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Nein zur Pflegekammer

Wieso wir nicht noch eine Institution brauchen,


die über unseren Kopf hinweg entscheidet!

https://www.bpa.de/fileadmin/user_upload/MAIN-dateien/pflegekammer/index.html

Julia Sunny Sombroek


Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

PERSÖNLICHE VORSTELLUNG ........................................................................................................ 3

WAS IST EINE PFLEGEKAMMER? ................................................................................................... 4

HISTORIE DER PFLEGEKAMMER .................................................................................................... 5

EUROPA UND DIE PFLEGEKAMMER ............................................................................................... 5

QUERVERGLEICH ÄRZTEKAMMER ................................................................................................. 6

EINFÜHRUNG DER PFLEGEKAMMER IN ANDEREN BUNDESLÄNDERN ............................................. 6

WAS SPRICHT GEGEN DIE PFLEGEKAMMER NRW? ......................................................................... 7

FAZIT............................................................................................................................................ 8
Persönliche Vorstellung

Mein Name ist Julia Sunny Sombroek, ich bin 23 Jahre jung und examinierte
Gesundheits- und Krankenpflegerin in der Akutpsychiatrie in Dortmund. Ich
arbeite seit 2017 in der Pflege und sehe meinen Beruf eher als Berufung, als ein
bloßes Mittel um Geld zu verdienen. So sehe ich es auch bei vielen meiner
Kollegen, die trotz der teilweise gefährlichen Zustände aufgrund von
Personalmangel, jeden Tag versuchen das Beste für unsere Patienten
rauszuholen, obwohl die Arbeitsbelastung aktuell das Maximum erreicht hat.
Nach meinem Abitur war ich mir sicher, dass dies der passende Beruf für mich
ist, da meine Mutter in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeitet und ich so
schon in jungen Jahren viele Eindrücke ihrer täglichen Arbeit erlangen konnte.
Auch über die teilweise erschreckenden Zustände in der Pflege war ich mir
bewusst, hätte aber nicht gedacht, dass ich mir in den wenigen Jahren so oft
Gedanken drüber machen muss, ob dieser Beruf für mich und andere
überhaupt noch machbar ist. Machbar in dem Sinne, nicht völlig ausgelaugt
und jeden Tag an der Gesundheitspolitik zweifelnd nach Hause zu kommen und
am liebsten nur schlafen zu wollen. Nun geht es den meisten in meinem
Umfeld genau so, und doch stehen wir zu den seltsamsten Zeiten morgens auf,
erledigen unseren Dienst gewissenhaft und springen einen Tag später in den
Nachtdienst ein, bis ein weiterer Anlass der Politik vorhanden ist, um erneut an
unserem Job zu zweifeln. Möchte ich ein Studium machen? Möchte ich selbst
in die Politik? Möchte ich das ganze System verlassen? Fragen, die immer
wieder aufkommen und dann wieder verworfen werden, da man seinen Beruf
ja schließlich liebt, seine Kollegen schätzt und auch immer ein Funke Hoffnung
bleibt, dass sich etwas zum Positiven ändert. Allerdings gibt’s es für mich
aktuell einen weiteren Anlass, mich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen,
nun aber schwerwiegender als jeder Anlass zuvor: Die Zwangsmitgliedschaft
der Pflegekammer NRW.
Was ist eine Pflegekammer?

Laut Duden versteht man unter einer Kammer eine „gesetzgebende


Körperschaft der Volksvertretung“ (Duden, 2015). Das bedeutet, er bildet sich
aus Personen, die der Berufsgruppe, in diesem Fall der Pflege, angehörig sind.
Zusätzlich beinhaltet dieser Zusammenschluss, dass die der Pflege angehörigen
gegenübereinander und gegenüber der restlichen Gesellschaft Pflichten
übernehmen und vor Allem Interessen des Berufsstandes vertreten.

Damit sich solch eine Institution bilden kann, wird die Zustimmung des
Gesetzgebers benötigt und das auf Länderebene. Körperschaften des
öffentlichen Rechts sind „Einrichtungen, die als juristische Personen des
öffentlichen Rechts für den Staat Aufgaben übernehmen“ (Duden Verlag,
2013).

Kombiniert man diese beiden Aspekte miteinander, müsste dies nach meiner
Auffassung bedeuten, dass Pflegekräfte im Namen aller Pflegekräfte Interessen
der Berufsgruppe im Namen des Bundeslandes vertreten, da eine einzelne
Pflegeperson diese Aufgaben des Staates nicht übernehmen kann.

