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Hermann Häring

Theologie und Ideologie bei

Joseph Ratzinger

PATMOS
Inhaltsverzeichnis

V orw ort ........................................................................................... 7


Zur Einführung ........................................................................... 9

Teil A: Joseph R atzinger - zu Stein


g e w o rd e n e T h e o l o g i e ............................................................... 21
I. Ein dramatischer Wendepunkt ............................................... 22
1. Was geschah in den sechziger Ja h re n ? ......................... 23
2. Wie definiert sich Ratzingers Theologie?...................... 30
3. Was hat sich g e ä n d e rt? ...................................................... 36

II. Die aktuelle Situation................................................................... 40


1. Verlust der Wahrheit .......................................................... 41
2. Wahre Religion - die wahre R elig io n ............................. 43
3. Verlust der M etap h ysik ...................................................... 45

III. Rolle und Bedeutung der Alten K irch e................................... 50

IV. Schluss: Wenn Jesus etwas zu sagen h ä t t e ............................. 57

Teil B: Dom inus lesus - Analyse eines


Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme D o k u m e n t s ........................................................................................ 63

I. H inführung..................................................................................... 63
Häring, Hermann: 1. Zur S itu a tio n ........................................................................... 63
Theologie und Ideologie bei Joseph Ratzinger / Hermann Häring. -
2. Stil und Struktur des Dokuments
Düsseldorf : Patmos, 2001
(allgemeine Überlegungen) .............................................. 67
ISBN3-491-70337-9
II. Zum Text
Einleitung: Gefährdung der christlichen Wahrheit
O 2001 Patmos Verlag Düsseldorf
Alle Rechte, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks sowie (Nr. 1 - 4 ) .........................................................................
der fotomechanischen und elektronischen Wiedergabe, Vorbehalten. 1. Kapitel I: Fülle der Offenbarung (Nr. 5-8) . . .
Zum theologischen Kontext - Zum Dokument -
1. Auflage 2001
Die vielen Erfahrungen und die eine Wahrheit
Umschlaggestaltung: Groothuis & Consorten, Hamburg
unter Verwendung eines Fotos © Contrasto, Focus Plus/Massimo Siragusa 2 . Kapitel II: Der fleischgewordene Logos
Satz: Dörlemann Satz, Lemförde (Nr. 9 - 1 2 ) ......................................................................
Druck und Bindung: Grafo S.A., E-Basauri Zum theologischen Kontext - Zürn Dokument -
ISBN 3-491-70337-9 Wie wird das Heil konkret?
www.patmos.de S
3. Kapitel III: Das Heilsmysterium Jesu Christi
(Nr. 1 3 - 1 5 ) ..............................................................
Zum theologischen Kontext - Zum Dokument - ■ 102
Geschichte und Konkrete Universalität Vorwort
4. Kapitel IV: Einzigkeit und Einheit der Kirche
(Nr. 1 6 - 1 7 ) .............................................................. Die Unruhe innerhalb der katholischen Theologie sowie die Pola­
• 110 risierung in der katholischen Kirche haben mit dem Dokument
Zum theologischen Kontext - Zum Dokument -
Wie Universalität organisieren? - Zu den Grenzen Dominus Iesus vom August 2000 einen neuen Höhepunkt erreicht.
der Institution Was Kardinal Ratzinger als Glanzstück theologischer Selbstbesin­
5. Kapitel V: Kirche, Reich Gottes und Reich Christi nung im Heiligen Jahr präsentierte, entpuppte sich als Tiefpunkt
(Nr. 1 8 - 1 9 ) .............................................................................. 133 römischer Angst vor weltweiter Vielfalt und einer entschiedenen
Zum theologischen Kontext - Zum Dokument - Öffnung zum ökumenischen und interreligiösen Gespräch. Für
Auf dem Weg in eine versöhnte Zukunft viele Christinnen und Christen aller Länder wurde das Dokument
6 . Kapitel VI: Kirche und die Religionen zum Signal von unerträglicher Rechthaberei nach innen und
(Nr. 2 0 - 2 2 ) .............................................................................. 145 nach außen. Nach innen wurde im Gewände der altkirchlichen
Zum theologischen Kontext - Zum Dokument - Orthodoxie wieder einmal der Buchstabe überalterter Positio­
Wege zum Dialog nen festgeschrieben. Nach außen wurden den reformatorischen
7. Schluss (Nr. 23): Von Paulus zu Johannes Paul II. . . 155 Schwesterkirchen der Ehrentitel der Kirche, den nichtchristlichen
Religionen der Ehrentitel einer wahren Religion abgesprochen.
III. Folgerungen 165 Zwar war der Protest sogar in kurialen Kreisen zu spüren, aber der
Hauptverantwortliche hat vom Dokument bislang kein Wort zu­
rückgenommen. Jetzt schon wurde der erste Theologe der Autori­
Teil C: G laubenszensur als Ideologie - tät dieses Dokuments unterworfen. Die Kardinalsernennungen
zu einigen publikum sw irksam en Ä u ß eru n gen dieses Frühjahrs haben den deutschen Katholizismus zudem mit
von Kardinal R a tz in g e r................................................................ 173 einer Welle der Euphorie überzogen, die vom Ernst der Lage
ablenkt, so als könne auch nur ein neuer Kardinal die offizielle
I. Christentum mehr als Tradition? ( 8 . März 2 0 0 0 ) ................ 174
Situation verändern.
II. »Unsere lutherischen Freunde« (22. September 20 0 0 ) . . 180 Vor Ablenkung und Vergessen sei jedoch gewarnt. Es ist viel­
mehr theologische Pflicht, solches Denken einer kritischen und
III. Untergang des Abendlandes (28. November 2000) . . . . 188 nachdrücklichen Analyse zu unterziehen. Dabei darf es nicht bei
spontanen Primärreaktionen bleiben. Vielmehr sind die umfas­
IV. Schluss: Meinungsdiktatur oder christlicher Freimut? . . . 195
senden Zusammenhänge nach außen und nach innen zu erarbei­
ten, die ein solches Denken prägen. Dabei müssen die Frage nach
L iteratu r.............................................................. der biblischen Begründung sowie die Auseinandersetzung mit
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der umfassenden Pluralisierung und Globalisierung unserer Ge­
I. Dokumente der Glaubenskongregation 199 genwart eine zentrale Rolle spielen. Schließlich ist über konse­
quente Strategien nachzudenken, die das römisch-imperiale Den­
II. Theologische Literatur.............................. 199 ken als das entlarven, was es ist: keine offene, biblisch inspirierte,
R e g is te r ............................................................... vom Geist christlicher Freiheit beflügelte Theologie, sondern eine
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angstbesetzte, um Einheit und eurozentrischen Universalismus
besorgte Ideologie, die die Zeichen der Zeit völlig verkennt. Für

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die katholische Kirche wäre es eine Katastrophe, wenn sich ein e
solche Weltinterpretation auf Dauer durchsetzen wurde
Angesichts der vielen Themen, die das Dokument in seinen
sechs Kapiteln anspricht, kann dieses Buch nicht m e h r sein als Z u r Einführung
eine Skizze als der Beginn eines umfassenden Nachdenkens, das
endlich die falschen Rücksichten auf kirchenamtliches W oh lv er- Römische Dokumente geben sich gerne überzeitlich, als Hort
haiten und auf Respekt vor kurialen Ämtern ablegt. Allein der eines unabänderlichen Wissens sowie als der Widerschein einer
Freimut hilft weiter, der immer noch zu den selteneren T u g en d en Weisheit, die Epochen und Meinungen überdauert. Sie berufen
systematischer Theologie gehört. Alles andere führt zu V erd rän­ sich auf uralte Dokumente und appellieren an göttliche Offenba­
gungen, die sich auf Dauer nur als lähmend und destruktiv aus­ rung. Es sei »fest zu glauben«, kann man da lesen, und die Kirche
wirken können. Um des Friedens unter den Religionen willen sei von einziger und universaler Bedeutung. Alles erscheint so fest
ist das römische Verhalten nicht mehr hinnehmbar. N a ch den gefügt, dass schon der leiseste Zweifel in Unsicherheit und Selbst­
gängigen Maßstäben einer geschwisterlich organisierten G e m e in ­ zweifel Umschlägen muss. Die Erklärung »Dominus lesus« vom
schaft müsste der Glaubenspräfekt mit dem Ausdruck des B ed au ­ August 2 0 0 0 fügt sich in diese Tradition selbstgewisser und impe­
rialer Sprache ein. Dennoch hat dieses Dokument der Glaubens­
erns von seinem Amt zurücktreten. Statt dessen hat er inzwischen
kongregation ein breites kritisches Echo ausgelöst. Im deutschen
erklärt, er habe nichts zu bereuen.
Sprachraum sah man vor allem die ökumenischen Beziehungen
Das Buch ist ursprünglich nicht als Monographie konzipiert,
zwischen katholischer und evangelischen Kirchen gefährdet. In
sondern in verschiedenen Etappen entstanden. Der Frage nach
Asien, aber auch in den USA wurden Fragen an die Abwertung der
dem ursprünglichen theologischen Konzept des ehemaligen Kol­
nichtchristlichen Religionen gestellt. Hat Rom dieses Mal überzo­
legen Ratzinger folgt eine erste Analyse des umstrittenen Doku­
gen? Inzwischen wurden von verschiedensten Seiten besänfti­
ments. Einige Überlegungen zur aktuellen Welt- und Kirchensicht
gende Erklärungen nachgeschoben, die christologischen Absich­
des obersten Glaubenshüters schließen meine Überlegungen ab.
ten des Dokuments gerühmt, die guten Beziehungen zwischen
Die Publikation wäre ohne den Zuspruch von befreundeten
den Kirchen bemüht und die Hochachtung vor anderen Weltreli­
Mitchristinnen und Mitchristen nicht zustande gekommen. Ih­ gionen beschworen. Fürs erste ist diese Strategie aufgegangen.
nen möchte ich dafür danken. Hilfreich war der Sammelband, Man hielt die irenischen Äußerungen von Kardinal Kasper dage­
den M. J. Rainer im Lit-Verlag herausgegeben hat. Ermutigt hat gen und die Euphorie über die Kardinalsernennungen vom Feb­
schließlich L. Boff mit seinem Manifest für die Ökumene, das im ruar 2001 deckten die Enttäuschungen vorläufig zu. Und als
Patmos Verlag vor wenigen Monaten erschienen ist. Dass sich in würde das alles zur Eindämmung eines Flächenbrands nicht rei­
die Zeilen, die ursprünglich als allgemein verständlich gedacht chen, beehrte Manfred Kock, der Ratsvorsitzende der F.KD, das
waren, auf die Dauer viel Fachtheologie eingeschlichen hat, möge triumphalistische Schauspiel der Kardinalserhebungen mit seiner
man mir ebenso verzeihen wie die Tatsache, dass die Verarbei­ Gegenwart, so als hätte die Reformation zu solcherart Selbstinsze­
tung einschlägiger Literatur nur summarisch geschehen ist. Das nierung im Namen Jesu Christi nicht das Nötige zu sagen.
vor iegende Ergebnis sei ausdrücklich der weiteren kritischen Dis­ Allerdings ist die Aura des Objektiven und Unbestechlichen für
kussion ausgesetzt. alle Zeiten verflogen. Stil und spätere Verteidigung des Doku­
Nijmegen, Ostern 2001 ments zeigten deutlich die Handschrift eines einzigen Mannes,
der sich immer ungenierter als der große Glaubensbewahrer prä­
Hermann Häring
sentiert und der mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen,
der katholischen Kirche seine persönlichen Überzeugungen auf­
zuzwingen sucht. Dabei sei ihm eine formale theologische Quali­
tät nicht abgesprochen; seine Überzeugungen sind respektabel

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und konsistent. Nur greifen sie auf e.ne Vorzeit von anderthalb
Kardinalskollegen, »langweilig«, genau wie es das Lehrbuch der
Jahrtausenden zurück und zielen auf ein ausschließliches Wahr­
Verdrängung vorschreibt. Damit bereitet er das Grab weiteren
heitsprivileg von Christentum und katholischer Kirche. Zwar
ökumenischen Stillstands und seiner eigenen Bedeutungslosig­
sind - in Zeiten des Umbruchs - die Verlockungen einer solchen keit nur vor.
Ideologie unbestreitbar, dass aus ihr aber der Geist des Evangeli­
Aus diesen Gründen ist es die Pflicht einer für Wohl und Glaub­
ums spreche, lässt sich gründlich bezweifeln. So wird die Ausei­ würdigkeit der Kirche engagierten Theologie, für umfassende Klä­
nandersetzung um dieses Dokument immer deutlicher zur Aus­ rungen zu sorgen. Dabei geht es nicht um Übergriffe in lehramt­
einandersetzung um ihren wichtigsten Autor und dessen höchst liches Revier. Das Hauptproblem besteht ja umgekehrt darin, dass
fragwürdige Theologie. die Glaubenskongregation ständig in fachtheologische Diskussio­
Ist es aber sinnvoll und gut, eine solche Auseinandersetzung zu nen eingreift und mit der Autorität des »Lehramts« ihr genehme
führen oder soll man die römische Intervention ins Leere laufen theologische Auffassungen privilegiert. Diesen kommt zwar das
lassen? Dafür, dass hier nichts ins Leere läuft, sorgen die römi­ Recht einer Mitbewohnerschaft im Hause wissenschaftlich ver­
schen Behörden selbst. Dem ersten Theologen wurden schon die antworteter und im Glauben engagierter Theologie zu, aber auch
Instrumente gezeigt und ungeniert zitiert man dieses Dokument, sie dürfen die Regeln geduldigen und dialogfähigen Argumentie-
als gehöre es zum ewigen Schatz kirchlicher Lehre. Weitere Perso­ rens ebenso wenig missachten wie alle anderen engagierten Ent­
nen werden folgen. Daneben werden natürlich die Spiele nach­ würfe. Ich weiß wohl, dass mit diesem formalen Hinweis noch
träglicher Besänftigung immer wieder gespielt, als sei alles nicht keines der Sachprobleme gelöst ist. Natürlich ist keine der theo­
so schlimm. Man setzt auf Vergessen statt auf Selbstkorrektur und logischen Positionen schon deshalb im Recht, weil sie neu ist,
offene Diskussion. Man übersieht dabei, dass sich aus der Erin­ weil sie den Schwung neuer kultureller Strömungen aufgreift oder
nerung immer all das mit Macht und destruktiver F.nergie zu­ in der innerkirchlichen Öffentlichkeit einen breiten Widerhall ge­
rückmeldet, was nicht angemessen ausagiert, d.h. emotional und winnt. Auch sollten wir Christinnen und Christen nicht schon
intellektuell verarbeitet wurde. Deshalb ist Rom dem Antimoder­ deshalb das Recht auf eine theologische Intervention verwehren,
nismus mal wieder näher denn je; erst jetzt ist die Zeit, da man weil sie von kirchenleitenden Funktionen wahrgenommen wird.
Pius IX. zur Ehre der Altäre erheben kann - der Papst, der in Vielmehr rührt ein Hauptproblem der gegenwärtigen Auseinan­
dersetzung von der Tatsache her, dass uns die Regeln für eine
einem beispiellosen Autismus sagen konnte »Die Tradition bin
sachgemäße Unterscheidung zwischen Lehramt und Theologie
ich!«, der in blasphemischer Selbstüberschätzung einem Ge­
entweder abhanden gekommen sind oder dass wir sie noch nicht
lähmten auf der Straße zurief »Steh' auf und wandle!« und das
gefunden haben. Dass dieser Mangel seit nunmehr vierzig Jah­
Christuswort »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben« auf
ren mit wachsendem Nachdruck angemahnt wird, nachdem das
sich selbst anwandte (Hasler 60, 91). Die Kirche präsentiert sich
Gleichgewicht spätestens vor einhundertfünfzig Jahren verloren
als die einzige moralische Autorität eines, so Ratzinger, unterge­ ging, das ist ebenso wenig zu bestreiten wie die Tatsache, dass die
henden Abendlandes. Die Schuldbekenntnisse Johannes Pauls 11. ökumenische Bewegung von katholischer Seite schon auf dem
im Heiligen Jahr erweckten zwar Bewunderung, aber sie waren 2. Vatikanischen Konzil zu einer Neubesinnung auf Inhalt und
höchst selektiv und vermieden mit peinlicher Präzision ein Geist der Schrift geführt hat. Letzteres bedeutet nicht nur, dass die
Schuldeingeständnis der Kirche selbst. So hält Kardinal Ratzinger Schrift neu zu lesen ist und theologische Aussagen von ihr sorg­
denn auch Kritik an seinem Dokument für langweilig, war es fältiger abzuleiten sind. Es bedeutet auch, dass sich Tradition und
och, wie er behauptet, zur höheren Ehre des Herrn Jesus verfasst, Lehramt endlich dem Vorbehalt der Schrift zu unterstellen haben,
uc Walter Kasper, dessen episkopale Intervention gegen Rat­ ohne damit dem hermeneutisch vielschichtigen Verhältnis zwi­
zinger man allgemein für mutig hielt (warum eigentlich mutig?), schen beiden Abbruch zu tun, welches ein einliniges Abhängig­
nennt ie Kritiker von Dominus Iesus inzwischen m it einem kuria- keitsverhältnis ausschließt.
en AnsP™ch »uniform iert« und, im Gleichklang mit seinem
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,„ hr rlchti, wlrd deshalb im |ilngsien deutschsprachigen ka- müsste nicht auch P. Hünermann, nachmaliger Ersatzmann für
, ho ^ .evan gelisch en Konsensdokumen, arg u m em te,,: -Eine
Hans Küng an der Tübinger Eakultät, noch einmal zu seinen da­
thohsoi 8 für dje Verständigung in den schwierigen
maligen Erklärungen gegen Küng Stellung nehmen? Natürlich
S e n war die Übereinstimmung darin, dass die Heilige Schrift nicht, denn ein sublimer Vorbehalt bleibt vorläufig (und vermut­
a s unüberholbare Norm für Kirche, Wrchliche Verkündigung lich noch lange) eingebaut. Was ein katholischer Bischof und was
und Glauben, der grundlegende und entscheidende Maßstab für ein katholischer Theologe da anerkennt, ist noch nicht gültige
alle übrigen Bezeugungsinstanzen ist und dass diese Instanzen - Lehre. Deshalb fügt man beflissen hinzu: »Beide Seiten würden es
die Überlieferung (d.h. die .Weitergabe der verbindlichen aposto­ begrüßen, wenn es zu einer offiziellen Interpretation in dieser
lischen Botschaft ...<), der Glaubenssinn aller Glaubenden (sensus Richtung kommen könnte« (ebd.).
fidelium), das kirchliche Lehramt und die wissenschaftliche Theo­ Das katholische Autorenteam der Bilateralen Arbeitsgruppe, die
logie - nicht isoliert zu sehen sind, sondern in ihrer Bezogenheit dieses Dokument mit verfasst hat, hätte sich dazu genauer er­
auf die Schrift und aufeinander wahrgenommen werden müssen« klären müssen. Der Kasus ist deshalb so interessant, weil er die
(Communio, Nr. 267). schwierigen Verhältnisse zwischen Lehramt und Theologie offen­
Wird dieser Grundsatz aber wirklich eingehalten, genauer ge­ legt. Es ist ihre gemeinsame Überzeugung, dass der Papst im Fall
fragt: kann er ohne weitere Klärungen überhaupt verwirklicht des Unfehlbarkeitsvollzugs bei gleichzeitiger Missachtung der
werden? immerhin sagt dasselbe Dokument: »Das Prinzip der Un­ Schrift seines Amtes verlustig geht. Nun ist diese Sanktionsfigur in
fehlbarkeit ist ebenfalls für lutherisches Verständnis nicht akzep­ sich schon unschlüssig; aus dem Sachverhalt selbst folgt ja nur,
tabel, wenn nicht auch »£x-caf/ierfra«-Entscheidungen des Papstes dass eine irreformable Definition in Fragen von Glaube oder Sitte
einem letzten Vorbehalt durch die in der Heiligen Schrift gege­ für den Fall nichtig ist (oder nur einen geringeren Verbindlich­
bene Offenbarung unterliegen« (Communio, Nr. 198). Bei einer so keitsgrad beanspruchen kann), dass sie in der - von der in der
klar formulierten Bedingung muss auch eine klare Antwort mög­ Schrift bezeugten - Offenbarung nicht gedeckt ist. Die Konstruk­
lich sein. Sie ist, wie es scheint, im vorliegenden Text auch klar ge­ tion mit dem Amtsverlust setzt ja voraus, dass dem Amt eo
geben. Dort nämlich anerkennt die »katholische Seite«, »dass die ipso (also ohne weitere Kontrollmöglichkeit, vergleichbar einem
päpstliche Unfehlbarkeit lediglich in der absoluten Treue zum obersten Kassationsgericht) Definitionsvollmacht zukommt. Das
apostolischen Glauben (Heilige Schrift) ausgeübt werden kann, katholische Autorenteam folgt im Grunde der traditionell katho­
dergestalt, dass ein Papst, der diese Treue n ich t wahrte, eo ipso lischen Position, auf die denn auch verwiesen wird. In einem ab­
schließenden Satz zur Unfehlbarkeitsfrage heißt es dort: »Wenn
seines Amtes verlustig ginge«. Das ist ein starkes Wort, müsste
aber der römische Bischof oder das Corps der Bischöfe zusammen
analog auch für hohe Autoritätsträger in der röm ischen Kurie gel­
mit ihm eine Sentenz [unfehlbar] definieren, legen sie diese vor
ten, und gegen Dissidenten wie Hans Küng m üssten heute noch
gemäß der Offenbarung selbst, zu der zu stehen und nach der sich
alle Sanktionen aufgehoben werden; denn in den W eihnachtsta­
zu richten alle gehalten sind.« Dann wird etwas wirklich Großes
gen 1979 anerkannte er doch ohne Zögern wieder einmal die
behauptet, worüber reformatorische Tradition von Beginn an aus
»Verbindlichkeit« lehramtlichen Redens. Er lehnte in seinem Briel
bitterer Erfahrung ins Stolpern geriet: »In Schrift oder Überliefe­
vom 20. Dezember 1979 an Bischof M oser nur jene »Letztver- rung wird [die Offenbarung] durch die rechtmäßige Nachfolge
mdlichkeit« ab, die den genannten Schriftvorbehalt ignoriert. der Bischöfe und insbesondere auch durch die Sorge des Bischofs
., e erbindlichkeit« war ja in den letzten Interventionen an in Rom unversehrt weitergegeben und im Licht des Geistes
■er1, UnC* eS hinreichend bekannt, dass - neben Höft- der Wahrheit in der Kirche rein bewahrt und getreu ausgelegt«
W ü rH p n k T ^ v1^ V° Ik - die inzw>schen ebenfalls eminenten (LG 2 5). Zwar folgt ein wichtiger und klärender Zusatz: »Eine
ten • ! Sper Und ^e^m ann diese Bedingung unterstütz- neue öffentliche Offenbarung als Teil des göttlichen Glaubensde­
positums empfangen sie ... nicht« (ebd.). Diese materiale Eingren-
e, r al1' ‘hre « to p s le h e n Ode, g a , ihres Am-
Ig gehen, wenn das neueste D okum ent R echt hat? Und
13
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zung lehramtlich unfehlbarer Definitionshoheit ist durchaus im
Sinne der reformatorischen Tradition. Sie hilft aber bei der positi­ Schrift - und ganz im Sinne des jüngsten ökumenischen Doku­
ven Umschreibung der päpstlichen Kompetenz nicht weiter, ments - Zweifel an der festgelegten Unfehlbarkeitsdoktrin, wäre
denn der Konzilstext stellt ja zugleich und ohne Umschweife fest, dann ein Rückzug überhaupt möglich? Nachdem das 1. Vatikani­
dass die Offenbarung insbesondere auch durch die Sorge des Bi­ sche Konzil der Instanz des Bischofskollegiums, insbesondere der
schofs von Rom unversehrt weitergegeben und getreu ausgelegt Institution des Konzils selbst sowie dem Papst unter festgelegten
Bedingungen in einem Akt beispielloser - nur Napoleons Selbst­
werde.
Vor diesem Hintergrund wird die Beteuerung der katholischen krönung vergleichbarer - Selbst-Setzung diese Vollmacht zu­
Seite im Communio-Text zur nichtssagenden Erklärung, denn der gesprochen hat, bleiben für die allgemeine Akzeptanz einer Kor­
rektur nur drei Auswege offen; jede führt zu Schwierigkeiten.
von ihr angezielte Fall, der Papst könne eine schriftwidrige Erklä­
Entweder es wird angesichts der historischen Sachlage über die
rung abgeben, kann überhaupt nicht eintreten. Deshalb ist die
gravierenden Mängel des 1. Vaticanums ein Konsens erzielt, so
Formulierung wohl so vorsichtig gewählt. Man wünscht eine »of­
dass die Rezeption der entsprechenden Konzilsbeschlüsse ver­
fizielle Interpretation in dieser Richtung«. Das Dokument spricht
fällt; dann hätte J. K. Hefele, ein Vorgänger von W. Kasper auf dem
von einer Interpretationsr/c/ifwn,? und legt sich damit nicht genau
Rottenburger Bischofsthron seine Konzilsunterlagen nicht zu ver­
fest. Die Zustimmung zu solcher Formulierung kann von evange­
brennen brauchen; zudem wäre die Forderung von H. Fries nach
lischer Seite nur als Vertrauensvorschuss gedeutet werden, den
einer erneuten Rezeption erfüllt. Oder ein Nachfolgekonzil revi­
die katholische Seite erst noch voll einlösen muss. Ferner spricht
diert (stillschweigend oder formell) den damaligen konziliaren
das Dokument von der Richtung einer Interpretation, also nicht
Beschluss; streng rechtlich gesehen wäre das ein schwerwiegen­
von einer Korrektur. Wieder gewährt die evangelische Seite einen der, aber auch der unausweichliche, der einzig mögliche Grenz­
Vertrauensvorschuss, weil sie auf einer genaueren Erklärung nach fall, der sich als solcher nie mehr wiederholen könnte. Oder aber
Art und Tragweite dieser Interpretation nicht bestand. Deshalb der Papst erklärt - unter Berufung auf die ihm 1870 zugeschrie­
dient diese Formulierung nur der Verschleierung eines Problems, bene Definitionsvollmacht - diese für hinfällig und bindet sich
das jetzt als Konsens präsentiert wird. Es ist nämlich noch unge­ bei endgültigen Entscheidungen an den Richterspruch der Schrift.
klärt, auf welcher Ebene sich diese »Interpretation« vollzieht. Zu­ Auch dieser Schritt könnte nur vor dem Hintergrund einer brei­
nächst geht es um die »Unfehlbarkeit« als einem theoretischen, ten kirchlichen Akzeptanz wirksam werden. Eine Wirkung hätten
differenziert ausgearbeiteten Konstrukt. Über eine solche Theorie diese Rückzüge aus der Sackgasse aber nur, wenn sie von einer
lässt sich trefflich streiten und hat die Theologie der vergangenen breiten Diskussion von theologischer Seite und von einer breiten
Jahrzehnte auch intensiv diskutiert, wie auch jetzt über das römi­ Unterstützung durch den sensus fidelium getragen wären. Ohne
sche Dokument eifrig diskutiert worden ist. Die (mögliche) Un­ einen solchen Horizont gehen aber Interventionen wie die des
fehlbarkeitspraxis hat sich dadurch nicht geändert, wie dieses Communio-Dokuments ins Leere. Dieses Beispiel kann zeigen, in
o ument auch jetzt schon zur Beurteilung von fraglichen theo- welches Dickicht der Diskussion uns der breite Konsens katholi­
ogischen Äußerungen seine Dienste tut. Aber »Unfehlbarkeit« scher Theologie gegenwärtig noch führt. Wer auf dem Vorrang der
pffp'vr d n : Ttleorie' sondeni die Legitimation zu einem höchst Schrift besteht, wird diesen hermeneutisch erst noch mit aktuel­
len Kontexten und dem Glaubensbewusstsein vermitteln müssen.
auch (i-pH-m^T lhande^n' dem sich nach gängigem Verständnis
Wer aber dem Lehramt den Vorrang einräumt, wird erst noch in
bindliche^A ,0gie UnterZUOrdnen hat- Gegenüber solchen ver-
hermeneutischer Vermittlung zeigen müssen, wie dieser Vorrang
und überzeugeSnXteThneo|USSenn definiti0nSgemäß 3UCh zum Ausdruck kommt.
der HauDteninri r • °*psctle Argumente scheitern. Das ist Weitere Beispiele lassen sich in diesem Konsensdokument fin­
Rom eben Rom s e i n h s s e n ^ ReSignation unter Theologen, die den. Zu nennen ist etwa das stolze Selbstlob der Autoren; Der nun
vorliegende Text gehe inhaltlich »über bisherige ökumenische
men wir an, in Rom selbst entstünden im Blick auf die
14 15
„n hin, lis Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe
“ r e r r e i c h t werden durch intensive Klärung der Stand- Ich möchte die Bedeutung dieser Überlegungen nicht über­
schätzen. Sie signalisieren eine Tendenz, die nicht nur in Rom zu
punkte* (Communio, Nr. 270). Ich reibe nur schon etwas d,e Au
finden ist, wenn sie sich dort auch mit besonderer Harte und Un-
gen, denn ich habe keine Aussage gefunden d.e m nicht schon
nachgicbigkeit zeigt. Die Theologie kann und muss diesen Ten­
vor zwanzig bis dreißig Jahren in Büchern oder Arttkeln gelesen
denzen auf allen Ebenen begegnen. Dabei darf sie sich nicht auf
oder in Tübinger Seminarsitzungen besprochen hatten. Für viele
inhaltliche Einzeldiskussionen über lehramtlich lancierte The­
Fachleute ist die Ökumene in diesem Zeitraum zu einer selbstver­
men beschränken, sondern muss offensiv die Grundlagenfragen
ständlichen Dimension theologischen Denkens geworden. Die
ins Gespräch bringen, die dem aktuellen Missstand zu Grund
Einzelleistungen der Teilnehmer solcher Arbeitsgruppen seien
liegen. Im ersten Fall bleibt sie meistens in der Defensive und
nicht geschmälert. Aber wie mit Staubsaugern ziehen sie über die kommt aus der Position der Kritikerin nicht heraus; genau dies
theologischen Produktionen hin, um zuträgliche Ergebnisse auf­ hat sich wieder in der Reaktion auf Dominus lesus ereignet. Im
zusaugen und in handliche Verpackungen zu schnüren. Das Kri­ zweiten Fall kann es vielleicht gelingen, das Gesetz des Handelns
terium gegenseitiger Übereinstimmung liegt dann - streng ge­ endlich zurückzugewinnen. Allerdings verlangt dies große Ent­
nommen - nicht mehr in der Kraft der Argumente, vielmehr schiedenheit und den Willen zu eigenständiger Orientierung. Ent­
finden die beteiligten Kirchen- und Fachvertreter (Frauen sind scheidend für meinen eigenen Weg als katholisch orientierter
in dieser Gemeinschaft der Heiligen nicht zu finden), dass eine Theologe ist die Entdeckung, dass Lehramt und Hierarchie nur
Aussage akzeptabel sei. Ihr Urteil wird zum Maß; von einer Art noch für den kleineren Teil derer stehen, für die Theologie einen
Theologie- oder Kircheninstinkt lässt man sich leiten; bestimmte Dienst zu versehen hat. Gewiss, es gibt nach wie vor die große An­
theologische Positionen bleiben - unter dem Gängelband einer zahl kirchlich orientierter und kirchlich praktizierender Men­
konservativ harmonisierenden Hermeneutik - ausgeschlossen. schen; natürlich gibt es auch die zentrale Aufgabe, den Weg der
Wenn dann, wie beim Rechtfertigungs-Konsens von Augsburg ge­ Liturgie, gottesdienstlicher Verkündigung und der kirchlich orga­
schehen, Professoren gegen diese Querschnittslehren Protest er­ nisierten Katechese kritisch und konstruktiv zu begleiten. Dane­
heben, sind Erstaunen und Unverständnis groß. So entsteht - ben gibt es aber die wachsende Zahl anderer Adressaten und
zwischen Theologie und Kirchenleitungen und nach Analogie Adressatengruppen. Zu nennen sind die Ungezählten, die - ohne
konfessioneller Lehrämter - eine Art Zwischenschicht, in der sich selbst Christ zu sein - von mir wissen wollen, was die christliche
Sach- und Entscheidungskompetenz in schwer analysierbarer Tradition zu den Fragen ihres Lebens und ihre Weltinterpretation
Weise verbinden. Von evangelischer Seite mag die theologische zu sagen hat. Zu nennen sind diejenigen, die - aus welchen Grün­
Sachkompetenz noch stärker wirken; das m acht sie bisweilen den auch immer - christliche oder religiöse Sprachwelten als stö­
flexibler, aber auch schwächer. Von katholischer Seite hat die rend und hinderlich empfinden, ihre Antworten also in einem an­
Entscheidungskompetenz jedenfalls einen stärkeren Einfluss; das deren Sprach- und Symbolsystem vernehmen müssen. Zu nennen
macht sie bisweilen stärker, aber auch unflexibler. Die Wissen- sind schließlich diejenigen, die wissenschaftlich orientierte Er­
kenntnisse und Weltanschauungen zum Maß ihres Weltverständ­
schaft der Lehramtsinterpretation droht die Wissenschaft der
nisses gemacht haben.
Schriftinterpretation erneut zu verdrängen. Die Geschichte öku­
Nennen wir die vier kurz angedeuteten Foren: das Forum der
menischer Papiere hat sich längst zu einer Geschichte ständiger
Kirche, das Forum einer allgemein-religiös orientierten Gesell­
Selbstinterpretationen verselbständigt. Wie der Glaubenspräfekt
schaftsschicht, das Forum einer säkularisierten Gesellschaft und
unaufhörlich seine eigenen Produkte und die Enzykliken des ge­
Kultur sowie das Forum der Wissenschaft. Jedes der vier Foren
genwärtigen Papstes zitiert, so geschieht das in ökumenischen Pa­
hat seine eigenen Fragen, bewegt sich in seiner eigenen Sprache
pieren mit der Genealogie der Konsenspapiere, die der Fachmann und erfordert seine eigene Argumentation. Aber damit sind nur
genauestem kennt und schon längst neuen theologischen Er­ einige Differenzierungen im westeuropäischen Kulturkreis abge-
kenntnissen vorgeordnet hat.
17
16
„ . Grund genug sein, die Frage nach P1U-
eschatologischen Hoffnung deren Erfüllung ausstehen muss. Es
schrmen. S c h o n ernster zu nehmen, als das in der euro-
gehört m.E. zu den wichtigsten und vornehmsten Aufgaben ge­
;“ n G eologie in der Rege, geschieht. Denn dort werden genwärtiger Theologie, sich darüber Rechenschaft zu geben und
So achverwirrung und Sprachlosigke.t zum wirklich tragenden von daher die juridisch orientierten Lehramtsansprüche Roms in
Problem Vor diesem Hintergrund hat der Begriff des »Pluralis­ die Schranken zu weisen. Vorteil des genannten römischen Doku­
mus« in die christliche Theologie Einzug gehalten. Was ist damit ments ist es, dass es zur Klärung solcher Grundlagenfragen einen
gemeint7 Wird mit Pluralismus die lästige, vielleicht auch die Rundumschlag versucht. Vorteil dieses Dokuments ist es auch,
wirklich befreiende Erfahrung umschrieben, dass die W ahrneh­ dass es stark den persönlichen Schriftzug des Glaubenspräfekten
mungen und Interpretationen der Welt im westlichen Kulturkreis trägt. Das sind gute Voraussetzungen für ein Gespräch, das end­
allmählich so sehr auseinander fallen, dass wir darüber kaum lich auf breiter Front, in offenem Freimut und ohne Angst vor
mehr Verständigungen erzielen können? Wer wollte dies leugnen Sanktionen eröffnet werden muss.
und wer wollte behaupten, Glaube und Theologie könnten darauf Ziel dieser Veröffentlichung ist es deshalb, den schädlichen Ton
einfach mit einem trotzigen »dennoch« reagieren? Weist der Be­ der theologischen Defensive zu überwinden. Da Stil und Denk­
griff Pluralismus auf das hermeneutische und linguistische Prob­ weise von Dominus Iesus stark von Stil und Denkweise des Glau­
lem hin, dass die eine Wahrheit - so sehr wir auch an ihr fest- benspräfekten geprägt ist, versuche ich im ersten Teil eine Annä­
halten möchten - nicht mehr in einem einzigen und kohärenten herung an J. Ratzinger als einer Person, die noch immer stark von
Sprach- oder Symbolsystem vermittelt werden kann, also immer ihren theologischen Ursprüngen und von ihren biographischen
in pluraler Gestalt auftritt, ob wir es wollen oder nicht? Zielt der Erfahrungen geprägt ist. Dadurch wird sich, wie ich hoffe, man­
Begriff auf die Erfahrung vieler Christinnen und Christen etwa im ches an Motivation, an Denk- und Argumentationsstil klären.
asiatischen Raum, die zwischen ihrer religiös-kulturellen Tradi­ Weit wichtiger ist für mich der zweite Teil, denn ich wollte ge­
tion und ihrem christlichen Selbstverständnis nicht mehr unter­ rade nicht der Versuchung verfallen, das ganze Dokument mit
einigen Bemerkungen oder einigen kurzen Grundargumentatio­
scheiden können oder wollen? Meinen wir mit Pluralismus das
nen abzutun. Ich wollte mir die Mühe einer ausführlichen Ana­
lästige, aber nicht zu leugnende Problem, dass ein jedes Indivi­
lyse machen. Bald hat sich aber gezeigt, dass dazu wohl einige
duum mit seinem eigenen Leib als »Nullpunkt der Interpretation«
Bücher und eine äußerst breite Kenntnis theologischer Diskus­
die Wahrheit in je eigener Perspektivität erfährt und zudem die
sionsgänge notwendig sind. Dennoch geht es um einen Gesamt­
Andersheit des Anderen immer als das Kernproblem entdeckt, das
überblick, ohne den die Einzelschritte kaum zu verstehen sind.
allen Integrationsversuchen widersteht? Hat der große Denker
Das Ergebnis ist die im zweiten Teil vorgelegte Analyse. Sie geht
E. L^vinas nicht darin das Hauptproblem der hellenistischen Tra­
gesondert auf die verschiedenen Kapitel des Dokuments ein, kann
dition lokalisiert, dass dort das Andere als Anderes nicht mehr aber nicht allen Einzelargumentationen folgen. In jedem der Ka­
ernstgenommen wird? Hat die Wiederentdeckung des Erzählens pitel versuche ich, mich an eine vergleichbare Struktur zu hal­
im Raum des christlichen Glaubens vielleicht darin seinen Grund, ten. ln Punkt (a) wird jeweils die gegenwärtige theologische Dis­
dass eine Geschichte - klein oder groß - notwendigerweise und kussion gemäß meiner subjektiven Wahrnehmung umrissen. In
immer dann anders erzählt werden muss, wenn sie dieselbe blei­ Punkt (b) gebe ich dann Inhalt und Positionen des Dokuments
ben will? Hat der Gedanke der einen, theoretisch alles umfassen­ vor diesem Hintergrund wieder. In Punkt (c) komme ich jeweils
den Wahrheit vielleicht erst durch den Hellenismus Eingang in zu einer Beurteilung. Mit einigen Thesen schließe ich den zweiten
die christliche Tradition gefunden und dam it ein Problem ver­ Teil ab.
deckt, das in der christlichen Tradition gelöst werden sollte? Der dritte Teil ist von mehr persönlicher Art. In ihm reagiere ich
Angesichts solcher Fragen gerät die Rede von der einen Wahr­ auf einige weniger prinzipielle Äußerungen Ratzingers und ver­
en sowie von deren universaler Geltung zur vielleicht wohlge­ suche, die Hintergründe und Zusammenhänge seines Denkstils
meinten, aber doch unklaren und leeren Formel, vielleicht zur 19
18
in einen weiteren Horizont stellen. Vielleicht liegt in ihnen der
Schlüssel zu einigen Denkstrukturen, mit denen es dem G la u ­
benshüter immer wieder gelingt, uns gegen sich aufzubringen.
Teil A
Schon diese Vorankündigung macht deutlich, dass d iese s Buch
keine abschließenden Beurteilungen bieten kann. Es kann n ich t joseph Ratzinger - zu Stein
mehr sein als ein Entwurf, der zeigen soll: Der Dissens zw isch en
Rom und ungezählten Theologinnen und Theologen erstreck t
gewordene Theologie
sich nicht auf Einzelpositionen, sondern auf grundlegende Diffe­
renzen im Verständnis des Christlichen selbst. Er erstreckt sich
ferner auf die Frage, welche Autorität den römischen In sta n z en
gegenüber der Theologie überhaupt zukommt. Darüber kann und Am 8 . Januar 2 0 0 0 schrieb Joseph Kardinal Ratzinger in der ange­
muss gestritten werden. Der sich fortschrittlich nennenden Theo­ sehenen, wenn auch konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung
logie kommt gewiss kein Alleinvertretungsanspruch zu. Aber die einen Aufsehen erregenden Artikel zur Krise des Christentums am
römische Glaubenskongregation muss endlich damit aufhören, Beginn des dritten Jahrtausends (Ratzinger 2000b). Von vielen
anders denkende Theologinnen und Theologen unter das Verdikt wurde der Artikel gepriesen als das Zeugnis eines weisen Mannes,
mangelnden, falschen oder oberflächlichen Glaubens zu stellen. der mit historischer Kenntnis und großer Weitsicht die kulturellen
Entwicklungen der Gegenwart zu umschreiben und kritisch zu be­
Sonst bekommt Dostojewskis Metapher vom vertriebenen Jesus
urteilen weiß, der zugleich - man staunte nicht wenig - das Aufklä­
in bestürzender Weise recht (Küng 2001). Wenn die Untugend
rungspotential des Christentums in Erinnerung rief. Im Anfang war
laufender und monologischer Maßregelung, die dem Geist k irch ­
das Wort, diesen programmatischen Beginn des Johannesevangeli­
licher Gesinnung zutiefst widerspricht, endlich aufgegeben wird,
ums versteht der Kardinal als Aufruf dazu, in der Welt die schöpfe­
kann es auch gelingen, mit einem fruchtbaren Gespräch ü ber
rische Kraft der Vernunft neu zu entdecken. So staunten die Be­
die Grundfragen unseres Glaubensverständnisses neu zu b e g in ­
geisterten - unter ihnen viele protestantische Intellektuelle - nicht
nen, zum Vorteil des ökumenischen und des interreligiösen Ge­ schlecht, als am 6 . August aus derselben Hand eine Erklärung
sprächs.
der römischen Glaubenskongregation über »die Einzigkeit und die
Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche« erschien (Dominus
Iesus). Denn in diesem Dokument herrscht ein ganz anderer, ein
misstrauischer und mürrischer, ein geradezu rechthaberischer Ton:
Es ist gewiss nicht der Ton eines gelassenen und erleuchteten und
wirklich aufgeklärten Geistes, eines Erasmus von Rotterdam etwa
oder eines Leibniz. In diesem römischen Dokument wird nämlich
weniger die Aufklärung gepriesen, als vor allzu viel Rationalität, vor
Relativismus und zuviel Dialogbereitschaft gewarnt. Den anderen
Religionen spricht der hochrangige Glaubensinterpret jede Gleich­
berechtigung mit der christlichen Religion ab. Und wie zur Demü­
tigung ökumenischer Bemühungen auf der ganzen Welt erklärt er,
die reformatorischen Kirchen seien keine Kirchen im eigentlichen
Sinne, weil ihnen das Bischofsamt und die Eucharistie fehlt1. Die

1 Die genannten Ausführungen sind zu finden in Nr. 17 des Dokuments: »Die kirch­
lichen Gem einschaften hingegen, die den gültigen Episkopat und die ursprüngliche

21
verheerende Wirkung des Dokuments in den evangelischen Kir­
chen ist bekannt und braucht hier nicht eigens dokumentiert zu Kurz nach Mitternacht, als wir gemeinsam ein paar Psalmen gebetet
werden (Seiterich-Kreuzkamp). Die interessante Frage lautet: Wie hatten, fithrte mich Trimpe a u f einen Aussichtsturm in der Nähe
sind die beiden Dokumente miteinander zu vereinigen? Trägt Rat­ von Tübingen, um mir während eines bezaubernden Ausblickes auf
zinger zwei theologische Seelen Ln seiner Brust? Wie kann er das nächtliche Tübingen mitzuteilen, dass mit der Zusammenarbeit
zudem behaupten, seine Grundpositionen hätten sich seit den Küng/Ratzinger Schluss sei, dass man sich aus heilbringenden Grün­
Jahren des 2. Vatikanischen Konzils nicht geändert? War sein den trennen müsse, dass man mit einem solchen Menschen wie
theologisches Denken vielleicht schon in den sechziger Jahren Küng nicht Weiterarbeiten könne, solle nicht Ratzinger mit seinen
von den beiden Gesichtern geprägt? Ich beginne in diesem ersten engen Mitarbeitern geistig völlig verwildern, ja dass Küng sich im­
Teil mit einer persönlichen Reminiszenz und gehe dann zu einigen mer mehr nur als ein geschickter Journalist bemerkbar mache, über
Grundpositionen seiner Theologie über. Die persönliche Erinne­ den in zwanzig, dreißig Jahren niemand mehr etwas wissen werde.
rung kann deutlich machen, wie ernst und wie verhärtet sein theo­ A uf meine Trage, wohin Trimpe mit Ratzinger zusteuere, antwortete
er, dass er nach Regensburg gehe, wo ihnen Bischof Gräber alles
logisches Denken eigentlich ist und wie sehr der Glaubenshüter -
Nötige für eine ruhige, redliche Wissenschaftsarbeit gewährleisten
spätestens seit den späten sechziger Jahren - in Frontstellungen
wolle. Das war für mich ein weiterer Schock, da ich wusste, dass bei
denkt. Nach allem, was wir wissen und verm uten können, haben
Bischof Gräber Zuflucht unter anderem all die Kräfte gesucht
sich diese Verhärtungen durch seinen Werdegang - vom Hoch­
hatten, die in den Böhmischen Ländern vor den Konzilsfolgen er­
schullehrer zum Bischof, zum Erzbischof und Kardinal, schließ­
schreckten und insbesondere die Abkehr vom strikten Thomismus
lich zum Präfekten der Glaubenskongregation und Vertrauten des nicht mochten (Floss, 749f.).
Papstes - nur noch gesteigert. Bei den theologischen Grundposi­
tionen wird sich zudem zeigen, dass sein Denken streng nach
rückwärts gerichtet ist. Die Fortschrittlichkeit und scheinbare Of­ 1. Was g e sch a h in d en se ch z ig e r Jah ren ?
fenheit während der Konzilszeit wird mit einigen semantischen Diese Begebenheit spielte sich vier Jahre nach Beendigung des
Verschiebungen erkauft - Verschiebungen, die tiefe Missverständ­ 2. Vatikanischen Konzils ab. An der Tübinger Fakultät bahnten
nisse, wenn nicht gar Irreführungen zur Folge h atten 2. sich erste Polarisierungen an. 1968 wurde eine Erklärung für die
Freiheit der Theologie initiiert, die schließlich 1322 Theologinnen
und Theologen Unterzeichneten3. 1969 veröffentlichten die Tü­
I. Ein dramatischer Wendepunkt binger Theologieprofessoren eine Erklärung mit der Forderung,
dass die Bischöfe zu wählen seien und ihre Amtszeit in der Regel
? beginne mit einem Zitat des tschechischen Theologen Karel auf acht Jahre begrenzt werden solle-1. Für Ratzinger war dies ein
einschneidendes Ereignis, denn er hat die Erklärung mit unter­
dncrmac1 -'v^1 ^r^re 1969 in Tübingen den dam aligen Professor für
zeichnet, um sich kurz darauf von seiner Unterschrift zu distan­
Floss wi'itn 6 116010816 J ° sePh Ratzinger (geb. 1 9 2 8 ) besuchte,
zieren. Er fühlte sich unter Druck gesetzt, und wer auch die
aber bald h’ ” berichtet' von Ratzinger höflich empfangen, verschiedenen Charaktere seiner Kollegen kennt, wird vielleicht
verbrachte m d T Assistenten Martin Trimpe übergeben. Trimpe sagen: Ja, er fühlte sich unter massivem Druck. 1968, das war die
Narhf- 1 m en Al3end und - einen gespenstigen Teil der Zeit der Studentenrevolution, die die westeuropäischen Länder
von den USA her überrollte. Auch die Katholisch-Theologische

3 Erstveröffentlichung: u.a. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. 12. 1968. Spater
und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nie veröffentlicht in : Küng (1990). Zum Erfolg der langen Liste von theologischen Erklä­
ben, sind nicht Kirchen im eigentlichen Sinn.« . _ ga, rungen seit 198 6 : G reinacher, 1 2 9 -1 5 9 .
S. dazu Häring (1986, 2000). Eine überzeugende Rekonstruktion 4 T heologische Quartalschrift Tübingen 1 4 9 (1 9 6 9 ), 111-115.
Theologie bietet auch Boeve. S. ferner Kaes.
23
22
Fakultät in Tübingen, die ihrerseits im Schatten ihrer evangeli­
einen Theologen gehörte - tiefsinnige Antworten von theologi­
schen Schwesterfakultät agierte, wurde von der Revolte in Mitlei­
scher Bedeutung. Was sich da abspielte, hatte für ihn mit dem
denschaft gezogen. Flugblätter, Unterbrechungen und Blockaden »Geist dieser Welt«, mit dem Ende des Abendlandes und mit
von Lehrveranstaltungen, Sit-ins und laute Proteste mit Worten einem Glauben zu tun, der zerfällt, der vermodert und (wie der
und Trillerpfeifen waren bald nicht mehr die Ausnahme. Zwar Verängstigte später sagen wird) »der Fäulnis überantwortet« ist.
blieb die Katholisch-Theologische Fakultät von den schlimmsten Vermutlich hat er z. B. nie begriffen, dass Küng in Sachen »Studen­
Attacken verschont, aber einige Wellen schwappten doch über. tenrevolution« im Grunde auf seiner Seite stand.
Aber wie unterschiedlich reagierten die Herren Professoren! Ei­ Ich glaube nicht, dass Ratzinger auf diese Ereignisse je theo­
nige Kollegen versuchten, sich friedlich zu arrangieren und ka­ logisch kreativ reagierte; er zog sich eher in sein theologisches
men mit nur wenig Blessuren davon, vielleicht nur deshalb, weil Gehäuse zurück. Natürlich hatten sich in seinen Augen die Revo­
ihre Vorlesungen ohnehin langweilig waren. Bei anderen ging es lutionäre unter seinen Kollegen desavouiert, aber darüber gab
lebendiger zu. Hans Küng etwa war mit den studentischen Um­ es keine theologische Diskussion. Zwischen dem Bloch-Schüler
trieben alles andere als einverstanden und ließ sich das auch an J. Moltmann und ihm fand damals ebenso wenig ein Gespräch
merken. Mit der Kampfeslust eines Toreros stemmte er sich gegen statt wie zwischen ihm und E. Käsemann. Während Moltmann
die Störungen seiner Vorlesung; zugleich scheute er nicht die Pro­ seine Theologie der Hoffnung gar zur Theologie der Revolution
vokation. Er suchte die inhaltliche Diskussion und erlebte so ei­ steigerte, war E. Käsemann, der im Dritten Reich von Gefängnis­
nige heiße Veranstaltungen. Wenn seine Assistenten ihn in den zellen aus eine staatsfromme Kirche erleben musste, froh, dass
Vorlesungen vertraten (was bei seinem weitläufigen Leben biswei­ die Studenten endlich aufwachten. Allerdings hatte er sich seine
len vorkam), bestand er darauf, dass sie sich ebenso kompromiss­ eigene, durchaus sachgemäße Rache ausgedacht: Gut demokra­
los verhielten; später wollte er genauen Bericht. Alles in allem tisch hatten die wildesten unter seinen Studenten Teile der Vorle­
hat er die Zeiten ohne Trauma überstanden. Der Vorwurf einer sung zu übernehmen, und siehe da, wenn sie im »Festsaal« der
autoritären Haltung beeindruckte den Eidgenossen nämlich nie, Universität ans Katheder zu treten hatten, hielt der Vorlesungs­
konnte man doch in der Confoederatio Helvetica (zumal an seinem stoff der protestfreudigen Studenten nie lange vor; die Autorität
Geburts- und Ferienort am Sempacher See) lernen, was wahre und des Dozenten war gerettet. Der junge katholische Kollege dagegen
staatsbürgerliche Tugend ist. Von seinem Ferienhaus aus blickte verpasste die Chance, wenigstens in der Reaktion gegen die Stu­
er über den See, genau auf jene Stelle, an der im Jahre 1386 gemäß denten aus seiner Isolierung herauszukommen. »So weit kommt
man«, so lautete seine wohl voreilige Schlussfolgerung, »wenn
alter Überlieferung der sagenumwobene Freiheitskämpfer A. Win­
man die Grundlagen des christlichen Glaubens verlässt«. Aus je­
kelried die Pfeile des feindlichen Heeres auf sich zog und damit
nen Jahren stammt seine Freundschaft mit dem späteren Bayeri­
die Zukunft des jungen und renitenten Staatsgebildes rettete.
schen Kultusminister Hans Maier, der von München aus und bald
Daran hat Küng uns oftmals erinnert.
an vorderster Front die Umtriebe dieser Generation bekämpfte,
Ganz andere Auswirkungen hatten die Unruhen offensichtlich
der die traditionelle Kirche immer (und auf hohem Niveau) tapfer
auf Joseph Ratzinger: Der zarte und eher schüchterne Professor
verteidigte und nach seiner Zeit als Kultusminister den hoch an­
ttt unter den Unruhen schwer, konnte sich aber nicht dagegen
gesehenen Romano-Guardini-Lehrstuhl in München besetzte. Bei
rprh^A •«USS d'e F*u8blätter, die wir produzierten, als unge- Maier, diesem konsequent konservativen, von Politik und Orgel­
siinop^ ^ CUnd d'e Tr'llerpfeifen, mit denen man seine Vorle- spiel beseelten Spätvertreter des Abendlands, lernte Ratzinger,
Sinne hnh emPfunden haben, die sich in Haut und dass die Entwicklung der katholischen Kirche nur eine Gesamt­
manches m ! ? ‘geilen empfanden wir mit ihm Mitleid, gewiss, entwicklung widerspiegelt, deren katastrophales Ende mit allen
nau was in ih31^ Sctladenfreude; wir wussten aber nie so ge- Mittel zu vermeiden ist (Ratzinger-Maier). Die Linke fördert den
Verfall der öffentlichen Sitte, Würde, Anständigkeit und Ordnung.
lerne wohl n u u l 0'81" 8, Er Z° 8 Sich zurück- besprach die Prob­
engsten Kreis und suchte - wie es sich für
25
An der These vom Verfall des Abendlandes hält der Kulturkritiker
bis ins Jahr 2001 hinein fest (Ratzinger 2000e). So ist d en n spä. tation auf den Punkt, der für ihn bis heute gilt: Hat die Theologie,
ter auch, wie Maier dann sagen wird, ein Teil der Bew egung jn schreibt er, »nicht den Anspruch des Glaubens, den man allzu
»Aktionismus und Terrorismus« abgestürzt. Ratzingers T h eo lo g je drückend empfand, stufenweise herunterinterpretiert, immer nur
steht aber unversehens und vielleicht ungewollt im D ienst eines so wenig, dass nichts Wichtiges verloren schien, und doch immer
funktionsfähigen Staates, einer geordneten Gesellschaft und einer so viel, dass man bald darauf den nächsten Schritt wagen konnte?
Kirche, die genau an dieser Ordnungsfunktion gemessen wird». Und wird der arme Hans, der Christ, der vertrauensvoll sich von
Allerdings ist auch hier der Unterschied zu Maier interessant. Tausch zu Tausch, von Interpretation zu Interpretation führen
Dieser nämlich hat die Reformbedürftigkeit von Staat und Univer­ ließ, nicht wirklich bald statt des Goldes, mit dem er begann, nur
sitäten immer anerkannt, dazu Ideen beigetragen u nd der Bewe­ noch einen Schleifstein in Händen halten, den wegzuwerfen man
gung 33 Jahr später bescheinigt, sie habe das politische Establish­ ihm getrost zuraten darf?« (a.a.O. 27 f.) Wer unter seinen Zuhöre­
ment wenigstens dazu gezwungen, »den Verfassungsstaat und die rinnen und Zuhörern hätte nicht an jenen Hans denken müs­
Demokratie mit mehr Phantasie, mit intelligenteren M eth o d en zu sen, den der stramme Dogmatiker schon damals als den großen
verteidigen als nur mit dem Traditionsargument »Wie w ir's dann Herunterinterpretierer ansah, nachdem dessen Buch »Die Kirche«
doch im Frühjahr 1967 erschienen war?
zuletzt so herrlich weit gebrachte (Maier).
Vergleichbares hat man von Ratzinger weder damals noch spä Denkform und Unterstellungstechnik der Ratzingerschen Pole­
mik liegen seit jenem Zeitpunkt fest. Unruhe und Krise gelten ihm
ter gehört. Im Gegenteil, im genannten Vorwort zum Neudruck
nicht als Zeichen der Vitalität, sondern als Beweis für Unglaube
der »Einführung in das Christentum« sieht er sich auch in seiner
und Traditionsverlust. Aber er wagt niemanden direkt anzugrei­
Kritik voll und ganz bestätigt. Was aber ist in dem jungen, schon
fen; damit würde er zu viel vergeben. So verstreut er vielsagend
damals erfolgreichen Theologen nun genau vorgegangen? Es lässt
und mit feinen Worten sein Misstrauen, ohne je Ross und Reiter
sich in Umrissen vielleicht beim Studium vor allem des Vorworts zu nennen. Er spricht mit offener Verachtung über »die tatsäch­
nachvollziehen, das der aufstrebende Theologenstar seinen be­ lich abgeschminkte und in modernes Zivil gekleidete Theologie,
rühmten Vorlesungen »Einführung in das Christentum« vorange­ wie sie vielerorten heute auf den Plan tritt« (a.a.O. 37), und man
stellt hat (vgl. Häring 1986). Er hielt sie im Sommersemester 1967 erinnerte sich daran, dass die Tübinger Theologieprofessoren da­
im Auditorium Maximum der Tübinger Universität. Der Saal war mals - aus Tradition und mit Rücksicht auf die protestantische
zur Nachmittagsstunde brechend voll, die Stimmung geradezu Bevölkerung der Stadt - in Zivil gingen, obwohl sie allesamt Pries­
feierlich. Massiv stellte sich der Eindruck ein, dass sich hier W ich­ ter waren. Er geißelt die neuen Gefahren, vor allem der histo­
tiges ereigne. 1968 erscheinen dann die Vorlesungen im Druck. risch-kritischen Interpretation, indem er die Jünger Bultmanns
Erstaunlich klar ist Ratzingers Feindbild, was uns damals nicht und dann des Konzils anhand ihrer Kennworte in einem Atemzug
sonderlich störte. Inhalt und Sinn des christlichen Glaubens seien nennt. Bultmann war seinerseits vom Bannstrahl K. Barths sowie
inzwischen von einem »Nebel der Ungewissheit umgeben wie der evangelischen Tübinger Fakultät getroffen; in Marburg wurde
kaum irgendwann zuvor in der Geschichte«. Zugleich aber ver­ er schlicht »der Ketzer« genannt. Darauf konnte die Polemik des
glich er den gegenwärtigen Zustand der (Tübinger) Theologie mit Nachfolgekritikers aufbauen; der Affront gegen römische Neue­
rungen, die sich jetzt ebenfalls der historisch-kritischen Schrift­
der Dummheit des »Hans im Glück«, der seinen Reichtum für im-
exegese zuwandten, ließ sich mit einbeziehen. Und vor allem, er
mer wertlosere Dinge eintauscht. Damit brachte er seine Interpre-
formuliert keine wissenschaftliche Kritik, sondern eine Kritik, die
den rechten Glauben der Betroffenen in Zweifel zieht. Es ist, als
Bemerkenswerterweise setzt Ratzinger In seiner Rückschau auf die fheolog t übe sich der spätere Glaubenshüter schon jetzt. »Dass weder der
vergangenen Jahrzehnte mit dem Jah r 1968 ein, das für ihn -d en Auhtan Dar- tiefsinnige Intellektualismus der Entmythologisierung (!) noch der
neuen Generation- bezeichnet (Ratzinger 2 0 0 0 a , S. 9). Übrigens wird fct,
îîkü-f1® ^er kommenden Seiten von diesem Vorwort erneut und voll inha Pragmatismus des Aggiornamento (!) einfach zu überzeugen ver-
statigt.
mögen, macht freilich sichtbar, dass auch diese Verzerrung (]es
Grundskandals des christlichen Glaubens eine tiefreichende Sache
ihm einmal in einem Gespräch Wichtiges zugestand. Küng hatte
ist.«6 Bewiesen ist mit so einem Satz nichts, aber ätzende Kritik da gesagt, man müsse doch einmal eine »Christologie von unten­
ist zum Ausdruck gebracht. Das Aggiornamento eines Johan versuchen. Dieser habe mit Zustimmung geantwortet: dieser Ver­
nes XXII1. ist also ebenso verderblich wie das Programm der Ent- such sei durchaus möglich. Küng verstand diese Antwort als Er­
mythologisierung; beide haben den Glauben verzerrt. Der Vor­ mutigung. Vermutlich hat sich der kommende Kontrahent aber
wurf lautet in anderer Form: Der Grundskandal von »Sichtbar und gedacht: Der Versuch wird das Scheitern des Konzepts schon er­
Unsichtbar« werde durch die Devise »Tradition und Fortschritt« weisen. Küng, der die rationale Klärung der ungezählten Aporien
verdeckt.7 Hier wird Ideologie perfektioniert, denn zunächst wer- einer vor-modernen katholischen Theologie endlich einforderte,
den ein Platonismussyndrom und eine moderne Fragestellung machte sich der Zuwendung zum Sichtbaren schuldig. Und wer
miteinander vermischt. Zum anderen können sich Beklagte bei die Jungfräulichkeit Marias in, vor oder nach der Geburt anzwei­
solcher Konstellation kaum mehr verteidigen. Wer »Interpreta­ felte, erlag nach Ratzinger einem reinen Biologismus8*. So konnten
tion« sagt oder betreibt, hat eo ipso schon verspielt, denn er in­ sich Küng und sein späterer Kontrahent nie darüber verständigen,
wo genau ihr Dissens lag. Der spätere Glaubenshüter hat nie aus
terpretiert ja »herunter«. Wer dagegen klarmachen will, dass er
Distanz zu argumentieren gewusst, und deshalb hielt er plötzlich
mit seiner Auslegung das Eigentliche der christlichen Botschaft
Distanz. Denn geschichtliches Denken, zu dem sich Küng von
doch nicht aufgibt, verfällt sofort dem Verdacht der Verschleie­
Ratzinger doch ermutigt sah, ist, wie Ratzinger später sagen wird,
rung. Wer darauf hinweist, dass für unsere Zeit neue Worte zu fin­ von Anfang an »der Fäulnis« übergeben.
den sind, setzt sich dem Verdacht des Fortschrittsglaubens aus. Aber auf diese Psychologie kommt es nicht an. Ich möchte nur
Wer zudem in Sachen Christologie auf die historische Jesus­ zeigen, wie sehr Ratzinger immer misstraute und wie tief sein Ab­
forschung setzt, hat - wie diese Einführung hinreichend zeigt - grenzungsbedürfnis in frühen Erfahrungen verwurzelt war. Oft
ohnehin schon verloren, da er die unsichtbaren Geheimnisse des wird die biographisch inhaltliche Frage gestellt: Hat sich Ratzin­
Christusglaubens verachtet. Bultmann wird zum Erzbedroher des ger in den Jahren nach dem Konzil geändert? M. E. haben sich die
Glaubens und A. Schweitzer dafür zum Zeugen angerufen. Inhalte seiner Theologie nicht geändert. Aber verfestigt haben
H. Küng hat das bei seinen damals noch werbenden Feldzügen sich seine Entschiedenheit und der Entschluss, die Linie im ver­
im Kontakt mit seinem zurückhaltenden Fachkollegen leider meintlichen Dienst der Kirche kompromisslos zu verfolgen. In­
nicht begriffen: Je mehr er Ratzinger in Diskussionsrunden, auf haltlich hat er sich in seine überkommenen Überzeugungen ein­
Kollegentreffen oder bei Autofahrten mit historischen Argumen­ gegraben. Gesteigert aber hat sich die Dringlichkeit, mit der er
ten zu überzeugen suchte, umso m ehr bewies er in den Augen jetzt klare Fronten schuf. Krise war nämlich seit dem Konzilsende
Ratzingers seinen Irrweg. Küng berichtete oft, dass sein Kollege
8 Wie beliebig in diesem Gesamtrahmen die Einzelargumentationen werden können,
zeigt seine Verteidigung der Jungfrauengeburt. Er schreibt: »In einem Augenblick, in
dem wir die Leibhaftigkeit des Menschen mit allen Fasern unserer Existenz entdeckt
185 - 18 9 " ZUr vcrfalst*lenl*en Interpretation der G esch ich te der Christologie, a.a.O. haben und seinen Geist nur noch als inkarnierten, als Leib-Sein, nicht als Leib-
Haben zu verstehen vermögen, versucht man den Glauben dadurch zu retten, dass
man ihn gänzlich entleiblicht, in eine Religion des bloßen -Sinnes-, der puren, sich
GlaubensC^bdeingesetztahait1S7er^CH0n/ r?h fUr dic Rettun8 des al,e" feststehenden selbst genügenden Deutung flüchtet, die nur durch ihre Wirklichkeitslosigkeit der
mir ein Zeitungsinsonr d a ,s f o gende Zi,a,: «Bezeichnend dafür erscheint
Kritik entzogen zu sein scheint ■ (Ratzinger 2000a, 262). Ratzinger übersieht in
fen, sondern rationellen C!l ^ürzlich las: >Sie wollen doch nicht Tradition kau seiner formalistischen Kritik, dass sich dic Situation den Kritikern genau umgekehrt
tümliche Tatsache hineew i . schrltt‘- In diesem Zusammenhang muss auf die eigen darstellt: Genau in der biologischen Deutung der Jungfrauengeburt und durch sie
flexion über den TradifionO,en ~erden' dass die katholische T heolo g ie bei ihrer Ke werden Leib und Sinn dem Heilsgeschehen entzogen. Ein ähnlicher Projektions­
tendiert, Tradition stUIsrhw^8 n ( j Selt etwa elnem Jahrhundert im m er starker dahin vorgang zeigt sich, wenn Ratzinger seinen Kritikern bis in die vergangenen Monate
die Traditionsidee in die m.l( Fortschritt gleichzusetzen, beziehungsweise hinein vorwirft, sie svürden das römische Lehramt als Machtinstmment missverste­
nicht mehr als das feststehend um2uinterpretieren, indem sie Tradition hen; nur darauf seien sie fixiert. In solchen frontalen Gegenüberstellungen tut sich
wartstreibende Kraft des ria u , deferungsgut des Anfangs, sondern als die vor- ein hermeneutischer Abgrund auf; ich spreche von -Abgrund-, weil eine Verständi­
Bem erkungistals geradezu v e r s ,e h t* (a.a.O. 34S, Anm. 6). Auch die« gungsmöglichkeit im Augenblick schlicht nicht zu erkennen Ist.
Schule zu verstehen. nCRrdlk an der Tradition der katholischen Tübinge
29
28
angesagt und diese Krisenstimmung hält bis zum heutigen Tag a„ holen (Schillebeeckx 1988). In diesem Sinn blieb Ratzinger immer
Das Problem seiner Entwicklung liegt wohl in dieser Verhärtung und konsequent bei einer vor-neuzeitlichen, platonisch orientier­
Genau sie hat es verhindert, dass der
uei Streit
j i . c. i um
« ... die
«.v bessere ,-osj
r>osi.' ten Kirchenlehre stehen.
---------------
tion zum offenen und argumentierenden, vielleicht
vielleicht fruchtbaren
fruchtbaren An sich besagt das noch keine Kritik. Im Gegenteil, diese von
Disput wurde. Insofern war der spätere Glaubenshüter nie aka- Ratzinger verteidigte Theologie - eine Theologie der spirituellen
demischer Theologe, nicht einmal ein guter Scholastiker. Seine Erfahrung und Lebensgestalt - hat wichtige Aspekte lebendig ge­
Alternative heißt seitdem und unverändert: Wahrheit oder Ver­ halten, die in einer rationalen Scholastik unterzugehen drohten
(Ratzinger 1959a, 1954) oder schon untergegangen waren, und
derben.
warum sollte das 2. Vaticanum nicht auch die Stunde einer spiri­
tuellen Erneuerung sein? So galt Ratzinger während des Konzils
2. Wie definiert sich R atzingers T h e o lo g ie ? zu Recht als Erneuerer - aus zwei Gründen. Zusammen mit an­
Ich sagte, inhaltlich habe sich Ratzingers Theologie nicht geän­ deren Erneuerern verschaffte er der Spiritualität, einem geist­
lichen Schriftverständnis und der Überwindung eines ausgetrock-
dert. Das ist richtig, aber etwas weiteres ist hinzuzufügen: Ratzin­
neten Rationalismus mit Nachdruck Geltung. Er setzt damit ein
ger hatte anders begonnen als etwa K. Rahner, Y. Congar, E. Schil-
Erbe von R. Guardini11 und H. U. von Balthasar fort (Ratzinger-
lebeeckx oder H. Küng. Als junger Theologe hat er zunächst bei
Balthasar). Zugleich wurde er zum Verfechter der alten Kirchen­
Augustinus und Bonaventura gelernt; er übernahm die Inspira­
struktur. Wie der frühe Balthasar noch von der »Schleifung der
tion der nouvelle théologie zwar an inhaltlichen Punkten, doch de­
Bastionen« schrieb (Balthasar 1952), so erwies er sich zunächst
ren Methode interessierte ihn weniger. Wie andere suchte er die
noch als Kritiker des römischen Zentralismus. Aber mit der »Orts­
Symbolwelt der Alten Kirche9 und des M ittelalters; darin hat er
kirche«, von der er sprach, waren nicht die Pfarrei oder eine orts­
sich aber vergraben. U. von Balthasar hat ihn gelehrt, dass Glaube gebundene Gemeinschaft von Glaubenden gemeint, sondern das
immer gestaltetes Leben, konkrete Lebensgestalt ist; das war eine Bistum, verstanden als die »Kirche«, der ein Bischof vorsteht. Die
notwendige Erkenntnis. Doch er hat sie im m er in ein neuplatoni Kirche ist also kein monolithischer Block, sondern eine Gemein­
sches System eingewoben und in diesem verarbeitet. Das Ge schaft von bischöflich geleiteten Kirchen, die in diesen anwesend
heimnis (und der »Skandal«) des Christlichen war ihm deshalb ist. Dieses Modell entspricht durchaus der Kirchenkonstitution
mit dem »Unsichtbaren« identisch10. Die Hinwendung zur F.mpi- des 2. Vatikanischen Konzils, die von »Teilkirchen« (ecclesiae par-
rie eines Albertus und der nüchterne Aristotelismus eines Thomas ticulares) spricht.
von Aquin, in denen sich ein wirklichkeitsbezogenes Denken in­ Dieser erste Ansatz ließ Ratzinger später zum Kritiker werden,
tensiv vorbereitete, hatten sich bei Bonaventura, dem großen denn er wollte die spirituelle konkrete Erfahrung von Christen -
Lehrer Ratzingers, noch nicht durchgesetzt. Es ist, als wolle er nun sehr pauschal gesagt - als Kern theologischen Denkens erhal­
Bonaventuras Kampf um die W ahrheit in der Gegenwart wieder- ten, dies allerdings in der Form und im Rahmen der altkirchlichen
und der mittelalterlichen Frömmigkeitsstile. Er vertritt eine mön­
chische, eine nach innen gewandte und platonisch argumentie-
Buch von H. Rahner Di» a 'St das im m er n o c h sp an n en d e und seh r reichhaltige
rilek. Vgl. auch Beutner a,><? i F e^ m m elten ß eitra8 e geh en bis in das Ja h r 1935 zu
Ratzinger immer noch d C 77lem atlk der p räex lsten ten K irch e behandelt, dei
11 Im Rückblick auf die G eschichte der Theologie, die Ratzinger In seinem Vor­
1 Wes Illustriert diekon? , - 8 wort zur .N euausgabe 2 0 0 0 . seiner Einführung In das Christentum schrieb, wird
ftihnmg in das Christentum™' W' Kasper durch e in e Besprechung der -Hu R. Guardini als einziger Gewährsmann genannt, von dem die Theologie seit dem
Platonisches Christentum ™' 1er 771650 ausgelöst hat, Ratzinger vertrete eit Jah re 1968 abgewichen ist: «Hatte Romano Guardini In den dreißiger Jahren -
hch zwischen Kasper und d-,»?*r Genau diese Kontroverse hat sich kuff h öchst notwendigerweise - den Begriff der «Unterscheidung des Christlichen« ge­
Glelchzeing zelg, ’ er , ordneRa' z‘" * " wiederholt (Kasper 2 0 0 0 ; Ratzinger 20000 prägt, so schien solche Unterscheidung jetzt nicht mehr wichtig zu sein, sondern
“ mgkeit des Gesprächs es »»iJ™ *punkt des Auseinandersetzung die ringle* 1 Im Gegenteil das Überspringen der Unterschiede, das Zugehen auf die Welt, das
verwendet Kasper im Blick auf a ! “i ? die Fra«e der Präexistenz der Kirche. 1« Sich-Einlassen auf sie.« (Ratzinger 2 0 0 0 a , 11)
wIIm <oi!Uf dle Ghristologie n„‘t IUrchenlehre Argumente, um deretwegen KM
wurde. Ober letzteres sollt?K«^ ? '* en mangehider R ech tg laubig k elt verum 31
nal Kasper noch genauer nachdenken.

