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Human Rights Watch verurteilt

Kopftuchverbote als Verletzung
der Menschenrechte

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hat Anfang diesen
Jahres einen Bericht veröffentlicht, indem sie das Kopftuchverbot für Lehrerinnen
in zahlreichen Bundesländern scharf kritisiert. Den betroffenen Bundesländern
wird eine „Diskriminierung im Namen der Neutralität“ vorgeworfen, so der Titel
des Berichtes.

D ie Hälfte aller Bundesländern hat seit der
als Kopftuchurteil berühmt gewordenen
Entscheidung des Bundesverfassungsge-
richtes im September 2003 ein Gesetzt verabschie-
det, dass Lehrerinnen das Kopftuchtragen an staat-
Gesetze diskriminieren doppelt

H RW kommt daher nach einer eingehenden
Untersuchung zu dem Ergebnis, dass diese
Gesetze gegen „die internationale Verpflichtung
lichen Schulen verbietet. In Hessen und Berlin gilt Deutschlands zum Schutz der Religionsfreiheit und
das Kopftuchverbot auch für Beamtinnen im öffent- des Rechts auf Gleichheit vor dem Gesetzt versto-
lichen Dienst. Die meisten Bundesländer erlauben ßen“. Muslimische Lehrerinnen werden aufgrund
es jedoch gleichzeitig, Nonnen mit der Haube an ihres Glaubens diskriminiert, in der Praxis diskri-
staatlichen Schulen zu unterrichten, da sie Ausnah- minieren die Verbote auch auf Grundlage des Ge-
meklauseln für „christlich- schlechts, da nur Frauen davon betroffen sein kön-
Der Staat ist verpflichtet neutral abendländische“ Traditi-
onen beinhalten. Damit
nen. „Sie zwingen Kopftuch tragende Frauen, sich
entweder für ihren Beruf oder für ihren Glauben zu
und unparteiisch zu bleiben, ignorieren sie die Recht-
sprechung des Bundesver-
entscheiden“, so Haleh Chahrokh, Autorin des Be-
richtes und Researcherin der Abteilung Europa und
um den Pluralismus zu wahren, waltungsgerichtes, nach der Zentralasien von HRW.
alle Religionen gesetzlich
hier wird aber eindeutig die gleich behandelt werden Für HRW steht das Kopftuchverbot auf einer Ebene
Religion der Mehrheit bevorzugt müssen. Des Weiteren ver- mit dem Schleierzwang, der in einigen sogenannten
letzt Deutschland damit islamischen Ländern herrscht. Wiederholt kritisierte
behandelt seine Verpflichtung zum HRW die Politik und Gesetzgebung von Staaten,
Schutz der Minderheitenrechte, wie es in dem Be- die Frauen dazu zwingen, sich zu verschleiern. Scho-
richt von HRW heißt. Der Staat ist verpflichtet neu- ckierend ist nun, dass ein Land wie Deutschland sich
tral und unparteiisch zu bleiben, um den Pluralismus auf dasselbe Niveau begibt, indem es ebenfalls gegen
zu wahren, hier wird aber eindeutig die Religion der das Recht eines jeden Menschen, seine Kleidung frei
Mehrheit bevorzugt behandelt. zu wählen und seine religiöse

42 LICHTBLICK
SpezIal: Kopftuch

Überzeugung zu bekunden, verstößt, so HRW. Da- allgemeines Kopftuchverbot sei kein angemessenes
mit hält sich Deutschland nach HRW nicht an inter- Mittel, so HRW, da ein solches auf „der Annahme
nationale Menschenrechtstandards. der abstrakten Gefahr ne-
gativer Auswirkungen“ Bisher führen die Kopftuchverbote
beruhe. Denn konkrete
„Solange wir in den Schulen nur geputzt Beweise, dass das Tragen nach HRW zu einereindeu-
haben, hatte niemand ein Problem mit dem eines Kopftuchs durch
Kopftuch.“ eine Lehrerin tatsächlich tigen Diskriminierung
einen zwanghaften Ein-
aufgrund von Geschlecht und
B esonders problematisch erscheint die fehlende
ausreichende Begründung für solch ein weit-
reichendes Verbot, dass „das individuelle Recht auf
fluss auf die Kinder hat,
der sie etwa dazu bewege,
den Islam anzunehmen
Religion, sie sind, so HRW „un-
Autonomie, Selbstbestimmung, Entscheidungsfrei- oder bei muslimischen gerecht, rechtswidrig und in einer
heit und Privatsphäre“ in ähnlicher Weise verletzt, Mädchen dazu führe, dass demokratischen Gesellschaft nicht
wie ein Kopftuchzwang. HRW lässt in diesem Zu- sie anfingen, ein Kopftuch
sammenhang muslimische Frauen, die von dem Ver- zu tragen, existieren nicht. hinnehmbar“
bot betroffen sind, zu Wort kommen und zeigt, wie Den betroffenen Frau-
einschneidend die Gesetze das Leben dieser Frauen en wird damit ohne Rücksicht auf ihr tatsächliches
beeinflussen. „Solange wir in den Schulen nur ge- Verhalten fundamentalistische Indoktrinierung vor-
putzt haben, hatte niemand ein Problem mit dem geworfen. „Menschen sollten nach ihrem Verhalten
Kopftuch“, erklärt eine befragte Lehrerin pointiert beurteilt werden, nicht auf der Grundlage von An-
die Lage. Empört zeigen sich die Frauen auch ob sichten, die man ihnen unterstellt, weil sie ein religiö-
der Unterstellung, die dem Gesetz zugrunde liegen. ses Symbol tragen“, so Chahrokh.
Denn argumentiert wird, dass kopftuchtragende
Frauen ihre Schüler indoktrinieren könnten. Eine
befragte Frau erklärte dazu: „Das Kopftuch wird
überbewertet. Man braucht kein Kopftuch, um zu
manipulieren und es gibt auch andere Mechanismen
um [gegen Indoktrinierung] vorzugehen.”

