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Universität Mannheim

Philosophische Fakultät
Lehrstuhl für Neuere Germanistik I
Prof. Dr. Justus Fetscher

Examenskandidatin: Damla Celik


Matrikelnummer: 1339486
25. Oktober 2018, 13.00 Uhr

Johann Wolfgang Goethe: „Iphigenie auf Tauris“


1. Pragmatische Frage: Goethe widmet sich der Antikenrezeption und fasst ein neues
Kunst- und Literaturverständnis: Prägend für das Werk sind die Erfahrungen und
Diskurse jener Zeit
2. Ästhetische Frage: Worin äußert sich die neue Auffassung über Kunst und Literatur?
3. „Iphigenie auf Tauris“ ist exemplarisch für die Werte der Weimarer Klassik. Von
Zeitgenossen wurde das Werk mit bescheidener Zurückhaltung aufgenommen und von
Goethe selbst als „verteufelt human“ bezeichnet.

1. Pragmatische Frage: Warum widmet sich Goethe der Antikenrezeption während seiner
Zeit in Weimar zu?

 Goethe 1779 geht nach Weimar, das Kulturzentrum jener Zeit, schon berühmt durch
„Die Leiden des jungen Werther“ Hinwendung zum „täthigen Leben“
 Amtliche Aufgaben bedrücken ihn zunehmend, versucht dem zu entfliehen
(Italienreise 1786) „Widergeburt“ und „Ich habe mich wieder neu gefunden – als
Künstler.“
 In Weimar kann er literarischen Tätigkeiten aufgrund administrativer Aufgaben nicht
wie gewünscht nachgehen, Resignation, Distanz, Entfremdung Versuch sich vom
„Gemeinen“ abzusondern
 Italien: Faszination für antike und römische Baukunst Zeichnet, malt, studiert alte
Kunst (Palladio), ignoriert aber byzantinische und normannische in Sizilien)
 Beschäftigt sich viel mit bildender Kunst und investiert Zeit, Zusammenarbeit mit
Winckelmann und Moritz, die zu jener Zeit versuchen, die Antikenrezeption in der
Kunst aufleben zu lassen  Kunstautonomie, stachelt mit Herder (Briefe zur
Beförderung der Humanität“ die Antikenrezeption an)  Goethe-Moritz fassen
zusammen: Wenn Mensch die Kunstwerke betrachtet, die Harmonie der Teile zum
Ganzen sieht, führt das zur Persönlichkeitsentwicklung Kunstproduktion
Kunstrezeption  Persönlichkeitsbildung
 Maximen von Goethes Kunstauffassung: „Einfache Nachahmung der Natur“
römische Elegien vollzieht sich Nähe zu an Antike, auf inhaltlicher Ebene
 Goethe: Es kommt nun „drauf an, Sache selbst um ihrer selbst zu Willen zu sehen, das
Gebildete und Hervorgebrachte nicht nach Effekt, den es auf uns macht, sondern nach
innerem Werte beurteilen“
 Goethes Bestimmung vom Schönen als Vollendung in sich selbst, „Genie“ muss
Verhältnisse des Großen und Ganzen in ihnen das Schöne fassen  Kunstwerk muss
Ganzes wiederspiegeln (Schriften zu „Einfache Nachahmung der Natur, Manier und
Stil“)
 Wissensdiskurse jener Zeit über Kunst und Literatur neue Ästhetik der Kunst:
Autonomie der Kunst
 Rückkehr: wird von politischen Tätigkeiten entlastet, widmet sich nach Rückkehr aus
Italien kulturpolitischem Bereich (Direktor am Hoftheater, Direktion
naturwissenschaftlichen Instituts beim Herzogs, Kulturkommission (Bibliothek)
 Neuorientierung seit 1782, Konzentration auf geistige Kräfte auf sich selbst, poetische
Existenz und Naturwissenschaften mit aktiver Teilnahme an Herder verbunden
 Literarisch zeigt sich diese Absonderung im Drama „Iphigenie auf Tauris“ als ein
Paradigma jener Trennung von Kunst und Leben verstanden worden ist, welche
Goethe in 1779/80er im Hofe Weimars vollzog
 Im Streben nach neuer Form, wie nach schöner Humanität auf inhaltlicher Ebene
drückt sich jene Separation von Wirklichkeit aus
 Entstehungsstufen des Dramas zeigen Wandlung vom Stürmer und Dränger hin zum
„Klassizisten“ 1. Fassung 1779, 2. Fassung 1780, 3. Fassung 1789  Von
Prosafassung hin zum Blankvers, fünffüßiger Jambus  Goethe wollte „alte,
liegengebliebene“ Sachen endlich beenden
 Goethe-Krise  1789 Thema der Revolution wird häufig aufgenommen (Hermann
und Dorothea. Familie als Schutz vor bösen Mächten, Rückzug ins häusliche Leben)
 Iphigenie und Dorothea: reine Form soll zeitlose Klassizität geben
 Im Rahmen der Neubestimmung der Funktion von Literatur wurde aufklärerische
Selbstgewissheit, dass Literatur Vermittlerdienste hat, eingeschränkt  neue Position
(Weimarer Klassik, Romantik)
 Ausgangspunkt: Französische Revolution Ablehnung: hielten Bevölkerung nicht
reif, aber gesellschaftliche Revolution erwünscht Revolutionsproblematik wird in
literarisch-philosophischen Schriften bearbeitet
 Den Unruhen wurde ein ästhetisches Programm der Erziehung zur Humanität gestellt,
Die Frage nach Leben und Kunst zugunsten der Kunst entschieden
 Dichterische Praxis: weitgehender Verzicht auf Gestaltung damaliger Wirklichkeit
und Konflikte, stattdessen stilistische Idealisierung der Figuren in humanistischer
Tradition
  Wie lässt sich Klassikparadigma verstehen?  Verbindung mit Winckelmann
vermitteltem Griechenideal, Rousseaus geschichtsphilosophische Perspektive der
Widerherstellung von Ganzheit, universell gedachte Utopie von Humanität Bei allen
Differenzen war Gemeinsamkeit: ästhetische Autonomie, Humanität verpflichtendes
Bildungsideal
 Hinwendung zur Antikenrezeption, Kunstautonomie, Erziehungsästhetik und
Humanitätsideal wurde zudem vom Freundschaftsbund mit Schiller gestützt
allmähliche Annäherung, als der wilde Stürmer und Dränger Schiller, um den
distanzierten Goethe wirbt und ihn „überzeugt“ mit Don Karlos und philosophischen
Schriften
 Produktive Phase literarisch-philosophischer Zusammenarbeit, Kritik, Unterstützung,
intensiver Briefwechsel, gemeinsame Herausgeberschaft „Die Horen“,
„Musenalmanach“ und „Xenien“
 Ziel programmatisch: nationaler Kulturraum, Kunst und Wissenschaft vereinen,
Vermittlung des ästhetischen Konzepts
 Zu Goethe selbst: Iphigenie als Beispiel ästhetische Auffassung jener Zeit, die wir
räumlich „Weimarer Klassik“ nennen, literarische Absonderung des
Paradigmenwechsels /Hinwendung zur „Klassik“
 Neubelebung der tragedie classique aus Frankreich, signalisiert Beginn restaurativer
Phase bürgerlicher Gesellschaft

