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Flüchtlinge in Deutschland

Niemandem fällt es leicht, seine Heimat zu verlassen. Doch weltweit sind 60 Millionen Menschen auf
der Flucht - das besagen die Statistiken des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Es sind Menschen, die vor
Bürgerkriegen fliehen, vertrieben wurden oder der Armut entkommen wollen. Seit dem Zweiten
Weltkrieg waren noch nie so viele Menschen gleichzeitig auf der Flucht.
Die meisten Menschen bleiben innerhalb ihres Heimatlandes oder fliehen ins Nachbarland. Die größte
Last der Konflikte in Syrien und dem Irak tragen deshalb die angrenzenden Staaten: Millionen sind in die
Türkei und den Libanon geflüchtet.
Hunderttausende machen sich auch auf den Weg nach Europa. Deutschland und Schweden sind dabei
die beliebtesten Ziele der Flüchtlinge - wohlhabende Länder mit einer florierenden Wirtschaft und gut
funktionierenden Sozialsystemen. Bis Ende 2015 sind mehr als eine Million Flüchtlinge in Deutschland
eingetroffen.
Einleitung: Flüchtlingskrise stellt Europa auf die Probe
Der Flüchtlingsstrom hat Deutschland unvorbereitet getroffen. Waren es 2013 noch 127.000
Asylanträge, so stiegen diese 2014 auf 202.000. 2015 wurden 1,1 Million Flüchtlinge registriert. Mit
dieser Dimension hatte niemand gerechnet. In den Bundesländern, Städten und Gemeinden, die für die
Unterbringung verantwortlich sind, fehlen vielerorts geeinigte Unterkünfte. Flüchtlinge müssen
inzwischen in Schulturnhallen, Zelten und Containern untergebracht werden. Beim Bundesamt für
Migration und Flüchtlinge (BAMF), das für die Asylverfahren zuständig ist, häufen sich unterdessen
Hunderttausende von Anträgen. Von Anfang Januar bis Ende Dezember 2015 wurden 476.000
Asylanträge gestellt. Ende Dezember 2015 lag die Zahl der noch nicht entschiedenen Anträge bei
364.000, davon 337.000 als Erstanträge und 27.000 als Folgeanträge. Etwa 400.000 Flüchtlinge konnten
bisher nicht einmal einen Antrag stellen. Auf einen entsprechenden Termin müssen Flüchtlinge im
Moment mehrere Monate warten.
In der Flüchtlingsfrage bleiben die Deutschen gespalten. Unglaublich ist die Hilfsbereitschaft, mit der die
Flüchtlinge begrüßt und unterstützt wurden. Die Bilder vom Münchner Hauptbahnhof Anfang
September 2015, als tausende entkräfteter Flüchtlinge willkommen geheißen und versorgt wurden,
gingen um die Welt.
Andererseits fragen sich die Menschen, ob und wie sich eine derart große Zahl von Flüchtlingen aus
einem fremden Kulturkreis in Deutschland integrieren lassen. Angesichts der massiven Angriffe in der
Silvesternacht in Köln, Hamburg und Stuttgart, bei denen es zu reihenweisen sexuellen Übergriffen auf
Frauen und zu einer Vielzahl von Diebstählen durch Männer mit Migrationshintergrund kam, steigen
auch die Ängste und die Verunsicherung in der Bevölkerung.
In Deutschland zeichnet sich inzwischen die Tendenz ab, immer stärker zwischen
Bürgerkriegsflüchtlingen (vor allem aus Syrien, dem Irak und Afghanistan) auf der einen Seite und
Armutsflüchtlingen (vor allem aus den Staaten des Westbalkans, also Serbien, Montenegro, Bosnien-
Herzegowina, dem Kosovo, Albanien und Mazedonien) auf der anderen Seite zu unterscheiden.
Während Bürgerkriegsflüchtlinge zur Zeit mit einer Anerkennung in Deutschland rechnen können, sollen
Armutsflüchtlinge möglichst schnell wieder zur Ausreise veranlasst werden. Befürworter argumentieren,
dass Deutschland seine Kapazitäten für die Aufnahme wirklich schutzbedürftiger Menschen brauche.
Kritiker halten dagegen, dass bestimmte Gruppen auf dem Balkan, beispielsweise Roma und Sinti,
diskriminiert würden und deshalb ebenfalls auf Schutz angewiesen seien.