30
rende eine an Sakrament und Amt ausgerichtete, eine k irch lich
lieh hat sich bei Ratzinger schon früh eine große Sympathie für
integrierte und agierende Spiritualität. Mit den M ög lich k eiten
die Alte Kirche gezeigt, aber seit dem Ende des Konzils klärte sich
neuerer Spiritualität, die sich nicht auf die alte berufen konnte,
auch ein prinzipieller Gesichtpunkt. Streng methodisch gesehen
hat er sich m. W. nie intensiv auseinander gesetzt, w o h l n ie aus­
verteidigte Ratzinger die Hochschätzung der altkirchlichen Spi­
einander setzen wollen. Neuen Ansätzen, etwa der Befreiungs-
ritualität sowie die sakramental-bischöfliche Struktur der Kirche
theologie, hat er sich immer strikt verweigert, dies, o b w o h l auch
nicht aus Gründen persönlicher Wertschätzung. Nein, der Zusam­
dort Bücher von hoher spiritueller Qualität geschrieben wurden menhang ist folgender: Der Systematiker nimmt die Alte Kirche
(Gutterrez 1986). Zu den absurdesten, geradezu läch erlich en sogar für eine gegenwärtige Kirchenreform zum Vorbild, weil sie
Maßnahmen, die er als Präfekt der Glaubenskongregation durch­ nach ihm eine bleibende normative Funktion hat, und dies in
setzte, war das »Bußschweigen«, das im Mai 1985 L. B o ff wegen einem Sinn, der selbst die Bedeutung der Bibel relativiert. Sein An­
einer Aufsatzsammlung (L. Boff 1985) auferlegt wurde. satz erhebt zunächst durchaus hermeneutischen Anspruch. Na­
Der zweite Ansatz, der Ratzinger während des Konzils als so türlich gilt auch für ihn die Bibel als ursprüngliche Instanz, aber
fortschrittlich erscheinen ließ, machte ihn später zum ausdrück­ sie bedarf der Auslegung, in klassischer Terminologie gesagt: der
lichen Kritiker. Allerdings unterlag dieser Ansatz von Anfang an Tradition12. Aber das historisch erste und entscheidende Überset­
einem Missverständnis. »Ortskirche« bedeutete, wie gesagt, für zungsereignis war der Übergang des Christentums in die helle­
den Kenner altkirchlicher und mittelalterlicher Theologie nicht nistische Kultur. Sie hat für alle Zeit eine vorrangige Bedeutung.
etwa Stärkung einzelner Pfarrgemeinden, geschweige denn die Das ist für eine jede hermeneutisch verantwortete Theologie ge­
Stärkung der dort versammelten Charismen und Funktionen, wiss nachvollziehbar, denn jetzt wird man sich zum ersten Mal
vom Schreckbild einer Basisgemeinde keine Spur. Der Begriff der der Tatsache bewusst, dass die ursprünglichen Schriften übersetzt
»Ortskirche« war von Anfang an streng an das Bischofsamt ge­ und von neuen Perspektiven her verstanden werden müssen. Es
koppelt (Rahner-Ratzinger 1961; Ratzinger 1969b , 1973b), wäh­ ist ein Grundgedanke, der heute den kontextuellen Theologien
rend der Bischof nicht nur seine Ortskirche, sondern als Mitglied zugrunde liegt.
des einen Bischofskollegiums zugleich die Kirche insgesamt re­ Nun würden heute viele Theologinnen oder Theologen sagen:
präsentiert - eine Überzeugung, die in der Auseinandersetzung Dieser Hellenisierungsprozess hat zum ersten Mal gezeigt, wie
mit W. Kasper noch 2001 eine Rolle spielen sollte (s.u. 129). So eine solche Inkulturation verläuft; sie kann und muss sich des­
legte Ratzinger allen Nachdruck auf die sakramentalen Struktur­ halb unter veränderten Vorzeichen immer wiederholen. Für Rat-
zinger geht die Bedeutung dieses Prozesses aber weiter. Denn
elemente der Kirche und konzentrierte sich - die Verkündigung
nach ihm wurde damals nicht nur zum ersten Mal übersetzt, son­
der Wortes natürlich nicht leugnend, aber auch nicht erneuernd -
dern zum ersten Mal ausdrücklich nach der Wahrheit des christ­
auf ein sakrales Amtsverständnis. Das bedeutete zwar Annähe­
lichen Glaubens gefragt. So ist er zutiefst davon überzeugt, »dass
rung an die östliche Orthodoxie, aber keinerlei Annäherung an
es im tiefsten kein bloßer Zufall war, dass die christliche Botschaft
ein neueres, gar an ein evangelisches oder freikirchliches Ge­
bei ihrer Gestaltwerdung zuerst in die griechische Welt eintrat
meinde-Denken. Gemäß klassischem katholischem Kirchenver-
und sich hier mit der Frage nach dem Verstehen, nach der Wahr­
n a muss bischöfliche Ortskirche vom Bischofsamt her heit verschmolzen hat« (Ratzinger 2000a, 70). Das Wort des Ter-
„ h" en U?^ 8estärkt werden, nicht umgekehrt. Auch Ratzin- tullian, Christus habe sich die Wahrheit, nicht die Gewohnheit
k onzinipT ^af Ansatz von damals war von oben nach unten genannt, spielt für ihn in der Frage der Hellenisierung eine Schlüs-
heit hin ai ^ . Z^ leicil star^ auf eine unsichtbar-sichtbare Ein-
“eu nm ausgenchtet.
12 Dies stellt Ratzinger in den sechziger Jahren noch sehr klar heraus, wenn er auch
aus der A lte ü ^ H p ^ Rheologie diese Gedanken nicht zufällig damals schon in Auseinandersetzung mit dem Konzil von Trient jene Gesichts­
punkte stark betont, die die Bedeutung der Schrift relativieren (Ratzinger 1965).
zwischen U r a d v ^ Die Ehrlichkeit gebietet es,
Ursache und Wirkung genau zu unterscheiden. Nat®'
33
32
selroile 13 Die »Wahrheit« des christlichen Glaubens hat sich alSo
erst in der Begegnung des jüdischen mit dem griechischen Den.
risdiktionsprimat und Unfehlbarkeit, der kuriale Führungsan­
ken herauskristallisiert, und hinter diese Wahrheit k ö n n en wir
spruch und die Fixierung auf eine Gehorsamsideologie, die Glau­
nicht mehr zurück'3. Genau damit ist auch die Ü b ertreib u n g Rat. bensbekenntnisse mit Eidestexten verwechselt (Schulz 1996.
zingers angegeben. Er begreift den Übergang zum Hellenismus 107-179; Schulz 2001).
nicht als Suche nach der Wahrheit in einem neuen K ontex, Warum aber mutierte Ratzinger unversehens zur Speerspitze
sondern als erste explizite Wahrheitssuche ü b erh a u p t. Haben der Restauraüon? Warum ließ derselbe sanfte und feinfühlige
Judentum und frühes Christentum also nicht nach der Wahrheit Denker später die Theologenköpfe rollen? Warum mauserte aus­
gesucht? Natürlich würde Ratzinger diese Unterstellung zurück- gerechnet er sich zum theologisch-doktrinalen Robespierre der
weisen, aber im Rück-Schluss gehört sie zur Konsequenz seines nachkonziliaren Kirche? Warum kämpft er mit wachsender Ver­
hellenistisch fixierten Ansatzes. Was diese Fixierung für die Nor­ härtung und - man kann es nicht anders sagen - Verachtung ge­
mativität der Bibel genau bedeutet, ist mir nie ganz klar gewor­ genüber ungezählten engagierten Christinnen und Christen für
den, von einem modernen kritisch-hermeneutischen Standpunkt die Wiederbelebung vorkonziliarer Zustände? Dass Verhärtungen
her auch wohl nie ganz geklärt, auch wenn Ratzinger an diesem früh auftraten und gefördert wurden, haben wir gezeigt. Das Ge­
Punkt bestehende Theorien übernimmt (Boeve). N atü rlich sagt sagte reicht aber zur Erklärung nicht aus. Ratzinger selbst behaup­
auch Ratzinger in Übereinstimmung mit der gesam tkirch lich en tet, er habe sich nicht geändert (Ratzinger-Messori, 16). Von sei­
Tradition, dass die Schrift die erste und überragende N orm christ­ nem wachsenden Zentralismus abgesehen, mag er recht haben.
Zugleich hat er Unrecht, denn er änderte sich natürlich in der Art,
licher Wahrheit sei. Dass aber - technisch gesprochen - zum Ver­
wie er auf neue Entwicklungen reagierte. Niemand kann im Rah­
ständnis und zur Auslegung der Schrift der klassische K onsens der
men geschichtlicher (d.h. auch immer: biographischer) Verände­
ersten fünf Jahrhunderte gehört, steht für ihn außer Zweifel. Hat
rungen derselbe bleibenls. Vermutlich ist das sein Hauptproblem.
dieser klassische Konsens aber eine streng überzeitliche Bedeu­
tung, und wie gehen wir mit Fragen um, die sich im antiken Raum
noch nicht gestellt haben? Ich fürchte, dass dem späteren Bischof
und führenden Kurialbeamten ein möglicher Dissens zwischen
15 Ratzinger weiß das sehr wohl. Als die Fresken der Sixtinischen Kapelle restauriert
Schrift und Tradition nie zum konkreten Problem g ew ord en ist. wurden, hat man ihn gemäß meiner persönlichen Erinnerung in einem Fernsehin­
Zu sehr war er auf die Gefahren der historischen B ib elk ritik und terview bei einer deutschen Sendeanstalt gefragt, wie die Fresken denn wieder her­
zustellen seien. Ratzinger wusste natürlich, worauf der Journalist hinaus wollte:
der modernen Hermeneutik fixiert. Darauf komme ich später zu­ •Mit oder ohne Feigenblätter*. Die Antwort kennzeichnet den großen Verschleierer
rück. perfekt; seine Antwort: »Ich m öchte betonen, dass die Geschichte eines Kunst­
werks Teil des Kunstwerks ist.« Einfacher gesagt: »Mit Feigenblättern!«. Solche Rede
So bleibt nur noch ein Punkt, der sich beim späteren K u r ie n b e ­ wäre ihm aber zu banal gewesen. Ratzinger scheint aber nicht zu sehen, dass er
eine solche Aussage auch auf sich selber anwenden müsste. Er hat nie zur Kenntnis
amten deutlich geändert hat, das ist sein römisch-zentralistisches genommen, dass inzwischen auch die Geschichte seiner Theologie zum teilweise
Kirchenbild mit den hinreichend bekannten Zutaten, nämlich Ju- abgründigen Anteil seiner eigenen Theologie geworden ist. Dazu gehört auch die
Geschichte der von ihm initiierten und mitgetragenen Verurteilungen, der miss­
trauischen Fehlinterpretationen, der konsequenten Interpretationen auf Lucke hin
H A-ä-O. 130; Zitat s. CChr 11, 1209. sowie seines mangelnden Vertrauensvorschusses gegenüber Theologinnen und
Ratzinger 1968; vgl. Ratzinger 1982, 1 3 9 -1 5 9 . Bezeichnend für die Auffassung, d'e Theologen. Man verstehe mich nicht falsch: Unser aller Theologie enthalt abgrun
dige Anteile; sie legen sich aber wie ein destruktives Netz über alles, wenn wir nicht
rh e n 'w X r. rePns**ilnlert hat. ‘st ein Zitat aus dem Vorwort des höchst einflussrei
bereit sind, uns in Debatte und KriHk mit ihnen auseinander zu setzen. Das kön­
consemm „ahl* A^ai’erStuiber. S; »Die übereinstim m ende Lehre, der unanin nen sehr schm erzvolle Prozesse sein. Den zerstörerischen Folgen entkommt nur,
‘" der Kilche a>s unfehlbare N orm der Glaubenslehre wer Bedauern und Selbstkonektur zu seinen Möglichkeiten rechnet. Angesichts
ser Enochf der n'C^,daS J’rinziP nicht form ulieren. Es sei n ich t geleugnet, dass des ökum enischen Flurschadens von Dominus lesus gefragt, ob er manches nicht
DiesePBedeuhmo Klcht getell,en Kirche eine b eson d ere Bedeutung zuk0™ lieber anders formuliert hätte, soll der Glaubensprafekt in der ersten Aprilwoche
vor dem deutschen Ökumenischen Arbeitskreis in Rom »kühl bis ins Herz und nur
dem Wortlaut nach etwas piafesk* geantwortet haben: Non, je ne regreffe rien! (Be­
richt in DIE ZEIT vom 11. April 2001, S. 6). Eine solche Szenerie kann auch nüch­
terne Analytiker mit blankem Entsetzen packen.

34 35
3. Was hat sich geän d ert?
Konzil und - um es pathetisch zu sagen - im Gehorsam gegen­
Aber es wäre auch zu einfach, wollte man behaupten, die so ge. über dem Geist des Konzils ihre Positionen ständig überprüft und
nannten Reformer seien treu auf dem emmal emgeschlage„en geändert. Dafür könnte neben manchem lateinamerikanischen
Pfad geblieben. Wir müssen einfach zugeben und sehen, da« Theologen etwa E. Schillebeeckx als ein eklatantes Beispiel ange­
viele theologische Reformer den vom 2. Vaticanum eingeschlage. führt werden, der die Stationen seiner Veränderungen nie geleug­
nen Weg auch inhaltlich weitergegangen sind. Sie änderten damit net hat. Wie aber hätten ein Glaubenspräfekt oder eine Präfek­
mehr und Grundsätzlicheres, als man das auf dem Konzil vorher, tin in einer solchen Situation kirchlicher Umwälzung reagieren
sehen konnte. Ob diese Wege und welche legitim waren, lässt sich können oder reagieren müssen? Die vornehmste Aufgabe hätte ja
oft an objektivierbaren Positionen ablesen. Aber wie hätte die Kir. lauten können: Ausgleich, Austausch der Argumente, Rückfrage
che weiterkommen sollen? Hier ist kritisch und selbstkritisch zu nach dem, was den Geist des Konzils ausmachte, gegenseitige
gleich zu prüfen. Zunächst ist es kein Geheimnis, dass viele Texte Diskussion, Gespräch mit nichtkatholischen Christen und die
dieses Konzils durch und durch mehrdeutig, ambivalent und von Sorge dafür, dass im Eifer für die Wahrheit die gegenseitige Ach­
Kompromissen geprägt sind. Die Diarien des Konzils sow ie die tung nicht beschädigt wird. Das hat Ratzinger nicht getan. Er
Geschichten der Textentstehung belegen das zur Genüge. Auf hat vielmehr durch ungezählte parteiische und im Argument
dem Konzil wurden ungleich mehr Entscheidungen vertagt als ge­ nicht begründete Entscheidungen Polarisierungen vorangetrie­
troffen, mehr Fragen in Kompromissformeln aufgehoben oder ben, Sanktionen verhängt, unliebsame Frauen und Männer zum
geradezu konterkariert als korrekt gelöst. So musste n a c h dem Schweigen verdonnert oder gar nicht zum Reden kommen lassen.
Konzil ein intensiver und oft widersprüchlicher Interpretations- Er wäre an der Zeit, den Ungeist solch repressiven Verhaltens ein­
prozess einsetzen, der bis heute noch nicht zu Ende ist. Nun zusehen und sich dafür gegenüber den Betroffenen, gegenüber
ganzen Orts- und Landeskirchen - im Einzelnen und insgesamt -
kennt im theologischen Raum für solche Prozesse bislang nie­
zu verantworten.
mand bessere Kategorien als die von »Buchstabe« und »Geist«. So
Ein anderes Beispiel ist die theologische Entwicklung von Hans
mühten sich alle um den Geist des Konzils; was aber war dieser
Küng. Schon sein Buch Die Kirche (1967) ist geschrieben als eine
Geist? 16 Er ist von seinem Wesen her eine nicht objektivierbare
durchaus kritische Weiterführung des Konzils, aber doch unter
Kategorie und kann deshalb die Polarisierungen nicht vermeiden.
Berufung auf dessen Geist. Küng begann, wie bekannt, dieses
Denn was für die einen tötender Buchstabe und reiner Stillstand
Buch schon während der Konzilszeit zu schreiben, als er zur Über­
bedeutete, war für die anderen schon Geist des Konzils. Was für zeugung kam, dass die Kirchenkonstitution des Konzils den ent­
die anderen aber nur wilde Neuerung beinhaltete, erst das er­ scheidenden Durchbruch nicht erreicht. Er beruft sich im Folgen­
schien den andern als der wahre Geist, in dem das Konzil fortzu­ den nicht aufs Konzil, sondern auf die Schrift, weil er in dieser
führen war. Neuorientierung den entscheidenden Impuls des Konzils ent­
Nun gab es breite Strömungen, die im Geist dieses K o n zils wei- deckte (Häring 1998, 7 3 -1 3 3 ). So ist seine spätere Theologie oft
terzugehen suchten17. Gerade sie haben in den Jahren nach dem getragen von einer Botschaft, die lauten könnte: »Wer das Konzil
richtig verstanden hat, muss an diesem oder an jenem Punkt wei­
16 s S Ä f J’roblemla«e besprochen, die seit dem Erfolg post-modernisii- terdenken ...«, oder: »Wenn das Konzil konsequent gewesen wäre,
lichkelt «eben noch kom plizierter m ach e n , aber auch die M ’S hätte es dieses oder jenes Problem energischer angepackt .«,
sehe Fraeen eeeie,, zu besprechen. Eine au sg ezeich n ete, für theolog
Titel: .ü fd ik flc E l « " n ^ " 8 bietet eine A bhandlung von D. Tracy mit de"
17 Ein gutes Bmmel ? as Problem der Sprache« (Tracy 1 9 9 3 , 7 3 - 9 7 )
dersetzung m it den nichtchristlichen Religionen eine zentrale Rolle. Für
sich seit ihrem Beeinn "'e tn atio n ale T heolo g ische Zeitsch rift CONCII IUM.
nationale theologische Bedeutung der Zeitschrift spricht der - in se ne .
(llhlt und gerade deshalb tief '?,64 diesem * G ei5t- au sd rü cklich verpfhcW sehe und völlig absurde - Vorwurf Ratzlngers, sic beanspruche
mehreren Strukturandcm e fleh en d e W andlungen d u rch g em ach t hat, wassn
Kirche eine Art Gegen-Lehram t. Im m erhin lasst sich nicht leugnen, dass di“ e zeu
spater der Feministischen Thü, " iederschlu8 : A ufnahm e der B efreiu n g sth eo W ( Schrift noch im m er die Basis für einen globalen theologischen Austausch oiiuei.
das Denken kontextueller Th» *| 0 ® e' Sch ließ llch h at sie sich ganz allgemein
exrueller Theologien eingelassen. Inzw ischen spielt die Ause.nan
37
36
oder: »Wenn die Konzilsväter nicht erneut von der K urie unter
Druck gesetzt worden wären, wären noch andere T h em en ( z stellt. In der Regel wird ihnen - mit guten exegetischen und syste­
Zölibat und Sexualmoral) besprochen worden«. S o b e g ib t sich matischen Gründen - ein Heilswert zuerkannt. Diese Entwick­
Küng in einen Prozess, den Ratzinger nur als »H eru n terin terp re. lungen quittiert der routinierte Glaubenspräfekt - getreu seinem
tieren« wahrnimmt18, weil ihm jedes »Aggiornamento« als Entfer. lebenslangen Freund-Feind-Schema - mit Begriffen wie »Relativis­
mus«, »Pluralismus«, »Subjektivismus«, »Eklektizismus«, »Indiffe­
nung von der altkirchlichen Kirchenkonzeption und d am it als
rentismus« oder gar »metaphysische Entleerung«20. Hat er einfach
falsche Anpassung erscheint. Noch offenkundiger e r s c h e in e n Än­
Unrecht? Man wird zugeben müssen, dass sich das 2. Vaücanum -
derung oder Bruch in Christ sein (1974) mit seinem Programm
trotz eines grundsätzlichen Durchbruchs zum Recht auf Reli­
einer »Christologie von unten«, deren Methode in d er vorausge­
gionsfreiheit - immer noch schwer tat. Man hat es ebenso mit
gangenen schwierigen Hegelmonographie sozusagen doku m en­
Vorbehalten umgeben, wie man die Unterscheidung zwischen
tiert ist (Häring 1998, 1 4 6 -1 6 4 ). Natürlich ist da - mit d en Augen »Kirchen« und »kirchlichen Gemeinschaften« zwar scharf relati­
eines Konservativen gesehen - Ungeheuerliches g e sc h e h e n . ln vierte, aber - um eines faulen Friedens willen - nicht abzuschaf­
diesen ungeheuren Umschwung gehören auch das erste »Jesus­ fen wagte.
buch« von E. Schillebeeckx (1974) sowie die C h ris to lo g ie von Ratzinger mag also derselbe geblieben sein, wenn er sich isoliert
L. Boff (1978) (Schillebeeckx 1994). Noch dramatischer w ar dann von dem betrachtet, was um ihn herum passierte und was gesche­
die Veränderung einer umfassenden theologischen L an d sch a ft. Es hen ist; das ist sein Problem, aus dem er sich nicht wegstehlen
kommt - neben den Schwarzen Theologien - die latein am eri­ kann. Aber den Erneuerern wurde oft zu wenig bewusst, wie radi­
kanische Befreiungstheologie auf mit G. Gutiérrez als d em gro­ kal die Veränderungen sind, die sie eingeleitet haben. Nur wenige
ßen Bannerträger (Gutiérrez 1971/1975), der wie andere v on Rom unter ihnen haben die Brüche und ihre Kritik deutlich benannt;
zur Rechenschaft gezogen wurde .19 Kaum zu überschätzen ist der man hat ihnen dafür nicht gedankt. Sehr viele wollten zwar kri­
breite Einfluss der feministischen Theologie (S ch ü ssler-F io ren za tisch sein, sich zugleich aber mit reiner Kontinuität und falsch
u.a.). Danach überschwemmten weitere theologische A nsätze von verstandenem Gehorsam legitimieren. Von wenigen Einzelnen
emanzipatorischer Prägung die katholische Kirche. Sie a lle beru­ und Einzelgruppen abgesehen wird Theologie noch immer als ein
fen sich zu Recht auf den Geist des Konzils, aber kaum etw as von großes Harmonieunternehmen verstanden, das sich selbst blo­
ckiert. Diese Naivität macht die katholische Theologie, die so
ihren Inhalten ist in den Konzilstexten zu finden.
gerne fortschrittlich sein möchte, oft wehrlos. Die Selbsüsolation
Schließlich muss die wachsende Aufmerksamkeit für ein e dia­
und Verhärtung Ratzingers, die bisweilen an den Rand des selbst
logisch-geschwisterliche Haltung gegenüber den anderen Religio­
auferlegten Schismatikertums reicht, gewinnt genau daraus ihre
nen genannt werden. Die Frage nach Wert und Bedeutung anderer
Stärke. Bis heute lassen sich zu viele Theologinnen und Theolo­
Religionen wird inzwischen in allen großen Sprachräumen ge-
gen zur Verteidigung zwingen, indem sie ihre Kontinuität mit der
Tradition beschwören. Die Kunst des Angriffs und der Verweige­
B fallt auf, dass Ratzlnger im Rahmen der Theolog en k ritik - bisw eilen gerat sie
rung sind immer noch verpönt21. Warum eigentlich? Warum aus-
»n ! T iChf « historische Bibelkritik und H erm eneutik im m er gleichzeitig
ziem n-pn1T a 1? ek! spicgelt vork°n ziliare V erunslcherungsangste wider. D i« « '"
Problem a h l n i - " di ? Cr W le«enhelt n ich t sein e Starke. -D as hermeneutisch !0 So im genannten Dokum ent Dominus tesus, Nr. 4 Abs. 1 und 2; der Sache nach Nr S
im Streit der H u f” , ? * 83026 Schrift und von Ihrer selb stleu ch ten d en Klarhe ^ Abs. 1; Nr. 9 Abs. 2; Nr. 13 Abs. 1 (.wiederholt vertretene Auffassung* - -keineri i
1973 29) Der n f h " t " 0 der Herm eneutiker n ich ts übrig geblieben * (RaUl" g biblische Grundlage-), Nr. 2 2 Abs. 1. In den spateren Nummern werden " 8 “ 1}
sicht über Dlskmo ensbüter' von dem m an d o ch ein e breite und gelassene der auf Kirche und Religionen zugespitzten Thematik - die vermein ic
KahlschlaethenHen°HSgän..gC erwarten sollte, übersieh t bei solch en unkundig tümer entsprechend konkreter benannt. , , . ,
21 Matthew Fox beschreibt 1988 die katholische Kirche ausführlich als eine - y
Netzen überzogen’ w ar'^ s P ^ m *** 5Ch° n ‘m m er m lt d lch ,c n hermep M«wellfn
verschiebt und^dimit ' Prob!em Ist nur, dass sich dieses Netzwerk bis tionale Fam ilie-, Sie ist nicht böse, aber krank. Man wagt in ihr as _ Hoffnung
dere ersetzt. ' Uch manche se*ner altk irch lich en Knotenpunkte durt Verhalten etwa des Vaters nicht zu kritisieren und hegt d‘e ‘ ‘“ narf. " J c
19 dass ihm mit diesem Schweigen geholfen wird. Das Gegenteil ls
logischen'o^praTh z u ^ e ^ 0 ' ^ ' S' Ch m lt einigen M l« h e o lo g e n zu einem t'11
spracn zu treffen; er hat sich dem V erbot gebeugt. T9
38
gerechnet die Gruppe derjenigen, die wohl etabliert auf UnküncJ
baren Stellen wirken? Würden wir diese Schwäche durchbrechCn FAZ veröffentlichte (Ratzinger 2000b), Ich möchte ihn kurz ana­
dann könnten wir noch deutlicher m achen, dass jede schöpf^' lysieren und ihn dann mit dem Dokument Dominus lesus kon­
sehe Theologie nicht Beharren auf alten Positionen, sondern wie frontieren.
alle menschliche Aktivität ein Geschehen in Beziehung ist, ^
um so fruchtbarer wird, je mehr es in Freiheit und gegenseitiger
1 . Verlust d e r W ah rh eit
Achtung geschieht.
In vielem spricht der Artikel für sich selbst. Sein Titel lautet: »Der
angezweifelte Wahrheitsanspruch. Die Krise des Christentums am
II. Die aktuelle Situation Beginn des dritten Jahrtausends«. Damit ist die Leitperspektive
seines Autors klar. Nach wie vor befindet sich das gegenwärtige
Hier ist nicht der Ort, den theologischen Weg des Glaubenshüters Christentum in, wie er sagt, »einer tiefgehenden Krise«, denn des­
im Detail weiter zu verfolgen (Boeve, Kaes, Allen). Bekannt wurde sen Wahrheit, oder besser: sein Wahrheitsanspruch ist in Ge­
Ratzinger in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht etwa als fahr. Ich gehe hier nicht auf die Tatsache ein, dass der Verteidiger
römischer Territorien nur das westliche Christentum zu meinen
Erneuerer von Kirche und Theologie, sondern als effektiver Stabi­
und zu kennen scheint. Nehmen wir diese Beschränkung ein­
lisator, sozusagen als Betonarbeiter an den kirchlichen Funda­
mal an. Sein Krisenbewusstsein ist immer noch sehr ausgeprägt.
menten; das ist jedenfalls sein öffentliches Image. Fraglos hat Rat­
Es bricht, wie wir sahen, in den Jahren nach dem Konzil durch.
zinger in den vergangenen Jahrzehnten die Theologiepolitik der
Es artikuliert sich zum ersten Mal - und in paradigmatischer
katholischen Kirchen entscheidender m itgeprägt 22 als jeder an­
Weise - bei seiner früheren Auseinandersetzung mit der histori­
dere seiner Generation. Wenn die Zeichen n ich t trügen, ist er jetzt
schen Bibelkritik, etwa in seiner Christologievorlesung vom Jahre
dabei, sein Lebenswerk allmählich abzuschließen. Dass die Ur­
1967 - und hält sich später durch, bis auf den heutigen Tag.
teile darüber nicht gut sind, setzen wir als bekannt voraus. »Jesus Die gegenwärtige Krise berührt nach Ratzinger die Grundfesten
gefangen genommen und der Hl. Geist in Pension geschickt«, so des christlichen Glaubens, weil nicht (nur) die Wahrheit(en) des
lautet der Titel eines brasilianischen Artikels zum letzten Doku­ Christentums, sondern dessen Wahrheitsanspruch selbst ange­
ment23. Aber machen wir es uns n ich t zu einfach. Wie interpre­ griffen wird. Nach dem Kardinalpräfekten hat auch diese Wahr­
tiert Ratzinger die aktuelle theologische Lage, die kulturelle Situa­ heitsbestreitung noch einen tieferen Grund. Die heutige Kultur,
tion selbst? Von großem Interesse zur Beantw ortung dieser Frage die Menschen von heute, der Zeitgeist oder wie man es sonst
ist ein Artikel, den Ratzinger, wie gesagt, am 8 . Jan u ar 2 0 0 0 in der noch nennen mag, halte die Erkenntnis und die Formulierung
von Wahrheit überhaupt nicht mehr für möglich. »Relativismus«
wurde diese von Rom entdeckte und behauptete Haltung schon
Familie verhärtet die Missstande, w odurch sie s c h lie ß lic h zerstö rt wird. Wer mit Al- im Syllabus des nun seligen Pius IX. umschrieben. Nun sei nicht
greifen Tfox )" Familie Erfahnjn« h at< wird die P ro b lem a tik unm ittelbar be- geleugnet, dass es eine philosophische Strömung des Relativis-
fach ° k ^as e ‘n kreativer Akt w ar o d er o b er im m er mehr ein mus gegeben hat. Das Problem ist nur, dass sich die von Rom so
tlves Denken v ? d‘nSI;? Kirch em ystem s fu n k tio n ie rte - ein Prozess, in dem krea- Beschimpften nur selten dieses Etikett anhaften lassen. Auch die­
und Priester vemün R° m ehr Spielen k o n n tc - Er h a t za h llo s e T h e o lo g en , Bischöfe
ser Artikel m ach t also von Anfang an deutlich: Im römischen
immer n o cM te S ö m *'K o H e v * e d em * 08,1 m a ß reS eln u n d d em ü tig en lassen, Er ha
schwebten. m it S an k tio n en zu b e leg en , z.B . m it einem «Buß Kampfprogramm für eine restaurierte Kirche geht es nicht um
neigt, an die e l e m e n t a r s t e r ^ SC.h o n '.ein so lc h e s W ort a u szu sp rech en und istg
Nuancen, sondern um alles oder nichts.
ren, ohne die doch nipm!",??ndrege n g esch w iste rlich en U m gangs zu aPPel
kann. h niem and eln s° * h e s Amt m it c h ris tlic h e m A nstand begleite" Natürlich hat der Zensor aller katholischer Theologen mit sei­
nem Hauptanliegen Recht, und wer wollte ihm widersprechen.
der italienischen O b e r f aPdsentando o Spirito (M a n u sk rip t); der Titel ist vc’n
dato in pensione. ung ü b erno m m en : GesCi ( stato catturato e Io Spiri<° Wenn das Christentum nicht mehr aus der Perspektive der Wahr-

41
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heit betrachtet werden kann, dann hat es sich selbst aufgegeben
Dabei mach, er sich die Analyse in seinem Art.kel nicht leicht; sic setzt kritischen Verdacht in Gang. Er zitiert nicht einmal einen
repräsentativen Denker der Moderne oder des 20. Jahrhunderts.
liest sich jedenfalls anspruchsvoll. Denn seiner oben genannten
Wer auch immer - ob im Gnostizismus oder im Buddhismus, ob
Methode gemäß liegt ihm daran, die Verschleierungstaktik des
in der Aufklärung oder im modernen Religionsdialog - den Ge­
Unternehmens .Relativismus« und »Wahrheitsbestreitung« bloß
danken einführt, die Wahrheit sei verborgen und im Letzten nicht
zustellen; der Ideologe betreibt sozusagen Ideologiekritik. Dann
erkennbar, vielleicht gar unaussprechlich, macht sich dieses Rela­
greift er historisch weit zurück. Er sieht den »ersten Grundgedan­
tivismus und der Unfähigkeit schuldig, den Wahrheitsanspruch
ken« dieses falschen Denkens bei Porphyrios2-*, der in einem be­
des Glaubens zu entdecken26. Könnte es nicht sein, dass Ratzinger
rühmten Wort sagt: Latet omne verum - alle Wahrheit ist verbor­
nur antike Herren zitiert, weil er die Zeitgenossinnen und Zeitge­
gen. Es ist ein Gedanke, in dem sich nach Ratzinger Buddhismus nossen weniger genau studiert hat?
Neuplatonismus und eben unsere Gegenwart begegnen. Diesem
Grundgedanken gemäß gibt es über die Wahrheit und über Gott
nur Meinungen, keine Gewissheit. Wieder greift Ratzinger auf 2 . W ah re Religion - die w a h re Religion
frühe Zeiten zurück: »In der Krise Roms im späten vierten Jahrhun­ Ein zweiter Gedankengang Ratzingers verläuft wie folgt: Ur­
dert hat der römische Konsul Symmachus die neuplatonische Auffas­ sprünglich hat das Christentum Elemente der philosophischen
sung auf einfache und pragmatische Formeln gebracht. Wir können Aufklärung übernommen. Dadurch hat es das Judentum über­
sie in seiner 384 vor Kaiser Valentinian II. gehaltenen Rede zur Vertei­ wunden und aus ihm einen universalen Wahrheitsanspruch ent­
digung des Heidentums und für die Wiederaufstellung des Altars der wickelt; mehr noch, als einzige der existierenden Religionen hat
Göttin Victoria im römischen Senat finden. Ich zitiere nur den ent­ es ausdrücklich die Wahrheitsfrage gestellt. Deshalb kann, so der
scheidenden und berühmt gewordenen Satz: >üas Gleiche ist es, was Autor, das Christentum als vera religio, als wahre Religion, ver­
alle verehren, eines, das wir denken, dieselben Sterne schauen wir, der standen werden. Wir haben Ähnliches bei der Beurteilung der
Himmel über uns ist eins, dieselbe Welt umfängt uns; was macht es Hellenisierung des Christentums schon gehört. Wieder stellt sich
aus, auf welche Art von Klugheit der Einzelne die Wahrheit sucht? ein allgemein sympathischer Effekt ein. Wer nämlich wollte sich
Man kann nicht a u f einem einzigen Weg zu einem so großen Geheim­ dieser Analyse entziehen und wer wollte leugnen, dass die christ­
nis gelangen'. «2i liche theologische Tradition die Frage nach der Wahrheit immer
Der entscheidende Punkt und die entscheidende V ersch leie­ wieder, mit größtm öglicher Schärfe und auch mit großer Leiden­
rungsstrategie in Ratzingers Analyse besteht nun darin, dass er schaft gestellt hat? Die Leistungen eines Origenes und Klemens
solche Sätze eben nicht genau untersucht, n ich t differenziert, ge­ von Alexandrien, der Kappadokier, eines Hieronymus und eines
schweige denn fragt, ob andere genau dasselbe sagen. N ein , bei Augustinus, später eines Thomas von Aquin oder Nikolaus Cusa-
nus waren ungeheuer. Aber die Fußangeln der Argumentation
atzinger geraten solche Aussagen sofort zur D enunziation einer
sind nicht zu übersehen.
echten Haltung. So deutet er im m er nur Richtungen an; er
Zur Abgrenzung vom Judentum argumentiert Ratzinger zu­
nächst formal und kaum widerlegbar. Zu Beginn haben sich die
24 ( 2 3 4 - 3 0 2 / 3 0 6 ) , Biogrr
selbst- und gewinnt , en ' er k o d ifiz ie r te d as »Eine« m it dei
auf, dass Ratzinger mit i w t f a,?enEinfluss au f die c h r is tlic h e T h eolo g ie
2 6 Anlass zum Protest m üssten sch on Ratzingers Ausführungen in einem 1998 er­
rechnet Beispiele wählt Und Sym m a chus (s. fo lg en d e A nm .) siel
sch ien en Bän dch en sein, in dem sich seine vereinfachende und damit sublim po­
setan h a b e n d das Zei* als K ritiker d« C h risten tu m s lem isch e A uslegungstechnik m it H änden greifen lässt. Was er dort unter dem Be­
TS ^ eldcl Dt,nker unangreifbar eid enhun unterging. An sich sind die Äußi
griff -m y stisch e R eligionen- um schreibt, geht an aller religiösen Realität vorbei. In
A nlehnung an A. C uttat n en n t er die Suche n ach einer Vereinigung -vielleicht die
spectamus astra, c o m m u n e T 0 ] ***' flk d q u id o m n e s c o lu n t, u n iim putari
subtilste luziferische V ersuchung-. D am it wird nicht etwa ein konkretes Projekt
<)ua quisque pnrdentia v m * ' um est. idem n os m u n d u s in v o lv it. Quid i oder M odell verurteilt, son d ern gegen die positive Neuentdeckung fremder Re i-
grande secretum. (Symmarhi J ^ ra c ' U n o itin ere n o n p o te s t p erv em n gionen Stim m ung g em ach t (Ratzinger 1998, vor allem 9 9 -1 0 8 ).
setzl hl: Klein, 104/106 elatio III, nr 10), k ritisch h erau sg eg eb en un

43
42
Christen der Synagoge angeschlossen. » B e i d ie s e m A n sch iü
an die Synagoge blieb ein unbefriedigender Rest: D e r N ic h tjJ 5 an einem anderen Punkt. Der besorgte Zeitkritiker behauptet, erst
konnte doch immer nur ein Außenstehender sein u n d n ie 1 im Übergang zum Griechentum habe man die Frage nach der
zugehörig werden.« Das Judentum bleibt a ls o eine partiku] ^ Wahrheit dieser Religion gestellt. Aus dieser Frage wird für ihn
Religion. »Diese Fessel war im Christentum durch d ie Gest i" unversehens die Wahrheit dieser Religion selbst. Oder umgekehrt
Christi, wie Paulus sie auslegte, gesprengt.« Erst in Je s u s also gesagt: da keine andere Religion (auch das Judentum nicht) die
Frage nach der Wahrheit so gestellt habe, könne sie auch nicht
schieht der entscheidende Durchbruch. Er lautet: U n iv e rs a lir
die wahre Religion sein. So kann wohl nur argumentieren, wem
und Wahrheit, Versöhnung von Religion und P h ilo s o p h ie ,' Unj
die Wahrheit anderer Religionen nie zum Gegenstand selbstkriti­
dies weiß Ratzinger in einem großen historischen B o g e n , sozu
scher Überlegungen geworden ist. Ist Ratzingers Argumentation
sagen mit gekonnten Strichen, anzudeuten: »Nun erst war da
also doch Ausdruck eines binnenchristlichen Provinzialismus?
religiöse Monotheismus des Judentums universal geworden und damit
die Einheit von Denken und Glauben, die religio v e ra (wahre Reli
gion), allen zugänglich. Gerade ein Philosoph, Justin der Märtyrer 3. Verlust d e r M etaphysik
nämlich (gestorben 167), kann als symptomatische Figur für diesen Die auffallendste Eigenschaft des genannten Artikels sind wohl
Zugang zum Christentum als einer vera philosophia (wahren Philo­ das uneingeschränkte Lob der Aufklärung sowie die außerordent­
sophie) gelten. Mit seiner Christwerdung hatte er seiner eigenen Über­ liche Hochschätzung von Verstand und Rationalität. Allerdings
zeugung nach die Philosophie nicht abgelegt, sondern war erst ganz unterscheidet der Glaubenshüter streng zwischen der Aufklärung
Philosoph geworden27. Die Überzeugung, dass das Christentum Philo­ in der Antike und jener schlechten Aufklärung, von der die Neu­
sophie sei, die vollkommene, das heißt zur Wahrheit durchgestoßene zeit geprägt ist. Wie kann Ratzinger die Aufklärung der Antike so
Philosophie, blieb noch weit über die Väterzeit hinaus in Geltung. Sie loben, der Aufklärung der Neuzeit dann aber eine entscheidende
ist im vierzehnten Jahrhundert in der byzantinischen Theologie bei Absage erteilen? Der geübte Polemiker entwickelt eine Argumen­
Nikolaus Kabasilas* 28 noch ganz selbstverständlich gegenwärtig. Frei­ tationsfigur, die sich bei ihm immer öfters wiederholt und mit der
lich hatte er Philosophie nicht als akademische Disziplin rein theore­ er unbefangene Zuhörer im mer wieder überrascht. Es ist ein Argu­
tischer Natur verstanden, sondern vor allem auch praktisch als die ment, das er gegen alle (vermeintlichen) katastrophalen Fehl­
Kunst des rechten Lebens und Sterbens, die jedoch nur im Licht der entwicklungen ins Feld führt. Die Antwort lautet: Die Krise des
Wahrheit gelingen kann.« Auf den Ü bergang vom Judentum zur Christentums geht auf den Verlust der Metaphysik zurück. Ratzin­
(griechischen) Philosophie kom m e ich w eiter unten zu sprechen. ger schreibt: »Die philosophische Grundlage des Christentums ist
Im Übrigen wirft die großräumige Skizze natü rlich Fragen auf. durch das >Ende der Metaphysik<problematisch geworden, seine histo­
mrnerhm liegen zwischen Jesus und Justin 1 3 0 bis 140 Jahre, rischen Grundlagen stehen infolge der modernen historischen Metho­
den im Zwielicht. So liegt es auch von daher nahe, die christlichen In­
un is die christliche Philosophie die E p och e des Nikolaus Ka-
halte ins Symbolische zurückzunehmen, ihnen keine höhere Wahrheit
s c h ! i t t p ^ r ! * llat' W3r ^as C hristentum v o n einigen Krisen er- zuzusprechen als den Mythen der Religionsgeschichte - sie als Weise
Ie entscheidende Schw äche der Argum entation lieg1
der religiösen Erfahrung anzusehen, die sich demütig neben andere zu
stellen hätte. In diesem Sinn kann man dann - wie es scheint - fort­
fahren, ein Christ zu bleiben; man bedient sich weiterhin der Aus­
j-ujigin das Chrlstemum ( U ö - n s f lm <Kern d ie D arlegu n gen seiner 1 drucksformen des Christentums, deren Anspnich freilich von Grund
Jahren bei diesem histnri<^K S<dlon die T atsach e, d ass er n a ch über <
spatere Forschungen b e n i r w ^ u ." 161113 Keinerlei D ifferen zieru n g hinzufug ä u f verändert ist: Was als Wahrheit verpflichtende Kraß und verläss­
2 8 Nikolaus Kabasllas (1319/21. n dass er es als d o g m atisch es bt liche Verheißung für den Menschen gewesen war, wird nun zu einer
eheloser Laie Kandidat für den n*".'. *eb te in K o n sta n tin o p el, wurde
{-eben in Christus (Eis ten thei
Leben r),„, aaJn
|n a rcb e n th ro n . S e in e H auptw erke sind: 1 kulturellen Ausdrucksform des allgemeinen religiösen Empfindens, die
tes en
les f " Christo zoes) (Kabasibw a.'l
a!'Q t,ourP
‘touf ^ «n
a ")) sow ie Ü ber die genö tflie
ttlic h e Liturg ans durch die Zufälle unserer europäischen Herkunß nahe gelegt ist.«
englische und französische fih 6 ' 1 9 9 0 1- Von d iesen W erken g ibt es de
e Übersetzungen. (A nm erkung H. H.)
45
44
Damit sind Leserin und Leser von großen Worten und Erinne­
rungen umstellt. Die Terminologie Heideggers blitzt au f (»Ende höchstem Maße eine Simplifikation, wenn man dieses »Ja zum
der Metaphysik«) und globale Urteile zum Gang unserer Epoche Vernünftigen und Sinnvollen« pauschal und ohne weiteres mit
wecken bei vielen Erstaunen. Das vage Gefühl, heute sei vieles »Metaphysik« identifiziert? Die Antwort lautet eindeutig »Nein«.
nicht in Ordnung, bekommt hier eine Stimme; er, der kundige Natürlich kann man auch ohne Metaphysik im strengen Sinn und
und weise alte Herr, muss es wohl wissen. Bei näherem Zusehen außerhalb ihrer bejahen, dass die Welt sinnvoll ist. Hat das denn
platzt die Seifenblase jedoch schnell. Was soll es denn heißen die übergroße Mehrheit von Christinnen und Christen über die
Jahrhunderte hin anders getan? Nach Ratzingers Ansatz leugnet
dass die Metaphysik zu Ende sei? Aber warten wir zu. Später gibt
jeder Mensch einen Weltsinn, der ein kritisches Verhältnis zur
er indirekt eine Umschreibung dessen, was er unter M etaphysik
Metaphysik hat. So macht sich der selbsternannte Philosophen­
versteht. Dabei zeigt sich, dass er den komplizierten Begriff »Me­
kritiker einer erstaunlichen, einer unerlaubten und für seine Geg­
taphysik« höchst global mit dem Glauben an einen letzten Sinn
ner katastrophalen Vereinfachung schuldig. Sie ist deshalb ver­
identifiziert. Wer Metaphysik also ablehnt, glaubt - man kann nur
werflich, weil er mit dieser Strategie all denjenigen den wahren
staunen - nicht an einen letzten Sinn der Wirklichkeit. Die Alter­
Glauben abspricht, die »Metaphysik« ablehnen. Das ist ein Stand­
native zu Metaphysik lautet Nihilismus. Im Text heißt es: »Letzten
punkt, der seit Descartes, spätestens jedoch seit Kant selbst für
Endes geht es um die Frage, ob die Vernunft beziehungsweise das Ver­
philosophisch geschulte Menschen falsch und zudem billig ist.
nünftige am Anfang aller Dinge und a u f ihrem Grunde steht oder
Eine weitere Gegenfrage kann lauten: Wie beurteilt der oberste
nicht. Es geht um die Frage, ob das Wirkliche a u f Grund von Zufall
Glaubenswächter diejenigen, die gerne glauben möchten, aber
und Notwendigkeit, also aus dem Vernunftlosen entstanden ist, ob
mit der grauenhaften Wirklichkeit, mit ihrem Elend nicht mehr
mithin die Vernunft ein zufälliges Nebenprodukt des Unvernünftigen zu Rande kommen? Hiob, Auschwitz, der frühe Tod geliebter Men­
und irn Ozean des Unvernünftigen letztlich auch bedeutungslos ist schen? Haben wir nicht - spätestens nach der Schoah - gelernt,
oder ob wahr bleibt, was die Grundüberzeugung des christlichen Glau­ uns unser Unvermögen einzugestehen, das Problem des Bösen zu
bens und seiner Philosophie bildet.« Jetzt ist der Boden für den Hö­ lösen? (Häring 1999a, Kreiner) Ratzinger unterscheidet nicht zwi­
hepunkt des Artikels bereitet. Ratzinger schreibt: "In principio erat schen Metaphysik als einem Basissystem oder Bezugsrahmen, in­
verbum - am Anfang aller Dinge steht die schöpferische Kraft der Ver­ nerhalb dessen von Wahrheit gesprochen wird, und einer konkre­
nunft. Der christliche Glaube ist heute wie damals die Option für die ten Wirklichkeitserfahrung, die mit Verzweiflung und Sinnverlust
Priorität der Vernunft und des Vernünftigen. Diese Letztfrage kann konfrontiert sein kann. Diese mangelnde Sensibilität in Ratzin­
nicht mehr durch naturwissenschaftliche Argumente entschieden wer­ gers Schema von Freund und Feind gehört zu dem Gefährlichsten,
den, und auch das philosophische Denken stößt hier an seine Grenzen. das seine Botschaft ausstrahlt.
In diesem Sinn gibt es eine letzte Beweisbarkeit der christlichen Grund­ Die folgende Frage lautet: Was sollen wir zu Ratzingers Um­
option nicht. Aber kann die Vernunft a u f die Priorität des Vermint' schreibung von Metaphysik überhaupt sagen? Auch nur geringste
tigen vordem Unvernünftigen, a u f die Uranfänglichkeit des Logos ver­ Kenntnis von Begriff und Sache besagt, dass »Metaphysik« eine
zichten, ohne sich selbst aufzuheben? Die Vernunft kann gar nicht höchst undeutliche und differenzierte, eine historisch beladene,
anders, als auch das Unvernünftige nach ihrem Maß, also vernünftig eine mit der griechischen Philosophie eng verschwisterte Ange­
zu denken, womit sie implizit doch wieder den eben geleugneten I n legenheit ist. Es ist zudem eine Angelegenheit, die den Glauben
mat der Vernunft aufrichtet. Durch seine Option für den Primat der immer wieder mit falschen Vorstellungen belastet, mit Theorie­
emunft bleibt das Christentum auch heute >Aufklärung^. systemen überladen und mit dem Anschein höheren Wissens ver­
fälscht hat. Soll wirklich behauptet werden, dass das Christentum
an mag von diesen Ausführungen, zudem gekonnt formulier1,
von der »Metaphysik« dieses Zuschnitts abhängt? Schon jedes
egetstert sein. Die Begeisterung verfliegt jedoch schnell, wenn
allgemeine Wörterbuch von einigem Informationsanspruch zeigt,
man Gegenfragen stellt und damit auf genaueren Auskünften
"de kompliziert die Geschichte der Bestätigung, Kritik und Neu-
es e t vielleicht die Folgenden: Ist es richtig oder nicht >n
46 47

T -
formulierung von Metaphysik zumal in der Neuzeit verlaufen ist Und schließlich: Der geübte Rhetor Ratzinger lässt seine Aus­
Hört sie mit Kant oder mit Heidegger auf? Verstehen wir unter ihr führungen zur Metaphysik im ersten Vers des Johannesprologs
ein bestimmtes historisches System oder den Versuch, letzte Ant­ h 11) kulminieren. Will und kann er aber jenen Logos des Be-
worten auf letzte Fragen zu finden? So selbstverständlich es sein mns wirklich so unkritisch mit Metaphysik identifizieren? Hat er
mag, dass für uns nicht mehr Aristoteles der Philosoph schlecht­ • Blick auf Metaphysik nicht Johannes mit Platon und Aristote­
hin ist, wie dereinst für Thomas von Aquin, so banal wäre es zu les verwechselt? Dieses waghalsige Unterfangen verbietet sich in
behaupten, heute würden letzte Wahrheitsfragen nicht m ehr ge­ jeder Hinsicht. Zu behaupten, dass man den »Logos« des Johan­
stellt. Im Gegenteil, mehr denn je brechen sie an allen Ecken und nesevangeliums mit »Vernunft« oder gar »Rationalität« überset­
Enden wieder neu auf, oft unter deutlicher Kritik an und unter zen müsse und dass Dissidenten mit der Kritik an metaphysi­
Abkehr von einem Denken, das wir im klassischen Sinn des Wor­ schen Systemen die Grundlage des Christentums aufgäben, das
tes metaphysisch nennen würden (Heimsoeth, Vattimo 1990, ist schon ein starkes Stück Geschichtsklitterung, Verfälschung un­
1997). Die Stärke von Ratzinger war schon immer, dass er kom­ serer Denkgeschichte. Zudem ist die Diskussion über die Herkunft
plexe Zusammenhänge einfach und durchsichtig auf den Punkt und Bedeutung des Johannesprologs noch lange nicht ausgestan­
bringen kann. Seine große Gefahr (der er hier erneut erliegt) ist den. Viele sehen in ihm einen deutlichen hellenistischen Einfluss.
dabei: Aus der Konzentration wird Simplifikation, aus der Kritik Andere lehnen diese These ab. ln jedem Fall wird seine philoso­
pure Ideologie. Wenn Kant etwa die Metaphysik kritisiert, dann phische Herkunft (und Affinität) stark bezweifelt. Wollte man be­
stellt er eben ein erkenntnistheoretisches Problem, keinen Glau­ haupten, der Schöpfungsbericht von Gen 1, in dem die Welt
ben zur Debatte. Wenn Hegel umgekehrt sein System der Dialek­ durch Gottes Wort geschaffen wird, sei vom Hellenismus geprägt?
tischen Philosophie entwirft, dann stellt er philosophisches Den­ (Vielleicht hätte Ratzinger R. Bultmann doch einmal sorgfältiger
ken zwar in Ehren wieder her; er lässt damit aber die griechische lesen müssen [Bultmann]). Und selbst wenn dem so wäre, dann
und klassische mittelalterliche Metaphysik hinter sich. Wenn bietet das Neue Testament noch immer eine Fülle anderer An­
Heidegger schließlich vom »Ende der Metaphysik« spricht, dann sätze, die der Christologie als Ausgangspunkt hätte dienen kön­
denkt er eben ans Ende eines objektivierenden, verdinglichenden, nen. Es hätte - wie bekannt - auch zu einer Weisheits- oder
hermeneutisch naiven Sprechens von der letzten Wirklichkeit (das Geist-, zu einer deutlichen Nachfolge- oder einer Ebed-Jahwe-
er »onto-theologisch« nennt) und eröffnet dem Glauben damit Christologie, zu einer Menschensohnchristologie oder einer Chris­
wieder einen neuen elementaren Weg. Kurz, ein solcher Begriff eig­ tologie vom letzten Propheten kommen können. An diesem
net sich gerade nicht dazu, mit einem großen Gestus die ganze Punkt ist Ratzinger ein schwerer Vorwurf zu machen: er miss­
Epoche der Neuzeit in den Orkus des Unglaubens zu verbannen. braucht den wunderbaren Satz des Johannesprologs zur Verteufe­
Hinzu kommt schließlich das ungeklärte Verhältnis von Meta­ lung all derer, die nicht der johanneischen oder der hellenisti­
physik und Religion. Zur wahren Universalität findet der Glaube schen Christologie folgen.
nach Ratzinger erst bei der Begegnung mit der Metaphysik. Jener
unge uldige und ohne Bibliothek umherwandernde Prophet na-
rnens Jesus« ist offensichtlich zu jener Würde noch nicht aufge-
gen. -v\ar mag man auf solchen Überzeugungen eine elitäre
Kehgionsphilosophie aufbauen, nur hat diese wenig mit Jesus zu
Konstitution alles Endlichen aus der absoluten W irklichkeit des Göttlichen be­
schäftigt vor der Metaphysik schon die Religion,. Deshalb wirkt Metaphysik als
»kritisches Prinzip gegenüber der Religion. Es kom m t aber dabei etwas aus der Re­
29 Ein gion selbst der Metaphysik entgegen, ein Bewusstsein der Einheit des Göttlichen,
—.J Ule^Metaptwsiirvenl rf?nnenberg ~ dcr U n f a l l s ein konservativer Denker i
und re es nicht so, dann würde auch die W ahrheit der Metaphysik zweifelhaft oder,
det, ist sehr erhebend (Pann** ü der un* leich differenzierter über Metaphysik was dasselbe wäre, sie würde auf das Bedürfnis der Vernunft nach unbedingter Ein­
wie Ratzinger von der A k « ? 6" a ' Pannenberg macht die Religion gerade nie heit zurückfallen. (a.a.O. 56f.).
«er von der Akzeptanz der Metaphysik abhängig: »Die Frage nach &

48 49
III. R olle u n d B e d e u t u n g d e r A lte n Kirche
der Solidarität.« Er betont zu Recht, dass die Unbedingtheit der
Menschenwürde aus eigenem Recht existiert und letztlich -auf
Diese unkritische Identifikation von C h risten tu m und - durchaus
den Schöpfer« weist, macht aber auch deutlich, dass die Erneue­
griechischer - Metaphysik führt zum Kern der Argum entati„n
rung eines sich selbst hassenden Abendlandes nur bei Rückkehr
Diese Identifikation hat zwei wichtige V oraussetzungen. Die erst,’
in den alten Glaubensgehorsam zu haben sei. Diese Kombination
Voraussetzung lautet: Die Metaphysik w urde aufgegeben, *u
von extremem Kulturpessimismus und römischem Heilsangebot
nächst von einer erkenntniskritischen P h ilo so p h ie, später Von
macht die Position dieses mächtigen Glaubensmannes aus und
dem Anspruch der Naturwissenschaften ab g elö st. Schließlich hat erklärt hinreichend seine wachsende Neigung zu mentaler Inqui­
die Evolutionstheorie die frühere Bedeutung der M etaphys|k sition. Mit solchen Gedanken gewinnt Ratzinger all jene Leser, die
übernommen. Diese gilt jetzt, wie Ratzinger sagt, als die »Erste im Felsen Petri das erste und letzte Bollwerk gegen die Stürme der
Philosophie«. Der Autor präsentiert ein Modell des kontinuier­ Zeit sehen. Allerdings setzt er in seiner Krisenanzeige eine kompli­
lichen Abfalls, bekannt aus früheren Formen einer G eschichts­ zierte Gedankenkonstruktion, mit der er das zugleich universale
schreibung sowie protestantischer Kirchenhistorie, die im Anfang und spezifisch neuzeitliche Phänomen der »Aufklärung« zweiteilt
das Paradies bzw. die reine Kirche und in der G egenw art - mit und damit den Grundimpuls des Aufklärens abwehrt. Zwar sei, so
Tendenz nach unten - das Verderben sieht. Ich w eiß nicht, das zensierende Argument, das Christentum die Frucht der anti­
welche Historiker, Kulturwissenschaftler und T h e o lo g in n en diese ken Aufklärung; diese habe dem neuen Glauben die Frage nach
Überzeugung noch teilen. Diese Krisenhermeneutik wirft schließ­ der Wahrheit eröffnet. Doch davon müsse jene zweite Aufklärung
lich alles in einen Topf - von Descartes über Spinoza, Leibniz und der Neuzeit unterschieden werden, die zwischen Denken und
Kant bis hin zu Darwin und der modernen Genetik. Sie alle bezeu­ Glauben einen Graben aufgeworfen hat. Warum und wie das ge­
gen gemäß Urteil des katholischen Glaubenshüters den Weg des schehen ist, das erklärt Ratzinger leider nicht. Deshalb besteht
Unglaubens. Ratzinger bedient damit ein ausweglos konservati­ auch dringender Tatverdacht: Vielleicht hat Ratzinger diese Un­
ves, wenn nicht gar ein reaktionäres Klischee, das zudem einer ge­ terscheidung doch nur eingeführt, um sich die Definitions- und
genwärtig verbreiteten innerkirchlichen Stimmung dient und auf Urteilshoheit über die Frage anzueignen, was wahre und legitime
eine resignierende Geschichtsinterpretation zurückgreift. Sie lau­ Aufklärung ist. Eine solche Strategie kann jedoch nicht überzeu­
tet: Seit der Aufklärung geht es mit dem Abendland kulturell und gen, denn es gehört zur Eigenart einer jeden Aufklärung, dass die
religiös bergab. Für Ratzinger beginnt der Niedergang gar mit der sich die Mündigkeit der Selbstbeurteilung und der Selbstkritik
Reformation und wird mit der Französischen Revolution endgül­ nicht aus der Hand nehmen lässt.
Wir sind mit den Voraussetzungen beschäftigt, die Ratzinger
tig besiegelt (Ratzinger 2000e). Am Beginn des neuen Jahrhun­
zur Identifizierung von Christentum und Metaphysik bringen.
derts gibt es überhaupt keine Orientierung mehr; innerhalb und
Die zweite Voraussetzung lautet: Das Christentum findet seine
außerhalb der Kirche driftet das Boot steuerlos ab.
Identität erst in dem Augenblick, da sich die religiösen, noch my­
Die Struktur solcher Anti-Visionen ist nicht unbekannt. Sie be­
thischen Traditionen des Judentums (und Jesu?) mit der philoso­
ginnt für unser kulturelles Kurzzeitgedächtnis mit dem Kulturpes­
phischen Tradition des Griechentums verschwistern und sich
simismus eines O. Spengler (Spengler, Pauen). Faktisch übernimmt von ihr läutern lassen. Dieser Gedankengang zeigt sich schon in
Ratzinger dessen Prognosen, wenn auch nicht die biologistische der Einführung in das Christentum. Dort umschreibt Ratzinger
Begründung und stimmt den Bestrebungen zu, ein E u ro p a auf der die Sache des Glaubens zunächst in schöner, durchaus noch
Basis christlicher Werte neu zu bauen. Er zitiert den 2. Satz der gültiger und biblisch inspirierter Weise: »Glauben ist die nicht
Präambel der Europäischen Charta der Grundrechte vom 14- Ok­ auf Wissen reduzierbare, dem Wissen inkommensurable Form des
tober 2000: »Im Bewusstsein ihres geistig-religiösen und sitt­ Standfassens des Menschen im Ganzen der Wirklichkeit, die Sinn­
lichen Erbes gründet sich die Union auf die unteilbaren und uni­ gebung, ohne die das Ganze des Menschen ortlos bliebe, die dem
versellen Werte des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit un
S1
50
R ech n en und H andeln des M en sch en vorausliegt und ohne die
... . auch nicht rechnen nnH
letztlich und handeln tn n n fa w eil er es
könnte, weder auswetchen können noch ausweichen wollen. Natürlich
nur hat die Christologie etwa damals eine Gestalt erhalten, der auch
kann im Ort eines Sinnes, der ihn trägt.« Kurz darauf aber kommt
wir uns nicht entziehen können. Die Frage bleibt allerdings, ob
eine unerwartete, schon genannte Präzisierung hinzu. Glaube ist
diese damalige Gestalt für uns vielleicht eine mäeutische Funk­
so der Kenner der Kirchenväter, auch »das Bekenntnis zuni Primat
tion oder die Funktion einer Sprachregelung, die Funktion eines
des Unsichtbaren als des eigentlich Wirklichen, das uns trägt.
universalkirchlichen Verständigungshorizonts oder die Funktion
Diese Terminologie erstaunt, denn auf diese Weise würden wir die
bleibend normierender Inhalte hat. Im letzteren Fall sind sicher
Sache Jesu nicht unbedingt zusammenfassen. Er kündigte Gottes
Fragen zu stellen. Zudem wird die Botschaft viel nüchterner, wenn
Reich an, das wir jetzt zwar noch nicht kennen, das aber durchaus
man sie - unmittelbar und ohne die Anstrengung kultureller
sichtbare und erfahrbare Dimensionen hat. ln diesem Reich geht
Übersetzungen - auf den konkreten gegenwärtigen Alltag von
es ja gerade um die Entdeckung des Verborgenen: »Eine Stadt, Kirche und Theologie bezieht. Für Ratzinger nämlich wurde die
die auf dem Berge liegt, kann nicht verborgen bleiben« (Mt 5,14)' Einsicht in den bleibenden Vorsprung der Alten Kirche zum
so wie »überhaupt nichts verborgen ist, was nicht bekannt wird« Schutzschild gegen ungefähr alle Neuerung, die sich theologisch
(Mt 10,26). Zwar spricht Paulus davon, dass wir nach dem Un­ in den vergangenen vierzig Jahren angemeldet hat. Sie bedeutet
sichtbaren ausblicken sollen (2 Kor 4, 18), aber auch dieses wird schlicht und einfach: Erst in der Entwicklung von Lehre und
dereinst enthüllt werden. Theologie in der Alten Kirche kam die Wahrheit des christlichen
Doch kehren wir zur »Einführung in das Christentum« zurück. Glaubens voll ans Licht (Ratzinger 1968, vgl. 1982). Deshalb
Kurz darauf nämlich wird klarer, was der Autor mit diesem Un­ bleibt diese Lehre der Alten Kirche unabänderlich und für alle
sichtbaren meint (S. 66 ). Es geht um das Unsichtbare, das der späteren Generationen bindend; die Interpretation der Schrift
sichtbaren Wirklichkeit zugrunde liegt, um den »Logos«, den bleibt ihrem Maßstab bleibend unterworfen. Es geht, wohlge­
»Grund«, den »Sinn« der Dinge. Diese Umschreibungen sind min merkt, um Gott und Christus, um Kirche und Bischofsamt, um
eher griechisch als biblisch inspiriert, und es folgt der für Ratzin- Sakramente und Heil, um den Missionsauftrag, um Engel, Jung-
gers Denken unverzichtbare Schlüsselsatz: »Ich bin der Überzeu­ frauengeburt und Teufel, um die Verdammung aller Menschen,
gung, dass es im tiefsten kein bloßer Zufall war, dass die christ­ die nicht getauft sind sowie um die Tatsache, dass es nur eine
liche Botschaft bei ihrer Gestaltwerdung zuerst in die griechische wahre Religion, dass es außerhalb dieser Kirche kein Heil gibt.
Welt eintrat und sich hier mit der Frage nach dem Verstehen, nach Diese Lehren sind so anzunehmen, wie sie in der Alten Kirche
der Wahrheit verschmolzen hat« (Ratzinger 2 0 0 0 a , 66 , 69, 70). vor- oder ausformuliert worden sind. Es ist diese altkirchliche Bin­
Auf diesem Punkt wird Ratzinger später noch deutlicher bestehen. dung, die spätere Interpretationen sofort dem Verdacht aussetzt,
Genau das ist aber der Punkt, der dem Wahrheitsmodell von Rat­ da werde nur angepasst, das Unsichtbare missachtet, da wer­
zinger die entscheidenden Konturen gibt: erst im Kontakt mit der de einfach »herunter«-interpretiert. Alle anderen philosophischen
griechischen - einer faktisch platonischen - Metaphysik hat das Voraussetzungen, die zu Änderungen dieser Lehre führten, kön­
Christentum seine für die Wahrheit tragfähige, seine entschei­ nen von dieser Voraussetzung her nur Abfall von der Metaphysik
dende Gestalt erhalten. Diese Vermutung kristallisiert sich später und darum Abfall von der Wahrheit des Glaubens bedeuten.
immer deutlicher zur entscheidenden These, zur geradezu zeritra Ankerpunkt für die christliche Wahrheit sind nach diesem Kon­
zept, konkreter gesagt, die großen vier Konzilien der ersten fünf
en ampfparole von Ratzingers Theologie heraus.
Jahrhunderte (es geht um den so genannten consensus quinquesae-
un mag man diese Botschaft für tiefsinnig, hochgeistig oder
cularis). Deren Legitimität und normative Rolle für die Gesamt­
dpr" n" r“ ch' für äußerst interessant halten, die - wie gesagt - >n
kirche aller Zeiten ist für Ratzingers Theorie von Metaphysik
sich Th °,ÜSChen Theol°g>e tiefere Wurzeln hat. Auch werden
Und griechischer Kultur so grundsätzlich begründet, dass über
w -ek li 8mnen Und Theol°gen in der Regel nicht dem Hin- einzelne Punkte nicht mehr zu diskutieren ist. Mögliche Ausnah-
fwergern, dass wir der Denkgeschichte der Alten Kirch

52 53
men (etwa zur Unfehlbarkeit ausgerechnet d es Patriarchen v
Rom) bestätigen dann nur die Regel. Historische Analysen ko"" ionage« organisiert und zu Höchstleistungen angetrieben hatte
nen dann die Bedeutung konziliarer Beschlüsse bzw. gesamt-aU (Stegmann). So ist es nur konsequent, wenn es dann heißt: »Alle
kirchlicher Überzeugungen nur noch illustrieren, v ielleich t p ^ ' Krisen im Inneren des Christentums, die wir gegenwärtig beobach­
sieren. Ansonsten werden sie als im Grunde u n h isto risch e a} ten beruhen nur ganz sekundär auf institutionellen Problemen. Die
monolithische Blöcke interpretiert. Die weitere G laubens- Unj Probleme der Institutionen wie der Personen in der Kirche rühren letzt­
Theologiegeschichte, in der sich der Glaube erw eitern , differen lich von der gewaltigen Wucht dieser Frage [nach der Wahrheit]
I,er « Undifferenzierter W ahrheitsanspruch oder Glaubensverlust,
zieren, anders ausformulieren, vielleicht auch an g esich ts neuer
Menschheitssituationen korrigieren kann, hört im G rund mit der
das ist die Alternative. Jede weitere Position scheidet offensicht­
Alten Kirche auf. Mit anderen Kulturen und R elig io n en , m it ande­ lich aus.
Institutionelle Probleme sind für den Kardinalpräfekten also se­
ren Konzeptionen von Wahrheit und Verstehen ist ein wirklicher
kundär. Ich zweifle daran, mag es vorläufig aber akzeptieren. Auch
Dialog nicht mehr möglich.
mag dies für die Betroffenen zwar tröstlich klingen, mit denen sich
Die Konsequenz und Härte von Ratzingers Folgerungen aus
der Glaubenspräfekt bisweilen anlegt, die er gelegentlich exkom­
dieser Monopolisierung wird aus einer anderen Bem erkung deut­
muniziert oder mit einem Bußschweigen belegt, denen er Lehr­
lich. Er stellt die Wahrheitsfrage - noch einmal - in einen Zu­
stühle entzieht, nicht zugesteht oder ein schlichtes Gespräch ver­
sammenhang des .Alles oder Nichts, also einer integralistischen
weigert. Er bescheinigt ihnen nämlich: Sie führen keinen Kampf
Position. So kann er im folgenden Zitat ganz grundsätzlich fragen:
um subjektive Zielvorstellungen oder persönliche Privilegien, son­
»Ist demnach der Anspruch des Christentums, relig io vera [wahrer dern sie streiten um die Wahrheit. Aber wieder sieht man sich ent­
Glaube] zu sein, durch den Fortgang der Aufklärung überholt? Muss täuscht, denn Ratzinger zieht seine Schlüsse in genau der entge­
es von seinem Anspruch heruntersteigen und sich in die neuplato­ gengesetzten Richtung. Härteste Konsequenz ist auch gegenüber
nische oder buddhistische oder hinduistische Sicht von Wahrheit wul Personen vonnöten; kein Zugeständnis ist erlaubt, institutionelle
Symbol einßgen, sich - wie Troeltsch es vorgeschlagen hatte - damit Reaktion gilt als unabdingbar. Denn wer aus der Reihe tanzt, wer
bescheiden, die den Europäern zugewandte Seite des Antlitzes Got­ also herunterinterpretiert und sich Subjektivismen erlaubt, bringt
tes zu zeigen? Muss es vielleicht sogar einen Schritt weiter gehen als das Wahrheitsgebäude der Kirche selbst in Gefahr. Wer - wie­
Troeltsch, der noch meinte, das Christentum sei die fiir Europa ange­ derum empfindlich konkret - den altkirchlichen Überzeugungen
messene Religion, während doch heute gerade Europa an dieser Ange­ des Systemwächters widerspricht, hat damit schon bewiesen, dass
messenheit zweifelt? Dies ist die eigentliche Frage, der sich heute Kir­ er die Wahrheitsfrage verraten hat. Ratzingers Heuristik wirkt mes­
che und Theologie zu stellen haben« (Ratzinger 2 0 00b ). Angesichts serscharf; es ist die Mäeutik des Analytikers der Ketzerei.
solch grundsätzlicher Fragewucht werden natürlich alle anderen Deshalb steht die Erklärung Dominus lesus auch bruchlos in der
Probleme relativiert und die Wiedergeburt des überwunden ge­ Verlängerung jenes Artikels, mit dem der praeceptor fidei das neue
glaubten Integralismus legitimiert. Auch erhalten Leserinnen und Jahrtausend scheinbar so aufklärungsfreundlich, in Wirklichkeit
Leser gratis und ungefragt eine Erklärung für ihr Interesse an a er aufklärungsfeindlich und höchst bedrohlich eröffnet hat.
Buddhismus und Hinduismus mitgeliefert, nämlich: nichts als as am 08. Januar 2000 mit fein geschliffenen und kenntnisrei-
Zweifel am eigenen Glauben! Nun misst Ratzinger seinem Arg11 c en Formulierungen den Leserinnen und Lesern der Frankfur-
ment in der Tat ein zentrales Gewicht bei; ihm geht es um nichts er Allgemeine angepriesen wird, das erscheint in Dominus lesus
als die Wahrheit. Sollten wir unseren obersten Glaubenshüter fü ann ohne Hülle freundlicher Formeln. Es gibt höchstens noch
diese Konsequenz nicht preisen? Es ist die integralistische Kon emen Unterschied zwischen einer Außen- und einer Innenper-
Sequenz, die Oskar von Nell-Breuning einmal »religiösen Tot tet rT ^ '^ ä *lrenc* der Artikel zur Welt hin die Botschaft verbrei-
litarismus« nannte und die unter Pius X. einen unseligen Üü 1 ^ j* ' . ie katholische Kirche biete sich als letzter Zufluchtshafen an
punkt erreicht hatte, als der Prälat Benigni ein System »perh’h einer Zeit, da die Metaphysik zu Ende ist, redet Dominus lesus