2. Ästhetische Frage: Worin äußert sich neue Auffassung in Kunst und Literatur?
 Literarische Neuorientierung zeigt sich exemplarisch an „Iphigenie auf Tauris“
Iphigenie wird beendet
 An den 3 Fassungsstufen lässt sich Prozess der Hinwendung zum Humanitätsideal als
ästhetisches Verständnis und formale Hinwendung zum antiken Dramenkonzept
nachverfolgen (auch in Zusammenarbeit mit Moritz und Schiller lässt sich stilistische
und inhaltliche Zuwendung erkennen)
 Literarisch: Iphigenie auf Tauris Mythos wird neu erzählt, Iphigenie als
Repräsentantin reiner Menschlichkeit
 Formal: Blankvers, fünfhebiger Jambus, Annäherung an aristotelische Einheit
(geschlossene Form)
 Ästhetische Erziehung durch Vermittlung reiner Kunstform
 Inhaltlich: Mythos selbst auf ein „humanes Maß“ reduzieren Rettung des Mythos im
Geist aufgeklärter Humanität Iphigenies Rechtempfinden des autonomen
Individuums als höchste Instanz Reinheit als Entsühnung, Wahrheit
 Grundidee: Mythischen Glauben der Tantaliden durch humane Gesinnung und
humanistische Wirkung der Iphigenie außer Kraft setzen
 Gegen Ende des 19. Jh. Iphigenie wird beispielhaftes „Humanitätsdrama“
 WICHTIG: inhaltliche und formale Annäherung
 Ästhetisches Subjekt orientiert sich am Humanitätsideal, kraft Autonomie des
Individuums
 Klassische Poetik und ästhetisches Subjekt Iphigenie wählt sittliches Sollen, statt
Wollen: Dokumentation klassischer Grundüberzeugung
 Funktion einheitlicher Versform: Iphigenie hat ein klares Bewusstsein von
Wirkungskraft der Rede (emanzipatorisch, bewusst, Wort als Waffe)
 Überzeugungskräftige Rede, beseelt durch kunstvollen Versfluss  Entschluss zur
Menschlichkeit im Medium der Sprache
 Leistung Iphigenies: Mensch ist autonomes Wesen, Sittengesetz verpflichtet und kann
durch sein Innerstes das Gute zur Geltung bringen  Für Goethes Lösung im Sinne
der Weimarer Klassik heißt das:  Lösung kann nicht wie Euripides durch „deux ex
machina“ sein (äußere höhere Gewalt), sondern aus Leistung bedingungsloser
Menschlichkeit
 Figurenkonstellation entspricht ebenfalls Aristoteles (Adelsstand, zwei
Zweiergruppen, Iphigenie führt zur Menschlichkeit)
 Zuordnung aller Handlungselemente zu Iphigenie  unüberbietbare und
übersichtliche Symmetrie zeigt exemplarische Realisation des klassischen Willens von
Ordnung, Klarheit, Harmonie
 Ideale Gestaltung, Humanität als wichtigste Errungenschaft In diesem Sinne wird
Iphigenie entlebendigt, um vollkommen humanistisch zu handeln, Freiheit und
Handeln Individuum ist autonom Erbe der Aufklärung und Gefühl des Sturm und
Drang natürlich ausbalancieren und in Harmonie überführen, edle Einfalt, stille
Größe Nachfolge Winckelmanns  Symmetrie und Harmonie der Figuren
 Humanität und Selbstbestimmung nicht an Mythos, sondern Geschichtlichkeit
gebunden Gipfelwerk dt. Klassik in Form, Gehalt, Inhalt vollkommen
 Romantische Elemente (Orest Wahnsinn, Gefühlstiefe Iphigenie)
 Soziale Spannungsverhältnisse Goethes jener Zeit einfach zurückgehalten
Geschichtliche Realität zum humanistischen Entwurf nicht vorhanden
 S. 66 Humanitätsideal und Programmatik und folgende Das utopische mitdenken,
um Bildungskonzept zu verstehen und skizzierte Basiskonzepte reflektieren, um
Funktion der Klassik als normierendes Orientierungswissen zu verstehen
 Programm: Ganzheit mit Ziel nationaler Einheit verknüpfen, obwohl Spektrum der
Werke keine Einheit bietet kulturpolit. Nationaler Bedarf lässt Klassik richtig
aufleben

3. „Iphigenie auf Tauris“ ist exemplarisch für die Werte der Weimarer Klassik. Von
Zeitgenossen wurde das Werk mit bescheidener Zurückhaltung aufgenommen und von
Goethe selbst als „verteufelt human“ bezeichnet.

