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JOURNAL FOR A NEW WORLD

Maria Magdalena –
eine neue Version
Maria Magdalenas Bild ist übermalt worden, um moder-
nen Anliegen zu entsprechen. Doch kommt das neue
Image der Wahrheit näher als das alte?

Maria Magdalena, Ex-Prostituierte und Rollen- und in der dann folgenden Geschichte der Kir-
vorbild für gefallene Frauen, ist definitiv „out“. che, wie sie die Apostelgeschichte und die Brie-
„In“ ist eine neu erfundene Magdalena, zu- fe der Apostel wiedergeben, wird sie tatsächlich
sammengeschustert nach den persönlichen Vor- nie genannt.
lieben jedes Einzelnen: Ehefrau (oder Geliebte) Einige nichtkanonische Schriften zitieren
Christi, Mutter seines Kindes, Apostelin der jedoch angebliche Dialoge Marias mit dem Auf-
Apostel, Hohepriesterin einer ägyptischen Reli- erstandenen oder den Aposteln. Das wichtigste
gion und/oder den männlichen Jüngern Christi unter diesen gnostischen Werken ist das so ge-
spirituell und intellektuell überlegen. Wie auch nannte Evangelium der Maria, doch auch das
immer man sie sieht – es ist klar, dass Maria Evangelium des Philippus und ein unter dem Ti-
Magdalena in letzter Zeit drastisch „umgestylt“ tel „Pistis Sophia“ (Weisheit des Glaubens) be-
wurde. Und weitgehend verantwortlich für ihre kanntes Dokument werden häufig zitiert. Sie
neuen Persönlichkeiten sind einige Vertreterin- alle stellen eine Maria dar, die eine ganz andere
nen und Vertreter der feministischen Theologie. Rolle hat als in den vier Evangelien der Bibel.
Bis vor kurzem basierte das, was man über Von diesen außerbiblischen Schriften war
Maria Magdalena zu wissen glaubte, auf frag- bis kurz vor dem 20. Jahrhundert wenig be-
würdigen christlichen Überlieferungen und in kannt. Im Jahr 1896 kaufte ein deutscher Ägyp-
geringerem Maße auf den vier Evangelien des tologe in Kairo einen Kodex, der unter anderem
Neuen Testaments, die sie alle erwähnen. Mit ei- einen Teil des Evangeliums der Maria enthält.
ner Ausnahme zeigen alle diese Bibelstellen sie Fragmente des Evangeliums der Maria wurden
im Kontext der Ereignisse um die Kreuzigung auch unter den Papyri gefunden, die später im
und Auferstehung Jesu Christi. Sie war die Erste, ägyptischen Al Bahnasa (Oxyrhynchus) wieder
die den Auferstandenen sah, und sie überbrach- entdeckt wurden. Dann wurde 1945 – unter
te den Jüngern seine Anweisungen. Doch dann ähnlichen Umständen wie drei Jahre später die
verlieren die Evangelien sie rasch aus dem Blick, berühmteren und weit zahlreicheren Qumran-

