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SCHWERPUNKT

Fussdeformitäten im Kindesalter

Beim Neugeborenen sind milde Fussdeformitäten recht häufig zu sehen, die jedoch
meist harmlos sind. Im späteren Lebensalter ist der Plattfuss die wichtigste Fehlstel-
lung des Fusses. Dieser Beitrag stellt die Fussdeformitäten bei Neugeborenen und im
Kindesalter vor und gibt Auskunft, ob, wann und welche Massnahmen ergriffen wer-
den müssen.

Von Rafael Velasco

Der Fuss des Neugeborenen Der Zusammenhang von Fussdeformitäten mit der
Beim Neugeborenen zeigen sich häufig mildere, meis- Hüftdysplasie-/luxation ist bekannt und somit sollte
tens harmlose Fussdeformitäten, die vor allem sekun- auch beim einfachen Sichelfuss baldmöglichst nach
där aufgrund eines intrauterinen Platzmangels ent- der Geburt die klinische und sonografische Kontrolle
stehen. Trotzdem müssen diese von steiferen und der Hüftgelenke durchgeführt werden. Die Verteilung
sonstigen behandlungsbedürftigen Deformitäten und allfälliger Fussdeformitäten bei Neugeborenen ist in
Missbildungen klar unterschieden werden. Echte der Tabelle aufgeführt.
Missbildungen sind seltener anzutreffen. Hauptsäch-
lich zu nennen ist der kongenitale Klumpfuss, die häu- Hackenfuss
figste orthopädische Missbildung überhaupt. Beim Hackenfuss des Neugeborenen (Pes calcaneo-
Gelegentlich lassen sich schon pränatal, insbeson- valgus; Abbildung 2) handelt es sich in der Regel um
dere mit hoch auflösenden Ultraschallgeräten, Fuss- eine harmlose, weiche Deformität. Der Fussrücken
missbildungen präzis erkennen (Abbildung 1). Es wird liegt der Vorderseite des Unterschenkels an und die
dadurch immer häufiger, dass pränatale Beratungen Ferse steht valgisch. Die Fusshebermuskeln sind meis-
über die entsprechende Deformität und ihre Behand- tens verkürzt (M. tibialis anterior) und der Fusssohlen-
lung (meistens Klumpfüsse) stattfinden. reflex ist normal, im Unterschied zum Hackenfuss bei
zugrundeliegender Spina bifida.

Abbildung 1: Beispiel einer pränatalen Diagnostik bei kongenitaler Fehlbildung (Crus recur- Abbildung 2: Hackenfuss des Neugeborenen
vatum valgum)

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Abbildung 3: Deutlicher Sichelfuss des Neugeborenen; Redression anhand des 3-Punkte-


Prinzips; Endresultat

Abbildung 5: Z-Fuss präoperativ (re) und postoperativ (li) nach Calcaneusverlängerung,


aufklappender Cuneiforme-Osteotomie und Basisosteotomie der Metatarsalia II-V

Abbildung 4: Kongenitaler Sichelfuss und Zustand nach 6 Gipsredressionsbehandlungen