54 55
nach innen hin Tacheles, denn die Katholiken haben o
kllche Kirche, sondern - wie das 2. Vaticanum sage - nur
sprechen der endgültigen Wahrheit wirklich einzulöso V
, . TT____ i : 1-------- . . t r i- Da . keln<hlk:he Gemeinschaften« sind. E. Jüngel fragt dazu entsetzt:
ten keine Umschreibung, keine Höflichkeit u n d k ein e V , l>a B
»ldrchlic ^ wirklich das Gesetz des ökumenischen Fort-
gen mehr30. Wenn wir schon Quelle aller W a h rh e it sii dZietUn'
,D° j * s sein- inmitten noch so großer Annäherung eine noch inn­
bitte schön, haben wir sie mit dem n ö tig e n S elbstbew dan"'
er noch größere Entfremdung? Was wird nun aus der Öku-
auch nach außen zu tragen und durchzusetzen. Je tz t ert i|1USS,Sein
dass die röm isch-katholische Kirche Quelle aller Wah Wlr‘
mene? enThat sich der Eiferer für den reinen Glauben leider
Zum Jahrtausendbeginn gab sich Ratzinger n o c h e p o c h T 'St' 10 Cint Ihn interessieren nur noch Einzigkeit und Ausschließ-
konkret zugleich: »Dies ist die grundsätzliche Herausforderin Und ^ hkeit' der Vorrang und die Superiorität von Religion, Glaube,
Beginn des dritten christlichen Jahrtausends. Die Frage k a n n ^ J he und der genannten Metaphysik. Gerade damit hätte die
rein theoretisch beantwortet werden, wie denn Religion als das Metaphysik wohl ihre Probleme gehabt, weil sie ihren Wahrheits-
verhalten des Menschen nie nur Theorie ist. Sie verlangt jenes?*' sDruch grundsätzlich dem Diskurs aller zur Überprüfung über­
sammenspiel von Einsicht und Tun, das die Überzeugungskraft / lasst Man kann das Dokument auch schlicht mit einer anderen
Christentums der Väter(!) begründete.« Jetzt gibt e r sich in seinen Formel zusammenfassen, die Kritiker unter der Decke der mehr
Formulierungen eher schm ucklos: »Relativismus« wird an v« verbindlichen Worte von früher schon im mer verm uteten: Es gibt
schiedenen Orten konstatiert. Gegeißelt wird der »Subjektivismus nichts Neues zu verkünden, und an dem Alten wird nicht gerüttelt.
jener, die den Verstand als einzige Quelle der Erkenntnis anneh Die Kernaussagen des christlichen Glaubens sind dieselben ge­
men und so unfähig werden, den Blick n ach oben zu erheben, um blieben. Sie müssen und sie werden es bleiben. Das 2. Vatikani­
das Wagnis einzugehen, zur W ahrheit des Seins zu gelangen« sche Konzil war im Grund ein Irrtum; jedenfalls hat es Missver­
(Nr. 4). Der Druck der denunziatorischen Sprache ist kaum zu ständnissen Tür und Tor geöffnet. Selbst jene berühmte Formel,
überbieten. Gegen diese »relativistische M entalität, die sich im die zwar niemand verstand, die aber eine Öffnung versuchte: »Die
mer mehr ausbreitet«, ist »Abhilfe« zu schaffen (Nr. 5). Deshalb ist Kirche Jesu Christi subsistiert in der katholischen Kirche«, selbst
wieder »fest zu glauben« (eine Form el, die öfters wiederkehrt und diese Formel wird wieder in einer Weise interpretiert, wie wir das
aus früheren Zeiten kannten: die katholische Kirche ist eben die
strenge Glaubensverpflichtung a n m a h n t; Nr. 10, 11, 13, 14, 16,
Kirche Christi. Um dies zu verdeutlichen, hätte man die Last
2 0 ). Woran? Dass etwa in Christus allein die Fülle der Wahrheit
dieser neuen Formel nicht auf sich zu nehm en brauchen (Jüngel,
wohnt, dass die Erfahrungen an derer Religionen nicht m it dem
N. Klein, Boff 2 0 0 1 und viele andere).
»Glauben« der christlichen Kirche gleichzusetzen sind, dass nur
die biblischen Bücher (und n ich t die an d erer Religionen) inspi­
riert sind, dass Jesus Christus w ahrer G o tt ist, dass es nur die eine
Heilsordnung gibt, die in Jesus C hristus begründet ist, dass er der
IV. Schluss; Wenn Jesus etwas zu sagen hätte
einzige Erlöser ist, dass es nur eine, n äm lich die von Jesus Chris­
Deshalb kann m an die O peration des alternden Präfekten auch
tus gestiftete Kirche gibt, dass die k ath o lisch e Kirche mit dieser
nüchterner sehen: Die alten Behauptungen werden wiederholt
ursprünglichen Kirche in K ontinuität steh t, dass die evangeli­
und der Lobpreis der M etaphysik gerät zur Legitimation des eige­
schen Kirchen (weil ihnen B ischofsam t und Eucharistie fehlen'
nen Rechthabens. Nun h at Ratzinger in einem gewiss Recht: Er
persönlich hat sich in nichts geändert, au ch nicht im Geringsten.
30 M an k ö n n te g eneigt sein , die n ich t-k a th o lis c h e n K irch en dazu aufzufordern, üj’ Der Geist des 2 . V aticanum h at ihn kaum inspiriert. Er erfährt die
ö k u m en isch e G espräch en d lich w ieder selb stb e w u sster und k ritisch er in t eS
zu n eh m e n . Zu viele F reu n d lich k eiten w u rd en a u s g e ta u s ch t und zu oft har n ^ Starrheit und Unbeweglichkeit von System und eigener theologi­
zugelassen, dass die k a th o lisch e K irch e d ie B e a n tw o rtu n g v o n Fragen au gs unj scher Biographie leider n ich t als Problem . Genau diese Unbeweg-
ben und an n eu e S tu d ien k o m m issio n e n d eleg iert h at. D ass Fragen des Ani ,
d er L e h ra u to ritat neu zu u n te rsu ch en sin d, w u rd e in z w isch en zur Standar ^
lc keit m ach t ihn unangreifbar. M an kann darüber streiten, ob
m it d er u n g efäh r a lle w ich tig en K o nsen s- u n d K o n v e rg en zd o k u m e n te sc
57
56
er das Christentum der Väter gut wiedergibt; Ratzin
und einseitige Auslegung sollte man nicht u n te r s a g inem Verständnis des Dreifältigen Gottes oder nach
die Selektion des spätneuzeitlichen Katholizismus w t2cn; «x iM sein, nach ^ 1 der Auferstehung sowie die Frage, nach wel-
lerdings nicht bestreiten, dass sein (Verständnis von) ( n iva'»n y. der Geschieh ^ christen des 2 . oder 3. Jahrhun-
älter ist als jenes antike Väter-Christentum, das im v ,r,S,ent'Utl che rperspe* . ben hatten interpretieren müssen sowie nach der
hundert so richtig begann. Was bedeutet für Ratzinger h” 611 ^ t- dCftS 'a "‘Trauen in der Jesusbewegung. Es kann doch nicht sein,
gehende Zeit, sagen wir von 35 (oder von 80) bis 25()Vv V° rl"ä- ROlle wisch alle vornizänischen Theologen in Sachen Christo-
dass praKt Häresie vorbeischrammen oder gar Häreti-
Mal weiß er noch Paulus und dessen Universalisierun ' ^ ancl|ti
nennen (Ratzinger 2000a, 129). Von späteren Entwickkin^ *'5 2ü l0gie Ratzinger muss wohl auch zugeben, dass ihn der Jesus
ren wir ir nur noch Endformulierungen, und zwar von k 1,0 kef S c h ic h te nicht sonderlich interessiert. Jesus hätte auch an-
Beschlüssen, f Gleichnisse erzählen, die Synoptiker hätten auch eine an-
lüssen, die - wohlgemerkt - von den kirchlichen't/.'llar.en
a Bergpredigt präsentieren können. So müsste Ratzinger end-
den erst akzeptiert werden mussten, bevor sie Gülti
?rh einmal darauf festgelegt werden, wie falsch und parteiisch er
hielten. Das eigentliche Problem aber entsteht wohl aus J ." 61
c o r 'h o
lerne Bultmann auslegt, wie respektlos er von der wissenschaft­
Sache, Hdass acc c irh Ip c i i c
sich Jesus nicht mmit
i f \ /fptn nh tre>l/ i .. - .
Metaphysik beschäftigte s<
lichen Exegese spricht und wie wenig ihn notfalls historische Ge­
die Wahrheitsfrage ihn nicht umgetrieben haben? Entstand" r
gebenheiten interessieren, wenn sie nicht ins Prokrustesbett sei­
wahre Religion wirklich erst Jahrhunderte später?
ner patristischen Amtshermeneutik passen. Es müsste die Frage
Ich weiß natürlich, dass ich den Glaubenshüter mit dieser Fr näher untersucht werden, warum er gerade die Christologie von
nicht überraschen kann. Für ihn erstrahlt der Sohn Gottes schon unten so unaufhörlich attackiert und mit einem Krisenbewusst­
im Neuen Testament, insbesondere im Johannesevangelium, und sein belegt, das mehr seine eigenen Ängste als die Gefahren sol­
die spätere Kirchenstruktur ist für ihn im Amt des Apostels vorgt chen Denkens verrät. Dem Problem einer geschichtlich verant­
bildet; Frauen durften schon in Alexandrien nicht ordiniert wer­ worteten Theologie des Beginns (nennen wir es eine »Theologie
den, deshalb auch heute nicht - weil (wie die klassische Formu­ von unten«), einer Ekklesiologie der frühen Gemeinde oder eines
lierung lautet) die Kirche von Jesus dazu nicht ermächtigt sei. Die kontextuellen Heilsverständnisses ist er immer ausgewichen. Und
historischen Grenzen und Ungereimtheiten solcher Argumen­ weil wir mit solcher Gegenargumentation leicht eine oder zwei
tationen sind hinreichend erwiesen. Ratzingers hermeneutische Generationen zu spät kommen, müsste hier der Ball den emanzi-
Strategie ist zudem recht undram atisch und Insidern bekannt. Er patorischen und den kontextuellen Theologien, einer synchro­
braucht die Evangelien nur in die bekannten altkirchlichen In- nen Exegese sowie einer Theologie der Religionen zugespielt wer­
terpretationsrahmen zu stellen und die historische Bibelkritik den, die sich mitten in einem Erneuerungsprozess befindet,
selektiv zu ignorieren; er braucht wissenschaftliche Detaildiskus­ weil sie die konkreten Erfahrungen der Menschheit zur Kenntnis
sionen nur als Ausdruck allgemeiner Verwirrung zu interpretieren nimmt. Eine Theologie, die dabei nicht einmal fähig ist, der Kir­
und sich notfalls auf scholastische, frühkirchliche oder orthodoxe che als solcher Schuld zuzusprechen (obwohl von Balthasar
Theologie zu berufen. Er hat es nicht nötig, so spannende und ele­ schon 1961 von ihr als einer »keuschen Hure« spricht), nimmt die
mentare Neuinterpretationen wie die von Elisabeth Schüssler- gegenwärtige Wirklichkeit wohl nicht ernst.
Fiorenza zu lesen. Wir sollten die Kraft und die innere Konsistenz Allerdings gilt auch ein anderer Aspekt, und dies ist ins Stamm­
solch früheren theologischen Denkens n ich t unterschätzen - s0 buch »fortschrittlicher« Theologien westlichen Zuschnitts zu schrei­
lange nur der hermeneutische Blickwinkel unverrückbar voraus ben. Vermutlich hat der Theologe vom Fach viel besser verstan­
gesetzt wird. Deshalb ist auch diese Theologie viel mehr als bru­ den als Ungezählte in den deutschsprachigen Landen, was etwa
chiger Verputz. Schillebeeckx, Küng, L. Boff oder jüngere Theologinnen mit ih­
ren Christologien von unten und mit dem Programm einer histo-
Es gibt aber einige Fragen, die der Hüter der Dogmen wohl
nsch und exegetisch verantworteten Theologie, was E. Schüssler-
so gut beantworten kann, etwa die Frage n ach Jesu Selbstbewu

58 59
Fioranza mit ihrem wunderbaren B u ch »Zu m
(Schüssler-Fiorenza 1988) meinten. Die m eisten ini !' (ltdilch|ni, , h, be keine Probleme, dem römischen Papst die
sagte einmal, er h er vQn dort wirkHCh »die Stimme des
weltoffenen Christen unseres K u ltu rrau m s sind .0ressierten Ut)''
Ehre zu erweisen, ^ ,st die Frage an Ratzinger deshalb
bis heute zwar liberal und offen, aber a u ch hoffnun" ^che
Guten Hirten‘ • wir aus seinen Dokumenten, aus seinem
in den siebziger Jahren neu konzipierten Ansätze*^ ° S naiv‘ D>t ganz einfach: K ^ ^ ^ Andersdenkenden innerhalb
folgenden Entwürfe von Frauen und au s v erschied e d'e bald Regime und i umgeht_ die Stimrne des Guten Hirten
nenten wollen ja nicht einfach die trad itio n elle h ° n*ten K° ntl und außerhalb hören? ich furchte, dass die Ant-
Theologie etwas aufpolieren und an einigen P u n k te n f rchliche
- d « 1 „ S n«g.“ » sein muss. w . „ ist das so7 Viel-
ben, nicht einfach einige Ecken a b s c h le ife n u n d V ” * 1^ '
’ “' f * ln lhm wirklich ein Tr.ume seiner frühen Karriere
modernen Menschen zugänglicher m a ch e n . Das w ire^ GaiUt ld Aber noch wahrscheinlicher ist: Er ist der Faszination
oberflächliches Bild des von Johannes XXIII. geford erten "1 ^
{estg^ n Kirche der Spiritualität des Platonismus und den Ver-
namento. Es geht um eine Erneuerung, die im Sinne der " A^ ior'
deta nlen eines weltweiten Kirchenmonopols einfach so erle-
liehen Botschaft Korrektur und Bekehrung, in vielem UrSI)rün8'
he‘ dass er die Fragen unserer Gegenwart nicht mehr wahrneh-
neues Denken mit einschließt. Deshalb stellen die n e u e n n ^ g“ n kann je säkularer und je getriebener allerdings diese Welt
logien immer wieder klar, dass die Theologien vergangener L ° wird umso mehr wird er - so ist zu fürchten - von ihr fliehen,
chen im Rahmen einer Metaphysik erarbeitet sind, die in der it" statt uns eine intensive Zuwendung zu ihr zuzugestehen.
gel heute nicht mehr verstanden wird und die nachweisbar zu Zum Schluss mit B. Brecht noch dies zu einem denkwürdigen
unabweisbaren Missverständnissen führt. G le ich z eitig machen Wiedersehen mit Herrn Keuner: »Ein Mann, der Herrn K. lange
sie deutlich: Dieses altehrwürdige, gewiss von W ahrheitssuche ge­ nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: »Sie haben sich
tragene Denken, wird heute zur Legitimation eines Kirchensys­ gar nicht verändert.« >Oh!<, sagte Herr K. und erbleichte.«
tem missbraucht, das sich seit dem 19. Jahrhundert strukturellen Oder sollte Ratzinger sich doch geändert haben? Prominente
Erneuerungen hartnäckig widersetzt hat, obwohl sich die gesell­ Theologen und eine heute prominente Theologin, die ihn in frü­
schaftlichen Kontexte radikaler denn je veränderten. Oft wird ge­ hen Jahren kannten, versichern mir, dass es damals noch einen
sagt, Küng und Konsorten, feministische Theologinnen zudem, anderen, einen offenen und zumindest kritikbereiten Ratzinger
könnten gegenüber Rom doch etwas höflicher, freundlicher und gab. Ausgerechnet Hans Küng ist es, der sich bisweilen auf ihn be­
verbindlicher sein. Aber darum geht es nicht; der Zensor missi ruft, wenn in der katholischen Kirche Skandale zu benennen sind.
seine Kontrahenten nicht am Ton, sondern an den Inhalten, an 1966 ließ sich der damalige Professor Ratzinger noch wie folgt
der Gefährlichkeit ihrer Theologie für die Kirchenordnung sowie vernehmen: »Selbstgemachter und so schuldhafter Skandal ist
an der gesellschaftlichen Verunsicherung, die von ihnen ausgeht. es, wenn unter dem Vorwand, die Rechte Gottes zu verteidigen,
Wichtig ist deshalb für eine kom m ende T h eo lo g en g en eratio n nur eine bestimmte gesellschaftliche Situation und die in ihr ge­
sowie für eine kommende Generation von ökumenisch engagier­ wonnenen Machtpositionen verteidigt werden ... Selbstgemach­
ten Christinnen und Christen dies: Das Rom, das vom Präfekten ter und so schuldhafter Skandal ist es, wenn unter dem Vorwand,
die Unabänderlichkeit des Glaubens zu schützen, nur die eigene
seiner Inquisitionsbehörde verkörpert wird, hat von seiner cor
Gestrigkeit verteidigt wird ... Selbstgemachter und so schuldhaf­
konziliaren Linie nie Abstand genom m en und man denkt vorerst
ter Skandal ist es auch, wenn unter dem Vorwand die Ganzheit
nicht daran, davon Abstand zu nehm en. Es wäre deshalb ang<-
der Wahrheit zu sichern, Schulmeinungen verewigt werden, die
messen, statt eines erneuten Sturms der Entrüstung die r(jn’|
sich einer Zeit als selbstverständlich aufgedrängt haben, aber
sehen Ansprüche endlich nüchtern und konsequent, ohne > ^
ängst der Revision und der neuen Rückfrage auf die eigentliche
liehe oder höfische Vermittlungsversuche und so zurückzuwet >
orderung des Ursprünglichen bedürfen. Wer die Geschichte der
dass die Christenheit n ich t erneut der Faszination eines ^ n’ t^ rth
lrc e durchgeht, wird viele solcher sekundären Skandale fin-
liegt, das sich auf die M acht der Jahrhunderte beruft. K*'r

61
60
Teil B
Dominus lesus - Analyse
eines Dokuments

I. Hinführung

1. Zur Situation
Die römische Glaubenskongregation hat in ihre Website des In­
ternet die folgende Erklärung aufgenommen, die eine der gegen­
wärtigen Hauptsorgen ihres Präfekten illustriert. Es geht darum,
dass ein indischer, inzwischen verstorbener Jesuit seine religiösen
Ansichten in offensichtlicher Nähe zu indischer Religiosität for­
muliert und sich damit - abgesehen von seiner scharfen Kir­
chenkritik - vom christlichen Glaubensgut in bedenklicher Weise
entfernt. Oder muss man sagen: »... seine christlichen Überzeu­
gungen im Gewände indischer Überzeugungen formuliert«? Wer
verstanden hat, was hier vor sich geht, hat den Bezugsrahmen
verstanden, in dem sich die röm ischen Sorgen und Nöte augen­
blicklich abspielen. Diese Bekanntmachung vom 24. Juni 1998
sei dem Versuch einer Textanalyse von Dominus lesus vorange­
stellt. Sie zeigt die Hauptgefährdung, der katholischer Glaube im
Augenblick aus röm ischer Perspektive ausgesetzt ist. ln vielfälti­
ger Weise haben Theologinnen und Theologen aus nichtwest­
lichen Kulturen mit der Neuformulierung (Fachjargon: mit der
»Inkulturation«) des christlichen Glaubens begonnen. Dass dieser
umfassende Prozess nicht ohne Grenzverlegungen und Experi­
ment, nicht ohne ungezählte Überraschungen und Missverständ­
nisse vonstatten geht, ist selbstverständlich. Dazu gehört auch,
dass die überkommene und uns geläufige Kulturform des christ­
lichen Glaubens auf ihre Grenzen und Missverständnisse hin­
gewiesen, bisweilen in ihre Grenzen verwiesen wird, ln diesem
neu aufbrechenden Übersetzungs- und Kommunikationsprozess
legt - auf Weltebene gesehen - die spannende Herausforderung
gegenwärtiger Theologie. Es geht um eine Verhältnisbestimmung

63
v o n Lokalität, G lobalität und wirklicher Univ
D och zu näch st der röm isch e Text: e ,s ‘dität , „ kosmische, vage und allgegenwärtige Wirklichkeit be-
wif‘| persönliche Natur Gottes wird ignoriert und in der Pra-
B ek a n n tm a ch u n g
*i5gCletT u „ 0 erweist Jesus viel Hochschätzung und erklärt sich
zu d en Schriften von P ater A N T H O N Y DE MELI o
Pater de M »Jünger«. Aber er betrachtet Jesus als einen
D e r indische Priester u n d Jesuit, P ater Anthony d e L , sen,st zu eine ^ D<?r einzjge Unterschied zu anderen Men-
1 9 8 7 ), w urde m it sein en z a h lreich en Publikationen s e i'1” Meister ne und völlig frei sei, was andere nicht
Sie sin d in v erschiedenste S p ra ch en übersetzt und t 'y "
SChT , 5f ' ' wird nicht als der Sohn Gottes anerkannt, sondern ein-
L ä n d ern d er Welt w eithin V erb reitu n g au ch w enn d e / ’' V'elt" , k einer der uns lehrt, dass alle M enschen Kinder Gottes sind,
all diese Texte z u r V erö ffen tlich u n g freigab. Seine Werke
u- kommt dass die Aussagen des Autors über das endgültige
Form von ku rzen G esch ich ten g esch rieb en , enthalten ‘ me! steniin r r h i c k des Menschen verwirrend sind. Einm al spricht er davon,
m en te östlicher W eisheit. Sie k ö n n e n h elfen bei der Vollenl** ^ i l s wir uns in den unpersönlichen Gott »auflösen« wie Salz in
Selbstdisziplin, b eim D u rc h b re c h e n von G renzen und Gefühlen ^ Wasser. Bei verschiedenen anderen Anlässen wird die Frage nach
u n s vom Sein fe m h a lte n , b e im g e la s s e n e n Umgang mit denWed dem Schicksal nach dem Tod fü r irrelevant erklärt; allein das gegen­
selfällen des L eb en s. P ater d e M ello hielt sich vor allem in seinen fn, wärtige Leben sei von Interesse. Im Blick a u f dieses Leben gebe es
h en Schriften in n erh a lb d e r G ren z en christlicher Spiritualität, auch keine objektiven Regeln der Moral, wobei das Böse reines Nichtwis­
w enn diese s ch o n vom E in flu ss d es B u d d h ism u s und des Taoismus sen ist. Gut und Böse seien rein m entale Wertungen, die wir der
geprägt sind. In d iesen B ü c h e rn b e h a n d e lte e r die verschiedenen Ar­ Wirklichkeit auferlegen.
ten des Gebetes: Bittgebet, F ü rb itte u n d Lobpreis ebenso wie die Be­ Im Blick a u f diese Darlegungen lässt sich verstehen, dass gem äß
trachtung der G eh eim n isse d es L e b e n s C hristi usw. dem Autor jeder Glaube oder jedes G laubensbekenntnis zu Gott oder
Aber schon in bestim m ten Passagen dieser frühen Werke, in höhe­ zu Christus den persönlichen Zugang zu Gott nur behindern kann.
rem M aße dann in seinen späteren Publikationen, spürt man eine Die Kirche mache das Wort Gottes in der Heiligen Schrift zu einem
wachsende Entfernung von wesentlichen Inhalten des christlichen Abgott und halte Gott schließlich vorn Tempel fern. Infolgedessen
Glaubens. An die Stelle der O ffenbarung, die in der Person Jesu Chris­ habe sie die Autorität verloren, im N am en Christi zu lehren.
ti zu uns gekom m en ist, rückt e r eine Intuition Gottes ohne Form Mit dieser Verlautbarung erklärt die Glaubenskongregation zum
oder Bild, bis dahin, dass er von Gott als einer reinen Leere sprüht Schutze des christlichen Glaubensguts, dass die oben erw ähnten
Um Gott zu sehen, reiche es, direkt na ch d er Welt zu schauen. Nichts Auffassungen mit dem Katholischen Glauben unvereinbar sind und
könne über Gott gesagt w erden; das reine K ennen sei ein Nichtkm Anlass zur Sorge geben.

nen. Es sei schon Unsinn, die Frage nach Gottes Existenz zu stejJ^
Dieser radikale Apophatism us fü h rt sogar z u r Leugnung dt r l a Man begreift unm ittelbar, dass das Schrifttum dieses Jesuiten
zeu gu n g dass die Bibel gültige A ussagen über Gott entha u. ^ eine Glaubensformeln repetiert, wie es von Rom bisweilen er-
Worte der Schrift seien H inw eise mit dem Ziel, eine Person z des^h W'r ^ A^er, A' de M ello legt au ch keine N euinterpretation
Schweigen zu führen. A n a n deren Stellen wird das Urteil über te - ic^en Glaubens im Sinne einer T heologie vor, die Jah r-
religiöse Texte, die Bibel eingeschlossen, sogar noch ernste r. 1 gU_ Schillebeecbfnrt011 ™eStUcher Tradition geprägt war. Kein Küng,
tet wird, diese hielten M enschen davon ab, ihren eigenen ^ ^ schieht h. er )rew erm an n steh t hier am Pranger. Hier ge-
gungen zu folgen, sie m achten s tu m p f u n d grausam . Be 'S101 ^ Kinflüsse^ 3S ^nc*eres‘ Ein ch ristlich er T heologe h at sich den
Christentum eingeschlossen, gehörten zu den wichtigste n ^ ’ heidnkrhUn nsPirationen in d isch en (früher h ätte m an gesagt:
nissen, um zum Glauben zu finden. D iesen Glauben bt s n ^ theologische*" c religiösen Denkens geöffnet. D am it erfährt ein
Autor in seinen gen a u en Inhalten jedoch nie. Zu denke n, •Gott« wprriS ^Stem eine um fassende n eue O rientierung. Für
den neue W orte und Bilder g esu cht, seine U nergründ-
der eigenen Religion sei d er einzige, sei reiner Fanatisrm
^ U n au ssp rech lich sten sch o n immer, aber
immer, aber weniget kHve von zentraler Bedeutung sind: Offenbarung und Lo-
ü ch k • U h Teil w estlich en G laubensverständnisses - tretenin treten i
T ^ v L e r e r u n d . N eu e Form u lieru n gen a u ch für das Geheimnis PerSC i l und Jesus Christus, Kirche im Blick auf ihre eigene Ge-
C^ " ’ ; eheim"’ 8° S| heit und im Verhältnis zum Reich G ottes und schließlich
A d\e B edeutung Jesu C h risti w erd en aus dem Kosmos indj.
“t ,
nos ind
y m b o « « e » « ü b e rn o m m e n . S c h i e b t a n t a ,
51 Verhältnis zu den anderen Religionen. W elch spannende The-
________ ivjiinuiierte A. de 101 tik jst daS/ könnte m an denken, zu der Rom, das Inform ations­
M llo kritische W o rte ü b er d e n M issb rau ch biblischer Texte, die -
------------uniiei lexte, die - zentrum einer weltweiten religiösen, zum al christlichen K om m u­
au ch n ach w estlicher Ü b erzeu gu n g - im m er wieder v on Gott und
nikation, Neues und bislang U ngehörtes beitragen könnte.
von der W ahrheit w egführen; sie w erd en etw a fundamentalistisch Das zitierte D okum ent sp richt jed o ch eine andere, eine ängst­
m issbraucht, aus d em Z u sam m en h an g gerissen, a lso nicht im liche und warnende Sprache. Sie zeigt wenig Verw andtschaft m it
»Geist« der W ahrheit v erstan d en , son dern als »Buchstaben« in dem Paulus, der die Tore seines ü b erkom m en en Ju d entum s öff­
strum entalisiert. Die Fragen n a ch Tod und Leben, nach mora nete und sich nach Europa rufen ließ, sondern viel Affinität mit
lischen W erten und n ach d em Bösen w erden in g rö ßere Zusam dem damals zögerlichen und än gstlichen Petrus, der zusam m en
m enhänge eingeordnet und d a m it - aus westlicher Perspektive - mit Jakobus auf der W ahrung ü b erk om m en er Praxis bestand. Das
relativiert. Rom w arnt und b eku n d et seine Sorge. war nicht im m er so, d enn ursprünglich k onnte sich Paulus auf
Die G laubenskongregation sieht n ich t nur Einzelverstöße gegen Jerusalem berufen. »Deshalb gaben Jak ob us, Kefas und Joh an nes,
den Glauben, son dern die allg em ein e G efahr des Glaubensver- die als >Säulen< Ansehen genießen, m ir und Barnabas die Hand
lusts. Auch im W esten sind G ru n d o p tio n en in Diskussion geraten, zum Zeichen der G em einschaft. W ir sollten zu den Heiden gehen,
man nehm e nur die Enzyklika zu Fragen der Moraltheologie, die sie zu den Beschnittenen« (Gal 2 ,9 ). Später allerdings w endete
ebenfalls unter starkem Einfluss v o n J. Ratzinger zustande kam sich das Blatt. N achdem Leute v o m Kreis um Jakobus, dem d a m a ­
Aber weder den vielen N eu an sätzen aus nichteuropäischen Län ligen Leiter der Jerusalem er G em einde, in A ntiochien eingetroffen
dem noch den vielen kritischen R eaktionen von Seiten der u c waren, zog sich Petrus »von den Heiden zurück und trennte sich
liehen Theologie hat sich Rom bislang offen gestellt, von ihnen, weil er die B eschn itten en fü rch tete. Ebenso unaufrich-
tik, auch wenn sie aus gutem W illen gesch ieh t, steht noc i ^ ig wie er verhielten sich die an deren Ju d en , so dass au ch Barna­
unter Tabu. Schließlich h at sich R om den großen ge. as urch ihre H euchelei verführt wurde« (Gal 2 , 13). D och sehen
gen eines interkulturellen A u stauschs n o ch nicht wir 11 r zunächst von diesem H intergrund ab.
stellt. Das ist schade, denn in den um fassenden Globa lSj ^ . (en
Prozessen könnte das universale S p rech eram t einer we ^
2. Stil und Struktur des Dokuments
Kirche eine höchst bedeutsam e u nd hilfreiche - eine ^ ,
(allgemeine Überlegungen)
rende und kom munikative, eine inspirierende und ^ Anfang
Funktion übernehmen. Hat Rom m it dieser Aufgabe et h jn Eindeutig ist die Dynam ik, die der B eson-
gem acht? Und wird es der k ath olisch en Kirche gelinge*1' nen nus Iesus vorgibt. Ein w eiter B ogen v o m 8 n die sich
diesem neuen globalen Lebensraum der Kulturen und Ke 8 ^ deren wird geschlagen: Es b egin nt m it der H eilswerk der Erlö-
zu situieren? Immerhin verfolgt m an das W eltgeschehen $i. im Logos (und Geist) konkretisiert u n d zum sie
ehern Auge. Dominus Iesus zeigt, wie sensibel m an aut 1 .^pd sung führt. Dieses aber ist in der Kirche verw ir ic ’ sind
tuation reagiert; die Fragen der Einzigkeit bzw. Einzigartig atik auch in ihrem Verhältnis zu G o ttes Reich zu b eru ck sic g
der Universalität treten in den M ittelpunkt. Die Gesarn .jCj,er Vor allem dürfen die Religionen v o n diesen Z u sam m en h än ge
wird in einzelnen Lehrstücken durchgespielt, die aus31 nicht ausgenom m en w erden ; a u c h sie steh en in geh eim m .
Weise in Beziehung zu C hristus. »Die P flicht u n d die Dring
Evd"S‘ keit, das Heil und die Bekehrung zu m H errn Jesu s C hristus zu
31 Enzyklika V ehtatis S plen dor vom 6. August 1993, sowie die Enzyk'ik
V itae vom 2 5 . Marz 199S. künden, wird d urch die G ew issheit des u niversalen Heilswi ens

66
67
Gottes nicht gelockert, sondern verstärkt« (Nr. 2 2 E n d e ). Es
darum, den universalen m issionarischen A u ftr a g d e r K irch e . es ist ein solcher Hinweis gewiss notwendig«. Später weist 1
zustellen und zu klären. lr Ratzinger noch darauf hin, der Papst habe das Entstehen des Do- *
Mit dem Dokument Dominus Jesus h at die r ö m i s c h e »K 0ns, * ments aufm erksam begleitet (Ratzinger 2 0 0 0d ). Wichtig ist für
tion für die Glaubenslehre« - eh ed em »H eiliges Officium« qm ferner der form ale Hinweis, der Papst bestätige das Dokument
' 1 d ordne dessen Veröffentlichung »kraft seiner apostolischen
»Inquisition« genannt - eine Erklärung v o rg elegt, d e r e n form^,0'
Autorität« an. Hofstil au ch dies, gewiss, aber zugleich auch die ln-
Anspruch den gebräuchlichen Regeln en tsp rich t. E s is t e ine » T
spruchnahm e h ö ch ster päpstlicher Autorität. Bekannt ist zu­
klärung« (»Deklaration«), h at also den h ö ch ste n Verbindlich^^
dem Ratzingers Überzeugung und Verlautbarung, die in derTheo-
grad, den eine Kongregation b e an sp ru ch en kann - n i c h t w e n iT
. T heftigen W iderspruch erfuhr, die Kurie partizipiere an
aber auch nicht mehr. Die Erklärung ist v o m P r ä fe k te n der Ko
der päpstlichen Lehrautorität, bis hin zu dessen unfehlbarer Qua­
gregation, Joseph Kardinal Ratzinger, u n te rz e ich n e t. A llerdin"
lität Vermutlich bleibt au ch Ratzinger im Entscheidenden die Ar-
wird - wie üblich - darauf hingew iesen, dass die E rk lä ru n g von mente für diese seine Position schuldig; die Fachleute konnte
der »Vollversammlung« der K on gregation für die G lau b en sleh re er bislang kaum überzeugen. Aber v o n dieser geliehenen Autorität
beschlossen wurde. Dabei ist also u n g efäh r alles, was a n der Kurie macht der Glaubenspräfekt notfalls G ebrauch3233. Wie schon in frü­
Rang und Namen hat. Das ist an sich n ich ts B e s o n d e r e s . Aller­ heren D okum enten, so verw eist Ratzinger auch hier unablässig
dings weiß man, dass solche D o k u m en te in d iesem hochrangigen auf das »ordentliche L ehram t«, eine Aussage, der der Sache nach
Gremium auch wirklich b esprochen u nd diskutiert, in sb eso n d ere hinzuzufügen ist; »und dessen unfehlbare Qualität«, wie dies im
auch auf ihre längerfristige th e o lo g isch e u nd k irc h e n p o litisc h e
Bedeutung hin beurteilt werden. G em äß w eit verbreiteten Hinter­
32 Es gibt einen Fall, bei dem Ratzinger über eine päpstliche Verlautbarung offensicht­
grundinformationen ging die V erab sch ied u n g des v orlieg end en lich nicht glücklich war. Das war das - gut gemeinte, seinerseits aber höchst um­
Dokuments nicht ohne Kritik und B ed en k en v o n statten . Ratzin­ strittene - Dokument des Papstes über die Würde der Frau (Mulieris dignitatem)
vom 15. August 1988. Ratzinger bemühte sich nachdrücklich, dieses Dokument zu
ger weist später ausdrücklich d arau f hin, dass Präfekt u n d Sekre­ einem »geistlichen Brief« herabzustufen (Häring 1992).
tär des Sekretariats für die Einheit d er K irch en, Kardinal Cassidy 33 Den Katholischen Katechismus mitgerechnet, zitiert das Dokument insgesamt
zehnmal Kurientexte aus der Ära Ratzinger. Viermal zitiert der Glaubenspräfekt
und der (damals noch) em eritierte B isch o f W. Kasper, vermutete seine eigenen Produkte. Dazu gehört die umstrittene Interpretation der Aussage,
Kritiker des Dokuments, bei den e n tsch e id e n d e n Sitzungen nicht die Kirche Christi »subsistiere« in der katholischen Kirche. Die Interpretation, der
durch Zitat der Anschein authentischer Lehre vermittelt wird (Anm. 56 des Doku­
anwesend waren. Ratzinger weist a u c h d a ra u f hin, dass in diesem ments), stammt aus dem skandalösen Dokument, mit dem L. Boff verurteilt wurde.
Gremium jede Stimme gleich zäh le; z u d e m seien die Textunter­ Für dieselbe Interpretation wird auf eine Passage aus dem entscheidenden Kampf­
instrument zur Verurteilung von H. Küng, der Erklärung M ysterium E cclesiae Bezug
lagen den genannten Herren beizeiten z u r S tellungsnahm e zuge­ genommen (Anm. 58). Dieses Dokument spielte schon damals eine fatale, recht­
gangen (Ratzinger 2 0 0 0 d ). lich jedenfalls anfechtbare Rolle. Der Prozess gegen Küng war bereits in vollem
Gang; nachdem dann M y steriu m E c c le s ia e verfasst war, berief man sich auf dieses
Schwerer wiegt der Hinweis, dass das D o k u m e n t vom Dokument als »authentischer Lehre«. Zurecht wurde das Dokument von Anfang an
eine »Lex Küng« genannt. Dasselbe Dokument wird noch einmal ziüert zur Wider­
selbst auf einer Audienz »m it sich erem W issen und kraft s legung von Behauptungen, die ich jedenfalls in dieser Simplizität bislang noch
apostolischen Autorität bestätigt und b ekräftigt« w urde, d; nicht lesen konnte (Anm. 64). Und noch einmal wird der genannte Kampftext ge­
gen Boff bemüht, um zu behaupten, die Einheit der Kirche wäre schließlich da
>e ero? ntliChung an 8 eord net h at. A u ch das ist an sich g (Anm. 67 des Dokuments). Schon diese Beobachtungen zeigen, woher der Wind
weht. Der Katholische Katechismus wird zur Bestätigung des Gehorsamscharakters
Rp! a 3 fen deS röm *schen ab so lu tistisch en H ofstils, also r des Glaubens bemüht (Anm. 17-20) und dazu, den missionarischen Charakter der
voll nH016 u man da n o ch A u d ien zen u n d reagiert irche herauszuheben (Anm. 96). Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn auch
andere Dimensionen des Glaubens und gegenteilige Meinungen diskutiert und ge­
Ritus f ü r u f 11 ungnadi8 - Allerdings ist a u c h b e k a n n t, dass c mäß ihrem argumentativen Gewicht ernst genommen würden. Bleibt noch Anm. 7
zinger der ^ f V° n gro^er B l u t u n g ist. W ich tig ist fü zu erwähnen, in der ein wirklich schöner Text des Rats für den lnterreligiösen Dia-
Of? au^ emf aüre 1992 zitiert wird. Dort geht es nämlich, was man im Dokument
lichune m“ !hal,?lche Hinweis' der P aP st b e stä tig e die Verö ,ers iat'e erwarten dürfen, um Verständnis und gegenseitige Kenntnis, um wech-
S w aTe ! ? , erem W issen«; «Lh. a u c h jetzt w eiß der ausSelthge Bereic*lenjng und um Respekt vor der Freiheit; ein weißer Rabe im durch-
Sc warzen Szenario von Informationen und Aufforderungen.
gut heißt. Für die S p ätp h ase d es gegenw ärtige

68 69
2. Vaticanum beschrieben ist34. Darauf verweist d ie wiederholt Missliebigkeit und schuldigen Glaubensgehorsam gemessen wer­
Formel, die im deutschen Text jeweils kursiviert ersch e in t, es sei den können. Gerade die Tatsache, dass niemand und nichts, dass
»fest zu glauben«. Diese Formel »firmiter credo« ta u c h t im Zusam (außer L. Boff) keine Person genannt und keine Textbeispiele vor­
menhang des Glaubensbekenntnisses auf und deutet au f Aussa­ gelegt werden, m acht dieses Dokument auslegbar für vieles und
gen, die zum unverrückbaren Glaubensbestand gehören. Einmal alles, H auptsache - das ist der Eindruck, der sich aufdrängt - man
hat Ratzinger dieses Argument zu hoch gespielt und sich dabei die sieht den w ahren Glauben bedroht. Dass es zur weiteren Diszipli­
Finger verbrannt; nämlich bei seiner Qualifikation des Ordina­ nierung eingesetzt wird, zeigen die inzwischen erfolgten Prü­
tionsverbots der Frauen als einer unfehlbaren A ussage, über die fungsverfahren gegen den hochverdienten und gewiss kirchlich
nicht mehr diskutiert werden dürfe. In der kirchlichen Öffentlich­ gesinnten Theologen J. Dupuis (Dupuis a, b). Zwar musste der Be­
keit hat er damit das Gegenteil erreicht; erst je tz t nahm die Dis­ troffene sich in nichts korrigieren, aber der Gestus der Unterwer­
kussion einen ungeahnten Aufschwung (zum Diskussionsstand fung w urde durch die Unterzeichnung eines Papiers vollzogen.
Häring - Schüssler-Fiorenza). Umso härter wird d as Prinzip zum Die Struktur des Dokuments ist klar und unmittelbar einsichtig.
Berufungsverbot von Theologinnen auf theologische Lehrstühle Es beginnt mit einer umfassenden Einleitung, die sozusagen alle
durchgesetzt, begleitet von Ratzingers wahrhaft zy n isch e r Bemer­ Register christlicher, genauerhin römisch-kirchlicher Vollmacht
kung, niemand habe das Recht auf einen theologischen Lehrstuhl zieht: »Mir ist alle M acht gegeben im Himmel und auf Erden«
(Ratzinger 2000d). (Nr. 1); »Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!«
Diese Hinweise zeigen hinreichend, mit welchem Lehr- und (Nr. 2). Auf dem Spiel stehen keine nebensächlichen Dinge, son­
Rechtsanspruch, auch mit welchem Krisenbewusstsein der obers­ dern »unumgängliche lehrmäßige Inhalte« und »Wahrheiten .,
die zum Glaubensgut der Kirche gehören« (Nr. 3). Rom kämpft
te Glaubenshüter auftritt. Die Zeit der Diskussion und des Su-
also für die »absolute und universale Heilswahrheit«. Es geht um
chens ist offensichtlich vorbei; jetzt müssen bestimmte Dinge
Wahrheit und Heil schlechthin, um einen umstrittenen, aber
endlich beim Namen genannt und klargestellt werden. Darauf
unaufgebbaren Auftrag der Kirche, um die Entlarvung bedrohter
verweist der Stil zwar entschiedener und bestim m ter, aber -
Wahrheiten. Fülle, Endgültigkeit, Universalität und Einzigkeit
bereits aufgewiesen - sehr allgemeiner Diskriminierungen.
werden in den Überschriften und zentralen Texten dann zu tra­
Text zeigt deutlich die Tendenz, nicht positive Aussagen kla
genden Schlagworten. Die sechs Kapitel ziehen einen konsequen­
stellen, sondern vermeintliche Abweichungen aufs Korn zu i
ten Bogen von der Offenbarung (I), über den fleischgewordenen
men und endgültig zu diskreditieren. Das D okum ent hat n
Logos (II) und die Universalität des Heils in Christus (III) zur Ein­
nur eine destruktive Wirkung für das Verhältnis zu den m
igkeit und Einheit der Kirche (IV). In diesem kurzen vierten Ka-
christlichen, zumal zu den reformatorischen und nachreforni
Pitel, das auch quantitativ in der Mitte des Dokuments steht
rischen Schwesterkirchen, sondern auch für die M aßnahmen
eite 9 von 18) und das den eigentlichen Ärger verursacht hat,
innerhalb der Kirche - etwa bei Bischofsernennungen und bei
ü miniert für die westlich ökumenische Wahrnehmung das Do-
nsurierung von Seelsorgerinnen und Seelsorgern, von fhe
ument. Allerdings werden bei solcher Beurteilung Kapitel V (das
ginnen und Theologen - zu erwarten sind. Wir haben wiede
eutlichste aller Kapitel, das über Kirche, Reich Gottes und
° umenL an dem die Herrn und vor allem die Daniel'
rJ ‘ch Chfisti spricht) und Kapitel VI zur behaupteten Relativie-
wohi h61- ^e^8 ‘onen übersehen. Aus römischer Perspektive ist
wenn sie aber in der w u * besttzen zwar n ich t den Vorzug der V giöse f y 11 d' e eiSentliche Stoßrichtung zu sehen. Der interreli-
Schaftsbandes unterelnanH raumlich getrennt, jed och In Wahrung Ein ialo8 ist das große Thema des beginnenden Jahrtausends.
hens- und und mit dem N achfolger Petri, authenti
endgültig voroflichie^a lehren und eine bestim m te Lehre Uberems L*edankZer ^C^ uss zur Wahrheit der christlichen Religion, der
Lehre C h r t s Ä L ," d v" rt» * * n. » verkündigen sie auf unfeh bar
sehen Konzil vereint fUr°rt|h offenkundiger der Fall, wenn sie auf eine
schließtd11 deS ° ben besprochenen Artikels wieder aufnimmt,
Sitten sind Dann ist n e *anze Kirche Lehrer und Richter des Ola as Dokument ab. Diese Struktur ist in guter Dramaturgie
Dann ist ihren Definitionen mit G laubengehorsam anzuh.

70 71
und Logik gewählt, weil sie die Leser von a llg e m e in e n Yv h
ten über die Offenbarung (die m an gerne a k z e p tie rt) zu u ahrllei-
cher Weise dasjenige wirklich einzigartig ist, was der christliche
ren Wahrheiten hinführt: zu Fragen einer hoch angeseteten Glaube als universal bedeutsam präsentiert». Zu Recht versteht
tologie, dann zur Frage der Erlösung und der K irch e s c h i * ^ 1'“' G Ebeling Glaubenssätze und Dogmen als »Vorurteile«. Das kann
zur zentralen Bedeutung der christlichen Religion u nd d - ein Vorteil sein, denn solche Vorurteile gehen aus der Erfahrung
rangstellung gegenüber den anderen Religionen. D er R esT ' ^ hervor, die Christen mit diesem Glauben gemacht haben. Ande­
sich wie selbstverständlich. er*>‘bt rerseits entsteht daraus eine neue Herausforderung. Wenn sich
Es ist aber auch deutlich, dass der E n d p u n k t d es Dokum die Qualität dieses Glaubens nämlich aus der Erfahrung der Glau­
sein Ziel angibt. Ratzinger selbst würde w o h l d e n Vorwurf n iT benden erweist, dann müssen solche Glaubenssätze immer dann
akzeptieren, dass er die W ürde der christlichen O ffenbaru ng V neu bewährt werden, wenn sich Erfahrungszusammenhänge dras­
Würde Christi und seines Heilswerks z u g u n s te n institutioneller tisch verändern. Wer vom eigenen Glauben zutiefst überzeugt
Interessen instrumentalisiert. Aber widerlegen w ird er ihn kaum ist, fürchtet solche Erprobung nicht. Warum also nicht der Aufruf,
können. Unterbaut werden schließlich die E in zig (artig )k eit und diese Universalität (und Einzigartigkeit zugleich) nicht einfach
Würde der Kirche sowie der christlichen Religion. D ie Frage, ob vorauszusetzen, sondern neu zu erweisen? Der Begriff der Univer­
und inwieweit Kirche und christlicher Glaube n ic h t a u ch vom je salität wurde in einer Epoche dramatischer Globalisierung zu
einem höchst undeutlichen Begriff. So hätte es zumindest einiger
größeren Gott oder vom persönlichen Gewissen her zu relativie­
Begriffsbestimmungen, Unterscheidungen oder einiger Klärungen
ren sind, interessiert nicht. W ahrscheinlich würde m an sich be­
von Missverständnissen bedurft. Ratzinger hätte sich dabei auf
reits diesem Begriff verweigern.
die Frage konzentrieren müssen, welche neuen Inhalte die Frage
Den normalen und zur Bescheidenheit e r z o g e n e n Theologen
nach Einzigkeit und Universalität erhalten hat. Seine spätere Ver­
erstaunt der Titel des Dokuments. Es geht um zw ei Q ualifikatio­
teidigung des Tons des Dokuments trifft deshalb ins Leere. Es
nen, die parallelisiert werden; sie lauten Einzigkeit u nd Heilsuni­
gehe um keinen autoritären Stil, heißt es da im Kommentar zur
versalität und werden auf Jesus Christus und die K irch e bezo­
Sache Dupuis, vielmehr gehöre der Ton des Dokuments »zum ty­
gen. Die Parallelisierung von Einzig(artig)keit und U niversalität ist
pischen literarischen Genus jener lehrmäßigen Verlautbarungen«.
alles andere als selbstverständlich. Einzigartiges b ra u ch t nicht Ich glaube nicht, dass wir Theologen halbjährlich eine Mahnung
universal und Universales braucht n ich t einzig(artig) zu sein: Im über die Gefährlichkeit bestim mter Aussagen nötig haben, auch
normalen Wortverständnis schließen sie einander eher aus. Aus nicht die erneute Zusammenfassung dessen, was »fest zu glau­
dem Text des Dokuments ergibt sich zudem , dass gerade die Zu­ ben« ist; in der Notifikation Dupuis wird es in Punkten festgelegt.
ordnung von Einzigkeit und Universalität u m stritte n ist, sonst Theologie ist in unserer Gesellschaft nur noch dann ein attrakti­
wäre die Erklärung nicht notwendig. Vielleicht ist Jesus einzige ves Geschäft, wenn m an der Sache selbst mit Haut und Haaren
angesichts der anderen Religionen aber n ich t v on universaler verpflichtet ist. Deshalb entlarvt dieses »typische literarische Ge­
Bedeutung? Vielleicht zeigt sich in der christlichen Botschaft uni nus« eher das in Rom herrschende schleichende Misstrauen, als
versal Gültiges, ohne einzigartig zu sein, weil es zutiefst niensch dass es einem Geist lebendigen Glaubens entspricht36.
lieh ist? Oder genauer gesagt, in einer E p o ch e w achsen d er Cdoba Noch größere, weil theologisch schon oft durchdachte Schwie­
lisierung von Information und G espräch m uss die U niversal^ rigkeiten bereitet vielen Christen die Parallelisierung von Jesus
des - für Christen gewiss einzigartigen - Christus erst noch er' ' ie
sen und auf die neuen konkreten Q ualitäten des Universalen 1
35 S. dazu E. Schillebeeckx (1975), 527-SS4. .N icht-theoretisierbarer, universaler Ver-
erprobt werden. Oder um gekehrt: Angesichts der erst jetzt
36 5Jehenshorizont«.
kannten ungeheuren Vielfalt religiöser Angebote, der Heiß ’ upuis b, Nr. 6. Die Feststellung der Glaubenskongregation, man befleißige sich
au’oritaren Tons, sondern eines lehramtlichen literarischen Genus, wir
zepte, auch verschiedenster Kirchentüm er, muss sich neu dies * bUhiln° s- Genau die Fixierung auf dieses Genus, d.h. genau die Unfähigkeit
in nie dagewesener Deutlichkeit erweisen, ob, dass oder m er “ehörde zur sachbezogenen Kommunikation ist ja das Problem.

72 73
1
Christus und Kirche, wie der Titel nahe legt. Natürlich wird Christus und die Kirche zu anderen, wirklichen oder vermeintlich
solche Aussage unmittelbar als unerhörte Insinuation zurück'”1 konstruierten H eilsordnungen verhalten.
wiesen. Ratzinger hat es in seinem ersten Interview unter Verweis
auf 1 Kor 8,6 schon getan (Ratzinger 2000d ). Doch angesichts der
konkreten Aussagen ist unbestreitbar, dass Ratzinger beide Be II. Zum Text
griffspaare ohne weitere kritische Unterscheidung parallelisiert
Ferner werden die Rede von der Universalität der Offenbarung
Einleitung: Gefährdung der christlichen Wahrheit (Nr. 1-4)
von der Einzigartigkeit des Logos und von der Universalität des
Heils eingeführt und besprochen, um letztlich die Einzigartigkeit Das Dokument beginnt im klassischen lehramtlichen Stil; es gibt
und Universalität der (römisch-)katholischen Kirche zu begrün­ sich umfassend und unumstößlich. Mit dem Missionsbefehl wird
den, als wirke diese inzwischen als das einzige und unersetzliche der Diskurs eröffnet; es folgt das Konstantinopolitanische Glau­
Bollwerk gegen jede interreligiöse Relativierung des Christentums. bensbekenntnis in voller Länge; schließlich wird auf die Notwen­
Übrigens zeigt das Dokument in diesem Funkt eine erstaunliche digkeit des interreligiösen Dialogs verwiesen. Ziel der Erklärung
Konsistenz. Es wird schwierig sein - wie einige evangelische ist die Hilfestellung bei der Lösung der schwierigen Fragen, die
Theologen und Kirchenleiter es tun - die ersten drei Kapitel zu daraus entstehen - nicht indem man sich auf theologische Argu­
loben, Kapitel IV zur Kirche aber plötzlich abzulehnen, Kapitel V mentationsgänge einlässt, sondern indem man »die Lehre der
und VI hingegen vornehm zu übersehen. Eine Lesung wird von katholischen Kirche« erneut darlegt, also nicht, indem man die
Anfang an kritisch sein und zeigen müssen, dass sich Kapitel IV katholische Lehre angesichts einer neueren Situation weiterent­
mit einiger Stringenz aus dem Christusmonismus der vorherge­ wickelt, sondern indem man die Erinnerung an die bekannten
henden Kapitel ergibt. und bewährten, vielleicht aber auch missverständlichen Formeln
Genau deshalb ist es unverständlich und für den m.E. ideolo­ wachruft. Allerdings sieht Rom aktuelle Gefährdungen, die in
gischen Charakter des Dokuments bezeichnend, dass Ratzinger massiver Gedrängtheit in einem Abschnitt von etwa achtzehn
den Titel des Dokuments im Nachhinein ganz anders interpre­ Zeilen dargestellt werden. Das Problem dieses Szenarios ist, wie
tiert. Bei »Dominus Iesus« (»Der Herr Jesus«) gehe es um ein Zitat schon gesagt, seine Allgemeinheit, seine Undifferenziertheit und
seine teils pathetische Sprache. Was etwa soll »die metaphysische
aus 1 Kor 8 , 6 : »Und einer ist der Herr: Jesus Christus. Durch ihn
Entleerung des Ereignisses der Menschwerdung des ewigen Logos
ist alles ...« Ihm sei es also um den Vorrang Jesu vor allem ande­
in der Zeit« bedeuten? Ratzinger hat sich dazu in seinem Artikel
ren gegangen. Ich vermag es kaum zu glauben. Die K onstitution
vom Januar 2 0 0 0 geäußert; in ein Lehrdokument gehören solche
etwa, die die Zustände der Kurie regelt, heißt: »Christus Doini
Diagnosen wohl nicht. Was heißt, die Heilige Schrift werde »ohne
nus«! Solche Titel müssen Bedeutsamkeit und Würde a u ss tra h le n ,
Rücksicht auf die Überlieferung« und gar ohne »das kirchliche
oft genug dienen sie der Kosmetik und Selbstbestätigung. Es sin
Eehramt« gelesen? Die Leseweisen sind - danken wir es Gott - so
zudem - wie überall bekannt - die ersten Worte des Textes selbst
vielfältig, dass Schriftverständnis dem Lehramt hoffentlich immer
Aus dem Deutschen erhellt das nicht unm ittelbar; der Ute
vorausläuft; oder sollte nicht auch das Lehramt die »Schrift at-
müsste lauten: »Bevor der Herr ... [in den Himmel aufgefahren
j^en«, wie es in der Konstitution über die Offenbarung heißt?
ist]«. Der lateinische Text aber - immer noch der authentisc e,
auch wenn ihm vermutlich eine deutsche Fassung voraus?'11*’ che^ WaS S0" ^ehauPhmg bedeuten, das Mysterium der Kir-
tei^ Verlie^e itlre universale Heilswahrheit oder werde »wenigs-
beginnt mit den Worten »Dominus Iesus, antequam in coe .
ein e' nem Schatten des Zweifels behaftet«? Ich weise noch
ascenderet...«. Vom Pathos des Korintherzitats ist da n a c h "e'!^ r
nichts zu spüren. Durch solch nachträgliche Interpretationen ^ Theo^ darauf hin, dass die katholischen Theologinnen und
*eben°^e!1.'n übergroßer Mehrheit aus kirchlichem Engagement
liert der Text eher an Glaubwürdigkeit, als dass er sie gewinn •
n in ihren Gemeinschaften und Gemeinden Gottes Geist
Struktur des Textes treibt also auch auf die Frage zu, wie sich J
75
74
erfahren. Man erinnert sich, welche Tonlage in diesem 7
des gesamten Sinngebungssystems, über das sich das Konzil
menhang in Gaudium et Spes angeschlagen wird37, oder USam'
erneut vergewisserte.
ders man es von Johannes Paul II. noch im Jahre 1978 ^ ° 3n‘
hörte 2 Es galt, diese Konzentration und Identifikation in der Neu­
»Fürchtet Euch n ich t !«38 Die Einleitung w e c k t allgem eine
entdeckung der Schrift zu konkretisieren. »Offenbarung« ist
nicht präzisierte Verdächte; sie m acht misstrauisch gegenübe ^ gerade nicht die abstrakt-reflexe Größe, die das relativ späte
Theologie im Allgemeinen und sie stim m t a u f e in e ap o ]0 , ^ der Kunstwort im Singular suggeriert, sondern eine konkrete Ge­
Gedankenführung ein. Aus einer solchen G ru n d stim m u n > k ? samtheit von Worten, Taten oder Texten. In sich sind diese
nur wenig Gutes kommen. ‘ nn nicht immer eindeutig, aber aus der umfassenden Perspektive
christlicher Letztinterpretation schlüssig. Spitze der Neuent­
deckung war für die Katholiken in der Mitte des 20. Jahrhun­
1. Kapitel I: Fülle der Offenbarung (Nr. 5-8)
derts eine Entdeckung, die bis dahin als typisch evangelisch
a) Zum theologischen Kontext galt, dass nämlich die Bibel die einzige Offenbarungsquelle
Die Konstitution über die Offenbarung gehört zu den wichtig ist. Es gibt also neben der Schrift keine anderen inhaltlich
ten und grundsätzlichen Dokumenten des 2 . Vatikanischen Kon­ bzw. hermeneutisch unabhängigen Quellen39. Es hat sich die
zils; vermutlich ist ihre langfristige Wirkung bedeutsamer als die Überzeugung durchgesetzt, dass zur Kenntnis der Offenba­
der Kirchenkonstitution (Waldenfels). Sie entsprach in der dama­ rung inhaltlich die Bibel mit dem Gesamt ihrer Texte genügt
ligen Situation einem doppelten Bedürfnis. (im Fachjargon »Realsuffizienz« genannt). Ratzinger weist in
1. Es galt, die Identitätskoordinaten von Christentum und (ka­ seinem Kommentar zur Konstitution darauf hin, dass die Bi­
tholischer) Kirche neu zu sortieren. Konzentration auf die belbewegung bei vielen Christen schon eine neue Grundein­
entscheidenden Quellen des christlichen Glaubens schien stellung zur Heiligen Schrift geschaffen habe (LThK, 2. Aufl.
geboten. Es ging um die Selbstversicherung, kraft derer das Erg. Bd. II, 4 9 9 ). Diese wird von der Konstitution legitimiert
Christentum sich in einer neuen Zeit des Aufbruchs auf eine und zugleich interpretiert.
wahrhaft göttliche Legitimation berufen kann. Auf der Tages­ Wegen dieser Neuentdeckung der Schrift (nicht wegen der abs­
ordnung standen - jedenfalls im katholischen Raum - noch trakten Überlegungen zur Offenbarung an und für sich) hatte
nicht die Probleme der Säkularisierung, der Rolle der Frau, die genannte Konstitution langfristig ungeahnte Auswirkungen.
nicht die Entdeckung der anderen Religionen, es sei denn des Sie hat für Kirche und Theologie aufs ganze gesehen eine reini­
Judentums als Ausgangspunkt und Nährboden des eigenen gende Wirkung erzielt, für die Annäherung an die evangelischen
Glaubens. Die Konstitution über die Offenbarung ergibt also Kirchen eine ungeheure Rolle gespielt und - auch Rom muss das
zugeben - überall auf der Welt für eine ungeahnte neue Kreativi-
einen schlüssigen Sinn, wenn zur Qualifikation der Einzig
fät im Gebet, im öffentlichen Wort und in der solidarischen Praxis
keit, der Fülle und der Endgültigkeit konsequent der Index
gesorgt. Ein Geheimnis dieses Erfolgs speiste sich aus der Entde­
»gemäß unserer Überzeugung«, »für uns Christen«, »für den
ckung: Das Lehramt steht nicht über dem Wort Gottes, sondern
christlichen Glauben« oder »gemäß christlicher Erfahrung
hat ihm zu dienen (Nr. 10). Gefordert wurde deshalb ein gründ-
eingefügt wird. Dieser Index relativiert nicht, sondern
»ches Schriftstudium (Nr. 2 5 ), denn »die Schrift nicht kennen
nennt den eigenen Standpunkt, sozusagen den N ullpnn

wurde eine intensive D iskussion zur Frage geführt, ob - gemäß der alten,
37 J?S ’ - “Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der M enschen v o n heute. frau b e ™ c h legitim ierten Form el von »Schrift und Tradition« - die Tradition ne-
ders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung. ^ i . „ er Schrift als weitere, inh altlich ergänzende Offenbarungsquelle anzusehen
1 Angst
r «u der JUn8er
gV aer Jünger Christi-
Christi. Und
Und es es gibt
gibt n
n ich
ich ts
ts w Menschliches,
ahrhaft M
w ahrhaft ensen»*-**-- - a, tutin i tet wurde der Streit bei der Frage, ob der Titel zur Apostolischen Konsti-
ihren Hormon
ln ihren Herzen seinen iam.i -_ i._ i . r..
W iderhall fände.. .Ist. .d och. ihre
____eigene
npmeinscn«*
G enie» r " pilger nisl nH,?UV £ m üsse: “Über die Quellen^] der O ffenbarung, (de fontibus revelatio-
M enschen gebildet, die, in Christus geeint, vom Heiligen Geist auf m geschir-K.i, t er die göttliche Offenbarung» (de divina revelatione). Zum theologie-
schaff zum Reich des Vaters geleitet werden.« „ geschichtlichen Hintergrund: G eiselm ann.
JH Ansprache des Papstes bei seiner A m tseinführung im O ktober 1978.