Sonderdruck aus der Ausgabe Vol.7/Nr.2


Originaltitel: „Mary, Mary? Quite the Contrary!“
Rollen – eine Abschrift des Evangeliums des Christus sieben böse Geister austrieb (Lk. 8, 2);
Philippus mit anderen gnostischen Texten in ei- die ansonsten nicht definierte „Sünderin“, die
nem versiegelten Krug bei der ägyptischen Stadt Christus in Gegenwart eines Pharisäers die Füße
Nag Hammadi gefunden (siehe den Kastenarti- salbte und mit ihrem Haar trocknete (Lk. 7) so-
kel „Die verschollene Bibliothek von Luxor“ in wie Maria von Bethanien (Joh. 11, 1). Diese Ver-
unserem Artikel „Verborgene Wurzeln des schmelzung geht offenbar hauptsächlich auf
Christentums“). In den späten 1970er-Jahren er- eine Predigt Papst Gregors I. im Jahr 591 zurück.
schienen die ersten Übersetzungen in moderne In ihrer Folge wurde Maria Magdalena zur Pa-
Sprachen. In den darauf folgenden Jahrzehn- tronin reuiger Prostituierter und sonstiger „ge-
ten gab der Inhalt dieser zusätzlichen gnos- fallener Frauen“ und wurde in der Malerei oft
mit scharlachroten Gewändern und einem Ala-
baster-Salbgefäß dargestellt.
Ein stiller Widerruf der römisch-katholi-
schen Kirche im Jahr 1969 war bei weitem nicht
ausreichend, um die weit verbreitete Überliefe-
rung auszumerzen. Das Etikett „reuige Sünderin“
haftet ihr unwiderruflich an. Bemerkenswert ist
allerdings, dass die feministische Theologie zwar
Einige gnostische Texte Interesse an Maria Magdalena zeigt, sie aller-
schreiben Maria einen er- dings eilig von der Sünderin distanziert, die
Christus die Füße salbte; manchen kommt es
heblichen Rang zu, sodass auch zupass, an der Verbindung mit Maria von
sie spirituell über den Bethanien festzuhalten, obwohl die Fakten da-
Aposteln Christi zu ste- gegen sprechen.
Ein zweiter Grund, Maria Magdalenas Be-
hen scheint. deutung zu erhöhen, ist die heute vorherr-
schende Auffassung, dass ihre Rolle sogar in den
kanonischen Evangelien von einer rein männ-
lichen religiösen Obrigkeit minimiert wurde. An
tischen Texte dem Interesse an Maria Mag- der Frage, wie Maria Magdalena nun zu sehen
dalena verständlicherweise neuen Auftrieb sei, scheiden sich jedoch die Geister, selbst un-
und einen neuen Kontext. ter ihren Vorkämpfern.
Doch am wichtigsten ist vielleicht der Rang,
MARIA, GANZ MODERN den einige gnostische Texte Maria zuschreiben –
Das Bestreben, Maria Magdalena ihre rechtmäßi- insbesondere das Evangelium der Maria (siehe Kas-
ge Stellung „wiederzugeben“, wie manche glau- tenartikel „Maria Wer?“) –, wo sie spirituell über
ben, hat (vereinfachend gesagt) drei Aspekte. den Aposteln Christi zu stehen scheint. Verständli-
Erstens werden große Anstrengungen cherweise ist es diese Maria, die sich die feministi-
unternommen, die traditionelle Verunglimpfung sche Theologie auf die Fahnen geheftet hat. Diese
zu korrigieren, sie sei Prostituierte gewesen, Maria Magdalena ist die neue Himmelskönigin und
ehe sie zur Jüngerin Jesu wurde. Die Tradition Galionsfigur der engagierten Bestrebungen, unser
hat drei verschiedene Frauenfiguren zu einer Verständnis der Geschichte, des Christentums
verschmolzen: Maria Magdalena selbst, von der und der Natur Gottes selbst zu verändern.