 Rezeption: Für viele Zeitgenossen „langweilig“, Voll von Gerechtigkeit, zu wenig


Liebe, zu wenige Taten, viel „Gerede“  kein Verkaufserfolg
 Schillers Inszenierung 1802: Orest mehr zur Geltung kommen: Das Sinnliche fehlt,
Interesse sollte Barbaren gelten
 Goethe geht auf Distanz mit Figur „verteufelt human“  Schiller „erstaunlich modern
und ungriechisch“  Schiller zeigt Goethe, sein Werk sei sogar wider Willen
romantisch Idealität der Gestalten verhindert sinnliche Lebensfülle, Reinheit und
Größe des Denken verdrängt Ausleben der Menschen
 Goethe wider Willen romantisch, da er in Sehnsucht nach alter heroischer Zeit der
Griechen strebte
 Iphigenie auf Tauris steht wie kein anderes Werk für das Humanitätsdeal der Klassik
 „Evangelium deutscher Humanität“
 Goethe selbst bezeichnet Werk als „Schmerzenskind“
 Goethes Humanitätsauffassung
 Goethe an Schiller: „Ich weiß nicht, was sie ihm abgewinnen wollen. Ich habe hie und
da reingesehen. Es ist ganz verteufelt human.“
 Im weiteren Brief: „Das Unzulängliche ist produktiv. Ich schrieb meine Iphigenie aus
einem Studium der griechischen Sachen, das aber unzulänglich war.“
 Was meint er mit unzulänglich? Heidi Beutin: Goethe wusste, dass dass Griechentum
neben humanen auch inhumane grausame Züge aufwies: Dieser These nach wurde
Humanitätsidee zwar in Werk eingebunden, doch würde sie kein konstitutives Element
richtig stellen viel mehr episodische Funktion, die in Iphiegnie Handlung sichtbar
wird
 Was ist human? Neumann: Schöpferische Sprache und Handlung Iphigenies,
Verweigerung des Opferkults bilden Modell utopischer Humanität
 Humanität als Idee und Weltanschauung, Toleranz, Gewaltfreiheit, Gewissensfreiheit
menschlichen Zusammenlebens  Humanitätskonzepte
 Humanität als Idee und Weltanschauung, Toleranz, Gewaltfreiheit, Gewissensfreiheit
menschlichen Zusammenlebens  Humanitätskonzepte
 Drama der Humanität oder der Autonomie?
 Verteufelt human, weil nicht ansprechend für Publikum?
 Humanisierung des Mythos
 Verteufelt Human? Reale Skepsis eines Autors gegenüber realen Chancen der
Wahrheit, sich durch das Revolutionszeitalter tiefgreifend veränderter Welt
durchzusetzen
 Schillers Antwort darauf: „Das was sie das Humane darin nennen, werde die Probe auf
dem Theater besonders gut aushalten, und davon rate ich nichts wegzunehmen 
Wirkungsgeschichte (Propagierung der Humanität) hat ihm recht gegeben
Friedrich Schiller „Don Karlos. Infant von Spanien“

1. Pragmatische Frage: Schillers Abkehr vom Stürmer und Dränger hin zum Klassizisten
äußert sich in Don Karlos
2. Ästhetische Frage: Wie verändert sich Schillers Stil und Ästhetikauffassung (Don
Carlos, Philosophische Schriften und spätere Werke)
3. Kontinuitäten und Brüche: Schiller – (k)ein Klassiker?