Viele halten es für dringend erforderlich, die europäische Asylpolitik angesichts der Flüchtlingskrise zu
überdenken. Seit der Einführung des Dublin-Verfahrens ist das EU-Mitgliedsland für das Asylverfahren
zuständig, dessen Boden ein Flüchtling zuerst betreten hat. Diese Regelung belastet Länder an den
Außengrenzen Europas besonders stark. So hatte auch Deutschland lange geglaubt, es könne die
Migration den Ländern an den Schengen-Grenzen überlassen. Währenddessen will kaum einer der
Flüchtlinge tatsächlich in Italien, Griechenland, Bulgarien oder Ungarn bleiben, in Ländern, die sie
erklärtermaßen nicht wollen.
Seit Monaten wird in der Europäischen Union darüber diskutiert, die Flüchtlinge mithilfe eines
Quotensystems auf die Mitgliedsstaaten zu verteilen. Dieser soll sich an der Bevölkerungszahl, der
Wirtschaftskraft und der Arbeitslosenquote orientieren. Bislang kam es zu keinen Ergebnissen, bis auf
wenige Länder wie Deutschland, Österreich und Schweden verhält sich Europa unsolidarisch. 1. Welche
aktuellen politischen Beschlüsse gibt es?
Aufnahme-Einrichtungen
Die Koalitionsparteien in Berlin haben sich am 5. November 2015 darauf geeinigt, fünf sogenannte
"Aufnahme-Einrichtungen" zu errichten. Dort sollen Asylbewerber aus sicheren Herkunftsstaaten
untergebracht werden (d.h. in erster Linie aus den Ländern Bosnien-Herzegowina, Serbien, Kosovo,
Montenegro, Albanien, Mazedonien sowie Ghana). Innerhalb von drei Wochen sollen die Asylanträge
erledigt werden. Abgelehnte Asylbewerber sollen direkt nach dem Abschluss ihres Verfahrens in ihre
Heimat zurückgeschickt werden. Die Menschen in den "Aufnahme-Einrichtungen" sollen nicht inhaftiert
werden, sie sollen den entsprechenden Landkreis aber nicht verlassen dürfen.
Der neue Vorschlag tritt an die Stelle des Vorschlages, auf den sich CDU und CSU noch am 1. November
2015 geeinigt hatten. Dieser sah sogenannte "Transitzonen" in Grenznähe vor. Dort sollte geprüft
werden, ob jemand ein Recht auf Asyl in Deutschland hat - undzwar bevor er das Gebiet der
Bundesrepublik betrat. Die SPD lehnte Transitzonen ab und forderte stattdessen die Einrichtung
sogenannter"Einreisezentren". Die nun geplanten "Aufnahme-Einrichungen" stellen offensichtlich einen
Kompromiss zwischen Transitzonen und Einreisezentren dar.
Asylpaket
Ab dem 1. November 2015 gelten auch die Westbalkan-Länder Albanien, Kosovo und Montenegro als
sichere Herkunftsstaaten. Wenn Menschen aus diesen Ländern also einen Asylantrag stellen, wird
grundsätzlich davon ausgegangen, dass dieser unbegründet ist. Das hat der Bundesrat am 16. Oktober
2015 beschlossen mit dem sogenannten "Asylpaket" (offiziell: Asylverfahrensbeschleunigungsgesetz")
beschlossen.
Grundsätzlich lässt sich das Paket so zusammenfassen: Menschen, die keine Chance haben, in
Deutschland Asyl zu erhalten, sollen schneller abgeschoben werden; in den ersten Monaten sollen
Flüchtlinge deshalb so weit wie möglich Sachleistungen erhalten, damit Bargeldzahlungen nicht als
Anreiz dienen, Asyl in Deutschland zu beantragen. Abschiebungen sollen nicht mehr angekündigt
werden, damit die Betroffenen nicht untertauchen können. In erster Linie richten sich diese
Maßnahmen an Flüchtlinge vom West-Balkan, also Serbien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien (diese
drei Staaten sind bereits früher zu sicheren Herkunfsländern erklärt worden) sowie Albanien, Kosovo
und Montenegro.
Menschen, die hingegen gute Chancen haben, in Deutschland als Flüchtlinge anerkannt zu werden (das
sind in erster Linie Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und anderen Ländern),
sollen schneller integriert werden können. Bereits nach drei Monaten sollen Fachkräfte als Leiharbeiter
eigenes Geld verdienen können. Wer gute Chancen zu bleiben hat, soll bereits vor der offiziellen
Anerkennung als Flüchtling einen Integrationskurs besuchen können.