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Wie sollen wir nun Maria Magdalena und mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufge-
die zentralen biblischen Ereignisse, an denen sie fahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brü-
ja Anteil hatte, verstehen? Sind die Argumente dern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem
der neuen Advokaten Maria Magdalenas stich- Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und
haltig oder nicht? Wie passen sie zu den bibli- zu eurem Gott. Maria von Magdala geht und ver-
schen Berichten? Was bedeuten sie für den ka- kündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gese-
tholischen oder evangelischen Glauben? hen, und das hat er zu mir gesagt.“
Bei einer zweiten, späteren Begegnung,
DIE WAHRE MARIA die in Matthäus 28, 8-10 überliefert ist, sahen
Maria Magdalena wird in allen vier Evange- zwei Frauen Jesus – Maria Magdalena und
lien erwähnt. Dies unterscheidet sie von ei- wahrscheinlich seine Mutter Maria. Dies wird
ner verwirrenden Vielzahl anderer Marien, oft mit Maria Magdalenas erster Begegnung
darunter Maria von Bethanien, die in der Bi- mit Jesus verwechselt und als Widerspruch
bel immer zusammen mit ihrer Schwester gesehen. Doch dieses Mal ließ er sich von ih-
Martha, ihrem Bruder Lazarus oder Bethanien nen berühren – ein Zeichen, dass er schon bei
selbst vorkommt. seinem Vater gewesen war. „Und sie gingen ei-
Zum ersten Mal wird Maria Magdalena im lends weg vom Grab mit Furcht und großer
Lukasevangelium erwähnt: „Und es begab sich
danach, daß er durch Städte und Dörfer zog und
predigte und verkündigte das Evangelium vom
Reich Gottes; und die Zwölf waren mit ihm, dazu Diese Maria Magdalena ist
einige Frauen, die er gesund gemacht hatte von die neue Himmelskönigin
bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria,
und Galionsfigur der enga-
genannt Magdalena, von der sieben böse Geister
ausgefahren waren, . . . und viele andere, die gierten Bestrebungen, unser
ihm dienten mit ihrer Habe” (Lk. 8, 1-3). Verständnis der Geschichte,
Diese Passage macht klar, dass Maria Mag-
dalena Christus mit mehreren anderen wohl
des Christentums und der
eine längere Zeit begleitete, während er das Natur Gottes selbst zu
Evangelium predigte. Und sie sagt uns, dass er verändern.
böse Geister von ihr ausgetrieben hatte.
Darüber hinaus wird Maria Magdalena von
allen vier Evangelien bei der Kreuzigung ge-
nannt: Zusammen mit anderen Frauen stand sie Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu
treu bei dem brutal misshandelten und sterben- verkündigen. Und siehe, da begegnete ihnen
den Christus. Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten
Die größte Bedeutung gewinnt sie allerdings zu ihm und umfaßten seine Füße und fielen
durch die Tatsache, dass sie als Erste den aufer- vor ihm nieder.“ Dieses Mal sollten beide Ma-
standenen Christus sah, wie Johannes 20, 16-18 rien seinen Jüngern eine Botschaft bringen:
und Markus 16, 9 berichten. Johannes schreibt: „Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch
„Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich nicht! Geht hin und verkündigt es meinen
um und spricht zu ihm auf hebräisch: Rabbuni!, Brüdern, daß sie nach Galiläa gehen: dort
das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre werden sie mich sehen.“