1. Pragmatische Frage: Schillers Abkehr vom Stürmer und Dränger hin zum Klassizisten
äußert sich in Don Karlos.

 Zunächst war ein Familiendrama im fürstlichem Hause geplant, später erweitert um


Aspekte wie Liebe- und Freundschaftstragödie und er gab schließlich den politischen
Ereignissen (Befreiung Niederlande) starkes Gewicht
 Interpretationsansätze: politischer Charakter, Stellung zwischen Sturm-Drang und
Klassik, Inquisition als Verbrechen, Scheitern aufklärerischer Ideen
 Punktuell: Schillers Erklärung für Schreibwahl „Ein vollkommenes Drama, wie uns
Wieland sagt, soll in Versen sein, reimfreie Jamben...“  1. Versdrama, hält
Blankvers noch freier als bei Maria Stuart gebundene, in Versen gestaltete Sprache:
grenzt sich von bürgerlicher Sphäre ab und nähert sich hoher Tragödie bewundert
Herder/ Wieland
 Gründe für sprachliche Verwendung: Wohlklang, Vollkommenheit, Würde und Glanz
der Personen, kein bürgerliches Trauerspiel, Verallgemeinerung, Menschlichkeit
 Stil und Sprache: Umfangreiche von Abstrakta getragene Dialoge: ethische
Begriffsfelder (Mensch)
 Aufbau literarischer Gattung: Annäherung an aristotelische Einheit und geschlossene
Form, hält sich aber nicht streng daran Vorgabe der Einheit nicht allzu sehr beachtet
 Ein Werk zwischen Sturm und Drang: thematisch Sturm und Drang und formal
Annäherung an Klassik Figuren (Posa: Vernunft) und Karlos (Gefühl) versuchen
auszubalancieren
 In späteren Werken wie Maria Stuart und die Jungfrau von Orleans wird er sich
strenger an formale Kriterien halten
 Werk zwischen Sturm und Drang: formale Ungebundenheit löst sich und nähert sich
klassischer Harmonie (S. 131)
 Thematisch bleibt er trotzdem ein Propagator der Freiheit“  nicht nur in seinen
Werken ist eine Abkehr vom Stürmer und Dränger zu sehen, sondern auch in
Philosophischen Schriften  Macht sich Gedanken über Ästhetik, Autonomie, Kunst,
Literatur und Erziehung sowie Humanität:
 Zunächst: Abkehr von reiner Fiktionalität (Zuschauer soll Lehre erteilt werden, besser
wenn Personen historisch waren) Grund war nicht Interesse an Vergangenheit,
sondern Gegenwart: Zeitgenössische Probleme sichtbar machen  Poetische
Wahrheit hatte Priorität
 In Dramenkonzeption kehrt er von der Idee, das Theater sei moralische Anstalt
(Aufklärung: Menschen durch sittliches Vorleben erziehen) ab und definiert seine
Ideale für das Theater neu
 Schillers Fragen; Wie lassen sich Gefühl-Vernunft vereinen? Welche
Gesellschaftsordnung ermöglicht Freiheit?
 Schillers Kant Rezeption nicht gänzlich neu, Entwicklung alter Ideen, die ihm Impulse
gab (Dualismus und ethischen Rigorismus überwinden)
 In philosophischen Schriften äußern sich systematisierte Ansichten über Kunst,
Schönheit, Funktion der Literatur und Rolle des Individuums  Seine
Zusammenarbeit mit Goethe und die Herausgeberschaft der „Horen“ sowie „Xenien“
und Muselalmanach“ zeigt: Er will die Kunst und Wissenschaft in ein harmonisches
Verhältnis überführen und als Synthese wirken lassen  programmatische und
ideologische Ziele, Abkehr vom bürgerlichen Trauerspiel und hin zur hohen
Tragödie verliert aber nicht richtig „rebellischen Gestus“, dieser wird nur
modifiziert
 Schiller verlangt, was er schon immer verlangt hat (Meinungsfreiheit,
Fürstenerziehung, Harmonie in Kunst und Natur und im Menschen)  Art und Weise
wie er es macht ändert sich

2. Ästhetische Frage: Worin drückt sich Schillers neue ästhetische Auffassung aus?

 Philosophisches Jahrzehnt/ Interesse an Geschichte aufgrund Professurtätigkeit 


 Interessenverlagerung von Shakespeare zur Poetik des französischen Klassizismus
Darstellung nun im Vordergrund: Wichtig wurde nun „Würde und Glanz“ der „hohen
Tragödie“, Distanz von früherer Dramaturgie
 1794 neue Bahnen: Nach intensiver Kant Lektüre revidiert er Konzeption des Dramas
auf mehrfache Weise
  Ästhetische Erfahrung an Stelle der Unmittelbarkeit der Wirkung (Nicht am Effekt)
  Neue Ästhetik der Tragödie: Zweck nicht mehr Rührung, sondern innerer
Prozess geistlich-sittliche Reflexion
  Ausgangspunkt: tragische Form rückt in Vordergrund, Umorientierung in
Dramaturgie
  So fiel auch die Orientierung an Natur auch aus: Drama als Kunstwerk, das sich
allein an poetischen Gesetzen orientiert in klass. Dramaturgie läuft Handlung auf
ein Ziel
 ästhetische Auffassung: zeigt sich in Maria Stuart oder Jungfrau  Moral, Pflicht,
Neigung und auch in Schriften und Abhandlungen  Über Anmut und Würde,
Ästhetische Erziehung des Menschen  alles Versuche ein Harmonieverhältnis
zwischen Kunst-Wissenschaft, Gefühl-Vernunft, Mensch-Gesellschaft zu schaffen
 Horen, Almanachen gegenseitige Bildung, Humanitätsideal, veredelter Mensch
Literatur kommt wichtige Bedeutung zu
 Feilt Idee immer mehr aus  von aufklärerischer Erziehung (Schaubühne, Lernen am
Effekt) hin zur Harmonischen Einheit wird systematisch in Beschäftigung mit Kant,
Funktion der Literatur und weiteren Werken ausgefeilt
 Unterschied: Goethe konzentriert sich auf innere Konflikte stilisierter Figuren, eigene
poetische Existenz, Versuch über Sinnwelt zu erfassen Schiller versucht über
Denken zu erfassen, fordert Ideale
 Don Carlos zeigt Hinwendung zur Klassik, während Posa noch Meinungsfreiheit
fordert, kam dies bei Jungfrau schon an
 Don Carlos formale Annäherung an „Weimarer Klassik“ inhaltlich jedoch Sturm
und Drang