2. Wie viele Menschen kommen - und woher kommen sie?


2015 wurden 1,1 Millionen Flüchtlinge in Deutschland registriert. Das waren etwa fünfmal so viele wie
im Jahr 2014. Wie viele Menschen 2016 einen Asylantrag stellen werden, lässt sich nicht abschätzen.
Weil zur Zeit sehr viele Menschen gleichzeitig in Deutschland ankommen, können viele nicht sofort
einen Antrag auf Asyl stellen. Daher liegt die Zahl der ankommenden Flüchtlinge momentan wesentlich
höher als die Zahl der gestellten Asylanträge.
Die größte Gruppe der Flüchtlinge stammt aus Syrien - das Land wird seit mehreren Jahren von einem
Bürgerkrieg erschüttert. 2015 wurden 428.000 Syrer registriert, davon konnten 162.000 einen
Asylantrag stellen. Die meisten von ihnen dürfen bleiben - 95 Prozent der Asylanträge der syrischen
Flüchtlinge wurden positiv beschieden. Auf Rang zwei und drei kamen bei den Asylänträgen die
BalkanstaatenAlbanien und Kosovo, gefolgt von Afghanistan und dem Irak.
Damit waren unter den zehn Hauptherkunftsländern im Jahr 2015 allein vier aus der Balkanregion:
Serbien (-0,7 Prozent Asylanträge ggü. 2014), Kosovo (+316 Prozent), Mazedonien (+59 Prozent), und
Albanien (+575 Prozent). Mit zusammen 144.000 Asylanträgen im Jahr 2015 waren es 130 Prozent mehr
als im Vorjahr. Somit kamen im Jahr 2015 etwa 30 Prozent aller Asylbewerber allein aus den
Westbalkanstaaten. Allerdings verringerte sich deren Anteil im Jahresverlauf deutlich, und zwar von 62
Prozent im Monat März 2015 (absolut: 19.800) auf acht Prozent bzw. 4.000 Asylbewerbern im Monat
Dezember 2015 (Quelle BMI). Diese Menschen wollen in der Regel der Armut und der Diskriminierung
entfliehen. Als Asylgrund gilt das allerdings nicht. Deshalb ist die Zahl der positiven Bescheide für
Menschen aus diesen Ländern verschwindend gering. Im Herbst 2014 wurden schon Bosnien
Herzegowina, Mazedonien und Serbien als sichere Herkunftsstaaten definiert. Seit dem 1. November
2015 gelten auch Albanien, der Kosovo und Montenegro als solche. Asylbewerber aus diesen Ländern
werden nur noch in Ausnahmefällen anerkannt.

3. Ist Deutschland besonders stark belastet?


Im Jahr 2015 könnten bis zu einer Million Flüchtlinge nach Deutschland kommen - das schrieb der SPD
Chef und Vizekanzler Sigmar Gabriel schon im September in einem Brief an Parteimitglieder. Doch wie
stark ist Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern durch die Flüchtlingskrise belastet? Für das Jahr
2015 liegen noch keine internationalen Vergleichszahlen vor. Laut dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR lag
Deutschland im Jahr 2014 zwar auf Platz 2, was die absolute Zahl der Asylantränge (etwa 202.000 im
Jahr 2014) betrifft. Doch die absolute Zahl der Flüchtlinge lag in vielen Ländern weit höher: auf Platz 1
lag die Türkei, die fast 1,6 Millionen Flüchtlinge vor allem aus dem benachbarten Syrien aufgenommen
hat. Auf Platz 2 lag Pakistan mit etwa 1,5 Millionen Flüchtlingen, auf Platz 3 der Libanon mit etwa 1,2
Millionen Flüchtlingen.
Berücksichtigt man die Bevölkerungszahl der Gastländer, dann war die Belastung des kleinen Libanons
mit vier Millionen Einwohnern besonders hoch: hier kamen im Jahr 2014 auf 1.000 Einwohner 232
Flüchtlinge, in Jordanien waren es 87. In der Türkei kamen auf 1.000 Einheimische 21 Flüchtlinge, in
Schweden 15 und auf Malta 14. Zum Vergleich: Deutschland hat 2014 bezogen auf 1.000 Einwohner 2,5
Flüchtlinge aufnehmen - diese Zahl liegt für das Jahr 2015 bei 10 bis 12 liegen.