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DIE APOSTELIN MARIA? Auch sind der Kenntnisstand und die Faktizität
Weil sie dem Auferstandenen als Erste begegne- dieser Werke unterschiedlich, wie sie es wohl in
te und von ihm mit einer Botschaft zu den Apos- jedem anderen Themenbereich auch sind. Doch
teln gesandt wurde, hat Maria Magdalena für die die Schwankungsbreite der Qualität ist in dieser
feministische Theologie eine enorme Bedeutung Angelegenheit noch größer, einfach weil man-
bekommen. Hierin steckt jedoch eine Ironie. Der che die Forschungen, Übersetzungen und Analy-
Titel „Apostelin der Apostel“ (Apostel bedeutet sen anderer (zu deren erheblichem Ärger) vor
„gesandt“) wurde Maria im 3. und 4. Jahrhundert den Karren ihrer eigenen Lieblingsideen span-
von katholischen Kirchenvätern wie Hippolyt nen. Zu diesen Ideen zählen der radikale Femi-
und Augustinus verliehen. Laut den modernen nismus, Kirchenfeindlichkeit (insbesondere im
Vorkämpfern Marias waren es jedoch die Gnos- Hinblick auf die katholische Kirche), die Bewe-
tiker, die sie verehrten, während die Kirche ihre gung, die das Priesteramt für Frauen anstrebt,
Bedeutung schuldhaft geschmälert habe. New Age und neognostische Einstellungen sowie
Der Titel „Apostelin der Apostel“ wurde die allgegenwärtigen Verschwörungstheorien.
inakzeptabel, nachdem Papst Gregor Maria Mag- Generell stützen sich heutige Autoren
stark auf gnostische Elemente, um die Bedeu-
tung der Magdalena zu erhöhen. Hier ist jedoch
zu berücksichtigen, dass diese Dokumente sehr
Maria Magdalenas Darstel-
voneinander abweichen. Manche sind schlüssig,
lung als reuige Sünderin andere unverständlich. Auch stimmen die Ma-
kam der Gegenreformation nuskripte nicht unbedingt überein, da es im
Gnostizismus verschiedene Richtungen gab. Mit
gerade recht, um dadurch anderen Worten: Der Standard schwankt
aufzuzeigen, wie wichtig enorm. Aus diesem Grund sind moderne Zitate
Buße und gute Werke sind, aus gnostischen Werken oft recht kleine, selek-
tive Ausschnitte.
im Gegensatz zur der als Auf der Grundlage dieser selektiven Lektü-
problematisch angesehenen re und Deutung apokrypher Schriften haben ei-
nige Vertreter und Vertreterinnen des Femi-
protestantischen Vorstellung nismus Maria Magdalena neu konstituiert: als
von Gnade. Gefährtin Christi, Mutter seines Kindes, Hohe-
priesterin einer Religion, wo sie das „Heilig-
Weibliche“ repräsentiert, und letztlich als Him-
dalena mit der Sünderin von Lukas 7 gleichge- melskönigin, die jetzt an der Seite Christi thront.
setzt hatte, Papst Johannes Paul II. führte ihn in Hinter derlei Behauptungen bleiben selbst die
einem Apostolischen Schreiben 1988 wieder gnostischen Schriften weit zurück.
ein. Allerdings verstand der Papst ihn offen-
sichtlich anders als die feministische Theologie: DIE UMGESTALTUNG
Im Jahr 1995 verbot er ausdrücklich, über die Am kreativen Ende der Skala verwandelt Lynn
Zulassung von Frauen zum Priesteramt auch Picknett in Mary Magdalene: Christianity’s Hid-
nur zu diskutieren. den Goddess Maria Magdalena in eine Hohepries-
Maria Magdalena wird von den Autoren terin, indem sie abwechselnd die kanonischen
neuester Bücher unterschiedlich behandelt. Evangelien zitiert, wenn es ihrem Zweck dient,

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oder sie ablehnt und als einseitige Auslegung kauft und aufgehoben worden war“ (Betonung
zugunsten der „Gewinner der Geschichte“ be- überall hinzugefügt). Ebenso unglaublich ist ein
zeichnet, wenn sie das nicht tun. Um zu ihrer weiterer Satz auf derselben Seite: „Beide [Jo-
Theorie zu passen, muss Maria Magdalena mit hannes der Täufer und Maria von Bethanien]
Maria von Bethanien verschmolzen werden. Die werden von Matthäus, Markus, Lukas und Jo-
Szene, in der Maria von Bethanien die Füße hannes bewusst marginalisiert – ebenso wie
Christi salbt und mit ihrem Haar trocknet, wird Maria Magdalena, die aus dem Nichts kommt,
als eine öffentliche Zurschaustellung sexueller um die Ereignisse nach der Kreuzigung prak-
Freizügigkeit und gleichzeitig als eine geheime tisch in die Hand zu nehmen.“
Salbung gesehen, die beweist, dass Maria eine Die Unglaubwürdigkeit ihrer Annahmen
mystische orientalische Priesterin war. Und das durch das Fehlen einer Untermauerung durch
alles vor den Augen der zwölf Jünger, die nichts Fakten wird noch weiter auf die Spitze getrie-
davon bemerkten und sich nur an den Kosten ben, Frau Picknett fährt fort: „Diese Frau, die
des Salböls störten. Jesus salbte, war eindeutig etwas Besonderes,
Die enormen logischen Sprünge werden eine große Priesterin einer uralten, heidni-
noch verschlimmert durch Sätze wie diesen: schen Tradition.“
„Maria von Bethanien machte Jesus zum Chris- Weniger geneigt zu solchen schriftstelleri-
tus, indem sie ihn mit Lavendelöl salbte, das schen Freiheiten ist die holländisch-reformierte
fast mit Sicherheit eigens für diesen Zweck ge- Pastorin Esther de Boer, doch auch sie kommt zu