3. Kontinuitäten und Brüche: Schiller – (k)ein Klassiker?

 Brief an Goethe: Beweglichkeit  man muss sich nicht unterordnen


 Experimente: „romantische Tragödie“  Jungfrau von Orleans, romantische Züge
 Während bei Don Karlos Gedankenfreiheit noch gefordert wird, kam dies bei
Jungfrau, Maria Stuart bereits an
 Wieso ist Schiller kein Klassiker? Was ist ein Klassiker? Was macht seine Kanonizität
aus?
 „Ein Gedicht muss in Versen sein wie Wieland sagt.“ Hinwendung
 Horen, Muenalamanch Anzeichen für Hinwendung, spätere Dramen stützten
Tendenzen der Stiländerung, aber inhaltlich blieb er sich treu
 Interessenverlagerung von Shakespeare zur franz. Klassizismus nun Kunst der
Darstellung im Fokus, wichtig wird nun „Würde und Glanz“ Hinführung zur hohen
Tragödie
 1. Ästhet. Erfahrung rückt an Unmittelbarkeit der Wirkung
 2. Neue Ästhetik der Tragödie
 3. Ausgangspunkt ästh. Erfahrung: Kunstcharakter des dramatischen Textes (ideale
Tragödie)
 4. Orientierung der Dramaturgie an Natur fiel dann auch so aus ideell-ästhetische
Gesetzesmäßigkeit geschlossener Form soll erhabene Ordnung des Geistes
widerspiegeln (Wallenstein) peotische Wahrheit Priorität denn historische
Wirklichkeit_______
 Selbstreflexion über Epoche, Schiller: „Kunst (apodiktische Feststellung Schillers) ist
unendlich und steht über allen Werken „Der strebende Künstler ist mehr und darf
nicht auf ein indem geschichtlichen Wandel entzogenes ästhetisches Normensystem
verpflichtet werden.“
 Brief an Süvern: „Das lebendige Produkt einer individuellen, bestimmten Gegenwart
einer ganz heterogenen Zeit zum Maßstab und Muster aufdringen, hieße, die Kunst,
die immer dynamisch und lebendig ist, eher zu töten als beleben“
 In Bezug auf „Jungfrau von Orleans“ an Goethe: Sich Gattungsbegriff offen halten
und sich nicht durch allgemeine Begriffe fesseln, somit entferne er sich bei diesem
Drama vom Formtypus der klassisch-geschlossenen Tragödie  Absage an
apriorischen Formbegriff: Nicht Stoff hat sich Form anzupassen, sondern die Form
dem Stoff
 Formaler Rigorismus wird zugunsten beweglichen Gattungsrahmen zurückgewiesen!
 Auch Goethe kritisiert im literarischen Sanscoulottismus Klassizität
 Neue Typus, der Autonomie des Ästhetischen als Existenzform werden lässt durch
Schiller verkörpert
 Klassik-Begriff hat Varianten (stiltypologisch, epochale Anwendung) Schiller nicht
ohne weiteres zuzuordnen
 Abrücken von Konzeption „Schaubühne als moralische Anstalt“ im Sinne vom
Standpunkt der ästhetischen Autonomie galt als widerlegt
 Gedanke ästhetischer Autonomie zeigt: historische Forschung und Ästhetik knüpft an
dramatische Praxis Versuch Poetik als Tragödie der Ästhetik dieser Gattung im
kantischen Sinne (mit Differenzierungen) zu begründen
 Später (Anmut und Würde) geht es um allgemein ethische und ästhetische Probleme
(Zuvor um Neubegründung tragischer Kunst auf Basis philosophischer Ästhetik)
 Briefe als Scharnier zwischen Sturm und Drang und Klassik: Idee der
Vervollkommnung Sinnlichkeit und Vernunft zusammendenken als harmonisches
Ganzes Kunst als ästhetische Erfahrung kann bei Schiller in ein anderes Verhältnis
überführt werden (politische Freiheit, Mensch frei im ästhetischen Staat)
 Schiller hat sich mit Autonomieästhetik, Humanitätsgesinnung beschäftigt und seine
Dramen an geschlossene Formen angenähert, aber: Beschäftigung mit philo. Schriften
um 1790er, ästhetische Studien und beschäftigte sich mit sozial-, literatur- und
diskurgeschichtlichen Kontexten
 Aber Schiller sperrt sich gegen Zuordnung: erstaunlich wenig mit Weimarer Klassik
zu tun zeigt Vielfältigkeit des Künstlers, auch Form-Inhalt verbindet Iphigenie und
Don Karlos nicht viel
 Thematik anders orientiert, bleibt seinen „Feldern“ treu
 Was ist dann Schillers Beitrag zur Weimarer Klassik?  Typus des idealisierenden
Geschichtsdramas, der mit Goethes idealisierenden Seelendramas die strenge
Kunstauffassung (Klassizität des Stils) und das hohe Menschenethos (Humanität der
Gesinnung) teilte???  Problem nicht befriedigend gelöst
 Klassische Form? Radikale Formexperimente  Wallenstein, Jungfrau von Orleans,
Tell sich nicht fesseln lassen  Verbindung
Franz Kafka – „Das Schloss“

1. Zur Deutungsproblematik: Kafka-Rezeption zwischen Unausdeutbarkeit und


unendlicher Deutbarkeit ((1) was ist die Schwierigkeit? – (2) Rezeptionsgeschichte)
(1) Pragmatische Frage: Welche Herausforderungen gibt es bei der Deutung zu Kafkas
Werken und wie sind die kontroversen Debatten zu bewerten?
(2) ästhetische Frage: Welchen Verdienst hat Kafka für die „Moderne“? (oder:
Wiederholungen, Fragmentarisus, Teilbau, Parabolik Kafkas Poetologie)
Intratexttualität eigene Werke
Intertextualität Einbettung auf Vorbilder auf großes Tuchosslky
2. Kafkas Institutionen der unsichtbaren Macht: Das Schloss als anonyme Macht und die
Figuren zwischen Freiheitsbestreben und Ohnmacht
3. Inwiefern scheitern seine Figuren (Landvermesser K.) im Rahmen der eigenen
Freiheitsbestrebungen? Emanzipation
4. Das Schloss als leeres Zentrum eines Panoptikums: K. – Beobachten: Inwiefern ist
unter diesen überhaupt ein Freiheitsbestreben möglich?
5. Schuld Prozess

1. Deutungsproblematik: Kafka-Rezeption: Zwischen Unausdeutbarkeit und unendlicher


Deutbarkeit? (Allgemein)
 Pragmatische Frage: Welche Herausforderungen gibt es bei Deutung zu Kafka und wie
sind die kontroversen Debatten zu bewerten?
 Übersicht über das Werk, Nachlass, posthume Veröffentlichung, editorische (immense
Eingriffe) Brods mit Deutungsanweisungen
 Fragmentarismus, Teilbau, Parabolik (Einführung in Kafkas Poetologie)
 Fragmentarischer Charakter, unvollendete Romane und Notizen, trotzdem
poetologischer Stellenwert der Fragmente
 Parabolik, Verschieben und Verrätseln, als gleitendes Paradox klassische Parabeln
auf statischem Nebeneinander von zwei Aussagen Analogieschlüsse vermitteln, bei
Kafka dynamischer Prozess der Mehrdeudigkeit, Experimente mit Möglichkeiten einer
Fabel, führt sie über klassische Form und Funktion
 Fragmentarismus, Intertextualität und Parabolik als komplexe Verfahren
anspruchsvoll offener Texte  haben entscheidenden Anteil an Schwierigkeit bei
Interpretation
 Negativ gefolgert: Undeutbarkeit und unendliche Deutbarkeit sind wesentliche
Eigenheiten
 Positiv gefolgert: machen hohe Kunstfertigkeit dieser Texte aus
 Herausforderungen der Deutung

