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Ahmadiyyat: Die Renaissance des Islam

72 Jungfrauen, Wein
und Höllenfeuer
Von Khola Maryam Hübsch
Die scheinbar primitiven Jenseitsvorstellungen im Islam werden vom aufgeklärten Westen oft
mitleidig belächelt. Dabei verbergen sich hinter den Jenseitsbildern Metaphern, die tiefgründig und
erkenntnisreich sind. Auch, um den Monat Ramadan zu verstehen.
Quelle: iStockPhoto

W
as passiert eigentlich mit Topmodels, zu denen die Paradiesbewohner Zutritt hätten, um sich jederzeit
die minderjährig sterben? Kommen sie verwöhnen zu lassen. Was sich anhört, wie ein schlechter Witz,
in die Hölle oder in das Paradies, weil ist leider ein Beispiel unter vielen, das Zeugnis davon ablegt,
Kinder doch ob ihrer Unschuldigkeit welche Paradiesvorstellungen bestimmte Muslime haben. Diese
automatisch ins Paradies eingehen? Ein Projektionen kommen natürlich nicht von ungefähr, so gibt es
bekannter Mullah wusste natürlich die denn auch tatsächlich einen Vers im Koran, in dem es heißt,
Antwort und erklärte überzeugt, dass solche Grazien in Zelten dass holdselige mit herrlichen schwarzen Augen, wohlbehütet in Zelten
verweilten, die zwischen Paradies und Hölle verortet seien und (55:73) auf die Gläubigen warten werden. Hatte der Mullah also

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Ahmadiyyat: Die Renaissance des Islam

zumindest ansatzweise Recht? Und wie steht es um verharrt in den infantilen Denkmechanismen kleiner
die bereits berühmt gewordenen 72 Jungfrauen, die Kinder, wenn man nicht über diese Ebene von
angeblich jeden Märtyrer erwarten und nach denen Strafe und Belohnung hinaus kommt und versucht
jeder Selbstmordattentäter sehnsüchtig schmach- zu begreifen, welchen Sinn unser Leben wirklich hat.
tet, wie wir spätestens aus den Medien detailliert
erfahren? Ganz zu schweigen von den Gärten mit Der Sinn des Lebens
Strömen voller Milch und
Vom Feuilleton wird der Koran zu Honig, die im Koran so Als Quintessenz der islamischen Lehre, und darin
lautmalerisch beschrieben dürften sich die meisten islamischen Gelehrten einig
einemBuch der Phantasie- sind und die in den Feuil- sein, wird das Ziel gesehen, Allahs Wohlgefallen
letons der Zeitungen von und Seine Nähe sowie Liebe zu erlangen, indem
geschichten diffamiert. Intellektuellen als Beleg
für die Primitivität der is-
man ihm dient: Und Ich habe die Jinn und die Menschen
nur darum erschaffen, dass sie Mir dienen (51:57), heißt
lamischen Kultur diskutiert werden. Orientalisten es dazu im heiligen Koran. Der Gläubige ist
und Islamwissenschaftler kennen da natürlich die demnach bestrebt, sich mit den Attributen Allahs
Antwort: Wen wundere es, so der Tenor, dass ein zu färben und dadurch zur Einheit mit Allah zu
sensualistisches Wüstenvolk wie das der Araber, sich gelangen. Ziel ist es somit, die Seele derart zu
mit Vorstellungen von eine Landschaft mit üppigen reinigen, dass sie fähig wird, Allah zu erkennen.
Gärten und praller Vegetation tröstet und dabei sei- Jedes Gebot dient letztlich dazu, sich Allah in Seiner
nen erotischen Wünschen freien Lauf lässt? Der Vollkommenheit anzunähern und das eigene Ich mit
Koran wird damit herablassend zu einem Buch der all seinen egoistischen und eitlen Wünschen völlig zu
Phantasiegeschichten diffamiert, ohne seinen tiefer- durchtränken mit den Farben der Attribute Allahs.
gehenden Gehalt studiert oder verstanden zu haben. Das Leben in dieser Welt wäre demnach ein Weg, um
die Seele darauf vorzubereiten, Gott zu erkennen,
Wo bleibt die Logik… d.h. Gotteserkenntnis zu erlangen. Um möglichst
schnell und sicher an dieses Ziel zu gelangen, hat