sische Autoren ihre Behauptungen über Maria


MARIA WER? Magdalenas Beziehung zu Jesus.
Das Problem ist, dass von all diesen außerbibli-
Bücher, in denen die Beziehung der Maria Magda- schen Texten nur das „Evangelium des Philippus“
lena zu den Aposteln und Jesus Christus themati- eine Maria als Magdalena identifiziert. Abgesehen
siert wird, gibt es zuhau. Selten wird jedoch abge- von diesem einen Text ist eine definitive Zuordnung
deckt, wie die Autoren estgestellt haben, dass die unmöglich.
antike Literatur, aus der sie zitieren, tatsächlich Ma- Im deutschen Neuen Testament bezeichnet der
ria Magdalena meint und nicht eine andere Maria. Name „Maria“ mehrere Personen. Doch er ist von
Karen King ist eine der ührenden Magdalena-or-
scherinnen. Wie sie in einer ußnote ihres Bu-
ches The Gospel o Mary o Magdala: Jesus and Man sucht uns nahe zu bringen,
the First Woman Apostle (2003) anmerkt, beruht
Maria Magdalenas Identität auf einer Annahme.
Marias Identität überhaupt nicht in
Carl Schmidt, einer der ersten Herausgeber des der Bibel zu suchen.
gnostischen Texts Pistis Sophia (Weisheit des
Glaubens) aus dem 4. Jahrhundert, der im späten zwei verschiedenen Varianten eines griechischen
18. Jahrhundert in Ägypten entdeckt wurde, kam zu Namens abgeleitet: Maria und Mariam. Diese Vari-
dem Schluss, der nicht näher qualifizierte Name anten werden für jede der genannten Marien aus-
„Maria“ beziehe sich auf die Magdalena statt auf tauschbar verwendet: Die Mutter Jesu wird 14-mal
die Mutter Jesu oder eine andere Maria. Seine An- Mariam und fünfmal Maria, Maria Magdalena hin-
nahme wurde automatisch auf andere nicht qualifi- gegen zehnmal Maria und viermal Mariam genannt.
zierte Nennungen einer Maria übertragen, sowohl Wir erkennen, welche Maria gemeint ist, durch Zu-
im (gnostischen) „Evangelium der Maria“ als auch sätze wie „die Mutter Jesu“ bzw. „Magdalena“ oder
in der gnostischen Literatur, die später in Nag Ham- durch den Kontext.
madi gefunden wurde. Hierauf gründen zeitgenös- In der gnostischen Literatur werden die beiden

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Namen noch beliebiger verwendet. Hier wird sogar „eine Tatsache, die uns geneigt machen sollte, die-
noch eine dritte Schreibweise eingeführt: Mariam- se Marien als literarische Porträts zu sehen, nicht
me. Und fast ausnahmslos fehlt jede weitere Identi- als historische Gestalten.“
fikation oder ein Kontext, anhand dessen man die Angesichts all dessen ist es verwunderlich, dass
betreffende Maria identifizieren kann. Insbesondere Frau King ihrem Buch trotzdem den Titel The Gos-
die Wörter Magdalena und Magdala erscheinen nir- pel of Mary of Magdala gibt. Er scheint ziemlich ir-
gends im „Evangelium der Maria“. Einige Forscher reführend und unlogisch, außer natürlich, wenn an-
haben Schmidts Auffassung daher widersprochen dere Absichten verfolgt werden.
und behauptet, die Maria in Pistis Sophia sei in Angesichts der gnostischen Vorliebe für die Ver-
Wirklichkeit die Mutter Jesu. Allerdings kam es über schmelzung von Inhalten verschiedener Religionen
beide Deutungen zu keinem Konsens. will man uns vielleicht nahe bringen, Marias Identität
Heute scheinen sich viele Forscher auf eine an- überhaupt nicht in der Bibel zu suchen, sondern in
dere Option zu einigen: Es wird keine bestimmte der griechischen Mythologie. Tatsächlich ist die Ma-
Maria identifiziert, weil ihrer Meinung nach der ria Magdalena, die der Welt durch die Gnostiker und
Name eine literarische Kunstfigur Maria bezeich- davor durch den römischen Katholizismus überlie-
net. Wäre dies der Fall, dann ist es offensichtlich fert wurde, von auffallender Ähnlichkeit mit Helena,
unangemessen, Maria als Maria Magdalena zu der Gefährtin des Simon Magus (siehe den Artikel
identifizieren. Was bezweckt man damit? Wie Frau „Verborgene Wurzeln des Christentums“).
King selbst anmerkt, ist die traditionelle Ver-
schmelzung der verschiedenen Marienfiguren PETER NATHAN