 Bei Kafkas Deutung gibt es 4 Grundansätze


 Deutungsinteresse. Texte offen und hermetisch
 Debatten und Kontroversen: Jede Epoche deutet eigenen Kafka
 Wer deutet wie? Psychoanalytische, psychologische, religiöse, soziologische,
philosophische Deutungsansätze
 Deutsch-jüdische Intellektuelle entdecken Kafka: Walter Benjamin gegen leere
Zelebrierung, Blick auf literarische Verfahren wie Parabolik, Gestik, gegen Brods
allegorische, jüdisch-religiöse Leseart  negatives Judentum
 Theodor Adorno 1934: literarische Verfahren in Blick nehmen, weniger Theatralität,
sondern sprachlose Maskulität (stummer Film)
 Negativthesen folgten Hanna Arendt, Günter Anders, weniger Moderne, aber mehr das
Phänomen des Totalitarismus erklärend (Kafkas Schrift als Prophetik des Holocaust
lesbar?)
 Auslegung sagt mehr über Interpreten selbst, als über Kafka Logik gilt für
französische und angloamerikanische Deutungsversuche
 Adorno vertrat später Prophetik-These
 Surrealismus, Existentialismus in Frankreich/Amerika 1930-50
 Susman in Anlehnung an Surrealismus sah Potential in Kafkas Traum-Lektüre
Kafkas nüchterne Sachwelt als unfertiges Traumleben, Ausdruck einer hoffnungslosen
Unwirklichkeit surrealistische Übersetzer sehen Traumwelt Enthistorisierung der
Person, Texte und Schaffung
 1940: Anknüpfung an Kierkegaardische Existenzfrage, Sartre verwies auf elementare
existentialistische Frage des Seins und einer nicht mehr sinnstiftenden Welt, Camus
argumentiert mit Kategorien des Absurden
 30er: Etablierung im englischen Sprachraum, „kafkaeque“  Zur Deutung Kafkas
und der Moderne gehört Heimatlosigkeit, Ende 30er: Kafka kommt in Amerika an,
Debatten unter Exilanten
 Kafka zwischen Ost-West: Dekadenzvorwürfe: Kafka als bürgerlicher Kapitalist, für
68 literarische Leitfigur
 Wirkung nicht nur auf Prosa beschränkt, Verbreitung über literarische Gattung zu
künstlerischen Darstellungsversuchen, Debatten über intermediale Übertragung

Im Labyrinth der  Max Brod versieht herausgegebene Schriften mit erklärenden


Welt: Theologische Nachworten
Ansätze  Theologische Orientierung, Nachwort Schloss:
  „Dieses Schloss, zu dem K. keinen Zutritt erlangt, dem er sich
unbegreiflicherweise nicht einmal nähern kann, ist genau das, was
Theologen „Gnade“ nennen, die göttliche Lenkungen menschlichen
Schicksals (des Dorfes), Wirksamkeit der Zufälle, geheimnisvolle
Beschlüsse Begabungen und Beschädigungen, das Unverdiente und
Unerwerbliche,das „Non liquet“ des Lebens aller. Somit wäre im
Prozess und im Schloss die beiden Erscheinungsformen der Gottheit
(im Sinne der Kabbala) Gericht und Gnade dargestellt.“
 In den drei Romanen (Amerika, Prozess, Schloss) sieht Brod als
Grundmotiv die Einordnung des Einzelnen in menschliche
Gemeinschaft, bei der es sich gleichzeitig um Einordnung in ein
Gottesreich handelt
 Nicht unbescheiden, erhebt er den Anspruch, dass andere Deutungen
unter diesem Vorzeichen zu verstehen sind  Vielfalt abweichende
Kafkadeutung zeigt, wie absurd dieser Anspruch ist
 Martin Buber sieht Kafka im Labyrinth einer chaotischen Welt, die
geheime Ordnung erst durch Schuldeingeständnis offenbart, schließt
sich nicht Brod an
 Katholische Interpreten sehen in Kafka den Juden, der nach Erlösung
strebt, Vielfach im Zusammenhang mit Kierkegaard, für den
existentielle Krise der Schlüssel zur Religiösität ist
 Gerog Luckas sieht im Richter des Prozess und in Schlossverwaltung
gar den abwesenden nicht Gott eines ins religiöse gesteigerten
Atheismus
 Heinz Politzer schreibt über theologische Deutungsversuche: „All
diese Deutungen widersprechen einander, zeigen jedoch gerade in
ihrem Widerspruch die irisierende Natur Kafkas Visionen auf: er
wirft als Spiegel Ängste und Nöte dessen zurück, der von seinem
Werk ereilt worden ist. Wo diese Ängste und Nöte aber, eines an
seinem Glauben zweifelnden und verzweifelten entspringen sind...
liegt Vermutung nahe, dass hier das Unheil Kafkas die Sinnbilder der
dem Betrachter eigenen Heilslehre projiziert sind“