B evor wir nun einige Koranverse, die das


Leben im Jenseits beschreiben, genauer in
Betracht ziehen, stellt sich doch zunächst einmal
Allah uns Richtlinien und so etwas wie Trainingstipps
mit auf den Weg gegeben, die uns weiterhelfen. Eine
dieser Empfehlungen Allahs besteht darin zu fasten.
grundsätzlich die Frage, wie ein denkender Mensch
annehmen kann, das Jenseits sei materieller Natur. Der Ramadan als Simulation des Jenseits
Welchen Sinn etwa hat es, wenn den Gläubigen
im Diesseits zwar Alkohol, Maßlosigkeit und ein
ausschweifendes Sexualleben verwehrt werden und
im als heilig angesehnen
N ehmen wir nun das Fasten im heiligen Monat
Ramadan als exemplarisches Beispiel dafür,
wie man den Sinn der Gebote Allahs auf verschie-
Genau so, wie der gesunde Mensch Monat Ramadan denen Ebenen interpretieren kann. Oberflächlich
zumindest tagsüber sogar gesehen geht es in diesem Monat darum, sogar auf
einen Genuss darin empfindet, völlig auf fleischliche das normalerweise von Gott Erlaubte zu verzichten.
Genüsse verzichtet wird, D.h. man entbehrt nun sogar all jenes, das einem -
gut zu speisen oder Zärtlichkeiten wenn gleichzeitig all dies islamisch gesehen legitimen - Genuss verschafft, wie
auszutauschen und nur im kran- im Jenseits in Fülle und Essen, Trinken oder Sex. Für manche mag dieser
Übermaß vorhanden sein Monat nun ein besonders qualvoller sein und nicht
ken Zustand appetit- und lustlos soll? Einige orthodoxe selten versuchen sich Fastende auch abzulenken,
wird, geht es auch der gesunden Muslime meinen, dass indem sie die zu fastende Zeit überbrücken durch
die Zeit der Entbehrung, Schlafen, Fernsehen oder Sonstigem. Doch bereits
bzw. kranken Seele mit dem Gebet Askese und Disziplinierung der Verheißene Messiasas erklärte, dass Allah alles,
oder anderen guten Taten. im Diesseits eine Prüfung
sei und der Hedonismus im
das uns Ihm näher bringt, reizvoll gemacht hat, so
dass der wahrhaft Gläubige Lust und Freude darin
Jenseits eine Belohnung für die erbrachten Mühen. empfindet, Gutes zu tun. D.h. genau so, wie der ge-
Doch ist das nicht sehr kurzfristig gedacht? Sind die sunde Mensch einen Genuss darin empfindet, gut
Gebote Allahs, des Allwissenden und Allweisen nicht zu speisen oder Zärtlichkeiten auszutauschen und
viel umfassender und ganzheitlich ausgerichtet? Man nur im kranken Zustand appetit- und lustlos wird,

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geht es auch der gesunden bzw. kranken Seele mit