einigen unfundierten Schlüssen. Ihr Buch Mary listen uns so wenig sagen?“, fragt sie. „Die
Magdalene: Beyond the Myth ist trotzdem auf nahe liegendste Antwort wäre, dass die Evan-
eine sachliche Weise informativ: Sie zeigt auf, gelisten überzeugt waren, dass weitere Infor-
dass Maria Magdalenas Darstellung als reuige mationen über sie für die Geschichte des Glau-
Sünderin der Gegenreformation gerade recht bens an Jesus, die sie erzählen wollten, nicht
war, um dadurch aufzuzeigen, wie wichtig Buße von Belang seien.“
und gute Werke sind, im Gegensatz zur der als Susan Haskins vermutet in Mary Magdalen:
problematisch angesehenen protestantischen Myth and Metaphor, die finanzielle Unterstüt-
Vorstellung von Gnade. zung, die einige Frauen – auch Maria Magdalena
Frau De Boer stellt Maria Magdalena in – Christus geben konnten, könnte darauf hin-
den geschichtlichen und gesellschaftlichen deuten, dass sie finanziell unabhängig und somit
Kontext ihrer Zeit: Die zurückhaltende Be- reiferen Alters waren. Zu der Vorstellung, sie sei
handlung der Frauen in den Evangelien liegt eine reuige Prostituierte gewesen, bemerkt Frau
am gesellschaftlichen Umfeld Judäas im 1. Haskins, dass diese Idee einer Kirche, die das Zö-
Jahrhundert. Weder die jüdische noch die rö- libat zunehmend als idealen Stand des Men-
mische Tradition ließ Frauen als Zeugen zu. schen sah, sehr gelegen kam.
Die Autorin fügt hinzu, dass die Evangelien Auch Frau Haskins erörtert die Theorie,
Frauen nicht als Jünger bezeichnen, außer dass Maria Magdalena Christus geheiratet haben
wenn sie zu einer Gruppe gehören, in der könnte. Diese wurde zuerst von Michael Bai-
auch Männer sind. gent, Richard Leigh und Henry Lincoln in Holy
An unbegründeten Verschwörungsthe- Blood, Holy Grail (1983; auf Deutsch erschienen
orien ist Frau De Boer nicht interessiert. „Was unter dem Titel: Der heilige Gral und seine Erben)
sollen wir daraus schließen, dass die Evange- vorgebracht – einem Buch, das Frau Haskins als

