine
punkt entfernt hat, ist es schon mit unzähligen W
Wärmestromdichte jQ = I/A, Einheit: 1 2 .
16 Artgenossen unter Austausch von Energie und m
Impuls zusammengestoßen. Die Gitterbaustei- Ihre Ursache ist eine Temperaturdifferenz %T,
ne des Kristalls können thermische Energie sogar genauer, ein
17 weitergeben, ohne ihren Platz zu verlassen. Hängt
Temperaturgradient dT/dx,
man einen Metallstab mit seinem unteren Ende
18 in flüssigen Stickstoff, bringt man ihn also dort gemessen in K/m. In guter Näherung sind Gradi-
auf rund 80 K, so kann man verfolgen, wie Rau- ent und Wärmestromdichte einander proportio-
19 reif am Stab emporklettert, d. h. wie sich der Eis- nal. Daraus ergibt sich die
punkt langsam nach oben schiebt, in Kupfer deut-
Wärmeleitungsgleichung jQ = –M · dT/dx
lich schneller als in Eisen, denn Cu hat eine höhe-
20 re Wärmeleitfähigkeit (. Abb. 5.10). mit der Wärmeleitfähigkeit M. Das negative Vor-
zeichen berücksichtigt, dass Wärme von heiß
5.2 · Thermische Bewegung
133 5

nach kalt fließt, also den Temperaturberg hinun- 5.2.4 Diffusion


ter. M wird in W/(m · K) gemessen. Im Allgemei-
nen hängt die Wärmeleitfähigkeit etwas von der Die thermische Bewegung wirbelt die Molekü-
Temperatur ab. Man muss deshalb vorsichtig sein, le eines Gases ständig durcheinander und verteilt
wenn man den Differentialquotienten der Wär- sie gleichmäßig im Gelände, auch und vor allem
meleitungsgleichung kurzerhand wie einen Dif- dann, wenn mehrere Molekülsorten gleichzeitig
ferenzenquotienten behandelt. Oftmals kommt es herumschwirren: Sie werden auf die Dauer homo-
einem aber gar nicht so genau darauf an. gen durchmischt. Im Gedankenversuch kann man
ein Gefäß durch eine herausnehmbare Trenn-
Merke wand unterteilen und z. B. auf der linken Sei-
Wärmeleitungsgleichung: te Sauerstoff, auf der rechten Stickstoff einfüllen,
Wärmestromdichte: beide Gase unter gleichem Druck (. Abb. 5.11a).
dT Entfernt man die Trennwand, so werden im ers-
jQ  M ¸ ten Augenblick nur Sauerstoffmoleküle die alte
dx
mit der Wärmeleitfähigkeit M. Grenzfläche von links überqueren, einfach weil
rechts keine vorhanden sind. Auch eine Weile spä-

Auch die Elektronen, die im Metall den elektri-


schen Strom transportieren, nehmen an der Wär-
mebewegung teil. Gute elektrische Leiter wie Sil-
ber und Kupfer sind deshalb auch gute Wärmelei-
ter; Kochlöffel fertigt man seit alters her aus dem
elektrischen Nichtleiter Holz. Gase haben schon
wegen ihrer geringen Dichte auch nur geringe
Wärmeleitfähigkeit. Vakuum isoliert elektrisch
a
wie thermisch. Das Dewar-Gefäß nutzt das aus.

Rechenbeispiel 5.8: Wärmeverlust durchs


Fenster
7 Aufgabe. Welcher Wärmeverlust entsteht an
einem 2 m² großen Fenster (einglasig, Glasdicke
3 mm), wenn an der Innenseite eine Temperatur
von 15 °C und auf der Außenseite eine Tempera-
tur von 14 °C herrscht. Die Wärmeleitfähigkeit von b
Glas ist etwa 1 W/m · K.
7 Lösung: Durch die Scheibe wird eine Leistung
von
1 W/mK ¸ 2 m 2
P ¸1 K  667 W
0, 003 m
transportiert. Da muss ein kräftiger Heizstrahler
gegen heizen. Also lieber doppelt verglasen, denn
die Luft zwischen den Scheiben hat eine Wärme- c
leitfähigkeit von nur 0,023 W/mK.
. Abb. 5.11. Diffusion im molekularen Bild. Im ersten Mo-
ment nach Entfernen der Trennwand können die beiden Mo-
lekülsorten nur jeweils von einer Seite aus die alte Grenzflä-
che überschreiten. Erst wenn sich die Konzentrationen ausge-
glichen haben, verschwinden auch die Nettoströme der Teil-
chen
134 Kapitel 5 · Wärmelehre

ter werden sie dort noch in der Minderzahl sein


1 und deshalb überwiegend von links nach rechts H2
Becherglas
Tonzylinder
diffundieren (. Abb. 5.11b). Erst wenn sich die
2 Anzahldichten der beiden Molekülsorten nach
Luft
längerer Zeit völlig ausgeglichen haben, werden
3 sich auch die Anzahlen der Grenzgänger in bei-
den Richtungen ausgleichen.

4 Merke

Diffusion: Transport von Molekülen durch ther-


5 mische Bewegung.

6 Letztlich gibt es immer dann Diffusion, wenn ein . Abb. 5.12. Versuch zur Diffusion von Gasen. Das Becher-
Konzentrationsgefälle vorliegt, Moleküle an ei- glas wird von unten mit Wasserstoff gefüllt. Da er schneller
7 nem Ort häufiger sind als am Nachbarort. Man in den porösen Tonzylinder diffundiert als Luft hinauskommt,
entsteht im Zylinder vorübergehend ein Überdruck
beschreibt das wie bei einer Temperatur mit ei-
8 nem Konzentrationsgradienten dc/dx. Und ent-
sprechend wie bei der Wärmeleitung ist der Teil- das Manometer Überdruck: H2 diffundiert schnel-
chenstrom der Diffusion proportional zu diesem ler in den Zylinder hinein als Luft heraus.
9 Konzentrationsgradienten. Das Diffusionsgesetz Was den Gasen recht ist, ist den Flüssigkeiten
formuliert man mit der Teilchenstromdichte j: billig und vor allem auch den in ihnen gelösten
10 j = –D · dc/dx
Stoffen. Deren Moleküle haben aber in ihrer ther-
mischen Bewegung sehr viel kleinere freie Weg-
11 mit dem Diffusionskoeffizienten D. Seine SI-Ein- längen und darum auch sehr viel kleinere Diffu-
heit ist m2/s, oft wird er aber in cm2/s angegeben. sionskoeffizienten als die Moleküle der Gase. Füllt
man einen meterhohen Zylinder zur Hälfte mit
12 Merke Wasser, schichtet man vorsichtig unter sorgsamer
Diffusionsgesetz: Teilchenstrom proportional Vermeidung von Wirbeln Tinte darüber, lässt man
13 zum Konzentrationsgradienten das Ganze ruhig stehen und schaut nach einem
dc Jahr wieder nach, so ist die scharfe Grenzfläche
j  D ¸
14 dx zwar durchaus um einige Zentimeter auseinander
gelaufen, aber von einer homogenen Durchmi-
schung kann auch nach 100 Jahren noch nicht die
15 Mit steigender Temperatur wird die thermische Rede sein. Wer Milch in den Kaffee gießt, trinkt
Bewegung immer heftiger; kein Wunder, dass mit gern ein leidlich homogenes Gemisch. Im Grun-
16 ihr auch der Diffusionskoeffizient zunimmt. Klei- de braucht er nur zu warten, die Diffusion wird
nere Moleküle müssen schneller laufen als große, es schon besorgen. Besser ist es umzurühren, d. h.
um ihren Anteil an der thermischen Energie zu die Diffusion durch Konvektion zu ersetzen.
17 übernehmen: Kein Wunder, dass der Diffusions- Die geringe Diffusionsgeschwindigkeit in
koeffizient von Wasserstoff größer ist als der von Flüssigkeiten hat erhebliche Konsequenzen für
18 Sauerstoff oder Stickstoff. Dieses Faktum lässt sich die Konstruktion von Mensch und Tier. Die von
sinnfällig demonstrieren; man braucht dazu einen Muskeln und Organen benötigten Nährstoffe
19 hohlen und porösen Tonzylinder, an den unten ein können zwar vom Blutkreislauf durch Konvekti-
gläserner Stutzen mit einem Wassermanometer on „vor Ort“ angeliefert werden, das letzte Stück-
angeschmolzen ist (. Abb. 5.12). Stülpt man jetzt chen des Weges müssen sie aber durch Diffusion
20 ein mit gasförmigem Wasserstoff gefülltes Becher- zurücklegen. Dieses Stückchen soll nach Möglich-
glas von oben über den Zylinder, so signalisiert keit klein sein und die Querschnittsfläche des Dif-
5.2 · Thermische Bewegung
135 5

fusionsstromes nach Möglichkeit groß. Darum 5.2.5 Osmose


ist das System der Blutgefäße so unglaublich fein
verästelt, darum sind die Lungenbläschen so win- Der Teilchenstrom aufgrund von Diffusion kann
zig und so zahlreich. zu einem Überdruck dort führen, wo er hinfließt.
Dies geschieht dann, wenn ein entsprechender Ge-
Klinik genstrom durch eine selektivpermeable Membran,
Diffusion durch die Zellmembran. Besonde- die nur Teilchen einer Sorte hindurchlässt, ver-
re Bedeutung für lebende Organismen hat die hindert wird. In Gasen gibt es so etwas fast nicht.
äDiffusion durch eine Zellwand, allgemeiner Anderes gilt in Flüssigkeiten. Gerade lebende Or-
ausgedrückt: durch eine Membran. Es kann ganismen setzen in unglaublicher Vielfalt selektiv-
nicht verwundern, dass hier die Diffusionskoef- permeable Membranen ein, Membranen also, die
fizienten noch wesentlich kleiner sind als in der z. B. Wassermoleküle hindurchlassen, gelöste Zu-
reinen Zellflüssigkeit. Im Grenzfall liegt der Kon- ckermoleküle aber nicht (man spricht auch von
zentrationsgradient c’ voll über der Zellwand „semipermeablen“ Membranen; dieser Name ist
und ist zur Konzentrationsdifferenz %c zwi- nicht unbedingt glücklich gewählt worden, denn
schen den in sich nahezu homogenen Lösun- „semipermeabel“ bedeutet in wörtlicher Überset-
gen auf beiden Seiten der Membran proportio- zung „halbdurchlässig“). Im einfachsten Fall darf
nal. Das erlaubt, dem Diffusionsgesetz die Form man sich eine solche Membran als ein Sieb mit
D
j   %c  P ¸ %c molekülfeinen Poren vorstellen (. Abb. 5.13): Die
d gelösten Moleküle sind einfach zu dick, um hin-
zu geben (d = Membrandicke) und so einen durchzukommen. Spezialisierte Membranen ent-
für Membran und diffundierende Substanz zu-
sammen charakteristischen Permeabilitätsko-
effizienten P = D/d zu definieren. Man kann
∆h
ihn messen, ohne d zu kennen. Eine anständi-
ge Membran ist 5 nm dick (Einheitsmembran)
und hat bei Körpertemperatur für Glukose ein P
von ungefähr 6 mm/s, der Diffusionskoeffizient
beträgt 3 · 10–5 mm2/s.

Rechenbeispiel 5.9: Hechelndes Insekt?


7 Aufgabe. Ein Insekt atmet nicht, der Sauerstoff
diffundiert hinein. Sauerstoff diffundiert von der
Oberfläche eines Insekts durch kleine Röhren, die
man Tracheen nennt. Diese sei 2 mm lang und ha-
be eine Querschnittsfläche von 2 · 10–9 m². Ange-
nommen, die Sauerstoffkonzentration im Insekt
ist halb so groß wie in der Luft, welcher Sauerstoff-
fluss geht durch die Trachea? Die Sauerstoffkon-
zentration in der Luft ist etwa 8,7 mol/m³ und die . Abb. 5.13. Osmose. Einfache Modellvorstellung zur Ent-
Diffusionskonstante D = 10–5 m²/s. stehung des osmotischen Drucks. Die feinen Poren der Mem-
7 Lösung: Die Sauerstoffflussdichte ist bran lassen nur die kleinen Moleküle des Lösungsmittels hin-
%c 4, 35 mol/m 3 durch, nicht aber die dicken der gelösten Substanz. Demnach
j  D¸  D¸  0, 0218 mol/m 2 . kann nur das Lösungsmittel seinem Konzentrationsgefälle fol-
%x 0,002 m
gen und in die Lösung diffundieren und zwar grundsätzlich
Der gesamte Sauerstofffluss ergibt sich durch Mul- so lange, bis der dort entstehende Überdruck (x %h) einen
tiplizieren mit der Querschnittsfläche zu 4,36 · 10–11 Rückstrom durch die Membran auslöst, der den Diffusions-
mol. strom kompensiert
136 Kapitel 5 · Wärmelehre

wickeln allerdings eine Fülle von Fähigkeiten der Es kann lange dauern, bis sich dieser Grenzwert
1 Selektion, die sich so einfach nicht erklären las- posm wirklich einstellt; zudem platzt die Memb-
sen; manche lebenden Membranen können so- ran nicht selten vorher. Insofern kann man posm
2 gar nicht nur sortieren, sondern auch aktiv pum- als „potentiellen“ Druck bezeichnen, der oft gar
pen, also von sich aus einen Konzentrationsunter- nicht erreicht wird. Trotzdem lohnt es sich, nach
3 schied auf ihren beiden Seiten aufbauen. einer Formel zu suchen, die ihn auszurechnen er-
laubt. Dabei zeigt sich überraschenderweise, dass
Merke es letztendlich nur auf die Stoffmengendichte n/V
4 Osmose: Diffusion durch eine selektiv-perme- (oder die Anzahldichte N/V) der gelösten Mole-
able, für verschiedene Moleküle unterschied- küle ankommt, nicht auf deren Natur und auf die
5 lich durchlässige Membran. der Moleküle des Lösungsmittels auch nicht (nur
muss die Membran beide Sorten voneinander un-
terscheiden können). Aus quantitativer Rechnung,
6 Notwendigerweise ist die Anzahldichte der H2O-Mo- die hier nicht vorgeführt werden soll, folgt als gu-
leküle in einer Zuckerlösung geringer als in destil- te Näherung die van’t-Hoff-Gleichung
7 liertem Wasser. Sind beide Flüssigkeiten durch ei- n
posm  R ¸T
ne nur für Wasser durchlässige selektiv-permeab- V
8 le Membran getrennt, so diffundiert Wasser durch Sie liefert den potentiellen osmotischen Druck
die Membran hindurch in die Lösung, versucht also, einer Lösung gegenüber reinem Lösungsmittel.
diese zu verdünnen. Dadurch erhöht sich dort der Stehen sich an der Membran zwei Lösungen ge-
9 Druck, und zwar grundsätzlich bis zu einem Grenz- genüber, so kann sich höchstens die Differenz der
wert, der osmotischer Druck genannt wird. beiden osmotischen Drücke ausbilden.
10
Merke Merke

11 Osmotischer Druck: durch Osmose über einer van’t-Hoff-Gleichung für den osmotischen
selektiv-permeablen Membran mögliche (po- Druck:
n
12 tentielle) Druckdifferenz. posm  R ¸ T
V

13 Klinik
Leitungswasser ist tödlich. Lösungsmittel können das schnell. Blutersatzmittel müssen deshalb iso-
14 Fremdmoleküle beträchtlich dichter packen als Ga-
se unter Normalbedingungen; osmotische Drü-
tonisch zum Blut sein, d. h. die gleiche Stoffmen-
gendichte osmotisch wirksamer Teilchen haben.
cke sind entsprechend hoch. Lebende Organismen Für den osmotischen Druck ist es allerdings gleich-
15 müssen ihrer selektiv-permeablen Membranen we- gültig, welche Moleküle ihn erzeugen, sofern sie
gen auf die Dichten der äosmotisch wirksamen die Membran nur nicht durchdringen können. Die
16 Teilchen in ihren verschiedenen Gefäßen achten Haut der roten Blutkörperchen vermag z. B. die Io-
und der Arzt zuweilen auch. Wollte man einem Un- nen des Kochsalzes von Wassermolekülen zu unter-
fallpatienten, weil gerade nichts Besseres zur Hand scheiden. Deshalb kann die berühmte physiologi-
17 ist, seinen Blutverlust durch Leitungswasser erset- sche Kochsalzlösung im Notfall als Blutersatz die-
zen, so brächte man ihn auf der Stelle um: Die ro- nen Wesentlich Neues geschieht, wenn die Mem-
18 ten Blutkörperchen sind die Zusammensetzung des bran positive und negative Ionen unterscheiden
Blutplasmas gewohnt, ihr eigener Inhalt hat die ent- kann, wenn sie ionensensitiv ist, denn dann baut
19 sprechende Konzentration. Kommen sie in reines sie statt des osmotischen Drucks eine elektrische
Wasser, so dringt dies durch ihre Oberflächenmem- Membranspannung. Auch diesen Effekt setzen le-
bran ein und bringt sie zum Platzen. Umgekehrt bende Organismen virtuos ein, etwa bei der Ner-
20 werden sie von einer zu konzentrierten Lösung aus- venleitung. Er gehört aber in die Elektrizitätslehre
getrocknet. Bei mikroskopisch kleinen Zellen geht und wird deshalb erst in 7 Kap. 6.8.1 behandelt.
5.3 · Phasenumwandlungen
137 5

3Formal stimmt die van’t-Hoff-Gleichung mit dem 5.3 Phasenumwandlungen


Gasgesetz überein (7 Kap. 5.1.3). Dies kann zu der fal-
schen Deutung verleiten, nur die gelösten Moleküle 5.3.1 Umwandlungswärmen
trommelten auf die für sie undurchdringliche Memb-
ran wie Gasmoleküle auf die Gefäßwand, während die
H2O kommt in der Natur in allen drei Aggregatzu-
Moleküle des Lösungsmittels quasi frei durch die Mem-
ständen vor, als Eis oder Schnee, als Wasser und als
bran hindurchschlüpften. Warum sollte dann aber das
Lösungsmittel in die Lösung einzudringen und sie zu Wasserdampf. Dies weiß jeder. Allenfalls muss man
verdünnen suchen? Das Bild ist falsch. erwähnen, dass Wasserdampf ein unsichtbares Gas
ist. Wolken und Nebel enthalten bereits flüssiges
Wasser, zu kleinen Tröpfchen kondensiert. Schnee
Rechenbeispiel 5.10: Kochsalzlösung kann schmelzen (Übergang von fest nach flüssig),
7 Aufgabe. Wie groß ist der osmotische Druck der Wasser zu Eis erstarren (Übergang von flüssig nach
physiologischen Kochsalzlösung (0,9 Gewichtspro- fest); Wasser kann verdampfen (Übergang von flüs-
zent NaCl) bei Körpertemperatur? Holen Sie sich sig nach gasförmig) und Wasserdampf kann kon-
die notwendigen Daten für die Molarität (Anzahl densieren (Übergang von gasförmig nach flüssig).
der Mole pro Liter) von NaCl aus dem Anhang. Wer gut beobachtet, sieht aber auch, dass Schnee
7 Lösung. Wir wenden die van’t-Hofft-Gleichung an sonnigen Wintertagen verschwindet, ohne zu
an: schmelzen: Er sublimiert (Übergang von fest nach
n gasförmig). Auch der Übergang in Gegenrichtung
posm  ¸ R ¸ T .
V wird Sublimation genannt.
R = 8,31 J/(mol · K); T = 37 °C = 310 K. Zur Molari- Die Alchimisten des Mittelalters waren bit-
tät: ter enttäuscht, als sie bei dem Versuch, viele klei-
Molare Massen: M(Na) = 23,0 g/mol; M(Cl) = 35,5 g/ ne Diamanten zu einem großen zusammenzu-
mol; also M(NaCl) = 58,5 g/mol. schmelzen, wertlose Krümel von Graphit erhiel-
Die physiologische Kochsalzlösung enthält 0,9 Ge- ten. Kohlenstoff kommt ja in diesen beiden Kris-
wichtsprozent NaCl in H2O. Da ein Liter Wasser tallisationsformen vor (7 Kap. 3.2.1) und kann
recht genau ein Kilogramm Masse hat, bedeutet grundsätzlich von der einen in die andere über-
das 9 g/Liter Kochsalz. Dann ist die Molarität: gehen (in die des Diamanten allerdings nur un-
n(NaCl) 9 g/Liter ter extrem hohem Druck). Analoges gilt für viele
  0, 154 mol/Liter.
V M(NaCl) andere Substanzen auch. Alle diese einer Substanz
Es sind aber beide Ionensorten osmotisch wirksam, möglichen Erscheinungsformen bezeichnet man
was den Wert für die Osmose verdoppelt: in der Thermodynamik als Phasen. Zwischen ih-
n(Ionen) nen gibt es Phasenübergänge; die wichtigsten sind
 0, 308 mol/Liter.
V die Wechsel der Aggregatzustände.
Damit folgt: Die anziehenden Kräfte zwischen den Mole-
posm  793 J/Liter = 7,9 ¸105 J/m3  0, 79 MPa. külen reichen nicht weit. In Gasen spielen sie der
großen Molekülabstände wegen nur eine unterge-
Das ist achtmal höher als der Luftdruck. Spült man ordnete Rolle. Wenn sie als gar nicht vorhanden
sich die Nase mit Leitungswasser, bekommt man angesehen werden dürfen, spricht man vom ide-
diesen hohen Druck sehr unangenehm zu spüren. alen Gas. Moleküle einer Flüssigkeit spüren dage-
Man nimmt also besser eine Salzlösung. Im Körper gen die Kräfte der Kohäsion sehr deutlich und bil-
kompensieren sich die osmotischen Drücke weit- den ihretwegen Tropfen. In Festkörpern geben sie
gehend. den Gitterbausteinen sogar feste Plätze vor, um die
sie nur ein wenig schwingen dürfen. Bei der Subli-
mation werden Moleküle gegen diese Kräfte von-
einander getrennt. Das kostet Energie; sie muss
als Sublimationswärme von außen zugeführt wer-
den. Bei späterer Kondensation zu Wasser und an-
138 Kapitel 5 · Wärmelehre

1 Kondensations -
wärme °C
Verdampfungs -

Temperatur
2 0

gasförmig flüssig
3
Zeit

e
rm
4
Su

- ä
. Abb. 5.15. Erwärmungs- und Abkühlungskurve für H2O.