4. Welche Leistungen erhalten Asylbewerber?
Solange Asylbewerber sich in Gemeinschaftsunterkünften aufhalten (in der Regel in den ersten drei bis
sechs Monaten nach ihrer Ankunft), erhalten sie Unterkunft, Lebensmittel und Kleidung in Form von
Sachleistungen. Alleinstehende Erwachsene erhalten darüber hinaus monatlich 143 Euro Bargeld, um
weitere Bedürfnisse des täglichen Lebens decken zu können. Paare mit einem gemeinsamen Haushalt
erhalten je Person 129 Euro, je Kind gibt es 84 bis 92 Euro im Monat zusätzlich. All das ist im
Asylbewerberleistungsgesetz geregelt.
Wenn Asylbewerber die Gemeinschaftsunterkunft verlassen können, werden ihnen weiterhin die Kosten
für Wohnung und Heizung erstattet. Weil sie keine Lebensmittel und Kleidung mehr erhalten, erhalten
sie zusätzliches Bargeld: bei alleinstehenden Erwachsenen sind es monatlich 216 Euro, bei Paaren 194
Euro je Person, bei Kindern bewegt sich die Summe zwischen 133 und 198 Euro im Monat.

5. Wie viel kostet die Aufnahme der Flüchtlinge insgesamt?


Im Jahr 2015 kamen etwa 1,1 Millionen Menschen nach Deutschland. Nach Schätzungen verschiedener
Behörden wird das Kosten von etwa zehn Milliarden Euro verursachen. Darin enthalten sind die
Ausgaben für Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge, Taschengeld sowie die Einstellung neuer
Deutschlehrer in den zusätzlichen Schulklassen. Zum Vergleich: die jährlichen Kosten für das
Arbeitslosengeld II ("Hartz IV") liegen bei etwa 32 Milliarden Euro, der jährliche Zuschuss des Bundes zur
Rentenversicherung bei mehr als 84 Milliarden Euro.
In Deutschland sind an der Betreuung der Flüchtlinge sowohl der Bund als auch die Länder und die
Kommunen beteiligt. Der Bund sorgt für die Abwicklung der Asylverfahren, die Ländern müssen
sogenannte Erstaufnahmeeinrichtungen bereitstellen und sind beispielsweise auch für die Einstellung
neuer Lehrer verantwortlich, während die Kommunen für die Unterbringung anerkannter Asylbewerber
sorgen müssen. Deshalb wird aktuell viel über die Verteilung der Kosten diskutiert; Bundesländer und
Kommunen wünschen sich mehr Hilfe vom Bund aus Berlin.
Am 6. September 2015 hat sich der Koalitionsausschuss von CDU, CSU und SPDdarauf geeinigt, die
Ausgaben des Bundes um drei Milliarden Euro zu erhöhen sowie Ländern und Kommunen weitere drei
Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen. Steuererhöhungen zur Finanzierung der Flüchtlingshilfe hat
Angela Merkel (CDU) ausgeschlossen.
6. Dürfen Flüchtlinge in Deutschland arbeiten?
Viele deutsche Unternehmen machen sich Hoffnungen, dass Flüchtlinge bislang unbesetzte Stellen
ausfüllen könnten. Doch dabei müssen Flüchtlinge wie Unternehmen einige Hürden überwinden.
In den ersten drei Monaten nach ihrer Ankunft dürfen Asylbewerber grundsätzlich nicht arbeiten. In
den zwölf darauffolgenden Monaten dürfen sie eine Stelle nur dann annehmen, wenn es keinen
deutschen Staatsbürger, EU-Bürger oder Asylbewerber mit einem "sichereren" Status gibt, der die Stelle
auch annehmen könnte - dabei zählt nicht, ob es tatsächlich einen anderen Kandidaten gibt, sondern
nur, ob es theoretisch einen solchen geben könnte (sogenannte Vorrangprüfung). Frank Weise, der Chef
der Bundesagentur für Arbeit, hat sich Anfang September 2015 allerdings dafür ausgesprochen, die
Vorrangprüfung für zwei Jahre auszusetzen, um angesichts zahlreicher offener Stellen die Integration
der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu erleichtern.