Das Kopftuch diskriminiert muslimische Frauen nicht - äußere Umstände schon
Unterstellung der Indoktrinierung

I n der Tat scheint das Kopftuchverbot
als völlig ungeeignet, um vor einer Be-
einflussung der Schüler durch den Lehrer
zu schützen. Seitens der Befürworter des
Kopftuchverbots wird zwar argumentiert,
dass Eltern das Recht haben, die religiö-
se und moralische Erziehung ihrer Kinder
gemäß ihrer Überzeugungen zu gestalten
und diese negative Religionsfreiheit daher
das positive Recht der Lehrerin, ihren Glau-
ben zum Ausdruck zu bringen, überlagere.
HRW plädiert jedoch dafür, bei konkreten
Bedenken Einzelfallprüfungen vorzuneh-
men und erst, wenn das gesamte Verhalten
einer Lehrerin darauf schließen lässt, dass
die Religionsfreiheit der zu unterrichtenden
Kinder tangiert wird, einzuschreiten. Ein
Quelle: Pixelio

LICHTBLICK 43
An der Realität vorbei HRW plädiert für Aufhebung der Gesetze

E in anderes Argument der Befürworter der Ge-
setze lautet, dass diese notwendig seien, um die
Gleichberechtigung von Mann und Frau zu schützen
H RW setzt sich in seinem Bericht daher vehe-
ment für eine Aufhebung der Gesetze zu religi-
ösen Symbolen ein und mahnt eindringlich, sicherzu-
und die Rechte der Frau zu wahren, denn das Kopf- stellen, dass die Gesetzgebung in Übereinstimmung
tuch könne erzwungen sein. Abgesehen davon, dass mit den internationalen Verpflichtungen Deutsch-
keine der befragten betroffenen Frauen gezwungen lands für die Menschenrechte ist. Bisher führen die
wurde, das Kopftuch zu tragen und mittlerweile auch Kopftuchverbote nach HRW zu einer eindeutigen
repräsentative Studien zu dem Ergebnis kommen, Diskriminierung aufgrund von Geschlecht und Re-
dass dies für die überwältigende Mehrheit der kopf- ligion, sie sind, so HRW „ungerecht, rechtswidrig
tuchtragenden Musliminnen gilt (siehe S. 31 und 45), und in einer demokratischen Gesellschaft nicht hin-
muss auch der Tatsache Rechnung getragen werden, nehmbar.“ ▣
dass es keinen Zweifel darüber gibt, dass das Kopf-
tuch für viele Frauen ein Teil ihrer Religiosität dar-
stellt, das sie nicht einfach an der Garderobe ablegen
können. „Die legitimen Bemühungen zum Schutz
von Frauen, die gegen ihren Willen ein Kopftuch tra-
gen müssen, rechtfertigen keine Zwangsmaßnahmen
gegen andere, die das Kopftuch freiwillig tragen“,
heißt es in dem Bericht. Zudem verhindert ein Kopf-
tuchverbot für erwachsene Frauen im öffentlichen Die Gesetze zu religiösen Symbolen sind nicht wirklich gerecht
Dienst nicht unbedingt Druck oder Zwang seitens
der Familie bzw. dem sozialen Umfeld. HRW wirft
daher den Bundesländern, die ein Kopftuch-
verbot beschlossen haben, vor, nicht geprüft
zu haben, ob ein generelles Verbot überhaupt
ein wirksames Mittel gegen mögliche Zwänge
darstellt. Zudem ist keine einzige Begebenheit
vor Inkrafttreten der Verbote bekannt, die darauf
hindeuten würde, dass das Recht und die Freiheit
derer, die kein Kopftuch tragen, gefährdet
sind. Hier wurde anscheinend eine emoti-
onale Drohkulisse aufgezogen, die dazu
geführt hat, dass Gesetze verabschiedet
wurden, die völlig an den realen Problemen
vorbei gehen.
© pixelio.com: Jutta Rotter

44 LICHTBLICK
Quelle: Pixelio
SpezIal: Kopftuch

Über die verhüllten Köpfe hinweg.
Ein Rückblick

Wie die Motive der Kopftuchträgerinnen
immer wieder ignoriert wurden – und
wie eine Studie nach der anderen das
gleiche Schicksal teilte
© pixelio.com: Jutta Rotter