gs w
bli

run elz -
ma

Während des Haltepunktes bleibt die Temperatur konstant,


Ers Schm
tio

5 weil Schmelz- bzw. Erstarrungswärme den Wärmeaustausch


nsw

fest
tar
mit der Umgebung decken
ärm
e

6 Abkühlen beobachten können. Hier gab das Be-


cherglas ständig Wärme an den Kühlschrank ab;
7 . Abb. 5.14. Die Aggregatzustände und ihre Umwand- zu Beginn und am Ende wurde sie der Wärmeka-
lungswärmen pazität des Wassers entnommen, für die Dauer des
8 Haltepunktes aber von dessen Erstarrungswärme
schließender Kristallisation zu Eis wird sie in zwei geliefert (. Abb. 5.15, rechts). Nur am Schmelz-
Schritten wieder frei. Umwandlungswärmen treten punkt können Kristall und Schmelze nebenein-
9 bei allen Phasenübergängen in der einen oder an- ander existieren: Ein Zehntelgrad mehr und alles
deren Richtung auf. . Abbildung 5.14 nennt ihre ist geschmolzen; ein Zehntelgrad weniger und al-
10 Namen. les ist erstarrt (im thermodynamischen Gleichge-
wicht wenigstens). Beim Schmelzen oder Erstar-
Merke
11 ren muss die Umwandlungswärme allerdings von
Zu Phasenumwandlungen gehören Umwand- der Umgebung beschafft oder an sie abgegeben
werden, und das kostet Zeit. Solange Eisstückchen
12 lungsenergien (. Abb. 5.14).
im Wasser schwimmen, steht die Temperatur zu-
verlässig auf 0 °C (nahe der Oberfläche wenigs-
13 tens; am Boden des Teiches können, der Dichtea-
nomalie des Wassers wegen, 4 °C herrschen).
14 5.3.2 Schmelzwärme
Merke
Wenn man ein kleines Becherglas mit Wasser
15 füllt, ein Thermometer hineinstellt, das Ganze in
Haltepunkt: Bei gleichmäßiger Zu- oder Abfuhr
von Wärme bleibt die Temperatur einer Probe
einer Tiefkühltruhe einfriert und danach heraus- während einer Phasenumwandlung konstant.
16 holt, dann kann man zusehen, wie die Tempera-
tur langsam wieder ansteigt. Zunächst kommt das
Thermometer aber nur bis auf 0 °C, bleibt dort Die spezifische Schmelzwärme cs des Eises lässt
17 längere Zeit stehen und klettert erst weiter, wenn sich leicht im Wasserkalorimeter messen. Man
das Eis geschmolzen ist (. Abb. 5.15, links). Auch wirft einen mit Filterpapier getrockneten Eiswür-
18 während dieses Haltepunktes nimmt das kalte Be- fel (Masse mE) in Wasser (Masse mW, spez. Wär-
cherglas ständig Wärme aus der Umgebung auf; es mekapazität cw, Temperatur T0) und bestimmt die
19 steckt sie aber nicht in die Wärmekapazität seines neue Temperatur T1, wenn der Würfel gerade ge-
Inhalts, sondern nutzt sie, Eis zu schmelzen. Die schmolzen ist. Dann ist dem Kalorimeterwasser
einströmende Wärme wird als Schmelzwärme ge- die Wärmemenge
20 braucht und kann darum die Temperatur nicht er-
%Q = mW · cW (T0 – T1)
höhen. Das Analoge hätte man auch vorher beim
5.3 · Phasenumwandlungen
139 5

entzogen und dazu verwendet worden, zunächst


das Eis zu schmelzen und dann das Schmelzwas-

Temperatur
ser auf T1 aufzuwärmen:
Ts
%Q = mE [cs + cW (T1 – 0 °C)].
Heraus kommt cs = 333 kJ/kg. Wasser hat nicht
nur eine ungewöhnlich hohe spezifische Wärme-
kapazität, sondern auch eine ungewöhnlich hohe Zeit
spezifische Schmelzwärme.
. Abb. 5.16. Unterkühlung. Der Erstarrungspunkt Ts wird
Schmelz- und Erstarrungspunkt liegen bei der
zunächst unterschritten, bis die nach Einsetzen der Erstarrung
gleichen Temperatur Ts. Aber nicht immer erstarrt plötzlich frei werdende Erstarrungswärme T wieder auf Ts an-
eine Schmelze, sobald diese Temperatur von oben hebt
her erreicht wird: Viele Substanzen kann man mit
etwas Vorsicht unterkühlen, d. h. eine Weile deut-
Schicht flüssigen Wassers, die gleich hinter ihm wieder
lich unter dem Erstarrungspunkt flüssig halten.
erstarrt.
Irgendwann setzt die Kristallisation aber doch
einmal ein; dann wird plötzlich viel Erstarrungs-
wärme frei, die Temperatur springt auf Ts und Rechenbeispiel 5.11: Eistee
wartet dort die reguläre Dauer des Haltepunkts 7 Aufgabe. Für eine Feier soll Eistee produziert
ab (. Abb. 5.16), sofern die Unterkühlung nicht werden. Dazu werden 3 Liter auf 20 °C abgekühl-
schon zu weit heruntergeführt hat. Umwandlun- ter Tee genommen und ein halbes Kilo –10 °C kal-
gen der Aggregatzustände sind so genannte Keim- tes Eis dazugetan. Führt das zu einer erwünsch-
bildungsprozesse; sie müssen nicht nur thermo- ten Temperatur oder gibt es gar Tee-Eis? Neben
dynamisch möglich sein, sie müssen eigens aus- der Schmelzwärme brauchen wir noch die spezifi-
gelöst werden, und zwar durch einen Keim, der schen Wärmekapazitäten von
sich im statistischen Zufall bildet. Meist tut er dies Wasser (cw = 4,18 J/(g · K)) und Eis (cE = 2,1 J/(g · K)).
rasch, zuweilen aber auch erst nach Jahrhunder- 7 Lösung. Zunächst wollen wir feststel-
ten: Glas, so wie man es normalerweise kennt, ist len, ob der Tee flüssig bleibt. Um den Tee auf
eine unterkühlte Flüssigkeit. Wenn es doch einmal 0 °C abzukühlen, müssen wir eine Energie von
kristallisiert, „entglast“ es und zerfällt zu Pulver. W  mw ¸ c w ¸ (20nC - 0nC)  250 kJ entziehen.
Um das Eis auf 0 °C zu erwärmen und dann zu
Merke schmelzen, brauchen wir W  mE ¸ cE ¸10nC
Die Erstarrung ist ein Keimbildungsprozess; mE ¸ cS  10,5 kJ 167 kJ  177,5 kJ. Der Tee
das macht die Unterkühlung einer Schmelze bleibt also flüssig, denn das Schmelzen des Ei-
möglich. ses entzieht dem Tee nicht genug Energie. Die re-
sultierende Temperatur T stellt sich so ein, dass
das Aufwärmen des Eises genau so viel Ener-
3Die allermeisten Substanzen dehnen sich beim gie benötigt, wie das Abkühlen des Tees bringt:
Schmelzen aus; ihr Kristall hat eine größere Dichte als 177, 5 kJ 0,5 kg ¸ c w ¸ T  3 kg ¸ c w ¸ (20nC - T ). Dar-
ihre Flüssigkeit. Ein hoher äußerer Druck bringt da- aus ergibt sich T = 5,1 °C. Das ist gut getroffen.
rum den festen Aggregatzustand in Vorteil und hebt
den Schmelzpunkt ein wenig an. Das ist aber kein Na-
turgesetz, sondern nur eine Regel. Regeln haben Aus-
5.3.3 Lösungs- und Solvatationswärme
nahmen, und wieder ist die pathologische Substanz
H2O dabei: Eisberge schwimmen, folglich sinkt der Eis-
punkt unter Druck, zur Freude der Schlittschuhläufer. Schmelzen ist nicht die einzige Möglichkeit, ein
Sie stehen mit voller Gewichtskraft auf schmaler Kufe. Kristallgitter kleinzubekommen: In einer passen-
Das bedeutet hohen lokalen Druck und örtlich schmel- den Flüssigkeit kann man einen Kristall auch auf-
zendes Eis: Der Schlittschuh gleitet auf einer dünnen lösen. Weil dabei Arbeit gegen die Kräfte der Git-
140 Kapitel 5 · Wärmelehre

terbindung geleistet, weil Gitterenergie aufgebracht 5.3.4 Verdampfung


1 werden muss, liegt die Erwartung nahe, dass sich
eine Lösung, nachdem man sie angesetzt hat, zu- Auch die Moleküle einer Flüssigkeit verteilen ih-
2 nächst einmal abkühlt. KNO3 (Salpeter) in Wasser re thermischen Geschwindigkeiten um einen tem-
tut dies tatsächlich. Es kann aber auch anders kom- peraturbedingten Mittelwert; es gibt schnelle und
3 men, denn möglicherweise lagern sich die Molekü-
le des Lösungsmittels an gelöste Teilchen an und
langsame Teilchen. Zudem werden immer eini-
ge oberflächennahe Moleküle versuchen, in den
bilden so eine Solvathülle (beim Wasser Hydrat- Gasraum auszubrechen; aber nur den schnellsten
4 hülle genannt). In gewissem Sinn entspricht dieser wird es gelingen, denn an der Oberfläche wirken
Vorgang einer lokalen Erstarrung des Lösungsmit- die zwischenmolekularen Kräfte ja einseitig und
5 tels, bei der dann Solvatationsenergie frei wird. Dies halten die langsameren Moleküle fest. Umgekehrt
kann schon bei der Mischung zweier Flüssigkeiten kann aber jedes Molekül aus dem Dampf in die
geschehen; Lösen ist im Grunde ja nur eine Sonder- Flüssigkeit zurückkehren, wenn es nur die Ober-
6 form des Mischens. Gießt man Alkohol oder Schwe- fläche erreicht.
felsäure in Wasser, so erwärmt sich die Mischung. Aus dieser einfachen Modellvorstellung lassen
7 Die Lösungswärme, die sich unmittelbar beobach- sich einige Folgerungen herleiten, die experimen-
ten lässt, ist die Differenz von freigesetzter Solvata- tell überprüft werden müssen:
8 tionsenergie und aufzubringender Gitterenergie. 5 Eine Flüssigkeit kann bei allen Temperatu-
ren verdampfen, nicht nur beim Siedepunkt. In
Merke der Tat trocknet eine regennasse Straße auch
9 bei normaler Lufttemperatur, allerdings um-
Beim Ansetzen einer Lösung: Abkühlung,
wenn Lösungswärme überwiegt; Erwärmung, so schneller, je wärmer es ist, in Übereinstim-
10 wenn Solvatationswärme überwiegt. mung mit dem Modell.
5 Weil nur die schnellsten Moleküle verdamp-
11 fen, verbleibt den übrigen im Schnitt immer
Auf jeden Fall liegt der Erstarrungspunkt ei- weniger thermische Energie, sie kühlen sich
ner Lösung unter dem des reinen Lösungsmit- ab. Diesen Effekt nutzt der Mensch, wenn er
12 tels. Dies nutzt aus, wer Salz streut, statt Schnee zu schwitzt; sein Hund kann nicht schwitzen und
schippen. Er will eine wässrige Salzlösung erzeu- muss darum hechelnd Wasser verdampfen.
13 gen, deren Gefrierpunkt unter der aktuellen Luft- Das Problem der Verdampfungswärme wird
temperatur liegt und darum flüssig bleibt. Es mag in 7 Kap. 5.3.7 behandelt.
14 überraschen, soll hier aber ohne weitere Begrün- 5 Im thermodynamischen Gleichgewicht treten
dung lediglich festgestellt werden: Die Gefrier- aus einer Flüssigkeitsoberfläche genauso viele
punktserniedrigung %Ts hängt nur vom Lösungs- Flüssigkeitsmoleküle aus wie ein. Das setzt vo-
15 mittel und der Anzahldichte n der gelösten Teil- raus, dass die Konzentration der Flüssigkeits-
chen ab, nicht aber von deren Art, von der gelös- moleküle in der Luft einen ganz bestimmten
16 ten Substanz also: Wert hat. Diese Konzentration ist nichts an-
deres als der Partialdruck des Dampfes im
%Ts _ n.
Gleichgewicht. Dieser für das Gleichgewicht
17 Statt der Teilchenanzahldichte kann man jede charakteristische Partialdruck wird Dampf-
der in 7 Kap. 1.2.2 aufgeführten Dichten und Ge- druck der Flüssigkeit genannt. Er ist für jede
18 halte benutzen. Flüssigkeit verschieden und hängt stark von
der Temperatur ab (s. nächstes Kapitel). Ste-
19 Merke hen Flüssigkeit und Dampf nicht miteinander
Die Gefrierpunktserniedrigung ist nahezu pro- im Gleichgewicht, so verdampft entweder die
Flüssigkeit oder der Dampf kondensiert. Bei-
20 portional zur Stoffmengendichte der gelösten
des kostet Zeit. Schließlich muss die Umwand-
Substanz.
lungswärme heran- oder abgeführt werden.
5.3 · Phasenumwandlungen
141 5

5 Bei nichtmischbaren Flüssigkeiten in getrenn- 1,0


Siedepunkt: 34,6 °C 61,2 °C 78,4 °C 100 °C

ten Schalen können nur arteigene Flüssigkei-

Dampfdruck p D / (105 Pa)

l
ten aus dem Dampfraum zurückkehren; art- 0,8

er

oho
form
läth

r
sse
ylalk
fremde müssen draußen bleiben. Wenn sol-

oro
thy

Wa
Chl

Äth
0,6

Diä
che Flüssigkeiten in den gleichen Gasraum hi-
neindampfen, addieren sich ihre Dampfpar-
0,4
tialdrücke unabhängig voneinander zum Ge-
samtdruck.
0,2
5 Übersteigt der Dampfdruck einer Flüssigkeit
den äußeren Luftdruck (und den jeweiligen 0
Schweredruck dazu), so können sich Dampf- -10 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
Temperatur / °C
blasen auch innerhalb der Flüssigkeit bilden:
sie siedet. Der Siedepunkt hängt deutlich vom . Abb. 5.17. Dampfdruckkurven einiger Flüssigkeiten
Außendruck ab.

sitzt ihre eigene, für sie charakteristische Dampf-


5.3.5 Dampfdruck und Dampfdichte druckkurve; Abbildung 5.17 zeigt einige Beispiele.

Tut man eine Flüssigkeit in einen luftdichten Merke


Topf, pumpt schnell die Luft heraus und schließt Ein Dampfdruck steigt nahezu exponentiell
ihn dann, so verdampft die Flüssigkeit so lange, mit der Temperatur.
bis sich ein Gleichgewicht zwischen Dampf und
Flüssigkeit eingestellt hat. Dann herrschen über
dem Flüssigkeitsspiegel ein gewisser Dampfdruck Zum Dampfdruck pD gehört eine Dampfdichte SD,
und eine gewisse Dampfdichte. Beide hängen stark zu messen beispielsweise in g/cm3. Sie muss ge-
von der Temperatur ab. Pumpt man am Anfang sondert bestimmt werden, denn auf das Gasge-
die Luft gar nicht ab und schließt den Topf ein- setz kann man sich hier nicht verlassen: Dämp-
fach so, ändert das für die Flüssigkeit nichts: Sie fe im Gleichgewicht mit ihrer Flüssigkeit sind kei-
verdampft auch bei Anwesenheit von Luft so lan- ne idealen Gase. Für die wichtige Substanz Wasser
ge, bis sich die gleiche Dampfdichte und der glei- steht eine Tabelle im Anhang.
che Dampfdruck einstellt. Der Gesamtdruck im Eine Flüssigkeit beginnt zu sieden, sobald ihr
Topf ist dann natürlich höher, denn der Luftdruck Dampfdruck den äußeren Luftdruck erreicht. Da-
kommt noch dazu. rum repräsentiert Wasser mit seinem Siedepunkt
Ihren Dampfdruck sucht eine Flüssigkeit un- nur beim offiziellen Normaldruck von 1013 hPa
abhängig vom verfügbaren Volumen einzustel- den oberen Fixpunkt der Celsius-Skala. Auf der
len; sie verdampft eben so lange, bis sie ihr Ziel Zugspitze, also in 2960 m Höhe, siedet Wasser
erreicht hat. Das kann viel Zeit kosten, schließlich schon bei 90 °C, zu früh, um in 5 Minuten ein
muss ja die nötige Verdampfungswärme besorgt Hühnerei frühstücksweich zu kochen.
werden. In der freien Natur wechselt die Tem- Grundsätzlich ist der Dampfdruck als solcher
peratur im Laufe eines Tages schneller als Flüs- eine Kenngröße der Flüssigkeit; ein wenig hängt
se, Seen und Wälder mit dem Wasserdampfdruck er aber auch von Beimengungen ab. Löst man z. B.
nachkommen können. Zudem kann bei großem Zucker in Wasser, so sinkt der Dampfdruck, und
Dampfraum eine Flüssigkeit vollständig ver- der Siedepunkt steigt. Wie beim Gefrierpunkt
dampfen, ohne den Gleichgewichtsdampfdruck geht es auch hier nur um die Anzahldichte n der
erreicht zu haben. gelösten Moleküle, nicht um deren Art. Demnach
Dampfdrücke steigen keineswegs linear mit gilt (in guter Näherung)
der Temperatur an, sondern sehr viel steiler, nahe-
Dampfdruckerniedrigung %pD _ n.
zu exponentiell nämlich. Eine jede Flüssigkeit be-
142 Kapitel 5 · Wärmelehre

Die Proportionalitätskonstante ist im Einzel-


1 fall abhängig vom Lösungsmittel und dem aktu-
Merke

ellen Dampfdruck. Beim Sättigungsdampfdruck pD stehen Flüs-


2 Bringt man eine Lösung zum Sieden, so sigkeit und Dampf im thermodynamischen
dampft im Wesentlichen nur das Lösungsmittel Gleichgewicht.

3 ab; die Lösung wird immer konzentrierter, bis sie


sich schließlich übersättigt und der gelöste Stoff
auszukristallisieren beginnt. So gewinnt man seit Die Feuchtigkeit der Luft hat für das Wohlbefin-
4 Jahrhunderten Salz. Auch die Komponenten eines den des Menschen große Bedeutung, aus zwei
Flüssigkeitsgemisches verdampfen unterschied- Gründen vor allem: Einmal verlangen die emp-
5 lich leicht. Man kann sie durch Destillation von- findlichen Lungenbläschen mit Wasserdampf ge-
einander trennen. Weinbrand lässt sich nur so, sättigte Luft; die Schleimhäute der Atemwege
durch Brennen nämlich, herstellen; er besitzt Al- müssen das nötige Wasser liefern. Ist die Luft zu
6 kohol in höherer Konzentration, als die Hefe ver- trocken, dann macht ihnen das Mühe und sie füh-
trägt, die ihn produziert hat. Die Trennung gelingt len sich gereizt. Zum andern verlangt der Energie-
7 allerdings nicht vollkommen. Der Alkohol, der im haushalt des Menschen eine ständige Abgabe von
Kühler kondensiert, enthält auch nach wiederhol- Wärme an die Umgebung; dazu nutzt die Natur
8 ter Destillation noch rund 4% Wasser (azeotropi- auch die Verdampfungswärme des Wassers, das
sches Gemisch). von den Schweißdrüsen der Haut je nach Bedarf
Der Vollständigkeit halber muss hier erwähnt abgegeben wird. Die Verdampfung funktioniert
9 werden, dass auch Festkörper einen Dampfdruck aber nicht mehr, wenn die Luft schon mit Wasser-
haben, denn sonst könnten sie nicht sublimieren. dampf gesättigt ist. Feuchte Wärme empfindet der
10 Hiervon wird in 7 Kap. 5.3.8 noch kurz die Rede Mensch als unangenehme Schwüle. Beide Effekte
sein. hängen weniger an der tatsächlichen Dichte S des
11 Wasserdampfes in der Luft als an ihrem Verhältnis
zur Sättigungsdichte SD, also an der sog. relativen
5.3.6 Luftfeuchtigkeit Luftfeuchtigkeit S/SD. 70–80% sind dem Menschen
12 am zuträglichsten. Bei 100% beginnt das Nebel-
Wälder und Wiesen, Flüsse und Seen geben stän- nässen. Manche Frisuren reagieren auf Luftfeuch-
13 dig große Mengen Wasserdampf an die Luft ab. tigkeit; Haarhygrometer nutzen diesen Effekt zur
Dessen Partialdruck bleibt meist unter dem zur Messung. Sehr genau sind sie nicht.
14 lokalen Temperatur gehörenden Wasserdampf-
druck pD; erreicht er ihn, so ist die Luft mit Was- Merke
serdampf gesättigt. Man nennt pD deshalb auch
15 Sättigungsdampfdruck. In den frühen Morgen-
Absolute Luftfeuchtigkeit = aktuelle Wasser-
dampfdichte.
stunden wird es draußen kühl, sodass der zugehö- aktuelle Wasserdampfdichte
Relative Feuchte = .
16 rige Grenzwert pD schon mal unter den tatsächli- Sättigungsdamp pfdichte
chen Partialdruck geraten kann. Dann ist die Luft
übersättigt, der Wasserdampf möchte kondensie-
17 ren. Dazu braucht er aber Kondensationskeime. Wer sein Zimmer an kalten Wintertagen gut lüftet,
Zuweilen findet er sie im Staub der Luft, dann gibt treibt die Feuchtigkeit ins Freie: Wie in einer De-
18 es Morgennebel; immer findet er sie an den Blät- stille strebt der Wasserdampf in das Gebiet nied-
tern der Pflanzen, dann fällt Tau. Nebeltröpfchen rigsten Dampfdrucks, niedrigster absoluter Luft-
19 gewinnen Energie aus der Oberflächenspannung, feuchtigkeit. Den Verlust zu ersetzen, gelingt Ver-
wenn sie sich zu Regentropfen zusammenschlie- dunstungsschalen auf Heizkörpern nur unvoll-
ßen. kommen. Ein Wohnraum braucht nicht wenig
20 Wasser.
5.3 · Phasenumwandlungen
143 5

Unter den sog. Normalbedingungen von peratur verlangt viel Verdampfungsenthalpie oder
1013 hPa und 0 °C befindet sich ein Gas im Norm- liefert viel Kondensationsenthalpie.
zustand. Ist es obendrein noch trocken, so erfüllt Warum verwendet man diese exotische Voka-
es die in der Physiologie gebräuchliche „Standard- bel „Enthalpie“ statt der geläufigen „Wärme“? Ein
bedingung STPD“ (Standard Temperature Pres- Wechsel des Aggregatzustandes ist immer mit ei-
sure Dry). Atemluft in der Lunge hält sich demge- ner Änderung der Dichte verbunden, also einer
genüber an die „Standardbedingung BTPS“ (Bo- Änderung des Volumens. Beim Schmelzen ist sie
dy Temperature Pressure Saturated): Körpertem- vernachlässigbar klein, beim Verdampfen aber
peratur, Sättigung mit Wasserdampf, lokaler Luft- keineswegs. Nun muss das neue Volumen gegen
druck (nicht auf Meereshöhe reduziert!). den Dampfdruck gebildet werden, was eine Vo-
lumenarbeit erfordert. Sie gehört nicht zur Ver-
Merke dampfungswärme im engeren Sinn, der sog. inne-
5 Normalbedingung: 1013 hPa, 0 °C ren Verdampfungswärme, ist aber in der gemesse-
5 Standardbedingung STPD: 1013 hPa, 0 °C, nen Verdampfungsenthalpie enthalten. Analoges
trocken gilt grundsätzlich für alle Phasenumwandlungen.
5 Standardbedingung BTPS: momentaner
Merke
Luftdruck, 37 °C, mit Wasserdampf gesät-
tigt. Verdampfungsenthalpie:
innere Verdampfungswärme plus Volumenar-
beit.