Nach 15 Monaten können Asylbewerber dann tatsächlich eine Stelle annehmen.Anerkannte
Asylbewerber, deren Antrag positiv beschieden worden ist, könnensofort eine Stelle annehmen. Das
könnte in der Praxis beispielsweise für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge eine Rolle spielen, deren Anträge
momentan relativ schnell und in der Regel positiv entschieden werden.
Um tatsächlich arbeiten zu können, müssen die meisten Flüchtlinge allerdings erst einmal ausreichend
gut Deutsch lernen, da sie keinerlei Sprachkenntnisse haben. Ohne Deutschkenntnisse sind die
Aussichten, einen Arbeits-, Ausbildungs- oder Studienplatz zu finden gleich null. Asylbewerber können
während des Verfahrens freiwillig an Deutschkursen teilnehmen (diese werden aber nicht überall
angeboten). Anerkannte Asylbewerber sind verpflichtet, einen Integrationskurs zu besuchen, in dem
nicht nur Deutschkenntnisse, sondern auch Grundlagen der deutschen Gesellschaft, Kultur und
Geschichte vermittelt werden.
Gerade bei hoch qualifizierten Flüchtlingen ist auch die Anerkennung ausländischer Abschlüsse und
Qualifikationen eine wichtige Frage. Viele haben die entsprechenden Dokumente auf der Flucht
verloren; bei anderen entsprechen die Abschlüsse nicht den deutschen Abschlüssen. Bereits 2012 hat
die Bundesregierung ein Gesetz verabschiedet, das die Anerkennung ausländischer Abschlüsse in
Deutschland erleichtern soll.
7. Wer darf in Deutschland bleiben?
Das Recht auf Asyl ist in Deutschland ein Grundrecht, das in Artikel 16a des Grundgesetzes explizit
formuliert ist: "Politisch Verfolgte genießen Asylrecht", heißt es dort. Dass dieser Artikel ins Grundgesetz
aufgenommen wurde, hat seine Wurzeln in der deutschen Geschichte: während der Zeit des Dritten
Reiches fanden viele Menschen, die in Deutschland wegen ihrer politischen Gesinnung verfolgt wurden,
im Ausland Schutz.
Bei den aktuellen Entscheidungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) spielt dieser
Paragraf aber eine sehr untergeordnete Rolle. Das liegt am sogenannten "Asylkompromiss" von 1993:
Anfang der 1990er Jahre stieg die Zahl der Asylbewerber in Deutschland stark an, vor allem wegen des
Bürgerkriegs im früheren Jugoslawien. Eine Welle fremdenfeindlicher Anschläge ging durch
Deutschland. Als - von vielen kritisierte - Reaktion darauf verständigten sich Union, SPD und FDP auf eine
Einschränkung des Asylrechts.
Seitdem können Menschen, die aus einem sicheren Land einreisen, in dem man als Flüchtling Schutz
finden kann, in Deutschland kein Asyl mehr beantragen ("Drittstaatenregelung"). Dabei gelten alle
Nachbarländer Deutschlands als sichere Länder. Auf das Grundrecht auf Asyl können sich so quasi nur
noch Flüchtlinge berufen, die Deutschland mit dem Flugzeug erreichen.

Die Bedeutung der Genfer Flüchtlingskonvention


Neben dem Grundrecht auf Asyl gibt es andere Möglichkeiten, als Flüchtling in Deutschland bleiben zu
können. Deutschland gehörte im Jahr 1951 zu den ersten Unterzeichnern der Genfer
Flüchtlingskonvention (GFK), dem inzwischen etwa 150 Staaten beigetreten sind. Darin ist
festgeschrieben, dass Menschen dann als Flüchtlinge gelten, wenn sie wegen ihrer Rasse, Religion,
Nationalität, politischen Überzeugung oder der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe ihr Herkunftsland
verlassen mussten. Die entsprechenden Bestimmungen sind auch in das deutsche Asylverfahrensgesetz
übernommen worden. Die meisten Flüchtlinge, die aus Syrien, Afghanistan oder Somalia nach
Deutschland kommen, erhalten Schutz als Flüchtlinge im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention.
In der Praxis spielt es keine Rolle, ob jemand dank der Genfer Flüchtlingskonvention oder dank des
Grundgesetzes in Deutschland Zuflucht findet. Beide genießen die gleichen Rechte.
Das Asylverfahren
Über die Anerkennung oder Ablehnung eines Asylantrags entscheidet das Bundesamt für Migration und
Flüchtlinge oder Gerichte. In Deutschland kann ein Asylantrag nur beim Bundesamt für Migration und
Flüchtlinge gestellt werden.