dem Gebet oder anderen guten Taten. Im Zustand
des Fastens nun wird die Seele für einen bestimmten
D ie Hölle drückt damit den Zustand der Got-
tesferne aus. Nicht zufällig bedeutet das arabi-
sche Wort für Satan Schaitan er ging weg (siehe Wör-
Zeitabschnitt darauf vorbereitet zu lernen, gänzlich terbücher Lane und Mufradat). Schmerzlich muss
unabhängig von materiellen Genüssen, Freude und eine solche Seele ohne Gotteserkenntnis lernen,
Befriedigung zu empfinden. Alles, was dem Men- sich in einer Dimension zurecht zu finden, die völlig
schen normalerweise körperliche Lust bereitet, wird anders ist als das, was sie gewohnt ist und der sie
ihm genommen, so dass er geradezu gezwungen ist nicht gewachsen ist, weil sie im diesseitigen Leben
oder zumindest besonders stark motiviert ist, Lust die Beziehung zum Schöpfer vernachlässigte. So
im Geistigen zu suchen. Völlig ohne Ablenkung wie ein neuer Mensch un-
körperlicher Lustempfindungen trainiert die Seele
in der Schönheit des Gebetes und durch das Voll-
ter Qualen von der Mutter
sündenfrei geboren wird,
Eine blinde Seeleist wie ein
bringen guter Taten Befriedigung zu erlangen. So muss diese Seele einen Säugling, der nichts über das jen-
wird das Zikr, das Gedenken Allahs, zu einer Art qualvollen Reinigungspro- seitige Leben weiß, der sich qualvoll
Muskeltraining, das die Seele wachsen lässt, so dass zess durchlaufen, bis sie
sie in die Lage versetzt wird, Gott zu erkennen. Der schließlich in der Lage ist, zurücksehnt nach dem Ort der ma-
Ramadan ist damit die intensivste Trainingspha- Gott zu erkennen. So wird teriellen Genüsse, der ihm bekannt
se, eine Art Marathon für die Seele, bei dem man auch diese Seele irgend-
- ausreichend Training im Vorfeld vorausgesetzt - wann erwachsen und in der ist und der sich jetzt so unendlich
besonders schnell und konzentriert voran kommt. Lage, Allahs Erhabenheit
Der heilige Monat Ramadan stellt damit eine Simula- zu erkennen, da Allah er-
verloren fühlt.
tion des Jenseits insofern dar, als dass die Seele sich an klärt …Meine Barmherzigkeit umfasst jedes Ding…
den Zustand gewöhnt, den sie immerwährend im Jen- (7:157) und weiterhin aus zahlreichen A-Hadith
seits einnimmt: Ein Zustand ohne Körper und Materie. (Aussprüche des Propheten Muhammadsaw) her-
vorgeht, dass die Hölle nicht ewiglich andauert.
Die Hölle wird seine Mutter sein Was ist aber dann mit all den Versen gemeint, die
so plastisch vom Höllenfeuer berichten? Wider-

W ie nun aber ergeht es jener Seele, die die Trai-


ningseinheiten des alltäglichen Gebets, Zikrs
und dem jährlichen Ramadan nicht absolviert hat?
sprechen Sie nicht einer solchen metaphorischen
Interpretation der Hölle? Eine Probe aufs Exem-
pel zeigt, wie wenig schwierig es ist, jegliche Verse
Eine Seele, die nicht gewachsen ist, eine Seele, die über die Hölle vor diesem Hintergrund zu lesen.
Allah nicht näher gekommen ist, die Ihn in Seiner
Größe und Erhabenheit nicht erkannt hat, folglich „Wer aber blind ist in dieser Welt, der wird auch im Jenseits blind sein“ (17:73)
eine Seele ohne jegliche Gotteserkenntnis?

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Sie wird sich fühlen, wie ein frisch gebore-
ner Säugling, der völlig hilflos und verzwei-
felt schreit, aber nicht in der Lage ist, seiner
Mutter nahe zu sein, der seine Mutter gar
nicht erkennen kann. Wenn es im heiligen
Koran heißt: Wer aber blind ist in dieser Welt, der
wird auch im Jenseits blind sein (17:73), dann ist
darunter ebendieses Unvermögen gemeint,
Gott zu erkennen, Ihn zu sehen. Eine sol-
che blinde Seele ist wie ein Säugling, der
nichts über das jenseitige Leben weiß, der
sich qualvoll zurücksehnt nach dem Ort
der materiellen Genüsse, der ihm bekannt
ist und der sich jetzt so unendlich verloren
fühlt. Über eine solche Seele heißt es im Ko-
ran: Die Hölle wird seine Mutter sein (101:10).