Therapie: Meistens genügt eine sanfte Redression Sichelfusses ist günstig. Zur Behandlung genügt in
durch die Eltern unter Dehnung der Extensoren am der Regel lediglich eine gute Instruktion der Eltern
Fussrücken nach plantar. Kann der Fuss über die Neu- über die korrekte Redression unter dem 3-Punkte-
trale nicht plantarflektiert werden, sollte eine etappen- Prinzip zur Dehnung der Fussinnenseite (Musculus
weise Gipsredression nach plantar diskutiert werden. abductor hallucis).
2. Kongenitaler Sichelfuss (sogenannter Metatarsus
Sichelfuss (Pes adductus, Metatarsus adductus) adductus): Hier zeigt sich eine deutlich steifere, nicht
Z-Fuss voll redressierbare, ausgeprägte Adduktion aller
Beim Sichelfuss (Pes adductus) handelt es sich um Metatarsalia , meistens mit einer gewissen Supination
eine sehr häufige und meistens harmlose «bananen- und medio-plantaren Faltenbildung. Auch dieser
förmige» Deformität des Fusses. Er zeigt eine ver- Sichelfuss zeigt keinerlei Spitzfusskomponente und
mehrte Adduktion der Mittelfussknochen und der Ze- sollte von einem milderen Klumpfuss unterschieden
hen und infolgedessen eine Konvexität des lateralen werden (Abbildung 4). Radiologisch zeigt sich, neben
Fussrandes. Grundsätzlich müssen drei Typen diffe- der Adduktion der Metatarsalia, auch eine Deviation
renziert werden: in der Os-cuneiforme-Reihe. Behandlung: Bei klarer
1. Lagebedingter Sichelfuss: Bei weitem die häufigste Rigidität erfolgt eine baldmöglichste Gipsredressions-
Form (Abbildung 3). Bei Neugeborenen zeigt sich meis- behandlung. In der Regel beginnt man aber zuerst mit
tens nur eine lagerungsbedingte, passiv redressier- Physiotherapie und ab dem 3. Monat (Rigidität erst im
bare Adduktionstellung. Der Spontanverlauf dieses Verlauf manifest) die Gipsredressionsbehandlung.
3. Z-Fuss (Skewfoot, Serpentinenfuss): Beim Z-Fuss
handelt es sich um eine recht seltene, fixierte Defor-
Tabelle: mität mit einer zweifachen Abwinkelung des Fusses.
Fussdeformitäten bei Neugeborenen Dieser zeigt einen ausgeprägten Metatarsus-adduc-
tus-Varus mit abduziertem Cuneiforme, kombiniert
70% völlig normaler Fuss mit einer schweren Knick-Senkfuss-Deviation im
11% Säuglings-Hackenfuss (Pes calcaneovalgus) Rückfussbereich mit entsprechender Fehlstellung des
10% Sichelfuss (Pes adductus) Fersenbeines im Valgus und des Sprungbeines nach
5% Zehenfehlstellungen medio-plantar (Abbildung 5). Die Deformität wird bei
Kleinkindern öfters nicht erkannt und mit einem harm-
< 3% Kletterfuss («Pseudoklumpfuss»)
losen oder mit einem kongenitalen Sichelfuss ver-
< 1% kongenitaler Klumpfuss; mit 1 bis 3/1000 die häufigste, echte Missbildung
wechselt. Er wird meistens ab dem Schulalter sym-
< 1% Andere Deformitäten (< 1/1000): Säuglings-Hohlfuss, Polydaktylie, Makrodaktylie, angebore- ptomatisch und klinisch-radiologisch manifest. Bei
ner Plattfuss (talus verticalis), angeborener Hohlfuss, Spaltfuss, Fussdeformitäten im Rahmen
ausgeprägten Formen ist nur die operative Behand-
von Defektmissbildungen der unteren Extremitäten (Fibulare Hemimelie, Femurdefekt, Crus
lung, vor dem 10. Lebensjahr, wirksam. Dabei muss
recurvatum valgum etc.)
neben der Korrektur der Adduktion in der Mittelfuss-

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Abbildung 7: Differenzialdiagnose Talus verticalis vs. Talus obliquus: in (gehaltener) maxi-


maler Plantarflexion kein Alignement Talus-Metatarsale I = Talus verticalis

Abbildung 6: Talus verticalis congenitus: klinischer und radiologischer Aspekt

Abbildung 8: Umgekehrte Ponseti-Behandlung beim Talus verticalis: Daumenfixation des


Talus von medial mit Korrekturrichtung; Endkorrektur im Oberschenkelgips in Klumpfuss-
stellung nach 6 Behandlungen