LICHTBLICK 45
W ir erleben dieses Jahr einen traurigen
Höhepunkt der Kopftuchdebatte. Einen
Höhepunkt, der traurig ist, weil er gar
nicht als Höhepunkt erkannt wird, denn sonst wäre
er eher ein Wendepunkt und eine Genugtuung für
Eigentlich ein Skandal

D ass es jetzt erst Jahre später auf Anregung der
Deutschen Islamkonferenz zum ersten Mal
eine repräsentative Studie gibt, die feststellt, dass
all diejenigen, die nur ihren Kopf geschüttelt haben, über 90% das Kopftuch aus rein religiösen Grün-
wenn die Gegner des Kopftuches sich wieder mal die den tragen und auch ausnahmslos alle anderen Be-
Köpfe heiß diskutierten. weggründe, die genannt werden, keineswegs auf
Dass es jetzt erst Jahre später auf Ein Höhepunkt, der keiner
ist, weil er einfach zu spät
Unterdrückung oder Zwang hindeuten, ist eigentlich
ein Skandal. Dass die Menschenrechtsorganisation
Anregung der Deutschen Islam- kommt, viel zu spät für die Human Rights Watch nach eingehender Untersu-
schnelllebige Medienkratie. chung daher in einem Bericht vom Februar diesen
konferenz zum ersten Mal eine Jahres von einer Menschenrechtsverletzung und Dis-
repräsentative Studie gibt, die Jetzt nach über zehn Jahren kriminierung spricht, ist eigentlich auch einen Skan-
Kopftuchdebatte - ja, es dal wert (S. 42). Aber es scheint niemanden mehr
90% das
feststellt, dass über ist in der Tat schon mehr
als zehn Jahre her, als eine
zu interessieren, der Zug ist abgefahren, das Thema
Kopftuch hat eine so lange Nase. Man erachtet es
Kopftuch aus rein religi- Lehrerin 1998 klagte, um
mit dem Kopftuch unter-
eigentlich nur noch für relevant, zu erwähnen, dass
die meisten muslimischen Frauen kein Kopftuch
ösen Gründen tragen und richten zu dürfen – jetzt
interessiert es einfach nie-
tragen. Dass die Studie auch Ergebnisse bereit hält,
die die Motive der kopftuchtragenden Frauen ana-
auch ausnahmslos alle anderen manden mehr so wirklich, lysieren, wird erst bei näherem Hinsehen deutlich –
Beweggründe, die genannt werden, dass es endlich eine reprä- man muss sich dazu schon die Arbeit machen und
sentative Studie gibt, die die über 400seitige Untersuchung selbst in die Hand
keineswegs auf Unterdrückung der Debatte einen Großteil nehmen, denn die Medien berichten darüber schon
oder Zwang hindeuten, ist eigentlich ihrer Grundlage nimmt. längst nicht mehr.
Ja, noch viel schlimmer,
ein Skandal sie nimmt den Gesetzen,
die seitdem erlassen wur-
„Nichts ist so mächtig, wie eine Idee, deren Zeit
gekommen ist“, sagte der französische Schriftstel-
den, jegliche Berechtigung. Sicherlich, schon immer ler Victor Hugo einst – aber leider ist auch kaum
haben Musliminnen betont, dass sie das Kopftuch etwas so ohnmächtig, wie eine Erkenntnis, deren
freiwillig tragen – aber wen hat das interessiert? Wer Zeit abgelaufen ist. Und leider haben die meisten
hat es medienwirksam in die öffentliche Meinung Medien eine ziemlich geringe Motivation, bestimm-
getragen? Wer ist auch nur auf die Idee gekommen, te Einsichten aus dem wissenschaftlichen Diskurs
muslimische Frauen zu fragen? Es wurde einfach da- in das Bewusstsein der öffentlichen Meinung zu
von ausgegangen, dass das Kopftuch der Muslimin katapultieren, die ohnehin nicht in ihrem Interesse
ein Symbol der Unterdrückung sei und auf dieser sind. Medienwirksam waren dagegen Ereignisse, die
Grundlage wurden Gesetze erlassen. polarisierten, die sofort das bereits vorhandene Bild
über den Islam bekräftigten und dem Rezipienten
das behagliche Gefühl gaben, außerhalb des Islams
auf der richtigen Seite zu stehen.

1
Noelle, E./ Petersen, T. (2006): „Eine fremde, bedrohliche Welt. Die Einstellungen der Deutschen zum Islam“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Mai
2006.