77
76

/•
h eiß t Christus n ich t kennen«. Auch der Theologie wurde
drücklich ins Stam m buch geschrieben, dass sie sich als Ausle ^ Frage spätestens seit den Zeiten der Reformation eine brisante Be-
der Schrift zu begreifen habe. Das hat sie sich in vielfältiger w '" 8 deutung erhalten hat41.
zu Herzen gen om m en ; von der neuen Kenntnis der Schrift?^ Von dieser halbherzigen Hermeneutik her kann sich Ratzinger
sich die Glaubenskongregation wohl nicht ausnehmen wollen natürlich auf diese Konstitution berufen. Allerdings hat er damit -
Dies ist aber nur sinnvoll, wenn deren Neuentdeckung auch für zusammen mit der Konstitution - spätere Konflikte program­
das Lehram t heilsam e Überraschungen birgt. miert. Wer nämlich dazu aufruft, die Schrift wieder ernst zu neh­
Allerdings folgt an diesem Punkt auch die kritische Grenze der men, darf sich nicht wundern, wenn die Schrift später auch an
Konstitution. In vielen Absätzen ist das intensive Bemühen zu er Punkten ernst genommen wird, an denen sie sich der Unterord­
nung unter ein Lehramt widersetzt oder eine solche Unterord­
kennen, Schrift und Tradition, Schriftauslegung und das kirch­
nung ad absurdum führt. Ich erinnere mich noch gut an einen
liche Lehram t so intensiv m iteinander zu verknüpfen, dass jede
Freund, der von einem Generalvikar zur Rede gestellt wurde: er
M öglichkeit des Konfliktes, also einer konkreten Vorrangsoption
haben seine Kinder nicht taufen lassen. Unter Berufung auf die
der Schrift gegenüber dem Lehram t, weit aus dem Gesichtsfeld
Schrift und einen interpretierenden Text von W. Kasper wies er
rückt40. Beispielsweise wird unter Nr. 7 der Konstitution darauf
darauf hin, dass vieles in der Schrift auf die Praxis der Erwach­
hingewiesen: »Was G ott zum Heil der Völker geoffenbart hatte,
senentaufe deute. Die Antwort des Generalvikars lautete: »Uns
das sollte . . . für alle Zeiten unversehrt erhalten bleiben«. Darum
interessiert nicht die Schrift, sondern das Kirchenrecht.« Solche
habe er »den Aposteln geboten, das Evangelium ... allen zu predi­
Naivität hat verheerende Wirkungen. In den späteren Jahren sind
gen«. Ein Satz später wird gesagt, das sei »treu ausgeführt wor­ vergleichbare Situationen ungezählte Male auch unter verschärf­
den«. Übersehen wird die Frage, wie und in welcher Weise das ge­ ten Bedingungen eingetreten. Sie treten immer neu dann ein,
schah, w elche herm eneutischen Prozesse des Neuverständnisses, wenn sich Theologinnen und Theologen auf die Schrift berufen
der Erweiterungen und der Verengung sich dabei abgespielt ha­ und damit in Widerspruch zum späteren katholischen Lehramt
ben. Es sind dies Fragen, die im Jah r 1965 in der wissenschaft­ und der Tradition geraten. Ein theologisch legitimes Krisensignal
lichen Exegese schon durchaus gestellt und verhandelt wurden. wäre gegeben, wenn etwa Schrift und Schriftaussagen, wenn ge­
Oder es werden in Nr. 9 »Überlieferung« und »Hl. Schrift« einan naueren der Geist der Schrift im Blick auf die Gegenwart und de­
ren neue Herausforderungen nicht mehr ernst genommen wird
lieeLmn8 enÜbei 8eSte,lt- 0bWOh' ZUV° r ist, dass die über-
lmH rm 8 ,1" , der Schnft lhren Ausdruck findet, werden Schrift (Queiruga, Schoenborn, Steven). Wie sind diese Herausforderun­
und Überlieferung denn och parallelisiert: »Demselben göttlichen gen zu bewältigen? Gibt es Standards, an denen wir die christliche
ue entspringend, fließen beide gewissermaßen ineins zusani- Botschaft messen können? Werden die vielfältigen neuen An­
en un streben dem selben Ziel zu.« Ziel dieser Metapher ist die sätze einer zeitgemäßen, methodisch verantworteten Theologie
arm onisierung von Schrift und Tradition, die von möglichen
° n ikten ablenkt und einen sachgem äßen Umgang mit ihnen 41 Eine der legitim en Gründe für die Kritik von Seiten .„ironisierende und da
traditionellen H erm eneutik ist deren Neigung, sich lassen. Sehr deutlich
unm öglich m acht. Das dram atische und im kirchlichen Alltag im- mit konservativ stabilisierende Zwecke m issbrauc e vieler ökumenischer
kann das in der ökum enischen Theologie und in der • jlon counet. Voll
m er neu zu regelnde Verhältnis beider Größen wird im Grunde
Kommissionen abgelesen werden. Zur prinzipiellen • ' iun„sten Auflage des
ver eckt (Knoch). In Nr. 10 wird klargestellt, dass das Lehramt zuzustimmen ist dieser Kritik bei Definitionen, wie sie I ,s »Selbsruberliefe-
LThK (X, 2001, 155 f.) zu finden sind. D efiniert wird Traditio waft ,n der Kir
nie t über dem Gottes stehe«, sondern ihm »dient«. Aus dieser m ng Gottes durchjesus Christus im Hl. Geist zu bestan g " hen jn dem der
er ältnisbestim m ung werden aber keine Folgerungen für den che. (so W. Kasper), ferner als -je n e s wesentliche: o o « jeweils aus den Vor-
Mensch kraft der Selbstm itteilung G ottes in der Zelt u geschichtlichen Frei
3 Sezo 8 en< dass sich das Lehram t einmal über das Wort stellt- gegebenheiten der Vergangenheit in einem unab ei HUnermann). Bei so
uch darauf hätte eingegangen werden müssen, nachdem die heitsprozess seine Zukunft gewinnt und so Gegenwart na - ^ Ja s Nachden-
vlel Selbstbestätigung, Selbstabschließung und c berr Resultate, genau bese­
hen über Tradition sch on wieder verzichtbar, weil dessen Resultat
hen, nichtssagend und lautologisch sind.
4 0 Zur h erm en eu tisch en Problem atik s. Jean ro n d 1991b.
79
78
zur Kenntnis genom m en? (Arens, Dalferth, Tracy 19 «, , Q0 hp werden von Rom aus als Teil dieser »relativisti-
solche Krisensituationen h at die Konstitution aber ir 93) Auf UndHi‘S n t Sa lität begriffen und angefeindet. Dieser Verdacht b e­
Ausgangspunkte nicht vorbereitet (Moder). r° tz bes,er sehen« M e n « 1« « ^ n i s , Verkennung ihrer tiefsten Intent.o-
deutet für sie U __ Verachtung ihres christlich theologischen
b) Z um D okum ent Tu X T ^ s e Passage zeigt, haben sich Ratzinger und seine
Ethos. Wie d wohl nje gestellt. (a) Was heißt es, dass
Wenden wir uns dem ersten Kapitel von Dominus Iesus zu f
nim m t zunächst die Behauptungen des vorhergehenden \b' TTheologie heute weltweit viele und verschiedenartigste Adres-
... .1 __ i____ TA/irH c i p a n r l p r s
Schnitts auf. Es würden, so die am tliche Feststellung, zuweilen säten hat? Mit tradiüonell glaubenden Christen wird sie anders
»theologische Vorschläge erarbeitet, in denen die christliche Of­ umgehen müssen (und gerne um gehen wollen) als m it kritischen
fenbarung ... ihren Charakter als absolute und universale Heils­ Wissenschaftlern, mit diesen wiederum anders als m it M enschen,
wahrheit verliert oder wenigstens m it einem Schatten des Zwei­ die in einer säkularisierten Welt groß gew orden sind, m it Frauen
fels und der Unsicherheit behaftet« wird (Nr. 4). Nun müssten anders als mit Männern, mit westlichen M enschen wird anders
solche Behauptungen, wenn m an sie einvernehmlich besprechen zu reden sein als mit Indern und Indios, m it Afrikanern anders
will, zumindest belegt und konkretisiert werden. Der erste Satz als mit Menschen von der Südsee. (b) Was bedeutet die allge­
des Kapitels fügt diesem Krisenbewusstsein allerdings eine psy- meine Erfahrung, dass Unsicherheit, Zweifel und Verzweiflung in
chologisierende Variante hinzu. Jetzt ist die Rede von einer »rela­ der Regel nicht durch das Insistieren auf alte Form eln überw un­
tivistischen Mentalität, die sich im m er mehr ausbreitet«. Hier sei den werden kann, sondern vielleicht dadurch, dass m an sie ernst
Abhilfe zu schaffen, deshalb müsse »vor allem der endgültige und nimmt und durchträgt? (c) Vor allem hat m an sich nie der Frage
vollständige Charakter der Offenbarung Jesu Christi bekräftigt gestellt, dass - unbeschadet aller darin beheim ateten W ahrheit -
werden.« Unmittelbar anschließend wird auf den »fest zu glau­ auch die Sprache Roms eine h öch st zeitgebundene, begrenzte
benden« Satz hingewiesen: »im Mysterium Jesu Christi ist die und androzentrische, zudem eine für Autoritäten anfällige Spra-
Fülle der göttlichen W ahrheit geoffenbart«. Der folgende Mittel * 'St betzteres scheint der Hauptgrund für die m onolithische,
teil des Kapitels leuchtet diese Überzeugung und deren Bcstre^ redefen geradezu unterdrückende Weise zu sein, m it der Rom
tung in vielfältiger Weise aus. Am Ende von Nr. 5 wird dann eine
erste Folgerung gezogen: »Nur[!] die Offenbarung Jesu die da^nSk"1 Hinter8 rund sei auf einige Perspektiven verwiesen,
führt also in unsere Geschichte eine universale und letzte gischen n k t " '6" 1 hätte verarbeiten müssen, wenn es im theolo-
heit ein.« 1. Untpr UJ S Cnn ernst genom m en werden will.
Über die Struktur des ersten Satzes mit seinem Krisenbew^
’eg en d ^ ich T ^ El<:her vor jah ren dargelegt, wie gründ­
sein ist schon einiges bemerkt. Die Schw ierigkeit e in e r an^ n(er. e t e . Er griff dCr Offenbarung in der Neuzeit än-
senen Reaktion ergibt sich nicht aus der Tatsache, dass ie^ ^
Stellungen schlechthin unrichtig und schlicht b e le id ig e n ^ ^ verwendet (EidTerW Off- Z !* heUte Üblich ' in der Einzahl
weilen inhaitd »Offenbarung« ist zum reflexiven, bis-
Sie ergibt sich vielmehr aus der Tatsache, dass fällig 1 i 1 jje samtheit d e s s e ^ " KunstbeSriff geworden. Er fasst die Ge-
rungen und Problemanzeigen, dass Vorstöße in Neulan ^euer
uns »m i t g e t e i l t W3S' WOrin und wie G ott sich
Konfrontation mit unangenehm en Fragen, dass Versu ^ jer
1'»- Es . L e n d « a. o « ' Sr B' Sr“ ‘St das Doku'™ " ‘ »ertal-
Inkulturation und eines verständnisvollen Gespräc s wercien,
J’be,« u g u „ g ln einer W else- die die alte
Kategorie »Relativismus« wahrgenom m en und abge '< ^ jSt. E’denbanmgee d h • ausschlleßt- dass G ott au ch in seinen
bevor auch nur ein Halbsatz näherer Interpretation ginSatz
“'« n u n g e n sein G e h V '” ’-'" vlelfal,i 8 ™ M itteilungen und
Es gibt sehr viele Theologinnen und Theologen, die und
f w l* e , o C b a n n h,m: ' S ” ahr1' slch al“ -g a n z . und
für die christliche Botschaft alle Möglichkeiten der ' geßeXjonen
^ u 0 ertnb“ S « s ? 5 e7 f “^ ‘■'«zehnte - i n die
des Denkvermögens ausloten, aber ihre Positionen, elbst-mitteilung« zu verstehen

80 81
etwa kann eine »endgültige« Offenbarung endlos viele i,
<Pi CSeckier 1985, Rahner 1976): nicht als Mitteilung sernan-
terpretationen herausfordern; in einer geschichtlichen Per’
fscher Inhalte, nicht einfach als eine Mitteilung zeichenhaf-
spektive kann dasselbe vielleicht nur dann seine Identität
ter Wirklichkeit, sondern eher als eine Selbstubergabe, mit
bewahren, wenn es in veränderten Kontexten seine Sprach-
der er oder sie sich selbst in unsere Hände begibt. Gerade die handlungen und Inhalte ständig ändert (Schillebeeckx 1983)
letzte und weithin akzeptierte Konzeption lässt völlig unver­
Auch versucht das D okum ent nirgendwo zu zeigen, dass die
ständlich werden, warum im Dokument als letzte Folgerung
»Offenbarung« im m er neu zu verstehen, auszulegen, zu voll­
stehen kann, nur die Offenbarung Jesu Christi führe ein in ziehen ist. Schließlich kann »Offenbarung« wohl kaum als
eine »Letzte Wahrheit, die den Verstand des M enschen dazu objektives Konstrukt verstanden werden, als stecke es objek­
herausfordert, niemals stehenzubleiben«. Gehört denn dieser tiv und bedingungslos in bestim m ten Buchstaben. Sie bein­
Appell »niemals stehenzubleiben«, nicht zu den Grundforde­
haltet in jedem Fall einen Prozess, der immer auf Menschen
rungen einer jeden großen Religion? Es ist geradezu m it Hän­
bezogen ist und nur so zur aktuellen Offenbarung wird, ln
den zu greifen, dass ein Begriff wie »Letzte W ahrheit« nie en­
diesem Sinn trägt die Rede von einer einmaligen und endgül­
dende Verstehensfragen herausfordert, dies auch außerhalb
tigen, definitiv verbürgten Offenbarung immer ein verkür­
des religiösen Bereichs. Pikant ist in diesem Zusammenhang
zendes Elem en t in sich. Endgültigkeit erweist sich nur als ein
das Engagement Ratzingers für Fatima, dessen Geheimnissen
immer neues G esch eh en . Sie k om m t nur dann in den Blick,
Ratzinger prophetischen Charakter zuschreibt und womit
wenn auch die sp rach lich en , rituellen oder ethischen Ange­
er gegen sein eigenes A usschließlichkeitskonzept von Of­
bote anderer Religionen b e a ch te t werden. Nicht das Beste­
fenbarung verstößt, indem er näm lich - gem äß gängiger
hen auf einer g ö ttlich en O bjektivität belebt Theologie und
Sprachregelung - zwischen »öffentlicher Offenbarung« und
Seelsorge neu, so n d ern der U m gang m it je gegebenen Zwei­
»Privatoffenbarung« unterscheidet. Im m erhin wird dort die
feln sowie die E n td eck u n g, dass diese Offenbarung immer in
Privatoffenbarung als »eine Hilfe« zum Glauben umschrie­
geschichtliche, h e rm e n e u tisch e und existentielle Prozesse
ben; sie erweise sich gerade dadurch als »glaubwürdig«, dass
verstrickt bleibt. Von so lch en Erfahrungen ist in Ratzingers
sie »auf die eine, öffentliche Offenbarung verweist« (Fatima,
Dokument n ich ts zu sp üren.
Kommentar Nr. 2). Allerdings sieht sich der Opponent von
3. Ist »Offenbarung« ein arch iv arisch es Sediment oder ein rela­
vornherein im Nachteil, denn Ratzinger begreift auch sol­
cherart Fragen unmittelbar als »relativistische Mentalität«. tionaler Prozess, ein Begriff der festgelegten Semantik oder
Gerade angesichts der neuen interreligiösen Situation wäre der kreativen E rfah ru n g o d e r des Sprachhandelns? Es ist in­
entweder der Begriff der göttlichen Selbst-M itteilung konse­ zwischen gängige Ü b erzeu gu n g in der Theologie: Wer von
quent anzuwenden oder der alte Sprachgebrauch von »Of­ Gottes endgültiger O ffenbarung, von der Einzigkeit Jesu
fenbarungen« wieder ernst zu nehm en. Im ersten Fall ist Christi o d er v o n d em Einen redet, der vor Abraham ist, gibt
unbestreitbar, dass Gott sich den M enschen nicht nur im keine th eo retisch e rarb eiteten Ü berzeugungen wieder, son­
Rahmen des christlichen Glaubens m itteilt, im zweiten Fall dern das Ergebnis g lau b en d er Erfahrung. Wer Jesus als »Weg,
wird das Bewusstsein wieder w ach, dass G ott sich in der W ahrheit und Leben« erk en n t, m a c h t d am it n o ch keine ob­
Menschheit auf vielfältige Weise m itgeteilt hat und wohl im­ jektive Aussage ü b er W ege, W ah rh eit und Leben anderswo.
mer wieder mitteilt. Unbedingter G laube an die ch ristlich e Offenbarung schließt
2 . Was meinen Ausdrücke wie »unüberholbar«, »erfüllt und ab- |e Suche o d e r E n td e ck u n g v o n W ah rh eit an anderem Ort
schließt«, »in vollendetster Weise«, »endgültige Selbstoffen- ötcht aus. G lau b en sw ah rh eiten sind im m er in K ontexte und
barung«? Nirgendwo gibt sich das D okum ent Mühe, solche ° n rete Erfahrungen e in g eb ettet. Es sind Beziehungswahr-
komplexen Worte auch nur annähernd zu erklären, vor Miss- dp^en, nur in dieser R elativität erh alten sie unbedingte Be-
verstän nissen zu schützen oder auf solch e hinzuweisen. So ng- Auch v o n s o lch e n h e rm e n e u tisch gängigen Überle-

82
83

i
gungen ist bei Ratzinger nichts zu spüren. Vielleicht Spri
nannt - heute kaum m ehr überzeugte Anha
das für Ratzingers persönlichen Glauben. Für ihn gilt dic ^
reich hört sich die Lösung an: »Die h e i l i g e n Zu trick'
bedingtheit einer Aussage, die so sehr in die Erfahrung des !' gionen, die faktisch das Leben ihrer Anhänger s ? anderer Reli-
genen Standhaltens und eigener Identität eingebunden ^ erhalten also vom M ysterium Christi jene Etem " Und leiten-
dass eine m ögliche Relativität im Blick auf andere vielleici*' und der Gnade, die in ihnen vorhanden sind « iy des Gu‘en
nicht in den Blick kom m t (Pruyser, W in n ico t). Für die je in ihrer Struktur später n och einmal auftaucht (Nr * AntWort«die
sönliche Identität und Stabilität m ag das unter Umständen hier nicht banalisiert. Aber m an wird doch bemerk h ^ 2 l)' Sei
gut sein. Für die Kom m unikation und Gemeinschaftsfahj sie konkret denkenden M enschen einige Intellekt,«!, w " ' dass
keit des Glaubens gilt das jed o ch n ich t. Es gibt übrigens ne­ reitet, vielleicht nur deshalb, weil Ratzingers Arvum Muhe be‘
ben der Sprache des Glaubens die Sprache der Liebe, deren « « « ■ « S prachebenrn - d l . Ebene 4 ^ 5
intensive Verwandtschaft n ich t zu u ntersch ätzen ist. Wenn und die Ebene subjektbezogener Deutung - vermen J w! ™ " 8
ich etwa m it voller Überzeugung sage, m eine Ehefrau und Le­ denn sollten solche Schriften n ich t in sich inspiriert und ^
bensgefährtin sei die beste Person der W elt, dann ist das völ­ selbe, inspirierend sein? V ielleich, wird
lig ernst gemeint und bedarf - als Bekenntnis meiner Bezie­ doch nur ein V orrang des C hristlichen verteidigt dc.n ec f ? " 6"
hung - keiner weiteren Erklärung. Zugleich schließe ich eben nicht gibt, der aber aus institutionellen 1T
damit dieselbe Aussage einer an deren Person über ihren Part­ zu erhalten ist. en aufrecht
ner nicht aus. Ebenso sinnlos w äre die - logisch konse­
quente - objektivierende Folgerung, es gebe also viele »bes­ c) Die vielen E rfa h ru n g e n u n d d ie e in e W ahrheit
te« Personen und dies zeuge v o n Relativismus. Nicht zu im ersten Kapitel wird im G runde die Frage verhandelt, ob und
vergessen ist, dass die Sprache des Glaubens in ihrem Ur­ wie es eine, genauerhin: die eine, v o n G o tt gegebene Wahrheit ge­
sprung den Gestus der Anrede k enn t und im Zweifelsfall der ben kann. Ist sie angesich ts u n serer vielfältigen Welt so überhaupt
Interpretation auf ihn zurückgreifen m u ss42. möglich? Wie sollen wir uns diese Einheit vorstellen oder den­
Dies gilt auch für Kapitel VI, w o v o m Verhältnis des Christen­ ken? Nun ist diese Frage th eo lo g isch vielleicht interessanter und
tums zu anderen Religionen gesp roch en wird. Ähnliches ist zum drängender, als das D o k u m en t erk en nen lässt. Das Hauptproblem
Gehorsam des Glaubens (Nr. 7) und zur Inspiration der Bibel zu des Dokuments b esteh t ja d arin, dass die konkreten, die täglich in
sagen, die nach Ratzinger die Inspiration an d erer Schriften aus­ Praxis und T heorie d rän g en d en Fragen überhaupt nicht gesehen,
schließt (Nr. 8 ). Dabei wäre es d o ch au ch für ihn ein Leichtes, sich geschweige denn g e n a n n t w erden (Kühn, O berham m er, Schreiter
der inspirierenden Kraft anderer Schriften zu versichern. Warum 1992). Natürlich geh en wir - sagen wir: C hristinnen oder Chris­
eigentlich kann nicht sein, was n ich t sein darf? Letzteres wurde in ten und T heologinnen o d e r T h eo lo g en im Alter v on mindestens
der Theologie übrigens nie g eleu g n et, ab er R atzinger gibt dir 45 Jahren - v o n ein em Ideal u n d v o n ein er Sehnsucht aus, die un­
Frage eine Lösung, die - von den Fach leu ten »inklusivistisch« ge- ser Leben lange Zeit g ep räg t h a t: Es gibt eine W ahrheit, und diese
eine W ahrheit erfahren w ir als v o n G o tt gegeben. Die großen
theologischen Entw ürfe, seien sie v o n Augustinus, von Thom as
42 Veranschaulichen lasst sich dies im Vergleich der Perikope von der Taufe Jesu bei
von Aquin oder M artin Luther, v o n G. W. F. Hegel oder F. Schleier-
von o'ton'irnS T be? at,häus- Gemäß der u rsp rü n jch en Form ruf. die Stimm
Matthaus wurde? \DU[!) blst meln S ie b te r Sohn .... <Mk 1,11; Lk 3,22). I* tttacher, von R. G uardini o d e r P. Tillich, v o n K. Barth oder K. Rah-
der Gemeinde , f ? r SCh° n auf die Bedürfnisse von Bekenntnis und Lehre rn
Uebter Sohn “ Ä auS der Anrede wird Information: -Das[!J ist m em * An ~ a^e diese g ro ß en th e o lo g isch e n Entwürfe h aben ihren
lune - im Blick aiifd! 1,17 ' Naclldem solche Transformationen der Sprach an 8ern ja das Gefühl gegeb en, dass es so etw as wie eine um -
tik L t u n to sn rh / ? a U a' exPressiven und referentiellen Aspekte - in der ü &
touj alle Bekenn,S? W3re es reizv°h und fruchtbar zu zeigen, wie in 1 uf. l^ e” de’ eine alles ü b erw ö lb en d e, zutiefst p h ilosop h isch e, zu-
sprtlnglichen nraen?« U Und die entsprechenden Schriftzitate i J , (,ie
Jahrh W ah rh eit gibt. D arin h ab en sich über viele
Informationrrfrp^ 0 ScJlen Zusammenhängen entnommen und als kon <-•
Informahonen rem semantischer Art benutz? werden. Urtderte hin G laub en u n d V ersteh en in faszinierender Weise

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/r -
gefunden. Das ist das Ideal auch der päpstlichen Enzyklika über
das Verhältnis von »Glaube und Vernunft« vom 1 4 .9 .1 9 9 8 , und I der einen U niversalität verw urzelt, sondern in der Erfahrung
das ist wohl die spannende Erfahrung, aus w e lc h e r der K ardinal­ 0n Vielfalt und G egensätzen, von ständiger Überschreitung und
präfekt der Glaubenskongregation seit seiner fr ü h e n T h eologen- Abbrüchen, von der Fülle versch ied en ster (individueller und kol­
zeit lebt. Sie hat sich bei ihm wohl m it der Erfahrung einer litur­ lektiver, kulturell überlieferter und neu zu erarbeitender), oft ge­
gisch lebendigen und heilenden Kirchenrealität verbunden. Das gensätzlicher Erfahrungen. Dies sei hier aus neutraler Perspektive
gibt seinem theologischen Konzept bis zum heutigen Tag viel- vermeldet. Dass dabei die Faszination der Fülle und die unge­
leicht eine unerschütterte, wohl auch unerschütterliche B estän­ heure Last der O rientierungslosigkeit einander die Waage halten,
digkeit, wir können ihm dazu nur gratulieren. ist nicht zu verdrängen.
Nur haben sich solche Erfahrungen inzwischen zur Erfahrung Für Glaube und Theologie sind deshalb neue Aufgaben zu ent­
von westlichen und klerikalen Eliten verengt. Sie entfalten einen decken. Wer sich dem W ahrheitsanspruch des christlichen Glau­
gefährlich beengenden Zwang, wenn sie als Ideal aufgedrängt bens stellt, hat sich zu fragen, was Einzigkeit und Universalität in
werden. Denn genau diese eine heile Welt ist - ob wir Christen es der Dimension des Glaubens heute bedeuten. Nicht die Sache an
wollen oder nicht - zerbrochen. Die neue Welt mit ihren rasan­ sich ist das Problem , sondern deren Konkretheit, nicht die univer­
ten und zugleich paradoxen, äußerst widerspruchsvollen Ent­ sale Dimension, sondern deren Fragm entierung, nicht kontinu­
wicklungen zeigt sich zumindest in einer Buntheit und Vielfalt, ierliche Entwicklung, sondern neue Aufbrüche. Es gibt nicht nur
die der Hellenist oder Thomaner, der Hegelianer oder Anhänger die überraschenden Entdeckungen neuerer, kritischer und zu­
Schleiermachers, der Barthianer oder Rahnerianer (M ann oder gleich inspirierender Schriftinterpretationen, man denke nur an
Frau) als Fragmentierung erlebt. Allerdings liegt der Grund da­ die feministische Theologie (Schüssler-Fiorenza 1988, 2 0 0 0 ), son­
für nicht unbedingt bei Thomas oder Klemens von Alexandrien, dern auch die unerw arteten Perspektiven eines neuen Schriftver­
bei Rahner oder Karl Barth, denn natürlich haben wir auch diese ständnisses, das sich aus der Begegnung m it anderen Religionen
theologischen Universalentwürfe immer schon von einem Ideal und religiösen Bewegungen ergibt (H em plm ann). Neuere Herme­
universaler Einheit und Einzigkeit aus betrachtet, die der Neuzeit neutik spricht in diesem Zusam m enhang gerne von den »großen«
eigen sind. Die Brüche bei Augustinus, die Ungereimtheiten in der und den »kleinen« G eschichten. Die »große« Geschichte berichtet
Aristotelesrezeption des Thomas oder die unverständlichen Erup­ von dem W eltganzen insgesamt. Als Mythos oder als Schöpfungs­
tionen bei Luther, auch die Gegensätze im Neuen Testament, dies erzählung umfasst sie alles, Beginn und Ende zugleich; der Ein­
alles haben wir längst verdrängt. Die großen Entwürfe faszinier­ zelne mag sich darin aufgehoben fühlen, oft geht er darin unter.
ten uns, weil sie das Bild der Einheit und Universalität auch zulie­ Die eine »große« Geschichte des Christentums kennt die eine
ßen, vielleicht als Illusion sogar provozierten. Denn jede Kenne­ Wahrheit und den kosmischen Christus, den Zusammenhang von
rin und jeder Kenner der Materie gestehen auch zu, dass diese Weltentstehung und Apokalyptik, von Sündenfall und Letztem
Einheitsmodelle oft mehr die Folge unserer Sehnsüchte als das Gericht, mit Christus als entscheidender Mitte. »Offenbarung« ge­
zwingende Ergebnis unserer Konzepte sind. Eines näm lich war rinnt dann zum einen und umfassenden Weltgeschehen, und »Er­
immer schon klar: Einheit und Universalität sind abstrakte Be­ lösung« will dann sagen, dass ich schlechthin erlöst bin; Details
griffe, und so sehr wir Gott als den einen Schöpfer der einen Welt sind nicht mehr so wichtig. Die »kleinen« Geschichten hingegen
begreifen, so wenig kann er in seiner Einheit begriffen und darge­ berichten vom Hier und Jetzt, das sich heute anders darstellt als
stellt werden, nicht ohne Grund gilt die Trinität als Geheimnis morgen. Sie wissen von einer Einzelerfahrung, die mein Mit­
im theologisch strengen Sinn. Gerade Einheit und Universalität mensch in anderer Weise machen muss. Sie können mit der Er­
zwingen uns dazu, Vielfalt zuzulassen und zu besprechen fahrung eines einzelnen Gleichnisses leben, während für andere
Wie steht es mit der jüngeren Generation? Es ist keine Frage: Ihr ein Wort der Tora gilt. Sie stellen fest, dass ein Thai »Buddha«
Zugang zur Wirklichkeit nennt, was für mich mit »Christus« gemeint ist.
ce.t ist, pauschal gesprochen, nicht m ehr im
Ist das vom Übel oder für Christen gefährlich? Ich kann es mir
86
He abstrakt von oben kom m t, sondern neu auf die Kategorie der
nicht vorstellen. Man lese doch die synoptischen Evangelien: Ge­ -eit zu achten, wie das am Beginn des Christentums der Fall war.
schichte um Geschichte, Gleichnis um Gleichnis, Jesuswort um lald werden Leserin und Leser dann auf die offene und beunru-
Jesuswort, und die Bibel insgesamt: Enthüllungen um Enthüllun­ ügende Bedeutung dieses Begriffs stoßen: Zwar ist mit Jesus die
gen, Gottesbilder gegensätzlichster Art und Moralvorstellungen, ieit erfüllt; dennoch ist Gottes Reich erst verborgen anwesend.
die kein Mensch der Welt zusammenbringt (Miles). Es sind noch Mit Jesu Auferweckung beginnt zwar der neue Äon; dennoch war­
»Offenbarungen« mit ihren verschiedensten Aspekten: präsen­ ten wir auf die Wiederkunft Christi. Der Kunstbegriff des »Escha-
tiert als verbindliche »Mitteilung« (»Ich bin, der ich da bin«) oder tologischen« - w arum gelang es noch nicht, ihn einzudeut-
als überwältigende Erfahrung (die Mauern Jerichos stürzen ein), schen? - h at einen zwiespältigen Zeitindex, nämlich »schon« und
als unscheinbares Geschehen (Gott im leisen Wind) oder als »noch nicht«. Für eine Rationalität, die klare eindimensionale Fol­
ambivalentes politisches Ereignis (das Großreich Davids) und gerungen liebt, ist das ein Problem. Ratzinger muss sich fragen
schließlich als ein Bericht, dessen historische Korrektheit irre­ lassen: Verteidigt er nicht eine Theologie des Endes, die das »noch
levant wird (Exodusbericht) oder als ein Bericht, von dessen his­ nicht«, den letzten Vorbehalt von Erkennen und Orientierung
torischem Kern alles abhängt (Jesu Tod am Kreuz). Es gibt nach also, vernachlässigt? ln einer solchen Theologie wird das Konto
biblischem Sprachgebrauch nicht »die Offenbarung«, sondern des wirklichen Endes überzogen. Nicht ohne Grund macht Rat­
»Offenbarungen«, »Gesichter« und pfingstliche Träume (Apg 2,17), zinger das Johannesevangelium - im Zuge einer langen triumpha­
am Ende der Zeiten vielleicht die große »Apokalypse«, wofür etwa len Geschichte - zu seinem wichtigsten biblischen Zeugen. Nicht
die neutestamentliche »Offenbarung des Johannes« einen Vorge­ ohne Grund lässt er die Relativierung durch andere Evangelien
schmack bietet. nicht zu. Dass solche Vollendungstheologie aber der angemes­
Es ist unbestritten: Der Charakter des Fragmentierten und des sene oder gar zwingend durchzusetzende Interpretationsrahmen
Fragmentes, der Verzettelung, vielleicht sogar der Wahrheitsfet­ der gegenwärtigen Epoche sei, ist m it Fug und Recht zu bezwei­
zen wird in der heutigen Zeit als besonderes Problem erfahren. feln. Die Zeit der großen Völkerwallfahrt nach Jerusalem hat noch
Wir leben in einer Kultur, die zumindest den Anschein gibt, als nicht begonnen; Rom m it seiner Verführung durch geistliche
löse sie sich auf. In Wirklichkeit formt sie sich zutiefst um; viel­ Macht wäre dafür nicht der geeignete Ort.
leicht geht vieles unter, um Neuem Raum zu geben. Das schafft
neue Probleme und zwingt uns, die neuzeitliche Idee von der ei­
2. Kapitel II: Der fleischgewordene Logos (Nr. 9 -1 2 )
nen, universalen Wahrheit neu zu durchdenken. Dass das seine
Auswirkungen auf theologisches Denken hat, ist unbestritten. Ge­ Es bedarf intensiver Lektüre, will man Inhalt und Stoßrichtung
rade die christliche Theologie mit ihrer jahrhundertelangen Ver­ des zweiten und des dritten Kapitels sachgemäß unterscheiden.
wobenheit in philosophisches Denken kann dabei einen uner­ Die beiden Kapitel hängen eng zusammen und stehen beide in ei­
setzlichen Beitrag leisten. Deshalb hat es kaum Sinn, den Verlust nem, traditionell gesprochen, christologischen Bezugsrahmen.
der Einheit zu bedauern und auf überholten Konzepten zu insis­ Allerdings wirkt sich in dieser Gliederung die traditionelle Doppe­
tieren. »Einheit in Vielheit«, das ist eine Losung, die nicht nur für lung des Christusgeheimnisses in eine menschliche und in eine
das konkrete Zusammenleben, sondern auch für die Suche nach göttliche Seite aus. Gemäß seiner »menschlichen Natur« ist Jesus
der einen orientierenden Wahrheit und Offenbarung gilt. Im Do­ Christus ein jüdischer Mann, Kind seiner Zeit, vielleicht Sohn ei­
kument ist für diese Fragestellung keine Hilfe zu finden. nes mittelständischen Handwerkers, vielleicht Mittelpunkt einer
Vor diesem Hintergrund ist auch die Frage neu zu beantworten: Bewegung von verarmten Fischern, vielleicht ein mittelloser ch a­
Was bedeutet es, dass die Zeit erfüllt, die Offenbarung endgültig, rismatischer Bauer (v. Tilborg). Gemäß seiner »göttlichen Natur«
Gottes Zusage an die Welt vorbehaltlos an uns ergangen ist? Ver­ ist er dagegen die zweite Person der göttlichen Trinität, ewiger Lo-
- . — ripr Welt, Vollzieher des Heils-
mutlich tun wir gut daran, gemäß der ursprünglich biblischen
Botschaft nicht an der Kategorie von einer Wahrheit festzuhalten,
werks im Abstieg zur Erde, die nicht zu seiner Heimat wird und j,
ßen Dokumenten zur Offenbarung, zur Kirche und zur Li­
Rückgang zum Himmel, dem zeitüberhobenen Ort Gottes. Kein,!
turgie sowie zur »Kirche in der Welt von heute«; es wird im
der genannten Perspektiven ist einfach Unsinn, aber die gtgen'
ökum enismusdekret und im Dekret zum Verhältnis von
seitige Zuordnung von Oben und Unten, des G öttlichen und des
Christentum und Weltreligionen vorausgesetzt. Gerade des­
Menschen, diese - bislang m etaphysische - Zuordnung bildet das
halb wurde die Christologie auch nirgendwo in kritischer
gegenwärtige Problem.
oder selbstkritischer Absicht diskutiert, auf ihre Vorausset­
Der Einstieg ins zweite Kapitel wird von der Perspektive der zungen, genaue Interpretation oder auf mögliche Missver­
»göttlichen Natur« bestimmt. Dabei n im m t das Dokument den ständnisse hin in den Blick genommen. Wer sich in Sachen
Logos von vornherein schon als den Fleischgewordenen in den Christologie also auf das 2. Vatikanische Konzil beruft, muss
Blick. Insofern greift Kapitel II im m er schon auf das folgende Ka­ sich dieses Ausgangspunktes bewusst sein. Innovative Schritte
pitel voraus. Zwar könnten - in der Regel jedenfalls - »westliche« hat es nicht gesetzt, deshalb sind für den Fortgang der Dis­
Leserinnen und Leser der Gedankenführung der beiden Kapitel in kussion keine direkten Impulse zu erwarten.
umgekehrter Folge wohl besser folgen. Dam it allerdings zeigen sie
2 . Die späteren, zum Teil leidenschaftlich geführten christologi-
in den Augen unseres Glaubenslehrers aber nur, wie bedenklich schen Diskussionen vor allem der siebziger Jahre führten im­
sie sich schon vom m etaphysischen Denkrahmen der offiziellen mer zu einem asym m etrischen Verhältnis. Die angefeindeten
Christologie entfernt haben. Nur wer »von oben« her denkt, kann Theologen (etwa Küng und Schillebeeckx) akzeptierten nie,
den Abstieg des Heils in die Welt gut begreifen. Wer dagegen »von was ihnen von kirchenoffizieller Seite vorgeworfen wurde,
unten« beginnt, wird - ganz im Sinne K. Barths - dem Aufstieg dass sie näm lich die Grundaussagen der klassischen Christo­
des Begreifens nie ganz folgen können. Es geht also im zweiten logie leugneten. Küng etwa wurde die Leugnung der Gottes­
Kapitel darum, dass das von Gott gegebene Heil umfassend und sohnschaft mit dem Argument vorgeworfen, er habe sich zu
ohne jeden Vorbehalt als das im Logos und in dessen Fleischwer­ ihr nirgendwo ausdrücklich bekannt. Deshalb geriet für die
dung gegebene Heil verstanden und geglaubt wird. Betroffenen der Streit um die Christologie bald zu einem
reit um die Kompetenz der Interpretation. Die kirchenoffi-
a) Zum theologischen Kontext dlen Stellen beanspruchten zu wissen, was die Betroffe-
!m zweiten Kapitel werden drei Gesichtpunkte besprochen und - ;n m einten; diese aber fühlten sich von ihren veränderten
prinzipiell, nicht bloß zufällig oder aus faktischen Gründen - mit­ iraussetzungen her missverstanden. Diesen Kompetenzan-
einander verwoben. Es geht däm m , dass (nur) Jesus der Sohn des ruch gaben Rom und nationale Bischofsgremien nie aus
Vaters ist (Nr. 10), dass es deshalb nur eine universale Heils­ :r Hand; so wurde die Auseinandersetzung von offizieller
ordnung gibt (Nr. 11), dass es deshalb auch keine Heilsordnung •ite aus monologisch geführt. Die Folgerung aus jenen Aus-
des Geistes gibt, die die Heilsordnung des Sohnes überschreitet nandersetzungen kann also nur lauten: Ein Fortschritt
(Nr. 12). Es bedarf hier keiner weiteren Illustration für die Tatsa­ den Diskussionen ist nur als Streit um die Voraussetzun-
che, dass der erste der genannten Gesichtspunkte (Nr. 10) in den ?n zu erwarten. Zu klären sind philosophische und me­
vergangenen Jahrzehnten in der Theologie und in den Kirchen lodische Gesichtspunkte, die den christologischen Aus-
des Westens bisweilen heiß diskuüert wurde. Allerdings bedarf die igen, streng genommen, vorausgehen43. Für die Vertreter
Feststellung einiger Präzisierungen. er Christologie »von unten« standen konkret immer das
1 . Die klassischen dogmatischen Sprachregelungen kirchlicher • • der Schrift sowie die Beurteilung
Christologie wurden auf dem 2. Vatikanischen Konzil als
selbstverständlich vorausgesetzt und in zahllosen Argumen­ Diskussionen um die Ent-
tationen und Darlegungen zum Ausgangspunkt genom m en. neueren Entwicklungen: Haight, Häring (1999b). Die irDlsku
drei Wortführer zu nen-
4 3 Zu 'rfe von
L Boff, H. Küng und
Man findet das klassische christologische Modell in den gro- würfe .itanE.nachdem
Schillebeeckx (um nuraho»hrnrhen
drei
sie einseitig abgeb
svurden.

91
90
der Hellenisierungsprozesse in den ersten Jahrhunderten zUr bald völlig ab, w as n o ch sch lim m er ist als ein zünftiger
Debatte. Welches Gewicht hat also eine Christologie n e U- Streit.
testamentlicher Schriften, in die die V oraussetzungen helle­ 4 . vor diesen H intergründen kann die Symbolwelt der Inkar
nistischer Philosophie n och n ich t eingegangen sind? Es ging nation und eines dreifältigen G ottes durchaus eine neue und
also nie darum, wie gerne unterstellt wird, m it dem G la u b e n wichtige Funktion erh alten . N icht oh ne Grund hat vor die
an Jesus Christus zu brechen oder ihn auf geringeres Maß zu sem H intergrund das N achdenken über den Dreifältigen
reduzieren, sondern um eine genauere U nterscheidung zwi­ Gott au ch ein en n eu en Auftrieb erhalten (Jeanrond 2001)
schen dem unaufgebbaren G laubens-Kern und einer v e rä n ­ Dieses sollte aber keinesw egs als provinzielle Selbstbestäti
derlichen Glaubens-Form. G em eint ist m it diesen (wie im­ gung alth erg eb rach ter w estlicher Theologiebildungen durch
mer missverständlichen) M etaphern eine Differenzierung geführt w erden. Solange diese genannten Zusammenhang
zwischen einer Glaubenssprache, wie sie sich au f Grund der fragen n ich t in ten siv geklärt werden, besteht die Gefahr eines
ursprünglichen Zeugnisse v o r verän d erten kulturellen Kon­ Rückfalls in ein D enken, dass sich dem Anspruch der Schrift
texten nahe legt, und einer G laubenssprache, wie sie bislang entzieht44. V ielm eh r ist bei dieser Reflexion genau die Frage
(und unter den kulturellen V oraussetzungen des Hellenis­ von U niversalität und Partikularität im Blick zu halten (Ass
mus) als einheitsstiftende Sprachregelung in großen Teilen m ann) und a u f das Verhältnis von Christentum und anderen
der Gesamtkirche gültig war. Religionen zu b ezieh en (D 'C osta).
3. Anders verhält es sich m it Äußerungen etw a der Befreiungs­ Nicht o h n e G rund b eh an d elt das Dokument den zweiten der
theologie (die inzwischen in die d ritte G en eration gekom ­ genannten G esichtspu n k te (Nr. 11: eine universale Heilsordnung)
men ist) und asiatischer Theologien. Sie n ehm en in ihren nur kurz und im G runde sehr unscharf. Soweit ich die theologi­
Re-konstruktionen des Christusglaubens gegenüber der klas­ schen D iskussionsgänge übersehe, wird die These »Es gibt zwei
sischen Christologie oft eine versöh n lich ere H altung ein; die oder m ehrere H eilsordnungen« von Rom aus eher vermutet als
klassischen Sprachregelungen werden oft als fruchtbar und konstatiert und als eine m ögliche Konsequenz des ersten Ge­
inspirierend übernom m en. Der Grund sch ein t m ir darin zu sichtspunkts b efü rch tet. Allerdings sind solcherart Diskussionen
liegen, dass diese Theologien n ich t von der unm ittelbaren zumindest a tm o sp h ärisch n ich t von der Hand zu weisen. Buddhis­
Analyse sem antischer Inhalte ausgehen, sondern von ein­ tische oder hin du istisch e Ausgangspunkte wecken natürlich viel
deutigen Kontexten einer solidarischen o d er kulturell diffe­ Sympathien für den G edanken, dass Gott neben der christlichen
renten Praxis. Wer etwa aus der täglichen Bedrohung des Heilsordnung n o ch eine weitere, nämlich eine umfassende Heils
eigenen Lebens lebt und sich für seine Leidensgenossen Ordnung o h n e Bedingungen kennt. Die Polarität von einerseits
im Kampf um Leben und Tod einsetzt, wird die Auferste­ vorbehaltloser U niversalität hinduistischen Ursprungs unc an e
hungsbotschaft sehr gut verstehen, oh ne sich m it naturw is­ rerseits ch ristlich er Partikularität monotheistischen u sci
senschaftlichen Verstehensfragen eines »Auferstehungsw un­ drängt sich n äm lich m it dem beginnenden interre igmse
A lle bisherigen Losungen der
ders« zu beschäftigen. Aber auch diese B eobach tu n g führt zu
einer anderen, vielleicht noch gefährlicheren A sym m etrie.
Zwar werden traditionell christliche Aussagen v o n anderen 44 scheint b e i G resh a k e der Fall zu sein, dessen Trinitatslehre jeder biblischen
kulturellen Kontexten her nicht geleugnet, aber je eig en stän ­ Verankerung e n tb e h rt. Im dürftig sch m alen Paragraphen Uber die »ersten Entw ick­
lungen des trin ita ris ch e n G laubens« ( 5 1 - 5 9 ) bleibt es bei höchst vagen Hinweisen,
diger sich christliche Gemeinden in diesen n euen K ontexten darunter d ie N en n u n g v on sechs Schriftstellen, von denen drei dem Corpus
bewegen, umso nachdrücklicher werden dieselben Inhalte des Johannes zu z u o rd n en sind. Dass übrigens Küng behauptet habe, »die Trinität«
« i «eine -h e lle n istisch e F o r m e l-, ist blanker Unsinn. Vielmehr setzt er sich an der
in andere Worte (Symbole, G eschichten, U topien) gekleidet. von Greshake m issverstan d en en Stelle m it dem hellenistischen Begriffsapparat
der klasskrhpn Trinitätslehre auseinander
4— (a.a.O. 5 2 , Anm. 17). Es müsste auch
Wenn dieser Prozess nicht mit einer verständ n isvollen und imnipr sauber zwischen In h a lt und

inklusiven Hermeneutik begleitet wird, b rich t das G espräch

92 93
wischen den Opfern der Kritik und denen eine Rolle, die die
katholischen Theologie«' werden angesichts anderer Keligioncn
Kompetenz der w ahren Interpretation beanspruchen.
(ihrer Anschauung und konkreten Erfahrung) neu zur Diskussion
°Eine zweite Konkretisierung geht von Vertreterinnen feministi­
gestellt. Radikal neu ist die Problemstellung allerdings nicht
scher Theologie aus. Auch sie unterziehen die traditionelle Chris­
denn schon in der Konzilskonstitution über »die Kirche in d «
tologie einer intensiven Kritik. Diese Kritik beinhaltet nicht so
Welt von heute« wurde die Rede v o m Heil sehr optim istisch und
sehr die simple Tatsache, dass Jesus von Nazaret faktisch ein
weltfreudig interpretiert. Diesen w eltoptim istischen Duktus ha­
Mann ist. Es geht vielm ehr um die Beobachtung, dass die Logos-
ben Vertreter der Nouvelle théologie seit den fünfziger Jahren in die
Christologie m än n lich -h ierarch isch e Züge bevorzugt. Typisch für
theologische Diskussion eingeführt; sie haben bis heute Nach
diese Christologie und das korrespondierende Gottesbild sind die
folger erhalten. Sym ptom atisch dafür ist eine Losung, die etwa
Betonung einer hierarchischen W eltordnung, die weibliche Sym­
E. Schillebeeekx gerne verw endete: »Außerhalb der Welt kein
bole und K onnotationen aus dem Gottesbild ausschließt und
Heil«. Zu nennen sind natürlich au ch all diejenigen, die dieses
Frauen den Zugang zu kirchlichen Ämtern verwehrt. Aus bibli­
Heil der Welt in kritischer Weise, aber grundsätzlich auf diesem
scher Perspektive n im m t m an gerne Zuflucht zu einer »Weisheits­
Verstehensniveau reflektieren. G em eint sind die Vertreter der
christologie«, die vielen androzentrischen und spezifisch hierar­
»politischen Theologie«.
chischen Elem enten d er Kirche ihre Legitimation entzieht. Vor
Der dritte der genannten Gesichtspunkte (Nr. 12: Heilsordnung
diesem Hintergrund sind Begriffe wie Universalität und Einzigkeit
des Geistes) wendet den Blick auf neuere Theologien, etwa auf
zu Reizworten gew orden. Der Grund liegt in der Tatsache, dass die
Vertreterinnen der feministischen Theologie und asiatischer Theo­
gegenwärtige offizielle katholische Kirche die »Einzigkeit« und
logien. Hier wird in den vergangenen beiden Jahrzehnten den
»Universalität« Christi konsequent in einen unnachsichtigen Kir­
Heiligen Geist in der Tat im mer m ehr Aufmerksamkeit geschenkt
chenzentralismus um deutet, der nur noch eine Verhältnisbestim­
Dafür gibt es vier Gründe und Konkretisierungen.
mung v o n oben n ach unten, von lehramtlichem Sprechen und
Erstens: ln den vergangenen Jahrzehnten ist die Überzeugung
gehorsamer A nnahm e zulässt.
gewachsen, dass seit etwa dem dritten Jahrhundert die klassische
Eine dritte Konkretisierung, vielleicht schwieriger zu übersehen,
Christologie das Logos-Modell des Johannesprologs einseitig be­
ist in n icht-europäischen, vor allem in asiatischen Theologien zu
vorzugt hat, das sogenannte Geist- oder W eisheitsmodell hatte
suchen (Painadath, Strahm ). Im Rahmen indischer, chinesischer,
das Nachsehen. Ein prominenter Vertreter dieser Richtung ist
namentlich au ch koreanischer religiöser Traditionen spielt der
P. Schoonenberg, der das Modell einer Geist-Christologie untei
Geist als das einigende kosmische Prinzip eine große Rolle«6. Es
akribischer Berufung auf die frühe Vätertheologie rekonstruierte
ist der Geist der Versöhnung und der Vorfahren, der Geist der Zu­
(Schoonenberg). Die Kritiker solcher Neuansätze lassen sich stark
kunft und der kosm ischen Einheit. Es ist gerade nicht der Geist,
vom herrschenden Konzept der Logos-Christologie leiten. Sie
der sich in personale Individuen zurückbinden lässt. Er über­
fürchten zu Unrecht, es komme zu einer Aufspaltung von parti­
schreitet diese ebenso wie die Begriffe und Konzeptionen, die das
kularer Christozentrik und einer universalen Geistzentrierung.
westliche m on otheistische Denken entwickelt hat. Es versteht
Natürlich sind diese Neuversuche stark vom Vorwurf geprägt,
sich von selbst, dass das Gespräch und die Auseinandersetzung
eine Logos-Christologie habe partikularistisch zu verengten Heils­
Hüt solchem Denken kaum begonnen hat. Es schafft aut rei
konzeptionen geführt. Aber dieser Vorwurf ist als Kritik, n ich t als
ter Front Gefühle der Verunsicherung und der Bedrohung, mso
Ziel der Christologie gedacht. Auch hier spielt die Asym m etrie
kostbarer m üsste das Erstaunen darüber sein, dass Vertreterinnen

45 Beispiele dafür sind: der .ordentliche, und der .außerordentliche- Heilsweg, die
Theorie vom -anonymen Christen., die Frage der Erlösung aller, die vor Christus
gelebt haben, das Scfecksa der Ungetauften (Kinder und Erwachsene), der Abstieg
Christi in die (Vor-)Hölle, um die Gerechten zu befreien. erregt hat. (Chung Hyun Kyung)
u A n k en s sich zugleich und oh ne allen Vorbehalt Chris-
rhenen heftig und alles andere als friedvoll sind. Sie sind übrigens
solchen Denk das Gefühl, dass dem Christentum da-
,,cf im angelsächsischen und im asiatischen Raum zu finden als
mit eine Dimension zuwächst, die wir aus eigenem Zutun nicht
tinnen
f westlich europäischen Kulturkreis. Andererseits lässt sich ge
verdient haben.
'jde hier eindrücklich zeigen, wie unangemessen und unfrucht­
Eine vierte und letzte Konkretisierung sei nur kurz erw
dient haben.
fp h tiin cp rn m D p n lo n uprcrloirhci.roir/s _____ .« w a n n t, sie1 bar Ratzingers abstrakte Antwort ist. Sie bewirkt höchstens das
--------- mehr Kri- Gegenteil dessen, was sie erreichen will.
, ,h t unserem Denken vergleichsweise
ttk anunserem
steht unseren westlich geprägten
eepräeten Grenzen
Gren7Pn als uns lieb- nahe
seinund besagt mehr Kn-
kann
’ penn Ratzinger setzt den vermeintlichen Irrtümem alte, gewiss
Es sind die vielfältigen und zahlenmäßig ungeheuer breiten ehrfurchtgebietende, aber doch in langer theologischer Tradition
Strömungen charismatischer Prägung, also die Geist-Bewegungen geronnene Antworten entgegen; sie stammen vor allem aus dem
innerhalb der traditionellen Großkirchen sowie die klassischen Johannesevangelium (Nr. 10, Abs. 1). Er verbindet damit die Illu­
Pfingstbewegungen, die aus einer afro-am erikanischen Kultur ge­
sion, mit altehrwürdigen Formeln könne man neuen Fragen ein
wachsen sind und sich gegenwärtig in Nord- und vor allem Ende setzen. In Wirklichkeit geht er aber auf die neuen Fragen
in Südamerika eines ungeheuren Zustroms erfreuen. Auch dort überhaupt nicht ein, sondern reagiert durch Konfrontation von
findet eine Ent-grenzung und Ent-konzeptionalisierung unserer außen. Den Perspektiven eines neuen Kulturkreises weiß er nur
traditionellen Bilder von Gott und Geist statt, die wir vorläufig
die Erinnerung an eine ergraute Kultur entgegenzusetzen. Jeden­
kaum mit unseren überlieferten Kirchenbildern auffangen kön­ falls macht er sich nicht die Mühe, die Johanneszitate aus deren
nen. Zwar mag man diesen Bewegungen m it starker Kritik begeg­ eigenem Zusam m enhang heraus zu verstehen und fruchtbar zu
nen, doch sind sie zu stark, zu vital und zu massenhaft, als dass machen; dabei wäre die Zeit für eine Neubewertung des Johan­
wir sie einfach ablehnen und von einem westlich theologischen nesevangeliums gekom m en (Robinson, 7 4 -8 1 ; v. Tilborg; Berger,
Konzept her verurteilen könnten. Auch Auseinandersetzung und § 516 u.ö.). Dasselbe gilt für die klassischen Zitate über Jesus
Gespräch mit diesen Bewegungen stehen erst am Anfang.
Christus aus dem Nizänischen Glaubensbekenntnis und aus dem
Die Perspektiven sind also vielfältig und die Kontexte sind breit Konzil von Chalkedon. Jesus erscheint als der vor aller Zeit Ge­
gelagert, weshalb es beinahe unm öglich ist, das Them a »Geist« zeugte, nicht Geschaffene, mit dem Vater Wesensgleiche (Abs. 2),
kurz, bündig zu beurteilen. Wir können ihnen im Augenblick nur als »derselbe ... vollkom m en in der Gottheit und derselbe voll­
gerecht werden, wenn wir uns ihnen in aller Konkretheit zuwen­ kommen in der M enschheit; ... wahrhaft Gott und wahrhaft
den. Der Leisten gegenwärtiger westlicher Geistmodelle reicht Mensch« (Abs. 3). Solche Vorstellungswelten sind den Kritisierten
dazu sicher nicht aus.
gewiss nicht fremd. Es ist nur zu fragen, ob sie heute noch ver­
standen werden. W ieder hat Ratzinger das Anliegen der verfem­
b) Z um Dokument
ten Neuerer nicht ernst genommen.
Im Dokument ist eine diffuse Konfrontation m it diesen verschie­ Damit geschieht etwas Erstaunliches. Zum einen ignoriert der
denartigen Fragestellungen zu spüren, denn sie werden nur glo­ Autor im m er noch die Tatsache, dass diese Formulierungen das
bal und vage genannt. Eine gezielte Auseinandersetzung findet Ergebnis höchst dramatischer Inkulturationsprozesse sind. Wenn
nicht statt; der Schein der theologischen Präzision trügt. Auch solche Neuformulierungen damals möglich waren, warum sollten
dieses Kapitel beginnt mit einem Unheils- und Verfallsszenario. heute nicht vergleichbare Neuformulierungen möglich und not­
Das Schreckenswort lautet hier »Pluralismus« (Nr. 9). Außerhalb wendig sein? Wer heute also - im Bewusstsein der anders lauten­
der christlichen (»fleischgewordenen«) Heilsordnung werde eine den biblischen Quellen - die großen hellenistischen Konzilien als
Heilsordnung postuliert, die universaler sei als die erste. Nun hat Norm verbindlichen Glaubens vorschreibt, gerät mit sich selbst in
das Dokument gewiss mit der Vermutung Recht, dass es hier viele W iderspruch, denn er hat damit vergangene Inku turationspro-
neue, vielleicht unausgegorene Ansätze gibt. Fachkenner wissen zesse in aller Form legitimiert, die er für unsere eit zuruc weis .
zudem , dass die Diskussionen auf den verschiedenen genannten Zum anderen wiederholt die Kongregation eine Diskussion der

96
1
siebziger Jahre im damaligen Stil; die dekretorischen Antwort,
. e privatmeinung mit allgemeiner Überzeugung zu verwech­
von damals werden zum Versuch, die Diskussion wieder auf
sln ? Es wäre viel angemessener gewesen, die Qualifikation des
damaligen Stand zurückzuzwingen. Wenn diese K ritik Ratzing
»Lehramts« - wenn es denn schon sein muss - für einen Prozess
allmählich langweilt (Ratzinger 2 0 0 0 d ), dann muss er auch zu'r
zu reservieren, der sich mit großer Stabilität über einen längeren
Kenntnis nehmen, dass er seinerseits zum langweiligen Wieder-
Zeitraum hin erstreckt. Aus einem solchen Prozess, der uns bevor­
holer geworden ist. An diesem Punkt scheiterte vor 25 Jah ren das
steht, wird gewiss aber ein ungleich differenzierteres Resultat her­
Gespräch; es kann auch heute nicht fruchtbar enden.
vorgehen, als uns hier vorgelegt wird.
Nr. 1 1 erschöpft sich dann in der Wiedergabe von Schriftzita­
ten; über deren verantwortete, exegetisch begründete Interpreta-
c) Wie wird das Heil konkret?
üon verliert das Dokument kein Wort. In Nr. 12 wird das höchst
Das Symbol von der Inkarnation des göttlichen Wortes gehört
vielfältige und komplexe Phänomen, das wir oben in vier Rich­
zweifelsohne zu den prägendsten und auch aussagekräftigsten
tungen analysiert haben, mit den kurz angebundenen Worten
Symbolen der christlichen Tradition. Das Bild ist eindrücklich
umschrieben: »Von einigen wird auch die Hypothese einer Heils­
und wird neuerdings wieder gerade in post-modernen, fragmen­
ordnung des Heiligen Geistes vertreten, die einen universaleren
tierten und pluralistischen Positionen herangezogen (Merrigan-
Charakter habe als die Heilsordnung des fleischgewordenen, ge­
Haers, Merrigan): Gott sendet sein Wort hernieder; es kommt zu
kreuzigten und auferstandenen Herrn. Auch diese Behauptung
uns in die Welt und geht einen wechselvollen Prozess der An­
widerspricht dem katholischen Glauben, der vielmehr die Inkar­
nahme und der Ablehnung mit den Menschen ein. Allerdings
nation des Wortes zu unserem Heil als ein trinitarisches Ereignis
setzt dieses Symbol ein bestimmtes Gottesbild voraus. Es ist we­
betrachtet« (Abs. 1). Ratzinger erkennt in den vielfältigen Neuauf­
niger das Bild vom persönlichen, sondern das Bild des transzen­
I brüchen also nur die Trennung einer Heilsordnung des Geistes
von der Heilsordnung Christi. Auch hier sind unmittelbar kirch­
denten Gottes, der sich uns zuneigt. Der Weg von oben nach un­
ten ist der Weg des Ursprungs und der Begnadung. Er setzt den
liche Interessen im Spiel, denn wer der Heilsordnung des Geistes
Weg von unten nach oben voraus, denn das ist der konkrete Weg
einen größeren und weiteren Bereich zuerkennt, relativiert damit
die Heilsordnung Christi, die von der Kirche verwaltet wird. Hier der Erlösung und des Heils.
Es ist, wie mir scheint, klar und unbestritten, dass dieses Sym­
nun ist ein klassischer Fall, wie - zum Zwecke zwingender Argu­
bol der Fleischwerdung in der Begegnung von biblischem Denken
mentation - vom »Lehramt« gesprochen und damit eine Aussage
und griechischer Philosophie zu einer der fruchtbarsten Gedan­
als unbestreitbar präsentiert wird: »Deshalb hat das Lehramt [?]
kenwelten geführt hat. Es ist die klassische Christologie mit ihrem
der Kirche jüngst mit Festigkeit und Klarheit die Wahrheit in Er­
Versuch, Gott und Mensch in ihrer Begegnung zusammenzuden­
innerung gerufen, dass es nur eine einzige göttliche Heilsordnung
ken. Es geht einerseits um die Menschwerdung eines Gottes, der
gibt.« Konkret ist mit diesem »Lehramt« aber ein Text des gegen­
sich zum Menschen herabneigt, andererseits um die Gottwer-
wärtigen Papstes gemeint. Ein solches Vorgehen ist hermeneu-
dung des Menschen, der in unerwarteter Weise geadelt wird. In
tisch zumindest unsensibel«7. Denn wer bewahrt den Papst davor,47
gnostischen Systemen werden Abstieg und Aufstieg auf verschie­
dene Weise gedacht. In Auseinandersetzung mit der christlichen
47 gcnhdieses"ums'wuel^n n Ü T n‘Ch’ gar urlcrtra8lich ist die Tatsache, dass Passa- Tradition werden die vielfältigen Wege dann immer mehr redu­
nate nach Erscheinen in SCh0n lm )anuar 2 0 ° L also nur wenige Mo- ziert, bis hin zur Erkenntnis, dass es nur einen Mittler gibt. Dies
rezlpierte Begründungen mlt L Dupuis als lehram,llCh
Verdacht, dass Dom/nts /esus als eine ? ° Vs*1* ™ s,ch der zuvor schon geäußerte aber liegt ganz auf der Linie der biblisch-christlichen Erinnerung,
der spanische Moraltheoloee M v ! h^ üuPuis zu lesen ist. - Inzwischen wurde
Verbot kontrazeptiver Methoden , a * emaßre8elt, indem Rom erneut auf dem
in der Jesus Christus als die entscheidende Konkretisierung und
der schweren Sündhaftigkeit der V ia/. ' * r" ' rf' lchltelt der Homosexualität sowie
Neuinterpretation des Heils erscheint.
gen .unerschütterliche S e t r w Ä “ b" ' eht " d* s . um in den Glaubt- Ist Jesus Christus nun der einzige Mittler? Laufen wir Gefahr,
2 2 .2 . bzw. 15.5.2001). I U1 wecken« ------ -• *
Ion und Anmerkungen vom
dass wir neben dem christlichen noch beliebig andere Heilswege
m s Problem der gegenwärtigen Theologie beginnt mit einer
etablieren und somit einem unverantwortlichen Pluralismus
•Greifenden Umwälzung: Die Wahrheit wird vielleicht als Ereig-
fallen? Angesichts einer pluralen Welt von Kulturen geht e s ^
tlC wahrgenommen, als M om ent interpersonaler Beziehung, als
nächst nur um die Frage, ob die Symbolik des göttlichen Abstie^
nicht von anderen Symbolen ergänzt, abgelöst oder korrigj^
7-|S|aller Kommunikation, als Konkretisierung individueller oder
fn e k tiv e r Erfahrung. Die (post-)moderne Frage lautet aber nicht-
werden kann. Es geht also nicht um verschiedene Heilswege, so"
vJ’je senke ich das menschgewordene Heil in den ewigen meta­
dem um verschiedene Symbolisierungen der Heilserfahrung,
physischen Weltgrund ein? Das war in der Tat die hellenistisch
damit zum Ausdruck kommen (Forward). Der biblische Hinter­
grund (einschließlich des Johannesevangelium s) macht nun
deutlich: die frühe Betonung der Einzigkeit Christi ist zunächst ästhetischen (od er m y stisch en ) und einem nihilistischen Grundzug. J Hicks plu
auf das polemische Verhältnis zurückzuführen, das die aufkom­ raiistische R eligionstheologie wird diesem Bezugsrahmen vorbehaltlos einverleibt
Mit seiner V erabschiedung des Einheitspostulats in Sachen Wahrheit und Offenba­
mende christliche Gemeinde gegenüber der jüdischen Gemeinde rung treffe er, so Kasper, Kirche und Theologie -m itten ins Herz-, Kasper steht da­
einnimmt. Endgültigkeit ist nicht bei Mose, sondern bei diesem mit in einem breiten K onsens deutschsprachiger Theologie. Dennoch ist dringend
vor endgültigen U rteilen zu w arnen. Kasper schreibt als Entgegnung etwa: -Dieses
letzten Propheten zu suchen48. Der weltgeschichtliche Hinter­ christliche G esch ich tsv erstän d n is ist kein M ythos, auch keine ■Mcta-F.rzählung.,
grund weist aber darauf hin, dass diese Endgültigkeit noch mit ei­ sondern m em o ria passionis, Ü berlieferung (Paradosis) von Tod und Auferstehung
Jesu Christi«. Im Z usam m enh an g erweist sich eine solche Aussage als reine Be
nem Vorbehalt versehen ist: Zwar hat das Ende der Zeiten ange­ schw örungsrhetorik. O d er er w eist darauf hin, dass -m it der Menschwerdung des
ewigen Soh n es G o tte s die W eisheit G ottes, in der alles geschaffen ist, in ihrer Fülle
fangen, aber wir warten noch, denn für Gott sind tausend Jahre
In die G esch ich te ein g etreten ist, so dass G ott in Jesus Christus nicht nur endgültig
wie ein Tag (2 Petr 3,8). Solange schließlich der weltanschauliche und un ü berbietbar sich selbst geoffenbart h at « Mit solchen Äußerungen werden
nur h ellenistisch e D en k m od elle w iederholt, die auch aus anderen Gründen in die
Hintergrund von einer einzigen, ewigen, unveränderlichen Wahr­
Diskussion geraten sind. D iese Antwort ist ebenso hilflos wie Ratzingers Idee, die
heit und Idee ausgeht, muss das Geheimnis Christi an dieser Qua­ ch ristologisch e G rundfrage sei durch die Kursivierung eines Wörtchens gelöst,
dass n äm lich »Christus der einzige Sohn Gottes ist« (Ratzinger 2000a, 18; s.u.
lität des Unbedingten, Ewigen und Unveränderlichen teilhaben. 108; 191). Ist es d en n so schw er zu verstehen, dass angesichts neuer Fragestellun­
Gleichzeitig aber lebt in der Alten Kirche noch ein deutliches Be­ gen a u ch altehrw ürdige Form eln gerade n ich t blind wiederholt werden können,
sondern v on n eu en K o ntexten her aufzuschlüsseln sind? 1972 hat Kasper noch die
wusstsein dafür, dass die M enschwerdung Christi nicht ein Ge­ Freiheit, u n ter Berufung a u f das Neue Testam ent zur Person Jesu festzustellen: -Es
schehen ist, das sich auf die eine m enschgew ordene Person be­ ist für Jesu s geradezu ch arakteristisch , dass er sich völlig mit seiner Funktion iden­
tifiziert. Er ist, w as er bedeutet. Sein e Botschaft ist gedeckt durch seine Person Man
zieht. Der komplementäre Prozess der Gottwerdung beschränkt muss v on ih m geradezu sagen: seine Person ist reine Funktionalität; Person und
sich gerade nicht auf den einen und universalen Mittler: wir alle Funktion sind h ier gar n ich t zu tren n en - (Kasper 1 972,54). Warum ist Kasper nicht
kon sequen t b e i dieser Erkenntnis geblieben? Anders gefragt: Warum können sich
werden Gott. Diese Universalität hat also alles mit Pluralität und die H erren der rö m isch en Selbstdarstellung nicht von der Idee trennen, die Kirche
nichts mit einem monolithischen Einzelprozess zu tun49. h abe ü b erzeitlich e Antw orten sch on für Fragen parat liegen, die überhaupt noch
n ich t gestellt sin d ? Es w äre d och der Mühe der Prominentesten unter den Theolo­
gen wert, m it un stillbarer Neugier die Gegenfrage zu stellen, wie wir denn unter
4 8 Auf dem Berg N ebo, dem Todesort des M ose, h atten C hristen die Stirn, folgendes neuen V orzeich en zu neuen, n och reicheren Antworten finden können. Wenn man
Joh an n eszitat in Stein zu m eiß eln : -D en n das G esetz wurde durch M ose gegeben, sich n ich t sch o n in den siebziger Jahren den neuen Fragen einer narrativen Chris-
die Gnade und die W ahrheit kam en durch Jesu s Christus«. o gie verschlossen ' ' ... >sen
..................... in den
hätte, dann Jkönnte
siebziger
h ätte, dann
a
könnte ..........
das Gespräch
das Gespräch jetzt
jetzt frucmu<uc.
fruchtbarer verlaufen.
---------
4 9 Es ist keine Frage: Für den deutschsprachigen Raum werden für die Auseinander­ O erzw
o c iz v ,„ 16. ein
ingt ........B
e Blockade
lockad edie
dieandere,
andere,die
diewieder einmaleiner
wiedereinmal einerüberzeugenden
überzeugendenWe. YVei
setzung mit dem -Postm od em ism us« inzw ischen Stan d ard p o sitio n en entwickelt, tergabe
ergäbe dd eerr ch ch ristlich
ristlich ee n
n Botschaft
Botschaft schweren
schweren Schaden
Schaden zufügt.
zufügt. Wenn
We Kasper dann als
die künftige D iskussionen im Sinne ein er k irch lich leg itim ierten Sprachregelung "E n tsch eid en d e Antwort
•entscheidende Antwort derder Kirche
Kirche auf
auf die
die Herausforderungen
Herausforderungen der Kirche« ein Le­
steuern sollen. Eine solch e Funktion h at o ffen sich tlich der Artikel von »Bischof h en d er N ach - folg
- • e und
— j aus dem
Hem G eist der Liebe•----
Geist "nrl dan
fordert, dann
Dl können dem die
Dr. W alter Kasper, Kirche angesichts der H erausforderung der Postm oderne«, der C hristen u n ter den postm odernistischen Denkerinnen und Denkern nur zustim-
im Internet ohne weitere Q uellenangaben an g ebo ten wird (www.kirchen.de/drs/bi- n ten in d er H offnung, dass uns Christen dieses hehre Ideal endlich gelingt. Fatal ist
schof/postm od.htm ). Zunächst überrascht sch o n der T itel, der ein e um fassende, die G esam targ u m en tation jedenfalls deshalb, weil der ganze Denkstil von der Al­
ausgereifte und übergreifende Positionierung der (k ath o lisch en ?) Kirche nahelegt. ternative »Kirche« versus »Postmoderne« her bestimmt wird. Kasper bedenkt dabei
Aber dieses Versprechen bedeutet die Überforderung des aktuellen D iskussion­ nicht, d ass sogar die katholische Kirche aktuell - unabhängig von aller Diagnostik
und Program m atik - eben eine Kirche in postmoderner Zeit ist. Gelebte Nachfolge
stands. Es ist jetzt wirklich noch n ich t die Stunde der H ierarchen, zu dieser Frage
und realisierter G eist der Liebe zeigen gerade keinen Bruch mit gegenwärtiger Le-
Leitlinien und Grenzen aufzuzeigen, in nerhalb derer sich spätere A useinanderset­
ben serfah ru n g , sondern m achen diese besprechbar und befähigen un^ auch intel­
zungen zu bewegen haben. Auch h abe ich den Eindruck, dass sich die gesam te
lek tu ell d ie w irkliche Problematik dessen durchzuarbciten, was gemeinhin mit
deutschsprachige Theologie der Fragestellung n o c h seh r tastend und vorläufig an ­
n äh ert. Kasper filtert aus der Analyse drei Kennzeichen der P o stm od erne bzw. post- »Postm odernism us« und m it »Postmodeme« umschrieben wir
m o d ernistisch er Theorien heraus. Er spricht v on einem p lu ralistisch en , einem 101
und politischen, nach ihrer mystischen und zutiefst huma-
platonische Fragestellung. Heute lautet die Frage: Wie - in c,oll
sche" ci,e entdeckt. Feministische und sozialkritische, kontextu-
Namen! - wird das eine Heil in der unübersehbaren Vielfalt dieH,r
Welt, seiner Menschen, Kulturen und Kontinente konkret? h as ,,eI1 und neue spirituelle Theologien sind neu auf die Suche
nicht nur die Frage des relativistischen Westens, sondern ehu ellC ngen. Wir begannen, die Polarität zwischen dem Menschen
Frage, die sich im Blick auf alle Menschen wiederholt: Wie wird *Cgas unti dem Gottessohn aufzulösen. Wir haben entdeckt,
das in Jesus Christus vollzogene, vielleicht vollendete, vielleicht JeS|ch unendlich großes Geheimnis ein Mensch in sich bergen
auf einzigartige Weise legitimierte Heil zu unser aller Heil? ]st Heil * welch unendliches dieser Mensch Jesus in sich birgt. Wir
überhaupt etwas, das auf ein objektives historisches Geschehen haben die großen Um brüche und Befreiungen vom hohen Chris­
reduziert und zugleich auf die ganze Menschheit bezogen werden tusbild zum nahen M enschen, von der klassisch-hellenistischen
kann? Schließlich ist es eine Frage nach der spezifischen Grenze Christologie zu einer »Christologie von unten« miterlebt und in
von Denken und Vorstellung, die uns das hellenistische Denken die Auseinandersetzung mit dieser Alternative oft unseren eige­
auferlegt hat. Wenn letzteres aber der Fall ist, dann gilt auch un­ nen Standpunkt gefunden. Wir haben gelernt, dass es im Verlauf
bestreitbar: Der als Bedingung vorausgesetzte Denkrahmen des der Kirchen- und der Frömmigkeitsgeschichte viele und verschie­
Dokuments ist gerade das Problem, das neue Lösungsmöglichkei- dene Jesus- und Christusbilder gab (Küster). Uns wurde klar,
ten blockiert. Insofern blockiert das Denken von Dominus lesus dass die Christologie der ersten Konzilien einen sehr allgemeinen
sich selbst, weil es jede Beschreibung von faktischer Pluralität und weiten Rahmen für die späteren Jahrhunderte gesteckt hat.
schon als relativistischen Pluralismus denunziert. Diese Blockade Wichtige Aspekte lernten wir im Laufe der Jahrzehnte begreifen:
ist nur aufzulösen, indem der Denkstil dieses Dokuments als sol­ psychologische und sozialtheoretische, human-anthropologische
cher überwunden wird. und literarische Interpretationen. So war uns aufgegangen, wie
ungeheuer fruchtbar, wie vielseitig und endlos die Beschäftigung
mit diesem M enschen ist, der in sich die Nähe Gottes entdecken
3. Kapitel III: Das Heilsmysterium Jesu Christi (Nr. 1 3 -1 5 )
lässt (Schüssler-Fiorenza 1997). Dabei wurde uns auch deutlich,
a) Zum theologischen Kontext dass diese Neuentdeckung, Jesus von Nazaret genannt, nicht ein­
Als Christ und zumal als Theologe am Beginn des 21. Jahrhun­ fach frommen Gefühlen und Beliebigkeiten entsprang, sondern
derts könnte ich in diesem Kapitel nun den Höhepunkt des an­ anthropologisch höchst bedeutsam war, wissenschaftlich analy­
spruchsvollen Dokuments erwarten. Wenn es um den großen sierbar, weil er an die Wurzeln menschlicher Mitteilung und
Wurf einer umfassenden Heilsverkündigung für alle Welt geht, Selbstmitteilung rührte: Bericht und Erinnerung, Gleichnisse und
und wenn es darum geht, dass diese Einzigartigkeit endlich wie­ kurze Geschichten konnten das Mysterium vielleicht besser fas­
der ins rechte Licht gerückt wird, dann müsste man in diesem Ka­ sen als komplizierte Diskurse (Cook, Zager).
pitel doch endlich zur Sache kommen; denn schließlich dreht Vor a lle m : Die Geschichte Jesu ließ sich mit Erfolg auch solchen
sich der christliche Glaube um Jesus Christus. Dafür gibt es viele erzählen, die nicht mehr von vornherein ein theologisches Sys­
Gründe. Die Grundbewegung des 2. Vatikanischen Konzils kann tem verinnerlicht haben. Wir haben sie wieder erzählt und die er­
als eine groß angelegte Neuentdeckung des Christusgeheimnisses staunliche Entdeckung gemacht, dass ein neuer Zugang möglich
gedeutet werden. Denn mit diesem Konzil wurde eine neue und w urde. Was vor 2 5 Jahren noch als halb häretisch galt, ist heute
in ihren Folgen immer noch unabsehbare Bewegung in Gang ge­ Gemeingut geworden. Zudem stehen gegenwärtig andere Diskus­
setzt, die als eine neue, kritische und selbstkritische Suche nach sio n en im Vordergrund. Es sind die Möglichkeiten einer mterkul-
Jesus Christus umschrieben werden kann. Vor allem die katholi- to rellen und einer interreligiösen Christologie und es ei en a
sche Kirche und Theologie haben seitdem Person und Werk Jesu m it n a tü r lic h m it wachsendem Nachdruck die ragen, ie an en
Christi neu nach ihrer menschlichen und theozentrischen, nach hellenistischen Charakter der offiziell verbindlichen Christologie
____ Metaphysik als unabdmg-
ihrer jüdischen und allgemein religiösen, nach ihrer sozialkriti-
bare Mitgift unseres Glaubens an Christus begreift, verurt gen, die Frage n ach der Menschlichkeit Jesu und der
nicht nur jede westliche n ach -m etap h ysisch e O ntologie, sond .'1' (0t&hJchtlichkeit seiner Erinnerung, wird nicht einmal erwähnt.
auch alle nicht-w estlichen religiösen Konzepte, innerhalb ^ GeS«dessen werden Schriftzitate wie isolierte Felsbrocken aus
das Geheimnis Christi form uliert und zur Sprache gebracht S'a Umgebung geholt*». Nun liegen sie da, monolithisch, pas-
den kann. Die eingangs erw ähnte Verurteilung des Anthony d, ' nd oder nicht, gleich dem Ruinenfeld antiker Städte, aus denen
Mello bringt das beredt zum Ausdruck. Dass solche Neuversuclu' seho,i seit zwei Jah rtau sen d en alles Leben gewichen ist. Keiner
konfessionelle Grenzen schon seit langer Zeit überschreiten der kostbaren Schriftverse wird aus seinem Zusammenhang be­
braucht hier nur kurz erw ähnt zu werden.
griffen, geschweige denn dargelegt. Das vorbildliche Dokument,
das die Päpstliche Bibelkom m ission im Jahre 1993 verfasste, wird
b) Zum D okum ent
irn Grund m issachtet. Was hier geschieht, ist missbrauchte Exe­
Nach diesen spannenden N euentdeckungen a ls o u n d n a c h all gese. Es ist, als h ätte der Verfasser des Dokuments noch nichts
den durchstandenen Kämpfen wäre e s d o c h in te r e s s a n t gew esen von Hermeneutik, n ich ts von Geschichtlichkeit, nichts von nar­
aus kompetenter und souveräner Feder v o n d e r k u n d ig e n Zent­ rativen, m ythischen, literarischen oder paränetischen Strukturen
rale einer kirchlichen W eltorganisation zu h ö r e n , w ie d e r G laube gehört. Nicht ein M inim um evangelischer Exegesekultur wurde
an Jesus Christus in der Welt le b t, was seine z e n tr a le n M otive herübergerettet, und das ausgerechnet im christologischen Kapitel.
und Möglichkeiten sind. Vor diesem Hintergrund h ä tte n w-ir uns Diese Fehlanzeige ist u m so bedauerlicher, als gerade in der ge­
auch gerne mit den Grenzen etw a der w estlichen, d e r fem in isti­ meinsamen Erinnerung an Jesus Christus die entscheidende ver­
schen oder der beheiungstheologischen C h ris to lo g ie k o n fro n tie ­ söhnende M itte der w estlichen Ökum ene liegt, die zugleich aus
ren lassen.
ihren jüdischen W urzeln lebt (Feneberg, Frankemölle). Es liegt ein
Aber nichts von alledem ist hier zu finden. Stattdessen wie­ Schleier der Verkrampfung über dem Text, der von seiner for­
derum Verurteilung: »Gem äß einer w iederholt vertretenen Auf­ malen Fixierung au f diese Einzigkeit nicht loskommt. Er wird
fassung wird auch die Einzigkeit und die Heilsuniversalität des unfähig, das Einzige, die gewiss universale Bedeutung Jesu Christi,
Mysteriums Jesu Christi geleugnet« (Nr. 13). So? W ie denn, von konkret zu befragen, zu b enennen, vielleicht paradigmatisch oder
wem denn und aus welchen G ründen? Vor dem Hintergrund wel­ narrativ zu verd eu tlichen . So wird gerade dieses Kapitel in drama­
cher Kultur und in Auseinandersetzung m it w elchen Religionen? tischer Weise zum Erweis einer vertanen Chance.
Das etwas detailliert zu hören, wäre d o ch interessant und für eine Doch ist dieses Urteil nicht ungerecht? Es gibt unter Nr. 14
Auseinandersetzung höchst fruchtbar gewesen. Aber nein, die nämlich einen Absatz, der wegen seiner offenen Tendenz aus dem
einzige abweisende Antwort, die bleibt, lautet: »Diese Auffassung Gesamtduktus herauszuspringen scheint. Die Theologie, heißt es
hat keinerlei biblische Grundlage«. Dieses Mal hagelt es zusam ­ da, sei »eingeladen, über das Vorhandensein anderer religiöser Er­
menhanglose Zitate, vor allem von Johannes, aber au ch von Pau­ fahrungen und ihrer Bedeutung im Heilsplan Gottes nachzuden­
lus. Nichts ist also an konkreter Diskussion zu finden. Im Gegen­ ken und zu erforschen, ob und wie auch Gestalten und positive
teil, nach Einleitung und zwei warnend einstim m enden Kapiteln Elemente anderer Religionen zum göttlichen Heilsplan gehören
zu Offenbarung und Logos hat sich die Struktur der Kapitel ver­ können«. M an ist froh, dass solche Existenz des Selbstverständ­
festigt. Das Dokument kennt auch hier nur eine Perspektive: Ein­ lichen wenigstens anerkannt wird. Man ist allerdings verstimmt
zigkeit und Universalität, die Rettung allein durch ihn, sie seien
nicht aufzugeben. Er ist der Endgültige, der allgem ein Bedeut­
SO ImVorwort zur Neuausgabe der Einführung in das Chd5^„^uMungder Christolo-
same. Dies wird nicht vermittelt, mit Überzeugungskraft darge­ »Deswegen muss - davon bin ich fest überzeug« sehen, wie ihn die vier
legt, sondern behauptet, geradezu mit H am m erschlägen einge­ gie den Mut haben, Christus in seiner ganzen zeigen« (26). Genau das
Evangelien zusammen in ihrer spannungsvol e • un(J we|U1 e( ts lun wurde,
trom m elt. Das Kapitel ist bis hin zur Stummheit auf diese formale ist Ratzingers eigenes Problem. Er hat das n e^g !> h J|c exegetische Lage sei-
Fragestellung fixiert. Die spannendste der neuzeitlichen Heraus- miisst» pr mir seinem Lebenswerk n^ Jj5 ? n iiie h e n wurde.