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„eine der bizarreren Manifestationen des popu- das Wenige, das wir über Maria Magdalena
lären Interesses an der Geschichte Christi und wissen, im Interesse ihrer eigenen religiösen
gleichzeitig an Verschwörungstheorien im spä- und gesellschaftlichen Ziele manipuliert ha-
ten 20. Jahrhundert“ beschreibt. Diesen Auto- ben. In der römisch-katholischen Kirche ist
ren zufolge wurde Maria Magdalena zum „heili- die jahrhundertelange negative Darstellung
gen Gral“, indem sie das Kind oder die Kinder der Magdalena im Großen und Ganzen Ver-
Christi zur Welt brachte und dann nach Frank- gangenheit. Inzwischen haben allerdings fe-
reich ging, wo die Nachfahren des „Königs- ministische Radikale endlich eine weibliche
paars“ die Dynastie der Merowinger begründe- Gestalt, die sie nach Belieben ummodeln kön-
ten. Es folgt der Aufstieg des Priorats von Zion, nen. Mit Hilfe von Schriften ungewisser Her-
das diese Geheimnisse sowie angeblich Doku- kunft, die sie sehr selektiv und ohne Rück-
mente der Tempelritter verteidigte.
Diese irrigen Vorstellungen bilden die
Grundlage einiger „Fakten“, die Dan
Brown in seinem Buch The Da Vinci
Code (deutsch: Sakrileg; vgl. „Facing Konkurrierende Glaubens-
Facts“ und „The Da Vinci Con“ in der
systeme – ein altes und ein
englischen Ausgabe von Vision, Winter
2005). modernes – haben das Wenige,
Die Vorstellung, Maria Magdalena das wir über Maria Magdalena
habe in Frankreich gelebt, entlarvt wissen, im Interesse ihrer
Frau Haskins als eine Ansammlung völ-
eigenen religiösen und
lig widersprüchlicher Geschichten, die
im Lauf der Jahrhunderte von Mön- gesellschaftlichen Ziele
chen erzählt wurden. Die verschiede- manipuliert.
nen Heiligtümer und Kirchen, die um
das lukrative Pilgergeschäft konkur-
rierten, hatten jeweils ein handfestes
Interesse an der Behauptung, sie besäßen die sicht auf den Kontext zitieren, haben sie sie
Überreste oder Reliquien der Maria Magdalena. so umkonstruiert, dass sie revisionistischen
Doch auch Frau Haskins beteiligt sich an und feministischen New-Age-Anliegen ent-
der Umgestaltung der Magdalena und schreibt: spricht.
„Sie ist mit klaren Konturen hervorgetreten, Sie deuten z.B. den Bericht im (gnosti-
wieder eingesetzt in ihre neutestamentliche schen, nicht biblischen) Evangelium des Philip-
Stellung als oberste Apostelin, Apostelin der pus, dass Jesus Maria Magdalena küsste, als Be-
Apostel und erste Zeugin der Auferstehung.“ weis für eine sexuelle oder eheliche Beziehung,
Doch das Neue Testament sagt nichts über die ohne Rücksicht auf die Tatsache, dass dasselbe
ersten beiden Elemente dieser angenomme- „Evangelium“ mit Verachtung von Sex spricht,
nen Stellung. weil er etwas Körperliches ist. Küssen als Form
der Begrüßung wird hingegen in anderen Tex-
WIEDEREINSETZUNG ten von Nag Hammadi ebenso erwähnt wie in
Es ist bedauerlich, dass konkurrierende Glau- den Schriften der Apostel Paulus und Petrus
benssysteme – ein altes und ein modernes – (Röm. 16, 16; 1. Petr. 5, 14).

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James Robinson, Professor Emeritus der projiziert, das vielleicht nicht mehr ist als die
Claremont Graduate University, war maßgeb- eigenen sexuellen Phantasien.“
lich an der Übersetzung und Erforschung der Wie also sollen wir Maria von Magdala
Texte von Nag Hammadi beteiligt. Daher kennt sehen? In den apostolischen Schriften lesen
und versteht er den Kontext der Schriften. Er wir, dass sie Zeugin der Ereignisse um Chris-
sagt: „Die späteren [gnostischen] Evangelien im- ti Tod und Auferstehung war. Dann ver-
plizieren nicht und verbreiten erst recht nicht, schwindet sie von der Bühne, einfach weil
dass es eine sexuelle Verbindung mit Jesus gab. sie bei den darauf folgenden Ereignissen kei-
Die moderne Wiedereinsetzung Maria Magdale- ne wichtige Rolle mehr spielt. Kurz, die Ma-
nas in ihre rechtmäßige Stellung als sehr loya- ria Magdalena der Bibel wird als fromme An-
le Jüngerin Jesu, die bis zum bitteren Ende zu hängerin Christi dargestellt – nicht mehr
ihm hielt, sollte nicht trivialisiert (oder sensa- und nicht weniger.
tionalisiert) werden, indem man etwas auf sie DAVID F. LLOYD

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