46 LICHTBLICK
Spezial: Kopftuch

Quelle: Wiki Commons

Blicken wir einmal auf die letzten
Jahre zurück: Kaum war der Streit
um das Kopftuch im öffentlichen
Diskurs abgeklungen und die De-
batte um so genannte Ehrenmor-
de, um Zwangsheirat und burkat-
ragende Schülerinnen langsam zur
alltäglichen Gewohnheit geworden,
meldete sich eine Schar von Politi-
kerinnen zu Wort, die eindringlich
an die kopftuchtragenden Frauen
appellierte, ihr Kopftuch und da-
mit ihr rückständiges Verhalten nun
endlich abzulegen, um im „hier und
heute“ ankommen zu können und
ihre eigene Integration und damit
ihre Zukunft nicht weiter zu be-
hindern. Unterstellt wurde dabei
wieder einmal, das Kopftuch wer-
de von Frauen getragen, die in ar-
chaischen Traditionen verharrend
nicht in der Lage seien, sich für die
Moderne zu öffnen. Das Bild der
muslimischen Frau, die den Islam
tatsächlich auch praktiziert, blieb
damit negativ. Es verwundert daher
nicht, dass das Institut für Demos-
kopie in Allensbach immer wieder
zum Ergebnis kommt, dass über 90
Prozent der Befragten sagen, „sie
dächten bei dem Stichwort Islam an
die Benachteiligung von Frauen“.

Ein Negativbild mit Folgen

D och es geht und ging bei der
Diskussion um die Rolle der
muslimischen Frau nicht nur um das
Islambild der Deutschen und die
negative Wahrnehmung des Islams
in der öffentlichen Meinung. Damit
Der Fall Marwa Ali El-Sherbini sorgte für Entrüstung und den Vorwurf der Islamophobie - hier eine Gedenkfeier am
Rathaus Dresden mit dem Sprecher der ägyptischen Botschaft

LICHTBLICK 47
© pixelio.de: tommyS

Gebetsmühlenartig wurde in den Medien gepredigt, das Kopftuch sei ein Symbol der Unterdrückung - Studien ergeben etwas anderes

einher gehen vielmehr auch weitreichende Konsequen- Symbol für den Islamismus und die Unterdrückung der
zen für die Integration der muslimischen Einwanderer. Frau darstellt. Die Begründung Schavans wurde, seit-
Denn die hitzigen Debatten in den Zeitungen und die dem sie 1998 dafür plädierte, der muslimischen Lehre-
zunehmend einseitige Darstellung der Muslimin in den rin Fereshta Ludin das Unterrichten mit Kopftuch zu
Medien prägte auch das Verhalten der Politiker: Kon- untersagen, gebetsmühlenartig von sämtlichen Medien
krete politische Entscheidungen, wie etwa verschärfte und Politikern immer und immer wieder reproduziert
Einwanderungsregeln, um die Zwangsheirat zu unter- und damit zum Faktum erklärt. Man schien hier gemäß
binden, oder das Kopftuchverbot für Beamtinnen, wa- des Prinzips, Wahrheit durch konstante Wiederholung
ren die Folge. Gerade Gesetze, die ein Kopftuchverbot zu etablieren, vorzugehen. Nach dem berühmten Tho-
durchsetzten, waren dabei besonders schwerwiegend für mas-Theorem sind zumindest die Konsequenzen einer
die Betroffenen. Interessant ist nun vor allem aus heuti- für wahr erklärten Situation tatsächlich real. Indem also
ger Sicht und mit heutigem Kenntnisstand zu beobach- hier seitens bestimmter Politiker und Leitmedien sugge-
ten, wie solche restriktive Maßnahmen begründet wur- riert wurde, es sei eine eindeutig belegte Tatsache, dass
den, und ob sie auch damals überhaupt wissenschaftlich das Kopftuch vor allem von politisch motivierten oder
haltbar waren. religiös unterdrückten Frauen getragen werde und da-
bei als Symbol für Intoleranz und die Ungleichheit von
Das Hauptmotiv für ein Kopftuchverbot war nach Mann und Frau stehe, wurde der Eindruck erweckt, es
Bundesbildungsmininsterin Annette Schavan (CDU) gäbe eine legitime Grundlage für politisch restriktiven
die erklärte Tatsache, dass das Kopftuch ein politisches Handlungsbedarf.

48 LICHTBLICK
Spezial: Kopftuch

Jenseits der medialen Realität explizit mit den Beweggründen angehender Lehre-
rinnen, das Kopftuch zu tragen. Die befragten Lehr-

