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26 LICHTBLICK

Spezial: Kopftuch

Und ewig kämpft
das Tuch
von Khola Maryam Hübsch

Kaum ein Islam-Thema erhitzt die Gemüter so stark, kaum ein
Thema polarisiert so heftig und gleichzeitig ist kaum ein Thema so
abgelutscht, so durchgekaut, so häufig diskutiert worden, dass man
ob des Overkills einfach kein Interesse mehr auch nur heucheln
kann. Und trotzdem bleibt es ein Dauerbrenner, trotzdem schafft
es dieses Thema immer wieder in die Medien, allein in den letz-
ten Monaten vergaß der amerikanische Präsident in seiner histori-
schen Rede an die islamische Welt nicht darüber zu reden, Human
Rights Watch veröffentlicht einen Bericht dazu und in diversen ak-
tuellen Debatten wurde wieder über das Für und Wider gestritten.
Nicht zuletzt wartet eine neue Studie mit noch mehr Erkenntnissen
– aber nun der Reihe nach.

Ja, es geht natürlich um das Kopftuch

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Die Fehler des Nachbarn

W ährend auf der einen Seite endlich auch
von höchst öffentlicher sowie institutio-
neller Seite grundlegend für das Tragen ei-
nes Kopftuches aus freier Überzeugung plädiert wur-
de, ließen sich einige Kleingeister in Frankreich und
in der Schweiz nicht dabei stören, zum einen, einer
jungen, talentierten muslimischen Basketballspielerin
das Spielen mit Kopftuch zu verbieten, und zum ande-
ren über ein allgemeines Burka-Verbot für Frankreich
zu debattieren. Des US-Präsidenten-Worte scheinen
dort verhallt wie Schall und Rauch, plädierte er doch
deutlich für die Freiheit der Entscheidung und gegen
eine Bevormundung jeglicher Art: Es ist […] wichtig,
dass westliche Länder aufhören, ihre muslimischen Bürger da-
bei zu behindern, ihre Religion auszuüben, wie sie möchten -
beispielsweise, indem muslimischen Frauen vorgeschrieben wird,
welche Kleidung sie zu tragen haben. Wir können Feindselig-
keit gegenüber einer Religion nicht unter dem Deckmantel des
Liberalismus verstecken (siehe S. 34: Obama).

Interessiert anscheinend niemanden in Frankreich,
doch immerhin hat man sich vorgenommen, zu-
nächst einmal zu untersuchen, welche Motivation die
Burka-Trägerinnen haben und erst anschließend zu
entscheiden – da kann man nur hoffen, dass man
hier tatsächlich von den Fehlern des Nachbarn
Deutschland lernt, wo man munter drauf
los Gesetze verabschiedete, ohne sich em-
pirisch zu vergewissern, ob die erfor-
derlichen und blind angenommenen
Prämissen überhaupt von Bestand
sind (siehe S. 42 und S. 45).

Quelle: IStockPhoto

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Spezial: Kopftuch

Neue Geister-Debatten doch wieder die Nation. Diesmal also eine 19jährigie
Basketballspielerin aus Luzern, die es als Kapitän

G emunkelt wird, dass die Ganzkörperverschlei-
erung meistens freiwillig getragen wird, aus
tiefem Glauben heraus, doch das behaupten nur eini-
schaffte, ihre Mannschaft in die nächste Liga zu ma-
növrieren und dort nun plötzlich nicht mehr weiter-
spielen darf, weil sie nicht
ge Islamforscher. Sollte es wirklich bald Zahlen und gewillt ist, ihr Kopftuch All die hitzigen Debatten in diesem
Fakten geben, weiß man zumindest, ob es sich nicht abzulegen. Der Deutsch-
schon wieder um eine Geister-Debatte vom Kaliber Schweizer Basketballver- Land, wegen einer Minderheit
Roland Kochs handelt. Der hessische Ministerpräsi- band will es so. Zwar sind
dent (CDU) hatte just kurz vor den Wahlen diesen beim Volleyball, als auch (Muslime) unter der Minder-
Jahres doch tatsächlich die geniale Idee, ein Burka- beim Handball Kopftü-
Verbot an Schulen zu fordern – dumm nur, dass es cher auch auf interregio- heit
(Frauen) unter der Min-
überhaupt keine Burka-Trägerinnen an hessischen naler Ebene erlaubt, aber
Schulen gab. Doch woher sollte Koch das auch so Einheitsgründe sprechen derheit
(Kopftuchtragende)?
genau wissen, über Muslime weiß man ohnehin so- gemäß dem Verband da-
wenig und was man weiß, ist auch noch falsch. Da gegen, es im Basketball ebenso zuzulassen. Da fühlt
muss man gar nicht auf Inhalte zu sprechen kom- man sich doch gleich an einen sinnigen Kommentar
men, bisher wusste man ja noch nicht einmal, wie zu einem Gesetzentwurf bezüglich religiöser Sym-
viele es von denen überhaupt in Deutschland gibt. bole in Baden-Württemberg zurück erinnert:
Die Zahl 3,3 Millionen kolportierte umher bis das
Bundesinnenministerium sich dazu aufraffen konn- Das von Ihnen vorgelegte Gesetz sagt in der Sprache des
te, Muslimisches Leben in Deutschland – so der Titel der Sports sinngemäß:
Studie – genauer zu analysieren (siehe S. 31). Jetzt ‚Auf dem Schulhof ist das Ballspielen verboten.´‘
weiß man, dass fünf Prozent der deutschen Gesamt- Aber dann kommt Satz 2:
bevölkerung muslimisch ist, also um die vier Millio- ‚Fußball ist kein Ballspiel.´ 1
nen Muslime in Deutschland leben, ne knappe Milli-
onen mehr als man vorher dachte, Peanuts. Von den
Muslimen gibt es mehr als gedacht, dafür von den
Kopftuchträgerinnen weniger. Denn das
Kopftuch tragen wollen dann doch nicht
so viele, sogar unter den Frauen, die sich
als „stark gläubig“ bezeichnen, trägt es,
so die Studie, nur jede zweite (siehe Abb.
2) Und in der zweiten Generation werden
es gar immer weniger. Wie passt das nur
zu dem Wirbel um dieses Stück Stoff ? All
die hitzigen Debatten in diesem Land,
wegen einer Minderheit (Muslime) unter
der Minderheit (Frauen) unter der Min-
derheit (Kopftuchtragende)?