reihe (aufklappende Osteotomie des Cuneiforme I-III) (Monate) mit wenig effizienten manipulativen Techni-
eine Verlängerung der lateralen Fusssäule am Calca- ken, teils «Hybrid»-Behandlungen, verloren. Es muss
neus mit einem Beckenspan (Evans) durchgeführt daher immer wieder betont werden, dass etwa 90
werden. Prozent aller Klumpfüsse innert 8 Wochen vollständig
korrigiert werden sollten.
Kletterfuss Eine grössere Herausforderung stellt heutzutage die
Der «Kletterfuss» des Neugeborenen ist ein lagerungs- Behandlung residueller Klumpfussdeformitäten bei
bedingter Pes adductus mit Supinationsstellung und operativ vorbehandelten Füssen dar, bei denen wir
sollte in der Unterscheidung von einem milden Klump- noch eine grosse Menge zu tun haben. Auch bei die-
fuss keine differenzialdiagnostischen Schwierigkeiten sen Füssen ist zumindest eine partielle Korrektur nach
bereiten. Ein echter Klumpfuss zeigt im Gegensatz dem Ponseti-Prinzip zu erzielen. Im Anschluss muss in
zum Kletterfuss immer einen Spitzfuss mit entspre- den meisten Fällen noch eine begrenzte, operative
chendem Hochstand der Ferse. Beim Klumpfuss zeigt Behandlung durchgeführt werden.
sich zudem eine Faltenbildung am Ansatz der Achil-
lessehne. Ähnlich wie beim Sichelfuss ist beim Klet- Kongenitaler Plattfuss (Talus verticalis)
terfuss bis auf eine manuelle Redression, gelegentlich Beim angeborenen Plattfuss (Abbildung 6) handelt es
unter kinderphysiotherapeutischer Anleitung, meis- sich um eine äusserst seltene, rigide Deformität. Sie
tens keine weitere Massnahme erforderlich. ist meistens mit syndromischen oder neuromuskulä-
ren Zuständen assoziiert. Idiopathische Formen sind
Kongenitaler Klumpfuss selten und machen nur etwa 5 Prozent der Fälle aus.
(Pes equino varus congenitus) Die Diagnose ist einfach: Beim Talus verticalis besteht
Der angeborene Klumpfuss wird in einem Artikel von immer ein Fersenhochstand und eine medioplantare
Frau Dr. med. Erica Lamprecht in dieser Ausgabe vor- Konvexität («Tintenlöscher-Fuss»). Neben der kontrak-
gestellt. Die Ponseti-Methode hat die Klumpfussbe- ten Achillessehne besteht auch eine Verkürzung der
handlung revolutioniert und sie hat sich auch in den Fussextensoren. Radiologisch zeigt sich neben dem
letzten zehn Jahren weltweit durchsetzen können. vertikalisierten Talus gleichzeitig ein Hochstand des
Aufwändige Weichteiloperationen gehören glückli- Calcaneus. In gewissen Fällen kann es schwierig sein,
cherweise der Vergangenheit an. Trotzdem besteht zwischen milderen Formen eines echten Talus vertica-
leider immer noch eine mangelhafte Ausbildung, was lis und schweren Plattfussformen mit Calcaneushoch-
eine «echte» Ponseti-Behandlung anbelangt und so- stand (Talus obliquus) zu unterscheiden. Zur Differen-
mit geht immer noch im besten Fall wertvolle Zeit zialdiagnose muss gelegentlich eine seitlich gehaltene

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Abbildung 10: Schwerer kleinkindlicher Knicksenkfuss mit sichtbar angespannter (verkürzter)


Achillessehne

Abbildung 9: Flexibler Knicksenkfuss im Schulalter


A B

Abbildung 11: Zustand vor und 3 Monate (noch sichtbarer Beckenspan) nach Korrektur eines schweren Plattfusses mittels
Calcaneus-Verlängerung; (A) belastete AP-Projektion; (B) seitliche Projektion