D as erstaunliche an diesem Prozess war nun,
dass man jenseits der medialen Realität erwar-
ten sollte, für diese behaupteten Zusammenhänge
amtsstudentinnen sehen sich als „professionelle Ver-
mittlerin des Lehrstoffes und möchten ihre religiöse
Orientierung als von allen Beteiligten zu akzeptie-
empirische Nachweise liefern zu können. Es kann rende persönliche Angelegenheit geachtet wissen.“
schließlich nicht sein, dass Politiker sich einfach nur Von religiöser Indoktrination und fundamentalisti-
auf ihre Perzeption der öffentlichen Meinung ver- schen Gedankengut nehmen sie wie erwartet großen
lassen, gerade wenn es um ein solch brisantes und Abstand und distanzieren sich mit aller Schärfe. Die
moralisch, wie emotional aufgeladenes Thema geht. Studie macht deutlich, dass sich diese Einstellung
Schließlich ist bekannt, dass es genügend sozialpsy- auch im gesamten Lebenswandel und der Weltan-
chologische Mechanismen gibt, die dazu führen, dass schauung der Befragten niederschlägt.
die öffentliche Meinung zu einer sehr verzerrten
Wahrnehmung der Realität tendiert. Man vermutet Gritt Klinkhammer (2000) dagegen interessierte sich
daher, dass zumindest eine umfassende Studie vor- dafür, wie junge muslimische Frauen angesichts der
gelegen haben muss, die Politiker, Richter und Jour- Konfrontation mit einer modernen Lebensführung
nalisten zu der Annahme führte, kopftuchtragende den Islam für sich deuten und auslegen und fragte
Frauen seien unterdrückt, um davon ausgehend poli- dabei nach dem geschlechtsspezifischen Selbstver-
tisch, gesetzlich und sozial weitreichende Schritte zu ständnis ihrer Probandinnen. Sigrid Nökel (2002)
veranlassen. Und tatsächlich ließen sich auch schon legte ihren Schwerpunkt auf den Alltag muslimischer
vor dem Zeitpunkt der Gesetzgebungen gleich meh- Frauen und berücksichtigte auch weniger gebildete
rere wissenschaftliche Studien finden, die sich mit Musliminnen für ihre narrativ-biographischen Er-
muslimischen Kopftuchträgerinnen befassten. zählungen. Alle drei Studien sind interessant zu lesen,
Doch überraschenderweise scheinen diese Studien da sie auf der Grundlage von Interviews entstanden
größtenteils völlig ignoriert oder schlicht nicht rezi- sind und folglich aufgrund der vielen Originalzita-
piert worden zu sein, da sie schon damals wiederholt te lebendig gestaltet sind.
und unabhängig voneinander zu bemerkenswert Allerdings findet sich für Studien, die die Positionen
ähnlichen Ergebnissen kamen. Und zwar zu Ergeb- kopftuchtragende Musli-
nissen, die eindeutig konträr zu den Positionen der minnen nicht viel Neues,
der Leitmedien und Politiker
Leitmedien und führende Politiker stehen und die-
sen sogar vehement widersprachen!
einzig die Erkenntnis, dass
auch viele andere (hier vor
vehement widersprechen, wurden
allem türkische) kopftucht-
ragende Frauen ganz ähn-
ignoriert
Klischeebild entlarvt liche Beweggründe haben, das Kopftuch zu tragen
wie man selbst und die Mehrheit damit keineswegs

D a vor allem die früheren Studien so wenig be-
kannt sind, soll im Folgenden kurz auf die
wichtigsten eingegangen werden. Gleich drei quali-
dem traditionellen Klischeebild der Medien ent-
spricht, springt ins Auge.

tative Untersuchungen zu muslimischen Kopftuch- Koran, Kopftuch, Küche?
trägerinnen der zweiten Migrantengeneration in
Deutschland wurden noch vor der Hochphase der
Kopftuchdebatte durchgeführt. Sie basieren haupt-
sächlich auf biographieanalytische Interviews und
S o wird in allen drei Studien deutlich, dass die
befragten Frauen das Kopftuch nicht fremd-
bestimmt, sondern freiwillig tragen und häufig ne-
haben vor allem Jungakademikerinnen zum Gegen- ben der eigenen Religiosität das Vorbild der Mut-
stand. ter oder anderer Verwandten und Bekannten eine
entscheidende Rolle spielt. Andererseits wird das
Der Schwerpunkt in der Studie von Yasemin Kara- Kopftuch auch oft in Abgrenzung zur älteren Ge-
kasogul-Aydin, die ihre Arbeit bereits 1999 veröf- neration getragen: Man distanziert sich damit von
fentlichte, liegt dabei auf die Verknüpfung muslimi- nicht-islamischen Traditionen und versucht, wieder
scher Religiosität und Erziehungsvorstellungen bei den ursprünglichen Islam zu praktizieren. Einen
angehenden Pädagoginnen. Sie beschäftigte sich also religiös-autoritären Erziehungsstil haben aber nur
2
Karakasogul-Aydin, 1999, S. 437

LICHTBLICK 49
diejenigen Frauen erlebt, bei deren Eltern ein nied- Natürlich spielten auch traditionelle, soziale oder
riges Bildungsniveau ausgemacht werden konnte. gesellschaftliche Gründe eine Rolle. Z.B. schöpfen
Die Mehrheit der befragten Frauen stammt zwar aus viele Frauen Selbstbewusstsein durch das Tragen des
bildungsfernen Familien, gleichzeitig zeigten diese Kopftuches oder kritisieren den sexistisch aufgela-
Frauen jedoch eine starke denen öffentlichen Raum, dem sie sich zu entziehen
„Kopftuch, Küche, Koran“ passt Bildungs- und Aufstiegs- versuchen, indem sie durch das Tuch ihre Persön-
orientierung. „Kopftuch, lichkeit in den Vordergrund rücken. In diesem Zu-
daher nicht als Leitmotiv für diese Küche, Koran“ passt daher sammenhang wurde die Schutzfunktion des Kopftu-

da müsste man
Musliminnen,
nicht als Leitmotiv für die-
se Musliminnen, da müsste
ches betont. Alle kopftuchtragenden Frauen hatten
jedoch eines gemeinsam: Sie empfanden die Unter-

die „Küche“ schon mit man die „Küche“ schon
mit „Karriere“ ersetzen.
stellung der Politisierung ihrer Religiosität als Miss-
achtung ihres persönlichen und individualistischen