Fußball ist kein Ballspiel

N aja, wie dem auch sei, auch in der
Schweiz macht man sich Sorgen,
und dort dürfte es bekanntlich noch we-
niger kopftuchtragende Frauen geben,
Abbildung 2: Befragte Musliminnen im Alter ab 16 Jahren nach Häufigkeit des Kopftuchtragens und
doch der konkrete Einzelfall erhitzt dann
Gläubigkeit
1
Landtag von Baden-Württemberg, Plenarprotokoll 13/62, 13. Wahlperiode, 62. Sitzung, 4. Februar 2004, http://www.landtagbw.de/Wp13/
Plp/13_0062_04022004.pdf (aufgerufen am 5. Januar 2009), Seite. 4408

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Ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen

D er Entwurf blieb kein Entwurf und tatsächlich
dürfen mittlerweile in der Hälfte aller deutschen
Bundesländer muslimische Frauen als Lehrerin an
den christlichen Kirchen gleichzustellen, sobald sich
eine anerkannte islamische Religionsgemeinschaft
formiert habe, auch nur ein Vergleich von Äpfeln und
staatlichen Schulen keine Kopftücher tragen, weil Birnen war. Schließlich sind die Religionen doch nicht
religiöse Symbole die staatliche Neutralität gefähr- gleich, das weiß Beckstein, spätestens seitdem er der
deten, gleichzeitig aber dürfen christliche Nonnen Vizepräsident der Synode der Evangelischen Kirche
ihre Ordenstracht und ihr Kreuz anbehalten, weil in Deutschland ist. Im Islam werden bekanntermaßen
Deutschland Teil des christlich-jüdisch geprägten Frauen unterdrückt, das sieht man doch schon daran,
Abendlandes sei. Ein Schelm, wer hier behauptet, es dass sie Kopftücher tragen und sowieso nichts zu sa-
werde mit zweierlei Maß gemessen, da brauchen sich gen haben. Die Haube der Nonne ist was anderes, und
die ewig mahnenden Menschenrechtsorganisationen dass keine Frau Papst werden darf auch, aber dass „in
doch nicht so anstellen (siehe Artikel: Human Watch der Türkei, in Pakistan, Bangladesch und in Indone-
Report), natürlich kann man Äpfel nicht mit Birnen sien […] mehrheitlich muslimische Länder Frauen an
vergleichen. Und damit wären wir bei einem der größ- die Spitze ihres Staates“ wählten, wie US-Präsident
ten Islamfreunde Bayerns, dem dortigen Ex-Minister- Obama kürzlich betonte, weiß Beckstein sicher nicht -
präsident Beckstein (CSU), für den des Innenminister sowas kommt in Bayern schließlich nicht vor. ▣
Schäubles (CDU) Vorstoß, den Islam in Deutschland
© scx.hu: Kodakgold

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Spezial: Kopftuch

-Studie-

Muslimisches Leben
in Deutschland
Anlässlich der vierten und vorläufig letzten Sitzung der Deutschen Islamkonferenz
wurde die Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ veröffentlicht, die von eben
dieser angeregt und vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erstellt wurde.