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Ein Höllenvers interpretiert also von Sünden gereinigt, wobei dies hier aufgrund
der Hitze, die bei hartnäckigem Schmutz notwendig
Und sprich: „Die Wahrheit ist es von eurem Herrn: darum wird, ein qualvoller Prozess ist. Blei dagegen wird
lass den gläubig sein, der will, und den ungläubig sein, der will.“ oft zum Abdichten verwendet. Wenn das Wasser
Siehe, Wir haben für die Frevler ein Feuer bereitet, dessen Zelt nun mit geschmolzenem Blei verglichen wird das die Ge-
sie umschließen wird. Wenn sie dann um Hilfe schreien, so wird sichter verbrennt, dann könnte damit gemeint sein, dass
ihnen geholfen werden mit Wasser gleich geschmolzenem Blei, die bisher abgedichteten Wahrheiten, die man igno-
das die Gesichter verbrennt. Wie schrecklich ist der Trank, rierte, nun unaufhaltbar auf die Seele wirken. Da-
und wie schlimm ist das (Feuer) als Lagerstatt! (18: 29-39) durch kommt es zu einer qualvollen Erkenntnis, die
dazu führt, dass Illusionen und jegliche Fassade zu-

G rausam und drastisch wirkt dieser Koran Vers


und sicherlich soll er auch eine abschreckende
Wirkung haben. Doch ist der Islam deswegen, wie
sammenbrechen: Der Mensch verliert sein Gesicht.

Das Aussehen der Seele


leider oft behauptet wird, eine unbarmherzige Re-
ligion? Dagegen spricht eigentlich allein schon die
Tatsache, dass fast jede Sure damit beginnt, Allah als
den Barmherzigen vorzustellen. Es hilft vielmehr,
D as verbrannte Gesicht symbolisiert aber auch
den Zustand der Seele. Denn im Jenseits gibt
es keinen Körper mehr, das Aussehen des Menschen
sich das hier beschriebene Höllenfeuer nicht physisch hängt also vom inneren Zustand der Seele ab. Der
vorzustellen, Verheißene Messiasas erklärte dazu, dass das Jenseits
Der Verheißene Messiasas erklärte dazu, dass was ohne- nichts anderes als eine Manifestation des menschli-
hin unlogisch chen Lebens im Diesseits darstellt. Er beschreibt
Mani-
das Jenseits nichts anderes als eine ist, wenn der
Zustand der
den Zustand der Seele im Jenseits denn auch als
eine Verkörperung und Zurückstrahlung unserer geistigen
festation des menschlichen Lebens Seelen im Jen-
seits ein rein
Zustände in dieser Welt und betont, dass die Hölle
ein Abbild der Taten darstellen wird. All die guten
im Diesseits darstellt. geistiger ist. oder schlechten Taten und Charaktereigenschaften
Interessant einer jeden Seele manifestieren sich somit in ihrem
ist es vielmehr, die einzelnen Metaphern ansatz- Erscheinungsbild, auch wenn die Seele nicht ma-
weise zu entschlüsseln, um der tieferen Bedeutung teriell sein wird. Bedenkt man, wie viel Geld, Zeit
des Verses auf die Spur zu kommen. Wofür etwa und Mühe die meisten Menschen für ein besseres
steht die Metapher Feuer? Zum einen heißt es im Aussehen aufwenden und wie viele Industriezweige
heiligen Koran, dass Iblis aus Feuer geschaffen sich einzig und allein der Verschönerung des Men-
wurde (7:13), die hervorstechende Charakterei- schen widmen, da den meisten Menschen ihre physi-
genschaft Iblis´ ist die Arroganz, denn er sagt von sche Attraktivität und ihr Aussehen außerordentlich
sich Ich bin besser als er [der Mensch] und ist deswe- wichtig sind, erscheint es besonders merkwürdig,
gen nicht bereit, sich Allah zu unterwerfen. Feu- wie wenig in das Aussehen der Seele investiert wird.
er steht damit für große spirituelle, moralische Der Zustand der Seele, der schließlich immerwäh-
Krankheiten, wie Hochmut, Stolz und Arroganz. rend das Erscheinungsbild bestimmen wird, ist vie-
len völlig indifferent und gleichgültig. Dabei haben
Ganz allgemein ist Feuer zerstörerisch, wie es auch wir es im Hier und Jetzt in der Hand, unser künftiges
Seelenkrankheiten wie Neid, Gier, Maßlosigkeit etc. Aussehen zu bestimmen. Hinzu kommt, dass man
sind. Menschen, die diese Schwächen in sich tragen, im Diesseits noch die Möglichkeit hat, den Körper
reißen damit oft ohne Rücksicht auf Verluste an- mit vielen Tricks und Kniffen, dem richtigen Make-
dere mit ins Verderben, so wie Feuerflammen ihre up und schicker Kleidung sowie Frisur etc. aufzupo-
Umgebung völlig zu zerstören in der Lage sind. lieren. Im Diesseits verdeckt der Körper noch die
inneren Zustände eines Menschen. Doch wenn alle
Wasser ist im Koran oft eine Metapher für Offenba- Masken abgelegt sind, entlarvt der Zustand der Seele
rung, wie später noch erklärt wird. Hier könnte Was- schonungslos, wie es um den Menschen steht – die
ser daher eine schreckliche Erkenntnis symbolisieren: Metapher des verbrannten Gesichtes drückt dies aus.
Die plötzliche Einsicht über das vergangene Fehlver-
halten, die ungenutzte Chance, sich zu ändern. Hei-
ßes Wasser wirkt aber auch reinigend: Die Seele wird