Der Zauberspiegel –  Kafkas Werke mit unzählige philosophische und literarische


Philosophische Strömungen in Verbindung gebracht, Wilhelm Emrich sucht
Ansätze Parallelen zur deutschen klassischen Ästhetik von Kant und Hegel,
Adorno sieht Kafka in der Aufklärung, Nobert Kassel sieht den Erben
Georg Büchners, Walther H. Sokel reiht ihn unter klassische
Expressionisten
 Camus sieht in ihm einen surrealistischen Dichter, in dessen Werk ein
absurder Held der Absurdität des Schicksals widersteht, für andere
steht er in Kierkegaard Existentialismus oder Sartre geprägt
 Kafka als Zauberspiegel, in dem sich fast jede Denkrichtung
widerfindet, Phänomen, dass erst aus Sicht der strukturalistischen
Kafka-Interpretation erklärbar wird

Der mit dem Vater –  Vater-Sohn-Konflikt zieht sich durch Kafkas Werke, auch seine
biographische Ansätze Verlobten oder Freundinnen tauchen auf: Felice (Das Schloss) in
Verbindung mit Frieda Verbinden zu seinen Briefen, Tagebüchern
werden gesucht
Kafkas Inferno –  Freuds Psychoanalyse (1920/30er in Europa viele Anhänger, auch in
Psychoanalytische Amerika unter vielen Exilanten großen Reiz üben sowohl
Interpretationsansätz autobiographische, als auch traumähnliche religiöse Elemente aus
e  Helmut Kaiser 1931 „Kafkas Inferno“, erste psychoanalytische Studie
 Er will das Unbewusste Kafkas untersuchen und in
Bewusstseinsschicht sehen
 Hierbei bekommen Brods Deutungen und die der anderen eine
sexuelle Bedeutung Schnapstrinken des Affen als Widerbelebung
des oralen Saugsinns  Lustbefriedigung, Gewinnung phallischer
Lust

Ein Gespenst geht  Zunächst Kritik positiv: Kafka kritisiert ungerechte Umstände in der
durch Europa – Welt, als es nicht gelang Interpretation auf Marx und Arbeiterschicht
Kafka Interpretation zu legen, schlug mit Beginn der Stalin-Ära von wohlwollender
in kommunistischer Rezeption zu Ablehnung
Welt  Nicht Realismus entsprechend, vor allem Verbot in Osteuropäischen
Ländern, Dekadenz Vorwürfe
 Zeitweise Öffnung der Tschechoslowakei in 60er, bis zum
endgültigen Bruch des kommunistischen Regimes problematisch
Beim Wort  USA: Im Rahmen der „New Critics“ erste werkimmanente Kafka-
genommen – Interpretationen
Werkimmanente und  Fokus auf Kafkas Text, biographisch-gesellschaftlichen Hintergrund
strukturalistische so weit wie möglich ausklammern (Dt. Friedrich Beißner)
Interpretationsansätz aufgegriffen und weitegeführt
e  Weniger Inhalt, sondern mehr Erzählstil stellt dabei fest, dass sie
auf Perspektive der Hauptgestalt geschrieben sind
 Aus werkimmanenten Überlegungen entstand Vorschlag (aufgrund
des Wechsels der Jahreszeiten in Romanen Prozess/Schloss, die von
Brod festgelegte Kapitelfolge zu verändern  Fischerverlag, Brod
verhinderte dies lange
 Dieter Hasselblatt geht weiter: stellt Symbolik Kafkas insgesamt
insgesamt in Frage, auf der zahlreiche andere Interpretationen
beruhen
 Kafka verwendet keine Symbole, die für etwas anderes, außerhalb
seiner Erzählungen existierendes stehen, sondern Chiffre und
Zeichen, die nur durch ihre Beziehung untereinander bestimmt
werden können
 Das einzige was Kafka-Interpreten als bleibt: Untersuchung der
Struktur von Kafkas Texten  Martin Walser versucht auf jede
Deutung Kafkas zu verzichten, Bestandsaufnahme von Auffallenden,
Wiederkehrenden Typischen
 Im Vgl. zu anderen wirken strukturalistische Deutungen fleischlos,
wenig ergiebig? Jedoch eine große Stärke: können Vielzahl der
Verschiedenheit anderer Interpretationsansätze erklären
 Besetzt man Chiffren mit Inhalt außerhalb der Erzählung, so erhält
das Ganze Beziehungsgeflecht neue Bedeutung  Freiraum,
unzählige Interpretationsmöglichkeiten

(2) Ästhetische Frage: Welchen Verdienst hat Kafka für die literarische Moderne?
 Poetologie Einführung: Parabolik, nüchtern, Spiegelungen, Fragmentarismus,
Aufnahme der Problematik, kein Zufall, dass Prozess und Schloss an Verkündung
abbricht? Inhaltlich: Aufgriff der Themen wie Freiheit, Macht, Individuum,
Entfremdung, Schuld und Strafe