104
über den mal wieder betulich bevorm undenden T on; d e n n - d • h als Lösegeld hingegeben hat« (1 Tim 2,5), Es ist eine Denk-
sei darauf hingewiesen - darüber denken T h e o lo g e n sch o n h " '’ r^ur die selbst im Hebräerbrief mit seiner Opferterminologie nur
gere Zeit nach, anders hätte m an im V a tik a n ja n ic h t d iese A neT weirnal kurz au fb litzt (Hebr 9,15), auf das Verhältnis von Juden­
entwickeln müssen. Aber auch hier stockt m a n g leich in der näehs tum und Christusglaube beschränkt bleibt und im Galaterbrief
ten Zeile. Denn in dem genannten Bereich g e b e es »für die theo' von Paulus noch ausdrücklich zurückgewiesen wird: Einen Mitt­
logische Forschung unter Führung [?] des L e h ra m te s d e r Kirche ler gibt es nicht, da Gott »der Eine« ist (Gal 3, 20). Erst Irenaus von
ein weites Arbeitsfeld«. Auch in der E rm u tig u n g b le ib t m a n ver­ Lyon kehrt, wie die einschlägige Literatur sagt, diesen Gedanken
engt und fixiert. Das Vertrauen in Glaube und V e rsta n d d er Theo­ konsequent um. Je tzt m ach t Christus die Verfehlung Adams gut
logen ist dort offensichtlich schon lange v e rk ü m m e r t; eine Art (Menke). Jetzt erhält die Mittlerschaft eine universale Bedeutung,
Selbstverachtung schwingt beim Glaubenshüter o ffen sich tlich mit. die - trotz der Faszination des Begriffs bis in die Gegenwart - ein
Vielleicht müssten Theologen endlich aufhören, B ischöfe zu wer­ deutig an die Symbolwelt der Alten Kirche gebunden bleibt. Es
den. Es ist, wie wenn der Psychologe zum R ic h te r w ird u n d des­ zeugt von höchster Inflexibilität und ist nur schwer erträglich,
halb jedes psychologische G utachten verachtet. So e rw arten sie wenn die Rechtgläubigkeit von Theologen aller Kulturen von ei­
nicht mehr, dass die Theologie vielleicht zu ü b e rra s c h e n d e n Er­ ner solchen Reflexionskategorie abhängig gemacht wird.
gebnissen kommt, dass sie die alten Rahmen v e rrü c k t u n d viel­
leicht erweitert, dass sogar das Lehram t - wie im m e r d e r Theologie c) Geschichte und Konkrete Universalität
der vorvorletzten Generation verhaftet - S c h e u k la p p e n ablegen Die Mittlerschaft Christi ist, wie ich sagte, eine kulturell bedingte
und Grenzen erweitern muss. Reflexionskategorie. Deshalb ist sie genau dann zu überprüfen,
Auch hier folgt - gemäß der vorgefassten Meinung und nun wenn ihr kultureller Bezugsrahmen selbst in die Diskussion gerät.
wirklich ohne biblischen Grund - wieder der Rückschlag. Was die Dies müsste auch jede christliche Theologie wenigstens formal
Theologen auch immer entdecken m ögen, so der Text, sie werden und vorläufig zugestehen, da die Schrift selbst dieser Kategorie
an der Mittlerschaft Christi festzuhalten haben. Johannes Paul II. äußerst zurückhaltend gegenübersteht51 und zu deren Kritik - bis
wird zitiert: »Andere Mittlertätigkeiten verschiedener Art und hin zur Priestertumskritik im Hebräerbrief - einiges Material bei­
Ordnung, die an seiner Mittlerschaft teilhaben, werden nicht aus­ trägt. Das Hauptproblem des dritten Kapitels und der entschei­
dende Sündenfall des ganzen Dokuments scheint mir hier zu lie­
geschlossen, aber sie haben Bedeutung und Wert allein in Verbin­
gen. Das dritte Kapitel eröffnet keine Diskussion im Blick auf eine
dung mit der Mittlerschaft Christi und können nicht als gleich­
rangig und komplementär betrachtet werden.« Dann Ratzinger neue interkulturelle Fragestellung, obwohl die Schrift dazu Mög­
mit eigenen Worten: »Im Gegensatz zum christlichen und katho­ lichkeiten bietet. Es kommt über eine Spiegelfunktion zum vor­
hergehenden Kapitel nicht hinaus. Während die Mehrheit der
lischen Glauben stehen ... Lösungsvorschläge, die ein Heilswir­
Christen dem hellenistischen Kulturkreis schon längst entwach­
ken Gottes außerhalb der einzigen Mittlerschaft Christi anneh­
sen ist, führt es nur den hellenistisch konfigurierten Streit um die
men« (Nr. 14). Ratzinger bindet sich an einen Begriff, dessen
Frage weiter, wie sich eine ewige und universal unveränderliche
Bedeutung weder historisch noch semantisch, weder hermeneu­
Wahrheit zu einem geschichtlich konkreten Ereignis verhält. Da
tisch noch institutionstheoretisch auch nur annähernd differen­
ziert und eingeordnet wird. Es scheint sogar, als liege dem Autor
an einer solchen Definition oder Festlegung nichts, denn sonst 51 Es fallt auf, wie etwa im biblisch theologischen Abschnin des Arttk,erscjliedenS|Cn
würde sein Interpretationsmonopol verschwinden. Denn zwar neuen I.ThK (V.l, .9 9 8 , 3 4 2 t) die ^ X ^ h » sind Fuhre", Könige. Propheten.
Aspekte herangetragen wird, die dort. aufgte Weisheit, Märtyrer und Mose.
spielt dieser Begriff seit der Alten Kirche in der Erlösungslehre Priester, Engel, Messias, Menschensohn, reicht tn.E. an die Dlmen-
eine wichtige Rolle, in den Evangelien kom m t er jedoch nicht vor. Allein die G estalt des Gottesknechtes bet .„ Kategorie heran. Wer sich aller-
lein d ie G estalt des G otiesw icv.......
*°n und Funktion der spateren christologischen tsau-g.,...
sion und Funktion der späteren cbnsI,°' f ; , Re„ ten geradem ... schweigenden Deu-
Erst im Timotheusbrief taucht der Gedanke vom einen Mittler zugrunde
d|n gs a u f sie beruft, sollte es auch bei der äußersten, geradezu.legt.
schs
ri'n g belassen, die den Liedern vom Goltesknecht zugrunde liegt.
zwischen Gott und Mensch auf: »der Mensch Christus Jesus, der
107
ht um die Erinnerung, die zur zentralen Kategorie der Eucharis-
bei erhält die Frage nur deshalb die Form einer ausschließe, t geworden ist. Erinnerung setzt gegenwärtig und überwindet
Alternative (oben oder unten, ewig oder zeitlich, universal J " “ f eine innerweltlich konkrete Weise Zeit und Vergänglichkeit
vergänglich?), weil die W ahrheit als eine über-geschichtliche Geschichte, verstanden als berichten, als erzählen und nacher­
sehen wird, die der Leiblichkeit, dem Tod, m enschlicher Kon^ ^ zählen erweist sich als einer der sakramentalen Grundvollzüge
heit letztlich entzogen ist, in W ahrheit also erst nach Leiblich^.' christlicher Glaubensgemeinschaft, die wir in der Regel Kirche
und Tod beginnt. Nachdem also zuvor die Frage gestellt war J " nennen. »Nachfolge« ist nicht ein »Nachahmen« des schon Ge­
Ewiges in diese Welt eingehen kann, folgt hier die (nicht u’nb* schehenen, sondern die lebenspraktische und kommunikativ­
dingt biblische) Frage, wie sich m enschlich Vergängliches inj gemeinschaftliche Rekonstruktion, somit Neuschöpfung dessen
Reich des unwandelbar G öttlichen erheben kann. Allerdings hat was in Jesus von N azaret zur gelebten Wirklichkeit wurde. In de'i
die Symbolik der Menschwerdung selbst dafür gesorgt, dass sich hermeneutischen Philosophie ist unter dem klassischen Stich­
diese Fragestellung relativiert und überholt. Denn wenn G ö tt­ wort der Mimesis inzwischen hinreichend darüber gearbeitet, um
liches im Menschlichen sein kann, wenn ein M ensch also G ottes zu theologisch sinnvollen und stichhaltigen Folgerungen zu kom­
Antlitz tragen und Gottes W ahrheit entbergen kann, dann wird men (Haker). Die Freiheit der Kinder Gottes ist deshalb das ent­
die Frage nach der Gottwerdung schließlich sekundär. Statt einer scheidende Heilsgut, das zumal in der gegenwärtigen Epoche gut
überzeitlichen Jenseitshoffnung hellenistischen Zuschnitts rückt verstanden wird: »Zur Freiheit h at uns Christus befreit. Bleibt da­
jetzt die Frage einer versöhnten Gegenwart ins Zentrum. So mag her fest und lasst eu ch nicht von neuem das Joch der Knecht­
die christliche Grundüberzeugung ungeschm älert bestehen blei­ schaft auferlegen!« (Gal 5,1). In diesem Sinn ist Gottes Wort durch
ben, dass Jesus von Nazaret eine unbedingte Geltung zukommt. Jesus Christus zu r gelebten Wirklichkeit geworden, innerweltlich
Aber diese Unbedingtheit äußert sich zugleich anthropologisch weitergegeben, ganz und gar - vom Ursprung bis zum Ende - in
oder sozial: Jesus setzt unverrückbare M aßstäbe des Mensch­ m enschliche H ände gelegt, und doch von »göttlicher« Qualität.
lichen, der Gemeinschaft, der hier und jetzt zu gestaltenden Wirk­ Dass dieses urbiblische theologale Verständnis der Jesusge­
lichkeit. Er wird zur konkreten Quelle einer Freiheit, die sich allen schichte au ch die Kategorien der Einzigkeit und Universalität tief­
Alternativen von universal und konkret entzieht, weil Freiheit greifend u m form t (Swidler-Mojzes), braucht nicht eigens ausge­
per se im mer konkret ist und nur in konkreter Verwirklichung führt zu w erden. Einzigkeit wird zu einer Kategorie der jeweiligen
existiert. Erfahrung; U niversalität wird zu einer Kategorie der globalen Pro­
Hier allerdings entsteht für die traditionellen theologalen Maß­ zesse, die an sich nie zu Ende kommen und nie voll in eine Theo­
stäbe ein Problem. »Glaube« wurde in der Regel verstanden als rie aufgehoben werden können52. E. Schillebeeckx etwa spricht
die Zustimmung zu einer göttlich überirdischen Wirklichkeit, vom »nicht-theoretisierbaren »universalen Verstehenshorizont««,
Hoffnung oder Erfahrung. »Glaube« wird angesichts des Men­ den er au f die »einzigartige Universalität eines geschichtlich par­
schen Jesus (in dem uns G öttliches begegnet) dagegen zu einer tikularen M enschen« bezieht (Schillebeeckx 1975, 5 2 7 -5 6 4 ). Es
Beziehung des Vertrauens und der Identifikation von innerwelt­ kann n ich t d aru m gehen, solche Überlegungen als allgemein ver­
licher Qualität. Christliche Identität ist - wie alle Identitätsfin­ pflichtend vorzulegen. Es ist vielmehr zu verstehen als ein vor-
dung - ein Prozess, der nie zur Ruhe kom m en kann (M ieth). Da­
m it wird nicht nur »Gott« zu einem (zugleich) innerweltlich
Nirgendwo ist von einer Superiorität ^^udfsche^Traditimi1
geschichtlichen Geschehen umdefiniert, sondern au ch die Tat des 52 Vielmehr völlig im Denkstil und ^ der Vomenunp ^^ die'spateren schlussfol-
Glaubens in anthropologische Kategorien des Bezugs, der Kom­ Neueste Kommentare weisen d e s h a Gottessohnes keinerlei Anlass besteht.
gerungen eines überlegenen, gar absoluteii * Jass jn der Blbe) immer das
m unikation und des Handelns transponiert. Wer heute angem es­ Von meinem Kollegen van Tilborg habe i ° . S ch w ä ch e ausenvählt ist. Die
sen über den Glauben an Jesus Christus spricht, kann n ich t um ­ Schwache und Unansehnliehe^vve^^^^ sich seIbst auf (van T ilb o rg , fer-
- <-UnOV).
hin - im Rückbezug auf die biblischen Quellen Kategorien wie
Erinnerung, Geschichte, Nachfolge und Freiheit einzuführen. Es
bildlicher Versuch, der die alte Sehnsucht n a ch der allgemti
haRen, die ihm für Kapitel IV dann entzogen wurde. Das ist, wie
Heilsbedeutung in einen gegenwärtigen Problemhorizont üb*"
chon gesagt, höchst inkonsequent, denn der Denkstil und der
setzt (Knitter 1996). Bei solcher B etrach tu n g sw eise lässt sich de konzeptionelle Bezugsrahmen bleibt bei allen Kapiteln gleich.
metaphysische Unterbau traditioneller C h risto log ie sogar ohne
Das im Grund un- oder gar antihermeneutische, anthropologisch
großes Aufsehen durch eine Ontologie des geschichtlichen Han- völlig ungelehrige, sozial- und kulturtheoretisch naive Einzig­
delns ersetzen. Es hat keinen großen Sinn, wenn Ratzinger erneut keitsmodell wird hier nur auf die Kirche übertragenst Offensicht­
darauf insisüert, dass »Christus der einzige Sohn G ottes ist« (Rat. lich wird übersehen, dass die Einzigkeits- und Universalitätsidee
zinger 2000 a, 18). Küng schreibt: »In Jesus, dem Christus des schon im Vorhergehenden von einem Willen zur institutioneilen
Glaubens, hat sich Gott uns M enschen geoffenbart.« Hat er damit Festlegung gesteuert war, wie anders wäre der unnachgiebige
Ratzingers Satz geleugnet? Man mag dabei im m er noch »meta­ Nachdruck auf diese Sprachregelung zu erklären. Jetzt allerdings
physische Entleerung« vermuten; was bleibt von einer entleerten
werden die Umhüllungen abgestreift.
Metaphysik noch wegzuholen, wenn man ihr d urch geschicht­
liche Konkretheit und eine Fülle möglicher Auslegungen zu Hilfe
a) Zum theologischen Kontext
kommt? Eine historisch verantwortete und narrativ e Christologie Die Frage der (institutionellen) Einzigkeit und Einheit der Kirche
führt ja nur - bisweilen in vitaler Direktheit - zu denselben Wur­ genießt unter Christinnen und Christen in unserem Kulturkreis
zeln zurück, aus denen die klassische m e tap h y sisch e Theologie noch immer höchste Aufmerksamkeit. Das mag aus zwei Grün­
ebenfalls ihre Nahrung erhalten muss, falls sie nicht für unge­ den überraschen. Zum einen leben (und »funktionieren«) andere
zählte gläubige Zeitgenossen völlig in einen Form elm echanism us Weltreligionen mit einem weit geringeren Grad der Institutionali­
versinken will. Rom wäre schon in früheren Jahren gut beraten sierung und der Organisation, ohne in ihrer inneren Einheit Scha­
gewesen, die genannten und vergleichbare Lösungsvorschläge den zu nehmen. Zum andern hat gerade der hohe Institutiona-
kritisch mitdenkend in den Diskurs aufzunehmen, statt in ihnen lisierungs- und Organisationsgrad des christlichen Glaubens mit
schnöde Entleerung zu vermuten. Es gehört zu den schwerwie­ seinen übergroßen Erwartungen an die Kirchen zu ungeheuren
gendsten Defiziten des Dokumentes, dass es sich an die eigenen Enttäuschungen über deren Handeln und Selbstdarstellung ge­
Fehlentscheidungen der früheren Jahre bindet, den interreligiö­ führt. Zumal die Leitungsorgane der katholischen Kirche gelten
sen Horizont gegenwärtigen Redens von Jesus Christus überhaupt heute in innerkirchlichen und in theologischen Angelegenhei­
nicht (zustimmend oder kritisch) wahrnimmt (Schwager, Prit- ten im buchstäblichen Sinn als autoritär und als erzkonservativ.
chard, Hick 1989) und so zur Bewältigung der anstehenden Fra­ Warum dennoch die hohe Aufmerksamkeit für die Fragen der
gen keinen Beitrag leistet.
Ökumene? Der Grund ist in der Auswahl derjenigen zu suchen,
die gerade auf die Frage der Kircheneinheit ihre Hoffnung setzen.
Es sind (a) kirchlich engagierte Christinnen und Christen, die
4. Kapitel IV: Einzigkeit und Einheit der Kirche (Nr. 16-17)
(b) nicht in einen Individualismus des Glaubens absinken moch­
In diesem Kapitel steigt die Spannung wieder, doch nicht auf ten, sondern Fragen der Kirchengestalt und der Kirchlichkeit nicht
jrund seiner inhaltlichen Dynamik (auch hier wird nichts wirk- zu äußerlichen Fragen degradieren. Deshalb setzt diese Gruppe
eues zu 'esen sein), sondern auf Grund der Empörung und (c) ihre Hoffnung auf eine erneuerungsfähige Kirche insbe­
er Emotionen, die es ausgelöst hat. Was wir erfahren, ist die Er- sondere auf deren Fähigkeit, alte Spaltungen zu überwinden. Die
h au hL k'^'S^eits- und Universalitätsideologie auf die Kir-
T r r --------------------------- Finheltsmodell auch dann noch, wenn
Zustimmünl T ' A" erdingS konnte sich Ratzinger bislang der
Im Hintergrund wirkt dieses uHJcl , trcffen, um vom .Selbstvollzug. der Kir-
nen H an de! Fi eValngelischer I n s t e n sicher sein. Auch ih- sich durchaus fortschrittliche rheo og , . geologischer Grund dafür, dass
hes,eh' U » Ih s t zu vollziehen, sondern
und Heil. R a tz in g e 'S für d ^ K a n f H 6 ° " Christusmittlerschalt
8 rar rur die Kapitel I bis III deshalb viel Lob er-
110
(d) Motivation zu solcher Hoffnung kommt bisweilen aus persön­
lichen Lebenserfahrungen (Mischehen, Freundschaften oder gute steht der Satz: »Beim Vergleich der Lehren miteinander soll
Erfahrungen mit »anderen« Kirchen), aus einem allgemeinen In­ man nicht vergessen, dass es eine Rangordnung oder .Hierar­
teresse für die Breite christlicher Glaubensformen sowie aus dem chie- der Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre gibt,
Wissen, dass der eigenen Kirche wichtige Dimensionen christ­ je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhangs mit
licher Lebenspraxis fehlen. Spätestens mit den Erfahrungen des dem Fundament des christlichen Glaubens.« Diese Metapher
Zweiten Weltkriegs hat sich u.a. in Westeuropa, zumal im Lande hat befreiend gewirkt. Denn wenn nicht alle Glaubensaussa­
der Reformation, die Überzeugung durchgesetzt, dass die ökunie gen gleich wichtig sind, dann können Prozesse der Relativie­
nische Bewegung für die Kirchen von eminenter gesellschaftlicher rung und der eventuellen Korrektur besser in Gang gesetzt
und gesellschaftspolitischer Bedeutung ist, sei es wegen der werden. Man kann etwa - um damals oft genannte Beispiele
Glaubwürdigkeit der Kirche, sei es wegen der langfristigen (euro- zu nehmen - über die Ablassfrage oder über die Verehrung
päischen) Entwicklung der Kirche auf einen Minderheitsstatus bestimmter Heiliger leichter reden und diskutieren als über
hin, der unsere Zerrissenheit noch schmerzlicher erfahren lässt. die Gottessohnschaft Christi. Allerdings hat sich bald heraus­
Die Entdeckung der ökumenischen Frage durch die katholische gestellt, dass dieser Metapher auch enge Grenzen gesetzt
Kirche auf universaler, regionaler und lokaler Ebene gehört zu sind, denn über die Verbindlichkeit einer Aussage an sich
den großen Errungenschaften des 2 . Vatikanischen Konzils. Unter sagt diese Metapher nichts aus. Nachdem Jahrzehnte später
Inspiration und Federführung des damaligen Kardinals A. Bea etwa der Ablass reformiert und wieder in allen Ehren präsen­
wurde im November 1964 schließlich das Dekret über den Öku- tiert wurde, wurde er gerade deshalb zum Stein des Anstoßes,
menismus verabschiedet. Es galt den Zeitgenossen als Meilen­ denn er galt als ein sehr fragwürdiges, wenn auch unwichti­
stein. Man erwartete von ihm eine Dynamik, die - in Verbindung ges Relikt früherer Zeiten. So konnte die Lehre von der Hie­
mit erneuernden Aussagen in der Konstitution über die Kirche - rarchie der Wahrheiten schließlich einen hemmenden Effekt
auf Dauer das Selbstbild der katholischen Kirche grundlegend erzielen. Sobald konservative Kreise - bei allem Ärger über
verändern und das Verhältnis zu den anderen Kirchen revolutio­ die Tendenzen der Erneuerung - auf der Aufrechterhaltung
nieren würde. Allerdings wurde diese Interpretation schon da­ von Minimalaussagen bestanden haben, konnten progres­
mals nicht von allen geteilt und wird heute, 3 6 Jahre danach, von sive Kreise mit großzügigen Zugeständnissen reagieren. Die
vielen erst recht kritisiert. Bei aller Öffnung, bei allem Geist der Metapher von der Hierarchie der Wahrheiten selbst wurde
Versöhnung und bei allem Willen, langfristig einen Weg wachsen­ später aber wirkungslos, weil sie den Wahrheitsgehalt von
der Gemeinsamkeit anzustoßen, galt das Dokument vielen Kriti­ Aussagen selbst nicht unterlief.
kern als das Äußerste, was man der eigenen Kirche an Zugeständ­ 2. Die Frage von Eucharistie und Amt spielte bei der konkreten
nissen zumuten kann. Dies führte natürlich zu manchen inneren Beurteilung von Kirchen natürlich eine zentrale Rolle. Das
Widersprüchen, die damals nicht aufgelöst wurden. Drei Beispiele ist verständlich, denn eine neue Hochschätzung zumal der
mögen dies zeigen. Das erste ist die Lehre von der »Hierarchie der Eucharistie hatte im Rahmen der Liturgischen Bewegung seit
Wahrheiten«, das zweite die identitätsrelevante Rolle zweier Sak­ Beginn dieses Jahrhunderts hohe Konjunktur. Kirchlichkeit
ramente, der Eucharistie und des Amtes, das. dritte Beispiel ist wurde jetzt wieder erfahrbar. Was also tun mit Kirchen, die -
der Umgang mit den ererbten Absolutheitsansprüchen der katho­ im klassischen Sinn des Wortes - nicht mehr »katholisch«
lischen Kirche selbst.
waren, also die Apostolische Sukzession im Bischofsamt und
die Eucharistie nicht mehr kannten? Emen gewaltigen Fort­
1 . Die Lehre von der »Hierarchie der Wahrheiten« ist ein ech­
schritt in unserer Wahrnehmung brachten die inzwischen
tes Novum im Nachdenken über die Bedeutung christlicher
klassischen Differenzierungen von Kirche-sein und Kirch­
Lehre, die Einführung des Gedankens in den Konzilstext ist
lichkeit. Da konnte festgestellt werden, dass die Christen al­
inzwischen gut dokumentiert (Witte). In Nr. 11 des Textes
ler Kirchen getauft, also durch ein sakramentales Band m,t-
einander geeint sind (Ökumenism usdekret Nr. 2 ur
deshalb Perspektiven eröffnet und eine Dynamik in Gang
Das war und ist immer noch ein Argum ent, dem Und3.Bea).
nierruT gebracht werden, die auf langfristige Lösungsmöglichkeiten
widersprechen kann. Dann gibt es das geweihte, sakrarneml ausgerichtet waren. Insofern konnten die angebotenen Lö­
übertragene Amt des Priesters bzw. Bischofs, das nach gan ■ sungen nicht statisch endgültiger, sondern nur vorläufiger
ger Überzeugung von den orth od oxen Kirchen des Osten* und dynam ischer Art sein. So konnten sich wieder einmal
immer beibehalten wurde. Es kann als ein Fortschritt gelten Ökumeniker und katholische Egozentriker auf dieselben
dass diesen Kirchen jetzt ohne Einschränkung die Qualität Texte berufen. Die spätere theologische Entwicklung der
einer Kirche zuzusprechen ist. Schließlich zeigt sich in weite­ ökumenischen Frage sollte sich an dieser Unentschiedenheit
rer Quantifizierung der Mängel, dass die Kirchen der Refor. der konziliaren Texte entscheiden. Darüber wird bei der Be­
mation - jedenfalls nach röm ischer Überzeugung - das sak­ sprechung des Dokuments selbst Genaueres zu sagen sein.
ramentale Amt aufgegeben haben und deshalb auch nicht Kommen wir zu den drei Ebenen: Auf der Ebene kirchlicher Ba­
mehr über die Möglichkeit w ahrer Eucharistie verfügen. Hier sis bildeten sich in vielen Ländern und an vielen Orten unge­
legen sich einige (wenngleich um strittene) Interpretationen zählte Handlungs-, Gesprächs- und Gebetsgruppen, unabhängig
des Ökumenismusdekrets nahe, diese Kirchen seien nicht von oder in Anlehnung an Aktivitäten, die vom Weltrat der Kir­
mehr im voll qualifizierenden Sinn »Kirche«, sondern viel­ che mitorganisiert und legitimiert wurden. Diese Gruppen fanden
leicht nur »kirchliche Gem einschaften« - vor allem dann, zunächst eine stürm ische Entwicklung; auch nachdem die erste
wenn sie sich selbst nicht so qualifizieren. Der Abstufungen Begeisterung verflogen war, blieben und bleiben immer noch
und Übergänge gibt es natürlich viele. Deshalb waren die viele und weit verstreute Gruppen übrig. Sie hatten inzwischen
Formulierungen wohl mit Absicht n ich t hart und endgültig, einander kennen und verstehen gelernt: Unterschiede, die zu­
aber doch so abgrenzend gewählt, dass konservative Kreise nächst unüberbrückbar schienen, wurden relativiert. Sie bauten
für ihre bleibende Abgrenzung hinreichende Argumentation neinsame geistliche Erfahrungen auf, so dass sie die gegensei-
fanden. Wer die Anerkennung au ch der reformatorischen e Trennung gerade im Zentrum des christlichen Lebens als un-
Kirchen als Kirchen damals als hieb- und stichfest hätte fest­ türlich und widersinnig erfuhren. Warum etwa sollte - eine bis
legen wollen, hätte es bei den vorliegenden Formulierungen ute um strittene Argumentation - die Feier der Eucharistie Folge
nicht belassen dürfen. Die bleibende Unklarheit sollte sich d Abschluss der Einheit sein, wie man in Rom gerne argumen-
rt, nicht aber Beginn und Quelle der kirchlichen Einheit? Wer
spätestens in Dominus Iesus rächen. Die weitere Geschichte
t denn das Recht, Christinnen und Christen die gemeinsame
der ökumenischen Bewegung ist n ich t unbekannt. Sie voll­
ier der Einheit zu verbieten? Schließlich haben sich viele sol-
zog sich, wie wir weiter unten sehen werden, auf drei Ebenen
(Communio Sanctorum). er Gruppen intensiv mit der Schrift beschäftigt. Hier scheinen
ir die entscheidenden Durchbrüche geschehen zu sein. Denn
3. Als das schwierigste Problem wurde eine Antw ort auf die
ä angem essenes Schriftverständnis führte auch zur Relativie-
Kernfrage erfahren: Wie ist die Öffnung der röm isch-katholi­
ng der entscheidenden trennenden Bedingungen, auf denen die
schen Kirche zu anderen Kirchen und deren m ögliche Aner­
itholische Seite bis heute besteht, nämlich die Amtsfrage, die
kennung mit dem traditionellen katholischen Anspruch zu
age der Eucharistie sowie die Frage der Lehrautorität. An diesem
vereinbaren, sie habe am treuesten die K ontinuität zur ur­
m kt stagniert die Aufarbeitung der Trennung, und an diesem
sprünglichen wahren Kirche gewahrt und dem Bischof von
Jnkt brach auch die empörte Enttäuschung nach Veröffent-
Rom komme oberste Leitungs- und Lehrbefugnis über alle :h u n g des Dokuments auf, obwohl sich Ratzinger doch - gemäß
Kirchen zu? Es leuchtet unmittelbar ein: O hne Schaden an
Einern Verständnis - auf das 2. Vatikanische Konzil berufen
der eigenen katholischen Identität zu nehm en, k onnte das
Konzil diese Frage nicht auf Anhieb lösen N ach dem Urteil
ökum enisch engagierter Bischöfe und Sachberater mussten
115
Beruhigung der Situation geführt. Die einschlägige theolooisr. zwischen zum Standard, dass für Fragen von Amt und endgültiger
Literatur zu Situation und Verständnis von Kirche in einer Lehrautorität immer eine Folgekommission angekündigt wird
balisierten und zugleich pluralisierten Welt ist unübersehbar ' Damit sei den ungezählten ökumenisch engagierten Theologin
worden (Ruggieri-Tomka). Auf der Ebene theologischer Forschu ' nen und Theologen der gute Wille nicht abgesprochen; zudem h."
zerbröselten die gängigen Unterschiede noch dramatischer 7 im Einzelfall kaum die Frage zu entscheiden, ob und inwieweit e
vorherzusehen war. Auch hier war es neben kirchen-, theoloej * mand in sublimer Weise instrumentalisiert wurde oder einfach
und konfessionsgeschichtlicher Forschung« die Exegese, feminn dem Druck von oben gewichen ist, inwieweit die interne A m h
tische Theologie und Befreiungstheologie, die eine umfassende valenz oder Interpretationsfähigkeit einer Aussage zugunsten be
neue Basis ökumenischer Spiritualität einerseits und selbstkriti stimmter partikularer Interessen oder Ziele ausgespielt wurde
scher Bescheidenheit andererseits entstehen ließ, im Umgang Dass die katholische Kirche auch in missliebigen Fällen mass
mit biblischen Texten entstanden allmählich ein hermeneutisches eingreifen konnte, ist hinreichend bekannt. Man denke etwa an
Problembewusstsein sowie das Gespür für die Zeit- und Kultur­ die kirchenunabhängige Arbeitsgemeinschaft ökumenischer Uni
distanzen, in denen sich die Kirchenwirklichkeit entfaltet hat versitätsinstitute, die im Jahre 1973, also vor über 25 Jahren ein
(Ebertz 1998, Gabriel). Diese Zuwendung zur Schrift bei den ver­ Memorandum zur »Reform und Anerkennung kirchlicher Ämter
schiedensten theologischen Themen hat dazu geführt, dass sich verabschiedet hat (Reform) und dafür - trotz sauberer exegeti
ökumenisches Bewusstsein nicht mehr wegschieben, relativieren scher und theologiegeschichtlicher Argumentation - in kirch’
oder verbieten lässt, denn auch die katholische Kirche hat sich - licherseits organisierten Reaktionen dafür geprügelt wurde dies
spätestens seit dem 2. Vaticanum - der Botschaft der Schrift vor­ übrigens nu Argumenten katholischer »Tradition« und vermeint-
behaltlos zu stellen. In der Regel werden Gewicht und langfristige hcher Kirchlichkeit, nicht mit Argumenten der »Schrift«. Was ist
Wirkungskraft dieses Prozesses unterschätzt. das aber für ein Traditionsverständnis, das sich der Herausforde­
Auf der Ebene organisierter kirchlich-ökumenischer Aktivitäten rung der Schrift mit durchsichtig harmonisierenden hermeneuti­
zeigt sich hingegen ein komplexes Bild. Entscheidend waren von schen Argumenten nicht stellt? Und wie soll man auf die Zirkel­
Anfang an einige institutioneile Faktoren. Ökumenische Kommis­ argumentation reagieren, für bestimmte Schlussfolgerungen seien
sionen wurden in der Regel offiziell bestellt. Ihre Mitglieder wur­ die Zeit, die theologische Diskussion oder die gemeinsame geist­
den von beteiligten Kirchen berufen und versahen in Namen und liche Erfahrung noch nicht reif, was im Klartext doch hieß, dass
Auftrag ihrer Kirchen ihre Arbeit. Diese Aufspaltung von Ent­ sich dazu eine Kirchenleitung noch nicht durchringen konnte?
schließungsvollmacht und inhaltlicher Kompetenz hat den Er­ Mit Wehmut erinnert man sich an den genannten Kardinal Bea,
gebnissen nicht gut getan. Inhaltliche Erkenntnisse wurden in der der aus den Worten des Papstes: »Die Sache scheint mir nicht reif«
Regel institutionell abgebremst und vor Schlussfolgerungen abge­ den Schluss zog, »man müsse sie »reif machen«.« (Bea 49)
riegelt, die dem Selbstverständnis der kirchlichen Aufraggeberin Dass dennoch beeindruckende Ergebnisse zustande kamen, sei
widersprachen (Häring 1987). Für diesen Prozess und für entspre­ nicht geleugnet. Man hat die Möglichkeiten der Annäherung in
chende (komplizierte, diplomatisch verschlüsselte, auf Zeitge­ vielen Richtungen ausgeschöpft. Man hat freundliche und ver­
mäßheit und Opportunität reduzierte) Ergebnisse könnten unge­ ständnisvolle Sprachregelungen gefunden; zumal die reformato-
zählte Beispiele gegeben werden. Eine Sonderspielform dieser dschen Kirchen sind der katholischen Kirche in vielem entgegen­
gebremsten Fortschritte ist die vertröstende Zuweisung bestimm­ gekommen. Als Meilenstein gegenseitiger Annäherung wird oft
ter Fragen an neue Gesprächsprojekte«. Natürlich wurde es in-54 die Enzyklika Johannes Pauls II. Ut onwes unum sint vom 25. Mai
1995 angesehen. Man kann in der Tat über den warmen Ton er­
54 a H.epe'sch.Sind U 3' dlC ep° Chemachenden Arbeiten von J. Lortz, H. Kling und staunt und glücklich sein, den der Papst dann ansc ag . mo
5 5 Das lasst sich an vielen Dokumenten sphärisch war und ist dieses Dokument deshalb von großer Be-
den Bänden herausgegeben sind; vgü eS fa Meyer! " ‘n 2usarnmenfaSSe" '
«iiipr Nüchternheit zugeben

116 117
müssen, dass sich die Gesamtposition auf der Ebene der l ,i ieiten würden es begrüßen, wenn es zu einer In terp ret
und der strikt theologischen Beurteilungen anderer Kirche^ JieSer Richtung kommen könnte« (Nr. 198) Pi ' n ,n
keinen Millimeter bewegt hat. Der hermeneutische Egozentr"1 evangelischer Bischof im Ruhestand
31SCUUI in. _______ nannte dies" a" f sehener
mus Roms ist in keiner Weise durchbrochen und der Papst selbs*
nach Aussage Pauls VI. der entscheidende Stolperstein auf dem
- «•».ZOOW.Dt.CJSJSSi
«M* <KNA " ÖKI' 2 4 ' 10- 2000). Die Sätze sind in der Ta, ,
auniieh, aber nicht wegen ihres untertänigen, im Irrealis gl ich
Weg der Annäherung, hat - wider besseren Wissens theologischer jeder neutralisierten »Mutes,
m » ., sondern weil-----------
-------- .. ----- man im Jahre 2000
..« .I
Forschung - von seinen Ansprüchen aber auch gar nichts aufKe „gesichts exegetischer, historischer und systematischer For­
geben. Deshalb verwundert es nicht, dass andere gerade in die­ mungen immer noch nicht sagt, was Sache ist: Niemand mehr,
sem Widerspruch von Rede und Verhalten den Skandal des Do­ nd sei es der Papst, ist berechtigt, den Kirchen der Reformation
kuments erkannten. Die alte und unnachgiebige Linie, so der en Titel einer Kirche abzusprechen; gegen die Botschaft der
Anschein, wird jetzt unter der Decke allerfreundlichster Worte ze­ chrift vergeht sich, wer den Schwesterkirchen die eucharistische
mentiert. Durch diese Selbstwiderlegung wird eine Entwicklung lemeinschaft immer noch versagt. H. Fries und K. Rahner haben
gefördert, die man fürchtet und verhindern will: Ungezählte azu schon 1983 zwei wichtige Feststellungen getroffen. Die erste
christliche Gemeinschaften auf der Welt haben jeweils für sich mtet: »Ordinationen sind letztlich gültig, weil sie innerhalb
das Problem der Ökumene - wohlgemerkt: auf der Basis guter ler einen Kirche als gültig erachtet werden und je nach den ver-
theologischer, biblischer und religiös praktischer Argumente - chiedenen Situationen als gültig anerkannt werden müssen.« Die
einschließlich der Amtsfrage gelöst. Wer einmal solche Erfahrung weite besagt: »Zwischen den einzelnen Teilkirchen besteht Kan-
machen und verarbeiten durfte, kann das traditionelle Zögern des el- und Altargemeinschaft« (Fries-Rahner, 138f.).
kirchenoffiziellen Establishments nicht einmal mehr nachvollzie­ Ich weiß, dass solche Behauptungen ihrerseits wieder der
hen. Das Problem lautet also nicht Stillstand, sondern besteht in ;emeinsamen theologischen Diskussion auszusetzen sind. Das
einer ökumenischen Dynamik, mit der die Amtsleiter nicht mehr nöge geschehen, doch nur unter der einen und unabdingbaren
Schritt halten können. Was oft als Problem der Basis präsentiert Bedingung: Die Sache der Schrift und die (bislang diskriminier­
wird, ist in Wirklichkeit ein Problem der Herren, die noch immer ten) Argumente von Theologinnen und Theologen der vergange­
eine mentale Vormundschaft ausüben wollen. nen Jahrzehnte mögen offen besprochen, überprüft bzw. wider­
Erst kürzlich ist in Deutschland das Buch »Communio Sancto- legt, in jedem Fall auf ihre Argumentationskraft hin gewürdigt
rum - Die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen« erschienen. Der werden. Der vorläufige Diskussionsstand des 2. Vatikanischen
darin investierte gute Wille sei nicht geleugnet. Es entsteht aber Konzils kann - nach beinahe vierzig Jahren - nicht mehr als der
auch der Eindruck, dass die Kunst friedvoller Sprache virtuose zeitgemäße Diskussions- und Handlungsstand in seiner Endstufe
Höhen erreicht hat. Am Schluss werden zur Papstfrage Lösungen akzeptiert werden, denn er bedeutete nur einen vorläufigen Be­
vorgelegt, die unter den gegenwärtigen Umständen illusorisch ginn. Das entscheidende Minimalergebnis der ökumenischen Dis­
sind56. So münden sie in der etwas hoffnungsarmen Bitte: »Beide kussion ist inzwischen darin zu suchen, dass es keine theologisch
legitimen kirchentrennenden Hindernisse mehr gibt. Allerdings
muss selbstkritisch hinzugefügt werden: Die gängige und kirch­
56 Ins Gespräch gebracht werden ln Nr. 199: (1) Rückgriff auf Modelle des ersten Ja lich akzeptierte katholische Theologie, die in den vergangenen
tausends, (2) Unterscheidung der verschiedenen im Papst vereinigten Funktion'
Bischof von Rom, Hirte der Gesamtkirche, Haupt des Bischofskollegiums, Pa Jahrzehnten kaum ein Wort der Kritik und des offenen Wider­
arch des Abendlandes, Primas von Italien, Erzbischof und Metropolit der Kirchi spruchs wagte, hat den gegenwärtigen Zustand verdient, denn
provinz von Rom. Souverän des Staates der Vatikanstadt, (3) die Kirche wird ;
communio von Schwesterkirchen, (4) das Verhältnis zwischen der Kirche von R< auch sie hat ihn provoziert. In einem langzeitig praktizierten Pro-
und den mit ihr unlerten katholischen Ostkirchen wird entwickelt, (5) in Litur( « der Selbstverstummung, der Kritikangst und lähmender Dul-
Theologie, Spiritualität, Leitung und Praxis bleibt die legitime Vielfalt erhalten. I Ökumene ihren Eigenstand offensichtlich
letzte Punkt wird am wenigsten Schwierigkeit bereiten, mehr schon Punkt ( 4 ) ,1
Modell (3) wurde gerade abgelehnt und auf Punkt (2) wird sich Rom nicht elnl
iung hat sie in Sachen «ioi gescholtene These von einer
sen. Die Wiederbelebung des vorvergangenen Jahrtausends (1) m acht keinen Sil
evangelisch-katholischen »Grunddifferenz« nicht tatkräftig halten, dass »deren Wirksamkeit sich von der der katholischen
derlegt, sondern akzeptiert und bestätigt. s ZUdie anvertrauten Fülle der Gnade und Wahrheit herleitet..«
KNun wird man Ratzinger nicht den Vorwurf machen können, er
b) Zum Dokument habe die Stelle einfach falsch wiedergegeben oder interpretiert.
In den bisherigen Kapiteln des Dokuments ging es darum , die Die Stelle ist in der Tat nicht restlos klar und zeigt die Un­
Universalität von Offenbarung, Logos und C h ristu s gegenüber be­ entschlossenheit bzw. den unklaren Kompromisscharakter einer
fürchteten Einschränkungen und Relativierungen aufrecht zu er­ zwischen ökumenischer Offenheit und alter Ausschließlichkeit
halten. In Kapitel IV verändert sich die A rgum entationsstrategie schwankenden Synode. Dennoch haben E. Jüngel, L. Boff und an­
Denn jetzt sieht sich der Organisator der Argumentation mit vie­ dere Recht, wenn sie diese Interpretation als nicht korrekt kritisie­
len Kirchengemeinschaften und deren Ansprüchen konfrontiert; ren (Jüngel, L. Boff 2001). Ratzinger hat zumindest gegen den
sein Ziel ist es, die empirisch widerlegte Einzigkeit der Kirche nur Geist der Aussage verstoßen. Dazu ist eine kleine theologische
noch der eigenen Kirchenorganisation zuzuschreiben. Er nimmt Fachargumentation notwendig. Zunächst ist daran festzuhalten,
dafür, wie schon gesagt, zu einer Argumentation d e r Kirchenkon­ dass das Konzil nicht einfach von der real existierenden römisch-
stitution des 2. Vaticanum Zuflucht, die den exklusiven Anspruch katholischen Kirche spricht. Streng genommen ist das Formalob­
der katholischen Kirche samt Petrusamt weitgehend übernimmt, jekt der Aussage zunächst die von Christen geglaubte Kirche, die
auch wenn sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte vor der letzten nicht einfach in einer irdischen Gemeinschaft (»Gesellschaft/so-
Konsequenz zurückschreckt. cietas« genannt] als solcher aufgeht. Deshalb sagt das Konzil im
Die Stelle sei wegen ihres Gewichts ausführlich zitiert. Die Kir­ vorhergehenden Absatz: »Die mit hierarchischen Organen ausge­
chenkonstitution sagt in Art. 8 (in Dominus lesus zitiert): »Dies stattete Gesellschaft und [!] der geheimnisvolle Leib Christi, die
ist die einzige Kirche Christi [, die wir im Glaubensbekenntnis als sichtbare Versammlung und [!] die geistliche Gemeinschaft, die
die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen]57. Sie zu irdische Kirche und [!] die mit himmlischen Gaben beschenkte
weiden, hat unser Erlöser nach seiner Auferstehung dem Petrus Kirche sind nicht als zwei verschiedene Größen zu betrachten,
übertragen (vgl. Joh 21,17), ihm und den übrigen Aposteln hat er sondern bilden eine einzige komplexe [!] Wirklichkeit, die aus
ihre Ausbreitung und Leitung anvertraut (vgl. Mt 28,18 ff.), für im­ menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst.« Wenn
mer hat er sie als »die Säule und das Fundament der Wahrheit' dann im folgenden Absatz gesagt wird, »dies« sei die einzige Kir­
(1 Tim 3,15) errichtet. Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft che Christi, dann ist genau auf die geistliche Seite abgehoben,
verfasst und geordnet, ist verwirklicht [subsistit in] in der katholi­ und zu Unrecht unterschlägt Ratzinger in seinem Zitat dann die
schen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Hinzufügung, die oben in Klammern ([ ]) wiedergegeben ist. Es
Gemeinschaft mit ihm geleitet wird.« Das Dokument fährt fort: geht nicht um die katholische Glaubensorganisation, sondern um
»Mit dem Ausdruck >subsistit in< wollte das Zweite Vatikanische die gottgewollte Kirchenwirklichkeit, »... die wir im Glaubens­
Konzil zwei Lehrsätze miteinander in Einklang bringen: auf der bekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische
einen Seite, dass die Kirche Christi trotz der Spaltungen der Chris­ bekennen«. Genau diese Kirche wird auch von den Kirchen der
ten voll nur in der katholischen Kirche weiterbesteht, und aul Reformation im Glaubensbekenntnis bekannt und gelebt. Den
der anderen Seite, »dass außerhalb ihres sichtbaren Gefüges viel­ Kirchen der Reformation kann ihre glaubende Identifikation mit
fältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind«, dieser Kirche also nicht im Handstreich genommen werden.
nämlich in den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die Hinzu kommt, dass die bis heute kryptische Formulierung vom
nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen. »Subsistieren in « die Interpreten von Anfang an zu sublimer
Bezüglich dieser Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ist fest- Denkarbeit herausgefordert hat. Bei allen verschiedenen Auslegun­
gen galt immer ein Ausgangspunktals unbestritten: Das Konzil hat
diese komplizierte Formulierung gewählt, weil sie von der vorbe-
5 7 Die ln ed oge Klammem gesetzten Worte werden ln Dominus lesus nich t zitiert.
121
120
haltlosen Identifikation früherer Zeiten zwar Abstand nehni es, die vorbehaltlose vor-konziliare Identifikation allmäh-
wollte, diesen Abstand aber noch nicht zu weit treiben könnt” f h zu durchbrechen, wenn nicht gar aufzulösen? Es hätte keiner
Ratzinger verweist auf die «Elemente der Heiligung und der Wahr Anstrengung bedurft, die intensiv erforschten biblischen Grundla-
heit«, die sich auch anderswo finden. Diese quantifizierende Inu-r en zu erkunden und sie in einer heilsam belehrenden Übersicht
pretation an sich ist aber zu oberflächlich, ln einem früheren Ent zusammenzufassen. Es hätte dem Glaubenshüter im Jahr des gro­
wurf hieß es nämlich: »Diese Kirche also ist die katholische ßen Schuldbekenntnisses sogar gut angestanden, die gewonnenen
Kirche.«58 Gemäß dem Kommentar des hoch angesehenen Kn Ergebnisse endlich auch als Kritik an aller römisch-katholischen
chenhistorikers und späteren Kardinals A. Grillmeier sollte betont Egozentrik und Überlegenheitsillusion zu präsentieren. Ratzinger
werden, »dass die römische Kirche als l.okalkirche nur ein Teil der hat diese Chance in Dominus lesus versäumt. Er hat damit gegen
Gesamtkirche ist, obwohl ihr Bischof das Haupt aller Bischöfe der den Geist des Konzilstextes und gegen den Geist der späteren öku­
katholischen Kirche ist«. Ferner sollte »nicht mehr ein absolutes, menischen Geschichte in unverantwortlicher Weise verstoßen.
exklusives Identitätsurteil ausgesprochen« werden. Erst nachdem Darin zeigt sich ein allgemeines Problem, das auch in diesem
er diesen Grundsatz dargestellt hat, verweist Grillmeier dann auf Kapitel aufbricht. Der Wächter über das altkirchliche Glaubens­
die »vielfältigen Elemente der Heiligung und der Wahrheit«, die konzept kann sich - in seiner Metaphysik befangen - überhaupt
auch anderswo zu finden sind59. Erst in diesem Zusammenhang nicht vorstellen, dass dieses »Subsistieren in ...» anders als exklu­
wird das Problem deutlich. Gewiss war das Konzil - anders als bib­ siv zu denken ist. Er ist auch hier nicht imstande, neue Inhalte zu
lische Befunde heute zwingend nahe legen - noch ganz in einer entwickeln, die den Rahmen altkirchlichen Denkens überschrei­
romzentrierten Perspektive befangen, aber es blieb - zumal wegen ten. »Lehramt« und verbindliche Texte verkommen so zum rei­
der Intervention orientalischer Bischöfe - ein Unbehagen zurück. nen Buchstaben. Für deren weiter zu führende Dynamik bleibt
Dabei fühlte sich das Konzil (noch) nicht imstande, die Grenzen kein Raum, ebenso wenig wie für das sorgfältige Gehör auf spä­
der Identifikation genauer zu formulieren. H. Küng, einer der sehr tere Entwicklungen und Argumente. So bleibt es eben beim Alten:
wachen und ökumenisch engagierten Teilnehmer des Konzils, Es gebe halt nur eine »Kirche Christi«, in der Jesus Christus sein
schreibt 1967: »Die neue Formulierung wurde ganz bewusst so Heilswerk fortsetzt; Christus und Kirche verhalten sich zueinan­
vage wie möglich gehalten, um die weitere theologische Klärung, der wie Haupt und Leib (Nr. 16, Abs. 1). Dies ist, wie gesagt, nicht
die in dieser schwierigen Frage unbedingt nötig ist, nicht zu behin­ neu, fällt aber hinter alle Differenzierungen zurück, die - aus bib­
dern« (Küng 1967, 337). Ganz ähnlich und mit unbedingter Präzi­ lischen, theologiegeschichtlichen wie systematischen Gründen -
sion argumentiert L Boff (2001). Eine verantwortungsvollere Inter­ in den vergangenen 35 Jahren entwickelt wurden. Insofern ist
pretation hätte nach vierzig Jahren daraus gewiss den Auftrag Hans Küngs Buch »Die Kirche« aus dem Jahre 1967 dem gegen­
ablesen müssen, die fälligen Klärungen im Geiste des Konzils vo- wärtigen Stand von Ratzinger heute noch weit voraus. Denn die­
ranzutreiben. So hätte man von dem jüngsten Dokument neue Hin­ ser verharrt immer noch bei einem monolithischen Modell von
weise zu alten Fragen erwarten dürfen: Wie wurde dieser Auftrag Einheit und Untrennbarkeit, von Einzigkeit und Universalität,
zur Klärung in den vergangenen Jahrzehnten aufgegriffen und wie w ährend Küng und andere sich den Geist des Konzils schon da­
mals konsequent zu eigen machten. Gegen eine solche Lehrakti­
vität von höchster Stelle ist Protest unumgänglich.
5 8 «Haec igltur Ecclesia, vera Omnium Mater et Magistra, in hoc mundo ut
Etwas vom Geist und der Zielrichtung des Konzils wird aus der
constttuta et oidinata, es! Ecclesia Cathollca, a Romano Pontifice et Epis
elus communlone directa.* Genau diese Formulierung hat zu Diskusslc folgenden Passage deutlich. Hans Küng schreibt 1 6 .
fuhrt, well sie die Kirche Christi auf direkte und rundum ausschließliche VN Das Vatikanum II ha, die H alm g der katho,,schen Kirche gegen-
der katholischen Kirche identifizierte. Damit ist jedenfalls die negative Zie
der Modifikation deutlich. Es galt, diese undifferenzierte, von Ratzinger wii ber den anderen christlichen Kirchen, bei manchen bebenden Un-
geführte Identifikation aufzubtechen. ./ i . . ., Punkten revidiert: 1. Wahrend die ka-
5 9 Kommentar von A. Grillmeier zur Konstitution in: LThK, 2. Aufl. 1967, El larheiten, in entscheidenden PunKien n
174 f. froher nur Ihn Grunde böswillige) Häretiker und
^ Vannte spricht sie nun die anderen Christen allgemein allem Überdruss führt der dritte Absatz von Nr. 16 noch die
Schismatiker J ' Jj 2 Während sie früher nur einzelne Christen ssischen katholischen Sukzessions- und Primatstheorien ein,
als getrennte Kenntnis nahm, anerkennt sie nun die Exis- d e sich in keinem Fall auf die Schrift, ebenso wenig auf die frühe
- - .......... . "an die Exis­
tenz von Gemeinschaften von Christen außerhalb der katholische,, Kirche berufen können. Auch dies verdient Protest. Ratzinger hat
..................
Kirche (»christianae communiones«: DOe 1) 3. Sie versteht diese Ge­ der Tat - man verzeihe das harte, aber richtige Wort - nichts
meinschaften nicht nur als soziologische Größen, sondern als »kirch­ gelernt. Zusammen m it vielen anderen war er seit Konzilszeiten
liche Gemeinschaften« oder »Kirchen« (»Ecclesiae vel communita- nicht bereit, im katholischen Selbstanspruch auch nur einen Fuß­
tes ecclesiasticae« CE 5 ; vgl. DOe 3). 4. Sie anerkennt auch die breit nachzugeben. Sollen sich aber andere Kirchen daran stören?
Verbindung dieser Kirchen untereinander in der ökumenischen Bewe­ Was stören Roms Form alansprüche eine Kirche, die ihrerseits auf
gung die außerhalb der katholischen Kirche entstanden ist, wobei die eine Sukzession im Amt, die solchermaßen formalisiert ist, über­
Basis-Formel des Weltkirchenrates ausdrücklich zitiert wird: »Von die­ haupt keinen Wert legt? Ratzinger scheint noch immer so forma­
ser Gnade sind heute überall sehr viele Menschen ergriffen, und auch listisch und im Grunde so oberflächlich zu denken. Noch immer
unter unseren getrennten Brüdern ist unter der Einwirkung der Gnade gilt derjenige als »geweiht«, dem ein Geweihter die Hände aufge­
des Heiligen Geistes eine sich von Tag zu Tag ausbreitende Bewegung legt hat; so einfach ist das. Katholischerseits wird oft darauf hin­
zur Wiederherstellung der Einheit aller Christen entstanden. Diese gewiesen, diese Handauflegung wirke für den Regelfall als ein hilf­
Einheitsbewegung, die Ökumenische Bewegung genannt wird, wird reiches und sehr wichtiges Zeichen; gerade dieses Zeichen konnte
von Menschen getragen, die den dreieinigen Gott anrufen und Jesus als über Jahrhunderte hinweg die Einheit der Kirche beschützen. Ka­
Herrn und Erlöser bekennen, und zwar nicht nur als einzelne, jeder für tholische Ohren werden das gerne hören. Die Kirchen der Refor­
sich, sondern auch als Gemeinschaften, in denen sie die frohe Bot­ mation weisen uns allerdings darauf hin, dass gerade dieses Ein­
schaft vernommen haben und die sie ihre Kirche und Gottes Kirche heitszeichen in den Wirren der Reformation (durch das Versagen
nennen« (DOe 1) 5. Sie identifiziert sich somit, trotz mancher anders der geweihten Bischöfe selbst) die Einheit der Kirche nicht mehr
lautender Formulierungen, nicht mehr schlechthin mit der Kirche wahren konnte, wenn nicht gar zerstört hat. Ein Bischofsamt, das
Christi. An einem Punkte wenigstens ist eine ausdrückliche Revision sich den grundlegenden Anforderungen der christlichen Bot­
erfolgt: Statt der zunächst durch die Kommission vorgeschlagenen schaft nämlich nicht unterwirft, schafft Spaltung und demütigt
Identitätsformel: »die einzige Kirche, die wir im Glaubensbekenntnis diejenigen, die dagegen protestieren. Es ist endlich Zeit, über
als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen, ist (est) diese dunkle und unheilsame Schattenseite des Bischofsamts in
die katholische Kirche, vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in der Geschichte nachzudenken.
Gemeinschaft mit ihm geleitet«, wurde die Formulierung angenom­ Nun darf Ratzinger seine theologischen Überzeugungen pflegen
men: »... existiert in der katholischen Kirche« (subsistit in. CE 8). Als und nach außen verteidigen. Aber er spricht in diesem Dokument
Begründung dieses erstmaligen folgenreichen Abrückens von der Iden­ eben nicht als Theologe unter Theologen, sondern mit dem An­
titätsformel gab die Kommission an: »damit dieser Ausdruck besser spruch oberster Sorge für den Glauben. Deshalb hat er - von der
übereinstimmt mit der Bejahung von kirchlichen Elementen, die an­ historischen Problematik seiner Interpretation ganz abgesehen -
derswo da sind«. Damit sind die in CE 15 genannten »Kirchen oder nicht das Recht, seine persönliche und vielfach widerlegte Inter­
kirchlichen Gemeinschaften« gemeint. Die neue Formulierung wurde pretation als bindend zu präsentieren. Dieses Vorgehen zeugt von
ganz bewusst so vage wie möglich gehalten, um die weitere theologi- einer ökumenischen Unsensibilität, die das Konzil, wie wir dach­
sche Klärung die in dieser schwierigen Frage unbedingt nötig ist, nicht ten, schon überwunden hatte. Auch scheint er im Sinne der Öku­
zu behindern« (Küng 1967, 337 «)).124 mene nicht einmal zur einfachsten hermeneutischen Operation
bereit zu sein nämlich im Sinne von Kommunikation und Ver­
6 0 Die Zitatangaben im Text von Kiin i söhnung Perspektiven zu tauschen und durchzuspielen. Er, der
•CE. für die Konstitution Uber die K irch e"1' " DOe' mr das Ökumenlsm usdekret, sich m w nie die Mühe gemacht hat, in positiver Partizipation