Rechenbeispiel 5.12: Wasser in der Luft


7 Aufgabe. Wie viel Wasser enthält die Luft eines
3Wie die Diffusion und später die Dissoziation
Wohnraumes (30 m² Grundfläche, 2,7 m hoch) bei (7 Kap. 5.2.4 und 6.7.1), gehört die Verdampfung zu
20 °C und 75% relativer Luftfeuchtigkeit? (Tabelle den thermisch aktivierten Prozessen: Ein Molekül
im Anhang benutzen.) braucht, um die Flüssigkeit verlassen zu können, im Mit-
7 Lösung. Die Sättigungsdichte von Wasser- tel eine Aktivierungsenergie w, die ihm die Tempera-
dampf bei 20 °C beträgt SD = 17,3 g/m³. Das Volu- turbewegung liefern muss. Dem entspricht eine mola-
men des Raumes ist V = 81 m³. Also ist die Masse re Verdampfungsenthalpie W = w · NA. Allen thermisch
des Wassers: m  0, 75 ¸ SD ¸V  1, 05 kg, entspricht aktivierten Prozessen ist nun eine charakteristische
also einem Liter. Temperaturabhängigkeit gemeinsam. Sie wird durch
den sog. Boltzmann-Faktor exp(–w/kT) = exp(–W/RT)
beschrieben. Demnach gilt für den Dampfdruck
pD(T) = p0 exp(–W/RT).
5.3.7 Verdampfungsenthalpie Hier ist p0 ein hypothetischer Dampfdruck bei unend-
lich hoher Temperatur (sie würde den Exponenten zu
Um eine gewisse Menge Wasser zu verdampfen, null, die e-Funktion zu eins machen). Die Verdamp-
braucht man eine bestimmte Energie. Man nennt fungsenthalpie muss deshalb nicht selbst gemessen
sie Verdampfungsenthalpie und bezieht sie als spe- werden; sie lässt sich der Dampfdruckkurve entneh-
men. Dazu empfiehlt sich eine Auftragung im Arrhe-
zifische Enthalpie auf die verdampfte Masse und
nius-Diagramm (Swante Arrhenius, 1859–1927): log-
als molare Enthalpie auf die verdampfte Stoff-
arithmisch geteilte Ordinate über dem Kehrwert der
menge. Mit 2,4 MJ/kg (bei Körpertemperatur)
Temperatur längs der Abszisse. Wie . Abbildung 5.18
liegt Wasser wieder einmal ungewöhnlich hoch. zeigt, bekommt man eine fallende Gerade. Deren Stei-
Das hilft dem Menschen, wenn er seinen Wärme- gung ist zur Verdampfungsenthalpie proportional.
haushalt durch Transpiration in Ordnung halten Medizinisch gern genutzt wird die Verdampfungsen-
muss. Es sorgt auch für die, verglichen mit dem thalpie des Chloräthyls. Der Arzt hat es in Glasampul-
Kontinentalklima, gemäßigten Temperaturwech- len, die mit einem Federventil verschlossen sind. Ein
sel des Seeklimas: Jede Änderung der Wassertem- Druck auf dessen Hebel, und schon spritzt das Chlor-
144 Kapitel 5 · Wärmelehre

Temperatur T / °C Merke
1 100 50 0
Zustandsgrößen: Druck p, Temperatur T, Mol-
2 100
volumen Vn,
Zustandsgleichung: Gleichung zwischen den
Dampfdruck pD / kPa

Zustandsgrößen.
3
10
4 3Nicht ganz so ideale Gase folgen der Zustands-
gleichung von van der Waals (Johannes Diderik van
5 der Waals, 1837–1923)

1 (p + a/Vn2) · (Vn–b) = R · T.

6 Sie berücksichtigt mit der Materialkenngröße a die


anziehenden Kräfte, die auch zwischen Gasmolekü-
0
2,5 3,0 3,5 · 10-3 len auftreten und auf diese ähnlich wirken wie eine
7 Kehrwert der Temperatur K / T Erhöhung des äußeren Druckes. Der Einfluss wächst,
wenn die Moleküle dichter zusammenrücken, wenn al-
. Abb. 5.18. Arrhenius-Diagramm des Dampfdrucks von
so das Molvolumen abnimmt. Andererseits steht die-
8 Wasser; die Steigung der Geraden entspricht einer molaren
ses Molvolumen der thermischen Bewegung der Mo-
Verdampfungsenthalpie von 43 kJ/mol. Genaue Messungen
über einen größeren Bereich liefern eine leicht gekrümmte
leküle nicht voll zur Verfügung; sie sind ja keine aus-
9 Kurve: Mit steigender Temperatur nimmt die Verdampfungs- dehnungslosen Punkte im Sinn der Mathematik, son-
enthalpie ein wenig ab (s. auch Tabelle im Anhang) dern kleine Kügelchen mit einem Eigenvolumen. Mit
der zweiten Materialkenngröße b wird es von Vn abge-
10 zogen. Mit wachsendem Molvolumen verlieren beide
äthyl, vom eigenen Dampfdruck getrieben, in feinem Korrekturglieder an Bedeutung: Das van-der-Waals-
11 Strahl heraus. An Luft verdunstet es rasch und entzieht
seiner Umgebung die Verdampfungsenthalpie, die
Gas nähert sein Verhalten immer mehr dem des ide-
alen Gases an.
es dazu braucht. So kann man ein Furunkel leicht so
12 weit abkühlen, dass die Nerven empfindungslos wer-
Gleichungen idealisieren. Wenn man mit ihnen die
den: einfaches Verfahren zu kurzfristiger örtlicher Be-
Realität nicht mehr gut genug beschreiben kann,
täubung.
13 zeichnet man einen Graphen, ein Diagramm. Ein
Zustandsdiagramm muss den Zusammenhang zwi-
14 5.3.8 Zustandsdiagramme
schen drei Zustandsgrößen darstellen; es braucht
ein dreidimensionales Koordinatenkreuz und lie-
fert darin ein räumliches Modell. Das ist mühsam
15 Thermodynamisch ist der „Zustand“ eines Ga- herzustellen und lässt sich auf dem Papier nur in
ses durch seine Zustandsgrößen Druck p, Tempe- perspektivischer Zeichnung wiedergeben. Dar-
16 ratur T und Molvolumen Vn vollständig beschrie- um weicht man gern in die sog. Parameterdarstel-
ben. Die Gasmenge gehört nicht zu den Zustands- lung aus: Man trägt im ebenen, zweiachsigen Ko-
größen und das reguläre, also nicht stoffmengen- ordinatenkreuz Kurven ein, zu denen jeweils fes-
17 bezogene Volumen ebenfalls nicht. Zustandsgrö- te Werte der dritten Größe als Parameter gehören.
ßen sind nicht unabhängig voneinander; gibt man Als Beispiel diene das p-V-Diagramm eines idea-
18 zwei vor, stellt sich die dritte ein. Den Zusammen- len Gases (. Abb. 5.19, linkes Teilbild): Nach Aus-
hang beschreibt im Einzelfall eine Zustandsglei- sage der Zustandsgleichung sind die Isothermen,
19 chung. Das Gasgesetz die Kurven gleicher Temperatur also, Hyperbeln
der Form p _ 1/Vn. Ebenso gut könnte man im
p · Vn = R · T
V-T-Diagramm Isobaren eintragen, also Kurven
20 ist die Zustandsgleichung der idealen Gase. konstanten Druckes (sie sind Geraden) oder im
p-T-Diagramm Kurven konstanten Volumens, Iso-
5.3 · Phasenumwandlungen
145 5

T1 < T2 p1 > p2 V1 > V2 p V


p V p
p2 V2

T2 p1
V1
T1 pD
V T T
V TD T
. Abb. 5.19. Drei Parameterdarstellungen des Zustandsdi-
agramms idealer Gase: Isothermen im p-V-Diagramm (links),
. Abb. 5.20. Verdampfung und Kondensation bedeuten iso-
Isobaren im V-T-Diagramm (Mitte), Isochoren im p-T-Dia-
baren und isothermen Wechsel des Volumens. Im Koexistenz-
gramm. Solange die Achsen keine Zahlenwerte bekommen,
bereich von flüssiger und gasförmiger Phase verläuft die Iso-
ist es gleichgültig, ob man unter „Volumen“ das Volumen V
therme im p-V-Diagramm demnach horizontal beim Dampf-
einer abgeteilten Gasmenge versteht oder das spezifische Vo-
druck pD und die Isobare im V-T-Diagramm vertikal beim Sie-
lumen Vs = V/m oder das stoffmengenbezogene (molare) Vo-
depunkt TD
lumen Vn = V/n

choren genannt (sie sind ebenfalls Geraden): Alle


drei Diagramme der . Abb. 5.19 besagen dassel-
be, und zwar dasselbe wie das Gasgesetz.

Merke

5 Isobare: Kurve konstanten Drucks


5 Isotherme: Kurve konstanter Temperatur
5 Isochore: Kurve konstanten Molenvolu-
mens
p < pD p = pD p > pD

Überschreitet der Druck eines Gases den Dampf- . Abb. 5.21. Koexistenzbereich. Entspricht der Stempel-
druck der dazugehörigen Flüssigkeit, so beginnt druck p genau dem Dampfdruck pD, so bleibt der Stempel
die Kondensation: Viel Gasvolumen verschwindet, bei jedem gewünschten Volumen innerhalb des Koexistenz-
wenig Flüssigkeitsvolumen entsteht. Druck und bereiches stehen. Ein kleines Zusatzgewicht lässt den Dampf
vollständig kondensieren, ein kleines Entlastungsgewicht die
Temperatur bleiben konstant; lediglich die Kon-
Flüssigkeit vollständig verdampfen
densationswärme muss abgeführt werden. Im Ko-
existenzbereich von Gas und Flüssigkeit kann ei-
ne vorgegebene Substanzmenge jedes angebotene p p
Tk
Volumen dadurch ausfüllen, dass sie sich passend
auf die beiden Aggregatzustände verteilt. Deren
spezifische oder auch Molenvolumina bestimmen pk pk
die Grenzen des Koexistenzbereiches . Abb. 5.21.
Kondensation und Verdampfung erfolgen genau
bei dem (temperaturabhängigen) Dampfdruck
pD: Hier ist die Isotherme zugleich Isobare, hori-
zontal im p-V-Diagramm (. Abb. 5.22). Nach Ab- V Tk T
schluss der Kondensation existiert nur noch die
flüssige Phase. Sie ist nahezu inkompressibel und . Abb. 5.22. p-V-Diagramm der Phasenumwandlung. Mit
steigender Temperatur und steigendem Dampfdruck engt
dehnt sich bei Erwärmung nur geringfügig aus;
sich der Koexistenzbereich (Grenze im linken Teilbild gestri-
entsprechend verläuft die Isotherme im linken chelt) immer mehr ein, bis er am kritischen Punkt verschwin-
Teilbild sehr steil und die Isobare im rechten sehr det. Bei der kritischen Temperatur Tk und dem kritischen
flach (. Abb. 5.22). Druck pk endet die Dampfdruckkurve (rechtes Teilbild)
146 Kapitel 5 · Wärmelehre

Nur beim Dampfdruck pD können Gas und


1 Flüssigkeit nebeneinander im thermodynami-
p

schen Gleichgewicht existieren. Überwiegt der flüssig


2 Stempeldruck p auch nur minimal, so konden- fest
siert der ganze Dampf, ist p auch nur ein wenig zu
3 klein, so verdampft die ganze Flüssigkeit.
Es gibt nun einen sehr merkwürdigen Effekt. gasförmig

Erhöht man die Temperatur, so steigt der Dampf- T


4 druck, und zwar kräftig. Mit ihm steigt aber auch
die Dampfdichte, spezifisches und Molenvolumen . Abb. 5.23. Phasendiagramm. Die Grenzkurven der drei

5 nehmen also ab. Bei der Flüssigkeit nehmen sie Phasenbereiche treffen sich im Tripelpunkt, nur dort können
die drei Aggregatzustände nebeneinander (im thermodyna-
aber zu, denn die dehnt sich bei Erwärmung aus mischen Gleichgewicht) existieren
(wegen der geringen Kompressibilität kommt die
6 Druckerhöhung nicht dagegen an). Folglich wer-
den die Dichte der Flüssigkeit und die Dichte des und den Sublimationsdruck des Festkörpers. Al-
7 Gases immer ähnlicher. Die Dichte ist es aber ge- les wird im Phasendiagramm zusammengefasst,
rade, die Flüssigkeit und Gas voneinander unter- das schnelle Auskunft darüber gibt, unter wel-
8 scheiden. Bei einem bestimmten Temperaturwert chen Bedingungen welche Aggregatzustände ge-
verschwindet der Unterschied dann ganz, Flüssig- geben sind (. Abb. 5.23). Alle drei Kurven treffen
keit und Gas unterscheiden sich gar nicht mehr sich im Tripelpunkt, dem einzigen Punkt, in dem
9 Dies ist die sog. kritische Temperatur. Im p-V-Di- die drei Aggregatzustände gleichzeitig existieren,
agramm wandern die Volumina von beiden Seiten im thermodynamischen Gleichgewicht jeden-
10 her, aufeinander zu und engen den Koexistenzbe- falls. Wenn an einem kalten Wintertag ein Bach,
reich immer mehr ein, bis er am kritischen Punkt auf dem Eisschollen schwimmen, sichtbar dampft,
11 ganz verschwindet: Die Dampfdruckkurve hat ein befindet er sich nicht am Tripelpunkt, aber auch
oberes Ende; zur kritischen Temperatur gehört nicht im Gleichgewicht. Der Tripelpunkt des Was-
auch ein kritischer Druck und ein kritisches Molvolu- sers lässt sich so genau feststellen, dass er zum Fix-
12 men. Darüber unterscheiden sich Dampf und Flüs- punkt der Kelvin-Skala erhoben wurde: 273,16 K;
sigkeit nicht mehr, ihre Dichten sind gleich gewor- er liegt 0,01 K über dem Eispunkt.
13 den: Die kritische Isotherme (T = Tk) hat beim kriti-
schen Druck pk nur noch einen horizontalen Wen- Merke

14 depunkt, den kritischen Punkt. Darüber besitzt sie


kein horizontales Stück mehr. Dort lässt sich ein
Nur beim Tripelpunkt können alle drei Aggre-
gatzustände nebeneinander existieren.
Gas nicht verflüssigen, es ist zum permanenten Gas
15 geworden und wird mit steigender Temperatur ei-
nem idealen Gas immer ähnlicher (. Abb. 5.22).
16 5.3.9 Absorption und Adsorption
Merke
Nicht nur Festkörper, auch Gase können sich in
17 Im Koexistenzbereich existieren Flüssigkeit
Flüssigkeiten lösen. Man spricht hier von Absorp-
und Dampf nebeneinander. Er wird oben durch
den kritischen Punkt begrenzt: Flüssigkeit und tion. Das vielleicht bekannteste Beispiel liefert das
18 Dampf unterscheiden sich nicht mehr. Kohlendioxid in Bier, Sprudelwasser und Sekt. Die
Löslichkeit ist begrenzt, sie nimmt mit steigen-
19 der Temperatur ab. Schon vor dem Sieden perlt
Analog zur Dampfdruckkurve lassen sich im die vom Wasser absorbierte Luft auf und mit stei-
p-T-Diagramm Grenzkurven zwischen den an- gendem Partialdruck des Gases zu. Sektflaschen
20 deren Aggregatzuständen zeichnen; sie markie- haben feierlich vertäute Korken, denn ihr Inhalt
ren die Druckabhängigkeit des Schmelzpunktes steht unter Druck. Der von Limonadenflaschen
5.4 · Wärmehaushalt des Menschen
147 5

mit prosaischem Kronenkorken tut das freilich fahr droht aber beim Auftauchen, wenn nämlich
auch. Lässt man den Druck entweichen, so ist die der Luftdruck in der Lunge dem Wasserdruck ent-
Lösung übersättigt und schäumt auf, nicht gera- sprechend zurückgenommen werden muss. Ge-
de explosionsartig, denn auch hier handelt es sich schieht dies zu schnell, so wird das Blut übersät-
um einen Keimbildungsprozess, der seine Zeit tigt und scheidet Luftbläschen aus, die zu einer
braucht. Immerhin ist der Effekt interessant ge- Embolie führen können. Ähnliches droht Astro-
nug, um auch noch aus einem mittleren Wein ein nauten, wenn ein plötzliches Leck in ihrer Kapsel
festliches Getränk zu machen. den gewohnten Luftdruck zu schnell herabsetzt.
Die Konzentration des in der Flüssigkeit ge- Gas- und Flüssigkeitsmoleküle können auch
lösten Gases ist in etwa proportional zum Parti- an der Oberfläche von Festkörpern festgehalten,
aldruck des Gases in der Luft. Dabei nimmt aber wie man sagt, adsorbiert werden, besonders wirk-
die Löslichkeit, also die Proportionalitätskons- sam natürlich, wenn die Oberfläche groß, der Kör-
tante, wie schon gesagt, mit steigender Tempera- per also feinkörnig porös ist. Als eine Art Aller-
tur deutlich ab. Der Zusammenhang wird Henry- weltssubstanz erfreut sich hier die Aktivkohle be-
Dalton-Gesetz genannt und gern mit einer dimen- sonderer Beliebtheit, eine nachbehandelte Holz-
sionslosen Proportionalitätskonstante B ausge- oder Knochenkohle, die es bis auf 400 m2/g spe-
drückt: zifische Oberfläche bringt. Der Arzt verordnet sie
B bei manchen Darmbeschwerden, um wenigstens
cgas  p
760 gas die Symptome zu lindern.
Dabei ist cgas die Konzentration in Milliliter
Gas pro Milliliter Flüssigkeit und pgas der Partial- Merke
druck in der Druckeinheit mmHg. Dem aufrech- Absorption: Lösung von Gasmolekülen in einer
ten Physiker graut etwas vor solch einer Fromel, Flüssigkeit,
weil sie sich nicht an die SI-Einheiten hält und Adsorption: Bindung von Gasmolekülen an
man eben sehr genau dazusagen muss, was ge- Festkörperoberflächen.
meint ist. So sind die Milliliter Gas bei Normalbe-
dingungen (Luftdruck, 0 °C) gemeint. Wenn man
das alles weiß, ist die Formel aber ganz praktisch
und deshalb bei Physiologen beliebt. Für Sauer- 5.4 Wärmehaushalt des Menschen
stoff in Wasser z. B. beträgt B 0,031 bei 20 °C und
0,024 bei 37 °C. 5.4.1 Konvektion

Merke Wie jeder Warmblüter muss auch der Mensch sei-


Henry-Dalton-Gesetz: Konzentration des ge- ne Körpertemperatur gegen die meist kältere Um-
lösten Gases ist proportional zum Partialdruck welt verteidigen. Wale haben es besonders schwer:
in der Luft. Sie leben in einem Medium mit relativ hoher Wär-
meleitfähigkeit und Wärmekapazität und können
sich nur durch eine mächtige Speckschicht vor le-
Dieses Gesetz kann Sporttauchern durchaus ge- bensgefährlicher Auskühlung schützen. Landsäu-
fährlich werden, wenn sie nämlich mit einem ger kommen mit weniger Speck aus. Sie stehen
Atemgerät in größere Tiefen vorstoßen. Dort las- nur mit Luft in unmittelbarem Wärmekontakt; die
tet der Schweredruck des Wassers auf ihnen. Sie aber bietet, wie alle Gase, nur vergleichsweise we-
müssen deshalb ihrer Lunge Atemluft von glei- nige Moleküle zu Wärmetransport und -speiche-
chem Druck zuführen; anders könnten sie ihren rung an. Schwimmvögel wie die Enten nutzen die-
Brustkorb nicht heben. Das ist an sich unbedenk- se Eigenschaft der Gase aus: Sie gehen nicht un-
lich, denn der Sauerstofftransport zu den Orga- mittelbar mit warmem Bauch ins kalte Wasser,
nen wird sowieso vom Hämoglobin besorgt und sondern packen ein wärmeisolierendes Luftpols-
nicht etwa durch das im Blut absorbierte Gas. Ge- ter dazwischen, eingeschlossen in sorgsam gefet-
148 Kapitel 5 · Wärmelehre

tete und deshalb nicht benetzbare Federn. Warum die Körperoberfläche; er muss vollständig an die
1 trägt aber der Eisbär ein dickes Fell? Er kann da- umgebende Luft weitergereicht werden:
rin doch nur die gleiche Luft einsperren, die ihn jQ  B ¸ (Tx TL ).
2 sowieso umgibt.
Wärme kann auch mit Materie transportiert Danach hat Tx sich zu richten.
3 werden. Der Heizkörper der Zentralheizung bie-
tet ein guter Beispiel für solche Konvektion: Die Klinik
aufgewärmte Luft steigt ihrer geringeren Dich- Je größer, um so verfressener. Ein Bernhar-
4 te wegen zur Decke, sinkt abgekühlt wieder her- diner hat – wen wundert’s – einen höheren
unter und kriecht über dem Boden zum Heizkör- äGrundumsatz P0 als ein Zwergpinscher. Ganz

5 per zurück. Dadurch wird die Wärme sehr effek- naiv könnte man erwarten, dass P0 proportio-
tiv vom Heizkörper an die Luft übertragen. Was nal zur Körpermasse m eines Warmblüters an-
hier technisches Ziel ist, will der Eisbär unterbin- steigt und damit im Wesentlichen auch propor-
6 den. Eben dazu dient sein Fell, und der Mensch tional zum Körpervolumen V, denn die mitt-
zieht sich warm an. lere Dichte aller Tiere entspricht so ungefähr
7 Die Wirkung der freien thermischen Konvek- der des Wassers. Nun muss aber die vom Kör-
tion korrekt auszurechnen, ist nahezu unmöglich, per entwickelte Wärme durch die Körperober-
8 dazu sind die Strömungsverhältnisse viel zu kom- fläche A abgeführt werden. Man könnte also
pliziert. Unabhängig von den Details wird aber die auch P0 _ A erwarten. A steigt aber nur propor-
Dichte jQ des Wärmestromes im Großen und Gan- tional zu V2/3, jedenfalls bei einander (im Sinne
9 zen proportional zur Differenz %T der Tempera- der Mathematik) „ähnlichen“ Körpern. Tatsäch-
turen des Heizkörpers und der von der Konvekti- lich schlägt die Natur einen Mittelweg ein und
10 on noch nicht erfassten Luft sein. Das erlaubt, mit entscheidet sich für
der Gleichung jQ = hcv · %T eine Wärmeübergangs-
P0 _ m3/4.
11 koeffizienten hcv zu definieren. Für Zimmerluft gibt
es brauchbare Erfahrungswerte. Eine horizontale Wie . Abbildung 5.24 zeigt, gilt diese Bezie-
warme Fläche bringt es auf hcv ~ 9 W/(m2 · K), ei- hung erstaunlich genau, von der Maus bis zum
12 ne vertikale auf hcv ~ 5,5 W/(m2 · K). Elefanten.