 S. 55, Schloss,
Deutungsansätze

2. Kafkas Institutionen der unsichtbaren Macht: Inwiefern ist das Schloss eine anonyme
Macht und wie stehen die Figuren zwischen Freiheitsbestrebung und Ohnmacht?
(a) Wie drückt sich Macht aus und wie wird diese Macht von K. und den Dorfbewohnern
aufgenommen?
 Sie drückt sich in der Verwaltung, im undurchschaubaren System der Bürokratie,
in den Hierarchien zwischen den Beamten und den Beziehungen der Beamten zu
den Bewohnern sowie den Bewohnern als angebliche Gemeinschaft aus
 Macht steht im krassen Gegensatz zu den Vorstellungen eines Schlosses und
Beamten (Behörde funktioniert nicht, Fehlinformationen, lächerliche Verwirrung
der Akten, die verloren gehen, dreckige, enge Korridore und kein erhabenes
Schloss)
 Machtmittel des Schlosses: Unerreichbarkeit, Fehlkommunikation, Sexualität
 Zeigt sich bei den Beamten, die die Frauen nehmen können, wie sie wollen und in
der Gemeinschaft, die diejenigen im Namen des Schlosses bestrafen, die
vermeintlich falsches Verhalten an den Tag gelegt haben
 Es ist nicht so, dass die Beamten die Macht inne haben, sondern Teilhaber der
Macht sind, wie auch die Dorfbewohner, vor allem die Frauen in pervertierter
Form am Herr-Knecht-Spiel teilhaben
 Die Ohnmächtigen sind im Sinne der Dialektik Herr-Knecht Teil dieser Macht und
deshalb auch mächtig: sie sind verstrickt in den Sadismus der Mächtigen und
leiten davon eigenen perversen, subalternen Genuss ab
 Endlich sind dann nicht die Figuren mächtig oder ohnmächtig, sondern Strukturen
 Strukturen der Verwaltung, die von allen mächtigen und ohnmächtigen Figuren
getragen, mit Prestige, Glanz und höherer Berechtigkeit einer quasi religiösen
Autorität versehen werden
 Innerhalb dieser Welt, kann keine Gemeinschaft bestehen und
Befreiungsbestrebungen sind immer nur gebrochen, halbherzig und zweideutig
 Unverständliches Strafsystem, anonyme und unsichtbare Macht, Schuld/ Vergehen
unverständlich
 Erzählperspektive keineswegs einheitlich (Schusters Analyse der Schloss-
Handschrift)
 Schloss: vermeintliche Urheber des Bösen entziehen sich und werden Gegenstand
einer knechtischen Sehnsucht
 Raum und Zeit: Walser: Raum als Ausdruckselement funktionale Konstruktion:
Erscheinungsform der Macht Bettszenen, übelriechende, enge und dunkle,
stickige Räume, Gegensatz zur „Erhabenheit, das ein Schloss verkörpert“
 Unrat, Bier befleckte Fußböden, überfüllte Bierstuben
 Zeit ebenfalls kein Kontinuum, sondern Ausdruckselement (Ausgeliefertsein, nur
einmal schien die Sonne, langer einförmiger Winter)
 Übermächtige Wirkung des Schlosses hat Zeichenwert, angesicht der
Nichtsichtbarkeit, kann nicht eindeutig geklärt werden, ob im Schloss Leere oder
Erhabenheit steckt
 Beamtenhierarchie: es geht nicht um Charakterisierung, sondern um
Funktionalität Beamten kein persönliches Kolorit, sondern in Räderwerk der
Institution funktionell eingeordnet
 Beziehung: Schloss-Dorf:
 Beantwortung der Sinnfrage nach Wahrheit und Recht mit Frage nach
Sprachregelung und Kommunikationsdefizit nachgeordnet

Kafkas Figuren:
- Beschränkt auf Funktionalität, keine große Charakterisierung, aber zugleich typisch
für Kafka: Aufhebung der Funktion, Absurdität der Helferinnen Funktion im
Prozess ehe sexuelle Ablenkung, denn echte Hilfe, auch Anwalt kann nicht helfen
- Funktion der Frauen: Macht, Größe und Einfluss des Schlosses demonstrieren, Amalia
entzieht sich aber  Preis: Isolierung
- Verhalten: Schweigen, Abweisung- bedeutet Provokation
- Unterdrückten als Anti-Helden: Zum Widerstreit kultureller Tradition in den
Erzählwelten Kafkas: Kontextuierung der „Anti-Helden zeigt, implizierte
Wertevorstellungen und Bewusstseinsinhalte
- Paradox: Frauen den Beamten untergeordnet, aber aufgrund Liebesbeziehungen zu
Beamten gesellschaftlich höhergestellt:
- Kafkas Problematisierung der Ordnung bekommt eine neue Gestalt:
Ordnungsprinzipien, bei Kafka sind Protagonisten außerhalb herrschaftlicher
Zusammenhänge Anti-Helden, Ausgeschlossene?

Verwaltung, Gesetz, Recht und Institution


- Recht soll Institution schützen, im weitesten Sinne bezieht sich Recht und Gesetz
eigentlich auf stabile Muster menschlicher Beziehungen, die soziales Handeln
strukturieren soll, normativ Regeln über Sinndeutung und Wertorientierung
legitimieren
- Engerer Sinn: juristische Ordnungsinstanzen: Staat, Ordnung, Recht, Formen sozialen
Handelns  auf welcher Ordnung beruht Macht des Schlosses?- Kafkas Institution
wird unter anthropoligischen Gesichtspunkten zur Krise der Institution  Gehlen:
Literatur des Zerfalls der Institution, Verlust der Zentren, Herumtaumeln
- Institution sind einschließen und ausschließend: markieren eine Schwelle zwischen
Autonomie und Zwang, Literatur und Leben, Institution und Individuum
- Invisibilierung der Institution
-

3. Inwiefern scheitern seine Figuren (Landvermesser K.) im Rahmen der eigenen


Freiheitsbestrebungen

 Sprachdefizite, Schloss als anonyme Macht entzieht sich K.s Blicken,


Machtmittel bestehen darin nicht zu kommunizieren und sich zu entziehen
 Amalia wird – sobald sie Freiheit zeigt und eine eigene Meinung zeigt –
ausgeschlossen in so einer Welt ist keine Freiheitsbestrebung möglich

4. Das Schloss als leeres Zentrum des Panoptikums: (Beobachten) – Inwiefern ist unter
diesen Bedingungen Freiheitsbestrebungen und Anerkennung der eigenen Existenz
möglich?

 Er wird „beobachtet“, kriegt immer Briefe, das Schloss weiß alles über ihn
 Auch die Bewohner werden „beobachtet“, wissen über Affären Das Schloss
aber entzieht sich K. oft seine Blicke gleiten ab, er findet keinen Zugang, kann
Klamm nie sehen