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Eine andere Dimension Wie nun kann man dann diese und andere Verse über
das Paradies verstehen, wenn man sie nicht buchstäb-

E s wird deutlich, dass vor diesem Hintergrund


auch das Paradies niemals körperlicher Natur
sein kann. Schließlich ist es ja das Ziel eines jeden
lich nehmen darf ? Im Folgenden sollen einige Ansät-
ze für mögliche Interpretationen gegeben werden, die
jeder Denkende weiter verfolgen und ausführen kann.
Muslims, sich vom Materiellen zu lösen. Dazu ist
gleichzeitig eine Anstrengung, der große Jihad, also Paradiesvorstellungen entmythologisiert
der heilige Krieg eines jeden gegen seine inneren zer-
störerischen Leidenschaften, schon in diesem Leben
als Übung und Vorbereitung vonnöten. Der Gläubi-
ge ist jedoch keinesfalls jenseitsfixiert, in dem Sinne,
E s fällt auf, dass das Paradies oft beschrieben
wird als ein Ort mit schönen Gärten, Flüssen,
mit Früchten und Strömen von Milch und Wein so-
dass er sich mit Jenseitsvorstellungen von ungerech- wie schönen Jungrauen (Vgl. u.a. Koran 2:26; 47: 16;
ten Zuständen in dieser Welt hinwegtröstet, wie ei- 37:49-50). Daher rührt der
nige berühmt gewordene Religionskritiker, darunter oben angeführte Vorwurf, Der Gläubige ist jedoch keinesfalls
Feuerbach und Marx, postulierten. Vielmehr kann
und soll der Gläubige schon in diesem Leben die
es handele sich bei den im
heiligen Koran beschriebe- jenseitsfixiert , in dem Sinne,
Nähe und Liebe Allahs erfahren und ist aufgefor- nen Paradiesvorstellungen dass er sich mit Jenseitsvorstellun-
dert, sein Leben aktiv zum Besseren zu ändern und um Projektionen der Ara-
sich für Gerechtigkeit einzusetzen - auch das führt ber, die sich von ihrer öden gen von ungerechten Zuständen
zur Entfaltung des Gläubigen. Darin liegt schließ- Wüstenlandschaft aus nach
lich die Entwicklung einer Seele, die nach Höherem Oasen und grünen Gärten in dieser Welt hinwegtröstet, wie
strebt: Dass sie sich kontinuierlich weiter verändert gesehnt hätten. Bei einer einige berühmt gewordene Religions-
und nicht im Stillstand verharrt, da auch Allah sich solch primitiven Auslegung
jeden Augenblick in neuem Glanz offenbart (55:30). verkennt man jedoch die kritiker, darunter Feuerbach und
Metaphorik, die z.B. von Marx, postulierten.
Zudem erlangen wir durch Visionen, Offenbarun- dem Wort Garten ausgeht.
gen und Wahrträume schon in diesem Leben eine Der Garten war über alle Völker, Kulturen und Zei-
Vorahnung dafür, welche Dimension uns nach dem ten das Sinnbild für einen Ort des Friedens, der zum
Tod erwartet. Denn auch diese sind losgelöst vom Verweilen einlädt – und das ist er immer noch. Vor
Materiellem und rein geistig, dennoch aber sehr allem aber impliziert der Begriff des Gartens, dass
intensiv (man denke an Alpträume). Nicht zuletzt aus einem mitunter gefährlichen, zumindest aber
der Koran selbst betont, dass es sich bei den Para- wilden Dschungel durch Pflege und Kultivierung
diesdarstellungen um