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass eine Kammer die Aufgabe
der Standesvertretung,- Förderung und -Aufsicht hat (vgl. DBfK, 1995, S.7).
Darüber hinaus soll sie Mitglieder unterstützen, bei Gesetzgebungsverfahren
zur Seite stehen und Verantwortung für Fort- und Weiterbildung zur
Qualitätssicherung haben (vgl. Martini, 2014, S.40-42).
Historie der Pflegekammer
Die erste Kammer wurde vor über 100 Jahren in den USA gegründet. Nach
immer mehr Gründungen von Kammern, entstand rund 70 Jahre darauf der
„National Council of State Board of Nursing“ (vgl. National Council of State
Board of Nursing, 2015).
Die amerikanische Krankschwester Mary Lewig Wyche erkannte schon 1902
den Bedarf eines Zusammenschlusses aller Pflegenden und merkte schnell,
dass niemand auf ihren ersten Brief antwortete, in dem sie eine solche
Organisation forderte. Ein Phänomen, dass auch heute noch brandaktuell zu
sein scheint. Pflegekräfte damals und heute, fordern stetig Veränderungen des
Berufsstandes, engagieren fällt den meisten leider schwer.
Als sie allen Pflegekräften einen Brief mit der bereits gegründeten Organisation
„Raleigh Nursing Association“ sendete, versammelten sich plötzlich alle
angeschriebenen Pflegepersonen (vgl. Politt, 2014).

Dies lässt sich in der aktuellen Rundschreiben Aktion der Pflegekammer erneut
beobachten, die Pflegekammer existiert bereits.

Europa und die Pflegekammer


Schaut man in unsere Nachbarländer, lassen sich verschiedene Modelle
erkennen. Der ICN (Intenational Coucil of Nursing) unterstützt weltweit in der
Gründung einer selbstverwaltenden Organisation für die Pflege und bildet im
Rahmen dessen sogar fort. In Großbritannien registrieren sich bereits seit 96
Jahren Pflegende verpflichtend. Allerdings ist die Position des Präsidenten
dieser Kammer, nicht durch einen Angehörigen des Berufsstandes besetzt.
Weitere Pflegekammern finden sich zum Beispiel in Dänemark, Irland, Italien
und Polen. Das Aufgabenspektrum ist jedoch unterschiedlich, einige dienen
lediglich der Registrierung, so zum Beispiel in Österreich mithilfe des
Gesundheitsberufe Registers. Einige wiederum beschäftigen sich auch mit
Berufszulassung, die bei uns von den Gesundheitsämtern geregelt ist, oder der
Standeskontrolle mit Disziplinarverfahren und Entwicklung von Standards (vgl.
DBfK 1995, S. 18-21). Belgien, Finnland, die Niederlande, Schweden und
Österreich sind Länder ohne eine Kammer, wobei in Schweden das Ansehen
der Pflegepersonen auch ohne Kammer deutlich höher ist.
Quervergleich Ärztekammer

Im Grunde ist eine Ärztekammer ebenso aufgebaut, wie die Pflegekammer


auch. Sie setzt sich aus verschiedenen Organen zusammen, dessen genauere
Definition für diesen Zusammenhang keine weitere Rolle spielt. Sie organisiert
sich auf zwei Ebenen in der Landesärztekammer und der Bundesärztekammer.
Alle approbierten Ärzte und Ärztinnen sind Pflichtmitglieder ihrer zuständigen
Landesärztekammer und zahlen monatlich einen Beitrag. Thematisch zählt zu
den Aufgaben dieser Kammer die Weiter- und Fortbildung, Überwachung
ärztlicher Pflichten, Ahndung von Verstößen, außergerichtliche Vertretung bei
Patientenbeschwerden, Beratung, Einflussnahme auf gesundheitspolitische
Entscheidungen und Öffentlichkeitsarbeit.
Grundsätzlich sinnvolle Aufgaben, für die es sich meiner Meinung nach in der
Theorie lohnt, einen Beitrag zu zahlen.

Letztendlich stellt sich mir dennoch die Frage, ob Ärzte wegen der Kammer ein
höheres Ansehen genießen oder wegen des Berufsstandes an sich?

Einführung der Pflegekammer in anderen Bundesländern

In Bayern findet sich bereits seit 2017 ein Zusammenschluss von Pflegenden,
„Vereinigung der Pflegenden in Bayern“ (nachfolgend VdPB genannt), die
Mitgliedschaft ist freiwillig und beitragsfrei. Arbeitgeber, also die
Trägerverbände können kein ordentliches Mitglied werden, was in der
Quintessenz sinnvoll erscheint, da sonst ein Interessenkonflikt bestünde.

In Niedersachsen wurde bis November 2021 eine Auflösung der Pflegekammer


durch den Landtag beschlossen, obwohl vorherige Kläger gescheitert waren. Zu
laut war der Aufschrei der Pflegenden.

In Rheinland-Pfalz ist die Pflegekammer schon seit 2016 beschlossene Sache.


Dass aber auch dort Unzufriedenheit herrscht, sieht man an dem Beispiel
einiger Pflegekräfte, die gegen die Zwangsmitgliedschaft
Verfassungsbeschwerde eingereicht haben. Diese wurde abgewiesen (vgl. aok-
verlag.info/de/news)
Nun werden auch wir in NRW auf die Pflegekammer aufmerksam, obwohl
schon 2018 die Umfragen stattfanden. 1500 Pflegekräfte wurden befragt, 79%
stimmten für die Kammer. Die Umfrage sollte nur meinungsbildend wirken,
keine demokratische Entscheidung begünstigen. Das wird deutlich, wenn man
berücksichtigt, dass es in NRW rund 185.000 Pflegekräfte gibt.