Aufnahme des Fusses in maximaler Plantarflexion lich werden zwei Plattfuss-Typen unterschieden: der
durchgeführt werden. Reponiert sich der Talus, han- flexible und der rigide Plattfuss.
delt es sich um einen sogenannten Talus obliquus und
nicht um einen Talus vertikalis (Abbildung 7). Flexibler Plattfuss
Eine baldige Behandlung, ähnlich wie beim Klump- (flexibler Knicksenkfuss, Pes plano valgus)
fuss, ist angezeigt. Die klassische operative Behand- Flexible Knicksenkfüsse (Abbildung 9) sind die häufig-
lung des Talus verticalis mit einem aufwändigen ste Form aller Plattfüsse (> 95%) und wahrscheinlich
Weichteil-«Release» führte häufig zu sehr enttäu- auch einer der häufigsten Vorstellungsgründe in der
schenden Resultaten, mit Persistenz der Rigidität und kinderorthopädischen Praxis. Der Rückfuss ist frei be-
unbefriedigenden Korrekturergebnissen. Seit einigen weglich (meistes überbeweglich) und der Fuss richtet
Jahren können wir mit einer «umgekehrten» Ponseti- sich im Zehenstand vollständig auf. Die flexiblen Platt-
Behandlung signifikant bessere funktionelle Resultate füsse werden in zwei Kategorien eingeteilt: diejenigen
erzielen, mit deutlich geringerem Aufwand. Der mas- mit und diejenigen ohne Verkürzung der Wadenmus-
siv nach plantar dislozierte Talus wird mit dem Dau- kulatur (hauptsächlich Gastrocnemius).
men von medial gehalten (Abbildung 8) und allmäh- In den letzten Jahren ist man darauf aufmerksam ge-
lich nach plantar-medial unter Aufdehnung der worden, dass eine Verkürzung der Triceps-surae-Mus-
verkürzten Extensoren reponiert. Nach jeder Behand- kulatur einen negativen Einfluss auf die Entstehung
lung, die etwa einmal wöchentlich durchgeführt wird, und weitere Entwicklung eines kindlichen Knicksenk-
wird der Fuss im Oberschenkelgips in Klumpfussrich- fusses haben kann. Die Verkürzung des Trizeps surae
tung ruhiggestellt (Abbildung 8). Der Calcaneushoch- ist prognostisch ungünstig, da der Talus sozusagen
stand muss mittels einer frühen, perkutanen Tenoto- gezwungen wird, nach medio-plantar zu subluxieren.
mie der Achillessehne behandelt werden. Somit wird im weiteren Wachstumsverlauf die spon-
tane Fussaufrichtung, die normalerweise im Laufe der
Der kindliche Plattfuss ersten Dekade stattfindet, gebremst, beziehungs-
Definitionsgemäss beschreibt das Wort Plattfuss le- weise verhindert. Die laterale Fusssäule wird unter
diglich eine Abflachung des Fusslängsgewölbes. Ge- dieser Fehlstellung im Verlauf kürzer und lässt sich
nau gesehen besteht aber, neben dem abgeflachten dann nur noch operativ behandeln.
Längsgewölbe, ein Rückfuss-Valgus, eine Abduktion Eine genaue Prüfung der Gastrocnemiuslänge ist des-
im Mittelfuss (Chopart-Reihe) und eine Supination im halb bei jedem Plattfuss obligat. Die Dorsalextension
Vorfuss. Der Talus subluxiert mehr oder weniger stark wird in reponierter Stellung bei voll gestrecktem Knie-
vom Naviculare nach medial und plantar. Grundsätz- gelenk geprüft. Dabei sollte eine Dorsalextension im

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Abbildung 12: Rigider Knicksenkfuss links: keine Aufrichtung im Zehenstand

Abbildung 13: Calcaneo-naviculare Coalitio. Zustand vor und nach operativer Resektion

Abbildung 14: Talo-calcaneare Coalitio im Seitenbild und MRI (mediale Verschmelzung Abbildung 15: Säuglings-Hohlfuss
erkennbar).