Quelle: StockXChange
Gleichnisse handelt,
die allegorisch zu ver-
stehen sind:

Ein Gleichnis von dem


Paradiese, den Rechtschaf-
fenen verheißen: Darin sind
Ströme von Wasser, das
nicht verdirbt, und Strö-
me von Milch, deren Ge-
schmack sich nicht ändert,
und Ströme von Wein,
köstlich für die Trinken-
den, und Ströme geläu-
terten Honigs. (47:16)

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ein schöner, friedlicher und sicherer Ort werden wicklung und bildet die Grundlage des seelischen
kann. Der Garten wird somit zu einem Sinnbild für Wachsens, so wie die Muttermilch grundlegend
einen Frieden, der durch gezähmte Wildnis erreicht notwendig für das Gedeihen des Säuglings ist. So
wird. Damit hätten wir eine schöne Metapher für gibt es auch ein Hadith, das diese Interpretation
die menschliche Seele, die im wilden Zustand von stützt: Der Heilige Prophetsaw berichtet dabei von
inneren Tieren, d.h. unmoralischen Charakterzü- einem Traum, in dem er soviel Milch trinkt, bis sie
gen beherrscht bleibt, wenn sie sich nur von ihren sogar aus seinen Nägeln fließt. Als seine Gefähr-
Instinkten und Trieben leiten lässt. Die Seele kann ten verwundert fragen, was der Traum bedeute,
sich jedoch erheben und harmonischen Frieden antwortet der Prophetsaw, dass Milch für Wissen
und Licht ausstrahlen, wenn der Mensch entspre- stehe. Wissen stellt damit die wichtigste Vorausset-
chend an ihrer Schönheit und Kultivierung arbeitet zung für eine geistige, spirituelle Entwicklung dar.
und sie ähnlich wie einen schönen Garten im rich-
tigen Maße zähmt, ohne ihre Natur zu verleugnen. Wein und Jungfrauen