124 125
finition vor, die die ökumenische Arbeit möglich macht und
ein wesentliches Stück reformatorischer Theologie von
ätere Spezifizierungen zulässt: »Kirche könnte in diesem Falle
heraus zu durchdenken, kann kaum beanspruchen, dass er 't? nen nannt werden jede auf dem Boden der Heiligen Schrift ge-
Argumente für die Legitimität eigenen Kirche-Seins kennt ^ dnete Gem einschaft von getauften Christen, die an Christus,
Der Rest an ökumenischer Anmaßung folgt dann auf dem F r ,n Herrn, glauben, die das Herrenmahl feiern wollen, nach dem
und braucht im Einzelnen hier nicht kommentiert zu werd ? /angelium zu leben trachten und Kirche genannt sein wol-
Den Kirchen der Reformation wird der Ehrentitel einer Ki r T n (nicht alle protestantischen Gemeinschaften wollen das Letz­
überhaupt abgesprochen, weil sie Episkopat und - wie RatzinV! te; insofern ist es richtig, zwischen »Kirchem und »kirchlichen
behauptet - das eucharistische Mysterium nicht bewahrt habet emeinschaften« zu unterscheiden). Gerade die Herausstellung
(Nr. 17, Abs. 2 und 3), allen weitergehenden Aussagen, Modellen ieser grundlegenden ekklesialen Gemeinsamkeit ist eine ein-
und der höchst differenzierten Situation in den lutherischen Kir­ ringliche Aufforderung, die Gemeinsamkeit und den ekklesialen
chen zum Trotz. Über die Problematik solcher Schlussfolgerungen Iharakter der Gemeinschaft zu vertiefen« (Küng 1967, 341).
ist schon das Nötige gesagt. H. Küng bemerkt zum Vorgehen des Das Dokument verlegt sich also auf Aussagen, die weder als
Konzils: »Die von Rom getrennten orthodoxen Kirchen wurden heologisch zwingend begründbar oder wahr sind, noch dem Ge-
auch in der römischen Kurialsprache schon immer Kirchen ge­ >ot christlicher Liebe entsprechen. In dieser Hinsicht bildet dieses
nannt (DOe 3 verweist auf das 4. Laterankonzil 1215, das 2. Kon­ Capitel den eigentlichen Tiefpunkt des Dokuments. Es vertritt
zil von Lyon 1274, das Konzil von Florenz 1439). Das Vaticanum 11 .»ine Theologie, die die letzten vierzig Jahre verpasst hat und den
hat es glücklicherweise vermieden, die episkopale Kirchenverfas­ Seist eines Reformkonzils verrät. Zur Abrundung ist hier noch die
sung (bzw. die damit verbundene Eucharistiefeier) zum Kriterium kurz nach Dominus Iesus erschienene Verlautbarung zu erwähnen,
der Benennung >Kirche< zu machen. Dieses Kriterium wäre in der derzufolge die Kirche von Rom von den anderen Kirchen nicht
Tat willkürlich und würde der Problematik der protestantischen »Schwesterkirche« genannt werden darf. Hier steigert sich Roms
Reformation nicht gerecht. Bei vielen Kirchengemeinschaften mit Überlegenheitsanspruch ins Absurde62. Zwar muss das Dokument
episkopaler Kirchenverfassung, wie etwa bei der Anglikanischen darauf verweisen, dass gemäß einer Sprachregelung vom fünften
Kirche oder der Lutherischen Kirche Schwedens, wäre schwierig Jahrhundert unter den fünf Patriarchaten die Beziehung von
zu sagen, ob sie >Kirche< oder nur »kirchliche Gemeinschaft' ge­ Schwesterkirchen herrscht, wobei »die Kirche von Rom den ers­
nannt werden sollen (die Ungültigkeit der anglikanischen Weihen ten Platz ... einnimmt«. Aber selbst damit gibt sich die Glaubens­
ist auch nach der - nicht definitiven und infalliblen - Entschei­ kongregation nicht zufrieden. Mit beispielloser Hartnäckigkeit
• •-------„in diesem Zusammenhang
dung Leos XIII. historisch umstritten geblieben, und die Ungül­
tigkeit der Eucharistiefeier außerhalb der katholischen Kirche
und der orthodoxen Kirchen ist nicht so leicht theologisch zu
beweisen, wie dies kirchenrechtlich den Anschein hat)« (a.a.O.
340f.). Natürlich ist allgemein bekannt, dass römische Kreise offensichtlich hat diese -Bekanntmachung* auch ihre negative Auswirkung
e Beziehungen zu den östlichen orthodoxen Kirchen. Patriarch Teocist von
schon früh die Theorie entwickelt haben, die das Dokument nun im änlsch-orthodoxen Kirche sagte in einem Interview mit dem Rheinischen
als verbindlich präsentiert61. Es wäre jedoch angemessen gewe­ T vom 2 3 . März 2001, nachdem er von den Erfolgen des bisherigen ökume-
Mälz (,w>,
- ■>— „i-----„„„ ....
5esDrochen hatte: -Die Optik am Anfang dieses Jahrtau-
sen, zwischen persönlicher Auffassung und der genauen Aussage Bemühungen gesprochen hatte:• 1-in ecardinal Ratzinger Dokumente ver-
u p . » ..... — ’ •*» ..„a
t (edoch nicht mehr dieselbe, nachdem Kardinal Ratzinger Dokumente ver
des Konzils zu unterscheiden. Im Anschluss an die sensible Frage cht hat, die selbst die früheren Übereinstimmungen von Papst Paul VI. und
-h Athenagoras verdunkeln und die Tatsache missachten, dass auch der jet-
schlägt Küng schon 1967 eine theologisch vertretbare Arbeits- pst die orthodoxen Kirchen als Schwesterkirchen bezeichnet hat. Dadurch
-----•*, Cinheil erschwert. Die Ökumene ist in Verspätung geraten. Ich
- -» -M „nd Verständnis, um -» wieder zu dem
Doft.rJ, Hp«;
Einheits- und U niversalitätsm odell kultiviert das srhi
Stellung der Partiarchalsitze anerkannte oder zustimmte . einem m
dem römischen Stuhl nur ein Ehrenprimat zuerkannt rh^zu einem m on
o nokratischen Kirchenblock
o m u sc...... ............... ............führ.«. n ‘“ ssend-
‘ en und eigenständigen Lebensströme der Ortskirchen wurden
(Schwesterkirchen). Von der weiteren Aufzählung der Fälle i n/ *
hei systematisch.......
ausgehöhlt u n d d em röm ischen Zentralorgan,
nen der Ausdruck der Schwesterkirchen verwendet wird u
7 m Papst sam t seiner Reglementierungsbehörde »Kurie« unter­
Paul VI. und der gegenwärtige Papst gehören dazu), lässt sich^''
worfen. So drohte »Kirche«, von ihrem römischen Zentrum her in
Kongregation nicht beirren. Dabei wirft sich der Glaubenspräfek ^ e°n Bück gen om m en, zusehends zu einem triumphalistischen
in merkwürdiger Weise zum Interpreten dieser Päpste auf: Trotz Verwaltungsapparat m it einem O berhaupt zu degenerieren, das
all dieser Aussagen »muss immer klar bleiben, auch wenn der
sich seine Legitim ation in der Ö ffentlichkeit mit populistischen
Ausdruck Schwesterkirchen in diesem richtigen Sinn verwendet Mitteln erw irtschaftet. Dabei wird die Vorstellung einer göttlichen
wird, dass die universale, eine, heilige, katholische und apostolj. Stiftung aufrechterhalten, die sich ausschließlich am ursprüng­
sehe Kirche nicht Schwester, sondern Mutter aller Teilkirchen ist«
lichen G laubensdepositum orientiert6*.
So könne man »richtigerweise nicht sagen, dass die katholische Glücklicherweise hat sich in dieser Tradition immer auch eine
Kirche Schwester einer Teilkirche oder eines Teilkirchenverbandes gegenläufige Erinnerung erhalten. Es ist die Erinnerung an die ge­
ist« (a.a.O. Nr. 10f.). Bei solch kleinlicher Schulmeisterei, die glaubte, »unsichtbare« Kirche, die »Kirche Christi«, der Gottes
selbst den Papst von der Kritik nicht ausnimmt, befinden sich die Heil verheißen ist. Erst vor dem Hintergrund dieser Differenz
reformatorischen Kirchen plötzlich wieder in guter Gesellschaft; konnte das 2. Vaticanum formulieren, dass die »Kirche Christi« in
denn auf die »eine, heilige, katholische und apostolische Kirche« der katholischen Kirche »subsistiere«. Das Bewusstsein von dieser
können schließlich auch sie sich berufen, möge Herr Ratzinger »Kirche Christi« (die von der sichtbaren Kirche natürlich nie zu
dem zustimmen oder nicht. Diese Kleinlichkeit und Arroganz trennen ist, aber in dieser dennoch nicht aufgeht und von Ratzin­
wird nur noch durch das Verbot der Frauenordination überboten;
ger als »präexistente« Kirche umschrieben wird), wuchs sowohl in
es hätte als Kapitel V. gut in die Erklärung gepasst. Unversehens der Liturgischen Bewegung als auch im Rahmen eines verstärkten
entpuppt sich in dieser Frauenfrage die fromme Selbstbestätigung
Ökumenismus. Kirche (in der Einzahl) wurde wieder stärker von
zum Mechanismus eines selbstbezogenen Männerbunds. Mit
ihrem sakramentalen Charakter her, also als »Heilssakrament«
Gottesglaube hat das nur noch wenig zu tun. schlechthin oder eben als eine Wirklichkeit begriffen, die in allen
konkreten Kirchen (in der Mehrzahl) anwesend ist. Ratzinger
c) Wie Universalität organisieren? - Zu den Grenzen der Institution
zieht in seiner Antwort an Kasper (Ratzinger 2000f) daraus den
Seit dem Hochmittelalter wurde »Kirche« in der römischen, spä­ Schluss, dask wir es letztlich mit der einen, im Bischofskollegium
ter anti-protestantischen Tradition mit immer größerem Nach­ repräsentierten und von Rom geleiteten Kirche zu tun haben. Da­
druck als »sichtbare und greifbare« (visibilis et palpabilis) Institu­ bei übersieht er, dass daraus auch ein gegenläufiger Schluss hätte
tion begriffen. Die Charakterisierung des Robert Bellarmin (». so gezogen werden können, zumal das Neue Testament eher an eine
sichtbar wie die Republik Venedig«) wird gemeinhin als Höhe­
punkt dieser Entwicklung angesehen. Im neunzehnten Jahrhun­
dert wurde zudem der Begriff von der societas perfecta63 entwi­ 64 Auffallend ist deshalb die wiederholte Polemik von J. Ratzinger
Rolle der öffentlichen Meinung in der Kirche. Diese wW von
ckelt, der das Verständnis der Kirche nun vollständig mit dem kontrollierte und als positive Dynamik akzeptiert. Dato, hat der von R g
Verständnis der Gesellschaft bzw. eines Staates parallelisierte. Auf Wieder einmal gescholtene I. Oöllingcr im ^chon eTkaTm
Entwicklung Popu
düng aufgegriffen, die der popum.... deutschen Restauration, die - theo-
......
der Basis dieses Kirchenbildes wurde mit wachsendem Nachdruck63* “««««. Die Rolle
hatte. Die Rolle der
der katholischen Presse In
katholischen fte ^ der deutschen Restauration,
NeuScholastik u« des
und zur Panik - An-
logisch gesehen - ........"selleen
zur unseligen Epo
Epoche der Neuscholastik undgilt:
natürlich zurAls
Panik
HansdesKUng
An
turiodemismus führte, ist hinreichend bekannt. Aber natürlich gilt: Als Hans Küng
Ende der siebziger lahre von der Innerkatholischen Öffentlichkeit unerwartet viel
- 1 . . . Kritiker mit Stellungnahmen wie: »öffentliche
63 ist nicht zu übersetzen mit »vollkommene ..«, sondern eh*
Societas perfecta ■ — «eckler 1981, 116 ).
»autarke« Gesellschaft, d.h. eine Gesellschaft, die - so wie der Staat - alle .
des Handelns und der Selbsterhaltung in sich tragt.
Einheit denken lässt, die aus Pluralität erwächst (es gibt . die
nüchterne Respekt vor dem Papst ist einer Papstverehrung ge-
che von Korinth« und »die Kirche von Kolossä«). Ob dies •
oder zwei Kirchen sind, bleibt, streng genommen, unentschied111 D<chen. Man b e su ch t n ic h t mehr die Gräber der Apostelfürsten,
'Indern die M ittwochsaudienz Seiner Heiligkeit. Das verrät eine
bzw. von der genaueren Definition abhängig. E in h eit wird - Pf)ln
modern gesagt - »in Differenz« gedacht. ° st' bedenkliche Entwicklung.
Damit hat sich in Rom ein Emheitsmodell verfestigt, das völlig
Dass gegen eine solche plurale Denkweise v o n röm ischer Seit,,
dem (imperialistischen) Einheitsmodell der Neuzeit entspricht.
aus Widerstand erwuchs, ist verständlich und bekannt. Das s a k j
Solche Einheit zeigt sich in eindeutiger Herrschaftskompetenz
mentale Geschehen ist aus röm ischer Sicht n ä m lic h strikt an
und in eindeutigen juridischen Strukturen, in der Konzentration
diejenigen Männer gebunden, denen die V o llm ach t zur Sakra
der Legislative, Jurisdiktion und Exekutive in einer Hand, so­
mentenspendung übertragen ist. Dass sich dieses M odell am Sak­
wie in der unverfügbaren Kontrolle über Lehre und Ideologie. So
rament der Eucharistie und in keiner Weise a m M odell der Taufe
perpetuiert das röm isch-katholische Rechts- und Organisations­
orientiert, wird in der Regel verdrängt. Unter b e stim m te n Voraus­
system die Struktur einer absolutistischen Herrschaft, das von
setzungen kann nämlich jede Person taufen, also in die Kirche
Ratzinger vorbehaltlos verteidigt wird. Erst vor diesem Hinter­
Christi eingliedern, gleich ob Christin/Christ oder nicht. So ver­
grund erklärt sich das Unvermögen der Glaubenskongregation,
standene Kirchlichkeit ist also an keine vorgegebenen u n d verfüg­
die Frage von Einheit, Einzigkeit und Universalität überhaupt zu
baren Einheitsmerkmale gebunden. Aber auch das M odell der
lösen. Stattdessen bieten Schrift und evangelische Kirchenkon­
Eucharistie lässt natürlich plurale Interpretationen offen. Sofern
zepte mehrere Möglichkeiten, Einheit und Differenz, Universali­
nämlich alle Christen, zumindest alle »katholischen« C hristen, je­
tät und die W ürde örtlicher Kirchen, kulturelle Eigenständigkeit
den Sonntag um den Altar versammelt sind, k o n stitu ie re n sie in
und weltübergreifende Kommunikation aufeinander zu beziehen.
einer unübersehbaren Vielfalt Kirche. Nach dem 2. Vatikanischen
In Stichworten sei erinnert an die Kirche als Volk Gottes und den
Konzil wurde der Begriff des »Volkes Gottes« (unabhängig von sei­
Gedanken des Allgemeinen Priestertums, ln beiden steckt ein ge­
ner »evangelischen« Konnotation) zu einer bedrohlichen Meta­
radezu polemisches Potential, das sich aller Bevormundung und
pher. Rom versuchte, dieser Entwicklung durch den Begriff des
Gängelung widersetzt. Die Ausgießung des Geistes an Pfingsten
»Mysterium Kirche« entgegenzusteuern, der auf der Bischofssy­
hat bis in die Gegenwart hinein kreative Neuformierungen, die
node des Jahres 1985 eine zentrale Rolle spielte. Einerseits greift
Pfingstbewegung geradezu im Übermaß Modelle der Vielfalt pro­
dieser Begriff die sakrale Qualität des Sakramentsgedankens auf,
duziert. Sie brauchen nicht übernommen zu werden, aber aus
der an sich nicht zu verwerfen ist (Boff 1972), andererseits sakra-
ihnen ist selbstkritisch zu lernen. So auch vom Verständnis der
lisiert er zugleich die soziale und juridische Struktur der einen,
Ortskirchen als eigenständige Kirchen, die sich nicht aus ihrer
unter dem Oberhaupt in Rom geeinten Kirche (Willems). Der Ein­
Unterwerfung unter eine andere Ortskirche legitimieren, sondern
heitsgedanke, der bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein noch
nüchtern als Rechtsstruktur betrachtet wurde, ist jetzt endgül­
tig sakralisiert und damit tabuisiert, geradezu sakramentalisiert6'-65 Mit diesem romantischen Einheitskonzept kann die gegenwärtige Ökumene leider
nicht bewältigt werden. Schließlich ist bei Kasper auch letzt kein tatkräftiger und
konfliktbereiter Rückgriff auf das Neue Testament zu spuren. Ohne diesen Rück­
griff ist aber in der Ökumene keinerlei Durchbruch zu den reformatorischen Kir­
65 Wenige Tage nach seiner Ernennung zum Kardinal hielt W. Kasper in Tübingen chen hin zu erwarten; denn in der Neuentdeckung der Schrift als einem vitalen Le-
einen Vortrag zur Situation der Ökumene, der diese Tendenz deutlich unterstützte bensgrund der Kirche liegt zu einem großen Teil ihre Identität begründet. Dass
K l Ä 1' S° T “ ,e die darin vorgetragene Programmatik im Blick auf Kasper die Kritik an Dominus lesus inzwischen -langweilig- und -uninformiert-
d^Krhen l“jth'eva"Se'lschc Gespräch enttäuschen. Zunächst empfahl Kasper der nennt (Kasper 2001b) lasst für die Zukunft das Schlimmste fürchten. Gemäß ihm
Aufm^ksamSnrn a^en ™'e° logle cinc »Osterweiterung«, d.h. eine vermehrte hat die Glaubenskongregation ihr Möglichstes getan, um Missverständnisse auszu-
Aufmerksamkeit für die orthodoxen Kirchen. Das bedeutet konkret: die Annähe- räumen. Dagegen ist einzubringen, dass es In den entscheidenden Differenzen
von^B^schofsamt und's»t" Kilchen kann machst warten: zudem erhält die Frage keine Missverständnisse, sondern ein theologisch und exegetisch unterbautes Kor­
rle"er s S i fuMa^fnh ,rT ent elnen erhöh,en kriteriologischen Wert. Dann be- rekturverlangen gibt. Der Stil der Vergangenheit, der eben e-ine Zelt lang wartete,
Äuie tinneu
° Äin der Ä bis sich die Kritiker beruhigen, kann so nicht we.tergehen. Für die Zukunft der Kir-
Kirche. S182S,, also
, lt a vor
aUen Tübtnsers
nunmehr 176j.Jahren
A* Möhler. der sein Buch
veröffentlicht hat. viel auf dem Spiel.
aus dem Konsens des Bekenntnisses und aus einer geschw itären Haltung und ist vom christlichen Standpunkt aus als
lieh praktizierten Gemeinschaft untereinander. R e fo r m a to rs ^ a“hwer defizitär zu qualifizieren. Wenn das gegenwärtige Doku-
Ursprungs ist die Neuentdeckung des Wortes neben den, s k SCh t bei vielen als an m aß end , als narzisstisch und als schlicht
ment; es ist eine Konzeption, die von der katholischen Tradj ra ^ christlich gilb dann gibt es dafür hinreichende Gründe. Es wäre
her in keiner Weise als unsachgem äß verurteilt werden kann gewesen, J. Ratzinger h ätte sich wenigstens hier ein wenig in
Es ist überdies eine Konzeption, die für die ökumenischen ft Neue Testam ent vertieft.
gen des Westens von unabsehbarer Bedeutung sind, denn das M<!
dell des Wortes und seiner Verkündigung, seines Weitererzählen
und seiner Interpretation kann, wie Einheit und Vielfalt, übergr^ 5 Kapitel V: K irche, Reich G ottes und Reich Christi
fende Gemeinsamkeit und lokale Konkretisierung zutiefst inei ’ (Nr. 18-19)
nander verweben. Ein Wort, das zum Buchstaben degeneriert, tötet a) Zürn th eo lo gisch en K ontext
schließlich sich selbst, ln diese Tradition fügen sich die vielen Im Kom m entar zum vorhergehenden Kapitel hat sich gezeigt,
neueren Überlegungen zur gegenseitigen Verschränkung von Wort dass Ärger und A ggressionen über eine egozentrische, in sich
und Sakrament ein, die auch im Weltrat der Kirchen intensiv be­ selbst verliebte T heologie n ich t nur gegen Ratzinger zu richten
dacht wurden. Modernen Ursprungs ist schließlich die Polarität sind. Er, so k önn te m an sagen, spiegelt nur die geschichtlich be­
von Institution und Ereignis (Leuba); sie zeigt, dass sich keine dingten G renzen des 2 . V aticanum s, die auch von vielen Theolo­
Institution als solche aus sich heraus tragen kann. Eine Kirche, die gen übernom m en w urden, weil sie das Konzil als ein statisches
als Institution bestünde, also gegründet oder gestiftet wäre, aber Buchstabengebäude und n ich t als erneuernden Geschehenspro­
sich nirgendwo ereignen würde, wäre eben keine Kirche, so wie zess rezipierten. Auch spiegelt es nur die weit verbreite Inkon­
das Ereignis Kirche natürlich immer wieder Institutionalisierun­ sequenz einer späteren system im m anenten Theologie, die sich
gen aus sich entlässt und auf sie verwiesen bleibt. Auch dieses wie selbstverständlich katholisch und ökumenisch nannte. Im
Modell kann zeigen, auf welcher Ebene von Einheit oder Einzig­ Grunde wollte m an zugleich Öffnung nach außen und beruhi­
keit und auf welcher Ebene von Vielfalt zu reden ist. Bei dieser gende Akzeptanz n ach innen, zugleich die Übernahme theologi­
Aufzählung ist noch gar nicht gesprochen von neuen Denkmo­ scher Forschung und den Frieden m it einer zögerlichen, wenn
dellen über Einheit und Differenz, die Soziologie und P hilosophie nicht gar reform unfähigen Kirchenleitung. Die Metapher von
in den vergangenen Jahrzehnten angesichts einer neuen Welt­ M. Fox zur dysfunktionalen Familie scheint ihre Richtigkeit zu
situation entwickelt haben, die sich mit den M öglichkeiten einer haben. K atholische Theologie hat sich nicht nur angewöhnt,
vereinheitlichenden, rubrizierenden und von oben verwaltenden nach innen artig zu sein. Sie schließt auch sofort und ängstlich je­
Raüonalität nicht mehr fassen lassen. den Versuch v o n Kolleginnen und Kollegen aus, die dieses Tabu
ln jedem Fall machen solche Überlegungen deutlich, wie sehr durchbrechen, ln katholischen Kreisen wirkt der Vorwurf des un-
das römische Denken einem unfruchtbaren, weil petrifizierten kirchlichen Denkens wie ein Schwert. Das führt - gewollt oder
Monismus verfallen ist. Es täuscht zwar Orientierung vor, kann ungewollt - zu neuer und ängstlicher Selbstverliebtheit und Na­
sie aber nicht bieten. Die einzige Dynamik, die es im Augenblick belschau. G em äß dem Gesetz des hemmenden Fortschritts haben
in Gang setzt, ist die Potenzierung eines Monismus, die inzwi­ sogar die Aufbruchs versuche des 2. Vaticanums zu einem gegen­
schen auch den Bischofskonferenzen ihre Eigenständigkeit teiligen Effekt geführt: Wir, die wir doch offen sind, können an
nimmt. Die jüngeren Entwicklungen in Deutschland sprechen für
uns selbst M aß nehmen.
diese katastrophale Entwicklung Bände. Auch im vierten Kapitel Weit gefehlt, sagen zu Recht andere und führen dafür zwei
also gilt, dass das Dokument die einmalige und einzigartige Gründe an. Erstens habe die entscheidende Erneuerung der ka­
Chance vertan hat, Einheit in Vielfalt und damit m enschlich le­ tholischen Kirche erst einige Jahre nach dem 2. Vatikanischen
bendige Gemeinschaft zu denken. Dieser Mangel entspringt einer Konzil eingesetzt. Sie führe gerade weg von der ständig nach in-
no
.3 2 ^
nen gerichteten Gegenwartskritik und öffne den Blick für ui ginnt hier und jetzt; Ziel christlicher Praxis ist die Gestaltung
kunft der Welt. Das Argument kann zwar nicht üb erzeu g en '^" j ieSes Reichs aus der Kraft des Geistes (Moltmann).
es benennt eine Interessenverlagerung, die tatsächlich stattcef " Nachdem die Illusion der Kennedy-Ära verschwunden war, in­
den hat. Zum zweiten hätten sich erst dann die neuen enian'i nerhalb weniger Jahre ließen sich die Probleme der Dritten Welt
patorischen Theologien gemeldet, die das Denken von Grund lösen (ein den Konzilsjahren vergleichbarer Optimismus hatte sich
auf veränderten. Man denke an die Theologie Lateinamerikas an breit gemacht), traten unter den Vorzeichen einer politisch und so­
die Schwarzen Theologien, an die später folgende feministische zial zerrütteten, in vieler Hinsicht vom Westen abhängigen, einer
Theologie sowie an den vielfältigen Aufbruch kontextueller, kon unterdrückten oder ausgebeuteten Welt Befreiungstheologie (und
tinental orientierter Theologien (Hennely), der ökologischen, der Schwarze Theologien) an, um einem ganzen Subkontinent (und
schwulen und der lesbischen Theologien. Diese Entwicklungen einer Menschheitsrasse) ein neues theologisch begründetes Selbst­
waren auf dem 2. Vaticanum mit seiner Kirchen- und Eurozentrik bewusstsein zu geben. Dort tauchen allerdings Fragen auf, die mit
noch nicht abzusehen. Man konnte sich allenfalls auf einige den traditionellen Instrumenten westlicher Theologie nicht mehr
kleine Passagen der Konstitution »Über die Kirche in der Welt von gelöst werden können. Es sind Fragen des Widerstands und der Ge­
heute« berufen. Diese späteren Entwicklungen, die den Rahmen walt, einer kritischen Gesellschaftsanalyse und einer politisch re­
des 2. Vaticanums sprengten, lassen sich zusammenfassen unter flektierten Gemeinschaftsbildung. Die analytischen Instrumenta­
den Stichworten: Neuentdeckung der gesellschaftlichen und rien von K. Marx und anderen »linken« Denkern wurden vor allem
der politischen Dimension von Kirche, von christlicher Praxis in der Anfangsphase zu Hilfe gerufen. Dass dieser Neuaufbruch zu­
und Theologie, damit Neuentdeckung der (innerweltlichen) Zu­ nächst einen stürmischen Gang nahm und nicht in allem auf Ge­
kunft, also einer gezielt christlichen Weltgestaltung, die nicht nur genliebe stieß, ist selbstverständlich. Ebenso verständlich ist die
den gesellschaftlichen Sektor der Kirche überschreitet, sondern Tatsache, dass diese neuen Impulse auf verschiedensten Gebieten
sich zugleich einem weltweiten Diskurs öffnet (Bujo), in der die aufgegriffen wurden, so dass sich die westliche Theologie und die
Kirche notfalls ihre eigenen Interessen zurückstellen, sich also im römische Zentrale in kürzester Zeit konfrontiert sahen mit einer
Dienst der Menschheit aufgeben muss. Diese Neuentwicklung unübersehbaren Vielfalt von politisch, sozialkritisch und bald auch
kann hier nur in Stichworten angedeutet werden. kulturkritisch orientierten Neuentwürfen. Stellvertretend seien nur
genannt: lateinamerikanische Theologen von Cutierrez über L. Boff
Erste Durchbrüche sind Ende der sechziger Jahre zu verzeich­
bis zu Hinkelammert und J. Sobrino, Vertreter der Schwarzen
nen. Als Meilensteine gelten innerhalb der europäischen Theolo­
Theologie Südafrikas von A. Boesak über T. A. Mokofeng bis zu
gie der Impuls der »Theologie der Hoffnung«, ein Entwurf von Jür­
D. M. Tutu (die wegen ihrer konfessionellen Zugehörigkeit auf die
gen Moltmann (1964), die innerhalb der katholischen Theologie
katholische Kirche nur indirekt einwirkten), verschiedenste Vertre­
sofort entschiedene Anhänger fand. Es folgte der Entwurf einer
ter kontextueller Theologie, insbesondere die Gruppe der ökume­
»(neuen) politischen Theologie«, der seitdem mit dem Namen des
nischen Vereinigung von Dritte-Welt-Theologen (EAIWOI )66, von
katholischen Theologen J. B. Metz verbunden ist (Metz). In diesen denen mit wachsender Intensität nicht-westliche kulturelle, reli­
Entwürfen erhält der Begriff der Zukunft eine neue theologische
giöse, kontinentale, nationale und ethnische Fragestellungen und
Qualifikation. Gott ist im Kommen; es kommt darauf an, dass
eine befreiende und eine versöhnte Zukunft beginnt. Eschatologie Identitäten verarbeitet wurden.
Hat die westliche Theologie also zu Recht ihre Selbstkritik ein­
darf nicht auf die Lehre eines nachirdischen Lebens beschränkt
gestellt, weil sie sich anderen Themen zuwandte. Das gerade
werden. In Verbindung damit erhält auch der Begriff des Reichs nicht. Sie ging weiterhin einen intensiven Weg kontinuierlicher
eine neue und spezifisch theologische Qualität. Gottes Reich ist Selbstbestätigung und überließ die Kritik einigen wenigen. Die
kein Synonym zur Kirche, wie es eine lange innerkatholische Tra­
dition nahe legt. Ebenso wenig bleibt Gottes Reich auf eine jen­
seitige »Zukunft- beschränkt. Nein, das »Reich der Himmel« be­
katholische Kirche konnte mit ihren w e ltw e ite n Struktu
Austausch solcher neuer Entwürfe eine b re ite Basis biete0" ^ ken _ neu befragen, differenzieren und formulieren lassen, wie sie
liches gilt für den Weltrat der Kirchen, d e r sich - anders" |Ahn' sich in ein neues weltweites Kommunikationsmodell einbringen
katholische Kirche - später a u c h p ro g ra m m a tis c h an neuen* * d'e und in ihm dynamisieren lassen. Wie kann der »nicht themati­
zipatorischen Konzepten orientierte. In der rö m isc h e n Zentral " '311 sierbare universale Horizont« des Heils (Schillebeeckx 1975) an­
ßen die vielfältigen Entwicklungen v o rw ie g e n d au f M isstrlu ^ ' gesichts seiner endlosen Vielfalt in Worte gebracht oder wenigs­
Die Befreiungstheologie wurde mit zwei b e le h re n d kritisch" tens in eine überzeugende Praxis umgesetzt werden? Es sind
Schreiben konfrontiert67. Eine Vielzahl einzelner T heologjn ^ Fragen, die von Rom in der Regel als Kritik und als Übertretung le­
und Theologen wurde inzwischen gewarnt, g em aß reg elt oderTuf gitimer Grenzen wahrgenommen werden, während das Gros der
dem internen Verwaltungswege marginalisiert68; an d e re wurden westlichen systematischen Theologie sich weiterhin wohl verhält
in unerträglicher Weise isoliert. Wieder andere fü h lte n u n d fühlen und offensichtlich die wahren Probleme übersieht.
sich noch heute täglichen Pressionen ausgesetzt, die sie auf Dauer
zermürben. Indessen ist der unausgesprochene und o ft schwer zu b) Zürn Dokument
Mit Kapitel V ändern sich Ton und Struktur der Argumentation.
thematisierende Einfluss dieser Theologien (der Einfluss der femi­
Zur Debatte stehen das Reich Gottes und das Reich Christi; es
nistischen Theologien eingeschlossen) unübersehbar u n d sozusa­
sind fürwahr spannende und in den vergangenen Jahren höchst
gen allgegenwärtig. Keine ernstzunehmende A bhan d lu n g über
intensiv besprochene Themen. Aber aus diesem reichen Schatz
Heil, über Christus oder die Kirche, kein Text ü b e r soziales Han­
wird kaum geschöpft. Jetzt präsentiert der Text keine normative
deln oder christliche Zukunftskonzepte sind mehr m öglich, ohne
und überreiche Quellenlage mehr, aus der er dann Folgerungen
dass die Frage nach dem Verhältnis von Theorie und Praxis nach
zieht. Der Höhepunkt der Argumentation scheint überschritten
der politischen Situierung oder nach der innerweltlichen Reali­
zu sein; die entscheidenden Inhalte sind dargelegt. Jetzt wird ein
sierbarkeit gestellt und besprochen wird. Wahrscheinlich h at sich
Thema auf Möglichkeiten und Gefahren hin umkreist, das wie
auf diesem Gebiet die fundamentalste Veränderung der vergange­ aufgezwungen wirkt. Diese Methode führt zu einer Enttäuschung
nen Jahre vollzogen.
eigener Art. Das Thema droht sich nämlich zu verflüchtigen, als
Sie wird noch schärfer vorangetrieben, seitdem die Prozesse gelange es nur vage in den Blick: »Von den biblischen Texten und
weltweiter Globalisierung ein ungeahntes Tempo angenommen den patristischen Zeugnissen wie auch von den Dokumenten des
haben. In jedem Fall hat diese Entwicklung dem theologischen Lehramts der Kirche kann man für die Ausdrücke Himmelreich,
Denken weltweit einen ungeheuren Schub verliehen. Es wäre in­ Reich Gottes und Reich Christi keine ganz eindeutigen Bedeu­
teressant und spannend, auf diesem Gebiet mit der Kommunika­ tungsinhalte ableiten, auch nicht von ihrer Beziehung zur Kirche,
tionszentrale einer Weltkirche in Kontakt zu treten, über wichtige die selbst Mysterium ist und nicht gänzlich mit einem mensch­
Entwicklungen informiert und auf weltweite Zusammenhänge lichen Begriff erfasst werden kann.« Das klingt zunächst wie eine
hingewiesen zu werden. Umso mehr erstaunt es, dass auch aut schwache Seminararbeit, denn die Präsentation einiger höchst
diesem Gebiet in Rom nur die eine und völlig undifferenzierte präziser Umschreibungen wäre durchaus möglich und wünschens­
Frage interessiert, ob nämlich bei den Neuentwürfen die Einzig­ wert. Sie nämlich wurden in den vergangenen Jahrzehnten ent­
keit und Universalität des christlichen Heils unbeschädigt erhal­ wickelt, und sie würden in den folgenden Abschnitten eine ge­
ten bleiben. Dabei müsste die Frage doch lauten, wie sich Einzig­ n a u e re Auseinandersetzung ermöglichen. Die leidenschaftlichen
artigkeit und Universalität angesichts der ganz neuen Situation - Diskussionen, die in den vergangenen Jahrzehnten zur Sache ge­
also in der Polarität von lokalem, globalem und universalem Den­ führt wurden und noch immer geführt werden, haben hier keiner­
lei Spur hinterlassen. Der Text erweist sich als eurozentnsch, denn
67 Betretung 1 und 2. er nimmt eine zentrale Frage armer und sozial ausgebeuteter Lan­
68 Bekannt wurde die Affäre Balassuria; über den Fall de Mello wurde oben berichtet. der nicht auf. Wieder einmal hat Rom eine Chance verpasst.

136 137
Zugegeben, dieser Interessem angel hat zunächst einen m Auftreten Jesu nicht das Reich begonnen? Und wie kann
ven Effekt: Keines der Kapitel ist so offen formuliert. Hier w h?'*' ian davor warnen, dass »Gott« zu schnell und zu unmittelbar ge-
Leser weder mit gestanzten Zitaten ü bersch üttet noch mit ^ " nnt wird? Der Grund ist deutlich: Der römische Glaubenshüter
dardisierten Lehram tspositionen konfrontiert. Zum ersten fürchtet, dass das Interesse von Christen und Theologen zu vor­
scheint das Dokument ein G espräch anzubieten, in dem .\ behaltlos bei der Welt landet; er fürchtet die Säkularisierung der
mente ausgetauscht, Unklarheiten eingestanden und neue Denk theologischen Gedanken und deshalb zu viel Selbstlosigkeit: »Sie
ansätze möglich werden. Die G rößen v o n Kirche und Reich, s o ' wollen das Bild einer Kirche entwerfen, die nicht an sich selbst
zu lesen, überschneiden sich; das »Reich Gottes« oder »Rei^ denkt, die vielm ehr ganz dam it befasst ist, Zeugnis vom Reich zu
Christi« hat - anders als die Kirche - eine universale, den be geben und ihm zu dienen. Sie ist eine »Kirche für die anderen., so
grenzten Raum der Kirche überschreitende Dimension: »Es sind sagt man, wie Christus der »Mensch für die anderen- i s t ... Neben
deswegen verschiedene theologische Erklärungen dieser Themen positiven Aspekten bieten diese Auffassungen oft negative Seiten.
zulässig« (Nr. 18, Abs. 2 ). Aber diese Offenheit führt zu einem gra­ Insbesondere übergehen sie die Person Christi mit Schweigen: das
vierenden Problem: Im Folgenden werden die Bedingungen für Reich, von dem sie sprechen, gründet sich auf eine »Theozentrik«,
einen rechten Gebrauch der Begriffe und dessen Eingrenzungen weil - wie sie sagen - Christus von jenen nicht verstanden wer­
nicht mehr von innen heraus entw ickelt, sondern von außen an den kann, die n ich t den christlichen Glauben haben, während
die Sache herangetragen. Das lässt erkennen, dass das Reich we­ verschiedene Völker, Kulturen und Religionen in einer einzigen
niger interessiert als die anderen Bezugspole, die immer präsent göttlichen W irklichkeit, wie im mer diese genannt werden mag,
sind: Christus und Kirche. Dieser Interessem angel ist erstaunlich, sich wiederfinden können« (Nr. 19, Abs. 2).
W iederum ist die Katze aus dem Sack. Im Grunde fürchtet sich
denn Reich und Befreiung, eine m essianische Zukunft und die
das G laubensam t v o r zwei zutiefst biblischen und messianischen
Versöhnung der Welt ist d o ch für die M ehrheit der auf der Welt
Begriffen. Es fürchtet sich vor deren weltlichem Gehalt; es über­
lebenden Christinnen und Christen von h öch ster Bedeutung. So
sieht, dass diese W eltorientierung der christlichen Botschaft eine
lässt die Offenheit des Diskurses unm ittelbar au ch die Absichten
unglaubliche W iderstandskraft verleiht. Doch besteht nicht die
des Dokuments erkennen. Auf dem Fuße folgt näm lich eine War­
Gefahr, dass Ratzinger in dieser Reaktion eine praktische und eine
nung, die sich aus der Gedankenführung zu nächst nicht ergibt:
prinzipielle Fragestellung miteinander vermischt? Man wird seine
»Keine dieser möglichen Erklärungen darf jedoch die innige Ver­
W arnungen verstehen, wenn Kirche und christliches Heilsver­
bundenheit zwischen Christus, dem Reich und der Kirche leug­
ständnis völlig von Jesus Christus abgekoppelt werden. Was aber
nen oder in irgendeiner Weise aushöhlen.«
kann er gegen die Auffassung stellen, die Kirche müsse sich selbst
So wird in Nr. 19 schließlich das Interesse des Dokuments wie­
vergessen? Er wird mit seinen Sorgen auf Verständnis stoßen,
der in einfacher Weise formuliert. Hier lautet die Zuspitzung al­
wenn der Christusimpuls im Weltgespräch schlicht keine Rolle
lerdings nicht in formalisierter Weise »Einzigkeit« und »Univer­
ntehr spielen sollte. Ist es aber legitim, eine »Theozentrik« mit Ver­
salität«. Vielmehr wird nun das institutionelle Interesse des
d acht zu belegen, die das Christentum aus seinen jüdischen Wur­
vorhergehenden Kapitels unm ittelbar aufgenom m en: Bei dieser
zeln übernom m en hat? In einer Zeit verschwindenden Gottes­
definitionsgemäß universalen Angelegenheit, die »G ottes Reich«
glaubens ist das eine seltsam paradoxe und kontraproduktive
genannt wird, dürfen Christus und Kirche n ich t vergessen werden W arnung. Rom hat Recht, wenn es darauf besteht, dass in christ­
oder aus dem Gesichtsfeld verschwinden. Auch jetzt wird Chaos licher Rede die Erinnerung an Leben, Tod und Auferstehung ge­
in der Reichsvielfalt verm utet; »Christus« und »Kirche« werden in genwärtig und wirksam bleiben. Kann es aber falsch sein vvenn
diesem Chaos zu gemeinsamen Attraktoren, und das ist erstaun­ ° und die We ein Gespräch be-
wir m it Nicht-Christen über Gott una uw r
lich. Denn das bedeutet, dass der Verfasser gegen Begriffe wie * . f'hrwhis sogleich ins Spiel zu bringen (Bellah;
»reichzentriert« oder »theozentrisch« Vorbehalte erhebt. Dagegen g nen, ohne Jesu „erade dadurch den Verständnisrah-
Kleger, Rüster, Withöft) und gerade aauu
ließen sich viele Fragen stellen: Hat gem äß den Evangelien mit
^ 139
men für seine wahre Bedeutung vorzubereiten? Der Glauben he Auseinandersetzung findet nicht mehr statt. E. Jüngel hat
fekt mag zu Recht die Frage aufwerfen: Wo bleibt und wie i,,)1’'3' f jjeses Ungleichgewicht hingewiesen und bemerkt, dass die
lieren wir in solch weltweiten Zusammenhängen unsere ei "!" (h e n n e n e u tisch immer fruchtbare) Lektüre von hinten nach vorn
christliche und kirchliche Identität? Er wird aber auch zugeb!" ein ganz anderes Bild ergibt. Jetzt müsse der Titel nicht mehr lau-
müssen, dass wir zu dieser Identität heute nur über Umwege fi? len: »Dominus lesus«, sondern »Domina Ecclesia«. Das ist treffend
den (Ricoeur). Vielleicht aber vergisst er vorschnell, dass die [de", beobachtet. Der Tenor des Kapitels lautet, vereinfachend gesagt:
titätsfrage nicht zum alles bestimmenden Fokus w erden dari Sagt zum Thema »Reich Gottes« alles, was ihr wollt, wenn es nur
wenn christliche Lebenspraxis nicht zum Narzissmus degenerie­ auf die Kirche bezogen bleibt. Eine solch sekundäre Behandlung
ren soll. tut dem Gewicht und dem elementaren Charakter der Thematik
Gerade wegen seines tastenden und noch unfertigen Charak des Reichs aber Unrecht.
ters lässt dieses Kapitel besser als die anderen die Sorgen und die 1. Das Dokument hat übersehen, dass die Polarität zwischen er­
Fragen erkennen, von denen das ganze Dokument bewegt ist. wähltem Volk und erhofftem Reich schon früh in den bibli­
Zum Schluss weist der Text noch den Vorwurf zurück, man habe schen Zeugnissen eine elementare Rolle spielt. Da ist einer­
bislang zu »ekklesiozentrisch« gedacht. Das unterstreicht nur die seits die Exoduserinnerung, die in der modernen Theologie
apologetische Grundstimmung, die sich durch all die Formulie­ intensiv aufgegriffen und durchdacht wurde. Gottes Ruf
rungen zieht. So bleibt am Ende des Kapitels ein fader Geschmack führt nicht einschichtig in eine immer neue Identität, die
übrig. Selbst hier meint das Lehramt, die Christo- und die F.kkle- wie eine wachsende Selbstbestätigung wirkt. Gottes Ruf er­
siozentrik mit erhobenem Zeigefinger anmahnen zu müssen. weist sich auch nicht nur als Ruf zur Bekehrung, der das
Dabei nehmen die allermeisten uns bekannten christlich theolo­ eigene Fehlverhalten mit den vorliegenden Erinnerungen
gischen Überlegungen doch Christus und Kirche zum Ausgangs­ konfrontiert. Nein, Gottes Ruf zwingt diejenigen, die ihm fol­
punkt. Allerdings kommen sie zur Entdeckung, dass das Christus­ gen, »hinaus«, nennen wir das Ziel »Wüste«, »Welt«, »Neues
geheimnis weltnaher ist als ein traditionell kirchenbezogenes Reich« oder »Gelobtes Land«. Es geht immer darum, dass
Denken vermutet. Hingegen haben Lehramt und »Tradition« für prinzipiell neue Orte und Situationen unser Denken und
diese junge Frage noch zu wenig Text- und Lehrsedimente gesam­ Handeln, unsere Konzeptionen und Identitäten verändern.
melt. So liegen die Standardantworten noch nicht parat, um die Das ist ein wichtiger Aspekt, der bei der Frage nach Univer­
Botschaft Jesu zu kanalisieren statt sie zu öffnen. Schade, dass Kir­ salität und Reich beachtet werden müsste (Häring 2001a). Es
che auch hier - etwas hilflos - als Zensorin statt als Hüterin des gibt keine objektiv vorgegebene Universalität, sondern es
Lebens auftritt. gibt Wege, deshalb Neuentdeckungen und das Bewusstsein
darum, dass wir - angesichts neuer Zukunft - immer in Ele­
c) Auf dem Weg in eine versöhnte Zukunft menten von Partikularität behaftet bleiben.
Wie schon gesagt, bietet dieses Kapitel wenig Argumentation, nur 2. Das Dokument vergisst, dass die Spannung zwischen erwähl­
einen formal-theologischen Hintergrund, nichts als den äußer­ tem Volk und der weit größeren Welt in den biblischen Tra­
lichen Hinweis auf Christus und Kirche. Es ist, als betrete das ditionen spätestens seit der nachbabylonischen Zeit wirksam
Hl. Offizium hier Neuland, nachdem es die Welt bislang als ein ist. Jahwe hat einerseits sein Volk erwählt, andererseits die
Welt geschaffen. Die ungeheure Geschichtsdramatik, die sich
ihm anvertrautes Gut betrachtet hat, das dereinst römisch zu mis­
sionieren ist. Auch zeigt, wie schon angedeutet, die Gedanken- plötzlich im Bewusstsein Israels abspielt, entspringt nicht
einfach - wie man oft sagt - einem auf die Zukunft ausge­
führung des gesamten Stückes hier einen Bruch. Eigentlich ist mit
richteten Zeitindex, den das Judentum plötzlich entwickelt
Kapitel IV die Dynamik der wachsenden Konzentration vollen­
hat und wodurch es sich von zirkularen Weltanschauungs­
det; Rom hat sich sozusagen als Mittelpunkt von Welt und Kirche
modellen unterschied. Dieser gerichtete Zeitindex hat seinen
präsentiert. Im Folgenden weitet sich wieder der Horizont; eigent-
140 ^ 2 -* ^
spezifischen Grund. Es ist die Frage, wie sich die g wir sie aus sich heraus ernst zu nehmen und zu akzeptieren
dieses Volkes - nach den Erfahrungen m it B a b y l o ^ '^ haben, einfach sch o n deshalb, weil auch Nichtchristen Kin
die große Weltgeschichte hinbewegt, welche RolieT auf der, Söhne und Töchter Gottes sind (Gal 3,28)?
der von Jahwe geschaffenen Welt hat. Solange die 4. Die (post-)moderne Neudefinition von Einheit und Verschie­
Vollendung, des offenbaren Gottesreichs, d e r Völkerwalif ^ denheit sowie der Abschied von einer monolithisch gedach­
nach Jerusalem noch nicht erreicht ist, ist näm lich die v^i" ten Rationalität hängen zutiefst mit den gegenwärtigen ge­
Wahrheit von Gottes Heilswille noch nicht an s Licht geko ^ schichtlichen und gesellschaftlichen Erfahrungen unseres
men. Aus diesem Grund können wir a u c h die später aufkom Kulturkreises zusammen: Das frühere Modell einer rational
mende Apokalyptik - so sehr man ü b e r d e re n inhaltliche Ge konstruierten und schlüssigen Einheit war kaum imstande,
das konkrete, von Gott geschaffene Leben in seiner wirk­
staltung streiten kann - aus dem G esam tk o n zep t eines
lichen Vielfalt zu begreifen. Deshalb hat es - im Denken und
biblischen Weltverständnisses nicht w eg d en k en . Die Wahr-
in der politischen Konzeption, in der Verwaltung und in der
heit der Welt ist trotz der Menschwerdung C hristi noch nicht
Zukunftsplanung - immer das nicht Planbare, das rational
enthüllt, auch können wir die umfassende Weltwahrheit
nicht Einsichtige, das Andere ausgegrenzt und für nicht-exis­
nicht einfach unserer eigenen »Wahrheit« o d er »Offenba­
tent erklärt, bisweilen sogar ausgemerzt. Es hat zu einer
rung« entnehmen. Die biblischen A ussagen über die Endgül­
emotional tiefreichenden Verachtung und Entwürdigung des
tigkeit christlicher Offenbarung stehen d a z u offensichtlich
Anderen geführt (Bauman 1989, 1991). Vor diesem Hinter­
nicht im Widerspruch, sonst hätten n e u te sta m e n tlic h e Zeug­
grund würde es dem Christentum zur Ehre gereichen, wenn
nisse selbst schon diese Vermittlung versucht. Vor diesem
es die stets weiterreichende Vielfalt und die Andersheit des­
Hintergrund ist die Polarität von Erinnerung u n d apokalyp­ sen, was nicht christlich (monotheistisch oder einfach reli­
tischer Erwartung gerade im Neuen Testament ein hervorra­ giös) geprägt ist, endlich mit aller Sympathie und mit aller
gendes Modell für eine Identität in Differenz, also auch für selbstkritischen Bescheidenheit als Gott-gegeben akzeptie­
die Polarität einer Offenbarung, die gegeben und doch noch
»verborgen« ist. Wir müssen es darauf ankommen lassen, ren würde.
5. In fundamentaltheologischer Hinsicht führt die Perspektive
dass das Reich (vorläufig noch?) von einer kirchenfernen Di­ des Reiches zur Polarität von Formalismus und inhaltlicher
mension geprägt ist. Betrachtung. Dieser abstrakte Gegensatz sei sofort konkreti­
3. Deshalb können wir ohne große theologische S c h w ie rig k e i­ siert: Bislang wurde formal auf das Verhältnis von »Kirche«
ten auch mit der offenkundigen Tatsache umgehen, dass das und »Reich« geachtet. Der Glaubenslehrer schreibt uns, wie
»Reich« nicht aus der christlichen Offenbarung und Heils­ wir sahen, vor: Keine der möglichen Erklärungen dürfe die
ökonomie abgeleitet werden kann und muss. Diese große »innige Verbundenheit zwischen Christus, dem Reich und
weltumspannende Heilsutopie, diese Hoffnung auf eine ge­ der Kirche leugnen oder in irgendeiner Weise aushöhlen«.
rechte und versöhnte Welt trägt sich aus sich selbst. Früher Eine solche rein formale Verhältnisbestimmung zwingt aus
wurden Theorien über die »geheimnisvolle« Verbindung von christlicher Sicht geradezu zu einer unnachgiebigen Position.
Kirche und Welt oder über die Unterscheidung von »ordent­ Natürlich wird ein Christ immer und überall versuchen,
lichem« und »außerordentlichem« Heilsweg entwickelt. Sie Sinn, Bedeutung, vielleicht die Notwendigkeit einer christ­
sind als Hilfskonstruktionen anzusehen, die das monolithi­ lichen Interpretation zu entdecken. Sobald wir konkrete, m-
haltlürhe sozusagen »weltliche« Fragen stellen, gewinnen wir
sche Einheitsmodell westlich theologischen Zuschnitts ret­ nattiiche, sozus g ■ a)s Beispiele: Respekt vor
ten sollten. Warum können wir nicht zugeben, dass es Güter
|edOCh “ " S S ' S —
MensCen, Ge„cM,gk,„,
des Leidens, Wahrhaf-
des Heils und der wahren Humanität, der moralische Ver­
bindlichkeit und der menschlichen Würde auch außerhalb
der Kirche gibt? Und wie lässt sich überhaupt leugnen, dass
, irn Gegensatz zur Manipulation öffentlicher Meinung
tigkeit lna » solche Fragen zunächst im Rahmen ihre, ung betrachten, dass christliche Theologie inzwischen auch in

sr« * — * -.
.nichtchristlichen« Ländern und Kulturen betrieben wird. Das
Naturhc „ouuiwi“« utät1' besprochen.
uesproenen. Wenn
Wenn es
es ehva um
um ri.-
.......ihrer
ehva den sind nämlich Länder und Kulturen, in denen die Differenz- und
v einer friedvollen Weltordnung geht, wird jeder ve,. Konfrontationserfahrung von Kirche und »Reich« (»Welt«) zur
ö r t l i c h e Politiker, ob Christ oder nicht, zunächst im täglichen Herausforderung gehört. Es sind Erfahrungen, die in
nahmen allgemein akzeptierter Grundsätze argumenheren. den westlichen Kulturen oft eingeebnet und verdeckt, die im rö­
n a ^ lb e gilt für die Frage der Gerechtigkeit, des Respekts vor mischen Zentrum systematisch abgedunkelt, wenn nicht gar ver­
änd ern und alten Menschen, einer wirklichen Partnerschaft drängt sind. Ein Kirchenführer, der sich als Oberhaupt einer Welt­
------------ --------------- vvlrKtichen Partnersch-
“ s c h » Mann
zwischen Mann und und F,au.
Frau. In In solchen -----------------
solchen Zusammenhänge • kirche und damit - beinahe - als das religiöse Zentrum der Welt
die Frage müßig, o b ich aus christlichen o d e r anderen Mo' fühlt, muss diese Differenz von Kirche und Welt als Bedrohung er­
tiven handle. Das gilt sogar für H an d lu n g sziele, die in der fahren. Dieses Problem, aber auch die epochale Chance einer
christlichen Tradition in besonderem M aß e vorgegeben sind Neuorientierung hätten im Dokument genannt werden müssen,
die Frage des Leidens oder der Feindesliebe. Es gibt z.B. kein denn unter Theologen und Kirchenführern sind sie schon seit lan­
christliches Privileg auf Leiden oder auf dessen Bewältigung gem bekannt. Dass Ratzinger sie in solch massiver Weise ver­
Es gibt aber die Anstrengung aller Menschen »guten Willens , drängt, spricht gegen die Angemessenheit des vorliegenden Do­
Leiden zu überwinden oder - im äußersten Fall - als vorge­ kuments.
gebenen Weg zu akzeptieren. Selbst in diesen Fällen werde
ich im öffentlichen Diskurs - zur Begründung m eines Han­
6. Kapitel VI: Die Kirche und die Religionen (Nr. 20-22)
delns, in politischen oder fachwissenschaftlichen Zusam­
menhängen - zunächst die allgemeine, die schlicht humane a) Zum theologischen Kontext
Rationalität meines Zieles betonen. Es liegt gerade eine Es gibt im Augenblick keinen Topos, der in der Weltkirche das In­
Stärke in der katholisch-theologischen Tradition, dass sie die teresse mehr auf sich zieht, als das interreligiöse Gespräch (Hick
Kraft der »natürlichen« Vernunft immer betont und als Stütze 1988, 1996; Knitter 1995); es setzt allerdings eine intensive
der Argumentation hat gelten lassen69. Dies gehört gerade Kenntnis der einzelnen Weltreligionen sowie umfassende theo­
zur - von Ratzinger leider kritisierten - »Selbstvergessenheit“ logische Theorien zu Religion und Dialog zu Universalität und
der monotheistischen Religionen, zumal des christlichen Welt, zu Hermeneutik und Kommunikation voraus. Für diese
Glaubens: Sie stimmen einer Weltordnung zu, die aus sich Hochkonjunktur gibt es mehrere Gründe, die einander ergänzen.
selbst wirken kann, die verständlich und begründbar ist. ln 1. Zunächst ist da die Tatsache einer Weltkirche, die mit ande­
inhaltlich konkreten Zusammenhängen wirken also der For­ ren Weltreligionen schon immer in intensivem (positivem
malismus und die Selbstbezüglichkeit - Psychologen würden oder negativem) Kontakt gewesen ist.
2. Das 2. Vatikanische Konzil hat ausdrücklich zu einem positi­
den Begriff des Narzissmus einführen - von Ratzingers Mo-
ven Verhältnis zu den anderen Religionen angehalten und
ell hinderlich und unangemessen. Es gehört zur Struktur
das Prinzip der Religionsfreiheit vorbehaltlos eingefordert.
es eiches geradezu definitionsgemäß, dass es auf religiöse
Dieser Schritt wurde damals als prinzipieller Durchbruch
Vor JiJt at' ° nen un^ Selbstbestätigungen nicht angewiesen ist-
taler mtergründen wird deutlich, von welch fundanien empfunden und gefeiert.
3. Allerdings hat sich die klassische Situation früherer Jahrhun­
übe das V e S 16 die theolo^ c h e n Neuentwürfe sind, die derte dramatisch verändert. Seit den sechziger ahren war die
n ach d ^ n ? , T KifChe Christlichem Hei.) und Welt neu Frage der Mission in die Krise gekommen. V.ele^ Theoretiker
nachdenken. Darum kann man es auch als eine gottgewollte Fü- — * hielten es nicht mehr für sinnvoll, »Mission«
-i— , , , h p , r p i h P n p j n a n_
69 Enzyklika PUncTmtlo vom U. sep,embtr 1998
gemeines Moratorium wurde angemahnt; Fragen der Akk sion, die allm äh lich dazu führt, andere Religionen ange-
turation und Inkulturation sollten erst gründlich besproth DiSssen einzuordnen, sie auf adäquate Weise mit der christlichen
und gelöst werden; denn es müsse ein geschwisterliches ^ '' iHiKion zu vergleichen und darin die relevanten theologischen
hältnis zu den anderen Religionen aufgebaut werden Elemente zu erheben. Dazu gehört schließlich (3) eine Öffnung
brunner, Pechmann). und Revision der eigenen christlichen theologischen Ausgangs­
4. Hinzu kamen und kommen noch immer die wachsende punkte, m it denen wir nicht-christliche Religionen bislang beur-
theologische Selbständigkeit und das wachsende Selbst!* teilt haben (Dean).
Ein solches Verhalten schließt noch keine Gleich- oder Über­
wusstsein der verschiedenen Kontinente, Länder und Kultu
ordnung anderer Religionen ein, wohl aber eine konkrete Distanz
ren. Die vielfältigen Projekte einer kontextuellen Theologie
zu den extrem globalen Kategorien, mit denen wir bislang über
berühren unmittelbar auch Interpretation und theologische
Beurteilung einheimischer Religionen (Ahrens). Religionen gesprochen haben, die uns in der Regel unbekannt
blieben. Die einzig wirksame Kategorie hieß »Heil«, zog also die
5. Schließlich haben die beschleunigten Globalisierungspro­
Frage nach sich: Haben auch andere Religionen Heilsbedeutung?
zesse die Frage nach den Religionen auch in die westlichen
Es zeichnet sich in vielen Projekten jetzt schon ab, dass diese
Länder getragen. Es gibt im Augenblick sozusagen einen
Frage kaum schematisch beantwortet werden kann (Schwandt,
Rückschlag der Fragestellungen. Je intensiver »fremde« Reli­
Toppic). Natürlich muss im konkreten interreligiösen Gespräch
gionen in Europa Fuß fassen, werden diese Fragen nicht nur
jeweils (4) die Frage nach der Bedeutung des christlichen Glau­
von Missiologen oder Theologen nicht-westlicher Länder be­
handelt. bens folgen. Dass im Rahmen dieser Fragestellungen vielfältige
Positionen in streitiger Weise entwickelt werden, versteht sich
6. Dabei hat die Theologie der Vereinigten Staaten längere Zeit
von selbst. Die »Inklusivisten« wenden sich gegen die »Exklusivis-
eine Vorreiterrolle übernommen. Andere Länder folgen in­
ten«; beide werden im Namen »pluralistischer« Konzepte kriti­
zwischen nach. Paradigmatisch für Deutschland kann neben
siert70. Gleichzeitig wird auch in diesen Diskussionen die Frage
anderen die umfassende Forschungsarbeit genannt werden,
gestellt: Führen solch globale Fragestellungen überhaupt weiter?
die in den vergangenen zwanzig Jahren von Hans Küng vor­
gelegt wurde. Ist es nicht viel wichtiger, konkrete Gesichtspunkte, Stärken und
Schwächen, Vor- und Nachteile verschiedener Religionen heraus­
Natürlich hat diese Arbeit zu vielfältigen Theorien und Lö­
zuarbeiten und aufeinander zu beziehen? Von selbst versteht sich
sungsvorschlägen geführt. Die Diskussionen laufen quer durch
auch, dass - zumal aus christlicher Perspektive - die Frage nach
Konfessionen und theologische Schulen. Globale Beurteilungen
der Bedeutung Jesu Christi im Christentum unbefangen mit der
sind kaum möglich. So gilt etwa Hans Küng für die einen als un­
B edeutung von »Heilsfiguren« in anderen Religionen verglichen
angemessen liberaler Theologe, der den anderen Religionen zu­
wird, etwa mit Mose, Mohammed oder Buddha.
viel theologisches Recht einräumt. Für die anderen aber gilt er als
Und schließlich ist unbestritten, dass jede der »großen* Weltre-
»lnklusivist«, dem es immer noch nicht gelungen sei, den Jordan
ligionen ihr eigenes und spezifisches Verhältnis zum Christentum
in Richtung anderer Religionen zu überschreiten. Dabei gibt es
kennt. Das gilt in erster Linie für das Judentum, das gilt in zwei­
einige Fragestellungen und Lösungsversuche, die sich aus der all­
ter Linie für den Islam, die beide - wie das Christentum - zu
gemeinen Situation der katholischen Kirche und des Christen­
den »prophetischen« Religionen gezählt werden. Das gilt auch für
tums geradezu aufdrängen. Dazu gehört (1) Neugier, d.h. ein vita­ den Buddhismus, dessen Qualität als »Religion« einer eigenen
les Interesse an Gestalt, Theorie und Praxis anderer Religionen. Es
B etrachtung bedarf, der dennoch (oder gerade deshalb) als d.e
geht überhaupt darum, sie angemessen kennen zu lernen. Nur so
kann die christliche Theologie mit der Faszination anderer Reü-
<""*lr'sten aBmählich angemessen umgehen. Dazu
ge r (2) Urteilsbildung, d.h. eine vorsichtige und vielschichtige
146
große H erausforderung des C hristentu m s betrachtet
entd eckt wurden in den vergangenen Jah rzeh n ten die „u !^ '
ströme« chinesischer Herkunft, m a n d en k e an den Ta0 i e'Sheits‘ Es (st aber die Frage, ob und in welchem Sinn Jesus Christus damit
Kung Fu Tse und an Lao Tse (K ü n g-C h in g). Dass solche an die „Notwendigkeit der Kirche« bekräftigt hat, wie Ratzinger sie
in das Reich der R eligionen für die ch ristlich e T h e o l o ^ u ^ 8* versteht und wie sie sich uns seit den Zeiten des Augustinus dar-
chernd sind, spricht für sich selbst. D ass sie hier und dort'u erei' bietet. , J s
Wie das vorhergehende ist auch Kapitel VI ein schlussfolgern­
hervorrufen, ist geradezu n atü rlich ; d abei reich t ein s o z u s ^
der Text, n ach d em in den Kapiteln II-IV das Nötige gesagt war.
ganz »normales« Selbstbew usstsein, u m gelassen und 0ffe^ 8en
Man bem üht sich nicht, über die Religionen auch nur eine
Gespräch, einen interreligiösen D ialog an zugeh en . Nach mein«
konkrete Inform ation zu geben. Sie sind, das ist deutlich, nicht
Kenntnis gibt es auch k ein e g lo b alen Bew egungen, die dem Chrh
das Them a des Hüters christlichen Glaubens. Immerhin herrscht
tentum in diesem Z u sam m enhang seine W ü rd e abstreiten wollen auch hier von Anfang an Klarheit über die Absicht. So sind zumin­
Nachteile und V erengungen der ch ristlich en Tradition werden dest diejenigen verstim m t, denen eine nichtchristliche Religion
sichtbar, und sie sind n ich t zu u nterschätzen . Niemand aber hat ans Herz gew achsen ist. Denn was im Folgenden auch zur Rettung
bislang bestritten, dass die ch ristlich e Religion im Konzert der Re- christlicher Superiorität gesagt werden mag, solche Schlüsse sind
ligionen eine spezifische u nd u nersetzbare Stellung einnimmt. unangemessen, w enn den Beurteilten nicht zuvor der notwendige
Deshalb sind interreligiöse D ialoge o ft w en iger dramatisch, aber Respekt bezeugt ist. Wer formal behauptet, dass er andere Religio­
auch weniger rom antisch, als d an ach m an ch erhabene Würdi­ nen »mit aufrichtiger Ehrfurcht betrachtet« (Nr. 20), präsentiert
gung unterstellt. An vielen O rten der W elt sind sie religiöser und ein Lippenbekenntnis, solange er dies nicht auch konkret tut. Nur
theologischer Alltag. Dass dabei die west- und südeuropäischen unter diesem Vorbehalt kann ich das Folgende noch lesen.
Länder nicht zu den Vorreitern gehören, haben wir selbstkritisch Gemäß klassischer katholischer Kirchenlehre wird der Gedanke
zur Kenntnis zu nehm en. von der universalen Heilsmittlerschaft Christi in das Postulat von
der Heilsnotwendigkeit der Kirche transformiert. Sie habe deshalb
b) Zum D okum ent »im Plan G ottes eine unumgängliche Beziehung zum Heil eines
Anders als in den vorhergehenden Kapiteln g e h t es in Kapitel V1 jeden M enschen«. J. Ratzinger gibt die offizielle katholische Lehre
(in Nr. 2 0 und 21) unm ittelbar zur Sache. Sofort wird eine ein­ korrekt wieder, aber verdächtig oft taucht jetzt das Wort »geheim­
schlägige Stelle aus der K irchenkonstitution zitiert: Es sei vor nisvoll« auf — als spüre er selbst die Aporien, mit denen eine sol­
allem fest zu glauben, dass die »pilgernde Kirche zum Heile not che Behauptung behaftet ist. Geheimnisvoll ist die Beziehung der
Kirche zu ihrem Retter, geheimnisvoll die Beziehung der nicht-
wendig ist. Der eine Christus ist M ittler und Weg zum Heil, der m
christlichen M enschen zu der Kirche. In diesem geheimnisvollen
seinem Leib, der Kirche, uns gegenwärtig wird; indem er aber
Sinn gilt im m er n o ch das Wort »außerhalb der Kirche kein Heil«,
selbst mit ausdrücklichen Worten die Notwendigkeit des Glau­
N ichtchristen befinden sich »objektiv« in einer »schwer defizi-
bens und der Taufe betont hat (vgl. M k 1 6 ,1 6 ; Jo h 3 ,5 ), hat er zu­
tären Situation«. Die Verbindung mit dem Heil der Kirche a er
gleich die Notwendigkeit der Kirche, in die die M enschen durc i
schenke G ott, wie das Konzil sagte, »auf Wegen, die er weiß« IJ.
die Taufe wie durch eine Türe eintreten, bekräftigt«71. Nun werden
Trotzdem ( d .h , trotz dieses
viele christliche Theologen den christologischen Teil des Zitats
wohl nicht bestreiten, aber gem äß seinen exegetischen Grundla diesen Darlegungen eine u" ub™ e ^Ziehung der Menschen
negative Grenze festgelegt. W k: s i c h ^ ^ nicht , ah
gen interpretieren. Natürlich ist für uns Christus M ittler und Weg
zur Kirche auch gestalten möge Religionen ... betrach­
zum Heil, und natürlich weisen die Evangelien auf die Taufe hin-
emen Heilsweg neben jenen in de wertvoue »Elemente« ern­
ten«. Dass auch die anderen Religi
71 tes,
II. Vat. KonzilUmtatis
7; Dekret Dogmatische KonstituUon
Redintegratio, 3. Lumen Gentium 14; vgl. Dekret Ad G e f halten, wird zugestanden. jt Differenzierung ein. Sie
Das Dokument führt noch eint
148 ^ 149
stammt ursprünglich aus der Sakramententheologie und
fort, wie sehr der Gedanke des Sakramentes im Mitteln So Ratzingers Schlagwort, das in Nr. 22 bemüht wird. Damit hat Rom
Überlegungen steht. Man könne diesen Gütern der anderen' ^ versucht, sich einen umfassenden Rahmen für seine eigene Orts­
gionen »nicht einen göttlichen Ursprung oder eine Heilswirk R*' bestimmung zu schaffen; es sei so. Dass der Herr der Sanktionen
keit ex opereoperato zuerkennen, die den christlichen Sakram damit zugleich ungezählte Theologinnen und Theologen belei­
eigen ist«. Verwiesen wird dabei auf einen Text des Konzils1" 1 digt und ihnen wohl alle christliche Gemeinschaft aufgekündigt
Trient, der bestimmt in einem ganz anderen Z usam m enhang? hat, das scheint nicht in sein Bewusstsein zu dringen. Ich gebe
schrieben wurde72. Der Satz m acht aber deutlich, was die « gerne zu, dass solcherart Beleidigung indirekt und sublim ist. Al­
mische Verlautbarung verhindern will: Teilnahme an den Rjte lerdings vermute ich gerade in diesem Spiel des Ungreifbaren eine
kalkulierte Strategie. Der kundige Rhetor ist ja so vage und allge­
anderer Gottesdienste sind gefährlich, also nicht erlaubt73. Di
mein, dass er das konkrete Denken kaum beeinflussen wird. Auch
grundlegende Verhältnisbestimmung zu den nicht-christlichei
geht er so wenig auf konkrete Fragen ein, dass keine Hilfe ange-
Religionen ist also nicht von moralischen Gesichtspunkten, in ers
boten wird. So bleibt der Verdacht, dass Rom schlicht und einfach
ter Linie auch nicht von Gesichtspunkten der Lehre geprägt
um einen Vorrang kämpft, der sich angesichts der konkreten Lage
Grundlage dieser Verhältnisbestimmung bildet wie bei der Meta
so undifferenziert und auf Dauer nicht halten lässt. Das Schicksal
pher von der Mittlerschaft Christi ein sakramentales Denken: Da
des wieder bemühten Wortes »außerhalb der Kirche kein Heil«,
Heil kommt, wie wir schon sahen, von der Kirche und ihren Sak
der gehäufte Verweis auf ein »Geheimnis« und die Tatsache, dass
ramenten. Damit ist für die Aussagen von Nr. 2 2 der G rund gelegt
zu keiner der Religionen auch nur ein konkretes Wort gesagt wird,
Die Kirche allein ist es, der das Heil Gottes gegeben ist. Deshalb is
das alles deutet auf eine Sprachlosigkeit hin, die Rom schnellstens
sie es, die anderen Menschen das Heil zu bringen hat. So gesehei
überwinden müsste. Es hat noch nicht begriffen, woher seine
gilt ihr Evangelisierungsauftrag auch heute noch ungeschmälert
autoritäre Sprachlosigkeit kommt. Es ist seine Unfähigkeit, mit
wie vor allem die päpstliche Enzyklika zur Mission ausführt74.
Theologinnen und Theologen geschwisterlich zu reden.
Wie ist dieses Kapitel zu beurteilen? Es ist Ausdruck einer gro
ßen Verunsicherung und der Sorge für Evangelisierung und Mis
c) Wege zum Dialog
sion, es ist aber auch Ausdruck der Sorge um die Vorrangstellunj Die Tatsache der Existenz und der Würde nichtchristlicher Reli­
der christlichen Botschaft und der Kirche gegenüber den anderer gionen ist in das theologische Bewusstsein des (offiziellen katho­
Religionen. Diese Sorge gründet in einem Überlegenheitspostula lischen) Christentums noch nicht eingedrungen (Häring 1995).
des Christentums gegenüber den anderen Religionen, das keiner Das hat historische Gründe. Die große Auseinandersetzung mit
lei Differenzierung zulässt und exegetisch kaum zu begründen ist dem Judentum stand am Anfang des Christentums und bildet ein
Darüber mag man sich mit dem obersten Glaubenshüter viel konstitutives Element dieser Geschichte. Polemische Abgrenzung
leicht verständigen. Unmöglich aber ist die Verständigung übe1 war angezeigt. Gleichzeitig gilt: Das Christentum hat das Juden-
einen anderen Aspekt: Dieses Kapitel ist zugleich Ausdruck eines him nie einfach abgelehnt, sondern differenzierte Antworten zu
tiefen Misstrauens gegenüber allen, die sich im Augenblick ü' dessen Bedeutung, historischer Sendung und (endzeitlicher) Zu­
kreativer Weise um eine neue Verhältnisbestimmung zu Welt und kunft entwickelt. Diese Antworten, die heute weithin akzeptiert
Religionen bemühen. »Jene Mentalität des Indifferentismus«, der s*nd, können auch als Modelle für unseren Umgang mit anderen
von einem »religiösen Relativismus« durchdrungen ist, das is' Religionen dienen. Ich behaupte nicht, dass die Schriften anderer
R eligionen dem »Alten« Testament gleichzustellen seien. F.s muss
aber gefragt werden, welche Analogien sich bei einem solchen
72 gemeinen” DH* ts o s '1" ' ' ^ d'e Sakramen,e' Kan- 8 uber die Sakramente im All- Vergleich zeigen. Spezifisch ist auch die Beziehung des Christen­
tums 7tlm isiam. Dieser wurde lange Zeit als Häresie erst seit dem
73 Ebd.
74 m " t ? s :2i « « ( ! ; i r 3 o l g3S4Paps,es herangezo8en; Enzykl,ka R e d t" " p • — 1„ Boiiffion wahrgenommen

1S1
150
(Kuschel). Während unter der Herrschaft des Islam imer n lokalen und globalen Herausforderungen stößt (Schreiter
Modelle des Zusammenlebens, der Begegnung u n d sogar T * '" * \Ts7 1997; Sed m ak). Wenn die Welt und die Menschen Geschöpf
Operation zwischen Christentum, Judentum und Islam cm ' K° rottes sind, dann können diese Fakten nicht ignoriert, ge-
den (man denke an das früh- und hochmittelalterliche S m '3'’ [hweige denn verachtet werden. Wenn Welt und Kulturen von
oder an Länder wie Syrien und Jordanien), haben sich in ’‘["len Gott geschaffen sind, dann müssen Religionen mit göttlicher
lieh dominierten Ländern Modelle der Konfrontation und d j^ i! Wahrheit zu tun haben, d.h. mit einem globalen und zugleich
lehnung entwickelt. Dies ist eine Linie, die sich von den Kren multikulturel)en Gott (Spencer).
gen bis zu den späteren europäischen AuseinandersetzungenT* Diese Beobachtungen führen m.E. zu einem Grundprinzip, das
dem Osmanischen Reich hinzieht. Dafür gibt es natürlich gesell' in der christlichen Theologie bislang nur implizit und unreflex
schafts- und machtpolitische Gründe, auch Gründe der Trägheit vollzogen, in Fällen der Verunsicherung aber explizit geleugnet
und des Versagens in der christlichen Theologie. Von wenigen wurde. Zwar finden christliche Theologie und christlicher Glaube
Ausnahmen abgesehen hat sich niemand die Mühe gemacht den normativen Kernpunkt ihrer Identität in der Auseinander­
theologische Modelle der Auseinandersetzung, der Begegnung setzung mit der biblischen Botschaft, aber das Material dieser
oder gar des Dialogs zu entwickeln75. N och grauer ist die Ge­ Auseinandersetzung sind die Wirklichkeit und Menschen, Inter­
schichte der Begegnung mit östlichen Religionen, deren Anhän pretationen und Werte, geschichtliche Ereignisse und die Heraus­
ger bis vor kurzer Zeit unter der Rubrik des »Heidentums« ab­ forderungen des täglichen Lebens. Christliche Theologie hat -
gewiesen wurden. Deshalb stoßen die neuen Versuche eines wie alle Versuche, die Wirklichkeit zu deuten und zu verstehen -
pluralistischen Religionsverständnisses (Jeanrond 1991a, Brück- auszugehen von der tatsächlichen Wirklichkeit. Das bedeutet zu­
Werbick) noch auf weites Misstrauen (Gäde), obwohl zu einem gleich: von der Pluralität dessen, das sich in dieser Welt anbietet.
neuen Verständnis schon viel inhaltliche und prinzipielle Vorar­ Man hat in diesem Zusammenhang von einer »induktiven« Theo­
beit von hohem Rang geleistet ist. logie gesprochen (Dupuis), der das Vorgehen von Dominus lesus
Das hatte für die Selbsteinschätzung des Christentums im Plan idealtypisch als »deduktive« Theologie gegenübergestellt werden
der Weltgeschichte unabsehbare und katastrophale Folgen. Das kann. Letztere geht von einem Prinzip aus und wendet dieses auf
Christentum ließ sich nie dazu herausfordern, sein Selbstbewusst­ ein unerwartetes Phänomen an. Ich sehe weiße Schwäne und
sein einer »absoluten« Religion zu differenzieren, wenigstens schließe daraus, dass alle Schwäne weiß sind - allerdings nur
global abzuklären oder in ein differenziertes Dialogprogramm bis zu dem Tag, an dem (in Australien oder anderswo) schwarze
Schwäne auftauchen. Man berichtet mir von einem Einhorn und
umzumünzen. Hier sei nur auf einen einzigen Gesichtspunkt ver­
ich interpretiere den Bericht als Märchen - bis zu dem Augen­
wiesen. Die Existenz von anderen Religionen ist unleugbar. Es gibt
blick, da ein wirkliches Einhorn auftaucht. Rom behandelt den
da Gottesglaube und Frömmigkeit, Liturgie und Ehrfurcht vor
theologischen Gehalt der Religionen im Grund von einem Vorur­
dem Seienden, Gebet und Meditation, Rückzug von der Welt und
teil her als nicht existent, wie sich nach B. Brecht jener einfluss­
Solidarität mit anderen, höchste moralische Ansprüche bis hin
reiche Kardinal weigerte, durch Galileis Fernrohr zu schauen.
zur Selbstverleugnung überbordende Ekstase bis hin zum berau­
Gewiss ist ein induktives Vorgehen nur der Beginn eines sol­
schenden Fest. Diese unleugbare Existenz von Religionen zeigt
chen Verfahrens, aber es ist unabdingbar. Natürlich führt es zu
eine grundlegende und irreduzible Pluralität in der Art, wie sich
Operationen, wie sie täglich in der theologischen und religions­
uns Gott und das Göttliche zeigen. Hinzu kommt, dass das Chris­
wissenschaftlichen Arbeit vollzogen werden: Bestände werden
tentum auch innerhalb der eigenen Grenzen auf die Paradoxien
erhoben und analysiert, verglichen und beurteilt, von humanitä­
ren, philosophischen, theologischen oder anderen Gesichtspunk­
75 zw\“ »P! ^ SOlä t ^ Uhc v nn das Werk dtenen' das sich H Kün* lrn Uufe von ten aus verarbeitet und in umfassendere Konzepte eingebracht.
^ t h e h Ä n R e t o o ^ V" ° ßenUlch“"S‘m zu den östlichen und zu den mo- Erst auf der Basis solcher Vor-Arbeit kann die Frage nach einer
233- 315)-
lese Vorarbeit nicht möglich D“ er,olgreich
gewesen.
153
christlichen Verortung oder Beurteilung gestellt werden B
solchen Arbeit müssen sich auch die Inhalte christliche ^ e‘nt; . ht zugelassen hat. Ratzinger repräsentiert und dokumentiert
bens und christlicher Theologie bewähren. Nach allge,,,’" C’lau 11 vorliegenden Dokument deshalb das Scheitern einer überheb-
fahrung braucht sich die christliche Botschaft im r e li g i o j,^ Er eil Theologietradition. Dass er das Problem nicht durch­
gespräch nicht zu verbergen. Gerade deshalb kann sie sichd' schaut, ist nicht sein Triumph, sondern seine Tragik.
Auseinandersetzung stellen. Das von Ratzinger v o rg esch ^ ^ '
Verfahren verrät dagegen Angst, M issachtung und nicht
7 Schluss (N r. 23): Von P aulus zu Johannes Paul II.
ringste Affinität mit der ungeheuren Vielfalt, in der sich die Erffw"
rung Gottes und des Göttlichen in den Kulturen der Welt nie \ ' »Die Wahrheit, die Christus ist, erscheint nötig als universale Au­
geschlagen hat und immer noch niederschlägt76. torität.« In diesem Zitat Johannes Pauls 11. lässt sich die Verlaut­
Wiederholt habe ich darauf verwiesen, dass die Neudefinition barung zusam m enfassen. Das Dokument verweist auf Paulus, der
von Einzigkeit und Universalität nicht nur - und nicht einmal m geschrieben h at: »Denn vor allem habe ich euch überliefert, was
erster Linie - ein theologisches Problem ist. Es ist viel umfassen­ auch ich em pfangen habe« (1 Kor 15,3). Dieses Zitat ist im vorge­
der, ein philosophisches Problem unserer Kultur (Kreutzer). Die gebenen Z usam m enhang verräterisch, denn Paulus leitete mit
Geschichte der Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts, ver ihm zum Auferstehungsbericht über, dies ist eine der christlichen
bunden mit der Geschichte westlicher Weltbeherrschung in den identitätsstiftenden Erinnerungen, die bis heute ihre Kraft erhal­
vorhergehenden Jahrhunderten sowie m it unserer gängigen Supe- ten haben. Im Zusam m enhang neuer Situationen, im Blick auf
rioritätskultur gegenüber anderen Völkern, ferner der Elitismus den großen sich anbahnenden Inkulturationsprozess seiner Zeit
innerhalb Europas selbst, in dem Konfessionen und Weltanschau­ hat Paulus ganz andere Töne angeschlagen. Paulus setzte sich
ungen, Völker und Volksgruppen einander bekriegten, schließlich trotz schwerster jüdisch-theologischer Gegenargumente durch.
die Differenz der Geschlechter; dies alles hat zur Erkenntnis ge­ Er hat überlieferte Grenzen durchbrochen. Er nahm gemäß Gal 2
führt, dass es keine gelebte Einheit ohne Unterschiede, keine den Konflikt m it Petrus auf und hat versucht, die Sache der Frei­
wirksame Identität ohne Fremdheit, keine Universalität ohne Plu­ heit neu zur Sprache zu bringen. Es sind gerade diese Kreativität
ralismus gibt. Das haben auch Rom und die Theologie zu lernen. und dieser vorw ärtsgew andte Blick, die dem Dokument völlig
Angesichts der anderen Religionen führt die christliche Tradition, fehlen. So hat es auch kein Recht, sich in konservativer Absicht
wie Ratzinger sie darstellt, zu unerträglichen theologischen Proble­ auf Paulus zu berufen. Ohne jede inhaltliche Differenzierung und
men - nicht deshalb, weil es außerhalb des Christentums keine ohne jede Klärung zur Tragweite dieser Aussage spricht das
legitime Religion gibt, sondern weil die christliche Theologie die Schlussstück von der »einzig wahren Religion«. Diese globale Sen­
Existenz anderer Religionen in ihrem Diskurs bislang überhaupt tenz mag vor fünfunddreißig Jahren noch möglich gewesen sein
und sie m ag als Ausdruck der persönlichen Glaubenssituation
heute n och ihr Recht behalten. Als Leitstern eines theologischen
76 Hier Ist schon Gesagtes mit großem Nachdruck zu wiederholen: Auf der ganzen
Welt gibt es inzwischen eine große Fülle von Neuinterpretationen, Konzepten, Dia­
Diskurses, gar einer gesamtkirchlichen Position hat sie im Au­
logmodellen und Angeboten zur Verhältnisbestimmung von christlichem Glauben genblick jede Überzeugungskraft verloren. Damit ist das gültige
und anderen Religionen, Kulturen und Weltanschauungen. H öchst fruchtbare Dis­ Bekenntnis (»Ich erkenne im Glauben an Jesus Christus die um­
kussionen sind in vollem Gang. Afrikanische, asiatische, lateinamerikanische Theo-
oginnen und Theologen werden in Europa ausgebildet, aber was noch wichtiger fassende W ahrheit meines Lebens«) nicht geleugnet. Aber theolo­
doi^wrminhM europäische Theologinnen und Theologen nehmen inzwischen m gische Reflexion hat zumal in Zeiten tief greifenden Umbruchs
tgernXer'm sni", H emen Inspirationen auf. Diese reichen Prozesse mehr zu leisten. Sie hat Erfahrungen und Gegenerfahrungen aller
fmoriert und r rden vom Dokument sozusagen vom Tisch gefeg'-
X n oder nicht“ n«r!iITP eS Dominanzmodell reduziert: Sind wir die wahre Relt- Christen ernst zu nehmen und angemessen zu verarbeiten, ohne
Weltkirche eeschieht 6 H UvnSCh*ICht Und einfach; Missachtung dessen, was in de Einzelne oder eine ganze Gruppe zu diffamieren.
« m e F m c h t ? Ä L S 1l , Mls“ chtun8 des Geistes, der seit Jahrzehnten schon
Was also ist das Ziel des Dokuments? Erste Adressatin ist zwei­
i X Ä nurÄuntahig, sondern
H
dass auch
Ron' offenbar zu ei"
nicht gewillt ist.em simplen felsohne die katholische Theologie. Konkret angesprochen sind
154I
also Theologinnen und Theologen, die dieses Fach im R
katholischer Institutionen (Universitäten, Fakultäten, Hoch ^
len und sonstiger katholischer Bildungsträger) betreiben
Verhältnis zwischen Lehramt und Theologie braucht hier ■
dargestellt zu werden. Unbestreitbar ist: Kirchenleitungen m lf’
sondere römische Instanzen verstehen sich seit der Mitte V "
neunzehnten Jahrhunderts in undifferenzierter Weise als k ^
trollinstanzen der Theologie. So haben sie sich in eine
unselige
Geschichte des Misstrauens und der Demütigungen, zensurieren
der und unterwerfender Maßnahmen verstrickt. Von einer ge
schwisterlichen Kommunikation, von einem Austausch der Argu.
mente, von vertrauensvollen Gesprächen kann auch in den
vergangenen zwei Jahrzehnten nicht die Rede sein. Theologinnen
und Theologen haben das Nachsehen, falls sie sich nicht an be­
stimmte auferlegte Rahmenbedingungen halten, die ihrerseits
von Rom festgelegt sind. Das sachliche Hauptproblem liegt in der
Tatsache, dass die verschiedenen Rollen von Lehramt und Theo­
logie aus theologischer Perspektive in der Neuzeit nie geklärt wur­
den und auch gegenwärtig nicht geklärt sind. Die römischen Äu­
ßerungen in dieser Sache sind in der Theologie nicht akzeptiert
und wohl auch nicht akzeptabel, weil nur die Kategorien von
Gehorsam, Ein- und Unterordnung gelten77. Es ist dem Lehramt
auch unter Ratzingers Ägide nicht gelungen, seine spezifische,
von der Theologie unterschiedene Funktion zu definieren oder in
einer kirchengemäßen Praxis zu entwickeln.
Ein typischer Fall dieses ungeklärten Verhältnisses ist das
vorliegende Dokument. Auf seine Weise treibt das Dokument
nämlich selbst Theologie, genauerhin: es repetiert theologische
Konzepte und Aussagen der Konzilszeit oder vorhergegangener
Zeiten, der Alten Kirche oder des zweiten Jahrhunderts. Es deutet
diese Konzepte und Aussagen - ohne weitere Begründung - 711
lehramtlichen Aussagen um, die für die Kirche verbindlich und
für den Glauben unabdingbar sind. Damit handelt das Lehramt
(das ja durchaus an der Spitze kirchlichen Weltverstehens stehen