13 Merke

Wärmeübergang mit Konvektion:


14 Wärmestromdichte Elefant
jQ = hcv · %T 103
Grundumsatz P0 / W

15 mit Wärmeübergangszahl hcv. Wildschwein Rind


2 Schwein
10
Schaf Mensch
16 Die Gleichungen von Wärmeleitung und Wärme- Hund
übergang zusammen erlauben, die zweckmäßige 10 Hahn Condor
Henne Gans
Schichtdicke d von Fell oder Kleidung abzuschät-
17 zen. Die Oberflächentemperatur der Haut betra-
1 Taube Ratte
ge TH, die der Luft TL; an der Außenseite der Klei- kleine
18 dung stelle sich Tx ein. Dieser Wert hängt von der Vögel
Maus
Wärmeleitfähigkeit M der Kleidung ab; ist sie ex- 0,1
10-2 1 102
19 trem hoch, so wird Tx x TH, ist sie extrem klein, so
Körpermasse m / kg
folgt Tx x TL. Auf jeden Fall verlässt ein Wärme-
strom der Dichte
20 M
. Abb. 5.24. Grundumsatz und Körpermasse folgen bei
Warmblütern recht genau einem Potenzgesetz mit dem Ex-
jQ  (TH Tx )
d ponenten 3/4
5.4 · Wärmehaushalt des Menschen
149 5

Rechenbeispiel 5.13: Frierender Mensch Unsichtbare Temperaturstrahlung wird zu-


7 Aufgabe. Der Mensch hat eine Oberfläche von weilen auch Wärmestrahlung genannt. Wer sich
etwa 1,5 m². Wie groß wäre sein Wärmeverlust dicht vor einen eisernen Kanonenofen setzt, dem
durch Konvektion, wenn er nackt in einem 15 °C leuchtet diese Bezeichnung höchst sinnfällig ein.
kalten Raum stünde? Es handelt sich aber um elektromagnetische Wel-
7 Lösung. Die Temperatur der Hautoberfläche len im infraroten Spektralbereich, also um Licht
wird nicht ganze 37 °C sein, vielleicht nur 33 °C. im weiteren Sinne.
Dann ist ca. P  5, 5 W m²K ¸1, 5 m² ¸ 8nC  66 W. Das
ist die Leistung einer Glühbirne. Merke

Temperaturstrahlung („Wärmestrahlung“):
Jeder Körper verliert Energie durch Abstrah-
5.4.2 Temperaturstrahlung lung von Licht (im weitesten Sinn des Wortes).
Der Energiestrom wächst mit der vierten Po-
Siehe auch 7 Kap. 7.3.3. tenz der Temperatur und verschiebt dabei sei-
Vakuum unterbindet jeden Temperaturaus- nen Schwerpunkt zu kürzeren Wellenlängen.
gleich durch Wärmeleitung oder Konvektion; das
gilt für die Doppelwand des Dewar-Gefäßes und
für den Weltraum. Trotzdem bleibt eine Form des An wolkenlosen Sommertagen darf die Lufttem-
Wärmeaustausches möglich: der durch Tempera- peratur nur „im Schatten“ gemessen werden, an-
turstrahlung nämlich. Ohne Strahlung gäbe es auf dernfalls wird das Thermometer zum Strahlungs-
der Erde kein Leben; seine Energiequelle ist die empfänger und wandelt Sonnenlicht in Wärme
Sonne, durch den leeren Weltraum von ihm ge- um, die es nur dadurch wieder loswerden kann,
trennt. dass es sie an die Luft weitergibt. Dazu ist aber
Wärme besteht im Wesentlichen aus der ki- ein Temperaturgefälle unerlässlich: Das Thermo-
netischen Energie ungeordneter Molekülbewe- meter zeigt „zu viel“ an. Nur so sind manche Ur-
gungen und ist somit an Materie gebunden. Wär- laubsberichte zu verstehen, die von 50 °C erzäh-
meaustausch über Temperaturstrahlung durch len. Man muss schon sehr viel trinken, um gegen
das Vakuum setzt deshalb zweimalige Energie- echte Lufttemperaturen dieser Größe „anschwit-
umwandlung voraus: Die Strahlungsquelle ver- zen“ zu können. Besonders empfindlich gegen
liert Wärmeenergie, der Strahlungsempfänger Strahlung sind übrigens Thermometer mit dun-
gewinnt Wärmeenergie, unterwegs ist aber ei- kel gefärbtem und dadurch gut sichtbarem Alko-
ne elektromagnetische Welle und deren Energie. hol. Metallisch reflektierendes Quecksilber weist
Auch sichtbares Licht gehört zu diesen Wellen. demgegenüber den größten Teil der einfallenden
Ausführlich behandelt werden sie im Kapitel „Op- Strahlungsleistung durch Spiegelung ab.
tik“, entsprechend findet sich auch dort ein Kapi- Jede Fläche hat gegenüber sichtbarem und un-
tel über Temperaturstrahlung (7 Kap. 7.3.3). Hier sichtbarem Licht ein
sei nur soviel vorweggenommen: Jeder Körper auf
Absorptionsvermögen
einer Temperatur über 0 K – und das heißt wirk-
absorbierte Strahlungsleistung
lich jeder Körper – strahlt Licht ab, wenn auch B=
einfallende Strahlungsleisstung
nicht notwendigerweise sichtbares. Erst von etwa
700 °C aufwärts beginnt eine heiße Fläche für das und ein
menschliche Auge erkennbar zu glühen. Mit stei-
Reflexionsvermögen
gender Temperatur verschiebt sich das Spektrum
reflektierte Strahlungsleistung
der Strahlung zu kürzeren Wellen (Wien-Verschie- S= .
einfallende Strahlungsleiistung
bungsgesetz). Die gesamte Strahlungsleistung, in-
tegriert über alle Wellenlängen, wächst rapide mit Beide liegen zwischen 0 und 1 und hängen
der Temperatur an, proportional zu T4 nämlich durchweg markant von der Wellenlänge ab. Im
(Stefan-Boltzmann-Gesetz). sichtbaren Spektralbereich macht dies die Welt
150 Kapitel 5 · Wärmelehre

so bunt. Eine Ausnahme bildet der graue Körper Klinik


1 mit dem Grenzfall des schwarzen Körpers (B = 1, Raucher strahlen weniger. Auch die unsichtba-
S = 0). Generell verlangt der Energiesatz: re Temperaturstrahlung, ausgesandt von Kör-
2 B + S = 1.
pern, die zum Glühen noch nicht heiß genug
sind, ist Licht. Man kann mit ihr fotografieren,
3 Eine völlig weiße Fläche (B = 0, S = 1) reflek- sofern man entsprechend sensibilisierte Filme
tiert vollständig, wenn auch nicht regulär wie verwendet (die man dann möglicherweise im
ein Spiegel, sondern mehr oder weniger diffus Kühlschrank aufbewahren muss, um sie nicht
4 („Streureflexion“). schon mit der Strahlung der Zimmertempera-
Auch die Temperaturstrahlung reagiert auf tur zu belichten). . Abbildung 5.25 zeigt die
5 B und S; sie muss es einem allgemeinen Prinzip Hand eines Menschen, fotografiert im Eigen-
zuliebe. Dieses besagt: Der Wert, auf den sich ein licht, und zwar vor und bald nach dem Genuss
thermodynamisches Gleichgewicht (wenn über- einer Zigarette: Nikotin verengt die Blutgefä-
6 haupt) einstellt, ist unabhängig von dem Weg, auf ße und senkt damit die Oberflächentemperatur
dem dies geschieht. Nun einigen sich zwei Körper, der Haut. Umgekehrt macht sich eine Mandel-
7 die Wärme durch Leitung untereinander austau- entzündung durch erhöhte Temperaturstrah-
schen können, mit Sicherheit am Ende auf eine lung der entsprechenden Halspartie bemerk-
8 gemeinsame Temperatur. Sind sie hingegen ther- bar. Ein Wettersturz kann den passionierten
misch voneinander isoliert, tauschen sie also nur Bergsteiger dazu zwingen, auf dem Gletscher
durch Temperaturstrahlung Energie aus, so muss zu übernachten. Dazu muss er sich warm ein-
9 das Strahlungsgleichgewicht trotzdem zum glei- wickeln. Wolldecken sind schwer und belasten
chen Ergebnis führen, auch wenn der eine Körper den Rucksack. Eine leichte, reflektierend me-
10 schwarz und der andere weiß ist. Der weiße absor- tallisierte Kunststoffplane tut es auch. Für den
biert freilich so gut wie nichts von dem, was ihm äWärmehaushalt des Menschen spielt sei-

11 der schwarze zustrahlt; folglich darf er auch so ne Eigenstrahlung eine wichtige Rolle. Für den
gut wie nichts abstrahlen, denn im Gleichgewicht Wärmehaushalt der Erde gilt dies erst recht; er
muss er exakt die gleiche Strahlungsleistung ab- lässt sich überhaupt nur durch Strahlung in sein
12 geben wie aufnehmen. Maximales Emissions- Fließgleichgewicht bringen (7 Kap. 5.5.2).
vermögen für Temperaturstrahlung besitzt des-
13 halb nur der schwarze Körper: Er sendet schwar-
ze Strahlung aus, die ihm seine Bedeutung gibt.
14 Umgekehrt sind Dewar-Gefäße üblicherweise
verspiegelt, um nämlich einen Wärmeaustausch
durch Strahlung so gut wie möglich zu unterbin-
15 den: Wer gut reflektiert, strahlt schlecht.

16
17
18
19
20 . Abb. 5.25. Thermogramm. Hand eines Menschen im infraroten Licht ihrer eigenen Temperaturstrahlung. Die Thermogram-
me wurden im Abstand von zwei Minuten während des Rauchens einer Filterzigarette aufgenommen: Nikotin verengt die Blut-
gefäße und senkt mit der Durchblutung auch die Temperatur der Haut. (Aufnahmen von Prof. W. Stürmer, Erlangen)
5.5 · Wärmenutzung
151 5

Rechenbeispiel 5.14: Der Mensch friert noch schwitzt in thermodynamisch wie physiologisch
mehr sinnvoller Weise. Zum echten Saunagenuss ge-
7 Aufgabe. Außer durch Konvektion verliert der hört jetzt aber ein kräftiger Guss kalten Wassers
nackte Mensch Wärme auch durch Strahlung. Wie auf die heißen Steine. Urplötzlich ist die Luft mit
viel? Wasserdampf gesättigt und der Schweiß fließt in
7 Lösung. Die meisten Menschen sind zwar nicht Strömen. Nur hilft das thermodynamisch nichts:
schwarz, aber doch in guter Näherung ein schwar- Verdampfung ist nicht mehr möglich, Verdamp-
zer Strahler. Die Stefan-Bolzmann-Gleichung kann fungsenthalpie kann nicht aufgebracht werden.
also direkt angewendet werden: Es kommt zum Wärmestau im Organismus. Sei-
P  1, 5 m 2 ¸ T ¸ 306 K
4  746 W. Diese gewalti- ne Wärmekapazität muss ihn auffangen: Die Kör-
ge Strahlungsleistung lässt den Menschen aber pertemperatur steigt. Das erlaubt dann den letz-
nur erkalten, wenn er einsam durch die Wei- ten Saunagenuss: Wälzen im Schnee (die Skandi-
ten des Weltalls schwebt. Das 15 °C kalte Zim- navier haben ihn). Einem stabilen Kreislauf kann
mer strahlt ja auch auf ihn zurück, und zwar mit: man das alles zumuten, es trainiert und stärkt ihn
P  1, 5 m 2 ¸ T ¸ 288 K
4  585 W. Nur die Differenz möglicherweise sogar. Wer freilich in der Sauna
von 161 W lässt den Menschen frieren. bewusstlos wird, überlebt nur noch mit fremder
Hilfe.

5.4.3 Transpiration Rechenaufgabe 5.15: schwitzender Mensch


bei 37 °C
Energietransport durch Wärmeleitung, durch 7 Aufgabe. Bei einer Umgebungstemperatur von
Konvektion und durch Temperaturstrahlung 37 °C kann sich der Mensch der Wärmeproduktion
läuft immer nur von warm nach kalt. Wie hält der seines Grundumsatzes (mit einer Leistung von ca.
Mensch seine Körpertemperatur von 37 °C bei 100 W, . Abb. 5.26) nur noch durch Transpiration
„fünfundvierzig Grad im Schatten“? entledigen. Wie viel Wasser müsste er dazu am Tag
Er schwitzt, weniger vulgär ausgedrückt: er ausschwitzen?
transpiriert. Physikalischer ausgedrückt: Er hält 7 Lösung. Ein Tag hat 86.400 Sekunden; ein
seine Haut so feucht, dass er Wärme als Ver- Grundumsatz von 100 W entspricht also 8,64 · 106
dampfungsenthalpie loswerden kann. Wasser Joule pro Tag. Die Verdampfungsentalpie von
verdampft auch in heiße Luft hinein, vorausge- Wasser beträgt 2,4 · 106 J/kg. Unser schwitzender
setzt, sie ist nicht schon mit Wasserdampf ge- Mensch muss also etwa 3,6 Liter Wasser verdamp-
sättigt. Darum ist die trockene Hitze der Wüs- fen. Im Extremfall kann ein Mensch diese Menge
te leichter zu ertragen als die Schwüle tropi- sogar in zwei bis drei Stunden ausschwitzen. Die
scher Regenwälder. Die relative Luftfeuchtigkeit „normale“ Wasserabgabe durch Atmung und Was-
(7 Kap. 5.3.6) hat großen Einfluss auf die Ver- serdiffusion aus der Haut beträgt 0,5 bis 0,8 Liter
dampfungsgeschwindigkeit und damit auf den pro Tag.
Wärmestrom, der durch das Schwitzen abgege-
ben werden kann. Wer sich freilich den Schweiß
aus der Stirn wischt, vergeudet Verdampfungsen- 5.5 Wärmenutzung
thalpie: Sie kühlt auch jetzt, aber nicht die Stirn,
sondern das Taschentuch. 5.5.1 Die Sonderstellung der Energieform
Nordländer provozieren den Schweißausbruch „Wärme“
in der Sauna, und zwar zunächst in trockener Hit-
ze. Auch wenn die kalte Außenluft mit Wasser- Ob er es zugibt oder nicht, einen guten Teil seiner
dampf gesättigt sein sollte, mit steigender Tempe- „Lebensqualität“ bezieht der moderne Mensch
ratur steigt auch der Sättigungsdampfdruck. Weil daraus, dass er mit Energie verschwenderisch
aber der Partialdruck konstant bleibt, sinkt die re- umgehen darf, bereitwillig zur Verfügung ge-
lative Luftfeuchtigkeit. Der Mensch in der Sauna stellt beispielsweise von der Steckdose. Sie sitzt
152 Kapitel 5 · Wärmelehre

am Ende eines verästelten Netzes von Kabeln Anteil %U; zusätzlich muss aber auch das Äquiva-
1 und Fernleitungen, an dessen anderen Enden lent der mechanischen Arbeit W zugeführt wer-
Generatoren der Kraftwerke elektrische Ener- den:
2 gie einspeisen. Getrieben werden die Generato-
Qp = %U + W = n · cp · %T.
ren zumeist von Turbinen, die Dampf aus koh-
3 le- oder ölbefeuerten Kesseln beziehen. Die che-
mische Energie des Brennstoffes wird zunächst
Die molare Wärmekapazität bei konstantem
Druck cp ist deshalb größer als cv. Zwischenformen
in Wärme umgewandelt, danach in mechanische zwischen diesen beiden Grenzfällen sind grund-
4 Energie und schließlich in elektrische, denn die sätzlich möglich; auf jeden Fall aber gilt
lässt sich am leichtesten dort anliefern, wo sie
Q = %U + W.
5 verlangt wird.
Wichtiges Glied in der Kette ist die Turbi- Die zugeführte Wärme Q muss sowohl den
ne, die Wärmekraftmaschine, die Wärme in me- Anstieg %U der inneren Energie decken als auch
6 chanische Energie umsetzt. Ungeachtet aller mo- die abgegebene mechanische Energie W. Dies ist
dernen, technischen Raffinessen kann diese Um- die Aussage des 1. Hauptsatzes der Thermodyna-
7 setzung grundsätzlich in folgendem Gedanken- mik, aus heutiger Sicht wenig aufregend, formu-
versuch geschehen: Man sperrt ein (am besten liert er doch nur den Energiesatz für einen spe-
8 auch noch ideales einatomiges) Gas in einen auf- ziellen Fall. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war
recht gestellten Zylinder und verschließt diesen das aber eine große Entdeckung, weil es die Natur
oben mit einem gasdichten und reibungsfrei be- eines „caloricum“ genannten Etwas aufdeckte, das
9 weglichen Kolben. Technisch ist das zwar ein Wi- ein Körper bei Erwärmung aufnahm.
derspruch in sich, aber einen Gedankenversuch
10 braucht das nicht zu stören. Erwärmt man jetzt Merke
das Gas (durch Zufuhr der Wärmemenge Q von 1. Hauptsatz der Wärmelehre:
11 außen), so dehnt es sich aus, vergrößert also sein
Q = %U + W;
Volumen um %V. Der Kolben sorgt mit seiner Ge-
wichtskraft F für einen konstanten Gasdruck p; er Wärme ist eine Form der Energie.
12 wird um %h angehoben und gewinnt dabei po-
tentielle mechanische Energie Durch rein theoretische Überlegungen lässt sich
13 W = F · %h = p · %V,
jetzt Folgendes zeigen. Eine Wärmekraftmaschi-
ne kann nur dann ständig Wärme in mechani-
14 die dann irgendwie weiterverwendet werden kann.
Für das Prinzip der Wärmekraftmaschine ist nur
sche Energie umwandeln, wenn sie wiederholt
bei einer oberen Temperatur To Wärmemengen
wichtig: Wärme Q wird eingesetzt und mechani- Qo aufnehmen und bei einer unteren Temperatur
15 sche Energie W kommt heraus. Mit welchem Tu kleinere Wärmemengen Qu abgeben kann. Sie
stellt dann die Differenz Qo–Qu als mechanische
Wirkungsgrad I = W/Q?
16 Arbeit W zur Verfügung. Für W gibt es aber eine
Grundsätzlich kann man den Kolben fest- obere Grenze, die kein noch so schlauer Erfinder
klemmen. Dann wird keine mechanische Energie überbieten kann. Es ist grundsätzlich nicht mög-
17 geliefert und die zugeführte Wärme kommt allein lich, über den sog. Carnot-Wirkungsgrad
der mit der thermischen Wimmelbewegung der
18 To Tu
Moleküle verbundenen inneren Energie %U des Ic 
To
Gases zugute:
19 Qv = %U = n · cv · %T.
hinauszukommen (Sadi Carnot, 1796–1832). Auf
der Erde kann eine Wärmekraftmaschine, welche
cv ist die molare Wärmekapazität bei konstantem auch immer, die untere Temperatur schwerlich un-
20 Volumen. Auch wenn man das Gas bei konstantem ter die Umgebungstemperatur bringen: Tu x 300
Druck erwärmt, verlangt die innere Energie ihren K. Andererseits wird bei 600 K der Dampfdruck
5.5 · Wärmenutzung
153 5

des Wassers schon unangenehm hoch. Das bedeu- kommt dann als Regen wieder herunter und kann
tet: Ic x 50%. Viel mehr ist aus einer Dampfturbi- auf seinem Rückweg zum Meer Wasserkraftwer-
ne kaum herauszuholen. ke betreiben, die dem Menschen elektrische En-
ergie liefern. Letzten Endes wird aber auch die-
3Hinter dem Carnot-Wirkungsgrad steht der sog. ser Teil der Sonnenstrahlung zu Wärme. Wasser-
2. Hauptsatz der Thermodynamik. Er hat eine unge- räder und Windmühlen befriedigen den Ener-
heuere Tragweite. Dass es kein Perpetuum mobile gibt, giehunger der Menschen in den technisch entwi-
sagt schon der Energiesatz, also auch der 1. Hauptsatz ckelten Ländern schon lange nicht mehr. Darum
der Wärmelehre. Der 2. Hauptsatz stellt zusätzlich fest:
zapft man fossile Energiespeicher an, die Pflan-
Es gibt auch kein „Perpetuum mobile 2. Art“, das me-
zen und Fische vor Jahrmillionen in Form von
chanische Energie liefert, indem es einem Körper stän-
dig Wärme entzieht und nichts weiter tut. Das ist ein Kohle, Erdöl und Erdgas angelegt haben. Hier
Jammer, denn ein Schiff, das den Ozean ein wenig ab- treibt die Menschheit seit rund einhundert Jah-
kühlt und mit der dem Wasser entzogenen Wärme sei- ren nackten Raubbau.
ne Maschinen treibt, wäre nicht weniger erfreulich als Die Photosynthese verwendet die Energie des
eines mit einem echten Perpetuum mobile im Maschi- Sonnenlichtes zum Aufbau komplizierter Mole-
nenraum. Der 2. Hauptsatz sagt aber auch, dass Wär- küle, die mit ihrer chemischen Energie Nahrung
me immer nur zum Teil in mechanische (oder eine an- für Mensch und Tier liefern. Zugleich wird Koh-
dere) Energie überführt werden kann, nie vollständig. lendioxid (CO2) verbraucht und Sauerstoff (O2)
Immer bleibt etwas Wärme übrig. Umgekehrt lässt sich erzeugt, den Mensch und Tier zum Atmen brau-
aber jede andere Energie vollständig in Wärme um-
chen. Die Leistungsfähigkeit der Photosynthese
wandeln. Demnach muss der Anteil der Wärme an der
ist groß, aber ebenso wenig unbegrenzt wie So-
gesamten Energie ständig zunehmen: Das Universum
geht dem „Wärmetod“ entgegen. Besorgt braucht der larkonstante und Erdoberfläche. Alles, was at-
Mensch deswegen nicht zu sein. Als das Sonnensystem mend CO2 produziert, muss auf die Dauer mit
vor rund 4 Milliarden Jahren entstand, war das Univer- dem Sauerstoff auskommen, den die Pflanzen er-
sum schon rund 10 Milliarden Jahre alt. Weitere 4 Mil- zeugen. So gesehen kann sich die Menschheit nur
liarden Jahre wird die Sonne vermutlich noch weiter- auf Kosten der Tierwelt vermehren. Das Verfeu-
brennen wie bisher; danach gibt es kein Leben mehr ern fossiler Brennstoffe in Kraftwerken, Autos
auf der Erde. Das Universum wird vermutlich sehr viel und Wohnraumheizungen verlangt einen zusätz-
länger bestehen. Der Wärmetod kommt, wenn er denn lichen Anteil am Sauerstoff; Steppenbrände tun
kommt, langsam. dies auch.
Das Gleichgewicht zwischen Erzeugung und
Verbrauch von O2, zwischen Verbrauch und Er-
5.5.2 Zum Wärmehaushalt der Erde zeugung von CO2 ist seit einigen Jahrzehnten er-
kennbar gestört: Der CO2-Gehalt der Erdatmos-
Dass sich das Leben auf der Erde so entwickeln phäre nimmt rasanter zu als je zuvor. Mit kaum
konnte, wie es sich entwickelt hat, verdankt es vor absehbaren Folgen, denn CO2 ist ein wichtiger
allem einer Größe, die sich dem Einfluss des Men- Vertreter der sog. „Klimagase“.
schen entzieht, der extraterrestrischen Solarkons- Nach dem 2. Hauptsatz wird aus der von der
tante KS = 1,36 kW/m2. Sie ist die Flächendichte Erde nicht reflektierten Sonnenenergie, was im-
der gesamten Temperaturstrahlung, die durch die mer im Einzelnen abläuft, schließlich und end-
Oberflächentemperatur der Sonne im Abstand lich Wärme. Sie darf nicht auf der Erde verblei-
des Erdbahnradius angeliefert wird. Die Erde re- ben, denn die würde sich sonst aufheizen. Loswer-
flektiert einen Teil unmittelbar in den Weltraum den kann der Erdball diese Energie nur dadurch,
zurück, ungefähr 1 kW/m2 kommt aber am Erd- dass er sie in den Weltraum zurückstrahlt, aus
boden an und wird dort vor allem in Wärme um- dem sie kommt. Diese Abstrahlung wird durch
gesetzt, zum Teil vom Chlorophyll der Pflanzen die Klimagase behindert, glücklicherweise, denn
zur Photosynthese verwendet, zu einem ande- ohne den dadurch bedingten Treibhauseffekt wäre
ren Teil zum Verdampfen von Meerwasser. Dieses es auf der Erde arg kalt. Nur darf man nicht über-
154 Kapitel 5 · Wärmelehre

treiben. Das für das Leben auf der Erde so wichti- anders kann eine Behinderung der Abstrahlung
1 ge Fließgleichgewicht zwischen Zu- und Abstrah- nicht ausgeglichen werden. Dass dieser Prozess
lung reagiert empfindlich: Zunahme des CO2-Ge- bereits läuft, wird kaum noch bezweifelt; nur über
2 haltes erhöht die Oberflächentemperatur, denn das Ausmaß darf man noch streiten.