Auch andere Schlüsselbegriffe lassen sich vielfältig


auslegen. Kenner des Koranischen Textes wissen
z.B., dass Wasser oft als Metapher für Offenbarun-
B esonders absurd wäre es nun zu erwarten, dass
ausgerechnet jene Genussmittel, die dem Mus-
lim im diesseitigen Leben verboten sind, im Jenseits
gen und Mitteilungen Gottes verwendet wird. So im Übermaß vorhanden sein würden. Welche tiefer-
wie im diesseitigen Leben Wasser die Quelle allen gehenden Gründe hätte dann die Abstinenz noch?
Lebens ist und notwendig um Leben zu erhalten, Die mystisch-allegorische Lesart scheint daher an-
so ist für die Seele die Offenbarung Gottes, seine gemessener als eine rein weltliche. Wein wird dann
Zeichen und Antworten auf Gebete die Quelle ih- zum Gleichnis für einen Zustand der Versunkenheit,
res geistigen Lebens. Wasser wirkt zudem reinigend, der durch die völlige Auflösung der Seele in Gott
die Seele wird somit von Sünden und Altlasten be- entsteht. Die Seele verliert sich somit im Rausch der
freit. Deutlich wird die Verbindung zwischen Was- Liebe zu Allah und erlebt damit einen Höhenflug,
ser als Metapher für das Wort Gottes in dem Vers der im Gegensatz zum Alkoholrausch nicht in ein
110 der Sure Al-Kahf, wo es heißt: Sprich: Wäre das böses Erwachen und Kopfschmerzen mündet, wie
Meer Tinte für die Worte meines Herrn, wahrlich, das Meer es im Koran beschrieben wird (56:20), dennoch
würde versiegen, ehe die Worte meines Herrn zu Ende gin- aber alle vorherigen Sorgen unwichtig werden lässt.
gen, auch wenn Wir noch ein gleiches zur Hilfe brächten. Dreh- und Angelpunkt einer jeden Kritik an der
koranischen Paradiesvorstellung ist jedoch die Er-
Ähnlich ist es mit den Strömen von Milch, die ge- wähnung der Huris, der schönen, willfährigen Para-
mäß der wortwörtlichen Interpretation vieler ortho- diesjungfrauen. Über Jahrhunderte hinweg dienten
doxer Muslime buchstäb- sie sowohl Orientalisten und Islamwissenschaft-
Der Garten ist eine Me- lich durch die materiellen
Paradiesgärten fließen.
lern, aber auch großen orientalisierenden Dichtern
wie Goethe und nicht zuletzt vielen Muslimen als
tapher für die menschliche Eine metaphorische Deu-
tung fällt jedoch auch hier
Projektionsfläche ihrer eigenen sinnlichen Begier-
den und Wünsche. Und auch Versuche, die sich von
Seele : Genau so wie aus einem nicht schwer und scheint
um einiges sinnvoller.
einer solchen Pervertierung koranischer Verse im
Sinne lüsterner Machovorstellungen distanzierten,
Dschungel durch Pflege ein Garten Denn Milch, vor allem, wiesen erhebliche Mängel auf. Man denke etwa nur
wenn man an Muttermilch an Christoph Luxenberg, der eine syro-armäische
wird, erhebt sich die Seele durch denkt, ist ein Nahrungsmit- Lesart des Koran proklamiert und erklärt, es läge
Kultivierung von einem triebhaften tel, das den menschlichen ein Übersetzungsfehler vor: Die koranischen Hu-
Körper wachsen lässt und ris seien in Wirklichkeit weiße Weintrauben. Damit
zu einem harmonischen, friedlichen ihn in der Nähe zu seiner konnte er zwar ein wenig Aufsehen erregen, doch
Zustand. Mutter gesund und kräf-
tig macht. Im übertrage-
eine genaue Überprüfung seiner Thesen bringt
gravierende methodische und logische Mängel ans
nen Sinne könnte das für die Seele bedeuten, dass Licht und wurde von Sprachwissenschaftlern auch
sie im paradiesischen Jenseits wächst und gestärkt deutlich artikuliert. Es hilft also alles nichts: Was hat
wird durch das Wissen über die Person Gottes und es mit den augenscheinlich sexistischen Huris auf
durch die Erkenntnis und Nähe Gottes. Wissen ist sich, wenn schon kein schlichter Übersetzungsfehler
in der Tat die Vorraussetzung für eine geistige Ent- vorliegt? Zunächst einmal muss man sich vergegen-