Während der Antragstellung wird der Asylbewerber über seine Rechte und Pflichten innerhalb des
Asylverfahrens aufgeklärt, diese wichtigen Informationen werden ihm in seiner Sprache schriftlich
ausgehändigt.

Asylbewerber werden in der Anhörung von einem Mitarbeiter im Bundesamt, einem Entscheider,
persönlich zu seinen Fluchtgründen angehört. Während der Anhörung muss der Antragsteller selbst
seine Fluchtgründe schildern, d. h. alle Tatsachen vortragen, die seine Furcht vor Verfolgung oder die
Gefahr eines ihm drohenden ernsthaften Schadens begründen (§ 25 AsylVfG). Er muss auch alle
sonstigen Tatsachen und Umstände schildern, die einer Rückkehr in sein Heimatland entgegenstehen.
Die Entscheidung über den Asylantrag erfolgt schriftlich in Form eines Bescheides des Bundesamts. Die
Entscheidung wird begründet und den Beteiligten mit einer Rechtsbehelfsbelehrung zugestellt. Gegen
die Entscheidungen des Bundesamts kann der Asylbewerber klagen.
8. Wer muss Deutschland verlassen?
Nicht jeder Asylbewerber hat das Recht, in Deutschland zu bleiben. Abgelehnt werden vor allem
diejenigen Menschen, die aus einem sicheren Herkunftsstaat stammen - in diesen Fällen vermutet der
Gesetzgeber, dass die Menschen in ihrer Heimat keine Verfolgung befürchten müssen. Darüber hinaus
haben sich die Mitgliedsstaaten der europäischen Union darauf geeinigt, dass Flüchtlinge nur in einem
EU-Land einen Asylantrag stellen dürfen - und zwar in dem, das sie zuerst betreten haben (Dublin
Verfahren). In der Praxis wirft dieses Verfahren zahlreiche Fragen auf und wird aus unterschiedlichen
Gründen häufig nicht angewandt.
9. Was passiert mit den Flüchtlingen, die kein Bleiberecht erhalten?
Wird der Asylantrag als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt, etwa wenn wirtschaftliche Gründe für
das Verlassen des Heimatlandes vorliegen, oder wenn kein „subsidiärer Schutz“ vorliegt, dann müssen
die Personen Deutschland wieder verlassen. Wird ein Antrag abgelehnt, erhält der Flüchtling eine
Aufforderung, das Land zu verlassen. Das muss binnen 30 Tagen erfolgen – manchmal sogar binnen
einer Woche, wenn Antragsteller aus sicheren Herkunftsländern wie dem Westbalkan kommen.
Verlassen sie Deutschland nicht freiwillig, werden sie abgeschoben.
Bis Ende November 2015 seien 18.300 Menschen abgeschoben worden, teilte das
Bundesinnenministerium mit. Im Jahr zuvor lag die Gesamtzahl bei 10.800. Allerdings hielten sich Ende
November 200.000 Flüchtlinge im Land auf, die zur Ausreise verpflichtet wären. Beim Umgang mit
Flüchtlingen ohne Bleiberecht verfolgen die Bundesländer nach wie vor völlig unterschiedliche Ansätze.
Die einen schieben mehr abgelehnte Asylbewerber ab, die anderen setzen auf die freiwillige Rückreise.
Flüchtlingen, die freiwillig gehen, zahlt der Staat die Reisekosten, eine Beihilfe sowie teilweise eine
Starthilfe. Im Schnitt bekommt jede Person 420 Euro. Eine Abschiebung würde mehrere tausend Euro
kosten. Aufgrund der Förderung und verstärkter Ausreiseberatung mithilfe der Förderprogramme
REAG/GARP (REAG – Reintegration and Emigration Programme for Asylum-Seekers in Germany, GARP –
Government Assisted Repatriation Programme) gibt es dieses Jahr deutlich mehr freiwillige Ausreisen als
Abschiebungen. Wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge berichtete, reisten dieses Jahr bis
Ende Oktober 32.660 Menschen freiwillig aus.