BekemunIsforme? h " fide,n vom 18' Mai 1998 bezieht sich auf die neue
am 1 3 19 99 ] '' 2 " “ Beeldun8 von Theologen verlangt wird und die ihrerseits
erfahren 2 » à n ^ , 7 , T * ’ A,S unerh0rt '™rde zudem die Tatsach
einen Zusatz erhielt 1 n,?CS krcdllchen Gesetzbuches durch Verwaltungsakt M
Tex« erklärt der m
erklärt, der E d ie iÄ I SiCh zu den «hobenen Protesten mit einem
m.E. die gestellten Fragen nicht beantwortet (Ratzinger 1999).
überholte und zudem versteinerte Theologie,
könnte) wie el^ ’ Ueist ermutigen müsste, produziert es den im-
Während es zu ßuchstaben wie gefährlich ein solches Verfah-
mer neu zitiert ins Unrecht gesetzt wurde, dafür
ren iS«- wie ott Be.spiele Auch Ratzinger wird heute nicht
gibt es ungezd ^ Höl,e brenne ein physisches Feuer, auch
mehr behaup e ' Uche Beispiele herauszugreifen) den Exege-
er würde (um / 1842 - 1914 ) nicht mehr disziplinieren, weil
ten F. Humme au ^ dje nach jhm benannten fünf Bü-
er bezweifelte, d a ^ ^ H Newman (1801_ i 890) nicht
eher schrie , Weise umspringen oder E. Buonaiuti
mehr auf di esie verciächtigen, auch er würde G. Galilei
(1881-1946) d « ^ R de Lubac (1896_ 1991) und Y. Con-
nichtmehrge geht Lehrstühle entheben, vom
gaf (’ r S h ard de Chardins (1881-1955) keine Manu-
Schreibtisch Teilha und ihn nicht mehr „ach China
skripte mehr entwenden Rahner

tionen funktioniert ungebrochen. Es , Erfahrung wird die


timodernismus neu begonnen. Nach aller Er“ 8 ^ Er-
jeweils gegenwärtige Theologie mit nme ^ ^ hohen Herrn
kenntnisständen konfrontiert; es g , eingeprägt haben,
jeweils in ihrer Studienzeit in Herz u zwei Generatio-
Deshalb betagt d e , , ' S S S Ä o laubenden « « « • » » .
nen. Dieser wird auf dem Rucken (Wiederkehr). Im
obwohl ihnen eine steuernde Aufgabe zukommt (Wiede^ J ^
Augenblick sind es die vierziger un en wjl) _ eine theologi-
als kirchlichen Kleinglauben aufo Y , und den Platonis-
sche Epoche, in der man zudem ie erneUernden Impuls
mus der Alten Kirche neu entdec Kirche immer neu als
rezipiert hatte. So geriert sich die o iz Garantin eines hoff-
die Hüterin überholter Überzeugungen, zur G
nungslosen Konservatismus. . Missstände liegt in der
Der Grund für diese unaussprec de faktisch nicht antritt,
Tatsache, dass die oberste Glau m die Jahrhunderte überdau-
um das Glaubensbekenntnis ° en- sie stimuliert nicht de-
ernde »christliche Lehre« zu nicht dafür, dass den theo-
ren im m er neue Auslegung und s o g ^
• r.pn Freiräume
logischen D ® u».o offen gehalten
M obc,:n , werden, ivn>
tm.:1 Eine grundsätzliche Bemerkung möge diese
Institution haV„'suit.ehotde entwickelt. Men ist zud™ v„„ schließen. Das Thema des Dokuments lautet- Fin p ngen ab‘
nachsichtigen Zensu en dle Theolog,e lö se den G l,* , versalität. Implizit geht es dabei um die Identité Und Uni-
Glaubens. Das ist ein gefährliches Therrn h, ° eS christJ'chen
pathologische"
P
A ns* „ rtiP die
f führe in die 1Irre, vergesse
aut,
Prinzipien chnsthch.- -
die Prinzipien c h r i s t f ^ 131^ ^
ibens. L"»3 *»* — ~
Glauben^' - psvchologie
, n kann. - * * * . und
Psychologie undAnthropologie,
und Anthropologie, Hermeneutik
Anthropologie, Hermeneutik und* Li-
und £Li­
e" S' I.re i ° zu sa8en ,e c h ristlich e Id entität .i ) <ri ljtn den
teraturwissenschaft,
W is s e n s c h a ft, wwahrscheinlich
ahrscheinlich auch
auch andere
andere Wissenschaften
Wissenschaften
sehen) Kirche. Frauen u nd Frau en fragen (etw a " ra,U uns,
sa„en „ dass
dass die
die Identität
Identität eines Menschen, eine,
eines Menschen, einer Gemeinschaft
Gemeinschaft
----------------------- -------- ^ciw a deren Ordinal
sind zu
sind zu an
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en g eewm-Hon
ew o rd en , au f die manrdinati™.
„e ° n) sagen u ' . kulturellen
oder einer ----- u*>n Pr«rhpinunv
Erscheinung zwar
zwar benannt,
benannt, aber
aber nip
nie rlirpkt
direkt
p anisch reagiert. Die A ngst v o r der »Welt« h at römische K r e i ^ und unm ittelbar dargestellt und beschrieben, gar hergestellt und
den Zeiten des A n tim o d ern ism u s n ic h t m eh r verlassen Vo* a*'* konstruiert w erden kann. Identität entsteht immer in und aus
sem H intergrund wird laufend k o n tro llie rt und vorgebeugt Beziehungen, ist deshalb im m er dynamischen Veränderungen
den abstrahierende u n d d a m it u n g e sch ich tlich e Schlüsse '^ o unterworfen und geht Um wege, solange Identität überhaupt lebt.
gen, überzieht m an gegen w ärtiges, v o n Lokalität, Globalisier™ Sie bildet sozusagen im m er nur den Schlussstein einer Fülle von
und U niversalität gep rägtes D enken m it den überholten Katego­ vielfältigsten Beziehungen, Erfahrungen und Erwartungen. Men­
rien eines neuzeitlichen Im p erialism u s. Die Entdeckung, dass schen, die (wie wir sagen) »bei sich selbst« oder »sie selbst«, also
Vielfalt und Einheit ein an d er b ed in g en , w ird m it dem Hinweis auf mit sich »identisch« sind, sind in der Regel bei anderem und ande­
eine m on olith isch e U n iv ersalität ign oriert. Das vorliegende Do­ ren und gerade deshalb bei sich selbst78. Eine Kultur, die in geleb­
ter Weise »bei sich« ist, ist im m er bei anderem. Sie lebt in einem
kum ent belegt diesen M issstand n a ch d rü ck lich . Es entlarvt eher
Prozess kontinuierlicher, selbstverständlicher, unbewusster Selbst­
röm isches Denken, als dass es die A useinandersetzungen und An­
organisation, die nie zu m Ende kom m t. Das dynamisch labile und
strengungen einer w eltw eit ag ieren d en T h eo lo g ie begreift.
doch ch ao tisch stabilisierte, das immer verletzliche und deshalb
Aus diesen Gründen ist D om inus Iesus jegliche Autorität abzu­
fruchtbare G leichgew icht des ständigen Stoffwechsels macht das
sprechen, weil die gen an n ten P ro b lem e n ich t geklärt sind. Die Be­
Leben aus. Sobald Verunsicherungen auftreten, diese Identität also
hörde des institutionalisierten M isstrau ens h at sich endlich ein­
ins W anken k om m t, werden Prozesse beschleunigt (z.B. im Fieber)
m al selbst der th eologisch en D iskussion zu stellen, weil sie viele
oder plötzlich verlangsam t, im schlimmsten Fall erstarren sie für
Theologinnen und T heologen d er k ath o lisch en Kirche im Grunde
immer (ein Organ oder ein Körperteil stirbt ab). Sobald sich solche
verach tet und ihnen keine Fähigkeit zu W ah rh eit zutraut. Deshalb
Gefährdungen ankündigen, wird die Frage nach der eigenen Iden­
sind einvernehm liche A bsprachen zu treffen. M an vergesse in
tität ausdrücklich gestellt. Wir reden auch in der Theologie genau
Rom nicht: ihre kirchliche Q u alität b ra u ch t sich katholische dann über Kontinuität und Tradition, wenn Kontinuität und Tra­
Theologie n ich t aus Rom zu sprech en zu lassen. Für ihre Kirchlich dition gefährdet sind. Man diskutiert dann über »Leit-Kultur« oder
keit sorgt die Theologie sch o n selbst u n d für die Regelung von mft n ach der endgültigen Wahrheit oder einem klaren Wort, man
Krisenfällen kennt sie hinreichend K onkurrenzbestände, eine fordert dann neue Werte und besinnt sich darauf, dass wir in einer
breite Vielfalt der M einungen, genügend In strum entarien der kri christlichen Kultur leben, wenn sich neue Orientierungen anbah­
tischen Diskussion und genügend G lauben an Jesu s Christus und nen. G enau das ist das Problem der römischen Wahrheitsideolo­
sein Heil in der Welt. »Keiner wird m eh r d en an d ern belehren, gie. Sie b eun m h igt sich über Kreativität und selbstverständliches
m an wird nicht zueinander sagen: Erk enn et d en H errn!, sondern Leben. G em äß einem Rationalitätsideal des neunzehnten Ja r-
sie alle, klein und groß, werden m ich erkennen« (Jer 31 ,3 4 ). D'eS
ist kein W ort unkirchlicher Aufmüpfigkeit, so n d ern Ausdruck des
Glaubens, der das Innerste der Herzen a u ch v o n Theologinnen 78 Ricoeur nennt das die .Ipse-IdenHUt. em « ^ Vertndemngen
sehe, im Geburtsregister festgelegte .Idem-Idennt
und Theologen durchdringt. W er dies n ich t respektiert, verletzt fl-fakprt.
eine der zentralen Regeln kirchlicher G eschw isterschaft.

158
hunderts sucht sie die klare und schließlich die tot
Damit bewirkt sie genau das, was sie zu b e k ä m p f e ,^ , 1>refin‘«0n Wt1 nicht zum — ------------------------------ 6tllu .
lieh die Erstarrung des G laubens in einer Haltung, die nam 1 Aber die Affinität zur Identitätsfrage hat noch einen anderen
ben im Grunde nicht m ehr nötig hat. u'Sen Glail re'und- sie liegt, p arad o x formuliert, am Geburtsfehler des Chris-
Nun hat der ch ristliche G lau be seine Identität immer b tunls selbst. Es gibt wohl keine andere Weltreligion, die so sehr
stark profiliert, da er sich au f eine historisch eindeutige nd so intensiv au f ihre M utterreligion angewiesen, mit ihr ver­
bunden und in ihrer Identität von ihr so abhängig blieb. Zugleich
ziehen kann. Das ist aber eine Täuschung. Der c h ris tlic h e r,” be
ibt es wohl keine an dere Religion, die in kürzester Zeit, in einem
ist gegenüber der Identitätsfrage besond ers verletzlich D’laube
so schnellen, d y n am isch en und schmerzhaften Prozess aus einer
liehen Religionen und das Ju d entu m h aben dem Christentu' ° M
anderen Religion hervorgegangen ist. In keiner anderen Religion
genüber einen ungeheuren Vorteil: Sie sind sozusagen aus u " ^
ging es - soweit wir die Quellen kennen - so polemisch und so
denklichen Quellen entstanden. Die Wasser, die da fließen ' ' 0'
hart zu. G en etisch gesehen ist das Christentum eine jüdische
immer schon vermengt und vielfältig, also nicht eindeutig ide,'"'
Sekte. Sie h atte kaum Zeit, eine eigene Sprache zu entwickeln. So
fizierbar; das schafft eine große Flexibilität. Natürlich ist a ”cl hat man die alten G üter enteignet. Der Bund wurde zum Neuen
diese Behauptung relativ, d enn das Ju d en tu m kennt andererseitl Bund, Adam zum N euen Adam, Jerusalem zum Neuen Jerusalem,
Umbrüche, die relativ eindeutig identifizierbar sin d , etw a der Mose zum N euen M ose (»Ich aber sage euch «). Relativ phanta­
Übergang zum nachexilischen Ju d entum . D ennoch w ird ein Jude sielos, könnten wir sagen, aber auch eindeutig und klar: Die erste
wenn ich ihn nach den Ursprüngen seiner Identität frage, viele Identitätsfindung des C hristentum s fand in einem höchst zwie­
verschiedenartige Antworten geben, und in jedem Fall hat er viel spältigen und p o lem ischen Zusam m enhang statt.
sehr viel Sinn für die Vielfalt von Interpretationen. Ein Schriftw ort Diese Polem ik und diese Eindeutigkeit, daraus folgend auch
etwa, das nicht zu neunundneunzig Interpretationen fü h rt, ist of­ dieser Zwang, über sich selbst zu reden, schlägt sich in jeder Zeile
fensichtlich kein göttlich fruchtbares Wort. des Neuen Testam ents nieder. Das m acht ja dessen konzentrierte
Warum denken wir Christen anders? Warum ist bei uns die Schlagkraft aus. H. Küng versuchte 1978 noch zu zeigen, dass das
rational verfügbare Eindeutigkeit der Interpretationen Trumpf? Gottesbild des C hristentum s klarer als das Gottesbild von Philo­
Warum wollten wir schon seit dem vierten Jahrhundert unsere sophie und anderen Religionen sei (Küng 1978, 6 4 8 -6 9 0 ). Die da­
Schriftinterpretationen fein säuberlich nach einer »somatischen« maligen T hesen h at er später so nicht mehr aufrecht erhalten. An
und einer »pneumatischen«, später nach einer historischen, einer einem Punkt w ar seine Intuition aber richtig: Das Christentum hat
geistlichen, einer m oralischen und einer anagogischen Interpre­ sich v o n Anfang an sehr intensiv m it Eindeutigkeit und Abgren­
tation unterscheiden? Das hat m ehrere Gründe. Einer, der nicht zung beschäftigen müssen, denn diese waren von innen her be­
zu unterschätzen ist und von dem schon die Rede war, lautet: droht. M an k onn te das Problem nur schwer in den Griff bekom­
Hellenisierung. Die Identitätsfrage bekam in dem Augenblick ei­ men. Ihre Eindeutigkeit beziehen Neues Testament und frühe
nen Schub, in dem sich eine tiefgreifende Identitätsverschiebung Kirche aus der Tatsache, dass sie sich polemisch auf die Frage der
anbahnte, ln seinem groß angelegten Projekt zur religiösen Situa­ Identität konzentrieren und damit ihren Horizont auch verengen.
tion der Zeit hat H. Küng damit begonnen, die großen Weltreligio­ »Jesus« ist ja n ich t nur - und nicht in erster Linie - der faszinie­
nen nach der Kategorie des Paradigmenwechsels zu rekonstruie­ rende und überdies fromme »Naturbursche« (Lüdemann) oder
ren, indem er zwischen den Kategorien Ursprung, Zentrum und ch arism atisch e Bauer (Crossan), von dem sich eine Bewegung ab­
leitet. An sich m ag das nicht falsch sein, aber in den Schritten des
späteren Paradigmen unterscheidet (Küng 1991, 1994 und weitere
Neuen Testam ents steht Jesus von Nazaret natürlich als höchst
Arbeiten). Dieses Analysemodell bewährt sich bei der Suche nach
p olem ischer Topos, den man gegen Mose und gegen ein vereng­
den spezifischen Faktoren, von denen die - prinzipielle oder epo­
tes Tora-Verständnis, gegen die Synagoge stellen konnte. Man hat
chale - Form einer Religion bestim m t ist. Es hilft auch zur Erfas­
ihn getötet, und so wurde er zum Stein des Anstoßes. Wie aber
sung derjenigen Elemente, die - entgegen dem ersten Anschein -
160
kann man sich auf eine Tradition berufen, die den G r
eigenen Bewegung aus schriftgem äßen Gründen getötet1^ ' d(ir er den Juden Jesus definieren konnte. Es gilt schließlich auch
raus resultiert das Problem, dass die norm ativen Sch ' t?Da' ) die Zukunft dieser Glaubensgemeinschaft. Ihre Identität wird
Christentums (»Neues Testament« genannt) in hohem des ■ch um so vitaler gestalten können, je konsequenter sie sich von
der Identitätsfrage umgetrieben sind. So kom m t es nicht V° n M Nabelschau abstrakter Reflexion befreit.
gefähr, dass das Johannesevangelium später eine so z e n tr a l Un' d<Das Hauptproblem von Dominus lesus besteht darin, dass es al-
lung erhält. Es treibt die Identitätsfrage im Rahmen der id e m -61' les und jedes (jede Erinnerung an die eigene Vergangenheit, jede
suche auf die Spitze. Ratzinger kann sich darauf berufen. Ua,S‘ Erfahrung mit anderen Kirchen, mit der Welt und mit anderen Re­
Allerdings kennt diese Geschichte n och eine a n d e re Seite- T g io n en ), dass es sogar die Frage nach der Zukunft der Mensch­
intensiver Identitätsproblematik ließ sich d a s Christentum v °U heit unter die abstrakte Identitätsfrage des Christentums zwingt.
Gesetz der Sektenbildung nicht überrollen. U n b e irrt h a t man d™ Es ist, als dürfe sich ein Christ etwa nicht mehr für den Buddhis­
gesamte Corpus der Jüdischen Bibel e tw a in d e m Umfang mTt mus interessieren, ohne die Frage nach der eigenen Einzigartig­
übernommen, in dem sie auch für das J u d e n tu m kanonische Bo keit zu stellen, als dürfe er nicht den Koran bewundern, ohne auf
deutung erhielt. Damit ist es dem Christentum d a n n d o c h gelun­ die Inspiration der Bibel angesprochen zu werden. Der Diskurs
gen, sich von der Verkrampfung durch d ie Id e n titä tsfra g e zu lösen wird von Anfang an so eingerichtet, dass ihn die eigene Identitäts­
Das war weise und für das Überleben w o h l a u c h notw endig. Man frage von Grund auf bestim m t - eine Frage, die angesichts der ak­
stelle sich vor, das Christentum hätte nur d a s Neue Testament tuellen Weltsituation von tiefer Verunsicherung gespeist ist. Diese
dann wäre es wohl nicht überlebensfähig geblieben. Es h ätte sich Verunsicherung hat das Reflexionspotential der westlichen Theo­
nur noch auf einer schmalen Basis auf Jesus b e ru fe n können, von logie sowie die Kontrollmechanismen der Glaubenszensur unge­
heuer beschleunigt79. Allmählich schnürt sie allen narrativen,
dem sie bald kaum mehr etwas verstanden hätte. Die Traditionen
indirekten und induktiven Erklärungswegen die Kehle zu. Als
von Gebet und Frömmigkeit, von Weisheit und d ra m atisch en Bü­
Fangnetz bleiben, wie wir an diesem Dokument sehen, nur noch
chern, die ungeheuer spannenden Erzählungen v o n Frommen
die Alternativen von Einzigartigkeit und Partikularität, von Uni­
und Schurken, von Betrügern und Dirnen, von E m ig ratio n und
versalität und Konkretheit. Aber diese Alternativen sind selbst
Einwanderung, von Weltschöpfung und E n d zeit, v o n Familien
abstrakt, so dass sie zu keiner konkreten Antwort führen können.
und genialen Einzelgestalten, von pathologisch F ro m m en und
Es gälte ja zu zeigen, wie gerade Einzigartiges im Partikularen und
von einfach weisen Propheten, all die ungeheure lebendige Viel­
das Universale im Konkreten zu Hause sein kann. Nur wer die
falt der Erinnerung wäre dem Christentum abhanden gekomm en.
Einzigartigkeit des anderen in Selbstlosigkeit anerkennt, ist selbst
Was hat das mit christlicher Identität zu tun? Diese reichen jü­
einzigartig, und nur wer sich auf anderes hin vorbehaltlos zu re­
dischen Traditionen sind gerade deshalb zu christlichen Identi­
lativieren weiß, entfaltet selbst eine universale Bedeutung. Seiner
tätsgeschichten geworden, weil sie sich eben nicht - oder nur zu
Identität ist sich nur wirklich gewiss, wer diese Frage vergisst.
einem Teil - mit der Identität des jüdischen, geschweige denn des
E. Schillebeeckx weist zu Recht daraufhin, dass die universale Be­
christlichen Glaubens beschäftigten. Ijob etwa, das Buch Kohelet, deutung Jesu »nicht abstrakt, objektivierend und unvermittelt
die Josefsgeschichte, die Gebete und Klagelieder von Verzweifel­ ausgesagt werden kann, ohne die konkret nachwirkende Ge­
ten, sie haben nichts (oder nur indirekt und sekundär) mit jüdi­ schichte Jesu. Diese Nachwirkung liegt dann vor allem in der
scher Identität zu tun. Es ist von der Psychologie, aber auch der historisch nachweisbaren, Hoffnung gebenden und befreienden
Hermeneutik und von philosophischen Überlegungen her hinrei­ christlichen Lebenspraxis« (Schillebeeckx 1975, 5 5 2 f.).
chend bekannt, dass Menschen und Gemeinschaften ihr Selbst
nur über Umwege zum anderen und zu anderen entwickeln kön­
nen. Vergleichbares gilt für jede Religion. Es gilt auch für das Chris­ 79 Die Beschleunigung hat bei E. "^Buchestewam"da^noch
tentum, das sich zunächst nur über die jüdische Tradition und

162 163
Diese »konkret nachwirkende Geschichte Jesu« ist d iner Zeit aufzugreifen hat, auch wenn diese die Glaubens-
Deshalb lässt sich auch deren universale Bedeutung nur ge” U tiefgreifend transformieren. Dass es in der Spätmoderne
konkreten und aufweisbaren »Nachwirkung« en td eck t m i,Uet gC|t ihren Säkularisierungs- und Globalisierungsprozessen diesem
mlthtfertigungszwang erneut verfallen ist, gehört zu den töd-
hört zu den genialen, aber zugleich einseitigen Lösungen d %^
,R<hen Gefährdungen der Gegenwart. Allerdings ist uns auch jetzt
ten Kirche, dass sie das Heil vorbehaltlos im Jenseits verank ** ^
vfcder eine Therapie angeboten, die die Glaubenskongregation
und ihm für das Diesseits nur noch ein geheiligtes R e s e rv a t? 3’
"ffensichtlich wie den Teufel fürchtet: die Entdeckung der nicht­
ließ, so als gebe es in unserer Welt nicht auch eine - d u r c h 8
christlichen Religionen sowie das unbefangene, religiös moti­
durch leibliche - Gottesimmanenz, die alles Bekennen ü b e rst^
vierte Interesse an ihnen, das inzwischen entstanden ist80. Die
So gesehen wird die universale Bedeutung der christlichen fi8*
einzige sinnvolle Folgerung lautet: Die christliche Theologie des
schaft zwar vom objektivierenden hellenistischen Paradigma"'
Westens muss sich durch dieses Interesse endlich aus der töd­
Frage gestellt. Wer den einen Mittler objektiv als den Überbrin m
lichen Identitätsfalle befreien. Sonst zerstört sie sich selbst in der
allen Heils und aller Gnadenschätze betrachtet, braucht daneben
ständigen und im mer selektiveren Reorganisation ihrer eigenen
keinen zweiten. In sich ist die röm ische Logik stimmig. Ist es aber
Vergangenheit. Dies ist der wichtigste Grund für den Vorschlag,
die Logik der christlichen Inspiration? Prophetische Religionen
das besprochene Dokument möglichst schnell dem Vergessen an­
denken, wie wir wissen, anders, nämlich von Ereignissen und Ge­
staltungen her, von praktischen Lebensstilen und konkreten Op­ heim zu geben.
tionen aus, im Blick auf konkret geschehende Versöhnung und
auf Frieden. Die gegenwärtigen Christinnen und Christen, so die
Diagnose von L. Boff, schöpfen ihre Kraft nicht aus abstrakten III. Folgerungen
Glaubenssätzen. »An der Basis der Kirche sprudeln weltweit Le­ Wie sich bei der skizzenhaften Analyse gezeigt hat, geht das Do­
bendigkeit, Kreativität, Rückbesinnung auf das Evangelium und kument auf eine Fülle verschiedenartiger Fragen und Probleme
neue Formen des Christseins wie selten zuvor in der Geschichte ein. Sie lassen sich im vorgegebenen Rahmen nicht übersehen,
der Kirche« (Boff 2001, 23). Werden Theologie und Lehre damit nicht einmal angemessen zusammenfassen. Ferner ist der Fächer
überflüssig? Nein, aber sie werden an ihre dienende Funktion er­ der theologischen Probleme so breit, dass sie kaum jemand um­
innert und daran, dass solch gelebtes Christentum durch das hei­ fassend übersieht. Diese Fülle betrifft nicht nur theologische
lende Wirken anderer Religionen nicht in Frage gestellt wird. Viel­ Inhalte, sondern auch Kontexte und Kulturen, geschichtliche Ent­
mehr wird es einem heiligen, durchaus erfahrbaren Wettstreit wicklungen und ausstehende Perspektiven. Unter diesem Vorbe­
unterworfen, dessen Ausgang wir mit den Kategorien abstrakt po­ halt gelten die Folgerungen, die hier auf kurzem Raum in thesen­
larisierender Logik nicht mehr beschreiben können und wollen.
artiger Zusammenfassung gezogen werden.
Ich will nicht etwa leugnen, dass der Geist Gottes, der auch der 1. Wie die Hinweise zu den theologischen Kontexten gezeigt
Geist Christi ist, auch das Heil der Nichtchristen »wirkt« (Dupuis a, haben, betrifft die Erklärung Dominus lesus verschiedenste,
Nr. 5). Ich möchte aber von der Lehrenden unserer Kirche ge­
nauer wissen, was sie eigentlich unter Heil verstehen. Vielleicht
werden mir dann wenigstens die Probleme deutlich, von denen
die Glaubenshüter umgetrieben werden.
Übrigens hat der Hellenismus der Alten Kirche genau an die­
sem Punkt eine therapeutische Wirkung gehabt. Er hat das frühe
Christentum aus seinem Rechtfertigungszwang gegenüber dem
Judentum, aus dieser gefährlichen Identitätsfrage geholt und ihm
gezeigt, dass es nicht Nabelschau zu betreiben, sondern die Fra-
teilweise kontrovers diskutierte Inhalte. Aus «jics
„ird. Gemeint sind vor allem Texte des 2. Vatikanischen
steht zu erwarten, dass das D okum ent bei einer^iT"1 GfUnd Konzils und neuere päpstliche oder kuriale Verlautbarungen.
ten Anwendung durch Rom erhebliche A u s w i r k u n ^ ^ -
Abgesehen davon, dass es den Verbindlichkeitsanspruch
wird. Angesichts einer vieljährigen Erfahrungen hab«n neuerer päpstlicher oder kurialer Iexte überzieht, geht das
Glaubenskongregation ist d avon auszugehen, das«, d niU d(Jr Dokument m it Texten des 2. Vaticanums in rückwärtsge­
nalpräfekt der Kongregation das D okum ent zur Kard>- wandter, teilweise in unsachgemäßer Weise um. Wer weiß
rung von Theologinnen und Theologen verw endet5^lplinie- dass dieses Konzil (1) vor allem Türen öffnen wollte, aber in
allem auf den Gebieten der Ö kum ene, explizit konte V° r seiner Reflexion n och keine fertigen Ergebnisse formulieren
Theologien und des interreligiösen Gesprächs. Das*!)*"*1 konnte, (2) oft gegensätzliche Auffassungen in Kompromiss­
ment ist deshalb als ein gefährliches Instrum ent einzust aussagen vereinen musste und (3) noch ganz in der euro-
2. In allen Kapiteln herrscht eine erschreckende Diskr^ ^ und ekklesiozentrischen Perspektive der Nachkriegszeit be­
zwischen dem Stand der th eologischen Diskussion w T fangen war, darf diese Bedingungen bei seiner Textauslegung
der Text zu reagieren behauptet, dem globalen und zUgiej nicht vernachlässigen. In der Tat zieht Dominus lesus - um
vernichtenden Charakter der U nterstellungen und dem ge ein Begriffspaar theologischer Hermeneutik zu verwenden -
ringen Kenntnisstand, m it dem der Text den Fragen und den Buchstaben dem Geist vor. Der Text wird nicht auf mög­
(vermeintlichen) Problem en begegnet. D adurch wird es den liche Öffnungen, sondern als eine Summe von kontextlos ab­
anonym Beschuldigten n ich t m öglich sein, angemessen zu schließenden Feststellungen interpretiert. Paradigmatisch ist,
reagieren. In den Beschuldigungen selbst sind nämlich Aus­ wie gezeigt wurde, der unkorrekte Umgang mit der Aussage,
sagen und Diskussionsgänge bereits beurteilt und verurteilt, die Kirche Christi »subsistiere« in der katholischen Kirche
bevor sie im Detail zur Kenntnis gen om m en wurden. Das und m it der Behauptung, den reformatorischen Kirchentü-
Dokument ist deshalb ein au toritäres D okum ent, dem letzt­ m ern kom m e der Titel einer »Kirche« nicht zu. Durch dieses
lich nicht an der inhaltlichen, vielleicht differenzierenden Vorgehen haben sich die Autoren des Dokuments unwider­
Klärung von Fragen, sondern an d er Disziplinierung ver­ ruflich diskreditiert. Ebenso fragwürdig ist es, den anderen
meintlicher Aussagen, Tendenzen und erzielten Wirkungen Religionen global jeden Heilscharakter abzusprechen.
liegt. 5. Vor allem in christologischen und in ekklesiologischen Zu­
sam m enhängen greift das Dokument auf reichliche, biswei­
3. Angesichts der teilweise hilflosen A rgum entationen ist zu
len aneinander gereihte Schriftzitate zurück. Gebrauch und
vermuten, dass die Verfasser des D okum ents sich nicht wirk­
Interpretation dieser Schriftzitate ignorieren den Stand der
lich mit konkreten Diskussionsgängen ch ristlich er Theologie
gegenwärtigen Exegese ebenso wie die Kontexte und inhalt­
beschäftigt haben. Jedenfalls ist nirgendw o die Bereitschaft
lichen Zusam menhänge, in denen die Schriftzitate stehen.
zu einem positiven Verstehen, zu ein em (m eth odischen oder
Unabhängig von den hermeneutischen Zusammenhängen,
realen) Perspektivenwechsel oder zu einem konkreten Mit­
die sich aus dem Zusammenspiel von Schrift und Tradition,
denken zu verspüren. Fragen w erden keine gestellt, dagegen
von Schrifttext und gegenwärtiger Auslegung ergeben, verrät
werden Gefahren deutlich u m schrieben. Das Dokument dieses Vorgehen eine bedenkliche Missachtung der Schrift als
ist von einer Krisenhermeneutik getragen, die keine differen­ der normierenden Norm christlichen Glaubens. In einem
zierten oder vielleicht zeitraubenden Diskurse m eh r zulässt. theologischen Examen jeder Hochschule, die auf wissen­
D adurch wird eine theologische A u sein an d ersetzu n g un­ schaftliche, insbesondere auf hermeneutische Standards ach­
möglich.
tet, würde solcher Schriftumgang als ungenügend beurteilt.
4. Auf weite Strecken begründet das D ok u m en t seine Aussagen 6 . Angesichts des gegenwärtigen theologischen Umbruchs
m it Zitaten aus »lehramtlichen« Texten; das sind Texte, denen wiegt diese Feststellung schwer, denn nur ein entschiedener
nach^h^rpmeiner Auffassung verbindlicher Rang eingeräum t 1 z"7
Rückgriff auf die ursprünglichen Zeugnisse des n
macht es möglich, für die neu aufbrechenden Fra’ 3^ ' " „och so denkt, ist die eine Sache; sie ist dafür zu tadeln und
Zusammenhänge einer zusammenwachsenden \vt, f " Un'l zur Verantwortung zu ziehen, weil katholische Theologin­
einer auf Entscheidungen drängenden Ökumene J nV ° ' Vl* nen und Theologen schon vor Jahrzehnten auf die Prob­
intensivierten interreligiösen Dialogs neue und w" it Cines leme hingewiesen haben. Die Tatsache, dass die anderen
rende Antworten zu finden. Es gilt nämlich zu e n u ^ ^ ' Kirchen gem äß den uns zur Verfügung stehenden theologi­
wie weit gegenwärtige Kritik (an theologischen, ie|^ken’ schen Maßstäben im vollen Sinne Kirche sind, erlaubt es
Uchen oder kirchlichen Überzeugungen) den M öglich'^"'1 uns, diese Kirchen als solche anzuerkennen und mit ihnen
der ursprünglichen Botschaft entspricht, wie weit sie a l s ^ ” die eucharistische Gemeinschaft zu vollziehen. Angesichts
theologisch konstruktive Kritik integriert werden kann der Tatsache, dass die katholische Kirche den evange­
gleich gilt es herauszufinden, wie wir neue und unerwartet ■ lischen Schwesterkirchen die geschuldete Anerkennung
schon seit Jahrzehnten vorenthält, wird diese Erlaubnis zu
(inter-)religiöse Erfahrungen im Geist christlicher Freiheit auf
die christliche Botschaft beziehen können. einer Pflicht, die keinen Aufschub mehr duldet.
9. An epochalen Maßstäben gemessen steht der interreligiöse
7. Oft wirkt der statische und rückwärts gerichtete Charakter
Dialog erst am Beginn. Für globale, zumal diskriminierende
der vorliegenden Argumentation plausibel, weil er sich auf
Urteile wie Relativismus und Indifferentismus ist die Zeit zu
seine Kontinuität mit der Vergangenheit berufen kann. Die­
früh; genauer gesagt: durch die bereits erreichten Ergeb­
sem römisch-lehramtlichen Denkstil ist entschieden zu wi­
nisse sind die Aussagen des Dokuments jetzt schon gegen­
dersprechen. Theologie und christlicher Glaube können sich
standslos geworden. Deshalb kommt dem entsprechenden
selber nur treu bleiben, wenn sie sich - entsprechend den
Kapitel keinerlei Aussagekraft zu, zumal die aufgeführten
Unterschieden und Veränderungen in Geschichte, Kultur
Traditionsargumente teilweise selbstverständlich, teilweise
und Lebenspraxis - ständig verändern. Eine aktuelle Theolo­
viel zu vage, in keinem Fall aber zu den neuen Situationen
gie, die sich den Fragen der Gegenwart stellt, tut deshalb gut
hin verm ittelt sind. Man kann die römischen Behörden nur
daran, ihre Veränderungen und Neuerungen offensiv anzu­
dazu einladen, die verschiedenartigen Entwicklungen kon­
zeigen und vom Geist der ursprünglichen Botschaft her zu
kret zu verfolgen und im teilnehmenden Gespräch zu be­
begründen. Dazu gehört auch die Erfahrung, dass Neuan­
gleiten. Auch Rom wird noch vieles lernen müssen, bevor es
sätze erst entworfen, eventuell erprobt und vorurteilsfrei be­
zu universalen Urteilen kommt. Auch aus der interreligiö­
sprochen werden müssen. Erst später können sie auf ihre
sen Perspektive betrachtet ist Dominus Iesus ein gefährliches
Dauerhaftigkeit und Legitimität hin überprüft werden. Theo­
logie und Seelsorge haben - ebenso wie alle engagierten Dokument.
10. Angesichts der aufgeführten Schwächen, Unklarheiten, un­
Christen - das Recht, solche Experim ente zu wagen. Nur sachgemäßen Urteile und dem weitreichenden Kenntnis­
wenn wir das dem kirchlichen Bewusstsein hinreichend ein- mangel behält die Absicht des Dokuments einen üblen
prägen, können wir dem Bann des Buchstabens und seiner Beigeschmack. Man will auf Einzigkeit und Universalität
Kontinuität entkommen.
bestehen, weckt aber nach innen wie nach außen den Ein­
8. Besonders schmerzlich sind die Aussagen zur Einheit der Kir­ druck der Rechthaberei und Überheblichkeit. Es liegt an der
che, zum Vorrang der römisch-katholischen Kirche und zur Glaubenskongregation selbst, diesen fatalen (und für die
mangelnden Kirchlichkeit der Kirchen der Reformation. kirchliche Glaubwürdigkeit tödlichen) Eindruck durch Ta­
Diese Aussagen sind nicht mit dem Hinweis auf eine offene ten zu widerlegen. Der Kardinalpräfekt wäre gut beraten,
und ehrliche Sprache zu rechtfertigen. Sie sind abzulehnen, zöge er das vorliegende Dokument als ungenügend und un­
weil sie gemäß theologischen und biblischen Maßstäben
reif zurück. römischer Dokumente hat inzwi-
falsch und verwerflich sind. Dass die katholische Kirche
11. Stil, Inhalt und Anspruch römiscne
' ' t~*- 169
_ die Einordnung der Fragen und vorgeschlagenen Ant­
sehen ein für die Selbstachtung der Theolo worten in den Geist des Evangeliums und der Nach
liches Maß erreicht; im Verhältnis zur Theolo^ Unertra8- folge gegebenenfalls thematisiert und für diesen Pro
Rom in eine Sackgasse manövriert. Deshalb whd i!’3* sich zess geistlicher Identifizierung Sorge trägt,
geschlagen: Der röm ischen Glaubensbehörde ist V° r' - die Fragen n a c h M öglichkeit mit den Schwesterkir
der Selbstbesinnung und der Bekehrung au fzuedT Zeil chen bespricht
der sie sich über ihre eigene Rolle klar wird. Diesftj' _ Möglichkeiten gemeinsamer lokaler, regionaler oder
muss geprägt sein von geschwisterlicher Gesinnung °'le universaler Sprachregelungen vorbereitet,
gegenseitigem Respekt vor verschiedenen Kulturen T i _ und schließlich bei Gefahr innerkirchlicher Spaltun
geistlichen Erfahrungen, vom Geist des Freimuts und int , gen und unter Voraussetzung der genannten Phasen
eine verbindliche Sprachregelung vorbereitet und diese
lektueller Redlichkeit sowie vom Willen, die anstehenden
regionalen Synoden bzw. einem gesamtkirchlichen
Fragen ohne Verurteilungen und Sanktionen zu regelt
Diese Behörde muss ihre Ehre nicht im Zwang zu einer ein Konzil zur Entscheidung vorlegt.
heitlichen Sprache, sondern in der Freiheit finden, die sie Ein solcher Prozess wirkt nicht kraft irgendwelcher Disziplinar-
dem Rederecht auch von Minderheiten gewährt. Im Geist autorität, sondern durch die Autorität des Wortes, der Argumente
der Schrift muss sie den Übergang vom Anspruch theologi und der Personen, die ihn tragen sowie unter dem Vorbehalt einer
scher Monopole zur Pluralität eines multikulturellen, für ökumenischen Rezeption.
die Benachteiligten engagierten und mit den Entrechteten
solidarischen Christentums finden.
12. Ein solches Umdenken fordert die Geduld eines Jahrzehnts
und die Beteiligung der wichtigsten Personen der Kirche.
Deshalb ist eine internationale, regelmäßig tagende Kom­
mission einzurichten
(1) von Personen, die in der Kirche in anerkannter und all­
gemein respektierter Weise Verantwortung tragen bzw.
zu solcher Verantwortung bereit sind,
(2) von allgemein und fachlich anerkannten Theologinnen
und Theologen aus allen Kontinenten,
(3) von Frauen und Männern, die sich in Kirche und Iheo-
logie eine geistliche Autorität erworben haben, sowie
(4) von Vertreterinnen und Vertretern der nationalen Bi
schofskonferenzen und Laienorganisationen.
Diese Kommission entwickelt neue Modelle für ein
oberstes Sekretariat in der katholischen Kirche, das
- aufbrechende Fragen des Glaubens und des Verhal­
tens aufgreift und sachgemäß formuliert,
- deren Neuinterpretation und Inkulturation im Geiste
der Geschwisterlichkeit zur Sprache bringt und struk­
turiert,
- eventuelle Widerstände, Missverständnisse und nega­
tive Folgen klärt,
Teil C
Glaubenszensur als Ideologie -
zu einigen publikumswirksamen
Äußerungen von Kardinal Ratzinger

J. Ratzinger b e h e rrsch t n ic h t n u r die F a ch sp ra ch e d er T h eologie


und nicht nur den Ja rg o n ein er p la to n isch in sp irierten M etap h y ­
sik, sondern a u ch die S p ra ch e g e h o b e n e r Jo u rn alistik und eines
gebildeten k o n serv ativ en B ürgertu m s. Er w eiß n ich t n u r den bü­
rokratischen A p p arat sein er rö m isch e n B ehörde in Schuss zu
halten, son dern h a t a u c h im m e r gute K ontakte zu b estim m ten
Presseorganen gepflegt. W elch en an d eren d eu tsch sp rach ig en Bür­
gerinnen o d er B ürgern h a t das Feuilleton der FAZ so viel Raum
und geradezu v e re h re n d e G estaltu n g g eb o ten wie seiner Em i­
nenz, deren A n tlitz u nd w eiße H a a rp ra ch t sch o n Ehrfurcht und
Würde au sstrah lt, b e v o r sie a u ch n u r ein W ort verlauten lässt?
Während die B eh ö rd e in R om ihren sorgfältigen Innendienst v er­
sorgt und jede R egung u n g em ü tlich er T heologen registriert (ja,
man weiß gar, w e lch e r d e u tsch e T heologe Mitglied der SPD o d er
der G rünen ist, w as T h eo lo g in n en so denken und tun), verleiht
der B e h ö rd e n ch e f selb st sein en k irch en p olitischen Zielen und G e­
danken m it e in e m b reit g estreu ten publizistischen Angebot N ach ­
druck. D arüb er k an n hier keine ausführliche Analyse vorgelegt
ien . Es ist a b e r d er M ü he wert, einigen Texten der vergange-
zw ei Ja h re n a ch z u g e h e n . Da sich Ratzinger in der Regel n ich t
ut, sein e K o n tra h e n tin n e n und K ontrahenten notfalls per-
ich a n z u g e h e n u nd deren Glaubwürdigkeit direkt o d er indi-
zu b e sch ä d ig e n , wird er es sich er verstehen, wenn sich au ch
die G re n z e n zw isch en d er Frage n ach den zu beurteilenden
Iten u n d d e r Frage n a ch d er zu beurteilenden Person biswei-
/e rw isch e n T h eo lo g ie und Kirchenpolitik wird von konkre-
M en sch en b etrieb en ; konkrete M enschen sind im m er au ch
n N u tz n ie ß e r und Opfer. Zum Diskurs geh ören deshalb E m o-
. prn, p « e p erson aler K om m unikation. M issverstand-

in r « £ £ U p k° m m en n lch l aus dem Nlchts' sond' ra


UnÖ . ,A7_ : w i e Personen ihr Verhältnis zueinander b e­
i r r Art und w eise, w*

173
von Rom ihren Ausgangspunkt, sobald das Heil in der
(iP einander beurteilen und welches Heils- oder Ge.
stimmen, wie sie einander Zutrauen. Darüber soll es in die. nW1" 1* d jn den anderen Religionen auf dem Spiele steht.
fährdungspotentia Er bezieht sich auf drei VQm ^wollend formuliert die FAZ im Vorspann zu einem Inter-
°m it dem Kardinal am 8 . März 2 0 0 0 (Ratzinger c), Ratzinger
läu tere, »wieso die Kirche um ihres Missionsauftrags willen am
ef phatischen Vernunftbegriff der metaphysischen Tradition fest­
I, Christentum mehr als Tradition? hält und keinen Bund mit dem postmodernen Pragmatismus
chließen kann«. In ihm nämlich erkenne der Gesprächspartner
(8. März 2000) Line Wiederkehr des historischen Relativismus««!. Im genannten
Interview geht dieser mit einer gewissen Enttäuschung auf die
Ich komme noch einmal auf die vorgelegte Analyse von Domi
seines Erachtens unangemessene Kritik von theologischer Seite
Iesus zurück. Was angesichts der sechs Kapitel des besprochene'
ein. Versteht er sich zu Recht als der Kritiker eines epochalen Re­
Dokuments in viele Detailanalysen zerfiel, lässt sich auch in ein«
lativismus? Die Verhältnisse liegen gewiss komplizierter, denn
mehr psychologisierenden Frage zusammenzufassen: Was soll
Ratzinger interessiert sich nicht für Differenzierungen im Wahr­
eigentlich diese Schwarz-weiß-Färbung des ganzen Dokuments
heitsbegriff. Pluralität oder Pluriformität, Diagnose oder program­
was soll der gallig fruchtlose, der in jeder Hinsicht bedrohliche matischer Aufruf zu einer vielfältigen Formuliemng der christ­
und moralisierende Ton, was soll die für jede echt empfundene
lichen Tradition: alles heißt für ihn Relativismus, und Kritik an
Frömmigkeit und Religiosität geradezu absurde Zuspitzung eines
der klassischen Metaphysik bedeutet für ihn Verzweiflung an der
ganzen Fragenbündels auf den einen narzisstischen Punkt der Wahrheit. Vielleicht hätte ein solches Denken im dritten Jahrhun­
eigenen und universalen Bedeutung, die nur als Rechthaberei dert nach Christus noch sein Recht gehabt. Es ist doch gerade die
wahrgenommen werden kann? W arum dieses geradezu zwang­ christliche Tradition, die die Horizonte inzwischen drastisch er­
hafte Insistieren auf einer einzigen, rigide selbstbezogenen Wahr­
weiterte. Bleiben wir bei dieser grundsätzlichen Frage:
heit, die behauptet, dass das Heil der Welt letztlich von Rom aus­ Ratzinger unterscheidet nicht etwa zwischen dem zeitbeding­
geht, in Rom jedenfalls ein definitives W ächtertum gefunden hat? ten Wahrheitsbegriff einer Metaphysik (die alle Wahrheit als über­
Es ist keine Frage (und E. Jüngel hat mit seinem neuen Titelvor­ zeitlichen Sachverhalt in ewigen Ideen verankert) und einem an­
schlag »Domina Ecclesia« darauf hingewiesen), dass schon im deren Wahrheitsbegriff, der sich angesichts unserer kulturellen
Aufbau des Dokuments alle Wege nach Rom führen. Wie in einem Situation aufdrängt, denn letzterer verweist auf die Geschichtlich­
Trichter laufen die ersten drei Kapitel - von der Offenbarung über keit, Veränderlichkeit und fortwährende Bedingtheit von Aus­
das Heil zu Jesus Christus - in w achsender Verengung und Kon­ sagen mit Wahrheitsanspruch. Man denke dabei an Namen wie
kretisierung auf einen einzigen Brennpunkt zu. Dann folgt das N. von Kues, an B. Pascal oder J. H. Newman, um nur drei von
Kapitel zu Einheit und Einzigkeit der Kirche, das in einem uner­ denjenigen Denkern zu nennen, die man auch innerhalb der ka­
hörten Gewaltakt seinerseits noch einmal auf die römisch-katho­ tholischen Kirche nicht mehr diskriminieren kann. Ratzinger un­
lische Kirche zugespitzt wird. Nachdem dort die entscheidenden tersucht nicht, was genau der Relativismus des neunzehnten Jahr­
Kernpunkte des Dokuments klargestellt sind, weiten sich die bei­ hunderts oder was die existentialistisch inspirierten Philosophien
den letzten Kapitel über Gottes Reich zu den nichtchristlichen und Theologien des zwanzigsten Jahrhunderts unter Wahrheit ver­
Religionen wieder aus. Jetzt werden die vorgezeichneten Folge­ stehen; man denke etwa an S. Kierkegaard oder an P. Tilhch Sie
rungen gezogen, ohne dass auf diese beiden Dimensionen mensch­ erweitern je auf ihre Weise den Raum einer jeden Wahrheit, in em
lichen Heils noch ein eigener Gedanke verschwendet wird. Das •—-r unter dem Titel: »Das Chris-
ist die von Ratzinger eingeschärfte doppelte Denkbewegung:
Sie läuft auf Rom hin, wenn es um die innere Struktur und die
chronologische Entwicklung des chrisüichen Glaubens geht; sie

174
sie deutlich m achen, w elche enorm en subjektiven ,\nt
trete Texte nicht genannt, konkrete Diskussion mit einer Welt
jede Wahrheit in sich trägt. Auch nim m t er die vielfältige^!;'
k°m ieden, die ihm offensichtlich verschlossen ist. Zwei Beispiele
einer herm eneutisch arbeitenden Theologie (von H. (, (i
können das verdeutlichen. Im Zusammenhang mit dem Post-
bis G. Ebeling, von E. Schillebeeckx bis D. Tracy) und der Ne ' R odernismus, der die Leistungsfähigkeit der menschlichen Ra­
deckung der Sprache (von L. W ittgenstein und der ange^I"* tionalität deutlich begrenzt, wirft der Interviewpartner ein, der
sischen Linguistik über U. Eco bis P. Ricoeur und I. u . l)ai , ^ h postmoderne W ahrheitsbegriff wolle für den Glauben ja gerade
nicht im Geringsten zur Kenntnis. Ebenso wenig nimmt er ' eine Stelle offen halten. Der Befragte antwortet: »Es ist natürlich
Kennmis, dass de-konstruktivistische Wahrheitstheorien in durchaus etwas W ahres an dem postmodernen schwachen Ver­
losen Ausfaltungen vorliegen (von G. Deleuze und J. Derrida ubir nunftbegriff .«• Dann aber verflüchtigt sich die Antwort ins All­
J. Baudrillard und L. Irrigaray bis hin zu G. Vattimo oder W. Welsch gemeine. Später fährt Ratzinger fort, es werde in vielen Versionen
um nur wenige zu nennen). Der Reiz liegt gerade in der freien Aus­ behauptet, »im M enschen sei gar kein Organ zur Wahrheitser­
einandersetzung m it ihnen, so wie sich frühere Generationen mit kenntnis vorhanden«. Dam it hat Ratzinger aber das Problem ver­
Platon oder Aristoteles, m it D escartes oder Leibniz auseinander hüllt. Denn erstens redet postm oderne Theoriebildung nie in es-
setzten und - gerade zum Nutzen der christlichen Theologie - sentialistischer M anier von Organen der Wahrheitserkenntnis;
noch auseinander setzen. Schließlich wurde auch Thomas von zweitens verschweigt Ratzinger die vielen Konzeptionen, die eine
Aquin nicht zum Heiden, weil er Aristoteles rezipierte. Der Zensor Berührung m it dem Jenseitigen durchaus für möglich halten,
theologischen Denkens w eicht der großen Entdeckung moderner etwa die Glaubensinterpretation von G. Vattimo. Drittens nennt
Theologie aus, dass sich alle christliche W ahrheit auf einen narra­ Ratzinger n ich t einen N am en oder eine Konzeption, gegen die er
tiven Grund, auf die Basis geschichtlicher Ereignisse bezieht und sich in w elchem Sinne wendet. Warum? Ich vermute, weil er
dass sich alle system atische W ahrheit m it christlichem Anspruch keine post-m odernistische Konzeption konkret genug kennt, um
daran messen muss. Gerade diese Blindheit für den ungeheuren mit Sachargum enten dagegen Sturm zu laufen. Niemand erwar­
Reichtum der M öglichkeiten und Reflexionen, die die Theolo­ tet, dass er sich die M ühe zur Kenntnisnahme macht, nur sollte er
gie in den vergangenen fünfzig Jahren entdeckt und erprobt hat, sich dann au ch kritische Urteile verbieten.
gerade die Verachtung für N euansätze, die m an inzwischen be­ Später erklärt der Glaubenspräfekt (im Zusammenhang mit der
spricht und untersucht, bisweilen kritisiert und relativiert, gerade Exegese und im Blick auf einen einseitigen Historismus) wie­
der Hochmut, mit der viele Ansätze schon deshalb abgelehnt wer­ derum vielsagend und weitschweifig: »In den letzten zwanzig
den, weil sie dem überkom menen Schem a eines Bonaventura Jahren gab es in der Tat zum Teil bedeutende Aufbrüche, die die
oder Thomas, eines Basilius oder Athanasius n ich t entsprechen - Dominanz des Historismus und damit die Reduktion des Wortes
diese schlimme und durchaus untheologische Haltung führt auf das Damalige überwinden und es durchaus wieder in seiner
dazu, dass jetzt mit höchster Perfektion buchstäblich alles über Heutigkeit lesen ... Insofern gibt es durchaus neue Bewegungen,
einen Leisten geschlagen wird. So steht der alten platonischen die sozusagen die Gegenwartsträchtigkeit der Schrift zur Ausle­
Metaphysik nur noch moderner wahrheitsloser Pragmatismus ge­ gung bringen, obwohl das methodische Instrumentatrium dafür
genüber. Eine solche Mentalität kann sich nur in einer ideolo­ insgesamt noch unzulänglich ist. Aber daran kann man ja arbei­
gisch verhärteten Instituüon durchhalten. ten.« W ieder zeigt sich der Gestus dessen, der durch Verschleiern
Diese Feststellungen können nicht nur als W ertung der theo­ alles besser, nämlich im großen Überblick zu wissen scheint. A er
logischen Qualität von Dominus lesus gelten, sondern auch als der Befragte nennt die von ihm gemeinten Bewegungen oder Au­
Kritik an seiner späteren Verteidigung. Am 8. März 2 0 0 0 reagiert t o « « nicht, auch nicht exemplarisch. Er ^
Ratzinger, wie gesagt, auf die vernichtende Kritik. Aber statt sich selbstkritisch darauf hin, das^s neben A ^ w e , ^ ^
mit den Einwurfen auseinander zu setzen, werden Nebelkerzen auch der von ihm gern gesc picht, denn sonst könnte
gezündet. Notige Differenzierungen werden verhüllt, Nam en oder rismus aufgetreten ist. Das interessiert m
177
176
pr die eigentliche Provokation eines Rudolf Bultmann nicht wei. Christentum sei - in einem absoluten Sinn - die »wahre Reli­
Z j L verdrängen. Offene Türen werden also - zwecks funktio­ gion«?
nierenden Feindbilds - zunächst für geschlossen erklärt, um sie • Was meint Ratzinger in seiner Kritik des historisch-kritischen
dann mit großem Getöse wieder aufzubrechen. Unter den Ver­ Denkens, wenn er - wiederum höchst undeutlich - von der
a c h t geraten so alle, die sich - wie auch immer - historisch-kri- »Selbstverschließung der Sprache in der historischen Bedingt­
engagieren und sich dabei nicht dem Urteil des römischen heit« spricht? Wo und in welchem Sinne ist »eine Spielart von
Lehramts unterwerfen. Später fährt Ratzinger fort, er beobachte Befreiungstheologie« zu finden? Wo und wie wird »die Erlö­
Z r eine große Toleranz für neue Lesarten, etwa in der feministi- sung in eine politische Theorie um[ge]wandelt«, und bei wel­
schen und politischen Exegese. Aber weil nicht sein kann, was chem Befreiungstheologen genau wird nachweislich »Empiri­
nicht sein darf, nennt er sie sofort und in bekannt schwammiger sches verabsolutiert«?
Art .Formen der Textvergegenwärtigung, bei denen das histori­ • Mit welchem Recht behauptet Ratzinger in halsbrecherischer
sche Gewissen doch etwas gelähmt erscheint, das in intaktem Vereinfachung, der Pluralismusstreit sei als »ein Streit zwi­
Zustand die Frage stellen würde, ob gewisse Funde von Gegen­ schen zwei Weisen .. zu begreifen: einer mehr postmodem­
wartsträchtigkeit mit dem ursprünglichen Sinn des lextes noch säkularisierten und einer, die mehr in den klassischen Bah­
vereinbar sin d . Auch hier wird m an vergeblich Konkretes er­ nen der Tradition des christlichen Glaubens bleibt«. Wäre
fahren Umso empörender ist der hämische und ironische Ton, es bei solch weittragenden Feststellungen nicht wichtig und
in dem er jetzt vom gelähmten Gewissen der Betroffenen redet. unabdingbar, dass dafür Argumente beigebracht und diese
Schon dieser Missgriff reicht aus, um das Fragerecht dieses an­ Argumente illustriert werden?
spruchsvollen Kritikers selbst in Frage zu stellen. • Wo sind die Gründe für Ratzingers durchsichtige Behaup­
Eine ausführlichere Analyse könnte zeigen, dass das erwähnte tung, ein Konzil in der Gegenwart, »ein solcher Eingriff [?]
Interview stilistisch wie inhaltlich ein Musterbeispiel für ideologi­ würde im Moment mehr Unruhe schaffen . als er lösen und
heilen könnte«? Wäre ein Konzil nach fünfunddreißig Jahren
sche Sprache ist. Die Aussagen sind allgemein; das Gemeinte lässt
nicht ein normaler und sehr heilsamer Vorgang, nachdem
sich nie genau fassen. Nirgendwo werden Behauptungen genau
innerkirchliche Konflikte inzwischen nicht in einer Größen­
belegt. Ross und Reiter bleiben immer ungenannt. Von der Sache
ordnung von Hunderten, sondern von Tausenden zu zählen
her bleiben die gelobten und die kritisierten Zusammenhänge
sind? Und müsste der Präfekt der Glaubenskongregation
verhüllt. Keine einzige Theologin und keine einzige Theologie
nicht ein Bedürfnis nach mehr Aussprache und Information
wird direkt kritisiert; so verfallen sie alle, die sich auf die Neuzeit
verspüren, nachdem er selbst in wachsendem Maße zur Ziel­
oder die Moderne einlassen, einem allgemeinen Verdikt. Schon
scheibe innerkirchlicher Kritik geworden ist?
die allgemeine Geste, mit der über Epochen und Phänomene ge­
Insgesamt hat die vorgenommene Analyse bekräftigt, was
sprochen wird, täuscht überlegenes Wissen vor, verbirgt aber die
t ersten Teil von Ratzingers Theologiekonzept her entwickelt
detaillierte Einsicht.
Jrde. Für Ratzinger ist Theologie im strengen und unnachgiebi-
• Was etwa ist der »postmoderne schwache Vernunftbegriff«? n Sinn des Wortes römisch-katholische Theologie. Von Anfang
So würde ein kompetenter Philosoph nie sprechen. i ist sie nicht nur ein Kampfprogramm, in dem die nächstste-
• Was ist die »rituell beglaubigte Öffnung der Sinne«? Ein kun­ tnden Freunde zu Feinden werden können, sondern auch ein
diger Kulturkritiker würde uns darauf hinweisen, was an den impfprogramm zugunsten einer sakramental und autoritär res-
Sinnen in der christlichen Initiation geöffnet und was ge­ urierten Kirche, die sich gegen die Gedanken und die Entwick-
schlossen wird. ngen unserer Gegenwart sträubt. In diesem Programm geht es
• Mit welchem Recht zieht Ratzinger aus der Feststellung, im icht um Nuancen, sondern um alles oder nichts, nicht um die
christlichen Glauben habe sich kraft hellenistischen Denkens - — — ^«nifenden Theologinnen
die Suche nach der Wahrheit durchgesetzt, die Folgerung, das 179
178
, Theologen, sondern um deren grundsätzliche Widerl
t S S N s zu, Diffamierung reicht. Die The„,„gie
rungen sofort selbst formulieren, weil sie sich ganz unabhän™
R Bu m a n Ist dann de, Fäulnis ü be, geben und Ule d e , Bo'
vom Inhalt |edes Mal wiederholen.« ‘ Rg
huldigt einem grundsätzlichen Relativ,smus. H. Kung v „ k<,,„„
Das ist, wie ich finde, eine böse und entlarvende Reaktion <
d P mmdlegenden Ausgangspunkte e.ner ,eden ernst zu „ e h .
end^n Christologie und Concilium m aßt sich ein Anti-Uhranu böSe' WCil Sie - ’Wiede|; einmal - die Imkerinnen und Kritiker
nicht ernst nimmt, sondern im Grunde von Verachtung zeuvt
m Rfflassuria hat sich selbst exkommuniziert und Dupuis muss Anscheinend ist der Großinquisitor nicht gewillt, den ernsten und
an. BalaSS fen dass er selbst diese Unterwerfung als Versöh- wiederholt formulierten Kern der Kritik überhaupt wahrzuneh
s,ch so un d a m it a u c h n o c h Dominus lesu s legitim iert.
men. Die Feststellung des Kritisierten, er könne solche Kritik
mmg aKZ p . DiSput wird kein Raum gewahrt, sondern selbst formulieren, ist hingegen entlarvend. Er weiß was man von
Einem atodemsdKn ^ Frauen umer ihnen zu
ihm hält; er formuliert seine Texte von vornherein als Kampfan
,UT w « d e n mit oft lächerlichen Argumenten einfach Lehrstuhl sage gegen ein Denken, das ihm zweifellos widersteht Er tut
ma a verwehrt. Die römische Glaubenskongregation nicht, was man von einem Christen in Auseinandersetzung und
oder toste
zieh. g an » h dm eigentlich
Beschlüsse eg vonD„
deutschen Bischöfen
ck „ „ ,ömische„ im Kontakt mit Mitchristinnen und Mitchristen erwartet nämlich
Gespräche führen, den Prozess von Frage und Antwortdurchar­
ZU lassen " « “ •J J “ " " gnen D m tb„keltssynd,om ,. Ralzin- beiten, die Diskussion über die Grundlagen angehen, die zu ver­
schiedenen Antworten und Lösungen fuhren können. Stattdessen
fecht. spricht er von »Langeweile«, die alle Betroffenen als Zeichen der -
gewiss nicht moralischen, wohl aber amtlich verordnten - Über­
heblichkeit wahrnehmen müssen. Offensichtlich übersieht er,
II. »Unsere lutherischen Freunde« dass die römischen Dokumente solchen Stils von ungezählten
Katholikinnen und Katholiken schon lange als langweilig erfah­
(22. September 2000) ren und zur Seite geschoben werden. Viele Theologinnen und
Theologen reagieren ja nur noch deshalb, weil sie deren Lange­
Dominus lesus hat in nichtkatholischen Kirchen, wie wir inzwi
weile angesichts der immer gleichen Texte durchbrechen und
sehen wissen, zu einem verheerenden Echo geführt. Katholisch
eine aktuelle Botschaft nach den Regeln angemessener Kommu­
Gruppen und evangelische Kirchenführer haben protestiert. So
nikation ermöglichen wollen (Fuchs). Aber gerade diejenigen, die
gar katholische Theologen haben - wenn au ch in der gewohnter
sich um der Zukunft dieser Kirche willen noch die Mühe einer
Zurückhaltung und Diplomatie - ihr Unverständnis geäußert. Ru
Antwort machen, werden hier mit Bitterkeit überzogen. Setzt Rat­
mort hat es, wie man inzwischen weiß, auch innerhalb der römi
zinger damit nicht Signale der Überheblichkeit?
sehen Kurie. Da musste der Betroffene zur Selbstverteidigung ir Dann geht Ratzinger zum Angriff über; er will nämlich seine
gendwie reagieren. Nun waren Gespräch und offene Diskussion »Enttäuschung darüber ausdrücken, dass die öffentlichen Reak­
zeitlebens nicht die Stärke der scheu, bisweilen gar zart wirken­ tionen .. das eigentliche Thema der Erklärung völlig ignorieren«.
den Figur, die den Machtapparat der Kurie gleichwohl gut zu be­ Dieses Thema sei »Jesus Christus ist der Herr«, wie die Kurzformel
wegen weiß. Aber dieses Mal zeigte sich der Herr Kardinal über­ 1 Kor 8 ,6 lautet. Es sei darum gegangen, »auf dem Höhepunkt des
fordert und wirklich böse. Empört reagierte er am 2 2 . September Heiligen Jahres ein großes öffentliches Bekenntnis zum Herrsein
(Ratzinger 2 000d ) auf die ihm völlig unverständliche Kritik an Jesu Christi abzulegen«. Es gehe, so der Autor, um eine »Einla­
seinem umfassenden Dokument: Seinem Interviewpartner, der dung an alle Christen .... sich diesem Bekenntnis neu anzuschlie­
ihn mit einigen Äußerungen konfrontierte, sagte er: »Ich muss ge­ ßen, und so dem Heiligen Jahr eine große, in die Tiefe reichende
stehen, dass mich der Typ von Verlautbarungen wie die von Ih­ Bedeutung zu geben«. Nun habe ich keinen Grund, an den sub-
nen zitierten allmählich langweilt... Ich könnte solche Verlautba­ ’o l/fii ron Ahsirhten des Würdenträgers zu zweifeln. Ratzinger ver-