oberen Sprunggelenk von 20 Grad erreicht werden. Kindern ab dem 7. bis 8. Lebensjahr. Erst ab diesem
Sollte dies nicht möglich sein, ist eine Verkürzung des Alter ist eine echte operative Fussaufrichtung (Calca-
Trizeps surae gesichert. neus-Verlängerung nach Evans) zu diskutieren (Abbil-
Bei Kleinkindern (bis 4 Jahre) sind Plattfüsse meistens dung 11).
als Normvariante anzusehen («fatfoot, not flatfoot»)
und sie weisen selten eine Trizepsverkürzung auf. Die Rigider Plattfuss
Mehrheit dieser Kinder benötigt keinerlei Massnah- Rigide Plattfüsse entstehen meistens sekundär nach
men, insbesondere keine Einlagen. Häufiges Barfuss- dem 10. Lebensjahr und meistens als Folge einer tar-
gehen ist das Wichtigste für eine spontane Fussauf- salen Coalitio. Arthritiden im Rückfussbereich können
richtung in solchen Fällen. ebenfalls symptomatische Plattfüsse erzeugen. Ri-
Auf der anderen Seite sehen wir immer wieder Klein- gide Knicksenkfüsse richten sich aktiv nicht auf (Ab-
kinder mit schweren Knicksenkfüssen und verkürzter bildung 12), zeigen eine ausgeprägte Einschränkung
Trizeps-surae-Muskulatur (Abbildung 10). Bei diesen der Beweglichkeit im unteren Sprunggelenk und wer-
sind der Hochstand der Ferse und die Deviation des den im Verlauf viel häufiger symptomatisch als die fle-
Talus sehr ausgeprägt. Dieser Knickfuss wird auch Ta- xiblen Formen.
lus obliquus genannt. Eine frühzeitige Erkennung die- Es gibt zwei Hauptformen von tarsalen Coalitionen:
ser Sondersituation ist entscheidend, da eine alleinige die calcaneo-naviculare Coalitio (häufigste Form) (Ab-
perkutane Tenotomie der Achillessehne mit einer bildung 13) und die talo-calcaneare Coalitio (Abbil-
Ruhigstellung im Gehgips bei reponiertem Fuss für dung 14). Die operative Resektion der pathologischen
wenige Wochen die Prognose sehr positiv ändern Verbindung ist bei schmerzhaften Füssen angezeigt.
kann. Bei der subtalaren Coalitio ist sie allerdings nicht im-
Die Mehrheit der kindlichen Knicksenkfüsse ist asym- mer zu empfehlen: Gelegentlich ist die Ausdehnung
ptomatisch und wird heutzutage wie erwähnt nicht der talo-calcanearen Coalitio zu gross, vor allem bei
mehr mit Einlagen, wie in früheren Zeiten, behandelt. Adoleszenten und jungen Erwachsenen. In diesen
Es ist bewiesen (zwei gute prospektive Studien), dass Fällen wäre die Prognose aufgrund der Rezidivgefahr
aufrichtende Einlagen den Spontanverlauf der Knick- beziehungweise des Risikos einer sekundären Ar-
senkfüsse nicht beeinflussen können. Einlagen wer- throse im unteren Sprunggelenk (USG) deutlich
den deshalb nur in Ausnahmefällen bei sehr starker schlechter. In solchen Fällen sollte direkt eine USG-
Ausprägung der Fersenvalgität, die sich aktiv (im Arthrodese in Betracht gezogen werden.
Zehenspitzenstand) nicht aufrichten kann, oder als
symptomatische Behandlung bei schmerzhaften Der Hohlfuss
Knicksenkfüssen eingesetzt. Symptomatische Knick- Der Hohlfuss ist durch eine verstärkte Ausprägung des
senkfüsse zeigen sich in der Regel erst bei älteren Längsgewölbes gekennzeichnet. Beim idiopathischen

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Abbildung 16: Neurogener Pes cavovarus Abbildung 18: «Curly Toe»

Abbildung 17: «Overriding 5th Toe»


Abbildung 19: Postaxiale Hexadaktylie mit Verdoppelung der Kleinzehe (häufigste Form)

Hohlfuss handelt es sich meistens um eine mildere entsteht somit eine seltenere und besondere Art der
Hohlfüssigkeit. Es besteht meistens eine hereditäre Hohlfüssigkeit. Diese Formen sah man in früheren
Komponente und man benötigt in der Regel keine be- Zeiten öfters, als man noch Patienten mit Poliomyeli-
sonderen Massnahmen, eventuell nur eine weiche, ab- tis und häufiger Kinder mit Spina bifida behandelt
stützende Einbettung nach Mass. Der Säuglings-Hohl- hatte. Ein solcher Fuss kann auch als Folge einer ia-
fuss (Abbildung 15) ist eine seltene Form, die eventuell trogenen Schädigung entstehen, vor allem nach einer
bei stärkerer Ausprägung durch gezielte Gipsredres- offenen Verlängerung der Achillessehne (typische
sion behandelt werden muss. Sollte sich ein Hohlfuss Klumpfusskomplikation nach zu locker adaptierter
im Wachstumsverlauf entwickeln, muss immer an Sehne). Die Problematik ist meistens kaum zu ändern.
eine neurologische Krankheit gedacht werden. Es wer- Die meisten Patienten sind auf die Hilfe einer Fersen-
den zwei Typen von Hohlfüssen unterschieden: erhöhung und einer fussorthetischen Versorgung an-
gewiesen.
Pes cavo-varus
Typische Form der Hohlfüssigkeit (Abbildung 16). Dif- Zehenfehlstellungen
ferenzialdiagnostisch muss an eine neurogene Ursa- Subductus/Supraductus
che wie beispielsweise an die hereditäre, sensomoto- Hierbei handelt es sich um einen leichten Hochstand
rische Neuropathie Typ I (Charcot-Marie-Tooth), an die einer benachbarten Zehe. Diese Fehlstellung ist relativ
Friedreich-Ataxie, an das Roussy-Levy-Syndrom oder häufig und muss meistens nicht behandelt werden,
an eine Myelodysplasie gedacht werden. Die Hyper- da dies kaum zu echten Druckproblemen führt. Eine
flexion des Metatarsale I nach plantar mit Verstärkung typische Sonderform ist der Hochstand der 5. über
des Längsgewölbes bildet die Initialfehlstellung. Die der 4. Zehe (overriding 5th toe; Abbildung 17).
Fersenvarität ist sekundär und anfänglich im USG kor-
rigierbar. Noch später entstehen auch Krallenzehen. Curly toe
Im weiteren Verlauf wird die Fehlstellung steif mit Bil- Der sogenannte «Curly toe» (Abbildung 18) ist eben-
dung eines rigiden, varischen Rückfusses. Die Be- falls eine äusserst häufige, typische Zehendeviation
handlung ist operativ und sollte so früh wie möglich mit Flexion und Aussenrotation sowie Deviation nach
stattfinden (sicher solange die Ferse beim Coleman- medial. Sie ist meistens familiär, bilateral und asym-
Block-Test voll korrigierbar ist). ptomatisch. Sie bereitet in der Regel keine Druckpro-
bleme und somit ist keine Behandlung notwendig.
Pes calcaneocavus/Pes calcaneus Schienung oder Taping sind ineffizient und sollten nur
Er ist die Folge einer zu schwachen Trizeps-surae- in Ausnahmefällen in Betracht gezogen werden.
Muskulatur mit sekundärer Aufrichtung beziehungs-
weise Steilstellung des Calcaneus (Pes calcaneus). Es