10. Wie will die Europäische Union die Flüchtlinge verteilen?
Die Europäische Union ist tief gespalten in der Frage, wie sie mit der Flüchtlingskrise umgehen soll. Viele
sehen das sogenannte Dublin-Verfahren als gescheitert an: dieses geht davon aus, dass ein Flüchtling in
dem Land Asyl beantragen muss, in dem er das erste Mal europäischen Boden betreten hat. Doch das
Dublin-Verfahren hat mehrere Schwachstellen: es belastet besonders die Mittelmeer-Anrainerstaaten
Italien und Griechenland sowie Ungarn, wo Flüchtlinge von der Balkanroute die Europäische Union
betreten. Diese Länder fühlen sich angesichts des aktuellen Flüchtlingsstroms überfordert. Vielfach
werden die Flüchtlinge nicht registriert, bevor sie weiterreisen. Die meisten Menschen wollen ihren
Asylantrag in Deutschland, Österreich oder Schweden stellen.
Manche sehen eine feste Quote zur Verteilung der Flüchtlinge in der Europäischen Union als mögliche
Lösung der Flüchtlingskrise. Am 22. September 2015 haben sich die EU-Innenminister auf die Verteilung
von 120.000 Flüchtlingen geeinigt. Diese sollen aus Griechenland, Italien und Ungarn auf andere EU
Staaten verteilt werden. Allerdings stimmten mehrere osteuropäische Staaten - Tschechien, die
Slowakei, Ungarn und Rumänien - gegen das Vorhaben. Ursprünglich sollten 54.000 Flüchtlinge von
Ungarn aus auf andere EU-Staaten verteilt werden.
Wegen des Widerstand der osteuropäischen Länder scheint eine feste Quotenregelung, nach der
Flüchtlinge aufgrund von Bevölkerungszahl, Wirtschaftskraft und Arbeitslosenquote auf die EU-Staaten
verteilt werden, zum aktuellen Zeitpunkt (November 2015) unwahrscheinlich. Außerdem wären noch
viele Fragen offen: So ist unklar, wer entscheiden soll, welcher Flüchtling in einem wirtschaftlich
prosperierenden Land mit hohen Sozialleistungen einen Asylantrag stellen sollen darf und wer nicht.
11. Was passiert an den Außengrenzen Europas?
Die Europäische Union hat in den vergangenen Jahrzehnten die Grenzkontrollen zwischen den
Mitgliedsstaaten zunehmend abgebaut. Zwischen den Staaten des sogenannten "Schengen Raumes"
kann man sich in der Regel ohne Kontrollen bewegen. In besonderen Situationen können
Mitgliedsstaaten sich entscheiden, wieder Kontrollen einzuführen. Das hat Deutschland am 13.
September 2015 gemacht, um den Flüchtlingsstrom der vorausgegangenen Wochen wieder stärker zu
kontrollieren.
Im Gegenzug zum Abbau der Kontrollen an den Innengrenzen haben die EU-Mitgliedsstaaten sich zu
einem stärkeren Schutz der Außengrenzen verpflichtet. Die EU hat in den vergangenen Jahren fast alle
Zugangsmöglichkeiten zu ihrem Territorium verschlossen. In der Regel braucht man für die Einreise ein
Visum. Visa für den Schengen-Raum gibt es aber nur für Touristen, Studierende oder Menschen, die
bereits einen Arbeitsvertrag nachweisen können, aber nicht für Flüchtlinge. Sie müssen mit falschen
Papieren fliehen oder den gefährlichen Weg heimlich über die Grenze wagen. Mit Grenzzäunen,
Wärmebildkameras und Grenzpatrouillen versucht Europa das allerdings zu verhindern. Deswegen sind
Flüchtlinge meist auf professionelle und teure Fluchthilfe von sogenannten Schleppern angewiesen.
Hunderte sterben jährlich vor den Toren Europas, sie ersticken versteckt im LKW-Container oder
ertrinken im Mittelmeer.
Auf dem EU-Türkei-Gipfel am 30. November 2015 haben sich EU und die Türkei auf einen Plan geeinigt,
um den Zustrom von Flüchtlingen nach Europa einzudämmen. Um die mehr als zwei Millionen im
eigenen Land lebenden Flüchtlinge besser versorgen zu können, soll die Türkei mit drei Milliarden Euro
finanziell unterstützt werden. Die Türkei soll zudem die Grenzen in Richtung Europa besser kontrollieren
und Flüchtlingslager mit dem Nötigsten ausstatten. Im Gegenzug können türkische Staatsbürger darauf
hoffen, ab Oktober 2016 ohne Visum nach Europa reisen zu dürfen.
http://www.lpb-bw.de/fluechtlingsproblematik.html