3 In Kürze

4 Formel Größe [Einheit]

Absolute Temperatur
5 absolute Temperatur T = Temperatur in °C T: absolute Temperatur [K, Kelvin]
+ 273,15 K
6 Wärme (Q) kinetische und Schwingungsenergie der Molekülbewegung
Q
C
7 Wärmekapazität
%T
C: Wärmekapazität [J/K]
Q: Wärmemenge [J, Joule]
%T: Temperaturänderung durch
8 Zuführen von Q

9 Spezifische Wärmekapazität c
C   J ¯
C: spez. Wärmekapazität ¡ °
m ¢ kg ¸ K ±
10 Wärmekapazität bezogen
auf die Masse
m: Masse [kg]

11 Gasgesetz

Gasgesetz p·V=n·R·T p: Druck [Pa]


V: Volumen [m3]
12 n: Anzahl der Mole [mol]
J
Gaskonstante: R  8,31
mol ¸ K
13
Osmose Druckdifferenz über eine semipermeable Membran
n
14 Van´t-Hoff-Gleichung: %p 
V
R ¸T

Druckdifferenz einer Lösung mit n Mol aktiver Teilchen gegenüber dem reinen
15 Lösungsmittel

Wärmeleitung und Diffusion


16 Der Wärmestrom (Teilchenstrom) ist proportional zum Temperaturgradienten (Konzentrationsgradienten).

1.Hauptsatz (Energieerhaltungssatz)
17 Energieerhaltungssatz Q: Wärmemenge [J]
Q = %U + W
U: innere Energie [J]
18 W: mechanische Arbeit [J]

19
20
Übungsfragen
155 5

Übungsfragen Wärmekapazität
t 12. Ein Tauchsieder habe eine elektrische Leistungsauf-
(t leicht; tt mittel; ttt schwer) nahme von 350 W. Wie lange braucht er, um eine Tasse Suppe
(250 ml) von 20 °C auf 50 °C zu heizen?
t 1. Wenn ein Stahlband (Ausdehnungskoeffizient im An- t 13. Es wird 1 Liter Wasser bei 0 °C mit 2 Liter Wasser bei
hang) um die Erde gelegt würde, sodass es bei 20 °C gerade 100 °C zusammengemischt. Welche Mischtemperatur stellt
passt, wie viel würde es über der Erde schweben (überall glei- sich ein?
cher Abstand) wenn man es auf 30 °C erwärmt? t 14. Um einen Kupferklotz von 20 °C auf 40 °C zu erwärmen,
t 2. Ein Gas befindet sich auf einer Temperatur von 0 °C. Auf werden 2 KJ gebraucht. Wie groß ist seine Wärmekapazität?
welchen Wert muss man die Temperatur erhöhen, um die tt 15. Ein gepflegtes Bier soll mit 8 °C serviert werden. Ehe
mittlere Geschwindigkeit der Moleküle zu verdoppeln? der Organismus die in ihm gespeicherte chemische Energie
t 3. Um welchen Faktor steigt der Druck eines in einem be- von 1,88 kJ/g verwerten kann, muss er es auf Körpertempera-
stimmten Volumen eingeschlossenen Edelgases, wenn die tur aufwärmen. Welcher Bruchteil des Brennwertes wird dafür
mittlere kinetische Energie der Atome verdoppelt wird? gebraucht? Bier besteht im Wesentlichen aus Wasser.
tt 4. Unter Normalbedingungen wiegt ein Liter Luft 1,293 g. ttt 16. Für die Reibungswärme des Blutstromes bringt das
Wie groß ist die mittlere Molekülmasse? Herz des Menschen eine Pumpleistung P0 von ungefähr 1,6 W
t 5. Das beste im Labor erreichbare Vakuum ist etwa 10–10 auf (s. Frage 13). Angenommen, es arbeite mit einem Nutzef-
Pa. Wie viel Moleküle befinden sich dann etwa in einem Kubik- fekt von 25%, welche Leistung P muss es dann von seiner En-
zentimeter bei 20 °C? ergiequelle anfordern? Weiter angenommen, es beziehe die-
se Leistung vollständig aus der Verbrennung von Glukose
(Heizwert 17 kJ/g), welcher Massenstrom dm/dt von Glukose
muss dann ständig angeliefert werden? Weiterhin angenom-
Dampfdruck
men, Glukose sei im Blut mit einer Massendichte c = 100 mg/dl
t 6. Wie groß ist der Luftdruck, wenn Wasser schon bei 90 °C
gelöst, mit welcher Blutstromstärke I muss sich das Herz min-
kocht?
destens selbst versorgen? Im letzten Schritt wird der Glukose-
tt 7. Es ist Winter und Sie sind in einem Raum bei 20 °C und
strom dm/dt per Diffusion durch eine Aderwand transportiert.
52% Luftfeuchtigkeit. Sie beobachten, dass das Fenster be-
Setzt man den Diffusionsweg %x kurzerhand mit 0,1 mm an
schlägt. Welche Temperatur hat dann die Glasoberfläche
und die Glukosekonzentration im Gewebe des Herzmuskels
höchstens? (Benutzen Sie die Wassertabelle im Anhang)
der Einfachheit gleich null, welcher Konzentrationsgradient
c’ steht der Diffusion dann zur Verfügung? Messungen legen
Gasgesetz nahe, den Diffusionskoeffizienten D der Glukose im Muskel-
t 8. Eine halbleere Sprudelflasche habe bei 20 °C einen In- gewebe auf den runden Wert 1 · 10–6 cm2/s zu schätzen. Wel-
nendruck von 1,5 bar. Sie wird in die Sonne gestellt und die che Diffusionsfläche A ist dann für die Versorgung des Her-
Temperatur steigt auf 50 °C. Auf etwa welchen Wert steigt der zens mindestens notwendig? Zweifellos kann man mit derart
Druck in der Flasche? groben Annahmen nur Größenordnungen herausfinden; es
t 9. Eine Gasmenge wird so weit abgekühlt, dass sich sowohl lohnt nicht, zu den Zehnerpotenzen auch noch Faktoren mit
ihr Volumen als auch ihr Druck halbiert. Um welchen Faktor dem Taschenrechner zu bestimmen. Trotz aller Ungenauigkeit
hat sich die absolute Temperatur vermindert? sollte man aber den Nutzen solcher Überschlagsrechnungen
tt 10. Aus einer 50 l Druckflasche mit Helium werden Kin- nicht unterschätzen.
derluftballons aufgeblasen. Ursprünglich waren 28 bar in der
Flasche, nach vielen Ballons sind nur noch 5 bar Druck auf
der Flasche. Wie viel Prozent der ursprünglichen Gasmenge
Osmose
sind noch in der Flasche? Etwa wie viel Ballons (Durchmesser t 17. Eine wässrige Salzlösung und reines Wasser sind durch
30 cm) wurden aufgeblasen? eine semipermeable Membran getrennt, die die Salzionen
tt 11. Ein Kühlschrank mit einem Volumen von 155 l hat eine nicht durchlässt. Auf welcher Seite steigt der Wasserspiegel?
Tür mit 0,32 m² Innenfläche, die offen steht. Der Kühlschrank t 18. Eine semipermeable Membran trennt einen Behälter
ist abgeschaltet und deshalb ist es in ihm 20 °C warm bei 1 bar. mit reinem Lösungsmittel von einem zweiten mit einer Lö-
Nun wird der Kühlschrank geschlossen und angeschaltet. Die sung. Die Temperatur beträgt 20 °C. Um wie viel erhöht sich
Innentemperatur sinkt auf 7 °C. Angenommen, der Schrank ist der osmotische Druck, wenn die Konzentration der osmotisch
luftdicht, welche Kraft braucht man, um die Tür wieder aufzu- wirksamen Teilchen um 0,2 mol/Liter erhöht wird?
reißen? Tatsächlich haben die Hersteller an das Problem ge- t 19. Um welchen Faktor erhöht sich der osmotische Druck
dacht und irgendwo ein kleines Loch zum Druckausgleich ein- über einer semipermeablen Membran, wenn man die Tempe-
gebaut. Wie viel Luft strömt durch dieses in den Kühlschrank? ratur von 0 °C auf 273 °C erhöht?
156 Kapitel 5 · Wärmelehre

Wärmeaustausch
1 tt 20. Die Erde erhält eine Leistung von ca. 1000 W pro Qua-
dratmeter senkrecht angestrahlter Fläche von der Sonne und
strahlt diese auch wieder in den Weltraum ab (die Erde ist
2 im Gleichgewicht). Angenommen, die Erde ist ein schwarzer
Strahler, was ergibt sich für eine mittlere Oberflächentempe-
3 ratur der Erde? Bedenken Sie, dass immer nur die halbe Erde
angestrahlt wird, aber die ganze Erde abstrahlt.

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6.1 ·
157 6

Elektrizitätslehre

6.1 Die wichtigsten Messgrößen – 159


6.1.1 Strom, Spannung, Ladung – 159
6.1.2 Leistung und Energie – 162

6.2 Die wichtigsten Zusammenhänge – 163


6.2.1 Elektrischer Widerstand – 163
6.2.2 Das Ohm’sche Gesetz – 164
6.2.3 Stromwärme – 165
6.2.4 Kapazität – 166
6.2.5 Energie des geladenen Kondensators – 167

6.3 Wechselspannung – 168


6.3.1 Effektivwerte – 168
6.3.2 Kapazitiver Widerstand – 170

6.4 Elektrische Netzwerke – 171


6.4.1 Widerstände in Reihe und parallel – 171
6.4.2 Spezifischer Widerstand (Resistivität) – 173
6.4.3 Spannungsteiler – 174
6.4.4 Innenwiderstände – 176
6.4.5 Hoch- und Tiefpass – 177
6.4.6 Kondensatorentladung und e-Funktion – 178

6.5 Elektrisches Feld – 180


6.5.1 Der Feldbegriff – 180
6.5.2 Elektrisches Potential – 181
6.5.3 Das Potentialfeld – 183
6.5.4 Kräfte zwischen Ladungen – 186
6.5.5 Feld im Kondensator – 188
6.5.6 Energie des elektrischen Feldes – 189

6.6 Materie im elektrischen Feld – 190


6.6.1 Influenz und elektrische Abschirmung – 190
6.6.2 Der elektrische Strom – 191
6.6.3 Dielektrizitätskonstante (Permittivität) – 192
6.6.4 Das freie Elektron – 194
6.6.5 Ruhmasse und relativistische Masse – 197
6.6.6 Gasentladung – 198

6.7 Elektrochemie – 199


6.7.1 Dissoziation – 199
6.7.2 Elektrolyte – 201

6.8 Grenzflächen – 203


6.8.1 Membranspannung – 203
6.8.2 Galvani-Spannung – 205
6.8.3 Thermospannung – 206

6.9 Elektrophysiologie – 207


6.9.1 Die Auswertung des EKG nach Einthoven – 207
6.9.2 Elektrische Unfälle – 209
6.9.3 Schutzmaßnahmen – 210

6.10 Magnetische Felder – 212


6.10.1 Einführung – 212
6.10.2 Kräfte im Magnetfeld – 215
6.10.3 Erzeugung von Magnetfeldern – 217

6.11 Induktion – 219


6.11.1 Einführung – 219
6.11.2 Transformatoren – 222
6.11.3 Selbstinduktion – 223
6.11.4 Induktiver Widerstand – 225

6.12 Elektrische Schwingungen – 226


6.12.1 Der Schwingkreis – 226
6.12.2 Überlagerung von Schwingungen – 229
6.12.3 Geschlossene elektrische Feldlinien – 230
6.12.4 Der schwingende elektrische Dipol – 230
6.1 · Die wichtigsten Messgrößen
159 6

> > Einleitung


Elektrische Energie ist heutzutage die handlichste al-
ler Energieformen. Sie lässt sich vielseitig nutzen und
nahezu überall bereithalten, sofern ein dichtes Netz
von Kraftwerken, Überlandleitungen, Umspannstatio-
nen, Kabeln und Steckdosen erst einmal installiert wor-
den ist. Allerdings kann der Mensch auch diesen tech-
nischen Komfort nur unter Gefahr für Leib und Leben
nutzen: Die Verhütung elektrischer Unfälle verlangt
permanente Aufmerksamkeit. Die Natur hat organi-
sches Leben untrennbar mit elektrischen Erscheinun- . Abb. 6.1. Elektrokardiogramm eines gesunden Menschen;
gen verknüpft. Das ermöglicht Unfälle, aber auch se- unten Zeitmarken im Sekundenabstand, Pulsfrequenz dem-
gensreiche Geräte für Diagnose (Elektrokardiograph) nach ca. 72/min = 1,2 Hz
und Therapie (Herzschrittmacher). Zwischen elektri-
schen und magnetischen Feldern besteht eine so enge Schraubt man ein Taschenlampenbirnchen in
Verbindung, dass der Magnetismus mit unter der Über- eine passende Fassung und verbindet man deren
schrift „Elektrizitätslehre“ besprochen werden kann. Klemmen durch Kupferdrähte mit den Polen ei-
ner Taschenlampenbatterie, so leuchtet das Lämp-
chen auf (. Abb. 6.2). Elektrotechniker beschrei-
6.1 Die wichtigsten Messgrößen ben diesen einfachen Stromkreis mit einer Schalt-
skizze nach Art der . Abb. 6.3. Das liegende Kreuz
Wo immer elektrische Erscheinungen quantita- im Kreis steht für eine Glühbirne, die beiden un-
tiv behandelt werden, spielen die drei Messgrö- gleichen Querstriche entsprechen der Batterie, die
ßen elektrische Spannung, elektrischer Strom und Drähte werden durch gerade Linien repräsentiert.
elektrische Ladung wichtige Rollen. Weil es übersichtlicher ist, setzt man sie aus senk-
rechten und waagerechten Geraden zusammen,
auch wenn die Drähte krumm und schief im Ge-
6.1.1 Strom, Spannung, Ladung lände liegen sollten. In der Skizze ist noch zusätz-
lich ein Schalter eingezeichnet. Öffnet man ihn, so
Um ein Elektrokardiogramm (EKG) aufzeichnen zu erlischt die Glühbirne. In der fotografierten Schal-
können, muss der Arzt seinem Patienten mindes- tung würde man zu diesem Zweck einen der bei-
tens drei Elektroden anschnallen, an beide Hand- den Drähte an einem seiner beiden Enden ab-
gelenke und ein Fußgelenk, meist auch noch ei- klemmen.
nige mehr auf die Brust. Alle werden durch elek-
trisch leitende Kupferlitzen mit dem Kardio- Merke
graphen verbunden. Wenn alles in Ordnung ist, Ein elektrischer Strom fließt nur in einem ge-
zeichnen die Schreibstifte des Kardiographen schlossenen Stromkreis, und er fließt nur,
mehrere Kurven auf seinen Registrierstreifen, von wenn eine elektrische Spannung im Kreis ihn
denen eine so aussieht wie die der . Abb. 6.1. Ih- dazu anhält.
re medizinische Bedeutung braucht hier nicht be-
handelt zu werden. Jedenfalls zuckt der Schreib-
stift synchron zum Puls des Patienten. Offensicht- Diese Formulierungen erwecken den Eindruck,
lich ist das Herz nicht nur eine pulsierende Pumpe als wisse man, dass in einem Stromkreis etwas
für das Blut, sondern auch eine pulsierende Quel- „Elektrisches“ in ähnlicher Weise ströme wie bei-
le elektrischer Energie. spielsweise Wasser in einer Wasserleitung oder
Wer sich Grundkenntnisse in einem ihm neu- Blut in den Adern eines Menschen. Ganz falsch ist
en Gebiet aneignen will, beginnt zweckmäßiger- dieser Eindruck ja auch nicht. Aber es hat vielen
weise nicht mit so Kompliziertem. Forschern und vielen Technikern ungezählte Ar-
160 Kapitel 6 · Elektrizitätslehre

del erhältlicher Strommesser schon wissen, wie


1 man brauchbare Instrumente herstellt und eicht.
Im Internationalen Einheitensystem ist der elek-
2 trische Strom Basisgröße, bekommt die Basisein-
heit Ampère = A (zu Ehren von André Marie Am-
3 père, 1775–1836) und üblicherweise das Buch-
stabensymbol I. Zuweilen wird der Strom I auch
Stromstärke genannt. Bei Spannungsmessern ver-
4 lässt man sich ebenfalls auf den Fachhandel. Die
elektrische Spannung bekommt die SI-Einheit
5 Volt = V (zu Ehren von Alessandro Giuseppe An-
tonio Anastasio Volta, 1745–1827) und üblicher-
. Abb. 6.2. Stromkreis. Batterie und Glühbirne als geschlos-
weise den Kennbuchstaben U.
6 sener Stromkreis
Wer sich noch nicht auskennt, den mag überra-
schen, dass er in Laboratorien häufig sog. Vielfach-
7 instrumente vorfindet, die nicht nur über mehrere
Messbereiche verfügen, sondern sowohl Ströme
8 als auch Spannungen zu messen vermögen. Wie-
so sie beides können, wird erst später klar. Fol-
gendes überlegt man sich aber leicht: Ein Strom-
9 . Abb. 6.3. Schaltskizze zur Schaltung von . Abb. 6.2
messer misst nur denjenigen Strom, der durch
das Messwerk zwischen seinen beiden Anschluss-
10 beitsstunden gekostet, um im Einzelnen heraus- klemmen hindurchläuft, das Instrument muss im
zufinden, was da im Einzelfall strömt und es wird Stromkreis liegen, mit Batterie und Glühbirne in
11 etlicher Seiten dieses Buches bedürfen, um we- Reihe (oder auch in Serie), wie in . Abb. 6.4. Da-
nigstens die wichtigsten Erkenntnisse vollstän- bei ist es gleichgültig, auf welcher Seite es sich im
dig darzustellen. An dieser Stelle kann soviel ge- Stromkreis befindet, rechts oder links. Ein Span-
12 sagt werden: nungsmesser hingegen soll die Spannung der Bat-
Ein elektrischer Leitungsstrom transportiert terie unbeeindruckt vom restlichen Stromkreis
13 elektrische Ladung, und zwar dadurch, dass elek- messen. Er muss parallel zu der Batterie und dem
trisch geladene, submikroskopische Teilchen im Lämpchen geschaltet werden (. Abb. 6.5). Die
14 Leiter entlang strömen, sog. Ladungsträger. Spezi-
ell im Metall sind das Elektronen, also die kleins-
Batterie hat eine Spannung zu liefern, damit der
Strom fließen kann. Sie muss eine Spannungsquel-
ten und leichtesten unter den sog. Elementarteil- le sein, aber ebenso auch eine Stromquelle.
15 chen, aus denen sich alle Materie der Welt zusam- Wenn ein Strom fließt, wird elektrische La-
mensetzt. Im Metall sind Elektronen als bewegli- dung zwar transportiert, alles in allem aber nur
16 che Ladungsträger allemal vorhanden, ob nun ein im Stromkreis herumgeschoben. In Gedanken
Strom fließt oder nicht. Die Spannung der Batte- kann man sich an eine bestimmte Stelle des Krei-
rie erzeugt sie nicht, sie setzt sie lediglich in Be- ses setzen und die dort in der Zeitspanne %t vor-
17 wegung. Dabei treten aus dem einen Pol der Bat- beigelaufene Ladung Q bestimmen. Sie wächst mit
terie ebenso viele Elektronen heraus und in das
18 eine Ende des einen Drahtes hinein wie aus dem
anderen Ende des anderen Drahtes heraus in den
19 anderen Pol der Batterie hinein.
Wie misst man einen elektrischen Strom?
Im Einzelnen kann dies hier noch nicht darge-
20 legt werden. Als Experimentator darf man sich . Abb. 6.4. Ein Strommesser wird in Reihe mit dem „Ver-
aber darauf verlassen, dass die Hersteller im Han- braucher“ geschaltet
6.1 · Die wichtigsten Messgrößen
161 6

In welcher Richtung fließt denn nun der


Strom im Stromkreis herum, in welcher Richtung
die Elektronen, mit dem Uhrzeiger oder gegen
ihn? Schaut man eine Taschenlampenbatterie ge-
nau an, so findet man in der Nähe des einen Pols
ein stehendes Kreuz, ein Pluszeichen; es markiert
den sog. Pluspol. Dann versteht sich auch oh-
ne Markierung, dass der andere Pol der Minus-
. Abb. 6.5. Ein Spannungsmesser wird parallel zu Batterie pol ist. Das ist Konvention, man hätte auch rote
und Glühbirne („Verbraucher“) geschaltet
und grüne Punkte malen können. Man sagt nun
ferner, im äußeren Teil des Stromkreises fließe
der Stromstärke I. Bei zeitlich konstantem Strom der Strom vom Pluspol zum Minuspol, von Plus
I0 genügt einfache Multiplikation: nach Minus. Auch das ist Konvention, und dar-
um spricht man von der konventionellen Strom-
elektrische Ladung Q = I0 · %t.
richtung. Später hat sich nämlich herausgestellt,
Ändert sich I mit der Zeit, muss integriert dass die Elektronen negative elektrische Ladung
werden: tragen und im Draht der konventionellen Strom-
t1 richtung entgegenströmen. Generell sieht man
Q  ¨ I (t )¸ dt . einen Stromkreis als „geschlossen“ an und muss
t0 darum sagen, nur außen fließe der Strom von
Daraus folgt als SI-Einheit der Ladung die Plus nach Minus, innerhalb der Spannungsquelle
Amperesekunde A · s. Sie wird auch Coulomb ge- aber von Minus nach Plus.
nannt (zu Ehren von Charles Augustin de Cou- Dass es nützlich ist, die Klemmen der Batterie
lomb, 1736–1806) und C geschrieben. mit den mathematischen Vorzeichen + und – zu
bezeichnen, zeigt sich, wenn man mehrere Batte-
Merke rien elektrisch hintereinander schaltet, wenn man
Elektrischer Strom I, Basisgröße des Inter- sie also in Reihe schaltet: Bei richtiger Polung, im-
nationalen Einheitensystems, Einheit 1 Am- mer Plus an Minus, addieren sie ihre Spannungen
père = 1 A. (. Abb. 6.6); liegt aber eine Batterie falsch her-
Elektrische Spannung U, abgeleitete Größe, um (. Abb. 6.7), so subtrahiert sie ihre Spannung
Einheit 1 Volt = 1 V. von der Summe der anderen. Mathematisch ist ei-
Elektrische Ladung Q = I0 · %t, Einheit 1 Cou-
4,5 V 4,5 V 4,5 V
lomb = 1 C = 1 A · s.