Was spricht gegen die Pflegekammer NRW?

Grundsätzlich sind Arbeitgeber, sprich Pflegeeinrichtungen dafür


verantwortlich, dass Qualitätsstandards vorhanden sind, verbessert und
überprüft werden. Dies findet im Rahmen von Fort- und Weiterbildungen statt
und sollte regemäßig evaluiert werden, natürlich evidenzbasiert.
Wieso wird also eine Institution benötigt, die für Fort- und Weiterbildung
zuständig ist? Vernachlässigen Pflegeeinrichtungen also die Qualitätssicherung?
Sollte dies der Fall sein, müsste demnach die Politik reagieren. Eine Kammer
kann nur zu Fortbildungen verpflichten, würde also damit die Arbeitgeber
übergehen und dafür sorgen, dass Pflegeeinrichtungen sich weigern,
Fortbildungen zu finanzieren die sonst intern stattfinden. Muss dann also der
Arbeitnehmer, der sowieso schon mehr Lohn fordert, in seiner Freizeit an
selbstzuzahlenden Fortbildungen teilnehmen?

Das Gesundheitssystem hat zu Grundlage, das Kranken- und


Pflegeversicherungen für die finanzielle Basis der Beitragszahler aufkommt.
Nun müssen aber die Pflegekräfte mit dem Mitgliedsbeitrag dafür aufkommen,
dass eine grundlegend gute Pflege stattfinden soll. Zudem haben nun Wähler
und Wählerinnen weniger Einfluss auf das Gesundheitswesen, da nur noch
Pflegekräfte berechtigt sind in der Kammer zu wählen.

Grundsätzlich benötigt es keine Kammer, um zu registrieren, wie viele Kräfte in


der Pflege beschäftigt sind. Dafür würde ein Register, ähnlich wie in Österreich
genügen.

Darüber hinaus wird keine Kammer benötigt, um Ausbildungsstandards


festzulegen, da diese auf Bundesebene festgesetzt werden, nicht auf
Landesebene.

Der Grund, weshalb sich immer weniger junge Menschen für den Beruf in der
Pflege begeistern können, ist nicht der fehlenden Kammer geschuldet, sondern
den Arbeitsbedingungen. „Zu wenig Personal, Wochenendarbeit, Tag- und
Nachtdienste, zu wenig planbare Freizeit und permanenter Zeitdruck
bestimmen den Arbeitsalltag. Hinzu kommt ein Einkommen, das dringend einer
Aufwertung bedarf. Pflegekammern können an dieser Situation nichts
ändern.“(gesundheit-soziales-nrw.verdi.de).

Die Errichtung der Pflegekammer in Rheinland-Pfalz ist kein optimaler Grund


für eine Errichtung in NRW. Aufgrund der Größe und der Anzahl der
Pflegekräfte (ca. 185.000) müsste es ähnlich wie bei den Ärzten zwei Kammern
geben. Wer zahlt diese? Die Pflegekräfte.

Wichtig ist im Allgemeinen auch zu erwähnen, dass unsere Zukunft, also die
Azubis aus sowohl Befragung als auch Mitgliedschaft ausgegrenzt werden. Zwar
zahlen sie auch keinen Beitrag, sollten aber dennoch einbezogen werden,
schließlich wird auch über ihren Kopf hinweg entschieden.

Fazit
Insgesamt wirkt die Kammer in ihren Funktionen wie ein verlängerter Arm der
Politik, die in den letzten Jahren das Vertrauen der Pflegenden verloren hat. Im
Zuge der Corona Politik sind Pflegekräfte maßgeblich unzufriedener in ihrem
Job, der ohnehin schon belastend sein kann. Der grundlegende
Personalmangel, bedingt durch „geringe“ Bezahlung bei teilweise desolaten
Arbeitsbedingungen wird auch durch eine Zwangsmitgliedschaft nicht
verändert. Nun kommt das Gefühl auf, für das was sowieso nicht im Sinne der
Pflegenden entschieden wird, muss nun auch noch finanziert werden.
Die Grundidee, der Pflege eine Stimme zu geben, ist längst überfällig und wird
nicht erreicht, indem Menschen weiter über unsere Berufung und unseren
Beruf entscheiden, die ähnlich wie Jens Spahn, nicht mehr Erfahrung in der
Pflege haben als lediglich ein Praktikum.
Würde es nicht eher Sinn machen, zunächst das Vertrauen der Pflegenden
zurückzuerlangen, bevor sie gezwungen werden, Mitgliedbeiträge zu zahlen,
bevor überhaupt konkret ein Nutzen dahintersteht?
Ist es legitim, Menschen, die mit höchster Verantwortung und Herzblut ihre
Arbeit vollrichten, ihre Berufserlaubnis zu entziehen, weil sie erst Ergebnisse
sehen wollen?

Darüber hinaus lässt sich keine Transparenz erkennen, wofür z.B. 1.850.000€
bei einem beispielhaften Mitgliedsbeitrag allein in NRW verwendet werden,
wenn das, wonach Pflegekräfte seit Jahren schreien, nicht erfüllt wird.