„Karriere“ ersetzen Nichtsdestotrotz zeig-
te sich, dass muslimische
Zugangs zum Islam. Wen wundert es da, dass die
neue repräsentative Studien „Muslimisches Leben
Migrantinnen allesamt die in Deutschland“ (siehe S. 31) genau das bestätigt?
Mutterschaft als inhärenten Bestandteil ihres Lebens
betrachteten und sich im Gegensatz zu einem Teil
deutscher weiblicher Jugendlicher ein Leben ohne Ein herber Schlag für Schavan
Kinderwunsch nicht vorstellen konnten.

Motive für das Kopftuch
D ieses Ergebnis, das damals schon seit Jahren
hätte bekannt sein müssen, sollte man eigent-
lich als einen herben Schlag für die Bundesbildungs-
ministerin Schavan und ihren Mitstreitern werten.

E ntscheidend ist nun, welche Motive die Frau-
en für das Tragen des Kopftuches nann-
ten. Ohne im Detail auf die einzelnen Begrün-
Doch waren zunächst noch Einwände möglich:
Schließlich basierten die qualitativen Interviews nur
auf jeweils um die 20 junge Musliminnen, sie waren
dungen einzugehen, kristallisierte sich bereits somit nicht repräsentativ. Karakasogul-Aydin wur-
damals eindeutig heraus, dass das Hauptmotiv die de außerdem als islamistische Voreingenommenheit
Einhaltung eines göttlichen Gebotes darstellte. ausgelegt, dass sie selbst Alevitin ist und offen für
Diskussionen mit „konservativen Muslimen“. Zwar
spricht es für sich, dass alle drei Studien unabhän-
www.kopftuch.info

gig voneinander zu ähnlichen Ergebnissen kamen,
so dass man quasi von kumulativen Replikationsstu-
dien sprechen kann, deren Ergebnisse zusammen
genommen besonders signifikant sind. Doch auch
wenn man unabhängig davon die eben erwähnten
Einwände gelten lassen würde, so waren sie spätes-
tens 2006 deutlich entkräftet: Denn der CDU-nahen
Konrad-Adenauer-Stiftung hätte wohl niemand eine
Voreingenommenheit unterstellt.

Gerade sie legte nun eine empirische Studie vor,
bei der Gebildete, weniger Gebildete, Ältere, Junge,
Hausfrauen und berufstätige Frauen, die das Kopf-
tuch tragen, befragt wurden. Neben der Studie, die
das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frau-
en, Jugend zur Lebenssituation von Mädchen und
jungen Frauen mit Migrationshintergrund 2005
Bunderländer mit Kopftuchverbot (rot) für Lehrkräfte veröffentlichte, war das nun die zweite umfassende,
quantitative Studie zum Thema. Während letztere