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Abbildung 20: Juveniler Hallux valgus

Abbildung 22: Beispiele für zwei Defektmissbildungen der


Füsse; tentrale Aplasie (Spaltfuss, Cleftfoot) und Strahlde-
fekt

Abbildung 21: Hallux varus congenitus mit verkürzten Metatarsale I; Zustand vor und nach
Korrektur unter Verlängerung mit «Mini Rail fixateur externe».

Syndaktylie und Polydaktylie


Ganz anders als bei der Syndaktylie der Finger berei-
tet die Syndaktylie der Zehen (meistens nur weichtei-
lig) in der Regel keinerlei funktionelle Einschränkun-
gen und somit ist keine Behandlung notwendig.
Überzählige Zehen befinden sich in der Regel im Be-
reich des 1. Strahles (präaxiale Polydaktylie) oder des
5. Strahles (postaxiale Polydaktylie). Anders als bei Abbildung 23: Makrodaktylie
der Resektion des 5. beziehungsweise 6. Strahls be-
reitet die Resektion der verdoppelten Grosszehe we-
sentlich mehr Probleme und verlangt eine genaue
präoperative Planung (Abbildung 19). 1. Strahl zu sehen ist. Eine operative Korrektur ist meis-
tens angezeigt (Abbildung 21).
Juveniler Hallux valgus Defektmissbildungen der Füsse können auch isoliert
Der juvenile Hallux valgus ist eine bei Mädchen relativ oder im Rahmen anderer Missbildungen vorkommen
häufige, meistens hereditäre Deformität (Abbildung (Abbildung 22). Eine weitere seltene Fussdeformität
20). Die operative Korrektur ist nur bei signifikanter ist die Makrodaktylie (Abbildung 23).
Symptomatik angezeigt.
Fazit
Hammerzehen Bei Fussdeformitäten, die nach Geburt oder im Ver-
Hammerzehen sind auch im Kindesalter anzutreffen lauf entstehen, ist in der Regel keine aufwändige The-
und können in bestimmten Fällen und im Gegensatz rapie notwendig. Sollte eine Behandlung angezeigt
zu anderen Kleinzehendeformitäten mit Silikonorthe- sein, ist diese gezielt und frühzeitig durchzuführen.
sen graduell aufgespreizt werden. Gelegentlich kann Grundsätzlich sind Neugeborenen-Deformitäten kon-
eine einfache perkutane Tenotomie der entsprechen- servativ zu behandeln.
den Flexor-digitorum-longus-Sehne die Deformität
korrigieren. Seltener ist bei älteren Kindern und Ado- Korrespondenzadresse:
leszenten eine Operation nach Hohmann angezeigt. Dr. med. Rafael Velasco
Chefarzt Kinderorthopädie
Sonstige Schulthess Klinik
Fussdeformitäten Lengghalde 2, 8008 Zürich
Der Hallux varus congenitus ist eine äusserst seltene E-Mail: rafael.velasco@kws.ch
Missbildung, die öfters in Kombination mit einem
kurzen Metetarsale beziehungsweise verdoppelten

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