E rklärtes Ziel der Studie war es, den Alltag der mus-
limischen Bevölkerung in Deutschland zu untersu-
chen und zu einer Versachlichung der Diskussion
über Muslime in Deutschland beizutragen. Die Studie legt
die erste bundesweit repräsentative Datenbasis zu Musli-
Ahmadis stellen unter den Muslimen zwar eine Minder-
heit dar, unter den Muslimen aus Süd-/Südostasien errei-
chen die Ahmadis jedoch einen „beachtenswerten Anteil
von 28 Prozent“ , wie es in der Studie heißt
men in Deutschland vor und gibt nicht nur zum ersten Mal
eine ausführliche Übersicht über die Anzahl und Verteilung Ahmadis und Sunniten bezeichnen sich im Vergleich zu
der Muslime in Deutschland, sondern berücksichtigt auch Schiiten oder Aleviten häufiger als „sehr stark gläubige“
die verschiedenen Glaubensrichtungen und untersucht, wel-
cher Zusammenhang zwischen religiöser Praxis, Integration
Unter den Ahmadis gibt es zwei polarisierende Gruppen,
und den unterschiedlichen muslimischen Gruppen besteht.
was das Bildungsniveau angeht: Es gibt eine relativ starke
Einige interessante Ergebnisse der Studie sowie vor allem Gruppe, die ohne Schulabschluss ist und gleichzeitig eine
Resultate, die die Kopftuchfrage und die Ahmadiyya Mus- große Gruppe mit relativ hoher Bildung (siehe Tabelle)
lim Gemeinde betreffen, werden im Folgenden kurz zusam-
mengefasst:
Der Anteil an interkonfessionellen Ehen liegt bei Ahma-
dis unter 1 Prozent, abgesehen von den Sufis/Mystikern
Es gibt ca. 3,8 bis 4,3 Millionen Muslime in der Bundesre-
gibt es in fast allen anderen Glaubensrichtungen häufiger
publik, das sind etwa 5 Prozent der Gesamtbevölkerung
interkonfessionelle Ehen (siehe Abbildung 1)

45% der Muslime in Deutschland haben einen deutschen
Die Mehrheit der Muslime bezeichnet sich selbst als gläubig.
Pass
Ein gutes Drittel stuft sich als „stark gläubig“, die
In Deutschland gibt es derzeit 74 Prozent Sunniten, 13 Pro- Hälfte als„eher gläubig“ ein.
zent Aleviten, 7 Prozent Schiiten, 2 Prozent Ahmadis, 0,3
Prozent Ibaditen und 0,1 Prozent Sufi/ Mystiker

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Ergebnisse der Studie zum Thema: Kopftuch Der Anteil kopftuchtragender Frauen ist unter den Ahma-
dis mit Abstand am höchsten: Über 50 Prozent der
72 Prozent und damit die deutliche Mehrheit der Muslimin- Ahmadi Frauen tragen ein Kopftuch (Abbildung 3), durch-
nen trägt kein Kopftuch. schnittlich tragen 28 Prozent der Musliminnen ein Kopf-
tuch
Junge Frauen tragen nur selten ein Kopftuch, in
Deutschland geborene Musliminnen tragen das Kopftuch Als Grund für das Tragen des Kopftuches wird fast immer,
seltener als zugewanderte Frauen d.h. zu 90%, gesagt, es handele sich dabei um eine religiöse
Pflicht – auch die anderen Gründe lassen eine Eigenmoti-
Es gibt einen starken positiven Zusammenhang zwischen vation erkennen, Zwang oder äußerer Druck scheinen keine
Gläubigkeit und dem Tragen des Kopftuches – dennoch Rolle zu spielen (Abbildung 4)
trägt jede zweite Muslimin, die sich als stark gläubig be-
zeichnet, kein Kopftuch (Abbildung 2) Kopftuchtragende Musliminnen sind im Durchschnitt öfter
schlechter integriert als Musliminnen ohne Kopftuch, z.B.
Sunnitinnen und Ahmadis tragen häufiger das Kopftuch haben sie seltener einen hohen Schulabschluss und seltener
als Schiitinnen oder Frauen anderer muslimischer Glau- Freundschaftskontakte zu Deutschen
bensrichtungen

Abbildung 3: Anzahl der Kopftuchtragenden Musliminen nach Glaubensrichtung

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Haug, Sonja, Müssig, Stephanie und Stichs, Anja: Muslimisches Leben in Deutschland. Forschungsbericht im Auftrag der Deutschen Islamkonferenz. Bundesamt
für Migration und Flüchtlinge. Nürnberg, 2009. S. 98.
SpezIal: Kopftuch

Statistiken
Die Grafiken stammen aus der Studie:
Haug, Sonja, Müssig, Stephaie und Stichs, Anja: Muslimisches Leben in Deutschland.
Forschungsbericht im Auftrag der Deutschen Islamkonferenz.
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Nürnberg, 2009.

Abbildung 1: Konfession des Partners der muslimischen Befragten mit Migrationshintergrund

Abbildung 4: Gründe für das Tragen des Kopftuches der befragten Musliminnen,
Mehrfachnnenungen möglich

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