50 LICHTBLICK
Spezial: Kopftuch

allgemein Migrantinnen als Untersuchungsgegen- Überlegenheitsgefühle unter Kopftuchträ-
stand hatte und muslimische Frauen nur eine Unter- gerinnen?
gruppe bildeten, lag der Schwerpunkt der Konrad-
Adenauer Studie ausschließlich auf dem Denken
und der Einstellung muslimischer Kopftuchträge-
rinnen türkischer Herkunft. Allerdings stammten die
A llerdings gibt es ein Ergebnis der Adenauer-
Studie, das in den Feuilletons gerne instrumen-
talisiert wurde als Zeichen für die Positionierung
kopftuchtragenden Musliminnen aus ausgewählten der Kopftuchträgerinnen gegen die Menschenrech-
Moscheegemeinden, die Auswahl der Frauen war für te. Jede dritte Kopftuchträgerin erklärte nämlich,
Musliminnen in Deutschland daher nicht wirklich re- nicht alle Menschen seien vor Gott gleich. Überle-
präsentativ – diese Lücke schließt erst die dieses Jahr genheitsgefühle und ein Gefühl der Auserwähltheit
im Juni veröffentlichte Studie „Muslimisches Leben seien bei den Kopftuch tragenden Frauen deutlich
in Deutschland“. Dennoch waren auch die damals stärker ausgeprägt, heißt es in der Studie. Das wur-
publizierten Resultate nicht unbedeutend. Die Wo- de zum Anlass genommen, dem Kopftuch nun doch
chenzeitung Die Zeit kommentierte die Ergebnis- die Funktion der Abgrenzung zu attestieren. Bevor
se erstaunlich treffend: „Wer sie [d.h. die Konrad- man nun aber wieder ver-
Adenauer Studie] liest, muss sich fragen, aus welchen sucht, einen Anlass zu fin-
Quellen die Verfechter des Kopftuchverbots ihre an- den, die Kopftuchträgerin- Alice Schwarzer, Necla Kelek
geblichen Erkenntnisse eigentlich geschöpft haben“. nen skeptisch zu beäugen,
sollte zusätzlich untersucht
und Konsorten machen sich eher
werden, wie die Frage ver- lächerlich, wenn sie weiterhin vom
Kopftuch als religiöse Pflicht standen wurde. Wer würde
leugnen wollen, dass ein Kopftuch als „Flagge islamis-
S o machte die Studie deutlich, dass die befragten
muslimischen Migrantinnen erwiesenermaßen
kaum anders denken als durchschnittliche Deutsche.
Massenmörder einen an-
deren Rang einnimmt, als
eine Friedensnobelpreisträ-
tischer Kreuzzügler“ und
Die Untersuchung bestätigt vielmehr die oben an- gerin? Es geht hier ja nicht einem „frauenverachtenden Symbol
geführten qualitativen Studien nun auch empirisch- um die prinzipielle Würde der Fanatiker“ sprechen.
quantitativ: 9 von 10 schöpfen durch das Tragen des Menschen, sondern da-
eines islamischen Kopftuches Selbstvertrauen, an- rum, dass bestimmte Taten
statt sich unterdrückt zu fühlen. Niemand nennt vor Gott als wohlgefälliger
politisch-motivierte Beweggründe für das Kopf- angesehen werden könnten, als andere. Zwar kann
tuchtragen, vielmehr sagen 97%, die Bedeckung sei der Mensch sich nach islamischer Lehre nicht anma-
eine religiöse Pflicht, zudem sind 90% der Befragten ßen, selbst entscheiden zu können, wie Allah über
für die Demokratie. 81% stimmen der Aussage zu, Andere urteilt bzw. wie die Absichten des Einzelnen
dass es „in der Ehe bei dem, was der Mann oder die sind. Doch ist es ein Bestandteil des Glaubens vieler
Frau für Haushalt oder Familie tun, keine prinzipiel- Religionen, dass man durch die Befolgung der Ge-
len Unterschiede geben sollte“. Vergleicht man ins- bote Gottes und damit durch das Vollbringen guter
gesamt die Werte dieser Studie mit einer aktuellen Taten, Gottes Liebe, Seine Nähe und Sein Wohlge-
repräsentativen Umfrage unter deutschen Frauen, so fallen erlangen kann. Dieser Glaube korreliert dabei
stellt man fest, dass die praktizierenden Musliminnen nicht mit Stolz oder Arroganz, denn diese Eigen-
sogar noch karriereorientierter sind, prinzipiell aber schaften zeichnen dem Koran zufolge Iblis, den Teu-
sehr ähnliche Ergebnisse zu beobachten sind. Von fel, aus und gelten daher als schwerwiegende Sünden
einer „kulturellen Abgrenzung“ durch das Kopftuch, (Koran, Sure 7: Vers 13).
wie Schavan einst postulierte, kann also keine Rede
sein. Und auch Alice Schwarzer, Necla Kelek und Von daher kann es irreführend sein, pauschal von
Konsorten machen sich eher lächerlich, wenn sie Überlegenheitsgefühlen der Kopftuchträgerinnen
weiterhin vom Kopftuch als „Flagge islamistischer zu sprechen. Plausibler scheint es, daraus abzulei-
Kreuzzügler“ und einem „frauenverachtenden Sym- ten, dass muslimische Frauen der Meinung sind, das
bol der Fanatiker“ sprechen. Kopftuch sei ein Mittel, um Allah näher zu kommen

LICHTBLICK 51
– was nicht zwangsläufig heißt, dass alle Kopftuch-
trägerin Allahs Wohlgefallen auch tatsächlich erlan- Bürger zweiter Klasse
gen. Schließlich ist das Kopftuch nur ein Gebot von
mehr als 600 anderen. Das Gebot, sich zu bedecken,
wird im Koran nur in zwei von über 6000 Versen
erwähnt– im Gegensatz dazu fallen andere Auffor-
A bgesehen davon können allerdings auch psy-
chologische Motive eine Rolle für eventuell vor-
handene Überlegenheitsgefühle spielen. Denn die
derungen des Korans viel schwerer ins Gewicht, Studie offenbarte auch, dass vier von fünf Befragten
man denke etwa an die immer wiederkehrende Auf- sich in Deutschland als Bürgerinnen zweiter Klasse
forderung, gerecht, barmherzig und gnädig zu sein. behandelt fühlen. Vor diesem Hintergrund könnten
Oder an die Tatsache, dass der Koran mit strengem möglicherweise vorhandene Überlegenheitsgefühle
Nachdruck ermahnt, von seiner Vernunft Gebrauch auch als Kompensation dienen für Erfahrungen der
zu machen (z.B. Sure 10: Vers 101). Das Kopftuch- Demütigung, die aus der Diskriminierung des Kopf-
gebot erscheint dabei nur als ein i-Tüpfelchen, das tuches resultieren. Natürlich legitimiert diese Deu-
der eigenen Überzeugung Ausdruck verleiht und das tung eine solche Einstellung nicht – auch wenn sie
man nicht einfach ignorieren kann, wenn man an Al- damit erklärbar wird, so ist sie vor allem islamisch
lah als Urheber des Koran glaubt. gesehen völlig unvereinbar mit moralischen Grund-
werten des Islams, wie oben gezeigt wurde.