– + – + – +
Elektrische Ladung wird immer von bestimm- 13,5 V
ten Elementarteilchen in der Materie getragen,
von Elektronen und Protonen. Diese sind auch die . Abb. 6.6. Batterien in Reihe. Drei Taschenlampenbatte-
rien in Reihe geschaltet: Ihre Einzelspannungen U0 addieren
wichtigsten Bausteine der Atome. Der Betrag die- sich zu U = 3U0
ser Ladung ist für beide Elementarteilchen gleich
und wird Elementarladung e0 genannt. Ihr Wert
4,5 V 4,5 V 4,5 V
ist:
Elementarladung e0 = 1,602 · 10–19 As. – + + – – +

Dies ist zugleich die kleinste mögliche La- 4,5 V

dungsmenge. Es wurden noch nie Bruchteile da- . Abb. 6.7. Batterien in Reihe. Eine der drei Batterien liegt
von beobachtet. „verkehrt herum“; sie subtrahiert ihre Spannung von der Sum-
menspannung der beiden anderen: U = 2 U0 – U0 = U0
162 Kapitel 6 · Elektrizitätslehre

ne Subtraktion aber nur eine Addition mit nega- tive laufen lassen. Diese fünf Beispiele sind hier
1 tiven Vorzeichen. Darum darf man die Gesamt- nach „steigendem Verbrauch“ aufgelistet, zuwei-
spannung U einer Reihe hintereinander geschal- len „Stromverbrauch“ genannt. Was ist damit ge-
2 teter Spannungsquellen als Summe der Einzel- meint? Ausdrücklich sei betont: Der elektrische
spannungen U2, U2 usw. schreiben: Strom fließt in einem geschlossenen Stromkreis.
3 U  U1 U 2 U 3 ... U n  œU i
n Er wird dabei nicht „verbraucht“. Häufig dient das
Wort „Strom“ als Ersatz für die sprachlich unbe-
i1
quemere „elektrische Energie“. Auch Energie lässt
4 An dieser Stelle sei die misstrauische Frage er- sich nicht „verbrauchen“ in dem Sinn, dass sie
laubt: Haben denn nun Wirbeltierherz und Ta- verschwände; sie lässt sich aber umwandeln von
5 schenlampenbatterie wirklich etwas miteinan- einer Form in eine andere. Dabei ist elektrische
der zu tun? Kann man etwa ein EKG auch mit ei- Energie höherwertig, weil besser verwendbar als
nem Vielfachinstrument beobachten? Kann man z. B. die Wärme der Zimmerluft, die man zwar aus
6 umgekehrt die Spannung einer Batterie mit ei- elektrischer Energie gewinnen, aber nur schwer
nem Kardiographen überprüfen? Der Besitzer des vollständig in sie zurückverwandeln kann. Letz-
7 Vielfachinstruments darf bedenkenlos das ihm ten Endes ist eine derartige „Entwertung“ elek-
zukommende Experiment ausführen und sich trischer Energie gemeint, wenn man von Energie-
8 überzeugen: Es geht nicht. Der Besitzer des Kardi- oder gar Stromverbrauch redet.
ographen aber sei gewarnt: Möglicherweise muss Eine anfahrende Lokomotive verlangt mehr
sein kostbares Gerät anschließend zur Reparatur. Energie in kürzerer Zeit als eine leuchtende Glüh-
9 Herz und Batterie haben schon etwas miteinan- birne: Die oben aufgelisteten fünf Möglichkei-
der zu tun, nur liegen die Spannungen, die sie ab- ten sind nach steigender Leistung geordnet. Elek-
10 geben, um rund einen Faktor Tausend auseinan- trische Leistung P wird immer dann umgesetzt,
der; der Vielfachmesser ist nicht empfindlich ge- wenn bei einer Spannung U ein Strom I fließt; P
11 nug für das EKG und der Kardiograph zu emp- ist zu beiden proportional: elektrische Leistung
findlich für die Batterie. P = I · U (Einheit 1 Watt = 1 W = 1 V · A). Wenn
Im Bereich Mikrovolt (µV) liegen die Signa- man die Spannungsquelle umpolt, wechselt auch
12 le, die Fernsehantennen aus dem Äther fischen; der Strom sein Vorzeichen. Für die Leistung hat
Muskelkontraktionen erzeugen Millivolt (mV) das an dieser Stelle keine Bedeutung: Als Produkt
13 bis Zehntelvolt. Einige Volt sind für den Men- von U und I bleibt sie positiv. Minus mal Minus
schen ungefährlich, solange sie über die Haut an- gibt Plus, sagt die Mathematik.
14 gelegt werden (und nicht etwa über einen Herz-
katheter!). Die 220 V der Steckdose sind aber kei- Merke
neswegs mehr harmlos. Hochspannungsleitun-
15 gen im Bereich Kilovolt (kV) bekommen bereits
Elektrische Leistung
P=U·I
Warnschilder. Überlandleitungen bevorzugen
16 340 kV = 0,34 MV (Megavolt); Berührung ist töd- Einheit: 1 Watt = 1 W = 1 V · A.
lich. Röntgenröhren werden nicht selten mit ähn-
lich hohen Spannungen betrieben. Blitze können Die Typenschilder elektrischer Geräte können ein
17 es auf viele Gigavolt bringen. gewisses Gefühl für physikalische Leistung vermit-
teln. In einer Schreibtischlampe sind 100 W genug
18 bis reichlich. Der Mensch vermag sie mit seiner
6.1.2 Leistung und Energie Beinmuskulatur für eine Weile zu liefern. Er ver-
19 sagt aber beim Kilowatt (kW) eines kleinen Heiz-
„Elektrizität“ ist vielseitig verwendbar. Man lüfters. Kraftwerke werden heutzutage für Leistun-
kann mit ihr eine Armbanduhr betreiben, sei- gen über 1000 Megawatt = Gigawatt = 109 W aus-
20 nen Schreibtisch beleuchten, Brot rösten, ein Zim- gelegt. Sinnesorgane wie Auge und Ohr sprechen,
mer heizen oder auch eine Schnellzuglokomo- wenn sie gesund und ausgeruht sind, bereits auf
6.2 · Die wichtigsten Zusammenhänge
163 6

Signalleistungen von 1 Picowatt = 1 pW = 10–12 W Rechenbeispiel 6.1: Wie viel ist ein Blitz wert?
an. 7 Aufgabe. Ein anständiger Blitz hat eine Span-
Der Stromkunde muss dem Versorgungsun- nung von vielleicht 1 GV, führt einen Strom der
ternehmen die elektrische Energie %Wel bezahlen, Größenordnung 105 A und dauert ungefähr 100 µs
nach den Überlegungen des 7 Kap. 2.2.3 also das an. Welche Energie setzt er ungefähr um und was
Zeitintegral der elektrischen Leistung P(t). wäre sie im Kleinhandel wert?
7 Lösung. Wir nehmen einmal an, der Strom wäre
Merke über die ganze Zeit konstant. Das ist dann eine Ener-
Elektrische Energie (Leistung mal Zeit) gie: W  U ¸ I ¸ %t  109 V ¸105 A ¸104 s  1010 Ws 
t1 t1 2800 kWh. Das entspricht etwa 220 Euro, wenn
%Wel  ¨ P(t ) ¸ dt  ¨ U (t )¸ I (t )¸ dt . man die Energie denn nutzen könnte.
t0 t0

6.2 Die wichtigsten Zusammenhänge


Die Einheiten Volt und Ampere wurden so defi-
niert, dass die elektrische Energieeinheit Wattse- 6.2.1 Elektrischer Widerstand
kunde mit dem Joule übereinstimmt.
Welche Leistung ein Kunde seinem Elektrizitäts-
Merke werk abnimmt, hängt allemal von der Spannung
1 Wattsekunde = 1 Joule = 1 Newtonmeter, an der Steckdose ab: ohne Spannung weder Strom
1 Ws = 1 J = 1 Nm. noch Leistung. Ist die Spannung aber vorhanden,
dann entscheidet der Kunde selbst, insofern näm-
lich, als das Gerät, das er anschließt, einen be-
Diese Beziehung muss man sich merken. Auf je- stimmten Leitwert besitzt, der einen Stromfluss
den Fall braucht man sie, wenn man in irgendei- erlaubt, oder, umgekehrt formuliert, dem Strom-
ner Formel zwischen elektrischen und mechani- fluss einen bestimmten Widerstand entgegensetzt.
schen Größen und ihren Einheiten hin- und her- Die beiden Worte dienen als Namen physikali-
rechnen muss. Das kommt gar nicht so selten vor. scher Größen:
Für praktische Zwecke ist die Wattsekunde,
elektrischer Widerstand R = U/I
ist das Joule unangenehm klein. Elektrizitätswer-
mit der Einheit 1 Ohm = 1 8= 1 V/A,
ke rechnen in Kilowattstunden (1 kWh = 3,60 MJ)
und verlangen derzeit dafür einen Arbeitspreis elektrischer Leitwert G = I/U
von ungefähr 8 Cent. mit der Einheit Siemens = 1/8.
Der obige Vergleich der Einheiten für die En-
ergie wirft nun allerdings die Frage auf, was Span- Merke
nung mal Strom mal Zeit (also Spannung mal La-
dung) denn mit Kraft mal Weg zu tun hat. Tatsäch- Elektrischer Widerstand
U
lich kann man sich den Stromfluss mechanisch R ,
I
vorstellen: Die Elektronen werden im Stromkreis V
mit der Einheit 1 Ohm = 1 8 = 1 ,
von der Batterie herumgepumpt. Dabei muss A
elektrischer Leitwert
ein Widerstand, der sich aus Stößen der Elektro- I 1
nen mit den Atomen im Metall ergibt, überwun- G  ,
U R
den werden. Eine Kraft muss die Elektronen vo- 1
mit der Einheit 1 Siemens  .
8
rantreiben. Die Spannung ist sowohl ein Maß für
diese elektrische Kraft, als auch ein Maß für den
Weg, den die Elektronen zurücklegen. Genaueres Es ist nicht üblich, aber durchaus möglich, eine
zu diesen Vorgängen auf atomarer Ebene folgt in Nachttischlampe (230 V, 15 W) mit Taschenlam-
7 Kap. 6.5.1. penbatterien zu betreiben: 51 von ihnen, in Reihe
164 Kapitel 6 · Elektrizitätslehre

geschaltet, liefern 229,5 V. Das halbe Volt Unter-


1 15 W 2 spannung stört nicht. Für 15 W Leistung benötigt
die Glühbirne, wie man leicht nachrechnet, 65 mA
2 1 Strom. Das entspricht einem Widerstand von
3,5 k8. Nimmt man jetzt eine Taschenlampenbat-
3 terie nach der anderen heraus (. Abb. 6.8), so ge-
hen mit der Spannung auch Strom und Leistung
9 18 27 36 Volt 216 Volt zurück. Abbildung 6.9 zeigt die Strom-Spannungs-
4 Kennlinie der Glühbirne. Mit steigender Span-
. Abb. 6.8. Kennlinie. Schaltung zur Messung der Strom-
nung wird die Kurve immer flacher, I steigt we-
Spannungs-Kennlinie einer Glühbirne (welches der beiden
5 hier mit 1 und 2 bezeichneten Instrumente ist der Spannungs- niger als proportional zu U: Der Leitwert nimmt
messer?) ab, der Widerstand zu. Das muss nicht so sein. Bei
lebenden Organismen kommt gerade das Umge-
6 kehrte häufig vor. Alle Menschen sind verschie-
80 den, und darum gibt es auch nicht den elektri-
7 schen Widerstand des Menschen; aber man kann
60 doch Grenzwerte bestimmen, gemessen z. B. über
Strom I / mA

8 großflächige Elektroden an beiden Handgelen-


40
ken. Abbildung 6.10 zeigt das Ergebnis einer sol-
chen Messung, durchgeführt an frischen Leichen.
9 Vor einem Nachmessen an lebendigen Versuchs-
20
personen sei dringend gewarnt! Die Ströme sind
10 tödlich.
0
0 50 100 150 200
Beide Beispiele zeigen, dass der Widerstand
11 Spannung U / V sich mit der Spannung beziehungsweise dem
Strom ändern kann. In wichtigen Fällen ist das
. Abb. 6.9. Strom-Spannungs-Kennlinie einer Glühbirne aber nicht so, der Widerstand bleibt immer gleich.
12 (220–230 V, 15 W)
Davon handelt das nächste Kapitel.

13 6
6.2.2 Das Ohm’sche Gesetz
14
Widerstand R / kΩ

Auch wenn man es in einigen Büchern anders


4
liest: Die Gleichung R = U/I ist die Definitions-
15 gleichung des elektrischen Widerstandes und
nicht das Ohm’sche Gesetz. Das verlangt nämlich
2
16 die schnurgerade Strom-Spannungs-Kennlinie
der . Abb. 6.11, also eine Proportionalität zwi-
schen I und U, einen von U unabhängigen Wider-
17 0 stand R. Viele, vor allem technische Widerstände,
0 200 400 600 800
Spannung U / V wie sie in der Elektronik verwendet werden, er-
18 füllen diese Bedingung; man bezeichnet sie des-
. Abb. 6.10. Widerstand des Menschen. Grenzkurven der halb als ohmsche Widerstände. Hier muss auf eine
19 Widerstandskennlinien menschlicher Leichen; obere Grenzkur-
ve: zarte Gelenke, trockene Haut; untere Grenzkurve: starke Ge-
Besonderheit der deutschen Sprache aufmerksam
lenke, feuchte Haut
gemacht werden: Sie verwendet die Vokabel „Wi-
derstand“ sowohl für das Objekt, das man anfas-
20 sen und in eine Schaltung einlöten kann, als auch
für dessen physikalische Kenngröße R. Das er-
6.2 · Die wichtigsten Zusammenhänge
165 6

6.2.3 Stromwärme
Strom I
Elektrische Erscheinungen sind schnell. Wenn
man das Licht im Wohnzimmer mit dem Schalter
neben der Tür anknipst, leuchten die Glühbirnen
Spannung U sofort auf. Das heißt aber nicht, dass beim Schal-
ter Elektronen in den Startlöchern gestanden hät-
ten und wie der Blitz zu der Birne gerannt wä-
ren. Wozu auch? Marschbereite Elektronen finden
. Abb. 6.11. Ohmscher Widerstand. Strom-Spannungs-
sich überall im Metall, auch in den Glühdrähten.
Kennlinie eines ohmschen Widerstandes; sie ist immer eine
Gerade durch den Nullpunkt Schnell war nur die Übermittlung des Marschbe-
fehls; er läuft praktisch mit Lichtgeschwindigkeit
den Draht entlang, vom Schalter zur Birne.
laubt die Behauptung, ein Widerstand habe einen Elektronen im Draht müssen sich mühsam
Widerstand. Die Angelsachsen können zwischen zwischen dessen atomaren Bausteinen, den Io-
dem Gegenstand „resistor“ und der Größe „resis- nen des jeweiligen Metalls, hindurchquälen. Da
tance“ sprachlich unterscheiden. kommt es ständig zu Stößen, die einerseits den
Bewegungsdrang der Elektronen dämpfen: Sie
Merke kommen nur einige Zehntel Millimeter pro Se-
Das Ohm’sche Gesetz verlangt eine Proportio- kunde voran und keineswegs mit Lichtgeschwin-
nalität zwischen Strom und Spannung, also ei- digkeit. Andererseits fachen die Stöße die unge-
nen spannungsunabhängigen Widerstand. ordnete thermische Bewegung der um ihre Gitter-
plätze schwingenden Ionen an: Elektrische Ener-
gie wird laufend in thermische Energie, in Wärme,
Ohmsche Widerstände kommen in Technik und umgesetzt. Man bezeichnet sie als Joule’sche Wär-
Laboratorium so häufig vor, dass manche Schul- me oder auch kürzer als Stromwärme. Von man-
bücher so tun, als gäbe es nichts anderes. Metall- chen „Verbrauchern“ wie Glühbirne, Heizkissen,
drähte etwa, ob nun gerade gespannt oder auf ei- Toaströster wird nichts anderes erwartet. Sie sol-
nen Keramikzylinder aufgewickelt, sind ohmsch, len die ganze, der Steckdose entnommene elek-
allerdings dabei abhängig von der Temperatur. trische Leistung P = U · I, in Wärme umwandeln.
Auch die Glühbirne hätte eine ohmsche Kenn- Man darf sie auch auf den
linie, wenn sich der Glühfaden nicht erhitzte. In Widerstand R beziehen; nach dessen Definiti-
Schaltskizzen bekommt der Widerstand ein fla- on R = U/I gilt
ches Rechteck als Symbol (es erscheint zum ers-
P = I2 · R = U2/R.
ten Mal in . Abb. 6.19); wenn nicht ausdrücklich
etwas anderes gesagt wird, ist damit ein ohmscher Beides ist grundsätzlich nicht auf ohmsche
Widerstand gemeint. Widerstände beschränkt.
Auch zwischen den Klemmen eines Vielfach-
instruments liegt ein – meist ohmscher – (Innen- Merke
)Widerstand. Eben deshalb kann es Ströme wie Stromwärme: durch elektrischen Strom entwi-
Spannungen messen, denn zu jedem Strom gehört ckelte Wärme,
eine bestimmte Spannung und umgekehrt. Durch U2
Leistung P  U ·I  I 2 ·R 
eine geeignete Anpassung der internen Schaltung R
im Instrument muss man nur für den richtigen
Innenwiderstand sorgen (7 Kap. 6.4.4).
166 Kapitel 6 · Elektrizitätslehre

Klinik Rechenbeispiel 6.2: Überlandleitung


1 Warm durch äKurzwellenbestrahlung. Wär- 7 Aufgabe. Eine kleine Großstadt verlange zu ih-
me hilft bei Entzündungen und rheumatischen rer Energieversorgung eine elektrische Leistung
2 Schmerzen. Ein altes Hausmittel ist das Katzen- von 100 MW. Welchem Gesamtstrom entspricht
fell (lokale Behinderung der Abgabe von Kör- das in einer Überlandleitung von 380 kV? Wie groß
3 perwärme), nützlich sind aber auch Wärmfla-
schen und Heizkissen (lokale Wärmezufuhr
darf der ohmsche Widerstand dieser Überlandlei-
tung sein, wenn die Verlustleistung 1% der über-
von außen) oder Bestrahlungen mit infrarotem tragenen Leistung nicht überschreiten soll?
4 Licht (lokale Erzeugung von Wärme aus Strah- 7 Lösung. Strom:
lungsenergie). In allen diesen Fällen muss der P 108 W
I   263 A.
5 Patient aber die Wärme von der Oberfläche U 3,8 ¸ 105 V
zum tiefer liegenden Ort des Geschehens trans- Bei 1% Verlustleistung (also 106 W) ist der Wider-
portieren, durch Wärmeleitung. Das bedeu- stand:
6 tet nicht nur Verluste, sondern auch eine be- 106 W
RL   14, 4 8.
sondere thermische Belastung der Haut. Man I2
7 kann sie vermeiden, indem man den Patienten
unmittelbar elektrisch heizt, an der richtigen
8 Stelle Stromwärme entwickelt, allerdings nicht 6.2.4 Kapazität
durch unmittelbaren Anschluss an die Steckdo-
se. Nur mit beträchtlichem technischem Auf- Zwei Metallplatten, auf kurzem Abstand elektrisch
9 wand lässt sich erreichen, dass der Patient wirk- isoliert einander gegenübergestellt (. Abb. 6.12),
lich nur geheizt wird und ihm darüber hinaus bilden einen Kondensator. Was geschieht, wenn
10 nichts Böses geschieht. Das Verfahren heißt Di- man ihn an eine Batterie legt? Ein Strom kann
athermie oder auch Kurzwellenbestrahlung durch das isolierende Dielektrikum Luft zwischen
11 (7 Kap. 6.9.2). den beiden Platten ja wohl nicht fließen. Ein Dau-
erstrom fließt auch wirklich nicht; man kann aber
bei einem hinreichend empfindlichen Strommes-
12 Unvermeidlich entwickeln auch Kabel und Zu- ser beobachten, wie dessen Zeiger kurz zur Sei-
leitungen Stromwärme. Für die Energiewirt- te zuckt, wenn man zum ersten Mal Spannung an
13 schaft bedeutet das Verlustwärme, die aus ökono- den Kondensator legt. Schließt man die Platten an-
mischen Gründen so gut wie möglich vermieden schließend wieder kurz, so zuckt das Instrument
14 werden muss. Eben deswegen stehen Überland-
leitungen unter lebensgefährlich hohen Spannun-
in der entgegengesetzten Richtung. Eine empfeh-

gen. Transportiert werden muss eine bestimmte


15 Leistung P, weil sie von den „Stromabnehmern“
einer Stadt einfach verlangt wird. Je höher die
16 Spannung U ist, mit der transportiert wird, um-
so kleiner kann der benötigte Strom I = P/U ge-
halten werden, umso kleiner auch die Verlustleis-
17 tung Pv = I2 · RL. Andersherum: einen umso grö-
ßeren Leitungswiderstand RL kann sich die Elek-
18 trizitätsgesellschaft noch leisten und umso weni-
ger Kupfer muss sie in ihre Überlandleitungen in-
19 vestieren.