180 181
nicht als Privatperson, sondern als öffentliche
gisst nur, dass er offizielle Figur steht und agiert’ die das Geheimnis des Brotes akzeptieren, und in solche, die es
für Glaubensfragen ^ U c h t auf den breiten Graben, der ablehnen. Die schlussfolgernde Frage Jesu lautet: »Wollt auch ihr
Seine Argumentaho Sprachstil und öffentlicher Wahr- gehen?« Mit allem Nachdruck verwahre ich mich im Namen vie­
inzwischen zwtsche hahen ----------------------
_____KoctoH» ,r* — **anr- ler Mitchristen (Männer und Frauen, die ich kenne) gegen diese
nehmung besteht, ln der Tat haben die Eröffnungsworte eines Do­
kuments oft einen programmatischen Charakter. Die päpstliche nachgeschobene und wirklich inquisitorische Botschaft aus Rom
Sie lautet: Wer die von uns formulierte Botschaft nicht akzeptiert
Fnzvklika zum Verhältnis von Glaube und Denken etwa lautet
verachtet die Herrschaft Jesus. Solche Menschen mögen gehen
Fides et ratio (Glaube und Vernunft), die Enzyklika zu Fragen der
denn sie halten der Herausforderung des christlichen Glaubens
Dkumene lautet Ut unum sint (Damit sie eins seien), aber bei
und den »Worten des ewigen Lebens« (Joh 6, 68b) nicht stand
Dominus lesus brechen die vom Autor beabsichtigte und die fak-
Solche Selbstgewissheit grenzt schon an starken Realitätsver­
tische Wirkung völlig auseinander. Zwar wird im Dokument das
lust. Die gegen das Dokument gerichtete Kritik ist nicht aus Un­
Herrsein Jesu Christi besprochen, aber nachweislich bildet es
glaube, sondern aus einem tiefen Glauben und einer intensiven
nicht den Kern und das innere Ziel aller Aussagen. Die übergroße
Kirchlichkeit gespeist. Auch hier hat der Glaubenseiferer aus Rom
Mehrheit der Interessierten hat das Dokument als Botschaft des
die Rechnung ohne die Glaubenden gemacht, denn sie wissen
römischen Anspruchs gegenüber anderen Kirchen und anderen
zwischen röm ischem Wahrheitsanspruch und biblisch-christ­
Religionen gelesen. Spätere Informationen haben zudem gezeigt,
lichem Wahrheitsangebot wohl zu unterscheiden. Der Glaube an
dass die Diskussion darüber innerhalb der Kurie schon vor der
den Herrn Jesus untermauert den Heilszentralismus der römi­
Veröffentlichung des Dokuments geführt wurde. Auch hier zeigen
schen Kirche in keiner Weise. Schon eine einfache Auslegung des
sich die Kommunikationsbrüche eines Theologen, der keine Dia­
Johannesevangeliums kann zeigen, dass die Herrschaft Jesu - un­
loge mehr führt, die Fachkolleginnen und -kollegen also nicht
beschadet aller weiteren Interpretation - alle anderen Herr­
mehr ernst nimmt.
schaftsansprüche radikal relativiert, die kirchlichen eingeschlos­
Ganz offensichtlich hat sich der eine Glaubenshüter - zum
sen. Deshalb treibt auch die Art und Weise, wie Ratzinger dann
Nachteil der Gesamtkirche und vieler ökum enisch und interreli­ von den evangelischen Kirchen redet, vielen Katholiken die
giös Engagierter - in einen monologischen Status manövrieren Schamröte ins Gesicht. Mit biblisch verantworteter Theologie ha­
lassen, der zum Austausch unter Glaubenden offensichtlich nicht ben seine Behauptungen nichts mehr zu tun. Dafür seien drei Bei­
mehr fähig ist. Auch dies wird in erschreckender Weise belegt. Er
spiele angeführt:
vergleicht unsere Zeit doch tatsächlich mit Kapitel 6 des Johan­ • Das Bild von der kirchlichen Vielfalt verleitet den ehemaligen
nesevangeliums, an dessen Ende viele weglaufen und, so Ratzin- Fachtheologen zu folgender Reaktion: »Wenn sie [die ver­
gers Interpretation, die Welt zum großen Geschwätz degeneriert. schiedenen Kirchen] alle die Kirche >auf je ihre eigene Weise«
Wiedemm ist dies eine der allgemeinen und undeutlichen Inter­ sind, ist diese Kirche ein Gebilde aus Widersprüchen, und ir­
pretationen, auf die ich noch zu sprechen komme. Es wird der gendeine klare Wegweisung gibt sie dem Menschen dann
Eindruck von einer Welt geweckt, die allen religiösen Ernst aufge­ nicht.« Noch einmal zeigt sich hier der Grunddissens, von
geben und sich unverbindlicher Beliebigkeit übergeben hat. Wen dem schon die Rede war. Mit dem Begriff und der Sache der
genau hat der Kardinal damit gemeint? Ich persönlich lasse mir Vielfalt kommt Ratzinger nicht klar; sie heißt für ihn unter­
eine solche Interpretation jedenfalls nicht bieten. Wer nämlich schiedslos Gegensatz oder gar Widerspruch. Wenn die Kir­
die Johannesstelle kennt, hat die ungeheuerliche Arroganz ver­ chen nämlich auf »je ihre eigene Weise« Kirche sind, dann
standen, die hinter diesem kurialen Hinweis steckt. In Johannes 6 sind zur Beurteilung offensichtlich zwei Strategien möglich.
geht es eben nicht um eitles Weltgeschwätz, das doch bitte ernst­ Die erste Strategie, der Ratzinger anhängt, fordert ein Alles
hafter und tiefsinniger werden soll, sondern um die Spaltung der oder Nichts, eine Gleichheit ohne Fragezeichen, eine Mono-
Jüngerschaft in Getreue und in Gegner, konkret gesagt in solche, i totalitären oder integralistischen Leitmodell
i»,ihir Hip pinem '
183
182
entspricht. Ein solches Einheitsverständnis f0rci stellt Ratzinger unausgesprochen? Zunächst ist das Gesagte ja
eine zentrale Instanz, die über diese Einheit, mh a ZU8le'ch unwiderlegbar, denn historische Zufälligkeiten betreffen die
oder Akzeptanz definitiv entscheidet. Dafür sehe USSc^«ss genannten Kirchen. Wer hat zudem je behauptet, dass sie alle
Grundlage im neutestamentlichen Kirchenverständ^ ke‘ne (die unierte, die lutherische und die katholische Kirche) im
aus Ratzingers Perspektive nur als ein Bündel von W h'S' das gleichen Sinne Kirchen sind? Hier liegt der unausgespro­
chen umschrieben werden kann. Die zweite m ö g lic h erSprti‘ chene, geradezu destruktive Affront. Ratzinger wählt aus dem
gie fordert kein Alles oder Nichts, sondern ein geduld*7 tra,e' evangelischen Raum nicht nur die kleinsten und (für einen
differenziertes Nachdenken über die Frage: Was genau k° S, Und bayerische Katholiken) sprachlich bizarrsten aus sondern er
terschiede sind und wie tief sie das Kirchenverständnis b Un' lässt die zufälligen Begrenzungen nur für diese beiden kleinen
ren. Was versteht die eine, was die andere Gemeinschaft ^ Kirchentümer zu, nicht aber für sein eigenes Kirchentum
Kirche? Wie verhalten sich diese Unterschiede zur Schrift1*^ Denn unerwartet spricht er jetzt nicht von den »in histori­
gemeinsamer normativer Basis und wie verm itteln sie spät3'5 schen Zufälligkeiten gewachsenen Bildungen« der römisch-
katholischen Kirche, sondern von der Kirche, »wie die katho­
kulturelle Systeme? Aus dieser Perspektive sind die Folge ^
lische Kirche glaubt [!] Kirche zu sein«. Das ist ein unfairer
gen Ratzingers schlicht falsch, vom gem einsam en Urspru'n
Bruch in der Gedankenfolge. Bei einer fairen Argumentation
her nicht gerechtfertigt und wegen ihrer spaltenden Wirku"^
hätte er die kurhessischen mit den kurialen Zufälligkeiten, die
auch als Nebenbemerkung unerträglich. Offensichtlich w'in
Schaumburgischen Glaubensüberzeugungen mit den Glau­
Ratzinger im ökumenischen Denken weder geschichtlich
bensüberzeugungen einer süditalienischen Gemeinde ver­
noch kontextuell argumentieren, auch nim m t er die faktisch
gleichen müssen, also das Beffchen etwa mit der phrygischen
Fruchtbarkeit der ökumenischen Vielfalt n ich t zur Kenntnis Zipfelmütze (= Mitra) und die Vatikanische Kirchenkonstitu­
Offenkundig gilt ihm die eigene, d.h. die röm ische und alt­ tion mit (den ekklesiologischen Passagen) der Leuenberger
kirchlich interpretierte Kirchenwirklichkeit als strenge und Konkordie. Er hätte halt offen sagen müssen, dass er über
unabdingbare Norm. Angesichts der weltweiten Kirchenviel­ Amt, Lehrautorität und Sakramente anders denkt als die Kir­
falt ist es schlicht unverständlich, wie einem Mann mit solch chen reformatorischer Tradition. Aber hätte er das gesagt,
beengendem Horizont innerhalb der katholischen Kirche eine dann wäre er schnell in biblische und theologiegeschicht­
solch weitreichende Funktion zugeschrieben wird. liche Argumentationsnot gekommen. Jetzt aber beansprucht
• Das zweite Beispiel verstärkt den Eindruck, der sich im ersten er für sich die Wahrheit und überlässt den anderen die histo­
schon aufgedrängt hat. Im genannten Interview weist der rische Kontingenz. Das ist zwar eine schlaue Strategie, sie
Glaubenshüter darauf hin, dass sich in der Reformation nicht taugt aber nicht zur Wahrheitsfindung. Oder wie Ratzinger
nur die Kirchenstruktur, sondern auch das Kirchenbild geän­ dann selbst sagt: »Der Streit, so wie er jetzt geführt wird, liegt
dert hat. Dann sagt er zu Recht und scheinbar einfühlsam: schlichtweg falsch.« Wie recht er hat. Er sollte das einsehen
»Den Kirchenbegriff in gleicher Weise für alle bestehenden und korrigieren, wenn er nicht als »Würgeengel der Zukunft«
Idrchlichen Gemeinschaften in Anspruch zu nehm en, steht (L. Boff) in die Geschichte der Ökumene eingehen will.
eben auch gegen deren eigenes Selbstverständnis.« Das ist • Das dritte Beispiel zeigt Ratzingers Unfähigkeit, sich von sei­
durchaus richtig. Dann aber nim m t Ratzingers Gedankenfüh­ nem platonischen Grundmodell zu lösen. Er sagt: »So be­
rung eine bestürzende Wendung. Er sagt: »Und wer würde trachten es in der Tat viele Zeitgenossen; es gebe eben nur
heute einfach sagen wollen, dass die in historischen Zufällig­ Kirchenfragmente, und so müsste man sich das Beste aus den
keiten gewachsenen Bildungen - sagen wir die Kirche von verschiedenen Stücken heraussuchen. Aber wenn es so wäre,
Hessen-Waldeck oder von Schaumburg-Lippe - im gleichen wäre der Subjektivismus kanonisiert: Dann musste sich |e er
Sinn Kirche sind, wie die katholische Kirche glaubt Kirche zu sein Christentum selber zusammensetzen, und am Ende ent-
sein.« W elcher Schluss ist daraus zu ziehen und was unter­
schiede der eigene Geschmack. Die katholische K
wie die orthodoxe Kirche auch überzeugt, dass e i n e ^ 0 ist die Treue
die ireuc Christi
v , . . versucht
_____ ____Katzinger,
_____ der ökumenischen Bewe
* --------- rcnhinttiuikmiK
Auffassung [Subjektivismus und — . mi,
und Individualismus] s°lche
() „ ,n a evangelischer Herkunft eines seiner zentralen Motive zi
fP>ng z„
entwinden und für seine Ziele zu instrumentalisieren r *
Verheißung Christi und mit seiner Treue unvereinbar ist ^ [
verrät, dass er von diesen Diskussionen keine Kenntn ger
Kirche Chris« gibt es wirklich, und nicht nur Fetzen davon
nien hat, genauer: dass er den Bezugsrahmen d Z " gen° m'
Und sie ist nicht eine nie zu erreichende Utopie, sondern sie
ignoriert, wie er in der ökumenischen Theologie über die^onfef
ist konkret.«
sionen hinweg gilt. Es ist gerade die Treue zum Herrn h **
Wieder ist der suggestive Zug des Textes ernorm . Dessen Ana
dazu auffordert, dass wir die alten Grenzen und Wide'rsprtche
lyse ist für Ratzingers Strategie lehrreich. Er geht in vier Schritte,,
überwinden oder - sofern sie das Wesen des Christusglauben
vor. (1) Zunächst gibt er den Anschein, als beschreibe er eine
nicht tangieren - als Bereicherung akzeptieren. Mi. seinem A rZ
Situation: Viele Zeitgenossen sehen Fragmente und suchen sich ment steht Ratzinger auf einsamem Posten. S
die besten heraus. (2) Dann zieht er Folgerungen: Man wähle
(4) Vor dem Hintergrund dieser Klärungen lässt sich das »Be
nach eigenem Geschmack, also subjektivistisch aus. (3) Dagegen kenntnis« Ratzingers jetzt einordnen. Er setzt die Position voraus
platziert er nun ein theologisches Argument: Das ist mit der Treue die er beweisen will: in der katholischen Kirche sei die ganze für’
Christi unvereinbar. (4) Schließlich erklärt er im Stil des verein­ che Christi verwirklicht und konkret. Bei solch normativ gesteu­
nahmenden Bekenners: Die Kirche Christi gibt es doch wirklich ertem Selbstbewusstsein kann Ratzinger alle Differenzierung au­
und konkret, nicht nur als »Fetzen« und »Utopie«. ßerhalb des Katholischen nur noch negativ als »Fetzen« und als
Ein solches Kabinettstück der Argumentation entspricht zwar »Utopie« (in einem sehr banal negativen Sinn des Worts) konno-
den Regeln feiner Polemik, beleidigt aber Position und Absichten tieren. Visser't Hooft hat schon vor fünfunddreißig Jahren dazu
der Kontrahenten. Zu (1): Der unbestim m te Verweis auf »Zeitge­ eine zutreffende Diagnose formuliert. »Erkennen die Kirchen die
nossen« macht die Beschreibung unangreifbar. Mag sein, dass es volle Bedeutung des neuen Pluralismus? Ich bezweifle es. Ihre Re­
sie gibt, was aber soll das für den ökum enischen Diskurs? Wenn aktion auf den Pluralismus zeugt oft von Verwirrung, manchmal
es sie aber unter ökumenisch engagierten Christen oder Theolo­ sogar von Panik. Der Hauptgrund, weshalb sich die Kirchen der
gen gibt, dann sind Ross und Reiter zu nennen. Für den herr­ Tatsache des Pluralismus nur widerstrebend stellen, ist in der Tat­
schenden ökumenischen Diskurs gilt - bei aller Sympathie für sache zu suchen, dass es ihnen schwer fällt, das Ideal einer in­
Vielfalt und Verschiedenheit - die »Beschreibung« aber als Unfug. tegrierten christlichen Gesellschaft aufzugeben, die von einer
Die Buffet-zur-Auswahl-Idee gehört ins Reich purer Phantasie. bestimmten Kirche oder von allen Kirchen zusammen geistig ge­
(2) Deshalb ist die Folgerung vom subjektivistischen Geschmack führt wird. Sofern diese Haltung bedeutet, dass sie sich weigern,
aus der Luft gegriffen, die damit formulierte Unterstellung für die den Anspruch aufzugeben, dass das Evangelium in seiner Ausrich­
ökumenisch Engagierten beleidigend. Unter den Präliminarien tung grundsätzlich universal ist, sich an alle Menschen wendet
ökumenischer Theologie wurde nämlich kaum ein anderer Ge­ und alle Bereiche der Gesellschaft durchdringen will, spricht das
sichtspunkt so intensiv reflektiert wie die Ablehnung von Sub­ nur für die Kirchen. Aber für die unbegrenzte Herrschaft Jesu
jektivismus und Geschmacksmentalität, wie die Modelle der Ver­ Christi einzutreten, ist eine Sache; etwas anderes ist es, so zu spre­
schiedenheit und möglicher Einigung82. (3) Mit dem Verweis auf chen und zu handeln, als ob man damit rechnen könnte, dass die
allgemeine Anerkennung und Annahme dieser Herrschaft Jesu
Christi in nächster Zukunft stattfinden werde.««
82 Dazu nur zwei Beispiele: Von evangelischer Seite ein höchst authentischer Aufsatz Dies erklärt auch, warum Ratzinger in den diskutierten Fragen
des ersten Generalsekretärs des Weltrats der Kirchen: W. A. Visser't H ooft, Pluralis­ nicht nur eine Moralisierung, sondern auch eine Politisierung
mus - Gefahr und Chance? (1965), in: Die ganze Kirche für die ganze Welt. Haupt­
schriften I, Stuttgart - Berlin 1967, 18-38; vgl. auch den Aufsatz Kirche oder Über-
Kirche?, a.a.O. 1S7-172. Von katholischer Seite das damals bahnbrechende Buch
von H. Küng, Die Kirche, Freiburg 1967, Kapitel: »Eine Kirche», a.a.O. 313-352. 83 Visser't Hooft, a.a.O. 22.
187
V, die Gegenseite - dieses M al n ich t von den evangelischen
durch die Gege ^ kathoiischen Theologen - entdeckt. »Man
prominenten Unheilspropheten auch Europa verschwunden Das
Kirchen, * 0 " ° * , M acht an, der man eine Gegenmacht gegen.
sieht das Lehran VieUelcht h at Ratzinger sogar Recht, denn gilt " ach Ratz,n8er * * das ant'ke »Europa«, d.h. den NachM.
des mediterranen Kulturraums, zu dem auch NordafriWa ^ 8
über stellen mu ‘ jven M achteinsatz, umgesetzt mit allen ih- eS v o r , ü l ® , « , , as
einen höchsten e ^ lntervention, wird man Rom und der
muslimischen Zeit und erst recht für das östliche Europa nach
nen möglichen Mi ^ ^ vergangenen zwanzig Jahren wohl
dem Konstantinopel 1453 gefallen ist. Mit diesen Ausschlüssen
nicht b estreiten k o n n ea _ ^ ^_ Fehlbildung aber den - kontrol-
Glaubenskongreg
hat Ratzinger einen der schwierigsten und interessante en
__________ _ aoer den - kon
lierten abgemahnten,
~ ' V” ’ öffentlich verurteilten, nicht zugelassenen Aspekte europäischer Geschichte vom Tisch gewischt dass Eu
und abgesetzten - Theologinnen und Theologen in die Schuhe ropa nämlich ohne die ständige Auseinandersetzung mit dem k
schieben zu wollen, deutet auf einen klassischen Fall von Projek­ lam nicht zu begreifen sei. Das gilt nicht nur für den typisch
tion hin. Wer sich dann noch herausnim m t, die evangelischen christlichen Dogmatismus, der im anti-islamischen Spanien seine
Kirchen vom Thron herab zur Ordnung zu rufen, hat Sinn und Be­ prägende Form gefunden hat, sondern auch für die Mischung von
deutung christlicher Geschwisterschaft denn auch vollends ver­ Abscheu und Faszination, den der islamische Osten seit den Zei
fehlt Dass unter solchen Auspizien die Rede von unseren »luthe­ ten der Kreuzzüge auf Europa ausübte. Vom Tisch gewischt hat er
rischen Freunden« beinahe zu einem Hohn gerät, der nicht in seiner Konzentration auf die religiösen Legitimationsideolo­
gründlich genug entlarvt werden kann, sei dann nur noch am gien von Imperium und sacerdotium auch die Geschichte der
Schrecken, die dem Europa der Eroberungen und der Kolonien zu
Rande erwähnt. Das Problem ist in der Tat ein theologisch sank­
eigen ist. Umso mehr interessieren ihn die Wurzeln der gegenwär­
tioniertes Selbstbewusstsein, das - m it weltlichen Kategorien er­
tigen Krise. Wenn man seinen Analysen folgt, sind die Gründe für
fasst - nur als höchste, wenn au ch zwanghaft unfreiwillige Arro­
ganz umschrieben werden kann. den gegenwärtigen Untergang eindeutig. Das Elend begann, ein­
fach gesagt, mit der Reformation, in der »eine neue, aufgeklärte
Art des Christentums entsteht« und setzte sich fort mit der Fran­
zösischen Revolution, die (so einfach ist das) mit ihrem Rationa­
III. Untergang des Abendlandes lismus und der faktischen »Fragilität der Vernunft« am Beginn der
(28. November 2000) späteren Diktaturen in Europa steht. Wie diktaturanfällig gerade
katholisch geprägte Staatssysteme waren, wird ebenso wenig er­
Immer wieder hat Ratzinger in seinem Schrifttum kleinere oder wähnt wie die Erinnerung an das Unheil, das Dogmatismus und
größere Untergangsszenarios entwickelt. Mal gibt die Gesellschaft eligionskriege über diesen Kontinent gebracht haben sowie die
ihre zentralen Werte auf, mal gerät die Theologie auf die schiefe itsache, dass sich die Demokratie als große europäische Entde-
Bahn, an wieder anderen Stellen wird einzelnen Theologinnen <ung gegen den Widerstand der katholischen Kirche durchgesetzt
und Theologen Kompetenz oder Ehrlichkeit abgesprochen. An at. Jetzt aber ist das von laizistischen und von kommunistischen
einigen Stellen steht gar der Untergang des Abendlands auf dem ystemen bis in seine Fundamente hinein beschädigte Europa
Spiel. Genau das ist der Bezugsrahmen, in den er einen program­ om Kreislaufkollaps bedroht. Nicht nur die seelischen Kräfte
matischen Vortrag stellt, den er am 2 8 . N ovem ber 2 0 0 0 in der nd verschlissen, sondern auch die ethnische Zukunft versagt.
Bayerischen Vertretung in Berlin gehalten hat (Ratzinger 20 0 0 e ). Kinder, die Zukunft sind, werden als Bedrohung der Gegenwart
Das heißt für ihn: Europa geht unter, ist zumindest von einem tie­ ngesehen ... Der Vergleich mit dem untergehenden Römischen
fen Selbsthass geprägt, weil es sich von seinen geistigen Wurzeln, eich drängt sich auf.« Jetzt gebe es in Europa »einen merkwürdi-
dem christlichen Glauben trennt. Das ergibt sich schon aus einem en und nur als pathologisch zu bezeichnenden Selbsthass«. Des-
ersten Grundsatz, der in dieser Konzeption rigoros gehandhabt ilb müsse Europa wieder sich selbst, nicht nur das Andere an-
gehören die Ehrfurcht vor dem
wird. Wo das Christentum nicht mehr anwesend ist, ist für den

188 189
acht des Glaubenszensors ist von einer umfassenden Krisenher-
Heiligen, die Hochschätzung der Familie und - man staunt n
schlecht - die Ablehnung der Homosexualität. Icht ncneutik durchsetzt.
Es ist deshalb interessant, noch einmal das neue Vorwort zu le­
Bei genauer Lektüre dieses Textes verschlägt es einem d-
sen, das der erfolgreiche Autor der sechziger Jahre im Jahre 2000
Atem, weil er so großräumig (mit Römischem Reich und Christen" seinem Bestseller »Einführung in das Christentum« vorangestellt
tum) beginnt und so kleinkariert (mit Kinderzeugung und Hom"
hat. Es ist eine von Schwarzmalerei und von Misstrauen geprägte
Sexualität) endet. Er zeichnet nicht nur ein völlig irreales Kat'a Rückschau. Was geschah im legendären Jahr 1968? Für Ratzinger
Strophenszenario, sondern weist dafür allen anderen Kräften die war es die vorweggenommene Untergangsgeschichte der späte­
Schuld zu außer der katholischen Kirche. Er wirft Europa einen ren Jahrzehnte, sozusagen das Vorab-Szenario seines späteren Le­
Selbsthass vor und übersieht, dass er der Einzige ist, der in diesem benskampfs. Damals habe man die gesamte Geschichte des Chris­
Text Selbsthass propagiert. Aber er macht natürlich deutlich, dass tentums für verfehlt gehalten; im Strom marxistischen Denkens
er sich in einer Extremsituation wähnt, die die schärfsten Waffen­ solle es besser werden. Nach dessen Zusammenbruch 1989 habe
gänge erlaubt. Würde man diesen Text über Europa akzeptieren man aber nichts gelernt. Über Archipel Gulag und Pol Pot, über
und noch immer meinen, Europa bedeute Mitte und Führung der die Rechtfertigung des Terrors und die zurückgebliebenen Trüm­
gesamten Welt, dann hätte Ratzinger natürlich Recht. Dann näm­ merfelder der Menschlichkeit rede man nicht. Auch innerkirch­
lich wäre das letzte Gefecht - »ohne Rücksicht auf Verluste«, wie lich - in Lateinamerika zumal - habe man dem Marxismus
es dann zynisch hieße - zu kämpfen. Man müsste dann allerdings (sprich; der Befreiungstheologie) die Führerschaft übergeben,
die Frage stellen, ob dieser Eurozentrismus, der sich als römischer über Gott nicht mehr geredet und Jesus nicht mehr als den Chris­
Zentralismus konkretisiert, nicht die schlimmste Verfälschung tus erscheinen lassen. Gott wurde funktionslos. Jetzt, nachdem
des christlichen Glaubens bedeutet, die wir uns heute denken Gott überall in der Welt tot sei, zeigten sich die Folgen in einer in­
können. Ratzingers Streit um die Kirchenrestauration hat als Hin­ humanen Gen- und Embryonentechnik, im zynischen Menschen­
tergrund ein erzkonservatives Gesellschaftsbild, das mit der Mo­ handel sowie in vielen anderen Szenarios des Schreckens. Inzwi­
derne keinen Kompromiss zulässt. Zwar hat Ratzinger zusammen schen sei eine neue Sehnsucht nach Religiosität erwacht. »Der
mit uns allen gelernt, dass die neuzeitlichen Fortschrittsideale mit düsteren und zerstörerischen Ekstase der Droge, der hämmern­
ihren katastrophalen Auswirkungen ausgedient haben, er ist aber den Rhythmen, des Lärms und des Rausches tritt eine helle Eks­
dem Gegenteil verfallen. Seine Ideologie des Verfalls lässt nur eine tase des Lichts, der freudigen Begegnung in der Sonne Gottes
einzige Lösung zu: Rückkehr zu den Ursprüngen Europas, d.h. zu entgegen.« Dennoch sei Wachsamkeit angesagt. Die Gestalt Chris­
einer hellenistisch geprägten Kultur, in der die katholische Kirche ti werde neu gedeutet, nämlich vom Gottsein getrennt. Wieder
die einzig gültige Wahrheit gebracht und in eine sakrale, eine kul­ einmal wird in hilfloser Weise eine Formel bemüht, deren Beja­
turelle und in eine politische Wirklichkeit umgesetzt hat. Für Rat­ hung er anderen abspricht: »Der Glaube daran, dass Christus der
zinger lautet die Schlussfolgerung: »Toynbee ist darin Recht zu einzige Sohn Gottes ist, dass in ihm wirklich Gott als Mensch un­
geben, dass das Schicksal einer Gesellschaft immer wieder von ter uns weilt« (2000c, 18). Leider kann das kursiv gedruckte »ist«
schöpferischen Minderheiten abhängt. Die gläubigen Christen Ratzingers Problem nicht überspielen; es ist das Problem einer
zeitgemäßen Auslegung. Auch er müsste uns endlich (ohne Rück­
sollten sich als eine solche schöpferische Minderheit verstehen
fall in eine beschwörende Tautologie) erklären, was denn diese
und dazu beitragen, dass Europa das Beste seines Erbes neu ge­
geheiligte Formel für ihn bedeutet. Auch er kann nicht leugnen,
winnt und damit der ganzen Menschheit dient.« Genau besehen
dass dieses Wörtchen »ist« verschiedene Bedeutungen annehmen
ist dieses »Beste seines Erbes« aber doch die ursprüngliche, noch
kann. Wäre denn eine Auslegung, die endlich über den Tellerrand
nicht gespaltene Christenheit, d.h. aus römischer Sicht: die ka­
hellenistischer Weltanschauung hinausreicht, zuviel verlangt
tholische Kirche. Deshalb bedeutet alles, was von ihrer alten Ge­ nt u/arhsamkeit ist nach Ratzinger auch
stalt und von ihren alten Überzeugungen wegführt, eben schlicht
und einfach Rückschritt, Gefährdung, Wahrheitsverlust. Die Welt-

190
gefordert weil der G ottesbegriff gru n d legen d v e rä n d e rt und auf angezeigt werden, dem er leider erlegen ist? Ein guter Freund hat
den Innenraum individueller Erfahrung red u ziert w urde. Wieder mich auf eine für mich unerwartete Spur gebracht, die vielleicht
wird eine breit ausgreifende Entw ick lu n g auf Lücke hin interpre- das Geheimnis der Missverständnisse lüften mag. lm ersten Teil
tiert. Der G laubenshüter erfährt eine gru n d leg en d e Erweiterung des Buches habe ich darauf hingewiesen, dass der damals junge
des Gottesbildes als Reduktion. So h a t sich d er Autor, wie er Ratzinger das Märchen von »Hans im Glück« heranzieht um die
m eint beim dam aligen Schreiben der Ein fü hrun g »in der Grund­ Geschichte des Verlustes, dieses dauernde »Herunterinterpetie-
richtung n ich t geirrt«. Das gegenw ärtige C h risten tu m westlichen ren« zu geißeln, das sich seines Erachtens in der von ihm verach
Zuschnitts und die e n tsp rech en d e g egen w ärtige T heologie zeigen
teten Theologie abspielt. Die Frage ist nur, ob er den Sinn dieses
sich ihm - gem äß seinem V erständnis v o n »H ans im Glück« - als
Märchens überhaupt richtig erfasst hat und ob in ihm eine Ver­
Verlustgeschichte84. D o ch zum Leidw esen ein er Theologie, die lustgeschichte dargestellt wird.
Für R atzinger ist die Botschaft des Märchens klar. Er schreibt im
um einer n euen Zeit willen u m ein n eues W ahrheitsverstehen
Vorwort zur ersten Auflage seines Buches zu Hans: »Den Gold­
ringt, h at sich inzw ischen der K o n te x t d ieser Beurteilung geän­
klumpen, der ihm zu mühsam und schwer war, vertauschte er der
d ert.'W as wir v o r fünfunddreißig Ja h re n n o c h als persönliche
Reihe nach, um es bequemer zu haben, für ein Pferd, für eine Kuh,
Überzeugung des eigenständigen T h eologiep rofessors akzeptie­
für eine Gans, für einen Schleifstein, den er endlich ins Wasser
ren konnten (w arum diesen Stach el im Fleisch voranschreiten­
warf, ohne noch viel zu verlieren - im Gegenteil: Was er nun ein­
der Theologie n ich t zur eigen en Selbstprüfung au shalten ?), wird
tauschte, war die köstliche Gabe völliger Freiheit.« Ratzinger fährt
heute der k atholischen G esam tk irch e u n n ach g ieb ig und m it rigo­
fort: »... wie er meinte. Wie lange seine Trunkenheit währte, wie
rosen Sanktionen aufgezw ungen. W enn das allerdings ihre legi­
finster der Augenblick des Erwachens aus der Geschichte seiner
time Konsequenz ist, h a t sie sich a u ch sch o n selbst widerlegt85. vermeinten Befreiung war, das auszudenken überlässt jene Ge­
Hat Ratzinger n ich t d o c h R echt? W ie genau w äre er christlich schichte, wie man weiß, der Phantasie ihrer Leser.«86 Ratzinger
zu widerlegen? Auf w elch em N iveau soll der Irrtu m sachgemäß versteht das Märchen ausschließlich als Verlustgeschichte, ob­
wohl der Text tatsächlich vom Gewinn der Freiheit, und zwar kei­
84 Eine Art ersch reck en d er Z w isch en b ilanz, d ie v o n M isstrau en , N ostalg ie und purer neswegs von einer v er m ein tlic h en handelt. Auch stellt das Mär­
V erachtung gegenü ber anders d e n k e n d en K o lleg en geprägt ist, fin d et sich in dem
kurzen Text »Zehn Jah re n a ch K o n zilsb eg in n - w o steh e n w ir?« (Ratzinger 1973, chen keineswegs den finsteren Augenblick des Erwachens aus der
4 3 9 - 4 4 7 ) Der Text zeigt ein d rü ck lich , w ie seh r R atzin g er s c h o n in den siebziger Ja h ­ Trunkenheit der Phantasie des Lesers anheim, »wie man weiß«.
ren h in ter jed er N euerung so b e d ro h lich e S ch re ck g esp e n ste sa h w ie: Sinn-Vakuum ,
existen tialistisches D enken, A bsch ied v o n der M etap h y sik, G esch ich tslosig k eit, Wer ist da »man«, und woher weiß es R atzingei?
N eom arxism us, n ach k on ziliarer Progressism u s, tran sze n d en ta lp h ilo so p h isch um ­ Nicht von den Brüdern Grimm, denn deren Märchenausgang
gedeuteter T hom ism us, In sp iration d u rch G o g arten und Luther, allgem ein er Re­
ist eindeutig: »Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang
form pragm atism us, G esich tslosig k eit, S tu d en te n g e m ein d e n und Priestergruppen . , , . c^inpr Mutter war.«87 Da kehrt einer
als H auptausbreitungsgebiet so lc h e r T rends, p o lit-ö k o n o m isc h e s V okabular, Zu­
er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter wa.
sam m en brach der bish erigen W erte, b lo ß e r Prag m atism u s k irch lich e r Strakturrefor- zu seinem Ausgangspunkt zurück, ist »durch die Schule des Le
m en , neuer Klerikalism us und k lerikaler Egoism us, G esch re i derer, die n o c h halb im zu seinem Ausg g V „ rhwerenden Ballast - Wünsche und
G estrigen leben. Wer in den dam alig en (gewiss a m b iv a le n te n ) N euaufbrüchen
n ich t m eh r als so lc h e U ngeister erk en n en k o n n te , h a tte s c h o n d a m a ls sein Recht
bens« gegangen, hat “en hat zu jener höheren Naivi-
au f überzeugende M einun gsfüh rersch aft in ein e r ch ristlic h e n K irch e verspielt. Rat­ Fremdbestimmungen frühe neunzehnte Jahrhun-
zinger muss n ich t nur zurücktreten, er h ä tte sein rö m isch es Am t ü b erh au p t nicht tät (zurück-)gefunden, in n paradieses lag. So kann er am
an treten dürfen. Sollten seine A usgangspunkte ab e r d en M a ß stä b en sein es in qu isi­
to risch en Amtes en tsprechen , dan n ist sch leu n ig st d ieses Am t als s o lc h e s ab zu sch af­ dert die Idee d e s wie ich gibt es keinen Menschen un-
fen. ln jedem Fall ist es sch lech t um ein e K irch en leitu n g b e stellt, die für ih ren uni­
versalkirch lich en G laubensd ienst k ein e verstän digeren G em ü ter zu fin d en w eiß. Ende ausrufen: »So glu
8 5 Dass Ratzinger sein K onzept au sg erech n et als »n arrativ e C h risto lo g ie« p räsen tiert,
e n tb eh rt n ic h t der Iron ie. So llte er s c h lic h t und ein fa ch d a m it m e in e n , d ass er sei­ » Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Grimm.
n em Leserpublikum erzählt, was er v o n Jesu s C h ristu s d e n k t? D as w äre d o ch ein e
etw as m agere Ausbeute. W enn er den E h ren titel ein e r »n arrativ en C h risto lo g ie« je ­
d o ch allen Ernstes au f sein e altk irch lich e n R e p etitio n en an w en d en w ill, dan n h at
er v om W esen, der E lem en tarität und der H erausforderun g des N a rra tiv en n u r w e­
n ig b eg riffen . °

192
ter der Sonne.« Ratzinger unterschiebt dem Hans ein ganz anderes tasie des Lesers, sondern vermittelt über die innere Erfahrung von
Motiv: dieser wolle es bequem er haben! Das lässt sich allenfalls Hans die unmissverständliche Botschaft vom Glück des Befreit
seins. Solche befreiten und glücklichen Menschen sind nicht ge­
mit Bezug auf den Goldklumpen sagen. Zwar besagt der Text-
rade diejenigen, die Rom disziplinieren und auf fest verfugte For­
»Gold, aber ich kann den Kopf dabei n ich t gerad’ halten, auch
meln verpflichten kann. Ratzinger hätte gut daran getan, sich
drückt mir's auf die Schultern«. Aber dabei muss es nicht um Be­
besser auf diese befreiende Märchenwelt zu verständigen und für
quemlichkeit gehen, ganz und gar n ich t bei den anderen »Preis­
sich selbst etwas daraus zu lernen. Dann nämlich hätte er auch
gaben«. Das zeigt sich bei den Steinen, die ihm am Ende bleiben.
die Dynamik der theologischen Erneuerungen besser verstanden,
Sie »legte er bedächtig neben sich auf den Rand des Brunnens«,
gegen die er sich seit vierzig Jahren stemmt, ln ihnen sollten näm­
damit er sie »im Niedersitzen n ich t beschädigte«. Kommt dann
lich keine Goldklumpen mit Schleifsteinen vertauscht, sondern
ein Missgeschick? »Da versah er's, stieß ein klein wenig an, und
es sollte statt der wohlpolierten und überschwer gewordenen
beide Steine plum pten hinab.«
Prunkstücke das Urgestein wiederentdeckt werden, das auch den
Es war kein Missgeschick, denn jetzt erst kom m t der Clou:
hellenistischen Ziselierungen zugrunde liegt. Wer dieses aber ent­
»Hans, als er sie m it seinen Augen in die Tiefe hatte versinken se­
deckt, h at auch einen neuen Zugang zur Freiheit der Kinder Got­
hen, sprang vor Freuden auf, kniete dann nieder und dankte Gott
tes gefunden, um deretwillen Paulus schon von den Repräsentan­
mit Tränen in den Augen, dass er ihm au ch diese Gnade noch er­ ten seiner Mutterkirche mit Misstrauen bedacht wurde, die er
wiesen und ihm auf eine so gute Art und, ohne dass er sich einen aber m it größter Leidenschaft verteidigte. Seine Botschaft ist
Vorwurf zu m achen brauchte, von den schw eren Steinen befreit durchaus aktuell: »Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt da­
hätte, die ihm allein n o ch hinderlich gewesen wären.« Der Ge­ her fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knecht­
schehensablauf ist sorgsam gewählt. Es ist dem Hans gegeben, schaft auflegen!« (Gal 5,1) Zur Verteidigung dieses hohen Guts
dass sich seine Erleichterung gerade n ich t m it Schuld oder Verant­ widerstand er Petrus ins Angesicht, »weil er sich ins Unrecht ge­
wortungslosigkeit verknüpfte. Aus diesem im m er leichter und setzt hatte« (Gal 2,11). Er hätte sich gewiss auch amtlich bestell­
freier und beschwingter werdenden Hans der Brüder Grimm ten Glaubenskontrolleuren widersetzt, hätten diese zum Schaden
m acht der Präfekt der G laubenskongregation einen vorsätzlichen der Kirche schon ihr Unwesen getrieben.
Bequemling, einen im Grunde bedauernsw erten Spießer. Irgend­
wann wird er aufwachen, aber dann ist es zu spät! Er sollte uns
herzlich Leid tun! Das M ärchen steht im genauen Sinne konträr IV. Schluss: Meinungsdiktatur oder
zu Ratzingers hier unterstellter Intention (die G eschichte der Un­ christlicher Freimut?
terstellungen in Ratzingers Theologenkritik, das wäre ein ergiebi­ . cz-hhissteils haben drei Eigenschaften der
ges Dissertationsthem a!). Es ist, auf seine Art, ein Stück »Befrei­ Die kurzen Analysen des Sc ^ als Ratzingers persön-
ungstheologie«, und eine besonders pikante Art von Ironie liegt kurialen Theologie gezeigt, n MonopoIanspruch präsen-
darin, dass die Ursache, weshalb Hans ursprünglich »den Kopf liche Theologie mit einem c Unk|arheit, Überheblichkeit und
nicht grad halten kann«, nach Ratzinger »unsere Theologie« ist. tiert. Die Eigenschaften lau*f"lvierte unklare Allgemeinheit, eine
»Befreiungstheologie«, so Ratzinger wider Willen, als Befreiung Kampfansage. Die von mir a y ^ ^ grundlegendes Element
Art Scheinuniversalität (s.o. gers Ideologien. Er baut deut-
von den Fesseln gegenwärtiger Theologie?
für die Suggestionskraft von posi(ionen auf, vor denen der
Vielleicht hat Ratzinger den Sinn des M ärchens nicht verstan­
liehe und unheilsschwange ^ we[den diese weder konkret
den, den Text nie genau gelesen, ihn vielleicht nur aus Kinderzei­ Leser erschrecken soll, aber r( Da zerbrechen ganze Konti-
ten in vager Erinnerung. Dann bleibt im m erhin n o ch die tiefen­
um schrieben noch genau ^ ^ und umfassende theologische
psychologisch interessante Frage, warum ihm das M ärchen nur
als G eschichte eines betrüblichen Verlustes geblieben ist. Das nente, eine ganze u ^
M ärchen überlässt die entscheidende Frage gerade n ich t der Phan­
F n och en stürzen ab. N iem and w eiß aber genauer, aus w elch präzis
schärfstem innerem Druck eine Atmosphäre des a„ r„ ^
formulierten Gründen und gegen w elch e gen au en theologischen
lith en und überm enschlichen zu schaffet! de^ein «'
Äußerungen er sich konkret stellt. Ersatzw eise w erden einige Buh­
sches, auf O berfläche und Befriedigung ausgerichtetes ZeltgTfohl
m änner wie Bultm ann, Küng o d e r Boff aufgebaut, die für gesell-
voM e n tsp n eh t. Der gegenwärtige Pontifex zieht ungehinderten
^rhafts- und kirchenpolitische O p tio n en stehen. Ihnen gegenüber
Nutzen von einer Zeitströmung, die sein Glaubensverteidiger hart
werden dann »tiefschürfende« A rgum ente ins Feld geführt. Mit
bekäm pft; m an präsentiert sich als die Rettung vor dem Problem
dieser Strategie behält sich Ratzinger seine eigene Definitions­
das einen an die Oberfläche schw em m t«. Der große Kommuni­
m ach t vor- er selbst m uss sich k einem A rgum ent beugen und kei­
kator W ojtyla wurde bis an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit
ner Verteidigung stellen. Es ist dies ein e Frage des W eltbildes, der gebracht. N ach den gegenwärtigen Maßstäben wäre der Papst der
allgemeinen Verurteilung, des ü berlegen en G estus.
Einzige, der seinem Knappen Einhalt bieten könnte. Leider ist
Die von m ir analysierte Ü berh eb lichk eit m ein t keine m orali­ nicht darau f zu hoffen. Auch nützt die Hoffnung auf ein neues
sche Haltung, son dern eine frei ein g e n o m m e n e , am tlich legiti­ Pontifikat n ich t viel, denn die Sache selbst wäre damit nicht aus­
mierte Position. Der Herr aus Rom n im m t w eder die vorgetragene gestanden. Die Versuchung zum autoritären Durchgreifen bleibt
Kritik n och den Selbstanspruch d er evan g elisch en Kirchen ernst. näm lich b estehen. Der als militärisches Gehorsamssystem begrif­
Diese Position m ag zwar ein em ü berlieferten Lehram tsverstän d ­ fene Katholizism us h at sich zu tief in die Erinnerung dieser Kirche
nis entsprechen. M it biblischer G esinn u n g, m it ch ristlich em Res­ eingefressen, als dass er sich selbst auflösen könnte. Auch sind die
pekt v or anderen M enschen o d er G em ein sch aften h at sie wenig zu Verheißungen eines stramm organisierten Kirchenwesens - mit
tun. Sie m ach t es aber den V erurteilen! m ö g lich , sich dem Druck allen d am it verbunden Machtpotenzialen - zu verlockend, als
der A rgum entation und V erantw ortun g zu en tzieh en . Die Kampf­ dass wir uns schnell davon befreien könnten. Deshalb bleibt nur
ansage schließlich gibt dem rö m isch e n Denkstil das eigentliche ein W eg übrig, der jetzt endlich zu begehen ist. Es ist der Weg
Profil. Wenn die Zeit drängt, wird die M ühe der A rgum entation des aufrichtigen Widerstands, der unbestechlichen Argumenta­
schädlich und werden verkürzende Beurteilungen, Ausschlüsse, tion sowie des entschiedenen theologischen Handelns. Theologie
sozusagen institutioneile N o tm aß n ah m en legitim . Intoleranz und ist m eh r als die Entwicklung von Theorien. Es ist ein Sprachhan-
Schulterschluss, Schw eigegebote u nd d er Ein satz für die Sache deln, das die Gestalt der Kirche immer mitbestimmt. Deshalb
werden jetzt in Analogie m ilitärischer Einsätze gerech tfertigt. Dies kann sich keiner unserer Kolleginnen und Kollegen dieser Verant­
ist der eigentliche, jedenfalls der schw ierigste Punkt in der gegen­ w ortung entziehen. Es wäre gut und sinnvoll, dass wenigstens die

wärtigen Auseinandersetzung, denn diese K am pfansage und das Älteren unter uns damit endlich beginnen.
Ich schließe mit einem Text, der im Internet von der engagier-
Gefühl der drängenden Zeit schaffen ap o k aly p tisch e Gefühle. Es
— -z ^ c -h rift Imnrimatur verbreitet und vom Hessischen Rund-
ist bekannt, dass Joh an n es Paul II. aus v erg leich b aren M otiven
handelt. Von Anfang an bestim m te ihn sein Selbstbew usstsein als
Blo-
erster slawischer Papst, der der Kirche Heil bringt. D ann brachte ser Welle schwimmt die unreflektierte und leider schlecht recherchierte oro-
; von Jan Roß. Auf der erste Seite ist zu lesen: Der Autor ist nicht katholisch;
die Überwindung des K om m unism us, die sch ließ lich ihre Erfül­ igmen der Kirche gegenüber fühlt er sich weder zumGehorsam noch zur Re-
; verpflichtet. Die Lehre des Papstes bindet ihn nicht und bedruckt ihn nicht;
lung gefunden hat, seiner Zukunftsvision einen ungeheuren i, das sei besser jetzt schon gestanden, beeindruckt sie ihn. Aber das Beein-
Schub. Dem folgte die Hoffnung au f die Jah rtau sen d w en d e, in der nde kann falsch sein und selbst das Richtige unmöglich scheinen. So soll die
lach der Wahrheit einstweilen ausgespart oder, besser, eingeklamrnert blei-
der Papst dem Herrn eine w ohlbestellte Kirche ü bergeben wollte. Vir wollen stattdessen von der Größe Johannes Pauls II. handeln« (Roß. 7).
Schließlich stellt sich das Syndrom des kranken und leidenden esen verwaschenen Begriff -Größe., sowie um Außerordentliches und Fuh-
---------- »'irische und Inszenierte Auftritte geht es im ganzen Buch. Der
•— —das überzogene, nach außen Uberdlmen-
Papstes ein, dem aus diesem Grund eine Sonderstellung zu­ ' ‘ ----
k o m m t. In den vergangenen zwanzig Jah ren ist es den röm isch en Vert
und
Ideologen gelungen, unter Einsatz v o n Buch u nd M edien, von
Politik und Reiseprogram m en, von M assen veran staltun gen und

196
funk dokumentiert, in den übrigen Medien aber ignoriert wurde.
Er berichtet von dem Symposion, das am 27. Oktober 1998 zu
Ehren von Johann Baptist Metz veranstaltet wurde. Dort sprach Literatur
Metz von der Sensibilität für das fremde Leid, die in die Gottes-
rede mit hineingehöre. Ratzinger stimmte dieser These zu. Der be­ I. Dokumente der Glaubenskongregation
kannte Theologe und langjährige Studentenpfarrer F. Kerstiens
(Befreiung 1) Instruktion der Glaubenskongregation -Ubertalis nuntius-
mahnte daraufhin die Sensibilität auch für Menschengruppen an, zur Theologie der Befreiung vom 6. August 1984, Denzinger-Hüner-
von denen bislang nicht geredet worden sei: die Geschiedenen mann, 4730-4741 (Auszüge); AAS 76 (1984), 890-899.
und Wiederverheirateten, Homosexuelle und Frauen, denen das (Befreiung 2) Instruktion der Glaubenskongregation »Libertaäs conscien-
Priesteramt verwehrt wird und - damit zusammenhängend - so tia« zu Freiheit und Befreiung vom 22. März 1986, Denzinger-Hüner-
mann, 4 7 5 0-4776 (Auszüge); AAS 79 (1987), S54-S91.
viele Menschen auf der Welt, denen wegen des Priestermangels
(de Mello) Notification Concerning the Writings of Father Anthony
die Eucharistie verweigert wird. Kurz, er plädierte für Sensibilität de Mello SJ, 24. Juni 1999, zugänglich über www.vatican. va/roman
»für das Leiden der Menschen, auch an der Kirche und in dieser
curia.
Kirche«. Die von den Rednern angemahnte Sensibilität erfordere (Dominus Jesus) Erklärung DOMINUS JESUS - Ober die Einzigkeit und die
auch die Nähe zu diesen Menschen. »Diese vermisse ich.« Die be- Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche, 6. August 2000. Zugäng­
lich über www.vatican.va/roman_curia: abgedruckt in Rainer 3-28.
stürzende Antwort Ratzingers lautete: »Kerstiens unterstellt - und
(Dupuis a) Notifikation bezüglich des Buches von JACQUES DUPUIS
das ärgert mich, dass es in all diesen schwierigen Fragen, unter de­ »Verso una theologia cristiana del pluralismo religioso, 24. Januar 2001.
nen wirklich zu leiden ist, nur eine erlaubte Meinung gäbe. Und Zugänglich über www.vatican.va/roman_curia.
das lehne ich allerdings ab. So kann man die Dinge nicht verall­ (Dupuis b) Kommentar zur Notifikation der Kongregation für die Glau­
gemeinern. Leiden werden und müssen wir alle, aber dass es dazu benslehre in Bezug auf das Buch von J. Dupuis: »Verso una teologia cris­
tiana del pluralismo religioso, zugänglich über www.vatican.va/roman_
nur einen Weg gibt oder nur eine erlaubte Meinung, das ist abzu­
lehnen und ist eine Meinungsdiktatur, gegen die ich mich mit al­ curia.
(Fatima) Die Botschaft von Fatima, 26. Juni 2000, zugänglich über
lem Nachdruck zur Wehr setze.« www.vaücan.va/roman_curia
Imprimatur fügt als kurzen Kommentar die Worte hinzu: »Rat­ (Mysterium) Erklärung MYSTERIUM ECCLESIAE, 24. Juni 1973.
zinger antwortet nicht auf Kerstiens Fragen; aber er verbittet sich (Schwesterkirchen) Note über den Ausdruck .Schwesterkirchen, vom
30. Juni 2000, zugänglich über www.vatican.va/roman_curia.
Meinungsdiktatur in der Kirche. Ausgerechnet Ratzinger.« Die
Szene spiegelt das Problem gegenwärtiger Kommunikation in der
Kirche perfekt wider. Während Ratzinger wie selbstverständlich II. Theologische Literatur
Sanktionen ausspricht und verhängt, nimmt er schon eine einzige A hrens, Th. (Hg.), Z w ischen Regtonalitä, und G lob alisieru n g : Studien zu
Gegenstimme als Meinungsdiktatur wahr. Von oben her herrscht
Mission, Ökumene York 2 0 0 0 .
gereizte Kampfstimmung, weil viele engagierte Christen anderer
A hän !r, t S U ’ Patrologie. Leben. Schriften und Lehre der Kirchen­
Meinung sind. Die Projektion von Relativismus, Glaubensverrat
und Meinungsdiktatur bestimmt die Atmosphäre. Das ist die väter, Freiburg (1966), >1978- verträgt die Öffentlichkeit?,
Grundhaltung des institutionalisierten Narzissmus. Welchen Ge­ A rens, E.-H . Hoping (Hg.), wievi
Freiburg 2000. Entzifferung einer Gedächtnisspur, Darm-
setzen dieser unselige Mechanismus folgt, soll hier nicht weiter
Assmcmn, /., Moses der Agyp
besprochen werden. Es könnte nur sein, dass Ratzinger im Augen­ Stadt 1998. r . Meretrix, in: Sponsa Verbi, Skizzen zur
blick - aus welchen persönlichen oder vermeintlich religiösen Balthasar, H. U. " " ^ £ , 205-305.
Gründen auch immer - Täter und Opfer hartnäckig verwechselt. Theologie II, ^ ‘l ^ o n e n , Freiburg 1 9 5 2 .
_ (1952), Schleifung d « Johannes, Göttingen 1990.
Dieses zutiefst unkirchliche Missverständnis ist endlich aufzuklä­
Barret, K., Das Evangelium n
ren und entschieden einer Lösung zuzuführen. — 199

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Namenregister Heirnsoeth, W. 48, 202 A54, A60, A64, A75, A82
Hemplmann, R. 87, 202 Kuschel, K.-J. 152, 201, 204
Hennely, A. T. 134, 202 Küster, V. 103, 204
Ahrens, Th. 146, 199 Hick, J. 110, 145, 201, 202, A49
Dalferth, I. U. 80, 176, 200
Allen, J. L 40, 199 Hinkelammert, F. 135 Leibniz, G. W. 21, 50, 176
Darwin, Ch. 50
Altaner, B. 199, A14 Hofius, O. 135, 202, A52 Leuba, J. L. 132, 204
D'Costa, G. 93, 200
Arens, E. 80, 199 Hoping, H. 80, 199 L6vinas, E. 18
Dean, Th. 147, 200 Lortz, J. AS4
Aristoteles 30, 48, 49, 86, 176 Deleuze, G. 176 Hummelauer, F. 157
Assmann, J. 93, 199 Hünermann, P. 13, 199, 213, 215,
Derrida, J. 176 Maier, H. 25, 26, 204, 205
Athanasius 175
Descartes 47, 50, 176 Marx, K. 135, 191
Athenagoras, Patriarch A62
Dietzfelbinger, Ch. 200, A52 Mello, A. de. 64, 65, 66, 104, A68
Augustinus 30, 43, 85, 86, 149 Irenäus von Lyon 107
Dôllinger, I. A64 Menke, K.-H. 107, 204
Irrigaray, L. 175
Dupuis, J. 10, 71, 73, 153,164, 180, Merrigan, T. 99, 201, 204
Balasssuria 180, A68 200, A36, A47 Jeanrond, W. 93, 152, 202, 207, Messori, J.-V. 35, 205
Balthasar, H. U. von 30, 31, 59,
A40 Metz,J. B. 134, 198,204
199
Ebeling, G. 73, 176 Jensen, A. 202 Meyer, H. 204, A56
Barret, K. 200, A52
Ebertz, M. N. 116,200 Johannes XXIII. 28, 60 Mieth, D. 108, 201, 204
Barros, M. A23 Eco, U. 176 Johannes Paul II. 10, 76, 106, 155, Miles, J. 88, 204
Barth, K. 27, 60, 85, 86, 90, 177 Eicher, P. 81, 200 Müder, E. 80, 204
Basilius 175 196
Jüngel, E. 57, 121, 141, 174, 202 Möhler, J. A. A65
Baudrillard, J. 176 Mojzes, P. 109, 207
Feneberg, R. 105, 201
Bauman, Z. 143, 200 Floss, K. 22, 23, 201 Mokofeng, T. A. 135
Kabasilas, Nikolaus 44, 202, A28
Bea, A. 112, 114, 117, 200 Moloney, F.J. 204, A52
Forward, M. 100, 201 Kaes, D. 40, 202, A2
Bellah, R. N. 139, 200, 97 Fox, M. 133, 201, A21, A39 Moltmann, J. 25, 135, 204
Benigni, U. 54 Kant, I. 47, 48, 50
Frankemôlle, H. 105, 201 Müller, A. 203
Berger, K. 97, 200 Käsemann, E. 25
Fries, H. 15, 119, 201 Kasper, W. 9, 10, 12, 15,32, 68, 79,
Beumer, J. 200, A9 N ell-Breuning, O sk ar v on 54
Fürst, G. 201, A53 129, 202, A10, A41, A49
Boeve, L. 34, 40, 213, A2, A43 N ew m an, J. H. 157, 175
Boff, C 200 Kehl, M. 202, 203
Gabriel, K. 116, 201 Kerstien, F. 198 O berh am m er, G. 8 5 , 2 0 4
Boff, L. 8, 32, 38, 57, 59, 71, 121,
Gäde, G. 152,201 Kierkegaard, S. 175 O rigenes 4 3
122, 130, 135, 164, 180, 185,
196 Geiselmann, J. R. 201 Kleger, H. 139, 203
Bonaventura 30, 176 Greinacher, N. 201, A3 Klein, N. 57, 203 n nC O M

Brecht, B. 61, 153 Greshake, G. 201, A44 Klein, R. 203, A25


Grillmeier, A. A59 Klemens von Alexandrien 43, 86
Brück, M. van 152, 200
Guardini, R. 25, 31, 85, A il Knitter, P. F. 110, 145, 203, 207, Pauen, M. 5 0 , 2 0 4
Bultmann, R. 27, 28, 49, 59, 177, P ech m an n , R. 146, 2 0 4
178, 180, 196, 200 Gutiérrez, G. 32, 38, 135, 201 A70
/. 78, 203 Pesch, O. H. A 54
aer, F. 146, 203 Pius IX . 1 0 ,4 1
Chateilon Counet, P. 200, A41 j. yy, ZOl, 2 0 4
Haight, R. 201, A43 K. 47, 203 54
Ching, J. 148,203 ■ios 4 2 , A 2 4
K. 154, 203
Chung Hyun Kyung 200, A46 Haker, H. 109, 201, A78
85, 203
Congar, Y. 30, 157 Häring, H. 26, 37, 38, 47, 70, 12, 13, 20, 23, 24, 25, 28,
Cook, M. L. 103, 200 141, 151, 201, A2, A43, A75 , 37, 38, 59, 60, 61, 65, 91,
Cox, H. 200 Hasler, A. B. 10, 202 — ' ’ ->7 146,
Queiruga, A. T. 7 9 , 2 0 4
Cuttat, A. A26 Hefele, J. K. 15
Hegel, G. W. F. 38, 48, 85, 86 209
Rahner, H. 204, A9 Stuiber, B. 199, A14
Rahner, K. 30, 32, 82, 85, 86, 119, Swidler, L. 109, 207
157, 201, 204 Symmachus 2, 203, A25
Rainer, M. 8, 199, 202, 203, 205 Sachregister
Ratzinger, J. passim, 205 Thomas von Aquin 30, 43, 48, 85
Ricoeur, P. 140, 176, 201, A78 86, 176
Robinson, J. A. T. 97, 206 Tilborg, Sj. van 207, A52 Abfalltheorie 50, 53, A18 92, 116, 119, 124, 125, 139, 140,
Roß, J. 206, A88 Tillich, P. 85, 175 Aggiornamento 27, 28, 60 150, 153, 154, 164, 168,
Ruggieri, G. 116, 206 Toppic, J. 147, 207 Alte Kirche 5 0 -5 7 181-183, 193, 195
Rüster, Th. 139, 206 Amt, Amtsverständnis 12, 13, 32, Christologie 28, 29, 38, 41, 49,
Tracy, D. 80, 176, 202, 207, A16
Tomka, M. 1 1 6 ,2 0 6 58, 59, 60, 112-118, 125, A30 53, 59, 72, 90-94, 95, 99, 103,
Schillebeeckx, E. 0, 31, 37, 38, 59, Troeltsch, E. 54 Antike, antik 34, 43, 45, 51, 58, 104, 110, 180, A49, A50
65, 83,91,94, 109,137,163,176, Tutu, D. M. 135 105, 189 Communio-Dokument 12-16,
206, A3 S, A43, A79 Antimodernismus 10, 157, 158, 114, 214,118-120, A56
Schleiermacher, Fr. 85, 86 A64 Concilium A17
Urban, H. J. 204
Schoenbom, U. 79, 206 Argumentation 17, 19, 43, 45, 50,
Schoonenberg, P. 94, 218 58, 59, 75, 85, 90, 98, 114-121, Dialog 21, 38, 43, 54, 71, 75,
Vattimo, G. 48, 176, 177, 207 145, 148, 151-155, 168, 169,
Schreiter, R. 85, 153, 206 Vidal, M. A47 137, 140, 144, 166, 168,
Schulz, H.-J. 35, 206 182-186, 196, 197 182
Vischer, L. 204
Schüssler-Fiorenza, E. 58, 60, 70, Aufklärung 21, 43, 45, 46, 50, 51, Döllinger, 1. A64
Visser't Hooft 187, A83 Dominus lesus passim
87, 103, 201, 206 54, 55
Schwager, R. 110, 206 »vaiucineis, n. /b, ZU/
Befreiungstheologie 32, 38, 92, Einheit 7, 32, 68, 71, 75, 85-88,
Schwandt, H.-G. 147, 206 Welsch, W. 176
104, 135, 136, 179, 191, 194 92, 96, 110-133, 142, 143, 154,
Seckler, M. 82, 206, A64 Werbick, J. 152, 200
Bekenntnis 10, 35, 52, 65, 70, 75, 148,168, 170, 174, 175,184, 195,
Sedmak, C. 64, 153, 207 Wiederkehr, R. 157, 207 84, 97, 120-124, 132, 149, 155, A29, A53, A65
Seiterich-Kreuzkamp, Th. 22, 207 Willems, A. 1 30,207 Einheitsmodell 86, 131, 142
Spencer, A. B. 153, 207 157, 181
Winnicot, D. W. 84, 207 Bibel, biblisch 7, 3 3 ,3 4 , 41,52,56, Einzigkeit 21, 66, 71-73, 76, 83,
Spengler, O. 50, 207 86, 87, 95, 100, 104, 105,
Withöft, R. 1 3 9,207 58, 64, 66, 77, 84, 88, 89, 95, 97,
Spinoza, B. 50 109-111, 120, 123, 131, 132,
Witte, H. 1 1 2 ,2 0 1 ,2 0 7 99, 100, 104-109, 116, 118, 122,
Stegmann, F. J. 55, 207 136,138, 154,159,169, 174,199,
Wittgenstein, L. 76 123, 137, 139, 141,142,153,162,
Steven, M. E. 79, 207 A80
Strahm, D. 95, 207 163, 168, 183, 185, 196, A18,
Enzykliken 16, 66, 86, 117, 150,
Zager, W. 1 03,207 A20, A52
182
Biologismus 29 Erfahrung 18, 19, 29, 31, 45, 56,
Bischof, Bischofsamt 13, 14, 15, 59, 73, 76, 81-88, 94, 100, 101,
2 1 -2 3 , 3 1 -3 3 , 53, 56, 70, 91, 105, 108, 109, 112, 115, 117, 118,
106, 113, 114, 120-125, 129, 142-145, 154-159, 163, 166,
132, A34, A56, A65 168, 170, 192, 195
Bischofskonferenz(en) 132, 170 Eucharistie 21, 56, 109, 112-115,
Buddhismus 42,43, 54,64,87,93, 119, 126, 139, 169
147, 163 Erinnerung 10, 21, 46, 75, 97,
Bultmann, R. 27, 28, 49, 59, 177, 99, 103, 105, 108, 109, 129, 139,
178, 180, 196, 200 141, 142, 155, 162, 163, 189,
197
Charisma, charismatische Exegese 27, 39, 59, 78, 98, 105,
Bewegungen 32, 89 96 115-119,148, 150, 167, 177,178,
A51, A56

211
Fatima 82, 199 - verrat 198
Feministische Theologie 38, 60, 121, 125, 128, 130, 132, 143, 146, Krisenhermeneutik 50, 191
- Verständnis 123 148, 153, 160, 167, 170, 177, 179,
87, 94, 95, 103, 104, 134 Kultur 11, 17, 18, 21, 26, 33, 40,
- Wahrheit 84
Foren der Theologie 17 182, 192 41, 46, 50-54, 60, 63, 66,
- Zensur 163, 173 iterreliglöses Gespräch 7, 20, 71, 80, 87, 88, 92, 96, 97, 100,
Fortschrittsglaube 28
Französische Revolution 50, 189 „ ------ ' . US, t lt 74, 75, 82, 93, 103, 110, 145, 102-107,111,116,131,135,139,
72, 73, 109, 116, 136, 146-14 147, 148, 166-169, 182, A33 143-146, 153-155, 159, 165,
Frau, Frauen 16, 37, 58, 70, 95, 152, 153, 158, 165, 168 ■— '-»7 151. 152. 189 168,170,178,183,184,189,190,
128, 144, 158, 170, 180, 198, A32 Gnostizismus 43, 99 195
Kurie, römische 12, 34, 38, 68,69,
Gaudium et Spes 76, A37
»Hans im Glück« 26, 192, 193 Jesu sjesu s von Nazaret 10, 20, 28, 74, 129, 180, 182
Geistchristologie 94
Häresie S9, 103, 123, 151, 157 38, 44, 48, 49, 56-59, 65, 74, 83,
Genetik 50
Hellenisierung 33, 92, 160, A14, 88 -9 0 , 95, 103, 106, 108-110, Lebenspraxis 109, 112, 140, 163,
Geschichte, geschichtlich 16, 18, A44 124 168
2 6 ,2 9 ,3 5 ,3 6 ,4 5 -5 0 , S 3,54,59,
Heil 21, 39, 51, 53, 56, 59, 67, Jesus Christus 56, 57, 67, 72, 74, Lehramt 11-19,69,75-79,95,98,
80, 83, 87, 89, 92, 103-110, 114, 99, 106, 123,137-140, 156,166,
71-75, 78, 80, 86, 89-110 pas­ 89, 97, 99, 102, 104, 108, 109,
114, 120, 123, 125, 133, 168,178, 180, 188, A8, A17, A30,
sim, 123,129,136,137,139, 142, 110, 123, 139, 149, 155, 158,
141-143, 151-156, 158, A34, A36, A47
144-150, 158, 164, 167, 174, 174
162-165, 168, 175, 176, 184, 175, 183, 196 Leib, Leiblichkeit 18,108,121,123,
J o h a n n e s e v a n g e l i u m , -prolog 21,
185, 189-194, 199 148
Heilsnotwendigkeit 148-150 49, 58, 89, 94, 97, 100, 104, 162,
Geschichten 36, 64, 87, 92, 103, Liturgie, Liturgische Bewegung 17,
162 Hermeneutik 11,15-18,33,34,48, 182, 183
58, 59, 77-79, 83, 87, 91, 92, 98, Juden, Judentum 34, 43, 44, 45, 86, 91, 113, 129, 152, A56
Gesellschaft 17, 26, 60, 73, 112, 51, 76, 107, 141, 147, 151, 152, Logos 46,49,52,67, 71, 74, 75,89,
105-109, 111, 116, 117, 118, 125,
120, 212, 218, 134, 135, 152, 90,94, 95, 104, 110, 120
141, 145, 159, 162, 167, 176, A8, 160, 164
187-190, 196 Luther, M., lutherisch 12, 85, 86.
A18, A40, A41
Glaube, glauben passim 126, 180, 185, 188, 217, A84
Hierarchie 17, 95, 111, 121 Katechese, Katechismus 17, A33
Glaube an Christus 28,65,9 2 ,1 0 7 , Kirche passim
Hierarchie der Wahrheitenll2, 113
108, 127, 143, 187, 191 ia, Jungfrauengeburt 29, AS
Hinduismus 54, 93, 217 Kirchliche Gemeinschaften 39,57,
Glaube an Gott 65, 152, 128, 139, 114, 120, 124, 126, 127, 184 istab 12, 53
Hiob 47
A44 ischenwiirde 50
Homosexualität 190, 198, A47 Kommunikation 63, 66, 67, 84, jphysik, metaphysisch 39, 45,
Glaubens- 101, 108, 109, 125, 131, 136, 137,
- bekenntnis 35, 65, 75, 97, 5-52, 75, 90, 101-104, 110,
Identität 51, 76, 83, 84, 108, 112, 145, 156, 173, 181, 182, 198 !3, 173, 175, 176, A29
120-124, 157 Konsenspapiere 12, 14, 15
114,122,135,140,141,153-155, ion 53, 68, 75, 140, 145, 150,
- bewusstsein 15 Kontext, kontextuell 15, 33, 34,
158-165, 204, A78 '5
- depositum, -gut 13, 63, 65, 71, 38, 59, 60, 83, 92, 96, 103, 134, 1er, Mittlerschaft 99, 100, 106,
128, 129, A2 Ideologie 7, 10,28, 35, 42, 48, 110,
135, 146, 165-167, 184, 192, 17, 110, 148-150, 164, 200,
- fo rm e n 112 129, 131, 159, 173, 189, 190, 195
Individualität, Individualis­ A52 >1
- formein 65 Ile 13, 131, 156, 163, 195 e 100, 147, 157, 161, 207, A48
- gestalt 165 mus 111, 186
2. Vatikanisches 11,22,23, terkirche 128, 195
- gehorsam 51, 71, A33, A34 Inkulturation 33, 63, 80, 97, 146, 19, 31-33,36-38,41,57,58, lerium 75, 80, 85, 102-104,
155, 170
- g e m e in sc h a ft 1 0 9 , 163 rx 77 90. 91, 94, 102, 112,
- in te rp re ta tio n 177 Institution, Institutionalisie­
- Sätze 7 3 , 1 1 3 , 1 6 4 rung 15, 55, 72, 85, 106, 110,
- sinn 12, 15, 215, A7, A14 111,116,128-133,138,156,158, Neuzeit 31 45, 48, 51, 58, 81, 86,
- Ü berzeugung 1 8 5 176, 196, 198 ere 15,53,54,97, 88, 104, 131, 152, 156, 158, 178,
- Situation 155 •UlCl piciauon 8, 13, 14-20, 190
- spräche 92 26-28, 36, 38, 40, 50, 5 3 -5 8 , Nihilismus 46
- Verpflichtung 56 65, 74, 77-84, 89, 91, 94, 95, 9
99, 193, 106, 112, 114, 117, 11
213
Offenbarung 9, 13, 14, 64, 67, Reich, Reich Gottes 52 67
71-89, 91, 104, 110, 120, 142,
71, 8 9 , Taoismus 64, 148 Verstehen 33, 52, 82-85, 92, 94,
108, 133-145, 174 ’ '
Taufe, Taufejesu 79, 130, 148, A42, 97, 109, 115, 124, 149,153,156,
174, A3 9, A4 9 Keianvismus 21, 39, 41, 42, 54, 56
A4 5 164,166,175,179, 184,190, A35
Ökumene 7,9, 11, 15, 16, 20, 21, 71, 74, 80, 81, 84, 102, 151, 169 Theologie der Hoffnung 25, 134 Volk Gottes, Volk Israel 130, 131,
57, 60, 71,91, 105,111-129, 132, 157, 180, 198
Tradition 10-13,14,17,18,26-28, 141, 142
133, 135, 166, 168, 182-187, Religion, wahre Religion 43-45, t 33, 34, 39, 43, 51, 65, 78, 79, Vollendung 64, 89, 142
A15, A30, A33, A34, A41, A60, 48, 53, 54, 57, 145, 152-155, 95-99, 117, 128, 129, 132, 134,
A62, A65 160, 179 140, 144, 148, 154, 159, 162, Wahrheit 7, 10, 13, 18, 30, 33, 34,
Ortskirche 31, 32, 129, 131 Religionen 7 -9 , 21, 38, 43, 54, 167, 174, 175, 179, 185, A7, A39, 37,41-67, 71, 72, 75-80,82-89,
56, 59, 64, 66, 67, 71, 72, 76, A41, A81 9S, 98, 199, 101, 107-110, 120,
Papst 80, 12-16, 22, 61, 68, 69, 98, 8 3 -8 5 , 87, 93, 94, 104, 111, 139, Treueid A77 122, 142, 153, 155, 158, 159,
117-119, 127, 128, 222, A56 145-155, 160-167, 175, 182, Trinität 59, 86, 89, 93, 98, 214, 174-178, 183, 185, 190, 192
Paulus 44, 52, 58, 67, 104, 106, A17 A4 4 Wissenschaft, wissenschaftlich 11,
155, 195, 200 Rezeption 15, 86, 171 Tübingen 22, 23, 24 12, 16, 17, 23, 27, 46, 50, 78, 81,
Philosophie 43-53, 85, 88, 91, 92, 92, 103, 153
99, 109, 132, 153, 161, 162, 175, Sakrament, Sakramente 32, 33, 53, Überlieferung 2, 13, 24, 75, 78, 96, Weisheitschristologie 49, 94, 95
178 109, 112-114, 129-132, 150, 155, 196, A7, A39, A41, AS0, A91 Welt 8, 17, 18, 21, 25, 33, 42, 47,
Perspektive, Perspektivenwechsel 179, 185, A65 Unfehlbarkeit 12-14, A14, A34 49, 52,56,61-67, 77, 81,84-94,
18, 33, 41, 56, 59, 66, 67, 77, 81, Säkularisierung 17, 76, 81, 139, Unglaube 27, 48, 50, 183 99, 100, 191, 104, 108, 116, 118,
83, 87, 90, 96, 97, 104, 122, 125, 165, 179 Universalität, Universalisierung 21, 120, 134-142, 144, 145, 148,
44, 64, 66, 71-74, 86, 87, 9, 95, 150-154, 156, 158, 162-164,
143, 147, 156, 166, 167, 169 Schrift 11-16, 31 -3 4 , 37, 53, 64,
100, 104, 107, 109-111, 120, 168,174,175,177,182,190,191,
Platonismus 28, 31, 42, 52, 54, 65, 75 -7 8 , 89, 84, 85, 87, 91-93,
123, 128-131,136,138, 141, 154, 195
157, 176, 185 98, 105, 107, 115-119, 125, 127, W eltordnung 9 5 , 144
Pluralismus 18, 39, 96, 100, 102, 131, 151, 160, 161, 167, 170, 177, 158, 159, 163, 169, 195
W eltverstehen 156
154, 179, 187, 213-218, A16, A49 184, A12, A18, A35, A39, A42, W ort G ottes 6 5 , 77
Polarisierung 7, 23, 36, 37, 164 A44, A55, A65 »Väter« 44, 52, 56, 58, 94
Polarität 93, 103, 132, 136, 141, Schwarze Theologie 38, 134, 135 Vernunft 21, 46, 47, 49, 144, 175, t, (über)zeitlich 7, 9, 16, 33, 34,
142, 143, 164 Schwesterkirchen 7, 70, 105, 119, 177, 178, 188, 189, A29 11, 54, 75, 78, 81, 88-90, 100,
Postmodeme, Postmodernismus Versöhung 44, 95, 112, 125, 143, 109, 116, 141, 142, 151, 162, 196
127, 128, 169, 171
99, 130, 175-179, 197, 214, 216, Sitte 13, 25, A34 164
219, A49, A80 Spiritualität 31 -3 3 , 61, 64, 103,
Praxis 65, 67, 77, 79, 85, 92, 116, 215, A56
134-137, 146, 156, 108 Sprache 9, 17, 56, 67, 75, 80 -8 5 ,
Priester, Priestertum 27, 64, 107, 92, 118, 126, 161, 168, 170,
114, 131, 198 173-179, A16
Sprachhandeln 14, 83, 197, A22,
Rationalität, rational, A4 2
rationalistisch 21, 29, 31, 45,49, Sprachlosigkeit 18, 151
132, 143, 144, 159, 160, 177, Sprachregelung 5 3 ,8 2 ,9 0 ,9 2 ,1 1 1 .
189, A80 117, 127, 171
Ratzinger, Einführung ins Christen­ Studentenrevolution 23, 25, 26,
tum 26, 51, 52, 191, 192, A10 191
Reformation, Kirchen der
»Subsistiert in ...» 57, 120 - 126 ,
Reformation 9, 50, 79, 112, 114, AS8, A59
119, 125, 126, 168, 184, 189
Sukzession 113, 125
reformatorisch 7, 9, 13, 14, 21, 50,
Symbol 17, 18, 30, 45, 54, 66,
70, 79, 112, 114, 117, 119, 121
9 2 -9 5 , 99, 100, 107, 108, 200

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