20 LICHTBLICK
Ahmadiyyat: Die Renaissance des Islam

wärtigen, dass das Jenseits keine Körper und damit horizont des Lesers anpasst. Die tiefergehenden In-
auch keine Geschlechter kennt. Eine Diskriminie- halte sind somit dem nachdenkenden, forschenden
rung der Frauen zu vermuten, wäre somit absurd, Leser vorbehalten, was nicht heißt, dass ein einfacher
zumal auch von Jünglingen im Paradies die Rede Mensch keinen Nutzen aus dem Koran ziehen kann.
ist (56:18,19). Hilfreich dagegen ist es, sich die ge- Jedoch heißt es auch, dass nur der Gereinigte den
nauere Wortbedeutung des Begriffes Hur anzuse- Koran berühren kann (56:80). Auch dies ist nicht
hen. Die wörtliche Bedeutung lautet unter anderem buchstäblich zu verstehen, vielmehr können egoisti-
ein Kleidungsstück weiß werden lassen oder reiner Intellekt sche und eitle Beweggründe dazu führen, dass man
(siehe Wörterbücher Lane, Mufradat und Taj) Be- zu einer hedonistischen Lesart einiger Koranverse
trachtet man weiterhin den Kontext des Verses, so neigt und damit seiner eigenen Bequemlichkeit eher
wird der Sinnzusammenhang deutlich. Es heißt z.B. dient, als der Entwicklung
seiner Seele. Nur die gerei- In der Vielschichtigkeit und in
Und bei ihnen werden (Keusche) sein, züchtig blickend aus nigte Seele, die sich ohne den vielen Ebenen, auf denen der
großen Augen, als ob sie verborgene Eier wären (37:49-50). falsche Absichten und vor-
behaltlos dem Koran zu- Koran gelesen werden kann, drückt
Die Metapher der großen Augen, die Eiern ähneln, wendet, kann entsprechend
scheint ungewöhnlich zu sein. Jedoch taucht im hei-
ligen Koran und in der islamischen Mystik immer
Nutzen aus ihm ziehen. sich die allzeitliche Gültig-
wieder das Gleichnis der Vögel auf. Vögel sind be- keit des heiligen Textes aus.
schwingte Wesen, die dem Himmel nahe sind und
die einen großen Überblick haben, da sie fliegen
können. Im Koran wird der Vogel oft als Metapher
L etztlich ermöglichen es
die tiefergehenden Dimensionen, die von den
Koranversen ausgehen, einen kleinen Einblick in
für besonders rechtschaffene und gottesfürchti- die Schönheit Allahs zu erhaschen. Denn wie der
ge Menschen verwendet, die Allah sehr nahe sind Zustand der Seelen im Paradies wirklich sein wird,
und Weisheit ausströmen. Die Jungfrauen mit den das vermag sich niemand in dieser Welt angemessen
großen, eiergleichen Augen symbolisieren damit Ge- vorzustellen: Doch niemand weiß, was für Augenweide für
fährten im Jenseits, die Allah sehr nahe sind und sie verborgen ist als Lohn für ihre Taten (32:18). Sicher ist
deren Seelen vor Reinheit strahlen. Es handelt sich nur, dass Allah sein Versprechen hält: O Mensch, du
somit bei den Huris nicht um Personen, sondern mühst dich hart um deinen Herrn, so sollst du Ihm begegnen
um die Manifestation der Eigenschaften der Gläu- (84:7). ▣
bigen und der Seelen-Gefährtinnen im Paradies.

Nur der Gereinigte kann ihn berühren

D er koranische Text ist vielschichtig und


zeitlos. All die hier angeführten
Interpretationsansätze für einige Verse
und Metaphern sind voller Lücken und
können in ihrer Tiefe und Schönheit noch
ausführlich weiteranalysiert werden. Das
bleibt die Aufgabe eines verständigen Lesers.
Doch auch wenn man bei der oberflächlichen
Auffassung der Verse stehen bleibt, tragen die
koranischen Zeilen eine Botschaft mit sich, die vol-
ler Wahrheit bleibt. Somit drückt sich gerade in der
Vielschichtigkeit und in den vielen Ebenen, auf de-
nen der Koran gelesen werden kann, die allzeitliche
Gültigkeit dieses heiligen Textes aus. Auch einfache,
primitive Menschen konnten die Verse auf ihre Art
verstehen und wie Kinder aus Angst vor den pla-
stisch vorgestellten Höllenqualen ihr Verhalten än-
Quelle: StockXChange

dern. Es ist damit eine stufenweise Erkenntnis mög-


lich, da sich der Offenbarungstext dem Verstehens-

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