20
. Abb. 6.12. Plattenkondensator für den Hörsaal
6.2 · Die wichtigsten Zusammenhänge
167 6

gespeicherte elektrische Ladung Q ist proportio-


nal zur Spannung U, auf die der Kondensator auf-
+
geladen wurde. Als dessen Kenngröße definiert
– man dementsprechend die
Q
Kapazität C 
U
. Abb. 6.13. Kondensator im Stromkreis. Schaltung zur Be-
mit der Einheit
obachtung des elektrischen Verhaltens eines Kondensators –
rechts sein Schaltzeichen 1 Farad = 1 F = 1 C/V = 1 A · s/V.
Hier muss man aufpassen: Das kursive C steht
lenswerte Schaltung zeigt . Abbildung 6.13; sie für die physikalische Größe Kapazität, das gerade
benutzt einen Wechselschalter, der erlaubt, die lin- C für die Einheit Coulomb. Das Farad ist eine recht
ke Platte des Kondensators wahlweise an den po- große Einheit. Schon ein µF bedeutet einen ziem-
sitiven Pol der Batterie zu legen oder mit der rech- lich „dicken“ Kondensator, auch nF sind im Han-
ten Platte kurzzuschließen. del, während unvermeidliche und darum unge-
Wenn der Zeiger eines Amperemeters aus- liebte „Schaltkapazitäten“ zwischen den Drähten
schlägt, fließt ein Strom. Wenn er nur kurz ge- einer Schaltung zuweilen an pF herankommen.
zuckt hat, ist der Strom auch nur für kurze Zeit
geflossen, es hat sich um einen Merke

Stromstoß ¨ I (t )¸ dt Kapazität
Q
C
gehandelt, also um eine elektrische Ladung Q, wie U
C A¸s
in 7 Kap. 6.1.1 besprochen. Sie wurde beim Auf- Einheit: 1 Farad = 1F  1  1 .
V V
laden an den Kondensator abgegeben und floss
beim Entladen wieder zurück. Diese Ausdrucks-
weise ist verkürzt. Korrekt muss man sagen: Beim Weitere Formeln zur Kapazität finden sich in
Aufladen (Wechselschalter oben) entzieht die Bat- 7 Kap. 6.5.5.
terie der rechten Kondensatorplatte elektrische
Ladung Q und drückt sie auf die linke Platte; beim
Entladen (Wechselschalter unten) fließt Q wieder 6.2.5 Energie des geladenen
auf die rechte Platte zurück. Insgesamt enthält ein Kondensators
geladener Kondensator also genau soviel Ladung
wie ein ungeladener, nur verteilt sie sich anders: Mit der Ladungsverschiebung zwischen seinen
Die Platte am Pluspol der Batterie hat positive La- beiden Platten bekommt der Kondensator vom
dung bekommen, der anderen Platte wurde posi- Ladestrom Energie übertragen. Er speichert sie
tive Ladung entzogen, sie trägt jetzt negative La- und liefert sie bei der Entladung wieder ab. Inso-
dung vom gleichen Betrag. fern verhält er sich ähnlich wie eine wieder auf-
Kondensatoren sind wichtige Bauelemente ladbare Batterie, arbeitet aber ohne dessen kom-
der Elektronik. Ihr Äußeres verrät nicht viel von plizierte Elektrochemie. Warum dann der Auf-
ihrem inneren Aufbau, sie haben aber prinzipiell wand bei den Autobatterien? Könnte man sie
die gleichen Eigenschaften wie der Luftkonden- durch die technisch einfacheren Kondensatoren
sator von . Abb. 6.12. Nur sind sie stärker ausge- ersetzen? Man kann es nicht, weil deren Kapazi-
prägt und darum leichter zu untersuchen. Weiter- täten nicht ausreichen. 45 A · h = 162 kC bei 12 V
hin hält die moderne Messelektronik Geräte be- sind für einen Akku nichts Besonderes; ein Kon-
reit, die einen Stromstoß gleich über die Zeit inte- densator müsste dafür 162 kC/12 V = 13,5 kF auf-
grieren, also die Ladung Q unmittelbar anzeigen. bringen. Schon Kondensatoren mit einer Kapa-
Damit lässt sich dann ohne große Mühe heraus- zität von „nur“ einem Farad sind technisch nicht
finden: Die von einem technischen Kondensator leicht zu realisieren.
168 Kapitel 6 · Elektrizitätslehre

Spannung U
Zudem geht es weniger um die gespeicher-
1 te Ladung Q0 als um die gespeicherte Energie W0. UK U0

Beim Akku ließ sie sich leicht ausrechnen, weil er W0


W
2 seine Klemmenspannung UK konstant hält:
Q0 Q0
W0 = UK · Q0. entnommene Ladung Q
3 Beim Kondensator geht aber die Spannung
. Abb. 6.14. Vergleich Batterie – Kondensator. Die Abhän-
mit der entnommenen Ladung zurück. Umge-
4 kehrt wächst U(Q), der Kapazität C entsprechend,
gigkeit der Spannung von der entnommenen Ladung bei ei-
ner Batterie und beim Kondensator (schematisch); die schraf-
beim Aufladen proportional zu Q an, bis mit dem fierte Fläche entspricht der gespeicherten Energie
5 Endwert Q0 auch der Endwert U0 = Q0/C erreicht
wird. Die gespeicherte Energie W kann man jetzt
nur noch durch Integration bekommen: 6.3 Wechselspannung
6
Q0 Q0 Q
Q 1 0 Q2 6.3.1 Effektivwerte
W  ¨ U (Q)¸ dQ  ¨ dQ  ¨ Q ¸ dQ  0
7 0 0
C C
0
2C

 1 2 C ¸U 02  1 2 U 0 ¸ Q0 51 Taschenlampenbatterien in Reihe können einer


8 Nachttischlampe gegenüber die Steckdose erset-
Die Integration bringt hier den Faktor ½ ge- zen; beide Spannungsquellen halten 230 V bereit.
nau so herein, wie sie es in 7 Kap. 2.1.3 beim frei- Ein Vielfachinstrument, auf den richtigen Span-
9 en Fall (s = ½ ·g · t2) und bei der Energie der ge- nungsmessbereich geschaltet, zeigt die Spannung
spannten Schraubenfeder tat (W = ½ · D · x2). Die der Batteriekette bereitwillig an. Legt man es aber
10 graphische Darstellung der . Abb. 6.14 macht im gleichen Messbereich an die Steckdose, so vi-
den Faktor unmittelbar anschaulich. briert der Zeiger ungehalten um null herum. Der
11 Merke
Grund: Die Steckdose liefert nicht wie eine Batte-
rie zeitlich konstante Gleichspannung, sondern ei-
ne Wechselspannung. Deren Frequenz ist zu hoch,
12 Im Kondensator gespeicherte Energie:
1 1 als dass der Spannungsmesser mit seinem trägen
W  U 0 ¸ Q0  C ¸U 02
2 2 Messwerk zu folgen vermöchte. Ein Kathoden-
13 strahloszillograph (7 Kap. 6.6.4) kann den zeitli-
chen Verlauf der Spannung aber leicht auf seinen
14 Bildschirm zeichnen; . Abbildung 6.15 zeigt das
Rechenbeispiel 6.3: Kurz aber heftig Resultat: Die Steckdose präsentiert eine sinusför-
7 Aufgabe. Ein elektronisches Blitzgerät speichert mige Wechselspannung, Schwingungsdauer 20 ms
15 die Energie für den Blitz in einem 150-µF-Konden-
sator mit einer Ladespannung von 200 V. Ein Blitz
16 dauert etwa eine tausendstel Sekunde. Welche
Leistung wird in dieser Zeit erreicht?
7 Lösung. Die gespeicherte Energie beträgt mo-
17 derate W  1 2 C ¸U 2  3, 0 J. Wegen der kurzen
Blitzzeit entspricht das aber einer Leistung von
18 3000 W. Das ist der Vorteil des Kondensators als
Energiespeicher: Er kann die Energie sehr schnell
19 abgeben.

20 . Abb. 6.15. Wechselspannung der Steckdose auf dem Bild-


schirm eines Oszillographen; Ordinatenmaßstab: 130 V/cm;
Abszissenmaßstab: 11,9 ms/cm
6.3 · Wechselspannung
169 6

(Frequenz demnach 50 Hz), Spannungsamplitu- Der Definition entsprechend kann man ver-
de 325 V(!). Wieso darf das Elektrizitätswerk be- nünftigerweise nur bei sinusförmigen Wechsel-
haupten, es halte die Netzspannung auf 230 V? spannungen und -strömen von Effektivwerten re-
Diese Angabe meint den sog. Effektivwert Ueff den. Kompliziertere zeitliche Abläufe lassen sich
der Wechselspannung, definiert durch folgende zwar im Prinzip als Überlagerung mehrerer Si-
Festlegung: In einem ohmschen Widerstand soll nusschwingungen auffassen (7 Kap. 4.1.5), aber
eine sinusförmige Wechselspannung Ueff im Mit- in solchen Fällen muss man schon den ganzen
tel die gleiche Stromwärme erzeugen wie eine Verlauf registrieren. Beim EKG interessiert ohne-
Gleichspannung U0 mit gleicher Maßzahl: hin nur der zeitliche Verlauf der Spannung und
nicht ihr Betrag; Elektrokardiographen werden
3Beim ohmschen Widerstand R sind Strom und gar nicht erst geeicht.
Spannung zueinander proportional:
I(t) = U(t)/R. Merke
Zu einer sinusförmigen Wechselspannung Sinusförmige Wechselspannung: Effektivwert
U(t) = Us sin (X t) U
U eff  s ,
2
mit der Amplitude Us gehört also der sinusförmige
sinusförmiger Wechselstrom: Effektivwert
Wechselstrom
I
I eff  s .
I(t) = Is sin (X·t) 2
mit der Amplitude Is = Us/R. Strom und Spannung ha-
ben ihre Nulldurchgänge zu gleichen Zeitpunkten, zu Die Stromwärme einer an die Steckdose an-
denen dann auch keine Leistung umgesetzt wird. Da- geschlossenen Glühbirne wird pulsierend er-
zwischen wechseln U und I ihre Vorzeichen gemein- zeugt, pulsierend mit einer Frequenz von 100 Hz
sam; die Leistung bleibt positiv; Stromwärme wird im-
(. Abb. 6.16). Entsprechend pulsiert ihre Hellig-
mer nur entwickelt und niemandem entzogen. P(t)
keit. Das menschliche Auge ist zu träge, um die-
pendelt mit doppelter Frequenz zwischen 0 und ihrem
Maximalwert sem Flimmern zu folgen. Wenn man aber eine re-
flektierende Stricknadel im Schein der Lampe hin
Ps = Us · Is = Us2/R
und her wedelt, sieht man hellere und dunklere
(. Abb. 6.16). Ihr Mittelwert liegt in der Mitte: Streifen. Deutlicher als Glühbirnen zeigen Leucht-
<P> = ½ Ps = ½ Us2/R.
Definitionsgemäß soll aber die Gleichspannung U0 in R
Spannung U

die gleiche Leistung umsetzen:

<P> = P(U0) = U02/R.


Zeit t
Daraus folgt U02 = ½Us2 und damit ergibt sich die Ef-
fektivspannung zu:
U
U eff  s .
Strom I

2
Zeit t
Das Elektrizitätswerk hat Recht: Zum Effektiv-
wert Ueff = 230 V der Wechselspannung gehört
Leistung P

die Spannungsamplitude Us = Ueff · 2 = 325 V.


Die gleichen Überlegungen gelten übrigens auch
für den Strom und seinen Effektivwert, also:
Zeit t
I
Ieff  S
2 . Abb. 6.16. Leistung des Wechselstroms. Zeitlicher Verlauf
von Spannung U, Strom I und Leistung P bei einem ohmschen
Widerstand
170 Kapitel 6 · Elektrizitätslehre

stoffröhren diesen Effekt einer stroboskopischen sind sie um 90° = Q/2 gegeneinander phasenver-
1 Beleuchtung, denn bei ihnen wird die Lichtent- schoben, der kapazitive Strom eilt der Spannung
wicklung nicht durch die thermische Trägheit des voraus (. Abb. 6.17).
2 Glühfadens nivelliert. Es kann nicht verwundern, dass der Effektiv-
wert Ieff des kapazitiven Stromes dem Effektivwert
3 6.3.2 Kapazitiver Widerstand
Ueff der Spannung proportional ist. Es liegt darum
nahe, auch einen kapazitiven Widerstand mit dem
Betrag RC = Ueff/Ieff zu definieren. Wie groß wird
4 Legt man eine Gleichspannung an einen ungela- er sein? Hohe Kapazität C hat hohe Ladung zur
denen Kondensator, so fließt ein kurzer Strom- Folge, hohe Kreisfrequenz X ein häufiges Umla-
5 stoß; schließt man danach den Kondensator kurz, den. Beides vergrößert den Strom und verringert
so fließt der Stromstoß wieder zurück, in Gegen- den Widerstand: Der kapazitive Widerstand eines
richtung also. Polt man jetzt die Spannungsquelle Kondensators hat den Betrag
6 um, so fließt erneut ein Stromstoß zum Aufladen, U U 1
jetzt aber in der gleichen Richtung wie der letz- RC  eff  s  .
Ieff Is X ¸ C
7 te Entladestromstoß. Schließt man noch einmal
kurz, so fließt der Stromstoß wieder in der glei-
3Die Behauptung RC = 1/(XC) mag einleuchten, sie
8 chen Richtung wie der erste. Dieses Spiel mit ei-
muss aber durch quantitative Rechnung bestätigt wer-
nem Polwender von Hand zu betreiben, ist lang-
den. Definitionsgemäß ist die elektrische Ladung das
weilig. Eine Wechselspannung am Kondensator
9 bewirkt Vergleichbares: Sie lädt und entlädt den
Zeitintegral des Stromes:

Kondensator entsprechend ihrer Frequenz und %Q  ¨ I (t ) ¸ dt .


10 löst damit einen frequenzgleichen Wechselstrom Daraus folgt rein mathematisch, dass der Strom der
aus, einen kapazitiven Strom. Zumindest bei tech- Differentialquotient der Ladung nach der Zeit ist:
11 nischen Kondensatoren ist er sinusförmig wie die
I (t ) 
dQ
dt
.
Spannung. Es besteht aber ein markanter Unter-
schied zum Wechselstrom durch einen ohmschen Die Ladung wiederum folgt der Wechselspannung
12 Widerstand: Der kapazitive Strom wird null, wenn U(t) = Us · sin(Xt) mit der Kapazität C als Faktor:
der Kondensator mit dem einen oder anderen Vor- Q(t) = C · U(t) = C · Us · sin(X t).
13 zeichen voll geladen ist, also bei jedem Extrem- Ob man den Sinus oder den Kosinus schreibt, hat nur
wert der Spannung. Umgekehrt hat der Strom sei- für die hier uninteressante Anfangsbedingung eine Be-
14 ne Extremwerte immer dann, wenn der Konden-
sator leer und die Spannung null ist. Im ohmschen
deutung; . Abb. 6.17 ist für den Sinus gezeichnet. Dif-
ferenziert ergibt er den Kosinus; die Kettenregel der
Fall waren U und I in Phase, beim Kondensator Differentiation (7 Kap. 4.1.2) liefert zusätzlich ein X als
15 Faktor:
dQ(t )
 I (t )  X ¸ C ¸U s ¸ cos(Xt )  I s ¸ cos(Xt ).
16 dt
Spannung U

Sinus und Kosinus sind um 90° gegeneinander phasen-


verschoben. Wer will, darf deshalb auch
17 Zeit t
I(t) = Is · sin(Xt + 90°)
schreiben. Der Quotient Us/Is der beiden Spitzenwer-
18 te ist dem Quotienten Ueff/Ieff der beiden Effektivwer-
Strom I

te und damit dem Betrag des Wechselstromwiderstan-


19 Zeit t des RC gleich:
U U 1
RC  eff  s  ,
I eff Is X ¸C
20 . Abb. 6.17. Kondensator im Wechselstromkreis. Beim
Kondensator eilt der Wechselstrom der Wechselspannung um wie vermutet.
90° oder Q/2 voraus
6.4 · Elektrische Netzwerke
171 6

Merke und produzieren dort, wie jeder andere Strom


auch, Verlustwärme. Energie, die dem Kunden
Betrag des kapazitiven Widerstandes berechnet werden könnte, liefern sie aber nicht.
1
RC  , Großabnehmern wird darum der „Kosinus Phi“
X ¸C
nachgemessen und gegebenenfalls mit einem Zu-
Strom eilt Spannung um Q/2 voraus.
schlag zum Arbeitspreis in Rechnung gestellt.

Die Phasenverschiebung zwischen Wechselspan- Rechenbeispiel 6.4: Kapazitiver Widerstand


nung und kapazitivem Wechselstrom hat eine 7 Aufgabe. Welchen Wechselstromwiderstand
wichtige Konsequenz für die Leistung. In jeder hat ein Kondensator von 1 µF gegenüber techni-
Viertelschwingungsdauer, in der der Kondensa- schem Wechselstrom (50 Hz)?
tor aufgeladen wird, haben Strom und Spannung 7 Lösung. RC  1 Vs  3, 2 k8.
314 ¸ 10-6 As
gleiches Vorzeichen, positiv oder negativ. Folg-
lich ist die Leistung positiv; die Spannungsquel-
le gibt Energie an den Kondensator ab. In den
Viertelschwingungsdauern dazwischen wird der 6.4 Elektrische Netzwerke
Kondensator entladen, Strom und Spannung ha-
ben entgegengesetztes Vorzeichen, die Leistung 6.4.1 Widerstände in Reihe und parallel
ist negativ, der Kondensator gibt die gespeicher-
te Energie wieder an die Spannungsquelle zurück Der Schaltplan eines Fernsehempfängers zeigt ei-
(. Abb. 6.18). Diese braucht also im zeitlichen ne verwirrende Vielfalt von Leitungen, Widerstän-
Mittel gar keine Energie zu liefern, sie muss sie den, Kondensatoren und allerlei anderen Schalt-
nur kurzfristig ausleihen. Insgesamt ist der kapa- elementen. Freilich, der „Stromverteilungsplan“
zitive Strom (verlust-)leistungslos; man bezeich- vom Brustkorb eines Menschen mit dem Herzen
net ihn als Blindstrom. Wie sich in 7 Kap. 6.11.4 als Batterie und einem Gewirr relativ gut leiten-
herausstellen wird, können Blindströme nicht nur der Blutgefäße und schlecht leitender Rippen sähe
mit Kondensatoren erzeugt werden. nicht einfacher aus. Zum Glück lässt sich das EKG
Ohmsche und kapazitive Wechselströme stel- auch ohne diesen Stromverteilungsplan auswer-
len zwei Grenzfälle dar, mit den Phasenwinkeln ten. Wie kompliziert eine Schaltung aber auch im-
KR = 0° und KC = 90° gegenüber der Spannung mer aufgebaut sein mag, stets müssen sich Ströme
nämlich. In der Technik können Phasenwinkel da- und Spannungen an zwei im Grunde triviale Ge-
zwischen ebenfalls vorkommen. In solchen Fällen setze halten.
wird von Strom und Spannung nur die 1. Strom wird nicht „verbraucht“, er fließt nur
im Stromkreis herum. Treffen mehrere Leiter in
Wirkleistung Pw = Ueff·Ieff·cos K
einem Punkt, einem Knoten, zusammen, so müs-
tatsächlich umgesetzt. sen die einen gerade so viel Strom abführen wie
Elektrizitätswerke haben Blindströme nicht die anderen heran. Wertet man die in konventio-
gern. Sie müssen, wie jeder andere Strom auch, neller Stromrichtung zufließenden Ströme positiv
über die Fernleitungen herangebracht werden und die abfließenden negativ, so schreibt sich die
Knotenregel: œ Ii  0,
i
sie wird auch 1. Kirchhoff-Gesetz genannt.
Leistung P

2. Spannungen liegen nur zwischen zwei Punk-


Zeit t ten einer Schaltung; kein Punkt kann eine Span-
nung gegen sich selbst haben.
. Abb. 6.18. Blindleistung Beim Kondensator wechselt die
Leistung bei Wechselstrom das Vorzeichen (Zeitmaßstab und 3Läuft man in einer Masche einer Schaltung
Phasenlage entsprechen . Abb. 6.19) (. Abb. 6.19) einmal herum zum Ausgangspunkt zu-
172 Kapitel 6 · Elektrizitätslehre

rück, so müssen sich alle Spannungen, über die man


1 hinweggelaufen ist, zu null addiert haben:
Maschenregel: œ U i  0,
2 i
sie wird auch 2. Kirchhoff-Gesetz genannt.
Bei der Anwendung der Maschenregel muss man auf-
3 passen, dass man vorzeichenrichtig addiert. Alle Span-
nungen zählen, ob sie von Batterien herrühren, über
4 geladenen Kondensatoren liegen oder als Spannungs-
abfälle über stromdurchflossenen Widerständen, bei
denen es auf die Stromrichtung ankommt. Bezogen . Abb. 6.19. Masche im Schaltbild. Zur Maschenregel; fla-
5 werden die Vorzeichen auf die Marschrichtung, mit che Rechtecke sind die Schaltsymbole von Widerständen
der man seine Masche in Gedanken durchläuft; ob mit (meist als ohmsch angenommen)
oder gegen den Uhrzeigersinn, ist letztlich egal, nur
6 muss man bei der einmal gewählten Richtung bleiben.
Dies klingt alles ein wenig abstrakt und kann auch auf
7 sehr komplizierte Gleichungssysteme führen, wenn die
Schaltung entsprechend kompliziert ist.
R1 R2 R3
8
An dieser Stelle sollen nur zwei wichtige einfache
Situationen betrachtet werden: . Abb. 6.20. Parallelschaltung von drei Widerständen
9 Parallelschaltung von Widerständen. In
. Abb. 6.20 liegen drei Widerstände parallel ge-
10 schaltet an einer Batterie, nach deren Zeichen- R2
schema jeweils Plus oben und Minus unten sind. R1 R3
11 Es ist klar: der Gesamtstrom I0, den die Batterie
abgibt, verteilt sich auf die Widerstände:

12 I0 = I1 + I2 + I3.
. Abb. 6.21. Serienschaltung (Reihenschaltung) von drei
Andererseits liegt an allen Widerständen die Widerständen
13 gleiche Batteriespannung U0. Also ergibt sich:
U0 U U U
I0   I1 I 2 I3  0 0 0
14 Rges R1 R2 R3 Der Gesamtwiderstand dieser Reihen- (oder
Serien-)Schaltung ist also die Summe der Einzel-
Der Gesamtwiderstand der Parallelschaltung widerstände.
15 ergibt sich also zu:
Merke
1 1 1 1
16 
Rges R1 R2 R3 Parallelschaltung: Leitwerte addieren sich:
1 1 1 1
Man kann auch sagen: die Leitwerte addieren  .....
17 sich.
Rges R1 R2 R3
Serienschaltung: Widerstände addieren sich:
Serienschaltung von Widerständen. In Rges  R1 R2 R3 ....
18 . Abb. 6.21 liegen die drei Widerstände in Reihe
mit der Batterie. Der Strom läuft durch alle Wi-
19 derstände mit gleicher Stärke I0. Die Batteriespan-
nung hingegen teilt sich auf die Widerstände auf
gemäß:
20
U 0  U1 U 2 U 3
 I0 ¸ R1 I0 ¸ R2 I0 ¸ R3  I0 ¸ Rges .
6.4 · Elektrische Netzwerke
173 6

Rechenbeispiel 6.5: Ein Stromkreis Ωm


7 Aufgabe. Die Widerstände im Stromkreis in
1020
. Abb. 6.35 mögen alle den gleichen Wider- Bernstein
stand von 2 8 haben. Wie groß ist der Gesamtwi- Paraffin

derstand? Welcher Strom fließt im Kreis? Welcher 1015


Diamant
Strom fließt durch einen der parallelgeschalteten Glas

Isolatoren
Widerstände? Welche Spannungen misst der ein- 1010
gezeichnete Spannungsmesser an den Punkten 1 Marmor
Schiefer
bis 4?
105
7 Lösung. Die beiden parallelgeschalteten Wider- Wasser (rein)
stände haben einen Gesamtwiderstand von einem

Elektrolyte
Halbleiter
Ohm. Zusammen mit den beiden in Reihe geschal- 100
NaCl in H2O (1 mol / l)
teten Widerständen ergibt sich der gesamte Wi-
derstand zu 5 8. Der Strom durch den Kreis ist also 10-5 Quecksilber
U 6V Kupfer
I   1, 2 A.