Dass es sich bei dem Gefühl des Ausgegrenzt-wer-
dens jedoch nicht um ein rein subjektives handelt,
zeigt nicht nur der traurige Fall Marwa Ali El-Sherbi-
ni. Die Tatsache, dass kopftuchtragende Lehrerinnen
und teilweise auch Beamtinnen vor die Wahl gestellt
werden, sich für ihren Beruf oder ihren Glauben zu
entscheiden untermauert dies – was auch für Hu-
man Rights Watch Anlass genug war, heftige Kritik
zu üben. Hinzukommt noch der mittlerweile im-
mer wieder reproduzierte Allgemeinplatz, dass „im
Interesse einer verbesserten Integration von Mig-
rantenkindern im Schuldienst dringend mehr Lehr-
kräfte mit Migrationshintergrund eingestellt werden
sollten“. Dennoch hat inzwischen die Hälfte der
Bundesländer das Kopftuchverbot erlassen, allen
eben dargestellten wissenschaftlichen Befunden zum
Trotz.

Über die verhüllten Köpfe hinweg

M an wird das Gefühl nicht los, dass über die
letzten Jahre hinweg gezielt versucht wurde,
die rein religiös-weltanschauliche Bedeutung des
Kopftuchs zu negieren . Denn im Anbetracht der
Uneinigkeit über den konkreten Gehalt des Neut-
ralitätsprinzips und dessen permanenter Verletzung
durch die faktische Bevorzugung des Christentums
im staatlichen Leben, hätte ein Kopftuchverbot kei-
Das koranische Kopftuchgebot ist eines von vielen, aber für
viele gläubige Musliminnen essentiell

52 LICHTBLICK
Spezial: Kopftuch

nen Bestand haben können, würde nicht eine poli-
tische, menschenverachtende Bedeutung unterstellt.
Nur so lässt sich auch erklären, warum zum einen Karakasoglu-Aydin, Y. (1999): Muslimische
die vorhandenen qualitativen Studien ignoriert wur- Religiosität und Erziehungsvorstellungen. Eine
den bzw. erst sieben Jahre nach dem Entfachen des empirische Untersuchung zu Orientierungen
Kopftuchstreits 1998 die erste quantitative Untersu- bei türkischen Lehramts- und Pädagogik- Stu-
chung veröffentlicht wurde und nun im Jahre 2009 dentinnen in Deutschland. Diss. Frankfurt am
erst auf Anregung der Deutschen Islamkonferenz
Main.
die erste repräsentative Studie analysiert hat, was
wirklich die Motive der Kopftuchträgerinnen sind.
Klinkhammer, G. (2000): Moderne Formen
Dass man nicht schon viel früher auf eine empirische islamischer Lebensführung. Eine qualitativ-
Überprüfung der Sachfrage insistierte, sondern sich empirische Untersuchung zur Religiosität sun-
vielmehr mit zahllosen Erwägungen darüber, was nitisch geprägter Türkinnen in Deutschland.
das Tragen des Kopftuches bedeuten könne oder Diss. Marburg.
nicht, zufrieden gab, ohne die Trägerinnen selbst zu
fragen, muss umso mehr als ein Skandal gelten, als
dass die nun veröffentlichten repräsentativen Ergeb-
Nökel, S. (2002): Die Töchter der Gastarbei-
nisse dem Kopftuchverbot jegliche Grundlage ent- ter und der Islam. Zur Soziologie alltagswelt-
ziehen. Jahrelang wurde somit eine Debatte über die licher Anerkennungspolitiken. Eine Fallstudie.
verhüllten Köpfe der Musliminnen hinweg geführt. Diss. Bielefeld.
Die Leittragenden sind trotz wissenschaftlich relativ
eindeutiger Sachlage die Musliminnen. Daher bleibt Boos-Nünning, U. & Karakasoglu Y.
den kopftuchtragenden Musliminnen nur die Mög-
(2005): Viele Welten leben. Zur Lebenssitu-
lichkeit, den wissenschaftlichen Diskurs in die politi-
sche Medienrealität einzuführen, indem sie sich mit
ation von Mädchen und jungen Frauen mit
fundierten Sachkenntnissen einmischen, wo es nur Migrationshintergrund. Eine Studie im Auftrag
möglich ist. Denn hier geht es um die Verteidigung des Bundesministeriums für Familie, Senioren,
ihrer Rechte. ▣ Frauen, Jugend. Berlin.

Jessen, F. & Wilamowitz-Moellendorff,
v. U. (2006): Das Kopftuch –Entschleierung
eines Symbols? Zukunftsforum Politik. Bro-
schürenreihe herausgegeben von der Konrad-
Adenauer-Stiftung e.V. Sankt Augustin/Berlin.

Haug, S., Müssig, S. & Stichs, A. (2009):
Muslimisches Leben in Deutschland. For-
schungsbericht im Auftrag der Deutschen
Islamkonferenz. Bundesamt für Migration und
Flüchtlinge. Nürnberg.

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Zeit Nr. 38, 14.09.2006

LICHTBLICK 53