Metalle
R 58
10-10 Restwiderstände
Zwischen den beiden parallel geschalteten Wider-
ständen teilt sich dieser Strom in gleiche Teile, also
jeweils 0,6 A auf. Die Spannungen können nun ge- . Abb. 6.22. Spezifische Widerstände. Der Bereich vorkom-
mäss U  R ¸ I berechnet werden. Zwischen 1 und mender spezifischer Widerstände; der Restwiderstand ist der
2 beziehungsweise 3 und 4 liegen 2,4 V, zwischen Tieftemperaturwiderstand vor Einsetzen der Supraleitung
2 und 3 1,2 V. Das Spannungsmessgerät misst also
an den Punkten 1 bis 4: 0 V, 2,4 V, 3,6 V und 6 V.
setz, denn wenn sein spezifischer Widerstand
nicht von der Spannung abhängt, so kann es sein
6.4.2 Spezifischer Widerstand Widerstand auch nicht.
(Resistivität) Kaum eine andere physikalische Größe über-
deckt einen so weiten messbaren Bereich: glatt
Legt man vier gleiche Drahtstücke hintereinan- 30 Zehnerpotenzen von den gut leitenden Metal-
der, so addieren sich ihre Längen und ihre elek- len bis zu den guten Isolatoren (. Abb. 6.22). Da-
trischen Widerstände. Demnach leuchtet ein: Der bei sind die Supraleiter noch nicht einmal mitge-
Widerstand R eines homogenen Drahtes ist zu sei- zählt: Deren spezifischer Widerstand fällt bei tie-
ner Länge l proportional. Schaltet man die Dräh- fen Temperaturen auf einen Wert, der sich expe-
te aber zueinander parallel, so addieren sich ih- rimentell von null nicht unterscheiden lässt. Au-
re Querschnittsflächen und ihre Leitwerte. Tat- ßerhalb dieses Bereiches nimmt S bei praktisch
sächlich ist der Leitwert G = 1/R eines homoge- allen Metallen mit der Temperatur T zu. Dies war
nen Drahtes proportional zu seiner Querschnitts- der Grund für das nichtohmsche Verhalten der
fläche. Beides zusammen führt zu: Glühbirne in 7 Kap. 6.2.1: Mit steigender Span-
nung steigt der Strom, steigt die Entwicklung von
R = S · l/A
Stromwärme, steigt die Temperatur und mit ihr
mit dem spezifischen elektrischen Widerstand S, der der Widerstand.
kürzer Resistivität genannt wird. Ihm gebührt die
SI-Einheit 8 · m. Sein Kehrwert heißt elektrische Merke
Leitfähigkeit T.
Spezifischer Widerstand S und elektrische Leit-
T und S sind Materialkenngrößen der Sub-
fähigkeit T = 1/S sind temperaturabhängige
stanz, aus der ein Leiter besteht. Sind sie konstant,
Kenngrößen elektrischer Leiter.
d. h. unabhängig von der angelegten elektrischen
Spannung, so erfüllt der Leiter das ohmsche Ge-
174 Kapitel 6 · Elektrizitätslehre

Den spezifischen Widerstand kann man zur Tem-


1 peraturmessung benutzen – im Widerstandsther-
mometer, das meist aus einem dünnen, in Glas
2 eingeschmolzenen Platindraht besteht. Oft wer- . Abb. 6.23. Variabler Widerstand. Konstruktionsschema
den auch Halbleiter zur Temperaturmessung ver- und Schaltzeichen

3 wendet. Bei ihnen sinkt aber der elektrische Wi-


derstand mit steigender Temperatur.
Die große technische Bedeutung von Halblei-
4 tern (z. B. Silizium) beruht darauf, dass sich zum
einen durch verschiedene chemische Zusätze der
5 spezifische Widerstand über einen weiten Bereich
einstellen lässt und zum anderen in Bauelemen-
ten wie Dioden und Transistoren auch noch von
6 einer angelegten Spannung steuern lässt.

7 Rechenbeispiel 6.6: Anschlussleitung


7 Aufgabe. Die Anschlussleitung einer Steh-
8 lampe sei 4 m lang und habe einen „Kupferquer-
. Abb. 6.24. Drehpotentiometer
schnitt“ von 0,75 mm2 je Ader. Wie groß ist ihr Wi-
derstand? (An den Anhang denken!)
9 7 Lösung. Spezifischer Widerstand des Kupfers:
S = 1,7 · 10–8 8m. Also ist der Widerstand (zwei
10 Adern):
4m U0 U0
R  2¸ S ¸  0, 18 8 U1
11 0, 75 mm 2 U1

. Abb. 6.25. Spannungsteiler (Potentiometer), Konstrukti-


12 6.4.3 Spannungsteiler onsschema und Schaltskizze

13 Der elektrische Widerstand R eines homogenen


Drahtes ist zu seiner Länge l proportional. Dabei 1:1. Sind die Widerstände nicht gleich, so teilen
14 zählt selbstverständlich nur die vom Stromkreis
genutzte Länge; der Draht muss ja nicht an seinen
sie die Spannung in ihrem Widerstandsverhältnis.
Eine derartige Schaltung heißt Spannungsteiler
Enden angeschlossen werden. Man kann ihn so- oder auch Potentiometer. Der Schleifkontakt der
15 gar auf einen isolierenden Träger aufwickeln und . Abb. 6.23 unterteilt den aufgewickelten Draht
mit einem Schleifkontakt mit der Länge l auch R in zwei Bereiche, deren elektrische Widerstände
16 von Hand einstellen – nicht ganz kontinuierlich, R1 und R2 sich zum Gesamtwiderstand R0 addie-
sondern nur von Windung zu Windung. Aber bei ren (. Abb. 6.25). Alle Widerstände werden vom
ein paar hundert Windungen spielt das keine Rol- gleichen Strom I=U0/R0 durchflossen; jeder ver-
17 le mehr. Man erhält so einen variablen Schiebe- langt für sich den Spannungsabfall
widerstand (. Abb. 6.23). Ist der Träger ein Ring,
18 wird das Wickeln etwas mühsamer, dafür kann
Un = I · Rn = U0 · Rn/R0.
der Schleifkontakt mit einem Drehknopf bewegt Demnach lässt sich durch Verschieben des
19 werden (. Abb. 6.24). Schleifkontaktes die Spannung U1 auf jeden belie-
Wer eine vorgegebene Spannung U0 halbie- bigen Wert zwischen 0 und U0 einstellen. Streng
ren will, legt sie in Reihe mit zwei gleichen Wi- gilt das allerdings nur für den unbelasteten Span-
20 derständen. Sind diese ohmsch, so teilen sie je- nungsteiler, denn wenn beispielsweise neben R1
de Gleich- oder Wechselspannung im Verhältnis noch ein Lastwiderstand Rx liegt (. Abb. 6.26),
6.4 · Elektrische Netzwerke
175 6

Praktikum

Elektrischer Widerstand, Gleichstromkreis Wheatstone findet nur noch in Hochpräzisionsmess-


In der Regel geht es darum, elektrischen Widerstand geräten und dann durch Mikroprozessoren gesteuert
zu ermitteln. Und zwar in zwei Varianten Anwendung.
1) Kennlinie Zunächst soll betrachtet werden, wie eine un-
Im Versuch wird der Strom als Funktion der Spannung bekannte Spannung Ux in Kompensation gemessen
entweder mit einem x-y-Schreiber oder manuell aufge- wird. Die Schaltung bringt . Abb. 6.27: Die Spannung
tragen. Beim ohmschen Widerstand ergibt das eine Ge- am Spannungsteiler und Ux stehen gegeneinander.
rade (. Abb. 6.11), deren Steigung den Kehrwert des Sind sie gleich, zeigt das Instrument (ein Strommes-
Widerstandes liefert. Bei nichtohmschen Widerständen ser) null an. Es braucht nicht geeicht zu sein, als Null-
ergibt sich eine gebogene Kurve (. Abb. 6.9 und 6.10). instrument muss es ja nur die Null erkennen. Es darf
Als nichtohmsche Widerstände können z. B. die Haut, aber auf hohe Empfindlichkeit geschaltet werden,
Ionenleiter oder Elektrolyte (7 Kap. 6.7.2) dienen. wenn die Kompensation erst einmal ungefähr erreicht
Trägt man die Klemmenspannung UK einer Batte- worden ist. Ein Vorteil des Messverfahrens liegt in sei-
rie gegen den Strom im Stromkreis auf, so kann man ner hohen Präzision, der andere darin, dass Ux strom-
aus der Steigung den Innenwiderstand der Batterie los gemessen wird.
ermitteln (. Abb. 6.30). Misst man bei dem Strom I Es ist nicht verboten, die Spannung Ux der Kom-
die Klemmenspannung UK, so ergibt sich der Innen- pensationsschaltung aus einem zweiten Spannungs-
widerstand zu: teiler zu beziehen und diesen an die gleiche Span-
U 0 U K nungsquelle zu legen wie den ersten auch. Man erhält
Ri  . dann die Wheatstone’sche Brücke, deren Schaltskiz-
I
Die Leerlaufspannung liefert der Achsenabschnitt ze traditionell als auf die Spitze gestelltes Quadrat ge-
bei I = 0. zeichnet wird, wie in . Abb. 6.28 (man muss das nicht
2) Wheatstone’sche Brücke tun). Das Brückeninstrument zeigt null, die Brücke ist
Dies ist eine antiquierte Methode, den Widerstands- abgeglichen, wenn beide Spannungsteiler die Batte-
wert eines Widerstandes zu ermitteln, wenn drei andere riespannung U0 im gleichen Verhältnis unterteilen,
Widertandswerte bekannt sind. Die Methode stammt wenn also die Brückenbedingung
aus einer Zeit, als empfindliche Spannungsmessgeräte
R1/R2 = R3/R4
noch relativ niedrige Innenwiderstände hatten (Dreh-
spulinstrumente), die die Messung verfälschten. Mit erfüllt ist. Kennt man drei Widerstände, so kann man
modernen elektronischen Spannungsmessern ist das den vierten ausrechnen. U0 wird dazu nicht einmal ge-
kein Problem mehr. Die Kompensationsmethode nach braucht.

dann zählt für die Spannungsteilung der Gesamt-


R2
widerstand der Parallelschaltung und der ist klei-
ner als R1. R1

Merke Rx

Ein Spannungsteiler (Potentiometer) teilt die


angelegte Spannung im Verhältnis der Wider- . Abb. 6.26. Belasteter Spannungsteiler. In sein Teilungs-
stände: verhältnis geht die Parallelschaltung von R1 und Rx ein
U1 R1 R1
 U1  ¸U
U 2 R2 R1 R2 0
176 Kapitel 6 · Elektrizitätslehre

1
Ri
2 U0 UK
U0

3 Ux

. Abb. 6.29. Innenwiderstand. Der Innenwiderstand Ri einer


4 . Abb. 6.27. Spannungsmessung in Kompensation. Ein
geeichter Spannungsteiler erzeugt mit Hilfe der bekannten
Spannungsquelle mit der Leerlaufspannung U0 setzt die Klem-
menspannung Uk um den Spannungsabfall I · Ri gegenüber
Spannung U0 eine ebenfalls bekannte Teilspannung U’, und U0 herab. U0 und Ri sind räumlich nicht voneinander getrennt;
5 zwar so, dass sie die unbekannte Spannung Ux kompensiert: Zuleitungen erreichen nur die Klemmen (Ersatzschaltbild)
Das Instrument zeigt dann nichts an (Nullinstrument)

6 übrig bleibt. Messen lässt sich nur Uk; diese Span-


R3 R4
nung stimmt aber im Leerlauf, d. h. bei hinrei-
7 chend kleinem Strom, praktisch mit U0 überein.
Die Urspannung wird deshalb auch Leerlaufspan-
8 R1 R2 nung genannt.

Merke
9
Der Innenwiderstand Ri einer Spannungsquel-
. Abb. 6.28. Die Wheatstone-Brücke zur Präzisionsmessung le senkt bei Belastung mit dem Strom I die
10 von Widerständen; sie ist abgeglichen, wenn die Brückenbedin- Klemmenspannung auf
gung R1/R2 = R3/R4 erfüllt ist
Uk = U0 – I · Ri,
11 U0 = Leerlaufspannung.

12 6.4.4 Innenwiderstände
Schließt man die Klemmen einer Spannungsquel-
13 Für die Autobatterie bedeutet das Anlassen des le kurz, so zwingt man die Klemmenspannung auf
Motors Schwerarbeit. Sie meldet dies durch ei- null; das gesamte U0 fällt über dem Innenwider-
14 nen Rückgang ihrer Klemmenspannung: Alle ein-
geschalteten Lämpchen werden dunkler, solan-
stand ab; die Batterie liefert den höchsten Strom,
den sie überhaupt liefern kann, den
ge der Anlasser läuft. Ursache ist der Innenwider-
15 stand Ri der Batterie, bedingt durch deren Elek-
Kurzschlussstrom IK = U0/Ri.

trochemie. Räumlich lässt er sich von der Span- Im Leerlauf wie im Kurzschluss gibt die Bat-
16 nungsquelle nicht trennen, auch wenn man ihn terie keine Leistung nach außen ab: im Leerlauf
im Ersatzschaltbild abgesetzt von der (als wider- nicht, weil kein Strom fließt, im Kurzschluss nicht,
standslos angesehenen) Spannungsquelle zeich- weil sie ihre volle Leistung im Innenwiderstand
17 net. An den „Draht“, der die beiden in . Abb. 6.29 verheizt. Keine Spannungsquelle hat Kurzschluss
elektrisch verbindet, kann man nicht herankom- gern. Elektrizitätswerke schützen sich durch Si-
18 men. Der gestrichelte Kasten soll dies andeuten. cherungen gegen ihn: Sie schalten den kurzge-
Verlangt man jetzt von der Batterie einen Strom schlossenen Stromkreis kurzerhand ab. Taschen-
19 I, so erzeugt dieser über dem Innenwiderstand ei- lampenbatterien können das nicht, sie senken ihre
nen Spannungsabfall, sodass von der Urspannung Klemmenspannung (. Abb. 6.30). Ist der Innen-
U0 nur noch die widerstand ohmsch, so fällt UK linear mit I ab.
20 Technische Spannungsquellen werden auf
Klemmenspannung Uk = U0 – I · Ri
kleine Innenwiderstände gezüchtet: Sie sollen ihre
6.4 · Elektrische Netzwerke
177 6

5
Bei den üblichen digitalen Multimetern braucht
Klemmspannung UK / V

Leerlaufspannung U0 man sich meist keine Gedanken über deren In-


4 nenwiderstände zu machen. Im Spannungsmess-
3 bereich liegt er bei einigen Megaohm und im
Strommessbereich bei einigen Mikroohm. Nur
2 wenn noch die alten analogen Instrumente mit
1 Zeiger verwendet werden, muss man aufpassen,
denn dort hat man es mit Kiloohm beziehungs-
0
0 1 2 3 4
weise Milliohm zu tun.
Strom I / A
Rechenbeispiel 6.7: Schwächelnde Batterie
. Abb. 6.30. Innenwiderstand einer Batterie. Gemessenes 7 Aufgabe. Wie groß ist der Innenwiderstand der
Absinken der Klemmenspannung einer Taschenlampenbatte-
Batterie von . Abb. 6.28?
rie bei Belastung
7 Lösung. Der Innenwiderstand ist der Betrag der
Steigung der Geraden im Diagramm. Dieser be-
Spannung konstant halten, von der Last so unab- rechnet sich zu:
hängig wie möglich. Der Fernsehempfänger darf U 4, 5 V
Ri  0   1, 2 8.
nicht wegen Unterspannung ausfallen, weil die I max 3,8 A
Nachbarin in ihrer Küche drei Kochplatten einge- Das ist für eine Taschenlampenbatterie ein recht
schaltet hat. Demgegenüber ist das Herz des Men- großer Innenwiderstand. Die Batterie ist schon
schen primär als Blutpumpe konstruiert und nur ziemlich leer. Eine frische Batterie bringt es auf ca.
nebenbei als Spannungsquelle für das EKG. Sein 0,3 8.
Innenwiderstand ist so hoch, dass die Konstruk-
teure von Elektrokardiographen an ihn denken
müssen. Vielfachmessinstrumente (7 Kap. 6.2.2)
können Strom wie Spannung messen, weil der 6.4.5 Hoch- und Tiefpass
Widerstand zwischen ihren Anschlussbuchsen
den einen nicht ohne die andere zulässt. Mit sei- Auch die Serienschaltung von Widerstand und
nem Innenwiderstand darf ein Messgerät die Be- Kondensator, RC-Glied genannt (. Abb. 6.31), bil-
lastbarkeit einer Spannungsquelle nicht überfor- det einen Spannungsteiler. Er ist aber frequenz-
dern; er muss groß gegenüber deren Innenwider- abhängig, denn der Wechselstromwiderstand der
stand sein. Will man mit dem Vielfachmessinstru- Kapazität C nimmt umgekehrt proportional zu f
ment hingegen einen Strom messen, so soll sein und X ab:
Innenwiderstand verglichen mit allen Widerstän-
RC = 1/(X C) = (2Q · f · C)–1
den im Stromkreis sehr klein sein, denn es wird ja
selbst in den Stromkreis hineingeschaltet und soll (7 Kap. 6.3.2). Hohe Frequenzen erscheinen des-
den Strom nicht reduzieren. halb vorwiegend über dem ohmschen Widerstand
R R:
Merke
UR > UC wegen RR > RC
Der Innenwiderstand eines Spannungsmes-
sers muss groß gegenüber dem Innenwider- und tiefe vorwiegend über dem Kondensator. Für
stand der Spannungsquelle sein. den, der nur UR elektronisch weiterverarbeitet, ist
Der Innenwiderstand eines Strommessers das RC-Glied ein Hochpass, und ein Tiefpass für
muss klein gegenüber allen Widerständen im den, den nur UC interessiert. Die Grenze zwischen
Stromkreis sein. „hoch“ und „tief“ liegt bei der Frequenz f * , für
die UR und UC gleich werden, freilich nicht gleich
der halben angelegten Wechselspannung U0. Die
178 Kapitel 6 · Elektrizitätslehre

U0
1
2
C R
3 UR UC

. Abb. 6.31. RC-Glied als frequenzabhängiger Spannungs-


4 teiler: Wirkung als Tiefpass bei Abgriff von UC über dem Kon-
densator; Wirkung als Hochpass bei Abgriff von UR über dem

5 Widerstand
. Abb. 6.32. Entladung eines Kondensators über einen
ohmschen Widerstand; sie führt zur e-Funktion

6 Phasenverschiebung zwischen Strom und Span-


nung beim Kondensator hat folglich verlangt die Maschenregel zu jedem Zeit-
7 UR(f *) = UC(f *) = 0,707 U0
punkt t:
UC(t) + UR(t) = 0
8 zur Folge. Legt man ein Frequenzgemisch U(t) an
das RC-Glied, so erscheint UC(t) als „geglättet“, oder
weil es von den Zappeleien der hohen Frequenzen
9 befreit ist. Eben dies ist die Wirkung eines Tief-
UC(t) = –UR(t).
passes. Ohne Batterie ist die Batteriespannung Null.
10 Andererseits gilt für den von der Ladung Q(t)
Klinik des Kondensators gelieferten Entladungsstrom
11 Tiefpass im Bauch. Passverhalten ist nicht auf d d d
I (t )  Q(t )  (C ¸U C (t ))  C ¸ U C (t )
elektrische Schaltungen begrenzt. Die Aorta dt dt dt
wirkt wegen ihrer Windkesselfunktion gegen- und ferner
12 über dem periodisch wechselnden Blutdruck d
U R (t )  R ¸ I (t )  R ¸ C ¸ U C (t ),
als Tiefpass: Wie . Abb. 3.23 in 7 Kap. 3.3.7 ge- dt
13 zeigt hat, sinkt der Blutdruck während der Dia- also auch
stole zwar in der Herzkammer auf nahezu null d 1
U (t )  U (t ).
dt C R ¸C C
14 ab, nicht aber in der Aorta. Erst recht in der Bau-
chaorta erscheint der äDruckverlauf als deut- Jetzt wird die Mathematik schwieriger, denn
lich „geglättet“. dies ist eine Differentialgleichung.Von der Schwin-
15 gungsdifferentialgleichung des 7 Kap. 4.1.2 un-
terscheidet sie sich nur um einen winzig kleinen
16 Punkt (denn Buchstaben dürfen in der Mathema-
6.4.6 Kondensatorentladung und tik ausgetauscht werden): Bei den Schwingun-
e-Funktion gen ging es um den zweiten Differentialquotien-
17 2
ten d 2 x(t ) der Auslenkung x(t) nach der Zeit, hier
dt
In der Schaltung der . Abb. 6.32 wird der Kon- geht es um den ersten zeitlichen Differentialquoti-
18 densator momentan aufgeladen, wenn man den enten UC(t). Der Unterschied ist folgenschwer. Die
Wechselschalter nach links legt. Legt man ihn an- Gleichung verlangt, die Spannung UC(t) solle mit
19 schließend nach rechts, so entlädt sich die Kapa- einer Geschwindigkeit UC(t) abfallen, die zu ihr
zität C des Kondensators über den ohmschen Wi- selbst proportional ist. Dass diese Forderung nicht
derstand R. Die zugehörige Mathematik lässt sich von Schwingungen erfüllt werden kann, sieht man
20 zunächst leicht hinschreiben. Kondensator und auf den ersten Blick. Die Funktion, die das schon
Widerstand bilden eine Masche (7 Kap. 6.4.1); nach der ersten Differentiation tut, muss eigens
6.4 · Elektrische Netzwerke
179 6

erfunden werden: Es ist die Exponentialfunktion, aufgeladen; er enthält dann 0,1 mC Ladung (Q0).
von der schon in 7 Kap. 1.5.2 die Rede war. Per de- Überbrückt man seine Kondensatorplatten mit
finitionem gilt 100 k8 (R), so beginnt die Entladung mit einem
x Strom von 1 mA (I0). Flösse dieser Strom konstant
d
exp(x)  exp(x)  ¨ exp(D)dD, weiter, so wäre der Kondensator nach 100 ms leer.
dx
d
Diese Zeitspanne entspricht genau der Zeitkon-
denn eine Funktion, die bei der Differentiation stanten U des RC-Gliedes. Tatsächlich nimmt I0
sich selbst ergibt, tut dies bei der Integration auch. aber schon in der ersten Millisekunde 1 µC an La-
Wenn exp(x) von der Zeit t abhängen soll, hat t dung mit, immerhin 1% von Q0. Damit sinkt die
im Exponenten zu erscheinen. Weil dieser aber di- Spannung am Kondensator um 1% gegenüber U0
mensionslos sein muss, geht das nur zusammen ab auf 99 V. Dadurch verringert sich aber auch
mit einem Faktor, der auch 1/U heißen kann und der Entladestrom um 1% auf 0,99 mA. Er braucht
negativ sein darf. Daraus folgt aber wegen der Ket- jetzt 1,01 ms, um das zweite Mikrocoulomb aus
tenregel der Differentiation (7 Kap. 4.1.2) dem Kondensator herauszuholen. Nach dieser
d 1 Zeit sind Ladung, Spannung und Strom auf 98%
exp( t U )  exp( t U ). ihrer Ausgangswerte abgefallen, sodass für das
dt U
dritte µC schon 1,02 ms gebraucht werden, für das
Die Differentialgleichung der Kondensato- zehnte 1,105 ms und für das zwanzigste 1,22 ms;
rentladung lässt sich also mit dem Ansatz die Entladung wird immer langsamer. Nach die-
ser Vorstellung könnte man ihren Verlauf als Po-
UC(t) = U0 · exp(–t/U)
lygonzug aus lauter kleinen Geraden zusammen-
lösen: setzen, wie . Abb. 6.33 es andeutet. Tatsächlich
d d bleibt der Entladestrom freilich in keiner Millise-
U (t )  U 0 ¸ exp( t ) kunde konstant; deshalb hält sich die echte Entla-
dt C dt U
U 1 dung an die e-Funktion. Sie ist eine glatte, geboge-
 0 exp( t U )  U C (t ). ne Kurve, deren Funktionswerte numerisch aus-
U U
gerechnet werden müssen, ein ermüdendes Ge-
Demnach sind 1/U und 1/(R · C) gleich. Somit schäft für den Menschen, eine Zehntelsekunden-
gilt für die Zeitkonstante U der Kondensatorentla- arbeit für den Taschenrechner. Den Graphen der
dung fallenden e-Funktion zeigt . Abbildung 6.34 (wie
auch schon früher . Abb. 1.19). Ihr folgen beim
U = R · C.
RC-Glied Ladung Q(t), Spannung U(t), Strom I(t)
und alle ihre Änderungsgeschwindigkeiten, d. h.
Merke

Kondensatorentladung:
U (t )  U 0 ¸ et / U 100